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Japans ″Freeter″ suchen Freiheit | Wirtschaft | DW | 17.09.2004 https://www.dw.

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THEMEN / WIRTSCHAFT

W IRT SC HA FT

Japans "Freeter" suchen Freiheit


Immer häufiger verzichten junge Japaner auf ein geregeltes Einkommen und springen lieber von einem Teilzeitjob zum
nächsten. Als "Freeter" streben sie nach Unabhängigkeit - und schwächen das japanische Rentensystem.

Japans Wirtschaft reagiert auf die schlechte Konjunkturentwicklung im Land: Statt Vollzeitstellen
setzen die Unternehmen häufig auf Teilzeit- und Aushilfskräfte, mit denen die Personalkosten drastisch
reduziert werden können. Die neuen Arbeitsangebote kommen den so genannten "Freetern" entgegen,
von denen es in Japan – je nach Schätzung – zwischen zwei und vier Millionen geben soll.

Freeter sind junge Menschen, die nicht als Angestellte arbeiten wollen, sondern lieber nach Lust und
Laune einer Tätigkeit als Gelegenheitsarbeiter nachgehen: "Das ist eine soziokulturelle Erscheinung",
sagt Jeanette Behaghel vom Lehrstuhl Modernes Japan an der Universität Düsseldorf, "der japanischen
Shoppen statt jobben:
Japans Jugend sucht neue Wege
Jugend geht es zwar überwiegend gut, aber die Zukunftsperspektiven sind inzwischen deutlich
schlechter geworden."

"Auffang-System"

Weil die Japaner zunehmend auf wirtschaftliche Probleme stoßen, spürten sie nicht mehr das "Auffang-System" der
früheren Jahre: "Das System ist nicht mehr rund. Der persönliche Weg der Japaner war lange Zeit vorgegeben. Wenn es
Probleme gab, dann kümmerte sich die Firma darum und half bei der Suche nach einer Lösung. Das klassische Bild, das die
Menschen von Japan hatten, hat sich längst verändert", erklärt die Wissenschaftlerin.

Günther Distelrath, Japanologe an der Universität Bonn, beschreibt die Freeter als eine "Jugendkultur", die sich – im
Gegensatz zu den Eltern und Großeltern – nicht mehr fest an einen Arbeitgeber binden will: "Diese Gruppe stellt ein
komplettes Gegenmodell zur bisherigen Gesellschaftsform dar." Dabei stünden Freizeit und Freiheit im Vordergrund und
weniger ein hohes oder sicheres Einkommen. Traditionelle Werte wie Loyalität gegenüber dem Unternehmen und
Kollektivität haben im modernen Japan einen geringeren Stellenwert als früher.

Freie Arbeit

Freeter ist eine Mischung aus dem englischen Wort "free" und dem deutschen Wort "Arbeiter". Von freier
Arbeit kann so mancher Freeter allerdings nur träumen. Nach Ansicht von Professor Tatsuro Hanada von
der Universität Tokio ist häufig auch eine "Fehlübereinstimmung im Arbeitsangebot" ein Grund für die
Tätigkeit als Freeter. Mit anderen Worten: Wer keinen Job findet, wird unfreiwillig zum Freeter.

Japan macht sich indes große Sorgen angesichts der zunehmenden


Zahl von jugendlichen Aussteigern. Nach einer jüngst vorgestellten
Studie der japanischen Regierung stieg die Zahl der Arbeitslosen
im Alter von 15 bis 34, die sich weder um eine geregelte
Beschäftigung bemühen noch sich weiterbilden, im Jahr 2003 um
40.000 auf 520.000 Betroffene.

Die Regierung befürchtet nun eine Schwächung der


Wettbewerbsfähigkeit des Landes, weil sich der Berufsnachwuchs
Japans Gesellschaft ist im Umbruch
nicht mehr ausreichend fortbilde. Der Appell ist daher eindeutig:

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Rentensystem

Erschwert wird die Situation durch ein zusätzliches Problem, mit dem Japan sich auseinandersetzen
muss: das schwindende Vertrauen in das Rentensystem. Nach Angaben des japanischen
Gesundheitsministeriums werden die Einwohner immer älter. Noch in diesem Monat werden mehr als
23.000 Bewohner des Landes älter als hundert Jahre sein, das seien zwölf Prozent mehr als noch vor
einem Jahr, so das Ministerium.

In Zukunft müssen die Japaner deshalb höhere Beiträge in die Rentenversicherung einzahlen, erhalten
später jedoch geringere Leistungen. Angesichts dieser ungünstigen Prognosen sehen die Freeter oft
keinen Anreiz, Beiträge für die Rentenkasse zu entrichten: "Es gibt zwar eine Pflicht-Grundrente in
Japan, aber viele versuchen nun, sich aus dem System herauszuhalten", zieht Jeanette Behaghel ein
düsteres Fazit für die Zukunft.

DI E RE DA KT IO N EM PF IEH LT

Japans verschwundene Jugend


Die "Hikikomori" in Japan verkriechen sich in den eigenen vier Wänden, isoliert und ohne jeglichen Kontakt zur Außenwelt - wenngleich nicht ganz
freiwillig. (15.7.2004)

W WW-LI NK S

Japanisches Ministerium für Gesundheit, Arbeit und Wohlfahrt

Datum 17.09.2004

Autorin/Autor Ingo Uhlenbruch

Themenseiten Japan

Schlagwörter japan, freeter, rentenversicherung, teilzeitarbeit, aussteiger

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