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Das Problem der historischen Zeít

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ii Vortrag, ;r Da der Gegenstand der Geschichte als eines theoretischen
ii gehalten am 3.März ryú in der Berliner Abteilung Gebildes das Geschehene ist - abgehoben von dem Gegen-
itla
ti der Kantgesellschaft wärtigen wie von dem Zukünftigen - so gehört dieZeitjeden-
i: falls zu den entscheidenden Bestandteilen ihres Begriffes. Al-
i, lein weder ihr Verhältnis zu dessen anderen Bestandæilen noch
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der besondere Sinn, mit dem sie gerade in der Geschichte


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wirksam ist, scheint mir bisher zu der erwünschten oder
alrch nur zu der möglichen Klarheit gelangt zu sein.
Ein \Xlirklichkeitsinhalt ist dann ein historischer, wenn wir
ihn innerhalb unseres Zeitsystems an eine bestimmte Stelle
geheftet wissen - wobei diese Bestimmtheit mannig{ache Ge-
nauigkeitsgrade haben mag. Dieses Selbswerständliche und
T¡iviale wird sich gegenüber tiefer und weiter scheinenden
formalen Definitionen des Geschichtlichen doch als die ent-
scheidendere zeigen.
.Es,wird zunächst dadurch ausgeschlossen, daß ein \üüirklich-
ii keircinhalt schon durch die Tatsache, daß er überhaupt iltr zt)
ii irgendeiner Zeit bestanden haq zu einem historischen werde.
ir Entdeckte, man z.B. irgendwo in Asien eine verschüttete, mit
åi vielerlei interessanten Dingen angefüllte Stadtanlage, die aber
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u¡eder durch ihren Stil noch durch direkte oder indirelite Zeug-
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i1 nisse'den geringsten Hinv¡eis auf ihr Alter gäbe so wären -
ii diese Überbleibsel zwar vielleicht in vielen Hinsichten höchst
ii werwoll und bedeutsam -.aber eine historische Urkunde wä-
ii ren sie nicht. Solange sie,nur in der Zeit überhaupt, âber nicht in
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einer bestimmten Zeit stehen, sind sie in einem historisch
leeren Raum, Und wüßten wir selbst durch eine Offenbarung;
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daß'es sich um Reliquien eines auch sonst bekannten Volkes
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: handelt, es gelänge aber durchaus nicht - wofür es freilich kein
konkretes Seispiel gibt - ihnen in der Enrwicklung dieses
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i Volkes eine irgendwie bestirnmte Zeitstelle anzuweisen, so
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wären sie noch immer kein historisches Dokument.
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: Aus eigentümlicheren Strukturverhältnissen noch geht die
ì Ohnmacht des Verstebens hervor, einem \üüirklichkeitsinhalt
Ì den Charakter des Historischen zu verleihen. Zweifellos ist das
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Verstehen die conditio sine qua non für die Anerkennung eines
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: Inhalts als eines historischen. \ùü'enn z. B. die berichtete',Hand-
lungsweise eines Menschen uns mit Rücksicht auf seinen sonst
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bekannten Charakter total ,unverständlich" ist, obgleich sie an stimmter Elemente gerichtete Verständnis ist ersichtlich ganz
sich möglich wäre, so weigern wir uns, sie als historische Tat" unabhängig davon, an welcher Stelle unserer Zeitrechnung die
sache anzunehmen. Schon die bloße Benennung eines Seins ganze Gruppe sich findet. Denn nicht weil sie an einer be-
oder Geschehens, sein bloß potentielles Historisch-Sein for- stimmten Stelle steht, sondern weil sich ihre Inhalte unterein-
dert ein gewisses Maß von Verstehen, oh¡e welches es eir:t ander bedingen, wird sie verstanden. Diese immanente Zeit
unqualifizierbares, ununterscheidbares X wäre: wenn wir ein einer verstandenen Tatsachen-Gruppe ist nicht die historische
Geschehen als eine Schlacht oder einen Kanalbau, ein Tun als Zeit, síe gleicht der Zett, deren Messung innerhalb eines natur-
Flerrschen oder Produzieren, ja wenn wir es als unverständliclr wissenschaftlichen Experimentes wichtig ist und die mit dem
bezeichnen, liegt dem ein prinzipielles Verstehen zugrunde, kalendarischen Zeitdatum, an dem das Experiment angestellt
Nun aber ist das zunächst ganz paradox Scheinende: daß wird, überhaupt nichts zu tun hat. Dieses Motiv wäre ganz
dieses Verstehen als solches gar nichts mit der historischen unverstanden, wenn man aus der Empirie heraus einwendete:
\üirklichkeit als solcher zu tun hat, sondern etwas völlig Zeit- gewisse Erscheinungen seien doch gerade nur dadurch ver-
loses ist. Der Aktus, mit dem ich den Charakter des Paulus ständlich,. daß sie an einer ganz bestimmten Zeitstelle stehen;
oder des Moritz von Sachsen 'rverstehe.., ist prinzipiell genau die Ausbreitung des Christentums sei nur zu begreifen, weil es
derselbe, v¡ie wenn ich den Charakter von Othello oder Vil- auf gewisse Gemütszustände der antiken \üØelt traf, die eben
helm Meister verstehe. Das Verständnis, d. h. das Nachfühlen damals, aber weder vorher noch nachher bestanden, das Auf-
eines einheitlichen Zusammenhanges von Elementen, gilt aus. kommen des Barockstils sei nur in der Epoche, in der die
schließlich deren ideellem Inhalt, und sobald man diesen bei- Renaissance ihre spezifischen Kräfte erschöpft hatte, als mög-
sammen hat, so erfolgt es, gleichviel ob er außerdem unrer der lich anzusehen usw' Ganz richtig, In diesen Fällen gehoren die
Kategorie der \ùØirklichkeit oder der Fhantasie, unter der Ka- zeitlich voranliegenden Bedingungen der zu verstehenden Tat-
tegorie der Gegenwart oder der Vergangenheit besreht. Ich sache zu dem jetzt betrachteten Verstehenskomplex. Haben
verstehe Paulus nicht wegen seiner geschichtlichen Rea.lität, wir etwa vorher die Erscheinungen des Barock ihren Inhalten
sondern, sozusagen umgekehrt, verstehe ich von dieser nur die nach auseinander verstanden, derart, daß dieses Verständnis bei
ideell von ihr ablösbaren Inhalre. Ihr Sein, die Virklichkeit als jeder beliebigen zeitlichen Plazierung des Barockkomplexes
solche, ist das Hinzunehmende, niernals zu Verstehende. Und ungeändert bliebe, so wird jetzt der zum Problem gewordene
da die historische Zeit ausschließlich die Form von Virklich- Bezirk um die Renaissance erweitert, das Verstehen spielt jetzt,
keit ist, so verläuft das Verstehen auch in völliger Unabhän, statt nur zwischen den Elementen des Barock, zwischen die-
gigkeit von ihr. \Øo wir dennoch aus solchem ideellen Verhälr- sern und der Renaissance und beide bilden ietzt die Verstehens-
nis von Inhalten deduzieren, daß ein gewisser Inhak real ist, Einheit, die als solche in ihrer nun erlangten inneren, sach.
leiten wir nur die auf anderen Wegen bereits für den einen lichen Einsichtigkeit gar nicht davon benihrr wird, an welche
festgestellte Virklichkeit auf einen anderen üb.er. Stelle der historischen Zeit sie gehört. Und wenn nun wie-
Dieser Erkenntnis tut es keinen Abbruch, daß das Verstehen derum die Renaissance nur aus den vorhergehenden mittel-
oft gerade Zeiwerhältnisse einschließt: wenn sein Gegenstand alterlíchenZuständen verständlich erscheinr, so muß die selbst-
z. B. ein ursächliches Hervorgehen einer Erscheinung aus einer genugsame Gruppe von Inhalten um diese erweitert werden.
andern ist. Dann bildet eben die Gruppe dieser Erscheinungen Dann aber wäre auch diese neue größere Gruppe rein ihrem
die Verstehens-Einheit, das Zeiwerhältnis, als ein nach Ord- Inhalte nach verstanden und darin änderte sich nicht das
nung und Dauer notwendiges, ist jetzt selbst ein Inhalt, der geringste, wenn ihre empirische Realisierung tausend Jahre
verstanden werden will; allein dieses, auf die Relation be- früher stattgefunden hätte. Denn wenn das Verständnis sich
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dadurch vêrbesserte oder verschlechterte, so wäre damit der Maße erst dann eintritt, wenn eine solche Gruppe nach beiden
Voraussetzung widersprochen, wonach gerade die Gegen- Zeitrichtungen hin - denn wir verstehen'ein Geschehen erst
stände des Verständnisses, eben diese Inhalte und keine ande- dadurch ganz, daß wir auch seíne Folgen kennen - bis zur
ren, zeitlich disloziert werden sollten. Grenze unseres rVissens ausgedehnt wird - so ist in dieser
Da indeß prinzipiell kein erklärendes Moment das letzte sein Totalrelhe einem jeden Inhalt seine Stelle unweigerlich und
kann, sondern zu seinem eigenen Verständnis immer ein vor- prinzipiell unzweideutig festgelegt. Als selbstgenugsamer
angehendes fordert, so streckt sich nun die Verstehens-Einheit lconnte der kleine Komplex beliebig verschoben werden, nur
der Forderung nach ins Unendliche, der Tatsache nach bis an seine Elemente lagen gegenseitig fest; jetzt hat diese Festigkeit
den frühesten; uns jeweilig bekannten Geschehensinhah Neh- das ganze Geschehen ergriffen. Gewiß betrifft das Verstehen
men wir an, daß die bekannten Geschehnisse der Geschichte auch je zt die zeitfreien Inhalte, die insoweit an beliebiger
durchweg zu Kausalreihen verbunden sind, so bildet nun erst Zeitstelle zu realisieren wären. Allein von dieser Beliebigkeit
die Totalität dieser Geschehnisse die fùr das Verständnis jeder kann kein Gebrauch gemacht werden, da die genaue Plazie-
Einzelheit zugängliche Gruppe. In dem Augenblick aber, in rung, die jedem Inhalte innerhalb seiner Partialgruppe zukam,
dem diese, durch das sachlich immanente Verstehen zusam- nun für uns, bei logischer Entwicklung dieser Bestimmung,
mengehaltene Gruppe dasteht - ais wirklicher oder als hypo- innerhalb der historischen Totølität und nur in dieser besteht,
thetischer Geistesbesitz - ändert sich das bisher behauptete ein Verschieben in dieser also ausgeschlossen ist. Indem die aus
Zeiwerhältnis von Ver,stehens-Einheiren volllçommen. Jede den reinen Sachgehalten hervorgehende, also gegen die äußere
einzelne solche, die als abgeschlossen verständliche gesetzt und absolute Zeitstelle gleichgültige Bestimmung der relativen
wurde, konnte ohne Änderung dieses Charakters an jede be- Zeitstelle sich erst dann als vollendet zeigt, wenn sie als Rela-
liebige Stel,le der Zeitrethe geserzr werden. Jetzt, wo diese tion zu der Gesamtbei¿,erkundbarer Inhalte festgelegt ist -
Toalität die Totalität der gewußten Inhalre umfaßt, ist dies wird die Bestimmung ,auf Grund des bloßen Inhaltes eines
nicht mehr möglich. Denn vor ihr und,nach ihr ist jetzt die - für Seins oder Geschehens zur Bestimmung von dessen absolutem
uns - leere Zeit, in der kein Stellenv¡echsel möglich ist, weil Zeitpunkte; wobei mit dem letzteren die Fixierung in der Ge-
keine Stelle von der ándern unrerschieden ist, so wenig wie in schehensreihe von dem frühesten bis zum spätesten uns be-
dem als leer gedachten absoluten Raum ein einzelner Körper kannten Datum gemeint ist.
eine "Stelle...haben kann. SØie Körper sich nur gegenseitig Darnit löst sich die Antinomie von der ich ausging. Als
ihren Ort bestirhrn-en und das Ganze, der Körperwelt deshalb historisch durfte ein Inhalt nur gelren, wenn er zeitlich fixiert
ons,frei ist, da kein Etwas außerhalbseiner har, das ihm einen
es isq andererseits aber doch auch nur dann, wenn ei mit anderen
Ort "þs5¡immen" könnte - so ist Zeit nur eine Relation der zusammen eine Verstehens-Einheit bildete, die, weil aus-
Geschichtsinhalte untereinander, v¡ährend das Ganze der Ge- schließlich der zeitlose Sachgehalt das Verstehen besrimmr,
schichte zeitfrei ist. an jede beliebige Zeitstelle gesetzr werden kann, ohne das
IJnd nun verstehen wir ersr den Sinn und zugleich die Verständnis irgend zu verringern. Diesen \Øiderspruch besei-
Paradoxie jener Hilfskonstruktion, die den einzelnen geschlos- tigt nun die Einsicht, daß das Verstehen ersr dann vollständig
senen historischen Komplex zeitlich verschiebbar sein ließ, ist, wenn es die Gesamtheit der verwirklichtên Inhalte in sich
ohne daß das Verständnis seiner Inhalte darunter zu leiden einbezogen hat, diese verstehensmäßig angeordnere Gesamr-
schien. Denn da sich nun gezeigt hat, daß das gegenseitige heit aber für jeden ihrer Teilinhalte nur einen PlaÍz hat; jetzt
Verstäirdliohrhachen, auf das hin sie sich zur Einheit schloß, ist kein phantasiemäßiges Verschieben mehr erlaubt, da jede
nur ein vorläufiges und fragmentarisches war und in vollem Stelle, auf die es erfolgte, bereits von einem unvertreibbaren
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Inhalt besetzt ist. Man kann sagen, historisch sei ein Ereignis, historische verdanken. Sie blieben historische, auch wenn sie
wenn es aus sachlichen, gegen ihre Zeitstelle völlig gleichgül- sich tausendmal in qualitativer Identität wiederholten. Es
tigen Gründen eindeutig an einer Zeitstelle fixiert ist' Also: daß scheint hier eine unberechtigte Übertragung der Einmaligkeit
ein Inhalt in der Zeit ist, macht ihn nicht historisch; daß er des \Øeltprozesses als ganzen, der sich freilictr nicht wieder-
verstanden wird, macht ihn nicht historisch. Erst wo beides holen kann, weil jede Wiederholung - auch die der ewigen
sich schneidet, wo er auf Grund des zeitlosen Verstehens ver- Süiederkunft - in ihm schon einbegriffen wäre, auf seine Teile
zeitlicht wird, ist er historisch. Dies kann aber prinzipiell nur stattzufinden. Da unbegrenzt viele Tatsachen prinzipiell in
geschehen, wo das Verstehen die Gesamtheit der Inhalte er- g€nauer Inhaltsgleichheit ablaufen können, sehe ich den Sinn
greift, weil nur im Zusammenhang des absoluten Ganzen das ihrer Einmaligkeit oder Individualität nicht ein, wenn diese
Einzelne wirklich verständlich wird. Daraus folgt, daß die Ver- sich auf den Inhalt beziehen sollte, sondern erst, wenn sie
zeitlichung hier nur die Fixierung an ein er b e stirnmte nZeitstelle bedeutet, daß an dieser Zeitstelle, die dem Begriff der Zeit
bedeuten kann.'Denn einerseits kann, wo sie auf Grund des nach. unwiederholbar ist; gerade dieser Inhalt sich findet.
Geschehensgøtnzen er{.olgt, jedes Ereignis nur eine, mit keiner Nur der ZeiEunh,t, der zwischen allem, was ihm voranging
andern vertauschbare Stelle haben, andererseits kann das Ver- und allem was ihm folgte, festgelegt ist, gibt dem historischen
stehen nur auf die relative Bestimmtheit innerhalb der Zeit Inhalt den hier fraglichen Charakter. Denn ersr so nimmr er an
Anweisung geben, nicht auf die Einstellung ínZeitüberhaupt der einzigen uns bekannten absoluten Unwiederholbarkeit,
- denn dies wri¡de ja nur sagen, daß das Ereignis überhaupt eben der der Totalität des \ùüeltprozesses teil (gleichviel wie
wirklich ist, was gerade das Verstehennicbt leisten kann. unvollkommen unser Erkennen die Zuweisung im Verhältnis
Erst mit dieser Bestimmung eines Inhaltes als historischen zu dieser Totalität vollziehe). Ihm bestimmt dieses gesamre
durch Fixierung an èiner bestimmten Zeitstelle erscheint der Geschehen seine Stelle, die also auch nur eine schlechthin
Charakter der Individualisiertheit, mit dem man schon lange einzige sein kann - ob er nun in qualitativer Hinsicht indivi-
das historische Erkennen gegen das naturwissenschaftliche duell sei oder wiederkehre. Es ist ein Irrtum zu meinen, daß nur
abheben will, an seine. reçhte Stelle gerückt. Man hat diese durch die Einstellung in die Zeitlosigkeit überhaupt einem
Individualisiertheit immer in der Einmaligkeit des geschehen- Erkenntnisinhalt diejenige Individualität geraubt würde, durch
den Inhalrc gesucht; die naturwissenschaftliche Absicht da- die er zu einem historischen wird; der Mangel eines
"bestimm-
gegen sähe ihn auf das zeitlos-allgemeine Gesetz hin an, für tenu Zeitpunktes genügt dazu vollkommen. Dieser allein ist
das seine Einmaligkeit, oder beliebige''$Tiederholung ganz der Träger der historischen Einzigkeit: nur um ihn eindeutig zu
irrelevant sei. Dies scheint mir noch keine entscheidende Bd- bestimmen, muß der Inhalt ein eindeutig individueller sein.
stimmung zu sein. Haben wir eine preignisgruppe der ange- Keineswegs eben ist es die bloße Zeitlichkeit eines Vorgangs,
deuteten Art, die in ihrer relativen Geschlossenheit für sich die ihn zu einem historischen machr, - sobald diese nicht den
verständlich ist, so können wir sie ohne Schädigung dieser Charakter eines festgelegten Zeitpunktes hat. Zeitliche Rela-
Verständlichkeit bëliebig hin- und herschieben; sie mag nun tionen von sachlicher Begründetheit herrschen ja auch inner-
ihrem Inhalte nach schlechthin einmalig sein, so werden wir sie halb von physikalischen und chemischen Vorgängen. Vird in
doch solange nicht als historisches Element anerkennen, bis sie einem Laboratorium die Dauer einer Schwingung, eines che-
ihre zeitliche Labilität mit einer eindeutig festen Stelle im mischen Prozesses, einer psycho-physischen Reaktion gemes=
Gesamwerlauf des Geschehens vertauscht hat. Vielleicht liegt sen, sowird auch hier am Anfang und Ende, beziehungsweise
nur eine Variante dieses Motivs darin, daß Ereignisse doch die Zwischenstadien, an bestimmten Punkten einer Zeitstrecke
keineswegs der Einzigkeit ihres Inhalts ihren Charakter als festgelegt. Allein zu irgendwelchem Vorhergehenden oder
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Später einem andern gegenüber, d. h. kein Moment inner-
Nachfolgenden hat diese sachlich-zeitliche Einheit gar keino
dieser Dauer wäre ein historischer-'$ü'enn uns die Dauer
Beziehuig, kann sie nach der 1aÍrzen Problemstellung dieser
r Regierung, einer Staatsverfassung, einer \(/irtschaftsform
Erkenntnr:sse nicht haben. Die Frage¡ wann dieses Ereignis als
ig ist, so meinen wir damit eine \ielheit einzelner, ein.
gaîzesvorgegangen ist, das heißt also eben:-welche Beziehung
ãu ein.m VãrL.t u.td N"chher es besitzt, ist für eben diese Zeit' ¡¡'*nder zeitlich ablösender Ereignisse, meinen mindestens, daß
Erkenntnis ganz irrelevant' Und deshalb ist das Ereignis kein am Ende der Periode sich der Zustand der Gruppe derart
historisches. \Øürde es sich aber etwa um das erste derartige
ändert hat, daß der darauf folgende jetzt aus ihm in einer
ise verständlich ist, wie er es aus dem Anfangszustand der
Experiment eines For"schers handeln, das für die \fleiterent-
*icklung der betreffenden \üissenschaft bahnbrechend war, so Période nicht gewesen wäre. Hätte sich aus einer im übrigen
d-unlçeln Epoche nur die Nachricht erhalten, ein gewisser Kö-
wäre es sogleich erkenntnisrnäßig wichtig, seine Stelle in einem
übergreifenden Zeiwerlauf, d. h. seine Beziehung zu dem vor' nig habe dreißig Jahre regiert, so sagt uns das historisch nicht
herig"en und dem nachfolgenden Stadium der'üüissenschaft zu das.geringste inehr, als wenn die Überlieferung auf zehn Jahre
fixieien, mit andern dieser expetimentale Naturvor' lautere -
es sei denn auf die Möglichkeit künftiger Entdek-
"W'orten:
gang wäre ein historischer! Je nach der Einstellung der Be- ktungen hin, die in und um diese bloße Zeitdauer ein Früher
ir"Ãto.rg also hätte er entweder eine Zeitlichkeit, die nicht o'der Später einzelner differenzíerter Ereignisse legen. \Øüßten
historisch ist, oder bezeichnete einen Zeitpunkt, der bedeu' wir, daß der Krieg, den Friedrich der Große ry56 begann,
tungsgemäß durch sein Vorher und Nachher, also prinzipiell sieben Jahre gedaueft het, so würde uns diese ZahI nichts an-
durch die Ganzheit des \ü'elwerlaufs überhaupt fixiert ist, wo- iferes als eine größere oder kleinere sagen, wäre sie nicht von
mit er erst zu einern historischen würde. verständlich einander folgenden Ereignissen ausgefüllt oder
Diese Fixierung läßt sich in: einer $ü'eise ausdrúcken, die kennten wir nicht gerade díe Wønd.lungen der europäischen
zwar selbswerständlich erscheint und so im Vorhergehenden Politik, bewirkt worden sind. Daß ein Ereignis, das
die von ihm
auch angewendet wurde, in Wirklichkeit aber zu einer gar nicht uns als letzterkennbares historisches Element gilt, d. h. dessen
selbsweiständlichen Klärung historischer Kategorien verhilft' Teile für uns kein inhaltlich determiniertes Vorher und Nach-
Vor allem des Begriffs der Dauer. Genau angesehen nämlich ist her mehr zeigen und dies auch nicht durch Vet'webung mit
das, was wir unter'der Zeitdauer eines Zustandes verstehen andern, ihm äußeren Reihen ersetzen - daß ein solches Ereignis
können, keineswegs dem logischen oder physikalischen Begriff irgend eine zeitliche Ausdehnung besitzt, ist historisch völlig
der Beharrung argemessen. Nähme man sie in diesem letzteren gleichgüldg; denn eine Länge, ftir die es nicht darauf ankommr,
Sinne, so wäre,die Ausdehnung dieser Dauer ganz gleichgültig, eine wie große Länge sie ist, ist praktiscL überhaupt keine. Ein
es wäre, so paradox dies zunächst klingt, historisch völlig solches Ereignis ist historisches Atom und seine Bedeutung
irrelevant, ob ein Zustand ein Jahr oder zehn Jahre beharrt. eben als historisches gewinnt es ausschließlich, indem es in der
Denn wenn, wie dieser Begriff es fordert, wirklich innerhalb charakterisierten \Øeise einem zweiten gegenüber ein späteres,
der Zustandsdauer kein Augenblick e-iner solchen individuel- einem dritten gegenüber ein früheres is;. Daß ein Ereignis in
len, gesellschaftlichen, kulturellen Existenzperiode von dem einen Zeitpønþt lälk, ist eine treffende symbolische Bezeich-
andern unterscheidbar wäre, also Anfang und Ende der Epoche nung: denn bei genauerem Zusehen löst sich der historische
qualitativ völlig zusammenfielen, so wüßte ich nicht, welches Sinn der Dauer in die Relationen des Fniher oder Später auf, so
Interesse sich an deren Kùrze oder Länge,knüpfen sollte' Da daß für jedes Element die Punktualität des einfachen über-
.sØir
innerhalb ihrer jeder Moment inhaltlich jedem gleich ist, so haupt-Daseins, d.h. An-dieser-Stelle-Seins, ausreichr.
gäbe es für keinen ein durch seinen Inhalt bestimmtes Fniher müssen begreifen - Iogisch oder intuitiv, physikalisch, physio-
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logisch, psychologisch -, daß das eine Geschehen dem andctttr it des wirklichen Geschehens. sind wir zwar in abstractô
gegenüber bedingend oder bedingt oder sonst irgendwie i'hrut zeugt; das historische Bild aber, das wir aus Forschung und
verbunden oder vereinheitlicht ist. Dies aber versetzt es nicht tasiemäßiger Konstruktion heraus wirklich haben, be-
in die objektiv verfließendeZeit und läßt es an deren,Au*r aus diskontinuierlichen, gleichsam um je einen zentralen
dehnung teilnehmen, sondern gibt jedem nur eine korrelative iff herum geronnenen Teilbildern wie die eben genannten.
Stellung zum andern. jeden solchen Kristallisationspunkt sammelt unser ge.
Hier aber zeigt sich eine antinomische Problematik schv¡ere h,tsbildendes Verfahren eine Anzahl unterscheidbarer
ste¡ Art. Jedes historische Atom (das ebenso eine Regienrngsr lvorgänge, deren Ganzheit aber eben als dieses ganze
zeit wie ein Krieg, ebenso eine Schlacht wie eine Episode in ihr ne Ereignis" von den benachbarten Ereignissen sich durch-
sein kann, je nachdem, was wir gerade von ihm wissen odêr scheidet. So sagen wir etwa, daß ry58 die Schlacht bei
wissen wollen) füllt tatsächlich eine Zeitstrecke kontinuierlich von Friedrich gewonnen wurde, daß er dann nach
aus; die Regierungszeit besitzt, auch wenn sie isoliert dastünde hsen zur lJnterstützung seines Bruders Heinrich ziehen
und auch keinerlei bekannte Erfüllungen zeigte,jene objektive Ite, inzwischen durch den Überfall bei Hochkirch unge-
Dauer, die sich in diesem Falle als historisch nichtig gezeigt het¡ Verluste erlitt, dann aber durch geschickte Strategie seine
da sie so für die Geschichte nur einen Zeitpunkt festlegt, indung mit Heinrich dennoch zustande brachte. Hier sind
bestimmt, ein Früher oder Später andern Punkten gegenüber ¿lso vier Momente, deren jeder in sich eine begriffliche Einheit
festzulegen; seine inneren Mannigfaltig.keiten unterstehen na* ist, die zwar in einer bestimmten Reihe einander folgen, aber
türlich wieder anderen entsprechenden Einheitsbegriffen. Und. ì doch vermittels ihrer begrifflichen Sondersynthesen eine Dis-

diese Divergenz erstreckt sich über die Ganzheit der Ge" kontinuität zeigen; jede hält ihre Bestandteile enger und ste-
''
schichte überhaupt. Sie besteht auf Grund der Setzung um; iiger in sich zusammen, als jede mit der andern zusammen-
schriebener Ereignisse, mit Einzelbegriffen bezeichenbarer In; hängt. Jedermann gibt zwar zu, daß das Geschehen im Jahre
halte; aber das wirklich erlebte Geschehen hat diese Form i, tz¡e ein völlig kontinuierliches wàr und daß nur die herange-
nicht, sondern verläuft schlechthin absatzlos in einer Konti; b.rachten Begriffe von Schlácht, Sieg, Niederlage, Fleeresver-
nuität, die der bloßen Zeit ohne Bruch angeschweißt ist. An einigung dies Geschehen in Teile zersch¡eiden. Allein diese
keinem andern Punkt vielleicht kann man in den Spalt zwi- Nachträglichkeit, die ersichtlich in einer andern Ebene, als in
schen dem Geschehen und der "Geschichte" bis zu solcher der des konkret Vorgestellten liegt, läßt die Nähte nicht wieder
Tiefe hinabblicken. Das geschichtliche Bild, das wir mit dem verwachsen. Es stellt sich also das ganz Merkwürdige ein: daß
"siebenjährigen Krieg" meinen, hat keine Lücke, es erstreckt
diejenige Vorstellung von der Form des Geschehens, die dessen
sich eben vom August 1756 bis zum Februar t763.In Virk- Realität sicher allein entspricht, die kontinuierliche, nur ein
lichkeit ist aber nur das Geschelten, das sich in diesen Zeit- von dem konkreten historischen Inhalt zurücktretender, ab-
grenzen und innerhalb der clen Krieg lokalisierenden Raum- srakt reflektierender Gedanke ist, während die wirklích zeich-
grenzen zutrug, ein kontinuierliches. Die ,Gescbichte" dieser nende Bildung dieses Inhalts sich in der wirklichkeitsfrem-
Zeitist keineswegs kontinuierlich. Von der Stetigkeit vielmehr, den Form der Diskontinuität der
"Ereignisse.. bewegt. Die
mit der aus einem Marsch oder einem Biwak von Truppen eine "Schlacht vonZorndorl" ist ein in besonderer Art aus unzählig
Schlacht sich vorbereitet, mit der die Bewegungen der einzel- vielen Einzelvorgängen gebildeter Kollektivbegriff. In dem
nen Soldaten aus den noch nicht schlachtmäßigen in die eigent- Maße, in dem die Kriegsgeschichte jene Einzelheiren zur
lich kämpfenden übergehen, mit der sich an den Kampf selbst Kenntnis bringt, jeden Angriff, jede Deckung, jede Episode,
Flucht, Verfolgung, schließlich Ruhe, anserzr - von dieser Ste- jedes Sonderengâgement von Truppenteilen usw. also sich dem
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Bilde dessen, was "wirklich war.. mehr nähert - in eben diesem mistischen Struktur des Geschehens münden zu sollen: wir
Maß atomisiert sich der Begriff der Schlacht und verliert die hätten schließlich lauter Momentbilder, eines ganz nahe an das
Kontinuität, die wir nur durch ein gleichsam darüber schwe- andere herangedrän gt, aber immer zwischen beiden das Inter-
-ùØissen, vall, das.gar nicht ausgefüllt werden kann, weil seine stetige
bendes apriorisches vermittels des Hindurchlegens
einer ideellen Linie - nämlich des Begriffs Schlacht - durch Ausfüllung jene Bildhaftigkeit und sozusagen Eingerahmtheit
all diese \Wissensatome, dennoch von diesem Ereignis aussagen, des Einzelnen aufheben würde, die sein bezeichenbarês Be-
indem wir es eben "eine Schlacht" nennen. Indem wir,jedes stimmtsein, seine Rolle als einzelnes historisches Element be-
solche Atom unter einen bestimmten differenzierten Begriff dingen. Jene lebendige, dem Zeiwerlauf genau angeschmiegte
bringen, wird es gegen das vorherige und gegen das nachherige Kontinuität wäre damit so wenig zu erreichen, wie man durch
isoliert, wir kennen nun immer kürzere Partikel, zwischen noch so viele Punkte die Stetigkeit der Linie besetzen kann.
jedem und jedem nächsten solchen entsteht ein unausgefällter Das Entscheidende ist also gar nicht, daß wir nicht "genug..
Raum, der für unser historisches Erkennen; unsere Bildgestal- wissen, um die ganze Strömung der lebendigen Virklichkeit
tung gleich Null ist. Nur insoweit historische Inhalte, unter lückenlos in unsere historische Erkenntnis aufzunehmen: diese
einen Begriff zusammengefaßt, als jeweilige Einbeit gelten, vielmehr hat prinzipiell gar nicbt die Forn't, um die Kontinuität
haben sie die Form des Lebens, der erlebten Virklichkeiti des Erlebens nachzuzeichnen und umso weniger, je mehr wir
die Stetigkeit. In dem Augenblick, in dem man die einzelnen, ,,wissen*, d. h. je mehr konkrete, als begriffliche Einheiten
zeitlich auseinanderliegenden Bestandteile solcher Einheit genau umschriebene Bilder wir gewinnen. \üíeil wir die Konti-
feststellt und benennt, fällt diese auseinander und die Einheit nutät des Geschehens unmittelbar in einer nicht aussprech-
haftet nun wieder an den begrifflich markierten Partikeln. So baren Weise als unsere eigene Daseinsform erleben, sitrd *i.
ist ,'die Regierung Friedrichs des Großen.. in der, Anfang und zwar befähigt, sie auch in die historischen Ereignisse hinein-
Ende verbindenden Überschau, eine Einheit. Ergreift,abeq.das zumeinen. In dem Maße aber, in dem wir an jeder solchen
historische Bewußtsein das darunter Beg.riffene: seine Kiiege Einheit, die immer spezialisierendere, immer genauer sehende
und seine wirtschaftliche Kr¡ltivierung Preußens, sein V.erhält- Funktion des Erkennens üben; zertàfit sie in lauter Diskonti-
nis zum französischen Geist und seine Herstellung des preilßi- nuitäten, deren jede einzelne zunächst wieder als kontinuier-
schen Landrechts, so ist iedes dieser Elemente in sich zuòam. liche Dauer gemeint ist, bis das fortschreiænde Erkennen auch
mengehalten, gravitiert nach seinem eigenen Zentrum, und an ihr die gleiche Zerspaltung und damit die gleiche Entle-
besitzt seine kontinuierliche Verbindung mit dem anderen bendigung vollzieht. Dies kann soweit gehen, daß die Wieder-
nur durch eine Art von Interpolation, die die leeren Spatien einfügung der gesondert erkannten Geschehensatome in den
von der Idee eines lebendigen ununterbrochenen Geschehens Gesamwerlauf, wodurch sie zu historischen werden, nicht
durchströmen läßt. Immer aber lieç das so entstandene Bild mehr möglich ist, daß sie sozusagen ein zu geringes Quantum
des Lebens in einer erkenntnistheoretisch anderen, abstrak- eigenen Sinnes haben, als daß jene durch ihren Inhalt begreif-
tiveren Ebene, als die.einzelnen Elemente, die aus ihrer um- liche Verbindung mit allen andern sich herstelle. Die einzelnen
schriebenen Konkretheit erst in jene hinaufgehoben werden Schlachten des siebenjährigen Krieges, in isolierter Betrach-
müssen. Und so geht dieser Prozeß weiter, wenn nun der tung beliebig verschiebbare Atome, können zu historischen
siebenjährige Krieg als Einheit gilt, die sich in Schlachten, Elementen werden, sobald der siebenjährige Krieg selbst als
Heereszùge, Verhandlungen auflöst; jede der Schlachren wie- Kontinuität, die jeder Schlacht ihre Stelle anweisr, begriffen
der in der vorhin angedeureren \Øeise in ihre Etappen und so wird, dann wieder dieser Krieg in der Politik des rs.Jahrhun-
fort. Die Fortsetzung dieses Verfahrens scheint an einer ato- derts usw. Gelangen wir nun aber abwärts zu einem einzelnen
300 30r
'\ü(i'eltanschauung,
Handgemenge zwischen einem preußischen und österreichi" .Éüische für die die kleinsten Teile und ihre
schen Grenadier bei Kunersdorf, so ist dies kein historischefi Sewegungen als einzige Realitäten bestehen, kann das Problem
Gebilde mehr, weil es genau ebenso bei Leuthen oder bci Individualität weder lösen. noch auch nur anerkennen. So
Liegnitz hätte stattfinden können. Und kennte man,jedè höt'" nlso verflüchtigt sich der Individualcharakter einer Gegeben-
perliche und seelische Bewegungsnuance' die unter den Rus- i,1lþpit, durch den sie zeitlich fixierbar, also historisch wird, ge-
sen, Österreichern und Preußen am rz.August r7t9 vorging' lirade oft, nadrlich nicht immer, durch diejenige Auseinander-
sodaß von den Begriffen, die die Reihen{olge der Tatsachcr ileg.trrg und Spezialisierung ih¡er Elemente, die doch als wach-
bezeichnen, keiner mehr einen meßbaren Zeitraum'des Ge" sende Exaktheit und Erkenntnis.der Dinge, "wie sie wirklich
schehens zusammenfaßte - so wäre damit die Absicht der irgev¡esen sind", gilt. Man kann demnachvon einer Schwelle der
Historik dennoch nicht erreicht. Denn sie begehrt gar nicht Zerkleinerung reden. Mit der Kenntnis jeder Muskelzuckung
diese Einzelheiten zu wissen, sondern will das sie zusammen^ jedes Soldaten würde uns jene einheitliche Lebendigkeit des
fassende, höhere Gebilde: Schlacht von Kunersdorf - kennen, ganzen Ereignisses, die Anfang und Ende seines zeitlichen
Jenes Fechten zwischen einem österreichischen und einent Bildes verbindet, verloren gehen; das historische Element
preußischen Grenadier, obwohl ein echter und norwèndigcr muß so groß bleiben, daß sein Inhalt Individualität behält,
Teil der Schlacht, fällt aus der historischen Interessénreihc und durch sie die Hinweisung auf ein völlig bestimmtes Früher
heraus, die sich andernfalls in eine Diskontinuität auflöst, oder Später allen andern gegenüber. Die geschichtliche Er-
Die Schlacht von Kunersdorf aber, die wir kennen 'wollen, kenntnis bewegt sich also in einem dauernden Kompromiß
ist eine notwendig durch eine'Zeitausdehnung hinduréh kon- zwischen der Aufstellung ausgedehnter Einheitsgebilde, deren
tinuierlich erstrecþ,te Einheit. Diese.ist ihrer Form nach aller* Kontinuität zwar die Form des Geschehens nachbildet, aber
dings,ein Bild der.Virklichkeit, die kontinuierlich'ist, sie kann nicht mit der Einzelheit realer Anschauungen zu erfüllen ist -
sich .aber nie mit'realem Inhalt erfüllen, weil diese jeweils und diesen letzteren, die im wissenschaftlichen Ideal nur je
letzten Einzelbilder zwar die Forrn des,Früher oder Später, einen chronologischen Punkt bezeichnen und gerade dadurch
aber damit die der Diskontinuität haben und jene, nur in einer dieses Ideal der Stetigkeit des realen Geschehens entrücken.
abstrakteren Intuition erÍaßte Zeítsp,anne so wenig ausfüllen In dieser tiefen Antinomie der Historik offenbart sich das
können, wie eben noch so viele Punkte eine Linie erfülle¡t Problem, das ich für das fundamentale ihrer Erkenntnistheorie
können, deren Lauf sie freilich bezeichnen. Es scheint ein halte: wie wird aus dem Geschehen Geschichte? Indem das
allgemeines Prinzip zu bestehen, daß das Zer{allen einer Er- Leben die geistige Form des Historischen annimmt, zeigt sich
scheinu.ng in Elemente, als deren Surnme sie dann wieder sowohl der historische Realismus, der die Ereignisse na.chzu-
begriffen werden soll, bei einer besçimmten Stufe:der Zerklei- zeichnen glaubt, wie sie wirklich gev/esen sind, als eine ebenso
nerung die Individualität der Erscheinung aufhebt. lVenn wir einseitige Vergewaltigung der Sachlage wie der Idealismus, für
das ,\Øesen eines Menschen, der uns als eine ganz singuläre den '!Øirklichkeit soviel wie Erkenntnis der \X/irklichkeit ist:
Vision gegeben ist, in seine einzelnen Zige zerlegen, entdek- der eine büßt die Inhalte ein, der andere ihre Kontinuität.
ken wir meistens, daß jeder von diesen ein mehr oder weniger Dennoch möchte ich dem Problem gegenüber, das sich zwi-
allgemeiner ist, der mit vielen ândern Menschen geteilt wird, schen dem erlebten Leben einerseits und seiner lJmformung,
Das Schicksal eines Individuums, als Ganzes unvergleichlich, die v¡ir Geschichte nennen, andererseits, anspinnt, die Hqff-
läßt sich in eine Strm.me von Ereignissen vereinzeln, deren jedes nung wagen: daß die Fremdheit zwischen beiden vielleicht eine
eigentlich ein häufiges Vorkommnis ist, und zwar umso augen^ erkenntnistheoretische, aber keine metaphysische Entschei-
scheinlicher, je kleiner rnan die Abschnitte wählt. Die atomi- dung letzter Instanz sein kann, da schließlich auch die Ge-
)vL tvJ
schichte eine Äußerung und Tat des Lebens ist; eben desselli'øn Rembrandt
Lebens, dem sie sich zuerst gegenüberstellte: denn auch däÉ
Gegenüber-vom,Leben ist eine Form des Lebens. Der Realia* Ein k. unstp b ilo s op h is ch er Vers wcb
mus der Geschichte liegt nicht in dem Lebensinhølt,ideni.9¡&
wie er wirklich war, nachzeichnete, sondern darin,r'din'ii,hi
unverrneidliches Anders-Sein-als-das-Leben irgendwio den
Triebkräften, dem Gesetze dieses Lebens selbst entspringon
muß' ",' ,,

304
Georg Simmel ' Gesamtausgabe Georg Simmel
Herausgegeben von Otthein Rammstedt Goethe
Deutschlands
Band r 5
innere \Øandlung
Das Problem
der historische nZeit
Rembrandt
Flerausgegeben von
Uta Kösser, FIans-Martin Kruckis
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46 Goethe
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ßPÇæ Das Problem der historischenZeit


Rembrandt..;..
... . 287
30,

Sr FFæ" Editorischer Bericht 517

4 fÊ#,, Druckvorlagen
Varianten
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Goethe-Zitate Gegenüberstellung :
530
$r
549

45 Verzeichnis der Abbildungqn .


Verzeichnis der Abkürzungen und Siglen
668
67t
Namenregister . 6z+

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