Sie sind auf Seite 1von 7

RECHTSANWALT REICHT KLAGE GEGEN

DIE HUNDESTEUER EIN


Interview mit Dr. Elmar Vitt

ASTRID EBENHOCH | 23. MAI 2012 | 15 KOMMENTARE | PRINT | EMPFEHLEN |

Außer in Deutschland und unseren Nachbarländern (Österreich, Schweiz, Niederlande) gibt es in


Europa keine Hundesteuer. Auch hier steht Deutschland wieder einmal als Schlusslicht da und
hat auch zum Thema Diskriminierung und Benachteiligung von Minderheiten Nachholbedarf.
Nun reicht der Rechtsanwalt Dr. Elmar Vitt im Juni 2012 Klage, beim Europäischen Gerichtshof
für Menschenrechte, ein. Wir berichteten zu diesem Thema im Januar 2012.
Hounds & People: Warum reichen Sie Klage beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte
gegen die Hundesteuer in Deutschland ein?
Elmar Vitt: Die deutschen Verwaltungsgerichte befassen sich nicht mit unseren Argumenten.
Hier werden alle Klagen gegen die Hundesteuer nach oft jahrelangen Verfahren mit drei, vier
lapidaren Sätzen abgewiesen. Man sagt einfach, die Hundesteuer sei schon immer „anerkannt“
und die Gemeinden hätten einen „weiten Ermessensspielraum“ bei der Besteuerung der
arbeitenden Menschen. Außerdem würde die Steuer den Tieren „ja nicht weh tun“. Was für ein
tolles „wissenschaftlich fundiertes“, einem angeblich hochentwickelten Rechtsstaat würdiges
Argument! In keinem Urteil findet sich auch nur ein einziger Satz dazu, daß praktisch das
gesamte rechtswissenschaftliche Schrifttum die Hundesteuer mit guten Gründen als
verfassungsrechtlich fraglich oder gar ausdrücklich als verfassungswidrig einstuft. Alle
Sachargumente werden ignoriert und totgeschwiegen. Dem Bundesverfassungsgericht waren
über 5 Millionen deutsche Hundebesitzer nicht einmal wert, die Sache überhaupt zur
Verhandlung und Entscheidung anzunehmen. Da paßt der Fall nicht in das Schema der
politischen Themen, zu denen man sich im Karlsruhe gern mal mit wichtiger Miene äußern
möchte.
Daher haben wir nur vor einem vom deutschen Staat unabhängigen europäischen Gericht eine
Chance, daß unsere Argumente überhaupt zur Kenntnis genommen werden. Zudem hat die
große Mehrheit der europäischen Länder die Hundesteuer längst abgeschafft, so daß Richter aus
diesen Ländern unser Anliegen auch besser verstehen werden.
Hounds & People: Warum verstößt die Hundesteuer gegen die Menschenrechte?
Elmar Vitt: Nun, zunächst einmal gibt es eben richtig gesagt gar keine „Hundesteuer“ – kein
Hund ist steuerpflichtig und zahlt selbst. Es ist eine Hundehaltersteuer, die Menschen trifft. Hier
in Niedersachsen zahlt der Eigentümer eines Grundstückes für die dort gehaltenen Hunde, und
der berechnet es dem Hundebesitzer weiter. Betroffen bin also ich als Hundehalter, betroffen ist
mein Geldbeutel, und deshalb steht auch mein Menschenrecht als steuerzahlender Bürger eines
„Rechtsstaates“ zur Diskussion.
In Straßburg vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte werden wir zwei
Argumente vorbringen: Einmal greift die Hundesteuer nach unserer Ansicht unzulässig in das
Privatleben ein, weil sie mir meine Tierliebe erschwert und Hundebesitzer gegenüber anderen
Tierhaltern diskriminiert (und zudem hier einen Strafaufschlag für verheiratete Hundebesitzer
vorsieht und damit unzulässig die Ehe benachteiligt). Zum anderen werden wir geltend machen,
daß die deutsche Justiz in diesem Thema keinen ausreichenden rechtsstaatlichen Schutz
gewährt, weil sie die Sachargumente und die Fachäußerungen der Literatur überhaupt nicht
aufgreift.
Das Verfahren vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte wird allerdings nicht
einfach: Die 60 Jahre alte Europäische Menschenrechtskonvention (MRK) kennt nämlich keinen
allgemeinen Gleichheitssatz wie jede normale Verfassung, sondern nur in Artikel 14 ein eher
ideologisch-politisch formuliertes „Diskriminierungsverbot“. Das zielte ursprünglich auf
Benachteiligungen z.B. wegen Geschlecht oder Religion, aber formal geht es natürlich weiter und
kann daher auch auf die Benachteiligung von Tierliebe gelesen werden. Das gilt zumal da der
Hund heute als „Sozialpartner“ des Menschen anerkannt ist und somit zum Privat- und
Familienleben zählt, das Artikel 8 Absatz 1 MRK besonders schützt.
Und das Anrecht auf ein faires Gerichtsverfahren gibt es nach der MRK nur bei Klagen gegen
Privatpersonen, nicht bei Prozessen gegen den Staat – wo es eigentlich ganz besonders wichtig
wäre. Da haben sich die Diplomaten, die damals die Konvention ausgehandelt haben, einmal
wieder die Privilegien für die eigene Obrigkeit festgeschrieben. Allerdings kann man
entsprechende Rechte auch aus anderen Bestimmungen herleiten, so aus dem freien
Beschwerderecht nach Artikel 13 MRK, und erfreulicherweise ist der Gerichtshof in Straßburg
hierbei nicht kleinlich, sondern eher bürgerfreundlich und legt die Vorschriften wie moderne
Grundrechte weit aus. Deshalb denke ich, daß unsere Klage durchaus Erfolgsaussichten hat.
Zudem glaube ich, daß ein Verfahren in Straßburg auch Rückwirkungen auf die deutsche Justiz
hat. Die hat in den letzten Jahren so viele Klatschen aus Straßburg bekommen, daß es langsam
peinlich wird. Ich bin mir sicher, daß man in Zukunft bei den deutschen Verwaltungsgerichten
vorsichtiger sein wird und die rechtlichen Argumente gegen die Hundesteuer endlich einmal
genauer prüft und ernst nimmt, um sich international nicht weiterhin völlig zu blamieren. Das
könnte sogar dazu führen, daß die Hundesteuer in Deutschland schneller fällt, als Straßburg
überhaupt entscheiden würde. Auch diese denkbare Wirkung habe ich maßgeblich mit meiner
Klage im Auge.
Hounds & People: Es werden jährlich ca. 220 Millionen Euro durch Hundesteuer eingenommen.
Werden diese Steuereinnahmen zweckgebunden für die Hundebesitzer eingesetzt?
Elmar Vitt: 2008 waren es schon 247 Millionen Euro, Tendenz steigend. Wir dürften inzwischen
von rund 300 Millionen Euro jährlich ausgehen. Das ist eine gewaltige Geldsumme, die die
Gemeinden billig einnehmen – denn die Gegenleistung ist Null. Das Geld fließt in den
allgemeinen Steuersäckel und wird hier in unserer Gemeinde etwa für die unnötige
Luxussanierung des vorher einwandfreien modernen Rathausvorplatzes (immer noch mit
Treppe, aber nach Politikersprechblasen „behindertengerecht“), für alberne sogenannte „Kunst“
im hochtrabend zum „Bürgerpark“ hochstilisierten Wäldchen, oder für den umfassenden Umbau
der Hauptstraße mit Abzweigung zur Ansiedlung des fünften (!) Supermarktes in einem 4.000-
Einwohner-Dorf schlichtweg aus dem Fenster geworfen. Unser gerade Ende 2011 neu gewählter
Bürgermeister von den Grünen stellte als Antrittsbedingung, daß die Anzahl der
stellvertretenden Pöstchen-Inhaber flugs von einem auf drei erhöht wurde. Nun hat unser
kleines Heidedorf gleich sechs Bürgermeister – einen Samtgemeindebürgermeister mit Vertreter
und einen Ortsgemeindebürgermeister mit drei Vertretern. So sieht sparsame schlanke
Verwaltung aus, und das braucht natürlich Geld.
Ein Tierheim gibt es hier im Samtgemeindegebiet allerdings nicht. Pech gehabt. Das Rathaus
begnügt sich mit einem Plakat, nach dem wir Steuerzahler für das Tierheim im etwa 40 km
entfernten Buchholz spenden sollen. Wie schön zu lesen.
Und der „Bürgerpark“ des Dorfes, der angeblich durch Hunde „verdreckt“ wird und wofür die
Hundesteuer laut dem ersten Ortsgemeindebürgermeister angeblich da sein soll – nun, der wird
ausschließlich ehrenamtlich von Rentnern und Kindern gereinigt, ohne Beteiligung der
Gemeinde, und zwar vor allem von den endlosen Scherben und Kippen der dort saufenden und
rauchenden Halbstarken und den regelmäßigen Hakenkreuzschmierereien. Das Gymnasium, der
Elitenachwuchs der Republik, geleitet von unseren hochbezahlten beamteten „Pädagogen“, ist
eben nur 100 Meter entfernt. In den vier Jahren, in denen ich dort mit den Hunden spazieren
gehe (und die gelegentlichen Häufchen unserer Vierbeiner artig vom Gehweg entferne), bin ich
noch nie in einen „Stempel“ eines Hundes getreten, aber schon öfter in Scherben und den
sonstigen Industriemüll, den unsere Wohlstandskinder dort in rauen Mengen malerisch
verstreuen. Eigentlich wäre das nach der Logik unsere Politiker alles ein Grund für eine saftige
„Kindersteuer“ …
Die Hundesteuer ist zudem für die Gemeinden sehr praktisch. Kontrolliert oder „eingetrieben“
wird da nichts, allen Beteuerungen zum Trotz, zumindest bei uns. Ich bin mit dem Hund oft
genug im Amt gewesen oder der Polizei oder Ordnungsamtspersonal begegnet – nie hat jemand
nach der Steuermarke geschaut oder gefragt. Unsere Hündin, die „Lady Viola“, hat nicht einmal
eine Marke – glauben Sie, das wäre irgendjemandem einmal aufgefallen? Wer so brav und bieder
ist und ins Amt kommt und den Hund anmeldet, erhält einen Computereintrag für das
elektronische Abbuchen der Hundesteuer mit der Grundsteuer – weitgehend ohne
Kostenaufwand für die Gemeinde – und eine Blechmarke, das war’s. Danach wird seitens der
Gemeinde nur noch automatisch kassiert, jahrelang, solange der Hund lebt. Billiger kann man
die Gemeindekasse nicht füllen.
Hounds & People: In Deutschland leben bei 80 Millionen Einwohner ca. 6 Millionen
(registrierte) Hunde, in den USA bei 250 Mill. Einwohner in ca. 75 Millionen Haushalten ein
oder mehrere Hunde, in Frankreich bei 65, 5 Mill Einwohner 25 Mill. Hunde und in England bei
60 Mill. Einwohnern 16.8 Mill. Hunde. In keinem dieser Länder gibt es eine Hundesteuer. In all
diesen Ländern gibt es fast genauso viele Hunde wie Kinder. Worin liegen Ihrer Meinung nach
die Ursachen, daß sich Deutschland offenbar nicht nur zu einem Kinder-, sondern auch zu einem
hundefeindlichen Land entwickelt?
Elmar Vitt: Das ist eigentlich eine falsche Frage an einen Juristen. Aber Recht ist auch eine
Sozialwissenschaft, also will ich mich nicht ganz drücken.
Von der Erfahrung mit dem deutschen Rechtssystem im internationalen Vergleich ist zu sagen,
daß die Deutschen einfach alles als Bedrohung empfinden und es deshalb genauestens
reglementiert, möglichst verboten, mindestens aber begrenzt, bewacht und besteuert sehen
wollen. Was in anderen Ländern als Chance, als Bereicherung, als Lebensqualität gilt (und es
auch ist), wird hier erst einmal mit Bedenken überhäuft, als Risiko eingestuft und es produziert
eine Kaskade von Abwehrreaktionen. Wenn in Japan eine gigantische Flutwelle 20.000
Menschen tötet und eine paar Leute Strahlenschäden davon tragen, dann werden bei uns die
Atomkraftwerke abgeschaltet, während alle Nachbarländer neue bauen und wir von dort unseren
Strom teuer einkaufen. Irrationale Panikmache ist hier immer ein Geschäft. Seit über 40 Jahren
„stirbt“ angeblich unser Wald – auch wenn man bis heute wenig davon sieht. Die
„Klimaerwärmung“ ist hier in aller Munde, nur spielt dummerweise das Wetter nicht mit, das
uns in Folge drei Rekord-Kälte-Winter beschert hat. Irgendwer müßte dem Klima mal sagen, daß
es nach Ansicht der deutschen „Umweltschützer“ gefälligst wärmer zu werden und uns kräftig zu
erschrecken hat …
Deutschland ist genauso, wie es tier- und kinderfeindlich ist, z.B. auch fremdenfeindlich,
unternehmerfeindlich, innovationsfeindlich. Da zeigt sich eben doch, daß die griechisch-
römische Zivilisation dieses Land nie wirklich erreicht hat. Hier ist ein Hund erst einmal ein
Störfaktor. Macht Lärm. Macht vielleicht Dreck. Ja, beißt möglicherweise eventuell unter
Umständen sogar. Stimmt vielleicht auch, aber der Staat tut absolut nichts, aber auch gar nichts
effektiv gegen die Hundehalter, die mit ihren Tieren nicht umgehen können und die daher zu
den (seltenen) Fällen von Übergriffen auf Menschen führen. (Meistens sind es im Übrigen
andere Hunde, also die Artgenossen, die Opfer aggressiven Verhaltens bei falsch gehaltenen
Hunden werden und nicht Menschen.) Das alles ist zwar nicht ansatzweise vergleichbar dem
Leid, den Schmerzen, den Verletzungen, die Hunde z.B. als Versuchstiere durch den Menschen
erdulden müssen, aber Schlagzeilen macht es bei uns nur, wenn irgend ein völlig natur- und
realitätsfern erzogenes verhaltensgestörtes Computerhocker-Kind, das mit einem Hund nichts
anzufangen weiß, von einem davon verwirrten Vierbeiner drei Kratzer abbekommen hat und die
Boulevard-Presse mal wieder eine Riesenstory daraus macht. Wenn die gleichen Gazetten im
gleichen Umfang über jedes zu Tode gequälte Versuchstier berichten müßten, wäre der gesamte
Papiervorrat der Welt vermutlich innerhalb weniger Tage erschöpft.
Schuld ist das Tier. Nicht der dafür verantwortliche Mensch, und schon gar nicht die mit
Milliardensummen eingerichtete „Verwaltung“, die uns doch angeblich so rundum vor allem
Ungemacht „beschützen“ soll. In keinem Land ist die Kluft zwischen Regulierungswut und
Mangel an tatsächlicher praktischer Umsetzung von den angeblichen hehren Zielen der
verwaltungsrechtlichen Vorschriften so groß wie in Deutschland. Wir haben ein eigenes
komplettes Bundesgesetz über Hundehaltung, die „Tierschutz-Hundeverordnung“, die genau
vorschreibt, daß z.B. „die Betreuungsperson dafür zu sorgen hat, daß dem Hund in seinem
gewöhnlichen Aufenthaltsbereich jederzeit Wasser in ausreichender Menge und ausreichender
Qualität zur Verfügung steht“ (§ 8 Abs.1 S.1 TierSchHundeVO vom 2.5.2001). Na toll, wie gut für
die Hunde. In den Jahrhunderten vorher sind die armen Viecher auch alle immer verdurstet, bis
endlich der weise deutsche Gesetzgeber etwas wirklich Großartiges geleistet und diese
bahnbrechende Regelung geschaffen hat. Na ja, nicht ganz, denn nach dieser tollen Leistung der
beamteten Ministerialbürokraten braucht der Hund Wasser ja nur im „gewöhnlichen
Aufenthaltsbereich“. Wenn ich ihn ins Auto packe und in der Sommerhitze dort ohne Wasser
lasse, ist es ja nicht der „gewöhnliche Aufenthaltsbereich“ und ich verstoße nicht gegen dieses
grandiose Gesetz. Kurzum: Völliger bürokratischer Unsinn, symbolische Gesetzgebung ohne
Wert, ohne Sinn, ohne Verstand. Prüfen kann und will das sowieso niemand. Unsere Hunde
trinken übrigens das gleiche hochwertige Mineralwasser wie wir. Hoffentlich genügt es den
Anforderungen an die „ausreichende Qualität“ im Sinne dieses überflüssigen Paragraphen.
Hounds & People: Hier in Deutschland wurde durch Politiker, mit Unterstützung der
Boulevardpresse, in den letzten 15 Jahren permanent Stimmung gegen Hundebesitzer gemacht
um die Gesellschaft zu spalten und Handlungsbedarf zu konstruieren. Mit einem kollektiven
Rundumschlag wurde – wegen Einzelfällen – anschließend gegen die Minderheit der
Hundebesitzer per Gesetz vorgegangen. Diese verstoßen aber gegen das bestehende
Tierschutzgesetz, wie z.B. beim generellen Leinenzwang. Stellt dies nicht ebenfalls eine
Diskriminierung gegen eine Minderheit dar? Und wäre es nicht die Pflicht der
Verwaltungsgerichte, die Gesetzgebung zu überprüfen und warum tun die das nicht?
Elmar Vitt: Hier muß ich die deutsche Justiz etwas in Schutz nehmen. In vielen Fällen wurden
diese Gesetze und Verordnungen in den letzten Jahren für unwirksam erklärt, und heute ist es
anerkannt, daß etwa Maulkorb und Leinenzwang aufgrund der Auswirkungen auf die artgerechte
Haltung nur begrenzt und mit sehr guten Gründen angeordnet werden dürfen. Einen
Generalverdacht läßt man nicht ausreichen. Der Leinenzwang in bestimmten Bereichen, z.B.
belebten großstädtischen Gebieten, läßt sich allerdings aufgrund der vielen Halter, die mit ihrem
Tier überfordert sind, auch nicht vermeiden. Das ist wie mit den Geschwindigkeitsbegrenzungen
auf der Straße. Mit einem guten Auto und einem erfahrenen Fahrer wäre es oft überhaupt nicht
problematisch, risikolos schneller zu fahren. Aber da es zu viele Sonntagskutscher gibt, deren
billige Autos zudem nicht über alle heute möglichen technischen Sicherheitsausstattungen
verfügen, sind vorbeugende Verbote bei hoher Verkehrsdichte unerläßlich. Ja, wir brauchen
mehr Zonen, wo Hunde freien Auslauf haben, und dazu sind die Gemeinden und Städte auch
rechtlich verpflichtet.
Hounds & People: In den USA wurde mehrmals in verschiedenen Bundesstaaten versucht, ein
„Kampfhund“-Gesetz zu erwirken. Jedes Mal wurde dies wegen Diskriminierung abgewiesen.
Eigentlich haben wir hier in Deutschland ja auch ein Antidiskriminierungsgesetz. Offenbar wird
hier aber durch die Judikative entschieden, wer eine Minderheit darstellt und wer nicht.
Gehören Hundebesitzer nicht hierzu?
Elmar Vitt: Klare Antwort: Nein. Was eine betroffene Gruppe im Sinn des „Allgemeinen
Gleichstellungsgesetzes“ ist, hat der Gesetzgeber selbst definiert. Es sind nur die „üblichen
Verdächtigen“ – Religion, Rasse, Sexualität usw. Es gibt einen politisch so schön unkorrekten
Witz, der das thematisiert: „In eine Berliner Kneipe kommen eine ältere Ostdeutsche, ein
Schwuler, ein kleiner Vietnamese und ein Rollstuhlfahrer. Was ist das? Antwort: Unsere
Bundesregierung.“ Und genau die Gruppen, die „politisch wichtig“ sind, haben sich mit dem
Gesetz selbst geschützt: Alte, Ausländer, Behinderte, Homosexuelle. Politiker betrachten sich
gern selbst im Spiegel. Daß es außer „homo sapiens“ mit Parteibuch sonst noch Kreaturen in
Gottes Schöpfung gibt, spielt da eher keine Rolle. Tierfreunde sind in den Augen der
Verwaltungs-Bürokraten keine schützenswerte Gruppe. Außerdem gilt das Gesetz hauptsächlich
für den Zugang zu bestimmten politisch gern diskutierten „Leistungen“ aus den
Parteiprogrammen wie Arbeit, Bildung oder Sozialschutz. Abwehr von Steuern für den
Staatssäckel ist da nicht angesagt. Genau deshalb müssen wir ja mit der Klage in Straßburg auch
rechtlich fundamental argumentieren und auf die ganz allgemeinen menschenrechtlichen
Grundlagen der Gleichbehandlung zurückgreifen.
Hounds & People: Hundebesitzer werden auch bei den Ordnungsämtern denunziert und
diffamiert. Bietet das Verwaltungsrecht für diese Behörden nicht einen Rechts-„Spielraum“ in
der Anwendung, den es selbst im Strafrecht nicht gibt?
Elmar Vitt: Auch hier ist die Antwort: Von Rechts wegen nein. Das (repressive)
Ordnungswidrigkeitenrecht (zu Deutsch: das Recht der Bußgeldbescheide) ist materielles
Strafrecht und gewährt praktisch die gleichen rechtlichen Garantien für den Betroffenen. Auch
das (präventive) Polizei- und Ordnungsrecht steht unter durchaus strengen gesetzlichen
Vorgaben. Das „Ermessen“ der Behörden ist hier durch den Verhältnismäßigkeitsgrundsatz, der
Verfassungsrang hat, und zahlreiche formelle Grenzen deutlich eingeschränkt. Man kann sich
gegen willkürliches Eingreifen der Ordnungsbehörden rechtlich schon sehr gut wehren. In einem
haben Sie allerdings Recht: Die oft gering qualifizierten Beamten verursachen häufig dem
Betroffenen erst einmal eine Menge Ärger und Aufwand, bis man sie in die Schranken verwiesen
hat, und nicht jeder hat dauernd Zeit und Geld, für alles einen guten Anwalt einzuschalten, den
man meist doch am Ende selbst bezahlen muß, auch wenn er gegen die Behörde erfolgreich war.
Hounds & People: Tierschutz und die Gleichbehandlung der Menschen die Tiere lieben, ist eine
Gesinnung und symbolisiert die Humanität einer Gesellschaft. Deutschland hat diesbezüglich im
Gegensatz zu anderen Ländern weder eine lange Tradition, noch ist diese Gesinnung in unserer
Gesellschaft präsent. Deutschland liegt auch wegen Klagen gegen Menschenrechtsverletzungen
beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte nach der Türkei, der Ukraine und Russland
im oberen Drittel. Symbolisiert der Umgang mit dem besten Freund des Menschen, nicht auch
wie eine Gesellschaft mit anderen Tieren und auch Menschen umgeht?
Elmar Vitt: Dem kann man kaum widersprechen. Die deutsche Geschichte der letzten 100 Jahre
beweist es – von Deutschland gingen zwei Weltkriege aus, und zwei der schlimmsten Diktaturen,
die die Menschheit erlebte, konnten sich hier etablieren. Das Land und seine Regierung stehen
in neutralen Abhandlungen des 20. Jahrhunderts für Militarismus, Holocaust und Schießbefehl.
Die deutsche Obrigkeit ist auch heute noch in ganz Europa gefürchtet, und ich glaube manchmal,
daß uns die EU genau deshalb so mit uferloser Bürokratie überschüttet, um die deutsche
Verwaltung damit zu beschäftigen und von Schlimmerem abzuhalten.
Das Problem in Deutschland ist die noch mangelnde Reife des Volkes, seine Rolle als Souverän
in einem demokratischen Staat zu spielen. Uns fehlt einfach ausreichende Tradition im Umgang
mit demokratischem Denken. Das bedeutet nämlich nicht nur, daß man Rechte hat – wie z.B.
das Parlament zu wählen -, sondern als „Souverän“ eben auch Pflichten, d.h. sich in wesentlichen
Fragen der Politik kundig zu machen, verantwortungsvoll zu wählen und den gewählten
Vertretern auf die Füße zu treten, wenn sie anfangen, uns auf der Nase herum zu tanzen. Nichts
davon aber geschieht hier. Demokratie, schön und gut, aber gewählt werden immer noch
Extremisten, verantwortungslose Spaßparteien von erklärt ahnungslosen Youngstern, oder die
gleichen Leute, die schon seit Jahren bewiesen immer wieder zu versagen. Hauptsache viermal
im Jahr Pauschalurlaub auf Malle, Kündigungsschutz und soziale Hängematte, den Rest macht
„Muddi“ schon. Dafür brauchen wir keine Demokratie, so ging es auch schon mit dem alten
Kaiser, und wahrscheinlich gar nicht mal so viel schlechter.
Wir sehen es auch an der Hundesteuer: Die Zustimmung bei den Leuten hierzu, soweit
vorhanden, beruht fast ausschließlich auf der Fehlvorstellung, daß mit dem Geld hieraus
Gehwege gereinigt oder Tierheime finanziert würden. Es wäre kinderleicht, in der heutigen
Medien- und Informationsgesellschaft zu wissen, daß das völlig falsch ist. Trotzdem blöken die
Figuren, die bei Befragungen zur Hundesteuer ihre „Meinung“ kundgeben, immer noch
massenweise diesen Schwachsinn ins Mikrofon, wie Orwells berühmte Schafe in der „Animal
Farm“. Sich erst einmal kundig zu machen, bevor man „Meinungen“ hat und in alle Welt hinaus
schreit oder im Internet postet, das kommt ja überhaupt nicht in Frage. Das deutsche Volk
„meint“. „Meinungen“ sind aber etwas für Leute, die keine Ahnung haben. Wer nichts weiß, muß
alles glauben, und hat dann eben irgend eine „Meinung“ dazu. Die Leute waren ja auch mal der
„Meinung“, daß die Erde eine Scheibe im Mittelpunkt des Universum wäre … Wenn ich aber
etwas weiß, dann brauche ich keine „Meinung“ mehr.
Bei der Hundesteuer haben wir es mit einer rechtlichen Frage zu tun, nämlich ob die willkürliche
Erhebung von Sonderabgaben für eine einzige Gruppe von Tierhaltern, ohne jeden Maßstab zur
Höhe und ohne Bindung an einen mit dem Erhebungsgrund verbundenen Verwendungszweck,
mit dem Gleichheitssatz und dem Diskriminierungs- und Willkürverbot der Verfassung und der
Menschenrechtskonvention vereinbar sind. Offensichtlich ist keine dieser verfassungsrechtlichen
Vorgaben erfüllt. Es ist eine Entscheidung, die, verantwortungsvoll getroffen, nur etwas mit
Wissen und Logik zu tun hat, nichts mit Meinung.
Natürlich kann man jeden Mist als „Meinung“ deklarieren, etwa daß Negersklaven nützlich und
wieder einzuführen wären, oder daß Frauen gefälligst nicht zur Schule gehen oder Auto fahren
dürfen, sondern gehorsame verschleierte Dienerinnen der Herren der Schöpfung sind. Nur –
Meinungen von Ahnungslosen auf der Straße sind schlicht und einfach wertlos, in diesem Falle
einfach im wahrsten Sinne des Wortes „dogshit“. Solche unqualifizierten Meinungen braucht
kein Mensch. Wissen muß man, denken muß man, nicht meinen. Menschenrechte sind eben kein
Gegenstand von Meinungen. Die Tierhasser sollen aufpassen, sonst sind die Hundehalter
vielleicht morgen mal der „Meinung“, daß für Leute ohne Haustiere wöchentliches öffentliches
Auspeitschen eingeführt werden sollte … Aber so geht es eben nicht. Nicht umsonst ist die
Meinungsfreiheit nach dem Grundgesetz mit dem Recht, sich zu informieren (bevor man eine
„Meinung“ hat) verbunden. Und daß Meinungsfreiheit auch nach der Verfassung Grenzen hat,
wenn es um Fragen von Menschenrechten geht, das steht in Artikel 5 Absatz 2 Grundgesetz
ausdrücklich und das sollte man wissen – aber da sind wir wieder beim Problem: Wer nichts
weiß …
Und Sie haben Recht: Ein Volk, das Tiere und die Menschenrechte von Tierfreunden nicht
achtet, ist mental soweit von Mauer, Stacheldraht und Schießbefehl oder von KZs und
Völkermord nicht entfernt. Gandhi hat das schon einmal gesagt, als er den Umgang eines Volkes
mit den Tieren als Maßstab für den Grad der Zivilisation des Landes bezeichnete. Diese
unbequeme Wahrheit will in Deutschland nur niemand hören. Unsere europäischen
Nachbarländer sind da erfreulicherweise sensibler, und genau deshalb ist der Europäische
Gerichtshof für Menschenrechte im französischen Strasbourg der einzige Ort, wo wir erwarten
können, dass unsere Klage überhaupt gehört wird. Ob wir Erfolg haben werden, weiß ich auch
nicht, aber einen Versuch ist es wert.
Hounds & People: Im Namen aller Menschen die Tiere mögen, bedanken wir uns für Ihr
Engagement und das ausführliche Interview. Wir wünschen Ihnen viel Erfolg in Straßburg!
Siehe auch:
• Hundesteuer: Klageschrift beim Europäischen Gerichtshof “verloren” gegangen?
• Richter klagt für die Abschaffung der Hundesteuer