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Jan Friedrich

Golliwogg‘s Cakewalk

Die Zollverein School of Management & Design

Architekten:

Energiemanagement:

Kazuyo Sejima + Ryue Nishizawa/

Transsolar Energietechnik, Stuttgart

SANAA, Tokio

Bauphysik:

Generalplaner:

Horstmann + Berger, Altensteig

Kazuyo Sejima + Ryue Nishizawa/

Schallschutz/Raumakustik:

SANAA, Tokio;

Müller-BBM, Planegg

Heinrich Böll, Essen

Brandschutz:

Tragwerksplanung:

Hagen – Ingenieure für Brandschutz,

SAPS Sasaki and Partners, Tokio;

Kleve

B +G Bollinger & Grohmann,

Bauherr:

Frankfurt/Main

EGZ Entwicklungsgesellschaft

Technische Gebäudeausrüstung:

Zollverein, Essen

Transplan Technik-Bauplanung,

Stuttgart;

mit Winter-Ingenieure, Düsseldorf

Stuttgart; mit Winter-Ingenieure, Düsseldorf 24 | Bauwelt 32 2006 Vollständig zu erfassen sind die

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Vollständig zu erfassen sind die for- malen Bezüge der Zollverein School zu den Zechenbauten von Schupp und Kremmer nur von der in 34 m Höhe gelegenen Dachterrasse der Kohlen- wäsche (die Schule ist genauso hoch). Von der Gelsenkirchener Straße ist der Neubau etwas abgerückt, um den Maßstabssprung zur benachbarten Wohnbebauung zu mildern.

Wie die Fenster der neuen Zollverein School angeordnet sind, das habe etwas von einem Sudoku-Rätsel, schreibt Andreas Rossmann in der FAZ, und er zitiert, wie fast jeder Bericht, der sich in den vergangenen vier Jahren mit den Planungen des ersten Neubaus auf der ehe- maligen Essener Zeche seit 50 Jahren befasst hat, noch einmal den schönen Satz von Glenn D. Lowry, dem Direktor des MoMA: Der soll, als er den Entwurf von SANAA das erste Mal zu Gesicht bekam, gesagt haben, im Kontext der Schupp-und-Kremmer-Bauten auf Zollver- ein gleiche dieser dem „Einbruch des Jazz in eine klassische Komposition“. Für den Autoren der taz, Michael Kasiske, erweckt der große Seminarraum der Schule Assoziationen an das japanische Teehaus, „dessen Besucher frei von den Unbilligkeiten der Außenwelt friedfertig beieinander sind“. Am 31. Juli war die offizielle Schlüsselübergabe für die „Zollverein School of Management and Design“ – so die vollständige Bezeichnung der Institution, die, etwas verkürzt gesagt: Mana- gern Design-Strategien und Designern Manage- ment-Know-How vermitteln will. Die Veranstal- tung bot auch den überregionalen Feuilletons den notwendigen Anlass, um sich mit dem ers- ten Bau des Tokioter Büros SANAA in Europa zu befassen. Bemerkenswert dabei, dass sich offenbar kein Rezensent allein auf den starken Eindruck verlassen möchte, den das Gebäude selbst hervorruft. Ist doch der Kubus am süd- östlichen Rand des Zollverein-Areals, wo er als einer der „Attraktoren“ des Koolhaas-Master- plans für die Konversion der ehemaligen Zeche

plans für die Konversion der ehemaligen Zeche fungiert, derart eigenständig und eigenwillig, dass sich

fungiert, derart eigenständig und eigenwillig, dass sich Vergleiche im Grunde erübrigen. Vielleicht ist es seine radikale Kompromiss- losigkeit, die nach einem Halt in Bekanntem

suchen lässt, seine kraftvolle Unmittelbarkeit:

ein wirklicher Würfel auf einem Stück grüner Wiese, 34 Meter hoch über einem quadrati-

schen Grundriss mit 35 Meter Kantenlänge, aus

dessen hell-grauen Betonwänden die 134 qua- dratischen Öffnungen, wie es scheint, mit Formeisen in vier verschiedenen Größen will- kürlich herausgestanzt wurden. Dass die An- ordnung der rahmenlosen Öffnungen auch nicht ansatzweise Auskunft über das Innenle- ben gibt, verstärkt den Eindruck, man habe hier ein vergrößertes, sehr exakt gebautes Mo- dell vor sich. Im Dunkeln, wenn die Räume unterschiedlich beleuchtet sind, ist eine Unter- teilung zu erahnen. Am Tag jedoch bleibt für den Betrachter ungeklärt, warum hinter den Fenstern mal Köpfe, mal Beine, mal Rümpfe vorbeilaufen, oder ob jemand auf einer großen Leiter steht, um ein irgendwo in acht Metern über dem Fußboden angebrachtes Fenster zu putzen. Tatsächlich verbirgt die Betonhülle einen Sta- pel von vier verschieden hohen Geschossen und einen Dachgarten, mit jeweils völlig un- terschiedlicher räumlicher Wirkung. Jedes Ge- schoss ist konzeptionell ein großer Einraum über die gesamte Grundfläche, konstruktiv nur durch die drei Kerne und die beiden schlanken Verbundstützen untergliedert. Im 4,50 Meter hohen Erdgeschoss, das auch nach Inbetrieb- nahme der Schule öffentlich zugänglich sein

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26 | Bauwelt 32 2006 soll, ist das Auditorium als Glaskiste einge- stellt worden. Keine

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soll, ist das Auditorium als Glaskiste einge- stellt worden. Keine weitere Unterteilung hin- gegen gibt es im „Design Studio“, dem 9,80 Meter hohen Hauptarbeitsraum der Schule im ersten Obergeschoss, in dem mit maximaler räumlicher Flexibilität hantiert werden kann. Ursprünglich sollten hier noch gläserne Kis- ten und Plattformen von der Decke abgehängt werden; sie wurden aus Kostengründen (zu- nächst) nicht ausgeführt. Im „Design Studio“ offenbart sich auch, dass die Fenster selbst- verständlich nicht willkürlich über die Ober- fläche des Kubus verteilt wurden: Es gibt hel- lere und dunklere, offenere und intimere Be- reiche in diesem riesigen Raumvolumen, und immer wieder sind besondere Blicke in die Umgebung inszeniert: auf das Zechengelände, ins Grüne, auf die Straße. Der Weg zu Fuß die Treppe hinauf ins zweite, „nur“ noch fünf Meter hohe Geschoss mit zwei eingestellten Boxen für Seminarräume, der Bibliothek und eher introvertierten Arbeitsplätzen lässt die 9,80 Meter Raumhöhe des „Design Studios“ noch einmal körperlich erfahrbar werden. Auf der dritten Ebene schließt sich dann der Ver- waltungsbereich (3,17 Raumhöhe) an. Die Bü- ros sind mit Glaswänden unterteilt, zur Au- ßenwand bleibt ein um alle vier Seiten umlau- fender Flur frei: Die Arbeitsplätze orientieren sich zu innen liegenden quadratischen Patios, die sich quasi als Fortsetzungen des Dachgar- tens von oben hinab in die Geschossdecke ein- schneiden. Viel ist bereits während der Planungsphase über die Betonfassade der Zollverein School, vor allem über ihre besondere Technik, eine „passive Wärmedämmung“, geschrieben wor- den. Die großartige, im Grunde archaische Wir- kung der außen wie innen unverkleideten ein- schaligen Betonwand (aufgrund der strengen Wärmeschutzbestimmungen heute eigentlich unbaubar) tritt jedoch erst jetzt, am fertigen Gebäude, wirklich zutage. Dass die nur 30 Zen- timeter starke Wand – die Architekten verfolg- ten die Idee einer „dünnen Haut“ – einschalig sein muss, ist dem geübten Betrachter schnell ersichtlich: Die Aluminiumrahmen der fest verglasten Fenster sitzen bündig an der Innen- seite der Wand: Wo sollte da noch eine Dämm- ebene sein? Und in dieser Offensichtlichkeit ist die im Winter durch Heizschläuche indirekt „gedämmte“ Betonwand auch fern davon, ihre wahre Beschaffenheit zu verstecken. Jeder, der

Um an allen Seiten der Öffnungen blechfreie Kanten zu erhalten, wurden die Fensterbrüstungen als Rinnen aus- gebildet, die Entwässerung ist in die Wand integriert. Unten der Blick ins 2. Obergeschoss, darunter das Design Studio mit fast 10 m Raumhöhe.

integriert. Unten der Blick ins 2. Obergeschoss, darunter das Design Studio mit fast 10 m Raumhöhe.
integriert. Unten der Blick ins 2. Obergeschoss, darunter das Design Studio mit fast 10 m Raumhöhe.

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2. OG 5 4
2. OG
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6 6 6 7 2. OG 5 4 10 1 Haupteingang 2 Auditorium 3 Café 4
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Haupteingang

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Auditorium

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Café

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Computerarbeitsplätze

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Design Studio

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Seminarraum

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Bibliothek

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Büro

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Patio

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Dachgarten

1. OG DG 2 9 1 8 3 EG 3. OG 28 | Bauwelt 32
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Der Grad der Öffentlichkeit im Kubus nimmt nach oben ab: Foyer, zwei Ebe- nen mit den Arbeitsräumen der Stu- denten, Verwaltung, Dachgarten. Im Foto die Westecke des Design Studios.

Grundrisse und Schnitt im Maßstab 1 : 500. Fotos: Christian Richters, Münster

des Design Studios. Grundrisse und Schnitt im Maßstab 1 : 500. Fotos: Christian Richters, Münster Bauwelt
des Design Studios. Grundrisse und Schnitt im Maßstab 1 : 500. Fotos: Christian Richters, Münster Bauwelt

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30 | Bauwelt 32 2006 Der notwendige Sonnen- und Blend- schutz ließ sich nicht so
30 | Bauwelt 32 2006 Der notwendige Sonnen- und Blend- schutz ließ sich nicht so

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Der notwendige Sonnen- und Blend- schutz ließ sich nicht so unauffällig verbergen wie die Wärmedämmung. Außenliegende Jalousien, zunächst in Betracht gezogen, hätten zu Blech- abdeckungen an den Fensterstürzen ge- führt, und mit diesen wäre das Bild der aus dem Beton „ausgestanzten“ Öffnungen zerstört worden. Die Lö- sung: hauchdünne Vorhänge, die En- de Juli vor Ort genäht wurden.

Fotos: Thomas Mayer, Neuss

weiß, dass das, was er da sieht, so eigentlich gar nicht möglich ist, wird sofort an ein ganz spezielles Innenleben des Betons denken (siehe Seite 32). Welcher Standhaftigkeit es bedarf, ein solches Bauwerk in Deutschland zu realisieren, lässt sich erahnen. Wenn er eines in der Zusammen- arbeit mit Kazuyo Sejima und Ryue Nishiza- wa gelernt habe, so Heinrich Böll, ihr deutscher Partnerarchitekt, dann: dass man absolut hart- näckig sein müsse. Und um noch einmal auf Glenn D. Lowry zurückzukommen: Wer dessen Einschätzung zum Entwurf überprüfen möch- te, dem sei als Begleitmusik für dieses Heft ei- ne Aufnahme von Debussys Klavierzyklus „Children’s Corner“ (1906–08) empfohlen. Der letzte Satz „Golliwogg’s Cakewalk“ gilt als einer der frühen Vorboten für das spätere Ein- dringen des Jazz in die europäische Musik.

als einer der frühen Vorboten für das spätere Ein- dringen des J azz in die europäische

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