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Wilhelm Schmid

Liebe bis in den Tod und darüber hinaus

Die Lebenskunst ist mein Thema. Sie hat naturgemäß mit dem Leben zu tun. Und mit der
Liebe. Das Leben und die Liebe bestehen hoffentlich aus sehr viel Freude und Glück,
unweigerlich aber auch aus mehr oder weniger Ärger und Unglücklichsein. Und jedes Leben
hat mit seiner Begrenzung zu tun, die für jede Liebe unendlich schmerzlich ist. Es kann
keinen Trost geben in der grenzenlosen Leere, die der Verlust eines geliebten Menschen
hinterlässt. Es hat keinen Sinn mehr weiterzuleben. Im unvorstellbaren, untröstlichen Schmerz
ist ein Mensch irgendwelchen Gedanken und wohlmeinenden Worten, die ihn trösten sollen,
nicht mehr zugänglich. Das Leben steht still, es gibt keine Zukunft mehr.

Abschied nehmen müssen irgendwann im Leben alle Menschen von geliebten Anderen, von
Verwandten, Freunden, Bekannten, Kollegen, im schlimmeren Fall Kinder von ihren Eltern
und im schlimmsten Fall Eltern von ihren Kindern. Bricht der Tod plötzlich herein, bleibt nur
noch der Abschied vom Toten. Wo der Tod nicht plötzlich hereinbricht, geht ihm ein Sterben
voraus, das eine ungeheure Herausforderung sein kann. Es kann eine erfüllte, aber auch eine
quälend lange Zeit sein, eine Zwischenzeit mit einem unentschiedenen Hin und Her zwischen
der bestimmten Wirklichkeit, zu der dieses Leben in seiner Gesamtheit jetzt erst wird, und der
unbestimmten Möglichkeit des Todes, von dem unklar ist, wann und wie er eintreffen wird.
Das Leben hängt in der Luft, nicht nur das Leben des Sterbenden, sondern auch derer, die bei
ihm sind und in dieser Zeit den Boden unter den Füßen verlieren können.

Eine Liebe bis in den Tod, die dem Leben bis zuletzt Sinn geben kann, ist vor allem der
Beistand für einen Menschen in der letzten Phase seines Lebens. Zentrales Element ist dabei
die Ummantelung, die der palliativen Behandlung (lateinisch pallium für Mantel) den Namen
gegeben hat. Sie zielt anders als eine kurative Behandlung nicht länger auf Heilung und
umfasst nicht mehr sämtliche Maßnahmen zur Lebenserhaltung und Lebensverlängerung.
Palliativ geht es darum, das technische Arsenal der Medizin in den Hintergrund treten zu
lassen und den Sterbenden menschlich zu umsorgen, Schmerzen zu lindern und den äußeren
Rahmen, die Ausstattung der Räume, den Rhythmus der Zeiten so zu gestalten, dass ihm ein
Wohnen in Gewohnheit und Vertrautheit bis zuletzt möglich wird.

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Die Liebe bis in den Tod ist hier die Menschen- und Nächstenliebe in Hospizen (von
lateinisch hospitium, Gastfreundschaft), die seit den 1960er Jahren, initiiert von Cicely
Saunders und ausgehend vom St. Christopher’s Hospice in London, vielfach gegründet
wurden. Krankenhäuser mit Palliativstationen bemühen sich darum, wenngleich dort die
medizinische Seite vielleicht stärker hervortritt. Von Liebe bis in den Tod getragen ist ebenso
der Beistand zuhause, die Ummantelung durch vertraute Menschen, die bis zuletzt beim
Sterbenden bleiben und dabei Sterben und Tod aus nächster Nähe miterleben, eine
unvergessliche Erfahrung für immer. Das Dabeibleiben, eventuell ambulant unterstützt von
Pflegern und Hospizmitarbeitern, ermöglicht ein Sterben unter Bedingungen, die viele
Sterbende sich wünschen.

Bis zum Ende des Lebens kann Glück eine Rolle spielen: Niemand kann darüber bestimmen,
wie das schicksalhafte oder zufällige Glück oder Unglück am Ende ausfällt. Einiges bleibt
jedoch für das Wohlfühlglück zu tun, wenn ein Mensch weiß, was ihm gut tut, während gegen
das, was ihm weh tut, Schmerzmittel eingesetzt werden können. Das Glück der Fülle stellt
sich am ehesten dann ein, wenn das eigene Leben bei all seiner Gegensätzlichkeit zumindest
im Rückblick bejaht werden kann. Aber niemand sollte gegen seinen Willen dem Stress
ausgesetzt werden, sich jetzt um jeden Preis noch glücklich fühlen zu müssen. Gerade die
letzte Zeit kann auch vom Unglücklichsein geprägt sein, etwa darüber, dieses Leben und die
Liebsten endgültig verlassen zu müssen. Wichtiger als das Glück kann in der letzten Phase
des Lebens der Sinn sein, vorweg der Sinn der Sinnlichkeit: Wenn nicht mehr viel zu sagen
ist, bleibt noch die Berührung, denn der Tastsinn, der im Mutterleib als erster Sinn entsteht, ist
bis zuletzt ansprechbar. Sinn vermitteln die gefühlten Beziehungen zu Anderen jetzt mehr als
je zuvor, aber über die Nähe und Distanz zu ihnen bestimmt der Sterbende selbst. Jetzt wächst
auch das Bedürfnis, nachzudenken über das Leben und den möglichen Sinn des Lebens, des
eigenen und des Lebens überhaupt, sowie über den möglichen Sinn darüber hinaus.

Das Mysterium des Lebens tritt mit dem Tod schlagartig hervor. Die Menschheitsgeschichte
wiederholt sich in diesem Moment, denn das gesamte Werden des Menschen ging mit einem
Erstaunen und Erschrecken über den Tod einher und mit der Unruhe darüber, was danach
kommt. Daher die Grabbeigaben schon in grauer Vorzeit, die den Verstorbenen für das Leben
nach dem Tod rüsten sollten, denn er konnte sich doch nicht in nichts auflösen! Aber wohin

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entschwindet er? Was ist mit dem Menschen, der „gegangen ist“? Was geschieht mit ihm?
Welche Beziehung zu ihm ist noch möglich? Kann ein Toter wirklich tot sein?

Wenn ich zu überlegen beginne, was den Toten vom Lebenden unterscheidet, finde ich vor
allem dies: Die Energien sind nicht mehr in ihm. Nicht etwa geheimnisvolle, sondern gut
bekannte Energieformen wie Wärme, messbar durch bloße Berührung, und Elektrizität,
messbar durch ein EKG, das die Herzstromkurven wiedergibt, und ein EEG, das die
Spannungsschwankungen der Hirnströme aufzeichnet. Bis da nichts mehr ist. Wenn aber das
Wesentliche eines Menschen (und jeden Wesens) die Energien sind, die den Körper beleben,
dann gilt: Energie kann in andere Energieformen umgewandelt, aber nicht vernichtet werden.
Das besagt der Energieerhaltungssatz (1. Hauptsatz der Thermodynamik), den Hermann von
Helmholtz 1847 nach Vorarbeit des Heilbronner Forschers Robert Mayer für die Physik
formulierte. Als Physiologe bezog er diesen Satz auch auf Lebewesen. Was Energien für das
Leben und das persönliche Befinden bedeuten, weiß jeder Mensch, der im Februar die
Frühlingssonne herbeisehnt.

Das Schwinden der Energien aus dem Menschen beendet das Leben. Sobald sie den Körper
verlassen, hört er in der gegebenen Form zu existieren auf, seine Bestandteile erleben jedoch
eine Verwandlung in andere Formen. Alle Atome und Moleküle gehen früher oder später in
andere Zusammenhänge über, nichts geht verloren. Bei einer Einäscherung wird die
biochemisch in jeder Körperzelle gespeicherte Energie in Wärme verwandelt, die in die
Atmosphäre übergeht. Wird der tote Körper nicht verbrannt, sondern begraben, setzt die
Verwesung ein, eine andere Art der Umwandlung, bei der Moleküle umgruppiert und von
vielerlei Lebewesen in biochemischen Prozessen weiterverarbeitet werden.

In welcher Form auch immer: Die Energie stirbt nicht. Nachdem sie einen Menschen belebt
hat, ist sie nach seinem Tod weiterhin da, ohne genau lokalisierbar zu sein. Sie bleibt im
Raum, unsichtbar und doch spürbar. Allmählich zerstreut sie sich, aber kein Quantum geht
verloren. Das Gefühl, dass ein verstorbener Mensch „noch da ist“, kann also reale Gründe
haben. Viele berichten von diesem Gefühl nach dem Tod eines nahestehenden Menschen. Es
ist so, als schenke ein Mensch die Zuwendung, die er vor dem Tod erfahren hat, danach den
Lebenden. Wenn diese den Tod nicht fliehen, können sie seine Energie wahrnehmen,
aufnehmen und mit ihr nach der großen Irritation ins Leben zurückkehren. Der neue Mut, der

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sie überkommt, verdankt sich der Energie, die der Tote nicht mehr für sich braucht, sondern
dem überlässt, der in Beziehung zu ihm bleibt. So lebt das Wesentliche eines Menschen
weiter in den Lebenden und trägt zu ihrem inneren Reichtum bei.

Selbstverständlich: Das ist keine letzte Wahrheit, aber eine mögliche Deutung, die nicht auf
Willkür beruht, sondern auf Überlegungen zur Plausibilität, zur Nachvollziehbarkeit der
Zusammenhänge. Auch die Beobachtung, dass die Abwesenheit des Menschen nach seinem
Tod unwirklich erscheint, ergibt Sinn, denn er lebt nicht mehr in dieser Wirklichkeit, sehr
wohl jedoch in einer anderen. Etwa „im Himmel“, wie es den Kindern nach dem Tod von
Oma und Opa gesagt wird? Ja, wenn unter Himmel die Unendlichkeit der Möglichkeiten
verstanden wird. Die Energie, die vom Verstorbenen übrigbleibt, ist im Grunde bloße
Möglichkeit, reine Potenz, wie alle Energie: Je mehr Energie, desto mehr Möglichkeiten, mit
denen eine Wirklichkeit herbeigeführt werden kann, sodass die Potenz zum Akt wird.

Aller zeitlichen Wirklichkeit liegen überzeitliche Möglichkeiten zugrunde, denn woher sonst
sollte eine Wirklichkeit kommen? Sollte auch diese Deutung plausibel sein, folgt daraus, dass
die Lebenden und die Toten ein und dieselbe Welt bewohnen, nur auf unterschiedlichen
Ebenen: Ebene der Materie und ihrer begrenzten, endlichen Wirklichkeit, Ebene der Energie
und ihrer unbegrenzten, unendlichen Möglichkeiten. Die reale Gestalt stirbt, nicht jedoch die
Energie, die sie belebt hat. Inmitten der Endlichkeit tut sich ein Fenster zur Unendlichkeit auf,
in der selbst dann, wenn der Mensch „nicht mehr da ist“, eine Gemeinschaft mit ihm möglich
erscheint, nämlich in der energetischen Verbundenheit in intensiven Momenten des Denkens
und Fühlens. Es wäre auch nicht mehr unsinnig, sich vor dem Tod für eine Weile Adieu zu
sagen bis zur künftigen Wiederbegegnung im Kontinuum der Energie, ganz ohne störende
Ichs und sterbliche Körper, leider jedoch wohl auch ohne Bewusstsein.

Im Leben selbst sind dies die intensivsten Momente: Sich voller Energie zu fühlen und sich in
diesem Vollgefühl alles Mögliche und Unmögliche zuzutrauen. Typisch ist das für die
Erfahrung der Liebe. Auch für die des Todes? Aus der Binnensicht des Menschen, der den
Tod erfährt, fühlt sich dieser äußerste Moment womöglich ganz anders an als von außen. Er
könnte der Erfahrung ähneln, nach der die Liebenden sich sehnen und die sie in manchen
Augenblicken auch erlangen: Eine Rückkehr zum energetischen Zustand, um auf dieser
Ebene miteinander und mit allem zu verschmelzen. Was beim Einswerden mit einem Anderen

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erfahrbar ist, könnte im Moment des Todes zur unio mystica mit dieser anderen Dimension
über das reale Leben hinaus werden. Der „kleine Tod“ der Liebesekstase könnte eine
Vorahnung des großen Aktes sein, der der Tod selbst ist, der gewaltigste Moment des Lebens
mit einem Hinausströmen des Selbst aus sich, einer rauschhaften Auflösung des Lebens in
dieser Gestalt. Diese ultimative Ekstase würde nicht mehr nur ein „Hinausstehen“ (ekstasis im
Griechischen), sondern ein völliges Hinausgehen aus sich und diesem Leben zur Folge haben.

Aber kann es über den Tod hinaus wirklich noch eine Beziehung zur Person des Verstorbenen
geben? Niemand kann definitiv wissen, in welchem Status ein Toter lebt. Wohl eher nicht im
Status einer Person, die ein Bewusstsein haben müsste und „Ich“ sagen könnte. Das sind nach
gegenwärtigem Stand des Wissens Leistungen des Gehirns, die bioelektrische Prozesse
voraussetzen. Tot ist ein Mensch in Bezug auf das Leben, das er gelebt hat. Vergangen ist die
einmalige Zusammensetzung der Bestandteile, die ihn als Person charakterisierte. Die Person
in dieser Komposition, die ihre begrenzte Zeit hat, löst sich auf.

Kann ich dennoch mit dem toten Menschen sprechen? In jedem Fall kann der Tote als
imaginärer Gesprächspartner eine Bereicherung für das Leben sein: Mit dem Blick von
außen, der ihm zugeschrieben werden kann, trägt er zur Orientierung der Lebenden bei,
jedenfalls dann, wenn sie bereit sind, diesen Blick von ihm zu übernehmen, als wäre es der
Blick einer Person. Was dem im Weg steht, ist die Überzeugung der modernen Kultur, dass
der Tote tot ist, absolut tot. Dann ist kein wie auch immer gearteter Austausch mehr
vorstellbar, sodass alles, was noch zu sagen wäre, für immer im kosmischen Nichts verhallt.
Was ungesagt und ungelebt bleibt, kann jedoch zur Last werden, die nicht aufhört, einen
Menschen zu bedrücken.

Das wird anders mit der Annahme, dass das Leben weit umfassender ist als das individuelle
Leben hier und jetzt, ja, dass es sogar seinen Gegensatz noch mit umgreift, den Tod, der selbst
eine Art von Leben ist, wenngleich er nicht die Form eines Daseins annimmt. Es gibt keinen
Tod außer dem Tod der Person. Auch von der Wirklichkeit, die durch diesen Menschen
geprägt worden ist, verschwindet nichts, außer auf längere Sicht der Name, der für die
Prägung steht, und das Wissen Anderer davon. Jeder Mensch, der aus der energetischen
Möglichkeit kommt und in sie zurückkehrt, hinterlässt eine Spur in der materiellen
Wirklichkeit, mag es sich auch nur um eine Winzigkeit handeln. Sein Ich wird verwischt und

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ausgelöscht, aber einige Atome, Moleküle, Gefühle und Gedanken haben sich durch sein
Dasein anders bewegt, als sie sich ohne ihn bewegt hätten.

Inmitten der Trauer wird es zur Gewissheit, dass da ein Sein ist, das von aller Endlichkeit
unberührt bleibt, ein ewiges Sein durch alle kommenden und gehenden Personen hindurch.
Die Endlichkeit erscheint dann als Ende des Lebens in seiner jeweiligen Gestalt, die
Unendlichkeit als nicht endendes Sein über alle Gestalten hinaus. Daher kann der, der
zurückbleibt, sich hin- und hergerissen fühlen zwischen dem unendlichen Schmerz über den
Verlust, der nicht mehr rückgängig zu machen ist, und der unendlichen Euphorie über das
Sein, in dem das gemeinsame Leben geborgen ist. Auf Zeiten der Verwirrtheit und
Verzweiflung können solche der Gelassenheit und Heiterkeit folgen. Über alle Traurigkeit
hinaus ist Heiterkeit das Gefühl und der Gedanke, mit der Endlichkeit versöhnt zu sein und
sich in einer Unendlichkeit aufgehoben zu wissen, unabhängig davon, welcher Name ihr
gegeben wird. In jedem Augenblick und mit jedem Tun und Lassen wird aus Unendlichkeit
eine Endlichkeit, aus Möglichkeiten eine Wirklichkeit. Mit jedem Augenblick geht
Wirklichkeit aber auch vorbei und wird wieder zur Möglichkeit.

Nach dem realen Leben könnte der Aufenthalt in der surrealen Dimension des körperlosen
Seins als eine Art von Schlaf verstanden werden, der dem allnächtlichen Schlaf ähnelt, diesem
Übergang aus der alltäglichen Wirklichkeit in die Traumwelt der Nacht. Auch für den Schlaf
des gesamten Seins, den Seinsschlaf, könnte Erholung ein Grund sein, aber anders als beim
gewöhnlichen Schlaf würde die Erholung nicht nur der momentanen Verfassung von Körper,
Seele und Geist, sondern der gesamten Existenz des Menschen zuteil werden. Mit der
Auflösung seiner Gebundenheit an eine feste Gestalt erholt und verjüngt er sich und kehrt
vermutlich nicht als derselbe ins wirkliche Leben zurück.

Kann es sich um eine Wiedergeburt handeln? Ja, aber in veränderter Gestalt. Eine identische
Wiederkehr ist noch nie beobachtet worden. Plausibel erscheint, dass von der frei gewordenen
Energie nach dem Tod früher oder später andere Formen des Lebens, andere Menschen,
Wesen und Dinge durchpulst werden und der Tote auf diese Weise weiterlebt. Zumindest ist
es denkbar, dass aus seinem Energiefeld heraus eine Gestalt reinkarniert, also wieder zu
Fleisch (carnis im Lateinischen) wird. Insofern aus der Energie immer wieder neues Leben
hervorgeht, kann von einem ewigen Leben gesprochen werden. Ähnlich wie beim Erwachen

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aus einem Traum könnten dabei bruchstückhafte Erinnerungen an ein früheres Leben wach
werden, wovon manche Menschen berichten, die glauben, zu anderer Zeit „schon einmal da
gewesen zu sein“. Erklärbar wäre auch die gelegentliche Empfindung im Leben, sich zwar in
dieser Wirklichkeit aufzuhalten, aber fremd in ihr zu sein, da die eigentliche Heimat anderswo
ist, nicht in der Bestimmtheit dieser wirklichen Welt, sondern in der Unbestimmtheit einer
anderen. Das wäre dann kein Spuk, der wieder vergeht. Ein Spuk wäre eher das Hier und
Jetzt, dem viel Bedeutung zugemessen wird, obwohl es morgen schon von gestern ist.

Dass manche Menschen sich ein anderes Leben über das gegebene hinaus nicht vorstellen
können, ist kein Beweis dafür, dass es dieses Leben nicht gibt. Aber auch die, die es sich
vorstellen können, können es nicht beweisen, nur annehmen. Wird ein anderes Leben jenseits
des Todes angenommen, kann der Tod als ein Hinübergehen von einer Lebensform zur
anderen verstanden werden. Es lässt sich sogar von einem „Heimgehen“ sprechen, wie es
angesichts des Todes auf der Zunge liegt, und dies nicht nur aus religiösen Gründen: Wenn
Menschen heimgehen, so kann das heißen, dass sie zurück zur ewigen Welt der
Möglichkeiten gehen, aus der sie mit ihrer Zeugung und Geburt gekommen sind.

Der Einzelne geht zugrunde, aber im vollen Sinne des Wortes, denn das Wesentliche an ihm,
das ihn leben ließ, kehrt zum Grund des großen Potenzials zurück. Vom energiegeladenen
Pol, aus dem jedes Leben anfänglich hervorgeht, wandert es zum entgegengesetzten Pol der
Energiezerstreuung, bevor mit dem Tod der Zustand reiner, ungebundener Energie wieder
hergestellt wird, die ein neues Werden ermöglicht. So kreist das Leben zwischen
Materialisierung, Entmaterialisierung und neuerlicher Materialisierung. Es vollendet sich
immer wieder dort, wo alle Möglichkeiten schlummern, bevor die Wirklichkeit eines anderen
Lebens daraus hervorgehen kann. In der gesamten Natur ist dieser Kreislauf von Werden und
Vergehen zu sehen, es kann sich damit also beim Menschen, der doch Teil der Natur ist, wohl
kaum anders verhalten. Kann das angesichts des Todes ein Trost sein?

Der übergroße metaphysische Schmerz, der entsteht, wenn ein Mensch mit dem Tod eines
Anderen konfrontiert ist, rührt zu einem guten Teil daher, dass er sich seiner eigenen
Sterblichkeit bewusst wird. Am besten kann diesen Schmerz ein metaphysischer Trost
auffangen, der nicht „jenseits der Natur“ (griechisch meta-physis) angesiedelt sein muss.
Trösten kann die Einbettung der irdischen in die kosmische Natur. Was für einen Moment die

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Lebensenergie eines menschlichen Selbst war, geht dieser Deutung zufolge über endlose
Transformationsprozesse wieder in die kosmische Energie über, die alles erfüllt und allem
zugrunde liegt. Das ist nicht metaphorisch gemeint: Alles, was auf der Erde lebt, bezieht
letztlich alle Energie aus dem Kosmos, insbesondere von der Sonne, ohne die es keinerlei
Leben auf der Erde gäbe, keine Pflanzen, die mit dieser Energie Sauerstoff produzieren, den
Menschen atmen. Bis irgendwann auch die Sonne ihre Energie an den Kosmos zurückgibt
und neue Sonnen daraus entstehen. Energie kann nicht vernichtet werden in diesem
geschlossenen System, das der Kosmos wahrscheinlich ist, denn wohin sollte er offen sein?

Der Tod kann als ein Detail des Lebens in der übergeordneten Natur des Kosmos gesehen
werden. Der kosmische Horizont führt die begrenzte Bedeutung des Irdischen vor Augen und
macht eine Dimension sichtbar, in deren unendlicher Weite sich alles verliert, was im Leben
jetzt schmerzt. Seit uralten Zeiten haben Menschen im Kosmischen die Freiheit gesucht, die
den Blick über die momentane Situation, die gegenwärtige Wirklichkeit, das gesamte Leben
hinaus weitet, um einem abgrundtiefen Schmerz zu entfliehen und in einer aussichtslosen
Situation neue Perspektiven zu erschließen. Vielleicht ist es das, was Trost der Philosophie
genannt werden kann.

Aber das sind nur Anregungen und Überlegungen. Jeder einzelne Mensch selbst entscheidet,
was er glauben oder nicht glauben will, mit oder ohne Plausibilität. Sicher ist lediglich, dass
es auch in der modernen Zeit, die so viel zu wissen glaubt, kein Wissen über die letzten Dinge
gibt. Und dass dennoch viele vom Nachdenken darüber umgetrieben werden. Um diesem
Nachdenken neuen Raum zu geben, erscheint es sinnvoll, den Horizont eines möglichen
Lebens nach dem Tod, den die moderne Kultur mutwillig verschlossen hat, wieder zu öffnen.
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Wilhelm Schmid, geboren 1953 in Billenhausen (Bayerisch-Schwaben), lebt als freier Philosoph in Berlin und
lehrt Philosophie als außerplanmäßiger Professor an der Universität Erfurt. Umfangreiche Vortragstätigkeit, seit
2010 auch in China und Südkorea. 2012 wurde ihm der deutsche Meckatzer-Philosophiepreis für besondere
Verdienste bei der Vermittlung von Philosophie verliehen, 2013 der schweizerische Egnér-Preis für sein
bisheriges Werk zur Lebenskunst. Er studierte Philosophie und Geschichte in Berlin, Paris und Tübingen. Viele
Jahre war er regelmäßig tätig als Gastdozent in Riga/Lettland und Tiflis/Georgien sowie als philosophischer
Seelsorger am Spital Affoltern am Albis in der Nähe von Zürich/Schweiz.
Homepage www.lebenskunstphilosophie.de, Twitter @lebenskunstphil

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Jüngere Buchpublikationen:
Vom Schenken und Beschenktwerden, 2017, Insel-Bücherei.
Das Leben verstehen. Von den Erfahrungen eines philosophischen Seelsorgers, 2016, Suhrkamp Verlag.
Von den Freuden der Eltern und Großeltern, 2016, Insel-Bücherei.
Vom Glück der Freundschaft, 2014, Insel-Bücherei.
Gelassenheit. Was wir gewinnen, wenn wir älter werden, 2014, Insel Verlag.
Dem Leben Sinn geben. Von der Lebenskunst im Umgang mit Anderen und der Welt, 2013, Suhrkamp Verlag.
Unglücklich sein. Eine Ermutigung, 2012, Insel Verlag.
Liebe. Warum sie so schwierig ist und wie sie dennoch gelingt, 2011, Insel Verlag.
Mit sich selbst befreundet sein. Von der Lebenskunst im Umgang mit sich selbst, 2004, Suhrkamp Taschenbuch.