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Thema

SANAA

Bauwelt 4 | 2008

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Der „White Cube“ als Präsentationsraum von Kunstwerken wird immer wieder in Frage gestellt – von Architekten, die anderes wollen als weiße Entrückung, und von Künstlern, die eine gewisse Reibungsfläche zu schätzen wissen. Wel- che Möglichkeiten bietet ein pragmatischer Minimalismus?

Kein Auratisieren

New Museum, New York City: SANAA Kritik: Hubertus Adam Fotos: Christian Richters

14 Thema SANAA Bauwelt 4 | 2008 Bauwelt 4 | 2008 15 Der „White Cube“ als

Die Zeit der „Bowery Bums“ scheint vorüber. Der Um- zug des New Museum vom Broadway in den Neubau von SANAA ist nur ein Zeichen dafür, dass der Wandel der be- rüchtigten Straße begon - nen hat. Zur Eröffnung des Mu seums hat der Schweizer Künstler Ugo Rondinone den Kommentar „Hell, Yes!“ in

Regenbogenfarben an der Fas-

sade befestigt.

Lageplan im Maßstab 1:5000

Kunst oder keine Kunst – diese Frage vermochte in den siebzi- ger Jahren noch Kontroversen auszulösen. 1977 führte der Ek- lat um eine Soloschau von Richard Tuttle dazu, dass das Whit- ney Museum in New York seine junge Kuratorin für Malerei und Plastik entließ. Noch im gleichen Jahr gründet die umtrie- bige Marcia Tucker das „New Museum of Contemporary Art“. Mehr als ein Büro, von dem aus Ausstellungen organisiert wurden, war zunächst nicht vorhanden. Bald indes konnte die neue Institution, welche das Gegenmodell zu den behäbigen Kulturinstitutionen darstellte, eigene Räume beziehen: zu-

nächst an der Fifth Avenue, dann in SoHo, am Broadway auf Höhe der Prince Street. Die späten siebziger und die achtziger Jahre, das war die große Zeit des New Museum: Damals gab es noch kein P.S.1, die Dia Art Foundation war gerade erst ge- gründet worden, und das New Museum übernahm eine Pio- nierrolle für die Vermittlung von Gegenwartskunst in New York. Künstler wie John Baldessari oder Jeff Koons wurden hier vorgestellt, bevor sie zu Weltstars avancierten. Entschie- dene Gegnerin eines L’art pour l’art, förderte Tucker den theo- retischen Diskurs, widmete sich dem Feminismus und unter- stützte den Kampf gegen Aids, als die politisch Verantwortli- chen noch im Schweigen verharrten.

Vielleicht liegt es an der neuen institutionellen Konkurrenz, vielleicht an der geringeren Resonanz, die kritische Positionen in der Gegenwart finden: In den letzten Jahren ist es ruhiger geworden um das New Museum. Doch die im vergangenen Jahr verstorbene Marcia Tucker hat die wichtigste Entschei- dung für die Zukunft der Einrichtung in die Wege geleitet, nämlich den Umzug in einen auf die eigenen Bedürfnisse ab- gestimmten Neubau. 2002 fiel die Entscheidung, die nur be- dingt für eine Präsentation zeitgenössischer Kunst geeigneten Räume am Broadway zu verlassen und neue an der Bowery zu errichten. In einem Architekturwettbewerb unter sechs einge- ladenen Büros konnte sich das in Tokio tätige Team SANAA,

das seinerzeit noch kein Gebäude in den USA errichtet hatte, gegen Abalos & Herreros, Adjaye Associates, Gigon/Guyer und Reiser + Umemoto durchsetzen. Am 1. Dezember 2007 wurde der Neubau eingeweiht. Das alte und das neue Domizil sind letztlich nur fünf Blöcke voneinander entfernt. Doch SoHo und Bowery galten lange als zwei getrennte Welten. Dass die Bowery – die ihren

Namen der „boerderij“, also dem Gutshof von Peter Stuyvesant

verdankt – um 1800 vornehmste Wohngegend und Kultur- meile der Stadt war, geriet im späten 19. Jahrhundert in Verges-

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16 Thema SANAA Bauwelt 4 | 2008 Bauwelt 4 | 2008 Blick aus dem Foyer in
16 Thema SANAA Bauwelt 4 | 2008 Bauwelt 4 | 2008 Blick aus dem Foyer in

Blick aus dem Foyer in die ge- genüber mündende Prince Street. Das reduzierte Mate- rial- und Farbkonzept, das das Gebäude prägt, kündigt sich schon im Eingangsbereich an. In den Nebenräumen erwar - tet den Besucher eine gestal- terische Überaschung mit ornamentalen Glasmosaiken. Rechte Seite: Wer nicht den Aufzug, sondern die Treppe be- nutzt, um von einem Ausstel- lungssaal in den nächsten zu gelangen, erlebt den extremst dimensionierten Raum des Museums.

senheit, als ihr Fifth Avenue und Broadway den Rang abliefen. Den Todesstoß versetzte der Straße eine inzwischen demon- tierte, auf Pfeilern geführte Eisenbahntrasse in Fortsetzung der Third Avenue. Wer dem Niederschlag aus glühender Koh - le und Öl ausweichen wollte, mied das Areal. So wurde die Bowery zum Inbegriff des Elendsviertels. Die Kehrseite der ur- amerikanischen Vorstellung, jeder sei seines Glückes Schmied, war hier erlebbar. Ein Erfolg der umstrittenen Zero-Tolerance-Politik der Stadtverwaltung mag sein, dass es unterdes an der Bowery nicht mehr Obdachlose gibt als anderswo in New York. Etwas widerspenstig ist das irgendwo zwischen Little Italy, China- town, East Village und SoHo gelegene Gebiet gleichwohl ge- blieben. Doch auch hier hat an der Ecke East Houston Street mit einem ersten Block von Luxuseigentumswohnungen das reiche Manhattan Einzug gehalten. Dieser Problemlage muss sich auch das New Museum stellen: Es kämpft mit künstleri- schen Mitteln gegen Phänomene wie die Gentrifizierung – und leistet dieser doch unweigerlich durch seine Präsenz und durch sein Publikum Vorschub. Geht man die Bowery etwas nach Norden und biegt dann in die Bond Street ein, so steht man vor dem ebenfalls gerade fertiggestellten Neubau „40

Bond“, den Herzog & de Meuron für Ian Schrager errichtet ha- ben. Als Sichtschutz für die exquisiten Wohnungen im Erd- geschoss dienen gegossene Metallgitter, deren Form und Ge- stalt von Graffiti abgeleitet wurde: Subkultur ist zum Or na - ment erstarrt. Von der Immobilienkrise, die gegenwärtig die Ver einigten Staaten erschüttert, scheint Manhattan verschont zu bleiben. Für die Architekten Kazuyo Sejima und Ryue Nishizawa vom Büro SANAA bestand die Herausforderung darin, das Raumprogramm der Auftraggeber und die New Yorker Bau- vorschriften in Einklang zu bringen – und das auf einer Par- zelle von nur gut zwanzig Metern Breite, die rechts und links von Nachbarhäusern eingekeilt ist. Die Idee eines in die Höhe sich entwickelnden Museums lag nahe, und SANAA arbeite- ten mit dem Bild übereinandergestapelter Boxen. Dass Wil- liam Lescaze um 1930 für das kurz zuvor gegründete MoMA verschiedene Varianten zu einem Turm geschichteter Ausstel- lungssäle entworfen hatte, dürfte dem japanischen Büro kaum entgangen sein. Allerdings schichteten die Architekten nicht Boxen gleichen Zuschnitts übereinander, sondern reduzierten die Grundfläche von Geschoss zu Geschoss. Damit reagierten sie auf die strengen Bauvorschriften Manhattans und ver-

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Architekten

SANAA, Tokio/Kazuyo Sejima + Ryue Nishizawa, mit Gensler, New York City

Mitarbeiter SANAA

Florian Idenburg, Toshihiro Oki, Jonas Elding, Koji Yo- shida, Hiroaki Katagiri, Javier Haddad, Erika Hidaka, Fenna Haakma-Wagenaar, Tetsuo Kondo, Taeko Nakatsubo

Mitarbeiter Gensler

Madeline Burke-Vigeland, William Rice, Karen Pedrazzi, Kristian Gregerson, John Chow, Will Rohde, Sohee Moon, Christopher Duisburg

Tragwerksplanung

SAPS Sasaki and Partners,

Tokio, mit Guy Nordenson and

Associates, New York City

Bauherr

Zubatkin Owner Representa- tion, New York City

Das gestaffelte Volumen des Gebäudes ermöglicht schmale Oberlichtbänder an den Sei- ten der Ausstellungssäle, de ren Lage von Geschoss zu Geschoss wechselt.

Grundrisse im Maßstab

1:500

4 3.OG
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3.OG
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4.OG

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5.OG 4 2.OG
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schafften dem Gesamtvolumen zugleich eine einprägsame Sil-

houette – was sich nicht zuletzt daran zeigt, dass diese als Logo

für das Museum Verwendung gefunden hat. Durch eine Mit- telachse, die in leichtem S-Schwung in die Höhe führt, wirkt der Baukörper eher wie ein labiler Kistenstapel und weniger wie ein Gebäude. Das New Museum umfasst insgesamt neun Ebenen. Vom Eingangsgeschoss aus, das sich mit seiner Glasfront zur Bowery hin öffnet und neben der Kassenzone einen Bookshop, ein Café und einen kleinen Ausstellungsbereich umfasst, ge- langt man nach unten zum weiß ausgekleideten Auditorium mit knapp 200 Sitzplätzen und nach oben in die drei Ge- schosse der Galeriesäle. Es folgen das Education Center im vierten Obergeschoss, die Verwaltung, ein für Sponsoren- events nutzbarer Multifunktionssaal mit vorgelagerten Ter- rassen und zuoberst das Technikgeschoss mit den obligato- rischen Wassertanks. Als Puffer zwischen öffentlichen und internen Bereichen fungiert das Education Center. „The Mu- seum as Hub“ ist die zwischen dem New Museum sowie dem Insa Art Space (Seoul), der Townhouse Gallery (Cairo), dem Van Abbemuseum (Eindhoven) und dem Museo Tamayo Arte Contemporáneo (Mexico City) vereinbarte Zusammenarbeit

1 Kasse 2 Buchladen 3 Cafeteria 4 Ausstellung 5 Education Center 6 Verwaltung
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20 Thema SANAA Bauwelt 4 | 2008 Bauwelt 4 | 2008 Dem Veranstaltungssaal im 6. Obergeschoss
20 Thema SANAA Bauwelt 4 | 2008 Bauwelt 4 | 2008 Dem Veranstaltungssaal im 6. Obergeschoss

Dem Veranstaltungssaal im 6. Obergeschoss sind nach Sü- den und Osten Terrassen mit Blick auf Downtown Manhat- tan vorgelagert. Die Streckmetallhülle sollte nach dem Willen der Architek-

ten nicht wie ein kommerziel-

les Fassadensystem, sondern „unengineered“ wirken, da- mit sie sich besser in die raue Umgebung einfügt.

Schnitt im Maßstab 1:500

betitelt. Erstes Resultat der Koproduktion ist eine Ausstellung zum Thema „Neighbourhood“, in der unter anderem die Ge- schichte der Bowery thematisiert wird. Das Konzept der Stapelung von Boxen mit leicht trape- zoidem Grundriss bietet mehrere Vorteile. Zum einen gelingt es, ein Volumen von erheblicher Höhe in die kleinteilige Bau- struktur einzupassen, zum anderen werden die unterschiedli- chen Raumbereiche an der Fassade erkennbar – ganz abgese- hen davon, dass die Idee des Setback-Hochhauses eine zeitge-

nössische Neuformulierung erfährt. Durch das schrittweise Zurückweichen der Geschosse bleibt aber auch Platz für Ober- lichter in den Ausstellungsebenen. Grundsätzlich geschlossen und durch Leuchtstoffröhren künstlich beleuchtet, werden die verschieden proportionierten Säle an unterschiedlichen Seiten durch natürliches Licht erhellt: zuunterst im Süden und im Westen, dann im Süden und im Norden, schließlich nur im Osten. Sejima und Nishizawa haben mit rauen Betonböden und weißen Wänden neutrale Ausstellungsräume geschaffen, le- diglich die bunten Glasmosaikfliesen, die grellgrünen Auf- zugskabinen und die mäandrierenden Vorhänge im Education Center setzen farbliche Akzente. Es ist aber wohltuend, dass

die Architekten gerade nicht dem Ästhetizismus des „White Cube“ und der damit verbundenen Strategie der Auratisierung huldigen. Alle Geschosse des Museums, das eigentlich von je- her eher wie eine Kunsthalle funktioniert, sind unterschied- lich: Die Saalhöhen wechseln, und der Lift- und Treppenblock steht auf der unteren Galerieebene mitten im Raum, im Saal darüber an der Seite. Die Konstruktion des Stahlskelettbaus wird nicht wie anderenorts mit Gipskartonplatten verkleidet, sondern ist an der Decke deutlich erkennbar. Die Fassaden sind ringsum mit Aluminium-Streckmetall überzogen. Je nach Lichteinfall und Entfernung verändert das Gebäude somit seine Erscheinung. In den Dezembertagen, da der erste Schnee sich sachte über die Stadt senkte, wirkte es von Weitem beinahe wie eine Fata Morgana; als hätten die Bauarbeiter das mit einer Plane verkleidete Gerüst nicht ent- fernt. Aus der Nähe hingegen gewinnt das Volumen an Prä-

senz und Wucht. Mit dem Glass Pavilion in Toledo/Ohio (Heft 44.2006) und dem New Museum haben SANAA zwei der wich- tigsten zeitgenössischen Museumsbauten in den USA reali- siert. Während die etablierten Institutionen auf lange schon etablierte Namen setzen, sind die auf zeitgenössische Kunst spezialisierten Ausstellungshäuser zu Experimenten bereit.

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