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Short Cuts 6 Herausgegeben von Peter Gente FRIEDRICH KITTLER

und Martin Weinmann


Short Cuts

FRIEDRICH KITTLER, Professor für Mediengeschichte am


Institut für Kulturwissenschaften, Humboldt-Universität Berlin.
Geboren 1943 in Rochlitz, Sachsen; 1958 Flucht aus der DDR;
Studium der Germanistik, Romanistik und Philosophie in Frei­
burg/Breisgau (i963-72); Promotion mit einer Arbeit über Con­
rad Ferdinand Meyer ( 1976 ); Assistent am Deutschen Seminar der
Universität Freiburg (1976-86); Visiting Assistant Professor an
der University of California, Berkeley (1982); Visiting Associate
Professor an der Stanford University (1982-83); Membre associe
am College international de philosophie, Paris (1983-86); Habi­
litation (1984); Gastdozentur in Basel ( 1986); Visiting Professor
an der University of California, Santa Barbara ( 19861 1987); Ko­
direktor des DFG-Projekts »Literatur- und Medienanalyse«,
Gesamthochschule Kassel (1986-90) ; Lehrstuhl für Neugermani­
stik 1 der Ruhr-Universität Bochum (1987); Lehrstuhl für Ästhe­
tik und Geschichte der Medien an der Humboldt-Universität
zu Berlin (seit 1993) Je Preis für Medienkunst, Abteilung Theorie,
des Zentrums für Kunst und Medientechnologie (ZKM), Karls­
ruhe (1993); Sprecher der DFG-Forschergruppe »Theorie und
Geschichte der Medien« (1995-97); Distinguished Scholar, Yale
University ( 1996); Distinguished Visiting Professor, Columbia
University, New York, Herbstsemester (1997) Zweitausendeins
>>l would prefer not to,« In Memoriam Heidi Paris (1950-2002)
P.G./M.W

Originalausgabe.
1. Auflage, Oktober 2002.

Copyright © 2002 by Zweitausendeins, Postfach, D-6038! Frankfurt am Main.


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Autor, Verlag und Herausgeber danken Alexander Kluge, Peter Weibel


und Paul Virilio für die freundliche Erlaubnis zum Abdruck der Interviews.

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bedürfen in jedem Fall der schriftlichen Genehmigung durch die Geschäftsleitung
vom Zweitausendeins Versand in Frankfurt am Main.

Lektorat: Ekkehard Kunze und Martin Weinmann (Büro W, Wiesbaden).


Umschlaggestaltung: Sabine Kauf, Plön.
Lange vor der Elektrifizierung der Medien, noch länger vor ihrem
Satz und Herstellung: Dieter Kahler GmbH, Nördlingen. elektronischen Ende, standen bescheidene Geräte aus bloßer Mechanik.
Sie konnten- nicht verstärken, sie konnten nicht übertragen und haben
Druck: Gutmann +Co GmbH, Talheim.
Einband: G. Lachenmaier, Reutlingen.
Printed in Germany. doch Sinnesdaten zum ersten Mal speicherbar gemacht: der Stummfilm
Das Papier dieses Buches besteht zu 50% aus Altpapier, für Schutzwnschlag,
Überzug und Vorsatz wurde Recyclingpapier aus 100% Altpapier verwendet.
die Gesichte und Edisons Phonograph die Geräusche.
„. „.

Dieses Buch gibt es nur bei �weitausendeins im Versand, Seit dieser Epochenschwelle gibt es Speicher, die akustische und optische
Postfach, D-60381 Frankfurt am Main, Telefon 069-420 8000, Fax 069-415 003. Daten in ihrem Zeit.fluß selber festhalten und wiedergeben können.
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Oder in den Zweitausendeins-Läden in Berlin, Düsseldorf, Essen, . Ohr und Auge sind autonom geworden. . . Was erst Phonograph und
Frankfurt am Main, Freiburg, 2x in Hamburg, in Hannover, Köln, Mannheim,
München, Nürnberg, Saarbrücken, Stuttgart.
Kinematopraph, die ihre Namen ja nicht umsonst vom Schreiben haben,
In der Schweiz über buch 2000, Postfach 89, CH-8910 Affoltern a. A.
speicherbar machten, war die Zeit: als Frequenzgemisch der Geräusche
ISBN 3-86150-424-3 im Akustischen, als Bewegung der Einzelbildfo�en im Optischen. An
der Zeit hat alle Kunst ihre Grenze. Sie muß den Datenfluß des All­ RocKMUSIK - EIN MISSBRAUCH
tags erst einmal stillstellen, bevor er Bild oder Zeichen werden kann. VON HEERESGERÄT
Denn wiihrend es (mit Derrida) den sogenannten Menschen und
sein Bewußtsein ausmacht, sich sprechen zu hören oder sich schreiben
zu sehen, trennen Medien solche Rückkopplungsschleifen auf ... Der
Phonograph hört eben nicht wie Ohren, die darauf dressiert sind, aus
Geräuschen immer gleich Stimmen, Wörter, Ti.ine herauszufiltern; er Out in a bloody rain to feed our fields
Amid the Maenad roar of nitre's song
verzeichnet akustische Ereignisse als solche. Damit wird Artikuliertheit
And sulfur's cantus,firmus.
zur zweitrangigen Ausnahme in einem Rauschspektrum.
Richard Wharfinger, Tbe Courier's Tragedy

Weshalb denn jedes Konzept von Spur, bis hin zu Derrida und Nietzsche, der genug zeitgenössische Physiologen gelesen
seiner grammatologischen Urschrift, dem schlichten Einfall Edisons hatte, um eine fröhliche Wissenschaft zu begründen,,
aujruht. Die Spur vor jeder Schrift, diese Spur der reinen Differenz, handelte unter diesem Titel auch Vom Ursprunge der Poesie.
noch offen zwischen Schreiben und Lesen1 ist einfach eine Grammo-­ Den »Liebhabern des Phantastischen«, denen zufolge
phonnadel. Bahnung eines Weges und Bewegung längs einer Bahnung Dichtung und näherhin Lyrik als »Rhythmisierung der
j�llen bei ihr zusammen. Rede« »der Deutlichkeit der Mittheilung eher entgegen­
wirkt als förderlich ist«, also »wie ein Hohn auf alle nütz­
liche Zweckmässigkeit« ins Feld zu führen scheint, trat
Nietzsche seinerseits mit utilitaristischem und näherhin
medientechnischem Hohn entgegen. »Man hatte«, for­
muliert Die fröhliche Wissenscheft,
»in jenen alren Zeiten, welche die Poesie in's Dasein riefen, doch
die Nützlichkeit dabei im Auge und eine sehr grosse Nützlichkeit
- damals als man den Rhythmus in die Rede dringen liess, jene
Abbildung: »Der schreibende Engel«. Gewalt, die alle Atome. des Satzes neu ordnet, die Worte wählen
Eingetragenes Markenzeichen (Detail) heisst und den Gedanken neu färbt und dunkler, fremder, ferner

7 ROCKMUSIK
' '

macht: freilich eine a b e r g l ä u b i s c h e N ü t z l i ch k e i t! Es sollte also Götter und Menschen, mit ih;en Botschaften vor
vermöge des Rhythmus den Göttern ein menschliches Anliegen dem Medium und seinem Kanal. An der griechischen
tiefer eingeprägt werden, nachdem man bemerkt hatte, dass der
Lyrik beschreibt Nietzsche, der kaum zufällig auch der
Mensch einen Vers besser im Gedächtniss behält, als eine un­
gebundene Rede; ebenfalls meinte man durch das rhythmische
mechanisierte, nämlich schreibmaschinenschreibende Phi­
Tiktak über grössere Fernen hin sich hörbar zu machen; das losoph vor allen anderen war,2 nur ein Verfahren der
rhythmisirte Gebet schien den Göttern näher an's Ohr zu kom­ Speicherung und eines der Übertragung von Nachrichten
men. Vor Allem aber wollte man den Nutzen von jener elemen­ - erstens eine Mnemotechnik, die Verse unvergeßlicher
taren Ueberwältigung haben, welche der Mensch an sich beim als Prosa macht, und zweitens eine Diskurskanalisierung,
Hören der Musik erfährt: der Rhythmus ist ein Zwang; er erzeugt
die sie über größere Entfernungen hinwegträgt. Men­
eine unüberwindliche Lust, nachzugeben, mit einzustimmen;
nicht nur der Schritt der Füsse, auch die Seele selber geht dem
schen sind ja so vergeßlich und Götter so schwerhörig.
Tacte nach, - wahrscheinlich, so schloss man, auch die Seele der Nachrichten speichern und Nachrichten übertragen kön­
Götter! Man versuchte sie also durch den Rhythmus zu zwingen nen, ohne auf so obskure Gegebenheiten wie Menschen­
und eine Gewalt über sie auszuüben: man warf ihnen die Poesie geist oder Menschenseele zurückgreifen zu müssen: Ge- ,
wie eine magische Schlinge um.«' nau das macht Medien aus. Im »rhythmischen Tiktak« der
»l tell you about Texas Radio and the Big Beat« wird Griechen freilich, folgt man Nietzsches Analyse, mußten
neunzig Jahre nach Nietzsche Jim Morrison auf seiner Menschen oder auch Götter mit ihren Ohren, Gedächt­
letzten Platte verkünden - als Leadsänger einer Gruppe, nissen und Füßen Apparaturen supplementieren, dere�
die nicht umsonst The Doors hieß, weil auch sie nur Erfindung noch ausstand. Körper wurden zu Interfaces
Türen zum Übermenschen aufstoßen wollte. Wovon einer Schaltung, die sie mit ihrer Umwelt koppelte. Das
Nietzsche und die Rockmusiker reden, ist strikt dasselbe, rhythmische Ticktack folgte beim quantierenden Versmaß
weil Medientechnologie ihr gemeinsames historisches der Antike bekanntlich durchaus keinem Sinn, wie er über
Apriori bildet. die Wortbedeutung den qualitativen Akzent modern­
\
Seit der Fröhlichen , Wissenschaft legen Künste ihren alten europäischer Lyrik regiert:' Es koppelte den Versfuß, um
Namen ab, der sie zu Vermögen des sogenannten Men­ seine Speicherung und Übertragung zu sichern, sehr ein­
schen erklärte; sie werden Nachrichtentechniken und fach und physiologisch an die Füße von Tänzern. Deshalb
sonst nichts. Gerade weil Nietzsches Analyse hörbar nicht ist dieser Rhythmus, der einst Lyrik und Musik unlös­
an Götter glaubt, verschwinden Sender und Empfänger, lich verband, auch durchaus verlorengegangen. Speicher-

8 ROCKMUSIK 9 ROOKMUSIK
und Übertragungseinrichtungen aus Fleisch überdauern erster Schriftsteller Deutschlands, 1897 ei;, Gedicht Für
es nicht. die phonographische Aufnahme seiner Stimme zugleich schrieb
Mit den elektrischen Medien von heute aber kehrt alles und in den Schalltrichter sprach, blieb völlig offen, warum
das wieder, womöglich weil Götter gar nicht vergehen diese seine Lyrik überhaupt noch Reim und Metrum auf­
können. Die Trennung von Literatur und Musik, auf der wies. Beide waren nach Nietzsches eben veröffentlichter
europäische Kultur und folglich auch unsere Literatur­ Analyse ja nur Techniken einer Mnemotechnik oder Spei­
wissenschaft beruhten, verschwindet aufs neue, um einer cherung, wie der Apparat sie ohne Ansehung von Wohl­
Sache Platz zu machen, die frei nach Nietzsche »Vom klang, Rhythmus oder gar Bedeutung viel strikter leistete.
Ende der Poesie« heißen dürfte. Texas Radio and the Big In dieser Lage blieb Schriftstellern, wenn sie nicht wie
Beat ist die »magische Schlinge«, die neue Götter um Wildenbruch und alle Songtexter nach ihm zur Schall­
Leute oder Hörer werfen. platte überliefen, nur die Option, auch ihr altes Medium
Rockmusik als die real existierende Lyrik von heute, aus­ Schrift technisch so zu optimieren, wie das Edisons Pho­
gestattet mit allen Attributen einer Weltmacht: Unent­ nograph fürs akustische Medium und Edisons Kine­
rinnbarkeit, Auswendigkeit und Allgegenwart - vom toskop, der Vorläufer aller Kinoprojektoren, fürs optische
Kaufhaus-Piano bis zum subsonischen Disco-Porte. getan hatten. Und siehe an: Die gleichzeitig entwickelte
Der Griff zur Weltmacht geschah bekanntlich in zwei Schreibmaschine erlaubte es tatsächlich, das Symbolische
Schritten: Zuerst die Speichertechnik und später auch die von Schrift ganz so zu speichern wie das Reale von Ge­
Übertragungstechnik mußten den Leuten, diesen Inter­ räuschen oder das Imaginäre von Spielfilmdoppelgänge­
faces überkommener Literatur, abgenommen und auf reien.4 Moderne Literatur, dieses Sondervergnügen v6n
Maschinen verlagert werden. Den ersten Schritt tat Edi­ und für Buchstabenfetischisten, konnte beginnen, mit
son, als er 1877 den Prototyp seines Phonographen vor­ Mallarme oder Stefan George.
stellte. Die Stanniolwalze und zehn Jahre später auch Aber Schrift und Buch sind .im Unterschied zur Inschrift
Berliners modernere Schallplatte, die ihre Massenpro- nicht nur Speicher-, sondern auch Übertragungsmedien,
duzierbarkeit allerdings damit bezahlte, nicht wie der deren mäßige· Arbeitsfrequenz erst wir zu verachten ge­
Phonograph vom Konsumenten selber bespielbar zu sein, lernt haben. Daß dagegen vorzeiten die Thora oder der
nahmen den Leuten das Gedächtnis für Wörter und Koran, diese Heiligtümer zweier Nomadenvölker, trans­
Klänge ab. Als Ernst von Wildenbruch, vermutlich als portabel waren, ermöglichte ihre Siege über die Götter

10 ROCKMUSIK II ROCKMUSIK
Griechenlands. Denn schwer verläßt, was nahe dem Ur­ gen schlechthin vom Stand der Verkabelung ab. Auch
sprung wohnet, den Ort - etwa den Tempel des eigenen als Maxwells Feldgleichungen elektromagnetische Wellen
Götterstandbildes. und damit die drahtlose Übertragung theoretisch schon
Imperien dagegen, wie Harold Irrnis in Empire and Com­ postuliert hatten, bestand noch eine praktische Grenze:
munications zeigte, haben nicht nur mit Speichereinrich­ Alle verfügbaren Wandler zwischen Physiologie und Me­
tungen wie Standbildern, Inschriften oder auch Noten­ dienlandschaft, Akustik und Elektrik waren Nieder­
zeiche.n die Zeit zu manipulieren; sie müssen zugleich frequenztechnologien. Freie Ausbreitung von Wellen da­
mit Übertragungstechniken über Ort und Raum siegen. gegen setzt erst oberhalb von dreißigtausend Hertz ein.
Wie einst Griechenland für schlechte Postverbindungen Zwar konnte schon das Kohlemikrophon von 1878, das
notorisch war, so fehlte den neuen Speichern der Me­ Beils gleichzeitigen Telephonempfänger bei weitem über­
diengründerzeit von 1890 noch eine adäquate Transmis­ bot, die Füße einer Fliege hörbar machen, wenn sie frei
sionstechnik. Nur Telegraphie und Telephonie standen nach Nietzsches Versfußtheorie über die Membran lie­
bereit, um Signale mit elektrischer, und das heißt unüber­ fen - eine Niederfrequenzverstärkung, deren bleibendes
bietbarer Geschwindigkeit zu übertragen. Die eine ver­ Denkmal die stereophone Fliege in Pink Floyds Umma­
mittelte das Symbolische einer nach Differenzialität und gumma werden sollte. Die technische Grundvoraussetzung
Ökonomie international optimierten Schrift, des Morse­ von Radio aber, Verstärkung und Oszillation auch im
codes, wie er lange vor Saussure den Strukturalismus Hochfrequenzbereich, schufen erst von Lieben und de
praktisch machte; die andere konnte zwar ganz wie Edi­ Forest mit der Röhre. Lange vor unseren Transistoren
sons Phonograph das Reale stochastischer Geräusche und und Chips hat die Röhre von 1906 ein Problem gelöst,
nicht bloß die codierten Differenzen einer Sprache oder das Pynchon in Gravity's Rainbow elementar fürs laufende
Musik übertragen; aber beide, Telegraph wie Telephon, Jahrhundert nannte: die energielose, und das heißt per­
waren nur über Kabel, und das heißt Materie, zu schal- fekte Steuerung beliebig großer oder beliebig schneller
ten. Energien oder Informationen.5
Die Ingenieure in Budapest oder die Unternehmer in Seitdem ist Radio möglich, nicht nur prinzipiell wie
London, die denn auch Ende der neunziger Jahre für einen schof!. seit Hertz, Marconi und Braun, sondern praktisch
Sondertarif Schallplattenmusik an Telephonabonnenten und in Massenfertigung. Am Weihnachtsabend 1909 soll
lieferten (bis in den Palast König Victorias hinein), hin- Reginald A. Fessenden von Brants Rock in Massachusetts

12 ROCKMUSIK 13 ROCKMUSIK
aus die ersten Hörermassen, die unter den gegebenen Um­ Materie, die der deutsche Generalstabs�hef, Alfred Graf
ständen freilich nur aus Funkern von Marconi ausgerü­ von Schlieffen, schon 1909 unterm Titel Krieg in der Ge­
steter Schiffe im Umkreis von So Kilometern bestanden, genwart beschrieben oder herbeigeschrieben hatte:
mit einer drahtlosen Männerrede und einer drahtlosen
»So groß aber auch die Schlachtfelder sein mögen, so wenig wer­
Frauenversrezitation (in dieser Reihenfolge und dieser den sie dem Auge bieten. Nichts ist auf der weiten Öde zu sehen.
Geschlechterrollendistribution) unterhalten haben. Nach Kein Napoleon, umgeben von einem glänzenden Gefolge, hält
anderen Quellen lief sehr weihnachtlich sogar ein Take auf einer Anhöhe. Auch mit dem besten Fernglas würde er nicht
aus Händels Messias als Schallplattenaufnahme, wie um zu viel mehr zu sehen bekommen. Sein Schimmel würde das leicht
zu treffende Ziel unzähliger Batterien sein. Der Feldherr befindet
beweisen, daß der Inhalt eines Mediums stets und streng
sich weiter zurück in einem Hause mit geräumigen Schreibstuben,
nach McLuhan ein anderes Medium ist: im Fall der
wo Draht- und Funkentelegraph, Fernsprech- und Signalapparat
Schreibmaschine die Handschrift, im Fall des Spielfilms zur Hand sind, Scharen von Kraftwagen und Motorrädern, flir
der Roman, im Fall des Grammophons die Stimme und die weitesten Fahrten gerüstet, der Befehle harren. Dort, auf
im Fall des Unterhaltungsradios eben die Plattenindu­ einem bequemen Stuhle vor einem breiten Tisch hat der moderne
strie. Alexander auf einer Karte das gesamte Schlachtfeld vor sich,
von dort telegraphiert er zündende Worte, und dort empfängt er
Aber die Massenproduktion von Röhren lief nicht für
die Meldungen der Armee- und Korpsführer, der Fesselballone
Händels Messias oder Carusos Arien, die Prof. Slaby von
und der lenkbaren Luftschiffe, welche die ganze Linie entlang die
der TU Berlin im Jahr 1904, also unmittelbar nach Caru­ Bewegungen des Feindes beobachten.«8
i
sos akustischer Verewigung, auf Befehl Kaiser Wilhelms
immerhin von Potsdam nach Charlottenburg funkte.6 Zwei Jahre später, 19n, ließ Schlieffen seiner Prophetie
Daß alle Industrieländer, wie Major Blair von US Signal die Tat folgen: Er schuf als oberste Waffenbehörde für das
Corps schrieb, »Ströme von Geld und Energie in wissen­ Nachrichten- und Verkehrswesen, also wie um zu bewei­
schaftliche Radioforschungen steckten« und als »größte sen, daß Motorisierung und Elektrifizierung des Krieges
erreichte Verbesse'rung« »die Entwicklung empfindliche­ zusammenfallen, eine selbständige Generalinspektion des
rer Verstärker durch den Einsatz von Vakuumröhren for­ Militär-Verkehrswesens. Ihr diente alles, was am kommen­
cierten«? hatte einen einzigen Grund: den Ersten Welt­ den Radio arbeitete: von sämtlichen Funkern Deutsch­
krieg. Drei neue Waffensysteme zu Land, zu Luft und zu lands bis hin zur eigens fürs Heer gegründeten Radio­
See brauchten genau jene Steuerung ohne Energie noch firma Telefunken. Ohne drahtlose Telephonie wären die

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neuen Waffensysteme des Ersten Weltkriegs blind ge­ »Daß auch schon neuzeitlichere Einrichtunge:ri wie der Rundfunk

blieben: Wie die U-Boote zur See und die Doppeldecker ihre Schatten vorauswarfen, geht daraus hervor, daß ein Offizier
der Nachrichtentruppe, der spätere Staatssekretär im Reichspost­
in der Luft sollten auch schon die Panzer von 1917 funk­
ministerium [und Schöpfer des deutschen Zivilradios], Dr. Hans
gesteuert werden. Nur gingen ihre Antennen in den Bredow, vom Mai bis August 1917 für eine:ti ganzen Frontabschnitt
Drahtverhauen von Niemandsländern und Schützen­ bei Rethel in Nordfrankreich ein Rundfunkprogramm mit einem
gräben so grundsätzlich zu Bruch, daß man von Wech­ primitiven Röhrensender ausstrahlte, bei dem Schallplatten ab­
selsprechanlagen wieder auf Brieftauben zurückgreifen gespielt und Zeitungsartikel verlesen wurden. Das Abhören ge­

mußte.9 Ändern sollte das erst ein gewisser Guderian, schah dann im ganzen Abschnitt mit Heeresfunkgeräten. Der
Gesamterfolg [in PropagandabegriffenJ war jedoch dahin, als eine
Funkerhauptmann im Weltkrieg 1 und Generaloberst im
höhere Kommandostelle davon erfuhr und den >Mißbrauch von
Weltkrieg 2 mit Spätfolgen, die uns heute rund um die
-
Heeresgerät< und damit jede weitere Übertragung von Musik und
Uhr unterhalten. Wortsendungen verbot!«11
Aber auch wenn die urtümlichen Tanks von 1917 ihrer
Steuerung noch entgingen, die Funkertruppen auf beiden Und zweitens endete im November 1918 zwar ein Welt­
Seiten oder Fronten der Schützengräben wuchsen und krieg, aber darum noch kein Technikerwissen. Auch
wuchsen. Die deutsche Telegraphentruppe etwa zählte demobilisierte Funker blieben Funker, vor allem durch
am 2. August 1914, dem Mobilmachungstag, 800 Offiziere massive »Plünderung von Heereseigentum«, 12 die den
und 25 ooo Mann. Im November 1918, bei der Demobi­ musikalischen Mißbrauch von Heeresgerät im Jahr zuvor
lisierung, kehrten dagegen 4381 Offiziere mit 185 ooo noch überbot.
Mannschaften ins geschlagene Reich zurück:'" ein von Grund genug für den Spartakusbund und Liebknecht
keiner anderen Waffengattung erreichter Zuwachs - mit persönlich, die 190 ooo Exheeresfunker mit all ihrer Ge­
der Spätfolge unseres Alltagszivilradios. räteausbeute einem Zentralfunkrat zu unterstellen, der
Denn erstens: die Hunderttausende von Funkern in ihren seinerseits der geplanten Revolution unterstand. Für sol­
Grabenstellungeh wollten unterhalten sein. Sender und che Schrecken oder Zentralfunkräte hatte die Sprache der
Empfänger waren in Unzahl vorhanden; Radio als »Miß­ Herrschenden im November 1918 nur ein Wort: »Funker­
brauch von Heeresgerät« konnte also beginnen. Mit den spuk«.'3 Hochtechnische Medien gehören nun einmal
Worten Generals von Wedel, Chef der Wehrmachtpropa­ nicht in Hände, die kein Postregal oder Generalstab ab­
ganda im nächsten Weltkrieg: gesegnet hat. Weimarer Republik oder Funkerspuk hieß

16 ROCKMUSIK 17 ROCKMUSIK
die schlichte Alternative. Weshalb die Austreibung des Zivilregierung ·nicht umsonst erst 1923 grünes Rund­
Spuks mit geheimen Telephonaten zwischen Ebert und funklicht, im selben Jahr, als Berlin die Gründung jener
einer effektiv gebliebenen Obersten Heeresleitung be­ Chiffriermaschinen Aktiengesellschaft sah, deren Pro­
gann, um schließlich in der Schaffung eines Zivilrund­ dukte eine neue Geheimhaltungsstufe von Funksprüchen
funks zu enden. schufen'6 und deren Anti- oder Dechiffriermaschinen
Im Oktober 1923 war es soweit. Aus dem Haus einer Ber­ (im Zweiten Weltkrieg) den ersten Computer überhaupt.
liner Schallplattenfirma und über die Mittelwellenanten­ Massenkommunikation, mit anderen Worten, wird erst
nen des vormaligen Heeressenders Nauen kam wieder zugelassen, wenn es alles zu konsumieren oder zu hören
Musik wie einst im Schlamm von Flandern: Ein Song gibt und nichts mehr abzuhören. Rezeption, womög­
hieß Hab Mitleid (vermutlich mit der Tonqualität), ein an­ lich auch als Leitbegriff der Literatursoziologie, ist nur
derer versicherte Daß nur für dich mein Herz erbebt. Aber ein Euphemismus für systematisch versperrte Interzep­
damit Hörer oder genauer Hörerinnen vor lauter Erotik tion.
nicht überhörten, wozu der ganze Antifunkerspuk erson­ Hören Sie Guglielmo Marconi, den Gründerhelden von.
nen war, spielte am Ende dieser deutschen Rundfunkpre­ Radio, wie er Stunden nach seinem Tod als Marchese und
miere die Kapelle des Infanterieregiments III/ 9 Deutsch­ Senator des faschistischen Italien in unserer neuen, näm­
land, Deutschland über alles. '4 lich phonographischen Unsterblichkeit per Radio über
Denn die Reichspost, einem geheimen Zirkular ihres Radio sprach:
Ministers zufolge, wollte durch Rundfunk nicht nur
»Ich gestehe, daß ich vor 42 Jahren, als mir in Pont�cchio die
»I. weitesten Kreisen des Volkes gute Unterhaltung und
erste Radioübertragung gelang, schon die Möglichkeit voraussah,
Belehrung durch drahtlose Musik, Vorträge und der­ elektrische Wellen über große Entfernungen hin zu übertragen.
gleichen verschaffen«, auch nicht nur »2. dem Reich eine Dennoch hegte ich keine Hoffnung, zur Erlangung jener großen
neue wichtige Einnahmequelle erschließen«. Sondern sie Befriedigung imstande zu sein, die mir heute widerfährt. Denn
wollte zuletzt oder zuerst »einen Weg beschreiten, der für damals schrieb man [>man< als üblicher Euphemismus für un­
genannte Regierungsstelle�, FKJ meiner Erfindung in der Tat
die Staatssicherheit von Bedeutung werden kann«." Was
einen großen Defekt zu: das mögliche Abfangen (interception)
der Zivilrundfunk dank eingebauter technischer Handi­
gesendeter Nachrichten. Dieser Defekt beschäftigte mich so sehr,
caps nämlich ausschloß, war Funkerspuk beziehungsweise daß meine hauptsächlichen Forschungen viele Jahre lang auf seine
Mißbrauch von Heeresgerät. Die Reichswehr gab ihrer Beseitigung gerichtet waren.

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µ.,_�_______
Und nichtsdestoweniger wurde genau dieser Effekt nach · etwa - Sympathy jor tbe Devil spricht es trotzdem aus, welchem
30 Jahren ausgenutzt und ist zum Rundfunk geworden - zu jenem
Satan, Funkerspuk oder Geisterheer die Musik als solche
Mittel des Empfangs (reception), das täglich mehr als 40 Millio­
verdankt ist:
nen Zuhörer erreicht.</7
I rode a tank,
Nach Technikerstandards galten Guglielmo Marconis held a gen'ral's rank,
»hauptsächliche Forschungen« natürlich einem hölzernen when the blitzkrieg raged

Eisen: dem Geheimsender ohne jede Feindabhörmög­ and the bodies stank.18

lichkeit. Der leere Raum als Funkmedienmedium läßt Schon mit den bescheidenen Mitteln der Interpretation
sich schwerlich besetzen. Nach Politikerstandards jedoch folgt aus diesen Zeilen ein Ursprung der Rockmusik,
sind auch hölzerne Eisen machbar: zum Beispiel ein dieser real existierenden Lyrik von heute: Der Blitzkrieg
Massenrundfunk ohne Informationsgehalt, ein Gerät tobte von 1939 bis 1941. Ohne seine medientechnischen
also, bei dem Marconis Abhörbarkeitsdefekt selber defekt Innovationen wäre Sound weiterhin jener Brei aus dem
wird. AM- und Dampfinaschinenradio, den das Hab Mitleid der
Demnach kann Wahrheit nur im Medium selber hausen, ersten deutschen Rundfunksendung auch beim Eigen­
nicht in seinen Botschaften, und das heißt Eigenreklamen namen rief. Es gilt in schöner Symmetrie: Wie der Miß­
von Post oder Schallplattenindustrie. Was elektrische brauch von Heeresgerät, das für Stellungskriege von 1917
Nachrichtentechnik bei maximaler Ausnutzung aller Mo­ konstruiert war, zur Mittelwellenmonophonie führte,
dule und Parameter leistet, ist die autoreferenzielle Sache so der Mißbrauch von Heeresgerät, das für Blitzkriege
von Rockmusik. Schließlich handelt Texas Radio and the Big aus Panzerdivisionen, Bombergeschwadern und U-Boot­
Beat nicht von irgendwelchen Themen der Überlieferung, Rudeln konstruiert war, zur Rockmusik.
weder von Liebe noch Autorenbiographie. Die Wahrheit Det Soundraum von Abbey Road und all jenen britischen
der Songs fällt zµsammen mit den Medien, die ihnen Studios, die den US-Kommerz in Musikelektronik über­
Weltmacht eintr�gen. Um allerdings selber wieder zu­ führten, entstand bekanntlich erst, als Musiker selbst die
sammenzufallen mit dem militärisch-industriellen Kom­ Schaltkonsolen besetzten und mit der alten Trennung von
plex am Radioursprung. Denn auch wenn die Stones den Textern und Komponisten, Arrangeuren und Studiotech­
Text von Beggar's Banquet nach Zufallsgesetzen aus lauter nikern aufräumten. Tonbandmaschinen für die Sound­
Zeitungsschlagzeilen zusammengeschossen habe �llen ty{ montage, Hili-Technik für die Obertonbefreiung, Stereo-

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phonie für simulierte Räume, Synthesizer und Vocoder bekanntlich erst, als Wehrmacht und Luftwaffe ihre Ste­
für Lieder jenseits der Menschen, schließlich und end­ reobasis durch Besetzung von Belgien und Nordfrank­
lich das FM-Radio für eine Massenübertragungsqualität, reich hinreichend erweitert hatten. Also schickte ein rech­
ohne die alle Innovationen der Beatles verpufft wären:'' ter Richtfunksender bei Antwerpen endlos Morsestriche
Jede einzelne dieser Techniken geht auf den Zweiten Welt­ in den Äther, ein linker Richtfunksender bei Calais -
krieg zurück. Er ist - zum Glück vielleicht noch - die und zwar genau in den Pausen des belgischen Signals -
Medienbasis unsrer Sinne. endlos Morsepunkte.
Deshalb kann man mit den unüblicheren Mitteln� des Die Bomberpiloten der Luftwaffe trugen Kopfhörer und
Aktenstudiums den Blitzkrieggeneral in Mick Jaggers erfuhren aus der Lautstärke im rechten oder linken Ohr,
Befehlspanzer auch mit Namen nennen. Jener Funker­ ob sie vom ferngesteuerten Kurs abwichen. Ping-Pong­
hauptmann von 1914, der aus dem Marnewunder die Stereophonie, wie sie heute aus Lautsprechern oder Kopf­
Schwachstellen deutscher Nachrichtenverbindungen er­ hörern jedes bessere Wohnzimmer genießt. Aber wenn
kannt hatte,'° ließ 1934 durch Oberst Gimmler vom Hee­ 1940 die zwei Morsesignale, das Did und das Da, in einem
re5waffenamt prüfen, ob Ultrakurzwellen tatsächlich von ortlosen Ton wie aus der Mitte des Hirns zusammen­
jedem Strauch auf dem Gefechtsfeld abgefangen werden. fielen, wußte der Pilot, daß er London oder Coventry
Das Testergebnis, allen Lehrm.einungen zum Trotz, war überflog: er löste seine Bombenlast aus. Ein halbes Jahr
negativ. Also konnte Guderian jede'n einzelnen Wehr­ brauchte der Secret Service, Technical Departrnent, um
machtpanzer mit UKW-Funk ausrüsten." Die Brief­ für die hochfrequenten Richtfunksender des Feindes
tauben von 1917 durften in ihre Schläge zurück: Mit überhaupt Empfänger zu entwickeln. Daraufhin aber
Panzerantennen begann jene ebenso moj:_':?risierte wie konnte man ihre Signale abfangen, stören und sogar simu­
ferngesteuerte Selbständigkeit, die den Auto? von heute lieren, bis die Bomben, statt weiter über Stadtzentren
einerseits das Pop\�KW und andererseits, um die Fern­ niederzugehen, auf sanfte Wiesen oder weite Öden Eng­
steuerung fortzusetzen, die Verkehrsfunkmeldungen be­ lands ausgeklingt wurden.22
schert hat. Die U-Boot-Abwehr lief nicht anders. Kurz nach Kriegs­
Noch höhere Frequenzen, wie sie im Nachkrieg dann beginn beauftragte die Royal Air Force, Coastal Com­
das Fernsehen tragen sollten, sah (außer dem Radar) die mand, die Schallplattenfirma Decca mit der Entwicklung
Luftschlacht über England. Diese Luftschlacht startete eines perfekten Speichermediums, der Jtrr oder Juli fre-

22 ROCKMUSIK 23 ROCKMUSIK
quency range reproduction. Brillante Obertöne und schwere Die Decodierung solcher Songs ist elementar. Als Ge­
Bässe kamen erstmals auf Platte, aber noch nicht für Kon­ burtsstadt kommt nur Liverpool in Frage, als Erzähler
sumentenohren. Angehende Air-Force-Offiziere sollten nur ein Mann der Weltkriegsgeneration. Und da es zivile
auf diesen Trainingsplatten lernen, wie man britische und U-Boote einfach nicht gab, folgt Yellow Submarine mit all
deutsche U-Boote am Motorengeräusch unterscheidet.'3 seinen Militärmarscheffekten und Soundortungstricks
Im Nachkrieg oder Post War Dream wurde aus jfrr, der­ den Erinnerungen eines Royal-Navy-Matrosen. Der Song
selben britischen Firma sei es· gedankt, durch schlichte ist Nachkriegslyrik im Wortsinn.
Namensänderung die kommerzielle High-Fidelity. Um aber Gitarren und Motorenlärm, die Noten einer
Hifi und Stereo gehen also beide auf Ortungsverfahren Musik und die Geräusche einer Umwelt überhaupt mi­
zurück. Bomberpiloten erfuhren, wo sie selber waren, und schen und manipulieren zu können, brauchte die Rock­
U-Boot-Jäger-Piloten, wo der Feind stand. Inzwischen musik ein Speichermedium, wie die altmodische Schall­
haben auch Konsumentenohren gelernt, jede Gitarre im platte es nicht hergab. Schnitt und Blende, beim Film
Klangfeld zweier Lautsprecher, zwischen Bücherregal und schon im technischen Prinzip integriert, machen bei der ,
Heizkörper zu lokalisieren. Zwei Gitarren, Baß und Tonspeicherung Probleme. Weshalb auch das Mittele
Schlagzeug sind an der Arbeit, der Motorenlärm eines wellenradio bis 1940 nur Plattenkonserven und Direkr­
Schiffs, Dampfzischen und Blasmusik wandern an der mikrophonie senden konnte. Die Abbey-Road-Studios
Zimmerwand von rechts nach links und zurück, während der Beatles aber waren mit ziemlich berühmten Tonband­
eine britische Stimme, die Sie alle kennen, historische maschinen ausgestattet, der BTR-Serie. 1946 hatte Berth
Wahrheit singt: Jones, zusammen mit anderen Audioingenieuren aus Eng­
land und den USA, einen Berlinbesuch gemacht und
In der Stadt, wo ich geboren wurde,
lebte ein Mann, der zur See fuhr, »Unter dem erbeuteten Heeresgerät auch eine Aufnahme­
und er erzählte 11.�s von seinem Leben maschine auf Magnetbandbasis gefunden, die das deut­
in dem Land der U--Boote. sche Oberkommando im Krieg zu einem Versuch der
So segelten wir zur Sonne 'rauf, Codebrechung eingesetzt hatte.«'4 Die BTR von Abbey
bis wir die See von Grün fanden,
Road und damit auch von Yellow Submarine war nur ihr
und wir lebten unter den Wellen
ziviler Nachbau. In seiner Geschichte der Wehrmacht­
in unserem gelben U-Boot.
propaganda schrieb der Chef, Generalmajor von Wedel,

24 ROCKMUSIK 25 ROCKMUSIK
die akustische Unübertragbarkeit spezifischer Blitzkriegs­ an Wahrnehmungsschwellen der Leute scheitern könnte.
effekte vor Auge oder Ohr, über Soundprobleme des Um die Displays in den Cockpits auch unter Bedingun­
Zweiten Weltkriegs: gen von Star Wars noch ablesen und bedienen zu können,
»Bei der Panzertruppe, der Luftwaffe und Teilen der Kriegsmarine kommt es auf Reaktionstempi im Millisekundenbereich
krankte die Gesamtheit der Möglichkeiten zu Originalkampf­ an. Präsident Reagan hat nicht umsonst alle Freaks von
aufnahmen daran, daß für die Aufnahme auf Schallplatten nicht Atari-Spielcomputern als zukünftige Bomberpiloten be­
die notwendigen stabilen und waagerecht bleibenden Unterlagen
willkommnet.
sichergestellt werden konnten. Man mußte sich hier zunächst
Denn vielleicht läuft die Epoche des Medienglamours
mit nachträglichen Reportagen helfen. Ein grundlegender Wandel
trat ein, als das Magnetophon erfunden wurde und für Zwecke
schon wieder aus. Computer, auch wenn ihre Benutzer­
der Kriegsberichterstattung durchkonstruiert wurde. Die Ori­ oberflächen immer sinnenfreudiger werden, sind keine
ginalkampfreportagen aus der Luft, dem fahrenden Kampfwagen, Geräte nach Menschenmaß mehr. Nicht einmal das
dem U-Boot usw. wurden erst jetzt zu eindrucksvollen Erlebnis­ Tonband, wie es dank jenem Berlinbesuch von 1946 alle
berichten.«25
Plattenaufnahmestudios revolutionierte, war auf die
Nicht viel anders hat Coppola mit Apocalypse Now klar­ Manipulation von Sinnlichkeiten beschränkt. Es spei­
gestellt, daß Soundmontagen wie Machine Gun von Jimi cherte im Zweiten Weltkrieg auch Feindfunksprüche, um
Hendrix Original-Kampfreportagen aus Vietnam waren. sie dechiffrierbar zu machen.'6 Dem hatten die Alliier­
Wohl deshalb währte die Gründerheldenzeit der Rock­ ten zwar kein adäquates Aufnahmegerät, aber die einzig
musik nur genauso lange wie jener Krieg. Aber weil Spei­ zukunftsträchtige Dechiffriertechnik entgegenzusetzen.
cher- und Übertragungstechniken mittlerweile schon fast Alan Turing entwickelte 1936 aus einer aufs reine Prinzip
ihr Optimum erreicht haben, laufen die »eindrucksvollen abgemagerten Schreibmaschine'7 seine Universale Dis­
Erlebnisberichte<< aus Kampf- oder Gründerzeiten in alle krete Maschine, den Prinzipschaltplan jedes denkbaren
Gegenwarten und ;zukünfte weiter. Jede Diskothek, die ja Computers. Ein paar Jahre später, im Krieg, machte der
Tonbandeffekte noch verstärkt und in Echtzeit mit der Secret Service aus ihr den ersten, noch röhrenbestückten
entsprechenden Optik von Stroboskopen oder Blitzlich­ Elektronenrechner. Der Erfolg blieb nicht aus: Ab 1943
tern koppelt, bringt den Krieg wieder. Mehr noch: sie las dieser Computer namens COLOSSUS alle geheimen
trainiert, statt nur Vergangenheiten zu reproduzieren, Funksprüche der Wehrmacht, wie sie dank der Chiffrier­
eine strategische Zukunft an, deren Bewältigung sonst maschinen AG aus dem Gründungsjahr des Zivilrund-

26 ROCKMUSIK 27 ROCKMUSIK
funks so abhörsicher schienen, in Klartext und Echtzeit mächte wie das Radio in Unschuld oder Unsinn zurück­
mit. Marconi hatte recht: Das Entscheidende, nämlich zuversetzen. Das tun zum Beispiel Vocoder, die Stimmen
Kriegsentscheidende am Radio28 ist die Interzeption. in jedem einzelnen Teilfrequenzband verzerren können,
Mit gutem Grund bleibt Rockmusik, wenn sie auf hoch­ jeder besseren Rockband zur Verfügung stehen und in
technischer Höhe war und ist, nicht dabei stehen, Musik­ Laurie Andersons Performance-Lyrik den US-Alltag
konserven wie alle anderen anzubieten. In einem Stra­ selber simulieren. Nur die Vorgeschichte des Vocoder­
tegiespiel mit ihrem Publikum können die Platten zu Prinzips kennt niemand, einfach weil sie Geheimwaffen­
Geheimbotschaften werden, die irgendwo zwischen Cover entwicklung war. 1942 beauftragten die Kriegsherren
und letzter Rille eine verschlüsselte Nachricht übertragen. Roosevelt und Churchill Turing und dessen amerikani­
Im technisch perfekten Speichermedium, also jenseits schen Kollegen Shannon, den Begründer der Informa­
aller Gedächtniskapazitäten, fehlt es grundsätzlich nie tionstheorie, mit dem Bau eines und nur eines Vocoders.
an Platz, um Käuferschichten in potentielle Paranoiker zu Sein Zweck war schlicht und einfach, die Abhörsicherheit
verwandeln. Als die Fans der Beatles darüber rätselten, ob transatlantischer Telephonkabel zu maximieren. Fortan
ein gewisser Lennon-Song beim Rückwärtsabspulen die sprach der Premierminister ins Londoner Telephon, ließ
geflüsterte Botschaft vom Tod Paul McCartneys enthielt, seine Stimme zur Unkenntlichkeit verzerren, aber unmit­
kehrten die Tonbandtricks der Weltkriegsspionage ein­ telbar vor dem Präsidentenohr in Washington wurde sie
fach wieder. wieder artikuliert. Nun geht die Sage, Alan Turing habe
Dechiffrieren aber hat nichts zu tun mit Texas Radio and seine Lust daran gehabt, eine Schallplatte mit Kriegsreden
Big Beat. Es ist seit Turing eine Sache der Bits und Bytes. Churchills aufzulegen, seinen Vocoder-Prototyp einzu­
Mit der Digitalisierung aller Datenströme endet der Me­ schleifen und Besuchern vorzuführen, wie Technikerwis­
dienglamour, wenn nicht für Konsumenten, so doch für sen noch die rhetorischsten Politikerreden in absolut
Techniker. Und eine Musik aus Binärcodes selber, ein informationsleeres, schieres und weißes Rauschen über­
Mißbrauch also von Heeresgerät des Weltkriegs n + 1, ist fuhren kann.29
noch nicht in Sicht. (Um über die angemessene Literatur And the Gods Made Love heißt denn auch das erste Stück auf
ganz zu schweigen.) Electric Ladyland von Jimi Hendrix. Aber die Herren der
Vorerst bleibt also nur, Geheimwaffen des Zweiten Welt­ Welt haben keine Stimme und keine Ohren mehr wie
kriegs für D ecodierungen z u m ißbrauchen, d ie Medien- noch bei Nietzsche. Man hört nur Tonbandrauschen, Jet-

28 ROCKMUSIK 29 ROCKMUSIK
r
Lärmpegel und Pistolenschüsse. Auch Kurzwelle, zwi­ SPIELE DES WAHREN UND
schen den Sendern, und das heißt im militärisch-indu­ FALSCHEN
striellen Komplex, abgehört, klingt ähnlich. Vielleicht Zum zehnten Todestag des französischen
muß die Liebe unter Weltkriegsbedingungen aus weißem Philosophen Michel Foucault

Rauschen kommen.

Vor zehn Jahren, am 25. Juni 1984, starb Michel Foucault


als Patient eines Pariser Krankenhauses, über das er als
Historiker der Humanwissenschaften geschrieben hatte.
Das ärztliche Kommunique erkannte auf Gehirneiterun­
gen, ein bald bestätigtes Gerücht auf Aids. So war es
Foucaults postumes Schicksal, zum Gründerhelden ho­
mosexueller Emanzipation zu werden, während seine
unüberschaubare Wirkungsgeschichte, zumal in den Ver­
einigten Staaten, allmählich mit der einstiger Gegner im
Unbegriff Poststrukturalismus verschmilzt.
Ein Denken, das seinen Lesern in furiosen Vorworten
als Werkzeugkasten oder Waffe entgegentrat, ist zurück­
gekehrt ins Grau der Archive, wie Foucault es nannte und
liebte. Künftigen Wissenschaftshistorikern vorbehalten
bleibt die Rekonstruktion des Schocks, den die Früh­
schriften vor fünfundzwanzig Jahren auslösten. Allmäh-

31 SPIELE DES WAHREN UND FALSCHEN


lieh sichtbar wird dagegen, vor allem dank Didier Eribons zumindest vor seiner Kehre, auf die einer dezisionisti­
universitätshistorischer Biographie, worauf dieser Schock schen Neustiftung geschlossen. Foucaults ganze Arbeit,
beruhte. Mit einem Mal brach in die Hochkonjunktur der auch wenn sein Frühwerk nur als Fortschreibung der
Frankfurter Schule ein Denken ein, dessen akademische »großen Forschungen Nietzsches« auftrat, dagegen wurde
Karriere ziemlich eindeutig im Schutz der Rechten ver­ es, Geschichten derselben Grundbegriffe vorzulegen,
laufen war. Der junge, reiche und hochmütige Philo­ ohne ein drittes Mal in die Falle philosophischer Selbst­
sophieprofessor Foucault machte Kollegen aus der KPF, ermächtigung zu laufen.
nur weil sie glaubten, Mark Aurels Gedanken seien auf Er hat Unterscheidungen wie die zwischen wahr und
Latein geschrieben, das Leben zur Hölle. Er selbst aber falsch, Vernunft und Wahnsinn, Wachen und Traum nicht
trat an, eben das Abendland, dessen Überlieferung sein mehr aus Dekreten großer Denker hergeleitet, sondern
ganzes Studium auf Frankreichs Eliteschulen gewesen als Geschichte anonymer Institutionen beschrieben. Die
war, von den Grei:izen her umzuwerten. Infamie oder Namenlosigkeit, wie sie unter Foucaults
Vorgegeben hatten diese Grenzen, in lektürebiographi­ Feder zum Ehrentitel wurde, umschloß neben Entrech­
scher Reihenfolge, die Philosophien Heideggers und teten oder Hingerichteten eben auch die unscheinbaren
Nietzsches. Foucaults einsame Maxime, über seine Her­ Bürokraten, deren große Kleinlichkeit Europas Neuzeit
künfte um so weniger zu schreiben, je näher sie ihm eigentlich gemacht hat.
standen, hat das einigermaßen verdunkelt. Jedenfalls So lernte ein Philosoph in der Schule von Historikern
zählte er als Student Beaufrets und Lacans kaum zu jenen und Wissenschaftshistorikern den folgenreichen Trick,
Franzosen, die »der Schutzengel Sartre vor Heidegger nicht mehr nur Dichter und Denker zu lesen. Daß die
bewahrt hatte«. Seine Frage an die europäische Überliefe­ Quellen seiner Bücher nicht im Kanon standen, ja nicht
rung setzte genau dort an, wo der vollendete Historis­ einmal im Index der Nationalbibliothek- damit hat Fou­
mus des 19. Jahrhunderts in philosophische Selbstermäch­ cault zumindest außerhalb Frankreichs Schule gemacht.
tigung umgeschlkgen war: bei Nietzsches Willen zur Eine ganze Epoche hermeneutischer Selbstgenügsamkeit,
Macht und Heideggers Destruktion der Metaphysik. Aus die mit dem Umfang häuslicher Privatbibliotheken aus­
dem Nachweis, daß noch die Grundbegriffe des Denkens kam, ging damit zu Ende.
historisch relativ seien, hatte Nietzsche auf die Möglich­ Und doch hatte auch Foucault, junger Mitarbeiter des
keit ihrer imperatorischen Umwertung und Heidegger, einzigartigen Rezensionsorgans Critique, die T hemen sei-

32 SPIELE DES WAHREN UND FALSCHEN 33 SPIELE DES WAHREN UND FALSCHEN
ner Zukunft zunächst in der Literatur gefunden: bei fen. Schon als Foucault noch Psychologe war und über
Roussel und Blanchot, Klossowski und Borges. Schon die »Wahnsinn und Gesellschaft« habilitierte, durfte »kein
Schriften zur Literatur, deren Erstdruck das Verdienst eines Begriff der Psychopathologie - selbst und vor allem im
kleinen deutschen Verlags war, behandelten das Gefäng­ impliziten Spiel der Retrospektionen - eine organi­
nis, den Wahnsinn, die Sexualität, aber in der Fiktion sierende Rolle spielen«. Die Vernunft selber hörte also
von Schauerromanen, Autobiographien und obszönen auf, unwandelbarer Maßstab zu sein. Sie wurde Partei.
Werken. Nur war Foucault ein viel zu guter Literatur­ Mit der Folge, daß an die aufgerissene Leerstelle zunächst
wissenschaftler, um Unterscheidungen wie die zwischen nur eine unausweisbare »Erfahrung« treten konnte -
Selbigkeit und Trugbild, Realität und Fiktion einfach hin­ eine »Tragik«, die mit der ursprünglichen Scheidung von
zunehmen. Er wußte, daß Fabel und Fatum auf dieselbe Grundbegriffen zusammenfiel.
Wortwurzel zurückgehen. Wenn nach Historisierung Wie Foucault den heroischen Mythos seiner Anfänge
dessen, was Platon die »Gigantomachie derWesenheiten« zerbrochen oder operationalisiert hat, verraten seine still­
genannt hatte, nur W örter darüber bestimmen, was Wesen schweigenden Korrekturen bei Neuauflagen. An genau
und was Unwesen ist, bestand Anlaß, die fiktionalen Ein­ der Stelle etwa, wo die Geburt der Klinik eine »strukturale
klammerungen endlich zu öffnen und historische Gefäng­ Analyse des Signifikats der ärztlichen Erfahrung« an­
nisse, Irrenhäuser und Sexualitäten genauso beim Wort gekündigt hatte, versprach ihre Neuauflage »die Analyse
zu nehmen wie die erzählten. eines bestimmten Diskurses«. Und dabei spielte weni­
Dieses W örtlichnehmen unterscheidet Foucaults große ger Foucaults Abschied vom Strukturalismus, der seiner
Monographien - von Wahnsinn und Gesellscheft über die Generation den Vorrang von Unterscheidungen ja gelehrt
Geburt der Klinik bis zu Überwachen und Strefen - von den hatte, eine Rolle, sondern der Abschied vom Erfahrungs­
üblichen Sozialgeschichten, bei denen seine unmittelbaren begriff selbst. Denn was Nietzsche und Heidegger als
Erben dann wieqer gelandet sind. In einer Geste, die in historische Grundlosigkeit noch der Grundbegriffe ent­
der Methode im;;.,anente Interpretation war, der Sache deckt hatten, war in der Generation Sartres zum Gemein­
nach aber deren Sprengung, klammerten diese Mono­ platz geworden, daß jeder Voyeur oder Skiläufer die Welt,
graphien alle Begriffe aus, die heutige Wissenschaften in die er erfährt, höchstpersönlich konstitutiert.
ihre eigene Vergangenheit zurückprojizieren, um sich die Foucaults neuer Begriff des Diskurses dagegen, der auch
Kontinuität und Autorität einer Geschichte zu verschaf- einen in Frankfurt unerhörten Plural zuließ, war als Kurz-

34 SPIELE DES WAHREN UND FALSCHEN 35 SPIELE DES WAHREN UND FALSCHEN
schluß zwischen Erfahrungen und Signifikaten, »subjek­ macht- überlieferbar an die Adresse einer verhüllten Zu­
tiven Inhalten und gesellschaftlichen Bedeutungen« zu­ kunft. Das unterscheidet die Diskursanalyse von jeder
gleich ihr Ausschluß. An die Stelle geisteswissenschaftli­ Dekonstruktion, hat aber auch ihren Erfinder zu einer
cher Geschichten trat die unbezweifelbare, weil archivierte Ungeduld oder Rastlosigkeit verdammt, die mit jedem
Gegebenheit von Redepraktiken, deren Regelmäßigkeiten neuen Buch nicht nur das Thema, sondern auch den
die Möglichkeit von Erfahrungen einräumen. Vor allem Autor wechselte.
Die Ordnung der Dinge, Foucaults Archäologie eben dieser »Mehr als einer schreibt wahrscheinlich wie ich, um kein
Geisteswissenschaften, setzte »historische Aprioris«, wie Gesicht mehr zu haben«, hieß es in der Vorrede zur
er sie paradox genug taufte, als ebenso leeren wie schrof­ Archäologie des Wissens. Der frühe Foucault verriet den Exi­
fen Formalismus gegen alle Geistes- und Sozialgeschich­ stentialismus seiner Lehrer an einen Strukturalismus, -der
ten. mit dem Pathos Nietzsches aller geschichrlichen Dialek­
Auch wenn Foucault, noch vor Amerikas Neuen Histori­ tik die vergessenen, aber unbeweglichen Strukturen des
kern, diesen Formalismus später zugunsten langsamer Tragischen entgegenhielt. Der Philosophieprofessor am,
Genesen wieder abschwächte, hat er etwas Entscheidendes Pariser College de France, der aber gleichzeitig für Ge'
bewirkt. Nie wieder seit Hegel, Foucaults früher Leiden­ fängnisrevolten, Fundamentalisten und Polens Freiheit
schaft, sind die Wechselfälle der Geschichte einem so eintrat, leugnete, jemals im Leben einem Strukturalismus
rigorosen Kalkül unterworfen worden. Auf französisch angehangen zu haben, dessen Entstehung er auf früh­
heißt die Titelfrage von Foucaults Ordnung der Dinge ein­ neuzeitliche Disziplinierungen zurückführte. Sein Stolz
fach, wie viele Arten es gibt, Wörter und Dinge einander war eine Philosophie, die in Geschichte aufging, nur
zuzuordnen. Deshalb war und bleibt seine alltägliche mehr anhand von Archiven und Kriminalakten zu be­
Arbeit, Mengen von Büchern, ohne nach Größe oder treiben.
Mediokrität ihrer ,,Schreiber irgend zu fragen, aus den Die letzten Bücher, die der Aidskranke ausgerechnet
Verliesen einer Nationalbibliothek in die Rekonstruktion bei Pariser Dominikanern über antike Homosexualität
des Diskurses zu überführen. Im Haß auf Kommentare schrieb, blieben dieser Bibliothek und ihren Quellen so
und Interpretationen hat Foucaults nominalistische Dis­ nahe, daß jeder angehende Historiker dasselbe hätte
kursanalyse ein Prinzip der Verknappung durchgesetzt, schreiben können. Foucault also verschwand. Er hatte sein
das die Daten unserer Kultur einfacher und formaler Ziel erreicht. Zwei Wochen nach Erscheinen seiner letz-

36 SPIELE DES WAHREN UND FALSCHEN 37 SPIELE DES WAHREN UND FALSCHEN
ten Bücher wurde der hochfahrende Rebell gegen Üblich­ Und doch fehlte unter all den Wissensformen, deren
keiten im Schloßpark seine,r Mutter katholisch beigesetzt. historische Serien und Ereignisse er, von den Geistes­
Es gibt im Zen-Buddhismus, den Foucaults wandelbare wissenschaften über die Medizin bis zum Staatsrecht,
Neugierde nicht ausgelassen hat, die Figur eines Mönchs, analysiert hat, die Mathematik als Wissenschaft von Sin­
der sein Dorf verlassen muß. Auf der Jagd nach einem gularitäten und Frequenzen überhaupt.
Doppelgänger, der nur ihn selber verhüllt, muß er lernen, Foucault hat einmal bedauert, Philosophie und nicht
daß alles anders ist, als das Dorf glaubt. Aber wenn diese Naturwissenschaft studiert zu haben. Wenn es einer künf­
langwierige Lehre abgeschlossen ist, darf der Mönch ins tigen Diskursanalyse nicht gelingt, auch dort noch Ereig­
Dorf zurück und lernen, daß alles ist, wie es immer schon nisse und Serien auszumachen, wo diese Begriffe selber
war. entsprungen sind, also in der Hardware der »hard scien­
»Wenn das wahr wäre«, soll Georges Canguilhem, der ces«, könnte es geschehen, daß Foucaults wunderbare
große alte Mann hinter Foucaults Karriere, über Wahnsinn Quantifizierungen der europäischen Kultur in zehn oder
und Gesellschaft gemurmelt haben, »würde man es wissen.« zwanzig Jahren, wenn das Computerzeitalter seine eigene
,
Sein Schüler scheint das gehört zu haben. Die Frage, was Vorgeschichte schreibt und speichert, eben den human­
Wiederkehr und was Anderswerden heißt, kehrt als ein­ wissenschaftlichen Märchen zufallen, gegen die sie ge­
zige in seinen Schriften immer wieder. Die Ordnung des schrieben sind.
Diskurses, Foucaults elegantestes Buch, schlägt als Diskurs Wann immer technische Medien Europas unvordenk­
über die Methode zwei Grundbegriffe vor, die Bewußt­ liches Buchmonopol gesprengt haben, hören auch Fou­
sein und Kontinuität ablösen müßten, um einen »Mate­ caults Bücher auf. Was bleibt, ist, was er sein philoso­
rialismus des Unkörperlichen« zu ermöglichen: das Er­ phisches, das heißt schweigendes Gelächter nannte, wann
eignis und die Serie. Aber schon in Wahnsinn und Gesell­ immer Kollegen das 20. Jahrhundert mit den Mythen
schaft hieß das Buch als solches »irregulärer Zufall und des 19. erziehen wollten. Was bleibt, ist seine lebenslange
wiederholbare SzeAe«. Umschreibung eines Heideggerwortes: Seinsgeschichte.
Wieder und wieder hat Foucault versucht, das philoso­ Foucaults zwei letzte Bücher dagegen versprachen eine
phische Gegensatzpaar von Existenz und Essenz in flexi­ »Geschichte der Wahrheit«. Und das besagte »eine Ge­
blere Begriffe umzuschreiben, die Singuläres und Perio­ schichte, die nicht davon handelt, was an den Erkenntnis­
disches gleichermaßen quantifizierbar machen könnten. sen wahr sein mag, sondern eine Analyse all der >Wahr-

38 SPIELE DES WAHREN UND FALSCHEN 39 SPIELE DES WAHREN UND FALSCHEN
heitsspiele<, der Spiele zwischen Wahrem und Falschem, M E M O RI E S A R E M A D E O F YOU
in denen das Sein sich historisch als Erfahrung konsti­
tuiert, das heißt als Sein, das gedacht werden kann und
gedacht werden muß«.

Die Materialität von Medien ist em buchstäblich un­


erschöpfliches T hema. In welcher Form auch immer man .
auf Medien Bezug nimmt, ist ihre Materialität schon im
Spiel - einfach durch das Medium, in dem die Referenz
selber statthat. Nur kann dieses eigene Medium namens
Sprache nicht gleichzeitig gebraucht und erwähnt werden,
weil überall außer in der Mathematik unendliche Re­
kursionen schlichtweg nicht anschreibbar sind.
Aus diesem Grund empfiehlt sich, um der Materialität
von Medien näherzukommen, ein Umweg. Wenn plausi­
bel gemacht werden kann, daß die Materialität von Me­
\,
dien wesentlich an ihre Speicherungsfunktion geknüpft
ist, während die zwei anderen Funktionen der Verarbei­
tung und Übertragung zumindest im Prinzip auch durch
Software simuliert werden können, geht das Thema in
die einfi chere Frage über, was technische Gedächtnisse

41 MEMORIES ARE MADE OF YOU


sind. Das Ziel dabei ist, den Stand von heute historisch ditionellere Medien und schlichtere Speichertechniken
zu approximieren, also au,s historischen Stadien der Ge­ nichts von ihrer Anwendbarkeit verlieren.
dächtnisorganisation herzuleiten, soweit sie einigermaßen Computerarchitekturen bestehen (nach John von Neu­
beschreibbar sind. manns großem Entwurf) aus drei Einheiten, die ihrerseits
Wenn man methodisch die Möglichkeit bezweifelt, Ge­ den drei Funktionen der Verarbeitung, der Übertragung
dächtnisse durch Selbstbeobachtung zu beschreiben, eben und der Speicherung als notwendigen und hinreichenden
weil auch Selbstbeobachtungen - Oswald Wiener zum Bedingungen eines Mediums entsprechen. Was dabei ver­
Trotz30 - nur durch. Medien und in Metaphern von arbeitet, gespeichert und übertragen wird, können erstens
Medien möglich sind, lautet die Frage dann, welche ge­ Daten sein, also Grundelemente der Speicherung, zwei­
gebene Kultur auf welchen technischen Speichermedien tens Adressen, also Grundelemente der Übertragung, oder
beruht hat. Um ihr nachzugehen, ohne im Abgrund des drittens Befehle, also Grundelemente der Verarbeitung.
Historismus zu versinken, braucht es allerdings ein be­ Und es sind diese logischen Chiasmen zwischen diesen
griffliches Instrumentarium, das historisch einigermaßen drei Funktionen und Elementen, die nach ihrer Imple­
invariant bleibt. mentierung in Transistorschaltungen die Leistungsfähig­
Diese Invarianz scheint, paradox genug, gerade durch den keit von Computern ausmachen. Weil in Digitalsystemen
aktuellen Stand der technischen Dinge verbürgt. Die Daten, Adressen und Befehle ihre materielle Existenz
Mathematik und die Ingenieurstechnik, die in Digital­ allesamt an Binärzahlen haben, kann jedes Element ein­
computern investiert oder implementiert sind, liefern eindeutig in jedes andere Element überführt werden.
eine Begrifflichkeit, deren notwendige Kälte besser als Im PC läuft die Verarbeitung, also die Anwendung von
jede Anrufung Mnemosynes geeignet scheint, Medien­ Befehlen auf Daten, gegebenenfalls aber auch auf Adres­
gedächtnisse und ihre Materialität zu denken. sen, über eine Zentrale Recheneinheit oder CPU, die
Den Anfang macht also eine ebenso alltägliche wie un­ sowohl arithmetische als auch logische Operationen kennt
bekannte Technol� gie - beliebige IBM-kompatible XTs und damit außer auf Zahlen, bei denen die Rechen­
oder ATs. Die Organisation von Gedächtnis in diesen maschinen des 17. Jahrhunderts stehen blieben, auf unter­
Maschinen hat den großen Vorteil, absolut geplant zu schiedliche Bedingungen unterschiedlich reagieren kann.
sein und deshalb Begriffe zu liefern, die auch im (litera­ Mit solchen Fallunterscheidungen nach Maßgabe der
turwissenschaftlich notwendigen) Durchgang durch tra- Booleschen Algebra ist es, um nur ein allerdings promi-

42 MEMORIES ARE MADE OF YOU 43 MEMORIES ARE MADE OF YOU


nentes Beispiel zu nennen, auch möglich, den uralten Speicherung im PC läuft darum über eine V ielzahl von
Unterschied zwischen Zahlen und Buchstaben intern zu­ Subsystemen, die jeweils unterschiedlichen, aber allesamt
gunsten der Zahlen einzuebnen. materiellen Anforderungen an Zeit und Raum genügen
Die Übertragung läuft im PC über diverse Bussysteme, müssen: Solche Unterschiede betreffen die gerade noch
die jeweils für Daten und/ oder Adressen und/ oder Be­ zulässige Speicherplatzgröße, die gerade noch zulässige
fehle spezifiziert sind. Wesentlich und neu gegenüber Zeitverzögerung bei Einschreibungen und Auslesungen
herkömmlichen Nachrichtentechniken, die ja den Fall und schließlich die Zeitdauer, über die hinweg Daten er­
entwendeter Briefe oder abgefangener Geheimbotschaften halten bleiben sollen.
nie ausschließen konnten, ist dabei, daß bei sauberer Pro­ Zunächst gibt es in der CPU selber, auf der sich übri­
grammierung alles, was gesendet wird, an eiher singulären gens sämtliche Funktionen des Systems wie im fraktalen
und unverwechselbaren Adresse landet, einer Zahl also, Miniaturmodell wiederholen, eine knapp bemessene An­
die ihrerseits auf Zahlen verweist. Programme, die bei­ zahl von Registern, wo die am schnellsten verfügbaren
spielsweise zwei Zahlen miteinander vertauschen wollen, Variablen abgelegt werden können. Auch die Funktion
brauchen deren gespeicherte Materialität folglich gar Verarbeitung, heißt das, kommt ohne die Funktion Spei­
nicht anzurühren; es reicht völlig hin, die Indices oder cherung nicht aus. Zweitens steht die CPU in direkter
Adressen beider Zahlen zu vertauschen. Es sind sogar Verbindung zum sogenannten Arbeitsspeicher, dessen
Programme möglich, die mit dem Befehlssatz eines Com­ Hunderte oder auch Tausende von Kilobytes eine- aller­
puters A den Befehlssatz eines anderen Computers B dings erheblich langsamere - Ablagerung nicht nur von
adressieren und auf diese Weise über Spezifikationen und Input- und Outputwerten, sondern auch des Befehlscodes
Beschränkungen einer andersartigen Hardware hinweg­ selber erlauben. Der Arbeitsspeicher zerfällt seinerseits
kommen. in einen vorprogrammierten Teil für unwandelbar fest­
Solche Tricks, deren Sammelname bekanntlich Software geschriebene Betriebssystemfunktionen, das ROM oder
lautet, scheiden bei der dritten Systemfunktion und nur Read-Only-Memory, und einen veränderbaren Teil, der
bei ihr prinzipiell aus. Zustände, die nicht irgendwo in der also nicht nur Lesen, sondern auch Schreiben erlaubt: das
Hardware abgreifbar aufbewahrt sind, gibt es schlichtweg RAM oder Random-Access-Memory. Zudem ist dieses
nicht. Auch was unter modernen Betriebssystemen vir­ RAM aus elektronischen Sparsamkeitsgründen in den
tueller Speicher heißt, muß physikalisch existieren. Die allermeisten Fällen kein statischer Speicher, dessen Tran-

44 MEMORIES ARE MADE OF YOU 45 MEMORIES ARE MADE OF YOU


r
sistorzustände sich selbst arretieren und folglich Infor­ Die PC-Architektur bildet insofern, von außen nach in­
mationen beliebig lange, bis auf Widerruf also, festhalten nen, die bisherige Geschichte der · Speichertechnologien
könnten. Der Arbeitsspeicher arbeitet vielmehr dyna­ noch einmal ab: angefangen bei einer leeren undifferen­
misch, das heißt, die eingelesenen Daten würden schon zierten Schreibfläche, die bei der Installation erst einmal
nach einigen Mikrosekunden wieder verlorengegangen mühsam formatiert und das heißt mit Adressen versehen
sein, wenn ein Refresh-Takt sie nicht periodisch auslesen werden muß, bis hin zu einem zentralen Halbleiterchip,
und an ihre eigene Speicheradresse zurückschreiben dessen Speicherplätze durch durchgängig binäre Indizie­
würde. Aber weil bei Stromausfällen, also vor allem nach rung alle Operationen einer Turingmaschine vollziehen
jedem Abschalten, auch der Refresh keine Rettung mehr können.
wäre, sieht die Architektur eine dritte Speichereinheit Soweit der IBM-PC als Modell unterschiedlicher Ge­
vor, die im Gegensatz zu CPU und Arbeitsspeicher zwar dächtnisfunktionen. Geht man nun anhand des Modells
nicht auf Halbleitereffekten basiert und damit auch keine in die europäische Geschichte zurück, scheinen die jeweils
Daten elektronisch verarbeiten kann, aber dieses ihr Han­ verfügbaren Speichertechnologien nach den Kriterien
dicap dadurch wieder gutmacht, daß sie den einzig wirk­ statisch vs. dynamisch, solid state vs. mechanisch, RAM
lich statischen Speicher auch über Stromausfälle hinweg vs. ROM, getaktet vs. ungetaktet usw. einigermaßen plau­
anbietet: Disketten und Festplatten sind mechanisch sibel zu ordnen. Man sollte nur nicht unbefragt unter­
betriebene elektromagnetische Gedächtnisse an der Peri­ stellen, daß die Speichersysteme einer beliebigen Kultur
pherie des Systems. Der mechanische Zugriff durch Um­ immer als solche implementiert gewesen wären. Weil die
drehungen schließt natürlich aus, jedes einzelne Bit auch Trennung von Energie oder Masse einerseits und In­
auf dem Massenspeicher durch eine singuläre Adresse zu formation andererseits historisch so jung ist, muß man
bezeichnen; eben deshalb müssen alle lauffähigen Pro­ archäologisch mit denkbar unvertrauten Speichersyste­
gramme aus dem �assenspeicher, wo sie schlicht sequen­ men rechnen. Schon V ictor Hugo hat in einem berühm­
ziell abgelagert s[;,d, in den Arbeitsspeicher umgeladen ten Kapitel von Notre Dame de Paris beschrieben, wie das
werden. Erst dort, wo auch Adreßarithmetik möglich europäische Mittelalter in Ermangelung von fapier und
ist, können die Programme dann durch Schreiben einer Buchdruck statt dessen seine Kathedralen als heute kaum
Kommandozeile oder Anklicken eines Icons gestartet mehr erkennbare oder gar lesbare Wissensspeicher errich­
werden. tete. Entsprechend hat Horaz die Unvergänglichkeit sei-

46 MEMORIES ARE MADE OF YOU 47 MEMORIES ARE MADE OF YOU


ner Werke mit der von Bronzestatuen gleichgesetzt. Aber Speicherung die Zeit, sondern durch Übertragung auch
wenn derselbe Horaz im Carmen Saeculare' also zur er- den Raum beherrschte, stand einer dritten Heiligen
sten Jahrtausendfeier Roms, die Sonne selber beschwört, Schrift nichts mehr im Weg: Das Christentum expan­
Größeres als die Stadt Rom weder gesehen zu haben dierte bekanntlich mittels der Paulusbriefe, die von vorn­
noch sehen zu können, verschwindet die Speichertechnik herein als Steuerbus der vier Evangelien oder Informa­
namens Stadt endgültig im Speicher eines Blicks, der als tionen fungierten. Um aber auch noch über genau das
Technik kaum mehr gedacht werden kann. Imperium und genau die Post zu siegen, die die neue Re­
Soviel zur Warnung, vor allem an die eigene Adresse, ligion selber möglich gemacht hatten, griffen schon frühe
b'evor es zu üblicheren Speichertechniken geht. Die orale Evangelienmanuskripte des 2. Jahrhunderts zu einem re­
Gedächtniskunst von Rhapsoden und Rhetoren kann volutionären Schriftspeichermedium: dem Codex anstelle
dabei, weil ihr Medium ohne jeden Bestand ist, beiseite der überlieferten Buchrolle." W ährend antike Schreiber
bleiben. Den Anfang bildet vielmehr die Inschrift als und Leser ihr Volumen als linearen Speicher nur beid­
stationärer Speicher und die erste technische Schwelle ihre händig vorwärts oder rückwärts rollen konnten, erlaubte
Ablösung durch die Schrift als Speichermedium, das nach der Codex zum ersten Mal wahlfreie Zugriffe, also den
· Maßgabe des - etwa zwischen Pergament und Papier sehr Querverweis. Für eine Religion, die alles an die unmög­
unterschiedlichen - Materialgewichts mehr oder minder liche Aufgabe setzen mußte, ihre Kompatibilität zum
transportabel ist. Heilige Bücher, die nicht von ungefähr Alten Testament, ja, sogar zu Ilias und Odyssee nachzuweisen,
bei zwei Nomadenvölkern entstanden, scheinen ihre Hei­ kamen Codices und damit Bibelkonkordanzen wie ge­
ligkeit und das heißt ihre Macht über andere Religionen rufen. Woraufhin die gesamte Ikonographie des euro­
vor allem aus dieser Kopplung zwischen Speicherfunktion päischen Mittelalters, wie um ihre machttechnischen
und Übertragungsfunktion bezogen zu haben. Transpor­ Prämissen ins Bild oder Gedächtnis zu setzen, das Alte
table Bücher machten ortsfeste Tempel mit nicht minder Testament durch eine Rolle, das Neue Testament dagegen
ortsfesten Götter�tatuen obsolet,31 durch einen Codex allegorisierte.33 Woraufhin schließlich
Und sobald die Schrift auch noch, wie es im Römischen Alan Turing, der 1936 die Prinzipschaltung aller Digital­
Reich seit der Eroberung Ägyptens und das heißt des computer angab, die höhnische Frage stellte, wie lange
antiken Papyrusmonopols der Fall war, mit einem im­ eigentlich Ägypter oder Griechen zum Zugriff auf ihre
perialen Postsystem zusammenfiel, also nicht nur durch Papyrusrollenbücher gebraucht hätten.34

48 MEMORIES ARE MADE OF YOU 49 MEMORIES ARE MADE OF YOU


Al)er auch die neue beschleunigte Adressierbarkeit von Was Foucault in der Ordnung der Dinge als Transparenz
Bücherinhalten, wie der Codex sie ermöglichte, hatte ein­ der klassischen und das heißt barocken Episteme feierte,
gebaute Grenzen. Sie reichte bekanntlich bis zu Kapiteln als wechselseitige Referenzierbarkeit von Dingen und
und Versen, also zu inneren und ebenfalls inhaltlichen (sprachlich-schriftlichen) Vorstellungen, dürfte etwas
Adressen, nicht jedoch bis zur nackten oder inhaltlosen schlichter und technischer als Effekt solcher Bibliotheks­
Seitenzahl, einfach weil unter Handschriftbedingungen ordnungen zu beschreiben sein.
niemand garantieren konnte, daß zwei Kopisten densel­ Das gilt um so mehr, wenn man auch die optischen oder
ben Text noch nach zweihundert Blättern auf dieselbe graphischen Speichertechniken von Vorstellungen in Be­
Buchseite geschrieben hatten. Den Rang von Gutenbergs tracht zieht. Der Buchdruck als erste Massenproduk­
Erfindung dagegen machte nicht die bloße mechanische tionsstraße der Geschichte hat nicht nur Texte mit Buch­
Vervielfältigung von Büchern aus, sondern - nach der titeln, Autorennamen und Seitenzahlen versehen, sondern
Grundthese von Elizabeth Eisenstein - die neue Mög­ auch als Konkurrenzdruck auf die optische Datenverar­
lichkeit durchgängiger Paginierung.35 Daten, im Normal­ beitung - alles das also, was heute Imaging heißt - Aus­
fall also Buchstaben und W örter, erhielten normierte wirkungen gehabt. Vermutlich ließe sich zeigen, daß die
Adressen, also eine Kombination aus erstmals alphabeti­ Erfindung der Perspektive nicht bloß ästhetische Motive
schen Registern und Seitenzahlen, die etwa 30 Jahre nach hatte, sondern den sehr handfesten oder technischen
Gutenbergs erstem Bibeldruck in die Bücher einzogen. Grund, den seit Gutenberg mechanisch exakt reprodu­
Wie prinzipiell dieser Machtzuwachs der Ziffer über die zierbaren Texten auch exakt reproduzierende und repro­
Letter, der ja erst im Computer bis zum Endsieg fort­ duzierbare Illustrationen beizugeben. Dafür spricht schon
geschritten ist, die Geschichte der Speichertechniken tan­ die Tatsache, daß Vasaris Biographie der Renaissance­
giert hat, macht schon die Erfindung der alphanumeri­ künstler die italienische Erfindung der Perspektive aus­
schen, also aus Lettern und Ziffern kombinierten Biblio­ drücklich aufs selbe Jahr wie die deutsche Erfindung des
thekskataloge k!ai:. Sie blieb nämlich der Mathematik Buchdrucks datierte. Ein Däne namens T homas Walgen­
eines Leibniz vorbehalten. stein, dem die Photographie eine ihrer wichtigsten Vor­
Mit anderen Worten: Seit Leibniz und erst seit Leibniz stufen, nämlich die Laterna magica verdankt, ging im
stehen Bücher von vornherein in einem lokalen Netzwerk, 17. Jahrhundert sogar bis zum sogenannten Naturselbst­
das sie alle aufeinander beziehbar und abbildbar macht. druck: Für die Illustration botanischer Bücher soll Wal-

50 MEMORIES ARE MADE OF YOU 51 MEMORIES ARE MADE OF YOU


r
genstein Pflanzenblätter so präpariert haben, daß nur die Dingen auch eine Gefahr dar. Der Buchdruck hatte ja
härteren Fasern und Adern übrigblieben. Dieses Skelett anstelle der mittelalterlichen Random-Access-Praxis, Per­
tauchte er.. dann in Druckerschwärze und ließ es sich auf gamente nämlich zu löschen und anders oder christlicher
dem Buchpapier selbst abdrucken, bis das Präparat nach neu zu schreiben, durch ein kaum je wieder löschbares
etwa zehn W iederholungen verbraucht und durch ein Read-Only-Memory abgelöst, also eine Lawine der Da­
neues zu ersetzen war.36 Klarer war kaum vorzuführen, tenvermehrung losgetreten. Barocke Vertextungsstrate­
daß Buchdruckbedingungen eine Auslagerung auch op­ gien wie der Polyhistorismus etwa eines Lobenstein und
tischer Vorstellungen aus dem Menschengedächtnis in barocke Rechenverfahren wie die Kombinatorik etwa von
Technikspeicher notwendig machten. Was dabei entstand, Pascal oder Kircher scheinen den Sachverhalt zu indizie­
sind illustrierte Sachbücher, die es ihrerseits unserer Kul­ ren, daß auf dem Druckpapier prinzipiell mehr Elemente
tur erlaubten, ihre manuellen, handwerklichen und tech­ gespeichert, verarbeitet und verknüpft werden konnten,
nischen Fertigkeiten, die ja wesentlich auf Graphismen als die altüberlieferten oralen Mnemotechniken zu ver­
beruhen, nicht mehr mündlich über Geheimgesellschaften kraften imstande waren. Luhmann hat darauf hingewie­
wie Handwerkerzünfte von Gener;tion zu Generation sen, daß die rhetorische Copia verborum, diese Fülle der
tradieren zu müssen.37 Das Gedächtnis der Ingenieure, Wörter (und noch nicht des phonographischen Wohl­
das ja als einziges exponentiell wachsen soll, basiert seit lauts wie im Zauberberg T homas Manns) nach Guten­
Gutenberg auf einem ingenieursmäßigen Gedächtnis. Mit berg einen pejorativen Bedeutungswandel zur gedruckten
der Auslagerung von Blaupausen, Konstruktions- und Kopie erfuhr.'8
Gebrauchsanweisungen hat unsere Kultur einen Speicher Fichte in der Zeit seiner ersten Wissenscheftslehre goß dem­
implementiert, der seinerseits die beschleunigte Abfolge gemäß lauter Spott über Professoren aus, die mit ihrem
technischer Speichereinrichtungen vom Buchdruck bis Menschengedächtnis auf demVorlesungskatheder mit der
zum Computer ert t ermöglichte. unübersehbaren Vollständigkeit des gesamten zeitgenössi­
Allerdings, solange der Buchdruck die einzige Speicher­ schen Buchwesens noch glaubten mithalten zu können
technik mit eingebauter Übertragungsfunktion blieb, das und dabei doch nur unfreiwillig kopierten, was selber
uralte Schriftmonopol also noch nicht durch Analog- und schon Kopie oder Drucksache war. Mit anderen Worten:
Digitalspeicher gebrochen war, stellte die drucktechnisch spätestens nach ihrer Etablierung und Kopplung mit all­
konstruierte Transparenz zwischen Repräsentationen und gemeiner Schulpflicht erzwang die Gutenberggalaxis eine

52 MEMORIES ARE MADE OF YOU 53 MEMORIES ARE MADE OF YOU


neue Ökonomie der Speichertechniken, wie Foucault sie weil sie denkbar präzise die Umstellung der Gedächtnisse
einigermaßen freihändig als transzendentale Episteme vorn ROM oder Read-Only-Mernory zum RAM oder
des Menschen und seiner inhärenten Geschichtszeit be­ Random-Access-Mernory signalisiert. Die Arbeitsse­
schrieben hat. quenz von Schreiben, Lesen, Löschen, Neuschreiben,
In historischer Faktizität liefen die Dinge etwas schlich­ Wiederlesen, Wiederkorrigieren usw. ad infinitum wäre
ter. Fichte selber setzte seinen Spott über die altmodische als technisches Geheimnis aller goethezeitlichen Auto­
Gelehrtenrepublik dadurch in universitäre Praxis um, daß biographien und Bildungsromane nachzuweisen, die ja
er der eigenen Jenaer Vorlesung gar kein übliches Lehr­ (wie ganz ausdrücklich in Wilhelm Meisters Lehrjahren)
buch mehr zugrunde legte, sondern ein solches Lehrbuch, einen positiven Begriff vorn Irrtum und (in Gestalt der
dessen Gedächtnis ja durch Vorlesungen bislang nur hatte Turmgesellschaft) ein Handschriftarchiv von Kultur pro­
aufgefrischt werden sollen, sich selber und seinen Stu­ pagierten. Und wenn man, wie Goethes Vater für einen
denten nach Maßgabe der eigenen Einfälle oder Nicht­ leiblichen Sohn oder Lichtenberg als Vater eines erträum­
einfälle erst einmal zusammenschrieb. Damit ging die ten Sohnes, für die Kinder bald nach ihrer Geburt ein
Philosophie natürlich das Risiko ein, Fehler, Vergeßlich­ Sudelbuch anlegte, wo alle Irrtümer und Selbstverbesse- ·

keiten und Voreiligkeiten zu begehen, die nachträglich rungen sich bildender Individuen über die Zeit hinweg
wieder richtiggestellt werden mußten. Aber zum Glück gespeichert blieben, erhielt das Gedächtnis tatsächlich
war eine Speichertechnik, die solche unter Gutenberg­ jene zeitliche T iefe, die Foucault an der transzendentalen
bedingungen undenkbare Korrekturen erlaubte, in der Episterne beschrieb. Nicht umsonst begann auch die
Schwellenzeit von 1770 schon von höchster, nämlich wissenschaftliche Editionspraxis zur Goethezeit damit,
pädagogischer Warte aus sanktioniert worden. Heinrich anstelle der abgeschlossenen, also gedruckt vorliegenden
Bosse hat zeigen können, wie die Schule der frühen Werke den gesamten Weg vom Handschriftentwurf über
Goethezeit das alte Gedächtnissystem aus Papier und die Versionen bis zur Ausgabe letzter Hand zu dokumen­
T intenfeder durcl'i ein Schreibsystem aus Kreide und tieren.
Schiefertafel ersetzt und damit die Korrekturmöglichkei­ Technisch entscheidend an der neuen Speichertechnik
ten in Reichweite der Schüler selber gebracht hat." Diese allerdings war nicht diese Exhaustivität, die ja alle Spei­
scheinbare Schiefertafel scheint so etwas wie das Emblem cherkapazitäten zu sprengen drohte und droht, sondern
der transzendentalen Episterne als Speichertechnologie, ihre Ökonomie, die seit Erfindung der Schiefertafel und

54 MEMORIES ARE MADE OF YOU 55 MEMORIES ARE MADE OF YOU


im Namen der Selbstbildung eben auch ein Löschen oder bewahrt. Sie liegen theils mit Mappen, theils in Schiebfutteralen,

Vergessen gestattete. Dieser Vergeßlichkeit entsprach ein denen er auf dem Rücken eine orientirende Etikette aufgeklebt
hat.«40
selber ziemlich vergessenes Gerät, das gleichwohl den An­
fang aller modernen EDV gemacht hat: der Zettelkasten. An dieser Geschichte seien nur ein paar Punkte hervor­
Umlaufende Gerüchte besagen, dieser Zettelkasten sei gehoben: erstens das Exzerpieren und zweitens das Indi­
weder von Bürokraten noch von Wissenschaftlern, son­ zieren.
dern vom Schriftsteller Jean Paul erfunden worden. Aber Durch Exzerpieren löst Hegel das von seinem Kollegen
weil ein Kollege seinen guten Vorsatz, über Jean Pauls Fichte gestellte Systemproblem. Statt Datenmengen, frei
Zettelkasten zu schreiben, selber im Zettelkasten belassen nach Wilhelm von Occam, über die Notwendigkeit hin­
hat, muß ein anderer seiner Zeitgenossen zu Hilfe kom­ aus zu multiplizieren, schrumpfen alle gelesenen Bücher
men: Georg Wilhelm Friedrich Hegel. auf ihre Exzerpte zusammen. Eine im Zettelkasten ein­
Einer von den Freunden des verewigten Philosophen gebaute Funktion des Löschens oder Vergessens sorgt
nämlich, ein Professor mit dem mnemotechnisch ausge­ dafür, daß Hegel für seine philosophischen Bücher, die ja
sprochen glücklichen Namen Rosenkranz, überlieferte grundsätzlich Bücher über Bücher waren, die Quelltexte
1845 aus Hegels Stuttgarter Gymnasialschuljugend fol­ gar nicht mehr braucht. Er schleppt eben nicht sie selber,
gende bemerkenswerte Gedächtnistechnik: sondern nur ihre im Zettelkasten enthaltenen Verkürzun­
gen ein ganzes Leben lang mit sich.
»Bei seiner Lektüre ging er nun folgendermaßen zu Werke. Alles,
Zweitens löst Hegel durch alphabetisches Indizieren
was ihm bemerkenswerth schien - und was schien es ihm nicht! -,
schrieb er auf ein einzelnes Blatt, welches er oberhalb mit der
innerhalb seines Zettelkastens das Problem, auf die ab­
allgemeinen Rubrik bezeichnete, unter welcher der besondere In­ gespeicherten Daten anders zugreifen zu können, als ihre
halt subsumiert werden mußte. In die Mitte des oberen Randes Autoren oder Autoritäten es bei der Datenakquisition
schrieb er dann mit großen Buchstaben, nicht selten mit Fractur­ einst gemeint hatten. Anstelle der' gelehrten-republika­
schrift, das Stichwott des Artikels. Diese Blätter selbst ordnete
nischen Wiederholung von Wissen tritt genau dasjenige,
er für sich wieder nach dem Alphabet und war mittels dieser ein­
was Hegel selber die Aufhebung im dreifachen Wortsinn
fachen Vorrichtung im Stande, seine Excerpte jeden Augenblick
zu benutzen. Bei allem Umherziehen« - also doch wohl von
genannt hat: erstens ein Löschen, zweitens ein Speichern
Stuttgart über Bern und Frankfurt, Nürnberg und Heidelberg bis und drittens ein Erhöhen o<;ler Abstrahieren (wobei das
nach Berlin - »hat er diese Incunabeln seiner Bildung immer auf- Erhöhen schlicht darin bestehen dürfte, von den Texten

56 MEMORIES ARE MADE OF YOU 57 MEMORIES ARE MADE OF YOU


auf ihren Metatext namens Zettelkasten, von ihren Auto­ Trick als solchen zu verraten, wird die neue Speichertech­
ren auf den Exzerptautor namens Hegel überzugehen). nik vollends unschlagbar: Sie kann die leere Tiefe des
Diese ganze Operation aber setzte die Phänomenologie des Schulfreundes Schelling oder den gehaltlosen Wahnsinn
Geistes in ausdrücklichen Gegensatz zu verstandesmäßigen des Schulfreundes Hölderlin effektiv ausstechen. Hegels
Operationen wie Rubrizieren, Tabellieren, Kategorisieren. absoluter Geist ist ein versteckter Zettelkasten.
Deren trauriges Resultat sei Man kann dieses offenbare Geheimnis wahrscheinlich
noch generalisieren und behaupten, daß keine Kultur so
»eine Tabelle, die einem Skelette mit angeklebten Zettelchen oder
den Reihen verschlossener Büchsen mit ihren aufgehefteten Eti­ leidenschaftlich wie die Goethezeit am Verbergen ihrer
ketten in einer Gewürzkrämerbude gleiche, eine Tabelle, die so Mnemotechniken gearbeitet hat. Bücher wie die Hegel­
deutlich als das eine und das andre ist, und die, wie dort von schen, die einfach nicht mehr verraten, daß sie aus an­
den Knochen Fleisch und Blut weggenommen ist, hier aber die deren Büchern zusammengeschrieben sind, erzeugen bei
eben auch nicht lebendige Sache in den Büchsen verborgen bleibt,
Lesern und (im literarischen Parallelfall) auch bei Lese­
auch das lebendige Wesen der Sache weggelassen oder verborgen
rinnen den Effekt, gar keine Bücher zu sein, sondern die
hat.«41
Sachverhalte selber, von denen sie lediglich schreiben.
Soweit die Vorrede zur Phänomenologie, die mit all ihrer Auf eine imaginäre, nämlich psychologische Weise scheint
Polemik nur das Lob von Hegels neuem Zettelkasten die Goethezeit das europäische Systemproblem gelöst
singt. Auch dieser Zettelkasten besteht ja, wie Rosenkranz zu haben, auch das unmögliche Reelle jenseits oder dies­
so klar formuliert hat, aus nichts anderem als Rubriken seits aller alphanumerischen Codes speichern zu können.
und Etiketten, während das Fleisch und Blut der aus­ Wenn Hegel von der Nacht schreibt, die einem im Auge
gelesenen Bücher längst verschwunden ist. Das lebendige des anderen Menschen entgegentritt,42 kommt er diesem
Wesen der Sache aber scheint darin zu bestehen, daß Reellen sehr nahe. Der Hegelleser muß nur bereit sein,
man Zettelkästen nicht mehr linear wie die Bücher nach ein gemeintes Auge hinter dem gedruckten Wort Auge zu
Gutenberg oder McLuhan durchlaufen muß, sondern halluzinieren, um eine virtuelle Speicherbarkeit von Ge­
umordnen und umschreiben kann wie jedes Random­ sichtern und Geräuschen zu erleben (wie es seit damals
Access-Memory. Und wenn dazu noch die Hegelsche heißt). Das ist natürlich ein unhaltbares Versprechen, weil
Schläue kommt, diesen Zettelkasten einem Buch wie der alle Bücher bloß aus Buchstaben bestehen, alle europäi­
Phänomenologie zugrunde zu legen, ohne den technischen schen Musiken bloß aus Noten und alle europäischen

58 MEMORIES ARE MADE OF YOU 59 MEMORIES ARE MADE OF YOU


Gemälde bloß aus Perspektiven und Ikonographien, aber sie schreibt, sind weder Buchstaben noch Ziffern, son­
dieses Versprechen der Goerhezeit dürfte die Leerstelle dern physikalische Abbildungen physikalischer Prozesse.
geöfti:iet haben, in die hinein dann ausdrückliche Nicht­ Damit aber wird all das Unvorhersehbare, über das andere
dichter und Nichtphilosophen im Lauf des Jahrhunderts Kulturen nur reden konnten - vom Wetter über den Krieg
technische Analogspeicher entwickelten. Aus meßtechni­ bis zur Erde -, der Berechnung und Steuerung zugänglich.
schen Verfahren der neuen experimentellen Physik, die als Aber gerade weil die Analogmedien schlicht sequenzielle
Schreiben zum ersten Mal auch das völlig undisziplinierte Speicher von Zeitereignissen sind, provozieren sie selber
Kritzeln einer sogenannten Natur- selber zuließen, ent­ Zugriffsprobleme, die technisch gesprochen einen wahr­
standen Photographie und Film zur Speicherung von haften Rückfall hinter den Bücher- und Bibliotheksstan­
Gesichtern, Phonographie und Grammophonie zur Spei­ dard darstellen. Jeder, der einmal im längst verflossenen
cherung von nichtalphabetischen Geräuschen. Vinylzeitalter beim Auflegen eines bestimmten Grammo­
Über die Massenwirksamkeit dieser Analogmedien, die phonstücks unfreiwillige Kratzer produziert hat, weiß,
ein unvordenkliches Schriftmonopol gebrochen haben, ist wie schwierig die Indizierung eines solchen akustischen,
kein Wort zu verlieren. Es sei genug mit zwei Hinweisen also stetigen Datenflusses ist. Schallplatten sind, im
- einerseits auf ihre unerhörte Effizienz der Datenerfas­ PC-Licht besehen, Massenspeicher ohne Arbeitsspeicher.
sung, andererseits aber auch auf ihre selbstgeschaffene Einerseits liegt die ganze Magie der Analogmedien in die­
.
Problematik der Adressenerfassung oder Indizierung. ser Stetigkeit, die das Reelle nicht erst wie Digitalcompu­
Die westliche Welt, wie es in den USA so schön heißt, ter in alphanumerische Stücke oder Codeblöcke über­
scheint an den Analogspeichern jenes einzigartige Macht­ führen muß, sondern in all seiner Kontingenz belassen
mittel zu haben, das sie von allen anderen Kulturen unter­ darf. Andererseits schließt der abendländische Begriff von
scheidet. Zum ersten Mal seit Menschengedenken ist die Kunst prinzipiell die Möglichkeit ein, einen kontingenten
Speicherung von Zeitereignissen nicht mehr genötigt, Datenfluß durch wahlfreie Zugriffe außerhalb der linea­
diese Ereignisse �rst in die Systematik und das heißt ren Zeitachse nach Anfang, Mitte und Ende zu struktu­
Periodizität eines symbolischen Codes zu pressen, der rieren (wie schon die Poetik von Aristoteles formulierte).
ihre K'?ntingenz geradezu austreibt. In Analogmedien Ans Ende vorlaufen, vom Ende her auf den Anfang
greift vielmehr, wie der Erfinder des Photokopierverfah­ zurückkommen und ihn dem lediglich geplanten Ende
rens es nannte, die Natur selbst zum Bleistift. Und was anpassen können - all diese Operationen, die eine Zei-

60 MEM.ORIES ARE MADE OF YOU 61 MEMORIES ARE MADE OF YOU


r
chenkette überhaupt erst mit logischer Tiefe43 ausstatten, fachste Arbeitsprinzip abgemagerten Schreibmaschine,
sind Analogmedien von Hause aus verschlossen, wenn sie dieser für die Moderne elementaren Schnittstelle zwi­
nicht mit Zwischenspeichern und Löschmöglichkeiten schen Mensch und Maschine, entstanden sein soll. Und
ausgebaut worden sind. Der ganze Unterschied zwischen wenn die Schreibmaschine sozialhistorisch die Funktion
Schallplatte und Kassettenrekorder, zwischen Fernseh­ gehabt hatte, erstmals die Frauen ins klassische Männer­
sendung und Videogerät läuft ja darauf hinaus, daß nur geschäft der Textproduktion und Textspeicherung ein­
der Rekorder und das Videogerät Knöpfe mit den Etiket­ zubeziehen (wobei die mnemotechnisch fundamentale
ten Stop und Erase, Rewind und Forward haben. Folglich Etfindung des T ippex übrigens einer Frau, Bette Nesmith
hat auch erst die Tonbandmaschine (und nicht schon die Graham, zu verdanken ist), so hat die Turingmaschine
Schallplatte) eine Musik möglich gemacht, die auch ohne (wie das von Turing ersonnene lmitationsspiel ausdrück­
Notennotation wie in der Überlieferung dennoch publi­ lich macht) diese Geschlechterdifferenz gleich wieder
kumswirksam ist: den Pop im Gegensatz zum Jazz, dieser eingeebnet. Laut Turing sind universale Maschinen eben
reinen und das heißt effektvergessenen Schallplatten­ dadurch definiert, daß sie die Operationen beliebiger
apotheose. anderer Maschinen speichern und lesen, also deren Pro­
Mit , ander�n, weniger drastischen, historisch aber ent­ gramm ausführen können, wobei der Unterschied zwi­
scheidenden Worten: jede Speichereinrichtung mit Stop, schen Ausführung und Imitation hinfällig und das Kon­
Erase, �ewind und Forward ist eine Turingmaschine. zept der Programmspeicherung zum Passepartout wird.
1936, also knapp acht Jahre vor dem Einssatz des ersten Das einzige Handicap der universalen diskreten Maschine
einsatz- oder kriegsbereiten Computers, hat Alan Turing inTurings mathematischer Prinzipschaltung war ihre Um­
gezeigt, daß alle mathematisch entscheidbaren Probleme ständlichkeit. Weil die Turingmaschine alle komplexen
von einer Papiermaschine durch Beschriftung und Lö­ Operationen in den elementaren Akt des Setzens oder
schung, Speicherupg und Verrückung eines eindimensio­ Löschens eines einzigen Zeichens auflöst, muß sie zahl­
nalen Papierbandes aus diskreten Feldern lösbar gemacht lose Operationen seriell oder sequenziell ausführen, um
werden können. Ob diese Papiermaschine als Mensch mit wenigen, aber parallel ablaufenden komplexen Opera­
oder als Elektronenrechner herumläuft, ist dabei voll­ tionen mithalten zu können. Die Turingmaschine, mit an­
kommen gleichgültig. Weshalb die Turingmaschine denn deren Worten, setzt historisch die Tradition von Zettel­
auch, wenigstens der Legende nach, aus einer aufs ein- kästen, Lochkarten und Schreibmaschinen fort, nicht aber

62 MEMORIES ARE MADE OF YOU 63 MEMORIES ARE MADE OF YOU


die neuzeitliche Tradition lichtschneller Übertragungs­ umständliche Prinzipschaltung denn doch noch lauffähig
medien von der Telegraphie bis zu Funk und Fernsehen. geworden. Und das Ganze wahrscheinlich, um uns das
Es scheint erst das Geheimnis des Zweiten Weltkriegs - Paradox eines Gedächtnisses zu bescheren, das den alten
und näherhin der Geniestreich John von Neumanns bei horazischen Traum vom monumentum aere perennius liqui­
der Atombombenentwicklung- gewesen zu sein, die Um­ diert, einfach weil es nur mehr aus vollkommen instabilen,
ständlichkeit der EDV mit der Arbeitsgeschwindigkeit aber elektronenschnellen Übertragungsvorgängen besteht.
von Nachrichtentechnik oder Digital Signal Processing Lacan hat in einer seiner Vorlesungen den Studenten ein­
vermählt zu haben. Die heutigen PCs (um endlich auf mal drastisch vorgeführt, was dieser postmoderne Zu­
den Anfang zurückzukommen) haben ihre logischen sammenfall der drei Funktionen Übertragen, Speichern
Standards alle vom Reißbrett der International Busi­ und Verarbeiten in einem perfekt dynamischen Speicher­
ness Machine Corporation, die als Lochkartenfirma aus system besagt: Man braucht, um Botschaften dem Ver­
den austro-amerikanischen Volkszählungen des späten gessen zu entziehen, keine Briefe oder Bücher mehr her­
19· Jahrhunderts hervorgegangen ist und schon deshalb im zustellen, sondern schickt von Paris nach Le Mans ein
ZweitenWeltkrieg nicht das mindeste Interesse an Mikro­ Telegramm mit dem Inhalt oder Befehl, es von Le Mans
sekundenmaschinen zeigte, während die elektronischen nach Tours, von Tours nach Sens, von Sens nach Fon­
Standards der PCs alle vom Reißbrett der Weltkriegs­ tainebleau, von Fontainebleau wieder nach Paris und so
techniker mit ihrem Geschwindigkeitsrausch stammten: weiter und so weiter endlos kreisen zu lassen.46 In der
John von Neumann hatte den Grundgedanken der nach elektronischen Signalverarbeitung, die wesenrlich aus sol­
ihm getauften Computerarchitektur, als er Atombomben­ chen Rückkopplungsschleifen besteht, fallen die Daten
explosionen im Nanosekundenbereich plante und dabei also mit bloßen Adressen und die Adressen mit Befehlen
erkannt haben muß, daß auch und gerade sequenzielle zusammen. Das Gedächtnis ist tautologisch geworden
Maschinen, wenn sie nur mit Atombombengeschwindig­ und speichert nur mehr seine eigene Technologie. Die
keit arbeiten, paiallelen Maschinen überlegen sein kön­ Folgen für diejenigen, die seit der Goethezeit in einem
nen.44 Ganz entsprechend hatte William Shockley, der emphatischen Wortsinn Menschen heißen, sind evident:
dann 1948 den Transistor als Grundbaustein aller Halb­ Wir haben nicht nur, seit Hegel, das Vergessen gelernt,
leiterspeicher erfand, den Weltkrieg als Cheftheoretiker sondern auch noch, seit Nietzsches Unzeitgemäßen Be­
der Bombardierung Japans verbracht.45 So ist Turings trachtungen, das Vergessen dieses Vergessens.47 Der letzte

64 MEMORIES ARE MADE OF YOU 65 MEMORIES ARE MADE QF YOU


Mensch blinzelt, weil er dieses - einst ja nur den Tieren Beweis aber auch seinen Privatbesuchern näherzubringen,
vorbehaltene - Glück erfunden oder wiedergefunden stellte Shannon in seiner Studentenbude einen kleinen
hat.48 schwarzen Kasten auf, also eine Black Box, wie sie dann
Die größte amerikanische Signalverarbeitungsfirma, Ame­ im Zweiten Weltkrieg bei der Erbeutung explosions­
rican Telephone and Telegraph (AT&T), unterhielt bis gefährdeter Feindgeräte berühmt werden sollten. Diese
vor kurzem ein wissenschaftliches Labor, das zur höheren Black Box trug außen einen einzigen Schalter, der zwi­
Ehre des Telephonerfinders Alexander Graham Bell Bell schen zwei Beschriftungen oder Etiketten hin- und her­
Labs hieß. Der Mathematiker und Ingenieur nun, der die geschaltet werden konnte. Wenn der Besucher ans Gerät
Bell Labs in der Zwischenkriegszeit leitete, ein gewisser trat, stand der Schalter selbstredend auf Off, was aber den
Hartley, soll in späten Jahren eine ausgewachsene Alters­ Spieltrieb sofort dazu verführte, ihn auf On umzulegen.
depression entwickelt haben: Hartley kam nicht mehr Daraufhin öffnete sich der Deckel des Geräts, eine Art
über die Tatsache hinweg, daß die meisten mathemati­ primitiver Roboterhand suchte sich den Weg aus der Öff­
schen Operationen im Ergebnis für das Vergessen ihrer nung, irrte eine Weile durch die Luft, senkte sich schließ­
eigenen Operanden sorgen. Niemand sieht einer Summe lich ab und suchte an den Gerätewänden nach jenem ein­
von 10 mehr an, ob ihre beiden Summanden 8 + 2 oder zigen Schalter. Kaum hatte die Hand ihn gefunden, legte
7 + 3 waren. Bei Quotienten, Produkten, Potenzen usw. sie den Schalter wieder auf Off um, schlug den um­
steht es nicht besser. (Nur einige wenige Funktionen wie gekehrten Weg zurück in die Black Box ein, schloß den
etwa Fourier-Integrale haben oder sind mathematisches Deckel über sich und brachte die Turingmaschine damit
Gedächtnis.) in ihren Haltezustand - wenigstens bis zum nächsten
Aber während Hartley in seinen Depressionen versank, Spieltriebanfall des nächsten Shannon-Besuchers.
kam ein neuer, abenteuerlicherer Ingenieur zu den Bell Daß dieses primitivste aller Gedächtnisse, wie eine Ma­
Labs: Claude Elhrood Shannon, der Mann, auf den alle schine es für ihre endlich vielen Schaltzustände hat, das
mathematische I.;formatik zurückgeht. Als junger Stu­ Geheimnis von Gedächtnis überhaupt ist, heißt die bit­
dent führte Shannon den Beweis, daß die simplen elek­ tere, aber endgültige Antwort unseres Jahrhunderts auf
tromechanischen Elemente jeder Telegraphenstrecke, also die ehrwürdige Frage, was die Materialität von Medien
Kabel und Relais, imstande sind, die gesamte mathe­ ausmacht.
matische Logik digital zu implementieren.49 Um diesen

66 MEMORIES ARE MADE OF YOU


M EINE THEORIE IST GAR NICHT Zeichen beginnt wirklich mit der Schreibmaschine, die
SO LEBENSVERBUNDEN, die Handschrift ab 1870 nicht nur.im Druckgewerbe, was
UM ÜBER ALLES ZU REDEN ja eine sehr öffentliche Angelegenheit geblieben war, son­
Gespräch mit Peter Weibel (1992) dern an jedem einzelnen Arbeitsplatz und Schreibtisch
abgelöst hat, während der Computer diese Standardisie­
rung der Zeichen auf radikale Weise fortsetzt. Er stan­
dardisiert nicht nur die Zeichen, sondern analysiert auch
ihre Menge, bis sich frei nach dem Motto der Telegraphie
herausstellt, daß zwei Zeichen schlechthin hinreichen.
Die 26 Buchstaben plus Spatium als Minimalausstattung
einer Schreibmaschinentastatur, die ja in Remingtons An­
fängen noch ohne Großbuchstaben auskommen mußte,
Wie würdest du den Unterschied zwischen Schreib1naschine schrumpfen dann auf das Zeichenpaar »o« und »I«. Diese
und Computer bezeichnen?
Binarisierung aber eröffnet ganz neue Speicher- und Ver­
Bevor man auf die Unterschiede zu sprechen kommt, ist arbeitungsmöglichkeiten. Denn solange man bei einer
erst einmal dieser triviale, aber nicht ganz unnötige Satz zufällig aufgerafften Menge von soundso viel griechischen
zu sageni daß es mehr Gemeinsamkeiten zwischen den oder lateinischen Buchstaben stehenbleibt, sind Opera­
beiden Geräten gibt, als gemeinhin bekannt ist. Wenn es tionen immer nur möglich als Gliederung eines chaoti­
stimmt, was Andrew Hodges erzählt, daß der arme kleine schen Bereiches jenseits von Schrift - etwa der Stimme.
Junge Alan Turing, Erfinder aller Computer, eine so Die Buchstaben selber können im Ernst nicht mehr mit­
schlechte Handschrift und mit ihr auf englischen Public einander interagieren, sondern sie sind so, weil sie histo­
Schools keinerlei f:rfolgschance hatte, resultiert das Kon­ risch so geworden sind. Demgegenüber lassen sich die
zept der ersten Universalen Diskreten Maschine unmit­ zwei Schreibzustände, die das physikalische Korrelat der
telbar aus den gescheiterten Schreibmaschinenentwürfen, binären Zeichen »o« und »I« abgeben, wieder mitein­
die Turing mit 14 Jahren machte. Diese Anekdote läßt ander rückkoppeln, was man sich bei Buchstaben über­
schon erkennen, wie nahe beieinander die Dinge liegen: haupt nicht vorstellen könnte. Was hieße es, »a« und
Die totale Durchstandardisierung der Schrift und ihrer »b« miteinander rückzukoppeln? Man kann aber sehr

68 GESPRÄCH MIT PETER WEIBEL 69 GESPRÄCH MIT PETER WEIBEL


wohl »o« und »I« als Sequenz miteinander rückkoppeln. men, brachte Edison bekanntlich 1877 zur Erfindung
Daraus folgen all jene Unterschiede, die dafür gesorgt eines ersten Grammophonvorläufers, des Phonographen.
haben, daß die Schreibmaschine und alle anderen Schrift­ Insofern ist durch Mißbrauch von Geräten prinzipiell
systeme eben lediglich Speichermedien sind und bleiben, immer eine Möglichkeit gegeben, mit Dingen anders
wohingegen der Computer über Speicherungsfunktionen als bloß textuell umzugehen. Und das Paradoxe bei der
hinaus auch die Funktionen der Übertragung und der computerisierten Erzeugung von Bildern oder Sounds ist
Berechnung von Daten, also ihre Berechnung und Mani­ wohl, daß erst andere Medientechnologien kategoriale
pulation übernimmt. Leichtsinnig könnte man sagen, er Umsrürze oder Revolutionen im Begriff von Bild oder
ist eine Schreibmaschine, die nicht bloß schreibt, sondern Geräusch bewerkstelligen mußten, bis es möglich wurde,
sich auch selbst liest. daß der Computer als solcher zur Bildproduktion antrat.
Revolution soll dabei heißen, daß man auch die Bilder
Kann man sagen, daß diese Standardisierung auf zwei Werte
aber auch gleichzeitig eine Universalisierung bedeutet hat? Mit
nach dem Modell der Buchstaben erstmals in der Ge­
der Schreibmaschine konnte ich ja nur Text erzeugen, mit dem schichte als Mengen von endlich vielen Elementen auf­
Computer auch Bilder. Sind Bild und Text aber nur Codes, die gefaßt hat, also als Cantorscher Staub und dergleichen.
einem universalen binären Code unterworfen sind und kann Bezeichnenderweise war Georg Cantor mit seinen mathe­
ich dadurch mit dem Computer nicht nur Texte, sondern auch
matischen Punktmengen ein Zeitgenosse der Pointilli­
Bilder erzeugen?
sten, die Bilder gleichfalls in Punkte auflösten, und des
Das ist eine schwierige Frage, wenn man neben der heute Physikstudenten Paul Nipkow, der am Weihnachtstag
so faszinierenden Bildgenerierung auch die Sounderzeu­ 1884 in seiner Berliner Bude das Prinzip des Fernsehens
gung nicht übersieht, die ja mittlerweile ebenso perfektio­ als einer diskreten Abtastung von Bildern entwickelt hat.
niert wie vergessen scheint. Zum Beispiel hat schon der Das war der Film ja noch nicht geweseni weil er zwar zwi­
uralte Telegraph, per im 19· Jahrhundert auf perforierten schen den einzelnen Aufnahmen Schnitte machte, aber die
Bändern mit Löchern, Strichen usw. lief, Musik gemacht, einzelnen Aufnahmen doch noch als Kontinua, als reelle
wenn man die Bänder nur schneller ablaufen ließ, als Zahlen aufnahm und wiedergab. Deshalb hat eigentlich
Menschen schreiben oder lesen konnten. Genau diese erst die Revolution, die reelle Zahlen mit ihren unendlich
Tatsache, daß Telegraphenapparate dann in unterschied­ vielen Kommastellen durch abzählbare Mengen ganzer
lichen Frequenzen und Tonhöhen summen oder brum- Zahlen ersetzte, die moderne Bildermanipulation ermög-

70 GESPRÄCH MIT PETER WEIBEL 71 GESPRÄCH MIT PETER WEIBEL


licht. John von Neumanns großartiger Hinweis, daß die praxis des Sehens schlägt der gesamten europäischen Seh-
,
Messungen reeller Zahlen und analoger Computer immer weise seit Platon ins Gesicht.
mit Rauschfehlern behaftet sind, wohingegen der Run­ Würdest du sagen, daß im 19. Jahrhundert, vom Pointillismus
dungsfehler bei digitalisierten Zahlen beliebig klein ge­ bis zur Reproduktionstechnik, schon grundlegende Vorarbei­
macht, das Rauschen also gegen Null gebracht werden ten zur Alphabetisierung des Bildes gemacht worden sind, das
kann, scheint die theoretische Basis dafür, daß es heute heißt daß man versucht hat, das Bild auch in Einzelpunkte zu
zerlegen wie vorher ·die Schrift in Buchstaben, und daß schon
so etwas wie Imaging gibt. Und die CDs sind der erste
vor 1900 das Terrain zur Mathematisierung des Bildes vor­ 1
historische Effekt der Tatsache, daß man durch Zer­
bereitet wurde? !
hackung, also durch Verunstaltung von Signalen bessere
Signale erzeugt als durch diese analoge Treue, die das Ja. Die Prinzipien wurden damals aufgestellt, auch wenn
Grammophon zeitlebens gewahrt hat. einige Gleichungen oder Algorithmen der digitalen Bild­
verarbeitung keine zehn Jahre alt sind. Und vielleicht
Ist für dich dann der Computer der erste Schritt_ zu einer mußte noch etwas dazukommen, was seit 1917 in der
Standardisierung des Sehens wie vorhin die Schreibmaschine
Theorie zirkuliert, aber erst durch Norbert Wiener wahr­
zur Standardisierung der Schrift?
haft berühmt geworden ist, nämlich die Rückkopplung
Ja, die Bilder sind der letzte Schritt. Man kann die Pixel­ als Möglichkeit, Bilder auf Bilder zurückzuführen oder
welt am Fernsehen als Vorbereitung auf den Computer die mathematische Repräsentation eines Bildes wieder
auffassen oder meinetwegen auch das wohl erst im auf das Bild anzuwenden. Man kann seitdem Bilder von
19. Jahrhundert erfundene Prinzip des Dithering in der Bildern berechnen, zum Beispiel ein Bild mit sich selbst
Druckgraphik. Lange bevor die Computer anfingen, autokorrelieren oder einer Fourier-Transformation unter­
Punkte zu mischen, weil sie für Photorealismus noch ziehen. Das scheinen die wirklich neuen Möglichkeiten
nicht genügend F\lrben hatten, haben ja schon die Gra­ zu sein, die das Bild im Unterschied zur Tradition nicht
phiker, vor allem die Photozeitungsreproduktionstechni­ mehr als Gegebenheit, als Datum behandeln, sondern als
ker des 19. Jahrhunderts diesen Begriff von Pixeln ent­ Zwischenstadium in einem mathematischen Prozeß.
wickelt, also einfach Graupunkte eingesetzt, die, mehr Ich glaube auch, daß die Subjekt-Objekt-Trennung beim Com­
oder minder zufällig verteilt, aus der Entfernung betrach­ puter noch viel unschärfer ist als bei der Schreibmaschine. Eben
tet dann doch ein Gesicht ergeben. Aber diese Theorie- wenn das Bild sich selbst schon beschreibt oder ein Bild vom

72 GESPRÄCH MIT PETER WEIBEL 73 GESPRÄCH MIT PETER WEIBEL


Bild machen kann, wird da das Bild sein eigener Beobachter? der Schreibmaschine war das ja nicht der Fall. Mit der Com­
Und tangiert das auch unsere eigene Beobachtung, wie wir dem putertechnologie wird das Bild durch den bloßen Akt des
Bild gegenüberstehen? Beobachtens verändert. Es gibt diese Möglichkeit, daß dieser
Beobachterzustand elektromagnetisch gespeichert wird und
Ja. Keine der traditionellen Maschinen hat eben alle
sofort wiederum das Bild beeinflußt.
menschlichen Funktionen ergänzen oder supplementieren
oder ersetzen können, sondern alle waren Teilaspekte, Willst du sagen, der Beobachter beeinflußt das Bild?
wenn man das überhaupt noch anthropologisch oder an­ Ist möglich, ja.
thropomorph betrachten darf, was ich nur zögernd tue.
Erst der Computer ist ein selbstgesteuertes System, ein Das zu implementieren, indem man eine Schreibmaschine

Subjekt im kantischen Sinn, mit allen möglichen »Ver­ als Fußboden auslegt, ist vielleicht machbar, aber ich
glaube nicht, daß das der Normalfall ist, es sei denn jetzt
mögen« des sogenannten Menschen ausgestattet. Er
bringt es bei der Bildanalyse bis zur Urteilskraft, sogar in den Virtual Realities, wo die Augenbewegungen selber

bis zur reflektierenden. Eben darum verschwinden wir als abgetastet werden.

Subjekte ziemlich vollständig. Die Programme werden Das meine ich. Was bedeutet das jetzt für dich, für deine
mehr und mehr sich selbst steuern und alle Tendenzen, Theorie?
die jetzt auch und gerade in der Computerpraxis dahin
Ich war noch nie in einer Virtual Reality und bin auch
gehen, die textbezogenen Kommandozeilen und Befehls­
nicht besonders gierig darauf hineinzustürzen. Was be­
logiken durch bildgesteuerte Programme - vom grauen­
deutet das für meine T heorie? Meine T heorie ist gar nicht
haften Windows unter DOS bis hin zu X Window unter
so lebensverbunden, um über alles zu reden.
UNIX - zu ersetzen, erzeugen ja als Bilder einen der­
art dichten Vorhang vor dem, was immer noch Zeichen­ Oder sagen wir so, für die Schnittstelle, für die Theorie der
Schnittstelle, was bedeutet das für dich?
system im Inneren der Schaltkreise ist, daß die Benutzer
mehr oder minder :iu Haustieren degradiert werden, denn Ich würde fast vermuten, daß bei diesen Abtastungen der
durch eine graphische Benutzeroberfläche kommt man berühmten Augenbewegungen oder Ophtalmokinesen,
einfach nicht mehr zum System-Code durch. auf denen ja schon Husserl seine ganze T heorie der
Was bedeutet das für dich in der Theorie, daß das Bild und menschlichen Wahrnehmung aufgebaut hat, eben nicht
der Beobachter sich gleichzeitig und gegenseitig verändern? Bei mehr der Mensch der Beobachter ist, sondern zum ersten

74 GESPRÄCH MIT PETER WEIBEL 75 GESPRÄCH MIT PETER WEIBEL


Mal der Beobachtete wird. Seine eigenen Beobachrungs­ Projekt der Modeme ist im wesentlichen ein rüstungs­
akte, also Augenbewegungen werden ihrerseits von Sen­ technisches und nachrichtentechnisches Projekt, und
soren beobachtet, die direkt vor dem Auge sitzen und wenn es sich in so hübsche Formeln wie Demokratie oder
dessen Bewegungen an die Maschine zurückmelden, wo­ kommunikativer Konsens kleidet, dann umso besser für
raufhin die Maschine erneut reagieren kann. Augen und die Leute, die das glauben.
Mund, die ja weithin als letzte Refugien der sogenannten
Wie erklärst du dir dann diesen ideologischen Widerstand
Intimität gelten, werden also eingespeist in eine Rück­
gegen die Maschine im Projekt der Moderne? 1839 hat Fox
kopplungslogik, die nicht unsere, sondern die der Ma­
Talbot gesehen, daß die Maschine jetzt auch das Bild selbst
schine ist. Der Effekt von virtuellen Realitäten wäre nicht macht (»it is the picture that makes itself«). Er schreibt wort­
so schwindelerregend, wenn wir nicht merken würden, wörtlich: »Same Account of the Art of the Photogenie Draw­
daß wir jetzt plötzlich gesehen werden von etwas, was wir ing, or, the Process by which Natural Objects May be Made to
im alteuropäischen Sinn als Subjekt oder Person nicht Delineate themselves without the Aid of the Artist's Pencil«.

anerkennen können und das trotzdem ständig zeigt, daß Abe� 1844 hat er seinem Buch den Titel The Pencil oj Nature
gegeben statt »The Pencil of Machine«. Er konnte nicht zu­
es, ohne sich selbst zu zeigen, uns sieht.
geben, daß der Künstler ersetzt wird durch eine Maschine.
Das heißt, für dich ist es eine Art weitere Verselbständigung der Aber die Selbständigkeit der Maschine war der Beginn des Pro­
Autonomie der Maschine? jektes der Moderne; sie hat diese ganze Logik der Autonomie,
der Unabhängigkeit von Form und Farbe usw. in Gang gesetzt.
Ja. Ich bin paranoisch, wie man weiß. Trotzdem versucht der Kulturbetrieb, die Maschine aus der

Wie würdest du das im Zusammenhang mit dem berühmten Kunst herauszuhalten. Was sind das für Ängste, daß die Leute

Projekt der Moderne sehen, diese Verselbständigung der Ma­ eben nicht sehen, daß das Projekt der Moderne auch mit einer

schine, der Autonomie der Maschine? Revolution der Maschine angefangen hat? Woher kommen
diese Widerstände?
Dies berühmte »Projekt der Modeme« habe ich mir
1
immer übersetzt als Projekt, das totale Projektil herzu- Ich würde das ziemlich instirutionsgeschichtlich beant­
stellen. Deshalb fahren wir ja am 3. Oktober 1992 nach worten, nur daß über die betroffenen Institutionen noch
Peenemünde, um die V 2 als Projektil aller Projektile zu viele Recherchen notwendig sind. Vorderhand nehme ich
ihrem 50. Geburtstag zu beglückwünschen. Um es mit an, daß im 18. und 19· Jahrhundert der Konflikt zwischen
Thomas Pynchon, dem Romancier der V 2, zu sagen: Das den neuen Ingenieurswissenschaften einerseits, die ja

76 GESPRÄCH MIT PETER WEIBEL 77 GESPRÄCH MIT PETER V/EIBEL


r
weitgehend, wie etwa die Ecole Polytechnique in Paris, Das finde ich auch zentral, dieseThese, daß die Technik selbst
Sprache ist und Sprache selbst schon eine Technik ist. Könn­
aus militärischen Gründen ins Leben gerufen wurden, um
test du das noch ein bißchen ausführen?
die faktische Arbeit der Modernisierung zu leisten, und
andererseits den Universitäten, die weiterhin zumindest Wir können natürlich irgendwo eine Eiszeitursprache an­
über ihre Lohnschreiber die Öffentlichkeit besetzt hiel­ nehmen, die lediglich ein vergehender Hauch der Stimme
ten, so heftig tobte, daß es für diese neuen Praxiswissen­ war, »ein Dasein, das verschwindet, indem es ist«, wie
schaften ganz schwierig war, das ihrer Leistung angemes­ Hegel es genannt hätte: diese reine Stimme, die sofort
sene kulturelle Standing zu erlangen. In Deutschland etwa abbricht, weil kein Grammophon sie auffängt. Aber
mußte erst Wilhelm II., dieser vielgeschmähte und sehr eigentlich glaubt heute niemand mehr, daß es irgendwo
technikbegabte Kaiser, mit äußerster Gewalt dafür sorgen, die spontane Sprache am Anfang gegeben hätte, sondern
daß die T H Charlottenburg ab 1900 Promotionen austei­ wir sind alle überzeugt, daß zum Sprechen irgendein Zei­
len konnte. Sämtliche Universitäten Deutschlands sind chensystem, irgendein� Kritzelei, irgendein Graphismus,
damals auf die Barrikaden gegangen und haben dagegen irgendeine Schrift immer schon gehört haben muß, weil
protestiert, daß es überhaupt eine Öffentlichkeit der In­ Sprache ohne Gedächtnisstützen, sozusagen ohne paral­
genieure geben konnte. Dieser Konflikt wird wohl noch lele Speichertechniken sofort wieder von der Welt ver­
heute geschürt von Leuten, die in Frankfurt sitzen und schwunden wäre. Sofern und solange es Zeichensysteme
behaupten, daß Sprache eine Seite der Kultur ist und gibt, die diesen seltsamen Strom der Rede, der nach
Technik eine ganz andere. Sie begreifen also überhaupt Homers Wort aus dem Gehege der Lippen kommt,
nicht, daß alles, was wir jetzt bereden, Sprache und Schrei� zerschneiden und zerhacken, um ihn memorierbar zu
ben, Sprache und Schreibmaschine, Sprache und Gram­ machen in Alphabeten oder Piktogrammen oder derglei­
matik, Sprache und Codierung, ja schon Beweise genug chen, widerfährt der Sprache, von der Schrift her gesehen,
dafür liefert, daß die Sprache selber Technik oder Tech- nichts anderes, als was der bunten Vielfalt der optischen
1,
nologie im weitesten Sinn ist. Es muß ein aus der Grün- Erscheinungen widerfährt, wenn der Film sie mit seinen
derzeit überkommener Begriff von Kultur und Sprache 24 Aufnahmen pro Sekunde zerhackt. Und weil das beim

sein, der das zu sehen verhindert, besonders in Europa. Film eindeutig technisch ist, sehe ich kein Problem, die­
Da in Japan dieser Begriff nicht herrschte, sind die Dinge sen Begriff von Technik auf die Sprache zu übertragen.
viel einfacher gelaufen. Schon die Einführung des griechischen Vokalalphabets,

78 GESPRÄCH MIT PETER WEIBEL 79 GESPRÄCH MIT PETER WEIBEL


von dem wir ja ausgehen, insofern alle Schreibmaschi­ Ja. Siehst du jenseits des binären Codes neue Codes oder
nen auf diesem Alphabet, dieser virtuosen Analyse einer analoge Techniken aufziehen? Ich frage deshalb, weil es so
»natürlichen« Sprache beruhen, zeigt deutlich genug, daß schrecklich mühsam ist, obwohl mittlerweile schon viele
das Sprechen selber sich durch Einführung der Schrift Anstrengungen gemacht werden, um aus dieser primitiv­
verändert hat. Wenn also Demokratie, Philosophie, Lite­ sten aller Codierungen wieder herauszukommen.
ratur, all diese Seltsamkeiten, die den Griechen zum ersten
Das heißt, die Schrift ist dann so mächtig, daß sie quasi sogar
Mal beschert worden sind, von der Schrift ermöglicht
Bilder sein kann?
wurden und in alphabetlosen Kulturen gar nicht auf­
getreten sind, hat die Sprache an der Schrift ihr Wesen Ja. Man muß vielleicht im Sinn des toten Flusser dazu
und unter anderen Zeichencodes dann auch andere Struk­ sagen, daß die Schrift deshalb so mächtig ist, weil sie zum
turen. ersten Mal auch Bilder erzeugen kann, wo doch die Bilder
vorher immer das Andere der Schrift waren, siehe etwa
Bedeutet dann der binäre Code den Endpunkt der Schrift?
den Krieg zwischen Jesuiten und Protestanten, Camera
Es ist eher ein Wendepunkt. Es ist kein Ende. Und das obscura und Bibellektüre. Die Schrift von heute dagegen
große Problem ist ja heute, wie wir uns und unsere Zu­ kann Bilder oder Töne generieren, eben weil der Unter­
hörer und Konsumenten dazu bringen, errist zu machen schied zwischen Buchstaben und Zahlen im digitalen
mit diesem neuen Zeichensystem, statt immer nur seine Code verschwindet.
Effekte zu genießen. Meine Sorge bei den virtuellen Rea­ Das war ja immer eine seltsame Geschichte. Vermutlich
litäten ist ja, daß die Leute sich alle in die Effekte des gab es keine europäische Schrift, die nicht auch irgendwie
Computers hineinziehen lassen, während nur sehr wenige Zahlen mitgeführt hätte, sei es, daß wie im Griechischen
sich die wirklich mönchische Mühe machen, das Zei­ das Alpha als erster Buchstabe zugleich r bedeutete und
chensystem selbst zu erlernen. Diese mönchische Mühe Beta als zweiter zugleich 21 sei es wie bei den Lateinern,
namens Programrhieren wird aber leider Gottes durch daß merkwürdige Striche ein Zahlensystem vertraten,
Macht beglichen oder bezahlt, und die paar Leute, die oder schließlich wie seit dem Mittelalter, als man die ara­
Programme schreiben können . . . bischen Ziffern importierte. Aber die Trennung zwischen
Beginnt vielleicht sogar ein neues Zeitalter der Schrift mit die­ Buchstaben und Zahlen bestand eigentlich immer: Natio­
sem binären Code? nalsprachlich waren die Buchstaben, die Zahlen waren

80 GESPRÄCH MIT PETER WEIBEL 81 GESPRÄCH MIT PETER WEIBEL


international und dafür nicht aussprechbar. Jetzt dagegen irgendein Mathematiker oder Gangster hingehen und
kann zum ersten Mal ein Signal als Buchstabe oder als sagen, daß die Zahl r fortan Wurzel aus -r bedeutet,
Zahl gelesen .werden, zwar nicht von Menschen, aber von obwohl das eigentlich für altmodische Menschen über­
Computern, die wir ja sich selbst lesende Schreibmaschi­ haupt keinen Sinn macht, diese Wurzel aus -r; oder
nen nannten. Intern, auf der Hardwareebene, wird zwar man kann das Integralzeichen beschließen oder das
grundsätzlich alles als Zahl oder Signalfluß gelesen, aber Divisionszeichen ändern, wie das Leibniz gemacht hat,
auch die Repräsentation von Buchstaben durch Zahlen man kann neue Verbundsysteme aus solchen Zeichen
läßt sich machen, wohingegen die umgekehrte Repräsen­ entwickeln, man kann Indizes weglassen, was Einstein
tation von Zahlen durch Buchstaben - das, was ältere für die Tensorrechnung gemacht hat, und man kann alle
Zeiten offenbar wollten - gescheitert ist. Alphabete ausbeuten. Cantor hat zum Beispiel für seine
Aber trotzdem kann man sagen, daß der Traum von Lullus bis Mengentheorie die hebräischen Zahlen in die Mathe­
Leibniz, eine Universalsprache, jetzt existiert? matik eingeführt. Es gibt keine Schranke für solche Hier­
archiebildungen und Zeichenstiftungen mehr. Vielleicht
Sie existiert, und Leibniz hat sie uns ja auch beschert, als
ist das die erste postmoderne Erscheinung, wenn man so
binäres Zahlensystem.
will: Sämtliche Zeichensysteme aller V ölker stehen zu
Das heißt, die Buchstaben werden als Ziffern und als Zahlen­ willkürlichen mathematischen Neudefinitionen zur Ver­
system abgebildet. Dieses Zahlensystem ist wiederum im­
fügung, es ist keine Schranke gezogen, was man eigentlich
stande, Bilder zu erzeugen?
alles noch als Symbol definieren könnte, das heißt als
Die Perspektive war ja der erste Fall, wo geometrische Operator.
Systeme (noch keine algebraischen) Bilder erzeugt haben.
Ich nehme an, daß diese größere Macht der Zahlen aus Ist damit die Whorf-Hypothese erledigt, daß spezifische Spra­

ihrer unbeschrän�ten Manipulierbarkeit folgt. Bei Buch­ chen eine spezifische Welt schaffen? Denn die Welt des binären
Codes ist für alle gleich und für alle zugänglich.
staben kontrollieren wir sozusagen immer noch, was in
unseren Stimmen aussprechbar ist, und beziehen es zu­ Vielleicht gibt es kleine Akzeptanzunterschiede, wie man
rück auf die Semantik oder Syntax dessen, was wir reden sich heutzutage ausdrückt: Die vornehme, gepflegte Syn­
und was uns von unseren Eltern oder Großeltern als tax des Französischen, die ja von der Academie Frans:aise
Sprache überliefert worden ist. Bei Zahlen kann einfach zu Richelieus Zeiten und nicht erst gestern festgelegt

82 GESPRÄCH MIT PETER WEIBEL 83 GESPRÄCH MIT PETER WEIBEL


wurde, sträubt sich am massivsten gegen die Übernahme In der Schrift schon. Der klassische Fall wäre die Ein­
des Computerdenkens. Im Französischen herrschen zu führung der Umschalttaste bei der Schreibmaschine, um
viele syntaktische Abhängigkeiten, um dem Computer aus dem Universum der Minuskeln in das Universum
mit seinem agglutinierenden Prinzip, wie die Sprach­ der Majuskeln zu wechseln.
wissenschaft sagen würde, wo alles neben allem bestehen Beim Computer ist'das noch weiter getrieben. Da gibt es
darf, Eingang in eine Grammatik zu gestatten, die wesent­ ja außer der Umschalttaste für groß und klein an jeder
lich aus Exklusionsregeln besteht. Insofern, denke ich, PC- oder AT-Tastatur noch Umschaltmöglichkeiten zwi­
gibt es heute noch nationale Differenzen in der Akzep­ schen Texteingabe und Kommandoeingabe. Man drückt
tanz dieser Allgemeinheit. auf Contra! oder auf Alt, also Alternate, und der nächste
eingetastete Buchstabe gilt nicht mehr als Zeichen, das
Aber diese Metaphysik der Sprache a la Heidegger, die Spra­ einfach eine Nachricht ist, sondern als Befehl, der aktua­
che als »Haus des Seins« funktioniert ja nicht mehr im Zeit­
liter tut, was das Zeichen ist. Die Eingabe fungiert dann
alter der Technotransformation der Welt.
wie ein Speech-Act, aber einer des Computers und nicht
Man wird mich nie dazu bringen, ein Wort gegen Hei­ mehr des Menschen.
degger zu sagen. Allgemein würde auch ich sagen, daß es in der Sprache,
wenn man sie von einer fiktiven Mündlichkeit her be­
Gut, dann habe ich noch eine Frage zu dem Codeproblem. Die schreibt, eigentlich überhaupt keine solchen Stufungen
Buchstaben, die ein Wort formen, sind ja nur dann verständ­
gegeben hat. Wenn man aber von vornherein sagt, daß
lich oder haben eine Bedeutung nur für denjenigen, der diese
Sprache und Schrift einen technischen Verbund gebildet
Sprache bewohnt und sie kennt. Anders ist es, wenn ich jetzt
Französisch spreche und du diese Sprache nicht kennst, dann
haben, müßte man eigentlich zu jeder gegebenen histori­
haben diese Worte keine Bedeutung. Jetzt, bei diesem Code schen Zeit prüfen, wie ihre Umschaltmöglichkeiten funk­
meiner Installation ist es so, daß die gleiche Geste (das Treten tioniert haben. Ich denke an königliche Unterschriften
1
auf einen Sensor) 'in drei verschiedenen Welten verschiedene oder dergleichen: Die römischen Kaiser zum Beispiel
Bedeutungen hat. Ich mache immer das gleiche, ich nehme
haben eine bestimmte Zeit lang als einzige Menschen
immer das gleiche Element des Codes, nur zeige ich damit
mit roter Tinte schreiben dürfen und müssen, damit ihr
drei verschiedene Aktivitäten, drei verschiedene Formen oder
World-Modes (drei verschiedene Welten). Das war bisher in
Schreiben von vornherein eine andere Welt indizierte
der Sprache nicht det Fall. und eben das auslöste, was sie sagten. So ähnlich sehe ich

84 GESPRÄCH MIT PETER WEIBEL 85 GESPRÄCH MIT PETER WEIBEL


deine Umschaltung zwischen verschiedenen Welten als Virtual Realities wünschen würde, ist in den Augen der
eine sehr skripturale Operation. Industrie ziemlich illegitim.
Für die Gefahr halte ich, daß die Virtual Realities alle
Man könnte -vielleicht so sagen, daß eine durch die Schreib­
möglichen Ferienparadiese von den Malediven bis nach
maschine schon vorhandene latente Möglichkeit durch den
Computer enorm verstärkt wird. Nämlich, daß man nicht nur Madagaskar simulieren werden, aber keiner außer mir
Zugang hat zu verschiedenen Welten, sondern daß man diese wird auf den Gedanken kommen, die Innereien des Com­
verschiedenen Welten kreiert. Bei der Schreibmaschine hießen puters selbst als virtuelle Realität für den Benutzer zu
diese »world modes« immer nur Versalien oder Kleinschrei­ implementieren. Ich könnte mir das so schön vorstellen:
bung oder »Ö« und >>C<<, aber durch den Computer ist diese
Ich würde hineingehen, würde mich langsam von den
Möglichkeit ausgebaut worden, so daß man faktisch die
Hochsprachenebenen hinuntertasten bis auf die Assem­
tatsächliche Kreation mehrerer Welten schaffen kann. Nach­
dem diese aber nicht gleichzeitig alle real sein können, müssen blerebene, auf die Objektcodeebene, auf die Hardware­
sie virtuelle Welten werden. ebene, und dann könnte ich mit dem virtuellen Lötkolben
hinein in meine Maschine, wenn sie sich mir selber vir­
Ja. Die Umschaltung zwischen Welten ist schon neu. Die
tuell repräsentieren würde, und schließlich könnte ich
Umschaltbarkeit als Prinzip sozusagen von Metasprache
gewisse Optimierungen ganz unten mit dem Lötkolben
und Objektsprache habe ich mit meinen Beispielen jetzt
vornehmen. Vielleicht käme ich ja nie wieder zurück, weil
etwas weiter zurückzuverfolgen versucht. Aber daß das
ich auch einen fatalen Kurzschluß hätte auslösen können,
ins Unendliche hinein wuchern kann, ist erst mit unseren
woraufhin die Maschine mit mir selbst als Benutzer zu­
Rechenkapazitäten möglich.
sammenbräche; aber wenn ich Glück hätte, könnte ich
Siehst du da eine Gefahr für dich, in diesem Wuchern virtuel­ wirklich an der Maschine etwas ändern.
ler Welten?
Aber leider halte ich diesen Traum für absolut kontrain­
Es gibt da eine Gefahr . . . Ich habe auch eine recht präzise diziert angesichts der momentanen Industriestrategie, die,
Vorstellung von d�m, was virtuelle Welten sein sollten wie gesagt, darauf setzt, die Differenz zwischen Program­
für mich. Ich komme ja vom Lötkolben her und habe mierern und Benutzern zu verewigen: Auf der einen Seite
meine ersten Intel-Computer-Chips selber zusammen­ die Leute, die den Code kennen und schreiben können,
gelötet, auf ziemlich illegitime Weise in den Augen von auf der anderen Seite die Leute, die bloß seine Effekte
Intel, obwohl mein Wildwuchs lief. Auch was ich mir von als psychodelische Räusche wahrnehmen. Ich sähe diese

8 6 GESPRÄCH MIT PETER WEIBEL 87 GESPRÄCH MIT PETER WEIBEL


Differenz gerne abgebaut, weil man allmählich unter die­ ScHRIFT UND BILD
sem Computeranalphabetismus leidet. Aber letztlich gibt IN B EW E G U N G
es, glaube ich, ein logisches Problem mit diesem Traum
selber. Der Computer, müßte man wohl sagen, kann wie
alle anderen Systeme nie reflexiv sein. Es würde die Re­
chenkapazität jedes denkbaren Computers übersteigen,
seine eigene Hardware noch bis zum kleinsten Element
für uns zu repräsentieren, er müßte sich mehr als ver­
doppeln, er müßte sozusagen unendlich sein, um eine Ab­
bildung seiner eigenen endlichen Kapazitäten zu geben.
Das kann er aber nicht, also bleibt immer ein blinder
Fleck in der ganzen Maschinerie. Und dieser blinde Fleck Vermutlich erst heute, unter hochtechnischen Bedingun­
läßt sich eigentlich nur durch Geschwindigkeitssteigerun­ gen, sind Schrift und Bild in derselben Bewegung. Sie
gen wegzaubern, aber nie beseitigen. lassen sich innerhalb von Computern und über das Netz
auch zwischen Computern mit Geschwindigkeiten über­
Ich sehe die Zukunft so: In der modernen Kunst bedeutet die
tragen, die beide, Schriften und Bilder, aber nur ihrer
Abstraktion die Abschaffung der externen Referenz. Dann
folgte die Abschaffung der internen Referenz, auf die Seele.
Verwandlung in Zahlen verdanken.
Schließlich konnte die Maschine eben mit sich selbst sprechen. In historischen Zeiten war das anders. Die Bilder der
Götter, wenn sie nicht bloße Votivgaben darstellten, ver­
Ich glaube nicht, daß das kommt, daß die Autoreferenz körperten die Macht eines Unsterblichen schon durch
eingeführt würde. Alle möglichen Fremdreferenzen wer­ ihre schiere Größe. Nur mit höchstem rituellen, aber
den eingeführt werden. Computer werden so tun, als ob auch technischen Aufwand war es daher möglich, Götter­
sie riechen, duften\· singen und sonstwas. Sie werden nie statuen zu bewegen. In einem assyrischen Keilschrifttext,
so tun, als ob sie rechnen. Aber genau das würde ich wün­ der auch als Stiftungsurkunde aller Computeranimation
schen: daß sie ihr eigenes Rechnen zugänglicher machen. und Computerrobotik lesbar ist, steht geschrieben, wie
der Stadtgott nicht nur nach der ersten Aufstellung seines
Standbildes, sondern in rituellen Abständen eine Mund-

89 SCHRIFT UND BILD IN BEWEGUNG


waschung erfuhr, die seine Redegabe erwirken oder doch zu sem. Götterstatuen brauchte nicht mehr der Mund
erneuern sollte. g�waschen zu werden, nur damit sie reden konnten; ihre
Im allgemeinen dagegen teilten Bilder und Statuen das Befehle ließen sich auch in Alphabete einfangen. Die
Los aller Inschriften, die mit ihrer Architektur, solange sie Thora zog in ihrer Bundeslade mit dem Volk Israel von
nicht zu Staub zerfallen ist, unlöslich verbunden bleiben. Wüste zu Wüste. Der Koran wurde von denselben Kame­
Dagegen scheint mittlerweile gesichert, daß die ältesten len transportiert, mit denen der Islam - in einem Blitz­
Schriften im Zweistromland gar keine Laute irgendeiner krieg, den nur Hegel begriffen hat - den ganzen Raum
Sprache vertraten. Sie waren Zahlzeichen und dazu be­ zwischen Merw und Granada überrannte. Und schließ­
stimmt, zusammen mit den von ihnen selbst abgezählten lich sind die Briefe, mit denen der Heidenapostel Paulus
Gütern auf weite Handelsreisen zu gehen, ihre Beweg­ das Imperium Romanum zu missionieren begann, ver­
lichkeit im Raum also nachgerade zu symbolisieren. mutlich auf jener Post befördert worden, die als Schöp­
In diesem Gegensatz zwischen Verortung und Bewegung fung des Augustus mit dem Imperium und seinem Be­
lag aber, wie der Medienhistoriker Harold Irrnis schon fehlsfluß infrastrukturell zusammenfiel. Aber auch nach
1950 gezeigt hat, der ganze Unterschied zwischen Athen dem Untergang dieses Imperiums, der schlichtweg aus
und Jerusalem. Wenn wir (nach Derridas Wort) noch dem Zusammenbruch seines Cursus publicus entsprang,
immer eine Grätsche zwischen Athen und Jerusalem konnte die frühmittelalterliche Klosterkultur das christ­
machen, dann auch zwischen Ackerbauern und Viehzüch­ liche Missionswerk fortsetzen. Alle Mönche, die nach
tern. Die elfenbeinerne Athene Parthenos auf der Akro­ einem Befehl Cassiodors antike Manuskripte abschreiben
polis gab mit ihrer goldenen Lanzenspitze den Schiffern und das hieß mit jedem auf Tierhaut kopierten Wort
zwar schon beim Kap Sunion zu sehen, wohin sie ihre dem Satan eine Hautwunde zufügen mußten, blieben nur
Segel setzen mußten, um in Piräus einzulaufen; wenn physisch »an ihrem Orte«; in Wahrheit nämlich � so
aber, gerade umgekehrt, athenische Schiffe zur Gründung Cassiodor wörtlich - »durchwandern sie durch die Ver­
'··
neuer Kolonien in Sizilien oder Südrußland ausliefen, breitung ihres Werks verschiedene Provinzen . . . An heili­
mußte die Göttin ihrer Mutterstadt unbeweglich und gen Orten liest man ihre Arbeit; es hören die Völker,
unbewegbar auf der Akropolis zurückbleiben. damit sie sich von ihrem bösen Willen abkehren und dem
Heiligtümer dagegen, die transportabel wie Schriften Herrn mit reinem Herzen dienen.« Spätestens mit sol­
sind, scheinen einzig bei Nomadenvölkern aufgekommen cher Rückverwandlung von Buchstaben zu Lauten, !es-

90 SCHRIFT UND BILD IN BEWEGUNG 91 SCHRIFT UND BILD IN BEWEGUNG



'

baren Schriften zu hörbaren Stimmen triumphierte das ten Telegraphenzeichen wählte, kam diese Komplexitäts­
Heiligtum Buch über alle Wotan-Zeichen, die einst zwi­ reduktion auch auf den Begriff.
schen Nordsee und Alpen standen. Dagegen waren Bilder mit ihren x, y-Koordinaten und Sta­
tuen mit ihren x,y,z-Koordinaten lange Zeit in kei�en
Vorsprung der Schrift
Code zu bringen, der ihre Transportation oder gar Ani­
mation erlaubt hätte. Jeder Buchstabe außer dem letzten
Der historische Vorsprung der Schrift gegenüber dem Bild hat einen Nachfolger im strengen mathematischen Wort­
entsprang aber nicht nur Trägermaterialien wie Papyrus sinn. Jeder Buchstabe darf seit Gutenbergs Erfindung
oder Papier, die im Gegensatz zum viel schwereren Perga­ jener beweglichen Lettern, die der Schrift eine ganz neue,
ment klösterlicher Speicherkulturen eine Herrschaft nicht nämlich technische Beweglichkeit verschafft haben, an die
über die Zeiten hinweg, sondern über Räume ermöglich­ Stelle jedes anderen Buchstabens treten.
ten. Die Schrift war vielmehr beweglich, seitdem sie das Um Schriften in Bewegung zu setzen, mußten die Zeit­
Vergängliche und damit das Unsichtbare selber zu analy­ maße, auch wenn sie die Schwellen menschlicher Wahr­
sieren und zu speichern gelernt hatte. Mit dem griechi­ nehmung zu unterlaufen drohten, nur noch standardisiert
schen Vokalalphabet, das wohl erstmals in der Medien­ werden. Nichts anderes tun Sekunden, Zehntelsekunden
geschichte zugleich für die Laute einer Sprache, die Töne usw. auf modernen Uhren. Vor ihrer Digitalisierung
einer Musik und die Zahlen einer Arithmetik stand, ließen sich Bilder - mit allen Einschränkungen, die pho­
wurde die Schrift zum Code: zu einer abzählbaren Menge tochemische Effekte im Lauf der Zeit den Pigmenten
von Elementen. Buchstaben ließen sich mithin in Zah­ antaten - zwar speichern, aber nicht übertragen oder gar
len, Zahlen in Noten und Noten wieder in Buchstaben bewegen. Wenn Bilder nicht gerastert und das heißt von
übersetzen - eine fundamentale Beweglichkeit, auf der die vornherein codiert sind, hat jeder Bildpunkt unendlich
Einmaligkeit der europäischen Kultur wahrhaft beruht viele Nachbarn, deren Beziehungen zu ihm allesamt mit
L .
hat. Jeder Code aber ist eine mehr oder minder gelungene übertragen werden müßten. Das überfordert jeden denk­
Reduktion von Komplexität, also eine Verschlankung der baren Kanal - außer womöglich optische Computer der
Datenmengen. Spätestens als Samuel Morse, der zur kommenden Jahrhunderte.
Technik übergelaufene Maler, nach dem Vorbild des Erst Gutenbergs Buchdruck, diese Mobilisierung bleier­
Setzerkastens für die häufigsten Buchstaben die kürzes- ner Lettern, protestantischer Flugblätter und gegenrefor-

92 SCHRIFT UND BILD IN BEWEGUNG 93 SCHRIFT UND BILD IN BEWEGUNG

1
1
matorischer Bücherzensur, hat daran etwas geändert. Sehen, selber. Durch Einsatz einer Camera obscura war es
Sicher, es gab seit langem einen europaweiten Reliquien­ Brunelleschi gelungen, ein ebenso linearperspektivisches
handel; aber wenn ein Heiligengebein von einer Kathe­ wie bewegliches Tafelbild herzustellen. Dieses verschol­
drale zur anderen transportiert wurde, fehlte es der schen­ lene Gemälde zeigte das Baptisterium von Florenz, für
kenden, Das Prinzip der Kopie, das bis in heutige Com­ dessen Bronzetüren Brunelleschi selber als ehemaliger
puterchips hinein Datentransfer paradoxerweise nur als Goldschmiedelehrling und neuerlicher Mathematiker
Datenverdoppelung implementiert, mußte den Büchern dreidimensionale Modelle eingereicht hatte, in der Zwei­
erst noch abgelernt werden, Holzschnitt und Kupferstich dimensionalität perspektivischer Bilder.
haben die Bilder seit 1400 mobil gemacht. Deshalb soll Das mathematische Bild der Zentralperspektive fand wie
auch Gutenberg selbst, bevor er in Mainz zum finalen von selbst in die mechanisierten Bücher der Drucker­
Buchdruck fand, druckgraphische Experimente angestellt presse. Apparate vom Typ der Camera obscura und Re­
haben: Die immergleichen Heiligenbildchen, die Pilger produktionstechniken wie Holzschnitt oder Kupferstich
auf ihren Wanderungen zu Wallfahrtsorten ganz wie heu­ stellten von vornherein sicher, daß Bilder ganz so fehler­
tige Piktogramme oder Logos trugen, ließen sich auch frei wie Texte reproduziert werden konnten. Also wurden
mit Stempeln und damit in Massen herstellen. technische Zeichnungen machbar, deren mit Zahlen und
Aber bloßes Kopieren ist �ach kein Mobilisieren. Erst Buchstaben markierte Einzelreile jeweils auf die Kon­
mit der Linearperspektive hörten die Bilder auf. Gott und struktions- oder Gebrauchsanweisungen im Text verwie­
seine Heiligen auf Erden zu symbolisieren. Sie begannen sen. Sicher, vor der Erfindung von Lebensrad oder gar
statt dessen, Ausschnitte einer Natur, wie das Malersub­ Film konnte kein Bild sich selber bewegen, aber techni­
jekt sie eben wahrnahm, Käufern, und das hieß Subjekten sche Zeichnungen speicherten denn doch eine virtuelle
der Malerei, identisch zu übermitteln. Kinematik, deren Geheimnis die Explosionszeichnung
Laut neuesten Forschungen dürfte es Filippo Brunelleschi auch an den Tag brachte. Das reproduzierte Objekt, also
\,

gewesen sein, der seine florentinischen Mitbürger 1420 zum Beispiel eine Camera obscura oder aber eine Kamera
durch die Erfindung der Camera obscura in ungläubiges im heutigen Wortsinn, zerfiel in seine Einzelreile: Jeder
Staunen versetzte. Die Florentiner sahen, zum ersten Mal Computerchip von heute ist eine millionenfache Kombi­
in der Mediengeschichte, was wir auf Photographien, in nation solcher Bildelemente, wie sie in Hardware-Biblio­
Filmen oder Computeranimationen sehen: nämlich das theken gespeichert und auf dem Computerbildschirm

94 SCHRIFT UND BILD IN BEWEGUNG 95 SCHRIFT UND BILD IN BEWEGUNG


'

repräsentiert sind. Technische Bildteile haben es den frieden, ließen die Brüder Weber ihr Gleichungssystem
Buchstaben abgelernt, eine abzählbare Menge zu sein. auch noch als Serie technischer Zeichnungen darstellen.
Alle Maschinen und technischen Medien, die die euro­
»Dabei zeigte sich<< - um mit Emil Du Bois-Reymond, einem
päische Neuzeit seit Gutenberg und Alberti entwickelt
großen Physiologen des neunzehnten Jahrhunderts, zu sprechen
hat, sind diesem Verbund aus Druckschrift und techni­ - nun aber »das Sonderbare, daß zwar zu Ahfang und zu Ende
schem Bild entsprungen. Die beweglichen Lettern haben des Schrittes, wo der Mensch eine kurze Zeit auf beiden Füßen
ihre eigene Überbietung selber möglich gemacht. ruht, die Abbildung vollkommen so aussah, wie schon immer die
Es blieb daher dem großen neunzehnten Jahrhundert vor­ Maler gehende Menschen dargestellt hatten, daß aber in der Mitte

behalten, die neuzeitliche Mathematik unendlich kleiner des Schrittes, wo das sogenannte Spielbein am Standbein vorbei­
pendelt, der fremdartigste, ja, lächerlichste Anblick sich bot; der
Bewegungen, wie Newton und Leibniz sie mit ihrer Ana­
Mensch schien, wie ein betrunkener Dorfmusikant, über seine
lysis geschaffen hatten, auf die physischen Wirklichkeiten eigenen Füße zu stolpern, und noch nie hatte jemand einen
anzuwenden, also technische Bilder auch und gerade des gehenden Menschen in solcher Lage gesehen.«
Lebendigen herzustellen. Üblicherweise beginnt diese
Geschichte mit Etienne-Jules Marey, der Menschenbeine In dieser Lage, die ihre ganze Mathematik als betrunke­
und Vogelschwingen dazu brachte, ihre eigene Bewegung nen Dorfmusikanten zu erweisen schien, hätten sich Wis­
anzuschreiben, und endet mit Eadweard Muybridge, der senschafter früherer Jahrhunderte höchstwahrscheinlich
Mareys graphische Methode mit Daguerres photographi­ auf die Seite der Maler geschlagen, das Gleichungssystem
scher Kamera kombinierte, um auch das Rätsel galop­ also als Rechenfehler verworfen. Nicht so die Brüder
pierender Pferdehufe zu lösen. Aber die Wahrheit ist wie Weber. Sie trauten Zahlen mehr als Bildern und legten
immer konkret, sprich: mathematisch. 1836, also lange vor damit die Grundlage aller heutigen Computeranimation.
Marey, gingen die Brüder Weber in Göttingen daran, das Auf der »letzten Seite« ihrer Mechanik der menschlichen
Rätsel des menschlichen
1
Ganges zu mathematisieren. Sie Gehwerkzeuge (1836) schlugen sie vor, die Richtigkeit ihrer
nahmen im Gedankenexperini.ent zwei Beine mit ihren »schematischen Zeichnungen mit Hilfe der stroboskopi­
jeweils drei Gelenken oder Freiheitsgraden an, entfern­ schen Scheiben von Stampfer und Plateau zu prüfen«.
ten aber alles mathematisch lästige Fleisch, bis nur mehr Stroboskopische Scheiben aber, auch Lebensräder ge­
die technische Zeichnung zweier idealer Knochensysteme nannt, waren die Vorläufer aller nachmaligen Filmtech­
übrigblieb. Aber mit dieser Mathematisierung nicht zu- niken. Sie konnten nur 16 Zeichnungen oder Photogra-

96 SCHRIFT UND BILD IN BEWEGUNG 97 SCHRIFT UND BILD IN BEWEGUNG


phien, deren letzte zudem wieder in die erste überleiten und nicht weniger, als sämtliche Menschenaugen und
mußte, zum Laufen bringen. Blitzverschlüsse für reale Pferdeaquarelle zu falsifizieren. 16 Bilder pro Sekunde, aus
Bewegungen und Zelluloidrollen für endlose Bewegungen denen später 24 durchstandardisierte Bilder pro Sekunde
waren noch nicht erfunden. Dennoch hat das Lebensrad werden sollten, unterwarfen auch die Ortsbewegung einer
die Bilder erstmals animiert, einfach weil es �ine Wahr­ Logik einzelner Elemente, die es allerdings weder beim
nehmungsschwelle des trägen Auges unterlief. Flackernd, Film noch beim Fernsehen zur Eleganz eines Alphabets
aber lebensecht hätte ein Lebensrad aus vielen Einzel­
. bringen. Der Film läuft, solange er dauert, als Abfolge
bildern das laufende Bild eines laufenden Menschenbein­ nicht weiter analysierter Photographien; das Fernsehen
paares synthetisiert. Nur scheint leider niemand den me­ sendet zwar einzelne horizontale Bildzeilen, macht aber
dientechnischen Vorschlag der Göttinger Wissenschaftler in der Vertikale keine Einschritte oder Artikulationen.
befolgt zu haben. Eduard Weber starb 1871, also nur ein Erst der Computerbildschirm zerlegt die Ganzheit von
trauriges Jahr bevor entschieden war, ob die Wahrheit des Bildern in lauter einzelne, nach Farbwerten standardi­
rnenschlichen Ganges in Malerei oder Trigonomie haust. sierte Pixel.
Seinem Bruder war das Glück holder.

»Hr. Wilhelm Weber« - um weiter mit Du Bois-Reymond zu Der· mathematische Knochenmann


sprechen - »hat aber erlebt, daß nach fast vier Jahrzehnten die
Augenblicksphotographie ihm und seinem Bruder vollkommen Damit haben die laufenden Bilder endlich erfahren, was
Recht gab. Mr. Eadweard Muybridge in San Francisco wandte sie Alphabete den Schriften und Ziffernstellenwertsysteme
auf Veranlassung von Mr. Stanford 1872 zuerst an, um die auf­ den Zahlen schon seit Jahrtausenden antun. Sie sind alle­
einanderfolgenden Stellungen von Pferden in verschiedenen
samt aus einer abzählbaren Menge von Elemen;en auf­
Gangarten aufzufassen. Dabei zeigte sich dasselbe wie an den
gebaut. Weil aber die Pixel keine Buchstaben, sondern
Weber'schen schematischen Zeichnungen: Es kamen Bilder zum
Vorschein, wie sie ih Wirklichkeit niemand gesehen zu haben
Zahlen darstellen, die als zweidimensionale Matrix an­
glaubte.« geordnet sind, beweist jedes Computerbild den Satz, daß
die moderne Beweglichkeit von Schriften und Bildern der
Muybridges Serienphotographien galoppierender Pferde Mathematik verdankt ist. Marey und Muybridge mit
waren der experimentelle Anfang aller Filmtechnik. Als ihren empirischen Versuchsreihen haben nur den Film
die Bilder das Laufen lernten, ging es um nicht mehr möglich gemacht, der - um ein Wort Hegels zu um-

98 SCHRIFT UND BILD IN BEWEGUNG 99 SCHRIFT UND BILD IN BEWEGUNG


spielen - nach der Seite seiner höchsten Bestimmung für Schreibmaschine, als sie Gutenbergs proprietäre Drucker­
uns schon wieder ein Vergangenes scheint. Eduard und presse in Reichweite aller Schreibtische brachte - der
Wilhelm Weber mit ihrer mathematischen Analyse des kommerziellen, der militärischen, aber auch der priva­
Ganges dagegen waren zugleich vergangener und zukünf­ ten -, gründlich aufgeräumt. Seitdem ist das Schreiben
tiger: Sie haben den Grundstein einer Kinematik gelegt, eines Buchstabens nur mehr das Anschlagen einer Taste.
der es in wenigen Jahren möglich sein wird, Spielfilme Die Turingmaschine von 1936, der Prototyp nicht bloß
ohne jeden Schauspieler zu drehen. (Um ganz zu schwei­ aller wirklichen, sondern aller möglichen Computer, hat
gen von einer Robotik, die nicht bloß zweidimensionale diesen Automatismus des Schreibens nur noch um einen
Bilder, sondern Pygmalions Statuen animiert.) Was den Automatismus des Lesens ergänzt, also vervollkommnet.
Sauriern in ihrem Jurapark schon widerfahren ist, steht Statt Wörter zu verstehen, erkennen die Elemente eines
Marilyn Monroe und Humphrey Bogart kurz bevor: die Scanners die Elemente eines Zeichensatzes.
Wiederbelegung aus dem Geist der Computeranimation. Dank der Forschergruppe, die Xerox Corporation aus­
Das wird nicht bloß billiger als jede Auferstehung, auch gerechnet im Palo Alto Leland Stanfords und seiner ga­
wenn sie filmtricktechnisch so machbar wie Spiegelbilder, loppierenden Pferde anzusiedeln beschloß, entstand jene
Doppelgänger oder Vampire ist; es beweist vielmehr über moderne Benutzerschnittstelle, die mittlerweile die so­
jede Ökonomie hinaus, daß der mathematische Knochen­ genannten Kommandozeilenfetischisten von 99 Prozent
mann der Brüder Weber nicht aufhören wird zu tanzen: aller Endverbraucher unterscheidet. Auf der Kommando­
Alle Bewegung von Schriften geht heute aus Algorithmen zeile, die eine radikal erweiterte Schreibmaschinentastatur
hervor. ist, lassen sich Befehle mit allen möglichen Optionen ab­
setzen, vorausgesetzt, man kennt erstens die Optionen
und zweitens die basale Konvention, daß alle Befehle erst
Das Wort wird wahr in Kraft traten, wenn man die Entertaste betätigt. Das
Denn daß die Bewegung von Schriften bis vor 130 Jahren ist, wenn man so will, der ganze Unterschied zwischen
eine Bewegung der Hände war, überlebt nur noch im Schreibmaschine und Computer. Ein Element, die Enter­
Namen der Kursivschriften. Wann immer Federn übers taste, bewirkt nicht bloß, wie auf Schreibmaschinen,
Papier glitten, liefen auch die Buchstaben (wie das latei­ daß alle anderen Elemente einer Zeile weiter nach unten
nische Wort sagt) unmerklich ineinander. Damit hat die rücken; die eine Taste hat vielmehr die Ehre oder Macht,

IOI SCHRIFT UND BILD IN BEWEGUNG


100 SCHRIFT UND BILD IN BEWEGUNG
alle anderen Tasten wahr zu machen, einfach indem sie die virtuelle Magie hat die Kommandozeile, wie es in text­
vorangegangenen Eingaben zum Befehl erklärt. Damit basierten Betriebssystemen nicht umsonst heißt, durch
aber ist das Schreiben zum ersten Mal in seiner langen eine faktische abgelöst.
Geschichte keine bloße Poesie mehr, die das, was sie sagte, Demgegenüber fallen graphische Benutzeroberflächen ab.
nur dann machte, wenn ihre geneigten Leser mitzuspielen Sie haben zwar die Schriften . auf dem Bildschirm viel
beliebten; das Schreiben auf der Kommandozeile macht schöner gemacht, weil ihre Vektorfonts die Buchstaben als
oder bewegt vielmehr, was vor Zeiten nur Magie ver­ automatisierte Schreibbewegungen codieren, also nichr
mocht haben soll: Ein Wort wird wahr. bloß als statische und das heißt unveränderte Pixelmengen
Im expressionistischen Stummfilm, der mit Schriftbildern speichern. Vergrößerung und Verkleinerung, die elemen­
und Schriftbildanimationen ohnehin so leidenschaftlich taren Voraussetzungen jeder Animation, machen fast
hat spielen müssen wie erst wieder die Videoclip-Ästhe­ keine Mühe mehr. Aber der Preis, den die seitdem herr­
tik, tauchte diese Magie schon einmal au( Der Golem, wie schende Bildschirmästhetik zahlte, war hoch. An die
er in die Welt kam ( 1920) entsprang aus einer flackernden Stelle mächtiger Befehle, die fast beliebig viele Optionen
Schrift, die ihrerseits auf dem Atem eines von Rabbi oder Feinheiten erlaubt hatten, trat ein bescheidener Satz
Loew beschworenen Geistes tanzte. Das Cabinett des von Icons, deren sogenannte Benutzerfreundlichkeit nur
Dr. Caligari entsprang 1919 aus einer psychotischen Hal­ ein Euphemismus ihrer Dummheit war. An die Stelle
luzination, die einem namenlosen Irrenhausdirektor den der Entertaste aber rrat als zivile Weiterentwicklung ge­
Befehl erteilte, sich in den Dr. Caligari zweihundert Jahre heimer Radarschirm-Eingabegeräte Douglas Engelbarrs
alter Zauberbücher zu verwandeln. Der Irrenhausdirek­ sogenanntes »pointing deVice« - unsere famose Maus.
tor, der aber genauso gut als Irrer lesbar war, irrte durch Mit dieser Ausdifferenzierung von Tasrenanschlag und
expressionistisch verzerrte Straßenkulissen, bis ihm von Mausklick schrumpfte das Schreiben am Computer wie­
a)len Mauetn und lfänden ein magisch animierter Zug der auf sein alteuropäisches oder poetisches Zwergen­
von Großbuchstaben entgegenleuchtete: »Du mußt Cali­ format: Es erlaubte nunmehr die Eingabe von Buchstaben
gari werden.« Als hätte der Stummfilm den Wortsinn und Ziffern, Texten und Operanden, aber keinen einzigen
von Photographie implementieren wollen, gab ein schrei­ Befehl. Nicht zufällig rühmen sich zumal Professoren,
bendes Licht also Befehlszeilen aus, denen nur noch die ihren Computer nur als bessere Schreibmaschine zu be­
kühnsten Filmtricks nachkommen konnten. Genau diese nutzen. Sie ahnen gar nicht, daß genau das blanke Absicht

102 SCHRIFT UND BILD IN BEWEGUNG 103 SCHRIFT U N D BILD IN BEWEGUNG


war. »Ein wichtiges Entwurfsziel« - so erklärten es in­ - auf den festen, also prinzipiell unwandelbaren Buch­
terne Papiere der Xerox Corporation, »lag darin, den staben traf. Dasselbe galt für die beweglichen Tasten der
>Computer< selber Endbenutzern so unsichtbar wie nur Schreibmaschine. Dagegen sind alle Zustände einer Tu­
irgend möglich zu machen.« Damit aber hat Xerox infor­ ringmaschine, also ihre Nullen und Einsen, die Dynamik
matische Schule gemacht: zuerst in Apples Macintosh selber. Die Maschine, hieß es schon in Turings Disser­
und viele Jahre später, als auch Microsoft das komman­ tation von 1936, muß jedes Zeichen, das sie geschrieben
dozeilengesteuerte Betriebssystem DOS unter lauten Ge­ hat, auch wieder löschen können. In der elektronischen
burtswehen verabschiedete, in Microsofts Windows. Hardware von heute entspricht dieser Dynamik eine Spei­
So kam es, daß die schlimmste Schule, die Xerox gemacht cherarchitektur, deren scheinbare Statik nur in unentweg­
hat, den Benutzern widerfuhr. Hinter der billigen Pracht ten Rückkopplungsschleifen besteht und durch winzige
einer graphischen Benutzeroberfläche können Betriebs­ Störimpulse - um von stratosphärischen Atombomben­
systeme proprietär und Quellcodes, also menschenlesbare explosionen ganz zu schweigen - völlig ruiniert werden
Computerprogramme, strikt geheim bleiben. Wer gar kann.
nicht erst ignoriert1 daß seine Maschine eine Turing­ Das Internet in seinen militärischen Anfängen war eine
maschine ist, die ganz ohne texteingebende Endbenutzer einzige Rückversicherung gegen solche Gefahren. In Zei­
lesen und schreiben kann, setzt sie auch nicht zu Zwecken ten globaler Vernetzung dagegen wäre es die bessere Rück­
ein, die einer obersten Heeres- oder Firmenleitung nicht versicherung, wenn Computerchips, Betriebssysteme und
genehm wären. Sofern graphische Benutzeroberflächen Quellcodes wieder öffentlich würden. Auch Chiparchi­
unsichtbar machen, was der Fall ist, erfüllen sie alle Kri­ tekturen sind Bilder, auch Quellcodes sind Texte. Nur
terien eines Bildes. Sie geben etwas zu sehen, damit ande­ haben beide - selbst im Vergleich zu Kathedralen oder
res nicht gesehen wird. Insofern bleiben die beweglichen Enzyklopädien - derart abgründige Komplexitäten, daß
Icons von Papierk�rben oder Radiergummis, was ihr kein denkbarer Mausklick ihre unvermeidlichen Fehler
,
Name schon sagt: Ikonen eines neuen Götzendienstes. beheben könnte. Schon deshalb erklärt die Intel Corpo­
Es liegt aber im Begriff jeder Turingmaschine, daß keiner ration, deren Marktdurchdringung beim Chipdesign zur
ihrer Zustände unwandelbar ist. Gutenbergs bewegliche Zeit fast 90 Prozent beträgt, in staunenswerter Unschuld:
Lettern haben nur die Produktion von Büchern mobili­ »Intel products are not intended for use in medical, life
siert, wohingegen die Rezeption - nach Hölderlins Wort saving, or life sustaining applications.«

104 SCHRIFT UND BILD IN BEWEGUNG 105 SCHRIFT UND BILD IN BEWEGUNG
Mit anderen Worten: Unsere Kultur ist die erste, die
wortwörtlich auf Sand gebaut ist. Sand besteht aus
kleinen Kieselsteinkörnern, die Silizium-Architektur aus
noch tausendmal kleineren.. Sandhaufen sind instabil,
die computergestützten Infrastrukturen unserer Kultur
noch viel mehr. Schrift und Bild haben ein Maximum an
Beweglichkeit erreicht, das als Lebensform eigenen Rechts
die althergebrachte Lebensrettung und Lebenserhaltung
nachgerade unterläuft. Ich weiß nicht, ob wir dieses Leben
auf Siliziumbasis einigen wenigen Konzernen anvertrauen
können.

3)

Die Hardware) zumal von Computern, scheint in unseren Vorstel­


lungen von Wirklichkeit nicht vorzukommen. Das liegt nicht nur an
ihrer 'buchstäblich unvorstellbaren Komplexität, die es Benutzern (oder
auf neudeutsch der Wetware) geraten sein läßt1 ausschlief3lich mit
Software umzugehen. Nur ist diese Unkenntnis nicht vom Himmel
gefallen, sondern selber Effekt von Programmieru,ngen. Eine famose,
nämlich marktbeherrschende Softwareschmiede hat kürzlich die Parole
ausgegeben, in naher Zukunft würden und sollten Computer so un­
auffällig wie Waschmaschinen werden - Black Boxes also, deren
Innereien ·besagte Endbenutzer nichts mehr anzugehen brauchen. Jedes C o M P UT E R A N A LP H A B ETI S M U S
Wissen über die Hardware wäre unter Bedingungen vollendeter Be­
nutzeifreundlichkeit schlichter Luxus und jeder Versuch) sie zu denken,
nur Relikt eines obsoleten Maschinenzeitalters.
Nun hat aber dieselbe Softwarefirma sehr viel weniger lauthals, näm­
lich in einem internen Geheimmemorandum, auch noch die Parole aus„
gegeben, in naher Zukurift jene Einzelnen oder auch Endbenutzer ganz
so zu behandeln wie Computer auch. Beide, heifJt es wörtlich, seien
»programmierbar«. Das Versprechen waschmaschineller Unauffällig­
keit kipptJo�lich in eine Drohung um, die ihrerseits nur möglich wird,
weil Computer eine wohldefinierte oder eben programmierbare Hard­
ware darstellen. Ob diese Programmierbarkeit auchfür Menschen, also Alles spricht heute dafür, daß Wolken, Meere und alle
die sogenannte Wetware gilt, steht wie bei jeder Maschinenmetapher anderen Dinge halbwegs zwischen dem Schönen und dem
natürlich dahin, auch wenn jene Firma und mit ihr alle, die an sozfo,., Erhabenen nicht berechenbar sind - und zwar im strikten,
kulturelle Auswirkungen der neuen Medien glauben, unbefragt davon computertheoretischen Wortsinn von Berechenbarkeit.
ausgehen. Also kann nichts und niemand, auch kein Computer,
irgendeine Zukunft prophezeien. Möglich sind nur War­
nungen, die den Stand des Schreibens über das Schreiben
- also die Literatur - am Stand der technischen Dinge
messen.
Auch das Computerzeitalter in jenen heroischen Grün­
derjahren, als noch kein Verkaufserfolg seine Fremdheit
trübte und binärer Code ein Fremdwort war, begann als
Literatur. Turings Dissertation beschrieb 1936 das Prinzip
Abbildung,- Wer hat die Oberhand? 1) Schachmatt, der Computer
hat gewonnen. 2) Der Spieler greift in das Maschinenprogramm aller Computer im Begriff einer Papiermaschine, der
ein. 3) Die Maschine gibt sich geschlagen. genausogut Dissertationen einschloß. Zwei Jahre später
Cartoon des Computerpioniers Claude Elwood Shannon. legte ein junger Student namens Claude Elwood Shannon

109 COMPUTERANALPHABETISMUS
mathematischer Tradition, endlose Differentialgleichun­ Konstruktion einer »ungemein primitiven« Schreibma­
gen aufstellen konnte, die er seinen Auftraggebern im schine eingab.54 An die Stelle dieser nie gebauten Schreib­
Pentagon, schneller als sie mitschreiben konnten, direkt maschine trat dann im Zweiten Weltkrieg Turings Proto­
über Telephon durchgab, reduzierte der verrückte Shan­ typ-Computer mit_ einem ebenso kriegsentscheidenden
non auch und gerade die Mathematik aufs kleinste aller wie geglückten Auftrag, die verschlüsselten UKW-Funk­
denkbaren Alphabete (weshalb die von Shannon begrün­ sprüche der deutschen Wehrmacht in Echtzeit zu knacken.
dete Kommunikationstheorie nur diskrete Nachrichten­ Schreibmaschinen, mit anderen Worten, haben nur das
systeme berechnen kann und den analogen Fall vom Schreiben mechanisiert, Computer sparen darüber hinaus
diskreten extrapolieren muß). Insofern ist das Computer­ auch noch die Sekretärin als Leserin ein.
zeitalter, zumindest bei seinen Stiftern und Programmie­ Deshalb stammen alle heutigen Programmierer von Tu­
rern, die Vollendung des europäischen Alphaberismus. ring und Shannon, den Codebrechern des Zweiten Welt­
Die zwei wichtigsten Steuersignale, die eine Zentrale kriegs, ab. Aus Codebreakers, wie es in ihrer einzigen
Recheneinheit mit ihrem externen Speicher verbinden, Weltgeschichte heißt,55 sind Codemakers geworden, Pro­
heißen üblicherweise LESEN und SCHREIBEN oder grammierer also, die keine Texte mehr schreiben, son­
genauerhin READ und WRITE. Man muß also, wie es dern Source Listings. Und das ganze Geheimnis solcher
so schön heißt, des Englischen mächtig sein, um Daten­ Quellcodes läuft darauf hinaus, Maschinen mit einer
blätter lesen und das heißt eine Maschine entziffern zu Beschreibung anderer Maschinen zu füttern, die allesamt
können, die ihrerseits wiederum schreibt und liest. Nicht Shannons endloses ON/OFF repetieren. Als Quellcode
umsonst hatte Turing, der englische Mathematiker und implodiert der Alphabetismus unserer Kultur zu einer
Kryptoanalytiker, das Prinzip aller möglichen Computer Schrift, die alle Züge eines Geheimcodes trägt, weil nicht
zunächst als Papiermaschine angeschrieben. Diese Papier­ Leute, sondern Computer sie lesen können müssen.
maschine nämlich tut genau das, was Mathematiker tun, Dieses noch nie dagewesene Schreiben läßt sich am ein­
wenn sie Zahlen und Buchstaben auf einem Stück Papier fachsten mit einem Zitat von Karl-Herrmann Rollke
manipulieren, nur eben von allein. Nicht zufällig auch erläutern. Besagter Rollke hat als. Gymnasiallehrer für
soll Turings Handschrift als Schüler so grauenhaft ge­ Mathematik eines jener seltenen deutschen-Programmier­
wesen sein, daß sie ihm sämtliche Mathematikzensuren handbücher geschrieben, die ohne Leerlauf und Wieder­
verdarb und statt dessen, in schöner Folgerichtigkeit, die holung auskommen. Wenn Rollkes Turbo Pascal 5. 0 Buch

112 COMPUTERANALPHABETISMUS 113 COMPUTERANALPHABETISMUS


auf das klassische Thema von Dateien und Listen zu spre­ sein; ihre sogehannten Parameter, die besser Argumente
chen kommt, heißt es zur Erläuterung eines exemplari­ heißen, sollten alle und zudem noch korrekt einem in
schen Stücks Quellcodes ganz lapidar: »Als nächstes«, Größe und Struktur wohldefinierten Datentyp zugeord­
nämlich nach einer Prozedur namens Lesen, »schreiben net sein; schließlich und endlich muß die Prozedur, auf
wir die Prozedur Schreiben«. Diese nur scheinbare Tauto­ Gedeih und Verderb, mit den drei Buchstaben END und
logie demonstriert schlagartig, was das Computerzeit­ einem folgenden Semikolon abgeschlossen werden. Wohl­
alter, gerade in bezug auf Alphabetisierung, von der ge­ gemerkt mit Semikolon, weil Kommas in Turbo Pascal
samten europäischen Schriftkultur unterscheidet. Man vollkommen andere Funktionen haben. Ein Satzzeichen
schreibt nicht mehr, man bringt auch keinen Schülern also, das in amerikanischen Büchern fast ausgestorben ist
mehr das Schreiben bei. Die Schrift bleibt vielmehr und in deutschen gerade noch einen pädagogisch geheg­
einem Automaten überantwortet, dem man unter Titeln ten Untod führt, feiert Urstände, und zwar keine fröh­
wie Prozedur, Funktion oder Routine eine Beschreibung lichen, sondern ausgesprochen strikte. Wer jenes Semi­
seines Schreibens geschrieben hat. »Auch die Prozedur kolon vergessen oder mit dem Komma verwechseln würde,
Schreiben«, heißt es bei Rollke weiter, »hat zwei Para­ käme im gemeinen Leben ungestraft und in der gemeinen
meter und macht nichts anderes, als einen Datensatz mit Schule bestenfalls mit einem roten Strich am Heftrand
der Nummer N und dem Inhalt SATZ auf die Diskette davon. In Programmiersprachen dagegen ist ein einziges
zu schreiben.«56 falsches Zeichen durchaus imstande, Abstürze hervor­
Nur hat gerade diese Einfachheit auf seiten der Maschine zurufen: Im harmlosesten Fall streikt die maschinelle
als Kehrseite, auf seiten des sogenannten Menschen näm­ Übersetzung, weil sie den Fehler erkennt, aber nicht be­
lich, die Tücke, lauter Kompliziertheiten, Ungewohnt­ heben und folglich auch kein lauffähiges Programm er­
heiten und Fehlerträchtigkeiten hervorzurufen. Man stellen kann. In schlimmeren Fällen, wo der Computer
schreibt die Prozeffur Schreiben nicht schlichtweg hin als Leser seiner eigenen Steuerbefehle keinen Fehler ent­
wie den berühmten Satz, der laut Paul Valery eigentlich decken konnte, kann das laufende Programm abstürzen
alle Romane eröffuen könnte: »Die Marquise verließ das und im schlimmsten Fall (oder worst case) wenn näm­
,

Haus um 5 Uhr.« Die Prozedur Schreiben, um überhaupt lich auch das Betriebssystem keinen Fehler erkennt, die
den Standards einer Programmiersprache wie Turbo Pas­ Maschine im ganzen. »Von einem Wort«, wußte schon
cal zu entsprechen, sollte vielmehr als Prozedur deklariert Goethes Mephisto, »läßt sich kein Iota rauben.« Diese

114 COMPUTERANALPHABETISMUS 115 COMPUTERANALPHABETISMUS


neue Scholastik der Computercodes fordert im Effekt In dieser Notlage, nicht für Leser, sondern für Computer
also den ältesten Buchstabengehorsam wieder ein. Wäh­ zu schreiben, bleibt Programmierern nur Computeraipha­
rend moderne Menschen (nach Nietzsches bösem Wort) betismus übrig. So soll die seltsame Fähigkeit heißen,
unter dem, was geschrieben steht, so ziemlich alles außer alles das, was gemeinhin als Denken und Rechnen läuft,
eben jenem Wortlaut verstehen dürfen,57 nur damit Schu­ auf Fähigkeiten und Unfähigkeiten einer digitalen Ma­
len, Universitäten und Kongresse nicht arbeitslos werden, schine abzubilden. Der Stil ist der Mensch selber, hatte
läuft jeder Lehrgang für Programmierer darauf hinaus, einst die Philosophie der Aufklärung triumphal verkün­
absolut willkürliche Zuordnungen von Buchstaben zu det; der Stil ist imm.er nur der Mensch, den man adres­
Zahlen auswendig zu lernen, nur damit das System nicht siert, stellte die moderne Psychoanalyse richtig;58 den Stil
abstürzt. Digitale Maschinen zahlen für ihre Unfehlbar­ von Computerprogrammen bestimmen folglich keine
keit, was die vereinbarte Rechengenauigkeit angeht, also Menschen mehr, sondern die Maschinen selbst. Nicht
mit einer denkbar hohen Fehlerträchtigkeit beim Schrei­ zum ersten Mal in der Medienweltgeschichte, die ja schon
ben und Lesen von Programmen. Wer statt Romanen Telegrammstil und Zeitungsdeutsch hervorgebracht hat,
oder Vorträgen Quellcode verfaßt, verschenkt üblicher­ aber in noch nie gesehener Strenge, ist Geschriebenes
weise drei Viertel seiner Zeit mit Debuggen oder Wan­ eine Funktion des Schreibzeugs. In Fesseln tanzen, hätte
zenjagen, wie die Fehlersuche an Computern seit jenen Nietzsche gesagt. Die Fesseln, um ein paar Beispiele an­
mythischen Tagen heißt, als noch wirkliche Wanzen die zuführen, reichen von der schlichtesten Ebene bis zur
Elektronenröhren eines Pentagon-Dinosauriers lahm­ grundsätzlichen. Eine ebenso elementare wie unerwähnte
gelegt haben sollen. Und wer kommerzielle Software Begrenzung von Quellcodes liegt etwa darin, daß neben
kauft, muß von vornherein damit rechnen, nach einer dem Semikolon auch die seltsamsten Schreibmaschinen­
Laufzeit zwischen dreißig und dreihundert Stunden dem sonderzeichen, vorn Dollarzeichen bis zum Klammer­
ersten Programmierfehler zu begegnen. Dringlicher als affen, wiederauferstehen, aber kein einziger Umlaut ak­
das Schreiben von Programmen sind Entwanzen und zeptiert wird. Mit anderen Worten: die amerikanische
Warten geworden. An ihnen führt kein Weg vorbei, auch Tastatur, ein ASCII-Code von gerade 128 Zeichen, hat als
nicht der neuerliche Versuch, fehlertolerante Systeme zu weltweiter Standard triumphiert. Sie reicht bis in die
entwickeln, weil die Fehlertoleranz selber ja nicht fehler­ Schreibweise mathematischer. Gleichungen, die ihre ganze
tolerant eingegeben werden kann. Eleganz oder Übersichtlichkeit einbüßen, einfach weil es

116 COMPUTERANALPHABETISMUS 117 COMPUTERANALPHABETISMUS


auf zeilenorientierten Benutzeroberflächen kaum Mög­ nons kalter Ekstase helfen Erleuchtungen und Einfälle
lichkeiten gibt, Zeichen übereinander oder untereinander nicht mehr weiter, weil gerade umgekehrt die vollendete
einzugeben. Wie bei Shannons digitalem Spielzeug kann Dummheit nottut. Programmschleifen, obwohl und weil
an derselben Stelle j a immer nur ein Zustand, immer nur sie elegant sind, aufrollen, feindliche Divisionen, weil sie
ein Zeichen bestehen, was seinen Vorgänger automatisch Rechenzeit verschlingen, durch schnellere Multiplikatio­
ausradiert. nen ersetzen, geschlossene Ausdrücke in numerische über­
Genau diese Logik wandert als Computeralphabetismus fuhren: Das sind die dummen, aber effektiven Optimie­
aus Maschinen in Köpfe. In der Blütezeit der neuzeit­ rungsStrategien, die aus Computerprogrammen und ihren
lichen Mathematik war es ihr ganzer Stolz, auf dem Schreibern schließlich monotone lineare Befehlsfolgen
Schreibpapier noch viel kühnere Dinge als Dichter und machen. John von Neumanns Befehl, Daten und Befehle
Maler zusammen anzustellen. Wie Vi!em Flusser immer von Computerspeichern einfach aneinanderzureihen, hat
wieder betont hat, war ihr alphanumerischer Code, ein das Denken nicht verschont.
Code sowohl aus Zahlen wie aus Buchstaben, dem bloßen •
1
1
»Sehen wirn, befiehlt deshalb ein weitverbreitetes Pro­
Buchstabenschatz der Schriftsteller an Mächtigkeit, und grammierhandbuch, »den Tatsachen ins Auge: man kann
das heißt an Spielmöglichkeiten, überlegen. Ein einzi­ schließlich kein ganzes Programm auf einmal im Kopf
ges mathematisches Kürzel, etwa der Buchstabe :n;, stand behalten (außer es handelt sich um ein ungewöhnlich klei­
mühelos fur eine Folge unendlich vieler Ziffern, wie nes)«.60 Mit dem, was Philosophen einst als Anschauung
nichts und niemand sie hätte anschreiben können. Idea­ oder Intuition gefeiert haben, geht es also beim Program­
lität in der Neuzeit, im radikalen Unterschied zu den mieren zu Ende, allerdings nicht ohne das hübsche Para­
ganzen Zahlen des platonischen Ideals, hauste im Begriff dox, daß Menschen und näherhin Programmierer dieser
der reellen Zahl.59 Digitalcomputer dagegen sind beliebig, Tatsache ins Auge blicken sollen, was schließlich auch
aber nie unendlich genau. Sie verkraften nur berechen­ auf Anschauung hinausläuft. Aber just diese Wiederkehr,
,
bare Zahlen und lösen nur Aufgaben mit angebbar vielen diese Rekursion des Problems im Augenblick seiner
Schritten, also genau das, was seit ihrer Erfindung Algo­ Formulierung fuhrt schlagend vor, welche Entwöhnung
rithmus heißt. Weshalb Computeralphabeten die selt­ Computeralphabetismus verlangt und wie mühsam mit­
same Fähigkeit entwickeln müssen, diese endlich vielen hin seine Einübung ist. Vor Zeiten, nach der Durch­
Schritte einen nach dem anderen zu machen. Seit Shan- setzung des Buchdrucks als technischer Alphabetisierung

118 COMPUTERANALPHABETISMUS 119 COMPUTERANALPHABETISMUS


Europas, wandten Pädagogen wie Comenius ihre ganze schriebenen Buchstabenkolonnen noch einmal durchgeht
Liebe darauf, das gedruckte und deshalb in ihren Augen und im Klartext anschreiben kann: »DIEWELTIST­
tote Buchwissen wieder lebendig zu machen. Zu diesem ALLESWASDERFALLIST«." Wittgensteins berühmter
Zweck koppelten sie die Buchstaben, etwa im Orbis Pictus, Satz kommt mithin als Signal aus dem Äther, was aber
bekanntlich mit einer optischen Anschauung, die hin­ nicht den tröstlichen Zuspruch gibt, der Kosmos selber
term Rücken jener pädagogischen Menschenliebe freilich philosophiere, sondern den Zufall aller Codierung nur
auch nichts anderes als Drucksache war. Heute kommt noch einmal unterstreicht: Diese historische Lage ist nicht
es umgekehrt darauf an, den Sachverhalt hinzunehmen, schlechthin neu, denn nur die Anstrengung aller moder­
daß Codes existieren, die keinen Menschen und erst recht nen Schulsysteme, vergessen zu machen, daß Lesen und
nicht dessen Anschauung addressieren. So endet der Schreiben Anstrengungen und keine Naturgaben sind,
Traum, alle Nachrichten hätten von einem selbst gesendet sorgt für die Illusion, es gäbe ein natürliches Zeichen­
oder (nach den Symmetrieannahmen gängiger Kommu­ system. Aber weil Computercodes aus den beschriebenen
nikationstheorien) empfangen werden können. Was Phi­ Gründen solche Illusionen gar nicht erst aufkommen las­
losophen seit Locke als Kommunikation oder Konsens sen, trennen sie, schneidender als alle Buchstabenkulturen,
.
feiern, ist wohl nur letzter vergeblicher Widerstand gegen zwischen einer alphanumerischen Elite und dem Rest der
die radikale Fremdheit der Zeichen, mit denen die näch­ Welt. Der Code wird, ganz wie in jenen vorgeblich längst
sten Jahrhunderte werden auskommen müssen. Es gibt überwundenen Zeiten, als Kleriker den Buchstabenkun­
Codes; ob sie lesbar und schreibbar sind, steht auf einem digen und Laien einfach als Analphabeten bezeichneten,
anderen Blatt. zur Demarkationslinie. Sogar längst vergessene Unter­
In einem Roman Thomas Pynchons verbringt ein deut­ scheidungen wie die zwischen Schreib- und Lesefähigkeit
scher Ingenieur, Kurt Mondaugen mit Namen, seine kehren mit einem Mal wieder. Als ein berühmter Ritter­
südwestafrikanischfn Nächte kurz nach dem Ersten romanschreiber des deutschen Mittelalters den bekannt­
Weltkrieg damit, im Auftrag der TU Dresden das Hoch­ zen Satz schrieb, er könne keine{l einzigen Buchstaben,
62

frequenzrauschen des Weltalls per Radio aufzufangen zerging dieser scheinbare Widerspruch sehr einfach: Zum
und zu analysieren. Nur gelingt es ihm nicht, irgendeine Lesen als Grundvoraussetzung seines Tuns war jener
Ordnung, irgendeinen Code zu entdecken, bis ein zwei­ Dichter selbstredend imstande, zum Schreiben dagegen
felhafter Bekannter vorbeikommt, die endlosen mitge- brauchte er einen Sekretär. Ganz entsprechend gibt es,

120 COMPUTERANALPHABETISMUS 121 COMPUTERANALPHABETISMUS


zumal unter seinen heutigen Kollegen, nämlich den Com­ sen oder nie gehört, daß integrierte Schaltkreise seit ihrer
puterkünstlern, manchen, der Computercodes zwar lesen Entwicklung 1957 sämtlich analog gewesen waren, bevor
und deshalb auch einsetzen kann, aber ihr Anschreiben ein großes Raketenprojekt des Pentagons vier Jahre spä­
sogenannten Programmierknechten überlassen muß. ter, bei Texas Instruments, den Startschuß zur Digitali­
Was schließlich mit denen geschieht, die Codes nicht ein­ sierung abgab. Die Technikgeschichte auf ihremTriumph­
mal lesen können, ist in der Theorie klarer als in zukünf­ zug produziert mithin selber die Illusion, daß es andere
tiger Empirie. Theoretisch verrät es schon die stehende Prinzipien als die in Digitalcomputern realisierten gar
Redewendung, derzufolge Benutzer, was immer sie an nicht geben könne. Was Wiener Shannons Wahnsinn
der Konsole tun, es »unter« einem bestimmten Betriebs­ nannte, ist als Verleugnung aller analogen Verfahren zum
system wie Unix oder Windows tun: Der Computeranal- . Industriestandard geworden. Aber just dieses verleug­
phabet als solcher ist, mit anderen Worten, zum Subjekt nete Analoge, so alt wie sonst nur Rauschen und Chaos,
oder Untertan einer Corporation geworden. Er unterliegt schwebt der Computerindustrie neuerdings als Allheil­
dem digitalen Code genauso massiv und undurchschaubar mittel zur Behebung ihrer sogenannten Softwarekrise vor.
wie etwa seinem genetischen Code. Davor behütet auch Den Computeranalphabeten, die Codes weder lesen noch
der geläufige Alphabetismus de� Buchstaben in keiner schreiben können, soll dadurch geholfen werden, daß sie
Weise. Wahrscheinlich haben die Mächte, die den mili­ mit binären Zahlen und unverständlichen Buchstaben­
tärisch-industriellen Fortschritt des Westens auslösten, folgen überhaupt nicht mehr in Berührung kommen. Die
die allgemeine Schulpflicht und damit das demokratische Innereien der Maschine bleiben selbstredend weiter digi­
Lesen/Schreiben-Können ihrer Bevölkerungen ohnehin tal, weil sie sonst gar nicht laufen würde, aber ihre Benut­
erst in dem historischen Augenblick eingeführt, als sie zerschnittstelle nimmt mehr und mehr die Züge analoger V
selber, mit der militärischen Geheimtelegraphie von 1794, Unterhaltungsmedien an, wie sie seit gut hundert Jahren
über einen ersten , Code verfügten, der digital war und vertraut sind. Unter dem Schlachtruf Multimedia wird
nicht mehr alphabetisch. Schon deshalb macht es dem es alsbald eine Neuauflage von Grammophon - Film -
Reich der beherrschenden Zahlen keine Mühe, gerade in Schreibmaschine geben, bei der die Schreib-Rechen­
seiner Allgegenwart undurchschaubar zu bleiben. Infor­ Maschine namens Computer ihre Benutzer nur mehr als
mierte Zeitgenossen verkünden, neuerdings würden sogar analphabetische Augen und Ohren addressiert. Die Sta­
analoge Chips entwickelt werden. Sie haben also verges- dien dieser Entwicklung zum Multimediensystem sind

122 COMPUTERANALPHABETISMUS 123 COMPUTERANALPHABETISMUS


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rasch aufgezählt. In den allerersten Geheimdienstjahren schwachen Tectronix-Bildschirm 1980 dazu mißbrauchte,
warf die Maschine ihre Ergebnisse als binäre Rohdaten statt eindimensionaler Kommandozeilen zweidimensio­
aus. Wie ,im Fall von Shannons genialem Spielzeug fielen nale Bilder oder Fraktale anzuzeigen, begann auch das
Design und Funktion zusammen. Konrad Zuse und Alan ' Zeitalter graphischer Benutzeroberflächen. Das ehren­
Turing dürften mithin die einzigen Menschen gewesen werte Motiv hinter diesem Design, das mittlerweile
sein, die das Zweierzahlensystem genauso leicht wie unser schon zur Dreidimensionalität von Virtual Realities fort­
Zehnersystem lesen können mußten und, im Fall Turing, geschritten ist, liegt auf der Hand: Je mehr Dimensionen
darauf auch noch stolz waren.63 eine Benutzerschnittstelle selber aufweist, desto mehr
Die nächste Computergeneration sah dagegen Möglich'. Systemzustände macht sie zugänglich und mithin auch
keiten und (bemerkenswerterweise) erstmals Frauen v,or, steuerbar. Wenn heute ein einziger Chip, etwa der Intel
die der weiterhin blind-taubstummen Maschine Loch­ 80586, drei Millionen Transistoren oder 500000 Schalt­
karten von einiger Lesbarkeit eingeben konnten. Die zustände integrieren kann, wird solche Transparenz zur
Enkelgeneration fiel zusammen mit einem Fernsehzeital­ bitteren Notwendigkeit.
ter und folglich mit einem Bildschirm, dessen sogenannte Die Kurzgeschichte der Computerschnittstellen kehrt
Kommandozeile UNIX-Entwickler wie Kernighan und also im Eiltempo eines halben Jahrhunderts den langen
Ritchie sodann mit ihrem berühmten UNIX-Kauder­ Marsch um, als den Vi!em Flusser die Zeichenpraxis der
welsch programmieren durften: Heute noch sagt die Zei­ Gattung Mensch so gern beschrieben hat: Am Anfang
chenfolge: »dd if=/dev/rmtO of=/usr/harry/prog\n« ein vierdimensionales Kontinuum aus Raum und Zeit,
dem Betriebssystem soviel wie: »Kopiere den Inhalt des nur mit dem Nachteil behaftet, daß keine Einzelheiten
Magnetbandes rmtO ins Verzeichnis der Programme des verarbeitet, übertragen, gespeichert werde konnten. Da­
Benutzers Harry, wobei ohne Abbruch bei möglichen raufhin, als Einführung von Codes im allgemeinen, die
Lesefehlern, aus , IBM-Zeichen ASCII-Standardzeichen Herauslösung dreidimensionaler Klötze aus diesem Kon­
,
und aus Großbuchstaben Kleinbuchstaben werden sol­ tinuum, einfach um es bezeichnen zu können: mit einem
len.«64 Derartig zeichenökonomische Zaubersprüche sind Grabstein, einer Pyramide, einem Götterstandbild. Also
den Analphabeten, die seit einem Jahrzehnt mit Personal­ ein erstes Symbolsystem mit dem einzigen Nachteil, daß
computern beglückt werden sollen, selbstredend nicht jeder solche Klotz, einfach weil er da ist, etwas anderes
mehr zuzumuten. Als Benoit Mandelbrot einen alters- notwendig verdeckt. Um dieses Handicap zu beheben,

124 COMPUTERANALPHABETISMUS 125 COMPUTERANALPHABETISMUS


fährt Flussers Rekonstruktion fort, wurden die Klötze ten Protected Mode keinerlei Rechenleistung erbringen,

zunächst durch zweidimensionale Bilder abgelöst und sondern nur diese Abschottung65• So wird die Trennlinie

diese Bilder, wann immer Bilderstürme oder Reforma­ zwischen einer neuen Elite und dem Rest der Welt zum

tionen die ihnen eigene Verdeckung erkannten, ihrerseits integralen Teil von Hardware und Software gleicher­

durch lineare Schriften ersetzt. Schließlich und endlich maßen, also zementiert. Graphische Benutzeroberflächen

wich die Verdeckung, die auch und gerade unsere Buch­ entfalten genau dieselbe Menschenfreundlichkeit, die

kultur aus schreibenden Göttern, Dichtern und Denkern einst dem finsteren Mittelalter seine Armenbibeln aus

produziert, einem Zeichensystem von null Dimensionen, lauter Bildern eingab. Damit die Fähigkeiten, Code zu

das Verdeckungen folglich definitionsgemäß ausschließt: schreiben und zu lesen, Monopol der Hersteller bleiben,

dem Zifferncode der Mathematik. befördert der Benutzer mit Hilfe seiner Mickey Mouse66

Mag sein, daß Flussers Rekonstruktion der Gattungs­ zehn Ikons in den gleichfalls ikonischen Papierkorb, an­

geschichte allzu elegant läuft; als Umkehrmodell der statt mit einer einzigen, aber alphabetischen UNIX-Kom­

Schnittstellenentwicklung von Computern eignet es sich mandozeile die zehn entsprechenden Dateien zu löschen.

allemal. Denn beim Fortschritt von der nullten zur mitt­ Daß das Zeitverschwendung ist, räumt selbst das auto­

lerweile dritten Dimension, vorn Lochkartenstapel zur ritative Handbuch über Graphikprogrammierung ein.67

graphischen Standardoberfläche, erhebt das Gespenst der Mehr noch, dieses Handbuch gelangt zu der ebenso be­

Verdeckung aufs neue sein Haupt. Die geballte Rechen­ merkenswerten wie paradoxen Einsicht, daß »einige An­

leisrung heutiger Mikroprozessoren, die den Aufbau be­ wendungen, wie etwa das Programmieren, sich zur direk­

wegter Graphiken überhaupt erst möglich gemacht hat, ten [nämlich graphischenJ Manipulation nicht von selber

verschafft der Industrie offenbar vorrangig eine Gelegen­ schicken«. Mit anderen Worten: Wo immer eine Anwen­

heit, ihr alphanumerisches Wissen vor lediglich alphabe­ dung die Kluft gegenüber der Systemprogrammierung

tischen Kunden erfolgreich zu verstecken. Insofern dürfte einebnet, weil sie wie die sogenannte Anwendung namens

den Computeranalphabeten in der Empirie auch weiter­ Programmierung schlicht und einfach das tut, wofür

hin mehr Glück beschieden sein, als theoretisch zu er­ Computer schließlich konstruiert worden sind, fällt mit

warten. den graphischen Benutzeroberflächen auch die künstliche

Der Chip mit den 3 Millionen Transistoren zum Beispiel Mauer zwischen Herstellern und Benutzern wieder dahin.

enthält einige hunderttausend, die im wörtlich so genann- Eine Maschine, die nach Turings Definition alle anderen

126 COMPUTERANALPHABETISMUS 127 COMPUTERANALPHABETISMUS


Maschinen soll imitieren können, kann eben keine un­ als Henry Ford am Ersten Tag des Ersten Weltkriegs
veränderbaren Zustände einnehmen. Sie stellt den Begriff gleichzeitig die Fließbandarbeit und das Modell T ein­
des geistigen Eigentums, an dem die Computerindustrie führte. Und das nicht etwa, um die Autoherstellung zu
inständiger festhält als alle Schriftsteller, die diesen Be­ beschleunigen, sondern ganz ausdrücklich zu dem Zweck,
griff seit Fichte und Goethe erfunden haben, grundsätz­ Arbeiter einstellen zu können, die mit achtundvierzig
lich in Frage. Stunden Schulung auskamen. Heute stirbt umgekehrt der
Sicher, ein technisch g_ezü�hteter und zementierter Com­ moderne Fordarbeiter in weiten Bereichen aus, weil die
puteranalphabetismus wirft Geld ab: Leute, die Codes Computerisierung von Wissenschaft und Büroarbeit den
weder lesen noch schreiben können, werden unmöglich zu übrigen Maschinenpark ja nicht verschont. Computer
Hackern. Aber ob dieser elektronische Protektionismus, Aided Manufacturing, dieses unter Federführung von
der allmählich aus den USA nach Brüssel sickert, sein General Motors entwickelte industrielle Herstellungs­
Geld wert ist, steht in den Sternen. Als Präsident Bush verfahren, kommt ohne Computeralphabeten nicht aus.
1989 alle fünfzig Gouverneure aller fünfzig Bundesstaaten Auch Roboter müssen schließlich progranuniert werden,
in die akademische und das heißt schriftkulturelle Idylle in den Werkshallen selber und nicht nur auf Chefetagen.
von Charlottesville, Virginia, einlud, um über den Not­ Deshalb das neue Anforderungsprofil der amerikanischen
stand des US-Erziehungssystems zu diskutieren, beklag­ Industrie, deshalb ihr Ruf nach Flußdiagrammlesern oder
ten die Politiker einen neuen Analphabetismus, der auch BASIC-Programmierern - und das alles im Angesicht
High-School-Absolventen daran hindert, unter den eige­ der Tatsache, daß die Schere zwischen Anforderungsprofil
nen Scheck noch die eigene Unterschrift zu setzen. Die und Ausbildungsprofil Jahr um Jahr noch zunimmt. In
Industrie dagegen beklagte etwas ganz anderes: einen den USA klafft diese Schere bekanntlich mit Vorliebe in
Analphabetismus nicht im Reich der sechsundzwanzig den Niederungen, irgendwo zwischen High Schools und
Buchstaben, sondern auf dem weiten Feld zwischen Binär­ Slums. Hierzulande herrscht sie eher auf den Höhen der
codes und Progrlmmiersprachen, Flußdiagrammen und Schriftkultur. Wer wie Heiner Müller Turings Satz zitiert,
Algebra. daß die Computer mit Sicherheit übernehmen werden,
Die Leute - also das, was einmal »der Mensch« hieß - dann aber fortfährt, wir sollten es ihnen nicht zu leicht­
sind ohne ihren Maschinenpark eben nicht zu denken. machen, 68 steht unter deutschen Schriftstellern recht ein­
Der klassische Facharbeiter starb in weiten Bereichen aus, sam da. Europas grundlegende Unterworfenheit unter

Ii8 COMPUTERANALPHABETISMUS 129 COMPUTERANALPHABETISMUS


Buchstabenalphabete bewegt Dichter und Denker noch Nun besitzt aber Shannons Spielzeug, im Unterschied zu
immer dazu, andere Codes, statt ihnen auch nur Wider­ allen Maschinen der Vergangenheit, die seltsame Eigen­
stand zu leisten, lieber gar nicht erst zu ignorieren. Besten­ schaft, Kinder in dieWelt setzen zu können, die klüger als
falls trennt man zwischen Sprache auf der einen Seite ihre Erzeuger sind. Fünfzig Jahre Elektronik haben diesen
und Technik auf der anderen, zwischen kommunikativem theoretisch längst bewiesenen Satz auch praktisch vor­
und instrumentellem Handeln, als führten nicht gerade geführt: Nur Computer sind überhaupt noch imstande,
die europäischen Schriften den Beweis, daß es keine Kom­ Computer schneller und besser als sie selber zu k, >n­
munikation ohne Nachrichtentechnik gibt. Ein Compu­ struieren. Deshalb schöpfen weder Schreibmaschinen ir
teranalphabetismus, der nur Heimweh ins Nie-da-Gewe­ Schriftsteller noch multimediale Spielzeuge für Analpha­
sene ist, steht also in Blüte. In seiner schönen Naivität beten die technischen Möglichkeiten von heute aus. Der
ergänzt und vervollständigt er die Verkaufstaktik einer lange Weg von Binärzahlen über Lochkarten und Kom­
Software-Schmiede, die im Blick auf weitere Dollar-Mil­ mandozeilen zu graphischen Benutzerschnittstellen zeigt
. liarden ihr minderbemitteltes Betriebssystem neuerdings vielmehr einen grundsätzlichen Trend an. Zur Beschrei­
durch Graphik-Oberflächen für Analphabeten verschö- bung von Maschinen mit zwei Schaltzuständen wie Shan­
nert. Nur folgerichtig lautet denn auch der häufigste nons Spielzeug war auch sein algebraischer Wahnsinn die
Satz, den Intellektuelle hierzulande über ihren häuslichen einzig mögliche Methode. Maschinen aus Millionen von
Computer kundtun: »Ich benutze ihn aber nur als bessere Schaltzuständen machen dagegen den desperaten Versuch,
Schreibmaschine.« Genauso handelten einst, unmittelbar mit algebraischen oder diskreten Mitteln ihr genaues
nachdem Gutenberg den Buchdruck mit beweglichen Gegenteil zu simulieren: analoge Prozesse, Differential­
Lettern erfunden hatte, die Mönche eines Freisinger Klo­ gleichungen, reelle Zahlen. Ihre Schnittstellen stehen also
sters. Mönche hatten ihre Manuskripte ja Jahrhundert nicht einfach oder ausschließlich den Benutzern offen,
um Jahrhundert, Stück für Stück immer wieder abschrei­ sondern gleichermaßen einem Zufallsreich, das einst
ben müssen. Als6' beschloß jenes Kloster, kaum daß ihm Natur geheißen haben mag. Alle Sensoren und Effekto­
der Erstdruck seines Meßbuches gelungen war, alle vier­ ren, wie sie auf dem zögerlichen Weg von der Militär­
hundert Exemplare Stück um Stück auf Abschreibfehler technik über die Industrie neuerdings auch im Personal
hin zu kontrollieren.69 Buch auf, Buch zu, Buch auf, Buch Computer Einzug halten, zeugen davon. Mit dem Einbau
zu: wie bei Shannons Spielzeug. analoger Schnittstellen aber fällt die Beschränkung weg,
130 COMPUTERANALPHABETISMUS 131 COMPUTERANALPHABETISMUS
daß Computer in ihrer Umwelt immer nur Sekretärinnen, die ersten mathematischen Schritte des Nachweises getan,
Aktenberge, und das heißt jene Bürokratie antreffen, die daß die rasante Vermehrung von Transistoren pro Chip­
die International Business Machines Corporation dem fläche, wie sie seit zwei Jahrzehnten als Allheilmittel läuft,
laufenden Jahrhundert beschert hat, Ab sofort begegnen grundsätzlich außerstande bleibt, mit der Komplexi ät •

sie vielmehr einem Analphabeten, der alle anderen in rückgekoppelter Naturphänomene mitzuhalten. Der d1 i­
den Schatten stellt. »Dum deus calculat, fit mundus«, tale Ansatz selber zieht Grenzen, die für analoge Com­
verkündete Leibniz, der vor drei Jahrhunderten auch den puter einer allerdings noch vollkommen hypothetischen
ersten Binärcode anschrieb: »Indem Gott rechnet, ent­ Architektur nicht gleichermaßen gelten würden. Womög­
steht Welt.«. Diesen Glauben an mathematische Gesetze lich ist der Computeralphabetismus also nicht das Ende
und damit an einen alphanumerischen Code, dem die von Geschichte überhaut, wie Medienpropheten es so
Natur im ganzen untertan wäre, hat auch der Atheist Alan gern verkünden, sondern nur eine Etappe im Berechnen
Turing nicht erschüttert. Im Gegenteil, seine Theorie dessen, was turing-unberechenbar scheint.
einer Universalen Diskreten Maschine, die alle anderen
Maschinen imitieren kann, besagt in ihrer stärksten,
nämlich physikalischen Form, daß die Natur selber eine
Turingmaschine sein muß. Erst in jüngster Zeit ziehen
Chaostheorie und informatische Komplexitätstheorie ge­
nau diese Hypothesen in ZweifeF'. Wenn Wolken regnen
oder Wellen entstehen, haust in ihren Molekülen wohl
kaum ein digitaler Computer, der, indem er rechnet, das
Wetter von heute und morgen machen würde. Die Glei­
chungsgesetze, mit denen Wetter für Ausschnitte der Zu­
kunft allmählich 1vorhersagbar geworden ist, beschreiben
vielmehr einen Analphabeten. Eben deshalb gibt es, was
einst das Schöne und das Erhabene hieß. Wenn aber
Turings Diskrete Maschine nicht universal ist, taucht die
Frage nach den Grenzen ihrer Leistung auf. Schon sind
132 COMPUTERANALPHABETISMUS
DrE INFORMATIONSBOMBE dezernenten, sondern auch die an Ort und Stelle Verantwort­

Gespräch mit Paul Virilio (1995)


lichen. Ein Beispiel: Was ist denn ein Supermarkt, ein Ein­
kaufszentrum heute? Nichts anderes als ein Stadtzentrum ohne
Stadt, ein Anfangsstadium der Virtualisierung, noch nicht
Teleshopping, aber bereits auf der grünen Wiese oder am
Stadtrand ein Stadtzentrum ohne Stadt. Das ist Virtualisierung
im Frühstadium, das zweite Stadium ist dann tatsächlich Tele­
shopping zu Hause. »Gehen Sie nicht mehr aus dem Haus,
arbeiten Sie daheim, kaufen Sie daheim, vergnügen Sie sich
daheim<< usw. usf. - Was halten Sie von dieser Entwicklung?
Mich selbst beunruhigt sie, mich als Urbanisten,

Das alles sieht aus wie der Erfolg einer wunderbaren und
sehr versteckten Strategie, die nun endlich aufgeht, nach­
Wir sind heute nicht nur einem aberwitzigen Werberummel
um Datenautobahnen, Internet und dem sogenannten Cyber­
dem sie 15 Jahre lang vorbereitet worden ist. 1982 sind die
space ausgesetzt, sondern erleben mit Teleshopping und Tele­
ersten Personal Computer, wie sie so schön heißen, ver­
working eine Art von Virtualisierung der Alltagswelt. Im Fern­ teilt worden. Einsame, Lonely Cowboys, die einfach auf
sehen gibt es virtuelle Läden, auf dem Computerbildschirm dem Schreibtisch standen und die, ich untertreibe jetzt,
virtuelle Informationsshops. Wenn ich von Läden spreche, gilt nichts anderes konnten als Texte schreiben. Und irgend­
das vielleicht nur in einem übertragenen Sinn, aber man könnte wann sind die Dinger in den letzten 15 Jahren immer bes­
sich ebenso die Frage stellen, ob nicht bereits so etwas wie eine
ser geworden und inzwischen fangen sie an, alle anderen
virtuelle Stadt entsteht, eine Stadt der Städte? Ein wirkliches
Zentrum der Welt, das Hyperzentrum der Welt, nicht mehr
Medien zu fressen, das Telefon, den Telegraf und das Fax­
die Hauptstadt eines Landes, sondern 'die Metropole aller gerät und bald auch das Bild und den Ton und die CD.
Metropolen - New York, Singapur, London, die großen Bör-
\,
Und man kann sie alle mit wunderschönen Netzen ver­
senplätze, die großen Städte: alles zusammen. Verbirgt sich drahten, weltweit. Aus dieser ganz kleinen Investition, die
nicht hinter dieser zunehmenden Virtualisierung ein Verlust auf jedem dritten Schreibtisch in den zivilisierten Län­
der zwischenmenschlichen Beziehungen, ein Verlust der unmit­
dern steht, entwickelt sich unter der Hand ein weltweites
telbaren Information? Das heißt, des Gedankenaustausches, so
wie wir ihn gerade hier vollziehen? Ich glaube, darüber sollten
Netz, das wirklich wie eine große Spinne ist und die an­
wir nachdenken, nicht nur Städteplaner, Architekten und Bau- deren Medien das Fürchten lehrt.

134 GESPRÄCH MIT PAUL VIRILIO 135 GESPRÄCH MIT PAUL VIRILIO

��·�-�---
Die einzige Ausnahme, die ich machen würde: noch sind ja überflüssig wird. Ich frage mich nun, was ist eine virtuelle
-was die Virtualisierung angeht - die beiden Bildschirme, Gesellschaft? Sie entsteht, aber was ist das Ihrer Meinung

in meiner Wohnung zumindest, getrennt. Im Wohnzim­ nach?

mer steht der Fernsehapparat und im Arbeitszimmer steht Entweder ist es ein dummes Schlagwort, das überhaupt
der zweite Monitor, der am Computer hängt. Und ich nichts besagt, oder sie ist insofern virtuell, als sie als
glaube, erst an demTag, an dem der Fernseher endlich weg Gesellschaftsmitglieder oder Staatsmitglieder eben nicht
ist, was ich auch sehr hoffe, und alles über den Computer bloß mehr Menschen, natürliche Personen und Rechts­
läuft, kann man von dieser wirklichen Virtualisierung personen führt, wie Institutionen, sondern große Netz­
reden. Im Moment sind wir noch im Zwischenstadium, server und Programmstrukturen, also eine Welt, in der
auf der einen Seite gibt es das Programmedium Fern­ die Menschen nicht mehr allein kulturelle Wesen sind.
sehen, das uns besendet, und auf der anderen Seite gibt Man wird sich die nächsten drei Jahrhunderte daran ge­
es das Programmiermedium, das alle möglichen Ghetto­ wöhnen müssen, daß es Roboter, daß es Programme gibt,
isierungen möglich macht, und die beiden sind noch in die teilweise besser sind. Wir alle wissen, daß die Tage ,
einer sehr gespannten Beziehung zueinander. Was die des Schachweltmeisters gezählt sind, daß irgendwann ein
Menschen zwischen Wohn- und Arbeitszimmer und den Schachprogramm der Schachweltmeister sein wird. Dieses
beiden Bildschirmen angeht, weiß ich nicht. Ich kann nur Programm muß man als Teil der virtuellen Welt anerken­
sagen, der Computer ist nicht erfunden worden, um den nen, und die virtuelle Gesellschaft ohne diese virtuelle
Menschen zu helfen. Welt gibt es nicht.
Da heißt es, es wird virtuelle Gesellschaften geben, ja, sogar Stehen wir nicht schon am Beginn einer dritten Revolution,
eine virtuelle Demokratie. Aber was ist das? Woher stammt nach der des Verkehrs und der der Datenübertragung, die wir
diese Idee? Woher kommt der Erfolg einer solchen Idee, die gerade erleben, nämlich der der Transplantation. Ich meine
Gemeinschaft ihrer Realität zu berauben, zugunsten einer damit die des transplantierten Menschen, der voll ausgestattet
allumfassenden Virtualisierung, einschließlich der Politik. ist, nicht nur mit einem Mobiltelefon und einem Notebook,
Wenn man uns erzählt, »die Demokratie wird virtuell«, dann sondern zusätzlich mit Teletechnologien, wie einem Herz­
heißt das doch, Wahlen werden durch Meinungsumfragen er­ schrittmacher oder zusätzlicher Gehirnspeicherleistung, Lei­
setzt. Wenn man uns sagt, »die Gesellschaft wird virtuell«, stungsstimulatoren völlig anderer Art. Ist so etwas vorstellbar
dann heißt das doch, keiner muß sich mehr um seinen Näch­ und in welchem Umfang? Ich glaube, diese Frage wird nicht
sten kümmern, weil dessen Anwesenheit in gewisser Weise gestellt,

136 GESPRÄCH MIT PAUL VIRILIO 137 GESPRÄCH MIT PAUL VIRILIO
Die Frage wird schon gestellt, aber aus einer etwas ande­ Und daß es Götter und Menschen gibt, das ist heutzutage
ren Ecke, glaube ich. Die Computer Community, wie das vergessen worden.
auf Englisch so schön heißt, als solche hat kein großes
Interesse, sich direkt an die Herzen oder die Gehirne oder Ich glaube, daß wir eine Grenze erreicht haben und die Welt­

die Ohren oder die Augen von Menschen anzuschließen, zeit in der Tat das Ende der Zeit ist, um nicht zu sagen das
Ende aller Zeiten; das Wort »Apokalypse« will ich nicht be­
weil das eine anorganische Technologie ist, wohingegen nutzen. Wir haben in jeder Hinsicht die Grenzgeschwindigkeit
die Gentechnologie, die sich nach dem Modell der der elektromagnetischen Wellen erreicht. Damit haben wir
Computertechnologie jetzt formt und ausbildet, ein sehr nicht nur die befreiende Geschwindigkeit erreicht, die uns er­
großes Interesse daran haben dürfte, Schnittstellen zwi­ laubt, einen Satelliten oder Menschen in eine Umlaufbahn zu
schen den anorganischen Maschinen von heute und dem schießen, sondern auch die Mauer der Beschleunigung. Das

alten organischen Fleisch des gefallenen und sündigen heißt, die Weltgeschichte, die sich ja ständig beschleunigt hat,
von der Ära der Kavallerie über die Ära der Eisenbahn, des
Menschen zu bilden. Welche der beiden Tendenzen sich Telefons, die Ära Marconis, bis zur Ära des Radios und des
durchsetzt, ist eine völlig offene Frage. Fernsehens, stößt jetzt an die Mauer, an die Grenze der Be­
Ich würde so wetten, daß die Computertechnologie in schleunigung. Die von Ihnen gestellte Frage ist in der Tat:
ihrem militärischen Ursprung und strategischen Abzwe­ Was geschieht in einer Gesellschaft, die an die Grenze der
ckungen, die sie noch heute hat, die Bevölkerung in Ruhe Beschleunigung stößt, während doch alle Gesellschaften der

lassen würde, wenn sie sich allein als Siliciumtechnologie Vergangenheit in bezug auf den Fortschritt von der Art und

weiterentwickelt. Und daß die Neurotechnologien und Weise ihrer Beschleunigung bestimmt waren? Beschleunigung
nicht nur bezogen auf Speicher- und Rechnerleistungen, son­
Gentechnologien ein Interesse daran haben, die Bevölke­ dern auf das Handeln.
rungen zu fressen. Es gibt für mich zwei mögliche Zu­ Wir wissen doch, daß man heute eigentlich nicht mehr nur
kunftsszenarien, eines, das mit Levi-Strauss gesprochen von »Tele-vision« sprechen kann, sondern von »Tele-aktion«
die Menschen au,sspuckt, das wäre die Computertechno­ sprechen muß. Interaktiv bedeutet, hier sein, aber gleichzeitig

logie, und das a�dere, das die Menschen frißt, das wäre anderswo handeln. Ich meinerseits habe Zweifel, ob diese

die Gentechnologie. Und ersteres ist mir lieber, weil es Frage heute so gestellt wird. Sind wir uns dessen bewußt, daß
damit ein globaler, historischer Unfall ausgelöst worden ist?
dann Götter gibt auf der einen Seite, oder Dämonen, Jedesmal wenn eine neue Geschwindigkeit entdeckt wurde, ent­
und auf der anderen Seite Menschen, die es immer schon stand auch ein neuer spezifischer, lokaler Unfalltypus. Ich sage
gab. immer, man hat die Eisenbahn erfunden und damit auch das

138 GESPRÄCH MIT PAUL VIRILIO 139 GESPRÄCH MIT PAUL VIRILIO
Entgleisen. Schiffe, die Titanic, sinken an einem bestimmten stellt, sondern die militärische und strategische Situation
Ort, an einem bestimmten Tag. Wir aber schafften mit dieser des Zweiten Weltkriegs hat sie notwendig gemacht. Es
Einheitszeit, dieser Echtzeit, Weltzeit, »den Unfall der Un­ waren von vornherein keine Kommunikationsmittel, son­
fälle«, um mit Epikur zu sprechen. Das heißt, die historische dern Mittel des totalen Krieges und des strategisch ge­
Zeit selbst erleidet den Unfall durch das Erreichen dieser
planten Krieges, die jetzt als spin-off in die Bevölkerung
Grenze der Lichtgeschwindigkeit, könnte man sagen.
Mein Eindruck ist, daß das, was man uns als Fortschritt der
hineingestreut werden. Wobei ich nicht sagen würde, es
Kommunikation präsentiert, in Wirklichkeit nicht nur ein wurde weltweit gestreut, sondern die Dominanzen des
Rückschritt, sondern ein unglaublicher Archaismus ist. Die Netzes sind natürlich klar Amerika, Kalifornien und
Welt auf eine einzige Zeit zu reduzieren, auf einen Zustand, Europa und Japan. Was ich nicht glaube, ist, daß die
in dem sie keine Beschleunigungssysteme mehr entwickeln Beschleunigung schon die letzte Grenze erreicht hat, daß
kann, ist ein Unfall ohnegleichen, ein historischer Unfall, wie
die Katastrophe sozusagen in der Unüberbietbarkeit der
es ihn nie gegeben hat. Wie es Einstein höchst treffend nannte,
eine »zweite Bombe«. Die erste Bombe war die Atombombe,
aktuell herrschenden Übertragungs- und Berechnungs­
die zweite ist die Informationsbombe, nämlich die Bombe,
geschwindigkeiten steckt, sondern es ist immer noch stra- ,
welche uns die absolute Zeit, die Grenzzeit, um nicht zu sagen tegischer und ökonomischer Gewinn daraus zu ziehen,
die Nullzeit, das heißt die Echtzeit bringt. Was Sie über die daß man ein System hat, das schneller ist als das andere
Rechenleistung sagen, gilt wohl auch für die Fähigkeit, die Welt System. Es ist immer noch möglich, zu unterscheiden
zu sehen, die Fähigkeit, sie zu gestalten, sie zu lenken, aber
zwischen geheimen Maschinen und öffenrlich verkauften
auch sie zu bewohnen.
Maschinen, die sich durch ihre Geschwindigkeit und
Wahrscheinlich gehen dann auch die beiden von Einstein Leistungsfähigkeit unterscheiden. Und es ist immer noch
bezeichneten Gefahren historisch und systematisch zu­ nicht ausgemacht, wie die Sachen weitergehen, weil die
sammen. Es ist eine der grassierenden Ideologien von Lichtgeschwindigkeit zwar eine absolute Grenze - im
heute, zu behaur,ten, die Kommunikation würde durch Vakuum wohlgemerkt - ist, aber in den real existierenden
die neuesten Hochtechnologien befördert. Wir wollten Technologien läuft die Elektrizität substantiell langsamer
immer schon miteinander reden, und nun kommt es be­ als im Vakuum, und es werden noch furchtbare Kämpfe
sonders schnell, effizient und global über die Netze. In laufen in Richtung Beschleunigung, optischer Schaltkreis
Wahrheit sind beide, Atombombe und Computer, Pro­ anstelle von Silicium, - das werden Beschleunigungsfak­
dukte des Zweiten Weltkriegs. Kein Mensch hat sie be- toren von einigen Millionen sein, so daß ich also Schwie-

140 GESPRÄCH MIT PAUL VIRILIO 141 GESPRÄCH MIT PAUL VIRILIO
r
rigkeiten habe, die Apokalypse bereits eingetreten zu sondern ein neuronales Wesen ist, muß ich genau daran den­
sehen. Nur die Zeit der Menschen ist, glaube ich, ein für ken. Sind wir nicht schon dabei, was unsere Arbeitswelt angeht,

allemal abgelaufen. Die Frage, die für mich brennend unseren Wohnungsbau, eine gesellschaftliche Abschreckung
zu erfinden und vorzubereiten? Das heißt, eine Abschreckung,
ist, lautet, wie Kultur und Politik darauf reagieren, auf die um die negativen Folgen dieser Augenblicklichkeit des Han­
langsame Depositierung ihrer eigenen Mächte. Sie haben delns und der Information für die Ärmsten und Schwächsten
sich so auf die Alltagssprache und deren Langsamkeit, zu verhindern? Ist Ihrer Meinung nach eine Abschreckung der
so auf die Nerven und deren Langsamkeit verlassen, und augenblicklichen und globalen Information vorstellbar? Es
sind jetzt selber nicht mehr führbar ohne Maschinerien, geht für mich dabei um das Risiko einer Tschernobyl-Kata­

die Entscheidungen vorbereiten und am Ende sogar noch strophe mit schädlichen Folgen für die Lebensweisen der
Menschen, für das Sozialverhalten. Gibt es nicht schon heute
treffen. Hinweise auf eine solche soziale Desintegration, ein Ausein­

Sie haben völlig zu Recht vorhin den Zweiten Weltkrieg er­ anderfallen der Gesellschaft, von Paaren usw.? Ist nicht die

wähnt, aus dem diese Technologien hervorgegangen sind. In strukturbedingte Massenarbeitslosigkeit bereits ein Effekt, ein

der Tat muß man sagen, daß mit der Innovation Atombombe Niederschlag, Fall-out dieser Informationsbombe? Und wir

etwas ganz anderes erfunden wurde, das im übrigen heute in stehen erst atn Anfang. Was halten Sie von dieser sozialen ,

der Krise steckt, ich meine die nukleare Abschreckung. In ge­ Dimension der Information, Delokalisation, Automatisierung
wisser Weise ist Interaktivität eine Form von Radioaktivität, der Möglichkeit, augenblicklich von einem Ort auf einen an­
und das ist weniger eine Metapher als ein konkretes Bild. Muß deren in der Welt einwirken zu können? Hat dies nicht eine
man also nicht bereits für das nächste Jahrhundert mit einer Dimension, die Sie problematisch finden? Ist nicht bereits die

anderen Form der Abschreckung rechnen? Ich meine nicht Massenarbeitslosigkeit, die ja nicht mehr konjunkturbedingt,

die militärische Abschreckung, zur Verhinderung des Einsatzes sondern strukturell ist, bereits eine Folge dieses Unfalls, von

der Atombombe, sondern eine gesellschaftliche Abschreckung dem ich soeben sprach, dem Unfall der Zeitlichkeit? Stehen

zur Verhinderung der Schäden durch das Voranschreiten der wir damit nicht bereits vor einem Problem?

Interaktivität. Denn eine globale Gesellschaft, die in der Echt­ Sicher, die Massenarbeitslosigkeit von heute ist von der
zeit lebt, vom ud.mittelbaren Datenaustausch, ist undenkbar.
Automatisierung der Produktion bestimmt. Ich habe nur
Oder halten Sie sie für denkbar?
Wenn ich Freunde höre, deren Namen ich hier nicht nennen
das dumpfe Gefühl, daß die Soziologien und Politiken
möchte, die von einem riesigen Weltgehirn sprechen, in dem selber etwas daran schuld sind, daß so viel Arbeitslosig­
jeder einzelne Mensch nur noch ein Neuron ist, das auf andere keit auftritt. Die Computertechnologie ist die einzige
Neuronen reagiert, der Mensch also nicht mehr ein irdisches, Technologie, die ich kenne, die wirklich radikal umpro-
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grammierbar ist, wo ständig neue Sachen gemacht werden im nächsten Jahr gehört es wahrscheinlich dem großen
könnten, im Unterschied zur Fabrikationsstraße, die da­ Geld, und dann funktionieren die Kontrollen. Das wäre
mals Henry Ford in Detroit errichtete, wo ein einziges die andere Gefahr, daß gerade zur Verhinderung eines
Automodell zehn Jahre lang drübergelaufen ist. Man informatischen Tschernobyls die Kontrollmechanismen,
könnte also mit dieser Basistechnologie, die wirklich zur die informatischen Bürokratien, im Verbund mit sehr viel
Innovation erfunden worden ist, alles andere innovieren. Kapital sich derart ausweiten, daß die versprochene Libe­
Aber es wird ja auch systematisch im Konzept von Ge­ ralisierung der Information überhaupt nicht stattfindet
sellschaft und im Konzept von Bildung daran festgehal­ und im Gegenzug einer möglichen Systemzusammen­
ten, daß den Leuten der Zugang zu dieser Technologie bruchgefahr eine neue Hierarchie aufgebaut wird, die
versperrt wird. Es gibt einen grassierenden Computer­ dann strukturell dieselbe Hierarchie ist wie die zwischen
analphabetismus, Computer Illiteracy, die wird - auch Computerliteraten und Computerilliteraten. Auf der
durch Propaganda, Werbung und falsche Verkaufsstrate­ einen Seite die, die Kode noch verstehen, so wie die Kryp­
gien - hergestellt und hindert sehr viele Leute einzu­ tographen und Kryptologen des ZweitenWeltkrieges, und
steigen. Für die Hacker von heute habe ich, was Arbeits­ auf der anderen Seite die Milliarden von Menschen, die
losigkeit betrifft, keine Angst. Das ist aber lediglich eine ausgeschlossen werden aus Sicherheitsgründen.
Teilantwort auf Ihre Frage. Was das »Tschernobyl der
Information« angeht, so hat sich ja vielleicht am gegen­ Immer wenn Technologien schneller gemacht wurden, gab ·es

wärtigen Börsenkrach schon einmal provisorisch abge­ Akkumulation und Konzentration. Heute erleben wir, ob mit
Time-Warner oder Turner, einen Gigantismus der Konglome­
zeichnet, was es heißt, wenn alle Börsengeschäfte über rate; der Monopole, im übrigen noch begünstigt durch den
weltweite Netze gehandelt werden. Aber dagegen werden Wegfall der Anti-Monopolgesetze, der diese zentrale Steue­
ja permanent Maßnahmen ergriffen. Die gute alte Zeit, rung überhaupt möglich macht. Zur gleichen Zeit, da man uns
in der jeder auf seinem Computer machen durfte, was er erzählt, das Internet bringe uns die Freiheit an Ort und Stelle,

wollte, ist längst''vorbei. Wir werden alle kontrolliert auf erleben wir, wie sich ganz zufällig Trusts bilden, die Weltkon­

unseren Maschinen, und je vernetzter die Maschinen wer­ zerne, die nicht mehr nur einfach multinationale Unternehmen
sind. Ich frage mich nun, ob durch diese Illusion der Freiheit
den, desto strenger werden die Kontrollen und die Schutz­ .
durch Information nicht eine Einheitlichkeit der Welt larviert
mechanismen. Und die Bürokratien, die eingebaut sind, wird; die zu Lasten ihrer Vielfalt, zu Lasten ihres gedanklichen
Das Netz wird auch bestenfalls dieses Jahr noch frei sein, Erbes, zu Lasten ihrer Kultur geht. Wir wissen von der Ver-

144 GESPRÄCH MIT PAUL VIRILIO 145 GESPRÄCH MIT PAUL VIRILIO
armung, die Verlagerung vom Geschriebenen zum Bildschirm technologische Vorsprung schon nach Japan abgewandert
überall mit sich bringt. Wir wissen um die Verarmung durch schien, hat es Amerika in den neunziger Jahren geschafft,
den Computer. Ob wir es wollen oder nicht, der Computer
aufgrund seiner elektronischen und computertechnischen
synthetisiert Information. Jeder, der einen Synthesizer in der
Musik verwendet, zum Beispiel für Geigenmusik, weiß genau,
Vorsprünge vor allem die Standards zu definieren, unter
daß eine echte Geige anders klingt als ein Synthesizer. Und der denen wir heute auf den Netzen und Maschinen kom­
Computer ist nichts anderes als ein Informationssynthesizer. munizieren. Und es ist wirklich nicht ausgemacht, daß
Der Informationsgehalt wird semantisch reduziert, die Kogni­ die Standards, so wie sie sind, die mathematisch oder
tivisten wissen dies im übrigen genau, und auch dies ist ein menschlich besten sind. Eigentlich ist es rätselhaft, wes­
Umstand, den man berücksichtigen müßte. Die Synthetisie­
halb kein Mensch und kein Kopf, keine Industrie in
rung der Information, die Verarmung der Inhalte, wird aber
nicht beachtet. Wie immer wird alles Negative verschwiegen,
Europa irgendeinen Versuch macht, diese Standards, so
interessanterweise wird das immer larviert. Wie kann man wie sie sind und wie sie über den großen Teich kommen,
vorgeben, Te�hnologien zu entwickeln, ohne sich auch gleich­ als neue Form der Pax Americana, in Frage zu stellen.
zeitig Wissen über damit verbundene spezifische Unfallrisiken
Die neuesten Technologien lassen den Raum in seiner Aus­
zu erwerben? Und das gilt fürs Fernsehen genauso, wie es auch
dehnung und Dauer verschwinden. Sie reduzieren die Welt auf
für Multimedia gilt.
ein Nichts, wie man sagt. Das ist ein tiefgreifender Verlust,
Man muß es wahrscheinlich so machen wie Bill Gates und auch wenn man es nicht zugibt und niemals zugeben wird. Es
die Sachen so verkaufen, als seien sie nicht die Sachen, gibt eine Verschmutzung, nicht nur der materiellen Umwelt,

die sie sind. Man verkauft Computer und sagt, das sind der Fauna und Flora - die Umweltschützer wissen das -,
sondern auch der Distanzen und der Zeiträume, die mich im
Schreibtische, desktops, oder man sagt, es sind Fernseh­ Hier und Jetzt leben lassen, an einem Ort und in der Beziehung
geräte, oder die Fernsehgeräte der Zukunft. Auf diese zu anderen Menschen, die durch Begegnungen entsteht, nicht
Weise kann man die Maschinerien mit ihren system­ durch eine Telepräsenz, eine Telekonferenz oder Teleshopping.
spezifischen Sch':"ächen vernebeln und gut verkaufen. Das Was denken Sie über diesen Verlust? Setzen wir uns nicht da­
ist eine sehr am�rikanische Werbestrategie, und es läßt mit selbst und der Welt ein Ende? Wenn es einige akzeptieren

darauf schließen, daß die Trust- und Konzentrations­ können, die Ausdehnung im Raum zu verlieren, wie wir die

bewegung die ergriffene und vielleicht auch letzte histo­ Zeitdauer, die lange Dauer, verloren haben.

rische Chance der Amerikaner ist, die Pax Americana auf Ich sehe bis jetzt einen radikalen Verlust an Raum, weil
technologischem Weg zu halten. Nachdem der ganze sich das alles ja im Miniaturraum der Schaltkreise ab-
146 GESPRÄCH MIT PAUL VIRILlO 147 GESPRÄCH MIT PAUL VIRILIO
spielt. Und der ganze Witz daran ist, ich habe immer überrascht, daß man gar nicht mehr alleine ist, sondern
noch Schwierigkeiten zu sehen, daß die Zeit wirklich mit 100 Programmen lebt, von denen man 20 braucht, und
geschluckt ist. Mein Lieblingsspiel ist eigentlich Com­ allmählich stellt man fest, daß man 2, 3 Programme nie
putergrafik. Ich nehme ein winziges Stück Welt, ein ganz kennengelernt hat, weil die im Hintergrund laufen. Der
bescheidenes zentralperspektivisches, und schreibe ein Name dieser Programme ist übrigens »Dämonen«. Die
Programm und lasse das Ding rechnen. Ich brauche für haben eine ganz merkwürdige Nähe. Man sieht sie nie,
ein Bild, für das der Fotograf seine bekannte r/io Sekun­ sie tun aber immer etwas für einen, wie die Engel des
de braucht, auf einem sehr guten Rechner ungefähr sechs Mittelalters, und ich habe fast den Eindruck, als sollte
Minuten, und dann kommt das nächste Bild. Die Simu­ man die alten Soziologenträume fallenlassen, in denen
lation oder die Synthese von Bildern dieser irdischenWelt gesagt wird, die Gesellschaft sei eo ipso natürlicherweise
ist immer noch nicht Echtzeit, und die Schwierigkeiten, nur aus Menschen zusammengesetzt. Die Gesellschaft
die die Leute ' haben, jetzt, bei den computergenerierten und die Nähen und Fernen von heute, morgen und über­
Filmen, die brauchen für einen Dinosaurier 20 Stunden morgen werden Menschen und Programme in irgendeiner
Rechenzeit, und der Dinosaurier läuft dann in drei Se­ seltsamen Mixtur einbeziehen. Es gibt, denke ich schon,
kunden übers Bild. Da ist immer noch sehr die Zeit im Möglichkeiten der Nähe, weil die Programme ja manch­
Spiel, und der historische Moment, in dem wirklich die mal nicht dumm sind, deshalb sind sie ja geschrieben,
Zeit der Welt eingeholt werden würde, ist noch lange vor manchmal intelligenter als der Nachbar um die Ecke.
uns. Deshalb die ganzen Kämpfe. Mit dem Verlust der Aber das ist doch ein Verlust. Jeder Neuerwerb geht mit einem
Nähe könnte ich inzwischen leben. Wieder ein Beispiel Verlust einher. Jeder technische Fortschritt führt auch zu einem
aus dem Leben. Es ist langweilig, unter dem Betriebs­ Verlust. Wir wissen doch sehr gut, daß heute der Verlust sozia­
system DOS mit drei Befehlen sich durchs Leben zu ler Bindungen ffiit diesem Untergang, mit dieser Mißachtung
quälen, also, zeige Direktorien an, lösche und bewege des Nächsten verbunden ist, Der Nächste, also jemand, der

Direktorien. Aber sobald man sich in UNIX begibt, materiell existiert, der schlecht riecht, der langweilt, der stört,
den kann man nicht wegzappen usw. Man hat sogar Deo­
dann ist man von Anfang an ein Mensch unter ungefähr dorants erfunden, damit man ihn nicht riechen muß. Das ist
300 Programmen, von denen man bestenfalls ro kennt.
im übrigen ein Grund für die Krise der Städte heute, der be­
So im Lauf der ersten Monate lernt man dann 20 Pro­ völkerten Orte. Ob Seefahrer, Menschen der Wellenmechanik
gramme kennen, dann 40, dann 100. Dann ist man sehr oder Menschen der Erde, es gibt einen Ort, der bevölkert wird,

148 GESPRÄCH MIT PAUL VIRILIO 149 GESPRÄCH MIT PAUL VIRILIO

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an dem man lebt. Heute aber ist es nicht der Nächste, sondern Element. Das ist doch von gewisser Bedeutung, oder nicht?
der Entfernte, der bevorzugt wird, derjenige, der in diesem selt­ Denn ich habe nichts gegen Programme, aber ich wünschte mir,
samen Fenster, auf diesen seltsamen Bildschirmen erscheint. sie würden auch von den Männern und Frauen sprechen. Was
Er wird privilegiert, zu Lasten dessen, der ganz in der Nähe meinen Sie dazu?
ist. Das reicht sogar bis in die Ehe hinein. Das sieht man doch
an den sogenannten getrennt lebenden Paaren, Männer und
Die Fraktalgeometrie ist erfunden worden, um die Eukli­
Frauen, die in getrennten Wohnungen leben, als seien sie bereits
dische Geometrie etwas komplizierter zu machen. Plötz­
geschieden. Und die Kinder lernen dabei ganz nebenbei, stän­ lich eine Welt, die nicht mehr bloß aus Rechtecken und
dig zwischen Vater und Mutter hin und her zu pendeln. Und Kreisen und graden Linien besteht, sondern eine Welt, die
das ist nur der Anfang, denn der Cybersex beweist uns schon, aus Schwämmen und Wolken besteht und all den schönen
daß man demnächst auf Distanz miteinander verkehren kann, Dingen, denen vermutlich auch das menschliche Fleisch
das heißt, seinen Entfernten lieben wie sich selbst, weil die
relativ nahe steht, nicht etwa den rechteckigen Gebilden
echte Frau, die man hat, langweilig ist und weil Präservative
nicht sehr zuverlässig sind. Da haben wir doch ein Universal­
von Le Corbusier oder den etwas komplizierteren von
präservativ. Wir haben eine Technologie erfunden, mit der man Phidias von Athen. Im Prinzip sind solche Sachen wie .
sich über Tausende von Kilometern hinweg lieben kann, ohne die fraktale Geometrie, die schlichtweg nur durch Com­
sich zu berühren. Ist das nicht eine Metapher des Zerfalls? Ich puterpower errechenbar wurde und vorher immer nur
meine nicht nur der Trennung von Paaren, sondern der Tren­ gedacht werden konnte, aber nie gemacht werden konnte,
nung sozialer Bindungen, ja, sogar nicht nur der Trennung
Dinge, die eigentlich der Komplexität der Männer und
zwischen zwei Menschen, sondern des Kopulationsaktes selbst.
Ist das nicht bereits ein Effekt der Informationsbombe? Mir
Frauen mehr entgegenkommen als Euklid. Euklid würde
scheint, gut ich übertreibe, aber wie sollte man nicht übertrei­
etwa den Verfahren entsprechen, wie im 18. Jahrhundert
ben angesichts solcher Umstände? Ich habe wirklich den Ein­ junge Rekruten gedrillt worden sind. Das hat Foucault,
druck, daß das 19. Jahrhundert, die Kernphysik, der Zerfall und Sie selbst, sehr schön gezeigt, die gerade Haltung
der Materie, ebenso wie die Kunst, der Pointillismus, der Divi­ des Rekruten, der selber eine Linie bilden soll in seinem
sionismus und riatürlich auch die Fraktalgeometrie, auch ge­ Regiment, in seiner Kampflinie. Heute entsteht eine neue
sellschaftliche Auswirkungen haben. Das heißt, dieser Zerfall
Chaosmathematik, und das könnte ein Modell sein, das
betrifft auch die Sozialstruktur, den Einzelnen selbst bezie­
hungsweise die Zweierbeziehung des Paares, das ja die eigent­
nicht unbedingt alle Paare auseinanderreißt, sondern die
liche Grundlage der Schöpfung der Menschheitsgeschichte ist, Komplexität von Individuen besser beschreibt. Die Theo­
denn die Demographie ist ja ein die Geschichte gestaltendes rie der Rückkopplung könnte ja, wenn's gut ginge, auch

150 GESPRÄCH MIT PAUL VIRILIO 151 GESPRÄCH MIT PAUL VIRILIO
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die Beziehung zwischen Paaren besser beschreiben. Grob I�h glaube tatsächlich, daß heute eine neue Kaste von Techno­
.
gesprochen, die Freudsche Theorie des Verhältnisses von logiemönchen heranwächst und daß es in der Tat heute Klöster
Frauen und Männern scheint mir dümmer zu sein als die gibt, die dabei sind, einer »Zivilisation« den Weg zu bereiten,

Theorie, die Bateson auf der Basis von Rückkopplungs­ die gar nichts zu tun hat mit der Zivilisation unserer Erinne­
rung. Die Arbeit wird heute nicht wie im Mittelalter gemacht,
schleifen gemacht hat. Zu zeigen, daß wenn ich zu dir sondern durch die Aufarbeitung des Wissens wie zu froheren
das sage, du wieder das sagt und ich daraufhin das sage, Zeiten, der Antike. Der Beitrag der Mönche zur Wieder­
weil du mir das gesagt hast, und ich das im guten und entdeckung der Antike ist ja bekannt. Es sind Technologie­
bösen Sinne hochschaukeln kann, scheint eine viel ver­ mönche an der Arbeit und nicht etwa Mystiker, die alles daran­
nünftigere Beschreibung von Sozialbeziehungen zu sein setzen, eine neue Gesellschaft ohne Bezugspunkte zu schaffen.

als die Beschreibung mit internen Imagines, die einen Wir haben es zu tun mit einem technischen Fundamentalis­

ewigen, lebenslangen Krieg gegeneinander führen. So eine mus, nicht nur mit einem mystischen Fundamentalismus, im
Sinne von Monotheismus, sondern im Sinne eines Informa­
Rückkopplungsbeschreibung von Beziehungen ist selbst­ tionsmonotheismus. Nicht mehr mit dem Monotheismus der
verständlich basiert auf Nachrichtentechnik und sie ist Schrift, des Korans, der Bibel, des Neuen Testaments, sondern
nicht aus der Psychologie abzulesen gewesen, als sie auf­ der Information im weitesten Sinne. Und dieser Monotheis­
tauchte. mus entsteht unabhängig von allen Kontroversen. Er ist das
Die Modelle, die heute verfügbar sind, um Komplexität Ergebnis einer Intelligenz ohne Gedächtnis und Vergangenheit.

zu beschreiben, sind besser als vorher. Warum die Leute Und damit verbunden ist meiner Meinung nach die große
Gefahr einer Entgleisung, des Abgleitens ins Utopische, in eine
dann trotzdem ins Unglück laufen in ihrer Einsamkeit, Zukunft ohne den Menschen. Und das macht mir Sorgen.
vielleicht auch ich selbst - ich sitze oft lieber am Com­ Ich glaube, aus diesem Fundamentalismus entsteht Gewalt,
puter, als daß ich andere Sachen mache oder mich unter­ Hypergewalt. Zur Zeit redet man ja viel über die Gefahren des
halte -, das muß irgendwie die Faszination von Macht islamischen Fundamentalismus, Bomben usw. Das sind Split­
sein, so wie früher Leute ihre Liebe von ihrer Frau ab­ terbomben. Ich glaube aber, es wird tatsächlich an Informa­

gewendet haben hnd auf ein Bild von Jesus oder Maria tionsbomben gearbeitet, die die gleiche zerstörerische Wirkung

gelenkt haben, so geht das heute in die Technologien auf den Sozius haben, insofern als der Sozius, oder die Ge­
sellschaft, Gedächtnis ist, das heißt verwurzelt nicht an einem
hinein. Ist das die Technologie selbst, die unseren Eros, Ort, im Hier und Jetzt, sondern in einer Vergangenheit, die
unsere Libido abzieht, oder sind das die Leute, die sie ihre eigene Struktur hat und die die Gegenwart strukturiert.
verkaufen? Wir �ind nur der Sproß des Gewesenen. Wer die Vergangenheit

152 GESPRÄCH MIT PAUL VIRILIO 153 GESPRÄCH MIT PAUL VIRILIO
vergißt, ist dazu verdammt, sie noch einmal zu erleben, sagt schreibt nicht nur, sondern das, was man schreibt, wird
man. Und genau das passiert in gewisser Weise mit diesem getan vom Programm. Das Versprechen des Buchdrucks
Feudalismus der neuen Technologien, mit dieser Form von In­
formationsimperialismus. Und ich glaube, ich bin überhaupt
und das Versprechen der modernen Mathematik endlich
kein Gegner der Information. Aber mit dieser totalitären Di­
zusammengekommen, nach 500 Jahren Latenzzeit Euro­
mension setzt man sich nicht genug auseinander. Und es wäre pas, das ist eine unendliche Macht, wirklich eine Art von
doch angebracht, daß sich auch diese Technologiemönche, zu Integral, in das alle vorher getrennten einzelnen Techno­
denen ich Sie nicht zähle, mit dieser Sünde beschäftigen. Denn logien, Metallurgien, Halbleitertechniken und Elektro­
auch im technischen Fundamentalismus gibt es Sünden, deren technik eingehen. All diese Basteleien, die sich abgespielt
Folgen, deren schädliche Auswirkungen wir heute erleben.
Auswirkungen des Fortschritts heißt es, aber es bekennt sich
haben. Es ist sehr schwer anzugeben, ob es da noch eine
keiner dazu. Diese Mönche kennen diese Sünden nicht. Es gibt
Grenze gibt, ich glaube, das ist die im Moment dring­
einfach Arme und Menschen, die verrecken. Wie denken Sie lichste Frage.
über die fundamentalistische Dimension der Information? Es gibt im Grunde nur ein paar weitsichtige Physiker, die
sagen, das Prinzip der Digitalisierung selber ist wunder­
Ich sehe es genauso. Er ist aber wahnsinnig spannend, bar, hat aber interne Leistungsgrenzen, die alle Werbung
dieser neue Integralismus. Natürlich vergessen die Leute, wegleugnet, und die bestehen in dem schlichten Satz, daß
die das alles programmieren, die Geschichte Europas, die die Natur selber kein Computer ist und daß deshalb be­
das möglich gemacht hat. Wenn man diese Geschichte stimmte komplexe Phänomene des Menschen, der Natur
wieder bedenkt, kann man sehr klar sehen, wie das präzise prinzipiell, außerhalb der Berechenbarkeit des heute herr­
vor allem aus der Gutenbergischen Erfindung des Buch­ schenden Paradigmas liegen. Das ist eigentlich die einzige
drucks und der modernen Algebra herausgekommen ist. vernünftige Hoffnung, die ich hegen kann, daß wir nicht
Beide sind ungefähr gleichzeitig um 1450-1500 entstan­ am Ende der Weltgeschichte angelangt sind. Denn wenn
den. Der Buchdruck konnte alles kopieren und abschrei­ die Digitalrechner keine internen Grenzen hätten, dann
ben, und die Algebra konnte alles berechnen, aber die würden sie wirklich die Weltgeschichte zu Ende bringen,
beiden liefen nicht zusammen. Wenn man schrieb, mußte in all den Punkten, die Sie gesagt haben: Die Zeit ist nicht
man immer noch Polizei oder Liebe einsetzen, damit die mehr die Zeit des Menschen, der Raum ist nicht mehr
Leser taten, was man beschrieben hat. Wenn man pro­ der Raum des Menschen, sondern ist ein Gang in diesen
grammiert, dann tritt ein richtiger Integralismus auf. Man klefr1en Wunderdingen. Aber wenn diese Wunderdinge
154 GESPRÄCH MIT PAUL VIRILIO 155 GESPRÄCH MIT PAUL VIRILIO
selber Schranken haben, dann kann man sich problemlos Warum beschäftigt uns heute nicht, so wie seinerzeit die In­
ein 22. oder 23. Jahrhundert vorstellen, in dem das Prin­ genieure im 19. Jahrhundert das spezifische Unfallsrisiko der

zip der Digitalmaschinen nicht gerade über Bord gewor­ Eisenbahn beschäftigt hat, die Entgleisung, das spezifische,

fen wird, aber ergänzt wird durch irgendein neues, zu hier nun eben immaterielle Unfallrisiko der Datennetze, daß
sich eine Sozialkybernetik herausbildet? Wenn ich mich recht
erfindendes Prinzip. . eritsinne, fürchteten bereits Alan Turing und Norbert Wiener
Wäre es aber nicht an der Zeit, daß diejenigen, die Maschinen die Anwendung der Sozialkybernetik a_uf die Gesellschaft.
bauen und ihre Vorzüge loben, nicht die, die sie verkaufen, Und uns erzählt man heute, das. sei der Fortschritt. Cyberspace,
meine ich, sich zusammentun, um diese Grenze auszutesten, die kybernetische Regelung des Soziallebens sei der Gipfel der
diese Schadwirkung, dieses spezifisch Negative der Informa­ Demokratie, vor allem von Ross Perot hört man das.
tion? 1888 trafen sich die Erfinder der Eisenbahn, die Erbauer Mir scheint, es wäre an der Zeit, daß diejenigen, die an den
der Schienennetze Europas, in Brüssel. Warum? Weil die Ent­ Programmen arbeiten, sich auch mit einem Gegenprogramm
wicklung der Dampfmaschinen voranging, die Lokomotiven beschäftigen, um die Grenzen dieses Prozesses auszuloten.
immer leistungsstärker wurden, die Tiefbauingenieure immer Aber warum verwenden sie ihre Intelligenz nicht darauf, die
fantastischere Tunnelbauwerke konstruieren und schwingungs­ Technik in Auseinandersetzung mit ihren negativen Seiten
feste Stahlbauwerke bauen konnten usw. usf. Aber es gab ein weiterzuentwickeln? Warum verschleiern sie immerzu die
Problem. Die Verkehrsführung hielt nicht Schritt mit der Lei­ Erbsünden dieser Technik, während man doch den Schiffbau
stungsentwiclclung der Maschinen. Darum trafen sie sich alle vorangebracht hat, indem man die Schiffe wasserdicht machte,
in Brüssel und erfanden das, was man heute die Verkehrsleit­ die Flugzeugtechnik, indem man die Motoren besser steuerbar
technik nennt. Man entwickelte das sogenannte Blocksystem. machte - und natürlich durch die Flugüberwachung und die
Das Wort gefällt mir übrigens. Wenn der TGV heute gut funk­ Fluglotsen. Warum gibt es so was nicht?
tioniert, dann deshalb, weil es das Blocksystem gibt und die
Signalerfassung im Führerstand des Zuges. Das bedeutet, es Ich habe eine einzige Antwort, die aber völlig idiosynkra­
gibt praktisch kaum noch Unfälle. Man ist vom Negativen tisch ist. Wie schon bei dem Columbia-Unfall verfallen
ausgegangen, um das zu regeln, was nicht funktionierte, näm­ vor allem amerikanische Firmen in eine Hälfte von Inge­
lich den Verkehr. Man hat Gleiskontakte erfunden, Fahrsignale,
das bereits war eine Form der Daten- und Signalverarbeitung,
nieuren und eine Hälfte von Händlern, Kaufleuten und
die hoch entwickelt war. Warum gibt es also heute ange­
Juristen, und die Sprecher sind immer die Juristen, und
sichts der schädlichen Folgen der Arbeitslosigkeit, der Fehl­ eventuell treten noch die Professoren von MIT wie etwa
entwicklungen im Städtebau, warum gibt es kein Colloquium Minsky hinzu. Und ich kenne keine einzige größere
über diese Kehrseite des informationstechnischen Fortschritts? Firma, die in den Händen von Leuten wäre, die die Sachen
156 GESPRÄCH MIT PAUL VIRILIO 157 GESPRÄCH MIT PAUL VIRILIO
selber programmieren. Sondern die Leute, die program­ Geschichte und das Sein konstituiert. Sprache und Sein ist

mieren, die also wissen, wo die Negativität der Systeme dasselbe. Sein ist sprechen. Das lateinische Wort für Kind,

sitzt, werden grundsätzlich als Programmiersklaven ge­ »infans«, bedeutet doch, »der nicht spricht«. Man hat also aus
der Information ein Fertigprodukt gemacht, ein Weltunter­
halten, das ist ein Ausdruck in der Branche, tut mir nehmen. Was ist das für ein Drama, das man uns da als Fort­
leid. Und die Leute, die Propaganda machen, denen das schritt zu verkaufen wagt? Ich rege mich darüber auf, weil
gehört, wie Bill Gates, haben vielleicht vor 20 Jahren fünf ich glaube, daß Europa zur Zeit eben überhaupt nicht darauf
Zeilen geschrieben und das dann gelassen. Dieser Schnitt reagiert. Die Verantwortlichen für den Bereich neuer Produkte

verhindert jede Diskussion über diese Negativität. Die haben sich doch vor einem Jahr in Brüssel getroffen und man

Leute, die Sie vorhin zitierten, sind eigentlich freie Wis­ hat ihnen die neuen Systeme, die neuen Produkte schmackhaft
gemacht. Und diejenigen, die dort hingegangen sind, um doch
senschaftler, die sich als Physiker Gedanken machen, die ein wenig zur Skepsis zu mahnen, und die gesagt haben, es gibt
aber nicht in der Industrie tätig sind. Vielleicht wenn da vielleicht doch das eine oder andere Problem, die hat man
Europa so seßhaft ist, könnte wenigsten das seine Aufgabe wie den letzten Dreck behandelt, Und das an dem Ort, an dem
sein, daß wir hier eine Diskussion mit den Leuten, die Europa gestaltet wird oder entstehen soll.

die Systeme bauen, planen und entwerfen, veranstalten.


Das ist die Katastrophe: Das Zusammenwerfen eines
Warum nicht in Brüssel? Weil eben doch auch die Block­ alten, aus der Goethezeit stammenden Copyright und
systemkonferenz in Brüssel stattfand. Ich glaube, Sie haben Eigentumsrechts an geistigen Produkten mit den neuen
eben das entscheidende Wort genannt, »Unternehmen«. Infor­
mation kann kein Unternehmen sein, sie ist die eigentliche
Entdeckungen der digitalen Maschinen. Die Definition
Materie der Welt. Was wir gerade tun, hat nichts mit Unter­
war die einer Maschine, die alle anderen Maschinen imi­
nehmen zu tun, das ist ein Dialog, ein Gespräch. Wie kann tieren kann. Diese Definition schafft eigentlich jedes Ur­
man aber die Frage der Information auf Unternehmen be­ heberrecht und jedes geistige Eigentum ab, weil es genau
schränken? Mehr noch, auf Unternehmen, die sich auf ein diese Maschine ist, die jede andere Maschine, auch uns, in
f,
absolutes Mono ol hin entwickeln? Wir stehen vor einem dieser Hinsicht, sofern wir denken, imitieren kann. Das
Phänomen der Tyrannei, einer Tyrannei der Echtzeit, der In­
war, glaube ich, das große englische Gift, das kurz vor
formation, die ja ein Alltagsprodukt wie der elektrische Strom
sein sollte. Wenn aber etwas kein Alltagsprodukt ist, dann ist
dem Zweiten Weltkrieg erfunden wurde. Dieses Gift ist
es doch die Inforfnation. Wir stehen vor einem Phänomen der nach Amerika importiert worden, und das Problem für
Materie, ihrer Masse und Energie, die ihrem Wesen nach die Amerika war, daraus ein profitables Geschäft zu machen.

I58 GESPRÄCH MIT PAUL VIRILIO 159 GESPRÄCH MIT PAUL VIRILIO
Und das scheint in den letzten 50, 60 Jahren wunderbar Anstatt unser Gespräch von einer pessimistischen Warte zu be­
geklappt zu haben. trachten, sollten wir es doch eher vom optimistischen Stand­

Die skandalösesten Meldungen, die mich erreichen, be­ punkt sehen. Wir haben versucht, bei aller Begeisterung für

ziehen sich darauf, daß es jetzt in den USA möglich ist, diese Teletechnologien, uns Gedanken über deren Zukunft zu
machen. Nicht über die Zukunft der Kommerzialisierung
mathematische Gleichungen zu patentieren. In 2000 Jah­ dieser Produkte, die Zukunft des Monopols, sondern deren
ren Geschichte ist das schlechthin verboten gewesen, das zukünftige Entwicklung. Diese Entwicklung verläuft ja nicht
war die freieste aller Wissenschaften, die nicht patentier­ parallel zur Entwicklung des Absatzes der Produkte, sondern
bar war. Wenn das geschafft wird und wenn amerikanische zur Entwicklung der Leistungen. Und die Entwicklung der
Konzerne das europäische Urheberrecht an Software· in Leistungen, wie Sie ja gesagt haben, kommt durch das Er­

diesem amerikanischen Sinne modifizieren, dann ist ge­ kennen der schädlichen Folgen der Negativität. Wir sollten vor
den archaischen Instinkten derer warnen, die heute vorgeben,
nau das Gegenteil erreicht von dem, was damals die Leute eine globale Informationswelt zu entwickeln, ohne zu analysie­
wollten, die die Turingmaschine geschaffen haben. Das ren, inwieweit die inhaltliche Reduzierung eine destruktive
ist eine reale Drohung, weil die Information nicht privat Wirkung hat. Nicht nur auf Kleinunternehmen, auf Tausende
sein kann und nicht ein Eigentum sein kann. Ich glaube und Millionen Arbeitslose, sondern auf das, was die Ge­
nur nicht, daß diese Strategie auf Dauer wird aufgehen schichte des Sozialwesens ausmacht, nämlich sein gedankliches

können, weil die Maschinen wirklich proliferieren, wie Erbe und seine über Jahrtausende geformte Struktur. Darin

Atombomben und alle anderen. Da sie nicht kontrollier­ liegt ein regulatives Element. Entweder dieses Gedächtnis ist
nicht lediglich das tote Gedächtnis der Massenspeicher eines
bar ist und im Prinzip darin die allgemeine Imitierbarkeit Computers, sondern das lebendige Gedächtnis der Arbeits­
steckt, dürfte die Software nicht patentierbar sein, auf speicher der Menschen, oder es gibt gar kein Gedächtnis mehr,
Dauer also nicht schützbar. Und was die Hardware an­ nur noch Gewalt. Urid dann explodiert wirklich die Infor­
geht, also die Maschinerie selbst, ist es ja so, daß die Her­ mationsbombe und es entsteht die Notwendigkeit, und das
stellungskosten ständig fallen, mit dem Resultat, daß in wäre ein wahres Drama, einer sozialen Abschreckung. Und

zehn Jahren die heute noch unerschwinglichsten Maschi­ im Vergleich dazu wären die vierzig Jahre der nuklearen Ab­
schreckung, glaube ich, so gut wie gar nichts. Etwas sehr viel
nen für einen Pfennig oder einen Franc zu haben· sein Gefährlicheres als das, was wir vor vierzig oder fünzig Jahren
werden. Das ist die andere Dimension, die wirklich dafür erlebt haben, etwas, das in seinem Totalitarismus sehr viel ge­
sorgt, daß, ich sage nicht Demokratie, aber zumindest fährlicher wäre als beispielsweise der Nationalsozialismus oder
Nicht-Eigentum vielleicht die Hoffnung sein könnte. der Stalinismus.

160 GESPRÄCH MIT PAUL VIRILIO


PROVISORISCHE M A S CHINEN, wollte, war La Fleche, die Schule seiner Jugend und der
P ROVIS ORIS CHE MORAL hergebrachten Philosophie. Der Wirbelsturm dagegen war
Philosophie unter maschinellem Konkurrenzdruck jener täuschende Gott, der den Menschen falsche Glei­
chungen, aber auch neue Geometrien eingeben kann.
Denn statt ins Jesuitenkolleg zurückzufinden, lernte Des­
cartes im Wirbelsturm, wie der eigene halbgelähmte Kör­
per Kreise beschrieb. Das Subjekt als denkender Punkt,
dessen Bewegungen einer Gleichung folgen, brachte aus
eigener Not oder Kraft geometrische Figuren hervor.
So ist aus dem Traum des Descartes jene »wunderbare
Die Armee von Moritz von Oranien war berühmt für Wissenschaft« entsprungen, die die griechische Geome­
ihren Drill, ihre Geometrie und die ersten Dezimalzahlen trie durch neuzeitlichen Kalkül überboten hat. Wo einst
der Geschichte. Daran hielten sich ihre Offiziere noch im Figuren am Himmel und auf Erden Anlässe zu Bewunde­
Winterquartier und Schlaf. Am Abend des 10. November rung und Nachzeichnung gaben, tauchen ebenso wirk­
1619 sank Rene Descartes in einen Traum, der die Drei­ liche wie phantasmagorische Erscheinungen auf: Gegen­
ßigjährigen Kriege weit überdauern sollte. stände einer Konstruktion, die es ohne Gleichungen gar
»Nachdem er eingeschlafen war, glaubte er irgendwelche Phan­ nicht gäbe. Raketenflüge und Kamerafahrten, Geschoß­
tome zu sehen. Er meinte durch Straßen zu gehen und war über bahnen und Computersimulationen, alle Gewalten und
die Erscheinungen so entsetzt, daß er sich auf die linke Seite nie­ Medien also, auf denen die Macht des Westens gründet,
derwerfen mußte, um an den Ort zu gelangen, wohin er wollte.
Denn an der rechten Seite fühlte er eine große Schwäche und
schreiben nur den Träumer Descartes in seinem Wirbel
konnte sich nicht aufrechthalten. Beschämt, auf diese Weise gehen
fort.
zu müssen, machte 1,er eine Anstrengung, um sich aufzurichten, Aber Descartes war kein Held. Auch wenn der Sturm ihn
doch da fühlte er einen heftigen Wind. Wie ein Wirbelsturm selbst aus aller Tradition davontrug, blieb sie, wie er
packte ihn der Wind, so daß er sich drei- oder viermal auf seinem wußte, noch an der Macht. Deshalb schlug nicht nur seine
linken Fuß im Kreise herumdrehte.«
Geometrie den provisorischen Gang ein, sondern auch
Descartes selbst, lange vor Freud, hat seinem Traum eine seine Moral. Das eigene Haus wurde zur Baustelle, die es
Deutung gegeben: Der Ort, wohin er vergeblich zurück- niederzureißen und auf dem Fundament der analytischen

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I 2 PROVISORISCHE MORAL 163 PROVISORISCHE MORAL
Geometrie neu zu konstruieren galt. In der Zwischenzeit, zu bewahrheiten und das heißt, »die Macht zu überneh­
die aber vermutlich bis heute währt, blieb also nur übrig, men«. Der Rückweg zur Lebenswelt ist ganz so versperrt
nach der hergebrachten Moral wie unter einer Maske zu wie einst der ins Jesuitenkolleg. Deshalb hat die Philo­
wandeln. Das nennen Philosophenkongresse dann Dyna­ sophie, statt Scholastik der Kommunikation zu werden,
mik des Wissens und der Werte. einigen Lernbedarf. Bislang nämlich gestehen nur Physi­
Provisorisches Wissen und provisorische Moral sind aber ker ein, welche Revolution die Computertechnik in ihrer
in einen neuen Aggregatzustand geraten. Was heute an Wissenschaft ausgelöst hat. Erkenntnis besteht nicht
Zeichen und Figuren über die Computermonitore tanzt, mehr darin, daß ein Experimentator aus gemessenen Da­
ist kein träumendes Subjekt mehr. Es sind Ausgabewerte ten auf Hypothesen oder gar Gesetze schließt; Erkennt­
von lauter Programmen oder Algorithmen, die auch der nis findet in hochtechnischen Sensoren statt, deren Daten
größte Jongleur nicht gleichzeitig im Kopf behalten in einen Computer laufen, der diese Daten erst einmal
könnte. Cartesische Geometrie und leibnizischer Infinite­ numerisch und statistisch modelliert, bevor Physiker auch
simalkalkül scheinen ihren Erfindern längst entlaufen. nur Ausdrucke zu sehen bekommen. Kants transzenden­
Das späte 19· Jahrhundert hat sie in Filme, Schallplatten, tale Apperzeption ist also jenen Physikern zufolge durch
Radios, also in technische Medien eingebaut, die ihrer­ einen Maschinenpark ersetzt. Wenn im 19· Jahrhundert
seits heute dabei sind, eins nach dem anderen im Univer­ die Wissenschaft (laut Nietzsche) ihrer Methode unter­
salmedium Computer zu landen. legen ist, so im folgenden ihrer Technik.
Über diese Erscheinung scheinen Philosophen entsetzter Diese Revolution bleibt nicht auf die Physik beschränkt.
als ihr Ahnherr Descartes über seine Phantome. Statt im 1976 erfuhren auch die Mathematiker zu ihrem Entsetzen,
Erschrecken neues Denken zu lernen, träumen sie von daß ein lange, aber vergeblich gesuchter Beweis angetreten
einer Lebenswelt ohne Maschinenpark. Schon Husserls war. Die frohe Botschaft, daß vier verschiedene Farben
Phänomenologie\, rechnete es sich zur Ehre an, nicht auf genügen, um beliebige politische Landkarten zu drucken,
dem technischen Stand ihrer Zeit zu sein. Die Gegen­ brachte aber kein Gelehrter, sondern ein Großcomputer
wartsphilosophie ist dem gefolgt und bis zur Kühnheit der Universität Chicago. Woraufhin seine menschlichen
gegangen, Technik und Wissenschaft insgesamt als Ideo­ Konkurrenten nicht ruhten, bis sie vier Jahre später den­
logie zu brandmarken. Was die Maschinen allerdings selben Beweis noch einmal, nur mit den menschenwür­
durchaus nicht daran hindert, ein Orakel ihres Erfinders digen Mitteln vo� Papier und Bleistift geführt hatten.
164 PROVISORISCHE MORAL 165 PROVISORISCHE MORAL
D ER KOPF SCHRUMPFT als »bioelektronische Umwelt, die buchstäblich universal
Herren und Knechte im Cyberspace ist«. Das Manifest setzt diese Umwelt mit guten Gründen
gegen den Rohstoffindustrialismus des 19. Jahrhunderts
ab, aber nur, um sie mit weniger guten als Sieg des »Gei�
stes über die rohe Macht der Dinge« zu feiern.
Umwelt, Leben, Geist sind keine Begriffe der computer
community, der es unbeirrt um Maschinen geht. Wie bei
Gibson (und einigen Spielarten der soziologischen Sy­
stemtheorie) rühren die biologischen Metaphern aus
Unkenntnis genau der Technik, die sie beschreiben. Alle
Realisierungen des Cyberspace, die das Manifest aufzählt
Cyberspace ist im Computerwortschatz eine Seltenheit: - vom Prozessor über die CD-ROM bis zum Glasfaser­
Der Begriff stammt nicht von sprachmächtigen Ingenieu­ kabel -, bezeugen zunächst einmal die rohe Macht des
ren, sondern aus William Gibsons Neuromancer. Im Ge­ Anorganischen.
folge all jener Orakel, die die Künstliche-Intelligenz­ Je kleiner, eleganter und schnell�r die Schaltungen auf
Forschung einigermaßen diskreditiert haben, beschreibt Siliziumbasis aber werden, desto größer ihre Überlegen­
Gibsons Roman einen weltweiten Verbund von Compu­ heit über Reaktionszeit und Rechenkapazität von Men­
terprogrammen und elektronischen Netzen, der über schen. Die Computertechnik selbst erzwingt also spe­
Sensoren und Effektoren in die Gehirne all seiner Figu­ zielle Programme und Schnittstellen, um ihre Hardware
ren eindringt (wenn sie nicht ohnehin bloße Programme von außen überhaupt zu erreichen. Software heißt der
sind). Inbegriff solcher Texte, die im Unterschied zu allen bis­
Das Cyberspace-Manifest, von Professoren und Hackern herigen Schriften der Geschichte das, was sie schreiben,
in dieser Zeitung71 als Magna Charta eines neuen ame- auch tun. Während der Geist Europas in Büchern hauste,
rikanischen Traums vorgelegt, schreibt Gibsons Science­ deren einziges Tun es war, etwas zu bedeuten, ist Software
fiction fort. Sein Schlüsselsatz verkündet, daß die Compu­ Information - eine von der Hardware ablösbare Syntax,
terrevolution des letzten Jahrzehnts »eher ein Ökosystem die nach Shannons klassischer Definition Bedeutung
als eine Maschine« hervorgebracht hat: den Cyberspace weder haben soll noch darf.
168 DER KOPF SCHRUMPFT 169 DER KOPF SCHRUMPFT
't
1

Erst bei der Software ist das Cyberspace-Manifest in sei­ Info-Imperialismus


nem Element. Die Möglichkeit, Abläufe über Programme
zu steuern, die selbst umprogrammierbar sind, macht in Auf solche Aporien antwortet das Manifest mit einer
der Tat Schluß mit dem »American system of manufactu­ Neuauflage des amerikanischen Traums. Wilder Westen,
ring«, dessen Geheimnis weniger in der Serienfabrikation Weltraum, Kalter Krieg: alle haben sie aufgehört, jene
selbst als in der Verwendbarkeit ungeschulter Arbeiter Grenze zu sein, an der die Vereinigten Staaten ihr Maß
lag. nehmen. Aber als Großkonzerne wie IBM oder AT&T in
Die Möglichkeit digitaler Speicherung und Übertragung den achtziger Jahren ihre Monopole auf Hard- und Soft­
von Information errichtet einen Wissensraum, der ebenso ware einbüßten, soll das amerikanische Volk, vertreten
verteilt wie menschenlos ist. Für Wirtschaft und Schule durch Ingenieure und Privatfirmen, den Cyberspace als
folgt daraus die große, aber lösbare Aufgabe, ihre Bil­ neue Grenze erschlossen haben. Weshalb der elektroni­
dungsziele um alphanumerische Codes zu erweitern, sche Raum auch keiner Regierungsbürokratie der Daten­
unter denen Buchstaben dann der Sonderfall wären. Für autobahnpläne gehören darf, sondern einem Volk.
Staat und Recht folgt die womöglich unlösbare Aufgabe, Europäer, die mit Manifesten ohnehin keine guten Erfah­
einem immateriellen und distribuierten Wissen para­ rungen gemacht haben, lesen also eine offene Handels­
doxerweise zugleich Zugangsrechte und Copyrights zu kriegserklärung. Das Cyberspace-Manifest weiß sehr ge­
verschaffen. nau, daß die weltweiten Internet-Verbindungen so stern­
Denn einerseits kann jeder Computer alle anderen Com­ förmig auf Kalifornien zulaufen wie vordem nur noch
puter imitieren - der Begriff geistigen Eigentums, wie koloniale Telegraphenkabel auf London. Es weiß auch,
ihn nicht zufällig die Goethezeit erfand, läuft ins Leere. daß die Vereinigten Staaten ihren gegenüber Japan fast
Und andererseits sind alle Turingmaschinen, die Vorläu­ verspielten Vorsprung bei Mikroprozessoren und Soft­
fer des Computers, aus der Kryptographie, den Verschlüs­ ware wiedererlangt haben. Aber daß es bei Speicherchips
selungstechniken 1des Zweiten Weltkrieges, hervorgegan­ und Medientechniken anders steht, bleibt dagegen un­
gen - die Möglichkeit, Wissen zu verschlüsseln und damit gesagt.
zu verschließen, wächst mit jeder neuen Computergene­ Vor allem aber unterschlägt die Saga vom Volkseigentum,
ration. worauf jener Technologievorsprung beruht. Personalcom­
puter würden noch heute bei 4,77 Megahertz dümpeln,
170 DER KOPF SCHRUMPFT I7I DER KOPF SCHRUMPFT
T
'

hätte die Darpa, das Fotschungsamt im Pentagon, nicht selbst zur Bürokratie geworden. Hardware und Software
ultimativ nach Hochfrequenzprozessoren für den Ster­ unternehmen alles, um Hackern und Endbenutzern (wie
nenkrieg verlangt. Computersoftware würde noch heute, sie so schön genannt werden) das Handwerk zu legen.
wie Microsofts unsägliches DOS, die eigene Hardware
zum Absturz bringen können, hätte dieselbe Darpa bei Eine allwissende Spinne
der Firma Intel nicht Prozessoren mit eingebautem
Schutzmechanismus angefordert. Der Computermarkt, »Lassen Sie mich ein Analogon anführen«, schrieb letzt­
anders als Fernsehen und andere Unterhaltungsmedien, hin ein führender Hardware-Designer.
ist sensitiv im anglo-amerikanischen Wortsinn, unter stra­ »Der Prozessorkern verhält sich wie ein Unternehmer, der eine
tegischem Druck also am innovativsten. neue, innovative Firma gründet. Wenn die Firma klein ist, gedeiht
Die bei Intel bestellte Pentagon-Hardware wurde nie sie mit den Ideen und Einfällen des Unternehmers. Mit zuneh­
ausgeliefert, aber ihre direkten Nachfahren sind »state of mender Größe der Firma wird ihr Erfolg mehr und mehr durch
the art«. Auch östlich der Elbe kommt auf den Markt, periphere Funktionen wie Vertrieb, Marketing, Öffentlichkeits­

was VEB Robotron vormals nach Dresden schmuggeln arbeit, Finanzen, Controlling usw. bestimmt, Funktionen, die
meistens mit den Produkten der Firma überhaupt nicht in Zu­
mußte. Aber damit hat sich jene Bürokratie, die bis sammenhang stehen, Große Unternehmen konkurrieren aufgrund
zum Mauerfall ihre Hochtechnologie auf Cocom-Liste,; ihrer peripheren Funktionen miteinander. In Zukunft wird der
setzen durfte, noch lange nicht überlebt. Leistungsanteil des Prozessors weiter abnehmen.«
Nur sind an die Stelle von »Staat, Regierung und Verwal­
tung« - laut Cyberspace-Manifest: »letzten Bollwerken Wachstum der Konzerne bei Schrumpfung des Kerns

,I
bürokratischer Macht auf diesem Planeten« - genau die (der im bioelektronischen Modell wohl Kopf hieße) -
Bürokratien getreten, die das Pentagon einst in Auftrag die Computertechnik selbst sagt schon ihr Dinosaurier­
gab. schicksal voraus. Innovative Gründungen werden selten; 'I
Es gibt keinen Pr�zessor ohne Schutzmechanismus mehr, technisch und nicht bloß ökonomisch ist die Phase der
kein Betriebssystem ohne unzugänglichen Kern, keine Akkumulation eingeläutet. Weil nur die besten verfüg­
Programmbibliothek ohne versteckte Objekte und bald baren Computer schnell genug kombinieren, um ihre
womöglich auch kein elektronisches Netz ohne Spinne. In Nachfolgemodelle überhaupt noch entwerfen und testen
ihren kaum zugänglichen Tiefen ist die Computertechnik zu können, bleibt die Konkurrenz chancenlos.
172 DER KOPF SCHRUMPFT 173 DER KOPF SCHRUMPFT
T
Die Netze sind aber, wie das Manifest trocken vermerkt, zen. Darüber hinaus aber zielt Microsofts Herrschafts­
»ein winziger Teil des Cyberspace« und nur von Philo­ anspruch, mit Film- und Fernsehrechten nicht zufrieden,
sophen mit Kommunikationsmedien zu verwechseln. Was auf das Medium Computer selbst. Windows 95 errichtet
sie vor Postsystemen, deren Gründung auch nicht gerade unter der Tarnung, nur ein besseres Betriebssystem zu
auf Menschenliebe zurückgeht, dramatisch auszeichnet, sein, sein eigenes Computernetz. Wer immer sich im
ist ihre Eignung, Software als solche zu übertragen. Die Microsoft Net anmeldet, bestätigt der Firma per Maus­
Vernetzung läuft mithin zwischen den Computern selbst klick das Recht, seine »Konferenzen und Gespräche zu
und wird desto unumgänglicher, je mehr mit der Kom­ überwachen« und seine Gewohnheiten als Client im
plexität auch die Fehlerträchtigkeit von Programmen firmeneigenen Server zu speichern. Falls Strategien wie
zunimmt. Weshalb das Wissen, das im Cyberspace vor­ die mit Windows 95 verfolgte aufgehen, wird das Netz
handen ist, mit dem Wissen von Kulturen oder Alltags­ sehr bald einer allwissenden Spinne gehören, die die
sprachen wenig gemein hat: Es ist Selbstabbildung der Computer ihrer Opfer (unter Ausschaltung von Handel
Computertechnik in ihrer Macht, alle anderen Medien zu und Konkurrenz) nur mehr mit eigener Software füttert.
integrieren. Der Aufruf, Staat und Verwaltung als letztes Bollwerk der
Vor allem aber räumt elektronische Vernetzung mit einer Bürokratie zu schleifen, kommt daher nicht bloß spät. Er
fünfzehnjährigen Idylle auf: dem Single-User am Perso­ macht neue Konzernbürokratien, wie sie aus Monopolen
nalcomputer. Viele Benutzer (Clients) hängen gleichzeitig auf Hardware oder Software entstehen, unsichtbar und
an einem Hochleistungscomputer (Server), der sie im das heißt möglich.
Master-Slave-Betrieb (so der Fachausdruck) verwaltet. Kurzum, ein amerikanischer Traum droht wahr zu werden,
Aus dieser Wiederkehr von Hegels Herren und Knechten während Europa ungerührt im Zeitalter der Automobile
zieht Windows 95, Microsofts Betriebssystem, alle Kon­ und Programmedien verweilt. Fernsehanstalten beklagen
sequenzen. Es ist ,zunächst einmal auf den Tag vorberei­ am digitalen Bild, das sie ablösen wird, nur seinen Seiten­
tet, an dem der L�xus zweier Bildschirme pro Wohnung effekt, Filmdokumente fälschen zu können. Wissenschaf­
nicht mehr lohnt. Vernetzte Computer mit graphischer ten gehen von einer Gesellschaft aus, die immaterielle
Benutzeroberfläche sind schon darum die Zukunft aller Wesenheiten (wie die Agenten im Netz oder die Dämo­
Fernsehsysteme, weil sie Eingleisigkeit durch Rückkoppe­ nen im J:letriebssystem) gar nicht kennt. Und obwohl
lung und Programme durch Programmierbarkeit erset- vollkommen offen ist, ob die in Hardware und Software

174 DER KOPF SCHRUMPFT 175 DER KOPF SCHRUMPFT


versenkten Bürokratien optimal sind, unternimmt kaum DIE ZUKUNFT AUF S ILIZIUMBASIS
ein Unternehmen Versuche, andere Standards zu setzen.
Die Frage, wie freiwillig oder notgedrungen künftige Ge­
nerationen im Cyberspace hausen, scheint für Europa also
fast beantwortet. Aber dafür wäre kein Cyberspace-Mani­
fest nötig gewesen. Als guter Europäer hat Alan Turing
nicht nur die Prinzipschaltung aller Computer angegeben,
sondern auch ihre häretische Theorie begründet:
The physical world is subtle and has many
»Ab einem gewissen Punkt werden wir damit rechnen müssen,
dimensions to play with. lt is unsetting to re­
daß die Maschinen die Kontrolle übernehmen.«
member that we are P time bounded symbol
beings, dwarfed by the effective computing
resources in a thimbleful of water.
Brosl Hasslacher

Der Bedarf an Propheten, wenn ich den Vortragseinla­


dungen in meinem Briefkasten glauben darf, wächst un­
aufhaltsam. Offenbar werden die Bücher, die unsereins
über Medientechnologien der letzten hundert Jahre vor­
gelegt hat, nur mehr durchblättert, um die Medientech­
nologien der nächsten hundert Jahre zu extrapolieren.
Solchen Wünschen bleibt jedoch der achtundneunzigjäh­
rige Satz Mallarmes entgegenzuhalten, daß kein Würfel­
wurf - also auch kein Vortrag aus Wörtern oder ASCII­
Zeichen - den Zufall jemals abschaffen wird.
Über die Zukunft im allgemeinen und die der Architek­
tur im besonderen zu reden steht mir als Medienwissen­
schaftler folglich nicht zu. Ohne empirische Datenbasis,

177 DIE ZUKUNFT AUF SILIZIUMBASIS


wie sie den Hochrechnungen und Zukunftsprognosen dergekehrt war: Jährliche Überschwemmungen des Nils,
etwa der Industrie zugrunde liegt, kann die Medientheo­ Finsternisse der Sonne oder des Mondes. Was dagegen
rie nur ein paar einfache Fragen stellen. Was mich be­ als Zufall über die Leute einbrach, vom Wetter bis zum
schäftigt, ist zunächst das Problem, was aus dem Begriff Todesaugenblick, entging jeder Vorhersage, die nicht sel­
Zukunft unter hochtechnischen Bedingungen geworden ber hinterrücks einem Zufall verdankt war. Anders gesagt:
ist, und anschließend die Frage, welche Architekturen Den Zufall unter alltagssprachlichen Bedingungen pro­
diese Zukunft auf Siliziumbasis erfordert. zedierten nur Orakel.
Zukunft im untechnischen, im alteuropäischen Wortver­ Orakel als heilige Stätten der Zukunftsenthüllung nutz­
stand stammt, soweit ich sehe, aus jener seltsam reflexiven ten - wie in Dodona - das Rauschen von Eichenwäldern
Sprache, die Grammatiker seit den Griechen über Spra­ oder - wie in Delphi - den Rausch von Lorbeerblättern
chen geführt haben. Noch im Althochdeutschen, also aus, um aus ihren eigenen Rauschquellen auf die un­
einer Sprache fast ohne Grammatiker, hieß Zukunft vorhersehbare Rauschquelle namens Zukunft hochzu­
schlicht und einfach Ankunft irgendwo an einer Raum­ rechnen. »All diese Sibyllen«, hieß es schon in einer von
stelle. Das lateinische Wort Futurum dagegen, dem die Plutarch zitierten Kritik des Orakelwesens, »haben
deutsche Zukunft im zeitlichen Wortsinn als Lehnüberset­ grundlose Namen und Wörter von allerhand Ereignissen
zung entstammt, geht auf eine der ehrwürdigsten Wurzeln und Zufällen gleichsam in das unermeßliche Meer der
zurück, die das Indoeuropäische seinen Sprechern und Zeit aufs Gerathewohl hingeworfen«.7l Orakel unter alt­
zumal seinen Philosophen beschert hat. Die Wurzel *bhu, europäischen Bedingungen, das heißt unter der Herr­
die auch in Wörtern wie bin und bauen am Werk ist, also schaft einer Alltagssprache, wären also, streng nach Epi­
nach Heidegger von der Zugehörigkeit zwischen Sein und kur oder Mailarme, nur der absurde Versuch gewesen,
Architektur zeugt,7' bezeichnete das Werden, Wachsen den Zufall namens Zukunft durch den Zufall namens
oder Entstehen. '.;(:ukunft im Wortsinn war demnach ein Sprache zu bändigen.
Raum externer Entwicklungen, jedem Eingriff der Men­ Aber auch die gegenteilige Annahme antiker Stoiker, daß
schen oder ihrer Werkzeuge entrückt. Selbst die großen nämlich die Götter selbst als Herren der Orakel die von
mathematischen Gebäude seit Ägyptern und Babyloniern ihnen bestimmte Zukunft sehr wohl müßten vorhersagen
konnten ja nur voraussagen, was mit Regelmäßigkeit oder können, mündete in eine Aporie. In derselben Abhand­
Periodizität schon in einer Vergangenheit immer wie- lung Plutarchs hieß es zwar über Apollon:
178 DIE ZUKUNFT AUF SILIZIUMBASIS 179 DIE ZUKUNFT AUF SILIZIUMBASIS
»Dieser Gott nun ist ein Wahrsager über die Kunst, das Zukünf­ Götternamen abgeht, weil sie emzig auf Verarbeitung
tige aus dem Gegenwärtigen und Vergangenen vorherzusagen. reeller Zahlenkolonnen ausgelegt sind.
Denn die Entstehung keiner einzigen Sache ist ohne Ursache, Sofern und solange auch diese Kultur noch einen Gott
noch die Vorhersehung derselben ohne Grund; sondern weil alles
Gegenwärtige mit dem Vergangenen, und das Zukünftige mit dem
kannte, dann nur den seltsamen Dämon, den Laplaces
Gegenwärtigen, in einer vom Anfange bis ans Ende ununterbro­
Philosophischer Versuch über die Wahrscheinlichkeit 1814 einge­
chen fortgehenden Folge, verbunden ist und zusammenhängt, so führt hat: Laplaces Dämon kennt die endlosen Ursachen­
muß derjenige, der die Ursachen der Dinge nach natürlichen ketten zwischen Vergangenheit und Zukunft nicht mehr,
Gründen miteinander vereinigen und verbinden kann, auch das wie bei Plutarch, kraft philosophischer Einsichten, son­
Gegenwärtige, Zukünftige und Vergangene wissen und vorher­ dern kraft mathematischer Kalküle, die erst die neuzeit­
sagen können.«74
liche Infinitesimalrechnung ihm beigebracht hat.
Aber auch mit dieser schönen Definition einer Ursachen­ »Wir müssen also«, hieß es bei Laplace, »den gegenwärtigen
kette war der Kurzschluß zwischen Rauschen und Rau­ Zustand des Weltalls als die Wirkung seines früheren und als die
schen beileibe nicht abgestellt. Denn die alten Götter Ursache des folgenden Zustands betrachten. Eine Intelligenz,
selber fielen mit Blitz, Donner und anderen Wetterer­ welche für einen gegebenen Augenblick alle in der Natur wirken­
scheinungen, deren Vorhersage sie hätten leisten sollen, ja den Kräfte sowie die gegenseitige Lage der sie zusammensetzen­

schlicht zusammen. den Elemente kennte, und überdies umfassend genug wäre, um
diese gegebenen Größen der Analysis zu unterwerfen, würde in
Heute dagegen scheint es angebracht, den schönen alten derselben Formel die Bewegungen der größten Weltkörper, wie
Bezug zwischen Zukunft und Wachstum, vorläufig zu­ des leichtesten Atoms umschließen; nichts würde ihr ungewiß
mindest, zu vergessen. Immerhin haben wir (oder haben sein und Zukunft wie Vergangenheit würde ihr offen vor Augen
uns) Chips, die selber auf Siliziumplatten wachsen. Seit­ liegen. Der menschliche Geist bietet in der Vollendung, die er
dem laufen Wettervorhersagen nicht mehr über Bauern­ der Astronomie zu geben verstand, ein schwaches Abbild dieser

regeln, Orakelanr'\fungen und Götterworte; sie sind Sache Intelligenz dar: Seine Entdeckungen auf dem Gebiete der Mecha­
nik und Geometrie [. . .J haben ihn in Stand gesetzt, in demselben
einer Mathematik geworden, die Perioden noch in Be­ analytischen Ausdruck die vergangenen und zukünftigen Zu­
reichen ermitteln kann, wo kein unbewaffnetes Auge über stände des Weltsystems zu umfassen.«75
die Wahrnehmung von Zufallsserien hinauskäme. Die un­
geheure Übermacht westlicher Kultur beruht auf Maschi­ Laplaces aufgeklärter Optimismus, was die Berechenbar­
nen, denen jedes Verständnis für das Symbolische von keit aller Zukunft angeht, hat mittlerweile Schaden er-

180 DIE ZUKUNFT AUF SILIZIUMBASIS 181 DIE ZUKUNFT AUF SILIZIUMBASIS
leiden müssen. Auch Laplace stützte sich noch viel zu und gegebenen Eingangssignalen immer möglich sei, alle zukünf­
einseitig auf periodische Funktionen, deren klassisches tigen Zustände vorherzusagen. Das erinnert an die Laplacesche

Beispiel einmal mehr die Astronomie abgab. Dagegen Ansicht, daß es möglich sein müßte, aus dem vollständigen Zu­
stand des Universums zu einem bestimmten Zeitpunkt, beschrie­
steht die absolut moderne Erforschung des Zufalls, der ben durch Lage und Geschwindigkeit sämtlicher Partikel, alle
mit Sicherheit unperiodisch und schlimmstenfalls eine zukünftigen Zustände vorherzusagen. Die von uns hier be­
(um mit Norbert Wiener zu sprechen) nirgendwo diffe­ trachtete Vorhersage ist jedoch praktikabler als die von Laplace
renzierbare Funktion ist. Das Glücksgefühl der mathema­ erwogene.
tischen Analysis, Übergänge zwischen unendlich Kleinem Das System des >Universums als Ganzem< ist so beschaffen, daß

und unendlich Großem berechnen zu können, ist dahin, minimale Fehler in den Anfangsbedingungen zu einem späteren
Zeitpunkt einen überwältigenden Einfluß haben können. Die Ver­
seitdem die Chaostheorie nachgewiesen hat, daß bei schiebung eines einzigen Elektrons um einen billionstel Zenti­
nichtlinearen Systemen wie dem Wetter kleinste Abwei­ meter in einem Augenblick könnte ein Jahr später darüber ent­
chungen in denAnfangsbedingungen unendlich verstärkte scheiden, ob ein Mensch von einer Lawine getötet wird oder ihr
Folgen im Ergebnis zeitigen. Der seit Lorenz berühmte entkommt. Es ist eine wesentliche Eigenschaft der mechanischen
Schmetterling, dessen falscher Flügelschlag Orkane auf Systeme, die wir >diskrete Maschinen< genannt haben, daß dieses

anderen Erdteilen auslöst, allegorisiert nur diese Schwie­ Phänomen nicht auftritt. Selbst wenn wir die tatsächlichen, phy­
sikalischen Maschinen anstelle der idealisierten Maschinen be­
rigkeit meteorologischer Vorhersagen. Weniger bekannt trachten, ergibt sich aus einer verhältnismäßig genauen Kenntnis
ist allerdings, daß der moderne Abschied vom Laplace­ des jeweiligen Zustandes eine verhältnismäßig genaue Kenntnis
schen Dämon zu allem anderen als Skepsis geführt hat. aller späteren Schritte.«76
Als der Atheist Alan Turing die Prinzipschaltung aller
Computer entwarf, war es sein geschworenes Ziel, das Seit Turing ist der Maßstab von Vorhersagen also nicht
Problem kleinster Abweichungen einfach abzuschaffen. mehr, wie einst bei Laplace, eine mathematisch aufge­
Deshalb und nur deshalb verließ Turing Laplaces mathe­ klärte Philosophie, sondern die schiere Praktikabilität.
matische Analysis' 'mit ihren infinitesimal kleinen Werten Maschinen mit abzählbar vielen Schaltzuständen, so­
und entwarf den Computer als eine Kombinatorik, die genannte Finite State Machines, liefern keine Gleichungs­
»nur endlich viele Zustände annehmen« kann. lösungen im Sinn hergebrachter mathematischer Eleganz;
»Es will scheinen«, schrieb Turing voller Stolz auf seine Prinzip­ statt dessen fressen sie berechenbare Zahlenmassen, deren
schaltung, »als ob es bei gegebenem Anfangszustand der Maschine Rundungsfehler allerdings beliebig klein gehalten wer-
182 DIE ZUKUNFT AUF SILIZIUMBASIS 183 DIE ZUKUNFT AUF SILIZIUMBASIS
...

den kann. Damit aber verschieben Computer die Frage, berechnet werden, das Wetter der zweitägigen Zukunft in
welche Zukunft mit welcher Präzision vorhergesagt wer­ 24 Stunden und so weiter in linearer Progression. Dann
den kann, von den Umweltdaten, um deren Berechnung gäbe es dieses Wetter schon einen Tag, bevor es es gäbe.
es geht, auf das System selber, das ihre Berechnung (in Der Laplacesche Dämon, von seiner überirdischen und
jedem Wortsinn) übernimmt. Derin - auch dieses Orakel materielosen, also auch rechenunfahigen Unform befreit
hat Turing ausgegeben - wir sollten damit rechnen, daß oder eben implementiert, hätte das letzte Wort. Ein Mo­
die Maschinen eines Tages übernehmen.77 dell, das ja (vor Architekten eine Binsenweisheit) grund­
Die Frage ist also nur noch, was Zukunft und was Archi­ sätzlich kleiner als das von ihm Modellierte sein muß,
tektur besagt, sobald wir (in völliger Paradoxie) damit würde das Modellierte gleichwohl enthalten, wo nicht
rechnen, daß das Rechnen selber uns, den Leuten, in Ma­ vollständig, so doch fehlerlos. Und die Zukunft, diese
schinen davonläuft. Turings operationale Definition der vormals unabsehbare Zeitentiefe, verschwände Schritt
Vorhersage verändert ja den Begriff von Zukunft selber. um Schritt, Tag um Tag in ihrer Situation, bis die »No
Gerade weil das berechnende System dank seiner diskre­ Future«-Generation buchstäbliches Recht bekäme.
ten Struktur garantiertermaßen vorhersagbar ist, rückt es Machen wir dagegen die weniger kühne Annahme, daß
zum Maßstab dessen auf, was heute noch Zukunft heißen das künftige Wetter gerade noch in Echtzeit zu berechnen
kann. Mit der einfachen Frage, ob und wann ein be­ wäre, dann taucht auch unter Computerbedingungen wie­
stimmter Rechenprozeß abgeschlossen sein wird, ent­ der Zukunft auf. Die Systeme würden mit ihrer Umwelt
scheidet sich auch, was berechenbar ist und was nicht. Schritt halten, sie aber zu keiner Zeit überholen. Wie vor
Als Kriterium dieser Entscheidung fungiert, wie Sie wis­ einer Bugwelle bliebe die Zukunft als berechenbare, aber
sen, der vielberufene Begriff Echtzeit. Die Abarbeitung unberechnete stets gegeben. Nichts hätte sich am jahr­
von Umweltdaten, also ihre Simulation im geschlossenen tausendelangen Unwissen geändert außer der Tautologie,
System eines Digiplrechners, erfolgt immer dann in Echt­ daß das jeweils gegenwärtige Wetter zweimal vorhanden
zeit, wenn der Si�ulationspfozeß mit dem simulierten wäre: im Reellen und in dessen Simulation.
Prozeß zeitlich mithält oder dessen Zeitverbrauch gar Machen wir drittens die einigermaßen realistische An­
unterschreitet. nahme, daß Wettervorhersagen über 24 Stunden lediglich
Machen wir also die kühne Annahme, das mitteleuropäi­ mit lokalen Daten ihrer Umwelt zu rechnen haben, Wet­
sche Wetter einer eintägigen Zukunft könne in 12 Stunden tervorhersagen über größere Zeiträume hingegen immer
184 DIE ZUKUNFT AUF SILIZIUMBASIS 185 DIE ZUKUNFT AUF SILIZIUMBASIS
globalere Daten einbeziehen müssen, dann gerät die Hoff­ Mikroprozessoren die Zahl ihrer Transistoren von einigen
nung auf digitale Echtzeitverarbeitung in Probleme. Bei Tausenden bis auf 3 Millionen, also auf das Tausendfache
jedem Zuwachs an Umweltkomplexität muß dann näm­ erhöhen können, ohne daß ein Nachlassen dieses Wachs­
lich auch die Systemkomplexität angemessen wachsen. tums vor dem Jahr 2010 auch nur absehbar wäre. Damit
Und der ehrwürdige Zusammenhang zwischen Zukunft aber sind gleichzeitig die Umweltausschnitte, deren Be­
und Wachstum kommt wieder zu Ehren. rechnung in Echtzeit machbar wird, um erheblich mehr
Mit genau dieser Zukunft aber erscheint auch die Archi­ als das Tausendfache gewachsen, weil nämlich bei jeder
tektur. Wieviel Umweltkomplexität Mikroprozessoren weiteren Miniaturisierung von Prozessoren zugleich ihre
pro Zeiteinheit abarbeiten können, hängt seit Turings Arbeitsgeschwindigkeit heraufgesetzt werden kann. Erst
operationaler Definition vollkommen davon ab, wie viele diese Komplexitätssteigerung hat es den Mensch-Maschi­
Elemente in welcher Anordnung sie auf ihrer Silizium­ ne-Schnittstellen erlaubt, allmählich auf die Höhe üb­
oberf!äche integrieren. Dieses Layout heißt mit vollem licher Lebenswelten zu kommen. Die Monitore sind im
Recht auch Chip-Architektur, einfach weil Computer­ selben Zeitraum ja von der nullten Dimension nackter
schaltkreise mit ihrer Steuereinheit, ihrem Datenbus und Zahlen über die erste Dimension von Kommandozeilen
ihren Speicherregistern aufgebaut sind wie eine Stadt mit und die zweite Dimension graphischer Benutzerober­
ihrem Herrschersitz, ihrem Straßensystem und ihren Be­ flächen bis zur dritten Dimension virtueller Realitäten
völkerungs- oder Güterspeichern. Die Elektronik zerstört fortgeschritten, bis sie am Ende auch die Architekten,
also die Urbanistik nicht, wie noch Mumford furchtete,78 denen unter drei Dimensionen ja nicht geholfen ist, er­
sie miniaturisiert sie nur. Gegenüber dem unverkleiner... reicht haben.
baren Modul Mensch, wie es spätestens seit Le Corbusier Trotz dieser exponentiellen Komplexitätssteigerung der
heißt, haust die Modularität integrierter Schaltkreise in Benutzerschnittstellen ist jedoch die Chip-Architektur
der fast unbegrenzten Möglichkeit zur Miniaturisierung. selber konstant geblieben: Sie bildet, von einigen brand­
Nun ist aber gerade diese Verkleinerung, mindestens so­ neuen Labormustern abgesehen, alle virtuellen Dimen­
lange absolute physikalische Grenzen vom Typ der Mole­ sionen weiterhin, wie schon seit 1968, auf ein zwei­
kulargröße oder des Quanteneffekts ihr noch Spielraum dimensionales Agglomerat von Transistorzellen ab. Das
lassen, der elektronische Königsweg zu weiteren Komple­ Millimeterpapier mit seinen rechten Winkeln bleibt also
xitätssteigerungen. In den letzten zwanzig Jahren haben zumindest als Modell in Kraft. Durch Reduktion auf
186 DIE ZUKUNFT AUF SILIZIUMBASIS 187 DIE ZUKUNFT AUF SILIZIUMBASIS
zwei Dimensionen wirft aber die Komplexitätssteigerung mannjahre schlicht obsolet geworden. Kein Papier wäre
nicht nur die jedem Stadtplaner vertrauten Probleme etwa groß genug, den Entwurf zu tragen, kein Ingenieursauge
der Kreuzungsfreiheit oder Streckenoptimierung auf. Sie umfassend genug, das Labyrinth noch zu überblicken.
hat vielmehr schon die prinzipielle Unmöglichkeit her­ Also schlägt ein mathematisches Theorem John von Neu­
beigeführt, Computer ohne Computer zu entwerfen. manns, demzufolge Computer in geeigneter Umgebung
1979, als Dr. Marcian E. Hoff und seine Kollegen von der aus lauter Computerteilen klügere Nachkommen als sich
Intel Corporation ans Design des Mikroprozessors 8086 selber herstellen können, in schlichte ingenieursmäßige
gingen, dessen Befehlssatz ja leider bis heute als Indu­ Praxis um: Heutzutage sind die Computer einer Genera­
striestandard firmiert, sollen sie in einer Garage bei Santa tion und nur sie noch imstande, das Design von Com­
n

Clara 64 Quadratmeter Millimeterpapier ausgebreitet ha­ putern der Generation + l überhaupt zu entwerfen. Ihre
n

ben. Dieses Papier füllten die Ingenieure sodann mit den Architektur, mit anderen Worten, wird autoreferenziell,
bekannten Schaltungssymbolen für 29 ooo Transistoren79 als ob nur noch die Selbstorganisation von Silizium mit
samt zugehörigen Widerständen und Kondensatoren, wo­ der Selbstorganisation einer Umwelt, um deren Berech­
bei jedes Symbol etwa einen halben Quadratzentimeter nung es ja weiterhin geht, Schritt halten könnte.
Papier beanspruchte. Aus diesem symbolischen Layout Nichts jedoch im computer aided Computer-Design ver­
leiteten die Ingenieure im zweiten Schritt sodann sein bürgt, daß die monomane Vermehrung von Transistor­
physikalisches Äquivalent ab, das nur mehr zwischen zellen tatsächlich beliebig komplexen Umweltsystemen
halbleitenden Siliziumflächen und isolierenden Silizium­ adäquat ist. Wie Architekten viel besser als Medien­
oxidschichten unterschied. Im dritten Schritt schließlich wissenschaftler wissen, führt jede Steigerung der Agglo­
verwandelte eine photomechanische Verkleinerung die meration zu erhöhter Abschottung zwischen ihren Ele­
reale Transistorgröße auf 1853 Quadratmikrometer,80 bis menten.
der ganze Mikrc:�prozessor 8086 als daumennagelgroße Der große Vorteil integrierter Chips gegenüber diskret
Siliziumscheibe erglänzte. aufgebauten Schaltungen, daß sie nämlich mit dem ther­
1992 dagegen, während die Intel Corporation immer noch mischen Gleichlauf auch gleiche elektrische Arbeitswerte
an der Architektur des Ur-Ur-Ur-Enkels, des Mikropro­ für alle Transistoren garantieren, muß in der Digitaltech­
zessors 80586 mit 3,2 Millionen Transistoren laboriert, nik durch strikte elektrische Isolation zwischen den Ein­
sind solche Garagen, Millimeterpapiere und Ingenieurs- zeltransistoren kompensiert werden. Dieser Gegensatz
188 DIE ZUKUNFT AUF SILIZIUMBASIS 189 DIE ZUKUNFT AUF SILIZIUMBASIS
zwischen thermischem Kontinuum und elektrischer Ab­ sogar höchstwahrscheinlich keine Turingmaschine. Ein
schottung hat aber den systemimmanenten Nachteil, daß trauriger Satz mit der Umkehrung, daß Digitalcomputer,
jede Zelle und damit jeder logische Zustand elektrisch allen Gerüchten zum Trotz, auch nicht das Ende von
nur mit unmittelbaren Nachbarzellen in Verbindung Geschichte überhaupt herbeiführen. Sie sind nur ein be­
steht, während die globalen Verbindungen über den gan­ stimmter technischer Stand der Mediengeschichte, das
zen Chip hinweg völlig ungenutzt bleiben. aber mit allen empirischen Folgen, wie Medien sie seit
Es läßt sich nun aber mathematisch beweisen, daß eine alters gezeigt haben.
derart lokale Architektur, deren Modell die moderne Die dramatische Folge dieser Nichtübereinstimmung zwi­
Rasterbauweise abgegeben haben dürfte, bei aller Ver­ schen Digitalsystem und globaler Umwelt ist es vermut­
mehrung ihrer Zellen immer nur sehr niedrige Komple­ lich, daß das System eben darum alles unternimmt, um
xitätssteigerungen erlaubt. Und das im Gegensatz zu wenigstens seine lokale Umwelt in Übereinstimmung zu
einer Analogschaltung, die durch Ausnutzung globaler halten. Mit anderen Worten: Gerade das Scheitern der
Wechselwirkungen wesentlich mehr Berechenbarkeit oder physikalischen Turing-Hypothese führt zu ihrer prak­
eben Zukunftsvorhersage ermöglichen würde, bislang tischen Realisierung. Wenn sich die Rechenkapazitäten
allerdings auch noch vollkommen hypothetisch ist.8' Aber von Digitalcomputern nicht im theoretisch erforderlichen
schon in Existenzform einer bloßen Hypothese macht Maß steigern lassen, bleibt ja nur die Alternative, statt
dieser Analogcomputer es fraglich, ob eine grundlegende dessen die Komplexität dessen zu senken, was zur Berech­
Annahme Turings universale Gültigkeit behält. Still­ nung ansteht. Platon hat einst die Seele mit einer Wachs­
schweigend wird seit Turing ja vorausgesetzt, daß der tafel verglichen, also mit dem alltäglichen Medium anti­
Digitalcomputer als universale diskrete Maschine, die alle ker Schriftlichkeit, die Philosophen des 19. Jahrhunderts
anderen Maschinen imitieren kann, zugleich eine Aus­ führten statt dessen als Modell der Seele den Phonogra­
sage über dasjenig!' macht, was er berechnen soll können, phen ein, also ein damals brandneues Analogmedium.83
die ehedem sogenannte Natur. Diese Natur aber, schon Seit 1943, als Pitts und McCulloch ihre Theorie der Ner­
weil sie keine Ja-Nein-Entscheidungen8' und damit keine venzellen vorlegten, ist es dagegen zur Selbstverständlich­
binären Schaltelemente kennt, ist nicht notwendig eine keit geworden, das Gehirn (um von der Seele fortan zu
Turingmaschine. Und wenn nur jener hypothetische Ana­ schweigen) am Modell des Computers zu konzeptionali­
logcomputer mit ihrer Komplexität zurechtkommt, ist sie s1eren.

190 DIE ZUKUNFT AUF SILIZIUMBASIS 191 DIE ZUKUNFT AUF SILIZIUMBASIS
Solche Modellbildungen, die von den Maschinen auf ihre einem Mikroprozessor wird das Verhältnis zwischen bei­
Benutzer zurückschlagen, haben nicht nur metaphorischen den umkehren. Weil nur die elektronische Realisierung
Status. Als einer von Albert Speers jungen Leuten, der von Befehlszentrum, Speicherplatz und Übertragungs­
nachmalige TH-Stuttgart-Professor Ernst Neufert, noch netz durchgängig steuerbar und damit vorhersagbar ist,
im Zweiten Weltkrieg den Plan entwickelte, Deutschlands die urbane aber nicht, könnten Städte sehr wohl zu bloßen
zerbombte Städteruinen durch gnadenlos standardisierte Projektionen einer Mikroarchitektur absinken. Die digi­
Rasterbauweise zu ersetzen, soll er auf kritische Ein­ tale Stadt ist zwar nur als virtuelle Realität bewohnbar,
wände geantwortet haben, die Rasterbauweise übertrage bildet jedoch die unterste, weil selber nicht mehr .;,inia­
ja nur das Prinzip der Schreibmaschine auf menschliches turisierbare Ebene einer Hierarchie von Selbstähnlichkei­
Wohnen.84 Ganz entsprechend gilt mit einiger prognosti­ ten, die schließlich bis zum Modul Mensch und darüber
scher Wahrscheinlichkeit, daß die EDV-Zukunft auf Sili­ hinaus führen. Dieser fraktale Aufbau der hochtechni­
ziumbasis auch andere Bereiche der Zukunft modelliert. schen Realität unterscheidet sie von allen traditionellen
Dafur sorgt schon Turings genialer Trick, die Vorhersag­ Konstruktionen, deren Maß, nicht nur in Philosophen­
barkeit vom Meßobjekt auf das Meßgerät selber verlagert sprüchen, besagter Mensch Mensch war und blieb. Mikro­
zu haben. So produziert etwa die Elektronikindustrie seit controller, also fest eingebettete Mikroprozessoren in
etwa zehn Jahren nicht mehr einfach Chips, also Hard­ jedem Haus und jeder Verkehrsampel, jedem Auto und
ware-Elemente aus Silizium, Germanium und so weiter, jeder Granate installieren dagegen eine aktive Meßproze­
sondern gleichzeitig dieselben. Chips als Software-Simu­ dur im Herzen aller hochtechnischen Dinge, die sich
lation, damit .die Ingenieure sie dann wie Fertigbausteine damit tendenziell auf Emanation der Siliziumarchitektur
in neue Schaltungsentwürfe am Computer einsetzen kön­ reduzieren.
nen. Das beschleunigt wie jede Standardisierung zwar die Wie leicht zu erraten, hat diese fraktale Selbstorganisa­
Konstruktion, schränkt aber den Spielraum der Innova­ tion technischer Realitäten eine einzige Leerstelle: die
tion auch drastisch ein. Und im selben Maß, wie der Elek­ Chips selber. Daß nur noch Computer der Generation n

tronik-Anteil in allen anderen Industriesparten unaufhör­ imstande sind, Computer der Generation + 1 zu entwer­
n

lich zunimmt, dürfte diese Standardisierung das Design fen, heißt beileibe nicht, sie könnten sie auch optimieren.
der konstruierten Umwelt überhaupt bestimmen. Gerade Ein Mikroprozessor von 1992 mit einer Million Transis­
die formale Entsprechung etwa zwischen einer Stadt und torzellen hat keine Chance, die drei Millionen Transistor-
192 DIE ZUKUNFT AUF SILIZIUMBASIS 193 DIE ZUKUNFT AUF SILIZIUMBASIS
zellen des Mikroprozessors von 1993 nach allen möglichen zum alten Eisen zu werfen und um der Komplexitäts­
Kombinationen, Variationen und Permutationen durch­ steigerung willen eine ebenso elegante wie inkompatible
zurechnen, zumindest nicht in Echtzeit. Diese Unmög­ Architektur einzuführen. Der Marktführer Intel hingegen
lichkeit ist aber das Loch, das Chiparchitekturen selber bringt seit zwanzig Jahren das lukrative Kunststück zu­
dem Einfluß ihrer Umwelten auftut. Wo strikt mathe­ stande, Abwärtskompatibilität mit veralteten Prozessoren
matische Optimierungen einfach nicht mehr greifen, zu wahren, auch wenn die Architektur mittlerweile von
treten Erfahrungswerte in ihr Recht, die selbstredend 8-Bit- über 16-Bit- bis zu 32-Bit-Strukturen fortgeschrit­
aus höheren Schichten der fraktalen Hierarchie stammen. ten ist. Die unvermeidliche Folge sind Chips, auf denen
Zumindest seitdem die Intel Corporation ihre Mikro­ Ruinen ihrer eigenen Vorgänger überdauern. Als Redun­
prozessoren mit einem sogenannten Protected Mode aus­ danz, als Bremse oder als Sackgasse kehrt die Geschichte
gestattet hat, wird der Verdacht unabweisbar, daß der­ in einem System wieder, das von den Heroen der Com­
gleichen Sicherheitskonzepte, weitab von aller theoreti­ putergründerzeit ja ganz ausdrücklich zu dem Zweck
schen Informatik, sehr einfach und sehr auftragsgemäß entworfen wurde, alle Mehrdeutigkeiten der Alltags­
die Befehlslogik des US-amerikanischen Pentagon in Sili­ sprache und Umwegigkeiten der Lebenswelt wegzuopti­
zium brennen.85 Und da diese Befehlslogik aus Commu­ mieren. Die universale diskrete Maschine, sobald sie aus
nication, Command, Control and Information womög­ Turings Prinzipschaltung in industrielle Hardware über­
lich nicht das Optimum für Häuser oder Städte darstellt, geht, scheint also, wie einst Hegels Geist, selber in Zeit
könnten andere Institutionen und andere Bürokratien, oder Geschichte zu fallen und keine Aussicht zu haben,
also auch Architekten, den kühnen Gedanken fassen, zur Reinheit ihres Ursprungs je wieder zurückzufinden.
Chiparchitekturen lieber, gut biblisch, nach ihrem eigenen Schon heute heißt Programmieren nur noch in den sel­
Bild zu entwerfen. Zumindest in Europa jedoch, diesem tensten Fällen, ein neues Problem auf prinzipiell neue Art
verschlafenen Erdteil der Automobilindustrie, scheint
\,
zu lösen; der Löwenanteil an Software beschränkt sich
daran niemand auch nur zu denken. darauf, schon bestehende und millionenfach verkaufte
Infolgedessen decken zwei amerikanische Hardware-Häu­ Lösungen miteinander durch Kompromißlösungen zu
ser, Intel und Motorola, weiterhin den weltweiten Bedarf vernetzen. Eine Resignatiön1 die Architekten seit langem
an Mikroprozessoren ab. Motorola als ewiger Zweiter hat vertraut sein dürfte, lernen nun auch System-Designer
eines Tages die Kühnheit besessen, die eigenen Standards kennen. Dem uralten Wildwuchs der Sprachen, Häuser
194 DIE ZUKUNFT AUF SILIZIUMBASIS 195 DIE ZUKUNFT AUF SILIZIUMBASIS
und Städte folgt der postmoderne von Siliziumarchitek­
turen und Betriebssystemen. Was es vollends unmöglich
macht, eine Zukunft auf Siliziumbasis vorherzusagen.
r der Kartographie nicht mehr so ergeben waren, waren der Ansicht,
diese ausgedehnte Karte sei unnütz, und überließen sie, nicht
ohne Verstoß gegen die Pietät, den Unbilden der Sonne und der
Winter. In den Wüsten des Westens überdauern zerstückelte
Wahrscheinlich ist nur, daß der Wildwuchs auf Silizium­ Ruinen der Karte, behaust von Tieren und von Bettlern; im
basis noch wachsen wird. Einerseits müssen die Systeme ganzen Land gibt es keine anderen Überreste der geographischen
ihre Rechenleistung, vor allem durch höhere Parallelität, Lehrwissenschaften.«86
immer weiter steigern; andererseits müssen sie mit einer
Umwelt kompatibel bleiben, die mehr und mehr aus
früheren, also weniger komplexen Rechnergenerationen
besteht. In dieser Notlage dürften die Chiparchitekturen
allmählich jene historische Tiefe gewinnen, die Sprachen,
Häuser oder Sradte schon immer geprägt hat. Sie bringen
das bittere Opfer ihrer mathematischen Eleganz, um
Dinge unter Dingen zu werden. Gerade weil alle Compu­
terentwicklung auf den Tag zutreibt, an dem Computer
eine durchgängig computerisierte Umwelt werden steuern
können, wird dieser mythische Tag wie jeder andere sein.
Auch von der Strenge der Computertechnik gilt zuletzt,
was Jorge Luis Borges über die Strenge der Wissenschaft
Kartographie erzählt hat:
». .
. In jenem Reich erlangte die Kunst der Kartographie eine sol­
:
che Vollkommenheit ' daß die Karte einer einzigen Provinz den
Raum einer Stadt einnahm und die Karte des Reichs den einer
Provinz. Mit der Zeit befriedigten diese maßlosen Karten nicht
länger, und die Kollegs der Kartographen erstellten eine Karte des
Reichs, die die Größe des Reichs besaß und sich mit ihm in jedem
Punkt deckte. Die nachfolgenden Geschlechter, die dem Studium

196 DIE ZUKUNFT AUF SlLIZIUMBASIS


+-

Das Pentagon plant weitsichtig: Erst die Ablösung von Metallkabeln


durch Gla.ifasern macht die immensen Bitraten und Bitmengen mög­
lich, die der elektronische Krieg voraussetzt, ausgibt undfeiert. Dann
hängen alle Frühwarnsysteme, Radaranlagen, Raketenbasen und Ar­
meestäbe der Gegenküste Europa endlich an Computern, die gegen
EMP gehärtet und auch im Ernstfallfunktionstüchtig sind. Und für
\,
eine Zwischenzeitfällt sogar noch Lust ab: Die Leute können zwischen
beliebigen Unterhaltungsmedien umschalten. Glasfaserkabel übertragen
eben jede denkbare Information außer der einen, die zählt - der Bombe.
, . . Und wenn die Verkabelung bislang getrennte Datenflüsse alle auf
eine digital standardisierte Zahlenfolge bringt, kann jedes Medium in
jedes andere übergehen. Mit Zahlen ist nichts unmöglich. Modulation, JEDER KENNT DEN CIA,
Traniformation, Synchronisation; Verzögerung,, Speicherung, Um­ WAS ABER IST NSAl
tastung; Scrambling, Scanning; Mapping - ein totaler Medienverbund
auf Digitalbasis wird den Begriff Medium selber kassieren.

\liei spricht daber für die Annahme, daß erst die Kopplung zwischen
Generalstabsausbildung und Ingenieursausbildung, wie die Franzö...
sische Revolution sie durch Gründung der Ecole Polytechnique t794
institutionalisiert hat, Informationssysteme als Waffensysteme begreif­
bar machte. 1809 jedenfalls hat Napoleon einen ganzen Feldzug „ .

durch Einsatz der damals revolutioniiren optischen Telegraphie ent­


schieden. . . . Das ebenso hiifliche wie selbstmörderische Warten der Der amerikanische Geheimdienst CIA ist eine der best­
französischen Ritterschaft, bis 1415 auch der englische Feind zur gehaßten Institutionen der westlichen Welt. Mit seinen
Schlacht von Azincourt bereit war, nahm ein abruptes Ende. Von der 4000 Beamten erscheint er aber nur als ein zarter Ableger
optischen über die elektrische Telegraphie, von der Telegraphie über den der so gut wie unbekannten 70000-Mann-Behörde NSA,
(arifangs strikt militärischen) Funk bis zur Satellitenverbindung ist die jede tausendste Fernmeldeverbindung auf dieser Erde
die Kriegsgeschichte der letzten zwei Jahrhunderte - nach Virilios These abhören soll. Wer bisher kein Paranoiker war, kann es
- reine Dromologie gewesen. Nicht umsonst heij3en Verzögerungszeiten nach der Lektüre des Buches NSA vom ehemaligen Mit­
(>>delays«) im technisch,..,militärischen Jargon auch Totzeiten. Wer einige arbeiter der Company James Bamford87 werden.
Sekunden zu spät weij3, den bestreft nicht das sogenannte Leben, son,.., Womöglich irrte Jagger. Wir bekommen alles, war wir
dem einfeindlicher Erstschlag. wünschen, von Compact Discs bis zum Kabelfernsehen.
Nur nicht, was wir brauchen: Information über Informa­
tion. Daß die Medienwunschströme fließen, tarnt eine
Lage, in der Informationstechnik Strategie ist.
Die National Security Agency, Funkabhörstelle der USA,
Abbildung: Nordfrankreich, 1784 Der optische Telegraph genießt als einzige unter allen Regierungsbehörden und
von Claude Chappe, in Betrieb während der Revolutionskriege. Geheimdienstbürokratien das Recht, noch ihre eigene
201 WAS ABER IST NSA?

"'-------'- -L
Existenz zu leugnen. Ein Geheimnis im Quadrat bewahrt Einigermaßen erstaunlich bliebe es also, daß James Bam­
vor Information im Quadrat: so hat Präsident Trumans ford, Jurist und Journalist ohne Vorgeschichte, nach er­
Gründungserlaß von 1952 es verbrieft. »No Such Agency« folgreichem Rechtsstreit um diverse Geheimakten den
oder »Never Say Anything« lauten (mit behördeninter­ »Rätselpalast«, Fort Meade - halbwegs zwischen Wa­
nem Humor) zwei Lesarten des Akronyms NSA. shington und Baltimore - auf 500 Seiten beschreiben
Eine 70000-Mann-Organisation, die nach vorsichtiger konnte. Wären da nicht, erstens, eine neue Öffentlich­
Schätzung jede tausendste Fernmeldeverbindung auf die­ keitsarbeit der NSA-Direktoren seit Watergate, zweitens
sem Planeten mit Spionagesatelliten oder Richtfunk­ die technischen Unkenntnisse Bamfords (und seines
antennen abhört und in Platform, einem Netzwerk von 52 Übersetzers), drittens eine Danksagung an »Mitarbeiter
weltweit verschalteten Computersystemen, automatisch der [unerklärtenJ Abteilung DIV«.
entziffert, speichert und auswertet, überläßt die Public Immerhin: Bamfords NSA-Anatomie schreibt in die Ge­
Relations gern der CIA mit ihren 4000 Agenten. Gerade genwart fort, was Derrida Die Postkarte von Sokrates bis an
weil Human Intelligence oder HUMINT (wie Spione im Freud und jenseits und Pynchons Versteigerung von No. 49 das
Behördenjargon heißen) gegenüber Signals Intelligence Trystero-Komplott nannte. »Das Abfangen von Korre­
oder SIGINT nach Budget und Rangordnung längst aus­ spondenz«, bemerkte ein Schulungsredner am britischen
gedient hat, um nunmehr als >menschliche ErkenntniS< GCHQ, historischer als US-Kollegen und ihr Sachbuch­
in deutschen Philosophievorlesungen zu überleben, er­ schreiber, »ist so alt wie die Korrespondenz selbst.« Nur
scheint pro Jahr ein neuer Le Carre. blieb Kryptoanalyse, das Entschlüsseln von Codes und
Technische Information über technische Information da­ Chiffren, solange Handwerk (mit Bleistift und Raster­
gegen steht unter Strafe oder Druckverboten. Einen NSA­ papier), wie das Monopol auf Datenspeicherung und
Angestel!ten, der Computercodes des Militärfunks an die -übertragung beim Medium Schrift lag, Befehle und
sowjetische Spiegefbehörde verraten hatte, verurteilte ein Gedichte also denselben Kanal durchlaufen mußten.
Gericht in San Francisco im August 1986 zu 365 Jahren Lambros Callimahos, der »Guru« der NSA, lernte sein
Zuchthaus. Aber auch altmodische Medien wie die Schrift Handwerk als Kind, beim Lesen von Poes Goldkäfer, Wil­
sind schon Übertretung: Yardley als Begründer und Kahn liam Friedman, dem 1941 dann die (Roosevelt, aber nicht
als Historiker der amerikanischen Funkabhörtechniken dem US-Pazifikbefehlshaber gemeldete) Entzifferung
haben es erfahren. von Japans Pearl-Harbor-Plänen gelang, als Student, bei

202 WAS ABER IST NSA? 203 WAS ABER IST NSA?
,..

einem der famosen Nachweise, daß Shakespeares Sämtliche sehen Kollegen nachlesen können - die Vorgeschichte
Werke nur ein Kryptogramm Sir Francis Bacons sind. auch der NSA.
Schöne Literatur, deren Ende mit der Telegraphie begann. Der Blitzkrieg, Hitlers ökonomisch einzig offene Option,
Seitdem Befehle unendlich schneller sind als Bücher oder war Motorisierung und Fernsteuerung zu Land, See und
Postsachen, wachsen auch ihre Mengen wie sonst nur Luft. Mit Panzern, U-Booten, Stukas begann (nach Don
noch die Abfangmöglichkeiten. Der technische Krieg ist E. Gordon vom Pentagon) Electronic Waifare, Fernmelde­
Mathematik und Maschinerie seiner Verschlüsselung. chef Fellgiebel und Panzerchef Guderian stellten (lange
Yardley, der die USA kryptographisch durch den Ersten vor unserem Zivil-UKW) den Befehlsfluß operational
Weltkrieg brachte, kam wie Edison, der Erfinder von Film und taktisch auf Funk um. Damit schufen sie nicht nur,
und Phonograph, aus der Militärtelegraphie. Und daß wie Van Crevelds Command in War gegen die Historiker­
England dank seinem Kabelmonopol eine Geheimdepe­ zunft formuliert, »das Prinzip« militärischer Gegenwart,
sche von Berlin nach Mexico City abfangen und entziffern sondern auch die Notwendigkeit automatischer Krypto­
konnte, führte 1917 zum Kriegseintritt der USA. graphie. ENIGMA aus Wilmersdorf, in Bamfords klaren
Drahtlose Fernschreiber und Fernsprecher (also Radio) Worten »eine Kreuzung zwischen einem Schaltkasten
umgingen dieses Kabelmonopol um den Preis der Wellen­ und einer altmodischen Schreibmaschine«, verschlüsselte
ausbreitung. »Viele Jahre lang«, sagte Marconis phono­ mathematisch so komplex, daß Handentzifferungen der
graphierte Totenstimme 1937 über Radio Roma, habe er Gegenseite fürs Schlachtfeld Jahrtausende zu spät gekom­
auf Befehl ungenannter Stellen nach Wegen geforscht, men wären. Aber England hatte Alan Turing, der aus der
seine Erfindung gegen Abhören zu härten. Eine Un­ Prinzipschaltung seiner Digitalmaschine (zur Abschaf­
möglichkeit, die uns zwar keine Interzeption, aber den fung von Intellektuellen selber) ab 1940 den ersten Com­
Trostpreis Massenrezeption bescherte. Allerdings gab die puter (zu Zwecken der Government Code and Cypher
Reichswehr einen,, zivilen Staatsrundfunk erst 1923 frei, School) entwickelte. Nur Automaten wie CO LOSSUS
als andererseits feststand, daß eine in Berlin-Wihners­ konnten lesen, was Automaten wie ENIGMA schrieben.
dorf gegründete Chiffrier Maschinen AG, die (nachmals Mögen Romanagenten noch nach Botschaften oder Ge­
sogenannten) Wehrmachtnachrichtenverbindungen von heimpapieren jagen, kriegsentscheidend im Zweiten Welt­
Handwerk auf Automation würde umstellen können. krieg war Information im Quadrat: die Interzeption eines
Und genau damit begann - Bamford hätte es bei briti- Kommunikationssystems als solchem, mit all seinen Ab-

204 WAS ABER IST NSA? 205 WAS ABER IST NSA?
r
sendern, Empfängern, Verteilerschlüsseln, seinen Daten, unsere Telephonate oder Telegramme vom Kabel befreien,
Adressen, Befehlen. und fünf Jahre fortgeschrittenere Satelliten und Compu­
Andrew Hodges, Turings Biograph, über das Computer­ ter, die sie der NSA wieder zugänglich machen. Welt­
zeitalter: »Die Erbschaft eines totalen Krieges und die Er­ postverein, hätte von Stephan gesagt. Deshalb bleibt Bam­
beutung eines totalen Kommunikationssystems konnten fords Entrüstung, daß die NSA unter Kennedy, Johnson
nun zur Konstruktion einer totalen Maschine führen.« und Nixon in eine Domäne des FBI einbrach, um auch
Eine von Trumans ersten Amtshandlungen, die Bamford US-Bürger auf Drogenhandel, Vietnamprotest usw. abzu­
vergißt, war der Befehl, die kriegsentscheidende Geheim­ hören, juristisch abstrakt. Erstens gelten (nach Truman)
funkentschlüsselung per Computer absolut geheimzuhal­ US-Gesetze für SIGINT nur, falls ein Paragraph das der
ten. UKUSA, der 1941 vorbereitete Kryptoanalyse-Pakt NSA in ausdrücklicher, aber nicht überflüssiger Verdopp­
(oder Technologietransfer) zwischen United Kingdom lung rückmeldet. Und zweitens zählt das Recht selbst,
und USA, konnte seine Maschinen ohne Verzug von ob als mündlich-schriftliches Common Law oder als rö­
Berlin nach Moskau umstellen. Worauf Stalin, wohl vom misch-mitteleuropäischer Bücherstoß, zu jenem Medium
Raketenstrahl über Peenemünde und vom Blitzlicht über Diskurs, dessen Schwanengesang nicht nur Foucault an­
Hiroshima geblendet, Kybernetik zur bürgerlichen Ab­ stimmte. Wie viele Millionen Fernmeldungen die NSA als
weichung erklärte: Energie statt Information. Eine von Input ihres »Staubsaugerverfahrens« pro Jahr entziffert
Trumans letzten Amtshandlungen aber war die Gründung oder abhört, ist unbekannt; der entsprechende Jahres­
der NSA, die in gewohnter Bescheidenheit erklärt, »das output an Geheimdokumenten liegt jedenfalls zwischen
Heraufkommen des Computerzeitalters mit Sicherheit 50 und 100 Millionen - mit allen Müllproblemen, die

beschleunigt« zu haben. Wenn ihre Cheftechniker nicht moderne Datenlawinen machen. Auch das ist Diskurs­
von IBM, TRW, Cray Research, Harris oder Bell Labs analyse, aber nicht eines Lesers in Bibliotheken, sondern
kommen, dann gt;hen sie eben in diese Zulieferfirmen. von Computern auf Hochfrequenzbändern. (Ein techni­
Und wenn Computer (nach Turing) Fragen von Geheim­ scher Durchbruch von COLOSSUS-Ausmaß hat selbst
diensten an den Feind »leichter« beantworten als Fragen Mikrowellen, deren bleistiftdünner Richtstrahl Marconis
von Physikern an die Natur, ist das auch kein Zufall. Interzeptionsprobleme lösen sollte, abhörbar gemacht.)
Der krypto-industrielle Komplex (Bamfords Entdeckung) Der Jurist Bamford verlegt »das Hauptproblem bei den
baut jedenfalls gleichzeitig Satelliten und Computer, die beiden Revolutionen, dem gewaltigen Fortschritt bei der

206 WAS ABER IST NSA? 207 WAS ABER IST NSA?
Verwendung der Satelliten und der Mikrowellentechno­ i schriebenen Ergebnis, daß die US-Frontstäbe in statisti­
logie und der ungeheuren Ausweitung der elektronischen scher Entropie ertranken.
Fernmeldeaufklärung«, in die Tatsache, »daß dort, wo Entropie, also Rauschen, sendet auch die Rote Armee.
eine dritte Revolution hätte stattfinden müsseni eine rie­ Was ENIGMA für den Blitzkrieg war, ist Telecipher
sige Lücke besteht: Es gibt keine klaren gesetzlichen Be­ heute: ein Verschlüsselungsautomat, der nicht mehr nach
stimmungen für den Umgang mit dieser Technik.« Offen Regeln, und das heißt Perioden arbeitet, sondern jeden
bleibt nur, wie Schaltungen, die schon ihre eigene Büro­ Klartext mit einer einmaligen Zufallsfolge moduliert.
kratie (aus Daten, Adressen, Befehlen) sind, auch noch »Mit anderen Worten«, überliefert Bamford einen Ana­
den Selbstwidersprüchen einer Alltagssprachen-Bürokra­ lytiker aus Britanniens Cheltenham, »die Russen lesen
tie sollen gehorchen können. Vorderhand fahren die NSA­ nicht mehr unsere und wir lesen nicht mehr ihre Funk­
Computer etwa im Frankfurter I.G.-Farben-Haus fort, sprüche.« Das hemmt SALT-Kontrollen und stärkr die
jeden Anrufer in Frankfurt automatisch als Unameri­ Sache jener Statistiker, die in Cheltenham oder Fort
kaner und jeden in New York als US-Bürger zu klassifi­ Meade Diskurse nur noch auf ihre Frequenz hin analy­
zieren. Seit ENIGMA und COLOSSUS zählen nicht sieren. Wörter werden Wellen geworden sein.
Individuen oder Botschaften, sondern Kommunikations­ Was lesbar bleibt, sind gesendete Firmenorder: Öl, Erz,
systeme als solche. Womöglich also war Truman jener Waffen. Industriespionage löst den Kalten Krieg ab.
»dritten Revolution« näher, als er für SIGINT das Gesetz Unter der Voraussetzung allerdings, daß die NSA ihren
. selbst abschaffte. Revolution im Wortsinn hieße, das - im technischen Fünfjahresvorsprung wahrt. Wenn Computer
Challenger-Schock einmal mehr eklatante - Machtver­ von Fort Meade aus in jedes Büro einziehen, also auch
hältnis zwischen Politikern und Ingenieuren umzudrehen. Firmenterminals sichere Schlüssel brauchen, wächst die
Denn was automatische Datenverarbeitung stoppt oder Konkurrenz. Und der NSA bleibt nichts übrig, als IBMs
doch limitiert, sind nicht Gesetze, sondern Technolo­ käuflichen Lucifer-Code vor Markteinführung um 72
gien. Der Vietnaihkrieg stand, wie die NSA auch, ganz Binärstellen amputieren zu lassen. Sonst wäre der Staat ja
unter der Pentagon-Devise oder -Abteilung Command, nicht mehr Stätte aller Klartexte.
Contra!, Communications, Intelligence. C3 I, dieses viel­ Vorausschauend stellt die NSA, während der Rest der
sagende Kürzel, bildete den Krieg auf seine eigene Schalt­ Welt in John von Neumanns klassische Computerarchi­
logik ab - mit dem bekannten und bei Van Creveld be- tektur eingeht, schon wieder um: auf optische Rechner,

208 WAS ABER IST NSA? 209 WAS ABER IST NSA?
Oberf!ächenwellenfilter und Ladungsverschiebungsele­ ÜBER MODERNE KRIEGSFÜHRUNG
mente, die (als »Ladungs-Übertragungsgeräte« im Über­ Ge sprä h mit Alexander Kluge (2002)
c

setzerdeutsch) »mehr als tausend Billionen Multiplika­


tionen pro Sekunde« leisten. So mögen eines Tages jene
99,9 Prozent, die im Datenstrom auf diesem Planeten
noch an der NSA vorbeigehen, zu erfassen und auszu­
werten sein. Derridas »Post im allgemeinen« würde zum
geschlossenen System, das sich selbst schreibt und liest,
berechnet und verziffert. Die NSA als Zusammenfall von
Strategie und Technik wäre Information überhaupt - also
No Such Agency. Mit der Chance, uns dabei zu vergessen.
Ein GI in Afghanistan zu Pferde, offenkundig ist auch das
Pferd aus der Luft gekommen, angetan mit Elektronik, mit der
er über den Orbit mit einem B-52-Bomber verkehrt, und dieser
Reiter von General Custer leitet jetzt eine Bombe auf eine nur
zwei Meter große Tunnelöffnung. Das ist ein neues Kriegerbild,
das ist der neue Soldat von Valmy, der Einzelkämpfer sozusa­
gen, den man nicht mehr divisionsweise dirigieren kann. Wenn
Sie mir dieses Bild einmal deuten.

Das Bild haben Sie gesehen?


Ja, es ist abgebildet.

Das ist vielleicht die allerletzte Zuspitzung des Krieges,


der ja im Lauf seiner, ich glaube nicht gar so langen Ge­
schichte wie die Prähistoriker ihn immer machen, sondern
neolithische Revolution heißt Krieg, und da fängt das ja
erst an, etwa 10.000 vor Christus. Bis heute hat der Krieg
ja eigentlich bis ins mittlere 20. Jahrhundert, um genau zu
211 GESPRÄ CH MIT ALEXANDER KLUGE
sein, bis ins Jahr 1941, immer mehr Massen unterworfen, Das heißt, der Mann ist ein Personal Computer im eng­
hat sich totgelaufen sozusagen in den Steppen von Astra­ sten Wortsinn. Die Operation Desert Storm bestand ja
chan, diese Massenheere, J,5 Millionen hat dieWehrmacht schon im wesentlichen darin, daß bis auf die Ebene des
draufgebaut in ihrem Unternehmen »Barbarossa«, das, Einzelkämpfers in der arabischen Wüste jeder Mann mit
wie ich Ihnen als erster Mensch verraten darf, ursprüng­ dem GPS vernetzt war, jeder amerikanische GI hatte einen
lich »Aufbau Ost« hieß in der Planung. direkten Draht zum GPS und wußte immer ganz genau,
»Aufbau Ost«?
wo er ist, und damals war es wahrscheinlich eher passives
Wissen.
Ja. Das will ich noch publizieren, das ist skandalös. Ich glaube, der Fortschritt jetzt, wenn Fortschritt noch
Und erst dann kommt die Kyffhäuser-Sage?
das passende Wort wäre, das Walter Benjamin an dieser
Stelle vielleicht lieben würde, - der Fortschritt wäre,
Ab Januar 1941 kommt die Kyffhäuser-Sage hinein, aber daß eben dieser Mann jetzt aktiv in Afghanistan steuert,
in der ersten geheimsten Phase hieß es »Aufbau Ost«. Ich nicht mehr passiv nur vom GPS, vom Global Positioning
denke, die Massenheere sind dann eben einfach tot, die System erfährt, wo er gerade steckt und wie weit die
Bundeswehr ist die letzte, die in Europa noch krampfhaft Feinde sind, sondern jetzt kann er lenken, und das Pferd
an der allgemeinen Wehrpflicht festhält . . . ist eine Allegorie dessen, daß der Krieg von den Noma­
als Übungs- und Ausbildungsarmee . . .
den kam und wieder zu den Nomaden zurückkehrt.
Für den Zweck, den er hier ausübt, nämlich etwas hineinzu­
. . . als Initiationsarmee für jeden Mann, und es klappt ja lenken, braucht man sicher eine menschliche Intelligenz, diese
nicht mehr . . . Flexibilität, die Anpassungsfähigkeit, die Möglichkeit, zwi­
schen verschiedenen Fehlern auszusuchen.
Nein.
Noch sind unsere Computerprogramme abandoned, Feh­
. . . und dann wird der Krieg immer kleiner, und am Ende lern ausgesetzt, abandoned ist eher »ausgesetzt« als »be­
steht der einsame Reiter von General Custer, wie Sie sag­ haftet«, es gibt kein Computerprogramm ohne Fehler,
ten, scheinb�r allein. Microsoft-Programme sind berüchtigt in dieser Hinsicht,
Aber elektronisch vernetzt mit der ganzen Welt. Er kann aus und sie entscheiden halt starr, das kann man diesen neuen
12.000 Kilometer Entfernung geleitet werden. Tieren nicht abgewöhnen, sie entscheiden starr.
212 GESPRÄ CH MIT ALEXANDER KLUGE 213 GESPRÄ CH MIT ALEXANDER KLUGE
Aber die alten Tiere, der Mensch . . . Rettungsaktion. Millionenheere standen einander gegen­
über, machten Trommelfeuer-Offensiven, also die Erde
Wir sind listig, wir haben . . . platt, statt den Feind anzugreifen, und dann entwickelte
. . . Synapsen, die über schlechte Wegestrecke miteinander ver­ die Front selber zu ihrer Verblüffung und späteren Ent­
kehren. zückung der Generalstäbe, Taktiken, wie man nicht mehr
Und deshalb diese reflektierende Urteilskraft, wie das bei Infanterie, Artillerie und Pioniere streng scheidet, son­
Kant heißt, dies muß in den Soldaten eingebaut werden. dern jeder einzelne Soldat in ausgesuchten jungen Einhei­
Kant sagt ja an einer tollen Stelle, der gemeine Soldat, der ten, keiner darf älter als 25 Jahre alt sein, eben »Sprung
braucht die bestimmte Urteilskraft, er muß also Befehle auf! Marsch! Marsch!« übt, auch unter den schwersten
befolgen können, wenn er die Landschaft sieht, sich ent­ Bedingungen, die Ernst Jünger so gequält haben in seinen
sprechend bewegen, der Offizier muß sich etwas über­ Erste-Weltkrieg-Büchern, das heißt dann, daß der Infan­
legen, und der Generalstäbler muß über ein selbständiges terist jetzt eine kleine Kanone bei sich trägt, einen soge­
Urteilsvermögen verfügen. nannten Mörser, der gerade noch tragbar ist, oder leichte
Maschinengewehre zu zweit, und daß man eben nicht
Auftragsweise Kampfführung. mehr in Schützenreihen vorgeht, wie das in Koalitions­
Ja. Das Pentagon hat endlich gelernt, daß die MacNama­ kriegen üblich ist, sondern gestaffelt „.

ra-Ideologie, man könne einen Krieg führen wie die Ford­ . . . als Team in einer gejügeartigen Zusammenarbeit.

Werke in Detroit, schief geht. Vor Ort müssen Fach­ Team ist das Wort und das Team rundet sich, wie das
arbeiter stehen, wie Heiner Müller das einst nannte. Michael Geier gezeigt hat, nicht mehr um einen Führer,
Jetzt gibt es den Begriff der Elitetruppe, und Sie haben hier in
sondern um die Werkzeuge des Kriegs, und das Maschi­
einer sehr interessanten Arbeit, anknüpfend an Michael Geier, nengewehr ist die kleinste taktische Einheit.
die Truppe der Ardl'ti, eine italienische Elitetruppe, charakteri­
Aber zunächst einmal entstanden auch im Umkreis von Ga­
siert. Wenn Sie das einmal beschreiben.
briele D'Annunzio, einem italienischen Dichter, einem narzis­

Diese Arditi, diese vor Mut und Wildheit im Krieg tischen Menschen, Liebhaber der Eleonora Duse, der großen
Schauspielerin . . .
»Brennenden«, waren eine aus der Not der festgefahre­
nen Schützengräben im Ersten Weltkrieg selbstgeborene ... und vieler Frauen . . .

214 GESPRÄCH MIT ALEXANDER KLUGE 215 GESPRÄ CH MIT ALEXANDER KLUGE
. . . und vieler Frauen, und eine poetische Idee und ein heiß dieser Siliziumintelligenz läuft. Der Soldat in Afghani­
brennendes Motiv junger Menschen verbindet sich hier mit stan ist vielleicht die einzige Stelle, wo wirklich die In­
der Technologie und schafft diese neue Form von Zusammen­
dustrie selber an dieser Verschmelzung forscht, ansonsten
arbeit1 die letzte, bevor die Chips erfunden werden, die letzte
neue Assoziation von Kleingruppe.
ist es geradezu toll, daß die Technologie sich nicht um das
menschliche Fleisch kümmert. Wenn sie das täte, dann
Diese Arditi, das ist eben fast noch ein bißchen spannen­ müßte sie ständig die Langsamkeit dieses Fleisches ms
der als die deutschen Sturmtruppen, die gleichzeitig ent­ Kalkül mit einbeziehen.
stehen und aus denen dann Begriffe wie SA und SS später Das Fleisch ist zu groß.
fälschlicherweise resultieren. Die Arditi sind flammender,
eben Italiener, als die Deutschen, die technisch vielleicht Diese Explosionsrate, also alle,pchtzehn Monate Verdop­
begabter waren als Sturmtruppen, und bei den Arditi pelung exponentiell, das kann ein Menschenkind nicht
findet sich dieses futuristische Motiv der Verschmelzung brauchen.
von Stahl und Fleisch, das wird zum erstenmal ausge­ Die Arditi hier hören ja am Ende des Kriegs nicht auf zu bren­
sprochen. nen. Unter D' Annunzios Führung besetzen sie Fiume, das
heißt, sie machen Beute für Italien auf Kosten von Jugoslawien.
So wie man heute Computer hätte, Neuronencomputer, bei
denen organische Materie, also Synapsen von Schlammschne­ Sie schaffen den Balkankonflikt, der bis zum Kosovo läuft
cken und Chips miteinander zusammengebaut werden, um die sozusagen . . .
Langsamkeit der alten evolutionären Intelligenz und die der
. . . und dort sitzen sie jetzt zu Weihnachten und werden von
schnellen neuen durchfließenden zu vermischen?
den eigenen italienischen Kriegsschiffen und Truppen überwäl­
Unser weiches nasses Fleisch und dieses ganz trockene tigt. Sie sind wie Prätorianer, ganz schwer zum Anhalten zu

Siliziumdioxid, logisch, daß die in zwanzig Jahren schon bringen, der Sturmlauf geht weiter. 1
1

verschwunden sinq� in hundert Jahren kann das gut sein. Und das ist fast wie eine Allegorie, wie ein Symbol dieses
Aber für die neuen Trends, glaube ich, in der Computer­ fundamentalen heutigen Konflikts zwischen Massenhee­
branche, in der Hardwarebranche, ist es sinnvoll, die Vor­ ren, also der allgemeinen Domestizierung der Mensch­
aussagen auf fünfzehn Jahre zu limitieren, weil wir so viele heit, vor allem in Amerika einerseits, und diesen Spe­
Überraschungen jetzt schon erlebt haben, und ich wage zialisten, die darauf gezüchtet werden, das Gesetz zu
zu sagen, daß der Haupttrend weiter in die Optimierung übertreten. Natürlich tut D' Annunzio mit seinen Arditi
216 GESPRÄCH MIT ALEXANDER KLUGE 217 GESPRÄ CH MIT ALEXANDER KLUGE
etwas Verbotenes, was die Regierung in Italien schon seit ausgerüstet war, systematisch beraubt, und all diese schö­
eineinhalb Jahren bekämpft. nen kleinen niedlichen Waffen, die die großen Ruhr­
Ein Krieg aus eigener Hand. barone in Deutschland nicht gebaut haben, weil sie zu
Er macht Krieg auf eigene Faust, ein Condottiere des hübsch und klein und elegant waren, die wurden zum
idealen Italien, das von der Regierung der Mitte in Roma Kaiserstuhl geschickt.
aeterna verraten wird, in D'Annunzios Augen, und man Die Industrie war auf teure, schwere Waffen, sozusagen auf viel

könne sich ja heute vorstellen, ich erlaube mir die Phan­ Metall orientiert.

tasie, daß die Spitzenkonzerne der Hard- und Software­ Das kam aus dem Ruhrgebiet. Und der Generalstab be­
Entwicklung manchmal das Gefühl vielleicht in Bälde be­ greift nach einem Jahr gescheiterter Schlieffen-Offensive,
kommen: ach, das lohnt eigentlich gar nicht mehr, diesen daß das nicht so geht, so daß man von oben herab, zum
mittelgroßen Markt zwischen Panamakanal und Eismeer erstenmal in der kaiserlichen, überhaupt deutschen Ge­
zu beliefern, wir machen jetzt auf eigene Faust Condot­ schichte, das Prinzip durchbricht, daß alle Infanteristen
tiere im Namen des sozusagen idealen Staates, statt uns demokratischerweise die gleiche Bewaffnung haben. Die
an reale Staaten anzuschmieden. Sie kennen die Condot­ bekommen jetzt all die wunderbaren kleinen Beutewaffen,
tiere in der Renaissance? nach denen sich die ganze Infanterie sehnt, die sie aber
Jetzt kontrastieren Sie die Arditi mit den Sturmtruppen. Das ist nicht bekommt, und die werden abgeschickt in diese
ja eine Idee, die kommt direkt aus dem Generalstab, also der Lößberge des Kaiserstuhls. Da ist so leicht zu graben,
deutsche Generalstab entwickelt von oben nach unten diese der Kaiserstuhl ist so weich, da ist afrikanischer Löß,
Idee einer Elitetruppe, die Flammenwerfer hat, die Minenwer­
vom Wind von Süden hergeweht, die wärmste Gegend
fer hat, die also speziell bewaffnet ist. Da wird also eine Truppe
herausgelöst aus dem Trommelfeuer, an den Kaiserstuhl ver­
Deutschlands. Ich kenne die Gegend gut, da kann man
setzt, in eine Weinbaugegend, hier wird jetzt geübt, wird ein
graben, da sind überall Hohlwege, die Hohlwege sind
Schlachtfeld virtu�ll errichtet. Was lernen die da? schon von der Natur . . .
Zuallererst, das fand ich toll von dem Rheinmetall-Pro­ Es ist vulkanisch, ein Gelände, so wie in Afrika, in dem die
kuristen, der mir immer die waffentechnischen Details Menschheit entstand, ein sehr altes Gelände, und dort wird

geliefert hat für diese Story, erst einmal nur wurde die der neue Krieg erprobt?

russische Armee, die relativ gut mit kleiner Feldartillerie Ja.


218 GESPRÄCH MIT ALEXANDER KLUGE 219 GESPRÄCH MIT ALEXANDER KLUGE
Das werden die Springer in den Fabriken des Kriegs? Erwin Rommel hat es entdeckt bei der Isonzo-Offensive
Ja, die kommen hinüber, und die Deutschen wollten in von 1917. Er hat das Springen durch die Dolomiten ge­
den Vogesen der Armeeführung irgend etwas zeigen, ob­ lernt, durch die Karstberge.
wohl der Schwerpunkt des Schlieffen-Planes am rechten Das ist die Waffe des Blitzkriegs.
Flügel lag, in den Vogesen war es der linke, der bei Basel
dann neutral auslief, und trotzdem wollte die lokale Ja, der eben auf einer elitären Ebene im Ersten Weltkrieg
Armeeleitung auch etwas bringen, und da war ein hoher geübt wird und dann im Zweiten Weltkrieg, was das Un­
Gipfel in den Vogesen, von den Franzosen besetzt. Zwei glaubliche ist, auf der Ebene des gesamten Heeres durch­
Tage vor Weihnachten, wenn ich mich recht entsinne, tritt gezogen werden soll, was natürlich schief gehen mußte.
dieses Sturmbataillon Rohr, so hieß das, an, und nach Es ist die Methode der Flucht nach vorne?
dem 17. Schuß kapitulierte der Feind, weil die offenbar Ja.
wie junge Pferde oder wie Springer eben durch die schö­
nen Wälder des Elsaß springen und all diese Tarntech­ Ich bin unerreichbar für die Befehlshaber hinten, aber auch für

niken und Waffentechniken vorführen, wahrscheinlich den Feind und gehe irgendwie durch die Lücke von 20 Metern
nachts durch. Am nächsten Tag bin ich 200 Kilometer im Hin­
sind die bis vor die kleinen Feldbefestigungen direkt ran­ terland des Feindes.
gegangen.
23 Spezialisten und die können wiederum das, was sie aufge­
Und jetzt überlegt sich zum Beispiel Heinz Guderian,
baut haben an Motivation und Können, nach Kriegsende nicht der Panzergeneral von 1940, beim Unternehmen Frank­
einfach aufgeben, sie gehen in die Freikorps. reich, wie komme ich wo am besten so durch, daß ich auf
Alle. Die Freikorps entsprechen dieser neuen Kriegs­ keinen treffe. Er gewinnt die Operation Sichelschnitt,
taktik. indem er die Franzosen umfährt und bei Sedan, wo kein
Und nach den Sttlrmtruppen heißen nicht nur die Freikorps so, Mensch ihn erwartet, aus den schmalsten Straßen auf­
heißt die SA, die SS so, Felix Steiner beispielsweise, die letzte taucht, die jemals zu einem Aufmarsch benutzt worden
Hoffnung Hitlers 1945, gehörte zu diesen Leuten, die dafür sind. Es gab Staus, aber die hat er mit seinen eigenen Pan­
Spezialisten waren, Offiziere waren? zern verursacht. Kein einziges anderes Problem in der
Genau, und Ernst Jünger von der kaiserlichen Armee ist ersten Hälfte des Blitzkriegs des Zweiten Weltkriegs; ich
auch so ausgebildet worden und noch ein paar andere. erröte fast das zu sagen, aber die Form des Kriegs war fast
220 GESPRÄCH MIT ALEXANDER KLUGE 22I GESPRÄCH MIT ALEXANDER KLUGE
r
ein Roman, denn die Verluste auf beiden Seiten waren der Weltmacht, also braucht die Nato und die Weltmacht
minimal. jetzt auch Nomaden.
Und das sind aber Menschen aus der Grafschaft Mansfeld, aus Aber diese zwei Eigenschaften, daß man diese Nomaden, den
Thüringen, deren Vorfahren in der Schlacht bei Frankenberg in Barbaren und den Gegenbarbaren, den spezialisierten Kämp­
den Bauernkriegen geschlagen waren und die den Satz befolg­ fer hinterher nicht anhalten kann, das gilt doch nach wie vor,
ten: Gehe nicht zu deinem Fürst, wenn du nicht gerufen wirst. man konnte auch die Prätorianer in Rom nicht anhalten, sie
Das heißt also, die Unabhängigkeit vom Befehl von oben, ich setzten sich an die Seite des Kaisers, sistierten ihn und wech­
werde nicht geschlachtet in den Schützengräben, ich entkomme selten ihn aus.
den eigenen Vorgesetzten und ich entkomme den Waffen des
Feindes. Das ist die Antriebskraft, warum diese Blitzkriege
Was sehen Sie da voraus?
funktionieren. Sie funktionieren in dem Moment nicht, in dem Ich sehe nichts voraus, ich frage: Wenn man sozusagen den Rü­
ein Gegner sich darauf einstellt, in dem es wieder Stellungs­ stungshaushalt sehr hoch schraubt und gleichzeitig diese Elite­
krieg wird. truppen heranbildet und sie aber nicht aufhalten kann, hinter­
her Spezialist zu sein, tüchtig zu sein . . .
Oder indem ein Führer und Reichskanzler, wie Speer
am Ende seiner Memoiren das so gnadenlos brutal be­ Aber man hat ja immer noch das ganze Internet im ame­
schreibt, eben bis auf Regimentsebene persönlich durch­ rikanischen Handelsministerium in der Hand, die zentra­
telefoniert. Da gelingt die Flucht vor dem eigenen Be­ len Hardwaredinge stehen dort, und im Moment sieht es
fehlshaber dann nicht mehr. Er ist allgegenwärtig wie ein so aus, wenn die sich frei machen würden im erotischen
Telefonspinnengangster. und militärischen Wortsinn, auf eigene Faust weiter
kämpfen würden, dann ließe sich ihnen der computer­
Sodaß man sagen kann, diese Blitzkriege sind eine hoch­
interessante Fluchtbewegung vor dem Krieg, daher kommt ihre In­
technische Hahn leicht abdrehen, sie hätten nur noch ihr
telligenz.
Berserkertum, ihren Amoklauf. Das wird es sicher irgend­
\, wann geben, Rambo ist eine gute Figur.
Vor dem Staat, dem eigenen und dem fremden. Es gibt
Gerüchte aus dem Kosovokrieg, daß man mit Handys Der Einzelne könnte sich nicht verselbständigen, Rambo, der
verselbständigt sich.
hochtelefonieren konnte aus jedem Dorf im Kosovo und
Bescheid sagen, und jeder, der Lust hat, kann sich zum Also wenn in meinem Umkreis die Analysen über den so­
Nomaden machen, das heißt auch zum potentiellen Feind genannten Untergang des Römischen Reiches stimmen,

222 GESPRÄCH MIT ALEXANDER KLUGE 223 GESPRÄCH MIT ALEXANDER KLUGE
dann ist das Reich an seinen Prätorianern sozusagen nicht Aitmatow war ein breschniewscher Dichter aus Kirgistan
gestorben, sondern einfach wie ein Handschuh umge­ und der kannte noch diese nomadischen Sitten aus dem
dreht worden. Die Idee, daß man Nomaden braucht, um Beginn des 20. Jahrhunderts. Die Nomaden sind losgerit­
Nomaden zu bekämpfen, läuft ja letztlich darauf hinaus, ten und sind bei den iranischen und persischen Acker­
daß man Afghanen kämpfen läßt im heutigen Kontext. bauern eingefallen und haben junge, aber bereits über'
Was unterscheidet die Nomaden vom Ackerbauer? Es ist ja in lebensfähige Kinder geschnappt, sechs", siebenjährige,
jedem von uns ein Bauer versteckt seit der landwirtschaftlichen und die haben sie eingegraben bis zum Hals in der Erde,
Revolution, und das macht einen großen Teil der Stabilität die Haut abgezogen über dem Kopf und falsch herum
unseres Seelenlebens aus. Ist auch immer irgendein nomadi­ wieder angenäht oder Pferdehaut angenäht, dann wuchsen
sches Element darin oder ist das seltener?
die Köpfe und konnten nicht wachsen, und die Gehirne
Mir kommt die grauenhafte Idee, als ob die Nomaden mit wurden atrophiert, also zusammengedrückt von dieser
ihren Pferden oder mit ihren Reittieren verheiratet wären Haut, und dann sind sie ausgegraben worden mit 12, und
und wir mit unseren Frauen, und diese Bindung an die dann waren sie verblödet im biologischen Sinn, und das
Frauen und an Mutter Erde ist unsere Religion, das Chri­ waren die menschlichen Haustiere dieser Nomaden, und
stentum, Maria. Und die Nomaden -, ich denke, bis in so haben sie immer eine Sklavenkaste gehabt, die sie
die Erotik hinein ist das ein Verhältnis zu diesen Fellen offenbar brauchten. Das hat mich so erschüttert, daß ich
von weichen Tieren, auf denen sie reiten, und die Frauen das jetzt doch erzähle. Ich weiß nicht genau was, es be­
sind eben nicht so wichtig, und die Grausamkeit, mit der deutet, es bedeutet die äußerste Härte „.

Menschen unterworfen werden, das hat ja dieser Tschin­ Aber es gibt in dem Sammelsurium, das wir weitergeben mit
gis Aitmatow auch in diesem grauslichen Roman über unseren Genen, unter Umständen diese Eigenschaft, so wie es
diese Sklavenmenschen der Nomaden beschrieben. Ken­ die Jägervölker gibt, die sozusagen ein ausgeglichenes Verhält­
nen Sie das? nis zu dem, was sie erlegen, entwickeln, Animisten sind . . .

Nein. Ja.
Das kann ich jetzt nicht vor laufendem Mikrofon er­ . . . also ein Numen, eine Achtung haben vor dem, was sie töten.
zählen. Ja, und wir kommen ja letztlich auch so daher, friedliche
Passiert da sehr viel Grausamkeit? Ackerbauern, und wir bevölkerten Kreta und Athen im
224 GESPRÄCH MIT ALEXANDER KLUGE 225 GESPRÄCH MIT ALEXANDER KLUGE
14. Jahrhundert, und plötzlich brennt alles, die Schrift AuTo BAHNEN
verschwindet, Linea B, die erste europäische Schrift, die
Paläste; nicht durch Erdbeben, wie inuner behauptet wird,
sie verbrennen, und es kommen Leute, die nicht wie in der
Ilias von Homer auf einem Wagen, von Pferden gezogen,
edel gegeneinander kämpfen, sondern die auf ihren Pfer­
den hocken, wie die Hunnen und Mongolen hinterher,
an die Mähnen gefesselt . . .
Die Gegend ergibt als Gegend erste Wege.
Weil sie abstrakter sind, weniger fühlen, sind sie überlegen? Sie be-wegt. Wir hören das Wort Be-wegung
im �inne von: Wege allererst vergeben und stiften.
Und das sind unsere Ahnen, denn die griechische Kultur Martin Heidegger
konunt aus diesem Überfall.
Und wir brauchen Institutionen, um diese Alchimie, die wir
Die Tragödie, man weiß es, begann am Dreiweg von Dau­
mit uns führen, irgendwie zu dosieren, zu lateralisieren? Kann lis: mit der Zufallsbegegnung zwischen einem Maultier­
man das so sehen? gespann und einem Fußgänger, einem Tyrannen namens
Laios und seinem unerkannten Sohn. Sie wäre erspart
geblieben, hätten zwischen Delphi und Korinth schon
kreuzungsfreie Autobahnen mit Mittelstreifen verkehrt.
Weshalb Heiner Müller nicht Sophokles ist und alle
Feuilletonklagen, er finde keine dramatischen Begegnun-
. gen mehr, ins Leere laufen. Wo der Zufallsgott (mit sei­
nen Hermen an jeder griechischen Wegekreuzung) aus­
gespielt hat, beginnen Rollbahnen und ihre Kentauren.
Kein Drama mehr, sondern ein Weg der Panzer: von Ver­
dun bis Wolokolamsk und so weiter. »Wenn auf der ver­
brannten Erde nur noch / Die leeren Panzer aufeinander
krachen.«

227 AUTO BAHNEN


Am Ende von Gravity's Rainbow kommt noch eine Agen­ vergessen. Autobahnen, diese »Straßen Adolf Hitlers«,
turmeldung durch. Sie stammt von PNS aus Los Angeles haben eben .'schon seit Anbeginn ein völlig deutscher
und geht an dich, den Romanleser. Gegenstand zu sein. Also beseitigt eine Geschichtsschrei­
Sekunden bevor die erste oder letzte V2 über L. A. ex­ 'bung, die nicht umsonst der ehemalige Pressereferent der
plodiert, nimmt dich ein Kinodirektions-VW mit auf den HAFRABA anführt, alle Spuren ins Ausland.
Santa-Monica-Freeway. »Es ist der Freeway für Freaks, Die offizielle Version ist schnell erzählt. In jener un­
die traditionelle Arena jeder Form von automotivem Irr­ vorstellbaren Vergangenheit, als nur Generalstäbe und
sinn, den menschliche Gehirne je erfunden haben.« Links Großkonzerne über Wagenparks verfügten, waren gewisse
auf den Gegenbahnen, hinter versteppten Mittelstreifen, Herrenfahrer bestürzt über Staub und Gezeter der Land­
ziehen sämtlic�e Müllkipper der Stadt nach Norden zum straßen. Der Staub - erinnert sich die letzte Kronprin­
Ventura-Freeway. In Downtown L. A. werden die Lkw­ zessin Preußens - hatte beim Hamburger Autorennen
Schlangen neben euch immer dichter. Kurz vorm Holly­ von 1904 Rekorde sehr behindert und Zementdecken
wood-Freeway schließlich überholt ihr eine mysteriöse sehr wünschenswert gemacht. Das Gezeter - erinnert sich ,
Kolonne aus Meilerwagen und Flüssigwasserstofft:ankern Manfred von Brauchitsch, der Rennfahrer - drohte einem
- genau die Art Kolonne, die Gruppenführer Dr. Hans Automobilisten, der verwegen genug war, »all dem zu
Kammler, Generalleutnant derWaffen-SS, von September trotzen und die Kräfte des Motors voll auszunutzen«.
44 bis März 45 als motorisierte Raketenkompanien über Denn in den Städten kreuzten seine Bahn lauter Fuß­
die Reichsautobahnen lenkte. Und wenn der elektrische gänger, Radfahrer, Karren und Pferdefuhrwerke, in den
Bodenabstandszünder, den Hitler persönlich ersonnen Landbezirken lauter Heuwagen, Kinder, Vieh und Feder­
hat, auf das L. A. von 73 anspricht, könnt ihr's im gleißen­ vieh. Untragbare Zustände, deren Abstellung denn auch
den Licht der Raketennutzlast noch eine Millisekunde schon 1904 zu einer Aussprache zwischen Kaiser und
lang sehen, was s(� sind, alle Freeways und Reichsauto­ Kronprinzen führte. Wilhelm II., dieser große Technik­
bahnen dieser Erde „ . freak, blieb zwar persönlich weiterhin bei Großprojekten
Offen bleibt nur die Frage, welche Gehirne den automo­ und Grundlagenforschung vom Typ Tirpitzprogramm
tiven Irrsinn namens Autobahn ersonnen haben. Wie so oder Heerestelegraphie, die er dann »auf Spaziergängen
oft bei Erfindungen, liegen zwei Versionen vor. Die eine in den herbstlichen Wäldern der Schorfheide oder bei der
ist feudal und berühmt, die andere kriegstechnisch und Abendtafel im stillen Hubertusstock« mit seinen Chef-
228 AUTO BAHNEN 229 AUTO BAHNEN
ingenieuren erörterte. Kronprinz Wilhelm aber erhielt Er­ nalstraßensystem schuf, gibt es eine Regelung Rechtsver­
laubnis, seinem Hobby Autorennbahn nachzugehen, wie kehr. Aber Verordnungen allein garantieren noch nicht,
es sich in Indianapolis und Los Angeles schon ausgezahlt daß auf Straßen niemand niemand ttiffi:. Erst der Auto­
hatte. bahnmittelstreifen trennt für immer die zwei Schlangen
Und so geschah es. 1907 erging von »Allerhöchster Seite« oder S�röme, die an entgegengesetzten Punkten des Ho­
die Anregung, eine zementierte und für den Parallelver­ rizonts sich und einander verlieren. Wannsee und Char­
kehr geeignete Straße anzulegen. Schon 1909 errichteten lottenburg ...
Kreise der Berliner Sport- und Finanzwelt das Büro der Um so trauriger ist es, daß der Schöpfer des automoti­
Automobil-Verkehrs- und Übungs-Straße G.m.b.H., kurz ven Irrsinns ihn nicht mehr austoben durfte. Nur noch
Avus genannt. in Exilphantasien ist Kronprinz Wilhelm frei von den
Zehn Kilometer zwischen Charlottenburg und Wannsee Belästigungen Staubbrille und Gegenverkehr über seine
oder die Straße der Zukunft: nur für Autos, ohne Kreu­ Avus gerast. Ein Weltkrieg, der erste, unterbrach alle Bau­
zungen und Querwege, mit stark überhöhten Kurven, arbeiten. Erst 1921 hatte Hugo Stinnes mit neuem Kapital
Zuschauertribünen für die geplanten Sportereignisse und und neuen Straßenzementmaschinen die Avus vollendet -
(nicht zu vergessen) zwei mittelstreifengetrennten Fahr­ als Vergnügungsstrecke für Herrenfahrer. Und die waren
bahnen. mitrlerweile demokratisiert, aber darum noch nicht zahl­
Es ist heute unbegreiflich, was Leute alles hingenommen reicher.
haben. Vom Saumpfad. zur Römerstraße, vom Sand über Die endlose Doppelschlange jedenfalls, Stoßstange an
Pflaster zum Asphalt -Jahrtausende des Gehens, Reitens, Stoßstange bei Tag, Scheinwerfer an Scheinwerfer bei
Fahrens auf Wegen aller Art, aber ohne Mittelstreifen. Nacht, ist keine deutsche Erfindung. Um aus Herren­
Im Durcheinander von Zufallsbegegnungen blieb Her­ fahrern Verkehrsteilnehmer (die Charaktermaske dieses
mes, der Straßeqgott, an der Macht über Boulevards, Jahrhunderts) zu machen, reichen Hohenzollernhobbys
Lidos und Laan. Erst Autobahnen erlösen den Verkehr nicht hin. Das Massenverkehrsmittel Autobahn entstand
(in Wort und Sache) von seiner obszönen Zweideutigkeit, zu genau der Zeit, als über die halbfertige Avus schon wie­
die schon lange vor Freud lauter Wortspiele feierte. der Unkraut wucherte: im Ersten Weltkrieg. Ein strate­
Sicher, seitdem der erste Napoleon die Infanteriemarsch­ gisches Geheimnis, von dem die Heldensagen deutscher
kolonne auch als Gefechtseinheit und damit sein Natio- Autobahnung nichts wissen wollen.

230 AUTO BAHNEN 231 AUTO BAHNEN


September 1914. Ein Anthroposoph von Generalstabschef müssen, ohne selber Material heranbringen zu können?
versteht Unglücksboten besser als Schlieffenpläne. Statt Falkenhayn, den Frontverlauf vor seinen Kartenleser­
einfach Feldtelegraphenleitungen zwischen den Front­ augen, sieht nur eine mögliche Stelle: die Gürtelfestung
stäben zu legen, schickt Moltke einen automobilisierten Verdun. Noch gescheiterte Schlieffenpläne haben eben ihr
Oberstleutnant an die Marne. Und dieser Hentsch, aus­ Gutes: als Drehscheibe der großen Rechtsschwenkung
gerechnet Nachrichtenchef der 0. H. L., meldet überall von 1914 ist Verdun - bis auf eine Eisenbahnlinie und eine
zerrissene Fronten und französische Angriffe. Sicher, nur Nationalstraße - vom französischen Hinterland schon
ein dünner Kavallerieschleier (dessen schwere Funkstation abgeriegelt.
- Ironie der Weltgeschichte - ein Hauptmaon Guderian (EinenWeltkrieg später wird das OKW, Operationsabtei­ !
fuhrt) deckt die Lücke zwischen Kluck und Bülow. Sicher, lung (I), zum geplanten Uralvorstoß von 8 Pz.Div. und
General Gallieni, Kommandant von Paris, läßt sämtliche 4 I.D. mot. festhalten, daß »der Ansatz selbst im Großen
Taxis der Stadt requiriere�, um seine 62. Infanteriedivi­ durch die Bahn- und Straßenverbindungen bedingt ist«.)
sion an Maunourys Front und in die Lücke bei Nanteuil Und Falkenhayn handelt. Für den 12.2.1916 erhält Kron­
zu werfen. Aber improvisierte Prophetien wie diese erste prinz Wilhelm mit seiner 5. Armee Angriffsbefehl. Aus­
Div. (mot.) der Weltgeschichte sind noch keine Schlacht­ gerechnet ein Freak von Autorennen und Bewegungs­
entscheidungen. Dazu macht sie erst der blinde Herren­ kriegern soll Falkenhayns langsame »Blutmühle« in Gang
fahrer Hentsch. Und das Marnewunder ist vollbracht. setzen. Aber weil nicht nur die Franzosen Traosportpro­
Februar 1916. Die Armeen haben sich und den Schlieffen­ bleme haben, wird der Trommelfeuerschlag noch einmal
plan längst eingegraben. Stellungskrieg von Ypern bis aufgeschoben.
Beifort. Dem gescheiterten Moltke ist Falkenhayn gefolgt. Und das ist ihre Rettung - ihre Gelegenheit, Weltver­
Steht vor seinen Sandkästen (übrigens einer Generalstabs­ kehrsgeschichte zu machen. Am 19· Februar verraten deut­
erfindung aus dem\Freundeskreis um Kleist) und grübelt. sche Überläufer den neuen Angriffstermin des 21.: Kriegs­
An Durchbruch und Bewegung, Umfassen und Vernich­ rat im Bahnhof Bar-le-Duc. Mit einem Blick erkennen
ten ist seit dem Marnewunder nicht mehr zu denken. General Raguenau und Major Doumenc, Chef des Mili­
Abschied von Clausewitz. Aber wie, wenn man die Fran­ tärautomobilwesens, die Lage. Sie ist ein reines Nach­
zosen ausblutete, eine »Saugpump«< in Gaog setzte? Und schubproblem. Wenn die Deutschen die letzte verblie­
zwar genau dort, wo sie Materialschlachten annehmen bene Eisenbahnverbindung befehlsgemäß unterbrechen,
232 AUTO BAHNEN 233 AUTO BAHNEN
hängt Verdun an einer einzigen Nabelschnur: der Route andervorbei von Zugpassagieren war, wird 1916 Straßen­
nationale nach Bar-le-Duc. 45 napoleonische Kilometer alltag. Fortan trennt ein improvisierter Mittelstreifen Ma­
machen also Frankreichs Schicksal. Aber das ist für die terialschlachtinput und Materialschlachtoutput. 350000
Direction des services automobiles kein Verzweiflungs­ Tote in 7 Monaten wollen beseitigt und ersetzt sein.
grund. Noch bevor am 2r. 2„ pünktlich 7.00 Uhr morgens, Räder rollen also für den Sieg - rechts, von Bar-le-Duc
das deutsche Sperrfeuer einsetzt, hat Doumenc eine alt­ nach Verdun: Kanonen und Kanonenfutter, links, von
modische Nationalstraße schon in die erste Autobahn Verdun nach Bar-le-Duc: Kanonenschrott und Kanonen­
der Welt verzaubert. Bar-le-Duc wird Sitz einer Cornrnis­ opfer. »Zwei Ketten ohne Ende«, wie Doumenc schreibt,
sion regulatrice automobile (C.R.A.), die alle Fußgänger, aber auch ohne Kontakt. Zufallsbegegnungen zwischen
Fahrräder, Pferdekarren auf Bauernschlammwege ab­ Lkws und Ochsenkarren wären schon kontraproduktiv
schiebt und die r. n. 109 der neuen Hegemonialmacht Lkw genug, zwischen Kanonenfutter und Leichentransporten
reserviert. So endet Alteuropas zweideutiger Verkehr. würden sie zu Katastrophe und Meuterei. Militärisch ist
Lacan erläuterte, was er die urinale Segregation des jeder Autobahnmittelstreifen ein cordon sanitaire (und
abendländischen Menschen nennt, am Beispiel von zwei demontierbar nur für den Zukunftsnotfall zerbombter
Kindern und Geschwistern, die vom Eisenbahnabteil aus Flugzeuglandebahnen).
»eine Kette von Gebäuden am Bahnsteig vorübergleiten Auch wenn Falkenhayns Saugpumpe nicht schon als sol­
sehen. >Schau, wir sind in Frauen!<, sagt der Bruder. che »der Bankrott aller operativen Führungskunst, die
>Dummkopf<, erwidert seine Schwester, >siehst du denn Kapitulation vor dem Stellungskrieg« wäre - an Dou­
nicht, daß wir in Männer sind?<« Und weil nach Lacans mencs Doppel-Lkw-Pumpe findet sie ihren Meister.
Einsicht »die Bahngleise in dieser Geschichte den Balken Sieben Monate hält Verdun, bis die Kronprinzenarmee
des saussureschen Algorithmus materialisieren«, müssen verblutet aufgibt. Dem Hexagon bleibt sein grausam ex­
sie gar nicht maferiell vorhanden sein. Auch eine von poniertes Glied erhalten, weil IJ 600 Lkws pro Tag (oder
deutschen Stoßtr;,pps gesprengte Eisenbahn, wenn sie l Lkw in 6 Sekunden) die Verbindung sichern. »C'est la
nur zweigleisig ist, kann der automotiven Segregation reute qui mene la bataille«, kommentiert die C. R. A.
Europas zum Vorbild werden. . . . und gibt ihrer improvisierten Autobahn den stolze­
Major Doumenc gibt Befehl, die r. n. 109 wie zweigleisige sten Namen, den Imperien seit Römertagen zu vergeben
Eisenbahnen zu befahren. Was seit 1830 nur das Anein- haben: La Voie Sacrf:e - via sacra.
234 AUTO BAHNEN 235 AUTO BAHNEN
T
Die Collection des cahiers de la victoire, Frankreichs Kriegs­ organisieren Hauptmann Guderian und der nachmalige
propagandareihe, widmet der Voie Sacree ein Heft und Ob. des Heeres, Walther (nicht Manfred!) v. Brauchitsch
einen Titel. Die Autobahn, kaum erfunden, wird Litera­ einen Manöverblitzkrieg, dessen Panzerspitzen alle hoch­
tur. Lange vor Tyrone Slothrop und Thomas Pynchon poetische Simulakren sind: Stabs-Pkws mit aufgeklebtem
dürfen Soldaten des (gerade noch neutralen) Amerikas Pappturm. Nach v. Seeckt ist eben »die Motorisierung
schon in Europa sein und aufschreiben, wie der otlte der Armeen eine der wichtigsten Entwicklungsfragen«.
Kontinent Zukunft selber erfindet. Ein namenloser GI, Was Wunder also, daß derselbe Guderian im Januar 1925
Augenzeuge in Verdun, besingt für die Cahiers de la vic­ auch den ersten Text über Autobahnen vorlegt. Mitt­
toire, was seither von der Avus bis zum Santa-Monica­ lers offiziöses Militärwochenblatt druckt in der Beilage Der
Freeway, von Charlottenburg bis Californien Nacht heißt: Kampfwagen seinen epochalen Essay über Die Lebensader
Autoscheinwerfer nach Autoscheinwerfer, ein Lichter­ Verduns. Während der einsame Schreiber von Mein Kampf
band durch Hügel und Täler der Argonnen, »quelque Autobahnen bloß träumt, hat Guderian die Lektion Dou­
gigantesque et lumineux serpent« . . . mencs schon längst auf den Begriff gebracht: Seit Februar
» . . . die Verteidigung Verduns stand und fiel mit der 1916 sind Riesenschlangen aus Licht und Stahl unsere
Durchführbarkeit des Kraftwagenverkehrs auf der Voie Lebensader.
Sacree. Und so pulste von Beginn bis Ende der Schlacht So lernt man vom Feind. Taktiken eines Weltkriegs X ar­
frisches Blut in das nahezu abgeschnürte Glied der fran­ rivieren zu Strategien des Weltkriegs X +1. Die britischen
zös. Front und erhielt es am Leben.« Poetischer schreibt Tanks, vor Carnbrai 1917 nur als Infanteriestützen ein­
auch amerikanischer Weltkriegstourismus nicht. Es ist gesetzt und in den alliierten Armeen (mit de Gaulles
aber Hauptmann i. G. Heinz Guderian. Treppenwitz der rühmlicher Ausnahme) noch 1940 auf taktische Aufträge
Weltgeschichte: 1914 an der Marne, 1916 vor Verdun, ein beschränkt - Guderian macht sie kriegsentscheidend.
Telegraphenoffizifr (und d. h. Schlieffens Lieblingssohn) Ȇberraschend, massenweise, auf breiter Front, gleichzeitig, tief
bleibt immer am Ball. Er bleibt es, selbst nachdem Ver­ gegliedert« durch »obere Führung eingesetzt«, tragen selbst­
sailles dem Reich nur noch eine 100000-Mann-Armee und ständige Pz.Div. den Blitzkrieg. Die Autobahn, hinter
dieser Armee keinen einzigen Kampfwagen erlaubt hat. Verdun 1916 nur eine Defensivmaßnahme und in Frie­
Aber das heißt nur, die Findigkeit preußischer General­ denseuropa (mit der rühmlichen Ausnahme von Dr. Puri­
stäbler zu unterschätzen. Schon für den Winter 23 /24 celli in Italien, der allerdings »nicht nach dem Prinzip
236 AUTO BAHNEN 237 AUTO BAHNEN
r
des in zwei voneinander getrennte Fahrbahnen zu je zwei Führer ihnen dann erfüllen wird: als Panzerführer auf sei­
Fahrspuren aufgeteilten Richtungsverkehrs« handelte) nen Autobahnen usw.
nirgendwo nachgebaut - Hitler macht sie zur Lebens­ Eine Short Story, herausgegeben von Gen.-Kdo. VII.
ader des Dritten Reichs. (Eine einzige von Guderians A.-K., macht all diese Wünsche klar wie ein Miniatur­
10 Pz.Div. ist mit Stab und Troß immerhin eine Wagen­ modell: In den letzten Tagen des Frankreichblitzkriegs
kolonne von no Autobahnkilometern.) 1940 gehen zwei Gefechtsvorposten auf Spähtrupp gegen
Bei der Eröffnung der Berliner Automobilausstellung 1933 Dorf Sy. Was sie entdecken, sind »zwei, drei, vier -
treffen also zwei Schöpfer erstmals zusammen. Guderian fünfzehn Kräder, fünf davon mit Beiwagen. Eine ganze
erinnert sich, wie »ungewöhnlich es war, daß der Reichs­ Meldestaffel«, deren »Fahrer wohl im Feuer unserer Ari«
kanzler selbst die Eröffnungsansprache hielt. Auch was er abgehauen sind. »Eines steht natürlich fest: Die Kräder
sagte, stach wesentlich von den bisherigen Reden der gehen als Beute mit zurück.« Während Gefreiter A bei
Minister und Kanzler bei derartigen Anlässen ab. Er ver­ den Kradfahrern der 14. Kompanie Verstärkung holt,
kündete den Fortfall der Automobilsreuer und kündigte besichtigt Gefreiter B »neidvoll« die Beute. Denn »vom
den Bau von Reichsautobahnen und des Volkswagens Motorradfahren versteht er nicht viel«, »hat nur ab und
an.« zu die Kradfahrer beobachtet, und die >Herrenfahrer<
Gesagt getan. Das Reich erlebt fortan, was auch nüch­ beim Stabe.« Aber Krieg ist Wunscherfüllung - auch
terne Wirtschaftshistoriker der Kuczynski-Schule nur und gerade für Leute ohne Führerschein. Gefreiter A
noch in Psychiaterwörtern beschreiben können: »die Mo­ kommt mit den Kradexperten zurück. »Da, plötzlich
torisierungspsychose<<. Für das Verkehrsaufkommen etwa dröhnt vom Dorfe her Motorengeräusch. Alles nimmt
von 19 32 (522 943 Pkws, 161 072 Lkws) sind Autobahnen volle Deckung . . . «, nur um zu erleben, wie Gefreiter B
schlicht unnötig. Aber, sagt Hitler, »so wie das Pferde­ »mit Schwung ankommt, auf einen Ruck stoppt, daß die
fuhrwerk sich einsf, seinen Weg schuf, die Eisenbahn die Bremse nur so quietscht, abspringt, sich vor dem Kom­
dafür notwendige� Schienenwege baute, muß der Kraft­ paniechef aufbaut: >Herr Oberleutnant, Sy vom Feinde
verkehr die für ihn erforderlichen Automobilstraßen er­ befreit!«<
halten.« Eine Short Story, deren Motorräder nur durch Pkws und
Die Bewegung von 33 ist immer schon Be-wegung. Sie deren Dorfstraßen nur durch Autobahnen zu ersetzen
inspiriert die Leute zu Führerscheinwünschen, die der wären, um beim Kraftwerk-Song von heute anzukommen.
238 AUTO BAHNEN 239 AUTO BAHNEN
Denn Autobahnen sind Ästhetik. »Für den motorisier­ kahle Autobahnen als Wegweiser zur Reichshauptstadt
ten Verkehr«, heißt es 1937 im offiziellen Werk Bauten mißbrauchen. So wirft der Weltkrieg X + r seinen Schat­
der Bewegung, »stellen die Reichsautobahnen wirkliche ten auf jede gute Planung.
Schlagadern dar: Sie sind .keine Fremdkörper im Land­ Und wenn schließlich der Solist aller Führergespräche davon
schaftsbild, sondern ein harmonischer Bestandteil der träumt, mit Pkw und eingebauter Bordkamera die um­
Landschaft.« Der Grund, etwas weniger publik: Im grünten Reichsautobahnen bis Kiew, Odessa usw. abzu­
Unterschied zu Autostradas oder Autoroutes vermeiden fahren, ist auch ein moderner Landschaftsfilm im Kasten
Autobahnen jede »unnötig tiefe« Böschung, die sie »aus und die Identität von Ästhetik und Blitzkrieg über jeden
der Landschaft herausschneiden« würde. Denn wie Inge­ Zweifel erhaben.
nieur Todt mit seinen ständigen Wehrmachtkontakten Amerikaner, denen erst der Senatsbeschluß vom 9.2.1938
festhält, »darf die Autobahn keine Mausefalle werden, aus Autobahnen beschert hat, fahren noch heute, als seien
der nicht ein einziges militärisches Fahrzeug herauskann«. Pkws Planwagen unterwegs nach Westen. Tempolimits
So gut sorgt schon Friedenszeitplanung für Kammlers und voneinander nicht getrennte Vordersitze, dieses lang­
Raketenkompanien, die noch im letzten alliierten Bom­ lebige Relikt aus Pferdekarrentagen, stören keinen Pio­
benhagel über die Autobahnen jagen, um V 2 nach Lon­ nier. In braver breiter Front, ohne zu überholen, rollen
don und in den Weltkrieg X + r abzuschießen. alle zusammen zur letzten Grenze.
Im Unterschied zu ihren kahlen Nachahmungen im Aus­ Deutsche Pz.Div. bei Gefechtstempo dagegen brauchten
land sind Deutschlands Autobahnen ferner umgrünt. eine Autobahnstrecke »von Berlin bis Halle für sich«.
GFM Milch vom Reichsluftfahrtministerium hat Todts Generaloberst v. Fritsch, OKH, sagt es und damit auch,
Ingenieuren Flugzeuge gestellt, um ihre »Autobahn ein­ wer Panzerkolonnen noch überholen darf. Deshalb baut
mal von oben zu sehen und dabei zu erkennen, wie Deutschland keine 12- oder 14-spurigen Freeways vom
man wenigstens für die Sicht von der Seite durch günstige Santa-Monica-Typ. Es bleibt bei der einen Überholspur
g
Bepflanzung eini e Tarnungen erreichen kann.« Eichen-­ für Stäbe und Ingenieure, die Herrenfahrer der Bewegung.
dorffs Frage, wer den deutschen Wald dort oben aufgebaut Und immer wenn wieder Sommer wird wie 39, wenn die
habe, erlaubt also Teilantworten. Das Oberkommando Bundesautobahnen umgrünt und ihre sanften Böschungen
der Wehrmacht war es in seiner nur allzu prophetischen befahrbar sind, kommt Wunscherfüllung über die Leute:
Sorge, Feindluftwaffen könnten ungetarnte, häßliche, Touristendivision nach Touristendivision setzt an. Moto-

240 AUTO BAHNEN 241 AUTO BAHNEN


r
risierungspsychose. Sechszylinder dröhnen, Stereoanla­ D ER SCHLEIER DES LUFTKRIEGS
gen noch mehr. 88 Bis Europas Grenzen kapitulieren. Blitz­ Etwas geht vor in den Medien,
krieg i tous azimuts. Und jeder überholt jeden. taubenfüßig und unscheinbar wie immer
Friede ist die Fortsetzung des Krieges mit denselben Ver­
kehrsmitteln.

Das deutsche Fernsehen, hört man beim deutschen Fern­


sehen, hat seine systemtheoretische Höhe oder Spätphase
erreicht. Mit Realität der Massenmedien meinte Niklas Luh­
mann ja nicht bloß Wirklichkeit, die Radio und Fern­
sehen übertragen, sondern auch Wirklichkeit, die sie er­
zeugen. Humanitäre Maßnahmen für Kuwaiter hat vor
dem Zweiten Golfkrieg kein hiesiger Sender gefordert,
für die Kosovaren vor dem Nato-Einsatz aber durchaus.
Hätte also das Fernsehen, bevor es in der letzten Woche
doch wieder zu seinem Frieden, der exklusiv humanitä­
ren Andachtsübung nämlich, zurückfand, Krieg herauf­
beschworen?
Hochmütige Frage. Modeme Massen- oder besser Ein­
wegmedien sind genauso alt wie die Nationalstaaten, für
In memoriam Dr.-lng. Paul Noack, deren Massenheere sie ein Jahrhundert lang getrommelt
Erster Preis Autobahnwettbewerb und mobil gemacht haben. 1866 sah ein Times-Reporter
LEHA (Leipzig-Halle), 1. 3. 1933 hoch im Kirchturm von Sadova mehr als Moltke, der

243 DER SCHLEIER DES LUFTKRIEGS


Sieger, von seinem Feldherrnhügel. 1939 begann ein Welt­ keinen Feind, sondern einen Nationalstaat. Jugoslawische
krieg im Aufnahmestudio des Senders Gleiwitz als seine Luftabwehroffiziere sollen nach Bagdad zum Erfahrungs­
eigene Simulation. Erst als aus Südvietnam zu viele Bilder austausch geflogen sein. Westliche Reporter sind aus­
toter Wehrpflichtiger in die USA zurückflossen, haben gewiesen, ihre Kameraausrüstungen demoliert (nicht ohne
die Medien vom Kriegsbericht auf humanitäre Auslands­ daß letzte Kameraeinstellungen die Zerstörung selber
reportage und die Nationalstaaten (mit Ausnahmen wie übertragen hätten). Etwas geht vor im Medienpark, tau­
Deutschland) von Massenheeren auf Berufsarmeen um­ benfüßig und unscheinbar wie immer.
geschaltet. Der einzige Radiosender Belgrads, der sich Unabhängig­
Berufssoldaten aber machen schon darum keine Medien­ keit nachsagen läßt, hat Funkverbot, aber Internetzugang:
ereignisse, weil sie selber aus Medien gemacht sind. Da­ B 92 darf die Bombenteppiche der B-52 ins Netz stellen,
für sorgt seit dem Zweiten Golfkrieg, einmal wieder, die das älteste Kampfflugzeug also ins neueste Medium kata­
Pressezensur. Kampftruppen dürfen desto weniger im pultieren. Ganz entsprechend ist es serbischen Hackern
Fernsehen erscheinen, je ausschließlicher ihr Gefecht über gelungen, die Ängste des Pentagons zwar nicht zu be­
Computermonitore, Nachtsichtgeräte oder Satellitenbil­ wahrheiten, aber doch zu illustrieren. Anstatt Top-secret­
der läuft. Diesen ganzen Medienpark hat die U.S. Army Computer zu knacken, wie die halbamtlichen Zukunfts­
in schöner Zweideutigkeit Vision 2000 getauft. Denn der szenarien namens Information Warfare das vorsehen,
Krieg als Television ist keine Ikonographie. Selbst unser haben jene Hacker die Nato-Öffentlichkeitsarbeit, aber
Mann in Bagdad, der einsame CNN-Reporter auf sei­ auch nur sie, mit Computerviren und E-Mail-Schrott
nem Hotelbalkon, sah weniger als die alte Times bei Kö­ bombardieren können. Stundenlang glänzte die Allianz
niggrätz. Um überhaupt noch Propaganda abzuwerfen, durch Web-Absenz, bis die siegreiche Netzattacke (laut
bleibt der Vision also nur, daß fernsehäugige Marsch­ Nato-Sprecher Jame Shea) zu einer Belgrader Computer­
flugkörper kurz vorm Einschlag ihre eigenen Zielbilder adresse zurückverfolgt werden konnte.
"
zurückfunken. Für das Fernsehen übrigens eine gründlich Im Medienpark geht etwas vor, das die eingesessenen
verpaßte Gelegenheit, seine technische Identität mit dem Massenmedien mehr und mehr um Luhmanns doppel­
Angreifer zu begreifen. deutige Realität bringt. Der Traum oder Alptraum des
Aber jetzt ist der Krieg zurück nach Europa. Die Kom­ deutschen Fernsehens, am Kriegausbruch mitschuldig zu
battanten haben dazugelernt. Die Nato, endlich, bekriegt sein, ist sprechend wie ein Symptom. Fünfzig Jahre lang

244 DER SCHLEIER DES LUFTKRIEGS 245 DER SCHLEIER DES LUFTKRIEGS
r
haben sich Staaten auf die diskrete Solidarität von Anstal­ Getty Oil.) Ihren Aufklärungsfotos verweigert man schon
ten verlassen dürfen, die schon aus Gründen miserabler darum keinen Quellennachweis, weil sie nur die Spitze
Bildauflösung lieber Politikergesichter oder Flüchtlings­ eines Eisbergs sind. Denn was bei End Usern, Redak­
kinder in Nahaufnahme »ausstrahlen«, als eine Wüsten­ tionsschlüssen oder Nachrichtenstudios ankommt, ent­
sturmtotale aufzunehmen. Aber mit den Bildauflösungen hält garantiert keine Information mehr. Nur Stäben der
wandeln sich die Zeiten. Computermonitore im Arbeits­ Nato (oder näberhin denen der U.S. Air Force) gehen die
zimmer verkraften, anders als ihre betagten Doppelgänger Meßwerte vom laufenden Luftkrieg neuerdings binnen
vorm Wohnzimmersofa, ganze Megabytes. Nichts ande­ 60 Sekunden, also fast in Echtzeit, zu.
res heißt heute Ikonographie des Krieges. Aber damit steht jene Medienmacht nicht mehr ganz
»Ein Mausklick auf die Dateigrößenzeile, die Sie unter allein. Im Bosnienkrieg waren es noch Hacker oder Freaks
jedem Daumennagelbild finden<<, reicht »zum Down­ wie Geert Lovink, die von Amsterdam über Budapest
loaden hochwertiger Fotos in Druckerqualität« völlig Netzverbindungen zum Balkan schalteten. Dann konnten
hin. So wörtlich die Homepage der Nato, seit sie wieder in der Nacht nach Scharmützeln oder Massakern zwi­
freigekämpft ist. Mir indes reichen schon besagte Dau­ J;chen Zagreb, Sarajevo und Belgrad, aller nationalstaat­
mennagelbilder, winzige Zwillings-Ikonen also, die Luft­ lichen und massenmedialen Abschirmung zum Trotz,
abwehrraketenbatterien bei Belgrad oder Feldflugplätze doch noch verspätete E-Mails zirkulieren. Auch das ist
bei Batajnica »vorher« und »nachher«, »Post Strike« anders geworden. Die Vielwegmedien von heute scheinen
und »After Strike« vorführen, vollkommen hin, um der fast Nato-Echtzeit zu erreichen. Jemand, den wir eben
beigeschriebenen Nato-Bitte nachzukommen: Please credit Kosovarer zu nennen gelernt haben, braucht den Tod vor
NATO photos. seinen Augen nur mehr einem kleinen tragbaren Medien­
verbund von Palm Pilot, Modem und Handy anzuver­
trauen, um sein Dorf weltweit zu machen. Die Ablösung
Die Vielwegmedien erreichen heute
der Reporter durch Überlebende erfolgt mithin durch
fast Nato-Echtzeit
Aufrüstung, die das Equipment von Berufssoldaten noch
Einer Militärallianz, die digitale Copyrights hält, muß zu den Opfern streut. Ohne Nato und Glasfasernetz,
man einfach glauben. (Um den zivilen Rest an Bildrech­ Satellitenfunk und Global Positioning System wäre von
ten kämpfen bekanntlich Microsoft Corporation und Globalisierung keine Rede. Insofern mag der laufende

246 DER SCHLEIER DES LUFTKRIEGS 247 DER SCHLEIER DES LUFTKRIEGS

I'
Luftkrieg nur ein Schleier sein, der gnädig, und das heißt K RIEG IM SCHALTKREIS
erfahrbar, verhüllt, daß Information Warfare aller Erfahr­ Die Herren der Software sind die Condottiere
barkeit spottet. der neuen Kampfzonen: Die Spielkonsole fliegt
Aber der Bodenkrieg, der Flüchtlingsstrom, also kurzum den Kampfj et
die Tagesthemen? Angst vor dem einen, Angst um den
anderen - das bleibt als Schleier »den Medien«, wie sie
sich noch immer zu titulieren belieben. Bodentruppen
und Flüchtlingswellen haben aber - schon vom vorletzten
deutschen Krieg her - dasselbe Los: Sie müssen über
diese alte Erde ziehen. Über eine Erde, die nach Martin
Heideggers Wort »jedes Eindringen in sie an ihr selbst
zerschellen läßt«. Ach, verkarsteter Balkan, Europas un­
toter Ahne. Solange Bilder von Künstlern und Kriege von Männern
gemacht wurden, waren Ikonographien des Krieges ver­
mutlich kein Problem. Zwei Handwerke spielten einander
zu - ganz wie seit Vergil das Handwerk der Waffen und
das der Feder.
Kein Schlachtgemälde vor Picassos Guernica hätte ver­
sucht, dem Krieg selber Krieg zu erklären, einfach weil
jedes Bild einen Auftraggeber hatte, der mit dem Kriegs­
herrn gemeinhin zusammenfiel. Aber »das Handwerk
des Krieges« (Cora Stephan) gehört unwiederbringlichen
Vergangenheiten an. Um 1800 endete in Europa, was
Martin van Creveld »die Steinzeit des Befehlsflusses«
genannt hat. An die Stelle von Schlachtfeldern, die auf
die endlichen Reichweiten von Menschenaugen und Men­
schenstimmen beschränkt blieben, ist eine fundamentale

249 KRIEG IM SCHALTKREIS


Ausdifferenzierung von Taktik und Strategie getreten. Als der Nationalkriege gehörte darum auch eine neue Bilder­
die französischen Revolutionskriege selbständig operie­ politik. Der Generalstab von Bonapartes Italienarmee war
rende Armeen auf drei unterschiedlichen Kriegsschau­ vermutlich die erste Institution der Kriegsgeschichte, die
plätzen von Flandern über den Oberrhein bis zur Lom­ systematisch Pressearbeit betrieb und den Sieger von Ar­
bardei in Zeit und Raum koordinieren mußten, entstand cole, Lodi und so weiter systematisch ins rnassenreprodu­
als bürokratisches Korrelat solcher Strategie die moderne zierte Schlachtenbild setzte. Ohne mediale Öffentlichkeit
Institution des Generalstabs. Generalstäbe haben schon hätte die Rekrutierung aller vaterlandsliebenden Patrio­
d.arum keine Bilder oder gar Anschauungen des Krieges, ten, Lazare Carnots berühmte lev!e en masse) nicht genug
weil sie nach einem bösen Wort Napoleons Schreib­ Kanonenfutter gefunden. 1796 entstand mithin zwischen
maschinen sind. Generalstäben und Massenmedien eine Allianz oder Ver­
schwörung, die technische Innovationen wie Telegraphie,
Der Krieg wird zur Speicherzelle seiner selbst
Radio und Fernsehen mühelos überlebt hat, um erst
dieser Tage wieder zu zerfallen. Seitdem ein Land nach
Auf der Grundlage topographischer Karten und einer dem anderen jene kasernierte Wehrpflicht, die Roon und
zunächst optischen, später aber elektrischen Telegraphie Moltke in radikaler Fortschreibung Carnots 1851 erfun­
ist der Krieg um 1800 zu einer Sache von Wissenschaft den haben, aus guten Gründen abschafft, dürfen moderne
und Technik geworden. An die Stelle von Helden oder Massenmedien den Krieg beschreiben und bebildern, als
Haudegen mußten schon darum Absolventen der Pariser sei er ihr ganzes grauenhaftes Gegenteil.
Ecole Polytechnique treten, die in ihren ersten zwei Jah­ In Tat und Wahrheit war der Krieg dagegen ihr histori­
ren nicht von ungefähr Hochschule für Pulver und Sal­ sches Apriori. Technische Massenmedien gibt es, nicht
peter geheißen hatte. Alle Probleme, die die Ikonographie weil der Krieg (in mißbräuchlicher Anrufung Heraklits)
des Kriegs bis heute aufgibt, rühren aus dieser wissen- der Vater aller Dinge wäre, sondern weil um 1800 der
'
schaftlich-technischen Aufrüstung. Telegraphennetze und Schulterschluß zwischen Generalstäben und technischen
Aufmarschpläne, Aushebungsstatistiken und Geschoß­ Hochschulen der Steinzeit des Befehlsflusses ein Ende
bahntabellen ergeben nie wieder Bilder. Ihre einzige Wirk­ gemacht hat. 1794 beschloß der französische National­
lichkeit ist die Zahl. Nur waren mit nackten Zahlen konvent, optische Telegraphenlinien zunächst von Paris
noch keine Massenheere auszuheben. Zur neuen Strategie nach Lille, später auch nach Marseille, Straßburg, Venedig

250 KRIEG IM SCHALTKREIS 251 KRIEG IM SCHALTKREIS


und so weiter einzurichten, also mit höchstem finanziellen sprech- und Signalapparat zur Hand sind«, Strategien als
Aufwand die altehrwürdige Rekordgeschwindigkeit rei­ Kopplungen von Telegraphie und Eisenbahnnetz zu ent­
tender Boten zu unterbieten. Der offiziellen Begründung werfen.
zufolge diente solche Verkabelung eines Nationalstaates, Auf der Seite der Taktik entsprach dieser bildlosen Stra­
kaum daß er sich aus allgemeinem Volkswillen konsti­ tegie eine Kampfzone, die zwar gerade noch sichtbar, aber
tuiert hatte, selbstredend ebendiesem Volkswillen: Nur nicht durchschaubar war. Die drei telegraphisch fern­
übermenschlich schnelle Übertragungsmedien konnten gesteuerten Heere, die sich nach getrennten Eisenbahn­
oder sollten es einem Flächenstaat erlauben, genauso märschen bei Königgrätz vereinten, sahen nur die Frik­
schnell zur demokratischen Abstimmung zu schreiten wie tionen des Gefechts, aber nicht den Aufmarschplan, nach
sonst nur noch Rousseaus leuchtende Schweizer Kantone. dem Moltke sie ferngesteuert hatte. Aus dieser ersten und
In inoffizieller Empirie allerdings mußten Frankreichs letzten aller Unübersichtlichkeiten haben Stendhal und
Bourgeois (um von Frankreichs Citoyens ganz zu schwei­ Flaubert, lange vor Jünger oder Remarque, die literarische
gen) noch dreiundvierzig geschlagene Jahre warten, bis der Konsequenz gezogen, Schlachten nur mehr als senso­
Telegraph ihre Börsenspekulationen erstmals von Paris risches Chaos zu beschreiben. Immer wenn in Flauberts
nach Bordeaux übertrug. Salammbo die karthagischen Söldnertruppen das Flim­
Denn zwischen 1794 und 1837 war und blieb die optische mern und Leuchten einer Fata Morgana am morgend­
Telegraphie, ganz wie später ihre elektrische Fortschrei­ lichen Wüstenhorizont bewundern, haben sie die nächste
bung zumindest in Europa, ein militärisches - und das Wüstenschlacht schon verloren. Denn beim Näherkom­
hieß systematisch verschlüsseltes - Geheimmedium. Es men erweist sich das Flimmern als feindliche Lanzen­
verband Generalstäbe mit Armeebefehlshabern, aber nie­ spitzen und das Leuchten als feindliche Schwerter, die das
manden sonst. Söldnerheer eingeschlossen haben.
Mit der Fernübertragung von Befehlen und Meldungen Die Frontschweinperspektive in ihrer Trostlosigkeit ist
begann der Krieg, seine Sichtbarkeit zu verlieren. Der mithin eine Erfindung des neunzehnten Jahrhunderts,
Feldherr räumte nach Schlieffens brillanter Analyse seinen aber beileibe nicht nur seiner Literatur. Zwölf Jahre nach
angestammten, aber viel zu sichtbaren Feldherrnhügel, Flauberts Roman erschien von Paul Bronsart von Sehel­
um »weiter zurück in einem Hause mit geräumigen lendorf, einem engen Mitarbeiter Moltkes, die maßgeb­
Schreibstuben, wo Draht- und Funkentelegraph, Fern- liche Monographie über den »Dienst des Generalstabes<<.

252 KRIEG IM SCHALTKREIS 253 KRIEG IM SCHALTKREIS


T
Daselbst listete ein Generalstäbler auf, was Nichtgeneral­ auch durfte, hatte der Militärkorrespondent der Londo­
stäbler von anderen Nichtgeneralstäblern überhaupt noch ner Times den höchsten verfügbaren Dorfkirchturm er­
sehen: obert. Das perfekte Schlachtpanorama, wie die Presse es
»Von den Truppen sieht man: auf die 1600 Meter die Bewegung damit gewann, ging noch selbigenTages als Depesche nach
von Massen, wobei die Infanterie als schwarzer Strich mit blit­ London. Dem Medienverbund zwischen Stäben, Eisen­
zendem Saum, Kavallerie als breiter schwarzer Strich, oben aus­ bahnen und Telegraphenlinien folgte mithin, seit etwa
gezackt, erscheint; 1850, ein Medienverbund zwischen Massenmedien, glo­
- auf 1200 Meter erscheint auch die Infanterie als oben aus­ balen Telegraphenkabeln und globalen Kriegsberichten.
gezackter Strich:
Solche Veröffentlichungen des Krieges führten schließ­
Kavallerie markiert sich als berittene Mannschaft;
- auf 1000 Meter erkennt man die Rotten und die Zahl der Ge­
lich 1905, während der Belagerung von Port Arthur, zu
schütze; . einer unerhörten Begebenheit: Die russischen Verteidiger
- auf 800 Meter wird die Bewegung einer in Linie formierten brauchten nur Funksprüche neutraler, aber schiffsbasier­
Truppe deutlich; ter Journalisten abzuhören, um aus erster Hand zu er­
- auf 650 Meter ist der obere Umriß des Infanteristen, das Pferd fahren, welchen Angriff die kaiserlich japanische Marine
beim Kavalleristen erkennbar;
gerade einleitete. Folgerichtig begann das zwanzigste
- auf 500 Meter unterscheidet sich der Kopf von der Kopf­
bedeckung;
Jahrhundert - lange vor dem zweiten Golfkrieg - mit
Leute und Pferde sind deutlich erkennbar. drakonischen Verschärfungen der Pressezensur. Erst der
Man erkennt ferner: technisch gespeicherte und technisch übertragene Krieg
- auf 300 Meter· helle Farben, machte Geheimhaltungsmaßnahmen notwendig, die seine
- auf 160 Meter Knöpfe und Tressen, Ikonographie gleichzeitig bestimmen und begrenzen. So
- 80-120 Meter die Augen irn allgemeinen, richtete die deutsche Oberste Heeresleitung im Ersten
- 65 Meter die Augen genau,
- 20-25 Meter dfi.s Weiße irn Auge.« Weltkrieg ein eigenes Bild- und Fihnamt ein, dessen
Akronym BUFA nicht zufällig in der nachmaligen UFA,
Das Weiße im Auge des Feindes war aber klarerweise Ludendorffs vorgeblich privatem Filmkonzern, noch
nichts, was Massenmedien im Zeitalter der Nationalheere lange überdauern sollte. Aber weil das BUFA gleichzeitig
übertrugen. Während Moltke bei Königgrätz mit Feld­ auf Geheimhaltung und Veröffentlichung setzte, ließ es
stecher und Felclherrnhügel vorliebnehmen mußte, aber zwei Jahre lang prinzipiell nur Kriegswochenschauen zu,

254 KRIEG IM SCHALTKREIS 255 KRIEG IM SCHALTKREIS


die fiktiver noch als UFA-Spielfilme waren. Was an Schüt­ (Niklas Luhmann) ist keine Autoreferenz einer Gesell­
zengräben auf der Kinoleinwand erschien, lag nicht im schaft, die wohl ohnehin nur Nationalstaat minus Außen­
Schlamm und Trommelfeuer Flanderns, sondern auf dem politik besagt, sondern strategischer Fremdbezug von
idyllischen Tempelhofer Feld. Erst 1916, als solche nach­ Technologien, die miteinander um Herrschaft kämpfen.
gestellten Kriegstheaterszenen auch in Feldlazaretten Im Feldzug von 1809 hatte Napoleons optische Telegra­
liefen, wo sie ziemlich unfreiwillig zur Erheiterung der phie den Beweis angetreten, daß sie gegenüber Österreichs
Schwerverwundeten beitrugen, mußte das Bild- und reitenden Boten und schriftlichen Befehlen die Mobil­
Filmamt seine Bilderpolitik revidieren. Der Front selbst, machungszeiten um kriegsentscheidende Wochen ver­
also nicht schon der Heimatfront, stand fortan ein Men­ kürzen konnte. Aber je länger Frankreich an seiner buch­
schenrecht auf Dokumentation zu. Und wenn, wie etwa stäblich revolutionären Innovation festhielt, desto m�hr
vor Verdun, eine französische Filmkamera mit automati­ veraltete eine Technik, die immer noch von der Lese- und
schem Motor auch noch weiterlief, nachdem der Kamera­ Schreibgeschwindigkeit zum Telegraphendienst versetzter
mann selbst schon gefallen war, kam die Dokumentation Invaliden abhing.
auch auf ihren modernen Begriff. Stummfilmpioniere wie Erst ihre Elektrifizierung entkoppelte die Telegraphie von
Guido Seeber oder Oskar Meester brauchten die ohnehin der Kommunikation, die physikalisch reine Information
verschwisterten Mechanismen von Maschinengewehr und vom Menschenverkehr. Seit 1850 haben Überlandnetze
Filmtransport nur zu koppeln, und der Krieg lief als und Unterseekabel diese Erde als Operationsgebiet von
Speichermedium seiner selbst. Heeren und Flotten erst erschlossen. Nur ist eben da­
Technische Medien sind mithin keine Prothesen eines durch eine Verwundbarkeit entstanden, die in den Kabeln
sogenannten Menschen, der seine Augen und Ohren an selbst hauste. 1898, im spanisch-amerikanischen Krieg,
Apparate der Speicherung oder Übertragung entäußert brauchten die Vereinigten Staaten nur im Süden Flori­
hätte. Schon daß solche Prothesentheorien erst im Ge- das ein Unterseekabel zu unterbrechen, das Spanien mit
\,
folge des Ersten Weltkriegs aufkamen, deutet eine dunk- seiner vorletzten Kolonie Kuba verband, um eine zum
lere Wahrheit an: Technische Medien als solche gehö­ Schutz Havannas ausgelaufene Flotte ihrem Verderben
ren technischen Kriegen zu, lange bevor sie diese Kriege auszuliefern.
in Nachrichten und Geschichten, Ikonographien und Am 2. August 1914' dem zweiten Tag des Ersten Welt­
Soundtracks überführen. Die Realität der Massenmedien kriegs, stach die Royal Navy mit dem Befehl in See, alle

256 KRIEG IM SCHALTKREIS 257 KRIEG IM SCHALTKREIS


Transatlantikkabel der Mittelmächte zu kappen. Britan­ Funker bisweilen auch Schallplatten liefen).Wie in Bertolt
niens großer Vorkriegsplan, sämtliche Telegraphennetze Brechts seltsamer Medientheorie, die das Radio bekannt­
dieser Erde als All Red Cable - und das hieß in der lich aus kapitalistischem Wildwuchs statt aus waffen­
Farbe des Union Jack - zu kontrollieren, ging auf einen technischen Notwendigkeiten herleitete, war jeder Emp­
Schlag in Erfüllung. Mit demselben Erstschlag wurde fänger auch ein Sender.
aber auch klar, daß die Tage der Kabeltelegraphie gezählt Das änderte sich nach dem Waffenstillstand von 1918.
waren. Weil Medien strategische Eskalationen sind, ent­ Schon als drei ehemalige Heeresfunker, um ihre röhren­
springt gerade aus der Verwundbarkeit eines gewesenen technischen Entzugserscheinungen zu bekämpfen, die
Leitmediums das nächste. Nach jenem Schlag der Royal Lichttonspur und damit den Tonfilm entwickelten, wurde
Navy rückte, nicht nur bei den Mitrelrnächten, die Draht­ die akustische Übertragungskette vorn Mikrophon über
losigkeit als solche aufs Programm. das Zelluloid in den Kinolautsprecher zum Einwegkanal.
Schützengräben, wie gesagt, waren Systeme der Unsicht­ Und als schließlich im Oktober 1923 das Postministe­
barrnachung. Aber je strikter der Erste Weltkrieg Ikono­ rium auch Deutschland ein Zivilradio gestattete, sprachen
graphien verweigerte, desto allgegenwärtiger wurde eine gebieterische Gründe der »Staatssicherheit« dafür, jeden
Akustik, die anfangs Radiotelegraphie und später, nach Umbau von Rundfunkempfängern zu Rundfunksendern
Entwicklung fronttauglicher Röhrenverstärker, Radio­ unter hohe Strafen zu stellen. Die Broadcastrnedien, wie
telephonie hieß. (Technische Medien mit technischen Bil­ sie bis vor kurzem mit Medien überhaupt verwechselt
dern gleichzusetzen ist eine der gröbsten, aber fernseh­ wurden, sind jedenfalls nicht vorn Himmel gefallen; sie
wirksarnsren Vereinfachungen gegenwärtiger Debatten.) entstanden im genauen historischen Augenblick, als die
Wie einst die Kabeltelegraphie das Eisenbahnnetz mili­ Reichswehr der Reichspost glaubhaft versicherte, ihren
tärisch erschlossen hatte, so mobilisierte der drahtlose internen Wechselsprechfunk gegen mögliche Lausch­
Funkverkehr neue Waffensysteme zu Land, zur Luft und angriffe wirksam verschlüsseln zu können. Sie hatte näm­
zur See: Panzei; Aufklärungsflugzeuge und U-Boote. lich, statt weiterhin auf das gutenbergische Handwerk
Und schon weil im Zeitalter der Dieselmotoren die Frei­ von Kryptographen zu setzen, .eine erste vollautomatische
heitsgrade drastisch zunahmen, konnte die militärische Codierungsrnaschine angeschafft, die berühmt-berüch­
Radiotelephonie gar nicht umhin, Wechselsprechverbin­ tigte Enigma. Nun beruhen aber alle Eskalationen der
dungen zu schalten (über die zur Unterhaltung müder Mediengeschichte auf dem elementaren Sachverhalt, daß

258 KRIEG IM SCHALTKREIS 259 KRIEG IM SCHALTKREIS


sämtliche Operatione� einer Maschine A von einer ande­ ders als die Luftwaffe, auf Braunsehe Röhren zurück. So
ren Maschine B imitiert werden können. Dieser Satz kam es, daß BBC und Reichspost in seltener Einmütig­
mußte nur noch geschrieben werden, um die Geschichte keit am Tag des Kriegsausbruches jede Weiterentwicklung
des technischen Krieges ans Ende zu bringen. ihrer zivilen Fernsehversuche einstellten. Der Bildschirm
1936 jedoch gab Alan Turing in der wohl folgenreichsten im Londoner Wohnzimmer oder Berliner Gemeinschafts­
Dissertation der Mathematikgeschichte eine Maschine empfangsraum hätte sonst verraten können, wie sein
an, die alle anderen Maschinen, deren Beschreibung sie militärischer Zwilling am Ende der Radarkette arbeitete.
eingelesen hat, selbst sein kann. Drei Jahre später stand Das Fernsehen, mit anderen Worten, wurde zum ameri­
Turings Maschine, die Prinzipschaltung aller digitalen kanischsten Medium, weil die Vereinigten Staaten ihren
Computer von heute, mit einem Mal auf der militärischen Kriegseintritt noch zwei Jal1re verzögerten.
Tagesordnung. Entscheidend aber war schon im Zweiten Weltkrieg etwas
anderes. »Der Sieg in jedem Zukunftskrieg«, hat Admiral
Marschflugkörper und Fernsehen
Moorer, Chef der vereinigten amerikanischen Stabschefs,
vor Jahren erklärt, »liegt auf der Seite, die das elektro­
Der Hexenmeisterkrieg, wie der Zweite Weltkrieg bei magnetische Spektrum kontrolliert.« Alle operativen Be­
seinen Ingenieuren hieß, hat den Medienpark wahrhaft fehle, die die deutsche Enigma und die japanische Purple
revolutioniert. Die altehrwürdigen Modelle des Bildes maschinell verschlüsselten, mußten das elektromagne­
und der Welle, auf denen noch Film und Radio beruhten, tische Spektrum durchlaufen, um im Panzer-UKW-Gerät
wurden obsolet. Schon um anfliegende Feindflugzeuge vor Sedan oder im Schiffsfunk vor Pearl Harbor wieder
nach Winkel und Entfernung präzise zu orten, durften empfangen und entschlüsselt zu werden. Mit anderen
die Radargeräte an der Küste Südenglands keine· konti­
nuierlichen Radiosignale mehr ausstrahlen; was sie in den
Worten: Festung Europa und großostasiatische Wohl­
standssphäre waren genauso klein oder groß wie ihre
1
Äther schickten �nd wieder als Echo empfingen, waren
genau jene steilflankigen Impulse, die heutzutage zur
Nachrichtenverbindungen, vor allem aber genauso ver­
wundbar. Als Turings Nachfolger im britischen Geheim­
1
Freude mithörender Geheimdienste jeder Computer aus­ dienst es Weihnachten 1943 schafften, den ersten Digital­
strahlt. Um das Echo besagter Bomberflotten aber auch 11 ,
computer zum Laufen zu bringen, war nicht nur die
noch zu visualisieren, griff die Royal Air Force, nicht an- Schlacht im Atlantik entschieden, sondern ein Weltkrieg.

260 KRIEG IM SCHALTKREIS 261 KRIEG IM SCHALTKREIS


So heikel es bleibt, die Wehrmacht auszustellen, so ein­ Panzerbesatzung, wie im zweiten Golfkrieg, über ihren
fach lief es, sie zu knacken. Die Telegraphie hat das Wort Bordcomputer am digitalen Satellitenfunk hängt und jede
besiegt, der Funk die Telegraphie und schließlich Turings Granate einen kurzlebigen Mikroprozessor beherbergt,
Computer den Heeresfunk. läuft diese Proliferation schon an. Der Autobahnverkehr
Wie es weiterging, ist bekannt. Die Computer haben von steht im Begriff, die satellitenbasierte Panzerfernsteue­
Röhren auf Transistoren, von Transistoren auf integrierte rung zu übernehmen; das Fernsehen hat, als es die kurz­
Schaltkreise umgestellt. Sie haben im Rhythmus von lebigen Fernsehbilder aus dem Gefechtskopf angreifender
18 Monaten Nachfolgergenerationen entworfen und her­ Marschflugkörper übernahm, seine Identität mit einer
gestellt, die jeweils die doppelte Leistung ihrer Vorgänger Waffentechnik schon verraten. Aber offenbar reicht nicht
erbringen. Sie haben sich schließlich, mit tätiger Beihilfe einmal die offenbare Ikonographie des Krieges hin, um
des Pentagons, ein eigenes Übertragungsmedium zu­ den guten alten Broadcastmedien ihr nahendes Ende zu
gelegt, das gegen atomare Gegenschläge gehärtet und vom verkünden. Noch im Kosovo-Krieg träumte das Fern­
Prinzip her imstande ist, alle Prozesse aller Computer sehen davon, Täter und Richter gleichzeitig zu spielen.
miteinander zu verschalten. Mögen Philosophen das Den Krieg um den Augapfel, wie ihn die Siliziumindustrie
Internet im Internet ruhig als Advent herrschaftsfreier zwischen Computermonitor und Fernsehbildschirm aus­
Diskurse feiern; es bleibt, was es ist: eine universale dis­ rief, hat es schon verloren.
krete Vernetzung universaler diskreter Computer. Es wird also noch einige Zeit brauchen, bis klar ist, daß
Zwei Jahrhunderte systematischer Eskalation sind auf die digitale Proliferation die üblichen Spin-Offs weit hin­
eine Maschine zugelaufen, die alle anderen Maschinen ter sich läßt. Uhren am Armgelenk stammen bekanntlich
sein kann. Ein Jenseits der Turingmaschine gibt es bislang aus dem Ersten Weltkrieg, Teflonpfannen aus der Rake­
gar nicht. Schon vor zehn Jahren hat die US Army alle tenkrise der sechziger Jahre. Aber daß eine Technologie,
Eigenentwicklung�n im Computerbereich eingestellt; sie
kauft, wie der Rest der Welt auch, auf dem freien Markt
die für militärische Kryptoanalyse viel geeigneter als für
halbzivile Physik ist, zum allgemeinen Medienstandard 1
ein. Zum ersten Mal in der modernen Kriegsgeschichte aufrückt, hat es noch nicht gegeben. Computer als stra­
scheint ein allgemeiner Standard erreicht, dessen globale tegische Maschinen, die auf ihre Randbedingungen mit
Proliferation weder die gute alte Cocom-Liste noch ihre Fallunterscheidungen antworten können, liquidieren die
aktualisierten Nachfahren stoppen können. Wenn jede soziologische Grundunterscheidung zwischen kommuni-

262 KRIEG IM SCH ALTKREIS 263 KRIEG IM SCHALTKREIS


kativer und instrumenteller Vernunft. Sie machen offene lieh zu verhindern ist, rekonstruiert »Reserve Engineer­
Kriege ebenso unwahrscheinlich, wie sie unerklärte Kriege ing« schlicht und einfach das vollständige Schaltverhalten
allgegenwärtig machen. der Konkurrenzmaschine.
Seit 1794 die erste technische Hochschule und das erste Die High-Tech-Industrie hat die Strategie moderner Na­
technische Übertragungsmedium zur Welt kamen, war die tionalstaaten übernommen. Vom Feind lernen heißt, die
Zerstörungskraft eine abhängige Variable der National­ Unterscheidung zwischen kommunikativer und instru­
staatlichkeit. Generalstäbe und ihre Massenheere hüteten menteller Vernunft kassieren. Das Ergebnis ist Info-War.
ein Gewaltmonopol, das nur revolutionäre oder mafiose »Information Warfare« war in den frühen Neunzigern nur
Ausnahmefälle durchbrachen. Heute dagegen fällt die ein Problemtitel, unter dem das Pentagon geheime Fall­
allgemeine Medientechnik mit der allgemeinen Kriegs­ studien in Auftrag gab. Daraufhin brachte die Rand Cor­
technik zusammen. Jede Spielkonsole von Sony oder poration am Strand von Santa Monica Computerwissen­
Nintendo spielt nach, was Bomberpiloten schon durch­ schaftler und Generalstäbler zusammen, um »Electronic
gemacht haben. Und je angstloser die Armeen ihre Hard­ Warfare<< in die Zukunft fortzuschreiben. Was dabei an
und Software vom freien Markt beziehen, desto mehr Konfliktszenarien herauskam, ist schnell erzählt. Eine na­
gilt auch die Umkehrung. Damit aber streifen die Hoch­ menlose Monarchie im Mittlere Osten, die ganz zufällig
technologiekonzerne ihre bloße Zulieferfunktion ab; sie über strategisch immer noch entscheidende Ölvorräte ver­
selbst werden zu strategischen Mitspielern, die Krieg fügt, steht einer Demokratisierungsbewegung gegenüber,
und Frieden gleichermaßen standardisieren. So haust die die ganz zufällig ausländische, nämlich fundamentalisti­
Unterscheidung zwischen Strategie und Taktik, General­ sche Unterstützung erfährt.
stab und Frontschweinperspektive heutzutage in jedem Also setzt das Pentagon ein Expeditionskorps aus Pan­
Intel-Prozessor, seitdem die Hardware selbst zwischen zern und Fernbombern in Marsch. Nur will es das simu­
unterschiedlichen, Befehlsprivilegien umschalten kann. lierte Unglück, daß jener namenlose islamistische Staat
So verfolgen ganz� Chipschmieden mittlerweile eine Stra­ Geheimbeziehungen zu frommen Muslimen unterhält,
tegie, die zwar unter dem vielsagenden Titel »Reverse die im Hauptberuf südindische Softwareprogrammierer
Engineering« läuft, aber noch besser oder schlimmer (als Green Cards) sind. Und weil europäische Airbusse,
»Feindaufklärung« heißen sollte. Da bei Maschinen, die im Unterschied zu amerikanischen Boeings, die ersten
jede andere Maschine sein können, der Nachbau unmög- Zivilflugzeuge waren, die ohne Bordcomputer sofort vom

264 KRIEG IM SCHALTKREIS 265 KRIEG IM SCHALTKREIS


Himmel stürzen würden, braucht der fromme Program­ ware, voll getüstet wie Pallas Athene, aus ein und densel­
mierer in Bangalore nur ein paar Zeilen Quellcode zu ben Computerfirmen. Nationalstaaten und Militärbünd­
ändern, um am Himmel über Chicago systematisches Un­ nisse kaufen sie von der Stange. Die Frage, wie lange
heil anzurichten: Ein Airbus nach dem anderen stürzt ihr Gewaltmonopol noch währt, ist dringlicher denn je.
beim Landeanflug ab. Tote amerikanische Touristen aber Info-War heißt höchstwahrscheinlich nicht, daß einsame
sind unter Medienkriegsbedingungen noch unerträglicher Hacker Boeings europäische Konkurrenz freundlicher­
als tote Gls. Ohne im namenlosen Wüstenstaat auch weise vom Himmel holen werden. Info-War dürfte viel
nur einen Zinksarg benötigt zu haben, bricht das Penta­ eher an Zeitläufte anknüpfen, wie es sie vor Einführung
gon seine Orientexpedition ab. So rächt sich ein Begriff stehender Heere in Europa und überhaupt gegeben hat.
von Gesellschaft, der Nationalstaat minus Außenpolitik Ein militärisches Know-how, auch Condottiere genannt,
meint, am Nationalstaat selbst. verdingte seine Hard- und Software an den Meistbieten­
Falls die Rand Corporation damit ihren Auftraggebern den. Der Meistbietende muß nicht für alle Zukunft ein
bedeuten sollte, daß heutige Infrastrukturen, zivile wie fünfeckiges Bürohaus am Potomac bevölkern.
militärische, nicht mehr Menschen, sondern Computern Insofern, aber auch nur insofern, sind die Aussichten
unterstehen, kann man dies nur unterschreiben. Falls offen. Doch solange Turingmaschinen, Digitalcomputer
das Szenario dagegen nahelegen wollte, daß einzelne und Millennium Bugs insistieren, als sei alle Technik­
Programmierer einen globalen Informationskrieg wagen, geschichte am theoretisch-praktischen Ende angelangt,
führen und gewinnen können, zählt es selbst zu einem wird sich an den Spielregeln wenig ändern. Ob National­
Informationskrieg, der die Zukunft systematisch ver­ staaten oder Computerfirmen miteinander Krieg geführt
nebelt. Vor hundert Jahren lieferten Firmen wie Arm­ haben, sagt den Opfern nichts mehr. Deshalb kommt
strong oder Krupp die Metalle - auf amerikanisch also einiges darauf an, die umlaufenden Euphemismen - vom
die Hardware -, q!'nen miteinander verfeindete General­ Verteidigungsministerium bis zur friedenserhaltenden
stäbe dann eine Strategie oder Software überstülpten. Maßnahme, von der Softwarekrise bis zum Info-War- als
So war etwa der Schlieffenplan von 1914 eine mühsame solche zu enttarnen. Deshalb kommt es noch viel mehr
Abgleichung aller Eisenbahnfahrpläne für Soldaten und darauf an, dem digitalen Paradigma zu mißtrauen. Auch
Geschütze, die allerdings den Pulvernachschub ganz ver­ wenn die Geschichte keine Lehrmeisterin des Lebens ist,
gessen hatte. Heute dagegen kommen Soft- und Hard- bleibt die Kriegsmediengeschichte doch eine Warnung.

266 KRIEG IM SCH ALTKREIS 267 KRIEG IM SCHALTKREIS


Alle Technologien haben sich als verwundbar, als über­ DA s GANZE STE U E RT D E R B LITZ
bietbar erwiesen - warum sollten Computer die einzige Gespräch mit Alexander Kluge (2002)
Ausnahme machen? Sicher, für Ikonographien sind sie gut
genug, aber die physikalische Wirklichkeit, zu der Kriege
und Maschinen, Menschen und Götter allesamt zählen,
ist weder Bild noch Programm.

Es gibt eine Regel, daß die Größe von Computern jew�ils um


das Zehnfache abn<immt, wenn die Rechenleistung jeweils um
mehr als das Zehnfache ansteigt, und zwar in einem sehr kur­
zen Zeitraum, das ist eine Regel.

Ein empirisches Gesetz, das der Mitbegründer der Intel


Corporation, die 90 Prozent des Hardware-Weltmarktes
beherrscht, 1965 aufgestellt hat, als die Firma gerade in
der Wiege lag und als wir Heidegger lasen, dieser Kontrast
ist meine Biographie und ich mußte das einholen, was
Gordon Moore 1965 so wahr wie prophetisch gesagt hat.
\,
Niemand kann darauf wetten, daß das ewig so geht, das
ist auch ziemlich unwahrscheinlich. Irgendwann wird es
eine Sattelkurve geben, auch bei dieser aus Kieselstein
letztendlich gemachten Intelligenz, bis jetzt sind alle tech­
nischen Entwicklungen wahnsinnig schnell hochgefahren,
auch die griechische Schrift hat sich explosiv in fünfzig

269 DAS GANZE STEUERT DER BLITZ


Jahren über den ganzen Mittelmeerraum verbreitet, und tern erforschen wir auf der kleinsten denkbaren Ebene,
Computer - der PC stammt aus 1980 und ist heute im auf der Ebene, wo Heisenberg physikalisch einst ankam,
letzten Dorf präsent und in der letzten Kampfsituation und dann entstehen neue und schnellere Computer, und
eines amerikanischen Elitesoldaten in Afghanistan - ha­ die tauchen wieder tiefer in die dunkle Materie ein, und
ben keine 20 Jahre gebraucht wegen dieser Steigerung. diese Rückkoppelungsschleife erlaubt uns zum Beispiel,
daß unsere Kultur die einzige ist, die weiß, ob am Wo­
Und dann gibt es diese Spriinge, daß etwas beispielsweise zur
Nanotechnologie hin dann noch einmal sozusagen wie in einen chenende die Sonne scheint oder nicht . . . mit 90 Prozent
Abgrund springt, und zum Kosmos hin auch. In den letzten Wahrscheinlichkeit. Alle anderen Kulturen mußten die
zehn Jahren gibt es dort Erkenntnisse, neue Fernrohre, die man Wettergötter dafür anrufen.
nie für möglich gehalten hat.
Informationshunger. Faustisches Begehren steckt eigentlich in
Wovon ich immer träume und was die Leute nicht hören diesen kleinen Chips, sie sind neugierig.
wollen, weil sie immer glauben, daß die Technik und die
Und all diese netten kleinen Literaturhäuser in Deutsch­
Wissenschaft nur Werkzeug sind, für die Leute auf der
land und anderswo, die dann Veranstaltungen machen,
Straße gemacht, was ein lächerliches Gerücht ist, aber den
was wohl das Internet jetzt für die Literatur bringt, sind
Leuten in der Schule wohl immer weisgemacht wird, da­
einfach Placebopillen, weil das Netz dazu da ist, daß
mit sie die Technisierung der Räume aushalten, in denen
Computer mit Computern verschaltet werden, an denen
wir uns durchschlagen müssen . . . also, wovon ich träume,
auch Tastaturen und Benutzer angeschlossen sein können,
ist, daß die Maschinen, vor allem die jetzige und intelli­
aber nicht müssen.
gente Maschinenzeit, wie sie Turing 1936 im Geist erfun­
den hat, daß die gar nicht für uns Menschen so sehr ist, Es sind ja keine Maschinen, so wie Sie sie beschreiben, sondern
es ist eine Geisterwelt, eine Geisterwelt besonderer Art und es
wir sind sozusagen viel zu groß gebaut, sondern daß
ist nicht nur tote Arbeit im Sinne von Marx, daß, wenn sie in
sich da die Natur, dieser leuchtende erkennende Teil der
eine Maschine hineinschneiden, das Blut der Arbeiter, die sie
Natur, mit sich � �lbst rückkoppelt. Computer werden gebaut haben, herausfließt . . .
deshalb immer schneller als Maschinen, nicht als Soft­
ware, weil jeder Fortschritt in der Computertechnologie Sagt das Marx?
es erlaubt, feinere Strukturen in der Materie festzustellen, Er sagt es. Es gibt auch. ein Leben, das gar nicht von Menschen
kristalline Strukturen, Quantenstrukturen. Mit Compu- herkommt, das amalgamiert ist mit menschlichem Begehren.

270 DAS GANZE STEUERT DER BLITZ 2 71 DAS GANZE STEUERT DER BLITZ
Das Leben des Geistes nannte das Hegel und hatte als Seite aus Gründen, über .die ich jetzt lange reden könnte,
erster schon große Schwierigkeiten, den Menschen noch sich eben in Peenemünde diesen geistigen, nicht bloß
dazu zu denken zu diesem absoluten Geist, wie der sich technologischen Durchbruch . . .
dann wieder verfleischlicht, vernatürlicht und inkarniert,
. . . aus Lust zur Sternenfahrt, weil ein Oberlehrer aus den Kar­
weil er eigentlich schon in der Phänomenologie des Geistes paten, der Ingenieur Oberth . . .
rein gedacht werden konnte, und jetzt ist das eben auf eine
mathematische Weise geschehen. Die Mathematik hat „. sich darauf konzentriert, weil das eine Spitzentechno­
sich mit der Quantenphysik verheiratet, und Hegel stellt logie des Ingenieurzeitalters ist, und in Amerika ist schon
sich immer noch vor, die Philosophie würde sich mit dem Wissenschaftszeitalter angebrochen . . .
menschlichen Geist verheiraten, also mit unserem fleisch­ Es geht schon weiter, denn Atomphysik ist j a nichts für Inge­
lichen Geist. Hegel weiß sehr genau, was das Begehren ist, nieure und beides kommt zunächst nicht zueinander.
und das Organ des Zeugens, und die Frau und die Liebe, Nein, es kann auch nicht zueinander kommen.
das war seine Entdeckung als Philosoph der Liebe.
Die einen haben ein großes Problem, die Waffe zu transpor­
Es gibt ja den Satz: »Die Kausalketten marschieren getrennt tieren in Flugzeugen, und die anderen haben noch nicht so
und schlagen vereint«, und Sie haben hier einen Gegensatz be­ richtig etwas abzuschießen.
schrieben zwischen dem, was in Peenemünde geforscht worden
Hitler selbst gibt seinen Raketeningenieuren den Rat, sie
ist und was die Amerikaner in der Wüste entwickelten.
sollten doch wenigstens einen Annäherungszünder hin­
Also es geht um die Rakete, die Flüssigstoffrakete, also einmachen und reines Amatol, eine knappe Tonne, dann
die van der Waalssche, wenn Sie mir erlauben, die eben würden wenigstens fünf Häuser von jeder Rakete in Lon­
mit Säften arbeitet und nicht mit Pulvern wie die alten don getroffen. Wenn die Explosion erst stattfinde, nach­
chinesischen oder auch britischen Raketen einerseits, dem die Rakete, die aus der Stratosphäre herunterkommt,
\,
und diese in den Atomkernen selber konzentrierte Kraft, sich zehn Meter tief in die Straßen Londons reingefres­
die bei der Explosion der Atombombe dann freigesetzt sen hätte, wäre die Explosion ein reiner Puff, aber wenn
werden kann zu zerstörerischen oder auch konstruktiven sie zwei Meter oberhalb zündet mit Annäherungszünder,
Zwecken. Und der Zweite Weltkrieg ist sozusagen diese das war Hitlers Idee, glaube ich „.

seltsame Parallelaktion im Musilschen Sinn, daß die eine Und in s o etwas hat sich der Hitler selber eingemischt?

272 DAS GANZE STEUERT DER BLITZ 2 73 DAS GANZE STEUERT DER BLITZ
Ja, ganz verrückt. Das war die beste Ingenieursleistung des der Atombombe in der Wüste von New Mexico. Nun
Zweiren Weltkriegs in der Eliteproduktion, die Massen­ vertreiben die Nazis im Namen der deutschen Physik
produktionsbestleistung war nach Meinung Paul Fussells, und der deutschen Mathematik . . .
University of Pennsylvania, sicherlich die 8,8-cm-Flak.
Was es alles gar nicht gibt,
Die Flak 8,8 cm, die allgemein gegen alles eingesetzt wurde, ein
. . . alle Spitzenkräfte nach Princeton in das Institute for
schießender Finger.
Advanced Study - und so entsteht diese Kluft, die In­
Ja. Aber, genial wie die Nazis waren in ihrer Idiotie, Gott genieure bleiben in Deutschland, die sind wohlgelitten,
sei Dank waren sie so dumm, daß sie das Zentrum des und die mathematischen Genies wandern alle nach Ame­
Denkens, des wissenschaftlich-mathematischen Denkens, rika aus. Das ist genau, wie Sie es beschreiben, auf der
einfach verscheucht haben. Göttingen war die Weltspitze, einen Seite des Ozeans entsteht die Spitzenleistung V2
da war der größte Mathematiker David Hilbert, da war als Ipgenieurskunst, und auf der anderen Seite wird aus
die Idee der Turingmaschine, denn ohne Hilbert wäre dem tiefsten Herzen von Mathematik und Physik, selber
Turing nie auf den Computer gekommen, da war John so viel abgründiger und geheimnisvoller, die Atombombe
von Neumann, damals noch Johann von Neumann ge­ gezeugt. Jetzt kommt die. Geschichte mit der nicht linea­
nannt, weil in Göttü1gen arbeitend, deutschsprachiger ren Differentialgleichung bei John von Neumann, da
jüdischer reicher Bankierssohn aus Budapest, vom letzten wurde es ihm selbst unheimlich, er hat Approximationen
österreichischen Kaiser geadelt, der Vater, nicht der Sohn. der Sprengkraft entwickelt für die noch nicht gezündete
Atombombe, das war das Ereignis, das man nicht mehr
Was hat er erfunden? Woran hat er gearbeitet?
testen kann.
Er hat die Quantentheorie erst einmal in Mathematik
Was heißt das?
übersetzt, dann h,at er die Spieltheorie erfunden, also ein
bißchen geklaut bei Emile Bore!, nämlich die Idee, daß Das ist die erste Waffe in der Weltgeschichte, bei der man
man Kriege wie Schachspiele mathematisch behandeln ein Risiko eingeht, wenn man sie überhaupt einsetzt. Die
kann, Theorie oj games and economic behaviour, 1943 erschie­ rechneten damit, das ist bezeugt, daß der ganze Bundes­
nen, mitten im Krieg, und eben am Ende war er der ma­ staat New Mexico draufgehen würde, wenn die Gleichun­
thematische Kopf für die Explosionskraft, die Dynamik gen ein bißchen falsch, also angenähert sind, aber - ein

274 DAS GANZE STEUERT DER BLITZ 275 DAS GANZE STEUERT DER BLITZ

\
. 1
John von Neumann war eben ein Genie, die Gleichungen serstoffbombe in einer Rakete, die prinzipiell rund um
waren korrekt. den Erdball fliegen kann in den großen Maschinen, die
die Amerikaner dann gebaut haben - und das war der
Die Atomexplosion ist erst erdacht worden, geprüft worden ...

Frieden, den wir funfzig Jahre lang hatten.


„ .mathematisch und danach mathematisch im Com­
Jetzt nannten Sie Alan Turing. Wer ist Turing?
puter, der erste Computer lief fur John von Neumanns
Gleichungsapproximation. Ein Verrückter, ein englischer, im britischen Indien ge­
Und dann erst hat man die erste Versuchsexplosion gewagt? zeugter, aber dann in London geborener, sehr bald homo­
sexuell werdender Sohn eines indischen Kolonialbeamten,
Ja.
der als blutjunger Mann maßlose Probleme hatte, daß er
Und war aber so dumm, da Gls hinzustellen, weil man die nicht normal wie andere funktionierte, auch Dank dieser
meisten Wirkungen, die indirekten Wirkungen, noch gar nicht englischen Eliteschulen, die die Homosexualität geradezu
kannte.
produziert haben. Er hat auch eine grauenhafte Hand­
Das ist ja die Dummheit von John selber gewesen, das schrift, und diese grauenhafte Handschrift fuhrt in seiner
wollen die Mathematiker ja nicht glauben. Er ist selber Eliteschule dazu, daß der junge Alan Turing die besten
zu nahe herangekommen bei den Wasserstoffexplosionen mathematischen Aufsätze schreibt und alle mathemati­
auf Bikini, auf sechs Kilometer ungefähr, und er ist brül­ schen Entdeckungen, die Leibniz und andere gemacht
lend vor Schmerzen im Militärhospital der Geheimnis­ haben, im zarten Alter von sieben Jahren privat und aus
träger der USA an Knochenkrebs gestorben. Er hat sich seinem eigenen Wissen heraus wiederholt, und trotzdem
selber getötet mit dieser Bombe. Und John von Neumann, bekommt er eine Drei, die anderen bekommen Einsen,
kein anderer natürlich, hat sofort gesehen, daß die Rakete weil seine Handschrift so grauenhaft ist, also plant er
aus Peenemünde und die Atombombe aus Los Alamos eine Schreibmaschine zu konstruieren, um endlich gute

oder eben auf Hir shima zusammenpassen wie Mutter Noten zu erhalten. Und dann liest er, daß in Göttingen
und Schraube oder wie Schloß und Schlüssel, und die ein Problem brennt, ob nämlich die Mathematik auto­
Interkontinentalrakete war geboren, also nicht diese arm­ matisierbar ist. Die Frage, die Hilbert aufwirft, heißt
selige Nurzlast, wie die Deutschen das hatten, eine Tonne eigentlich ganz schlicht: Brauchen wir Menschen, um alle
Amatol, sondern ein weltzerstörendes Ding namens Was- mathematischen Sätze auf ihre Haltbarkeit, Übereinstirn-

276 DAS GANZE STEUERT DER BLITZ 277 DAS GANZE STEUERT DER BLITZ
mung, Widerspruchsfreiheit zu überprüfen, oder können tische Computer, die können zwar nicht beweisen, daß
wir das einer Maschine anvertrauen? alle Mathematik wahr ist, aber alle empirischen mathe­
matischen Probleme lösen. Und dann kommt das, drei
Brauchen wir sie?
Jahre nach seiner Entdeckung, die einfach eine Disserta­
Hilbert sagt: Wir schaffen es ohne Menschen, »Wir wer­ tion ist von zwanzig, dreißig Seiten . . .
den wissen« steht auf seinem Grabstein, aber um zu
Nicht länger?
wissen, daß die Mathematik wahr ist, brauchen wir mathe­
matische Beweismaschinen, Kein Menschenjahr Arbeits­ Nicht länger. Ich habe sie auf Deutsch nachdrucken las­
zeit der Welt kann empirisch beweisen, daß die Mathe­ sen, übersetzen lassen. Dann kommt der Zweite Weltkrieg
matik richtig ist oder zusammenbricht, daß das alles 1939, und der blutjunge Turing, 29 Jahre ungefähr alt, mit
wegsackt wie ein Wolkenkratzer, wie das World Trade John von Neumann persönlich schon gut bekannt, wird
Center, - und dann, überlegt sich Turing, kann man diese eingezogen, und die Wehrmacht hat auf der einen Seite
Schreibmaschine bauen, die die Mathematik zusammen­ eine Maschine, und zum ersten Mal werden alle ver­
hält, indem man alle mathematischen Sätze als Eingabe, schlüsselten Befehle nicht mehr von Menschen verschlüs­
Input, hineingibt, und am Ende meldet die Maschine: selt, sondern von einer Maschine, die »Rätsel« heißt,
kein mathematischer Satz widerspricht keinem anderen, Enigma auf Griechisch, und die Wehrmacht glaubt, ob­
also ganz wildfremde Gebiete der Mathematik werden wohl einige Statistiker sie warnen, bis zum 8. Mai 1945,
da hineingeworfen, Geometrie und Algebra, Analysis, bis zum letzten Tag dieses Krieges in Europa - in Japan
das Schlimmste ist die Analysis, von der wir nie wissen, geht es noch ein bißchen weiter -, daß die Enigma, weil
ob sie wahr ist oder ob Leibniz einfach geträumt hat, maschinell verschlüsselt, unmöglich zu knacken sei. Die
daß das unendlich Kleine existiert. Dann legt sich Turing Wehrmacht denkt halt, die Maschine wird von Menschen
auf diese berühmfen kleinen Grantchester Meadows bei analysiert, und Menschen können das in der Tat nicht
Cambridge mit 26, und dann kommt ihm angeblich die knacken, die können nur das Prinzip der Enigma knacken.
Erleuchtung: Diese Maschine läßt sich nicht bauen. Die tatsächliche Entschlüsselung gelingt Alan Turing,
Daraus folgt aber für Turing das genau Umgekehrte, nicht dem Mann, dem wir den Computer verdanken und zu­
daß wir jetzt diese Maschine nicht bauen, weil die all­ gleich den Sieg im Zweiten Weltkrieg. Man weiß inzwi­
gemein nicht geht, sondern wir bauen jetzt einfach prak- schen, am Anfang war es schwierig, die Engländer haben

278 DAS GANZE STEUERT DER BLITZ 279 DAS GANZE STEUERT DER BLITZ
T
bereits im Blitzfeldzug Deutschland-Frankreich deut­ Apoll ist rachsüchtig und launisch?

sche Befehle mitgelesen, aber es hat drei Wochen ge­ Und alle haben sie das wahnsinnig Schöne, daß bei ihnen
braucht, bis die Befehle entziffert waren, und das bringt Essenz und Existenz völlig getrennt sind. Das Erscheinen
dann gar nichts.
am hellichten Mittag, plötzlich, ist Pan, ein panisches
Militärhistorie. Lachen in der Luft, und keiner hat damit gerechnet, oder
Ja, schon reine Militärhistorie, aber man glaubt zu wissen, Zeus' Blitz vom Olympus herab, das ist kaum geschehen
daß General Freiberg . . . und schon wieder vorbei, denn niemand kann dem Blitz
. . . der Kreta verteidigte .. . mit den Augen folgen, das ist das reine Ereignis und das
. . . der hat auf dem Totenbett gesagt, daß die Warnung vor rollt dann durch die vielen Täler des Olymps als Echo
den deutschen Fallschirmjägern über Enigma--Entzifferung und als Donner, und deshalb derike ich immer, daß unser
hereingekommen ist, das wäre dann schon sehr früh der Begriff von Ereignis der ist von Zeus, von dem Erschei­
erste taktische Erfolg. Das war Mai 1941. nen her, oder von Pan, und unser Begriff von dem, was
etwas vom Wesen ist von diesem Donner im Nachhall, im
Turing hat ja eine Maschinerie entwickelt, an der man die In­
Echo und im Widerhall, das erkennen wir danh, weil es
telligenz erkennen, identifizieren kann, also eine menschenähn­
liche Intelligenz, wie immer sie aussieht, identifizieren könnte. sich wiederholt, weil eine Struktur sich bildet, und sei sie
Was, würde er sagen, fehlt diesen libidinösen Computern? auch verrauscht, und wir Menschen, wir Sterblichen, wie
Er selber hat gesagt, Unvorhersehbarkeit, aber das ist die Griechen sagen würden, wir denken von dem, was wir
schwer formalisierbar, also man kann schwer hingehen erkennen, zurück auf das, was wir nicht erkennen, das
und mit diesem schönen Begriff der Unvorhersehbarkeit nackte Erscheinen werden wir nie begreifen. Also wenn
praktisch arbeiten, der schon den Göttern der Griechen jetzt ein Blitzlicht vor mir aufglüht, oder eine Jupiter­
eigen war, man wußte nie, was sie taten,' im Unterschied lampe plötzlich angeht, dann bin ich geblendet, und wenn
zu diesem sehr tr�uen Gott, den andere Völker sich zu­ man den Göttern ihr Blenden abspricht . . .
rechtgemacht haben. . . . versteht man sie nicht.
Welche Götter in der Antike sind völlig unberechenbar? Und Sie sagen als Heide, Herr Kittler, die sind heute noch
genau so tätig?
Brahma ist der klassische Fall, aber auch Zeus kommt ein­
fach wie der Blitz, und Zeus ist der Blitz. Ja.

280 DAS GANZE STEUERT DER BLITZ 281 DAS GANZE STEUERT DER BLITZ
Und sie sind auch in den Maschinen tätig, sie sind im Kosmos Anmerkungen
überhaupt tätig und in uns aber auch?

Ja, in uns auch. Was Turing nicht begriffen hat an den


Maschinen, war, daß diese Maschinen fast unendlich Friedrich Nietzsche, Diefröhliche Wissenscheft. La gaya Scien.za. Werke,
schnell gemacht werden, Turing hatte ja einen Tag Zeit, kritische Gesamtausgabe, hg. v. Giorgio Colli und Mazzino Mon­
tinari, Berlin 1967ff„ Bd. V 2, S. n6
um Befehle mit seiner primitiven Computerei ab Ende 43
2, Die Einzelheiten siehe bei Friedrich Kittler, Grammophon, Film,
in Bletchley Park zu entziffern, und John von Neumann Typewriter, Berlin 1986, S. 293-310
war genau der Mensch, der wußte, daß die Atombombe, 3 Vgl. Thrasybulos Georgiades, »Sprache als Rhythmus«. In: Sprache

also diese Kettenreaktion im Kern des Uranelements und Wirklichkeit. Essays, München 1967, S. 224-244
4 Vgl. Kittler, a.a.O„ S. 320-334
ungefähr in 67 Nanosekunden abgeschlossen ist. Unsere
5 Vgl. Thomas Pynchon, Gravity's Rainbow, Die Enden der Parabel,
Maschinen werden immer schneller, weil er die Explo­ Reinbek 1981, S. 376 f.
sionsgeschwindigkeit der Atombombe zusammengedacht 6 Vgl. Adolf Slaby, Entdeckungifahrten in den elektrischen O.zean. Ge­

hat mit dem idealen Computer, in dem die Mathematik meinverständliche Vortrage. Berlin '19n, S. 340-344
7 William R. Blair, >)Atmy Radio in Peace and War«. In: Irwin Ste·­
sozusagen so schnell wie möglich abbrennt, abbrennen,
möchte ich einmal sagen, wie eine Rakete, eine . Pulver­
wart (Hg.), Radio, S. 87 (The Annals of the American Academy of
Political and Social Sciences. Supplement to vol. CXLII, Phila­
rakete, und wenn wir den idealen Computer haben, und delphia)
den haben wir in zehn, fünfzehn Jahren, dann sind wir 8 Zitiert in: Johannes Ulrich (Hg.), Deutsches Soldatentum, Stuttgart
auch fast so weit, und der Blitz ist da. 1941, s. 266 f.
9 Vgl. ErnstVolckheim, Die deutschen Kaml!fwagen im Weltkriege, Berlin
1923, S. 14 (2. Beiheft zum 107. Jahrgang des Militär-Wochenblattes)
10
All diese Daten entstammen der glänzenden Recherche von Win­
fried B. Lerg, Die Entstehung des Runijunks in Deutschland. Herkunft
und Entwicklung eines publizistischen Mittels, Frankfurt a. M. i1970
u Hasso von Wedel, Die Propagandatruppen der deutschen Wehrmacht,
Neckargmünd 1962, S. 12 (Wehrmacht im Kampf, Bd. 34)
u Berliner Börsen-Courier, 1923, zititert bei Lerg, a. a.O„ S. 162
'l Verteidigungsschrift in der Strafsache gegen Staatssekretär a. D.

Dr. Hans Bredow, Berlin, den 5. September 1934. Zitiert nach Lerg,
a.a.O„ S. 53

283 ANMERKUNGEN
14 Vgl. das Programm bei Lerg, a. a.O., S. 213 Zu Einzelheiten und Unklarheiten dieses Übergangs vgl. U. Jo­
i:i.

'5 Reichspostminister Dr. Höfle, 1923, zitiert bei Lerg, a. a.O„ S. 188 chunl, Kleine Bibliotheksgeschichte, Stuttgart: Reclam 1993, S. 51-54
'6 Vgl. Lerg, Entstehung, S. 159, und dazu Kittler, a. a.O„ S. 365-379 33 Hinweis von Horst Wenzel, Berlin

17 Marconi, zitiert bei Orrin E. Dunlap jr„ Marconi. Tbe man and bis l4 Vgl. A. Turing, Intelligence Service. Ausgewählte Schriften, hg. von

wireless, New York :1.1941, S. 353 B. Dotzler und F. Kittler, Berlin: Brinkmann & Base 1987, S. 186f.
18 The Rolling Stones, Beggar's Banquet, New York :1.1959, -S. 4 l5 Vgl. E. L. Eisenstein, The Printing Press as an Agent oj Change: Com­
19 Vgl. Steve Chapple/Reebee Garofalo, Wem gehCirt die Rockmusik? Ge­ munication and Cultural Transformations in Early-Modern Europei
schichte und Politik der Musikindustrie, Reinbek 1980, S. 121-126 2 Bände, Cambridge: Cambridge University Press 1979, Band I,
20 Vgl. Dermot Bradley, Generaloberst Guderian und die Entstehungs­ S.53
16
geschichte des modernen Blitzkrieges, Osnabrück 1978, S. 157 f. (Studien Vgl. F. v. Zglinicki, Der Weg des Films, Berlin: Rembrandt-Verlag
zur Militärgeschichte, Militärwissenschaft und Konfliktforschung, 1956, s. 57
Bd. 16) 37 So eine zentrale These von M. Giesecke, Der Buchdruck in derfrühen

21 Vgl. Karl Heinz Wildhagen (Hrsg.), Erich Fellgiebel, Meister operati­ Neuzeit. Eine historische Fallstudie über die Durchsetzung neuer Informa­
ver Nachrichtenverbindungen. Ein Beitrag zur Geschichte der Nachrichten­ tions- und Kommunikationstechnologien, Frankfurt a. M.: Suhrkamp
truppe, Wennigsen/Hannover 1970, S. 31 f. 1991
22 Vgl. Reginald V. Jones, Most Secret War, London 1978, S. 60-78 l8 Vgl. etwa N. Luhmann, »Das Kunstwerk und die Selbstreproduk­

:1.3 Vgl. Roland Gelatt, The Fabolous Phonograph. From Edison to Stereo, tion der Kunst« in: H. U. Gumbrecht/ K. L. Pfeiffer (Hg.), Stil. Ge­
New York 1977, S. 282 schichten und Funktionen eines kulturwissenscheftlichen Diskurselements,
J
24 Brian Southall, Abbey Road: The Story oj tbe World s Most Famous Re- Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1986
cording Studio) Cambridge 2982, S. 137 l9 Vgl. f-1. Bosse, >»Die Schüler müssen selbst schreiben lernen<

25 v.Wedel, a. a.O„ S. II6f. oder die Einrichtung der Schiefertafel«, in: 0. Boueke/N. Hopster
:i.6 Näheres siehe bei Kittler, a. a.O., S. 164 (Hg.), Schreiben - Schreiben lernen. Festsch.rift Rolf Sanner; Tübingen:
27 Vgl. Andrew Hodges, Alan Turing: Tbe Enigma, New York 1983, Niemeyer 1985
s. 96f. 4o K. Rosenkranz, Georg Friedrich JiVilhelm Hegels Leben, Berlin: Duncker

28 Über strategische Bedeutung von Turings Computern vgl. Jürgen & Humblot 184+ S. 12 f.
Rohwer/Eberhard Jäckel (Hrsg.), Die Funkaufklärung und ihre Rolle 4' G.W. F. Hegel, Phänomenologie des Geistes, hg. von J. Hoffmeister,
im Zweiten Weltkrieg. \:f!ine internationale Tagung in Bonn-Bad Godesberg Hamburg: Meiner 1952, S. 43
und Stuttgart vom z5. - 18. 9.19781 Stuttgart 1979 42 Vgl. G.W. F. Hegel, Jenaer Realphilosophie. Vorlesungsmanuskripte zur

29 ÜberTurings Vocoder vgl. Hodges, a.a.O., S. 273-288 Philosophie der Natur und des Geistes von t805-1Bo6, hg. von J. Hoff­
30 Vgl. 0. Wiener, Probleme der künstlichen Intelligenz, hg. von Peter meister, Hamburg: Meiner 1969, S. 18of.
Weibel, Berlin: Merve 1990, S. 7-16 4l Zum Begriffvgl. C. H. Bennett, »Logical Depth and Physical Com­

3' Vgl. H. A. Innis, Empire and Communication, London: Clarendon plexity«, in: R. Herken (Hg.), The Universal Turing Machine. A Half­
1950. Century SurveyJ Berlin: Brinkmann & Base 1988

284 ANMERKUNGEN 285 ANMERKUNGEN


44 Vgl. W. Hagen, »Die verlorene Schrift. Skizzen zu einer Theorie 58 Vgl. J. Lacan, »Üuverture de ce receuil«, in: Ecrits, Paris 1966, S. 9
der.Computer«, in: F. Kittler/G. C. Tholen (Hg), Arsenale der Seele. 59 Vgl. 0. Spengler, Der Untergang des Abendlandes. Umrisse einer Mor-
Literatur- und Medienanalyse seit t870, München: Fink 1989 phologie der Weltgeschichte, Bd. 1, München 1923, S. 100-105
60
45 Vgl. H. E. Guerlac, Radar in the World Wtir II, o. 0. 1987, Bd. I., S. 702 Borland International, Turbo Debugger, München 1989, S. 14
46 Vgl. J. Lacan, Das Seminar II (1954-55): Das Ich in der Theorie Freuds
61
Th. Pynchon, V, New York 1981, S. 258
und in der Technik der Psychoanalyse, Freiburg: Walter 1980, S. u7 62 Wolfram von Eschenbach, Parzival1 hg. von Karl Lachmann, S. 115,

47 Vgl. F. Nietzsche, »Vom Nutzen und Nachtheil der Historie für V. 27: »ine kan decheinen buochstap«.
6J
das Leben«, in: Werke, hg. von G. Colli/M. Montinari, Berlin: De Vgl. A. Hodges, a. a.O„ New York 1983, S. 399
Gruyter, Bd. III. '• '967, S. 244 f. 64 Vgl. H. Drees, Unix. Ein umfassendes Kompendiumfür Anwender und
48 Vgl. F. Nietzsche, »Also sprach Zarathustra«, in: Werke, hg. von Systemspezialisten, Haar bei München 1988, S. 330
G. Colli/M. Montinari, Berlin: De Gruyter, Bd.VI. 1, 1967, S.13 65 Vgl. F. Kittler, »Protected Mode«, in: Darculas Vermächtnis. Techni­

49 Vgl. C. E. Shannon, »A Symbolic Analysis of Relay and Switching sche Schriften, Leipzig 1993
66
Circuits«, in: Transactions oJ the American Institute oJ Electrical En­ Daß die Maus von Mickey Mouse abstammt, beweist ihre Maßein­
gineers 57, 1938 heit, »Mickey«.
50 Vgl. F.W. Hagemeyer, Die Entstehung von Iriformationskonzepten in 67 Vgl. J. D. Foley u. a„ Computer Graphics. Principles and Practice, Rea­

der Nachrichtentechnik. Eine Fallstudie zur Theoriebildung in der Technik ding, Mass. '990, S. 398, ( Übers. FK)
68
in Industrie- und Kriegsforschung, Diss. Berlin 1979, S. 432 Vgl. H. Müller / R. Weimann, »Gleichzeitigkeit und Repräsen­
" Vgl. Cl. E. Shannon, a.a.O. tation. Ein Gepräch«, in: R. Weimann / H.-U. Gumbrecht (Hg.),
5z Vgl. Chr. Hornung / J. Pöpsel, »3-D a la carte«, in: c't, lo/1989, Postmoderne - globale Dijferenz1 Frankfurt a. M. 1991, S. 188
s. 258 69Vgl. M. Giesecke, a.a.O.
53 Vgl. die höflicheren Formulierungen bei N. Wiener (Mathematik, 70Vgl. R. Herken (Hg.), The Universal Turing Machine. A Half-Century
mein Leben, Düsseldorf-Wien 1962, S. 155, 228). Klassisches Beispiel Survey, Berlin: Brinkmann & Bose 1988
dieses Wahnsinns ist und bleibt die Gleichung >>I + I "" I<� (Shannon, 71 Die F.A.Z. hatte am 26.8. 1995 die von amerikanischen Konserva­

a. a.O., S. 7,3). tiven verfaßte »Magna Charta für den Cyberspace« publiziert.
54 Vgl. A. Hodges, a. a.O., S. '4 72 Vgl. Martin Heidegger, »Bauen Wohnen Denken«, in: Vortrage und

55 Vgl. D. Kahn, The Cod�breakers. The History oJ Secret W riting, London Aufsätze1 Pfullingen 1954, S. 146f.
..
1967 73 Plutarch, »Über das Ei in Delphi«, in: Plutarchs moralisch-philoso­

56 K.-H. Rollke, Das Turbo Pascal 5 . 0 Buch, Düsseldorf-San Fran­ phische Werke, übers. v. J. F. S. Kaltwasser, Wien-Prag 1979, Bd. III,
cisco-Paris-London-Arnheim 1989, S. 216 S. 204
57 F. Nietzsche, »Jenseits von Gut und Böse. Vorspiel einer Philoso­ " Ebd„ S. ,69
phie der Zukunft«, in: Werke, hg. von G. Colli / M. Montinari, VI, 75 P(ierreJ S[imonJ de Laplace, Philosophischer Versuch über die Wahr­
2, 1967, s. 115f. scheinlichkeit, R. v. Mises (Hg.), Leipzig 1932, S. z f.

286 ANMERKUNGEN 287 ANMERKUNGEN

- ·· ·-··
____
___________ ...._
.._ __��··
76
Alan M. Turing, »Rechenmaschinen und Intelligenz«, in: Intellf­ 85 Die technischen Einzelheiten siehe bei Friedrich Kittler, »Protec­
gence Service. Ausgewiihlte Schriften, Bernhard Dotzler und Friedrich ted Mode«, in: Computer, Macht und Gegenwehr. ltiformatikerlnnenfür
Kittler (Hg.), Berlin 1987, S. 157f. eine andere lnformatik1 Ute Bernhardt, Ingo Ruhmann (Hg.), Bonn
77 Vgl. Alan Turing, »Intelligente Maschinen. Eine häretische Theo­ 1991, s. 34-44
86
rie«, in: lntelligence Service, S. 15 Jorge Luis Borges, »Borges und ich«, in: Gesammelte Werke, Bd. VI,
78 Vgl. Lewis Mumford, The City in History. lts Origins, its Tranifor­ München 1982, S. 121
87
mations, and its Prospects, London 21963, S. 569: »Through its con­ James Bamford, NSA. Amerikas geheimster Nacbric�tendienst1 Zürich­
centration of physical and cultural·power, the city heightened the Wiesbaden 1986
88
tempo of human intercourse and translated its products into forms »Der Motor ist die Seele des Panzers«, pflegte Guderian zu sagen.
that could be stored and reproduced. Through its monuments, » . . . und Funk«, ergänzte General Nehring, sein Ia.
written records, and orderly habits of association, the city enlarged
the scope of all human activities, extending them backwards and
forwards in time. By means of its storage facilities (buildings,
vaults, archives, monuments, tablets, books), the city became cap­
able of transmitting a complex culture from generation to gene­
ration, for it marshalled together not only the physical means but
the human agents needed to pass on and enlarge this heritage. That
remains the greatest of the city's gifts. As compared with the com­
plex human order of the city, our present ingenious electronic
mechanisms for storing and transmitting information are crude
and limited.«
79 Vgl. Josef Koller, 16 Bit Microcomputer, München 1981, S. 2
80
Ebd.
8'
Vgl. Michael Conrad, »The Prize Programmability«, in: Rolf
Herken (Hg.), The Universal Turing Machine. A HalfNCentury Survey1
Hamburg-Berlin 1988, S. 285-307
82
Vgl. John von Neum�nn, »Allgemeine und logische Theorie der
Auton1aten«, in: Kursbuch 8, März 1967, S. 150
83
Vgl. Friedrich Kittler, Grammophon Film Typewriter, Berlin 1986,
S. 49-54
84
Vgl. Werner Durth, Deutsche Architekten. Biographische Veifl.echtungen
1900- 1970, München 1990, S. 190

288 ANMERKUNGEN

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Inhalt

5 Lange vor der Elektrifizierung der Medien


7 Rockmusik- ein Mißbrauch von Heeresgerät
31 Spiele des Wahren und Falschen
41 Memories are made of you
68 Gespräch mit Peter Weibel
89 Schrift und Bild in Bewegung

107 Die Hardware scheint in unseren Vorstellungen


von Wirklichkeit nicht vorzukommen
109 Computeranalphabetismus
134 Gespräch mit Paul Virilio
162 Provisorische Maschinen, provisorische Moral
168 Der Kopf schrumpft
177 Die Zukunft auf Siliziumbasis

199 Das Pentagon plant weitsichtig


201 Jeder kennt den CIA, was aber ist NSA?
211 Gespräch mit Alexander Kluge
227 Auto bahnen
243 Der Schleier des Luftkriegs
249 Krieg im Schaltkreis
269 Gespräch mit Alexander Kluge

283 Anmerkungen
SCHRIFTE-N (AUSWAHL) VON FRIEDRICH KITTLER
Der Traum und die Rede. Eine Analyse der Kommunikationssituation Conrad Ferdinand
Meyers, Bern-München 1977 • F. Kittler / H.Turk (Hg.), Urszenen. Literaturwissenschaft
als Diskursanalyse und Diskurskritik, Frankfort/M. 1977 • G. Kaiser/ F. A. Kittler, Dich­
tung als Sozialisationsspiel. Studien zu Goethe und Gottfried Keller, Göttingen 1979 •
F.Kitder (Hg.), Austreibung des Geistes aus den Geisteswissenschaften. Programme des
Poststrukturalismus, Paderborn: Schöning 1980 • M. Fr<lnk / F. Kitder / S.Weber (Hg.),
Fugen, Deutsch-Französisches Jahrbuch für Text-Analytik, Olten: Walter 1980 • Aufschrei­
besysteme. 1800-1900, München: Fink 1985 • F. Kittler / M. Schneider / S. Weber (Hg.),
Diskursanalysen, Opladen: Westdeutscher Verlag r986 ff. • Grammophon Film Typewriter,
Berlin: Brinkmann & Bose 1986 • F. Kitder / Ch. Tholen (Hg.), Arsenale der Seele, Mün­
chen: Fink 1989 • Die Nacht der Substanz, Bern 1990 • Dichter Mutter Kind. Deutsche
Literatur im Familiensystem 1760-1820, München: Fink 1991 • Draculas Vermächtnis: Tech­
nische Schriften, Leipzig: Reclam 1993 • N. Bolz/ F. Kitder / Chr.Tholen (Hg.), Compu­
ter als Medium, München: Fink 1993 • F. Kittler & D. Matejowski (Hg.), Literatur im In­
formationszeitalter, Frankfurt/M.: Campus 2996 • Kunst und Technik, Basel: Stroemfeld
1997 • Eine Kukurgeschichte der Kulturwissenschaft, München: Fink 2000 • F. Kitt!er /
C.Vismann, Vom Griechenland, Berlin: Merve 2om • Optische Medien. Berliner Vorlesun­
gen 1999, Berlin: Merve 2002

TEXTNACHWEISE SHORT CUTS


Lange var der Elektrifizier1111g der Medien „ . (Grammophon Film Typewriter, Berlin: Brink­
mann & Bose 1986, S. 9f., �9f., 55 • Rockmusik - ein Mißbrauch von Heeresgerät (Ch.
Grivel, Hg., Appareils et machines a representation. Mannheimer Analytica, 8/1988; erwei­
tert) • Spiele des Wahren und Falschen. Zum zehnten Todestag des Philosophen Michel
Foucau!t (Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.6.1994) • Memories are made of you
(P. Koch/S. Krämer (Hg.), Schrift, Medien, Kognition. Über die Exteriorität des Geistes,
Tübingen 1997) • Meine Theorie ist gar nicht so lebcnsverbunden. Gespräch mit Peter
Weibel (P.Weibel, Zur Rechtfertigung der hypothetischen Natur der Kunst und der Nicht­
Identität in der Objektwelt, Köln 1992) • Schrifr und Bild in Bewegung (Neue Zürcher
Zeitung, 10.12.2000)
Die Hardware scheint in u11>eren Vorstellungen . . . (S. Krämer, Medien Computer Realität.Wirk­
lichkeitsvorstellungen und Neue Medien, Frankfurt/M. 1998) • Computeranalphabetismus
(F. Kittler / D. Matejowski (Hg.), Literatur im Informationszeitalter, Frankfurt/M.: Cam­
pus 1996) • Die Informationsbombe, Gespräch mit Paul Virilio (ARTE, 1.n.1995) • Provi­
sorische Maschinen, R.�ovisorische Moral (Neue Zürcher Zeitung, 21./22.9.1996, S. 49) •
Der Kopf schrumpft (Frankfurter Allgemeine Zeitung, 9.9.1995, S. 29) • Die Zukunft auf
Siliziumsbasis (B. Mcurcr (Hg.), Die Zukunft des Raumes. The Future of Space, Frank­
furt/M.-New York: Campus 1994)
Das Pentagon plant weitsichtig . . . (Grammophon Film Typewriter, Berlin: Brinkmann & Bose
1986, S. 7 f.) • Viel spricht daher dafür . . . (InfoWar. Notizen zur Theoriegeschichte, Ars
Electronica Festival 1998) • Über moderne Kriegsführung. Gespräch mit Alexander Kluge
(unveröffentlicht) • Auto bahnen (Kulturrevolution, Nr. 5„ Bochum 1985, S. 42-44; erwei­
tert) • Der Schleier des Luftkriegs (Die Zeit, Nr. 16, 15.4.1999, S. 51) • Krieg im Schaltkreis
(Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.n.2000) • Das Ganze steuert der Blitz. G<ispräch mit
Alexander Kluge (unveröffentlicht)

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