Sie sind auf Seite 1von 2

34 Thema Learning Center in Lausanne Bauwelt 42 | 2008 Bauwelt 42 | 2008 35

Äußerst flache Schalen


Learning Center EPFL Lausanne: Kazuyo Sejima & Ryue Nishizawa
Text: Kaye Geipel

Der Entwurf für das Learning Center der École Polytechnique Parken, Technikräume und ein Teil der Bibliotheksfunktionen gehbare Landschaft zu nutzen ist. Eine dritte Schwierigkeit Das Learning Center von Nor-
den (Modell) und von Süden
Fédérale de Lausanne EPFL basiert auf einem Wettbewerb, der untergebracht sind. Auf dieser Platte erheben sich zwei Beton- lag in der asymmetrischen Form. Die Tragwerksplaner von
(Luftfoto) aus gesehen. Noch
Ende 2004 entschieden wurde (Heft 7.2005). Das Center ist von schalen als begehbare Landschaft – eine größere und eine klei- Bollinger und Grohmann haben zusammen mit den Partner- fehlt das abschließende Me-
seinem Konzept her vergleichbar mit dem Kanagawa-Institut nere. Sie haben die Form eines an den Rändern zerzausten und büros in Basel und Tokio fast ein Jahr an der Frage der Mach- talldach. Das Gebäude wird
auch an seiner höchsten Stelle
auf Seite 18. Allerdings ist das Schweizer Beispiel im Vergleich in der Mitte von Löchern perforierten Bandes: die kleine Scha- barkeit der Schalen gearbeitet. Alternativen wurden durch-
nicht höher als 12 Meter wer-
zum japanischen größer und aufwendiger. Es soll für zwei De- le beginnt im Osten und macht eine Biegung an den südlichen dacht und wieder verworfen. Zur Wahl stand eine Sandwich- den, um den Seeblick der an-
fizite der EPFL eine Lösung bieten: Erstens brauchen die bis- Rand; die große beginnt im Norden, bildet hier den Hauptein- konstruktion, in der zwischen zwei Schalen aus Festbeton grenzenden Institute nicht
zu verdecken.
her separiert für sich arbeitenden Institute einen gemeinsa- gang aus und quert ebenfalls zur Südseite. Über diesen beiden Leichtkörper eingelegt sind. Eine andere Lösung sah gebün-
men Ort des Austauschs. Zweitens soll sich die EPFL mit die- Schalen und den restlichen Bereichen des Sockels wird sich in delte Stahlrohe vor. Man entschied sich schließlich für eine Foto: Didier Hostettler
sem Bau auch zur Stadt hin öffnen. Dies verlangte nach der Er- naher Zukunft noch ein leichtes Stahldach spannen, das an Serie von unterspannten Bögen, zwischen vier und neun Me-
findung eines Raums, in dem möglichst viele der in ihm statt- den gleichen Stellen Öffnungen aufweist wie die darunter lie- ter breit, bis zu 80 Zentimeter dick und höher bewehrt als die
findenden Funktionen für möglichst viele Nutzer – Studenten, genden Betonschalen. übrigen Deckenbereiche. In der kleinen Schale gibt es vier
Lehrende, zufällige Besucher, neugierige Nachbarn – auf einen davon, in der großen sechs. Diese Bögen tragen zum großen
Blick sichtbar und verfügbar sind. Etwa so, als wären die Ei- Zehn unterspannte Bögen Teil auch die dazwischen liegenden Bereiche der Schalenland-
genschaften des Internets in Architektur übersetzt. Die ganz Der Bau der Schalen stellte die Tragwerksplaner vor drei Her- schaft. Die Unterspannungen der Bögen verlaufen in der Decke
speziellen Anforderungen waren wohl auch der Grund, dass ausforderungen. Ein erstes Problem bestand in den Spannwei- der Parkgarage und wurden vorgespannt. Um den ungünsti-
sich Kazuyo Sejima mit einer auf den ersten Blick als unbau- ten, die bis zu 80 Meter betragen. Zum Zweiten weisen die gen Winkel an den Auflagern zu verbessern, erhielt das Park-
bar scheinenden Großhalle durchsetzen konnte. Ihr Projekt, Schalen eine äußerst flache Krümmung auf – das Verhältnis deck einen doppelten Boden. Im Juni wurden die beiden Scha-
das wie ein großer gelöcherter und zudem gewellter Teppich von Stich zu Spannweite beträgt 1/16,5, also auf 80 Meter 4,85 len gegossen. Man kann die perforierte Landschaft, deren Lö-
aussieht, besteht aus drei verschiedenen Schichten. Zuunterst Meter. Ein statisch sehr ungünstiger Faktor, aber eben auch die cher an ein Schweizer Rohmilchprodukt erinnern, von den
aus einem 166 auf 121 Meter großen Sockelgeschoss, in dem architektonische Voraussetzung dafür, dass das Dach als be- Hängen Lausannes aus besichtigen.
36 Thema Learning Center in Lausanne Bauwelt 42 | 2008 Bauwelt 42 | 2008 37

Farbige Graphik mit der Durch- 0.0 0.0

27.7

121.8
66.4

11.
3 3.
0.0 0.0
biegung der großen Schale,

88.

60.

1
2
0.0

6
blaue Graphik mit der modell- 0.0

177.2

9
221.4

18

14
210 11
haften Darstellung der finiten .4

2.
6.

3.
14
3.

7
3

9
9
Elemente für die Berechnung. 94
.1
18
8.
2 0.0

83.
11
Unten: Die Grundrisse zeigen, 55 6.
3 0.0

0
0.0 .4
16 217.1
dass die beiden Schalen als

16.
.6 0.0

138.4
0.0

177.2

99.6

6
4 4 .3
Durchgang sowie als Eingänge 0.0 0.0

funktionieren, über die man

72.
0
0.0
die gewellte Landschaft des 0.0 0.0 0.0 0.0

3 8. 8
Großraums betritt.

11.

99.6

54
138.4
0.0

5.
160
189.7

.8
72.0

49

38
.5
27.

.8
0.0 116
Graphik: Bollinger + Grohmann, .3

7
0.0 177.1
Frankfurt am Main 0.0
160.3

11
8

6
1.

.3
38
55.4 12

22.1

.8
0.0

11.1
.1
0.0
110.7 94

9
.
60
3.54 146.3

9
3.

6
201.4

171.
14
34.1
0.0

.1
.8
22
49
14.1

7
0.0 9 0.0

0.

.4 0
3.

55 3.
14

11

8
12

3
0.0 0.0

11

27.7
66

7.
1.
25.1

.1

12
.4

8
Links oben Graphik mit den
Architekten
zehn Bögen der beiden Scha-
SANAA Kazuyo Sejima & Ryue
Nishizawa, Tokio, lendächer, daneben die dazu-
Yumiko Yamada (Projektlei- gehörigen Unterspannungen.
tung) Die Schalen sind auf dem Un-
tergeschoss aufgelagert. Der
Kontaktarchitekt horizontale Auflagerschub
Architram, Lausanne wird über die Vorspannung in
Dominique Buxtdorf (Projekt- der Parkgeschossdecke kurz-
leitung) geschlossen.

Tragwerksplanung Graphiken oben: Losinger


Bollinger + Grohmann Ingeni- Construction, Bussigny;
eure, Frankfurt am Main Zeichnungen: SANAA, Tokio
Agnes Weilandt (Projektlei- Grundrisse Erd- und Ober-
tung); geschoss im Maßstab 1:1000
mit: Walther Mory Maier Bau-
ingenieure, Basel
Gilbert Santini (Projektlei-
tung);
beratendes Ingenieurbüro:
SAPS Sasaki und Partner,
Tokio

Generalunternehmen
Losinger Construction SA,
Bussigny
Eric Maino (Projektleitung)