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Theoretisches Kodieren von

Interviewmaterial
Medienaneignung mit der Grounded Theory
induktiv analysieren
Kathrin Friederike Müller

Abstract

Der Beitrag beschäftigt sich theoretisch und anwendungsorientiert mit dem Ein-
satz von Kodierverfahren der Grounded Theory bei der Analyse von Interviews
zur Nutzung und Aneignung von Medien. Anhand konkreter Beispiele aus einer
Studie zur Rezeption von Frauenzeitschriften wird gezeigt, wie mithilfe des the-
matischen Kodierens komplexes Interviewmaterial analytisch verdichtet wird.

Keywords

Kodieren, Kontextorientierung, Induktion, theoretische Sensibilität, qualitatives


Interview, Aneignung, Kommunikationswissenschaft

1 Einleitung

Dieser Beitrag beschäftigt sich theoretisch und anwendungsorientiert mit dem


Einsatz von Kodierverfahren der Grounded Theory bei der Auswertung von In-
terviews zur Nutzung und Aneignung von Medien. Im Zentrum steht die Frage,
wie die Analysewerkzeuge der Grounded Theory in der Auseinandersetzung mit
diesen Daten und dem Gegenstandsbereich Mediennutzung und Medienaneignung
forschungspraktisch eingesetzt werden können. Anhand konkreter Beispiele aus
einer Studie zur Rezeption von Frauenzeitschriften (Müller 2010) wird gezeigt, wie
mithilfe des thematischen Kodierens komplexes Interviewmaterial zu verallgemei-
nerungsfähigen Schlüsselkategorien verdichtet wird.
149
© Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH 2018
C. Pentzold et al. (Hrsg.), Praxis Grounded Theory,
DOI 10.1007/978-3-658-15999-3_7
150 Kathrin Friederike Müller

Der zweite Abschnitt fokussiert methodisch und praktisch auf die indukti-
ve Auswertung von Interviewtranskripten. Um das Verfahren nachvollziehbar
darstellen zu können, referiert er eingangs die Forschungsidee der erwähnten
Beispielstudie und ihr methodisches Setting (Abschn. 2.1). Im Anschluss wird
erläutert, wie qualitative Interviews innerhalb dieses Projekts mithilfe von Verfah-
rensregeln der Grounded Theory ausgewertet wurden, und es wird dargestellt, wie
sich diese Schritte in Bezug auf die Analyse von Datenmaterial anderer qualitativer
Analysen zur Aneignung von Medien übertragen lassen (Abschn. 2.2). Der dritte
Abschnitt reflektiert das Verfahren vor dem Hintergrund seiner Potenziale und
Limitierungen. Abschließend erfolgt in Abschnitt 4 eine Zusammenfassung der
Kerngedanken des Beitrags.

2 Theoretisches Kodieren: Das Auswerten von


Interviews zur Frauenzeitschriftenrezeption

Dieser Abschnitt illustriert praktisch, wie das theoretische Kodieren bei der Analyse
von Interviewtranskripten eingesetzt werden kann.

2.1 Kurzvorstellung: Die Studie ‚Frauenzeitschriften aus


der Sicht ihrer Leserinnen‘

Ausgangs- und Referenzpunkt dieses Beitrags ist eine Studie zur Lektüre von
Frauenzeitschriften, die als Dissertation der Autorin an der Leuphana Universität
Lüneburg entstanden ist (Müller 2010). Sie setzt sich mit dem Thema auf drei
Feldern auseinander und fragt erstens, wie sich die Rezeption medienbiografisch
entwickelt hat, wie sie zweitens im Alltag situiert ist, und welche Rolle sie drittens
bei der Artikulation von Geschlecht spielt. Um die Auswertung im Rahmen dieses
dritten Teilaspekts wird es im Folgenden vertiefend gehen.
Theoretisch knüpft die Untersuchung an die Cultural Studies und deren Rezep-
tionsbegriff an: Rezeption wird also nicht primär als Nutzung (indem zum Beispiel
die Größe und Merkmale von Publika betrachtet werden) oder Wirkung (also als
die Konsequenzen der Mediennutzung) verstanden und untersucht, sondern als
produktiver Prozess der Aneignung. Im Zentrum steht die Annahme, dass sich
Rezipierende mit den Medientexten vor ihrem persönlichen Hintergrund ausein-
andersetzen und dabei Sinnzuschreibungen hervorbringen. Medienaneignungs-
studien erforschen also „die Bedeutung konkreter Medien und Medieninhalte aus
Theoretisches Kodieren von Interviewmaterial 151

der Perspektive der Nutzerinnen und Nutzer“ (Röser 2016, S. 482). Gleichzeitig
beziehen sie die gesellschaftliche Realität als Kontext in die Analyse der Medienre-
zeption mit ein (Winter 2001, S. 141). Die Cultural Studies fokussieren somit auf die
Verbindung zwischen der Medienrezeption und dem „gesamten gesellschaftlichen
Sein“ (Röser 2000, S. 46) der Rezipierenden. Studien, die sich auf die Cultural Stu-
dies beziehen, nehmen stets sowohl den konkreten lebensweltlichen Kontext des
Medienhandelns als auch die gesellschaftliche Bedeutung der Medienrezeption in
den Blick, beispielsweise hinsichtlich von Machtfragen (Fiske 1989). Die Analyse
der Artikulation von Geschlecht bei der Frauenzeitschriftenrezeption hat ent-
sprechend das Ziel zu analysieren, wie die Befragten bei der Lektüre des Mediums
Zweigeschlechtlichkeit herstellen oder dekonstruieren (Müller 2010, S. 111-123).
Ausgehend von dem Gedanken, dass Geschlecht nicht natürlich gegeben ist, son-
dern von Menschen hervorgebracht und gewissermaßen ‚gemacht‘ wird (Butler
1991), fragt die Studie, ob und gegebenenfalls auf welche Weise sich die Leserin-
nen in diesen Prozessen des ‚Doing Gender‘ selbst als Frauen bezeichnen und wie
sie Geschlecht bei der Lektüre zum Ausdruck bringen. Knapp zusammengefasst
wird untersucht, inwiefern die Befragten bei der Lektüre von Frauenzeitschriften
äußern, wie sie Weiblichkeit verstehen, welche Attribute sie auf einer allgemeinen
Ebene Männern und Frauen zuschreiben, und ob sie sich selbst als Frau beschreiben
und somit Weiblichkeit als Teil ihrer Identität zum Ausdruck bringen. Das Ziel
der Analyse ist es, im Interviewmaterial Äußerungen herauszuarbeiten, in denen
sichtbar wird, wie Geschlecht während der Mediennutzung ‚gemacht‘ wird und
wie es über solche Prozesse gesellschaftliche Relevanz bekommt. Dieser Prozess
wird Ang und Hermes (1994, S. 122) folgend als Ergebnis der Auseinandersetzung
der Leserinnen mit Gender-Positionierungen im Text verstanden, die die Frauen
in Gender-Identifikationen auf sich selbst beziehen. Da Frauenzeitschriften sich
über das Geschlecht an ihre Zielgruppe richten und Weiblichkeit in ihren Inhalten
intensiv thematisieren, sind sie prädestiniert für die Analyse der Hervorbringung
von Geschlecht bei der Medienrezeption.
Um die Rezeption von Frauenzeitschriften im Kontext ihrer biografischen
Entwicklung und alltagsweltlichen Bezügen analysieren zu können, wurden 19
qualitative, leitfadengestützte Tiefeninterviews mit Leserinnen der marktführenden
klassischen Frauenzeitschrift Brigitte durchgeführt, die die Zeitschrift über einen
Zeitraum von mehreren Jahren oder Jahrzehnten nutzten. Die Interviews fanden
überwiegend bei den Befragten zuhause statt und dauerten zwischen eineinhalb und
drei Stunden. Der Leitfaden enthielt Passagen zur medienbiografischen Entwick-
lung der Frauenzeitschriftenlektüre und zur aktuellen Lektürepraxis (Müller 2010,
S. 129-151). Da die Studie nicht in allen Teilen, sondern ausschließlich hinsichtlich
der Auswertung von Geschlechterartikulationen als Grounded Theory angelegt
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ist, wurde bei der Rekrutierung der Befragten kein Theoretisches Sampling im
Sinne einer theoriegeleiteten, sukzessiven Erweiterung des Samples durchgeführt
(Strauss 1998, S. 49), sondern das Sample im Vorfeld zusammengestellt. Es wurden
Langzeitleserinnen von Brigitte interviewt, um neben der aktuellen Lektüre zu-
sätzlich Einblicke in medienbiografische Entwicklungen nehmen zu können. Um
zu vermeiden, ausschließlich Befunde zu einer spezifischen Gruppe zu generieren,
wurde das Sample nach Lebensalter und Bildung systematisch quotiert (Müller
2010, S. 132ff.). So sind Frauen im Alter zwischen 23 und 69 Jahren in gleichen
Teilen vertreten, ebenso wurde auf eine gleichmäßige Verteilung auf Leserinnen
mit und ohne Hochschulstudium geachtet. Zudem wurden sowohl Frauen aus
Städten zwischen 3,5 Millionen und 59.000 Einwohnern befragt als auch darauf
geachtet, dass unterschiedliche Lebenszusammenhänge hinsichtlich der Gestaltung
von Berufstätigkeit, Partnerschaft und Familie im Sample vertreten waren. Als
Fall wurde die einzelne Befragte festgelegt (s. auch Krotz, in diesem Band) und
bezüglich ihrer spezifischen Eigenschaften wie auch in Relation zu den anderen
Befragten betrachtet. Ein Fall gestaltete sich etwa so:

• Judith ist eine Physiotherapeutin, die das Gymnasium in der 12. Klasse ohne
Abitur verlassen hat. Sie ist bei der Befragung 55 Jahre alt ist. Sie ist geschieden
und lebt alleine. Judith hat keine Kinder und wohnt in einer mittelgroßen Stadt in
Niedersachsen. Sie kauft Brigitte regelmäßig und liest sie seit 1980. Judith schätzt
es, sich auf Basis der Lektüre mit geschlechtsgebundenen Themen auseinander-
zusetzen und selektiert bei der Rezeption die Artikel stark interessenbezogen.

Kontrastiv zu Judith sind die Lebenssituationen der Fälle Bettina und Anna angelegt.
In Bezug auf die Aushandlung von Geschlecht ist die Differenz hinsichtlich ihrer
Sozialisation bzw. ihrer sexuellen Orientierung instruktiv:

• Bettina ist Diplom-Ökonomin, aber zum Zeitpunkt des Interviews nicht mehr
berufstätig. Sie ist 58 Jahre alt, verheiratet, hat zwei erwachsene Kinder und
lebt in einer Großstadt im Osten Deutschlands. Die Zeitschrift Brigitte liest
sie seit 1982. Zu diesem Zeitpunkt ist sie aus der Deutschen Demokratischen
Republik (DDR) in die Bundesrepublik übergesiedelt. Die Auseinandersetzung
mit dem Frauenbild in Brigitte hat sie vor dem Hintergrund ihrer Sozialisation
in der DDR als wichtig erlebt. Die Zeitschrift diente ihr nach ihrem Umzug als
Orientierung, um die westdeutsche Sicht auf Geschlecht und Geschlechterrollen
besser zu verstehen. In ihrer aktuellen Lektüre sucht sie eine Auseinandersetzung
mit den Geschlechterartikulationen junger Frauen.
Theoretisches Kodieren von Interviewmaterial 153

• Anna ist Theaterpädagogin, hat studiert und wohnt in einer Universitätsstadt im


Rheinland. Sie ist zum Zeitpunkt des Interviews 30 Jahre alt. Anna lebt in einer
Partnerschaft mit einer Frau, hat jedoch eine eigene Wohnung und keine Kinder.
Die Zeitschrift Brigitte liest sie seit 1983. Damals begann sie, die Kinderseite in
Ausgaben zu nutzen, die ihre Mutter kaufte. Später nutzte sie das Abonnement
ihrer Mutter mit. Inzwischen ist sie selbst Abonnentin. In Bezug auf den Aspekt
‚Geschlecht‘ besitzt dieser Fall auf zweifache Weise Erklärungskraft: Als lesbisch
lebende Frau sind für Anna einerseits die Frauenpaare in Brigitte relevant. Sie schätzt
es, dass die Zeitschrift lesbisches Leben als Normalität präsentiert. Außerdem
vermisst sie in ihrem Berufsalltag die Präsenz geschlechtsgebundener, dezidiert
als weiblich konnotierter Themen. In der Auseinandersetzung mit der Zeitschrift
kompensiert sie diesen Bereich, weil sie seine geringe Präsenz als Mangel empfindet.

Die leitfadengestützte Befragung wurde durch ein medienbiografisches Interview


und einen ‚Copytest‘ ergänzt (Müller 2010, S. 137), das heißt im Rahmen der Inter-
views wurde eine aktuelle Ausgabe von Brigitte, die die Befragten bereits gelesen
hatten, gemeinsam gesichtet und währenddessen inhaltliche Fragen sowie die
konkrete Nutzung der Ausgabe besprochen. Der Copytest diente einerseits dazu,
Rezeptionsgewohnheiten zu erfragen, die aus dem Gedächtnis schwer zu rekon-
struieren sind. Andererseits konnte so die Aneignung der Inhalte nachvollzogen
werden, da die Leserinnen erläuterten, welche der Artikel sie rezipiert und welches
Lektüreerlebnis sie bei der Aneignung hatten (Müller 2010, S. 143ff.). Dieses offene
Vorgehen war besonders für die Erhebung von Doing Gender-Prozessen wichtig,
um Gender-Artikulationen zu ermöglichen (Ang und Hermes 1994). Sie konnten
nicht direkt erfragt werden, da Geschlecht von den Frauen selbst hervorgebracht
und diese Prozesse nicht durch die Fragen im Interview initiiert werden sollten, um
einen möglichst realistischen Einblick in die (De-)Konstruktion von Geschlecht
zu bekommen und keine künstlichen Konstruktionen zu erzeugen (Müller 2010,
S. 147). Die transkribierten Interviews wurden anschließend unter Verwendung
der qualitativen Inhaltsanalyse nach Mayring (2003) und dem Kodierverfahren
der Grounded Theory ausgewertet (Müller 2010, S. 151-166). Für die Untersuchung
von Doing Gender-Prozessen bei der Zeitschriftenlektüre erschien die Auswertung
ausschließlich mit der strukturierenden Inhaltsanalyse nach Mayring (2003) nicht
gegenstandsangemessen, da einerseits über das Kategoriensystem bestimmte
Vorannahmen in die Auswertung eingeflossen wären. Zum anderen werden
Geschlechterrollenentwürfe in der Situation des Interviews artikuliert und sind
deshalb flüchtig. Es war daher anzunehmen, dass bei einer Analyse mittels eines
vorgefertigten Rasters viele Identitätskonstruktionen nicht erfasst worden wären,
da sie im Kategoriensystem unter Umständen erst gar nicht angelegt waren.
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2.2 Kodieren mit der Grounded Theory in Theorie


und Praxis

An dieser Stelle soll anhand von konkreten Arbeitsschritten eines Ausschnitts


verdeutlicht werden, wie die Interviewmaterialien mithilfe der Analyseinstrumente
der Grounded Theory in der vorliegenden Studie ausgewertet wurden. Es geht
in dieser Darstellung der forschungspraktischen Vorgänge jedoch nicht darum,
„Rezeptbuchwissen“ (Krotz 2005, S. 157) zu vermitteln, das schematisch auf jede
beliebige Studie angewandt werden kann. Vielmehr soll an Beispielen greifbar
gemacht werden, wie die Analyse der Frauenzeitschriftenrezeption im Rahmen
der hier vorgestellten Studie abgelaufen ist.
Grundsätzlich sind Forschende mit Blick auf ihre Forschungsgegenstände auf-
gefordert, ihre eigene Kreativität ins Spiel zu bringen und beim Kodieren flexibel
zu bleiben: „Grounded Theory coding is part work but it is also part play. We play
with the ideas we gain from the data“ (Charmaz 2014, S. 137). Wie bei der Anwen-
dung jedes qualitativen Verfahrens sollten die Forschenden zudem ihren eigenen
Standpunkt reflektieren, die einzelnen Arbeitsschritte kritisch prüfen und während
des Forschungsprozesses immer wieder an frühere Stadien der Untersuchung an-
knüpfen und ihre Schlussfolgerungen abgleichen, um die notwendige Distanz zum
Arbeitsprozess und der eigenen Auswertung zu wahren und die Fallrekonstruktion
und Theoriegenerierung zu validieren.
Übergreifend lässt sich festhalten, dass in der Grounded Theory Material kodiert
wird, um „die Vielfalt unterschiedlicher Aussagen in den Protokollen und Interviews
auf ihren allgemeinen Kern zu reduzieren, zusammenzufassen und zu verdichten“
(Krotz 2005, S. 179). Das Ziel dieser schrittweisen Analyse ist es, eine Theoretische
Sättigung zu erreichen (Strauss 1998, S. 49). Sie tritt ein, wenn sich alle Daten
widerspruchslos zu der gebildeten Theorie in Beziehung setzen lassen und keine
neuen Einsichten mehr gewonnen werden. Die Analyseschritte, auf deren Basis
eine Grounded Theory gebildet wird, folgen methodischen Verfahrensregeln, die
hier anwendungsorientiert nachgezeichnet werden sollen. Damit die Analyse den
Anforderungen entspricht, systematisch, nachvollziehbar, reproduzierbar, begrifflich
präzise und verallgemeinerbar zu sein, ist es ratsam, die Kodieranweisungen ein-
zuhalten und alle dazugehörigen Arbeitsschritte umzusetzen (Strauss und Corbin
1996, S. 18). Dabei kommt es jedoch nicht so sehr darauf an, die Abschnitte des
Kodierens und Kategorisierens als exakte Reihenfolge zu durchlaufen, sondern auf
das Herausarbeiten von Beziehungen innerhalb der Daten. Die Regeln des Kodierens
und der Datensammlung garantieren zwar nicht, dass bei der Analyse desselben
Datenmaterials durch unterschiedliche Personen automatisch derselbe Analyseweg
beschritten würde – jedoch sichern sie ab, dass diese auch auf unterschiedlichen
Theoretisches Kodieren von Interviewmaterial 155

Wegen in der Auswertung und Theoriebildung zu analogen Ergebnissen und Ein-


sichten kommen sollten (Krotz 2005, S. 163, und Krotz, in diesem Band).
Im konkreten Projekt zur Analyse der Artikulation von Geschlecht bei der
Frauenzeitschriftenrezeption dienten die Analyseinstrumente der Grounded Theory
aufgrund ihres induktiven Charakters vor allem dazu, Doing Gender-Prozesse aus
dem Material herauszuarbeiten. Offenheit dem Gegenstand gegenüber, wie sie eine
Analyse mit den Verfahrensregeln der Grounded Theory bietet, war im Fall der
Beispielstudie essenziell, um vertiefend und verstehend in das Material eintauchen
zu können. Sie ermöglichte es, theoretisch sensibel aus dem Datenmaterial Aspekte
von Geschlechterartikulationen herauszuarbeiten und diese im Kodierprozess zu
aussagekräftigen Kategorien zu verdichten. Die Kodierung erfolgte dabei unter
Verwendung der Auswertungssoftware ATLAS.ti (s. Abb. 1).

Abb. 1 Kodieren mit ATLAS.ti: Auszug aus einem Interview


(Quelle: eigene Darstellung/Screenshot ATLAS.ti)

Die Analyseschritte werden im Folgenden nacheinander dargestellt, auch wenn


es im zirkulären Kodierprozess notwendig ist, sich wiederholt mit dem Material
auseinanderzusetzen, um Beziehungen in den Daten aufzuspüren und Kontexte zu
erhalten, die inhaltlich mit den zentralen Fundstellen in Zusammenhang stehen
und helfen, ihren Gehalt zu erklären. Kodieren mit der Grounded Theory basiert auf
drei Analyseschritten: dem offenen Kodieren, dem axialen Kodieren und dem selek-
tiven Kodieren (s. auch Strübing bzw. Bischof und Wohlrab-Sahr, in diesem Band).
156 Kathrin Friederike Müller

Das offene Kodieren ist der erste Schritt und die Basis der Analyse. Im Zuge
dessen wird das Material ‚aufgebrochen‘ und die Daten werden systematisch unter-
sucht und miteinander verglichen. Es dient dazu Aspekte aus dem Datenmaterial
herauszuarbeiten, die bedeutsam für die Beantwortung der Forschungsfrage sind.
In der Anwendung werden in diesem Schritt zunächst alle vorhandenen Daten – in
unserem Beispiel die Interviewtranskripte – gesichtet. Dabei wird nach Passagen
gesucht, in denen die Befragten Aussagen zum Thema der Untersuchung machen
bzw. an denen sich beobachten lässt, wie sie in sozialen Situationen agieren, und
deren Verständnis zur Klärung der Forschungsfrage beitragen könnte. Für die Frage
nach Doing Gender-Prozessen bei der Frauenzeitschriftenlektüre sind im Material
während der Auswertung entsprechend Äußerungen der Leserinnen herausgefiltert
worden, in denen sie entweder

• geschlechtsgebundene Äußerungen, auch jenseits von Weiblichkeit oder Männ-


lichkeit, artikulierten,
• allgemeine Aussagen über Weiblichkeit oder Frausein machten,
• sich als Frau bezeichneten,
• sich selbst mit traditionell als ‚weiblich‘ konnotierten Attributen belegten (zum
Beispiel als mütterlich, häuslich oder körperlich attraktiv),
• Weiblichkeit in Abgrenzung zu Männlichkeit definierten
• oder sich zur Thematisierung von Geschlecht in Frauenzeitschriften äußerten.

Auf die folgende Fundstelle trifft dies beispielsweise zu: Eine Brigitte-Leserin sagte
im Interview, die Lektüre der Zeitschrift lege nahe,

„dass man halt sich auch engagieren muss. Und dass man eben kämpfen muss immer.
Also ich meine, das habe ich sowieso mein Leben lang gemacht. Und da fühlt man
sich dann bestärkt, dass die anderen Frauen das eben auch machen müssen. Man
muss eben immer gegen die Schwierigkeiten angehen.“

In dem Zitat finden sich der zweite und dritte Aspekt der Liste. So bezeichnet sich
die Leserin als Frau. Außerdem definiert sie, wie sie die Lebensrealität von Frauen
versteht: Sie sieht das weibliche Leben als von Kämpfen und der Notwendigkeit
geprägt, sich durchzusetzen und zu behaupten. Hier wird also ein emanzipierter
Entwurf von Weiblichkeit artikuliert. Die Leserin definiert, wie sie Weiblichkeit
versteht und setzt die Darstellung von Geschlecht in Brigitte in ein Verhältnis zu
ihrem eigenen Verständnis.
Nachdem eine solche Fundstelle in den Daten lokalisiert worden ist, gilt es
im offenen Kodieren, die Aussage in Indikatoren zu zerlegen, um sie zu einem
abstrahierenden Etikett, dem sogenannten ‚Konzept‘ zusammenzufassen. Zum
Theoretisches Kodieren von Interviewmaterial 157

Begriff des ‚Konzepts‘ sei angemerkt, dass die Terminologie der Grounded Theory
diesbezüglich nicht ganz trennscharf und autorenabhängig ist. In der vorgestellten
Studie wurden unter ‚Konzepten‘ die ersten (Teil-)Ergebnisse des offenen Kodierens
verstanden (s. Abb. 2). Ein Konzept sollte so formuliert sein, dass es eine Antwort
auf die Forschungsfrage gibt – in unserem Beispiel also darauf, wie in der kodierten
Passage Geschlecht thematisiert wird. Die Benennung eines Konzepts kann vom
Forschenden neu gebildet oder in vivo, also wortwörtlich aus dem Datenmaterial
entnommen werden. Konzepte schwanken hinsichtlich ihres Umfangs und kön-
nen in der Länge zwischen einem Wort und einem Satz variieren. Sie sollten die
Textstelle präzise beschreiben und zusammenfassen, gleichzeitig sollen die un-
tersuchungsrelevanten Informationen enthalten sein. Folglich muss das Konzept
möglichst konkret sein, damit die Spezifik der kodierten Aussage erhalten bleibt.
Es ist zudem wichtig, dass das Abstraktionsniveau an dieser Stelle nicht zu hoch
gewählt wird, denn das Konzept ist die kleinste Einheit, in die erkenntnisbringendes
Material untergliedert wird. Das Ziel dieses Analyseschrittes in der ersten Phase des
offenen Kodierens ist es also, inhaltliche Umschreibungen für Passagen zu finden,
die ebenfalls auf potenzielle weitere Fundstellen passen (können). Zu der oben
zitierten Passage wurde das Konzept ‚starke Frauen als Rollenvorbilder‘ gebildet.

Abb. 2 Beim offenen Kodieren erstellte Liste von Konzepten


(Quelle: eigene Darstellung/Screenshot ATLAS.ti)
158 Kathrin Friederike Müller

Ein höheres Level an Abstraktion der im Datenmaterial gefundenen Einsichten,


die zuvor als Konzepte formuliert wurden, wird in der zweiten Phase des offenen
Kodierens angestrebt, in der die Konzepte miteinander in Beziehung gesetzt wer-
den (Strauss und Corbin 1996, S. 43). Im Beispiel wurden in diesem Schritt die zu
Konzepten zusammengefassten Gender-Artikulationen noch einmal verdichtet, um
übergreifende Kategorien zu bilden. Dazu wurden alle Konzepte, die zuvor ermittelt
worden sind, in Bezug auf ihren inhaltlichen Gehalt miteinander verglichen sowie
anschließend thematisch sortiert und miteinander ins Verhältnis gesetzt. In diesem
Schritt wurden Beziehungen zwischen den Konzepten herausgearbeitet, indem zum
Beispiel Konzepte bestimmt wurden, die übergreifende Aspekte benennen, und ihnen
wurden thematisch zugehörige, aber weniger abstrakte Konzepte untergeordnet.
In einer anderen Variante wurde bestimmt, wie sich die Beziehung zwischen den
Konzepten darstellt, um zum Beispiel Konzepte als ähnlich oder unterschiedlich
zu definieren. Durch die Gruppierung von inhaltlich zusammenhängenden Kon-
zepten konnte nun weiter abstrahiert werden. Dieser Arbeitsschritt diente dazu,
übergreifende Unterkategorien zu bilden. In dem gewählten Ausschnitt etwa wurde
das Konzept ‚starke Frauen als Rollenvorbilder‘ als Name für eine Unterkategorie
übernommen, nachdem es mit weiteren Konzepten aus dem Material in Verbindung
gebracht wurde, darunter die Konzepte ‚Durchsetzungsfähigkeit‘, ‚Konsequenz‘,
‚Direktheit‘, ‚Unangepasstheit‘ oder ‚vorbildliches Agieren‘. Sie stehen für einen
emanzipativen Geschlechterrollenentwurf und wurden entsprechend unter die
Unterkategorie ‚starke Frauen als Rollenvorbilder‘ subsumiert. Unterkategorien
werden also gebildet, indem innerhalb der Konzepte eine zentrale Aussage bestimmt
wird, unter der andere Konzepte als Eigenschaften oder Aspekte integriert werden
können. Insgesamt dient diese Phase des offenen Kodierens der Abstraktion und
der Ausformulierung erster Teilerkenntnisse.
Im zweiten Auswertungsschritt, dem axialen Kodieren, werden Zusammen-
hänge zwischen den Unterkategorien hergestellt und es wird rekonstruiert, wie
sich diese verschiedenen Facetten zu einem Phänomen zusammenfügen. Das
Phänomen ist eine zentrale Beobachtung im Material, die uns bei der Beantwor-
tung der Forschungsfrage hilft. Um es zu bestimmen, werden Unterkategorien
zusammengefasst, indem sie, wie zuvor die Konzepte, zueinander ins Verhältnis
gesetzt werden. Auf dieser Basis werden wiederum übergreifende Themen im
Material bestimmt und inhaltlich gefüllt, indem verschiedene Unterkategorien
unter ein Phänomen integriert werden. Dieser Analyseabschnitt bezieht sich nun
nicht mehr auf die Interviewtranskripte, sondern auf die bereits formulierten
Unterkategorien. Trotzdem spielen die Transkripte weiter eine Rolle, denn an
dieser Stelle des Forschungsprozesses ist ein fortwährender Wechsel zum offenen
Kodieren in das Interviewmaterial ratsam, um das Material weiterhin induktiv
Theoretisches Kodieren von Interviewmaterial 159

zu ergänzen und sich Zusammenhänge im Datenmaterial erschließen zu können.


Geht es bei der Analyse im axialen Kodieren um Handlungsverläufe, so empfiehlt
sich die Anwendung des „paradigmatischen Modells“ (Strauss und Corbin 1996,
S. 78ff.): Innerhalb dieses Modells werden Kontextbedingungen um eine zentrale,
für das Verständnis des Untersuchungsgegenstands relevante Handlung gruppiert.
Für die Analyse der Doing Gender-Prozesse wurden die Kategorien mithilfe
von ATLAS.ti in Netzwerken einander zugeordnet und ihre Beziehungen über
Pfeile dargestellt (zur Netzwerk-Funktion der Software s. Friese, in diesem Band).
Eine Einordnung in das paradigmatische Modell erschien nicht sinnvoll, weil die
Forschungsfrage nicht auf alltagsweltliches Handeln zielte. Stattdessen wurden
inhaltliche Zusammenhänge herausgearbeitet.

Abb. 3 Gruppierung von Kategorien im axialen Kodieren


(Quelle: eigene Darstellung/Screenshot ATLAS.ti)

Abbildung 3 zeigt beispielhaft, wie im axialen Kodieren die Beziehungen der


Unterkategorien untereinander herausgearbeitet wurden. Die Unterkategorie ‚Er-
mutigung durch starke Frauen‘ wurde als Teil der Unterkategorie ‚starke Frauen
als Rollenvorbilder‘ identifiziert, die wiederum zu der Unterkategorie ‚weibliche
Stärke‘ gehört. Weil diese Unterkategorie zentral ist und sich die anderen Unter-
kategorien um sie herum gruppieren lassen, wurde sie zum Namensgeber für die
neu gebildete Kategorie ‚weibliche Stärke‘. Innerhalb der Gruppe der Kategorien
wird also durch Vergleiche beim axialen Kodieren eine Hierarchie gebildet, um
eine gegenstandsbezogene Kategorie zu erarbeiten, sprich „ein Kernkonzept, das
160 Kathrin Friederike Müller

im konkreten Handeln und Beurteilen eine besondere Rolle spielt“ (Krotz 2005,
S. 184). Es gibt damit Hinweise zur Beantwortung der Forschungsfragen und unter-
stützt die Theoriegenerierung. In der Beispielstudie wurden fünfzehn Kategorien
gebildet, indem Unterkategorien zusammengefasst und miteinander in Beziehung
gesetzt wurden.
Den letzten Schritt innerhalb des Kodierprozesses bildet das selektive Kodieren
(Krotz 2005, S. 184f.). Dabei werden die Kategorien ähnlich wie zuvor im axialen
Kodieren daraufhin überprüft, wie sie einander bedingen oder gegeneinander kon-
trastieren. Das Ziel ist es, eine oder mehrere Schlüsselkategorien zu ermitteln, um
welche herum alle anderen Kategorien gruppiert werden können und zu denen sie
sich widerspruchslos, also ohne dass es zu inhaltlichen Unstimmigkeiten kommt,
in Beziehung setzen lassen. Da die Schlüsselkategorien ein hohes Abstraktionslevel
und vollkommene Trennschärfe bezüglich ihrer analytischen Aussage zueinander
aufweisen müssen, sollten jeweils nur sehr wenige von ihnen innerhalb der Auswer-
tung entwickelt werden. Gibt es viele Schlüsselkategorien, so ist zu überprüfen, ob
das Datenmaterial bereits hinreichend verdichtet worden ist. Aus dem verdichteten
Material wird im Prozess der Kategorienbildung folglich ein roter Faden heraus-
gearbeitet, der das untersuchte Phänomen im Kern beschreibt und – im Falle der
vorliegenden Beispielstudie – erklärt, wie die Befragten Geschlecht artikulieren. Die
Schlüsselkategorien werden somit erst am Ende der Datenanalyse gebildet, wenn
das offene und axiale Kodieren durchlaufen wurden und aus dem Datenmaterial
keine neuen Konzepte und Kategorien mehr generiert werden können.
In unserem Beispiel der Analyse von Doing Gender-Prozessen bei der Frauen-
zeitschriftenrezeption sind die Beziehungen zwischen den fünfzehn im axialen
Kodieren ermittelten Kategorien herausgearbeitet worden. Nach einem übergrei-
fenden Vergleich wurden im Zuge des selektiven Kodierens solche Kategorien
zusammengefasst, die thematisch Ähnliches bezeichneten. Die Kategorie ‚weibliche
Stärke‘, deren Entwicklung oben beschrieben wurde, wurde zum Beispiel mit den
Kategorien ‚Intellektuelle‘, ‚progressive Weiblichkeit‘ und ‚unabhängige Frau‘ zu-
sammengefasst und daraus die Schlüsselkategorie ‚starke, progressive Weiblichkeit
erleben‘ gebildet. Diese Schlüsselkategorie integriert alle vier genannten Kategorien
und abstrahiert ihren Aussagegehalt ein weiteres Mal (s. Tab. 1).
Theoretisches Kodieren von Interviewmaterial 161

Tab. 1 Schlüsselkategorie ‚Starke, progressive Weiblichkeit erleben‘ und die ihr


zugeordneten Kategorien und Konzepte
Konzepte integrierte Kategorien Schlüsselkategorie
• Intellektuelle
• Spannungsfeld Intellektuelle 1. ‚Intellektuelle’
versus Brigitte-Leserin
• moderne Frauendarstellungen
• Anleitung zu einem modernen
Frauenbild 2. ‚Progressive Weiblich-
• Betrachterin von Männern keit’ ‚Starke, progressive
• Mittelschichtfrau Weiblichkeit erleben’
• Berufstätige
• unabhängige Frau
3. ‚Unabhängige Frau’
• Unabhängigkeit
• Weibliche Stärke
• Ermutigung durch starke Frauen 4. ‚Weibliche Stärke’
• Starke Frauen als Rollenvorbilder

Dasselbe Verfahren wurde mit den verbleibenden elf Kategorien durchgeführt, aus
denen fünf weitere Schlüsselkategorien entstanden (Müller 2010, S. 338). Inhaltlich
fassen die insgesamt sechs Schlüsselkategorien übergreifend und abstrahierend
zusammen, in welchen Varianten Weiblichkeit bei der Lektüre der klassischen
Frauenzeitschrift Brigitte durch die Befragten artikuliert wurde, indem sie den
Gehalt vieler einzelner Aussagen in thematisch konsistenten Einheiten bündeln.
Damit stellt das Auswerten von Interviews gemäß der Grounded Theory auch ein
effektives Mittel zur (schrittweisen) Reduktion des umfangreichen Datenmaterials
dar: Aus 289 Interviewpassagen auf 650 Transkriptseiten wurden im Zuge des Ko-
dierens 56 Konzepte herausgearbeitet, aus denen wiederum fünfzehn Kategorien
gebildet und schließlich sechs Schlüsselkategorien entwickelt wurden.
Aus diesen sechs Schlüsselkategorien entstand im Anschluss eine gegenstands-
bezogene Theorie über das Doing Gender bei der Frauenzeitschriftenlektüre. Dazu
wurden die Schlüsselkategorien ‚Performativitäten traditioneller Rollenentwürfe‘,
‚Konstruktion gesellschaftlich geprägter Weiblichkeitsentwürfe‘, ‚Naturalisierte
Weiblichkeit‘, ‚Starke, progressive Weiblichkeit erleben‘, ‚Feminine Körperlichkeit
nachempfinden‘ und ‚Geschlechterperformativität jenseits der Heteronormativität‘
übergreifend diskutiert. Sie machten deutlich, dass erstens bei der Lektüre von
Brigitte Geschlecht eine Rolle spielt und die Frauen äußern, dass sie weiblich sind,
weil sich alle Selbstzuschreibungen eindeutig auf das Frau-sein beziehen. Zweitens
zeigen die Schlüsselkategorien, dass die Geschlechterrollenentwürfe vielfältig sind,
162 Kathrin Friederike Müller

denn sie variieren zwischen traditionellen und emanzipativen Artikulationen von


Weiblichkeit. Und drittens wurde deutlich, dass Zweigeschlechtlichkeit, also die
Unterscheidung zwischen Mann und Frau, hervorgebracht wird. Alternative Kon-
zepte jenseits dieser binären Geschlechterordnung – also Geschlechterartikulationen
jenseits von Männlichkeit und Weiblichkeit – wurden im Zuge der Auswertung
des Interviewmaterials nicht identifiziert. Die Theoretische Sättigung wurde als
erreicht angesehen, sobald im Kodierprozess keine neuen Geschlechterartikulatio-
nen mehr ermittelt bzw. den herausgearbeiteten Geschlechterartikulationen keine
neuen Aspekte mehr zugefügt werden konnten. Die Ergebnisse des Kodierens sind
Ausdruck einer intensiven Auseinandersetzung mit den Daten und der induktiven
Analyse des Interviewmaterials, welches keine direkten Fragen zur geschlecht-
lichen Identität der Leserinnen beinhaltete, sondern sich zunächst nur auf die
Lektüre von Frauenzeitschriften bezog (Müller 2010, S. 314-357). Ergänzend ist
anzumerken, dass es sich um Doing Gender-Prozesse handelt, die speziell bei der
Lektüre von Brigitte relevant sind. Sofern diese Artikulationen nicht direkt Bezug
auf inhaltliche Spezifika von Brigitte nehmen – dazu zählt etwa der Anspruch der
Zeitschrift, auch politische und soziale Themen aufzugreifen – sind die Befunde
hinsichtlich der Artikulation von Geschlecht bei der Lektüre anderer klassischer
Frauenzeitschriften verallgemeinerbar.
Als entscheidendes Hilfsmittel in allen Schritten des Kodierprozesses haben
sich Memos und Kommentare erwiesen (s. Abb. 4). Das sind kurze Texte, die
Ideen, theoretische Überlegungen oder Fragen sowohl zu konkreten Stellen im
Interviewmaterial als auch zum Forschungsprozess selbst beinhalten und bereits
entdeckte oder vermutete Zusammenhänge dokumentieren. Sie sollten mit ein-
deutigen, unterscheidbaren Namen versehen werden, damit sie im Verlauf des

Abb. 4 Auszug aus der Liste der Memos


(Quelle: eigene Darstellung/Screenshot ATLAS.ti)
Theoretisches Kodieren von Interviewmaterial 163

Forschungsprozesses problemlos zugeordnet und erneut gesichtet werden können.


In der Auswertung werden diese Texte herangezogen, um die Interpretation zu
ergänzen, zu bestätigen oder später gewonnene Aspekte damit zu vergleichen (s.
auch Linke bzw. Friese, in diesem Band).

3 Potenziale und Limitierungen des theoretischen


Kodierens von Interviewmaterial

Die Beispielstudie zeigt, dass die Verfahrensschritte der Grounded Theory für
die Analyse von Interviewtranskripten eingesetzt werden können, auch wenn
sie ursprünglich nicht als reines Auswertungsinstrument gedacht waren. Da
sich Grounded Theory mehr als Stil denn als Methode versteht, ist es auch ohne
die Umsetzung des gesamten Erhebungs- und Analyseprozesses möglich, ihrem
Grundverständnis folgend zu forschen. Weil in der Grounded Theory die Induk-
tion ein fester Bestandteil der Datenanalyse ist (Strauss 1994, S. 37ff.), eignet sie
sich vor allem zur Analyse von Interviews, in denen entweder nach Aspekten der
Mediennutzung gefragt wird, über die bislang kaum Informationen und Vorwissen
vorliegen, oder die in erster Linie implizit im Material angelegt sind.
Der Beitrag macht deutlich, dass das Kodieren von Interviewmaterial losgelöst
vom holistischen Konzept der Grounded Theory möglich ist, welches die Erhe-
bung und Auswertung von Daten als Kreislauf versteht (Strauss 1998; Strübing
bzw. Krotz, in diesem Band). Er zeigt außerdem, dass die Kodierverfahren, die im
Kontext der Grounded Theory entwickelt wurden, eine induktive sowie theoretisch
sensible Analyse von Interviewdaten erlauben (Müller 2010, S. 156). Auch wenn es
sich um eine Abweichung von der Ursprungsidee handelt, steht das Verfahren, so
wie es hier im Text erläutert wurde, mit der Zuspitzung als Analyseinstrument für
die übliche Verwendung der Grounded Theory in der Kommunikationswissen-
schaft. So gibt es kaum kommunikationswissenschaftliche Studien, in denen das
Verfahren als Forschungshaltung im gesamten empirischen Projekt vollständig
realisiert wurde. Üblicher ist es, die Analysetechniken selektiv zur Untersuchung
von Datenmaterial zu verwenden (Scheu 2016, S. 84; s. auch Scheu et al., in diesem
Band), weil mit ihnen eine systematische Analyse realisiert werden kann, ohne
dass ein von zu engen Vorannahmen geprägtes Kategoriensystem zum Einsatz
kommt (Christmann 2006, S. 285). Diese Art der Anwendung widerspricht zwar
dem Rat von Strauss und Corbin: „Befolgen Sie das Forschungsverfahren. […] Der
Wechsel zwischen Erheben und Analysieren von Daten hat seinen guten Grund“
(Strauss und Corbin 1996, S. 29). Dennoch ist sie legitim, denn schließlich ist auch
164 Kathrin Friederike Müller

‚Kreativitat‘ ein Grundprinzip der Grounded Theory (Strauss und Corbin 1996,
S. 27), das Forschende dazu auffordert, selbstständig mit der Methode umzugehen:
„ohne Ihre Kreativität geht es nicht. Und Kreativität bedeutet in diesem Fall auch,
dass Sie die im Prinzip verstandenen Grundregeln theoriegenerierenden Forschens
auf den Spezialfall zuschneiden müssen, mit dem Sie zu tun haben“ (Krotz 2005,
S. 157). Eine Anpassung der Methode an das eigene Forschungsvorhaben ist also
erwünscht und notwendig. Entsprechend können die Instrumente der Grounded
Theory als „Kasten qualitativer Analysewerkzeuge“ (Bregenstroth 2003, S. 74)
angesehen und somit auch ausschließlich zur Auswertung angewandt werden. In
diesem Sinne werden sie in diesem Beitrag verstanden und ihre spezifischen Stärken
herausgearbeitet. Mit diesem Vorgehen soll die Sinnhaftigkeit der Umsetzung des
Kreislaufmodells (Glaser und Strauss 2005) keinesfalls infrage gestellt werden. Es
wird vielmehr ein spezifischer Teilbereich des Methodenspektrums der Grounded
Theory herausgegriffen und hinsichtlich seines Nutzens für kommunikationswis-
senschaftliche Fragestellungen diskutiert. Die Anwendbarkeit des vollständigen
Verfahrens für diesen Bereich hat Krotz (2005) umfassend und vertiefend dargelegt.
Der Vorteil einer Analyse mit der Grounded Theory ist, dass sie im Gegensatz
zu herkömmlichen Verfahren wie der qualitativen Inhaltsanalyse nach Mayring
(2003) das Interviewmaterial nicht „atomistisch-reduktiv“ (Christmann 2006, S. 285)
zerlegt und damit Zusammenhänge zerstört. Sie wird vielmehr „der strukturellen
Komplexität von kommunikativen Vorgängen gerecht“ (Christmann 2006, S. 285),
indem sie Beziehungen herausarbeitet. Im Gegensatz zu hermeneutischen Verfahren
stellt sie zudem nicht Sinnstrukturen (Flick 2002, S. 311), sondern „Phänomene“
(Strauss und Corbin 1996, S. 78) und die um sie gruppierten Handlungen und
Kontexte ins Zentrum des analytischen Interesses. Entsprechend ist die Methode
besonders für die Beantwortung von kommunikationswissenschaftlichen Fragestel-
lungen mit einem handlungstheoretischen Hintergrund aus der Rezeptions- und
Aneignungsforschung geeignet. Sie ermöglicht es, während der Analyse des Da-
tenmaterials Zusammenhänge zu verstehen und gleichzeitig vom spezifischen Fall
auf geteilte Handlungs- und Deutungsmuster zu abstrahieren. Als Analysetechnik
ist sie daher geeignet, kontextorientierte Perspektiven zu unterstützen und Fragen
nach der Verbindung von Alltag, Medienhandeln und Bedeutungsproduktion zu
beantworten (Müller 2010).
Durch das offene, aber regelgeleitete Vorgehen können unbekannte oder unver-
mutete Aspekte aus dem Datenmaterial hergeleitet werden, die bei einer qualitativen
Inhaltsanalyse aufgrund der dabei nötigen Stringenz des Kategoriensystems verloren
gehen würden. Bei der Analyse mit den methodischen Schritten der Grounded
Theory hingegen ist es möglich und sogar intendiert, unvermutete Aspekte im
Datenmaterial zu finden. Die Vorgehensweisen zeichnen sich zudem durch ihre
Theoretisches Kodieren von Interviewmaterial 165

Gründlichkeit im Umgang mit den Daten aus, die vor allem durch das kleinschrit-
tige Vorgehen und die kontinuierliche Rückbindung der Analyse an das Material
zustande kommt. Darüber hinaus werden durch die konsequente Orientierung
am Interviewmaterial Fehlschlüsse aufgrund von schichtspezifischem Denken,
Vorwissen und Vermutungen des Forschenden methodisch reflektiert (s. auch
Kannengießer, in diesem Band).
Da das Kodieren mit der Grounded Theory aufgrund seines Kreislaufcharak-
ters ungleich aufwendiger ist als beispielsweise das Kodieren mit der qualitativen
Inhaltsanalyse (Mayring 2003), sollte ihr Einsatz als Analyseinstrument in der
Rezeptionsforschung abhängig von forschungspraktischen und -ökonomischen
Erwägungen bewertet werden. Er lohnt sich vor allem dann, wenn es um ein tieferes
Verständnis des Medienhandelns geht, also darum Zusammenhänge zwischen der
Nutzung von Medien und anderen Kontextfaktoren zu erfassen. Beispielsweise
zur Analyse von Interviews, die Fragen der (Medien-)Aneignung beinhalten oder
komplexe Handlungen in den Blick nehmen, denen neben dem Alltagshandeln
eine symbolische Bedeutung zukommt. Zudem erfordert das Analysieren mit den
Methoden der Grounded Theory eine gewisse Übung: Sie ist kein Verfahren, das
sich kurzfristig erlernen lässt. Um die einzelnen Schritte erfolgreich anzuwenden,
bedarf es eines zeitlichen Vorlaufs, während dem sich die Kodierenden am Mate-
rial ausprobieren, und genügend Zeit, um die Validität der Theorie am Material
rückwirkend zu überprüfen.

Zusammenfassung

Die methodischen Techniken der Grounded Theory sind entwickelt worden,


um menschliches Handeln in seinen Zusammenhängen und Bedeutungen zu
verstehen. Entsprechend ermöglichen sie es, den Verlauf und die Hintergründe
von Aneignungsprozessen oder komplexe Mediennutzungsphänomene verstehend
zu analysieren. Diese Ausgangsbasis eint die Grounded Theory mit ethnografi-
schen und handlungstheoretisch gerahmten Rezeptionsstudien (Hepp et al. 2014;
Röser und Peil 2014). Deshalb eignen sich ihre Kodierverfahren für die Analyse
von Interviewmaterial, welches im Rahmen solcher Vorhaben entstanden ist.
166 Kathrin Friederike Müller

Perspektiven und Reflexionen


Folgende Aspekte kennzeichnen die Auswertung von Interviewmaterial auf
Basis der Grounded Theory:
• Die Kodierschritte müssen systematisch umgesetzt und der Kreislaufcharakter
der Analyse berücksichtigt werden.
• Eine Rückkehr ins Datenmaterial und die parallele Anwendung des offenen
und axialen Kodierens sind wichtige Bestandteile des Kodierprozesses.
• Als zentrale Techniken des Auswertens wird das offene, axiale und selektive
Kodieren durchlaufen, ergänzend werden Memos und Kommentare verfasst.
• Beim Kodieren werden Fundstellen im engen Kontakt mit dem Datenmaterial
abstrahiert, um sie so auf ihre Kernaussagen zuzuspitzen.
• Kontextinformationen werden den zentralen Befunden zugeordnet.
• Es handelt sich um einen explizit rekonstruierenden und verstehenden Zu-
gang, bei dem das Datenmaterial nicht zergliedert, sondern verdichtet wird.

Lesehinweis

• Scheu, Andreas M. 2016. Grounded Theory in der Kommunikationswissen-


schaft. In Handbuch nicht standardisierte Methoden in der Kommunikati-
onswissenschaft, hrsg. Stefanie Averbeck-Lietz und Michael Meyen, 81–94.
Wiesbaden: Springer VS.
In diesem Handbuchbeitrag legt Andreas M. Scheu anschaulich dar, wie
die Grounded Theory angelegt ist. Er diskutiert zudem ihre Anwendung
innerhalb der Kommunikationswissenschaft.
• Bregenstroth, Lars. 2003. Tipps für den modernen Mann. Männlichkeit und
Geschlechterverhältnis in der Men’s Health. Münster u. a.: Lit.
Lars Bregenstroth entwickelt für seine Untersuchung von Männerzeitschriften
aus den Analyseinstrumenten der Grounded Theory einen Werkzeugkasten,
der für kommunikationswissenschaftliche Inhaltsanalysen sehr hilfreich und
gut nachvollziehbar dargestellt ist.
• Düvel, Caroline. 2016. Transkulturelle Vernetzungen. Zur Nutzung digitaler Me-
dien durch junge russische Migranten in Deutschland. Wiesbaden: Springer VS.
Die Studie von Caroline Düvel ist ein gelungenes Beispiel für die Umsetzung
der Grounded Theory in der Forschungspraxis. Am Beispiel der Mobiltelefon-
und Internetnutzung junger russischer Migrantinnen und Migranten wird
deutlich, wie eine Grounded Theory zu vielschichtigen Medienaneignungs-
Theoretisches Kodieren von Interviewmaterial 167

und Nutzungsprozessen entwickelt wird. Die Autorin erläutert praxisnah, wie


sie das methodische Design ihrer Studie konzipierte und dabei Interviews,
Netzwerkkarten und Medientagebücher triangulierte, wie Erhebung und
Theoretisches Sampling abgelaufen sind und wie sie die Befunde ausgewertet
hat.

Literatur

Ang, Ien, und Joke Hermes. 1994. Gender and/in Media Consumption. In Gender und Me-
dien: Theoretische Ansätze, empirische Befunde und Praxis der Massenkommunikation.
Ein Textbuch zur Einführung, hrsg. Marie-Luise Angerer und Johanna Dorer, 114–133.
Wien: Braumüller.
Butler, Judith. 1991. Das Unbehagen der Geschlechter. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
Bregenstroth, Lars. 2003. Tipps für den modernen Mann. Männlichkeit und Geschlechter-
verhältnis in der Men’s Health. Münster: Lit.
Charmaz, Kathy. 2014. Constructing Grounded Theory: A Practical Guide through Qualitative
Analysis. 2. Aufl. Los Angeles u. a.: Sage.
Christmann, Gabriele B. 2006. Inhaltsanalyse. In Qualitative Methoden der Medienforschung,
hrsg. Ruth Ayaß und Jörg Bergmann, 274–292. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt.
Fiske, John. 1989. Understanding Popular Culture. Boston u. a.: Unwin Hyman.
Flick, Uwe. 2002. Qualitative Sozialforschung. Eine Einführung. 6. Aufl. Reinbek bei Ham-
burg: Rowohlt.
Glaser, Barney G., und Anselm L. Strauss. 2005. Grounded Theory. Strategien qualitativer
Foschung. 2., korr. Aufl. Bern: Huber.
Hepp, Andreas, Matthias Berg, und Cindy Roitsch. 2014. Mediatisierte Welten der Verge-
meinschaftung. Kommunikative Vernetzung und das Gemeinschaftsleben junger Menschen.
Wiesbaden: Springer VS.
Krotz, Friedrich. 2005. Neue Theorien entwickeln. Eine Einführung in die Grounded Theory,
die Heuristische Sozialforschung und die Ethnographie anhand von Beispielen aus der
Kommunikationsforschung. Köln: Herbert von Halem.
Mayring, Philipp. 2003. Qualitative Inhaltsanalyse. Grundlagen und Techniken. 8. Aufl.
Weinheim, Basel: Beltz.
Müller, Kathrin F. 2010. Frauenzeitschriften aus der Sicht ihrer Leserinnen. Die Rezeption
von Brigitte im Kontext von Biografie, Alltag und Doing Gender. Bielefeld: transcript.
Röser, Jutta. 2000. Fernsehgewalt im gesellschaftlichen Kontext: Eine Cultural-Studies-Analyse
über Medienaneignung in Dominanzverhältnissen. Wiesbaden: Westdeutscher Verlag.
Röser, Jutta. 2016. Nicht standardisierte Methoden in der Medienrezeptionsforschung. In
Handbuch nicht standardisierte Methoden in der Kommunikationswissenschaft, hrsg.
Stefanie Averbeck-Lietz und Michael Meyen, 481–497. Wiesbaden: Springer VS.
Röser, Jutta, und Corinna Peil. 2014. Internetnutzung im häuslichen Alltag. Räumliche
Arrangements zwischen Fragmentierung und Gemeinschaft. Wiesbaden: Springer VS.
168 Kathrin Friederike Müller

Scheu, Andreas M. 2016. Grounded Theory in der Kommunikationswissenschaft. In Hand-


buch nicht standardisierte Methoden in der Kommunikationswissenschaft, hrsg. Stefanie
Averbeck-Lietz und Michael Meyen, 81–94. Wiesbaden: Springer VS.
Strauss, Anselm L. 1998. Grundlagen qualitativer Sozialforschung. Datenanalyse und Theo-
riebildung in der empirischen soziologischen Forschung. 2. Aufl. München: Fink.
Strauss, Anselm L., und Juliet Corbin. 1996. Grounded Theory. Grundlagen Qualitativer
Sozialforschung. Weinheim: Beltz.
Winter, Rainer. 2001. Die Kunst des Eigensinns. Cultural Studies als Kritik der Macht.
Weilerswist: Velbrück.

Zur Autorin

Dr. Kathrin Friederike Müller ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für


Kommunikationswissenschaft der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster
und Mitglied im Forschungsnetzwerk ‚Werte und Normen als Gegenstände und
Leitbilder der Kommunikationswissenschaft‘. Zwischen 2012 und 2017 war sie
Mitglied im Schwerpunktprogramm Mediatisierte Welten und wirkte in diesem
Zusammenhang an einer umfangreichen Panelstudie zum ‚Mediatisierten Zuhause‘
mit. Zuvor arbeitete und promovierte sie am Institut für Kommunikationswissen-
schaft und Medienkultur an der Leuphana Universität Lüneburg. Ihre Forschungs-
schwerpunkte sind die qualitativen Methoden empirischer Sozialwissenschaft,
Rezeptionsforschung, Cultural Studies, Mediatisierung, Digitalisierung und die
kommunikationswissenschaflichen Gender Studies.