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John D.

Barrow, Autor von Der Ursprung des Universums und Theorien


für Alles, ist Physiker an der Universität Cambridge (Großbritannien)
und Autor zahlreicher Sachbücher. Seine Bücher wurden in 26 Spra-
chen übersetzt, er ist in Deutschland durch Lesereisen und Artikel
bekannt.
John D. Barrow

Das 1x1 des Universums


Neue Erkenntnisse über
die Naturkonstanten

Aus dem Englischen von Carl Freytag

Campus Verlag
Frankfurt/New York
Die englische Originalausgabe The Constants of Nature erschien 2002 bei Jonathan Cape
Copyright © John D. Barrow
Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek

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ISBN 3-593-37330-0

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Druck und Bindung: Friedrich Pustet, Regensburg
Gedruckt auf säurefreiem und chlorfrei gebleichtem Papier.
Printed in Germany
Für Carol
Notwendige Bedingung für unsere Existenz ist nicht die
Fähigkeit, uns erinnern zu können, sondern ganz im Gegenteil
die Fähigkeit, vergessen zu können.
Sholem Ash
Inhalt

Vorwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 11

1 Naturkonstanten – einige Vorbemerkungen . . . . . . . . 14

2 Eine Reise an den Rand der Welt . . . . . . . . . . . . . . . 18


Bruchlandung auf dem Mars . . . . . . . . . . . . . . . . . . 18
Maß für Maß . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 19
Warum universelle Maßeinheiten? . . . . . . . . . . . . . . . 26
Stoneys brillante Idee . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 28
Plancks natürliche Einheiten . . . . . . . . . . . . . . . . . . 34
Planck landet in der Realität . . . . . . . . . . . . . . . . . . 39
Anmerkungen über das Altern . . . . . . . . . . . . . . . . . 41

3 Mensch und Übermensch . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 43


Einstein und die Naturkonstanten . . . . . . . . . . . . . . 43
Stoney- und Planck-Einheiten: die neue Mappa mundi . . 50
Andere Welten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 55
Neue Varianten des Kopernikanischen Prinzips . . . . . . 56

4 Einfach, praktisch, gut: die ›Theorie für Alles‹ . . . . . . . 60


Zahllose Zahlen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 60
Kosmischer Kubismus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 63
Neue Konstanten – neue Probleme . . . . . . . . . . . . . . 67
Zahlenzauber . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 73
8 Das 1 × 1 des Universums

5 Eddingtons Unvollendete . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 82
Können Sie bis 136 x 2256 zählen? . . . . . . . . . . . . . . . 82
Fundamentalismus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 88
Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung . . . . . . . . . 93

6 Das Geheimnis der Superzahlen . . . . . . . . . . . . . . . . 98


Geisterzahlen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 98
Eine kühne Hypothese . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 99
Von den kommenden Dingen . . . . . . . . . . . . . . . . . 105
Groß und alt, dunkel und kalt . . . . . . . . . . . . . . . . . 111
Die größte aller Zahlen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 114

7 Leben im All . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 116


Ist das Universum alt? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 116
Die Früchte des Lebens . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 117
Lebende Wolken . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 123
Wachet auf! Das Ende ist nahe! . . . . . . . . . . . . . . . . 125
Vom Zufall zum Schicksal . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 127
Das Universum zu Zeiten Eduards VII. . . . . . . . . . . . . 128

8 Das Anthropische Prinzip . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 133


Anthropische Argumente . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 133
Ein empfindliches Gleichgewicht . . . . . . . . . . . . . . . 144
Brandon Carters Prinzipien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 151
Die Natur als Drahtseilakt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 156
Andere anthropische Prinzipien . . . . . . . . . . . . . . . . 159

9 »Es war einmal …«: Variable Konstanten und


die Neufassung der Geschichte . . . . . . . . . . . . . . . . 167
Starre Welten contra flexible Welten . . . . . . . . . . . . . 167
Inflationäre Universen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 171
Virtuelle Geschichte – ein kleiner Exkurs . . . . . . . . . . . 181

10 Neue Dimensionen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 189


Ein Leben mit hundert Dimensionen . . . . . . . . . . . . . 189
Ein Spaziergang mit Planisauriern . . . . . . . . . . . . . . 192
Polygone und Polygamie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 197
Inhalt 9

Warum ist das Leben für Physiker ein Kinderspiel? . . . . 200


Paul Ehrenfest: ein trauriger Fall . . . . . . . . . . . . . . . . 203
Gerald Whitrow: ein ganz besonderer Fall . . . . . . . . . . 206
Theodor Kaluza und Oskar Klein: ein seltsamer Fall . . . 211
Variable Konstanten für den Tanz auf dem Brane . . . . . 214

11 Variationen über ein Thema . . . . . . . . . . . . . . . . . . 218


Ein prähistorischer Kernreaktor . . . . . . . . . . . . . . . . 218
Alexander Shlyakhters geniale Idee . . . . . . . . . . . . . . 225
Die Uhr der Ewigkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 230
Untergrund-Spekulationen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 231

12 Der Griff nach den Sternen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 234


Rückblicke . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 234
Schwankende Konstanten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 242
Botschaften aus grauer Vorzeit . . . . . . . . . . . . . . . . . 245
Unser Platz in der Geschichte . . . . . . . . . . . . . . . . . . 250

13 Neue Welten – neue Rätsel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 256


Multiversen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 256
Das Buch der Bücher . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 262
Grenzenlose Welten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 266
Das Ende der Reise . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 271

Anmerkungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 274
Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 312
Register . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 319
Vorwort

Es gíbt Dinge, die ändern sich nie. Von ihnen handelt dieses Buch. In
früheren Zeiten waren es vor allem die besonderen Ereignisse, die
Geschichte machten: Überraschendes, Unerwartetes, Beunruhigen-
des, Katastrophen. Erst nach und nach begann die Wissenschaft,
auch die Geheimnisse zu entschlüsseln, die im Gesetzmäßigen und
Vorhersagbaren verborgen liegen. Obwohl die Atom- und Molekül-
bewegungen so chaotisch verknüpft sind, dass sie niemand im Ein-
zelnen vorhersagen kann, offenbart sich uns die Welt als zusammen-
hängend und von großer Zuverlässigkeit. Wollen wir wissen, warum
das so ist, suchen wir zunächst nach den ›Gesetzen‹, die angeben, wie
sich die Dinge in der Natur verändern. Bei dieser Suche sind wir auf
eine Anzahl geheimnisvoller Zahlen gestoßen, die Ausdruck dieser
Verlässlichkeit sind: die Naturkonstanten. Sie bestimmen die cha-
rakteristischen Eigenschaften unseres Universums und unterschei-
den es von anderen vorstellbaren Welten. Die Naturkonstanten ste-
hen für zweierlei: unser tiefstes Wissen über die Welt und unsere
größte Ratlosigkeit. Einerseits messen wir die Größe dieser Konstan-
ten mit zunehmender Genauigkeit und ziehen sie wegen ihrer Un-
veränderlichkeit heran, um mit ihnen unsere Maßeinheiten zu defi-
nieren. Andererseits können wir ihre Größe nicht theoretisch
erklären – das ist bis jetzt für keine einzige Naturkonstante gelun-
gen! Wir haben neue Naturkonstanten entdeckt, alte miteinander in
Beziehung setzen können und begreifen, welch entscheidende Rolle
sie dabei spielen, dass die Dinge so sind wie sie sind – aber ihre Größe
bleibt weiterhin ein tief verborgenes Geheimnis. Um ihm auf die
Spur zu kommen, müssen wir die grundlegendsten Theorien in
12 Das 1 × 1 des Universums

Frage stellen und untersuchen, ob die Konstanten, die in ihnen vor-


kommen, wirklich auf immer und ewig konstant sind und eine über-
greifende logische Gesetzmäßigkeit ausdrücken, oder ob auch bei
ihnen der Zufall seine Hand im Spiel hat.
Neben einigen Konstanten, die allem Anschein nach wirklich fest
liegen, scheint es welche zu geben, die auch noch eine andere, bis
jetzt unbekannte Bedeutung haben, während wieder andere völlig
unabhängig von allem Übrigen sind. Ist ihre Größe ein Produkt des
Zufalls? Könnten sie auch ganz anders ausfallen? Wie weit dürfen sie
abweichen, um trotzdem Leben im Universum zu ermöglichen?
In meinem Buch The Anthropic Cosmological Principle habe ich zu-
sammen mit Frank Tipler alle damals bekannten Möglichkeiten un-
tersucht, wie das Leben im Universum von der Größe der Naturkon-
stanten abhängen könnte. Es stellte sich heraus, dass jedes
Universum mit (auch nur geringfügig) veränderten Naturkonstan-
ten eine Totgeburt wäre. Es gäbe jenen komplexen organischen Zu-
sammenhang nicht, den wir Leben nennen, geschweige denn, dass er
dauerhaft Bestand haben könnte. Die Forschung befasst sich inzwi-
schen ernsthaft mit der Existenz anderer Universen, in denen die
Naturkonstanten größer oder kleiner sind, und hat immer mehr
Möglichkeiten für solche Varianten ausfindig gemacht – und damit
immer mehr Möglichkeiten für Fehlschläge bei der Entwicklung von
Leben. Unbestreitbar leben wir in einer Welt, in der sich die Dinge
gut entwickelt haben. Aber wie groß war die Wahrscheinlichkeit für
dieses Wunder? Wir werden uns in dem vorliegenden Buch mit vie-
len dieser anderen Möglichkeiten befassen und uns dabei mit den
aufregenden Versuchen vertraut machen, die Naturkonstanten und
ihre Größe zu verstehen.
Die grundlegende Frage, ob die Konstanten wirklich konstant
sind, hat in letzter Zeit nicht nur in der Forschung, sondern auch in
den Medien großes Interesse gefunden. Ein Forscherteam hat eine
neue Methode vorgeschlagen, die Größe der Naturkonstanten im
Verlauf der letzten 11 Milliarden Jahre zu untersuchen. Das Licht,
das uns von weit entfernten Quasaren erreicht, weist Muster auf, die
uns von den Eigenschaften der Atome bei Antritt seiner Reise vor
Milliarden von Jahren berichten. Die ersten Antworten auf die Frage,
ob die Naturkonstanten schon immer so groß waren wie heute, sind
Vor wor t 13

überraschend und schockierend. Sie eröffnen völlig neue Möglich-


keiten für das Schicksal des Universums und die Gesetze, die es be-
stimmen. Damit befasst sich das vorliegende Buch.
Ich möchte Bernard Carr, Rob Crittenden, Paul Davies, Michael
Drinkwater, Chris Churchill, Freeman Dyson, Vladimir Dzuba, Vic-
tor Flambaum, Yasunori Fujii, Gary Gibbons, J. Richard Gott, Jörg
Hensgen, Janna Levin, João Magueijo, Carlos Martins, David Mota,
Michael Murphy, Jason Prochaska, Martin Rees, Håvard Sandvik,
Wallace Sargent, Ilya Shlyakhter, Will Sulkin, Max Tegmark, Virginia
Trimble, Neil Turok, John Webb und Art Wolfe für viele Diskussio-
nen danken, für ihre Ideen, für Forschungsergebnisse und für die
Abbildungsvorlagen, die sie mir zur Verfügung gestellt haben.
Mein Dank gilt auch Elizabeth für die Geduld während der Ent-
stehung des Buchs, als es so aussah, dass A River Runs Through It einen
besseren Titel abgeben würde. Und ich danke unseren drei Kindern
David, Roger und Louise, die immer Angst hatten, das Taschengeld
könnte eine Naturkonstante sein.

John D. Barrow
Cambridge, im April 2002
Kapitel 1
Naturkonstanten –
einige Vorbemerkungen
Was sich zuerst ereignet ist nicht unbedingt der Anfang.
Henning Mankell

Jede Veränderung ist eine Herausforderung. Wir leben in einer Phase


der menschlichen Geschichte, in der uns alles als besonders schnell
erscheint. Die Welt um uns herum wird von Kräften angetrieben, die
auch unser Leben für kleinste Änderungen und plötzliche Reaktio-
nen anfällig machen. Das Anwachsen des Internet und die Fangarme
des World Wide Web haben uns fest mit Computern und ihren Besit-
zern rund um den Globus vernetzt. Das unkontrollierte industrielle
Wachstum hat zu ökologischen Veränderungen und Zerstörungen
unserer Umwelt geführt, die offenbar schneller und bedrohlicher
vonstatten gehen, als es selbst die pessimistischsten Untergangspro-
pheten vorhergesagt haben. Selbst unsere Kinder scheinen schneller
groß zu werden. Politische Systeme ordnen sich schneller und häufi-
ger als je zuvor in überraschender Weise neu. Die Menschen und die
in ihnen gespeicherten Informationen sehen sich Eingriffen einer
immer ehrgeizigeren Ersatzteil-Chirurgie oder der Neuprogrammie-
rung des Genetischen Codes ausgesetzt. Fast überall beschleunigt
sich der Fortschritt, und immer weitere Bereiche der Erfahrung sind
in einen Sog geraten, der uns zwingt, alles zu erforschen, was mög-
lich erscheint.
Die Erkenntnis, dass sich unsere Welt ändert, ist natürlich nicht
neu. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts hatte die Forschung heraus-
gefunden, dass es in grauer Vorzeit weder die Erde noch unser Son-
nensystem gab, und dass sich das Aussehen und die geistigen Fähig-
keiten der Menschen über riesige Zeiträume hinweg verändert haben
mussten. Das Universum befindet sich auf dem besten Weg, immer
chaotischer und ungastlicher zu werden und wird irgendwann an
Natur konstanten – einige Vorbemer kungen 15

sein Ende kommen. Im Laufe des 20. Jahrhunderts wurde die Vor-
stellung eines sich wandelnden Universums immer weiter ausgemalt.
Das Klima und die Oberfläche unseres Planeten ändern sich ständig
und mit ihnen auch die Tier- und Pflanzenarten, die auf ihm leben.
Die dramatischste Erkenntnis aber war, dass sich auch das gesamte
Universum mit seinen Sternen und Galaxien im Stadium eines stän-
digen dynamischen Wandels befindet: Riesige Cluster von Galaxien
rasen auseinander und eilen auf eine Zukunft zu, die sich von der
Gegenwart fundamental unterscheidet. Wir beginnen zu begreifen,
dass unsere Zeit nur geborgt ist und die Kollision ganzer Welten
zum kosmischen Alltag gehört. Unsere Erde wurde schon in der Ver-
gangenheit des öfteren von Kometen und Asteroiden getroffen. Ir-
gendwann wird sie das Glück verlassen, und der Schutzschild, den,
wie es der Zufall will, der Riesenplanet Jupiter gegen die Weiten des
Alls darstellt, wird zusammenbrechen und uns nicht mehr retten
können. Schließlich wird sogar unsere Sonne erlöschen und unsere
Galaxie, die Milchstraße, wird von einem ungeheuren Schwarzen
Loch aufgesaugt, das schon jetzt in ihrem Zentrum lauert. Jegliches
Leben, wie wir es uns vorstellen können, wird damit verschwinden.
Überleben könnten nur Wesen, die ihre Formen, ihre Behausungen
und ihre Körper so sehr verändert haben, dass wir sie nach unseren
heutigen Maßstäben kaum als Vertreter von ›Leben‹ bezeichnen
würden.
Wir haben grundlegende Geheimnisse des Chaos und der unvor-
hersagbaren Prozesse aufgedeckt, die in so vielen Bereichen unsere
Welt bestimmen. In groben Zügen verstehen wir das Wettergeschehen,
können es aber nur für wenige Tage vorhersagen. Wir haben einen
Blick für die Ähnlichkeit entwickelt, die zwischen solchen komplexen
Systemen, der Vielfalt menschlicher Interaktion – Gesellschaftsfor-
men, Wirtschaftssysteme, Warenangebote, Ökosysteme – und dem
menschlichen Denken selbst besteht.
All diese verwirrend komplizierten Entwicklungen kommen mit
ungeheurer Geschwindigkeit daher und bestärken uns in der Über-
zeugung, dass die Welt einer durchgedrehten Achterbahn gleicht, in
deren Auf und Ab wir durcheinander geschüttelt werden: Alles, was
wir einmal für wahr gehalten haben, könnte eines Tages über den
Haufen geworfen werden. Für manche sind diese Aussichten ein
16 Das 1 × 1 des Universums

Grund, der Wissenschaft zu misstrauen, weil sie uns den Boden un-
ter den Füßen wegzieht und uns jegliche Sicherheit raubt – als ob
man beim Entwurf des Universums und seiner Gesetze unsere psy-
chische Zerbrechlichkeit hätte berücksichtigen müssen.1
Man könnte sich aber auch auf den Standpunkt stellen, dass all
diese Veränderungen und Unwägbarkeiten nur eine Illusion sind, da
sie nicht die ganze Geschichte der Natur des Universums ausma-
chen. Die Grundstruktur unserer Realität zeigt zwei Seiten: eine
konservative und eine progressive. Bei allem fortwährenden Wandel
und bei aller Dynamik der Welt, wie sie mit unseren Sinnen begreif-
bar ist, gibt es auch Aspekte im Gerüst des Universums, deren Ge-
heimnis in ihrer unerschütterlichen Konstanz liegt. Es sind diese un-
veränderlichen Dinge, die unser Universum zu dem machen, was es
ist und was es von anderen denkbaren Welten unterscheidet. Es gibt
einen goldenen Faden, aus dem ein Netz von Kontinuität gewebt ist,
das die Natur durchzieht. Aufgrund dieses Netzes erwarten wir, dass
sich bestimmte Dinge auch fernab im Weltall genauso wie auf der
Erde verhalten, dass sie sich auch früher nicht anders verhalten ha-
ben als heute, dass dies auch in Zukunft so bleiben wird und dass für
sie weder Zeit noch Ort zählen. Die Naturkonstanten garantieren,
dass überall im Universum Gleichheit herrscht, und dass ein Elek-
tron wie das andere ist (oder zumindest zu sein scheint).
In der Tat gäbe es vielleicht ohne diesen soliden Untergrund einer
unveränderlichen Realität weder den Fluss der Veränderungen an
der Oberfläche noch irgendwelche komplizierte Gedanken noch
überhaupt Materie. Die Existenz dieser Konstanten zählt zu den
letzten Geheimnissen der Wissenschaft, mit deren Enträtselung sich
eine ganze Reihe der bedeutendsten Physiker befasst. Nachdem man
lange Zeit nur vermuten konnte, dass es sich um Naturkonstanten
handelt, will man heute herausfinden, was sie ihrem Wesen nach
sind.
Was ist der letzte Stand des Wissens auf diesem Gebiet? Sind die
Naturkonstanten wirklich konstant? Sind sie überall gleich? Sind sie
alle miteinander verknüpft? Hätte sich auch Leben entwickeln kön-
nen, wenn sie etwas größer oder kleiner ausgefallen wären? – Das
sind einige der Fragen, mit denen sich dieses Buch befassen wird.
Wir wollen einen Blick zurück auf die Entdeckung der ersten Natur-
Natur konstanten – einige Vorbemer kungen 17

konstanten werfen und uns mit dem Einfluss befassen, den sie auf
die Naturwissenschaftler und Theologen hatten, die sich mit Sinn,
Zweck und Wesen des Seins befassten. Wir werden sehen, was man
an der vordersten Front der Forschung heutzutage über die Natur-
konstanten annimmt und ob eine ›Theorie für Alles‹, wenn es sie ei-
nes Tages geben wird, das wahre Geheimnis dieser Größen lüften
kann. Vor allem anderen will das Buch aber die Frage behandeln, ob
die Naturkonstanten wirklich konstant sind.
Kapitel 2
Eine Reise an den Rand der Welt
F r a n k l i n : Herr Direktor, haben Sie jemals daran gedacht,
dass Ihre Grundsätze vielleicht ein bisschen altmodisch sind?
Di r e k t o r : Natürlich sind sie altmodisch. Grundsätze sind
immer altmodisch, das macht sie erst zu Grundsätzen.
Alan Bennett1

Bruchlandung auf dem Mars


Es war in den letzten Wochen des September 1999, als die NASA den
Medien eine große Story liefern wollte. Der Mars Climate Orbiter
stand kurz davor, wichtige Wetterdaten aus der oberen Atmosphäre
des Mars zu übermitteln. Es kam anders. Die Sonde zerschellte auf
der Oberfläche des roten Planeten:

Der MCO, der Wetter und Klima des Mars untersuchen sollte, wurde am
11. Dezember 1998 von Cape Canaveral in Florida mit einer Delta-Rakete ins
All geschossen. Nach einer Reise von ungefähr 9 ½ Monaten erreichte er den
Mars. Seine Hauptantriebsdüse wurde gezündet, um ihn am 23. Septem-
ber 1999 gegen 2 Uhr PDT (Pacific Daylight Time) in eine Umlaufbahn um
den Mars einschwenken zu lassen. Nach 5 Minuten der für 16 Minuten vorge-
sehenen Brenndauer des Antriebs verschwand der MCO von der Erde aus gese-
hen hinter dem Planeten. Ein Signal der Sonde, das gegen 02.26 Uhr PDT
wieder erwartet wurde, blieb aus. … Bis 24. September 1999 gegen 15 Uhr PDT
wurden Anstrengungen unternommen, die Sonde wieder ausfindig zu machen
und Kontakt mit ihr aufzunehmen, dann wurden die Versuche eingestellt.2

Das Problem war, dass sich die Sonde 96,6 km näher an der Marso-
berfläche befand, als die Kontrollstation auf der Erde annahm: 125
Millionen Dollar wurden im roten Sand des Mars versenkt. Der Ver-
lust war schon schlimm genug, aber die Ursache des Desasters gab
erst recht Anlass, sehr kleinlaut zu werden. Lockheed-Martin, die
Firma, die für die laufende Kontrolle der Raumsonde zuständig war,
sandte die Daten für die Antriebsraketen in den ›alten‹ Einheiten wie
Meilen, Fuß und Pfund zur Bodenkontrollstation, während das
Eine Reise an den Rand der Welt 19

NASA-Team wie die gesamte übrige wissenschaftliche Welt annahm,


dass metrische Einheiten verwendet würden. Der Unterschied zwi-
schen den Einheiten reichte aus, um die Sonde fast 100 Höhenkilo-
meter vom Kurs abkommen zu lassen und sie auf eine selbstmörde-
rische Umlaufbahn zu schicken.3
Die Lektion, die mit diesem Debakel erteilt wurde, ist klar: Es
kommt auf die Einheiten an. Unsere Vorfahren haben uns eine Un-
zahl von Einheiten für die Messungen im Alltag hinterlassen, die wir
bei den verschiedensten Gelegenheiten auch heute noch verwenden,
weil sie bequem und praktisch sind. Wir zählen unser Alter nach Jah-
ren, kaufen Zucker pfundweise, Eier im Dutzend und Diamanten
nach Karat. Für bestimmte Zigaretten gehen wir meilenweit und be-
stellen beim Oktoberfest die eine oder
andere ›Maß‹ Bier. Von Land zu Land Das Gremium zur Untersuchung des
wurde auf unterschiedliche Weise ge- Verlusts des Mars Climate Orbiter hat
messen, und man benötigte Umrech- festgestellt, dass die tiefere Ursache in
dem Fehler bestand, metrische Einhei-
nungstabellen wie heute beim Geld- ten benutzt zu haben.
wechseln in exotischen Ländern. Das 4
war unproblematisch, solange der NASA-Bericht
Handel nur in geringem Umfang und
lokal betrieben wurde. Als man aber in alten Zeiten anfing, internati-
onal zu handeln, mussten neue Ansätze zum Zählen und Messen
entwickelt werden. Mit dem Beginn der internationalen Zusammen-
arbeit an technischen Projekten wurde das noch wichtiger: Präzisi-
onstechnik verlangt nach präzisen Umrechnungen der verschiede-
nen Maßeinheiten.5 Es ist schön und gut, wenn Sie einer Zulieferfirma
auf der anderen Seite des Globus mitteilen, dass ein Bauteil für ein
Flugzeug exakt 1 m lang sein muss – aber woher wollen Sie wissen,
ob deren ›Meter‹ exakt Ihrem entspricht?

Maß für Maß


Ursprünglich waren die Maßeinheiten ganz auf den engen Horizont
des Alltagslebens und die Dimensionen des menschlichen Körpers
zugeschnitten. Die Längeneinheit leitete man von der Länge des
20 Das 1 × 1 des Universums

Arms des Königs oder der Spannweite seiner Hand ab. In den Entfer-
nungsmaßen spiegelte sich wider, wie weit eine Tagesreise führte.
Keines dieser alten Maße beanspruchte ewige Gültigkeit, denn sie
waren alle nur für den bequemen Ge-
Sie versteht das Prinzip der Römischen brauch in bestimmten Situationen
Zahlen nicht. Sie hat gedacht, dass entstanden, dabei aber zum Teil so
wir gerade den Elften Weltkrieg hinter
klug gewählt, dass man sie auch heute
uns haben.
noch benützt, obwohl sich das offizi-
Joan Rivers6 elle Dezimalsystem allgemein durchge-
setzt hat. Das Längenmaß ›Fuß‹7, das
im englischen Sprachraum als ›Foot‹ immer noch gebräuchlich ist,
und das ›Barrel‹ Erdöl sind bekannte Beispiele. Das nicht mehr so
übliche Längenmaß ›Yard‹ war als Länge eines Bandes von der Na-
senspitze zur äußersten Fingerspitze des waagrecht ausgestreckten
Arms definiert, während ein ›Cubit‹ von dort bis zur Armbeuge
reichte und zwischen 44 cm und 64 cm betrug.8 Die Längeneinheit
der Seeleute, der ›Faden‹ oder ›Fathom‹, war die größte Einheit, die
sich auf den menschlichen Körper bezog: Es war der Abstand zwi-
schen den Fingerspitzen der nach links und rechts ausgestreckten
Arme. Die Zeitmaße verdankten sich den astronomischen Änderun-
gen von Erde und Mond, Gewichtsmaße den Mengen, die man in der
Hand oder auf dem Rücken tragen konnte.
Ein offensichtliches Problem vieler dieser Maßeinheiten bestand
auch darin, dass die Menschen verschieden groß sind. Wen sollte
man als ›Muster‹ wählen? Die ersten Kandidaten waren natürlich
König oder Königin. Aber auch bei diesem Verfahren musste man
die Maße immer neu festlegen, wenn der Thron neu besetzt wurde –
etwa, wenn auf einen ›kleinen‹ Pippin ein ›großer‹ Karl folgte. Eine
bemerkenswerte Lösung dieses Problems fand um 1150 der schotti-
sche König David I., als es um die Festlegung des ›Scottish Inch‹
ging: Er befahl, dass es »gleich der durchschnittlichen Daumendicke
dreier Männer sein solle, ›eines großen Mannes, eines Mannes von
mittlerer Statur und eines kleinen Mannes‹, und dass die Daumen
an der Nagelwurzel zu messen seien«.9
Die weiten Reisen der Händler und Kaufleute im Mittelmeerge-
biet lenkten schon in der Antike den Blick auf die Problematik sol-
cher anatomisch definierter Maßeinheiten. Ein einheitliches Maß-
Eine Reise an den Rand der Welt 21

system zu erreichen, war allerdings nicht leicht. Die nationalen


Traditionen und Gewohnheiten erwiesen sich als starkes Hindernis,
wenn es darum ging, Maßeinheiten eines anderen Landes zu über-
nehmen.
Das moderne metrische System mit Meter, Gramm und Liter und
das im Britischen Weltreich übliche System mit Inch, Pound und
Pint sind vom Prinzip her beide gleich gut zur Messung von Längen,
Gewichten (bzw. Massen) und Volumen geeignet. Das heißt aller-
dings nicht, dass beide Systeme gleich praktisch sind. Im metrischen
System spiegelt sich unser dezimales Zahlensystem wider: Aus einer
Grundeinheit (beispielsweise dem Meter) werden für den prakti-
schen Gebrauch Einheiten abgeleitet, die um Zehnerpotenzen grö-
ßer oder kleiner sind und entsprechende Vorsilben erhalten (bei-
spielsweise 1 km = 103 m oder 1 mm = 10–3 m). Stellen Sie sich vor,
diese Sprünge wären verschieden! Lange Zeit hatte man in England
für ›nicht-technische‹ Gewichte (wie dem Gewicht des menschlichen
Körpers oder den Zusatzgewichten beim Pferderennen) ein solches
System, das nicht mit Einern, Zehnern und Hundertern rechnete,
sondern uns 14 Pounds je Stone, 16 Ounces je Pound und 16 Drams
je Ounce zumutete.
Eine Bereinigung der Maßeinheiten wurde in der Zeit der Franzö-
sischen Revolution gegen Endes des 18. Jahrhunderts entschlossen
angegangen. Die Einführung neuer Maße führt in jeder Gesellschaft
zu einer gewissen Unruhe und wird von der Bevölkerung selten mit
ungetrübter Begeisterung aufgenommen.10 Die Französische Revo-
lution bot daher eine gute Gelegenheit für solche Neuerungen, weil
sie in den ohnehin stattfindenden revolutionierenden Umwälzungen
ein wenig untergingen.11 Die damals herrschenden politischen Vor-
stellungen gingen mit der Einsicht Hand in Hand, dass Gewichte
und Maße weltweit gleich und nicht das ›Eigentum‹ einer einzigen
Nation sein sollten und keiner Nation beim Handel mit einer ande-
ren Vorteile bieten dürften. Um diesem Anspruch zu genügen,
machte man sich daran, die Messungen auf einen allgemein akzep-
tierten Standard zu beziehen, an dem alle Messlatten, Gewichte und
weitere abgeleitete Maße geeicht werden konnten. Im März 1791
wurde von der Französischen Nationalversammlung mit der Unter-
stützung Ludwigs XVI. und mit einer deutlichen Absichtserklärung
22 Das 1 × 1 des Universums

durch Charles Maurice de Talleyrand ein entsprechendes Gesetz er-


lassen. Darin hieß es über die neue Längeneinheit:
In Anbetracht dessen, dass, um die Einheitlichkeit der Gewichte und Maße
einführen zu können, es notwendig ist, eine natürliche und unveränderliche
Maßeinheit festzulegen, und dass das einzige Mittel, diese Einheitlichkeit auf
andere Nationen auszudehnen und sie zu veranlassen, sich auf ein Maßsys-
tem zu einigen, ist, eine Einheit zu wählen, die nichts Willkürliches noch et-
was der Lage irgendeines Volkes auf der Weltkugel Spezifisches enthält, … ad-
optiert die Nationalversammlung die Größe des Viertels des Erdmeridians als
Basis des neuen Maßsystems.12

Zwei Jahre später wurde der ›Meter‹13 als Längeneinheit definiert:


›1 Meter‹ entspricht danach dem zehnmillionsten Teil eines Viertels
des Erdmeridians.14 Das mochte ein plausibler Vorschlag zur Defini-
tion einer Standardlänge sein, für den täglichen Gebrauch war er
offensichtlich untauglich. So war es nur konsequent, als 1795 die
Einheiten direkt mit besonders zu diesem Zweck hergestellten ›Ur-
maßen‹ verknüpft wurden. ›1 Gramm‹ wurde als die Masse von
1 cm³ Wasser bei 0° C definiert, später wurde dies durch die Defini-
tion des Kilogramms ersetzt: ›1 Kilogramm‹ ist die Masse von
1 000 cm³ Wasser bei 4° C. Der Meter wurde mit einem ›Urmeter‹
definiert, dem Mètre des Archives.
Unglücklicherweise waren die neuen metrischen Einheiten zu-
nächst kein Erfolg, und Napoleon I. führte in den ersten Jahren des
19. Jahrhunderts die alten Einheiten wieder ein. Die politische Situa-
tion Europas ließ zu dieser Zeit eine Vereinheitlichung der Maßein-
heiten noch nicht zu.15 Erst am Neujahrstag des Jahres 1840 erließ
Louis Philippe eine Verordnung, die die metrischen Einheiten in
Frankreich zum Standard erklärte.16 Ein großer Fortschritt war die
Gründung einer internationalen Kommission für die metrischen
Maße in Paris, die am 8. August 1870 zum ersten Mal zusammen-
trat. Ihre Aufgabe bestand darin, die Maßeinheiten zu vereinheitli-
chen und die Anfertigung neuer Standardmaße, wie ›Urkilogramm‹
und ›Urmeter‹, zu überwachen. 1875 wurde die ›Meterkonvention‹
von den ersten 18 Staaten unterzeichnet.
Das Urmeter besteht aus Platin und hat einen X-förmigen Quer-
schnitt. 1879 wurde es zusammen mit zwei Kopien von Johnson,
Matthey & Co. in London angefertigt. Das Urkilogramm17 ist ein Zy-
Eine Reise an den Rand der Welt 23

linder von 39 mm Höhe und 39 mm Durchmesser, der aus einer be-


sonderen Legierung von Platin und Iridium besteht. Es wird unter
einem Satz von Glasglocken im Tresorraum des Bureau Internatio-
nale des Poids et Mesures in Sèvres bei Paris aufbewahrt, wo sich
auch das Urmeter befindet.18 In ähnlicher Weise definierte man die
britischen Einheiten wie Yard und Pound. Ihre Prototypen werden in
London im National Physical Laboratory und in Washington DC im
National Bureau of Standards aufbewahrt.

Im Zuge dieser Vereinheitlichung versuchte man auch, die Maßsys-


teme wissenschaftlich zu definieren. Das Ergebnis war das MKS-Sys-
tem (bzw. CGS-System), in dem Länge, Masse und Zeit in Vielfachen
der Grundeinheiten Meter, Kilogramm und Sekunde (bzw. Zentime-
ter, Gramm und Sekunde) angegeben werden.19 Diese ›praktischen‹
Grundeinheiten stellen jeweils eine Menge dar, die wir uns leicht
vorstellen können – in ›1 m Tuch‹, ›1 kg Kartoffeln‹ und ›1 s bis Mit-
ternacht‹ spiegelt sich ein weiteres Mal ihr anthropozentrischer Ur-
sprung wider. Dass sie auch ›unpraktisch‹ sein können, wird schnell
deutlich, wenn wir mit ihnen Dinge beschreiben wollen, die weit
kleiner oder weit größer sind als wir selbst. Die kleinsten Atome sind
mit einem Radius von 10-10 m zehn Milliarden Mal kleiner als ein
Meter, die Masse der Sonne beträgt mehr als 1030 kg. Abbildung 2.1
vermittelt uns eine Vorstellung der ungeheuren Spanne von Masse
und Ausmaß wichtiger ›Bewohner‹ des Universums – den Menschen
eingeschlossen. Wir stehen in der Mitte zwischen den gewaltigen as-
tronomischen Dimensionen auf der einen Seite und der winzigen
subatomaren Skala der Elementarteilchen, aus denen die Materie
zusammengesetzt ist, auf der anderen Seite.
Trotz der Einführung universeller metrischer Einheiten durch
Ministerien oder internationale Kommissionen nahmen die meisten
Leute nur wenig Notiz von den neuen Verordnungen und Gesetzen.
Das galt besonders für Großbritannien, wo in allen möglichen Spar-
ten von Industrie und Handel die unterschiedlichsten Maßeinheiten
in Gebrauch waren (und noch sind). Im Verlauf der industriellen
Revolution entstand eine Reihe von Branchen wie Ingenieure,
Brauer, Buchhalter, Metallarbeiter, Zeitnehmer und Schiffsbauer,
die alle nach eigenen Wegen suchten, um die Dinge zu messen, mit
24 Das 1 × 1 des Universums

A b b ild u n g 2 .1
Masse und Größe wichtiger ›Bewohner‹ unseres Universums.
Mit der Wahl von ›g‹ und ›cm‹ als Einheit liegen wir Menschen nahezu
im Zentrum des Geschehens.

denen sie zu tun hatten und die sie bearbeiteten. Die Brauer wollten
ihr spezielles Volumenmaß, die Wasserbauingenieure ein anderes.
Ein Juwelier gab das Gewicht anders an als Seeleute oder Architek-
ten. Das Ergebnis war eine Unzahl von Maßeinheiten. Für jedes Ma-
terial erfand man eigene Grundmaße zur Bestimmung von Festig-
keit und Toleranz, Menge und Gewicht. Diese Einheiten waren nicht
nur anthropozentrisch, sondern darüber hinaus noch ganz speziell
auf die jeweiligen Berufe zugeschnitten. Als ich noch zur Schule
ging, hatten wir kleine linierte Notizbücher mit einem roten oder
blauen Umschlag, auf dessen Rücken man eine Liste all dieser seltsa
Eine Reise an den Rand der Welt 25

A b b ild u n g 2 .2
Typische Zusammenstellung verschiedener Maßeinheiten aus einem
englischen Ratgeber aus den 1950er Jahren.20

men Längen-, Flächen-, Volumen- und Gewichtsmaße abgedruckt


hatte, die im Empire üblich waren (siehe Abbildung 2.2).
Für den Ingenieur oder den Händler war das alles ganz praktisch
und nützlich und erhöhte zweifellos auch den Profit. Für jemand,
der auf der Suche nach einer umfassenden ›Naturphilosophie‹ war,
erschien das menschliche Wissen aber höchst zersplittert und glich
einem merkwürdigen Konglomerat verschiedenster kleiner Parzel-
len. Ein Besucher von einem fernen Planeten wäre sehr verwirrt da-
rüber gewesen, dass er zum Kauf von Gold, Äpfeln oder Siegellack
unterschiedliche Gewichtsmaße benötigt hätte.
26 Das 1 × 1 des Universums

Warum universelle Maßeinheiten?


Im Verlauf des 19. Jahrhunderts wurden die Ingenieure, Industriel-
len und Naturwissenschaftler von all den Einheiten und Maßen, die
jeweils nur für ganz besondere Zwecke geschaffen worden waren,
förmlich überflutet. Für die industrielle Revolution waren Produk-
tion, Mechanisierung, Messen, Entwerfen und Bauen zu magischen
Begriffen geworden, und aus jedem dieser Bereiche kamen neue
Maßeinheiten. Auch die Puristen in den heiligen Hallen der Natur-
wissenschaft waren mit den Prototypen für Länge und Masse nicht
zufrieden, denn immer wenn das Urkilogramm mit einer Spezial-
zange bewegt wurde, änderte es sich ein wenig. Außerdem konnten
einzelne Atome von seiner Oberfläche entkommen oder sich umge-
kehrt Staub aus der Luft auf ihm absetzen: Es war also nicht wirklich
konstant!21 So wenig die Längen- und Massennormale konstant wa-
ren, so wenig waren sie universell. Stellen wir uns vor, ein Ingenieur
hätte von einem fernen Planeten eine Anfrage erhalten, wie groß wir
Menschen seien. Es hätte wenig Sinn gemacht, die nötigen Angaben
in Meter und Kilogramm ins All zu senden, denn garantiert wäre die
Rückfrage gekommen: »Von was reden Sie eigentlich?« Mit unserer
Antwort an den extraterrestrischen Brieffreund, Meter und Kilo-
gramm seien Objekte, die in Paris in Glasbehältern lagern, und die
wir ihm leider nicht als Warensendung zukommen lassen können,
hätten wir ihm kaum gedient. Unglücklicherweise hatte der Bedarf
an universellen Standards Exemplare hervorgebracht, die weder
Standards noch universell waren.
Auch in den verschiedenen Bereichen der Naturwissenschaft wa-
ren unterschiedliche Maßsysteme gebräuchlich, die im entsprechen-
den Verhältnis zu den metrischen Einheiten von Länge, Masse, Zeit
und Temperatur standen. Der mächtigste Impuls zur Formulierung
rationaler Gesetze kam in den Naturwissenschaften aus der Erfor-
schung von Elektrizität und Magnetismus. Auf die daraus resultie-
rende Notwendigkeit, das Maßsystem zu vereinheitlichen, reagierten
als Erste Lord Rayleigh und James Clerk Maxwell.
In seiner Ansprache als Präsident der British Association for the
Advancement of Science riet Maxwell im Jahr 1870 zur Einführung
von Standards, die nicht an Gegenstände wie ein Urmeter und ein
Eine Reise an den Rand der Welt 27

Urkilogramm gebunden waren. Maxwell begründete dies damit,


dass Standards wie die genannten nie wirklich konstant sein können.
Das gilt auch für unsere Zeitmaße, die auf der Erdumdrehung und
auf dem Umlauf der Erde um die Sonne beruhen. Die Erdumdre-
hung wird langsam abgebremst und die Umlaufzeit um die Sonne
unterliegt Schwankungen, womit sich auch die darauf begründeten
Zeitmaße – Tag und Jahr – ändern. Sie sind zwar nicht mit dem Ma-
kel behaftet, den Menschen zum Maß zu haben, sind aber trotzdem
keine Kandidaten für ultimative Standards. Maxwell hatte sich
schon lange mit der Untersuchung von Gasatomen befasst und war
sehr von der Tatsache beeindruckt, dass sich alle Wasserstoffatome
völlig gleichen – im deutlichen Gegensatz zu all den großen Objek-
ten, mit denen wir in unserem Alltag zu tun haben. Kein Stuhl
gleicht dem anderen, vom Menschen ganz zu schweigen. Maxwell
erkannte, dass die Ununterscheidbarkeit der Atome herangezogen
werden kann, um absolute Standards zu definieren:
Letztlich sind die Dimensionen unserer Erde und ihre Umdrehungszeit zwar
relativ zu unseren derzeitigen Vergleichsmaßstäben sehr konstant, das ist aber
physikalisch nicht notwendigerweise so. Die Erde könnte bei ihrer Abkühlung
schrumpfen oder sie könnte sich vergrößern, weil sich auf ihr einfallende Me-
teoriten ablagern. Auch ihre Drehung um sich selbst könnte langsamer wer-
den, und trotzdem würde sie ein Planet bleiben wie zuvor.
Ein Atom jedoch, nehmen wir etwa Wasserstoff, würde nicht Wasserstoff
bleiben, wenn sich entweder seine Masse oder seine Vibrationszeit auch nur
ein wenig ändern würde.
Wenn wir also Längen-, Zeit- und Massenstandards haben wollen, die abso-
lut konstant sind, dürfen wir sie nicht in den Ausmaßen, der Bewegung oder
der Masse unseres Planeten suchen, sondern in der Wellenlänge, der Vibra-
tionsperiode und der absoluten Masse jener unvergänglichen, unveränderli-
chen und auf perfekte Weise gleichen Atome.22

Maxwell war an den Atomen besonders aus philosophischen Erwä-


gungen interessiert, weil er die Bedeutung der Tatsache erkannt
hatte, dass die Materie aus Bausteinen besteht, die man nicht
unterscheiden kann. Jedes Stück reinen Eisens ist aus völlig identi-
schen Eisenatomen aufgebaut – eine äußerst bemerkenswerte Eigen-
schaft unserer Welt! Maxwell stellte dieser ›Ununterscheidbarkeit‹
die Veränderlichkeit und Entwicklungsfähigkeit der lebendigen Na-
28 Das 1 × 1 des Universums

tur gegenüber, wie sie der Gegenstand von Charles Darwins Evoluti-
onstheorie mit ihrer natürlichen Auslese war. Maxwell betonte, dass
die Atome als Bausteine der Natur weder der Auslese noch Anpas-
sungs- oder Mutationsprozessen unterliegen. Auf der Grundlage
dieser Unveränderlichkeit und Universalität wollte er Maßeinheiten
definieren, mit denen man einerseits die durch menschliches Zutun
entstehenden Fehler vermeiden konnte und andererseits zu den
grundlegenden Invarianten der realen Welt vorzustoßen vermochte.
1927 wurde die rote Emissionslinie des Cadmiums als erster ato-
marer Längenstandard23 gewählt. Man definierte mit ihr die Längen-
einheit ›Ångström‹ (1 Å = 10-10 m), indem man die Wellenlänge der
Cadmiumlinie mit 6438,4696 Å festsetzte.24 Da die Wellenlänge des
Lichts, das von Cadmium ausgestrahlt wird, einzig und allein von
Naturkonstanten bestimmt wird, war diese Definition ein entschei-
dender Schritt, denn mit ihr wurde zum ersten Mal ein universelles
Standardmaß festgelegt. Wenn wir also unserem Alien etwas über
die Größe der Menschen mitteilen wollen, können wir ihm jetzt sa-
gen, dass die meisten von uns 2-3 Millionen Mal größer sind als die
Wellenlänge der roten Cadmiumlinie – und er wird uns verstehen.

Stoneys brillante Idee


Im August 1874 brachte George Johnstone Stoney (siehe Abbildung
2.3), ein ziemlich ungewöhnlicher irischer Physiker, Ordnung in das
babylonische Durcheinander der da-
»Und wo kam die Materie her?« – »Das mals üblichen Maßeinheiten. Er war
ist doch ganz gleich. … Das Geheimnis eingeladen worden, vor der British As-
des Universums ist Apathie, Gleichgültig- sociation for the Advancement of Sci-
keit. Die Sonne, die Erde, die Felsen, sie
alle sind gleichgültig, und das ist eine Art ence in Belfast einen Vortrag über die-
passive Kraft. Vielleicht sind Gleich- ses Thema zu halten.26 Diese jährliche
gültigkeit und Schwerkraft das gleiche.« Versammlung gibt es noch immer, sie
Isaac B. Singer 25 dient aber heute dazu, der breiteren
Öffentlichkeit, den Medien und insbe-
sondere jungen Menschen die neuesten Ergebnisse der Naturwissen-
schaft verständlich zu machen. Zu Stoneys Zeiten war sie eines der
Eine Reise an den Rand der Welt 29

weltweit bedeutendsten Treffen von Naturwissenschaftlern, auf dem


die wichtigsten Entdeckungen in Fachvorträgen vorgestellt wurden.
Die Presse berichtete seinerzeit ausführlich über die heißen Diskus-
sionen auf diesen Veranstaltungen. Heute gibt es eine so große An-
zahl von Konferenzen, Workshops, Meetings, Diskussionen und Po-
diumsgesprächen über jeweils ganz spezielle Themen, dass für eine
Veranstaltung, auf der alle Zweige der Naturwissenschaften auf ho-
hem fachlichem Niveau abgehandelt werden, kein Platz mehr ist: Sie
wäre allzu groß, würde ewig dauern und wäre für die meisten Teil-
nehmer nahezu unverständlich.

Stoney war ein exzentrischer und origineller Denker. Er hat als Ers-
ter gezeigt, wie man bei anderen Planeten unseres Sonnensystems
herausfinden kann, ob sie eine Atmosphäre haben: Man berechnet,
ob die Schwerkraft ausreicht, sie am Entweichen zu hindern. Aber
Stoneys wahre Leidenschaft galt seinem Lieblingsthema: dem ›elec-
tron‹. Er hatte nachgewiesen, dass es einen Baustein der elektrischen
Ladung geben müsse. Bei der Auswertung der Elektrolyseexperi-
mente, die von Michael Faraday durchgeführt worden waren, gelang
es ihm sogar, den Wert dieser Einheitsladung zu bestimmen – ein
Ergebnis, das später von Joseph John Thomson bestätigt wurde, der
1897 in Cambridge das Elektron entdeckte27 und dies der Royal In-
stitution am 30. April anzeigte. Stoney gab seiner Elementarladung
schließlich 189128 den Namen ›electron‹ (nachdem er sie 1874 zu-
nächst ›electrine‹29 genannt hatte). Er ließ später keine Gelegenheit
aus, um über diese Größe und die möglichen Vorteile seines Kon-
zepts für die Wissenschaft zu sprechen.
Stoney war ein entfernter älterer Cousin des berühmten Mathe-
matikers und Computerwissenschaftlers Alan Turing, der auch als
Experte für das Knacken von Geheimcodes galt. Dessen Mutter hielt
in einem Buch über ihren Sohn viele Erinnerungen an den seltsamen
Onkel fest, den die Kinder ›electron-Stoney‹ nannten. Ein anderer
Onkel Stoneys war George FitzGerald, der Berühmtheit erlangte,
weil er die ›Lorentz-FitzGerald-Kontraktion‹ beschrieb, ein Phäno-
men, das man schließlich später im Rahmen von Einsteins Spezieller
Relativitätstheorie interpretieren konnte. Stoney war auch praktisch
veranlagt und baute zwei Jahre lang für den Earl of Rosse und dessen
30 Das 1 × 1 des Universums

A b b ild u n g 2 .3
Der irische Physiker George Johnstone Stoney (1826–1911).30

Privatobservatorium in Birr Castle empfindliche optische Instru-


mente. Danach, 1850, wurde er Professor für ›Naturphilosophie‹ am
Queen’s College von Galway. Nach seiner Emeritierung ging er nach
Hornsey nördlich von London und veröffentlichte weiterhin eine
Flut von Arbeiten in den wissenschaftlichen Zeitschriften der Royal
Dublin Society. Es gibt kaum ein Thema, zu dem er nicht etwas bei-
getragen hat – das Spektrum reicht von Zeitreisen bis zu der Frage,
warum Fahrräder nicht umfallen.
Stoney fiel auf, dass im Programm der oben erwähnten Tagung
der British Association in Belfast eine Fülle der unterschiedlichsten
Einheiten und Standards auftauchten. Er wollte herausfinden, wie
man sie bestimmen konnte, wie man sie am besten definiert und wie
man sie ineinander umrechnet. Für Insider war das alles recht nütz-
lich, für den Rest der Welt stellte es ein eher langwieriges Projekt dar.
Stoney sah eine Chance, das höchst komplizierte Netz der Maßein-
heiten, die auf menschlichen Dimensionen beruhten, zu vereinfa-
chen und dabei gleichzeitig seiner Hypothese von der elektrischen
Einheitsladung31 mehr Gewicht zu verleihen. Als Mitglied eines Ko-
mitees32 der British Association, das schon in den Jahren vor der Ta-
gung Vereinbarungen über elektrische Einheiten getroffen hatte,
Eine Reise an den Rand der Welt 31

war er bereits mit dem Problem der Standards und Einheiten kon-
frontiert gewesen.
Ihm wurde klar, dass sein Konzept einer Elementarladung das
fehlende Stück eines Puzzles war. Nehmen wir an, jemand will Ein-
heiten für Masse, Länge und Zeit definieren, die nicht nur wie Pfund,
Meile oder Tag für den menschlichen Alltagsgebrauch geeignet sind.
Sie müssten dann aus Grundeigenschaften des Universums abgelei-
tet werden und dürften weder davon abhängen, wann man eine Mes-
sung durchführt, noch davon, wo man sich dabei befindet. Damit
wäre die übliche Hilfslösung überflüssig, ein Urkilogramm und ein
Urmeter, das irgendwo unter besonderen kontrollierten Bedingun-
gen aufbewahrt wurde, zum Vergleich für andere Referenzmassen
und -längen heranzuziehen.
Um den anthropozentrischen Fesseln zu entkommen, richtete
Stoney sein Interesse auf physikalische Konstanten. Newton hatte
schon mehr als zwei Jahrhunderte zuvor erkannt, dass die Schwer-
kraft einem einfachen Gesetz gehorcht: Die Kraft F zwischen zwei
Massen m1 und m2 im Abstand r ist proportional zur Größe beider
Massen und umgekehrt proportional zum Quadrat des Abstands
der beiden Massenmittelpunkte:

F = G (m1 m2) / r2

Man nahm an, dass das Gravitationsgesetz universell gilt und die
Proportionalitätskonstante G überall im Universum gleich ist.33 Sie
ist ein Maß für die Stärke der Schwerkraft. Wichtig an ihr ist, dass sie
wirklich konstant ist: Wo auch immer sie in korrekter Weise gemes-
sen wird, hat sie den gleichen Wert.34 Drückt man G in unseren ge-
bräuchlichen anthropozentrischen Einheiten aus, die ja nicht für
diesen Zweck geschaffen wurden, erhält man eine ›krumme‹ und
recht sperrige Zahl: G = 6,67259 x 10-11 m3kg-1s-2.
Die zweite Naturkonstante, auf die Stoney für seine nicht-anthropo-
zentrischen Maßeinheiten zurückgriff, war die Lichtgeschwindigkeit c.
Auch diese Konstante sprengt alle menschlichen Vorstellungen. Sie ist
von grundlegender Bedeutung, ja von einer grundlegenderen Bedeu-
tung, als es Stoney ahnen konnte. Einstein zeigte später, dass die Licht-
geschwindigkeit im Vakuum die höchste im Universum überhaupt
32 Das 1 × 1 des Universums

denkbare Geschwindigkeit darstellt und es keine Möglichkeit gibt, In-


formationen schneller zu verbreiten. Man hat außerdem entdeckt, dass
das Produkt aus Permeabilität und Permittivität, mit denen die mag-
netische und die elektrische Grundeinheit definiert werden, gleich dem
inversen Quadrat der Lichtgeschwindigkeit ist, was die Bedeutung der
Lichtgeschwindigkeit auch für den elektromagnetischen Bereich unter
Beweis stellt.35 Zu den zwei Konstanten G und c fügte Stoney seinen
Kandidaten für eine dritte Naturkonstante hinzu: die Elementarla-
dung, die inzwischen meist mit dem Symbol e bezeichnet wird. Damit
war das Puzzle komplett, denn e passte in gleicher Weise wie G und c in
die Rechnung. Die Elementarladung galt als universell, sie war mit der
Grundstruktur des Universums verknüpft, und sie wurde nicht von
menschlichen Zwecken und Bedürfnissen bestimmt. Stoney präsen-
tierte das Dreigestirn seiner Konstanten wie folgt:

Die Natur liefert uns drei derartige Einheiten, und wenn wir diese als Grund-
einheiten wählen anstatt eine willkürliche Wahl zu treffen, werden wir unsere
Rechnungen in eine bequemere Form bringen, die zudem zweifellos einen
engeren Bezug zur Natur hat, wie sie wirklich ist. …
Zu diesem Zweck müssen wir Phänomene auswählen, die überall in der
Natur vorkommen und nicht nur mit ganz bestimmten Gegebenheiten ver-
bunden sind. Die erste der absoluten Naturgrößen, auf die ich Ihre Aufmerk-
samkeit lenken will, ist jene bemerkenswerte Geschwindigkeit von absoluter
Größe, die von den Einheiten, in denen sie gemessen wird, unabhängig ist und
unsere elektrostatischen Einheiten mit den zugehörigen elektromagnetischen
Einheiten verknüpft. Ich werde diese Geschwindigkeit c nennen.36 Wählen wir
sie als unsere Geschwindigkeitseinheit, vereinfachen wir auf einen Schlag die
Behandlung aller elektrischen Phänomene und vermutlich auch unsere Unter-
suchungen von Licht und Wärme.
Darüber hinaus liefert uns die Natur einen Gravitationskoeffizienten, der
eine absolute Größe darstellt und von den verwendeten Einheiten, in denen er
angegeben wird, unabhängig ist. Mit ihm kann man die schwere Materie un-
seres gesamten materiellen Universums beschreiben. Diesen Koeffizienten
werde ich G nennen. Wählen wir ihn als Koeffizienten für die Anziehung, kön-
nen wir damit vermutlich einen ersten Schritt zur Beantwortung der Frage
machen, worin die bisher nur vermutete tiefere Verbindung zwischen dem
Phänomen der Schwerkraft, jener wunderbarsten Eigenschaft, die alle schwere
Materie hat, zu den anderen Naturphänomenen liegt.
Schließlich zeigt uns die Natur im Phänomen der Elektrolyse, dass es einen
Grundbaustein der Elektrizität gibt, der unabhängig vom jeweiligen Stoff ist.
Eine Reise an den Rand der Welt 33

Um dies zu verdeutlichen, will ich ›Faradays Gesetz‹ mit den folgenden Begrif-
fen ausdrücken, die, wie ich zeigen werde, das Gesetz präziser fassen: Für jede
chemische Bindung, die in einem Elektrolyt gelöst wird, durchquert eine Menge an Elek-
trizität den Elektrolyt, die in allen Fällen gleich ist. Dieses bestimmte Elektrizitäts-
quantum nenne ich e. Wenn wir es zur Grundeinheit der Elektrizität wählen,
haben wir vermutlich einen äußerst wichtigen Schritt auf dem Weg zur Er-
kenntnis der molekularen Phänomene gemacht.
Wir haben also guten Grund zu der Annahme, dass wir mit c, G und e drei
aus einer Reihe systematischer Einheiten haben, die in einem besonderen
Sinn Natureinheiten sind und in enger Beziehung zu den Vorgängen stehen,
die im gewaltigen Laboratorium ablaufen, welches die Natur darstellt. …
Wir haben so … die drei großen fundamentalen Einheiten erhalten, die uns
die Natur anbietet. Auf ihnen können wir ganze Reihen physikalischer Einhei-
ten aufbauen, die mit Recht ›natürliche Reihen‹ genannt werden können.37

Stoney zeigte, dass das magische Trio aus c, G und e auf eine (und
nur eine) Art miteinander kombiniert werden kann, um aus ihm
Einheiten für Masse, Länge und Zeit abzuleiten. Für die Lichtge-
schwindigkeit wählte er einen Durchschnittswert der damals be-
kannten Messungen mit c = 3 x 108 m/s. Für die Newtonsche Gravi-
tationskonstante nahm er den von John Herschel bestimmten Wert
G = 0,67 x 10-11 m3kg-1s-2 und für die Ladung des ›electrine‹ e = 10–20
Ampère.38 Stoney fand durch die Kombination von c, G und e die
folgenden reichlich ungewöhnlichen Definitionen für natürliche
Grundeinheiten von Masse, Länge und Zeit:

mSt= (e2/G)1/2 ≈ 10-7 g


lSt = (Ge2/c4)1/2 ≈ 10-37 m
tSt = (Ge2/c6)1/2 ≈ 3 x 10–46 s

Während eine Masse von 10–7 g nicht völlig aus dem Rahmen fällt –
sie entspricht etwa der eines Staubteilchens –, passen Stoneys Län-
gen- und Zeiteinheiten zu nichts, mit dem man sich je in den Natur-
wissenschaften befasst hat. Sie sind in ihrer Winzigkeit einfach
fantastisch und unbegreiflich. Es gab damals natürlich auch keine
Möglichkeit, derart kleine Längen und Zeiten direkt zu messen –
auch heute ist das noch nicht möglich. Irgendwie war das Ergebnis
aber auch nicht überraschend, denn die neuen Einheiten waren ja
ganz bewusst weder aus menschlichen Maßen gewonnen noch für
34 Das 1 × 1 des Universums

menschliche Zwecke passend geschneidert worden. Die Grundgrö-


ßen des Universums, die zu ihrer Definition benutzt wurden, küm-
mern sich nicht um unsere ›menschlichen‹ Belange.
Stoney hatte mit seinem Versuch, ein die Menschenwelt transzen-
dierendes Einheitensystem zu finden, einen glänzenden wissen-
schaftlichen Erfolg errungen. Aber leider war das Interesse an den
neuen ›natürlichen‹ Einheiten gering, denn es gab für sie keine prak-
tische Verwendung, und ihre tiefere Bedeutung blieb für alle, auch
für Stoney selbst, noch verborgen. Stoney war zudem mehr daran
interessiert, sein ›electrine‹ zu propagieren. So kam es, dass die ›natür-
lichen‹ Einheiten später neu entdeckt werden mussten.

Plancks natürliche Einheiten


Stoneys Einheitensystem wurde 1899 in einer etwas abgewandelten
Version von Max Planck zu neuem Leben erweckt. Planck wurde für
sein Gesetz zur Beschreibung der Wär-
Die Naturwissenschaft kann das tiefste mestrahlung und die damit verbun-
Mysterium der Natur nicht entschlüsseln. dene Entdeckung der Quantenstruktur
Der Grund ist, dass wir letztlich selbst
berühmt. Eine der fundamentalen Na-
Teil dieses Mysteriums sind, das wir zu
entschlüsseln versuchen. turkonstanten, das ›Plancksche Wir-
kungsquantum‹, ist nach ihm benannt.
Max Planck39
Als einer der führenden Physiker seiner
Zeit erhielt er 1918 den Nobelpreis für
Physik. Zurückhaltend, bescheiden und tief religiös40 wie er war,
wurde er von seinen jüngeren Kollegen wie Einstein und Bohr ver-
ehrt.
Für Planck war die Natur von einer ihr innewohnenden Rationali-
tät bestimmt, die vom menschlichen Denken unabhängig ist. Er
glaubte an eine höhere Intelligenz hinter den Erscheinungen der
Wirklichkeit und versuchte, dieser tieferen Struktur gewahr zu wer-
den, die jenseits aller menschlichen Zwecke und Notwendigkeiten
liegt.41 In seinem letzten Lebensjahr erhielt Planck einen Brief von
Ilse Rosenthal-Schneider (siehe Abbildung 2.4), einer seiner früheren
Studentinnen. Sie interessierte sich sehr für die philosophischen As-
Eine Reise an den Rand der Welt 35

pekte der Naturwissenschaften und war in ihren jungen Jahren so-


wohl mit Einstein als auch Planck befreundet gewesen. 1938 emi-
grierte sie zusammen mit ihrem Mann aus Nazi-Deutschland nach
Sydney. In einem Brief vom 22. Februar 1947 fragte sie Planck, ob er

A b b ild u n g 2 .4
Ilse Rosenthal-Schneider (1891-1990).42

glaube, dass die Anstrengung zur Vereinigung der Naturkonstanten


in einer umfassenden Theorie Sinn machen würde und was von den
Überlegungen Arthur Eddingtons43 zu halten sei. Planck zeigte sich
von Rosenthal-Schneiders Vorstellung begeistert, war aber gleich-
wohl skeptisch, was den Erfolg eines solchen Versuchs betraf:
Was Ihre Frage nach dem Zusammenhang der universellen Konstanten be-
trifft, so ist es ohne Zweifel ein schöner Gedanke, ihn so eng als möglich zu
gestalten, indem man diese verschiedenen Konstanten auf eine einzige zu-
rückführt. Ich für meinen Teil zweifle allerdings daran, dass dies gelingen
wird. Aber ich kann mich ja auch irren.44

Anders als Einstein glaubte Planck nicht wirklich, dass irgendeine


umfassende Theorie zur Erklärung aller Naturkonstanten gefunden
36 Das 1 × 1 des Universums

werden könnte, denn mit ihr würde die Physik aufhören, eine induk-
tive Wissenschaft zu sein. Planck misstraute der Vorstellung, Grö-
ßen, die ihre Existenz den ›Zufällen‹ unserer irdischen Situation
verdanken, eine grundlegende Bedeutung beizumessen:

Alle bisher in Gebrauch genommenen physikalischen Maßsysteme, auch das


so genannte absolute C.G.S.-System, verdanken ihren Ursprung insofern dem
Zusammentreffen zufälliger Umstände, als die Wahl der jedem System zu-
grunde liegenden Einheiten nicht nach allgemeinen, notwendig für alle Orte
und Zeiten bedeutungsvollen Gesichtspunkten, sondern wesentlich mit
Rücksicht auf die speziellen Bedürfnisse unserer irdischen Kultur getroffen
ist. So sind die Einheiten der Länge und der Zeit aus den gegenwärtigen Di-
mensionen und der gegenwärtigen Bewegung unseres Planeten hergeleitet
worden, ferner die Einheit der Masse und der Temperatur aus der Dichte und
den Fundamentalpunkten des Wassers, als derjenigen Flüssigkeit, die an der
Erdoberfläche die wichtigste Rolle spielt, genommen bei einem Druck, wel-
cher der mittleren Beschaffenheit der uns umgebenden Atmosphäre ent-
spricht. An dieser Willkür würde prinzipiell auch nichts Wesentliches geän-
dert werden, wenn etwa zur Längeneinheit die unveränderliche Wellenlänge
des Na-Lichtes genommen würde. Denn die Auswahl gerade des Na unter den
vielen chemischen Elementen könnte wiederum nur etwa durch sein häufiges
Vorkommen auf der Erde oder etwa durch seine für unser Auge glänzende
Doppellinie, die keineswegs einzig in ihrer Art dasteht, gerechtfertigt werden.
Es wäre daher sehr wohl denkbar, dass zu einer anderen Zeit, unter veränder-
ten äußeren Bedingungen, jedes der bisher in Gebrauch genommenen Maß-
systeme seine ursprüngliche natürliche Bedeutung teilweise oder gänzlich
verlieren würde.
Dem gegenüber dürfte es nicht ohne Interesse sein, … dass mit Zuhilfe-
nahme der beiden … Konstanten h und k die Möglichkeit gegeben ist, Einhei-
ten für Länge, Masse, Zeit und Temperatur aufzustellen, welche, unabhängig
von speziellen Körpern oder Substanzen, ihre Bedeutung für alle Zeiten und
für alle, auch außerirdische und außermenschliche Kulturen notwendig be-
halten und welche daher als ›natürliche Maßeinheiten‹ bezeichnet werden
können. 45

Stoney wollte den gordischen Knoten der Subjektivität durchschla-


gen, der durch die Wahl ›praktischer‹ Einheiten entstanden war.
Planck hingegen war daran gelegen, mit seinen neuen Einheiten eine
Grundlage der Physik zu schaffen, die nicht auf menschliche Be-
lange bezogen war. Solche Einheiten könnten dann mit Recht ›na-
türliche‹ Einheiten genannt werden und als Fortschritt auf dem Weg
Eine Reise an den Rand der Welt 37

gelten, die Phänomene der äußeren Welt von denen des menschli-
chen Bewusstseins so deutlich wie möglich zu trennen.
Planck wählte dazu neben den uns schon von Stoney bekannten
Größen c (Lichtgeschwindigkeit) und G (Gravitationskonstante) das
Wirkungsquantum h (oder ħ = h/2π), das heute Plancks Namen
trägt und mit den kleinsten Energiequanten verknüpft ist, die ausge-
tauscht werden können.46 Planck nahm zusätzlich noch die Boltz-
mann-Konstante k auf, den Faktor zur Umrechnung von Energieein-
heiten in Temperatureinheiten, der die Definition einer ›natürlichen‹
Temperatur ermöglicht. Plancks Einheiten stellen nun – ähnlich wie
bei Stoney – die einzig möglichen Kombinationen seines Quartetts
aus c, G, h und k dar, die zu Massen-, Längen-, Zeit- und Temperatur-
einheiten führen. Die Zahlenwerte unterscheiden sich von denen
Stoneys nur wenig:

Planck-Masse: mPl = (hc/G)1/2 = 5,37 x 10-5 g


Planck-Länge: lPl = (Gh/c3)1/2 = 3,99 x 10-33 cm
Planck-Zeit: tPl = (Gh/c5)1/2 = 1,33 x 10-43 s
Planck-Temperatur: TPl = k-1(hc5/G)1/2 = 3,60 x 1032 K

Wieder treffen wir auf den Gegensatz zwischen einer zwar kleinen, aber
nicht außergewöhnlich kleinen natürlichen Masseneinheit und den
geradezu fantastisch winzigen natürlichen Einheiten von Länge, Zeit
und Temperatur (wobei hier 1/T betrachtet werden muss).47 Für Planck
lag die besondere Bedeutung seiner ›natürlichen‹ Einheiten darin, dass
sie weit über unsere menschlichen Bereiche hinausgehen und für die
Grundlagen der physikalischen Realität entscheidend sind:
Diese Größen behalten ihre natürliche Bedeutung solange bei, als die Gesetze
der Gravitation, der Lichtfortpflanzung im Vacuum und die beiden Haupt-
sätze der Wärmetheorie in Gültigkeit bleiben, sie müssen also, von den ver-
schiedensten Intelligenzen nach den verschiedensten Methoden gemessen,
sich immer wieder als die nämlichen ergeben.48

Planck spielte auf Beobachter an, die irgendwo im Universum leben:


Sie würden diese Einheiten in genau der gleichen Weise definieren
und anerkennen wie wir. Er ging noch weiter und definierte »›natür-
lichen Einheiten‹ so, dass in dem neuen Maßsystem jede der vorste-
38 Das 1 × 1 des Universums

henden Constanten den Wert 1 annimmt«49. Man kann nun alle


Massen, Längen, Zeiten und Temperaturen als Vielfache der Planck-
schen Elementargrößen angeben. Die Größen hatten für die dama-
lige Zeit etwas Bemerkenswertes – wie Jahre zuvor die Stoneys. Sie
verflochten die Schwerkraft mit der Elektrizität und dem Magnetis-
mus. Die Schwerkraft war schon immer ein Forschungsbereich der
Physik, in dem sich nur wenig abspielte. Newton hatte das Gesetz
der Schwerkraft entdeckt, und niemand stellte später dazu noch
viele Fragen. Allerdings gab es beunruhigende kleine Abweichungen
zwischen den Berechnungen und den Beobachtungen von Bahnab-
weichungen des Planeten Merkur auf seinem Weg um die Sonne.
Man hatte schon vorgeschlagen, Änderungen am Newtonschen Ge-
setz vorzunehmen, um die Abweichungen zu erklären. Doch die
meisten Astronomen nahmen an, dass der Einfluss der nicht voll-
kommen sphärischen Gestalt der Sonne oder Messfehler zur Erklä-
rung ausreichen würden. Offenbar schien damit das Kapitel ›Schwer-
kraft‹ abgeschlossen zu sein.

Ganz anders sah es im Bereich der Elektrizität und des Magnetismus


aus. Die dort herrschenden Gesetze waren Gegenstand der aktuellen
Diskussion. Zunächst nahm man an, es gäbe für die statische Elek-
trizität (die dafür sorgt, dass uns die Haare zu Berge stehen), die dy-
namische Elektrizität (die den Strom zum Fließen bringt) und den
Magnetismus verschiedene Gesetze. Nach und nach stellte sich dann
aber heraus, dass die beiden Elektrizitätsarten nur verschiedene Er-
scheinungsformen einer einzigen elektrischen Kraft darstellen. Und
dann kam Maxwell. Er konnte zeigen, dass auch Elektrizität und
Magnetismus nur zwei Seiten einer einzigen Medaille sind. Bewegt
man einen Magneten, so bringt man Strom zum Fließen, und flie-
ßender Strom erweckt umgekehrt magnetische Kräfte. Bei all dem
schien aber nie die Schwerkraft ins Spiel zu kommen. Weder die
Elektrizität noch der Magnetismus noch das Verhalten von Atomen
und Molekülen schien von ihr beeinflusst zu werden.
Auch auf dieser Grundlage konstruierte man natürliche Einhei-
ten, die sich allerdings deutlich von denen Stoneys und Plancks un-
terschieden. Der Physiker Paul Drude, der wichtige Beiträge zur Er-
forschung der elektromagnetischen Wellen, der Optik und von
Eine Reise an den Rand der Welt 39

Festkörpern geleistet hat, war 1894 auf den angesehenen Lehrstuhl


für Physik in Leipzig berufen worden. Er hoffte auf ein System abso-
luter Massen-, Längen- und Zeiteinheiten, das »an universelle Eigen-
schaften, an die des Äthers, anknüpft«, von dem man damals noch
glaubte, er durchdringe den gesamten Raum. Als Grundgröße
wählte Drude die Lichtgeschwindigkeit. »Die mittlere freie Weglänge
der Ätheratome könnte z.B. das Längenmaß sein, das Zeitmaß würde
sich dann sofort aus der Lichtgeschwindigkeit ergeben«.50 Nach
Drude gab es keine Möglichkeit einer Kopplung der Schwerkraft an
Elektrizität und Magnetismus. Daher folgte er Stoney und Planck
nicht, in deren natürlichen Einheiten die Gravitationskonstante G
enthalten war.51 Selbst für Planck war es ein ungelöstes Rätsel, wie G
in seine natürlichen Einheiten gelangte. Er konnte es so wenig erklä-
ren, wie die winzigen Grundgrößen von Länge und Zeit. Welche Be-
deutung hatten sie? Was würde man in einer Welt beobachten, die
diese Ausmaße hätte? Die Zeit für solche Fragen war damals noch
nicht gekommen52 – und schon gar nicht die Zeit, in der man sie
hätte beantworten können.

Planck landet in der Realität


Planck hat uns gezeigt, dass man aus der Existenz von Naturkonstan-
ten auf eine physikalische Realität schließen kann, die von unserer
menschlichen Denkwelt losgelöst ist. Er wollte aber noch einen
Schritt weiter gehen und die unveränderlichen Naturkonstanten als
Argument gegen die Positivisten ins Feld führen, die der Auffassung
sind, das Gebäude der Naturwissenschaft sei allein von Menschen er-
richtet und bestünde nur aus Messergebnissen, die in geeigneter
Weise von einer Theorie angeordnet werden – einer Theorie, die ir-
gendwann von einer besseren abgelöst wird. Obgleich Planck das Auf-
stellen von Gleichungen und die Formulierung physikalischer Theo-
rien als eine menschliche Erfindung betrachtete, war es für ihn noch
weit mehr. Die Naturkonstanten waren ohne sein Zutun aufgetaucht
und, wie seine natürlichen Einheiten deutlich zeigten, offensichtlich
nicht nur für menschliche Zwecke festgelegt worden. Er schrieb:
40 Das 1 × 1 des Universums

Diese kleinen Zahlen, die sogenannten universellen Konstanten, sind gewis-


sermaßen die unveränderlich gegebenen Bausteine, aus denen sich das Lehr-
gebäude der theoretischen Physik zusammensetzt.
Welches ist denn nun, so müssen wir weiter fragen, die eigentliche Bedeu-
tung dieser Konstanten? Sind sie in letzter Linie Erfindungen des menschli-
chen Forschergeistes oder besitzen sie einen
Zuerst entfernt sich … die Wissenschaft realen, von der menschlichen Intelligenz
bei der Arbeit an dem von ihr geschaffe- unabhängigen Sinn?
nen Weltbild auf der Suche nach dem Das erste behaupten die Anhänger des
metaphysisch Realen in fortschreitendem Positivismus, wenigstens in seiner extremen
Maße von den Gegebenheiten und Inter- Färbung. Nach ihnen hat die Physik keine
essen des Lebens, insofern sie immer un- andere Grundlage als die Messungen, auf
anschaulichere, immer einsamere Wege denen sie sich ja aufbaut, und ein physikali-
einschlägt. Aber gerade auf diesen We- scher Satz hat nur insofern Sinn, als er
gen … werden neue … Zusammenhänge
durch Messungen belegt werden kann. …
sichtbar, die nun wieder in das Leben zu-
Daher haben auch die Positivisten aller
rückübersetzt und dadurch für menschli-
Schattierungen der Einführung atomisti-
che Bedürfnisse nutzbar gemacht werden
können.
scher Hypothesen und damit auch der Aner-
kennung der obengenannten universellen
Max Planck53 Konstanten bis zuletzt den schärfsten Wi-
derstand entgegengesetzt. Das ist wohl ver-
ständlich; denn die Existenz dieser Konstanten ist ein greifbarer Beweis für
das Vorhandensein einer Realität in der Natur, die unabhängig ist von jeder
menschlichen Messung.
Freilich könnte ein konsequenter Positivist auch heute noch die universel-
len Konstanten als eine Erfindung bezeichnen, die sich deshalb als ungemein
nützlich erwiesen hat, weil sie eine genaue und vollständige Beschreibung der
verschiedenartigsten Messungsergebnisse ermöglicht. Aber es wird kaum ei-
nen richtigen Physiker geben, der eine solche Behauptung ernst nehmen
würde. Die universellen Konstanten sind nicht aus Zweckmäßigkeitsgründen
erfunden worden, sondern haben sich mit unwiderstehlichem Zwang aufge-
drängt durch die übereinstimmenden Resultate sämtlicher einschlägiger
Messungen, und, was das Wesentliche ist, wir wissen im Voraus genau, dass
alle künftigen Messungen auf die nämlichen Konstanten führen werden.54

Die Gegner der Planckschen Annahmen meldeten noch eine Reihe


weiterer Einwände an. Es könnte beispielsweise sein, dass sich die
von Planck gewählten Konstanten als nicht wirklich konstant erwei-
sen, wenn man sie mit größerer Genauigkeit misst. Es könnte auch
sein, dass sie sich äußerst langsam ändern, vielleicht nur um wenige
Millionstel im Verlauf der Geschichte des Universums. Es könnte
Eine Reise an den Rand der Welt 41

weiter sein, dass sie nur im statistischen Sinn, etwa als Mittelwert,
konstant sind. Weil man all diese Möglichkeiten nicht durch bloße
Gegenbehauptungen oder ein Glaubensbekenntnis ausschließen
kann, sind präzise experimentelle Untersuchungen dieser Größen
nötig. Die Physiker widmeten sich dieser Aufgabe mit großem Eifer,
einigen schien sie sogar das letzte gewaltige Ziel der Physik darzu-
stellen. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts war amüsanterweise der
Glaube weit verbreitet, alle wesentlichen Entdeckungen in der Phy-
sik seien bereits gemacht, und was noch als Aufgabe verbliebe, seien
Messungen mit immer größerer Genauigkeit: ein Unternehmen,
dem es eher auf die Verschönerung des Vorhandenen ankam, als auf
Neuentdeckungen oder Revolutionen. Albert Michelson machte
sich 1894 über diese Hybris lustig, die sich in der weit verbreiteten
Ansicht ausdrückte, dass

die wichtigsten Grundgesetze und Fakten der Physik entdeckt worden sind.
Sie sind heute so etabliert, dass die Möglichkeit, sie könnten jemals durch
neue Entdeckungen ersetzt werden, vernachlässigt werden kann. … Unsere
zukünftigen Entdeckungen werden sich in der sechsten Stelle nach dem
Komma niederschlagen.55

Auch Planck sah sich mit dieser Ansicht konfrontiert. Man riet ihm
1875, als er noch studierte, lieber auf dem Gebiet der Biologie zu ar-
beiten, da alle wichtigen physikalischen Probleme schon gelöst seien
und dieses Gebiet sich dem Abschluss nähere. Ironischerweise war es
dann gerade Planck, der mit seiner Quantentheorie einen völlig neuen
Blick auf die Realität eröffnete – eine Revolution, die dann durch Ein-
steins Angriff auf die gängigen Vorstellungen von Raum, Zeit und
Schwerkraft weitergeführt wurde. Die Physik war weit davon entfernt,
an ihr Ende zu kommen: Sie hatte gerade erst angefangen.

Anmerkungen über das Altern


Eines der Paradoxa bei der Erforschung unseres Universums ist, dass
wir seine Struktur und die in ihm stattfindenden Prozesse immer
exakter beschreiben können, uns dabei aber immer weiter von allem
42 Das 1 × 1 des Universums

entfernen, was wir aus unserem Alltag kennen. Die genauesten Vor-
hersagen, die wir heute machen können, betreffen Elementarteil-
chen und Systeme rotierender Galaxien – und nicht die Börsenkurse
und das launische Verhalten von Konsumenten und Wählern. Dies
spricht für eine Welt, die nicht das Produkt menschlichen Denkens
ist, sondern von uns nur entdeckt und enthüllt wird. Das ist nicht
selbstverständlich. In unseren Versuchen, die Kompliziertheit des
menschlichen Verhaltens zu begreifen, ist ein starkes subjektives Ele-
ment nicht zu übersehen. Es führt dazu, dass auf diesem Gebiet un-
sere Schlüsse in der Regel umso weniger verlässlich werden, je weiter
wir uns von unseren eigenen Erfahrungen entfernen und je mehr wir
uns mit Menschen befassen, die völlig anders sind als wir selbst.

Im Gegensatz zu unseren Bemühungen in den Humanwissenschaf-


ten hat uns die Entdeckung der Naturkonstanten, die hinter den
Gesetzen von Sein und Werden stehen, absolute Maßstäbe geliefert,
mit denen wir beispielsweise angeben können, ob Dinge groß oder
klein, jung oder alt, schwer oder leicht und heiß oder kalt sind. Stu-
fen wir das Universum als alt ein, wenn wir feststellen, dass es sich
seit über 13 Milliarden Jahren ausdehnt? Eine Zeitspanne von
13 Milliarden Jahren bedeutet uralt, wenn wir sie mit unserer eige-
nen Lebensdauer vergleichen oder in Tag, Monat und Jahr messen.
Es könnte aber sein, dass das Universum sich noch weitere Trillio-
nen von Jahren ausdehnt, vielleicht auch für ewige Zeiten. Daran
gemessen wäre es noch sehr jung. Die natürlichen Einheiten sagen
uns, dass das Universum in einem wohldefinierten Sinn tatsächlich
schon sehr alt ist: Es existiert schon mehr als 1060 Planck-Zeiten! Das
Leben auf der Erde tauchte erst auf, als die Welt schon 1059 Planck-
Zeiten alt war. Wir sind Spätgeborene.
Kapitel 3
Mensch und Übermensch
Mein Bruder Mycroft kommt zu Besuch.
Arthur Conan Doyle1

Einstein und die Naturkonstanten


Mehr als jeder andere Naturwissenschaftler hat Albert Einstein das
Bild bestimmt, das wir von der Natur haben. Unsere heutige Auffas-
sung von der atomaren Struktur und dem Quantencharakter der
materiellen Mikrowelt sind entscheidend von seinem Einfluss ge-
prägt. Die konstante Lichtgeschwindigkeit bildete den Ausgangs-
punkt für sein Konzept der Relativität von Raum und Zeit. Ganz auf
sich allein gestellt entwickelte er eine neue Theorie der Schwerkraft,
die die klassische Vorstellung Newtons ablöste. Dass es in unserer
Welt Dinge gibt, die sich unter keinen Umständen ändern, faszi-
nierte ihn ganz besonders. Wie schnell sich eine Lichtquelle relativ
zu uns auch bewegen mag, die Geschwindigkeit des ausgesandten
Lichts bleibt dabei stets gleich. Das steht im krassen Gegensatz zu
allen Erfahrungen im Bereich kleiner Geschwindigkeiten, wie sie in
unserem Alltagsleben vorkommen. Wirft man aus einem Auto, das
mit einer Geschwindigkeit von 100 km/h fährt, einen Ball mit
10 km/h in Fahrtrichtung, so würde er einen Zuschauer am Straßen-
rand mit 110 km/h treffen. Schickt man dagegen von einem Raum-
schiff, das mit nahezu Lichtgeschwindigkeit fliegt, ein Funksignal
ab, so breitet es sich – vom Boden aus gemessen – im luftleeren
Raum immer mit 300 000 km/s aus. Die Lichtgeschwindigkeit im
Vakuum ist eine ganz besondere Naturkonstante. Sie stellt einen
Grenzwert dar, den wir zum Maßstab dafür nehmen können, ob eine
Bewegung im absoluten Sinn langsam oder schnell ist. Wir gehen
davon aus, dass die Lichtgeschwindigkeit überall im Universum die-
44 Das 1 × 1 des Universums

selbe grundlegende Rolle spielt. Sie ist eine kosmische Schranke:


Keine Information kann schneller übermittelt werden.2
Einstein hat in den verschiedensten Phasen seines Lebens interes-
sante Aussagen über die Naturkonstanten gemacht. Für die Ent-
wicklung seiner Speziellen Relativitäts-
Obwohl ich nun ein alter Knochen bin, theorie ist die absolute Geschwindigkeit
bin ich noch fest bei der Arbeit und des Lichts von zentraler Bedeutung.
glaube immer noch nicht, dass Gott
Was Stoney und Planck nur vermuten
würfelt.
konnten, wurde hier zur Gewissheit:
Albert Einstein3 Die Lichtgeschwindigkeit ist eine der
grundlegenden, von allem Treiben der
Menschen unabhängige Naturkonstante. Die zweite Hälfte von Ein-
steins Leben bestimmte mehr und mehr die Suche nach einer end-
gültigen, einheitlichen Theorie der Physik, die er ›einheitliche Feld-
theorie‹ nannte. Heute wird sie meist als ›Theorie für Alles‹
bezeichnet.4 Einsteins Versuch, die Allgemeine Relativitätstheorie zu
erweitern und neben der Schwerkraft auch die anderen Naturkräfte
mit einzubeziehen, war kein Erfolg beschieden.5 Er war aber fest von
der Existenz einer solchen Theorie, die in ihrer Einzigartigkeit und
Vollständigkeit keinen mathematisch unaufgelösten Rest haben
würde, überzeugt. Folglich sollte sie mit der kleinstmöglichen Zahl
von Naturkonstanten6 auskommen, die nicht theoretisch, sondern
nur experimentell bestimmt werden können.
Bei der Suche nach der ›letzten‹ aller Theorien entwickelte man
immer bessere Versionen, die jeweils die vorausgegangenen ersetz-
ten, jedoch weiterhin eine Anzahl ›freier‹ Naturkonstanten enthiel-
ten, die man nur durch Messungen bestimmen konnte. Einstein war
über die Tatsache, dass überhaupt irgendwelche Konstanten übrig
bleiben würden, nicht gerade glücklich. Er nahm an, dass es letzten
Endes darauf hinauslaufen würde, aus einer einheitlichen Feldtheo-
rie die Werte von Konstanten wie e, G und c als dimensionslose Zah-
len mit aller gewünschten Genauigkeit berechnen zu können.
In Einsteins Veröffentlichungen findet sich darüber fast nichts.
Aber in seinem Briefwechsel mit Ilse Rosenthal-Schneider zwischen
1945 und 1950 drehte sich fast alles um die Frage der Naturkonstan-
ten. Einstein erläuterte seine Erklärungsversuche und gab seinen Ver-
mutungen und Hoffnungen über die Zukunft der Physik Ausdruck.
Mensch und Übermensch 45

Rosenthal-Schneider thematisierte die Naturkonstanten oder


›universellen Konstanten‹ zum ersten Mal 1945.7 Was sind Natur-
konstanten? Was sagen sie uns über die Gesetzmäßigkeiten in der
Natur? Sind sie alle miteinander verknüpft? Sie war von der schnel-
len Atwort Einsteins überrascht, der äußerst aufgeschlossen für das
Thema ›Naturkonstanten‹ schien, auf Fragen nach seiner Gesund-
heit, seiner allgemeinen Situation oder zu persönlichen Angelegen-
heiten jedoch meist nicht reagierte. Am 11. Mai 1945 schrieb Ein-
stein aus Princeton:
Sie haben in der Frage der universellen Konstanten eine der interessantesten
Fragen aufgeworfen, die man wohl stellen kann. Es gibt deren zweierlei:
scheinbare und wirkliche. Die scheinbaren kommen einfach von der Einfüh-
rung willkürlicher Einheiten, sind aber eliminierbar. Die wahren sind echte
Zahlen, die Gott gewissermaßen willkürlich zu wählen hatte, als er diese Welt
zu erschaffen geruhte. Meine Meinung ist nun, kurz gesagt, dass es solche
Konstanten der zweiten Art gar nicht gibt, und dass ihre scheinbare Existenz
darauf beruht, dass wir nicht tief genug eingedrungen sind. Ich glaube also,
dass derartige Zahlen nur von rationaler Art sein können, wie zum Beispiel π
oder e.8

Nach Einstein gibt es also einige Konstanten, die nur dadurch zu-
stande kamen, weil wir für unsere Messungen ganz bestimmte Ein-
heiten verwenden. Ein Beispiel dafür ist die Boltzmann-Konstante,
die nur einen Umrechnungsfaktor zwischen Energie- und Tempera-
tureinheiten darstellt und damit dem zwischen Fahrenheit- und
Celsiusgraden gleicht. Die wahren ›Konstanten‹ können nur reine,
dimensionslose Zahlen sein, keine dimensionsbehafteten Größen
wie eine Geschwindigkeit, eine Masse oder die Länge, bei denen sich
der Zahlenwert ändert, wenn man das System der Maßeinheiten
wechselt. Danach wäre selbst die Lichtgeschwindigkeit im Vakuum
keine der ›wahren‹ Naturkonstanten, nach denen Einstein suchte.
Geschwindigkeiten haben die Dimension ›Länge dividiert durch
Zeit‹ und können daher nicht als eine Kombination reiner Basiszah-
len (wie beispielsweise π) dargestellt werden. Die Lichtgeschwindig-
keit beträgt 669 600 000 Knoten oder 300 000 km/s: Keine dieser
Zahlen kann von einer ultimativen physikalischen Theorie erklärt
werden. Man müsste stattdessen eine weitere Naturkonstante fin-
den, die ebenfalls die Dimension einer Geschwindigkeit hat. Das
46 Das 1 × 1 des Universums

Verhältnis zwischen dieser neuen Konstante und der Lichtgeschwin-


digkeit wäre dann eine dimensionslose Zahl, die möglicherweise als
Kombination von π und anderen derartigen Größen angegeben wer-
den kann.
Rosenthal-Schneider erinnerte in ihrer Antwort an Gedanken
Plancks zu den besonderen Konstanten, die er herangezogen hatte,
um seine ›natürlichen‹ Einheiten zu definieren:

Ich denke jedoch immer noch – und dies ist der Grund, warum ich Sie mit
meinen Fragen wiederum belästige – darüber nach, was die universellen Kon-
stanten bedeuten, wie sie Planck aufzuzählen pflegte: die Gravitationskons-
tante, die Lichtgeschwindigkeit, das Wirkungsquantum etc., alle diese harm-
losen kleinen Dinge, … die nicht von äußeren Bedingungen wie Druck,
Temperatur etc., abhängen und die sich daher wohltuend von den Konstan-
ten der irreversiblen Prozesse unterscheiden? Wenn diese alle nicht existierten,
wären die Konsequenzen katastrophal.
Wenn ich Planck richtig verstanden habe, betrachtete er solche universelle
Konstante als ›absolute Größen‹. Sollten Sie nun sagen, dass sie alle nicht
existieren, was bliebe überhaupt in den Naturwissenschaften für uns übrig?
Dies beunruhigt einen gewöhnlichen Sterblichen viel mehr, als Sie sich vor-
stellen können.9

Einsteins Brieffreundin war über die Konsequenzen beunruhigt, die


sich ergeben würden, wenn es keine wahren Naturkonstanten gäbe.
Was ist die Grundlage unseres Seins, wenn sie nur Einbildung sind?
Warum scheint das Universum vom einen Tag zum nächsten das
gleiche zu sein? Einsteins Erklärung, es gäbe keine freien Naturkon-
stanten, hatte ein Missverständnis ausgelöst: Sie unterstellte Ein-
stein, er hielte die Naturkonstanten für nicht wirklich konstant – er
hatte aber nur behauptet, sie seien nicht frei, könnten aber schließ-
lich von einer tiefer gehenden Theorie bestimmt werden. Aus dem
Gefühl heraus, seiner Briefpartnerin ein falsches Bild vermittelt zu
haben, analysierte er in einem weiteren Brief die Lage ausführlicher.10
Zunächst wies er darauf hin, dass in physikalischen Formeln dimen-
sionslose Größen wie 2, π oder e, die Basis des natürlichen Logarith-
mus, die 2,718…. beträgt, auftauchen. Einstein fand es bemerkens-
wert, dass sie zwar in physikalischen Formeln vorkommen, aber
weder besonders groß noch besonders klein sind: Sie unterscheiden
sich nie allzu sehr von der Zahl 1.11 Vielleicht sind sie zehnmal grö-
Mensch und Übermensch 47

ßer oder kleiner, aber nie Millionen Male. Das war für Einstein etwas
Unerklärliches. Für die Physiker stellte dies einen Glücksfall dar, weil
sie unter diesen Voraussetzungen ein physikalisches Problem mit ei-
ner Dimensionsanalyse untersuchen können, um die Form des Ge-
setzes herauszufinden. Einstein schrieb:
Ich sehe aus Ihrem Briefe, dass Sie meine Andeutungen bezüglich der univer-
sellen Konstanten der Physik nicht begriffen haben. Ich will die Sache also
deutlicher zu machen suchen.
1. Rationelle Zahlen. Diese sind solche, welche bei der logischen Entwicklung
der Mathematik als einzigartige individuelle Bildungen gewissermaßen not-
wendig auftreten.

z.B.: e = 1 + 1 + 1/2! + 1/3! + …


Ebenso ist es mit π, das ja mit e nahe verknüpft ist. Im Gegensatz zu solchen
rationellen Zahlen steht der Rest der Zahlen, welche nicht durch eine durch-
sichtige Konstruktion aus 1 hervorgehen. Es dürfte in der Natur der Sache
liegen, dass solche rationelle Zahlen sich der Größenordnung nach nicht von 1
unterscheiden, wenigstens solange man sich auf ›einfache‹, bzw. natürliche
Bildungen beschränkt. Dies ist aber nicht fundamental und nicht scharf fass-
bar.12

Aber Einstein wusste sehr wohl, dass die ›rationellen Zahlen‹ nicht
die interessantesten Naturkonstanten sind. Er erklärte, dass die ge-
bräuchlichen Konstanten wie die Lichtgeschwindigkeit, das Planck-
sche Wirkungsquantum oder die Gravitationskonstante Größen
sind, deren Einheiten sich aus verschiedenen Potenzen von Längen-,
Masse- und Zeiteinheit zusammensetzen. Aus ihnen können wir wie-
derum Kombinationen bilden, die reine Zahlen darstellen, müssen
dazu aber möglicherweise weitere Größen einführen.
2. Es liege nun eine vollständige Theorie der Physik vor, in deren Grundglei-
chungen die ›universellen‹ Konstanten c1, …, cn auftreten. Diese Größen seien
irgendwie auf gr, cm, sek. reduziert. Die Wahl dieser drei Einheiten ist offen-
bar ganz konventionell. Jedes der c1, …, cn hat eine Dimension in diesen Ein-
heiten. Wir wollen es nun so wählen, dass c1, c2, c3 solche Dimensionen haben,
dass man daraus kein dimensionsloses Produkt cα1 cβ2 cγ3 bilden kann. Dann
kann man c4, c5, etc. in solcher Weise mit aus Potenzen von c1, c2, c3 gebildeten
Faktoren multiplizieren, dass diese neuen c*4, c*5, c*6 reine Zahlen sind. Dies
sind die eigentlichen universellen Konstanten des theoretischen Systems, wel-
che nichts mit konventionellen Einheiten zu schaffen haben.13
48 Das 1 × 1 des Universums

Nehmen wir an, Einsteins c1, c2 und c3 entsprechen Plancks Konstan-


ten c, h und G. Es gibt dann keine Möglichkeit, sie in verschiedener
Weise zu kombinieren und eine reine, dimensionslose Zahl zu erhal-
ten.14 Um das zu erreichen, muss man eine weitere dimensionsbehaf-
tete Naturkonstante mit einbeziehen. Multipliziert man beispiels-
weise G/hc mit dem Quadrat irgendeiner Masse, etwa der Masse des
Protons mpr, erhält man die dimensionslose Größe Gmpr2/hc, die wir
c*4 nennen wollen und die ungefähr 10–39 entspricht.15 Die mit einem
Stern markierte Größe, die wir soeben erschaffen haben, ist entstan-
den, indem wir eine Naturkonstante – die Masse des Protons – durch
die Planck-Masse dividiert haben. Wir können ähnliche Größen er-
zeugen, indem wir eine Zeit durch die Planck-Zeit oder eine Länge
durch die Planck-Länge dividieren. Einstein hielt die so entstande-
nen Größen mit Stern für die grundlegendsten. Sie sind unabhängig
vom jeweils verwendeten System von Maßeinheiten und haben im-
mer den gleichen Wert. Woher kommen sie? Wer oder was legt sie
fest? Warum ist Gmpr2/hc ≈ 10–39 und nicht ≈ 103 oder ≈ 10–68? Ein-
stein wusste es nicht, aber er war der festen Überzeugung, dass es
sich um absolute Größen16 ohne Spielraum für Änderungen han-
delt:

3. Meine Erwartung geht nun dahin, dass diese Konstanten c*4 etc. rationelle
Zahlen sein müssen, deren Wert durch die logische Grundlage der ganzen
Theorie festgelegt ist.
Man kann es auch so sagen: Es gibt in einer vernünftigen Theorie keine
(dimensionslosen) Zahlen, deren Wert nur empirisch bestimmbar ist.
Beweisen kann ich dies natürlich nicht. Aber ich kann mir keine einheitli-
che und vernünftige Theorie vorstellen, die explizite eine Zahl enthält, welche
die Laune des Schöpfers17 ebenso gut anders hätte wählen können, wobei die
Welt qualitativ anders in ihren Gesetzmäßigkeiten ausgefallen wäre.
Man kann es auch so sagen: Eine Theorie, die in ihren Grundgleichungen
explizite eine nicht rationelle Konstante enthält, müsste irgendwie aus logisch
voneinander unabhängigen Brocken zusammengefügt sein; ich vertraue aber
darauf, dass diese Welt nicht so ist, dass man zu ihrer theoretischen Erfassung
einer so hässlichen Konstruktion bedarf.18

Einstein wird oft mit seiner berühmten Frage zitiert, ob Gott bei der
Erschaffung der Welt auch eine andere Wahl gehabt hätte. Was er
damit meinte, wird aus dem zitierten Brief deutlich: Können – bei
Mensch und Übermensch 49

gleichen physikalischen Gesetzen – die dimensionslosen Naturkon-


stanten auch andere Werte annehmen oder gibt es nur genau diese
eine Möglichkeit? Und wie würden die Naturkonstanten bei anderen
Naturgesetzen aussehen? Auch heute gibt es auf diese Fragen noch
keine Antworten.
Zu Einsteins Zeiten befasste sich nur Arthur Eddington mit dem
Problem, warum die Naturkonstanten gerade die Größe haben, die
man heutzutage misst. Von anderen Physikern wurden seine Arbei-
ten jedoch nicht gerade mit Begeisterung aufgenommen. Einstein
kommentierte in einem Brief an Rosenthal-Schneider Eddingtons
Zahlenzauber. Sie hatte zuvor Einstein darum gebeten, für einen Ar-
tikel in der Einstein-Ausgabe von Philosophen des 20. Jahrhunderts19 aus
seinen Briefen zitieren zu dürfen. Er antwortete ihr:
Sie können in Ihrer Abhandlung von meinen Bemerkungen Gebrauch ma-
chen, es sollte aber gesagt werden, dass es sich hier keineswegs um kategori-
sche Behauptungen handelt, sondern um lediglich auf Intuition beruhende
Vermutungen. Eddington hat viele geistreiche Vorschläge gemacht, die ich je-
doch nicht alle verfolgt habe. Ich finde, dass er im Allgemeinen seinen eigenen
Ideen gegenüber merkwürdig unkritisch gewesen ist. Er hat wenig Gefühl da-
für gehabt, dass eine theoretische Konstruktion kaum Aussicht auf Wahrheit
hat, wenn sie nicht logisch sehr einfach ist.20

Der erhellende Briefwechsel über die Naturkonstanten endete mit


einem Brief Einsteins vom 24. März 1950, in dem er seine ›religiöse‹
Sichtweise wiederholte, dass Gott bei der Schaffung der Naturkon-
stanten und ihrer Größe keine andere Wahl hatte:
Dimensionslose Konstante in den Naturgesetzen, die vom rein logischen
Standpunkt aus ebenso gut andere Werte haben können, dürfte es nicht ge-
ben. Mir erscheint dies einleuchtend in meinem ›Gottvertrauen‹, aber es
dürfte Wenige geben, die dieselbe Meinung haben.21

Nachdem wir nun Einsteins Gedanken über die Zwangsläufigkeit


der Naturkonstanten kennen, wollen wir herausfinden, was andere
große Physiker über die Bedeutung dieser Größen dachten und wel-
che Spekulationen sie anstellten, um sie zu erklären. Da ist zunächst
George Gamow zu nennen, ein exzentrischer sowjetischer Physiker,
der sein Leben riskierte, um der UdSSR zu entkommen und in den
Vereinigten Staaten zu arbeiten. Dort wurde er zu einem der Begrün-
50 Das 1 × 1 des Universums

der der modernen Kosmologie und lieferte darüber hinaus frühe


Beiträge zum Verständnis der DNS und des Genetischen Codes. Ga-
mow nahm wie all seine Zeitgenossen vier unterschiedliche Natur-
kräfte oder Wechselwirkungen an: die Schwerkraft, den Elektromag-
netismus, die schwache und die starke Kraft. Die Stärke jeder dieser
Kräfte sollte der Theorie nach durch eine der Einsteinschen dimensi-
onslosen Zahlen bestimmt werden. Gamow interessierte sich nicht
so sehr für die Frage, ob es nur ein einziges mögliches Quartett die-
ser Größen gibt.Wenn man sie jedoch verstehen und im Rahmen einer
Theorie exakt berechnen könnte, wäre dies wie der Zieleinlauf beim
Formel-I-Rennen: Mit den Naturkonstanten hätte man auch die Na-
turkräfte vollständig verstanden. Diese Aussicht hatte allerdings in
seinen Augen auch etwas Deprimierendes und erweckte in ihm ein
Gefühl wie kurz vor dem Ende eines großen Romans oder auf dem
Gipfel eines Berges, den man mit Mühen erstiegen hat:
In dem Augenblick, in dem alle Gesetze der physikalischen Phänomene
schließlich entdeckt sein werden und alle empirischen Konstanten, die in ih-
nen vorkommen, durch die vier unabhängigen Grundkonstanten ausgedrückt
sind, können wir sagen, dass die Physik an ihr Ende gekommen ist. Es würde
dann keinen Anreiz mehr geben, weitere Forschungen anzustellen, und alles
was für einen Physiker bliebe, wäre einmal die langwierige Arbeit an kleinen
Details und zum anderen die Bewunderung für die Großartigkeit des nun
vollständigen Systems. In diesem Moment geht die Physik von der Epoche ei-
nes Columbus und Magellan in die Epoche des National Geographic Magazine
über.22

Stoney- und Planck-Einheiten:


die neue Mappa mundi
Eines der merkwürdigen Probleme der modernen Physik besteht da-
rin, dass sie über zwei wunderbare und wirkungsvolle Theorien ver-
fügt – die Quantenmechanik und die Allgemeine Relativitätstheorie.
Leider gelten diese in ganz unterschiedlichen Bereichen der Natur.
Die Quantenmechanik beherrscht die Mikrowelt der Atome und
Elementarteilchen und lehrt uns, dass jegliche Materie, so körper-
Mensch und Übermensch 51

haft und auf einen Punkt konzentriert sie erscheinen mag, auch
Wellencharakter besitzt. Diese Wellen haben nichts mit Wasserwel-
len gemein, sondern ähneln eher Wellen von Kriminalität oder Hys-
terie. Es sind Signale oder Informationswellen, die angeben, mit
welcher Wahrscheinlichkeit man auf ein Teilchen stößt. Durchläuft
die Welle eines Elektrons den Detektor, erhöht sich die Wahrschein-
lichkeit, dass man ein Elektron registriert – so wie es wahrscheinli-
cher ist, ausgeraubt zu werden, wenn eine Welle von der Kriminalität
unser Wohnviertel heimsucht. Die Quantenwellenlänge eines Teil-
chens ist umso kleiner, je massereicher es ist. Übersteigt sie die phy-
sikalische Größe des Teilchens, wird die Situation vorwiegend von
seinem Wellencharakter bestimmt. Die Objekte, die uns in unserem
Alltag begegnen, wie ein Auto oder ein schnell fliegender Ball, haben
derart große Massen, dass ihre Quantenwellenlängen weitaus klei-
ner sind als ihre Abmessungen. Daher können wir im Auto oder bei
einem Fußballspiel die Quanteneffekte völlig vergessen.
Im Gegensatz zur Quantenmechanik kommt die Allgemeine Rela-
tivitätstheorie immer ins Spiel, wenn sich Objekte mit Lichtge-
schwindigkeit oder nur wenig langsamer bewegen, oder wenn die
Schwerkraft äußerst stark ist. Mit der Allgemeinen Relativitätstheo-
rie beschreibt man die Expansion des Universums oder so extreme
Vorgänge wie die Bildung eines Schwarzen Lochs. Die Schwerkraft
ist jedoch verglichen mit den Kräften, die Atome und Moleküle zu-
sammenhalten, sehr schwach. Sie ist bei weitem zu schwach, um ir-
gendwelchen Einfluss auf die Struktur der Atome oder der Elemen-
tarteilchen zu haben.
Aus diesen Eigenschaften folgt, dass Quanteneffekte und Schwer-
kraft in verschiedenen Reichen herrschen, für die es wenig Grund
gibt, miteinander in Beziehung zu treten. Niemand weiß, wie man
die beiden Theorien nahtlos zu einer neuen, größeren und besseren
Supertheorie zusammenbauen könnte, die sowohl Quanteneffekte
als auch die Schwerkraft beschreibt. Keiner der Versuchskandidaten
hat bisher den Test bestanden. Aber wie können wir herausfinden,
wann welche Theorie zuständig ist? Wo liegen die Grenzen der
Quantentheorie einerseits und der Allgemeinen Relativitätstheorie
andererseits? Es gibt glücklicherweise die Planckschen Einheiten. Sie
können uns eine einfache Antwort auf diese Fragen liefern.
52 Das 1 × 1 des Universums

Wenn wir die Masse des sichtbaren Universums kennen, können


wir die zugehörige Quantenwellenlänge bestimmen und fragen,
wann sie seinen Radius übersteigt.23 Die Antwort ist: wenn das Uni-
versum kleiner als die Planck-Länge (10–33 cm), jünger als die Planck-
Zeit (10–43 s) und heißer als die Planck-Temperatur (1032 K) ist. Die
Planckschen Einheiten markieren die Anwendungsgrenzen unserer
beiden Theorien. Um etwas über die Welt zu erfahren, die kleiner als
die Planck-Länge ist, müssen wir wissen, wie die Quanteneffekte –
etwa die von Heisenberg ins Spiel gebrachte Unschärfe – mit der
Schwerkraft verknüpft sind. Um zu verstehen, was unmittelbar nach
jenem Moment stattfand, den wir den Beginn unseres Universums
(oder den Beginn der Zeit) nennen, müssen wir die Barriere der
Planck-Zeit durchstoßen. Dabei erreichen wir allerdings auch die
Grenzen unseres heutigen Wissens und gelangen in Gebiete, wo un-
sere Theorien überfordert sind.
Plancks natürliche Einheiten haben wieder an Bedeutung erlangt,
als man eine neue Theorie zur Beschreibung der Quantennatur der
Gravitation suchte. Dabei wurde deutlich, dass ›Informationen‹ in
unserem Universum eine grundlegende Bedeutung haben. Wir leben
in einer Epoche der Geschichte, die manchmal ›Informationszeital-
ter‹ genannt wird. Informationen können elektronisch verschlüsselt
werden, und man kann sie schneller verschicken und empfangen als
je zuvor. Diesen Fortschritt können wir an einem Gesetz ablesen, das
Gordon Moore, der Gründer von Intel aufgestellt hat (siehe Abbil-
dung 3.1). Er hat 1965 ausgerechnet, dass sich die Fläche von Tran-
sistoren etwa alle 12 Monate halbiert. 1975 ermittelte er mit 24 Mo-
naten einen neuen Wert für diese ›Halbwertszeit‹: Wenn man davon
ausgeht, dass der Preis eines Computerschaltelements ungefähr
gleich bleibt, erhält man nach Moores Gesetz alle zwei Jahre die dop-
pelte Anzahl von Bauteilen fürs gleiche Geld – Bauteile, die zudem
doppelt so schnell arbeiten.
Die äußerste Grenze dessen, was man an Information in einem
Speicher unterbringen kann, wird ebenso durch die Naturkonstan-
ten festgelegt, wie das Tempo der Informationsverarbeitung. 1981
stellte der israelische Physiker Jacob Bekenstein eine ungewöhnliche
Rechnung vor, die von seinem Wissen über die Schwarzen Löcher
geprägt war. Danach gibt es ein Maximum an Information, das in
Mensch und Übermensch 53

einem bestimmten Volumen gespeichert werden kann. Diese Er-


kenntnis ist nicht gerade überraschend. Erstaunlich ist vielmehr,
dass dieser Wert nicht durch das Volumen selbst bestimmt wird,
sondern durch die Größe seiner Oberfläche. Die maximal mögliche
Zahl gespeicherter Informations-Bits entspricht der Fläche der Um-
hüllung, gemessen in Planck-Einheiten. Die Planck-Fläche ist pro-
portional zum Quadrat der Planck-Länge, beträgt also etwa 10–66 cm2.
Damit ist die maximale Zahl der Bits in einer Kugel vom Radius r
gleich 1066 r2. Das ist bei weitem mehr als bei jedem Informations-
speicher, der bisher entwickelt wurde. In ähnlicher Weise gibt es
auch eine äußerste, von den Naturkonstanten bestimmte Grenze für
die Rate der Informationsverarbeitung.24
Rechenoperationen je Sekunde für 1000 US-Dollar

1010
108
106
104
102
10
10-2
10-4
10-6
1900 1910 1920 1930 1940 1950 1960 1970 1980 1990 2000

A b b ild u n g 3 .1
Moores Gesetz.

Mit den Stoney- und Planck-Einheiten können wir den gesamten


Bereich von Strukturen und Objekten, die uns im Universum begeg-
nen, sinnvoll ordnen. Wie in Abbildung 3.2 dargestellt, reicht das
Spektrum von der Welt der Elementarteilchen bis zu den größten
astronomischen Gebilden. Die Objekte, die in der Abbildung darge-
stellt sind, existieren aufgrund eines stabilen Balanceakts zwischen
den konkurrierenden Kräften von Anziehung und Abstoßung. Bei
einem Planeten wie der Erde steht beispielsweise die anziehende
54 Das 1 × 1 des Universums

Kraft der Gravitation, die alles zusammenstürzen lassen will, mit der
abstoßenden Kraft im Gleichgewicht, die wirksam wird, wenn man
Atome zu dicht zusammenpresst. Diese Gleichgewichtszustände
können durch zwei dimensionslose Zahlen ausgedrückt werden, die
Kombinationen verschiedener Potenzen der Konstanten e, h, c, G
und mpr darstellen: der ›Feinstrukturkonstante‹

α = 2πe2/hc ≈ 1/137

für die elektromagnetische Kraft und in Analogie dazu der Kopp-


lungskonstante für die Gravitation

αG = Gmpr2/hc ≈ 10–39.

In Abbildung 3.2 fallen drei interessante Dinge auf. Erstens: Die


meisten Objekte liegen längs einer Geraden, die diagonal von links
unten nach rechts oben verläuft, und auf der die Dichte konstant
ist. Alles, was aus Atomen besteht, hat eine Dichte, die in etwa dem
Wert entspricht, den man erhält, wenn man die Masse eines Atoms
durch sein Volumen dividiert.25 Zweitens: Es gibt weite leere Flä-
chen in dem Diagramm. Zeichnet man die Grenze des Bereichs der
Schwarzen Löcher ein, schneidet man ein großes Dreieck links
oben ab, aus dem keine Informationen nach außen dringen. Die
Schwerkraft ist dort zu groß, um Signale entkommen zu lassen.
Drittens: Auch aus dem Dreieck links unten erreichen uns keine
Informationen. Die Objekte in diesem ›Quantenbereich‹, der von
der ›Heisenbergschen Unschärferelation‹ beherrscht wird, sind so
klein, dass sie schon beim Versuch der Messung oder Beobachtung
gestört und an einen anderen Ort im Quantenbereich katapultiert
werden. Nichts aus diesem Bereich kann von außen beobachtet
werden. Der Quantenbereich hat aber noch eine weitere interes-
sante Eigenschaft: Wie man sieht, trifft seine Grenzlinie die des
Bereichs der Schwarzen Löcher an einer Stelle, wo die Effekte der
Schwerkraft und die Quanteneigenschaften kollidieren. Es ist ge-
nau der Punkt mit der Planck-Masse und der Planck-Länge! Die
Planckschen Einheiten sind die Achsen, um die sich unsere Welt
dreht.
Mensch und Übermensch 55

A b b ild u n g 3 .2
Durch Masse und Größe abgegrenzte Gebiete des Universums:
Gebiet konstanter atomarer Dichte (vgl. Abbildung 2.1), Gebiet der
Schwarzen Löcher (links oben), Gebiet, in dem die Unschärferelation
der Quantenmechanik vorherrscht (links unten).26

Andere Welten
Die Bestimmung dimensionsloser Naturkonstanten wie α und αG
zusammen mit Konstanten, die für die schwache und die starke
Kraft die gleiche Rolle spielen, legt den Gedanken nah, uns für einen
Augenblick Welten vorzustellen, die anders als unsere sind. Bei glei-
chen Naturgesetzen mögen dort die Naturkonstanten größer oder
kleiner sein. Dieser Wechsel der Zahlenwerte würde die Struktur sol-
cher Fantasiewelten völlig verändern. Das Gleichgewicht zwischen
56 Das 1 × 1 des Universums

den verschiedenen Kräften wäre ein anderes, die Atome würden über
andere Eigenschaften verfügen. Die Schwerkraft würde möglicher-
weise auch in der Mikrowelt eine Rolle spielen, und die Quantenna-
tur der Natur würde an unerwarteten Stellen spürbar werden.
Die Berechtigung zu solchen Gedankenexperimenten ist sehr eng
mit Einsteins Fragen verbunden. Erlaubt die Natur eine und nur eine
Kombination von Konstanten, so handeln wir aus reiner Borniertheit
und haben nur vermeintlich die Freiheit, uns andere Welten vorzu-
stellen. Wir glauben nur deshalb, die Konstanten frei wählen zu kön-
nen, weil wir uns nicht darüber im Klaren sind, wie stark sie in die
Naturgesetze verflochten sind. Wenn die Naturkonstanten durch die
Naturgesetze festgelegt werden, kann es keine anderen Welten geben.
Als letzte wichtige Lektion sagen uns dimensionslose Zahlen wie α
und αG, was es wirklich heißt, wenn eine Welt anders ist. Wie wir
schon wissen, stellt die Feinstrukturkonstante α eine Kombination
der Elementarladung e, der Lichtgeschwindigkeit c und des Planck-
schen Wirkungsquantums h dar. Wir könnten uns also zunächst
vorstellen, dass eine Welt, in der sich das Licht langsamer ausbreitet,
anders ist. Das muss aber nicht zwangsläufig so sein, denn wenn man
die Größen e, c und h alle so verändert, dass der Wert von α konstant
bleibt, gliche die schöne ›neue‹ Welt für jeden Beobachter der alten.
Einzig die dimensionslosen Naturkonstanten bestimmen die Welt.
Auch wenn man alle Massen verdoppeln würde, hätte das keine Fol-
gen, sofern die dimensionslosen Zahlen durch Massenverhältnisse
bestimmt werden.

Neue Varianten des Kopernikanischen Prinzips


Der Name des berühmten Astronomen Nikolaus Kopernikus ist für
immer mit dem Aufgeben des Standpunkts verbunden, die Erde sei
der Mittelpunkt aller Dinge. Kopernikus entwickelte gegen diesen
Jahrtausende alten Glauben die Vorstellung von Planeten, die sich
um die Sonne bewegen, und von einer Erde, die ihre zentrale Stel-
lung verloren hat. Das neue heliozentrische Modell erwies sich als
geeigneter, die Beobachtungen der Astronomen zu erklären. Damit
Mensch und Übermensch 57

hatte das alte Ptolemäische Modell mit der Erde im Mittelpunkt


ausgedient und seine Macht zur Deutung der Fakten verloren.
Der Einfluss, den Kopernikus’ Abkehr von einem anthropozentri-
schen Weltbild in den folgenden Jahrhunderten hatte, war in allen
Bereichen menschlicher Forschung spürbar. Die Menschen wurden
sich der Tatsache bewusst, dass sie im Universum keineswegs einen
zentralen Platz einnehmen, sondern in mancher Hinsicht eher eine
Randexistenz führen.
Der Weg zu Naturkonstanten, die ausdrücklich nicht auf den Men-
schen zugeschnitten sind, sondern auf universellen Eigenschaften der
Natur beruhen, kann als eine zweite ›Kopernikanische Wende‹ bezeich-
net werden. Man erkannte, dass der Aufbau unseres Universums und
die Grundstruktur der universellen Na-
turgesetze von Standards und Invarian- Ein Physiker ist ein Mathematiker
ten bestimmt werden, die weit über mit einem Sinn für die Realität.
menschliche Dimensionen hinausgehen Norman Packard27
und im wahrsten Sinn des Wortes extra-
terrestrisch sind. Die fundamentale Zeiteinheit der Natur hängt mit
der Lebensdauer eines Menschen so wenig zusammen wie mit den Er-
dentagen, -monaten und -jahren, die unseren Kalender prägen. Sie ist
bei weitem zu klein, um irgendwie direkt gemessen werden zu können.
Es gab nun noch einen weiteren Schritt, der die Kopernikanische
Perspektive erweiterte: Man wollte zeigen, dass auch die Gesetze der
Natur kopernikanisch sind. Das war eine weit schwierigere Angele-
genheit und erforderte die tiefen Einsichten eines Einstein. Zu-
nächst: Wie kann man diese Aufgabe umschreiben?
Nach Einstein sind die Naturgesetze für jeden Beobachter im Uni-
versum gleich – unabhängig davon, wie er sich bewegt und wo er sich
befindet. Wäre dem nicht so, gäbe es bevorzugte Beobachter, für die
einfachere Naturgesetze gelten als für die anderen. Ein solches Weltbild
wäre antikopernikanisch, denn es würde irgendjemandem (nicht un-
bedingt einem Erdenbewohner) im Universum eine besondere Stel-
lung einräumen. Zunächst könnte man annehmen, es genügten schon
Naturkonstanten auf einer universellen physikalischen Grundlage,
damit die Dinge überall für jeden gleich aussehen. Das reicht jedoch
bei weitem nicht aus! Die Newtonschen Bewegungsgesetze liefern uns
ein klassisches Beispiel. Nehmen wir etwa das erste dieser Gesetze,
58 Das 1 × 1 des Universums

nach dem Körper, auf die keine Kraft einwirkt, nicht beschleunigt wer-
den, sondern in Ruhe bleiben oder sich weiterhin mit konstanter Ge-
schwindigkeit fortbewegen. Schon Newton war sich jedoch darüber
im Klaren, dass dieses ›universelle‹ Gesetz nicht wirklich universell ist.
Nur eine besondere Auswahl von Beobachtern des Universums wird es
für wahr halten: Beobachter in einem Trägheitssystem, also Beobach-
ter, die im Verhältnis zu einem imaginären kosmischen Hintergrund
aus weit entfernten Fixsternen weder beschleunigt werden noch rotie-
ren.28 Diese Beobachter verletzen also die Kopernikanische Forderung,
da sie ein Universum wahrnehmen, dessen Gesetze für sie besonders
einfach sind. Um herauszufinden, warum das so ist, wollen wir uns
vorstellen, im Inneren eines Raumschiffs zu sitzen, aus dessen Fens-
tern wir die fernen Sterne beobachten, die ihren festen Platz am Him-
mel zu haben scheinen. Nehmen wir weiter an, dass eine Steuerdüse
unser Raumschiff in Rotation versetzt. Wenn wir nun aus dem Fenster
schauen, haben wir den Eindruck, dass die fernen Sterne rotieren – in
Gegenrichtung zur Rotation unseres Raumschiffs. Für uns sieht es
nun so aus, als wenn diese Sterne beschleunigt29 werden, obwohl auf
sie keinerlei Kräfte wirken. Für den rotierenden Beobachter, der ja kei-
ner Trägheitsbewegung folgt, gilt offensichtlich das Newtonsche Ge-
setz nicht mehr. Mit ein wenig Anstrengung kann der rotierende Beo-
bachter die Gesetze herausfinden, um die Bewegungen zu beschreiben,
die er von seinem rotierenden Raumschiff aus beobachtet, aber die
Gesetze sind komplizierter als die für einen Beobachter auf einer Träg-
heitsbahn. Diese höchst undemokratische Situation, die einigen Aus-
erwählten einfachere Naturgesetze beschert, war für Einstein ein kla-
rer Hinweis, dass mit den Newtonschen Gesetzen etwas nicht stimmen
konnte. Wenn sie nur für ausgewählte Beobachter galten, konnten sie
nicht wirklich universell sein.
Einstein stellte daraufhin sein Kovarianzprinzip auf, nach dem
Naturgesetze so formuliert werden müssen, dass sie für jeden Beob-
achter in gleicher Weise gelten – unabhängig von seinem Ort und
von seiner Bewegung. Als Einstein dieses Prinzip einführen wollte,
war er in einer glücklichen Situation. Gegen Ende des 19. Jahrhun-
derts war es deutschen und italienischen Mathematikern gelungen,
das Wissen über verschiedene auf gekrümmten Oberflächen gel-
tende Geometrien wesentlich zu vertiefen. Dabei hatten sie die Ten-
Mensch und Übermensch 59

sorrechnung entwickelt, eine mathematische Schreibweise, in der


man jeder Gleichung eine Form geben kann, die gegenüber Trans-
formationen des zugrunde liegenden Koordinatensystems ›kovari-
ant‹ ist. Derartige Koordinatentransformationen treten beispiels-
weise auf, wenn man von einem Trägheitssystem zu einem anderen
übergehen will. Zu Einsteins ältesten Freunden zählte der Mathema-
tiker Marcel Grossmann, der sich mit diesen neuesten Entwicklun-
gen in der Mathematik bestens auskannte. Er führte Einstein in die
Tensormathematik ein, und Einstein begriff, dass sie genau das dar-
stellte, was er zur exakten Formulierung seiner Theorie brauchte. In
der Tensorschreibweise würden seine Naturgesetze automatisch für
jeden Beobachter die gleiche Form annehmen.
Einsteins Schritt war der Schlusspunkt eines dramatischen Wan-
dels in der Naturauffassung der Physiker des 20. Jahrhunderts. Die-
ser Wandel ist dadurch gekennzeichnet, dass man sich immer weiter
von dem Standpunkt entfernte, es gäbe einen bevorzugten Blickwin-
kel auf die Welt – sei es der Blickwinkel des irdischen Menschen oder
einer, der sich an Maßstäbe anlehnt, die auf menschlichen Dimensi-
onen beruhen. Dieser Loslösungsprozess verlief in mehreren Stufen.
Die erste Stufe war die Kopernikanische Wende in der Astronomie,
mit der uns klar wurde, dass unsere Stellung im Universum so wenig
privilegiert ist wie der ›Aussichtspunkt‹, den sie uns in Ort und Zeit
bietet. Als Nächstes wurden wir mit Maßeinheiten und Naturkon-
stanten konfrontiert, die nicht auf menschlichen Dimensionen oder
den Größenverhältnissen der Bewegung von Erde und Sonne beru-
hen, sondern universell sind und alles ›Menschliche‹ transzendieren.
Zuletzt hat uns noch Einstein gezeigt, dass auch die Naturgesetze in
einer Weise formuliert werden müssen, dass sie für jeden Beobachter
im Universum gelten, wo immer er ist und wie immer er sich bewegt.
Auf jeder dieser Stufen wurden Physik und Astronomie erneut
von subjektiven Einflüssen befreit, indem man alles Geschehen im
Universum auf Prinzipien zurückführte, die für jeden denkbaren Be-
obachter gelten. Wenn es uns einmal gelingt, diese Konstanten und
Gesetze exakt zu bestimmen, werden sie uns die einzig mögliche
Grundlage liefern, auf der wir mit extraterrestrischen intelligenten
Wesen in einen Dialog eintreten können. Sie sind das tiefste Wissen,
das alle Bewohner des Universums teilen.
Kapitel 4
Einfach, praktisch, gut:
die ›Theorie für Alles‹
Bevor Physiker zu einer Entscheidung kommen, untersuchen sie
ihr Problem. Anwälte, Leute aus der Werbebranche und der-
gleichen machen genau das Gegenteil: Sie suchen nach Fakten,
um eine Entscheidung zu rechtfertigen, die sie längst
getroffen haben.
Robert Crease1

Zahllose Zahlen
Schon in grauer Vorzeit erkannten unsere Vorfahren, dass die Na-
tur mit zwei Arten von Ereignissen aufwartet: vorhersagbaren und
nicht vorhersagbaren. Die unvorhersagbaren Seiten der Welt waren
gefährlich und lösten Furcht aus. Vielleicht waren es Strafen, die
von den Göttern gesandt wurden, weil ihnen das Verhalten der
Menschen missfiel? Diese Ereignisse waren spektakulär, deshalb
sind auch die alten Chroniken voll von Berichten über Erdbeben,
Sintfluten und die Pest. Weniger beeindruckend, aber letztlich weit
wichtiger waren Naturereignisse, die man mit ziemlicher Sicher-
heit vorhersagen konnte. Man konnte die periodisch wiederkehren-
den Änderungen in der Umwelt dazu nutzen, die richtigen Saaten
anzubauen, rechtzeitig Wintervorräte anzulegen und sich gegen
widriges Wetter und Wasserfluten zu schützen. In ihrer Regelmä-
ßigkeit spiegelten sie eine Ordnung wider, wie sie stabile Gesell-
schaften auszeichnet. Sie förderten den Glauben, dass Gesetz und
Ordnung auch auf kosmischer Skala gelten. Besonders in den vom
Monotheismus bestimmten Gesellschaften des Abendlands entwi-
ckelte sich schließlich aus diesen Vorstellungen die Annahme, dass
es ›Naturgesetze‹ gibt, die überall und zu allen Zeiten gelten.2 Im
Gegensatz zu den Gesetzen, die für Menschen gelten und bestim-
men, wie sie sich verhalten sollen, beschreiben die Naturgesetze, wie
die Natur ist.
Einfach, praktisch, gut: die ›Theorie für Alles‹ 61

Wir wissen inzwischen, dass wir Gesetze des Naturgeschehens


auch in Form von Erhaltungssätzen formulieren können, die besa-
gen, dass sich ein bestimmter Aspekt der Natur nicht ändert. Mit an-
deren Worten: Es gibt ›konservative‹ Größen. Das beste Beispiel ist
die Energie. Selbst wenn man sich den ganzen Tag damit abmüht,
einzelne Energieformen ineinander zu verwandeln, hat sich am
Abend, wenn man Bilanz zieht, die Gesamtsumme nicht verändert.
Bis in die 1970er Jahre waren die Physiker von dieser Korrespon-
denz der Naturgesetze mit den Erhal-
tungsgrößen so fasziniert, dass sie für Eine Gleichung hat für mich nur eine
die Vielzahl unveränderlicher Größen Bedeutung, wenn sie einen Gedanken
nach den passenden Gesetzen suchten, Gottes ausdrückt.
die ihnen zuzuordnen sind. Ihre Suche Srinivasa Ramanujan3
war äußerst erfolgreich. Alle vier
Grundkräfte in der Natur – Gravitation, Elektromagnetismus,
schwache und starke Kraft – korrespondieren mit einer besonderen
Größe, die bei allen Prozessen – etwa dem Zerfall eines radioaktiven
Kerns oder der Bewegung eines Magneten, die im Fahrraddynamo
Strom erzeugt – erhalten bleibt. Diese Kräfte können erfolgreich mit
Theorien beschrieben werden, die auf Erhaltungsgrößen basieren.
Das alles war für die Physiker eine erfreuliche Entwicklung und
führte zu jeweils gesonderten Theorien für die Gravitation, den
Elektromagnetismus, die schwache Kraft (der sich die Radioaktivität
verdankt) und die starke Kraft (die in den Atomkernen wirkt). Die
Erhaltung bestimmter Größen entsprach in allen Fällen der Existenz
einer entsprechenden Kraft und bestimmte im Einzelnen, auf welche
Objekte diese Kraft in welcher Weise wirkte.
Das Glück der Physiker hielt sich jedoch in Schranken, denn es
blieb noch eine entscheidende Frage offen: Warum sollte die Welt
gerade von vier Erhaltungsgrößen bestimmt werden? Selbst wenn in
den religiösen Vorstellungen das Quadrivium4 noch seinen Platz hat,
wird man instinktiv eher zu der Vorstellung neigen, dass es nur eine
Erhaltungsgröße und nur ein einziges Naturgesetz gibt, das für alles
gilt. Eine solche Vorstellung erfüllt unsere ästhetischen, logischen
und physikalischen Erwartungen am besten. Ein Universum, das
sich als Resultat eines Gemischs verschiedener Gesetze erweist, die
nicht miteinander verknüpft sind, riecht nach Pfusch. Diese Beden-
62 Das 1 × 1 des Universums

ken sind natürlich kein Beweis dafür, dass das Universum wirklich
ein harmonisch gefügtes, von einem einzigen Supergesetz bestimm-
tes Ganzes ist und nicht etwa nur eine Ansammlung konkurrieren-
der Prinzipien.5 Was die Vereinigten Staaten nach der Präsident-
schaftswahl von 2000 an ihrer Verfassung entdeckten, könnte sich
auch als das Geheimnis des Universums erweisen: dass nämlich die
letztere Vermutung die richtige ist. Solange das Gegenteil jedoch
noch nicht bewiesen ist, gehen die Wissenschaftler vernünftiger-
weise davon aus, dass was (oder wer) auch immer für die Naturge-
setze verantwortlich ist, ein gehöriges Stück ›klüger‹ ist als wir und
auch nichts von all dem Wunderschönen und Wohlgeordneten ver-
gessen hat, das uns so klar und einleuchtend erscheint. Dieser demü-
tige Glaube ist nicht nur ein Akt frommer Selbstverleugnung, er ist
vielmehr auf unsere Erfahrungen in der Vergangenheit gegründet.
Wir haben immer wieder gesehen, dass die Naturgesetze schlauer,
universeller und weniger willkürlich sind, als wir es uns zunächst
vorgestellt hatten.
Dieser Glaube an eine letzte Einfachheit und Einheitlichkeit der
Regeln, die das Universum bestimmen, deckt sich mit der Annahme,
dass es hinter der Vielfalt der Erscheinungen ein einziges, unverän-
derliches Prinzip gibt. Je nach den Umständen realisiert sich dieses
Prinzip in äußerlich unterschiedlicher Weise und tritt uns dann in
der Form der vier verschiedenen Kräfte entgegen, die unsere Welt
beherrschen. Es ist inzwischen immer klarer geworden, wie diese Re-
alisierung der unterschiedlichen Aspekte funktionieren könnte.
Dabei stellte sich heraus, dass die Kräfte nicht so deutlich vonein-
ander isoliert sind, wie es zunächst aussehen mag. Sie scheinen mit
äußerst unterschiedlicher Stärke auf unterschiedliche Bausteine der
Natur zu wirken. Doch das ist nur eine Illusion, die sich uns auf-
drängt, weil wir in einem Winkel des Universums zu Hause sind, in
dem die Temperatur ziemlich niedrig ist – niedrig genug, um Ato-
men und Molekülen die Existenz zu ermöglichen. Steigt die Tempe-
ratur an, prallen die Bausteine der Materie mit immer größerer Ener-
gie aufeinander, und die Unterschiede zwischen den vier Kräften, die
unsere friedliche Tief-Temperaturwelt beherrschen, schmelzen da-
hin: Die starke Kraft wird schwächer, die schwache stärker. Bei noch
höherer Temperatur entstehen neue Teilchen, die für Wechselwir-
Einfach, praktisch, gut: die ›Theorie für Alles‹ 63

kungen zwischen den Familien des Elementarteilchenzoos sorgen,


die sich bei niederen Temperaturen nicht ins Gehege kommen. Nä-
hern wir uns den unvorstellbaren Bedingungen bei jener Ur-Tempe-
ratur, die Planck durch die vier Naturkonstanten G, k, c und h defi-
niert hat, so sind alle Unterschiede ausgelöscht, und die Naturkräfte
wirken schließlich in einheitlicher Form.

Kosmischer Kubismus
Der sowjetische Physiker George Gamow hat mit seinem Mr. C. G. H.
Tompkins (siehe Abbildung 4.1) die Figur eines Bankangestellten
geschaffen, der eine unbezwingbare Neigung zur modernen Natur-
wissenschaft hat. Seine Heldentaten füllen eine lange Reihe von Er-
zählungen, die in den Sammelbänden Mr. Tompkins in Paperback und
The New World of Mr. Tompkins erschienen sind.
Um Quantenphysik und Relativitätstheorie erklären zu können,
wählte Gamow einen Kunstgriff: In seiner fiktionalen Welt treten die
neuartigen Effekte über alles Maß verstärkt auf. Er veränderte ein-
fach die Werte der Naturkonstanten. Wenn beispielsweise die Licht-
geschwindigkeit6 anstelle von 300 000 km/s nur noch 300 km/s be-
trägt, werden die seltsamen Auswirkungen der Bewegung auf den
Zeitablauf und die Abmessungen von Gegenständen zum Bestand-
teil des Alltags. Man kann beispielsweise nicht Auto fahren, ohne sie
zu beachten. In ähnlicher Weise treten die Quanteneffekte ständig
zutage, wenn das Plancksche Wirkungsquantum viel größer wird. Als
Mr. Tompkins mit seinem Queue einen Stoß ausführt, muss er fest-
stellen, dass die Billardkugel gleichzeitig verschiedene Wege nimmt,
während sie in ›unserer‹ Welt, in der die Quanteneffekte äußerst
klein sind, einer einzigen wohldefinierten Bahn folgt.7
Mr. Tompkins’ Initialen C. G. H. verweisen auf die zentrale Rolle
der Lichtgeschwindigkeit (c), der Gravitation (G) und der Quanten-
struktur (h) in Gamows Fantasiewelt. Wir können mit diesem Trio
ein einfaches Bild der Zusammenhänge zwischen den verschiedenen
Naturgesetzen entwerfen und müssen dazu nur einige Grundprinzi-
pien berücksichtigen: Setzen wir G Null, schalten wir die Gravitation
64 Das 1 × 1 des Universums

A b b ild u n g 4 .1
C. G. H. Tompkins, der Held von Gorge Gamows wissenschaftlicher
Fantasie Mr. Tompkins’ seltsame Reise durch Kosmos und Mikrokosmos.
Die Abbildung trägt in der deutschen Ausgabe die Bildunterschrift
»Schon wieder ein Hollywood-Schinken«.8

ab. Wird h Null gesetzt, ignorieren wir die Quantenstruktur des Uni-
versums, derzufolge die Energieniveaus wie die Sprossen einer Leiter
angeordnet sind und nur bestimmte Werte annehmen können. Der
Abstand der Sprossen wird durch die Größe von h festgelegt: Mit
h = 0 gibt es überhaupt keine Sprossen und die Energie eines Atoms
kann sich in beliebig winzigen Schritten ändern.9 Eine dritte Mög-
lichkeit ist, c unendlich groß anzunehmen (was gleichbedeutend mit
1/c = 0 ist). Eine solche Vorstellung von der Welt hatte man noch zu
Newtons Zeiten, als man davon ausging, dass die Gravitation zwi-
schen Erde und Sonne augenblicklich wirken würde.10
Wir können die Möglichkeiten sehr anschaulich in Form eines
Quaders11 anordnen, der von einem Koordinatensystem mit den
Achsen h, G und 1/c aufgespannt wird (siehe Abbildung 4.2). Jede
der acht Ecken unseres Quaders repräsentiert eine bestimmte physi-
kalische Theorie. Die einfachste hat ihren Platz im Ursprung des
Koordinatensystems, wo es weder Gravitation (G = 0) noch eine
Quantelung der Energieniveaus (h = 0) gibt und die Relativität igno-
riert wird (1/c = 0). Es ist die Newtonsche Mechanik, die in der Abbil-
Einfach, praktisch, gut: die ›Theorie für Alles‹ 65

dung mit NM bezeichnet ist. Geht man die 1/c-Achse nach vorn zu
größeren Werten, lässt aber h = G = 0, gelangt man zur Speziellen
Relativitätstheorie (SRT). Geht man bei 1/c = G = 0 auf der h-Achse
nach rechts, verallgemeinert man die Newtonsche Mechanik zur
Quantenmechanik (QM). Lässt man 1/c = h = 0 und ergänzt die
Newtonsche Mechanik um die Gravitation, indem man nach oben
geht, kommt man zur Newtonschen Gravitationstheorie (NGT). Mit
h = 0 erreicht man dort auf dem Weg nach vorn Einsteins Allgemeine
Relativitätstheorie (ART), zu der man auch gelangen kann, indem
man die Spezielle Relativitätstheorie um die Gravitation ergänzt.
Der Weg von der Quantenmechanik nach vorn führt mit einem end-
lichen Wert von 1/c zur Quantenfeldtheorie (QFT), der Weg von der
Quantenmechanik nach oben ergänzt sie um G und führt zur – be-
deutungslosen – nichtrelativistischen Quantenversion der Newton-
schen Gravitationstheorie (NQGT), wobei weiterhin 1/c = 0 gilt.
Nun fehlt nur noch das Eck, in dem sowohl 1/c als auch h und G
endliche Werte haben: Dort ist der Platz einer relativistischen Quan-
tengravitationstheorie (RQGT), die eine Verallgemeinerung aller an-
deren Theorien darstellt und leider bis heute noch nicht gefunden
wurde. Es ist inzwischen immerhin gelungen, eine Anzahl so ge-
nannter ›String-Theorien‹ aufzustellen, die als Grenzfälle einer um-
fassenderen, tiefer gehenden Theorie und als deren ›Schattenrisse‹ in
verschiedene Richtungen gedeutet werden können. Diese ›M-Theo-
rie‹ ist bis heute noch ein Rätsel: Das ›M‹ steht für mistery.
Das Bild, das wir gerade entworfen haben, zeigt auch eine tiefe
Wahrheit über die Art und Weise, wie sich der wissenschaftliche
Fortschritt durchsetzt. Er besteht nicht aus einer Abfolge von Revo-
lutionen, die jeweils die alten Theorien für null und nichtig erklären,
um damit Platz für neue zu schaffen. Wäre es so, könnten wir von
den derzeit gültigen Theorien mit Sicherheit nur sagen, dass sie Feh-
ler haben und sich irgendwann alle als falsch herausstellen werden.
Aber das kann nicht die ganze Wahrheit sein, schließlich erweisen
sich die heute gängigen Theorien als brauchbar und haben sich bei
Millionen von Prognosen bewährt. Wie können wir diese Tatsache
mitberücksichtigen?
Newtons 300 Jahre alte Theorien von Schwerkraft und Bewegung
liefern uns wunderbar exakte Regeln für Objekte in einem äußerst
66 Das 1 × 1 des Universums

schwachen Gravitationsfeld, die sich mit Geschwindigkeiten bewe-


gen, die deutlich niedriger liegen als die Lichtgeschwindigkeit. In
den ersten fünfzehn Jahren des 20. Jahrhunderts entwickelte Ein-
stein eine weiter reichende Theorie, die auch für große Geschwindig-
keiten und starke Gravitation gilt, also in den Fällen, in denen die

NGT NQGT

ART RQGT
NM QM
h

SRT QFT

1
C

A b b ild u n g 4 .2
Struktur physikalischer Theorien in einem Raum, der von den Koordinaten h, G
und 1/c aufgespannt wird. (Einzelheiten siehe Text)

Newtonsche Theorie versagt. Es darf aber keinesfalls übersehen wer-


den, dass Einsteins umfassendere Theorie nicht isoliert neben der
Newtonschen steht, sondern in diese übergeht, wenn die Geschwin-
digkeit kleiner und die Gravitation schwächer wird.
Ähnlich verhält es sich mit der revolutionären Quantentheorie, die
im ersten Viertel des letzten Jahrhunderts entwickelt wurde. Sie liefert
eine Beschreibung unseres Universums, die über Newton hinausgeht
und auch im Reich der kleinsten Dinge gilt. Ihre Prognosen für diese
Mikrowelt, die nicht den Newtonschen Gesetzen gehorcht, sind er-
staunlich exakt. Hier gilt, dass sich die Ergebnisse der Quantenmecha-
nik umso mehr denen der Newtonschen Mechanik angleichen, je grö-
ßer die Objekte sind. Auf diese Weise kann das Herzstück einer ›alten‹
Theorie weiterhin als Grenzfall einer neuen, besseren Theorie seine
Gültigkeit behalten. Wissenschaftliche Revolutionen, bei denen alles
umgestürzt wird, scheinen überhaupt nicht mehr vorzukommen.
Einfach, praktisch, gut: die ›Theorie für Alles‹ 67

Wir können die Beziehungen zwischen alten und neuen Theorien


sehr schön sehen, wenn wir zu unserem Quader zurückkehren. Neh-
men wir als Beispiel die Quantenmechanik, die in die Newtonsche
Mechanik übergeht, wenn h kleiner wird. Je mehr man sich der
Grenze h = 0 nähert, umso eher können die Quanteneffekte vernach-
lässigt werden. Wir können uns daher voll und ganz darauf verlassen,
dass die 300 Jahre alten Theorien Newtons nicht nur heute, sondern
auch noch in 1 000 Jahren unterrichtet und angewandt werden. Wie
immer auch die letzte aller Theorien, die ›Theorie für Alles‹ aussehen
mag: Mit ihr werden als Grenzfall auch Bewegungen mit Geschwin-
digkeiten beschrieben, die weit kleiner als die Lichtgeschwindigkeit
sind, in schwachen Gravitationsfeldern stattfinden oder von Quan-
teneffekten der Materie nicht merklich beeinflusst werden. Dieser
Grenzfall ist dann wieder die Newtonsche Mechanik.

Neue Konstanten – neue Probleme


Wir haben an einigen Beispielen gesehen, wie die Entdeckung neuer
Naturkonstanten dazu beitragen konnte, Ordnung in unser Ver-
ständnis des Universums zu bringen. Naturkonstanten sind wie
Leuchtfeuer, mit denen wir unsere Position überprüfen können. Auf
sie bezogen beruht jeder wirkliche Fortschritt im Verständnis der
materiellen Welt auf einer der folgenden Voraussetzungen:

(1) der Entdeckung einer neuen grundlegenden Naturkonstante,


(2) der Aufwertung einer schon bekannten Naturkonstante
durch die Entdeckung neuer Aspekte, die ihre Bedeutung
vergrößern,
(3) der Reduktion einer Naturkonstante auf andere, die ihre
Größe bestimmen,
(4) der Aufklärung, dass ein Phänomen durch eine neue Kombi-
nation von Konstanten bestimmt wird,
(5) der Variabilität einer Naturkonstante, also der Entdeckung,
dass sie nicht wirklich konstant, sondern variabel ist, oder
68 Das 1 × 1 des Universums

(6) der theoretischen Erklärung einer Naturkonstante und damit


der Möglichkeit ihrer Berechnung.

Als Beispiel für die Entdeckung einer neuen Naturkonstante kann die
Einführung der Quantenmechanik durch Planck, Einstein, Bohr,
Heisenberg und andere dienen, die mit der neuen fundamentalen
Konstante h verbunden war, die heute den Namen Plancks trägt. Mit
ihr hat ›etwas‹, dem man zuvor die Größe Null zugeschrieben hatte,
einen endlichen Wert zugewiesen bekommen, und man konnte nun
angeben, wie groß die kleinstmöglichen Energieportionen sind, die
in der Natur ausgetauscht werden können.
Auf ein neueres Beispiel treffen wir bei der Suche nach einem Kan-
didaten für eine ›Theorie für Alles‹. Nach der ›Superstring-Theorie‹
sind die Grundbestandteile unserer Welt keine punktförmigen Mas-
seteilchen, sondern Energieschleifen oder ›Strings‹, die über eine
Spannung verfügen, wie sie elastische Bänder haben. Die Größe die-
ser Spannung ist die Grundkonstante der String-Theorie. Aus ihr
folgen fast alle anderen Eigenschaften der Welt, wobei man sie aller-
dings nur in den wenigsten Fällen bereits im Einzelnen ableiten
kann. Vielleicht wird sich herausstellen, dass die String-Spannung
eine so grundlegende Konstante wie die Planck-Masse und das
Plancksche Wirkungsquantum ist.
Ein Beispiel für die Aufwertung einer Naturkonstante liefert uns
Einsteins Spezielle Relativitätstheorie mit der Lichtgeschwindigkeit
im Vakuum. Einstein konnte zeigen, dass sie mit der Masse m und
der Energie E über die berühmte Gleichung E = mc2 verbunden ist.
Dass sich das Licht mit endlicher Geschwindigkeit ausbreitet, war
schon lange zuvor bekannt. Auch deren Größe konnte schon im
19. Jahrhundert höchst präzise gemessen werden. Neu an Einsteins
Theorie war der Stellenwert, den die Lichtgeschwindigkeit nun er-
hielt: Sie wurde zur unüberschreitbaren ultimativen Grenze. Kein
Signal kann sich schneller ausbreiten. Noch grundlegender war die
Erkenntnis, dass diese Geschwindigkeit für alle Beobachter – unab-
hängig von deren Bewegung – gleich ist. Damit war die Lichtge-
schwindigkeit unter allen Geschwindigkeiten ausgezeichnet.
Die Reduktion einer Naturkonstante folgt in der Regel erst später.
Man muss bereits einige Größen kennen, die als Kandidaten für Na-
Einfach, praktisch, gut: die ›Theorie für Alles‹ 69

turkonstanten taugen. Darüber hinaus muss man wissen, wie ihre


Herrschaftsgebiete untereinander verbunden sind. Es zeigt sich, dass
Naturkonstanten oft miteinander zusammenhängen, wenn sich ihre
Geltungsgebiete überschneiden. Etwas Derartiges tritt typischerweise
auf, wenn Physiker versuchen, eine Su-
pertheorie zu finden, die zwei zuvor E i n s t e i n : Henri, Du weißt ja, ich habe
deutlich unterschiedene Kräfte zu einer einmal Mathematik studiert, aber dann
einzigen vereinigt. 1967 stellten Shel- habe ich sie zu Gunsten der Physik auf-
gegeben.
don Glashow, Steven Weinberg und Po in c a r é : Ach wirklich, Albert, warum
Abdus Salam eine Theorie vor, die den das denn?
Elektromagnetismus mit der schwa- E i n s t e i n : Weil ich zwar wahre von
chen Kraft der Radioaktivität vereinigt. falschen Aussagen unterscheiden konnte,
Damit werden auch die Naturkonstan- aber nicht sagen konnte, was wichtig
war.
ten der beiden Kräfte miteinander ver- Po in c a r é : Das ist sehr interessant,
bunden, und die Zahl der unabhängi- Albert, ich habe nämlich zuerst Physik
gen Konstanten wird reduziert. Diese studiert und bin dann zur Mathematik
neue Theorie wurde zum ersten Mal übergewechselt.
E i n s t e i n : Wirklich? Warum?
1983 durch Beobachtungen bestätigt.
Po in c a r é : Weil ich nicht sagen
Die Aufklärung der Zusammenhänge konnte, welche der wichtigen Aussagen
zwischen Naturkonstanten kommt ins wahr waren.
Spiel, wenn die Theorie voraussagt, Gespräch zwischen Einstein und Poincaré12
dass eine bestimmte Größe – beispiels-
weise eine Temperatur oder eine Masse
– durch eine neue Kombination von Konstanten definiert wird. Die
Kombination sagt etwas über die innere Verbundenheit der verschie-
denen Bereiche der Natur aus.
Ein gutes Beispiel dafür ist eine Prognose, die Hawking 1974 ge-
macht hat: Schwarze Löcher sind nicht völlig schwarz. Thermodyna-
misch gesehen sind sie so genannte Schwarzkörper und damit per-
fekte Emittenten thermischer Strahlung. Man hatte damals
geglaubt, dass Schwarze Löcher kosmische Monster seien, die alles
verschlingen, was in den Bereich ihrer Gravitations-Fänge gerät. Für
keinen, der einmal die Oberfläche eines Schwarzen Lochs – den ›Er-
eignishorizont‹ – durchbrochen hat, gibt es eine Rückkehr in die
Welt draußen.
Hawking konnte zeigen, was passiert, wenn man Quanteneffekte
mit einbezieht. Es stellte sich heraus, dass Schwarze Löcher dann
70 Das 1 × 1 des Universums

nicht völlig schwarz sind. Der starke Sprung der Gravitation in der
Nähe des Ereignishorizonts kann bewirken, dass sich Gravitationse-
nergie in der Form von Teilchen manifestiert, die vom Schwarzen
Loch abgestrahlt werden können. Damit entziehen sie nach und
nach dem Schwarzen Loch Materie, bis es sich schließlich in einer
gigantischen Explosion auflöst.13 Hawking zufolge wird dieser Ver-
dampfungsprozess überraschenderweise von einem thermodynami-
schen Gesetz bestimmt, das schon lange zum physikalischen Alltag
gehört und für alle Körper im Strahlungsgleichgewicht gilt. Damit
wären Schwarze Löcher Objekte, die sowohl relativistisch als auch
quantenmechanisch und thermodynamisch sind, und darüber hin-
aus noch von der Gravitation bestimmt werden. Das Gesetz für die
Temperatur der Strahlung, die von einem Schwarzen Loch bei dem
von Hawking beschriebenen Prozess in den Raum abgestrahlt wird,
enthält die Konstanten G, h und c. Es enthält aber auch die schon
erwähnte Boltzmann-Konstante k, die Temperatur und Energie mit-
einander verknüpft. Damit haben wir ein spektakuläres Beispiel vor
Augen, das die engen Verbindungen der auf den ersten Blick säuber-
lich getrennten Bereiche der Natur aufdeckt.
Die Entdeckung der Variabilität von Naturkonstanten unterschei-
det sich deutlich von den vier bisher genannten Entwicklungen. Va-
riabilität bedeutet, dass sich Größen, die wir für konstant gehalten
haben, als Hochstapler entpuppen, die sich nur als ›echte‹ Konstan-
ten getarnt haben, in Wirklichkeit aber in Raum und/oder Zeit vari-
ieren. Zunächst ist klar, dass die Variationen sehr klein sein müssen,
sonst wäre man nie auf die Idee gekommen, von Konstanten zu re-
den. Für keine der fundamentalen Naturkonstanten gab es bisher
zweifelsfreie Beweise, die zur Herabstufung ihres kosmischen Status
geführt hätten. Wie wir sehen werden, stehen aber einige unter Ver-
dacht und müssen ihre Konstanz in immer präziseren Messungen
nachweisen.
Der erste Kandidat für winzige Abweichungen war schon immer
die Gravitationskonstante G. Die Gravitation ist die bei weitem
schwächste aller Kräfte in der Natur und damit auch am wenigsten
in Experimenten erforscht. Wenn man in einem Physikbuch die Grö-
ßen der wichtigsten Konstanten nachschlägt, sieht man, dass bei der
Gravitationskonstante weit weniger Dezimalstellen angegeben wer-
Einfach, praktisch, gut: die ›Theorie für Alles‹ 71

den als bei c, h, α, mpr oder e.14 Wie schon erwähnt, nahm man in der
Mitte der 1960er Jahre eine Zeit lang an, dass Einsteins Allgemeine
Relativitätstheorie die Bewegung des Planeten Merkur um die Sonne
nicht richtig beschreibt. Zunächst versuchte man, Theorie und Ex-
periment in Übereinstimmung zu bringen, indem man die Einstein-
sche Theorie erweiterte: Man ließ zu, dass sich G im Laufe der Zeit
ändern kann. Zwar fand man schließlich heraus, dass das Problem
durch zu ungenaue Messungen entstanden war, aber die neue Theo-
rie mit dem variablen G war wie ein entkommener Flaschengeist
nicht mehr einzufangen.
Während die Gravitationskonstante G als Erste Zweifel an ihrer
Konstanz abwehren musste (und konnte), waren die jüngsten und
fundiertesten Angriffe auf die Konstanz der Feinstrukturkonstante
α gerichtet. Diese Attacken sind noch immer aktuell, weshalb wir
uns mit ihnen in Kapitel 12 ausführlich beschäftigen wollen. Die
Feinstrukturkonstante verknüpft, wie wir schon wissen, die Lichtge-
schwindigkeit mit dem Planckschen Wirkungsquantum und der
Elementarladung. Wir können also wählen, welche dieser drei Grö-
ßen sich ändert, wenn α variiert.
Die ersten fünf der genannten Bedingungen für den wissenschaft-
lichen Fortschritt beziehen sich allein auf die Naturkonstanten und
unterstreichen damit deren zentrale Rolle. Unsere Liste enthält aber
noch einen sechsten Punkt, der dem Heiligen Gral der fundamenta-
len Physik gewidmet ist und die Erklärung der Naturkonstanten aus
der Theorie zum Inhalt hat. Dieses Projekt ist bis jetzt noch ohne
Erfolg geblieben, was dazu führt, dass wir immer noch die Größe der
Naturkonstanten nur über Messungen bestimmen können.15 Dieser
Zustand ist höchst unbefriedigend, da die Konstanten durchaus un-
terschiedliche Werte annehmen könnten, ohne damit gleich die The-
orie zu Fall zu bringen. Das steht im deutlichen Widerspruch zu den
Vorstellungen Einsteins, von denen wir im letzten Kapitel gehört
haben: Eine Theorie kann nur dann beanspruchen, wahr zu sein,
wenn sie nur durch einen einzigen Satz von Konstanten definiert
werden kann, deren Größe den experimentell bestimmten ent-
spricht. Einige Forscher teilen heute diesen Standpunkt, aber es wird
immer deutlicher, dass nicht alle Konstanten, die unsere Welt defi-
72 Das 1 × 1 des Universums

nieren, notwendigerweise in dieser Zwangsjacke stecken müssen. Es


erscheint eher wahrscheinlich, dass einige in höherem Maße von Zu-
fällen bestimmt werden, die sich Quanteneffekten verdanken.
Viele hoffen, dass eine alles umfassende Theorie einmal erlauben
wird, Konstanten wie c, h und G beliebig genau zu bestimmen. Das
würde umgekehrt auch eine hervorragende Gelegenheit bieten, die
›vollständige‹ Theorie zu testen. Bis heute ist das ein Traum geblie-
ben. Keine der Konstanten, die wir für wirklich grundlegend hal-
ten, konnte mithilfe einer der Theorien berechnet werden. Die
Physiker scheinen sich manchmal in einer Sackgasse wiederzufin-
den, obgleich sie vielleicht nicht allzu weit vom Ziel entfernt sind.
Es ist noch nicht lange her, dass gleich mehrere denkbare String-
Theorien zur Disposition standen, die alle beanspruchten, eine
›Theorie für Alles‹ zu sein. Eine merkwürdige Situation: Warum
›bedient‹ sich unser Universum nur einer dieser Theorien? Dann
machte der Physiker Ed Witten von der Princeton University eine
wichtige Entdeckung: Er konnte zeigen, dass die auf den ersten
Blick verschiedenen Theorien gar nicht verschieden waren, sondern
Grenzfälle einer einzigen größeren, tiefer gehenden Theorie, die
wir ›nur‹ noch finden müssen. Es ist als würde man ein unbekann-
tes Objekt von verschiedenen Seiten anstrahlen, das dann eine An-
zahl Schattenbilder auf die Wände wirft. Hat man ausreichend
viele solcher Abbilder, kann man daraus das beleuchtete Objekt
selbst rekonstruieren: Die schon genannte M-Theorie wäre gefun-
den. In ihrem mathematischen Gerüst sind die Erklärungen der
Naturkonstanten verborgen – und damit auch ihre Größen. Leider
ist es noch niemand gelungen, in diese Festung vorzudringen und
die Informationen ans Licht zu holen. Wir wissen ein wenig über
die Struktur der M-Theorie, aber die Mathematik, die zu ihrer For-
mulierung nötig ist, stellt sich als ungeheuer kompliziert heraus.
Normalerweise können Physiker auf schon zuvor von Mathemati-
kern entwickelte Rechenverfahren zurückgreifen und sie als Werk-
zeug benutzen, um ihre Theorien zu formulieren. Jetzt wurden
zum ersten Mal seit Newton in der Natur Strukturen entdeckt, zu
deren Verständnis eine neue Mathematik nötig war. Witten glaubt,
dass wir das ›Glück‹ hatten, fünfzig Jahre zu früh über die M-Theo-
rie zu stolpern: eine riskante Situation für die Wissenschaft.
Einfach, praktisch, gut: die ›Theorie für Alles‹ 73

Während eine fundamentale Theorie fehlt, mit der man die Na-
turkonstanten berechnen kann, herrscht kein Mangel an ›numerolo-
gischen‹ Anstrengungen, sie zu erklären. Die Numerologie oder
Wissenschaft von den Zahlen hat ihre eigene Geschichte mit span-
nenden anthropologischen und soziologischen Aspekten. Ihre Er-
gebnisse sind, wie wir nun sehen werden, ziemlich ungewöhnlich
und gelegentlich auch bizarr.

Zahlenzauber
Glückszahlen, Unglückszahlen, magische Zahlen: Viele Menschen
glauben, sich auf sie verlassen zu können. Dieser Glaube hat sich aus
den Urzeiten der Menschheitsgeschichte herübergerettet. Wenn wir
beispielsweise in die Zeit um das Jahr 510 vor der Zeitenwende zu-
rückblicken, treffen wir auf Pythagoras und seine Schüler, die sich
mit der Mathematik um ihrer selbst willen befassten. Sie waren an
allem im Universum interessiert, was man mit Zahlen in Zusammen-
hang bringen konnte. Wenn sie die Planetenbewegungen auf Tonlei-
tern bezogen und Zahlenwerten geometrische Gebilde zuordneten,
war das ein Versuch, die einzelnen Teile der Welt zu einem Ganzen
zusammenzufügen.
Anders als für uns waren für die Pythagoräer Zahlen nicht nur
abstrakte Gebilde, sie nahmen vielmehr an, dass alles Sein Zahl ist.
Zahlen waren nicht bloße Maßangaben, sondern hatten eine innere
Bedeutung. Aus diesem religiösen Glauben heraus erforschten die
Anhänger des Pythagoras das Zahlenreich auf jede erdenkliche Weise
und untersuchten Koinzidenzen zwischen Zahlen in den verschie-
densten Bereichen des Lebens. Es gab Zahlen mit guten Eigenschaf-
ten, während andere als böse galten. Es gab sogar Zahlen, die man
geheim halten musste, während die anderen für alle da waren.
Um nachvollziehen zu können, wie Pythagoras zu diesem starken
Glauben an die Zahlen kam, wollen wir uns einige der Spielereien
ansehen, die er gern mit ihnen anstellte. Seine besondere Liebe galt
den Dreieckszahlen. An ihrem Beispiel können wir sehen, wie sich
auf ganz natürliche Weise Zahlenmuster ergeben, wenn man Punkte
74 Das 1 × 1 des Universums

auf einem Blatt Papier verteilt. Wenn wir Reihen mit 1, 2, 3 … Punk-
ten untereinander auslegen, erhalten wir eine Folge von Zahlen, die
Dreiecksform haben (siehe Abbildung 4.3). Addiert man die Punkte
Reihe für Reihe auf, erhält man die Folge der Dreieckszahlen, deren
n-te die Größe n (n + 1)/2 hat:

1
1+2=3
1+2+3=6
1 + 2 + 3 + 4 = 10

1 3 6 10

A b b ild u n g 4 .3
Dreieckszahlen, dargestellt als Anordnungen von Punkten.16

Dieses Spiel war für die Pythagoräer in besonderem Maß erhellend,


da die Griechen als Zahlzeichen Buchstaben ihres Alphabets verwen-
deten und dadurch irgendwelche Ordnungen in Zahlenfolgen, die
für uns offen vor Augen liegen, eher verdeckt blieben. Die bildliche
Darstellung der Zahlendreiecke durch Pythagoras hatte etwas Faszi-
nierendes. Noch heute wird man im Englischen daran erinnert,
wenn figure nicht nur ein Bild bezeichnet, sondern auch eine Ziffer
oder Zahl. Das Bild der Eins ist ein Punkt, die Zwei ist eine Gerade,
die zwei Punkte verbindet, die Drei ein Dreieck, das erste Gebilde,
das eine Fläche umschließt. Die Vier symbolisiert den ersten Körper:
eine Pyramide aus vier Dreiecken und vier Eckpunkten – heute als
Tetrapack im Handel.
Ähnlich wie von Dreieckzahlen kann man von Quadratzahlen
sprechen: Wenn man die Punkte in quadratischen Feldern anordnet,
Einfach, praktisch, gut: die ›Theorie für Alles‹ 75

erhält man 4, 9, 16, 25, 36 …. Die Pythagoräer stellten außerdem fest,


dass man zu denselben Ergebnissen kommt, wenn man die aufeinan-
der folgenden ungeraden Zahlen addiert. Ganz allgemein entspricht
n2 der Summe der ersten n ungeraden Zahlen, beginnend mit 1:

4=1+3
9=1+3+5
16 = 1 + 3 + 5 + 7
25 = 1 + 3 + 5 + 7 + 9
36 = 1 + 3 + 5 + 7 + 9 + 11

Diese Beispiele zeigen, weshalb Pythagoras auf die Idee kam, sich die
Zahlen als ›Dinge‹ oder geometrische Objekte vorzustellen. Darauf
aufbauend machte er eine noch beeindruckendere Entdeckung: Er
stellte fest, dass die Stimmung der griechischen Musikinstrumente
auf einfachen Zahlenverhältnissen wie 2:1, 3:2 und 4:3 beruhte.17 Die
Griechen hielten nur diese Tonintervalle für harmonisch und wohl-
klingend, alle anderen empfanden sie als dissonant. Diese Erkennt-
nis hatte weitreichende Folgen für Pythagoras’ Denken. Er nahm an,
dass die menschliche Wahrnehmung von mathematischen Verhält-
nissen bestimmt wird. Da sich nun aus den Planetenbewegungen
ähnliche Zahlenverhältnisse ergaben wie bei der Musik, was man
deshalb als ›Sphärenharmonie‹ bezeichnete, war Pythagoras davon
überzeugt, dass diese beiden auf den ersten Blick getrennten Berei-
che aufs Engste verbunden sind.18
Der Numerologie liegt der Glaube zugrunde, dass im Wesen der
Zahlen ein tieferer Sinn verborgen ist. ›Siebenheit‹ ist demnach eine
Eigenschaft, die alle Dinge gemeinsam haben, die von der Zahl Sie-
ben bestimmt werden, seien es Schneewittchens sieben Zwerge im
Land hinter den sieben Bergen, die sieben Siegel oder die sieben Tage
der Woche. Es ergibt sich dann fast von selbst, dass bestimmte Zah-
len wie die Dreizehn mit Unglück verbunden werden, andere, wie die
Sieben, meist mit Glück. Schon die Pythagoräer schrieben den Zah-
len Eigenschaften zu und verliehen ihnen dadurch in vieler Hinsicht
76 Das 1 × 1 des Universums

den Charakter von Symbolen. In einem späteren Kommentar zu den


Pythagoräern heißt es:

Da sie annahmen, dass Gerechtigkeit durch Ausgleich oder Gleichgewicht


definiert wird und diese Eigenschaften in Zahlen verkörpert fanden, sagten
sie, dass Gerechtigkeit der ersten Quadratzahl entspricht, da jeweils das ein-
fachste Ding, das den gleichen Aufbau hat, ihrer Meinung nach das Anrecht
hat, den Begriff zu repräsentieren. Einige nahmen an, diese Zahl sei die Vier,
da sie die erste Quadratzahl ist, die in zwei gleiche Teile geteilt werden kann
und in jeder Hinsicht gleich ist, da sie 2 x 2 ist. Andere sagten, es sei die Neun,
die erste Quadratzahl aus einer ungeraden Zahl, nämlich der Drei, multipli-
ziert mit sich selbst.
Gunst und Wohlgelingen war andererseits der Sieben zugeordnet, da in der
Natur die Zeiten der Erfüllung bei Mutterschaft und Geburt durch diese Zahl
bestimmt sind. Nehmen wir beispielsweise den Mann. Er kann nach sieben
Monaten zur Welt kommen, bekommt sieben Jahre danach seine ›richtigen‹
Zähne, erreicht die Pubertät gegen Ende des zweiten Siebenjahreszeitraums
und bekommt im dritten einen Bart.19

Einige Zahlen wurden wegen ihrer außergewöhnlichen Eigenschaf-


ten besonders verehrt. Als ›perfekt‹ oder ›vollkommen‹ bezeichnete
man Zahlen, die gleich der Summe aller Teiler (ohne die Zahl selbst)
sind. Die erste perfekte Zahl ist 6 = 1 + 2 + 3, die zweite
28 = 1 + 2 + 4 + 7 + 14, dann folgen 496 und 8128, die auch schon im
antiken Griechenland bekannt waren. Während man beweisen kann,
dass unendlich viele Primzahlen20 existieren, kennt man bisher nur
33 perfekte Zahlen21 und weiß nicht, ob es endlich oder unendlich
viele von ihnen gibt.
Von Pythagoras wird auch überliefert, dass er von ›befreundeten‹
Zahlen fasziniert war, die Paare bilden. Für sie gilt, dass die Summe
der Teiler der ersten Zahl gleich der zweiten Zahl ist – und umge-
kehrt. Die beiden Zahlen haben gewissermaßen die gleichen Eltern,
und das Glück ruht auf Dingen, die durch derartige Zahlenpaare
bestimmt werden. Ein Beispiel stellt das Paar 220 und 284 dar.22 220
ist durch 1, 2, 4, 5, 10, 11, 20, 22, 44, 55 und 110 teilbar. Die Summe
dieser Zahlen ist 284. Umgekehrt ist 284 durch 1, 2, 4, 71 und 142
teilbar, deren Summe 220 ist.23
Frühe jüdische Gelehrte bemühten gern die Numerologie, um die
Beweiskraft der heiligen Schriften zu untermauern oder um aus den
Einfach, praktisch, gut: die ›Theorie für Alles‹ 77

Zahlen, die sie in ihnen fanden, eine verborgene Bedeutung heraus-


zulesen. So erscheint in der Genesis die ›Glückszahl‹ 220, als Jakob
seinem Bruder Esau 220 Ziegen schenkt. Demzufolge wäre dann die
geheime Botschaft, dass die Beziehung besiegelt wird, wenn Jakob
284 Tiere oder was auch immer als Gegengabe erhält.24 Aus dieser
Zahlenmystik entstanden die extremen Formen des Kabbalismus,
die sich unter anderem auf die Sieben stützen. Ein Beispiel dafür
stellt das folgende Rezept für eine alternative Medizin zur Heilung
von Malaria dar:
Nimm sieben Samen von sieben Palmen, sieben Splitter von sieben Balken,
sieben Nägel von sieben Brücken, sieben Aschen von sieben Öfen, sieben
Schaufeln Erde von sieben Türsockeln, sieben Stücke Pech von sieben Schif-
fen, sieben Hand voll Kumin und sieben Haare vom Bart eines alten Hundes,
und befestige alles mit einer weißen gedrehten Schnur am Halsausschnitt des
Hemdes.25

A b b ild u n g 4 .4
Die heilige Tetraktys, eine Darstellung der Zahl 10 als 1+2+3+4.

Die allerheiligsten der Pythagoräischen Zahlen waren die ersten vier


– 1, 2, 3 und 4 –, die zusammen die Dreieckszahl 10 bilden (siehe
Abbildung 4.4). Die Darstellung der Zehn als Dreieck ist die heilige
Tetraktys, die beim Initiationsritus der Pythagoräer verwendet
wurde. Auf sie mussten die Schüler den Loyalitätseid ablegen. Teil
des Ritus war auch, sich für drei Jahre zur Verschwiegenheit zu ver-
pflichten. Später in der Renaissance wurde daraus der Brauch, die
Zahl der Tage von drei Jahren – 3 x 365 = 1 095 – zum Symbol für das
Schweigen zu wählen. Die Tetraktys war nichts weniger als der Zau-
berschlüssel zum Verständnis des Wesens des Lebens und aller Er-
fahrung. Ein Kommentator aus dem 1. Jahrhundert stellte die zehn
Reihen von jeweils vier Dingen, die durch die Tetraktys symbolisiert
wurden, so dar:
78 Das 1 × 1 des Universums

Zahlen: 1, 2, 3, 4
Formen: Punkt, Linie, Fläche, Körper
Elemente: Feuer, Luft, Wasser, Erde
Verkörperung der Elemente: Pyramide, Oktaeder, Ikosaeder, Würfel
Lebendige Dinge: Samen, Längenwachstum, Breitenwachstum,
Dickenwachstum
Gesellschaften: Mensch, Dorf, Stadt, Nation
Fähigkeiten: Vernunft, Wissen, Meinung, Gefühl
Jahreszeiten: Frühling, Sommer, Herbst, Winter
Alter: Kindheit, Jugend, Mannesalter, Greisenalter
Körperteile des Menschen: Leib, die drei Teile der Seele26

Diese merkwürdigen Vorstellungen haben sich als außerordentlich


beständig erwiesen. Es gab zu allen Zeiten und in allen Kulturen
Künstler und Philosophen, die von der vermeintlichen Bedeutung
der Zahlen fasziniert waren. Sie behandelten Gleichungen und For-
meln wie die Geheimschlüssel zum wahren Wesen des Universums.
Auch heute noch stößt man auf solche Anschauungen: Jenseits der
üblichen Mathematik suchen unzählige Hobbyforscher nach der
ganz besonderen Zauberformel, die uns das tiefste Wesen der Welt
enthüllt. Und was könnte uns eine solche Formel Wichtigeres lie-
fern, als die Größe der Naturkonstanten, die das Herz der materiel-
len Realität darstellen! Die Numerologie hat sich deshalb mit beson-
derer Liebe diesen Naturkonstanten zugewandt und versucht, ihre
Größen durch Kombinationen aus der Zahl π, Quadratwurzeln und
gewöhnlichen Zahlen zu erklären.
Diese Anstrengungen bekamen durch merkwürdige Zufälle und
Koinzidenzen Nahrung, die zwar oft sehr beeindruckend sind, aber
deshalb noch lange keine Beweiskraft haben. So hat man beispiels-
weise herausgefunden, dass exp [π (√67)/3] auf 1 : 300 000 000 genau
der Anzahl der Britischen Fuß je Meile entspricht!27 Oder denken wir
an die Behauptung, die Charles Hermite 1859 aufgestellt hat, dass
exp [π (√163)] eine ganze Zahl ist. Immerhin erfüllt der wahre Wert
mit 262 537 412 640 768 743,999 999 999 999….. diese Prognose
ziemlich genau. Martin Gardner hat die Wunderzahl einmal in einen
Aprilscherz eingebaut. Er zitierte den indischen Mathematiker Srini-
vasa Ramanujan, der die Zahl ›von Hand‹ berechnet hatte und ver-
kündete, der Mathematiker John Brillo habe einen Weg zur Berech-
Einfach, praktisch, gut: die ›Theorie für Alles‹ 79

nung der ganzen Zahl gefunden und würde sein Resultat in »einigen
Jahren« veröffentlichen.28
Nun gibt es aber eine ungeheure Menge von Zahlen und noch mehr
Kombinationen aus ihnen. Koinzidenzen fallen uns natürlich auf, wäh-
rend wir die weitaus häufiger auftretenden Nicht-Koinzidenzen überse-
hen. Analysiert man das Zahlenreich mit statistischen Methoden, so
zeigt sich, dass Koinzidenzen wie die oben geschilderte gar nicht so sel-
ten sind. Ein schönes Beispiel für den verblüffenden Effekt von Koinzi-
denzen stellen die Fernsehauftritte von Uri Geller dar, bei denen er an-
kündigte, Uhren bei den Zuschauern zuhause anzuhalten. Es gab
Millionen Zuschauer, und es ist daher wenig überraschend, dass einige
ihrer Uhren gerade während des Auftritts von Geller aus ganz natürli-
chen Gründen stehen blieben: Man hatte einfach vergessen, sie rechtzei-
tig aufzuziehen. Die Zuschauer, bei denen das eintraf, waren natürlich
zutiefst beeindruckt und riefen sofort beim Sender an. Die anderen ha-
ben vielleicht gedacht, ihre Seele hätte sich nicht genug auf Geller einge-
lassen, denn immerhin hatte er ja ein paar Uhren zum Stehen gebracht.
Mein Lieblingsbeispiel für eine Koinzidenz von Zahlen habe ich
von meinem literarischen Freund Stephen Medcalf. Er meinte, die
Geschichte würde jeden Verdacht widerlegen, es sei nur bloßer Zufall
im Spiel. Soweit ich weiß, wurde die Koinzidenz von einem Schüler
in Eton vor etwa siebzig Jahren entdeckt. Zunächst etwas zum Hin-
tergrund, für dessen Wahrheitsgehalt ich mich allerdings nicht ver-
bürgen kann. Es wird kolportiert, William Shakespeare sei an der
Übersetzung einiger Psalmen für die King-James-Bibel beteiligt ge-
wesen.29 Man behauptete, dass Shakespeare im Alter von 46 Jahren in
Psalm 46 Spuren hinterlassen hat.30 Dem Schüler war aufgefallen,
dass das 46. Wort des Psalms ›shake‹ lautet, das 46. Wort vor dem
Ende aber ›spear‹.31 Zufall oder Shakespeares versteckte Signatur?
Selbst in wissenschaftlichen Veröffentlichungen kann man alle
möglichen numerischen Koinzidenzen und Zahlenwunder entdecken,
in die auch einige der Naturkonstanten verwickelt sind. Noch weit
mehr findet man in gut gemeinten Zuschriften, die sich im Postein-
gang von Physikern sammeln. Als Beispiele folgen einige Vorschläge für
die Feinstrukturkonstante, die allerdings samt und sonders nicht ernst
gemeint sind.32 Der Wert von 1/α wird dabei mit Ausdrücken ›bewie-
sen‹, die eine spekulative Erweiterung der bekannten Physik darstellen:
80 Das 1 × 1 des Universums

Lewis und Adams33: 1/α = 8π (8π5/15)1/3 = 137,348


Eddington34: 1/α = (162-16) /2+16+1 = 137
Wyler35: 1/α = (8 π4/9) (245!/ π5)1/4 = 137,036082
Aspden und Eagles36: 1/α = 108 π (8/1843)1/6 = 137,035915

Selbst der große Werner Heisenberg konnte nicht widerstehen, eine


– allerdings nicht ganz ernst gemeinte – Abschätzung zu geben:
Als Zahlwert vermute ich ħc/e2 = 2433/π, aber das ist natürlich Spielerei.37

Es kann natürlich sein, dass eines Tages die M-Theorie eine Definition
von 1/α liefert, die den genannten Formeln sehr ähnelt. Dann wird sie
aber eine in sich schlüssige theoretische Begründung dafür angeben und
bisher noch unbekannte weitere Stellen nach dem Komma vorhersagen
müssen, die man mit zukünftigen Experimenten überprüfen kann.
All die erwähnten numerischen Kunststücke liegen recht nahe
beim experimentell bestimmten Wert von 1/α (als sie veröffentlicht
wurden, lagen sie sogar noch näher daran). Der Preis für den über-
wältigendsten Einfallsreichtum gebührt allerdings Gary Adamson,
dessen Steckbrief der 137-ologie in Abbildung 4.5 wiedergegeben ist.
All diese Beispiele haben immerhin den Vorzug, sich wenigstens an-
satzweise auf eine Theorie des Elektromagnetismus und der Elemen-
tarteilchen zu beziehen. Es gibt aber auch ›reine‹ Numerologen, die
nichts von Physik wissen wollen und nur nach allen möglichen Kom-
binationen von Potenzen kleiner Zahlen und mathematischer Grö-
ßen wie π Ausschau halten, um damit recht nah an den derzeit ›bes-
ten‹ Wert von 1/α zu kommen. Auch dafür seien Beispiele genannt:

Robertson38: 1/α = 2-19/4310/3517/4 π-2 = 137,03594


Burger39: 1/α = (1372+ π2)1/2 = 137,0360157

Damit haben wir uns nun mehr als genug mit numerologischem
Zauberwerk befasst. Es ist leicht zu verstehen, warum die Naturkon-
stanten noch immer eine derartige Faszination ausüben. Dass wir
einige der Formeln vorgestellt haben, geschah nicht ohne ernsthafte
Absichten. Eine ist von Arthur Eddington, einem der bedeutendsten
Astrophysiker des 20. Jahrhunderts. Im folgenden Kapitel wollen wir
Einfach, praktisch, gut: die ›Theorie für Alles‹ 81

uns etwas näher mit Eddington befassen. In seiner Person vereinigen


sich auf bemerkenswerte Weise solide Wissenschaft und Fantasie.
Mehr als jede andere Forschergestalt ist er dafür verantwortlich,
nicht enden wollende Anstrengungen ausgelöst zu haben, die Natur-
konstanten durch numerologische Meisterleistungen zu erklären.
Darüber hinaus gelang ihm auch noch die Entdeckung einer neuen,
dramatischen Eigenschaft der Naturkonstanten!

A b b ild u n g 4 .5
Einige numerologische Fantasieflüge in das Reich der Zahl 137, zusammenge-
stellt von Gary Adamson. φ = 1,61803 … ist der ›Goldene Schnitt‹.40
Kapitel 5
Eddingtons Unvollendete
Ich habe ein äußerst rares Gesicht gehabt. Ich hatte ’nen Traum –
’s geht über Menschenwitz, zu sagen, was es für ein Traum war.
Der Mensch ist nur ein Esel, wenn er sich einfallen lässt, diesen
Traum auszulegen. … Ich will den Peter Squenz dazukriegen, mir
von diesem Traum eine Ballade zu schreiben; sie soll Zettels
Traum heißen, weil sie so seltsam angezettelt ist.
William Shakespeare1

Können Sie bis 136 x 2 256 zählen?


Von Miss Marple wissen wir, dass es jeder Zufall und jedes merkwür-
dige Zusammentreffen wert ist, untersucht zu werden. Man kann
schließlich später alles wieder vergessen, wenn sich herausgestellt
hat, dass es nur Zufall war. Wenn wir uns mit der Erforschung des
Universums im 20. Jahrhundert befassen, fällt besonders auf, welch
wichtige Rolle für die Astronomen Zufälle und Koinzidenzen spiel-
ten: Wie konnte man sie herausfinden? Gab es sie denn überhaupt
oder war alles Zufall? Als die Physiker begannen, die Bedeutung der
Konstanten im Quantenreich richtig einzuschätzen und Einsteins
neue Gravitationstheorie zu benutzen, um das Universum als Gan-
zes zu beschreiben, war die Zeit reif, die beiden Bereiche zu vereinen.
Es war die Stunde von Arthur Stanley Eddington2, einem herausra-
genden Wissenschaftler, der als Erster herausfand, auf welche Weise
die Sterne ihre Energie aus Kernreaktionen gewinnen. Von ihm stam-
men auch wichtige Beiträge zum Verständnis unserer Galaxie, der
Milchstraße, er schrieb die erste umfassende Darstellung der Allge-
meinen Relativitätstheorie und war für eines der entscheidenden Ex-
perimente verantwortlich, bei dem man Einsteins Theorie testen
wollte: Im Jahr 1919 leitete er eine von zwei Expeditionen in den Golf
von Guinea, um eine totale Sonnenfinsternis zu beobachten. Man be-
absichtigte, die winzige Ablenkung des Lichts durch die Gravitation
der Sonne zu messen, was nur während eines solchen Ereignisses
möglich ist. Einstein sagte voraus, dass das Gravitationsfeld der Sonne
Eddingtons Unvollendete 83

das Licht eines Sterns, das auf seinem Weg zur Erde die Sonne streift,
um ganze 1,75 Bogensekunden ablenkt. Um das zu messen, muss
man ein Foto des Sternhintergrunds im Moment der absoluten Fins-
ternis machen und ein weiteres in der Nacht, wenn die Sonne auf der
anderen Seite des Himmels steht. Die Verzerrungen des ersten Bilds
im Vergleich zum zweiten sind ein Maß für die Ablenkung des Ster-
nenlichts durch die Sonne. Eddington und seinem Team gelangen
nahe der Insel Principe trotz schlechter Wetterbedingungen Aufnah-
men, die Einstein bestätigten. Einstein wurde nach diesem Erfolg zum
Star und galt fortan als bedeutendster Naturwissenschaftler seiner
Zeit. Abbildung 5.1 zeigt ihn bei einem Besuch in Cambridge im Ge-
spräch mit Eddington im Garten des Universitäts-Observatoriums.

A b b ild u n g 5 .1
Albert Einstein und Arthur Eddington um 1930 in Eddingtons Garten.3

1924 besuchte Eddington das CalTech in Pasadena und sah, dass


seine Erklärung der Relativitätstheorie zusammen mit der experi-
mentellen Bestätigung der Lichtablenkung im Gravitationsfeld sei-
84 Das 1 × 1 des Universums

nen Namen mit dem Einsteins eng verbunden hatte. Eddington war
bei aller Bescheidenheit und Zurückhaltung höchst erfreut, dass die
Astronomen nicht nur ein Dinner zu seinen Ehren organisiert hat-
ten, sondern auch einer der Physiker, mit denen er Golf gespielt
hatte, als Autor einer wunderschönen Parodie auf »The Walrus and
the Carpenter«4 auftrat. Mit ihr setzte er der Liebe der beiden Kolle-
gen zur Relativitätstheorie, zum Golfspiel und zu Alice ein bleiben-
des Denkmal, wie es Lewis Carroll selbst nicht besser hätte gelingen
können. Einstein und Eddington stehen auf dem Golfplatz:
… Der Einstein und der Eddington,
holen die Rechnung her.
Fast hundert Schläge Einstein hat,
und Eddington noch mehr:
Es sieht für beide böse aus,
sie klagen deshalb sehr.
Ich hasse sie, schreit Einstein auf,
die Berge ganz aus Sand,
warum der Bunker hier grad liegt,
will nicht in den Verstand.
Die Hügel einfach wegrasiert
wär’ es ein Wunderland.
Für Eddington die Frage drängt,
ob wohl das Spiel gelingt
mit Würfel, Uhr und Metermaß,
warum das Pendel schwingt,
und ob der Raum ist aus dem Lot,
wenn Zeit um Dauer ringt.
Es gibt der Dimensionen vier,
anstatt wie bisher drei,
Pythagoras gilt auch nicht mehr
und wird uns einerlei,
Die plattgewalzte Ge´metrie.
macht mir das Hirn zu Brei.
Du meinst, die Zeit sei bös verformt,
der Lichtstrahl gar geknickt,
Ich glaub, ich hab es jetzt kapiert,
es macht mich ganz verrückt:
Der Brief, den heut der Postler bringt,
wird morgen abgeschickt.
Eddingtons Unvollendete 85

Drauf Einstein: Was dir kurz erscheint


ist’s nur in deinem Wahn,
es kringelt sich der Weg im Kreis
fast wie die Achterbahn,
und wenn du zu rasant ihn gehst,
kommst du als letzter an.
Und Ostern ist zur Weihnachtszeit,
und weit entfernt ist nah,
und zwei und zwei ist mehr als vier,
was drüben war ist da.
Das mag schon sein, sagt Eddington,
doch brüll ich nicht »Hurrah!«.5

Eddington war zwar ein komplizierter Mensch, er hatte aber ganz


einfache Vorlieben. Als ernsthafter Quäker und Pazifist nahm er
während des Ersten Weltkriegs eine neutrale Haltung ein, weshalb er
1919 zum Leiter der Expedition zur Sonnenfinsternis bestimmt
wurde. Einer breiteren Öffentlichkeit wurde er durch eine Reihe be-
eindruckend verständlich geschriebener Sachbücher bekannt, in de-
nen er seine Leser mit der neuen naturwissenschaftlichen Sehweise
der Welt vertraut machte und seine eigene Philosophie der Natur-
wissenschaften6 darstellte. Seine Schriften über den Anfang und das
Ende der Welt inspirierten zahlreiche Schriftsteller, ihre Romane mit
wissenschaftlichen Themen zu bereichern. Theologen und Philoso-
phen informierten sich bei ihm, wie unausweichlich die ständige
Zunahme der Unordnung und der daraus folgende Kältetod7 des
Universums sind. Eddingtons Erkenntnisse stellten für sie eine Her-
ausforderung für ihre eigenen wissenschaftlichen Arbeiten dar. Die
Rolle des zweiten Hauptsatzes der Thermodynamik, der diese Kata-
strophe prophezeit, gehört zu den wichtigsten Themen in Edding-
tons populären Veröffentlichungen.
Dorothy Sayers’ Peter Wimsey-Krimi Have His Carcase macht auf
amüsante Weise von diesem physikalischen Gesetz Gebrauch. Wim-
sey beruhigt eine etwas verwirrte Zeugin damit, dass die Unordnung
nur Teil des thermodynamischen Schicksals der Welt sei:
»Wir glauben an Sie, Miss Kohn«, sagte Wimsey feierlich. »so fest wie an das
zweite Gesetz der Thermodynamik.«
»Was wollen Sie denn damit sagen?«, fragte Mr. Simons misstrauisch.
86 Das 1 × 1 des Universums

»Das zweite Gesetz der Thermodynamik«, erklärte Wimsey hilfsbereit,


»hält das Universum in seiner Bahn, und ohne es würde die Zeit rückwärts
laufen wie ein verkehrt eingelegter Kinofilm.«
»Was, wirklich?« rief Miss Kohn belustigt.
»Altäre mögen wanken«, sagte Wimsey, »Mr. Thomas mag seinen Frack able-
gen und Mr. Snowden dem Freihandel abschwören, aber das zweite Gesetz der
Thermodynamik wird bestehen, solang Gedächtnis haust in dem zerstörten
Ball hier, womit Hamlet seinen Kopf meinte, während ich mit meinem größe-
ren intellektuellen Horizont es auf diesen Planeten beziehe, den zu bewohnen
wir das ungeheuere Vergnügen haben. Inspektor Umpelty ist allem Anschein
nach schockiert, aber ich versichere Ihnen, dass ich meinen felsenfesten Glau-
ben an Ihre uneingeschränkte Integrität nicht eindrucksvoller wiederzugeben
vermag.« Er grinste. »Was mir an Ihrer Aussage so gefällt, Miss Kohn, ist einfach
die Tatsache, dass sie dem Rätsel, das der Inspektor und ich zu lösen angetreten
sind, den letzten Schliff der völligen Undurchdringlichkeit gibt. Sie reduziert es
auf die absolute Quintessenz völlig unverständlichen Unsinns. Das gibt uns
nach dem zweiten Gesetz der Thermodynamik, welches besagt, dass wir uns
stündlich und sekündlich auf einen Zustand immer größerer Unordnung zube-
wegen, die ruhige Gewissheit, dass wir auf dem richtigen Wege sind.«8
Während Eddington sehr scheu war und wenig Talent für öffentli-
che Auftritte hatte, konnte er wunderbar schreiben. Seine Beispiele
und Vergleiche werden immer noch von Astronomen herangezogen,
um komplizierte Theorien anschaulich zu erklären. Eddington blieb
unverheiratet und lebte im Observatorium von Cambridge, wo seine
Schwester ihm und ihrer alt gewordenen Mutter den Haushalt
führte. Seine Interessen waren zwar konservativ, aber doch manch-
mal überraschend. Er las gerne Kriminalromane und konnte sich für
Fußball begeistern. Er ging gern nach Highbury zu den Spielen von
Arsenal, der damaligen Spitzenmannschaft, und mischte sich im
Stadion unter die Londoner Arbeitermassen.9 Eddington war ein
mäßiger Golf- und Tennisspieler, aber ein begeisterter Fahrradfah-
rer. Seine Leistungen in diesem Sport wurden nach der ›Eddington-
Zahl‹ E klassifiziert: E war die Zahl der Tage, an denen er mehr als E
Meilen mit dem Rad gefahren war. Ist E schon groß, bedarf es einer
gewaltigen Anstrengung, um die Zahl auch nur um 1 zu erhöhen.
Als Eddington 1944 starb, betrug seine Eddington-Zahl 87.
In Cambridge war Eddington auf den Plume-Lehrstuhl für ›Expe-
rimentelle Philosophie‹ berufen worden, der nach alter Tradition
immer dem führenden Astronomen der Universität zustand. Eine
Eddingtons Unvollendete 87

Zeit lang zählte Paul Dirac zu seinen Kollegen, der auf dem Lucas-
Lehrstuhl für Mathematik10 saß und 1933 mit nur 31 Jahren den
Nobelpreis für Physik erhalten hatte. Dirac sagte die Existenz von
Antimaterie voraus, fand die einleuchtendste Interpretation der
Quantenmechanik, deckte das Verhalten der Elektronen auf und
noch vieles mehr. Seine Arbeiten waren zutiefst mathematisch ge-
prägt und von ihm ohne die Mitarbeit von Kollegen oder einer For-
schungsgruppe durchgeführt worden, bestenfalls konnte er auf
Doktoranden zurückgreifen.
Eddington begann in dieser Umgebung, in der man nach neuen
Naturgesetzen und dem Verhalten der Elementarteilchen suchte,
mit einem Arbeitsprojekt, das eine Vielfalt von Reaktionen auslöste,
die von ehrfürchtiger Bewunderung bis zu offenem Spott der Kolle-
gen reichten. Sein Vorhaben war die Suche nach der ›Fundamenta-
len Theorie‹11, die nichts Geringeres als die grundlegendste Theorie
der Physik sein sollte, die man sich vorstellen kann: eine Theorie zur
Erklärung der Naturkonstanten und ihrer Größe.
Eddington war fest davon überzeugt, dass man die vollständige Be-
schreibung der materiellen Welt mit all ihren Naturgesetzen und -kon-
stanten allein durch die Anstrengung des Gedankens erreichen konnte.
Ein ziemlich ambitioniertes Vorhaben, damals noch mehr als heute:
Meine Schlussfolgerung ist, dass nicht nur die Naturgesetze, sondern auch
die Naturkonstanten von erkenntnistheoretischen Überlegungen abgeleitet
werden können, sodass wir a priori von ihnen Kenntnis haben können.12

Am liebsten sah sich Eddington als Astronom, der auf einem wolken-
umhüllten Planeten sitzt und durch bloßes Nachdenken die Exis-
tenz von Sternen im All voraussagt, die man noch nie zuvor gesehen
hatte. Natürlich wurde die Aufgabe durch Experimente und Beob-
achtungen erheblich vereinfacht, das war aber für Eddington schon
alles. Ohne Experimente wäre es für ihn zwar schwerer gewesen, sein
Ziel zu erreichen, aber nicht unmöglich.
Eddington konnte sein Programm nicht zu Ende führen. Er starb
1944 im Alter von nur 62 Jahren, und sein entscheidendes Buch
blieb unvollendet. In den Jahren vor seinem Tod hatte er in einer
Reihe von Artikeln und in ausgewählten Kapiteln seiner populärwis-
senschaftlichen Bücher die größeren Fortschritte beschrieben, die er
88 Das 1 × 1 des Universums

bei der Erklärung der Naturkonstanten gemacht hatte. Sein Inter-


esse richtete sich zunächst auf einzelne von ihnen, bevor er sich in
einem weiteren Schritt mit den komplexen Zusammenhängen einer
Gesamtdarstellung befasste, die letztlich die Größen aller Naturkon-
stanten exakt erklären sollte.

Fundamentalismus
Eddington versuchte zum ersten Mal 1923 in seiner berühmten Ma-
thematical Theory of Relativity, die dimensionslosen Zahlen zu erklä-
ren, die unser Universum bestimmen. Er nahm an, dass sich die Ei-
genschaften von Elementarteilchen wie dem Elektron aus den
lokalen Eigenschaften des Raums und
Es war in uralten Zeiten, als sich Daida- der Zeit ableiten, in denen sie sich be-
los und Ikaros Flügel bastelten, um dem finden. »Ein Elektron könnte also nie
Labyrinth zu entkommen, in dem sie ge- entscheiden, wie groß es sein müsste,
fangen waren. Daidalos flog in mittlerer
Höhe über den Ozean und landete sicher wenn es keine von ihm unabhängige
auf Ikaria. Der junge Ikaros hingegen Länge geben würde, die es mit sich
stieg in den Himmel hinauf der Sonne selbst vergleichen könnte.«14 Es muss
entgegen – bis das Wachs schmolz, demnach eine noch unbekannte Glei-
mit dem die Flügel zusammengehalten
chung existieren, die den Zusammen-
wurden. Sein Flug endete in einem
Desaster. Wenn man die Anstrengungen hang in folgender Form ausdrückt:
der beiden würdigen will, sollte man viel- »Der Radius eines Elektrons … ist
leicht etwas zu Gunsten von Ikaros vor- gleich einer numerischen Konstanten,
bringen. Die klassischen Berichte sagen multipliziert mit dem Krümmungsra-
uns, er habe nur ein halsbrecherisches
dius des raumzeitlichen Kontinu-
Kunststück vollbracht, ich meine aber,
dass ihm mehr gelungen war: Er hatte ums.«15
einen Konstruktionsfehler der damaligen Zu den Zahlen, denen Eddington
Flugapparate aufgedeckt. die größte Wichtigkeit beimaß, gehörte
Arthur S. Eddington13 die später ›Eddington-Zahl‹ genannte
Anzahl der Protonen im sichtbaren
Teil des Universums.16 Eddington be-
rechnete diese Zahl während eines Flugs über den Atlantik mit größ-
ter Präzision ›von Hand‹ und schloss seine Untersuchungen mit der
bemerkenswerten Behauptung, es gäbe 136 x 2256 = 15 747 724 136 275
Eddingtons Unvollendete 89

002 577 605653 961 181 555 468 044 717 914 527 116 709 366 231 425 076
185 631 031 296, also mehr als 1079 Protonen und die gleiche Anzahl
Elektronen im Universum.17 An dieser Riesenzahl faszinierte ihn
ganz besonders, dass es sich zweifellos um eine ganze Zahl handeln
musste und dass es daher im Prinzip möglich sein sollte, sie exakt zu
bestimmen.
In den 1920er Jahren, als Eddington seine ersten Versuche zur Er-
klärung der Naturkonstanten anstellte, kannte man weder die
schwache noch die starke Kraft besonders gut. Die einzigen physika-
lischen Konstanten, die man einigermaßen verlässlich interpretieren
konnte, waren die zur Beschreibung der Gravitation und der elektro-
magnetischen Kraft. Eddington verkettete die bekannten Konstan-
ten so, dass er drei dimensionslose Zahlen erhielt: das Verhältnis der
Masse von Proton und Elektron

(1) 1/β = mpr/mel ≈ 1840,

die Feinstrukturkonstante

(2) 1/α = ħc/e2 ≈ 137

und das Verhältnis der Gravitationskraft zur elektromagnetischen


Kraft zwischen einem Proton und einem Elektron

(3) e2/G mpr mel ≈ 1040

Zu diesen drei Größen fügte er noch seine kosmische Konstante


hinzu:

(4) NEdd ≈ 1080.

Diese vier Konstanten nannte er ›ultimate constants‹ oder Urkonstan-


ten.18 Die Erklärung ihrer Größe sollte für die theoretische Natur-
wissenschaft eine ihrer gewaltigsten Herausforderungen werden.
Sind diese vier Konstanten auf nichts anderes zurückführbar, oder werden
sich bei einer weiteren Vereinheitlichung der Physik einige von ihnen oder alle
als entbehrlich erweisen? Wäre es denkbar, dass sie einen anderen Wert hät-
ten, als sie wirklich haben? Ich will hier nicht an die metaphysische Frage
rühren, ob ein Weltall von der Art des unseren die einzige denkbare Art eines
90 Das 1 × 1 des Universums

Weltalls ist. Wenn wir die vorhandenen Hilfsmittel als gegeben ansehen, und
wenn wir ferner – um uns den Beweis zu ersparen – als gegeben ansehen, dass
die Zahl der Dimensionen in der Raum-Zeit-Welt auf vier festgelegt ist, so er-
hebt sich die Frage, ob die obigen Zahlenverhältnisse ebenso gut auch andere
Werte haben könnten, oder ob sie zwangsläufig sind. Im ersten Falle können
wir ihre Werte nur aus Messungen erfahren; im zweiten Falle muss es möglich
sein, sie aufgrund einer Theorie zu ermitteln. … Heute herrscht wohl im allge-
meinen die Meinung, dass die Konstanten … nicht beliebig sind, sondern dass
sich schließlich einmal eine theoretische Erklärung für sie finden wird, ob-
gleich gelegentlich auch die gegenteilige Meinung energisch vertreten wird.19

Eddington ging noch weiter und nahm an, dass die Zahl unerklärter
Konstanten ein hilfreiches Kriterium für die Größe der Lücke dar-
stellte, die noch geschlossen werden musste, bevor eine wirklich ver-
einheitlichte Theorie aller Naturkräfte gefunden war. Die Frage, ob
diese allgemeine, alles umfassende Theorie eine Konstante enthalten
würde oder keine, blieb noch offen:
Unser heutiger Wissensstand mit seinen vier Zahlenkonstanten anstelle einer
einzigen zeigt lediglich an, welches Maß an Vereinheitlichung der Theorie
noch zu bewältigen bleibt. Es ist möglich, dass die eine verbleibende Kon-
stante nicht beliebig ist, aber darüber weiß ich nichts.20

Eddington hoffte, eine Theorie zu finden, mit der die Makrowelt der
Astronomie und Kosmologie mit der subatomaren Mikrowelt der
Protonen und Elektronen verknüpft werden konnte. Seine ›Urkon-
stanten‹ sind in vieler Hinsicht ungewöhnlich. Zunächst hatte na-
türlich niemand eine Vorstellung, warum sie gerade diese Werte ha-
ben. Zweitens überdecken diese Werte eine ungeheuere Spanne. Das
Massenverhältnis von Proton und Elektron und die inverse Fein-
strukturkonstante sind nicht weit von 1 entfernt und könnten sich
möglicherweise als das Produkt kleiner ganzer Zahlen und Größen
wie π entpuppen. Etwas Derartiges erhoffte sich Eddington zumin-
dest. Die beiden anderen Zahlen seines Quartetts fallen nun aller-
dings völlig aus dem Rahmen: Sie sind ungeheuer groß. Das Auftau-
chen einer Größe wie 1040 in einer physikalischen Formel bedarf
einer besonderen Erklärung. Noch mehr aber irritiert, dass die Zahl
NEdd mit 1080 zwar noch weit grotesker ist, aber auch Hoffnungen
erweckt, weil sie das Quadrat der ersten Superzahl sein könnte. Das
kann doch kein Zufall sein?! Eddington hatte das Gefühl, dass
Eddingtons Unvollendete 91

schließlich, wenn nur noch eine Konstante übrig bliebe, die das Uni-
versum definiert, das letzte Geheimnis in diesen großen Zahlen lie-
gen müsste.21 Über die ›kosmische Zahl‹ NEdd, die größte und ge-
heimnisvollste der Zahlen, schrieb er:
Die kosmische Zahl liefert ein gutes Beispiel für solch einen Wechsel des
Standpunktes. Da man sie als die Anzahl der Teilchen im Universum betrach-
tete, wurde sie allgemein als spezielle Tatsache angesehen. Es wurde behaup-
tet, ein Universum könnte aus jeder beliebigen Anzahl von Teilchen angefer-
tigt werden; und soweit es die Physik angeht, müssten wir eben die Anzahl, die
unserem Universum zugemessen wurde, als einen Zufall gelten lassen oder als
Laune des Schöpfers. Die erkenntnistheoretische Untersuchung ändert je-
doch unsere Vorstellung von ihrer Natur. Ein Universum kann nicht mit einer
anderen Anzahl von Elementarteilchen gemacht werden, – im Einklang mit
dem Definitionsschema, durch welches die ›Anzahl der Teilchen‹ einem Sys-
tem in der Wellenmechanik zugeteilt ist. Wir dürfen sie daher nicht mehr als
eine spezielle Tatsache ansehen, die das Universum betrifft, sondern als eine
Hilfsgröße, die in den Naturgesetzen vorkommt und als solche ein Teil der
Naturgesetze ist.22

Es gäbe noch weit mehr über die ›großen‹ Zahlen zu sagen, denn sie
hatten auf die Entwicklung einer ganzen Anzahl kosmologischer
Theorien einen maßgeblichen Einfluss. Eddington verfügte über
keine Theorie, die sie alle hätte erklären können, arbeitete aber hart
an Theorien für die beiden kleineren Zahlen, die in der Gegend um
137 und 1 840 liegen und fast alle ›gröberen‹ Eigenschaften der
Atome und atomarer Strukturen bestimmen.
Wie ging Eddington nun vor? Ein Ansatz war, Lösungen für seine
Spezialgleichung

10 m2 – 136 mm0 + m02 = 0

zu finden, in der »m die Masse eines geladenen Teilchens und m0 die


Masseneinheit ist, die das Weltall als Vergleichsding liefert«23. Qua-
dratische Gleichungen dieser Art kennen wir aus der Schule. Sie ha-
ben immer zwei Lösungen, die in diesem Fall (136 ±√18 456)/20 =
(136 ±135,85286)/20 sind, also 13,5926 und 0,007357. Das Verhältnis
dieser beiden Lösungen ist 1 847,57 – eine Zahl, die erstaunlich nahe
am Massenverhältnis von Proton und Elektron lag, das zu Edding-
tons Zeit noch mit etwa 1 836 angegeben wurde. Das regte Eddington
92 Das 1 × 1 des Universums

dazu an, jede nur irgendwie denkbare Begründung für seine Glei-
chung zu suchen und kleine Veränderungen anzubringen, um die
verbliebenen ›Diskrepanzen‹ aufzulösen. Er nahm an, dass die Form
der Gleichung von der Zahl möglicher Kombinationen und Permuta-
tionen von Zahlen bestimmt wurde, die unsere vier Dimensionen des
Raums und der Zeit charakterisieren. Die Zahlen 1, 10 und 136, die in
der Gleichung vorkommen, sind aus der Tatsache ›abgeleitet‹, dass es
zur Beschreibung von Raum und Zeit 32+12 = 10 einfache Größen gibt
und auf der nächst komplizierteren Ebene 102+62 = 136. Zunächst
war Eddington davon ausgegangen, dass man mit der 136 die rezip-
roke Feinstrukturkonstante 1/α erklären könnte, tendierte dann aber
mehr und mehr zu der Ansicht, dass man diese Zahl mit 137/136
multiplizieren müsse, um auf 137 zu kommen. Seine Begründung
war reichlich mysteriös: Man müsse berücksichtigen, dass die effekti-
ven elektrischen Ladungen zweier Teilchen jeweils einen ›nichtunter-
scheidbaren‹ Aspekt haben: »Wir haben gesehen, dass es mit der
Nichtunterscheidbarkeit nichts Geheimnisvolles auf sich hat«.24
Diese Ansicht teilte allerdings fast niemand, und Eddingtons Be-
weisführung löste in wissenschaftlichen Kreisen neben Interesse
auch harsche Kritik aus: einmal wegen des verdächtigen Tricks mit
dem Faktor 137/136, der aus der 136 die plausiblere 137 machte,
zum anderen wegen der lästigen Tatsache, dass sich 1/α im Experi-
ment nicht als ganze Zahl erweisen wollte. Eddington schrieb sogar
für eine Londoner Zeitung einen Artikel, um seine reichlich esoteri-
sche Ableitung zu erklären. Es gab aber auch Forscher, die davon
ganz hingerissen waren und, wie Vladimir Fock, sogar holprige Lob-
gedichte verfassten:
Auch wenn, erschöpft und toll,
Wir’s wägen noch so fleißig,
Es bleibt für uns geheimnisvoll
Die Zahl einhundertsiebenunddreißig.
Doch Eddington, er sieht es klar,
Rügt heftig drum der Spötter Schar.
Es ist die Zahl, so wirft er ein,
Der Dimensionen unsrer Welt. Kann es denn sein?!25

Eddingtons Annäherung an die Riesenzahlen war nicht völlig obs-


kur. Sie war sicher spekulativ, aber immerhin konnten ihn wenigs-
Eddingtons Unvollendete 93

tens einige seiner Kollegen verstehen. Er hoffte, dass sich Größen wie
die Masse des Elektrons in irgendeiner Weise aus den statistischen
Fluktuationen aller Massen des Universums ergeben würden. Das
Ausmaß statistischer Fluktuationen in einer Menge von N Teilchen
ist typischerweise durch die Quadratwurzel von N gegeben. Man
könnte daraus schließen, dass das Verhältnis der Schwerkraft zur
elektromagnetischen Kraft zwischen einem Proton und einem Elek-
tron eine statistische Fluktuation darstellt, deren Ausmaß durch die
Quadratwurzel von NEdd bestimmt wird, also etwa 1040 beträgt.

Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung


Von skeptischeren Physikern seiner Zeit wurde Eddingtons Vorge-
hen gnadenlos verspottet. Ein besonders raffiniertes Beispiel stellt
ein Beitrag der Physiker Guido Beck, Hans Bethe und Wolfgang
Riezler dar, denen es gelang, Arnold Berliner, den gestrengen Her-
ausgeber der Naturwissenschaften zum Narren zu halten. Sie brachten
ihn dazu, 1931 den folgenden Text abzudrucken:
Wir betrachten ein hexagonales Kristallgitter. Der absolute Nullpunkt dessel-
ben ist dadurch charakterisiert, dass alle Freiheitsgrade des Systems einfrie-
ren, d. h. dass alle inneren Bewegungen des Gitters aufhören. Ausgenommen
ist dabei natürlich die Bewegung eines Elektrons auf seiner Bohrschen Bahn.
Jedes Elektron besitzt aber nach Eddington 1/α Freiheitsgrade, wo α die Som-
merfeldsche Feinstrukturkonstante ist. Außer den Elektronen enthält unser
Kristall nur noch Protonen, für welche offenbar die Anzahl der Freiheitsgrade
dieselbe ist, da nach Dirac ein Proton als Loch im Elektronengas angesehen
werden kann. Um also zum absoluten Nullpunkt zu gelangen, müssen wir ei-
ner Substanz pro Neutron (= 1 Elektron + 1 Proton; unser Kristall soll ja im
ganzen elektrisch neutral sein) 2/α – 1 Freiheitsgrade entziehen, da ja ein Frei-
heitsgrad wegen der Umlaufbewegung bestehen bleibt. Wir erhalten daher für
die Nullpunktstemperatur T0 = – (2/α – 1) Grade. Setzen wir T0 = –273°, so
gewinnen wir für 1/α den Wert 137, welcher mit dem auf einem gänzlich un-
abhängigen Wege gewonnenen Werte innerhalb der Fehlergrenzen vollkom-
men übereinstimmt. Man überzeugt sich leicht, dass unser Resultat unabhän-
gig von der speziellen Wahl der Kristallstruktur ist.
Cambridge, den 10. Dezember 1930.26
94 Das 1 × 1 des Universums

Diese kleine Notiz erschien einigen Lesern so überzeugend, dass


Riezler gebeten wurde, die Ergebnisse der Forschungsarbeiten im
wöchentlichen Seminar Sommerfelds27 in München vorzutragen.
Eddington hingegen fand das Ganze gar nicht lustig – so wenig wie
der Herausgeber der angesehenen Zeitschrift, als er erkannte, dass er
sich blamiert hatte. Er gestand den ›Irrtum‹ ein und veröffentlichte
am 6. März eine Gegendarstellung:
Die Zuschrift der Herren G. Beck, H. Bethe und W. Riezler im zweiten Heft
dieses Jahrgangs war nicht ernst gemeint. Sie sollte eine gewisse Klasse von
theoretisch-physikalischen Arbeiten der letzten Zeit treffen, die lediglich spe-
kulativen Charakter und nur zufällige Zahlenübereinstimmungen zur
Grundlage haben. In einem an den Unterzeichneten gerichteten Schreiben
bedauern die Herren, dass die Formulierung, die sie diesem Gedanken gege-
ben haben, geeignet war, Missverständnisse aufkommen zu lassen.
Der Herausgeber.28

Gamow, der immer für einen gelungenen Scherz zu haben war,


wollte es damit nicht genug sein lassen. Er, Léon Rosenfeld und
Wolfgang Pauli schrieben von verschiedenen europäischen Adressen
aus getrennte Briefe an Arnold Berliner, in denen sie dagegen protes-
tierten, dass sein Journal schon wieder einen jener ›skandalösen‹
Witzbeiträge abgedruckt hatte. Sie prangerten einen semi-numero-
logischen Artikel über kosmische Strahlung an, der von einem ar-
men, nichts ahnenden Autor29 verfasst worden war, und forderten
den Herausgeber auf, sich sofort von diesem Machwerk zu distanzie-
ren, um das Niveau der Zeitschrift aufrechtzuerhalten.
Hier eine weitere Spottschrift, diesmal aus Max Borns Vorlesun-
gen aus dem Jahr 1944:
Eddington setzt die dimensionslosen physikalischen Konstanten zur Zahl n
der Dimensionen seiner E-Räume in Beziehung; seine Theorie führt auf die
Funktion f(n) = 1/2 n² (n² + 1), die für die aufeinanderfolgenden geraden
Zahlen n = 2, 4, 6, … die Werte 10, 136, 666, … annimmt.
Das sind in der Tat apokalyptische Zahlen. Man hat vorgeschlagen, dass
einige wohlbekannte Zeilen aus der Offenbarung des Johannes auf diese
Weise neugefasst werden sollten: »Und ich sah ein Untier aus dem Meer stei-
gen, das hatte f(2) Hörner … und seine Zahl ist f(6) …«. Aber man kann darü-
ber streiten, ob das Symbol x in » … und es ward ihm Macht gegeben, dass es
mit ihm währte x Monate lang …« als 1 x f(3) – 3 x f(1) oder als 1/3 [f(4) – f(2)]
gedeutet werden muss.30
Eddingtons Unvollendete 95

Einen Hinweis auf die Schwierigkeiten, die viele damit hatten, Ed-
dingtons Arbeiten über die Naturkonstanten mit seinen gewichtigen
Beiträgen zur Allgemeinen Relativitätstheorie und zur Astrophysik
in Einklang zu bringen, finden wir in einer Anekdote über die Physi-
ker Sam Goudsmit und Hendrik Kramers:
Der große Arthur Eddington hielt einen Vortrag über seine angebliche Ablei-
tung der Feinstrukturkonstante aus einer fundamentalen Theorie. Goudsmit
und Kramers waren unter den Zuhörern. Goudsmit verstand zwar nur wenig,
nahm aber an, dass es an den Haaren herbeigezogener Unsinn war. Kramers
verstand ziemlich viel und bezeichnete es als totalen Unsinn. Nach der Dis-
kussion ging Goudsmit zu seinem Freund und Mentor Kramers und fragte
ihn: »Verfallen alle Physiker auf so verrückte Ideen, wenn sie alt werden? Das
macht mir Angst!« Kramers antwortete: »Nein Sam, Du brauchst keine Angst
zu haben. Ein Genie wie Eddington mag vielleicht verrückt werden, aber ein
Kerl wie Du wird nur immer dümmer.«31

Das Interessanteste an Eddingtons Versuchen, die Naturkonstanten


durch algebraische und numerische Kunststücke zu erklären, ist der
weitreichende Einfluss, den sie auf die Leser seiner populärwissen-
schaftlichen Bücher hatten. Gern beschrieb er seine neuen ›Berech-
nungen‹ der Naturkonstanten und vermittelte damit den überwälti-
genden Eindruck, dass es allein durch geistreiche Ratespiele und ein
wenig Zahlenzauber möglich sein könnte, eines der am tiefsten ver-
borgenen Geheimnisse des Universums aufzudecken. Mit Lösungen
einiger Gleichungen, die nahe 137 oder 1 840 lagen, war man als Ri-
vale Einsteins gut im Geschäft. Man musste sich nicht um Experi-
mente und Beobachtungen scheren und keine Vorhersagen von
Größen wagen, die bisher unbekannt waren. Das ganze Spiel be-
stand darin, Zahlen miteinander zu verknüpfen.
Eddingtons Bestseller finden auch heute noch, nach mehr als 70 Jah-
ren, Leser. Ich glaube, dass Eddingtons Forschungen und ihre breite Po-
pularisierung in seinen Büchern eine ganze Generation von Amateurfor-
schern angeregt hat, die numerischen Erklärungen der Naturkonstanten
zu finden. Jede Woche bekomme ich Briefe mit Rechnungen ganz im Stil
Eddingtons und seines Ansatzes, die Natur zu erklären. Sie sind durch
äußerst detaillierte numerische Akrobatik gekennzeichnet, die Beschrän-
kung auf eine nur kleine Zahl von Naturkonstanten und den Unwillen,
irgend etwas Neues vorauszusagen, das man überprüfen könnte.
96 Das 1 × 1 des Universums

Um die Bedeutung von Zahlenkombinationen wie den oben ge-


nannten zur Berechnung der Feinstrukturkonstante zu beurteilen,
müssen wir eine einfache Frage stellen: Wie wahrscheinlich ist es,
dass diese eindrucksvoll erscheinenden Formeln bloßer Zufall sind?
Wenn wir ein paar auffällige Zahlen wie 2, 3 oder π nehmen und sie
einige Male untereinander multiplizieren und potenzieren, wie
wahrscheinlich ist es dann, eine Zahl zu erhalten, die mit einer Na-
turkonstanten gut übereinstimmt? Leider muss man den Numero-
logen entgegenhalten, dass ihre ›erfolgreichen‹ Formeln überhaupt
keine Überraschung darstellen.32 Man ist von diesen Zahlenformeln
so beeindruckt, weil man nur schwer nachvollziehen kann, wie viel
mühseliges Herumprobieren in ihnen steckt und wie groß die Zahl
der Möglichkeiten ist, auf andere Weise zu gleich guten Überein-
stimmungen zu kommen. Man kann beispielsweise mit ein wenig
Mühe eine Formel finden, auf die jeder Pythagoräer stolz gewesen
wäre, der man aber besser keine apokalyptische Dimension zumes-
sen sollte:33

666 + 6 + 6 + 6 = (6 – 6/6)(6+6+6)/6 + 6(6+6+6)/6 + (6 + 6/6)(6+6+6)/6

Eddingtons ausgefeilte Versuche, die Größe der Naturkonstanten zu


erklären, haben keinen erfolgversprechenden Weg eröffnet, aber
neue Möglichkeiten und Blickwinkel aufgezeigt. Sie haben dazu ge-
führt, dass die Physiker ihr Ziel höher steckten und eine neue Front
der Forschung eröffnet wurde. Eddingtons ständiger Rivale James
Jeans erfasste auf perfekte Weise die Bedeutung der offenen Pro-
bleme, als er 1947 in seinem Buch The Growth of Physical Science über
Eddingtons erfolglose Suche nach einer fundamentalen Theorie
schrieb:
Wenige, wenn überhaupt welche, von Eddingtons Kollegen bekannten sich zu
der Gesamtheit seiner Ansichten, und nur ganz wenige, wenn überhaupt wel-
che, behaupteten, sie zu verstehen. Seine allgemeinen Gedankengänge aber
erscheinen an sich nicht unvernünftig, und sehr wahrscheinlich wird eine der-
art große Zusammenfassung eines Tages das Wesen der Welt erklären, in der
wir leben, auch wenn die Zeit dazu jetzt noch nicht gekommen sein mag.34

Eddingtons Versuche, eine vereinheitlichte Erklärung der Naturkon-


stanten zu finden, fand nur wenige Anhänger. Die großen Physiker
Eddingtons Unvollendete 97

seiner Zeit – Dirac, Einstein, Bohr und Born – hielten sie für nutzlos
und räumten höflich ein, dass sie sie nicht verstehen könnten. Ed-
dington war über die Reaktionen enttäuscht und konnte nicht be-
greifen, warum die anderen die Dinge nicht so sahen wie er. 1944
beklagte er sich gegenüber seinem Freund Herbert Dingle:
Ich versuche ständig herauszufinden, warum die Leute mein Vorgehen schwer
verständlich finden. Aber ich möchte darauf hinweisen, dass sogar Einstein
für schwer verständlich gehalten wurde, und dass es Hunderte von Leuten für
notwendig hielten, ihm das zu erklären.35 Ich kann nicht ernsthaft glauben,
dass ich jemals die Unverständlichkeit eines Dirac erreichen werde. Aber im
Fall von Einstein und Dirac haben es die Leute für Wert gehalten, alles Dunkle
aufzudecken. Ich glaube, dass sie auch mich richtig verstehen, wenn ihnen
klar wird, dass sie es versuchen müssen – und wenn es einmal Mode wird, Ed-
dington ›zu erklären‹.36

Der Tag sollte nie kommen!


Kapitel 6
Das Geheimnis der Superzahlen
… ist doch Geschichte die Wissenschaft von dem,
was sich nicht wiederholt.
Paul Valéry1

Geisterzahlen
Das größte Geheimnis, das die Naturkonstanten umgibt, besteht
ohne Zweifel darin, dass in allen möglichen Bereichen Superzahlen
auftauchen, deren Größe (oder Winzigkeit) jede Vorstellung über-
schreitet. Die Eddington-Zahl, die wir schon kennengelernt haben,
ist dafür ein herausragendes Beispiel. Sie gibt die Gesamtzahl der
Protonen im sichtbaren Teil des Universums mit nahezu 1080 an.
Wenn wir nun nach dem Stärkeverhältnis der elektromagnetischen
Kraft und der Schwerkraft zwischen einem Proton und einem Elek-
tron fragen, so finden wir mit 1040 wieder eine Riesenzahl (die im
Übrigen ganz unabhängig vom Abstand der Teilchen ist, da beide
Kräfte umgekehrt proportional zum Quadrat des Abstands abfal-
len). Das erweckt in uns ein unbehagliches Gefühl, ist es doch schon
seltsam genug, wenn die Größe einer dimensionslosen Naturkon-
stante 100 überschreitet: 1040 oder 1080, das Quadrat dieser Zahl,
sind einfach bizarre Größen.2 Dabei ist das noch nicht einmal alles:
Wenn wir nach Planck die gesamte ›Wirkung‹3 des sichtbaren Uni-
versums in Einheiten des Planckschen Wirkungsquantums h ange-
ben, erhalten wir gar 10120!
Eddington wollte die Zahl der Protonen im Universum mit einer
Größe in Bezug setzen, die als kosmologische Konstante4 bekannt
ist. Diese Konstante hat lange Zeit ein eher stilles Dasein gefristet
und wurde nur manchmal aus der Versenkung geholt, wenn die Kos-
mologen nach einer theoretischen Erklärung für Beobachtungen
suchten, die nicht ins vertraute Bild passten. In letzter Zeit gewann
Das Geheimnis der Superzahlen 99

die kosmologische Konstante erneut an Aktualität: Bei Beobachtun-


gen von nie gesehener Reichweite und Genauigkeit, wie sie durch das
Hubble-Weltraumteleskop in Kombination mit empfindlichen Tele-
skopen auf der Erde möglich wurden, hatte man in weit entfernten
Galaxien Supernovae entdeckt. Ihr
Aufleuchten und Verblassen verläuft Wir reden zwar viel über merkwürdige
nach einem charakteristischen Muster, Zufälle, glauben aber nicht wirklich an
das erlaubt, aus der beobachteten Hel- sie. In unserem tiefsten Herzen haben wir
eine bessere Meinung vom Universum
ligkeit auf ihre Entfernung zu schlie- und sind insgeheim davon überzeugt,
ßen. Das Ergebnis ließ aufhorchen: Die dass es kein schludriges, wahlloses Zu-
Lichtquellen entfernen sich von uns sammenspiel ist, wenn alles in ihm
mit einer weit höheren Geschwindig- einen Sinn ergibt.
keit, als man je angenommen hatte. John Boynton Priestley
Die Expansion des Universums scheint
sich also zu beschleunigen, während
man bisher davon ausgegangen war, dass sie abgebremst wird. Aus
dieser Beobachtung folgt, dass die kosmologische Konstante positiv
sein muss. Ihre Größe beträgt allerdings nur 10-121, wenn wir sie mit
dem Quadrat der Planck-Länge normieren. Nie zuvor war in physi-
kalischen Zusammenhängen eine derart kleine Zahl vorgekommen!
Was können wir mit diesen riesig großen oder winzig kleinen Zah-
len anfangen? Gibt es im Umkreis von 1040 oder ähnlicher Zahlen-
monster etwas kosmologisch Signifikantes?

Eine kühne Hypothese


Die Superzahlen lösten seit ihrer Entdeckung durch Hermann Weyl
im Jahr 1919 Verwunderung aus. Eddington hatte versucht, eine
Theorie zu konstruieren, die ihre Existenz erklären sollte. Es war ihm
jedoch nicht gelungen, die Mehrzahl der Kosmologen davon zu
überzeugen, dass er auf der richtigen Spur war. Immerhin konnte er
plausibel machen, dass es da etwas gab, was nach einer Erklärung
verlangte. Überraschenderweise war es gerade sein berühmter Nach-
bar in Cambridge, der mit einem Brief an den Herausgeber von Na-
ture5 das Interesse an dem Problem anfachte und einen Lösungsweg
100 Das 1 × 1 des Universums

vorschlug, der auch heute noch diskutiert wird. Über Diracs einfa-
ches und ganz von der Logik bestimmtes Leben gibt es unzählige
Anekdoten, zu denen recht schön die Geschichte passt, er habe den
überraschenden Ausflug ins Reich der großen Zahlen just in seinen
Flitterwochen unternommen.
Dirac war von Eddingtons numerologischer Argumentation be-
züglich der Naturkonstanten wenig überzeugt und hielt sie für
»nicht immer exakt«. Er vermutete, dass insbesondere die riesigen
dimensionslosen Zahlen (wie 1039 oder 1078) »so enorm sind, dass
man für sie eine völlig andere Erklärung benötigt«6 und sie aller
Wahrscheinlichkeit nach keine unabhängigen Größen sind. Dem-
nach muss es also eine noch nicht entdeckte mathematische Formel
geben, die diese Größen mit anderen verbindet. Ihr Auftreten wäre
demnach keine Koinzidenz, sondern vielmehr die Konsequenz noch
unbekannter Zusammenhänge. Diracs Hypothese sah so aus: Paare
der ungeheuer großen, dimensionslosen Zahlen, die in der Natur
vorkommen, sind jeweils über einen einfachen mathematischen Zu-
sammenhang miteinander verbunden, dessen Koeffizient von der
Größenordnung 1 ist.7
Die drei großen Zahlen, die Dirac zu dieser kühnen Hypothese
veranlassten, knüpfen an Eddingtons Arbeiten an:

N1 = Größe des sichtbaren Universums / Elektronenradius = ct / (e2/


melc2) ≈ 1040
N2 = Verhältnis der elektromagnetischen Kraft zur Schwerkraft
zwischen Elektron und Proton = e2 / (Gmelmpr) ≈ 1040
N = Zahl der Protonen im sichtbaren Universum = c3t / (Gmpr) ≈ 1080

In diesen Definitionen ist t das gegenwärtige Alter des Universums,


me die Masse eines Elektrons, mpr die Masse eines Protons, G die Gra-
vitationskonstante, c die Lichtgeschwindigkeit und e die Elementar-
ladung.
Nach Diracs Hypothese sind die Zahlen N1, N2 und √N bis auf ei-
nen kleinen numerischen Faktor der Größenordnung 1 wirklich
gleich. Daraus schloss er, es müsse Naturgesetze geben, die sich in
Gleichungen der Art N1 = N2 oder vielleicht N1 = 2N2 ausdrücken.
Ein Faktor wie 2 oder 3, der sich nicht allzu sehr von 1 unterscheidet,
Das Geheimnis der Superzahlen 101

ist zulässig, da er weitaus kleiner ist als die Zahlen in der Gleichung
selbst. Die Hypothese sagt uns allerdings nur, warum N1, N2 und √N
von gleicher Größenordnung sind, aber nicht, warum diese heute
gerade 1040 beträgt.
Dirac war nicht der Erste, der eine solche Hypothese von der
Gleichheit der großen Zahlen aufgestellt hat. Eddington und andere
hatten bereits solche Beziehungen notiert, aber Eddington hatte
zwischen der Zahl der Teilchen im sichtbaren Universum und der im
gesamten Universum, die unendlich sein könnte, keinen Unterschied
gemacht. Radikal neu an Diracs Hypothese war, dass sie von uns
verlangt zu glauben, die Naturkonstanten eines ›traditionellen‹ En-
sembles würden sich mit dem Altern des Universums ändern:

N1 ≈ N2 ≈ √N ~ t

Aus dieser Beziehung folgt, dass die gewaltige Größe der Superzah-
len eine Alterserscheinung des Universums darstellt: Alle drei wach-
sen mit den Jahren an.8
Aus Diracs Definitionen der großen Zahlen kann man ableiten,
dass auch eine bestimmte Kombination von drei der altbekannten
Naturkonstanten e, G und mpr zeitabhängig ist. Es gilt:

e2/Gmpr ~ t

Um diese Forderung zu erfüllen, war Diracs Wahl auf die Gravitati-


onskonstante gefallen: Sie sollte nicht mehr konstant sein, sondern
proportional zum Alter des Universums abnehmen, sodass:

G ~ 1/t

ist. Das bedeutet, dass in der Vergangenheit G größer war und dass
es in der Zukunft kleiner sein wird als heute. Diracs Vorschlag verur-
sachte unter einigen Kollegen ziemliche Aufregung, lautstarken
Protest und heiße Debatten, die mit allem Für und Wider in Leser-
briefen an Nature ausgetragen wurden.9 Dirac reagierte wie gewohnt
zurückhaltend. Mit seiner Begründung, warum die Superzahlen für
das Verständnis des Universums notwendig seien, lehnte er sich sehr
an Eddington an. Seine Überlegungen spiegelten die Grundgedan-
ken von dessen unvollendeter ›fundamentalen‹ Theorie wider:
102 Das 1 × 1 des Universums

Könnte es nicht sein, dass alle gegenwärtigen Ereignisse mit den Eigenschaf-
ten dieser großen Zahl 1040 korrespondieren und, noch allgemeiner, dass die
gesamte Geschichte des Universums mit den Eigenschaften des ganzen En-
sembles der Naturkonstanten korrespondiert? … Es ist daher möglich, dass
sich der alte Traum der Philosophen, die gesamte Natur mit den Eigenschaf-
ten der ganzen Zahlen zu verbinden, eines Tages erfüllen wird.10

Diracs Ansatz besitzt zwei hervorstechende Merkmale. Erstens ver-


sucht er zu zeigen, dass alles, was man zuvor als Koinzidenzen oder
Zufälle eingeordnet hatte, die Folge tieferer Zusammenhänge ist, die
man nur noch nicht erkannt hat. Zweitens opfert er die Konstanz der
ältesten bekannten Naturkonstante. Diracs Hypothese überdauerte
nur kurze Zeit. Vor allem die angenommene Änderung von G erwies
sich als allzu dramatisch. Wenn in der Vergangenheit die Schwerkraft
so viel stärker gewesen war, müsste man auch von einer anderen Ener-
gieausstrahlung der Sonne ausgehen, und auf der Erde hätten weit
höhere Temperaturen geherrscht, als man bisher angenommen hatte.
Die Helligkeit der Sonne ist proportional zu G7, der Radius der Um-
laufbahn der Erde um die Sonne ist proportional zu G-1, damit ist die
mittlere Temperatur an der Erdoberfläche proportional zu G9/4 und
t-9/4.11 Wie der amerikanische Physiker Edward Teller 1948 zeigen
konnte, hätten in der Zeit vor 200–300 Millionen Jahren die Ozeane
gekocht und es hätte keine Form von Leben, wie wir es heute kennen,
entstehen können.12 Die bisherigen geologischen Forschungsergeb-
nisse zeigen jedoch, dass auf der Erde schon mindestens 500 Millionen
Jahre lang Leben existiert. Teller, ein ungarischer Emigrant, war ein
höchst engagierter Physiker, der bei der Entwicklung der Wasserstoff-
bombe eine wichtige Rolle spielte. Zusammen mit Stan Ulam hatte er
in Los Alamos die zündende Idee (ähnlich Andrej Sacharow in der So-
wjetunion), wie man eine Wasserstoffbombe zur Detonation bringen
konnte. Teller spielte später beim Prozess gegen Robert Oppenheimer
eine höchst umstrittene Rolle und gehörte während des Kalten Krie-
ges zu den schärfsten Falken. Er war das Vorbild für jenen Dr. Seltsam,
der in dem Film Dr. Seltsam, oder wie ich lernte, die Bombe zu lieben so un-
vergleichlich eindrucksvoll von Peter Sellers verkörpert wird. Teller
(1908-2003) war auch in den letzten Jahren vor seinem Tod in den
USA noch ein einflussreicher Berater, wenn es um Militärtechnik, den
Krieg der Sterne und Fragen der Energieversorgung ging.
Das Geheimnis der Superzahlen 103

Gamow war ein guter Freund Tellers und reagierte auf das Pro-
blem des kochenden Ozeans mit dem Vorschlag, diesen Effekt abzu-
mildern, indem in Diracs Beziehung

e2/Gmpr ~ t

nicht G, sondern die Elementarladung e variieren sollte. Eine Ände-


rung von e hat auf die Umlaufbahn der Erde um die Sonne keinen
Einfluss: Die Helligkeit der Sonne ist proportional zu e-6, damit ist
die Durchschnittstemperatur der Erdoberfläche proportional zu t-3/4
und die Zeit der kochenden Ozeane ist so weit in die Vergangenheit
verschoben, dass sie für die biologische Geschichte unseres Planeten
kein Problem darstellt.13
Aber auch dieser neue Ansatz Gamows hielt sich nur kurze Zeit.
Nach ihm hätten zwar die Ozeane nicht zur Unzeit gekocht, es hät-
ten sich aber andere völlig unannehmbare Konsequenzen für das
Leben auf der Erde ergeben: Die Sonne hätte schon längst ihren
Kernbrennstoff verbraucht und würde heute nicht mehr scheinen,
ja, bei einem allzu kleinen Wert von e in der Vergangenheit hätte sich
ein Stern wie die Sonne überhaupt nicht bilden können.
Gamow führte mit Dirac über die Abwandlung seiner Hypothese
eines variablen G etliche Diskussionen. Es gibt eine interessante Er-
widerung Diracs auf Gamows Idee, die Ladung des Elektrons zu
verändern und damit eine variable Feinstrukturkonstante zuzulas-
sen. Dirac bezog sich zweifellos auf Eddingtons frühe Vermutung,
dass die Feinstrukturkonstante eine rationale Zahl sei, und schrieb
1961 Gamow über die kosmologischen Konsequenzen, die ihre Vari-
ation proportional zum Logarithmus des Alters der Welt hätte:
Es ist schwer, für die frühesten Stadien unseres Universums irgendwelche ge-
sicherte Theorien aufzustellen, da wir nicht wissen ob hc/e2 eine Konstante ist
oder sich proportional zu log t ändert. Ist hc/e2 eine ganze Zahl, muss es eine
Konstante sein. Die Experimentatoren sagen uns aber, dass es keine ganze
Zahl ist, daher könnte es auch gut variieren. Wenn es aber variiert, wäre die
Chemie in den Frühstadien des Universums völlig verschieden von der heuti-
gen gewesen, und auch die Radioaktivität wäre davon beeinflusst worden. Als
ich anfing, mich mit der Gravitation zu befassen, hoffte ich, eine Verbindung
zwischen ihr und den Neutrinos zu finden, hatte aber keinen Erfolg damit.14
104 Das 1 × 1 des Universums

So ohne weiteres war Dirac nicht bereit, ein variables e als Lösung
des Rätsels der großen Zahlen zu akzeptieren. Seine wichtigsten wis-
senschaftlichen Arbeiten waren dem Verständnis der Atomstruktur
und dem Verhalten des Elektrons gewidmet und stützten sich auch
auf die von allen anderen geteilte Annahme, dass e wirklich überall
und zu allen Zeiten eine Konstante war und ist. Auch Gamow gab
seine Theorie eines veränderlichen e bald auf und kam zu dem
Schluss: »Der Wert von e stand in den letzten 6 Milliarden Jahren15
so fest wie der Felsen von Gibraltar!«16
Diracs Hypothese erregte weltweite Aufmerksamkeit – auch bei
Wissenschaftlern in Bereichen, wo man es nicht erwartet hätte. Alan
Turing, ein Pionier der Kryptographie und der Theorie von Rechenma-
schinen, war von der Idee einer variablen Schwerkraft fasziniert und
spielte mit dem Gedanken, die Theorie an Fossilien zu überprüfen. Ein
Paläontologe könnte vielleicht aus den Fußabdrücken eines ausgestor-
benen Tieres abschätzen, ob es so schwer war, wie angenommen.17
Auch der große Biologe John Haldane interessierte sich für die
möglichen biologischen Konsequenzen kosmologischer Theorien,
nach denen sich die altbewährten ›Konstanten‹ im Laufe der Zeit
veränderten oder sich Gravitationsprozesse nach einer anderen kos-
mischen Uhr abspielten als atomare Prozesse.18 Solche Universen mit
zwei Uhren hattte Edward Milne vorgeschlagen. Sie waren die ersten,
in denen G nicht konstant war. Prozesse wie der radioaktive Zerfall
oder der Zeitablauf molekularer Reaktionen könnten demnach be-
züglich der einen Zeitskala konstant sein, gegenüber der anderen
aber deutlich variieren. Das Ergebnis wäre ein Szenario, in dem eine
Biochemie, die Leben ermöglicht, erst in einem bestimmten kosmi-
schen Alter möglich wäre. Auch einige Merkwürdigkeiten der Geolo-
gie des Präkambrium könnten in ähnlicher Weise durch Änderungen
der Materieeigenschaften erklärt werden. Milnes imaginäres Szena-
rio unterscheidet sich wenig vom »Modell intermittierender Gleich-
gewichtszustände«19, demzufolge die Evolution sprunghaft verläuft:
Perioden mit rasanter Entwicklung unterbrechen endlose Zeiten mit
nur langsamen Veränderungen.
All diese Reaktionen auf die Ideen Eddingtons und Diracs gehen
davon aus, dass die Naturkonstanten eine bedeutende kosmologi-
sche Rolle spielen und dass es zwischen der Struktur des Universums
Das Geheimnis der Superzahlen 105

als Ganzem und den lokalen Verhältnissen in ihm, die zur Entste-
hung und Aufrechterhaltung von Leben nötig sind, eine Verbindung
gibt. Sind die Konstanten variabel, haben die astronomischen Theo-
rien auch gewaltige Konsequenzen für die Geologie, die Biologie und
alles, was Leben ausmacht.

Von den kommenden Dingen


Das vorläufige Erbe jener Frühzeit der Beschäftigung mit den Super-
zahlen und Naturkonstanten war die Erkenntnis, dass sich mögli-
cherweise einige der altbekannten Konstanten im Verlauf der Milliar-
den Jahre kosmischer Geschichte langsam verändert haben könnten.
Wie wir gesehen haben, gab es Bestrebungen, mit einem variablen G
Einsteins Allgemeine Relativitätstheorie zu erweitern. Aus Newtons
Gravitationskonstante wird dann eine Art Temperatur, die von Ort zu
Ort verschieden sein kann und sich im Verlauf der Zeit ändert. Zum
Glück gibt es dafür mehr Einschränkungen, als man zunächst vermu-
ten würde. Setzt man voraus, dass durch die Änderungen von G weder
das Prinzip von Ursache und Wirkung noch der Energieerhaltungs-
satz verletzt wird und keine Signale mit einer Geschwindigkeit größer
als c verbreitet werden, dann gibt es nur eine Form der Theorie, mit
der die Rechnung aufgeht. Teile dieser Theorie wurden von verschie-
denen Wissenschaftlern gefunden, aber die einfachste und zugleich
vollständigste Fassung hat der amerikanische Physiker Robert Dicke
mit seinem Assistenten Carl Brans im Jahr 1961 formuliert.
Dicke war ein außergewöhnlicher Physiker, der gleichermaßen in
der Mathematik wie in der Experimentalphysik zu Hause war. Er
vermochte die kompliziertesten astronomischen Daten aus dem
Wust der Messungen herauszufiltern und entwarf ausgeklügelte
Messinstrumente. Kurz: Seine wissenschaftlichen Interessen gingen
so weit, wie man es sich nur vorstellen kann. Er erkannte, dass man
die Idee einer variablen ›Konstante‹ der Gravitation auf vielfältige
Weise testen kann, wobei Daten aus der Geologie, der Paläontologie,
der Astronomie und aus Laborexperimenten einbezogen werden soll-
ten. Dicke war aber nicht nur von dem Gedanken besessen, die Su-
106 Das 1 × 1 des Universums

perzahlen zu erklären. In der Mitte der 1960er Jahre gab es noch ein
weiteres Motiv für eine Erweiterung von Einsteins Gravitationstheo-
rie durch ein variables G. Wie schon erwähnt sah es eine Zeit lang so
aus, als würden die von Einstein vorhergesagten Schwankungen der
Bahnparameter des Planeten Merkur nicht mit den Beobachtungen
übereinstimmen, wenn man die kleinen Abweichungen der Sonne
von einer sphärischen Gestalt in die Rechnungen mit einbezog.
Doch Dicke zeigte, dass man die Diskrepanz zwischen Theorie
und Beobachtungen beseitigen kann, wenn man eine bestimmte Än-
derungsrate von G vorgibt. Leider stellte sich Jahre später heraus,
dass man einem Phantom nachgejagt war, denn die Ursache lag in
Messungenauigkeiten bei der Untersuchung der Sonnenform. Diese
ist sehr schwer mit der nötigen Genauigkeit zu bestimmen, weil auf
der Sonnenoberfläche turbulente Prozesse ablaufen und die exakten
Ausmaße des Feuerballs verdecken. Nachdem man dieses Problem
1977 gelöst hatte, erwies sich ein variables G als überflüssig, um The-
orie und Beobachtung in Einklang zu bringen.20
Als Dicke 1957 damit begann, Theorien mit variablem G zu entwi-
ckeln, veröffentlichte er einen größeren Artikel, in dem er die geo-
physikalischen, paläologischen und astronomischen Anzeichen für
Variationen der ›klassischen‹ physikalischen Konstanten beschrieb.
Interessanterweise hat die Aufgabe, Eddingtons und Diracs große
Zahlen zu erklären, auch einen biologischen Aspekt:

Das Problem der gewaltigen Größe dieser Zahlen steht nun vor der Lösung. …
Es gibt eine einzige dimensionslose große Zahl, die statistischen Ursprungs
ist: die Anzahl der Teilchen im Universum. Das ›heutige‹ Alter des Univer-
sums ist kein Zufall, es ist vielmehr durch biologische Faktoren bestimmt, …
[weil Änderungen im Wert der großen Zahlen] die Existenz von Menschen, die
sich mit dem Problem befassen könnten, ausschließen würden.21

Vier Jahre später arbeitete Dicke diesen Ansatz im Einzelnen aus,


wobei er sich insbesondere auf Diracs Koinzidenzen von großen
Zahlen bezog.22 Dicke führte an, dass biochemische Lebensformen
wie der Mensch ihre chemische Grundlage Elementen wie Kohlen-
stoff, Stickstoff, Sauerstoff und Phosphor verdanken, die erst nach
Milliarden von Jahren der Entwicklung eines Sterns der Hauptreihe
entstehen.23 Wenn diese Sterne sterben, werden die besagten ›schwe-
Das Geheimnis der Superzahlen 107

ren‹ biologisch relevanten Elemente von Supernovae in den Raum


geschleudert, wo sie sich zu Brocken, Planetesimalen und Planeten
zusammenfügen, Teil von ›klugen‹ Molekülen wie der DNS werden,
die sich selbst vervielfältigen können, und schließlich Bestandteile
von uns Menschen (und Physikern, wie Dicke ironisch ergänzte).
Beobachter dieser Entwicklung können nicht entstehen, bevor nicht
ungefähr die Zeit vergangen ist, in der ein Hauptreihenstern seinen
Wasserstoff verbrannt hat. Andererseits ist es schwer für sie, zu über-
leben, wenn die Sterne ausgebrannt sind. Diese Zeit tStern wird durch
fundamentale Naturkonstanten bestimmt und hat die Größenord-
nung von Jahrmilliarden:

tStern ≈ (Gmpr2/hc)-1 (h/mprc2) ≈ 1039 x 10-23 s ≈ 0,2 Milliarden Jahre

Wir können schwerlich das Universum zu Zeiten beobachten, die


tStern weit überschreiten, denn alle stabilen Sterne sind dann expan-
diert, abgekühlt und erloschen. Wir sind auch nicht in der Lage, das
Universum in Zeiten zu beobachten, die wesentlich kleiner als tStern
sind, denn unsere Existenz wäre ausgeschlossen – schließlich gibt es
dann noch keine Sterne und damit auch keine schweren Elemente
wie Kohlenstoff. Die Merkmale des biologischen Lebens scheinen
uns darauf zu beschränken, das Universum in einer Zeit tStern nach
dem Big-Bang (oder Urknall) zu beobachten und kosmologische
Theorien darüber aufzustellen. Daher ist die Größe der Diracschen
Zahl N(t) keineswegs zufällig, sondern muss nahe N(tStern) sein.
Der Wert von N zur Zeit tStern entspricht recht gut der von Dirac
genannten Zahl. Diese Koinzidenz sagt nichts anderes, als dass wir
in einer Zeit der kosmischen Entwicklung leben, in der sich die
Sterne schon herausgebildet haben, aber noch nicht erloschen sind
– eine wenig überraschende Erkenntnis. Dicke machte klar, dass wir
auf Diracs Koinzidenz stoßen müssen: Sie ist die Grundvorausset-
zung für die Existenz unserer Art von Leben. Es ist nicht nötig, die
Einsteinsche Gravitationstheorie aufzugeben und, wie es aus dem
Ansatz von Dirac folgt, ein variables G zu fordern. Wir müssen auch
keine Zahlenmystik bemühen, um wie Eddington zwischen der
Stärke der Gravitation und der Zahl der Teilchen im Universum ei-
nen Zusammenhang herzustellen. Die Koinzidenz der großen Zah-
108 Das 1 × 1 des Universums

len ist in gleicher Weise überraschend (oder nicht überraschend) wie


die Existenz von Leben selbst.
Diracs Erwiderung auf diese ungewöhnliche kosmologische Pers-
pektive war ziemlich verbindlich:
Nach Dickes Annahme können bewohnbare Planeten nur für einen begrenzten
Zeitraum existieren. Nach meinen Annahmen können sie ewig existieren und das
Leben muss nie enden. Es gibt kein eindeutiges Argument, das zwischen diesen
beiden Annahmen entscheiden kann. Ich ziehe die vor, die ewiges Leben erlaubt.24

Dirac war zwar bereit zuzugeben, dass die Existenz von Leben höchst
unwahrscheinlich ist, bevor es Sterne gibt, er wollte aber nicht einge-
stehen, dass es nicht weiter bestehen kann, wenn die Sterne ausge-
brannt sind. Nach Dickes Hypothese kann man die Koinzidenzen nur
im zeitlichen Umkreis unserer Epoche finden, mit Diracs variablem G
zu allen Zeiten: Die Existenz bewohnbarer Planeten in ferner Zukunft
würde kein Problem darstellen. Wenn jedoch die Schwerkraft schwä-
cher wird, ist nicht klar, ob in ferner Zukunft überhaupt Sterne und
Planeten existieren können. Zumindest müssten dann auch noch an-
dere Konstanten variieren, um das Gleichgewicht zwischen der
Schwerkraft und den anderen Kräften der Natur aufrecht zu erhalten.
Es ist bemerkenswert, dass zuvor andere bedeutende Kosmologen
wie Milne Argumente vorgebracht haben, die denen von Dicke ge-
nau entgegengesetzt sind. Milne machte das Auftauchen der Koinzi-
denzen der großen Zahlen in Eddingtons Weltbild eher misstrau-
isch. Weil sich die großen Zahlen ausschließlich auf das gegenwärtige
Stadium unseres Universums beziehen, glaubte er nicht, dass jemals
eine ›fundamentale‹ Naturtheorie eine Erklärung dafür liefern
würde. Da die Zeit, in der wir leben, durch nichts ausgezeichnet sei,
könne auch keine fundamentale Theorie sie besonders herausheben
– und daher auch die Koinzidenzen nicht erklären:
In den Ausdrücken muss notwendigerweise eine empirisch bestimmte Größe
t [das gegenwärtige Alter des Universums] auftreten, da sie einfach den Au-
genblick angibt, in dem wir zufällig das Universum betrachten. Sie kann na-
türlich nicht vorausgesagt werden. … Der Umstand, dass Eddingtons Theorie
der Naturkonstanten sie vorauszusagen scheint, ist für mich aus grundsätzli-
chen Erwägungen ein Einwand gegen diese Theorie. … Er scheint mir der Meis-
terleistung zu gleichen, das Alter des Universums in dem Moment, in dem wir
es betrachten, vorauszusagen – was aber absurd wäre.25
Das Geheimnis der Superzahlen 109

Dicke zeigte ganz im Gegensatz dazu, dass man durchaus detaillierte


Aussagen über das Alter des Universums machen kann, vorausge-
setzt, man gehört zu den Wesen, deren Existenz auf Kohlenstoff be-
ruht. Diesen Standpunkt kann man auch noch auf eine viel überzeu-
gendere Weise verdeutlichen. Ein Universum, dessen Anfang ein
Big-Bang ist, muss für die Herausbildung der Grundsubstanzen, die
für die Entwicklung komplexer biochemischer Stoffe26 eine Voraus-
setzung darstellen, mindest so alt sein, dass diese Grundsubstanzen
durch Kernreaktionen in den Sternen entstehen konnten. Daraus
folgt, dass das sichtbare Universum mindestens 10 Milliarden Jahre
alt sein muss und, da es expandiert, mindestens einen Radius von
10 Milliarden Lichtjahren hat. Wir Menschen könnten also in einem
Universum, das deutlich kleiner wäre, überhaupt nicht existieren.
Obwohl Dirac von Dickes Ansatz wenig begeistert war, können wir
doch bei ihm eine ganz ähnliche Idee finden, auf die er kam, als er sein
abnehmendes G retten wollte. Teller und andere hatten die Probleme
aufgezeigt, die eine so einschneidende Änderung von G für die Ge-
schichte der Sterne und des Lebens auf der Erde aufwerfen würde. Nun
stellte Dirac die Hypothese auf, dass Sterne wie die Sonne in periodi-
schen Abständen durch dichte Materiewolken fliegen, aus denen sie
schnell genug Materie aufnehmen, um die Auswirkungen des abneh-
menden G auszugleichen. Gamow hielt eine solche Annahme für äu-
ßerst unelegant, auch wenn man mit ihr die elegante Annahme G ~ 1/t
retten könnte. Man wäre wieder auf die Hypothese zurückgeworfen,
dass 1040 nichts ist als die größte Zahl, bis zu der Gott der Allmächtige
am ersten Schöpfungstag zählen konnte. Dass sich Gamow gerade auf
die ›Uneleganz‹ des Diracschen Versuchs zur Rettung seiner Theorie
stürzte, war eine nette Pointe. Sonst war es immer Dirac, der die anderen
dazu aufrief, auf die ›Schönheit‹ (was nicht unbedingt dasselbe ist wie
›Einfachheit‹, wie er gern betonte) der Gleichungen zu achten, die man
zur Beschreibung einer physikalischen Theorie benötigte. So schrieb er
einmal an Heisenberg über eine Theorie, die dieser vorgeschlagen hatte:
Mein Haupteinwand gegen ihre Arbeit ist, dass ich nicht glaube, dass ihre
Grundgleichung … über genügend mathematische Schönheit verfügt, um als
fundamentale Gleichung der Physik gelten zu können. Die richtige Gleichung
wird, wenn sie gefunden sein wird, eine neue Art von Mathematik beinhalten
und unter den reinen Mathematikern großes Interesse erregen.27
110 Das 1 × 1 des Universums

Dirac verteidigte weiterhin seine Idee der Materieanlagerung, so un-


wahrscheinlich sie erscheinen mochte, weil sie ihm für die Existenz
von Leben notwendig erschien:
Ich kann dem Einwand gegen die Hypothese der Materieanlagerung nicht
folgen. Wir können annehmen, dass die Sonne Wolken dichter Materie durch-
laufen hat, dicht genug, um genügend Materie einzufangen, um die Erde über
10 Milliarden Jahre auf einer Temperatur zu halten, die sie bewohnbar
machte. Man könnte einwenden, dass es für die Sonne unwahrscheinlich ist,
eine Dichte vorzufinden, die für diesen Zweck genau richtig war. Dem stimme
ich zu. Es ist unwahrscheinlich. Aber eine Unwahrscheinlichkeit dieser Art hat
nichts zu sagen. Wenn wir an alle Sterne denken, die Planeten haben, so wird
nur ein sehr kleiner Teil von ihnen Wolken mit der richtigen Dichte durch-
quert haben, die ihren Planeten lang genug eine ausgeglichene Temperatur
brachten, damit sich Leben höherer Ordnung entwickeln konnte. Es wird
wohl weniger Planeten mit Menschen geben, als wir einmal angenommen ha-
ben. Wenn es aber einen gibt, so reicht das: Alle Fakten passen zusammen.
Gegen die Annahme, dass unsere Sonne ein sehr ungewöhnliches und un-
wahrscheinliches Schicksal hatte, ist daher nichts einzuwenden.28

Sechs Jahre nach der anfänglichen Zurückweisung der Hypothese


Dickes, das menschliche Leben als Faktor mit einzubeziehen, wenn
es um die Wahrscheinlichkeit einer ungewöhnlichen Situation geht,
ist das eine bemerkenswerte Kehrtwendung.

Ein wunderschönes, einfaches Argument für die riesigen Ausmaße,


die unser Universum notwendigerweise haben muss, wurde zum ers-
ten Mal von dem Oxforder Theologen Eric Mascall in seiner Bamp-
ton-Lecture29 von 1956 vorgebracht. Mascall schrieb seine Grund-
idee Gerald Whitrow zu und merkte, ihm folgend, an:
Wenn wir dazu neigen, von der schieren Größe des Universums eingeschüch-
tert zu werden, ist es gut, dass es in bestimmten kosmologischen Theorien ei-
nen direkten Zusammenhang zwischen der Gesamtmasse des Universums
und den Verhältnissen in einem beliebigen, abgeschlossenen Teil von ihm gibt.
Es mag daher tatsächlich notwendig sein, dass das Universum so unermesslich
groß und komplex ist, wie es die moderne Astronomie herausgefunden hat,
damit die Erde eine mögliche Wohnstätte für lebende Wesen sein kann.30

Diese einfache Beobachtung kann uns zu einem besseren Verständ-


nis der raffinierten Verbindungen zwischen ganz unterschiedlichen
Das Geheimnis der Superzahlen 111

Aspekten des Universums und den Eigenschaften verhelfen, die es


haben muss, damit in ihm irgendwelches Leben möglich ist.

Groß und alt, dunkel und kalt


Wie wir gesehen haben, braucht der Prozess der stellaren Alchemie
Zeit – etliche Milliarden Jahre. Und weil unser Universum expan-
diert, muss es sich etliche Milliarden Lichtjahre ausgedehnt haben,
wenn es genug Zeit gehabt haben soll, die Bausteine komplexen Le-
bens zu produzieren. Ein Universum, das nur die Größe unserer
Milchstraße mit ihren 100 Milliarden Sternen hätte, wäre kaum älter
als einen Monat! Aus der Tatsache, dass unser Universum sehr alt ist
und sich ausdehnt, folgt – von seiner Größe abgesehen – auch noch,
dass es in ihm kalt, dunkel und einsam ist. Wenn ein Ball aus Gas
oder Strahlung expandiert, fällt die Temperatur proportional zu sei-
ner Ausdehnung ab. Ein Universum, das groß und alt genug ist, da-
mit sich komplexe Bausteine ausbilden konnten, ist auch äußerst
kalt, und das Maß an Strahlung ist im Mittel so gering, dass der
Himmel überall dunkel erscheint.
Es ist ernüchternd, über all die metaphysischen und religiösen
Überlegungen nachzudenken, die jahrhundertlang über die Dunkel-
heit des nächtlichen Himmels angestellt wurden, über die Sternbil-
der, mit denen er geschmückt ist, die Leere des Raums und unseren
zufälligen Platz in ihm – einem bloßen Pünktchen in der giganti-
schen Anordnung aller Dinge. Die moderne Kosmologie zeigt, dass
all dies kein Zufall ist, sondern Folge der eng verschlungenen Ver-
hältnisse im Universum. Diese Eigenschaften sind in der Tat für je-
des Universums notwendig, in dem lebende Beobachter hausen. Der
metaphysische Effekt, den ein Universum dieser Art auf seine Be-
wohner ausübt, ist auch für irgendwelche empfindungsfähige Wesen
sonst wo in den Weiten des Alls ein unvermeidliches Nebenprodukt
der kosmischen Geschichte. Das Universum hat die merkwürdige
Eigenschaft, lebende Wesen auf den Gedanken zu bringen, seine un-
gewöhnlichen Eigenschaften seien der Existenz von Leben nicht för-
derlich – während sie in Wirklichkeit gerade wesentlich dafür sind.
112 Das 1 × 1 des Universums

Wenn wir die gesamte Materie des Universums gleichmäßig ver-


teilen könnten, würden wir sehen, um wie wenig es sich handelt: Ein
Kubikmeter des Raums würde kaum mehr als ein Atom enthalten.
Es gibt kein Labor auf Erden, das ein auch nur annähernd so gutes
künstliches Vakuum erzeugen könnte. Selbst das beste Vakuum, das
man heutzutage herstellen kann, enthält immer noch über eine Mil-
lion Atome in jedem Kubikmeter.31
Viele der Eigenschaften des Universums – seine gewaltige Größe,
sein hohes Alter, die Leere und Dunkelheit des Raums – sind notwen-
dige Bedingungen für die Existenz intelligenter Beobachter wie wir
selbst. Wir sollten also nicht überrascht sein, dass extraterrestrisches
Leben, wenn es überhaupt existiert, sehr selten und sehr weit ent-
fernt ist. Die geringe mittlere Dichte des Universums bedeutet, dass
im Durchschnitt zwischen den Sternen und Galaxien, in denen die
Materie zusammengeballt ist, gewaltige Distanzen liegen. Das zeigt
Abbildung 6.1, in der die Dichte der Materie im Universum für ver-
schiedene Größenskalen angegeben ist. Aus der Aufstellung wird
deutlich, wie selten Planeten, Sternen und Galaxien sind und welch
riesige Distanzen zwischen ihnen liegen.

Das sichtbare Universum


enthält nur:
• 1 Atom/m3
• 1 ›Erde‹/(10 Lichtjahre)3
• 1 Stern/(103 Lichtjahre)3
• 1 Galaxie/(107 Lichtjahre)3
• 1 ›Universum‹ /(1010 Lichtjahre)3

A b b ild u n g 6 .1
Dichte des Universums,
ausgedrückt für Objekte verschiedener Größenordnung.

In Abbildung 6.2 ist dargestellt, wie unser Universum expandierte,


sich dabei immer mehr abkühlte und Atome, Moleküle, Galaxien,
Das Geheimnis der Superzahlen 113

Sterne und Planeten entstanden. Wir selbst befinden uns in einer


besonderen Nische der kosmischen Geschichte – irgendwo zwischen
der Geburt und dem Erlöschen der Sterne.

15 x 109

Alle Sterne
kühlen ab
Größe in Lichtjahren

und
Gegen- erlöschen
wart
Kalt Komplexe (›Kältetod‹)
genug, Formen
um die von Leben
109 Bildung Ausdehnung
Bildung
von der Sonne
von Sonnen-
Atomen zum Roten
systemen
zu er- Bildung Riesen, der
lauben der ersten Erste die Erde
mikroskopische verschluckt
Bildung Sterne
Formen von Leben
von
Galaxien

0,001 1 5 10 12 14 20 100
Alter in Milliarden Jahren

A b b ild u n g 6 .2
Vorgänge bei der Expansion des Universums.

Auch der Existenzphilosoph Karl Jaspers sah sich durch Eddingtons


Schriften herausgefordert, über die Bedeutung der Tatsache nachzu-
denken, dass wir in einem bestimmten Teil des Raums und in einer
bestimmten Zeitspanne der kosmischen Geschichte leben. In seinem
einflussreichen Buch Vom Ursprung und Ziel der Geschichte, das er 1949
fünf Jahre nach dem Tod Eddingtons verfasste, fragte er:
Warum leben wir und vollziehen unsere Geschichte im unendlichen Raum
gerade an dieser Stelle, auf einem verschwindenden Stäubchen des Weltalls,
wie in einem abgelegenen Winkel, warum in der unendlichen Zeit gerade
jetzt? Was ist geschehen, dass die Geschichte begonnen hat? Es sind Fragen,
die durch ihre Unbeantwortbarkeit ein Rätsel bewusst machen.
Es ist dieses Grundfaktum unseres Daseins, dass wir isoliert scheinen im
Kosmos. Nur wir sind redende Vernunftwesen in dem Schweigen des Weltalls.
In der Geschichte des Sonnensystems ergibt sich die bisher verschwindend
114 Das 1 × 1 des Universums

kurze Weile eines Zustandes, in dem auf der Erde Menschen das Wissen um
sich und das Sein entfalten und vollziehen. Nur hier ist diese Innerlichkeit des
Sichverstehens. Wir kennen wenigstens keine andere Realität des Innerlichen.
Innerhalb des grenzenlosen Kosmos auf einem winzigen Planeten in einer
winzigen Zeit von ein paar Jahrtausenden findet etwas statt, als ob dieses das
Allumgreifende, das Eigentliche wäre. Dieses ist die Stätte, die im Kosmos wie
nichts ist, an der mit dem Menschen das Sein erwacht.32

Die Vorstellung von der Einzigartigkeit des menschlichen Lebens im


Universum stößt uns auf die Frage, warum wir gerade hier und heute
existieren. Wie wir gesehen haben, kann die moderne Kosmologie
einige erhellende Antworten geben.

Die größte aller Zahlen


Astronomen sind riesige Zahlen gewöhnt. Sie versuchen gern, bluti-
gen Laien mit irgendwelchen Alltagsbeispielen zu verdeutlichen, was
es wirklich bedeutet, dass es Milliarden und Abermilliarden von
Sternen gibt. Wenn gerade einmal die Staatsverschuldung ›astrono-
mische‹ Summen annimmt, tauchen plötzlich im Wirtschaftsteil der
Zeitungen sogar Zahlen auf, die noch größer sind als die Zahl der
Sterne der Milchstraße oder der Galaxien im Universum.33 Merkwür-
digerweise findet man aber wirklich große Zahlen, Zahlen die selbst
Eddingtons und Diracs 1080 klein aussehen lassen, nicht in der
Astronomie, sondern in ganz anderen Bereichen der Natur. Die gro-
ßen Zahlen der Astronomie entstehen durch bloßes Aufsummieren:
Wir zählen Sterne, Planeten, Atome oder Photonen in einem großen
Volumen. Will man wirklich große Zahlen, muss man einen hoch-
komplexen Bereich aufsuchen, wo Zahlen nicht aufsummiert, son-
dern aufmultipliziert oder gar potenziert werden: die Biologie.
Im 17. Jahrhundert hat der englische Physiker Robert Hooke die
»Zahl der Gedanken, die der Mensch fassen und speichern kann« be-
rechnet. Er kam bei einer Rate von einem Gedanken je Sekunde auf
3 155 760 000.34 So überschaubar diese Zahl auch scheinen mag: Ein
Leben würde nicht ausreichen, bis zu ihr zu zählen. Heute weiß man,
dass sie die Möglichkeiten bei weitem unterschätzt. Unser Gehirn ent-
Das Geheimnis der Superzahlen 115

hält etwa 10 Milliarden Neuronen. Von jedem gehen so genannte Axo-


nen aus, die es mit etwa 1 000 anderen Neuronen vernetzen.35 Diese
Netzverbindungen spielen bei der Entstehung von Gedanken und für
das Gedächtnis eine Rolle, wobei die genauen Abläufe noch immer ei-
nes der bestgehüteten Geheimnisse der
Natur sind. Nach Mike Holderness A l - G o r e - R h y t h m u s : mathematische
kann man die Anzahl der möglichen Operation, die man solange wiederholt,
Gedanken abschätzen, indem man die bis das gewünschte Ergebnis erzielt ist;
insbesondere in Florida gebräuchlich.
Zahl aller neuralen Verbindungsmög-
lichkeiten zählt.36 Das Gehirn kann be- Volksmund, USA, Ende 2000
kanntlich mehrere Aufgaben gleichzei-
tig bearbeiten, deshalb können wir es uns als Ansammlung von
vielleicht 1 000 ›Modulen‹ mit je 107 Neuronen vorstellen. Wenn von
jedem Neuron 1 000 verschiedene Verbindungen zu den 107 Neuronen
im gleichen Modul ausgehen, ist die Zahl der möglichen Verbindungs-
wege in einem Modul 107 x 107 x 107 x …. (und das tausendmal), also
107 000. Bei einer Gesamtzahl von 107 Neuronen kommen wir auf 107 000,
107-mal mit sich selbst multipliziert, also 1070 000 000 000. Wenn jedes der
1 000 Module unabhängig von den anderen arbeiten kann, trägt es
1070 000 000 000 mögliche Verdrahtungen zu einer Gesamtzahl bei, die
1070 000 000 000 000 beträgt und ›Holderness-Zahl‹ genannt wird.
Diese moderne Schätzung aller unterschiedlichen elektrischen Ver-
knüpfungsmuster, die es in einem menschlichen Gehirn geben kann
(die Betonung liegt auf kann), ist ein Maß für die Anzahl der mögli-
chen Gedanken oder Ideen. Diese Zahl ist so gigantisch, dass dagegen
die Anzahl der Protonen im sichtbaren Universum mit ihren 1080 win-
zig erscheint. Das liegt daran, dass die Protonenzahl durch das bloße
Anfüllen eines riesigen Volumens mit winzigen Dingen erreicht wird,
während die gewaltige Zahl der möglichen Gedanken durch die Kom-
plexität des Gehirns und die Vernetzung seiner Bausteine entsteht.
Die Eigenschaften dieser Bausteine und ihre Anzahl – etwa 1027 Atome
– sind dabei nicht ausschlaggebend. Wenn wir von Komplexität spre-
chen, denken wir an diese Vernetzung. Da sich unsere Hyperzahl aus
den Kombinationen und Permutationen in einem komplexen Netz-
werk von Schaltstellen ergibt, können wir sie auch nicht mithilfe von
Naturkonstanten erklären, wie es die Astronomen mit ihren großen
Zahlen versuchen: Sie ist nicht nur größer, sie ist auch anders.
Kapitel 7
Leben im All
Heutzutage sind die Dinge mehr als je zuvor so, wie sie sind.
Dwight D. Eisenhower, Präsident, USA

Ist das Universum alt?


Wenn wir uns Gedanken über das Alter und die Ausmaße des Uni-
versums machen, geben wir diese Größen gewöhnlich in Jahren oder
Kilometern an. Wie wir wissen, sind diese Maßeinheiten an den
menschlichen Dimensionen ausgerichtet, selbst das Lichtjahr klingt
daran noch an. Warum verwenden wir eine ›Uhr‹, die jedes Mal
schlägt, wenn unser Planet wieder eine Runde um seinen Heimat-
stern vollendet hat? Warum messen wir die Materiedichte, indem wir
die Atome je Kubikmeter zählen? Auf all diese Fragen gibt es nur
eine Antwort: Weil es bequem ist, und weil wir es schon immer so
gemacht haben. Aber jetzt sind wir mit einer Situation konfrontiert,
in der es weit angemessener wäre, ›natürliche‹ Einheiten von Masse,
Länge und Zeit zu verwenden, wie sie Stoney und Planck eingeführt
haben, um die Zwangsjacke des engen menschlichen Horizonts
leichter verlassen zu können.
Wenn wir die Planckschen Einheiten wählen, können wir das ge-
genwärtig sichtbare Universum so beschreiben:
Alter ≈ 1060 Planck-Zeiten,
Größe ≈ 1060 Planck-Längen,
Masse ≈ 1060 Planck-Massen.
Die äußerst geringe Materiedichte des Universums wird mit den
Planckschen Einheiten besonders deutlich:

Dichte ≈ 10-120 der Planck-Dichte.


Leben im All 117

Für die Temperatur des Raums, die in ›klassischen‹ Einheiten etwa


3 K beträgt, also 3° über dem absoluten Nullpunkt liegt, gilt im
Planckschen Einheitensystem
Temperatur ≈ 10-30 der Planck-Temperatur.

Diese äußerst großen Zahlen und winzigen Bruchteile zeigen uns


sofort, dass dem Universum, wenn man es an seinen ureigensten
Größen misst, eine schwindelerregende Skala zugrunde liegt, die
weit von menschlichen Dimensionen entfernt ist. An seiner eigenen
Grundgröße gemessen ist das Universum uralt. Die natürliche Le-
bensdauer einer Welt, die von Schwerkraft, Relativität und Quanten-
mechanik regiert wird, ist die äußerst kurze Planck-Zeit. Irgendwie
ist es aber unserem Universum gelungen, sich über einen Zeitraum
auszudehnen, der ein gewaltiges Vielfaches der Planck-Zeit umfasst.
Es scheint also älter zu sein, als es eigentlich sein dürfte. Später wer-
den wir erfahren, wie sich die Kosmologen dies zu erklären versu-
chen. Wir haben schon gesehen, dass fast die gesamte – mit den
Schlägen der Planck-Uhr gemessen – ungeheure Zeit nötig war, um
Sterne und die Elemente zu erzeugen, aus denen sich Leben entwi-
ckeln konnte.

Die Früchte des Lebens


Warum ist unser Universum nicht noch viel älter? Es ist leicht zu
verstehen, warum es nicht viel jünger ist. Sterne brauchen eine lange
Zeit, um die schwereren Elemente zu bilden, die für eine komplexe
Biologie nötig sind. Aber auch alte Universen warten mit Problemen
auf. Im Laufe der Zeit verlangsamt sich der Sternbildungsprozess.
Alles Gas und aller Staub, die das Rohmaterial für Sterne darstellen,
haben ihre Verarbeitungsprozesse durchlaufen und sind wieder in
den intergalaktischen Raum geschleudert worden, wo sie sich nicht
abkühlen und zu neuen Sternen zusammenballen können. Weniger
Sterne heißt auch weniger Sonnensysteme und weniger Planeten.
Die Produktion radioaktiver Elemente in einem Stern nimmt mit
zunehmendem Alter ab, und diejenigen, die sich bilden, haben län-
118 Das 1 × 1 des Universums

gere Halbwertszeiten. Die später geborenen Planeten sind geologisch


weniger aktiv und weisen geringere unterirdische Bewegungen auf,
durch die der Vulkanismus, die Kontinentaldrift und die Gebirgsfal-
tung angeheizt werden. Wenn damit auch die Existenz eines Mag-
netfelds in Frage gestellt wird, können sich auf einem solchen Plane-
ten kaum komplexe Lebensformen entwickeln. Sterne wie unsere
Sonne schießen nämlich elektrisch ge-
Am Ende des Universums muss man oft ladene Teilchen ins All, den so genann-
die Vergangenheitsform benutzen … weil ten Sonnenwind, der die Atmosphäre
alles vorbei ist, verstehst du?
von Planeten wegreißen kann – es sei
Douglas Adams1 denn, er wird von einem Magnetfeld
abgelenkt. In unserem Sonnensystem
hat ein Magnetfeld die Erdatmosphäre gegen den Sonnenwind abge-
schirmt, während der Mars, der kein Magnetfeld hat, seine Atmos-
phäre schon vor langen Zeiten verloren hat.
Vermutlich ist es nicht leicht, auf einem Planeten längere Zeit Le-
ben aufrecht zu erhalten. Wir haben inzwischen deutlich gesehen,
wie labil das dafür nötige Gleichgewicht ist. Auf der einen Seite ist es
natürlich der Mensch selbst, der versucht, sich auszulöschen, seine
Ressourcen zu vernichten und tödliche Krankheiten und Gifte zu
verbreiten. Es gibt aber auch ernste Bedrohungen, die aus dem All
kommen. Die dort umherirrenden Kometen und Asteroiden sind für
die Anfänge intelligenten Lebens eine große Gefahr. Einschläge sol-
cher Himmelskörper sind gar nicht so selten und haben in der Früh-
geschichte der Erde viele Katastrophen ausgelöst, gegen die wir
glücklicherweise doppelt geschützt sind: durch unseren kleinen
Nachbarn, den Mond, und durch unseren riesigen, etwas weiter ent-
fernten Nachbarn, den Jupiter. Der Jupiter ist 318-mal schwerer als
die Erde und fischt sich auf seiner Bahn weiter außen im Sonnensys-
tem mit der Kraft seiner gewaltigen Gravitation Objekte heraus, die
auf dem Weg ins innere Sonnensystem sind. Im Juli 1994 wurden wir
Zeuge, wie der Komet Shoemaker-Levy 9 vom Jupiter eingefangen
und in Stücke gerissen wurde.2 Auch im 20. Jahrhundert gab es trotz
der beiden Wächter gewaltige Einschläge auf der Erde. Der bedeu-
tendste ereignete sich 1908 im Bereich der Steinigen Tunguska im
Norden Sibiriens. Bisher ist die Menschheit den Zwängen der Statis-
tik entkommen, aber irgendwann wird uns das Glück verlassen. Da
Leben im All 119

die Chance, getroffen zu werden (siehe Abbildung 7.1), im Laufe der


Zeit nicht kleiner wird, unternehmen einige Staaten bereits Anstren-
gungen, um die Flugbahnen der Asteroiden zu erfassen und Maß-
nahmen gegen Objekte zu ergreifen, die Kurs auf die Erde nehmen.

A b b ild u n g 7.1
Durchschnittliche Häufigkeit des Einschlags von Körpern aus dem All
in Abhängigkeit von deren Größe.3

Die Eingriffe in die Entwicklung der Erde, die von außen kommen,
haben auch eine seltsame Kehrseite. Sie können zwar zur weltweiten
Vernichtung von Lebewesen führen und die Evolution um Jahrmilli-
onen zurückwerfen, haben aber in Maßen auch einen positiven Ef-
fekt, indem sie die Entwicklung intelligenter Formen von Leben be-
schleunigen. Die Ausrottung der Dinosaurier durch den Einschlag
eines Riesenmeteoriten oder Kometen auf der Yukatan-Halbinsel vor
65 Millionen Jahren am Ende des Mesozoikums hat die Erde auch
aus einer wenig versprechenden Sackgasse der Evolution gerettet.
120 Das 1 × 1 des Universums

Der Entwicklungsweg der Dinosaurier war in Richtung ›großer Kör-


per – kleines Hirn‹ verlaufen. Das Verschwinden der Dinosaurier und
vieler anderer Lebensformen auf der Erde hat damals den Säugetie-
ren freien Raum gegeben und Nischen für Konkurrenten um die na-
türlichen Ressourcen freigemacht, was in der Folge zu einer größeren
Artenvielfalt führte. Ohne solche Einschläge hätte sich vielleicht ein
stabiler, aber wenig aufregender Nebenpfad aufgetan, auf dem die
Artenvielfalt kontinuierlich abnimmt (siehe Abbildung 7.2). Raue
Bedingungen und rasche Änderungen der Lebensumstände erfor-
dern schnelle Anpassung und beschleunigen den Evolutionsprozess.
Sie erhöhen zudem die Artenvielfalt und bieten damit die beste Le-
bensversicherung, die ein Planet gegenüber der Auslöschung allen
Lebens durch einen Einschlag aus dem All abschließen kann. Aus der
Sicht eines Dinosauriers sieht das allerdings anders aus.
Vielfalt

A
us
lös
chu
ng

ng
olu
Er h
Überle b en

Zeit

A b b ild u n g 7.2
Reaktion der Natur auf eine Umweltkatastrophe,
die zu einer Massenauslöschung führt.4

Nach dem Entstehen einer gastfreundlichen Umgebung auf der Erde


entwickelte sich das erste Leben erstaunlich schnell. Wir wollen die
typische Zeit, die nötig ist, damit sich Leben entwickeln kann, tBio
nennen. Unser Sonnensystem ist etwa 4,6 Milliarden Jahre alt. Wir
wissen, dass sich die Zeit tStern, die nötig ist, damit sich ein Stern bil-
den kann und zu einer stabilen Licht- und Wärmequelle wird, nicht
Leben im All 121

allzu sehr von tBio unterscheidet, denn wir haben Spuren einfachen
bakteriellen Lebens auf der Erde gefunden, die einige Milliarden
Jahre alt sind.
Die Ähnlichkeit von tBio und tStern erscheint uns als merkwürdige
Koinzidenz. Auf den ersten Blick würden wir eher annehmen, dass
die mikroskopischen biologischen Prozesse und die lokalen Umwelt-
bedingungen, die zusammengenommen tBio festlegen, unabhängig
von den nuklearen Prozessen und dem Wirken der Schwerkraft sind,
die den typischen Lebensweg eines Sterns und damit tStern bestim-
men. Demzufolge wäre extraterrestrisches Leben äußerst selten.
Diese These, die in ihrer einfachsten Form von Brandon Carter5 auf-
gestellt, dann später von mir und Frank Tipler in unserem Buch The
Anthropic Cosmological Principle weiter ausgebaut wurde und auch
heute noch Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen6 ist,
sieht so aus: Wenn tBio und tStern voneinander unabhängig sind, ist die
Zeit tBio, die zur Entwicklung von Leben nötig ist gegenüber tStern zu-
fällig. Es ist daher am wahrscheinlichsten, dass tBio entweder viel
größer oder viel kleiner als tStern ist.7
Nun wollen wir Bilanz ziehen. Wenn wir es als wahrscheinlich an-
nehmen, dass tBio weit kleiner als tStern ist, müssen wir uns fragen, wa-
rum im ersten beobachteten Sonnensystem mit Bewohnern (nämlich
unserem) tBio fast gleich tStern ist. Nach unserer Logik wäre das außeror-
dentlich unwahrscheinlich. Im zweiten wahrscheinlichen Fall, wenn
tBio weit größer als tStern ist, kann man das erste beobachtete bewohnte
Sonnensystem (nämlich unseres) mit tBio ≈ tStern nur als statistischen
Glücksfall ansehen, da sich Systeme mit einem tBio weit größer als tS-
tern
eigentlich erst noch entwickeln müssen. Daraus können wir
schließen, dass unsere Erde eine Rarität im Kosmos darstellt und ei-
nes der ersten Systeme mit Leben ist, das auf der Bühne erschien.
Wenn wir mit dieser Schlussfolgerung nicht zufrieden sind, müs-
sen wir eine der Voraussetzungen ändern, die ihr zugrunde liegen.
Nehmen wir beispielsweise an, dass tBio von tStern abhängig ist, schauen
die Dinge schon anders aus. Bei einer entsprechenden Änderung des
Verhältnisses tBio / tStern mit wachsendem tStern wächst auch die Wahr-
scheinlichkeit, dass tBio ≈ tStern ist. Mario Livio8 hat ein Modell vorge-
stellt, nach dem es zur Ausbildung einer lebensfördernden Plane-
tenatmosphäre einer Anfangsphase bedarf, in der aus der
122 Das 1 × 1 des Universums

Photodissoziation von Wasserdampf Sauerstoff entsteht. Aus dem


Modell kann man einen Zusammenhang zwischen tBio und tStern ab-
leiten. Auf der Erde waren 2,4 Milliarden Jahre nötig, um eine At-
mosphäre mit einem Sauerstoffgehalt zu bilden, der etwa ein Tau-
sendstel des heutigen betrug. Die benötigte Zeit dürfte umgekehrt
proportional zur Intensität der Sonneneinstrahlung im Wellenlän-
genbereich 1 000–2 000 Å gewesen sein, wo die Hauptabsorptionsli-
nien des Wasserdampfes liegen. Weitere Untersuchungen der Stern-
entwicklung werden uns erlauben, die Länge dieses Zeitabschnitts
genauer abzuschätzen. Auf diese Weise können wir dann die Verbin-
dung zwischen der biologischen Entwicklungszeit und dem Lebens-
lauf von Sternen der Hauptreihe genauer angeben.
Livios Modell zeigt einen möglichen Weg auf, um zwischen biolo-
gischer und astronomischer Zeitskala eine Verbindung herzustellen.
Die Argumentation hat allerdings ihre Schwachstellen. Sie liefert
nur die notwendigen Bedingungen für die Entwicklung von Leben,
nicht die hinreichenden. Die Wahrscheinlichkeit, mit der sich in der
Umgebung eines Sterns Planeten bilden, ist von einer Reihe weiterer
Faktoren abhängig. Dazu gehört auch die verfügbare Materiemenge
zur Bildung fester Planeten mit einer Atmosphäre, die Wasser und
stabile Oberflächenbedingungen garantiert. Darüber hinaus wissen
wir noch, dass es bei der Herausbildung der Planeten in unserem
Sonnensystem viele ›Zufälle‹ gab, die für lang andauernde stabile
Verhältnisse auf der Erde von entscheidender Bedeutung waren. Jac-
ques Laskar und seine Mitarbeiter9 konnten beispielsweise zeigen,
dass es zwischen der Präzessionsrate eines rotierenden Planeten und
den Schwerefeldstörungen, die er durch die anderen Objekte seines
Sonnensystems erfährt, Resonanzen gibt, die zu heftigen Änderun-
gen der Neigung der Planetenachse relativ zur Bahnebene führen
können. Die typischen Zeiten für solche Änderungen sind weit kür-
zer als das Alter des Sonnensystems. Die Neigung der Planetenachse
bewirkt die klimatischen Unterschiede zwischen den Jahreszeiten
und beeinflusst die Oberflächentemperatur und die Höhe des Mee-
resspiegels. Auch im Fall der Erde wäre es zu dramatischen Änderun-
gen der Achsneigung gekommen, wenn es den Mond nicht gegeben
hätte. Die Wirkung seiner Schwerkraft auf die Erde überdeckt die
genannten Resonanzen und verursacht den überwiegenden Teil der
Leben im All 123

relativ kleinen Schwankungen der Erdachsenneigung um den der-


zeitigen Wert von 23,5°.10
Dies alles zeigt, dass der kausale Zusammenhang zwischen dem
Lebenslauf der Sterne und der Zeitskala der Evolution möglicher-
weise nur einen kleinen Beitrag zu einer Kette zufälliger Umstände
bildet, die zusammentreffen müssen, damit sich bewohnbare Plane-
ten bilden und über einen längeren Zeitraum auf ihnen Bedingun-
gen herrschen, unter denen Leben existieren kann.

Lebende Wolken
Die Theorien, nach denen das Universum notwendigerweise riesig
groß und eiskalt ist, setzen alle stillschweigend voraus, dass jede
Form von Leben weitgehend unserem irdischen ähnelt. Die Biologen
gestehen zwar gern ein, dass auch andere Lebensformen denkbar
sind, haben aber keine sichere Vorstellung, ob sich diese spontan
ohne die Unterstützung von Lebensformen auf Kohlenstoffbasis
entwickeln können. Die meisten Schätzungen, wie wahrscheinlich
außerirdische Intelligenz ist, beziehen sich auf Leben, das dem irdi-
schen gleicht: Es existiert auf Planeten, braucht Wasser, eine Atmos-
phäre und dergleichen. Es ist sicher wert, unserer Fantasie ein wenig
mehr freien Raum zu lassen und uns Leben vorzustellen, das nicht
auf Planeten, sondern im freien Weltraum zu Hause ist. Der Astro-
nom Fred Hoyle hat sich ein interessantes Lebewesen ausgedacht,
von dem er annahm, dass seine Existenz wahrscheinlicher wäre, als
die der üblichen, auf Planeten wohnenden Vertreter extraterrestri-
scher Intelligenz. Hoyle, der sich mit seiner so erfolgreichen Karriere
als Astronom und Autor populärwissenschaftlicher Bücher nicht
zufrieden geben wollte, wandte sich mit großem Erfolg der Science-
Fiction zu. Sein berühmtestes Buch, The Black Cloud, war ein Bestsel-
ler. Der Thriller spielt in der Gegenwart und trotz Hoyles Versiche-
rung, alle Charaktere seien frei erfunden, fällt es schwer, den Helden
des Romans nicht mit dem Autor zu identifizieren. Als das Buch
1957 auf den Markt kam, waren gerade ein paar Jahre seit der Entde-
ckung der Koinzidenzen zwischen den Naturkonstanten vergangen,
124 Das 1 × 1 des Universums

die so schwerwiegende Folgen für die Existenz von Kohlenstoff und


Sauerstoff und damit für das Leben im Universum haben. Es folgte
eine rege Diskussion über die Wahrscheinlichkeit extraterrestrischen
Lebens, und im selben Jahr 1957 wurden die ersten zwei Sputniks
von der UdSSR ins All geschickt. Damit war die Bühne für fantasti-
sche Geschichten bereitet, etwa die von einer Gaswolke im All, die
sich der Erde nähert. Sollte sie auf ihrer Bahn die Sonne verdecken,
wäre die Erde für eine gewisse Zeit von Licht und Wärme abgeschnit-
ten, während die Wolke zuvor die Strahlung reflektiert und damit
noch verstärkt hätte. Beides würde möglicherweise verhängnisvolle
Folgen für die Erde haben. Aber die Ereignisse nehmen eine überra-
schende Wendung. Es stellt sich heraus, dass die Wolke über Intelli-
genz verfügt und eine ungestalte Form von Leben darstellt: ein ge-
waltiges Netzwerk komplexer Molekülverbindungen, das durch den
Weltraum treibt. Nach vielen Machenschaften und Aufregungen
überlebt die Erde ihre kurze Begegnung mit der vorbeifliegenden
Wolke, nicht ohne zuvor mit ihr einen Dialog geführt und die Sig-
nale entschlüsselt zu haben, die von ihr ausgingen. Hoyles wichtigste
Botschaft war wohl, dass es ein Fehler ist, Leben nur auf Planeten zu
vermuten. Möglicherweise können komplexe chemische Netzwerke,
die man mit gutem Recht als ›Leben‹ bezeichnen kann, auch als ge-
waltige Molekülwolken existieren, die von ihrer eigenen Schwerkraft
zusammengehalten werden.11 Es kann sogar sein, dass in diesen ne-
bulösen Wiegen des Lebens nicht einmal Kohlenstoff nötig ist. Drei-
ßig Jahre später nahm Hoyle diesen Gedanken wieder auf und unter-
suchte bei seiner wissenschaftlichen Arbeit und in seinen
Science-Fiction-Romanen – wie beispielsweise Comet Halley – ein Sze-
nario, nach dem sich im Inneren von Kometen Moleküle entwickeln,
die sich selbst vermehren können und dann über die Galaxien ver-
breitet werden.
Andere Science-Fiction-Autoren haben sich ebenfalls mit Alterna-
tiven zu einer Kohlenstoffwelt befasst. Wie man weiß, bildet auch
Silizium in ähnlicher Weise wie Kohlenstoff Molekülketten, die aber
leider alle Quarz und Sand ähneln, also festen Stoffen, die für die
Ausbildung von Leben uninteressant sind. Man kann es als Ironie
der Geschichte bezeichnen, dass inzwischen die Computerrevolu-
tion gezeigt hat, wie eine andere Form von Leben aus der Silizium-
Leben im All 125

Physik statt aus der Silizium-Chemie entstehen könnte. Aber diese


Formen von künstlichem Leben und künstlicher Intelligenz haben
sich nicht spontan gebildet, sondern waren auf die Hilfe von Lebewe-
sen auf Kohlenstoffbasis angewiesen, die jene hoch organisierten
und von daher höchst unwahrscheinlichen lebensfähigen Konfigu-
rationen zusammenbastelten. Diese recht abstrakten Alternativen
zu einem Leben aus Fleisch und Blut sind uns inzwischen sehr ver-
traut geworden, und Science-Fiction-Autoren müssen sich heute
schon raffiniertere Dinge einfallen lassen als grüne Männchen mit
einer seltsamen Chemie oder exotischen Körperformen. Aber zurück
ins Jahr 1957, als Hoyles Idee noch neu war. Sie spielte eine wichtige
Rolle, indem sie die Grenzen aufhob, die Astronomen daran hinder-
ten, sich extraterrestrisches Leben vorzustellen. Dessen Wahrschein-
lichkeit war nun nicht mehr von der Statistik allein bestimmt, mit
der man die Zahl der bewohnbaren Planeten mit Wasser, einer At-
mosphäre und einer freundlichen Zentralsonne abschätzte.

Wachet auf! Das Ende ist nahe!


Die Koinzidenz zwischen der biologischen Evolutionszeit und der
astronomischen Entwicklung ist noch in anderer Hinsicht bemer-
kenswert. Da es wenig überraschend ist, dass das Alter typischer
Sterne ungefähr dem Alter des Universums gleicht, besteht die Koin-
zidenz auch zwischen diesem und der Zeit, die nötig war, um Lebe-
wesen wie uns selbst herauszubilden. Ein Blick in die Vergangenheit
zeigt uns aber, dass unser intelligenter Vorfahre – der Homo sapiens –
erst vor 200 000 Jahren auftrat, was weit weniger ist als die über
13 Milliarden Jahre, die das Universum alt ist: Die Geschichte der
Menschheit umfasst bisher kaum zwei Hunderttausendstel der Ge-
schichte des Universums. Wenn wir aber bis in alle Ewigkeit Nach-
fahren haben werden, sieht dieses Verhältnis in fernen Zeiten we-
sentlich anders aus. Stellen wir uns vor, dass auch 1 000 Milliarden
Jahre nach dem Big-Bang noch irgendwer (oder irgendetwas) über
solche Fragen nachdenkt. Die Vorfahren bewohnen dann die Erde
seit 1 000 Milliarden – 13 Milliarden + 200 000 Jahren, also 987,2 Mil-
126 Das 1 × 1 des Universums

liarden Jahren: eine Zahl, die sehr nahe an 1 000 Milliarden liegt. Die
Wesen in dieser fernen Zukunft kämen dann natürlich nicht auf den
Gedanken, die Geschichte ihrer Zivilisation hätte nur einen kleinen
Anteil an der Geschichte des Universums. Brandon Carter und
Richard Gott waren deshalb der Ansicht, dass wir – anders als die
Nachfahren in ferner Zukunft – etwas ganz Besonderes darstellen.
Nimmt man andererseits an, dass un-
Wenn du einmal tot bist, hast ser Platz in der Geschichte des Univer-
du einen sehr wichtigen Teil deines sums nichts Besonderes darstellt, hat
Lebens verloren.
das dramatische Folgen. Damit sicher
Brooke Shields12 ist, dass weder unser Blick auf die kos-
mische Geschichte noch der unserer
nächsten Nachfahren etwas Besonderes an sich hat, darf es keine
Nachfahren in ferner Zukunft geben: Nur wenn das Leben auf der
Erde in ein paar tausend Jahren verschwindet, werden all unsere
Nachfahren ungefähr das gleiche Geschichtsbild haben wie wir, dass
nämlich der zeitliche Anteil der Menschheitsgeschichte an der Ge-
schichte des Universums sehr klein ist. Gott (Richard Gott) schätzte
ab, dass nach dieser Logik alles Leben auf der Erde mit 95 Prozent
Wahrscheinlichkeit in 5 000 bis 7,8 Millionen Jahren enden wird.
Es gibt keinen Grund, diese Zukunftsprognosen auf eine Kata-
strophe wie die Auslöschung des menschlichen Lebens zu beschrän-
ken. Wie Gott in seinem Buch Zeitreisen in Einsteins Universum gezeigt
hat, beruhen sie auf der simplen statistischen Tatsache, dass es eine
Wahrscheinlichkeit von 95 Prozent gibt, ›Ereignisse‹ mit Anfang
und Ende in den mittleren 95 Prozent ihrer Lebensspanne zu beob-
achten, wenn der Beobachtungszeitpunkt vom Zufall bestimmt
wird. Um zu zeigen, in wie vielen Bereichen man dieses statistische
Zahlenspiel anwenden kann, wurde Gott gebeten, für die Neujahrs-
ausgabe 2000 des Wall Street Journal eine Reihe von Voraussagen zu
wagen. Sie sind in Abbildung 7.3 wiedergegeben.
Derartige Statistiken kann man für alle möglichen Dinge aufstel-
len, die vom Ende bedroht sind. Bei einer gewünschten Wahrschein-
lichkeit von 95 Prozent liegt die Untergrenze bei 1/39, die Ober-
grenze beim 39-fachen der bisherigen Lebenszeit. Begnügt man sich
mit 50 Prozent Wahrscheinlichkeit, sind die Grenzen 1/3 und das
Dreifache.13
Leben im All 127

Phänomen und sein Anfangsdatum Verbleibende Lebensdauer


mehr als aber weniger als
Stonehenge (2 000 v. Chr.) 102,5 Jahre 156 000 Jahre
Pantheon (126 n. Chr.) 48 Jahre 73 086 Jahre
Menschen (Homo sapiens, 200 000 Jahre alt) 5 100 Jahre 7,8 Mio. Jahre
Große Mauer (in China, 210 v. Chr.) 56 Jahre 86 150 Jahre
Internet (1969) 9 Monate 1 209 Jahre
Microsoft (1975) 7 Monate 975 Jahre
General Motors (1908) 2,3 Jahre 3 588 Jahre
Christenheit (ca. 33 n. Chr.) 50 Jahre 76 713 Jahre
Vereinigte Staaten (1776) 5,7 Jahre 8 736 Jahre
New Yorker Börse (1792) 5,2 Jahre 8 112 Jahre
Manhattan (1626 gekauft) 9,5 Jahre 14 586 Jahre
Wall Street Journal (1889) 2,8 Jahre 4 329 Jahre
New York Times (1851) 3,8 Jahre 5 811 Jahre
Universität Oxford (1249) 19 Jahre 29 289 Jahre

A b b ild u n g 7.3
Mit 95-prozentiger Wahrscheinlichkeit zu erwartende weitere Lebensdauer
ausgewählter Phänomene.14

Vom Zufall zum Schicksal


Die Herausforderung der großen Zahlen spielte eine wichtige Rolle
bei unseren Anstrengungen, die Struktur des Universums zu erfor-
schen und die Spannweiten der Naturkonstanten abzuschätzen, die
das Skelett der Natur ausmachen, das vom Fleisch der Gesetze um-
geben ist. In der Folge wandelte sich auch die Haltung der Kosmolo-
gen gegenüber den anderen Wissenschaften. Während zuvor Biolo-
gie und Geologie wenig mit Astronomie und Kosmologie zu tun
hatten, erkannte man nun ihre kosmische Bedeutung. Das kosmolo-
gische Denken gewann an Gewicht. Es wurden kosmologische Theo-
rien aufgestellt, die man geophysikalisch oder paläontologisch zu
beweisen hoffte. Wieder andere führten zu einem Geschichtsablauf,
in dem für eine Evolution mit natürlicher Auswahl kein Platz war.
Die Astronomen begannen, nach der Feinabstimmung eines Univer-
128 Das 1 × 1 des Universums

sums zu fragen, in dem Leben unserer (oder anderer) Art existieren


kann. Die gemessenen Größen vieler der grundlegenden Naturkon-
stanten und anderer Parameter, die unser Universum beschreiben –
seine Gestalt, seine Expansionsgeschwindigkeit, seine Homogenität,
seine Isotropie – erscheinen aufs Sorgfältigste austariert. Schon
kleine Verschiebungen des Status quo würden jegliche für uns vor-
stellbare Komplexität unmöglich machen. Bewohnbare Universen
erweisen sich mehr und mehr als ausgefeilte Balanceakte.

Das Universum zu Zeiten Eduards VII.


Nach unserem Blick auf Dickes Umgang mit den Koinzidenzen der
großen Zahlen wollen wir ein wenig in die Vergangenheit schauen:
auf Alfred Wallace, der schon 1903 ganz ähnliche Argumente vorge-
bracht hatte. Wallace war ein großer Naturwissenschaftler, der heute
weniger Ruhm erntet, als ihm gebührt. Er und nicht Charles Darwin
hatte als Erster die Idee, dass sich die Lebewesen in einem Evoluti-
onsprozess durch natürliche Auslese entwickeln. Es war ein Glück
für Darwin, der sich tiefschürfende Gedanken zu diesem Thema
machte und lange Zeit unabhängig von Wallace Beweisstücke zur
Unterstützung seiner Theorie sammelte, dass ihm Wallace schrieb
und von seinen Ideen berichtete, statt sie in einer wissenschaftlichen
Zeitschrift zu veröffentlichen. Heute wird die Evolutionsbiologie
fast ganz Darwin zugeschrieben.
Die Interessen von Wallace waren viel breiter gestreut als die Dar-
wins. Er beschäftigte sich mit fast allen Gebieten der Physik, der As-
tronomie und der Geowissenschaften. 1903 veröffentlichte er eine
umfassende Studie über die Faktoren, die unsere Erde zu einem be-
wohnbaren Planeten machen. Er begann die philosophischen
Schlüsse zu untersuchen, die man aus dem Zustand des Universums
ziehen konnte. Sein Buch erschien unter dem volltönenden Titel
Man’s Place in Universe in London zur Zeit von König Eduard VII. – vor
der Entdeckung der Relativitätstheorie, der Kernenergie und der Ex-
pansion des Universums. Fast alle Astronomen des 19. Jahrhunderts
stellten sich das Universum als eine einzelne Materieinsel im All vor
Leben im All 129

und setzten es mit der Milchstraße gleich. Man wusste weder, dass es
noch andere Galaxien gab, noch wie groß das Universum ist. Man
wusste nur, dass es groß ist.
Erstaunlicherweise gab es fast keinen Versuch, das Universum mit
den Newtonschen Gesetzen zu beschreiben. Eine bemerkenswerte
Ausnahme sind die Arbeiten von Lord Kelvin aus den Jahren 1901
und 1902.15 Kelvin zeigte, dass die Wirkung der Schwerkraft einen
riesigen Materieball dazu bringen würde, in sein Zentrum zusam-
menzustürzen – es sei denn, er würde
um dieses Zentrum kreisen. In Kelvins Die Proposition ist ein Begriff, den man
Universum gab es etwa eine Milliarde sich von der Wirklichkeit macht, eine Ver-
sonnenähnlicher Sterne, deren Schwer- mutung, eine Theorie, eine Annahme
über die Beschaffenheit der Dinge. …
kraft gerade die Kreisbewegungen aus- Dass eine Proposition interessant ist, ist
balancierte, die man beobachtete.16 wichtiger als dass sie wahr ist. … Natür-
Wallace war von dem einfachen kos- lich sind wahre Propositionen eher inter-
mologischen Modell Kelvins sehr beein- essant als falsche.
druckt. An Wallace’s Auseinandersetzung Alfred North Whitehead17
mit diesem Modell ist bemerkenswert,
dass er keinen Kopernikanischen Stand-
punkt einnimmt, sondern im Universum Gegenden für möglich hält,
die günstiger für Leben sind als andere. Demnach leben wir zwar nicht
im Zentrum aller Dinge, aber immerhin in dessen Nähe.
Wallace kommt zu einem ähnlichen Schluss wie Dicke bei der Be-
stimmung des Alters, das ein Universum mit menschlichen Beob-
achtern haben muss. Man wusste natürlich zu Wallace’s Zeiten noch
nichts von den Kernkräften und daher auch nicht, aus welcher Ener-
gie sich unsere Sonne speist. Kelvin hatte auf die Schwerkraft ge-
setzt. In seiner Kosmologie wird von der Schwerkraft Materie ins
Zentrum des Universums Richtung Milchstraße gezogen und von
den Sternen aufgesogen, die dort schon existieren. Dabei entsteht
Wärme, die über lange Zeiträume für die Leuchtkraft dieser Sterne
sorgt. Dieser Prozess stellt für Wallace einen einfachen Grund für die
immense Größe des Universums dar:
Durch diesen Vorgang haben wir nach meiner Ansicht eine zureichende Er-
klärung für die lang andauernden Leucht- und Wärmeprozesse unserer Son-
nen gefunden, eine Erklärung, die wohl auch für viele andere Sonnen, die sich
in der gleichen Stellung im Sonnenhaufen befinden, gültig sein mag. Diese
130 Das 1 × 1 des Universums

Sonnen haben sich zunächst allmählich aus den beträchtlichen Massenteilen


angesammelt, die sich zerstreut und in langsamer Bewegung in den Innentei-
len des ursprünglichen Universums befanden; in den späteren Epochen aber
haben sie durch beständigen und regelmäßigen Zustrom von Materie aus den
Außenregionen an Kraft gewonnen, denn diese Materie besaß so hohe Eigen-
geschwindigkeit, dass sie zur Erzeugung und Aufrechterhaltung der nötigen
Temperatur einer Sonne, wie der unseren, dienen konnte, selbst während so
langer Epochen, wie sie für die Entwicklung des Lebens als notwendig er-
kannt worden sind. Wir sehen auf diese Weise, dass die ungeheuere Ausdeh-
nung und Masse des ursprünglichen Universums und seiner ringsum zer-
streuten Masse (nach der Theorie des Lord Kelvin) im Hinblick auf das
eigentliche Resultat der Evolution von größter Bedeutung ist, weil nur durch
sie die in langsamer Bewegung befindlichen kalten zentralen Regionen in den
Stand gesetzt worden sind, die erforderliche Energie in Form von Hitze her-
vorzubringen und aufrecht zu erhalten. Andererseits war auch die Anhäufung
der bei weitem größten Masse der Materie in dem gewaltigen und in Umdre-
hung befindlichen Ring der Milchstraße von ebenso großer Wichtigkeit, weil
durch ihn ein zu großer und zu schneller Zustrom der Materie nach den be-
vorzugten inneren Regionen aufgehalten wurde. … In jenen Gegenden schnel-
lerer und weniger kontrollierter Bewegungen und größerer Massenanhäufun-
gen von Materie wird wahrscheinlicherweise kein Stern eine genügend
gleichmäßige Temperatur während genügend langer Zeiten aufrecht erhalten
haben können, um irgend einem Planeten, der zu ihm gehören dürfte, das
vollkommene System einer Lebensentwicklung zu gestatten.18

Wallace erkannte sehr klar die Verbindung zwischen diesen ungewöhn-


lichen generellen Eigenschaften des Universums und den Bedingungen,
die herrschen müssen, damit sich blühendes Leben entwickeln kann:
Nehmen wir also derartige Entwicklungsvorgänge, wie ich sie hier angedeutet
habe, in ihren Grundzügen als wahrscheinlich an, so geht uns eine Ahnung
davon auf, wie all diese gewaltigen Formbildungen des gestirnten Universums
zur Hervorbringung einer Lebensentwicklung zusammengewirkt haben. Die
wichtigsten Erscheinungen in dieser Hinsicht sind: die gewaltige Ausdehnung
des Universums, die Gestalt, die der mächtige Ring der Milchstraße angenom-
men hat, und unsere Stellung nahe, jedoch nicht genau in dem Zentrum.19

Wallace nahm an, dass dieser Sturz von Materie ins Zentrum und die
Erzeugung der Sonnenenergie aus der Gravitation nicht gleichmä-
ßig vonstatten geht: Lange Zeiträume, in denen einfallende Materie
die Erwärmung der Sterne vorantreibt, lösen Perioden der Ruhe und
Abkühlung ab. In einer solchen Ruheperiode leben wir vermutlich:
Leben im All 131

Ich habe hier einen Entwicklungsvorgang nahegelegt, der zu einem sehr lang-
samen, aber beständigen Wachstum der zentraler gelegenen Sonnen führen
muss, ferner zu einer außerordentlich lang ausgedehnten Epoche von nahezu
gleichmäßiger Hitzeentwicklung, und schließlich zu einer ebenso lang ausge-
dehnten Epoche nahezu gleichmäßiger Abkühlung – einer Epoche, in deren
Beginn unsere Sonne vielleicht gerade eingetreten ist.20

Wallace beendete seine Betrachtung der kosmischen Bedingungen,


die für die Entwicklung von Leben nötig sind, mit einem Blick auf
Geologie und Erdgeschichte. Dort trifft man auf weit kompliziertere
Verhältnisse als in der Astronomie. Aufgrund der Vielzahl histori-
scher Zufälle, deren Spuren sich bis in unsere Zeit erhalten haben,
hielt er es für im höchsten Maße unwahrscheinlich, dass das ganze
Konglomerat von Bedingungen, das der Entwicklung von Leben för-
derlich ist, auch anderswo im Universum zu finden sei. Deshalb
müsse das Universum so riesengroß sein, damit es wenigstens auf ei-
nem Planeten wie dem unseren eine hinreichende Chance zur Ent-
wicklung von Leben böte.
Ferner ist aber auch die Vorstellung weder unfassbar, noch auch nur unwahr-
scheinlich, dass zur Hervorbringung einer Welt, die in allen ihren Einzelheiten
zur regelmäßigen Entwicklung organischen Lebens, wie es in der Erscheinung
des Menschen gipfelt, geeignet ist, solch ein ungeheures und kompliziertes
Universum absolut notwendig war, wie das, welches wir als um uns herum
bestehend erkannt haben.21

Heute können wir solchen Erwägungen nur zustimmen. Aus der ge-
waltigen Größe des sichtbaren Universums mit seinen 1080 Protonen
ergibt sich eine große Anzahl von Bereichen, wo die statistischen
Variationen chemischer Verbindungen durchlaufen werden können.
Wallace interessierte sich sehr für die gewaltige Größe des Univer-
sums als Voraussetzung für unsere Entwicklung, war aber wenig von
der Vorstellung angetan, es könnte noch viele andere Lebensformen
im All geben. Er glaubte an die Einheitlichkeit der physikalischen und
chemischen Gesetze, und er war besonders davon beeindruckt, dass
die Messung der Lichtgeschwindigkeit aus der Verdunklung der Jupi-
termonde zum gleichen Ergebnis führt wie Messungen auf der Erde.
Aus diesen verschiedenen Entdeckungen schöpfen wir die Überzeugung, dass
das gesamte materielle Universum in seinen Grundlagen sowohl hinsichtlich
132 Das 1 × 1 des Universums

der gleichen physikalischen und chemischen Gesetze, wie der gleichen mecha-
nischen Beziehungen von Form und Aufbau eine Einheit bildet.22

Diese einheitlichen Gesetze würden sicherstellen,


dass organisch lebende Geschöpfe gleichviel, wo sie im Universum vorkom-
men, in ihren Grundlagen und den bestimmenden Eigenschaften ihrer Mate-
rie die gleichen sind. Die äußeren Formen des Lebens, falls sie überhaupt an-
derswo vorkommen, mögen nahezu unendlich mannigfaltig sein, wie sie ja
auch auf der Erde mannigfaltig sind. … Es liegt uns fern, behaupten zu wollen,
organisches Leben könne nicht unter durchaus anderen Bedingungen vor-
kommen, als diejenigen sind, welche wir kennen oder begreifen können. Sol-
che anderen Bedingungen mögen ja in anderen Universen existieren, die ganz
anders, als das unsere aufgebaut sind, in denen andere Substanzen an die
Stelle des Äthers und der Materie unseres Universums getreten sind, und wo
andere Gesetze herrschen. Aber innerhalb des Universums, das wir kennen, gibt
es nicht den leichtesten Grund zu der Vermutung, dass organisches Leben
unter anderen allgemeinen Bedingungen und Gesetzen, als denen, die hier
herrschen, möglich wären [sic!].23

Wallace’s Einsichten bilden eine faszinierende Brücke zwischen der


Gedankenwelt vor dem Aufkommen der Evolutionstheorie und dem
modernen Blickwinkel nach der Entdeckung, dass das Universum
eine Geschichte hat. Sein kosmologischer Ansatz macht deutlich,
dass die Theorien der Entwicklung von Leben nicht an eine be-
stimmte Theorie der Sternbildung geknüpft sind, sondern in jedem
Zusammenhang gelten. Kelvins Bild des Universums war für Wallace
neu. Die modernen Astronomen können sich auf die gut gesicherte
Theorie eines expandierenden Universums stützen, dessen Energie-
erzeugung in den Sternen man fast vollständig versteht. Beide Theo-
rien sind dynamisch: Bei Kelvin stürzte Materie aus großer Entfer-
nung unter dem Einfluss der Schwerkraft in das Zentrum des
Sternsystems, während sich nach der Big-Bang-Theorie das Univer-
sum im Lauf der Zeit immer weiter aufbläht. In beiden Szenarien
sind die Ausmaße des Universums und die Zeit miteinander ver-
knüpft, und die gewaltige Größe des Universums hat ungewöhnliche
indirekte Konsequenzen für alles, was in ihm geschieht – beispiels-
weise dafür, ob sich im Laufe der Zeit Leben und Geist entwickeln.
Kapitel 8
Das Anthropische Prinzip
Einige wenige unter uns lassen die meisten unter uns spüren,
dass Leben etwas ist, aus dem einige wenige unter uns das
meiste machen.
Willard Quine1

Anthropische Argumente
Nach der ersten Erkenntnis, dass das Universum bestimmte Eigen-
schaften haben muss, damit in ihm Leben möglich ist, wuchs das
Interesse an Dickes ›Anthropischem Prinzip‹. Dies entfachte unter
Astronomen, Physikern und Philosophen eine weitreichende De-
batte über seine Nützlichkeit und tiefere Bedeutung. Einer der
Gründe für dieses große Interesse war die Entdeckung, dass die Na-
turkonstanten derzeit eine Größe haben, die auf vielfältige Weise
dazu beiträgt, Leben im Universum zu ermöglichen. Manchmal
scheint dies allerdings nur um Haaresbreite zu gelingen. Wir können
uns ohne weiteres Welten mit Naturkonstanten ausmalen, die nur
wenig von ›unseren‹ abweichen, in denen aber trotzdem kein Leben
wie das irdische möglich ist. Wenn die Feinstrukturkonstante zu
groß ist, können keine Atome existieren, erhöht man die Schwer-
kraft, verpulvern die Sterne ihren Brennstoff schneller, verringert
man die Kernkräfte, gibt es keine Biochemie. Wir müssen bei unseren
Überlegungen drei verschiedene Klassen von Änderungen in Betracht
ziehen. Zunächst sind winzig kleine Änderungen möglich. Verklei-
nert man beispielsweise die Feinstrukturkonstante in der zwanzigs-
ten Stelle, so hat das für ein Leben, wie wir es kennen, keine schlim-
men Folgen. Ändert man jedoch diese Größe um einen kleinen
Betrag, beispielsweise in der zweiten oder dritten Stelle, werden die
Folgen schon gravierender. Die Eigenschaften der Atome ändern sich
und komplizierte Prozesse wie die Faltung von Proteinketten oder
die Verdopplung der DNS werden nachteilig beeinflusst. Anderer-
134 Das 1 × 1 des Universums

seits können sich aber auch neue Möglichkeiten für eine komplexe
Chemie eröffnen. Es ist schwer, solche Folgen abzuschätzen, da die
Zusammenhänge nicht offen zutage liegen. Die dritte Möglichkeit
ist eine große Änderung. Sie hätte zur Folge, dass weder Atome noch
Moleküle existieren können, und stellt deshalb eine klar umrissene
Schranke für die Entwicklung komplexer Strukturen dar. Für einen
weiten Bereich denkbarer Änderungen ist Leben jeglicher Art unvor-
stellbar.
Zunächst müssen wir Klarheit darüber gewinnen, auf welche
Weise Dicke sein Anthropisches Prinzip eingeführt hat, da darüber
in der Diskussion ziemliche Konfusion herrscht.2 Die Existenz von
Sternen und damit bestimmter chemischer Elemente stellt für kom-
plexe chemische Strukturen, für die ›Leben‹ das eindrucksvollste uns
bekannte Beispiel ist, eine notwendige Bedingung dar. Das heißt
nicht, dass Leben existieren muss, wenn diese Voraussetzungen gege-
ben sind. Es heißt auch nicht, dass einmal existierendes Leben über-
lebt oder dass das Universum mit dem Hintergedanken an Leben
entworfen wurde. Das sind alles voneinander deutlich getrennte
Dinge. Wenn unsere anthropische Bedingung wirklich für die Exis-
tenz lebender Beobachter in einem Universum notwendig ist, muss
sie logischerweise auch in unserem Universum erfüllt sein – gleich-
gültig, wie unwahrscheinlich uns das vorkommen mag.
Dickes Thesen über die großen Zahlen haben viele wichtige Kon-
sequenzen. Es wurde klar, dass die Ansätze von Eddington und Dirac
zu sehr aus dem (physikalischen) Rahmen fallen und nicht ohne
schwerwiegende Eingriffe in die physikalischen Theorien bewiesen
werden können. Eddington wollte eine ehrgeizige neue grundle-
gende ›Theorie für Alles‹ aufstellen. Von dieser erhoffte er sich Glei-
chungen, mit denen die Naturkonstanten auf unerwartete Weise
miteinander verknüpft werden könnten und die zeigen würden, dass
die Koinzidenzen der großen Zahlen Ausdruck eines tief verborge-
nen Grundschemas der Natur sind. Dirac hatte die Konstanz der
altvertrauten Gravitationskonstante G geopfert, um die Koinziden-
zen der großen Zahlen als Resultat einer noch unbekannten Theorie
der Schwerkraft und der atomaren Phänomene zu erklären. Im Ge-
gensatz dazu rührte Dicke mit seinem Ansatz die alten Theorien
kaum an. Für ihn war wichtig, dass nicht alle Zeitpunkte der kosmi-
Das Anthropische Prinzip 135

schen Skala gleichwertig sind: Wir können das Universum nur beob-
achten, weil es schon so alt ist, dass in ihm Leben zu existieren ver-
mag. Das bedeutet, dass für unsere astronomischen Beobachtungen
eine unüberwindbare Schranke besteht, die wir nicht außer Acht
lassen dürfen. Diese Schranke ist dafür verantwortlich, dass die Di-
racschen Koinzidenzen der großen Zahlen von Lebewesen beobach-
tet werden, wie wir es sind. Die Lektion, die Dicke den Wissenschaft-
lern erteilt, ist einfach und folgenreich. Wenn man sie – wie
Eddington und Dirac – nicht beherzigt und altbewährte Theorien zu
Gunsten wilder Spekulationen aufgibt, könnte man das Schicksal
der beiden Forscher erleiden und einem Phantom nachjagen.
Kritiker, die Dickes Ansatz nicht verstanden, beanstandeten, dass
es sich dabei um keine ›naturwissenschaftliche Theorie‹ handle, da
sie keine übeprüfbaren Vorhersagen enthält. Das ist aber ein tiefes
Missverständnis. Wenn man feststellt, dass Beobachtungen mit sys-
tematischen Fehlern behaftet sind, stellt man keine neue Theorie
auf, die anderen Theorien Konkurrenz machen will und in Experi-
menten auf ihren Wahrheitsgehalt getestet werden muss. Es ist viel-
mehr ein Beitrag zur wissenschaftlichen Methodik, den wir überse-
hen oder zu unserem eigenen Schaden bewusst ignorieren können.
Es geht um nicht mehr als um genaue Regeln für den Umgang mit
einem Phänomen, das den experimentell arbeitenden Wissenschaft-
lern wohl vertraut ist: den systematischen Beobachtungs- und Mess-
fehlern.
Wenn man ein Experiment durchführt oder aus Beobachtungsda-
ten Schlüsse ziehen will, ist es besonders wichtig, dass man alles über
mögliche Fehler bei der Beobachtung und Datenerfassung weiß. Ein
solcher Fehler könnte so aussehen, dass man bestimmte Daten leich-
ter erfasst und so ein falsches Bild erhält. Ein interessantes Beispiel,
über das man in den Zeitungen lesen konnte, ist das unterschiedli-
che Niveau der Mathematikkenntnisse von Schülern aus verschiede-
nen Ländern. Man hatte dies anhand von Tests ›festgestellt‹ und
lange Jahre geglaubt, dass die Schüler in einigen südostasiatischen
Ländern deutlich besser wären als in Großbritannien. Dann stellte
sich aber heraus, dass in diesen Ländern die schwächsten Schüler
nicht mit einbezogen worden waren, was natürlich Folgen für die
Statistik hatte: Der Durchschnittswert wurde besser als mit den un-
136 Das 1 × 1 des Universums

frisierten Daten. Ein anderes Beispiel aus jüngerer Zeit ist eine Un-
tersuchung in den USA, bei der man herausfinden wollte, ob Kir-
chenbesucher gesünder sind als Nichtgläubige. Diese Untersuchung
war ebenfalls mit einem gravierenden Fehler behaftet: auch gläubige
Menschen können nicht zur Kirche gehen, wenn sie schwer krank
sind.
Mein Lieblingsbeispiel für einen systematischen Fehler hat damit
zu tun, wie wir den Verkehrsfluss wahrnehmen. Nach einer kürzlich
in Kanada angestellten Untersuchung glaubt die Mehrzahl der dor-
tigen Autofahrer, dass der Verkehr auf der Nachbarspur schneller
fließt als auf der eigenen. Die findigen Autoren der Studie versuch-
ten dieses Ergebnis mit zahllosen komplexen psychologischen
Gründen zu erklären. So könnte es beispielsweise sein, dass ein Fah-
rer eher Vergleiche anstellt, wenn er von schnelleren Autos (=Kon-
kurrenten) überholt wird, als wenn er selbst überholt.3 Vielleicht
prägt sich auch das Erlebnis, überholt zu werden, tiefer ein als das
Überholen. Diese Schlussfolgerungen sind natürlich keineswegs
bedeutungslos, denn die Studie kam auch zu dem Ergebnis, dass
man auf die Autofahrer pädagogisch einwirken könnte, um sie da-
von abzubringen, ständig auf die angeblich schnellere Nachbarspur
zu wechseln (mit der fatalen Folge, dass der Verkehrsfluss insgesamt
langsamer wird und die Sicherheit abnimmt). Aber jenseits aller
psychologischen Gründe gibt es eine viel einfachere Erklärung für
das Ergebnis der Untersuchung: Der Verkehr auf der anderen Spur
fließt für die Mehrzahl der Befragten wirklich schneller! Das Di-
lemma der Studie liegt in der Auswahl der Interviewpartner. Typi-
scherweise wird auf einer Spur der Verkehr langsamer, wenn die
Fahrzeugdichte zunimmt.4 Es gibt daher im Schnitt auf der langsa-
meren Spur mehr Autos als auf der schnelleren Spur. Wenn man ei-
nen Fahrer per Zufall herauspickt und ihn fragt, ob er auf der ande-
ren Spur schneller vorankäme, ist die Wahrscheinlichkeit größer,
einen Fahrer von der volleren (und langsameren) Spur zu erwischen,
einfach, weil dort mehr fahren (Abbildung 8.1). Wegen des systema-
tischen Fehlers der Untersuchung kann man aus ihr leider nicht
schließen, ob es gut oder schlecht ist, die Spur zu wechseln. Viel-
leicht sind die Kirschen in Nachbars Garten wirklich immer die
besseren?
Das Anthropische Prinzip 137

A b b ild u n g 8 .1
Verkehr auf einer Autobahn bei Hollywood: Warum scheinen die Autos auf der
Nachbarspur immer schneller zu sein? Weil sie es im Durchschnitt sind!5

Diese einfachen Beispiele zeigen, dass sich jeder Wissenschaftler be-


mühen muss, alle nur denkbaren Fehlerquellen zu berücksichtigen,
um nicht zu Resultaten zu kommen, die mit der Wirklichkeit nichts
zu tun haben. Dicke stellte nun bei den Astronomen ein ähnlich
leichtfertiges Verhalten fest, wenn sie ihren Blick auf das Universum
richten. Wer nicht bedenkt, dass ein Beobachter allein schon deshalb
eine ganz besondere Stellung hat, weil er beobachten kann, wird
leicht falsche Schlüsse ziehen.

Hat man einmal eine Eigenschaft des Universums ausfindig ge-


macht, die für die Existenz komplexer Chemie notwendig ist, stößt
man oft auf andere Eigenschaften, die zunächst nichts mit Leben zu
tun zu haben scheinen. Tatsächlich treten sie aber als notwendige
Nebenprodukte der ›notwendigen‹ Eigenschaft auf. So muss nach
Dicke ein Universum Milliarden von Jahren alt werden, damit die
Zeit zur Herausbildung der Bausteine des Lebens reicht. Anderer-
seits sagt uns das Gravitationsgesetz, dass das Alter des Universums
unmittelbar mit anderen Eigenschaften verbunden ist, zu denen die
Helligkeit des Himmels, die Dichte und die Temperatur gehören.
138 Das 1 × 1 des Universums

Hat das Universum vor Milliarden Jahren begonnen, sich auszudeh-


nen, muss sein sichtbarer Teil heute einen Radius von Milliarden
von Lichtjahren haben. Da bei der Expansion Temperatur und
Dichte geringer wurden, muss es notwendigerweise kalt und leer
sein. Wie wir gesehen haben, beträgt die mittlere Dichte des Univer-
sums heute kaum mehr als 1 Atom/m3. Es überrascht daher kaum,
dass der Abstand zu anderen Sternsystemen so groß ist und dass es
daher schwierig ist, Kontakt zu Aliens zu bekommen. Sollte ir-
gendwo im All hoch entwickeltes Leben existieren, hat es vermutlich
wie das irdische sein technisches Niveau ohne Störungen durch We-
sen aus anderen Welten erreicht.
Die niedrige Temperatur des Universums sagt uns nicht nur, dass
es im All kalt ist. Sie ist auch die Ursache dafür, dass der Nachthim-
mel dunkel erscheint. Viele Jahrhunderte lang haben sich die Wis-
senschaftler mit der Frage gequält, warum das so ist. Wenn es eine
derart gewaltige Zahl von Sternen gibt, müsste es uns beim Blick in
den Nachthimmel eigentlich ähnlich ergehen, wie wenn wir in einen
dichten Wald schauen (Abbildung 8.2): Überall müsste das Auge auf
Sterne treffen, deren helle Oberflächen jeden Fleck des Himmels aus-
füllen und ihn wie die Sonnenoberfläche hell erstrahlen lassen. Was
uns vor diesem strahlenden Himmel bewahrt, ist die Expansion des
Universums. In den mehr als 10 Milliarden Jahren, in denen sich das
Universum ausgedehnt und abgekühlt hat, ist die Materiedichte so
gering geworden, dass selbst bei einer vollkommenen Verwandlung
aller Materie in Strahlung der Nachthimmel nicht wahrnehmbar
heller würde. Es ist einfach zu wenig Strahlung vorhanden, um den
riesigen Weltraum so weit anzufüllen, dass er uns hell erscheint.
Einst, als das Universum mit kaum 100 000 Jahren noch jung war,
strahlte der gesamte Himmel so stark, dass weder Sterne noch Atome
noch Moleküle existieren konnten. Natürlich gibt es auch keine Zeu-
gen, die uns davon berichten könnten.
Diese Überlegungen haben auch Konsequenzen eher philosophi-
scher Art. Die immense Größe und düstere Finsternis des Univer-
sums erscheinen auf den ersten Blick gesehen für Leben höchst
feindlich zu sein. Der Anblick des Nachthimmels hat viele religiöse
und ästhetische Sehnsüchte genährt, die sich unserer offensichtli-
chen Kleinheit und Bedeutungslosigkeit angesichts der unendlichen
Das Anthropische Prinzip 139

A b b ild u n g 8 .2
Wenn man in einen dichten Wald schaut,
trifft das Auge immer auf einen Baum.6

Weiten des Alls und der Unveränderlichkeit des gestirnten Himmels


über uns verdanken. In vielen Kulturen wurden die Sterne angebetet,
oder man glaubte (und glaubt noch heute), dass sie die Zukunft be-
stimmen. Kulturen wie die unsere sind von der Sehnsucht besessen,
die Sterne zu besuchen.
George Santayana schrieb in seinem 1896 erschienenen Buch The
Sense of Beauty über die Gefühle, die aus der Erfahrung der Bedeu-
tungslosigkeit der Erde und der Leere des Universums erwachsen:
Die Vorstellung, dass unsere Erde unbedeutend ist und dass es eine unbegreif-
liche Vielzahl von Welten gibt, ist in der Tat äußerst beeindruckend, ja sie
kann unsere heftige Ablehnung erzeugen … Unsere mathematische Vorstel-
lungskraft wird durch dieses übernommene Konzept Qualen ausgesetzt, die
einem Albtraum gleichen und vielleicht, wenn wir aus ihm erwachen könnten,
von lachhafter Absurdität wären. … Die Verwandtschaft der Gefühle, die in
uns die Sterne hervorrufen, mit den Gefühlen, die mit bestimmten religiösen
Momenten verbunden sind, scheinen die Sterne zu einem religiösen Objekt zu
machen. Sie regen wie beeindruckende Musik zur Anbetung an.
Nichts ist objektiv beeindruckend. Dinge beeindrucken nur, wenn sie mit
Erfolg die Gefühle des Beobachters rühren, indem sie einen Zugang zu seinem
Herzen und seinem Denken finden. Die Vorstellung, dass das Universum ein
Konglomerat unbedeutender Kugeln ist, die wie Staubkörnchen in einem
140 Das 1 × 1 des Universums

dunklen und unendlich leeren Raum kreisen, mag uns kalt und indifferent
lassen, wenn nicht gar langweilen oder deprimieren, sofern wir dieses hypo-
thetische Gebilde nicht mit dem sichtbaren Glanz, der ergreifenden Tiefe und
der verwirrenden Zahl der Sterne identifizieren.
Der sinnliche Gegensatz des dunklen Himmels – umso schwärzer, je klarer
die Nacht ist und je mehr Sterne wir sehen können – zu dem zitternden Licht
der Sterne kann durch nichts überboten werden.7

Andere sahen es etwas prosaischer. Der schwergewichtige britische


Mathematiker und Philosoph Frank Ramsey, Bruder von Michael
Ramsey, dem früheren Erzbischof von Canterbury, reagierte auf
Blaise Pascals »Grauen« angesichts der Menschen als »Verirrte« in
»diesem Winkel des [stummen] Weltalls«8 mit heiterer Gelassenheit:
Worin ich mich von einigen meiner Freunde unterscheide ist, dass ich der
physikalischen Größe wenig Bedeutung beimesse. Angesichts der Leere des
Himmels fühle ich mich nicht im mindesten demütig. Mag sein, dass die
Sterne riesig sind, aber sie können weder denken noch lieben – und das sind
Eigenschaften, die mich weit mehr als die schiere Größe beeindrucken. Nie-
mand mag mich, weil ich über 100 kg wiege. Ich habe ein perspektivisches
Bild von der Welt, kein maßstabgetreues. Deshalb stehen bei mir im Vorder-
grund Menschen in voller Größe, während die Sterne weit hinten so winzig
sind wie Stecknadelköpfe.9

Wenn nun schon die Ausmaße nicht alles sind, so haben sie doch
sicher eine gewisse Bedeutung, wenn man den gesamten Kosmos
in Betracht zieht. Die Verbindung zwischen der Expansionszeit
des Universums, die wir üblicherweise sein ›Alter‹ nennen, und
allem was mit dem Leben zu tun hat, gehört zu den Fragen, denen
sich die Kosmologen weit früher und intensiver hätten widmen
sollen. Vielleicht wären sie dann nicht über zwanzig Jahre einer
anderen Möglichkeit nachgejagt, die sich dann als Irrweg erwies.
1948 brachten Hermann Bondi, Thomas Gold und Fred Hoyle
mit ihrer Steady-State-Theorie ein Konkurrenzmodell zum ex-
pandierenden Big-Bang-Universum auf den Markt.10 Das Big-
Bang-Modell11 setzt voraus, dass die Expansion in einem be-
stimmten Augenblick der Vergangenheit begonnen hat. Im
weiteren Verlauf nahmen dann Dichte und Temperatur der Mate-
rie ständig ab. Die Expansion könnte nun für ewig weitergehen,
sie könnte aber auch eines Tages in eine Kontraktion umschlagen.
Das Anthropische Prinzip 141

Dichte und Temperatur würden dann wieder zunehmen, und das


Ende der Geschichte wäre in einem bestimmten Moment der Zu-
kunft in einem ›Big-Crunch‹ (oder Endkollaps, Endknall) erreicht
(siehe Abbildung 8.3).
Größe

n
fe
of ch
tis
kri

ge
sc
hlo
sse
n

Zeit

A b b ild u n g 8 .3
Expansionsmöglichkeiten eines Universums.

Dieses Szenario zeichnet vor allem aus, dass es andere physikalische


Bedingungen des Universums in der Vergangenheit voraussetzt als
heute oder in ferner Zukunft. Es gab Zeiten, in denen kein Leben
existieren konnte, weil es zu heiß war, um die Bildung von Atomen
zu erlauben. Es gab Zeiten, in denen noch keine Sterne existierten,
und es werden Zeiten kommen, in denen alle Sterne erloschen sein
werden. Im Verlauf dieser Geschichte gibt es einen besonderen Zeit-
abschnitt, in dem die Wahrscheinlichkeit am größten ist, dass sich
Beobachter des Universums entwickeln. Wenn man einen Anfang
des Universums annimmt, heißt das, dass es auch ›etwas‹ vor diesem
Anfang gab, ›wo‹ das Universum und vielleicht auch die Zeit nicht
existierten. Zum Warum und Wozu dieses Anfangs kann die Theorie
allerdings nichts aussagen – geschweige denn zu dem, was ›vorher‹
war.
142 Das 1 × 1 des Universums

Größe

Zeit

A b b ild u n g 8 .4
›Expansion‹ eines Steady-State-Universums.

Das Alternativmodell von Bondi, Gold und Hoyle war zum Teil von
dem Wunsch bestimmt, die Notwendigkeit eines solchen Anfangs
(oder eines möglichen Endes) des Universums zu vermeiden. Sie
wollten ein kosmologisches Szenario ohne bevorzugte Zeiträume
entwerfen, wonach das Universum im Mittel immer gleich aussah
und aussehen wird (siehe Abbildung 8.4). Auf den ersten Blick er-
scheint eine solche Konstruktion unmöglich, schließlich expandiert
das Universum ja wirklich und ändert sich damit zweifellos – wie
kann man es dann als ›unveränderlich‹ bezeichnen? Hoyle hatte das
Bild eines ständig fließenden Stroms vor Augen, dessen kleine Wel-
len zwar fortwährend in Bewegung sind, der aber insgesamt doch
immer fast gleich aussieht. Wenn man annimmt, dass im Universum
zu allen Zeiten die gleiche mittlere Materiedichte und Expansions-
rate herrscht, gibt es keinen einmaligen Geburtsakt von Materie, sie
wird vielmehr ständig mit einer Rate neu geschaffen, die exakt die
Dichteabnahme durch die Expansion ausgleicht. Dieser Mechanis-
mus einer ›Schöpfung in Permanenz‹ kann auf kleinster Flamme ar-
beiten, denn um eine konstante Dichte zu garantieren, muss nur alle
10 Milliarden Jahre 1 Atom/m3 entstehen! Kein Experiment und
keine astronomische Beobachtung wäre in der Lage, solch einen win-
zigen Effekt nachzuweisen (siehe Abbildung 8.5). Die ›Steady-State-
Theorie‹ des Universums macht äußerst klare Vorhersagen: Das
Universum sah im Mittel zu allen Zeiten gleich aus und wird dies
auch in Zukunft tun. Es gab keine ›besonderen‹ Zeitabschnitte in
Das Anthropische Prinzip 143

der kosmischen Geschichte, insbesondere keinen Anfang und keine


Zeit, in der sich die ersten Sterne bildeten oder Leben möglich wurde.
Auch ein Ende wird es nicht geben.

a) b)
Materiedichte

Materiedichte

Zeit Zeit

A b b ild u n g 8 .5
Änderung der durchschnittlichen Materiedichte
a) in einem expandierenden Big-Bang-Universum
b) in einem Steady-State-Universum.

Schließlich wurde das Steady-State-Modell durch eine Reihe von


Beobachtungen widerlegt. Man stellte zunächst fest, dass die Zahl
der Galaxien, die starke Sender von Radiowellen sind, im Verlauf der
Geschichte des Universums stark geschwankt hat. Dann entdeckte
man 1965 die so genannte ›Hintergrundstrahlung‹, den Überrest der
Wärmestrahlung aus der heißen Anfangsphase des Universums, die
aus den Big-Bang-Modellen folgt. Diese Strahlung im Mikrowellen-
bereich hat in einem Steady-State-Universum keinen Platz.
Zwanzig Jahre lang suchten Astronomen nach Beweisen dafür, ob
sich das Universum vielleicht doch in einem Gleichgewichtszustand
befindet, wie ihn Bondi, Gold und Hoyle vermuteten. Ein ganz einfa-
ches anthropisches Argument kann zeigen, wie unwahrscheinlich
ein solcher Zustand ist. Kennt man die derzeitige Ausdehnung des
Universums und geht man davon aus, dass sich die Expansionsrate
im Laufe der Geschichte nicht geändert hat, kann man den Zeit-
punkt angeben, an dem die Expansion begann – und damit in etwa
144 Das 1 × 1 des Universums

das Alter des Universums nach dem Big-Bang-Modell. Auch im


Steady-State-Universum liefert die Expansionsrate diesen Zeitpunkt.
Er entspricht aber nicht dem Alter des Universums, denn dieses ist
unendlich: Im Steady-State-Universum gibt es keine Geburtsstunde,
und die Expansionsrate ist nichts als die Expansionsrate, wie es die
Abbildung 8.4 verdeutlicht.
In einem Big-Bang-Universum ist es ganz natürlich, dass das Al-
ter, das man aus der Expansionsrate bestimmen kann, nur wenig
größer als das Alter der Sterne ist. Die Sterne wurden – von unserer
Warte aus gesehen – in der Vergangenheit gebildet, daher können wir
davon ausgehen, dass unser Auftritt auf der kosmischen Bühne nach
ihrer Entstehung lag. Dagegen wäre es im Steady-State-Universum
mit seinem unendlichen ›Alter‹ (oder seiner Alterslosigkeit) bloßer
Zufall, dass gerade die aus der Expansionsrate bestimmte Zeit nötig
war, damit in den Sternen Elemente wie Kohlenstoff entstehen
konnten. Wir haben schon gesehen, dass diese Koinzidenz der Zeiten
die von Dirac angenommene variable Gravitationskonstante G aus-
schließt. Fast so sicher spricht sie nun auch gegen ein Steady-State-
Universum.

Ein empfindliches Gleichgewicht


Es muss ziemlich viel Zeit verstreichen, bevor in einem Stern aus bin-
dungsscheuen Gasen wie Wasserstoff und Helium Elemente wie
Kohlenstoff entstehen. Aber es ist nicht nur die Zeit. Die Wahr-
scheinlichkeit für die Kettenreaktion, die stattfinden muss, damit
sich Kohlenstoff bildet, ist höchst gering: Drei Heliumkerne (auch
Alphateilchen genannt) müssen sich zusammenfinden, damit sie zu
einem Kohlenstoffkern verschmelzen können. Die Bedeutung dieses
Schlüsselprozesses zur Bildung von Kohlenstoff, der auch ›Triple-
Alpha‹- oder ›Salpeter-Prozess‹ genannt wird, hat als Erster der ame-
rikanische Physiker Ed Salpeter 1952 erkannt. Einige Monate später
fand dann Fred Hoyle während eines Aufenthalts am CalTech in
Pasadena heraus, dass die Bildung von Kohlenstoff in diesem Pro-
zess doppelt schwierig ist: Zu dem Problem des Dreiertreffens
Das Anthropische Prinzip 145

kommt, dass das Produkt aus dieser Liaison möglicherweise nur


sehr kurzlebig ist. Wenn man sich die Kette der Kernreaktionen et-
was genauer anschaut, wird klar, dass sich der entstehende Kohlen-
stoffkern ganz schnell mit einem weiteren Alphateilchen verbinden
kann – es entsteht Sauerstoff.
Hoyle erkannte, dass die Erzeugung von Kohlenstoff weit schnel-
ler und effektiver vonstatten gehen muss, als man sich vorgestellt
hatte, damit der entstandene Kohlenstoff nicht in Sauerstoff ver-
wandelt wird. Es gibt nur einen Weg, die Erzeugung von Kohlenstoff
hochzutreiben: Unter bestimmten Umständen wachsen die Raten
von Kernreaktionen dramatisch an. Man spricht dann von ›Reso-
nanz‹. Sie tritt auf, wenn die Summe der Energie der anfliegenden
Reaktionspartner sehr nahe bei einem natürlichen Energieniveau
des neu entstehenden schwereren Kerns liegt.
Hoyle berechnete, dass der hohe Anteil an Kohlenstoff im Univer-
sum nur erklärt werden kann, wenn der Kohlenstoffkern ein natürli-
ches Energieniveau bei 7,65 MeV hat. Leider wusste man von einem
solchen Niveau nichts.12
Pasadena war der richtige Ort, um über Energieniveaus von Ker-
nen nachzudenken. Willy Fowler, der ein Team hervorragender
Kernphysiker leitete, war ein äußerst freundlicher und begeiste-
rungsfähiger Mann. Hoyle zögerte nicht, ihn zu besuchen. Fowler
hatte sich schnell davon überzeugt, dass tatsächlich alle früheren
Experimente dieses bestimmte, von Hoyle angegebene Energieniveau
verfehlt haben konnten. Innerhalb weniger Tage gelang es Fowler,
andere Kernphysiker vom Kellogg Radiation Lab hinzuzuziehen und
ein Experiment durchzuführen. Das Ergebnis war überwältigend:
Man fand tatsächlich ein neues Energieniveau – fast genau dort, wo
es von Hoyle vorhergesagt worden war.13
Der ganze Ablauf der Ereignisse, die zur Entstehung des Kohlen-
stoffs führen, schien nun so sorgfältig ausbalanciert, als wäre er für
ein Science-Fiction-Universum ersonnen worden. Als Erstes müssen
drei Alphateilchen an einem Platz zusammenstoßen – ein Vorgang,
der in zwei Phasen abläuft: Zunächst tun sich zwei Alphateilchen
zusammen und bilden einen Berylliumkern:

Helium + Helium = Beryllium


146 Das 1 × 1 des Universums

Glücklicherweise hat das entstehende Be8-Isotop eine Halbwertszeit,


die mit 10-16 s zehntausend Mal länger als die Zeit ist, die zwei Heli-
umkerne benötigen, um sich zusammenzutun.14 Kurz: Der Berylli-
umkern lungert lange genug herum, um gute Chancen zum Einfang
eines weiteren Heliumkerns zu haben und damit zu Kohlenstoff zu
werden:

Beryllium + Helium = Kohlenstoff

Das besagte Energieniveau des Kohlenstoffs liegt mit seinen 7,656 MeV
ein klein wenig über der Energie des Paars ›Beryllium + Helium‹ mit
7,3667 MeV. Deshalb tritt Resonanz auf, wenn in einem Stern die
entsprechende Menge an thermischer Energie zugeführt wird: Es
entsteht eine große Menge an Kohlenstoff. Aber das ist noch nicht
das Ende der Geschichte. Es lauern ja, wie schon erwähnt, weitere
Heliumkerne, die darauf aus sind, den Kohlenstoff wieder zu ver-
nichten:

Kohlenstoff + Helium = Sauerstoff

Was wäre, wenn sich auch diese Reaktion als ›resonant‹ herausstellen
würde? Dann würde der eben entstandene Kohlenstoff schnell wie-
der verschwinden und das dankbar begrüßte Resonanzniveau des
Kohlenstoffs bliebe ohne Nutzen. Bemerkenswerterweise verläuft
aber die Vernichtung des Kohlenstoffs nicht resonant. Der Sauer-
stoffkern hat ein Energieniveau bei 7,1187 MeV, was knapp unter der
Gesamtenergie des Paars ›Kohlenstoff + Helium‹ mit 7,1616 MeV
liegt. Wenn daher die thermische Energie im Stern noch dazu-
kommt, kann diese Reaktion niemals resonant sein – und der Koh-
lenstoff überlebt. Hoyle erkannte, dass diese ausbalancierte Folge
günstiger Umstände ein auf Kohlenstoff gegründetes Leben im Uni-
versum möglich macht.15
Die Lage der Energieniveaus in Atomkernen wie beispielsweise
beim Kohlenstoff und Sauerstoff ist das Ergebnis komplizierter
Wechselwirkungen zwischen der Kernkraft und der elektromagneti-
schen Kraft, die man seinerzeit, als man das Resonanzniveau beim
Kohlenstoff entdeckt hatte, noch nicht so einfach berechnen konnte.
Heute kann man die Beiträge der jeweiligen Kräfte recht gut abschät-
Das Anthropische Prinzip 147

zen und weiß, dass die Lage der Niveaus aus der Größe der Fein-
strukturkonstante und der entsprechenden Konstante für die starke
Kernkraft folgt. Erhöht man die Feinstrukturkonstante um mehr als
4 Prozent oder verringert man die Konstante für die starke Kernkraft
um mehr als 0,4 Prozent, reduziert sich die Produktion von Kohlen-
stoff um einen Faktor zwischen 30 und 1 000. Noch detailliertere
Rechnungen über das Schicksal von Sternen bei einer Änderung die-
ser Naturkonstanten wurden in letzter Zeit von Heinz Oberhummer,
Attila Csótó und Helmut Schlattl durchgeführt.16 Die Ergebnisse des
Forscherteams sind in Abbildung 8.6 dargestellt.

Veränderung der starken Kernkraft in Prozent


0,2 0 –0,2
Vorkommen von Kohlenstoff bzw. Sauerstoff
im Vergleich zu den aktuellen Werten

10

Sauerstoff
1

0,1 Ko
h le
n sto
ff

–2 0 2
Veränderung der elektromagnetischen Kraft in Prozent

A b b ild u n g 8 .6
Produktion von Kohlenstoff und Sauerstoff in Sternen bei Veränderung
der Kopplungskonstanten, die die elektromagnetische und
die starke Kraft bestimmen.

Wie man sieht, ändert sich die Produktion von Kohlenstoff und Sauer-
stoff systematisch, wenn man an der Feineinstellung der Naturkons-
tanten dreht, die für die Resonanzniveaus verantwortlich sind. Je nach
148 Das 1 × 1 des Universums

Änderung ihrer Werte erhält man einmal große Mengen von Kohlen-
stoff, das andere Mal große Mengen von Sauerstoff – aber nie beides.
Hoyle war von der ›passenden‹ Lage des Resonanzniveaus beim
Kohlenstoff und dem Zusammenhang mit den Kopplungskonstan-
ten sehr beeindruckt. Er schrieb über die astrophysikalischen Ur-
sprünge der Elemente zusammenfassend:
Ich denke aber, dass man ein Minimum an Neugier bezüglich dieser seltsa-
men dimensionslosen Zahlen aufbringen sollte, die in der Physik auftauchen
und von denen letztlich die genaue Lage der Energieniveaus in Kernen wie C12
und O16 abhängen muss. Sind diese Zahlen so unveränderlich wie die Atome
für den Physiker des 19. Jahrhunderts? Ist eine in sich konsistente Physik mit
anderen Werten dieser Zahlen vorstellbar?17

Hoyle sah zwei Möglichkeiten: Entweder muss man zeigen, dass die
Naturkonstanten ihre derzeitigen Werte notwendigerweise haben,
damit die Physik ihre innere Logik behält – oder man muss den
Standpunkt einnehmen, dass einige (wenn nicht alle) der in Frage
stehenden Zahlen Fluktuationen unterliegen. Anderswo im Univer-
sum können sie dann größer oder kleiner sein.
Zunächst favorisierte Hoyle das Fluktuationsmodell, nach dem
die Naturkonstanten (möglicherweise zufällig) örtlich variieren. Nur
in bestimmten Gegenden des Universums wäre das Gleichgewicht
zwischen der Feinstrukturkonstante und der Konstante der starken
Kraft so fein austariert, dass die ›richtige‹ Menge an Sauerstoff und
Kohlenstoff entstehen konnte. Wenn man dieser Vorstellung folgt,
muss also
die seltsame Lage der Energieniveaus von C12 und O16 nicht mehr als das Er-
gebnis erstaunlicher Zufälle erscheinen. Da Lebewesen wie wir von einem
Gleichgewicht zwischen Kohlenstoff und Sauerstoff abhängen, könnte es ein-
fach sein, dass wir nur in den Teilen des Universums leben können, wo sich
diese Niveaus gerade an der richtigen Stelle befinden. Anderswo mag das Ni-
veau beim O16 ein wenig höher liegen, sodass beim Hinzutreten eines weiteren
α-Teilchens zum C12 Resonanz eintritt. An einem solchen Ort … könnten Lebe-
wesen wie wir nicht existieren.18

In einem anderen Zusammenhang vertrat Hoyle aber durchaus auch


eine deterministischere Deutung des Auftretens passender Reso-
nanzniveaus. Er nahm sie als Anzeichen für die Existenz einer Blau-
pause des Universums, in der Leben vorgesehen war:
Das Anthropische Prinzip 149

Ich glaube, dass jeder Naturwissenschaftler, der das Beweismaterial unter-


sucht, zu dem Schluss kommt, dass die Gesetze der Kernphysik ganz bewusst
im Hinblick auf die Konsequenzen entworfen wurden, die sie im Inneren der
Sterne haben. Wenn dies so ist, erweisen sich die von mir genannten und auf
den ersten Blick zufälligen Launen der Natur als Teil eines tieferen Plans.
Wenn nicht, sind wir wieder bei einer monströsen Aneinanderreihung von
Zufällen gelandet.19

Hoyles Erfolg bei der Voraussage des Resonanzniveaus von Kohlen-


stoff ließ das Interesse an der alten Vorstellung vom Universum als
einem Uhrwerk, wie sie die Naturtheologen des 18. und 19. Jahrhun-
derts vertraten, wieder aufleben – jetzt mit einer neuen Wendung.
Seit uralten Zeiten wurden Gottesbeweise (oder Beweise für Götter)
aufgrund der Tatsache gewonnen, dass die Lebewesen wie maßge-
schneidert erscheinen. Die Tiere haben die richtige Tarnung, unsere
Körperteile sind so genial entworfen, dass sie uns (zumindest die
meisten von uns) beweglich machen und uns einen scharfen Blick
und ein gutes Gehör verschaffen.20 Die Bewegungen in unserem Pla-
netensystem scheinen auf wunderbare Weise ineinander zu greifen
und dafür zu sorgen, dass das irdische Klima für dauerhaftes Leben
günstig bleibt. Es gibt eine große Anzahl offenkundiger Koinziden-
zen in der Natur, und in vergangenen Zeiten waren viele Philoso-
phen, Theologen und Naturwissenschaftler überzeugt, dass sich
keine von ihnen bloßen Zufällen verdankt. Man glaubte, dass das
Universum auf ein Ziel hin entworfen wurde, ein Ziel, zu dem auch
die Existenz von Leben und vielleicht auch unsere Existenz gehört.
Weil so offenkundig erschien, dass es einen Entwurf des Universums
gab, musste es auch einen Schöpfer geben, der für dessen Ausfüh-
rung verantwortlich war.21
Wie die Dinge lagen, war es sehr schwer, diese alten ›Beweise‹
durch wissenschaftliche Fakten zu widerlegen. Vor allem Nicht-Wis-
senschaftler ließen sich weiterhin von ihnen überzeugen: Es gibt
schließlich in der Tat überall in der Natur bemerkenswerte Anpas-
sungen von Lebewesen an ihre Umwelt. Es war daher leichter, den al-
ten Glauben – auch den Glauben an einen Schöpfer – durch logische
oder philosophische Argumente als durch handfeste ›Sachbeweise‹
zu erschüttern. Naturwissenschaftler waren dagegen zu überzeugen,
wenn jemand eine ›bessere‹ Erklärung der Komplexität der Natur
150 Das 1 × 1 des Universums

und der ihr innewohnenden Ordnung vorweisen konnte. Eine solche


›bessere‹ Erklärung stellte die Evolutionstheorie mit ihrer natürli-
chen Auslese dar, die zeigte, wie sich Lebewesen im Lauf der Zeit an
ihre Umwelt mit ihrer Vielfalt von Bedingungen anpassen können –
solange sich die Bedingungen nicht zu schnell ändern. Nach dieser
Vorstellung konnten sich aus einfachen Zusammenhängen komplexe
entwickeln, ohne dass es eines göttlichen Eingriffs bedurft hätte.
Das Schöpfungs-Argument zielt auf die Beziehungen ab, die zwi-
schen verschiedenen Realisierungen22 der Naturgesetze bestehen.
Diese Beziehungen werden nicht nur von der Form dieser Gesetze
bestimmt, sondern auch von der Größe der Naturkonstanten, den
Anfangsbedingungen und allen möglichen anderen statistischen
Zufällen.23
Im späten 17. Jahrhundert hat Isaac Newton die Gesetze der Bewe-
gung, Schwerkraft und Optik entdeckt. Sie erlauben uns zu verste-
hen, wie die unbelebte Welt um uns herum funktioniert und beschrei-
ben – bemerkenswert genau – die Bewegungen der Himmelskörper.
Newtons Erkenntnisse wurden von Naturtheologen und religiösen
Eiferern aufgegriffen. Sie sahen in ihnen den Ansatzpunkt für einen
neuen Gottesbeweis, der nun nicht auf den Realisierungen der Natur-
gesetze gegründet war, sondern auf deren Form und die offenkundige
Weisheit, die sich in ihrer mathematischen Eleganz und Effektivität
ausdrückt. Typisch für eine solche Argumentation war es, zu betonen,
wie optimal das berühmte Gesetz, nach dem die Schwerkraft umge-
kehrt proportional zum Quadrat der Entfernung abnimmt, für die
Existenz eines Sonnensystems sei. Stünde in dem Gesetz statt des
Quadrats die dritte oder eine andere Potenz, gäbe es für die Planeten
keine stabilen Umlaufbahnen. Wie wir im nächsten Kapitel im Zu-
sammenhang mit den Arbeiten Paul Ehrenfests sehen werden, wür-
den alle Planeten in einer Spiralbahn in die Sonne stürzen oder in die
unendlichen Weiten des Alls entkommen. Der neue Gottesbeweis un-
terschied sich völlig von dem zuvor genannten, der sich auf die zufäl-
ligen Realisierungen und Anpassungserfolge stützte. Dass das Uni-
versum so weitgehend und präzise durch einfache mathematische
Gesetze beschrieben werden kann, sollte ein Zeichen für seine tiefe
Ordnungsgrundlage sein. Natürlich musste dann hinter der Ord-
nung auch ein ›Ordner‹ stehen.
Das Anthropische Prinzip 151

Die Bedeutung des neuen Gottesbeweises aufgrund der Form der


Gesetze (statt aufgrund deren Realisierungen) wird an der Entde-
ckung deutlich, dass sich Lebewesen durch natürliche Selektion
entwickeln. Natürliche Auslese verändert weder das Bewegungsge-
setz noch die Kräfte, die in der Natur wirken, und – wie Maxwell gern
betonte – auch nicht die Eigenschaften der Atome und Moleküle.
Mit unseren heutigen Kenntnissen könnten wir einen Gottesbe-
weis auch auf die jeweilige Größe der Naturkonstanten stützen. Es
ist ein bestimmtes Ensemble von Größen, das unser Universum von
anderen unterscheidet und die Resonanzniveaus der Sauerstoff- und
Kohlenstoffatome festlegt. Die Naturgesetze könnten ihre Form
auch bei geänderten Naturkonstanten beibehalten: Die Ergebnisse
wären aber völlig anders.
Dass wir in Naturgesetzen mit den Werten der Konstanten spie-
len, mag auch nur Folge unserer Unwissenheit sein. Viele Physiker
glauben wie Eddington, es werde sich letztlich zeigen, dass die Na-
turkonstanten zwangsläufig bestimmte Werte haben müssen.
Schließlich würden wir eine Theorie finden, mit der wir sie als Kom-
binationen dimensionsloser Zahlen berechnen können. Wie wir
noch sehen werden, wird es jedoch immer klarer, dass nicht alle Na-
turkonstanten auf diese Weise bestimmt werden können. Genauer:
Ihre Größe wird einen merklichen statistischen Aspekt haben. Man
könnte dann also nicht die Größe einer Naturkonstante bestimmen,
sondern nur eine Wahrscheinlichkeitsverteilung möglicher Größen
angeben. Zweifellos wird es eine wahrscheinlichste Größe geben,
aber es könnte sein, dass wir im Hier und Jetzt eine andere beobach-
ten – und sei es nur, weil die wahrscheinlichste Größe ein Universum
kennzeichnen würde, in dem es keine Beobachter geben könnte.

Brandon Carters Prinzipien


Die allgemeine Bedeutung des Ansatzes von Dicke, der sich auf die
großen Zahlen in der Kosmologie bezog, erkannte als Erster der As-
trophysiker Brandon Carter, der damals in Cambridge arbeitete und
heute in Meudon bei Paris forscht. Carter hatte in Bondis Cosmo-
152 Das 1 × 1 des Universums

logy24 viel über die Koinzidenzen der großen Zahlen erfahren, war
aber nicht dem Zauber der Steady-State-Theorie erlegen, die den
Mittelpunkt der Darstellung Bondis ausmacht. Bondi schloss aus
der Tatsache immer gleicher Naturge-
Ich fühle mich nicht als Fremdling in setze, dass auch alle anderen Eigen-
diesem Universum. Je länger ich das Uni- schaften des Universums ›im Großen
versum beobachte und die Einzelheiten und Ganzen‹ in Raum und Zeit gleich
seines Aufbaus studiere, desto mehr An-
zeichen finde ich, dass das Universum
sein müssen.25 Auf genau dieser Grund-
um unser Kommen gewusst haben muss. lage basiert die Steady-State-Theorie.
Bondi gestand ein, dass er den Rech-
Freeman J. Dyson26
nungen in Eddingtons ›fundamenta-
ler‹ Theorie nicht hatte folgen können,
mit der er die großen Zahlen erklären wollte. Diracs Ansatz mit einer
zeitlich variablen Gravitationskonstante kritisierte er unverblümt,
erkannte er doch in ihm eine weitere Absage an das Steady-State-
Prinzip. Diracs Argumentation stellt

gegenüber den Grundannahmen der Steady-State-Theorie eine Gegenposi-


tion dar, indem sie davon ausgeht, dass sich nicht nur das Universum ändert,
sondern mit ihm auch die Konstanten der Atomphysik. Wenn man an die
Unbegrenztheit der Variationen denkt, die in einem veränderlichen Univer-
sum vorstellbar sind, scheint dies allerdings in gewisser Weise fast die Argu-
mente für die Steady-State-Theorie zu stützen.27

Carter bezog Dickes Ansatz, nach dem die Koinzidenzen der großen
Zahlen unvermeidlich sind, mit ein und erkannte, wie wichtig es war,
Grenzen der philosophischen Erwägungen über die Uniformität des
Universums aufzuzeigen. Seit Kopernikus verkündet hatte, dass die
Erde nicht im Zentrum der bekannten astronomischen Welt steht,
haben Astronomen mit dem Begriff ›Kopernikanisches Prinzip‹ un-
terstrichen, dass wir keine besondere Stellung im Universum einneh-
men. Einstein hat das vorausgesetzt, als er zur mathematischen Be-
schreibung des Universums nach Lösungen seiner Gleichungen
suchte, die sicherstellten, dass überall im Universum gleiche Bedin-
gungen – Dichte, Expansionsrate und Temperatur – herrschen. Die
Vertreter eines Steady-State-Universums gingen noch einen Schritt
weiter, als sie nach Universen Ausschau hielten, die auch zu jeder Zeit
der kosmischen Geschichte homogen waren. Natürlich ist das reale
Das Anthropische Prinzip 153

Universum nicht überall exakt homogen, aber es scheint es zumin-


dest in guter Näherung zu sein – mit Abweichungen, die kleiner als
1 : 100 000 sind, wenn man nur über genügend große Bereiche des
Raums mittelt.
Carter verwarf den allzu inflationären Gebrauch des Kopernikani-
schen Prinzips, indem er klare Einschränkungen machte, wo und
wann es im Universum Beobachter geben kann – und damit beson-
dere Bereiche:

Kopernikus hat uns die heilsame Lektion erteilt, dass wir nicht ohne weiteres
annehmen dürfen, in einer privilegierten zentralen Position im Universum zu
leben. Unglücklicherweise gab es eine starke (nicht immer unabsichtliche)
Tendenz, diese Aussage zu dem fragwürdigen Dogma zu erheben, dass unsere
Situation in keiner Weise privilegiert ist.28

Carters Kritik des Kopernikanischen Prinzips erhielt besonderes Ge-


wicht durch die Tatsache, dass er sie auf einem internationalen as-
tronomischen Symposium in Krakau zum 500. Geburtstag von Ko-
pernikus vortrug.
Dicke hatte gezeigt, dass es einen guten Grund dafür gibt, die Ent-
stehung von Leben einige Milliarden Jahre nach dem Expansionsbe-
ginn eines Big-Bang-Universums anzusetzen. Daraus folgt, dass es
für die dabei entstehenden Beobachter unvermeidlich ist, Koinzi-
denzen großer Zahlen wahrzunehmen. Dies nennt man nach Carter
›schwaches‹ oder ›weiches‹ Anthropisches Prinzip:

Was wir an Beobachtungen erwarten können, ist durch die Bedingungen ein-
geschränkt, die für unsere Existenz als Beobachter notwendig sind.29

Carter hat später bedauert, den Begriff ›Anthropisches Prinzip‹ ein-


geführt zu haben: Das Adjektiv ›anthropisch‹ gab Anlass zu reichlich
Konfusion, da in ihm etwas steckt, was auf den Homo sapiens verweist.
Das war aber nicht so gewollt, denn das Prinzip gilt für alle Arten
von Beobachtern, gleichgültig welche Gestalt oder Biochemie sie
haben. Wenn allerdings ihre Biochemie nicht auf den Elementen
aufbaut, die in den Sternen erzeugt wurden, wären die besonderen
»Bedingungen« des Universums, die für ihre »Existenz als Beobach-
ter notwendig sind«, andere als die für uns Menschen geltenden. Das
Prinzip ändert sich aber nicht grundsätzlich, wenn Leben beispiels-
154 Das 1 × 1 des Universums

weise auf einer Siliziumphysik oder -chemie beruhte. Alle Elemente,


die schwerer sind als die Edelgase Wasserstoff, Deuterium und He-
lium entstehen wie der Kohlenstoff in Sternen, und es sind Milliar-
den von Jahren nötig, um sie zu erzeugen und zu verteilen. Carter
sprach später lieber von einem ›selektiven‹ oder ›auto-selektiven‹
Prinzip, um zu betonen, wie durch die notwendigen Bedingungen
für die Existenz von Beobachtern aus allen denkbaren Universen
diejenigen ausgewählt werden, in denen diese Existenz möglich ist.
Man sollte sich stets der Tatsache bewusst sein, dass allein schon die
Eigenschaft, ein Beobachter in einem Universum zu sein, die Arten
der überhaupt beobachtbaren Universen einschränkt. Andernfalls
könnte man darauf verfallen, unnötig großes Geschütz aufzufahren
und beispielsweise Änderungen an den physikalischen Gesetzen vor-
zunehmen, um die ungewöhnlichen Eigenschaften des real existie-
renden Universums erklären zu können. Typische Beispiele dafür
sind Gerald Whitrows Diskussion von Alter und Dichte des Univer-
sums30 und Robert Dickes Erklärung der großen Zahlen.
Wie wir schon wissen wurde Carter zu seinen Überlegungen durch
Bondis Buch angeregt. Dickes Arbeiten von 1957 und 1961, in denen
er die Bedeutung der Tatsache heraushob, dass wir notwendigerweise
das Universum in einem Zeitraum beobachten, in dem der zustän-
dige Stern Wasserstoff verbrennt, kannte Carter nicht. Diracs Ein-
führung einer variablen Konstante zur Erklärung der Koinzidenzen
hielt Carter für unnötig:

Es war für ihn ein völliger Irrweg, diese Koinzidenzen zum Anlass zu nehmen,
sich radikal von der Standardtheorie abzuwenden.
Als ich zum ersten Mal Diracs Fehler erkannte, nahm ich einfach an, dass er
sich einem Versehen verdankt, das leicht mit dem noch rudimentären Ver-
ständnis der Sternentwicklung in jenen Pionierjahren nach 1930 erklärt wer-
den konnte. Ich dachte auch, dass Dirac das Versehen längst bemerkt und be-
hoben hätte. Mein Motiv, mich mit etwas, was – wie ich dachte – so offenkundig
ist wie das Anthropische Prinzip, zu beschäftigen und es explizit zu formulie-
ren, verdankt sich zum Teil meiner späteren Erkenntnis, dass derart triviale
Fehler wie der Diracs nicht nur auf zufällige Versehen oder den Mangel an In-
formation zurückgehen, sondern auch in einer tief sitzenden emotionalen
Fehlanlage verwurzelt sind. Sie ist mit der zu vergleichen, die für den frühen
Widerstand gegen die Ideen Darwins verantwortlich war, als man sie im
19. Jahrhundert unter der Parole ›Affen oder Engel‹ diskutierte. Mir wurde das
Das Anthropische Prinzip 155

im Fall von Dirac31 klar, als ich merkte, wie er nach 1961 auf die ›anthropische‹
Argumentationslinie reagierte. … Seine Reaktion lief darauf hinaus, die Be-
weisführung völlig abzulehnen, die zu Dickes Schlüssen führt und die meiner
Ansicht nach unwiderlegbar ist, dass es nämlich keine statistischen Belege zur
Unterstützung der Diracschen Kosmologie gibt. Die Begründung, die Dirac
angibt, ist im Rahmen einer modernen wissenschaftlichen Diskussion ziem-
lich erstaunlich: Nach einem unbegründeten (und auf den ersten Blick un-
plausiblen) Anspruch auf die Richtigkeit seiner eigenen Theorie, dass das Le-
ben nie enden würde, fasst er seine Argumente in der verblüffenden
Behauptung zusammen, wenn man zwischen seiner eigenen und der üblichen
Theorie wählen müsse, solle man diejenige vorziehen, die ewiges Leben ver-
spricht. Was mich hier erstaunt hat, war natürlich, dass man ein solches Argu-
ment in einer Beweiskette überhaupt für relevant halten kann. … Diracs Irrtum
ist uns eine Warnung und sollte uns motivieren, anthropische und andere mit
ihm verwandte Prinzipien mit Sorgfalt zu formulieren.32

Das Schwache Anthropische Prinzip hilft uns zu verstehen, warum


variable Größen gerade die Werte annehmen, die wir heute und in
unserer unmittelbaren Umgebung messen. Es gibt aber auch Koinzi-
denzen zwischen einer Reihe von Größen, die man für echte Natur-
konstanten hält. Diese Koinzidenzen können wir nicht aus der Tat-
sache erklären, dass wir gerade in einem einige Milliarden Jahre alten
Universum leben, in dem Dichte und Temperatur relativ niedrig
sind. Carters Erklärungsversuch war recht spekulativ: Wenn sich
diese Naturkonstanten nicht ändern können und auf eindeutige
Weise in die Gesamtstruktur des Universums einprogrammiert sind,
gibt es vielleicht einen bisher unbekannten Grund, dass in einer be-
stimmten Entwicklungsphase des Universums Beobachter auftau-
chen. Carter nannte dies das ›Starke Anthropische Prinzip‹. Es be-
sagt:

Das Universum (und damit die fundamentalen Parameter, auf denen es be-
ruht) muss so beschaffen sein, dass es in irgendeinem Stadium seiner Ent-
wicklung die Existenz von Beobachtern erlaubt.

Eine solche Vermutung bedarf zu ihrer Untermauerung der Belege.


Man kann sie in einer Anzahl ungewöhnlicher Koinzidenzen finden,
die zwischen rein äußerlich nicht direkt miteinander verbundenen
Naturkonstanten bestehen, die für unsere Existenz und die Existenz
156 Das 1 × 1 des Universums

anderer Lebensformen von entscheidender Bedeutung sind. Typi-


sche Beispiele sind die Resonanzniveaus beim Kohlenstoff und Sau-
erstoff, die Hoyle angegeben hat. Es gibt noch viele andere: Schon
geringe Änderungen der Stärke der verschiedenen Naturkräfte und
der Masse der Elementarteilchen zerstören unzählige wohl ausgewo-
gene Balanceakte, die Leben erst ermöglichen. (Es gäbe keinen An-
lass, über ein Anthropisches Prinzip der starken Art nachzudenken,
wenn die Bedingungen für Leben nur sehr wenig von den Naturkon-
stanten abhingen.) Wir werden später sehen, wie man über das
Starke Anthropische Prinzip durchaus zu dem Schluss kommen
kann, dass noch andere ›Universen‹ existieren, die über andere Ei-
genschaften (und Naturkonstanten) verfügen. Dann befänden wir
uns in einem dieser vielen möglichen Universen – einem, in dem aber
die Naturkonstanten und die kosmischen Bedingungen gerade so
ausgefallen sind, dass beständiges Leben möglich ist.

Die Natur als Drahtseilakt


Wir haben festgestellt, das die Größen der Naturkonstanten, die Le-
ben ermöglichen, ziemlich zufällig ›gewählt‹ erscheinen. Stellen wir
uns nun mögliche Welten vor, in denen die Wahl anders ausgefallen
ist. Die Struktur der Atome und Moleküle wird fast völlig durch die
zwei Zahlen bestimmt, die wir in Kapitel 5 kennengelernt haben: das
Verhältnis der Masse von Elektron und Proton (β = mel/mpr ≈ 1/
1 840) und die Feinstrukturkonstante (α ≈ 1/137). Wir wollen nun
davon ausgehen, dass diese beiden Konstanten unabhängig vonein-
ander andere Werte annehmen können und – der Einfachheit halber
–, dass alle anderen Naturkonstanten und auch die Naturgesetze
selbst unverändert bleiben. Was passiert in einer solchen Welt?
Wenn wir die Folgen solcher Änderungen untersuchen, stellen wir
sehr schnell fest, dass der Spielraum nur sehr klein ist. Erhöht man β
zu sehr, gibt es keine geordneten Molekülstrukturen mehr. Nur ein
kleines β garantiert, dass die Elektronen wohldefinierte Energieni-
veaus um einen Atomkern einnehmen und davon nicht zu sehr ab-
weichen. Tun sie es, scheitern so fein abgestimmte Prozesse wie die
Das Anthropische Prinzip 157

DNS-Vervielfältigung. Der Wert von β spielt auch bei der Energie-


produktion in den Sternen eine Rolle. Hier ist β mit α so verbunden,
dass das Innere der Sterne heiß genug ist, um Kernreaktionen ablau-
fen zu lassen. Ist β größer als 0,005 α2, kann es keine Sterne geben.
Wenn die modernen Eichtheorien auf der richtigen Spur sind, muss
α in dem schmalen Bereich zwischen 1/180 und 1/85 liegen, da sonst
die Protonen zerfallen, bevor sich Sterne bilden können. Die ›erlaub-
ten‹ und ›verbotenen‹ Bereiche von α und β sind in Abbildung 8.7
abgesteckt. In der Abbildung ist mit einer gestrichelten Linie auch
noch eine von Carter angegebene Bedingung eingezeichnet, die er-
füllt sein muss, damit Sterne mit konvektiven Außenbereichen exis-
tieren können. Man nimmt an, dass es diese Bereiche geben muss,
damit ein Planetensystem entstehen kann.

A b b ild u n g 8 .7
Korridor des Lebens in Abhängigkeit von α und β.33

Anstatt mit α und β können wir unser Spiel auch mit α und αs ma-
chen, der Kennzahl für die Größe der starken Kernkraft. Jetzt gilt,
dass αs größer als 0,3 α1/2 sein muss, damit lebensnotwendige Ele-
158 Das 1 × 1 des Universums

mente wie Kohlenstoff und damit eine organische Chemie existieren


können – anderenfalls haben hochorganisierte Moleküle keinen Zu-
sammenhalt. Vergrößert man αs um nur 4 Prozent, kann dies schon
zu einem Desaster führen, da sich nun das Diproton oder He2, ein
neues Heliumisotop mit einem Kern aus nur zwei Protonen, bilden
kann, und sehr schnelle direkte Reaktionen der Form

Proton + Proton = Diproton

erlaubt sind.34 Damit würden Sterne sehr schnell ihren Wasserstoff-


Treibstoff verbrauchen und zu einer degenerierten Form oder einem
Schwarzen Loch kollabieren. Wenn man andererseits αs um etwa
10 Prozent verringert, ist das Deuterium nicht mehr stabil, und der
astrophysikalische Weg zu den biologisch interessanten Elementen
wird blockiert. Auch im Bezug auf α und αs finden wir wieder nur ei-
nen ziemlich engen Bereich, in dem die Parameter die richtige Größe
haben, um chemisch komplexe Strukturen zu ermöglichen. Dieses
Fenster des Lebens ist in Abbildung 8.8 dargestellt.

A b b ild u n g 8 .8
Korridor des Lebens in Abhängigkeit von α und αs.35
Das Anthropische Prinzip 159

Je mehr man gleichzeitige Änderungen anderer Konstanten zulässt,


umso eingeschränkter wird der Bereich, in dem Leben der uns be-
kannten Form existieren kann. Zudem ist es sehr wahrscheinlich, dass
nicht alle denkbaren Variationen von Konstanten voneinander unab-
hängig sind. Vielmehr wird eine kleine Änderung bei einer Konstan-
ten vermutlich eine oder mehrere andere ebenfalls verändern. Das
würde dazu führen, dass die Einschränkungen noch enger werden.
Unsere Beispiele sollen lediglich als Hinweis verstanden werden,
dass ›unsere‹ Werte der Naturkonstanten ziemlich lebensfreundlich
sind. Würden sie sich nur wenig ändern, wäre die Welt tot und öde
und würde interessanten komplexen Lebensformen keine Heimat
mehr bieten. Dass die Dinge so liegen, war für Carter der erste An-
lass, nach einer ›starken anthropischen‹ Erklärung für die Größe der
Naturkonstanten zu suchen.

Andere anthropische Prinzipien


Andere Wissenschaftler führten noch weitere spekulative anthropi-
sche Prinzipien an. John Wheeler aus Princeton, der den Begriff
›Schwarze Löcher‹ geprägt hat und wesentlich zu deren Erforschung
beitragen konnte, schlug ein ›Partizipatorisches Anthropisches Prin-
zip‹ vor. Es bezieht sich nicht speziell auf die Naturkonstanten, son-
dern verdankt sich der Feinheit der Koinzidenzen, die Leben im
Kosmos ermöglichen. Vielleicht, so fragt Wheeler, ist Leben in ir-
gendeiner Weise für den Zusammenhalt des Universums wesentlich?
Und hat unsere Existenz für die weit im All treibenden Galaxien und
das Bestehen des Universums in ferner Vergangenheit, als es noch
kein Leben gab, ganz sicher keine Konsequenzen? Die Tatsache, dass
die Quantenrealität erst durch einen Beobachter ›wirklich‹ wird,
führte Wheeler zu der Frage, ob nicht passend definierte ›Beobach-
ter‹ notwendig sind, um das Universum entstehen zu lassen. Wheelers
Argument ist allerdings schwer nachvollziehbar, da in der Quanten-
theorie der Begriff des Beobachters nicht scharf definiert ist. Ein Be-
obachter ist irgendetwas, das Informationen aufnimmt: Das könnte
ebenso gut eine fotografische Platte sein wie ein Nachtwächter.
160 Das 1 × 1 des Universums

Ein viertes, etwas anderes Anthropisches Prinzip haben Frank


Tipler und ich vorgeschlagen. Es stellt nur eine Hypothese dar,
über deren Richtigkeit mithilfe der physikalischen Gesetze und
Beobachtungen des Zustands unseres Universums entschieden
werden kann. Wir haben es das ›Finale Anthropische Prinzip‹36
(oder die ›letzte anthropische Vermutung‹) genannt. Es besagt,
dass Leben, das im Universum einmal begonnen hat, nicht ausster-
ben wird. Wenn wir Leben hinreichend großzügig definieren – Le-
ben als Informationsverarbeitung (Denkvermögen) plus Informati-
onsspeicherung (Gedächtnis) –, können wir untersuchen, ob das
Prinzip stimmt.37 Wenn Leben ewig weiterbestehen soll, muss es ir-
gendwann seine Grundlage ändern, denn die Astrophysik lehrt
uns, dass in ferner Zukunft unsere Sonne eine Energiekrise erlei-
den wird, aus der es kein Zurück gibt. Sie wird sich ausdehnen und
die Erde mitsamt dem übrigen inneren Sonnensystem verschlin-
gen. Wir müssen zu diesem Zeitpunkt die Erde verlassen haben
oder die Informationen, die zur Neuschöpfung des Menschen
(wenn man ihn weiterhin so nennen will) nötig sind, irgendwohin
ins All übertragen haben. Wenn wir uns in Gedanken Millionen
von Jahre in die Zukunft wagen, können wir uns auch ausmalen,
dass dann Leben existiert, das wir nach heutigen Maßstäben
›künstlich‹ nennen würden. Es könnte aus nichts als Prozessoren
bestehen, die Informationen verarbeiten und für künftige Zwecke
speichern können. Wie alle Lebensformen wären auch sie den Ge-
setzen der Evolution mit ihrer natürlichen Auslese unterworfen.38
Es ist sehr wahrscheinlich, dass diese ›Lebewesen‹ klein sein wer-
den. Wir sehen ja heute schon einen Trend in der technischen Ent-
wicklung, der zur Herstellung immer kleinerer Geräte geht, die
immer weniger Energie verbrauchen und kaum noch Abfall liefern.
Wenn wir dieser Logik folgen, werden hochentwickelte Lebensfor-
men der Zukunft so klein sein, wie es die Physik erlaubt.
Ganz nebenbei sei angemerkt, dass dies erklären könnte, warum
es keine Anzeichen für extraterrestrisches Leben im Universum gibt.
Wenn es – nach unseren Maßstäben – hochentwickelt ist, werden
seine Vertreter höchstwahrscheinlich sehr klein sein, vielleicht sogar
nur Molekülgröße haben. Sie würden von allen denkbaren Vorzügen
profitieren können: Es gibt jede Menge Platz für riesige Populatio-
Das Anthropische Prinzip 161

nen. Die Möglichkeiten machtvoller Quantencomputer können ge-


nutzt werden. Es wird nur wenig Rohmaterial verarbeitet und Reisen
im All sind leicht zu bewerkstelligen. Und man kann vermeiden, von
Zivilisationen aus schwerfälligen Zweibeinern entdeckt zu werden,
die auf hellen Planeten leben und andauernd einen Salat aus Radio-
wellen ins All schicken.
Die Frage ist nun, ob das Universum für immer und ewig die Ver-
arbeitung von Information erlaubt. Selbst wenn man Informations-
verarbeitung nicht mit Leben – wie im-
mer es aussehen mag– gleichsetzen Ich möchte nicht mit meiner Arbeit
will, wird sie sicher für seine Existenz unsterblich werden. Ich möchte un-
nötig sein. Damit haben wir schon fast sterblich werden, indem ich nicht sterbe.
Ich möchte nicht in den Herzen meiner
die Antwort auf unsere Frage. Glauben Landsleute weiterleben, sondern lieber in
wir den jüngsten Beobachtungen, hat meinem Apartment.
das Universum vor ein paar Milliarden Woody Allen40
Jahren begonnen, sich beschleunigt
auszudehnen, und die Wahrscheinlich-
keit ist groß, dass die Expansion ewig weitergeht.39 Weder wird sich
die Ausdehnung verlangsamen noch wird sich das Universum zu-
sammenziehen und in einem Big-Crunch enden. In diesem Fall ewi-
ger Ausdehnung kann nur eine endliche Zahl von Informations-Bits
verarbeitet werden, und die Informationsverarbeitung wird irgend-
wann enden.41 Das ist eine schlechte Nachricht, denn durch die stark
ansteigende Expansionsgeschwindigkeit wird die Informationsqua-
lität äußerst schnell herabgesetzt.42 Noch schlimmer ist, dass die be-
schleunigte Ausdehnung so rapide verläuft: Es gibt daher für jede
Art von Signalen, die von einer Zivilisation ausgeschickt werden, ei-
nen Horizont, hinter dem sie nicht wahrgenommen werden können.
Das Universum zerfällt dadurch in Bereiche, die Kommunikation
nur innerhalb ihrer Grenzen erlauben.
Nun könnte es aber auch sein, dass sich die derzeit beobachteten
Zeichen für eine Beschleunigung als falsch erweisen. Was dann? Das
wahrscheinlichste Szenario ist, dass sich das Universum ohne Ende
ausdehnt, die Expansionsrate dabei aber abnimmt. Dem Leben steht
auch in diesem Fall ein harter Kampf um seine ewige Existenz bevor.
Es ist darauf angewiesen, Temperatur-, Dichte- oder Expansionsun-
terschiede im Universum ausfindig zu machen, um verwertbare En-
162 Das 1 × 1 des Universums

ergie zu gewinnen, indem es die Unterschiede ausgleicht. Verlässt es


sich auf lokal existierende Energievorräte – erloschene Sterne, ver-
dunstende Schwarze Löcher, zerfallende Elementarteilchen –, wird es
schließlich vor einem Problem stehen, wie es bei allen ausgeschlach-
teten Kohlegruben unvermeidlich auftritt: Man benötigt mehr Ener-
gie zum Abbau, als man aus dem Brennstoff gewinnen kann. Die
Lebewesen der fernen Zukunft werden begreifen, dass sie Energie
sparen müssen – was heißt, dass das Leben auf kleinerer Flamme lau-
fen muss. Sie können ihren Verbrauch an Energie drosseln, indem sie
langen Winterschlaf halten, für nur kurze Zeit aufwachen, um Infor-
mationen zu verarbeiten und dann wieder in ihren inaktiven Zu-
stand zurückfallen. Es gibt für diese Rip-van-Winkle-Existenz ein
potenzielles Problem: Man braucht einen Wecker. Es muss irgendein
physikalischer Prozess angekurbelt werden, der einen unüberhörba-
ren Weckruf garantiert, aber nicht so viel Energie kostet, dass der
ganze Spareffekt des Winterschlafs aufgezehrt wird. Es ist nicht si-
cher, ob es auf diese Weise ewig weitergehen kann. Letztlich wird sich
herausstellen, dass es zu teuer wird, Energiedifferenzen zur Verarbei-
tung von Informationen auszunutzen. Dann ist die Uhr des Lebens
abgelaufen, und es muss zwangsläufig erlöschen.
Wenn sich im Gegensatz zu diesem Szenario das Leben nicht auf die
Ausbeutung lokaler Energiequellen beschränkt, sieht der Blick in die
ferne Zukunft schon rosiger aus. Das Universum expandiert nicht in
alle Richtungen gleich schnell, es gibt also kleine Geschwindigkeitsdif-
ferenzen zwischen der einen und der anderen Richtung. Sie sind Gravi-
tationswellen zuzuschreiben, die sich mit riesiger, ja vielleicht unend-
lich großer Wellenlänge durchs All bewegen. Die Herausforderung für
die Superlebewesen der Zukunft besteht darin, diese möglicherweise
unerschöpfliche Energiequelle anzuzapfen. Bemerkenswerterweise
nimmt ihre Dichte und Ergiebigkeit bei der Expansion des Universums
weit langsamer ab, als die aller anderen Formen von Materie. Es könnte
ein Weg gefunden werden, die Temperaturdifferenzen auszubeuten, die
auf die Strahlung zurückzuführen ist, die in Expansionsrichtung aus-
gesandt wird. Mit der Erschließung dieser Energiequelle könnte mögli-
cherweise die Verarbeitung von Information sichergestellt werden.
Nun kennen wir aber noch ein anderes Szenario, nach dem das
Universum in einer fernen, aber zeitlich fest liegenden Zukunft in
Das Anthropische Prinzip 163

einem Big-Crunch in sich zusammenstürzt – auf den ersten Blick


eine hoffnungslose Aussicht für alles Leben. Irgendwann wird sich
das kollabierende Universum so weit zusammengezogen haben, dass
die Sterne und Galaxien ineinander aufgehen. Die Temperatur wird
so stark ansteigen, dass alle Moleküle und Atome zerfallen. Damit
könnte das Leben wieder nur in einer abstrakten, von aller Körper-
lichkeit befreiten Form existieren – vielleicht ist es dann in das Ge-
flecht von Raum und Zeit verwoben. Erstaunlicherweise ist aber das
ewige Überleben nicht ausgeschlossen, solange nur die Zeit in ange-
messener Weise definiert ist. Wenn die wahre Zeit, nach der die Uhr
des Universums tickt, erst durch die Expansion geschaffen wurde,
könnte sie in der (nach unseren Uhren) endlichen Zeit, die noch bis
zum Big-Crunch verbleibt, unendlich oft ticken.
Die überlebenden Superwesen in einem Universum, das zur ewi-
gen Expansion verdammt ist, haben noch einen letzten Trick in
petto. 1949 konnte der Logiker Kurt Gödel seinen Freund und Kolle-
gen Einstein in Princeton mit der Botschaft schockieren, dass nach
dessen Gravitationstheorie Zeitreisen möglich sind.43 Er hatte als
Lösung der Einsteinschen Gleichungen ein Universum gefunden,
dessen Eigenschaften dies erlauben, das aber leider von dem unseren
völlig verschieden ist: Es dreht sich mit hoher Geschwindigkeit und
widerspricht fast allem, was uns vertraut ist. Vielleicht gibt es aber
andere, etwas kompliziertere Lösungen, die unserem Universum in
allen nötigen Aspekten gleichen und trotzdem Zeitreisen erlauben?
Die Physiker haben große Anstrengungen unternommen, die Mög-
lichkeit bestimmter Verzerrungen von Raum und Zeit zu untersu-
chen, wie sie für Zeitreisen eine Voraussetzung darstellen. Wenn es
gelingt, Informationen in die Vergangenheit zu senden, eröffnet dies
Strategien für hinreichend ätherische Formen von ›Leben‹, die über
Informationsverarbeitung und -speicherung definiert sind und es
erlauben, einer lebensfeindlichen Zukunft zu entkommen. Man
sollte daher nicht alle Anstrengungen darauf verwenden, immer per-
fektere Methoden zur Entnahme von Energie aus einer Umgebung
zu entsinnen, die immer mehr auf einen Gleichgewichtszustand zu-
steuert, in dem kein Leben mehr existieren kann. Es ist besser, recht-
zeitig in eine Zeit zurückzureisen, in der die Umstände für Leben
freundlicher waren. Man muss ja nicht einmal unbedingt selbst rei-
164 Das 1 × 1 des Universums

sen: Es genügt schon, die Informationen zurückzuschicken, die für


eine Wieder- oder Neugeburt nötig sind.
Oft sind die Menschen über Paradoxa besorgt, die sich auf den
ersten Blick aus einer Zeitreise in die Vergangenheit ergeben. Könnte
man nicht sich selbst oder seine Eltern in frühester Kindheit um-
bringen und damit die eigene Existenz auslöschen? All diese Para-
doxa sind ausgeschlossen! Sie tauchen nur auf, weil man entgegen
der Theorie willkürlich etwas einfügt, was physikalisch und logisch
unmöglich ist. Um das zu verstehen, müssen wir uns nur Raum und
Zeit in der Weise vorzustellen, die uns Einstein gelehrt hat: als einfa-
chen Block von Raumzeit, wie es in Abbildung 8.9 dargestellt ist.
Das Anthropische Prinzip 165

Nun wollen wir uns aus diesem Block entfernen und von außen beob-
achten, was in ihm passiert. Die Geschichte eines Menschen ist ein Weg
durch den Raumzeitblock. Wenn er einen dieser Wege zurückgeht und
damit eine geschlossene Kurve beschreibt, würden wir von einer Zeit-
reise reden. Die schon einmal durchlaufenen Wege liegen aber fest:
Wenn wir sie zurückgehen, wird die Geschichte nicht verändert. Eine
Zeitreise ermöglicht uns, an der Vergangenheit ›teilzuhaben‹, aber
nicht, sie zu ändern. Es sind nur Zeitreisen auf den eingetretenen Pfa-
den möglich. Auf diesen geschlossenen Pfaden gibt es zwischen Vergan-
genheit und Zukunft keine wohldefinierte Grenze. Es ist wie mit Solda-
ten, die hintereinander in einer Linie marschieren. Bewegen sie sich auf
geradem Weg in Richtung Feind, ist klar, wer vorangeht und wer die
Nachhut bildet. Wenn sie sich aber imKreis bewegen, marschiert der
erste hinter dem letzten her, und man kann nicht mehr von einer kla-
ren Ordnung aus ›vor‹ und ›nach‹ reden (siehe Abbildung 8.10).
166 Das 1 × 1 des Universums

Wenn es solche Zeitreisen in die Vergangenheit ermöglichen, dem


thermodynamischen Tod des Universums zu entkommen, und wenn
unser Universum auf ein solches Ende zusteuert, an dem alle Mög-
lichkeiten zur Informationsverarbeitung ausradiert sind, könnte es
vielleicht sein, dass bereits jetzt Superwesen aus der fernen Zukunft
in unsere gegenwärtige gesegnete kosmische Umgebung zurückrei-
sen. Man hat viele Einwände dagegen vorgebracht, dass solche Tou-
risten aus der Zukunft bereits unter uns sind, sie sind aber ziemlich
anthropozentrisch geprägt. Man hat argumentiert, dass die spekta-
kulärsten Ereignisse in der Geschichte der Menschheit (der Tod des
Sokrates, der Stall von Bethlehem …) eine große Schar Zeitreisender
aus der Zukunft hätten anziehen müssen, dass man aber keinen der
zu erwartenden Staus beobachtet hat. Es gibt aber eigentlich keinen
Grund, warum Wesen, die dem Kälte- oder Hitzetod des Universums
entkommen wollen, gerade uns besuchen und damit einen Massen-
andrang an kritischen Punkten unserer Geschichte verursachen
sollten.
Mein Lieblingsargument gegen Zeitreisen in die Vergangenheit
hat mit der Finanzwelt zu tun.44 Es beruht darauf, dass die Zinssätze
der Finanzmärkte nicht gleich Null sind. Weder Zeitreisende in die
Zukunft noch in die Vergangenheit können ihre Lage ausnutzen
und die Finanzmärkte zerstören. Könnten sie mit dem Wissen um
künftige Kursbewegungen in der Vergangenheit investieren, müss-
ten über kurz oder lang alle Zinsen und Profite gegen Null gehen.
Aber auch hier ist es wieder leicht, das Argument zu widerlegen, Zeit-
reisen zur Vermeidung des Kältetods könne es nicht geben, weil wir
nie auf Reisende treffen: Schließlich könnte der DAX zu den Dingen
zählen, die sie am wenigsten interessieren.
Kapitel 9
»Es war einmal …«:
Variable Konstanten und die
Neufassung der Geschichte
Zunächst einmal … muss man sich darüber klar werden, dass
parallele Universen nicht parallel sind. Des weiteren sollte man
sich darüber klar werden, dass sie strenggenommen auch keine
Universen sind, aber darüber wird man sich besser noch nicht zu
diesem Zeitpunkt klar, sondern etwas später, nachdem man sich
darüber klargeworden ist, dass alles, worüber man sich bis dahin
klargeworden ist, nicht stimmt.
Douglas Adams1

Starre Welten contra flexible Welten


Was kann man mit dem Starken Anthropischen Prinzip anfangen?
Ist es mehr als nur die neue Verpackung der Aussage, dass unsere
komplexe Form von Leben auf kleine Änderungen der Naturkon-
stanten sehr empfindlich reagiert? Und was sind diese ݀nderun-
gen‹? Was sind diese ›anderen Welten‹ ohne Leben, in denen die
Konstanten größer oder kleiner sind?
Es erscheint uns plausibel, dass es in einem Universum eine und
nur eine Möglichkeit für die Naturkonstanten und -gesetze gibt. Es
ist äußerst schwierig, ein funktionierendes Universum zu schaffen,
und je komplizierter es ist, umso mehr Bestandteile müssen perfekt
zusammenpassen. Nach dieser Vorstellung sind die Naturkonstan-
ten Teil eines Puzzles, das auf nur eine Weise aufgeht, die von der ei-
nen und einzig wahren Naturtheorie vollständig vorgegeben wird.
Falls diese Vorstellung richtig ist, wäre es so sinnlos, über hypotheti-
sche Universen mit anderen Naturkonstanten nachzudenken, wie
über eckige Kreise. Es könnte dann keine anderen Welten geben.2 Die
Tatsache, dass das eine und einzig mögliche Universum gerade so
beschaffen ist, dass in ihm Leben entstehen konnte, wäre nichts als
eine nackte Tatsache, wenn auch eine, über die wir uns sehr freuen.3
168 Das 1 × 1 des Universums

Mit dieser Vorstellung einer fest gefügten Welt im Kopf können


wir unmöglich von Naturkonstanten reden, deren Werte vielleicht
zufällig sind. Wir können nur zusehen, wie die Forscher die Werte
der Konstanten mit immer mehr Dezimalstellen nach dem Komma
bestimmen und dann überprüfen, ob die Ergebnisse der Theorie ent-
sprechen. In einer fest gefügten Welt
Morgen werde ich sieben Adler sehen, ein gibt es keinen Platz für Dinge, die an-
großer Komet wird auftauchen, und ders als die gerade vorhandenen sind.
Stimmen werden aus Wirbelwinden tö-
Zu den vorhandenen Gesetzen und
nen und schreckliche, monströse Dinge
vorhersagen. – Dieses Universum hat nie Kräften gibt es so wenig Alternativen
einen Sinn ergeben: vermutlich wurde wie zu den Naturkonstanten.5
es im Regierungsauftrag geschaffen. Im Gegensatz dazu bietet eine fle-
Robert A. Heinlein4 xible Welt eine Vielzahl von Variations-
möglichkeiten. Wenn es ›andere‹ Uni-
versen gibt (oder geben kann), wenn
einige der Naturkonstanten durch die endgültige Theorie nicht
streng festgelegt werden oder wenn unser eigenes Universum jenseits
des Horizonts völlig andere Strukturen aufweist, ist die Bedeutung
des Starken Anthropischen Prinzips völlig klar.
Nehmen wir an, es gibt Universen, in denen die Naturkonstanten
über einen weiten Bereich variieren. Wir können dann unser En-
semble von Konstanten mit einer Vielzahl anderer vergleichen. Et-
was derartiges hatte Carter vor, als er das Starke Anthropische Prin-
zip in eine bloße Variante des schwachen verwandeln wollte. Wenn
nämlich viele (oder sogar alle) möglichen Universen in einem gewis-
sen Sinn auch ›existieren‹, wird es unter der Vielzahl möglicher En-
sembles von Naturkonstanten auch solche geben, die Beobachter
erlauben. Es ist trivial, dass wir in einem dieser Universen leben, so
außergewöhnlich seine Eigenschaften auch sein mögen, wenn wir sie
mit der Gesamtheit aller Möglichkeiten vergleichen. Carter machte
den folgenden Vorschlag:

Wenn es keine triftigeren physikalischen Argumente gibt, ist es als letzte Zu-
flucht natürlich immer philosophisch möglich, aus einer Vorhersage, die auf
das Starke Anthropische Prinzip gegründet ist, eine Erklärung zu machen, in-
dem man von einem ›Ensemble‹ von Welten ausgeht, die durch alle denkbaren
Kombinationen von Anfangsbedingungen und Grundkonstanten charakteri-
siert sind. … Die Existenz irgendwelcher Organismen, die man als Beobachter
Variable Konstanten und die Neufassung der Geschichte 169

bezeichnen könnte, ist nur für ganz bestimmte, eingeschränkte Kombinatio-


nen der Parameter möglich. Eine Vorhersage auf Grundlage des Starken An-
thropischen Prinzips kann man als Demonstration der Tatsache betrachten,
dass das jeweils herangezogene Merkmal allen Mitgliedern der beobachtbaren
Untergruppe eigen ist.6

Die Vorstellung, dass es noch andere Universen gibt, ist nicht neu.
Über sie wurde schon im 18. und 19. Jahrhundert im Zusammen-
hang mit der Debatte spekuliert, ob anderswo im All mit Leben zu
rechnen ist. Es setzte eine breite Diskussion vor einem Hintergrund
ein, der sehr dem Starken Anthropischen Prinzip ähnelte. Man
wusste schon lange, welche Umstände lebensfördernd sind und wie
die Form der Gravitations- und Bewegungsgesetze, die Gestalt der
Erde und des Sonnensystems und die Biologie des Menschen zusam-
menspielen. Nach Ansicht der Naturtheologen verrieten diese Bedin-
gungen, dass der Struktur des Universums ein göttlicher Sinn zu-
grunde liegt. Andere – allen voran Leibniz – argumentierten, dass wir
in der besten aller möglichen Welten leben, eine Ansicht, die Voltaire
in seinem Candide gnadenlos parodierte. Die Lage änderte sich, als
Pierre Louis Maupertuis mit beträchtlicher Unterstützung durch
den Schweizer Mathematiker Leonhard Euler zeigte, dass die be-
kannten Newtonschen Bewegungsgesetze aus einem neuen mathe-
matischen Prinzip abgeleitet werden können. Nach diesem Prinzip
können Bewegungen zwischen zwei Punkten zunächst alle denkba-
ren Wege nehmen. Wenn man nun für jeden Weg eine Größe be-
stimmt, die uns schon als ›Wirkung‹ begegnet ist, und gleichzeitig
fordert, dass der Weg mit der kleinsten Wirkung eingeschlagen wird,
führt dies gerade zu dem Weg, den die Newtonschen Gesetze voraus-
sagen. Man fand schließlich heraus, dass alle physikalischen Gesetze
aus ›Prinzipien der kleinsten Wirkung‹ der genannten Art abgeleitet
werden können. Maupertuis kündigte stolz an, er könne die ›beste
aller Welten‹ und deren Wesen bstimmen: Die ›beste‹ ist die mit der
kleinsten Wirkung, und die anderen schlechteren Welten sind dieje-
nigen, in denen die Bewegung nicht dem Idealweg folgt. Im 19. Jahr-
hundert gab es sogar den Versuch, Fossilien als Überbleibsel jener
missratenen und gescheiterten Welten zu erklären, in denen es nicht
auf die kleinste Wirkung ankam. Bis gegen Ende des 19. Jahrhun-
derts machte es die offenkundige Leere des Universums leicht, über
170 Das 1 × 1 des Universums

andere Welten zu spekulieren, die von Naturgesetzen regiert werden,


die sich von unseren unterscheiden. Wallace schrieb 1903:
Keine zwei Sterne, keine zwei Sternhaufen, keine zwei Nebel gleichen einan-
der. Warum sollte es da nur andere Universen von ausschließlich derselben
Materie, die denselben Gesetzen unterworfen wäre, geben? …Gewiss mag es
andere Universen geben, und es gibt sie wahrscheinlich auch, die vielleicht aus
anderen Arten von Materie bestehen und anderen Gesetzen unterworfen
sind.7

Die moderne Physik basiert darauf, die Naturgesetze aus Minimal-


prinzipien abzuleiten. Dies ist der einfachste Weg, sie zu finden und
erlaubt eine größere Verallgemeinerung und Vereinheitlichung der
Gesetze. Max Born, einer der Pioniere der Quantenmechanik, sah
voraus, dass die Suche nach einer ›Theorie für Alles‹ darauf hinaus-
laufen würde, den richtigen Weg mit der minimalen Wirkung im
Raum aller Möglichkeiten zu finden:
Wir sind noch immer weit davon entfernt, die … Universalformel zu kennen,
aber wir dürfen vermuten, dass, wenn wir sie finden, sie die Form eines Extre-
malprinzips haben wird, nicht weil die Natur selber einen besonderen Willen
hat oder Zweck verfolgt oder besonders ökonomisch ist, sondern weil der Me-
chanismus unseres Denkens keinen anderen Weg kennt, um der komplizier-
ten Struktur der Naturgesetze kurzen, präzisen Ausdruck zu verleihen.8

Heute, nachdem die Physiker diesem Weg ein weites Stück in Rich-
tung auf immer tiefer gehende, universalere Theorien der Natur-
kräfte gefolgt sind, haben sie sich auch immer mehr dem Bild fle-
xibler Welten genähert. Es scheint Naturkonstanten zu geben, die
von einer umfassenden Theorie für Alles nicht gänzlich festgelegt
werden. Einige tauchen in ihr auf, können aber Werte in einem
weiten Bereich annehmen. Andere tauchen nicht explizit in dieser
letzten aller Theorien auf, erscheinen aber in bestimmten Entwick-
lungsstadien des Universums als Folge eines Zufallsprozesses –
ähnlich, wie eine sorgfältig ausbalancierte Nadel in eine bestimmte
Richtung umfällt, obwohl ihr alle Richtungen offen stehen. Diese
Konstanten nehmen Werte an, die zeigen, dass die Realisierungen
der Naturgesetze nicht die gleiche perfekte Symmetrie besitzen
müssen wie die Gesetze selbst: Sie sind weit komplizierter und will-
kürlicher.
Variable Konstanten und die Neufassung der Geschichte 171

Eine der großen Fragen, mit denen die Physik heute konfrontiert
ist, besteht darin, wie viele dieser Naturkonstanten von einer Theorie
für Alles (wie der zurzeit favorisierten Superstring-Theorie, der M-
Theorie) eindeutig und vollständig beschrieben werden. Die Kon-
stanten, die nicht auf diese Weise festgelegt sind, können alle denk-
baren Werte annehmen, ohne die innere Logik der Theorie zu
verletzen. Sie könnten kleiner oder größer sein, wenn bestimmte Er-
eignisfolgen, die zu ihrem Auftauchen in den Frühphasen des Uni-
versums geführt haben, anders verlaufen wären. Mit einer anthropi-
schen Argumentation können wir einer Erklärung ihrer Werte noch
am nächsten kommen. Es könnte sein, dass alle Werte dieser Kon-
stanten gleich wahrscheinlich sind, uns kann es aber nur geben,
wenn sie in das schmale Band fallen, das die Existenz von Beobach-
tern zulässt.

Inflationäre Universen
Es gibt einige bemerkenswerte Eigenschaften des Universums, die
entscheidend dafür sind, dass sich in ihm Leben entwickeln kann. Es
handelt sich dabei nicht nur um die schon diskutierten Naturkon-
stanten wie die Feinstrukturkonstante oder die Masse des Elektrons,
sondern auch um andere Größen, die beispielsweise angeben, wie
›klumpig‹ das Universum ist, wie schnell es sich ausdehnt und wie
viel Materie und Strahlung es enthält. Natürlich würden die Kosmo-
logen diese Größen gern erklären. Vielleicht werden sie eines Tages
sogar zeigen können, dass sie vollständig durch Naturkonstanten
wie die Feinstrukturkonstante bestimmt werden.
Die genannten Eigenschaften des Universums, die durch astrono-
mische ›Konstanten‹ (Abbildung 9.1) bestimmt werden, spielen für
die Entwicklung biochemischer Komplexität eine Schlüsselrolle. Wir
wollen nun zwei dieser Größen etwas genauer betrachten, da die Art
und Weise, wie man ihre ungewöhnlichen Werte erklären kann, eine
völlig neue Perspektive eröffnet. Eine Unmenge ›anderer‹ Welten er-
scheint dann möglich, auf die man das Anthropische Prinzip not-
wendigerweise und ganz selbstverständlich anwenden muss.
172 Das 1 × 1 des Universums

Zahl der Photonen je Proton

• Verhältnis der Dichte dunkler und


heller Materie
• Anisotropie der Expansion
• Inhomogenität des Universums
• Kosmologische Konstante
• Abweichung der Expansion vom
›kritischen‹ Verlauf

A b b ild u n g 9 .1
Einige Schlüsselgrößen, die unser Universum definieren
und es von anderen vorstellbaren Universen unterscheiden, in denen
die gleichen Naturgesetze herrschen.

Wenn wir uns die Expansion des Universums genauer anschauen,


stellen wir fest, dass sie dicht an einer ›kritischen‹ Grenzlinie ver-
läuft. Sie trennt die ›offenen‹ Universen, die schnell genug expandie-
ren, um den Sog der Gravitation zu überwinden und sich in alle
Ewigkeit ausdehnen, von den so genannten ›geschlossenen‹. Bei die-
sen wird die Expansion irgendwann umschlagen und in einen allge-
meinen Schrumpfungsprozess übergehen, der in einem bestimmten
Moment der Zukunft als Katastrophe im Big-Crunch endet. Wir be-
finden uns so nah an dieser Grenzlinie, dass wir aus den Beobach-
tungen noch nicht sicher schließen können, wie es auf lange Sicht
weitergeht. Diese extreme Nähe ›unserer‹ Expansionskurve zu der
Grenzlinie ist ein großes Geheimnis: Es ist höchst unwahrscheinlich,
dass es sich um bloßen Zufall handelt, und genau besehen ist es gar
nicht so überraschend. Universen, die sich zu schnell ausdehnen,
sind nicht in der Lage, Materie in Form von Galaxien und Sternen
zusammenzuballen, daher können sich die Grundbausteine komple-
xen Lebens nicht bilden. Andererseits kollabieren Universen, die sich
zu langsam ausdehnen, schon vor den Milliarden von Jahren, die
nötig sind, damit sich Sterne bilden können. Nur Universen, deren
Expansion nahe der kritischen Grenzlinie verläuft, können lang ge-
Variable Konstanten und die Neufassung der Geschichte 173

nug leben und dehnen sich sanft genug aus, sodass Sterne und Pla-
neten entstehen können. Es ist also kein Zufall, dass wir uns in einer
Zeit wiederfinden, die Milliarden Jahre nach dem Big-Bang liegt, und
nun Zeuge einer Phase einer Expansion sind, die nahe an der kriti-
schen Grenze verläuft (siehe Abbildung 9.2).

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hn
sc
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Größe

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vers

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Uni

hnell

Zeit

A b b ild u n g 9 .2
Expansionsmöglichkeiten eines Universums.

Eine zweite charakteristische Eigenschaft unseres Universums ist


seine Homogenität. Die Zusammenklumpung9 von Materie ist für
eine Skala, die größer ist als die der Galaxien, sehr gering und beträgt
im Mittel nur etwa 1 : 100 000. Das ist wichtig, denn wenn dieses Ver-
hältnis weit größer wäre, würden die Galaxien sehr schnell zu dich-
ten Materieklumpen degenerieren. Schwarze Löcher würden entste-
hen, lange bevor sich eine lebensunterstützende Umgebung bilden
könnte. Und selbst wenn es doch zu Leben käme, wäre die Gravita-
tion in den Galaxien stark genug, um die Bahnen von Planeten um
einen Stern wie die Sonne zu stören. Wäre andererseits die Klumpig-
keit weit geringer als beobachtet, würden die Inhomogenitäten der
Materiedichte nicht ausreichen, um Galaxien und Sterne auszubil-
den. Auch in diesem Fall würden keine Grundsubstanzen für Leben
entstehen, und das Universum bliebe wüst und leer.
174 Das 1 × 1 des Universums

Seit 1980 gibt es eine kosmologische Theorie, die erklärt, warum


das Universum ausgesprochen ›flach‹ ist, einen niedrigen (aber nicht
zu niedrigen) Wert von Klumpigkeit aufweist und ungeheuer ausge-
dehnt ist.10 Die Theorie versucht die genannten Eigenschaften mit
einer Reihe von Ereignissen zu erklären, die in jeder Art von Univer-
sum mit großer Wahrscheinlichkeit auftreten, gleichgültig auf wel-
che Weise seine Expansion beginnt. Das Szenario für das ganz junge
Universum schließt ein historisches Intermezzo ein, das ›Inflation‹
genannt wird und beträchtliche Folgen nach sich zieht. Nach der seit
den 1920er Jahren vertrauten Vorstellung einer Expansion, die nach
dem Big-Bang begann, nimmt die Expansionsrate im Lauf der Zeit
ab. Gleichgültig, ob das Schicksal des Universums darin besteht, sich
in alle Ewigkeit auszudehnen oder schließlich in einem Big-Crunch
in sich zusammenzustürzen: Die Expansionsrate wird infolge der
Gravitationswirkung der Materie ständig kleiner.
Man hat immer angenommen, dass die Gravitation in allen Gebil-
den aus Materie und Energie anziehend wirkt. In den 1970er Jahren
haben dann Elementarteilchenphysiker in ihren Theorien über das
Verhalten von Materie bei hohen Temperaturen eine neue Form von
Materie beschrieben, die so genannten ›skalaren Felder‹. Diese kön-
nen untereinander von der Gravitation abgestoßen werden.11 Wenn
diese Felder in einem Frühstadium unseres Universums den Haupt-
beitrag zu dessen Dichte leisteten, wurde die Verlangsamung der
Expansion von einem Beschleunigungsschub abgelöst. Nach der
Theorie des inflationären Universums waren diese skalaren Felder,
so sie denn existierten, unweigerlich gleich nach Beginn der Expan-
sion die einflussreichsten Bestandteile des Universums. Ihr Einfluss
dauerte zwar nicht lang, war aber doch entscheidend. Schon nach
kürzester Zeit gingen sie dann im kosmischen Ozean der gewöhnli-
chen Materie und Strahlung auf, ohne Spuren zu hinterlassen (siehe
Abbildung 9.3).
Eine ›kurze inflationäre Phase‹ klingt harmlos, ist es aber nicht:
Eine solche Periode mit beschleunigter Expansion würde eine Viel-
zahl unserer großen kosmologischen Probleme auf einen Schlag lö-
sen. Zunächst wäre dann verständlich, warum sich das sichtbare
Universum in einer Weise ausdehnt, die nahe der kritischen Grenzli-
nie zwischen offenen und geschlossenen Universen liegt. Die Tatsa-
Variable Konstanten und die Neufassung der Geschichte 175

Größe

Inflations-
phase

Zeit

A b b ild u n g 9 .3
Kurze inflationäre Phase mit beschleunigter Expansion
in der Frühzeit des Universums

che, dass wir uns auch nach über 13 Milliarden Jahren noch so dicht
an dieser Linie befinden, ist ziemlich erstaunlich, da schon die
kleinste Abweichung mit der Zeit stetig anwachsen würde.12 Abbil-
dung 9.2 zeigt deutlich, dass sich im Laufe der Zeit sowohl die offe-
nen als auch die geschlossenen Universen immer weiter von der
Grenzlinie entfernen. Die Ursache dafür ist wieder die anziehende
Wirkung der Gravitation. In einer Phase, in der die Gravitation ab-
stoßend wirkt und sich die Expansion beschleunigt, rückt dagegen
die Expansion näher an die kritische Kurve. Wenn die Inflation lang
genug gedauert hat13, könnte dies die überraschende Nähe der der-
zeitigen Expansion zur kritischen Linie erklären. Diese lebensför-
dernde Eigenschaft unseres Universums wäre damit von den beson-
deren Anfangsbedingungen beim Big-Bang losgelöst.
Eine kurze Beschleunigungsphase hat auch den Nebeneffekt, dass
jegliche Anisotropie bei der Expansion des Universums beseitigt
wird und sie sehr schnell in jede Richtung mit der gleichen Rate er-
folgt – so wie wir es heute beobachten. Damit wäre eine Erklärung
für die äußerst symmetrische Expansion des Universums gefunden,
die den Kosmologen immer als mysteriös und unwahrscheinlich er-
176 Das 1 × 1 des Universums

schien. Schließlich gibt es so viel mehr Möglichkeiten für ungeord-


nete Zustände als für geordnete. Man würde eher ein asymmetri-
sches und ungeordnetes Universum erwarten, wenn man es dem
Zufall folgend aus der Lostrommel zieht.14
Falls es diese Inflationsphase gegeben hat, ist das gesamte sicht-
bare Universum aus einem Gebiet entstanden, das weit kleiner ist, als
eine nicht-inflationäre Big-Bang-Theorie mit ihrer ständig langsa-
mer werdenden Expansion annimmt. Unser Universum ist dann nur
das ausgedehnte Abbild eines kleinen Flecks, der einen Durchmesser
von 10-25 cm hatte. Die Winzigkeit eines solchen inflationären An-
fangs hat den hübschen Nebeneffekt, sowohl das hohe Maß an Iso-
tropie zu erklären, die bei der Expansion des Universums herrscht,
als auch die winzigen Anisotropien, die der COBE-Satellit15 der
NASA beobachtet hat, und die man als die Saatkörner künftiger Ga-
laxien und Sterncluster (siehe Abbildung 9.4) interpretieren kann.

igt e
l eu n
b e sch 7 m
02 c
3x1
3x10–25cm
heute
Expan sichtbares
sion
Universum

A b b ild u n g 9 .4
Expansion des Universums während einer inflationären Phase.

Wenn sich das Universum beschleunigt ausgedehnt hat (oder aus-


dehnt), kann sein gesamter sichtbarer Teil aus einem Gebiet entstanden
sein, das klein genug war, um schon zu sehr frühen Zeiten von Lichtsig-
nalen durchquert zu werden. Diese Signale haben dann dazu beigetra-
gen, die Bedingungen in dieser Urzelle des Universums zu harmonisie-
ren und jede Art von Inhomogenität schnell zu glätten. Im ›klassischen‹
nicht-inflationären Big-Bang-Universum war die Situation ganz an-
Variable Konstanten und die Neufassung der Geschichte 177

ders. Die Urzelle wäre nach diesem Modell so groß gewesen, dass die
Lichtstrahlen ihre glättende Wirkung nicht entfalten konnten. Es wäre
ein tiefes Geheimnis geblieben, warum unser Universum in jede Rich-
tung des Himmels so gut wie gleich aussieht: Beobachtungen haben
gezeigt, dass die Abweichungen kleiner als 1 : 100 000 sind.
Die winzige Region, aus der das sichtbare Universum entstanden
ist, konnte unmöglich schon von allem Anbeginn so homogen gewe-
sen sein. Die Quantelung der Materie und der Energie fordert, dass
es auf jeden Fall ein bestimmtes kleines Maß an Fluktuationen gege-
ben haben muss. In einer Inflationsphase dehnen sich diese anfäng-
lichen Fluktuationen aus und werden ›verschmiert‹, sodass sie sich
über riesige astronomische Distanzen erstrecken, wo sie dann von
einem Satelliten wie COBE identifiziert werden können.16 Diese
Strukturen werden durch den 2001 gestarteten MAP-Satelliten17
noch genauer untersucht. Wenn es die Inflationsphase gegeben hat,
müssen die Signale, die er empfängt, ganz bestimmte Strukturen
aufweisen. Die COBE-Daten stimmen bisher gut mit den Prognosen
überein, die wirklich entscheidenden Merkmale der beobachtbaren
Signale werden aber erst dann deutlich, wenn man die Temperatur-
unterschiede räumlich weit besser auflöst, als dies mit COBE mög-
lich war. Die neuen Beobachtungen durch MAP sollen durch die
Planck Surveyor Mission der ESA im Jahr 200718 und parallele, im-
mer präzisere Durchmusterungen kleinerer Flächen des Himmels
von der Erde aus fortgeführt werden.
Abbildung 9.5 zeigt die Verteilung der Fluktuationen in Abhängig-
keit vom Raumwinkel, wie man sie aus einem Modell des Universums
mit inflationärer Phase erhält. Die Modellprognose ist Messergebnis-
sen gegenübergestellt, die mit dem Forschungsballon Boomerang19
nahe der Erdoberfläche gewonnen wurden. Durch die Satellitenbeob-
achtungen werden die experimentellen Fehlerbreiten kleiner als die
Dicke der gezeichneten Kurve. Sie stellen damit einen unwiderlegba-
ren Test für bestimmte kosmologische Modelle einer inflationären
Phase in der Frühzeit des Universums dar. Bemerkenswert ist dabei,
dass uns diese Beobachtungen einen Einblick in Ereignisse erlauben,
die stattfanden, als das Universum gerade 10-35 s alt war!
Jenseits der Grenze des winzigen Flecks von 10-25 cm Durchmes-
ser, aus dem das Universum entstand, lagen zahlreiche (vielleicht
178 Das 1 × 1 des Universums

Temperaturfluktuation in µK 80

Modellrechnungen
60

40

20

0
1 1/3 1/4 1/6
Winkelbereich des Himmels in Grad

A b b ild u n g 9 .5
Fluktuationen in einem Universum mit inflationärer Phase in Abhängigkeit vom
Winkelbereich nach Modellrechnungen (ausgezogene Kurve)
und Messungen bei Satelliten- und Ballonexperimenten.

sogar unendlich viele) andere in sich verbundene Flecke. Auch diese


durchlebten verschiedene inflationäre Phasen und wurden dabei zu
weit aufgeblähten Regionen unseres Universums, die jenseits unse-
res Horizonts der Sichtbarkeit liegen – ein komplizierter Vorgang,
der ›chaotische Inflation‹ genannt wird. Daraus können wir folgern,
dass unser Universum eine höchst komplexe Topographie besitzt
und die Bedingungen, die wir auf unserer Seite des Horizonts bis in
15 Milliarden Lichtjahren Entfernung vorfinden, nicht typisch für
die Verhältnisse dahinter sind.20
Man hat es schon immer für denkbar gehalten, dass das Univer-
sum jenseits des Horizonts eine andere Struktur haben könnte. Be-
vor man jedoch über die Inflationsmodelle verfügte, war dies immer
nur eine positivistische Variante, die oft von pessimistischen Philo-
sophen ins Spiel gebracht wurde, aber nicht beweisbar war. Nun hat
sich die Lage geändert: Das Modell eines chaotisch inflationären
Universums liefert zum ersten Mal einen nachvollziehbaren Beweis
Variable Konstanten und die Neufassung der Geschichte 179

dafür, dass das Universum hinter dem Horizont anders ist als vor
ihm.
Nach zwei sowjetischen Naturwissenschaftlern, Alex Vilenkin und
Andre Linde, die einst in die USA emigrierten, ist die Situation ver-
mutlich noch komplizierter. Wenn sich ein Gebiet inflationär aus-
dehnt, erzeugt es zwangsläufig in sich selbst die Bedingungen für
zahlreiche weitere Inflationen, die in Untergebieten ihren Ausgangs-
punkt haben. Dieser Prozess kann bis in unendliche Zeiten weiterge-
hen: Inflationär aufgeblähte Gebiete erzeugen Untergebiete, die sich
aufblähen, diese erzeugen Unter-Untergebiete und so fort – bis in
alle Ewigkeit. Man nennt ein solches Gebilde ein ›ewig‹ oder ›selbst-
reproduktives‹ inflationäres Universum (siehe Abbildung 9.6).21

Inflation
Inflation
Inflation

Inflation

A b b ild u n g 9 .6
Ewige, sich selbst reproduzierende Inflation.

Diese erweiterte Fassung des inflationären Modells liefert kein allzu


detailliertes Bild des Universums. Dass sich das ewig expandierende
Universum immer wieder selbst reproduziert, scheint der unvermeid-
liche Nebeneffekt der Empfindlichkeit zu sein, mit der die Entwick-
lung eines Universums auf die winzigen räumlichen Quantenfluktu-
ationen der Dichte reagiert, die ganz zu Anfang vorhanden sind.
180 Das 1 × 1 des Universums

Die auf Ewigkeit angelegte chaotisch-inflationäre Struktur unse-


res Universums liefert einen neuen Rahmen für anthropische An-
nahmen. In jeder der aufgeblähten Blasen jenseits unseres Horizonts
und in jedem Zeitabschnitt herrschen andere Verhältnisse: Das Maß
an Klumpigkeit und der Abstand von der kritischen Expansions-
kurve sind von Blase zu Blase verschieden. Die Blasen, die wie zufäl-
lig ausgewählte Exemplare aus einer ungeheuer großen Ansamm-
lung von Universen wirken, sind streng genommen nicht wirklich
Universen, sondern nur extrem ausgedehnte Bereiche, die aber im-
merhin größer als unser sichtbares Universum sind – Mini-Univer-
sen von gewaltiger Ausdehnung.
Eine weitere Untersuchung dieses Szenarios zeigt, dass sich diese
aufgeblähten Blasen noch in einigem mehr unterscheiden können:
in der Zahl der Dimensionen und in den Naturgesetzen und -kon-
stanten. Es gibt Blasen, in denen keinerlei komplexes Leben möglich
ist, in anderen gibt es Leben wie das auf der Erde und in wieder ande-
ren Leben, das sich vom irdischen völlig unterscheidet. In unserem
möglicherweise unendlich ausgedehnten Universum existiert also
eine ganze Kollektion anderer Welten, auf die man das Anthropische
Prinzip anwenden muss.
Für die Kosmologen bleibt die Aufgabe, die Wahrscheinlichkeiten
herauszufinden, mit denen sich die unterschiedlichen Mini-Univer-
sen aus dieser komplexen inflationären Situation herausbilden. Sind
Mini-Universen wie das unsere häufig oder selten? Hat ›Wahrschein-
lichkeit‹ in dieser Situation eine eindeutige Bedeutung? Was müssen
wir schließen, wenn lebensfördernde Universen äußerst selten sind?
Wenn man die Vorhersagen der Theorie mit den Beobachtungen in
unserem Mini-Universum vergleichen will, muss man auch wieder
davon ausgehen, dass nur in einer Untergruppe aller möglichen Uni-
versen Beobachter existieren können. So unwahrscheinlich lebens-
fördernde Mini-Universen auch sein mögen: Wir leben in einem!
Diese Überlegungen wirken sich auf die Interpretation jeder zu-
künftigen kosmologischen Quantentheorie aus, die Aussagen darü-
ber machen will, welche Werte die Kräfte und Konstanten eines
Universums ›höchst wahrscheinlich‹ annehmen werden. Es ist aller-
dings noch nicht klar, ob diese ›höchst wahrscheinlichen‹ Werte
auch die sind, die wir beobachten. Da Beobachter in einem Univer-
Variable Konstanten und die Neufassung der Geschichte 181

sum nur vorkommen können, wenn – beispielsweise – der Wert der


Feinstrukturkonstante in einem schmalen erlaubten Bereich liegt,
befinden wir uns selbst in diesem schmalen Bereich von Möglichkei-
ten, so unwahrscheinlich das auch sein mag. Wir müssen fragen, wie
groß die Wahrscheinlichkeit ist, dass Konstanten bestimmte Werte
annehmen, wenn andere Eigenschaften des Universums, etwa sein
Alter, die notwendigen Voraussetzungen für Leben darstellen. Der
Trend zur Vereinheitlichung der auf den ersten Blick unabhängigen
Konstanten wird die anthropischen Einschränkungen verstärken.
Wenn wir ›Theorien für Alles‹ untersuchen, müssen wir alle Ein-
schränkungen kennen, die von den Strukturvarianten des Univer-
sums, den Werten seiner Naturkonstanten und der Zahl seiner Di-
mensionen einer möglichen Existenz von Beobachtern auferlegt
werden.

Virtuelle Geschichte – ein kleiner Exkurs


Das Anthropische Prinzip hat uns zu dem kleinen Gedankenexperi-
ment verleitet, Naturkonstanten zu ändern. Dazu gibt es ein Gegen-
stück bei den Historikern. Wie wir noch aus unserer Schulzeit wis-
sen, ist die Geschichtswissenschaft durch zwei Merkmale bestimmt:
Sie muss versuchen, die ›Fakten‹ herauszufinden, also die Frage zu
beantworten, was sich wann ereignet hat. In einem zweiten Schritt
muss sie dann versuchen zu verstehen, warum bestimmte Ereignis-
ketten entstanden – nach der Meinung einiger, damit sich die Fehler
der Vergangenheit in Zukunft vermeiden ließen.22 Eine Gegenposi-
tion zu einer solchen Rekonstruktion der Vergangenheit stellt der
Versuch einer ›kontrafaktischen‹ oder ›virtuellen‹ Geschichtsschrei-
bung dar, die mit der Frage ›Was wäre gewesen, wenn …?‹ an die his-
torischen Ereignisse herangeht.
Die virtuelle Geschichte versucht darzustellen, was passiert wäre,
wenn bestimmte Schlüsselereignisse in der Vergangenheit nicht
stattgefunden hätten oder zumindest ein wenig anders verlaufen
wären. Was hätte sich ereignet, wenn das Auto mit Erzherzog Franz
Ferdinand am 28. Juni 1914 eine andere Straße gefahren wäre? Wenn
182 Das 1 × 1 des Universums

Lincoln am 15. April 1865 in Washington nicht ins Theater gegan-


gen wäre, um Our American Cousin zu sehen? Wenn die Stimmen
Floridas für Gore und Bush Ende 2000 wirklich genau ausgezählt
worden wären? Wenn Hitler den plötzlichen Kindstod gestorben
wäre?
Das klingt alles ein wenig nach einem netten Gesellschaftsspiel.
Doch dieser Ansatz zieht erstaunlich heftige Kritik vieler Historiker
auf sich, da er eine Art historischen Determinismus impliziert, den
sie ablehnen. Bei näherer Betrachtung erkennt man, dass die Debatte
um die virtuelle Geschichte und die um die anthropische Wirkung
auf die Variabilität von Naturkonstanten in vielen Punkten erstaun-
liche Ähnlichkeiten aufweisen. Fragt man nach den Folgen geringer
Änderungen der Naturkonstanten, muss man verschiedene Vergan-
genheiten unseres Universums konstruieren. Einige davon bergen
die Überraschung in sich, weder uns noch irgendwelche andere füh-
lende Wesen zu enthalten. Die Kosmologen verfügen bislang über
keine vollständige Theorie, die es erlaubt, all diese Änderungen in
konsistenter Weise zu berücksichtigen. In der Regel gehen sie aber
davon aus, dass für den Ablauf der Ereignisse die gleichen Gesetze
gelten. Wenn auch die Änderungen der Naturkonstanten oder sogar
der ›Anfangsbedingungen‹ des Universums rein spekulativ sind,
kann man die daraus resultierenden Konsequenzen relativ problem-
los berechnen. Das Ganze ähnelt einem automatisch ablaufenden
Computerprogramm, das man mit unterschiedlichen Eingangsgrö-
ßen starten kann. Wenn man an der Weltgeschichte herumbastelt,
muss man zwar keine Naturkonstanten ändern, die Vorhersage der
Folgen ist aber in der Regel bei weitem zu kompliziert, als dass man
den Ergebnissen Glauben schenken könnte – es sei denn, man be-
trachtet sie mit den Augen eines Romanschriftstellers.
Historische Ereignisketten sind klassische Beispiele für komplexe
Systeme. Sie sind äußerst empfindlich für kleinste Änderungen. Das
macht es unmöglich, die Zukunft mit Sicherheit vorauszusagen –
selbst wenn wir in der Lage wären, vollständig zu verstehen, was sich
in der Vergangenheit ereignet hat. Diese zeitliche Asymmetrie ist für
alle chaotischen Prozesse typisch, aber die Geschichte der Mensch-
heit ist noch weit weniger vorhersagbar. Für chaotische Prozesse
kann man in den meisten Fällen immerhin die statistischen Merk-
Variable Konstanten und die Neufassung der Geschichte 183

male des zukünftigen Geschehens verlässlich berechnen. Bei histori-


schen Ereignissen kommt noch hinzu, dass sie nicht nur praktisch,
sondern auch prinzipiell unvorhersagbar sind: Die Beteiligten verfü-
gen über einen freien Willen – oder bilden sich das zumindest ein.
Die Wettervorhersage ist schwierig, da die meteorologischen Mo-
delle empfindlich darauf reagieren, wie genau der Ausgangszustand
angegeben werden kann. Aber immerhin hat die Vorhersage keinen
Einfluss auf das zukünftige Wetter. Ökonomen und Soziologen, die
eine Vorhersage wagen, sind weniger glücklich dran. Wenn der Wirt-
schaftsminister oder die ›Fünf Weisen‹ die neuesten Wachstumspro-
gnosen verkünden oder ein Meinungsforschungsinstitut den Wahl-
ausgang vorhersagt, werden dadurch die Ergebnisse in einer Weise
verändert, die man aus logischen Gründen nicht in der ursprüngli-
chen Vorhersage berücksichtigen konnte.23 Damit soll nicht gesagt
werden, dass sich diese Ereignisse jeder Logik entziehen und prinzi-
piell völlig unvorhersagbar sind. Um aber bessere Trefferquoten zu
erreichen, müsste man die Vorhersagen verheimlichen. Erfahren die
Betroffenen die Prognose, können sie sich möglicherweise so verhal-
ten, dass sie nicht mehr zutrifft.
Viele Romane und Hollywoodfilme machen sich diesen virtuellen
Geschichtsansatz zunutze. In dem Film It’s a Wonderful Life zeigt ein
Engel dem selbstmordwilligen James Stewart, wie viel schlimmer al-
les geworden wäre, hätte er nicht gelebt.24 Ein beliebtes Motiv für
Romane, die eine virtuelle Vergangenheit konstruieren, ist der Aus-
gang des Zweiten Weltkriegs. In Len Deightons Buch SS–GB25 wird
England im Februar 1941 besiegt und von der SS regiert, die in
Whitehall ihren Sitz hat. Churchill wird hingerichtet, König Georg
VI. im Tower eingesperrt. Oft gehen in Science-Fiction-Filmen Zeit-
reisen Back to the Future26, oder sie spielen in Parallel-Universen, wo
Neufassungen der Vergangenheit präsentiert und mit der wirklichen
Geschichte konfrontiert werden. Diese Szenarien zehren von der na-
turwissenschaftlich durchaus denkbaren Vorstellung, dass alle ir-
gendwie möglichen Geschichtsabläufe auch verwirklicht werden.
Nimmt man in der Vergangenheit Veränderungen vor, so wird der
Held – wie beispielsweise der Wanderer in Borges’ Garten der Pfade, die
sich verzweigen – nur auf eine der vielen anderen historischen Schie-
nen umgesetzt, die jene kreuzt, die er ansonsten benutzt hätte.
184 Das 1 × 1 des Universums

Die vehemente Zurückweisung der virtuellen Geschichte durch


viele Historiker ist bemerkenswert. Sie wird mit viel Leidenschaft,
aber nicht immer überzeugend vorgetragen. Niall Ferguson zitiert
den Philosophen Michael Oakshott als Gegner der virtuellen Ge-
schichtsschreibung und führt dazu aus:

Wenn sich die Historiker »im Sinne eines rein theoretischen Gedankenexperi-
ments damit auseinander setzen, sowohl was hätte passiert sein können als
auch was der historische Beweis zu glauben zwingt, das passiert ist«, bewegen
sie sich nach Oakshotts Auffassung »außerhalb des Laufs der Geschichte«: »Es
ist durchaus möglich, dass der Völkerapostel Paulus gefangen genommen und
getötet werden konnte, während seine Freunde ihn bei seiner Flucht von der
Stadtmauer Damaskus’ herunterließen, sodass die christliche Religion nie der
Ausgangspunkt und Kern unserer Zivilisation hätte werden können. Und des-
halb kann die Ausbreitung des Christentums kausal durchaus der Flucht des
Paulus zugeschrieben werden. … Aber wenn Ereignisse auf eine solche Weise
interpretiert und historisch instrumentalisiert werden, hören sie auf, ge-
schichtliche Ereignisse zu sein. Die Folge einer solchen Vorgehensweise ist
nicht nur eine minderwertige und zweifelhafte Geschichtsschreibung, sondern
vielmehr ein völliges Ignorieren und Ablehnen von tatsächlich sich ereignen-
der Geschichte. … Überhaupt entspricht die Unterscheidung … zwischen not-
wendigen und zufälligen Ereignissen ganz und gar nicht seriösem historischen
Denken, sondern stellt geradezu einen fürchterlichen Anschlag auf die Wissen-
schaftlichkeit von Geschichtsschreibung dar.« Und Oakshott fährt fort: …
»Der Historiker ist niemals dazu berufen, darüber zu grübeln, was sich unter
modifizierten Bedingungen hätte ereignen und anders ergeben können.«27

Mit dem »fürchterlichen Anschlag auf die Wissenschaftlichkeit« ist


der rigide Determinismus gemeint. Aber dieser Einspruch hat auch
etwas Irritierendes, denn es gibt keinen Zweifel, dass die Geschichte
eine deterministische Folge von Ereignissen darstellt. Allerdings ist
die Komplexität dieser Ereignisketten so groß, dass jeder Versuch,
alle Ursachen mit ihren Wirkungen zu verknüpfen, zur Hoffnungslo-
sigkeit verdammt ist. Außerdem haben Wissenschaftler wie Oak-
shott auch berechtigte Bedenken, dass die virtuelle Geschichte uns
dazu verführt, willkürlich einige Fakten herauszupicken und ihnen
eine Schlüsselstellung zuzuweisen, während die anderen als bloße
›Zufälle‹ abgetan werden. Benedetto Croce hält genau aus diesem
Grund die Konstruktion einer Geschichte gegen die Fakten für ver-
hängnisvoll:
Variable Konstanten und die Neufassung der Geschichte 185

»Historische Notwendigkeit muss als solche bestätigt und immer wieder er-
neut bestätigt werden, um das ›Konditionale‹ aus der Geschichte auszuklam-
mern, das hier völlig fehl am Platze ist. … Nicht erlaubt ist … das unhistorische
und vernunftwidrige ›Wenn‹. Solch ein ›Wenn‹ teilt völlig willkürlich den
Gang der Geschichte in notwendige und zufällige Tatsachen auf … und die
zweite Tatsache klammert man so mental aus, um festzustellen, wie sich die
erste Tatsache unter ihrer eigenen Rahmenbedingung und den damit verbun-
denen Umständen entwickelt hätte, wenn sie nicht durch die zweite beein-
trächtigt bzw. beeinflusst worden wäre. Das ist eine Art Spiel, dem sich ein je-
der von uns in Momenten der Zerstreuung oder des Müßiggangs hingibt,
wenn wir darüber nachdenken, wie unser Lebensweg hätte verlaufen können,
wenn wir eine bestimmte Person nicht getroffen hätten. … Aber wenn wir fort-
fahren würden, diese virtuelle Wirklichkeit gänzlich zu analysieren, würde das
Spiel der Vorstellungen bald zu Ende sein.«28

Nach Ansicht von Oakshott und Croce kann ein Historiker nichts
weiter tun, als unser Verständnis für die Geschehnisse in der Vergan-
genheit zu verbessern und uns ein vollständigeres Bild der Abläufe zu
geben. Es ist höchst bedenklich, wenn Ereignisse in ›bedeutend‹ und
›unbedeutend‹ eingeteilt werden, weil niemand dafür klare Kriterien
hat und man nur seinem subjektiven Eindruck folgen kann. Es gibt
sicher auch gute Gründe, eine ›fertige‹ Rekonstruktion der Vergan-
genheit, also das, was man gemeinhin ›Geschichte‹ nennt, durch Fra-
gen zu überprüfen, die sich nicht an den Fakten ausrichten. Die dabei
allerdings einfließenden systematischen Fehler werden in einem ent-
larvenden Rechenschaftsbericht über die Ziele des Historikers ange-
sprochen, den der Sozialhistoriker und historische Determinist Ed-
ward H. Carr unter dem Titel What is History? veröffentlicht hat.
»Aufgrund der Vielfalt der Abläufe von Ursache und Wirkung wählen sich [die
Historiker] diejenigen aus, und nur solche, die wirklich von historischer Bedeu-
tung sind. Das Kriterium der historischen Bedeutsamkeit ist die Eigenschaft, zu
den Mustern der rationalen Erklärungen und Interpretationen des Historikers
zu passen. Andere Abläufe von Ursache und Wirkung werden als zufällig verwor-
fen, nicht weil ihre Beziehung zu Ursache und Wirkung eine andere ist, sondern
der Geschichtsverlauf selbst unwichtig ist. Der Historiker kann nichts damit an-
fangen, es ist nicht einer rationalen Interpretation zugänglich und besitzt somit
keinerlei Bedeutung, weder für die Vergangenheit noch für die Gegenwart.«29

Bei allen schrillen Töne gegen die ›kontrafaktische‹ Neuformulie-


rung der Geschichte gibt es doch auch angesehene Historiker, die
186 Das 1 × 1 des Universums

gern mit dem Konzept der virtuellen Geschichte spielen. Edward


Gibbon hat sich beispielsweise gefragt, wie wohl die europäische Ge-
schichte verlaufen wäre, wenn die Araber im 8. Jahrhundert nicht
vernichtend geschlagen worden wären. 1907 schrieb George Trevel-
yan einen Essay mit dem Titel »If Napoleon Had Won the Battle of
Waterloo«30. Es gibt darüber hinaus noch eine Menge ähnlicher Fan-
tasiegebilde, die aus der Kausalkette bestimmte Schlüsselereignisse
herauspicken. Ein schönes Beispiel gibt Betrand Russell. Demnach
gründet sich die Industrialisierung auf die moderne Wissenschaft,
diese beruht auf Galilei, der wiederum ohne den Fall von Konstanti-
nopel keinen Erfolg gehabt hätte. Der Fall von Konstantinopel ver-
dankt sich den Wanderbewegungen der Türken, diese der Austrock-
nung Zentralasiens. Folglich muss die historische Forschung bei der
Hydrographie einsetzen.
James Burke, ein Journalist unserer Tage, der heute Kolumnist bei
Scientific American ist, hatte in Großbritannien unter dem Titel Con-
nections eine ganze TV-Serie laufen, die ähnlich bizarren Ereignisket-
ten nachging.
Es gibt aber auch ernsthaftere Anwendungen einer kontrafakti-
schen Geschichtsschreibung. Einige Analysten haben versucht, die
wirtschaftliche Entwicklung in einem Land für den Fall zu rekon-
struieren, dass sich bestimmte Industrien nicht entwickelt hätten
oder die Eisenbahn nicht gebaut worden wäre. Sie wollten damit he-
rausfinden, welcher Segen von einzelnen Industriezweigen für die
gesamte Volkswirtschaft ausgeht.
Die Ansichten von Idealisten wie Oakshott, die nicht auf die Ver-
bindung von Ursache und Wirkung vertrauen und dabei lediglich
ihre Untersuchungsobjekte gegen andere, mit rigoroseren Methoden
operierende Wissenschaftler abschotten wollen, erscheinen moder-
nen Physikern völlig verfehlt. Ebenso sperrig verhalten sich auch
eingefleischte Deterministen, die in der Geschichte einen unerbittli-
chen Marsch in Richtung eines marxistischen oder kapitalistischen
Utopia sehen. Wir haben genug über komplexe Ereignisketten ge-
lernt, um zu wissen, dass man zukünftige Entwicklungen zwar meist
prinzipiell, nicht aber praktisch vorhersagen kann, da sie äußerst
empfindlich auf kleinste Änderungen reagieren, die weder bemerkt
noch registriert werden können. So wären sicher einige Veränderun-
Variable Konstanten und die Neufassung der Geschichte 187

gen im Geschichtsablauf ohne Wirkung geblieben, andere hätten zu


dramatischen Folgen geführt.31 Wir wissen auch, dass man die Zu-
kunft komplexer Systeme – je nach ihren besonderen Eigenschaften
– statistisch voraussagen kann. Bestimmte Systeme können auch in
einen ›kritischen‹ Zustand gelangen32, der in besonderem Maße auf
kleinste Änderungen empfindlich reagiert – und doch herrscht bei
all diesen Unsicherheiten aufs Ganze gesehen Gleichgewicht! In ei-
nem solchen System können Kausalketten auch mit der größten
Anstrengung nicht mehr zurückverfolgt werden.
Es gibt ein Gebiet des Lebens, für das virtuelle Geschichten eine
Selbstverständlichkeit darstellen: Vor Gericht ist es wichtig, festzu-
stellen, ob eine bestimmte Handlung einen Schaden verursacht hat.
Um Zweifel an der Schuld des Angeklagten zu wecken, kann sein
Anwalt den Geschworenen die andere Geschichte erzählen, in wel-
cher der Angeklagte nicht so gehandelt hat, wie ihm vorgeworfen
wird. Der Staatsanwalt wird mit einer weiteren virtuellen Geschichte
dagegenhalten, in welcher der Angeklagte seine Tat zwar nicht be-
gangen hat, dann aber auch kein Schaden zu beklagen wäre. Die
Verteidigung wird wiederum entgegnen, dass es noch eine dritte vir-
tuelle Geschichte gibt, nach der das Opfer geschädigt worden wäre,
selbst wenn der Angeklagte nichts getan hätte – mit der Schlussfol-
gerung, dass er freigesprochen werden müsse. Solche Strategien be-
ruhen auf dem Glauben, dass eine virtuelle Geschichte ein wichtiges
Mittel sein kann, um die Stichhaltigkeit bestimmter historischer
Annahmen zu überprüfen. Es gibt natürlich keine Garantie, dass die
Wahrheit ans Licht kommt, wenn man alle möglichen alternativen
Geschichtsabläufe durchspielt. Manchmal sind Ursache und Wir-
kung auf so vertrackte Weise verflochten, dass es keine ›gerechte‹
Lösung gibt. Hier ein berühmtes Beispiel:

Es gibt eine alte Geschichte von einem Mann, der die Wüste durchqueren will.
Er hat zwei Feinde. In der Nacht schleicht sich der erste Feind in sein Lager
und gibt Strychnin in die Wasserflasche. In derselben Nacht schleicht sich
später auch der zweite Feind in das Lager. Er weiß nichts von dem ersten Besu-
cher und sticht ein kleines Loch in die Wasserflasche. Unser Mann bricht wie-
der zu seinem Marsch durch die Wüste auf. Als er trinken will, ist die Flasche
leer. Er verdurstet. Wer ist der Mörder? Der Verteidiger des ersten Feindes
bringt ein hieb- und stichfestes Argument vor: Sein Mandant gibt zu, den
188 Das 1 × 1 des Universums

Mann vergiften zu wollen. Aber der Anschlag ist missglückt, da das Opfer kein
Gift zu sich genommen hat, also hat er keinen Mord begangen. Aber auch der
Verteidiger des zweiten Feindes hat ein ähnlich schlagkräftiges Argument:
Sein Mandant gibt zu, den Mann verdursten lassen zu wollen. Aber auch er
hat keinen Mord begangen, sondern sogar einen verhindert: Schließlich hat er
den Mann davon abgehalten, das tödliche Strychnin einzunehmen.33

Historiker wie Ferguson beharren darauf, dass die Konstruktion vir-


tueller Geschichtsabläufe wichtig sei. Kritiker werfen ein, dass man
eine Unzahl von Alternativen berücksichtigen müsse, was eine Re-
konstruktion aussichtslos macht. Ferguson hält dagegen, dass es
nur einige wenige Alternativszenarios gebe, die ernsthaft in Frage
kommen:
Wir sollten überlegen, wie plausibel oder wahrscheinlich nur solche Alternati-
ven sind, die wir auf der Grundlage von Zeugnissen bzw. Hinweisen aus der
Gegenwart aufzeigen, die für unsere Zeitgenossen wirklich auch überzeugend
sind.34

Es ist offenkundig, dass die ›vernünftigen‹ Alternativen im Denken


eines Protagonisten eine Rolle gespielt haben und für ihn hypotheti-
sche Zukunftsversionen darstellten. Welche davon Wirklichkeit wur-
den, hing von seinen Handlungsentscheidungen ab. Wir müssen
daher auch die nicht verwirklichten Alternativen bedenken, wenn
wir voll und ganz verstehen wollen, warum gerade diese Entschei-
dung getroffen wurde.
Dieser kleine Exkurs in die Geschichtsphilosophie hat deutlich
gezeigt, dass dort eine lebendige Debatte über das Thema ›virtuelle
Geschichte‹ stattfindet, die seltsamerweise ganz ähnliche Züge auf-
weist, wie die in der Kosmologie über den Sinn und Unsinn von Hy-
pothesen über Universen (oder Teile unseres Universums) geführt
wird, in denen die Naturkonstanten anders als im Hier und Jetzt
ausfallen. Virtuelle Naturgeschichte ist ein wesentlicher Teil der mo-
dernen Kosmologie.
Kapitel 10
Neue Dimensionen
Wir wollen drei Dimensionen des Raumes in gewöhnlicher Weise
anschaulich gegeben denken; die vierte aber ersetzen wir durch
eine Farbe. Wir denken uns nämlich, dass alle Körper außer
ihrem Wechsel im Ort noch einen Wechsel in der Farbe besitzen;
sie mögen aller Abwandlungen vom rot über das violett zum
blau fähig sein. Eine physikalische Wirkung ist nur zwischen Kör-
pern möglich, die nicht nur im dreidimensionalen Ort, sondern
auch in der Farbe benachbart sind; verschiedenfarbige Körper
vermögen sich also zu durchdringen, ohne sich dabei zu stören.
… Sperren wir einen Fliegenschwarm in eine rote Glaskugel
ein, so kann er trotzdem entweichen: er wird nämlich blau und
vermag dann die rote Kugel zu durchdringen.
Hans Reichenbach1

Ein Leben mit hundert Dimensionen


Wenn Sie sich mit jemand in einem Hochhauskomplex verabreden,
müssen Sie ihm vier Informationen geben, damit das Treffen zu-
stande kommt: Uhrzeit, Stockwerk, Flur und Nummer des Apart-
ments, also eine Zeit- und drei Raumkoordinaten. Geben Sie weniger
an, wird aus dem Rendezvous nichts werden, geben Sie mehr an, ist
das eine oder andere überflüssig. Unser Beispiel zeigt, was es heißt, in
einem Universum mit einer Zeit- und drei Raumdimensionen zu le-
ben. Science-Fiction-Autoren machen ihr Geschäft mit Spekulationen
über zusätzliche Dimensionen, die es erlauben, in unserer dreidimen-
sionalen Welt magische Dinge zu treiben – beispielsweise die sichtbare
Welt zu verlassen und wieder in ihr aufzutauchen. Im 19. Jahrhundert
gab es einen berühmten Trickbetrüger, der behauptete, Zugang zu
höheren Dimensionen zu haben und daher ganz ›unmögliche‹ Meis-
terstücke zu beherrschen: verknotete Fesseln lösen, Linksspiralen zu
Rechtsspiralen machen, einen Gegenstand aus dem Inneren einer
Glaskugel nach außen befördern, ohne das Glas zu durchbrechen.
Um zu sehen, wie solche Tricks durch einen Sprung in die vierte
Dimension möglich werden, wollen wir überlegen, wie ein Sprung
190 Das 1 × 1 des Universums

von zwei in drei Dimension aussieht. Wir legen dazu eine Schnur im
Kreis um ein Stück Zucker, das auf dem Tisch liegt. Wenn das Zucker-
stück immer in Kontakt mit der zweidimensionalen Tischoberfläche
bleiben muss, kann es den Ring nicht
Ich bin Mathematiker, aber nur bis zu verlassen, ohne ihn zu durchreißen.
einer bestimmten Grenze: Ich kann Drei- Wird ihm aber der Zugang zur dritten
fachintegrale nur verstehen, wenn mir
Dimension erlaubt, ist die Aufgabe
ein guter Freund alles ganz langsam auf
einer großen Tafel vormacht. leicht zu lösen: Man nimmt es im Inne-
ren des Rings hoch und setzt es außer-
J. W. McReynolds2
halb wieder ab. In Abbildung 10.1 ist
noch ein weiteres Beispiel dargestellt:
Eine Rechtsspirale, die auf einem Tisch liegt, kann nicht in eine
Linksspirale verwandelt werden, solange sie in der zweidimensionalen
Welt der Tischplatte gefangen bleibt. Nimmt man sie aber auf und
befördert sie damit in die dreidimensionale Welt, ist die Verwandlung
möglich: Man dreht sie einfach um und legt sie wieder zurück.
Trotz der Faszination, die diese verborgenen Reiche der Materie
und des Geistes ausüben, sahen die Wissenschaftler des 18. und
19. Jahrhunderts wenig Anlass, über die Zahl der Dimensionen des
Raums nachzudenken. Nur einer der großen Philosophen befasste


anheben

und
umdrehen

A b b ild u n g 1 0 .1
Umkehrung der Drehrichtung einer flachen Spirale
in der dritten Raumdimension.

sich mit der tiefen Verbindung zwischen den Raumdimensionen


und der Form der Naturgesetze und ihren Konstanten: Immanuel
Kant (siehe Abbildung 10.2).
Während der ersten Jahre seiner Karriere in Königsberg war Kant
weit mehr an den Naturwissenschaften als an Philosophie interes-
siert. Er war ein großer Bewunderer Newtons und seiner Gravita-
Neue Dimensionen 191

A b b ild u n g 1 0 .2
Immanuel Kant (1724–1804).3

tions- und Bewegungsgesetze und versuchte, sie auf große astrono-


mische Probleme wie die Frage nach dem Ursprung unseres Sonnen-
systems anzuwenden. Angesichts der besonderen Form des Newton-
schen Gravitationsgesetzes stellte er eine Frage, auf die vor ihm noch
niemand gekommen war: ›Warum hat der Raum drei Dimensio-
nen‹?4
Kant hatte etwas ganz Grundsätzliches erkannt: Newtons berühm-
tes Gravitationsgesetz, nach dem die Schwerkraft umgekehrt propor-
tional zum Quadrat des Abstands r abnimmt, ist eng mit der Tatsache
verknüpft, dass der Raum drei Dimensionen hat. Wären es vier, nähme
die Gravitation (und auch die elektromagnetische Kraft) proportional
zu r –3 statt r –2 ab, bei 100 Dimensionen proportional zu r –99 und ganz
allgemein in einem n-dimensionalen Raum proportional zu r –(n–1).5
Ähnlich ist auch die Größe, die im Gravitationsgesetz als Proportiona-
litätskonstante auftritt, von der Zahl der Dimensionen abhängig.
Für Kant war das Newtonsche Gesetz der ›Beweis‹, dass der Raum
drei Dimensionen haben muss. Hätte Gott die Schwerkraft propor-
tional zu r –3 abnehmen lassen, wäre ein vierdimensionaler Raum
entstanden. Heute würden wir sagen, dass Kant damit das Pferd vom
Schwanz her aufgezäumt hat und das Newtonsche Gesetz mit r –2
gilt, weil der Raum dreidimensional ist.
192 Das 1 × 1 des Universums

Kant zeigte aber zum ersten Mal, dass es zwischen der Zahl der
Raumdimensionen und den Naturgesetzen und -konstanten eine
Verbindung gibt. Er spekulierte über einige theologische und geo-
metrische Aspekte zusätzlicher Dimensionen und hielt es für mög-
lich, die Eigenschaften dieser hypothetischen Räume mithilfe der
Mathematik zu untersuchen.
Eine Wissenschaft von allen diesen möglichen Raumes-Arten wäre ohnfehlbar
die höchste Geometrie, die ein endlicher Verstand unternehmen könnte. …
Wenn es möglich ist, daß es Ausdehnungen von anderen Abmessungen gebe, so
ist es auch sehr wahrscheinlich, daß sie Gott würklich irgendwo angebracht hat.
… Räume von dieser Art könnten nun unmöglich mit solchen in Verbindung
stehen, die von ganz anderm Wesen sind; daher würden dergleichen Räume zu
unserer Welt gar nicht gehören, sondern eigene Welten ausmachen müssen.6

Was bei Kant Spekulation war, erwies sich als real: Die Mathemati-
ker des 19. Jahrhunderts entwickelten neue Geometrien zur Be-
schreibungen von Linien und Formen auf gekrümmten Flächen7,
der auch Räume mit mehr als drei Dimensionen angehören können.
Glücklicherweise, denn damit stand Einstein die Mathematik zur
Verfügung, die er in den Jahren zwischen 1905 und 1915 zur Ent-
wicklung seiner neuen Gravitationstheorie, der Allgemeinen Relati-
vitätstheorie, benötigte.

Ein Spaziergang mit Planisauriern


Dimensionen spielen eine große Rolle. Zwischen Welten mit einer
unterschiedlichen Zahl von Dimensionen gibt es erhebliche Unter-
schiede. Zu den einfachsten zählt, dass eine geschlossene Kurve eine
zweidimensionale Welt in ein ›Innen‹ und ›Außen‹ aufteilt (Abbil-
dung 10.3). Diese simple Tatsache ist äußerst wichtig, denn sie
macht das Leben für zweidimensionale Wesen mit einem röhrenarti-
gen Verdauungsapparat recht verdrießlich. Wenn ein solcher Flach-
welt-Bewohner (siehe Abbildung 10.4) Ihnen mitteilt, sein Leben
falle in Stücke, so dürfen Sie ihn durchaus ernst nehmen!
Der Sprung von der zweiten in die dritte Dimension macht auch
das Leben von Mathematikern interessanter. Nun können sich Wege
Neue Dimensionen 193

ßen
au

n
in ne

A b b ild u n g 1 0 .3
Im zweidimensionalen Raum grenzt eine geschlossene Kurve ›außen‹
gegen ›innen‹ ab.

A b b ild u n g 1 0 .4
Ein zweidimensionales Lebewesen mit einem Verdauungskanal
kann leicht in Stücke fallen.

auf die komplizierteste Weise verschlingen, ohne sich zu berühren


und zu durchdringen (siehe Abbildung 10.5). Die Möglichkeiten
steigen ins Unermessliche, wenn man beispielsweise dreidimensio-
nales Monopoly spielt und auf immer neue Bretter überwechselt,
oder – wie Mr. Spock – dreidimensionales Schach.
Eine Welt, in der man verloren gehen kann, muss mindestens drei
Dimensionen haben. Wenn man in einer zweidimensionalen Welt
herumläuft, indem man wie ein Betrunkener vor jedem Schritt den
194 Das 1 × 1 des Universums

Zufall entscheiden lässt, wie es weitergeht, wird man – sofern nur die
Schritte immer gleich groß sind – schließlich unweigerlich an den
Ausgangspunkt zurückkommen. Ganz anders im drei- oder mehrdi-
mensionalen Raum: Dort wird man aller Wahrscheinlichkeit nach
nie zu Hause landen, sondern im Raum verloren gehen. Es gibt ein-
fach für den Zufalls-Wanderer zu viele ›falsche‹ Wendungen.

A b b ild u n g 1 0 .5
In Räumen mit mehr als zwei Dimensionen können sich Wege
auf komplizierte Weise verschlingen, ohne sich zu durchdringen.

Diese Beispiele zeigen, dass die Dinge umso komplizierter werden, je


mehr Dimensionen beteiligt sind. Das gilt aber nicht für alles!
Manchmal machen es die zusätzlichen Dimensionen nur schwerer,
die Dinge einzuordnen. Die Mathematiker, die sich mit Geometrie
befassen, haben seit den Zeiten Platons bemerkt, dass sich seltsame
Dinge ereignen, wenn man von zwei zu drei Dimensionen übergeht.
Im zweidimensionalen Raum gibt es eine unendliche Zahl gleichsei-
tiger Polygone, im dreidimensionalen Raum dagegen nur fünf
gleichseitige Polyeder: die berühmten fünf Platonischen Körper (Ab-
bildung 10.6). Für solche Körper müssen im dreidimensionalen
Raum zahlreiche Symmetriebedingungen erfüllt sein, daher ist ihre
Zahl so gering. In Räumen mit noch mehr Dimensionen sind die
Einschränkungen noch größer.
Die britische Gesellschaft zu Zeiten von Königin Viktoria ließ sich
von neuen Dimensionen gern verzaubern. Die Fantasievorstellungen
von Lebewesen mit weniger oder mehr als drei Dimensionen gaben
Neue Dimensionen 195

Tetraeder Würfel Oktaeder

Dodekaeder Ikosaeder

A b b ild u n g 1 0 .6
Die fünf Platonischen Körper.

einen Rahmen für Aussagen über unsere dreidimensionale Existenz


ab. So geometrisch interessant diese Fabelgeschichten oft auch wa-
ren: Ihr wahrer Zweck war ein anderer. Wie konnte ein Prediger die
Skepsis über das Reich der Seligen besser bekämpfen, als mit einem
Hinweis, wie glückselig unwissend Flachlandbewohner in einer drei-
dimensionalen Welt sind – jener Welt, die uns dreidimensionalen
Wesen wiederum so ›flach‹ erscheint, dass wir uns nach ›höheren‹
Dimensionen sehnen? Was konnten Illusionisten Besseres tun, als
ihre Tricks mit der Wirkung höherer Dimensionen zu erklären?
Die berühmteste dieser fantastischen Geschichten ist der Roman
Flatland, den Edwin Abbott, der Direktor der City of London School,
1884 veröffentlichte. Der Roman stellt
eine kaum verhüllte Sozialkritik dar. Die Mathematiker mögen die vierte
Die Flachlandbewohner8 und ihre Ho- Dimension und die Welt der Möglichkei-
henpriester verfolgen alle, die von der ten erforschen. Der Zar kann aber nur in
der dritten Dimension gestürzt werden.
unsichtbaren dritten Dimension spre-
9
chen. Je mehr Seiten oder Ecken je- Wladimir Iljich Lenin
mand hat, umso höher ist seine soziale
Stellung. Daher sind Frauen kurze Geraden (!), die Adeligen sind
Polygone und die Hohenpriester Kreise (Abbildung 10.7). Der Held
der Geschichte ist ein ›Square‹, das sich solange der strikten sozialen
Ordnung unterwirft, bis es den Besuch eines ›Fremden‹ aus der drit-
196 Das 1 × 1 des Universums

ten Dimension erhält, der es dann mitnimmt, um ihm einen tieferen


Einblick in die Wirklichkeit zu verschaffen.10

Frau Soldat Arbeiter Kaufmann

Experte Gentleman Adliger Hoherpriester

A b b ild u n g 1 0 .7
Bewohner von Edwin Abbotts Flächenland.

Nicht jeder dachte an weniger Dimensionen als drei. Ein paar Jahre
vor dem ersten Erscheinen von Abbotts Buch versetzte der Prozess
gegen einen bekannten Hellseher, einem gewissen Henry Slade, die
Londoner Gesellschaft in Aufregung. Einige Wissenschaftler11 waren
zu seiner Verteidigung angetreten, nachdem er behauptet hatte, Zu-
gang zur vierten Dimension zu haben und von dort Gegenstände
auftauchen lassen zu können.12 Okkultismus war seinerzeit in Eng-
land (und auch auf dem Kontinent) in Mode.13 Selbst Arthur Conan
Doyle scheint an Feen geglaubt zu haben. Ich habe allerdings Zwei-
fel, ob das auch für Sherlock Holmes gilt.14

1877 wurde eine Anzahl einfacher kontrollierter Experimente durch-


geführt, um Slades Behauptung zu überprüfen, er könne Objekte
aus der vierten Dimension empfangen und sie wieder dorthin zu-
rückschicken:

– Zwei völlig intakte Holzringe sollten vereinigt werden, ohne


sie zu zerbrechen.
– Ein rechtsdrehendes Schneckenhaus sollte in ein linksdrehen-
des verwandelt werden.
Neue Dimensionen 197

– Ein Seil mit einem rechtslaufenden Knoten in einem versiegel-


ten Behälter sollte entknotet und dann wieder linkslaufend
neu verknotet werden, ohne das Siegel zu brechen.
– Der Inhalt einer versiegelten Flasche sollte ausgeleert werden,
ohne das Siegel zu brechen.

All diese Aufgaben sind in einer ›normalen‹ dreidimensionalen Welt


unlösbar. Die einzige Möglichkeit, die Flasche zu leeren oder das Seil zu
entknoten, ergibt sich in einer höheren Dimension. Wie wir sehen, war
Slade eine Art Uri Geller des 19. Jahrhunderts. Aber ach! Er hatte kei-
nen Erfolg mit seinen Kunststücken, die den topologischen Erkennt-
nissen trotzen sollten, und wurde schließlich als Betrüger verurteilt.

Polygone und Polygamie


Der reichlich sonderbare englische Mathematiker Charles Hinton
arbeitete zur gleichen Zeit am Patentamt in Washington DC, als Ein-
stein Angestellter des ›Amts für geistiges Eigentum‹ in Bern war. Ja-
mes Hinton, sein äußerst fortschrittlich gesinnter Vater, war Medizi-
ner und ein charismatischer Prediger, der offen für die freie Liebe
und Polygamie eintrat.15 Das war natürlich nicht gerade das Rezept,
um es im Viktorianischen England zu
etwas zu bringen. Sein Sohn Charles Mir scheint, dass man die höheren
schien sich zunächst allerdings mehr Dimensionen langsam ernst nimmt. …
für Polygone als für Polygamie zu inte- Mir scheint auch, dass wir zum Teil
die Fähigkeit verlieren, mit einer Sache
ressieren. Nachdem er in Rugby und richtig umzugehen, wenn wir ange-
Oxford studiert hatte, wurde er am fangen haben, sie ernst zu nehmen.
Cheltenham Ladies’ College und an
Charles Hinton16
der Uppingham School Mathematik-
lehrer. 1880 veröffentlichte er seinen
ersten Essay über die vierte Dimension17. Sein weiteres Leben verlief
ziemlich aufregend. Offensichtlich war er doch noch den väterlichen
Anregungen gefolgt: 1885 wurde er wegen Bigamie eingesperrt. Er
hatte Mary, die Tochter von George Boole geheiratet, einem der
Schöpfer der Mengenlehre, danach aber auch noch seine Freundin
198 Das 1 × 1 des Universums

Maude Weldon. Nach drei Tagen Haft kam er wieder frei, ging mit
Mary in die USA, wurde Dozent in Princeton und erfand eine auto-
matische Baseball-Wurfmaschine.18 Nachdem er von seinem Arbeit-
geber gefeuert worden war, arbeitete er eine Zeit lang an der Marine-
Akademie, um dann schließlich beim Patentamt zu landen.
Hintons denkwürdigster Beitrag zur Untersuchung höherer Di-
mensionen besteht in einer Reihe einfacher Skizzen, mit denen er
zeigen wollte, dass es möglich ist, zumindest einen schemenhaften
Eindruck von Gegenständen der vierten Dimension zu gewinnen. Da
schließlich alle Abbildungen dreidimensionaler Objekte in Büchern
zweidimensional sind, müssten wir auch in der Lage sein, das zwei-
oder dreidimensionale Bild eines vierdimensionalen Objekts zu ent-
werfen, das dann so etwas wie dessen Projektion wäre. Einige Beispiele
sind in Abbildung 10.8 dargestellt. Besonders sein Würfel-Würfel
(auch Tessaract oder Hyperkubus genannt) wurde berühmt.19

a) b)

c) d)

A b b ild u n g 1 0 .8
a) Dreidimensionaler Würfel in zweidimensionaler Darstellung.
b) Dreidimenmsionale Ansicht eines vierdimensionalen Würfels in
perspektivischer Darstellung.
c) Entfaltung eines dreidimensionalen Würfels.
d) Entfaltung eines vierdimensionalen Würfels.
Neue Dimensionen 199

Hintons Idee, die vierte und höhere Dimensionen durch Extrapola-


tion und Analogien zu veranschaulichen, hatte große Wirkung. 1909
setzte die Zeitschrift Scientific American einen Preis von 500 Dollar
für die beste allgemeinverständliche Darstellung der vierten Dimen-
sion aus. In der europäischen Kunstwelt konnte man eine ähnliche
Faszination spüren, die sich in multidimensionalen Perspektiven
ausdrückte – so griffen die Kubisten die Idee der vierten Dimension
auf.20 Marcel Duchamp überlagerte in seinem Akt, eine Treppe herab-
steigend21 verschwommene Bilder einer Frau, die eine Treppe herab-
steigt, und veranschaulichte damit die Zeit als vierte Dimension.
Rein räumliche Mehrdeutigkeiten setzte Pablo Picasso ein. In seinen

A b b ild u n g 1 0 .9
Pablo Picasso, Dora Maar, 1937, Musée Picasso, Paris.22

diversen Porträts der Dora Maar (Abbildung 10.9) entkam Picasso


der dreidimensionalen Zwangsjacke einer eindeutigen Perspektive,
indem er das Gesicht der Frau gleichzeitig aus verschiedenen Win-
keln zeigte.
200 Das 1 × 1 des Universums

Warum ist das Leben für Physiker


ein Kinderspiel?
Wenn man sich nach einiger Zeit an den Gebrauch von Gleichungen
und Formeln der mathematischen Physik gewöhnt hat, erkennt
man, dass der Natur eine Besonderheit innewohnt: Sie verzeiht uns,
wenn wir bestimmte Einzelheiten außer Acht lassen. Ein Naturge-
setz hat einige grundlegende Eigenschaften. Es stellt einen logischen
Mechanismus dar, der aus der Gegenwart Schlüsse auf die Zukunft
erlaubt, man kann es mit Informationen über die Gegenwart füt-
tern, und es enthält Naturkonstanten sowie einige einfache Zahlen.
Diese einfachen, dimensionslosen Zahlen treten in fast allen physi-
kalischen Formeln im Zusammenhang mit den Naturkonstanten
auf. Wir haben in Kapitel 3 gesehen, wie Einstein diese Zahlen, die er
›universelle Konstanten‹ nannte, in seinem Briefwechsel mit Rosen-
thal-Schneider herausgepickt hat. So ist beispielsweise die Periode t
eines Pendels mit hoher Genauigkeit durch die einfache Formel

t = 2π √(L/g)

gegeben, wenn L die Länge des Pendels und g die Erdbeschleunigung


ist.23 2π ist ein solcher Faktor, der aus jenen einfachen, dimensions-
losen Zahlen zusammengesetzt ist, die in jeder Formel zur Beschrei-
bung der materiellen Welt auftauchen. Bemerkenswert daran ist,
dass diese Faktoren fast immer von der Größenordnung 1 sind und
daher vernachlässigt werden können, solange wir nicht an einem ge-
nauen Wert des Ergebnisses interessiert sind. Das ist ein großer Vor-
teil, wenn wir ein Problem angehen wollen. Wollen wir beispielsweise
die Periode unseres Pendels bestimmen, so erhalten wir die Struktur
des Gesetzes durch eine bloße Analyse der Einheiten. Fordert man,
dass sie auf beiden Seiten der Gleichung übereinstimmen, gibt es
nur eine Kombinationsmöglichkeit der Länge L und der Erdbe-
schleunigung g, die eine Zeit als Ergebnis liefert: Die Periode muss
proportional zur Quadratwurzel von L/g sein.
Diese erfreuliche Eigenschaft der materiellen Welt, sich mit ma-
thematischen Formeln so gut beschreiben zu lassen, in denen die
rein numerischen Faktoren von der Größenordnung 1 sind, gehört
Neue Dimensionen 201

zu ihren meistens übersehenen Geheimnissen. Einstein hingegen


war von der Allgegenwart der kleinen dimensionslosen Zahlen in den
Gleichungen der Physik höchst beeindruckt:
Dies lässt sich zwar nicht streng fordern, denn warum sollte ein numerischer
Faktor (12π)3 nicht bei einer mathematisch-physikalischen Betrachtung auf-
treten können? Aber derartige Fälle gehören unstreitig zu den Seltenheiten.24

Auch viele Jahre später zeigte er sich in Da endlich sah ich das Pendel.
einem Brief über die Naturkonstanten Die Kugel, frei schwebend am Ende eines
an Rosenthal-Schneider angesichts die- langen metallischen Fadens, der hoch in
der Wölbung des Chores befestigt war,
ses Geheimnisses noch höchst ratlos: beschrieb ihre weiten konstanten Schwin-
Es dürfte in der Natur der Sache liegen, dass gungen mit majestätischer Isochronie.
solche rationelle Zahlen sich der Größenord- Ich wusste – doch jeder hätte es spüren
müssen im Zauber dieses ruhigen
nung nach nicht von 1 unterscheiden, we-
Atems –, dass die Periode geregelt wurde
nigstens solange man sich auf ›einfache‹,
durch das Verhältnis der Quadratwurzel
bzw. natürliche Bildungen beschränkt. Dies
aus der Länge des Fadens zu jener Zahl π,
ist aber nicht fundamental und nicht scharf die, irrational für die irdischen Geister, in
fassbar.25 göttlicher Ratio unweigerlich den Um-
fang mit dem Durchmesser eines jeden
Man kann etwas Licht in das Dunkel möglichen Kreises verbindet, dergestalt,
dieses Rätsels bringen, wenn man be- dass die Zeit dieses Schweifens einer
rücksichtigt, dass fast alle numerischen Kugel von einem Pol zum anderen das
Faktoren, von denen Einstein so beein- Ergebnis einer geheimen Verschwörung
druckt war, ihren Ursprung in der Geo- der zeitlosesten aller Maße war – der Ein-
heit des Aufhängepunktes, der Zweiheit
metrie haben. So ist zum Beispiel das einer abstrakten Dimension, der Dreizahl
Volumen eines Würfels mit Seitenlänge von π, des geheimen Vierecks der Wurzel
r gleich r3, das Volumen einer Kugel und der Perfektion des Kreises.
mit Radius r aber 4π/3 r3. Die numeri- Umberto Eco26
schen Faktoren berücksichtigen, in
welcher Weise die Form unserer Ge-
bilde die fundamentalen Naturkräfte beeinflusst. Da diese isotrop
wirken, also keine Raumrichtung bevorzugen, weisen sie in der Regel
sphärische Symmetrie auf.

Wie wir wissen hat ein Kreis mit Radius r den Umfang 2π r. Die
Oberfläche einer Kugel beträgt 4π r2. Entsprechend ist die Fläche ei-
nes Kreises π r2, das Volumen einer Kugel 4π/3 r 3. Nun wollen wir
›Kugeln‹ mit n Dimensionen betrachten. Für einen Mathematiker ist
202 Das 1 × 1 des Universums

es ein Kinderspiel, deren Oberflächen und Volumina zu berechnen.


Es ist klar, dass F(n), die Oberfläche einer n-dimensionalen Kugel,
proportional zu r n–1 ist, das Volumen V(n) proportional zu r n. Es ist
aber überhaupt nicht ohne weiteres ersichtlich, wie jeweils die Pro-
portionalitätsfaktoren aussehen, die im dreidimensionalen Raum
4π und 4π/3 betragen. Ihre Größe in Abhängigkeit von der Zahl der
Dimensionen des Raums ist in Abbildung 10.10 dargestellt.

a) 35

30

25
Oberfläche

20

15

10

0
0 10 20 30 40 50 60
Zahl der Dimensionen n
b) 6

4
Volumen

0
0 10 20 30 40 50 60
Zahl der Dimensionen n

A b b ild u n g 1 0 .1 0
Oberfläche und Volumen einer n-dimensionalen ›Kugel‹ mit Radius 1.
Das Maximum des Volumens liegt bei 5,3 Dimensionen.
Die Werte fallen dann schnell ab.
Neue Dimensionen 203

Bemerkenswert ist, dass mit der Anzahl der Dimensionen auch die
Faktoren Größen erreichen, die von 1 erheblich abweichen: Sie wach-
sen zunächst an und erreichen ein Maximum (beim Volumen liegt es
bei etwa fünf Dimensionen), um dann für größere n schnell gegen
Null zu gehen. Damit haben wir eine Antwort für Einstein: Die weite
Verbreitung kleiner numerischer Faktoren in den Naturgesetzen und
physikalischen Formeln folgt aus der Tatsache, dass die Welt nur
wenige Raumdimensionen hat. Würden wir in einer Welt mit fünf
oder sechs Dimensionen leben, wären physikalische Formeln, in de-
nen wir die Proportionalitätsfaktoren vernachlässigen, oft höchst
ungenau. Einstein hätte sich dann darüber gewundert, dass die Fak-
toren immer so ungewöhnlich groß sind.
Wir sehen aus alledem, dass die Naturkonstanten in einer dreidi-
mensionalen Welt einen viel größeren relativen Einfluss auf die Re-
sultate der Naturgesetze haben, als in einer Welt mit wesentlich
mehr Raumdimensionen.

Paul Ehrenfest: ein trauriger Fall


Paul Ehrenfest (1880–1933)27 war ein äußerst begabter österreichi-
scher Physiker, der zu Anfang des 20. Jahrhunderts mit den bedeu-
tendsten Naturwissenschaftlern zusammenarbeitete. Einstein (siehe
Abbildung 10.11), Heisenberg, Schrödinger, Pauli, Dirac – sie alle
profitierten von seiner Hilfe. Darüber hinaus war er ein scharfer Kri-
tiker, der die Schwachstellen in jeder Argumentation herausfand,
wodurch er zu einer Art ›Gewissen‹ der Physik wurde. Er war auch
berühmt für seine unkonventionellen Bemerkungen, wie etwa auf
die Frage, warum seine Studenten so schlau seien: »Weil ich so
dumm bin.« Oder: »Haben Sie das jetzt gesagt, um etwas zu bewei-
sen, oder nur, weil es zufällig wahr ist?«28
Ehrenfest hat zu vielen Bereichen der Physik wesentliche Beiträge
geliefert, und alle Physikstudenten, die sich mit der Quantenmecha-
nik befassen, werden unweigerlich auf das ›Ehrenfestsche Theorem‹
stoßen. Aber er war auch ein ungläubiger Thomas, wobei die Zweifel
allerdings ihm selbst galten. Seine Ansprüche waren so hoch, dass er
204 Das 1 × 1 des Universums

ihnen nie genügen konnte. Ehrenfest hatte eine unglückliche Kind-


heit: Seine Mutter starb 1890, als er gerade zehn Jahre alt war, und
sein Vater, der immer krank war, folgte ihr sechs Jahre später nach.

A b b ild u n g 1 0 .1 1
Albert Einstein mit Paul Ehrenfest.29

Trotz der hohen Achtung, die ihm andere entgegenbrachten und die
ihm 1912 mit nur 32 Jahren den Ruf auf einen Physiklehrstuhl in
Leiden einbrachte, litt er an Minderwertigkeitskomplexen. Er war
frustriert, weil er mit den schnellen Fortschritten in der Quanten-
physik und mit der wachsenden Mathematisierung nicht Schritt
halten konnte. Am 13. Mai 1931 schrieb er an Niels Bohr:
Ich habe total den Contact mit der theoretischen Physik verloren. Ich kann
nun absolut nichts mehr lesen und fühle mich außer stande auch nur im be-
scheidensten Maße zu überblicken, was in der Flut von Artikeln und Büchern
Sinn hat. – Vielleicht ist mir überhaupt nicht mehr zu helfen. Aber noch habe
ich die Illusion, dass Du mir bei einer Begegnung von einigen Tagen den Weg
weisen könntest. … Und natürlich so, dass ich nicht irgendwas erzählen muss.
Sondern ich will hören.30

Seine Verzweiflung wuchs und verschlimmerte sich noch durch die


großen Probleme mit seinem Sohn Wassik, der am Down-Syndrom
litt. 1906 hatte Ludwig Boltzmann, Ehrenfests Doktorvater, aus Ver-
Neue Dimensionen 205

zweiflung über die Nichtbeachtung seines Werks Selbstmord began-


gen. Ehrenfest sah auch für sich nur noch diesen Ausweg. Am 25.
September 1933 erschoss er seinen Sohn und dann sich selbst im War-
tezimmer eines Arztes. Ein letzter Brief an seine engsten Freunde un-
ter den Wissenschaftlern – u. a. Bohr und Einstein – und seine Studen-
ten wurde nie abgeschickt. Darin klagte er über seine schwindenden
Kräfte und erwog, vielleicht wieder nach Russland zu gehen. Dann
kündigte er seinen Freitod an und bat alle Freunde um Verzeihung.

Ehrenfest gehört in unsere Geschichte, da er 1917 als Erster er-


kannte, in welch hohem Maße die physikalischen Gesetze von der
Zahl der Raumdimensionen abhän-
gen.31 Dabei stützte er sich auf die Er war ja nicht nur der beste Lehrer
schon erwähnten Einsichten Kants in unseres Faches, den ich kennengelernt
den Zusammenhang zwischen dem habe; er war auch leidenschaftlich er-
füllt von dem Interesse für Entwicklung
Gravitationsgesetz und den Dimensio- und Schicksal der Menschen, insbe-
nen des Raums. Er stellte fest, dass sondere aber seiner Studenten. Andere
Planeten nur dann auf stabilen Um- Menschen zu verstehen, Freundschaft
laufbahnen eine Zentralsonne umkrei- und Vertrauen zu erwerben, allen bei-
sen können, wenn die Welt drei Di- stehen in äußeren und inneren Nöten,
fördern junger Talente, all dies bildete
mensionen hat. Geht man nun in den zusammen sein eigentliches Lebens-
Größenbereich der Atome, wo die elek- element, fast noch mehr als die Ver-
tromagnetische Kraft zwischen dem tiefung in die wissenschaftlichen Pro-
positiven Atomkern und den negativen bleme.
Elektronen auf ihren Umlaufbahnen Albert Einstein32
ebenfalls umgekehrt proportional zum
Quadrat des Abstands abnimmt, so
folgt daraus nach Ehrenfest, dass in Welten mit mehr als drei Di-
mensionen auch keine stabilen Atome existieren können: Entweder
würden die Elektronen in einer Spiralbahn in den Kern stürzen oder
sie würden sich davonmachen.
Ehrenfest fand auch heraus, dass dreidimensionale Wellen ganz
besondere Eigenschaften haben. Nur im dreidimensionalen Raum
können sich Wellen ungestört ausbreiten, ohne reflektiert zu werden.
Ist die Zahl der Dimensionen des Raums gerade (2, 4, 6, …), bewegen
sich verschiedene Teile einer Wellenstörung mit unterschiedlichen
Geschwindigkeiten fort. Deshalb überlagern sich trotz kontinuierli-
206 Das 1 × 1 des Universums

cher Ausstrahlung beim Empfänger verschiedene Wellen: Wellen, die


zu verschiedenen Zeiten gesendet wurden, treffen gleichzeitig ein. Ist
die Zahl der Dimensionen des Raums ungerade (3, 5, 7, …), ist die Ge-
schwindigkeit aller Wellenstörungen gleich, aber nur bei drei Dimen-
sionen wird die Welle nicht deformiert: Dreidimensionale Wellen
haben eine Sonderstellung.
Die einfallsreiche Untersuchung Ehrenfests hatte gezeigt, dass die
Dimensionalität der Welt einen weitreichenden Einfluss auf die
Dinge und ihr Verhalten hat. Dreidimensionale Welten sind etwas
Außergewöhnliches und prägen den Naturgesetzen und -konstanten
ganz besondere Eigenschaften auf.33
Ehrenfest verfolgte 1917 seine Spur nicht weiter und zog keine
besonderen philosophischen Schlüsse aus seinen Ergebnissen. Er
war nicht der Erste, der bemerkte, dass es mit den Planetenbahnen
im dreidimensionalen Raum etwas Besonderes auf sich hat. Wir ha-
ben schon William Paley erwähnt, der 1802 die ganz speziellen, Le-
ben ermöglichenden Eigenschaften des Gravitationsgesetzes ge-
nannt hat. 1903 nahm dann Alfred Wallace in seinem ebenfalls
schon zitierten Buch Man’s Place in Universe das Thema wieder auf.
Aber diese Autoren haben ihre Werke in einer Zeit verfasst, in der es
die Quantentheorie noch nicht gab. Ehrenfest war in der Lage, die
physikalische Einmaligkeit dreidimensionaler Welten weit schlüssi-
ger theoretisch zu begründen.

Gerald Whitrow: ein ganz besonderer Fall


Einen direkten anthropischen Zusammenhang zwischen der Zahl
der Dimensionen des Raums und der Existenz lebender Beobachter
hat zum ersten Mal 1955 der englische Kosmologe Gerald Whitrow
hergestellt. Auf die Frage, warum das Universum gerade drei Raum-
dimensionen hat, versuchte er, eine ganz neue Antwort zu finden. Er
behauptete, dass denkende Wesen nur in einer dreidimensionalen
Welt existieren können. Deshalb sei es möglich, die Zahl der Dimen-
sionen aus der Tatsache abzuleiten, dass es uns (oder eine andere Art
intelligenten Lebens) gibt.
Neue Dimensionen 207

Man kann auf diese grundlegende topologische Eigenschaft der Welt … als
den einzigartigen natürlichen Begleitumstand anderer Bedingungen schlie-
ßen, die mit der Entwicklung höherer irdischer Lebensformen – und insbe-
sondere des Menschen, der das Problem formuliert hat – verbunden waren.34

Whitrow erläuterte seine Argumente vier Jahre später in einem po-


pulärwissenschaftlichen Buch über die Kosmologie mit dem Titel
The Structure and Evolution of the Universe. In einer zweidimensionalen
Welt könne keinerlei Leben existieren: Die unvermeidlichen Über-
schneidungen der Verbindungen zwischen Nervenzellen würden
quasi zu Kurzschlüssen führen und damit die Herausbildung eines
komplexen neuralen Netzwerks verhindern.
In diesem Ansatz wandte Whitrow als Erster das an, was wir heute
›Anthropisches Prinzip‹ nennen und was Dicke auf das Problem ei-
nes variablen G und die Hypothese über die großen Zahlen ange-
wandt hat. Mit unserem heutigen Wissen können wir noch ein wenig
weiter gehen und uns überlegen, wie eine Welt aussehen würde, in
der weiterhin die alten Naturgesetze gelten, die sich aber in der Zahl
der Raumdimensionen unterschiede. Und warum sollten wir es da-
mit genug sein lassen? Warum sollten wir nicht fragen, was passiert,
wenn sich die Zahl der Zeitdimensionen ebenfalls ändert?
Diese Frage drängt sich förmlich auf, denn wenn die Lichtge-
schwindigkeit eine Naturkonstante ist, die für alle Beobachter gilt,
wo immer sie sich befinden und wie immer sie sich bewegen, heißt
das nichts anderes, als dass es eine tiefe Verbindung zwischen Raum
und Zeit gibt. Die Physiker sprechen daher lieber von der vierdimen-
sionalen ›Raumzeit‹ als von Raum und Zeit. Diese Synthese wurde
zum ersten Mal von Hermann Minkowski in einem Vortrag mit dem
Titel »Raum und Zeit« eingeführt, den er am 21. September 1908 vor
der 80. Naturforscher-Versammlung in Köln hielt.
M. H.! Die Anschauungen über Raum und Zeit, die ich Ihnen entwickeln
möchte, sind auf experimentell-physikalischem Boden erwachsen. Darin liegt
ihre Stärke. Ihre Tendenz ist eine radikale. Von Stund an sollen Raum und
Zeit für sich und Zeit für sich völlig zu Schatten herabsinken, und nur noch
eine Art Union der beiden soll Selbständigkeit bewahren.35

Wie wir schon bei unseren Zeitreisen gesehen haben, stellen sich die
Physiker die Raumzeit gern wie einen vierdimensionalen Block vor,
208 Das 1 × 1 des Universums

den man auf unterschiedliche Weise in Scheiben schneiden kann


(siehe wieder Abbildung 8.9). Jede dieser Scheiben entspricht dann
einer in bestimmter Weise definierten Zeit. Diese Vorstellung von ei-
ner blockartigen Raumzeit ist sehr alt, da sie sich auf ganz natürliche
Weise mit dem Blick eines Schöpfergottes auf seine Welt deckt. Tho-
mas von Aquin hat im 13. Jahrhundert angeführt, dass Gott, für den
es keine »Aufeinanderfolge« durch das »Früher und Später bei der
Bewegung« gibt, das irdische Treiben mit seinem zeitlichen Ablauf
wie von einem Turm aus überblickt. »Daraus folgt, dass er alles, was
er erkennt (denkt), zugleich auf einmal erkennt (denkt)«.36 Mit ei-
nem einzigen Blick überschaut er die gesamte Karawane der Vorbei-
ziehenden – und damit die gesamte Schöpfung in Raum und Zeit.
Den Begriff des blockförmigen Universums führte der Oxforder Phi-
losoph Francis Bradley in seinem Buch The Principles of Logic ein, das viele
Jahre vor Minkowskis mathematischer Beschreibung der Raumzeit und
den Zeitreisefantasien eines H. G. Wells erschien. Bradley schrieb:
Wir stellen uns vor, in einem Boot zu sitzen und den Strom der Zeit hinabzu-
treiben. Am Ufer stehen Häuser aufgereiht, an deren Türen Zahlen angebracht
sind. Wir steigen aus dem Boot und klopfen bei Hausnummer 19, dann stei-
gen wir wieder ins Boot und finden uns gegenüber der 20 wieder, dort machen
wir das gleiche und fahren zur 21. Und während dieser ganzen Zeit erstreckt
sich die feste Reihe von Vergangenheit und Zukunft hinter und vor uns.

Auch Einstein scheint die Vorstellung gehabt zu haben, dass die Zu-
kunft schon fertig vor uns ausgestreckt liegt und irgendwelche Un-
terschiede zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft bloße
Illusion sind. In einem Brief, den er kurz nach dem Tod Michele
Bessos37, eines seiner ältesten und besten Freunde, an dessen Familie
schrieb, wies Einstein angesichts der Gewissheit, dass es für ihn
selbst keine Heilung seiner Krankheit gab, auf die illusionäre Natur
von Vergangenheit und Zukunft hin:
Nun ist er mir auch mit dem Abschied von dieser sonderbaren Welt ein wenig
vorausgegangen. Dies bedeutet nichts. Für uns gläubige Physiker hat die
Scheidung zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft nur die Bedeu-
tung einer wenn auch hartnäckigen Illusion.38

Die Möglichkeit von Universen mit einer unterschiedlichen Zahl von


Dimensionen in Raum und Zeit wurde von einer ganzen Reihe von
Neue Dimensionen 209

Wissenschaftlern untersucht.39 Wie bei Universen mit verschieden


vielen Raumdimensionen, aber einer Zeitdimension, können wir da-
von ausgehen, dass die Naturgesetze es zwar erlauben, die Zahl der
Dimensionen in Raum und Zeit frei zu variieren, im Übrigen aber
die gleiche mathematische Struktur haben.
Das Schachbrett der Möglichkeiten in Abbildung 10.12 kann dra-
matisch reduziert werden, indem man einige wenige vernünftige
Forderungen stellt, die für die Informationsverarbeitung und ein
funktionierendes Gedächtnis – also für die Existenz von ›Leben‹ – er-
füllt sein müssen. Wenn wir wollen, dass die Zukunft durch die Ver-
gangenheit bestimmt wird, müssen wir alle Felder auf dem Schach-
brett entfernen, in denen ›unvorhersagbar‹ steht. Wenn wir wollen,
dass stabile Atome und Planetenbahnen existieren, fallen alle Felder
mit ›instabil‹ weg. Scheiden wir dann noch Welten aus, in denen es
nur Signale gibt, die sich schneller als das Licht ausbreiten, bleibt
allein unsere Welt mit ihren 3+1 Raum- und Zeitdimensionen übrig.
Darüber hinaus blieben noch einige allzu einfache Welten mit 2+1,
1+1 und 1+2 Dimensionen, von denen man annimmt, dass in ihnen
kein Leben existieren kann. So gibt es beispielsweise in 2+1-Welten
keine Schwerkraft, und es sind nur äußerst einfache Strukturen
möglich, die jede Herausbildung von Komplexität ausschließen.
Trotz all dieser Einschränkungen gab und gibt es zahlreiche Spe-
kulationen, wie man Geräte und Werkzeuge für zweidimensionale
Welten konstruieren könnte.40 Allerdings müssen wir uns an
Whitrows Warnung erinnern, dass sich in einer zweidimensionalen
Welt keine Wege kreuzen können, ohne sich dabei zu durchdringen
(siehe Abbildungen 10.3–10.5), weshalb sich keine hinreichende
neurale Komplexität entwickeln kann.
Welten mit mehr als einer Zeit können wir uns schwer vorstellen.
Sie scheinen aber eine Vielzahl neuer Möglichkeiten zu eröffnen – so
viele Möglichkeiten, dass die Elementarteilchen weit instabiler als in
Welten mit nur einer Zeitdimension wären. Das Proton könnte dort
leicht in ein Neutron, ein Positron und Neutrinos zerfallen, das
Elektron in ein Neutron, ein Antiproton und Neutrinos. Insgesamt
bewirken zusätzliche Zeitdimensionen, dass komplexe Strukturen
höchst instabil werden, es sei denn, sie werden bei extrem niedrigen
Temperaturen ›eingefroren‹.41
210 Das 1 × 1 des Universums

in st a bil
4

Zahl der Zeitdimensionen nur

u n vo r h e r sa g ba r
3 Tach- u n vo r h e r s a g ba r
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0 u n vo r h e r s a g b a r

0 1 2 3 4 5
Zahl der Raumdimensionen

A b b ild u n g 1 0 .1 2
Eigenschaften von Universen mit unterschiedlich vielen Raum- und
Zeitdimensionen.

Wenn wir Welten mit anderen Dimensionen als 3+1 betrachten, fällt
uns ins Auge, dass man bei mehr als einer Zeitdimension die Zukunft
nicht vorhersagen kann. So gesehen haben diese Welten überhaupt
keine Zeitdimension. Ein komplex organisiertes System, wie es für die
Existenz von Leben notwendig ist, könnte keine Informationen, die es
seiner Umwelt entnommen hat, zur Gestaltung seiner Zukunft nut-
zen. Es würde auf niedrigstem Niveau dahinvegetieren: zu simpel kon-
struiert, um Informationen speichern und verarbeiten zu können.
Könnte man die Dimensionen des Raums und der Zeit einfach
auswürfeln und wären alle Kombinationen möglich, müssten wir
davon ausgehen, dass ihre Zahl sehr groß ausfallen würde. Kleine
Zahlen wären unwahrscheinlich. Die Einschränkungen, die wir der
Welt auferlegen, indem wir die Existenz von ›Beobachtern‹ fordern,
die sich dieses Problems annehmen, führen aber dazu, dass nicht alle
Möglichkeiten realisiert werden können. Wir sind zwangsläufig dazu
verdammt, in einem 3+1-dimensionalen Raum zu leben: Alle Alter-
nativen würden Leben verbieten. Wenn Wissenschaftler in einem
Neue Dimensionen 211

anderen Universum unsere Naturgesetze kennen, aber nicht die Zahl


der Dimensionen unserer Raumzeit, so könnten sie diese Zahl allein
aus der Tatsache unserer Existenz ableiten.
Wir haben nun gesehen, dass Whitrows Ansatz zur Lösung des
Problems, warum der Raum drei Dimensionen hat, zu weitreichen-
den Erwägungen darüber führt, wie und warum dreidimensionale
Welten mit einer einzigen Zeitrichtung etwas Besonderes sind. Die
Alternativen sind für die Existenz komplexer Beobachter zu einfach,
zu instabil, oder sie erlauben keine Vorhersage der Zukunft. Wir soll-
ten daher nicht allzu überrascht sein, dass wir uns in einem dreidi-
mensionalen Raum vorfinden und von einer einzigen Zeit heimge-
sucht werden – es gibt keine Alternative.

Theodor Kaluza und Oskar Klein:


ein seltsamer Fall
Theodor Kaluza (1885–1954) war das einzige Kind eines angesehenen
Lehrers, der im oberschlesischen Ratibor, dem heutigen Racibórz,
lebte und Englisch und Deutsch unterrichtete. Theodor zeigte aber
schon früh Talent für Mathematik und schrieb sich an der Universität
Königsberg ein, wo er 1910 promovierte. Bis zu diesem Punkt waren
alle Wege für eine erfolgreiche Universitätskarriere in Forschung und
Lehre geebnet. Er war ein liebenswürdiger Mensch mit weit gefächer-
ten Interessen und einem ausgeprägten Sinn für Humor. Er sprach
und schrieb 15 Sprachen, war aber weniger geschickt im Umgang mit
den praktischen Erfordernissen des Alltagslebens. Sein Sohn berich-
tete, dass es für ihn typisch war, wie er in den frühen 1930er Jahren
das praktische Problem löste, nun endlich schwimmen zu lernen. Er
kaufte sich ein einschlägiges Lehrbuch, ackerte es sorgfältig durch,
sprang ins Wasser – und hatte schon mit seinem ersten Versuch Er-
folg. Seiner Ansicht nach ein Triumph des theoretischen Wissens!
Aber aus irgendeinem Grund geriet Kaluzas Karriere ins Stocken.
Anstatt wie andere talentierte Wissenschaftler zwei oder drei Jahre
als Assistent zu arbeiten, wurden daraus zwanzig, ohne dass er eine
Professur erlangte. Es war während dieser langen Wartezeit, als er im
212 Das 1 × 1 des Universums

April 1919 Einstein von seiner neuen Idee berichtete, Elektrizität,


Magnetismus und Gravitation zu vereinigen. Einstein war damals
unter den Physikern wegen seiner Arbeiten zur Relativität, Gravita-
tion und Atomphysik schon sehr bekannt, während man in der brei-
ten Öffentlichkeit noch nichts von ihm
Die Dogmen einer ruhigen Vergangenheit wusste. Kaluza hatte herausgefunden,
sind der stürmischen Gegenwart unan- dass man Einsteins Theorie der Gravi-
gemessen. Die derzeitige Situation ist vol-
tation mit der Maxwellschen Elektrizi-
ler Schwierigkeiten und wir müssen mit
der Herausforderung wachsen. Da unser täts- und Magnetismustheorie auf sehr
Problem neu ist, müssen wir alles neu ökonomische Weise vereinigen konnte,
überdenken und neu handeln. Wir müs- wenn man eine zusätzliche vierte
sen uns von allen Zwängen befreien, Raumdimension zuließ. Einstein war
dann werden wir unser Land retten.
von Kaluzas »fünfdimensionaler Zylin-
Abraham Lincoln42 derwelt« recht angetan: »Auf den ers-
ten flüchtigen Blick gefällt mir Ihre
Idee enorm.«43 Er drängte Kaluza, seine Arbeit zur Veröffentlichung
vorzubereiten und schickte den Text zusammen mit seiner Empfeh-
lung an die Preußische Akademie, die ihn auch tatsächlich 1921 in
den Sitzungsberichten abdruckte.44
Kaluzas Ansatz war genial: Der Elektromagnetismus ist etwas
Ähnliches wie die Gravitation und breitet sich in einer weiteren (vier-
ten) Raumdimension aus. Aber während dieser theoretische Ansatz
mathematisch bestechend elegant war, warf er eine unangenehme
praktische Frage auf: Warum bekommen wir von dieser vierten Di-
mension nichts mit? Kaluza ist dieser Frage nicht nachgegangen.
Erst 1926 fand der schwedische Mathematiker und Physiker Os-
kar Klein (1894–1977), ein früherer Student von Kaluza, eine Lösung
für dieses Rätsel. Klein hatte ganz ähnliche Theorien wie Kaluza ent-
wickelt, verfolgte diese aber nicht weiter, als er merkte, dass Kaluza
ihm zuvorgekommen war. Er hatte an Niels Bohr geschrieben, dass
man die Wurzel der Planckschen Konstante wohl in Periodizitäten
der fünften Dimension finden könnte. In einer Arbeit über die fünf-
dimensionale Relativitätstheorie präzisierte er diesen Gedanken:
Es ist bekanntlich immer weniger wahrscheinlich geworden, dass die Quanten-
erscheinungen eine einheitliche raumzeitliche Beschreibung zulassen, wogegen
die Möglichkeit, diese Erscheinungen durch ein System von fünfdimensionalen
Feldgleichungen darzustellen, wohl nicht von vornherein auszuschließen ist.45
Neue Dimensionen 213

Das Problem, dass wir die zusätzliche Dimension nicht wahrnehmen,


fand eine einfache Lösung: Sie ist außerordentlich klein und zudem ein-
gerollt. Ihr Umfang beträgt ganze 10-30 cm. Die Größe der Feinstruktur-
konstante, die wir in unseren drei Dimensionen messen, wird von den
Ausmaßen der zusätzlichen Dimensionen mitbestimmt. Eine Zeit lang
interessierte man sich noch für die ›Kaluza-Klein-Theorie‹, dann geriet
sie in Vergessenheit. Erst in den 1980er Jahren wurde sie wieder hervor-
geholt und rückte in den Mittelpunkt des Interesses der Physiker.
Die Kaluza-Klein-Theorie eröffnete den Physikern eine Welt mit
zusätzlichen Raumdimensionen, die nicht mit den Problemen be-
haftet ist, die Ehrenfest und andere angesprochen hatten. Der Trick
besteht einfach darin, dass nicht alle Dimensionen gleichberechtigt
sein dürfen: Die Zusatzdimensionen müssen, verglichen mit den
drei vertrauten Dimensionen, winzig und unveränderlich sein, wenn
sie den Charakter der Welt, wie wir sie wahrnehmen, nicht verändern
sollen. Die Naturkräfte sind undemokratisch und wirken nicht in
allen Dimensionen gleich.
Die Ideen von Kaluza und Klein wurden zu neuem Leben erweckt,
als man die schwache und die starke Kraft mit der Gravitation und der
elektromagnetischen Kraft zu vereinigen versuchte, indem man wei-
tere Dimensionen einführte. Funktionierte dies, könnte man die Na-
turkonstanten, die angeben, wie stark die vier Kräfte sind, durch die
Größe der jeweiligen Zusatzdimensionen bestimmen. Eine Zeit lang
sah diese neue Idee erfolgversprechend aus, und es wurden ernsthafte
Anstrengungen unternommen, um den Wert der Feinstrukturkons-
tante im Rahmen von Theorien mit Zusatzdimensionen zu bestim-
men.46 Bald aber zeigten sich die Schwächen des Ansatzes. Der Ver-
such, aus den einfachen Zusatzdimensionen, wie sie Kaluza und Klein
vorgeschlagen hatten, die komplizierten Eigenschaften der schwachen
und der starken Kraft abzuleiten, scheiterte. Genausowenig vermochte
man die Eigenschaften der eigenwilligen Elementarteilchen, die sie
beherrschen, daraus abzuleiten. Die Lehren, die man aus dem Ansatz
gezogen hatte, blieben jedoch weiterhin wichtig und konnten für die
Entwicklung der neuen Superstring-Theorie mit Nutzen fruchtbar
gemacht werden. Wie wir sehen werden, behebt sie die Mängel der Ka-
luza-Klein-Theorie. Am wichtigsten war aber die Erkenntnis, dass
auch die Naturkonstanten in allen Raumdimensionen beheimatet
214 Das 1 × 1 des Universums

sein müssen, wenn wir zulassen, dass die Welt von mehr als drei aufge-
spannt wird. Die Schattenbilder der Naturkonstanten im dreidimen-
sionalen Raum können sich durchaus in der Größe unterscheiden
und, noch bemerkenswerter, sie müssen nicht einmal konstant sein.
Kaluza wurde schließlich doch noch Professor: zunächst 1929 in
Kiel und dann 1935 in Göttingen, nachdem sich Einstein für seine
Berufung eingesetzt hatte. In seinem Gutachten hatte er eindring-
lich auf das Neue an Kaluzas Ansatz hingewiesen, mit der Einfüh-
rung einer neuen Dimension die Gravitation mit dem Elektromag-
netismus zu vereinigen.

Variable Konstanten
für den Tanz auf dem Brane
Die interessanteste Konsequenz zusätzlicher Raumdimensionen be-
steht darin, dass die Naturkonstanten nicht mehr konstant sein müs-
sen. Wenn die Welt wirklich vier Raumdimensionen hat, so sind auch
die Naturkonstanten vierdimensional, und wir nehmen in unserer drei-
dimensionalen Welt nur dreidimensio-
Es gibt zwei Möglichkeiten, Licht auszu- nale Abbilder von ihnen wahr. Diese Ab-
senden: die Kerze zu sein oder der Spie- bilder müssen nicht einmal konstant
gel, der das Licht reflektiert.
sein! Wachsen die Zusatzdimensionen
Edith Wharton47 in ähnlicher Weise an, wie die übrigen
drei Dimensionen, werden im gleichen
Maß die Werte der Naturkonstanten in der 3-D-Welt kleiner. Daraus
können wir zunächst einmal den Schluss ziehen, dass die Änderungen
der zusätzlichen Dimensionen sehr langsam vonstatten gehen müssen,
da wir sonst unsere Konstanten niemals Konstanten genannt hätten.
Nehmen wir eine der traditionellen Naturkonstanten, die Fein-
strukturkonstante. Wenn die mittlere Größe der zusätzlichen Raum-
dimensionen r ist, wird sich der Wert der dreidimensionalen Fein-
strukturkonstante α proportional zu 1/r2 ändern. Wir müssen uns
vorstellen, dass wir in einem vierdimensionalen expandierenden
Universum leben, uns aber nur im dreidimensionalen Raum bewe-
gen können. Die elektromagnetische Kraft kann alle vier Dimensio-
Neue Dimensionen 215

nen ›sehen‹, und ihr dreidimensionaler Anteil wird schwächer wer-


den, wenn die vierte Dimension anwächst.
Wir wissen, dass sich die dreidimensionale Feinstrukturkonstante
nicht annähernd so schnell änderte, wie sich das Universum und
seine Dimensionen ausgedehnt haben. Deshalb muss sich die vierte
von den anderen drei Dimensionen erheblich unterscheiden. Klein
hielt sie für sehr klein und unveränderlich. Eine zusätzliche Kraft
fängt die Zusatzdimensionen ein und sorgt dafür, dass sie klein blei-
ben. Ändern sie ihre Größe nicht wesentlich, wird auch keine der
Naturkonstanten variieren. Es gibt ein mögliches Szenario, nach
dem sich alle Dimensionen des Universums zu Beginn gleich verhal-
ten haben. Dann wurden aber einige von ihnen eingefangen, erfuh-
ren keine Veränderungen mehr und blieben klein, während drei Di-
mensionen sich weiter ausdehnten und das Universum aufspannten,
wie wir es heute vorfinden (Abbildung 10.13).

t er a u s
h w ei
Größe

sic
eh nen
e nd
io n
s
en
i m
d
um
die übrigen Raumdimensionen
Ra
ei
dr

b l e i b e n ko n s t a n t

alle Raumdimensionen
dehnen sich aus
Zeit

A b b ild u n g 1 0 .1 3
Szenario eines Universums, dessen Expansion mit vielen Raumdimensionen be-
ginnt. Sie werden zu einem bestimmten Zeitpunkt bis auf
drei eingefangen und bleiben dann konstant.

1982 schlugen die String-Theoretiker eine spektakuläre Lösung für


ein altes Problem vor: Wie kann man die Quantentheorie mit Ein-
steins Allgemeiner Relativitätstheorie vereinigen? Alle vorherigen
Versuche waren jämmerlich gescheitert, denn sie führten zu unendli-
216 Das 1 × 1 des Universums

chen Größen.48 Diese ›Singularitäten‹ waren die Crux aller Theorien


mit drei Raumdimensionen und einer Zeitdimension. 1984 konnten
Michael Green und John Schwarz aber zeigen, dass man dieses Pro-
blem bewältigen kann, indem man zwei radikale Ideen miteinander
kombiniert: Man muss die Vorstellung aufgeben, dass die grundle-
gendsten Strukturen punktförmig sind, also keine Ausdehnung ha-
ben, und zudem mehr als drei Raumdimensionen zulassen. Dann
verschwindet das Spukwerk unendlicher Größen: Sie heben sich auf
wunderbare Weise gegenseitig auf. Wie schon bei den frühen Varian-
ten der Kaluza-Klein-Theorie kann man ausschließen, dass sich die
Zusatzdimensionen merklich ändern, da wir sonst auch in unserer
dreidimensionalen Welt deutliche Änderungen der Naturkonstanten
feststellten. Man nahm erneut an, dass sich die Zusatzdimensionen in
der Gewalt einer unbekannten Kraft befinden, die auf Entfernungen
von der Größenordnung der Planck-Länge mit ihren 10-33 cm wirkt.
Die einfache Idee, dass an der Expansion des Universums nur drei
Dimensionen beteiligt sind, wirft ein Schlaglicht auf die zentralen
Geheimnisse der Dimensionen von Zeit und Raum. Die String-Theo-
rien geben an, welche Zahl von Raum- und Zeitdimensionen ›möglich‹
ist. Man hat bisher weder herausgefunden, warum nur eine der Raum-
Zeit-Dimensionen den Charakter einer Zeit hat, noch warum gerade
drei Raumdimensionen bei der Expansion des Universums anwachsen.
Wenn die übrigen Dimensionen dazu verdammt sind, winzig zu blei-
ben, würden wir gern wissen, warum davon gerade drei ausgenommen
sind oder ob dies nur Zufall ist und im Prinzip auch anders hätte aus-
fallen können. Ist die Zahl der besonderen Raumdimensionen das Er-
gebnis von Zufällen, die sich zu Beginn des Universums ereigneten,
könnte es irgendwo hinter dem Horizont des für uns sichtbaren Uni-
versums auch Bereiche der Welt mit mehr als drei ›großen‹ Dimensio-
nen geben. War die Wahl Zufall, können wir diesen Aspekt der Welt
auch nicht weiter im üblichen reduktionistischen Sinn erklären: Nur
in Welten mit drei Raum- und einer Zeitdimension kann es uns geben,
und nur in ihnen können wir diese Tatsache registrieren.
Vor einiger Zeit wurde ein weiterer Versuch unternommen, das Pro-
blem der Dimensionen und Konstanten zu klären. Anstatt die Zusatz-
dimensionen einzufangen und damit konstant zu halten, ist es nun er-
laubt, dass einzig die Gravitation in allen Raumdimensionen wirkt. Die
Neue Dimensionen 217

anderen drei Grundkräfte der Natur bleiben dagegen auf die ›klassi-
schen‹ drei Raumdimensionen beschränkt, die jenen Teil unseres Uni-
versums aufspannen, den man ›Brane-Welt‹ nennt (siehe Abbildung
10.14), weil er die Struktur einer multidimensionalen Membran hat.

in höhere Dimensionen

Gravitation

Wärme
und Licht
Atome
Kernkraft
Radioaktivität
Magnetismus

S
N

dreidimensionale Brane-Welt

A b b ild u n g 1 0 .1 4
Die Naturkräfte, die die Elektrizität, den Magnetismus, die Radioaktivität und
die Kernreaktionen beherrschen, sind auf eine dreidimensionale
›Brane-Welt‹ beschränkt, während die Gravitation in allen Dimensionen wirkt
und entsprechend schwächer ist.

Die Gravitation wirk über diese Brane-Welt hinaus in die höheren


Raumdimensionen des ›Bulk‹-Universums49. Deshalb ist sie relativ zu
den anderen Kräften, die ihre Kraftlinien nur in drei Dimensionen
verbreiten, vergleichsweise schwach. Die Brane-Welten sind derzeit
vielerorts das Objekt von Spekulationen. Man will damit herausfin-
den, ob von ihnen irgendein eindeutiger Rest im Universum verblieben
ist, den man beobachten und messen kann. In den nächsten Jahren
wird man durch diese Untersuchungen vielleicht das Bindeglied zwi-
schen den Naturkonstanten des ›wahren‹ höherdimensionalen Raums
und ihren Spuren finden, die im dreidimensionalen Brane-Raum, also
›unserem‹ Universum wirksam werden. Es könnte sein, dass wir an der
Schwelle tiefgreifender Entdeckungen stehen, die den Stellenwert an-
geben, den unser sichtbares Universum im Hyperspace hat.
Kapitel 11
Variationen über ein Thema
Für einen Physiker im Präkambrium wäre es
sehr einfach gewesen, einen Kernreaktor zu bauen.
George A. Cowen1

Ein prähistorischer Kernreaktor


Am 2. Juni 1972 machte Dr. H. Bouzigues eine beunruhigende Ent-
deckung, eine Entdeckung von der Art, die unzählige politische, wis-
senschaftliche oder sogar kriminelle Folgen haben kann.2 Bouzigues
war Angesellter der Wiederaufbereitungsanlage von Pierrelatte in
Frankreich. Zu seinen Routineaufgaben gehörte es, die Zusammen-
setzung der Erze zu überprüfen, die aus der früheren französischen
Kolonie Gabun kamen, genauer gesagt, aus den Oklo-Uranminen3,
440 Kilometer vom Atlantik entfernt (siehe Abbildung 11.1). Bou-
zigues untersuchte wieder und wieder, welche Anteile der Isotope
U235 und U238 das angelieferte Erz hatte, indem er Gasproben von
Uranhexafluorid analysierte.4 Die beiden Uranisotope haben einen
entscheidenden Unterschied: U238, aus dem das natürlich vorkom-
mende Uranerz auf der Erde vorwiegend besteht, kann keine Ketten-
reaktion aufrechterhalten, ansonsten wäre unser Planet schon in
grauer Vorzeit explodiert. Um eine Atombombe zusammenzubasteln
oder eine Kettenreaktion in einem Reaktor auszulösen, muss das
Isotopengemisch des Urans einen bestimmten Anteil von U235 haben.
In natürlichem Uran beträgt dieser Anteil nur Bruchteile eines Pro-
zents, während man für eine Kettenreaktion mindestens 3 Prozent
braucht. ›Waffentaugliches‹ oder ›hochangereichertes‹ Uran enthält
90 Prozent U235. Diese Zahlen sorgen dafür, dass wir ruhig schlafen
können, denn in der Erde wird von selbst keine Kettenreaktion in
Gang kommen, die sie in eine Bombe verwandelt. Aber wer weiß?
Vielleicht gibt es irgendwo Erz mit einem höheren Anteil von U235?
Variationen über ein Thema 219

Bouzigues führte seine Messungen mit großer Präzision durch,


um die Qualität des Rohstoffs sicherzustellen, der dann in der fran-
zösischen Nuklearindustrie verwendet werden sollte. Bis zu jenem
Junitag im Jahr 1972 war das Routine, aber jetzt wurde die sorgfäl-
tige Arbeit des Wissenschaftlers belohnt. Üblicherweise enthält
Uranerz aus Minen oder auch aus Meteoriten und vom Mond 0,7202
± 0,006 Prozent U235, bei der Probe von Oklo waren es aber 0,7171 ±
0,0007 Prozent! Man kannte den Standardwert von zahlreichen

Kamerun

Äquatorial-
Guinea

Sangh
a
Libreville

Äquator
Kap
Lopez
Gabun

Moanda
lo
Ok

Mouila Franceville
o
ng
Ko

Atlantischer Republik Kongo


Ozean

A b b ild u n g 1 1.1
Lage von Oklo in Gabun (Westafrika).

Messungen, und der neue Wert trat gleichermaßen in allen Proben


auf, die von Oklo kamen. Obwohl die Abweichung an sich klein war,
läuteten sämtliche Alarmglocken, denn das Uran von der Oklo-Mine
war offensichtlich anders als jedes Uranerz der Welt. In der Tat zeig-
ten alle Proben seit 1970, als man mit dem Uranabbau in Oklo be-
gonnen hatte, den geringeren U235-Anteil. Immerhin fehlten bei 700
inzwischen abgebauten Tonnen Uran ungefähr 20 kg U235!
220 Das 1 × 1 des Universums

Wohin waren sie verschwunden? Es sah so aus, als wäre mit dem
Erz vor seinem jetzigen Abbau schon einmal ein Reaktor beschickt
worden, wobei sich der U235-Anteil reduziert hatte. Die französische
Atomenergie-Kommission erwog alle denkbaren Möglichkeiten.
Vielleicht waren die Proben mit gebrauchtem Brennstoff aus einem
Reaktor verunreinigt worden? Es gab aber keinerlei Anzeichen für
die intensive Radioaktivität, die damit verbunden gewesen wäre, zu-
dem fehlte auch – zumindest, wenn man den Büchern glaubte – kein
angereichertes Uranhexafluorid. Ein Diebstahl durch Terroristen
wurde ebenso ausgeschlossen wie Ablagerungen aus dem Weltall.
Auch alle anderen Möglichkeiten wurden untersucht. Vom Abbau in
Gabun über die dortige Aufbereitung und den Transport bis zur Ver-
arbeitung in Frankreich, bevor es zur Wiederaufbereitungsanlage
Pierrelatte gebracht wurde, stieß man auf nichts Auffälliges. Nach
und nach kamen dann die Experten auf die richtige Spur: Es schien
eine natürliche Ursache für das zu niedrige Verhältnis U235/U238 zu
geben, die in dem Uranerzlager selbst verborgen war.
Als man die Mine näher untersuchte, wurde endgültig klar, dass
das fehlende U235 nirgendwo anders als in den Flözen der Mine ver-
nichtet worden war. Die Möglichkeit, dass es durch eine chemische
Reaktion verschwunden war, während U238 zurückblieb, schied aus,
denn das U235/U238-Verhältnis wird durch die chemischen Prozesse
im Erdinnern nicht beeinflusst. Derartige Prozesse können dazu
führen, dass bestimmte Gegenden auf der Erde reich an Uran sind –
oder arm, wenn es ausgewaschen und fortgeschwemmt wird. Sie än-
dern aber nichts am Isotopenverhältnis, denn sie wirken unabhängig
vom Atomgewicht. Nur Kernreaktionen und der radioaktive Zerfall
kamen als Ursache in Frage (siehe Abbildung 11.2).
Den Forschern dämmerte langsam die überraschende Lösung des
Problems. Die Schichten mit dem abgereicherten Uranerz enthielten
in einem ganz bestimmten Verhältnis auch noch mehr als 30 andere
Atome, wie sie typischerweise bei der Kernspaltung auftreten: eine
Palette, die man aus Reaktorexperimenten kannte. Die Verhältnisse
unterschieden sich völlig von denen, die man natürlicherweise in
Gestein findet. Die Experten fanden in den Oklo-Minen also quasi
die Schmauchspuren bestimmter Kettenreaktionen, die sie schließ-
lich in sechs Lagerstätten nachweisen konnten. Einige Isotope der
Variationen über ein Thema 221

Spal-
tung n en
tr o
insta- Neu
ange- biler
regter
U235 Uran-
kern Uran-
kern Ne
Spalt- u tr
on
pro- en
Neutron
dukte

A b b ild u n g 1 1.2
Spaltung eines U235-Kerns.

vorgefundenen Elemente sind keine Spaltprodukte. Ihr Spektrum


liefert uns ein Maß für die Isotopenverteilung vor irgendwelchen
Kernreaktionen und erlaubt somit, die Auswirkungen und den Zeit-
ablauf jener Reaktionen zu bestimmen.5
Es schien, als habe die Natur heimlich einen Kernreaktor geschaf-
fen, in dem vor 2 Milliarden Jahren unter der Erdoberfläche eine
spontane Kettenreaktion einsetzte.6 In diesem geologischen Zeitab-
schnitt von Gabun wurden die Spaltprodukte dort abgelagert, wo
sich heute die Uranmine befindet. Eine erste Folge dieser sensatio-
nellen Entdeckung war 1972 die Unterbrechung des Erzabbaus für
einige Zeit, um detaillierte geochemische Untersuchungen anstellen
zu können. Man fand schließlich 15 fossile Reaktorplätze, 14 um
Oklo und einen weiteren in Bangombé, 25 km südlich.
Schon 1956 hatte der japanische Physiker Paul Kuroda, der an der
Arkansas University arbeitete, die Vermutung geäußert, dass sich so
etwas in der Natur ereignen könne.7 Kuroda berücksichtigte nahezu
alle Voraussetzungen für eine Kernreaktion: die Konzentration von
Uran, die Epoche der Vergangenheit, in der sich das Ereignis abspie-
len konnte und das Verhältnis der beiden Uranisotope.8 Er konnte
sich aber keinen Ort auf der Erde vorstellen, wo jemals all die beson-
deren Voraussetzungen zur gleichen Zeit erfüllt waren. Kuroda war
222 Das 1 × 1 des Universums

eine Möglichkeit entgangen, die sich aus der Geologie am Oberlauf


des Ogowe ergeben hatte.
Im Rahmen des Manhattan-Projekts, das zur Entwicklung der ers-
ten Atombombe führte, löste Enrico Fermi als erster Mensch am 2.
Dezember 1942 eine Kettenreaktion aus. Bei einer solchen Reaktion
werden schwere Kerne in leichtere gespalten, wobei Energie frei wird
und schnelle Neutronen in den Raum schießen, die weitere Kerne
spalten. Vom Menschen geschaffene Reaktoren werden durch ›Mode-
ratoren‹ wie Graphit oder Wasser in Zaum gehalten, die Neutronen
absorbieren oder abbremsen, und damit die Kettenreaktion steuern.
Die schnellen Neutronen, die bei der Kernspaltung entstehen, werden
von U238-Kernen absorbiert. Damit sie mit ausreichender Wahrschein-
lichkeit von U235-Kernen absorbiert werden können und damit die
Kettenreaktion aufrecht erhalten, müssen sie erheblich abgebremst
werden. Man kann dazu beispielsweise Graphitstangen verwenden,
die man zwischen die Brennelemente schiebt. Ohne solche Moderato-
ren gerät die Kettenreaktion außer Kontrolle: der Reaktor brennt
durch, wenn einmal der kritische Punkt überschritten ist – oder die
Kettenreaktion schläft ein. Was diente in Oklo als Moderator?
Das Isotopenverhältnis im Uranerz war nicht während der gesam-
ten Erdgeschichte gleich. Beide Isotope sind radioaktiv, zerfallen aber
mit verschiedenen Halbwertszeiten. U235 hat eine Halbwertszeit von
etwa 700 Millionen Jahren, während die von U238 etwa 4,5 Milliarden
Jahre beträgt. Der schnellere Zerfall von U235 bedeutet, dass dessen
Anteil am Isotopengemisch früher größer war. Als sich die Erde vor
etwa 4,5 Milliarden Jahren gebildet hat, betrug der Anteil von U235
etwa 17 Prozent. Vor 2,5 Milliarden Jahren, als die Erde bereits 2 Mil-
liarden Jahre alt war, waren es nur noch 3 Prozent. Das reicht gerade
für eine Kettenreaktion aus, die von Wasser moderiert wird.
Die Uranlagerstätten von Oklo wurden in den 1960er Jahren ent-
deckt und sind einige Kilometer lang und etwa 700 m breit. Uran
wurde während der Entstehung der Erde in ihrer Kruste eingelagert,
wo sein anfänglicher Anteil sehr klein war und weniger als ein Milli-
onstel betrug. Die Quelle der Uranatome lag wie die aller anderen
schweren Elemente im Inneren der Sterne. Dort wurde das Uran er-
zeugt und in den Weltraum geschleudert, bevor es dann in der Früh-
geschichte unseres Sonnensystems zu kleinen Brocken kondensieren
Variationen über ein Thema 223

und sich an Planeten anlagern konnte. Nach der intensiven geologi-


schen Phase der Erdbildung ist der Oklo-Reaktor durch Zufall ent-
standen: Uranreiche Flöze lagerten sich innerhalb einer Sandstein-
schicht ab, die nach unten von Granit begrenzt war. Im Laufe von
Millionen von Jahren wurde eine kilometerdicke Schicht von Sand
über dem Uran angeschwemmt. Die Granitflächen sind 45° geneigt,
was im Untergrund zur Bildung einer Blase mit angestautem Regen-
wasser und gelöstem Uranoxid führte (siehe Abbildung 11.3).

Dicke des Flözes


etwa 50 cm

Sa
nd
st
ein

Reaktor-
kern

Wasser-
dampf

Wasser

Urankonzentration
Sa unter 10 Prozent
nd
st
ein

uranreicher Flöz

Abbildung 11.3
Geologie des Oklo-Reaktors.

Das saure Wasser, das dazu nötig war, entstand nach einer gravieren-
den Veränderung in der Biosphäre der Erde: Vor etwa 2 Milliarden
Jahren änderte sich die Zusammensetzung der Atmosphäre, weil
sich blaugrüne Algen rasant vermehrten, die als erste Lebewesen
über Photosynthese verfügten. Durch ihre Aktivität stieg der Sauer-
stoffgehalt im Wasser, und ein Teil des Urans konnte in lösliches
Uranoxid verwandelt werden. In Oklo waren die Uranablagerungen
224 Das 1 × 1 des Universums

tief genug begraben, um nicht im Verlauf der folgenden 2 Milliarden


Jahre herausgewaschen und weggeschwemmt zu werden. Erst wäh-
rend der letzten 2 Millionen Jahre gelangten Teile der Ablagerungen
näher an die Erdoberfläche, wo sie dann von Prospektoren entdeckt
und ausgebeutet wurden.
Das waren aber noch nicht alle Vorbedingungen für den natürli-
chen Reaktor. Die Schicht mit hoher Urankonzentration musste
mindestens 50 cm mächtig sein, damit die Neutronen aus der ersten
Kernspaltung nicht einfach nach außen entweichen konnten. Dann
wäre die Kettenreaktion nämlich zum Erliegen gekommen. Darüber
hinaus musste die Schicht frei von Verunreinigungen durch so ge-
nannte ›Neutronengifte‹ sein, die alle Neutronen verschluckt und
damit die Kettenreaktion ebenfalls rasch beendet hätten.
Als das gelöste Uran vor 2 Milliarden Jahren eine Konzentration
von über 10 Prozent erreicht hatte, konnte nicht nur eine Kettenre-
aktion ausgelöst werden, sondern sich auch lange Zeit selbstgeregelt
aufrechterhalten. Immer wenn sie stärker wurde, erhöhte sich die
Temperatur, und das Wasser verdampfte. Die Wassermoleküle
bremsten die Neutronen ab, wodurch die Temperatur wieder absank
und mit ihr die Zahl der absorbierten Neutronen. Die Reaktion
nahm wieder Fahrt auf. Dieser Kreislauf mit seinem Stop-and-Go
scheint mit Unterbrechungen über beinahe 1 Million Jahre funktio-
niert zu haben. Die Zeitabschnitte, in denen der Reaktor kritisch
war, dauerten von ein paar Jahren bis zu Tausenden von Jahren – bis
sich schließlich der Reaktor selbst ausschaltete.9 An sechs Lagerstät-
ten innerhalb der Oklo-Uranschicht wurde im Laufe der Zeit eine
Tonne U235 verbrannt und dabei das Millionenfache der Energie er-
zeugt, die in dem langwierigen natürlichen Zerfallsprozess des Urans
frei geworden wäre. Die gesamte Energieproduktion während der
200 000 Jahre Aktivität wurde mit 0,15 x 1012 kWh berechnet, was
einer Leistung von nur etwa 25 kW entspricht. An jedem der Schau-
plätze kann man noch heute die charakteristischen Spuren der
Kernspaltungen finden und sich von ihnen ihre Geschichte erzählen
lassen.10 Das alles ist an sich schon bemerkenswert. Aber es sollten
noch weitere Erkenntnisse folgen, die aus dem Oklo-Reaktor einen
wichtigen Prüfstein für unser Verständnis der Naturkonstanten ge-
macht haben.
Variationen über ein Thema 225

Alexander Shlyakhters geniale Idee


Alexander Shlyakhter war ein außergewöhnlicher junger Kernphysiker
(siehe Abbildung 11.4). Er stammte aus St. Petersburg und war nach
Harvard gegangen. Im Juni 2000 starb er an Krebs. Seine Fachkennt-
nisse waren von großer Bedeutung für die Untersuchung einiger Reak-
torunfälle, insbesondere des Desasters von Tschernobyl in der damali-
gen UdSSR. Noch während seines Studiums erkannte er, dass uns die
Aktivitätsspuren des Oklo-Reaktors wichtige Einzelheiten über dessen
Arbeitsweise vor 2 Milliarden Jahren verraten können. Einige der Kern-
reaktionen mussten ungewöhnlich gewesen sein. Eine dieser Reaktio-
nen – der Einfang eines Neutrons durch das Samarium-Isotop Sm149,
das dadurch zu Sm150 wird und ein Photon aussendet – findet nur auf-
grund einer Resonanz statt, einer dramatischen Zunahme der Reakti-
onsrate in einem engen Energiebereich. Eine solche Resonanz ist ein
ähnlicher Glücksfall, wie wenn man beim Golfspiel den Ball mit nur
einem Schlag ins Loch schickt. Wie wir schon von Hoyles Untersuchun-
gen der Triple-Alpha-Reaktion wissen, tritt Resonanz auf, wenn die
Summe der Energien der anfliegenden Beteiligten einer Kernreaktion
fast genau einem Energieniveau bem Resultat der Reaktion entspricht.

A b b ild u n g 1 1.4
Alexander Shlyakhter (1951–2000).11
226 Das 1 × 1 des Universums

Shlyakhter konnte nun aufgrund des genau lokalisierten Sm149-Re-


sonanzniveaus für den Neutroneneinfang aus den Überresten des
Oklo-Reaktors bemerkenswerte Schlüsse über die Konstanz der phy-
sikalischen Eigenschaften über Milliarden von Jahren hinweg ziehen.
Das äußerst fein abgestimmte Zusammenspiel der Naturkonstan-
ten, deren Größe die Resonanzniveaus bestimmt, musste auch schon
vor 2 Milliarden Jahren mit hoher Präzision funktioniert haben, als
der natürliche Reaktor gearbeitet hatte. In Abbildung 11.5 ist die
Wahrscheinlichkeit der Samarium-Reaktion für Temperaturen zwi-
schen 200° C und 500° C und verschiedene Abweichungen ∆Er vom
heutigen Resonanzniveau dargestellt.

heute beobachteter Wert

200˚ C
Einfangquerschnitt in kb

150

100

500˚ C
50

0
–150 –100 –50 0 +50 +100 +150
Verschiebung der Resonanzenergie in meV

A b b ild u n g 1 1.5
Wahrscheinlichkeit des Neutroneneinfangs von Sm149 bei unterschiedlichen
Reaktortemperaturen in Abhängigkeit von Verschiebungen der Resonanzenergie.12

Man fand heraus, dass im Oklo-Gebiet der Anteil von umgewandel-


tem Sm149 signifikant geringer ist als üblich. Dafür machte man den
Resonanzcharakter des Neutroneneinfangs bei diesem Samarium-
Isotop verantwortlich. Drei der vier Naturkräfte, die starke, die
schwache und die elektromagnetische, sind für die Lage des entschei-
denden Resonanzniveaus verantwortlich. Unglücklicherweise kann
Variationen über ein Thema 227

man ihr Zusammenwirken noch nicht in allen Einzelheiten berech-


nen, da die Verknüpfungen äußerst komplex sind. Shlyakhter gelang
trotz aller Komplexität ein Durchbruch mit der plausiblen Annahme,
dass der Beitrag jeder Kraft zur Lage des Resonanzniveaus proportio-
nal zu ihrer Stärke ist. Wenn man annimmt, dass die Temperatur in
dem Reaktor etwa 300° C betrug – der Siedepunkt des Wassers bei
dem hohen Druck, der in dem Flöz herrschte –, kann man berech-
nen, dass das fragliche Resonanzniveau vor 2 Milliarden Jahren nicht
weiter als 50 meV von seiner derzeitigen Position entfernt lag.
Shlyakhter folgerte daraus, dass αS, der Kopplungskonstante der
starken Kernkraft, enge Grenzen gesetzt sind, wenn die Wechselwir-
kung vorwiegend auf dieser Kraft beruht. Es gilt dann:

Änderungsrate von αS / Wert von αS < 5 x 10-19/Jahr.

Das bedeutet, dass sich αS während der gesamten fast 14 Milliarden


Jahre dauernden Geschichte unseres Universums nur um etwa ein
Milliardstel geändert haben kann.
Hat sich im Laufe der Zeit nur die elektromagnetische Wechsel-
wirkung geändert, so gilt für die ihr zugeordnete Feinstrukturkon-
stante α

Änderungsrate von α / Wert von α < 10-17/Jahr,

da die elektromagnetische Wechselwirkung zur gesamten Wechsel-


wirkung der Samariumreaktion nur 5 Prozent beiträgt. Wenn sich
nur die schwache Wechselwirkung verändert hat, so gilt für die ent-
sprechende Konstante αW

Änderungsrate von αW / Wert von αW < 2 x 10-12/Jahr.13

Diese Grenzen für die zeitliche Änderung der Naturkonstanten wa-


ren bei weitem enger als alle je zuvor berechneten. Das Universum
hat sich fast 14 Milliarden Jahre ausgedehnt, und wenn wir diese
Grenzen akzeptieren, so sagen sie uns, dass sich beispielsweise die
Feinstrukturkonstante während dieser ganzen Zeit höchstens um
1 : 10 Millionen verändert haben kann. Grenzen, die man zuvor aus
anderen Beobachtungen berechnet hatte, waren um einen Faktor
von mehr als 10 000 weiter gesteckt.
228 Das 1 × 1 des Universums

Einiges muss man noch zu den engen Grenzen für die Variation
der Naturkonstanten klarstellen:

(a) Die Ergebnisse stützen sich auf die Zeit vor 2 Milliarden
Jahren, als der Oklo-Reaktor kritisch war. Sie reichen also,
verglichen mit dem Alter der Erde (4,6 Milliarden Jahre)
und dem Alter des Universums (13,7 Milliarden Jahre),
nicht allzu weit zurück.
(b) Wenn sich die verschiedenen Konstanten gleichzeitig geän-
dert haben, kann das Gesamtergebnis anders ausfallen.
(c) Die Annahmen, auf welche Weise die Naturkonstanten zur
Lage des Resonanzniveaus beitragen, sind ebenso stark
vereinfacht, wie die Annahmen über die Temperatur im In-
neren des kritischen Reaktors.

Der einzigartige Prüfstein für die Konstanz der Naturkonstanten, den


uns der Oklo-Reaktor liefert, hat andere Forscher angeregt, Shlyakh-
ters brillante Untersuchungen fortzuführen und noch mehr ins Detail
zu gehen.14 Das ausgefeilteste Projekt dieser Art wurde von Yasanori
Fujii und seinen Mitarbeitern in Japan durchgeführt.15 In Abbildung
11.5 können wir sehen, wie eine Verschiebung der Resonanzenergie
(also ∆Er ≠ 0) den Einfangquerschnitt für Neutronen bei verschiedenen
Reaktortemperaturen verändert. Der Einfangsquerschnitt in der Zeit
vor 2 Milliarden Jahren liegt der Analyse des Samariums nach zwischen
85 und 97 kb16. Die an den Untersuchungen beteiligten Forscher stim-
men darin überein, dass die Temperatur im Reaktor irgendwo zwischen
200° C und 500° C gelegen haben muss. Wenn man nun die Kurven
dieser Temperaturen betrachtet, erkennt man zwei Bereiche von ∆Er, in
denen der Einfangsquerschnitt innerhalb der erlaubten Grenzen liegt:

-12 meV < ∆Er < 20 meV im rechten Ast und


-105 meV < ∆Er < -89 meV im linken Ast.

Die Grenzen im rechten Ast stellen eine Präzisierung der Ergebnisse


Shlyakhters dar. Wenn man nun annimmt, dass die Feinstruktur-
konstante die einzige variable Naturkonstante ist, gilt für das Limit
ihrer zeitlichen Variation
Variationen über ein Thema 229

Änderungsrate von α / Wert von α = (-0,2 ± 0,8) x 10-17/Jahr.

Es ist damit weit enger als das zuerst angegebene. Wegen der Fehler-
grenze von ± 0,8 x 10-17/Jahr kann man aber eigentlich überhaupt
keine klare Aussage machen. Dazu müsste die Fehlergrenze deutlich
unter ± 0,2 x 10-17/Jahr gedrückt werden. Wenn man andererseits den
linken Ast der Kurven von Abbildung 11.5 heranzieht, ist ∆Er eindeu-
tig nicht Null, woraus man ableiten kann, dass sich die Feinstruktur-
konstante seit dem Oklo-Ereignis geändert hat. Das Ausmaß dieser
Änderung kann man abschätzen:17

Änderungsrate von α / Wert von α = (-4,9 ± 0,4) x 10-17/Jahr.

Berücksichtigt man nun noch die Anteile anderer Isotope in den


Überbleibseln des Oklo-Reaktors, scheidet möglicherweise dieses
zweite Ergebnis aus.18 Aufgrund der begrenzten Qualität der Proben
und der Ungewissheit über die Temperatur während des Reaktorbe-
triebs wäre dieses Urteil nach dem jetzigen Stand des Wissens aller-
dings verfrüht.
Interessant ist noch, welche Folgen es hat, wenn sowohl die elek-
tromagnetische als auch die starke Kernkraft zeitlich variieren. Das
führt zu Grenzen für die Variationsrate beider ›Konstanten‹, die in
etwa denen entsprechen, die wir schon für die Feinstrukturkons-
tante angegeben haben. Es gibt aber einen besonderen, allerdings
sehr konstruiert wirkenden Fall, bei dem die Grenzen für Variatio-
nen weit weniger eng gesteckt sind. Wenn aus irgendeinem unbe-
kannten Grund die Änderungsraten der starken und der elektroma-
gnetischen Wechselwirkung über 2 Milliarden Jahre hinweg bis auf
einen Unterschied von 10-7 gleich sind, heben sich die beiden Effekte
auf. Die neuen Limits erreichen dann ein Niveau, wie wir es vorfin-
den würden, wenn es überhaupt keine besondere Resonanz für den
Einfang von Neutronen gäbe:

Änderungsrate von α (oder αS) / Wert von α (oder αS) < 10-10/Jahr.

Wenn diese feinabgestimmte 1 : 10 Millionen-Chance für eine deutli-


che Änderung von elektromagnetischer und starker Wechselwirkung
auch reichlich an den Haaren herbeigezogen erscheint, handelt es
sich doch um ein Ergebnis, das auch aus vielen Theorien folgt, die
230 Das 1 × 1 des Universums

versuchen, die verschiedenen Naturkräfte zu vereinigen. Aus diesem


Grund sollte man diese Variante nicht als völlig absurd verwerfen.19

Die Uhr der Ewigkeit


Die meisten Menschen assoziieren mit ›Radioaktivität‹ Begriffe wie
Unfall, Abfall, Leck, Krebs oder Katastrophe. Aber ohne Radioaktivi-
tät gäbe es uns überhaupt nicht! Die empfindlich ausbalancierten
Prozesse, die zu jenem ständigen Energiefluss von der Sonne führen,
in dem unsere Erde badet, werden erst durch die Radioaktivität mög-
lich. Als die Erde vor 4,5 Milliarden Jahren zu ihrer jetzigen Form
kondensierte, enthielt sie in ihrem
Die Eulersche Zahl e weist eine unend- Kern genügend Metalle wie Nickel und
liche Folge von Ziffern nach dem Komma Eisen, um ein merkliches Magnetfeld
auf. Diejenigen, die mit der Ge-
aufzubauen. Wie wir schon gesehen
schichte der Vereinigten Staaten vertraut
sind, können sich als Eselsbrücke mer- haben, hätte ohne dieses schützende
ken: e = 2,7 (Andrew Jackson)² bzw. e = Magnetfeld der Sonnenwind die At-
2,718281828 …, denn Andrew Jackson mosphäre schon längst weggeblasen –
wurde 1828 zum Präsidenten der Verei- wie auf dem Mars.
nigten Staaten gewählt. Für die in Mathe-
Zusammen mit diesem lebenserhal-
matik Beschlagenen wiederum ist
dies eine zuverlässige Methode, sich an tenden inneren Kern aus Nickel und
die Geschichte der USA zu erinnern. Eisen wurden in der Ur-Erde auch
Edward Teller20 reichlich radioaktive Elemente wie
Uran eingelagert, die seitdem das Er-
dinnere durch den radioaktiven Zerfall
aufheizen. Diese Maschine im Erdinnern spielte für die Freisetzung
des geologischen Potenzials der Erde eine Schlüsselrolle. Der unter-
irdische Ofen hat immer wieder Schübe von Gebirgsbildung und
Plattenbewegung ausgelöst, damit die Erdoberfläche in Bewegung
gehalten und sie zu einer wohnlichen Umgebung für Wasser- und
Landtiere gemacht.
Als Dirac und Gamow zum ersten Mal die Idee äußerten, die tra-
ditionellen Naturkonstanten könnten sich langsam ändern, wurde
den Physikern auch bewusst, dass die Konstanten, die den radioakti-
ven Zerfall bestimmen, für die Geschichte des Planeten Erde von
Variationen über ein Thema 231

entscheidender Bedeutung sind. Jede Änderung ihrer Werte in der


Vergangenheit hätte vermutlich ein fein abgestimmtes Gleichge-
wicht gekippt, sei es, dass zu viel, sei es, dass zu wenig Wärme erzeugt
worden wäre.
Radioaktive Elemente stellen eine Art Uhr dar. Ihre Halbwertszei-
ten geben uns an, wie lange es dauert, bis die Hälfte der Atome zer-
fallen ist. Die Halbwertszeiten der natürlich vorkommenden radio-
aktiven Elemente reichen von Milliarden bis zu Tausenden von
Jahren.
Freeman Dyson folgte ersten Ansätzen von David Wilkinson21, als
er die Halbwertszeiten des Beta-Zerfalls langlebiger radioaktiver
Kerne wie Rhenium (Re187) und Kalium (K40) heranzog, um Grenzen
für Veränderungen der Feinstrukturkonstante in der Vergangenheit
zu berechnen.22 Die besagten Isotope haben sehr lange Halbwertszei-
ten23, die in Laborexperimenten und durch den Vergleich mit dem
Alter von Meteoriten recht genau bestimmt werden konnten. Wenn
man annimmt, dass die Zerfallsrate von U238 während der letzten
2 Milliarden Jahre bis auf 20 Prozent Abweichung der heutigen
gleich war, folgt daraus:

Änderungsrate von α / Wert von α < 2 x 10-13/Jahr.

Ähnliche Untersuchungen, die von anderen Wissenschaftlern für die


unterschiedlichsten Zerfallssequenzen durchgeführt wurden, führ-
ten zu Grenzwerten der gleichen Größenordnung24, die schließlich
durch die Werte abgelöst wurden, die sich aus den Untersuchungen
des Oklo-Reaktors ergaben.

Untergrund-Spekulationen
Der Oklo-Reaktor war möglicherweise nicht der einzige. Die Bedin-
gungen, die herrschen müssen, damit eine Kettenreaktion aufrecht-
erhalten werden kann, sind zwar ungewöhnlich, aber durchaus nicht
völlig abwegig. Es kann gut sein, dass man andere Lagerstätten abge-
baut hat, ohne zu bemerken, dass sich dort einmal ein Reaktor be-
232 Das 1 × 1 des Universums

funden hatte. Vielleicht warten solche Plätze auch noch auf ihre
Entdeckung. Obwohl es Minen in Afrika und den USA (Colorado)
gibt, die einen Mangel an U235 aufweisen, der durch natürliche Kern-
reaktionen entstanden sein könnte, glaubt man aber nicht, dass es
sich um frühere Reaktoren handelt.
Die Entdeckung der natürlichen Kernreaktoren ist nicht nur für
das Studium der Naturkonstanten von
Dieses Salz ist vor 200 Millionen Jahren großer Wichtigkeit. Sie gibt den Kern-
durch uralte geologische Prozesse physikern auch die notwendigen Aus-
im deutschen Gebirge entstanden.
künfte über die zukünftige Stabilität
Verfallsdatum April 2003.
von nuklearem Abfall und über die Be-
Aufschrift auf einer Salzpackung25 schaffenheit von Plätzen, wo er für
lange Zeit unterirdisch eingelagert wer-
den kann. Vielleicht wird eines Tages erneut die sorgfältige chemi-
sche Buchführung eines Wissenschaftlers zu einer Reihe aufregender
Untersuchungen wie jenen führen, mit denen der Schleier vom Ge-
heimnis des Oklo-Reaktors gerissen wurde.
Wenn es auf der Erde natürliche Reaktoren geben kann, warum
dann nicht auch anderswo? Es ist verlockend, über eine neue lebens-
unterstützende Wärmequelle zu spekulieren, die vielleicht in ande-
ren Welten eine ungewöhnliche Rolle beim Anschub der biochemi-
schen Evolution gespielt haben könnte. Wir haben schon Fred
Hoyles Science-Fiction-Roman Comet Halley erwähnt, in dem die
Entstehung von Leben beschrieben wird, das im Innern eines Kome-
ten von natürlichen Kernreaktionen in Gang gesetzt und aufrecht-
erhalten wird. Vielleicht wird man bei der Suche nach Planeten oder
Monden in anderen Sonnensystemen auf ein Exemplar stoßen, auf
dem ein Oklo-Reaktor weit größeren Ausmaßes tätig war, das Innere
über lange Zeiten aufheizte und zur Entwicklung von komplexem
bakteriellem Leben führte, bis er erlosch und den Planeten schlafend
und äußerlich tot zurückließ.
Der Gedanke ist ernüchternd, dass das Zeitfenster der kosmischen
Geschichte, in dem Leben existieren kann, uns auch einige interes-
sante nukleare Konsequenzen auferlegt. Wir haben gesehen, dass
wegen der zwei unterschiedlichen Halbwertszeiten der beiden Urani-
sotope U235 in der Vergangenheit häufiger als heute war, während es
in der Zukunft immer seltener werden wird. Im letzten Jahrhundert
Variationen über ein Thema 233

haben wir in der Erdkruste Elemente entdeckt, mit denen wir die
Atombombe bauen können, wenn es uns nur gelingt, die aktiven
U235-Isotope von den häufigeren U238-Isotopen zu trennen. Bei einem
ersten Auftritt des Menschen auf der Erde zu einer viel früheren Zeit
(oder einem Auftritt erst in ferner Zukunft) wären die Aussichten,
Kernwaffen zu entwickeln und anzuwenden, völlig anders gewesen.
Johann von Neumann, einer der bemerkenswertesten Wissenschaft-
ler des 20. Jahrhunderts, analysierte die Lage zu Beginn des Nuklear-
zeitalters sehr weitblickend:
Wäre der Mensch mit seiner Technologie schon vor einigen Milliarden Jahren
auf der irdischen Bühne erschienen, wäre die Abtrennung von U235, das für die
Herstellung der Bombe entscheidend ist, weit leichter gewesen als heute. Wäre
er später aufgetreten, sagen wir einmal 10 Milliarden Jahre später, wäre der
Anteil an U235 zu gering gewesen, um ihn praktisch nutzen zu können.26

Wir sind die Nutznießer zahlreicher Aspekte der spannenden geolo-


gischen Geschichte der Erde. Die Existenz schwerer Elemente mit
interessanten magnetischen und radioaktiven Eigenschaften hat zu
einem besseren Verständnis dieser grundlegenden Naturkräfte ge-
führt. Das Leben auf einem angenehmen wasserreichen Planeten,
der im Licht einer sich anständig benehmenden Sonne badet, wäre
auch ohne nukleare oder radioaktive Prozesse in der Nähe seiner
Oberfläche möglich. Seine Bewohner hätten es aber schwerer, ihrem
Verlangen nachzugehen, die Möglichkeiten der Natur und die reiche
Fülle der Naturkräfte und -konstanten zu verstehen.
Kapitel 12
Der Griff nach den Sternen
Die Alten glauben alles, die Menschen im mittleren Alter
misstrauen allem, die Jungen wissen alles.
Oscar Wilde1

Rückblicke
Stellen wir uns vor, dass ein Nachfolgemodell des Hubble Space Tele-
scope Zeichen intelligenter Lebewesen von einem Sternensystem ir-
gendwo in unserer Galaxis aufgefangen hat. Wir senden gebündelte
Radiowellen in die entsprechende Richtung und nach ein paar Jahren
erhalten wir eine Antwort. Ein langsamer Austausch von Botschaften
beginnt, die von den jeweiligen Adressaten mühelos entschlüsselt
werden. Nach und nach erfahren wir Seltsames und (zumindest für
einige von uns) auch Enttäuschendes über unsere extraterrestrischen
Brieffreunde: Sie interessieren sich nur für Astronomie. Es scheint in
ihrer Zivilisation kein anderes Thema zu geben. Alle Fortschritte in
der Mathematik, der Computertechnik und den Naturwissenschaf-
ten dienen bei ihnen nur dem einen Ziel, mehr über die Sterne heraus-
zufinden. Wir wissen nicht, wie es dazu gekommen ist. Vielleicht gibt
es tiefe religiöse Zwänge. Es ist sicher, dass die fernen Wesen auch an-
dere technische Dinge treiben, aber sie interessieren sich nicht beson-
ders dafür – es sei denn, sie haben auch kosmische Anwendungen.
Während die irdischen Astronomen über diese Schieflage nicht
unglücklich sind, ist es für viele andere eine Pleite, nur Fachidioten
entdeckt zu haben. Man beschließt, dass eine der Fragen, die man
mit den interstellaren Korrespondenten diskutieren könnte, die
nach den Werten der Naturkonstanten ist. Bei diesem Thema kann
man ziemlich sicher gehen, über die gleichen Dinge zu sprechen. Al-
lein schon die ausgetauschten Radiosignale sind ein Beweis, dass es
gemeinsame elektromagnetische Erfahrungen gibt. Es dürfte nicht
Der Griff nach den Sternen 235

allzu schwer sein, ihnen zu sagen, was wir unter der Feinstruktur-
konstante verstehen. Man könnte die Aliens bitten, verschiedene En-
ergieniveaus in bestimmten Atomen und Molekülen zu messen. Die
Antwort würde uns mit Lichtgeschwindigkeit erreichen. Wir würden
es genau so machen und ihnen unsere Messergebnisse schicken.
Da all dies bis jetzt noch nicht passiert ist, weiß ich nicht, wie der
Vergleich der Daten ausgehen würde. Aber unsere kleine Science-Fic-
tion-Geschichte macht deutlich, wie uns Informationen, die wir aus
fernen Gebieten unseres Universums zusammentragen, eine Überprü-
fung erlauben, ob die physikalischen Gesetze unbegrenzt gelten und
die Naturkonstanten wirklich überall gleich sind. Was wäre, wenn wir
die Aliens umgehen könnten und unsere Informationen über die Na-
turkonstanten direkt aus den Fernen des Alls zu beziehen versuchen?
Erstaunlich aber wahr: Diese Fiktion ist schon Wirklichkeit ge-
worden, und die ungeheuren Aufwendungen für eine Kommunika-
tion mit extraterrestrischen Wesen und die Mühen bei der Entziffe-
rung ihrer Botschaften haben sich erübrigt. Wenn wir einen Fixstern
beobachten, erhalten wir nicht nur Informationen aus großer Ferne,
sondern auch aus längst vergangenen Zeiten. Da sich das Licht mit
einer zwar großen, aber begrenzten Geschwindigkeit ausbreitet, be-
nötigt es zur Überwindung der ungeheuren Distanzen zu den Ster-
nen eine lange Zeit. Von der Sonne zur Erde sind es etwa 8 Minuten,
von den nächsten Fixsternen – Alpha und Proxima Centauri – bereits
4,2 Jahre, während es von den am weitesten entfernten Objekten, die
beobachtet werden können, 13 Milliarden Jahre und mehr sind. Das
Licht von diesen fernen Galaxien kann uns sicher wichtige Informa-
tionen über die physikalischen Prozesse liefern, durch die sie in
grauer Vorzeit entstanden sind.
George Gamow war einer der ersten, der auf die Idee kam, astrono-
mische Beobachtungen zur Untersuchung der Frage heranzuziehen,
ob die Naturkonstanten wirklich konstant sind.2 Er wollte insbeson-
dere die Bestätigung für eine Variation der Feinstrukturkonstante
finden, die Diracs Koinzidenzen der großen Zahlen erklären würde,
und dann überprüfen, ob diese Variation einen Beitrag zur Rotver-
schiebung des Lichts von fernen Galaxien liefert. Die Expansion des
Universums bedeutet, dass sich die Galaxien von uns entfernen und
daher ihr Licht von unseren Fernrohren mit einer niedrigeren Fre-
236 Das 1 × 1 des Universums

quenz eingefangen wird als der, mit der es ausgesandt wurde: Die
Farbe des Lichts ist zum roten Ende des Spektrums hin verschoben,
ein Vorgang den man Rotverschiebung3 nennt. Gamow glaubte ei-
nen Weg gefunden zu haben, wie man aus der Rotverschiebung auf
die Werte der Naturkonstanten schließen kann, die sie in dem Mo-
ment hatten, als der Lichtstrahl seine Reise vom fernen Stern in das
irdische Teleskop begann. In Abbildung 12.1 ist ein Telegramm abge-
bildet, das Gamow an Ralph Alpher, einen seiner früheren Studen-
ten, geschickt hat. Er berichtet darin von seiner neuen Idee und von
einigen der Schlussfolgerungen, die man aus ihr ziehen könnte.

A b b ild u n g 1 2 .1
»Triplet paper flies to Washington …«:
Gamows Telegramm an seinen früheren Studenten Ralph Alpher.4
Der Griff nach den Sternen 237

Leider stellte sich heraus, dass Gamows Verfahren keinen messbaren


Effekt erwarten ließ, selbst wenn sich die Feinstrukturkonstante än-
dern würde. Nur wenig später versuchten es John Bahcall, Wallace
Sargent und Maarten Schmidt5 vom CalTech in Pasadena mit einem
anderen Ansatz, der durch die nicht lange zuvor entdeckten Qua-
sare, deren Strahlung eine starke Rotverschiebung aufweist, zum
ersten Mal möglich geworden war.6
Gaswolken, die zwischen uns und einem fernen Quasar liegen
und dessen Strahlung absorbieren, stellen ein ideales Laboratorium
zur Untersuchung der Konstanz der Naturkonstanten dar. Quasare
können als helle Objekte leicht von Te-
leskopen erfasst werden und wir finden Ich weiß von diesem Stern
eine Auswahl vor, die einen weiten Be- nur dies:
reich von Rotverschiebungen über- Ein roter Pfeil geht von ihm aus,
ein blauer dann.
deckt. Es gibt aber auch Einschränkun- Wie vom Kristall aus Spat.
gen. Objekte mit besonders großen
Robert Browning7
Rotverschiebungen sind sehr licht-
schwach und daher kaum noch wahr-
nehmbar. Dazu kommt, dass einige Wellenlängen, die an sich sehr
interessant wären, durch die Rotverschiebung zu sehr zum roten
Ende des Spektrums verschoben sind. Sie fallen nicht mehr in das
Fenster der Wellenlängen, die vom Wasserdampf in der Erdatmos-
phäre durchgelassen werden und die irdischen Teleskope erreichen
können.
Durch die neuen Ansätze konnten die Astronomen ihr Wissen
über die Konstanz der Naturkonstanten verbessern, da die wach-
sende Empfindlichkeit der Teleskope und elektronischen Detekto-
ren Beobachtungen von Objekten mit immer stärkerer Rotverschie-
bung erlaubten, also einen Blick, der immer weiter in die
Vergangenheit ging. Die Strategie dieser Untersuchungen ist ein-
fach: Man vergleicht Energieübergänge in einem astronomischen
Objekt und in einem irdischen Labor. Wählt man beispielsweise Du-
bletts, die bei Kohlenstoff, Silizium oder Magnesium zu finden sind
– Elementen, die gewöhnlich in Gaswolken mit hoher Rotverschie-
bung vorkommen –, so ist der Abstand der Wellenlängen der beiden
Spektrallinien, λ1 und λ2, proportional zu α2. Für den relativen Linie-
nabstand gilt:
238 Das 1 × 1 des Universums

(λ1 – λ2) / (λ1 + λ2) ~ α2

Man muss nun auf Erden die beiden Wellenlängen λ1 und λ2 äußerst
genau messen und mit den Messungen am Licht des fernen Objekts
vergleichen. Hat man die linken Seiten der Gleichung für beide Mes-
sungen bestimmt, kann man sie durcheinander dividieren und er-
hält

[(λ1 – λ2) / (λ1 + λ2)]Erde / [(λ1 – λ2) / (λ1 + λ2)]Quasar = αErde2 / αQuasar2

Das Ziel der Untersuchungen ist also, eventuelle Abweichungen der


rechten Seite dieser Gleichung von 1 zu finden. Eine Abweichung
sagt uns, dass sich zwischen der Zeit der Absorption des Lichts und
seiner Ankunft auf der Erde die Feinstrukturkonstante geändert hat.
Um sicherzustellen, dass eine Abweichung auch wirklich signifikant
ist, müssen einige Dinge sorgfältig überprüft werden. Zunächst
muss man die beiden Wellenlängen λ1 und λ2 im Labor mit größter
Genauigkeit messen können. Man muss auch sichergehen, dass die
Beobachtungen nicht durch Störungen von außen beeinträchtigt
werden oder systematischen Fehlern unterliegen, die auftreten, weil
unsere Beobachtungsinstrumente nicht alle Informationen gleich
gut registrieren.
Die Forscher hatten Paare oder Dubletts von Spektrallinien ge-
funden, die entstanden, als das Licht des neu entdeckten Quasars
QSO 3C191 in interstellaren Wolken von Silizium absorbiert wurde.
Der Abstand zwischen den beiden Linien des Silizium-Dubletts ist
ein deutlicher Indikator für atomare Eigenschaften, die durch relati-
vistische Effekte bestimmt werden, wie sie auftreten, wenn Elektro-
nen mit nahezu Lichtgeschwindigkeit um einen Atomkern kreisen
(siehe Abbildung 12.2). Entscheidend ist, dass der Linienabstand des
Dubletts empfindlich vom Wert der Feinstrukturkonstante ab-
hängt.
Die Rotverschiebung des Quasars 3C191 liegt bei 1,95. Daraus
kann man schließen, dass ihn das Licht verließ, als das Universum
rund ein Fünftel seines jetzigen Alters hatte – also vor 11 Milliarden
Jahren. Das Licht trägt also verschlüsselte Informationen über den
Wert der Feinstrukturkonstante in dieser Zeit mit sich. Die Auswer-
Der Griff nach den Sternen 239

Absorption

Linienauf-
spaltung
Wellenlänge

A b b ild u n g 1 2 .2
Spektrallinien eines typischen Dublett-Systems.

tung ergab, dass die Feinstrukturkonstante vor 11 Milliarden Jahren


(α11) höchstens um wenige Prozent vom heutigen Wert (α0) abwich:

α11 / α0 = 0.97 ± 0,05

Schon wenig später untersuchten Bahcall und Schmidt8 ein Paar von
Sauerstoff-Emissionslinien in den Spektren von fünf Galaxien, die
Radiowellen aussenden. Ihre Rotverschiebung von 0,2 besagt, dass
sie ihr Licht vor etwa 2 Milliarden Jahren auf den Weg schickten –
ungefähr zu der Zeit, als auf der Erde der Oklo-Reaktor aktiv war.
Das Ergebnis glich dem von 3C191, wobei die Genauigkeit jetzt weit
größer war. Nach diesen Untersuchungen ist die Feinstrukturkon-
stante seit 2 Milliarden Jahren konstant und es gilt

α2 / α0 = 1,001 ± 0,002

Diese Messungen widerlegten die Prognose Gamows, dass die Fein-


strukturkonstante proportional zum Alter des Universums zu-
nimmt. In diesem Fall hätte man α2 / α0 ≈ 0,8 erhalten müssen.
Neben der genannten Untersuchung von Dubletts gibt es noch
ein weiteres Messverfahren, mit dem man unser Problem angehen
240 Das 1 × 1 des Universums

kann. Man vergleicht die Rotverschiebung des Lichts, das von Koh-
lenmonoxid und Wasserstoff in der gleichen Wolke ausgesandt
wird.9 Auch bei diesen radioastronomischen Untersuchungen kann
man den irdischen Wert von α mit dem Wert der astronomischen
Quelle vergleichen.10 Aus Daten von Objekten mit den Rotverschie-
bungen z = 0,25 und z = 0,68 erhielt man

∆α/α = (αz – α0)/α0 = (-1,0 ± 1,7) x 10-6

Eine der Schwierigkeiten dieser Methode ist, dass man sicher sein
muss, Atome und Moleküle mit der gleichen Bewegung aus der glei-
chen Wolke zu untersuchen.
Bei einer dritten Methode untersucht man die Rotverschiebung von
Radiowellen im 21 cm-Band, die von Atomen der gleichen Wolke ausge-
schickt werden und optische Energieübergänge aufweisen. Das Verhält-
nis der Frequenzen dieser Signale erlaubt es, eventuelle Änderungen ei-
ner weiteren Kombination von Konstanten zu untersuchen, der Größe

A = α2 mel/mpr

mit mel = Masse des Elektrons und mpr = Masse des Protons. Beob-
achtungen einer Gaswolke11 mit einer Rotverschiebung von 1,8 führ-
ten für die Änderung von A zu

∆A/A = (Az – A0)/A0 = (0,7 ± 1,1) x 10-5

An diesen beiden Resultaten fällt auf, dass die Fehlerschranken noch


zu hoch sind, um die Konstanz der betrachteten Größen (also ∆α/α
= 0 und ∆A/A = 0) auszuschließen. Man sollte vielleicht daran erin-
nern, dass während des Zeitraums 1967–1999, in dem diese Messun-
gen mit wachsender Genauigkeit durchgeführt wurden, niemand
erwartet hatte, überhaupt eine Änderung der traditionellen Kon-
stanten zu finden. Die Messungen wurden durchgeführt, um die
Fehlergrenzen immer weiter herabzusetzen und damit die Schran-
ken für eventuelle Variationen enger zu ziehen – enger als alles, was
man im Labor erreichen konnte. Eine irdische Beobachtung der En-
ergieniveaus von Atomen über ein paar Jahre hinweg kann niemals
mit einer Geschichte von Milliarden von Jahren konkurrieren, wie
sie das Licht astronomischer Objekte hinter sich hat.
Der Griff nach den Sternen 241

Die vierte und neueste Untersuchungsmethode ist die schlagkräf-


tigste. Auch mit ihr versucht man, kleine Änderungen der Absorp-
tion des Lichts ferner Quasare durch Atome zu bestimmen. Anstelle
eines Dubletts eines Elements – etwa von Silizium – untersucht man
den Abstand von Absorptionslinien verschiedener chemischer Ele-
mente in den Staubwolken, die zwischen den Quasaren und uns im
All treiben (siehe Abbildung 12.3).

Absorption des
Quasar-Lichts

Quasar-Licht
Quasar

Erde

Interstellare
Gaswolke

A b b ild u n g 1 2 .3
Absorption von Quasar-Licht durch chemische Elemente
in einer interstellaren Wolke zwischen dem Quasar und der Erde.

Die neue Methode hat eine Reihe großer Vorzüge: Zunächst einmal
gibt es eine Vielzahl von Linienpaaren, die untersucht werden kön-
nen. Dazu kommt, dass man aus dem umfangreichen Datenmaterial
die Linienpaare aussuchen kann, deren Abstand am empfindlichsten
auf eine zeitliche Änderung von α reagiert.12 Darüber hinaus hat die
Methode noch einen ungewöhnlichen Vorzug: Man kann die Diffe-
renz der Wellenlänge, die man aus den astronomischen Daten und
im Labor bestimmt, auch mithilfe umfangreicher Computersimula-
tionen berechnen. Sie geben an, wie sich die Lage eines Energieni-
veaus verändert, wenn man α variiert.13 Die Lageverschiebungen un-
terscheiden sich je nach Linienpaar deutlich. Erhöht man den Wert
von α um 10-6, wird in einigen Fällen der Abstand zunehmen, in eini-
gen abnehmen und bei anderen gleich bleiben. Das Ensemble der
242 Das 1 × 1 des Universums

Lageverschiebungen aller denkbaren Linienpaare bildet eine Art Fin-


gerabdruck für eine bestimmte Änderung von α. Unbekannte Stö-
reinflüsse auf die Daten oder Turbulenzen, die in dem Absorptions-
gebiet im All eine Änderung von α vortäuschen, können so von
echten α-Änderungen unterschieden werden.
Diese Many-Multiplet-Methode14 (oder kurz MM-Methode) ist
weit empfindlicher als die anderen astronomischen Methoden und
erlaubt, weit mehr aus den registrierten Daten herauszuholen. Wir
haben mit ihr 128 Quasare untersucht und dabei Paare von Linien
von Magnesium, Eisen, Nickel, Chrom, Zink und Aluminium mit
einbezogen. Als wir mit der neuen Technik begannen, hatten wir nur
erwartet, die Fehlergrenzen für die Konstanz von α noch enger zie-
hen zu können. Aber es gab eine große Überraschung!

Schwankende Konstanten
Die MM-Methode erwies sich als ideal, um die neuen Entwicklungen
in der extragalaktischen Astronomie, die Riesenteleskope und die
neuen Detektoren optimal zusammenzuführen. Die Ergebnisse, die
unser Team – John Webb, Mike Murphy, Victor Flambaum, Vladimir
Dzuba, Chris Churchill, Michael Drinkwater, Jason Prochaska, Art
Wolfe und ich selbst, dazu Wallace Sargent, der weitere Daten beitra-
gen konnte – gesammelt und analysiert hat, waren für uns unerwar-
tet und hatten weitreichende Folgen. Wenn sich als wahr erweist,
was sie zu belegen scheinen, sind sie nach den Worten von Robert
Scherrer »die aufregendste Entdeckung der letzten 50 Jahre«15.
Schon die ersten Untersuchungen mit der MM-Methode im Jahr
199916 belegten eine Abweichung der Feinstrukturkonstante in der
Vergangenheit mit
∆A/A = (Az – A0)/A0 = (-1,09 ± 0,36) x 10-5

Inzwischen wurden die Daten ständig ergänzt und bessere Analyse-


methoden entwickelt. Es ist bemerkenswert, dass wir die gleichen
Ergebnisse erhielten, nachdem wir die Daten von sämtlichen bisher
erfassten 128 Quasaren einbezogen. Das ganze Forschungsprojekt
Der Griff nach den Sternen 243

ist der größte experimentelle Versuch, die Frage zu beantworten, ob


die Naturkonstanten heute und vor 13 Milliarden Jahren gleich
waren.
Bei unseren weiteren Untersuchungen17 fanden wir in allen Fällen
– verglichen mit den Werten, die im Labor gemessen wurden – höchst
signifikante Abweichungen der Linienabstände bei starken Rotver-
schiebungen, also zu Zeiten, die Milliarden von Jahren zurücklie-
gen.18 Der komplizierte Fingerabdruck der Verschiebungen ent-
spricht genau den Voraussagen der Theorie, wenn man annimmt,
dass die Feinstrukturkonstante zur Zeit der Absorption in der fer-
nen Gaswolke um 7 Millionstel kleiner war als heute. In Abbildung
12.4 sind die verschiedenen Ergebnisse zusammengefasst.
Es scheint also tatsächlich einen Zeitabschnitt der kosmischen
Geschichte gegeben zu haben, in dem die Feinstrukturkonstante
etwas kleiner als heute war und die Atome damit ein wenig größer
ausfielen. Der Unterschied ist mit 7 x 10-6 äußerst gering und da-
mit viel zu klein, als dass er bei früheren Untersuchungen mit an-
deren Methoden oder in Laborexperimenten hätte gefunden wer-
den können.
a) Daten aller untersuchter Objekte.
Zeit, von der Gegenwart aus rückwärts gerechnet,
in Milliarden Jahren
34 5 6 7 8 9 10 11
Relative Änderung der Feinstrukturkonstante

10
(⌬␣Ⲑ␣) in Einheiten von 10-5

–10

1 2 3
Rotverschiebung
244 Das 1 × 1 des Universums

b) Daten von Gruppen aus jeweils 10 Objekten.

Zeit, von der Gegenwart aus rückwärts gerechnet,


Relative Änderung der Feinstrukturkonstante in Milliarden Jahren
5 6 7 8 9 10 11
0,5
(⌬␣Ⲑ␣) in Einheiten von 10-5

–0,5

–1

–1,5
0,5 1 1,5 2 2,5 3
Rotverschiebung

A b b ild u n g 1 2 .4
Änderung der Feinstrukturkonstante α in Abhängigkeit
von der Rotverschiebung und damit vom Alter des Universums.

Wenn man den gesamten Bereich der Rotverschiebungen zwischen


0,5 und 3,5 heranzieht, ergibt sich im Einzelnen

∆A/A = (Az – A0)/A0 = (-0,57 ± 0,18) x 10-5

Rechnet man dieses Ergebnis in eine relative Änderungsrate von α


um, erhält man

Änderungsrate von α / derzeitiger Wert von α = 5 x 10-16/Jahr

Auf den ersten Blick sieht es so aus, als belegten diese dramatischen
Ergebnisse eine weit größere Änderungsrate als die Untersuchungen
am Oklo-Reaktor. Bei genauerem Hinsehen stehen aber die Ergeb-
nisse nicht in direktem Widerspruch. Wenn man einmal alle Unge-
wissheiten beiseite lässt, die bezüglich der genauen Abhängigkeit der
Neutroneneinfangrate im Oklo-Reaktor von der Feinstrukturkon-
stante bestehen, so ist noch zu beachten, dass die Ergebnisse von
Oklo für die Zeit vor 2 Milliarden Jahren gelten. Das entspricht einer
Der Griff nach den Sternen 245

Rotverschiebung von 0,1, während die Quasar-Beobachtungen in


Zeiten vor 3 bis 11 Milliarden Jahren zurückführen. Die beiden Un-
tersuchungen stehen nur im Konflikt, wenn man davon ausgeht,
dass sich die Feinstrukturkonstante immer im gleichen Maß geän-
dert hat. Wie wir aber sehen werden, gibt es keinen zwingenden
Grund zu dieser Annahme.

Botschaften aus grauer Vorzeit


Das Ergebnis, dass die Feinstrukturkonstante in vergangenen Zeiten
möglicherweise andere Werte hatte, ist zwar sehr beeindruckend,
man muss aber bedenken, dass es eine statistische Aussage darstellt.
Sie beruht auf einer Vielzahl astronomischer Beobachtungen der
Lichtabsorption durch viele unterschiedliche chemische Elemente
in 128 verschiedenen Staubwolken. In der Zukunft werden weitere
Daten hinzukommen, und die Messungen werden immer präziser
werden. Andere Astronomen werden unsere Beobachtungen wieder-
holen und mit den unterschiedlichsten Instrumenten und neueren
Analyseverfahren überprüfen, ob sie zu den gleichen Resultaten
kommen.
So wünschenswert aber noch mehr Beobachtungen mit noch grö-
ßerer Genauigkeit sind: Sie stellen für sich allein genommen noch
keine Garantie dar, dass man der Wahrheit auf der Spur ist. Bei allen
wissenschaftlichen Beobachtungen und Experimenten muss man
auf eine Vielzahl von Fehlermöglichkeiten achten. Da sind zunächst
die Fehler, die durch die Ungenauigkeit der Instrumente entstehen.
Messen wir unsere Größe auf den Zentimeter genau mit 1,85 m, so
liegt sie eigentlich irgendwo zwischen 1,845 m und 1,855 m. Mit die-
ser Art von Fehlern kann man gut umgehen. Man kann sie nach und
nach verringern, indem man die Messtechnik verbessert, also in un-
serem Fall eine Messlatte mit Millimeter-Einteilung verwendet. Es
gibt aber noch eine subtilere Art von Fehlern, die schon erwähnten
›systematischen‹ Fehler, die den Prozess der Datengewinnung in eine
Schieflage bringen: Gewisse Daten werden leichter erfasst als andere,
ohne dass man davon weiß. Sie bilden dann ein Übergewicht im Da-
246 Das 1 × 1 des Universums

tensatz, was so weit gehen kann, dass man letzten Endes überhaupt
nicht das gemessen hat, was man eigentlich hatte messen wollen.19
Systematische Fehler stellen für die gesamte experimentell arbei-
tende Naturwissenschaft eine Herausforderung dar. In irdischen La-
boratorien ist es üblich, die Experimente auf verschiedene Art zu wie-
derholen, wobei man jeweils die Messanordnung verändert und damit
möglichst viele systematische Fehler
Ich hoffe, dass ich bei den Experimental- auszuscheiden versucht. In der Astro-
physikern kein allzu großes Ärgernis nomie gibt es aber ein Problem: Wir
errege, wenn ich hinzufüge, dass es auch verfügen nur über ein einziges Univer-
ein gesunder Grundsatz ist, dass man
kein übergroßes Vertrauen auf Beobach-
sum, mit dem wir zudem keine Experi-
tungsergebnisse setzen soll, solange mente anstellen können. Wir sind auf
sie nicht durch die Theorie bestätigt eine Rolle als bloße Beobachter be-
worden sind. schränkt, die nehmen müssen, was ih-
Arthur S. Eddington20 nen geboten wird und nur versuchen
können, die Zusammenhänge zwischen
den vielen Einzelfakten herauszufinden. Gibt es beispielsweise im
Licht aller interstellarer Gaswolken mit bestimmten Rotverschiebun-
gen bestimmte Abweichungen bei bestimmten Linienpaaren? Man
kann versuchen, systematische Fehler zu vermeiden, stößt dabei aber
vielleicht auf Grenzen. Ein Beispiel: Wenn man versucht, ein Verzeich-
nis aller Galaxien anzulegen, wird sofort klar, dass die helleren und
damit leichter zu erkennenden das Verzeichnis dominieren. Dem
kann man nichts entgegensetzen, was das Verzeichnis ›gerechter‹ ma-
chen würde. Ein noch größeres Problem stellen aber systematische
Fehler dar, von denen man gar nichts weiß. Die Daten, die man zur
Untersuchung möglicher Variationen der Feinstrukturkonstante her-
angezogen hat, wurden natürlich umfangreichen Prüfungen unterzo-
gen, um die Einflüsse aller nur denkbaren systematischen Fehler zu
eliminieren. Bis jetzt hat man nur eine signifikante Fehlerquelle ge-
funden. Wenn man die durch sie bewirkte Verfälschung der Daten
berücksichtigt, treten die gefundenen Variationen der Feinstruktur-
konstante aber sogar noch besser in Erscheinung.21
Die Reaktion der meisten Physiker und Chemiker auf die Vorstel-
lung, dass sich die Feinstrukturkonstante im Laufe der Milliarden
Jahre geändert haben könnte, ist irgendwo zwischen Horror und
völligem Unglauben angesiedelt. Alle chemischen Theorien basieren
Der Griff nach den Sternen 247

auf dem Glauben, dass die Feinstrukturkonstante absolut konstant


ist. Allerdings hat eine Änderung um einige Millionstel innerhalb
von 10 Milliarden Jahren auch keinerlei wahrnehmbare Auswirkung
auf physikalische oder chemische Experimente in unseren irdischen
Labors. Um das etwas klarer zu zeigen, wollen wir uns nun mit den
derzeit genauesten experimentell im Labor bestimmten Grenzen für
eine Veränderung von α befassen.
Die meisten direkten Überprüfungen der Konstanz von α werden
an Atomen durchgeführt, die man eine bestimmte Zeit lang so ge-
nau wie möglich untersucht. Man kann derzeit den Wert von α auf
zehn Stellen genau bestimmen. Das Verfahren läuft daraus hinaus,
verschiedene atomare ›Uhren‹ zu vergleichen. Man kann das nicht
beliebig lange tun, weil man viele Parameter des Experiments kon-
stant halten muss. Die besten Ergebnisse hat man aus einem Experi-
ment von 140 Tagen Dauer gewonnen.22 Wenn man annimmt, dass
sich das Massenverhältnis von Elektron und Proton nicht geändert
hat, kann man aus den Messungen der Hyperfeinstruktur von Was-
serstoff und Quecksilber auf eine Feinstrukturkonstante schließen,
die sich um nicht mehr als 3,7 x 10-14/Jahr ändert. Dieser Grenzwert
erscheint sehr eng, aber nach ihm hätte sich die Feinstrukturkon-
stante in der gesamten Geschichte des Universums immerhin schon
um 10-4 ändern dürfen, während die astronomischen Beobachtun-
gen, wie wir gesehen haben, auf Änderungen < 10-6 hindeuten. Dieser
Unterschied zwischen den Laborergebnissen und denen aus astrono-
mischen Daten macht deutlich, um wie viel genauer die astronomi-
schen Methoden sind. Sie können es zwar bei der absoluten Messung
der Feinstrukturkonstante nicht mit der Genauigkeit von Labor-
messungen aufnehmen, blicken dafür aber weit in die Vergangenheit
zurück – 13 Milliarden Jahre anstelle von 140 Tagen – und liefern so
die Änderungsraten mit größerer Präzision.23
Das Universum musste ein Alter von einigen Milliarden Jahren er-
reichen, damit sich die Elemente bilden konnten, die für die Entste-
hung komplexen Lebens nötig sind. Wenn sich diese komplexen che-
mischen Produkte zufällig in der Form von Astrophysikern verkörpern,
ist es für diese Spezies von Wissenschaftlern ein schöner Nebeneffekt
des hohen Alters unseres Universums, dass so empfindliche Messun-
gen der Konstanz von Naturkonstanten zur Verfügung stehen.
248 Das 1 × 1 des Universums

Es sieht also so aus, als ob wir derzeit etwaige Änderungen der


Feinstrukturkonstante noch nicht mit irdischen Experimenten
überprüfen könnten: Die vorhandenen Geräte sind einfach nicht
empfindlich genug, um die winzigen Schwankungen nachweisen zu
können, die wir nach den astronomischen Beobachtungen vermu-
ten. Derzeit wäre die beste unabhängige Kontrollmethode, andere
astronomische Daten heranzuziehen. Nach den Ergebnissen von
Oklo zu schließen, werden wir in der unmittelbaren Vergangenheit
– bis in die Zeit vor 2 Milliarden Jahren – kaum eine ähnliche Ände-
rungsrate finden. Aber vielleicht gab es in der Frühzeit unseres Uni-
versums größere Raten, die auch messbare Effekte hatten. Die Qua-
sare reichen bis zu 80 Prozent der Geschichte des Universums
zurück, wir können aber noch ein Stück weiter zurückblicken, in-
dem wir die kosmische Mikrowellen-Hintergrundstrahlung untersu-
chen, die ein Überbleibsel aus dem Beginn der Expansion unseres
Universums darstellt. Schon wenige Millionen Jahren nach dem Big-
Bang kühlte sich die ›Suppe‹ aus Elementarteilchen ab und wurde
durchsichtig. Die Struktur der damals ausgesandten Strahlung stellt
einen Schnappschuss dar, auf dem wir erkennen können, wie es um
die Isotropie des Universums im Alter von etwa 300 000 Jahren be-
stellt war (siehe Abbildung 12.5). Während die beobachteten Qua-
sare Rotverschiebungen von bis zu 3,5 aufweisen, wurde die Mikro-
wellenstrahlung bei einer Rotverschiebung von 1 100 emittiert.
In den letzten Jahren sind die Astronomen mit ihren von Ballonen
und Satelliten aus durchgeführten Kartierungen der Hintergrund-
strahlung in die Schlagzeilen gekommen. Wir wissen inzwischen,
dass das Spektrum dieser Strahlung mit hoher Genauigkeit die Ei-
genschaften einer reinen Wärmestrahlung aufweist und dass ihre
Temperatur bis auf Abweichungen von 10-5 in allen Himmelsrich-
tungen gleich ist. Die genauen Kartierungen der Temperaturvaria-
tion über den Himmelsraum bergen in sich das Geheimnis, wie die
Galaxien und Cluster in ihrer frühen Jugendzeit aussahen, als sie
noch kaum mehr waren als Materieinseln im Urzustand und sich
ihre Dichte nur wenig von der ihrer Umgebung unterschied.
Es sieht aber leider so aus, dass uns die Mikrowellenstrahlung
keine klare und eindeutige Diagnose der Feinstrukturkonstante zur
Zeit ihrer Emission erlaubt. Trotzdem haben die Ergebnisse aus den
Der Griff nach den Sternen 249

A b b ild u n g 1 2 .5
Blick in den Weltraum (und in die Vergangenheit) bis zu den Quasaren und wei-
ter in die Zeit, als der Raum noch nicht strahlungsdurchlässig war und der ho-
hen Temperaturen wegen noch keine Atome existieren konnten (300 000 Jahre
nach dem Big Bang; das Universum war zu dieser Zeit
tausendmal kleiner als heute).

Quasar-Daten einige Teams von Kosmologen ermutigt, die kompli-


zierte Rekonstruktion der Verteilung der Hintergrundstrahlung und
der statistischen Eigenschaften ihrer Fluktuationen für den Fall zu
versuchen, dass α zur Zeit einer Rotverschiebung von 1 100 einen
anderen Wert hatte. Sie mussten dazu auf die fortgeschrittensten
Theorien zurückgreifen und mit ihnen die Auswirkungen berech-
nen, die das Anwachsen von Fluktuationen zu Galaxien auf das Mi-
krowellen-Temperaturfeld hat. Diesen Rechnungen nach deuten die
allerneuesten Beobachtungsdaten bei einer Rotverschiebung von
1 100 auf ein kleineres α.24 Die vermutete Änderung ist mit 10 Pro-
zent25 so groß, dass α von der Zeit, als die Mikrowellenstrahlung zum
250 Das 1 × 1 des Universums

letzten Mal eine Wolke durchdrang, bis in die Epoche der Quasare
stetig hätte zunehmen müssen. Das ist nicht gerade ein überzeugen-
des Ergebnis, wenn wir an die zahlreichen Varianten der Entste-
hungsgeschichte der Galaxien denken. Es gibt so viele andere kleine
Einflüsse auf die Temperaturverteilung, die alle einleuchtend erklärt
werden können und insgesamt Auswirkungen haben, die denen ei-
ner verminderten Feinstrukturkonstante gleichen. Ohne zusätzliche
Informationen über Details, nach denen genauer gesucht werden
sollte, erscheint dieser Weg für die Bestimmung von α in der Urzeit
des Universums nicht allzu vielversprechend. Aber möglicherweise
ändert sich die Lage, wenn die neuen Karten der Hintergrundstrah-
lung und ihrer Variationen, die der MAP-Satellit der NASA zur Erde
sendet, vollständig analysiert sind.

Unser Platz in der Geschichte


Wenn sich die Naturkonstanten langsam ändern, könnten wir uns
auf einer abschüssigen Bahn befinden, die in unsere Vernichtung
führt. Wir haben gesehen, dass unsere Existenz auf zahlreichen ei-
gentümlichen Koinzidenzen zwischen den Werten der verschiedenen
Naturkonstanten beruht, und dass es für diese Werte jeweils nur
sehr enge Fenster gibt, innerhalb derer sie Leben erlauben. Was
könnte nun passieren, wenn sich diese Werte ändern? Könnten sie
nicht aus dem ›grünen Bereich‹ wandern, in dem Leben möglich ist?
Gibt es in der kosmischen Geschichte nur ausgewählte Epochen, in
denen die Konstanten die richtige Größe für Leben haben?
Um die Änderungen der Feinstrukturkonstante und der Gravita-
tionskonstante im Einzelnen zu untersuchen, stehen uns vollstän-
dige Theorien zur Verfügung, die auch die Folgen berücksichtigen.
Die Theorien sind Verallgemeinerungen26 der berühmten Allgemei-
nen Relativitätstheorie Einsteins aus dem Jahr 1915 und liefern uns
das Bild eines expandierenden Universums für den Fall, dass sich die
genannten Konstanten ändern. Wenn wir wissen, wie stark sich G
oder α in einer bestimmten Epoche geändert hat, können wir mit-
hilfe der Theorie auf die Auswirkungen in späteren Zeiten schließen.
Der Griff nach den Sternen 251

Wir wären damit in die Lage, die Theorie anhand von Beobachtun-
gen zu überprüfen.
Ändern sich die Konstanten G und α nicht mit der Zeit, kann man die
Geschichte unseres Universums recht einfach beschreiben. Während
der ersten 300 000 Jahre war die Strahlung die vorherrschende Energie
im Universum. Die Temperatur lag oberhalb 3 × 109 K und war damit
für die Existenz von Atomen und Molekülen zu hoch. Das Universum
stellte eine trübe Suppe aus Elektronen, Photonen und Kernen dar.
Man nennt diesen Zeitabschnitt die ›Strahlungs-Ära‹ des Univer-
sums. Nach 300 000 Jahren kam es dann zu einer gewaltigen Umstel-
lung. Die Materie hatte aufgeholt und schließlich die Strahlung als
Energieform überrundet. Die Temperatur fiel bald tief genug, um die
Bildung der ersten Atome und Moleküle zu erlauben. Die Expansi-
onsrate des Universums wurde nun vorwiegend davon bestimmt, wie
dicht es mit Wasserstoff- und Heliumkernen angefüllt war. Im Laufe
der nun folgenden 13 Milliarden Jahre bildeten sich immer kompli-
ziertere Strukturen heraus: Galaxien, Sterne, Planeten und schließlich
Menschen. Diesen Zeitabschnitt der Geschichte des Universums
nennt man die ›Materie-Ära‹ oder ›Staub-Ära‹. Es ist durchaus mög-
lich, dass wir diese Ära schon hinter uns haben, denn wenn sich das
Universum schnell genug ausdehnt, verliert schließlich die Materie
ihre bestimmende Rolle. Die Expansion löst sich aus den bremsenden
Fesseln der Schwerkraft – wie eine Rakete, die mit mehr als der Flucht-
geschwindigkeit von der Erde wegfliegt. Wir sprechen dann von einer
Ära, die von der ›Raumkrümmung‹ beherrscht wird, da jene schnelle
Expansion zu einer negativen Krümmung des astronomischen Raums
führt, die in etwa der Gestalt eines Pferdesattels ähnelt.
Drei Abläufe der Expansion (siehe wieder Abbildung 8.3) sind vor-
stellbar: Das ›geschlossene‹ Universum dehnt sich zu langsam aus, um
die bremsende Wirkung der Schwerkraft zu überwinden und kollabiert
schließlich zu einem Gebilde mit extrem hoher Dichte. Beim ›offenen‹
Universum überwiegt die Expansionsenergie die Schwerkraft. Die Ex-
pansion geht ewig weiter und wird dabei immer rasanter. In einem Uni-
versum zwischen diesen beiden Extremen, das man auch ›flaches‹ oder
›kritisches‹ Universum nennt, sind Expansionsenergie und Schwerkraft
im Gleichgewicht, und es dehnt sich weiterhin gleichmäßig aus. Unser
Universum liegt äußerst nah an diesem ›kritischen‹ Zustand.
252 Das 1 × 1 des Universums

Nun gibt es aber noch eine andere Möglichkeit: Die Vakuumener-


gie des Universums könnte schließlich die Oberhand gewinnen, die
Effekte der ›gewöhnlichen‹ Materie überlagern und zu einer Be-
schleunigung der Expansion beitragen. Neuere astronomische Beob-
achtungen zeigen, dass unser Universum möglicherweise erst ›kürz-
lich‹ – als es drei Viertel des derzeitigen Alters erreicht hatte – in eine
Phase beschleunigter Expansion eingetreten ist. Darüber hinaus zei-
gen diese Untersuchungen, dass die Expansion nicht zunehmend von
der Raumkrümmung bestimmt wird. Abbildung 12.6 zeigt die Ex-
pansionsgeschichte des Universums seit der ersten Lebenssekunde
im Überblick. Aus den Beobachtungen können wir schließen, dass
derzeit 70 Prozent der Energie des Universums im Vakuum steckt
und zur Beschleunigung der Expansion beiträgt, während fast der
gesamte Rest in Materieform existiert.
Größe

Wir
befinden
uns hier!

Strahlung Kalte, dunkle Materie Vakuumenergie


Zeit

A b b ild u n g 1 2 .6
Drei Phasen der Expansion eines Universums wie dem unseren,
dessen Energie derzeit zu 70 Prozent aus einer unbekannten Form
von Vakuumenergie besteht, die die Expansion beschleunigt.

Was wird aus diesem Szenario, wenn sich α ändert? Die Expansion
ist von einer Änderung der Feinstrukturkonstante im Wesentlichen
unabhängig, sofern sie so langsam ist, wie es die Beobachtungen be-
stätigen: um eine Million Mal langsamer als die Expansion des Uni-
Der Griff nach den Sternen 253

versums. Umgekehrt sieht es anders aus: Die Expansion hat dramati-


sche Folgen für die Feinstrukturkonstante!
Zusammen mit Håvard Sandvik und João Magueijo habe ich un-
tersucht, was in den Milliarden Jahren der kosmischen Geschichte
mit der Feinstrukturkonstante passiert sein könnte. Unsere Schluss-
folgerungen waren recht einfach – und dabei ziemlich erstaunlich.
Während der Strahlungs-Ära gab es keine signifikanten Änderun-
gen. Als dann aber nach 300 000 Jahren die Materie-Ära begann,
wurde der Wert der Feinstrukturkonstante langsam größer und
wuchs proportional zum Logarithmus des Alters des Universums
an.27 Mit Beginn der Krümmungs-Ära oder mit dem Zeitpunkt, von
dem an die Vakuumenergie die Expansion zu beschleunigen begann,
endete der Anstieg von α. Dieser charakteristische Verlauf ist in Ab-
bildung 12.7 für ein Universum dargestellt, das heute in etwa die
Materie-, Strahlungs- und Vakuumenergie des unseren hat.
Feinstrukturkonstante ␣

Strahlungs- Materie- Krümmungs-


Ära Ära Ära

Zeit
A b b ild u n g 1 2 .7
Änderungen der Feinstrukturkonstante in den drei Expansionsphasen
unseres Universums.

Das Ergebnis ist faszinierend und deckt sich recht gut mit allen Beo-
bachtungen. Unser Universum begann sich ab einer Rotverschie-
bung von etwa 0,5 beschleunigt auszudehnen, daher kann man seit
der Zeit des Oklo-Reaktors mit keiner signifikanten Änderung von α
rechnen. Im Zeitabschnitt, der durch die Quasar-Beobachtungen
abgedeckt wird, deutet das Modell hingegen auf ein niedrigeres α –
genau, wie es die Beobachtungen belegen. Gehen wir dann noch
254 Das 1 × 1 des Universums

weiter zurück bis zu Rotverschiebungen von 1 100, als die Mikrowel-


lenstrahlung ihre Reise zu uns begann, sagt das Modell weit kleinere
Änderungen von α voraus, als sie mit der heutigen Messtechnik
nachgewiesen werden können.
Wenn diese Variationen von α im Verlauf der Expansion des Uni-
versums wirklich stattgefunden haben, hatten sie auch Folgen für
die Entwicklung von Leben. Ist die Feinstrukturkonstante zu groß,
können keine Atome und Moleküle existieren und sich keine Sterne
entwickeln, weil ihr Inneres zu kühl ist, um selbsttragende Kernreak-
tionen zu erlauben. Es ist daher entscheidend, dass die Materie-Ära
der kosmischen Geschichte, in der die Feinstrukturkonstante zu-
nimmt, nicht zu lang dauert. Ohne die Vakuumenergie oder die
Raumkrümmung, die den stetigen Anstieg der Feinstrukturkon-
stante zum Halt bringt, würde eine Zeit kommen, in der Leben un-
möglich wäre, zumindest kein Leben, das auf Atomen beruht und
Energienachschub aus Sternen benötigt.
Ganz ähnlich sehen mögliche Änderungen der Gravitationskons-
tante G aus. In der Strahlungs-Ära tendierte sie dazu, konstant zu
bleiben, während sie in der Materie-Ära geringer wurde, bis die
Raumkrümmungs-Ära begann. Ohne eine Raumkrümmungs-Ära
würde die Gravitationskonstante immer kleiner werden, und es wäre
für Planeten und Sterne immer schwieriger, zu existieren. Der hypo-
thetische Verlauf von G ist in Abbildung 12.8 dargestellt.
Gravitationskonstante G

Strahlungs-
Ära

Materie- Krümmungs-
Ära Ära
Zeit
A b b ild u n g 1 2 .8
Änderungen der Gravitationskonstante G in den drei Expansionsphasen
unseres Universums.
Der Griff nach den Sternen 255

Insgesamt gesehen zeigen die Ergebnisse, dass die Konstanten nur in


der Materie-Ära die Freiheit haben, sich zu ändern. Wenn sie über-
haupt Änderungen unterworfen waren (und sind), so beobachten
wir das Universum in einem ganz besonderen Abschnitt seiner Ge-
schichte, in dem die Werte der Konstanten gerade so groß sind, dass
Atome, Sterne und Planeten möglich sind.
Es war schon immer ein Geheimnis, warum die Expansion unse-
res Universums heute so nahe der ›kritischen‹ Kurve verläuft und
warum die Vakuumenergie so außerordentlich klein ist. Wir wissen,
dass die Wahrscheinlichkeit für Leben auf der Erde – und anderswo
im Universum – weit geringer gewesen wäre, wenn die Expansions-
rate weiter vom kritischen Wert entfernt gelegen hätte. Ist ein Uni-
versum zu stark von der Raumkrümmung bestimmt, beschleunigt
sich – wie wir schon gesehen haben – die Expansion so sehr, dass
Materieinseln diesen Effekt nicht überleben: Es entstehen weder Ga-
laxien noch Sterne. Wenn sich andererseits das Universum zu lang-
sam ausdehnt, wird es irgendwann wieder in sich zusammenfallen
und im Big-Crunch enden. In diesem Fall bilden sich allzu schnell
dichte Materieinseln, die in riesigen Schwarzen Löchern versinken,
bevor Sterne oder gar eine Biochemie entstehen können (siehe Abbil-
dung 9.2). Ähnlich verhält es sich mit der Vakuumenergie. Wäre sie
zehnmal größer, hätte sie die Expansion des Universums so früh ge-
startet, dass sich auch in diesem Fall weder Galaxien noch Sterne
hätten bilden können.
Unsere Überlegungen zeigen, dass es wenig überraschend ist,
wenn die Expansionsrate des Universums so nahe an der kritischen
liegt oder wenn die Vakuumenergie nahezu Null ist: Es gäbe uns
nicht, wenn es anders wäre. Sind die Konstanten variabel, erklärt
das, warum das Universum für uns nicht exakt kritisch sein kann
und warum es nicht völlig ohne Vakuumenergie ist.28 Die Vakuum-
energie und die Raumkrümmung sind die Bremsbeläge des Univer-
sums, die Änderungen der Naturkonstanten zum Halt bringen.
Wenn dies nicht geschieht, könnten sie Werte erreichen, die jegliche
Existenz von Atomen, Planeten und Sternen ausschließen. Das Uni-
versum wäre dann ohne Leben und ohne die Bausteine, aus denen
Komplexität entstehen kann. Wie alle schönen Dinge würde auch
das Leben irgendwann zu Ende gehen.
Kapitel 13
Neue Welten – neue Rätsel
Oh Welt von vielen Welten! Oh Leben vieler Leben!
Was ist deine Mitte? Und wo ist mein Platz?
Wilfred Owen1

Multiversen
Unsere Ausflüge auf den neuen Wegen, die sich uns bei den Versu-
chen eröffnet haben, die Naturkonstanten zu verstehen und zu er-
klären, haben eine Menge großer Fragen über die Natur der Dinge
aufgeworfen. Wir haben gesehen, dass sich die Kosmologen einge-
hend mit ›anderen‹ Welten befassen, deren Naturkonstanten sich
von denen in unserer Welt unterscheiden. Es hat den Anschein, dass
schon kleine Änderungen bei der einen oder anderen Konstante Le-
ben unmöglich machen würden. Damit stellt sich natürlich die
Frage, ob diese anderen Welten in irgend einem Sinne ›existieren‹
und, wenn es sie gibt, worin sie sich von der Welt unterscheiden, die
wir vor Augen haben und (zumindest ein wenig) kennen. Die Exis-
tenz alternativer Welten würde auch den ›Beweis‹ für einen Schöp-
fungsplan zunichte machen, der sich auf die ›offensichtlich‹ so feine,
Leben schenkende Abstimmung unserer Welt gründet. Denn wenn
es alle nur denkbaren Alternativen gibt, so leben wir eben in einer
von ihnen, die unsere Existenz zulässt. Wir können sogar noch wei-
ter gehen und eine Wette wagen, dass wir in der wahrscheinlichsten
Sorte lebensfördernder Universen leben.2 Der wohl Erste, der von
›vielen‹ Welten ausging, ist der Biologe Charles Pantin aus Cam-
bridge. Er wollte für seine Überlegungen zu den besonderen Struk-
tureigenschaften des Universums, seinen Gesetzen und den Natur-
konstanten einen Rahmen finden, indem er ein Ensemble aus vielen
Welten postulierte, von denen jede ganz bestimmte physikalische
Eigenschaften aufweist:
Neue Welten – neue Rätsel 257

Wenn wir sicher sein könnten, dass unser Universum nur ein Exemplar aus
einer unendlichen Zahl von Universen mit jeweils anderen Eigenschaften ist,
könnten wir vielleicht eine Lösung in Analogie zum Prinzip der natürlichen
Auslese angeben: Nur in bestimmten Universen, zu denen zufällig auch unse-
res gehört, sind die Bedingungen für Leben geeignet. Und wenn diese Bedin-
gungen nicht erfüllt sind, gibt es auch niemand, der das feststellen kann.3

Eines der Probleme, sich ein solches Multiversum aus zahlreichen Uni-
versen auch nur vorzustellen, besteht darin, dass es unzählige Möglich-
keiten von Andersartigkeit gibt. Wir wissen aus der Mathematik, dass es
jenseits der Logik vom ausgeschlossenen Dritten, die wir üblicherweise
benützen, noch andere Logiken gibt, nach denen beispielsweise Aussa-
gen sowohl wahr als auch falsch sein können. Ganz ähnlich gibt es auch
unterschiedliche mathematische Strukturen, unterschiedliche Natur-
gesetze, andere Werte der Naturkonstan-
ten, Universen mit unterschiedlich vielen Dass uns das Universum so einmalig
Raum- und Zeitdimensionen, andere erscheint, rührt in erster Linie von den
Anfangsbedingungen und andere Zu- vielen Alternativen her, die wir uns
vorstellen können.
fallsresultate komplexer Ereignisketten.
4
Es sieht so aus, dass das Ensemble aller Charles Pantin
möglichen Welten zumindest alle denk-
baren Permutationen und Kombinationen dieser unterschiedlichen
Parameter enthalten muss. Dieses Füllhorn von Möglichkeiten zu be-
greifen ist sicher eine immens schwere Aufgabe.
Wir haben schon gesehen, was sich ereignen kann, wenn man für
die eine oder andere mögliche Welt konkrete Änderungen vorgibt,
beispielsweise mehr Dimensionen oder andere Werte der entschei-
denden Konstanten festlegt. Wir wissen allerdings nicht, ob diese
anderen Welten auch wirklich funktionieren könnten. Handelt es
sich tatsächlich um erlaubte Alternativen – oder sind sie so unwahr-
scheinlich wie eckige Kreise? Es könnte sein, dass die noch zu fin-
dende Theorie für Alles den Bauplänen anderer Welten große Ein-
schränkungen auferlegt. Dass wir uns so viele andere Welten
vorstellen können, die durch kleinere oder größere Naturkonstanten
definiert werden, ist vielleicht nur Ausdruck für unsere Ignoranz ge-
genüber der logischen Konsistenz einer Theorie für Alles.
Man kann sich der Vorstellung von anderen Universen auf zwei
Wegen annähern. Der konservative Weg nimmt unser Universum als
258 Das 1 × 1 des Universums

Vorlage und ändert seine Eigenschaften in nur geringem Maß: Man


dreht an einigen Naturkonstanten und den astronomischen Eigen-
schaften des Universums – lässt aber die Naturgesetze selbst unver-
ändert. Fallen unsere Variationen zu groß aus, hat das Konsequen-
zen für die uns bekannten Lebensformen. Wir nehmen beispielsweise
an, dass wir noch existieren können, wenn sich die Feinstrukturkon-
stante um 10-11 ändert, aber nicht wenn es 10 Prozent sind.5
Neben diesem konservativen gibt es noch den radikalen Ansatz,
der von großen Änderungen ausgeht, die auch die Gesetze, die ihnen
zugrunde liegende mathematische Logik und die Zahl der Raum-
und Zeitdimensionen betreffen. Man muss sich dann mit grundsätz-
lich anderen Formen von ›Leben‹ befassen, die in einer von der irdi-
schen völlig verschiedenen Umgebung existieren können.6 Das
verlangt, genauer zu untersuchen, was ›Leben‹ eigentlich ist. In der
Regel reduziert man den Begriff auf einige Grundforderungen: die
Fähigkeit, Information zu verarbeiten und zu speichern (wenn man
Computerfreak ist), die Fähigkeit, sich durch natürliche Auslese zu
entwickeln (wenn man Biologe ist). Oder man definiert Leben einfach
als Energiefluss im Nicht-Gleichgewicht (wenn man Chemiker ist).
Als Beispiel für den radikalen Ansatz kann mein Versuch gelten,
›Leben‹ im mathematischen Formalismus zu finden.7 Wir wollen
dazu die Hierarchie aller möglichen mathematischen Strukturen
betrachten, indem wir mit einfachen endlichen Ansammlungen
von Punkten beginnen, die durch Regeln verbunden sind, dann Ge-
ometrien und Zählsysteme wie die Arithmetik ganzer Zahlen mit
einbeziehen, daraufhin Brüche, Dezimalzahlen, komplexe Struktu-
ren, Gruppen und so fort: immer vorwärts und die Treppe der Kom-
plexität hinauf. Nun fragen wir, welche dieser Strukturen als Wesen
mit Bewusstsein gelten können. Wenn wir nämlich die Axiome ei-
nes der logischen Systeme hernehmen und dann unter Verwendung
der vorgegebenen Regeln der Beweisführung sämtliche irgendwie
möglichen wahren Aussagen herausarbeiten, so wird sich vor uns
ein riesiges Netz logischer Wahrheiten erstrecken. Enthält dieses
Netz schließlich Strukturen, die vollständig dem entsprechen, was
wir mit dem Begriff ›Bewusstsein‹ bezeichnen, können wir sagen,
dass sie in einem bestimmten Sinne ›leben‹. Die Frage ist nur, in
welchem Sinne.
Neue Welten – neue Rätsel 259

Ein anderer Zugang zu diesem Problem ist die Entwicklung eines


Computermodells oder einer Simulation des Prozesses der Stern-
und Planetenbildung. Astronomen arbeiten eifrig an dieser Aufgabe.
Die Bildung von Sternen ist zu kompliziert, als dass man sie ›von
Hand‹ rechnen kann: Ohne die Hilfe eines schnellen Computers zur
Lösung der Prozessgleichungen ist man verloren. Wir wollen uns nun
vorstellen, dass irgendwann in ferner Zukunft diese Rechnungen so
präzise werden, dass sie aufs Genaueste beschreiben, wie sich Sterne
bilden und Planeten entstehen, die denen, die wir heute beobachten,
sehr ähneln. Wenn wir dieses Problem ›gelöst‹ haben, kommt garan-
tiert ein begeisterter Biochemiker und will, dass wir noch einen
Schritt weitergehen und den Computer mit Bergen von Biochemie
und Geologie füttern, sodass wir Prognosen über die ersten chemi-
schen Prozesse auf einem Planeten und in seiner Atmosphäre erhal-
ten. Die Ergebnisse fallen äußerst interessant aus: Der Computer be-
schreibt die Bildung von Molekülen, die sich selbst vervielfältigen,
miteinander in Wettbewerb treten und auf der Oberfläche unseres
jungen Planeten ganz komplizierte Dinge tun. DNS-Spiralen tauchen
auf und bilden die erste Grundlage für genetische Replikatoren. Die
Selektion tut ihr Werk, und die am besten angepassten Replikatoren
vermehren sich sehr schnell, verbessern sich dabei und verbreiten ihre
Baupläne über den gesamten bewohnbaren Teil des Planeten. Nun
lässt man das Computerprogramm immer weiter laufen. Irgendwann
werden sich bestimmte Programmteile gegenseitig Signale zusenden
und Informationen speichern. Sie haben einen einfachen Code entwi-
ckelt und einen Algorithmus, der auf der (achtfachen) Symmetrie be-
ruht, wie sie die größten Replikatoren aufweisen. Die Programmierer
sind über das Gedeihen ihres Werks hell begeistert, denn sie hatten
nie damit gerechnet, dass so etwas aus ihrem ursprünglichen Pro-
gramm entstehen könnte. Das Verhalten der Replikatoren ist wie ein
Code, der zunächst nicht allzu schwer zu knacken ist. In den Compu-
terresultaten finden wir Ansätze zu einer einfachen Kommunikati-
onslogik. Eine Videoaufzeichnung der Ergebnisse würde einem na-
turgeschichtlichen Film über die Evolution des Lebens ähneln.
Diese kleine Fantasiereise zeigt, wie sich aus einer Computersimu-
lation Verhaltensweisen entwickeln können, die wir als ›bewusst‹
klassifizieren würden. Wenn wir nun fragen, wo sich dieses Bewusst-
260 Das 1 × 1 des Universums

sein befindet, wird uns wenig anderes einfallen als ›im Programm‹.
Es ist Teil der Software, die auf der Maschine läuft, und besteht aus
einer Ansammlung komplexer Theoreme, die, ableitbar aus den An-
fangsbedingungen, die Programmlogik darstellen. Diese Art von Le-
ben ›existiert‹ im mathematischen Formalismus.
Diese Beispiele sollen zeigen, wie sich Aspekte von Leben als Com-
puterprogramm verwirklichen lassen. Unsere Überlegungen führen
zu dem Schluss, dass entsprechend definiertes ›Leben‹, wenn es in
einem mathematischen Formalismus existieren kann, auch wirklich
in vollem Sinne existiert. Das Ganze ist dem berühmten ontologi-
schen Gottesbeweis eines Anselm von Canterbury nicht unähnlich.
Man könnte nun fragen, ab welcher Stufe von Komplexität es
möglich ist, von Leben innerhalb eines mathematischen Formalis-
mus zu sprechen. Die einzige merkliche Schranke taucht auf, wenn
wir die Komplexität der Arithmetik erreichen. An diesem Punkt ist
Selbstreferenzialität möglich: Es kann zu einer eindeutigen Zuord-
nung der Arithmetik und der Sätze über die Arithmetik kommen,
was bei einfacheren Strukturen wie der Geometrie nicht möglich ist.
Zellulare Automaten wie in John Conways ›game of life‹8 erweisen sich
in ihrer logischen Struktur als der Arithmetik gleichwertig. Es ist be-
merkenswert, dass mit dem Erreichen der Komplexität von Arithme-
tik die ›Gödelsche Unvollständigkeit‹9zu einer Eigenschaft des Sys-
tems wird. Einige Autoren, insbesondere John Lucas und Roger
Penrose, haben die Vermutung geäußert, dass diese Eigenschaft mög-
licherweise ein wesentliches Merkmal von Bewusstsein ist. Wenn das
stimmt, ist die Komplexitätsschranke, die man beim Erreichen der
Arithmetik überschreitet, das niedrigste Niveau, ab dem ›bewusste‹
Informationsverarbeitung in einem logischen System beginnen
kann. Interessant ist auch, diese untere Schranke für selbstreferenzi-
elle Komplexität in logischen Systemen mit der unteren Schranke zu
vergleichen, die vor dem Entstehen von Komplexität in diskreten
Zellautomaten zu überwinden ist, wie sie von Stephen Wolfram in A
New Kind of Science diskutiert werden. Einfache eindimensionale Al-
gorithmen mit Regeln für die unmittelbaren Nachbarn können
Komplexitätsniveaus erreichen, die auch nicht übertroffen werden,
wenn man sich in höhere Dimensionen begibt, komplexere Regeln
aufstellt oder zufällige Störungen und Mittelbildung zulässt.
Neue Welten – neue Rätsel 261

Das Problem bei derartigen computer-ontologischen Argumen-


ten, die Leben inmitten mathematischer Formalismen erblühen las-
sen, ist ihre Gleichsetzung von mathematischer und physikalischer
Existenz. Mit der physikalischen Existenz haben wir einige Erfah-
rung. Wie vieles andere auch können wir sie vielleicht nicht definie-
ren, aber wir wissen manches über sie und erkennen sie, wenn unsere
Sinne sie registrieren. Die mathematische Existenz ist ein weit
schwammigeres Ding, dafür aber weit leichter zu definieren. Mathe-
matische Existenz bedeutet logische Widerspruchsfreiheit. Das al-
lein genügt für einen mathematischen Satz, damit er als ›wahr‹ gilt.
Rechtwinklige Dreiecke ›existieren‹ im System der Euklidischen Ge-
ometrie, Kreise mit Ecken nicht.
Ein wahrer mathematischer Satz muss nicht unbedingt interes-
sant sein, er muss auch weder kurz sein noch neu. Er darf nur nicht
zu einem Widerspruch innerhalb des logischen Regelwerks führen,
mit dessen Hilfe er abgeleitet wurde.10 Derartige mathematische Uni-
versen können in vielerlei Hinsicht ›imaginär‹ sein. Es gab sogar
Mathematiker wie Godfrey Hardy (1877–1947), die dachten, das eine
oder andere sei sogar dem irdischen vorzuziehen:

›Imaginäre‹ Universen sind so viel schöner als unser dumm konstruiertes ›rea-
les‹. Aber die meisten der schönen Früchte, die den Launen eines Vertreters
der angewandten Mathematik entspringen, müssen – traurig, aber wahr – so-
fort nach ihrer Schöpfung aufgrund eines hinreichenden Grundes zurückge-
wiesen werden: Sie stehen in Widerspruch zu den Fakten.11

Ein möglicher Einwand gegen die Schöpfung lebensfördernder Wel-


ten aus einem großartigen Computercode besteht darin, dass es an-
scheinend weit mehr mathematische Formalismen gibt, die nicht zu
Leben führen, als solche, die es zum Blühen bringen. Von unserem
anthropischen Argument wissen wir, dass wir uns in einem jener Uni-
versen befinden, die Leben unterstützen. Es gibt aber noch ein subtile-
res Problem. Eine unendliche Zahl von Universen, die über eine so
wohlgeordnete Struktur verfügen wie derzeit das unsere, werden in
Zukunft aus der Rolle fallen und sich gesetzlos verhalten. Die Wahr-
scheinlichkeit ist also bei weitem größer, in einem Universum zu le-
ben, in dem der Glaube enttäuscht wird, dass die Sonne auch am
nächsten Morgen wieder aufgeht.12 Wenn es eine so große Anzahl
262 Das 1 × 1 des Universums

möglicher Welten gibt, in denen die Sonne morgen nicht aufgeht, sonst
aber alles so ist wie in unserer lebensfördernden Welt – was sollen wir
dann daraus schließen, dass bei uns die Sonne morgen doch aufgeht?

Diese Frage ist nicht so paradox wie sie auf den ersten Blick er-
scheint. Wir müssen einen Weg finden, um die Wahrscheinlichkeit
der verschiedenen Geschichtsverläufe herauszufinden, wobei es
nicht ausreichen dürfte, sie einfach nur zu zählen. Die Universen, in
denen die Geschichte lange Zeit wohlgeordnet verläuft, aber in ei-
nem bestimmten Moment in Chaos umschlägt, müssen ganz be-
stimmte Konstruktionsmerkmale aufweisen. Diese sind der Grund
dafür, dass diese Universen weniger wahrscheinlich als die anderen
sind, in denen alles weiter seinen geregelten Gang geht.
Die anderen Welten, mit denen wir uns gerade beschäftigt haben,
sind für uns so fiktiv wie die Schattenbilder Platons. Ihre Existenz
hat nichts von dem, was wir unter realer ›Existenz‹ eigentlich verste-
hen. Sie sind mehr virtuell als real. Irgendwie lebt das Leben in ma-
thematischen Formalismen oder in einem Computerprogramm
nicht wirklich. Vielleicht leiden ja alle ›bewussten‹ Informations-Ver-
arbeiter in diesen Formalismen unter denselben Wahnvorstellungen
von Größe und Einmaligkeit. Aber wir wollen nun annehmen, dass
mit ihnen alles in Ordnung ist – und lieber zu konkreteren En-
sembles anderer Welten übergehen.

Das Buch der Bücher


Kosmologen haben sich ausgedacht, wie Ensembles anderer Welten
entstehen könnten. Meist gehen sie von dem konservativen Schöp-
fungsansatz aus, den wir schon kennengelernt haben, bringen also
nur einige wenige Änderungen an den Naturkonstanten oder der
Zahl der Dimensionen an, lassen aber die Naturgesetze so wie sie
sind. Wir haben uns schon mit dem inflationären Universum und
seinen beiden Abarten, dem chaotischen und dem ewigen Univer-
sum befasst. Verschiedene große (vielleicht sogar unendlich große)
Gebiete unseres Universums können als Folge der Zufallsprozesse,
Neue Welten – neue Rätsel 263

welche die Inflation eingeleitet haben, unterschiedliche Dichten und


Expansionsraten aufweisen, vielleicht sogar verschieden viele Raum-
dimensionen und völlig andere Naturkräfte. Anfang und Ende der
Inflation können an verschiedenen Plätzen zu verschiedenen Zeiten
stattgefunden haben. Das Ergebnis ist ein Universum mit Regionen,
in denen vollkommen unterschiedliche Zustände herrschen und na-
türlich auch die bestimmenden Naturkonstanten andere Werte auf-
weisen (siehe Abbildung 13.1).

a)

b)

Energie

A B C D E
Feldgröße

A b b ild u n g 1 3 .1
a) Universum mit Regionen, die auf unterschiedliche Weise eine Inflati-
onsphase durchmachen.
b) Der niedrigste Energiezustand der Materie am Ende einer Inflation
kann verschieden ausfallen. Das hat zur Folge, dass die Zahl und die
Stärke der Naturkräfte je nach dem von der Materie erreichten Mini-
mum verschieden sein wird.
264 Das 1 × 1 des Universums

Diese Regionen sind mit größter Wahrscheinlichkeit sehr ausge-


dehnt – viel weiter als unser sichtbares Universum. Die Inflation
bläht kleinste Gebiete äußerst schnell zu riesigen Räumen auf, daher
liegt höchstwahrscheinlich auch die Grenze unserer Region weit jen-
seits unseres Sichtbarkeitshorizonts. Aber vielleicht taucht ja einst
für unsere Nachfahren eine dieser völlig exotischen Regionen auf,
vernichtet Materie, verzerrt die Expansion des Universums und ver-
schluckt Sterne und Galaxien.
Wenn wir uns ein für ewige Zeiten inflationäres Universum vor-
stellen, ist das Reich der Möglichkeiten noch weit größer. Wir selbst
sind dann nichts als eine lokale Fluktuation in einem nie endenden
Prozess, der alle denkbaren Permutationen der kosmischen Bedin-
gungen, Konstanten und Dimensionen durchläuft. Nur in einigen
von ihnen ist auch Leben möglich.
Eine interessante Eigenschaft dieses inflationären Universums ist,
dass es uns keinen Glauben an ein Multiversum aus anderen Welten
dubioserer Art abverlangt. Die Regionen des inflationären Univer-
sums sind keine Parallel-Universen oder imaginäre Welten – und
vielleicht sind sie nicht einmal bloß hypothetisch. Was als ›Welt‹
zählt ist nichts als eine riesig große Region des einen und einzigen
Universums. Wenn es unendlich ausgedehnt ist, kann es auch un-
endlich viele Alternativen umfassen. Wenn es alle logisch möglichen
Varianten durchläuft, wird auch jede Welt, die existierten kann, ir-
gendwo existieren – und nicht nur einmal, sondern unendlich oft.
Eines kann man über diese Idee mit Sicherheit sagen: Wenn sie wahr
ist, sind wir wohl kaum die Ersten, die auf sie gekommen sind.13
Es gibt noch andere und banalere Möglichkeiten, um innerhalb
eines Universums verschiedene Welten zu schaffen. Die Natur er-
zeugt Komplexität, indem sie bei der Realisierung der Möglichkeiten
die Symmetrie ihrer Gesetze bricht. Sie, die Sie dieses Buch lesen,
befinden sich in diesem Augenblick an einem ganz bestimmten Ort
des Universums, obwohl die Gesetze der Schwerkraft und des Elek-
tromagnetismus, deren kompliziertes Produkt Sie sind, keinen Ort
im Universum bevorzugen, sondern universell gelten. In der Früh-
zeit der Expansion und Abkühlung des Universums gab es unzählige
Gelegenheiten, bei denen die Symmetrie gebrochen wurde. An dieser
Stelle geschah das auf diese Weise, dort wieder anders. Solche Zu-
Neue Welten – neue Rätsel 265

fallsereignisse können aber für die Entwicklung von Leben in der


Zukunft eine weitreichende Bedeutung haben. Ein typisches Beispiel
eines solchen ›vitalen‹ Symmetriebruchs ist derjenige, der zum
Gleichgewicht von Materie und Antimaterie im frühen Universum
geführt hat. Er hatte zur Folge, dass das Ungleichgewicht zwischen
Materie und Strahlung, das nötig ist, damit nicht alles in Strahlung
aufgeht, später von Ort zu Ort stark variierte. Fand dieser Symme-
triebruch vor einer Inflation statt, hat sich ein Gebiet mit einem
Übergewicht an Materie ausgedehnt und eine gewaltige Region ge-
bildet, in der unser sichtbares Universum seinen Platz hat. Hat er
nach der Inflation stattgefunden, könnte der sichtbare Teil des Uni-
versums Gebiete enthalten, in denen ein anderes Verhältnis von Ma-
terie zu Antimaterie herrscht. Wir haben damit wieder einen Prozess,
der innerhalb eines einzigen Universums große Regionen entstehen
lässt, in denen sich einige Eigenschaften, die für die Herausbildung
von Leben entscheidend sind, von Ort zu Ort signifikant unterschei-
den.
Die Quantentheorie lehrt uns, dass alle Dinge, die wir als Teilchen
oder materielle Gebilde sehen oder greifen können, Wellencharakter
haben. Die Wellenfunktion ist Ausdruck der Wahrscheinlichkeit für
den Aufenthalt eines Teilchens. Eine der interessanten Entdeckun-
gen der Physiker, die sich um die quantentheoretische Beschreibung
des gesamten Universums bemühen, besteht darin, dass die Anfangs-
bedingungen des Universums eine entscheidende Rolle beim Über-
gang von Wellen- zu Partikeleigenschaften gespielt haben.
Wir gehen gewöhnlich davon aus, dass sich der wellenhaft-unbe-
stimmte Charakter von Materieteilchen nur im Bereich winzigster
Dimensionen zeigt. Je größer die Dinge sind, umso kleiner und ver-
nachlässigbarer werden die Quanteneffekte. Wir müssen uns um sie
kümmern, wenn wir Atomphysik betreiben, aber wir können sie ver-
gessen, wenn wir ein Auto steuern: Es verhält sich nicht quantenhaft.
Es scheint jedoch ganz bestimmte Anfangsbedingungen geben zu
müssen, damit Universen diese Eigenschaft annehmen, wenn sie sich
aufblähen und alt werden. In vielen Welten werden sich vertraute
Eigenschaften wie Ort, Energie, Impuls und Zeit nicht so genau defi-
niert herausbilden wie bei ›uns‹ – so wenig wie der Typus komplexer
Organisation, den wir Leben nennen.
266 Das 1 × 1 des Universums

Die moderne Suche nach einer Theorie für Alles lässt Raum für
andere Welten. Man hat sich oft vorgestellt, dass eine solche ultima-
tive Theorie auch alle Naturkonstanten bestimmen wird. Das er-
scheint inzwischen aber eher unwahrscheinlich, und man vermutet
nun, dass nur ein Teil der Naturkonstanten durch die strikte, innere
Logik der Theorie absolut festgelegt wird, während der Rest ver-
schiedene Werte annehmen kann, die das Ergebnis symmetriebre-
chender Zufallsprozesse sind. Wir waren in Kapitel 8 mit einer sol-
chen offenen Zukunft konfrontiert und müssen, wie wir gesehen
haben, die anthropische Auslese heranziehen, um zu erklären, wa-
rum bei uns die Werte der Naturkonstanten in einem engen, lebens-
fördernden Bereich liegen.
Bis jetzt waren wir damit zufrieden, Ensembles anderer Welten zu
schaffen, indem wir an Teilen unserer eigenen Welt herumgebastelt
haben und ihre natürliche Tendenz ausnützen konnten, dass die
Realität von Ort zu Ort verschieden ausfällt. Es ist nun an der Zeit,
weiterreichende Spekulationen anzustellen und Wege zur Änderung
der Naturkonstanten zu überlegen, die alle Möglichkeiten umfassen.
Dazu wollen wir die Zwänge der gängigen Physik verlassen und uns
in das Reich fantastischerer Vorstellungen begeben.

Grenzenlose Welten
Bevor man den selbst-reproduktiven Charakter des ewig inflationären
Universums14 erkannt hatte, war man davon ausgegangen, dass man
die Inflation vielleicht in einem Teil des Universums anregen kann,
indem man dort bestimmte Zusammenstöße von Elementarteilchen
mit hohen Energien arrangiert – ein Versuch, den Zufall auszuschal-
ten. Das Szenario ewiger Inflation beruht darauf, dass nichts arran-
giert werden muss. Das Universum bringt die kontinuierlichen Infla-
tionsperioden zustande, ohne dass es intelligente Hilfe braucht und
ohne dass unintelligente Unglücksfälle eine Rolle spielen.
Was aber, wenn sich das Universum bis in alle Ewigkeit in seinen
Inflationsphasen immer wieder neu erfindet? Vielleicht hat es in Re-
gionen, die sich in der Vergangenheit inflationär ausgedehnt haben,
Neue Welten – neue Rätsel 267

weit fortgeschrittene Zivilisationen gegeben, die wussten, wie man


eine Inflation anheizt und ihre Folgen zurechtschneidert. Wenn das
so war, hätten sie die Inflation so abstimmen können, dass sie für die
weitere Existenz von Leben förderlich war. Der britische Kosmologe
Edward Harrison hat über Vermutungen spekuliert, derart erleuch-
tete Wesen würden versuchen, die nächste Auflage des Universums
lebensfreundlicher einzurichten als die, in der sie sich selbst entwi-
ckelt hatten.15 Wenn sich dieser Prozess der Feinabstimmung über
viele Generationen ewiger Inflation fortsetzt, muss man davon aus-
gehen, dass die lebensfördernden ›Koinzidenzen‹ zwischen den Wer-
ten der einstellbaren Naturkonstanten immer besser abgestimmt
werden. Nach Harrison ist das viel-
leicht die Erklärung dafür, dass sie so Mannigfaltig und seltsam sind die
gut abgestimmt sind. So verführerisch Universen, die wie Blasen im Schaum
diese ›intelligente‹ Schöpfung von Uni- des Zeitstroms treiben.
versen auch erscheinen mag, so wenig Arthur C. Clarke16
klar ist, wie sie in Gang gesetzt werden
kann. Wenn ein Universum mit Kon-
stanten beginnt, die weit von denen entfernt sind, die zur Herausbil-
dung von Komplexität nötig sind, werden nie die bewussten Lebewe-
sen entstehen, die dann eine Feinabstimmung vornehmen können.
Nur zufällige Fluktuationen können hier noch weiterhelfen.
Ein anderes interessantes Szenario, nach dem die Naturkonstan-
ten ebenfalls Einflüssen von außen unterliegen, hat der amerikani-
sche Physiker Lee Smolin in seinem Buch Warum gibt es die Welt? entwi-
ckelt. Danach entfaltet sich aus der geheimnisvollen Singularität im
Innern jedes neu entstandenen Schwarzen Lochs ein Parallel-Univer-
sum. Alles, was von einem Schwarzen Loch eingefangen wird, endet
unerbittlich in dieser Singularität. Anstatt in ein zeitloses Nirwana
einzugehen, wird die untergegangene Materie wiedergeboren und er-
steht neu in Form eines expandierenden Universums, dessen Natur-
konstanten sich von den alten auf zufällige Weise unterscheiden.17
Auf lange Sicht führt dieses Szenario zu einem Universum mit
ganz bestimmten Eigenschaften. Wenn der Sturz von Materie in ein
Schwarzes Loch jeweils neue Universen entstehen lässt, wird ein Uni-
versum umso mehr Nachkommen haben, die seinen eigenen ›Geneti-
schen Code‹ – die Größe seiner Naturkonstanten – weitergeben, je
268 Das 1 × 1 des Universums

mehr Schwarze Löcher es erzeugt. Zuletzt, so kann man argumentie-


ren, würden wir uns in einem Universum wiederfinden, in dem die
Naturkonstanten optimal für die Erzeugung von Schwarzen Löchern
sind. Daher machten es schon kleinste Änderungen der derzeitigen
Naturkonstanten schwerer, Schwarze Löcher entstehen zu lassen.
Das ist allerdings nur eine der Schlussfolgerungen, die wir aus
diesem Szenario ziehen können. Unsere anthropischen Erwägungen
sagen uns, dass sich Universen, die optimal für das Entstehen
Schwarzer Löcher ausgelegt sind, als ungeeignet für lebende Beob-
achter erweisen könnten. Es ist daher wesentlich, das Anthropische
Prinzip anzuwenden. Wir können nur vorhersagen, dass wir uns in
einem für Schwarze Löcher optimalen Universum befinden, wenn
dort auch lebende Beobachter möglich sind. Und das könnte ein
völlig anderes Universum sein!
Es ist auf lange Sicht aber auch möglich, dass die Änderung von
Naturkonstanten zu keinen lokalen Maxima für die Entstehung von
Schwarzen Löchern führt. Es mag für einige Konstanten eine Ände-
rungstendenz geben, die zu einer ständig anwachsenden Erzeugung
Schwarzer Löcher führt. Aber auch hier können wir wieder wenig
über die Werte sagen, die die Naturkonstanten letztlich annehmen.18
Das legt einen weiteren Weg nahe, bei dem aus unserem Universum
ein Ensemble anderer Welten mit unterschiedlichen Naturkonstanten
erzeugt werden kann. Enthält ein Universum genügend Materie, so
kann es sich wieder zusammenziehen und in ferner Zukunft einen Big-
Crunch erleiden. Es bleibt dabei ein Geheimnis, was bei diesem Big-
Crunch eigentlich passiert. Physikalisch gesehen ähnelt es den Vorgän-
gen im Mittelpunkt eines Schwarzen Lochs. Vielleicht kommt das
Universum ja – zusammen mit Raum und Zeit und allen Naturgeset-
zen – einfach zu einem Ende auf das nichts folgt. Aber die Kosmologen
waren immer versucht sich vorzustellen, dass das kollabierende Uni-
versum wie der Phönix aus der Asche wieder in den Zustand der Ex-
pansion springt. Dann wäre der Schluss nur natürlich, dass das Uni-
versum für alle Zeiten zwischen Expansion und Schrumpfung oszilliert
(siehe Abbildung 13.2). Die große Frage ist, was sich bei einem solchen
Sprung ändert – wenn sich überhaupt etwas ändert. Muss die Tafel mit
den Zehn Geboten neu beschrieben werden, oder werden Informatio-
nen aus den vorhergegangenen Zyklen in den neuen übernommen?
Neue Welten – neue Rätsel 269

Größe

Zeit

A b b ild u n g 1 3 .2
Oszillierendes Universum,
in dem nach jedem Big-Crunch ein neuer Zyklus beginnt.

John Wheeler hat ursprünglich angenommen, dass bei jedem Sprung


aus der Schrumpfung in die Expansion die Naturkonstanten neu
gemischt werden. Das Resultat wäre eine unendliche Folge schrump-
fender und expandierender Universen, in denen die Naturkonstan-
ten jeweils unterschiedlich sind. Nur während eines Zyklus, in dem
der Zufall einen Satz von Naturkonstanten gewählt hat, der Leben
erlaubt, können auch wir existieren. Leider wissen wir nicht, wie die
Werte der Konstanten vom einen zum nächsten Zyklus weitergege-
ben werden. Ein Faktor spielt dabei eine bedeutende Rolle: Folgt aus
der neuen Mischung von Konstanten, dass das Universum nicht wie-
der in einem Big-Crunch kollabiert, ist das Spiel vorbei, und das nun
ewig expandierende Universum bleibt auf einer Hand voll Konstan-
ten sitzen, die nie mehr verändert werden. Es ist natürlich am wahr-
scheinlichsten, dass sich das Universum heute in diesem Zustand
befindet. Wenn es in der Vergangenheit unendlich viele Oszillatio-
nen gegeben hat und wenn es auch nur die kleinste Wahrscheinlich-
keit für einen Satz von Naturkonstanten gibt, der dieses Spiel been-
det, dann wird dieser auch irgendwann zum Zug kommen.19
Die Kosmologen stülpen dieser Evolution von Zyklus zu Zyklus
gern eine bestimmte Form von solider Kontinuität über: den zweiten
Hauptsatz der Thermodynamik, nach dem die Unordnung (oder
Entropie) im Zeitverlauf zunimmt. Wenn man auf der Gültigkeit
dieses Prinzips und darüber hinaus der des Energieerhaltungssat-
zes20 besteht, wächst die Größe der Universen von Zyklus zu Zyklus
an (siehe Abbildung 13.3).21
270 Das 1 × 1 des Universums

Größe

Zeit

A b b ild u n g 1 3 .3
Oszillierendes Universum, in dem die Zunahme der Entropie den jeweils nächs-
ten Zyklus größer werden lässt. Voraussetzung ist die Gültigkeit
des Energieerhaltungssatzes.

Das ist recht interessant, denn das Universum wird sich in diesem
Fall auf lange Zeit gesehen immer mehr dem Zustand der kritischen
Expansion nähern. Es gibt aber bei der Geschichte noch einen weite-
ren Dreh. Mariusz Dąbrowski hat zusammen mit mir gezeigt, dass
aus dem beobachteten Wert der kosmischen Vakuumenergie, die für
die beschleunigte Expansion des Universums sorgt, ein Ende der
Oszillationen folgt und das Universum dann in alle Zukunft be-
schleunigt weiter expandiert (Abbildung 13.4).22

Größe

Zeit

A b b ild u n g 1 3 .4
Oszillierendes Universum mit einer kleinen positiven kosmologischen
Konstante, die dazu führt, dass die Expansion des Universums beschleunigt wird
und die Oszillationen enden.
Neue Welten – neue Rätsel 271

Das Endresultat ist immer, dass das Universum mit seinem letzten
Satz von Naturkonstanten auskommen muss und in einem Zustand
expandiert, in dem die Vakuumenergie in einem fein austarierten
Gleichgewicht mit den anderen Energieformen steht. In der Tat: Es
sieht dann ein wenig aus wie unseres.

Das Ende der Reise


Unser Blick auf die Naturkonstanten begann in irdischen Gefilden,
hat uns aber inzwischen bis an die Grenzen des Universums und so-
gar darüber hinaus geführt: in ein Multiversum anderer Welten, de-
ren Existenz sich nur unscharf und blass in unserer Welt widerspie-
gelt. Die Suche nach Maßstäben, die von menschlichen Dimensionen
und unserem engen Horizont bestimmt wurden, hat zur Entde-
ckung von anderen geführt, die universal gelten und alle Dimensio-
nen sprengen. Die Aufklärung der Prozesse in der Natur und der
Regeln, nach denen sie sich verändert, hat jene geheimnisvollen Zah-
len aufgedeckt, die das gesamte ›Sein‹ bestimmen. Die Naturkons-
tanten verleihen unserem Universum seine Existenz und prägen es.
Ohne sie wären die Naturkräfte machtlos, die Elementarteilchen
hätten keine Masse und das Universum keine Ausdehnung. Die Na-
turkonstanten sind das letzte Bollwerk gegen ungezügelten Relati-
vismus. Sie definieren das Universum in einer Weise, die alle Vorur-
teile eines Blicks auf die Dinge weit hinter sich lässt, bei dem der
Mensch im Mittelpunkt steht. Wenn wir einst mit intelligenten We-
sen irgendwo im All Kontakt aufnehmen, werden wir uns zuerst
über die Naturkonstanten und alles, was sie definieren, verständi-
gen. Die Tafeln, die wir schon in den Weltraum geschickt haben, um
den Aliens zu erklären, wo wir sind und was wir können, tragen In-
formationen über den menschlichen Körper (ein Paar ist dargestellt:
der Mann grüßt freundlich, die Frau steht dabei), unsere Position im
Universum und Angaben über die Wellenlänge der Wasserstofflinie.
Die Naturkonstanten sind möglicherweise das gewaltigste physikali-
sche Wissen, das intelligente Wesen im gesamten Universum teilen.
Nun, nachdem wir allen Haupt- und Nebenwegen zur Erforschung
272 Das 1 × 1 des Universums

ihrer Bedeutung gefolgt sind, kommen wir wieder an den Ausgangs-


punkt zurück. Ihre Entdecker sahen in ihnen ein Mittel, unser Ver-
ständnis des Universums von allen Anthropomorphismen menschli-
cher Konstruktionen zu befreien und das Anderssein eines
Universums zu entdecken, das nicht extra für uns hergestellt wurde.
Die Naturkonstanten aber, die aus dem Zusammenwirken von Rela-
tivität und Quanteneffekten entstehen,
Bis zur naturwissenschaftlichen Revo- haben wiederum unsere Existenz in ei-
lution des 17. Jahrhunderts haben wir die ner Weise hervorgehoben, die sowohl
Welt mit Sinn überschüttet. Von da ab geheimnisvoll als auch wunderbar ist.
war es umgekehrt, und die Welt hat uns
mit Sinn überschüttet.
Ihre Werte, die wir zwar in unseren La-
bors mit immer größerer Genauigkeit
Chet Raymo23
messen, aber mit unseren Theorien
noch nicht erklären können, machen
das Universum zu einer Heimat für denkende Wesen aller Art. Und
es sind diese Werte, die uns die Vorstellung anderer, weniger befriedi-
gender Alternativen leicht machen – und damit die Einmaligkeit un-
seres Universums unterstreichen.

Ob wir wohl irgendwann die Werte der Naturkonstanten erklären


können? Bis jetzt ist die Antwort auf diese Frage noch unklar. Unsere
am tiefsten gehenden Theorien der Naturkräfte besagen, dass eine
Theorie für Alles keine eindeutigen Werte liefern wird: Nicht alles
wird von der toten Hand logischer Konsistenz festgenagelt. Es gibt
Konstanten, die auch anders sein können, die dem Zufall unterwor-
fen sind und das Universum für immer in einen finsteren Abgrund
ohne Leben stürzen würden, wenn sie den ›falschen‹ Wert anneh-
men.
Und wie sieht es mit der eigentlichen Natur dieser Konstanten
aus? Sind sie wirklich heute, morgen und in alle Ewigkeit konstant?
Oder ändern sie sich im langsamen Rhythmus von Ebbe und Flut
der Zeit? Wenn wir uns auf unsere empfindlichsten Instrumente ver-
lassen, können wir die ersten Anzeichen für Änderungen erkennen,
die eine der am meisten verehrten Naturkonstanten im Laufe von
Milliarden Jahren kosmischer Geschichte erlitten hat. Was bedeutet
das für unser Verständnis des Puzzles, dem unser Bild des Univer-
sums gleicht? Werden sich die Konstanten ändern, ihre Koinziden-
Neue Welten – neue Rätsel 273

zen zerstören und damit den Baum des Lebens in ferner Zukunft
seiner Blätter berauben und alles Leben auslöschen? Sind unsere
Konstanten mit der Expansionsrate unseres Universums gekoppelt
oder sind sie wirklich konstant – und damit eine isolierte Enklave in
der Entwicklung der Komplexität und des Lebens, des Wirbels der
Sterne und Galaxien um uns herum? Entwickeln sie sich weiter und
ändern sie sich von Zyklus zu Zyklus eines Universums, dessen Ge-
schichte weder Anfang noch Ende hat, eines Universums, das alle
Möglichkeiten durchspielt und ein Multiversum aller denkbaren
Welten hervorbringt, die alle in sich konsistent sind, aber meist ohne
Leben und ihrer eigenen Existenz nicht bewusst?
Große Rätsel – die aber ihren Ursprung in kleinen Rätseln haben.
Wir haben unseren Blick auf die physikalische Realität Stufe für
Stufe erweitert, haben das Geflecht von Verbindungen zwischen
ganz unterschiedlichen Gebieten aufgedeckt und erkannt, dass das
Universum einzig auf Zahlen beruht. Und Zahlen verstehen wir, we-
nigstens zum Teil. Das mag für den einen oder anderen enttäu-
schend sein. Aber obwohl die Naturkonstanten Zahlen sind, sind sie
nicht nur reine Zahlen, und sie sind nicht nur Zahlen. Sie sind die
Barcodes der letzten Wirklichkeit, die PINs und TANs, die uns das
Tor zu den letzten Geheimnissen des Universums öffnen werden –
eines Tages.
Anmerkungen

Kapitel 1
1 Siehe Bryan Appleyards Buch Der halbierte Mensch und Václav Havels
Rede zur Verleihung der Philadelphia Liberty Medal am 4. Juli 1994
(http://www.hrad.cz/president/Havel/speeches/index_uk.html).
Havel schreibt der Naturwissenschaft und der von ihr angeschobenen
»technologischen Zivilisation« die Verantwortung für all das Uner-
wünschte in der Welt (und insbesondere in den früher kommunistischen
Staaten Osteuropas) zu. Seine Hoffnung setzt er darauf, »in der Erde und
gleichzeitig im Kosmos verwurzelt« zu sein und wieder zu begreifen, dass
wir alle Freiheit dem »Schöpfer« verdanken.

Kapitel 2
1 Bennett, Fourty Years On, S. 80.
2 A.a.O., S. 37.
3 Der Vorsitzende des House Science Committee, F. James Sensenbrenner,
gab vor der Presse nur ein ungewöhnlich kurzes Statement ab, als er von
der Katastrophe hörte: »Ich bin sprachlos.«
4 »Mars Climate Orbiter Mishap Investigation Board. Phase I Report« vom
10. November 1999, S. 6, siehe ftp://ftp.hq.nasa.gov/pub/pao/reports/
1999/MCO_report.pdf.
5 Ein interessantes Beispiel gibt der Aufbau des britischen Eisenbahnnetzes
ab, für das die Zeitmaße in den weit entfernten Städten in Übereinstim-
mung gebracht werden mussten.
6 Joan Rivers in: An Audience with Joan Rivers (London Weekend Television,
1984).
7 Im 19. Jahrhundert gab es in Deutschland mehr als 30 verschiedene
Fuß- und Ellenmaße, die zum öffentlichen Gebrauch oft an Kirchen
angebracht waren. Erst 1871 wurde im Deutschen Reich der Meter einge-
führt. Auch heute noch behaupten Politiker gern, sie würden keinen Zoll
weichen und keinen Fußbreit Landes dem Feind überlassen, während in
Anmerkungen 275

den Einkaufsmeilen Dutzendware unter die Leute gebracht wird. (Anm.


d. Übers.)
8 Siehe dazu Algernon Berrimans Buch Historical Metrology.
9 Eddington, Naturwissenschaft auf neuen Bahnen, S. 218.
Karl der Große hatte schon im 8. Jahrhundert versucht, die Maßeinheiten
zu vereinheitlichen und in seiner Admonito Generalis (dt.: Allgemeine Er-
mahnung) gleiche und gerechte Maße gefordert. (Anm. d. Übers.)
10 Man denke nur an die Einführung von Joule und Watt anstelle der ver-
trauten Maßeinheiten Kalorie und PS.
11 Es wurden große Anstrengungen unternommen, nicht nur für die Mes-
sung von Massen und Längen das Dezimalsystem einzuführen, sondern
auch für die Zeit. Im Oktober 1793 wurde ein offizielles Dekret zur Ein-
führung des neuen ›Revolutionskalenders‹ verabschiedet. Nach ihm hatte
der Monat nun drei zehntägige ›Dekaden‹. Das hatte zur Folge, dass über
das Jahr gerechnet fünf (in Schaltjahren sechs) Tage überzählig waren,
die an den letzten Sommermonat angehängt wurden. Das System ähnelte
dem der alten Ägypter und hatte letztlich zum Motiv, den Sonntag als
wöchentlichen religiösen Feiertag abzuschaffen. Die Neuerung war ein
völliger Fehlschlag: Zum Jahresbeginn 1806 wurde von Napoleon I. wie-
der die Siebentagewoche eingeführt. (Siehe dazu mein Buch Der kosmische
Schnitt.)
12 Zitiert in: Gläser, Kilogrammprototyp, S. 2.
13 Der Begriff ist vom griechischen µετρον – Maß, Maßstab, Richtschnur
– abgeleitet.
14 Ursprünglich hatte Talleyrand eine ›natürliche‹ Längeneinheit vorge-
schlagen, die auf der Länge eines ›Sekundenpendels‹ beruhen sollte, das
an einem Ort in Meereshöhe und in 45° geographischer Breite mit einer
Periode (= Hin- und Hergang) von zwei Sekunden schwingt.
15 Ein deutliches Zeichen dafür war, dass die Londoner Royal Society auf
eine Einladung zu einem Treffen mit der Pariser Akademie der Wissen-
schaften, auf dem ein internationales System von Maßeinheiten beschlos-
sen werden sollte, nicht einmal antwortete.
16 Bereits zwanzig Jahre zuvor waren sie von den Niederlanden, Belgien und
Luxemburg eingeführt worden, 1832 durch König Otto I. in Griechen-
land. Großbritannien erlaubte 1864 immerhin einen eingeschränkten
Gebrauch der metrischen Einheiten, die USA folgten zwei Jahre darauf,
der Norddeutsche Bund 1868, Österreich und das Deutsche Reich 1871.
17 Siehe dazu das Buch Massebestimmung von Manfred Kochsiek und Mi-
chael Gläser (S. 54) und Wolfgang Trapps Kleines Handbuch der Maße,
Zahlen, Gewichte und der Zeitrechnung. Es ist natürlich die Frage, wie genau
man diese Standardmasse überhaupt kennt. Die Masse des Prototyps
wurde so definiert, dass sie einem Kilogramm mit der Messungenauigkeit
276 Das 1 × 1 des Universums

von ± 0,135 mg entsprach. Der britische Prototyp ist bis auf ± 0,053 mg
genau, der amerikanische bis auf ± 0,021 mg.
18 Das Urkilogramm ist auch heute noch gültig. Es gibt allerdings zahlrei-
che Bemühungen, auch die Maßeinheit für die Masse auf eine solidere
Basis zu stellen, beispielsweise das Kilogramm durch die Masse einer
bestimmten Anzahl von Atomen zu definieren. (Anm. d. Übers.)
19 Inzwischen wurde das ›SI-System‹ Gesetz, das auf sieben Basisgrößen
und Basiseinheiten beruht: Länge (Meter), Masse (Kilogramm), Zeit (Se-
kunde), Stromstärke (Ampère), Temperatur (Kelvin), Stoffmenge (Mol)
und Lichtstärke (Candela). (Anm. d. Übers.)
20 Things you ought to know, Rawdon, o.J., S. 9.
21 Um 1800 genügte der Industrie ein Urmeter, das auf ± 0,25 mm genau
war, 1900 war die Toleranzgrenze bereits auf ± 0,01 mm geschmolzen,
1950 auf ± 0,25 µm und 1970 auf ± 12 nm (Nanometer), weil heute an
Strukturen im Nanometerbereich gearbeitet wird.
22 J. C. Maxwell, »Presidential Address« an die British Association for the Ad-
vancement of Science, 1870, zitiert nach: Petley, Physical Constants, S. 15.
Beim Studium von Texten aus dem 19. Jahrhundert muss man beden-
ken, dass einige Begriffe damals noch anders definiert waren als heute. So
finden wir bei Maxwell den Begriff ›Molekül‹ anstelle von ›Atom‹. Lord
Kelvin nannte jedes System von Maßen und Gewichten ›metrisch‹, wobei
er sich einfach auf das griechische µετρον bezog. Das heutige ›metrische
System‹ mit dem Meter als Grundeinheit hieß damals ›Dezimalsystem‹.
Um Konfusionen zu vermeiden, werden hier wie im Folgenden in Zitaten
aus älteren Arbeiten die modernen Begriffe eingesetzt. (Anm. d. Übers.)
23 Den Vorschlag, zur Definition eines Längenstandards die Wellenlänge
von Licht heranzuziehen, hat vermutlich als Erster im Jahr 1827 der fran-
zösische Physiker Jacques Babinet gemacht. Geräte, um die entsprechen-
den Messungen durchzuführen, standen aber erst nach Babinets Tod
(1872) zur Verfügung.
24 1960 wechselte man zur Wellenlänge einer orangeroten Linie von Kr86.
Diese Linie erlaubt genauere Messungen als die Cd-Linie. Seit 1983 ist
1 m als der Weg definiert, den das Licht im Vakuum in 1/299.792.458 s
zurücklegt – wozu natürlich wiederum die Sekunde definiert werden
muss: 1 s ist die 9.192.631.770-fache Periodendauer der Strahlung, die
dem Übergang zwischen zwei bestimmten Hyperfeinstrukturniveaus von
Cs133 entspricht. (Anm. d. Übers.)
25 Singer, Kabbalist vom East Broadway, S. 65.
26 Stoney hielt seinen Vortrag ein weiteres Mal am 16. Februar 1881 vor der
Royal Society Dublin. Er wurde unter dem Titel »On the Physical Units of
Nature« in: Phil. Mag. (Ser. 5) 11 (1881), S. 381–390, und in: Sci. Proc. Roy.
Dublin Soc. 3 (1883), S. 51–60, veröffentlicht.
Anmerkungen 277

Die Bedeutung der Arbeiten Stoneys wird durch den Artikel »Electron«
von Robert Millikan in frühen Ausgaben der Encyclopaedia Britannica und
durch Anmerkungen in seinem Buch The Electron unterstrichen.
27 Siehe David Andersons Buch The Discovery of the Electron und I. B. Cohen,
»Conservation and the Concept of Electric Charge: An Aspect of Philoso-
phy in Relation to Physics in the Nineteenth Century«, in: Clagett, Critical
Problems.
Der von Stoney überlieferte Begriff ›electron‹ wurde dem Begriff ›corpus-
cle‹ vorgezogen, an den Thomson zunächst gedacht hatte.
28 G. J. Stoney, »On the Cause of Double Lines and of Equidistant Satellites
in the Spectra of Gases«, in: Sci. Trans. Roy. Dublin Soc. (Ser. 2) 4 (1891),
S. 563–608, hier: S. 583.
29 Stoney hatte die Eigenheit, seinen Einheiten die Endung ›ine‹ anzuhän-
gen. So bezeichnete er die Längeneinheit Meter mit ›lengthine‹, das Gramm
mit ›massine‹ und die Sekunde als Zeiteinheit mit ›timine‹.
30 J. G. O’Hara, »George Johnstone Stoney, F. R. S., and the Concept of the
Electron«, in: Not. Rec. Roy. Soc. 29 (1974–75), S. 265–276, Tafel 14; Wie-
dergabe mit Genehmigung der Royal Society Library.
31 Stoneys Vermutung, es gäbe eine Elementarladung, scheint nicht die Auf-
merksamkeit erregt zu haben, die ihr eigentlich zukam. Das kann man
aus dem Brief schließen, den er am 4. September 1894 an die Herausgeber
des Philosophical Magazine schrieb, einer seinerzeit führenden wissen-
schaftlichen Zeitschrift. Er beklagte sich darin, dass ein gewisser Ebert in
einem Artikel behauptet hatte, »von Helmholtz … sei der Erste gewesen,
der zeigen konnte, … dass es eine kleinste Menge von Elektrizität geben
müsse, … die wie ein elektrisches Atom nicht mehr weiter teilbar ist«.
Stoney verwies auf seinen Vortrag von 1874 und die Artikel, die er 1881
und 1883 veröffentlicht hatte. (G. J. Stoney, »On the ›Electron‹ or Atom
of Electricity«, in: Phil. Mag. (Ser. 5) 38 (1894), S. 418–420, siehe auch http:
//dbhs.wvusd.k12.ca.us/Chem-History/Stoney-1894.html.)
32 Zu den Mitgliedern zählten auch James Maxwell und William Thomson,
der spätere Lord Kelvin; siehe dazu J. G. O’Hara, »George Johnstone
Stoney, F. R. S., and the Concept of the Electron«, in: Not. Rec. Roy. Soc. 29
(1974–75), S. 265–276.
33 Einsteins Allgemeine Relativitätstheorie dehnt die Newtonsche Theorie
auf Bereiche aus, in denen die Schwerkraft außerordentlich groß ist und
Bewegungen mit einer Geschwindigkeit nahe der Lichtgeschwindigkeit
stattfinden. Die entscheidende Konstante in Einsteins Theorie ist die
Größe G/c4, was die universelle Stellung der Gravitationskonstante un-
terstreicht und den relativistischen Aspekt betont.
34 In den frühen 1960er Jahren wurde von den Astronomen eine Zeit lang die
Idee verfolgt, dass G möglicherweise immer kleiner wird. Der Grund für
278 Das 1 × 1 des Universums

diese Vermutung war, dass die Prognosen der Allgemeinen Relativitäts-


theorie über den Einfluss der Schwerkraft der Sonne auf das Licht im Ge-
gensatz zu den Beobachtungen zu stehen schienen. Die amerikanischen
Physiker Carl Brans und Robert Dicke verallgemeinerten daraufhin die
Einsteinsche Theorie, wonach nun G in Raum und Zeit variieren konnte.
Diese Theorie hat immer noch große Bedeutung, weil man mit ihr vor-
ausberechnen kann, wie sich Änderungen von G auswirken würden, und
weil man die Ergebnisse mit den Beobachtungen vergleichen kann. Im
Laufe von nur zehn Jahren wurden allerdings die Gründe, die Brans und
Dicke zu ihrem Ansatz verleitet hatten, hinfällig: Es zeigte sich, dass die
Diskrepanz zwischen der Einsteinschen Theorie und den Beobachtungen
durch Ungenauigkeiten bei der Bestimmung des Sonnendurchmessers
verursacht worden war, die sich den turbulenten Bewegungen auf der
Sonnenoberfläche verdankten. Wenn man diesen Effekt in die Rechnun-
gen einbezieht, stimmen Theorie und Beobachtung äußerst genau über-
ein.
35 Die Permeabilität oder magnetische Feldkonstante µ0 verknüpft die ma-
gnetische Induktion mit der magnetischen Feldstärke. Analog dazu ver-
knüpft die Permittivität oder elektrische Feldkonstante ε0 die elektrische
Flussdichte mit der elektrischen Feldstärke. Sie wird auch Dielektrizitäts-
konstante genannt. Es gilt ε0µ0 = 1/c2. (Anm. d. Übers.)
36 Stoney wählte das Symbol V1; hier wie auch im Folgenden werden der
Übersichtlichkeit halber aber immer die heute üblichen Symbole einge-
setzt: c für die Lichtgeschwindigkeit, e für die Elementarladung, α für
die Feinstrukturkonstante, k für die Boltzmann-Konstante, h für das
Plancksche Wirkungsquantum und G für die Gravitationskonstante. Das
Symbol g oder G für die Gravitationskonstante wurde vermutlich von A.
König und F. Richarz in ihrer Arbeit »Eine neue Methode zur Bestim-
mung der Gravitationsconstante«, in: Ann. Phys. Chem. (N. F.) 24 (1885),
S. 664–668, zum ersten Mal verwendet. (Anm. d. Übers.)
37 G. J. Stoney, »On the Physical Units of Nature«, in: Sci. Proc. Roy. Dublin
Soc. 3 (1883), S. 51–60 (Hervorhebungen durch Stoney).
38 Stoney hatte auch versucht, die Ladung des Elektrons zu bestimmen. Er
dividierte dazu die Elektrizitätsmenge, die zur Elektrolyse von 1 cm3 Was-
serstoff benötigt wird, durch die Zahl der Wasserstoffatome in diesem
Volumen, die durch die Avogadrosche Zahl gegeben ist.
Stoneys Arbeit wurde vor der Einführung der modernen CGS-Ein-
heiten für elektrische Messgrößen verfasst. Mit Ampère wird heute
die Stromstärke und nicht die elektrische Ladung (= Stromstärke x
Zeit) gemessen. Nach Stoney gilt e = 3 x 10–11 CGS-Einheiten, heute
wird der Wert der Elementarladung mit 4,803 x 10-10 CGS-Einheiten
angegeben.
Anmerkungen 279

39 Planck, Epilogue, S. 217. Der Epilog, ein fiktives Gespräch zwischen Ein-
stein, Planck und dem Übersetzer und Herausgeber James Murphy, ist in
den deutschen Ausgaben von Where is Science Going? nicht enthalten.
40 Siehe dazu seine Aufsätze »Wissenschaft und Glaube« und »Religion und
Naturwissenschaft« (der Aufsatz endet mit dem Aufruf »Hin zu Gott!«),
sowie »Mystery of Our Being« (insb. S. 153).
41 Die von Planck vertretene Loslösung der wissenschaftlichen Beschrei-
bung von den menschlichen Konventionen war nicht unumstritten. An-
dere Physiker wie Pierre Duhem und Percy Bridgman hielten das für prin-
zipiell unerreichbar. Sie sahen die Naturkonstanten und die Theorien,
deren Grundlage sie bilden, ganz und gar als vom Menschen verfertigte
Kunstprodukte, die dazu dienen, die Welt überzeugend zu erklären.
42 Rosenthal-Schneider, Reality and Scientific Truth, Titelbild; in der deut-
schen Ausgabe ist dieses Bild nicht enthalten.
43 Mit Eddington werden wir uns insbesondere in Kapitel 5 ausführlich
befassen.
44 Max Planck an Ilse Rosenthal-Schneider am 30. März 1947, zitiert in:
Rosenthal-Schneider, Begegnungen, S. 41.
45 Planck, Vorlesungen, S. 167f. (§ 164. Natürliche Maßeinheiten). In Ergän-
zung zu dieser Sammlung von Vorlesungen, die Planck 1906/7 in Berlin
gehalten hat, siehe auch »Über irreversible Strahlungsvorgänge«, in: Ann.
Phys. 1 (1900), S. 69–122.
46 Wirkung = Energie x Zeit. Für das Plancksche Wirkungsquantum gilt
h = 6,6261 x 10-34 Js.
47 Planck, Vorlesungen, S. 168f. Die oben angegebenen Werte der natürlichen
Einheiten sind aus dieser Quelle übernommen. Heute werden sie meist
mit ħ anstelle von h angegeben, was an der Größenordnung nichts än-
dert.
Der Grund für die Ähnlichkeit der natürlichen Massen-, Längen- und
Zeiteinheiten bei Stoney und Planck liegt in der Tatsache verborgen,
dass die Größe e2/hc eine dimensionslose Naturkonstante darstellt, die
ungefähr 1/860 beträgt, wenn man die bekannten Werte von e, h und c
einsetzt. Ersetzt man in Stoneys Einheiten e2 durch hc, erhält man die
Planckschen Einheiten bis auf einen Faktor √860 ≈ 29,3. Man könnte auf
diese Weise auch eine Stoneysche Temperatureinheit konstruieren.
48 Planck, Über irreversible Strahlungsvorgänge, a.a.O., S. 122.
49 Ebd.
50 P. Drude, »Über Fernewirkung«, in: Ann. Phys. (3. F.) 62, Beilage (1897),
S. I–XLIX, hier: S. XLIX. Drude hat seine Erkenntnisse in seinem Lehrbuch
der Optik breiter ausgeführt.
51 Einige Jahre später gab Drude einen Satz von Grundgrößen an, der
dem Plancks glich und c, G und zwei Strahlungskonstanten umfasste,
280 Das 1 × 1 des Universums

mit denen die Schwarzkörperstrahlung definiert wurde. Diese beiden


Konstanten können auf die Boltzmann-Konstante k und das Plancksche
Wirkungsquantum h zurückgeführt werden. »Ein solches absolutes Maß-
system wird durch die Festsetzung gewonnen, dass die Gravitationskon-
stante, die Lichtgeschwindigkeit im Äther, und die beiden Konstanten
h und k des Strahlungsgesetzes den Wert 1 erhalten sollen.« In einer
Anmerkung gibt Drude noch einen Hinweis: »Die numerischen Werte
dieser absoluten Einheiten sind bei Planck, Vorlesungen über die Theorie der
Wärmestrahlung, zu finden«. (Drude, Lehrbuch der Optik, S. 519.)
52 Laut Charles Fockens Buch Dimensional Methods and their Applications hat
Eddington vermutet, die Planck-Länge müsse der Schlüssel zu einer
grundlegenden Struktur sein, da sie so viel kleiner als die Radien von Pro-
ton und Elektron ist. Focken weist die Quelle der Äußerung Eddingtons
nicht nach, bezieht sich aber vielleicht auf dessen Report on the Relativity of
Gravitation von 1918, einen Bericht über die Allgemeine Relativitätstheo-
rie, den Eddington für die Physical Society in London verfasst hat.
Auf der letzten Seite dieses Berichts, aus dem später Eddingtons Buch
The Mathematical Theory of Relativity hervorging, leitete er Plancks natürli-
che Längeneinheit ab. In dem Bericht steht der bemerkenswerte Hinweis,
dass »es andere natürliche Längeneinheiten gibt – die Radien der negati-
ven und positiven Elementarladungen –, dass diese aber weit größer sind.
… Es gibt keine Theorie, die eine derartige Feinauflösung erreicht, aber es
ist evident, dass diese [Plancksche] Länge den Schlüssel zu einer grundle-
genden Struktur darstellt. Es mag keine vergebliche Hoffnung sein, dass
man eines Tages klarere Erkenntnisse über den Prozess der Schwerkraft
erlangen wird und das außerordentlich Umfassende … der Relativitäts-
theorie beleuchtet werden kann.«
Percy Bridgman hat in seinem Buch Dimensional Analysis darauf hinge-
wiesen, dass der selbst für die Astrophysik extrem hohe Wert der Planck-
Temperatur andeutet, dass sie mit einer neuen und fundamentalen Ebene
der kosmischen Struktur zusammenhängen könnte.
53 Planck, Sinn und Grenzen der exakten Wissenschaft, S. 377.
54 Planck, Religion und Naturwissenschaft, S. 326f.
55 Vortrag Michelsons an der University of Chicago, siehe dazu die Leser-
briefe von C. Weiner und R. C. Wyckoff unter dem Titel »Who Said it
First?«, in: Physics Today 21 (August 1968), S. 9, sowie Michelsons Buch
Lightwaves and their Uses.

Kapitel 3
1 Doyle, Bruce-Partington-Pläne, S. 113. Die Geschichte wurde zuerst im De-
zember 1908 im Strand Magazine veröffentlicht.
Anmerkungen 281

2 Die Ergänzung »im Vakuum« ist sehr wichtig. In einem Raum, der mit
Materie gefüllt ist, bewegt sich das Licht langsamer fort, und es kann
durchaus sein, dass es dort Bewegungen mit größerer Geschwindigkeit
als der des Lichts gibt. In diesem Fall kommt es zur Cerenkov-Strahlung,
einem Effekt, der dem Knall gleicht, wenn die Schallmauer durchbrochen
wird. Diese Strahlung ist nach dem sowjetischen Physiker Pawel A. Ce-
renkov benannt, der sie 1934 entdeckte. Sie ist von großem Nutzen, wenn
man schnelle Teilchen der kosmischen Strahlung nachweisen will. Der
Weltraum stellt für alle praktischen Zwecke ein Vakuum dar. Wenn nun
die Teilchen, die sich im Weltraum mit nahezu Lichtgeschwindigkeit fort-
bewegen, in einen irdischen Wassertank eindringen, bewegen sie sich dort
schneller als das Licht und lösen Cerenkov-Effekte aus, die man leicht
registrieren kann.
3 Albert Einstein an Ilse Rosenthal-Schneider am 11. Mai 1945, zitiert in:
Rosenthal-Schneider, Begegnungen, S. 24.
4 Siehe dazu mein Buch Theorien für Alles.
5 Einstein wollte mit seiner einheitlichen Feldtheorie die Schwerkraft und
den Elektromagnetismus vereinigen. Er schien weder Interesse an der
›schwachen‹ atomaren Kraft zu haben, die bei der Radioaktivität eine
Rolle spielt, noch an der ›starken‹ Kraft im Inneren der Atomkerne. Man
könnte sagen, dass in Einsteins Programm zur Vereinheitlichung nur
die Hälfte der Puzzlesteine eine Rolle spielte. 1980 sprach ich darüber
in Berkeley mit dem Mathematiker und Physiker Abraham Taub, der
in Princeton eng mit John von Neumann zusammenarbeitete und auch
Kontakt zu Einstein hatte. Er sagte mir, dass er eines Tages Zeuge war, wie
man Einstein diesen Einwand vorbrachte. Einstein habe darauf geantwor-
tet, man würde irgendwann erkennen, dass die schwache und die starke
Kraft nur Erscheinungsformen der elektromagnetischen Kraft sind. Das
war ein weitblickender Kommentar, denn heute glauben wir, dass die
schwache und die elektromagnetische Kraft im Rahmen der gut belegten
Glashow-Weinberg-Salam-Theorie vereinigt werden können. Es gibt auch
bereits Theorien, in denen die starke Kraft mit einbezogen ist; sie sind
aber noch nicht hinreichend durch Beobachtungen bestätigt.
6 Einstein maß gern die Qualität von Theorien an der ›Stärke‹ ihrer Glei-
chungen. (Siehe dazu sein Buch Grundzüge der Relativitätstheorie, insb.
S. 132ff.) Mit dieser ›Stärke‹ ist die Zahl der frei und unabhängig von-
einander wählbaren Größen in einer Gleichung gemeint. Einstein legte
diesen Maßstab für die Tauglichkeit einer Theorie auch an die Zahl der
notwendigen Naturkonstanten an.
7 Rosenthal-Schneider, Begegnungen, S. 23ff.
8 Albert Einstein an Ilse Rosenthal-Schneider am 11. Mai 1945, zitiert
a.a.O., S. 24. Mit e ist hier die Eulersche Zahl gemeint.
282 Das 1 × 1 des Universums

9 Ilse Rosenthal-Schneider an Albert Einstein am 26. August 1945, zitiert


in: Rosenthal-Schneider, Begegnungen, S. 25.
10 Albert Einstein an Ilse Rosenthal-Schneider am 13. Oktober 1945, zitiert
a.a.O., S. 26.
11 Wenn wir beispielsweise den Umfang eines Kreises mit Radius r berech-
nen, erhalten wir 2π r. Der Faktor 2π ist eine dieser allgegenwärtigen
›rationellen Zahlen‹, wie sie Einstein nannte.
12 Ebd.
13 Ebd.
14 Wählt man stattdessen e, h und c, so kann man daraus, wie wir gesehen
haben, die dimensionslose Zahl e2/hc bilden. Diese Eigenschaft wurde
von Douglas Hartree ausgenützt, der aus e, h, c und der Masse des Elek-
trons me ein Einheitensystem für die Atomphysik definierte.
15 Sie ist gleich dem Massenverhältnis (mpr/mPl)2 ≈ (1,7 x 10–24 g / 5,6 x 10–5 g)2 ≈
10–39, wobei mPl die fundamentale Planck-Masse ist.
16 Einstein wies darauf hin, dass »es bisher überhaupt keine konsistente the-
oretische Grundlage für die gesamte Physik und erst recht keine [gibt],
die so einer radikalen Forderung genügte«, dass man also das vorgestellte
Verfahren noch nicht auf die gesamte Physik anwenden konnte. (Albert
Einstein an Ilse Rosenthal-Schneider am 13. Oktober 1945, zitiert a.a.O.,
S. 27.)
17 An dieser Stelle verweist Ilse Rosenthal-Schneider in einer Fußnote auf
die erste Formulierung eines Zusammenhangs zwischen Geometrie und
Physik in Kants Gedanken von der wahren Schätzung der lebendigen Kräfte
von 1747, wonach die »Dimension der Ausdehnung« von den Gesetzen
herrührt, »nach welchen die Substanzen vermöge ihrer wesentlichen
Kräfte sich zu vereinigen suchen«, also die drei Raumdimensionen mit
den Gravitationskräften verknüpft sind. (Kant, a.a.O., S. 34 (§ 10); Anm.
d. Übers.)
18 Albert Einstein an Ilse Rosenthal-Schneider am 13. Oktober 1945, zitiert
in: Rosenthal-Schneider: Begegnungen, S. 26.
19 Rosenthal-Schneider, Voraussetzungen und Erwartungen.
20 Albert Einstein an Ilse Rosenthal-Schneider am 23. April 1949, zitiert in:
Rosenthal-Schneider, Begegnungen, S. 29.
21 Albert Einstein an Ilse Rosenthal-Schneider am 24. März 1950, zitiert
a.a.O., S. 31.
22 G. Gamow, »Any Physics Tomorrow?«, in: Physics Today 2 (Januar 1949),
S. 16–21.
23 Wenn das Alter des Universums t beträgt, ist mit der Lichtgeschwindig-
keit c die Größe des sichtbaren Universums ct.
24 J. D. Bekenstein, »The Limits of Information«, in: Stud. Hist. Phil. Mod. Phys.,
32 (2001), S. 511–524, siehe auch arXiv, gr-qc/0 009 019v2 (17. Juni 2001).
Anmerkungen 283

25 Die Masse eines Atoms beträgt etwa 10–24 g, sein Volumen etwa 10–24 cm3.
Die daraus berechnete Dichte von 1 g/cm3 ist auch die Dichte des Was-
sers. Die Dichten aller Flüssigkeiten und Festkörper sind von der gleichen
Größenordnung.
26 Nach einem Diagramm in B. J. Carr u. M. J. Rees, »The Anthropic Prin-
ciple and the Structure of the Physical World«, in: Nature 278 (1979),
S. 605–612, hier: S. 606.
27 Norman Packard, zitiert in: Bass, Predictors, S. 172.
28 Newton wurde schon von Philosophen wie Bischof George Berkeley für
seine Vorstellung kritisiert. Er erkannte, dass hier eine Schwäche seiner
Theorie lag, hielt sie aber trotzdem für nützlich, da ihre Gesetze die ›loka-
len‹ Bewegungen äußerst genau zu beschreiben erlaubten.
Die Vorstellung eines ruhenden Hintergrunds ist eine Idealisierung,
denn auch die fernsten Sterne tragen den Namen ›Fixsterne‹ zu unrecht:
Sie ruhen relativ zu uns keineswegs, ihre Bewegungen erscheinen nur
– von uns aus gesehen – äußerst langsam. Eine der Annahmen, mit der die
Einsteinsche Theorie über die Newtonsche hinausging, war der Abschied
von diesem imaginären Hintergrund eines ›absoluten Raumes‹.
29 Eine Rotationsbewegung ist immer eine beschleunigte Bewegung, selbst
wenn der Betrag der Rotationsgeschwindigkeit konstant ist, da ständig
die Richtung der Bewegung geändert werden muss, um die Bahn einzu-
halten. Der Vektor der Geschwindigkeit, der durch Betrag und Richtung
bestimmt wird, ändert sich – und jede Änderung der Geschwindigkeit
bedeutet Beschleunigung.

Kapitel 4
1 R. P. Crease, »Do Physics and Politics Mix?«, in: Physics World (Februar
2001), S. 17.
2 Siehe dazu mein Buch Die Natur der Natur.
3 Srinivasa Ramanujan, zitiert in: Pickover, Mathematik und das Göttliche,
S. 32.
4 Quadrivium: Teilbereich der Artes liberales mit den Disziplinen Arithme-
tik, Geometrie, Astronomie und Musik. Die Vierzahl wurde weitgehend
von anderen Glückszahlen wie der 3 und der 7 abgelöst, hat sich aber
noch im vierblättrigen Kleeblatt, der Vierzahl der Jahreszeiten, Himmels-
richtungen und Evangelisten sowie der Vierfruchtmarmelade erhalten.
(Anm. d. Übers.)
5 Wir erwarten nicht, dass alle nach den Naturgesetzen möglichen ›Zu-
stände‹ des Universums auch durchlaufen werden. Unsere reale Welt ist
daher nur ein Exemplar aus der Vielzahl möglicher Welten. Es bleibt eine
interessante Frage, was gegen eine Welt einzuwenden wäre, deren Gesetze
284 Das 1 × 1 des Universums

in sich nicht widerspruchsfrei sind, in der sich diese Widersprüche aber


nicht realisieren.
6 Die Lichtgeschwindigkeit wurde zum ersten Mal 1675/76 auf brillante
Weise von dem dänischen Astronomen Olaf Römer bestimmt. Ihm war
aufgefallen, dass sich die Verfinsterungen des Jupitermonds Io im Schat-
ten des Planeten verzögern, wenn sich die Erde auf ihrer Umlaufbahn um
die Sonne vom Jupiter weiter entfernt, und früher eintreten, wenn sie
ihm näher kommt. Aus zahlreichen Beobachtungen errechnete er eine
Differenz von knapp 1000 s. Römer ging nun davon aus, dass die Licht-
geschwindigkeit konstant ist und das Licht folglich diese 1000 s benötigt,
um den Durchmesser der Erdumlaufbahn zu durchlaufen, der auch da-
mals schon recht genau bestimmt war. Römer gelang mit 214 000 km/s
eine beachtlich gute Abschätzung der Lichtgeschwindigkeit.
7 Gamow nimmt sich hier natürlich einige künstlerische Freiheiten heraus.
Wie wir schon im letzten Kapitel angemerkt haben, ändert die Variation
einer dimensionsbehafteten Naturkonstante – beispielsweise der Licht-
geschwindigkeit – unsere Wahrnehmung der Natur nicht, solange die
anderen Konstanten in einer Weise mitvariiert werden, bei der die dimen-
sionslosen Konstanten unverändert bleiben.
8 Gamow, Mr. Tompkins’ seltsame Reise, S. 3.
9 Für die Stabilität der Materie ist h ≠ 0 äußerst wichtig. Kann sich die En-
ergie eines Atoms in beliebig kleinen Schritten ändern, unterscheiden sich
binnen kurzer Zeit infolge der Stöße anderer Atome und der Strahlung
alle Atome voneinander und nehmen ständig neue Energieniveaus ein. Der
derzeitige Wert der Konstante h ist groß genug, damit alle Atome einen ge-
wissen ›Kick‹ brauchen, bevor sie die nächste Sprosse erklimmen können.
10 Ed Fomalont und Sergei Kopeikin konnten mit Messungen von Quasar-
Strahlung im Gravitationsfeld des Jupiter im September 2002 nachwei-
sen, dass sich die Gravitation nicht schneller als das Licht ausbreitet.
Sie erhielten als Ausbreitungsgeschwindigkeit (0,95 ± 0,25) c. (Anm. d.
Übers.)
11 Nach L. B. Okun hat der sowjetische Physiker Matveí Bronstein als Erster
Ende der 1930er Jahre eine derartige Darstellung eingeführt. Bronstein
wurde 1938 im Alter von nur 32 Jahren Opfer der Stalinschen ›Säuberun-
gen‹. (Siehe dazu die Biografie Bronsteins von Gennadij Gorelik.)
12 Nach David Singmaster, zitiert in: Stueben u. Sandford, Twenty Years, S. 95.
Das Gespräch ist fiktiv. Einstein und Poincaré sind sich vermutlich nur
einmal 1911 auf einem Kongress begegnet und hatten sich nicht viel zu
sagen. Einstein äußerte sich enttäuscht über diese Begegnung: »Poincaré
war (gegen die Relativitätstheorie) einfach allgemein ablehnend, zeigte
bei allem Scharfsinn wenig Verständnis für die Situation.« (Pais, Raffiniert
ist der Herrgott, S. 170; Anm. d. Übers.)
Anmerkungen 285

13 Man weiß heute noch nicht, was nach dieser Explosion übrig bleibt. Die
Theorien reichen vom absoluten Nichts über ein Loch im Raum und ein
Wurmloch in ein neues Universum bis zu einer stabilen Masse.
14 Während man bei den genannten Konstanten heute 8–10 Stellen sicher
angeben kann, sind es bei G bestenfalls 5. (Anm. d. Übers.)
15 Wir wissen beispielsweise nicht einmal, ob die Feinstrukturkonstante
eine rationale oder irrationale Zahl ist.
16 Butler, Number Symbolism.
17 2:1 entspricht der Oktave, 3:2 der Quinte und 4:3 der Quarte.
18 Mit ein wenig statistischem Geschick kann man Beispiele für die Sphä-
renharmonie finden. So liegt in sechs von acht Fällen das Verhältnis
der Aphelgeschwindigkeiten benachbarter Planeten (also etwa Merkur/
Venus) nahe den musikalischen Harmonien. (Anm. d. Übers.)
19 Kommentar der Schriften des Aristoteles von Alexandros Aphrodisiensis
in seiner Metaphysica (38, 10), zitiert nach: Guthrie, History of Greek Philoso-
phy, Bd. 1, S. 303f.
20 Primzahlen wie 7 und 23 sind durch keine andere Zahl teilbar – 1 und
sich selbst ausgenommen. Euklid ist es gelungen, auf wunderschöne Art
zu beweisen, dass es unendlich viele von ihnen gibt: Nehmen wir an, ihre
Zahl ist endlich. Wenn man nun alle Primzahlen miteinander multipli-
ziert und 1 addiert erhält man wieder eine Primzahl, denn bei jeder Divi-
sion durch die Faktoren bleibt 1 als Rest. Daraus folgt, dass die neue Zahl
entweder eine Primzahl ist oder durch eine Primzahl dividiert werden
kann, die größer ist als die größte der ursprünglichen Liste. Eine solche
Primzahl kann es aber nicht geben, denn wir hatten ja angenommen, dass
unsere Liste vollständig ist. Damit ist bewiesen, dass es unendlich viele
Primzahlen gibt.
21 Perfekte Zahlen kann man mit ausgewählten n als 2n-1 (2n – 1) darstellen:
Mit n = 3 erhält man beispielsweise 22 (23 – 1) = 28. Der große Schweizer
Mathematiker Leonhard Euler konnte zeigen, dass alle geraden perfekten
Zahlen diese Form haben, wobei 2n – 1 eine Primzahl sein muss. Man weiß
nicht, ob es auch ungerade perfekte Zahlen gibt.
22 Laut Iamblichos war für Pythagoras ein Freund »einer, der ein anderes Ich
ist, wie 220 und 284«.
23 Inzwischen hat man mehr als tausend dieser Zahlenpaare gefunden. Die
nächstgrößeren sind 1 184 und 1 210, 2 620 und 2 924, 5 020 und 5 564,
6 232 und 6 368 sowie 10 744 und 10 856.
24 1. Mose 32,14: »Und er blieb die Nacht da und nahm von dem, was er
erworben hatte, ein Geschenk für seinen Bruder Esau: zweihundert
Ziegen, zwanzig Böcke, zweihundert Schafe, zwanzig Böcke …«. Auf der
Geschenkliste stehen dann allerdings noch 30 Kamele, 40 Kühe, 10 Stiere
und 30 Esel. (Anm. d. Übers.)
286 Das 1 × 1 des Universums

25 Trachtenberg, Jewish Magic, zitiert in: Pickover, Mathematik und das Göttli-
che, S. 115. Kumin ist Kreuzkümmel.
26 Theon von Smyrna über die Tetraktys und den Tod, zitiert in: Butler,
Number Symbolism, S. 9.
27 Good, Quantal Hypothesis for Hadrons.
28 Der Aprilscherz stand in M. Gardners Kolumne »Mathematical Games«
unter dem Titel »Six Sensational Discoveries that Somehow or Another
Have Escaped Public Attention«, in: Sci. American (April 1975), S. 126–133.
Er wurde dann in der Juliausgabe aufgedeckt: »On Tessellating the Plane
with Convex Polygon Tiles«, in: Sci. American (Juli 1975), S. 112–117.
Es kann bewiesen werden, dass man eine rationale Zahl erhalten kann,
wenn man eine irrationale Zahl mit einer irrationalen Zahl potenziert:
Nehmen wir an, wir potenzieren die irrationale Zahl √2 mit √2. Das
Ergebnis (√2)√2 kann nun entweder rational oder irrational sein. Ist es
rational, ist schon bewiesen, was wir beweisen wollen, daher nehmen wir
nun an, dass es irrational ist. Potenziert man es wieder mit √2, so hat man
nun (√2)√2 x √2 = (√2)2 = 2. Damit hat man die als irrational angenommene
Zahl (√2)√2 mit einer irrationalen Zahl potenziert und ein rationales Er-
gebnis erhalten, womit der Beweis geführt ist.
29 Die King-James-Bibel war das Ergebnis der Hampton Court Conference
von 1604, die von König Jakob I. einberufen wurde, um die verschiedenen
›High Church‹- und ›Low Church‹-Fraktionen wieder zusammenzubringen.
Die Authorized Version (die im Übrigen nicht wirklich in offizieller Weise
›autorisiert‹ wurde), die aus diesen Bemühungen hervorging, erschien
1611. Sie beruht vorwiegend auf den Übersetzungen von William Tyndale
aus den Jahren 1525–1534 und wurde durch Beiträge von John Wycliffe
(oder Wyclif) vom Ende des 14. Jahrhunderts ergänzt. Shakespeare lebte
von 1564 bis 1616. (Anm. d. Übers.)
30 Psalm 46: »Gott ist unsere Zuversicht und Stärke, eine Hilfe in den gro-
ßen Nöten, die uns getroffen haben …«
31 Der Anfang des Psalms – ohne die einleitenden Worte »Ein Lied der
Söhne Korah, vorzusingen, nach der Weise der ›Jungfrauen‹« – lautet in
der Fassung der Authorized Version:
»God is our refuge and strength,
A very present help in trouble.
Therefore will not we fear, though the earth be removed,
And though the mountains be carried into the midst of the sea;
Though the waters thereof roar and be troubled,
Though the mountains SHAKE with the swelling thereof«.
Der Schluss lautet:
»He breaketh the bow, and cutteth the SPEAR in sunder;
He burneth the chariot in the fire.
Anmerkungen 287

›Be still, and know that I am God:


I will be exalted among the heathen, I will be exalted in the earth.‹
The Lord of hosts is with us;
The God of Jacob is our refuge.«
32 Zum Vergleich: Der Wert von 1/α wird derzeit mit 137,0359998 … angege-
ben.
33 G. N. Lewis u. E. Q. Adams, »A Theory of Ultimate Rational Units. Nu-
merical Relations between Elementary Charge, Wirkungsquantum, Con-
stant of Stefan’s Law«, in: Phys. Rev. 3 (1914), S. 92–102.
34 A. S. Eddington, »The Charge of an Electron«, in: Proc. Roy. Soc. A 122
(1929), S. 358–369. Eddington glaubte seinerzeit, 1/α sei eine ganze
Zahl. Wenn man die Ungenauigkeit der damaligen Messungen berück-
sichtigt, war eine solche Annahme nicht von vornherein von der Hand
zu weisen.
35 A. M. Wyler, »L’espace symétrique du groupe des équations de Maxwell«,
in: C. Rend. Acad. Sci. A 269 (1969), S. 743–745, und ders., »Les groupes des
potentiels de Coulomb et de Yukawa«, in: C. Rend. Acad. Sci. A 271 (1971),
S. 186–188.
36 H. Aspden u. D. M. Eagles, »Aether Theory and the Fine Structure Con-
stant«, in: Phys. Lett. A 41 (1972), S. 423–424.
37 Werner Heisenberg an Paul Dirac am 27. März 1935. Mit 137,5098708
liegt er allerdings nicht gut im Rennen. (Mein Dank gilt Helmut Rechen-
berg, Max-Planck-Institut für Physik, München, für eine Kopie des Origi-
nalbriefs; Anm. d. Übers.)
38 B. Robertson, »Wyler’s Expression for the Fine-Structure Constant Al-
pha«, in: Phys. Rev. Lett. 27 (1971), S. 1 545–1 547.
39 T. J. Burger, »Calculating the Fine Structure Constant«, in: Nature 271
(1978), S. 402.
40 Pickover, Mathematik und das Göttliche, S. 302.

Kapitel 5
1 Shakespeare, Sommernachtstraum, S. 53 (4. Akt, 1. Szene). Arthur Edding-
ton zitiert diese Stelle in seinem Buch Dehnt sich das Weltall aus? »Zettels
Traum« begegnet uns wieder als Zettel’s Traum bei Arno Schmidt, der im
Übrigen in seinen Werken eine Vielzahl kosmologischer Vorstellungen
verwertete. (Anm. d. Übers.)
2 Siehe die Biografien von Allie Douglas, Clive Kilmister und Subrahama-
nyan Chandrasekhar.
3 Foto: Eddingtons Schwester; Douglas, Eddington, Tafel II.
4 Carroll, Alice im Wunderland, S. 57–61.
5 W. H. Williams, »The Einstein and the Eddington«, in: Whitrow, Records of
288 Das 1 × 1 des Universums

R. A. S. Club, S. XXIV–XXVII; das vollständige Gedicht ist auch unter http:


//www.xs4all.nl/~jcdverha/scijokes/2_1.html zu finden. ›Bunker‹ wird
auf dem Golfplatz die Sandgrube (mit dem Loch) genannt.
6 Eines der Bücher Eddingtons hat den Titel The Philosophy of Physical Sci-
ence.
7 Man spricht auch vom Wärmetod. Angesichts der Eiseskälte, die dann in
dem ausgestorbenen Universum herrschen wird, ist aber der Begriff Käl-
tetod angemessener. (Anm. d. Übers.)
8 Sayers, Zur fraglichen Stunde, S. 274f. Have His Carcase ist Cockney-Slang für
die ›Habeas Corpus‹-Akte (lat., wörtlich: Du habest den Körper), die 1679
das englische Parlament erlassen hatte und die besagt, dass kein Verdäch-
tiger ohne gerichtliche Prüfung der vorliegenden Indizien und Beweise
verhaftet werden darf.
9 Eddingtons Nachfolger, R. O. Redman, schrieb, dass »Eddington Men-
schenmengen liebte. Eine Zeit lang ging er an jedem Samstag während
der Saison zu einem Fußballspiel, wo er in der Masse der Fans aus der Ar-
beiterklasse saß – während normalerweise die Cambridger Universitäts-
dozenten dem Rugby huldigten«. (Zitiert in: Douglas, Eddington, S. 122.)
10 Die beiden Lehrstühle sind private Stiftungen: 1704 von Thomas Plume,
1663 von Henry Lucas. (Anm. d. Übers.)
11 Das unvollendete Werk wurde nach Eddingtons Tod von seinem Freund
E. T. Whittacker herausgegeben, der auch den Titel Fundamental Theory
wählte. Zur Erläuterung der Theorie siehe die Bücher von Noel Slater (Re-
zension von A. H. Taub, in: Math. Rev. 11 (1950), S. 144) sowie von Clive
Kilmister und Brian Tupper.
12 Eddington, Philosophie der Naturwissenschaft, S. 78.
13 Arthur Eddington 1920 in einer Rede vor der British Association, in: Ob-
servatory 43 (1920), S. 357f.
14 Eddington, Relativitätstheorie, S. 227.
15 Ebd.
16 Sie ist natürlich nicht mit der oben erwähnten Eddington-Zahl E zu ver-
wechseln, die sein Fahrradleben kennzeichnete. Die jetzt zur Diskussion
stehende astrophysikalische Eddington-Zahl NEdd bezieht sich auf das
Universum, und zwar auf den Teil, der für uns sichtbar ist und dessen
Grenze durch die Lichtgeschwindigkeit bestimmt wird. Diese Grenze ist
gerade so weit entfernt, dass das Licht von dort in den mehr als 13 Milli-
arden Jahren seit der Entstehung und Expansion des Universums bis zu
uns gelangen konnte. Ob die Anzahl der Protonen im gesamten Universum
unendlich oder endlich ist, hängt von der Geometrie des Raums ab.
17 Eddington, Naturwissenschaft auf neuen Bahnen, S. 241.
18 A.a.O., S. 220.
19 A.a.O., S. 220f.
Anmerkungen 289

20 A.a.O., S. 222.
21 Wenn sich auch Eddington sehr mit den Riesenzahlen der Größenord-
nung 1040 und Potenzen davon beschäftigte, war er doch nicht der Erste,
der ihr Auftreten im Zusammenhang mit Naturkonstanten entdeckte.
Herman Weyl stellte schon 1919 fest: »Es ist eine Tatsache, dass am
Elektron reine Zahlen auftreten, deren Größenordnung gänzlich von 1
verschieden ist; so das Verhältnis des Elektronenradius zum Gravitations-
radius seiner Masse, welches von der Größenordnung 1040 ist; das Verhält-
nis des Elektronen- zum Weltradius mag von ähnlicher Größenordnung
sein.« (H. Weyl, »Eine neue Erweiterung der Relativitätstheorie«, in: Ann.
Phys. 59 (1919), S. 101–133, hier: S. 129.) Später schrieb Weyl: »Die Gra-
vitationsanziehung zweier Elektronen ist 1040-mal so schwach wie ihre
elektrische Abstoßung. … Diese reine Zahl 1040, die am Elektron auftritt,
ist für unsere Naturerkenntnis eine harte Nuss. … Und wirklich zeigt sich,
wenn unsere Ausdeutung der Hubbleschen Beobachtungen das Richtige
trifft, dass das Radienverhältnis 1040 am Elektron wiederkehrt als das Ver-
hältnis zwischen dem Weltradius (1027 cm) und dem Elektronenradius
(10–13 cm); demnach ist die reine Zahl 1040 im wesentlichen = √N, nämlich
gleich der Quadratwurzel aus der Zahl N der vorhandenen Teilchen.« (H.
Weyl, »Universum und Atom«, in: Naturwiss. 22 (1934) S. 145–149, hier:
S. 147f.)
22 Eddington, Philosophie der Naturwissenschaft, S. 87.
23 Eddington, Naturwissenschaft auf neuen Bahnen, S. 234.
24 A.a.O., S. 238. Eddington erklärte es an anderer Stelle so: »Es erscheint
wahrscheinlich, dass elektrische Ladungen, die in einem perfekten Gitter
sitzen, 1/137 ihrer Masse verlieren. Da der Atomkern annähernd starr ist,
sollte diese Größe ein angenähertes Maß für den Packungsanteil sein.« (A.
Eddington, »The Interaction of Electric Charges«, in: Proc. Roy. Soc. A 126
(1930), S. 696–728.)
25 Vladimir Fock, zitiert in: Gamow, Biographie der Physik, S. 378.
Fock war ein einflussreicher sowjetischer Physiker, der sich darum
bemühte, Einstein und sein Werk in der Stalinära politisch durchzuset-
zen. Im Vorwort zur deutschen Ausgabe seines zuerst 1955 in Moskau
erschienen Buches betonte er, dass die Theorie in keiner Weise gegen
die absoluten Wahrheiten des dialektischen Materialismus gerichtet
sei: »Nicht zuletzt soll aber das Buch die Unzulässigkeit der sich in der
Literatur eingebürgerten Auffassung der Gravitationstheorie als einer
Art ›allgemeiner Relativität‹ zeigen; diese Auffassung soll durch eine
konsequentere ersetzt werden, welche … die Begriffe ›Relativität‹ und ›Ko-
varianz‹ streng unterscheidet. Wie auch der Titel zeigt, wird in unserem
Buch nicht das Relative, sondern das Absolute betont.« (Fock, Raum, Zeit
und Gravitation, S. VI).
290 Das 1 × 1 des Universums

26 G. Beck, H. Bethe u. W. Riezler, »Bemerkung zur Quantentheorie der


Nullpunktstemperatur«, in: Naturwiss. 19 (1931), S. 39.
Man muss hier anmerken, dass es damals durchaus ernst zu nehmende
Vermutungen gab, die Feinstrukturkonstante könne mit der Definition
von ›Temperatur‹ zusammenhängen. Dirac war an dieser Möglichkeit in-
teressiert, und auch Heisenberg zog diese Annahme in Betracht. In einem
Brief an Dirac drückte er einige Jahre später seine Enttäuschung aus: »Ich
glaube gar nicht mehr an Ihre Vermutung, dass die Sommerfeldsche Fein-
strukturkonstante etwas mit dem Temperaturbegriff zu tun hätte … Viel-
mehr bin ich fest davon überzeugt, dass man schon in der Löchertheorie
e2/ħc bestimmen muss, bevor die Theorie vernünftig formuliert werden
kann.« (Werner Heisenberg an Paul Dirac am 27. März 1935. Mein Dank
gilt Helmut Rechenberg, Max-Planck-Institut für Physik, München, für
eine Kopie des Originalbriefs; Anm. d. Übers.)
27 Es war Arnold Sommerfeld, der die Feinstrukturkonstante eingeführt
und sie mit dem Symbol α bezeichnet hatte.
28 »Berichtigung« des Herausgebers, in: Naturwiss. 19 (1931), S. 233.
29 A. K. Das, »Origin of Cosmic Penetrating Radiation«, in: Naturwiss. 19
(1931), S. 305–306.
30 Born, Experiment und Theorie, S. 32f. u. Fußnote S. 33; vergleiche Offenb. 13,11
u. 18 sowie 13,5, wo von 42 Monaten die Rede ist. Born schrieb zu seinen Äu-
ßerungen: »Was nun meinen Aufsatz anti Eddington und Milne betrifft, so
ist er im Stile britischer Höflichkeit geschrieben. Mit meinen eigenen Worten
wäre die Sache kürzer abgetan gewesen: rubbish.« (Max Born an Albert Ein-
stein am 10. Oktober 1944, in: Einstein u. Born, Briefwechsel, S. 160.)
31 Dresden, Kramers: Between Tradition and Revolution, S. 518.
32 Siehe dazu mein mit F. J. Tipler verfasstes Buch The Anthropic Cosmological
Principle, S. 231.
33 Zur ›Teufelszahl‹ 666 und anderen Aspekten der Zahl 6 siehe Underwood
Dudleys Buch Die Macht der Zahl, S. 63ff..
34 Jeans, Werdegang, S. 371.
35 Siehe beispielsweise das von Hans Israel herausgegebene Buch Hundert
Autoren gegen Einstein. (Anm. d. Übers.)
36 Arthur Eddington an Herbert Dingle, zitiert in: Crowther, British Scientists,
S. 194.

Kapitel 6
1 Valéry, Rede zur Geschichte, S. 437.
2 Um 1980 befasste man sich mit der Möglichkeit, dass auch das Proton
instabil ist und mit einer Halbwertszeit von 1031 Jahren zerfällt. Eine
Zeit lang nahm man auch an, den Zerfall beobachtet zu haben, was sich
Anmerkungen 291

aber letztlich nicht bestätigte. Ich habe damals darauf hingewiesen, dass
das Verhältnis dieser prognostizierten Halbwertszeit zur Planck-Zeit un-
gefähr 1080 beträgt. (J. D. Barrow, »The Proton Half-Life and the Dirac
Hypothesis«, in: Nature 282 (1979), S. 698–699.)
3 Die ›Wirkung‹ des Universums entspricht in etwa seiner Energie multipli-
ziert mit seinem Alter.
4 Die meist Λ genannte kosmologische Konstante kennzeichnet die ab-
stoßende Gegenkraft zur Gravitation. Ist Λ positiv, beschleunigt sich die
Expansion des Weltalls.
5 P. A. M. Dirac, »The Cosmological Constants«, in: Nature 139 (1937),
S. 323 (Brief an den Herausgeber vom 5. Februar 1937), siehe auch ders.,
»A New Basis for Cosmology«, in: Proc. Roy. Soc. A 165 (1938), S. 199–208.
6 Dirac, Cosmological Constants, a.a.O..
7 Dirac war der Ansicht, dass ein Ensemble dimensionsloser Naturkonstan-
ten zu jedem anderen proportional sein müsse, wobei die Proportionali-
tätskonstante von der Größenordnung 1 ist, also beispielsweise 10 oder
100 betragen kann. Sie könnte sich aus dimensionslosen Faktoren wie
2 oder π zusammensetzen, dagegen sind Zahlenfaktoren, die sehr klein
oder sehr groß sind – etwa 1 000 000 – nicht erlaubt.
8 Der Schluss N ~ t2 brachte Dirac zur – allerdings falschen – Annahme, es
müssten dauernd neue Protonen entstehen. Tatsächlich besagt die Bezie-
hung nur, dass für uns im Laufe der Zeit immer mehr Protonen über dem
Horizont auftauchen. (P. A. M. Dirac, »Long Range Forces and Broken
Symmetries«, in: Proc. Roy. Soc. A 333 (1973), S. 403–418.)
9 Die heftigste Kritik kam von Herbert Dingle, der die Theorie von Dirac
(und eine ähnliche von Milne mit zwei Zeitskalen) zusammenfassend als
»Beispiele einer Kombination aus der Paralyse des Verstands und der Ver-
giftung durch die Fantasie« bezeichnete: »Anstatt aus den Phänomenen
auf Grundprinzipien zu schließen, wird uns hier die Pseudowissenschaft
einer rückgratlosen ›Kosmythologie‹ präsentiert, und wir werden eingela-
den, uns umzubringen, um zu vermeiden, sterben zu müssen.« (H. Dingle,
»Modern Aristotelianism«, in: Nature 139 (1937), S. 784–786; Dirac erwi-
derte diese Kritik im gleichen Band von Nature auf S. 1 001–1 002.)
10 P. A. M. Dirac, »The Relation between Mathematics and Physics«, in: Proc.
Roy. Soc. (Edinburgh) 59 (1938–39), S. 122–129.
11 Siehe Barrow u. Tipler, Anthropic Cosmological Principle, Abschnitt 4.5.
12 E. Teller, »On the Change of Physical Constants«, in: Phys. Rev. 73 (1948),
S. 801–802.
13 Siehe dazu wieder Barrow u. Tipler, Anthropic Cosmological Principle, Ab-
schnitt 4.5.
14 Paul Dirac an George Gamow am 10. Januar 1961, zitiert in: Kragh, Dirac,
S. 236f.
292 Das 1 × 1 des Universums

15 Auf 6 Milliarden Jahre schätzte er seinerzeit das Alter des Universums.


Inzwischen wissen wir, dass es damit weit unterschätzt war, da man den
Abstand der Galaxien falsch interpretiert hatte. Der Fehler wurde 1953
behoben.
16 George Gamow an Paul Dirac am 15. Oktober 1967, zitiert a.a.O., S. 238.
17 Siehe das Buch von Andrew Hodges über Turing.
18 J. B. S. Haldane, »Radioactivity and the Origin of Life in Milne’s Cosmo-
logy«, in: Nature 153 (1944), S. 555, und ders., »The Origin of Life«, in:
New Biology 16 (1954), S. 12.
19 Gould, Der Daumen des Panda, S. 192.
20 Will, Theory and Experiment, S. 181.
21 R. H. Dicke, »Principle of Equivalence and the Weak Interactions«, in: Rev.
Mod. Phys. 29 (1957), S. 355–362.
22 R. H. Dicke, »Dirac’s Cosmology and Mach’s Principle«, in: Nature 192
(1961), S. 440–441. An den Artikel schließt sich auf S. 441 eine kurze Er-
widerung Diracs an.
23 Das Argument gilt in gleicher Weise auch für jede andere Lebensform, die
Atome zur Grundlage hat, die schwerer als Helium sind.
24 Dirac in seiner Erwiderung auf Dickes Artikel, in: Nature 192 (1961),
S. 441.
25 Milne, Modern Cosmology, S. 158.
26 Damit sind chemische Elemente gemeint, die schwerer als Helium sind.
27 Paul Dirac an Werner Heisenberg am 6. März 1967. (Mein Dank gilt Hel-
mut Rechenberg, Max-Planck-Institut für Physik, München, für eine Ko-
pie des Originalbriefs, der handschriftlich in englischer Sprache verfasst
ist; Anm. d. Übers.)
28 Paul Dirac an George Gamow am 20. November 1967, zitiert in: Kragh,
Dirac, S. 238.
29 Die Bampton-Lectures wurden 1779 von Rev. John Bampton in Oxford
eingeführt. (Anm. d. Übers.)
30 Mascall, Christian Theology, S. 43. Mascall bezieht sich auf eine unver-
öffentlichte Arbeit Gerald Whitrows, die ich nicht ausfindig machen
konnte. Als ich 1979 Whitrow dazu befragte, antwortete er, dass er leider
keine Ahnung habe, was mit ihr passiert sein könnte.
31 Zum Vergleich: Das ›Vakuum‹ einer TV-Bildröhre enthält über 1016
Atome/m3, das einer Thermoskanne gar 1018. (Anm. d. Übers.)
32 Jaspers, Ursprung und Ziel der Geschichte, S. 294f. (Ich danke Yuri Balashov
für den Hinweis auf dieses Werk.)
33 Es ist eine interessante Koinzidenz, dass die Zahl der Sterne in einer Gala-
xie nahezu gleich der Zahl der Galaxien im Universum ist: Beide betragen
etwa 100 Milliarden. Vielleicht kann auch dies teilweise damit erklärt wer-
den, dass wir in einer Zeit leben, in der die Sterne (schon und noch) leuch-
Anmerkungen 293

ten. In ferner Zukunft wird das für uns sichtbare Universum größer sein
und mehr Galaxien enthalten – wenn es dann noch Sterne und Galaxien
gibt. (Eine aktuelle Koinzidenz: Auf 100 Milliarden US-Dollar wurden die
Kosten des 2. Irak-Kriegs vor Kriegsbeginn geschätzt – kriegsübliche und
Kollateralschäden nicht gerechnet; Anm. d. Übers.)
34 Hooke, Works, S. 143. Durch die Schlafenszeiten, das Vergessen und andere Ein-
schränkungen wird die Zahl allerdings erheblich reduziert. (Anm. d. Übers.)
35 Zu derartigen Netzwerken siehe Mark Buchanans Buch Small Worlds.
36 M. Holderness, »Think of a Number«, in: New Scientist (16. Juni 2001), S. 45.

Kapitel 7
1 Adams, Restaurant am Ende des Universums, S. 307.
2 Bilder dieses dramatischen Ereignisses sind beispielsweise unter http:
//nssdc.gsfc.nasa.gov/planetary/sl9/comet_images.html zu besichtigen.
3 Ward, Unsere einsame Erde, S. 195.
4 A.a.O.
5 B. Carter, »The Anthropic Principle and its Implications for Biological
Evolution«, in: Phil. Trans. Roy. Soc. A 310 (1983), S. 347–363.
6 Es gibt inzwischen zahlreiche Arbeiten über dieses so genannte ›Dooms-
day‹-Argument, siehe beispielsweise John Leslies Buch The End of the World
sowie N. Keyfitz, »On Future Population«, in: J. Am. Statist. Assoc. 67 (1972),
S. 347–363; H. B. Nielsen, »Random Dynamics and Relations between the
Number of Fermion Generations and the Fine Structure Constant«, in:
Acta. Phys. Polonica B 20 (1989), S. 427–468; J. R. Gott, »Implication of the
Copernican Principle for our Future Prospects«, in: Nature 363 (1993),
S. 315–319; ders., »Future Prospects Discussed«, in: Nature 368 (1994),
S. 108 (Antwort auf Anmerkungen von S. N. Goodman und A. L. Mackay
zur Frage, ob das Kopernikanische Prinzip mit dem Ansatz von Thomas
Bayes vereinbar ist). Zu weiteren Arbeiten siehe die Website von Nick
Bostrom: www.anthropic-principle.com/preprints.html.
7 Die Anzahl der Möglichkeiten für die beiden Zeiten, sich stark zu unter-
scheiden, ist weit größer als die, dass sie nahezu gleich sind.
8 M. Livio, »How Rare Are Extraterrestrial Civilizations, and When Did
They Emerge?«, in: Astrophys. J. 511 (1999), S. 429–431, siehe auch arXiv,
astro-ph/9808237 (21. August 1998).
9 J. Laskar u. P. Robutel, »The Chaotic Obliquity of the Planets«, in: Nature
361 (1993), S. 608–612; siehe auch S. 185–191 in meinem Buch Der kosmi-
sche Schnitt.
10 Die Neigung der Erdachse (oder ›Schiefe der Ekliptik‹) schwankt etwa ± 1,3°
um den Wert 23,3°. Sie nimmt derzeit jährlich um 0,47“ ab. (Anm. d. Übers.)
11 ›Lebende‹ Materiewolken erregten schon zu Anfang des 20. Jahrhunderts die
294 Das 1 × 1 des Universums

Fantasie von Dichtern. Es sei an Paul Scheerbarts Zukunftsromane erinnert,


insbesondere an Lesabendio aus dem Jahr 1913, wo über einem kraterförmigen
Planeten eine lebende Wolke schwebt, die das Geheimnis des Seins verbirgt
und mit der die Planetenbewohner kommunizieren können. (Anm. d. Übers.)
12 Brooke Shields, zitiert in: Observer (20. Januar 2002), S. 26.
13 Gott, Zeitreisen, S. 262.
14 Diese Zahlentricks können allerdings zu reichlich absurden Schlüssen
führen, da sie Alterungsprozesse (von Menschen, Mauern, Firmen, Staa-
ten, Kernkraftwerken etc.) nicht berücksichtigen: Die Lebenserwartung
steigt mit dem Alter! (Anm. d. Übers.)
15 Siehe dazu den Bericht über Lord Kelvins Vortrag »The Absolute Amount
of Gravitational Matter in Any Large Volume of Interstellar Space« in:
Nature 64 (1901), S. 626–629, sowie ders., »On the Clustering of Gravita-
tional Matter in Any Part of the Universe«, in: Phil. Mag. (Ser. 6) 3 (1902),
S. 1–9, und aus neuerer Zeit E. R. Harrison, »Newton and the Infinite Uni-
verse«, in: Phys. Today 39 (Februar 1986), S. 24–32.
16 Kelvin argumentierte, dass mit 10 Milliarden Sternen die Geschwindig-
keiten zu groß würden. In einem Schweresystem mit der Gesamtmasse
m, einem Radius r und einer durchschnittlichen Geschwindigkeit v der
Sterne sind diese drei Größen über die Beziehung v2 ≈ 2Gm/r verbunden,
wobei G die Newtonsche Gravitationskonstante ist.
17 Whitehead, Abenteuer der Ideen, S. 428.
18 Wallace, Stellung im Weltall, S. 285f. u. S. 290.
19 A.a.O., S. 286.
20 A.a.O., S. 287.
21 Ebd.
22 A.a.O., S. 167.
23 A.a.O., S. 168f.

Kapitel 8
1 Willard Quine in einem Interview für das Harvard Magazine, zitiert in:
Hersh, Mathematics, S. 170.
2 Siehe dazu H. Pagels, »A Cozy Cosmology«, in: The Sciences 25 (1985),
S. 34–38; G. L. Kane, M. J. Perry u. A. N. Zytkow, »The Beginning of the
End of the Anthropic Principle«, in: New Astronomy 7 (2002), S. 45–53.
3 D. A. Redelmeier u. R. J. Tibshirani, »Are Those Other Drivers Really Go-
ing Faster?«, in: Chance 13 (2000), S. 8–14.
4 Siehe dazu Nick Bostroms Buch Anthropic Bias und www.nickbostrom.com
sowie www.anthropic-principle.com/phd/ (dort auch: »Cars in the Next
Lane Really Do Go Faster«).
5 © Bettmann/Corbis.
Anmerkungen 295

6 Harrison, Darkness in Night, S. 87.


7 Santayana, Sense of Beauty, S. 102f.
8 Pascal, Religion, S. 324 (Nr. 693).
9 Ramsay, Foundations of Mathematics, S. 291. Der zitierte Text steht im Ab-
schnitt »Epilogue«, der in die deutsche Übersetzung des Werks nicht mit
aufgenommen wurde.
10 H. Bondi u. T. Gold, »The Steady-State Theory of the Expanding Uni-
verse«, in: Month. Not. Roy. Astron. Soc. 108 (1948), S. 252–270; H. Bondi, T.
Gold u. F. Hoyle, »Origins of Steady-State Theory«, in: Nature 373 (1995),
S. 10.
11 Der etwas abwertend gemeinte Name ›Big-Bang‹ wurde erst 1949 von
Fred Hoyle erfunden, als er in der BBC in der Sendereihe The Nature of the
Universe auf den dramatischen Beginn des Universums als Voraussetzung
für dessen Expansion hinweisen wollte. Hoyles Ausführungen erschienen
unter dem gleichen Titel als Buch.
12 Tatsächlich hatten M. G. Holloway und B. L. Moore 1940 einen An-
regungszustand des Kohlenstoffkerns nahe 7 MeV angegeben (»The
Disintegration of N14 and N15 by Deuterons«, in: Phys. Rev. 58 (1940),
S. 847–860), der auch in die einschlägigen Tafeln mit Kerneigenschaften
aufgenommen wurde, später aber von R. Malm und W. W. Buechner
(»Alpha-Particle Groups from the N14 (d, alpha) C12 and N15 (d, alpha)
C13 Reactions«, in: Phys. Rev. 81 (1951), S. 519–522) nicht bestätigt werden
konnte. In neueren Tafeln tauchte er dann auch nicht mehr auf. (Mein
Dank für diese Informationen gilt Virginia Trimble.)
13 D. N. F. Dunbar, R. E. Pixley, W. A. Wenzel u. W. Whaling, »The 7.68-Mev
State in C12«, in: Phys. Rev. 92 (1953), S. 649–650; C. W. Cook, W. A. Fow-
ler, C. C. Lauritsen u. T. Lauritsen, »B12, C12, and the Red Giants«, in: Phys.
Rev. 107 (1957), S. 508–515..
14 Das wurde von E. Salpeter (»Nuclear Reactions in Stars without Hydro-
gen«, in: Astrophys. J. 115 (1952), S. 326–328) und G. K. Öpik (»Stellar
Models with Variable Composition«, in: Proc. Roy. Irish Acad. A 53 (1949),
S. 1–16, und A 54 (1951), S. 49–77) festgestellt.
15 Hoyle, Astronomy and Cosmology, S. 402.
16 H. Oberhummer, A. Csótó u. H. Schlattl, »Stellar Production Rates of
Carbon and Its Abundance in the Universe«, in: Science 289 (2000), S. 88–
90.
17 Hoyle, Galaxies, S. 159f.
18 A.a.O., S. 160.
19 Fred Hoyle, in: Stockwood, Religion.
20 Die weniger gut gelungenen Konstruktionen werden gewöhnlich überse-
hen. Eine interessante Diskussion dieses Themas gibt George Williams in
Plan and Purpose in Nature und in Das Schimmern des Ponyfisches.
296 Das 1 × 1 des Universums

21 Diese Beweise für die Existenz Gottes stützten sich auf die Vielfalt in der
existierenden Welt, in der es unzählige Beispiele gibt, die ›eindeutig‹ zei-
gen, dass der Natur ein Schöpfungsplan zugrunde liegt. Eine Sammlung
solcher Beispiele stellt beispielsweise William Paleys Buch Natural Theology
dar. Wallace und Darwin wurden durch Bücher wie dieses erst auf das
Problem gestoßen und versuchten dann, neue andere Erklärungen zu fin-
den. (Siehe dazu wieder Barrow u. Tipler, Anthropic Cosmological Principle.)
22 Mit ›Realisierungen‹ sind die jeweils besonderen Exemplare gemeint, die sich
aus der Fülle der Möglichkeiten realisieren. Man kann auch sagen, dass ein
System einen ›Zustand‹ aus einer Vielzahl möglicher Zustände einnimmt.
In der Differenz der Naturgesetze und ihrer Realisierungen spiegelt sich die
›ontologische Differenz‹ von Sein und Seiendem wider. (Anm. d. Übers.)
23 Diese verschiedenen Einflüsse werden systematisch in meinem Buch The-
orien für Alles diskutiert.
24 Das 13. Kapitel des Buchs ist den großen Zahlen und den variablen Kon-
stanten gewidmet.
25 Diese Schlussfolgerung ist aber nicht zwingend. Wir wissen, dass die Realisie-
rungen der Naturgesetze nicht das gleiche Maß an Symmetrie haben müssen
wie die Naturgesetze selbst. Die Realisierungen sind bei weitem komplizier-
ter, asymmetrischer und – wenn man so will – weniger schön als die Gesetze.
26 Dyson, Innenansichten, S. 266.
27 A.a.O., S. 160.
28 Carter, Large Number Coincidences, S. 291.
29 A.a.O., S. 292.
30 Wie wir später sehen werden, geht Whitrow so vor, um zu begründen,
warum unser Raum drei Dimensionen hat.
31 Carter bezieht sich im Folgenden auf Diracs Anmerkungen zu Dicke in:
Nature 192 (1961), S. 441.
32 Carter, Self-selection, S. 187f.
33 M. Tegmark, »Is ›The Theory of Everything‹ Mereley the Ultimate En-
semble Theory?«, in: Ann. Phys. 270 (1998), S. 1–51, hier: S. 26, verein-
fachte Darstellung nach Barrow u. Tipler, Anthropic Cosmological Principle.
34 Freeman Dyson hat zum ersten Mal in »Energy in the Universe«, in: Sci.
American (September 1971), S. 50–59, darauf hingewiesen, dass bereits
eine Erhöhung der starken Wechselwirkung um 70 keV Dineutronen und
Diprotonen zulässt.
35 M. Tegmark, »Is ›The Theory of Everything‹ Mereley the Ultimate En-
semble Theory?«, in: Ann. Phys. 270 (1998), S. 1–51, hier: S. 27, verein-
fachte Darstellung nach Barrow u. Tipler, Anthropic Cosmological Principle.
36 Daniel Berger hat die vier anthropischen Prinzipien in einem »imperti-
nent resumé« polemisch mit den folgenden Merksätzen gekennzeichnet:
»›Weiches‹ – Wenn wir nicht hier wären, wären wir nicht hier; ›Hartes‹
Anmerkungen 297

– Nur ein Universum mit uns ist möglich; ›Partizipatorisches‹ – Wenn wir
nicht hier wären, könnte das Universum nicht existieren; ›Finales‹ – Das
Universum sind wir.« (Siehe http://www.bluffton.edu/~bergerd/essays/
impert.html; Anm. d. Übers.)
37 Eine Anmerkung ist noch nötig: Es wird keine Aussage darüber gemacht,
dass Leben entstehen und andauern muss.
38 Es gibt Biologen, für die zu Leben alles zählt, was einem Evolutionspro-
zess unterliegt.
39 Siehe dazu J. D. Barrow, R. Bean u. J. Magueijo, »Can the Universe Escape
Eternal Acceleration?«, in: Month. Not. Roy. Astron. Soc. 316 (2000), S. L41–
L44, siehe auch arXiv, astro-ph/0004321 (23. April 2000).
40 Woody Allen, zitiert in: Observer (27. Mai 2001), S. 30.
41 Siehe Barrow u. Tipler, Anthropic Cosmological Principle, S. 668. Zur weiteren
Diskussion siehe L. M. Krauss u. G. D. Starkman, »Life, the Universe, and
Nothing: Life and Death in an Ever-expanding Universe«, in: Astrophys. J.
531 (2000), S. 22–30.
Die Beschleunigung ist möglicherweise auf die Tatsache zurückzufüh-
ren, dass die schon genannte kosmologische Konstante positiv ist. Sie wirkt
wie eine additive Größe im Gravitationsgesetz. Im Gegensatz zum New-
tonschen Gesetz, nach dem die Schwerkraft umgekehrt proportional zum
Quadrat des Abstands abfällt, nimmt sie linear mit der Entfernung ab. Die
kosmologische Konstante wird mit der Vakuum-Energie des Universums er-
klärt, ihre Größe bleibt mit 10-55 cm-2 oder 10-121 lPl-2 (lPl ist die Planck-Länge)
ein Mysterium, ist sie doch damit 10121 mal kleiner als der ›natürliche‹ Wert,
den man nach der Theorie der Elementarteilchen erwarten würde.
42 Ein Schlupfloch, das man im richtigen Typ von Universum ausnützen
kann, ist die Möglichkeit, dass die Beschleunigung durch eine neue Art
von Materie bewirkt wird, die eine positive kosmologische Konstante vor-
täuscht und als neue Energiequelle angezapft werden kann. Schließlich
würde aber auch diese Quelle nur noch die Expansion antreiben und das
unaufhaltsame Absinken der Informationsqualität begänne erneut.
43 K. Gödel, »An Example of a New Type of Cosmological Solutions of
Einstein’s Field Equations of Gravitation«, in: Rev. Mod. Phys. 21 (1949),
S. 447–450.
44 Siehe M. R. Reinganum, »Is Time Travel Impossible? A Financial Proof«,
in: J. Portfolio Management 13 (1986), S. 10–12.

Kapitel 9
1 Adams, Einmal Rupert und zurück, S. 880f.
2 Diese Argumentation steht auf keinem sicheren Boden: Es ist zwar einzu-
sehen, warum unsere ›letzte‹ Theorie auch nicht um das Geringste geän-
298 Das 1 × 1 des Universums

dert werden kann, ohne ihre innere Stimmigkeit zu zerstören, aber woher
können wir die Gewissheit haben, dass es keine völlig andere, aber in sich
konsistente Theorie gibt, die in keiner Weise etwas mit unserer angeblich
›letzten‹ Theorie zu tun hat?
3 Auf den ersten Blick könnte es scheinen, dass dies der Situation in der
Biologie vor der Entdeckung der Evolution mit ihrer natürlichen Auslese
ähnelt. Es ist aber ganz anders. Es geht um die Entdeckung einer voll-
ständigen Theorie zur Beschreibung aller Naturgesetze und -konstanten.
Aber selbst wenn wir sie hätten, könnten wir nicht alle Realisierungen
vorhersagen, die in ihrem Rahmen möglich sind.
4 Heinlein, Zahl des Tiers, S. 15.
5 Das bedeutet nicht, dass ein Universum in allen Einzelheiten so sein
muss, wie das unsere. Zwei Universen mit identischen Naturgesetzen und
-konstanten, ja selbst den gleichen Startbedingungen, können trotzdem
anders ausfallen und im Einzelnen eine unterschiedliche Entwicklung
nehmen, da Symmetrieverletzungen und Quanteneffekte wie die Un-
schärfe ins Spiel kommen.
6 Carter, Large Number Coincidences, S. 295f.
7 Wallace, Des Menschen Stellung im Weltall, S. 300.
8 Born, Minimalprinzipien, S. 83.
9 Lumpiness = Klumpigkeit, Maß für die Zusammenballung von Materie.
10 Siehe Alan Guths Buch Die Geburt des Kosmos aus dem Nichts und seinen
Artikel »Inflationary Universe: A Possible Solution to the Horizon and
Flatness Problems«, in: Phys. Rev. D 23 (1981) S. 347–356.
11 Siehe dazu mein Buch Der Ursprung des Universums.
12 Da das Universum in seinem Aufbau Inhomogenitäten aufweist, ist es im
Übrigen auch unmöglich, dass die Expansion exakt auf dieser Linie liegt.
Sie muss also äußerst dicht an ihr begonnen haben.
13 Die Beschleunigung ist so immens, dass schon eine Phase von 10-35 bis
10-33 s für diesen Effekt ausreicht.
14 Näheres zu diesem Thema findet sich in dem Buch Die linke Hand der
Schöpfung, das ich zusammen mit Joseph Silk verfasst habe.
15 COBE = Cosmic Background Explorer: Satellit zur Messung der diffusen
Infrarotstrahlung und der kosmischen Mikrowellen-Hintergrundstrah-
lung, der im November 1989 in eine Umlaufbahn gebracht wurde. (Anm.
d. Übers.)
16 Siehe dazu Das Echo der Zeit von Goerge Smoot und Keay Davidson sowie
The Very First Light von John Mather und John Boslough.
17 MAP = Microwace Anisotropy Probe: Satellit zur Messung der kosmi-
schen Mikrowellen-Hintergrundstrahlung, der am 30. Juni 2001 gestartet
wurde. Das Projekt läuft jetzt unter dem Namen WMAP, wobei das W für
den 2002 verstorbenen Astronomen Denys Wilkinson steht, der zu seinen
Anmerkungen 299

Initiatoren gehörte. Im Frühjahr 2003 wurden erste Ergebnisse veröffent-


licht. Danach ist das Universum 13,7 Milliarden Jahre alt, und die ersten
Sterne begannen bereits 200 000 Jahre nach dem Big-Bang zu leuchten.
(Anm. d. Übers.)
18 Planck Surveyor Mission: Untersuchungen der Anisotropie der kosmi-
schen Mikrowellen-Hintergrundstrahlung mit hoher Auflösung und in
einem weiten Frequenzbereich von 30 bis 857 GHz. (Anm. d. Übers.)
19 Boomerang: australisches Ballon-Experiment über der Antarktis 1998/99
zur Messung der Mikrowellen-Hintergrundstrahlung. (Anm. d. Übers.)
20 Siehe dazu mein mit Frank Tipler verfasstes Buch The Anthropic Cosmologi-
cal Principle.
21 A. Linde, »The Self-Reproducing Inflationary Universe«, in: Sci. American
(November 1994), S. 48–55, siehe auch http://physics.stanford.edu/linde/
1032226.pdf.
22 Ich muss gestehen, dass mir diese Begründung für die Geschichtsfor-
schung immer ein Rätsel war. Es scheint eher, dass die größten Probleme
unserer Zeit – von Nordirland bis zum Mittleren Osten – auf zu viel
Kenntnis der Vergangenheit beruhen.
23 D. MacKay; siehe dazu auch mein Buch Die Entdeckung des Unmöglichen.
24 It’s a Wonderful Life (Film, USA 1946; dt. Verleihtitel: Ist das Leben nicht
schön?). Das Rührstück geht gut aus: Der Held bringt sich nicht um, und
der Engel bekommt endlich Flügel. (Anm. d. Übers.)
25 Ein weiteres Beispiel ist Vaterland von Robert Harris.
26 Film, USA 1985; inzwischen drei Teile.
27 Ferguson, Virtuelle Geschichte, S. 16f.; Zitate aus Oakshott, Experience,
S. 128–145.
28 A.a.O., S. 15f.; Zitate aus Croce, Necessity in History, S. 557ff.
29 A.a.O., S. 71; Zitat aus Carr, History.
30 Siehe dazu John C. Squires ›Parallelweltgeschichten‹ unter dem Titel
Wenn Napoleon bei Waterloo gewonnen hätte.
31 Nicht jeder Sack Reis, der in China umfällt, löst eine Katastrophe aus,
und viele der Schmetterlinge flattern folgenlos durch Wald und Flur.
(Anm. d. Übers.)
32 Siehe dazu wieder Mark Buchanans Buch Small Worlds. Beispiele sind
Ehen, Haarrisse in Flugzeugflügeln, brandgefährdete Wälder, erdbe-
benanfällige Landstriche und Epidemien vor ihrem Ausbruch. (Anm. d.
Übers.)
33 Blackburn, Being Good, S. 72f.
34 Ferguson, Virtuelle Geschichte, S. 108.
300 Das 1 × 1 des Universums

Kapitel 10
1 Reichenbach, Philosophie der Raum-Zeit-Lehre, S. 322.
2 J. W. McReynolds, »George’s Problem«, in: Scripta Mathematica 15 (1949),
S. 156–158.
3 © AKG London.
4 Kant, Schätzung der lebendigen Kräfte, S. 33ff. (§§ 9–11).
5 Um das zu begreifen, wollen wir uns eine Masse vorstellen, die in einem
Punkt konzentriert ist. Nun umgeben wir sie mit einer Kugelschale.
Durch jeden Punkt der Kugelschale geht eine Kraftlinie, die auf das Mas-
sezentrum zuläuft. Die Oberfläche der Kugelschale sagt uns, zu welcher
negativen Potenz die Kraft proportional ist. Im dreidimensionalen Raum
ist die Kugeloberfläche proportional zum Quadrat des Radius, im n-di-
mensionalen Raum entsprechend proportional zur (n-1)-ten Potenz des
Radius.
6 A.a.O., S. 35 (§§ 10–11). Die Dimensionen heißen bei Kant ›Abmessungen‹.
7 Diese Entdeckung wäre schon früher möglich gewesen, man hätte nur die
Zeichnungen von Dreiecken, Geraden oder anderen geometrischen Gebil-
den in einem gekrümmten Spiegel betrachten müssen. Die Euklidische Ge-
ometrie geht dann in die Geometrie einer gekrümmten Fläche über, aber die
optischen Gesetze garantieren, dass die mathematischen Zusammenhänge,
die in der Ebene gelten, auf der gekrümmten Fläche erhalten bleiben.
8 Die Herausforderung, sich ein Leben in zwei Dimensionen vorzustellen,
kam vor der mit vier Dimensionen. Der deutsche Mathematiker Carl
Friedrich Gauß stellte sich beispielsweise zweidimensionale Wesen vor,
die er ›Bücherwürmer‹ nannte, und die auf unendlich großen Papierbo-
gen lebten. Hermann Helmholtz versetzte 1881 die Bücherwürmer auf
die Oberfläche eines Balls und verschaffte ihnen damit eine Welt mit end-
licher Ausdehnung, aber ohne Grenzen. (Siehe Kaku, Hyperraum, S. 56 u.
65; Anm. d. Übers.)
9 Wladimir Iljich Lenin in einer Kritik der Untersuchung n-dimensionaler
Geometrien durch Ernst Mach. Siehe dazu Lenins Schrift Materialismus
und Empiriokritizismus.
10 Die Idee wurde in regelmäßigen Abständen von anderen Autoren aufge-
griffen, die immer neue geometrische und topologische Spitzfindigkeiten
hinzufügten. Beispiele sind Dionys Burgers Silvestergespräche eines Sechsecks,
Alexander Dewdneys Planiversum und Ian Stewarts Flatterland (das sich im
Untertitel –Like Flatland, Only More So – direkt auf Abbotts Buch bezieht).
11 Insbesondere Johann Zöllner und Mitglieder der Society for Psychical
Research, die in Oscar Wildes Gespenst von Canterville verspottet werden.
12 J. C. F. Zöllner, »On Space of Four Dimensions«, in: Quart. J. Sci. (N. F.) 8
(1878), S. 227–237.
Anmerkungen 301

13 Näheres dazu findet man in The Unseen Universe von Balfour Stewart und
Peter Guthrie Tait. Tait war einer der Pioniere der Knotentheorie und
fand heraus, dass man dreidimensionale Knoten in der vierten Dimen-
sion lösen kann.
14 Eine interessante Untersuchung des Verhältnisses von Doyle und Holmes
stellt Martin Gardners Essay »The Irrelevance of Conan Doyle«, in: ders.
Science: Good, Bad and Bogus, dar.
15 Auch über die Medizin hatte James Hinton recht ungewöhnliche An-
sichten. In seinem Buch The Mystery of Pain. A Book for the Sorrowful ver-
trat er die Theorie, dass »alles, was wir als Schmerz empfinden, uns in
Wirklichkeit etwas gibt«, auch wenn uns das nicht sofort einleuchten
will. Sein Sohn Charles versuchte später, diese Theorie mathematisch zu
formulieren und griff dazu auf eine höherdimensionale Geometrie und
unendliche Reihen zurück. (Zu James und Charles Hinton siehe auch
Kaku, Hyperraum, S. 92ff.)
16 Hinton, Picture of Our Universe, S. 41.
17 C. Hinton, »What is the Fourth Dimension?«, in: Univ. Mag. (Dublin), 1880.
Der Essay wurde 1884 als Pamphlet in der Reihe Scientific Romances von Swan
Sonnenschein & Co., London, wieder veröffentlicht. Sonnenschein war ein
Anhänger der Ideen Hintons und brachte in den folgenden zwei Jahren
weitere neun seiner Streitschriften heraus, die als zweibändige Sammlung
unter dem Titel Scientific Romances auf den Markt kamen. Die Essays »Eine
flache Welt«, »Was ist die vierte Dimension?« und »Der König von Persien«
sind in dem Sammelband Wissenschaftliche Erzählungen enthalten.
18 C. Hinton, »A Mechanical Pitcher«, in: Harper’s Weekly (20. März 1897),
S. 301–302.
19 Siehe dazu wieder Kaku, Hyperraum.
20 Sie dazu Arthur I. Millers Buch Einstein, Picasso: Space, Time and the Beauty
that Causes Havoc.
21 Marcel Duchamp, Nu descendant un escalier, 1912, Philadelphia Museum
of Art, Sammlung Louise und Walter Arensberg, Philadelphia (Penn.). Zu
Anfang des 20. Jahrhunderts entstand eine ganze Reihe solcher ›Kineto-
graphien‹, u.a. von El Lissitzky und Giacomo Balla. Im Life Magazine 284 er-
schien 1952 eine Fotomontage von Eliot Eliofson mit dem Titel Duchamp,
eine Treppe herabsteigend, die Duchamps Bild persifliert. (Anm. d. Übers.)
22 © Succession Picasso/DACS 2002.
23 Hier sei an unser ›Sekundenpendel‹ erinnert: Für L = 1 m ist t ≈ 2 s.
24 A. Einstein, »Elementare Betrachtungen über die thermische Molekular-
bewegung in festen Körpern«, in: Ann. Phys. 35 (1911), S. 679–694, hier:
S. 687.
25 Albert Einstein an Ilse Rosenthal-Schneider am 13. Oktober 1945, zitiert
in: Rosenthal-Schneider, Begegnungen, S. 26.
302 Das 1 × 1 des Universums

26 Eco, Das Foucaultsche Pendel, S. 9.


27 Siehe dazu die Biografien von Viktor Frenkel und Martin Klein.
28 G. E. Uhlenbeck, »Reminiscenses of Professor Paul Ehrenfest«, in: Am. J.
Phys. 24 (1956), S. 431–433. Uhlenbeck war einer der Studenten Ehren-
fests.
29 Aquarell von Maryke Kammerlingh-Onnes, mit freundlicher Erlaubnis
von AIP Emilio Segrè Visual Archives.
30 Paul Ehrenfest an Niels Bohr am 13. Mai 1931. (Mein Dank gilt Dr. G.
A. C. Veeneman, Museum Boerhaave, Leiden, für eine Kopie des Origi-
nalbriefs; Anm. d. Übers.)
31 P. Ehrenfest, »In What Way Does it Become Manifest in the Fundamental
Laws of Physics that Space has Three Dimensions?«, in: Proc. Amsterdam
Acad. 20 (1917), S. 200–209 (siehe auch ders., Collected Scientific Papers,
S. 400–409), dt. (in gekürzter Fassung ohne den Anhang): »Welche Rolle
spielt die Dreidimensionalität des Raumes in den Grundgesetzen der
Physik?«, in: Ann. Phys. 61 (1920), S. 440–446.
32 Einstein, In memoriam Paul Ehrenfest, S. 205.
33 Die Mathematiker sind diese Besonderheit gewohnt. Es ist häufig der
Fall, dass eine mathematische Aussage in Räumen mit allen möglichen
Dimensionen bestätigt werden kann – aber nicht für den dreidimensiona-
len Raum. In der Regel ist dort die Beweisführung besonders schwierig.
34 G. J. Whitrow, »Why Physical Space has Three Dimensions«, in: Brit. J. Phil.
Sci. 6 (Mai 1955), S. 13–31.
35 Minkowski, Raum und Zeit, S. 431. (M. H.! = Meine Herren!)
36 Thomas von Aquin, Compendium theologiae, S. 30 u. S. 54.
37 Besso starb am 15. März 1955, Einstein gut einen Monat später am
18. April.
38 Albert Einstein an Sohn und Schwester von Michele Besso am 21. März
1955, zitiert in: Hoffmann, Einstein, S. 302f.
39 Siehe Barrow u. Tipler, Anthropic Cosmological Principle, Kapitel 4; F. R.
Tangherlini, »Schwarzschild Field in n Dimensions and the Dimensio-
nality of Space Problems«, in: Nuovo Cimento 27 (1963), S. 636–651; I. M.
Freeman, »Why is Space Three-Dimensional?«, in: Am. J. Phys. 37 (1969),
S. 1 222–1 224; L. Gurevich u. V. Mostepanenko, »On the Existence of
Atoms in N-dimensional Space«, in: Phys. Lett. A 35 (1971), S. 201–202;
I. L. Rozental, »Physical Laws and the Numerical Values of Fundamental
Constants«, in: Sov. Phys. Usp. 23 (1981), S. 296–305; J. D. Barrow, »Dimen-
sionality«, in: Phil. Trans Roy. Soc. A 310 (1983), S. 337–346.
40 Es gibt einige interessante Anmerkungen über zweidimensionale Ma-
schinen von John S. Harris von der Brigham Young University. Er wies
auf die erstaunliche Ähnlichkeit zwischen Mechanismen in einer flachen
(zweidimensionalen) Welt und (dreidimensionalen) Schusswaffen hin.
Anmerkungen 303

So schrieb er über die deutsche Mauser-Pistole: »Diese bemerkenswerte


automatische Pistole funktioniert ohne Drehzapfen und Schrauben. Es
gleiten nur Nocken in zweidimensionale Muffen. In der Tat folgen die
Schlösser zahlreicher Waffen, insbesondere im 19. Jahrhundert, im We-
sentlichen planiversen Prinzipien.« (John S. Harris, zitiert in: Dewdney,
Symposium, S. 181.
41 J. Dorling, »The Dimensionality of Time«, in: Am. J. Phys. 38 (1969),
S. 539–540; F. J. Yndurain, »Disappearance of Matter Due to Causality
and Probability Violations in Theories with Extra Timelike Dimensions«,
in: Phys. Lett. B 256 (1991), S. 15–16.
42 Abraham Lincoln, Botschaft an den Kongress vom 1. Dezember 1862.
43 Albert Einstein an Theodor Kaluza am 21. April 1919, zitiert in: Pais, Raf-
finiert ist der Herrgott, S. 333.
44 Th. Kaluza, »Zum Unitätsproblem der Physik«, in: Sitz. Preuss. Akad. Wiss.
(1921), S. 966–972.
45 O. Klein, »Quantentheorie und fünfdimensionale Relativitätstheorie«, in:
Z. Phys. 37 (1926), S. 895–906, hier: S. 905f.
46 P. Candelas u. S. Weinberg, »Calculation of Gauge Couplings and Com-
pact Circumferences from Self-Consistent Dimensional Reduction«, in:
Nucl. Phys. B 237 (1984), S. 397.
47 Aus »Vesalius in Zante. 1564«, einem Gedicht von Edith Wharton, zitiert
in: Pickover, Surfing through Hyperspace, S. 118.
48 Zur Frage, warum dieses Problem auftaucht und warum es die String-
Theorie lösen kann, siehe mein Buch Theorien für Alles, insbesondere
S. 40–41 u. S. 111–117, sowie M. B. Green, »Superstrings«, in: Sci. American
(September 1986), S. 44–56.
49 Bulk = Größe, Ausmaß, massige Gestalt, das Ganze.

Kapitel 11
1 G. A. Cowen, »A Natural Fission Reactor«, in: Sci. American 235 (Juli 1976),
S. 36–47.
2 R. Bodu, H. Bouzigues, N. Morin u. J. P. Pfiffelman, »Sur l’existence
d’anomalies isotopiques rencontrées dans l’uranium du Gabon«, in: C.
Rend. Acad. Sci., D 275 (1972), S. 1731–1732.
3 Die Uranlagerstätten liegen zwischen Mounana, Moanda und France-
ville nahe dem Ogooué oder Ogowe, dem größten Fluss Gabuns. An
seinem Unterlauf liegt Lambarene, 1913–1965 die Wirkungsstätte Albert
Schweitzers. (Anm. d. Übers.)
4 Ein Isotop ist eine Variante eines Elements mit der gleichen Anzahl Pro-
tonen, aber verschieden vielen Neutronen. Das einfachste Beispiel ist der
Wasserstoff, dessen Kern nur aus einem Proton besteht. Das Deuterium,
304 Das 1 × 1 des Universums

das leichteste Isotop des Wasserstoffs, besteht aus je einem Proton und
einem Neutron, das Tritium aus einem Proton und zwei Neutronen.
Die Analyse wird mit einem Massenspektrometer durchgeführt. Die
Gasmoleküle von Uranhexafluorid (UFl6) werden ionisiert und beschleu-
nigt, bevor sie ein Magnetfeld durchlaufen, in dem sie abgelenkt werden.
Die Ablenkung ist von der Masse der Isotope abhängig. Die Methode
erlaubt Messungen von großer Präzision.
5 Ein Beispiel ist Nd142, eines von neun Neodym-Isotopen, das kein Spalt-
produkt ist und daher als Maß für den Neodym-Anteil in Oklo vor dem
Betrieb des Reaktors dienen kann.
6 M. Neuilly, J. Bussac, C. Fréjacques, G. Nief, G.