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196 J
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Zur Theorie des negativen Urteils. 19?
sieren pflegt. Andererseits aber begreift man darunter auch das

I ,"Setzen" oder "Behaupten"� 'Überzeugung und Behauptung


nun stehen sicherlich in nahen Beziehungen zueinander, sie sind
r aber keineswegs identisch .. Es ist kein Zweifel, daß man &prach­
t gebräuchlich sehr wohl beide als "Urteil" bezeichnen kann. Umso
genauer aber muß b�;�achtet werden, daß sie untereinander
I durchaus verschieden

zwei ganz verschiedene logische Sphären


j

umgrenzen und somit das Gesamtgebiet der Urteilstheorie in zwei

Zur Theorie des negativen Urteils. I benachbarte, aber durchaus geschiedene Teilgebiete zerlegen.
I Das muß nun näher aufgewiesen werden; es gilt die beiden berührten

l
Von · Urteilsbegriffe ·zu trennen und sie zugleich von yerwandten Ge­
·

.ADoLF REINACH. bilden abzuscheiden, mit denen sie verwechselt werden können
und verwechselt worden sind.
·

Die großen Schwierigkeiten, auf welche die Logik von Anfang Wir knüpfen an einen Ten;ninus an, welchem wir seit F RANZ
an bei der Behandlung des negativen Urteils gestoßen ist, sind B:aENTANOS einflußreichen Untersuchungen in der Urteilstheorie
noch keineswegs befriedigend gelöst. Weitgehende Differenzen häufig begegnen. BRENTA.NO hat das positive Urteil als ein ,,An­
bestehen noch nach den verschiedensten Richtungen hin. Nur erkennen" bezeichnet und ihm das negative Urteil als ein "Ver­
zum Teil liegen diese Schwierigkeiten an dem negativen Urteil werfen" gegenübergestellt. Zweifellos sind diese Termini nicht
als solchem, zum anderen Teil liegen sie daran, daß auch die Be­ ohne weiteres und eindeutig verständlich; die Forscher, welche
stimmung des positiven Urteils noch nicht eindeutig gelungen sich ihrer bedient haben, haben sich denn auch keineswegs der
ist. Solange der Urteilsbegriff überhaupt mit Äquivokationen in ihnen liegenden gefährlichen Vieldeutigkeit immer entzogen.
und Unklarheiten behaftet ist, wird auch die Behandlung des Von Anerkennung und Verwerfung wird zunächst im Sinne einer
negativen Urteils darunter zu leiden haben. Es soll im Folgen­ w e r t e n d e n Zu- oder Abwendung gesprochen; so wird ein sitt­
den der Versuch gemacht werden, die Probleme des negativen liches Tun anerkannt, ein unsittliches verworfen. Mit Recht
Urteils nicht etwa allseitig zu lösen, aber doch nach einigen

haben BRENTA.NO 1 und MAR'i'Y 2. betont, daß dieser Begriff "einer
Richtungen hin einer Lösung näher zu bringen. In der ganzen liebenden Wertschätzung" oder einer "Genehmhaltung im Ge­
Problemlage ist es begründet, daß wir zuerst mit einigen Erörte­ müte" in der Urteilstheorie keine Stelle hat. Was sollte es auoh
rungen über das Urteil überhaupt beginnen. 1 heißen, daß im Urteil "2.2 =4" die Gleichheit von 2.2 und 4
"geschätzt" oder im Urteil "2.2 5" die Gleichheit von 2.2 und 5
I.
=

in diesem Sinne "gemißbilligt" werde 1 Die Gefahr einer solchen


Es ist von der äußersten Wichtigkeit, eine Äquivokation Vermengung ist nicht groß; viel näher liegt eine andere.
aufzudecken, welche im Terminus Urteil noch steckt, und die sich, Es gibt eine Anerkennung, welche von· einer eigentlichen
wie mir scheint, in logischen Zusammenhängen sehr häufig in ·Schätzung nichts in sich trägt und genauer ·als eine Zustimmung
verwirrender Weise geltend macht. Unter "Urteil" wird einmal charakterisiert werden kann. Ich häre etwa das Urteil "A ist b''
das verstanden, was man näher als "Überzeugung", "Gewißheit",
·'
...
aussprechen, verstehe es, überlege es mir, und sage dann zu­
" belief", auch wohl als "Geltungsbewußtsein" zu charakteri- 1
stimmend "ja". In diesem "ja" liegt ein Zustimmen, ein An-

1 Da ich mich hier auf die Darlegung des für meine Zwecke aller­
notwendigsten beschränken muß, habe ich a uf literarische Auseinander­ I 1 Vom Ursprung sittlicher Erkenntnis S. 56.
setzungen fast ganz verzichtet� Im übl'igen verweise ich auf die ausfiihr­
licbel'e Darstellung in meiner Schrift "Urteil und Sachverhalt", die ioh in
! a Untersuchungen zur Grundlegung der allgemeinen Grammatik Ulld
t;prachphllosophie, Bd. I, S, 233.

l
Kürze zu verö ffentlichen hoffe.


i98 . . .Adolf .Reinach.. Zur Theorie dlllt negativen Urteils. 199

T_,.. .
. .
erkennen; aber auch hier ist das· Anerkennen kein Urteil. Welches -wä.rtigen wir uns einEm konkr�ten Fall: · es .möge zwischen ·mk
Urteil sollte es auch sein 1 Das Urteil "A ist b" 1 Gewiß nicht. und einem· anderen in Frage stehen, welche Farbe irgend ein
Denn dieses' U:rteil bezieht sioh ja evidentermaßen auf das b-seiri Gegenstand trägt. Ich tre� vor ihn hin und sehe, er ist rot. ·Es
des A, auf diesen Sachverhalt, die Anerkennung aber,. die wir ist mir hier gegeben das Rotsem des Gegenstandes, und indimi
jetzt im Auge haben, bezieht sich auf das Ur t e il "A ist b", A' .es mir zur Gegebenheit. kommt, erwächst mir die· diesbezügliche
I
Daß der Sachverhalt aber nicht dasselbe ist wie das Urteil :Oberzeugung; es erwächst mir die Überzeugung davon, oder
welches ihn setzt, b raucht nicht besonders betont zu werden : der .�Glaube'� daran, daß der Gegenstand rot ist. Man kann da­
loh kann auf das gehörte Urteil auoh.erwidern: "Ja; A ist in der j bei sehr wohl von einem Urteil reden. Wir haben in der Tat
Tat b." Hier haben wir die Zusthnmungsanerkennung und·· da.S
Urteil in evidenter Verschiedenheit liebeneinander. Erst stiine n:i.
Ii
hier den Punkt, an dem sich ·der "belief" �Begriff _der englischen
Philosophie orientiert.
ich in dem "Ja" dem gehörten Urteil zu, und dann urteile ich Verfolgen wir den Fall noch eine Strecke weiter: loh wende
auch meinerseits ,,A ist b" .. Dieses Urteil kann man nun eben�
��
t mich vqn dem Gegenstande ab, trete zu· der. anderen Person
falls als eine Anerkennung, und zwar als Anerkennung des Sach­ hin u'nd sage: "Der Gegenstand ist rot." Was liegt hier vor �·
I
verhaltes "b-sein des A" bezeichnen. Und gerade hierin liegt Die vorher gewonnene Überzeugung kann fortdauern, ich kann sie
die Gefahr der Verwechslung, von der wir sprachen. Zu­ I festhalten; auch wenn der Gegenstand nicht mehr vor mir steht�
stimmungsanerkennung und urteilende · Anerkennung ·sind, so• :I Mit dieser Überzeugung wende ich mich zu dem Anderen und
wohl als Akte, wie ihrer gegenständlichen Beziehung naoh grund­ -spreche die genannten Worte aus. Aber es ist keineswegs so;
verschieden. Wollen wir uns die hier liegende Äquivokatioti
zunutze machen, so können wir sagen: die Zustimmungsaner­
I
I'
'als ob hier nun nichts weiter vorläge als die Überzeugung vom
Sachverhalte und das Ausspreoh�m bestimmter Worte. Indem
kennung ist Anerkennung einer urteilenden Anerkennung. 1 l ich die Worte ausspreche, meine ich mit ihnen etwas, meine ich
Mil.nohe Verwirrung in der Urteilstheorie erklärt sich dil.ra;lis,
.
daß man dem echten Urteil die zustimmende Anerkennung unter­
I
'
das Gegenständliche, welches sie bezeichnen, und zwar meine ich
es in setzender, in behauptender Weise. Dieses Setzen oder Be-.
geschoben hat. Der Terminus Anerkennung verleitet dazu in
hohem Maße, und .ebenso oder in· noch höherem Maße der Ter­
I haupte:q. stellt einen eigenen sehr bemerkenswerten Akt d�
Auch wenn ich sage: "Ist der Gegenstand rc;>t �" ziele ich meinend
•.

Ininus "Billigung", dessen sich W i n d e 1 b a n d zur Bezeichnung a'b auf Gegenständliches und zwar auf dasselbe, wie bei dem
.
des Urteils bedient. 11 Natürlich lassen sich für die Ausdrücke Satze: "Der Gegenstand ist rot". Aber jetzt haben wir nicht,
"verwerfen" oder "mißbilligen" ganz entsprechende Erwägungen wie vorhin, ein behauptendes, sondern ein fragendes Abzielen,
durchführen. Es hebt sich bei der aufmerksamen Vergegenwärtigung der beiden
·

Nachdem wir so Anerkennung und Verwerfung im Sinne Fälle das Spezifische des Behauptens mit aller Klarh�it heraus.
einer positiven bzw. negativen Wertschätzung und im Sinne der Oder man versetze sich in den Fall, in dem ein anderer die Be-.
Zustimmung bzw. Ablehnung eines Urteils ausgeschaltet haben, hauptung· "A ist b" ausspricht, und ich diesen Satz verstehend
gelangen wir zu der Frage, ob unsere Termini wenigstens innerhalb wiederhole, ohne jedoch die Behauptung zu teilen. Genau del'
der Urteilssphäre selbst einen eindeutigen Sinn besitzen. Wir identische Sachverhalt ist hier beide Male g�eint, aber nur im
haben schon angedeutet, daß dies nicht der Fall ist. Vergegen- ersteren Falle ist er b e h a u p .t e n d gesetzt.1 Wie das verstehende
I
' ,. . Nachsprechen der Behauptung positiv zu charakterisieren ist,
1 Die Zustimmung bezieht sich frej.l.ich nicht nur auf das Urteil im , sei dahingestellt; von einem Behaupten kann jedenfalls keine_
Sinne des Urteilsa.ktes, sondern auch im Sinne des Urteilsgelialtes. Doch
ist es nicht notwendig, diese e�as achwierige Unterscheidung hier durch- 1 Daß es. nicht angeht, die beiden Fälle a.ls ein "bloßes Aussprechen"
zuführen. . . . - . i von Worten zu charakterisieren, bei dem nur das eine Mru eine 'Üb e r•
a Vgl. bes. Beiträge. zur Lehre vom negativen Urteil. (Straßburger I z e u g u n g zugrunde liegt, während sie das andere Mal fehlt, ergibt
Abhandlungen zur Philosophie, S. 167ff.) · · · · - .
. � sich aus den folgenden Ausführungen.

I
200 AdoZf Beinach. Zur Theorie des negati11m Urteils. 201

:Rede se:i:Q. So sehen wir, da.ß es eigentUxnll(}he Akte' des Se�®s Intenaität des Gefühls. 1 Das hat er später etwas modifiziert.
J
oder Beha.uptens gibt; .sie liegen in edem po11itiven Urteile, dem ,,Ea ist falsch , .... , so h,eißt es im Ursprung sittlicher Erkennt­
wir Ausdruck verleihen, vor. Wir werden diEltleB Behaupten nis, 2 daß der sog. Grad der Überzeugung eine Intensitätsstufe
auflluohen im aus g e s p r o c h e n e n Urteil; aber wir müssen des Urteilans sei, welche mit der Intensität von Lust und Schmerz
uns davor hüten, es auf rein Sprachliches reduzieren zu wollen. in Analogie. gebracht werden könnte." Aber Grade des Urteils
Man kann zugeben, daß ein Behaupten ohne sprachliche Ein­ will BRE'N'U,NO nach wie vor annehmen. Und ähnlich redet WINDEL�
kleidung sich nirgends aufweisen läßt. Aber das bedeutet nicht, UN:J? von einer graduellen Abstufbarkeit des "Überzeugungs�
daß beides identisch ist. Sowohl beim eigentlichen, lauten, als a1:1.ch gefühls" oder der "Gewißheit". 3 Auf die Behauptung angewail.dt,
beim inneren, atillen Sprechen gibt es em Beha.upten. D��os Sprechen ergibt eine solche Annahme ·überhaupt keinen Sinn. Entweder
ist in beiden Fällen ganz verschieden ch�akterisiert -...: freilich wird etwas behauptet oder es wird nicht behauptet; Grade des
werden wir uns davor hüten, das :i.nnere Sprechen a.ls bloße .. Behauptens aber gibt es nicht. Gewiß kann man auch von einem
j
Spra.ch v o r s t e l l u n g bezeichnen zu wollen, da ja die Vor­ I zögernden, widerwilligen Behaupten reden; aber es ist klar, daß
..,,_
stellung eines lauten Sprechens und ein inner�;:�s Sprechen offenbar ein solches Behatpten darum nicht ein geringeres oder minderes
durchaus verschieden silld. Während so das Sprechen in eigen­ Behaupten ist. Ganz anders steht es bei der Überzeugung. Hier
�rtiger Weise sich abwandelt, bleibt doch das Behaupten, welchem hat es in de:r: Tat einen guten Sinn, von Stufen oder Graden zu
es Ausdruck gibt, sowohl bei der äußeren als der inneren Rede reden. Neben der Überzeugung gibt es die Vermutung und den
durchaus da11selbe. Wie auch jene Abwandlung sich näher charak� Zweifel; mit ihnen sinkt der "Grad der Gewißheit" immer tiefer
terisieren mag: das spezifische Moment des Behauptens ist ihr herab. In diesem Zusammenhange kann äJ.so BRENTANO das Urteil
gewiß nicht unterworfen, und dies zeigt zur Genüge, wie fehle:r:� nicht im Sinne der Behauptung, sondern er muß es im Sinne der
haft es wäre, das Behaupten mit dem Sprechen zu identifizieren. Überzeugung im Auge haben; ihm selbst drängt sich denn auch
e,n der angeführten Stelle dieser Ausdruck auf. Die gefährliche
Auch das Behaupten nun, welches sich uns allmählich heraus­
zuheben beginnt, kann sprachgebräuchlich als ein Urteilen be­ Doppeldeutigkeit des Anerkennungsbegriffes zeigt sich hier überaus
zeichnet werden - so gut oder vielleicht noch besser als die Über­ deutlich, wir wollen diesen Ausdruck daher im Folgenden ganz
zeugung. So sind wir also hier auf z w e i Urteilsbegriffe ge­ vermeiden und bei dem "setzende�". Urteil stets von Behauptung
stoßen, welche sich beide hinter dem vieldeutigen Terminus An­ reden. Zugleich hat sich jetzt ein erster fundamentaler Unter�
erkennung verbergen. Neben der anerkennenden Wertschätzung. schied zwischen Oberzeugung und Behauptung herausgestellt;
und der anerkennenden Zustimmung gibt es noch z w e i Fälle den wir noc)l etwas weiter ausführen wollen.
u r t e i I e n d e r Anerkennung. Im Grunde scheint es zwar der Sprach:. ·In psychologischen und logischen Betracht�gen finden wir
gebrauch nur zu erlauben, das B e h a u p t e n als ein Aner­ häufig eine Zusammenstellung des Urteilans mit anderen mehr
kennen zu bezeichnen; insofern aber Behauptung und "Qberzeugung oder weniger nahe verwandten Bewußtseinsakten. Da wird das
ständig konfundiert werden, wird zugleich die letztere 'unter Urteil einmal gegenübergestellt dem Zweifel _und der Vermutung,
jenem Terminus mitbefaßt. Die Urteilstheorie BRENTANOB gibt uns ein andermal der Frage oder Wunschaussage. Sehen wir näher
ein �ispiel dafür. Er spricht vom Urteil als Anerkennung und zu, so zeigt sich, daß dabei der Terminus Urteil in dem doppelten,
das weist uns, wenn wir die überhaupt nicht in die Sphäre der uns nun, geläufigen Sinne figuriert. Es geht nicht an, Vermutung
Urteilstheorie gehörigen Bedeutungen ablösen, zunächst auf die Be­ und Zweifel der Behauptung anZureihen; sie gehören vielmehr
hauptung hin. Andererseits aber redet BBENTANO von einer Grad­ als verschiedene Gewißheitsabstufungen neben die Überzeugung.
abstufung des Urteils, und das führt uns, wie unschwer ersichtlich,
'
sofort in eine andere Sphäre. In seiner Psychologie hatte BBENTANO 1 F�mpirische Psychologie, S. 292.
{:!Ogar von "I;ntensitäten" des Urteils gesprochen m Analogie zur I S, 67.
I
.... a a.. a. 0., S. 22 .
202 - Adolf Reinach. Zur Theorie da negativen Urteils. 203

Andererseits haben die Akte, welche in den Worten "Ist A b �·� 11chließt die· Überzeugung vöm Sein dessen, was in Frage gestellt
oder ."Wäre doch A b !" ihren Ausdruck finden, zweifellos nicht · wird, aus, genau so wie die echte Behauptung den Unglauben an
·

neben der Überzeugung, sondern neben der Behauptung ·· ihre .das Behauptete alisschließt·. Eine konventionelle Frage� bei der wir
Stelle. .das; was wir fragen, gauz. genau wissen, ist keine echte Frage; und
.Alles das sind nur indirekte Hinweisungen auf die Verschieden.. ebensowenig ist die Lüge, bei der das nicht geglaubt wird, was
heiten unserer beiden Urteilstypen. Die direkte und letzte Be� · tnan behauptet, ein echtes Behaupten. WiX·gehen auf diese an sich
stätigung kann uns hier, wie in anderen Fällen auch, nur die nicht unwichtigen. Zusammenhänge hier nicht weiter ein. Für
unmittelbare Wahrnehmung geben. Hier aber zeigt sich uns "mit uns haben ·sie lediglich die Funktion, die Trennung von Ober­
zweifelloser Deutlichkeit: Einerseits die ·Überzeugung, die uns an­ zeugung und Behauptung noch einmal recht deutlich vor Augen
gesichts der Gegenstände erwächst, etwas was man mitunter -als !tu führen. Solche Wesensbeziehungen sind ja. offenbar nur dami.
Gefühl, mitunter wohl auch als Bewußtseinslage bezeichnet hat, möglich und nur dann verständlich, wenn es sich � nicht tim ein,
.

jedenfalls eine Z u s t ä n d 1 i c h k e i t des . B�wußtseins. . An­ nur verschieden ausgedrücktes I d e n t i s c h e s , sondern · um


...
dererseits die Behauptung, welche uns nicht "erwächst", sondern Z-wei wohl geschiedene Gebilde handelt. Wir wollen den Unter­
von uns "gefällt" wird, total verschieden von jedem Gefühl, schied der beiden noch ein Stück weiter verfolgen.
von jeder Zuständlichkeit; viel eher zu charakterisieren als ein BRENTANo hat bekanntlich Vorstellung und Urteil mit äußerster
s p o n t a n e r Akt. �chärfe von einander getrennt, er hat sie aber gleichzeitig in nahe
Beide: Überzeugung sowohl als Behauptung, realisieren sich Beziehung zueinander gebracht, indem er den Satz ·von der not­
in der Zeit; es läßt sich der Zeitpunkt angeben,. in welchem sie wendigen Vor:Ste1lungsgrundlage eines jeden Urteils aufstellte.
ins Dasein treten. Aber während wir von .einer beliebigen Dauer Jedes .Anerkennen und Verwerfen setzt nach ihm notwendig
der tiberzeugung reden können, läßt die Behauptung ihrem Wesen voraus die Vorstellung dessen,· was anerkannt bzw, verworfen
nach eine zeitliche Ausbreitung nicht zu; sie v e r 1 ä u f t nicht in ,wird. Der geurteilte Gegenstand ist so doppelt ins Bewußtsein
der Zeit, sondern hat ein gleichsam p u n k t u e 1 1 e s Sein. · aufgenommen: einmal als vorgestellt und zum anderen als aner­
Wir sind weit entfernt davon,. eine absolute Beziehungs� kannt oder verworfen. _:_ Wenn wir nun unsererseits nach dem
losigkeit zwischen Überzeugung und Behauptung zu statuieren; Verhältnis von Vorstellung und Urteil fragen, so müssen wir hier.
gerade weil sehr nahe Beziehungen zwischen beiden bestehen, .natürlich zwei Teilfragen unterscheiden; was von dem Urteil
}lat man sie ständig konfundiert. Keine Behauptung ist mög.:. im Sinne der Oberzeugung gilt, braucht keineswegs auch von
lieh, die nicht von einer zugrunde liegenden Überzeugung be­ dem Urteil als Behauptung zu gelten. Zunächst freilich läßt
gleitet wäre, wobei Überzeugung und Behauptung auf ein streng sich etwas angeben, was für beide in gleicher Weise zutrifft. Es
Identisches sich beziehen. Dagegen ist es �urchaus nicht er­ ist keine Überzeugung und keine Behauptung möglich, die nicht
forderlich, daß j e d e Oberzeugung eme Behauptung fundiert, :Oberzeuglmg und Behauptung "von etwas" wäre; die Beziehung
}llld es ist sogar ausgeschlossen, daß einer Überzeugung eine Be­ auf ein Gegenständliches, welchem die "Überzeugung gilt und
hauptung zugrunde liegt. Man könnte unserem ersten Satz� auf welcheil sich die Behauptung bezieht, ist beiden wesentlich.
gegenüber hinweisen auf die Tatsache der Lüge, der es ja wesent� Wir können hier von dem intentionalen Charakter der beiden
lieh ist, eine Behauptung ohne "Überzeugung zu sein. Eine nähere · Urteilsarten reden, aber wir müssen uns davor hüten, aus dieser
:ßetrachtung zeigt, daß bei der Lüge von einem echten Behaupten Intentionalität · voreilige Schlüsse zu ziehen.
1J.berhaupt nicht die Rede sein darf. Es liegt hier _eine eigenti'i.m-: Die Intentionalität eines Erlebnisses besagt, daß es eine "Richt­
liehe Modifikation des Behauptens vor, ein Schein-Behaupten tung auf" Gegens�ändliches besitzt, und dies wiederum setzt
gleichsam, dem das eigentliche Leben fehlt, und für das wir eine :voraus, daß das ·Gegenständliche . für . das Bewußtsein irgendwie
Analogie finden können in der Scheinfrage, wie wir sie . in kon­ "vorhanden", ist. Aber dies Vorhandensein im allerweitesten
ventioneller Unterredung häufig stellen. Das e c h t e Fragen Sinne ist kein Vorgestelltsein, oder braucht wenigstens kein Vor-
204 Adolf Beinach. UruilB.
Zur Tl&eorie de11 negativen 205

· gestelltsein zu sein. 1Den Begrüf der . VorstaUung fest zu um� es, wenn wir uns in· die ganz andersartigen Sphären der vergegen�
grepzen, ist freilich nicht leicht. HussERL hat gezeigt, mit wie �
wärti en, erinnerten, phantasierten,· gefühlten und (in der Weise
gro.ßen .Äquivokationen er behaftet ist.2 Sehen wir einmal ab von \'
der Zahlen) gedachten Gegenstände begeben. Sie alle sind für
der häufigen Bedeutung, in welcher man yon . Vorstellung im mich da, und das erlaubt es, die sie erfassenden Akte und alle
Gegensatze zux W a.hrnehmung spricht, so läßt sich von ihr in
anderen, deren intendierte Gegenständlichkeiten in. demselben
einem Sinne reden, der Wahrnehmung, Erinnerung, Phant�ie Sinne präsent sind, zu einer Gruppe zusämmenzufassen. Man
·und andere verwandte Akte gleichmäßig in sich befaßt. Eine
könnte die Frage stellen, ob mit dieser Bestimmung nicht über­
prägnante Fassung des Ausdrucka "Vor-Stellung'' dient un'l zux haupt alle Akte um.faßt seien, welche sich auf Gegenständliches
Umgrenzung dieser sehr umfassenden Klasse von· Akten. Als beziehen, ob nicht jeder so intendie�e Gegenstand eben damit
vorgestellt gilt uns danach alles Gegenständliche, welches wir für mich "da-sei". So ist es aber ke�eswegs; indem wir nun
"vor" uns haben, oder um jedes anklingende räumliche Bild zu eine Klasse intendierender Akte abgrenzen, deren gegenständ­
vermeiden,· welches uns "präsent" ist, welches für uns "da" dst, liches Korrelat in keinem Sinne vor-stellig ist, dürfen wir zugleich
Präsent ist mir das Blatt Papier, auf welches ich eben wahrnehmend hoffen, die bisherigen Ausführungen in ein helleres Licht zu setzen.
hinblicke, präsent ist mir der Mailänder Dom, den ich mir ver· Wir orientieren uns an sprachlichen Ausdr�cken. Ich zähle
gegenwärtige, das vergangene Erlebnis der Trauer, an das ich etwa die Gebirge Deutschlands auf, ich 11enne sie einem anderen
mich erinnere, eine Landschaft, die ich in der Phantasie imagi-­ oder sage sie 'mir auch selber her. Ich spreche dabei, vielleicht
niere. So grundverschieden alle diese Akte sind, so ist doch alles­ rasch nacheinander, eine große Anzahl von Namen aus. Aber
in ihnen Erfaßte :für mich "da", es steht gleic:Qsam vor mir, ist es liegt selbstverständlich viel mehr vor, als ein bloßes Aussprechen;
in diesem prägnanten Sinne von mir "vorgestellt". indem ich die Worte ausspreche, m e i n e ich etwas, ich meine eben .
Dieser . Begriff der Vorstellung erstreckt sich weit über die die Gebirge, welche die Namen bezeichn.en. Der absolut Sprachun­
Sphäre der sinnlichen Gegenstände hinaus, in welcher er uxsprüng­ kundige würde si�h auf das Aussprechen der Worte beschränken,
lich seine Stelle hat. Auch die Schönheit eines Kunstwerkes, die ohne sie zu verstehen, d. h. hier eben, ohne die den ·Worten zuge­
ich fühle, ist für mich da ; und ebenso ist mir etwa die Zahl 2� ordneten Gegenstände mit den Worten zu me�en. Wer dagegen_
deren Natul' ich mir an zwe1 beliebigen einzelnen Gegenständen die Worte verstehend ausspricht, zielt mit ihnen oder durch sie
vergegenwärtige, in eben dieser Vergegenwärtigung präse�t. hinduxch ab auf etwas anderes, und dieses andere ist das, worauf
Wir verkennen keineswegs die Fülle der Phänomene, welche h�er es ankommt. Es liegen hier Akte vor mit einer spontanen Richtung
zu unterscheiden sind. Nehmen wir allein die sinnliche Wahrneh­ auf Gegenständliches; es ist aber für jeden vorurteilslosen Be­
mung, so ist ohne weiteres klar, daß das "eigentlich", im Vorder­ trachter nicht schwer einzusehen, daß von einer Präsenz dieser
grund Wahrgenommene ganz anders da ist, als der mitgegebene Gegenstände, von einer "Vorstellung" ihrer im oben umschrie­
ffintergrund, und daß beide wiederum anders da sind, als dei' benen Sinne keine Rede sein kann. Gewiß k ö n n e n sie präsent
·

kleine Ausschnitt, mit welchem sich meine Aufmerksamkeit vor· sein; ich kann ein· Gebirge nennen und es giErichzeitig wahrnehmen
�ugsweise beschäftigt. Aber von einem "Dasein" können wir ·oder erinnernd mir vergegenwärtigen. Hier ist es dann allerdings
doch offenbar in allen diesen Fällen. sprechen,3 und ebenso steht vorgestellt, aber man sieht sofort, daß diese begleitende Vorstellung
gewöhnlich nicht vorhanden ist. oder wenigstens nicht vorbanden·
1 BRENTANO allerdings spricht von Vorstellung "im allerweitesten
zu sein braucht. Aber auch in den Fällen, wo der duxch den Namen
Sinne des Wortes" a. a.. 0., S. 15. . bezeichnete Gegenstand vorgestellt ist, müssen wir von der Vor­
• Log. Untersuchungen, Bd. TI, S. 463 ff.
• Freilich da.rf man dieses da • sein nicht verwechseln mit dem stellung immer noch trennen den Akt des Meinens, der mit dem
ausdrücklichen mir g e g e n üb er -sein, von dem bei der HintePgrunds­ Aussprechen dea Namens verbunden ist. Auch hier ist es ja nicht
wahrnehmung natürlich keide Rede sein kann. (Vgl. TH. CoNRA.D, S. 157 !'10, als ob nichts weiter vorhanden wäre als eine Vorstellung des
dieses. Buches.) ,.
Gebirges und das bloße ·Aussprechen eines Wortes. Vielmehr
206 A.dolf Reinach. l
l dl
Zur Theorie des negativen Urteils.

Gegenstän iches bezogen sind; keine anderen Ausdrücke zu Ge•


207

-zeigt eine aufmerksame Beobachtung das Folgende: die Vor­ I bote . als die des Meinans oder Ab�elens auf; und es bleibt unf!
stellung· ist ein Akt eigener Art, ein. schlichte!! rezeptives ,Ha.ben; . t nichts anderes übrig als vor der G�fahr verWirrender Äquivo·
des Gegenstandes, , das eine größere oder geringere Daue:�; be­ 1
ka.tionen zu warnen und insbesondere jenes, vorgestellte Gege:Q"
sitzen kann.. Tritt nun ein Aussprechen des Namens noch t
stände pointierende Meinen oder Abzielen als nicht hierhergehörig

g
hinzu so ist � wenn anders der Name v er ·s t e h e n d aus.,

espr chen wird damit verbunden einer jener eigentüm� ! zur Seite zu schieben. Zugleich kömien uns diese Erwägungen
dazu dienen, einen prinzipiellen Unterschied unseres Meinans
I(

liehen Akte, die wir aJs ein Meinen oder Abzielen auf bezeichneten. .von .allem Vorstellen herauszuheben. Allem Vorgestellten können
N e b e n die Vorstellung also tritt ein Meinen, welches sich von .wir uns :mit besonderem Interesse zuwenden, es herausheben
dem Vorstellen schon dadurch unterscheidet, daß es stets sprach':" a'\].s seiner Umgebung, uns bevorzugend mit ihm befasse�. In
lieh eingekleidet ist und daß ihm eine Spontaneität der Richtung der Sphäre des Meinans in unserem Sinne gibt es diese Modifi·
und eine zeitlich punktuelle Natur wesentlich sind. Vorstellen ).tationen nioh�. Man vergegenwärtige sich nur die Sachlage,
und Meinen sind in unserem Falle gewiß nicht beziehungslos: wenn wir im Flusse der Rede sukzessive auf eine Reihe von
Genau derselbe Gegenstand, der vorgestellt ist, ist ja zugleich Gegenständen abzielen. Von einem bevorzugenden, sich hin­

gemeint. Diese Identität des Beziehllll;gspu tes de� bei e:O Akte � wendenden Meinen kann hier keine Rede sein.. Gewiß ist es mög�
_
aber darf. natürlich nicht dazu verleiten, s1e zu IdentifiZieren, lieh, siqh de:Q zuerst bloß gemeinten Gegenständen dann auch
indem man den unscheinbaren punktuellen Akt des Meinans auf­ zuzuwenden. Niemals aber kann das innerhalb des Meinans
gehen läßt in dem lang hingestreckten Akt des :V orstellens;
selbst geschehen, sondern dazu bedarf es eines eigenen neuen
Vielmehr sind beide nebeneinander vorhanden, und J6 nach den
Aktes, welcher die gemeinten Gegenstände zur Vorstellung bringt;
Umständen, wird man del' gesamten Sachlage dahin Ausdruck
nur dem so Vorgestellten können wir uns beachtend zuwenden.
geben, daß der erst nur vorgestellte Gegenstand überdies noch In noch prinzipiellerer Weise zeigt sich der fundamentale
in einem Akte des M:einens erfaßt wird, oder daß der zuerst bloß Gegensatz zwischen Vorstellen und Meinen bei folgender Er­
gemeinte Gege:Qstand überdies noch in einem Akte der Vor.. wägung. Die Akte, in welchen Gegenstände vorgestellt werden�
stellung zur Gegebenheit kommt. sind durchaus verschieden, je nach der Klasse von Gegenständ'­
Indem wir die eigentümlichen Akte, welche wir herauszu­ liohkeiten, auf die sie sich richten. Farben werden gesehen, Töne
heben suchen, als Akte des Meinans bezeichnen, verkennen wir :werden gehört, Dinge der Außenwelt werden sinnlich wahrgenom­
nicht die Gefahren des Mißverständnisses, welche hierin einge.. men,· Zahlen werden gedacht, Werte werden gefühlt usw. Es
schlossen liegen. Einen Gegenstand meinet:�, auf ihn abzielen, ist eine selbstverständliche Forderung, überall� auch bei Tönen
das bedeutet ja auch, sich ihm "zuwenden", es auf ihn "a;bsehen" und Farben � das Gegenständliche scharf zu scheiden von den
oder welch andere Ausdrücke des pointierenden I:Qteresses zu Akten, durch welche es zur Vorstellung kommt. Alsdann aber
Gebote stehen :tnögen.1 Um ein Meinen in diesem häufig vor­ ergibt sich, daß hier eine Fü11e interessantester Wesensbeziehungen
.
kommenden Sinne handelt es sich uns t:�atür1ich nicht. Dieses besteht, daß den verschiedenen gegenständlichen Typen ver-,
� ich einem Gegenstand zuwendende Meinen setzt ja offenbar
schiedene 'l'ypen vorstellender Akte mit Notwendigkeit entsprechen.
seinem Wesen nach ili.e Präsenz des so "gemeinten" Gegenstandes Farben können eben n u r gesehen, Zahlen n u r gedacht we-rden.
voraus. Uns aber handelt es sich dagegen um jenes Meinen, des­ Man sieht sofort, daß dies sich bei dem Meinen ganz anders ver­
.
sen auszeichnende Eigentümlichkeit es gerade ist, seine Gegen­ hält. Man spreche verstehend von Farben, Tönen, Werten, Zahlen,
stände weder vorzustellen, noch ihr Vorgestelltsein vorauszu­ Dingen, dann sind alle diese Gegenständ1ichkeiten gemeint, aber
setzen. Es stehen uns fur jene mit dem verstehendenAussprechen der qualitativen Verschiedenheit derselben entspricht· hier keine
von Worten verknüpften Akte, in denen wir auf unvorgestelltef! korrelative Verschiedenheit der meinenden Akte. Gewiß u nte r.,
• Vgl. dazu THEODOR LIP.Ps, Leitfaden der PsyChologie 1 S. 113 ff, r s o h e i d e t sich· das Meinen einer Farbe und einer Zahl, eben
.
HussERL, a. a. 0. II, S. 129 f.
Adolf Beinach. Zur Theorii: äet mgatifJen Urteil&. 209
208

vor-stellig, und doch sind nur Teile. von ihm ansebaulich repräsen­
dadurch, daß das eine Mal die Farbe, das andere Mal die Zahl
tiert. ·Die Rückseite des Buches z. B. ist mir in keiner Weise
ge�eint ist, aber ein Meinen liegt doch eben in beiden Fällen
anschaulich gegeben, weder nehme ich sie wahr, noch pflege ich
vor; es gibt hier keinen Unterschied , der dem Unterschiede
normaler Weise aus der Erinnerung .oder Phantasie anschauliche
zwischen Sehen und Denken, wie wir ihn bei dem Vorstellen
-Repräsentation zu schöpfen. Man ist vielleicht einen Augenblick
von Farben und Zahlen vorfinden, entspräche.
versucht, in Hinblick auf diese Sachlage nur die anschaulich re·
Man wird unseren Unterschied zunächst identifizieren mit
präsentierten Teile des B�ches vorgestellt zu nennen. Aber was
dem zwischen anschauungserfüllten und anschauungslosen Akten,
vor mir sich befindet, ist doch das B u c h , der ganze Gegenstand
welcher in der Logik und Psychologie der jüngsten Zeit, insbeson­
u nd nicht ein Geg�nstandstorso, ;Findet sich, daß die Rückseite
dere im Anschluß an BussERLS Logische Untersuchungen viel
·eines vorgestellten Dinges, etwa eines Gefäßes fehlt, so erleben
erörtert worden ist. Akte, welchen die Anschauung fehlt - so
wir eine ·Enttäuschung. Die auf den ganzen Gegenstand gerichtete
wird man sagen � sind eben das, was hier als Akte des Meinens
Intention wird teilweise nicht erfüllt eine solche Nichterfüllung,
herausgehoben worden ist. Eine solche Auffassung wäre indessen

oder besser eine solche Enttäuschung ist aber nur dann möglich,
grundverkehrt; es handelt sich hier um zwei durchaus zu trennende
Anschauungsfülle und Anschauungsleere gibt wenn die ursprüngliche Vorstellung ihre Intention auf den ganzen
Gegensatzpaare.
Gegenstand mit seiner anschaulich nicht gegebenen Rückseite
es sowohl bei dem Vorstellen als auch bei dem Meinen. Ein Vor­
erstreckte , und bei der Drehung des Gegenstandes dann. ein
stellen, dem die Anschauung fehlt, ist damit keineswegs zum Meinen
·

Widerstreit stattfindet zwischen dem zuerst unansohaulich Vor­


geworden. Und umgekehrt haben wir in einem von Anschauung
gestellten und dem jetzt anschaulich Gegebenen. Innerhalb einer
belebten Meinen durchaus kein Vorstellen zu sehen.
jeden Dingwahrnehmung finden wir in dieser Weise eine una.n­
Es bedarf nur des Hinsehens auf die in Frage kommenden
·

schauliche Vorstellungskomp�nente. Es ist nach �inem früher


Fälle, um das klar zu erkennen. Beschränken wir uns auf die Fälle
von uns erwähnten Sprachgebrauche möglich, das betreffende
des sinnlichen Vorstellens, so bietet uns die· dingliche Wahrnehmung
Gegenstandsstück als unanschaulich mit-"g_emeint" zu bezeichnEn\;
das beste Beispiel für eine Vorstellung, deren Anschauungsgehalt
Es braucht indessen kaum mehr betont zu werden, daß es sich
eine größere und geringere Fülle, Deutlichkeit und Klarheit auf­
dabei nicht um eine Meinung in dem von uns bevorzugten Sinne
weisen kann. Indem wir uns einem Dinge der Außenw�lt nähern,
.handelt. Für diese ist ja gerade· das Nichtvorgtlstelltsem des ge.;
wird der es repräsentierende Anschauungsgehalt immer reicher· und
meinten Gegenstandes wesentlich. Wir können uns einen Fall
klarer, immer neue Seiten des Dinges bieten sich mit imm� grö­
:vergegenwärtigen, in dem die Akte dieses Meinens in beiderlei
ßerer Deutlichkeit dar. Von Anfang an steht das Ding vor uns;
'Sinne gleichzeitig vorhanden sind. Wir betrachten ein Ding,
und ·indem es UD!! vorstellig ist, nimmt die Anschauung immer
dessen Rückseite in unansohaulicher Vorstellung mit-,,gemeint"
andere und andere Formen an. Ein Mehr oder Minder der An­
1st, und gleichzeitig sprechen wir verstehend den Satz aus: "die
schauung gibt es nach verschiedenen Dimensionen hin,. das Vor­
Rückseite dieses Dinges ist . . . . . " Hier tritt zu der dauernden
gestelltsein dagegen läßt keine Gradabstufungen zu. Man sieht
Mit-,meinung' ein ganz anders geartetes, sprachlich eingeklei­
hier ganz deutlich, wie genau wir den Begriff der Vorstellung,
detes, zeitlich punktuelles und selbständiges Meinen hinzu. Die
welche sich uns durch die Präsenz des vorgestellten Gegenständ­
.wesentlichen Unte:�;schiede der beiden Akte sind nicht zu verkennen;.
lichen charakterisiert, von dem Begriffe der, bei konstanter Prä­
g
senz in weitem Umfan e variierenden Anschaulichkeit unterscheiden
wir sehen hier auf das deutlichste, daß ein: unansohauliches Vo� I
stellen keineswegs identisch ist mit unserem, sprachlich einge­
müssen. So weit geht die Unabhängigkeit zwischen beiden, daß
betteten Meinen. .
Gegenständliches vorgestellt werden kann, ohne daß die mindeste
In der Sphäre der Vorstellung ist es nicht ganz leicht; gänz­
Spur ·direkt repräsentierender Anschauung konstatiert werden .
liCh unansohauliche Intentionen aufzufinden; in der Sphäre des
könnte. Man orientiere sich noch einmal an der dinglichen Wahr­
Meinens dagegen drängen sich. unanschauliohe Akte zuerst und
n ehmung. Vor mir Hegt ein Buch; dann ist mir das ganze Buch
Müncher..er PhUos. Abhand!UIIgen. 14
21.0 ,A;.dolf lltinach. Zur .rMorie des_ negativen Urteils.
211

am häufigf!t� auf . . . In zusammenhäng�?de� Re�e wird von be­ eigentlic;h immanent. · Während wir von einer Anschaulichke
it
liebig vi�len und komplizierten Gegenständhchketten gesprochen. d e s VorstelJens sprechen können, wird es beim Meinen
besser
Meinungsakt reiht sich an Meinungsakt in ra��hes_ter �olge ; �uf sein, statt von s e i n e r Anschaulichkeit von den anscha�lichen
alle durch die Worte bezeichneten Gegenstandhebkelten wird Bildern zu r&den, welche es b e g 1 e i t e n. · ·
·

·
von uns abgezielt, von einer Anschaulichkeit di�es Abzi ?lens Unsre Analysen haben die absolute Verschiedenheit von
Vor­
oder Meinens ist aber bei vorurteilsloser Betrachtung m den meiste� stellen und Meinen zur Genüge dargetan; Sie habe11 insbeso
ndere
Fällen nichts zu bemerken.1 Hin und wieder freilich tauchen allerl& de�tlich gemacht, daß das anschauungslose Vorstell�
keines-
�nschauliche "Bilder" auf, vage, unbestimmte Umrisse der Gegen­ . wegs ein Meinen und daß das anschauungsbegleite
te Meinen
stände, von denen die Rede ist, oder auch von anderen, m�hr oder k?ines egs e� Vorstellen ist. Man hat in jüngster Zeit
� häufig
minder verwandten Gegenständen, bald beachtet, meist aber dte Frage erörtert, ob es absolut anschauungslose Bewußtseins­
und normale� Weise unbeachtet. Sie tauchen auf, überd�uern akte gibt. Man hat übersehen, daß es sich hier in Wahrheit

häufig den Akt des Meinens, dem sie zugehören und versc�wmd�n mindestens z w e i Fragen handelt : um die Frage nach �schau�g�­
wieder. Auf die sichere Folge der meinenden Akte s��eme� ste losem Vorstellen . und nach anschauungsfreiem Meinen . Daß
es
nur geringen Einfluß zu haben : es ist wie Wellengekrausel uber ein anschauungsfreies Meinen gibt, scheint uns zweifello�
. Da�
einem dahinfließenden Wasser . Man kann die Akte des Meinens, gegen ist es sehr fraglich, ob es absolut anschauungslose
Vor­
welche in dieser Weise von "illustrierenden" Bildern . beg�eitet stellungsakte gibt. Zwar haben wir darauf hingewiesen
·
, daß
sind als anschauliche Akte bezeichnen, man darf aber nicht uber­ d,ie Rückseite eines jeden Dinges unanschaulich vorges
tellt ist ;
sehe�, daß die Anschaulichkeit hier einen ganz anderen Sinn be­ aber es handelt sich dabei ja nicht um eine selbständige
Vor­
sitzt als bei der Vorstellung. stellung, vielmehr. ist die Rückseite mit-vorgesteHt in
der Vor­
Es drängt sich vor allem auf, daß die �cliau� , w�lche stellung des gesamten Dinges . Vielleicht läßt sich die
. Ver­
wir in Akten des Meinens mitrmter. vorfmden , s10h ihrer
·

schiedenheit der Ansichten in der genannten Frage teilweis


e auf die
Funktion nach prinzipiell von der Anschaulichkeit der Wahr­

mangelnde Scheidung zwischenVorstellen und Meinen zurück
�ehmung , sowie aller vorstellenden � üb rha.�pt unter-:­
· .

· . · Wir kehren zu der Frage zurück, ob jedes Urteil
führen .
notwendig
ung "reprase nttert IDir der �n­ fundiert ist in einer Vorstellung. Die Frage läßt sich
scheidet. Bei jeder Vorstell für die Be-
schauliche Gehalt den vorgest ellten Gegenst and , er stellt ihn hauptung ohne weiteres verneinen.' Man beachte, wie in
der Rede
mir dar. In dem, was' mir bei. der sinnlich en Wahrne hmm;tg Behauptung auf Behauptung folgt, ohne daß doch das Behau
ptet-e
anschaulich gegeben ist, · steht der gaiJ.Ze Gegenstan d vor n:u:� jemals vorgestellt zu sein brauchte. Man darf sich
nicht irre
. Gegenst a.n "m
und ebenso wird der erinnert e oder phantas ierte � machen lassen durch den scheinbar selbstverständlichen
Satz
dem jeweils vorhandenen Anschauungsgehalt� �rfaßt. ��e �un daß ich nur dasjenige urteilen kann, von dem ich weiß,
das ich
auch eine nähere Analyse diese, recht schwierigen Verh!Utnisse. "also" vorstelle. Gewiß ist es richtig, daß ich in · bestim
mter
darstellen mag : bei den meinenden Akten verhält es steh auf Weise bezogen sein muß auf das, was ich behaupte,
es
� be­
jeden Fall ganz anders. Wenn hier anschauliche Sc�ema�a auf­ �aupten zu können . .Aber es ist falsch, daß nur die VorSL�ung
tauchen und niedersinken, datm fehlt ihnen jede repra�en�teren_de. In unserem Sinne als diese Beziehung in Betracht
kommen kann.
Funktion. Sie stellen nichts "dar" oder "vor" -- es ist ]a beim Auch im nicht vorstellenden Meinen bin ich auf
Gegenstände
Meinen gar nichts vorhanden, was vor-gestellt wäre -:---, s��ern. bezogen. Ein s lches Meinen bildet in der Tat die
. � notwendige
sie führen ein von dem gemeinten Gegenstande ganz losgelostes. Grundlage emes Jeden Behauptens. Damit ist gesagt, daß in der
Dasein. Sie gehören einer ganz anderen Schicht an �ls der �­ Behauptung als solcher das Behauptete mir nicht
präsent, nicht
.
schauungsgehalt der Vorstellung ; sie sind dem Memen nicht gegenwärtig ist, wenn auch jederzeit ein solcher vergeg
enwäi-tigen­
der Akt zu dem Behaupten hinzutreten oder ihm
• Von den sogen. ,anschaulichen Wortvo
rstellungen• sehen wir dabei., nachfolgen
das ganz ab. kann. Es ist hier nicht der Ort, die erkenntnistheoretische:O:
da es sioh n'!ll' um Meinen selbst handelt,
Konse-
14*
.zu,. Th� des ntgativen Urteils. 213'
21:2 Adolf Beinach.
zeugu;ng auf den identischen Sachverhalt "bezogen", aber djes.
. · ��
ko�� nur in
q,u-n atts 'dieser Sachlage iu ziehe"? Für Bezogensein ist eben nicht mehr durch ein Vorstellen des Sach•
Betraclili, daß die meinenden Akte m allerlei Qua.li.fimerungen
·
verhaltes vermittelt. Allerdings geht es auch nicht �. hier·
il;uftreten können. Wenn ich ei.n.lna.l sage : "Ist A b 1 « und d.a:nn : von einem Meinen zu reden. Dies ist ja seinem Wesen nach an.
A ist b", so ist beide Male etwas gemeint und zwar identisch sprachliche Ausdrücke gelmüpft. Es gibt eben eine ganze Reihe
-d erselbe Sachverhalt, aber das eine Mal ist er in Frage gestellt, mögli�her Intentionen auf Gegenstä.ndliches,l von denen wir hie:.;
'O:Its andere Mal ist er behauptend gesetzt. Wir können innerhalb nur zwei betr.achten wollen, das Vorstellen, in welchem der Gegen�,
·des Gesamtkomplexes, dtm wir als das Behaupten eines Sach" stand ,da' ist, in welchem wir ihn "haben" und bei absolut
verhaltes bezeichnen, das spezifische Behauptungsmoment und vollkommener Anschaulichkeit ev. in nächster Nähe haben, und
den Meinansbestandteil unterscheiden. Aus ihnen beide!l baut das Meinen, in dem wir uns spontan a'bzielend verhalten und die.
·sich das Behaupten auf.l Durch den Meinansbestandteil gewinnt Gegenstände zu uns in äußerster Ferne stehen. Welcherlei Akte.
"das Behauptu.i:J.gsm.oment Beziehung auf den Sachverhalt ; in ihm die nicht durch eine Vorstellu.i:J.g fundierte Überzeugung die
ist es notwendig "fundiert". Dagegen ist es ausgeschlossen, �aß
-

w als Ganzes �m besten als ein "Wissen um" bezeichnen


eine ü b e r z e 'u g u n g durch ein solches Meinen 'fundiert 1St. werden - fundieren; lassen wir hier dahingestellt. Wir können
Natürlich kann ich von einem Sachverhalte überzeugt sein es umso eher, als man d,ieses Wissen im allgemeine� ni,cht als
imd ihn gleichzeitig meinen. - das ist' ja nach unseren frühe�il ein UJ.lteil bezeichnen wird, sondern nur die aus dem Erschauen
Ausführungen stets der Fall, wenn ich ihn behaupte ; dann ist eines Sachverhaltes erwachsende Überzeugung. Lediglich dies
=aber das B e h a u p t e n in dem Meinen fundiert und nicht die haben wir zeigen wollen, da� die Vorstellungsfundierung dieser.
·zugrunde liegende Übe:r.zeugling. . 'Öberzeugung keine notwendige ist.
· Es fragt sich nun, in welcher We1se die Ü b � r z e u g .u n g
.
·
Wir sind damit zum Ende unserer- allgemeinen urteilstheore­
Beziehung auf ihr gegenständliches Korrelat gewmnt. W1r er­ tisc\l,en Ausführungen gelangt. Als Resultat wollen wir festhalten :
innern an den Fall, von dem wir ausgegangen sind : Vor �iner
.


U�teJ: Urteil. ist zweierlei zu verstehen.: einmal die Behauptung,,
·Blume stehend erschaue ich ihr 'Rotsein ;. und auf Grund dieses welch� sich in at;J.Schau�gsbegleiteten oder anschauungsfreien
·:Erschauens erivächst in mir die Überzeugung von diesem Sach­ �kte� d�s Meine11s auf Gegenstän4_liches bezieht, und ferner die
verhalt. Hier liegt der ÜberzeugUng offenbar. eine Vorstellung
·

Über:1;eugung, insoweit sie aus mehr oder minder anschaulichen


.zugrlinde in dem von uns bevorzugten prägnanten Sinne. � �en des. Vorstellans erwächst. �s ergibt si.ch daraus, daß wir
könnte versucht sein im · Sinne BRENTANOS zu sagen, das Urteil se1 �uch von dem, negativen Urteil in doppeltem· Sinne reden müssen ;
durch eine Vorstellung fundiert. Zweierlei ist aber ·dabei wohl zu d.amit ist schm,1 d,as P r o b 1 e m des negativen l,Jrt�ils auf einen
beachten : nicht um das Urteil überhaupt handelt es sich hier, neuen Boden gestellt.
sondern um das Urteil im Sinne der Überzeugung ; und zweitens :
TI.
von einer m ö g 1 i c h e n Fundierung des Urteils durch die Vor­
. 'l:ltellung könnte ·man hier reden, nicht aber V'on einer ·n o t - Von den Akten, in denen wir, wie bei der Vors�ung und
w e n d i g e n (und damit überhaupt nicht von: einer Vorstellungs­ Meinung Ge�enstä.ndliches habend oder abzielend e r 2 a s s e n ,
gi'undlage im BRENTANoschen Sinne) . Denken wir an den Fall, den
1 So haben wir, um nur ein Beispiel herauszugreifen; hier von dem
· wir früher erwähnten, wo wir uns von dem erschauten Sachverhalt ·
Meinen. gElSProohen, welches beim verstehenden A u s s p r e c .h e n von
wegwenden : Vorgestellt im eigentlichen . Sinne braucht hier der Worten. vorliegt, nicht aber von den Erlebnissen beim versteh,enden
Sachverhalt nicht mehr zu sein, die Überzeugung aber kann V e r n e h m e n von Worten. Diese können, da sie kein spontanes Ab·
noch weiter fortdauern. Natürlich ist auch dann noch die 'Über- zielen auf, sondern ein rezeptives Empfangen darstellen, nicht als ein •
:Meinen charakterisiert werden. Sie sind aber auch kein Vorstellen, da das

• Daß wo eine Behauptung in einem empirischen Be�tsein vo · � Gegenständliche, auf das dieses Verstehen sich bezieht, nicht im prägnanten
zogen wird, rioch gar viel mehr vorzuliegen pfle � als bestimmt quaJi· Sinne ,da' ist oder wenigstens nicht da zu sein braucht.
'fizierte A,Jrt.e des Meinens, ist uns selbstredend n1cht verborgen.
214 Adolf Reinach. Zur Theorie du negati11en Urteils. 215

Unterscheiden wir die Erlebnisse, in denen wir, wie bei der stehen, daß Sachverhalte von außen einfach gleichsam al;>geleseri.
"ü'beNeugung, e i n e S t e 1 1 u n g z u e t w a s einnehmen. Wir werden, sondern es ist stets vorausgesetzt, daß wir an einen be�
kennexi .als solch letztere Akte z. B. das Streben nach etwas, ..... stehenden Sachverhalt mit einer intellektuellen Stellungnahme zu
i
·die Erwartung von etwas und andere mehr. Durch diese Akt­ � einem widerstreitenden Sachverhalt herantreten. . Der wider­
klasse zieht sich, im Unterschled zu der ersten, ein Gegensatz ·streitende Sachverhalt kann beispielsweise geglaubt, vermutet,
von Positivität und Negativität. Wir streben nicht nur positiv bezweifelt, dahingestellt oder auch nur in Frage gestellt sein ;
nach etwas, sondern können auch demselben Gegenständlichen indem wir den anderen Sachverhalt erschauen, verwandelt sich
Widerstreben. Beide Male haben Wir ein Streben, aber sozusagen die positive Überzeugung oder Vermutung, der Zweifel oder das
mit entgegengesetztem Vorzeichen. 1 Genau dasselbe nun finden Dahingestelltseinlassen in eine negative Überzeugung, oder es
wir bei der Oberzeugung. Wir haben uns bisher natürlicher­ findet die Frage in ihr ihre Antwort. Wir bemerken hier eine
weise stets an der positiven Überzeugung orientiert ; ilir steht Eigentümlichkeit des negativen Urteils, der wir jetzt allerdings
I noch nicht ganz gerecht werden können.
aber eine negative völlig gleichberechtigt gegenüber. Nehmen +­
wir an, es wird von irgend jemand behauptet, eine Blume sei l Neben der negativen Überzeugung von einem Sachverhalte
rot, wir gehen an die Stelle, wo sie steht, um uns selbst zu I gibt es die positive Überzeugung vom kontradiktorischen Sach­
überzeugen, und sehen, sie ist gelb. Mit der Frage, ob die Blume verhalte. Beide Urteile, der Glaube, daß A nicht b ist und der
wohl rot sei, sind wir an sie herangetreten ; jetzt erwächst uns Unglaube, daß A b ist, stehen sich ihrem logischen Gehalte nach
diesem Sachv:erhalte gegenüber eine negative Überzeugung, ein so nah als möglich. Indessen sind es durchaus verschiedene Ur­
;,Unglaube", daß die Blume rot ist. Positive und negative "Ober-· teile, die keineswegs identifiziert· werden dürfen. Sowohl die
zeugung können sich auf denselben Sachverhalt beziehen ; suchen "Bewußtsein.Sseite"1 als auch die gegenständliche Seite sind beide
wir nach umschreibenden. Ausdrücken , so können wir sagen, Male grundverschieden : dem Glauben steht der Unglaube, dem
die eine ist Überzeugungszuwendung , die andere Uberzeugul:lgs­ b-sein des A das nicht-b-sein gegenüber. Der Unglaube einem
abwendung. Beide aber sind "überzeugte" Stellungnahme. Sachverhalte gegenüber verdient den Namen eines negativen
Das Überzeugungsmoment ist beiden gemeinsam, so wie das· . Urteils in erster Linie. Da es indessen in der traditionellen Urteils­
Strebansmoment dem positiven Streben und Widerstreben ; es theorie durchaus üblich ist, die Urteile nicht nur nach ihrer Eigen­
trennt sie von anderen intellektuellen Stellungnahmen, wie der tümlichkeit als Urteile, sondern auch nach den Eigentümlich­
Vermutung oder dem Zweifel. Es ist dasjenige, was erlaubt, sie keiten ihrer gegenständlichen Seite zu benennen, so wollen wir auch
beide als ein Urteil zu bezeichnen, während der polare Gegensatz, die positive 'Überzeugung von negativen Sachverhalten in den
von welchem wir gesprochen · haben, die eine zum positiv:en,· die Kreis unserer Betrachtungen ziehen. Hat man doch gerade bei

t
andere zum negativen Urteil stempelt. . der auf Negatives gehenden 'Überzeugung - welche man freilich
Positive und negative Überzeugung stehen, rein auf ihr deskrip­ nicht von der auf Positives gehenden negativen -lJberzeugung
tives Wesen angesehen, einander gleichgeordnet gegenüber. Eine r
trennte - besondere Schwierigkeiten gefunden. Ilu:"e Behand­
gewisse Verschiedenheit aber scheint sich herauszustellen, wenn lung wird sich auch für unsere späteren Erwägungen als förder­
wir die psychologischen Voraussetzungen ihres Entstehans be­
· lich erweisen..
achten. We:rm wir uns umsehen in der uns umgebenden Welt, Diese Schwierigkeiten haben ihren Ursprung in der etwas
so treten uns eine Fülle von Sachverhalten entgegen, die wir primitiven Auffassung, nach welcher sich das positive Urteil als ein
erschauen, und auf welche sich dann unsere Überzeugung be­
zieht. Auf diese Weise können offenbar nilr positive Oberzeugungen I 1 Dieser Ausdiuck für das Urteil als solches im Unterschiede zu dem

erwachsen. Eine negative Überzeugung kann niemals so ent- I Gegenstä.ndlichen, auf das es sich b!!zieht, ist ohne weiteres verständlich.
Sa.chlich korrekter wäre es freilich, von der i n t e n t i o n a 1 e n Seite
� des Urteils zu reden. Ich muß hier auf die ausfiihrliche Erörterung dieses
1 V gl. LrPPS, a.. a. 0., S. 230 f. wichtigen Punktes in meiner in Aussicht gestellten Schrift verweisen .
216 .MOzr Beinacih. 217

Verbinden oder V'ereinen darstellt (eine Auffassung, die, ob nun We.senszusammenhänge bes�hen der Art, daß keineswegs jeder
:haltbar oder nicht, offenbar einen ganz verschiedenen Sinn hat, je intentionale Akt zu jedem beliebigen Gegei:).stän.dlichen paßt,
nachdem sie sich an der Überzeugung oder an der Behauptung .. sondern daß beiderseits no�wendige Zuordnungsverhältnisse vor�
.orientiert). Ein wahres Urteil liegt danach vor, wenn dem Akte des handen sind. So ist ea evident unmöglich, daß sieb, eine Über­
Vereinigens eine tatsächliche reale Vereinigung in der gegenständ­ zeugung auf einen Ton, eine Farbe, ein Gefühl oder ein Ding der
lichen Welt entspricht. Die analoge Anwendung dieser Auffassung Außenwelt bezieht ; und ebenso unmöglich ist es, einen Ton oder
auf das negative Urteil mußte offenbar Schwierigkeiten begegnen. ein Dil!g usw. zu behaupten. Oder wenn wir aus der Sphäre der
Man faßte das Urteil als ein Trennen au.f, fragte dann aber vergebeJlS realen Gegenstände in die der ideellen, d. h· der außerzeitlichen
nach dem realen Verhältnis, welches durch dieses Trennen wider:­ Gegenstände übergehen : Was sollte es heißen, eine Zahl oder
gegeben wäre. Was sollte. es ·auch heißen - so betont WINDB!.­ ein� Begriff oder etwas dgl. zu glauben oder zu behaupten � In
BAND mit Recht 1, daß in dem schlichten Urteil "blau ist nicht welchem. Sinne wir auoh .den Urteilsbegriff nehmen mögen, es kann
grün'' einer Trennung Ausdruck gegeben wäre 1 Und wenn gerade sich wesensgesetzlich ein Urteil niemals auf diese Art von Gegen�
dieses Beispiel dazu verlocken könnte, etwa die Verschieden- _ stä.nd.liohkeiten beziehen, welche wir ganz verstä,ndlich als (reale
heitsrelation als das hier in Bettacht kommende reale Verhältnis ode:t ideelle) G e g e n s t ä n d e bezeichnen können .
zu betrachten, so wird schon die kurze Betrachtung eines Urteils BRENTANO und seine .Ailhänger freilich scheinen anderer An­

wie "gewisse Funktionen sind nicht differenzierbar" von dem sicht zu sein.. Nach ihnen kann jedes beliebige Gegenständ,liche
Vergeblichen eines solchen Versuches überzeugen. So kam man geurteilt, d. h. "anerkannt" oder "verworfen" wei-den, ein Baum
dazu, die Negation überhaupt als ,,kein reales Verhältnis'', sondern oder eip Ton oder dgl. I!ier zeigt es sich, wie notwendig jene
lediglich als eine "Beziehungsform des Bewußtseins" ll zu be· begrifflichen Sonderungen waren, welche wir im Beginne dieser
trachten. Di�:? Negation s.oll etwas rein Subjektives sein, nach Da.rlegungen vorgenommen haben. Solange man mit einem so
SIGWART und einer Reihe anderer neuerer Logiker ein. Akt des vieldeu.tigen Term.inus, wie dem des Anerkennans operiert, ist
Ve:rwerfens. Indessen wenn auch zugegeben werden kann , daß es :w,ögllch, ihn belieb1gem GegenstänQ.lichem zuzuordnen. Es
· in der negativen Überzeugung von einem positiven SachverheJt gibt ja. in Q.er 'l'at einen Sinn des Anerkennans oder Billigens,
die Negativität rein der Bewußtseinsseite angehört, so scheitert in dem es sich wertend oder �stimmend auf Gegenstä.nde, auf
-doch jener Versuch an den Fällen, wo eine positive Überzeugung Ha.JJ.dlungen oder Satze z. B., beziehen kann. Scheiden wir
sich auf Negatives richtet. Die Möglichkeit solcher Fälle ist evi­ aber alle f:rem,den Bedeutungen aus up.d hepen das heraus, was
dent; die Logik hat nicht die Aufgabe, sie umzudeuten sondern wirklich als echtes Urteilen in ..t\nspruch zu nehmen ist , die
ihnen gerecht zu werden. Überz.eqglWg und das Behaupten, so wird sich niemand der Er�
Genau so wie die Behandlung des negativen Urteils eine Auf­ kenntnis verscb,ließen, daß diese intentionale:q Get\de ihrem
klärung des Urteilsbegriffes überhaupt zur Voraussetzung hatte, Wesen :nach niemals auf Gegenstän.de wie Farben oder Dinge
-müssen wir jetzt das Wesen des gegenstä.ndlichen Urteils­ oder Erlebnisse u. dgl. sich beziehen können. So stehen denn auch
k o r r el a t e s überhaupt untersuchen , bevor wir uns über �s BRENTANO und seine Anhänger in dieser Hinsicht ziemlich allein.
n e g at i v e Korrelat klar werden können. Wir werden auch jetzt Herrschend in der Logik ist seit ABisTOTELEB die Ansicht, daß
diese Untersuchung nur soweit führen können als es für unsere Gegenstands b e z i eh u n g e n im Urteile gesetzt werden. Und in
speziellen Zwecke unerläßlich ist. der Tat liegt es ja sehr nahe ; Wenn G e g e n s t ä n d e nicht
Wir wissen bereits, daß zwischen der "Bewußtseinsseite" geurteilt werden können, so scheinen nur R e 1 a t i o n e n von
·

des Urteils und dem Gegenständlichen., auf das sie sich bezieht, Gegenstän.den als Urteilskorrelate übrig zu bleiben.
. So verbreitet nun auch dieseAnsieht ist, einer nähereJl Prüfung
1 a.. a. 0., s. 169. hält sie keineswegs stand. Wir brauchen dazu nicht in eine eigene
• WINDEL:BAND, a. a, 0., S. 169. ReJ.I!,tions1ID.tersuchung einzutreten; es zeigt uns das schon eine
218 Adolf Reinacl1. Zur Theorie des negativen Urteil8. 219

kurze Erwägung. Nehmen wir Relationen, wie die der Ähnlichkeit sich nun das gegenständliche Korrelat dieses Urteils, das "rot-sein
oder Verschiedenheit, des Links oder Rechts, so gibt es allerdings der Rose " - welches wir als Beispiel für die Form "b-sein des A"
·Urteile, in denen solche Relationen geglaubt bzw. behauptet zu einsetzen können - näher bestimmen �
werden scheinen : "A ist B ähnlich" oder ;,A ist links von B". Da� Es ist ohi:l.e weiteres er�chtlich, daß wir das Rotsein der Rose
neben aber gibt es einen und gerade den häufigsten Typus von Ur­ scharf unterscheiden müssen von der roten Rose selbst. Die Aus­
teilen, bei denen wir eine solche Relation auf der gegenständlichen sagen, die von dem einen gelten, gelten nicht von dem anderen. Die
Seite durchaus nicht finden können, so die Urteile der Form : "A ist rote Rose steht im Garten, sie kann welken ; das Rotsein der Rose
b". Nehmen wir als Beispiel das Urteil : "die Rose ist rot". Hier steht weder im Garten, noch hat es Sinn, von seinem Verwelken
müßte nach der traditionellen Lehre eine Relation zwischen der Rose ?;u reden. Man ist sehr geneigt, hier von bloß sprachlichen Argu­
und dem Rot geurteilt sei.Jr, offenbar aber ist das gar nicht der Fall. mentationen zu reden und den Vorwurf zu erheben, Eigentüm­
Natürlich gibt es solche Relationen, und sie. können auch in Urteilen lichkeiten der Sprache seien verwechselt mit Eigentümlichkeiten
auftreten : "Die Rose subsistiert dem Rot" ; "das Rot ist der Rose der Sachen. Es liegt uns sehr feme, solche Verwechslungen, wo
·inhärent". Hier haben wir die eigenartigen , konversen Rela­ sie wirklich vorliegen, zu verteidigen. Immerhin sollte man mit
tionen der dinglichen Subsistenz und Inhärenz. S i e werden solchen Vorwürfen etwas vorsichtiger sein, man sollte sie insbe­
:aber in dem Urteil "die Rose ist rot" sicherlich nicht gesetzt. •
sondere niemals erheben, bevor man sich überlegt hat, was "bloße
Man darf sich nicht täuschen lassen durch die nahe gegenseitige Eigentümlichkeiten des Sprachgebrauches" eigentlich sind. KA-fT
Verwandtschaft unserer drei Urteile. Gewiß liegt ihnen allen spricht davon, daß er irgend ein Problem "vor" unberechtigt
derselbe sachliche Tatbestand· zugrunde, aber sie fassen diesen halte, heute verbietet uns das der Sprachgebrauch . · Nehmen
Tatbestand in verschiedener Weise und nach verschiedener Rich­ wir an, jemand handle diesem oder anderen Geboten des Sprach­
· tung auf. Daß bei der Existenz des zugrunde liegenden Tatbe� gebrauches · zuwider. Dann würde man ihm allenfalls vorwerfen,
standes alle drei verschiedenen Urteile möglich sind, ändert nichts daß er sich sprachungebräuchlich ausdrücke, niemals aber wür de
-an ihrer Verschiedenheit. Wie die Urteile "A ist links von B" das, was er sagt, um des ungebräuchlichen Ausdruckes willen
und ,,B ist rechts von A" verschieden sind, wenngleich ihnen ein falsch sein, wenn es sonst richtig ist, . oder richtig, wenn es sonst
. genau identischer Tatbestand zugrunde liegt, so die Urteile "die falsch ist. Die Bedeutung der . Sätze wird ja durch den Ausdruck
Rose ·subsistiert dem Rot" und "das Rot inhäriert der Rose". nicht berührt, es handelt sich hier wirklich nur um einen "bloßen
Und beide wiederum sind bedeutungsverschieden von dem auf .Unterschied der Worte". Ganz anders liegt die 8-�e, wenn wir ·
denselben Tatbestand gegründeten Urteil : "die Rose ist rot". die Urteile " die rote Rose steht im Garten" und "das Rot-sein
Nur in den beiden ersten Urteilen finden sich Relationen auf der der Rose steht im Garten" einander gegenüberstellen. Um "sprach­
gegenständlichen Seite ; das dritte Urteil weist bei vorurteils-· liche" Unterschiede handelt es sich da wirklich nicht. Das erste
loser Betrachtung nichts von einer Relation auf.l Wie aber läßt Urteil ist wahr, das zweite ist falsch, ist soga,r unsinnig. Das Rot­
sein einer Rose kann a 1 s s o 1 c h e s nicht im Garten. stehen,
1 Man könnte versuchen, sich statt an die Relationen der (dinglichen)
ßena.u so wie etwa mathematische Formeln als solche nicht wohl­
Subsistenz und Inhärenz an die allgemeinere Relation der (dinglichen) ·
riechend sein können. Damit ist aber gesagt, daß das Rotsein
Zugehörigkeit zu halten und sie unserem Urteil zuzuordnen. So meint
MAiuiE (Vierteljahrsschrift für wissenschaftliche Philosophie, Band 34, der Rose so gut wie eine mathematische Formel etwas ist, das
S. 5), das Urteil, die Rose ist rot, beziehe sich auf die Zugehörigkeit von seine Forderungen und Verbote stellt, von dem Urteile gelten
Rose und Rot. Aber wiederum müssen wir einwenden, daß die Urteile '

,die Rose ist dem Rot zugehörig ' und ,die Rose ist rot' bedeutungs­ i d e n t i t ä. t. Wir sind der sicheren Überzeugung, daß man derartige
v e r s c h i e d e n sind. So ist das erste umkehrbar (,das Rot ist der Rose Bedeutungsverschiebungen, so unerheblich sie in anderen Problemzu­
zugehörig'), das zweite nicht. Mag man auch solche Bedeutungsunter­ sammenhängen tatsächlich sein mögen, auf das gena.ueste beachten muß,
schiede als u n e r h e b 1 i c h bezeichnen, so IIUMlht doch diese Unerheb­ wenn die Fr,gen, die wir hier behandeln, einer Lösung zugeführt werden
lichkeit aus der Bedeutungs v e r s c h i e d e n h e i t keine Bedeutungs- sollen.
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A dolf Reittach.
220 Ztw Theorie dtt� negativen Urteils. 22i
ch mit Untersch,ieden des.
und nicht gelten. Will man da wirkli in einem engeren Sinne, seien sie nun realer Natur wie Dinge Töne
wirklich sagen, zwischen
Sprachgebrauches komm en,
und
will
d.er
man
roten Rose b.estehe em "bloßer
� � � Ö.
Erle nisse, oder �eel er N tur, wie Zahlen oder S tze oder B griffe

� :
dem Rotsem der Rose als eme Gegenständlichkeit ganz anderer Natur die Sachverhalte
"sprachung�bräuchlich " zu
Unterschied von Worten " ; es sei nur zu unterscheiden. Wir kennen bisher nur e i n e Eigentümlichkeit
n 1 Was soll denn das
sagen, das ß,otsein der Rose stehe im Garte �
der S chverh te : sie -sind im Gegensatz zu den Gegenständen
für em merkwfudiger Sprachgebrauch sem,
der emen Ausdruck . �
·da-sJemge, . geglaubt bzw. behauptet wird.I Wir wollen
was rm Ur-teil
zuläßt und � nur dann.
wie das Rotsem der Rose allgemein dem noch ein paar weitere Bestimmungen hinzufügen. ·
ser Urteile auftritt � Und
verbietet, wenn er als Subjekt gewis Der Unterschied zwischen der Beziehung von Grund und
des Sprachgebrauches ein
vor allem : wie kann die Verletzung Folge und der zwischen Ursache und Wirkm;l.g ist heute Gemein­
gar unsine nig n machen 1
sonst richtiges Urteil zu einem falschen oder 'gut in der Philosophie geworden. Es ist aber zu beach�n daß
Argumentationen mehr�
Es be� hier wirklich keiner weiteren es sie� hier nicht nur um einen Unterschied der beiderse tigen i
: · Der Satz "die rote Rose
soviele auch zu Gebote stehen mögen
·

Relat�onen han�elt, sondern daß auch eine prinzipielle Verschie­


"das Rotsein der Rose steht
steht im Garten" ist richtig, der Satz d � eit der . Glieder besteht, welche m den Relationen steilen.
in deutscher, französischer
im Garten" ist falsch, mag er nun n.
xe Bewe�g eine� K�gel ist Ursache.der Bewegung der zweiten ;
sein. Damit ist aber be-.
ode:r; <lhinesischel' Sprache ausgedrückt hier fung�ert em . dingliches Geschehen als Ursache eines anderen.
n in den beiden sonst
wiesen, daß die Subjektsgegenständlichkeite Dagegen können Dinge, dingliche Vorgänge oder Zustände nie­
gleichen Urteilen verschieden sein müss
en, �· a. W., daß die
mals in der Eigenschaft von Grund und Folge ·auftreten. Man
in der Rose.
rote Rose etwas anderes ist als das Rotse k�nn sogar ganz allgemein sagen : Gegenstände überhaupt können
g tür das, was
Im Grunde finden wir darin nur eine Bestätigun _n emals Grund und Folge sein. Ein Ding oder ein Erlebnis oder

Dinge niema-ls behaup_tet
wir früher bereits festgestellt haben : Da e�e Zahl etwa. kann unmöglich etwas begründen, aus ihm kann
erseits im Urteil "die
oder gegla.ubt werden können, und da ander n1chts folgen. AUenfalls kann. die Existenz eines Dinges oder
ständliches Korrelat
Rose ist rot" das Rotsein der Rose als gegen
es sein als die rote Rose
fungiert, so muß dieses Korrelat etwas ander ·
_suchun�en zur Grundle�g usw. " ) findet, weicht von ·:� des Sachver·
es künftig als ei.n,en
selbst, dieses Ding der Außenwelt . Wir wollen haltes m u n s e r e m Smne in allen wesentlichen Punkten ab
e hat sich uns bishel'­ �
·

S a c h v e r h a 1 t bezeichnen . Dieser Nam Wir knü:pfen hier an Logische Untersuchung


HussE:Rts an , in
ist auch in der Tat �m
schon ganz ungezwungen eingestellt ; . er
welchen die . Eigenart und Bedeutsamkeit des Sachverhaltsbegriffes zum

e der Form "b-sein des


besten geeignet für gegenständliche Gebild
ers�n Male in der Literatur klar und nachdrücklich hervortritt. Unsere

von den Gegenständen


B �stunm�gen decken sich teilweise mit denen , welche und
MEINoi-m
·A" verwendet zu werden.1 So haben wir also s �me Sch�er dem Objektivbegriffe geben ; zum anderen Teile · finden
s1ch erhebliche Abweichungen. Der fundamentalste Einwand, den man
g� �ONG erheben m�, scheint � der zu sein, daß sein Objektiv­
Kontroverse entsponnen;
1 Bezüglich dieses. Begriffes hat sich eine .begriff die durchaus verschiedenen Begriffe von Satz (im logischen Sinne)
MEINONG (Über .Ane nahm n1 S. 98 ff. ).
Literaturangaben finden sich bei und Sachverhalt unges�hieden enthält. Es genügt nicht, wie MEINONG
en und psychische Funktionen"
In der Abhandlung über "Erscheinung es tut , den Satz als �In ,erfaßtes , womöglich -sogar ausgesprochenes,
B RE NTAN habe
O bereit s von 3 Dezennien in logischen Voll­ .
bemerkt STUMP F, mm�estens sozusagen m Worten formuliert vorliegendes Objektiv' zu
Urteil ein spezifischer Urteila­ <�: �-00).
lesungen scharf hervorgehoben, daß dem bezeichnen a. 0. S. Indessen müssen wir zur Begründung dieser
der vgm Vorste llungsinhal t (der Materie) zu schßidetl _
inhsJt entspr eche, These auf spa.tere Ausführungen verweisen';
" oder in substantivierten Infinitiveil
sei und sprachlieb in "Da.ß - Sätzen Im Folgenden beschränken wir uns darauf, die Stellen kurz zu be�
werde . STUMP F selbst gebrau cht, wie er mitteilt, fiir diese:p. .
zeichnen, an denen wir mit oder Ausführun
.
· ··
ausgedrückt HussBRLS MEINONGsgen m uber-
uck Sachv erhalt in seinen Vorlesungen
spezüischen Urteilsinh�tlt den Ausdr emstimmendem oder abweichend� Sinne zusammentreffen.
' ·

lUIS n
t , BRENTANO
wie und STUMP11 den
bereits seit 1 898. Es ist nicht bekan
. Der � Ebenso, a.Uerdings ohne innerhalb des Urteils die Überze'ugung
Begriff des Urteilsinhaltes bzw. Sachv erhalte s näher aus �stalten
und die Behauptung zu unterscheiden, HUSSERL (a.. a. 0. I, s. 12, n, s. 48 '
sinhal tes, so wie er sich bei MARTY (vgl. bes. "Unter-
Begriff des Urteil S . 378, S. 4 1 6 f. usw.) und MElNONG (Über AnnahmenI• s • 44I 46 USW.· ) •
Zur Theorie des negativen Urteils. ·223
222 .Adolf Beinach.
der E x i s t e n z gewisser dinglicher Vorkommnisse im Auge, d. h .
Erlebnisses als Grund fungieren. Die Existenz eines Gegenstandes aber nichts anderes als die Wahrscheinlichkeit von Sachverhalte:q .
ist aber offenbar selbst kein Gegenstand, sondern ein Sachverhalt.
Ein wahrscheinlicher Baum dagegen oder eine unwahrscheinliche
Stets sind Sachverhalte und können n u r Sachverhalte Grund
Zahl sinq evideD.termaßen unmöglich, und zwar nicht, weil es sich
und Folge sein . Daß etwas so oder so Sich "verhält", ist Grund
gerade um einen Baum oder eine Zahl handelt, sondern weil die
für einen anderen Sachverhalt, der daraus folgt ; daraus daß alle
Gegenstandsform als solche Modalitäten ausschließt, wogegen die
Menschen sterblich sind, folgt die Sterblichkeit des Menschen CA.Ius.
Sachverhaltsform ganz allgemein und weseiltlieh sie zuläßt.
So gewinnen wir als eine weitere Bestimmung der Sachver•
Nach einer anderen Richtung hin unterscheiden sich die
halte ' daß sie und ausschließlich sie in der Beziehung von. Grund
Sachverhalte in positive und kontradiktorisch-negative. Auch das
und Folge stehen,l Alles was uns in der Wissenschaft oder im
ist ein Unterschied, wie wir ihn in der Welt der. Gegenstände nie­
täglichen Leben als Begründungszusammenhang entgegentritt, mals antreffen können. Neben dem b-sein des A gibt es ein nicht­
ist ein Zusammenhang von Sachverhalten . . Das gilt auch für b-aein des A. Beide Sachverhalte sind einander kontw.diktorisch ;
die Zusammenhänge, welche man unter dem Namen der Schluß­ der Bestand des einen schließt den Bestand des anderen aus.
gesetze zusammenzufassen pflegt : sie sind, richtig aufgefaßt, nichts Dagegen gibt es neben dem Ton c keinen Ton nicht-c, und neben
anderes als aJlgemeine gesetzmäßige Beziehungen von Sachver­ einem. Rot kein negatives Rot. Allerdings redet man von . nega­
halten. Die fundamentalen Folgen, welche aus dieser Einsicht tiven Stellungnahmen. Aber positive und negative Stellung­
·

für den Aufbau . der Logik erwachsen, liegen auf der Hand. In nahme , Liebe und Haß z. B., sind einander zwar entgegen­
diesem Zusammenhang geht unser Interesse nach . einer anderen gesetzt, jedoch �cht kontradiktorisch-widersprechElnd. Nur wenn
Richtung. 2 dasselbe Subjekt derselben Sache gegenüber entgegengesetzte
Die verschiedenartigen Schlußgesetze, welche die tradi­ Stellungnahmen vollzieht, können wir von einer inneren Unein­
tionelle Logik herauszuheben pflegt, müssen, wenn die Schluß­ stimmigkeit oder einem ,sich Widersprechen' dieses Subjekts
.gesetze als Sachverhaltszusammenhänge aufzufassen sind, in der ...
reden. Hier ist · aber von Widerspruch in einem offensichtlich
Verschiedenartigkeit der · Sachverhalte ihren Grund haben . Nach anderen Sinne die Rede. Das ·uns hier interess�de Verhältnis
zwei Seiten wollen wir solche Verschiedenartigkeiten betrachten. logisch-kontradiktorischer Positivität und Negativität gibt es
Sachverhalte können sich zunächst unterscheiden nach der Mo­ allein in der Sphäre der Sachverhalte.l
dalität. Neben dem schlichten Sachverhalt b-sein des A gibt es Positiver und negativer Sachverhalt sind einander durchaus
ein wahrscheinlich b-sein des A, ein möglicherweise b-sein . des koordiniert. Existiert irgendwo eine rote Rose , dann sind mit
A usw. Wir können hier auf die eigentümliche Natur d�eser Moda­ der Existenz dieses Dinges beliebig viele - p9sitive und negative
litätsunterschiede nicht eingehen. Das für uns Wichtige ist, daß - Sachverhalte gegeben. Die rote Rose existiert, die Rose ist rot,
es wiederum Sachverhalte und nur Sachverhalte sind, welche das Rot inhäriert der Rose ; die Rose ist nicht weiß, nicht gelb usw.
solche Modalitäten annehmen können. s Ein G e g e n s t a n d Die rote Rose, dieser dingliche Einheitskomplex ist der alleil diesen
kaD.n schlechterdings nicht wahracheinlich sein, eine solche Prädi­ Sachverhalten zugrunde liegende Tatbestand. Bei ihm reden wir
kation hätte bei ihm keinen Sinn, und wo man trotzdem. von einer von Existenz, · bei den auf ihm basierten Sachverhalten besser
solchen Wahrscheinlichkeit, etwa einer Wahrscheinlichkeit von von �estand.a E s "i s t z u b e a c h t e n , . d a ß i m. B e g r i ff e
Dingen, redet, so ist das nichts als ein unadäquater Ausdruck.
Man hat die Wahrscheinlichkeit der E x i s t e n z von Dingen oder 1 "Von ,konttadiktorischen Sachverhalten' bzw. ,kontradiktorisch
entgegengesetzten Objektiven' reden auch HusSERL (a.. a.. 0. I, S. 91, 92)
• Vgl. MEINONG a.. a.. 0. S. 21 Anm. 6, S. 216 usw., vgl. auch bereits .
und :MEINONG (a. a. 0. 8. 93).
HussERL a. a. 0. I, S. 242. TI, S. 36 f. usw. 1 Ebenso HussERL in terminologischer Fixierung a.. a. 0. II, S. 598.
a Vgl. weiter unten S. 251. Auch MEINONG redet bei seinen. Objektiven von einem Bestande, aber
• Vgl. MEINONG a. a.. 0., S. 80 ff,, auch schon HUSSERL a, a� 0. J, auch bei G e g e n s t ii. n d e n , wie Zahlen, Gestalten usw.. bei welchen
s. 1 3 f., s. 16.
224 Adolf Beinack. Tkeone
Zur des negati11tm Urteils, 225.
des S a. c h v e r h a. l t e s s e i n B e s t a n d k e i n e s w e g s a l s �ich, ob Definitionen für solche letzte gegenständliche . Gebilde,t
w e s e n t l i c h e s M o m e n t e i n g e s c h l o s s e n l i e g t. Gena.u wie Sachverhalt, Ding oder Vorgang, überhaupt möglich - sind,
so wie wir die (realen oder ideellen) Gegenstände von ihrer (realen und was sie, falls sie möglich wären, zu leisten vermöchten. Das
oder ideellen) Existenz trennen und ohne weiteres anerkennen, was uns in solchen Problemzusammenhängen einzig zu fördern
daß gewisse Gegenstände, wie goldene Berge oder rund� Vierecke vermag, ist, daß wir solche Gebilde aus der Sphäre bloßen Meinans
nicht existieren, oder sogar überhaupt nicht existieren können, oder inadäquaten Vorstellans heraus uns so nah als möglich rücken.
so trennen wii auch die Sachverhalte von ihrem Bestand und Das führt uns auf die Frage, wie eigentlich Sachverhalte uns
reden von Sachverhalten, wie dem golden-sein von Bergen oder zur Gegebenheit kommen. ZUnächst ergeben sich hier ja offenbar
'dem rund-sein von Vierecken, die nicht besteheil oder nicht be­ eigentümliche Schwierigkeiten. Nehmen wir unser Beispiel von
stehen können.l Insofern liegt eine weitgehende Analogie zwischen dem Rotsein der Rose. Ich sage doch und jedermann sagt es ebenso,
·Gegenstand und Sachverhalt vor ; dann aber tritt sofort ine daß ich das Rotsein der Rose "sehe", und ich .w.eine damit -

:fun<lamentale Verschiedenheit hinzu : wo ein Sachverhalt mcht nicht etwa, daß ich die Rose oder das Rot sehe, sondern ich meine
besteht da besteht notwendig sein kontradiktorisch .entgegen- _
das von der roten Rose evident Verschiedene, welches wir als den
;
·gesetzt r Sachverhalt. Für nichtexis� ren�e G e � e n s t ä. � d e
. � Sachverhalt bezeichnen. Aber hier stellen sich uns Bedenken
·dagegen gibt es entsprechende gegens����e EXJ.Stenzen ����­ entgegen, sobald wir versuchen, uns von der Berechtigung dieser
Das Verhältnie kontradiktorischer PoSltiVItat und NegatiVItat Redeweise zu überzeugen. Ich sehe vor mir die Rose, ich sehe
·mit allem, was in ihm gesetzmäßig gegründet ist, hat eben nur auch das Rotmoment welches an ihr sich befindet. Aber damit
im Gebiet der Sachverhalte seine Stelle. scheint doch erschöpft zu sein, was ich sehe. Ich mag meine Augen
Bis jetzt gelten une1 die Sachverhalte als das, was im Urteil noch so scharf anstrengen, ein Rotsein der Rose kann ich auf
geglaubt und behauptet wird, was im �usammenhang von G�d diese Weise nicht entdecken.2 Und noch weniger kann ich negative
_
und Folge steht, was Modalitäten bes1tzt, und was 1m Verhalt­ S��ochverhalte sehen, das nicht-weiß -sein der Rose oder dgl. Und
nisse kontradiktorischer Positivitä.t und Negativität steht. Diese dooh meine ich etwas ganz Bestimmtes, wenn ich sage, "ich sehe,
Bestimmungen reichen insofern aus, als jedes Gebilde, für welc�es daß die Rose rot ist" oder "ich sehe, daß sie xt��� weiß ist" . Das
sie zutreffen, notwendig einen Sachverhalt darstellt. Schulgemaße ist ja keine l�e Redensart, sondern stützt sich auf Erlebnisse,
Definitionen des Sachverhaltes ·sind sie freilich nicht, aber es fragt in denen uns solche Sachverhalte wirklich gegeben sind. Aller­
wir von einer, wenn auch ideellen E x i s t e n z sprechen würden (a.. a. 0. dings müssen sie in anderer Weise gegeben sein als die Rose und
S. 63 74}. Daß MEINONGunter bestimmten Voraussetzungen auch �on ihr Rot. So ist es in der Tat. Indem ich die rote Rose sehe, "er-
Wahrheit und Falschhe1t von Objektiven reden will, erklärt sich aus semer 8Chaue" ich ihr Rotsein, wird es von mir "erkannt". G e g e n ­
schon berührten Konfundierung von Sachverhalt und Satz. Sachverhalte .
wahr
oder falsch.
s t ä n d e werden gesehen oder geschaut, S a c h v e r h a l t e
bestehen oder bestehen nicht. Sätze sind
·

HussERL hat die Bezeichnungen wahr und· falsch, die er im ersten dagegen werden erschaut oder erkannt. Man darf sich nicht be�
Bande seines Werkes noch mitunter auf Sachverhalte angewandt hat, irren lassen durch die Redeweise, welche auch Gegenstände er­
'im zweiten fallen lassen nachdem sich die Scheidung zwischen &tz und kannt sein lä.ßt, ehwa "als" :Menschen oder Tiere. Hier liegt eine
'Sachverhalt bei ihm d � hgesetzt hat. Aber auch der Ausdruck ,Gültig­
leicht zu durchschauende Äquivokation zugrunde. Dieses Er­
.keit' dessen er sich dort noch bedient, würde besser vermieden, da. er eben­
kennen im Sinn e der begrifflichen Fassung ist etwas ganz anderes
falls 'im Gebiet der Sätze seine eigentliche Stelle hat. Volle Klarheit über
die Termini Wahrheit, Bestand und Sein bringt erst B. 597 f.
als das Erkennen im Sinne des Sachverhalts-Erschauens. Auch
..
1. Daß wir in der gewöhnlichen Rede unter Sachverhalt nur
,tatsäch­ in den angeführten Fällen werden: keineswegs die Gegenstände
liche Objektive', d. h. b e s t e h e n d e Sachverhalte zu verstehen pfleg�n
{MEINONG, a. a. 0. S. 101), scheint mir kein m;u-e
iohender Grund zu__sem
1 Unter "gegenständlichen Gebilden" und " Gegenstän.dlichkeiten"
.gegen die Beibehaltung eines Terminus, der, "?e �INON� sell�st ausf�,
verstehen wir in dieser Abhandlung sowohl Gegenstände als Sachverhalte.
den Vorzug hat, ,eine lebendige Bedeutung mJtzubrxngen . (Über Urteils­
8 Vgl. dazu HussERL a. a. 0. II, S. 416. Ferner S.
gefühle usw. , Archiv für die gesamte Psychologie, 6. Band, S. 33.) 609.
Milnebener PhUQJI· Abhandlungen. lö .
(
226 · .Adolf Reinach. 227

Das auf ihnen aufgebaute Erkennen der Sachverhalte aber


I. m unserem Sinne erkannt, . sandern ' allenfalls das Menschseilt läßt
eine Differenzierung dieser Art nicht zu.
oder' Tiersein dieser · Gegenstande.
So .haben wir eine weitere Bestimun m g für Sachverhalte
Diese Erwägungen gestatten ohne weiteres eine Vera.ll-: gewonnen : sie und nur sie werden erkannt in dem eigentümli
chen�
gemeinerUng . auf alle Urteile, �e auf Gr�d sinnlicher.. Wahr­
·
von uns erörterten Sinne . Es soll damit nicht gesagt sein,
daß
nehmung gefällt werden. Ob hier. von Stchtbarem, Horbarem ein Sachverhalt uns nicht anders vorstellig werden könne,
als da,
öder Riechbare m die Rede ist, die entsprechenden Sachv?rha.lte wo ein Akt des Erkennans vorliegt. Wir wollen im Gegente
il noch
·

werden nicht · gesehen oder gehört oder gerochen sondern ste we� � besonders hervorheben, daß es ein bloßes Vergegenwärtig
! en von
den erkann · t Aber auf diese Sphäre von Urteilen brauchen Wir Sachverhalten gibt, welches von keinem Erkennen begleitet
�· ist.
. .

em beli�b'Iges a.n-
· ·

u.ns keineswegs zu beschränken. Nefunen . ·


Ich kann mir aus der Erinnerung das "!t.otsein der Rose vergege

deres Urteil, etwa "2 . 2 4" ' · so müssen Wir auch hter unter- wärtigen, ohne daß ich die .Rose selbst wahrnehme. Wie
das
=

�reheiden, wie uns die im Urteil vorko�enden Gegen.stä.n - d?•·


Erkennen des Sachverhaltes sich gründet auf eine echte
Wahr­
die 2 und die 4 etwa, gegeben sind, und die Art und W�JSe, �� nehmung des Dinges, so gründet sich diese Vergegenwärtig
ung
uns der ganze Sachverhalt gegeben ist. Zahlen werden stcher�?h: des Sachverhaltes auf eine bloße Vergegenwärtigung desselbe
ist darum doch voreilig,. n
mc · ht sinnli'ch wahrgenommen, aber es . Dinges. � der Vergegenwärtigung des Dinges an sich habe
ihnen jede wahrnehmungsmäßige oder, um emen hgema �ac
"�ren noch nicht die des Sachverhaltes. Wir haben ja gelernt,
ich
tt ab�trett en: Dinge
Ausdruck zu wählen, jede anschauliche Gegebexlhe und Sachverhalte durchaus zu scheiden, und wir wissen,
Ich kann _mrr zwe� daß zu
Auch Zahlen können uns ja. vorstellig werden. a.n
demselben Dingtatbestand eine ganze Fülle bestehender
beliebigen einzelnen Gegenständen klar machen! was die z�
zwei Sach­
Zweiergru ppe �ber mem� In� �
verhalte gehört. Auf Grund der Vergegen ärtigung de�selb
en
ist ; ich blicke dann auf die hin,
. Dinges kann ich mir das Rotsein -einer Rose, das nicht-ge
vie1m�hr b ge . tch an lb-sein
tention gilt letztlich nicht ihr selbst, � . mu

ihr die Zwei zur anschauli chen Gegebenh eit. Wtr konnen
·
.
�lese derselben Rose usw. vergegenwärtigen.1 Es handelt sich
wieder um das, was HussERL eine kategoriale Anscha
offenbar
uung nennt,
sehr wichtigen Fälle anschaulichen Vorstelleus id�ller Gegenstände d. h . um eine anschauliche Vorstellung, �-,.$elbst keine sinn
_ liche
hier nicht näher untersuchen. HussERL hat ste emgehen� be­ ist, wohl aber in einer sinnlichen letztlich ihre Fundierung
, findet.
sprochen und bei ihnen von einer "k�tegori�len Anschauung ge-_ Daß die Sachverhaltsvergegenwärtigung kein Erkenne
. n ist, ist un­
redet.l Wie von der sirinlichen, so mussen Wir auch von der kate­ mittelbar evident . Sie spielt indessen doch in erkenn
tnistheore­
gorialen Vorstellung ·von Gegens�n�en das ec�te Erken:-e� von tischer Beziehung eine wichtige Rolle, insofern es ihr häufig
zu­
Sachverhhlten unterscheiden. Es ISt Ja o�e w:e1te�s klar · die Art '!tommt, das Sa.tz-"Verständnis" und damit in vielen Fällen
die
wie uns die Zwei und die Vier gegeben smd, 1st eme ganz ander� Sachverhaltserkenntnis zu vermitteln. Wir können diese Zu­
als die, in der wir das -Gleichsein von 2. 2 und 4 erfassen . .. Den sammenhänge hier nicht weiter verfolgen ; uns koiD.D:l.t
es nur
Sachverhalt erkennen wir ; die Zahlen werden geschau� , k�nnen darauf a.n, den Akt des Erkennans von allen andere
n Akten, in
aber ihrer Natur nach niemals erkannt werden. V'!tr konnen denen wir uns auf Sachverhalte intentional beziehen,
zu trennen .;
ganz allgemein sagen : Das Gegenständliche, welch�s die Elemente
der Sachverhalte bildet, wird wahrgenommen, wird gesehen, ge: 1 Ob es lieben der Sachverhalts v e r g e g e n w ä. r t i g u n g auch
, die W a h r n e h m \1 n g eines bestehenden Sachverhaltes gibt, ohne daJ3
hört oder kategorial erlaßt. Und auf Grund dieser "Vorstellungen zugleich ein Erkennen vorliegt, ist eine Frage, deren Erörterung hier zu
chen neuen Akten
·werden die Sachverhalte selbst in eigentümli weit führen würde, die aber wohl zu bejahen ist.
erkannt. Die dem Erkennen zugrunde liegenden Vor�tell�en 1 Wir können nach dem obiglln MBINONG keineswegs darin zustimmen,
sind verschieden je nach der Art des betr. Gegensta.ndlichen. daß ,Objektive' nur durch Urteile und Annahmen ,erfa.ßt' werden können.
(,'Über Annahmen' S. 131 ff.) Es gibt vielm!lhr ein (kategorial) Ver­
• .

gegenwärtigen, ein Meinen, ein Erkennen und noch eine Reihe anderer
1 a. a. 0. II, S. 600 ff. .Akte, welche sich auf Sachverhalte ,erfassend' beziehen.
Zur Theorie de8 negatwm Urteila. �29
Adolf .Reinach.
einem vorgestellten Sachverhalte gegenüber erwachsende Ober�

gegenwärtigen, . es ist aber selb l!'eugung, welche wir früher als einen Typus des Urteils von anders
: ·· ·: Erkenne� ist :Q.i.cht das Ver
das BehauPten eines Sachverh
altes. Dem
. , .... · ..
·

verständlich auch nicht gearteten


a1 Überzeugungen abgeschieden haben sich des N" I:W.leren
in ihm der korrelate Sachver­ n:n. u..:
Erkene n n ist es ja. wesentlich, daß s eme .Mkennen von Sachverhalwn fundierte Überzeugung
ten Sine n , im Behaupten dagegen .

halt fiir uns da ist im prägnan ten
ohara.ktens1ert. aß der Sachverhalt da.Sjenige ist, was geglaubt
ennen ist sehend, das Behaup
ist er bloß vermeint . Das Erk � d b� hau�tet wird, war die erste, daß er das ist, was erkannt
riptive Verschiedenhie t beider
Akte
als solches ist blind. Die desk ugehen
wird, ist die letzte Bestimmung, die wir ihm geben.
als daß wir näher darauf einz .
ist zu unmittelbar deutlich, n Blick
� Streite, o� beliebige Gegenständlichkeiten, oder ob nur
te vielleicht auf den erste
brauchten. Näher liegen könn Auch
Relationen geurteilt werden können, haben beide Parteien Un­
ens mit der Überzeugung.
eine Verwechslung des Erkenn mt, ist
;recht. Man hat jenes dritte Gebilde v1!\-kannt - den Sachverhalt
sie für uns in Betracht kom
bei der Überzeugung, soweit die letz ten
.._ welches �eder Gegenstand ist noch Relation, und welches
vorstellig. Aber gerade
ja der geglaubte Sachverhalt wesensgesetzlich allein das intentionale Korrelat für Urteil
Erwägungen, welche wir ange stellt haben, zeigen uns deu
tlich .�
abgeben kann . Man wird nun fragen, wie es. denn mit Urteile !
I
!
wir an, ich
eit der beiden. Nehmen _ "A inhäriert dem B" oder "A ist dem B ähnlich".
die absolute Unterschiedenh. er einm al
steht Wie
einer Rose, das ich früh
vergegenwärtige mir das Rotsein er übe rzeu gt ;
Wenn auch zugegeben wird, daß in dem Urteil "A 18
.
• t b" keme ·

ihm genau so wie früh


erkannt hab e. Ich bin von achten Sach ­
Rela:tion geurteilt wird, so scheint es doch in diesen Fällen sich
einem vorstelli g gem
hier ist die Überzeugung von nicht
and�s zu verhal�n. Es ist nicht schwer solche Zweifel zur Ent.­
en, aber ein Erkennen liegt jetzt gewiß scheldung zu brmgen. Das .Ähnlich-sein von .A und B ist etwas,
verhalte vorhand g neb enein ­
ennen und Übe rzeu gun
vor . Aber auch da, wo Erk erken nbar.
das behauptet, geglaubt,· erkannt w�rden kann, das Modalitäten
Verschi edenh eit unv
ander. vorhanden sind, ist ihre �ehmen kann usw. · Es ist also sicherlich ein Sachvet.dalt . . Be­
das Rot sein der Ros e ; · in der �rkenntnis präsentiert .zei?bnet man_ es und andere Sachverhalte gleicher Form als Re­
Ich erkenne ächst
auf Grund der Erkenntnis erw
sich mir der Sachverhalt, und rzeu gun g ist
I�tionen, so 1st zu sagen : es gibt Sachverhalte, die Relationen
in mir die Überzeugung, der Glau
be an ihn. Die Üpe
­

smd un andere, wie das b-sein eines A...welche .,. es nicht sind.
fundiert ; sie ist meine Stellung . gehen auch die Urteile bald auf Relationen bald auf
in diesem Falle in der Erkenntnis was mir
D�mgem�
ttung sozusagen ü b e r das,
nahme z u dem - meine Qui schiedenheit
N�cht�tio�en ; �her auch da, wo sie auf Relationen gehen,
Übe r die deskr iptive Ver
die Erkenntnis darbietet. Ge­
Wird diese mtentionale Beziehung dadurch daß diese Relationen
en klär t im übr igen scho n die Beobachtung auf, daß die � �
a c h v e r a I t e sind, und nicht dadurch daß sie R e I a t i o n e n
der beid Zwe ifel
von der Überzeugung zu dem
·

'wißheitsabstufungen, welche und daß


smd, -yernnttelt.
rhaupt keine Stelle haben, �
führen, bei dem Erkennen übe tze
Wo� ist hierzu allerdings noch zu sagen. Der Te�tninus Re·
so wie das Behaupten, im Gegensa .
ferner das Erkennen, genau er Nat ur
latwn 1St kemeswegs eindeutig. Sowohl das links und rechts oben
rzeugung durchaus punktuell �
· zu der zuständlichen Übe des Urt eils
und un� usw, wird � genannt, als auch das links-sein, das o - und
g tragen den Namen �
ist . Behauptung und Überzeugun das schärfste
·�te_n-sem usw . Be1des aber ist grundverschieden. Nur das zweite
.
Urt eilen und Erk enn en auf
Wir sehen jetzt, daß wir die
1St e� - aller�s ergänzungsbedürftiger - f!achverha.lt ; das erste
1 Und wir sehen ferner, daß �
verhält s1_ c zu ihm wie das Rot zum Rotsein. Weder das Rot
voneinander scheiden müssen.
als ein
t zuläsgsi , wenn MEINoNG das Erkennen Geg!m· noch das links kann negiert werden oder Modalitäten ann hm.en,
l. Es ist demnach nich

seiner Natur nach wahres Urte il bestim tm . (,Untersuchungen zur


Eine sich auf einem Akte des Er·
wohl aber das Rotsein und das Linkssein . Bei gew;""""
.
. """"'n Rela�.
..,Ionen,
sta.ndstheorie und Psychologie' S . lS).gung ist selbst kein Erkennen. Und Wie der .Ähnli
·
. ' chkwts- oder der Inhä:renzrelation wird dieser Unter·
kenn6Il!!l aufbauende ,wahre' Überzeu ein ,wahres' sein. Wenn ich von so� . verdec:kt durch die zweideutigen Namen .Ähnlichkeit und
andererseits muß nicht jedes Etkennen erschaue, so liegt, rein deskriptiv .
Inhä��nz . D1e Ähnlichkeit und lnhärenz · können einmal bedeuten
weitem das Heranen
gesproch en, ein Erke
n&h eines Radfahrers
nnen vor, a.uch wenn es sich in Wirklichkeit
nicht um das ähnlich-sem. _ =
und inhärent-sein ( ·
inhärieren) ; in diesem
einen Radfahrer, sondern um · eine Kuh
.handelt.
ZtW Tkeor.ie des negativen Urteila. 231
M.olf Reinach.
230 •

Wir haben nun die Mittel gewol).D.en, um unsere Au8gangs­


it von A und B behauptet �
"Simi reden wir davon, daß eme Ähnlichke :frage ZU . beantwor en. Wir gingen aus- von der positiven Über­
bedeuten, wodurch 'das
oder geglaubt wird. Oder sie können das -zeugung, w�lch� BICh auf Negatives richtet, Und sprachen ·von
hes selbst verst ändlich ri.icht mit . .
� , Sein" im Sachverhalte (welc . de Sch engkeiten, die
� � man hier gefunden hat. Diese Schwierig­
werd en darf 1) zum. Ähnlichsein oder
seinem Bestand verwechselt .kette� smd unv:ermei�cli·für die traditionelle Auffassurig; welche
also das "ähnl ich" oder "inhärent'".
Inhärentsein bestimmt wird, R�lat10nell; als mtentionale Korrelate von Urteilen fungieren läßt.
A mit B Ähnlichkeit hat.
ln diesem Sinne reden · wir davon, daß Diese Ans1cht konnte sich so lange behaupten in der Sphar
'
" e des
· umwandeln ·konnen in den .
Genau so, wie wir den Satz ,.A ist rot' · p o s I' t I e n , .weil einerseits manche Sachverhalte in der Tat
:
aus nicht Rots�in be­ ��
�4eren ,,A hat . Röte ", wobei Röte durch .als t10nen betrachtet werden kM.nnen, und andererseits bei
die ·Substantivierung von � _ etwa dem ROtsein einer Rose, die Umdeutung
deutet, sondern nichts weiter ist als - en ubrigen, Wle
ist dem. B ähnlich " · um­ . .
Rot, so können wir auch den Satz "A m e�e
..
� elat10n zwar irrig, aber doch mangels näheret An8J.yse
B .Ähnlichkeit" ; und auch
wandeln in den anderen "A hat m.it moglich Ist. G� ander� bei dem · Negativen ; hier ist es ja gar
in - was sollte es auch . nu�
hier bedeutet .Ähnlichkeit nicht ähnlich-se .zu deutlich, da� dem. rucht-b-sein des A keine Relation zwischen
-, sondern es ist die ein­
heißen , daß das A ein .Ähnlichsein habe · A �d b gem::eilt Wll'd. So ist es ganz verständlich, daß einsichtige
fache Substantivierung des "ähnlich"
. �
Lo�ik�r emüht waren, die Negation von der gegenständlichen
sehen wir : es gibt Rela tione n in zweierlei Sinne ; nach · Se1te � d1e "Bewußtseinsseite" zu verlegen. Wir haben gesehen
So
ich Sachverhalte, nach dem. � �
dem einen sind die Relationen zugle _daß dieser
�rsuch . an der positiven Überzeugung von Negative
hier unentschiedeil. lasaen , .
zweiten sind sie es niemals. Wir wollen scheitert. Fur uns JSt es nun nicht schwer, dieser Sachlage gerecht
iger zuzuordie i n . ist: 2
·
welcher Sinn dem. Ausdruck zwec kmäß
die Konse­
.zu we den. D s
� � � egative, worauf sich die positive tJl-erzeugung
enha ng wollen wir
Nur für unseren Gedankenzusamm vom mcht-b :sem e�e� A bezieht, ist allerdings w�der ein Gegen:.

I
:i.ID zweit en Simie , so köni ei n
quenz ziehen : nehmen wir Relation .st�d noch eme Rel&t1on, sondern es ist ein negativer Sachverhalt.
en, da sie dan n ja niem �s Sach ­ .
Re1ationen niemals geurteilt werd .Dte negat1v� Sachverhalte bestehen genau in· demselben Sinne
n die Sachv erhal te einte ilen · in
:verhalte sind. Man könnte dan und genau nut derselben Objektivität �e positiven Sachver-
ständliche Elemente ent­ _

solche, in denen Relationen als gegen · h�lte. Eme subje tivierende Umdeutung der Negativität ist
chsei n von A und B - und solche,
halten sind - wie das Ähnli hier weder notwe?-�1g noch möglich. Neben der negativen Über­
wie das Rotsein einer Rose.3
bei denen das nicht der Fall ist - zeu�g von positi':e� S�hverhalten steht nun in gleicher Be­
.
:rechtigung die poSitive Überzeugung von negativen Sachver­
· die Bestimmung, welche AME· .
1 So gi-undverschieden ist beides , daß halten ; be1de konnen .. den Namen negatives Urteil tragen. 1
Gegensta.ndstheorie' in den Unter­
BEDER (,Beiträge zur Grundlegung der :
S. 72) und MEINONG (,ttber An·
�en �ten . Blick_ ein:l�chte�d, von einer Relation keine Rede
stheorie usw.
suchungen zur Gegenstand und Sein bat'
nahmen' S. 61) dem Objektiv geben :
es sei etw813, was ,Sein ist .auf daß
ens lassen sich �em
�he ::zugleich
Verwir r
u ng stifte n kan .
n "übrig ann • zetgen Sie, daß
MEINONGB der ·Sachverhalte
Einteilung
1mserer Meinung nach nur Form ,A ist' � ,A �� B ' (a. a.
tlichkeit als ein ,Sein' darstellen. S. 72) keine echte Dis­
auch nicht alle Sachverhalte ohne Küns
0.

Man denke an die Sachverhalte , welch e den Urteilen ,es wird getanzt' � . on �t. .Als BeiSpxele. mogen dienen die Sachverhalte ,wa.rn:i-
oder
.
,mich friert' entsprechen.
, .
116� ' ,glatt-sem � dgl.,_ �e � eswegs in , Seinsobjektive' (Existenz der
Sinne 'Yärme) oder gar m ZWBlgliedrxge ,Soseinsobjektive' (Warm-sein irgend­
• AMEsEDER a. a 0 . S. 72
schlägt für die Relationen im zweiten
HussE :aL a. a. 0. S . 609,
die Bezeichnung ,Relate ' vor. . Vgl. im übrig en
. �er Sache) umgedeutet werden dürfen. Diese eingliedrigen Sachverhalte
konnen geglaubt und behauptet werden. Wir erhalten . auf. d'16se wBISe
ME!NONG a. a. 0. S. 57 f. . ·

tiv ist . aus lost


. .
3 Die Aufstellung Ar.ms
EDBRS : ,jedes positive Soseinsobjek die Urteile 'es ist warm' und ,es Ist glatt'. Von hier
.
siCh glexchsam
. Sinne haltbar. Aber . . .
in k6ine m �t emem Sohlage die alte, VIBh'81'handelte Frage nach dem Wesen der
eine Relation' (a.. a. 0. S. 75) ist demnach
gehen. Nicht nur, daß es ,Soseins­ perso len Urteil . Die Dlll'Qhführung dieses Gedankens behalten wir
man muß noch einE'n . Schritt weiter � ? � ·
b-sein des A) gibt, welche keine Re­ �mer spateren Arbe1t vor. ;
objektive' (Sachverhalte der Form
auch Sachv erhalt e, die statt z-Wei oder drei gegen­ Eine Logik, welche den Unterschied zwisChen Urteil und geurteiltem
lationen sind, . es gibt 1
aufzuweisen haben. Bei ihnen ist ea
ständlicher Glieder nur ein einziges
232 Adolf Reinach. Zur Theorie des negativen Urteil�. 233

. Negative Überzeugung von positi:ren Sachverhalten und posi­ z.eugnng kommen können, daß ein Gegenstand rot ist, aber nie
tive Überzeuguli.g von negativen Sachvedu!Jten sind ruwh den zu der negativen, daß er gelb ist� Für dies letztere ist Voraus�
bisherigen Ausführungen der positiven Überzeugung von posi­ setzung, daß ich den Sachverhalt in irgend einer Weise, sei es
tiven Sachverhalten durchaus koordiniert. Blicken wir aber fragend oder zweifelnd oder dgl. · in Erwägung gezogen habe.
auf die Voraussetzungen, unter denen sie 'erwachsen, so zeigen Was geht nun vor, wenn wir aus dieser erwägenden Stellung zli
.sich bei beiden negativen Urteilen bemerkenswerte Eigentüm­ einer abschließenden Überzeugung gelangen � Wir treten vor
lichkeiten gegenüber dem positiven. Wir haben diese Verhält­ den Tatbestand in der existierenden Welt und erkennen, daß der
nisse bisher nur gestreift ; wir müssen sie jetzt etwas näher be­ Gegenstand rot ist. Indem dieser Sachverhalt uns dabei positiv
leuchten. Positive Sachverhalte können, wie wir uns früher einmal evident ist, erfassen wir den vfiderstreit, in welchem der in Er­
ausgedrückt haben, "abgelesen" werden. Auf der sinnlichen wägung gezogene Sachverhalt, das Gelbsein des Gegenstandes zu
Wahrnehmung eines Dinges z. B . baut sich da�. Erkennen eines ibm steht, und damit gewinnt dieser zugleich jenes eigentümliche
ihm zugeordneten Sachverhaltes und die positive Uberzeu.gung auf. Gesicht, welches wir, um eine Benennung dafür zu haben, als
In dieser Weise kanD. niemals ein negativer Sachverhalt abgelesen negative Evidenz bezeichnet haben. Jetzt erst erwächst uns der
werden, noch eine negative Überzeugung entspringen. Betrach­ Unglaube an diesen Sachverha.it.
ten wir zunächst die negative Überzeugung. Die negative 'Überzeugung steht also unter zwei Voraus�
Sie hat, wie wir früher bereits ausgeführt haben, zur psycho­ setzungen : Es muß eine intellektuelle Stellungnahme zu dem zu­
·

logischen Voraussetzung eine intellektuelle Stellungnahme zu dem gehörigen Sachverhalte vorangehen; und es muß ferner das Er­
Sachverhalt, auf den sie sich bezieht, mag diese StellungnaJune kennen e"..nes widerstreitenden Sachverhaltes und das Erfassen
nun in einer positiven Überzeugung, einer Vermutung, einer dieses Widerstreites stattfinden . Mit de m Ersten ist die Ein­
Frage oder dgl. bestehen. Mit ihr treten wir an einen dem erste� Btellung bezeichnet, welche Voraussetzup.g des Zustandekommans
Sachverhalt widerstreitenden Sachverhalt heran. Indem Wll' �
des Urteils ist. Es ist von spezifisch I ychologischem Interesse.
nun diesen erkennen, und zugleich Beinen Widerstreit mit dem Das Zweite ist dasjenige, aus dem die negative Überzeugung ihre
ersten Sachverhalt erfassen, steht dieser erste · Sachverhalt uns Gewißheit und ihre Berechtigung schöpft. Es ist von spezifisch
in einer ganz neuen Weise vor Augen, für die wir ke:irien passen• erkenntnistheoretischem Interesse ; wir wollen es als das F u n d a ­
-den Ausdruck besitzen und auf welche wir zunächst nur hinweisen m e n t des negativen Urteils bezeichnen .
· können. Der z w e i t e Sachverhalt, welcher erkannt wird, steht Wenden wir uns nun der positiven Überzeugung von negativen
uns in einer Weise gegenüber, die man als seine Evidenz charak­ Sachverhalten zu. Auch sie steht unter ganz besonderen Voraus­
terisieren kann : I m E r k e n n e n wird uns dieser Sachverhalt setzungen. Würden wir uns darauf beschränken, die Sachverhalte
evident.1 Erfassen wir nun den Widerstreit, in dem der erste abzulesen, welche die Welt der realen und ideellen Gegenstände
Sachverhalt mit ihm steht , so gewinnt dieser jenes eigentüm­ uns gibt, so würde uns niemals ein negativer Sachverhalt .vorstellig
liche .Ansehen, welches wir am verständlichsten wohl als negative werden. Gewisse intellektuelle Stellungnahmen sind auch hier
Evidenz bezeichnen können. Erst auf Grund dieser negativen Vorbedingungen. Ich muß dem negativen Sachverhalt als solchem
Evidenz erwächst in uns die diesbezügliche negative Überzeugung. mein Interesse zuwenden, ihn bezweifeln, in Frage stellen oder dgl.,
Denken wir ein Beispiel durch. Indem wir die uns umgebende um ein Urteil über ihn zu gewinnen, Daß wir überhaupt zu dieser
Welt durchmustern , werden wir zwar zu der positiven Über- Stellungnahme kommen, ist verständlich, sobald einmal eine
negative Überzeugung von einem positiven Sachverhalt vorhanden
Sachverha.lt konsequent. durchführt, wird allerdings kaum mehr dazu neigen,
ist. Mit der positiven ÜberzPugung von einem negativen Sach­
die Urtei1e nach den Sachverha.ltseigentümlichkeiten zu klassifizieren.
1 Unter Evidenz verstehen wir hier nicht ausschließlich den idea.ltm.
verhalte ist diese ja so nah verwandt, daß psychologisch die eine
Fall absoluter ·Selbstgegebenheit, sondern jede Gegebenheit von Sa.ohver" sehr wohl an die Stelle der anderen treten kann.
llalten in erkennenden Akten. Viel wichtiger als diese nsychologioohen VÖrbedingungen ist
Adolf Rein.ach. Zur Theorie des negativen Urteils. 235
234
· ..

eugung ein kompliziertes


·die Tatsache, daß auch hier der Überz ·empirische 'Zufälligkeiten, · sondern um apriorische WesEmszu­
ive Überzeugung vom
-Fundament zugrunde liegt. Wie die negat ·sa.mmenhänge. Wir können einigen derselben folgende vorläufige
positive vom negativen
positiven Sachverhalt so setzt auch die -Formulie� geben: Jede positive 'Überzeugu.D.g von einem
Sachverhaltes voraus.
. Sachverhalt das Erkennen eines anderen -positiven oder negativen Sachverhalt setzt erkenntnismäßig voraus
als 2, kann nur ·er-.
Die Überzeugung, daß 3 nicht kleiner ist -deren positive Evidenz. Jede negative Überzeugung von einem
größer ist als 2. Gerade
wachsen auf Grund des Erkennenß, daß 3 -positiven oder negativen Sachverhalt setzt voraus deren negative
eit dieses Falles von
hier läßt sich nun aber auch die Vers<ihiedenh Evidenz. Die · positive Evidenz eines negativen Sachverhaltes
r wurde ein Sachverhalt
dem früheren deutlich bemerken. Frühe setzt voraus die positive Evidenz eines notwendig mit ihm ver­
in Wider streit stehen
erkantn der mit dem geurteilten positiven .knüpften positiven Sachverhal,t.es. Die negative Evidenz eines .
ilte negat ive Sachverhalt
mußte. 'Jetzt steht umgekehrt der geurte '-positiven oder negativen Sachverhaltes setzt voraus die positive
erkan tn en Sachv erhalte
- da.s nicht-kleiner-sein der 3 - mit dem · Evidenz eines widerstreitenden positiven Sachverhaltes; welcher,
r
_ dem größer-sein der 3 - in einem Verhä l� nis notw �ndige wenn es sich um die negative Evidenz eines negativen Sachver­
Beste hen des emen unnnt telbar
Verknüpfung derart, daß mit dem . haltes handelt, allemal kontradiktorisch-widerstreitend ist.
ist. Dem entsprechend
auch das Bestehen des anderen verbundeil; Alle diese, teilweise nicht einfachen Verhältnisse bedürfen
em Falle ein anderer als früher. noch näherer Untersuchung.
-ist der ganze Aufbau in unser .
Verkn üpfun g des negativen .Sa.ch­
Indem wir die notwendige III.
erhalte erfassen, wird
·verhaltes mit dem erkantn en positiven Sachv
erkan n
t , und auf den erkannte� Den Unterschied von Überzeugung und Behauptung haben
.auch dieser negative Sachv erhalt
Überz eugun g. Frühe r war der (posi­ . wir gesichert. Auf dem Erkennen von Sachverhalten baut sich die
bezieht sich nun die positive
ive) Überzeugung be­ . Überzeugung auf. Sie überdauert das Erkennen ; sie kann sogar
tive) Sachverhalt, auf den sich die (negat
rstrei�e stand zu �em fortdauern, wenn der Sachverhalt g� nicht mehr gegenwärtig
zog, negativ evident, insofern er im Wide
Je�t 1St der (nega�1ve) ist. Verschwindet sie, so hinterläßt sie da
), was man als inak.tuelles
anderen, positiv evidenten Sachverhalte.
Überzeugung . bez1eht, Wissen zu bezeichnen pflegt. Andererseits kann aber auch der
Sachverhalt, auf den sich die (positive)
Verknüpfung steht zu Sachverhalt, dem die Überzeugung. gilt, · noch einmal in ein�m
positiv evident, da. er ja in notwendiger
. .. -Akte des Behauptens gesetzt werden. . Jeder Behauptung liegt,
dem anderen, positiv evidenten Sachverhalte
e Uber�eu�ung vo� wie wir bere�ts gesehen haben; eine Überzeugung zugrunde. Diesen .
Es gibt nun natürlich auch e�e :negativ
doppelter ��c�t ne�a­ Satz können wir nun . näher präzisieren. Die der Behauptung
·einem negativen Sachverhalt', also em m
hier eme ,zu�de liegende Überzeugung muß stets eine positive und
tives Urteil. Psychologische V o r b e d i n g u n g 1st
negat iven S�hv erhalte. .kann niemals eine negative sein. Es liegt im Wesen des behaupten­
intellektuelle Stellungnahme zu dem betr.
negat iven Überz eugung . den Sl;ltzens, daß das in ihm Behauptete "geglaubt" wird ; ist also
Dem F u n d a m e n t e nach liegt der
n - das Erkenn en eines posi­ . in der Sphäre der Überzeugung ein "Unglaube" erwachsen, ' so
'von ihm - wie in allen diesen Fälle
ersten Falle , so muß a�ch . muß er sich erst in einen Glauben an den kontradiktorischen
:tiven Sachverhaltes zugrunde. Wie im
ilten wider streite n, aber es liegt _ Sachverhalt verwandeln, bevor eine Behauptung aus ihm ent­
Sachverhalt dem geurte
.hier dieser ltnis des Wide rstreite s ..springen. kann .
·hier ein besonders ausgezeichn etes Verhä
sind einan der kontr adikto risch. 1 Wie bei der Überzeugung, so können auch bei der Behaup­
vor : die · zwei Sachverhalte
tung nur Sachverhalte als gegenständliChes · Korrelat fungieren .

\
überall nicht um
Selbstverständlich handelt es sich hier
Allerdings, d,iese Sachverhalte sind bei der Erkennensüber­
" Zu beachten ist, daß es sich bei diesen Ausführung
� lediglich .um - zeugung vorstellig,1 in der Behauptung dagegen bloß gemeint.
·

itt e l t e Evtdenz handelt.


u n m i t t e l b a r e s Erkennen und u n v e r m werden,
auf Grund von Schlüs sen gewonnen 1 Handelt es sich um das Erkennen von ,Relationen' (im Sinne
Bei negativen Urteilen, die
von Relationssachverhalten), so braucht allerdings, wie BRUNSWIG ein·
liegen die Verhältnisse ganz anders.
-----------· -----1--

236 Adolf Beinach.


Zur Theorie des negativen Urteils.

Damit hängt noch eine andere wichtige Eigentümlichkeit zu


positiven Urteil behauptet oder bejaht,
­

sammen. In der erkennenden Überzeugung steht der Sach:verhalt im negativen geleugnet .


oder verneint, gariz entsprechend wie in der
simultan in einem. Schlage gleichsam mir gegenüber ; wit' habe� anderen Urteils­
sphäre auf denselben Sachverhalt eine positiv

keine F lge sukzessiv erfassender Akte, sondern einen einzige�
Überzeugung sich bezieht.
e oder eine negative
·
Akt in dem der Sachverhalt ergriffen wird. Ganz anders bei
' So selbstverständlich, wie es auf den ersten
der Behauptung. Sage ich setzend : die Rose ist rot, so finden Blick scheinen
tnag , ist diese Auffassung nun keineswegs.
wir hier eine Reihe von Akten, in denen die Elemente des Sach­ Eine Schwierigkeit
scheint man dabei vor a&em übersehen
verhaltes sukzessive gemeint sind. Nicht in einem Schlage ist zu haben . Positive
der Sachverhalt gemeint, so wie er bei der erkennenden �
er�eu�g
und negative Überzeugung sind beide n b e
wenn auch Überzeugung mit entgegengese
rz eug ung '
in einem Schlage gegenwärtig ist, sondern �r baut s10h m eme� tztem Vorzeichen.
. . Dies erlaubt es , sie beide als Urteil
Reihe von Akten sukzessive auf, analog Wie die Elemente emer �e­ in eines zusammen
zufassen. Was ist es aber, was Behaupten
lodie sich aufbauen in sukzessiven Erlebnissen des Hörens. Freilich und Leugnen, Bejahen
und Verneinen gemeinsam haben und was sie
dieseAkte des Meine� stehen nicht beziehungslos nebeneina:nder, beide zum Urteile
--:­ macht � Diese Frage ist off�nbar nicht ohne
ebensowenig wie die Erlebnisse des Hörans b�i der M ?die. Wie � worten . Positives und negatives Urteil weisen
weiteres zu beant­
hier die Einheit der Elemente die vielen Erlebmsse verermgt zu dem ja auch in der
Behauptungssphäre sicherlich eine nahe
Gesamthören der Melodie, so vereinigt die Einheit der . Elemente deskriptive Verwandt­
schaft auf. Der Versuch Lol'ZEs,l eine Dreite
des Sachverhaltes die Akte des Meinans zu einem Gesamtmeinen ilung zu proponieren ,
und Bejahen, Verneinen und Fragen als gleich
des ganzen Sachverhaltes. Dieses Gesamtmeinen ist in unserem berechtigt neben�
einander zu stellen, scheitert an dieser
Falle durchwaltet von dem spezifischen Behauptungsmomen� . innigen Gemeinsamkeit
des positiven und negativen Urteils der Frage
so wie es in anderen Fällen durchwaltet sein kann von dem S eZI­ gegenüber. Um so
� dringender wird für die traditionelle An_,sic
fischen des Fragens. In diesem behauptenden Gesamtmemen ht die Verpflichtung,
aufzuweisen , was eigentlich diese Gen.
erhält der Sachverhalt, welcher in der erkennenden Überzeugung �insamkeit konstituiert.
Wie man diese Frage auch lösen mag, als
simultan vor uns stand, eigentümliche Formungen und Gli�derun�en Problem ist sie für die
Vertreter dieser Ansicht nicht zu umgehen.
seiner sich nun sukzessive aufbauenden Elemente. Eme Reihe Daß man sie bisher
nicht gelöst hat, soll kein Einwand gegen
von k�tegorialen Formen, welche man oft als "bloß gramma�isch" die Ansicht sein. Wir
. wollen lediglich darauf hinweisen, 'daß für
bezeichnet obwohl sie über die sprachliche Sphäre hinaus m das sie, die zunächst so klar
' und selbstverständlich erscheint, hier eine Aufgabe und Schwi
Gebiet des Logischen reichen, haben hier ihre S�lle. E e �eitere � keit liegt. Entscheidend in solchen Frage
erig­
Verfolgung dieses Punktes würde uns jedoch hier z� weit führen. n kann nur das unmittel­
bare ins Auge Fassen der Phänomene sein
Wie bei der Überzeugung so haben wir auch bei der Behaup­ ; nur e s kann uns end­
gültig darüber belehren, ob d�m Behaupten
tung positives und negatives Urteil zu
�?
heiden.
.
Den;t Urte. � gleichwertig gegenübersteht.
in der Tat ein Leugnen
"A ist b" steht das andere "A ist nicht b zur Seite. DI� tradi­
Wir müssen zunächst wieder unsere gewohn
tionelle logische Theorie .pflegt hier dem Anerk�en em er­ Y .. ob der Terminus negatives Urteil in der Behau
te Frage stellen,
. werfen, dem Behaupten ein Leugnen, dem Bejahen � Vernamen ptungsSphäre über­
haupt einen eindeutigen Sinn besitzt. Bei
entgegenzustellen, oder wie man sonst diesen �eblichen Gegen­ der Überzeugung haben
. wir zwei Arten negativer Urteile unter
satz bezeichnen mag. Derselbe Sachverhalt wird danach m dem schieden; dasselbe müssen
'Wir nun hier tun, wenngleich der Unterschied
vielleicht nicht

gehend darlegt ( ,Das Vergleichen und die Relationse�kenntn s'), das eine
ganz so unmittelbar ins Auge springt wie
dort.
der in Relation stehenden Glieder keineswegs vorstellig zu se�. Es � "Betrachten wir das Urteil "der König war
nicht energisch"
vielmehr in eigenartigen Erlebnissen, welche BRUN�WIG !
a s ,Rx�htung auf in zwei verschiedenen Zusammenhängen . �3s
eine Mal spreche
bezeichnet, und die weder ein Vorstellen, noch em Memen m unserem
Sinne sind, erfaßt werden.
1 Logik 1, S. 61.
238 Aclolf �eh. Zur Theorie du negati"en Urteils. 239.

es ein Historiker aus, der sich gegen die Ansicht wendet, der: los ist, wenn ich im Satzzusammenhänge verstehend eines dieser
König sei energisch gewesen. Das andere Mal trete es rein dar­ Worte ausspreche, über· das Aussprechen hinaus etwas vorhanden,
stellend im Flusse der historischen Erzählung auf. Man darf, -'-- den verschiedenen Worten "non", " oli", ,,nicht" usw . en�
den ganz verschiedenen Aspekt, den das Urteil in beiden Fällen: spricht ja eine identische Funktion -, aber ebenso. zweifelloa
besitzt, nicht übersehen. Das erste Mal die Wendung gegen das kein Abzielen auf Gegenstä.ndliches in unserem früheren Sinne.
widersprechende positive . Urteil : "der König war n i c h t �ner­ Was. sollte auch dieses Gegenständliche sein, welches dem ,,auch"
gisch". Das andere Mal die schlichte Darstellung : "In dieser. oder "abel'" entspräche 1 Um so dringender wird aber · damit
Zeit blühte das Land neu auf. Der König war nicht eben ener­ die Frage, was solchen "gegenstandslosen" Ausdrücken in Wirk­
gisch, aber . . . . . " Man m� über solche , �une:h�blichen" Unter­ lichkeit entspricht. Wir wollen dabei nur von dem "und" und
schiede hinwegsehen. Das ISt uns sehr gleiChgiUtig, solange man; "nicht" reden. Eigentlich kommt es uns nur· auf das "nicht''
sie nur als Unterschiede zugibt. Und dem wird ID.!ln sich an: an. Das Heranziehen des anderen, neutralen Beispiels wird uns
gesichts der evidenten Sachlage ni�ht entziehen kö�en : einmal aber förderlich sein .
die polemische Richtung gegen em anderes Urteil , und dann WeDll ich saße.: "A und B sind c", so ziele ich an der Sub­
die schlichte Setzung. In dem ersten Falle hat die traditionelle jektstelle ab auf das A und auf das B, nicht jedoch auch auf
Anschauung , wonach das negative Urteil sich .� �in Leugnen: ein "und". Trotzdem ist mit dem Abzielen auf . A und B nicht
oder Verwerfen darstellt, den Schein durchaus für Sich, dagegen. alles erschöpft, was hier vorliegt. A und B · werden nicht nur
liegt es im zweiten Falle bei vorllrlElilsloser Betrachtung viel �her, gemeint, sonc;J.ern sie werden gleic�eitig miteinander v e r b u n d e n.
von einem Setzen oder Behaupten zu reden. Jedenfalls ist es. \
Dieses Verbinden ist das, was dell "und" entspricht. Das "und"
nun klar geworden, daß diese ganze Frage, weit entfernt davon also verbindet, es faßt zusammen. 1 Und zwar kann es immer
selbstverständlich zu sein, einer näheren Untersuchung bedarf . .
nur zweierlei zusammen fassen� Will man A , B, C zusammen­
Wir beginnen mit einer Analyse dessen, was im Worte "nicht" fassen, so sind zwei soloher verbindender Funktionen erforderlich :
zum Ausdruck kommt ; dieses ist es ja offenbar, was schon· A und B und C sind d. Zwar kann man statt dessen auch sagen :
ii.u�rlich das negative Urteil von dem positiven unterscheidet: A, B und C sind d, oder gar : A, B, C sind d, aber das Wegfallen
Wir haben bereits oben von "Worten" gesprochen und von des Ausdrucks besagt nicht das Wegfallen der Funktion. Es
den eigenartigen Akten des auf Gegenständliches gerichteten ist offensichtlich, daß die Und:..Funktion auch in diesen Fä.llen
Meinens welche beim verstehenden Aussprechen von Worten doppelt vorhanden ist. A, B, c · werden eben nicht beziehungslos

;orliege . HussERL redet hier von bedeutungverleihenden Akten, gemeint, sondern im verbindenden Meinen verknüpft:
insofern sie es ausmachen , daß wir nicht an· dem bloßen Wortlaut Von dem Verbinden, welches wir dem "Und" zuschreiben.
als solchem haften bleiben, sondern dieser für uTIS "Bedeutung" müssen wir auf das schärfste scheiden, was sich im verbindenden
gewinnt. So berechtigt nun auch dieser Begriff der �e�tung� Meinen für uns konstituiert der "Inbegriff" od�r das "Zusammen"
verleihenden Akte ist, und so wichtig er ist zur Orientierung von A und B . Diese - gewiß sehr vieldeutigen - Termini dürfen
des fundamentalen Begriffes der (idealen) Bedeutung aJs solcher ­ nicht mißverstanden werden. Das Zusammen "A und B ", welches
von der wir hier nicht weiter zu reden haben - so muß doch be... sich im Funktionieren des Und konstituiert, ist vor allen Dingen
tont werden daß wir nicht an jedes Wort den Unterschied von kein räutnliches oder zeitliches Aneinander, ·es ist überhaupt

gegenständli hem Meinen und gemeintem Gegenstän dlichen an- keine. durch irgend welche, Un.d sei �;;; die entfernteste sachliche
.
knüpfen können. Wir erinnern an Worte, Wie "un d" , "aber" Verwandtschaft, bedingte Einheit. : Das Allerhaterogenste kann
.

;,auch",. "folglich", "nicht" usw., welche berm verste�end en ja miteinander durch das Und verbunden werden. Ebenso wenig
Ausspreche n von Sätzen verstanden erden, ohne daß WJr . doch
';
..

sagen könnten, sie seien von dem Memen von Gegensta.ndliohem. 1 Es sei gestattet,. statt : die Funktion, die mit dem Aussprechen

begleitet, so wie etwa die Worte "Sokrates " oder. "Baum". Zweifel-
des
"Und" vollzogen. wird, abkürzen� zu sagen� das· ,,Und " . ·
240 Adolf Beinach� Zur Theorie des negativen Urteils. 241

darf die Funktion des Verbindens verwechselt werden mit dei' sitze vo.n Mejnen und Vorstellen. Was uns neu aufgefallen ist,
synthetischen Apperzeption, in der wir vorgestelltes Gegenständ� ist der .a.ndere Gegensatz zwischen dem Vollzug der Funktion
liches zu einer Einheit. zusammenfassen. 1 Die Und-Funktion
· emerseits und dem Vol'Stellen des in der frunktion sich Eonsti.:.
findet sich ja in der Sphäre des Mefuens, in welcher Gegenständ� tuierenden andererseits.
liebes überhaupt nicht vorstellig ist. · Unsere Absicht geht im Grunde nicht darauf, das "Und"
Näher bezeichnen kann man das Zusammen, von dem. w.ir sondern das "Nicht" zu _klären. Seine Besprechung war aber ·
hier reden, wohl kaum. Man kann nur auffordern, hinzusehen vorteilhaft, insofern die Verhältniese bei ihm weniger kompli�
und sich von seiner Einzigkeit zu überzeugen. Beim verstehenden ziert liegen, und zugleich doch zu dem "Nicht" in mehrfacher
Aussprechen des Satzes ist es keineswegs vorstellig, ebenso wenig Pa-rallele stehen. Auch wenn ich sage "A ist nicht b", ist es nicht
wie es nach unseren früheren Untersuchungen die gemeinten angängig, von einem Abzielen auf ein "Nicht" zu reden in dem
Gegenstände als solche sind. Wenn ich sage : A und B und C und Sinne, in dem man doch von .einem Abzielen auf das A oder b
D sind e, so sind eine Reihe von Verbindungsfunktionen vor­ apreoben kann . Auch hier finden wir eine Funktion vor; bei deni
handen, aber der Inbegriff, der dabei erwächst, ist mir nicht präsent. ,,Und" sprachen wir von ein�m Verbinden, hier liegt etwas vor;
Was für dies Zusammen von vielen Gegenständen gilt, gilt auch für daa wir als ein "Negieren" bezeichnen können. Während aber
ein solches von zwei. Natürlich st-eht es mir frei, mir den Inbegriff zum Verbinden mindestens zweierlei gehört, das verbunden wird,
jederzeit vorzustellen. Dann erkenne ich ihn mit Sicherheit als betätigt sich die Negierungsftqktion an e i n e m Gegenständlichen.
dasjenige, was sich im verbindenden Meinen konstituiert hat. lhr Ort läßt sich ganz gena.u \Jestimmen. Weder das A noch das
Ohne diese Sicherheit könnten wir ja von einer Konstitution durch b kann negiert werden, sondern allein das b- s e i n des A ; in
die Funktion gar nicht reden. Aber im Flusse. der Rede selbst llllSerem Beispiel bezieht sich also die Negierwagsfunktion speziell
findet eine solche Vergeg�nwärtigung normalerweise nicht statt. a.uf das ,,ißt" und dadurch zugleich auf den ganzen, in dem Urteil
Wir finden hier einen anderen Gegensatz als unseren früheren sich aufbauenden, gegliederten und geformten Sachverhalt : A
zwischen Meinen und Vorstellen. Dem - "Und" entspricht ja kein ist b. Insofern ist der alte scholastisclloe Satz durchaus im Recht :
Meinen, sondern eine Funktion, speziell ein· Verbinden. 2 Dieses m propositione negativa negatio afficere debet · copulam.
Verbinden scheiden wir grimdsätzlich von dem Vorstellen dessen, Auch hier freilich müssen wir .einen Unterschied machen
was in ihm sich konstituiert. Dem Gegensatz von Meinen und zwischen der F u n k t i o n , dem woran sie sich b e t ä t i g t , und
Vorstellen desselben Gegenständlichen steht nun also gegenüber dem was in dieser Betätigung e r w ä c h s t. Indem das "ist" b:n
der ganz andere Gegensatz des Vollziehans einer Funktion und Sachverhalte negiert wird, erwächst der kontradiktorisch-negative
des Vorstellans dessen, was sich in ihrem VollZug konstituiert·. Sachverhalt. Es ißt nicht ganz leicht, sich die Sachlage hier
Gewiß gibt es auch ein Abzielen auf die Funktion ; wir n-ehmen deutlich zu vergegenwärtigen. Sicher . zu erfassen ist die Negie­
es ja eben vor, wenn wir von ihr reden. Und davon wieder ist zu l'llln lgSfunktio , welche dem "nicht" entspricht, sicher zu erfassen
unterscheiden das Vorstellen der Funktion, das ·man etwa vornimmt, ist a.uch, daß sie sich an dem Elemente des Sachverhaltes, welches
wenn man unsere jetzigen Ausführungen sich verständlich zu in dem "ist�' .seinen Ausdruck findet, betätigt. Dieses "ist" wird
machen sucht. Andererseits ist es möglich, abzuz!elen auf das negiert und zu einem ,,ist nicht" gestempelt. · So ersteht ver­
in der Funktion Konstituierte, so wenn wir vori dem Inbegriffe �ttelst der Negierungsfunktiol:"; der negative Sachverhalt. Er
. .,A und B" reden, und im Gegensatz dazu auch diesen Inbegriff ist uns im Vollzug des Denkens selbst keineswegs gegenwärtig ;
sich vorstellig zu machen. Das sind jeweils unsere alten Gegen- <ler Fortgang des Meinens läßt ihn gleichsam hinter sich. Aber
es steht uns jederzeit frei, ihn vorstellig zu machen und als das zu
1 Vgl. WPPS, a.. a.. o., s. 119.
erkßll.InIi , was in der Negation sich uns konstituiert hat. Wir
2 Von "Denkfunktionen" bat P:FÄNDBR unter speziellem
Hinweis llaben das Meine:Q. und Vorstellen der Negierungsfunktion, und
auf das "Und" in einer Vorlesung über Logik sohon im s·. S. 1906 gesprochen. w hAben ferner das Meinen und Vorstellen des negativen Sa.ch�
Mti:ilehener Philos. Abhandlnngen. "16
242 Adolf Reinack. Zuf' Theorie des neg!lti'llen UrteiZs. 243
...

verhaltes, welcher sich in ihr konstituiert. Und schließlich haben es vorkomiJt, ohne daß sie doch Urteile wären. Setzen wir den
wir den Gegensatz, auf den es uns hier ankommt : zwischen dem Fall , daß ich auf ein Urteil "A ist nicht b" erwidere : "A ist nicht
Vollzug der Negierung und dem Vorstellen des dadurch konsti­ b, � bezweifle ich sehr". Ein Verneinen ist in dieser Erwiderung

r
tuierten negativen Sachverhaltes. gewiß vorhanden, aber von einem w1rklichen Urteil "A ist nicht
Der Ausdruck Konstitution darf nicht mißverstanden werden ; b" - das dann etwa im zweiten Satzteile zurückgenommen würde
er soll natürlich nicht besagen, daß durch die Negierungsfunktion - kann man nicht ernstlich reden. Ein echtes, volles Behaupten
negative Sachverhalte "erzeugt", sozusagen hergestellt würden. .,
liegt im Vordersatz evidentermaßen nicht vor. Also haben wir
Wir wissen ja, negative Sachverhalte bestehen, genau so wie hier eine Verneinung, aber kein Urteil. Die Beispiele lassen sich
positive, ganz gleichgültig, ob sie von jemandem vorgestellt, vermehren : "Ist A nicht b � " "Angenoni.men A wäre nicht b"
erkannt.. geglaubt, gemeint · und behauptet werden oder nicht; usw. Überall finden wir Verneinungen, ohne daß doch Urteile
Daß 2. 2 nicht gleich 5 ist, dieser Sachverhalt besteht ganz unab­ vorlägen.
hängig von jedem ihn erfassenden Bewußtsein, ebenso gut wie das
Nun wird man wohl sagen, so habe man Verneintmg nicht
positive Gleichsein von 2.2 und 4. So werden auch negative
gemeint. Im Satze "A ist nicht b, das bezweifle ich sehr" und
Sachverhalte. genau so wie die positiven, wenn auch auf Grund
in dE\11 anderen angefiilirten Sätzen liege gar kein Verneinen vor.
des E r k e n n e n s von positiven Sachverhalten, erkannt und in
Es müsse noch etwas anderes hinzukommen damit der Satz zu
.diesem Erkennen gründet die urteilende Überzeugung von ihnen.
Werden die so geurteilten Sachverhalte dann noch einmal iil
einer urteilenden Vern�ung werde. D�m önnen wir nur zu­ k
stimmen. Aber was S('p noch hinzukommen 1 Vergleichen wir
Akten des Behauptens "hingestellt", so bauen sich dabei die
unse�en Satz mit dem Urteil : "A ist nicht b", so sehen wir es ganz
p o s i t i v e n Sachverhalte in Akten gegenständlichen Meinens
deutlich. Was dort, ohne es ehrlich zu behaupten, bloß wieder­
auf. Die n e g a t i v e n Sachverhalte dagegen bedürfen zu ihrem
holend und nachfühlend hingestellt wurde, wird hier wahrhaft
Aufbau in dieser Sphäre einer Funktion, welche gewisse gemeinte
behauptet. Das Behauptungsmoment also ist es, was das
Elemente negiert. Das also ist der Sinn des Ausdrucks Konstitu­
negative Urteil so gut wie das positive allererst zum Urteile
tion : nicht daß Sachverhalte an sich durch die Funktion erzeugt
macht.
würden, sondern daß sie sich vermittelst der Negation im Meinen
und für das Meinen aufbauen. Wir werden also sagen : es gibt Behauptungen in denen keine
'
Kehren wir zu unserer Ausgangsfrage zurück. Da nach Negierungsfunktion vorkommt - das sind die sog. positiven
unseren Darlegungen im negativen Urteil ein Negieren oder Ver­ Urteile. Und es gibt Behauptungen, in denen die Kopula des
neinen auftritt, so könnte man sagen : demgemäß ist das negativ& Sachverhaltes und damit der ganze Sachverhalt negiert wird. In
Urteil ein Yerneinen, und wir haben 8elbst unsere anfänglichen der Verneinungsfunktion konstituiert sieb. hier ein n�gativer
Bedenken gegen diese These beseitigt. Indessen dies hieße die, Sachverhalt, und dieser so konstituierte negative Sachverhalt
ist es, welcher in der negativen Frage in Frage gestellt, in der
Sachlage durchaus verkennen. Die Einteilung der Urteile in
Bejahungen und Verneinu:i:J.gen will doch gar viel mehr besagen,
r
t ,,
negativen Annahme angenommen und im negativen Urteil endlich
als daß es Urteile mit und ohne Verneinungen gibt. Man will behauptet wird. Dagegen gibt es keinen "Akt" des Bejahens,
und ebensowenig gibt es einen ;,Akt" des Verneinens, in deni
zugleich sagen, daß durch die Verneinung das Wesen des nega;.
tiven Urteils auch als U r t e i l vollkommen bezeichnet ist, daß, wir das Wesen des negatiy�n Urteils zu erblicken hätten. Viel­
es genügt etwas als verneinend zu kennzeichnen, um es gleich�­ mehr stellt . sich das positive Urteil wie das negative als ein Be­
zeitig als Urteil quaiif:izieren, und gerade das ist es, was wir in Zweifel haupten dar; und nur dadurch unterscheidet sich das negative Ur­
setzen mußten. Diese Zweifel finden durch unsere· Funktions­ teil von dem positiven, daß in ihm das Behaupten auf einen in
analysen volle Bestätigung. Es ist nicht wahr, daß das Verneinen der Negierungsfunktion sich konstituierenden negativen Sach­
das spezifisch Urteilsmäßige ausmacht ; es gibt Gebilde, in welchen verhalt geht. Diese Negierungsfunktion macht das negative Urteil
16*

L
Mol( .Reinach. Zur Theorie da negativen 245
244 · Urteils.

zum n e g a: t i v e n Urteil, das Behauptungsmoment macht es liehe Betonen hier leistet, das leistet bei dem gedruckten oder
zum negativen U r t e i 1.1 geschriebenen Satze der fette oder gesperrte Druck oder der
Wir haben anfangs von der Schwierigkeit für die gegnerische l Strich unter dem Wort. All das sind ganz verschiedene Ausdrucks­
·Auffassung. gesprochen, das Moment aufzuweisen, welches die .zeichen, aber sie alle geben dem Gleichen Ausdruck, und a.uf
angeblichen Akte des Bejahens und Verneinans beide zu Urteilen dieses Gleiche kommt es uns hier an. Das findet eine Bestäti­
macht. Für uns bestehen solche Schwierigkeiten nicht. Positives gung auch darin, daß das sprachliche Betonen desselben Wortes
·und· negatives Urteil sind · Urteile, insofern sie beide das spezi­ der logisch bedeutsamen Betonung von Verschiedenem zum Aus­
fische Behauptungsmoment aufweisen. Der Name positives Urteil druck dienen kann. Man nehme das Urteil "A i s t b", da.s ein­
·besagt nicht etwa das Vorhandensein eines besonderen Bejahungs­ mal der Behauptung ,,A war b", ein andermal der Behauptung
ak:tes oder einer besonderen Bejahungsfunktion, sondern lediglich "A ist nicht b" entgegentreten mag. Durch das Betonen desselben
das Fehlen der Nega.tionsfunktion. Eine willkommene Bestäti­ Wortes "ist" hindurch wird im ersten Falle das in ihm zum
gung dafür gibt uns die Tatsache, daß die Sprache zwar ein ,,nicht" Ausdruck gelangende zeitliche Moment, im zweiten die Positivitä.t
als Ausdruck der Negierung aufweist, daß aber im positiven des ,,ist"· im Gegensatze z� ,ist nicht" betont. Sicherlich ist
.Urteil keirie Partikel vorkommt, welche dort einer entsprechenden dies zweite Betonen etwas l:etztes, nicht weiter Zurückführbares .
Bejahungsfunktion Ausdruck gäbe. Auch für diese sprachliche Es hat nichts zu tun mit der Konstitution des betonten Gegen­
Erscheinung vermag . uns . die übliche Auffassung des positiven ständlichen ; es muß aber .auch sehr genau geschieden werden
:und negativen Urteils keine Erklärung zu geben. von allem ,,Beachten" oder . ,,Apperzipieren", welches ja nicht
· Unsere . Auffassung leuchtet durchaus ein bei den schlichten in der Sphäre des Meineri.s sondern des Vorstellans seine Stelle
negativen Urteilen. Wie aber steht es mit den polemisch nega­ hat. Wir können hier .auf die bemerkenswerten Probleme des Be­
#ven, welche wir oben von ihnen gesondert haben � Wenn ich mich tonens und auf di� Gesetzlichkeiten, denen es untersteht, nicht
,gegen einen anderen, der das b-sein eines A behauptet hat, wende, eingehen, wir heben nur das für unsere Zwecke Unerlä.ßliche heraus.
mit den Worten : "(Nein.) A ist n i c h t b", so scheint doch kaum Es gibt eine Betonung bei dem schlichten Meinen : "die
bestritten werden zu können, daß hier ein Verwerfen oder Ver­ R o s e (nicht die Tulpe) ist rot". Wir finden sie auch bei
neinen eine wesentliche Rolle spielt. Wir wollen dies auch gar dem, was wir Funktionen nannten : "A u n d B (nicht A allein)
;picht leugnen. Aber 'wir müssen darauf dringen, daß Verschie­ sind c". Hier haben wir ein betonendes Verbinden ; · das, was
denes hier strenge auseinandergehalten wird. in ihm sich konstituiert, näher das spezifische Zusammenhangs­
An dem polemischen Urteile fällt zunächst das auf, was wir moment des Inbegriffes, erfährt in ihm die Betonung. Genau
als seine Betontheit bezeichnen wollen . Im Gegensatze zu dem. so finden wir neben dem schlichten Negieren ein betonendes Ne­
schlichten negativen Urteile ist hier das ,,nicht" betont. Es wäre gieren ; das was hier betont wird, ist die Negativität des in ihm
recht oberflächlich gedacht, wenn man diese Betontheit der rein sich konstituierenden negativen Sachverhaltes. Alle diese eine
sprachlichen Sphäre zuschieben wollte. Gewiß gibt es auch ein Betonung tragenden Urteile �;.-tzen etwas voraus, dem gegenüber
BetOnen im Sprechen, welches sich rein auf die Wortlaute bezieht, die Betonung stattfindet. Die Negationsbetonung speziell richtet
aber diese Betonung ist nur Ausdruck für die Betonung in sich notwendig gegen ein anderes kontradiktorisches Urteil oder
unserem ersten, logisoh bedeutsamen, Sinne. Was das rein laut- einen kontradlktorischen Satz,1 ·welche der betonend Urteilende
verwirft. In zweierlei Hinsicht unterscheidet sich also das pole-
1 Kurz hinweisen wollen wir nol'll auf folgendes. Wie das Erkennen
den erkannten Sachverhalt in seinem Bestand erfaßt, so stellt das Be-
1 K o n t r a. d i k t o r i s c h heißen solche Urteile und Sätze, denen
. ha,upten den behaupteten - positiven oder negativen - Sachverhalt in
kontradiktorische Sachverhalte zugehören, a.nalog wie ma.n Sätze und
seinem Bestand hin, es fixiert gleichsam diesen Bestand. Man xnUß sieb
Urteile bezüglich ihrer M o d a l i t ä t unterscheidet, obwohl die ModeJi.
davor hüten, diese Fixierung des Bestandes eines Sachverhaltes mit der .
täten eigentlich nur den zugehörigen Sachverhalten inne wohnen.
P r ä. d i z i e r u n g des Bestandes von einem Sachverhalte zu verwechseln.
246 Adolf Beinach. Zur Theom da negativen Urteils. 247

misch negative von . dem schlicht negativen Urteil : es setzt em ist ·auch das negative Urteil ein Akt der AnerkennUng" 1 - in ·

kontradiktorisch positives Urteil (oder einen kontradiktorisch unserer Terminologie ein Akt der Behauptung. 2
·positiven Satz) voraus, gegen den sich der polemisch Urteilende Zugleich haben wir innerhalb der negativen Behauptung -
wendet, den er verwirft ; und es findet sich, was eng damit zusammen so dürfen wir wohl abkürzend die Behauptungen nennen, in denen
hängt, bei seiner Negationsfunktion eine Betonung, durch welchen sich ein Negieren findet - einen fundamentalen Unterschied
der Negativitätscharakter des Sachverhaltes dem entgegen­ gefunden : den zwischen schlicht und polemisch negativen Urteilen.
stehenden positiven Sachverhalt gegenüber herausgehoben wird: Die Logiker haben zumeist nur die polemisch negativen Urteile
Die Verwerfung richtet sich gegen das fremde Urteil, die Be­ behandelt, was um so näher lag, als diese um vieles häufiger ge­
tonung bezieht sich auf den selbstgeSetzten negativen Sa.chverha.lt.t ·:fä.llt werden und speziell in wiBBenschaftlichen Zusammenhängen
- mit Ausnahme der historischen - fast allein vorzukommen
Durch diese Unterscheidungen ist die anfangs problematische
pflegen. Idealiter geE-prochen aber entspricht einem jeden pole­
Sachlage nun geklärt. Auch das polemisch negative Urteil muß
misch negativen Urteil ein schlicht negatives und umgekehrt.
zweifellos als ein Behaupten charakterisiert werden ; daran kann
Dieselbe Unterscheidlplg läßt sich auch bei der positiven
dadurch nichts geändert werden, daß die Negierungsfun.ktion
dank der Betonung stärker heraustritt, als im schlicht negativen
:"""
Behauptung durchführen Dem schlichten Urteil ,,A ist b" steht
gegenü.ber das polemische ,,A i s t b", welches sich gegen ein
Urteil. Es gibt ja auch andere Gebilde, die nicht Urteile sind,
kontradiktorisch negatives Urteil oder einen kontradiktorisch
und in denen doch die Negierungsfunktion dieselbe hervorragende
negativen Satz wendet, und durch die Betonung des "ist" die
Rolle spielt (während allerdings die vorausgehende Verwerfung
Positivitä.t des zugehörigen Sachverhaltes heraushebt. Die Ver-
eines Kontradiktorischen bei ihnen fehlt). Man deJlke an die
. hältniese liegen hier dem negativen Urteile ganz analog ; nur daß
Anna.bme : "Angenommen A wäre n i o h t b". Fragen wir, was
dort die polemisch-negativen, hier dagegen die schlicht-positiven
diese Annahme von dem entsprechenden Urteil unterscheidet,
Urteile bei weitem häufiger realiter vorkommen. So können
so können wir nur auf das Moment des Behauptens auf der einen
wir also bei allen Urteilen überhaupt, insofern sie nicht Über­
·und des Annehmens auf der anderen Seite hinweisen . . Daß man
zeugungen, sondern Behauptungen sind, den Unterschied zwischen
diese Sachlage mißverstanden hat, ist sehr begreiflich. Einmal
schlichten und polemischen Urteilen durchführen.
konnte man das Behauptungsmoment, über der, durch die Be­
Die Bedeutung des "nicht" erschöpft sich nicht darin, einer
. tonung heraustretenden negierenden Funktion leicht übersehen,
Negierungsfunktion Ausdruck zu geben. Auch ·andersartige Funk­
und sodann - und dies ist wohl das Wichtigere -:- lag es nahe, die
tionen können mit ihm verknüpft sein, ohne aber ihrerseits das
dem negativen Urteil vorausgehende Verwerfung des kontra­
Urteil 'zu einem negativen zu stempeln. Dessen ungeachtet muß
diktorischen positiven Urteils für das negative Urteil selbst zu
eine Theorie des negativen Urteils ihrer Erwähnung tun, sei es
halten. ·
auch nur um ihre Konfundierung mit dem echten Negieren zu
So sehen wir, daß auch bei den polemischen Urteilen das
verhüten. Man braucht J1W' zwei Urteile, wie "A ist nicht b"
Behauptungsmoment den Urteilscharakter als solchen ausmacht.
und ,,A ist .- nicht b (son(fern c)" ins Auge zu fassen, um sofort
Damit ist mit dem alten logischen Dualismus gebrochen, welcher
einen fundamentalen Unterschied zu entdecken. Zunächst wird
die einheitliche Behauptung iD. zwei ganz verschiedene Akte zer:.
man diesem Unterschied wohl ,dahin Ausdruck geben, daß im ersten
spalten möchte, die dann - man weiß nicht recht warum -
beide den Namen Urteil führen sollen. Wir können daher Tn. 1 a. a. 0. S. 168.
LIPPs durchaus zustimmen, wenn er sagt : "Wie das positive, so • Nur dadurch kann es auch verständlich werden, daß einem jeden
Urteil in unserem jetzt maßgebenden Sinne eine p o s i t i v e Überzeugung
:rugrunde liegt. Wäre das negative Urteil ein ,Leugnen', so müßte es
1 Die Notwendigl;:eit unserer früheren Unterscheidw1g zwischen
aus einer n e g a. t i v e n Überzeugung von dem geleugneten Sachverhalt
"Verwerfung eines Urteils" und ,,negativem Urteil" zeigt sich hier sehr
·
enU!pringen.
<i"utlic:h, wo � beides nebeneinander haben.
248 .Adolf Be�nach. Z..W Theorie des negaUven Urteil8. 249

Fall das ,,nicht" sich auf das "ist", im zweiten auf das b bezieht, selben Sachverhalt ein notwendiges Element, da es nicht ge•
so daß nur daB eine Mal die Kopula, das andere Mal aber daß strichen werden kann, ohne durch ein anderes Element der Form
Prädikatsglied affiziert würde. Dabei können wir uns nun freilich A ersetzt zu werden. Dagegen ist in dem Urteile "der Wagen
Jllicht beruhigen. Es fragt sich, ob die Art dieser Affizierung beide ist schnell gefahren" das "schnell" kei·n notwendiges, sondern
Ma.re dieselbe ist. Das ist nun zweifellos nicht der Fall. Das eine ein für die formale Konstitution des Sachverhaltes unwesent­
Mal findet ein Negieren statt ; daß "Sein" im Sachverhalte wixd liches Element. Sachverhaltselemente nun, welche durch das
verneint und es konstituiert sich dadurch · daß "Nichtsein". Da­ "nicht" zurückgewiesen werden, bedürfen, wenn sie notwendige
gegen kann in dem anderen Fall nicht davon geredet werden, sind, des Ersatzes durch andere der Form nach gleiche Elemente :
daß das b verneint wiirde, und daß sich in dieser Verneinung ein Nicht A ist b, ·sondern C ; A ist - nicht b, sondern c. Dagegen
"nicht-b " konstituierte. Es gibt überhaupt keine sich in einer �
ist bei unwesent 1ten Sachverhaltselementen eine Zurückweisung
Verneinung konstituierenden negativen Gegenstände. ohne Ersatz möglich : Der Wagen ist - nicht eben schnell -
Genau so verhält es sich in dem Urteil "Nicht A ist b (sondern gefahren . .
C)". Auch hier haben wir e:in "Nicht" ; aber auch hier kann keine Wir werden die Urteile, in denen eine Zurückweisungsfunk­
Rede davon se:in, daß ein Verneinen stattfände, in dem sich etwa. tion auftritt, selbstverständlich nicht als negative Urteile bezeich­
ein nicht-A konstituierte. Eine Funktion liegt freilich auch hier vor, nen, da in ihnen ja weder ein Negieren vorhanden ist, noch -
aber kein Negieren, sondern das "Wegschieben" oder ."Zurück­ was damit zugleich gesagt ist - in ihnen ein negativer Sachverhalt
weisen" eines im Flusse der Rede gemeinten �genstä.ndlichen. Wir behauptet wird, sondern nichts weiter vorliegt, als das Zurück­
haben früher davon gesprochen, wie sich in der Behauptung der weisen eines Elementes aus dem sich aufbauenden Sachverhalt.
Sachverhalt sukzessive aus seinen Elementen aufbaut. Gewöhnlich Im Urteile "A ist - nicht .b, sondern c" wird ein p o s i ti v e r
nun geht dieser Aufbau ungestört vonstatten ; die Sachverhalts­ Sachverhalt, das lt-sein des /
behauptet ; daß innerhalb dieses
elemente folgen sich und ergänzen einander, ähnlich wie die Töne Behauptens das Wegschieben eines Sachverhaltselementes statt­
einer Melodie. Es kommt aber auch vor, daß e in sich einstellendes findet, ka.rin daran nie hts ändern .
Element zurückgewiesen wird, - das sind die Fälle, in denen das Die Haupt�egriffe, welche wir in _diesem Abschnitt neu ein­
"nicht" fungiert, von dem wir jetzt reden. Bei dem echten nega­ geführt haben, haben lediglich in der Sphäre des Behauptens,
tiven Urteil dagegen ist von einem Wegschieben oder Zurück­ nicht in der der erkennenden Übetzeugung ihre Stelle. Das gilt
weisen keine Rede. vor allem für den Begriff der Funktion. Während wir in der
Es gibt nun sehr verschiedenartige Sachverhaltselemente, Behauptung "A ist b und c" kraft der Verbindungsfunktion einen
notwendige und unwesentliche. Sachverhalte , wie sie in der einzigen Sachverhalt setzen , sind in der Sphäre der erkennen­
Behauptung sich konstituieren, können ja nicht aus beliebigen den Überzeugung, iK uer es kein Verbinden gibt, z w e i Sachver­
Elementen sozusagen ZW!ammengestoppelt werden , sondern halte vorstellig. Analog verhält es sich bei den übrigen FUnktionen.
unterstehen bestimmten Konstitutionsgesetzen. Insbesondere Sie alle tauchen nur in der Sphäre des Meinans auf. Freilich ist
wenn der ·Aufbau eines Sachverhaltes einmal begonnen hat, kaJin. ihre Verwendung keine beliebige, sondern sie muß in den Sach­
er nicht beliebig abgebrochen oder vollendet werden, sondern verhalten selbst und ihren Verhältnissen eine Stiitze und Be-
fordert bestimmte, nicht dem Inhalt, aber der Form nach gesetz­ . rechtigung finden. Nur wenn ein negativer Sachverhalt besteht,
lich umschriebene Elemente hinzu, ganz entsprechend den Ver­ darf innerhalb des behauptenden Meineris eine Negierungsfunk­
hältnissen bei dem Aufbau einer Melodie. Es kann z. B. wenn tion sich betätigen. Nur wenn Sachverhalte in bestimmten Be­
ein Sachverhalt mit "die Rose ist" begonnen hat, nicht hier be­ gründungs- oder Gegensatzverhältnissen stehen, haben die Funk­
liebig abgebrochen werden, sondern irgendein Element etwa der tionen des "folglich" und "aber" eine Berechtigung, usw. Auch die
Form b muß ergänzend hinzutreten und ist insofern ein not­ Unterschied� des Betont- und Unbetontseins, der schlichten und
wendiges Sachverhaltselement. Und ebenso ist die RoSe in dem• P?lemisch negativen Urteile, der negativen und der, ein Sach-
260 Zur Theorie des negativen Urteils. 251

verhaltselement bloß wegschlehenden Urteile haben nur in der -mehr auf Sachverhalte. Diese Sachverhalte "zerfallen in poSitive und
Sphäre des Meinens und nicht in der des Erkennans ihre Stelle. negative, und beide wiederum in bestehende und nicht bestehende.
Hat man das einmal klar gesehen, so kann man nicht mehr daran Besteht ein S achverhalt, so ist sein' Bestand unabhängig von allem
zweüeln, �ß mit der Scheidung des Urteils m erkennende Über� Bewußtsein ; es fehlt jede, aber auch j e d e Berechtigung, gerade
zeugung und Behauptung die ganze Urteilstheorie in zwei sehr die negativen Sachverhalte für bewußtseinsabhängig zu erklären.
verschieden zu behandelnde Teile zerfällt. Eiilen objektiven Bestand von Sachverhalten ü b e r h a u p t ab­
.zuleugnen, das _ist der widersinnige Standpunkt des absoluten
IV. erkenntnis-theo:r)tisohen Skeptizismus ; denn Saohverha.lte sind ja.
Wir wollen kurz Stellung nehmen zu einigen hauptsächlichen das, was erka.ntlt und geurteilt wird. Teilt man diesen Skeptizis­
mus aber nicht, so darf man auch den negativen Sachverhalten den
Problemen, die sich in der historiSchen Entwicklung der Logik
Bestand nicht absprechen wollen. Der objektive Bestand beider ist
an die negativen Urteile geknüpft haben, und damit die wichtigsten
unserer Resultate nach einmal beleuchten. Viel beetritten ist die ja gesetzmäßig mit einander verknüpft, wie es mit voller Wucht
die logischen Grundsätze aussprechen : Von zwei kontradiktorischen
Frage nach dem Orte der Negation. Ist sie ein "reales Verhältnisu
Sachverhalten muß .entweder der positive oder der negative be­
oder etwas "bloß Subjektives" � Auf eine so vieldeutige Frage
·

stehen. Und : Besteht ein positiver Sachverhalt nicht, so besteht


kann nicht in einem Satze geantwortet werden. Geht sie dahin,
notwendig der · kontradiktorisch negative Sachverhalt. 1
ob die Negation, auf der "Bewußtseins"- oder der gegenständlichen
Seite des Urteils zu suchen ist, so ist zu sagen : Von einer Nega.­ Die Frage nach dem Orte der Negation ist noch nach einer
tivität läßt sich auf beiden Seiten reden. Es gibt in der Sphäre anderen Dimension hin als der eben besprochenen strittig. An­
gesehene Logiker haben erklärt, daß die Negation im Urteil nicht
der erkennenden Überzeugung den Unglauben\ also eine negative
die Kopula affiziere, sondem sich auf das Prädikat beziehe. Unter
Überzeugung, und es gibt femer in der Sphäre der Behauptung
dem Prädikat ist dabei im Urteil. : "A ist nicht b" nicht etwa das
die Negierungsfunktion. Beide sind "subjektiv", insofern sie
der Bewußtseinsseite angehören. Aber neben dem negativen b- s e i n , sondern das b selbst verstanden. Wir halten diese
Unglauben finden wir den positiven Glauben an Negatives, a.n
.negative Sachverhalte; und ebenso konstituieren sich in der 1 Man sieht, diese Sätze beziehen sich auf Sachverhalte lmd ihren
Beeta.nd; dasselbe gilt fül' die anderen Grundsätze dar traditionellen Logik.
Negierungsfunk:tion negative Sachverhalte, auf welche sich die
Man hat sie gewöhnlich auf Urteile bezogen, z. B. : Zwei kontra.d.iktorische
Behauptung bezieht. Hier haben wir die Negativität offenbar Urteile können nicht beide richtig sein. Dieser Satz ist gewiß unanfecht­
auf der gegenständlichen Seite des· Urteils, sie ist insofern "ob- bar, aber er ist nicht ursprünglich, sandem derivativ. Ein Urteil ist nchtig,
jektiv".
·

wenn der zugehörige ��hverbalt besteht ; und zwei kontradiktorillche


Aber die Rede von der angeblichen Subjektivität der Ne­ Urteile können nicht beide richtig flein, w e i 1 zwei kontradiktorische
Sachverhalte nicht beide bestehen können. Das Urteilsgesetz findet a.lso
gation hat, mit dem ersten konfundiert, noch einen ganz an­
seine Begründung in dem Saohverhaltsgesetz. - Von anderer Seite her
deren Sinn . Zugegeben daß Negatives als gegenständliches Kor­ hat man versucht, jenes Gesetz statt auf die Urteile auf die S ä t z e zu be­
relat von Überzeugung und Behauptung fungieren kann, so wird ziehen. Zwei kontra.d.iktorische Bä.tze - so heißt es nun - können nicht
man doch sagen, daß dies Negative nichts "Reales" ist, daß es, beide wahr sein. Wir erkennen den Unterschied von Urteil und Satz a.n

wenn auch nicht auf der Bewußtseinsseite befindlich, doch etwas sich" durchaus an ; aber wie den Satz vom Urteil, so muß man ihn ��ch vom
Sachverhalte scheiden. Ein Satz ist wahr, wenn der zugehörige Sachverhalt
vom Bewußtsein wesentlich abhängiges ist, und insofern kein
besteht. Und zwei kontradiktorische Sätze können nicht beide wahr sein,
objektives Sein besitzt. Eine solche Meinung aber müSsen wir auf w e i 1 zwei kontradiktorische Sachverhalte nicht beide bestehen können.
das allerschärfste abweisen. Gewiß wird im negativen Urteil kein So führt auch hier das Satzgesetz auf ein Sachverhaltsgesetz zurück. Zu­
reales "Verhältnis" gesetzt, aber im positiven braucht es ebenso gleich haben wir hier ein Beispiel dafür, in welchem Sinne wir oben gemeint
wenig der Fall zu sein,. Positive und negative Urteile gehen viel- ha.ben, daß große Teile der traditionellen Logik sich ihNm Fundamente
nach als allgemeine Sachverhalt.'llehro herau.'!!'tellon werden.
252 Ado�f Beinack.
253

Auffassung für durchaus irrig. Sie ist ganz haltlos in der Sphäre an unsere Feststellung_ denken, daß jede erkennende negative
der erkennenden Überzeugung. Wenn ich auf Grund des Erscha.uens Überzeugung und jede erkenne�de positive Überzengang von
des Rotseins einer Rose erkenne, daß sie nicht weiß ist, und meine einem Negativen das Erkennen eines positiven Sachverhaltes zur
Überzeugung sich auf diesen Sachverhalt bezieht, so haben wir Voraussetzung hat. Von der Voraussetzung eines positiven. U r �
überhaupt keine Funktion, kein "nicht", welches sich, sei es a.n t e i 1 s aberkann man hier nicht reden, da das Erkenrien eines
einem Prädikat, sei es an einer Kopula betätigen könnte, sondern positiven Sachverhaltes nicht dasselbe ist wie die Über-Zeugung ·
erkannt von uns wird der schlichte negative Sachverhalt. Erst von � Man -kann ferner da.ra.n denken, daß beide, die nega�
in der Behauptungssphäre tritt eine Negationsfunktion auf ; da tive Übjrzeugung und die Überzeugung vom Negativen, gewisse
aber betätigt sie sich an dem "ist" und nicht etwa an dem b . intellektuelle S teilungnahmen zur psychologischen Voraussetzung
Das wird umso klarer. wenn wir an den Fall denken, wo das "nicht'' haben. Aber nur bei der negativen Überzeugung richtet sich
wirklich auf das Pr ädik
at geht : ,,A ist - nicht b, sondern c". diese Überzeugung auf einen positiven Sachverhalt. Zudem
Hier wird das Prädikatselement in der Tat "affiziert", aber diese k a n n sie wohl eine Überzeugung , also ein Urteil über den
Affektion ist ein Wegschieben, und kein Negieren. positiven ·Sachverhalt sein, aber ebenso wohl eine Vermutung,
Hat man einmal eingesehen, daß die Negierungsfunktion sich ein Zweifel oder dgl. t
nur auf die Kopula beziehen kann, so wird auch die Rede vom So müssen wir a.1so die These, jedes negative Urteil setze
limitativen Urteil und von den propositiones infinitae überhaupt ein positives voraus, einschränken auf einen Fall, der lediglich .
hinfällig . Hier sollen negative Gegenstände als Prädikat oder Sub� bei der negativen Überzeugung - nicht eintreten m u ß , aber
jekt positiver Urteile fungieren : "die Rose ist nioh�rot" ; oder : eintreten k a n n. Ganz abzuweisen dagegen ist in dieser Sphäre
"die Nichtraucher steigen in jenes Abteil" . Man. hat sich hier die weitere Ansicht , das negative Urteil sei unmittelbar und
durch den sprachlichen Ausdruck täuschen lassen. Ein negatives direkt ein Urteil über jenes versuchte oder vollzogene positive
Rot oder einen negativen Raucher gibt es nicht. Heben wir die Urteil. 11 Nicht auf - ein Urteil bezieh� sich ja die negative Über­
hier vorliegenden sprachlichen Abkürzungen auf, so lauten unsere zeugung sondern auf einen Sachverhalt.
Urteile : "die Rose ist etwas nicht�Ro�es (d. h. e�was, das nicht
· Gerade diese zweite Ansicht. weist nun allerdings darauf
rot ist)'' und : "die nichtrauchenden (d. h . die, welche nicht
hin, daß dabei die Orientierung nicht mehr an der Überzeugungs-,
rauchen) . . . . . " Beide Male sind es Sachverhalte, die negiert
sondem an der Behauptungssphäre genommen ist. Dort gibt es
werden, allerdings S�LChverhalte, welche. in den betreffenden Ur�
ja, wie wir wissen, in der Tat negative Urteile, welche sich gegen
teilen nicht selbst behauptet werden, sandem a.n der Subjekts..
kontradiktorisch positive Urteile wenden · und sie verwerfen.
bzw. Prädikatsstelle eine eigentümliche - hier nicht zu erörternde
·

Freilich, gegenständlicb:tls Korrelat des negativen Urteils ist auch


- Umformung erhalten haben.
hier der positive Saoliverhalt ; immerhin kann man hier mit gutem
Werfen wir nun noch einen Blick auf die, besonders seit Sinne sagen, das negative Urteil setze ein positives voraus, gegen
SIGWARTS Ausführungen viel erörterte These, daß das negative das es sich wende. Wir haben dagegen nur einzuwenden, daß
Urteil stets ein vollzogenes oder versuchtes positives Urteil zur damit nicht das negative Urteil überhaupt, sondern nur die nega­
Voraussetzung habe, und daß es sich seinem Wesen nach als eine tive B e h a u p t u n g getroffen ist, und auch da lediglich die
Verwerfung dieses negativen Urteils darstelle.1 negativ p o 1 e m i s c h e Behauptung.3 Das s c h 1 i c h t e negative
In dieser Ansicht sind, wie unS scheint, allerlei richtige · und
falsche Beobachtungen zusammengemengt. Man kann zunächst 1 Vgl. auch WumET.BAND, a. a. 0., S. 177.
1 SIGWART, Logik I, S. 159 (dritte Auflage).
·-
a Auch hierin liegt freilich keine Eigentümlichkeit des negativen
1 Ähnlich z. B . ERDKANN, Logik 1', S 504ff. ; BERasoN, l'evolution
Urteils a.ls solchen, da. es ja p o s i t i v polemische Urteile in genau ent­
crMtrice S. 3 1 1 ff. ; MAlER, Psychologie des emotionalen Denkens, S. 272 ff.
sprechendem Sinne gibt.
254 .M.oZf Reinaclr.. 255

Urteil hat, wie wir gesehen haben, kein positives zur Voraus­
setzung, das es verwirft. Es spielt zudem besonders in :Be­
schreibungen Un.d Erzählungen eine so große Rolle, daß es eine
durchaus einseitige Auffassung des negativen Urteils bedeutet,
wenn man wie KANT und viele andere der Meinung ist, die ver..;
neinenden Urteile hätten "das eigentümliche Geschäft, lediglich
den Irrtum abzuhalten".
Existenz als Gegenstandsbestimmtheit
Von

ÜTTO SELZ.

Inbalt.
Seite

.
§ I. Die Lehre von der Außerexistenz des reinen Gegenstandes . 255
§ 2. Das Erfüllungskorrelat des Existenzis.lbegriffs . . . . 260
§ 3. Existenz sJs Begriffsmerkmal . . . . . . . . . . . . 271
§ 4. Verschiedenheit der Gegenstände von Existenzsatzung und
E'xistenzvorstellung. Der Sinn des Existenzialurteils . . . 275
·§ II. Schluß : Die Umdeutungen des Existenzialbegriffs. Ergebnis . 287

§ I. D i e L e h r e v o n d e r A u ß e r e x i s t e n 2: d e s r e i n. e n
G e g e n s t a n d e s.

Wohl wenige Thesen haben sich auf dem Gebiete der Erkennt­
nistheorie einer so weitverbreiteten Anerkennung zu erfreuen;
als die von HuME und KANT in die neuere Philosophie· eingeführte
�e, daß das Dasein keine Bestimmtheit der Gegenstände )
Ünd kein Merkmal der von ihnen gebildeten Begriffe sei. Dieser
Satz pflegt die ausdrückliche oder stillschweigende Grundvor­
aussetzung dEir m�ten Erörterungen zu bilden, welche von Philo­
sophen und Psychologen der Gegenwart dem Existenzialbegriff
oder Existenzialurteil gewidmet werden. Z�gi 4!89-!!!�r.tte nament-
" Jich kann man für eine solche Ansicht geltend machen.
l . D a s A r g u m e n t a u s d e r A n s c h a u u n g. Es geht
davon aus, daß es Gegenstände gibt, welche uns nicht nur ver­
meintlich,· sondern wirklich selbstgegenwärtig sein, also in der
Anschauung im weitesten Sinne erlaßt werden können. Wenn
ich einen Ton höre oder einen Lichtschein sehe, so ist das hierbei
erlebte Phänomen ein solcher selbstgegenwärtiger Gegenstand.
Nicht der Ton oder: der Lichtschein, auf dessen Erfa.ssüng der
Wahrnehmungsakt sich richtet, ist im vollsten Sinne des Wortes