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TEST GITARRE

AMP-MODELER

LINE 6 HELIX

© PPVMEDIEN 2016

Aufstieg in Liga 1

Mit Helix möchte Line 6 zu den Platzhirschen Kemper Profiler und Axe FX aufschließen und bietet erstmals ein Modeling-Gerät jenseits der 1.000 Euronen an. Das Design überzeugt schon einmal. Ob die Sounds da mithalten können, gilt es erst herauszufinden.

Sounds da mithalten können, gilt es erst herauszufinden. D as Helix soll den modernen Gitar- risten

D as Helix soll den modernen Gitar- risten rundum glücklich machen:

zu Hause, im Studio, im Probe-

raum und auf der Bühne. Das Helix gibt es

in zwei Darreichungsformen, beide stabil

gefertigt und mit integriertem Netzteil:

Floorboard und Rackversion bieten die gleiche technische Leistung, das gleiche beeindruckende 6,2-Zoll-Farbdisplay so- wie zwölf berührungsempfindliche Fuß- taster. Während das Floorboard mit integ- riertem Pedal überzeugt, sorgt die Rack- version für Ordnung im Studio oder auf

der Bühne. Zur Steuerung ist für letzere allerdings die optionale Steuereinheit He-

lix Control – leider ohne integriertes Pedal

– nahezu unverzichtbar.

Reichhaltige Ausstattung

Technisch ist Helix der bisher leistungs- stärkste Line-6-Modeler. Er wird über zwei SHARC-Signalprozessoren (ADSP-21469) motorisiert. Gegenüber dem POD HDX

TECHNISCHE DATEN

Klasse

Amp-Modeler

Effekttypen

Amp-Modeling, Multieffekt, max. 4 Effekte gleichzeitig, Verstärker / Boxen, 32 DSP- Inserts

› Presets / User

1.024 Speicherplätze,

128 Impulsantworten

› Stromversorgung 9 V/Steckdose

Maße

19" / 3 HE

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steht etwa die zweieinhalbfache Rechen- leistung bereit, die dafür genutzt wurde, nahezu alle Verstärker und Effekte auf- wändiger als bisher nachzubilden – in vie- len Fällen durch komplette Neuprogram- mierung und Modellierung auf Kompo- nentenbasis. Gleichzeitig liegt auch der quantitative Mehrwert bei der Nut- zung multipler Komponenten laut Line 6 bei etwa 50 Prozent.

(19), Delays (12), Reverb (12), Pitch/Synth (5), Filter (3), Wah (10) und Volume/Pan (3), ergänzt um einen globalen parametri- schen EQ, ein Noise-Gate am Eingang, ein Stimmgerät sowie einen im Signalweg platzierbaren Looper. Auch was die An- schlüsse betrifft, ist Helix ein Alleskönner. Eingänge gibt es für Gitarre, Line-Signale, Mikrofon und Variax; analoge Stereoaus- gänge im Klinken- und XLR-Format.

» In der Praxis zeigt sich Helix als übersichtlich und schnell bedienbar.«

Aktuell stehen 48 Gitarren- und Bass- verstärker zur Auswahl. Jedes Modell be- schreibt dabei einen Verstärkerkanal, so- dass etwa ein Marshall Super-Lead in drei Varianten vorhanden ist. Die Auswahl reicht von Fender über Hiwatt, Marshall, Bogner und Mesa / Boogie bis hin zu Divided by 13. Es gibt drei Line-6-Eigenentwicklungen so- wie sieben Bassverstärker von Ampeg, Me- sa/Boogie und Gallien-Krueger. Beachtlich! Dem stehen 30 Boxensimulationen von 1x8 bis 8x10 Zoll zur Seite, die mit unter- schiedlichen Mikrofonen in variabler Dis- tanz und mit regelbarem Raumanteil konfi- guriert werden können. Dazu kann Line 6 nun erstmals auch mit Impulsantworten umgehen, was diese Abteilung quasi un- endlich erweiterbar macht. Die Effektsektion bietet die Bereiche Overdrive / Distortion mit 15 Typen, Dyna- mikeffekte (5), EQs (4), Modulationseffekte

Hinzu kommen digitale Ein- und Aus- gänge ( S / PD I F, A E S / EBU / L6 Li nk Ou t). Peripherie wird über vier frei platzierbare analoge Send/Return-Loops integriert. Da- zu gibt es Steuerein- und -ausgänge und MIDI und – nicht zu vergessen – eine USB- 2-Schnittstelle, mit der Helix zum Audio- Interface wird. Der Mehrwert des Rack-ge- räts gegenüber dem Floorboard ist gering und beschränkt sich auf wenige zusätzliche Anschlüsse, darunter ein gepufferter Thru- Ausgang und ein AES/EBU-Eingang.

Flexibles Routing

Schon die POD-HD-Generation bot einen doppelten Signalweg und die Möglichkeit, Effekte mehrfach zu nutzen. Helix legt nochmals eine Schippe drauf. So gibt es zwei stereophone Signalpfade, die bei Be- darf unabhängig (etwa für zwei Instru- mente), umschaltbar oder auch verkop-

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TEST GITARRE

© PPVMEDIEN 2016 TEST GITARRE pelt genutzt werden können. Jeder Pfad lässt sich nochmals in zwei
© PPVMEDIEN 2016 TEST GITARRE pelt genutzt werden können. Jeder Pfad lässt sich nochmals in zwei
© PPVMEDIEN 2016 TEST GITARRE pelt genutzt werden können. Jeder Pfad lässt sich nochmals in zwei

pelt genutzt werden können. Jeder Pfad lässt sich nochmals in zwei parallele Stränge aufteilen, sodass man bis zu vier Verstärker kombinieren könnte. Wo der Pfad auseinanderläuft und wieder zusam- mengeführt wird, lässt sich definieren. Entsprechend kann man Routings mit ei- nem Verstärker und zwei Boxen oder un- abhängige Effektketten für den linken und rechten Stereokanal erzeugen. Zusam- menfassend dürfte das bereitgestellte Routing fast alle Wünsche erfüllen. Ledig- lich ein Routing der Feedback-Loops von Delayeffekten wäre darüber hinaus wün- schenswert.

Moderne Bedienung

Was die Bedienung betrifft, ist Helix auf dem Stand der Zeit – und seinen Mitbe- werbern ein gutes Stück voraus. Das Farb- display biete beste Übersicht. Dazu warten die berührungsempfindlichen Fußtaster mit mehrfarbiger Kodierung und eigenen einzeiligen Displays auf, die zeigen, welche Funktionen oder Presets sich hier auslösen lassen. Wer möchte, der kann sogar meh- rere Parameter und MIDI-Befehle gleich- zeitig auslösen, dauerhaft oder auch nur für die Dauer des Tastendrucks. Genauso einfach ist die Zuweisung: Taster kurz be- rühren und Aktion im Display definieren. Und selbst in die Struktur eines Patches kann man über die Fußtaster eingreifen. Ge- nial! Genau dieser Luxus rechtfertigt auch den Preis, der für einen Modeler von Line 6 ungewohnt selbstbewusst ausfällt. Anderer- seits: Controller mit lokalen Displays fand man bislang nur als reine MIDI-Controller bei RMJ Technology und Liquid Foot zu größenabhängigen Preisen zwischen 600

und 1.900 US-Dollar. Ergänzend stellt Line 6 zusätzlich einen kostenlosen Editor für Windows / OS X zur Verfügung, mit dem sich die Klangerstellung und Soundverwal- tung bequem vom Bildschirm aus durch- führen lässt. Dieser funktioniert leider nur bei angeschlossenem Gerät. Zum Erstellen einer neuen Setlist wären ein Offlinemodus und möglicher USB-Slot am Gerät durch- aus sinnvoll gewesen, was auch für das Update-Prozedere gilt.

Offenes System

In der Praxis zeigt sich Helix als übersicht- lich und schnell bedienbar. Mit wenigen Basisinformationen lässt sich das System zügig anpassen und programmieren. Helix verfolgt dabei ein weitgehend offenes Kon- zept. Man überlässt dem Anwender die Wahl, wie er das System nutzen möchte. Helix kann den Signalweg vom Pedal bis hin zur mikrofonierten Box nachbilden. Genauso gut kann man es aber auch nur als Effektgerät nutzen, als Vorverstärker, als Boxensimulation oder als Schaltzentra- le, in die man nach Bedarf reale Hardware einbindet. Ergänzend kann Helix als acht- kanaliges USB-Audio-Interface fungieren

und neben dem Summenausgang die bei- den Signalstränge und zwei DI-Signale in 24 Bit und 96 kHz übertragen und für ein Reamping empfangen. Aufgrund der vierfachen möglichen In- tegration von Peripherie lassen sich nicht nur reale Effektpedale einbinden, sondern auch komplexere Setups mit zwei oder drei Verstärkern ansteuern. Hinzu kommt eine MIDI-Steuerung, die zwar nicht unendlich umfassend, aber praktikabel ist. Bis zu drei Pedaleingänge lassen sich zudem zur Parametersteuerung heranziehen und ein externes Gerät umge- kehrt per Steuerausgang aus Helix kontrol- lieren. Dazu kommen zwei Schaltausgänge, mit denen sich etwa die Kanäle angeschlos- sener Verstärker umschalten lassen. Was die quantitative Leistung betrifft, lassen sich mit Helix durchaus komplexe Setups mit ein bis zwei Verstärkern, Bo- xen und Effekten generieren, bevor man an die Leistungsgrenzen der Hardware gelangt. Auch der Import von externen Impulsantworten funktionierte im Test an- standslos. Pro Strang kann man dabei größenabhängig auf eine oder zwei Datei- en zugreifen.

größenabhängig auf eine oder zwei Datei- en zugreifen. Komplexe Einstellungen lassen sich auch am Rechner

Komplexe Einstellungen lassen sich auch am Rechner vornehmen.

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Anschlusstechnisch bleibt beim Helix kein Auge trocken. Kaum ein Szenario, das sich nicht reali- sieren ließe.

Kaum ein Szenario, das sich nicht reali- sieren ließe. Dynamischer Klang Das A und O jedes

Dynamischer Klang

Das A und O jedes Gitarrenverstärkers und Effektgeräts ist natürlich dessen Klang. Hier kann man festhalten, dass Helix der bisher beste Modeler aus dem Hause Line 6 ist. Alle Verstärker weisen einen Zuge- winn an Klangqualität und Authentizität auf, der sich einerseits in einer weiteren Annäherung an den Ton des nachgebilde- ten Verstärkers, aber auch in einer verbes- serten Reaktion auf Spieldynamik und Elektronik der eingesetzten Gitarre äußert. Auch die Effekte profitieren in vielen Fällen von der Umsetzung auf der leistungsstär- keren Hardware. Wichtig bei der Klangbe- urteilung ist es, Helix im richtigen Kontext zu bewerten. In seiner Funktion als voll umfassende Simulation des Signalflusses zwischen Gitarre und Studiomonitor liefert das Gerät nicht das Klangergebnis eines Röhrenverstärkers im Raum, sondern eine respektable Annäherung an das mikrofo- nierte Original, das man hinter der Regie- scheibe des Studios hört. Den Charakter der nachgebildeten Verstärker trifft Line 6 inzwischen recht gut, sodass man hier tat- sächlich auf ein Füllhorn überzeugender Sounds zurückgreifen kann. Entsprechend sollte man Helix keinesfalls in dieselbe Schublade wie ältere Modeler stecken – hier hat sich viel getan. Die Ergebnisse sind beeindruckend, erst recht, wenn man sich Zeit für die Pro- grammierung nimmt. Insbesondere be- geistern mich die unverzerrten und Effekt- klänge. Hier leistet Helix Beachtliches. Dass ein realer Röhrenverstärker oder ein Pedal die Nase im Direktvergleich den- noch vorn hat, liegt in der Natur der Sache. Das Spielgefühl, genauer: die Interaktion

zwischen Anschlag und der unmittelbaren Reaktion des Lautsprechers, fällt mit ei- nem Modeler einfach weniger direkt aus. Im Gegenzug bietet Helix eine immense und zudem speicherbare Auswahl an Ver- stärkern, Boxen und Effekten, die man in dieser Quantität schlicht in nahezu keinem Studio der Welt und erst recht auf keiner Bühne vorfindet. Zusammenge- fasst: Helix nähert sich den Originalen bes- ser denn je an, legt aber weiterhin einen klaren Fokus auf Klangvielfalt.

Drei Musketiere

Naheliegend ist natürlich das Abwägen von Helix zum Kemper Profiling Amplifier (KPA) und dem Axe FX II von Fractal Au- dio, die allesamt in der Preisklasse deutlich oberhalb der Grenze von eintausend Euro rangieren. Während Helix und Axe FX ge- nerisches Modeling nutzen, grenzt sich der KPA konzeptionell durch sein Profiling ab, mit dem er die Klangeigenschaften eines spezifischen Gerätes überzeugend imitie- ren kann. Wie der KPA hat sich Fractal Au- dio klanglich am Markt bewiesen und weist dabei eine zu Helix vergleichbare DSP-Leistung auf, einschließlich der Fähig- keit, Impulsantworten zu laden. Hier entscheidet neben dem Klangan- gebot und Preis sicherlich auch der even- tuelle Zusatznutzen durch weitere Funktio- nen. Diesbezüglich bietet Helix eine Men- ge, darunter die vorbildliche Integration externer Hardware und die moderne Be- dienoberfläche, die durch die individuellen Displays für die Fußtaster der Konkurrenz die Rücklichter zeigt. Dafür haben die Mitbewerber inzwi- schen durch ihre fortwährende Produkt-

pflege eine hervorragende Kundenbindung aufgebaut, die sich Line 6 in dieser Preis- klasse erst erarbeiten muss. Dabei darf man positiv festhalten, dass es schon im Testverlauf mehrere Updates gab, die auch neue Funktionen zur Verfügung stellten.

Summa summarum

Willkommen in der Modeling-Bundesliga! Helix hat einen beeindruckenden Modeler entwickelt, der sich technisch auf dem Stand der Zeit befindet und bedientech- nisch neue Maßstäbe setzt. Mit seiner um- fassenden Integration existierender Hard- ware, Mikrofoneingang und der mehrka- naligen Rechneranbindung bietet Line 6 gewichtige Kaufargumente, ebenso wie ei- ne Integration in das Line-6-Gesamtkon- zept mit Variax und der DT-Verstärker-Serie. Gitarristen, die nicht ausschließlich auf Röhren schwören, erhalten mit den Helix-Varianten ein beachtliches Kom- plettpaket für die Bühne und den Studio- einsatz, das sich keinesfalls nur als bloßer Ersatz für jegliche Elektronik abseits der Gitarre versteht.

Ulf Kaiser

AUF EINEN BLICK

LINE 6 HELIX

› Vertrieb

Yamaha, www.line6.com

› Preis (UVP)

Helix

1.614 EUR

Helix Rack

1.614 EUR

Helix Control

546 EUR

› Bewertung

▲▲ Hohe Qualität der Sounds ▲▲ Intuitive Bedienung ▲▲ Vielfältige Nutzungsmöglichkeiten

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