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18 Thema Wohnhaus in Berlin Bauwelt 15 | 2008 Bauwelt 15 | 2008 19

Kritische Verkapselung
Wohnhaus in Berlin: Kaden Klingbeil Architekten
Kritik: Doris Kleilein Fotos: Bernd Borchardt

Der Absturz eines Bomben- Dieses Gebäude dürfte es nach der Berliner Bauordnung gar von einer Schicht Steinwolle und einem mineralischen Putz.
flugzeuges im Zweiten Welt-
krieg schlug eine Schneise
nicht geben. Hinter der 24 Meter hohen Putzfassade verbirgt Lediglich ein feiner Unterschied in der Putzkörnung gibt ei-
in das Innere des Baublocks. sich eine siebengeschossige Holzkonstruktion: ein Novum im nen Hinweis auf die Holzkonstruktion.
Das siebengeschossige Wohn- innerstädtischen Bereich, ermöglicht durch zwei erstmalig ge- Puristen mag diese Verkapselung widersinning erschei-
haus schließt die Baulücke
Esmarchstraße 3 nicht ganz.
währte Befreiungen von der Bauordnung „im Einzelfall“. In der nen und die Frage aufwerfen, warum nicht gleich massiv ge-
Esmarchstraße, einer von Gründerzeitbauten geprägten Wohn- baut wurde. Umgekehrt stellt aber auch niemand die Frage,
Lageplan im Maßstab 1:5000 straße im nördlichen Prenzlauer Berg, haben Tom Kaden und warum man den Stahl im Beton nicht zu Gesicht bekommt.
Tom Klingbeil einen Präzedenzfall geschaffen. Ein Holzbau mit sichtbarer Konstruktion ist in Deutschland
Ein Holzhaus? Seit Anfang April sind die Gerüste abge- nur bis zu einer Höhe von drei Geschossen zugelassen, für die
baut, und es ist kein Holz zu sehen – bis auf die Rahmung der Innenstadt also nicht relevant. Mit der Novellierung der Mus-
beinahe quadratischen Fensteröffnungen, die sich im Schach- terbauordnung im Jahr 2002 (an die sich auch die Berliner Bau-
brettmuster mit weiß verputzten Wandflächen abwechseln. ordnung im Februar 2006 angeglichen hat) öffnet sich das
Ein solider, unaufgeregter Wohnungsbau, der viel stärker durch deutsche Baurecht dem städtischen Holzbau – jedoch nur für
die Erschließungstypologie auffällt als durch die Materialität: Gebäude der Gebäudeklasse 4, deren oberstes Geschoss bei
Ein offenes Treppenhaus aus Stahlbeton ist an die nördliche höchstens 13 Metern über Straßenniveau (Oberkante Fußbo-
Brandwand gestellt, über massive Brücken (und in drei Ge- den) liegt. Höhere Häuser müssen nach wie vor mit nicht-
schossen auch über Terrassen) erreichen die Bewohner ihre brennbaren Baustoffen errichtet werden.
Wohnungstüren. Später soll das Betonregal begrünt werden, Die beiden Befreiungen von der Berliner Bauordnung, die
doch das hat es überhaupt nicht nötig. Es gibt der Situation die Architekten in langwierigen Auseinandersetzungen er-
Transparenz und den Wohnungen eine dritte Fassade, deren wirkt haben, betreffen §27 (1) und §31 (1): Weder die tragenden
Öffnungen zwar keinen weiten, dafür aber einen besonderen Bestandteile noch die Decken mussten feuerbeständig ausge-
Ausblick bieten. führt werden, sondern lediglich hochfeuerhemmend, so dass
Ein Holzhaus, so die Architekten, muss nicht zwangsläu- Holz erstmalig überhaupt als Baumaterial für ein siebenge-
fig eine Holzfassade haben. Die Pfosten-Riegelkonstruktion schossiges Stadthaus infrage kam. Ausschlaggebend für die Ge-
aus süddeutscher Fichte mitsamt den vorgefertigten Dickholz- währung der Befreiungen war das Brandschutzkonzept, das be-
wänden ist eingepackt in zwei 18 mm starke Gipsfaserplatten reits in der Entwurfsphase vorlag. Vor allem das frei stehende
innen und eine 12,5 mm starke Gipsfaserplatte außen, gefolgt Treppenhaus hat die Feuerwehr überzeugt: Auf einem Flucht-
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Architekten Lichtbänder sind in Wände


Kaden Klingbeil, Berlin und Brüstungen des frei ste-
Tom Kaden, Tom Klingbeil henden Treppenhauses und
in die Wände neben den Woh-
Mitarbeiter nungstüren eingelassen.
Georg Enlisch, Matthias Kunz, Rechts der obere Abschluss
Jürgen Schülke des Treppenhauses.

Tragwerksplanung
Julius Natterer, Etoy; Tobias
Linse, München (Mitarbeit)

Brandschutzkonzept
Dehne, Kruse & Partner,
Gifhorn

Holzbaufirma
projekt holzbau merkle k.o.m.
gmbh, Bissingen-Teck

Bauherr
e3 BauGbR, Berlin

weg ohne geschlossene Räume kann sich kein Rauch entwi- Die Terrassen – und das ist 1 Riegel 36/28 cm
auch für die Baugruppe ein Ex- 2 Dickholzwand 210 mm
ckeln. Hinzu kommen Brandmelder auf allen Geschossen.
periment – liegen direkt vor 3 Fermacell 12,5 mm
Und zwei Betonkerne, die alle Leitungen aufnehmen und dar- den einzelnen Wohnungen, 4 Steinwolle 100 mm
über hinaus statisch eine wichtige Rolle spielen. Ein flacher Be- stehen aber als Gemeinschafts- 5 Mineralischer Putz
eigentum allen Bewohnern 6 Windverband
tonunterzug verläuft von der südlichen Brandwand zu den offen. 7 Fermacell 18 mm
Kernen bis zur „dritten Fassade“ und befreit so die Wohnun- Links die Untersicht der Holz- 8 Brettstapeldecke 160 mm
gen von tragenden Wänden. Der Unterzug liegt bündig in der verbunddecke. 9 Beton 100 mm
10 Fußbodenheizung
Holzverbunddecke, ein elegantes, präzise ausgeführtes Detail. Schnitt durch Wand und De- 11 Zementestrich 45 mm
Die Untersicht der Decken ist die einzige Stelle, an der kons- cke im Maßstab 1: 10 12 Parkett 18 mm

truktiv wirksames Massivholz zum Vorschein kommt.


Ein Holzhaus? Mit einem Treppenhaus und zwei Kernen 5 4 3 6 7
aus Stahlbeton, mit Verkapselung innen und außen, mit Kno-
tenpunkten aus Stahlblechformteilen und stählernen Andreas-
kreuzen als Windverband in den Wandebenen? 2
Das Bauen mit Holz ist hier kein ästhetischer Imperativ, 12
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sondern der Versuch, einen Prototyp als Alternative zum Mas-
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sivbau zu schaffen. Der „Holzbau in der Stadt“ wird zum Label
für die Architektur. „Nur die Verwendung von Holz im Bauwe-
sen kann unsere Wälder retten“, lautet der Slogan von Julius
Natterer, Doyen des modernen Holzbaus und Professor in Lau-
sanne, der für das Tragwerk in der Esmarchstraße verantwort- 1 8

lich ist. Nicht die mit Holz konnotierten Eigenschaften des Be-
haglichen und Natürlichen stehen im Vordergrund (obwohl
diese durch die Holzdecken im Inneren durchaus zum Tragen
kommen), sondern die selbstverständliche Verwendung eines
Rohstoffes mit vorteilhafter Ökobilanz. Holz wächst nach und
bindet Kohlendioxid; doch gilt es trotz kurzer Bauzeiten nach
wie vor als zu teuer. Die Studien zu Kostenvergleichen zwi-
schen Holz- und Massivbau variieren stark, je nach Auftragge-
ber. Soll jedoch KfW-40-Standard erreicht werden wie bei die-
sem Niedrigenergiehaus (also ein Verbrauch von 40 Kilowatt-
Stunden pro Quadratmeter Wohnfläche und Jahr), verliert der
Massivbau seinen Preisvorteil, da Holz mit geringeren Wand-
stärken auskommt und damit auch mit weniger dicker Wär-
medämmung. Die Erstellungskosten von 2250 Euro pro Qua-
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Die Pfosten-Riegel-Konstruk-
tion mit den Stahlknotenpunk-
ten sowie die vorgefertigten
Wandelemente aus Dickholz
vor der Verkapselung. Die Mon-
tagezeit für die Holzkonstruk-
tion betrug etwa eine Woche
pro Geschoss.

Die unterschiedlich aufgeteil- dratmeter Wohnfläche liegen durchaus im Normalbereich; die deren das Zögern der Architektenschaft, sich auf einen neuen
ten Wohnungen nehmen je-
Heizkosten von nur 500 Euro im Jahr für eine 140-Quadratme- Umgang mit Ressourcen einzulassen. In der Regel verlassen
weils ein Geschoss mit einer
Fläche von maximal 150 Qua- terwohnung sind langfristig von Vorteil. Absolventen noch immer die Hochschulen, ohne für „energe-
dratmetern ein – nur im 2. OG Seit geraumer Zeit verfolgt nicht nur die Tagespresse den tisch korrektes“ Bauen ausgebildet zu sein; die Frage der Nach-
sind zwei kleine Wohnungen
Baufortschritt, auch das ZDF dreht eine Langzeitdokumenta- haltigkeit wird als Nebenwiderspruch gehandelt. Es ist be-
untergebracht. In das Erdge-
schoss ziehen die Architek- tion. Von einem „Weltrekord“ ist die Rede; auch wird der Bau zeichnend, dass ausgerechnet eine Gruppe von „kritischen
ten mit ihrem Büro. gerne zum heroischen Fanal gegen das „Steinerne Berlin“ stili- Stadtbürgern“ den Ehrgeiz für den Superlativ im städtischen
siert. Die Bauherren – eine Baugruppe aus anfänglich drei Fa- Holzbau mitbrachte und sich auf die Suche nach einem erfah-
Grundrisse und Schnitt im
Maßstab 1:500 milien, „die die Welt jetzt unter dem Namen e3 kennt“ (Zitat renen Büro machte. Der Briefwechsel zwischen den Architek-
von der Webseite) – haben das Label mit dem Slogan „Holz. ten und der Baugruppe aus dem Jahr 2006 ist aufschlussreich.
Haus. Hauptstadt“ geschickt lanciert. Doch auch wenn sie ihren Mehrere angefragte Büros hatten die Baugruppe ausdrücklich
Eigentumswohnungsbau weniger professionell ausgeschlach- vor dem gewünschten Holzbau gewarnt: „... langes und kom-
tet hätten: Architekten und Baugruppe werden vom öffentli- pliziertes Genehmigungsverfahren, hohe Brandschutzaufla-
chen Interesse überrannt. Bei einer Begehung der Baustelle im gen, die ggf. zu Sprinkleranlagen oder Verkapselung der Wand-
November 2007 kamen über 1000 Besucher. elemente mit Metallplatten führen können; hohe Gebäude-
Dass ein gut durchdachtes, aber an sich wenig spektaku- versicherung, höhere Baukosten; obwohl Holzbauweise, wird
läres Gebäude wie dieses zum Großereignis wird, illustriert kein Holz sichtbar sein.“ Es war die gelassene und zugleich
zum einen die mangelnde Experimentierfreude und das kurz- abenteuerlustige Antwort aus dem Büro Kaden Klingbeil, die
fristige Gewinninteresse herkömmlicher Bauträger, zum an- zur Auftragserteilung führte.

Das auf 57 Betonpfählen ge-


gründete Gebäude ist nicht
unterkellert; Lagerräume bie-
tet der eingeschossige An-
bau im Garten. Die Balkone
sind vom Dach abgehängt.
Die grob- und feinkörnigen
Putzfelder zeichnen die Holz-
konstruktion nach.