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idee idea

Selbstorganisiert, gemeinschaftlich, nachhaltig Self-organized, community-oriented, sustainable

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Michael LaFond, Thomas Honeck and Christine Suckow | id22: Institute for Creative Sustainability

Politik und Kulturen gemeinschaftlichen, selbstorganisierten Wohnens in Europa – Typologien, Orientierungen und Motive Politics and cultures of community-oriented, self-organized housing in Europe – typologies, orientation and motivations

26

Christiane Droste and Thomas Knorr-Siedow | UrbanPlus

Praxis PraCtiCe

alte schule Karlshorst

BERLIN

36

Mehrgenerationenwohnen in Genossenschaften Multigenerational housing cooperatives

id22: Institute for Creative Sustainability Sabine Eyrich | Netzwerkagentur GenerationenWohnen

Bärenfelserstrasse 34

BASEL

Nachbarschaftsentwicklung Neighborhood development

52

Urs Aeschbach, Leo Arnold, Ruedi Bachmann and Katharina Sommer | Bärenfelserstrasse 34 Ulrich Kriese | Stiftung Edith Maryon

Färdknäppen

SToCKHoLM

Coplanning und CoHousing für die zweite Lebenshälfte Coplanning and CoHousing for the second half of life

68

Monica William-olsson and Kerstin Kärnekull | Färdknäppen | Kollektivhus NU

l’espoir

BRUXELLES

Ökologisches Bauen und bezahlbares Wohnen Ecological building and affordable housing

84

Geert de Pauw and Donatiene Hermesse | Buurthuis Bonnevie – Maison de Quartier Bonnevie

Mühlenviertel

TüBINGEN

100

Quartiersentwicklung durch Baugemeinschaften District development with building communities

Matthias Gütschow | Bundesverband Baugemeinschaften Cord Soehlke | Baubürgermeister Stadt Tübingen

ostellolindaMILANo Integratives Wohnen für Menschen mit und ohne Behinderungen Integrative housing for people with and

MILANo

Integratives Wohnen für Menschen mit und ohne Behinderungen Integrative housing for people with and without disabilities

Liat Rogel and Chiara Gambarana | Politecnico di Milano

[ro*sa] 22

Kooperation von Wohnungsbaugesellschaften, Bauträgern und Wohnprojekten Cooperation between housing authorities, developers and housing projects Cooperation between housing authorities, developers and housing projects

WIEN

Petra Hendrich | Initiative für gemeinschaftliches Bauen und Wohnen

trudeslund| Initiative für gemeinschaftliches Bauen und Wohnen KøBENHAVN CoHousing: die erste Generation The first

KøBENHAVN

CoHousing: die erste Generation The first generation

CoHousing: die erste Generation The first generation Hans Thor Andersen | Byggeforskningsinstitut Vrijburcht

Hans Thor Andersen | Byggeforskningsinstitut

Vrijburcht

AMSTERDAM

Erbbaurecht und kollektiver Selbstbau Long-term leases and collective self-build

Menno Vergunst and Johan Vlug | Stichting Vrijburcht/VLUGP

erKenntnisse lessons learned

116

132

148

164

Gegenseitig von unseren Wohnformen lernen: eine inspirierende Vielfalt Learning from each other‘s housing: an inspiring diversity

182

Michael LaFond | id22: Institute for Creative Sustainability

CoHousing-Manifest CoHousing Manifest

196

aKtiV werden! BeCoMing aCtiVe!

Ressourcen und Kontakte Resources and Contacts

200

Abbildungsverzeichnis List of Figures

206

Impressum Imprint

207

Eine Berliner CoHousing-Geschichte

„… schon seit 1978 wohnen wir in der Rykestraße 14. Nach einigen Jahren erfuhren wir, dass die staatliche Baubehörde der DDR plante, unsere Häuser abzureißen. Unser schönes Stück Berlin war bedroht! Das wollten wir nicht zulassen: Wir trafen uns in unseren Wohnungen, um gemeinsam zu überlegen, was wir machen konnten. Nachbarn aus der nahegelegenen Oderber- ger Straße, die in einer ähnlichen Situation waren, empfahlen uns, kleine ehrenamtliche Aufgaben im Kiez zu übernehmen und das Vertrauen der Ämter zu gewinnen. Unsere Gemeinschaft hielt fest zusammen und im- mer mehr Nachbarn engagierten sich. Trotz Überwachung und Drohungen organisierten wir uns weiter und konnten die Behörden vom Wert unserer alten Häuser überzeugen. So stoppten wir die Abrisspläne schließlich. Nie hätten wir damals gedacht, dass die

Mauer eines Tages fällt, aber 1989 war es plötzlich so weit! In unserer starken Hausge- meinschaft dachten wir wieder einmal über die Zukunft des Gebäudes nach. Mit den Selbsthilfeprogrammen unserer Stadt konn- ten wir es schließlich kaufen und begannen mit der behutsamen Sanierung. Dabei hatten wir die Unterstützung von Freunden, die kurz zuvor während der Internationalen Bauausstellung in West-Berlin aktiv waren. Schnell wurde klar, dass wir kein Eigentum wollten. So entschlossen wir uns 1991, in Selbstorganisation eine Genossenschaft zu gründen. Freunde aus Paris und Kopenha- gen inspirierten uns mit neuen Ideen für das gemeinschaftliche Wohnen. Unsere Genos- senschaft war bald soweit, weitere Häuser aufzunehmen und zu unterstützen, mehr und mehr Bewohnende setzten sich ein …“

Bernd Dombrowski, Denkmalpfleger und Künstler, erzählt aus seiner beeindruckenden Wohnbiografie im Prenzlauer Berg, einem ortsteil im ehemaligen ost-Berlin. Er ist Mitbegründer der Mietergenossenschaft Selbstbau e.G., die auf CoHousing- Projekte spezialisiert ist. In den Wohnungen der Berliner Genossenschaft leben heute rund 1000 Menschen.

14 IDEE

A Berlin CoHousing story

“… we were already living in the Rykestraße 14 in 1978. After some years, we found out that East Germany’s State Building Ministry had plans to demolish our buildings. Our beautiful part of Berlin was threatened! We couldn’t accept this, and so we met in our apartments to collectively think about what to do. Residents in the nearby Oderberger Straße were in a similar situation, and they suggested we voluntarily take on smaller neighborhood responsibilities in order to gain more trust from government officials. Our community held together and more and more neighbors became engaged. Despite being followed and threatened, we continued to organize and were able to convince the government our old buildings had value. So we were able to hold off the wrecking ball.

We never thought that one day the Berlin Wall would be opened, but suddenly in 1989 this actually happened! We felt strong and we thought again about the future of our building. With the help of our city’s self-help program, we were able to buy our building and begin with its renewal. For this, we had the help of friends who had recently been active during West Berlin’s International Building Exhibition (IBA). It quickly became clear to us we were not interested in private property, and so we agreed in 1991 to organize a new cooperative. Friends from Paris and Copenhagen inspired us with ideas for community-oriented living. Our cooperative was eventually in a position to take on and support more buildings over the years, and increasing numbers of residents ”

became active

Bernd Dombrowski, building conservator and artist, describes his own impressive housing history in the Prenzlauer Berg district of former East Berlin. He is a founder of the Mietergenossenschaft Selbstbau e.G. (cooperative), specializing in CoHousing projects. About 1,000 people are currently living in this cooperative’s apartments.

SELBSToRGANISIERT, GEMEINSCHAFTLICH, NACHHALTIG

selbstorganisiert, gemeinschaftlich, nachhaltig

Michael LaFond, Thomas Honeck und Christine Suckow | id22: Institut für kreative Nachhaltigkeit

Cohousing ideell definiert

Die Bewohnenden von CoHousing-Projekten gestalten Gemeinschaft, fördern die nachbarschaftlichen Beziehungen über ihre eigenen vier Wände hinaus und tragen so zur Entwicklung ihrer Städte bei. Sie experimentieren mit ökologischen Bauweisen und verbrauchen durch Teilen weniger Ressourcen. Sie verbinden Generationen, schaffen integrative Wohnräume und neue, attraktive Lebensqua- litäten. CoHousing betont eine gemeinschaftliche und selbstorganisierte soziale Architektur. Bewohnende eint die Überzeugung miteinander leben zu wollen. Im Zuge einer gemeinsamen Planung und Verwaltung des Projekts entwickelt sich dabei eine Verbundenheit, die sich durch zusammen gelebten Alltag verstetigt. Eine besondere räumliche Gestaltung und Gruppenaktivitäten fördern die haus- internen Beziehungen und regen zur Interaktion mit dem Stadtteil an. Eigen- tumsstrukturen sind nicht spekulativ und sichern eine langfristige Bezahlbarkeit.

Cohousing heute

Die europäische CoHousing-Landschaft wird jährlich vielfältiger und kreativer. Wohnprojekte zeigen, dass Nachhaltigkeit keine abstrakte Idee ist, sondern be- reits angewandt und dargestellt wird. In europäischen Städten lebt gegenwärtig noch ein kleiner Anteil von Menschen in gemeinschaftlich orientierten Wohn- formen. Dies reflektiert allerdings nicht den großen und zunehmenden Bedarf. Der Ruf nach Nachhaltigkeit wird lauter, sodass Wohninitiativen als Teil einer großen Bandbreite selbstorganisierter Stadtentwicklungsprojekte aus Bereichen wie alternative Mobilität, erneuerbare Energien, urbane Gemeinschaftsgärten und vielen mehr entstehen. Diese vielversprechenden Bewegungen werden für unsere Städte besonders im Zusammenhang mit aktuellen ökonomischen Her- ausforderungen, steigenden Wohnpreisen und alternden Gesellschaften immer relevanter. CoHousing kann in Abhängigkeit von Eigentumsstrukturen und loka- ler Wohn-, Miet- und Bodenpolitik zwar zu Gentrifizierung beitragen, aber vor allem auch ein Potenzial in Bezug auf Integration und Bezahlbarkeit darstellen.

16 IDEE

Self-organized, community-oriented, SuStainable

self-organized, community-oriented, sustainable

Michael LaFond, Thomas Honeck and Christine Suckow | id22: Institute for Creative Sustainability

ideally defined Cohousing

Residents are creating community and encouraging neighborhood engagement beyond the borders of their projects and so are helping develop their cities. They are experimenting with ecological building and sharing and thus are saving energy and other resources. These initiatives are bringing together generations and developing inclusive living environments and new, attractive qualities of life. CoHousing emphasizes collaborative and self-managed social architectures. Residents share a vision of community-oriented living, developed through cooperative planning and management, and supported through common daily experiences. Specially designed spaces and coordinated activities encour- age communication within housing projects and interaction with surrounding neighborhoods. Ownership structures work against speculation and help secure affordability over time.

Cohousing today

The European CoHousing landscape is becoming more diverse and creative every year. Housing projects are showing us sustainability is not just an abstract idea, but something already being practiced and demonstrated. Still, only a small percentage of people are currently living in community-oriented housing in European cities, not reflecting the large and increasing demand. Sustainabil- ity is gaining support and housing initiatives are emerging along with a great range of urban development projects dealing with alternative mobility, renew- able energy, community gardening and much more. These promising move- ments are growing in relevance for our cities, especially with regards to current economic challenges, rising rents and aging societies. CoHousing, depending on ownership structures – but also on local housing, rent and land use policies – can indeed feed gentrification, but above all else be a force for integration and affordability.

f

e

Collecti

wonen

f

participati

Wohne

Alloggiamento

Habitat

Nachbarschaftliches

selbstorganisiert, gemeinschaftlich, nachhaltig

u s i n g o H
u
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H

Berlingemeinschaftlich, nachhaltig u s i n g o H 3.501.900 Bevölkerung Population Basel 169.900

3.501.900 Bevölkerung Population

Basels i n g o H Berlin 3.501.900 Bevölkerung Population 169.900 Bevölkerung Population stoCKholM 864.300

169.900 Bevölkerung Population

Population Basel 169.900 Bevölkerung Population stoCKholM 864.300 Bevölkerung Population Bruxelles

stoCKholM

864.300 Bevölkerung Population

Population stoCKholM 864.300 Bevölkerung Population Bruxelles 1.119.100 Bevölkerung Population 18 IDEE s s

Bruxelles

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864.300 Bevölkerung Population Bruxelles 1.119.100 Bevölkerung Population 18 IDEE s s e l æ l f
864.300 Bevölkerung Population Bruxelles 1.119.100 Bevölkerung Population 18 IDEE s s e l æ l f

gemenskap

Kollektivhus

Bo

Bofæl les skab
Bofæl
les
skab

Bau

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gemeinschaft

Genossen

schaft

Selbst bestimmtes Wohnen Abitazion collective n collaborativo
Selbst
bestimmtes
Wohnen
Abitazion
collective
n
collaborativo

self-organized, community-oriented, sustainable

tüBingenself-organized, community-oriented, sustainable 88.100 Bevölkerung Population Milano 1.341.800

88.100 Bevölkerung Population

Milanosustainable tüBingen 88.100 Bevölkerung Population 1.341.800 Bevölkerung Population wien 1.714.100

1.341.800 Bevölkerung Population

Population Milano 1.341.800 Bevölkerung Population wien 1.714.100 Bevölkerung Population KøBenhaVn 539.500

wien

1.714.100 Bevölkerung Population

Population wien 1.714.100 Bevölkerung Population KøBenhaVn 539.500 Bevölkerung Population aMsterdaM

KøBenhaVn

539.500 Bevölkerung Population

Bevölkerung Population KøBenhaVn 539.500 Bevölkerung Population aMsterdaM 789.300 Bevölkerung Population IDEA 19

aMsterdaM

789.300 Bevölkerung Population

IDEA 19

PoLITIK UND KULTUREN GEMEINSCHAFTLICHEN, SELBSToRGANISIERTEN WoHNENS IN EURoPA

Politik und Kulturen gemeinschaftlichen, selbstorganisierten wohnens in europa – typologien, orientierungen und Motive

Christiane Droste und Thomas Knorr-Siedow | UrbanPlus

Cohousing-typologien und ihre gesellschaftliche Bedeutung

Neue Baugemeinschaften, traditionelle und neue Wohngenossenschaften, Landkommunen, legalisierte Instandbesetzungen, neue Squats, generationen- übergreifende Hausprojekte und Selbstbau-Wohn- und Arbeitsstätten: Damit ist die typologische Vielfalt von CoHousing-Projekten, die sich inzwischen in fast allen europäischen Ländern findet, noch kaum erfasst. Die ihnen zugeschriebene Bedeutung unterscheidet sich von Region zu Region. Während generell aner- kannt wird, dass diese Projekte gesellschaftliche Entwicklungen richtungwei- send aufgreifen, werden bisher ihre stadt- und wohnungspolitischen Potenziale seltener erkannt und kaum von Politik und Verwaltung in ihre strategischen Überlegungen aufgenommen oder unterstützt.

geschichte und entwicklungspfade

Gemeinschaftsprojekte des frühen 19. Jahrhunderts, die auf die Verbesserung der Wohn-, Arbeits- und Lebensbedingungen der arbeitenden Bevölkerung ausgerichtet waren, wie Robert Owens in den Grundzügen bis heute funktio- nierendes„industrial village“ im schottischen New Lanark, werden vielfach als Urzellen heutiger CoHousing-Projekte betrachtet. Sie bauten in der Regel eher auf philanthropischem Engagement Einzelner als auf der Selbstorganisation der Nutzenden auf. Das änderte sich im frühen 20. Jahrhundert, als kommunitäre Wohnprojekte international entstanden: Für den ländlichen Bereich stehen russische Land- kommunen im Geiste Tolstois oder auch die Obstbausiedlung Eden nahe Berlin, in denen Lebensreform, Arbeiten und Wohnen zusammengeführt wurden. In Stockholm, Berlin, Kopenhagen, Wien und anderswo entstehen zur gleichen Zeit städtische gemeinschaftliche Wohnprojekte in genossenschaftlichem Eigentum, zur Miete oder in Eigentumsgemeinschaften, als innerstädtische Wohnblöcke ebenso wie als Gartenstadtsiedlungen. Die Erleichterung des Alltagslebens in der Industriegesellschaft durch gemeinschaftlich organisierte Dienstleistungen, Bildungsangebote und soziale Unterstützung waren ein zentrales Anliegen. Die breite gesellschaftliche Beachtung dieser Modelle wird in der Jahrhundertaus- stellung von 1929 in Breslau deutlich, wo kommunitäre Wohnformen ihre derzeit

26 IDEE

PoLITICS AND CULTURES oF CoMMUNITY-oRIENTED, SELF-oRGANIzED HoUSING IN EURoPE

Politics and cultures of community-oriented, self-organized housing in europe – typologies, orientation and motivations

Christiane Droste and Thomas Knorr-Siedow | UrbanPlus

Cohousing typologies and their societal significance

New building communities, traditional and new cooperatives, rural communes, legal and illegal squats, intergenerational housing projects and self-build live-work centers – this is only a small sampling of the typological diversity of CoHousing projects, which are emerging in virtually all European countries. Their perceived significance varies from region to region, and it is generally recognized that these projects are responding in pioneering ways to major societal trends. But it is rare that politicians and bureaucrats support and integrate them into their strategies, and appreciate their potentials regarding housing and land use policy.

history and development paths

Collaborative projects of the early nineteenth century, conceived to improve the housing, working and living conditions of workers, can be understood as precursors of current CoHousing projects. An example of such an archetype was Robert Owen’s Scottish New Lanark, an “industrial village” that is basically still functioning today. Usually these early models were based on the engagement of philanthropic individuals, and had less to do with the self-organization of the users. This changed in the early twentieth century, as communitarian projects were developing internationally. Rural communes – such as Tolstoy-inspired groups in Russia or the Eden fruit plantation outside of Berlin – worked to reform lifestyles as well as housing and working models. At the same time in Stockholm, Berlin, Copenhagen, Vienna and elsewhere, urban community-oriented housing projects were being created with cooperative, rental and private ownership structures, as part of inner-city blocks as well as in garden city settlements. A major objective was reducing the burdens of industrial society through collec- tively organized services, educational offers and social welfare. The broad social acknowledgement of these models became clear in the 1929 Breslau Centennial Exhibition, where the most modern communitarian housing forms were pre- sented with community apartment buildings and Hans Scharoun’s Einküchen- haus (One Kitchen Building).

PoLITIK UND KULTUREN GEMEINSCHAFTLICHEN, SELBSToRGANISIERTEN WoHNENS IN EURoPA

kaum Kooperationen zwischen CoHousing-Projekten und der öffentlichen Politik zu finden. Dagegen wurden insbesondere in Deutschland und Skandinavien in komplexen Arrangements auf der kommunalen und regionalen Ebene Verein- barungen zwischen Trägern einer sozial orientierten Bau- und Bodenpolitik und CoHousing-Initiativen getroffen. Hier konnten dann soziale Mischungen in den Projekten aus eigentumsorientiertem Mittelstand und sozial Schwächeren entstehen – zum Gewinn von selbstorganisierten Gruppen, Menschen mit einem spezifischen Wohnungsbedarf und Kommunen. Inzwischen haben einige Städte CoHousing als ein Grundprinzip der Bodenvergabe und Wohnungsbauförderung in ihre Planungen aufgenommen. Beispiele wie Freiburg, Tübingen und Amster- dam weisen auf das Potenzial hin, durch die soziale und bauliche Förderung von CoHousing die Nachhaltigkeit von Wohnquartieren zu sichern. Selbstorganisierte Infrastrukturen der CoHousing-Bewegung spielen jedoch inzwischen eine ebenso wichtige Rolle für das Gelingen. Gemeinsame Foren und der Austausch über Modelle, Methoden und Verfahren machen artikulationsfä- hig gegenüber Politik, öffentlicher Verwaltung und Banken. Erst in wenigen Län- dern existieren für den Zugang zum Bau- und Bodenmarkt essenzielle Instituti- onen wie die CoHousing-Bewegung unterstützende Banken und Stiftungen, die zum Teil in skandinavischen Ländern, in Deutschland und der Schweiz wichtige Finanzierungspartner sind. Bisher fehlt auch eine europäische Interessenvertre- tung, die diesem wichtigen Marktsektor eine Stimme gibt, zumal die kommende EU-Förderperiode ab 2014 gemeinschaftsbasierten lokalen Entwicklungsprojek- ten einen eigenen Stellenwert einräumen wird.

ein ausblick?

Der Blick in die Geschichte macht deutlich, dass selbstorganisiertes Wohnen oft in Zeiten von wirtschaftlicher Krise und sozialen Umbrüchen eine besondere Rol- le gespielt hat. CoHousing hat aufgrund der baulichen und sozialen Qualitäten dann oft weit über den eigenen Horizont in andere Sektoren des Wohnungswe- sens ausgestrahlt. Wann also, wenn nicht jetzt, wo neue Lebensstile neue Wohn- und Siedlungsformen benötigt, sollte CoHousing eine Chance haben?

32 IDEE

PoLITICS AND CULTURES oF CoMMUNITY-oRIENTED, SELF-oRGANIzED HoUSING IN EURoPE

it has been possible to enable social mixes in projects, for example bringing

together an ownership-oriented middle class and the socially disadvantaged.

Through this, self-organized groups have profited, as have cities and people with particular housing needs. Meanwhile, some cities have adopted CoHousing as a main principle of their land allocation and housing construction programs. Cities like Freiburg, Tübingen and Amsterdam demonstrate the potentials for develop- ing sustainable districts, where CoHousing is supported both with its social and architectural objectives. Self-organized networks are playing a key role in the success of such projects. Public discussions and platforms concerning models, methods and processes are making it possible for politicians, government officials and financial experts to discuss and work with CoHousing. Institutions, for example banks and founda- tions supporting these housing models, are often essential for providing access to financing, land and construction markets, but are only found in a few coun- tries, including Germany and Switzerland as well as in Scandinavia. Until now,

a European level network has been missing, which would be able to lobby and

provide this important market segment with a clear voice. This will become more significant as the coming EU funding period, as of 2014, will place an emphasis on local, community-oriented development projects.

Perspectives?

A look into the past makes it clear that self-organized housing has gained impor-

tance in times of economic crisis and social upheaval. Over the years, CoHous- ing has often had an influence on other housing sectors way beyond its own horizon, due to attractive architectural and social qualities. When, if not now, when new lifestyles are demanding new housing and settlement forms, should CoHousing have a chance?

Berlin
Berlin

alte sChule Karlshorst

Mehrgenerationenwohnen in Genossenschaften Multigenerational housing cooperatives

PRoFIL PRoFILE

BESoNDERHEITEN SPECIAL FEATURES Integratives Mehrgenerationenwohnen zur Miete; mindestens 1/3 der Wohnungen für
BESoNDERHEITEN SPECIAL FEATURES
Integratives Mehrgenerationenwohnen zur Miete; mindestens 1/3 der
Wohnungen für ältere, behinderte oder pflegebedürftige Menschen;
Grundstück und 2/3 der Wohnungen barrierefrei; Kinderhaus mit 10
Kindern; Wohnberechtigungsschein erforderlich
Integrative multigenerational rental housing; at least 1/3 of the units
reserved for seniors, disabled or people in need of care; building site
and 2/3 of units barrier-free; children’s house with 10 children; low-
income certification needed
RECHTS- UND EIGENTUMSFoRM
LEGAL FoRM AND oWNERSHIP
Mietwohnungen; Grundstück Eigentum der gemeinnützigen Stiftung
trias; Erbbaurechtsvertrag mit Mietergenossenschaft SelbstBau e.G. bis
2106; Gebäude Eigentum der Genossenschaft; selbstverwaltet durch
Hausgemeinschaft
Rental flats; building site property of nonprofit foundation Stiftung
trias; long-term lease agreement with rental cooperative
SelbstBau e.G. until 2106; building property of cooperative; self-
managed by building resident‘s group
GEBäUDETYP TYPE oF BUILDING Umnutzung eines Schulgebäudes zu Mehrfamilienhaus Reuse of school building as multifamily
GEBäUDETYP TYPE oF BUILDING
Umnutzung eines Schulgebäudes zu Mehrfamilienhaus
Reuse of school building as multifamily building
PRoJEKTENTWICKLUNG
2006–2008
PRoJECT DEVELoPMENT
BEWoHNENDE RESIDENTS 60 (0–80 Jahre Years old) z.B. Familien, Alleinstehende, SeniorInnen e.g., families, singles,
BEWoHNENDE RESIDENTS
60 (0–80 Jahre Years old)
z.B. Familien, Alleinstehende, SeniorInnen e.g., families, singles,
seniors
GEMEINSCHAFTSFLäCHEN
CoMMUNITY SPACES
Gemeinschaftshaus Common house: 40 m²
Fahrrad- und Abstellraum Bike and storage room: 40 m²
Garten und Spielplatz Gardens and playground: 3000 m²
GRUNDSTüCKSGRöSSE BUILDING SITE
5000 m²
WoHNUNGEN FLATS
21 (55–155 m²)
Abgeschlossene Wohnungen; Wohngemeinschaft
Individual apartments; apartment group
MIETPREISE RENTAL CoSTS (2010)
4,65–7,50 €/m² per Monat month
Genossenschaftseinlage Cooperative deposit: 500 €
inkl. Gemeinschaftsflächenanteile incl. shares of community spaces
GESAMTE PRoJEKTKoSTEN
ToTAL PRoJECT CoSTS
3.300.000 €

Alte Schule KArlShorSt

Mehrgenerationenwohnen in genossenschaften

Sabine Eyrich | Netzwerkagentur GenerationenWohnen

In Berlin ist die Vielfalt gemeinschaftlichen, selbstorganisierten Bauens und Wohnens im Vergleich zu anderen deutschen Städten stark ausgeprägt. Kosten- günstige Mehrgenerationenwohnprojekte unter dem Dach einer bestehenden Genossenschaft sind in hohem Maße nachgefragt – obgleich sie schwieriger realisierbar sind als eigentums- bzw. genossenschaftlich orientierte Bauge- meinschaften. Die Quote der Singlehaushalte liegt bereits bei über 50 Prozent mit steigen- der Tendenz. Während die Anzahl der jüngeren Menschen in Berlin kontinuierlich sinkt, wird in der Altersgruppe ab 65 Jahren mit dem größten Zuwachs gerech- net. Für die auftretenden Folgen des demografischen Wandels wie Altersarmut und Einsamkeit gilt es frühzeitig zukunftsorientierte Lösungen zu finden und neue Formen von gemeinschaftlichem Wohnen und Leben zu entwickeln und zu unterstützen. Mit knapp 87 Prozent ist der Anteil der Mietwohnungen am gesamten Wohnungsbestand in Berlin im Vergleich zu anderen deutschen Städ- ten außerordentlich hoch. Demnach sind sämtliche Wohnungsunternehmen – darunter zirka 100 Genossenschaften mit 188.500 Wohnungen – aufgrund ihres großen Anteils von rund 10 Prozent am Wohnungsmarkt wichtige Kooperations- partner bei der kostengünstigen Realisierung von Wohnprojekten im Bestand. Gemeinschaftliches und generationenübergreifendes Wohnen zur Miete hat bei Genossenschaften eine besondere Bedeutung, nicht nur weil gemeinschaftliches Wohnen und Handeln dem genossenschaftlichen Prinzip entspricht, sondern auch weil sie Gewähr für auf Dauer bezahlbaren Wohnraum bieten können. Das gemeinschaftsorientierte Bauen und Wohnen wird in Berlin auf verschie- dene Art unterstützt. Die seit 2003 jährlich stattfindenden EXPERIMENTDAYS, eine Messe für gemeinschaftliche Wohnprojekte, werden öffentlich gefördert. Im Internet bietet das WOHNPORTAL Berlin seit 2007 eine Plattform für Projektsu- chende und -bietende. Seit 2008 finanziert das Land Berlin die Beratungsstelle „Netzwerkagentur GenerationenWohnen Berlin“. Im Auftrag der Senatsver- waltung für Stadtentwicklung und Umwelt unterstützt die Netzwerkagentur kostenfrei Ratsuchende und vernetzt gleichsam vorhandenes Know-how und relevante AkteurInnen rund um das Thema Mehrgenerationenwohnen. Weitere Hilfe erhalten Baugemeinschaften über das Festpreisverfahren für landeseigene Grundstücke.

48 PRAXIS: BERLIN

Multigenerational housing cooperatives

Sabine Eyrich | Netzwerkagentur GenerationenWohnen

The variety of community-oriented, self-organized building and housing projects in Berlin is much greater than in other German cities. And while affordable, inter- generational housing projects under the umbrella of an existing cooperative are highly in demand, these projects are more difficult to implement than building communities (Baugemeinschaften), either with an ownership or a cooperative orientation. The proportion of one-person households is already more than 50% and rising. While the number of young people in Berlin decreases continuously, the age group over sixty-five years is expected to have the largest increase. Due to the arising consequences of demographic change, such as poverty among the elderly and loneliness, the time has come for finding sustainable solutions and to develop and support new forms of community-oriented housing and living. At about 87%, the percentage of rental apartments in Berlin’s total housing stock is extremely high compared to other German cities. Accordingly, all housing companies – including about one hundred cooperatives with 188,500 apartments – are important partners in the realization of low-cost housing projects in exist- ing buildings because of their large share of about 10% of the housing market. Community-oriented and intergenerational rental housing has a special signifi- cance for cooperatives, not only because collaborative housing and living fits in with cooperative principles, but also because cooperatives can offer a guarantee for long-term affordable housing. Berlin’s community-oriented housing initiatives are supported in a variety of ways. The annual EXPERIMENTDAYS, established in 2003 as a fair for collabora- tive housing projects, receives some public funding. Since 2007, the privately organized WOHNPORTAL Berlin has been in existence: an internet platform for individuals seeking and offering space in housing projects. Since 2008, Berlin has supported community-oriented, multigenerational building and housing through the agency Netzwerkagentur GenerationenWohnen Berlin. On behalf of the Sen- ate Department for Urban Development and the Environment, the Netzwerka- gentur supports those seeking advice free of charge and links existing know-how with relevant stakeholders concerning multigenerational housing. Building communities (Baugemeinschaften) also receive further assistance through access to state-owned properties at fixed prices.

BärenFelserstrasse 34

Nachbarschaftsentwicklung Neighborhood development

Basel
Basel
PRoFIL PRoFILE BESoNDERHEITEN SPECIAL FEATURES Ausgeprägte Beziehung zwischen Projekt und Nachbarschaftsentwick- lung;
PRoFIL PRoFILE
BESoNDERHEITEN SPECIAL FEATURES
Ausgeprägte Beziehung zwischen Projekt und Nachbarschaftsentwick-
lung; Bärenfelserstrasse ist die älteste Wohnstraße der Schweiz
Strong relationship between project and neighborhood development;
Bärenfelserstrasse is Switzerland’s oldest “shared space” street
RECHTS- UND EIGENTUMSFoRM
LEGAL FoRM AND oWNERSHIP
Mietwohnungen; Eigentum der gemeinnützigen Stiftung Edith
Maryon; selbstverwaltet durch Hausgemeinschaft
Rental flats; property of Edith Maryon Foundation; self-managed by
building residents’ group
GEBäUDETYP TYPE oF BUILDING Mehrfamilienhaus Multifamily building PRoJEKTENTWICKLUNG PRoJECT DEVELoPMENT 1984 Kauf
GEBäUDETYP TYPE oF BUILDING
Mehrfamilienhaus Multifamily building
PRoJEKTENTWICKLUNG
PRoJECT DEVELoPMENT
1984 Kauf des Hauses durch Privatperson; 2010 verkaufte Eigentüme-
rin die Liegenschaft an Stiftung zum Preis von 1984
1984 building bought by private person; 2010 owner sold property to
foundation for 1984 price
BEWoHNENDE RESIDENTS
24 Erwachsene, 10 Kinder
z.B. Berufstätige, StudentInnen, Familien, SeniorInnen, Alleinstehende
24 adults, 10 children
e.g., professionals, students, families, seniors, singles
GEMEINSCHAFTSFLäCHEN
CoMMUNITY SPACES
Gemeinschaftsraum Community room: 26 m²
Garten Garden: ca. 211 m²
GRüNDSTüCKSGRöSSE BUILDING SITE
646 m²
GESAMTWoHNFLäCHE ToTAL LIVING AREA
1235 m²
MIETPREISE RENTAL CoSTS (2010)
ca. 9,20–13,30 €/m² per Monat month

Bärenfelserstrasse 34

Bärenfelserstrasse 34 Die ersten zwei Jahre lebte ich glücklich auf der sogenannten Frauenetage zwischen Anita und

Die ersten zwei Jahre lebte ich glücklich auf der sogenannten Frauenetage zwischen Anita und Brigitt, bevor ich die Wohnung aufgab, um mit meinem Lebensgefährten Urs in eine zum Garten gerichtete Wohnung einzuziehen. Der eingeschossige Riegel, schon fast ein Gartenpavillon, schließt an den ebenerdigen Hinterhofgarten an und besteht aus drei zusammengelegten Einzim- merwohnungen. Der Zugang zum Hinterhofgarten war früher nur umständlich über die Kellertreppe

möglich. Durch die Umnutzung einer im Erdgeschoss gelegenen Einzimmerwoh- nung in einen Allzweckraum mit direktem Ausgang zum Garten ist der Hinterhof deutlich aufgewertet worden. Seitdem sind dort wesentlich mehr Menschen unterwegs – sei es nur für den Gang zum Kompost und zum Wäscheständer. Der Kompost wird rege genutzt, sogar von Leuten, die nicht im Haus wohnen. Das beschert uns gute Erde für die Blumenbeete und den Nachbarn eigene Balkonerde. Der Garten wird nicht nur von

und reger Teilhabe am Nachbarschaftsleben. Darunter befinden sich hauptsäch- lich einfache Gesellschaften sowie rechtlich unselbstständige Hausgemeinschaf- ten mit aufgeschlossenen Vermietenden. Des Weiteren gibt es einige Mehrgene- rationenhäuser, die im Besitz von jeweils einer Familie sind und auch von dieser bewohnt werden. Hinzu kommen eine Aktiengesellschaft, eine Stockwerkeigen- tümergemeinschaft sowie neben drei COHABITAT-Häusern ein Haus im Besitz einer anderen Genossenschaft. 1978 wurde die Bärenfelserstrasse nach nieder- ländischem Vorbild mit öffentlichen und privaten Mitteln als erste Wohnstraße in der Schweiz eingerichtet.

Als WoHNStrASSE, heute offiziell „Begegnungszone“, wird in der Schweiz eine oft besonders gestaltete und möblierte Mischver- kehrsfläche bezeichnet, die von allen Verkehrsteilnehmern benutzt werden kann, wobei Fußgänger und spielende Kinder Vorrang genießen.

60 PRAXIS: BASEL

For the first two years, I lived happily on the so-called women’s floor between Anita

For the first two years, I lived happily on the so-called women’s floor between Anita and Brigitt, before I gave up that apartment to move with my partner Urs into an apartment facing the garden. This one-story apartment, like a garden pavilion, opens out to the ground-level courtyard garden and consists of three one-room apartments merged together. Access to the courtyard garden was previously only possible with difficulty through the basement staircase. Due to the

conversion of a ground floor, one-room apartment into a common room with direct access to the courtyard, the garden’s value has been significantly increased. Since then, there have been many more people enjoying the space – if only for a trip to the compost or laundry drying rack. The compost is well used, even by people who don’t live in the house. It provides us with good soil for our flower beds and the neighbors with soil for their balcony plants. The garden is not only maintained by us, but also by the caretaker

projects, a building owned by another cooperative. In 1978, with the help of public and private funds, the Bärenfelserstrasse was the first street in Switzerland to be set up as a “shared-space” street according to the Dutch model.

SHArEd SpACE ( Wohnstraße) A residential, traffic-calmed street in Switzerland is often specially designed and furnished as a mixed traffic area that can be shared by all road users, with pedestrians and playing children enjoying priority.

PRACTICE: BASEL 61

Bärenfelserstrasse 34

nachbarschaftsentwicklung

Ruedi Bachmann | Genossenschaften ARCHICo und CoHABITAT und Bewohner der Bärenfelserstrasse Ulrich Kriese | Stiftung Edith Maryon

Zahlreiche gemeinschaftliche Wohnprojekte und lebendige Nachbarschaften in Basel lassen sich auf einen Wertewandel im Umgang mit Altbauten zurückführen. Anfang der 1970er Jahre waren viele dieser Häuser heruntergekommen, dem Leerstand ausgesetzt und davon bedroht, durch höhergeschossige Neubauten ersetzt zu werden. Ausgehend von der Bärenfelserstrasse im traditionell ver- nachlässigten Stadtteil Kleinbasel formierte sich eine Gegenbewegung. Bewoh- nerschaft, ArchitektInnen sowie Heimat- und Denkmalschützende begannen, alte Häuser aufzukaufen oder Selbstverwaltungsstrukturen zu initiieren. Damit bereiteten sie den Boden für eine neue Wertschätzung alter Bausubstanz. Die Kantonsregierung versuchte ab Mitte der 1970er Jahre angesichts rückläufiger Bevölkerungszahlen verstärkt Steuerzahlende in Basel zu halten, etwa durch Subventionen für Altbausanierungen. Die Basler Erfahrung zeigt, dass für erfolgreiche Nachbarschaftsprojekte nicht nur bezahlbare Gebäude bedeutend sind, sondern auch Gemeinschaftsflächen im Innen- und Außenbereich nützlich und zugänglich sein müssen. Ebenso wich- tig sind tragfähige Kommunikations- und Organisationsstrukturen, wie die Basler Quartiervereine und -büros. Soweit soziale Treffpunkte betreut und offen sind, können sie von der Kantonsregierung mitfinanziert werden. Mit einer Mischung aus öffentlichen und privaten Angeboten fördern sie die soziale Integration und Zufriedenheit der Bewohnerschaft. An solchen neutralen Orten entstehen – oft informell und spontan – viele Gemeinschaftsinitiativen. Das Basler Quartierma- nagement entwickelte sich in Kleinbasel; in den 1970er Jahren zuerst in Form selbstorganisierter und kooperierender Basisgruppen, später zeitweise mitfinan- ziert von verschiedenen (auch staatlichen) Institutionen. Dank neuer kantonaler Förderung konnte im Jahr 2000 das Pilotprojekt Quartiersekretariat Unteres Kleinbasel eingerichtet und das Konzept fünf Jahre später auf ganz Kleinbasel ausgeweitet werden. Die Nachbarschaftsinitiative in der Bärenfelserstrasse geht – zunächst in Form einer„wilden“ Wohnstraße – auf die Ansässigen zurück. Die Entwicklung verlief hier hauptsächlich über selbstständige, untereinander kooperierende Hausge- meinschaften. Erst nach vielen Jahren nachbarschaftlichen Engagements inklu- sive Anfechtung von sechs Neubauprojekten kaufte die Pensionskasse Stiftung

64 PRAXIS: BASEL

neighborhood development

Ruedi Bachmann | Cooperatives ARCHICo and CoHABITAT and Bärenfelserstrasse residents Ulrich Kriese | Edith Maryon Foundation

Many collaborative housing projects and liveable neighborhoods in Basel can be attributed to a shift in values concerning older buildings. In the early nineteen- seventies many buildings were rundown, suffering from vacancy and threatened with demolition and replacement by newer and larger ones. A counter-move- ment thus emerged to save many of these structures, starting with the Bärenfels- erstrasse in the traditionally neglected area of Kleinbasel. Residents, architects and historical building activists began buying up old buildings or initiating self-management groups. In doing so, they prepared the groundwork for a new appreciation of historical urban architecture. Facing declining population num- bers in the mid-nineteen-seventies, the cantonal government tried increasingly to keep taxpayers in Basel, implementing strategies, including subsidies for the restoration of older buildings. The experience in Basel shows that for neighborhood projects to be success- ful, not just affordable buildings are essential, but that appropriate exterior and interior common areas need to be made available. Equally important are viable communication and organizational structures. In Basel, neighborhood associa- tions and neighborhood offices play important roles. As long as social meeting places are cared for and kept open, they have the chance to be funded by the cantonal government. Together with a mix of private and public offerings, these offices work for social integration and serve resident interests. Such neutral areas are incubators for many community initiatives, in informal and spontaneous ways. Basel’s neighborhood management program was also originally developed in Kleinbasel in the nineteen-seventies, at first, in the form of self-organized and cooperating local groups, and in later phases co-financed by various (also governmental) institutions. Thanks to new cantonal support in 2000, a Kleinbasel pilot project was set up and expanded five years later to include all of Kleinbasel. The Bärenfelserstrasse neigborhood initiatives began their long develop- ment path as locally engaged citizens decided by themselves to declare their street a pedestrian street. Neighborhood development mainly happened here via self-managed but cooperating housing groups. After many years of neigh- borhood involvement, including campaigns against six new building projects, the Abendrot Foundation Pension Fund bought the long unoccupied house in

PRACTICE: BASEL 65

Färdknäppen

Färdknäppen (Einen für den Weg)

Monica William-olsson | Färdknäppen

Im Jahr 1987 saßen wir, eine Handvoll 50 bis 60-Jähriger, um einen Küchentisch und machten uns Gedanken über unsere Zukunft und das Wohnen für Ältere. Freunde, Verwandte und Kollegen schlossen sich der rasch wachsenden Gruppe an. 1988 gründeten wir dann einen Interessenverein und beschäftigten uns mit den folgenden Fragen:

Wie können Menschen mittleren Alters und Ältere sich gegenseitig unterstützen, um eine bessere Lebensqualität zu erlangen und die Abhängigkeit von Sozialeinrichtungen zu verringern?und beschäftigten uns mit den folgenden Fragen: Können im Alter abnehmende Familien- und Arbeitsbeziehungen

Können im Alter abnehmende Familien- und Arbeitsbeziehungen durch CoHousing ersetzt werden?und die Abhängigkeit von Sozialeinrichtungen zu verringern? Wie kann Wohnen so gestaltet werden, dass es Menschen

Wie kann Wohnen so gestaltet werden, dass es Menschen dazu animiert, das „leere Nest“ zu verlassen, nachdem die Kinder ausgezogen sind, und so größere Wohnungen für junge Familien mit Kindern zugänglich zu machen?und Arbeitsbeziehungen durch CoHousing ersetzt werden? Antworten darauf findet man im Kollektivprojekt

Antworten darauf findet man im Kollektivprojekt Färdknäppen. 1989 bot

die öffentliche Wohnungsbaugesellschaft Familjebostäder dem damals neu gegründeten gemeinnützigen Verein an, ein Gebäude auf dem Gelände des Stockholmer Södra-Bahnhofs zu bauen. Die zukünftigen Bewohnenden mussten

weder eine Kaution zahlen noch Anteile der Baukosten übernehmen. Wie damals fast alle Mietneubauten in Schweden, wurde auch Färdknäppen teilweise staat- lich subventioniert. Nachdem erste dies- bezügliche Vereinbarungen getroffen worden waren, begann die Gruppe einen intensiven Dialog mit Familjebostäder, ArchitektInnen und Bauträgern über die Gestaltung und Planung. Durch jahre- lange Diskussionen entwickelte sich eine Gemeinschaft, die 1993 endlich einzog.

entwickelte sich eine Gemeinschaft, die 1993 endlich einzog. Fa tbursgatan Gemeinschaftsflächen Common spaces Innen
entwickelte sich eine Gemeinschaft, die 1993 endlich einzog. Fa tbursgatan Gemeinschaftsflächen Common spaces Innen

Fa tbursgatan

Gemeinschaftsflächen Common spaces Innen Indoor Außen outdoor
Gemeinschaftsflächen Common spaces
Innen Indoor
Außen outdoor

70 PRAXIS: SToCKHoLM

Architekt Architect: Jan Lundqvist Arkitekter AB

Südfassade South façade

Färdknäppen (one for the road)

Monica William-olsson | Färdknäppen

In 1987, we were a handful of fifty to sixty year-olds, sitting around a kitchen table wor- rying about the future and housing for seniors. Friends, relatives and colleagues joined us and the group rapidly expanded. By 1988, we had formed an organization, and were asking our- selves the following questions:

How can middle-aged and elderly people help each other achieve a better quality of life and reduce dependency on social services?and were asking our- selves the following questions: Can family and workplace relationships, which decrease with

Can family and workplace relationships, which decrease with age, be replaced with CoHousing?quality of life and reduce dependency on social services? How can housing be designed that induces

How can housing be designed that induces people to leave their “empty nest” after the kids have flown out, which would make larger living quarters available for new families with children?which decrease with age, be replaced with CoHousing? Answers can be found in the collective project

living quarters available for new families with children? Answers can be found in the collective project

Answers can be found in the collective project Färdknäppen. In 1989, the municipally owned housing company, Familjebostäder, offered to constructliving quarters available for new families with children? a building for this new nonprofit organization on

a building for this new nonprofit organization on a site at Stockholm’s Södra

Station. Future residents didn´t have to pay deposits or help with building costs. Färdknäppen was partly state subsidized, like almost all new rental housing in Sweden in those days. Relevant agreements were made and the group began an intensive dialog with Familjebostäder, architects and builders concerning design and planning. Through years of discussions the community developed

and finally moved in in 1993. Färdknäppen’s self-managed residents have regular house meetings, and

while some decisions are delegated to the board of the association, the house meeting is in principle the highest decision-making body. Bylaws state that it

is obligatory for all residents to participate in cooking and cleaning according

to “their own ability,” which varies greatly between a fifty year-old and a ninety

year-old. There are also many voluntary tasks, and although the younger, still working residents have the most energy, they are also the ones with the least

the younger, still working residents have the most energy, they are also the ones with the

PRACTICE: SToCKHoLM 71

Färdknäppen

Coplanning und Cohousing für die zweite lebenshälfte

Kerstin Kärnekull | Kollektivhus NU

Färdknäppen ist das erste schwedische kollektive Wohnprojekt mit einem Fokus auf die„zweite Lebenshälfte”. Im Rahmen des Konzepts„intermediate housing“ ermöglicht es Mietpreise unterhalb des Marktniveaus. Färdknäppen war ebenso das letzte Projekt, das sich in den 1980er Jahren für mehr kollektives Wohnen einsetzte. Damals führte die starke Unterstützung von Stockholms Stadtverwal- tung vermehrt zu gemeinschaftlichen Wohninitiativen. Zwischen 1983 und 1993 entstanden so über 1000 Wohneinheiten in 19 meist noch immer erfolgreich bestehenden Projekten. In Schweden orientiert sich kollektives Wohnen seit 1980 am„Schwedischen Modell“, das heißt, die Bewohnenden kochen und essen zusammen an einem bis fünf Tagen in der Woche. Davor waren die meisten kollektiven Wohnprojekte mit einem Restaurant und Personal ausgestattet, um Frauen von der Hausarbeit zu entlasten und ihnen so zu ermöglichen, einer bezahlten Arbeit außerhalb des Hauses nachzugehen. Das politische Interesse an CoHousing nahm in den 1990er Jahren ab, woraufhin solche Projekte zwangsläufig meist privat initiiert wurden. Nur fünf Gebäude mit 200 Wohnungen entstanden seit 1994. Davon sind drei Projekte für Menschen in der zweiten Lebenshälfte angelegt: Sockenstugan (1999), Sjöfar- ten (2008) und Dunderbacken (2012). Allesamt wurden, wie Färdknäppen, von der öffentlichen Wohnungsbaugesellschaft Familjebostäder gebaut und sind in deren Besitz. Nach 19 Jahren ist klar, dass Färdknäppen ein Erfolg ist. Das Projekt ermög- licht älteren Menschen, sich zu unterstützen und gemeinsam Verantwortung für ein besseres Leben zu übernehmen. Färdknäppen hat viele internationale Besuchende und die Mitglieder sind selbst für ihre Öffentlichkeitsarbeit verant- wortlich. Viele kommen als Gäste nach Färdknäppen, doch nur wenige können dort einziehen. Jährlich werden nur eine oder zwei Wohnungen frei, da alle so lang wie möglich bleiben. Im Jahr 2001 gründete Färdknäppen den Verein Fram- tiden (Zukunft), um in Zusammenarbeit mit Familjebostäder neue Projekte für alle Altersgruppen zu entwickeln. Kollektivhus NU (Schwedischer CoHousing-Verband JETZT) fördert seit 1981 gemeinschaftliches Wohnen, informiert öffentliche sowie private Bauträger und betreibt Lobbyarbeit. 2010 organisierte Kollektivhus NU eine internatio- nale Konferenz zu CoHousing. Regelmäßig wird der Newsletter Bo Tillsammans

80 PRAXIS: SToCKHoLM

Coplanning and Cohousing for the second half of life

Kerstin Kärnekull | Kollektivhus NU
Kerstin Kärnekull | Kollektivhus NU

Färdknäppen is the first Swedish collective housing project focusing on the “second half of life.”This relates to what is known as “intermediate housing,” as rents are below market level. It was also the last project in an ambitious effort for more collective housing during the nineteen-eighties. At that time, strong sup- port from Stockholm’s municipal board resulted in a collective housing initiative. Between 1983 and 1993 this generated more than 1,000 apartments in nineteen different buildings, most of which are still successful. Swedish collective housing from 1980 onwards has been influenced by the “Swedish model” – i.e., the inhab- itants cook and eat together one to five days a week. Before that, most collective housing projects included a restaurant with employed staff, to relieve women from housework and enable paid employment outside the home. Political interest decreased in the nineteen-nineties, and since then such projects have necessarily been privately initiated. Only five buildings, with 200 apartments, have been realized since 1994. This includes three projects for the second half of life: Sockenstugan (1999), Sjöfarten (2008) and Dunderbacken (2010). All three are, like Färdknäppen, built and owned by the municipal hous- ing company Familjebostäder. After nineteen years, it is clear that Färdknäppen has been successful, as it enables older people to cooperate and take joint responsibility for a better life. The project has many international visitors, and it is the residents themselves who are active in public relations. Many people visit Färdknäppen, but few get the opportunity to move in. Only one or two apartments become vacant each year, as residents stay there as long as possible. Färdknäppen initiated the orga- nization Framtiden (Future) in 2001 to develop further buildings, which is now cooperating with Familjebostäder in new projects for all ages. Kollektivhus NU (Swedish National CoHousing Association NOW) has worked since 1981 to promote collaborative housing, informing the public and private developers as well as lobbying authorities. Kollektivhus NU organized an interna- tional conference on collaborative housing in Stockholm in 2010, and regularly publishes a newsletter, Bo Tillsammans (Live Together), with information about Sweden and other countries. Stockholm’s private housing companies show no interest in collective build- ings. Smaller, self-initiated projects find it difficult to get into the city‘s

PRACTICE: SToCKHoLM 81

L’Espoir

l´espoir (Hoffnung)

Geert de Pauw und Donatienne Hermesse | Buurthuis Bonnevie – Maison de Quartier Bonnevie

Seit 2000 haben sich die Wohnungspreise in Brüssel mehr als ver- doppelt, neue Sozialbauwohnungen werden seither jedoch kaum gebaut. Diese Wohnungsmarktkrise war der Ausgangspunkt des Projekts L’Espoir. Zwei Organisationen, eine sozialorien- tierte Baugesellschaft, 14 Familien aus benachteiligten Wohnverhältnissen sowie ein Architekt fanden sich zusammen, um gemeinsam nach einer Lösung zu suchen. Die ungewöhnliche Kooperation führte dazu, dass ausgetretene Pfade der Planung verlassen wurden und das Projekt statt- dessen ein Laboratorium für Innovationen geworden ist. Buurthuis Bonnevie, ein Nachbar- schaftszentrum, aus dem L’Espoir hervorging, ist im Zentrum von Sint-Jans-Molenbeek in

einer der ärmsten Gegenden Belgiens ansässig. Der Schwerpunkt der Arbeit des Zentrums liegt auf einer Verbesserung der Wohnqualität und der öffentlichen Räume. Als sich zum Ende der 1990er Jahre die Wohnungskrise bemerkbar machte, stellten die Mitarbeitenden des Nachbarschaftshauses fest, dass große Immigrantenfamilien am stärksten davon betroffen waren. In Brüssel sind nur wenige Sozialbauwohnungen verfügbar und von diesen ist so gut wie keine an die Bedürfnisse großer Familien angepasst. Auch auf dem privaten Wohnungs- markt ist es nahezu unmöglich, bezahlbare und ansprechende Wohnungen zu finden. Für Gruppen mit geringerem Einkommen waren subventionierte Dar- lehen früher eine gute Möglichkeit zur Beschaffung von Wohnraum. Mit dem starken Anstieg der Verkaufspreise besteht diese Möglichkeit nun praktisch nicht mehr. Im Jahr 2003 begann das Team von Bonnevie mit der Suche nach Alternati- ven zum individuellen Erwerb und befasste sich mit den Möglichkeiten des kol- lektiven Ankaufens und Bauens. Es kam zu dem Schluss, dass es möglich sein müsste, durch kreative Nutzung öffentlicher Instrumente, mit denen ursprüng- lich Familien der Mittelschicht nach Brüssel gelockt werden sollten, bezahlba- ren Wohnraum für ihre Zielgruppe zu schaffen. Um wirklich erfolgreich zu sein,

Südfassade South façade

86 PRAXIS: BRUXELLES

für ihre Zielgruppe zu schaffen. Um wirklich erfolgreich zu sein, Südfassade South façade 86 PRAXIS: BRUXELLES
für ihre Zielgruppe zu schaffen. Um wirklich erfolgreich zu sein, Südfassade South façade 86 PRAXIS: BRUXELLES
für ihre Zielgruppe zu schaffen. Um wirklich erfolgreich zu sein, Südfassade South façade 86 PRAXIS: BRUXELLES

l´espoir (Hope)

Geert de Pauw and Donatienne Hermesse | Buurthuis Bonnevie – Maison de Quartier Bonnevie

Since 2000, housing prices in Brussels have more than doubled, while very little new social housing has been built. This housing crisis provided a context for the inception of L‘Espoir. Two associations along with a social construction com- pany, fourteen families living in poor housing conditions and an architect have come together to jointly find a solution. This unusual collaboration has ensured that customary development formulas would be abandoned and the project would instead be a laboratory for innovation. Buurthuis Bonnevie, a neighborhood center in which L’Espoir has its origin, is located in the center of Sint-Jans-Molenbeek, one of Belgium’s poorest areas. Its work is focused on improving the quality of housing and public spaces. When the housing crisis became apparent at the end of the nineteen-nineties, center managers saw that large immigrant families were hardest hit. There are few social housing projects with apartments available in Brussels, of which hardly any are adapted to the needs of large families, and on the private hous- ing market, it is almost impossible to find affordable and decent apartments. Buying a home with a subsidized loan has for years been a successful strategy for lower income groups, but due to large increases in selling prices, this possibilty no longer exists.

In 2003, the Bonnevie team began looking for alternatives to individual purchase and explored the possibilities of collective buying and building. They came to the conclusion that it must be possible to build affordable housing for their target group through the creative use of government instruments, which were actually meant to lure middle- class families to Brussels. To really be successful, they thought residents should be involved from the beginning, and partners having experience with large construction projects had to be found. The Brussels Woningfond

projects had to be found. The Brussels Woningfond Rue Fin Gemeinschaftsgärten Common gardens Private
projects had to be found. The Brussels Woningfond Rue Fin Gemeinschaftsgärten Common gardens Private
Rue Fin Gemeinschaftsgärten Common gardens Private Gärten Private gardens
Rue Fin
Gemeinschaftsgärten Common gardens
Private Gärten Private gardens

Architekten Architects: Atelier d’architecture Carnoy-Crayon

PRACTICE: BRUSSELS 87

L’Espoir

Ökologisches Bauen und bezahlbares wohnen

Geert de Pauw | Buurthuis Bonnevie

BelgierInnen sagen häufig, dass sie mit einem Backstein im Magen geboren wer- den. Sie möchten sich so schnell wie möglich ein Eigenheim zulegen, am Besten ein Einfamilienhaus außerhalb der Stadt. Dementsprechend ist Belgien kein Vorreiter auf dem Gebiet von CoHousing und gemeinschaftlichem Wohnen. Den- noch sorgen die ökonomischen und ökologischen Herausforderungen, denen wir heutzutage gegenüberstehen, dafür, dass solche Ideen zunehmend in Betracht gezogen werden. Steigende Immobilienpreise und demografischer Wandel zwin- gen die Brüsseler Regierung und Bürger zur Suche nach Alternativen. In Brüssel, wo die Grünen seit Langem Teil der Regierung sind, gibt es ein gesteigertes Interesse beispielsweise an nachhaltigem Bauen und politische Fortschritte in den Bereichen des energieeffizienten und ökologischen Neubaus und des Sanierens. Als Folge von steigenden Mieten teilen Menschen heute ihre Wohnungen öfter mit anderen als je zuvor. Außerdem finden sich zunehmend Gruppen zusammen, um gemeinsam ein Gebäude zu erwerben und selbst Wohnraum zu gestalten. Häufig geschieht dies aus finanziellen Gründen, zunehmend ist aber auch der Wunsch nach Nachbarschaft und Gemeinschaft eine Motivation. Gleich- zeitig sind in Brüssel Gruppen auf der Suche nach neuen Wohnformen, in denen Benachteiligte wie Immigranten ihren Platz finden können. CIRE, ein gemein- nütziger Verein, der mit Flüchtlingen arbeitet, gründete mehrere Spargruppen (spaargroepen), durch die weniger privilegierte Familien sich gegenseitig beim Wohnungskauf unterstützen können. Dabei wird erspartes Geld durch einen revolvierenden Fond dazu genutzt, eine Anzahlung für den Wohnungskauf zu leisten. Bei den zweimonatlich stattfindenden Treffen gibt es für Mitglieder die Möglichkeit, sich über ihre Erfahrungen bei der Wohnungssuche auszutauschen. Einige dieser Bottom-up-Initiativen haben in den letzten Jahren mit dem Auf- bau des Brüsseler Community Land Trusts begonnen. Es handelt sich dabei um eine nicht-spekulative Wohnungsbaugesellschaft, die bezahlbare Wohnungen auf Grundstücken realisiert, die dem Trust gehören und dauerhaft in dessen Be- sitz bleiben. Seit 2011 finanziert die Brüsseler Verwaltung eine Machbarkeitsstu- die, welche die Umsetzungspotenziale des Community Land Trusts untersucht. In Berichten der Verwaltung tauchen vermehrt Begriffe wie CoHousing auf und Solidarität und Selbsthilfe werden zunehmend betont. Trotzdem ist die Unter- stützung seitens der Regierung für alternative Formen des Zusammenlebens

96 PRAXIS: BRUXELLES

ecological building and affordable housing

Geert de Pauw | Buurthuis Bonnevie

Belgians often say they are born with a brick in their stomach. They want to purchase homes for themselves as quickly as possible, preferably a single-family house outside of town. And so Belgium is not a pioneer in the field of CoHousing and community living. However, today’s economic and environmental challeng- es ensure that such ideas are increasingly receiving attention. Rising property prices and demographic changes are forcing Brussel’s government and citizens to search for alternatives. There is more interest for example in sustainable construction, and there is progress with policies focusing on energy-efficient, ecological building and renovation in Brussels, where the Green Party has long been part of the governing coalition. As a result of increasing rents, people are sharing their homes with others much more than they used to. Furthermore, groups of people often join together to buy a building and create apartments for themselves. Sometimes this is done for purely financial reasons, but more often this expresses a desire for neighbor- hood and community. At the same time in Brussels, there are also groups search- ing for new forms of housing in which people who are less fortunate can find their place – such as underprivileged immigrants. CIRE, a nonprofit working with refugees, has established several savings associations (spaargroepen) through which socially disadvantaged families help each other in buying a home. Money is collected and, through a revolving fund, used to finance a down payment for new home purchases. During bimonthly meetings, members have opportunities to share their experiences in finding housing. Some of these grassroots initiatives have been working together in recent years in the establishment of a Brussels Community Land Trust. This is a non-speculative housing association, designed for building affordable apartments on land belonging to the Trust and remaining permanently in its possession. Since 2011, Brussels has been funding a study for the creation of such a Land Trust. Government reports inceasingly emphasize solidarity as well as self-help. Nevertheless, government support for alternative housing forms is still weak. Every time initiators wish to create a new project, they must start from scratch with a search for appropriate legal forms, mortgages and subsidies. Experiences must be collected, reviewed and used to inform new regulations and laws. Then it will be possible to realize more significant and constructive changes regarding CoHousing in Brussels.

PRACTICE: BRUSSELS 97

Mühlenviertel

Baugemeinschaft elementar

„Die Antwort auf unsere Energiefrage liegt acht Lichtminuten entfernt“ – so das Motto dieses Projektes mit zehn Wohnungen, das als Nullenergiehaus bezogen auf die Primärenergie keine Energiekosten verur- sacht. Entwickelt wurde die Projektidee vom Architektenteam und der Projektsteuerung mit dem Ziel, nicht „nur“ ein Passivhaus zu bauen, sondern einen Schritt weiterzugehen. Sehr schnell wurden nach dem Vermark- tungsstart der Wohnungen Interessen- ten gefunden, mit denen das Projekt in Verbindung mit der Wohnungsplanung weiterentwickelt wurde. Das Planungsziel Nullenergiehaus wurde im Gesellschaftsver- trag der Baugemeinschaft fixiert, mit dem Zusatz, die Erreichung des Ziels immer auch im wirtschaftlichen Kontext zu sehen und gegebenenfalls zu hinterfragen. Nachdem die Baugemeinschaft im Options- verfahren ein ideales, an der Süd- und Westfassade unverschattetes Grundstück erhalten hatte, wurden vom Planungsteam

etliche Varianten der Verteilung von Pho- tovoltaik- und thermischen Solarmodulen auf Dach und Fassaden untersucht. Mit dem Zwischenergebnis, der Deckung des Primär- energiebedarfs zu 93 Prozent, wollte sich die Baugemeinschaft nicht zufrieden geben. Es wurde weiter optimiert, bis am Ende mit vertretbaren Mehrkosten eine Deckung von 103 Prozent erreicht wurde. Es war der Ge- staltungswunsch, kein „High-tech“-Gebäude zu realisieren, sondern die notwendigen technischen Elemente in eine freundliche und ökologische Holzfassade zu integrieren. Generell wurde bei den Bauteilen aber Wert auf Ökologie und Nachhaltigkeit gelegt und die Verwendung von zum Beispiel Holzfens- tern, Zellulosedämmung und Holz- oder Linoleumböden in die Baubeschreibung aufgenommen. Im Kostenergebnis liegt das Gebäude im Mittelfeld der Projekte und hat damit den Beweis erbracht, dass ein Nullenergiehaus zu angemessenen Kosten realisiert werden kann.“

der Projekte und hat damit den Beweis erbracht, dass ein Nullenergiehaus zu angemessenen Kosten realisiert werden

elementar Fassade mit Solarzellen elementar façade with photovoltaic cells

mit Solarzellen elementar façade with photovoltaic cells Building community elementar “The answer to our energy

Building community elementar

“The answer to our energy question is eight light minutes away” – this is the motto of this project with ten apartments, which was created as a zero-energy home, meaning no primary energy costs. The concept was developed by the architects and project

management with the goal to not “just” build

a passive house, but go one step further.

Interested parties were found soon after the apartments’ marketing, with whom the project was further developed in conjunction

with the design of flats. The planning goal of

a zero-energy house was fixed in the building

community’s partnership agreement, with the qualification that this goal was to be seen in an economic context and possibly open to

review. Once the building community received an option on an ideal site, with the future south and west façades not being shaded, the planning team examined several variations for the distribution of photovoltaic and thermal solar panels on the roof and façades. The building community was not satisfied with the intermediate result of 93% coverage of primary energy needs. It was further optimized until finally achieving coverage of 103 percent at a reasonable extra cost. There was no desire to design and construct a “high-tech” building, but to integrate the

necessary technical elements in a friendly and ecological wood façade. Sustainable building materials were selected, such as wooden window frames, cellulose insulation and wood or linoleum floors. Still, building

costs are comparable to other projects. We see a zero-energy house can be affordably built.”

Mühlenviertel Fassaden Mill district façades

PRACTICE: TüBINGEN 109

Mühlenviertel

Quartiersentwicklung mit Baugemeinschaften

Cord Soehlke | Baubürgermeister Stadt Tübingen

Loretto, Französisches Viertel, Königsberger Straße, Mühlenviertel, Alexander- park, Alte Weberei: Tübingens Entwicklung der letzten anderthalb Jahrzehnte hängt eng mit den Baugemeinschaften zusammen. Dies hat viel mit den Heraus- forderungen zu tun, vor denen Tübingen in der letzten Zeit stand und die sich kaum von denen anderer städtischer Wachstumsregionen unterscheiden. Dabei sind vor allem drei wesentliche Aspekte zu nennen:

Innenentwicklung ist von der planerischen Absicht zur prägenden Entwick- lungslinie geworden: Nicht nur aus ökologischen, sondern auch aus strukturellen und wirtschaftlichen Gründen werden die Projekte auf der grünen Wiese selte- ner. Auf Brachen und Baulücken findet nun Stadtreparatur statt, die für Familien und Stadtrückkehrer, Singles, SeniorInnen attraktiv sein muss. Sie hat nur dann eine Chance, wenn sie lokale AkteurInnen einbindet und Möglichkeiten zur Partizipation anbietet. Mit dieser Entwicklung steigen aber auch die Ansprüche an die neuen Stadtbausteine: Statt charakterarmer Bauten sind Quartiere gefragt, die sich durch Vielfalt, Mischung und Lebendigkeit auszeichnen. Innenentwicklung kann dauerhaft nur gelingen, wenn der neue Stadtbaustein einen Mehrwert mit sich bringt, von dem auch das Umfeld profitiert. Damit ist auch die dritte Herausforderung der Stadtentwicklung verbunden:

Innenentwicklung kann auch zur Chance werden, wieder eine integrativere Stadtentwicklungspolitik zu betreiben und sozialräumliche Grenzen aufzu- weichen. Während das Einfamilienhausgebiet oder die Trabantensiedlung von ihrer Grundstruktur eher sozial gleichförmig sind, bieten städtische Quartiere Rahmenbedingungen für Heterogenität und Vielfalt. Unterm Strich steht also die Frage: Wie kann es gelingen, die Brachen und Lücken im städtischen Gewebe zu lebendigen Orten umzubauen, die für eine große Bandbreite von Personen attraktiv sind, die einen Mehrwert für ihre Umgebung produzieren, die vielfältig und sozial gemischt sind und die nicht von oben verordnet, sondern bürgerschaftlich entwickelt werden? Baugemeinschaften sind – bei starker Nachfrage auf dem Wohnungsmarkt – wichtig, um auch für geringe und mittlere Einkommen Wohneigentum bezahl- bar zu machen. Sie ermöglichen Wohnungspreise, die nicht alleine durch den Markt definiert werden, sondern sich an den realen Herstellungskosten

112 PRAXIS: TüBINGEN

district development with building communities

Cord Soehlke | City of Tübingen Planning and Building Mayor

Loretto, Französisches Viertel, Königsberger Straße, Mühlenviertel, Alexander- park, Alte Weberei: Tübingen’s development over the last decade and a half has been closely associated with housing projects known as building communities (Baugemeinschaften). This has a lot to do with the recent challenges faced in Tübingen, which are almost indistinguishable from those of other urban growth areas. The following three main aspects are most important:

Inner-city development has become very formative for planning purposes:

projects are less frequently located on greenfield sites not only for environmen- tal, but also infrastructural and economic reasons. Urban design repairs are now taking place on vacant lots and in building gaps, which need to be attractive to families, people moving back into the city, singles and seniors. The projects only have a chance if they integrate local stakeholders and offer opportunities for participation. With this development, demands on the new urban structures also increase:

instead of buildings lacking in character, neighborhoods are sought after which are distinguished by diversity, mixture and vitality. Densifying developments can only be sustainable if new construction brings with it an added value, which also benefits the surroundings. The third challenge of urban development is also connected with the oth- ers: such inner-city development may also have the chance to promote a more integrated urban development policy and weaken sociospatial boundaries. While neighborhoods with single-family homes or suburban settlements are more socially uniform in their basic structure, urban districts offer a framework for heterogeneity and diversity. So the main question is: how can we succeed in converting vacant lots and gaps in the urban fabric into living places, which are attractive for a wide range of people, benefit their surroundings, are socially diverse and are not top-down developments but created using civic engagement? Building communities are – when housing market demand is high – impor- tant for making home ownership affordable, even for people with low or middle incomes. They facilitate housing prices that are not only market defined, but based on actual production costs. At the same time they make apartments more attractive to the wealthier: in Tübingen’s projects, it is increasingly common that

PRACTICE: TüBINGEN 113

oSTELLoLINDA

ostellolinda (olinda Hostel)

Liat Rogel und Chiara Gambarana | Politecnico di Milano

OstellOlinda ist ein CoHousing-Projekt für Menschen mit und ohne psychi- sche Beeinträchtigungen, in dem gewohnt und gearbeitet, das aber auch von vielen besucht wird. Das Hostel befindet sich im Park Paolo Pini, einer ehemaligen geschlossenen psychiatri- schen Anstalt aus den 1930er Jahren. In den 1960ern lebten dort rund 1200 Menschen in völliger Isolation von der Außenwelt. Das Krankenhaus begann seine Tore in den 1970ern zu öffnen. Im Jahr 1999 wurde der Betrieb offiziell eingestellt. Heute arbeiten verschie-

dene Organisationen wie die Genossenschaft La fabrica di Olinda im Park und bieten soziale Dienstleistungen und kulturelle Aktivitäten an. OstellOlinda ist die wohl interessanteste Initiative auf dem Parkgelände. Während der Schließungsphase der Psychiatrie durften einige Gäste im ehema- ligen Schwesternwohnheim bleiben, in dem auch einige PatientInnen von Pao- lo Pini gemeinsam mit europäischen Freiwilligen, die sich für die Projekte der Organisation Olinda interessierten, wohnten. Die Kombination aus Unterkunft

für outsider und insider funktionierte gut und überzeugte die Koordinatoren, die Schlafstätte in ein Hostel umzuwandeln, das kurz nach Ende des Kranken- hausbetriebes eröffnet wurde. Das Gebäude steht wie alle im Park Paolo Pini unter Denkmalschutz. Es besteht ein Nutzungsvertrag ohne Mietkosten zwischen der Stadt Mailand und der sozialen Genossenschaft. Mit Hilfe von Fördergeldern der Europäi- schen Union und der Fondazione Cariplo renovierte diese das Gebäude und schuf die Strukturen des OstellOlinda. Im Jahre 2011 nahm der Hostelbetrieb schon 120.000 Euro ein – genug also, um die Unterhaltskosten zu decken. Das Hostel plant, seine Übereinkunft mit dem ansässigen Niguarda-Krankenhaus fortzuführen, das für die Lebenshaltungskosten und die Miete der Bewohnen- den aufkommt. Die Stadt Mailand prüft alle vier Jahre ihren Vertrag mit der

aufkommt. Die Stadt Mailand prüft alle vier Jahre ihren Vertrag mit der Vorderfassade Front façade 118

Vorderfassade Front façade

118 PRAXIS: MILANo

ostellolinda (olinda Hostel)

Liat Rogel and Chiara Gambarana | Politecnico di Milano

OstellOlinda is a CoHousing project for people with and without mental health problems, where people live and work and where many others visit. The hostel is located in Milan’s Paolo Pini Park, which was created as a closed psychiatric campus in the nineteen-thirties. In the nineteen-sixties about 1,200 patients were living here, completely isolated from the outside world. The campus began to open its gates in the nineteen-seventies and the hospital was officially closed in 1999. Today, various organizations such as the social cooperative La fabbrica di Olinda are working in the park offering social services and cultural activities. OstellOlinda is the park’s most interesting initiative. While the psychiatric hospital was being closed, guests were allowed to stay in the former nurses dormitory, where some Paolo Pini patients were living together with European volunteers. This combination of providing accommodation for both outsiders and insiders worked well and convinced coordinators to transform the dormitory into a hostel, which was created shortly after the hospital’s closing. The hostel

building is a historical landmark, as are all Paolo Pini buildings, and for this a use agreement asking for no rent was signed between the City of Milan and Olinda. Thanks to funding from the European Union and Fondazione Cariplo, the cooperative gradually renovated the building and further de- veloped the hostel. In 2011, the hostel

took in about 120,000 euros in fees, sufficient to cover hostel expenses. The hostel has an agreement with Niguarda Hospital, which provides money to pay for residents’ living expenses and rent. Milan City reviews its contract with the cooperative every four years, which makes it difficult for Olinda to make long-term investments and major renovations. OstellOlinda CoHousing is trans- forming spaces and social roles: from

Via Ippocrate
Via Ippocrate

Gemeinschaftsflächen Common spaces

social roles: from Via Ippocrate Gemeinschaftsflächen Common spaces Innen Indoor Außen outdoor PRACTICE: MILAN 119

Innen Indoor

social roles: from Via Ippocrate Gemeinschaftsflächen Common spaces Innen Indoor Außen outdoor PRACTICE: MILAN 119

Außen outdoor

PRACTICE: MILAN 119

Ostel lOlind a

Cohousing und integration

Liat Rogel und Chiara Gambarana | Politecnico di Milano

Wie in ganz Italien herrscht auch in Mailand eine große Nachfrage nach bezahl- barem und geeignetem Wohnen. Seit der Wohnungsmarkt dereguliert wurde, sind die Mieten enorm angestiegen. Im Vergleich mit dem Jahr 2000 haben sich die Mietpreise fast überall verdoppelt (Venedig +140 Prozent, Mailand und Rom +90 Prozent). Tatsächlich gibt es keine Alternative zu diesem teuren Mietmarkt, da öffentlich gefördertes Wohnen seit 1980 um 90 Prozent gekürzt wurde. Heute macht der Anteil des sozialen Wohnungsbaus in Italien 4 Prozent aus, während er in den Niederlanden bei 36 Prozent, in Großbritannien bei 22 Prozent und im europäischen Durchschnitt bei 20 Prozent liegt. Die wenigen verbleibenden sozial geförderten Gebäude sind geringer Fluktuation ausgesetzt, weil es für Stadtverwaltungen unmöglich wurde, Menschen dazu zu bewegen, die einzige Wohnung, die sie sich leisten können, zu verlassen. Die öffentlich subventionier- ten Gebäude sind alt und vernachlässigt. Die große Nachfrage nach geförderten Wohnungen kommt nicht nur von Gruppen mit geringem Einkommen, sondern auch von jenen mit besonderen Bedürfnissen, körperlichen oder geistigen Behinderungen oder ImmigrantInnen und großen Familien. All diese Menschen sind nicht nur auf der Suche nach einer Wohnung, sondern auch nach Umge- bungen, die sich für ihre spezielle Situation eignen und ihnen bezüglich ihrer Unsicherheiten und Behinderungen entgegenkommen. Besonders seit den 1990ern arbeiteten einige Mailänder Bottom-up- Initiativen daran, Wohnlösungen für Bedürftige zu entwickeln. Gemeinnützige Organisationen, zu denen auch einige Genossenschaften gehören, animieren den öffentlichen Sektor, innovative Wohnformen zu entwickeln und neue Kooperationen mit privaten Initiativen einzugehen. Da Menschen mit Wohn- problemen häufig diskriminiert werden, liegt ein Schwerpunkt der Arbeit auf inklusiven Wohnformen. Gemeinschaftliche, integrative Wohnmodelle werden entwickelt, die soziale Mischungen zulassen und zu denen Dienste gehören, die oft von Bewohnenden selbst gestaltet und verwaltet werden. OstellOlinda ist ein Beispiel für diesen Ansatz. Es bietet Menschen mit geistigen Erkrankungen nicht nur einen Ort zum Leben, sondern auch viele Möglichkeiten, am gesellschaftli- chen Leben teilzuhaben, beispielsweise durch eine Arbeitsstelle und„normalen“ Kontakt mit Menschen. Vergleichbar damit ist das von der Genossenschaft Il posto delle fragole verwaltete Hostel Tritone in Trieste, in dem Menschen mit

128 PRAXIS: MILANo

Cohousing and integration

Liat Rogel and Chiara Gambarana | Politecnico di Milano

In Milan, as everywhere in Italy, there is a great demand for affordable and suit- able housing. Since the housing market was deregulated, rents have skyrock- eted. Apartment rental costs have doubled almost everywhere since the year 2000 (Venice +140%, Milan and Rome +90%). There is really no alternative to this expensive rental market, as public housing has been cut back since 1980 by 90%. Italy’s public housing is only about 4% of its total housing, while in the Nether- lands it is 36%, in the UK 22% and the European average is 20%. The few public housing buildings remaining have almost no turnover because it has become impossible for the municipalities to make people leave their flats and abandon the only apartment they can afford. These public buildings tend to be old and neglected. The big demand for social housing relates not only to lower- income groups, but also to those with special needs and disabilities, as well as immi- grants and extended families. All of these groups are looking for a flat, but more than that to find housing environments appropriate to their specific situations, and to assist them with their instabilities and disabilities. Since the nineteen-nineties, a number of bottom-up Milan initiatives have been working to offer housing solutions for those in need. Nonprofits, including cooperatives, have been encouraging the public sector to develop innovative housing forms, and to engage in new collaborations with private groups. As people with housing problems are often also dealing with social exclusion, an emphasis has been placed on inclusionary residential projects. Collaborative, integrative housing models are being created, which enable social mixing and include services, often designed and managed by residents themselves. Ostell- Olinda demonstrates this approach, where people with mental diseases not only have a place to live, but where they are also given many opportunities to be included in society, for example having a job and “normal” contact with people. Similar to this Milan hostel is the Hotel Tritone in Trieste, managed by the Coop- erative Il posto delle fragole, where people with social or health problems are hosting guests. The Social Housing Foundation (FHS), a public-private partner- ship, is one of the most important Italian social housing institutions. Especially in Milan, FHS builds and renovates flats to produce low-rent housing. Important for FHS is the particular social mix of people living in a building, as well as common spaces, resident participation and inclusionary services. An example is the new

PRACTICE: MILAN 129

wien
wien

[ro*sa] 22

Kooperation von Wohnungsbaugesellschaften, Bauträgern und Wohnprojekten

Cooperation between housing authorities, developers and housing projects

PRoFIL PRoFILE

BESoNDERHEITEN SPECIAL FEATURES Enge Kooperation von Bewohnenden, Architekturbüro, lokaler Wohnungsbaugesellschaft und
BESoNDERHEITEN SPECIAL FEATURES
Enge Kooperation von Bewohnenden, Architekturbüro, lokaler
Wohnungsbaugesellschaft und Stadt Wien ermöglichte das Projekt;
Wohnbedürfnisse von Frauen werden besonders berücksichtigt
Strong cooperation of inhabitants, architects, nonprofit housing
developer and City of Vienna made project feasible;
special orientation on women’s housing needs
RECHTS- UND EIGENTUMSFoRM
LEGAL FoRM AND oWNERSHIP
Geförderte Mietwohnungen (Kaufoption nach 10 Jahren); Grundstück
und Gebäude Eigentum von Bauträger WPV-GPA
Subsidized rental flats (option to buy after 10 years); land and building
property of building developer WPV-GPA
GEBäUDETYP TYPE oF BUILDING Neubau; Mehrfamilienhaus New multifamily building PRoJEKTENTWICKLUNG 2002–2009 PRoJECT
GEBäUDETYP TYPE oF BUILDING
Neubau; Mehrfamilienhaus New multifamily building
PRoJEKTENTWICKLUNG
2002–2009
PRoJECT DEVELoPMENT
BEWoHNENDE RESIDENTS 100 (0–70 Jahre Years old) z.B. Alleinerziehende, AkademikerInnen, Arbeitslose e.g., single
BEWoHNENDE RESIDENTS
100 (0–70 Jahre Years old)
z.B. Alleinerziehende, AkademikerInnen, Arbeitslose
e.g., single parents, professionals, unemployed
GEMEINSCHAFTSFLäCHEN
CoMMUNITY SPACES
Insgesamt Total: 699 m²
Gemeinschaftsraum mit Küche, Werkstatt, Bibliothek, Kinderwa-
genraum, Fahrradraum, Gemeinschaftsdachterrasse mit Sauna
und Ruheraum sowie Waschküche, breite Erschließungsgänge als
Kommunikationsräume; Garten
Community kitchen, workshop, library, rooms for baby buggies and
bicycles, community roof terrace with sauna and relaxation room as
well as laundry, broad corridors as communication spaces; garden
GESAMTWoHNFLäCHE ToTAL LIVING AREA
3326 m²
MIETPREIS RENTAL CoSTS (2010)
6,14 €/m² per Monat month
Einlage Deposit: ca. 432 €/m²
inkl. Gemeinschaftsflächenanteile incl. shares of community spaces
GESAMTE PRoJEKTKoSTEN
ToTAL PRoJECT CoSTS
6.660.000 €

[ro*sa] 22

Kooperation von wohnungsbaugesellschaften, Bauträgern und wohnprojekten

Petra Hendrich | Initiative für gemeinschaftliches Bauen und Wohnen

In Wien kam es in den letzten Jahren im Bereich des gemeinschaftlichen Bauens und Wohnens zu einigen Veränderungen. Die Zahl der Projekte hat aus ver- schiedenen Gründen zugenommen. Einer davon ist die Gründung des Vereins „Initiative für gemeinschaftliches Bauen und Wohnen“ im Jahre 2009, der Inte- ressierten eine Plattform bietet und das Ziel hat, die Rahmenbedingungen für Gemeinschaftsprojekte zu verbessern. Seitdem rückt das Thema wieder stärker in das öffentliche Bewusstsein und die Stadt Wien steht vor der Herausforderung, mit dem Wunsch nach selbstbestimmtem Wohnen umzugehen. Ein anderer Grund sind die nun vorhandenen Raumressourcen für gemein- schaftliche Wohnprojekte. In der Seestadt aspern, einem Entwicklungsgebiet am Stadtrand, wurden Grundstücke erstmals direkt an Projektgruppen vergeben. Diese haben so eine gute Position gegenüber ihren Partnern, etwa Banken oder Bauträgern. Durch den selbstbestimmten Bau- und Planungsprozess sind bei fünf Gemeinschaften verschiedene Modelle entstanden, an denen sich künfti- ge Vorhaben orientieren werden. Grundsätzlich ist zu unterscheiden zwischen Projekten, die in eigener Trägerschaft entwickelt werden und solchen, die von Bauträgern initiiert werden. In der Seestadt aspern werden drei Projekte in eigener Trägerschaft errichtet. Neben einem eigentumsbasierten Modell mieten die Mitglieder in den anderen beiden ihre Wohnungen vom Trägerverein, der wiederum mit den Einnahmen Darlehen abzahlt. Zusätzlich bringen die Bewohnenden zu Beginn einen Eigen- mittelanteil ein. Zwei weitere Projekte werden mit Bauträgern realisiert. Eines wird ähnlich wie [ro*sa] 22 mit individuellen Mietverträgen umgesetzt und die Bewohnenden organisieren sich intern mittels einer Vereinsstruktur. Im anderen tritt der Bewohnerverein als Generalmieter gegenüber dem Bauträger auf und hat später eine Kaufoption auf das gesamte Gebäude. Dies gewährt der Gruppe mehr Einfluss auf die unterschiedlichen Eigenmittel- und Mietbeiträge, sodass die finanziellen Möglichkeiten der Mitglieder berücksichtigt werden können. Aufgrund der Stadtrandlage asperns müssen sich Projekte dort besonders um ihre Mitglieder bemühen. Ein Altbau in der Innenstadt ist für die Mehrzahl der Interessierten das ideale Objekt für ein eigenes Wohnprojekt. Wie in den meisten europäischen Städten sind diese Gebäude allerdings auch in Wien

144 PRAXIS: WIEN

Cooperation between housing authorities, developers and housing projects

Petra Hendrich | Initiative for Collaborative Building and Housing

In Vienna, a few changes have come in recent years regarding community- oriented building and housing. The number of projects has been increasing for several reasons, one of which is the founding of the Initiative for Collaborative Building and Housing in 2009, which has organized a platform of relevant actors to improve conditions for such projects. Since then, these topics have been gain- ing public attention and now the City of Vienna is faced with the challenge of dealing with growing demand for self-organized housing. Another reason for the increase in projects is the now available land and property for collaborative housing. In the development area on the outskirts of Vienna called Seestadt aspern, properties have been made available directly to such project groups for the first time. These groups have thus gained a very good position with respect to their partners, such as banks and property developers. Through the self-determined planning and construction processes, five differ- ent housing projects with their respective models have emerged, which will offer some orientation for future projects. Fundamentally, there is a distinction between projects that are truly self-managed and those which initiated by developers. In the Seestadt aspern area, three projects are being realized that are self-or- ganized. Along with one private-ownership based model, members of the other two projects will rent their flats from a housing developer, which will use this money to pay off construction loans. In addition, these residents are expected to pay an initial deposit. Two other projects are being built with developers. One of these is similar to [ro*sa] 22 , in that residents will have individual rental contracts, and will be organized among themselves in an independent organization. In the other, the residents‘ organization acts as a general tenant for the developers and in the future will have the option to purchase the entire building. This provides the building group with more influence on the distribution of the various indi- vidual loans and rental payments, meaning the differing financial resources of the residents can be considered. Due to the suburban location, projects to be built here must make special efforts to recruit their members. For the majority of those looking for such a project, a historical building in the city center is the ideal. However, as in most

PRACTICE: VIENNA 145

Trudeslund

trudeslund (Gertrudenhain)

Hans Thor Andersen | Byggeforskningsinstitut

(Gertrudenhain) Hans Thor Andersen | Byggeforskningsinstitut Veranda am autofreien Weg Porch on the car-free lane In

Veranda am autofreien Weg Porch on the car-free lane

In den 1970er Jahren geplant, ist Trudeslund eines der ersten modernen dänischen Bofællesskab. Das Projekt wurde häufig untersucht und inspirierte so zahlreiche internationale CoHousing- Projekte. Heute blickt die Pioniergene- ration gemeinsam mit ihren Architekt- Innen auf viele Jahre des learning by doing zurück. Dabei fanden sie nicht die perfekte Lösung, aber eine Kombination aus sozialer Organisation und räumlicher Gestaltung, die über die letzten Jahr- zehnte erfolgreich funktionierte. Die Bewohnenden von Trudeslund teilen sich

funktionierte. Die Bewohnenden von Trudeslund teilen sich Ludwig Jensens Vej einige alltägliche Aufgaben und
funktionierte. Die Bewohnenden von Trudeslund teilen sich Ludwig Jensens Vej einige alltägliche Aufgaben und
Ludwig Jensens Vej
Ludwig Jensens Vej
Bewohnenden von Trudeslund teilen sich Ludwig Jensens Vej einige alltägliche Aufgaben und kombinieren gemeinschaft-

einige alltägliche Aufgaben und kombinieren gemeinschaft- liche und private Flächen, um Belastungen zu reduzieren und umgekehrt potenzielle Freizeit zu mehren. Durch ausgepräg- te Nachbarschaft und vielfältige Dienste und Aktivitäten wird die Lebensqualität verbessert. Die Geschichte von Trudeslund begann 1978, als die GründerInnen ein attraktives und teures Grundstück mit Bahnanbindung, Wäldern und Seen in der Umgebung

außerhalb Kopenhagens kauften. Sie organisierten einen Architekturwettbewerb und es kam zur Zusammenarbeit mit dem Büro Vandkunsten Architects. Es gelang ihnen, den lokalen Flächennutzungsplan, der Einfamilienhäuser vorsah, zu modifizieren und eine höhere Baudichte durchzusetzen. Die ArchitektInnen regten zunächst kleine private Häuser und dafür große Gemeinschaftsflächen an. Allerdings stimmte die planende Bewohnendengruppe für attraktive und große Privathäuser. Über zahllose demokratisch organisierte

150 PRAXIS: KøBENHAVN

trudeslund (Gertrude’s Grove)

Hans Thor Andersen | Byggeforskningsinstitut

Planned in the nineteen-seventies, Trudeslund is one of the first of the modern Danish Bofællesskab. This project has often been studied, inspiring CoHousing projects internationally. Now the pioneer generation of residents, along with their architects, can look back on many years together of learning by doing. They

did not find perfect results, but a combination of social organization and spatial design that has worked well for a few decades. Trudeslund residents share some of the daily obligations and combine private and common facilities to reduce burdens and increase potential free time. Quality of life is improved through an emphasis on neighborhood and the range of organized services and activities. Trudeslund’s history began in 1978, when its founders were able to buy an attractive, expensive site, close to a train station outside of Copenhagen, with forests and lakes nearby. They organized an architectural competition and through this developed a cooperation with Vandkunsten Architects, managing then to change the local zoning from single-family to allow their new, higher density neighborhood. The architects pushed for smaller private homes and larger community spaces, while the planning

group wanted more attractive and larger private homes. Through countless, democratically organized discus- sions, compromises were made. What is fundamental here, as with other CoHousing projects, is that the residents are in control. Decisions are made at monthly meetings where all adult residents are expected to participate. Organized as a homeowner as- sociation, the residents collectively manage the common facilities. Elected by residents, a board represents the community and takes care of maintenance, cleaning and general financial matters. Trudeslund can best be described as a communica- tive neighborhood in which interaction is made easy.The community’s open spaces and paths between the build- ings, even the laundries, are designed for social purposes and nice for conversations. Generally, cars are kept to the

Trudeslund Gemeinschaftsflächen Common spaces Innen Indoor Außen outdoor Private Gärten Private gardens Manenvei
Trudeslund
Gemeinschaftsflächen Common spaces
Innen Indoor
Außen outdoor
Private Gärten Private gardens
Manenvei

ArchitektInnen Architects: Tegnestuen Vandkunsten

PRACTICE: CoPENHAGEN 151

Vrijburcht

erbbaurecht und kollektiver selbstbau

Vrijburcht erbbaurecht und kollektiver selbstbau Menno Vergunst und Johan Vlug | Stichting Vrijburcht/VLUGP Mit 52

Menno Vergunst und Johan Vlug | Stichting Vrijburcht/VLUGP

Menno Vergunst und Johan Vlug | Stichting Vrijburcht/VLUGP Mit 52 Wohnungen ist Vrijburcht eines der größten
Menno Vergunst und Johan Vlug | Stichting Vrijburcht/VLUGP Mit 52 Wohnungen ist Vrijburcht eines der größten
Menno Vergunst und Johan Vlug | Stichting Vrijburcht/VLUGP Mit 52 Wohnungen ist Vrijburcht eines der größten
Menno Vergunst und Johan Vlug | Stichting Vrijburcht/VLUGP Mit 52 Wohnungen ist Vrijburcht eines der größten
Menno Vergunst und Johan Vlug | Stichting Vrijburcht/VLUGP Mit 52 Wohnungen ist Vrijburcht eines der größten
Menno Vergunst und Johan Vlug | Stichting Vrijburcht/VLUGP Mit 52 Wohnungen ist Vrijburcht eines der größten
Menno Vergunst und Johan Vlug | Stichting Vrijburcht/VLUGP Mit 52 Wohnungen ist Vrijburcht eines der größten
Menno Vergunst und Johan Vlug | Stichting Vrijburcht/VLUGP Mit 52 Wohnungen ist Vrijburcht eines der größten
Menno Vergunst und Johan Vlug | Stichting Vrijburcht/VLUGP Mit 52 Wohnungen ist Vrijburcht eines der größten
Menno Vergunst und Johan Vlug | Stichting Vrijburcht/VLUGP Mit 52 Wohnungen ist Vrijburcht eines der größten
Menno Vergunst und Johan Vlug | Stichting Vrijburcht/VLUGP Mit 52 Wohnungen ist Vrijburcht eines der größten
Menno Vergunst und Johan Vlug | Stichting Vrijburcht/VLUGP Mit 52 Wohnungen ist Vrijburcht eines der größten
Menno Vergunst und Johan Vlug | Stichting Vrijburcht/VLUGP Mit 52 Wohnungen ist Vrijburcht eines der größten

Mit 52 Wohnungen ist Vrijburcht eines der größten fertiggestellten kollektiven Selbstbau-Wohnprojekte in Amsterdam und sogar den Niederlanden. Andere Beispiele für niederländische Selbstbau-Projekte sind EVA-Lanxmeer in Culem- borg, Kersentuin in Utrecht/Leidsche Rjin oder BO1 in Amsterdam. Vrijburcht wird von der Stadt Amsterdam als großer Erfolg gewertet und mehrere ähnliche Projekte werden zurzeit in der Umgebung umgesetzt. Dazu gehören einige pri- vate Selbstbau-Wohnhäuser wie auch kleinere Selbstbau-Kollektivprojekte. Die große Vielfalt der Entwicklungen trägt dazu bei, dass Steigereiland zu einer ge- lungenen neuen Wohnumgebung wird. Die Stadtverwaltung wurde durch diese erfolgreichen Experimente inspiriert und sieht private und kollektive Initiativen als wichtige Größen bei der Schaffung von Wohnraum in Amsterdam. Zahlreiche rund um das Stadtgebiet gelegene Grundstücke werden nun zur selbstorgani- sierten Entwicklung angeboten. So nimmt Amsterdam eine Pionierrolle in den Niederlanden ein und arbeitet proaktiv mit partizipativen Wohninitiativen als grundsätzliche Bausteine ihrer nachhaltigen Entwicklungsstrategie. Selbstbau bedeutet eine weitgehende Selbstorganisation während der Initiierungs-, Planungs- und Entwicklungsphase von Wohngebäuden. Weiterhin meint dies gewöhnlich auch eine Selbstverwaltung der Bewohnenden nach ihrem Einzug. Entstehende Wohnformen können eigentumsorientiert, genau- so jedoch genossenschaftlich und gemeinnützig sein. ArchitektInnen sowie andere Wohnfachleute spielen wichtige Rollen bei der Gestaltung und Planung von Wohnraum und notwendigen Strukturen. Von den späteren Bewohnenden wird keineswegs verlangt, dass sie selbst den Hammer schwingen! Dennoch gehört es häufig dazu, dass sie Gartenarbeiten, das Streichen oder Fliesenlegen selbst übernehmen. Da es der Stadtverwaltung immer weniger möglich ist, die Schaffung von Wohnraum direkt zu finanzieren, entstand dieser selbstverwaltete Ansatz. Selbstbau-Gebäude können Einfamilien-, aber auch große Mehrfami- lienhäuser sein. Zweitere werden manchmal als gemeinschaftliche Selbstbau- Initiativen bezeichnet, besonders dann, wenn ein hoher Stellenwert auf Nach- barschafts- und Gemeinschaftsentwicklung liegt. In den Niederlanden werden Gruppen aus privaten Einzelpersonen und Familien, die gemeinschaftlich die Wohnhäuser planen‚ collectief particulier opdrachtgeverschap (kollektive, private Auftragsgemeinschaft) genannt.

176 PRAXIS: AMSTERDAM

collectief particulier opdrachtgeverschap (kollektive, private Auftragsgemeinschaft) genannt. 176 PRAXIS: AMSTERDAM
collectief particulier opdrachtgeverschap (kollektive, private Auftragsgemeinschaft) genannt. 176 PRAXIS: AMSTERDAM
collectief particulier opdrachtgeverschap (kollektive, private Auftragsgemeinschaft) genannt. 176 PRAXIS: AMSTERDAM

long-term leases and collective self-build

long-term leases and collective self-build Menno Vergunst and Johan Vlug | Stichting Vrijburcht/VLUGP With its fifty-two

Menno Vergunst and Johan Vlug | Stichting Vrijburcht/VLUGP

Menno Vergunst and Johan Vlug | Stichting Vrijburcht/VLUGP With its fifty-two dwellings, Vrijburcht is one of

With its fifty-two dwellings, Vrijburcht is one of the largest completed collective self-build residential developments in Amsterdam, and even in the Nether- lands. Other such projects include: EVA-Lanxmeer in Culemborg, Kersentuin in Utrecht/Leidsche Rijn and BO1 in Amsterdam. The Vrijburcht project is regarded by the City of Amsterdam as a model project, and many similar developments are located in its vicinity, including private dwellings and a number of somewhat smaller collective projects. This collection of diverse self-organized residential buildings helps to make Steigereiland a successful new residential environment. Amsterdam City has drawn inspiration from these pioneering experiments and has earmarked private and collective initiatives to be spearheads of Amster- dam’s housing production. A larger number of self-build sites distributed around the city are now being offered for development. Accordingly, Amsterdam is taking the lead in the Netherlands, and it is proactively working with partici- patory housing initiatives as building blocks in its sustainable development strategy. Self-build means a large degree of self-organization in the initiation, plan- ning and development phases of residential buildings. This usually also suggests a self-administration after people have moved into their homes. Such housing can be created to allow private ownership, but also cooperative and nonprofit orientations are possible. Architects and other housing experts play important roles in the designing and specification of dwellings and necessary structures. In any case, future residents are usually not expected to actually be swinging the hammer themselves! But this often does involve residents doing some of the some painting, tilework and gardening. As the government is less and less able to directly finance the production of housing, more and more such self- managed approaches are emerging. Self-build dwellings can include everything from single family homes up to larger multifamily projects, which are sometimes referred to as community self-build initiatives, when an emphasis is placed on neighborhood and community development. In the Netherlands the term “collective private commissioning” (collectief particulier opdrachtgeverschap) is used to describe the legal structures developed to bring private individuals and families together for a collaborative planning and building of dwellings they together design for their own use.

PRACTICE: AMSTERDAM 177

for a collaborative planning and building of dwellings they together design for their own use. PRACTICE:
for a collaborative planning and building of dwellings they together design for their own use. PRACTICE:
for a collaborative planning and building of dwellings they together design for their own use. PRACTICE:
for a collaborative planning and building of dwellings they together design for their own use. PRACTICE:
for a collaborative planning and building of dwellings they together design for their own use. PRACTICE:
for a collaborative planning and building of dwellings they together design for their own use. PRACTICE:

GeGenseitiG von unseren Wohnformen lernen: eine inspirierende vielfalt

gegenseitig von unseren wohnformen lernen:

eine inspirierende Vielfalt

Michael LaFond | id22: Institut für kreative Nachhaltigkeit

Dieses Buch beschreibt derzeit bedeutende CoHousing-Beispiele und Aspekte dieser Wohnformen in europäischen Städten: nicht als Suche nach dem perfek- ten Projekt, sondern eher als eine Erkundung der Vielfalt. CoHousing entfaltet sich in den letzten Jahrzehnten in zahlreichen Ländern und unterschiedlichen Regionen Europas als Reaktion auf eine Vielzahl sozialer, ökonomischer und kultureller Entwicklungen. Diese Wohnformen liefern Ant- worten auf gegenwärtige internationale Herausforderungen und reagieren auf den Wunsch vieler Menschen, ein nachhaltiges Leben zu führen. Die wachsende CoHousing-Landschaft besteht nicht mehr nur aus einzelnen Häusern, sondern es hat sich ein Netzwerk von engagierten und vermehrt zusammenarbeitenden Bewohnenden, WohnexpertInnen und Aktiven aus Architektur, Verwaltung und Wohnungsbau entwickelt. Im Sinne eines open-source-Urbanismus sind CoHousing-Projekte zunehmend wichtige Feldforschungslabore, die potenziell zur nötigen Entwicklung von Gemeinschaft beitragen können.

internationale aufgaben, regionale ressourcen, persönliche interessen

Eine Finanz- und Bankenkrise brodelt, Wirtschaften stagnieren und Kürzungen öffentlicher Ausgaben bedrohen den traditionellen sozialen Wohnungsbau und erzwingen die Suche nach Innovationen für Wohnraumproduktion und -verwal- tung. Demografische Trends, wie alternde Bevölkerungen und kleiner werdende Haushalte, spiegeln sich in veränderten Wohnbedürfnissen wider. Sorge über den Klimawandel trifft auf steigende Energiekosten und treibt Initiativen für energieffiezientes Wohnen und Sanieren an. Investoren setzen auf Immobilien, Miet- und Grundstückspreise steigen, viele Nachbarschaften werden gentrifi- ziert und Bevölkerungsgruppen ausgegrenzt. Diese Situation macht es äußerst schwierig, aber umso wichtiger, bezahlbare Wohnprojekte zu schaffen und erhalten. Wie jede Art der Wohnraumproduktion steht CoHousing vor der Herausfor- derung, kreative, integrierte Lösungen für eine wachsende Zahl von Problemen zu finden. Regionale Möglichkeiten und Einschränkungen beeinflussen die Quantitäten und Qualitäten des Wohnens erheblich. Zudem hängen CoHousing- Modelle in hohem Maße von lokalen Kulturen, Traditionen, Rechtsstrukturen und

182 ERKENNTNISSE

learninG from each other’s housinG: an inspirinG diversity

learning from each other’s housing: an inspiring diversity

Michael LaFond | id22: Institute for Creative Sustainability

This book illustrates some of the significant CoHousing examples and topics cur- rently found in European cities: not as a casting for the perfect project, but rather as a survey of diversity. CoHousing has been emerging in recent decades in Europe’s various regions in response to a range of social, economic and cultural factors. Such housing is now providing responses to both current international challenges and people’s dreams of their own sustainable ways of living. This growing CoHousing land- scape is no longer just a scattering of isolated buildings, but rather a developing network of engaged residents, housing experts, activists, architects and govern- ment officials who are increasingly working together. In the sense of an open- source urbanism, CoHousing projects are progressively seen as significant field research labs, contributing to much needed community development.

international challenges, regional resources and personal interests

A finance and banking crisis is looming, economies are stagnating and cuts in

public spending are threatening traditional social and public housing, forcing a search for innovation in housing production and management. Demographic trends including aging populations and decreasing household sizes are reflected

in changing housing demands. Concerns about climate change combined with

increasing energy costs are driving initiatives for energy-efficient housing and building renovation. As investors are pumping money into real estate, urban neighborhoods are facing gentrification, meaning rising rents and land values excluding much of the population. This makes affordable housing projects ex- tremely difficult to build and maintain – but all the more necessary. CoHousing, as with all housing production, is challenged to deal in creative, integrated ways with the growing lists of problems. Regional possibilities and limitations greatly influence both quantities and qualities of housing, and Co-

Housing models depend to a great extent on locally specific cultures, particular traditions, legal frameworks and financial opportunities. In Berlin for example,

a great diversity of projects has in recent decades been possible due to a large

supply of relatively affordable and available land and buildings. Now, with increasing real estate costs, Berlin’s traditions of cooperatives and do-it-yourself projects continue to inspire further generations of shared housing. In Vienna,

LESSoNS LEARNED 183

CoHoUSING-MANIFEST

Cohousing-Manifest

In Europa genießt man das„Recht auf Stadt” sowie das„Recht auf Wohnen”. Menschen verstehen darunter zunehmend Demokratisierungsprozesse, die es ermöglichen, angemessene und gewünschte Wohnformen selbst zu entwickeln und zu erhalten. Unter anderem erwächst daraus eine CoHousing-Bewegung von gemeinschaftlichen und genossenschaftlichen Wohnprojekten, welche idealer- weise inklusiv und nicht spekulativ sind. Damit CoHousing sich weiter entfaltet, die Gesellschaft bestmöglichst profitiert und ein Beitrag zur nachhaltigen Stadt- entwicklung geleistet wird, sollte die Unterstützung verstärkt werden für:

1
1

neue Wohnmöglichkeiten, die sich den Trends sozialer Isolation entgegensetzen und individuelle Ausdrucksmöglichkeiten für diversere und engagiertere Stadtbevölkerun- gen bieten.

2
2

Projekte, die einfallsreich und effektiv auf veränderte gesellschaftliche Bedürfnisse re- agieren, erfolgreiche Strategien für selbstgeplantes und -verwaltetes Wohnen umsetzen und so einen Beitrag zu fortschreitender Demokratisierung von Stadtplanung und -entwicklung leisten.

3
3

Initiativen, die soziale Inklusion und Gendergerechtigkeit, insbesondere für Geringver- dienende und ImmigrantInnen in gemeinschaftlichen Wohnprojekten stärken.

4
4

die Arbeit in Richtung offener und kommunikativer Nachbarschaften und gegen Gated Communities.

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5

Wohn- und Bodeneigentumsstrategien wie Land Trusts und Erbbaurechtsverträge, die auf Bezahlbarkeit ausgelegt sind und Gentrifizierung und Spekulation entgegenwirken.

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6

Wohnformen, die Umwelttechnologien nutzen und Energieeffizienz umsetzen.

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7

neue Kooperationsformen zwischen Zivilgesellschaft, Verwaltung und Wirtschaft, um gemeinschaftliches Wohnen effektiver zu unterstützen.

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8

soziale Politik, die Genossenschafts-, Eigentums- und Mietmodelle fördert, welche un- erlässlich für die Verwirklichung und den Erhalt gemeinschaftlicher Wohnprojekte sind.

9
9

die Entwicklung von Netzwerken und den Austausch von Kommunikationsstrategien zum Thema Wohnen, wie Datenbanken, Publikationen, Messen und weitere Events.

10
10

die Erforschung und Veröffentlichung der Vielfalt selbstorganisierter, gemeinschaftli- cher Wohnformen und die Entwicklung eines Bewusstseins für regionale Sprach- und Kulturunterschiede im Bereich Wohnen.

196 ERKENNTNISSE

CoHoUSING MANIFEST

Cohousing Manifest

European urban populations enjoy both “rights to the city” and “rights to hous- ing.” Increasingly, people understand this to mean democratization processes, which also enable them to directly develop and maintain needed and desired housing forms. This has, among other things, been leading to a CoHousing movement, including cooperative, collaborative, collective and community- oriented housing projects, that are ideally inclusive and non-speculative. For CoHousing to thrive, society to profit in the best way possible, and a contribution be made to sustainable urban development, support needs to be increased for:

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new housing options for increasingly diverse and engaged urban populations, working against trends towards societal isolation and for individual expression.

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projects effectively meeting emerging societal needs and demonstrating successful strategies for the self-design and management of housing, contributing to further democratizations of urban planning and development.

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initiatives increasing social inclusion and gender equality, especially concerning lower- income groups and immigrant populations in collaborative housing projects.

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work for open and communicative neighborhoods and against gated communities.

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housing and ground ownership strategies such as land trusts and long-term lease agreements working for affordability and against gentrification and speculation.

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experimental housing using environmental technologies and demonstrating energy efficiency.

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new forms of cooperation among civil society, government and business, in order to more effectively support collaborative housing.

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political and social policies necessary to enable and maintain shared-housing projects, including a wide range of cooperative, ownership and rental models.

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the development of housing networks and the exchange of communications strategies, including online databases, publications, fairs and other events.

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studying and publicizing the great diversity of self-organized, community-oriented dwelling forms, and developing awareness of regional housing languages and cultures.

LESSoNS LEARNED 197

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