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Bruno Bettelheim:
Kinder brauchen Märchen

V
or 200 Jahren veröffent­ Warum brauchen onshilfen darstellen, die für Kinder
lichten Jacob und Wilhelm Kinder Märchen? entwicklungsfördernd sein können.
Grimm den ersten Band ih­ Bettelheim stellt in Kinder brauchen
Bettelheim weist in Kinder brauchen
rer Kinder- und Hausmärchen. Ge­ Märchen die These auf, dass Mär­
Märchen eine Entsprechung zwi­
nerationen von Kindern wuchsen mit chengeschichten dem Kind die Mög­
schen Märchenwelt und kindlichem
diesen zeitlosen Geschichten auf. In lichkeit geben, innere Konflikte, die
Erleben und Denken nach. Dabei ar­
Kinder brauchen Märchen erforsch­ es in den Phasen seiner seelischen
gumentiert er auf unterschiedlichen
te Bruno Bettelheim aus psychoana­ und geistigen Entwicklung erlebt, zu
Ebenen und setzt die Struktur des
lytischer Perspektive, warum diese erfassen und in der Fantasie auszule­
Märchens mit dem kindlichen Den­
Erzählungen für Kinder so wichtig ben und zu lösen.
ken, Märcheninhalte mit Entwick­
und fesselnd sind. Der Bestseller (im
lungsaufgaben des Kindes sowie
Original: The Uses of Enchantment) Märchen bieten Erkenntnis des
Märchenthemen mit kindlichen Ent­
erschien 1977 erstmals in deutscher Lebens von innen her
wicklungskrisen in Beziehung (vgl.
Übersetzung und war Bruno Bettel­ Die Erzählungen der Volksmärchen
Hoeppel, 1994). Außerdem enthält
heims populärste Publikation. Die sind für Bettelheim »Erkenntnis des
der erste Teil des Buches theoreti­
Veröffentlichung fiel in eine Zeit, Lebens von innen her« (ebd., 2006,
sche Überlegungen, in denen Beob­
in der Märchen in Verdacht geraten S. 31), weil sie innere Vorgänge zum
achtungen Bettelheims aus seiner
waren, als Instrumente bürgerlicher Ausdruck bringen und verständlich
kinderpsychologischen Praxis auf
Repression Heranwachsenden falsche machen. Kinder erfassen seiner An­
Motive und Gestalten des deutschen
Vorstellungen und Einstellungen zu sicht nach intuitiv, dass diese Ge­
Volksmärchens bezogen werden. Im
vermitteln. Die Gewaltdarstellungen, schichten die wesentlichen Entwick­
umfangreicheren zweiten Teil finden
v. a. in den Erzählungen der Gebrüder lungsschritte zu einem unabhängigen
sich Deutungen, wie Märchen aus
Grimm, spielten in diesen märchen­ Leben schildern. Aus der psychoana­
psychoanalytischer Sicht erfasst und
kritischen Debatten eine zentrale lytischen Perspektive Bettelheims
verstanden werden können. Im Fol­
Rolle. So wurde aus gesellschafts­ handeln viele Märchen – »zwar un­
genden werden einige zentrale Aus­
theoretischer Sicht argumentiert, realistisch, aber nicht unwahr« (ebd.,
sagen Bettelheims zusammengefasst.
Märchen legitimierten Gewalt, indem S.  87) – von oralen und ödipalen
sie aggressive Lösungsmuster anbö­ Konflikten, von gewalttätigen und
ten. Aus pädagogischer Perspektive Märchen bieten entwicklungs­ phallischen Fantasien, von Furcht vor
wurde vermutet, dass die dargestellte fördernde Projektionshilfen Sexualität oder Kastration, von Er­
Gewalt Aggressionen und Ängste bei Dem Vorwurf, dass Märchen unwahr niedrigung, Selbstzerstörung und von
Kindern hervorrufen könnte. seien, setzt Bettelheim entgegen, dass Trennungsangst (vgl. ebd., S. 87 ff.).
Bettelheims Buch fand damals und die Wahrheit des Märchens »die Dennoch vermitteln die »grausa­
findet auch noch heute breite Reso­ Wahrheit unserer Fantasie, nicht die men« Geschichten Lebenshilfe für
nanz, weil er einerseits die Märchen der normalen Kausalität« sei (Bettel­ das Kind, weil sie Schwierigkeiten
rehabilitiert und andererseits nach­ heim, 2006, S. 136). In Anlehnung an des Heranwachsens thematisieren
weist, dass diese zum Verständnis des Freud sieht er in den Märchenfigu­ und weil sie die Hoffnung auf eine
kindlichen Seelenlebens beitragen ren die Persönlichkeitsinstanzen des bessere Zukunft und auf einen glück­
können. Kinder brauchen Märchen »Ich«, »Es« und »Über-Ich« symbo­ lichen Ausgang betonen. Sogar heute
ist die erste umfassende Studie in der lisiert. Ihn interessiert hauptsächlich noch schätzen Heranwachsende an
Märchenforschung, die auf der Psy­ der Wirkungsaspekt der Geschichten, Märchen, dass sie meist positiv enden
choanalyse Freuds beruhte. also inwiefern Märchen Projekti­ (s. Grafik).
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Märchen helfen, Magst du Märchen? am Kunstmärchen) nicht haltbar (vgl.


Ängste abzubauen Ja 56 %
u. a. Kaufhold, 1994; Hoeppel, 1994
Märchen entsprechen sowohl dem oder Sutton, 1996).
Märchen sind spannend. 19 %
Wunsch des kindlichen Publikums So einleuchtend die meisten Kriti­
Sie gehen gut aus. 12 %
nach dem Fantastischen als auch sei­ kerInnen Bettelheims Plädoyer für
ner Furcht vor dem Schrecklichen. Man kann dabei entspannen. 10 % die Märchen in der Kindererziehung
Und obwohl die Geschlechterrollen Nein 38 % fanden, so geteilter Meinung waren
in den Geschichten konventionell ver­ Märchen sind albern. 15 % sie über seine Märchen-Interpre­
teilt sind, spielt das nach Meinung Sie sind langweilig. 15 % tationen, die den zweiten Teil des
Bettelheims für die Identifikation mit Sie sind unrealistisch. 11 %
Buches ausmachen. Als »Fallgru­
dem Helden oder der Heldin keine ben« psychoanalytischer Märchen­
Ich mag nur einige Märchen 6%
Rolle, weil das Kind nur charakter­ deutung wurden im Wesentlichen 2
liche Polaritäten und Handlungs­ Grafik: Meinung 9- bis 19-jähriger SchülerIn- Aspekte identifiziert (vgl. Hoeppel,
strategien als wesentlich empfindet: nen (n = 1.577) zu Märchen 1994, S.  218): Erstens wurden die
»Wenn unsere Furcht, gefressen zu Märchentexte von Bettelheim zur
werden, die greifbare Gestalt einer Bestätigung und Illustration seiner
Hexe annimmt, können wir uns von Kinder brauchen Märchen: Theorie herangezogen, wobei nach
ihr befreien, indem wir die Hexe im Rezeption und Kritik Meinung seiner KritikerInnen wich­
Backofen verbrennen!« (ebd., 2006, Ab den 90er-Jahren des letzten Jahr­ tige Inhalte auf der Strecke blieben.
S.  140). Dabei sei es für das Kind hunderts setzte im deutschsprachigen Zweites wird Bettelheim vorgehal­
gleichgültig, ob Hänsel oder Gre­ Raum eine fundierte wissenschaftli­ ten, die Subjektivität seiner Märchen­
tel diesen Befreiungsakt vornimmt. che Auseinandersetzung mit Bruno deutung nicht ausreichend reflektiert
Nach Bettelheims Überzeugung sind Bettelheim ein. Bettelheim forschte zu haben. Aber: »Diese ›Schwäche‹
die Märchen gerade wegen ihrer Ele­ über Disziplingrenzen hinaus und des zweiten Teils des Buches könn­
mente der Bedrohung und Grausam­ hinterließ der Pädagogik und ihren te auch seine ›Stärke‹ sein, nämlich
keit der zeitgenössischen Kinderlite­ Bezugswissenschaften ein reichhalti­ dann, wenn damit die LeserInnen
ratur überlegen, denn sie produzieren ges wissenschaftliches Erbe, das weit herausgefordert werden, Bettelheim
weder Aggressionen noch Ängste, über die Märchenforschung in Kinder zu widersprechen und die Botschaft
sondern helfen bei der Bewältigung brauchen Märchen hinausgeht: »Wir der Märchen anders, und damit wie­
dieser Gefühle. dürfen von dem jüdischen Pädagogen derum ein Stück weit subjektiv zu
und ehemaligen KZ-Häftling Bettel­ deuten« (ebd., 1994, S. 218).
Märchen entsprechen dem Denken heim lernen, dass eine ›Erziehung
und Erleben des Kindes nach Auschwitz‹ (Theodor Adorno) Heike vom Orde (IZI)
Märchen bieten also Lebenshilfe, möglich ist und insbesondere, wie
nicht indem sie kindliche Nöte ver­ sie möglich sein könnte« (Mai, 2007,
niedlichen, sondern »sie in ihrer S. 1).
Schwere ernst nehmen« und »sich auf Auch in der Bewertung von Kin-
alle Persönlichkeitsaspekte beziehen« der brauchen Märchen wird her­
(ebd., 2006, S. 11). Die Erzählungen vorgehoben, dass es ein »wichtiges
setzen dort ein, wo das Kind sich ge­ pädagogisch-kinderpsychologisches
rade in seiner Entwicklung befindet Literatur
Werk ist, und zwar nicht nur, weil es
und weisen ihm den Weg: Genau Märchen rehabilitiert, sondern auch, Bettelheim, Bruno (2006). Kinder brauchen Mär­
wie die Schwarz-Weiß-Zeichnung weil es für die erzieherische Pra­ chen. München: dtv.
der Märchen ist auch die kindliche xis bedeutsam ist« (Hoeppel, 1994, Hoeppel, Rotraut (1994). Kinder brauchen Mär-
Weltsicht von Polarisierung gekenn­ S. 211). WissenschaftlerInnen werfen chen. In Roland Kaufhold (Hrsg.), Annäherung an
Bruno Bettelheim (S.  207-219). Mainz: Matthias-
zeichnet. Märchen demonstrieren, Bettelheim jedoch vor, die historische Grünewald.
dass eine innere Entwicklung statt­ Sozialisationsfunktion von Märchen Kaufhold, Roland (Hrsg.) (1994). Annäherung an
finden muss, indem es Lösungen an­ nicht zu reflektieren sowie zu wenig Bruno Bettelheim. Mainz: Matthias-Grünewald.
bietet, die das Kind auch verstehen differenziert über Märchen und mo­ Mai, Gabi (2007). Bruno Bettelheims Pädagogik und
Milieutherapie unter besonderer Berücksichtigung
kann, weil sie dem kindlichen ani­ derne Kinderliteratur zu urteilen. Wie seiner lebensgeschichtlichen Prägung. Dissertation,
mistischen Denken entsprechen und die Forschung zeigen konnte, ist Bet­ Universität Heidelberg. Verfügbar unter http://www.
ub.uni-heidelberg.de/archiv/12304 [12.09.12]
auf symbolisch-bildhafter Ebene das telheims Behauptung, Kinder fänden
Sutton, Nina (1996). Bruno Bettelheim – auf dem
ausdrücken, was das Kind bewegt mehr Gefallen an Volksmärchen als Weg zur Seele des Kindes. Hamburg: Hoffmann
(vgl. Hoeppel, 1994, S. 208). an anderer Kinderliteratur (oder auch & Campe.