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Dirk Pilz

Krisengeschöpfe
Literaturwissenschaft/Kulturwissenschaft
Herausgegeben von
Klaus-Michael Bogdal (Universität Bielefeld),
Erhard Schütz (Humboldt-Universität zu Berlin),
Jochen Vogt (Universität Essen)

In den Bänden dieser Reihe werden – ohne dogmatische Fixierung –


neuere methodische Entwicklungen der Literaturwissenschaft, insbe-
sondere ihre kulturwissenschaftliche Neuakzentuierung reflektiert.
Zentraler Gegenstandsbereich ist die deutschsprachige Literatur des
18. bis 20. Jahrhunderts in sozialgeschichtlicher, diskursanalytischer
und narratologischer sowie kulturtheoretischer Perspektive. Ausblicke
auf das Wirkungspotenzial publizistischer Formen, auf die Genres der
,Paraliteratur’ und den Problemkreis ,Literatur in der Medienkon-
kurrenz’ erweitern das thematische und methodische Spektrum.
Dirk Pilz

Krisengeschöpfe
Zur Theorie und Methodologie
der Objektiven Hermeneutik

Deutscher Universitäts-Verlag
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<http://dnb.d-nb.de> abrufbar.

Dissertation Universität Potsdam, 2005

Gefördert durch die Studienstiftung des deutschen Volkes.

.
.

Auflage Dezember 1997


1. Auflage Januar 2007
Alle Rechte vorbehalten
© Deutscher Universitäts-Verlag | GWV Fachverlage GmbH, Wiesbaden 2007
Lektorat: Ute Wrasmann / Anita Wilke
Der Deutsche Universitäts-Verlag ist ein Unternehmen von Springer Science+Business Media.
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Umschlaggestaltung: Regine Zimmer, Dipl.-Designerin, Frankfurt/Main
Gedruckt auf säurefreiem und chlorfrei gebleichtem Papier
Printed in Germany
ISBN 978-3-8350-6066-1
Dank

Wissenschaftliche Arbeiten sind nicht das Ergebnis Einzelner. Herkunft, Bil-


dung, Zeitgeist – es sind viele Einflüsse, die mit am Schreibtisch sitzen. Nicht
zuletzt bestimmen Gespräche mit Freunden und Kollegen, was am Ende auf
dem Papier steht. Das kann zwar nicht als Entschuldigung herhalten, ist aber
Anlass zum Dank.
Zu Dank verpflichtet bin ich vor allem Prof. Helmut John, der mir im Studi-
um und während der Arbeit an diesem Buch ein Lehrer und Förderer war, wie er
wertvoller nicht hätte sein können. Dass er kurz vor Abschluss des Manuskripts
verstarb, ist eine schmerzvolle Ungerechtigkeit. Ihm sei dieses Buch gewidmet.
Danken muss ich aber auch Prof. Helmut Peitsch, der auf unkomplizierte
und freundliche Weise die Betreuung der Arbeit von Prof. Helmut John über-
nommen hat. Ebenso gilt mein Dank Prof. Jochen Vogt für mehrere anregende
Gespräche und die Bereitschaft, sich als Gutachter dieser Arbeit zu widmen.
Ohne die großzügige finanzielle Unterstützung der Studienstiftung des deut-
schen Volkes wäre das Vorhaben nie begonnen worden; dass drei Jahre lang aus
Bonn Geld auf mein Konto überwiesen wurde, weiß ich daher besonders zu
schätzen. Und ohne die Sommerakademien der Studienstiftung wäre ich wahr-
scheinlich nie auf mein Thema gestoßen. So aber kam es, dass ich im September
1999 in den italienischen Alpen während eines Kurses von Ulrich Oevermann
mit der Objektiven Hermeneutik Bekanntschaft machte. Ihm habe ich auch für
anregende Stunden inner- und außerhalb des Seminars zu danken.
Lutz Stirl danke ich nicht nur für die gewissenhafte Korrektur des Manu-
skripts, sondern auch für viele aufmunternde und ehrliche Worte über Jahre
hinweg. Mathias Iffert habe ich zu danken, dass er trotz großen Zeitmangels die
zum Teil noch wirren Kapitelentwürfe gelesen und mir mehrere wichtige Hin-
weise gegeben hat.
Steffen Richter hat es immer wieder verstanden, mein Bemühen mit liebe-
voller Ironie zu unterstützen und mich damit (hoffentlich!) vor falschem Ernst
bewahrt. Mit Christoph Baum konnte ich die Ängste, Hoffnungen und Freuden
des Doktorandendaseins und viele andere teilen.
Nikolaus Merck danke ich für all die anregenden, freundschaftlichen Ge-
spräche und einiges mehr. Thomas Pösl, Sebastian Krüger, Catherine Nichols,
Elissa Hiersemann, Nicole Koch und Martin Lechner haben nie aufgehört, sich
für mein Vorhaben zu interessieren. Jochen Schubert half mir aus der Ferne.
Sophie habe ich zu danken, weil sie das damals alles liebevoll ertragen hat.
Danken muss ich aber auch meinen Kollegen und Kolleginnen bei „Theater
der Zeit“, Anja Dürrschmidt, Nina Peters und Wolfgang Behrens, die einen
mitunter überarbeiteten und gestressten Redakteur ertragen mussten und den-
noch nicht die Geduld verloren. Dank schulde ich auch Sibyll Wahrig, die mir in
großer Zeitnot geholfen hat, die Druckvorlage zu erstellen.

5
Burkart und Waltraud Pilz danke ich für die Liebe, mit der sie den jüngeren
Bruder Jahre hindurch begleitet haben.
Meinen Eltern danke ich für das liebende Bemühen, ihren Sohn zu verste-
hen.
Außerdem gehört mein Dank jenen, die hier nicht genannt werden, aber Be-
scheid wissen.

Dirk Pilz

6
Inhaltsverzeichnis

I Einführung ............................................................................ 13
1. Die Idee einer Objektiven Hermeneutik:
Problemstellung und Forschungslage .............................................. 24

2. Eine kurze Kapitelübersicht .............................................................. 39

II Theorie und Methodologie einer


Objektiven Hermeneutik.................................................... 49
1. Erste Perspektive: Zum Begriff der latenten Sinnstruktur.......... 50

2. Zweite Perspektive: Die pragmatistische Grundlegung


des Sinnbegriffs und der krisentheoretische Ansatz der
Objektiven Hermeneutik.................................................................... 58

2.1. Das pragmatistische Wahrnehmungs- und


Handlungsmodell ............................................................................... 60

A Der Zeichenbegriff ............................................................................. 70


B Die drei Kategorien der Erstheit, Zweitheit, Drittheit........................... 74

2.2. Der Begriff der unhintergehbaren Sozialität


als Grundlage der Sinnkonzeption .................................................... 79

2.2.1. Die pragmatistische Zeitkonzeption und


der Begriff der Perspektive............................................................. 85

A Aktuelle und funktionale Gegenwart .................................................. 85


B Der Begriff der Perspektive ................................................................ 88

2.2.2. Die Dialektik von I und Me............................................................ 90


2.2.3. Der genetische Sinnbegriff........................................................... 100

7
2.3. Das objektiv-hermeneutische Modell der Lebenspraxis
auf der Grundlage der Dialektik von Krise und Routine............... 105

2.3.1. Der Begriff Lebenspraxis ............................................................. 106

A Drei Krisentypen .............................................................................. 111


B Strukturelle Autonomie .................................................................... 113

2.3.2. Der objektiv-hermeneutische Strukturbegriff


und das Modell der Emergenz...................................................... 125

A Der objektiv-hermeneutische Strukturbegriff .................................... 126


B Reproduktion und Transformation: Das Emergenzmodell ................. 129

2.3.3. Peirce’ (frühe) Kategorienlehre als Grundlage des


Rekonstruktionsbegriffs................................................................. 141

A Theorie der Kategorienlehre I:


Die untere Grenze möglicher Erfahrung ........................................... 142
B Methodologische Schlussfolgerungen I:
Die Begriffe Sequenz und Fallstruktur .............................................. 149
C Theorie der Kategorienlehre II:
Die obere Grenze möglicher Erfahrung............................................. 154
D Methodologische Schlussfolgerung II:
Der Begriff der Rekonstruktion ........................................................ 168

2.3.4. Das Schlussverfahren der Abduktion .......................................... 173

A Theorie der Abduktion: Nichtstandardisiertes Schlussfolgern ............ 174


B Methodologische Schlussfolgerung:
Der Begriff der Strukturgeneralisierung ............................................ 191

3. Dritte Perspektive: Objektive Hermeneutik


als Kompetenztheorie ....................................................................... 198

3.1. Chomskys Kompetenz-Performanz-Paradigma ............................. 202

A Der generative Regelbegriff ............................................................. 205


B Drei Ebenen der Kompetenz ............................................................. 211
C Die zentralen Merkmale einer Kompetenztheorie .............................. 213

8
3.2. Die Kritik des Kompetenzparadigmas und eine
mögliche Lösung mit dem Modell der Inferenz............................. 217

A Wittgensteins Einwand: Privatsprachenargument


und praxeologischer Regelbegriff .................................................... 218
B Die skeptische Lösung des Rechtfertigungsproblems ........................ 224
C Die geradlinige Lösung des Rechtfertigungsproblems ....................... 228
D Regulative und konstitutive Regeln .................................................. 237
E Das Modell der Inferenz ................................................................... 240
F Kompetenz und Performanz als inferenzielles Verhältnis ................... 258

3.3. Die objektiv-hermeneutische Kompetenztheorie:


Konsequenzen und Klarstellungen.................................................. 267

3.3.1. Objektiv-hermeneutische Theorie des


Kompetenz-Performanz-Verhältnisses I:
Generativ-konstitutive Regeln und latente Sinnstruktur............. 269

A Einwände gegen den generativ-konstitutiven Regelbegriff ................ 275


B Die inferenzialistische Interpretation des
generativ-konstitutiven Regelbegriffs ............................................... 282
C Latente Sinnstrukturen als Welt 3 und als Gedanken:
Die irreführende Rechtfertigung mit Popper und Frege ..................... 291

3.3.2. Methodologische Schlussfolgerungen I:


Die Begriffe Text und Protokoll .................................................. 300

A Der Begriff des Protokolls ................................................................ 300


B Der Begriff des Textes...................................................................... 304

3.3.3. Objektiv-hermeneutische Theorie des


Kompetenz-Performanz-Verhältnisses II:
Der erkenntniskonstitutive Zirkel ................................................ 308

3.3.4. Methodologische Schlussfolgerung II:


Das Prinzip der Sequenzanalyse .................................................. 313

III Grundzüge einer objektiv-hermeneutischen


Ästhetiktheorie ............................................................................. 317
1. Ästhetische Autonomie und die Strukturhomologie
von Kunstwerk und Lebenspraxis.................................................. 321

9
1.1. Ästhetische Autonomie und die
Eigenlogik der ästhetischen Erfahrung I......................................... 325

1.2. Die Strukturhomologie von Kunstwerk und Lebenspraxis ........... 338

Exkurs: Krise und (Post)Moderne ........................................................ 351

2. Präsenz ................................................................................................ 358

2.1. Präsenz und Krise............................................................................. 358

2.2. Präsenz, Imagination und die Funktionalisierung


der Präsenz zur Kompensations- oder Offenbarungsinstanz......... 374

A Der Begriff der Imagination ............................................................. 380


B Die Funktionalisierung der Präsenz zur
Kompensations- oder Offenbarungsinstanz ....................................... 390

3. Ästhetische Erfahrung als Spiel der Verstehensvollzüge............ 405

3.1. Die materialistische Lesart .............................................................. 415

A Unendliche Subversion des Verstehens ............................................. 416


B Ästhetische Differenz und die Folgen ihrer Auflösung ...................... 427

3.2. Die hermeneutische Lesart .............................................................. 447

A Die unendliche Steigerung des Sinns ................................................ 448


B Polysemie ........................................................................................ 459

3.3. Die objektiv-hermeneutische Lesart ............................................... 467

A Ästhetische Erfahrung und die erstarrte Lebendigkeit


des Kunstwerks: eine spielästhetische Lesart .................................... 477
B Der Rätselcharakter des Kunstwerks:
Methodologische Konsequenzen ...................................................... 504

4. Ästhetische Autonomie und die Eigenlogik


der ästhetischen Erfahrung II ......................................................... 519

4.1. Ästhetische Erfahrung und Suggestivität........................................ 522

10
4.2. Das inferenzielle Verhältnis von Subjekt und Objekt
in einem ästhetischen Zusammenhang............................................ 539

IV Die Methodik der objektiv-hermeneutischen


Sequenzanalyse ............................................................................. 559
1. Die allgemeinen Prinzipien der Sequenzanalyse .......................... 562

A Das Prinzip der Kontextfreiheit ........................................................ 564


B Das Prinzip der Sequenzialität .......................................................... 582
C Die Prinzipien Wörtlichkeit und Totalität .......................................... 588
D Die Prinzipien Extensivität und Sparsamkeit ..................................... 590

2. Die Modifizierung der Prinzipien für


literaturwissenschaftliche Sequenzanalysen ................................. 600

Schluss....................................................................................................... 615

Literaturverzeichnis

A Texte von Ulrich Oevermann....................................................... 621


B Sekundärliteratur........................................................................... 626

11
I Einführung

Dem Einwandfreien passiert tatsächlich nichts.1


Theodor W. Adorno

Über die Kunst lässt sich merkwürdig wenig Genaues und


kinderleicht viel Ungefähres schreiben.2
Friedrich Dürrenmatt

Es ist etwas Seltsames, ein Buch zu lesen. Das trifft womöglich auf alle Bücher
zu, für literarische Texte gilt es aber in besonderer Weise. Man weiß nicht recht,
wie einem dabei geschieht. Soviel scheint allerdings festzustehen: Wer Literatur
liest, erfreut sich daran, dass einem etwas zu verstehen gegeben wird. Genauso
gilt jedoch das Gegenteil. Wer Literatur liest, versteht immer auch nicht. Es ist
beides zugleich, was den eigentümlichen Reiz literarischer Texte ausmacht.
Nicht alles ist zu verstehen, und dennoch versteht man immer etwas. Das stellte
noch keinen entscheidenden Unterschied zwischen literarischen und nichtlitera-
rischen Texten dar, würden Leser von Literatur das Gelesene nicht derart auf
sich beziehen, dass sie die Lektüre regelmäßig verwirrt, beunruhigt, vergnügt,
erheitert. Literatur lässt sich nicht unbeteiligt konsumieren; sie macht etwas mit
ihren Lesern, nicht einfach, weil sie außergewöhnlich gemacht ist, sondern weil
sie einer Erfahrung stattgibt, die dem Erfahrenden nicht äußerlich ist. Das ist das
Merkwürdige: Literatur greift etwas an und in uns auf, das irgendwie wesentlich
zu dem zu gehören scheint, was uns ausmacht. Dieses Buch behauptet, die Ur-
sache hierfür liege in einer Beschaffenheit, die Literatur mit den Lesern teilt: ein
Krisengeschöpf zu sein. Denn beide, sowohl Literatur als auch ihre Leser, sind

1
Adorno 1975: 45. – Zwei Anmerkungen sind zu Beginn notwendig. Die erste betrifft die
Verwendung der maskulinen Formen. Obwohl der Hinweis ernst zu nehmen ist, es sei gravie-
rend, als Frau immer wieder nicht angesprochen zu werden, wird hier aus Gründen der Les-
barkeit darauf verzichtet, die überkommene Grammatik dieser Einsicht anzupassen. Der zwei-
te Hinweis hat den leidigen Streit um die deutsche Rechtschreibung zum Gegenstand. Er
nötigt zu einer Entscheidung. Da sich diese Arbeit bemüht, den Lesefluss so wenig wie mög-
lich zu stören, vermeidet sie das Nebeneinander zweier Rechtschreibungen und folgt der
neuen. Die Zitate wurden daher immer dann der neuen Rechtschreibung angepasst, wenn dies
keine Auswirkung auf die Bedeutungsgehalte hat. – Die verwendete Zitierweise ist im Litera-
turverzeichnis erläutert.
2
Dürrenmatt, F.: Ist der Film eine Schule für Schriftsteller? In: ders.: Literatur und Kunst.
Essays, Gedichte und Reden. Werkausgabe in siebenunddreißig Bänden. Bd. 32. Zürich 1998:
137.

13
durch Krisen konstituiert. Es ist diese Gleichzeitigkeit, die dem Lesen eine selt-
same Lust verleiht. Wo man im Alltag vor Krisen flieht, sucht man sie in und
mit der Literatur. Wie ist das möglich? Es muss mit der Struktur von Krisen zu
tun haben, die uns noch über viele Seiten hinweg beschäftigen wird, bevor klar
geworden ist, dass hier mit Krisen nicht das umgangssprachliche Verständnis im
Blick ist.
Krise und Literatur – das gehört zusammen. Wie und warum das so ist, wird
genauer zu untersuchen sein. Den Ausgangs- und dann auch wieder Endpunkt
unserer Überlegungen bildet jener eigentümliche Reiz des Literarischen, dem
sich nicht entziehen kann, wer einen literarischen Text liest. Aus diesem Reiz ist
einst die Philologie entstanden: aus Liebe zur Literatur, gewendet in wissen-
schaftlich betriebene Interpretation, die stets versuchte, dem Rätsel literarischer
Texte auf die Schliche zu kommen. Inzwischen liegen die Dinge etwas anders,
und Literaturwissenschaft ist längst mehr als Interpretationswissenschaft. Die
ehemals sicher geglaubten „Grundgemeinsamkeiten“ der Literaturwissenschaft
werden „immer brüchiger“3, weil hinter dem stetigen Anwachsen ihrer Fragen,
Verfahrensweisen und Konzepte die immer schwieriger zu beantwortende Frage
steht, womit es Literaturwissenschaft überhaupt zu schaffen habe. Sie stellt sich
daher zunehmend kulturwissenschaftliche, gesellschafts- und geschichtstheore-
tische, soziologische, phänomenologische, geschlechts- und medientheoretische,
philosophische oder anthropologische Fragen. Im Zentrum des wissenschaftli-
chen Bemühens steht seit den 60er-Jahren des letzten Jahrhunderts nicht länger
der literarische Text, ein Zentrum der Literaturwissenschaft gibt es überhaupt
nicht mehr. Gerade diese interdisziplinäre Offenheit und Pluralität wird dabei
gern als Indiz ihrer Zeitgenossenschaft genommen. Wo verbindliche Werte
erodieren, so die Prämisse, kann die Wissenschaft nicht länger ein zentristisches
Weltbild bedienen. Das heißt für die Literaturwissenschaft vor allem, sich aus
der Zwangsjacke ihrer buchstaben- und werkfixierten Tradition zu befreien und
im Zeichen eines ausgreifenden Theorien- und Methodenpluralismus verschie-
denste Probleme zu behandeln, die durch literarische Texte angeregt sein mö-
gen, sich aber nicht unbedingt direkt auf sie beziehen müssen. Das wiederum
kann aber nicht heißen, den literarischen Text als Untersuchungsgegenstand
aufzugeben, jedenfalls dann nicht, wenn die Literaturwissenschaft etwas über
literarische Texte in Erfahrung bringen will. Denn selbst wenn sie sich alle
möglichen Fragen stellen mag und diese Freiheit mit dem eher selten eingelös-
ten Versprechen der Interdisziplinarität beglaubigt, es bleiben Fragen im Hin-
blick auf literarische Texte, sollen es literaturwissenschaftliche Fragen sein.
Insofern bleibt Literaturwissenschaft auch immer Interpretationswissenschaft,
trotz allen linguistic, aesthetic, cultural oder sonstigen turns, die sie durchlaufen
hat.

3
Stierle 1996: 1157.

14
Nun hat sich nicht nur die Literaturwissenschaft verändert, auch die Literatur
selbst erlebt spätestens seit der Moderne tiefgreifende Umbrüche.4 Sie entdeckt
neue Formen, Ausdrucksweisen, Stoffe und übt damit einen merkwürdigen
Druck auf die ihr zugehörige Wissenschaft aus. Will Literaturwissenschaft etwa
die Stoffe ihrer Gegenstände verstehen, wie diese sie selbst verstanden hat,
befindet sie sich unweigerlich in einem ständigen Kompetenzwettlauf mit ihnen.
Thematisiert ein literarischer Text die Erfindung der Glühbirne oder die Entde-
ckung Amerikas, hat der Literaturwissenschaftler notwendigerweise zur ent-
sprechenden Fachliteratur zu greifen – wenn er darin die Voraussetzung zum
Verstehen des literarischen Textes sieht. Bringt die Literatur philosophische
oder theologische Theoreme ins Spiel, glaubt er gleich ziehen zu müssen und
verschafft sich den nötigen Einblick ins philosophische und theologische Den-
ken. Literaturwissenschaft ist daher nicht selten das kraftraubende Bemühen,
mit der Literatur auf Augenhöhe zu bleiben; mitunter zeigt sich auch die verrä-
terische Neigung, ein bisschen über der Literatur stehen zu wollen.
Interdisziplinarität ist in jedem Fall das Schlagwort der Stunde: Literaturwis-
senschaft von Heute verkriecht sich nicht länger im Schneckenhaus der baren
Textinterpretation, sondern zieht Verbindungs- und Vergleichslinien hinaus in
die weite Welt der Theorien und Wissenschaften. Sie steht mit beiden Beinen im
Hier und Jetzt – im Dickicht der Themen, Theoreme und Modelle. Es ist daher
nicht eben selten, dass dies für Literaturwissenschaftler Grund genug zur Klage
wäre. Man schlägt einen neuen Roman auf, sieht sich mit diffizilen Fragen der
Quantenphysik konfrontiert – und hat wieder einmal keine Ahnung. Es dauert,
bis man sich das entsprechende Know-How verschafft hat, um dem Roman
ordnungsgemäß folgen zu können – oder man flieht vor der Literatur und be-
nutzt sie als Sprungbrett für Nachbardiskurse. Dennoch bleibt die Frage im
Raum, welche Analyseverfahren den jeweiligen Texten angemessen sind: Die
Flucht vor der Literatur will der Literaturwissenschaft ohnehin nicht recht ge-
lingen; der Text fordert immer wieder sein Recht ein und bringt die Wissen-
schaft in aufschlussreiche Schwierigkeiten. Das komplizierte Problem, in wel-
cher analytischen Form den literarischen Texten zu begegnen sei, stellt sich
dabei stets aufs Neue: als Herausforderung an die Interpretationstheorie, die zur
allgemeineren Theorie des Verstehens gehört. Denn jede literaturwissenschaftli-
che Interpretationstheorie teilt, ob ausgesprochen oder nicht, die Voraussetzung,
derzufolge wir verstehende Wesen sind. Auch wenn wir uns gelegentlich darin
täuschen, wie viel, wie gut oder wie genau wir etwas verstehen, wir täuschen
uns nicht darin, dass wir (gelegentlich) etwas verstehen.5 Zwar tauchen immer
wieder Positionen eines radikalen hermeneutischen Skeptizismus auf, die Ver-
stehen im eigentlichen Sinne für unmöglich, letztlich für eine Illusion halten.

4
Vgl. zum Begriff der Moderne den Exkurs am Ende von III 1.2.
5
Vgl. Scholz 2001: 1f.

15
Doch diese verstricken sich schnell in Inkohärenzen und Paradoxien, nicht zu-
letzt über die Frage, was eigentliches Verstehen überhaupt sein soll. Mehr noch:
Für jemanden, der einen Unterschied zwischen Verstehen und Nichtverstehen
leugnet, hat es keinen Sinn, an Gesprächen teilzunehmen oder Bücher zu lesen,
auch nicht das vorliegende. Wie schwierig Verstehen also auch ist, es bleibt
dabei: Wir verstehen, wir sind verstehende Wesen – und damit genauso miss-
verstehende und nichtverstehende Wesen, weil jedes Verstehen das Miss- und
Nichtverstehen einschließt. Insofern gibt es weder Anlass zu überhöhter Eupho-
rie (als ob wir immer alles verstehen würden!) noch zu überzogener Skepsis (als
ob wir nie etwas verstehen würden!). Das gilt für alltagsweltliche Phänomene,
Situationen oder Sätze genauso wie für ästhetische Gegenstände, literarische
Texte zum Beispiel. Mit einem entscheidenden Unterschied, demjenigen, der
ästhetische Gegenstände von nichtästhetischen trennt. Die ästhetische Differenz
als das zentrale Thema jeder literaturwissenschaftlichen Verstehens- bzw. Inter-
pretationstheorie ist angesichts des Theorien- und Methodenpluralismus folglich
keineswegs ausgehebelt; das pluralistische Nebeneinander verschiedener Ansät-
ze sensibilisiert allenfalls für den Umstand, dass ästhetische Gegenstände sich
jeder einfachen, geradlinigen Definition entziehen, das allerdings von jeher,
nicht erst, seitdem die Literaturwissenschaft dies bemerkte. Jeder literarische
Text wirft die Frage auf, was Literatur denn sei. Umgekehrt muss Literaturwis-
senschaft (wie jede Lektüre) genau darauf eine Antwort geben, wenn sie den
literarischen Text als ästhetischen Gegenstand ernst nehmen will.
Der Hinweis ist wichtig; er hilft jenen Kurzschluss zu vermeiden, der aus der
Tatsache, dass – um es mit einem Buchtitel Umberto Ecos zu sagen – die Litera-
turwissenschaft nunmehr „Über Gott und die Welt“ handelt, folgert, sie suspen-
diere die Frage nach der Literatur.6 Wäre es so, müsste der Theorien- und Me-
thodenpluralismus selbst als Antwort auf diese Frage gelten, und das hieße an-
nehmen, aus der rätselhaften Verfasstheit ästhetischer Gegenstände, aus ihrer
Eigenschaft, keine ein für allemal festen Definitionen zuzulassen, gehe hervor,
die Untersuchung dessen, was ästhetische Gegenstände konstituiert, sei generell
hinfällig geworden. Das bedeutete zu glauben, problematische Gegenstände,
literarische Texte etwa, würden unproblematisch, indem man ihr Problematisch-
sein entweder leugnet oder lediglich konstatiert. So schüttete man das Kind mit
dem Bade aus. Man gewönne damit zwar die trügerische Freiheit, sich nunmehr
alle möglichen Fragen, nur nicht die nach der Literatur zu stellen, hätte sich aber
gleichzeitig des Gegenstandes beraubt. Literaturwissenschaft wäre alles, bloß
keine Wissenschaft von und über Literatur. Da hülfe es auch nicht, die ästheti-

6
Das schlägt Martin Sexl vor, wenn er behauptet, die Frage ‚Was ist Literatur?’ finde „nur
mehr wenig Widerhall“, weil Literaturwissenschaftler „nicht mehr allein Goethe, Shakespeare
und Dante“ lesen, „sondern auch Freud, Marx und Nietzsche“. (Sexl, M.: Einleitung: Litera-
tur, Theorie, Literaturtheorie. In: ders. (Hg.): Einführung in die Literaturtheorie. Wien 2004:
22)

16
sche Differenz selbst aufheben zu wollen; die Rede von literarischen Texten
verlöre ihren Sinn. Daran kann, solange es literarische Texte gibt, nicht gelegen
sein. Kurz: Der Methoden- und Theorienpluralismus zieht keinen Schlussstrich
unter die Debatte über die Angemessenheit interpretatorischer Verfahren, son-
dern zeigt das Ende bestimmter Vorstellungen über die Verfasstheit ästhetischer
Gegenstände an. Aus der trivialen und de facto nie bestrittenen Feststellung, es
könne die Theorie (der Literatur) nicht geben, folgt jedenfalls nicht, es gebe
auch keine auf wissenschaftliche und damit überprüfbare Argumentation ver-
pflichtete Theorie der Literatur(wissenschaft). Eben dieses Argument bedient
jedoch, wer die literaturtheoretische Verständigung über die Verfasstheit ästhe-
tischer Gegenstände als akademische Spiegelfechterei betrachtet. Die Weige-
rung der Literatur, sich theoretisch festlegen zu lassen, wird dann allzu leicht als
Freibrief für methodische Unbedarftheit missverstanden. Weil die „Idee einer
Methode, die feste, unveränderliche und verbindliche Grundsätze für das
Betreiben von Wissenschaft enthält“ nicht ohne „erhebliche Schwierigkeiten“
zu haben ist, soll – so die entsprechende Schlussfolgerung von Paul Feyerabend
etwa – der „einzige, allgemeine Grundsatz, der den Fortschritt nicht behindert“,
lauten: „Anything goes“.7
Diese Argumentation entbehrt nicht einer gewissen Attraktivität: Da die Lite-
ratur immer anders und reichhaltiger ist als jede noch so diffizile Theorie sie
aussehen lässt, macht alles theoretische Bemühen ihr gegenüber eine notwendig
schlechte Figur. Es bleibe demnach allenfalls der „theoretische Anarchismus“8,
das heißt: „pluralistische Methodologie“9. Hilfreich ist dieser Hinweis, wenn er
die Sensibilität für den Umstand schärft, dass „alle Methodologien, auch die
einleuchtendsten, ihre Grenzen haben“10; irreführend ist er, wenn er als Legiti-
mation methodologischer Unbekümmertheit eingesetzt wird. Gerade dies
scheint sich aber im Anschluss an die vor allem in den 70er- und 80er-Jahren
heftig geführte Methodendebatte einiger Beliebtheit zu erfreuen, und das, ob-
wohl sich der Streit Aufklärung über die Legitimation methodischer Verfahren
und Sensibilisierung für den literaturwissenschaftlichen Gegenstand auf die
Fahnen geschrieben hatte. Aus der Rückschau auf die hitzigen Diskussionen
über die Frage, was Literatur sei und wie eine angemessene Interpretation aus-
sehen könne, wird aber auch deutlich, in welcher Weise sie geführt wurden: Es
bietet sich ein Schauspiel des vereinten Angriffs auf einen Gegner.11 Dieser
gemeinsame Gegner war eine psychologisierende, auf die Einfühlung in Auto-
ren und Epochen setzende Literaturbetrachtung. Nachdem der Feind für besiegt
erklärt wurde, haben sich die ehemals Verbündeten schnell in zwei Lager zer-

7
Feyerabend 1983: 21.
8
Ebd.: 31.
9
Ebd.: 34.
10
Ebd.: 37.
11
Vgl. Menke 1995: 328.

17
stritten. Das eine sucht ihr Heil in der immanenten Analyse von Formen bzw.
Strukturen, das andere in der historisierenden Erschließung der Rezeption bzw.
des Sinngehalts.
Natürlich lässt sich die unübersichtlich gewordene Methoden- und Theorie-
debatte nicht auf die Schlagwörter immanente Formanalyse und geschichtliches
Sinnverstehen reduzieren; es hat mehrere Vermittlungsversuche, Zwischen- und
Metamodelle gegeben. Dennoch drückt sich laut Christoph Menke in dieser
Gegenüberstellung ein sachlicher Kern aus, den die Theorieentwicklung nicht
aufzulösen vermochte. „Dieser Kern ist die Frage nach dem Verhältnis von
einer historischen oder soziologischen und einer semiologischen oder rhetori-
schen Begrifflichkeit zur Beschreibung von Bedeutungsstrukturen, kurz: die
Frage nach der Geschichtlichkeit des Literarischen.“12 Die Frage nach der Lite-
ratur und mit ihr die Frage nach einem angemessenen interpretatorischem Um-
gang, heißt dies, bleibt virulent. Oder anders gefasst: Der enigmatische Charak-
ter aller Kunst ist gerade kein Argument gegen die Möglichkeit methodisch
kontrollierter Analyse, sondern nur gegen die falsche Hoffnung, dem ästheti-
schen Gegenstand könne qua Analyse gleichsam der Schleier heruntergerissen
werden. Literatur ist selbstverständlich durch keine Wissenschaft zu substituie-
ren, sie wäre sonst nicht. Wenn daraus aber gerade nicht folgt, dass sich ästheti-
sche Gegenstände jedem wissenschaftlichen Zugriff entziehen, kommt es darauf
an, zu bestimmen, was genau und was genau nicht sich methodisch erfassen
lässt; und das weiß man erst, wenn man weiß, was ästhetische Objekte sind.
Auch so gesehen ist Literaturtheorie unerlässlich: Sie klärt, womit man es bei
literarischen Texten zu tun hat, und klärt infolgedessen auch, was methodische
Arbeit zu leisten vermag. „Eine jede Methode“, schreibt Rüdiger Bubner, „steht
in einem bestimmten Verhältnis zu dem Gegenstand, dem sie gilt. Allein, für
sich genommen, macht sie keinen Sinn.“13 Und weil der Gegenstand literatur-
wissenschaftlicher Analysen ästhetische Gegenstände sind, ist das Verhältnis
zwischen literarischem Text und literaturwissenschaftlicher Interpretation zu
untersuchen, wenn es darum geht, ein dem ästhetischen Gegenstand angemesse-
nes Analyseverfahren zu finden. Literarische Texte lassen sich jedenfalls nie
wie nichtästhetische Gegenstände behandeln, es sei denn, man interpretiert an
ihnen vorbei. Für alle literaturwissenschaftliche Interpretationen gilt deshalb,
dass sie, wie Peter Szondi betont, den „ästhetischen Charakter der auszulegen-
den Texte nicht erst in einer Würdigung, die auf die Auslegung folgt“ berück-
sichtigen kann, sondern diesen „zur Prämisse der Auslegung“ selbst machen
muss.14 Denn, so Ulrich Schödlbauer, „das Ästhetische ist weder Zutat noch
Aspekt, sondern betrifft den Gesamtcharakter der (ästhetischen, D.P.) Gebilde,

12
Ebd.
13
Bubner 1980: 128.
14
Szondi 1975: 13.

18
den keine Analyse vernachlässigen darf, es sei denn um den Preis eigener Be-
langlosigkeit.“15 Wollte man also den literarischen Text erst als nichtästheti-
schen Gegenstand behandeln und ihn nach der Analyse als ästhetischen behaup-
ten, hätte man den Charakter literarischer Texte grundlegend verfehlt; daran
kann der Literaturwissenschaft nicht gelegen sein: Sie machte sich eines folgen-
schweren Kategorienfehlers schuldig.
Bereits mit diesen knappen Bemerkungen sind komplexe Probleme berührt,
die uns noch ausführlich beschäftigen werden, wesentlich die beiden Fragen,
was einen literarischen Text konstituiert und welche interpretationstheoretische
wie interpretationspraktische Reaktion solche Texte verlangen. Das vorliegende
Buch versucht, darauf eine plausible Antwort zu geben; folglich hat es ein genu-
in literaturtheoretisches Problem zum Inhalt und behauptet, dass keine Litera-
turwissenschaft ohne Theorie auskommt, weil es kein Interpretieren ohne impli-
zite Theorie gibt. Wer glaubt, auf Theorie verzichten zu können, wird zur Wis-
senschaft nicht kommen. Das mag trivial sein, ist in der literaturwissenschaftli-
chen Praxis aber keineswegs selbstverständlich. Der Theorie haftet – noch im-
mer, möchte man hinzufügen – der Geruch des Überflüssigen an, weil sie sich
nicht zu Praxis verrechnen lässt. Und da ihr der Ruf vorauseilt, schwierig und
anstrengend zu sein und überdies unnötig kompliziert zu machen, was unter
praktischen Gesichtspunkten unproblematisch scheint, wird Literaturtheorie
gern als Orchideenfach betrachtet: schön, aber nicht notwendig. Das Gegenteil,
so wird hier vertreten, ist der Fall. Denn Literaturtheorie suspendiert die Selbst-
verständlichkeit, mit der wir mit Begriffen wie Literatur und Interpretation um-
gehen. Dass sie sich damit nicht überall Freunde macht, liegt auf der Hand. Wer
das Selbstverständliche anzweifelt, kann nicht erwarten, bei den Vertretern des
Selbstverständlichen auf Gegenliebe zu stoßen.
Die Einstiegshemmung vor der Theorie ist aus vielen Gründen hoch; nicht
selten erliegt die Literaturwissenschaft deshalb der (mitunter verständlichen)
Neigung, einer tieferen Auseinandersetzung mit literaturtheoretischen Proble-
men aus dem Weg zu gehen. Hier wurde dieser Neigung nicht stattgegeben,
nicht um des Theoretisierens willen, sondern weil die besseren Karten in der
Hand hält, die höhere Anschlussfähigkeit und tragfähigeren Perspektiven be-
sitzt, wer einen literaturtheoretisch fundierten und methodisch reflektierten
Zugang zur Literatur hat.16 Literaturtheorie ist keine Nebenbühne der Literatur-
wissenschaft, die mit exotischen Fragestellungen bespielt wird; sie gehört ins
Zentrum der Literaturwissenschaft selbst. Aus einem zunächst einfachen Grund:
Was immer Wissenschaftler, Interpreten oder auch gewöhnliche Leser tun, sie
nehmen folgenreiche theoretische Standpunkte ein. Eine über ihre theoretischen

15
Schödlbauer 1989: 53.
16
Das ist auch die Prämisse von Oliver Jahrhaus’ Literaturtheorie, die vehement für die theo-
retischen Aspekte der Literaturwissenschaft streitet. (vgl. Jahrhaus 2004: 1ff.)

19
Implikationen aufgeklärte Literaturwissenschaft hat es daher in vielerlei Hin-
sicht besser. Wer sich die in Anspruch genommenen Prämissen klar macht,
weiß, was er tut, wenn er dieses oder jenes tut. Das ermöglicht kritische Distanz
zum eigenen Tun und unter Umständen Korrekturen, wo es dieser bedarf. Lite-
raturwissenschaft wird so nicht mehr nur an der Oberfläche zu berichtigen ver-
suchen, was grundlegende Ursachen hat und also auch nur auf grundlegendem
Niveau verhandelt werden kann. Wer es in seiner Interpretationsarbeit zum
Beispiel bislang mit den hoch verdichteten Gedichten Paul Celans zu tun hatte,
nun aber, aus welchen Gründen auch immer, plötzlich vor einem Text sitzt, der
wie Peter Handkes Gedicht Die Aufstellung des 1. FC Nürnberg vom 27. 1.
1968 die Aufstellung des 1. FC Nürnberg vom 27. 1. 1968 verzeichnet und sich
nicht mehr ohne weiteres als – dem traditionellen Verständnis nach – literari-
scher Text zu erkennen gibt, wird den Text möglicherweise vorschnell als irre-
levanten Einzelfall aussortieren oder aber mit seinen bisherigen Vorgehenswei-
sen in ernsthafte Nöte geraten. Nicht nur, weil eventuell das gewählte Interpreta-
tionsverfahren dem Text nicht angemessen ist, sondern vor allem, weil Handkes
Gedicht radikal in Frage stellt, was Literatur überhaupt ist. Darauf lässt sich
nicht einfach mit einer veränderten Interpretationstechnik reagieren, sie stellt
das Interpretieren selbst in Frage – und führt mitten in theoretische Probleme,
die sich auf praktischer Ebene zeigen, aber dort nicht ihre Ursache haben. Auch
wenn dies ein extremer Fall sein mag, verdeutlicht er doch eine prinzipielle
Schwierigkeit: Der Gegenstand der Literaturwissenschaft, die Literatur, fordert
immer wieder sie selbst heraus, weshalb es einer theoretischen Erwiderung
bedarf, will man nicht Gefahr laufen, von Anfang an die Herausforderung, das
heißt, den literarischen Text zu unterbieten. An der Theorie kommt man ohnehin
nicht vorbei, so oder so.
Und dennoch stellt sich die Frage, braucht es die Theorie für das Interpretati-
onsgeschäft überhaupt? Ist es wirklich vonnöten, sich wie hier derart umfang-
reich auf theoretische Streitigkeiten einzulassen? Wir wissen doch mehr oder
weniger, was Literatur ist; und wer literarische Texte interpretieren möchte, will
sich nicht mit Theorie, sondern eben mit den literarischen Texten herumschla-
gen. „Manche ‚methodisch’ hochgeschraubten Programme“, schreibt Jochen
Vogt deshalb, „führen, recht besehen, zu sehr bescheidenen Resultaten; und es
ist noch der günstigere Fall, wenn man sieht: Das hätte ich mit gesundem Men-
schenverstand auch herauskriegen können!“17 Das lässt sich, recht besehen, in
der Tat schwerlich bestreiten: Theoretische Programme neigen dazu, ein merk-
würdiges Eigenleben zu führen und haben nicht selten die Tendenz, aus den
Augen zu verlieren, zu welchem Zweck und Ende sie einst entwickelt wurden.
Der Aufwand steht dann schnell in keinem Verhältnis mehr zu den Ergebnissen.
Herauskommt so jene graue Theorie, die den Ruf aller Theorie beschädigt – mit

17
Vogt, J.: Einladung zur Literaturwissenschaft. München 1999: 196.

20
schlimmen Folgen für die Literaturtheorie. Solches Theoretisieren erweist sich
als kontraproduktiv und muss sich den Vorwurf gefallen lassen, von der Litera-
tur wegzuführen und also irrelevant zu sein oder, schlimmer noch, die Literatur
zu verstellen, indem es sich mit Dingen beschäftigt, die unseren literaturwissen-
schaftlichen Interpretationsalltag nicht wesentlich berühren.18 Das Außeralltäg-
liche, Handkes Gedicht etwa, mag ja seinen Reiz haben, aber rechtfertigt das die
theoretischen Mühen, die hier betreiben werden? Nur wenn stimmt, dass sich im
Außeralltäglichen besonders augenfällig zeigt, was es generell heißt, ästhetische
Gegenstände zu interpretieren. Und genau darum geht es in diesem Buch, um
die beiden Fragen, was ästhetische Gegenstände sind und es bedeutet, diese zu
interpretieren, seien sie nun sofort als solche zu erkennen oder nicht. Gerade
interpretationspraktische Selbstverständlichkeiten transportieren theoretische
Probleme, die sich mitunter auf besonders hässliche Weise in den Interpretati-
onsergebnissen niederschlagen. Drauflosinterpretieren steht darum genauso
unter Naivitätsverdacht wie Drauflostheoretisieren: Es gibt keine Interpretation
ohne theoretische Vorannahmen wie es keine literaturwissenschaftliche Theorie
ohne Konsequenzen für die Interpretationspraxis gibt. Über sich selbst aufge-
klärte Literaturwissenschaft muss ihre eigenen theoretischen Vorannahmen
reflektieren – oder aber die Literaturwissenschaft macht sich zur Buhlschaft lieb
gewonnener und unkritisch fortgeschriebener Überzeugungen und Hoffnungen,
auch dann, wenn diese im Gewand moderner Theorie-Sets auftreten. Zweifeln
ist noch immer erstes Indiz für Wissenschaftlichkeit. Dabei hat der Zweifel nur
Sinn, wie André Glucksmann im Hinblick auf Descartes schreibt, „wenn nichts
ihm widersteht. [...] Man muss riskieren, alles zu verlieren, nichts auszusparen
und grundsätzlich vorzugehen.“ Denn „wenn der Suchende schon gefunden
hätte, würde er nichts suchen.“19
Diese Behauptung hat für die Literaturwissenschaft etwas Ungeheures. Sie
unterstellt, dass literaturwissenschaftliche Interpretationen sich ihres Gegens-
tandes nicht sicher sein können wie Mathematiker es sind, wenn sie ein Problem
der Algebra zu lösen versuchen. Die Literaturwissenschaft hat es, zumindest
dann, wenn sie literarische Texte interpretiert, nach wie vor mit etwas zu schaf-
fen, was von höchst eigentümlicher Beschaffenheit ist: ästhetische Gegenstände.
Deren Status zu klären, ist die Aufgabe der Literaturtheorie. Ist es aber so, steht
sie unweigerlich mit vielen anderen Theorien in Kontakt, die sich nicht sofort
dem Aufgabenbereich der Literaturtheorie zuordnen lassen. Wer immer Litera-
turtheorie betreibt, hat es nie allein mit Literaturtheorien zu tun. Das trifft auch
auf die vorliegende Arbeit zu. Sie ruft nicht nur die allgemeine Theorie des

18
Vgl. etwa Roche, M. W.: Die Moral der Kunst. Über Literatur und Ethik. Deutsch von A.
Wirthensohn. München 2002, wo es heißt, gute Theorie schütze davor, „nachgeordnete Fra-
gen“ zu stellen, die „uns eher vom Kunstwerk entfernen als ihm nahe bringen.“ (ebd.: 46)
19
Glucksmann, A.: Die cartesianische Revolution. Von der Herkunft Frankreichs aus dem
Geist der Philosophie. Deutsch von H. Kohlenberger. Reinbek bei Hamburg 1989: 88.

21
Verstehens und mit ihr philosophische Fragestellungen auf den Plan, sondern
vor allem die philosophische Ästhetiktheorie, ist sie doch diejenige Disziplin,
deren Kernproblem die Bestimmung des ästhetischen Status’ darstellt. Literatur-
theorie gibt sich demnach generell die Aufgabe, eine interdisziplinäre Antwort
auf die Frage zu finden, was denn Literatur und mithin genuiner Gegenstand der
Literaturwissenschaft sei. Als solche gerät sie regelmäßig in Dilemmata, die
auch zu erklären vermögen, warum die Literaturwissenschaft zuweilen vor ih-
rem Gegenstand flüchtet und als Psychoanalyse, als Ideologiegeschichte, als
Mentalitätsgeschichte, als Sozialgeschichte oder neuerdings auch als Kulturwis-
senschaft auftritt.20
Walter Haug hat drei zentrale Dilemmata ausgemacht, die für diese Selbst-
preisgabe der Literaturwissenschaft als Literaturwissenschaft verantwortlich
sind.21 Zunächst hat man es in der Literaturwissenschaft mit historischen Ge-
genständen zu tun, aber so, dass daran gerade das Einmalige und Besondere von
Interesse ist; je mehr der literarische Text jedoch als einmalig und besonders in
Erscheinung tritt, desto weniger lässt er sich geschichtlich verrechnen. Die Qua-
lität eines literarischen Textes erscheint ja gerade darin, dass er sich historisch
nicht vermitteln lässt. Das zweite Dilemma zeigt sich immer dort, wo versucht
wird, die Literatur einer Zeit als System zu verstehen, in dem das Einzelwerk als
Variante fungiert, als Spielform im Rahmen formaler und thematischer Vorga-
ben, wo also nach der Interrelation zwischen dem literarischen und nichtliterari-
schen Systemen gefragt wird. Hier taucht das Problem auf, wie das Gegen- und
Miteinander von Funktion und Autonomie der Literatur gefasst werden soll: Es
kann nicht ohne weiteres gleichzeitig autonom und für ein nichtästhetisches
System funktional sein. Als drittes Dilemma kommt die hermeneutische Prob-
lematik hinzu, wonach die Aneignung eines Fremden, das sich unseren Katego-
rien entzieht, bedeutet, dass unsere Zugriffe nur tentativ sein können: Jedes
Verstehen ist standpunktgebunden und damit überholbar.
Die Unvermittelbarkeit von Werkindividualität und geschichtlichem Prozess,
das literarische System in seiner Funktion und Autonomie im Rahmen anderer
Systeme und der hermeneutische Sprung im Bewusstsein der Relativität dessen,
was er erbringt – das sind die drei wesentlichen Dilemmata, denen sich die Lite-
raturwissenschaft gegenüber sieht. Die Verführung, diesen gordischen Knoten
zu durchschlagen, indem man die Literaturwissenschaft in die Fragestellungen
anderer Disziplinen einbindet, „um sich auf dem Boden ihrer angeblich gesi-
cherten Methoden zu beruhigen“22, ist nicht nur verständlich, sondern oft für die
den ästhetischen Gegenstand umlagernden Diskurse auch überaus erhellend;
Literaturgeschichte als Sozialgeschichte zu betreiben und also die Funktion der

20
Vgl. Stierle 1996: 1156, wo es heißt: „Bis heute ist die Literaturwissenschaft auf der Suche
nach ihrem Gegenstand, und eher noch scheint es oft, als sei sie auf der Flucht vor ihm.“
21
Vgl. Haug 2000: 201ff.
22
Ebd.: 203.

22
Literatur im gesellschaftlichen Interessenszusammenhang zu fassen und von
daher einen Zugang zu ihrer Form zu finden, ist als Aspekt des Bedingungszu-
sammenhangs etwa gar nicht zu entbehren. Nur: Der Sonderstatus ästhetischer
Gegenstände ist damit weder aus der Welt noch analysiert. Es spricht daher
vieles für die Literaturwissenschaft als Kulturwissenschaft oder Sozialgeschich-
te oder sonstiger Nachbardisziplinen; allein die ästhetischen Gegenstände selbst
sprechen gegen diese Selbstpreisgabe der Literaturwissenschaft. Denn Literatur
kann etwas, was kein Kultur- oder Sozialgeschichtsphänomen kann, zum Bei-
spiel sich selbst reflektieren. Oder anders gefasst: Literarische Texte sind keine
historischen Quellen, auch wenn sie sich als solche behandeln lassen; sie erklä-
ren nicht eine Epoche, allenfalls kommt eine Epoche in ihnen zum Ausdruck.
Literarische Texte lösen keine Probleme, sie verdanken ihre Existenz eher der
Tatsache, dass es unlösbare Probleme gibt.23 Literaturtheoretisch ausgedrückt:
Das Kernproblem der Literaturwissenschaft als Literaturwissenschaft ist die
Frage, was es heißt, solche Texte zu interpretieren.
Diese Frage ließe sich auf verschiedenen Wegen beantworten. Die nahelie-
gendste Vorgehensweise bestünde darin, im Gang durch die Geschichte der
Literaturtheorie bzw. Literaturwissenschaft die unterschiedlichen Positionen
abzuklopfen. Man gewönne dabei einen bunten Strauß an Perspektiven und
Ansätzen, der neben den divergierenden Zugangsweisen die traditionsbildenden
Debatten dokumentierte.24 Denkbar wäre auch eine beispielorientierte Herange-
hensweise, die versucht, in Auseinandersetzung mit einem konkreten literari-
schen Text, die Chancen und Risiken der jeweiligen Interpretationspraxis zu
schildern.25 Möglich sind aber darüber hinaus genauso systematische Zugriffe,
die die Frage nach der Literatur einerseits durch eine Begriffsanalyse des Ästhe-
tischen und andererseits von den philosophischen und ästhetiktheoretischen
Kontexten her zu beantworten suchen.26 Das ist der Ansatz, den sich die vorlie-
genden Arbeit zu eigen macht, und zwar deshalb, weil die systematische Fas-
sung der Literaturtheorie den Vorteil hat, problemorientiert vorgehen zu können.
Sie ist auf Fragestellungen fokussiert, die den Zusammenhang zwischen Litera-
turbegriff und Methode, zwischen dem ästhetischen Status und der Interpretati-
onspraxis betreffen. Systematische Darstellungen sind darum grundlagentheore-

23
Vgl. ebd.: 216.
24
Vgl. als Beispiele für diese Vorgehensweise Sexl, M. (Hg.): Einführung in die Literaturthe-
orie. Wien 2004; Geppert, H. V./Zapf, H. (Hg.): Theorien der Literatur. Grundlagen und
Perspektiven. Bd. 1. Tübingen 2003; Eagleton, T.: Einführung in die Literaturtheorie. Aus
dem Englischen von E. Bettinger und E. Hentschel. 4., erw. und aktual. Aufl. Stuttgart Wei-
mar 1997.
25
Vgl. etwa Bogdal, K.-M. (Hg.): Neue Literaturtheorien in der Praxis. Textanalysen von
Kafkas ‚Vor dem Gesetz’. Opladen 1993; Wellbery, D. E. (Hg.): Positionen der Literaturwis-
senschaft. Acht Modellanalysen am Beispiel von Kleists ‚Das Erdbeben in Chili’. 2. Aufl.
München 1987.
26
Vgl. für diese Zugangsweise beispielsweise Zima 1991 und Jahrhaus 2004.

23
tisch ausgerichtet, weil sie annehmen, dass ästhetische Gegenstände aus prinzi-
piellen, nicht aus historischen Gründen die Interpretationspraxis herausfordern.
In diesem Sinne wird hier nicht nach der geschichtlich entstandenen Pluralität
der Methoden oder der Historizität des Ästhetischen gefragt, sondern danach,
was es heißt, methodisch kontrolliert einen ästhetischen Gegenstand zu interpre-
tieren. Auch das mag auf den ersten Blick irritierend sein. Gerade jetzt, da die
Literaturwissenschaft die heftige Methodendebatte und die beunruhigende Her-
ausforderung durch die poststrukturalistische und dekonstruktivistische Infrage-
stellung des vormals Selbstverständlichen überstanden zu haben und wieder zur
Tagesordnung übergehen zu können glaubt, muss es befremdlich wirken, wird
noch einmal die Frage nach der Methode gestellt. Theorie zur Unzeit macht sich
unzeitgemäßer Betrachtungen verdächtig. Über Methoden spricht man nicht, so
scheint mittlerweile zu gelten, Methode hat man.

1. Die Idee einer Objektiven Hermeneutik: Problemstellung und


Forschungslage

Nun geht es in dieser Arbeit gar nicht darum, eine Lanze für die Literaturtheorie
oder die Neuaufnahme der Methodendebatte zu brechen; auf derart allgemeiner
Ebene baute man sich womöglich einen Pappkameraden auf, der des Kampfes
nicht wert ist. Dieses Buch will vielmehr einen lohnenden Ansatz vorstellen und
diskutieren, der in den Literaturwissenschaften bislang noch nicht angekommen
ist. Lohnend ist er vor allem deshalb, weil er es einerseits erlaubt, methodisch
und methodologisch der Eigenart ästhetischer Gegenstände gerecht zu werden
und andererseits ein besonderes Denk- und Arbeitswerkzeug bereit stellt, eben
diese Besonderheit literarischer Texte zu erfassen, ohne sie weder ahistorisch
aus ihren Kontexten herauszureißen noch zur Assoziationsfläche für theoreti-
sche, literaturgeschichtliche oder sonstige nichtästhetische Diskurse zu verklei-
nern noch bloß paraphrasierend zu verdoppeln. Der Ansatz, den wir hier disku-
tieren, stellt eine Möglichkeit dar, den drei Dilemmata der Literaturwissenschaft
mit einem Interpretationsverfahren zu begegnen, das den literarischen Text und
dessen präzise und extensive Lektüre in den Mittelpunkt stellt. Dabei geht es
nicht um die Wiederbelebung einer werkimmanenten Methodik, auch wenn das
vorgestellte Verfahren auf den ersten Blick vieles mit dieser gemeinsam zu
haben scheint. Es geht um ein methodisches und methodologisches Vorgehen,
das den Prozess der Sinnbildung eines Textes rekonstruiert. Auf diese Weise
werden Lesarten sichtbar, die andernfalls unbemerkt bleiben und den literari-
schen Text vorschnell in bekannte Kategorien oder Deutungen einrückt. Grob
gesprochen wollen wir die Grundzüge einer Methodik schildern, die für sich
beansprucht, literarische Texte von ihrem Sinnbildungsprozess her zu lesen.
Selbstverständlich wird hiermit nicht behauptet, das Allheilmittel für alle inter-

24
pretationspraktischen und interpretationstheoretischen Probleme gefunden zu
haben; es wird ein Verfahren diskutiert, das der Literaturwissenschaft andere,
bis dato nicht hinreichend erprobte Möglichkeiten bietet. Über die Tragfähigkeit
und Fruchtbarkeit dieses Ansatzes entscheidet nicht (allein) diese Arbeit, son-
dern die Wissenschaftspraxis.
An diesem Punkt mag den Leser Skepsis beschleichen: Wenn es denn so ist,
dass der hier dargestellte Ansatz derart vielversprechend ist, wie kann es dann
sein, dass er in der Literaturwissenschaft bisher kaum merklich in Erscheinung
trat? Es gibt mehrere Gründe dafür, die noch ausführlich zur Sprache kommen
werden. Eine Ursache ist sein Name: Objektive Hermeneutik.27 Ein Theorie-
und Forschungsprogramm, dass die Lexeme Hermeneutik und objektiv im Titel
führt, ist für viele offenbar von vornherein nicht der Rede wert, stehen doch
sowohl die hermeneutische Methodik als auch der Anspruch auf Objektivität
unter dem Verdacht, die Entwicklungen der letzten Jahre verpasst zu haben.
Von Hermeneutik lässt sich heute jedenfalls nicht mehr ohne weiteres sprechen,
ganz zu schweigen von Objektivität, die in Bezug auf Literatur oder Interpreta-
tionen völlig fehl am Platze zu sein scheint. Überdies sieht es so aus, als sei die
Verbindung von Objektivität und Hermeneutik eine contradictio in adiecto,
vermische also zwei Dinge, die sich nicht vertragen.28
Allein der Name Objektive Hermeneutik aktiviert also offensichtlich heftigen
Widerstand – und transportiert nachhaltig Missverständnisse über die Annah-
men und Grundlagen einer Objektiven Hermeneutik, die einer angemessenen
Rezeption im Wege stehen. Es gibt bis dato keine Darstellung der Literaturtheo-
rie und auch kein literaturwissenschaftliches Lexikon oder Kompendium, in
dem sie Erwähnung fände, obwohl mittlerweile einige Abhandlungen erschie-
nen sind, die mit ihr einen philosophischen Diskurs führen.29 Selbst interpretati-
onspraktisch gesehen ist die Objektive Hermeneutik in der Literaturwissenschaft
noch nicht angekommen, auch wenn sich bereits verschiedene Autoren an litera-
turwissenschaftlichen Interpretationen mithilfe dieses Ansatzes versucht ha-
ben.30 Nur eine einzige Einführung in die Literaturwissenschaft erachtet es für

27
Entgegen den Gepflogenheiten wird der Terminus Objektive Hermeneutik hier, wie Andreas
Wernet es vorschlug (vgl. Wernet 2000: 9), als Eigenname verwendet, auch, um dem Wört-
chen objektiv etwas den Schrecken zu nehmen. Die inhaltlichen Gründe dafür werden aus den
Überlegungen in Teil II ersichtlich.
28
Vgl. Dörner/Vogt 1994: 75.
29
Vgl. zum Beispiel Sutter, T. 1997; Schneider, W. L. 1997; Schneider, W. L. 1999; Sut-
ter/Weisenbacher 1993; Schneider, G. 1994.
30
Vgl. etwa Stoll, A.: Angelicas Glamour, Abindarráez’ Loyalität. Assimilations- und Koexis-
tenzmodelle für den islamischen Orient in der italienischen und spanischen Literatur der
Frühen Neuzeit. In: Burkholz, R./Gärtner, C./Zehentreiter, F. (Hg.): Materialität des Geistes.
Zur Sache Kultur – im Diskurs mit Ulrich Oevermann. Weilerswist 2001; Aufenanger, S.: Die
Rekonstruktion autobiografischer Texte – Zur Dramaturgie von Elias Canettis ‚Die gerettete
Zunge’. In: Garz, D./Kraimer, K. (Hg.): Brauchen wir andere Forschungsmethoden? Beiträge
zur Diskussion interpretativer Verfahren. Frankfurt am Main.1983. – Erwähnt sei hier auch

25
angebracht, die Objektive Hermeneutik anzuführen; doch diese skizziert in
wenigen Sätzen ein völlig verzerrtes Bild dessen, was Objektive Hermeneutik
heißt. Sie gehe, so heißt es dort, von „einer eindeutig bestimmbaren Textbot-
schaft bzw. Autorintention“ aus und kritisiere „das offene Deutungsspiel“.31 Wir
haben noch nichts darüber gesagt, was Objektive Hermeneutik ist, aber eines sei
von Anfang an betont: Das wird von ihr nicht vertreten; es geht ihr weder um
einen Objektivitätsbegriff, der auf Eindeutigkeit im natur- oder gesetzeswissen-
schaftlichen Sinne zielt noch um ein Interpretationsverfahren, das den Deu-
tungsprozess stillzustellen hofft. Eine solche Position stünde in der Tat unter
Naivitätsverdacht und ließe sich nur schwerlich verteidigen. Die Objektive
Hermeneutik ist nicht einmal Hermeneutik im herkömmlichen Sinne, jedenfalls
nicht Hermeneutik wie sie etwa Wilhelm Dilthey oder Hans-Georg Gadamer
vorschwebte. Sie ist ein Theorieansatz, der weder mit den verschiedenen Spiel-
arten der Hermeneutik noch mit denen des Strukturalismus gleichgesetzt werden
kann, auch wenn sie von beiden deutlich beeinflusst wurde.
Die Objektive Hermeneutik ist ein Ansatz, der wesentlich von dem in Frank-
furt am Main lehrenden Soziologen Ulrich Oevermann entworfen wurde. Als
Kopf einer Forschergruppe hat er ihn Mitte der 70er-Jahre zunächst als eine
bestimmte Interpretationstechnik von Interaktionsprotokollen in die Soziologie
eingeführt. Das Entstehen der Objektiven Hermeneutik ist dabei eng mit einem
seinerzeit laufenden Forschungsprojekt zum Thema „Elternhaus und Schule“
verknüpft, wurde innerhalb der letzten drei Jahrzehnte von Oevermann aber
entscheidend weiterentwickelt und aus dem soziologischen Wissenschaftsbezirk
hinausgeführt. Ihren Anfang hat die Objektive Hermeneutik dennoch in der
Sozialisationstheorie. Oevermann, der 1972 ein viel beachtetes Buch über
schichtenspezifische Sozialisationsprozesse publiziert hatte, das kritisch an
Basil Bernstein anschloss (vgl. 1972), wendet sich mit ihr der „spezifischen
Struktur der sozialisatorischen Interaktion“ (1976b: 372) zu. Insofern hat er sich
mit der Objektiven Hermeneutik selbst korrigiert, indem es ihm nun, anders als
in seinen Arbeiten im Anschluss an Bernsteins Schichtentheorie (vgl. 1966;
1967; 1968a; 1972), um einen dialektischen Theorieansatz geht, der es erlauben
soll, die soziale Konstitution der ontogenetischen Entwicklungsprozesse anhand
von Interaktionsprotokollen zu analysieren. In diesem Sinne ist Objektive Her-
meneutik zunächst und vor allem eine strukturale Sozialisationstheorie, die
jeglichen „Psychologismus der (sozialisationstheoretischen, D.P) Erklärungsan-
sätze“ (1979a: 146) vermeiden und zu einer Theorie der „allgemeinen Struktu-
ren sozialisatorischer Interaktion“ (ebd.) gelangen will. Sie soll damit, so Oe-

die einzige im engeren Sinne literaturwissenschaftliche Publikation, die sich einer etwas
genaueren Auseinandersetzung mit der objektiv-hermeneutischen Methodik widmet und auf
vier Seiten die Vor- und Nachteile abwägt: Dörner/Vogt 1994.
31
Jeßing, B./Köhnen, R. (Hg.): Einführung in die Neuere deutsche Literaturwissenschaft.
Stuttgart Weimar 2003: 203.

26
vermann im Manifest der objektiv hermeneutischen Sozialforschung (vgl.
1996b; 2002), eine Forschungsstrategie sein, die geeignet ist,

„auf wenig erforschten Gebieten und bei neuen, noch wenig bekannten Ent-
wicklungen und Phänomenen, die typischen, charakteristischen Strukturen die-
ser Erscheinungen zu entschlüsseln und die hinter den Erscheinungen operie-
renden Gesetzmäßigkeiten ans Licht zu bringen. Es handelt sich um eine Me-
thodologie, die bewusst und strategisch darauf aus ist, die Ebene bloßer De-
skriptivität [...] zu verlassen und zu überwinden zugunsten einer erschließenden
und aufschlussreichen Gegenstandsanalyse.“ (1996b: 1; 2002: 1)

In dieser Bestimmung der Objektiven Hermeneutik sind bereits einige jener


wesentlichen Konzepte und Begriffe enthalten, die wir in Teil II schrittweise
erörtern und kritisch diskutieren werden; denn es ist ja keineswegs klar, was mit
‚entschlüsseln’, ‚Gesetzmäßigkeiten’ oder auch ‚Strukturen hinter den Erschei-
nungen’ gemeint ist. Erneut sei, noch ehe wir Genaueres darüber gesagt haben,
ein entscheidender Hinweis vorweggeschickt: Die Objektive Hermeneutik ist
kein Konzept, das etwa feste Strukturen hinter einzelnen Phänomenen aufzude-
cken sucht, also keines, mit dem das klassische Subjekt-Objekt-Schema bedient
wird, hieße dies doch etwas annehmen, was aus noch zu erörternden Gründen
unter erheblichem Begründungsdruck stünde. Mit dieser Behauptung ist bereits
ein zentrales Probleme der objektiv-hermeneutischen Theorie angesprochen, das
uns noch ausführlich beschäftigen wird: Nachzuweisen, dass mit der Objektiven
Hermeneutik keine weitere Spielart des klassischen Subjekt-Objekt-Schemas
gegeben ist, macht eines der Ziele dieser Arbeit aus, und zwar deshalb, weil erst
nach der Überwindung eines solchen Missverständnis die Fruchtbarkeit des
objektiv-hermeneutischen Theoriegebäudes sichtbar wird, vor allem im Hin-
blick auf unsere literaturtheoretische Frage nach der Literatur.
Diese Oevermann’sche Definition der Objektiven Hermeneutik bringt aber
auch – und darauf kommt es einleitend an – einen ihrer Grundzüge zum Aus-
druck: Die Objektive Hermeneutik ist einerseits der hermeneutischen Tradition
verpflichtet, weil es ihr um das Verstehen der zu untersuchenden Phänomene
geht, folgt andererseits aber der strukturalistischen Überzeugung, wonach man
ein Phänomen erst verstanden hat, wenn die (sinnbildenden) Strukturen begrif-
fen sind. Dennoch ist die Objektive Hermeneutik weder Hermeneutik im An-
schluss an die philosophische Hermeneutik, sei diese von Schleiermacher, Dil-
they oder Gadamer her gedacht, noch Strukturalismus, und zwar weder im Sinne
des russischen Formalismus, tschechischen Strukturalismus oder des Poststruk-
turalismus. Sie ist vielmehr eine fallrekonstruktive Methodik samt entsprechen-
der Theorie, die eine „Synthese der vermeintlich gegensätzlichen strukturalisti-
schen und historisch-genetischen Betrachtungsweise“ (1981: 3) darstellt und
„zum Programm eines genetischen Strukturalismus führt“. (ebd., Hervorhebung
D.P.) Im Grunde wäre es daher sinnvoller, in der gesamten Arbeit statt von

27
Objektiver Hermeneutik von rekonstruktiver bzw. strukturaler Hermeneutik zu
sprechen. Die unglückliche Formulierung hat sich aber trotz früher Einwände
durchgesetzt;32 und obwohl Oevermann den Terminus als „sicherlich nicht sehr
glücklich“ (1979: 381) bezeichnet und selbst auch andere Namen für sein Theo-
rie- und Forschungsprogramm bereit hält – „strukturalistische Methodologie“
(1983b: 122), „strukturale Hermeneutik“ (1983: 278; 1993a: 114) oder eben
„genetischer Strukturalismus“ (1981: 3; 1991) – ist er in den meisten Fällen
selbst dabei geblieben, von Objektiver Hermeneutik zu sprechen. Eine abwei-
chende Bezeichnung würde hier nur unnütz Verwirrung stiften.
Die Objektive Hermeneutik ist sowohl eine fallrekonstruktive Methodik wie
auch Theorie der Fallrekonstruktion – was heißt das? Wiederum wäre es mög-
lich, die Antwort im Dialog mit der Geschichte der hermeneutischen und struk-
turalistischen Ansätzen zu gewinnen; und wieder ist dies der Weg, den wir nicht
gewählt haben. Nicht etwa, weil dies kein sinnvolles Unternehmen darstellte,
sondern weil wir das objektiv-hermeneutische Theorie- und Forschungspro-
gramm in seiner Systematik schildern wollen, um so dessen internen Argumen-
tationszusammenhang transparent zu machen. Unser Ziel ist es, zu verstehen,
was es genau heißt, objektiv-hermeneutisch von ästhetischen Gegenstände zu
sprechen und diese zu interpretieren, welche Vorannahmen, Chancen und Risi-
ken darin stecken. Im Rahmen dessen kommen freilich auch hermeneutische
und strukturalistische Positionen zur Sprache, das jedoch stets im Hinblick auf
deren systematisch differenten oder vergleichbaren Umgang mit der ästhetik-
theoretischen Frage nach der Literatur. Zentral ist also nicht, die Unterschiede
und Gemeinsamkeiten mit bestimmten hermeneutischen und strukturalistischen
Theorien oder Autoren darzustellen, sondern das Argumentationsgerüst der
Objektiven Hermeneutik in Auseinandersetzung mit seinen Referenztheorien
und mit konkurrierenden oder vergleichbaren Ansätzen in seiner Systematik zu
schildern. Wenn am Ende dieser Arbeit deutlich hervorgetreten ist, was aus
objektiv-hermeneutischer Perspektive als ästhetischer Gegenstand gefasst wird
und was es bedeutet, diesen zu interpretieren, ist ihre vornehmlichste Aufgabe
erfüllt.
Ulrich Oevermann war von Beginn an überzeugt, die Objektive Hermeneutik
werde die Sozialisationsforschung „massiv verändern“ (1979a: 143). Sie habe,
schreibt er, nicht weniger als „einen radikalen Perspektivenwechsel“ (1986: 19)
im Sinn. Denn mit ihr werde ein neues Paradigma innerhalb der (soziologi-
schen) Methodendiskussion eröffnet. Paradigmenwechsel, das hat Thomas S.
Kuhn einst nachdrücklich dokumentiert, haben es im Wissenschaftsbetrieb al-
lerdings schwer.33 Es trifft auf sie zu, was Oevermann auch für die Objektive
Hermeneutik geltend gemacht hat: „Dagegen scheint sich ein tief verinnerlichter

32
Vgl. etwa Terhart 1983: 171.
33
Vgl. Kuhn, T.S.: The Structure of Scientific Revolutions. Chicago 1962.

28
Habitus von akademischer Wissenschaftlichkeit zu sträuben.“ (1986: 19)34Ob
das Theorie- und Forschungsprogramm der Objektiven Hermeneutik zurecht als
ein neues Paradigma beschrieben werden kann, soll an dieser Stelle (noch) nicht
geklärt werden. Wichtig ist aber der Umstand, dass Oevermann sein treffend als
„eigensinniges Untersuchungsverfahren“35 beschriebenes Projekt im Zeichen
„bewusste(r) und strategische(r)“ (2002: 1) Abkehr von herkömmlichen Metho-
den entwickelt hat. Bereits 1979, in dem in vieler Hinsicht zentralen Aufsatz
Die Methodologie einer ‚objektiven Hermeneutik’ und ihre allgemeine for-
schungslogische Bedeutung in den Sozialwissenschaften, hat er dabei nicht nur
die Methodenlandschaft der Soziologie, sondern die der Erfahrungswissenschaf-
ten allgemein im Blick. (vgl. 1979: 352; 1979a: 143; 1983b: 130) Den objektiv-
hermeneutischen Ansatz charakterisiert er – im Unterschied zu nicht-
fallrekonstruktiven Ansätzen – als eine „erschließende Forschungslogik“ (2000:
59), die „für die Gesamtheit der sinnstrukturierten Welt zuständig“ (1986: 64)
sei. Es bleibt hier noch offen, was mit sinnstrukturierter Welt gemeint ist, klar
wird mit dieser Charakterisierung aber, dass die Objektive Hermeneutik keine
wie auch immer geartete Spezialtheorie der Sozialwissenschaften sein will. Im
Gegenteil, gerade die Applikation auf literaturwissenschaftliche Fragestellungen
sieht Oevermann als „(willkommenen) Bewährungsfall“, um die „Eignung (der
Objektiven Hermeneutik, D.P.) als Methodologie für die Erfahrungswissen-
schaften der sinnstrukturierten Welt im Allgemeinen und für die Analyse ästhe-
tischer Phänomene im Besonderen“ (1996: 94) zu überprüfen. Seine Interpreta-
tion von Becketts Endspiel (vgl. 1996) oder die exemplarische Analyse eines
Gedichtes von Rudolf Alexander Schröder (vgl. 1990) und Charles Baudelaire
(vgl. 1997a) etwa wollen genau das sein: Exerzitien einer in der, aber nicht nur
für die Soziologie entwickelten Methode. An anderer Stelle spricht Oevermann
sogar davon, die „Analyse von Kunstwerken“ mithilfe der Objektiven Herme-
neutik könne nicht nur als „methodisches Vorbild“ (1997: 18) für objektiv-
hermeneutische Analysen gelten, sondern erweise sich geradezu als deren „Kö-
nigsweg“ (ebd.; vgl. ebd.: 13). Wir werden sehen, was es mit dieser wagemuti-
gen Behauptung auf sich hat. An dieser Stelle soll der Hinweis genügen, dass
die Objektive Hermeneutik durchweg Anspruch auf fächerübergreifende Rele-
vanz erhebt.

34
Das Zitat bedient sich übrigens einer für Oevermann typischen Rhetorik, die sich zuweilen
in Lagerkämpfe verwickelt und mitunter mehr mit Verteidigung (und Angriff) als mit Argu-
mentation beschäftigt ist. (vgl. zum Beispiel Oevermanns explizite Rede von „Lagerdifferenz“
in 2002a: 20) Das scheint eine späte Folge der (vor allem in Frankfurt am Main) geführten
hitzigen Debatten um die Kritische Theorie zu sein, eine Debatte, in die Oevermann als Lehr-
stuhlinhaber an der Frankfurter Johann Wolfgang von Goethe-Universität direkt verwickelt
war (und ist). Für die siebziger Jahre der bundesrepublikanischen Diskussionskultur sind
derlei Grabenkämpfe charakteristisch. Die vorliegende Arbeit versucht, solche Rhetorik zu
vermeiden.
35
Matthiesen 1994: 76.

29
Gleichwohl darf nicht aus den Augen verloren werden, dass sie ihre Wurzeln in
der Sozialisationsforschung hat.36 Die im Laufe der Jahre entwickelten Objekt-
theorien – wie etwa die zur Professionalisierung, zum Bildungsprozess des
Subjekts, zum künstlerischen Handeln oder zur Religionssoziologie – sind von
ihrem soziologischen Hintergrund nicht zu trennen. Das soll natürlich nicht
heißen, diese theoretischen Entwürfe seien nur innerhalb einer soziologischen
Debatte von Interesse. Wie alle Theorien müssen sich auch die aus dem Hause
der Objektiven Hermeneutik an ihrem Gegenstand bewähren; die letztlich kon-
tingent gesetzten akademischen Fächergrenzen fallen mit den thematischen
bekanntlich nicht notwendig zusammen. Dessen ungeachtet hat die Adaption
eines in der Soziologie entwickelten Ansatzes für die Literaturwissenschaft mit
Schwierigkeiten zu rechnen, die sich an der Grenzlinie der Gemeinsamkeiten
und Unterschiede der beiden Fächer herauskristallisieren. Entgegen des ersten
Anscheins müssen sich die Gemeinsamkeiten jedoch erst erweisen, das Tren-
nende fällt – durch die divergierende Begrifflichkeit noch befördert – meist ins
Auge.37 Dass aber nicht selten hinter verschiedenen Begriffen gleichursprüngli-
che Fragestellungen liegen, gerät trotz der allerorts propagierten Interdisziplina-
rität gern ins Vergessen.38 Zu verschieden ist das Fachvokabular, zu weit schei-
nen die Erkenntnisinteressen auseinander zu liegen. Die Interpretation eines
literarischen Textes beispielsweise als Bestandteil qualitativer Forschung zu
fassen, gängige Redeweise in der Soziologie, dürfte für Literaturwissenschaftler
einigermaßen befremdlich klingen. Was dieses Befremden jedoch auslöst und
ob sich am Ende nicht begriffliche Barrieren als Scheinhindernisse herausstel-
len, bleibt in aller Regel unreflektiert. Oft kommt es stattdessen zu verheerenden
Kommunikationsunglücken zwischen den Fächern: Die ausufernde fachspezifi-
sche Terminologie stiftet zusehends Verwirrung und verstellt den klaren Blick
auf die in Frage stehenden Phänomene.

36
Oevermann selbst hat in einer jüngeren Publikation davon gesprochen, dass er zwar „seit
längerem Sozialisationsforschung nicht mehr betrieben hat“, weil er „auf sehr unterschiedli-
chen Feldern der Soziologie gewissermaßen von der Hand in den Mund wildert mit konstituti-
onstheoretischen Konstruktionen und einer Methodologie, die allerdings aus ursprünglich
sozialisationstheoretischen Problemkonstellationen erwachsen sind“ (2004: 155). Vgl. zur
Entstehungsgeschichte der Objektiven Hermeneutik bes.: 1976b: 399f. sowie Reichertz 1986:
61ff.; Reichertz 1994: 142; Wagner 1984: 29ff.
37
Hans Georg Soeffner hat das pointiert auf den Punkt gebracht: „Sozialwissenschaften sind
im Prinzip ‚Textwissenschaften’ und Literatur- und Sprachwissenschaft ist weitgehend Sozi-
alwissenschaft. So trivial diese Aussage ist, so wenig ernst wird sie in ihren Konsequenzen
genommen.“ (Soeffner 1979: 328)
38
Nach Oevermann zeigt eine „Betrachtung der Gemeinsamkeit und Differenz zwischen den
verschiedenen tradierten Disziplinen des Ensemble der Geistes-, Kultur- und Sozialwissen-
schaften [...], wie sehr die Grenzen zwischen diesen Fächern kontigenten Überlieferungen und
institutionellen Entstehungsgeschichten geschuldet sind und wie sehr wir alle m.E. methodo-
logisch in einem Boot sitzen bei allen gegenstandsspezifischen Unterschieden in den Textgat-
tungen.“ (1997: 16f.)

30
Dieses Buch versucht, solche begrifflichen Unfälle zu verhindern, indem es
gemäß seiner systematischen Ausrichtung um Sachhaltigkeit bemüht ist; und
das heißt in diesem Zusammenhang, die Objektive Hermeneutik wird als das
genommen, was sie ihrem Selbstverständnis gemäß auch sein will – als eine
grundlagentheoretische Forschungsstrategie (vgl. 2001f.: 277; 2004: 179), die
sich in ihrer Argumentation auf Phänomenanalyse stützt. Das macht eine litera-
turtheoretische Rezeption der Objektiven Hermeneutik allerdings nicht unbe-
dingt einfacher, ist damit doch auch klar, dass es hier nicht um die Übertragung
inhaltlicher Fragestellungen – wie dem des Verhältnisses von Subjekt und Ge-
sellschaft etwa – geht, sondern in erster Linie um eine Diskussion eben dieser
grundlagentheoretischen Ausrichtung, vor allem eine Diskussion allgemeiner
verstehens- und interpretationstheoretischer wie ästhetiktheoretischer Probleme.
Aus diesem Grund haben es unsere Überlegungen im Kern mit theoretischen
und methodologischen Problemen (der Erfahrung und des Verstehens) zu tun, in
Teil II zunächst auf allgemeiner erkenntnis- und erfahrungstheoretischer Ebene,
in Teil III hinsichtlich der Grundzüge einer objektiv-hermeneutischen Ästhetik-
theorie. Dennoch werden wir notgedrungen wiederholt auf Theoreme der Sozia-
lisationstheorie zu sprechen kommen, da diese die Grundlage jener Argumente
bilden, die für die objektiv-hermeneutische Antwort auf die Frage nach der
Literatur entscheidend sind. Es wird daher, wieder hauptsächlich in Teil II, auf
den ersten Blick so aussehen, als hätte man es gar nicht mit Literaturtheorie zu
schaffen; aber diese Irritation löst sich auf, wenn sukzessive die systematische
Verbindung zwischen den sozialisations- und ästhetiktheoretischen Fragestel-
lungen erkenntlich wird.
Neben solchen wissenschaftstheoretischen Hürden sieht sich eine kritische
Diskussion der Objektiven Hermeneutik zunächst einigen forschungsprakti-
schen Schwierigkeiten gegenübergestellt. Oevermanns „restriktiv gehaltene
Veröffentlichungspolitik“39 ist eine davon. Nach wie vor behindert sie eine
breitere Rezeption des Ansatzes, liegen doch nicht wenige der relevanten Texte
Oevermanns in schwer zugänglichen Publikationen, andere nur als Manuskripte
vor. Das erklärt den etwas merkwürdigen Zustand, der in (fast) allen Arbeiten
zur Objektiven Hermeneutik anzutreffen ist: Es wird ausgiebig aus nicht veröf-
fentlichen Oevermann-Texten zitiert. Die betreffenden Manuskripte sind zwar
zu Teilen im Internet abrufbar40, leider gibt es aber vor allem ältere, die aus-
schließlich auf dem sogenannten grauen Literaturmarkt kursieren. Daneben
tauchen in den Forschungsbeiträgen zur Objektiven Hermeneutik auch Vorle-
sungsmitschriften und Tonbandprotokolle auf, die von Oevermann nachweislich
nicht beglaubigt sind. Alles das macht eine transparente Darstellung des Ge-
samtansatzes ausgesprochen schwierig, wenn nicht unmöglich. Für unsere Be-

39
Garz/Kraimer 1994: 7; vgl. auch Reichertz 1986: 9f.
40
Die entsprechende Adresse lautet: http://www.rz.uni-frankfurt.de/~hermeneu/.

31
lange ist dieser Umstand insofern weniger schwerwiegend, da hier (fast) durch-
gehend Texte verwendet werden, die Oevermann selbst verantwortet hat.
Daneben spielt die verworrene Publikationslage auch deshalb keine bedeutende-
re Rolle, weil es uns nicht um eine Rekonstruktion der Entwicklungsgeschichte
der Objektiven Hermeneutik geht.
Folgenreicher ist dagegen, dass es bis dato keine von Oevermann „lizenzierte
Einführung“41 in die Objektive Hermeneutik gibt. Er hat zwar in mehreren grö-
ßeren Texten die grundlegenden Annahmen geschildert (vgl. etwa 1979; 1981;
1986; 1996b; 1997; 2000; 2002), aber nirgends in hinreichender Ausführlichkeit
und Genauigkeit. Dies stellte noch kein Problem dar, wären die Oever-
mann’schen Texte frei von missverständlichen, teilweise sogar widersprüchli-
chen Ausführungen. Das ist leider nicht der Fall. Immer wieder stößt man auf
begriffliche wie argumentative Unklarheiten, die nicht nur Detailfragen, sondern
den Gesamtzusammenhang des objektiv-hermeneutischen Theoriegebäudes
betreffen. Vollends problematisch wird dies durch den Sachverhalt, dass die
Ursachen hierfür nicht in sprachlicher Fahrlässigkeit zu suchen sind; vielmehr
kommen darin prinzipielle Probleme zum Ausdruck, die weder von Oevermann
noch von der Forschung zur Objektiven Hermeneutik bislang in Angriff ge-
nommen, womöglich noch nicht einmal bemerkt wurden. Daher gilt, was ein
früher Rezipient feststellte: Oevermanns Texte sind „keine leichte Lektüre“.42
Das hat zweierlei zur Folge. Einerseits muss sich diese Arbeit – wie jede zur
Objektiven Hermeneutik – einen eigenen Weg durch den unübersichtlichen und
umfangreichen Oevermann’schen Publikationsdschungel schlagen.43 Anderer-
seits kann die hier angestrebte grundlagentheoretische Diskussion der Objekti-
ven Hermeneutik nur gelingen, wenn sie die angesprochenen Unklarheiten ver-
meidet bzw. ausräumt. Denn die missverstandenen Zusammenhänge, irrefüh-
renden Erläuterungen und verzerrten Schilderungen, auf die man in den ver-
schiedenen Studien zu Oevermanns Ansatz häufig trifft, verdanken sich wesent-

41
Reichertz 2000: 518; vgl. auch Dern 1994: 73 und bereits Küchler 1980: 375. Liebau glaub-
te von einem Sammelband Oevermanns im Suhrkamp Verlag zu wissen, der „in naher Zu-
kunft“ (Liebau 1987: 20) erscheinen soll. Die Hoffnung hat sich noch nicht erfüllt. Immerhin
ist mit Oevermann 2001f. einstweilen eine vollständige Sequenzanalyse eines Sitzungsproto-
kolls erschienen. Oevermann reagiert damit auf den „dringende(n) Bedarf, zusammenhängen-
dere Analysen vorzulegen“. (2001f: 9)
42
Küchler 1980: 284.
43
Etwas erleichtert wird die Rezeption durch die beginnende Institutionalisierung der Objekti-
ven Hermeneutik in den Sozialwissenschaften. So haben sich als (Online)Diskussionsforen die
Arbeitsgemeinschaft objektive Hermeneutik e.V. (http://www.rz.uni-frankfurt.de/~hermeneu/)
und das Institut für hermeneutische Sozial- und Kulturforschung e.V. (http://www.ihsk.de/)
etabliert, die auch eigene Sommerkurse und Kolloquien zur Objektiven Hermeneutik anbieten.
Mit Humanitas Online ist in Frankfurt am Main daneben ein Buchverlag entstanden, der seit
kurzem in einer Buchreihe wichtige Forschungsliteratur zur Objektiven Hermeneutik in Print-
und Dateiformat verkauft; und in der Zeitschrift sozialer sinn hat die hermeneutische Sozial-
forschung seit 2001 eine eigenständige Plattform gefunden.

32
lich den Unklarheiten in dessen Überlegungen selbst. Allzu schnell neigt die
Rezeption dann dazu, entweder die Widersprüche fortzuschreiben oder die ob-
jektiv-hermeneutischen Überlegungen generell als irrelevant zu verabschieden.
Ein wichtiges Ziel dieser Arbeit ist es daher auch, Klarheit in ein unübersichtli-
ches Forschungsprogramm zu bringen. Nur so kann eine angemessene, faire und
fruchtbare Rezeption gelingen. Allerdings: Dieses Vorhaben erfordert einiges an
Mühe. In einem ersten Schritt müssen die betreffenden Unklarheiten herausge-
arbeitet werden, um sie in einem zweiten ausräumen zu können. Diese Mühen
wurden hier nicht gescheut, weil wir behaupten, dass sich aus einem genauen
Verständnis des objektiv-hermeneutischen Grundgerüstes eine lohnende ästhe-
tiktheoretische Perspektive ableiten lässt. Nicht zufällig gibt es noch keine aus-
gearbeitete objektiv-hermeneutische Ästhetiktheorie: Sie wird erst sichtbar,
wenn man sich klar macht, was Objektive Hermeneutik auf allgemeiner er-
kenntnis- und erfahrungstheoretischer Ebene heißt. In diesem Sinne folgt dieses
Buch einer doppelten Zielsetzung. Es versucht einerseits, Klarheit in das objek-
tiv-hermeneutische Theorie- und Forschungsprogramm zu bringen und anderer-
seits, eine objektiv-hermeneutische Ästhetiktheorie zu entwerfen. Beides sind
Leerstellen in der Forschung, die es wert sind, gefüllt zu werden. Nicht um der
bloßen Vollständigkeit willen, sondern aufgrund inhaltlicher literaturtheoreti-
scher Fragen. Denn das steht hier immer im Hintergrund: Wir wollen etwas über
die Verfasstheit ästhetischer Gegenstände und die angemessene interpretatori-
sche Reaktion wissen; und für die Beantwortung dieser Fragen soll die Objekti-
ve Hermeneutik als Kandidat einer vielversprechenden Antwort vorgestellt
werden.
Obwohl also die Rezeptionsgeschichte der Objektiven Hermeneutik von eini-
gen hausgemachten Schwierigkeiten belastet wird, ist die von Jo Reichertz noch
1991 konstatierte Resonanzlosigkeit des Gesamtkonzeptes inzwischen über-
holt.44 Innerhalb der Soziologie gilt zuweilen sogar, es gebe, um dem Gegens-
tand der Sozialforschung gerecht zu werden, „keine geeignetere Methode“ als
die von der Objektiven Hermeneutik entwickelte.45 Diese Wertschätzung spie-
gelt sich – außerhalb der Literaturwissenschaften – auch in der zunehmenden
Aufmerksamkeit für den objektiv-hermeneutischen Ansatz in der Forschungsli-
teratur wieder. So hat Hansjörg Sutter etwa einen Überblick zu „Oevermanns
strukturtheoretische(m) Paradigma und die methodische Begründung einer her-
meneutischen Erfahrungswissenschaft“46 vorgelegt; Hans-Josef Wagner ver-

44
Vgl. Reichertz 1991: 227. Sechs Jahre später sieht Reichertz das Gesamtkonzept zwar nach
wie vor „ohne große Resonanz“ dastehen, erkennt in ihm aber gleichzeitig eines der „verbrei-
tetsten und reflektiertesten“ Verfahren innerhalb der Sozialforschung. (Reichertz 1997: 51)
Oevermann schätzt die Objektive Hermeneutik (durchaus realistisch) als „immer noch im
Wissenschaftsbetrieb randständige(s) Modell“ ein (2001f.: 23), was er allerdings dem Wissen-
schaftsbetrieb und nicht seinem Theorie- und Forschungsprogramm selbst anrechnet.
45
Kurt 2004: 240.
46
Sutter 1997: 11.

33
sucht in einer ausführlichen Studie, die „Grundlagen, Ausdifferenzierungen und
neue(n) Entwicklungen der objektiven Hermeneutik“47 darzustellen und in zwei
neueren Bänden diese zu einer übergreifenden strukturalen Sozialisationstheorie
weiterzuentwickeln.48 Daneben ist ein wichtiger Aufsatzband erschienen, der
nicht zuletzt die fächerübergreifende Relevanz des Oevermann’schen Ansatzes
dokumentiert49, deren Theorie und Praxis in zwei weiteren Sammelbänden dis-
kutiert werden.50 Andere Autoren haben auch früher schon Teilaspekte der ob-
jektiv-hermeneutischen Theoriebildung zum Gegenstand ihrer Forschung ge-
macht.51
Diese Forschungsarbeiten spielen für die Auseinandersetzung mit Oever-
manns Texten insofern eine besondere Rolle, als er seine Rezipienten und Kriti-
ker durchaus ernst genommen und zuweilen dezidiert darauf geantwortet hat.52
Mitunter ist eine Reaktion Oevermanns auf kritische Stimmen auch zwischen
den Zeilen oder im Kleingedruckten auszumachen.53 Ohne Einbezug der For-
schungsliteratur ist die Objektive Hermeneutik demnach nicht angemessen zu
rezipieren. Und das nicht nur, weil die Konsultation der Sekundärliteratur zum
guten Ton akademischer Wissenschaftlichkeit gehört, sondern weil erst auf
diese Weise die Gefahren und Chancen des objektiv-hermeneutischen Projekts
verständlich werden. Allerdings begegnet man beim Blick auf die Forschungs-
lage einer merkwürdigen Situation: Während nämlich die Methodik der Objek-
tiven Hermeneutik inzwischen gut dokumentiert ist54 und mehrfach in der Inter-
pretationspraxis zum Einsatz kam55, werden die von Oevermann getroffenen

47
Wagner 2001: 9; vgl. auch die früheren Arbeiten: Wagner 1984 und 1999.
48
Vgl. Wagner 2004; 2004a; 2004b.
49
Vgl. Burkholz et al. 2001.
50
Vgl. Garz/Kraimer 1994; Aufenanger/Lenssen 1986.
51
Lediglich als Beispiele seien genannt: für die Professionalisierungstheorie Koring 1989 und
Wernet 1997, für die Sozialisationstheorie Garz 1984 und Liebau 1987, für die Rezeption
bildender Kunst Loer 1996 und Heinze-Prause 1996.
52
Vgl. etwa 1986 und 1993a; vgl. auch die Auseinandersetzung mit Ewald Terhart: 1983b ist
eine Reaktion auf Terhart 1981, die Terhart 1983 wiederum aufgreift; vgl. zur Kritik an Oe-
vermann in der Forschungsliteratur auch II 3.3.1.A.
53
So weist Oevermann etwa den Vorwurf zurück, die Objektive Hermeneutik stelle eine
„Strategie der Verdächtigung oder Entlarvung in der Sozialforschung“ (1993a: 125) dar und
nimmt damit einen Einwand von Heinz Bude vorweg. (vgl. Bude 1994)
54
Vgl. bes. Wernet 2000; vgl. weiter Reichertz 2000; Kraimer 2000; Sutter 1994: 47ff.; Kurt
2004: 240ff. und Soeffner, H.-G./Hitzler, R.: Qualitatives Vorgehen – ‚Interpretation’. In:
Enzyklopädie der Psychologie. Methodologische Grundlagen der Psychologie. Forschungs-
methoden der Psychologie 1. Göttingen u.a. 1993.
55
Vgl. beispielhaft Iffert 2004; Tykwer, J.: Distanz und Nähe: zur sozialen Konstitution ästhe-
tischer Erfahrung. Eine soziologische Sinnexplikation der ersten Szene des Spielfilms ‚Rote
Sonne’. Univ. Diss. Frankfurt am Main 1992; Ackermann, F.: Die Modellierung des Grauens.
Exemplarische Interpretation eines Werbeplakats zum Film ‚Schlafwandler’ unter Anwendung
der ‚objektiven Hermeneutik’ und Begründung einer kultursoziologischen Bildhermeneutik.
In: Garz, D./Kraimer, K. (Hg.): Die Welt als Text. Theorie, Kritik und Praxis der objektiven

34
theoretischen Vorentscheidung auffällig selten konstruktiver Kritik unterzo-
gen.56 Und selbst wenn das theoretische Grundgerüst der Objektiven Hermeneu-
tik reflektiert wird, versteift sich die Auseinandersetzung entweder auf Einzel-
punkte57 oder neigt zu vorschneller Totalkritik.58 Daneben finden sich noch
Auseinadersetzungen mit der Objektiven Hermeneutik, die streng genommen
keine sind: Arbeiten, die sich auf eine unkritische Wiederholung oder Paraphra-
sierung der Oevermann’schen Aussagen beschränken.59 Die heiklen Fragen
innerhalb des theoretischen Fundaments der Objektiven Hermeneutik geraten
somit fast völlig aus dem Blick. In diesem Sinne, allerdings nur in diesem, ver-
führt Oevermanns Forschungsprogramm (manche) zu einer „Immunisierungs-
strategie gegen Kritik“.60 Eine systematische Auseinandersetzung mit der Ob-
jektiven Hermeneutik kann aber weder anhand solcher affirmativen Aneignun-
gen noch anhand der Kritik von Einzelpunkten oder der völligen Ablehnung
gelingen. Nur innerhalb des konkreten Argumentationszusammenhang lässt sich
den jeweiligen Positionen etwas abgewinnen. Deshalb werden wir die For-
schungsliteratur zur Objektiven Hermeneutik immer dann diskutieren, wenn es
der systematische Zusammenhang erfordert.
Eine der Ursachen für diese aufs Ganze gesehenen unbefriedigende For-
schungssituation zur Objektiven Hermeneutik ist dabei, dass Oevermann die
von ihm in Anspruch genommenen Referenztheorien eigenwillig interpretiert
und beim Leser immer schon die Kenntnis der in Anschlag gebrachten Autoren
voraussetzt.61 In aller Regel verweist er nur kursorisch auf die Konzepte, aus
denen heraus die Objektive Hermeneutik entwickelt wurde. Zentrale, die Ge-
samttheorie stützende Argumente werden oft äußerst gedrängt wiedergegeben,
Quellenangaben fehlen nicht selten. Missverständnisse sind damit vorprogram-
miert. Auch deshalb haben wir uns dafür entschieden, den objektiv-

Hermeneutik. Frankfurt am Main 1994; Wernet, A.: Professioneller Habitus im Recht. Berlin
1997.
56
Ausnahmen sind Terhart 1981; 1983; Matthiesen 1994; Schneider, G. 1994; Schneider, W.
L. 1999; Flick 2000. – Eine Sonderstellung nimmt Jo Reichertz, der fleißigste Forscher zur
Objektiven Hermeneutik, ein. In Reichertz 1986 hat er minutiös die Entwicklung der Objekti-
ven Hermeneutik nachgezeichnet und dabei detailliert seine Kritikpunkte ausgearbeitet. Alle
folgenden Texte von Reichertz nehmen eine seltsame, oft polemisch vorgebrachte Zwitterstel-
lung ein: Er hält zwar die methodische Leistungsfähigkeit für ausgemacht, sieht aber die
theoretische Fundierung in Aporien verwickelt. Oevermann selbst geht seltsamerweise auf
Reichertz nirgends ausführlich ein, nur einmal quittiert er ihm eine insgesamt „missverständli-
che Darstellung der objektiven Hermeneutik“. (2000: 90f.)
57
So etwa Bude 1982; Sutter/Weisenbacher 1993; Bergmann 1985; Liebau 1987.
58
Wie Radtke 1985; Bude 1994; Hahn 1994.
59
Wie Zehentreiter 2001; Sutter, H. 1994; 1997; Wagner 2001; 2004; 2004a.
60
Reichertz 1994: 128.
61
Ein früher Rezensent eines Oevermann-Textes schrieb treffend, dass „eine Voraussetzung,
dieser Bausteinsammlung [...] folgen zu können, [...] eine überdurchschnittlich gute Kenntnis
von G. H. Mead, Piaget, Freud, Chomsky, Peirce und Habermas“ ist. (zit. nach Reichertz
1986: 10) Vgl. auch Dern 1994: 73.

35
hermeneutischen Ansatz in seiner Systematik darzustellen: Nur wenn klar ist, in
welcher Weise Oevermann die von ihm bedienten Referenztheorien einsetzt,
kann das Profil einer Objektiven Hermeneutik deutlich werden. Und nur im
Dialog mit eben diesen Referenztheorien und mit konkurrierenden Ansätzen ist
eine anschlussfähige Auseinandersetzung mit den Oevermann’schen Überle-
gungen fruchtbar. Erst so wird es möglich, einerseits die kritischen Punkte der
Objektiven Hermeneutik und andererseits ihre Plausibilität zu fassen.
Es ist daher nicht viel mit der Behauptung gewonnen, es gebe „zur Zeit kein
reflektierteres und elaborierteres“ Theorie- und Methodengebäude „innerhalb
der bundesdeutschen Sozialforschung“62, auch wenn das innerhalb der Sozial-
forschung womöglich zutreffend ist. Während nämlich in nahezu keinem der
neueren Lehrbücher und Überblicksdarstellungen zur qualitativen Soziologie die
Objektiven Hermeneutik fehlt, sucht man, wie schon erwähnt, in den einschlä-
gigen Abhandlungen der Literaturwissenschaft und Philosophie nach dem ent-
sprechenden Stichwort vergebens. Einige der möglichen Ursachen für diesen
Sachverhalt haben wir schon angeführt. Der entscheidende Grund für die, wie
Oevermann selbst sagt, „von Ambivalenz gekennzeichnete Rezeption“ (1986:
19) scheint aber in dem bereits angesprochenen radikalen Perspektivwechsel zu
liegen. Die Objektive Hermeneutik zielt auf einen Wechsel „von einem subsum-
tionslogischen Vorgehen zu einem rekonstruktionslogischen“ (ebd.); sie will
hierdurch mit dem „Prinzip der Sachhaltigkeit“ (1983: 234; 1992a: 20) 63 ernst
machen. Sachhaltigkeit ist ein schwieriger, weil schnell missverständlicher
Begriff; er wird deshalb in dieser Arbeit schrittweise entwickelt. An dieser Stel-
le lässt sich aber bereits festhalten, dass dieses Prinzip der Sachhaltigkeit zu-
nächst nichts anderes meint, als dass Theoriebildung und Gegenstandsanalyse
streng aufeinander verwiesen sein müssen, dass also keine Theorie dem inter-
pretierten Text äußerlich sein darf, soll der zu interpretierende Text nicht als
Beleg für eine zu beweisende theoretische Annahme fungieren.

„Theoriebildung und Datenanalyse lassen sich in der Perspektive des Sachhal-


tigkeitsprinzips nicht voneinander trennen, wenn sie nicht beide für sich schon
falsch sein sollen. So wie der theoretische Begriff erst in der rekonstruierten
Darstellung einer konkreten Sache seine Gültigkeit erweisen kann, so kann – in
umgekehrter Richtung – die konkrete Sache erst in der Allgemeinheit der re-

62
Reichertz 1994: 126; vgl. ders. 1997: 51 und 1986: 7. Küchler hat schon 1980 geschrieben,
die Objektive Hermeneutik könne sich „vielleicht einmal tatsächlich als Neubeginn einer
qualitativ orientierten Sozialforschung“ (Küchler 1980: 382) erweisen. Gerhard Kleining sah
seinerzeit in ihr ein Verfahren, dass die „qualitative Methodik im Prinzip voranbringt“. (Klei-
ning 1982: 228), Christa Hoffmann-Riem wollte sie „stark beachtet“ wissen. (Hoffmann-Riem
1980: 183).
63
Oevermann bezieht sich dabei, wie wir noch ausführlich diskutieren werden, dezidiert auf
Adorno. (vgl. bes. III 3.3.B) Bereits hier sei auf Adornos Verteidigung einer „Sachlichkeit der
Methode“ (Adorno 1977: 602), der „Geduld zur Sache“ (ebd.) verwiesen: „Objektivität, die
Wahrheit der Gedanken, hängt an ihrer Relation zur Sache.“ (ebd.: 601)

36
konstruierenden Begriffsbildung ihre gültige Ausdrucksgestalt gewinnen.“
(ebd.; vgl. 1979a: 165f.)

Mehrfach betont Oevermann, die Objektive Hermeneutik sei „nicht etwa als
Ergebnis einer wissenschaftstheoretischen Vorentscheidung oder des Versuchs
der Rechtfertigung eines bestimmten allgemeinen Vorurteils ‚im Lehnstuhl’“
entstanden, sondern als Folge „eines langwierigen Prozesses der Analyse einer
Vielfalt von Interaktionsprotokollen“ (1979: 354), sprich aus der konkreten
Interpretationsarbeit und als Reaktion auf die „Widerständigkeit des Datenmate-
rials“ (1980: 14) heraus.64 Die objektiv-hermeneutische Interpretationspraxis
versucht damit das „einzulösen, was Adorno mit Mimesis meinte.“ (2000: 101)
Sie „schmiegt“ sich an ihren Gegenstand an und ist deshalb nicht „wie die sonst
üblichen [...] Verfahren eine dem Gegenstand äußerliche Methode, sondern eine
der Sache selbst korrespondierende und gemäße.“ (1996b: 8; vgl. 2001f.: 41f.;
2002: 9) Es geht folglich darum, so Oevermann an anderer Stelle, die „Sache
selbst zum Sprechen (zu) bringen“, um ein „unvoreingenommene(s) radikale(s)
Sicheinlassen auf die jeweiligen Besonderheiten des Gegenstandes“. (1983: 234;
vgl. 2001a: 15f.; 2002a: 21) Indem sich die objektiv-hermeneutische Methodik
aber „von der Konkretion der Sache selbst leiten lässt“ (1993a: 136; vgl. 1983:
234, 244; 1991: 293), etabliert sie auch ein Verfahren, das vom flüchtigen Bet-
rachter „als trivial empfunden werden kann“ und gegen das „sowohl unser All-
tagsbewusstsein wie unser [...] Methodenbewusstsein (sich) sträuben.“ (1979:
354) Denn die Objektive Hermeneutik unterläuft mit dem Prinzip der Sachlich-
keit die „undialektische Dichotomie von Gesetzes- und Wirklichkeitswissen-
schaften, von nomologischer und ideographischer Beschreibung“ (1991: 268),
sie unterläuft demzufolge die gängige Unterscheidung von Verstehen und Erklä-
ren. Beides, so Oevermann, fällt in eins, und das bedeutet, Interpretation und
Theoriebildung muss immer „von ‚innen’ nach ‚außen’“ (1996: 105) vorgehen
oder aber „die Sache selbst bleibt stumm.“ (1991: 273) Ein Grundanliegen der
Objektiven Hermeneutik wird daraus bereits sichtbar: Strikte Sachangemessen-
heit soll seine Entsprechung in einer strikten Methode finden.
Abgesehen von der auf diese Weise getroffenen methodischen Grundent-
scheidung, liegt darin bereits eine weitere Schwierigkeit der Objektiven Herme-
neutik verborgen: Interpretations- und Theoriearbeit drohen ununterscheidbar zu
werden. Insofern ist die Kritik von Gerald Schneider nicht gänzlich von der
Hand zu weisen, dass „es mitunter überhaupt undeutlich (ist), was genau die

64
Vgl. 1991: 270: „Sie (die Objektive Hermeneutik, D.P.) ist dazu (zu ihrer Methode, D.P.)
nicht durch theoretische Reflexion gekommen, sondern in der forschungspraktischen Problem-
lösung, in der die zu untersuchende Wirklichkeit selbst den Forscher dazu zwang [...]“. Rei-
chertz 1997: 33 glaubt darin eine „legendenbildende ex-post-Deutung“ zu erkennen. Eine
gewisse Selbststilisierung Oevermanns mag hier eine Rolle spielen, von der Sache her (!) ist
der Vorwurf aber, wie wir sehen werden, nicht zu halten. Vgl. dazu auch Bude 1982: 135;
Garz et al. 1983: 128 und Koring 1989: 136.

37
jeweils untersuchten sozialen Phänomene sind.“65 Das trifft nicht nur auf Oe-
vermanns eigene Texte zu, sondern auch auf die objektiv-hermeneutische For-
schungspraxis generell. Nicht immer werden Textanalyse und (soziologische)
Theoriebildung getrennt verhandelt, die objektiv-hermeneutische Arbeitsweise
zieht bisweilen mit einem objektiv-hermeneutischen Weltbild gleich. Eine un-
glückliche Tendenz. Denn die Objektive Hermeneutik will zwar theoretische
Fundierung und Interpretationspraxis auseinander entwickeln, aber sie will
damit nicht die Analyse eines Textes als Beleg, oder noch bedenklicher: als
Beweis, einer objekttheoretischen Position hinstellen. Gerade dies ist allerdings
auch bei Oevermann selbst manchmal festzustellen. Er glaubt mitunter, seine
objekttheoretischen Ansichten aus der Textanalyse zwingend ableiten zu kön-
nen.66 Das verstärkt nicht nur den Hang zu einer Welterklärungstheorie, sondern
verschleiert auch eine der Grundideen der Objektiven Hermeneutik. Während
sie sich nämlich als Interpretationstechnik methodisch kontrollierbarer Arbeit
verpflichtet fühlt, bezieht sich die theorieprogrammatische Ausrichtung zwar auf
die Analyse des Datenmaterials, folgt aber nicht zwingend daraus.67 Wie also
die Ergebnisse des je interpretierten Textes einzuordnen sind, unterliegt einem
anderen Status der Argumentativität. „Methoden“, schreibt Oevermann, „sind
dazu da, strittige Fragen der Geltung zu klären.“ (2000: 103) Das trifft auf Ob-
jekttheorien bezeichnenderweise nicht zu. Sie sind dazu da, strittige Fragen von
Begründungszusammenhängen zu klären. Theorien sind zwar nur dann sinnfäl-
lig, wenn sie auf text- bzw. gegenstandsanalytischer Arbeit aufruhen, aber der
Blick auf ihren eigenen Geltungsgrund muss jeder Theorie verstellt bleiben.
Dazu bräuchte es jenen berühmt-berüchtigten Standpunkt eines unabhängigen
Dritten, der keinem gegeben ist. Methodisch kann er gegenüber einem Gegens-
tand eingenommen werden, nicht aber theoretisch gegenüber Begründungszu-
sammenhängen. Wird diese Trennlinie verwischt, verliert das Prinzip der Sach-
haltigkeit an Plausibilität.
Begünstigt wird diese Schieflage durch eine weitere Schwierigkeit, auf die
jede Rezeption der Objektiven Hermeneutik stößt: Die Rede von der Objektiven
Hermeneutik erweist sich bei genauerer Prüfung als durchaus problematisch.68
Das gilt in zweierlei Hinsicht: Zum einen spricht Oevermann selbst von „ande-

65
Schneider, G. 1994: 157.
66
Radtke kann dies an einem Beispiel überzeugend darlegen: Die in Oevermann 1983 geübte
Medienkritik gibt vor, Folge der Analyse des protokollierten Textes eines Fernsehsprechers zu
sein. Sie ist aber die Folge einer theoretischen Überlegung, die sich so nicht aus dem Protokoll
ergibt. (vgl. Radtke 1985: 340)
67
Oevermann selbst scheint diese Ansicht nicht (mehr) zu teilen. Anders als noch in den
frühen Texten zur Objektiven Hermeneutik spricht er seit etwa Mitte der 80er-Jahre immer
öfter von der „unverzichtbaren methodologischen Grundlage“ der Objektiven Hermeneutik für
objekttheoretische Ausrichtungen der Objektiven Hermeneutik, hier der Subjekttheorie
(1993a).
68
Vgl. Reichertz 1986: 298; 1997: 32.

38
re(n) denkbare(n) und mit ihr (der Objektiven Hermeneutik, D.P.) vergleichba-
re(n) Formen einer strukturalen Hermeneutik“ (1993a: 114), und zum anderen
unterliegt wie jedes Konzept auch das Oevermann’sche Entwicklungen, Ver-
schiebungen, Aktualisierungen. Diese betreffen – das wird unsere Arbeit auch
zu zeigen haben – vor allem die theoretische, weniger die methodische, also
interpretationspraktische Seite.69 Darüber hinaus ist es nicht unproblematisch,
das Konzept der Objektiven Hermeneutik allein in Bezug auf Oevermanns Tex-
te zu schildern: Sie ist kein Ein-Mann-Projekt, sondern Resultat einer viel-
schichtigen, verschlungenen Forschungsrichtung. Dennoch behandeln wir Oe-
vermanns Schriften bevorzugt, weil sie die zentralen Gedanken der Objektiven
Hermeneutik entwickeln; gleichwohl suchen wir stets den Dialog mit der For-
schung und konkurrierenden wie vergleichbaren Ansätzen.

2. Eine kurze Kapitelübersicht

Nachdem wir nun das objektiv-hermeneutische Projekt innerhalb der Literatur-


theorie verortet, einiges über die Forschungssituation und die spezifischen Re-
zeptionsprobleme gesagt haben, sei zur besseren Orientierung noch der Aufbau
der Arbeit skizziert. Es ist uns generell viel daran gelegen, dem Leser die hier
dargestellten Überlegungen in klar aufeinander aufbauenden Argumentations-
schritten zu schildern. Wir werden daher immer wieder vor- und zurückblicken,
um so die zentralen, leitenden Gedanken nicht aus den Augen zu verlieren.
Darin drückt sich die Hoffnung aus, ein Buch geschrieben zu haben, das es auch
dem mit der Objektiven Hermeneutik Unerfahrenen ermöglicht, deren theoreti-
schen wie methodologischen Grundannahmen und methodischen Verfahren
nachvollziehen zu können.
Die allgemeine Vorgehensweise dieser Arbeit ist dabei polyperspektivisch:
Weil es wenig hilfreich ist, die Systematik der Objektive Hermeneutik allein mit
dem ihr eigenen theoretischen Blickwinkel zu untersuchen, will man nicht von
vornherein diverse theorieinterne Probleme übergehen, soll sie mit Konzepten
gegengelesen werden, die Oevermann selbst nicht benutzt hat, aber ein auf-
schlussreiches Licht auf das Gesamtprojekt werfen. Würde man an dieser Stelle
mit dem begrifflichen Instrumentarium der Objektiven Hermeneutik arbeiten,
fielen nur die Späne ab, die Oevermann bereits gehobelt hat. Entsprechend geht
es uns nicht um die elaborierte Wiederholung der objektiv-hermeneutischen
Argumente, sondern um den systematischen Gesamtzusammenhang des Gedan-
kengangs. Daraus folgt, dass einerseits nicht jedes (Detail)Problem in aller Aus-

69
Ders. 1997: 38 macht zwar auch für die Interpretationspraxis immerhin fünf verschiedene
Varianten der objektiv-hermeneutischen Methodik aus. Im Kern sind sie alle aber jenem
Verfahren verpflichtet, das für uns im Mittelpunkt steht: der Sequenzanalyse.

39
führlichkeit diskutiert werden kann – das würde den Umfang dieser Arbeit end-
gültig sprengen –, andererseits aber die Grundarchitektur der Objektiven Her-
meneutik hoffentlich stringent hervortritt, und zwar sowohl hinsichtlich der
erkenntnis- und erfahrungstheoretischen Grundlagen (Teil II) als auch hinsicht-
lich der Grundzüge einer objektiv-hermeneutischen Ästhetiktheorie (Teil III)
sowie der Methodik (Teil IV).
Diese Herangehensweise hat für die vorliegende Arbeit zwei wesentliche
Konsequenzen. Zum einen wird eine Form der Auseinandersetzung mit Oever-
mann gesucht, die sich innerhalb der objektiv-hermeneutischen Forschung kei-
ner großen Beliebtheit erfreut. Häufig wird darauf bestanden, die Produktivität
des objektiv-hermeneutischen Projektes zeige sich allein in empirischen Stu-
dien; wer keine Einzelfallstudien betreibe, so die gern vertretene Meinung unter
Anhängern der Objektiven Hermeneutik, mache sich verdächtig, das Kostbarste
der Objektiven Hermeneutik herzuschenken: ihre interpretatorische Erschlie-
ßungskraft. Dagegen behauptet dieses Buch, dass es lohnend ist, sich theoretisch
der Objektiven Hermeneutik zu nähern, wenn man wissen will, was man mit der
Objektive Hermeneutik literaturtheoretisch und interpretationspraktisch in An-
spruch nimmt. Darin steckt wieder die Vorannahme, man habe keine Methode
und betreibe keine Forschung, wenn man blind für die jeweiligen theoretischen
Prämissen der gewählten Methode bleibt. Es zeugte von wissenschaftstheoreti-
scher Naivität, wollte man Methoden allein an ihren Ergebnissen messen; es
wäre überdies ein instrumentalistisches Missverständnis, gegen das sich die
Objektive Hermeneutik selbst in Anschlag bringen ließe.
Deshalb will diese Arbeit in ihrem Kern folgende drei Fragen beantworten.
Erstens: Worauf legt man sich methodisch fest, wenn man sich für die Objektive
Hermeneutik entscheidet? Zweitens: Worauf legt man sich methodologisch fest,
wenn man methodisch mit der Objektiven Hermeneutik arbeitet? Und drittens:
Worauf legt man sich literaturtheoretisch fest, wenn man die Theorie der Ob-
jektiven Hermeneutik zur Beantwortung der Frage nach der Literatur einsetzt?
Zentral für dieses Buch ist diese letzte Frage; es ist diejenige nach einer objek-
tiv-hermeneutischen Ästhetiktheorie, die innerhalb der Forschung zur Objekti-
ven Hermeneutik systematisch noch nicht gestellt wurde und hier entsprechend
als eigenständiger Versuch verstanden werden will, das Oevermann’sche Pro-
jekt weiterzuentwickeln.
Mit diesen drei Kernfragen an die Objektive Hermeneutik setzen wir voraus,
dass Objektive Hermeneutik entschieden mehr ist als lediglich eine bestimmte
Interpretationstechnik; sie stellt auch ein komplexes und diskussionswürdiges
Theoriegebäude dar. Als solches lässt es sich jenseits von Einzelfallstudien
haben. Die Objektive Hermeneutik, heißt das, darf nicht mit empirischer For-
schung gleichgesetzt werden. Dieser Verkürzung tritt das vorliegende Buch
dezidiert entgegen. Will man jedoch verstehen, warum es falsch wäre, die Ob-
jektive Hermeneutik auf ihre technische Seite zu verkleinern, muss man syste-

40
matisch gesehen drei Bereiche strikt auseinanderhalten. Erst damit kann am
Ende überhaupt deutlich werden, in welchem Zusammenhang sie stehen. Ange-
sprochen sind damit die drei Bereiche Theorie, Methodologie und Methode. Auf
der Ebene der Methode geht es prinzipiell um bestimmte Techniken und Inter-
pretationsweisen im Umgang mit Texten; die Methodologie klärt theoretisch die
Begriffe und Vorannahmen der Methode auf; und die Theorie beschäftigt sich
mit Modellbildung. Diese drei Gegenstandsbezirke stehen zwar trivialerweise
nicht bezuglos nebeneinander, sie gehen aber auch nicht einfach auseinander
hervor oder ineinander auf. Methodologie ist die Grundlegung der Methode, sie
gibt über diejenigen theoretischen Annahmen Auskunft, die zu bestimmten
Interpretationstechniken (und damit auch: zu bestimmten Interpretationsergeb-
nissen) führen; Theorie der Methodologie ist auf einer weiteren Abstraktionsstu-
fe deren Fundierung qua Modellbildung. Dennoch lässt sich aus der Theorie
nicht geradewegs auf die Methode schließen, weil Theorie prinzipiell kein Re-
gelbuch für methodisches Arbeiten ist. Bildlich gesprochen steht zwischen The-
orie und Methode immer die Methodologie, indem sie die theoretischen Einsich-
ten in methodische transformiert. Eben dieser Zwischenschritt darf nicht über-
sprungen werden, weil sich aus Theorien per definitionem keine Handlungsvor-
gaben ableiten lassen. Wer von Theorie Beweise (oder Präskriptionen) dieser
Art verlangt oder erwartet, stellt letztlich den Status von Theorie und Praxis
überhaupt in Frage: Theorien werden nicht gebildet, um das Handwerkszeug zur
Handhabe der Praxis zu liefern, etwa so, wie man einen Hammer benutzt, um
den Nagel in die Wand zu schlagen. Theorien werden gebildet, um die Arbeit
der Praxis zu verstehen, eben theoretisch zu verstehen. Das bedeutet selbstver-
ständlich nicht, Theorie stehe losgelöst neben, unter, hinter oder über der Praxis;
das Verhältnis von Praxis und Theorie ist so komplex wie das von Literatur und
Realität. Und genauso wie Literatur die Realität nicht einfach abschildert, stehen
auch Theorie und Praxis in keinem Wiederspiegelungsverhältnis. Wer also von
Theoriebildung erwartet, sie müsse sich methodisch (in direkter Weise) beleihen
lassen, sitzt von Anfang an einem verhängnisvollen Missverständnis auf.
Nun ist diese Sache insofern schwierig, weil es einerseits (vor allem laut der
Objektiven Hermeneutik) keine Theoriebildung gibt, die sich nicht aus Sach-
und Phänomenanalyse ergibt, was andererseits gerade nicht heißt, Theorie und
Phänomen stünden in einem Abbildungsverhältnis. Daneben ist auch in der
Objektiven Hermeneutik nicht alle Theorie eine Theorie der Methodologie. Es
gibt Modellbildungen, die unabhängig von methodischen Fragen entwickelt und
entworfen sind. Man muss demzufolge stets zwischen den jeweiligen Theorie-
absichten trennen. Die Schwierigkeit ist dabei, dass Oevermann selbst das nicht
immer tut: Er stellt den Zusammenhang mitunter so dar, als würden seine ästhe-
tiktheoretischen Überlegungen etwa aus der Methodologie und letztlich aus
Textinterpretationen folgen. Das ist nicht der Fall; sie folgen aus theoretischen
Fragen an das Phänomen der Ästhetizität. Theorie und Methode dürfen dem-

41
nach, gerade weil sie nicht losgelöst nebeneinander stehen, nicht vermischt
werden, andernfalls verschleiert man ihre Abkünftigkeitsverhältnisse und ver-
strickt sich in Scheinprobleme. Nicht zuletzt in diesem Sinne will die vorliegen-
de Arbeit Transparenz schaffen. Sie rekonstruiert die theoretischen und metho-
dologischen Annahmen der Objektiven Hermeneutik, ohne sie als Vorstufen der
methodischen zu verkürzen. Wer nur daran interessiert ist, wie die Objektive
Hermeneutik arbeitet, wird in Theorie und Methodologie keine sonderlich hilf-
reichen Hinweise finden; wer aber wissen will, warum die Objektive Hermeneu-
tik methodisch so und nicht anderes arbeitet, soll mithilfe dieses Buches theore-
tisch und methodologisch aufgeklärt werden. Darüber hinaus stellen wir uns in
Teil III zunächst die theoretische und methodologische Frage, welche Ästhetik-
theorie sich aus dem Theorieansatz der Objektiven Hermeneutik entwickeln
lässt und danach in Teil IV diejenige nach einer angemessenen literaturwissen-
schaftlichen Methodik im Umgang mit solchen, nämlich ästhetischen Gebilden.
Noch etwas ist wert, einleitend hervorgehoben zu werden, obwohl es im
Grunde trivial ist: Diese Arbeit folgt nicht dem Dogma, jede Interpretation müs-
se durch die theoretische Schleife geschickt werden, bevor sie echte, gültige
oder reife Forschung wird; man kann natürlich auch ohne Reflexion des theore-
tischen und methodologischen Hinterlandes zu gelungenen, sachhaltigen Inter-
pretationen kommen – allerdings nur, solange man die Methode tatsächlich
beherrscht und verstanden hat, was man überhaupt tut, wenn man so oder so
interpretiert. Das heißt, ohne Methodenehrlichkeit kommt es zu keiner ernstzu-
nehmenden Interpretation. Das zeigt, wie erwähnt, nicht zuletzt die Forschungs-
literatur. Missverständnisse und Ressentiments gegenüber einer Theorie, die das
Wörtchen objektiv in ihrem Namen trägt, gründen nicht selten auf fehlender
Kenntnis des theoretischen Hinterlandes. Für den unter den Vertretern der Ob-
jektiven Hermeneutik gern anzutreffenden Hang, Oevermanns Ansatz zur (al-
leinseligmachenden) Welterklärungstheorie zu hypostasieren, gilt das jedoch
auch: Weil man mit der Objektiven Hermeneutik so schöne Ergebnisse erzielen
kann, glauben Letztere zuweilen, sich über theoretische Fragen und Schwierig-
keiten nicht den Kopf zerbrechen oder nur dort theoretisch werden zu müssen,
wo es gut passt. Ein Taschenspielertrick, der im Grunde auf eine naive Über-
schätzung von Interpretationsarbeit hinausläuft, so als ob Interpretationsergeb-
nisse allein die Brauchbarkeit einer Methodologie belegen könnten. Wer dies
glaubt, gibt jenem Sprichwort Recht, demzufolge die Farbe der Katze belanglos
sei, solange sie Mäuse fängt.70 Der Zweck heiligt auch und gerade in methodo-

70
Jo Reichertz benutzt dieses Beispiel, um danach zu fragen, welche Mäuse die Objektive
Hermeneutik eigentlich erwischen will. (vgl. Reichertz 1986: 293) Er hat darüber hinaus
darauf hingewiesen, dass die Objektive Hermeneutik zuweilen über sich selbst „seltsam un-
wissend“ bleibe. (Reichertz 1994: 150) Die Feststellung ist nicht von der Hand zu weisen.
Auch das ist ein Grund, warum hier der Herleitung des theoretischen Hinterlandes objektiv-
hermeneutischer Forschung breiter Raum gegeben wird.

42
logischen Fragen nicht die Mittel. Darum will dieses Buch sowohl der vor-
schnellen Verurteilung als auch der instrumentellen Verkürzung der Objektiven
Hermeneutik eine differenzierte Herleitung des Theoriegebäudes entgegenstel-
len und so jeglichen Reduktionismen wie Radikalismen entgegenarbeiten. Der
theoretischen und methodologischen Seite wird daher mit Bedacht viel Raum
gegeben, auch wenn das von einer literaturwissenschaftlichen Theorie des Ver-
stehens wegzuführen scheint. Das jedoch nur, um diese am Ende auf ein breites
(und hoffentlich tragfähiges) Fundament zu stellen.
In diesem Sinne übt sich dieses Buch in elaborierter Weise in Methodenehr-
lichkeit und wendet sich mit Oevermann gegen jede Form des „bornierten Me-
thoden-Militarismus“. (2001a: 2) Es macht in methodologischer und methodi-
scher und schließlich auch ästhetiktheoretischer Hinsicht transparent, was es
heißt, der Objektiven Hermeneutik im Falle literaturwissenschaftlicher Interpre-
tationen zu folgen. Eine solche Methodenehrlichkeit ist dabei nicht gleichzuset-
zen mit Methodensicherheit; diese kann prinzipiell nur durch Übung erlangt
werden. Literaturtheoretische Arbeiten können solche Übung nicht substituie-
ren: Die Theorie kann keine Praxis ersetzen. Auch so gesehen ist diese Arbeit
mit einer literaturtheoretischen Brille geschrieben worden. Indem sie aber dar-
auf zielt, die Gesamtarchitektur der Objektiven Hermeneutik vorzustellen, gerät
sie notwendig mit denjenigen Philosophien und Theorien in Berührung, deren
sich die Objektive Hermeneutik bedient. Sie müssen, um den besonderen objek-
tiv-hermeneutischen Umgang mit ihnen zu verstehen, selbst eingeführt werden.
Doch diese Ansätze, etwa die zentralen Referenztheorien von George Herbert
Mead, Charles Sanders Peirce und Noam Chomsky, werden hier wieder aus-
schließlich unter systematischen Gesichtspunkten behandelt. Dementsprechend
wird keine Mead-, Peirce- oder Chomsky-Exegese betrieben, weil es uns immer
um die Lösung systematischer Probleme geht.
Mit diesen einschränkenden und präzisierenden Hinweisen im Kopf, sei nun
auf die Kapitelstruktur dieses Buches geblickt. Die grobe Einteilung haben wir
bereits mehrfach angesprochen: Es gliedert sich – diese Einleitung mitgerechnet
– in vier Teile, wobei der ästhetiktheoretische Teil den Mittelpunkt bildet. Ver-
ständlich wird dieser aber erst vor dem Hintergrund des zweiten Teiles. Dort
entfalten wir unter theoretischen und methodologischen Gesichtspunkten den
zentralen Gedanken der Objektiven Hermeneutik – die sequenzlogische Ver-
fasstheit aller Ausdrucksgestalten. Das heißt, die Objektive Hermeneutik denkt
die Bildung von Erfahrung, Wissen und Sinngehalten als einen krisenlösenden
Prozess mittels der eigenlogischen Verknüpfung von Sequenzen. Diese Idee
entwickelt sie aus einer eigenständigen Interpretation des pragmatistischen
Wahrnehmungs- und Handlungsmodells heraus, vor allem im Rückgriff auf die
Ansätze des amerikanischen Pragmatismus von Charles Sanders Peirce und
George Herbert Mead, die wir zunächst auf allgemeiner Ebene einführen wer-
den. (II 2.1. und II 2.2.) Im Anschluss daran wird die objektiv-hermeneutische

43
Interpretation dieses Modells vorgestellt, um deren Spezifik herauszuarbeiten.
(II 2.3.) Wesentlich ist hier die Vorstellung, dass jede Ausdrucksgestalt und
jeder Sinngehalt in der Form einer Sequenzfolge auftritt und die so ausgebilde-
ten Sinnstrukturen als Strukturprozesse zu begreifen sind (II 2.3.2.), die es zu
rekonstruieren gilt, wenn der Sinngehalt einer Ausdrucksgestalt begriffen wer-
den soll. Da die Begriffe Sequenz und Rekonstruktion vor der Folie der objek-
tiv-hermeneutischen Theorie der Erfahrungsbildung zu verstehen sind, wird es
in einem nächsten Schritt darum gehen, die Erfahrungsbildung unter Einbezug
des Peirce’schen Pragmatismus zu erörtern. (II 2.3.3.)
In dieser Wendung auf die Sequenzlogik steckt der Kern des objektiv-
hermeneutischen Ansatzes. Das in den Erfahrungswissenschaften tradierte
Sinnproblem, wonach es stets ungeklärt bleiben muss, was genau am Sinngehalt
vom jeweiligen Objekt vorgegeben und was vom interpretierenden Subjekt
zugeschrieben wird, soll dadurch gelöst werden, dass von einem genetischen
Sinnbegriff ausgegangen wird, dessen Gehalte sich qua Fallrekonstruktion er-
schließen lassen. Allerdings führt das schnell auf hartnäckige und verwickelte
Schwierigkeiten, nicht nur, weil das Sinnproblem sicher zu den schwierigsten
und umstrittensten der philosophischen und literaturtheoretischen Fragen über-
haupt gehört; verbunden mit diesem Vorhaben ist von Beginn an auch die Be-
hauptung, zu einer Theorie des Verstehens gehöre immer eine Theorie des
Nicht-Verstehens. Die objektiv-hermeneutische Perspektive auf die Frage nach
dem Sinn wird deshalb so gestellt, dass sie auch einen Blick auf das erlaubt, was
sich warum und wie dem Verstehen entzieht, aber dennoch zum Prozess des
Verstehens dazugehört. Verstehen, so wird sich zeigen, darf mit Interpretieren
nicht verwechselt oder gleichgesetzt werden. Die Sache selbst, von der Oever-
mann spricht, ist uns zwar nur durch Interpretationsakte gegeben, aber diese
Akte lösen nicht alles an der Sache in Interpretation auf. Eine These, die auf den
ersten Blick gleichermaßen trivial wie begründungspflichtig aussieht. Die Be-
gründung erfolgt hier über mehrere Schritte: Alle Bemühungen, den Sinn als
sequenzlogisch gebildeten auszuzeichnen, ihn im Spannungsfeld von Subjekti-
vität und Objektivität zu verorten und damit als einer Dialektik von Emergenz
und Determination zugehörig zu begreifen, werden der Theorie des Verstehens
eine einheitliche Richtung gegeben: Sie wird konstitutionslogisch gefasst. Kon-
stitutionstheorie ist im Rahmen der Objektiven Hermeneutik dabei immer Theo-
rie der Krise, wobei Krise in einem noch zu erläuterten weiten resp. spezifischen
Sinne als konstitutiv für unser Welt-, Begriffs- und Erfahrungsverhältnis über-
haupt verstanden wird. Krise ist folglich der entscheidende Begriff für die Ob-
jektive Hermeneutik: Sinn und Erfahrung, so wird sich ergeben, sind Krisenge-
schöpfe, sie kommen durch Krisen auf die Welt, ein Umstand, den auch der
Titel dieses Buches hervorheben will. Aufgabe einer objektiv-hermeneutischen
Theorie des (Nicht-)Verstehens ist es damit, die je konkrete Krisengeschichte zu
analysieren; und Interpretieren heißt, die je konkrete Krise den Routinen abzule-

44
sen. Wir werden sehen, dass ein solches Verständnis der Theorie des Verstehens
methodologisch der Sequenzlogik bedarf und methodisch die Sequenzanalyse
erfordert (II 3.3.4. und Teil IV), die sich ihrerseits dem abduktiven Schlussfol-
gern bedient. (II 2.3.4.) Verstanden wird mit der Analyse eines Gegenstandes
also, wie sich im je gegebenen Fall eine Sinnstruktur bildet; oder anders gefasst:
Die Interpretation legt die Bildungsgeschichte der Sinnstruktur des je untersuch-
ten Textes dar. Diese Zusammenhänge werden wir jeweils in einem ersten
Schritt auf der Ebene der Theorie und in einem zweiten hinsichtlich der metho-
dologischen Konsequenzen untersuchen.
Zu den hartnäckigen Problemen, die mit einem derartigen Ansatz verbunden
sind, gehört vor allem die Frage, von welchen Regeln diese Sequenzlogik be-
stimmt ist. Dass sie von Regeln geleitet ist, hängt seinerseits eng mit dem objek-
tiv-hermeneutischen Handlungsbegriff zusammen, setzt dieser doch voraus, jede
Handlung als sinnstrukturiert zu begreifen. Welchen Status nehmen die Regeln
dann für die Sequenzlogik ein? Das ist der kritischste Punkt innerhalb des ob-
jektiv-hermeneutischen Theoriegebäudes, weil er das Kompetenz-Performanz-
Paradigma und mit ihm eine ganze Reihe komplizierter Einzelfragen auf den
Plan ruft. Diesen widmen wir uns in Kapitel II 3.3. gesondert, und zwar zu-
nächst auf abstraktem Niveau. Ohne die sich daraus ergebenden Schwierigkei-
ten in ihrem Ausmaß rekonstruieren zu wollen und können, werden wir versu-
chen, die Frage nach dem Kompetenz-Performanz-Verhältnis nicht nur aus der
Binnenperspektive der Objektiven Hermeneutik zu lösen, weil sonst wieder die
wesentlichen Aspekte nicht sichtbar würden und die Problematik schnell ver-
kürzt und damit in ihren Auswirkungen für das objektiv-hermeneutische Projekt
unterschätzt würde. Stattdessen soll sie in Auseinandersetzung mit (dem von
Oevermann bedienten) Kompetenz-Performanz-Paradigma Noam Chomskys (II
3.1.) und der Wittgenstein’schen Kritik an dessen Modell (II 3.2.A und B) ge-
führt werden. Daraus geht einerseits hervor, worum sich diese Diskussion über-
haupt dreht und in welcher Weise sie für die Objektive Hermeneutik von Bedeu-
tung ist. Andererseits soll diese Debatte den Vorschlag eines Modells ermögli-
chen (II 3.2.E), das uns hilft, die spezifischen Probleme der objektiv-
hermeneutischen Kompetenztheorie zu lösen. (II 3.3.) Die damit gewonnenen
Erkenntnisse werden danach wieder auf die methodologischen Konsequenzen
für die Objektive Hermeneutik befragt und einige Klarstellungen erlauben, die
die Anschlussfähigkeit des Verfahrens der Sequenzanalyse für die Literaturtheo-
rie sichert.
Diese in Teil II erarbeitete Grundlegung der objektiv-hermeneutischen Theo-
rie und Methodologie wird in Teil III für die Erarbeitung der Grundzüge einer
objektiv-hermeneutischen Ästhetiktheorie fruchtbar gemacht. Die enge Verbin-
dung zwischen Teil II und Teil III zeigt sich hier vor allem im Begriff der Erfah-
rung. Wie es nämlich zu zeigen gilt, entwirft eine objektiv-hermeneutische Äs-
thetiktheorie eine spezielle Theorie der ästhetischen Erfahrung, der es um ein

45
genau zu bestimmendes Verhältnis zwischen der präsentischen und hermeneuti-
schen Dimension geht, und zwar einerseits hinsichtlich des ästhetischen Objekts
und andererseits hinsichtlich des ästhetischen Verstehens. Die Ästhetiktheorie
gehört damit zur Theorie der Erfahrungsbildung. In einem ersten Schritt wird
deshalb die Gemeinsamkeit von ästhetischen und nichtästhetischen Gegenstän-
den zu klären sein, deren zentrales Merkmal die Strukturhomologie von Le-
benspraxis und Kunstwerk resp. ästhetischer Erfahrung ist. (III 1.) Da diese
Gemeinsamkeit aber nicht, wie wir herausarbeiten werden, den autonomen Sta-
tus eines Kunstwerkes auflöst, muss im Rahmen dessen auch geklärt werden,
was ästhetische Autonomie überhaupt bedeuten soll. Die Antwort auf diese
Frage führt auf das bereits erwähnte Verhältnis von präsentischer und herme-
neutischer Dimension für das ästhetische Objekt wie für den ästhetischen Ver-
stehensprozess. Hier gilt es zuerst zu klären, was unter Präsenz aus objektiv-
hermeneutischer Sicht begriffen wird. (III 2.1.) Um den objektiv-
hermeneutischen Präsenz-Begriff von Missverständnissen zu befreien, wird
darauf die Debatte mit konkurrierenden Präsenz-Begriffen gesucht, vor allem
demjenigen von Hans-Ulrich Gumbrecht. (III 2.2.) Ist diese Frage beantwortet,
kann die Art des Verhältnisses von präsentischer und hermeneutischer Dimensi-
on selbst untersucht werden. (III 3.) Dabei werden wir erst zwei konkurrierende
Lesarten vorstellen, bevor die objektiv-hermeneutische eingeführt wird. Die
erste Lesart ist eine materialistische im Sinne Jacques Derridas (III 3.1.), die
zweite eine hermeneutische im Sinne Hans-Georg Gadamers (III 3.2.). Diese
beiden Lesarten erweisen sich dabei innerhalb unserer Diskussion als spezifi-
sche Vereinseitigung des Verhältnisses von präsentischer und hermeneutischer
Dimension. Vor dieser Folie soll dann die objektiv-hermeneutische Lesart sicht-
bar werden, die ästhetische Erfahrung als ein gleichberechtigtes Spiel zwischen
präsentischer und hermeneutischer Dimension begreift (III 3.3.A), ein Umstand,
der darauf wiederum bezüglich seiner methodologischen Schlussfolgerungen
befragt wird. (III 3.3.B) In einem letzten Kapitel wird schließlich vertieft wer-
den, was dieser Begriff der ästhetischen Erfahrung für die ästhetische Autono-
mie und das Verhältnis von ästhetischem Objekt und Rezipienten bedeutet. (III
4.)
Aufs Ganze gesehen kommt es uns in Teil III darauf an, einen möglichst prä-
zisen Begriff der ästhetischen Erfahrung zu gewinnen; denn mit ihm ist auch
geklärt, was ästhetische Gegenstände konstituiert. Der letzte Teil dieses Buches
hat dann die Frage zum Inhalt, was daraus für die literaturwissenschaftliche
Interpretation literarischer Texte folgt. Dabei werden wir zunächst anhand eines
literarischen Beispiels – eines Textes von Friedrich Dürrenmatt – die allgemei-
nen Prinzipien der objektiv-hermeneutischen Interpretationspraxis einführen (IV
1.) und anschließend prüfen, inwiefern sie für die generelle Applikation auf
literarische Texte zu modifizieren sind. (IV 2.) Am Schluss dieser Arbeit soll so

46
ein differenziertes Bild des objektiv-hermeneutischen Theorie- und Forschungs-
programms gegeben sein.
Aus diesem Vorhaben ist, entgegen erster Vermutungen, ein dickes Buch ent-
standen. Dicke Bücher haben stets etwas Unerhörtes: Sie erwarten vom Leser
Geduld, fordern sie heraus, stellen sie auf die Probe. Eine umfangreiche Ab-
handlung wie diese steht daher in der Schuld seiner Leser – und zählt auf die
Ausdauer, sich mit dem Autor auf die langsame, aber hoffentlich erhellende
Entwicklung eines Gedankenganges einzulassen, der erst am Ende zusammen-
führt, was unterwegs an Argumenten gesammelt wird. Wie jede Theorie lässt
sich auch diejenige der Objektiven Hermeneutik nicht in Eile und nicht auf
einen Handstreich erfassen. „Im Rennen der Philosophie“, hat Ludwig Wittgen-
stein einmal geschrieben, „gewinnt, wer am langsamsten laufen kann. Oder: der,
der das Ziel zuletzt erreicht.“71 Auch wenn dies am Ende keine Entschuldigung
mehr sein kann, ist der Weg dorthin doch das Entscheidende. Und dieser Weg
ist nicht nur lang, sondern zuweilen auch verschlungen und mit unerwarteten
Hindernissen versehen. Diese Arbeit macht sich keine Illusion darüber, dass
solche Wege nicht jedermanns Sache sind. Aber sie hegt die Hoffnung, den
geduldigen und interessierten Leser nicht unbelohnt zu entlassen.

71
Wittgenstein, L.: Vermischte Bemerkungen. Eine Auswahl aus dem Nachlass. Hg. von G. H.
v. Wright. Frankfurt am Main 1977: 71; vgl. auch Schneider, H. J. 1992: 14.

47
II Theorie und Methodologie einer Objektive Hermeneutik

Nennt man es zweifeln, auf ein Stück Papier


zu schreiben, dass man zweifelt?1
Charles Sanders Peirce

In den einleitenden Bemerkungen zu seiner umfangreichen Analyse von Be-


cketts Endspiel schreibt Ulrich Oevermann, es komme ihm nicht darauf an, noch
einmal „in einem ‚Prestigerennen’ der Interpretationen [...] anzutreten oder der
Lust der Überbietung zu frönen und rücksichtslos die Halde der Interpretationen
zu vergrößern.“ (1996: 93) Vielmehr wolle er ein objektiv-hermeneutisches
Exerzitium vorlegen: An einem häufig und kontrovers diskutierten literarischen
Text soll sich die Leistungsfähigkeit der objektiv-hermeneutischen Methodik
erweisen. Zwar ist die Halde der Interpretationen damit unweigerlich vergrößert,
aber im Prestigerennen der Interpretationen sei er, so Oevermann, dennoch nicht
angetreten, weil die Objektive Hermeneutik ihrem Selbstverständnis nach auf
ein anderes Pferd setze. Denn mit den „üblichen Interpretationsverfahren in der
geisteswissenschaftlichen Ästhetik“ (ebd.: 98) habe sie (fast) nichts zu tun; sie
verwende diese allenfalls als „Vergleichsfolie“, um das objektiv-hermeneutische
Verfahren in seiner „Kontrastivität mit der literaturwissenschaftlichen Traditi-
on“ (ebd.: 93) deutlich hervortreten zu lassen. Jenes andere Pferd ist die Se-
quenzanalyse, das „Herzstück“ (2001: 209) der objektiv-hermeneutischen Me-
thodologie.
Aus Oevermanns angriffslustiger Haltung gegenüber den hier summarisch
kritisierten Interpretationsverfahren könnte man schließen, die Objektive Her-
meneutik stelle das definitive Ende interpretatorischer Prestigerennen dar. Ein
Kurzschluss, wie sich noch zeigen wird. Allerdings: Seine Beckett-
1
Peirce 1970: 396 (CP 5.416). – Bei der Zitierung von Peirce ist es allgemein üblich, auch die
jeweilige Abschnittszahl aus den Collected Papers anzugeben (abgekürzt mit CP, zit. in Dezi-
malnotation): Collected Papers. Vol. I–VI, ed. by C. Hartshorne and P. Weiss. Cambridge
1931-1935, vol. VII–VIII. Ed. by A. W. Burks. Cambridge 1958. Die Abschnittszahlen in den
CP und den jeweiligen Übersetzungen oder anderen Ausgaben sind identisch: CP 5.416 be-
zeichnet somit den 416. Abschnitt des fünften Bandes der CP. – Ähnlich wie bei Oevermann
hat auch im Falle Peirce’ die verwirrende Editionslage eine schnellere und umfassendere
Rezeption verhindert. So gibt es auf deutsch erschienene Texte, die ihrerseits nicht in den
Collected Papers aufgenommen sind. Darüber hinaus finden sich zu einem Thema viele ver-
schiedene Entwürfe, oft in fragmentarischer Form. Es fehlt hier – auch das eine Parallele zu
Oevermann – nicht selten eine autorisierte bzw. zusammenfassende Version.

49
Interpretation wartet durchaus mit überraschenden Ergebnissen auf, die sich
insbesondere von Adornos Versuch, das Endspiel zu verstehen absetzen. Oe-
vermann zufolge ist das „Hauptthema des Stückes“ der „innere Zerfall der Sitt-
lichkeit und der Authentizität der autonomen Lebenspraxis“. (1996: 211) Zudem
führe uns der Text „die Verlogenheit einer Gesellschaftskritik vor, die – von der
Warte der Theorie – immer nur die anderen meint, in der Entlarvung des fal-
schen Bewusstseins die entlarvende Theorie automatisch ausnimmt und damit
die Autonomie der Praxis technokratisch aus der Hand gibt oder als Naivität
oder bornierte Positivität denunziert.“ (ebd.: 241)
Wer Oevermanns Endspiel-Interpretation liest, wird diese Deutung womög-
lich für plausibel halten. Man wird danach auch in etwa wissen, was es mit dem
Verfahren der Sequenzanalyse auf sich hat. Die theoretischen und methodologi-
schen Vorannahmen, auf denen dieses Verfahren und mit ihm die Interpretati-
onsergebnisse beruhen, wird man jedoch aufgrund der knappen Vorbemerkun-
gen Oevermanns nur in Ansätzen nachvollziehen können. Wir werden noch
sehen, dass diese aber – wie in jeder Interpretation – durchaus zum Tragen
kommen. Ungestraft nimmt keine Interpretation theoretische und methodologi-
sche Prämissen in Anspruch. Will man daher die Richtigkeit dieser Behauptung
für die Objektive Hermeneutik prüfen, muss man freilich genauer wissen, was
im Verfahren der Sequenzanalyse theoretisch und methodologisch impliziert ist.
Diese theoretischen und methodologischen Grundlagen und Vorannahmen in
ihrem systematischen Zusammenhang darzustellen, ist das Ziel des zweiten
Teiles dieser Arbeit.
Um sich nun eine erste Vorstellung von den Grundannahmen des objektiv-
hermeneutischen Theorie- und Forschungsprogramms machen zu können, wird
zunächst ihr zentraler Terminus in noch sehr allgemeinen Zügen eingeführt. Die
danach folgenden Kapitel kommen immer wieder auf die hier getroffenen Aus-
sagen zurück und werden sie Schritt für Schritt erörtern wie präzisieren.

1. Erste Perspektive: Zum Begriff der latenten Sinnstruktur

Der zentrale Terminus, um den es in einer ersten Annährung an die Objektive


Hermeneutik gehen soll, lässt sich gut anhand von Oevermanns Standardbei-
spiel verdeutlichen.2 Stellen wir uns folgende Situation vor: Ein junger Mensch,
2
Oevermann nennt es sein „Leitbeispiel“ (1996a: 2; 1999: 72). Hier nur die wichtigsten Texte,
die es anführen: 1983: 235ff.; 1995: 41; 1996a: 2ff.; 1996b: 7f.; 1997: 4ff.; 1999: 72ff.; 2000:
105; 2001e: 10ff.; 2002: 7f. Schon vor der Etablierung dieses Leitbeispiels meinte Oever-
mann, „dass es wenig sinnvoll und für die Verständigung wenig förderlich ist, die zentralen
Konzepte der ‚objektiven Hermeneutik’ auf der Stufe der Allgemeinheit, der sie am Ende
zuzurechnen sind, einzuführen.“ (1979: 354) Später wählte er das Beispiel vor allem, damit
„eine Verbindung mit der Anschaulichkeit erhalten bleibt.“ (1996a: 2; 1999: 72)

50
nennen wir ihn A, läuft eines Morgens den Flur eines Universitätsgebäudes
hinab. Ihm entgegen kommt ein älterer Herr, nennen wir ihn B. A sagt nun zu B
in freundlich reserviertem Ton ‚Guten Morgen’. Eine alltägliche Szene also, die
als grundlegende Form der Sozialität betrachtet werden kann. Denn der Gruß –
genauer: der Wunsch A’s, B möge einen guten Morgen haben – ist die Eröff-
nung einer sozialen Interaktion. Die Begrüßung konstituiert Reziprozität zwi-
schen Subjekten, indem sie mittels eines bestimmten Zukunftswunsches eine
gemeinsame Praxis stiftet. Reziprozität ist nun aber erst gefüllt, wenn das be-
grüßte Subjekt den Gruß erwidert. B steht demnach vor einer Entscheidung:
zurückgrüßen oder nicht, wobei B genau diese beiden – und nur diese beiden –
Möglichkeiten hat. Eine dritte kann es nicht geben; selbst wenn B so tun würde,
als hätte er den Gruß überhört, ist damit eine Entscheidung getroffen, nämlich
die Entscheidung nicht zurückzugrüßen. Allenfalls kann B den Gruß tatsächlich
überhört haben; dann ist die von A initiierte gemeinsame Praxis jedoch von
vornherein gescheitert.
Wie stellt sich diese Situation aber dar, wenn A stattdessen ‚Guten Abend’
sagt? B würde vermutlich einigermaßen erstaunt sein. Vielleicht würde er das
Betragen von A als Affront oder Dreistigkeit werten, vielleicht würde er
schmunzeln und ironisch ‚Gute Nacht’ zurückgrüßen. In jedem Fall wird B den
Guten-Abend-Gruß am Morgen als irgendwie unpassend empfinden. Ein ‚Guten
Abend’ in der Frühe muss B als eine dringend interpretationsbedürftige Aussa-
ge erscheinen. Interpretationsbedürftigkeit kommt zwar streng genommen jeder
Aussage zu, aber im alltagspraktischen Umgang haben wir uns in der Regel mit
der vielbeschworenen – und wie wir noch sehen werden: oft missverstandenen –
Unzulänglichkeit der Sprache arrangiert: Bis dato steht uns kein besseres Ver-
ständigungsmittel zur Verfügung. Nur hin und wieder werden wir aus unserer
Eingewöhnung in die Kommunikationspraxis gerissen und zum Stocken, das
heißt zur interpretativen Reflexion gezwungen. Genau das liegt in der fingierten
Szene vor: Wenn A am Morgen B einen guten Abend wünscht, wird mit einer
Routine gebrochen. Denn die Routine verlangt, auf einen Gruß in der gleichen
Zeitebene zu antworten – auf ‚Guten Morgen’ folgt routinemäßig derselbe
Wunsch zurück.3 Sozialisationstheoretisch gesehen wird durch das Zurückgrü-
ßen die von A eröffnete Interaktion (erfolgreich) geschlossen.
Die Begrüßung, so lässt sich resümierend festhalten, ist demnach ein elemen-
tares Beispiel für das Strukturmodell von Sozialität und der Strukturgesetzlich-
3
Damit ist auch klar, dass es drei mögliche Grüße gibt, um eine gemeinsame Praxis zu eröff-
nen: ‚Guten Morgen, Tag oder Abend’. Nuancierungen wie ‚Guten Nachmittag’ sind zwar
möglich, ändern allerdings nichts an der Grundstruktur. Ebenso verhält es sich mit den von
Tageszeiten relativ unabhängigen Grüßen wie ‚Hallo’, ‚Hi’, ‚Servus’ u.a. Ganz anders liegt die
Sache aber bei dem Gruß ‚Gute Nacht’: Dieser ist automatisch ein Abschied, eine Beschlie-
ßung und nicht eine Eröffnung. Deshalb kann der Gute-Nacht-Wunsch auch nur sinnvoll am
Ende einer Interaktion stehen. (vgl. 2001e: 10)

51
keit von Reziprozität überhaupt.4 (vgl. 1996a: 4; 1999: 75) Im Unterschied zu
einer Tauschbeziehung, wie sie der Marx’schen Gesellschaftstheorie etwa
zugrunde liegt, werden bei einer Begrüßung „vollkommen gleichlautende,
selbstbindende Wünsche“ (1999: 74) getauscht, haben wir es also mit einem
Austausch zu tun, der gerade ohne die Marx’sche Gebrauchswertdifferenz aus-
kommt. Oevermann versteht im Anschluss an Claude Lévi-Strauss diesen Aus-
tausch daher als eine Form der zweckfreien Reziprozität. (vgl. 1995c: 43ff.,
88ff.)5 Der zentrale Punkt ist dabei: Erst durch die Eröffnung einer gemeinsa-
men Praxis mittels zweckfreier Reziprozität ist die Möglichkeit gegeben,
zweckgerichtet zu handeln. Denn zum zweckgeleiteten Handeln, so Oevermann
weiter, bedarf es als Bedingung der Möglichkeit eine je schon eröffnete gemein-
same Praxis. Die Begrüßungshandlung gehört demnach zum „umfassenderen
Typ von Austauschbeziehungen [...]: Für die ausgetauschten einzelnen Begrü-
ßungshandlungen ist gerade wesentlich, dass sie gleichwertig und gleichartig
sind.“ (1983: 238) Reproduziert wird damit „Strukturiertheit von Sozialität als
solcher“, also das, was durch die Gebrauchswertdifferenz immer schon voraus-
gesetzt ist: Zweckfreie Reziprozität erzeugt „jenen strukturellen Rahmen, inner-
halb dessen die Setzung und Realisierung von Zwecken erst möglich ist, durch
die sich die Individuierung von Subjekten erst vollzieht.“ (ebd.)
Für Oevermann ist dies ein konstitutionslogisches Argument: Die Struktu-
riertheit der Sozialität im Modus der zweckfreien Reziprozität liegt der Konsti-
tution des Subjekts zugrunde. Sie ist, so sagt er, nicht hintergehbar: „Zu indivi-
duierten Subjekten werden wir erst, indem wir uns zum Stoff sich reproduzie-
render Reziprozität machen.“ (ebd.: 238f.), das heißt für das Leitbeispiel, indem
wir uns begrüßen lassen. Reziprozität kann demnach als „Hohlform von Soziali-
tät“ betrachtet werden.6 Dementsprechend ist nicht mehr Gesellschaft, sondern
Gemeinschaft der soziologische Grundbegriff. Denn dem zweckfreien Tausch
entspricht eher das, was Hegel Sittlichkeit nennt und von der Moralität unter-
scheidet.7 „Für die Sittlichkeit, die nicht eigens intentional oder durch ethisches
4
Oevermann verweist dabei auf Marcel Mauss, der diese Strukturgesetzlichkeit am Reziprozi-
tätsmodell des Tausches bzw. der Gabe entwickelt hat. Quellenangaben fehlen hier bei Oe-
vermann; er bezieht sich aber offensichtlich auf dessen 1925 erschienene Abhandlung Die
Gabe. (vgl. Mauss, M.: Die Gabe. Frankfurt am Main 1984; vgl. weiter allgemein zu Tausch
und Gabe als Reziprozitätsmodell Gebauer/Wulf 1998: 160ff. und Stenzler, F.: Versuch über
den Tausch. Berlin 1979)
5
Vgl. Lévi-Strauss 1993: 77ff.; vgl. auch Wagner, H.-J. 2004: 15ff.
6
Zehentreiter 2001: 36.
7
Hegel tut dies vor allem im System der Sittlichkeit, in der Phänomenologie des Geistes und in
den Grundlinien der Philosophie des Rechts in Auseinandersetzung mit der kantischen Moral-
philosophie, der er die verhängnisvolle Trennung von Intelligiblem und Empirischem vorwirft.
(vgl. Gil, T.: Ethik. Stuttgart Weimar 1993: 74ff.) – Es soll hier nicht darum gehen, Oever-
manns Hegellektüre darzustellen. Wichtig ist aber der Hinweis, dass Oevermann die deontolo-
gische Grundlegung der Ethik ablehnt und dagegen einwendet, der Mensch handle immer in
einem gesellschaftlich praktischen Kontext bestimmter Verhältnisse und bestimme die Gründe

52
Wollen hergestellt werden muss, sondern als objektive Struktur der Sozialität
schon immer da ist, sobald der Übergang von Natur zu Kultur naturgeschicht-
lich vollzogen ist, steht soziologisch ausgedrückt die Gemeinschaft.“ Und zwar
als „Kollektivität von ganzen Personen“. (1999: 76) Während also der Begriff
der Gesellschaft eine Reduktion ist, steht er doch laut Hegel für eine Kollektivi-
tät von Rollenträgern bzw. Vertragspartnern, stellt „Gemeinschaft und korrelativ
dazu das Subjekt als ganze Person [...] eine Totalität dar, wovon Gesellschaft
und Rollenträger oder Rechtssubjekt eine Abstraktion sind.“ (ebd.)8 Gesellschaft
fällt demzufolge mit Sozialität nicht mehr zusammen, oder anders gefasst: Ver-
gemeinschaftung und Sittlichkeit sind nicht identisch mit Vergesellschaftung.9
Gegeben ist mit diesem konstitutionslogischem Argument derjenige Ausgangs-
punkt der Objektiven Hermeneutik, auf den innerhalb der folgenden Überlegun-
gen immer wieder zurückgekommen werden wird.
Dieses konstitutionslogische Argument operiert allerdings mit durchaus er-
klärungsbedürftigen Begriffen. Wie sind die Termini Interaktion, Reziprozität
oder Sozialität zu verstehen, was sollen die Begriffe Praxis, Routine und Ent-
scheidung benennen? Und wie ist die Rede von einer Strukturgesetzlichkeit und
Konstitutionslogik zu rechtfertigen? Fragen, die uns mitten ins Theoriegebäude
der Objektiven Hermeneutik führen. Es hängt viel daran, darauf möglichst prä-
zise Antworten zu geben.
Gehen wir also zurück zum Oevermann’schen Standardbeispiel. Die kurz
umrissene Interpretation dieser Interaktion impliziert bereits einige Grundan-
nahmen, die so selbstverständlich nicht sind. Zunächst einmal diese: Es wird
unterstellt, wir hätten es mit einer Handlung, hier der Handlung des Grüßens, zu
tun. Darauf hinzuweisen, ist entscheidend. Wenn diese Interaktion nämlich eine
Handlung ist, muss sie als sinnstrukturiert verstanden werden. Das allein dürfte
unstrittig sein, fraglich ist jedoch, was eine sinnstrukturierte Handlung über-
haupt ausmacht. Oder anders formuliert: Ist die unterstellte Sinnstrukturiertheit
mit subjektiver Sinngebung gleichzusetzen?
Für Oevermann wäre das ein vorschneller Kurzschluss, „mit der Folge, dass
dann [...] subjektiver Sinn [...] im Prinzip nach Geltungskriterien je individuell
variieren kann, sodass grundsätzlich das Folgeproblem der Kriterien für einen
verbindlichen Maßstab der Sinngebung [...] auftaucht.“ (2001e: 5) Unter dem
Blickwinkel der Subjektivität müssen diese Maßstäbe letztlich willkürlich blei-
ben. Bleiben sie aber willkürlich, ist nicht nur ihre Kritisierbarkeit, sondern auch
die Möglichkeit einer wissenschaftlichen Rekonstruktion verschwunden. Denn

des Handelns nicht in Relation zu einer abstrakten Maxime, sondern zu den Sitten und Ein-
richtungen, unter denen er lebt.
8
Vgl. zum Begriff der Totalität 1983: 276f.; vgl. weiter IV 1.C.
9
Nach Oevermann übersieht Habermas genau diesen Unterschied. (vgl. 1983: 239f., 247; vgl.
zu Oevermanns Kritik an Habermas, auf die hier noch verschiedentlich eingegangen wird,
2000d und Wagner 1984: 81ff.)

53
solange man Wissenschaftlichkeit mit Argumentativität identifiziert, ist die Tür
zur Willkürlichkeit im Prinzip verschlossen: Argumente können per se nicht
willkürlich sein, es sind sonst eben keine Argumente, sondern allenfalls (lehr-
reiche, plausible oder überraschende) Assoziationen zu einem Thema. Wann
immer eine Analyse den Anspruch rationaler Nachvollziehbarkeit erhebt, ist sie
implizit auf eine argumentative Struktur festgelegt.
Nun ist es eine überaus heikle Frage, wie man diese Struktur verstehen soll.
Sie gehört zu den Strittigkeiten, welche die Debatten um Hermeneutik und De-
konstruktion bestimmen. Letztere würden hier einwenden, die Frage nach der
Argumentationsstruktur sei falsch gestellt, weil sie jenen erkenntnistheoreti-
schen Logozentrismus verrät, der ihnen zufolge die Ursache aller begrifflichen
Verwirrungen und Missverständnisse ist. Hermeneutiker (und Phänomenologen)
hätten darauf als Antwort parat, auch ein Argumentieren jenseits des Logo-
zentrismus entkomme nicht dem rationalen Diskurs (aber vielleicht dennoch
dem Logozentrismus?), andernfalls könnten sich auch Dekonstruktivisten nicht
verständlich machen. Zwischen Hermeneutik und Dekonstruktion scheint dem-
nach ein unüberwindlicher Graben zu verlaufen. Wir werden auf diese Debatte
im dritten Teil noch eingehen; hier geht es zunächst um die Frage, was mit dem
Begriff der Sinnstruktur aus objektiv-hermeneutischer Sicht im Blick ist. Eine
Frage, die uns schnell auf hartnäckige Probleme stoßen lässt; sie lassen sich
nicht handstreichartig beantworten, ohne sie von vornherein zu verkleinern und
damit zu verfehlen.
Oevermann selbst sucht die Antwort zunächst in der Abgrenzung. Der Sinn-
begriff der Objektiven Hermeneutik werde „nicht in der Bedeutung verwendet,
die intendiert ist, wenn man etwa nach dem Sinn des Lebens oder dem Sinn
einer angesonnenen praktischen Handlung fragt.“ (1993a: 114) Dies führe gera-
dewegs wieder auf das eben angesprochene Subjektivitätsproblem. Laut Oever-
mann ändert sich aber die Problemlandschaft, „sobald wir uns von der Kategori-
alität des subjektiv gemeinten Sinns als der einzig denkbaren Fassung von [...]
Sinnstrukturiertheit trennen und eine eigenlogische Realität von objektiven
Bedeutungen und Sinnzusammenhängen konzipieren.“ (2001e: 5f.) Die Rede
von einer eigenlogischen Realität und von objektiven Bedeutungen führt indes-
sen nicht nur ins Zentrum der Objektiven Hermeneutik, sondern war und ist
immer wieder die Quelle vielfacher Missverständnisse. Es wird also darauf
ankommen, genau zu verstehen, was Oevermann hier eigentlich behauptet.
Hilfreich ist es, sich zu verdeutlichen, was er nicht behauptet: Gedacht ist
nicht an die platonische Variante einer eigenständigen Ideenwelt, die als ontolo-
gisch unabhängige Entität irgendwo da draußen existiert und ahistorisch über
den Dingen schwebt. Oevermanns Rede von einer eigenlogischen Realität zielt
nicht auf eine solche Erste Philosophie; das wird allerdings erst dann einleuch-
ten, wenn die objektiv-hermeneutische Theorie von jenen irreführenden An-
nahmen befreit ist, die hier tiefenontologische Argumente genannt und von

54
Oevermann mitunter nachhaltig ins Spiel gebracht werden, dem objektiv-
hermeneutischen Forschungs- und Theorieprogramm aber überaus abträglich
sind.10 Jetzt sei dieses Problem noch zurückgestellt und jene Selbsteinschätzung
Oevermanns zitiert, nach der die Objektive Hermeneutik entstanden sei, indem
sie von der „Erfahrung und Erkenntnis aus(gehe), dass wir mit einer eigenstän-
digen Strukturebene der Realität von objektiven Sinnstrukturen, analytisch
unabhängig von subjektiven Dispositionen und mentalen Repräsentanzen zu
rechnen haben.“ (1983b: 122)11 Was soll dies aber genau heißen? Man kann es
sich in einer ersten Annäherung anhand des eingeführten Beispiels klar machen.
Wir hatten gesehen, dass B genau vor zwei Möglichkeiten steht, auf den Gruß
von A zu reagieren: entweder zurückgrüßen oder nicht. Und wir hatten weiter
behauptet, dass die Begrüßung ein elementares Beispiel für Interaktion darstellt.
Nun gehört es zum Begriff der Interaktion, dass den daran beteiligten Subjekten
die Interaktionsstruktur nicht notwendig bewusst sein muss, um an einer Inter-
aktion beteiligt sein zu können. Mit dem Beispiel gesprochen: Dass B nur diese
beiden Reaktionsmöglichkeiten hat, ist keine Frage der subjektiven Entschei-
dung oder mentalen Repräsentanz, sondern eine Folge der interaktiven Struktur.
„Die Struktur der konkreten sozialisatorischen Interaktion“, schreibt Oever-
mann, „konstituiert sich relativ unabhängig von den Motiven, Dispositionen und
Intentionen der beteiligten Personen.“ (1976b: 372) Das ist die Seite der Struk-
tur konkreter Interaktion, die Oevermann objektiv nennt. Mit objektiv wird
demnach gerade nicht unterstellt, die von der Untersuchung erbrachten Ergeb-
nisse seien im klassisch-positivistischen Sinne unabhängig vom Forscher, sozu-
sagen unangreifbar gültig. Es geht vielmehr um die objektive Struktur eines
latenten Sinnzusammenhangs, der sich – wie noch zu zeigen sein wird – rekon-
struktiv erschließen lässt. Latent ist der Sinnzusammenhang, weil er sich „nur
zum Teil mit den innerpsychischen Repräsentationen [...] im Bewusstsein der
beteiligten Subjekte“ (1976b: 372) deckt, weil er die manifesten Bedeutungsan-
teile übersteigt. Mit latenten Sinnstrukturen meint Oevermann demnach „supra-
individuelle ‚Gebilde’“ (1983b: 122). Supra-individuell deshalb, weil die latente
Sinnstruktur als „von den innerpsychischen Repräsentanzen der an der konkre-
ten Interaktion beteiligten Subjekte abgelöste allgemeine Strukturen von Bedeu-
tungen bzw. Bedeutungsmöglichkeiten“ konstituiert. (1976b: 385) Daher spricht
Oevermann in Bezug auf latente Sinnstrukturen von einer „Realität sui generis“,
als einer „Realität von Möglichkeiten“. (1979: 368)
10
Vgl. II 3.
11
Das, so Oevermann weiter, habe die „Entwicklung der objektiven Hermeneutik veranlasst.
Anspruchsvoller ausgedrückt, ging es um eine Methodologie, die in der Lage ist, für die sozio-
logische Analyse die auf der konstitutionstheoretischen Ebene anzusetzende Strukturbedingt-
heit von Sozialität adäquat zu erfassen und in diesem Bezugsrahmen den aus dem deutsch-
idealistischen Blickwinkel konstruierten falschen Gegensatz von strukturalistischer Analyse
und historisch-genetischer Soziologie im Programm eines genetischen Strukturalismus zu
überwinden.“ (ebd.)

55
Die manifeste, also bewusste Sinnstruktur einer Handlung und die latente Sinn-
struktur bilden also keinen dualen Schematismus; sie stehen in einem Ergän-
zungsverhältnis. Es ist deshalb ein grobes Missverständnis, die Differenz von
latent und manifest – wie Heinz Bude – mit der (traditionellen) Unterscheidung
von Wesen und Erscheinung gleichzusetzen.12 Der Begriff latente Sinnstruktur
ist laut Oevermann vielmehr „ausschließlich methodologisch zugerichtet“ und
„bezieht sich also ausdrücklich nicht auf gegenstandstheoretische Inhalte“. Er
„thematisiert konstitutionstheoretisch den zentralen Aspekt der objektiven Sinn-
strukturiertheit“. Als solcher ist er von „paradigmatischer Bedeutung für eine
strukturalistische Grundposition, weil mit ihm in scharfem Kontrast zum nur
nachvollzugshermeneutisch paraphrasierbaren subjektiv gemeinten Sinn der
traditionellen Handlungstheorien jene objektiven Bedeutungen bzw. Sinnzu-
sammenhänge zur Geltung gebracht werden“ (2001d: 39), die eine eigenlogi-
sche Realität bilden. Insofern sind latente Sinnstrukturen nicht sinnlich wahr-
nehmbar, aber – das ist für die Objektive Hermeneutik zentral – dennoch analy-
sierbar. Aus diesem Grund bezeichnet Oevermann latenten Sinnstrukturen auch
als „Spurentext“ (1994a: 158): In der manifesten Sinnstruktur hat die latente
ihre Spur hinterlassen.
Für unser Beispiel heißt dies, B hat von den beiden Möglichkeiten, auf A’s
Gruß zu reagieren zwar nur eine realisiert, sie beide haben aber tatsächlich, oder
wie wir nun sagen können: objektiv, existiert. Allgemein gesprochen:

„Mit dem Begriff von latenten Sinnstrukturen werden objektive Bedeutungs-


möglichkeiten als real eingeführt, unabhängig davon, ob sie von den an der In-
teraktion beteiligten Subjekten intentional realisiert wurden oder nicht.“ (1979:
381)

Latente Sinnstrukturen werden folglich als analytisch, nicht etwa als ontolo-
gisch eigenständige Realitätsebenen gedacht.13 Mit der Bezeichnung latent soll
die „logisch-analytische Unabhängigkeit der latenten Sinnstrukturen von der
manifesten Realisierung dieser Sinnstrukturen im Bewusstsein eines konkreten
Autors oder Rezipienten ausgedrückt werden.“ (2001f: 28f.) Damit ist die mani-
feste Sinnstruktur keineswegs aus den Augen verloren, im Gegenteil. Erst das
Zusammenspiel von latenter und manifester Sinnstrukturen ergibt das, was Oe-
vermann eine objektive Bedeutungsstruktur nennt. Daraus leitet er das methodo-
logische Programm einer Objektiven Hermeneutik ab:

„Zentraler Gegenstand der Methodologie der objektiven Hermeneutik sind die


latenten Sinnstrukturen und objektiven Bedeutungsstrukturen von Ausdrucks-
gestalten, in denen sich uns die psychische, soziale und kulturelle Erfahrungs-
welt präsentiert. Latente Sinnstrukturen und objektive Bedeutungsstrukturen

12
Vgl. Bude 1994: 122.
13
Vgl. Sutter, H. 1994: 42f.

56
sind jene abstrakten, d.h. sinnlich nicht wahrnehmbaren Gebilde, die wir alle
mehr oder weniger gut und genau ‚verstehen’, wenn wir uns verständigen, Tex-
te lesen, Bilder und Bewegungsabläufe sehen, Ton- und Klangsequenzen hö-
ren, und die durch bedeutungsgenerierende Regeln erzeugt werden und unab-
hängig von unserer je subjektiven Interpretation objektiv gelten. Die objektive
Hermeneutik ist ein Verfahren, diese objektiv geltenden Sinnstrukturen inter-
subjektiv überprüfbar je konkret an der les-, hör- und sichtbaren Ausdrucksge-
stalt zu entziffern.“ (1996a: 1)

Spätestens an diesem Punkt dürften die theoretischen Geister sich scheiden;


denn es scheint unmöglich zu sein, Sinnstrukturen gleichzeitig als nichtsinnlich,
also abstrakt und als am konkreten Gegenstand analytisch rekonstruierbar, also
aus sinnlichem Material methodisch kontrolliert ableitbar, zu charakterisieren.
Oevermann sagt es selbst: Die Rede von latenten Sinnstrukturen ist „für viele
Vertreter der Sozialwissenschaften“ ein „Skandalon“ (2001f: 29), und nicht nur
für diese. Eine solche Konzeption scheint quer zur gegenwärtigen Theorieland-
schaft zu stehen, sieht es doch so aus, als bediene sie eine Vorstellung, derzu-
folge hinter dem Sprechen eine eigenständige Sprache stehe, die dem Sprechen
erst Sinn verleihe. So, wie wir jetzt das Konzept der latenten Sinnstruktur einge-
führt haben, könnte man meinen, es bediene eine Variante jenes Zwei-Welten-
Modells, das hinter sichtbaren Ausdrucksgestalten objektiv geltende Sinnstruk-
turen ansiedelt. Das Skandalon besteht also wesentlich darin, dass die Objektive
Hermeneutik jene Ordnungsvorstellungen zu bedienen scheint, „wie sie ein
letztes Mal in der Hegel’schen Wesenslogik entwickelt wurden.“14 Es ist, als
bringe dieses Konzept eine „erstaunliche Ordnung in die unordentliche [...]
Welt.“15
Dieser Vorwurf ist ernst; er ist geeignet, das Projekt einer Objektiven Her-
meneutik zum Einsturz zu bringen. Denn die Argumente gegen einen solchen
Dualismus sind stark genug, jene Theorien, die sich darauf beziehen, als nicht
anschlussfähig zurückzulassen. Sie werden uns daher, vor allem in Kapitel II 3.
und im Rahmen der ästhetiktheoretischen Debatte in Kapitel III 3.2., noch aus-
führlich beschäftigen. Um sie in ihrer Wirkung für das objektiv-hermeneutische
Theorieprogramm zu entkräften, braucht es jedoch zweierlei: Zunächst den
binnenperspektivischen Blick auf das theoretische Hinterland der Objektiven
Hermeneutik, später aber auch gerade jene Sichtweisen, die sich von diesem
Blick lösen. Erst so wird die Problematik überhaupt sichtbar.
Mit der ersten Aufgabe haben es die folgenden Kapitel zu tun. Ihnen geht es
um die erfahrungs- und erkenntnistheoretischen Grundlagen, auf denen der
Begriff der latenten Sinnstruktur wesentlich referiert. Diese Grundlagen beruhen
auf einer Konzeption der sprachlichen Konstitution von Bedeutung und ihrer
sprachlichen Vermitteltheit, die sich zu wesentlichen Teilen auf Meads Soziali-
14
Matthiesen 1994: 88.
15
So eine Formulierung von Hans-Georg Soeffner, hier zit. nach Matthiesen 1994: 86.

57
sationstheorie und Peirce’ Kategorien- und Erfahrungstheorie bezieht.16 Nun
sind es allerdings durchaus eigenwillige Mead- und Peirce-Interpretationen, die
die Objektive Hermeneutik hier bietet. Widerspruch ist deshalb gerade von der
Seite zu erwarten, die sich prinzipiell mit Mead und Peirce einig ist, aus deren
Argumenten aber ganz andere Schlüsse zieht. Bevor also die objektiv-
hermeneutische Sinnkonzeption und der darin enthaltene krisentheoretische
Ansatz theoretisch überhaupt verstanden werden kann, ist es notwendig, sich die
Ansätze von Mead und Peirce in Grundzügen zu vergegenwärtigen. Das führt
zunächst vom Begriff der latenten Sinnstruktur weg, allerdings nur, um ihn
danach auf ein breiteres Fundament stellen und den krisentheoretischen Ansatz
der Objektiven Hermeneutik nachvollziehen zu können. Es kommt folglich
darauf an, zu verstehen, was unter Sinn, Sinnstrukturen und Sinnverstehen aus
pragmatistischer und, daraus abgeleitet, aus objektiv-hermeneutischer Perspek-
tive vorgestellt werden soll. Denn wenn es richtig ist, dass das Problem des
Sinnverstehens zu den zentralen Fragestellungen der Objektiven Hermeneutik
gehört, hängt viel daran, einen gut fundierten Sinnbegriff zu erarbeiten. Das gilt
auch für die Literaturwissenschaft, und zwar generell: Nur wenn sie keinen
reduktionistischen Sinnbegriff verwendet, kann sie dem untersuchten Gegens-
tand gerecht werden. Auch dies ist wieder eine Behauptung, die uns noch aus-
führlich beschäftigen wird. Zuvor sollen aber anhand der pragmatistischen Phi-
losophie, zu der Mead und Peirce zu rechen sind, jene Überlegungen erarbeitet
werden, die uns in der Frage nach dem objektiv-hermeneutischen Sinnbegriff
entscheidend weiterführen.

2. Zweite Perspektive: Die pragmatistische Grundlegung des Sinnbegriffs


und der krisentheoretische Ansatz der Objektiven Hermeneutik

„Es gibt“, heißt es in den 1934 erschienenen Vorlesungsmitschriften George


Herbert Meads Geist, Identität und Gesellschaft, „keinen lebendigen Organis-
mus, der so beschaffen wäre, dass er sich in völliger Isolierung von allen ande-
ren Organismen am Leben halten könnte.“ Denn, so Mead weiter, „alle leben-
den Organismen sind in eine allgemeine soziale Umwelt oder Situation einge-
bettet, in einen Komplex sozialer Wechselwirkungen und Einflüsse.“17 Benannt
16
An Mead orientieren sich Oevermanns Arbeiten von Anfang an. Bereits in Soziale Schich-
tung und Begabung, eine seiner ersten Publikationen, wird Mead als zentraler Bezugspunkt
erwähnt. (vgl. 1966: 133) Peirce wird zwar auch in den frühen Schriften genannt, den Zusam-
menhang zwischen Peirce’ Kategorienlehre und der Objektiven Hermeneutik hat Oevermann
aber erst relativ spät erarbeitet. (vgl. bes. 2001)
17
Mead 1973: 274. – Das Zitat macht eine kurze Bemerkung zur hier verwendeten Überset-
zung von Ulf Pacher notwendig: Pacher gibt ‚social’ durchgehend mit ‚gesellschaftlich’ wie-
der. Das erweist sich als keine gute Wahl, denn ‚Gesellschaft’ ist gegenüber ‚Sozialität’ bei
Mead der engere Begriff: Sie setzt Sozialität bereits voraus. Es ist aber eindeutig, dass Mead

58
ist damit Meads Ausgangspunkt: die Kategorie der Sozialität. Der Punkt, auf
den er hinaus will, ist insofern eindeutig: Es geht ihm um einen nichtindividua-
listischen Begriff sozialen Handelns.18 Vorausgesetzt ist auf diese Weise aller-
dings auch, der Handlung eine zentrale Stellung zuzurechnen und folglich eine
handlungstheoretische Perspektive einzunehmen. Das allein ist nicht unbedingt
ein origineller Ansatz.19 Wie Mead aber Handlung – und davon abgeleitet die
Konstitution von Sinn – versteht, lässt die Sache etwas anders aussehen.20 Han-
deln ist ihm zufolge nämlich gerade nicht als eine Funktion des Zweck-Mittel-
Schemas zu denken.21 Er begreift den Begriff der Handlung vielmehr sozialisa-
tionstheoretisch und stellt ihn damit vor einen interaktionistischen Hintergrund.
In seinem späten Aufsatz Die Genesis der Identität und die soziale Kontrolle
schreibt er:

„Ich möchte [...] den Begriff soziale Handlung auf die Klasse von Handlungen
beschränken, die die Kooperation von mehr als einem Individuum involvieren
und deren Objekt [...] ein soziales Objekt ist. Unter einem sozialen Objekt ver-
stehe ich einen Gegenstand, welcher auf alle Teile der komplexen Handlung
bezogen ist, wenn auch diese Teile in dem Verhalten verschiedener Individuen

hier Sozialität und nicht Gesellschaft im Blick hat. Daher wird ‚gesellschaftlich’ durchgehend
mit ‚sozial’ ersetzt. Vgl. Anm. 23.
18
Vgl. Joas 1996: 277.
19
Während Bubner noch 1982 überspitzt konstatierte, dass Handlung „einer der unbekanntes-
ten Begriffe innerhalb der philosophischen Disziplin“ sei (Bubner, R.: Handlung, Sprache und
Vernunft. Grundbegriffe praktischer Philosophie. Neuausgabe mit einem Anhang. Frankfurt
am Main 1982: 7), wird vier Jahre später bereits von der pragmatischen Wende als einem
terminus technicus gesprochen. (Böhler, D./Nordenstam, T./Skirbekk, G. (Hg.): Die pragmati-
sche Wende. Sprachspielpragmatik oder Transzendentalpragmatik? Frankfurt am Main 1986:
5) Heute könnte man den Eindruck haben, die pragmatische Neuorientierung der Philosophie
und Wissenschaftstheorie habe eine „tiefgreifende Neuorientierung“ nach sich gezogen. (ebd.)
Der Begriff Handlung ist zu einem „Schlüsselbegriff der Philosophie und fast aller Sozial- und
Kulturwissenschaften“ geworden, und das Bemühen um eine Handlungstheorie zum „Brenn-
punkt gegenwärtigen theoretischen Interesses“ (Joas 1996: 11). Vgl. zur Breitenwirkung des
Pragmatismus das von H. Stachowiak herausgegebene fünfbändige Werk Pragmatik. Hand-
buch pragmatischen Denkens. Hamburg 1986–1995; vgl. auch Lumer, C.: Hand-
lung/Handlungstheorie. In: Sandkühler, H. J. 1999; vgl. zur jüngeren Diskussion um den
Pragmatismus Margolis, J.: Die Neuerfindung des Pragmatismus. Übers. von J. Schulte.
Weilerswist 2004.
20
Für Hans Joas spricht aus dem gesamten Ansatz des amerikanischen Pragmatismus eine
„unerhörte Modernität“. Dieser habe „in einer bis heute nicht genügend zur Kenntnis genom-
menen Radikalität die Konsequenzen aus dem Ende der metaphysischen Gewissheiten gezo-
gen, ohne diese durch neue Gewissheiten geschichtsphilosophischer oder rationalitätstheoreti-
scher Art zu ersetzen.“ (Joas 1992: 7)
21
Niklas Luhmann behauptet dies auch. (vgl. etwa die frühe Schrift Luhmann, N.: Zweckbeg-
riff und Systemrationalität. Über die Funktion von Zwecken in sozialen Systemen. Tübingen
1968). Und Jürgen Habermas gehört bekanntlich genauso zu den Kritikern einer ausschließlich
teleologischen Deutung des Handelns. (vgl. Habermas 1987/Bd. 1: 205ff.) Worin die Unter-
schiede zu deren Ansätze liegen, wird sich im Laufe der Diskussion noch ergeben. Vgl. aber
hier bereits Joas 1996: 226ff.

59
zu suchen sind. Das Ziel der Handlung liegt also in dem Lebensprozess der
Gruppe und nicht allein in dem des einzelnen Individuums.“22

Handlung wird dementsprechend aus der Sicht umfassender Sozialität und nicht
aus der des Einzelnen gedacht. Allerdings wirft dies sofort die Frage auf, inwie-
fern diese Annahme berechtigt ist. Und weiter, was soll die Rede von einem
sozialen Objektes überhaupt bedeuten? Welcher Handlungsbegriff wird dabei
eingesetzt? Darauf eine Antwort zu finden, ist von entscheidendem Interesse.
Zum einen lässt sich so die pragmatistische Perspektive erörtern, und zum ande-
ren wird damit diejenige theoretische Position deutlich, die sich der objektiv-
hermeneutische Sinnbegriff zur Prämisse nimmt.

2.1. Das pragmatistische Wahrnehmungs- und Handlungsmodell

Der vom amerikanischen Pragmatismus entwickelte Handlungsbegriff, den es


im Folgenden darzustellen gilt, wendet sich seit seinen Anfängen bei Charles
Sanders Peirce dezidiert gegen die cartesianische Tradition, also jene Philoso-
phie, die die Erkenntnistheorie beim isolierten Ich und dessen radikalen Zweifel
anfangen lässt. Descartes zufolge ist es das denkende Ich, das die Welt erst
konstituiert.23 Obwohl er sich gezwungen sieht, diese Konstitution durch einen
(ontologischen und in sich widersprüchlichen) Gottesbeweis abzusichern, bleibt
der entscheidende Grundgedanke erhalten. Wenn nämlich die Bewusstseinsleis-
tung des monologischen Ich das konstitutionslogisch Erste abgibt, fallen Be-
wusstsein und Sinn notwendig zusammen; und das heißt, dass der cartesianische
Zweifel über das zweifelnde Subjekt nicht hinauskommt. Peirce zweifelt darum
seinerseits an der Sinnhaftigkeit des cartesianischen Zweifels:
22
Mead 1980: 313. In Mead 1973: 45 ist diese Stelle in einer kommentierenden Fußnote auch
zitiert. Anders als Ulf Pacher gibt der Übersetzer Klaus Laermann ‚social act’ mit ‚soziale
Handlung’ wieder und trifft die Sache genauer. Vgl. dazu Anm. 18.
23
Der klassische Text Descartes’ sind seine Meditationes de Prima Philosophia. Dort heißt es:
„Ich bin ein Ding, das denkt [= Bewusstsein hat], d.h. zweifelt, bejaht, verneint, einiges weni-
ge erkennt, vieles nicht weiß, will und nicht will, auch bildlich vorstellt und empfindet.“
(Descartes, R.: Meditationes de Prima Philosophia/Meditationen über die Erste Philosophie.
Lateinisch/Deutsch. Übers. und hg. von G. Schmidt. Stuttgart 1986: 99) – Das damit begrün-
dete mentalistische Paradigma versteht alle Operationen des Willens, des Verstandes und der
Einbildung als Bewusstseinsinhalte. (vgl. dazu Schnädelbach 2004: 203ff.) Allerdings, das
darf dabei nicht aus den Augen verloren werden, geht es Descartes nicht um eine allgemeine
Beschreibung von Erkenntnisprozessen, sondern um eine philosophische Methode, die nach
jenen Grundlagen des Erkennens und Handelns fragt, welche vom Zweifel nicht mehr erreicht
werden können. Schnädelbach hat zu Recht angemerkt, dass sich durch diesen wesentlichen
Rückbezug des philosophischen Denkens auf das Bewusstsein des Denkenden die Bewusst-
seinsphilosophie als Subjektphilosophie versteht. (vgl. ebd.: 206) Dieser Bezug auf das Sub-
jekt erzwingt dann jenen starken Begriff von Objektivitätsanspruch der Repräsentation, der
das cartesianische Paradigma auszeichnet. (vgl. dazu Schönrich 1990: 36ff.)

60
„Wir können nicht mit völligem Zweifel anfangen. Wir müssen mit all den
Vorurteilen beginnen, die wir wirklich haben, wenn wir mit dem Studium der
Philosophie anfangen. Diese Vorurteile sind nicht durch eine Maxime (des ra-
dikalen Zweifels, D.P.) zu beseitigen, denn es handelt sich bei ihnen um Dinge,
bei denen wir gar nicht auf den Gedanken kommen, dass wir sie in Frage stel-
len könnten. Also wird dieser Von-vornherein-Skeptizismus eine bloße Selbst-
täuschung sein und kein wirklicher Zweifel; und niemand, der die cartesiani-
sche Methode befolgt, wird eher zufrieden sein, als bis er alle jene Überzeu-
gungen förmlich wiederentdeckt hat, die er der Form nach aufgegeben hat.“24

Man kann dies als Plädoyer für den realen Zweifel betrachten, also für die Ver-
ankerung des Denkens in realen Problemsituationen.25 Das allein reicht aber
nicht aus, um die Kritik an der cartesianischen Tradition auf ein tragfähiges
Fundament zu stellen. Noch bleibt offen, unter welchen Umständen der benann-
te reale Zweifel auftritt.
Peirce schlägt vor, den Erkenntnisprozess als Bewegung zu deuten, der von
einem nicht in Frage gestellten Zustand zu einem durch Misserfolg hervorgeru-
fenen Zustand der Unsicherheit und von diesem durch Überwindung der Verun-
sicherung wieder zur Ruhe eines ungestörten Zustandes führt. Dem ersten
Schritt entspricht der Zweifel (doubt), dem zweiten die Überzeugung (belief).26
Der Erkenntnisprozess wird folglich unter dem Blickwinkel einer Problemspan-
nung gesehen und nicht wie bei Descartes unter die Maxime des methodischen
Zweifels gestellt. Wir haben bereits angesprochen, warum Peirce das ablehnt: Er
hält den radikalen Zweifel für unmöglich. Damit wollte Peirce aber gerade kei-
nen neuen Dogmatismus empfehlen; er betont, dass auch faktisch unbezweifelte
Überzeugungen Annahmen sind, die sich als korrekturbedürftig erweisen kön-
nen, weil der (Erkenntnis-)Prozess nie zum absoluten Stopp kommt. Angedeutet
ist damit ein (wissenschaftstheoretischer) Ansatz, der seit Popper unter dem
Stichwort Fallibilismus gefasst wird. Darin steckt zwar die Aufgabe der von
Descartes gehegten Hoffnung auf definitives, abschließendes Wissen. Das heißt
für Peirce allerdings gerade nicht, Erkenntnisfortschritt generell zu leugnen.
Denn die Berichtigung fehlerhafter Überzeugungen ist ein Erkenntnisfortschritt,
auch wenn die Berichtigung sich ihrerseits wieder als korrekturbedürftig erwei-
sen sollte. Peirce verbindet damit zwei (oft als unvereinbar gesehene) Positio-
nen. Er ist zum einen Antiskeptizist, indem er darauf hinweist, dass der Zweifel
genauso einer Rechtfertigung bedarf wie der Glaube. Und als Fallibilist ist er
der Ansicht, dass es keine metaphysischen Garantien dafür geben kann, dass
auch unsere tiefsten Überzeugungen niemals der Revision bedürfen. Dass man
24
Peirce 1967: 184f. (CP 5.265); vgl. Peirce 1970: 396ff. (CP 5.416ff.).
25
Vgl. Joas 1996: 189ff.; vgl. zur Kritik von Peirce an Descartes Schönrich 1990: 69ff. Die
Verankerung des Denkens in Problemsituationen erinnert an Poppers Konzept einer Welt 3,
der seinerseits von der „objektiven Problemsituation“ (Popper 1993: 112) als Ort der (wissen-
schaftlichen) Erkenntnis spricht. Auf Popper wird in Kapitel II 3.3.1.C noch eingegangen.
26
Vgl. zur Entwicklung und Tradition dieses Denkansatzes Apel 1967: 114ff.

61
beides zugleich sein kann, ist laut Hilary Putnam eine der grundlegenden Ein-
sichten des amerikanischen Pragmatismus.27
Warum man aber beides zugleich sein kann, basiert im Wesentlichen auf
zwei zentralen Argumenten. Das eine wird verständlich, wenn man Peirce’
Herkunft von Kant bedenkt.28 Von ihm hat er gelernt, dass unsere Beschreibun-
gen von irgendetwas in der Welt immer durch unsre Begriffswahl vorgeformt
sind. Kant blieb dabei aber bekanntlich nicht stehen. Er meinte, eine solche
Beschreibung sei keine Beschreibung eines Gegenstandes, wie er wirklich ist.
Wenn man die Sache so sieht, muss man eine Unterscheidung zwischen unseren
Beschreibungen und denjenigen, wie die Dinge an sich sind, treffen. Doch die-
ses ‚an sich’ erweist sich, wie Putnam schreibt, als ziemlich leer: „Die Frage,
wie die Dinge ‚an sich’ seien, ist genau genommen die Frage nach der Be-
schreibung der Welt in ihrer eigenen Sprache, also etwas, was es nicht gibt.“29
Es gibt, so Peirce, nur die Sprachen, die wir Sprachenbenutzer erfinden und
nicht die einheitliche Sprache an sich.
Die Konsequenzen, die sich aus einer solchen pragmatistischen Prämisse er-
geben, liefern uns einen wesentlichen Hinweis darauf, was unter einer Handlung
und – damit zusammenhängend – unter Sprache und Sinnstruktur gemeint sein
soll. Es bieten sich hier prinzipiell zwei Wege im Umgang mit dem Befund an,
von einer einheitlichen Sprache ‚an sich’ könne nicht ausgegangen werden;
beide sind in der Philosophiegeschichte beschritten worden: Entweder laufen die
verschiedenen Sprachen letztlich doch in einer (abstrakten Meta-)Sprache zu-
sammen, beziehen sich folglich auf einen gemeinsamen Fluchtpunkt, den man
zum Beispiel als Dinge an sich betiteln könnte; oder aber man behauptet, es
gebe dieses Gemeinsame wegen der fundamentalen Konstruktionstätigkeit der
Sprache überhaupt nicht, es lebe resp. spreche also, überspritzt formuliert, am
Ende jeder in seiner privaten, unübersetzbaren Realität.30 Beide Richtungen
verheddern sich jedoch in folgenreiche Widersprüche, die später noch von Be-
lang sein werden.31 Peirce’ Versuch, die Aporien dieser beiden Deutungen zu
27
Vgl. Putnam 1995: 31.
28
Kants Kritik der reinen Vernunft hat Peirce als seine „Muttermilch der Philosophie“ be-
zeichnet. (Peirce 1967: 287). Von Kant her erklärt sich auch der Begriff Pragmatismus: Peirce
hat sich bei der Begriffswahl an Kants Unterscheidung von praktisch und pragmatisch in der
Kritik der reinen Vernunft anlehnt. Vgl. Kant 1995/Bd. 2: 673 [A 800/B 828] und 690 [A
824/B 852] sowie die Erläuterungen in Peirce 1970: 391 (CP 5.412) und ebd.: 277ff. (CP
5.1ff.); vgl. zur Kant-Rezeption von Peirce Schönrich 1990: 184ff.; Oehler 1993: 41ff. und
Pape 2000: 17ff. Jürgen von Kempski hat als Erster das Verhältnis von Peirce zu Kant heraus-
gearbeitet. (vgl. Kempski, J. v.: Charles S. Peirce und der Pragmatismus. Stuttgart 1952:
55ff.) Vgl. hierzu auch die Kritik von Apel an Kempskis Deutung der Peirce’schen Kant-
Rezeption in Apel 1976/Bd. 2: 166ff.
29
Putnam 1995: 39.
30
Jürgen Trabant hat dieses beiden Wege nachgezeichnet. (vgl. Trabant, J.: Mithridates im
Paradies. Kleine Geschichte des Sprachdenkens. München 2003)
31
Vgl. dazu bes. II 3.2.

62
umgehen, wird aber auch hier schon, ohne eingehende Auseinandersetzung mit
deren Schwierigkeiten deutlich: Er behauptet, der Zugang zu einer gemeinsamen
Realität erfordere keine Unkorrigierbarkeit, sagt also, wir beriefen uns zwar auf
ein Gemeinsames, dieses Gemeinsame stehe indes nicht ein für allemal fest,
sondern sei auch abhängig von unserem Sprechen. Ähnlich wie der Fallibilis-
mus uns nicht zwingt, alles zu bezweifeln – er zwingt uns nur, jedes einzelne zu
bezweifeln, wenn gute Gründe dafür auftauchen –, beweist die Tatsache, dass
die Wahrnehmung manchmal irrtümlich ist, nicht, dass nicht auch irrige Wahr-
nehmungen wirklich Wahrnehmungen sind.32 Das ist das eine zentrale Argu-
ment des Peirce’schen Pragmatismus. Das zweite ist darin bereits enthalten: Der
Zugang zu einer gemeinsamen Realität erfordert nicht den Zugang zu Dingen
‚an sich’. Er erfordert allerdings, dass wir in der Lage sind, gemeinsame Begrif-
fe zu bilden. Wir sind das laut Peirce, weil sonst – und das bindet Antiskepti-
zismus und Fallibilismus zusammen – Zweifel nicht möglich wäre, da der Zwei-
fel auf Überzeugungen beruht, die ihrerseits wieder nur als Überzeugungen
greifbar werden, wenn sie im Vergleich zu Überzeugungen anderer gestellt
werden. Mit mir allein kann ich meine Überzeugungen nicht vergleichen, denn
dann stoße ich immer nur auf das Netz bereits bekannter, nämlich meiner Über-
zeugungen und sehe keinen Grund zum Zweifel. Der Zweifel taucht erst auf,
wenn ich mit Dingen, Wahrnehmungen, Sachverhalten konfrontiert werde, die
gerade nicht in mein Netz der Überzeugungen passen. Der gemeinsame Begriff
für jede Erkenntnis ist folglich schon vorausgesetzt: Ein Tabula-rasa-Ansatz, so
kann man verallgemeinern, würde nicht bis zur Erkenntnis kommen, weil er
nicht erklären kann, warum man überhaupt zweifelt, oder genauer noch: weil er
übersieht, dass es den Punkt der Tabula rasa nicht gibt.
Gegeben ist damit eine Belief-Doubt-Theorie, die laut Peirce als heuristisches
Modell zu verstehen ist.33 Übertragbar auf unsere Frage nach dem Begriff der
Handlung ist sie, weil Peirce Erkenntnisse generell als eine Form von Handlun-
gen denkt: Eine Handlung wird wie der Erkenntnisprozess von einem Zyklus
sich wiederholender Phasen konstituiert. Diesem Modell zufolge ist alles Han-
deln und – wie wir noch sehen werden – Wahrnehmen an einen zunächst unre-
flektierten Glauben an selbstverständliche Gegebenheiten und erfolgreiche Ge-
wohnheiten, also an Routinen gebunden. Da aber diese Routinen aufgrund neu-
artiger Wahrnehmungs- und Handlungssituationen immer wieder unterbrochen
werden und der gewohnte, automatische Ablauf ins Stocken gerät, erweist sich
(die Wahrnehmung der) Wirklichkeit als „Quell (von) Erschütterungen unre-
flektierter Erwartungen“,34 als – wie man das mit Dieter Mersch auch nennen
32
vgl. Putnam 1995: 31; vgl. weiter II 2.3.3.C.
33
Vgl. Peirce’ frühen Aufsatz Die Festlegung einer Überzeugung (Peirce 1967: 293ff. [CP
5.358ff.]) und die Erläuterungen von Ekkehard Martens. (vgl. Martens 1975: 12ff.)
34
Joas 1996: 190; vgl. Peirce 1991: 127f. (CP 5.186).

63
könnte – „Schock des Ungemachten, des Unverfügbaren“.35 Die Wahrneh-
mungs- und Handlungsgewohnheiten prallen sozusagen an der Widerständigkeit
der Welt ab. Genau das ist die Phase des realen Zweifels. Aus ihr führt nur eine
rekonstruktive – und das ist immer auch eine kreative – Leistung des Handelns
heraus: Die Wahrnehmung muss neue oder andere Aspekte der Wirklichkeit
erfassen, das Handeln an anderen Punkten der Welt ansetzen. Mit dieser Umori-
entierung ist gleichzeitig etwas Neues emergiert, eine neue Wahrnehmungs- und
Handlungsweise, die sich selbst wieder zur Routine stabilisieren kann, um dann
in einer anderen Krise erneut aufgebrochen zu werden. Damit zeichnet sich
bereits ab, dass die Eigenschaft der Emergenz hier nicht in Bezug auf den Be-
wusstseinsgehalt der jeweiligen Handlungs- und Wahrnehmungsinstanz gedacht
wird, sondern in Bezug auf den je in Frage stehenden Handlungs- und Wahr-
nehmungszusammenhang. Der Begriff der Emergenz ist für das pragmatistische
Wahrnehmungs- und Handlungsmodell daher von entscheidendem Interesse;
wir werden ihn später eigens erörtern.36
Man kann sich dieses pragmatistische Wahrnehmungs- und Handlungsmodell
aber zunächst auch gut an unserem Beispiel der Begrüßungshandlung verdeutli-
chen. Erinnern wir uns: A begrüßt B eines Morgens mit ‚Guten Abend’. Für B
ist dieser Gruß der Bruch mit einer Routine, das Stocken des automatischen
Ablaufs der Begrüßungshandlung. B sieht sich damit einer neuen Handlungssi-
tuation gegenüber, die eine andere als die routinisierte Reaktion verlangt. Iro-
nisch mit einem ‚Gute Nacht’ zurückzugrüßen ist eine (kreative) Anknüpfung
an die neue Situation, gar nicht zu reagieren, wäre eine andere. Wie immer die
Reaktion von B auch ausfallen mag, in jedem Fall erzwingt der Gewohnheits-
bruch eine Reaktion, die mit der routinisierten nicht identisch sein kann. Selbst
wenn B den Gewohnheitsbruch von A ignorieren und mit ‚Guten Morgen’ rea-
gieren sollte, ist dieser Gute Morgen-Gruß doch ein ganz anderer als wenn A die
Routine nicht gebrochen hätte: Er steht in einem veränderten (Handlungs-) Kon-
text und nimmt damit eine veränderte Bedeutung an. A könnte B’s Reaktion
etwa als Zeichen mangelnden Humors interpretieren oder sich in der Meinung
bestätigt sehen, dass man es in B mit einem auf überbrachte Konventionen ver-
pflichteten Zeitgenossen zu tun hat. Ganz gleich, welche Deutung sich nahe
legen mag: Mit diesem Gewohnheitsbruch ist ein neuer Zusammenhang etab-
liert. Und wenn sich das neue Handlungsmuster seinerseits zur Routine verfes-
tigten sollte, sich B also als Freund von Veränderungen erweist und es auf unse-
rem fiktiven Universitätsflur zur Gewohnheit würde, am Morgen mit ‚Guten
Abend’ zu grüßen, dann aber einer daherkäme, der am Morgen plötzlich mit
‚Guten Morgen’ grüßte, würde genau das wiederum zur Krise des routinisierten
Handlungsablaufs führen.
35
Mersch 2002: 33.
36
Vgl. II 2.3.2.B.

64
Was die cartesianische Tradition im Bewusstsein des monologischen Ich verur-
sacht sah – das ist die Pointe an diesem pragmatistischen Grundmodell des
Handelns – wird zu einer Leistung des Handelns selbst. Handlung ist dabei nicht
„im niedrigen und gemeinen“37, nicht im handgreiflichen Sinne aufzufassen. In
Anlehnung an Kants pragmatische Anthropologie weist Peirce „praktische Tat-
sachen“38 als (einziges) Ziel des Menschen zurück; vielmehr diene jedes Han-
deln der „Entwicklung konkreter Vernünftigkeit“.39 Es geht ihm dabei um die
„konditionalen allgemeinen Entschließungen zum Handeln“, also auch und
gerade um „gedachte Handlungen“.40 Am Ende eines Zyklus steht demnach die
Lösung eines Handlungsproblems in Form einer neuen Handlungsweise, die
nicht auf ihre schiere Durchführbarkeit reduziert werden darf. Das Faktum der
Problemlösung ist dabei (noch) nicht wertbehaftet zu verstehen. Auch Scheitern
gilt strukturell gesehen als Problemlösung. In der Bildlichkeit des Beispiels
gesprochen: Selbst wenn B die von A initiierte gemeinsame Praxis scheitern
lässt, indem er nicht zurückgrüßt, ist das Handlungsproblem gelöst, denn B hat
auf die neue Handlungssituation reagiert. Ob A diese Reaktion positiv oder
negativ bewertet, ist eine ganz andere Frage. Allgemein gefasst: Gegen die
cartesianische Tradition wird eingewendet, unter Bewusstsein keine irgendwie
immaterielle Substanz zu begreifen; stattdessen wird die Bewusstseinsleistungen
im Handlungsakt festgemacht.
Die Entwicklung des Pragmatismus zeigt nun, dass damit – wie man leicht
einwenden könnte – gerade keine instrumentalistische Handlungstheorie vorge-
legt ist.41 Vor allem John Dewey hat daran gearbeitet, mit der Problemdefinition
dem pragmatistischen Grundmodell ein weiteres Stadium hinzuzufügen.42 Denn
nicht der einfache Zusammenprall zwischen Wahrnehmungs- bzw. Handlungs-
37
Peirce 1967: 356.
38
Ders. 1970: 277 (CP 5.1).
39
Ebd.: 278 (CP 5.3).
40
Ders. 1967: 357 (CP 5.402). Dennoch lassen die Bestimmungen noch offen, was Peirce
genau unter Handlungen versteht. Mit Mead wird sich diese Frage klären. (vgl. zur Kritik an
Peirce’ Handlungsbegriff Murphy, J.: Pragmatism from Peirce to Davidson. Boulder 1990)
41
Bertrand Russell etwa hat dem Pragmatismus einen unkritischen Zweck-Mittel-
Instrumentalismus vorgeworfen und dessen Entstehung auf zeitpolitische Umstände zurückge-
führt. (vgl. Russell, B.: Der Pragmatismus (1909). In: ders.: Philosophische und politische
Aufsätze. Hg. von U. Steinvorth. Stuttgart 1971: 91f.) Den vor allem von William James
entwickelten konsenstheoretischen Wahrheitsbegriff, (miss)verstand er dabei als Identifikation
von Wahrheit mit Mehrheitsmeinung. Das wirksamste Mittel für das Handeln seien ihm zufol-
ge deshalb „Panzerschiffe und Maschinengewehre“ (vgl. ebd.: 96). In eine ähnliche Richtung
geht auch Max Horkheimers, in Deutschland lange Zeit sehr populäre Pragmatismus-Kritik. Er
glaubt im Pragmatismus eine Reduktion des Handelns auf Zweckrationalität verwirklicht und
sieht damit den Effektivitätsgedanken der Naturwissenschaften auf die Philosophie übertragen.
(vgl. Horkheimer, M: Zur Kritik der instrumentellen Vernunft. Frankfurt am Main 1967:
48ff.). Zur Diskussion der Einwände gegen den (frühen) Pragmatismus siehe Joas 1996: 187ff.
und Joas 1992: 23ff..
42
Vgl. Dewey, J.: How We Think. Boston 1910.

65
gewohnheit und Wirklichkeit motiviert die Problemlösung; sie ist vielmehr von
der „diffus problematischen Qualität einer Handlungssituation im ganzen (ge-
prägt), die erst vom Handelnden als überhaupt problematisch anerkannt werden
muss“.43 Von der Problemdefinition hängt dementsprechend ab, welche Lö-
sungsrichtungen in Frage kommen können. Trotz dieser Anerkennung der sub-
jektiven Komponenten, entzieht sich die Stellung der Probleme subjektiver
Willkür. Handelnde treffen, ob sie wollen oder nicht, auf „eine ihre Definitions-
arbeit herausfordernde Qualität der Welt“.44 Und diese Qualität kann nicht in
einem einfachen Reiz-Reaktions-Schema aufgehen, weil die Einheit einer Hand-
lung als bloße Abfolge von Reiz und Reaktion nicht zur Geltung bringen würde,
dass jeweils ein Reiz die Reaktion auf einen vorausgehenden Reiz darstellt und
komplementär dazu eine Reaktion einen Reiz für die jeweils folgende Reaktion
bildet.
Verwickelt sich dieser Handlungsbegriff aber, so ist zu fragen, nicht in meta-
physische und/oder substanzialistische Annahmen über die Existenz der realen
Welt? Denn Peirce scheint ja anzunehmen, die Außenwelt sei einfach gegeben
und keine Frage der Konstruktion des Wahrnehmungsapparates. Ist damit der
Pragmatismus nicht auf ein höchst problematisches Subjekt-Objekt-Schema
verwiesen? Und muss Peirce die Herkunft der realen Welt letztlich nicht durch
ein, wie er kritisiert, „Geheimnis des Glaubens“45 erklären, eine scholastische
Position, auf die er gerade nicht zurückgehen will? Diese Fragen artikulieren
gewichtige Einwände; müssten sie von Peirce bejahen werden, wäre genau das
gegeben, was er zu vermeiden sucht: die Restituierung des bewusstseinsphilo-
sophischen Subjekt-Objekt-Schemas, ein Schema, das den hier anvisierten
Handlungsbegriff nicht zulässt.46
Ein erster Hinweis auf die Art und Weise, wie Peirce’ derlei Fragen zu be-
antworten versucht, wurde bereits oben berührt. Sie ist in ihrer fallibilistischen
Ausrichtung typisch für die gesamte Denktradition des Pragmatismus:

„Keiner kann [...] wirklich zweifeln, dass es etwas Reales gibt, denn würde er
es tun, so könnte der Zweifel keine Quelle der Unzufriedenheit sein.“47

43
Joas 1996: 193.
44
Ebd.: 194.
45
Peirce 1967: 184 (CP 5.264).
46
Es hängt demnach (wieder) viel daran, wie man Peirce hier liest; und wir werden in der
Auseinandersetzung mit Derrida (in III 3.1.A) darauf genauer eingehen, weil Derrida an die-
sem Punkt eine andere Lesart bietet, die sich in aufschlussreicher Weise von der objektiv-
hermeneutischen unterscheidet.
47
Peirce 1967: 311 (CP 5.384) Vgl. auch: „Zwar kann jemand im Laufe seiner Studien Grund
dazu finden, das zu bezweifeln, von dem er anfangs überzeugt war, aber in diesem Fall zwei-
felt er, weil er einen positiven Grund dafür hat und nicht aufgrund der cartesianischen Maxi-
me. Wir wollen nicht vorgeben, in der Philosophie etwas zu bezweifeln, was wir in unserem
Herzen nicht bezweifeln!“ (ebd.: 185 [CP 5.265]). – Von einer ähnlichen pragmatistischen
Grundposition ausgehend schreibt Wittgenstein in Über Gewissheit: „Wer an allem zweifeln

66
Die Frage nach der Existenz der realen Welt wird demzufolge als pragmatisch
sinnlose Frage entlarvt; sie braucht und kann gar nicht bewiesen werden, da der
Beweis die Existenz des Realen schon voraussetzt.48 Dies gilt nach Peirce nicht
allein für die in der Philosophiegeschichte prominenten Versuche des (überflüs-
sigen) Existenzbeweises der Außenwelt. Er behauptet ganz allgemein, unsere
Erkenntnisleistung beginne nicht bei ersten Prinzipien oder Sinnesempfindun-
gen, sondern wir lebten inmitten einer schon gegebenen Welt, inmitten von
schon immer vorfindlichen Handlungs- und Wahrnehmungsbezügen.49 Salopp
gesprochen: Egal wie wir uns die Welt zurechtkonstruieren, dass es eine Welt
bzw. Wirklichkeit gibt, ist darin bereits vorausgesetzt.50 Das heißt, „Realien
sind, ohne dass wir wissen können, was sie an sich oder ihrem Wesen nach
sind.“51 Laut Peirce ist dies keine weiter begründungspflichtige Behauptung; es
handle sich vielmehr „um eine solche Hypothese, die jeder Verstand gelten
lässt. D.h. der soziale Trieb veranlasst niemanden, sie zu bezweifeln.“52
Der damit anvisierte Realitätsbegriff lässt es dennoch nicht bei dem bloßen
Verweis auf das Nicht-Hintergehbare der Realien bewenden, sondern steht, wie
wir noch sehen werden, in engem Zusammenhang mit Peirce’ Zeichentheorie.
Denn auf die so verstandene Realität reagieren wir immer nur nach Maßgabe

wollte, der würde auch nicht bis zum Zweifel kommen. Das Spiel des Zweifelns selbst setzt
schon die Gewissheit voraus.“ (Wittgenstein 1984: §115 – zit. wird die Nummer des Paragra-
phen, nicht die Seitenzahl). Vgl. ebd.: §220: „Der vernünftige Mensch hat gewisse Zweifel
nicht.“; vgl. auch ebd.: §378. Auf Wittgenstein wird in den Kapitel II 3.2.A–C noch eingegan-
gen.
48
Vgl. Apel 1967: 61f. und 104. Das entspricht durchaus der phänomenologischen Argumen-
tation Merleau-Pontys: „Jedes Ding kann wohl nachträglich als ungewiss erscheinen, doch
zumindest ist uns gewiss, dass es Dinge gibt, d.h. eine Welt. Sich fragen, ob die Welt wirklich
ist, heißt selber nicht verstehen, was man sagt, da die Welt eben nicht eine Summe von Dingen
ist, deren jedes immer noch in Zweifel gezogen werden kann, sondern das unerschöpfliche
Reservoire, aus dem alle Dinge entnommen sind.“ (Merleau-Ponty 1965: 396); vgl. dazu auch
die phänomenologische Argumentation von Waldenfels, der von Widerfahrnis (Waldenfels
2002a: 15f.) spricht und Bedeuten und Begehren auf einen pathischen Hintergrund stellt,
Realität demnach als das anerkennt, was sich unabweisbar der Erfahrung aufdrängt. Auf
diesen Punkt wird mit dem Präsenz-Begriff in Kapitel III 2. zurückgekommen.
49
Vgl. dazu auch Oehler 2000: 26f.
50
Das ist eine durchaus problematische Aussage; denn es könnte so aussehen, als ob das Reale
unsere Sinneswahrnehmungen direkt bestimmen und diese unsere Gedanken determinieren.
Damit wäre der Verstand aber nichts anderes als eine Ansammlung von Hindernissen zwi-
schen dem Realen und unserer Vorstellung des Realen. Die cartesianische Lösung wäre so nur
scheinbar überwunden. Peirce schlägt deshalb vor, die Realität nicht als Ursache oder als
Stimulans des Erkenntnisprozesses zu denken, sondern als sein Ziel, seinen Abschluss. „Reali-
tät ist dann das, was in der Letztmeinung der Gesellschaft geistiger Wesen gedacht wird.“
(Oehler 1995: 17) Genau in diesem Sinne ist es pragmatisch sinnlos, nach ihrer Existenz zu
fragen. Darin steckt nicht notwendig eine Art „eschatologische Ontologie“ (ebd.), nämlich
dann nicht, wenn man diese Letztmeinung im Rahmen eines inferenziellen Modells denkt.
Was das heißen soll, wird in II 3.2.E geklärt.
51
Geppert 2003: 144.
52
Peirce 1967: 311 (CP 5.384).

67
zeichenhafter Vermittlungen, also in jeweils begrenzten, aber unendlich fort-
setzbaren Interpretationen. Interpretation ist also nicht optional, sondern kondi-
tional dafür, dass etwas überhaupt als Zeichen funktioniert. Der Kern dieses
Arguments besagt, dass die Bedeutung eines Zeichens immer ein anderes Zei-
chen und kein Ding an sich ist. Nach Peirce ist folglich stets von dem je aktua-
len Zeichengebrauch auszugehen, in dem empirische Individuen auf je spezifi-
sche Weise zeichenhaft mit realen Dingen und Situationen umgehen. Und dies
ist ein Umgang, der als Zeichenprozess die Realität einerseits immer schon
voraussetzt, andererseits aber erst als solche erstellt. Für Peirce meint Realität
demnach „ein(en) Begriff, den wir erstmals besitzen mussten, als wir entdeck-
ten, dass es ein Nicht-Reales, eine Illusion gibt, d.h. als wir uns zum ersten Mal
korrigierten.“ Da dieses Entdecken in einen Handlungszusammenhang einge-
bunden ist, Handeln aber nicht solipsistisch gedacht werden kann, folgt daraus:
„So zeigt eben der Ursprung des Begriffs der Realität, dass dieser Begriff we-
sentlich den Gedanken der Gemeinschaft einschließt.“53 Und weil Peirce das
Zeichen nicht als bloßen Bedeutungsträger oder Übermittler versteht, in diesem
vielmehr immer auch die Realität als materiale Dimension eingeschrieben ist,
lässt sich dieser Realitätsbegriff nicht auf seine semiotische Seite verkürzen: Die
Realität verschwindet nicht in Zeichen, sondern die Realität ist kraft der Zei-
chen. Realität muss demzufolge einerseits immer vorausgesetzt werden und
impliziert andererseits den Gedanken der Gemeinschaft. Würde es sich nicht so
verhalten, wäre Peirce’ Realitätsbegriff ein Plädoyer für den radikalen Kon-
struktivismus, der alle Realität auf die Konstruktionstätigkeit des Subjekts zu-
rückbiegt und deshalb vor dem Problem steht, erklären zu müssen, wie ver-
schiedene Subjekte überhaupt einen gemeinsamen Kommunikationsraum etab-
lieren können.
Die Annahme, derzufolge Handeln im umfassenden Sinne keine Sache des
monologischen Subjekts sein kann, stützt Peirce also, das geht aus den zuletzt
getroffenen Aussagen hervor, noch mit einem zweiten Argument. Er schreibt:

„Insbesondere ist die Erfahrung eines Menschen, solange sie allein steht,
nichts. Wenn er etwas sieht, was andere nicht sehen können, nennen wir es

53
Ebd.: 220 (CP 5.311); vgl. ders. 1970: 408 (CP 5.430): „Real ist das, dem diese und jene
Beschaffenheit zukommt, gleichgültig ob irgendeiner glaubt, dass es so beschaffen ist, oder
nicht.“ Mit Realität ist folglich mehr gemeint als im umgangssprachlichen Sinne: Real ist hier
im Sinne eines Potenzials gedacht, fällt mit Wirklichkeit also nicht zusammen. Apel hat dies
als „sinnkritischen Realismus“ beschrieben. (Apel 1967: 59). Allerdings schreibt Peirce auch:
„Das, was ein wahrer Satz aussagt, ist real, d.h. es ist so, wie es ist, unabhängig davon, was du
oder ich darüber denken.“ (Peirce 1970: 410 [CP 5.432]) Problematisch bleibt in dieser Be-
stimmung, was Peirce unter einem wahren Satz versteht. Hier kommt sein konsenstheoreti-
scher Wahrheitsbegriff zum Tragen, der wesentlich aus seiner Intersubjektivitätskonzeption
heraus entwickelt ist. (vgl. dazu ders. 1967: 310ff. [CP 5.384]) Das kann nur Sinn machen,
wenn man die Präsupposition einer gemeinsamen Sprache hinzunimmt. Darauf wird in Kapitel
II 3. noch zurückgekommen.

68
Halluzination. Es ist nicht ‚meine’ Erfahrung, sondern ‚unsere’ Erfahrung, an
die zu denken ist.“54

Die Gründe hierfür ergeben sich aus dem zeichenvermittelnden Charakter aller
Erfahrung und Erkenntnis, demzufolge Zeichen nicht als private Fixierung,
sondern als öffentliches Medium zu verstehen sind. Denn der Erfahrende, so das
Argument, hat es nicht mit dem Realen an sich zu tun, sondern immer damit,
wie das Reale ihm gegeben ist. Nach Peirce spielen damit die Vermittlungsfor-
men die entscheidende Rolle beim Zugang zur Wirklichkeit. Unsere Lebens-
welt, heißt das, ist nicht die Wirklichkeit der Dinge – das käme dem Subjekt-
Objekt-Schema gleich –, sondern eine durch Zeichen erschlossene und gedeute-
te.
Nun findet der Pragmatismus seine explanative Kraft genau genommen erst
darin, dass er das Zeichen unter dem Aspekt seiner praktischen Konsequenzen
sieht.55 Die grundlegende pragmatistische Maxime liest sich daher folgender-
maßen:

„Überlege, welche Wirkungen, die denkbarerweise praktische Relevanz haben


könnten, wir dem Gegenstand unseres Begriffs in unseren Vorstellungen zu-
schreiben. Dann ist der Begriff dieser Wirkungen das Ganze unseres Begriffes
des Gegenstandes.“56

Ohne dass Peirce damit (bereits) eine eigenständige Bedeutungstheorie anvisier-


te,57 ist mit der pragmatistischen Maxime die Verklammerung von (Gegen-
54
Ebd.: 1967: 356.
55
Daher sollte man auch von einem semiotischen Pragmatismus sprechen. (vgl. Oehler 2000:
13ff.) Um dies zu unterstreichen und um Verwechslungen mit verfälschten Aufnahmen seiner
frühen Ideen zu vermeiden, nannte Peirce seine Philosophie ab 1905 nicht mehr Pragmatis-
mus, sondern Pragmatizismus. (vgl. Peirce 1995: 296; vgl. auch Oehler 1993: 134f.)
56
Peirce 1967: 339 (CP 5.402); vgl. ders. 1991: 5 (CP 5.18): „Pragmatismus ist das Prinzip,
dass jedes theoretisches Urteil, das in einem Indikativsatz ausdrückbar ist, eine unklare Form
des Denkens ist, deren einzige Bedeutung, wenn sie eine besitzt, in der Tendenz liegt, eine
korrespondierende praktische Maxime zu verstärken, die als Konditionalsatz, dessen Nachsatz
im Imperativ steht, ausdrückbar ist.“ Der späte Peirce wird hier eine wichtige Einschränkung
vornehmen: „Die Bedeutung eines intellektuellen Begriffs besteht in der allgemeinen Weise,
auf die er wohlüberlegtes Verhalten (d.i. in diesem Zusammenhang: Handeln, D.P.) verändern
könnte.“ (ders. 2000b: 229) Und: „Ich fasse den Pragmatismus als eine Methode für das Fest-
legen von Bedeutungen auf, nicht für alle Ideen, sondern für jene, die ich ‚intellektuelle Beg-
riffe’ nenne, was ausdrückt, dass es sich um jene handelt, von deren Struktur objektive Tatsa-
chen betreffende Argumente abhängen können.“ (ebd.: 238) Vgl. auch ebd.: 478.
57
Pape weist richtig darauf hin, dass Peirce noch kein Verfahren der Bedeutungskonstitution
liefert, sondern nur eines der Bedeutungskonkretisierung. (vgl. Pape 1999: 1299) Apel sieht
dagegen bereits hier eine „Methode der Sinnerklärung und Sinnkritik“ verwirklicht. (Apel
1976/Bd. 2: 173) Allerdings unterstellt auch Apel Peirce keine „Theorie des Wesens der
Bedeutung“ (Pape 1999: 1299), sondern betont, dass Peirce’ „sinnkritische Argumente“ sich
vor allem gegen den kantischen „Begriff unerkennbarer Dinge an sich“ wenden. (Apel

69
stands-)Erkenntnis und Handlung gegeben: Die Tragfähigkeit oder Tragweite
von Begriffen ist an ihrer Kompetenz ablesbar, (mögliche) Handlungsmuster
und Handlungsgewohnheiten festzulegen. „Das heißt zwar nicht“, wie Klaus
Oehler richtig angemerkt, „dass Erkenntnis ausschließlich um des Handelns
willen ist, es heißt aber, dass Erkenntnis, ganz gleich, worum willen sie erstrebt
wird, auf mögliches Handeln nicht ohne Konsequenzen ist, vielmehr notwendig
einen Bezug auf mögliches Handeln hat.“58
Wenn aber der damit entworfene Handlungsbegriff auf dem zeichenvermit-
telten Charakter aller Erkenntnis und Erfahrung beruht, ergibt sich der notwen-
dige Bezug, von dem Oehler spricht, aus Peirce’ Zeichenbegriff. Dieser ist be-
reits in seinem ersten publizierten Entwurf zur Semiotik, der später noch eigens
behandelten Abhandlung Eine neue Liste der Kategorien aus dem Jahr 1867, in
nuce enthalten. Um also zu verstehen, warum Peirce seinen Handlungsbegriff an
die Semiotik koppelt und inwiefern sich die Struktur des Zeichens selbst in der
allgemeinen Handlungslogik spiegelt, kommt es jetzt darauf an, seinen Zeichen-
begriff zumindest kurz zu beleuchten. Daraus geht auch hervor, inwiefern die
Semiotik ins Gefüge des pragmatistischen Wahrnehmungs- und Handlungsmo-
dells gehört.

A Der Zeichenbegriff

Am Anfang von Peirce’ Überlegungen zum Zeichenbegriff steht das, was man
schon immer wusste: Ein Zeichen ist etwas, das für etwas anderes steht und von
jemandem verstanden wird bzw. für jemanden eine Bedeutung hat. Diese Com-
mon-Sense-Definition verliert ihre Selbstverständlichkeit, wenn man sich fragt,
wie die verschiedenen Aspekte des Zeichens zueinander stehen. Peirce klassifi-
ziert das Verhältnis als logisch dreistellige resp. triadische Relation. Er unter-
scheidet dabei genau drei Aspekte des Zeichens: das Zeichen selbst, das Zeichen
in Beziehung zu seinem Objekt und das Zeichen in Beziehung zu seinem Inter-
pretanten.59 Diese drei Aspekte der Zeichentriade lassen sich jeder für sich wie-
derum in drei Untergliederungen, in Trichotomien, zerlegen, je nachdem, wel-

1976/Bd. 2: 175). Das ist der Punkt, der im vorliegenden Zusammenhang in den Vordergrund
gestellt wird.
58
Oehler 2000: 15. Das heißt auch nicht, dass die Kompetenz der Begriffe, Handlungsmuster
festzulegen, von äußerem Erfolg abhängt. Es geht um mögliches Handeln, das auch äußerli-
chen Erfolg haben kann, aber nicht muss. Vgl. Peirce 1995: 296: „Pragmatismus [...] ist die
Lehre, dass der vollständige intellektuelle Sinn eines Begriffs in der Summe alle denkbaren
konditionalen und verhaltensbezogenen Entscheidungen besteht, die er unter verschiedenen
denkbaren Motiven verursachen würde.“ Vgl. dazu auch Schönrich 1990: 96ff.
59
Charles W. Morris hat diese Unterscheidung dann in Foundations of the Theory of Signs
(1938) von Peirce für die Linguistik übernommen, damit aber auch in einer Weise formali-
siert, die dem Realitätsbegriff von Peirce nicht Rechnung trägt.

70
che Frage man an das Zeichen stellt: in das Qualizeichen, das Sinzeichen und
das Legizeichen. Das Qualizeichen bezieht sich auf die allgemeine sinnliche
Qualität eines Zeichens, auf seine punktuelle wahrnehmbare Erscheinung. Dass
Peirce diese Zeichendimension gleichberechtigt neben die beiden anderen stellt,
ist ein deutlicher Hinweis auf das Nichtverschwinden der körperlichen (und wie
wir in III 2. noch zeigen werden: der präsentischen) Ebene in seinem Zeichen-
begriff; anders als semiotischen Modellen mitunter pauschal vorgeworfen wird,
ist die körperliche Dimension also keineswegs getilgt, im Gegenteil: Ihr genui-
ner Ort wird lokalisiert. Gleichzeitig ist hiermit auch angezeigt, dass diese Di-
mension nicht jenseits oder außerhalb des Zeichens liegt, sondern in dieses
eingeht.
Während aber das Qualizeichen die sinnliche Qualität des Zeichens benennt,
bezieht sich das Sinzeichen auf die individuelle, singuläre Gegebenheit des
Zeichens (deshalb Sinzeichen 60) und das Legizeichen auf den generellen Typus
eines Zeichens.61 Peirce arbeitet diese Unterscheidungen weiter aus und diffe-
renziert in Bezug auf den Objektbezug der Zeichen zwischen Ikonen, Inidizes
und Symbolen. Ein Ikon ist dabei ein Zeichen, das mit seinem wirklichen oder
fiktiven Objekt eine Ähnlichkeit aufweist, etwa ein Bild, ein Schema, ein Dia-
gramm; ein Index ist ein Zeichen, das nicht in einer abbildenden, sondern einer
realen Beziehung zu seinem Objekt steht, ein Wetterhahn oder ein Wegweiser
zum Beispiel; und ein Symbol ist ein Zeichen, das von seinem Objekt nur in
dem Sinne bestimmt ist, dass es so interpretiert wird, also von Ähnlichkeit oder
physischer Verbindung unabhängig ist, wie eine Fahne beispielsweise. Erst
durch die Symbolfunktion wird damit Denken und Handeln rational, indem es
sich seiner Situationsgebundenheit entledigt.62 Denn das Symbol ermöglicht im
Objektbezug die Beherrschung zukünftiger Zeichenhandlungen und gewährleis-
tet so die für den Begriff des Zeichens unabdingbare Eigenschaft der Wieder-
holbarkeit. Möglich ist dies allerdings nur, weil ein Symbol ein Zeichen ist, „das
sich auf das von ihm denotierte Objekt aufgrund eines Gesetzes bezieht, das
gewöhnlich in einer Verbindung allgemeiner Vorstellungen besteht, die dadurch
in Kraft tritt, dass sie bewirkt, dass das Symbol als sich auf jenes Objekt bezie-
hend interpretiert wird.“63 Das so entstehende resp. erkannte Objekt ist damit
nichts anderes als die erfolgreiche Anwendung einer Regel, womit ein Problem
aufgeworfen ist, das wir in Kapitel II 3. noch ausführlich diskutieren werden,
nämlich die Frage nach dem damit einhergehenden Regelbegriff. Hier soll zu-
nächst nur noch festgehalten werden, dass ein Zeichen hinsichtlich seiner Be-
ziehung zu einem Interpreten entweder ein Rhema, ein Dicent oder ein Argu-
ment genannt wird. Ein Rhema ist jedes Zeichen, das weder wahr noch falsch
60
Vgl. Peirce 1983: 123f. (CP 2.245).
61
Vgl. dazu Schönrich 1990: 122ff.
62
Vgl. ebd.: 148ff.
63
Peirce 1983: 125 (CP 2.249).

71
ist, zum Beispiel ein einzelnes Wort; ein Dicent ist ein Zeichen, das der Über-
setzung in eine Aussage fähig ist und ein Argument ein Zeichen, dessen Ver-
nunftnotwendigkeit erkannt wird.64
Wichtiger für unsere Frage nach dem pragmatistischen Wahrnehmungs- und
Handlungsmodell ist der Zusammenhang von Peirce’ Kategorienlehre mit seiner
Relationenlogik, ist es doch dies, was den Zeichen- mit dem Handlungsbegriff
verbindet. Schon die allgemeine Einführung des Zeichens als etwas, das für
etwas (das Objekt) zu etwas (dem Interpretanten) in einer Beziehung steht,
macht die relationale Struktur des Zeichens sichtbar. In dieser triadischen
Grundstruktur beschreibt Peirce die Korrelata als Erstheit, Zweitheit und
Drittheit (im Original als Firstness, Secondness und Thirdness bezeichnet).
Anders als in den Kategorientafeln von Aristoteles und Kant mit ihren zehn
bzw. zwölf Kategorien umfasst Peirce’ Liste also nur noch drei Kategorien, die
er als einstellige (monadische), zweistellige (dyadische) und dreistellige (triadi-
sche) Relationen denkt. Formal gesehen kann das Zusammenspiel dieser drei
Kategorien verschiedene Gestalten annehmen, je nach Bereich, in dem sie wirk-
sam sind.65 Was immer auch dieser Bereich ist, stets haben wir es mit einem
triadischen Prozess zu tun, durch den ein Erstes ein Drittes dahin gehend be-
stimmt, sich auf ein Zweites zu beziehen, auf das es sich selbst bezieht. Diesen
Prozess nennt Peirce Semiose und bestimmt ihn als eigentliches Objekt der
Semiotik und damit auch der Philosophie.66 Die Semiose als Prozess auszu-
zeichnen, macht eine weitere Unterscheidung deutlich: Peirce spricht von Zei-
chen, wenn er das Zeichen in Aktion meint und von Repräsentamen, wenn er die
grundlegenden Elemente der Semiose analysiert. Die formalen Bestandteile der
Semiose sind dann das Repräsentamen, der Interpretant und das Objekt. Letzte-
res spezifiziert Peirce als unmittelbares Objekt, um es vom Objekt außerhalb des
Zeichens resp. der Semiose zu diskriminieren. In der Sprache der Kategorien-
lehre ergibt sich daraus folgende Grundstruktur: Das Repräsentamen ist ein
Erstes, das Objekt ein Zweites und der Interpretant ein Drittes. Selbstverständ-
lich haben diese drei Bestandteile keine unabhängige Existenz, genauso wie im
Saussure’schen Sinne der Signifikant und das Signifikat nicht losgelöst vonein-
ander gedacht werden können. Das triadische Zeichen und mit ihm die Semiose
ist vielmehr als unteilbar zu denken:

„Ein Repräsentamen ist ein Subjekt einer triadischen Relation zu einem Zwei-
ten, das sein Objekt genannt wird, für ein Drittes, das sein Interpretant genannt

64
Vgl. ausführlich ders. 1983: 123ff., 156ff.; 2000b: 214f.; vgl. weiter Oehler 1993: 126ff.;
2000: 20ff.; Schönrich 1990: 47 und Geppert 2003: 145f.
65
Vgl. zum Folgenden Deledalle, G.: Semiotik als Philosophie. In: Wirth, U. (Hg.): Die Welt
als Zeichen und Hypothese. Perspektiven des semiotischen Pragmatismus von Charles San-
ders Peirce. Frankfurt am Main 2000: 35ff.
66
Den Begriff Semiose hat Peirce von dem epikureischen Philosophen Philodemus entliehen,
für den semiosis eine Schlussfolgerung aus Zeichen ist. (vgl. Peirce 1970: 482 [CP 5.848]).

72
wird, wobei diese triadische Relation so beschaffen ist, dass das Repräsenta-
men seinen Interpretanten determiniert, in derselben triadischen Relation zu
demselben Objekt für einen Interpretanten zu stehen.“67

Repräsentamen, Objekt und Interpretant stehen demnach für Relationen oder


Funktionen und nicht für Begriffe in einer Relation: Der Interpretant in einer
Semiose wird das Repräsentamen in einer anderen. Es ist der Begriff, dessen
Funktion wechselt, nicht etwa umgekehrt. Das unterstreicht den funktionalen
Charakter dieser Unterscheidungen: Was in einer Semiose ein Index ist, kann in
einer anderen ein Symbol sein; nichts ist aber an sich ein Ikon, Index oder Sym-
bol.68 Für Semiose und Kategorienlehre gilt folglich parallel, dass funktionale
Diskriminierungen getroffen werden, um die Dynamik von Prozessen darzustel-
len: Peirce’ Grundbegriff ist nicht das Zeichen, sondern der Zeichenprozess.
Denn die von ihm eingeführten Trichotomien sind relationenlogische Zusam-
menhänge, die das Objekt (und damit die Realität) zu einem dynamischen ma-
chen. Realität ist für das verstehende Subjekt damit nicht einfach gegeben, son-
dern nur im dynamischen Zeichenprozess der Interpretation, nur über die Ver-
mittlung von relationenlogisch aufeinander verwiesenen Zeichen greifbar. Das
heißt, wie erwähnt, dass in diesem Zeichenbegriff Interpretation nicht optional,
sondern konditional ist: Ohne Interpretationsprozess kein Zeichen, und ohne
Zeichen kein Begriff von Realität. Peirce Realitätsbegriff ist also nicht mit der
Welt der Dinge zu verwechseln. Grundsätzlich geht es mit diesem Zeichen- und
Realitätsmodell um den Widerstand des Realen, dem wir in der Erfahrung be-
gegnen: Es geht um das „fundamentum in re“69 unserer Bezeichnungen, also das
semiotische Erkenntnisobjekt, das nur über dynamische Objekte zugänglich ist,
aber niemals in ihnen aufgeht. Denn der Zeichenprozess – das ist der zentrale
Punkt von Peirce’ Verbindung der Kategorienlehre mit der Relationenlogik – ist
per Definition unabschließbar.70
Die Logik dieser Relationen ergibt sich nun aus seiner Kategorienlehre, und
erst wenn diese verstanden ist, kann einsichtig werden, warum die Trichotomien
67
Peirce 2000a: 164 (CP 1.541).
68
Deledalle erläutert dies am Beispiel des Symptoms einer Krankheit: „Als Repräsentamen ist
es ein Legizeichen, denn sowohl als Wort wie als Phänomen gehört es zu einem System, das
von Gesetzen geregelt wird. Aber seine Beziehung auf das Objekt differiert je nach Interpre-
tantentyp der Semiose. Wenn auf dieses Symptom in einer medizinischen Vorlesung in der
Weise Bezug genommen wird, dass es immer eine bestimmte Krankheit charakterisiert, dann
ist das Symptom ein Symbol. Wenn ein Arzt darauf stößt, während er gerade einen Patienten
untersucht, ist das Symptom der Index einer Krankheit.“ (Deledalle, G.: Semiotik als Philoso-
phie. In: Wirth, U. (Hg.): Die Welt als Zeichen und Hypothese. Perspektiven des semiotischen
Pragmatismus von Charles Sanders Peirce. Frankfurt am Main 2000: 37) Für Peirce gibt es
also immer nur eine konkrete Semiose, weil nichts an sich ein Ikon, Index oder Symbol ist.
(vgl. ebd.)
69
Oehler 1994a: 69; vgl. Geppert 2003: 147.
70
Die unendliche Prozessualität der Verweisungsgefüge ist auch einer der Ausgangspunkte
von Derridas dekonstruktivem Projekt. In Kapitel III 3.1.A wird darauf zurückgekommen.

73
des Zeichens auf handlungslogischen Begriffen beruhen. Deshalb ist es jetzt
wichtig, Peirce’ Kategorien- und Relationenlogik in Verbindung zu setzen;
daraus wird sich derjenige umfassende und spezifizierte Handlungsbegriff ablei-
ten, den die Objekte Hermeneutik zum Einsatz bringt.

B Die drei Kategorien Erstheit, Zweitheit, Drittheit

Die grundlegenden Kategorien, mit denen Peirce arbeitet, hat er phänomenolo-


gisch gewonnen: durch die Analyse des Phänomens der unmittelbaren Erfah-
rung. Dieses Phänomen umfasst nach ihm als das Erste eine (Gefühls- bzw.
Sinnes-)Qualität, also die körperliche Dimension, als das Zweite eine (Hand-
lungs- bzw. Wahrnehmungs-)Reaktion auf das Erste und als Drittes eine Reprä-
sentation, die er als „Medium zwischen einem Zweiten und seinem Ersten“
versteht.71 Die (sinnlich wahrnehmbare) Wirklichkeit des Phänomens fällt mit
dessen (umfassenden, abstrakten) Realität damit nicht zusammen: Peirce be-
greift unter Realität eine dreifach gegliederte Beschreibungsmodalität, die sich
in der Sprache der drei Kategorien in Qualität (Erstheit), Relation (Zweitheit)
und Repräsentation (Drittheit) übersetzen lässt.72 Darin enthalten ist die zentrale
Einsicht der Peirce’schen Semiotik:

„Die Idee von Zweitheit und Erstheit wird nicht nur von Drittheit vorausgesetzt
und involviert, sondern es wird nie möglich sein, irgendeine Zweitheit oder
Erstheit in dem Phänomen zu finden, die nicht von Drittheit begleitet wird.“73

Das erinnert womöglich an die Hegel’sche Bestimmung des Vermittlungsbegrif-


fes, die Drittheit als reine Vermitteltheit und damit als reinen Geist dastehen
lässt. Die sinnlichen, körperlichen und – wie Peirce sagt – realistischen Bestand-
teile des Phänomens sind darin aber verschwunden, weil Drittheit an die Spitze
eines hierarisch geordneten Vermittlungsprozesses gestellt wird. Gerade so will
Peirce die Dynamik der Kategorienlogik jedoch nicht verstanden wissen. Er
schreibt:

„Hegel ist besessen von der Idee, dass das Absolute Eines ist. [...] Erstheit und
Zweitheit müssen irgendwie aufgehoben sein. Aber es ist nicht wahr. Sie sind
keineswegs widerlegt oder widerlegbar. Es ist wahr, dass Drittheit in gewissem
Sinn Zweitheit und Erstheit involviert. [...] Aber für die Idee genuiner Drittheit

71
Peirce 1991: 43 (CP 5.466).
72
Vgl. auch Houser, N.: Das semiotische Bewusstsein nach Peirce. In: Wirth, U. (Hg.): Die
Welt als Zeichen und Hypothese. Perspektiven des semiotischen Pragmatismus von Charles
Sanders Peirce. Frankfurt am Main 2000.
73
Peirce 1991: 63 (CP 5.490); vgl. auch den aus dem Nachlass veröffentlichten Aufsatz Wei-
tere selbständige Ideen und der Streit zwischen Nominalisten und Realisten in ders. 1991a:
378ff.

74
ist eine unabhängige, gut begründete Zweitheit erforderlich und nicht eine
Zweitheit, die eine alleinige Folge unbegründeter und unbegreiflicher Drittheit
ist; und eine ähnliche Anmerkung kann in Bezug auf die Erstheit gemacht wer-
den.“74

Peirce wirft Hegel demnach vor, Erst- und Zweitheit nur eingeführt zu haben,
„um aufgehoben zu werden“.75 Er geriet ihm zufolge in ein Systemdenken, das
„seine Augen blind machte für das, was vor ihnen lag“76 Hegels „gewaltige
Irrtümer“ liegen für Peirce darin,

„dass er, obwohl er sah, dass der Begriff in einem Sinne Zweitheit und Erstheit
impliziert, doch zu sehen verfehlte, dass dies trotzdem Elemente des Phäno-
mens sind, die nicht aufzuheben sind, sondern ebenso real und auf eigenem
Grund zu stehen fähig sind wie der Begriff selbst.“77

Peirce’ Selbsteinschätzung, wonach seine Philosophie eine „Variante des Hege-


lianismus“78 sei, darf über diesen entscheidenden Unterschied nicht hinwegtäu-
schen: Erst- und Zweitheit gehen in Drittheit nicht auf, sie behalten stets ihr
widerstreitendes Recht. Der relationenlogische Realitätsbegriff, den Peirce ent-
wirft, bedient gerade kein hierarchisches, hegelianisches Modell, das Sinnlich-
keit und Kontingenz in reinen Geist oder eine reine Idee verwandelt. Die drei
Kategorien sind laut des pragmatistischen Wahrnehmungs- und Handlungsmo-
dells nicht neben-, über- oder untereinander, sondern als implizit aufeinander
verwiesen zu denken; und es ist diese relationenlogische Struktur, die für die
Struktur der Erfahrungsbildung wesentlich ist und uns in Teil III entscheidende
Hinweise auf die Struktur der ästhetischen Erfahrung geben wird.
Am leichtesten verständlich ist nach Peirce dabei die Kategorie der
Zweitheit, „weil sie das Element ist, das im Auf und Ab des Lebens am deut-
lichsten hervortritt“.79 Mit ihr will er die harten Tatsachen der Realitätserfah-
rung (brute facts) fassen, deren wesentliches Merkmal es ist, für den Erfahren-
den mit Anstrengung verbunden zu sein, auch dann, wenn wir – wie in der
Wahrnehmung – den Eindruck haben, sie kämen „ohne Bemühtsein“ zustande.80
Sie sind es, die den Wahrnehmungs- und Handlungsablauf gleichsam blockie-
ren, folglich in ihrer Faktizität nicht zu umgehen sind. Erstheit ist dagegen „für
74
Ebd. (CP 5.491); vgl. ders. 1970: 413 (CP 5.436); vgl. zum Verhältnis von Mead zu Hegel
auch Honneth 2003.
75
Ebd.: 51 (CP 5.479).
76
Ebd.: 24 (CP 5.444); vgl. dazu Apel 1967: 52.
77
Ders. 1970: 513 (CP 8.268). Das ist auch der Grund, warum Hegel für Peirce entgegen
dessen Selbstanspruch doch Nominalist geblieben ist. (vgl. ebd.: 506 [CP 8.258])
78
Ders. 1991: 20 (CP 5.38).
79
Ders. 1983: 55.
80
Ebd.

75
sich genommen [...] eine bloße Möglichkeit“81, denn mit ihr ist das bezeichnet,
„was so ist, wie es eindeutig und ohne Beziehung auf irgend etwas anderes
ist.“82 Peirce erläutert dies an einem Beispiel, aus dem hervorgeht, dass mit
Erstheit nicht nur an Gefühlsqualitäten und Sinnesempfindungen zu denken ist:
„Wir meinen, dass ein Stück Eisen eine Qualität besitzt, die ein Stück Messing
nicht hat, nämlich jene, welche in der ständig fortdauernden Möglichkeit be-
steht, von einem Magneten angezogen zu werden. Es scheint in der Tat unleug-
bar, dass solche Möglichkeiten existieren und dass sie, obwohl sie keine Exis-
tenz sind, nicht Nichts sind. Sie sind Möglichkeiten und nichts weiter.“83 Wirk-
lich werden sie erst unter Hinzunahme der Kategorie der Drittheit. Denn diese
ist überall dort zu finden, „wo ein Ding eine Zweitheit zwischen zwei Dingen
erzeugt.“84 Es gilt demnach: „Wo immer es Denken gibt, gibt es Drittheit.“85
Daraus folgt, dass die reinen Qualitäten der Empiristen und die bloßen Reaktio-
nen der Behavioristen „rudimentäre Gestalten der Repräsentation“ darstellen,
„Schwundstufen gewissermaßen, die selbst nur auf dem Niveau der Drittheit
möglich sind.“86
Semiotisch gesehen ergibt sich hieraus die These, derzufolge nur das Symbol
die „relativ genuine Gattung“ der Zeichen als Repräsentamina abgibt, während
das Ikon die „qualitativ-degenerierte“ und der Index die „reaktiv-degenerierte“
Variante darstellt.87 Indem Peirce die Kategorie der Drittheit nun auf das Sym-
bol als die „relativ genuine Form des Repräsentamens“ anwendet, zerfällt es
„durch Trichotomie in Begriff, Satz und Argument.“88 Der Begriff ist dabei dem
Ikon und der Satz dem Index zugeordnet. Das heißt aber, dass nur das Argu-
ment, also ein interpretierend verwandter Satz, dem vollen Wortsinn von Reprä-
sentation entspricht, der „Idee der Tatsache, dass das Objekt A in der Repräsen-
tation B so repräsentiert wird, dass es die Interpretation C determiniert“.89
Peirce deutet das Repräsentamen also propositional in einem grundlegend
pragmatistischen Sinne. Das ist die eine gewichtige Stoßrichtung seiner Semio-
tik; sie hat wesentlich Folgen für die pragmatistische Auflösung des Streits
81
Ebd.: 57; vgl. ebd.: 60.
82
Ebd.: 55.
83
Ebd.: 57.
84
Ebd.
85
Ebd.: 58.
86
Schnädelbach 2000: 222.
87
Peirce 1991: 48 (CP 5.473); vgl. zu der Unterscheidung von genuinen und degenerierten
Triaden ders. 1991: 43ff. (CP 5.466ff.) und Brunning, J.: Peirce’ Unterscheidung zwischen
genuinen und degenerierten Triaden. In: Pape, H. (Hg.): Kreativität und Logik. Charles S.
Peirce und das philosophische Problem des Neuen. Frankfurt am Main 1994.
88
Ebd.: 49 (CP 5.476).
89
Ebd.: 61 (CP 5.489); vgl. ebd.: 49 (CP 5.476): „Das Argument ist ein Repräsentamen, das
den Interpretanten nicht so determiniert sein lässt, wie er es vielleicht durch die Person, an die
sich das Symbol wendet, wäre, sondern es repräsentiert gesondert seine interpretierende Rep-
räsentation, die es determinieren soll.“ Vgl. weiter Schnädelbach 2000: 221ff.

76
zwischen Intentionalisten und Repräsentationalisten, letztlich also für die Frage
nach einer Sprache hinter dem Sprechen. Darauf wird mit der Diskussion um
Chomskys Kompetenztheorie noch zurückzukommen sein. Die andere ist jetzt
schon von Belang. Eingeschlossen in Peirce’ Ansatz ist der Gedanke, wonach
Repräsentation wie alle geistigen Tätigkeiten ein semiotischer Prozess ist. Ver-
hält es sich so, gibt es kein Denken ohne Zeichen:

„Suchen wir das Licht äußerer Tatsachen auf, so finden wir nur Fälle von Ge-
danken, die Gedanken in Zeichen sind. Offensichtlich kann kein anderer Ge-
danke durch äußere Tatsachen bezeugt werden. [...] Das einzige Denken, das
also möglicherweise erkannt wird, ist Denken in Zeichen. Aber Denken, das
nicht erkannt werden kann, existiert nicht. Alles Denken muss daher ein Den-
ken in Zeichen sein.“90

Zeichen werden folglich durch andere Zeichen interpretiert; es gibt nicht die
Möglichkeit, von einem einzigen Zeichen auszugehen, da die (zeichengebunde-
ne) Interpretation ja bereits zur Definition des Zeichens selbst gehört. Der (von
Descartes geprägte) repräsentationalistische Zeichenbegriff ist, so Gerhard
Schönrich, somit aufgehoben: „Das Zeichen ist dem Denken nicht nachträglich
aufgepfropft; Denken ist ab ovo zeichenvermittelt.“91 Denken ist dabei nicht auf
rationales Überlegen, Erwägen, Betrachten etc. beschränkt, sondern meint jeden
Erkenntnisprozess, zu dem Peirce ausdrücklich auch Wahrnehmungen zählt.92
Denn Wahrnehmungsprozesse sind Interpretationsprozesse und als solche im-
mer auch schon Zeichenprozesse. Deshalb sprechen wir hier vom pragmatisti-
schen Wahrnehmungs- und Handlungsmodell: Das unschuldige Auge ist ein
Mythos wie die voraussetzungslose Handlung ein Mythos ist.93 Es gibt keine
einzelnen bedeutungshaften Handlungen; und das heißt gemäß des pragmatisti-
schen Handlungsbegriffes, es gibt im vollen Wortsinne weder einzelne Zeichen
noch einzelne Wahrnehmungen. Mit Peirce gesprochen: „Aus der These, dass
jeder Gedanke ein Zeichen ist, folgt, dass jeder Gedanke sich an einen anderen
wenden muss, einen anderen bestimmen muss, denn das ist das Wesen des Zei-
chens.“94 Das heißt nicht, dass jeder Gedanke oder jede Wahrnehmung nach
außen kommuniziert werden muss; aber es heißt, dass ein Gedanke oder eine
Wahrnehmung nur dann sinnvoll sein kann, wenn er resp. sie artikulierbar,
ausdrückbar und kommunizierbar ist. Denn Denkprozesse sind notwendigerwei-
se Sprach-, Zeichen- und Interpretationsprozesse. Sprache und Zeichen sind also
90
Ders. 1967: 175 (CP 5.251).
91
Schönrich 1990: 69.
92
Vgl. Peirce 1991: 126 (CP 5.185); vgl. auch II 2.3.3.C.
93
Vgl. Abel, G.: Zeichen der Wirklichkeit. Frankfurt am Main 2004: 191ff. Abel schreibt
treffend: „In dem, was und in der Weise, wie etwas als Etwas gesehen wird, amalgieren Ges-
talt und Gedanke. In diesem Sinne ist das Auge Visualist und Logiker in einem.“ (ebd.: 193)
Vgl. II 2.3.4.A.
94
Peirce 1967: 175 (CP 5.253).

77
nicht nur Vehikel oder Werkzeuge: Wir denken nicht vermittels, sondern kraft
der Zeichen.95 Im engen Sinne von Denken hört man daher auf zu denken, wenn
man es außerhalb von Zeichen zu tun versucht.
Erst jetzt ist klar, was es für Peirce heißt, dass Zeichen keine private Fixie-
rung, sondern ein notwendig öffentliches Medium sind. Diese Eigenschaft ist in
der triadischen Grundstruktur des Zeichens konstitutionstheoretisch impliziert.
Aufgeworfen sind damit für das Verständnis des pragmatistischen Wahrneh-
mungs- und Handlungsmodells zwei zentrale Fragen. Zum einen wird zu klären
sein, wie man sich dieses Konstitutionsverhältnis zwischen Öffentlichkeit und
zeichenbenutzendem Sprecher vorstellen soll; das ist jenes Problem, welches in
Kapitel II 3. gesondert behandelt wird. Zum anderen stellt sich aber zunächst die
Frage, was unter dem sozialen Charakter des pragmatistischen Wahrnehmungs-
und Handlungsmodells überhaupt begriffen wird, eine Frage, die im Folgenden
unter Rückgriff auf den Mead’schen Ansatz beantwortet werden soll, weil er es
erlaubt, Status und Begriff jener Sozialität zu erklären, vor deren Hintergrund
sich erst das ergibt, was in Kapitel II 2.2.3. der genetische Sinnbegriff genannt
werden wird. Und bevor nicht geklärt ist, warum Sinn nichts ist, was entweder
die Dinge in sich tragen oder was diesen Dingen bloß zugeschrieben wird, kann
auch nicht geklärt werden, was in der Objektiven Hermeneutik überhaupt Re-
konstruktion heißen soll. Den sozialen Charakter des pragmatistischen Hand-
lungs- und Erkenntnismodells zu explizieren, ist aber auch aus einem anderen
Grund noch von Bedeutung. Wenn es nämlich, wie sich hier zeigen wird, darauf
ankommt, sowohl die objektivistische Reduktion (die Dinge als Träger des
Sinns) als auch die subjektivistische Reduktion (das Subjekt als alleiniger Pro-
duzent des Sinns) des Sinnbegriffs zu vermeiden, ist bereits ein Modell im
Blick, das wir in Kapitel II 3.2.E als Modell der Inferenz bezeichnen werden
und das uns, so die These, Schwierigkeiten zu vermeiden hilft, die zu den um-
strittensten und kritischsten der Objektiven Hermeneutik gehören. Überdies
geschieht dies wieder im Hinblick auf den in Teil III erarbeiteten Ansatz einer
objektiv-hermeneutischen Ästhetiktheorie. Dort wird sich ergeben, dass erst
unter Vermeidung dieser beiden Reduktionismen ein seinerseits nichtreduktio-
nistischer Begriff von ästhetischer Erfahrung gewonnen werden kann.
95
Vgl. dazu Abel, G.: Zeichen der Wirklichkeit. Frankfurt am Main 2004: 160, 173ff., 304ff.

78
2.2. Der Begriff der unhintergehbaren Sozialität als Grundlage der Sinn-
konzeption

Den Zusammenhang zwischen dem pragmatistischen Handlungs- und Zeichen-


begriff und dem sozialen Charakter jeder (Sprach-)Handlung hat Mead erarbei-
tet, indem er die soziale Interaktion einer pragmatistischen Analyse unterzog.96
Ihm zufolge wird die Annahme, dass Sprache immer ein öffentliches, also sozia-
les Medium ist, nur einsichtig, wenn das (die Sprache benutzende) Ich aus dem
interaktionistischen Blickwinkel einer unhintergehbaren Sozialität gedacht
wird. Die Unhintergehbarkeit der Sprache wird damit auf die zugrundeliegende
Sozialität (allen Handelns) bezogen: Sprache ist Ausdruck von Sozialität, also
erst auf der Grundlage dieser möglich. Wir werden, vor allem in Kapitel II
3.2.E, noch eingehend diskutieren, was hierbei Grundlage heißen soll. Hervor-
gehoben sei aber von Anfang an, dass vom pragmatistischen Standpunkt aus
Unhintergehbarkeit nicht im Sinne einer ersten Ursache gebraucht wird, sondern
konstitutionstheoretisch im Sinne einer strukturellen Bedingung, die gegeben
sein muss, damit die Rede von Sprache gehaltvoll ist. Sprechenkönnen, heißt
dies, ist ein Vermögen, das durch Sozialität möglich wird. Insofern bedingen
Subjektkonstitution und Sprechenkönnen einander. Denn, so Mead, „ein Ich
kann nur dort entstehen, wo ein sozialer Prozess vorliegt, in dem das Ich seine
Veranlassung findet“97, und zwar eine Veranlassung, auf die „soziale Situati-
on“98 handelnd (zum Beispiel: sprechend) zu reagieren. Sozialität, Handlung
und Identitätsbildung sieht Mead demnach in enger Verbindung: Ohne Sozialität
keine Handlung, ohne Handlung keine Identitätsbildung. Es geht ihm um die
identitätsbildende Sozialität einer Handlung: Eine Handlung ist nach Mead
entweder sozial oder keine Handlung. Was aber ist eine soziale Handlung?
Mead definiert so:

„Sozial ist eine Handlung, wenn in ihr ein Individuum durch sein Handeln als
Auslösereiz für die Reaktion eines anderen Individuums dient.“99

Er erklärt diesen sozialen Handlungsbegriff im Modellfall des interaktiven Um-


gangs zwischen mehreren Subjekten, das heißt, er betrachtet das interaktive
Handeln unter der Bedingung doppelter Kontingenz.100 Danach unterscheidet
sich die physikalische Umgebung von der sozialen, interaktiven Umgebung
wesentlich darin, dass Letztere durch das eigene Verhalten beeinflussbar ist:
96
Vgl. zum geistesgeschichtlichen Hintergrund Wenzel 1992: 732ff.; Joas, H.: Praktische
Intersubjektivität. Die Entwicklung des Denkens von G. H. Mead. 2. Aufl. Frankfurt am Main
1989.
97
Mead 1969: 83.
98
Ders. 1980: 221.
99
Ebd.: 210; vgl. ebd.: 313.
100
Vgl. zu diesem Aspekt der doppelten Kontingenz Sutter, T. 1999.

79
„Reagiert jemand auf die Wetterverhältnisse, so hat das auf das Wetter keinen
Einfluss. [...] Erfolgreiches Sozialverhalten dagegen führt auf ein Gebiet, in dem
das Bewusstsein eigener Handlungen zur Kontrolle anderer verhilft.“101 Diese
Konstellation birgt zwar einerseits die Gefahr, dass das eigene, routinisierte
Handeln durch unberechenbare Reaktionen des Gegenüber problematisch wer-
den kann; aber andererseits emergiert genau in diesen Situationen das, was die
philosophische Tradition Selbstbewusstsein nennt: „Als eine bloße Organisation
von Gewohnheiten ist die Identität ihrer selbst nicht bewusst. [...] Sobald jedoch
ein wesentliches Problem auftritt, ergibt sich eine Desintegration dieser Organi-
sation.“102 Und mit dieser Desintegration „sind wir in der Lage, auf uns selbst
zurückzukommen.“103
Ausgedrückt ist damit die Idee des Sich-im-Anderen-Erkennens. Für Mead
ist sie, wie Habermas betont hat, die „elementare Form der Selbstbeziehung“,
die „durch die Interpretationsleistung eines anderen Interaktionsteilnehmers
ermöglicht wird.“104 Mead versteht dabei den Terminus Interpretation in einem
weitaus umfassenderen Sinne als das etwa die Literaturwissenschaften tun. Er
sieht die interpretative Leistung des Handelnden bereits auf dem vorsprachli-
chen Niveau der Gebärdenkommunikation verwirklicht. Denn

„wichtig an der sozialen Organisation des Verhaltens [...] ist, [...] dass das Ver-
halten eines Lebewesens einem anderen als Reiz zu einer bestimmten Hand-
lung dient, dass diese Handlung ihrerseits jenes erste Lebewesen zu einer be-
stimmten Reaktion reizt und dass sich diese Wechselwirkung in unablässiger
Interaktion fortsetzt.“105

Mead folgert daraus, dass „Handlungen, die durch die besonderen Eigenschaf-
ten, Haltungen und Gebärden der verschiedenen Gruppenmitglieder hervorgeru-
fen werden, das soziale Verhalten (konstituieren).“106 Verkürzt gesprochen
interpretiert demnach das eine Lebewesen die Handlung des anderen und be-
zieht die Interpretation auf das eigene Handeln zurück; Interpretation fällt folg-
lich nicht mit jener Form von Sinnzuschreibung zusammen, wie sie die philoso-
phische Hermeneutik vorstellt.107 Eine Handlung hat vielmehr „implizit die
Bedeutung einer bestimmten Reaktion“, weshalb Mead die menschliche Kom-
munikation auch nicht in der Nachahmung beginnen sieht, sondern in einer
101
Mead 1980: 219; vgl. ebd.: 230: „Die Reaktion umfasst das Bewusstsein einer anderen
Identität als Voraussetzung der Bedeutung der eigenen Haltung. Die Identität der anderen geht
in einer sozialen Umgebung logisch dem Bewusstsein der eigenen Identität voraus, das die
Introspektion analysiert.“
102
Ebd.: 247.
103
Ebd.: 318.
104
Habermas 1992: 215.
105
Mead 1980: 206.
106
Ders. 1987: 93.
107
Vgl. dazu genauer III 3.2.

80
„Kooperation, bei der unterschiedliches Verhalten zutage tritt, bei der aber
gleichwohl das Handeln des Einen das des Anderen beantwortet und hervor-
ruft.“108 Unter Einbeziehung des bisher Gesagten lässt sich der Begriff der
Handlung jetzt folgendermaßen bestimmen:

„Eine Handlung ist ein fortdauerndes Geschehnis, das aus Reiz und Reaktion
und den Ergebnissen der Reaktion besteht. Dahinter liegen die Haltungen und
Antriebe des Individuums, das seine Sensibilität für den besonderen Reiz und
die Angemessenheit der Reaktion festlegen. Gerade die Angemessenheit der
Reaktion bestimmt in der unmittelbaren Erfahrung die Realität des Reizes. Die
Dinge sind nicht real, so wie sie gesehen, gehört oder gerochen werden; sie
sind real, wenn sie wirklich oder potenziell durch Kontakt erfahren werden.“109

Diesen handlungslogischen Prozess sieht Mead schon im (letztlich universalen)


Dialog der Gesten realisiert.110 Er hat deshalb den Weg von der tierischen, durch
Instinkte geleiteten Gebärdenkommunikation über den Dialog der Gesten bis hin
zur symbolisch vermittelten Interaktion detailliert als eine Form „sozialer Evo-
lution“111 nachgezeichnet. Darauf kommt es für unseren Zusammenhang weni-
ger an. Ausschlaggebend ist jedoch der Hinweis, demzufolge die Kommunikati-
onsteilnehmer erst dann ihre Reaktion als Interpretation begreifen können, wenn
die interpretierte Geste eine Lautgebärde ist. Mit der Lautgebärde, die beide
Kommunikationsteilnehmer gleichzeitig wahrnehmen, „affiziert“ – wie Haber-
mas das ausdrückt – „der Aktor sich selbst zur gleichen Zeit und auf die nämli-
che Weise wie sein Gegenüber.“112 Die Lautgebärde ändert damit ihren Charak-
ter: Aus einem Handlungssegment wird ein Zeichensubstrat, aus einem Reiz ein
Bedeutungsträger. Mit dieser Transformation ist Entscheidendes geschehen. Die
Tatsache nämlich, dass der Mensch „sich selbst ebenso wie andere reizen und
108
Mead 1980: 206f., vgl. auch ders. 1973: 183. In ders. 1980: 221 spricht Mead sogar davon,
dass die Sprache „nur eine (hochspezialisierte) Form von Gebärden“ sei.
109
Ders. 1987: 95. Zwei Anmerkungen sind zu dieser Definition notwendig. Zum einen macht
sie unmissverständlich klar, dass Mead hier nicht an den klassischen Behaviorismus eines
James B. Watson denkt. Anders als Watson definiert Mead subjektive Erfahrung nicht einfach
durch äußeres Verhalten determiniert; er klärt die sozialen Bedingungen der Möglichkeit
subjektiver Erfahrung auf. (vgl. ders. 1973: 40ff.; 1980: 299ff.) In diesem Sinne hat Mead
seiner Theorie den Namen Sozialbehaviorismus gegeben. Zum anderen enthält Meads Hand-
lungsdefinition einen erklärungsbedürftigen Zeitbegriff, der im nächsten Kapitel eingeführt
wird.
110
Sein berühmtes Beispiel ist das der kämpfenden Hunde: „Die Handlung jedes der beiden
Hunde wird zum Reiz, der die Reaktion des anderen beeinflusst. Es besteht also eine Bezie-
hung zwischen den beiden; und da der Hund auf die Handlung reagiert, wird diese wiederum
verändert. Eben die Tatsache, dass der Hund zum Angriff auf den anderen bereit ist, wird zu
einem Reiz für diesen anderen, seine eigene Position oder Handlung zu ändern. [...] Hier
werden Gesten ausgetauscht.“ (Mead 1973: 81f.) Den Begriff der Geste leitet Mead zu we-
sentlichen Teilen von Wilhelm Wundt her. (vgl. dazu ders. 1980: 171ff. und 190ff.)
111
Ders. 1969: 81.
112
Habermas 1992: 215.

81
auf seine Reize ebenso wie auf die Reize anderer reagieren kann, fügt in sein
Verhalten die Form eines sozialen Objekts ein.“113 Die Rede von einem sozialen
Objekt zielt hier auf die bereits angesprochene Idee des Sich-im-Anderen-
Erkennens. Es gehört zur Struktur der Lautgebärde, dass die Interaktionsteil-
nehmer gegenüber sich selbst die Perspektive des anderen Teilnehmers einneh-
men: Sie werden sich als soziales Objekt ansichtig. Ein Vorgang, den man als
„kommunikative Selbstgewahrwerdung“ beschreiben kann.114 Das Sichverhalten
zu sich selbst ist demnach, so Meads These, wesensmäßig sowohl sozial als
auch sprachlich bedingt. Dies allein ist allerdings keine neue Idee. Schon Aristo-
teles hat darauf hingewiesen, dass Sprache und Sozialität einander bedingen.115
Für Mead gilt aber darüber hinaus, dass die Konstitution von Sozialität und die
Konstitution der spezifisch menschlichen Kommunikation ein und dasselbe
sind.116
Mit dieser Argumentation löst Mead das Sichverhalten zu sich von der Vor-
stellung einer reflexiven (Selbst)Relation ab und bedient entsprechend auch das
traditionelle Subjekt-Objekt-Schema nicht mehr.117 Indem er nämlich das Sich-
verhalten zu sich als genuin sozial und als genuin sprachlich darstellt, zeigt er,
dass es zu so etwas wie einem Verhalten zu sich selbst außerhalb eines intersub-
jektiven bzw. interaktionistischen Kontextes gar nicht kommen kann.118 Insofern
113
Mead 1980: 238 (Hervorhebung von D.P.); vgl. auch ebd.: 216: „Wenn es sich einfach nur
um die Tatsache handelte, dass Reiz und Reaktion gut aufeinander bezogen sind, dann fände
sich innerhalb dieses Mechanismus keine Gelegenheit dafür, dass sich ein Bewusstsein von
Bedeutungen herausbildet.“
114
Jäger 2002: 64; vgl. zu Meads Konzept sprachlich vermittelter Interaktion auch Wenzel
1992: 735ff., 740ff.
115
Vgl. Aristoteles: Politik. In: ders.: Philosophische Schriften in sechs Bänden. Übers. von E.
Rolfes. Bd. 4. Hamburg 1995: I 2, 1253a9ff.
116
Manfred Frank wendet ein, dies laufe auf einen „Zirkel der Selbstpräsupposition von
Selbstbewusstsein“ hinaus. (Frank 1991: 469) Zirkulär ist Meads Gedanke in der Tat. Aller-
dings folgt daraus erstens nicht, dass der Subjektivität alle Innerlichkeit und Unmittelbarkeit
abgesprochen wird, wie Habermas (vgl. Habermas 1992: 117) folgert und Frank (vgl. ebd.)
kritisiert. Wir werden noch sehen, inwiefern Subjektivität mit einer solchen Argumentationsfi-
gur nicht zum Verschwinden gebracht ist, sondern lediglich dem direkten Zugriff entzogen
wird. Und zweitens ist der Zirkelvorwurf nicht per se als Einwand gültig. Es kommt darauf an,
ob es sich hierbei – wie Oevermann sagt – um einen schlechten Zirkel handelt, in den ein
Vorwissen bereits eingeht, oder aber um einen erkenntniskonstitutiven, der nie zu umgehen
ist. (vgl. II 3.3.3.) Und genau in diesem Sinne eines erkenntnistheoretischen Zirkels wird in
diesem Zusammenhang Mead interpretiert: als Konstitutionstheoretiker.
117
Das mag auf den ersten Blick als eine gewagte Mead-Interpretation sein, lassen sich doch
einige Textstellen finden, die gerade das Gegenteil zu belegen scheinen. Er benutzt das Sub-
jekt-Objekt-Schema aber, wie Tugendhat richtig feststellt, lediglich als „formale Anzeige“
(Tugendhat 1979: 249), um das Schema selbst interaktionstheoretisch zu durchbrechen.
118
Vgl. dazu Tugendhat 1979: 245f. – Tugendhat setzt in seinen beiden Mead-Vorlesungen
einen anderen Erkenntnisschwerpunkt. Er will den Begriff Selbstbewusstsein klären, indem er
ihn einer sprachanalytischen Kritik unterzieht. In diesem Zusammenhang glaubt er Mead mit
Heidegger korrigieren zu müssen, indem er das geschilderte Mead’sche Bedingungsverhältnis
als rollentheoretisches liest. (vgl. ebd.: 270ff.) Das verstrickt sich aber wieder in die Vorstel-

82
setzt die gewöhnliche Verwendung des Begriffs der Interaktion – wie auch jener
der Intersubjektivität – immer dann unglückliche Konnotationen frei, wenn der
interaktionistische Kontext ausgeblendet bleibt. Denn eine solche Redeweisen
impliziert, das mit dem Präfix ‚inter’ Verknüpfte als solches schon vorgängig
eigenständig konstituiert zu denken. Nach Mead verkehre man damit jedoch das
Konstitutionsverhältnis von Sozialität und Subjektivität und begehe einen Kate-
gorienfehler.119 Vermieden könne er nur werden, wenn man das Sichverhalten
zu sich nicht (nur) in seiner Genese, sondern auch und vor allem in seiner Struk-
tur interaktiv vorstellt. Es ist diese Struktur, die Mead mit seiner Unterscheidung
von I und Me herausarbeiten will.120
Er will damit (wenigstens) zwei Punkte deutlich machen.121 Einerseits geht es
ihm um den Begriff der Identität, der sich „nicht [...] in der Organisation sozia-
ler Haltungen“ erschöpft.122 Andernfalls liefe dieser auf einen kruden determi-
nistischen Standpunkt hinaus, der jegliche Handlungsfreiheit tilgen würde. Frei-
heit (und Handlung) erschiene als ein monokausales Gebilde und könnte der
Tatsache des interaktiven Charakters aller (Sozial)Beziehungen nicht Rechnung
tragen. Identität in reiner Abhängigkeit von der sozialen Umgebung zu begrei-
fen, könnte folglich nicht erklären, warum es überhaupt Identität gibt; allenfalls
Muster, Typen oder eben Rollen kämen auf diese Weise ins Blickfeld. Identität
wird so entweder nur von ihrer subjektiven oder objektiven Seite fassbar. Mead
ist aber daran gelegen, das Zusammenspiel beider Seiten zu erklären, geht er
doch davon aus, Identität umfasse sowohl subjektive als auch objektive Aspek-
te. Den objektiven Aspekt haben wir bereits lokalisiert: Er ist in der Abhängig-
keit des Individuums von der nicht hintergehbaren Sozialität zu suchen; offen ist
dabei geblieben, was hier Abhängigkeit überhaupt heißen soll. Genau darauf
will die andere, subjektive Seite der I/Me-Differenz eine Antwort geben. In
frühen Arbeiten, in seinem 1903 verfassten Aufsatz Die Definition des Psychi-

lung einer bloß reflexiven und gerade nicht handlungslogischen (Selbst)Relation, was Tu-
gendhat seltsamerweise dann Mead und nicht seiner Interpretation anlastet (vgl. ebd.: 262,
passim) Die hier versuchte Interpretation gibt der Rollentheorie in Meads Ansatz einen ande-
ren Status: Das Subjekt wird nicht als Träger einer Rolle (einer gesellschaftlichen Funktion),
sondern als Teil einer interaktionistischen Struktur gesehen. Letzteres ist ein weit gefasster
(Struktur)Rahmen, der je konkret, zum Beispiel durch eine Rolle, gefüllt sein kann. Wenn
Mead von Rollenübernahme spricht (vgl. Mead 1973: 420ff.), sind unserer Lesart zufolge also
solche konkreten Interaktionsformen thematisch, die nur einen Ausschnitt aus den möglichen
Formen interaktiven Handelns darstellen.
119
Diesen Punkt hat Oevermann ausdrücklich betont (vgl. 2000d: 443), ist aber dennoch bei
dem Terminus Interaktion geblieben.
120
Die englischen Originalbegriffe werden hier beibehalten, weil sie die interaktive Struktur
besser treffen als jene Übersetzung mit ‚Ich’ und ‚Mich’, die Klaus Laermann in Mead 1980
gewählt hat. Auch Ulf Pachers Wiedergabe von I und Me mit ‚Ich’ und ‚ICH’ ist eher unglück-
lich; er weist selbst darauf hin, dass Meads Ausdruck ‚Me’ im Grunde nicht übersetzbar ist.
(vgl. Mead 1973: 216)
121
Vgl. zu Meads I/Me-Differenz zusammenfassend Honneth 2003: 119ff.
122
Mead 1973: 216.

83
schen etwa123, versuchte Mead nun in Anlehnung an John Dewey die komplexe
Struktur der Subjektivität über den pragmatistischen, von Peirce eingeführten
Begriff der Problematisierung einer bewährten Situationsdeutung zu begreifen.
Wie geschildert, ist das der Versuch, über den Augenblick der Störung eines
routinisierten Handlungsablaufs und der Rekonstruktion einer neuen Handlungs-
reaktion, das Subjekt als zu sich selbst und zu seiner Umwelt sich verhaltendes
Individuum zu deuten. Erst durch eine „Handlungsblockierung“124 im Sinne der
Konfrontation mit einer widerständigen Wahrnehmungs- und Handlungsumwelt
wird das Subjekt zu einer bewusstseinsfähigen Wahrnehmungs- und Handlungs-
instanz. Allerdings bleibt mit diesem Erklärungsansatz im Dunkeln, wie dem
Subjekt der problemlösende Prozess selbst bewusst werden kann.125 Mead sucht
daher später eine Lösung, indem er seine Analyse (erneut) am Begriff der Sozia-
lität ansetzt. Diese Analyse muss wieder vor dem Hintergrund der Peirce’schen
Überlegungen zum sozialen Charakter jeder (Sprach-)Handlung gelesen werden,
weil sie es sind, die Mead weiterentwickelt. Während nämlich bei Peirce die
Kategorie der Sozialität auf den undifferenzierten Begriff der Gemeinschaft
verwiesen bleibt, sieht Mead in ihr eine Strukturlogik verwirklicht, die sowohl
den Einzelnen als auch die Gruppe umfasst. Sozialität ist ihm die „Fähigkeit,
mehrere Dinge gleichzeitig zu sein.“126 Nun will Mead diese Definition nicht
einfach rollentheoretisch verstanden wissen; er leitet sie vielmehr von seiner
Zeittheorie ab.127 Einige Grundzüge der Mead’schen Zeitkonzeption sind für
unseren Zusammenhang deshalb von Belang. Es sind dies vor allem diejenigen
zeitphilosophischen Aspekte, die den Zusammenhang von unmittelbarer Ge-
genwart mit den Dimensionen der Vergangenheit und Zukunft betreffen. Denn
sie sind es, die einerseits die Struktur der Sozialität und andererseits den Status
der Unmittelbarkeit aufklären, ein Problem, das wieder auf die ästhetiktheoreti-
schen Überlegungen vorausweist, wird es doch dort von zentralem Interesse für
die Theorie der ästhetischen Erfahrung sein.
123
Ders. 1980: 83ff.
124
Ders. 1987: 221.
125
Diese Zweifel künden sich bereits in dem Aufsatz Der Mechanismus des sozialen Bewusst-
seins aus dem Jahr 1912 an. (vgl. Mead 1980: 232 ff.; vgl. dazu Honneth 2003: 116ff., der
zeigt, wie erst unter Einbeziehung der sozialen Dimension ein Bewusstsein von der eigenen
Subjektivität entstehen kann; vgl. auch Wenzel 1992: 733ff.)
126
Mead 1969a: 280.
127
Tugendhat macht, wie bereits angemerkt, genau diesen Schritt nicht: Er versteht Mead
ausschließlich als Rollentheoretiker und übergeht den Zusammenhang der I/Me-Differenz mit
der Zeittheorie. Lässt man diesen außer Acht, ist Meads Argumentation zwangsläufig „nicht
besonders überzeugend“ (Tugendhat 1979: 261f.). Tugendhat selbst hat allerdings den berech-
tigten Einwand erhoben, ob „die ‚Identitätsfrage’ [...] überhaupt ausschließlich am Rollenbeg-
riff orientiert werden darf.“ (ebd.: 277) Nach unserer Argumentation darf sie das nicht; und
Mead selbst hat diesen Versuch auch nicht unternommen. Indem Tugendhat das allerdings
Mead unterstellt, kann er Meads I/Me-Differenz mit Heideggers Unterscheidung von ‚Man’
und ‚eigentlicher Existenz’ abgleichen. (vgl. ebd.: 278) Gemäß der hier gegebenen Mead-
Lesart hilft das nicht, die interaktionistische Struktur der Sozialität aufzuklären.

84
2.2.1. Die pragmatistische Zeitkonzeption und der Begriff der Perspektive

A Aktuelle und funktionale Gegenwart

Aus der bisherigen Herleitung des pragmatistischen Handlungsbegriffs wissen


wir bereits, dass der Kategorie der Gegenwart eine zentrale Rolle zukommt.
Denn wenn es hieß, Handeln sei in zyklisch sich wiederholenden Phasen zu
denken, die aufgrund neuartiger (Wahrnehmungs- und Handlungs-)Situationen
immer wieder unterbrochen werden, ist das ein Vorgang im Status der Gegen-
wärtigkeit. Dabei lässt es Mead aber nicht bewenden; er trifft eine fundamentale
Unterscheidung zwischen der aktuellen und funktionalen Gegenwart, um so die
Differenz zwischen einer bloß funktionalen Reaktion und einer Handlung be-
nennen zu können.
Der Begriff der aktuellen Gegenwart verweist laut Mead auf den Bereich der
unmittelbaren Erfahrung, also genau auf jenes Phänomen, durch dessen Analyse
Peirce seine Belief-Doubt-Theorie entwickelt hat. Charakteristisch für die aktu-
elle Gegenwart ist das Merkmal der Kontinuierlichkeit; denn die Welt der aktu-
ellen Gegenwart „vergeht ständig oder ist eine Welt von Geschehnissen“, das
heißt, eine Welt, die „ständig aufhört zu sein, sobald sie in die Welt des folgen-
den Augenblicks übergeht.“128 Dieses kontinuierliche Ablaufen konstituiert
noch keine zeitliche Ordnung, gibt folglich noch nicht den Rahmen für die Er-
fahrung von Zeit ab: Aktuelle Gegenwart verharrt im Stadium eines „unmittel-
baren Jetzt“129, weil „schiere Kontinuität [...] nicht erfahrbar“ ist.130 Erst der
Kontinuitätsbruch macht Erfahrungsbildung überhaupt möglich. Anders gefasst:
Nur das Diskontinuierliche lässt eine funktionale Gegenwart entstehen, die sich
von der aktuellen Gegenwart als reinem Ablauf insofern unterscheidet, als dass
mit ihr die Dimensionen der Vergangenheit und Zukunft ins Spiel kommen. Das
Moment des Diskontinuierlichen wird damit nicht als bloßes Aufhalten des
Ablaufs der einen aktuellen Gegenwart zur nächsten verstanden: Kontinuität ist
zwar ein „Überlappen der einen trügerischen (d.i. aktuellen, D.P.) Gegenwart
mit einer anderen.“ Aber

„sie hat Richtung. Es bestehen Abhängigkeiten oder Bedingungen. Was sich


zuträgt, fließt aus dem, was sich zuträgt. Es findet nicht nur eine Abfolge statt,
sondern es kommt auch zu einer Abfolge von Inhalten. Was vor sich geht, wäre
anders, wenn das frühere Stadium des Vorkommnisses anders gewesen wä-
re.“131

128
Mead 1987: 53.
129
Ders. 1973: 401.
130
Ders. 1987: 342.
131
Ebd.: 338. Von hier aus lässt sich auch verstehen, warum das Geschichtsbewusstsein im
menschlichen Bewusstseinsraum – metaphorisch gesprochen – keinen festen Ort hat, sondern

85
Ablauf ist daher nicht die „bloße Nebeneinanderstellung von Geschehnissen“:
Sie könnte „keinen Übergang begründen.“132 Wenn aber das Diskontinuierliche
nicht nur ein Aufhalten des Ablaufs ist, der selbst schon mehr als ein reines
Nebeneinander darstellt, dann haftet dem Bruch eine neue Qualität an, dann
wird der Bruch zum Ort der Emergenz des Neuen: Der wesentliche Bezugspunkt
der (funktionalen) Gegenwart ist folglich das

„neuentstehende Ereignis, d.h. das Auftreten von etwas, das mehr ist als die
Prozesse, die zu seinem Auftreten geführt haben, und was aufgrund seiner Ver-
änderung, seines Andauerns oder seines Verschwindens späteren (Ereignis)-
Abläufen einen Inhalt zufügt, den diese sonst nicht besäßen.“133

Erst mit dem Begriff der Emergenz als „Form von Reorganisation“134 werden
Zukunft und Vergangenheit demzufolge greifbar: „Die Vergangenheit, die mit
der Gegenwart [...] auftritt, ist die Relation des neuentstehenden Ereignisses zu
der Situation, aus der es entstand, und es ist ein Ereignis, welches diese Situati-
on definiert.“135 Vergangenheit ist also als Erfahrungsgröße dialektisch an das
emergente Ereignis gebunden: Nur mittels des Kontinuitätsbruchs wird Vergan-
genheit erfahrbar, obwohl Kontinuität den „Hintergrund“ für das Neue bildet.136
Denn Erfahrungsbildung ist weder allein aus dem Moment des Diskontinuierli-
chen noch aus dem des Kontinuierlichen möglich, sondern nur über deren Zu-
sammenspiel. In diesem Sinn kann es keine neue Erfahrung ohne Diskontinui-
tätsmoment geben wie es umgekehrt keine Erfahrung ohne Kontinuität gibt.
Diskontinuität und Kontinuität sind keine dualistisch gegeneinander gesetzten
Begriffe, sondern jenes dialektische Bedingungsgefüge, das Erfahrungsbildung
in Gang setzt. Zeitphilosophisch ist Zukunft zwar in der Gegenwart bereits ent-
halten, unterliegt aber „keine(r) vollständige(n) Determination“ durch die Ge-
genwart.137 Denn „was neu ist, kann auftauchen, aber dieses Auftauchen erfolgt
unter Bedingungen“138, nämlich den dialektischen Bedingungen des emergenten
Ereignisses: „Der konditionierende Ablauf und das Auftreten des einzigartigen

es ihn allerorts durchwebt und dem Subjekt so seine eigene Historizität gibt. (vgl. zum Begriff
des Geschichtsbewusstseins Iffert 2004: 315ff.)
132
Ebd.
133
Ders. 1969a: 252. Mead bezieht sich mit diesem Ereignisbegriff zu wesentlichen Teilen auf
Alfred N. Whitehead. (vgl. dazu bes. ders. 1991) Ausdrücklich nennt er Whiteheads The
Principle of Relativity (1922) und The Concept of Nature (1920) (vgl. ders. 1987: 73) sowie
Science and the Modern World (1925) (vgl. ders. 1987: 187). In Mead 1980: 307 führt er
außerdem Whiteheads The Principles of Natural Knowledge (1919) an. (vgl. auch die Bezüge
auf Whitehead in ders. 2002, bes. 42, 44, 172ff.) Die Beziehung zwischen Whitehead und
Mead wäre eine eigene Untersuchung wert; hier sollen diesen Hinweise genügen.
134
Wagner 1999: 17.
135
Mead 1969a: 253.
136
Ders. 1987: 343.
137
Ebd.: 343f.
138
Ebd.: 328.

86
Ereignisses lassen Vergangenheit und Zukunft entstehen, wie sie in der Gegen-
wart erscheinen.“139 Verhält es sich so, werden die beiden Zeitmodi durch die
Emergenz des Neuen in der Gegenwart konstituiert, haben beide repräsentatio-
nalen Charakter. Weder Vergangenheit noch Zukunft führen eine Existenz an
sich; sie bleiben an den Modus der doppelten, also aktuellen und funktionalen,
Gegenwart gebunden. Eine Handlung wird damit zur Handlung, indem sie als
aktueller Vollzug von Wirklichkeit einen Bezug zur Vergangenheit und zur
Zukunft eröffnet. Es gibt damit nicht nur keine einzelne Handlung – weswegen
jede Handlung eine soziale ist –, es gibt auch keine, die außerhalb ihrer An-
bzw. Einbindung in Vergangenheit und Zukunft steht. Diese Bestimmung präzi-
siert auch den Begriff der Sozialität, den der Handlungsbegriff impliziert: Mit
Sozialität ist jene triadische Relation (Vergangenheit – Gegenwart – Zukunft)
benannt, innerhalb derer Handlungen sich konstituieren (können). Das Verhält-
nis, dessen Form noch genauer zu bestimmen sein wird, ist wechselseitig: Ohne
Sozialität keine Handlung, und ohne Handlung keine Sozialität.
Diese zeitphilosophische Herleitung des Handlungs- und Sozialitätsbegriffes
leistet dreierlei: Zum einen wird noch einmal klar, in welcher Weise sich die
bewusstseinsphilosophischen Aporien umgehen lassen, zeitliche Ordnung aber
dennoch erklärbar ist, ohne den Zeitbegriff vom bewusstseintragenden Ich her
zu begründen. Zum anderen ist uns damit ein nichtsubjektivistischer Zeitbegriff
an die Hand gegeben, der gleichwohl der Konstruktionstätigkeit des denkenden
Ich wie der Strukturoffenheit der Zukunft und der Interpretationsbedürftigkeit
der Vergangenheit Rechnung trägt. „Was geschehen wird“, schreibt Mead, „un-
terscheidet sich immer in gewisser Hinsicht von dem, was geschehen ist, und
die Art dieser Abweichung ist etwas Unvorhersehbares.“140 Für die Vergangen-
heit gilt parallel: „Jede Generation schreibt ihre Geschichte neu – und ihre Ge-
schichte ist die einzige, die sie von der Welt hat.“141 Ein Neuschreiben aller-
dings, das nicht in subjektiver Willkür aufgeht, sondern an die subjektübergrei-
fende Zeitstruktur (der Bewusstseins- und Erfahrungsbildung) gebunden bleibt.
Gefunden ist auf diese Weise überdies ein erster Hinweise auf einen tragfähigen
Begriff der Rekonstruktion, der in Kapitel II 2.3.3.D noch zu präzisieren sein
wird. Bereits jetzt ist aber ersichtlich, inwiefern die jeweilige Rekonstruktion
der Vergangenheit stets hypothetischer Art ist: Weil jede Änderung der raum-
zeitlichen Perspektivität eine veränderte Sichtweise auf die Vergangenheit her-
vorruft, ist die Konstruktion der Vergangenheit von der jeweiligen Perspektive
abhängig. Eine vollständige Darstellung der Vergangenheit kann es daher nicht
geben; es ist laut Mead nicht einmal das, was wir suchen: „Wir hätten dann jene
Gegenwart und gerade nicht das, was wir mit der Vergangenheit suchen, näm-
139
Ders. 1969a: 264; vgl. auch ders. 2002: 61ff..
140
Ebd.: 56.
141
Ders. 1987: 344.

87
lich die Konstruktion der konditionierenden Eigenart des jetzt gegenwärtigen
(Ereignis-)Ablaufs, die uns zu interpretieren erlaubt, was in der zu dieser Ge-
genwart gehörenden Zukunft entsteht.“142 Ohne bereits auf die sinntheoretischen
Implikationen dieses Rekonstruktionsbegriffs zu kommen, kann eines an dieser
Stelle schon festgehalten werden: Die rekonstruktive Erschließung von Vergan-
genheit führt offensichtlich zur Erweiterung der Sinninterpretationskapazität des
Subjekts.
Damit ist der dritte Punkt, den uns Meads Zeittheorie verdeutlicht, bereits
angesprochen; er betrifft die (zeitphilosophischen) Bedingungen der Möglich-
keit von Erkenntnis. Nach Maßgabe der hier vorgestellten Theorie kann es Er-
kenntnis in der aktuellen Gegenwart nicht geben: Erst die durch die funktionale
Gegenwart definierte Vergangenheit resp. Zukunft gestattet rekonstruierende
Erkenntnis. An diesem Punkt sind sich Mead und Peirce einig: Es gibt auch
nach Peirce in der „unmittelbaren Gegenwart keinen Gedanken“, weil „alles,
über das man nachdenkt, vergangen ist.“143 Wenn es aber so ist, dass die jewei-
lige Rekonstruktion der Vergangenheit hypothetischer Art ist und die Änderung
der raum-zeitlichen Perspektivität die Sicht auf die Vergangenheit, allgemeiner:
auf den interessierenden Gegenstand, verschiebt, sind wir dann nicht wieder
genau dort, wo wir nicht hinwollten, nämlich bei der Abhängigkeit des (rekon-
struktiven) Erkennens vom denkenden Ich? Hat die ganze Herleitung nicht ge-
radewegs auf den Punkt einer reinen Subjektivität zurückgeführt? Um diesem
möglichen Missverständnis einen Riegel vorzuschieben, ordnet Mead dem Beg-
riffsgeflecht aus Ereignis, Emergenz, aktueller und funktionaler Gegenwart die
Kategorie der Perspektive zu.

B Der Begriff der Perspektive

Den Begriff der Perspektive einzuführen, ist für Mead vor allem deshalb wich-
tig, weil mit ihm sowohl die objektivistische als auch die subjektivistische Ve-
reinseitigung der Erfahrungs- und Erkenntnisbildung vermieden wird. Die von
Mead behauptete Eigenschaft einer Perspektive deckt sich zunächst mit dem
Alltagsverstand: Von einer Perspektive kann nur in Beziehung zu einem Orga-
nismus bzw. einem Ereignis gesprochen werden; Perspektiven sind stets Per-
spektiven von bzw. auf etwas. Nun haben wir allerdings bereits in den zeittheo-
retischen Erläuterungen gesehen, dass die Zeitmodi keine Existenz unabhängig
142
Ders. 1969a: 260; vgl. ebd.: 238: „In dem Moment, in dem wir diese früheren Gegenwarten
als Existenzen auffassen, unabhängig von der Vergegenwärtigung dieser früheren Gegenwar-
ten als Vergangenheiten, hören sie auf, irgendeinen Sinn für uns zu haben und verlieren jeden
Wert, den sie für die Interpretation unserer eigenen Gegenwart und für die Bestimmung unse-
rer Zukunft haben könnten.“
143
Peirce 1967: 175 (CP 5.253).

88
von der Ereignisstruktur führen, sondern erst durch das emergente Ereignis
konstituiert werden. Das emergente Ereignis selbst wurde dabei vor der Folie
einer Dialektik aus Kontinuität und Diskontinuität bestimmt: Der Bruch der
Kontinuität konstituiert die verschiedenen Zeitmodi. Dieses Muster schreibt
Mead, entgegen des Common-sense-Verständnises der Perspektive, allen
„Struktur-Einheiten“ zu, „die ihrem Wesen nach eine gewisse Zeitspanne“ brau-
chen, „die also nicht nur räumlich, sondern auch zeitlich strukturiert, d.h. ein
Prozess“ sind.144 Verhält es sich so, muss auch die Natur in Bezug auf einen
Organismus als ein Prozess in sich überscheidender Perspektiven gedacht wer-
den: „Jede derartige Struktur“, schreibt Mead, „gliedert Natur durch Über-
schneidung in ihrer Perspektive; sie hebt damit das ihr eigene Raum-Zeit-
System vom allgemeinen Ereignis-Ablauf ab.“145 Mit dieser „Konzeption der
Natur als einer Organisation von Perspektiven“146 wird den Perspektiven selbst
Objektivität zugeschrieben. Perspektiven sind

„weder Verzerrungen von irgendwelchen vollkommenen Strukturen noch Se-


lektionen des Bewusstseins aus einer Gegenstandsmenge, deren Realität in ei-
ner Welt der Dinge an sich zu suchen ist. Sie sind in ihrer wechselseitigen Be-
zogenheit aufeinander die Natur [...].“147

Das kann sinnvoll aber nur angenommen werden, „wenn wir Leben als einen
Prozess und nicht als eine Abfolge von statischen [...] Zuständen begreifen, und
wenn wir Erfahrung als [...] Handeln und nicht als eine Abfolge von Bewusst-
seinszuständen betrachten.“148 Daraus geht deutlich hervor, was mit dem Begriff
der Perspektive in den Vordergrund gerückt werden soll: die Prozessualität der
Handlungsstruktur. Gleichzeitig wird aus dem hier geschilderten Zusammen-
hang einsichtig, warum Mead Sozialität als die Fähigkeit, mehrere Dinge
gleichzeitig zu sein, definiert hat: Das basale Prinzip der Sozialität ist in der
grundlegenden Gleichzeitigkeit der Perspektiven zu suchen. Es besteht darin,
dass

„das entstehende Objekt in der Gegenwart, in der die entstehende Veränderung


auftritt, bei seinem Übergang aus dem alten in das neue System aufgrund seiner

144
Mead 1987: 213.
145
Ebd.
146
Ebd.
147
Ebd.
148
Ders. 1980: 308. Mead nimmt hier Bezug auf Henri Bergsons Untersuchung Materie und
Gedächtnis. Eine Abhandlung über die Beziehung zwischen Körper und Geist (1908). An
dessen Wahrnehmungstheorie schätzt er „die Erkenntnis, dass – insofern der Inhalt der Wahr-
nehmung als Bewusstsein bezeichnet werden kann – Bewusstsein eher eine Verminderung der
Realität des Objekts und nicht etwas Zusätzliches zur Realität des Objekts ist.“ (ebd.: 302) In
Bergsons zentraler Kategorie der Dauer sieht Mead das aber wieder zurückgenommen und
dessen Wahrnehmungstheorie dann doch in eine unüberbrückbare Dichotomie von Geist und
Materie münden. (vgl. ders. 1980: 303 und 1987: 341)

89
systematischen Beziehungen zu anderen Strukturen verschiedenen Systemen
angehört; seine Eigenschaften sind Eigenschaften, die es aufgrund seiner Zuge-
hörigkeit zu diesen verschiedenen Systemen besitzt.“149

Sozialität hat demnach – wie das emergente Ereignis, das neu entstehende Ob-
jekt – einen zeitlichen und einen strukturellen Aspekt. Sie konstituiert sich mit
dem Bruch der Kontinuität, sie ist an das Auftauchen emergenter Ereignisse
gebunden. Wie dieses gehört sie (mindestens) zwei Perspektiven gleichzeitig an,
ein Umstand, der im Fortgang unserer Überlegungen noch zu präzisieren sein
wird. Gegeben ist so ein Begriff von Sozialität, der nicht erst auf der Ebene des
(intelligenten) Geistes zu verankern ist, sondern zur Handlungs- und Wahrneh-
mungssituation selbst gehört: Ohne den Bruch der Kontinuität verharrten wir in
der unerkannten aktuellen Gegenwart. Um überhaupt von etwas wissen und
erfahren zu können, braucht es das Moment des Diskontinuierlichen, das seiner-
seits nur dann auftauchen kann, wenn das handelnde bzw. wahrnehmende Sub-
jekt auf außersubjektive Störungen des eingeschliffenen Wahrnehmungs- und
Handlungsablaufs stößt. Salopp gesprochen: Ohne das Andere der Erfahrung
kann das Eigene sich nicht konstituieren. Dieses grundlegende Prinzip nennt
Mead Sozialität: die Fähigkeit, mehrere Perspektiven gleichzeitig einzunehmen
bzw. mehrere Dinge gleichzeitig zu sein.150

2.2.2. Die Dialektik von I und Me

Vor dem Hintergrund dieses grundlegenden Prinzips der Sozialität entwickelt


Mead die schon erwähnte Differenz von I und Me. Und wie bereits gesehen,
schreibt er der Lautgebärde für die Erklärung der Identitätsbildung und damit
der I/Me-Differenz eine zentrale Rolle zu. Wir können den Gedanken hier wie-
der aufnehmen und hinzufügen, dass es das „signifikante Symbol“151 ist, was
den entscheidenden Unterschied zwischen einem (noch unbestimmten) Hand-
lungssegment und einem Zeichensubstrat macht: Erst das signifikante Symbol
ermöglicht menschliche Kommunikation. Das wird allerdings nur unter Hinzu-
nahme des Mead’schen Kommunikationsbegriffes zu verstehen sein, weil
(Sprach-)Handlungen immer Kommunikationshandlungen sind. Der eine Teil
149
Ders. 1969a: 296f.
150
Hans Joas findet dafür die Bezeichnung „primäre Sozialität“ (Joas 1996: 270ff.). Ein leicht
irreführender Terminus, legt er doch nahe, es gebe auch so etwas wie sekundäre Sozialität.
Diese hätte einer irgendwie abgeleiteten Form der primären Sozialität zu entsprechen. Mead
betont allerdings gerade, dass es diese abgeleiteten Formen nicht geben kann: Es gibt nur
verschiedene Gestalten von Sozialität, soziales Verhalten im umgangssprachlichen Sinne ist
eine davon. Wenn Sozialität aber nicht hintergehbar ist, braucht es auch den Terminus der
primären Sozialität nicht.
151
Mead 1973: 111.

90
seiner Begriffsbestimmung wurde bereits eingeführt: Die Konstitution von So-
zialität und die Konstitution der spezifisch menschlichen Kommunikation sind,
so hieß es oben, ein und dasselbe. Mead behauptet darüber hinaus aber auch, die
für die menschliche Sprache charakteristische Struktur komme Kommunikation
erst zu, wenn das Senden und Empfangen der Signale so vor sich geht, dass der
Sender auf den Empfänger nicht nur einwirkt, sondern seine Reaktion vorweg-
nimmt wie umgekehrt der Empfänger die Handlungen des Senders mitvollzie-
hen muss.152 Eine Passage aus Geist, Identität und Gesellschaft macht diesen
Zusammenhang klar:

„Der Einzelne erfährt sich – nicht direkt, sondern nur indirekt – aus der beson-
deren Sicht anderer Mitglieder der gleichen sozialen Gruppe oder aus der ver-
allgemeinerten Sicht der sozialen Gruppe als Ganzer, zu der er gehört. Denn er
bringt die eigene Erfahrung als einer Identität oder Persönlichkeit nicht direkt
oder unmittelbar ins Spiel, nicht indem er für sich selbst zu einem Subjekt
wird, sondern nur insoweit, als er zuerst zu einem Objekt für sich selbst wird,
genauso wie andere Individuen für ihn oder in seiner Erfahrung Objekte sind;
er wird für sich selbst nur zum Objekt, indem der die Haltungen anderer Indi-
viduen gegenüber sich selbst innerhalb einer sozialen Umwelt oder eines Erfah-
rungs- und Verhaltenskontextes einnimmt, in den er ebenso wie die anderen
eingeschaltet ist.“153

Diese Einstellungsübernahme sieht Mead symbolisch vermittelt; daher nennt er


die Zeichen der menschlichen Sprache – zur Abgrenzung gegen signalartig
funktionierende Zeichen der Tiersprachen – signifikante Symbole. Bedeutung
ist dabei (zunächst) nicht mehr und nicht weniger als das, was sowohl anderen
als auch sich selbst angezeigt werden kann.154 Denn ein bedeutungstragendes
Zeichen, also ein Symbol, „tendiert dazu, im Individuum selbst und bei anderen
Menschen eine Gruppe von Reaktionen auszulösen“, wobei „die Reaktion in der
eigenen Identität auf ein Wort wie ‚Stuhl’ oder ‚Hund’ für den Einzelnen so-
wohl ein Reiz als auch eine Reaktion (ist).“155 Diese interne Verschränkung von
Reiz und Reaktion ist für Mead der Kern jeder Kommunikation: „Das Grund-
prinzip der sozialen Organisation des Menschen (ist) die Kommunikation, [...]
die Anteilnahme an den anderen voraussetzt“156, eine Anteilnahme, die nicht im
emphatischen Sinne zu verstehen ist. Es geht Mead um die prinzipielle „Fähig-
keit des Einzelnen, (die) Haltungen der anderen einzunehmen.“ Diese Fähigkeit
152
Vgl. dazu Tugendhat 1979: 250f.
153
Mead 1973: 180.
154
Vgl. ders. 1980: 220f.; 1973: 160f.
155
Ders. 1973: 111; vgl. ebd.: 316: „Die Symbole dienen einfach dazu, Reaktionen auszulö-
sen. Sie sind nicht nackte Wörter, sondern Wörter, die bestimmten Reaktionen entsprechen.“
156
Ebd.: 299. Das ist einer der Hauptpunkte, an denen auch Habermas’ Theorie des kommuni-
kativen Handelns ansetzt. Vgl. dessen Auseinandersetzung mit Mead in Habermas 1987/Bd. 2:
11ff.

91
gibt dem Einzelnen „sein Me, das heißt die Identität, deren er sich bewusst
wird.“157
Benannt ist mit diesem Grundprinzip der sozialen Organisation des Men-
schen, also der Sozialität, der soziologische Aspekt an Meads interaktionisti-
scher Analyse des pragmatistischen Wahrnehmungs- und Handlungsmodells. Es
gibt daneben noch einen anderen, der hier von Bedeutung ist. Ludwig Jäger
unterstreicht ihn, wenn er schreibt: „Der Bezug auf das andere Individuum se-
mantisiert gleichsam das Segment einer eigenen Ausdrucksbewegung, und zwar
dadurch, dass es mit dem Wert dieser Ausdrucksbewegung, für das andere Indi-
viduum belegt wird.“158 Denn durch die Beziehung auf andere Individuen, so
Mead, „ist ein Ausdruck von einem bloßen Ausfluss nervöser Erregung zu einer
Bedeutung geworden.“159 Sinn, heißt dies, entsteht durch Interaktion, ist vom
(Interaktions-)Prozess nicht abtrennbar. Deshalb kann Mead auch sagen, „dass
der Prozess der Sprache für die Entwicklung des Ich wesentlich ist.“160 Sprache
und Identitätsbildung gehören also zusammen: Nicht nur das Ich konstituiert
sich in einem dialektischen I/Me-Prozess, sondern genauso der jeweilige Sinn
einer sprachlichen Handlung. Weil der pragmatistische Handlungsbegriff aber
gerade nicht vom monologischen Subjekt ausgeht, jede (Sprach-)Handlung also
immer jenen hier erarbeiteten umfassenden Sozialitätsbegriff impliziert, lässt
sich dieser Prozess der Sprach- bzw. Bedeutungs- und Identitätsbildung nicht
auf subjektive Konstruktionsleistungen beschränken. Und das heißt, weder das
Ich noch der Bedeutungsgehalt sprachlicher Handlungen wird als ein irgendwie
im Innern verborgener Kern, sondern als interaktive Struktur begriffen, eine
Struktur, innerhalb der sich das Individuum so zu sich verhält, dass es sich darin
immer auch zu anderen verhält, die sich zu ihm verhalten. Eben diese Doppel-
gestalt der Identitäts- und Sinnbildung will die I/Me-Differenz benennen: Im Me
wird sich das I selbst zum Objekt.161
157
Ders. 1973: 218.
158
Jäger 2002: 65.
159
Vgl. Mead 1980: 207.
160
Ders. 1969: 263.
161
Es lohnt, an diesem Punkt den Unterschied zu Hegel zu betonen: Auch Hegels Begriff des
Geistes ist durch eine Dialektik strukturiert, wonach dieser erst durch das Aus-sich-
Heraustreten, das Sich-im-Anderen-Verlieren zu sich selbst kommt, Selbsterkenntnis also
immer an Fremderkenntnis gebunden ist. Dieser Kerngedanke der Hegel’schen Dialektik hat
in Meads I/Me-Differenz durchaus seine Spuren hinterlassen, und zwar als dialektische Me-
thode zur Erklärung von Bedingungsverhältnissen. Hegelianisch ist diese Methode, wenn sie
die dialektische Bewegung darüber hinaus in einem objektiven Geist, also einem absolut
gesetzten Vernunftprinzip verankert sieht. Diesen Schritt geht Mead jedoch nicht, er referiert
auf keine Wahrheitskategorie im Hegel’schen Sinne, auch wenn er, wie sich noch zeigen wird,
die Vernunft als letzte Instanz ins Spiel bringt. Aber an dieser Stelle werden die vorliegenden
Überlegungen Mead gerade nicht folgen und damit auch nicht einen Weg einschlagen, der
einer hegelianischen Teleologie gehorcht. Wagner weist allerdings darauf hin, dass es eine
weitere Verbindung von Mead und Hegel gibt, die durchaus sinnvoll erscheint. (vgl. Wagner
2001: 148ff.) Hegels Wissenschaft der Logik ließe sich nämlich auch so lesen, dass Hegel dort

92
Gemäß des Mead’schen Selbstanspruchs soll diese interaktive Struktur nicht
mehr das traditionelle Subjekt-Objekt-Schema bedienen und folglich nicht län-
ger in jene Aporien führen, die dem Objekt ein entweder bloß reagierendes oder
aber bloß konstruierendes Subjekt gegenüberstellen. Er begründet diese Auflö-
sung des Subjekt-Objekt-Modells dabei auch mit einem sprachanalytischen
Argument: „Solange wir noch kein Prädikat haben, (haben wir) ebenso wenig
ein Subjekt.“162 Um ich sagen zu können, braucht es demgemäß auch ein Ob-
jekt, das dem Subjekt Sinn verleiht; denn so wie ein Objekt stets ein Subjekt
voraussetzt, ist das Subjekt ohne Objekt nicht vorstellbar.163 Objekt ist dabei nur
das, worauf der (ideell oder tatsächlich vorhandene) Andere (interpretierend)
reagieren kann: Das Objekt des Ich ist kein im Inneren des Subjektes mit ich
angesprochener verborgener Kern, sondern die Handlung, in denen sich ein Ich
objektiviert. Erst mit einer wie auch immer gearteten Äußerung wird das Ich zu
einer (für sich selbst wie für den anderen) erfahrbaren Entität, es wird zu einem
Objekt. Das, was die philosophische Tradition mit Innerlichkeit oder Subjektivi-
tät einzufangen versuchte, wird bei Mead auf der Basis des kommunikativen
Verhaltens im Sinne eines Sichverhaltens zu sich entfaltet. Darin zeigt sich für
Mead wieder die dialektische Struktur der epistemischen Selbstbeziehung: Das I
wird zum (sozialen) Objekt seiner selbst, es wird zum Me.164 Die zeitphiloso-
phische Dimension dieser Bestimmung erklärt er darüber hinausgehend am
Beispiel des Erinnerungsvermögens:

„Ich spreche zu mir selbst und erinnere mich an meine Worte und vielleicht
auch an den damit verbundenen emotionalen Inhalt. Das I dieses Moments ist
im Me des nächsten Moments präsent. Auch hier kann ich mich nicht schnell
genug umdrehen, um mich noch selbst zu erfassen. [...] Somit ist das I der Er-
innerung der Sprecher für die Identität, wie sie vor einer Sekunde, einer Minute
oder einem Tag existierte. Als einmal gegeben, ist sie ein Me, aber ein Me, das
früher einmal ein I war. Wenn man also fragt, wo das I in der eigenen Erfah-
rung direkt auftritt, lautet die Antwort: als historische Figur.“165

an eine Subjekt- und Prädikatkonzeption denke, die sich erst aus dem Vollzug ihrer Bewegung
bestimmen lasse (und nicht nur aus dem Bezug auf den objektiven Geist). Wagner verweist zur
Stützung dieser Interpretation auf Theunissen, demzufolge Hegel die Begriffe Subjekt und
Prädikat zunächst unbestimmt lässt: Es sind „bloße ‚Namen’, brauchbar allein zur vorläufigen
Orientierung.“ (Theunissen, M.: Sein und Schein. Frankfurt am Main 1980: 434.) Denn, so
Theunissen, „die im Urteilskapitel vorgeführte Bewegung ließe sich gar nicht nachvollziehen,
blieben Subjekt und Prädikat, was sie sind.“ (ebd.)
162
Mead 1980: 140.
163
Vgl. ebd.: 241.
164
Es sei bereits hier darauf hingewiesen, dass in diesem Argument mehr enthalten ist als ein
Erklärungsansatz für die Bildung von Selbstbewusstsein. Dass nämlich das I sich erst als Me
bewusst werden kann, verweist auf eine allgemeine Figur der Prädizierung, die im Zusam-
menhang mit Peirce’ früher Kategorienlehre geklärt wird.
165
Mead 1973: 217f. (Hervorhebung D.P.).

93
Genauso wie es in der aktuellen Gegenwart keine Erkenntnis geben kann und
wie die unmittelbare Erfahrung erst im Stadium der (Zeichen)Vermittlung greif-
bar wird, ist das I als solches unbestimmt: „Wir können uns keine Reaktion
vergegenwärtigen, während wir reagieren.“166 Vergegenwärtigen können wir sie
uns allein im Modus des Me:

„Denn in dem Augenblick, in dem es (das I, D.P.) vorgestellt wird, ist es in den
Objektfall übergangen und setzt [...] ein I voraus, das beobachtet – aber ein I,
das sich vor sich selbst nur offenbaren kann, indem es aufhört, das Subjekt zu
sein, für das das Objekt Me existiert.“167

Das Selbst des Selbstbewusstseins ist folglich nicht das spontan – umgangs-
sprachlich ausgedrückt: subjektiv – handelnde Ich; dieses ist nur in der symboli-
schen Vermittlung durch das Me gegeben.168 Denn „erst durch die Fähigkeit, zur
gleichen Zeit man selbst und ein anderer zu sein, wird das Symbol signifikant
oder bedeutungsvoll.“169 Umgekehrt wissen wir auf diese Weise aber auch, was
Mead mit dem Begriff des I im Auge hat: Das I ist die Subjektivitätserfahrung
des Hier und Jetzt. Es ist nur in der aktuellen Gegenwart gegeben, wissen lässt
sich vom I also nur deshalb als historische Figur, weil es im Status des Wissens
resp. der Reflexion bereits ein Me ist; oder anders gefasst: Das I ist die Sponta-
neitätsinstanz, die erst als Me sich objektivieren kann.
Mead hat zur schärferen begrifflichen Bestimmung des zeitlichen Status des I
daher von Present gesprochen.170 Ein unübersetzbarer Terminus, der drei As-
pekte von Unmittelbarkeit vereint: zum einen das Präsens der zeitlichen Ge-
genwart im Sinne von Gleichzeitigkeit, zum anderen die Präsenz der räumlichen
Gegenwart im Sinne von Anwesenheit und zum dritten das Präsent im Sinne
der Gegebenheit des Anderen.171 Mead bedient sich des Begriffes Present dabei
auch, um zwischen Kontakt- und Distanzerfahrung unterscheiden zu können. Er
schreibt:

166
Ders. 1980: 239.
167
Ebd.: 241.
168
Selbst ist hierbei nicht als eigenständiger Begriff eingeführt, sondern meint Identität im
Sinne von Ich-Identität. Tugendhat hat gefordert, das ‚self’ im Originaltext nicht mit Identität,
sondern durchweg mit Selbst zu übersetzen. (vgl. Tugendhat 1979: 247) Das ist aber nur dann
notwendig, falls der Begriff Identität unerwünschte Konnotationen mit älteren philosophischen
Traditionen, etwa des deutschen Idealismus, hervorruft, welche die vorliegenden Überlegun-
gen zu vermeiden hoffen. Vgl. dazu auch die Erörterungen von Joas in der Einleitung zum
ersten Band von Meads gesammelten Aufsätzen: Mead 1980: 17f.
169
Mead 1980: 295.
170
Vgl. ders. 2002: 35ff.
171
Es ist hier wieder zu bedenken, dass Mead nicht an konkret-gegenständliche Gegebenheiten
denkt, sondern an virtuelle: Es muss nicht ein konkreter Gegenstand im handgreiflichen Sinne
gegeben sein, es kann auch ein gedachter sein. Ein Gegenstand der Phantasie ist demnach
genauso gegeben wie die Katze vor dem Fenster.

94
„Die Dinge sind nicht real, so wie sie gesehen, gehört oder gerochen werden;
sie sind real, wenn sie wirklich oder potenziell durch Kontakt erfahren werden.
In der unmittelbaren Erfahrung sind die Geschehnisse sowohl mit einer zeitli-
chen als auch mit einer räumlichen Dichte gegenwärtig.“172

Unmittelbare Erfahrung gehört deshalb zum Status der aktuellen Gegenwart;


interaktionistisch gesprochen gehört sie zur Instanz des I. Die Subjektivitätser-
fahrung des I, heißt dies, ist eine Kontakterfahrung, der die Distanzerfahrung
des Me gegenübersteht.173 Beides zusammen macht die interaktionistische
Struktur der Identität aus; ihr kommt genau das zu, was Mead zufolge die
Grundstruktur der Sozialität ist: die Gleichzeitigkeit von Perspektiven.
Diese Bestimmung führt uns wieder auf die Frage nach dem Begriff der
Kommunikation zurück, für den die Differenz von I und Me entscheidend ist:
Erst indem die unmittelbare Erfahrung des Hier und Jetzt in den Objektfall ü-
bergegangen ist, wird Prädizierung und also Kommunikation möglich. Der
Kommunikations- bzw. Handlungsbegriff verwickelt sich so in keine bewusst-
seinsphilosophischen Aporien mehr, da die gesamte Herleitung dieses I/Me-
Modells auf die Inanspruchnahme eines denkenden, innerlichen Ich als Erklä-
rungsgrundlage verzichtet. Das denkende Ich, oder wie Mead sagt: das Selbst
als Ich-Identität, ist vielmehr das Ergebnis dieses dialektisch aufzufassenden
I/Me-Prozesses. Insofern ist es durchaus zutreffend, worauf Habermas hinge-
wiesen hat, dass nämlich Mead das Programm der Bewusstseinsphilosophie
wieder aufnimmt und Bewusstseinsphänomene analysiert, allerdings „unter dem
Gesichtspunkt, wie diese sich in den Strukturen sprachlich und symbolisch
vermittelter Interaktion herausbilden“.174 Weil nämlich die Reaktion des Me auf
das I die „organisierte Gruppe von Haltungen anderer, die man selbst ein-
nimmt,“175 ist, ist Selbstbewusstsein kein dem Subjekt irgendwie innewohnen-
des, sondern ein soziales Phänomen, oder genauer noch ein kommunikatives
Phänomen: „Der Ort des Geistes liegt nicht im Individuum.“176 Vielmehr ist das
„innere Bewusstsein sozial organisiert durch die Hereinnahme der sozialen
Organisation der Außenwelt.“177 In diesem Sinne werden hier Innenwelten und
Außenwelten nicht ontologisierend gegenübergestellt, sondern als Komponenten
der objektiv vorliegenden Einheit des vollständigen Handlungskreises integriert.
An der Stelle der monologischen Subjekt-Objekt-Relation steht die pragmatisti-
sche Grundrelation (Subjekt-Subjekt-)Objekt.
172
Mead 1987: 95.
173
Vgl. Weiteres in III 2.2.
174
Habermas 1987/Bd. 2: 12; vgl. ders. 1992: 210.
175
Mead 1987: 104.
176
Ebd.; vgl. auch ders. 1969: 79: „Denken ist ein fortlaufendes Selbstgespräch, wenn das
Individuum sich in die Haltungen des anderen versetzt. [...] Denken besteht in einem Kommu-
nikationsprozess, der Hand in Hand geht mit der Partizipation an der Erfahrung anderer Leu-
te.“
177
Ders. 1980: 240.

95
Erweist sich das Me damit aber nicht – wie Jürgen Habermas argwöhnt – als
„eine konservative Macht“, als Instanz, die „mit dem Bestehenden verschwistert
ist“?178 Nur dann, wenn man das Bestehende als konservative Macht begreift.
Mead tut das gerade nicht; aber Habermas wird auf seine irreführende Fährte
gelockt, weil er die zeittheoretischen Implikationen der Mead’schen Handlungs-
theorie vernachlässigt. Aus diesen ist zu ersehen, dass das Bestehende sich nur
unter dem Blickwinkel beider Zeitmodi als bestehend konstituiert: Zum Beste-
henden gehört die (vielleicht als konservative Macht wirkende) Vergangenheit
genauso wie die durch Strukturoffenheit definierte Zukunft. Das Me bezieht
nicht nur die (in der Vergangenheit) verwirklichten Handlungen ein, sondern
auch die möglichen, und zwar sowohl die in der Vergangenheit als auch – auf-
grund der Handlungsstruktur – die in der Zukunft möglichen. Mit dieser Inter-
pretation der Mead’schen Zeitphilosophie kommt bereits das zum Tragen, was
wir aus objektiv-hermeneutischer Sicht als Sequenzlogik der Handlungsstruktur
noch erörtern werden. Ihre Grundfigur sei schon hier am Beispiel der Begrü-
ßungshandlung verdeutlicht: Wir hatten gesehen, dass B genau zwei Möglich-
keiten besitzt, auf den Guten-Abend-Gruß A’s am Morgen zu reagieren. Umset-
zen kann B aber trivialerweise nur eine der beiden Möglichkeiten, obwohl es die
andere rein handlungslogisch gesehen als objektive Möglichkeit auch gegeben
hat. Denn unabhängig davon, welche Motive oder Situationseigenschaften B
diese und nicht jene Möglichkeit wählen ließ, sind sie doch beide als Möglich-
keiten gegeben. Übertragen auf das I/Me-Modell heißt dies: Die Einstellungs-
übernahme bedeutet für B, beide Möglichkeiten zu übernehmen; damit ist noch
nichts darüber gesagt, warum B welche Möglichkeit wählt, aber durchaus etwas
darüber, dass durch die Art und Weise der von A eröffneten Interaktion genau
diese beiden Möglichkeiten übernommen werden (und keine anderen). Mead
behauptet mit seinem I/Me-Modell also nicht, dass die Hereinnahme der Hal-
tung eines anderen bedeutet, man übernehme die jeweils vom Anderen bereits
verwirklichte Lösung der Problemsituation. Im Gegenteil. Er hat mit dem Mo-
dell des Sich-im-Anderen-Erkennens stets das „soziale Ganze“179 im Blick, also
alle objektiv gegebenen (Handlungs-)Möglichkeiten der Problemlösung und
damit auch jene, die nicht umgesetzt wurden. Vor diesem Hintergrund bringt
Mead auch seine Kategorie des verallgemeinerten Andern (generalized other)
ins Spiel; sie besagt: „Wir besitzen eine Ich-Identität gerade insoweit, als wir die
Haltungen der anderen zu uns einnehmen können bzw. tatsächlich einnehmen
und indem wir auf die Haltungen reagieren.“180 Mit diesem Anderen geht es also
178
Habermas 1992: 220.
179
Mead 1973: 197; vgl. auch ebd.: 45. – An dieser Stelle sei noch einmal darauf hingewiesen,
dass wir nicht die Übersetzung Pachers übernehmen (‚gesellschaftliches Ganzes’), sondern aus
den erwähnten Gründen von einem sozialen Ganzen sprechen.
180
Ders. 1980: 323.

96
um jene „Wechselwirkungen zwischen Erfahrungen“181, derzufolge „das Den-
ken Verständigung dieses generalisierten Anderen mit der eigenen Identität
(ist).“182
Habermas verkürzt dagegen den bei Mead sehr weit gefassten Begriff der
Verständigung auf die „Einstellungsübernahme“ und deutet diese als eine „In-
ternalisierung von Ja/Nein-Stellungnahmen“,183 die den Kern seiner Theorie des
kommunikativen Handelns ausmachen. Ist die Kategorie des verallgemeinerten
Anderen einmal derart eingeengt, kann Habermas sie auch als Instanz der sozia-
len Kontrolle begreifen und den Kriterien der Normgeltung unterwerfen;184 und
er kann Mead vorhalten, dieser unternehme keine Anstrengungen, „die Phäno-
mene aufzusuchen, an denen sich die Struktur von Gruppenidentitäten klären
lässt“185, ein vermeintlicher Mangel, auf den Habermas mit einer Analyse des
religiösen Bewusstseins zu reagieren versucht. Ein genauerer Blick auf Meads
Kategorie des verallgemeinerten Anderen zeigt allerdings, dass Habermas’
Vorwurf unberechtigt ist. In einer Fußnote stehen bei Mead die entscheidenden
Hinweise: „Jeder Gegenstand – jedes Objekt oder jede Gruppe von Objekten, ob
nun lebendig oder unbelebt, tierisch oder einfach physisch –, im Hinblick auf
den der Mensch handelt [...], ist für ihn ein Element des verallgemeinerten An-
deren.“186 Eine Instanz der sozialen Kontrolle ist daraus nicht ableitbar, weil
Kontrolle determinierende Steuerung hieße, eine Steuerung, die das Handeln des
Einzelnen festlegt, während Mead davon spricht, das Handeln des Einzelnen
geschehe im Hinblick auf das soziale Ganze. Darin drückt sich die grundlegend
andere Perspektive der Handlungstheorie aus, die Mead wählt, geht es ihm doch
darum, „dass wir das Verhalten des Individuums im Hinblick auf das organisier-
te Verhalten der gesellschaftlichen Gruppe erklären, anstatt das organisierte
Verhalten der gesellschaftlichen Gruppe aus der Sicht des Verhaltens der ein-
zelnen Mitglieder erklären zu wollen.“187 Von sozialer Kontrolle könnte dage-
gen nur gesprochen werden, wenn man das Handeln Einzelner im Hinblick auf
die Identität mit dem Handeln des Ganzen betrachtet, eine Sichtweise, die Mead
gerade nicht vorschlägt, Habermas’ jedoch unterstellt, indem er den verallge-
meinerten Anderen als „allgemeinen Gruppenwillen“ begreift und nicht mit der
181
Ders. 1973: 198.
182
Ders. 1980: 296.
183
Habermas 1987/Bd. 2: 26. Tugendhat geht den gleichen Schritt und glaubt, Mead um ein
Konzept von Ja/Nein-Stellungnahmen erweitern zu müssen. (vgl. Tugendhat 1979: 246,
256ff.). Es kann und soll mir hier nicht um eine differenzierte Kritik an dieser Schlussfolge-
rung gehen. Es muss der schon angeführte Hinweis genügen, dass ein solcher Schluss nur
dann zwingend ist, wenn man – wie Habermas und Tugendhat – den rollentheoretischen
Aspekt bei Mead überschätzt bzw. um die zeittheoretischen Implikationen beschneidet.
184
Vgl. Habermas 1987/Bd. 2: 73.
185
Ebd.
186
Mead 1973: 196 (Hervorhebung D.P.).
187
Ebd.: 45.

97
„generalisierten Willkür aller Einzelnen“ verwechselt sehen möchte.188 Das
hieße aber, den verallgemeinerten Anderen als Summe der Einzelnen zu denken,
was der dialektischen Struktur von I und Me widerspricht, derzufolge der Ein-
zelne jeweils mehr und weniger als das Ganze ist. Anders gefasst: Das Me bildet
keinen allgemeinen Gruppenwillen ab, es verlangt vielmehr, wie Axel Honneth
schreibt, „sich selber als einzigartige und unvertretbare Persönlichkeit verstehen
zu können“, tritt also als „Organ der ethischen Selbstvergewisserung“ auf, ein
Organ, das „die Wertüberzeugungen eines Gemeinwesens enthält, in deren Licht
sich ein Subjekt der sozialen Bedeutung seiner individuellen Fähigkeiten versi-
chern kann.“189 Entsprechend ist die Möglichkeit einer radikalen Abweichung
vom allgemeinen Gruppenwillen nicht ausgeschlossen, sondern im Begriff des
Me bereits angelegt. Meads Punkt ist jedoch, dass auch solche Abweichungen
erst im Hinblick auf den generalisierten Anderen Relevanz bekommen: „Wir
können uns eine absolut solitäre Identität vorstellen, nicht aber eine Identität, die
außerhalb der sozialen Erfahrung erwächst.“190 Folglich kann eine Person „den
Punkt erreichen, wo sie sich der ganzen Umwelt in den Weg stellt.“191
Allgemein ausgedrückt: Eine Person kann durchaus alle diejenigen (Hand-
lungs-)Möglichkeiten wählen, die in der Vergangenheit nicht gewählt wurden;
der allgemeine Gruppenwillen kann sie daran hindern, muss es aber nicht. Mead
denkt folglich auch die Kategorie des generalisierten Anderen strikt aus der
Dialektik des pragmatistischen Handlungsmodells heraus: Das Subjekt steht in
einem Handlungsraum, der die verwirklichten und möglichen Reaktionen um-
fasst, wobei handeln bedeutet, aus den mit dem emergenten Ereignis entstande-
nen Möglichkeiten eine Option zu verwirklichen, und zwar verwirklichen zu
müssen. Verharren ist nicht möglich, so wie es die dauerhafte aktuelle Gegen-
wart nicht geben kann: Sich der Optionswahl zu verweigern, heißt auch eine
Option verwirklichen. Dennoch ist mit der je konkreten Wahl das Spektrum der
Möglichkeiten nicht verlöscht, sondern bleibt als Spektrum der nicht verwirk-
lichten Möglichkeiten erhalten, auch und gerade im Sinne einer Abweichung
vom allgemeinen Gruppenwillen.
Man kann sich Meads Rede vom generalisierten Anderen auch noch mit einer
anderen Argumentation klar machen.192 Ist die grundlegende Subjektstruktur
nämlich derart angelegt, dass sich das Individuum so zu sich verhält, dass es
sich darin zu anderen verhält, die sich zu ihm verhalten, kann es sich nicht neu
verstehen, ohne gleichzeitig die soziale Situation anders zu verstehen. Selbstkri-
188
Habermas 1987/Bd. 2: 62.
189
Honneth 2003: 140; vgl. zur Kritik an Mead ebd.: 143ff.
190
Mead 1973: 182.
191
Ebd.: 210.
192
Interessanterweise denkt gerade Tugendhat in diese Richtung. (vgl. Tugendhat 1979:
280ff.) Er argumentiert hier allerdings mit Aristoteles, indem er darauf hinweist, dass Meads
Begriff des generalisierten Anderen eng mit dessen Terminus ‚koinonia’ verbunden ist. (vgl.
ebd.: 266)

98
tik ist demnach immer Kritik am sozialen Ganzen.193 Um Bewusstsein zu haben,
muss man zwar „die Haltungen des anderen im eigenen Organismus haben, als
Kontrollorgan für seine eigenen Handlungen“194: Die (normativen) Vorstellun-
gen müssen (als Me) in konventioneller Gestalt vorhanden sein, um überhaupt
Ausgangspunkt von neuen Handlung sein zu können. Aber das „Element der
Neuheit [...] entsteht durch die Reaktion des Einzelnen auf die Gruppe, deren
Mitglied er ist.“195 Die Reaktion selbst ist dabei – wie die Zukunft – strukturof-
fen, sie unterliegt der „Freiheit von Konventionen“; aber diese Freiheit ist nur
dort gegeben, „wo sich der Einzelne sozusagen von einer engen und begrenzten
Gesellschaft an eine umfassendere wendet, umfassender in dem logischen Sin-
ne, dass es in ihr Rechte gibt, die weniger beschränkt sind.“196
Diese umfassende Gesellschaft ist für Mead die Vernunft, die er ins Spiel
bringt, um der Dialektik von I und Me rationalitätssichernden Halt zu verleihen.
Offen bleibt bei Mead, inwiefern dies keinen bloßen Vernunftappell darstellt,
der aus der Argumentation herausfällt und zur leeren Formel wird. Es wird
daher im übernächsten Kapitelabschnitt zu zeigen sein, dass der I/Me-Prozess
auf keinem moralischem Appell, sondern auf der Inanspruchnahme von materia-
ler Rationalität beruht. Mead hat diese Schlussfolgerung nicht gezogen; sein
Vernunftappell impliziert einen Konsens, der sich ergeben müsste, wenn es zu
einem universellen Diskurs, zu einem Diskurs aller vernünftigen Wesen kä-
me.197 Anders als in der (universalpragmatischen) Lesart Habermas’ verweist
das nicht notwendig auf ein universelles Kommunikationsapriori. Es lässt sich
(zunächst) auch so lesen, dass Mead Kritik am Bestehenden als Arbeit am Mate-
rial, an und mit dem sich sowohl das soziale Ganze als auch die einzelne Identi-
tät bildet, begreift. Das ist jene Richtung, die Oevermann wählt. Bevor wir des-
sen Interpretation des I/Me-Prozesses schildern werden, seien zuvor die Konse-
quenzen für den Sinnbegriff dargestellt, nicht nur, weil Oevermanns Mead-
Interpretation sich auf den im Folgenden erörterten Sinnbegriff bezieht, sondern
auch, weil es dieser Sinnbegriff ist, mit dem die objektiv- hermeneutische Theo-
rie und Methodologie arbeitet.
193
Vgl. Mead 1973: 302.
194
Ebd.: 240.
195
Ebd.: 242.
196
Ebd.: 243.
197
Vgl. ebd.: 376.

99
2.2.3. Der genetische Sinnbegriff

Die vorangehenden Kapitel haben den pragmatistischen Handlungsbegriff vor


dem Hintergrund der Peirce’schen Zeichen- und Kategorientheorie und Meads
sozialisationstheoretischer und zeitphilosophischer Weiterführung des pragma-
tistischen Gedankens entwickelt. Führt man nun die handlungstheoretischen
Argumente zusammen, ist einem das Begriffsinstrumentarium zur Bestimmung
des Sinnbegriffs an die Hand gegeben. Mead führt ihn folgendermaßen ein:

„Sinn entwickelt sich und liegt innerhalb des Bereichs der Beziehung zwischen
der Geste eines bestimmten menschlichen Organismus und dem folgenden
Verhalten dieses Organismus, wie es anderen menschlichen Organismen durch
diese Geste angezeigt wird. [...] In anderen Worten, die Beziehung zwischen
einem gegebenen Reiz – als einer Geste - und den späteren Phasen der sozialen
Handlung [...] ist der Bereich, in dem Sinn oder Bedeutung entsteht und exis-
tiert. Sinn ist daher die Entwicklung einer objektiv gegebenen Beziehung zwi-
schen bestimmten Phasen der sozialen Handlung und keine ‚Idee’ im traditio-
nellen Sinne.“198

Sinn konstituiert sich, heißt dies, vermittels eines Prozesses, der an die nicht
hintergehbare Sozialität gebunden ist, entsteht also aus dem relationenlogischen
Zusammenspiel der drei Kategorien, zeittheoretisch gesprochen: aus dem im
Zusammenspiel von Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft neuentstehenden
Ereignis. Sinn ist damit weder einfach gegeben noch bloß subjektiv konstruiert,
sondern ein emergentes Produkt der handlungslogischen Verknüpfung von Zei-
chen im Peirce’schen Sinne bzw. der Verknüpfung von Handlungsphasen im
Sinne Meads zu einer sozialen Handlung. Sinn ist das Produkt eines handlungs-
logischen Prozesses. Damit ist der Sinnbegriff losgelöst von der umgangs-
sprachlichen Verwendungsweise, derzufolge das Sinn hat, was dem (handeln-
den) Subjekt als sinnvoll erscheint. Sinn ist kein Ergebnis der Sinnzuschreibung,
sondern emergiert aus der handlungslogischen Verknüpfung von Zeichen bzw.
Handlungsphasen. Auch wenn erst noch (in II 2.3.2.B) zu klären sein wird, was
einem Ereignis die Eigenschaft der Emergenz verleiht, ist bereits aus dieser
Bestimmung zu ersehen, dass jeder sinnbildende Prozess eine objektive Sinn-
struktur erstellt, objektiv deshalb, weil dieser Prozess keine Funktion des Hand-
lungsbewusstseins ist. Das geht aus dem (pragmatistischen) Handlungsbegriff
selbst hervor: Wenn Handeln heißt, auf ein Ereignis reagieren zu müssen, indem
man aus dem Spektrum jener Möglichkeiten wählt, die das emergente Ereignis
entwirft, entsteht erst mit der Wahl einer Option, also dem Schließen eines
(Handlungs- und Wahrnehmungs-)Kreislaufes, ein sinnstrukturierter Zusam-
198
Ebd.: 115.

100
menhang.199 Deshalb kann Mead auch sagen, dass „die Realität vom Erfolg des
Handelns (abhängt): Gegenwärtige Realität ist eine Möglichkeit.“200 Der Begriff
der Möglichkeit ergibt sich dabei seinerseits wieder aus den benannten zeittheo-
retischen Annahmen: „Es ist die Relativität der Zeit, die unendliche Anzahl
möglicher Ereignis-Anordnungen also, welche in die Natur ‚Möglichkeit’ ein-
führt.“201 Und diese Form der Möglichkeit ist es, welche die „Bedingungen“
festlegt, „unter denen der Sinn für Bedeutungen entstehen kann.“202 Sinn gibt es
demnach nur in einem durch emergente Ereignisse dynamisierten Wahrneh-
mungs- und Handlungszusammenhang; die Zerstörung des Lebens würde er
nicht überdauern. Auch so gesehen ist unter Sinn keine (strukturlose) Idee ver-
standen: Sinn ist die Folge emergenter Ereignisse, er konstituiert sich mit der
bzw. als je verschiedene Handlungsstruktur. Sinnlosigkeit ist folglich gerade
nicht das Oppositum zu Sinn, Sinnlosigkeit ist nur ein Spezialfall von Sinn: Es
ist der spezielle Fall, aus dem Möglichkeitsspektrum die Möglichkeit des Negie-
rens zu wählen. Diese Wahl ist jedoch nur auf der Grundlage von Sinnstrukturen
selbst möglich. Das Sinnlose verweist nicht auf einen Bereich jenseits des
Nenn- oder Erkennbaren, bezeichnet nicht ein Außerhalb des Zeichens oder der
Sinnstrukturiertheit, es ist allein im Rahmen von Zeichen- und Sinnstruktur
denkbar.
Gegeben ist hiermit ein genetischer Sinnbegriff, genetisch deshalb, weil Sinn
als Produkt eines Prozesses, einer Bildungsgeschichte verstanden wird. Der
Sinngehalt einer Handlung kann dementsprechend immer nur rekonstruktiv
erschlossen werden, eben indem man den Prozess der Sinnbildung selbst rekon-
struiert; er wird weder entdeckt oder enthüllt noch erfunden oder bloß zuge-
schrieben. Wir werden im Verlauf der folgenden Überlegungen noch genauer
199
Das erinnert auf den ersten Blick womöglich an die systemtheoretische Sinndefinition.
„Sinn verweist immer wieder“, schreibt Luhmann, „auf Sinn und nie aus Sinnhaftem hinaus
auf etwas anderes.“ (Luhmann 1987: 96) Er will damit zwar nicht sagen, „dass es außer Sinn
nichts gibt.“ (ebd.: 97), geht aber von der „Geschlossenheit des Verweisungszusammenhanges
der Selbstreproduktion“ des Sinnes aus. (ebd.: 101) Um ein Außen des Systems dennoch nicht
zu verlieren, beharrt Luhmann auf „direkt zugängliche Erfahrungsgehalte“, auf die „religiöse
Erfahrung der Transzendenz etwa“. (ebd.: 97) Wie aber diese direkt zugänglichen Erfahrungs-
gehalte systemtheoretisch, also indirekt, dennoch erfasst werden können, verrät Luhmann
nicht. Sie bleiben das Numinose am Luhmann’schen Begriff des Systems selbst. Davon abge-
sehen ist die Rede von direkt zugänglichen Erfahrungsgehalten der bewusstseinsphilosophi-
schen Tradition verpflichtet, verstrickt sich also in das Subjekt-Objekt-Modell, indem sie
einen innerlichen Kern des Ich impliziert, einen Kern, zu dem es einen direkten Zugang geben
soll. Dass dies nicht der Weg sein kann, zeigen die voranstehenden Ausführungen. „Das
einsame Subjekt bleibt“, wie Habermas richtig sieht, „Ausgangspunkt seiner Analyse. Das ist
nicht zufällig, denn der systemtheoretische Ansatz zwingt zum gleichen monologischen Sinn-
begriff (unter Vernachlässigung des Fundaments der Intersubjektivität) wie der Begriff des
transzendentalen Ich in der Phänomenologie.“ (Habermas 1985: 411) Vgl. auch II 3.3.1.A.
200
Mead 1987: 222.
201
Ebd.: 223.
202
Ders. 1980: 213.

101
sehen, worin die Spezifik eines solchen Sinnbegriffs besteht. Betont sei hier
aber schon, dass damit die gewöhnliche „Form der Frage“ nach dem Sinnbe-
griff, die etwa Stephan Mussil als üblich in den Literaturwissenschaften diag-
nostiziert, die Frage, ob und inwieweit „das Erklären eines Textes auf Entde-
ckungen oder auf Erfindungen beruhe“203, gerade nicht bedient wird. Denn auch
wenn man wie Mussil versucht, „Erklärung“ als „neutralen Grundbegriff“ ein-
zuführen, kommt man damit noch nicht zur Analyse einer Sinnstruktur. Soll es
nämlich die „Aufgabe der Hermeneutik“ sein, die jeweilige „hermeneutische
Funktion“ eines Textes zu benennen, indem „die Erklärung mitteil(t), was der
Text eigentlich mitteilt“204, bedient man diejenige Illusion, derzufolge sich be-
schreiben lasse, was erklärungsbedürftig ist: „Beschrieben wird, was der Text
wörtlich mitteilt und sich zitieren lässt; erklärt wird, was der Text eigentlich
mitteilt und kein Zitat direkt erfasst.“205 Die hermeneutische Erklärung soll
damit „verdoppeln, was zuvor schon vom Text gesagt worden ist.“206 Ein sol-
cher Ansatz führt zwingend auf eine „beschreibende Verstehenstheorie“207, die
sich mit der Frage konfrontiert sieht, ob die Theorie damit nicht tautologisch sei.
Mussil antwortet hier, die Theorie sei es dann nicht, wenn sie die „Kohärenzprü-
fung von Regelbeschreibungen“ bestehe.208 Diese sind allerdings erst geprüft,
wenn die Theorie (die hermeneutische Erklärung) den Text nicht nur doppelt,
sondern analysiert; andernfalls ist für eine solche Prüfung die Möglichkeit der
Feststellung von Nichtübereinstimmung gar nicht gegeben. Die hermeneutische
Erklärung mündet so in einen Sinnbegriff, der in der Analyse darauf angelegt
ist, nachzuvollziehen, was der Text mitteilt, ohne erklären zu können, warum er
dies und nicht jenes mitteilt. Anders gefasst: Hermeneutische Erklärungen erklä-
ren nicht die spezifische Sinnstruktur eines Textes, sondern paraphrasieren diese
allenfalls. Eine Analyse aber, die über Paraphrase hinausgehen will, muss den
Sinnbildungsprozess selbst untersuchen; und eben dies ist es, was mit der hier
gewählten handlungslogischen Perspektive intendiert ist. Denn wenn Sinn, wie
die vorangehende Mead-Interpretation zeigen wollte, „in den Beziehungen zwi-
schen den Phasen der sozialen Handlung, auf die er sich bezieht und aus der
heraus er sich entwickelt, implizit“ ist209, müssen eben diese Phasen rekon-
struiert werden, um den Sinn zu erschließen. Wir werden noch sehen, was dar-
aus methodologisch und methodisch zu schlussfolgern ist. Jetzt gilt es festzuhal-
ten, dass der Sinnbegriff, indem er an die triadische Relation der Sozialität ge-
bunden wird, weder substanzialistisch den Dingen noch bewusstseinsphiloso-
203
Mussil 2001: 11.
204
Ebd.: 14.
205
Ebd.: 15.
206
Ebd.
207
Ebd.: 150.
208
Ebd.: 151.
209
Mead 1973: 116.

102
phisch der Konstruktionstätigkeit des Subjekts anheim gegeben wird. Wird er
jedoch als Bildungsprozess in der erläuterten Weise verstanden, ist er – wie
Habermas betont – „ohne intersubjektive Geltung nicht zu denken“.210 Darum
muss er sich stets in Symbolen äußern, was wiederum heißt, dass es „so etwas
wie vorsprachlichen Sinn [...] nicht geben (kann)“211, weil Sinn erst im rezipro-
ken Verhältnis zwischen verschiedenen Subjekten, erst in der triadischen Rela-
tion von Sozialität und also erst im Symbol fassbar wird. Die Sprachlichkeit des
Sinnes bedeutet natürlich nicht, dass er sich nicht ebenso gut in nonverbalen
Handlungen oder leibgebundenen Expressionen äußern kann. Aber, so Haber-
mas, „alle Sinngehalte, die in Expressionen oder Handlungen zur Darstellung
gelangen, müssen prinzipiell auch in sprachliche Äußerungen transformiert
werden können (während keineswegs alle semantischen Gehalte der Rede auch
der Übersetzung in Handlungen und Expressionen fähig sind).“212 Intersubjekti-
ve Geltung können Sinngehalte andererseits allein dann beanspruchen, wenn die
(an der Interaktion beteiligten) Subjekte denselben (Handlungs-)Regeln folgen.
Das macht es notwendig, den in diesem Sinnbegriff implizierten Regelbegriff zu
diskutieren, ein Problem, das wir, wie erwähnt, in Kapitel II 3. eigens behandeln
werden.
Blicken wir an diesem Punkt noch auf den Begriff der Objektivität, den der
genetische Sinnbegriff behauptet. Er drückt sich im Handlungsbegriff selbst aus:
Ohne die objektive Struktur von Sozialität, also ohne die hier im Rahmen von
Handlungs-, Zeit- und Sozialitätstheorie geschilderte triadische Relation, kann
sich subjektiv intendierter Sinn nicht bilden. Wer dementsprechend von subjek-
tiver Repräsentanz spricht, muss diese objektive Sinnstruktur in Anspruch neh-
men. Der Begriff der Objektivität wird also nicht im positivistischen Sinne ge-
braucht, er will vielmehr das benennen, was sich nicht mit der Konstruktionstä-
tigkeit des Subjekts verrechnen lässt, also jene Handlungslogik, die auf dem
Peirce’schen Realitätsbegriff und dem Konzept der unhintergehbaren Sozialität
beruht. Die objektive Sinnstruktur bildet nicht etwa die Realität objektiv, im
Sinne von unstreitbar, ab, sondern die Realität ist uns (erst) kraft der Zeichen
gegeben, was allerdings laut Peirce nur dann angenommen werden kann, wenn
sie gerade kein bloßes subjektives Konstrukt ist. Denn in jedes Zeichen, das ist
die Pointe seines triadischen Zeichenbegriffs, geht die Realität als brute fact, als
fundamentum in re ein, obwohl wir dieses erst kraft der Zeichen erkennen und
im strengen Sinne denken können. Weder sind Zeichen die Stellvertreter der
Realität noch bestimmt die Realität den Zeichengehalt, sondern Realität ist uns
kraft der Zeichen gegeben, kraft deshalb, weil jenseits des Zeichen- und Inter-
pretationsprozesses für uns keine Realität ist. Darin drückt sich wieder die hand-
210
Habermas 1985: 417.
211
Ebd.; vgl. auch den Hinweis bei Oevermann in: 1986: 72f.
212
Ebd.

103
lungstheoretische Perspektive aus: Wie Handlung erst dann zur Handlung wird,
indem sie im Kontext anderer Handlungen steht, wird das Zeichen erst dann
zum Zeichen, indem es sich (interpretierend) auf andere bezieht. Es gibt keine
einzelnen Zeichen wie es keine einzelne Handlung geben kann – jede Handlung
ist sozial im umfassenden Sinne oder es ist keine Handlung. Das entspricht
sowohl dem Peirce’schen triadischen Zeichenbegriff als auch der Mead’schen
Zeitphilosophie: Ein (Handlungs-)Ereignis gewinnt Bedeutung im Kontext zu
anderen Ereignissen. Deshalb schreibt Mead, allein durch eine „Handlungsblo-
ckierung“213, allein mit dem Bruch der Kontinuität komme überhaupt Bewusst-
sein und Bedeutung ins Spiel. Denn „wenn es sich einfach nur um die Tatsache
handelte, dass Reiz und Reaktion gut aufeinander bezogen sind, dann fände sich
innerhalb des Mechanismus keine Gelegenheit dafür, dass sich ein Bewusstsein
von Bedeutungen herausbildet.“214 Das verdeutlicht noch einmal, was die Rede
von einem genetischen Sinnbegriff zum Ausdruck bringen will: Der Anschluss
des einen Ereignisses an das nächste konstituiert sich über die sinnstiftende
Verknüpfung der Ereignisse untereinander, wobei die jeweilige Art der Ver-
knüpfung hier als Sinnlogik bezeichnet wird. Der Begriff der Sinnlogik zielt
also auf keine statischen Bedingungsverhältnisse, sondern auf eine relationale
Struktur, einen Prozess: Sinn ist das emergente Produkt eines Bildungsprozes-
ses, der dem handelnden Subjekt nicht bewusst sein muss, um ablaufen zu kön-
nen.
Zur Illustration sei auf das Begrüßungsbeispiel verwiesen: B muss sich nicht
bewusst sein, dass es genau zwei Möglichkeiten des Zurückgrüßens gibt. Der
Sinn des Ereignisses ist rekonstruktiv dennoch erschließbar; er liegt im Vorhan-
densein dieser beiden Möglichkeiten. Das Vorhandensein ist seinerseits aber an
das Ereignis des Grüßens gebunden: Das eine Ereignis (der Guten-Morgen-Gruß
am Abend – die Situation von A) konstituiert den Sinn des anderen (die Wahl
aus zwei Möglichkeiten – die Situation von B), und umgekehrt. Die Situation
von B ist damit sinnlogisch vorstrukturiert. B kann sich nur innerhalb dieser
beiden Möglichkeiten bewegen, auch wenn sich die Problemlösung mit ver-
schiedenen Varianten füllen lässt. Indem B aber eine bestimmte Problemlösung
wählt, emergiert ein drittes, ein neues Ereignis. Rekonstruktiv lässt sich der Sinn
dieser Handlung anhand der jeweiligen Wahl aus dem Möglichkeitsspektrum
erschließen. Es ist die so erschlossene Sinnstruktur, die in der objektiv-
hermeneutischen Theorie als latente Sinnstruktur bezeichnet wird, latent, weil
sie auf die Manifestation im Bewusstsein des Handelnden resp. Sprechenden
nicht angewiesen ist. Von hier aus wird dann auch klar, warum die Objektive
Hermeneutik als genetischer Strukturalismus bezeichnet werden kann: Ihr me-
213
Mead 1987: 221.
214
Ders. 1980: 216. – Es sei hier darauf verwiesen, dass die Schilderung dieses Verhältnisses
von Realität und Zeichen bereits jene Denkfigur vorwegnimmt, die in Kapitel II 3.2.E einge-
führt wird.

104
thodologisches und methodisches Interesse zielt auf die Rekonstruktion der
Sinnbildungsprozesse.
Mit der letzten Anmerkung haben wir uns nun bereits vom pragmatistischen
Wahrnehmungs- und Handlungsmodell weg- und zu Oevermanns Interpretation
dieses Modells hingewendet. Denn mit Peirce und Mead lassen sich zwar die
theoretischen Grundlagen einer rekonstruktiven Forschungslogik erarbeiten, die
methodologischen Schlussfolgerungen werden aber erst – so der Anspruch Oe-
vermanns – mit dem Programm der Objektiven Hermeneutik eingelöst. Diese
Schlussfolgerungen beruhen auf jener spezifischen Aneignung der Peirce’schen
und Mead’schen Theorien, die der Objektiven Hermeneutik ihre Eigenart und
Besonderheit verleihen: der krisentheoretischen Interpretation des pragmatisti-
schen Wahrnehmungs- und Handlungsmodells. Diese in ihrem systematischen
Zusammenhang zu schildern, machen sich die folgenden Kapitel zur Aufgabe.

2.3. Das objektiv-hermeneutische Modell der Lebenspraxis auf der


Grundlage der Dialektik von Krise und Routine

In den vorangehenden Ausführungen wurde das pragmatistische Wahrneh-


mungs- und Handlungsmodell vor allem eingeführt, um zwei zusammenhän-
gende Aspekte der objektiv-hermeneutischen Theorie und Methodologie ver-
ständlich zu machen: den pragmatistischen Begriff von Sozialität und den gene-
tischen Sinnbegriff. Oevermann nimmt dieses Modell auf und überträgt es auf
„die nicht reduzierbare Eigenlogik von Lebenspraxis“ (1995: 36), die ihrerseits
als methodologische Grundlage der methodischen Ausrichtung der Objektiven
Hermeneutik fungiert. Um also die Methode richtig einordnen (und in ihrer
Tragweite einschätzen) zu können, kommt es darauf an, die methodologischen
Vorentscheidungen und Grundlagen zu erarbeiten. Diesem Ziel diente die Be-
schäftigung mit Peirce und Mead, diesem Ziel dient nun auch die Darlegung der
Oevermann’schen Interpretation von Peirce und Mead. Ein erster, wichtiger
Schritt Oevermanns ist die Erarbeitung eines krisentheoretischen Konzeptes von
Lebenspraxis als nicht reduzierbare Eigenlogik. Er deutet diese Eigenlogik in
drei Richtungen: Zum einen überträgt er das pragmatistische Handlungsmodell
auf den Begriff der Praxis (und damit das Subjekt) selbst (II 2.3.1.), zum ande-
ren liest er aus dem Verhältnis von I und Me eine Dialektik von Emergenz und
Determination heraus (II 2.3.2.) und zum dritten gewinnt er aus Peirce’ Katego-
rienlehre seinen Rekonstruktionsbegriff. (II 2.3.3. und II 2.3.4.) Diese drei Rich-
tungen sollen hier nacheinander dargestellt werden, so dass am Ende die zentra-
len theoretischen und methodologischen Grundbegriffe der Objektiven Herme-
neutik gegeben sind.

105
2.3.1. Der Begriff Lebenspraxis

Dem pragmatistischen Wahrnehmungs- und Handlungsmodell zufolge gewinnt


alles Handeln und Wahrnehmen seine Dynamik durch, wie Mead sagt, die
„Handlungsblockierung“215 eines eingeschliffenen Kreislaufs. Für Oevermann,
der dieses Modell aufnimmt und auf die Lebenspraxis überträgt, ist mit dieser
Dynamik die Struktur des modernen Subjektes benannt. Auch wenn wir noch
nicht wissen, was das im Einzelnen zu bedeuten hat, ist bereits an diesem Punkt
mit einem Einwand zu rechnen, der das objektiv-hermeneutische Theoriegebäu-
de ernsthaft zu gefährden scheint, mit dem Einwand nämlich, die Objektive
Hermeneutik schreibe jene Tradition fort, die das Subjekt als Knecht oder, an-
ders herum, als Herr seines Schicksals begreift.216 Eben diese Vorstellung sei
aber, so die fast einhellige Überzeugung zumindest des poststrukturalistischen
Denkens, eine theoretische Altlast, die es anbetracht des vorgeblich fragmentier-
ten, radikal dezentrierten (post)modernen Subjektes aufzugeben gelte. Kurzum:
Nachdem Althusser die Vorstellung einer einheitlichen, in sich geschlossenen
Subjektstruktur als ideologisches Konstrukt217 und Foucault diese als Erzeugnis
der Macht218 offengelegt haben, geht man, mit Derrida, von der Subjektstruktur
als ein Differenz-Produkt aus.219 Ungestraft von dem Subjekt zu sprechen, ist
jedenfalls nicht länger möglich; der poststrukturalistische Topos verlangt dage-
gen, das Subjekt als Schnittstelle von Diskursen zu begreifen. Es gilt, so Peter
V. Zima stellvertretend für die heute leitende Auffassung, „als von Machtappa-
raten konstituiertes sub-iectum (Unterworfenes), dessen ‚Wahrheit’ als Er-
215
Mead 1987: 221.
216
Das ist der Vorwurf, den zum Beispiel Reichertz erhebt, wenn er mutmaßt, das „implizite
Menschenbild“ der Objektiven Hermeneutik sei der „homo sociologicus“. (Reichertz 1994:
138)
217
Vgl. Althusser, P.: Ideologie und ideologische Staatsapparate. Aspekte zur marxistischen
Theorie. Heidelberg 1977. Dort heißt es, die Ideologie – als Summe der imaginären Beziehun-
gen, die den Einzelnen an seine realen Existenzbeziehungen knüpfen – rufe „die konkreten
Individuen als konkrete Subjekte an.“ (ebd.: 142).
218
Vgl. etwa Foucault, M.: Was ist Kritik? Aus dem Französischen von W. Seitter. Berlin
1992. In dieser kleinen Schrift fasst Foucault den Begriff Macht als „viele einzelne, definier-
bare und definierte Mechanismen, die in der Lage scheinen, Verhalten oder Diskurse zu indu-
zieren“ (ebd.: 32); entsprechend ist das Subjekt nur aus diesen Mechanismen heraus denkbar,
was übrigens auch heißen soll, dass Kritik als „die Kunst nicht dermaßen regiert zu werden“
zu verstehen sei. (ebd.: 12).
219
Vgl. zum Beispiel Derrida 1983: 109, wo es in Bezug auf die Strategie der Dekonstruktion
heißt: „Es geht hier nicht um eine bereits konstituierte Differenz, sondern, vor aller inhaltli-
chen Bestimmung, um eine reine Bewegung, welche die Differenz hervorbringt.“ Diese reine
Bewegung, die Derrida ‚Schrift’ oder genauer: ‚Spur’ nennt, ist es, die das Subjekt „konstitu-
iert und zugleich disloziert“ (ebd.: 119); vgl. dazu weiterführend III. 3.1.A.

106
kenntnis und als individuelle Identität die Wahrheit der machtausübenden In-
stanzen ist.“220
Mead und Peirce, die wir hier ins Feld geführt haben, scheinen sich folglich
der (post)modernen Kardinalsünde verdächtig zu machen, einen Subjektbegriff
zu verwenden, der sich im Banne des Logozentrismus bewegt und die alte Be-
grifflichkeit bedient. Auch wenn die vorangehenden Kapitel sich bemüht haben
zu zeigen, dass nicht zuletzt Mead und Peirce starke Argumente gegen das mo-
nologische Bewusstseinssubjekt anführen (ohne der poststrukturalistische Ar-
gumentation zu folgen), könnte man meinen, die Objektive Hermeneutik spiele
mit ihrem Rekurs auf das pragmatistische Wahrnehmungs- und Handlungsmo-
dell einem Subjektverständnis in die Hände, das die Autonomie des Subjekts
mit rationaler Selbstbestimmung gleichsetzt. Mead und Peirce resp. Oevermann
stünden damit als Apologeten eines kantischen Autonomie-Begriffes da. Denn
für Kant ist nur autonom, wer sich ein imperativisches Gesetz gibt, das das
Verhalten allein aus Gründen der Vernunft leitet. Indem dieses imperativische
Gesetz außerdem die übergreifende Form des Handelns selbst bestimmt – auch
wenn es die Ziele letztlich nicht allein bestimmen kann –, wird die praktische
Vernunft in einen heteronomen und einen autonomen Teil aufgespaltet. Und da
es zur Sicherung dieser Kombination von Heteronomie und Autonomie eines
einheitlichen Vernunftprinzips bedarf, einer regulativen Idee, die heute nicht
mehr denkbar scheint, ist mit dem Anspruch auf Autonomie auch der Anspruch
auf Rationalität in Misskredit geraten. Das kantische Ideal der Selbstbestim-
mung, so stellt es sich aus poststrukturalistischer Perspektive dar, ist von der
(Subjekt)Geschichte eingeholt, wenn nicht überholt worden.221 Wo Rationalität
stand, ist jetzt Kontingenz getreten. Und wie sollte Kontingenz Rationalität (im
kantischen Sinne) zugesprochen werden? Meads Rede vom generalisierten An-
deren oder Peirce’ Kategorienlehre wären aus dieser Perspektive nichts als hilf-
lose Rettungsversuche, über Umwegen der Kontingenz Rationalität im Sinne
einer regulativen Idee zuzuschreiben. Wenig überraschend wird sich erweisen,
dass die objektiv-hermeneutische Interpretation von Mead und Peirce diese
Position nicht teilt. Der pragmatistische Begriff der Autonomie ist kein kanti-
220
Zima 2001: 162. – In Teil III, vor allem im Exkurs: Krise und (Post)Moderne am Ende von
III 1.2., gehen wir noch einmal auf diesen Subjektbegriff ein; dort wird auch die Schreibweise
(Post)Moderne statt Postmoderne begründet.
221
Überwunden werden soll damit das kantische Konzept eines transzendentalen Selbstbe-
wusstseins. Otfried Höffe hat in einer neuen Studie dagegen gezeigt, dass und warum Kants
Subjekt- und damit auch Objekt-Begriff keineswegs inkompatibel mit gegenwärtigen Ansät-
zen sein muss, sondern sich im Gegenteil als überaus anschlussfähig, wenn nicht auf der Höhe
der Debatte erweist. (vgl. Höffe, O.: Kants Kritik der reinen Vernunft. Die Grundlegungen der
modernen Philosophie. München 2003) Höffe zeichnet Kants Begründung der Objektivität
durch Subjektivität nach (vgl. ebd.: 42ff.) und führt vor, wie von diesem Punkt aus sowohl das
transzendentale Selbstbewusstsein (vgl. ebd.: 137ff.) als auch die Kritische Philosophie des
Geistes (vgl. ebd.: 221ff.) zu verstehen ist.

107
scher. Das ist einer der zentralen Punkte, der sich aus Oevermanns Aneignung
des pragmatistischen Wahrnehmungs- und Handlungsmodell ergeben wird.
Um es vorwegzunehmen: Der objektiv-hermeneutische Begriff des autonomen
Subjekts ist durchaus ein rationaler, aber keiner, der Autonomie mit rationaler
Selbstbestimmung identifiziert, und keiner, der den Subjektbegriff auf seine
Vernunftseite reduziert. Die Objektive Hermeneutik erweist sich auch an diesem
Punkt als ein Theorieprogramm, das Reduktionismen wie Radikalismen entge-
genarbeitet. Ein Beispiel kann die Differenz der Objektiven Hermeneutik zu
poststrukturalistischen Subjekt- und Autonomietheorien gut verdeutlichen. Die
Theaterwissenschaftlerin Erika Fischer-Lichte, die sich sowohl gegen eine kan-
tische Subjektbestimmung als auch gegen die (post)moderne Subjektde-
konstruktion abzugrenzen versucht, schreibt in ihrer Ästhetik des Performativen:

„Da das Subjekt als ein total dezentriertes zu denken ist, erscheint es jeglicher
Vorstellung, dass es irgendwie mitzubestimmen vermöchte, als bloße Illusion.
Stattdessen erscheint es als Objekt des Wirkens abstrakter Entitäten wie der
Sprache oder kultureller Einschreibungen: Nicht das Subjekt spricht, verwendet
die Sprache, sondern es wird von Sprache gesprochen. Eine Dialektik von
Leib-Sein und Körper-Haben erweist sich als Hirngespinst. Der Körper ist
vielmehr als passive Fläche für kulturelle Einschreibungen zu denken.“222

Unabhängig davon, ob das nicht doch der klassisch poststrukturalistischen Sub-


jektdefinition entspricht, verbirgt sich in diesem Modell ein Widerspruch. Wird
nämlich das Subjekt als bloße passive Fläche gedacht, bedient man jene cartesi-
anische Vorstellung, derzufolge einem bewusstseinszentrierten Ich die Welt
gleichsam eingeschrieben wird. Fragt man weiter, wodurch dieser Vorgang der
Einschreibung zu erklären sei, steht man schnell vor einem Regressargument.
Fischer-Lichtes Argumentation ist hier widersprüchlich, indem sie einerseits
unter der Hand jene cartesianische Tabula-rasa-Vorstellung benutzt, die letztlich
auf die Aporien einer Ersten Philosophie führen muss, andererseits aber eben
diese Vorstellung dezidiert zu vermeiden vorgibt. Bei Descartes war ja die
Wandelbarkeit eines Stückes Wachs, von dem er in der Zweiten Meditation der
Meditationes de Prima Philosophia spricht, Leitbeispiel für seine Grundannah-
me, derzufolge Bewusstsein und Denken zusammenfallen: Der Geist schreibt
dem Wachs, also dem Bewusstsein, seine Begriffe ein; dieses Beispiel galt ihm
als Hinweis für seine berühmte Antwort auf die Frage ‚was bin ich?’: ein den-
kendes Ding (res cogitans).223 Fischer-Lichte steht mit ihrer Subjektbestimmung
ganz in dieser Tradition, wenn sie vom Körper als passive Fläche spricht; der
Unterschied besteht allein darin, dass sie das Verhältnis umdreht, indem sie jetzt
Körper und Umwelt zur ersten Instanz erklärt. Das Hirngespinst eines Leib-
222
Fischer-Lichte 2004: 293.
223
Vgl. Descartes, R.: Meditationes de Prima Philosophia/Meditationen über die Erste Philo-
sophie. Lateinisch/Deutsch. Übers. und hg. von G. Schmidt. Stuttgart 1986: 77ff.

108
Seele-Dualismus ist damit gerade nicht aus der Welt; es bleibt in Kraft, wenn
man bloß die Prioritäten verändert. Wo abstrakte Entitäten zu alleinigen Wirkur-
sachen deklariert werden – egal, ob man sie Kultur, Sprache oder Gender nennt
– spielt man nach wie vor auf der Tastatur des cartesianischen Paradigmas.
Überdies werden wir noch sehen, dass die Gleichsetzung von Subjektivität und
Passivität eine schlüssige Erklärung von Phänomenen wie Kreativität oder
Sprachentwicklung verhindert.
Die Herausforderung philosophischen Denkens nach Descartes und nach
Kant besteht darin, sich nicht auf die Fährte radikaler Umkehrungen locken zu
lassen. Negieren ist in diesem Fall eine affirmative Strategie: Die Negation
präsupponiert das Negierte. Es kommt gerade bei einem so belasteten Begriff
wie dem des Subjektes darauf an, die theoretische Balance zu wahren, will man
nicht von dem einen Kurzschluss in den anderen geraten. Hilfreich ist Martin
Seels Definition der Selbstbestimmung als „Vermögen, sich bestimmen zu las-
sen.“224 Die Formel ist nicht neu; Seel betont deshalb, alles hänge daran, wie
man sie liest. Heidegger etwa, auf den im Rahmen der objektiv-
hermeneutischen Ästhetik noch eingegangen wird, liest sie mit einer Betonung
auf das ‚lassen’; Kant liest sie mit einer Betonung auf dem ‚sich’. Seel will sie
dagegen in „gleichmäßiger Betonung des ‚sich’ und des ‚lassen’“ 225 verstanden
wissen: „Indem wir uns bestimmen, lassen wir uns bestimmen.“226 Es geht ihm
um eine „prozessuale Bedeutung des Bestimmtwerdens“227; und es geht ihm
darum, zu zeigen, dass dieser Prozess nicht in einem leeren Raum steht, sondern
in eine widersprüchliche Einheit aus ‚sich’ und ‚lassen’ eingebettet ist. Für Seel
liegt

„hierin ein integrales Kennzeichen von Rationalität [...]. Rational kann sich nur
verhalten, wer sich durch Gründe bestimmen lässt. Durch Gründe aber kann
sich nur bestimmen lassen, wer in der Lage ist, sich bestimmen zu lassen: durch
das, worauf die Gründe basieren oder worauf sie verweisen. Sich so bestimmen
lassen aber kann nur, wer zugleich in der Lage ist, eine Bestimmung zu geben:
im Gebrauch von Medien, im Austausch mit einem Gegenüber, in der Behand-
lung von Gegenständen und im Rückgriff auf Motive, die einen auch dort
bestimmen, wo wir uns oder etwas selbst bestimmen.“228

Um dies begreiflich zu machen, braucht es einen Begriff von Rationalität, der


sich in Begriffen wie Vernunft oder bewusste Wahl nicht erschöpft, sondern zur
Handlungslogik selbst gehört. Seel bezieht sich in diesem Rahmen auf Wilfrid
Sellars’ Rede von einem logischen Raum der Gründe und im Anschluss daran
224
Seel 2002a: 285.
225
Ebd. (Hervorhebung D.P.).
226
Ebd.: 288.
227
Ebd.: 289.
228
Ebd.: 296

109
auf das von Robert B. Brandom vorgeschlagene inferenzialistische Modell, ein
Ansatz, der in Kapitel II 3.2.E aufgegriffen wird. Gewonnen ist durch die Ver-
meidung radikaler Subjekt- und Selbstbestimmungstheorien die Möglichkeit
einer Subjekttheorie, die den prozessualen Charakter der Subjektkonstitution
betont.
In diesem Sinne spricht Oevermann in Bezug auf die Sozialisation und die
Konstitution des Subjekts von einer „Prozesslogik“. (2004: 156) Er meint damit
ein grundlegendes Modell, für das er den Begriff Lebenspraxis vorschlägt, weil
er „abstrakt und allgemein genug dafür ist, die Einheit des Lebendigen sowohl
abgehoben vom Aggregierungsniveau der individuellen Person verallgemeinert
zu erfassen als auch einen fallstrukturgesetzlichen Zusammenhang von Soma,
Psyche und Sozialität.“ (ebd.: 158) Überdies erlaube der Begriff das, worum es
generell gehe, nämlich die „Überführung einer statischen in eine dynamische
Betrachtungsweise“. (ebd.)229 Im Rahmen einer dynamischen Betrachtungswei-
se definiert er Lebenspraxis als

„jenes Entscheidungszentrum, das die Mitte der Autonomie des sozialen Le-
bens, sei es individuell oder kollektiv, ausmacht, und das sich darstellen lässt
als widersprüchliche Einheit von Entscheidungszwang und Begründungsver-
pflichtung.“ (1991: 297, Hervorhebung D.P.; vgl. 2004: 159)

Diese widersprüchliche Einheit von Entscheidungszwang und Begründungsver-


pflichtung versteht Oevermann als Ausdruck einer Krisenstruktur, die den Kern
der Erfahrungsbildung abgibt, wobei er diese selbst vor dem Hintergrund des
pragmatistischen Wahrnehmungs- und Handlungsmodell liest. Lebenspraxis
konstituiert sich demzufolge im Rahmen einer Krisenlogik, die als Erfahrungs-
bildungsprozess aufzufassen ist. In dieser Fassung des pragmatistischen Wahr-
nehmungs- und Handlungsmodell als Krisenstruktur ist, wie sich zeigen wird,
das zentrale Argument der objektiv-hermeneutischen Theorie enthalten. Ent-
scheidend ist daher, den objektiv-hermeneutischen Krisenbegriff zu verstehen.
In Bezug darauf bleibt Oevermann nicht bei einem unspezifischen Krisenbegriff
stehen, sondern unterscheidet drei verschiedene Krisentypen, denen er vier un-
terschiedliche Modi der Konstitution von Erfahrung zuordnet. (vgl. 2000a: 26f.;
2001a: 37f.; 2002b: 3f., 37f.; 2000c: 450f.; 2000d: 459ff.; 2004: 165ff.) Von
dieser Einteilung nimmt er einerseits „etwas kühn und dreist“ an, sie habe sich
als „exhaustiv und disjunktiv“ (2004: 165) bewährt und andererseits, sie bilde in
aufsteigender Folge ihre evolutive Bedeutsamkeit ab.

229
Der Begriff Lebenspraxis begibt sich in erkennbare Nähe zu Hellmuth Plessners Terminus
Positionalität. Oevermann weist darauf auch verschiedentlich hin. (vgl. 1991: 311; 1996c: 12)
Inwiefern sich Oevermanns und Plessners Ansätze vergleichen lassen, soll hier nicht geprüft
werden.

110
A Drei Krisentypen

Als einen ersten Typ bestimmt Oevermann die traumatische Krise. Das ist jener
Typ, den Peirce im Auge hat, wenn er von Überraschungen durch brute facts
spricht. Seine Charakteristik wird aus Peirce’ (früher) Kategorienlehre einsich-
tig; wir werden sie im übernächsten Kapitel ausführlich diskutieren. Folgendes
sei aber jetzt schon festgehalten: Traumatisch ist diese Krise, weil mit ihr ein
konkretes Leben von unvorhergesehen Ereignissen der äußeren oder inneren
Realität unvorbereitet ereilt wird. Solche Ereignisse können „schmerzhaft im
Sinne der Negativität der Verletzung oder der Positivität der glückhaft-
ekstatischen Erfüllung“ (ebd.) sein. In beiden Fällen ist die Lebenspraxis von
einem unbestimmten Ereignis X betroffen, für das gilt, dass man auf es nicht
nicht reagieren kann. Denn jede Reaktion gehört bereits zur Bewältigung der
traumatischen Krise, auch die Bewältigung durch Prädikation, die mit der mehr
oder weniger spontanen ersten Reaktion erfolgt.
Diesem Krisentyp ordnet Oevermann zwei Modi der Erfahrungskonstitution
zu, den der Naturerfahrung und den der leiblichen Erfahrung. Das mag überra-
schend sein, gehen doch traumatische Überraschungen nicht selten von sozialen
Ereignissen aus, die nicht durch eigene Entscheidungen bedingt sind. Oever-
mann spricht dennoch von Naturerfahrungen, weil die unvorhergesehene Kon-
frontation mit sozialen Ereignissen „gewissermaßen der Erfahrung der sozialen
Natur oder der Natur des Menschen“ (ebd.) entsprechen. Die Rede von einer
Natur des Menschen ist hier nur dann verfänglich, wenn man sie als Wesensaus-
sage nimmt. Darum geht es natürlich nicht; es geht bei der sozialen Natur um
die Konfrontation mit der unhintergehbaren Sozialität und bei der Natur des
Menschen um eine Natur im Sinne von Körperlichkeit oder Leiblichkeit, auf die
(trivialerweise) jede Lebenspraxis angewiesen ist. Insofern kann Oevermann
sagen, wir teilten diesen Krisentyp am ehesten noch mit den höheren Tieren,
obwohl Tiere streng genommen keine Krisen erleben, sondern Stress haben.
(vgl. 2000c: 470f.) Vergleichbar mit den höheren Tieren ist der Bezug auf die
Leiblichkeit, der sich bei ihnen in körperlichem Stress ausdrückt, während der
Mensch darüber hinaus infolge der traumatischen Krise auch eine leibliche
Erfahrung macht. Sie ist die Voraussetzung dafür, ein „integriertes Körperbild“
(2004: 171) zu entwickeln: Ohne „prinzipiell widerständige Umwelt“ (ebd.)
wäre zwar der (vielleicht ersehnte?) Zustand von Krisenlosigkeit erreicht, jegli-
che (Über)Lebensfähigkeit aber unmöglich. Darin drückt sich der für die Erfah-
rungsbildung generell zentrale Punkt aus: Lebenspraxis und Erfahrungsbildung
sind zwei Seiten einer Medaille. Der Fokus des ersten Krisentyps liegt dabei auf
der widerständigen Umwelt, ohne die es zu keiner Erfahrungsbildung kommen
kann. Auch hierin drückt sich ein entscheidendes Merkmal des Erfahrungsbe-
griffes aus: Erfahrungen macht man, herstellen lassen sie sich nicht.

111
Der zweite Krisentyp ist im Unterschied zum ersten für die menschliche Gattung
allein spezifisch: die Entscheidungskrise. Sie ist, sagt Oevermann, „die für die
Praxis konstitutive Krise und dadurch geprägt, dass sie durch die hypothetische
Konstruktion von Möglichkeiten auf der Seite der Lebenspraxis selbst herbeige-
führt wird.“ (ebd.: 165) Sie ist es auch, von der in unserem Eingangsbeispiel die
Rede war, wo es ja darum ging, einen Morgengruß zu erwidern resp. nicht zu
erwidern. Paradigmatisch ist die Wegscheide-Situation: Sie drängt sich nicht
nur, wie die traumatische Krise, von außen dem Subjekt auf, sondern wird durch
dessen Antizipation von möglichen Zukünften erzeugt. Der Entscheidungskrise
korrespondiert daher die religiöse Erfahrung, „weil es in ihr darum geht, mit
Anspruch auf Begründbarkeit, die aber aktuell nicht eingelöst werden kann, eine
Krisenlösung zu finden, die sich langfristig bewähren sollte.“ (ebd.: 166)230
Religiöse Erfahrung wird damit auf das nicht still stellbare Bewährungsproblem
bezogen, auf das wir gleich noch einmal eingehen werden. Vor dieses Problem
ist auch der religiös indifferente Mensch gestellt, und zwar aufgrund des zwin-
genden Bewusstseins von der Endlichkeit seines Lebens als der Komplementär-
seite der Zukunftsoffenheit von Lebenspraxis.231 Analog zum der traumatischen
Krise innewohnenden Anspruch, dass man nicht nicht reagieren kann, gilt also
für die Entscheidungskrise, dass man sich nicht nicht entscheiden kann.
Als dritten Typus macht Oevermann die Krise durch Muße aus. Sie beruht
auf der prinzipiellen Möglichkeit, dass eine Wahrnehmung der äußeren oder
inneren Realität um ihrer selbst willen durchgeführt werden kann, also als
selbstgenügsame, vollgültige Handlung und eben nicht als integraler Bestandteil
einer zweckgerichteten praktischen Handlung. Diesem Krisentyp ist die ästheti-
sche Erfahrung zugeordnet. Für Oevermann verbirgt sich in ihr die „Ur-Form
230
Vgl. zu diesem Modell der religiösen Erfahrung 1995, 1995a, 1995b, 2000a, 2002a, 2004a;
vgl. einleitend Gabriel, K.: Bewährungsdynamik, Bewährungsmythos und Evidenzsicherung
durch Vergemeinschaftung: Ulrich Oevermanns strukturalistischer Zugang zur Religion. In:
Gabriel, K./Reuter, H.-R. (Hg.): Religion und Gesellschaft. Texte zur Religionssoziologie.
Paderborn München Wien Zürich 2004: 253f.; vgl. auch ebd.: 35ff.; vgl. weiter die Arbeit von
Fehlhaber, A.: Bewährung und Religion: rekonstruktive Fallanalysen als Beitrag zur (Religi-
ons-)Lehrerforschung. Univ. Diss. Oldenburg 2003.
231
Das heißt auch, dass man sich der religiösen Erfahrung prinzipiell nicht entziehen kann.
Insofern rückt Oevermanns Religionssoziologie in die Nähe zu Karl Barths Theologie. In
dessen Kommentar zum Römer-Brief heißt es in Bezug auf die Grenze der Religion etwa:
„Wir können [...] nicht verhindern, dass unser Fuß in jedem einzelnen Augenblick die Erde
berührt, wir können als die, die wir sind, als Menschen, die in der Welt leben, der religiösen
Möglichkeit nicht entronnen sein wollen.“ (Barth, K.: Der Römerbrief (Zweite Fassung) 1922.
16. Aufl. Zürich 1999: 231) Eine eingehende Lektüre der Oevermann’schen Überlegungen zur
religiösen Erfahrung mit Barth wäre weiter vor allem deshalb vielversprechend, weil Barth
den Vollzugscharakter der Gotteserkenntnis betont und die Erfahrung des Glaubens in der
(durch das Wort vermittelten) Begegnung zwischen Gott und Mensch verankert: „Der Mensch
erkennt Gott, indem er vor Gott steht. Das heißt aber jedenfalls: indem Gott ihm ein Anderer,
ein von ihm selbst Unterschiedener, ein ihm selbst Begegnender wird, ist und bleibt.“ (Ders.:
Die kirchliche Dogmatik. Die Lehre von Gott. II, 1 §§ 25–27. Die Erkenntnis Gottes. Studien-
ausgabe Bd. 7. Zürich 1986: 8)

112
von Erkenntnis“ (ebd.: 167); er geht damit von einer „ästhetische(n) Basis“
(1996c: 10) der Lebenspraxis aus. Eine weitreichende Annahme, die wir im
dritten Teil eigens erörtern werden. Dort geht es dann nicht nur um eine gehalt-
volle Bestimmung der ästhetischen Erfahrung und die daraus entstehende objek-
tiv-hermeneutische Ästhetik, es geht vor allem um die gemeinsame Basis von
Krisen- und Ästhetiktheorie. Die Struktur dieser gemeinsamen Basis wird uns
dabei die Erklärung dafür liefern, warum ästhetische Erfahrungen zwar Erfah-
rungen der Lebenspraxis sind, aber dennoch einen speziellen Erfahrungsmodus
etablieren, der sich scharf von der außerästhetischen Erfahrung abhebt.

B Strukturelle Autonomie

Während die traumatische Krise im Rahmen von Peirce’ (früher) Kategorienleh-


re (II 2.3.3.) und die Krise durch Muße im dritten Teil ihre eigenen Interpretati-
onen erfahren, soll an dieser Stelle die Entscheidungskrise genauer untersucht
werden. Sie erlaubt es, das Modell der Lebenspraxis präziser zu fassen. Greifen
wir daher wieder die Formel von der widersprüchlichen Einheit aus Entschei-
dungszwang und Begründungsverpflichtung auf. Wichtig ist hier zunächst: Die
Termini Entscheidung und Begründung sind nicht im emphatischen Sinne zu
verstehen; die Vorgänge bewusster, rationaler Abwägung bilden nur einen klei-
nen Ausschnitt dessen, was im vorliegenden Zusammenhang Entscheidung und
Begründung heißt. Denn der Entscheidungszwang, von dem im Rahmen des
pragmatistischen Wahrnehmungs- und Handlungsmodell die Rede ist, resultiert
bereits daraus, dass „das Subjekt sich im Angesicht von divergierenden Mög-
lichkeiten mit Anspruch auf Begründbarkeit entscheiden muss und nicht nicht
entscheiden kann.“ (1996c: 5f.) Mit Begründungsverpflichtung ist kehrseitig
jede Entscheidung gemeint, die mit dem Anspruch auftritt, „gerechtfertigt und
begründet“ zu sein. (1991: 297) Sie ergibt sich aus demselben Grund, aus dem
die Entscheidungssituation resultiert: Indem Subjekte in jeder Entscheidungssi-
tuation Möglichkeiten der Zukunftsentwicklung entwerfen, also Spielräume
öffnen, die durch Entscheidungen geschlossen werden, ist ein Anspruch auf
Begründbarkeit schon mitgegeben. Wäre die konkrete Wahl nicht mit Begründ-
barkeitsanspruch getroffen, wären auch die Eröffnungen der Spielräume nach-
träglich als a priori irrational und grundlos deklariert. Ein unmögliches Szena-
rio, entzöge es doch der Lebenspraxis das Rationalitätsgebot, unter dem es
zwingend stehen muss; andernfalls vollzöge die Lebenspraxis keine Entschei-
dungen, sondern wäre das Produkt eines Zufallsgenerators. Ein Zufallsgenerator
kann aber nicht beanspruchen, was Lebenspraxis für sich stets behaupten muss,
nämlich strukturell autonom zu sein, um überhaupt eine Lebenspraxis und kein
bloßes Verhalten zu sein. Autonomie ist dabei allerdings kein statischer Zu-
stand, der dem Subjekt resp. der Lebenspraxis per Zuschreibung gehört, sondern

113
erweist sich erst mit dem Vollzug von Lebenspraxis, also in der Permanenz des
Prozesses der widersprüchlichen Einheit von Entscheidungszwang und Begrün-
dungsverpflichtung. Und Praxis, so kann allgemein festgehalten werden, ist ein
Prozess der ständigen Entscheidungsfindung und (nachträglichen) Begründung
für getroffene Entscheidungen; sie konstituiert sich im Vollzug von Entschei-
dungen.
Oevermann verdeutlicht dies an einem einleuchtenden Beispiel: die elemen-
tare Entscheidungssituation, eine eheliche oder eheähnliche Partnerschaft einzu-
gehen. (vgl. 1995: 39; 2000d: 414; 2004: 166) Man sieht hier nämlich sofort,
was es heißt, keine Entscheidung zu treffen, also glauben zu wollen, der Ent-
scheidungszwang könne unterlaufen werden: Der andere wird diese Nicht-
Entscheidung als negativ interpretieren müssen. Denn auch die (vermeintliche)
Nicht-Entscheidung ist eine Handlung; sie schafft Wirklichkeit, indem sie eine
Wahl aus (objektiv gegebenen) Möglichkeiten darstellt. Gleichzeitig macht
dieses Beispiel auch das Moment der Begründungsverpflichtung greifbar: Sollte
der eine Partner den anderen später nach den Gründen für das Eingehen der
Partnerschaft fragen und erhielte als Antwort, die Entscheidung sei nicht be-
gründbar, sondern mithilfe eines Zufallsgenerators gefallen, wäre die Basis der
Beziehung zerstört.
So einleuchtend dieses Beispiel ist, es steht im Modell der Lebenspraxis für
die Ausnahme einer tatsächlich bewusst getroffenen Entscheidung. In der Regel
treffen wir unsere Entscheidungen aber nicht bewusst, sondern „im Sinne von
eingeübten Gewohnheiten, gelernten Routinen und übernommenen Normen,
also im Sinne von kollektiven und individuellen Konventionen“ (1994a: 166),
die uns die Last der expliziten Entscheidungsfindung abnehmen. Wenn Oever-
mann also von Entscheidungen spricht, dann stets im Sinne der „strikten Fas-
sung des Entscheidungsbegriffs“ (1993a: 180), nach der bewusste, absichtsvolle
Entscheidungen nur einen kleinen Ausschnitt von Entscheidungssituationen
abdecken. Aber auch wenn wir subjektiv Entscheidungssituationen nur selten
als außeralltägliche Krisensituationen wahrnehmen, ändert dies nichts daran,
dass Entscheidungen Auswahlen aus dem „Spielraum von Möglichkeiten der
Verkettung von Handlungssegmenten und Handlungen sind“ (1994a: 166). Das
heißt, jede Entscheidung ist de facto eine Wahl zwischen verschiedenen Optio-
nen, auch dann, wenn sie nicht bewusst vollzogen wird. Das Beispiel stellt so
gesehen einen Grenzfall dar, bei dem angesichts neuartiger Bedingungen etab-
lierte Entscheidungskriterien nicht mehr greifen, die Begründungsverpflichtung
also nicht mehr auf der Basis eingerichteter Überzeugungen erledigt werden
kann und entsprechend ins Offene hinein, im Vertrauen auf spätere Begründbar-
keit, deren man sich ex post rekonstruierend versichern kann, entschieden wer-
den muss. Das ist auch der Grund, warum die Einheit aus Begründungsver-
pflichtung und Entscheidungszwang widersprüchlich ist: Einerseits sind die
eröffneten Spielräume tatsächlich offen; eine „Richtig-Falsch-Rechnung“

114
(1996c: 6; vgl. 1995: 39; 2004: 159) steht für die Begründung nicht zur Verfü-
gung, sonst wäre die Entscheidung bereits gefallen und könnte entsprechend
(hinsichtlich des Handlungszieles) als richtig oder falsch eingestuft werden.
Andererseits muss an der Begründungsverpflichtung dennoch festgehalten wer-
den, obwohl sie nicht eingelöst werden kann: Sie muss aufgeschoben, kann
jedoch nicht aufgehoben werden. Denn Lebenspraxis, so Oevermann, konstitu-
iert sich stets unter der Bedingung, dass

„eingespielte Rationalitätsmaßstäbe und -kriterien in einer konkreten Situation


[...] nicht mehr greifen, eine eingespielte ‚Richtig-falsch’-Kalkulation nicht
mehr anwendbar ist, aber dennoch eine Entscheidung getroffen werden muss,
weil man in der Praxis sich nie nicht entscheiden kann.“ (2000: 130; vgl.
1993a: 179)

Diese generelle Struktur der Lebenspraxis als widersprüchliche Einheit aus


Entscheidungszwang und Begründungsverpflichtung wird in der Objektiven
Hermeneutik als Krisenlogik begriffen. Denn die Struktur der Krise macht aus,
ohne Richtig-Falsch-Kalkül entscheiden zu müssen, also ohne den gesicherten
Rückgriff auf Handlungsmaximen eine Wahl aus dem (objektiv gegebenen)
Möglichkeitsspektrum zu treffen. In diesem Sinne wird die Krise hier als konsti-
tutives Moment der Autonomie verstanden. Lebenspraxis konstituiert sich daher
als autonome genau darin, „dass sie in der Lage ist, Krisen selbständig zu erzeu-
gen und zu bewältigen.“ (2004: 160) Insofern ist autonome Lebenspraxis als ein
Krisengeschöpf zu begreifen: Sie geht aus Krisen hervor, ist aus Krisen geschaf-
fen. Und weil Autonomie damit an die Struktur der Lebenspraxis resp. die
Struktur der Krise gekoppelt ist, spricht die Objektive Hermeneutik von struktu-
reller Autonomie. Sie ist kein Produkt der Zuschreibung, sondern des Vollzuges
von Lebenspraxis selbst. Jede Lebenspraxis ist so gesehen (potenziell) autonom,
unabhängig davon, wie hoch der Bewusstseinsgehalt der eigenen Autonomie
sein mag. Autonom ist Lebenspraxis folglich nicht erst dann, wenn sie bewusste
Entscheidungen trifft, sondern bereits mit all jenen (auch unbewussten) Ent-
scheidungen, die ohne Richtig-Falsch-Kalkül getroffen werden, etwa die Ent-
scheidung, einen Hasen-Enten-Kopf als Hase zu sehen, ohne diese Entschei-
dung anhand der Kriterien Richtigkeit oder Falschheit im Moment der Entschei-
dung begründen zu können. Auch hier bilden Entscheidungen im gewöhnlichen,
alltagssprachlichen Sinne wieder nur einen Grenzfall. Sie stiften keine struktu-
relle Autonomie, sondern setzen diese bereits voraus. In bewusste Entschei-
dungskrisen kann man daher erst dann geraten, „wenn man schon so viel Auto-
nomie erworben hat, dass man in nennenswerter Gewichtigkeit seine offene
Zukunft bewusst antizipieren und konstruieren kann und wenn auch Entspre-
chendes von einem erwartet wird.“ (ebd.: 171) Ein Kleinkind gerät nicht in
solche bewussten Entscheidungskrisen; in der Regel ist es die „Ablösungskrise“
(ebd.) von den Eltern, die es Adoleszenten ermöglicht, autonome Entscheidun-

115
gen im Sinne von bewussten Entscheidungen zu treffen. Der entscheidende
Punkt für die Logik der Lebenspraxis ist jedoch, Entscheidungssituationen gene-
rell als Krisensituationen zu betrachten: „Die Entscheidungssituation selbst ist
immer eine Krise, eben weil eine Erfüllung der Begründungsverpflichtung nicht
möglich ist.“ (1996c: 6; vgl. 2000a: 3f.)
Selbstverständlich ist in dieser Bestimmung nicht nur an individuelle Ent-
scheidungssituationen gedacht, sondern gemäß der Heuristik des pragmatisti-
schen Grundmodells an Lebenspraxis an ein „Strukturgebilde“, das auf „ver-
schiedenen Aggregierungsstufen“ (1993a: 178) liegt.232 Noch einmal: Die Ob-
jektive Hermeneutik spricht von Entscheidungen dort, wo Lebenspraxis vollzo-
gen wird; ausschlaggebend ist dabei nicht das Bewusstsein der Entscheidungsin-
stanz, sondern die Krisenlogik resp. die Logik des Strukturgebildes Lebenspra-
xis. Es geht ihr um die Krisenhaftigkeit jeder Entscheidungssituation. Würde
man diese leugnen, „liefe das letztlich darauf hinaus, die Zukunftsoffenheit des
geschichtlichen Prozesses ebenfalls in Abrede zu stellen.“ (2000d: 414f.) Ge-
schichte wäre „stillgestellt“. (ebd.) 233 Sie wäre ihrer (potenziellen) Autonomie
beraubt und stünde (wieder) vor einem Theodizee-Problem. Denkt man Lebens-
praxis aber als in bzw. mit der Krise gegründet und nimmt man die darin „auf-
genötigte Bewährung der Krisenbewältigung“ (1996c: 6) hinzu, wird klar, in-
wiefern Krise und Autonomie konstitutionslogisch zusammengehören: „Auto-
nomie heißt genau, dass grundsätzlich das Subjekt sich in Krisen selbstständig
ohne Rückgriff auf fertige Routinen oder fertige Rationalitätsmaßstäbe ent-
scheiden muss.“ (ebd.) Lebenspraxis konstituiert sich demnach als strukturelle
Autonomie, indem solche Entscheidungen praktisch vollzogen werden. Auto-
nomie ist im Sinne des negativen Freiheitsbegriffes als Freiheit von fertigen
Rationalitätsmaßstäben und gleichzeitig im Sinne des positiven Freiheitsbegrif-
fes als Freiheit zu selbstständigen Lösung begriffen. Strukturell heißt dieser
Autonomie-Begriff dabei, weil er nicht auf geschichtsphilosophische Prämissen
angewiesen ist. Wenn sich die Lösung einer Entscheidungskrise nämlich auf
keine fertige Rationalitätsmaßstäbe berufen kann, wird Rationalität als ein Beg-
riff verstanden, der nicht an übergeordnete Werte wie Mündigkeit, Emanzipati-
on oder Fortschritt gebunden ist.234 „Der Lösung einer Entscheidungskrise“, so
schlussfolgert Oevermann, „liegt zumindest implizit eine Prämisse oder Maxime
232
Oevermann nennt als Aggregierungsstufen Personen, Primärgruppen wie Familien, Regio-
nen, Nationalstaaten, Gemeinden und internationale Bündnissysteme. Der „sehr einfache,
heuristische Begriff von Lebenspraxis“ könne daher sowohl auf „die Lebensführung einzelner
Personen wie die von Gruppen und ganzen Gesellschaften sowie deren Repräsentanten“
(1985: 465) angewendet werden kann.
233
Vgl. auch 1985: 465f., wo es heißt, dass die „Zukunftsoffenheit von Geschichte nicht durch
die Einrichtung ahistorisch gültiger und deduktiv-nomologisch anwendbarer Entscheidungs-
prämissen aufgelöst werden kann“. Das sei nur „im Grenzfall einer durchtechnokratisierten
Gesellschaft“ (ebd.: 466) möglich.
234
Vgl. Reichertz 1986: 277.

116
zugrunde, die im Moment der Krise selbst weder rational noch irrational“ ist.
(2000a: 5) Rational ist diese implizite Prämisse nicht, weil die bis zum Eintritt
der Krise geltenden Routinen als Maßstäbe nicht mehr greifen; soll die Lösung
einer Entscheidungskrise also eine Lösung der Krise sein, muss sie von diesen
Routinen abweichen. Irrational ist die implizite Prämisse dagegen nicht, weil sie
zum Maßstab künftiger Rationalität werden kann, dann nämlich, wenn sich die
Lösung nachträglich als rationalitätssichernd für die Zukunft erweist. Nach
Oevermann greift strukturanalytisch gesehen in der Entscheidungssituation
deshalb „ein Drittes“, das sich mit dem „Modell einer charismatischen Krisenlö-
sung“ verstehen lasse. (2000: 131) Er bezieht sich dabei auf Max Webers Cha-
risma-Begriff, löst ihn aber aus dessen (engen und widerspruchsanfälligen)
herrschaftssoziologischen Argumentation. (vgl. 1995: 47ff.; 2000a: 6ff.; 2000d:
420ff.)235 Während Weber Charisma als eine „außeralltäglich [...] geltende Qua-
lität einer Persönlichkeit“236 bestimmt, bezeichnet der Begriff bei Oevermann
die „Quelle, aus der im Krisenfalle die überzeugende Krisenlösung entspringt.“
(2000a: 6)237 Charismatisch ist so gesehen jede Krisenlösung, nicht nur die einer
ausgezeichneten Persönlichkeit. Denn Lebenspraxis ist der permanente Prozess
der Krisenbewältigung, weshalb sie als „Krisenzentrum“ (ebd.: 25) betrachtet
werden kann. In diesem Sinne spricht Oevermann von der „nicht still stellbaren
Bewährungsdynamik“ der Lebenspraxis. (ebd.: 2) 238
235
Vgl. die entsprechenden Ausführungen bes. in Weber 1972: 140ff., 667ff.
236
Ebd. 1972: 140.
237
Diese Begriffserweiterung ist für Oevermann auch der Ausgangspunkt seiner objekttheore-
tischen Überlegungen zum Typus des Intellektuellen, indem er die „intellektuelle Praxis mit
der Tätigkeit des Charismatikers“ allgemein vergleicht (2001g: 19) und diese Praxis vor allem
in einer „Krisendiagnostik“ (ebd.: 21) vor einer bzw. für eine Öffentlichkeit sieht. Vgl. dazu
die beiden Aufsätze von Franzmann, A.: Der Strukturtyp des modernen Intellektuellen. Se-
quenzanalyse von Émile Zolas offenem Brief ‚J’accuse’ vom 13. Januar 1898 an den Präsi-
denten der Republik auf der Grundlage der Analyse der objektiven Daten der Affäre Dreyfus
und Der Intellektuelle im totalitären Machtgefüge. Die Fortsetzung der deutschen Sonder-
wegslogik im kadersozialistischen Illusionismus einer progressiven Kulturnation – Sequenz-
analyse der Protesterklärung gegen die Ausbürgerung von Wolf Biermann aus der DDR vom
17. November 1979. Beide in: Franzmann, A./Liebermann, S./Tykwer, J. (Hg.): Die Macht des
Geistes. Soziologische Fallanalysen zum Strukturtyp des Intellektuellen. Frankfurt am Main
2001.
238
Zum Stillstand kommt die Lebenspraxis laut Oevermann erst in der „Krise des Todes“
(2000a: 28ff.). In Anbetracht des Todes von einer Krise zu sprechen, widerspricht jedoch dem
objektiv-hermeneutischen Krisenbegriff. Denn für Krisen ist es gemäß der allgemeinen Dia-
lektik von Krise und Routine gerade konstitutiv, prinzipiell gelöst werden zu können. Da der
Tod aber faktisch jede Zukunftsperspektive verschließt, kann er auch keine Krise sein: In ihm
kommt für das (sterbende) Subjekt die Dialektik von Krisen und Routine tatsächlich zum
Stillstand; insofern kann man auch keine Todeserfahrung machen. Allerdings weiß das Sub-
jekt – im Unterschied zu den Tieren – um seine Endlichkeit. Und weil dies ein Wissen ist, das
nicht aus eigenen Erfahrungen gewonnen werden kann, darin sich also etwas ausdrückt, das
nicht qua eigener Krise generiert wurde, ist dieses Wissen der strukturelle Einsatzpunkt für die
Bildung von Religiosität. Denn anders als alles sonstige lebenspraktische Wissen ist das Wis-
sen um den Tod ein Wissen, das niemals aus Erfahrungen entspringt, sondern gleichsam in das

117
Wenn hier nun von Bewährung die Rede ist, darf dies nicht als ein Bewähren
vor einer (Kontroll-)Instanz missverstanden werden; es geht vielmehr um ein
Bewähren in den Krisen selbst: „Indem Lebenspraxis diese Krisen selbstständig
bewältigt, wird sie autonom.“ (2000a: 25) Autonomie ist folglich als unab-
schließbarer Prozess definiert; sie ist nicht ein für allemal gesichert, sondern
muss sich immer wieder bewähren. Bewährung ist daher „Krisenbewältigung in
der Zeit“ und als solche die Grundlage der „Konstitution von Erfahrung.“ (ebd.:
26) Erfahrung ist aus krisentheoretischer Perspektive folglich nichts anderes als
das (mehr oder weniger bewusste) Wissen um bewährte Krisenlösungen: Erfah-
rung ist geronnene Bewährung. In der Alltagspraxis treten solche geronnene
Bewährungen als Deutungsmuster auf, als „krisenbewältigende Routinen, die
sich in langer Bewährung eingeschliffen haben und wie implizite Theorien ver-
selbstständigt operieren, ohne das jeweils ihre Geltung neu bedacht werden
muss.“ (2001d: 38) In diesem Sinne sind Deutungsmuster „spezifische Struktu-
ren in der Konstitution von Erfahrungen und in der kognitiven Erfassung von
Welt“. (ebd.) Sie sind „historisch-epochale Gebilde, die jeweils den Zeitgeist
gültig ausdrücken“ (ebd.) und haben für die Lebenspraxis die Funktion einer
Bewährungshilfe in der Krisenlösung.239
Das wirft noch einmal ein klärendes Licht auf den Begriff der Bewährung:
Bewährung heißt eine bestimmte Form der (routinisierten) Problemlösung, die
eine nächste Krise entweder zu lösen vermag oder aber scheitert. Auf dieses
(mögliche) Scheitern autonom zu reagieren, nennt Oevermann charismatische
Krisenlösung. Das Modell der charismatischen Krisenlösung zielt folglich auf
eine allgemeine „Ablaufstruktur der Autonomie der Lebenspraxis generell“.
(1995: 47)240 Innerhalb dieser „pragmatische(n) Ablaufgestalt“ (1995: 49; vgl.

Leben selbst eingeschrieben ist. Deshalb kann man einerseits im strengen Sinne auch nicht
wissen, dass man sterblich ist, sondern nur auf den Tod voraussehen, andererseits kann sich
mit dieser Grenze des Wissens auch jene „Dialektik von Endlichkeit und Unendlichkeit“
(1995: 34) etablieren, die für Oevermann die Basis seines Strukturmodells von Religiosität
abgibt.
239
Oevermanns Konzept der Deutungsmuster und deren Analyse steht am Anfang der Ent-
wicklung der Objektiven Hermeneutik. Der Ansatz wurde in der Soziologie intensiv diskutiert
(vgl. dazu Plaß, C./Schetsche, M.: Grundzüge einer wissenssoziologischen Theorie sozialer
Deutungsmuster. In: sozialer sinn, Heft 1. 2001; vgl. 2001b), obwohl das entsprechende Ma-
nuskript (1973), an dem sich die Diskussion entzündete, erst 2001 veröffentlicht wurde
(2001c). Auf diese Debatte hat Oevermann wiederum mit einer Aktualisierung reagiert
(2001d). Vgl. zu der Entwicklung dieses Ansatzes Reichertz 1986: 104ff; vgl. auch Kraimer
2000: 34f.
240
Die je spezifische charismatische Krisenlösung als verfestigte Ablaufstruktur der Lebens-
praxis nennt Oevermann „Habitusformation“ (2000a: 7). Der Begriff des Habitus ist allerdings
berechtigt kritisiert worden, weil Oevermann weder die Differenz zu Bourdieus Habituskon-
zept noch zum (psychologischen) Dispositionsbegriff klärt. (vgl. Schneider, G. 1994: 176f.).
Aus dem krisentheoretischen Konzept der Objektiven Hermeneutik geht jedoch klar hervor,
dass keines der beiden Konzepte dem Oevermann’schen entspricht: Es geht ihm vielmehr um
ein konstitutives Bedingungsverhältnis, das in den folgenden Kapiteln noch zu erörtern sein
wird. Vorausgreifend sei hier auf das Wechselverhältnis von Krisenlogik und Wissensbildung

118
ebd.: 49ff; 2001g: 22ff.) bewährt sich oder scheitert dann die je konkrete Kri-
senlösung.
Diese pragmatische Ablaufgestalt greift laut Oevermann auf allen Ebenen des
Aggregierungsniveaus der Lebenspraxis. Auch für das einzelne Subjekt trifft zu,
dass es nicht per Zuschreibung, sondern allein qua Bewährung autonom ist resp.
wird. Um diese Krisenlogik der Lebenspraxis im Hinblick auf die Subjektstruk-
turen noch genauer fassen und von den poststrukturalistischen Theorien des
dezentralisierten Subjekts absetzen zu können, ist es notwendig, drei Struktur-
ebenen des sozialisierten Subjekts zu unterscheiden (vgl. 2004: 164): Zum einen
die Ebene des epistemischen Subjekts, also die Ebene der Entfaltung der kogni-
tiven, sprachlichen, perzeptiven, neurobiologischen und emotiven Gattungsaus-
stattung, zum zweiten die des autonom handlungsfähigen, mit sich selbst identi-
schen Subjekts als eines Strukturpotenzials, das konkret mehr oder weniger
gelungen realisiert worden sein kann und zum dritten die Ebene des empirisch
konkreten Subjekts mit seiner konkreten, potenziell traumatisierenden (Identi-
täts-)Bildungsgeschichte. Wenn nun in poststrukturalistischen Theorien vom
radikal dezentrierten und fragmentierten Subjekt die Rede ist, gilt die Eigen-
schaft der Fragmentarisierung natürlich nicht für die erste Ebene, sondern für
die zweite, mit möglichen Auswirkungen auf die dritte. Wichtiger ist für unse-
ren Zusammenhang dabei vor allem, dass Fragmentarisierung kein Argument
gegen das autonom handlungsfähige Subjekt darstellt. Ein Gegenargument wäre
mit dem Hinweis auf ein dezentralisiertes Subjekt nur gegeben, wenn man Au-
tonomie als Wertbegriff verwendet und ihn als Erweis von (Post)Modernität
(miss)versteht. Darum geht es in Oevermanns strukturalistischem Autonomie-
modell gerade nicht: Autonomie ist weder eine historische noch eine moralische
Kategorie. Sie ist ein Strukturpotenzial, das Gelingen und Scheitern gleicherma-
ßen möglich macht.
Man kann sich das anhand von Oevermanns Koppelung des Konzeptes struk-
tureller Autonomie an das allgemeine Problem der Bewährung verdeutlichen. Er
schreibt:

verwiesen: Indem Krisenbewältigung zugleich die Konstitution von Erfahrung ist, ist sie auch
der „Ausgangspunkt für die Bewährung von prädikativen Bestimmungen zum Wissen hin.“
(ebd.: 26) Krisenbewältigung ist somit die Konstitutionsgrundlage für Wissen, das seinerseits
ohne Erfahrung nicht denkbar ist: „Um zu wissen, muss man sich erinnern können“ (ebd.),
weil ohne Erinnerung das Wissen sein Prädikat verlöre. (vgl. 2002a: 15ff.) Diesen Zusam-
menhang, der in II 2.3.3. und II 2.3.4. noch eingehender dargestellt wird, verdunkelt der Beg-
riff des Habitus eher. Es ist also in der Tat eine unglückliche Begriffswahl, die hier auch nicht
weiter aufgegriffen werden soll. Dagegen hat der Begriff der Bewährung zwar mit einer
(fälschlich unterstellten) Nähe zum umgangssprachlichen Begriff der Leistung zu kämpfen,
benennt aber – wie geschildert – in seiner Charakterisierung als allgemeine Ablaufstruktur
treffend den Charakter von Krisensituationen wie Lebenspraxis. Vgl. zum Verhältnis von
Oevermann und Bourdieu Liebau 1987: 52ff.; Wagner 2001: 78ff.; 2004a: 308ff.

119
„Für jede Lebenspraxis, ob individuell oder kollektiv, so also auch für jedes
konkrete Individuum, ist unabweisbar die basale dreifaltige Frage zu beantwor-
ten: woher komme ich, wohin gehe ich und – auf dieser Folie –: wer bin ich?“
(1999b: 12)

Die Beantwortung dieser Fragen, fügt er hinzu, hat die Funktion eines Mythos
oder einer mythischen Erzählung, wobei diese Funktion nur erfüllt werden kann,
wenn der jeweilige Mythos eine für die Lebenspraxis geltende, das heißt bewäh-
rungsrelevante, Antwort bereit hält.241 Die in die Vergangenheit gerichtete Frage
nach dem Woher erzwingt auf diese Weise einen Herkunftsmythos, in religiöser
Ausformung einen Schöpfungsmythos, die in die Zukunft gerichtete Frage einen
Bewährungsmythos oder in religiöser Form einen Erlösungsmythos. So gesehen
besteht für das moderne Subjekt das Problem darin, „dass es auf der einen Seite
einen solchen Mythos zur Beantwortung seiner Fragen benötigt, dass ihm aber
auf der anderen Seite im Lichte der entfalteten wissenschaftlichen Rationalität
solche Mythen nicht mehr zur Verfügung stehen bzw. diese immer mehr hoff-
nungslos veraltet zu sein scheinen.“ (ebd.) Problematisch für das moderne Sub-
jekt ist also, die Verwiesenheit auf den Mythos ((post)modern: der Metaerzäh-
lung) nicht substituieren zu können, auch nicht, indem man vom fragmentierten
Subjekt spricht.242 Damit ist das moderne Subjekt vor die paradoxe Aufgabe
gestellt, „die für seine Konstitution unabweisbaren Fragen nach seiner Herkunft
und seiner Zukunft [...] in einem rationalisierten bzw. methodisierten Mythos zu
formulieren“ (1999b: 12f.), demzufolge an einem Mythos festzuhalten, obwohl
es keinen tragfähigen Mythos mehr gibt oder es einem doch zumindest so
scheint, als stehe ein solcher Mythos nicht zur Verfügung.243 Allgemein gespro-
chen: Die Autonomie des modernen Subjekts hat sich unter den Bedingungen
der (Post)Moderne in verschärfter Form zu bewähren, sie selbst ist aber nicht
zum Verschwinden gebracht. Verschärft ist der Bewährungsdruck, weil das
moderne Subjekt sich einen tragfähigen Mythos selbst erzählen muss, also nicht
mehr auf allgemein verbindliche Mythen zurückgreifen kann. Radikal de-
241
Es ist klar, dass etwa Kinder keine Mythen in diesem Sinne bilden; insofern beschränkt
sich das Modell der charismatischen Krisenlösung prinzipiell auf diejenigen Subjekte, die in
der Lage sind, auch bewusste, autonome Entscheidungen zu fällen. Hier taucht ein Problem
auf, das nicht weiter diskutiert sei, nämlich die Frage, wann genau von einer autonomen Ent-
scheidung gesprochen werden kann. Im Vorgriff auf die Erörterungen zum Verfahren der
Sequenzanalyse gilt es festzuhalten: Es gibt keine festestehenden Kriterien, die dabei zur
Anwendung kommen könnten; die Antwort auf solche Fragen ergibt sich mit der Sequenzana-
lyse, ist von Fall zu Fall also verschieden.
242
Oevermann deutet damit die Dialektik der Aufklärung von Horkheimer und Adorno in
ihrem Kerngedanken so, „dass die der Aufklärung zuzuschlagende Wissenschaft in dem Maße
in Mythos umschlägt, indem sie in Anspruch nimmt, den Mythos zu ersetzen bzw. zu verdrän-
gen.“ (1999b: 12; vgl.1998a)
243
Vor diesem Hintergrund argumentiert Oevermann, die Arbeitsgesellschaft müsse sich von
der Leistungsethik als einem nicht mehr greifenden Mythos verabschieden, soll sie sich zu-
künftig noch bewähren. (vgl. dazu auch die frühe Arbeit zum Arbeiterbewusstsein: 1976c).

120
zentriert ist das moderne Subjekt daher nicht, weil es irgendwie seiner Autono-
mie verlustig gegangen wäre, sondern weil es den historisch spezifischen Weg
der Dezentralisierung zur Krisenlösung eingeschlagen hat, weil es den Mythos
der Dezentralisierung als Antwort auf das Bewährungsproblem gewählt hat
bzw. glaubt, es sei nur noch ein solcher Mythos möglich.244 Warum es diese
Antwort wählt, ist eine andere, davon zu unterscheidende Frage; man mag es
mit dem Zusammenbruch metaphysischer Weltdeutungen, der Erfahrung des
Inkommensurablen in der Historie oder dem allgemeinen Gefühl einer perma-
nenten gesellschaftlichen Krisenhaftigkeit in Verbindung bringen.245 Das alles
sind aber Deutungen, die stets auf das Strukturpotenzial der Autonomie rekur-
rieren, und zwar rekurrieren müssen. Denn diese Deutungsmöglichkeiten eröff-
nen sich für das Subjekt als Krisenlösungen erst dann, wenn es ein autonom
handlungsfähiges ist, was es nur ist, indem es sich bewährt. Ein Beweis für den
Verlust von Autonomie wäre demnach nur erbracht, wenn es kein Bewährungs-
problem mehr gäbe. Für die Lebenspraxis ist das faktisch nicht möglich; dies
stellte ihr tatsächliches Ende dar.
Der Diskurs um den Begriff der Autonomie ist daher nur sinnvoll, wenn
strikt zwischen den historisch denkbaren und den strukturell tatsächlich gegebe-
nen Antworten auf das Bewährungsproblem getrennt wird: Die (Post)Moderne
kann man eine Epoche nennen, die bestimmte historische Subjekt- und Auto-
nomie-Begriffe nicht mehr für möglich hält; die Struktur der Autonomie ist
damit freilich nicht verschwunden, im Gegenteil. Es kommt auch hier darauf an,
sich einen Begriff von der Struktur der Autonomie zu machen; andernfalls läuft
man Gefahr, Autonomie als Gesinnungsfrage zu behandeln.246 Die Objektive
244
Mythos ist damit nicht das, was man gewöhnlich darunter versteht: keine irgendwie ge-
schlossene oder tradierte, sondern eine sinnstiftende Erzählung, unabhängig davon, ob sie in
einem geschlossenen Sinnhorizont aufgeht oder nicht.
245
Vgl. dazu Krah, H.: Weltuntergangsszenarien und Zukunftsentwürfe. Narrationen vom
‚Ende’ in Literatur und Film 1945–1990. Kiel 2004. Krah demonstriert hier anhand filmischer
und literarischer Beispiele die Entwicklung diverser Sinnstrategien und narrative Strukturen,
die sich im Bewusstsein der Möglichkeit von globalen Katastrophen ausgebildet haben. Es
sind dies durchweg narrativ entworfene „Überlebenssinnmodelle“. (ebd.: 346f.) Deshalb
gehört spiegelbildlich zur Narration vom Ende immer die Utopie. (vgl. bes. ebd.: 76ff.). Über-
lebenssinnmodelle entsprechen dem, was hier Bewährungsmythos heißt, mit dem Unterschied,
dass Bewährungsmythen nicht nur „Überlebensmodelle“ (ebd.: 347), sondern auch und vor
allem Ausdruck von struktureller Autonomie sind.
246
Die Rede vom Verlust des (einheitlichen) Subjekts zum Beispiel erscheint so gesehen als
bloße Leerformel. Denn wenn man, wie Jochen C. Schütze, zunächst behauptet, dass das
„Subjekt Subjekt (ist), weil es Macht (das Prinzip der Selbsterhaltung, potentia) verkörpert
und als solches Umschlagplatz für Macht (strukturelle Macht oder Herrschaft, potestas)“ ist
und danach die These aufstellt, dass es sich in der (Post)Moderne als „Produktion der Diskurse
(darstellt), denen ein Mensch zeitlebens ausgeliefert ist, die ihn einkreisen und sich an ihm
ablagern“, (Schütze, J.C.: Überlegungen zum Status des Subjekts nach der Moderne. In: Wei-
mann, R./Gumbrecht, H. U. (Hg.): Postmoderne – globale Differenz. Frankfurt am Main 1991:
319 und 322), mag das zwar eine richtige historische Beschreibung sein, aber damit ist nichts
über die strukturelle Autonomie des Subjekts gesagt. Innerhalb des Modells der Lebenspraxis

121
Hermeneutik denkt Autonomie dagegen vor dem Hintergrund des Modells der
Lebenspraxis – und versteht sie als ein Strukturpotenzial, das aus der wider-
sprüchlichen Einheit von Entscheidungszwang und Begründungsverpflichtung
hervorgeht.
Dieses Modell der Lebenspraxis wendet Oevermann nun auf drei Ebenen an:
Zum einen für den realen Prozess der Bewährung einer Lebenspraxis, zum an-
deren für den Prozess der Bewährung eines Wissens und zum dritten für das
wissenschaftstheoretisch allgemeine Problem der Feststellung und Begründung
von Hypothesen überhaupt; die Übertragung auf die Frage nach ästhetischer
Erfahrung spielt dabei eine besondere Rolle, die hier auch eigens erörtert wird.
Die ersten beiden Ebenen nutzt Oevermann, um im Anschluss an Weber die
Differenz von formaler und materialer Rationalität einzuführen. (vgl. 2000a:
5ff.)247 „Materiale Rationalität“, sagt Oevermann, „ist immer die Lösung eines
Handlungsproblems auf gewissermaßen nicht mechanisch-deduktive Weise, der
Entwurf von neuen Problemlösungen.“248 Das (Handlungs-)Subjekt schreibt
unter dem Gesichtspunkt materialer Rationalität nicht einfach Traditionen fort,
sondern antwortet auf die Problemlage(n) in kreativer Weise. Diese kreative
Problem- resp. Entscheidungslösung setzt aber voraus, „dass man mit den Fällen
(mit den Entscheidungssituationen, D.P.) wirklich umgegangen ist, dass man sie
nicht nur aus der beobachtenden Distanz“ kennt.249 Beobachtende Distanz
kommt der formalen Rationalität zu, die „praktische Erfahrung“ dagegen der
materialen Rationalität; sie entsteht „nur mit Bezug auf ein konkretes, individu-
iertes, mit Geschichte versehenes Handlungszentrum“.250 Dennoch fallen – wie
man vorschnell annehmen könnte – Lebenspraxis und materiale Rationalität
nicht einfach zusammen, weil sich getroffene Entscheidungen im Nachgang
nicht als vernünftig erweisen müssen. Indem Lebenspraxis nämlich die „nicht
hintergehbare Quelle von materialer Rationalität“ (1985: 466) ist, eröffnet sie
erst die Möglichkeit, Entscheidungen nachträglich als irrational oder rational zu
rekonstruieren. Denn während im Moment der Krise die Entscheidung weder
rational noch irrational ist, muss sie sich ex post als eines von beiden erwei-
sen.251

lässt sich der Topos vom Verschwinden des Subjekts dagegen konkret verankern – als eine
historische Möglichkeit, einen Bewährungsmythos zu begründen. Vgl. auch den Exkurs am
Ende von III 1.2.
247
Vgl. Weber 1972: 44f., 55ff., 503ff.
248
Zit. nach Liebau 1987: 114. Ewald Liebau zieht ein transkribiertes Tonbandprotokoll heran,
das auf dem Vortrag Oevermanns Professionalisierung der Pädagogik – Professionalisierbar-
keit pädagogischen Handelns an der Freien Universität Berlin 1981 basiert. Das Protokoll war
leider nicht zugänglich.
249
Ebd. Forschungslogisch wird damit das Schlussverfahren der Abduktion in Anspruch
genommen. (vgl. dazu II 2.3.4.)
250
Ebd.
251
Diese wichtige Differenz hatte Oevermann zunächst selbst nicht gesehen. Noch Anfang der
80er Jahre (vgl. 1981: 31) identifizierte er Lebenspraxis mit materialer Rationalität und geriet

122
Die Unterscheidung von formaler und materialer Rationalität will darauf gerade
hinweisen: „Rationalität (ist) ein formales Kriterium, das sich material immer
nur nachträglich aus der Übernahme einer jeweiligen Praxisperspektive bestim-
men lässt.“ (2000: 131f.) Das ist auch der Grund, weshalb Oevermann von der
„nicht still stellbaren Bewährungsdynamik“ (2000a: 2) der Lebenspraxis spricht.
Diese, so hatten wir gesehen, konstituiert sich in bzw. mit der Krise als auto-
nom. Autonomie darf hier allerdings (wieder) nicht in falscher Wertigkeit gese-
hen werden. Zur Autonomie gehört auch und gerade die Gefahr des Scheiterns;
es wäre sonst keine Autonomie, kein „selbst-transformatorisches, historisch
konkretes Strukturgebilde“. (1993a: 178) Autonomie und Scheitern bilden eine
dialektische Einheit wie Entscheidungszwang und Begründungsverpflichtung.252
Diese Argumentation impliziert bereits jene Dialektik von Krise und Routine,
die für die Objektive Hermeneutik von entscheidendem Interesse ist. Entschei-
dungssituationen, so hieß es, sind immer Krisensituationen, weil sie zur Wahl
aus verschiedenen Optionen „im Sinne der Unbegründbarkeit einer notwendig
mit Anspruch auf Begründbarkeit auftretenden Entscheidung“ (2000: 132)
zwingen. Für die Perspektive der Praxis bildet die Routine den Normalfall, da
die „krisenhafte Entscheidung in eine offene Zukunft [...] nur in den seltensten
Fällen als Krise manifest wird“. (2001a: 22) Meist fällt die Entscheidung, wie
bereits erwähnt, aufgrund eingespielter Routinen, „die schon immer die Ent-
scheidung vorprägen, um den Preis, die konkurrierenden Handlungsmöglichkei-
ten gar nicht erst ins reflektierende Bewusstsein treten zu lassen“. (1993a: 180)
Denn „anders (wäre) ein praktisches Überleben unter Zeitdruck und Druck
knapper Ressourcen gar nicht möglich“. (2000: 133) Deshalb gehört es zur
Überlebensfähigkeit, „vergleichgültigen“253 zu können: Ohne Routine kein
Überleben. Dem empirisch konkreten Subjekt erscheint daher nur die manifeste,
bewusste Entscheidungssituation als krisenhaft. Für die wissenschaftliche Ana-
lyse gilt jedoch die Umkehrung der Perspektive, für sie ist die Krise der Nor-

damit in den Widerspruch, die Lebenspraxis selbst als rational anzusehen, irrationale Ent-
scheidungen also analytisch nicht fassen zu können. Liebau 1987: 116ff. hat diesen Wider-
spruch kenntlich gemacht, Reichertz 1986: 275ff. hat ihn übersehen. Seine Kritik, der „schein-
bar allmächtige Koloss ‚autonome Lebenspraxis’“ stehe auf „tönernen Füßen“ (ebd.: 280),
geht entsprechend ins Leere.
252
Das wirft ein interessantes Licht auf Ulrich Becks Rede von der Risikogesellschaft. (vgl.
Beck, U.: Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne. Frankfurt am Main 1986)
Die darin enthaltene Dialektik von Risiko und Chance kann unter der hier gegebenen krisen-
theoretischen Perspektive nichts Spezifisches der heutigen Gesellschaft sein. „Sie galt“, so
Oevermann, „mit dem naturgeschichtlichen Übergang zur Kultur und zur Geschichte schon
immer, ist also universell.“ (1996c: 7) Als „Typenbegriff“ (ebd.) stellt sie daher einen Katego-
rienfehler dar. Dieser wirkt umso verheerender, da Beck übersieht, dass vor dem Risiko die
das Risiko erzeugende Chance einer Krisenlösung steht. Oevermanns Urteil ist vernichtend:
„Beck hat nicht analysiert, sondern nur affirmativ einer undialektischen Angsthaltung Aus-
druck verliehen.“ (ebd.; vgl. 2004: 162)
253
Sommer, A. U.: Die Kunst, selber zu denken. Ein philosophischer Dictionnaire. Frankfurt
am Main 2002: 9.

123
malfall und die Routine der Grenzfall.254 Denn zur Routine wird, so stellt es sich
aus analytischer Sicht dar, was sich als einstige Krisenlösung bewährt hat:
„Routinen sind nicht als Routinen auf die Welt gekommen, sondern als Krisen-
lösungen.“ (2001a: 22) Oder anders ausgedrückt: „Die Routine geht aus der
Krisenlösung hervor, sofern diese sich bewährt hat. Die Routine stellt, weberia-
nisch ausgedrückt, das Ergebnis der Veralltäglichung einer ursprünglich außer-
alltäglichen Krisenlösung dar.“ (2000: 134) Routinen, heißt dies, schließen
Krisenkonstellationen, und Krisen öffnen eingespielte Routinen.
Oevermann macht folglich eine „handlungslogisch-kategoriale Differenz
zwischen Praxis und Wissenschaft, zwischen lebenspraktischer Entscheidungs-
situation und wissenschaftlich-methodischer Problemlösung“ auf. (1995: 38)
Erst in Distanz zur Praxisperspektive ist die wissenschaftliche Analyse in der
Lage, die Bedingungen zu analysieren, unter denen sich eine potenzielle Krise
in einer praktischen manifestiert. Würde nämlich die Analyse „empiristisch
bzw. zirkulär“ (2000: 133) nur dort eine Krise sehen, wo auch die Praxis sie
erfährt, liefe wissenschaftliche Arbeit auf das hinaus, was Adorno die Verdopp-
lung der Fakten genannt hat. (vgl. 1983: 271; 2000: 91)255 Eine solche Ver-
wechslung von Praxis- und Wissenschaftsperspektive machte es von Anfang
unmöglich, eine rekonstruktionslogische Perspektive einzunehmen, also jene
Perspektive, anhand derer die Objektive Hermeneutik die latente Sinnstruktur
erfassen will.
Die vorangehenden Überlegungen zum Begriff der Lebenspraxis haben uns
auf dem Weg zur Grundlegung dieser Rekonstruktionslogik einen wesentlichen
Schritt vorangebracht. Wir wissen nun, warum Praxis und Theorie analytisch
getrennt werden müssen: Erst diese Differenz ermöglicht es, die Binnenperspek-
tive der Praxis verlassen zu können, ohne die praktischen Grundlage der Theorie
zu verlieren. Damit ist auch klar, dass das objektiv-hermeneutische Rekonstruk-
tionsverfahren, die Sequenzanalyse, weder den Gegenstand paraphrasieren noch
kommentieren oder als Anlass für mehr oder weniger plausible Assoziationen
benutzen will. Sie will vielmehr die interne Logik der sinnstrukturierten Praxis
aus nichtpraktischer Perspektive verstehen. Voraussetzung einer solchen Me-
thodik ist dabei, den Sinnbegriff als genetischen zu begreifen.
254
Diesen Unterschied übergangen zu haben und daher für die Praxis das Anwenden theoreti-
scher Standards zu fordern, wirft Oevermann Habermas’ Theorieprogramm vor. (vgl. 2000d:
412ff.) Er sieht diesen Fehler aber nicht nur bei Habermas: „Die alten Handlungstheorien sind
deshalb uninteressant, weil sie nur die praktische Perspektive wiederholen, für die die Krise
der Grenzfall und die Routine der Normalfall ist. Erst in einer Kombination aus französischem
Strukturalismus à la Lévi-Strauss und amerikanischem Pragmatismus à la Peirce und Mead
[...] wird eine strukturanalytische Betrachtung möglich, in der die Krise wie selbstverständlich
zum Normalfall gegen das subjektive Bewusstsein der Praxis selbst gemacht wird.“ (1996c:
7f.) Die (Un)Möglichkeit einer solchen Kombination wird uns noch wiederholt beschäftigen.
255
Vgl. Adorno: 1973: 145, 425; ders. 1981: 287; vgl. auch II 2.3.3.D und III 3.3.B.

124
Nun haben wir von Sinn als dem Produkt eines handlungslogischen Prozesses
gesprochen; Sinn, so hieß es, sei kein Ergebnis der Sinnzuschreibung, sondern
emergiere aus der handlungslogischen Verknüpfung von Zeichen bzw. Hand-
lungsphasen. Sinn gibt es nur in einem durch emergente Ereignisse dynamisier-
ten Wahrnehmungs- und Handlungszusammenhang. Dabei blieb aber noch
ungeklärt, was dem emergenten Ereignis überhaupt den Charakter der Emergenz
verleiht. Dieses Problem greift Oevermann in seiner Auseinandersetzung mit
Mead auf: Er will die strukturtheoretische Frage klären, wodurch im bzw. mit
dem emergenten Ereignis die Entstehung des Neuen möglich wird. Darauf eine
Antwort zu geben, ist für die Objektive Hermeneutik von weitreichendem Inte-
resse: Wenn es richtig sein soll, dass der objektiv-hermeneutische Sinnbegriff
prozessual zu denken ist, Sinn also ein Produkt eines durch emergente Ereignis-
se dynamisierten Wahrnehmungs- und Handlungszusammenhang, nicht der
Zuschreibung ist, ist zu klären, wie auf der Grundlage des pragmatistischen
Wahrnehmungs- und Handlungsmodells die Entstehung des Neuen vorzustellen
ist, wie also Transformation von Reproduktion unterschieden werden kann.

2.3.2. Der objektiv-hermeneutische Strukturbegriff und das Modell der


Emergenz

Ein erster Ansatz für die Antwort auf die Frage nach der Struktur emergenter
Ereignisse geht bereits aus dem objektiv-hermeneutischen Konzept der Lebens-
praxis hervor: Etwas Neues kann nur entstehen, indem sich Lebenspraxis als
widersprüchliche Einheit von Begründungsverpflichtung und Entscheidungs-
zwang vollzieht. Widersprüchlich ist diese Einheit, so hieß es oben, weil im
Entscheidungsfalle der Rückgriff auf ein Richtig-Falsch-Kalkül verstellt ist.
„Die noch keimhafte, erst durch nachträgliche Rekonstruktion fixierbare neue
Überzeugung“, schreibt Oevermann, „muss notwendig im Moment des Ent-
scheidungszwanges unbegründbar erscheinen.“ (1991: 297f.) Diese neue Über-
zeugung als neue zu qualifizieren – und nicht nur als Wiederholung von Kon-
ventionen zu deuten – lief bei Mead allerdings auf einen Rekurs an die überge-
ordnete Vernunft hinaus, der seltsam unvermittelt in der Argumentation auf-
tauchte. Unvermittelt deshalb, weil Mead seine I/Me-Differenz als (Sub-
jekt)Struktur beschreibt, nicht aber als Quelle materialer Rationalität ausweist.
Wenn nun aber, wie die Objektive Hermeneutik im Anschluss an das pragma-
tistische Wahrnehmungs- und Handlungsmodell annimmt, Handlungen resp.
Wahrnehmungen erst durch den Vollzug einer je konkreten Entscheidung mate-
rial gefüllt werden, wenn also Handlungen resp. Wahrnehmungen erst dann als
solche erkennbar werden, indem sie aus dem Spektrum möglicher Optionen
wählen und damit die Möglichkeit eröffnen, im rekonstruierenden Nachgang die
Entscheidung als rational oder irrational zu klassifizieren, dann ist diese Wahl

125
nicht an das (formale) Kriterium einer übergeordneten Vernunft gebunden,
sondern an das (materiale) Kriterium der Entscheidungsfindung. Ausschlagge-
bend ist daher das Moment des Vollzuges. Oevermanns Mead-Interpretation
führt damit etwas zu Ende, was bei Mead angelegt, in seinen Konsequenzen von
ihm jedoch nicht ausgearbeitet wurde: den prozessuale Charakter der I/Me-
Struktur.

A Der objektiv-hermeneutische Strukturbegriff

Das Modell der Lebenspraxis, so haben die vorangehenden Überlegungen ge-


zeigt, entwickelt Oevermann, indem er den prozessualen Charakter jeder Wahr-
nehmung oder Handlung in den Mittelpunkt rückt. Sowohl Peirce’ Zeichen- und
Kategorienbegriff als auch die von Mead eingeführte I/Me-Differenz sind Pro-
zess-Modelle: Sie gehen von der grundlegenden Dynamik des pragmatistischen
Wahrnehmungs- und Handlungsmodell aus. Diesen prozessualen Charakter
behauptet Oevermann nun für sinnbildende Strukturen überhaupt. Jede sinnlogi-
sche Verknüpfung von Zeichen bzw. Handlungssegmenten muss demzufolge als
Prozess gedacht werden. Was für die Individuierung (Mead) und die Semiose
(Peirce) gilt, hat Oevermann zufolge für jeden Sinnbildungsprozess zu gelten:
Sie nehmen die unhintergehbare Sozialität in Anspruch. Denn Handeln heißt
Sinnbildung, und Handeln ist gemäß des pragmatistischen Verständnisses ent-
weder sozial oder kein Handeln. Entsprechend gibt es kein Handeln das nicht
Sinnstrukturen produziert. Und weil alles Handeln prozessual ist, müssen Struk-
turen prinzipiell prozessual vorgestellt werden. Oevermann führt daher Meads
Modell konsequent zu Ende, wenn er schlussfolgert, dass

„Struktur sich [...] von Prozess gar nicht mehr unterscheiden oder dazu in Ge-
gensatz bringen (lässt), denn Struktur zeigt sich nur als Strukturiertheit von
konkreten Gebilden, und diese wiederum lässt sich nur nachweisen als Verlauf,
d.h. als Prozess ihrer Reproduktion.“ (ebd.: 274)

Der objektiv-hermeneutische Strukturbegriff ist damit „in sich historisch konzi-


piert ist“. (ebd.: 273) Das bedeutet, dass

„die abstrakte, ohne einen Bezug zum historisch konkreten Gegenstand durch-
geführte Verwendung des Strukturbegriffs [...] keinen Sinn macht. Soziale
Strukturen kennt man erst, wenn man die rekonstruierte Strukturiertheit einer
konkreten Sache vor sich hat.“ (1983: 271)

Es ist klar, wogegen sich ein derartiger Strukturbegriff abgrenzt: gegen die „Re-
de von Strukturen als einer Menge von Elementen, die in einer zu spezifizieren-
den Relation zueinander stehen.“ Diese, so Oevermann, habe eine „rein buch-

126
halterische Funktion der Themenklassifikation“ (1996a: 12; vgl. 1981: 7) und
sei nichts als eine „belang- und folgenlose Verbalität über die Verwendungswei-
se des Terminus ‚Struktur’“. (2000: 71) Dieser Vorstellung zufolge müsste sich
die (zu untersuchende) Wirklichkeit in einen dynamischen und statischen Teil
zerlegen lassen; das hieße jedoch, entweder strukturlose Ereignisse oder ereig-
nislos Strukturen anzunehmen. Allerdings lassen sich weder Strukturen „ohne
direkte Analyse ihrer prozessualen Erscheinung methodisch [...] erfassen“ (ebd.)
noch prozessuale Erscheinungen ohne Analyse ihrer Struktur. Daraus könne
jedoch nur geschlossen werden, so Oevermann weiter, dass Struktur und Pro-
zess in eins fallen. Sinnvoll ist daher allenfalls die Rede von einer „generativen
Strukturformel“. (1983: 271) Denn Struktur ist „als Strukturiertheit zugleich
Prozess der Reproduktion und nur als solcher fassbar“. (ebd.) Methodologisch
gesehen bedeutet dies, die je konkrete Prozess-Struktur des zu untersuchenden
Gegenstandes als Fallstruktur, eben als Strukturprozess, zu betrachten. (vgl.
1981: 40)256 Wir werden im nächsten Kapitelabschnitt auf die methodologischen
Folgen eines solchen Strukturbegriffes noch genauer eingehen, für seine theore-
tische Fassung ist vor allem entscheidend, das Verhältnis von Struktur und Pro-
zess nicht ontologisierend zu verstehen: Der Prozess legt keine irgendwie ver-
borgene Struktur offen; der Prozess bildet die Struktur wie er sich umgekehrt in
bzw. mit der Struktur bildet.257 Denn als Prozess wird hier – darin zeigt sich
256
Oevermann bezieht sich dabei sowohl auf Lévi-Strauss (vgl. Lévi-Strauss 1971: 299ff.) als
auch auf den von Piaget geprägten Strukturbegriff. Nach Piaget sind Strukturen „ein System
von Transformationen, das als System (im Gegensatz zu den Eigenschaften der Elemente)
eigene Gesetze hat und das eben durch seine Transformationen erhalten bleibt oder reicher
wird, ohne dass diese über seine Grenze hinaus wirksam werden oder äußere Elemente hinzu-
ziehen. Mit einem Wort: eine Struktur umfasst die drei Eigenschaften Ganzheit, Transformati-
on und Selbstregelung.“ (Piaget 1973: 8); vgl. auch Garz 1984: 20ff., 39ff; Wagner 2004:
107ff.
257
Den Prozess als Offenlegung oder Aktualisierung einer verborgenen Struktur aufzufassen,
stellte ein gravierendes Missverständnis des objektiv-hermeneutischen Strukturbegriffes dar.
In der Sekundärliteratur zur Objektiven Hermeneutik wird es seit Reichertz’ Vorwurf, Oever-
mann entfalte eine „Metaphysik der Strukturen“ (Reichertz 1986: 286ff., vgl. ders. 1988;
1994: 140; 1997a: 125), oft ungeprüft weitergeschrieben. Harald Dern etwa bedient dieses
Missverständnis, indem er schreibt, „die Struktur erwacht erst dann zu konkret-materialem
Leben, wenn sie von ‚sozialen Gebilden’ getragen wird.“ (Dern 1994: 76, Hervorhebung
D.P.). Ähnlich irreführend ist die Formulierung von Hans-Josef Wagner, die mentalen Struk-
turen auf der Ebene eines individuellen Bewusstseins seien „Erscheinungsformen der univer-
salen geistigen Strukturen“ (Wagner 2004: 49). Sind mentale Strukturen Erscheinungsformen
universaler Strukturen, scheint in ihnen – das ist die damit in Anspruch genommene Argumen-
tation – eine verborgene, „dahinterliegende“ (ebd.: 103) Struktur auf; damit bedient man
unweigerlich eine ontologische Unterscheidung, die Oevermann gerade nicht eröffnet. Aller-
dings ist – wie wir in Kapitel II 3.3.1. noch genauer sehen werden – Oevermann nicht ganz
unschuldig am Entstehen dieses Missverständnisses. Einige seiner Äußerungen in Bezug auf
den Strukturbegriff lesen sich tatsächlich so, als ob er die Struktur als das (ontologisch) Ver-
borgene denke, als ein Etwas, das im Prozess zum Vorschein kommt. Im Gesamtzusammen-
hang der Objektiven Hermeneutik erweist sich dies aber als unsinnige Position. In II 3. werden
die hier implizierten Probleme und Fragen ausführlich diskutiert.

127
deutlich die Herkunft vom Pragmatismus – der material gefüllte Vollzug „kon-
kreter Selektionsentscheidungen der Lebenspraxis“ (1991: 271) betrachtet. Mit
dem Begriff Fallstruktur wird demnach die „Kette solcher Selektionsknoten“
(ebd.: 270) bezeichnet: „Zur Vergangenheit hin haben sich diese Fallstrukturen
systematisch gebildet, zur Zukunft hin sind sie systematisch offen und prinzi-
piell transformierbar. Das rührt daher, dass sie als Fallstruktur die strukturell
grundsätzlich gegebene Autonomie einer Lebenspraxis material füllen.“ (1996a:
14) In Fallstrukturen wird also der „je konkrete innere Zusammenhang im Le-
ben und Handeln der bestimmten, je konkreten historischen Praxis“ sichtbar.
(2000: 69; vgl. 1999: 82f.) Sie bilden nach Oevermann einen eigenlogischen
Zusammenhang, weil „Lebenspraxis sich in ihrer fallspezifischen Strukturge-
setzlichkeit (‚bildet’), indem sie Entscheidungen vollzieht“. (1991: 271)
Der von Oevermann vorgeschlagene Strukturbegriff bezieht sich also „aus-
schließlich auf Strukturen mit eigener Bildungsgeschichte oder eigener Ge-
schichte der Individuierung“. (1981: 35) Strukturen sind „Resultate von Bil-
dungs- und Individuierungsprozessen“, sie sind – metaphorisch gesprochen –
„historische Individuen“. (ebd.: 40) 258 Damit ist auch noch einmal klar, was
Strukturen nach Oevermann nicht sind: Der Begriff wird nicht synonym mit
dem Begriff des Modells verwendet, die nach der Maßgabe konstruiert sind,
sich etwas Verborgenes besser vorstellen zu können; unter Strukturen werden
aber auch keine Pattern subsumiert, weil diese letztlich wie Modelle das Produkt
gedanklicher Abstraktion sind und als solche allein heuristische, aber keine
fallerschließende Funktion haben.259 Stattdessen ist für Oevermann ein „nicht-
trivialer Strukturbegriff“ (2001f: 32) nur gegeben, wenn man die tatsächliche
Bildungsgeschichte des zu untersuchenden Gegenstandes rekonstruiert hat,
wenn man die „Individuiertheit historisch-konkreter Gebilde“ anhand des „not-
wendigen Vollzug(s) von Wahlen aus den Möglichkeiten“ (ebd.: 31), die sich an
jeder Entscheidungsstelle eröffnen, rekonstruiert. Diese Rekonstruktion ist die
Aufgabe der Sequenzanalyse, die die Fallstrukturgesetzlichkeit einer Bildungs-
geschichte aufzuzeigen hat.
Zwei weitere zentrale Begriffe der Objektiven Hermeneutik sind in diesen
Erörterungen zum Strukturbegriff bereits gefallen: Sequenz und Fallstrukturge-
setzlichkeit; beide werden an späterer Stelle (in II 2.3.3.B) noch einmal aufge-
griffen. Hier ist vorerst nur der Hinweis von Belang, dass mit dem Begriff der
Fallstruktur eine aus dem pragmatistischen Wahrnehmungs- und Handlungsmo-
dell abgeleitete Erkenntnis einlöst wird: Es kann weder strukturlose Ereignisse
noch ereignislose Strukturen geben; Struktur und Prozess bilden eine Einheit,
oder besser: eine widersprüchliche Einheit genau in dem Sinne wie die Lebens-
praxis widersprüchlich ist. Während aber für den Strukturbegriff der statisch-
258
Vgl. zur Historizität des objektiv-hermeneutischen Strukturbegriffs Sutter, H. 1997: 151ff.
259
Vgl. dazu Reichertz 1986: 283f.; 1988: 209f. und 1997: 34f.

128
komparative Zugriff als letztlich leere Operation zurückgewiesen wird und die
Gegenüberstellung von Prozess und Struktur in sich zusammenfällt, erweisen
sich für die objektiv-hermeneutische Theorie drei andere Differenzen als we-
sentlich: die Gegensatzpaare von Diachronie und Synchronie, von Kontinuität
und Diskontinuität und von Reproduktion und Transformation.
Der Aspekt des Diachronischen liegt auf der Hand: Wenn Strukturen keine
statischen Gebilde sind, sondern als Fallstrukturen vorgestellt werden, ist zwin-
gend der an die Handlungszeit gebundene Prozess bzw. Verlauf der Reprodukti-
on einer Struktur Gegenstand der Analyse. Deshalb spricht Oevermann – wie
noch genauer zu zeigen sein wird – von (Handlungs- bzw. Wahrnehmungs-
)Sequenzen. Auch die Seite der Synchronie wurde bereits erwähnt: Sie verweist
auf die Gesetzlichkeiten bzw. Generierungsformeln, die den Reproduktions- und
Transformationsprozess bestimmen. Das zweite Gegensatzpaar haben wir in der
Auseinandersetzung mit Meads zeitphilosophischer Argumentation erörtert.
Dort hat sich die Dialektik von Kontinuität und Diskontinuität als Grundlage des
genetischen Sinnbegriffs erwiesen. Sinn gibt es aber, so hieß es oben, nur in
einem durch emergente Ereignisse dynamisierten (Wahrnehmungs- und Hand-
lungs-)Zusammenhang. Damit ist die Frage aufgeworfen, was Ereignissen die
Eigenschaft der Emergenz verleiht, das heißt, wonach Reproduktion von Trans-
formation unterschieden werden kann. Dies trennen zu können, ist im Hinblick
auf die Analyse wesentlich, will sie doch die Sinnbildungsgeschichte eines
Gegenstandes (eines Textes) rekonstruieren. Wüsste man nicht, wann man es
mit einer Reproduktion oder einer Transformation zu tun hat, könnte der Ge-
genstand nicht rekonstruiert, sondern allenfalls paraphrasiert werden. Erst wenn
geklärt ist, was man unter dem Begriff des Neuen zu verstehen hat, kann die
strukturelle Differenz von Transformationen und Reproduktionen kenntlich
werden.

B Reproduktion und Transformation: Das Emergenzmodell

Die objektiv-hermeneutische Strukturerklärung der Entstehung des Neuen lässt


Oevermann mit einer einfachen Abgrenzung beginnen: „Ebenso wenig, wie es
ein absolut Neues oder ein absolut Bekanntes geben kann, ebenso falsch wäre
es, von der Annahme reiner Wiederholungshandlungen oder vollkommen neuar-
tiger Handlungen [...] auszugehen.“ (1985a: 194) Das ist aus pragmatistischer
Sicht zwingend, geht doch aus der triadischen Struktur von Sozialität hervor,
dass Wahrnehmen und Handeln immer in einem je konkreten Wahrnehmungs-
und Handlungszusammenhang stehen: Die voraussetzungslose Handlung bzw.
Wahrnehmung gibt es nicht. Demnach kann es mit dem Begriff des Neuen al-
lenfalls um die „Thematisierung von Graden der Neuartigkeit oder Bekanntheit

129
einer Handlung“ (ebd.) gehen.260 Deshalb spricht Oevermann auch von Trans-
formation und Reproduktion und nicht von Reproduktion oder Transformation.
Er führt die Begriffe folgendermaßen ein:

„Die Transformation einer Fallstruktur bezeichnet den kontinuierlichen Prozess


ihrer Entwicklung und Veränderung, mit Bezug auf den die Reproduktion je-
weils die Prozesse der Sicherung und Aufrechterhaltung entwickelter Struk-
turmuster [...] meint.“ (1985a: 195; vgl. 1981: 41)

Die Reproduktion einer Fallstruktur gehört demgemäß immer zu deren langfris-


tigen Transformation. Das heißt, Reproduktion setzt konstitutionslogisch gese-
hen Transformation voraus, weil die reproduzierende Struktur selbst das Ergeb-
nis eines Transformationsprozesses und nicht etwa umgekehrt der Transforma-
tionsprozess Folge der Reproduktion ist. Hier kehrt die gleiche Argumentations-
figur wie im Verhältnis von Routine und Krise wieder: Routinen sind aus Krisen
geboren, nicht Krisen aus Routinen. Das Verhältnis ist in beiden Fällen nach der
„allgemeinen Dialektik von Emergenz und Determination in der Zeitlichkeit
historischer Bildungsprozesse“ (1985a: 195; vgl. 1996a: 13) vorzustellen. Ob
also ein konkreter Handlungs- oder Wahrnehmungsablauf eher als Transforma-
tion oder aber als Reproduktion zu begreifen ist, hängt vom jeweils gewählten
Bezugspunkt ab: „Konstanz oder Veränderung im Verhalten, Wiederholung
oder Variabilität in der Wahl von Handlungszielen und Durchführungsmodi ist
nicht eine Frage substantieller Eigenschaften oder objektiv feststellbarer Merk-
male von Handeln, sondern eine Funktion des Blickwinkels in der Analyse.“
(ebd.; vgl. 1981: 41) Für den Blickwinkel der Praxis werden sich Reprodukti-
onsprozesse als der Regelfall darstellen, für den der wissenschaftlichen Analyse
ist die Reproduktion „eine Abstraktion vom allgemeineren Prozess der Trans-
formation.“ (1983: 270) Denn „Strukturen, die sich reproduzieren, sind in unse-
ren Wissenschaften von der sinnstrukturierten – und das heißt auch historischen
– Welt [...] das Ergebnis von Bildungsprozessen, die in sich wiederum der Pro-
totyp von Strukturtransformation sind.“ (2000: 73) Andernfalls müsste man
beispielsweise von Persönlichkeitsstrukturen annehmen, sie sind bei und mit der
Geburt festgelegt.261 Reproduktion als reine Wiederholung mag zwar theoretisch
vorstellbar sein, empirisch stellt dies aber einen nicht anzutreffenden Grenzfall
dar, da jede Wiederholung „als Form der Praxis wegen deren Reflexivität immer
ein ‚bisschen’ neu (ist), [...] wie umgekehrt jede Transformation immer auch
[...] ein Stück Reproduktion darstellt“. (1991: 275; vgl. 1981: 41) Methodisch
gesehen lässt sich also an einem einzelnen Handlungssegment – an einer Stelle
des Handlungs- bzw. Wahrnehmungskreislaufs – gar nicht entscheiden, ob
260
Die engere Frage nach dem Neuen innerhalb der Kunst- bzw. Literaturgeschichte wird in
Teil III noch eigens behandelt. Vgl. III 4.2.
261
Vgl. dazu II 3.2.F.

130
Transformation oder Reproduktion vorliegt. Anhand des Begrüßungsbeispieles
lässt sich dies verdeutlichen: Wüsste man lediglich, B grüßt mit ‚Guten Abend’,
aber nicht, dass A zuvor schon mit dem gleichen Gruß die Interaktion am Mor-
gen eröffnet hatte, ist es unmöglich zu entscheiden, ob B ein vorhandenes Hand-
lungsmuster reproduziert oder aber transformiert. Erst aus dem Handlungszu-
sammenhang heraus lässt sich entscheiden, ob B die von A vorgeschlagene
Transformation des Morgengrußes mitvollzieht. Daran ist auch gut zu sehen,
dass die Entscheidung, ob B’s Handlung als Transformation oder Reproduktion
zu betrachten ist, vom Blickwinkel der Analyse abhängt: Antwortet B auf A’s
Guten-Abend-Gruß am Abend seinerseits mit ‚Guten Abend’, stellt sich dieses
‚Guten Abend’ für B (also aus der Praxisperspektive) als Transformation dar;
aus nichtpraktischer Perspektive sieht man jedoch, dass B die von A vorge-
schlagene Transformation des Grüßens am Morgen reproduziert. Während B
also aus den objektiv gegebenen Antwortmöglichkeiten die für ihn transforma-
torische Option des Guten-Abend-Grußes am Morgen wählt, stellt sich unter
analytischem Blickwinkel die transformatorische Option als reproduzierende
heraus. Das lässt sich freilich nur erkennen, wenn die Analyse nicht darauf an-
gelegt ist, die Praxisperspektive nachzuvollziehen.
Dennoch ist mit dieser Unterscheidung zwischen Transformation und Repro-
duktion einerseits und zwischen praktischer und analytischer Perspektive ande-
rerseits noch nichts darüber gesagt, was einem konkreten Ereignis den Charakter
der Emergenz verleiht. Wir wissen damit lediglich, inwiefern sich im Modus der
Nachträglichkeit zwischen reproduzierenden und transformatorischen Handlun-
gen unterscheiden lässt. Das Neue entsteht aber nicht erst nachträglich – etwa,
indem man etwas als etwas Neues behauptet –, sondern mit dem Handeln selbst,
auch wenn sich erst im Nachhinein klären lässt, ob eine bestimmte Handlung
eine Reproduktion oder Transformation darstellt. Wenn es aber mit dem Han-
deln entsteht, muss die Quelle der Emergenz auch im Handlungsvollzug liegen,
also dort, wo die Möglichkeit gegeben liegt, eine neue Handlungsoption zu
wählen, oder zeitphilosophisch gesprochen: dort, wo eine Handlungsinstanz den
Kontinuitätsbruch erfährt. Von Mead wissen wir, dass dies im Moment der
(doppelten) Gegenwart gegeben ist, interaktionstheoretisch gesehen im I.
An diese Argumentation schließt Oevermann an, indem er den Versuch, das
„Emergente als Emergentes überhaupt zu identifizieren“ (1991: 294), bei Meads
Begriff des I beginnen lässt; das I versteht er dabei als „Quelle von Innovation
und Transformation“, die „zugleich immer in eins fällt mit der Gegenwärtigkeit
sich vollziehender Praxis.“ (ebd.: 298) Da nämlich, wie gesehen, das I als Spon-
taneitätsinstanz zu verstehen ist, lässt es in der „gegenwärtigen Konkretion
zukunftsoffener Entscheidungssituationen praktisches Handeln emergieren.“
(ebd.) Das I ist also „das konkrete ‚Hier’ und ‚Jetzt’, die jeweilige Mitte einer
eröffneten Handlungs-Raum-Zeitlichkeit einer Praxis“. Damit wird es zur Sub-
jektivitätsartikulation, der „das ‚Me’, die in Begriffen des Allgemeinen ausfor-

131
mulierte, rekonstruierte Seite des Selbst, dialektisch gegenüber steht“. (ebd.) Im
Me ist demnach die „jeweils gegenwärtige Emergenz des I zur erinnerten und
rekonstruierten Gegenwart geworden“ (ebd.); es stellt in Begriffen des Allge-
meinen die Besonderheit einer konkreten Lebenspraxis dar.
Der von Oevermann konzipierte dialektische Zusammenhang stellt sich damit
folgendermaßen dar: Auf der einen Seite steht das I als Instanz der Spontaneität,
die ihre Spontaneität aber auf der anderen Seite nur im Rahmen des Me, und das
heißt im Rahmen vergangener Handlungs- und Wahrnehmungsvollzüge und im
Hinblick auf zukunftsoffene Entscheidungen, entfalten kann. Weil das I aber auf
der Basis dieser Bildungsgeschichte in Erscheinung tritt, steht es in einer Dia-
lektik von Emergenz und Determination. (vgl. 1995: 45f.) Genauso wie das I nur
in Begriffen des Allgemeinen, eben des Me formulierbar ist, genauso emergiert
im bzw. mit dem I das Me: Erst unter dem Blickwinkel einer (determinierenden)
Bildungsgeschichte eröffnen sich die Möglichkeiten von Emergenz. „Denn soll
das Emergente als Neues Bestand haben, muss es in sein Gegenteil: das Deter-
minierte übergegangen sein, als das es durch Rekonstruktion fixiert wird.“
(1991: 299) Das Neue ist nur in Begriffen des Bekannten zu haben. Das nimmt
dem Neuen aber nicht seinen spezifischen Charakter:

„Das Neue ist vielmehr jenes Emergente, dessen Rekonstruktion zugleich –


korrelativ zum Unterschied der Transformation von bloßer Reproduktion – ein
Umschreiben der bisherigen Vergangenheitsrekonstruktion notwendig macht.
[...] denn nur als praktisch aus der Vergangenheit motivierte ist sie (die Emer-
genz des Neuen, D.P.) in das ‚me’ integrierbar.“ (ebd.: 300f.)

Diesen Zusammenhang hatten wir schon in der Auseinandersetzung mit Meads


Konzeption der I/Me-Differenz gesehen; Oevermann überträgt ihn auf die gene-
relle Dialektik von Allgemeinem und Besonderem, von Determination und
Emergenz. Es gibt für die Objektive Hermeneutik also nicht das Neue als sol-
ches, sondern stets nur in der Gleichzeitigkeit von Allgemeinem und Besonde-
rem, von Neuem und Bekanntem oder allgemein formuliert: in der Gleichzeitig-
keit von Reproduktion und Transformation.
Das hat wichtige Konsequenzen für die methodische Arbeit: Der direkte
Zugriff auf das Phänomen wird damit ausgeschlossen. Nur was sich (in einer
Ausdrucksgestalt) materialisiert hat, kann Gegenstand der Analyse sein.
Man könnte nun weiter nach der inhaltlichen Motivierung des Neuen fragen
und stieße auf den Begriff der Imagination, der uns innerhalb der ästhetiktheore-
tischen Überlegungen in Kapitel III 2.2.A noch beschäftigen wird. Jetzt kommt
es zunächst darauf an, das Verhältnis von Emergenz und Determination in sei-
ner grundlegenden Dialektik zu charakterisieren, grundlegend deshalb, weil
diese Dialektik laut Oevermann dem pragmatistischen Wahrnehmungs- und
Handlungsmodell zugrunde liegt. Dafür ist eine genauere Analyse des Emer-
genz-Begriffes notwendig. Wenn es nämlich richtig ist, dass einer Handlung die

132
Eigenschaft der Emergenz nicht per Zuschreibung oder Behauptung zukommt,
braucht es eine strukturelle Erklärung der Emergenz, strukturell im Sinne des
pragmatistischen Wahrnehmungs- und Handlungsmodells.262 Nun knüpfen Oe-
vermanns Überlegungen zwar an die pragmatistischen Argumente von Mead
und Peirce an, sind in ihrem wesentlichen Punkt aber unterbestimmt. Offen
bleibt bei ihm, worin der wesentliche Unterschied zwischen einer objektiv-
hermeneutischen Emergenz-Theorie und jenen epistemischen Erklärungsansät-
zen besteht, von denen sie sich absetzen will.263 Diesen darzustellen, sei im
Folgenden versucht; denn auf diese Erklärung referiert der für die Objektive
Hermeneutik zentrale Begriff der Rekonstruktion.
Die Unklarheiten hinsichtlich des Emergenz-Begriffes hängen zunächst mit
der Entstehung der Emergenz-Forschung selbst zusammen, hat der Begriff doch
seit Mitte des 19. Jahrhunderts eine schwierige und vielfältige Geschichte
durchlebt. Eingeführt, um vor allem das Problem der prinzipiellen Grenzen von
Ableitbarkeit zu erklären, ist der Emergenz-Begriff seit seiner Etablierung durch
die Merkmale des Neuartigen, Unvorhersagbaren oder Irreduziblen gekenn-
zeichnet.264 Er bezieht sich auf komplexe Struktursysteme, die von Anfang an
hinsichtlich zweier Klassen von Eigenschaften unterschieden wurden: Eigen-
schaften, die sich aus den Eigenschaften der Bestandteile eines Systems und
deren Zusammensetzung ergeben (resultante oder additive Eigenschaften) und
Eigenschaften, die die Eigenschaften der Bestandteile übersteigen, also super-
venieren (emergente Eigenschaften).265 Vor allem durch die logischen Empiris-
ten Carl Gustav Hempel, Paul Oppenheim und Ernest Nagel wurde dieses Kon-
zept scharf angegriffen. Deren Begriffsanalyse führte auf einen lediglich theo-
rierelativen Begriff der Emergenz, wonach der Emergenz-Begriff besage, relativ
zu den derzeit bekannten Theorien könne nicht verstanden werden, weshalb ein
262
Oevermann hat die zentrale Stellung einer tragfähigen Emergenz-Theorie auch hinsichtlich
konkurrierender Ansätze betont: „Tatsächlich ist die Erklärung der Entstehung des Neuen das
Schibboleth der verschiedenen Positionen in den Erfahrungswissenschaften von der sinnstruk-
turierten Welt, also der menschlichen Praxis.“ (2001a: 1)
263
Daraus sind in der Forschungsliteratur zur Objektiven Hermeneutik schwerwiegende Miss-
verständnisse hervorgegangen. So sieht etwa Reichertz Oevermanns Emergenz-Theorie zwar
aus den „Fanggründen forschungspsychologischer Kontingenz“ befreit, sie dafür aber an eine
„Strukturtheorie, die nichts Neues mehr kennt“, verlorengegangen. (Reichertz 1994: 146) Das
könnte nur gefolgert werden, wenn man Oevermann einen epistemischen Emergenz-Begriff
unterstellt. Die nachstehenden Überlegungen werden zeigen, dass man damit das objektiv-
hermeneutische Emergenz-Konzept verfehlt.
264
Es ließe sich dabei noch genauer zwischen verschiedenen Spielarten des Emergentismus
unterscheiden und von synchronem, diachronem und schwachem Emergentismus sprechen.
Vgl. dazu Stephan, A.: Emergenz. In: Sandkühler, H. J. (Hg.): Enzyklopädie Philosophie.
Unter Mitwirkung von D. Pätzold, A. Regenbogen und P. Stekeler-Weithofer. 2 Bde. Ham-
burg 1999: 304ff.; ders.: Emergenz. Von der Unvorhersagbarkeit zur Selbstorganisation.
Dresden München 1999.
265
Vgl. Heidelberger 1994: 341.

133
System S die Eigenschaft E hat.266 Denn wenn eine Eigenschaft eines Systems,
so das Argument der logischen Empiristen, aus den nichtrelationalen Eigen-
schaften seiner Teile ableitbar sein soll, kann das immer nur Ableitbarkeit in
bezug auf eine Theorie sein, die unter Zuhilfenahme von Gesetzen einen Zu-
sammenhang zwischen den Eigenschaften des Ganzen und den Eigenschaften
der Bestandteile behauptet. Ohne eine solche Theorie ließen sich nicht einmal
additive oder resultante Eigenschaften feststellen. Man muss demnach immer
eine Theorie einführen, um überhaupt Ableitbarkeit zu ermöglichen. Da aber die
Ableitbarkeit einer Eigenschaft aus anderen Eigenschaften eine Theorie voraus-
setzt, kann Emergenz auch immer nur in bezug auf eine Theorie behauptet wer-
den. Der Begriff der Emergenz lässt sich damit ausschließlich relativ zu einer
Theorie bilden. Emergenz ist folglich „kein ontologisches Merkmal, das gewis-
sen Phänomenen zukommt, sondern sie bringt das Ausmaß unseres Wissens zu
einer bestimmten Zeit zum Ausdruck, [...] und was in Bezug zu heutigen Theo-
rien emergent ist, kann morgen seinen emergenten Status wieder verlieren.“267
Mit dieser Argumentation ist dem Emergenz-Begriff in der Tat der Boden
entzogen. Allerdings wird er darin auch als einer verstanden, „der einen Bezug
auf den psychischen Zustand von Personen beinhaltet“268; insofern steht er im
Dienst einer epistemischen Konzeption.269 Michael Heidelberger hat nun genau
diese Konzeption ihrerseits kritisiert:

266
Vgl. Hempel, C. G./Oppenheim, P.: Studies in the Logic of Explanation. In: Hempel, C. G.:
Aspects of Scientific Explanation. New York 1965: 263; vgl. Nagel, E.: The Structure of
Science. London 1961: 369; vgl. zur Kritik des logischen Empirismus am Begriff der Emer-
genz Heidelberger 1994: 341ff.; vgl. weiter auch Stephan, A. (1999): Emergenz. In: Sandküh-
ler, H. J. (Hg.): Enzyklopädie Philosophie. Unter Mitwirkung von D. Pätzold, A. Regenbogen
und P. Stekeler-Weithofer. 2 Bde. Hamburg 1999: 304.
267
Hempel, C. G./Oppenheim, P.: Studies in the Logic of Explanation. In: Hempel, C. G.:
Aspects of Scientific Explanation. New York 1965: 263. (Übersetzung nach Heidelberger
1994: 343)
268
Heidelberger 1994: 344.
269
Diese Konzeption wird keinesfalls nur von logischen Empiristen vertreten. Ähnlich argu-
mentiert etwa Karl Acham, wenn er die Bedingungen der Entstehung von Neuem nach sozi-
ostrukturellen (Acham, K.: Zu den Bedingungen der Entstehung von Neuem in der Wissen-
schaft. In: Berka, W./Brix, E./Smekal, C. (Hg.): Woher kommt das Neue? Kreativität in Wis-
senschaft und Kunst. Wien Köln Weimar 2003: 15ff.) und individuellen (ebd.: 18ff.) Aspekten
aufteilt. Wichtigstes Emergenz-Merkmal ist ihm zufolge „die Haltung des Nonkonformismus
[...] der schöpferischen Persönlichkeit“. (ebd.: 23) Für die Forschung ergeben sich daraus zwei
Linien: Zum einen die Suche nach historischen Beispielen von Vorbildern (vgl. Rheinberger,
H.-J. : Historische Beispiele experimenteller Kreativität in den Wissenschaften und Brix, E.:
Wesen und Gestalt kreativer Milieus. Beide in: Berka, W./Brix, E./Smekal, C. (Hg.): Woher
kommt das Neue? Kreativität in Wissenschaft und Kunst. Wien Köln 2003) und zum anderen
die Verlagerung der Emergenz-Problematik in die experimentelle Psychologie (Wagner, M.:
Kreativität und Kunst. In: Berka, W./Brix, E./Smekal, C. (Hg.): Woher kommt das Neue?
Kreativität in Wissenschaft und Kunst. Wien Köln Weimar 2003). Beide Linien können nicht
leisten, worauf es hier ankommt: ein Strukturmodell von Emergenz zu erarbeiten.

134
„Nicht der Bezug einer Tatsache auf den Zustand der Erwartung von Personen
macht eine Erklärung aus, sondern ihr Bezug auf andere subjektunabhängige
Fakten. Statt epistemisch muss die wissenschaftliche Erklärung also ontisch
aufgefasst werden.“270

Eine Eigenschaft ist also nicht emergent, wenn eine Behauptung über ihre Be-
ziehung zum Wissenszustand einer Person, sondern über ihre Beziehung zu den
Bestandteilen des in Frage stehenden Systems aufgestellt wird. Insofern folgt
aus der (ontischen) Emergenz einer Eigenschaft, dass sie neuartig (aus keiner
Theorie ableitbar) ist; es folgt aber nicht, dass alle neuartigen Eigenschaften
emergent sind. Zur Neuartigkeitsthese gehört auch immer der evolutionäre As-
pekt, der ein bloßes Entdecken von bislang übersehenen Eigenschaften aus-
schließt. Der ontische Emergenz-Begriff beinhaltet dementsprechend, dass für
eine Erklärung der Emergenz ein spezieller kausaler Mechanismus behauptet,
für die ontische Konzeption der Emergenz aber geleugnet wird. Heidelbergers
Definition von Emergenz lautet daher:
„Eine Eigenschaft eines Systems heißt emergent, wenn sich ihre kausale Rolle
im System nicht aus der kausalen Wechselwirkung der einzelnen Bestandteile
des Systems ergibt.“271

Es wird also für die ontische Konzeption der Emergenz das Fehlen einer voll-
ständig kausalen Verbindung der zu erklärenden Eigenschaft mit den Eigen-
schaften der Bestandteile konstatiert. Genau das will der evolutionäre Aspekt
dieser Emergenz-Konzeption zum Ausdruck bringen:

„Wenn wir sagen, dass die Eigenschaft eines Systems emergent ist, implizieren
wir, dass eine Zustandsänderung stattgefunden hat und dass die Ursache dafür,
dass das System nun eine andere Eigenschaft hat, nicht in den Eigenschaften
seiner Bestandteile liegt.“272

Deshalb bezeichnet Heidelberger Emergenz-Theorien als „Eigenschaftsverände-


rungs-Theorien“ bzw. „morphogenetische Theorien“.273 Ihr wesentliches Merk-
mal besteht darin, dass ein Bezug auf den Wissenszustand des Subjektes in
dieser Begriffsbestimmung nicht (mehr) notwendig ist. Dennoch ist damit nicht
die generelle Frage beantwortet, ob es emergente Eigenschaften tatsächlich gibt.
Heidelberger weist zu Recht darauf hin, dafür könnten nur indirekte Beweise
gegeben werden. Denn die Behauptung, eine bestimmte Eigenschaft sei emer-
gent, kann allein mit dem Bekanntwerden neuer Eigenschaften widerlegt wer-
den. Diese indirekten Beweise werden laut Heidelberger vom Indeterminismus
270
Heidelberger 1994: 344.
271
Ebd.: 350.
272
Ebd.: 351.
273
Ebd.

135
geliefert: „In einem indeterministischen Universum, in dem Ereignisse eine
ganz bestimmte Form haben, muss es notwendig irgendwann und irgendwo zu
emergenten Eigenschaften kommen.“274
Einen indeterministischen Ansatz in diesem Sinne kennen wir bereits von
Peirce, lief doch sein pragmatistisches Hauptargument auch darauf hinaus, die
Frage nach einem letzen (determinierenden) Grund als pragmatistisch sinnlos zu
entlarven. Entsprechend schreibt er:

„Indem ich [...] zulasse, dass die reine Spontaneität oder das Leben ein Kenn-
zeichen des Universums ist, das zwar durch Gesetzmäßigkeiten in enge Gassen
eingeschlossen, aber doch immer und überall am Wirken ist und das infinitesi-
male Abweichungen von der Gesetzmäßigkeit dauernd und große Abweichun-
gen mit unendlicher Häufigkeit bewirkt, auf diese Weise also trage ich all der
Vielfalt und Verschiedenheit des Universums in dem einzigen Sinn Rechnung,
in dem man sagen kann, dass einer Sache, die wirklich sui generis und neu ist,
Rechnung getragen wird.“275

Vom Indeterminismus allein lässt sich allerdings noch nicht auf Emergenz rück-
schließen. Nach Heidelberger ist aber „dieser Rückschluss wenigstens in einem
Universum (zulässig), dessen Ereignisse durch Umgruppierung seiner Bestand-
teile zustande kommen.“276 Das kann jedoch nur behauptet werden, wenn Ereig-
nisse als zusammengesetzt und – wie Heidelberger das nennt – mikrodetermi-
niert betrachtet werden. Mikrodeterminiert sind die Ereignisse dann, wenn die
Eigenschaften des Ganzen durch die Eigenschaften der Komponenten bestimmt
sind; zusammengesetzt heißen die Ereignisse, weil es Gesetze gibt, nach denen
der Zustand der einzelnen Komponenten den Zustand des Systems determiniert.
So gesehen ist ein indeterministisches Universum, wie Heidelberger weiter
schließt, ein mikrodeterminiertes; das bedeutet: „Wenn das Universum mikrode-
terminiert ist, dann werden alle Ereignisse durch Umgruppierung der Kompo-
nenten des Universums verwirklicht.“277 Das heißt für ein Ereignis E zu einem
bestimmten Zeitpunkt, gewisse Komponenten fanden sich zu einem System S
zusammen, das vorher nicht bestand. Das Ereignis E ist demnach eine „Instanti-
ierung von Eigenschaften“ des Systems S.278 Da dieses System mikrodetermi-
niert ist, hängen seine Eigenschaften zwingend von den Eigenschaften seiner
Bestandteile ab. Diese Eigenschaften wiederum waren aber schon früher reali-
siert und mikrodeterminieren also alle möglichen Zusammensetzungen, weil
sonst die Instantiierung gar nicht denkbar wäre. Daraus folgt: Das Ereignis E ist
von solchen früheren Ereignissen bestimmt, in denen bereits die gleichen Kom-
274
Ebd.: 352f.
275
Peirce 1991a: 173.
276
Heidelberger 1994: 353.
277
Ebd.: 354.
278
Ebd.

136
ponenten wirksam waren wie in ihm selbst. Hätten nämlich die Bestandteile zu
früheren Zeitpunkten andere Eigenschaften besessen, wäre nicht das Ereignis E
eingetreten, sondern ein anderes. Damit wird nahegelegt, dass Ereignisse zwar
determiniert sind (von den Eigenschaften der Bestandteile abhängig), das Sys-
tem selbst aber indeterminiert ist, da es durch Umgruppierung seiner Bestandtei-
le zustande gekommen ist und diese Umgruppierung als Instantiierung von
Eigenschaften fungieren kann. Verhält es sich so, sind auch emergente Eigen-
schaften möglich.
Der prinzipielle Gang dieser Argumentation ist bereits zu Teilen aus der hier
versuchten Interpretation des pragmatistischen Wahrnehmungs- und Hand-
lungsmodells bekannt: Ereignisse werden als Ereignisse nur innerhalb eines
Wahrnehmungs- und Handlungskreislaufes greifbar (es sind also immer zu-
sammengesetzte Ereignisse im Sinne einer Fallstruktur); und Ereignisse sind –
weil fallstrukturiert – miteinander durch eine objektive Sinnstruktur verbunden.
Oben wurde dieser Zusammenhang sinnlogisch genannt, Heidelberger bezeich-
net ihn als mikrodeterminiert. Aus dem Standardbeispiel der Begrüßung wissen
wir darüber hinaus, was es heißt, dass die Situation von B sinnlogisch vorstruk-
turiert (mikrodeterminiert) ist: B hat genau zwei Möglichkeiten, auf den Gruß
von A zu reagieren. Die Situation von B, so können wir nun sagen, ist von sei-
ner (Handlungs-)Struktur her gesehen mikrodeterminiert, die Situation selbst
aber indeterminiert. Beides zusammen ermöglicht die Instantiierung von (neuen)
Eigenschaften in dem eben beschriebenen Sinne.
Dieses dialektische Verhältnis (von mikrodeterminierten Eigenschaften in ei-
nem indeterminierten System) ist als durchgängige Eigenschaft von Ereignissen
bzw. Handlungsabläufen vorzustellen: Nicht nur die Eigenschaften dieses einen
bestimmten (realisierten) Ereignisses werden durch die Eigenschaften der Kom-
ponenten bestimmt, sondern auch die Eigenschaften aller möglichen Ereignisse,
die sich aus allen oder einem Teil der Komponenten zusammensetzen lassen.
Heidelberger schlussfolgert daraus, es gebe Gesetze, nach denen der Zustand
der einzelnen Komponenten den Zustand aller Ereignisse mikrodeterminiert, die
aus ihnen zusammensetzbar sind.279 Denkt man Emergenz innerhalb einer sol-
chen Dialektik, dann sind – auch und gerade für die den Zustand bestimmenden
Gesetze – die jeweiligen Anfangsbedingungen des Systems bzw. des einzelnen
Ereignisses von entscheidender Bedeutung. Treten nämlich emergente Eigen-
schaften auf, verändern sich die Anfangsbedingungen, und zwar unabhängig
davon, ob das Universum einen zeitlichen Anfang besitzt oder nicht.
Genau in diesem Sinne versteht sich die ontische Emergenz-Konzeption als
Eigenschaftsveränderungstheorie, sie trägt – wie es in dem Zitat von Peirce
oben hieß – der Vielfalt und Verschiedenheit des Universums Rechnung. Das
kann sie allerdings nur, wenn die determinierten Ereignisse zu einem indetermi-
279
Vgl. ebd.

137
nierten System gehörig betrachtet werden. Damit ist die Frage aufgeworfen, wie
der Zusammenhang zwischen determinierenden Ereignissen und indeterminier-
tem System als struktureller Zusammenhang zu denken ist. Soll Emergenz we-
der als Zufalls- noch als Zuschreibungs-, sondern als Eigenschaftsverände-
rungsprodukt betrachtet werden, impliziert dies die Annahme eines Algorithmus
in der Form einer dynamischen Prozedur, die es erlaubt, mit einer begrenzten
Menge von Regeln unbegrenzt viele (und damit auch: neue) Sachverhalte resp.
Eigenschaften zu schaffen.280 Wenn es nämlich stimmt, dass Innovation als
Folge von Zustandsänderungen entsteht, muss der damit angenommene Algo-
rithmus sowohl generativ als auch interpretativ wirken: Er muss es erlauben,
neue Zustände aus einem begrenzten Arsenal von Entstehungsregeln herzustel-
len, um diese als solche überhaupt erkennen zu können. Insofern muss dieser
Algorithmus sowohl auf Seiten des emergenten als auch des interpretierenden
Systems vorausgesetzt werden: Sowohl der Schöpfer des Neuen als auch der
Rezipient rekurriert darauf. Die besondere Eigenschaft von Algorithmen ist
dabei, dass ihr Determinismus zu einem Indeterminismus führt. Insofern ist „das
Wesen der Kreativität ein offener Horizont, auch wenn er durch endliche Regeln
erzeugt wird.“281 Determination und Emergenz, Algorithmus und Kreativität
stehen folglich in einem dialektischen Konstitutionsverhältnis, das in Kapitel II
3.2. noch genauer zu untersuchen sein wird.282
Vor dem Hintergrund dieser Überlegungen wird deutlich, dass der objektiv-
hermeneutische Emergenz-Begriff als ontisch im geschilderten Sinne zu verste-
hen ist. Nur ein solcher Begriff verträgt sich mit dem pragmatistischen Wahr-
nehmungs- und Handlungsmodell; denn Handlungen resp. Wahrnehmungen
werden erst innerhalb mikrodeterminierter Zusammenhänge kenntlich. Genau
das ist es, was Peirce’ relationenlogisches Kategorienkonzept zum Inhalt hat.
Oevermann überträgt es – wie in den folgenden Kapiteln noch gezeigt werden
wird – auf die allgemeine Dialektik aus Emergenz und Determination und bean-
sprucht damit, ein allgemeines Emergenz-Modell gefunden zu haben, das auf
280
Vgl. dazu Weibel, P.: Algorithmus und Kreativität. In: Berka, W./Brix, E./Smekal, C.
(Hg.): Woher kommt das Neue? Kreativität in Wissenschaft und Kunst. Wien Köln Weimar
2003.
281
Ebd.: 96f. Weibel schreibt daher: „Der Kreative wird zum Designer von Algorithmen und
zum Interpreten der Produkte von Algorithmen.“ (ebd.: 97)
282
Damit ist auch ein Emergenz-Verständnis zurückgewiesen, das der Emergenz geradezu
mystische Qualitäten zuschreibt, indem man, wie Wolfgang Iser, unter emergenten Phänome-
nen etwas versteht, das „sich nicht auf Bestehendes zuordnen“ lasse. (Iser 2003: 191). Richtig
daran ist, Emergenz den Charakter des Neuen zuzuschreiben, der auf Bestehendes nicht redu-
ziert werden kann; falsch wird die Argumentation, wenn emergenten Phänomenen „Referenz-
losigkeit“ (ebd.) zugesprochen und also die Beziehung zum Bestehenden gekappt wird. Die
verheerenden Folgen einer solchen Emergenz-Konzeption zeigen sich am deutlichsten in der
Ästhetiktheorie, dem prominentesten Gebiet emergenter Phänomene: Man bedient damit unter
der Hand jene Genieästhetik und ihre Idealisierungsstrategien, die den kreativen Prozess zu
einer Art mystischer Schau verklären. Vgl. dazu auch III 2.2.B.

138
die Erklärung der Reproduktion und Transformation von Fallstrukturen ange-
wendet werden kann. Gerechtfertigt ist diese Übertragung, wenn Fallstrukturen
als Handlungsstrukturen begriffen werden, deren Sinngehalt nicht mit dem Be-
wusstsein des Handelnden identisch ist. Die Berechtigung dieser Behauptung
geht aus dem objektiv-hermeneutischen Konzept der latenten Sinnstrukturen
hervor, bezieht sich dieses doch auf jene Sinnstrukturen, die mit mentaler Rep-
räsentanz nicht zusammenfallen. Insofern ließe sich sagen, dass latente Sinn-
strukturen ontische Strukturen sind, deren Eigenschaften sich nicht auf den
Wissenszustand einer Handlungsinstanz, sondern auf den sinnstrukturierten
(Handlungs-)Zusammenhang beziehen: Es sind eigenlogische Sinnstrukturen,
die den intentional repräsentierten Bedeutungsgehalt übersteigen; in diesem
Sinne kann den latenten Sinnstrukturen „überschießende(r) Gehalt“ zugespro-
chen werden.283 Das deckt sich mit der Mead’schen interaktionistischen Argu-
mentation, wonach der Sinn „in der sozialen Handlung vor dem Auftreten des
Bewusstseins des Sinnes gegeben“ ist.284 Aus Sicht des ontischen Emergenz-
Konzeptes heißt dies, Emergenz weder als beliebig noch als vollständig prog-
nostizierbar anzusehen; die Entstehung von Emergenz ist vielmehr in ein sinn-
logisch strukturiertes Verweisungsgefüge von aufeinander bezogenen sozialen
Handlungen bzw. Wahrnehmungen eingebunden.285 Emergenz ist aber keine
Zusatzqualität von Sinnstrukturen, im Gegenteil: Erst durch emergente Ereignis-
se wird das Nacheinander von Handlungen zu einem sinnstrukturierten Zusam-
menhang. Die Entstehung von Emergenz ist so gesehen keine Ausnahmeer-
scheinung, sondern die Voraussetzung für die Sinngenese; oder anders gefasst:

„Die Reproduktion (ist) Grenzfall von Transformation, nicht umgekehrt, also


die Entstehung des Neuen nicht dramatische Ausnahme, sondern potenzieller
Regelfall, der als strukturelle Normalität selbst der Stabilisierung per Repro-
duktion zugrunde liegt.“ (1991: 299)

Dieses Argument referiert wieder auf die krisentheoretische Interpretation des


pragmatistischen Wahrnehmungs- und Handlungsmodells, derzufolge die Krise
den Normal- und die Regel den Ausnahmefall darstellt. Darin sieht Oevermann
den objektiv-hermeneutischen Emergenz-Begriff nun auch deshalb verankert,
weil es diese Betrachtungsweise erlaubt, Emergenz analytisch zu erfassen: „Im
Bezugsrahmen des durch das Begriffspaar Krise und Routine ausgedrückten
Gegensatzverhältnisses wird es erst möglich, strukturanalytisch die systemati-
sche Erzeugung des Neuen als Normalfall von Lebenspraxis unabhängig davon
zu unterscheiden, dass rein quantitativ die Routine die Krisenkonstellation ü-
berwiegt.“ (2000c: 447) Denn „soll das Emergente als Neues Bestand haben,
283
Terhart 1981: 779.
284
Mead 1973: 117.
285
Vgl. Schneider, G. 1985: 75.

139
muss es in sein Gegenteil: das Determinierte, übergangen sein, als das es durch
Rekonstruktion fixiert wird.“ (1991: 299) Das ging bereits aus Meads zeitphilo-
sophischen Überlegungen hervor, die es erlaubten, einen genetischen Sinnbeg-
riff einzuführen. Für Oevermann steckt darin, in der krisentheoretischen Lesart
der Mead’schen Interaktionstheorie, der „Schlüssel für die Überwindung der
falschen Dichotomie von gesetzeswissenschaftlicher Erklärbarkeit einerseits
und wirklichkeitswissenschaftlichem Nachschaffen von Einzigartigkeit bzw.
Neuheit andererseits.“ (ebd.) Wenn Emergenz nämlich der Normalfall ist, gilt,

„dass das Neue, je nach Stellung im Verhältnis der Momente der Handlungs-
zeitlichkeit und im Verhältnis von unmittelbarer Gegenwart und vermittelter,
praxisenthobener Ausdrucksgestalt einmal das Emergente und das andere Mal
das Determinierte ist, wird die Gleichzeitigkeit von Besonderem und Allge-
meinem am konkreten, innovativen Handlungsereignis systematisch greifbar.“
(ebd.)

Da das Neue jedoch, wie gesehen, integraler Bestandteil der Sinngenese ist,
repräsentiert laut Oevermann auch jede Sinnstruktur Allgemeines und Besonde-
res zugleich. Diese Schlussfolgerung basiert auf jener „spezifische(n) Ausle-
gung der Bedeutungstheorie von Mead“, die von „einem Begriff der Bedeutung
als interaktiv emergenter, objektiver sozialer Struktur (ausgeht), die ihrerseits
als Voraussetzung für die Konstitution von Intentionalität gelten muss.“ (1979:
380) Die vollständige Koinzidenz der intentionalen Repräsentanz mit der laten-
ten Sinnstruktur ist zwar prinzipiell möglich, aber „sie stellt den idealen Grenz-
fall der vollständig aufgeklärten Kommunikation in der Einstellung der Selbstre-
flexion dar“. (ebd.)
Methodologisch heißt dies für Oevermann, dass ohne Differenzierung zwi-
schen der Ebene der objektiven latenten Sinnstruktur und der Ebene der subjek-
tiv-intentional Repräsentanz eine Analyse von (emergenten) Handlungszusam-
menhängen nicht möglich ist. Darauf aber, auf die Rekonstruktion sinnstruktu-
rierter Zusammenhänge, zielt das objektiv-hermeneutische Theorie- und For-
schungsprogramm generell. Bislang wissen wir allerdings nicht, was Rekon-
struktion überhaupt heißen soll. Genauer: Was rekonstruiert eine Rekonstrukti-
on? Die Sinngenese, lautet unsere bisherige Antwort. Gleichzeitig hieß es, Sinn-
genese sei Erfahrungsbildung. Denn Sinn entsteht mit der je konkreten Lösung
einer Krise, interaktionstheoretisch gesprochen mit der Transformation eines I
in ein Me. Darin steckt ja gerade die Pointe der krisentheoretischen Interpretati-
on des pragmatistischen Wahrnehmungs- und Handlungsmodells: Sinnbildung
ist Erfahrungsbildung. Das bedeutet im Umkehrschluss, jede Rekonstruktion ist
Rekonstruktion des erfahrungsbildenden Prozesses. Wie und wodurch Erfah-
rungen jedoch gebildet werden, haben wir noch nicht geklärt. Im Folgenden
wird daher zu untersuchen sein, was aus objektiv-hermeneutischer Sicht Erfah-
rungen sind, um wissen zu können, was eine Rekonstruktion zum Gegenstand

140
hat. Oevermann stützt sich dabei auf Peirce’ Kategorientheorie, die er wieder
einer krisentheoretischen Interpretation unterzieht.

2.3.3. Peirce’ (frühe) Kategorienlehre als Grundlage des


Rekonstruktionsbegriffs

Während der Einfluss George Herbert Meads auf die Theorie und Methodologie
der Objektiven Hermeneutik von Anfang an deutlich zu erkennen war, gewinnt
der theoretische Beitrag Charles Sanders Peirce’ erst in den letzten Jahren an
Kontur. Auf der einen Seite hat Oevermann selbst relativ spät seine Anleihen
bei der Erkenntnistheorie von Peirce deutlich genug ausgearbeitet, auf der ande-
ren Seite hat es die Forschung zur Objektiven Hermeneutik lange versäumt,
Peirce’ Rolle innerhalb der objektiv-hermeneutischen Theorie angemessen zu
gewichten.286 Letzteres hängt sicher mit Ersterem eng zusammen: In den frühen,
maßgeblichen Schriften Oevermanns taucht Peirce nur en passant und meist
lediglich in Bezug auf das Schlussverfahren der Abduktion auf. Von nicht zu
unterschätzender Bedeutung ist auch, dass Peirce in Deutschland lange Zeit ein
nahezu Unbekannter war bzw. unzureichend zur Kenntnis genommen wurde.287
Darüber hinaus wurde (und wird) die deutsche Rezeption stark durch Habermas
und Apel geprägt und schnell in eine bestimmte Richtung gedrängt.288 Das ist es
auch, was Oevermann kritisiert. (vgl. 2000c: 429; 2000d: 429ff.; 2001: 240,
246) Und zwar zunächst aus einem einfachen Grund: Derjenige Text, auf den
sich Oevermann wesentlich bezieht, wird in der Peirce-Forschung als dem tradi-
tionellen Subjekt-Prädikat-Schema verpflichtet betrachtet und entsprechend
wenig bzw. missbilligend behandelt.289 Gemeint ist Peirce’ erster Entwurf zur
Kategorienlehre Eine neue Liste der Kategorien von 1867. Für Oevermann ist
diese „kleine, frühe Schrift“, wie er sie nennt, dagegen ein „Schlüsselaufsatz“
(2001: 210), eine „außerordentlich konzise“ und „grundlegende“ Abhandlung.
286
Umfassend – allerdings unkritisch – widmet sich erst Wagner 2001: 153ff. dem Verhältnis
von Peirce und Oevermann.
287
Vgl. zur Rezeptionssituation Oehler 1993: 134ff. und Apel 1967: 13ff. Einstweilen spricht
man dagegen von einem „Peircean Turn“ in der Semiotik. (Wirth 2000: 8)
288
Vgl. Apel 1967, 1970 und 1976: 155ff. sowie Habermas, J.: Erkenntnis und Interesse.
Frankfurt am Main 1968; vgl. auch Habermas’ eigenen Rückblick auf seine frühe Peirce-
Rezeption (Habermas 2000: 17); vgl. zu Habermas und Peirce: Oehler 1995: 204ff. und
Larmore, C.: Habermas und der Pragmatismus. In: Müller-Doohm, S. (Hg.): Das Interesse
der Vernunft. Rückblicke auf das Werk von Jürgen Habermas seit ‚Erkenntnis und Interesse’.
Frankfurt am Main 2000. Auch Apel reflektiert seine Peirce-Interpretation später (vgl. Apel
2003: 172ff.); vgl. dazu Böhler, D.: Dialogreflexive Sinnkritik als Kernstück der Transzenden-
talpragmatik. Karl-Otto Apels Athene im Rücken. In: Böhler, D./Kettner, M./Skirbekk, G.
(Hg.): Reflexion und Verantwortung. Auseinandersetzungen mit Karl-Otto Apel. Frankfurt am
Main 2003: 26ff.
289
Vgl. Oehler 1993: 52ff.; Pape 2000: 17ff.

141
(2000c: 429) Aus ihr gewinnt er seinen Begriff von Erfahrung, denjenigen Be-
griff also, der innerhalb des Oevermann’schen Forschungs- und Theoriepro-
gramms im Zentrum steht.

A Theorie der Kategorienlehre I: Die untere Grenze möglicher Erfahrung

Peirce geht es in seiner Kategorienlehre um die kantische Frage nach der Funk-
tion von Begriffen. „Dieser Vortrag basiert“, so der Paragraph eins seiner Ab-
handlung Eine neue Liste der Kategorien, „auf der bereits eingeführten Theorie,
nach der die Funktion der Begriffe darin besteht, die Mannigfaltigkeit der Sin-
neseindrücke zur Einheit zu bringen, und nach der die Gültigkeit eines Begriffes
darin besteht, dass es ohne seine Einführung unmöglich ist, den Bewusstseins-
inhalt zur Einheit zu bringen.“290 Peirce ist sich mit Kant also insoweit einig,
dass die Kategorienlehre das Problem der Synthesis vielfältiger Sinnesempfin-
dung zur Einheit des Begriffes zu lösen habe.291 Und auch noch der nächste
Schritt innerhalb Peirce’ Argumentation deckt sich mit Kants Ausgangspunkt:
„Die Einheit, auf die der Verstand die Sinneseindrücke bringt, ist die Einheit der
Propositionen.“292 Er geht also wie Kant von der Voraussetzung aus, empiri-
sches Wissen habe seiner Struktur nach die Form des Urteils, sei folglich propo-
sitional. Peirce folgt damit dem allgemeinen kantischen Synthesis-Begriff, wo-
nach jede Synthesis drei Momente enthält: (1) das gegebene Mannigfaltige, das
zu verbinden ist, (2) das Verbinden desselben und (3) die Einheit, zu der dabei
verbunden wird. Bubner hat hierzu richtig angemerkt, die Einheitlichkeit, an der
sich alle synthetisierende Tätigkeit orientiert, ist nicht in einem gesondert anzu-
nehmenden Prinzip verankert, sondern liegt im „reine(n), nicht weiter modifi-
zierte(n) Handlungscharakter der Synthesis“ selbst.293 Aber während Kant seine
Kategorien der Synthesis aus einer Klassifikation der Urteile gewinnt, gelangt
Peirce zu den seinen durch die Untersuchung der Struktur des Urteils.294 Dieses
ist laut Peirce an der Struktur der Äußerung, also an der Aussage ablesbar.
Bis hierhin folgt auch Oevermann dieser geläufigen Peirce-Interpretation.
Strittig ist nun aber, ob Peirce seine Analyse der Propositionen – wie Klaus
Oehler stellvertretend für die vorherrschende Lesart meint – „unwillkürlich zu
einer Elementaranalyse des Aussagesatzes“ macht und damit der „traditionellen
Subjekt-Prädikat-Unterscheidung“295 folgt oder ob dies – so argumentiert Oe-
290
Peirce 2000: 147 (CP 1.545).
291
Vgl. Oehler 1993: 52ff. Diese Einheit des Begriffes kann natürlich auch eine widersprüch-
liche, fragmentarische Einheit sein; Vollständigkeit oder Totalität im Sinne eines Aufgehens
der Welt im Begriff ist damit nicht im Blick.
292
Peirce 2000: 148 (CP 1.548).
293
Bubner 1992: 104.
294
Vgl. dazu und für das Folgende Oehler 1994: 186ff. und 1993: 53ff.
295
Ders. 1993: 53.

142
vermann – wesentlich nicht als aussagenlogische, sondern vielmehr als konstitu-
tionslogische Herangehensweise zu verstehen sei. Da Oevermanns Neuinterpre-
tation der Peirce’schen Kategorienlehre nur vor dem Hintergrund der Standard-
lesart verständlich wird, soll diese hier – anders als bei Oevermann selbst – kurz
geschildert werden.296
Das (Standard-)Argument lässt Peirce’ Vorgehen folgendermaßen aussehen:
Wenn die Synthetisierungsaufgabe der Begriffe an die Proposition gebunden ist,
wird die Einheit des Mannigfaltigen durch die Verbindung von Subjekt und
Prädikat und vermittelt durch die Kopula hergestellt. Das Subjekt repräsentiert
dabei das Gegenwärtige (Peirce nennt es Substanz), und das Prädikat gibt den
Gesichtspunkt an, wonach das Gegenwärtige bestimmt ist (Peirce nennt diesen
Gesichtspunkt Qualität). Die Kopula verbindet beides so, dass sie der Propositi-
on inhaltlich nichts hinzufügt, obwohl sie es ist, die die begriffliche Synthesis
der Proposition repräsentiert. Weil nun die Einheit, auf die der Verstand die
Sinneseindrücke bringt, in der Verbindung des Prädikats mit dem Subjekt be-
steht, „ist das, was in der Kopula – oder dem Begriff des Seins – impliziert ist,
dasjenige, was die Arbeit der Begriffe vollendet, das Mannigfaltige zur Einheit
zu bringen.“297 Der Begriff des Seins enthält also nur die (geordnete) Verknüp-
fung und hat selbst keinen Inhalt. Dass die Einheit im Begriff des Seins eine
geordnete und also bestimmt ist, dient Peirce dabei als Erklärungsgegenstand für
die Notwendigkeit des Übergangs von der unbestimmten Substanz zum be-
stimmten Sein. Genau diesen Übergang ermöglichen die Kategorien, die keine
Begriffe der Objektebene, sondern Metabegriffe sind. Peirce gewinnt sie, so die
Standardlesart weiter, durch eine Untersuchung der Prädikatstelle der Propositi-
on. Denn es ist diese, von der aus die Bestimmungsarten für die Vereinheitli-
chung der mannigfaltigen Sinneseindrücke festgelegt werden und damit auch
die notwendigen Bedingungen der begrifflichen Synthese, also die Kategorien,
die darüber entscheiden, was einen Begriff zu einem Begriff macht. Peirce be-
nennt dafür genau drei Bedingungen. Die erste ist die einer Substanz zugespro-
chene Qualität. Da Qualität aber, um einer Substanz überhaupt zugeordnet wer-
den zu können, unabhängig von der jeweiligen Prädikation zur Verfügung ste-
hen muss, wird sie auf einen logischen Ort bezogen, den Peirce als Grund
(ground) bezeichnet.
Die zweite Bedingung umfasst das Feld der Relationen, weil Eigenschaften
nur durch abgegrenzte oder angeglichene Eigenschaften, sprich nur durch ein
Korrelat darstellbar sind. Relationen sind allerdings nicht einfach gegeben,
sondern müssen hergestellt und dargestellt werden. Das ist die Aufgabe der
Repräsentation, der dritten Bedingung, die durch den Bezug auf eine vermit-
296
Die klassische Standardinterpretation wurde wesentlich entwickelt von Murphy, M. G.: The
Development of Peirce’s Philosophy. Cambridge 1961.
297
Peirce 2000: 148 (CP 5.148).

143
telnde Darstellung, einen Interpretanten gegeben ist. Denn die Sinneseindrücke
werden laut Peirce „erst auf eine Einheit gebracht, wenn wir sie insgesamt als
unsere betrachten, das heißt, wenn wir sie auf einen Begriff als ihren Interpre-
tanten beziehen.“298 Damit sind die drei Kategorien im Zusammenhang mit Sein
und Substanz beisammen. Peirce hat sie folgendermaßen in ein Schema ge-
bracht:299

SEIN
Qualität (Bezug auf einen Grund)
Relation (Bezug auf ein Korrelat)
Darstellung (Bezug auf einen Interpretanten)
SUBSTANZ

Die Substanz ist hier die Summe des gegebenen, gegenwärtigen Mannigfaltigen,
das Sein dagegen die Summe aller inhaltlichen und formalen Bestimmungen,
die das Prädikat zum Ausdruck bringt. Der Aufbau der Liste erklärt sich so, dass
wir von bereits in Propositionen vorliegenden Erkenntnissen ausgehen und die
drei Kategorien in der Mitte, die zwischen Substanz und Sein vermitteln – Peir-
ce nennt sie auch Akzidentien –, als notwendige Faktoren des Erkenntnisprozes-
ses durch Abstraktion gewinnen, ein Prozess, der vom Mannigfaltigen zur prä-
dikativen Darstellung verläuft. Die Form dieser Kategorienlehre stellt in ihrem
Kern eine Kombination von Phänomenalismus und Abstraktion dar, die ge-
meinhin als das herausstechende Charakteristikum der Peirce’schen Kategorien-
lehre gilt. Sie bringt zweierlei zum Ausdruck: Zum einen sind in der Erfahrung
genügend reichhaltige Phänomene gegeben, aus denen Kategorien gewonnen
werden können; zum anderen sind die Prozesse ihrer Gewinnung analytische
Abstraktionen, deren Produkt also formale Bestimmungen.300 Die beiden äuße-
ren Kategorien Substanz und Sein stellen damit die Grenzwerte dar, zwischen
denen der Erkenntnis- und Erfahrungsbildungsprozess abläuft. Substanz, so lässt
sich verallgemeinernd festhalten, ist der Begriff, der das Gesamt des Mannigfal-
tigen beschreibt. Dem Begriff des nur Gegenwärtigen, das niemals Prädikat sein
kann, steht der Begriff der reinen Bestimmtheit des Seins gegenüber, der nie ein
gegenwärtiger Gegenstand sein kann, weil er das ist, was „alles Erkennbare an
sich selbst besitzt.“301
Gemäß der Standardlesart der frühen Peirce’schen Kategorienlehre wird die
Bedeutung Peirce’ dann erst in der Ausarbeitung seiner späteren relationenlogi-
schen Kategorienanalyse gesehen. Er lässt dort die beiden nichtoperationalen
Kategorien Substanz und Sein fallen; die drei Akzidenzien des Erkenntnispro-
298
Ebd.: 153 (CP 5.555).
299
Vgl. ebd.: 153 (CP 5.556); vgl. auch Schönrich 1990: 79ff.
300
Vgl. Pape 2000: 20.
301
Peirce 2000: 109.

144
zesses werden damit als universale Kategorien zu formalen, relationenlogischen
Begriffe der Erstheit, Zweitheit und Drittheit. In dieser Weise wurde hier Peirce
in Kapitel II 2.1. zunächst auch eingeführt.
Oevermann liest die frühe Kategorienlehre Peirce in einer etwas anderen
Richtung.302 Er deutet sie als Philosophie der Krise, rückt sie also ins Zentrum
seiner Konstitutionstheorie und liest sie entsprechend im Sinne der Dialektik aus
Krise und Routine. Denn laut Oevermann stehe der Peirce’sche Ansatz für die
„krisentheoretische Wende der Erkenntnistheorie“. (2002a: 10) Nun wissen wir
aber bereits, dass Oevermann zwischen drei verschiedenen Krisentypen und vier
Modi von Erfahrungen unterscheidet. Und wenn er von Peirce’ als Philosophen
der Krise spricht, hat er vornehmlich die traumatische Krise im Blick. Obwohl
Oevermanns resp. Peirce’ Argumentation hinsichtlich der traumatischen Krise
auch für die Entscheidungskrise und die Krise durch Muße gilt, ist mit dieser
diejenige Grundform gegeben, vor deren Folie sich Entscheidungskrisen und
Krisen durch Muße erkennen lassen. In diesem Sinne sind auch die der trauma-
tischen Krise korrespondierenden Erfahrungsmodi der Natur- und Leiberfahrung
Grundformen, innerhalb derer sich die religiöse und ästhetische Erfahrung erst
gehaltvoll verhandeln lassen. Dass damit der Körper in eine zentrale Stellung
rückt, ist es wert, betont zu werden: Peirce’ semiotischer Pragmatismus ist gera-
de keiner, der den Körper auf seine Zeichenhaftigkeit reduziert. Und dass
daneben auch die Naturerfahrung als Grunderfahrung auftritt, unterstreicht noch
einmal die Unhintergehbarkeit der Sozialität. Denn was Oevermann hier mit
Natur meint, ist weder das Naturschöne (im Sinne einer Physiotheologie) noch
das Natürliche (im Sinne einer Wesensbestimmung), sondern die „soziale Na-
tur“ (2004: 165), folglich das, was als unhintergehbare Sozialität bezeichnet
wird.
Oevermanns Lektüre der Peirce’schen Kategorienlehre im Sinne der Dialek-
tik von Krise und Routine setzt beim Begriff der Gegenwart an. Peirce definiert
Gegenwart zunächst im Sinne Meads als aktuelle Gegenwart; er versteht sie als
302
Oevermann kommt es dabei weniger auf eventuelle Unterschiede zwischen dem frühen und
späteren Peirce an: Die entscheidenden Gedanken lassen sich hier wie da erkennen, auch wenn
sie in Peirce’ Aufsatz Eine neue Liste der Kategorien am klarsten zum Ausdruck kommen. –
Auch für Helmut Pape besteht zwischen dem frühen und späten Peirce kein signifikanter
Bruch. Was Peirce vorschwebe, sei „eine Mischung aus apriorischer und aposteriorischer
Argumentation, ein quasirekursives Verfahren zur Einführung der Kategorien: Wir benötigen
(apriorisch) mindestens die Kategorie der Qualität, um überhaupt etwas an einem gegebenen
Mannigfaltigen bestimmen zu können. Doch die Einführung der Kategorie ‚Qualität’ setzt
voraus, dass wir bereits verallgemeinern und Dinge (aposteriorisch) voneinander unterschei-
den, die Qualitäten unterscheiden. Also müssen wir die Kategorie ‚Qualität’, die ontologisch
einen Grund (Verkörperung dieser Qualität in einzelnen Dingen) voraussetzt, durch die Kate-
gorie der Relation ergänzen.“ (Pape 2000: 24). Pape deutet damit also diese Zusätze zu den
Peirce’schen Kategorien, die jeweils ‚Bezug auf ...’ lauten, durch „hat eine ontologische
Entsprechung in“. (ebd.: 25) Peirce’ Verfahren als „quasirekursives“ zu beschreiben, kommt
dem Oevermann’schen Gedanken durchaus nahe.

145
Gegenwärtigkeit, als, wie er schreibt „die Gegenwart überhaupt“, also als „Uni-
versalbegriff, der den Sinnen am nächsten ist“.303 Gegenwärtigkeit ist damit das,
so formuliert Oevermann, was Hier und Jetzt auf unsere Wahrnehmungsorgane
trifft. Das gilt es jedoch unter einem doppelten Aspekt zu betrachten: Einerseits
ist Gegenwärtigkeit nämlich dasjenige, was „ein Begriff (ist), weil es sich bei
seinem Gehalt um etwas Universelles und Allgemeines handelt und er insofern
schon Einheit des Mannigfaltigen herstellt“ (2001: 211); andererseits ist diese
Gegenwärtige aber „leer“, besteht „nur aus Denotation“, da sie noch keine
„Verbindung zwischen dem gegenwärtigen Gegenstand und einer allgemeinen
Bestimmung“ herstellt. (ebd.) 304 In dieser Spannung steht laut Oevermann jeder
gegenwärtige Gegenstand, jedes gegenwärtige X; es ist etwas, „das einerseits
die Aufmerksamkeit eines subjektiven Geistes schon erregt hat, andererseits
aber noch nicht erkannt oder noch nicht bekannt ist.“ (ebd.: 212; vgl. 2000a: 18)
In diesem Status sind die gegenwärtigen Xe, die Peirce als brute facts bezeich-
net, (für das Subjekt) krisenhaft.
Oevermanns entscheidender Gedanke besteht demzufolge darin, Peirce’ (frü-
he) Kategorienlehre als Begriffsinstrumentarium zur Erklärung der Erkenntnis-,
und Erfahrungsbildung zu nehmen. Er begreift den synthetisierenden Prozess
vom Mannigfaltigen zur Einheit eines Begriffes, den Prozess vom Sein zur
Substanz, als sowohl krisenauslösenden (Mannigfaltigkeit) als auch krisenlö-
senden (Einheit) Prozess. Erkenntnis-, und Erfahrungsbildung sind, so Oever-
mann, als ein krisen(aus)lösender Prozess zu denken.305
Die Krisenhaftigkeit eines gegenwärtigen X besteht darin, dass es nicht rück-
gängig gemacht werden kann, sondern – „solange das Leben lebt“ (2001: 211) –
bestimmt werden muss, weil man nicht nicht wahrnehmen kann. Die Krisenlö-
sung besteht demgemäß darin, die gegenwärtigen Xe zu prädizieren, krisentheo-
retisch gesprochen: in Routinen zu überführen. Dieser Vorgang muss Oever-
mann zufolge als unumgänglich betrachtet werden: Der Zwang zur Prädikation
ist praktisch nicht zu substituieren. Denn „ähnlich wie man sich nicht nicht
entscheiden kann, kann man auf ein X auch nicht nicht reagieren.“ (2000c:
303
Peirce 2000: 147 (CP 1.546). Gegenwärtigkeit meint demnach das, was manchmal auch
direkte Erfahrung genannt wird: „Direkte Erfahrung ist weder gewiss noch ungewiss, denn sie
bestimmt nichts – sie ist einfach.“ (ders. 1995: 173)
304
Vgl. ders. 2000: 147 (CP 1.546): „Da aber der Akt der Aufmerksamkeit keinerlei Konnota-
tion besitzt, sondern das rein denotative Vermögen des Verstandes ist, [...] so hat auch der
Begriff dessen, was überhaupt gegenwärtig ist, [...] keinerlei Konnotation [...].“ Vgl. dazu
auch ders. 1991: 24f. (CP 5.444), wo sich Peirce noch einmal strikt gegen Hegel wendet:
„Wenn er (Hegel, D.P.) jedoch sagt, dass Gegenwärtigkeit, Gegenwärtigkeit, wie sie gegen-
wärtig ist, gegenwärtige Gegenwärtigkeit, abstrakt, reines Sein ist, so ist das eine offenkundi-
ge Falschheit, dass man nur sagen kann, dass Hegels Theorie, dass das Abstrakte ursprüngli-
cher sei als das Konkrete, seine Augen blind machte für das, was vor ihnen lag.“
305
Oevermann beansprucht damit, Peirce’ Ausrichtung seiner Philosophie auf einen „logi-
schen Idealismus“ (Pape 1994: 20) nicht bedienen zu müssen.

146
431)306 Das geht laut Oevermann aus dem pragmatistischen Wahrnehmungs-
und Handlungsmodell hervor:

„Ein X nämlich, das ins Aufmerksamkeitsbewusstsein getreten und insofern für


einen erkennenden Geist präsent ist, aber noch unbestimmt und deshalb krisen-
haft ist, kann als solches nicht einfach wieder zum Verschwinden gebracht
werden, sondern muss bestimmt werden. Eine Verleugnung wäre nichts anderes
als ein Grenzfall der Bestimmung und der Prädizierung, zumindest der moti-
vierten Reaktion: nämlich eine explizite Einordnung als unbestimmbar.“ (ebd.,
Hervorhebung D.P.)

Aus diesem Grund sind die prädizierenden Propositionen für Oevermann „Aus-
drücke von Krisenlösungen“, die – wie in der allgemeinen Dialektik von Krise
und Routine – einen „Anspruch auf Bewährung, also auf erfolgreiche Routini-
sierung erheben“. (ebd.: 432) Wie bei Mead fallen damit elementare Krisenlö-
sung und Erfahrungsbildung zusammen, oder anders gefasst: Die Konstitution
von Erfahrung macht den Kern von Praxis aus.307 Wenn aber das Gegenwärtige
identisch mit dem Krisenhaften ist, gilt die Krise (auch hier) als Normalfall,
dem die Routine als Ausnahmefall gegenübersteht.
Die mit bzw. in der Gegenwärtigkeit auftretenden, noch unbestimmten Xe
geben so gleichsam die untere Grenze möglicher Erfahrung ab. Oevermann
zufolge ist es das, was Peirce mit seinem Begriff der Substanz im Auge hat:
Substanz und aktuelle Gegenwart fallen in eins.308 Um den Begriff der Substanz
aber präziser fassen und von bloßen Empfindungsqualitäten abgrenzen zu kön-
nen, nimmt Oevermann Meads Unterscheidung von drei Aspekten des Gegen-
wärtigen auf: die Differenzierung des Gegenwärtigen in zeitliche Gegenwart
(Präsen-s), räumliche Anwesenheit (Präsen-z) und soziale Anwesenheit des
anderen, symbolisch vermittelt in der (unmittelbaren) Reziprozität des Ge-
schenks (Präsen-t). Dieser „’s-z-t’-Einheit“ (2001: 212) entspricht die Unmittel-
barkeit des Hier und Jetzt der Lebenspraxis, in der das Zeitliche und Räumliche
ununterscheidbar zusammenfallen. (vgl. 1995: 55; 2000a: 19ff.) Die derart drei-
dimensional aufzufassende aktuelle Gegenwart gibt laut Oevermann die Sphäre
der Krise ab. Hinsichtlich des nicht zu substituierenden Zwangs zur Prädikation
schlussfolgert er daraus:
306
Selbst wenn man dies, wie Hans Ulrich Gumbrecht, beklagt und als Verlust von Lebens-
qualität betrachtet (vgl. Gumbrecht 2003a: 211f.), lässt sich diese Notwendigkeit praktisch
nicht substituieren. Denn der Zwang zur Prädikation ist keine Folge „unseres so sehr cartesia-
nischen Alltagslebens“ (ebd.: 212), unserer „alltäglichen Umwelt, (die) so unüberbietbar
bewusstseinszentriert ist“ (ebd.: 211), sondern konstitutiv für jede Lebenspraxis. Vgl. dazu III
2.2.B.
307
Vgl. Zehentreiter 2001: 86.
308
Peirce spricht von Substanz also nicht im Sinne der aristotelischen ousia; denn für Aristote-
les ist diese logisch selbstständig und hat zeitlich gesehen Perseveranz. (vgl. zum aristoteli-
schen Substanz-Begriff Höffe, O.: Aristoteles. 2., überarb. Aufl. München 1999: 175ff.)

147
„Die dem ‚Hier und Jetzt’ zugehörende Gegenwärtigkeit ist ebenso wie der
Ausdruck ‚Gegenstand’ in sich kein Prädikat, sondern ein Abstraktor, denn
wollten wir ihn prädizierend verwenden, dann müssten wir einen darin prädi-
zierten weiteren Gegenstand bzw. eine weitere Gegenwärtigkeit unterstellen
und gerieten damit in eine Aporie.“ (2000a: 18)309

Das heißt, die Trennbarkeit von Raum und Zeit lässt sich immer erst „nachträg-
lich unter der Bedingung ihrer notwendigen Getrenntheit in der Nicht-
Gegenwärtigkeit auf die Gegenwärtigkeit epistemisch bzw. rekonstruktiv über-
tragen“. (2000c: 433; vgl. 2000: 137ff.; 2000a: 20) In der Nicht-
Gegenwärtigkeit ist diese Trennung dann „rasiermesserscharf und eindeutig und
unstrittig“ (ebd.): Der Vergangenheit gehört alle Nicht-Gegenwärtigkeit an, die
bereits vollzogen ist, der Zukunft alle, die noch nicht vollzogen, aber möglich
ist. Deshalb ist die der Sphäre der hypothetischen Konstruktion als Re-
Konstruktion zugehörige Vergangenheit eine kategorial andere Wirklichkeit als
die der Unmittelbarkeit des Hier und Jetzt.310 Dieser Konstellation entspricht, so
Oevermann, in der deutschen Umgangssprache, dass ‚Einst’ der Gegenbegriff
zu ‚Jetzt’ ist, der sich bezeichnenderweise sowohl auf die Vergangenheit (‚einst
war es’) wie auf die Zukunft (‚einst wird es sein’) bezieht. (vgl. 2001: 213f.;
2000a: 21; 2000c: 433) In räumlicher Hinsicht ist der Gegenbegriff zum ‚Hier’
ein ‚Dort’, „das in sich nicht wie die Zeit noch einmal polar aufgegliedert ist,
sondern schlicht in dem homogenen 360°-Vollkreis um meine mit ‚Hier’ be-
zeichnete Sesshaftigkeit besteht.“ (2000c: 433)311 Raum und Zeit sind folglich
in der Sphäre der Vermittlung kategorial verschieden und nicht ineinander über-
führbar, in der Sphäre der Unmittelbarkeit des Hier und Jetzt bilden sie aber
eine Einheit.
Soziale Zeit konstituiert sich demzufolge gerade nicht als triviale Metrisie-
rung von physikalischer Zeit. Trivial wäre sie, wenn sie von einem physikali-
schen Zeitbegriff schlicht abgeleitet wird. Denn so ließe sich nicht herleiten, wie
es überhaupt zur Bildung der Kategorie Zeit kommen kann. Klären lässt sich
diese Frage dagegen nur, wenn an die Stelle eines (physikalischen) Reihungs-
begriffes der der Sequenzialität tritt. Oevermanns Hauptargument ist daher:

„Die Kategorie von Zeit repräsentiert gleichsam als pragmatisches Apriori die
für die menschliche Praxis konstitutive Praxis-Zeitlichkeit als einen Aspekt von
Sequenzialität. In ihr ist nicht zentral thematisch das für die physikalische Zeit

309
Wie er selbst angibt, bezieht sich Oevermann hiermit auf die Logische Propädeutik von W.
Kamlah und P. Lorenzen. Vgl. auch 1993a: 117.
310
Oevermann fügt hier an: „Das vergisst die Geschichtswissenschaft gern, wenn sie glaubt,
ihr Gegenstand sei die Vergangenheit und darüber vergisst sie, dass er methodisch gesehen nur
in der Gegenwärtigkeit der noch vorhandenen Quellen besteht.“ (2000a: 21)
311
Das veranschaulicht Oevermann am Beispiel eines Bergsteigers, der vor einer Gletscher-
spalte steht. (vgl. 2000: 137f.; 2000c: 434) Dieses Beispiel hat er offensichtlich Mead ent-
nommen, der seinerseits den Vergleich mit einer Kluft wählt. (vgl. Mead 1973: 163ff.)

148
zentrale Nacheinander von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, sondern
die grundlegende Opposition von Gegenwärtigkeit hier und Nicht-
Gegenwärtigkeit dort, die in sich wiederum in eine Opposition von Vergangen-
heit und Zukunft, scharf getrennt durch Gegenwärtigkeit, zerfällt. Sozialer
Raum konstituiert sich als Opposition von ‚Hier’ und ‚Dort’ in der Synchroni-
zität. Das ‚Hier’ ist der Ort meiner fraglosen, gewissermaßen bewusstlosen
Verwurzelung und Sesshaftigkeit, der Krise und Krisenbewältigung; das
‚Dort’ die Sphäre der Synchronisierung von routinisierter Krisenlösung aus der
Vergangenheit und entworfener und geplanter Praxis in die Zukunft.“ (2000:
139, Hervorhebung D.P.)

Da soziale Zeit und sozialer Raum also erst jenseits der Gegenwärtigkeit ausein-
ander treten und die Krise der Gegenwärtigkeit angehört, ist dieses Auseinan-
dertreten identisch mit einer Krisenlösung, das heißt identisch mit Routinisie-
rung. Entscheidend ist dabei, dass dieser Prozess die einzelnen Krisenereignisse
untereinander sequenziell verkettet. Den hiermit in Anspruch genommene Beg-
riff der Sequenz macht Oevermann nun seinerseits auch methodologisch frucht-
bar.

B Methodologische Schlussfolgerungen I: Die Begriffe Sequenz und


Fallstruktur

Diesem Prozess sequenzieller Verkettung will der Begriff der Fallstruktur


Rechnung tragen, indem er, so hieß es oben, Handlungszusammenhänge als
Strukturprozesse mit einer genuinen Bildungsgeschichte betrachtet. Jede Hand-
lung wird dabei als Entscheidung gesehen, aus einem objektiv gegebenen Mög-
lichkeitsspektrum eine bestimmte Option zu wählen. In diesem Sinne bilden
Fallstrukturen eine Kette von Selektionsknoten, die einer Lebenspraxis ihre
Besonderheit sichert. Denn an der Art und Weise, wie eine bestimmte Lebens-
praxis bestimmte Entscheidungen fällt (oder nicht fällt), ist das „Muster einer
sequenziellen Entwicklung“ (1996a: 13) ablesbar. Aus Oevermanns Peirce-
Interpretation geht nun hervor, dass diese Kette von Selektionsknoten im Sinne
„sequenzielle(r) Strukturiertheit“ (1991: 270) zu betrachten ist. Einzelne Hand-
lungssegmente begreift die Objektive Hermeneutik nicht als statische Entitäten,
die kausallogisch verbunden sind, sondern als Sequenzen innerhalb des kri-
sen(aus)lösenden Prozesses. Der objektiv-hermeneutische Strukturbegriff ist
folglich prozessual im Sinne von Sequenzialität, nicht im Sinne serieller Rei-
hung. Transformationen resp. Reproduktionen stellen damit eine Änderung resp.
Wiederholung einer bestimmten sequenziellen Strukturiertheit dar.312 Einzelne
312
Insofern ist Wolfgang Ludwig Schneiders Formulierung zutreffend, derzufolge in der
Objektiven Hermeneutik „Wandel [...] nicht als Zerfall von Stabilität, sondern umgekehrt die

149
Handlungssegmente als Sequenzen zu betrachten, heißt dabei vor allem, jeder
Sequenzstelle eine eröffnende und beschließende Funktion zuzuschreiben.
Wenn es nämlich richtig ist, Handeln als Wahl aus einem objektiv gegebene
Möglichkeitsspektrum zu betrachten, schließt eine Sequenz das vorhergehenden
Möglichkeitsspektrum, indem sie eine bestimmte Möglichkeit (der Prädizie-
rung) wählt, eröffnet aber gleichzeitig ein anderes Spektrum, indem für die dar-
auf folgende Sequenz ein neues Spektrum (der Prädizierung) aufgemacht wird.
Darin drückt sich für Oevermann die

„pragmatisch universelle Gesetzlichkeit der Eröffnung und Beschließung jegli-


cher konkreter, partikularer Praxis“ aus; sie „stiftet eine naturwüchsige Geord-
netheit des sozialen Lebens, dessen skelettartigen Halt. [...] Eine Eröffnung
öffnet mit einer praxiskonkreten Zukunft einerseits die Endlichkeit eines vor-
weg zu Ende gekommenen ‚Stücks’ Praxis, lässt andererseits schon immer das
damit neuerlich ‚Zu-seinem-Ende-kommen-Müssen’ des gerade Begonnen
vorwegnehmen.“ (2000: 76)

Das ist die sequenzlogische Entsprechung zu dem hier in Anschlag gebrachten


genetischen Sinnbegriff. Denn sinnstrukturiertes Handeln ist notwendig auch ein
bereits koordiniertes, sprich: sequenzlogisches Handeln, weil es sonst kein Han-
deln wäre; insofern sind misslungene (Problem)Lösungen genauso als sinnstruk-
turiert zu betrachten.313 Auch wenn es aus der Perspektive des (aktuell) han-
delnden Subjektes sinnlose Handlungen geben mag, in rekonstruktiver Perspek-
tive, die natürlich auch das handelnde Subjekt selbst (nachträglich) einnehmen
kann, ist alles sinnstrukturiert, obwohl nicht alles (in umgangssprachlichen
Redeweise) sinnvoll erscheint.
Sinnstruktur und Sequenz sind daher als Begriffe aufeinander verwiesen: Der
genetische Sinnbegriff referiert auf die unhintergehbare Sequenzialität jeder
Lebenspraxis wie jede Lebenspraxis als sequenzielle Strukturiertheit Sinn hat.
Da überdies jede Lebenspraxis der doppelten Zeitrichtung der Sequenzierungs-
logik folgt, also sowohl Vergangenheiten als auch Zukünfte etabliert, lässt sie
sich als „organische(s) Verlaufsprofil“ (2000: 76) fassen, ein Verlaufsprofil, das
der Dialektik von Allgemeinem (Sequenzialität der Lebenspraxis) und Besonde-
rem (individueller Vollzug der je konkreten Entscheidungen an einer Sequenz-
stelle) folgt. Denn jede Sequenzstelle ist durch „zwei gegenläufige Realitätsas-
pekte“ (2000a: 13) zugleich geprägt, zum einen durch die Eröffnung von Mög-
lichkeiten und zum anderen durch den Vollzug von Wirklichkeit, durch die
Selektion einer bestimmten Möglichkeit. Oevermann führt dadurch die „katego-
riale Differenz von Wirklichkeit und Möglichkeit“ (2002a: 11) ein, eine Diffe-
renz, die „in den Erfahrungswissenschaften von der sinnstrukturierten Welt im

Beobachtung von Stabilität als Folge einer Infinitessimalisierung von Prozessen des Wandels
gesehen (wird).“ Schneider, W. L. 1999: 157.
313
Vgl. dazu Sutter, T. 1997: 316.

150
Unterschied zu den Naturwissenschaften den Gegenstandsbereich der Forschung
selbst schon kennzeichnet“ (ebd.) und der handlungslogischen und methodolo-
gischen Differenz von Repräsentierendem und Repräsentiertem entspricht. (vgl.
ebd.: 6ff.) Zeitstrukturell heißt dies, dass jede Sequenzstelle einen Bezug zur
Vergangenheit hat (in Gestalt der an der vorausgehenden Sequenzstelle vollzo-
genen Selektion, die die Möglichkeiten der aktuellen eröffnet) und einen Bezug
zur Zukunft (in Gestalt der durch die aktuelle Sequenzstelle eröffneten Mög-
lichkeiten für die nächste Sequenzstelle). Die Grundgestalt einer Sequenzfolge
ist aus diesem Grunde nur vollendet, wenn mindestens drei Sequenzstellen hin-
tereinandergeschaltet werden. Erst an der dritten Sequenzstelle können frühes-
tens die Möglichkeiten geschlossen werden, die durch die zweite eröffnet wur-
den, die ihrerseits aus den Möglichkeiten, die an der ersten Sequenzstelle eröff-
net wurden, eine Wirklichkeit vollzog, also motiviert war. Diese Grundgestalt
der Sequenzlogik veranschaulicht Oevermann in einem Schaubild, das sowohl
die sequenzielle Anordnung als auch die kategoriale Differenz von Wirklichkeit
und Möglichkeit verdeutlichen will: (vgl. 2000a: 14 )314

1. Sequenzstelle 2. Sequenzstelle 3. Sequenzstelle


eröffnet Möglichkeiten
vollzieht Wirklichkeit
eröffnet Möglichkeiten
vollzieht Wirklichkeit

Aus dieser Darstellung geht hervor, dass der Aspekt der Wirklichkeit mit dem
Vollzug den Bezug zur Vergangenheit und der Aspekt der Möglichkeit mit der
Projektierung einer hypothetischen Welt den Bezug zur Zukunft einschließt. An
jeder Sequenzstelle überlagern sich infolgedessen vollziehende Wirklichkeit und
eröffnete Möglichkeit. (vgl. 2000a: 14) 315 Dieses Grundmodell gleichsam abzu-
arbeiten, macht sich die Sequenzanalyse zur Aufgabe, „indem an jeder Sequenz-
stelle die eröffneten Möglichkeiten expliziert werden unabhängig davon, ob sie
durch ein verfügbares Kontextwissen über den weiteren Verlauf schon als aus-
314
Vgl. auch Wagner 2001: 137; 2004: 118.
315
Sequenzlogik meint also nicht, wie Bude fälschlich folgert, dass eine „durchgängige Konti-
nuität des Handlungsflusses“ angenommen wird und soziales Handeln auf „auf einem Kom-
munikationskontinuum (beruht), dem ein Bedeutungskontinuum entspricht“. (Bude 1994: 117)
Natürlich kann – gerade in literarischen Texten – die Bedeutung aussetzen, und natürlich kann
Kommunikation auch scheitern. Scheitern oder Aussetzen stehen aber dennoch in einem
sinnlogischen Zusammenhang, der eben nicht – das ist geradezu der Witz der Sequenzlogik –
mit einem Bedeutungskontinuum identisch ist. Würden sie nicht in einem sinnlogischen Zu-
sammenhang stehen, wären sie gar nicht als Scheitern oder Aussetzen zu lokalisieren: Schei-
tern impliziert genauso Sequenzialität wie Gelingen.

151
geschlossen gelten können oder nicht.“ (ebd.) Sie zeichnet damit den „real ho-
molog verlaufenden, protokollierten Prozess der Entfaltung einer Praxis in die
offene Zukunft hinein nach.“ (ebd.) Das sequenzanalytische Vorgehen rekon-
struiert an jeder Sequenzstelle deren Krisenhaftigkeit und bricht mit der Bin-
nenperspektive der handelnden Lebenspraxis: Sie versucht, das Verlaufsprofil
der Lebenspraxis zu rekonstruieren und folgt hierin dem „Prinzip der Sachhal-
tigkeit“ (1983: 234; 1992a: 20), indem sie die Sequenzlogik des untersuchten
Gegenstandes zum Inhalt hat, die mit dem Bewusstsein des (sequenzlogisch)
Handelnden nicht zusammenfällt.
Das wird allerdings nur möglich sein, wenn man den Eröffnungs- und Be-
schließungsprozeduren Regelgeleitetheit unterstellt. Wären sie nicht regelgelei-
tet, könnten sie keinen sequenzlogischen Handlungszusammenhang, sondern
allenfalls zufällig entstehende Gemeinsamkeiten und Zusammenhänge etablie-
ren. Die Annahme der Regelgeleitetheit steckt bereits, wie gesehen, im Hand-
lungsbegriff selbst: Wenn die elementare Feststellung, alle Erscheinungsformen
humaner Praxis seien durch Sequenzierung konstituiert, überhaupt sinnvoll sein
soll, müssen Handlungen soziale Handlungen sein. Sozialität haben wir hier
aber als ein interaktionistisches Verhältnis dargestellt, das kein Ursache-
Wirkungs-Verhältnis, sondern eine Grund-Folge-Beziehung eröffnet, das sei-
nerseits durch die Reziprozitätsregeln der sozialen Kooperation begründet wird.
Nichttrivial ist der objektiv-hermeneutische Sequenzialitätsbegriff folglich erst
im Rückgriff auf die Regelgeleitetheit der unhintergehbaren Sozialität, also im
Hinblick auf den „nicht triviale(n) Umstand, dass jegliches Handeln und seine
kulturellen Objektivierungen qua Regelerzeugtheit soziales Handelns sind.“
(2000: 64) Regelerzeugung bedeutet, so Oevermann, in sich Sequenzierung.
„Jedes scheinbare Einzel-Handeln“, schlussfolgert er daraus, „ist sequenziell im
Sinne wohlgeformter, regelhafter Verknüpfungen an ein vorausgehendes Han-
deln angeschlossen worden und eröffnet seinerseits einen Spielraum für wohlge-
formte, regelmäßige Anschlüsse.“ (ebd.) Damit sind wir einmal mehr an einem
gleichermaßen zentralen wie kritischem Punkt angelangt: dem Regelbegriff der
Objektiven Hermeneutik, der in Kapitel II 3. eigens zu untersuchen sein wird.
Hier kommt es uns zunächst lediglich darauf an, die theoretischen Grundla-
gen der Begriffe Sequenz und Sequenzfolge zu explizieren, die Oevermann aus
seiner Peirce-Lesart gewinnt. Setzen wir daher noch einmal bei dem Unter-
schied von Gegenwärtigkeit und Nicht-Gegenwärtigkeit ein. Dieser besteht, wie
gesehen, vor allem darin, Raum und Zeit in der Sphäre der Vermittlung katego-
rial verschieden, in der Sphäre der Unmittelbarkeit jedoch als Einheit zu be-
trachten. Beide Sphären sind aber, das ist der nächste Schritt in Oevermanns
Interpretation, durch die grundlegende Struktur der Sequenzialität vermittelt:

„Indem Sequenzialität mehr ist als ein triviales Nacheinander, nämlich eine
durch Erzeugungsregeln [...] erzwungene Folge von eröffneten Möglichkeiten,
die durch Praxisvollzug [...] jeweils zu schließen sind, und an jeder Sequenz-

152
stelle Sequenzialität eröffnet und beschlossen wird, konstituieren sich Praxis-
Räumlichkeit und Praxis-Zeitlichkeit in dieser Sequenzialität als ineinander ü-
berführbar.“ (2001: 214)316

Sequenzialität ist damit für die Kategorien von Raum und Zeit und folglich, so
die Logik des Arguments, für den Vorgang der Erfahrungs- und Erkenntnisbil-
dung konstitutiv. Dass Gegenwärtigkeit und Nicht-Gegenwärtigkeit mittels
Sequenzialität vermittelt sind, meint also vornehmlich, dass in der Unmittelbar-
keit der Praxis-Räumlichkeit und Praxis-Zeitlichkeit „im Prinzip an jeder Se-
quenzstelle die Fallstruktur sich transformieren könnte“ (2000: 93). Denn Praxis
konstituiert sich unter der Bedingung, dass immer wieder Routinen zerbrechen,
allgemein eingespielte Rationalitätsmaßstäbe und Rationalitätskriterien an einer
bestimmten Sequenzstelle nicht greifen, eine eingespielte Richtig-Falsch-
Kalkulation also nicht mehr anwendbar ist, dennoch aber eine Entscheidung
getroffen werden muss. Es macht die Krisenhaftigkeit eines gegenwärtigen, die
Aufmerksamkeit erregenden Etwas aus, dass es einerseits weder nicht nicht
bestimmt noch nicht nicht nach eingespielten Richtig-Falsch-Unterscheidungen
prädiziert werden kann. Oevermann erläutert dies, wie Peirce, am epistemisch
elementaren Muster der Prädizierung ‚X ist ein P’. (vgl. 2000: 137) X steht
dabei für die Gegenständlichkeit (für ein Etwas), die noch nicht interpretiert ist,
aber bereits Aufmerksamkeit erregt hat, also als Krisenmoment aufgetaucht ist.
Indem diesem X nun ein Prädikat zugeordnet wird, wird es – durch Einordnung
in Bekanntes – bestimmt. Das Prädikat P geht folglich über das Hier und Jetzt
eines X hinaus, indem es das krisenhaft Präsente in den „Horizont einer hypo-
thetisch begrifflichen Konstruktion von Welt einrückt“ (ebd.), sprich: zum Ver-
mittelten macht. Aber dieses derart routinisierte P kann jederzeit wieder zu
einem krisenhaften X werden, weil unabhängig davon, wie man einen konkreten
Gegenstand prädiziert, er – zum Beispiel, wenn die Prädizierung irreführend ist
– erneut zum Aufmerksamkeit erregenden X werden kann: „Das der Sphäre der
Krise zuzurechnende X-hafte löst sich durch Prädizierung nicht auf.“ (ebd.)
Denn unter der Bedingung der Krise, in der das X als solches, unabhängig von
seiner Prädizierung durch P, von einem Subjekt erfahren wird,

„stehen dieses Subjekt und das X in der Relation der Peirce’schen Zweitheit, in
der Unmittelbarkeit des krisenhaften Hier und Jetzt. Sie bilden darin für die
subjektive Erfahrung eine Einheit, die erst in der Subjekt-Objekt-Relation kate-
gorial aufgespalten wäre durch die Vermittlung der Prädizierung, die auf die
Drittheit des logischen Interpretanten verweist.“ (ebd.)

Wenn Peirce also, so Oevermann, den Begriff der Gegenwärtigkeit resp. Sub-
stanz als ersten Begriff seiner Kategorienlehre einführt, verdeutlicht er aus kon-
316
Dieser Schritt ist, wie Oevermann betont, Kant in seiner transzendentallogischen Analyse
von Raum und Zeit nicht möglich gewesen. (vgl. 2000: 136; 2000c: 433)

153
stitutionstheoretischer Sicht, dass im Status der Gegenwärtigkeit über ein X
nicht mehr gesagt ist, als dass es ein X ist, das Aufmerksamkeit erregt hat: „Es
ist darin lediglich die syntaktische Form der Prädikation erfüllt, nicht die Prädi-
kation selbst“ (ebd.: 215f.), weil Praxis-Zeitlichkeit und Praxis-Räumlichkeit im
Moment der Krise eine ununterschiedene Einheit bilden. In diesem Sinne gibt
die Substanz die untere Grenze möglicher Erfahrung ab. Und in diesem Sinne
repräsentiert sie „den Pol der aktuellen Krise, in der wir auf etwas aufmerksam
gemacht werden, dem wir uns nicht entziehen können (‚Da ist doch etwas.’), das
wir aber noch nicht in Routinen einordnen können.“ (ebd.: 216)317

C Theorie der Kategorienlehre II: Die obere Grenze möglicher Erfahrung

Den anderen Pol der Peirce’schen Kategorienlehre bildet das Sein als die Ein-
heit der Propositionen, eine Einheit, die natürlich nicht als geschlossene, son-
dern immer nur als provisorische, hypothetische Einheit auftritt. Während die
Substanz die untere Grenze möglicher Erfahrung bildet, konstituiert das Sein die
obere Grenze: „Substanz und Sein“, schreibt Peirce, „sind also Anfang und
Ende allen Begreifens.“318 Der Begriff des Seins artikuliert demnach die Stufe
höchster Vereinheitlichung, ist mithin die reine Form der Prädikation und als
solche inhaltsleer: Sein ist wie Substanz ein Grenzbegriff.
Da Peirce seine Strategie der Modellbildung dem epistemisch elementaren
Muster der Prädizierung ‚X ist ein P’ entnimmt, kann er sagen, die Kopula ent-
spreche dem Sein.319 Das bedeutet: Erst durch die Kopula ‚sein’ ist Prädizierung
möglich. Nun kann der Begriff des Seins zwei verschiedene Modi betreffen: ein
wirkliches, aktuelles Vorhanden-Sein und ein mögliches Sein im Sinne einer
hypothetischen Konstruktion. Der Unterschied ist wichtig, wie Oevermann
betont, weil die syntaktische Form der Prädikation damit sowohl die Prädikation
als Tatsachenfeststellung wie auch als definitorische konventionelle Vereinba-
rung zulässt. Als Definition stellt die Prädikation eine Möglichkeitskonstruktion
dar, die gerade nichts über die Gegenwärtigkeit aussagt; für die Tatsachenbe-
hauptung verhält es sich entsprechend umgekehrt. (vgl. 2001: 217) Es gibt dem-
nach Propositionen, deren Subjekte vollkommen unbestimmt sind, aber keine,
deren Prädikat vollkommen unbestimmt ist. „Denn“, so Peirce, „es wäre völlig
unsinnig zu sagen ‚A hat die allgemeinen Eigenschaften aller Dinge’, da es
317
Vgl. auch Zehentreiter 2001: 87: „Das ‚X’ enthält aus zwei Gründen eine Krisendynamik:
durch die Nichtbestimmtheit als solche und durch deren prädikative Bestimmung fordernde
Nichtauflösbarkeit.“
318
Peirce 2000: 148 (CP 1.548). Oehler hat richtig darauf hingewiesen, dass Peirce sein Sys-
tem der Grundbegriffe aus der Erfahrung hervorgehen lässt und es dadurch der geschichtli-
chen Dimension der Veränderung öffnet. (vgl. Oehler 1994: 192)
319
Vgl. ebd.

154
solche allgemeinen Eigenschaften nicht gibt.“320 Für Oevermann zeigt sich darin
eine grundlegende Dialektik der Prädikation:

„Subjekt und Prädikat stehen sich, vermittelt durch die Kopula, durch das reine
inhaltslose Sein, polar und asymmetrisch gegenüber, entsprechend der Stellung
des Subjekts für die untere Grenze und des Prädikats für die Vereinheitlichung
zur Obergrenze hin: Das Subjekt vertritt die unmittelbare sinnlich wahrnehm-
bare Wirklichkeit in ihrer noch unbegriffenen, unerschlossenen Konkretion.
Erst wenn ihm das Begriffsallgemeine einer hypothetisch konstruierten Mög-
lichkeit im Prädikat zugeordnet wird, verwandelt es sich in ein Bestimmtes,
wird von einem Erkennbaren zu einem Erkannten. Das Prädikat vertritt diese
hypothetisch konstruierte, mögliche Welt.“ (2001: 218)321

Krisentheoretisch interpretiert deckt sich die Obergrenze (das Sein) demnach


mit der „totalen, bis zur Inhaltslosigkeit gehenden Routinisierung und Formali-
tät.“ (ebd.: 217) Das heißt, indem die Konstitution von Erfahrung resp. Wissen
sich als Krisenbewältigung abspielt, sind die prädizierenden Propositionen Aus-
druck einer Krisenlösungen, die nicht selbst das Ergebnis einer reflexiven oder
rekonstruktiven Operation sind, sondern die „erfolgreiche Emergenz von etwas
Neuem, das dann seinerseits erst Gegenstand einer Rekonstruktion werden
kann.“ (2000c: 432)322
Analog zur Dialektik von Krise und Routine gibt es folglich kein Subjekt oh-
ne Prädikat, und umgekehrt. Der Zwang zur Prädikation, von der diese krisen-
theoretische Interpreation des pragmatistischen Wahrnehmungs- und Hand-
lungsmodells ausgeht, betrachtet Prädikation also nicht als „Setzung kraft sou-
veräner Entscheidung“323 – so der klassische Einwand gegen ein Denken am
„Leitfaden der Prädikation“324 – sondern als „Grundform der Kognition“
(1997b: 128), und das heißt für eine pragmatistische Perspektive, als „innere(n)
Kern von Praxis“. (ebd.) In diesem Sinne ist der Zwang zur Prädikation nicht zu
substituieren. Von hier aus ist auch die viel beschworene Unzulänglichkeit der
Sprache zu denken: Sie scheitert nicht an einem wie auch immer akzentuierten
Unsagbaren, sie scheitert vielmehr in sich selbst, wobei dieses Scheitern als ein
Scheitern am bzw. im Prozess der Routinisierung zu betrachten ist, die (idealis-
tisch angenommene) endgültige Prädizierung also nicht gelingen will und die
Prädikation demzufolge immer wieder in die Krise gerät oder zumindest geraten
320
Ebd.: 148 (CP 1.548).
321
Vgl. zum Terminus des Begriffsallgemeinen II 2.3.4.A.
322
Darin enthalten ist einer der zentralen Kritikpunkte Oevermanns an der Peirce-Rezeption
durch Habermas und Apel: „Es ist genau diese Voraussetzung einer der Sphäre der Praxis
zugehörenden naturwüchsigen Erkenntnis im Modus der Krisenlösung, das heißt unter der
Voraussetzung des Normalfalls von Krise, die den Granzfall einer erfolgreichen Routinisie-
rung aus sich heraustreibt, die in der Rezeption von Apel und Habermas vollständig ausge-
blendet worden ist.“ (ebd.: 468f.)
323
Gamm 1994: 27.
324
Vgl. ebd.: 41ff.

155
kann, sich also immer wieder bewähren muss. Prädikation unterliegt folglich
wie die Lebenspraxis einer nicht still stellbaren Bewährungsdynamik. Diese
unaufhörliche Prädizierungsarbeit der Sprache ist aber gerade kein Scheitern am
Nicht-Nennbaren jenseits der Sprache, sondern ein Scheitern ihrer Routinen –
sie können immer wieder zu einem krisenauslösenden X werden.325
In dieser unabschließbaren Bewährungsdynamik steckt für Oevermann der
(krisentheoretische) Grund, warum Sein und Substanz Beginn und Ende jegli-
cher Erfahrungs- und Erkenntnisbildung darstellen. Denn wie gesehen kann der
Begriff der Substanz nie auf ein Prädikat angewendet werden, weil Prädikate
außerhalb der Gegenwärtigkeit liegen. Das muss laut Oevermann als Absage an
den Begriffsrealismus verstanden werden.326 Umgekehrt kann der Begriff des
Seins nicht auf das Subjekt angewendet werden, da „das dem Subjekt entspre-
chende X, die unmittelbar sinnlich wahrgenommene Substanz, die Gegenständ-
lichkeit als solche, [...] keine hypothetische Existenz (hat), [...] sie liegt außer-
halb der Routine.“ (2001: 220) Das will Oevermann als Absage an jegliche
Ontologisierung der Instanz einer unmittelbaren Erfahrung verstanden wissen.
Stattdessen entwerfe Peirce einen „Dualismus zweier Realitäten“ (ebd.: 221):
Hier die Wirklichkeit der Xe, auf die wir mit Prädikation reagieren, und dort die
Realität des Begriffsinhalts, auf den die Prädikation als Wortzeichen im Sinne
eines Begriffsallgemeinen verweist. In diesem Sinne stehen sich Subjekt und
Prädikat gegenüber, wobei deren Vermittlung innerhalb der unhintergehbaren
Sozialität steht und mittels der Peirce’schen Kategorien vonstatten geht.
Nun begreift Peirce seine Kategorienlehre als eine „Theorie der Abstufung
elementarer universaler Begriffe“327 und sieht sie im Dienste eine Erfahrungs-
bildungstheorie. Für eine solche Theorie braucht es allgemeine Prinzipien des
Unterscheidens, um die jeweiligen Phasen der Erfahrungsbildung kenntlich
machen zu können; diese Prinzipien sind auch für unser Interesse von Belang,
weil sie eine Präzisierung des Rekonstruktionsbegriffes erlauben.
Bevor Peirce die Begriffs- bzw. Erfahrungsstufen innerhalb der Grenzkatego-
rien von Substanz und Sein bestimmt, stellt er mit der prescision eine Hilfskate-
gorie des Unterscheidens vor.328 Es ist dies ein Terminus, der einerseits eine
geistige Trennungsoperation beschreiben soll und sich andererseits von Diskri-
325
Das gibt eine neue Perspektive auf die Frage nach dem Unsagbaren in der Literatur frei.
Vgl. III 2.1.
326
Das ist dann auch eine Absage an das traditionelle Subjekt-Prädikat-Schema, wie es die
Standardlesart bei Peirce zu entdecken glaubt. Vgl. dazu Oevermanns Anmerkungen in 2001:
219f. und 1997a: 20.
327
Wagner 2001: 155.
328
Vgl. Peirce 2000: 148 (CP 1.550) Es handelt sich dabei um eine Wortbildung von Peirce,
die er in vier verschiedenen Schreibweisen verwendet. (vgl. dazu die Erörterungen Oever-
manns in 2001: 222). Offenbar hat er sie aber von lateinisch ‚scindere’ (zertrennen, zerspalten)
abgeleitet, weshalb die Schreibweise ‚prescision’ - und nicht ‚precision’ wie Christian J.W.
Kloesel und Helmut Pape in Peirce 2000: 148 vorschlagen – berechtigt scheint.

156
mination und Dissoziation unterscheidet.329 Anders als für diese, gilt in Bezug
auf die prescision, dass sie nicht nach den Gesetzen der Assoziation, Kommuta-
tion und Reziprozität arbeitet. Die Operation der prescision läuft stattdessen auf
ein Verfahren der rekonstruktiven Abschichtung vorfindbarer Begriffsbildungen
hinaus. Mit diesem werden jeweils die Komponenten bloßgelegt, die durch den
analysierten Begriff so zusammengefügt wurden, dass sie darin aufgehoben
sind, das heißt, wie Oevermann schreibt, „als solche nicht mehr explizit erinnert
beziehungsweise repräsentiert werden müssen, weil ihre Erschließungskraft
ohne Verlust im nächsthöheren Begriff mit noch größerer Erschließungskraft
aufgegangen ist.“330 (2000c: 436; vgl. 2002a: 13f.) Diese Art der Trennung ist
asymmetrisch und führt laut Oevermann zu einer Logik der rekonstruktionslogi-
schen Abschichtung:

„Man kann etwas Emergentes, etwas durch reale Synthesis Entstandenes, nach-
träglich von seinen Elementen trennen, nicht aber diese Elemente von ihrer
Synthesis.“ (2001: 223)

Ein einfaches Beispiel verdeutlicht dies (vgl. 2001: 223f.; 2000c: 436f.): Man
kann mittels prescision den Raum von der Farbe unterscheiden, weil man sich
den Raum zwischen dem eigenen Standpunkt und der farbigen Wand gegenüber
als farblos denken kann; man kann aber nicht die Farbe vom Raum unterschei-
den, weil ohne Räumlichkeit die Farbe nicht existieren könnte. Farbe ist dem-
nach in den Raum konstitutionslogisch eingebettet, aber nicht der Raum in die
Farbe. Anders operiert die Dissoziation; sie läuft darauf hinaus, sinnliche Ein-
drücke auseinander zu halten, die sich im assoziativen Bewusstsein nicht zur
Deckung bringen lassen: Man kann zwar Rot von Blau dissoziieren, nicht aber
Raum von Farbe, Farbe von Raum oder rot von Farbe. Dissoziation bezieht sich
also auf die Unterscheidung mentaler Bilder, ist demnach auf der Ebene der
Substanz zu Hause, dort, wo die zur Prädizierung anstehenden Gegenstände
bzw. Sachverhalte in die Aufmerksamkeit treten. Die Diskriminierung ist dage-
gen eine Trennoperation auf der Bedeutungsebene von Zeichen oder Termen:
Hier lässt sich Rot von Blau, Raum von Farbe, Farbe von Raum, aber nicht Rot
von Farbe diskriminieren, weil Farbigkeit in Rot semantisch impliziert ist. Al-
lein die prescision bezieht sich demnach auf die Synthesis, die Konstitution von
Erfahrung durch Begriffe, und nur sie ist es, die der „stärkeren Erfahrungssätti-
329
Vgl. zur genaueren Unterscheidung der drei Trennoperationen die Übersicht von Oever-
mann in 2001: 223 und 2000c: 437.
330
Oevermann fügt an, die Aufhebung sei im „Hegel’schen Sinne“ zu verstehen. Ein eher
irreführender Hinweis. Wir haben bereits darauf hingewiesen, in welchem Sinne sich Peirce
auf Hegel bezieht – und in welchem Sinne nicht. Aufhebung im hierarchischen Sinne ist
jedenfalls nicht das, worum es hier geht.

157
gung“ (2001: 225) der Begriffe Rechung trägt, indem sie ein „Verfahren der
sukzessiven Abschichtung praktischer Einbettungsverhältnisse“ ist.331
Die prescision liefert damit ein Instrument der Begriffsanalyse, das laut Oe-
vermann „auf eine Rekonstruktion von naturwüchsig in den krisenhaften Kon-
stitution von Erfahrung entstandenen Begriffen hinausläuft.“ (2000c: 437)332
Nach Peirce gehört sie zur „Basis für eine systematische Methode des Suchens
nach allem, was es an universalen elementaren Begriffen zwischen der Mannig-
faltigkeit der Substanz und der Einheit des Seins geben mag.“333 Was es zwi-
schen dem Grenzbegriff Substanz – als der Kategorie der Gegenwärtigkeit – und
dem Grenzbegriff Sein – als der Kategorie für die Bedingung der Möglichkeit
von Vermittlung überhaupt – alles gibt, wissen wir schon: Es sind die drei Kate-
gorien der Qualität, Relation und Darstellung, die den Kategorien von Erstheit,
Zweitheit und Drittheit beziehungsweise semiotisch gesprochen von Ikon, Index
und Symbol entsprechen.334 Allerdings gewinnt er sie nicht in der Betrachtung
des von der Substanz zum Sein verlaufenden Ganges der Erfahrung bzw. Er-
kenntnis, sondern umgekehrt in einem zweiten rekonstruierenden Gang der
methodisch expliziten Erkenntnis von der höchsten Stufe der Vermittlung zu-
rück zur ursprünglichen Mannigfaltigkeit der bestimmungsbedürftigen Xe. Oe-
vermann legt viel Wert darauf, beide Richtungen strikt auseinander zuhalten,
weil nur so die „Synthesis als Gang der Praxis und (die) rekonstruierende Ana-
lysis als Gang der methodisch expliziten Vergegenwärtigung dieser Synthesis,
also Praxis und praxisenthobene Erkenntnis, (als) dialektisch aufeinander bezo-
gene, aber eben gegenläufige Bewegungsrichtungen von Erkenntnis“ (2000c:
438) kenntlich gemacht werden können.335
Beide Richtungen zeigen eine doppelte Dialektik an: Die interne Aufhe-
bungsdialektik der Synthesis (auf dem Weg von der Substanz zum Sein) ist
verklammert mit einer dialektischen Beziehung zwischen dieser Synthesis und
der rekonstruktiven Analyse als der methodologischen, durch die prescision
331
Zehentreiter 2001: 87. – Oevermann sieht hier auch Parallelen zur Unterscheidung von
Denken und Sprache wie sie Jean Piaget in der Differenz von dem operativen und bloß figura-
tiven Schema geistiger Vorgänge getroffen hat. (vgl. Piaget 1973a: 29ff.)
332
Vgl. Peirce 2000: 149: „Absonderung (prescision, D.P.) ist kein umkehrbarer Prozess. [...]
Elementare Begriffe entstehen nur aufgrund von Erfahrung, das heißt, sie werden ursprünglich
in Entsprechung zu einem allgemeinen Gesetz geschaffen, dessen Bedingung die Existenz
bestimmter Sinneseindrücke ist.“
333
Peirce 2000: 150 (CP 1.551).
334
Oevermann setzt sich mit dem Verhältnis der drei mittleren Kategorien auch deshalb aus-
führlicher auseinander, weil er seine Habermas-Kritik hinsichtlich des Status von Qualität
entwickelt. (vgl. 2001: 233ff.)
335
Er widerspricht damit der Habermas’schen Prämisse der Einheit von Theorie und Praxis,
um auf diese Weise zu verhindern, in das Fahrwasser eines „aufklärerischen Normativismus“
(ebd.: 469) zu geraten, um also nicht dem Glauben zu verfallen, die Lebenspraxis müsse von
der Wissenschaft belehrt werden.

158
ermöglichten Gegenbewegung (auf dem Weg vom Sein zur Substanz).336 Von
der Substanz zum Sein können die genetischen Begründungs- und Fundierungs-
verhältnisse expliziert werden, indem die realen, naturwüchsigen Prozesse der
Aufstufung von Begriffen in der Evolution von Erkenntnis und Konstitution von
Erfahrung nachgezeichnet werden. Vom Sein zur Substanz hin lassen sich dage-
gen die Elemente rekonstruieren, die den Prozess der Synthesis erzwungen
haben. In dieser Richtung werden die logischen Begründungs- und Fundie-
rungsverhältnisse geklärt. Rekonstruktion heißt demnach, den Vermittlungspro-
zess zur Einheit der Begriffe zurückzuverfolgen, sprich die Logik dieser Ver-
mittlung offen zu legen:

„Nicht das krisenhaft die Aufmerksamkeit einer Praxis erregende X allein wird
dabei rekonstruiert, sondern vor allem das krisenhafte Verhältnis eines unmit-
telbar gegebenen, Eindrücke zu elementaren Prädikaten synthetisierenden Le-
bens (Erstheit im Sinne von Peirce) in seiner Positionalität zu einem X
(Zweitheit im Sinne von Peirce), das es in seiner emergierenden Krisenlösung
mit einem vorläufigen P sich schon zu eigen macht (Drittheit im Sinne von
Peirce).“ (2000: 141f.)

Das elementare, von Peirce eingesetzte epistemische Schema ‚X ist ein P’ wird
von Oevermann also auf die elementare Dialektik von Krise und Routine bezo-
gen. Dieser Bezug ist gültig (und notwendig), weil jede Form von ‚X ist ein P’
Positionalität gegenüber einem X voraussetzt. Ist das epistemische Schema aber
in diese (unhintergehbare) Positionalität (der Lebenspraxis) eingebunden, kann
nicht mehr allein ‚X ist ein P’ thematisch sein; stattdessen muss das Verhältnis
lauten: ‚S behauptet, glaubt, nimmt an etc., dass X ist ein P.’. Darin drückt sich
die implizierte unhintergehbare Sozialität aus: ‚S behauptet, fordert etc. gegen-
über einem anderen S: X ist ein P.’ (vgl. 2000: 146f.)337 Für Oevermann folgt
daraus, dass das erkenntnistheoretische Schema von Subjekt-Objekt-Relationen
in die Irre führt. Es würde sich (wieder) in die bewusstseinstheoretischen Apo-
rien verstricken, aus denen Peirce mit seiner Kategorienlehre als Theorie der
Abstufung gerade herausfinden will. „Innenwelt und Außenwelt“, schreibt er
deshalb, „werden nicht ontologisierend gegenübergestellt, sondern als Kompo-
nenten der objektiv vorliegenden Einheit des vollständigen Handlungskreises
integriert“ (1991: 312; vgl. 1996c: 12) Das könne man laut Oevermann daran
ersehen, dass den Erfahrungsgegenständen nicht eingeschrieben ist, ob sie ein X
oder ein P sind. Vielmehr ist ein Prädikat seinerseits „durch einen Dualismus
geprägt“ (1996c: 13), weil es einerseits als repräsentierendes Zeichen in einer je
konkreten Ausdrucksmaterialität und andererseits in einer Verweisung auf einen
abstrakten Begriff besteht. Denn, so Oevermann, „seine Bedeutung erhält das P
336
Vgl. Zehentreiter 2001: 87.
337
Dieser Andere, das wissen wir durch Meads Begriff des generalisierten Anderen, kann man
auch selbst sein. Das ist aber nur möglich, wenn es den Anderen tatsächlich gibt.

159
als Zeichen nicht durch eine direkte Referenz auf den Gegenstand X, sondern
durch die Verkörperung eines Begriffes, was die Erzeugung einer Bedeutung
nach geltenden Regeln voraussetzt.“ (ebd.) Wir werden noch sehen, dass in
dieser Bestimmung problematischerweise unklar bleibt, was Verkörperung
überhaupt heißen soll. An dieser Stelle kommt es uns zunächst darauf an, den
von Oevermann behaupteten Dualismus zweier Realitäten strikt vor den Hinter-
grund unhintergehbarer Sozialität zu stellen: „Nicht, wie die (nicht-
pragmatistische, D.P.) Handlungstheorie es will, ergibt sich das soziale Handeln
als Folge der Koordination des Handelns einzelner Subjekte, sondern damit sich
überhaupt Subjekte (und Sinn, D.P.) konstituieren können im Bildungsprozess
und je neu, muss es schon immer Sozialität geben.“ (ebd.) Für die Objektive
Hermeneutik bedeutet dies, an die Stelle der monologischen Subjekt-Objekt-
Relation die pragmatische Grundrelation (Subjekt-Subjekt-)Objekt zu setzen.
Oevermann veranschaulicht sie folgendermaßen:

„Nicht: S  O (bzw. X),


nicht also: die einfache Subjekt-Objekt-Beziehung der deutschen Bewusst-
seinsphilosophie,

S
sondern: {}  O
S

Erst das so konzeptualisierte Subjekt ist dasjenige, das ‚Ich’ sagen kann, wenn
die Prädikation zum Sprechakt komplettiert wird in der Form:

Ich (zugleich Erstheit und sozialisierte Drittheit)


Sage (behaupte, fürchte, wünsche, fordere, etc.),
dass X P (sozial konstituierte Bedeutung)“ (ebd.: 13f.)

Man kann die Notwendigkeit der Erweiterung der Prädikationsformel ‚X ist ein
P’ zu ‚X behauptet etc., dass P’ sich aber nicht nur anhand der sozialisations-
und wissenstheoretischen Argumentation Oevermanns, sondern auch anhand
eines grammatischen Arguments verdeutlichen.338 Folgte man dem Subjekt-
Objekt-Schema, müsste Erkenntnis nämlich immer die Form haben: ‚Jemand
weiß einen Gegenstand.’ Das erweist sich aber als leere Bestimmung, denn
niemand kann einen Gegenstand wissen, sondern immer nur etwas über ihn oder
von ihm. Deshalb verlangt das Verb ‚wissen’ eine Ergänzung durch ein ‚dass’.
Natürlich kann man dennoch einen Gegenstand kennen, aber diese Kenntnis
lässt sich nur behaupten, wenn schon eine Menge Satzartiges über ihn bekannt
ist. Besonders deutlich wird dieses grammatischen Arguments in Bezug auf das
Selbstbewusstsein: Wir können nicht sagen ‚ich weiß mich’; den Fall des Wis-
sens, in dem das Subjekt sich zugleich Subjekt und Objekt ist, kann es gramma-
338
Vgl. dazu Schnädelbach 2000 und 2004a: 216ff.

160
tisch nicht geben;339 ein Umstand, der uns im vorliegenden Zusammenhang aus
Meads I/Me-Differenz bekannt ist. Diese Angewiesenheit jeden Wissens auf ein
‚..., dass P’ nennt man die Propositionalitätsthese. Ihr zufolge ist es laut Herbert
Schnädelbach irreführend,

„von der Erkenntnis zu behaupten, sie sei eine Relation zwischen Subjekt und
Objekt oder zwischen Bewusstsein und Gegenstand, sondern sie besteht tat-
sächlich in Sätzen über Gegenstände, Sachverhalte, Ereignisse, Strukturen,
Funktionen etc., mit denen Sprecher das, was sie mit ihnen aussagen, als wahr,
das heißt als tatsächlich bestehend beanspruchen. So ist Wahrheit nicht einfach
die Übereinstimmung von intellectus und res, und erst recht nicht die Identität
von Subjekt und Objekt, sondern sie findet statt zwischen Satz und Tatsa-
che.“340

Die Ausdrücke Subjektivität und Objektivität behalten hier dennoch ihren „gu-
ten erkenntnistheoretischen Sinn“341: Subjektivität wird nicht als unzuverlässige
Privatheit von Meinungen verstanden, sondern als ein Bedingungsgefüge, das
bei der Erkenntnis von den Erkennenden selbst schon immer ins Spiel gebracht
ist; und Objektivität ist nicht bloß der Objektbezug als die Referenz auf etwas,
sondern der Anspruch unseres Wissens, dieses Etwas so zu repräsentieren, wie
es tatsächlich ist – unabhängig von unseren Vormeinungen oder Vorurteilen.
Insofern lässt sich der Terminus Objekt als indefinite Menge von Eigenschaften
fassen, eine Menge, die zwar vom einzelnen Subjekt niemals in ihrer Gesamt-
heit überblickt werden kann, ihren Wahrheitsgehalt aber in Sätzen über diese
Menge beansprucht. Die Propositionalitätsthese ist damit ein Erklärungsansatz,
der einerseits die Aporien einer dualistischen Subjekt-Objekt-Relation vermei-
den soll, ohne andererseits jeden sinnvollen Subjekt- und Objekt-Begriff preis-
zugeben.
Der Aufbau von Begriff und Erfahrung ist folglich nicht hierarchisch zu den-
ken. Denn laut der pragmatischen Grundrelation (Subjekt-Subjekt-)Objekt steht
die Sinnlichkeit (Wahrnehmung) gerade nicht im Dienste der Begriffsbildung,
es wird ihr keine niedere Position zugewiesen. Sie ist vielmehr Anfang und
Ende des Prozesses, der hier zwar als Aufstufung beschrieben wurde, aber nicht
als Hierarchie missverstanden werden darf. Ginge es um eine Hierarchie, impli-
zierte das die Hoffnung (oder die Angst), mit der Sinnlichkeit auch den Körper
zu überwinden – so, als ob die Lebenspraxis ihre biologische Mitte abstreifen
könnte. Dass dies logisch wie genetisch unsinnig ist anzunehmen, geht bereits
aus dem objektiv-hermeneutischen Konzept der Lebenspraxis selbst hervor;
dass die Sinnlichkeit als ästhetische Erfahrung darüber hinaus die Basis allen
339
Vgl. dazu Tugendhat 1979: 50ff.
340
Schnädelbach 2004a: 216f.
341
Ebd.

161
Erkennens bildet, wird für die ästhetiktheoretischen Überlegungen im dritten
Teil noch von großer Bedeutung sein.
Dennoch exemplifiziert Peirce seine Kategorienlehre im Modus des Prädika-
tionsmodells; und Oevermann setzt es für die Ausarbeitung der Objektiven
Hermeneutik als Krisentheorie ein. Warum? Zunächst aus den (semiotischen)
Gründen, die oben benannt wurden: „Alles Denken muss [...] ein Denken in
Zeichen sein“342, das heißt, wir denken nicht unter Zuhilfenahme von Zeichen,
sondern kraft der Zeichen. Wenn aber darüber hinaus richtig sein soll, dass man
ein ins Aufmerksamkeitszentrum getretenes X nicht nicht wahrnehmen kann
und also auch nicht nicht prädizieren kann, müssen alle einmal wahrgenomme-
nen Gegenstände auch sprachlich fixierbar sein. Das wiederum muss heißen,
dass sich prinzipiell alles versprachlichen lässt, weil es den Weg von der Wahr-
nehmung zum Begriff vorbei an der Sprache nicht geben kann. Das bedeutet
jedoch bezeichnenderweise nicht, dass sich alle Xe versprachlichen lassen,
sondern eben nur die, die überhaupt ins Zentrum der Aufmerksamkeit treten.
Daneben mag es noch vieles geben, es kann aber für uns nichts geben, was nicht
prädizierbar ist – sei es in Form von Sprache oder nichtsprachlichen Expressio-
nen. Dass die Welt dennoch nicht in Prädikation aufgeht oder verschwindet, ist
natürlich trivial. Das ist damit auch nicht behauptet; behauptet ist aber, dass
Wahrnehmung keine Negation duldet und Wahrgenommenes nicht einfach als
solches substituiert werden kann, sondern nach einem (wie auch immer verfass-
ten) Begriff verlangt. Wir können nicht im Status der bloßen Wahrnehmung
verharren, weil wir nicht im Status der reinen Gegenwärtigkeit leben. Wahr-
nehmung ist damit nicht wie Sprache resp. Prädikation organisiert, aber auf
Sprache konstitutionslogisch angewiesen.
Man könnte, wie Dieter Mersch, gegen diese Argumentation einwenden, sie
ebne die Differenz zwischen Prädikation und Erscheinen ein, bediene also einen
analytischen Reduktionismus, der auf die Behauptung hinausläuft, dass wir zum
Beispiel den Eindruck ‚rot’ nur besitzen, insofern wir auch über einen Begriff
von Rot verfügen.343 Der Einwand ist entschärft, wenn man sich klar macht,
dass das Erscheinen erst als Erscheinen kommunizierbar ist, indem es prädiziert
wird. Das heißt nicht, schon immer über die Begriffe verfügen zu müssen, es
heißt aber, dass es einen Begriff (rot, rötlich, blassrot etc.) braucht, um über-
haupt als Erscheinung gedacht werden zu können. Mersch bestätigt das indirekt,
wenn er schreibt:

„In Bezug auf Sinne ist eine Nichtintentionalität maßgeblich und nicht eine
Nichtkommunikabilität. Entscheidend ist zudem, dass mich Erfahrungen ange-
hen, das heißt, mir zusetzen, mich berühren, und zwar so, dass ich von ihnen in
Anspruch genommen werde, dass sie mich nicht loslassen. [...] So gehört zur

342
Peirce 1967: 175 (CP 5.251)
343
Vgl. Mersch 2002: 30f.

162
Struktur der Widerfahrung eine Unausweichlichkeit, die der Wahrnehmung qua
Eindruck einen affirmativen Zug erteilt: Sein Faktum lässt sich nicht verwei-
gern. Solche Nichtnegierbarkeit trifft nicht den Inhalt des Eindrucks – es gibt
stets die Möglichkeit der Täuschung oder des Irrtums –, sondern die Tatsache
seiner Widerfahrnis selbst [...], denn eine Täuschung besteht nicht über das
‚Ob’, sondern höchstens über das ‚Was’.“344

Mersch schließt daraus, dass Existenz als „unableitbar vorausgesetzt werden


muss“345, hier wird dagegen dafür plädiert, Sozialität als unableitbar vorauszu-
setzen. Denn der Bezug auf Existenz wird für die Objektive Hermeneutik erst
dann gehaltvoll, wenn er innerhalb der pragmatistischen Grundrelation veran-
kert ist. Andernfalls verharrte der Existenzbegriff in der vagen Bestimmung
einer „Ungeheuerlichkeit des Dass vor dem Was“, die nur dort aufzutauchen
vermag, wo das „Netz der Zeichen zerrissen wird“.346 Für den objektiv-
hermeneutischen Ansatz bilden Wahrnehmung und Diskursivität, Erscheinen
und Prädikation also erst vor dem Hintergrund der pragmatistischen Grundrela-
tion eine Differenz, die auch analysiert werden kann.
Damit ist die Frage nach dem Prozess der Wahrnehmung gestellt. Wir sind
darauf im Rahmen der Erörterungen zum Begriff der Lebenspraxis bereits zu
sprechen gekommen. Wenn jetzt hier nochmals auf den Wahrnehmungsvorgang
eingegangen wird, geht es vor allem darum, diesen als Prozess innerhalb der
Sinngenese zu kennzeichnen. Für die Objektive Hermeneutik ist das aus dem
Begriff der Lebenspraxis zu ersehen: Die sie strukturierende widersprüchliche
Einheit aus Entscheidungszwang und Begründungsverpflichtung gilt nicht nur
für bewusste Entscheidungen, sondern auch für traumatische Krisen. Entschei-
dungszwang und Begründungsverpflichtung sind also die wesentlichen Struk-
turmomente des Wahrnehmungsprozesses, weil Wahrnehmen Übersehen, Dis-
kriminieren von Sinneseindrücken, heißt.347 Von Entscheidungen und Begrün-
dungen im emphatischen Sinne lässt sich in diesem Fall natürlich nicht spre-
chen; dennoch ist Wahrnehmung ein begründeter, wenn auch kein rationaler
Vorgang. Für Oevermann besteht darin das „erkenntnistheoretisch skandalöse
Problem“ (1996c: 5), dass wir es bei Wahrnehmungen mit einer „paradoxalen
Einheit von Unmittelbarkeit und Vermitteltheit, von faktischem So-Sein und
Kritisierbarkeit als Urteilen“ (ebd.) zu tun haben. Angesprochen ist damit jenes
Paradox der Wahrnehmung, demzufolge man sich für das Wahrnehmen nicht
344
Ebd.: 32.
345
Ebd.: 33.
346
Ebd.: 140; vgl. dazu auch die zusammenfassenden Bemerkungen in Mersch 2004: 54ff. und
die am Beispiel des Theaters von Robert Wilson gegebenen Erläuterungen in ders. 2004a:
36f.; vgl. dazu auch: Erfahrung und Existenz. Dirk Pilz im Gespräch mit Dieter Mersch. In:
Theater der Zeit. Heft 6. 2004.
347
Das greift eine Formulierung von Arnold Gehlen auf: „Erst durch das Übersehen zahlloser
möglicher Wahrnehmungen gibt es Übersicht.“ (Gehlen, A.: Der Mensch. Seine Natur und
seine Stellung in der Welt. 13. Aufl. Wiesbaden 1986: 173).

163
entscheiden kann, dieses aber gleichwohl kein bloßer physiologischer Vorgang,
sondern von Gedächtnis, Erinnerung und Kulturformen (vor)geprägt ist. Wahr-
nehmungen sind weder Beobachtungen noch reine Sinnesdaten. Insofern ließe
sich mit Merleau-Ponty sagen, „dass man in mir wahrnimmt.“348 Denn einerseits
nimmt „der Wahrnehmungsakt mich in Beschlag“349, andererseits muss von
einer (auch biologischen) „Grammatik der Wahrnehmung“350 ausgegangen
werden. „Wahrnehmen geht [...]“, wie Mersch treffend schreibt, „nicht schon in
einem ‚Unterscheiden’ und ‚Identifizieren’ auf; was ich gewahre, untersteht
nicht primär der Struktur des ‚Etwas-als-etwas’, sondern zunächst in der Begeg-
nung mit einem ‚Außer-mir’“.351 Jede Wahrnehmung, schreibt Mersch ganz im
Sinne des objektiv-hermeneutischen Konzeptes der traumatischen Krise, kon-
frontiert den Wahrnehmenden mit „dem Schock des Ungemachten, des Unver-
fügbaren“.352 In diesem Sinne ist es auch sinnvoll, Wahrnehmen als ein Antwor-
ten auf die Realität zu begreifen, ihre vornehmliche Arbeit dementsprechend als
Responsivität zu beschreiben.353 Man machte sich vom Wahrnehmungsprozess
jedenfalls einen zu einfachen Begriff, wollte man „Wahrnehmungen auf Diskur-
se [...] reduzieren“354, weil Wahrnehmung durch die „Paradoxa der Nichtwahr-
nehmung in der Wahrnehmung“355 gekennzeichnet ist. Insofern ist Wahrnehmen
„kein Erkennen, Unterscheiden, Bezeichnen oder Verstehen“356, denn im Mo-
ment der Wahrnehmung, sprich im Moment der traumatischen Krise, ist die
Differenz zwischen Erscheinen und Erkennen aufgehoben. Aber jede Wahr-
nehmung muss, um überhaupt als solche erfahrbar zu sein, prädiziert werden –
auch wenn sie im Status der Gegenwärtigkeit nichtintentional ist. Genau in
diesem Sinne ist jede Wahrnehmung Formbildung: Aus dem indifferenten
„sinnlich-physiologischen Prozess der Sinnes-Beeindruckung“ (1996c: 3) kann
(und muss) die Wahrnehmung Muster und Strukturen abnehmen, die ein Identi-
fizieren eines Gegenstandes der inneren oder äußeren Realität ermöglichen.
Diese Entscheidungen werden auf der Grundlage eines Passungsverhältnisses
von Wahrnehmungsorganisation und Gegenstandsstruktur getroffen. Entitäten,
die von diesem Passungsverhältnis nicht aufgegriffen werden können, lassen
sich im Umkehrschluss auch nicht wahrnehmen. In diesem Sinne gibt es kein
348
Merleau-Ponty 1965: 253.
349
Ebd.: 278.
350
Scheer 1998: 167.
351
Mersch 2002: 27.
352
Ebd.: 33.
353
Bernhard Waldenfels hat auf diesen Aspekt seine Phänomenologie aufgebaut und von der
(Wahrnehmungs-) Realität als Widerfahrnis gesprochen. Vgl. den kurzen zusammenfassenden
Text Waldenfels 2004 sowie ders. 1999: 124ff.; vgl. auch Mersch 2002: 47ff.; vgl. Weiteres in
III 4.2.
354
Mersch 2002: 31.
355
Ebd.: 44.
356
Ebd.: 46; vgl. auch III 3.1.B.

164
falsches Wahrnehmen, wie es keine falschen Erfahrungen gibt;357 auch Wahr-
nehmungstäuschungen sind Wahrnehmungen; sie als Täuschung zu klassifizie-
ren, ist immer erst im Abgleich mit anderen Wahrnehmungen möglich, die – aus
welchen Gründen auch immer – der Gegenstandsstruktur angemessener erschei-
nen.
Dieser Punkt ist entscheidend. Es lohnt sich, ihn mit Oevermann etwas ge-
nauer zu betrachten. Er selbst hat sich am Beispiel der Farbwahrnehmung ein-
gehender mit dem Wahrnehmungsprozess beschäftigt. Farbe hat, sagt er,
„durchaus eine Realität außerhalb des Wahrnehmungsprozesses – im Sinne
eines Potenzials, das allerdings erst manifest wird im wahrnehmenden Organ.“
(2000c: 426) Von Realität ist hier im Peirce’schen Sinne die Rede; der Begriff
der Realität lässt sich weder dem Paradigma des Nominalismus noch dem des
Realismus zuschlagen. Farbe ist also weder eine nur durch die physikalischen
Stoffe erzwungene Eigenschaft noch eine prä-existente, gewissermaßen fertige
Eigenschaft, sondern das Produkt einer Wechselwirkung. Diese Wechselwir-
kung ist nun einerseits von dem „neurophysiologisch naturgesetzlichen Prozess
der Vor-Prädizierung“ (ebd.: 427), also von neurophysiologischen Verarbei-
tungsprozessen und andererseits von der Bewährungsdynamik als Krisenlösung
bestimmt. Oevermann trennt damit strikt zwischen der Wahrnehmung als neu-
rophysiologischen Prozess und der Wahrnehmung als Konstitution von Erfah-
rung durch Krisenbewältigung. Aus krisentheoretischer Sicht ist Wahrnehmung
als Handlung ausgezeichnet, folglich eingebunden in die unhintergehbare Sozia-
lität. Im Sinne einer solchen Handlung stellt Wahrnehmung einen Prozess un-
bewusster Erfahrungsbildung dar.
Die Objektive Hermeneutik differenziert nun genauer zwischen vier Aspek-
ten des Unbewussten. (vgl. ebd.: 454f.) Zum einen (a) das Unbewusste im
Freud’schen Sinne, das aus Prozessen der Verdrängung resultiert; zum anderen
(b) das Unbewusste, das auf frühe Erlebnisse und Erfahrungen zurückgeht, die
aufgrund einer zu diesem Zeitpunkt noch nicht hinreichenden Sinninterpretati-
onskapazität nicht erinnert werden können, dennoch aber im „Körpergedächt-
nis“ (2004: 164) archiviert sind und von daher einen Einfluss auf die jeweilige
Gegenwärtigkeit der Krisenbewältigung ausüben können. Weiter unterscheidet
Oevermann (c) das Unbewusste der neuronalen Vorgänge, die erklären warum
ein X überhaupt für uns Aufmerksamkeit erlangt (vgl. 1996c: 30; 2000c: 439ff.;
2004: 170)358 und schließlich (d) das Unbewusste im Sinne eines schweigenden
Wissens, das vor allem für den noch zu diskutierenden Regelbegriff von Belang
ist. Diese Dimensionen beeinflussen in je spezifischer Weise den unbewussten
Prozess der Wahrnehmung. Insofern ist Wahrnehmung – als ein Vorgang der
357
Vgl. Roselt, J.: Erfahrung im Verzug. In: Fischer-Lichte, E./Risi, C./Roselt, J. (Hg.): Kunst
der Aufführung – Aufführung der Kunst. Berlin 2004: 33.
358
Vgl. auch Wagner 2001: 180ff.

165
Diskriminierung von Sinneseindrücken und als Antworten auf das ‚Außer-mir’,
wie Mersch schreibt – keine bloße Reduzierung der Sinnesdaten auf eine Form.
Denn die Simplifikation, die in jeder Form sinnfällig wird, ist keine bloß öko-
nomische (im Sinne einer selektiven Abgrenzung), sondern vielmehr eine trans-
formatorische (im Sinne einer Umbildung). Unspezifische Sinnesdaten in ihrer
Fülle werden nicht eliminierend auf Form hinbewegt, sondern strukturierend
organisiert. Nur so wird einsichtig, dass Schemata wahrnehmungsleitend fungie-
ren können: Was der Wahrnehmungsprozess mithilfe von Schemata leistet, ist
die Formgebung von Sinnesdaten, ein Prozess, der sich als die Bildung von
Prägnanzprofilen verstehen lässt.359 Er ist ohne Sprache nicht denkbar, aber mit
Sprache nicht zu verwechseln: In der Sinnenwelt greifen im Vergleich zur Spra-
che andere (Prägnanz)Profile. Während innerhalb der Wahrnehmung die präg-
nanten Formen eher fließende Grenzen (Schwellen) kennen, definiert sich Spra-
che wesentlich über distinkte Einheiten. Verschiedene Artikulationssysteme
kennen demnach verschiedene Prägnanzprofile. So ist die Form des Hörens die
,Welt um uns‘, die Form des Sehens dagegen die ,Welt vor Augen‘. Dabei ist
das Hören genauer als das Sehen, das Sehen aber reicher als das Hören. Die
Sinnenwelt als Gesamtsystem lebt sowohl von der Verschiedenheit der Artikula-
tionssysteme als auch von deren Koordination und Kommunikation. So ist zu
verstehen, wenn Merleau-Ponty schreibt, die Synästhesie sei nicht die Ausnah-
me, sondern die Regel.360 Denn die Synästhesie, als heteromodale Wahrneh-
mung, verhält sich wie die Synergie auf Seiten des Körpers: „Das Sehen von
Tönen, das Hören von Farben kommt zustande wie die Einheit des Blicks durch
beide Augen: dadurch, dass der Leib nicht eine Summe nebeneinandergesetzter
Organe, sondern ein synergisches System ist [...].“361 Diese „transversale“ (und
nicht vertikale) Einigung der Sinne ist dabei als „offene Totalität“362 zu verste-
hen, weil die Einigung der Sinne nur dann verstanden werden kann, wenn sie
auf eine gemeinsame Struktur des Wahrnehmungsprozesses rekurrieren. Der
Begriff des Prägnanzprofiles soll gerade verdeutlichen, dass diese gemeinsame
Struktur Muster der Wiedererkennung sind, ohne dass diese (sich selbst identi-
sche) Re-Produktionen der Form beansprucht, sondern lediglich eine Wiederer-
359
Vgl. zum Begriff der Prägnanzbildung Schwemmer 1997: 48ff., 85ff., 104.
360
Vgl. Merleau-Ponty 1965: 268; vgl. dazu Waldenfels 1999: 58ff.
361
Ebd.: 273.
362
Ebd.: 257. Merleau-Ponty schreibt hier: „Wir haben Erfahrung von einer Welt nicht im
Sinne eines Systems von Beziehungen, die jedes Vorkommnis in ihr vollständig determinie-
ren, sondern im Sinne einer offenen Totalität, deren Synthese unvollendbar bleibt. [...] Weder
die Einheit des Subjekts noch die des Objekts ist reale Einheit, sondern beide sind präsumtive
Einheiten am Horizont der Erfahrung.“ (ebd.) Diese phänomenologische Bestimmung der
Wahrnehmung als (brüchige) Kommunikation zwischen den Sinnen entspricht durchaus der
Oevermann’schen Idee eines in vier Dimensionen ausdifferenzierten Unbewussten, mit dem
Unterschied allerdings, dass die offene Totalität nicht am Horizont der Erfahrung bemessen
wird, sondern am Prozess der Erfahrungsbildung selbst; er ist es, der jenen Horizont entstehen
lässt, der sich nur rekonstruktionslogisch als je spezifische Fallstruktur ermitteln lässt.

166
kennbarkeit des Musters der Formbildung. Erst mit dem Status der Prägnanz ist
also Identität gegeben, eine Identität, die sich in der Prädikation ausdrückt. Ge-
geben ist damit ein Realitätsbegriff, der von zwei Seiten her dynamisiert ist.
Zum einen ist das, was ist, das, was unsere Wahrnehmungssinne trifft; das ist
der Aspekt der Prozessualität. Zum andern ist das, was ist, das, was sich uns in
Formen zeigt; das ist der Aspekt der Prägnanzbildung, der Herstellung von
Form, die ihrerseits durch die vier Aspekte des Unbewussten dynamisiert wird.
Beide Seiten sind zwingend: Es gibt (für uns) keine ungeformte Wirklichkeit,
und es gibt (für uns) keine außer-prozessuale (im weiten Sinne: ahistorische)
Wirklichkeit. Krisentheoretisch gesprochen: Wahrnehmung ist ein Geschehen,
das als Krise der Prädikation bedarf – um überhaupt wahrgenommenes Gesche-
hen zu sein. Daher lässt sich nachträglich das vormals Unbewusste rekonstruie-
ren. (vgl. 1975: 4)
Peirce’ und im Anschluss daran auch Oevermanns Punkt ist also: Es gibt ne-
ben den prädizierten Xen nicht noch solche, die aufgrund mangelhafter Sprache
unprädiziert bleiben; es könnte jedoch neben den prädizierten Xen durchaus
etwas geben, das nicht von den Prägnanzprofilen eingefangen wird; das aber ist
für uns ohne Belang. Von Bedeutung ist dagegen der Umstand, dass es mangel-
hafte, sprich: krisenanfällige Prädizierungen gibt. Mehr noch: Jede Prädizierung
kann, weil sie Routine ist, wieder in die Krise geraten, was übrigens auch der
Alltagserfahrung entspricht. Prädikation ist kein abschließbarer oder gesicherter
Prozess. Daraus jedoch zu folgern, die Prädikation resp. die Sprache reiche per
se nicht bis zu den Dingen, wäre ein Kurzschluss. Dies implizierte die gleiche
unnötige Folgerung Kants, wonach eine Beschreibung eines Gegenstandes keine
echte Beschreibung sei, da sie durch unsere Begriffe vorgeformt ist. Der Prozess
der Prädikation wird nicht deshalb obsolet, weil er immer nur für uns gilt.363
Entsprechend der krisentheoretischen Interpretation des pragmatistischen Wahr-
nehmungs- und Handlungsbegriffes gilt vielmehr: Begriffe und Erfahrungen
durchlaufen einen (genetischen) Prozess der Aufstufung, der sich im Modus der
Nachträglichkeit rekonstruieren lässt. Weil Begriffe und Erfahrungen nicht als
Begriffe und Erfahrungen auf die Welt kommen, sondern als Produkt eines
Krisenprozesses, ist es möglich, den krisen(aus)lösenden Prozess der Begriffs-
und Erfahrungsbildung rekonstruktiv zu analysieren. Mit dieser letzten Bemer-
kung wird einmal mehr deutlich, worum es einer Objektiven Hermeneutik gene-
rell geht: um ein rekonstruktives Verfahren, das weder auf der Ebene von asso-
ziativen Bewusstseinsvorgängen (Dissoziation) noch auf der Ebene von Zei-
chenbedeutungen (Diskriminierung) arbeitet, sondern die dialektischen Verhält-
nisse der Aufhebung (prescision) rückläufig in ihrer Konstitutionslogik zerlegt.
363
Prädikation wird damit nicht als epochenspezifisches Diskriminierungsmerkmal behandelt,
wie dies Gerhard Gamm vorschlägt, wenn er an die Stelle einer Prädikationslogik die „Logik
und Semantik des Unbestimmten“ (Gamm 1994: 16) setzt. Vgl. dazu den Exkurs am Ende von
III 1.2.

167
Die methodologische Dimension dieser Bestimmung sollen die folgenden Über-
legungen klären.

D Methodologische Schlussfolgerung II: Der Begriff der Rekonstruktion

Wenn die Objektive Hermeneutik beansprucht, ein rekonstruktives Verfahren zu


sein, bezieht sie sich auf den pragmatistischen Handlungsbegriff. Dieser ist, wie
geschildert, in sich prozessual zu denken. Erkenntnis- und Erfahrungsbildungs-
prozesse sind nicht monologisch determiniert, sondern stehen in der dialekti-
schen Spannung von Determination und Emergenz, von mikrodeterminierten
Ereignissen in einem indeterminierten System. Rekonstruktion will diese Dia-
lektik nicht aufheben (um sie derart an das Subjekt-Objekt-Schema zu verab-
schieden), sondern aufzeigen: Der Sinn einer Sequenz (der Sinn eines Begriffes,
einer Erfahrungstatsache etc.) wird historisiert, indem ihre Konstitutionslogik
rekonstruiert wird. Gefunden wird mit dieser Zerlegung, so Oevermann, einer-
seits der „ursprüngliche Unbestimmtheitsanlass“ (2000c: 437) und andererseits
der sequenzielle Prozess der je konkreten Krisenlösung. Genau darin will Re-
konstruktion ein Verfahren der Erschließung sein und über eine paraphrasieren-
de Beschreibung hinausgehen.
Beschreibung versus Erschließung, Deskription versus Rekonstruktion: Das
ist die Differenz, mit der sich die Objektive Hermeneutik „radikal von allen
anderen Methodenansätzen“ (2002: 6; 1996b: 5) abzuheben versucht. Deskripti-
ve Methoden sind für Oevermann generell nicht mehr als „Pseudo-
Wissenschaft“ (1996b: 5), in den Erfahrungswissenschaften treten sie als
„Nachvollzugs-Hermeneutiken“ (1993a: 108; 1994: 384; 1997: 18) auf. Anders
der Selbstanspruch der Objektiven Hermeneutik:

„(Sie) ist nicht eine Methode des Verstehens im Sinne eines Nachvollzugs sub-
jektiver Dispositionen oder der Übernahme von subjektiven Perspektiven des
Untersuchungsgegenstandes, erst recht nicht eine Methode des Sich-
Einfühlens, sondern eine strikt analytische, in sich objektive Methode der lü-
ckenlosen Erschließung und Rekonstruktion von objektiven Sinn- und Bedeu-
tungsstrukturen.“ (1996b: 5; 2002: 6)

Einer Rekonstruktionslogik folgt die Objektive Hermeneutik also darin, dass sie
für die Analyse jegliche Form von paraphrasierendem (Praxis-)Nachvollzug
oder Introspektion ablehnt. Ihr zentrales methodologisches Interesse zielt viel-
mehr auf die, wie Bude pointiert festgestellt hat, „Loslösung der interaktiven
Logik ihres Sagens vom Meinen der Subjekte.“364 Dieser Loslösung ist der
Begriff latente Sinnstruktur geschuldet, in dem mit ihm eine zwar virtuelle, also
364
Bude 1982: 136.

168
nicht wahrnehmbare, aber dennoch reale Sinnstruktur angenommen wird. Sol-
che Sinnstrukturen sind prinzipiell deskriptiv nicht zu erschließen, weil sie sich
der Beobachtung entziehen. Sie wären allerdings durchaus subsumtionslogisch
erfassbar, dann jedoch nicht mehr im Sinne eines rekonstruktiven Verfahrens.
Der Abstand zwischen Fallbeschreibungen und Fallrekonstruktionen ent-
spricht daher der „grundlegenden, paradigmatischen Unterscheidung einer sub-
sumtionslogisch und rekonstruktionslogisch verfahrenden Erfahrungswissen-
schaft.“ (2000: 61) Einer Subsumtionslogik gehorcht die Analyse, wenn sie
„unter ein vorgefasstes, feststehendes System von Interpretationskategorien “
(1996: 98) gestellt wird, wenn sie auf „bloße empiristische Beschreibung“ und
damit auf die „Trivialität dessen, was Adorno an der positivistischen Forschung
als ‚Verdopplung der Fakten’ kritisiert hat“ (2000: 91; vgl. 1983: 271) hinaus-
läuft.365 Solche Methoden schließen, im Falle einer Textinterpretation, am Text
nichts auf, denn „sie verlassen sich letztlich [...] auf summarische und globale
Unterstellungen eines der Kontextualität zugerechneten subjektiv gemeinten
kollektiven Sinnes.“ (1997: 18) So entstehen Lesarten, die „unerzwungen vom
Interpreten (dem Text, D.P.) hinzugefügt werden und von denen gesagt werden
muss, dass ihre Behauptung einen Sachverhalt treffen kann, aber nicht muss.“
(1996: 103) Als solche, so Oevermann, verraten sie mehr über den Interpreten
selbst als über den zu analysierenden Gegenstand. Sie stehen unter dem allge-
meinen Motto: „Es könnte noch dieses und jenes sein oder ‚Im Süden ist alles
anders’, aber sie sind eben nicht zwingend. Eine Addition solcher Lesarten wäre
letztlich nichts anderes als eine material unaufschlussreiche, tautologische Kon-
junktion von Möglichkeiten und eine Vorführung der Gebildetheit des Interpre-
ten statt eine Analyse des Werkes.“ (ebd.: 104) Fallbeschreibungen können nach
Oevermann deshalb nicht mehr leisten als (mehr oder weniger gelehrte) Illustra-
tionen und (theoretisch gesättigte oder assoziative) Exemplifizierungen zu lie-
fern; im strengen Sinne hat man es dabei mit keinen Analysen zu tun.366
365
Vgl. Adorno: 1973: 145, 425; 1981: 287; vgl. auch II 2.3.1.B und III 3.3.B.
366
Oevermann ist in diesem Punkt sehr scharf. Fallbeschreibungen sind „methodologisch und
theoretisch ‚unaufschlussreich’, das heißt belanglos, sie erfüllen allenfalls die Funktion der
Übermittlung, sie sind im Sinne der Luhmann’schen epistemologischen Begrifflichkeit Infor-
mationen oder Mitteilungen – vergleichbar den Inhalten von Beobachtungen –, aber sie sind
nicht hinter die Oberfläche der bloß voreingerichteten, assimilatorischen Wahrnehmbarkeit
und damit der Routine gelangende Erschließungen.“ (2000: 62). Dass jedoch alle „üblichen
Interpretationsverfahren in der geisteswissenschaftlichen Ästhetik“ (1996: 98) damit (mehr
oder weniger elaborierte) fallbeschreibende Methoden seien und einzig die Objektive Herme-
neutik (fall)rekonstruktiv arbeite und damit ein neues Paradigma aufmache, wie Oevermann
behauptet (vgl. 1986: 19; 2000c: 469) und Wagner ihm nachspricht (vgl. Wagner 1999: 44),
folgt daraus keineswegs. Der eingehende Vergleich mit anderen nicht subsumtionslogischen
(literaturwissenschaftlichen) Methoden, etwa der Narrationsanalyse, der hier nicht geführt
werden kann, würde schnell zeigen, dass sich die Methodenwelt nicht in subsumtionslogische
Verfahren einerseits und der rekonstruktionslogischen Objektiven Hermeneutik andererseits
aufteilen lässt. Nicht nur, dass dies selbst ein subsumtionslogisches Vorgehen, aus Sicht der
Objektiven Hermeneutik also irreführend wäre, die Unterschiede lassen sich generell nicht so

169
Dagegen hat es die rekonstruktionslogische Sequenzanalyse mit der „metho-
disch kontrollierten und wohlbegründeten Sinnerschließung“ (1997: 19) zu tun
und trifft entsprechend Vorkehrungen gegen jede Art von Beliebigkeit.367 Die
Rede von methodischer Kontrolle zielt dabei zuerst und vor allem auf die „For-
derung nach einer werkimmanenten Interpretations- und Entschlüsselungsme-
thodik“. (1997: 20) 368 Was methodische Kontrolle interpretationspraktisch be-
deutet, wird im Teil IV noch zu klären sein, worin aber das methodologisch
wesentliche Merkmal objektiv-hermeneutischer Forschung besteht, ist jetzt
schon klar: Es ist eine „erschließende Forschungslogik“ (2000: 59), welche die
Bildungsgeschichte der fallspezifischen Strukturgestalt des zu untersuchenden
Gegenstandes ins Zentrum der Aufmerksamkeit rückt.369
Die methodologische Präferenz für ein rekonstruktionslogisches Vorgehen
beruht auf Oevermanns Reformulierung bzw. Neu-Interpretation der pragma-
tistischen Maxime:

„Wollen wir die Bedeutung eines Begriffs, den propositionalen Gehalt einer
Überzeugung objektiv feststellen, dann müssen wir die Sinnstruktur des Han-
delns rekonstruieren, das davon ein Ausdruck ist, indem er durch diesen Begriff
bzw. diese Überzeugung geleitet wurde.“ (1991: 309)

Rekonstruieren heißt demnach, die objektive Sinnstruktur der (Sprach-


)Handlung untersuchen. Diese ist allein in einem rekonstruktionslogischen,
nicht in einem subsumtionslogischen Verfahren analysierbar, weil subsumtions-
logische Fallbeschreibungen die Individualität eines konkreten Falles nur da-
durch erfassen, dass sie sie in einer größeren Anzahl von klassifikatorischen
Merkmalen abbilden. Aber diese Individualitätsidentifikation bleibe, so Oever-
mann, „rein negativ, residual“. (2002: 10) Sie leiste nicht mehr

„als die Bezeichnung einer ganz einfachen Einzigartigkeits- oder Singularitäts-


feststellung, die im Prinzip für jedes empirische Ereignis gilt, weil jedes Ereig-

pauschal festmachen. Denn Methodentauglichkeit bemisst sich stets an dem von der jeweili-
gen Methode gesetzten Erkenntnisinteresse. Das Erkenntnisinteresse der Objektiven Herme-
neutik ist aber mit dem einer Narrationsanalyse etwa nicht ohne weiteres in Einklang zu brin-
gen. Oevermann Diktum gilt folglich nur für solche Methoden, die texterschließend sein
wollen, de facto aber subsumtionslogisch vorgehen; in diesem Sinne trifft es zum Beispiel auf
die traditionelle Form der werkimmanenten Methode zu.
367
Alfons Bora hat zu Recht darauf hingewiesen, dass Vorkehrungen gegen Beliebigkeit ein
Charakteristikum aller Methoden ist. (vgl. Bora 1997: 231)
368
Vgl. dazu auch Wagner 1984: 68ff.; 2001: 117ff.
369
Ein zu erschließender Gegenstand verkörpert natürlich nicht nur eine Fallstruktur, sondern
mehrere: „Ein transkribiertes Interview zum Beispiel repräsentiert sowohl den Interviewee als
auch den Interviewer als Fall, darüber hinaus aber noch mehr: das Interview als pragmatisch
spezifischen Gesprächstyp, die Milieus bzw. Lebenswelten, denen die beiden Beteiligten je
angehören und noch viel mehr.“ (2000: 106) Man muss daher auch (und gerade!) für eine
Fallstruktur vor der Interpretation genau wissen, was eigentlich untersucht werden soll.

170
nis konkret an einer einzigartigen bzw. singulären Raum-Zeit-Stelle stattfindet,
an der ein anderes Ereignis nicht auch noch stattfinden kann. Humanwissen-
schaftliche Strukturanalysen müssen aber in der Lage sein, über diese triviale
Individualität oder Individuiertheit hinaus das zu erfassen, was als das Ergebnis
eines individuierten Bildungsprozesses gelten muss.“ (ebd.: 10f.)

Wenn eingangs der Arbeit also von einem „radikalen Perspektivwechsel“ inner-
halb der methodologischen Debatte (1986: 19) die Rede war, meint(e) das genau
diesen Wechsel von einem subsumtionslogischen zu einem rekonstruktionslogi-
schen Vorgehen, von Fallbeschreibung zu Fallrekonstruktion. Und da mit der
Fallrekonstruktion ein „Verfahren der Rekonstruktion der objektiven Bedeu-
tungsstrukturen von Textelementen bzw. der latenten Sinnstrukturen von Text-
sequenzen“ (1994: 384) intendiert ist, haben diese den Bildungsprozess der
Sinnstruktur, sprich den Prozess der konkreten Krisenlösung, den Weg vom
Unbestimmtheitsanlass zur Prädizierung zu explizieren. Es liegt auf der Hand,
dass das nur „in der Sprache des Falles selbst“ (1979: 359; 1981: 4) geschehen
kann, dass fallrekonstruktive Forschung also dem bereits angesprochenen Prin-
zip der Sachhaltigkeit folgt. Sachhaltig deshalb, weil die Sequenzanalyse – als
rekonstruktionslogisches Verfahren – den je konkreten inneren Zusammenhang
des Untersuchungsgegenstandes rekonstruiert, ein Zusammenhang, der dem
(handelnden) Subjekt aber in der (Alltags-)Praxis in der Regel nur in seiner
manifesten Gestalt vor Augen tritt. Erfasst ist er jedoch für die Objektive Her-
meneutik erst, wenn auch die latente Sinnstruktur in die Rekonstruktion einbe-
zogen wird. Ein Ausblenden der latenten Sinnstruktur – und das ist der zentrale
Unterschied zwischen deskriptiven und rekonstruktiven Methoden – würde die
Interpretation stets an die Praxis zurückverweisen, kann also nicht mehr leisten,
als die Praxis zu paraphrasieren oder wiederholen. Methodologisch gesprochen:
Fallbeschreibungen nehmen wie die beschriebene Praxis die Routine als Nor-
malfall, während Fallrekonstruktionen von der Krise ausgehen und also die
Praxis „gegen den Strich“ (1979: 393) lesen. Für Oevermann drückt daher jede
Fallbeschreibung einen abgekürzten Verstehensbegriff aus:

„Während in den traditionellen geisteswissenschaftlichen Hermeneutiken das


Abkürzende der Alltagspraxis zum Normalfall des Sinnverstehens gemacht
wird und die wissenschaftlichen Methoden des Sinnverstehens jeweils als eine
Verfeinerung und Spezifizierung dieser Basis durch deren Extrapolation entwi-
ckelt werden, dadurch sich aber kategorial und handlungslogisch nicht aus der
Fesselung an die Verfahrensweisen der Praxis lösen können, sondern lediglich
deren Paraphrase darstellen, dreht die objektive Hermeneutik diesen Verste-
hens-Habitus der Praxis um einhundertachtzig Grad. Statt die Abkürzungsver-
fahren der Praxis zu verfeinern oder in spezifischer Weise auszurichten, expli-

171
ziert sie konstitutionstheoretisch den unabgekürzten, vollständig expliziten
Modus von dessen lückenloser Rekonstruktion.“ (1993a: 127)370

Das Ziel einer Fallrekonstruktion ist demzufolge, die Strukturgestalt in ihrer


spezifischen Eigenart aufzuzeigen und nicht unter vorgefasste (Ober)Begriffe zu
subsumieren. Dafür braucht es, anders als in der in den Literaturwissenschaften
etablierten werkimmanenten Methode, keine „geistesaristokratische Gestimmt-
heit“ (1997: 2) oder (positivistische) Spezialausbildung.
Nun ließe sich hier ein Einwand erheben, der die Rekonstruktionslogik selbst
in Frage stellt. Wenn sie „die Sache selbst zum Sprechen bringen“ (1983: 244)
soll, bedient sie dann nicht eine Vorstellung, derzufolge es möglich ist, gleich-
sam am Sprecher vorbei auf die Dinge, die Überzeugungen, die Bewusstseins-
gehalte und letztlich auf die reine Sache zuzugreifen? Denn wenn die Rekon-
struktion zur Mannigfaltigkeit der Xe (zurück)kommen will, behauptet sie doch
wohl implizit, dass es den theoretischen Rückgriff auf ein Erstes gibt, dass man
also den absoluten Anfang (der Bildungsprozesse, der Welt etc.) tatsächlich zu
greifen bekommt. Oder allgemeiner, schärfer formuliert: Beinhaltet der Rekon-
struktionsbegriff der Objektiven Hermeneutik nicht, es gebe Rekonstruieren
ohne Konstruieren?
Für Oevermann verrät dieses Argument „in aufschlussreicher Weise eine po-
sitivistische Befangenheit“, es „präsupponiert die falsche Dichotomie von sub-
sumtionslogischer Verwendung theoretischer Begriffe und Tabula-rasa-Modell
der Erkenntnis.“ (ebd.) Wir hatten aber bereits im Zuge der Diskussion von
Peirce’ Realitätsbegriff gesehen, dass es für die Analyse den Punkt der Tabula
rasa nicht geben kann. Das gilt auch für Oevermann: „Es gibt keine erste Er-
kenntnis, jede neue Erkenntnis geht auf eine vorausgehende zurück.“ (ebd.:
244f.) Daraus folgt nun allerdings nicht, der Analyse bliebe allein ein subsumti-
onslogisches Vorgehen, weil es neben Induktion und Deduktion für Peirce und
Oevermann noch ein drittes Schlussverfahren gibt: die Abduktion. Sie sichert
einer Rekonstruktion die forschungslogische Möglichkeit der Erschließung der
Sache, ohne damit der Illusion konstruktionsfreier Erkenntnis zu verfallen. Das
Schlussverfahren der Abduktion darzustellen, ist demnach für unseren Zusam-
menhang unerlässlich. Erst damit erfährt die rekonstruktionslogische Argumen-
tation ihren theoretischen und methodologischen Halt. Zum einen hat der Ab-
duktionsbegriff dementsprechend zu klären, inwiefern die Synthesis des Man-
nigfaltigen zur Einheit der Präposition auch die Erkenntnis des Neuen ermög-
licht, inwiefern also Erkenntnis der Emergenz möglich ist, obwohl – wie hier
gesagt wurde – der Synthetisierungsvorgang einen logischen und genetischen
Aufstufungsprozess durchläuft, der gerade nicht zum manifesten Bewusstsein
370
Hier kommt (noch einmal) Oevermanns Habermas-Kritik zum Tragen: Diese Unterschei-
dung kann Habermas nicht treffen, weil er diese Trennung von Praxis und Theorie nicht vor-
genommen hat.

172
gehört. Wissen wir das, wird der bereits eingeführte Emergenz-Begriff material
gefüllt, wird die Differenz von Fallbeschreibung und Fallrekonstruktion in ih-
rem Ausmaß sichtbar. Zum anderen wird Abduktion aber auch als forschungs-
logisches Instrument wichtig. Denn selbst wenn man der Peirce’schen Katego-
rienlehre folgt, ist noch nicht gesagt, dass diese auch für den Interpretationsvor-
gang fruchtbar gemacht werden kann. Soll die Herleitung nicht leer bleiben,
muss sie solche methodologische Fragen zu beantworten erlauben. Überdies
wird das Schlussverfahren der Abduktion für die objektiv-hermeneutische Äs-
thetiktheorie von Bedeutung sein und dort innerhalb der Theorie der ästheti-
schen Erfahrung eine entscheidende Rolle spielen.

2.3.4. Das Schlussverfahren der Abduktion

Noch vor dreißig Jahren, als Oevermann begann, die Abduktion für sein Kon-
zept einer Objektiven Hermeneutik zu reklamieren, führte der Begriff eher ein
Außenseiterdasein.371 Dabei hat er laut Peirce eine vierhundertjährige Geschich-
te hinter sich.372 Einstweilen durchlief das Schlussverfahren der Abduktion aber
eine erstaunliche Karriere. Umberto Eco hat es kurzerhand mit der „Logik der
Interpretation“373 gleichgesetzt und Massimo Bonfantini es zur Grundgestalt
jeglicher (Handlungs-)Philosophie erhoben. „Handlungen“, schreibt er resümie-
rend, „sind in gewisser Hinsicht abduktive Antworten auf existenzielle und
gesellschaftliche Herausforderungen.“374 Und überhaupt: Als abduktiv wird
etwa die Arbeit der Kriminalisten 375, der Übersetzer 376 oder Theaterbesucher377
bezeichnet. Mehr noch: Peirce selbst hat die Wahrnehmung generell im Zeichen
der Abduktion beschrieben.378 Die Abduktion scheint der neue, richtungsgeben-
371
Vgl. Reichertz 1994: 140.
372
Nach Peirce geht der Begriff auf den italienischen Gelehrten Julius Pacius zurück, der ihn
gebildet haben soll, um den aristotelischen Terminus apagogé im zweiten Buch der Ersten
Analytik zu übersetzen. (vgl. Peirce 1991: 95f. (CP 5.144); vgl. dazu auch Richter, A.: Der
Begriff der Abduktion bei Charles Sanders Peirce. Frankfurt am Main 1995: 51.
373
Eco 1987: 45.
374
Bonfantini 2000: 235; vgl. zur Abduktion und ihrer Rezeption Wirth 1995.
375
Vgl. Reichertz, J.: Aufklärungsarbeit – Kriminalpolizisten und Feldforscher bei der Arbeit.
Stuttgart 1991; Seboek, T./Umiker-Seboek, J.: ‚Sie kennen ja meine Methode.’ Ein Vergleich
von Charles Sanders Peirce und Sherlock Holmes. In: Eco, U./Seboek, T. (Hg.): Der Zirkel
oder im Zeichen der Drei. München 1985.
376
Vgl. Gorlée, D. L.: Der abduktive Ansatz in Übersetzungspraxis und Übersetzungsfor-
schung. In: Wirth, U. (Hg.): Die Welt als Zeichen und Hypothese. Perspektiven des semioti-
schen Pragmatismus von Charles Sanders Peirce. Frankfurt am Main 2000.
377
Vgl. Wille, F.: Abduktive Erklärungsnetze. Überlegungen zu einer Semiotik des Theaters.
In: Wirth, U. (Hg.): Die Welt als Zeichen und Hypothese. Perspektiven des semiotischen
Pragmatismus von Charles Sanders Peirce. Frankfurt am Main 2000.
378
Vgl. Peirce 1991: 124ff. (CP 5.182ff.); Peirce 1991a: 328ff.; vgl. Reichertz 2003: 44ff.;
Roesler, A.: Die abduktive Form der Wahrnehmung. In: Homepage des Arbeitskreises für

173
de Begriff zu sein: Seit einigen Jahren spricht man verschiedentlich bereits von
einer abduktiven Wende der Philosophie379, während in der Literaturwissen-
schaft ihr vermehrt eine Schlüsselrolle zugeschrieben wird.380
Wie bei allen Begriffen, die es zu fächerübergreifender Prominenz bringen, hat
auch der der Abduktion verschiedene, zuweilen unvereinbare Definitionen er-
fahren. Nicht zuletzt Peirce, der den Begriff für die moderne Philosophie und
Wissenschaftstheorie erschlossen hat, bietet keine einheitliche Terminologie an;
in seinen Schriften finden sich viele, oft widersprüchliche Bestimmungen.381
Entsprechend widerspruchsvoll verlief (und verläuft) die Rezeption: Abduktion
ist der Name für ein nach wie vor kontrovers diskutiertes Konzept. Dieser Kon-
troverse nachzugehen, soll hier nicht das Thema sein. Von Belang ist allein, die
Grundidee der Peirce’schen Abduktion, auf die sich Oevermann bezieht, zu
schildern, um die Stellung des abduktiven Schlussverfahrens innerhalb des
Konzeptes der Objektiven Hermeneutik benennen zu können.

A Theorie der Abduktion: Nichtstandardisiertes Schlussfolgern

Für die Schilderung der Peirce’schen Argumentation in Bezug auf das Schluss-
verfahren der Abduktion sei an die in Kapitel II 2.1. geschilderten Ausführun-
gen zum pragmatistischen Wahrnehmungs- und Handlungsbegriff erinnert.
Diesen zufolge ist alles Denken eine kontinuierliche Interpretation von Zeichen,
die zugleich Bestandteil eines Arguments ist. Das heißt nun aber nichts anderes,
als dass Interpretieren immer Schlussfolgern ist.382 Denn der (in der Interpretati-
on zum Zuge kommende) Verstand ist selbst ein Zeichen, das sich, so Peirce,
„entsprechend den Gesetzen des Schlussfolgerns entwickelt.“383 Handlungen

Abduktionsforschung. http://www.rz.uni-frankfurt.de/~wirth/ 1995; ders.: Vermittelte Unmit-


telbarkeit. Aspekte einer Semiotik der Wahrnehmung bei Charles S. Peirce. In: Wirth, U.
(Hg.): Die Welt als Zeichen und Hypothese. Perspektiven des semiotischen Pragmatismus von
Charles Sanders Peirce. Frankfurt am Main 2000.
379
Vgl. Bonfantini 1988: 92: „So kann nach der langen und archaischen Ära der Herrschaft
der Deduktion und nach der modernen Herrschaft der Induktion mit Sicherheit erwartet wer-
den, dass es jetzt Zeit wird für die reife und ultramoderne volle Selbsterkenntnis, d.h. für die
Abduktion.“ Vgl. weiter Wirth 1993, 1995 und 2000a. Inwiefern solche Ansprüche berechtigt
sind, sei hier dahingestellt. Vgl. dazu aber Kelle 2002: 1ff.; Reichertz 1993: 258f. und 2003:
7ff. Womöglich hängt der Aufstieg der Abduktionsforschung mit der Renaissance des Prag-
matismus generell zusammen. Vgl. dazu Sandbothe, M. (Hg.): Die Renaissance des Pragma-
tismus. Weilerswist 2000 und die kritischen Anmerkungen von Nagl, L.: Renaissance des
Pragmatismus? In: Deutsche Zeitschrift für Philosophie. Heft 6. 1999.
380
Vgl. Wirth 1995: 412ff; vgl. zum Stellenwert der Abduktion auch Frank 1984: 480f.; Eco
1987: 45f. und Schönrich 1990: 395ff.
381
Vgl. Richter, A.: Der Begriff der Abduktion bei Charles Sanders Peirce. Frankfurt am
Main 1995: 51; vgl. auch Reichertz 1991a: 71ff.
382
Vgl. Wirth 2000a: 137.
383
Peirce 1967: 222 (CP 5.313).

174
haben demnach den Charakter von (logischen) Schlüssen. Das kann jedoch nur
behauptet werden, wenn die Gesetze des Schlussfolgerns sich nicht in Dedukti-
onen und Induktionen erschöpfen, weil diese das Phänomen der Emergenz (und
damit auch der kreativen Interpretation) nicht hinreichend zu klären imstande
sind. Deshalb sah sich Peirce gezwungen, nach einer dritten Schlussart zu su-
chen. Er findet sie in der Abduktion, die er als „Prozess, eine erklärende Hypo-
these zu bilden“384 beschreibt. Das Verfahren der Abduktion ist aber nicht ein-
fach ein zusätzlicher Schlusstyp, es ist für Peirce „die einzige logische Operati-
on, die irgendeine neue Idee einführt; denn Induktion determiniert nur einen
Wert und Deduktion entwickelt nur die notwendigen Folgen aus einer reinen
Hypothese.“385 Einzig die Abduktion, so muss das verstanden werden, kann den
Anspruch erheben, ein „originäres Argument“, eine neue Idee zu bilden.386 Zur
Erörterung dieser Behauptung definiert Peirce die Abduktion in den Vorlesun-
gen über Pragmatismus von 1903 folgendermaßen: „Abduktion besteht im
Studium der Tatsachen und dem Erfinden einer Theorie, um diese zu erklä-
ren.“387 Formaler ausgedrückt:

„Die überraschende Tatsache C wird beobachtet; aber wenn A wahr wäre, wür-
de C eine Selbstverständlichkeit sein; folglich besteht Grund zu vermuten, dass
A wahr ist.“388

Während Peirce die Deduktion als Schluss von einer Regel und einen Fall auf
ein Ergebnis und die Induktion als Schluss von einem Fall und einem Ergebnis
auf die Regel bestimmt, besteht die Abduktion dagegen also im Schluss von
einer Regel und dem Ergebnis auf den Fall. Peirce hat das an seinem berühmten
Beispiel mit den weißen Bohnen zu erklären versucht.389 Der Schluss ‚Alle
Bohnen aus diesem Beutel sind weiß; diese Bohnen sind aus diesem Beutel,
folglich sind sie weiß’ ist ein deduktiver Schluss, in dem im Schlusssatz nichts
ausgesagt wird, was nicht schon von den Prämissen impliziert wäre. Dieser
Schluss ist daher im kantischen Sinne analytisch, also nicht erkenntniserwei-
ternd. Der entsprechende Induktionsschluss lautet: ‚Diese Bohnen sind aus die-
sem Beutel; diese Bohnen sind weiß, folglich sind alle Bohnen aus diesem Beu-
tel weiß.’ Dieser Schluss ist nicht allgemeingültig; er gilt nur mit Wahrschein-
lichkeit, die allerdings kaum quantifizierbar ist, wenn die Anzahl der in dem
Beutel befindlichen Bohnen nicht bekannt ist. Der Schlusssatz geht allerdings in
384
Ders. 1991: 115 (CP 5.171).
385
Ebd.
386
Ders. 2000: 393. Er bezeichnet die Abduktion daher auch als einzigen „echt synthetischen“
Schlussmodus. (CP 2.777); vgl. ders. 1991: 96 (CP 5.145), wo es heißt, „alle Ideen der Wis-
senschaft gelangen auf dem Wege der Abduktion zu ihr“: zu einer neuen Idee.
387
Ders. 1991: 96 (CP 5.145).
388
Ebd.: 129 (CP 5.189).
389
Vgl. ders. 1967: 373ff. (CP 2.619ff.).

175
seiner Verallgemeinerung über das in den Prämissen Gesagte hinaus; er ist also
erkenntniserweiternd und im kantischen Sinne synthetisch. Der Abdukti-
onsschluss schließlich lautet: ‚Alle Bohnen aus diesem Beutel sind weiß; diese
Bohnen sind weiß, also sind diese Bohnen aus diesem Beutel.’ Auch dieser
Schluss ist nicht allgemeingültig. Der Schlusssatz der Abduktion enthält viel-
mehr eine Hypothese, die eine Verbindung zwischen den Prämissen herstellt,
indem in ihr eine Annahme ausgedrückt wird, die als Fall der Regel notwendig
auf das Ergebnis, also die zweite Prämisse führen würde.390 In diesem Sinne
besteht die Abduktion im „Studium der Tatsachen und dem Erfinden einer The-
orie, um diese zu erklären.“391 Für Peirce ist sie der einzig echt synthetische
Schlussmodus, da er nicht nur eine Erklärung für einen rätselhaften oder überra-
schenden Umstand findet, sondern auch neue Theorien erfindet. „Das Konzept
der Abduktion umfasst“, so Uwe Wirth, „den kausalen Rückschluss, das Identi-
fizieren und Wiedererkennen von Spuren, das Erschließen von Intentionen, aber
auch das kreative Einführen eines ‚neuen Vokabulars’ zur Neubeschreibung
bereits bekannter Phänomene.“392 Denn die Abduktion sucht angesichts überra-
schender Fakten nach einer sinnstiftenden Regel, nach einer Erklärung, die das
Überraschende an den Fakten beseitigt. Insofern ist die Abduktion kreativ.393
Der Prozess des abduktiven Schlussfolgerns hat also folgende Struktur: Am
Anfang steht „die Beobachtung eines überraschenden Phänomens, einer Erfah-
rung, die entweder eine Erwartung nicht erfüllt oder eine Erwartungsgewohnheit
[...] durchbricht.“394 Das deckt sich mit der in Kapitel II 2.1. erläuterten Belief-
Doubt-Theorie: Begriffs- und Erfahrungsbildung setzt mit dem (realen) Zweifel
an bislang unbezweifelten Überzeugungen ein. „Folglich kann wirkliche For-
schung, die ihre Natur gemäß mit Zweifeln beginnt, nur durch jene externe
kognitive Kraft angetrieben werden, die wir Erfahrung nennen“395, wobei Peirce
mit Erfahrung hier den Erfahrungsanlass, also die Konfrontation mit den brute
facts meint. Ohne überraschende Tatsache, so das darin enthaltene forschungs-
logische Argument, kann keine wissenschaftliche Analyse beginnen. Allerdings
kann sie auch nicht beim bloßen Konstatieren einer überraschenden Tatsache
stehen bleiben. Das bare Beschreiben eines Phänomens, das Sammeln von Be-
390
Vgl. Reichertz 2003: 28; vgl. auch die kritischen Anmerkungen von Peckhaus 1999.
391
Peirce 1991: 96 (CP 5.145); vgl. dazu ein anderes bekanntes Beispiel für eine Abduktion,
das Peirce gibt: „Man findet Fossilien, z.B. Überreste, die wie die von Fischen aussehen, aber
weit im Landesinneren angetroffen werden. Um das Phänomen zu erklären, nehmen wir an,
dass einst die See dieses Land überspülte.“ (CP 2.625)
392
Wirth 1995: 406.
393
Das ist für Peirce von zentraler Bedeutung: „Wenn Sie die Frage des Pragmatismus sorgfäl-
tiger Prüfung unterwerfen, werden Sie sehen, dass er nichts anderes ist als die Frage nach der
Logik der Abduktion.“ (Peirce 1976: 407 [CP 5.196]) Vgl. hierzu die kritischen und erwei-
ternden Anmerkungen von Kapitan 1994.
394
Peirce 1995: 342.
395
Ebd.: 374.

176
funden ist nur ein erster Schritt innerhalb des Forschungsprozesses. Fallbe-
schreibung, so können wir jetzt sagen, ist noch keine wissenschaftliche Analyse.
Der nächste Schritt ist für Peirce daher, das Phänomen, „nach allen Seiten hin
abzuwägen, um einen Blickwinkel zu entdecken, von wo aus sich die Verwun-
derung lösen wird.“396 Auf diese Weise gelangt man zu einer Vermutung, die
eine mögliche Erklärung liefert. Er versteht darunter „einen Syllogismus, der die
überraschende Tatsache als notwendige Schlussfolgerung und die Umstände
ihres Auftretens [...] als Prämissen darstellt.“397 Übertragen auf die Interpretati-
on eines Textes ließe sich sagen: Das (abduktive) Finden einer möglichen Erklä-
rung orientiert sich daran, denjenigen (Sinn)Kontext zu wählen, der den Text am
bedeutungsvollsten macht.398 Wenn dies aber die Aufgabe der Abduktion ist,
dann gehört zu ihr, die überraschende Tatsache bzw. den zu interpretierenden
Textpassus in möglichst viele (Sinn)Kontexte zu stellen, um so möglichst alle
Lesarten auszuloten. Abduktion, so lässt sich verallgemeinern, bedient sich
einer ars inveniendi.399
Peirce sieht nun allerdings sehr genau, dass es sich dabei „eher um die Form
des Arguments, nicht die einer Argumentation“ handelt.400 Denn die Abduktion
gewährt keine Sicherheit, sie ist nur „der erste Schritt im gesamten Prozess des
Schließens“401, sie muss noch deduktiv und induktiv überprüft werden. Diese
Überprüfung – der dritte Schritt des Forschungsprozesses – beginnt gerade nicht
mit der Untersuchung der Phänomene, sondern mit der „gewissenhaften Über-
prüfung der Hypothese und dem Durchmustern aller Arten von bedingten expe-
rimentellen Konsequenzen, die sich, sofern die Hypothese wahr ist, ergeben
würden.“402 In einem letzten Schritt innerhalb des Forschungsprozesses wird
demzufolge bestimmt, „wie weit diese Konsequenzen mit der Erfahrung über-
einstimmen.“403 Die abduktiv gefundene Erklärung steht damit immer unter dem
Vorbehalt der Vorläufigkeit: Peirce’ Forschungsmodell ist fallibilistisch ange-
legt.404 Denn die Konstruktion einer bislang noch nicht bekannten Regel, um ein
396
Ebd.: 342.
397
Ebd.
398
Vgl. dazu Johansen 2000: 191; vgl. hierzu auch die Anmerkungen zum hermeneutischen
Billigkeitsprinzip in III 3.2.A.
399
Vgl. Peckhaus 1999: 835.
400
Peirce 1995: 343.
401
Ders. 1983: 96.
402
Ders. 1995: 343.
403
Ebd.: 345; vgl. ders. 1995: 374: „Forschung hat ihren Ausgangspunkt in einer überra-
schenden Erfahrung. Die erste Aktion des Denkens, die zur Überraschung hinzutritt, besteht
dann entweder in einer Erinnerung an solche Zustände, die, falls wir gleich an sie gedacht
hätten, die Überraschung verhindert hätten (ein Fall, der aus logischer Sicht kaum der Erwäh-
nung wert ist), oder sie besteht in einer Konjektur, dass das überraschende Phänomen irgend-
wie mit einer anderen Tatsache innerhalb unseres Kenntnisbereiches in Zusammenhang steht.“
Vgl. weiter auch ders. 1983: 95; Reichertz 1997a: 102ff.; 2003: 53f. und Kapitan 1994: 146f.
404
Vgl. Riemer 1988: 101ff.

177
überraschendes Phänomen zuordnen zu können, gilt immer nur so lange bis ein
nächstes überraschendes Phänomen die Zuordnung wieder in Frage stellt.
Die Form des abduktiven Schließens ist, das geht aus Peirce’ Erörterungen
hervor, die eines umgedrehten modus ponens: ein Rückschluss von der logi-
schen Konsequenz C auf die noch unbekannten Antezedenz-Prämissen A, die
den Status einer hypothetischen Erklärung oder provisorischen Theorie ha-
ben.405 An die Stelle der „kantischen Alternative von synthetischen Sätzen a
priori und synthetischen Sätzen a posteriori tritt“, so lässt sich mit Apel sagen,
„der fruchtbare Zirkel der wechselseitigen Voraussetzung von Hypothese (ab-
duktiver Schluss) und Erfahrungskontrolle (induktivem Schlussverfahren).“406
Wirth geht noch einen Schritt über Apel hinaus, indem er schreibt:

„Die Rolle des Forschers [...] ist nicht mehr nur die des regelanwendenden
Richters, der die Erfahrung auf den kantischen ‚Zeugenstand der Vernunft’
ruft, sondern die eines regelsuchenden Detektivs, der mit Hilfe seines ‚Spür-
sinns’ den relevanten Aspekt einer Beobachtung findet und sie in einen be-
weiskräftigen Begründungszusammenhang integriert. Die abduktive Wende ist
durch die epistemologische Einsicht ausgezeichnet, dass der größte Teil unse-
res Wissens aus Mutmaßungen besteht, mithin hypothetisch und vorläufig ist
und dass unsere Hypothesen daher notwendigerweise zuerst einer experimen-
tellen Prüfung unterzogen werden müssen, bevor sie mit Wahrheitsanspruch
behauptet werden können. Bis dahin haben unsere Theorien ausschließlich ope-
rationellen und vorläufigen Charakter. Die Aufgabe des Interpreten besteht
darin, die Vorläufigkeit seiner Interpretation auszuhalten.“407

Gegen die Abduktion als Schlussmodus sind nun prinzipiell zwei Einwände
möglich. Zum einen der positivistische, wonach eine Theorie bzw. Interpretati-
on nur dann gültig ist, wenn sie durch direkte Beobachtung verifiziert werden
kann. Peirce zufolge lasse sich darauf aber keine Theorie errichten. Denn wenn
der Positivismus Theorie sein – und also Wissenschaftlichkeit beanspruchen –
will, „erschließt (er) notwendigerweise mehr, als je durch direkte Beobachtung
verifiziert werden kann“, weil alle Theorien „Schlussfolgerungen vom Beobach-
teten auf das Unbeobachtete“ beinhalten.408 So müssen etwa „geschichtliche
Sachverhalte“ Folgerungen zulassen, „die nicht Gegenstand direkter Beobach-
tung sind“409, weil die Vergangenheit sich der direkten Beobachtung entzieht.
405
Vgl. dazu Wirth 2000a: 138. Peirce hat wegen der Form des Rückschlusses in seinen späten
Schriften anstatt von Abduktion auch von Retroduction gesprochen. Unklar blieb aber vor
allem bis 1900 die Unterscheidung der Hypothese von der qualitativen Induktion. Das hat
Peirce selbst gesehen: „In fast allem, was ich vor dem Beginn dieses Jahrhunderts in Druck
gab, vermengte ich mehr oder weniger Hypothese und Induktion.“ (CP 8.227). Vgl. dazu
Reichertz 2000a: 278ff. und 2003: 17ff.
406
Apel 1967: 76.
407
Wirth 1995: 407f.
408
Peirce 1995: 66; vgl. ders. 1991a: 424 (CP 5.593).
409
Ebd.: 68.

178
Historiker greifen deshalb auf Quellentexte zurück, mithin auf etwas, das bereits
in prädizierter Gestalt, sprich indirekter Weise vorliegt. Laut Peirce ersehe man
daraus, dass der Positivismus einer Schimäre aufsitzt.
Es ist daher ein anderer Einwand, der sich Peirce’ Abduktions- und For-
schungsbegriff ernsthaft ausgesetzt sieht, nämlich die Frage, wie man von der
überraschenden Tatsache C zu der hypothetischen Theorie A überhaupt kommt.
Peirce gibt an dieser Stelle durchaus unkonventionelle, wenn man so will speku-
lative Antworten: Dass abduktives Schlussfolgern und also das Entdecken neuer
Ideen resp. Theorien überhaupt gelingen kann, sagt er, sei das größte Wunder
der menschlichen Konstitution.410 Gleichzeitig müsse man aber verrückt sein,
wolle man leugnen, die Wissenschaft habe im Laufe ihrer Geschichte neue I-
deen und Theorien gefunden.411 In Anbetracht der „vielen Millionen und Aber-
millionen von Hypothesen, die gemacht werden könnten, von denen nur eine
wahr ist“, trifft der Physiker etwa erstaunlicherweise „nach zwei oder drei oder
höchstens einem Dutzend Vermutungen ziemlich genau die richtige Hypothese.
Aus Zufall hätte er das wahrscheinlich [...] nicht getan.“412 Er vermutet daher,
der Mensch verfüge über einen instinktiven Spürsinn, eine „große innere Quelle
aller Weisheit und allen Wissens.“413 Diesem Spürsinn entspricht eine Fähigkeit,
die „den Instinkten der Tiere insofern ähnlich ist, als sie die allgemeinen Kräfte
unserer Vernunft übersteigt und uns lenkt, als ob wir im Besitz von Tatsachen
wären, die völlig außerhalb der Reichweite unserer Sinne liegen.“414 Peirce
denkt bei dem, was er Instinkt nennt, also an einen unbewussten Prozess im
Sinne der Unbewusstheit des schweigenden Wissens einerseits und neuronaler
Vorgänge andererseits, an einen Prozess demnach, der nicht durch formale Vor-
gaben geleitet wird. Instinkt muss, so Peirce, auf einer teils angeborenen, teils
410
Vgl. ders. 1991: 117 (CP 5.173).
411
Vgl. ebd.: 115 (CP 5.172).
412
Ders. 1991: 116 (CP 5.172); vgl. ders. 1991a: 422 (CP 5.589). Dem widerspricht nicht,
dass etwa vor Kopernikus (fast) alle Physiker und Astronomen die Sonne um die Erde kreisen
sahen. Gemessen an ihren experimentellen Ergebnissen bzw. Vorannahmen haben sie nämlich
durchaus richtige Hypothesen aufgestellt, auch wenn sie sich später – nach anderen Experi-
menten – als falsch erwiesen.
413
Ders. 1995: 293.
414
Ders. 1991: 117 (CP5.173); vgl. ders. 1995: 348 und 2000b: 481; vgl. auch die Instinkt-
Definition in Peirce 2000b: 491: „Wenn ein Tier auf einen Reiz auf etwa dieselbe Weise
reagiert wie fast jedes andere Individuum derselben Art [...] und dies nicht sozusagen mecha-
nisch tut [...], sondern willentlich, und wenn die Reaktion so beschaffen ist, dass sie im allge-
meinen eine nützliche Auswirkung auf dasselbe Tier oder seine Nachkommenschaft hat,
wobei jedoch kaum angenommen werden kann, dass diese Auswirkung von dem so handeln-
den Tier hätte geahnt werden können oder zumindest nicht durch Schlussfolgern aus irgend-
welchen anderen ihm bekannten Fakten hätte festegestellt werden können, dann nennen wir
die Handlung ‚instinktiv’, wohingegen die allgemeine Verhaltensgewohnheit, die als dem
Bewusstsein des Lebewesens zugehörig betrachtet wird, ‚ein Instinkt’ genannt wird.“

179
entwickelten „Affinität“ zum natürlichen und kulturellen Kontext basieren.415
Instinkt gehört zum Charakter des Menschen als Vernunftwesen und die Abduk-
tion macht davon Gebrauch, genau in dem Sinne wie Tiere von ihrem Instinkt
Gebrauch machen. Peirce spricht deshalb von „unserem natürlichen rationalen
Instinkt“416, mehr noch, er sagt, dass „die Vernunft nur ein Ersatz ist, der dort
gebraucht wird, wo der Instinkt fehlt.“417 Mit Instinkt meint Peirce, so lässt sich
das lesen, jene natürliche Affinität zu den Gesetzen der Umwelt, die sich der
Mensch – wie das Tier – im Laufe der Evolution erworben hat.418 „Denn hätten
die Menschen keine natürliche Veranlagung, die mit den Tendenzen der Natur
übereinstimmen, sie hätten keine Chance, die Natur überhaupt zu verstehen“419
und könnten in ihr nicht überleben. Der Mensch versteht aber, so das Argument
von Peirce, die Natur – in welchem Umfang auch immer. Und er versteht „er-
staunlich schnell“420, was er nur kann, wenn er die instinktive Fähigkeit der
abduktiven Schlussfolgerung folgt, wenn er „einen natürlichen Hang hat, [...]
korrekte Theorien“ zu entwickeln, ohne dass Korrektheit hiermit an die Instanz
einer ‚letzten’ Wahrheit gebunden wird.421 Andernfalls ließe sich das Anwach-
sen von Wissen, das Entdecken neuer Ideen und auch das Lösen alltäglicher
Handlungsprobleme nicht erklären. Abduktion ist, heißt dies, ein instinktiv
geleiteter Prozess der Rekonstruktion dessen, was der Fall war resp. ist sowie
der Selektion von Hypothesen. Instinktiv kann dieser Prozess genannt werden,
weil der „abduktive Rateversuch“422 nicht die Anwendung, sondern die Erfin-
415
Vgl. ders. CP 1.120. Nach Chomsky ist dieses Argument „ohne Relevanz“ und bedeutet
„kaum einen Fortschritt gegenüber der prästabilisierten Harmonie, die es vermutlich ersetzen
sollte.“ Denn „der Umstand, dass der Geist ein Produkt der Natur ist, impliziert nicht, dass er
befähigt ist, diese Gesetze zu verstehen oder durch ‚Abduktion’ zu ihnen vorzustoßen.“
(Chomsky 1973a: 158) Das ist sicher richtig, aber kein Argument gegen Peirce: Er spricht
lediglich von Affinität des Geistes gegenüber seiner Umwelt, nicht aber davon, dass er deren
Produkt im strengen Sinne sei. (vgl. dazu Peirce’ Argumentation in ders. 1995: 197ff.)
416
Ders. 2000b: 491. Peirce spricht auch von einer „divinatorischen Kraft“ als Ursache des
abduktiven Vermögens. (ders. 1995: 350)
417
Ders. 1995: 292f.; vgl. ebd.: 347. Die Rede von Instinkt klingt in zeitgenössischen Ohren
etwas merkwürdig; man spricht heute eher von den nichtdiskursiven Bestandteilen des abduk-
tiven Prozesses. Und genau dies will Peirce damit betonen: Abduktion lässt sich nicht mit
rationaler Kontrolle verrechnen, es spielen in das abduktive Schlussfolgern Kräfte hinein, die
nicht unter der Herrschaft des Subjektes stehen. Innerhalb der ästhetiktheoretischen Debatte
werden wir darauf noch ausführlich zu sprechen kommen. Vgl. bes. III 4.
418
Vgl. Wirth 1993: 289; vgl. Peirce 1991a: 422 (CP 5.589): „(Man) kann nicht im Ernst
glauben, dass jedes kleine, gerade ausgeschlüpfte Küken alle möglichen Theorien durchgehen
muss, bis es auf die gute Idee verfällt, etwas aufzupicken und zu fressen. Im Gegenteil, man
denkt doch, dass es dem Küken angeboren ist [...].“
419
Peirce 1995: 350.
420
Ebd.: 348.
421
Ders. 1991a: 422. (CP 5.589).
422
Wirth 2000a: 153. Peirce selbst spricht vom „Erraten (der) Wege der Natur“ (Peirce 1991:
116 [CP 5.173]) Vgl. auch Wirth 1993 und Reichertz 2003.

180
dung einer Regel ist, um ein überraschendes Phänomen zu erklären.423 Die Ab-
duktion basiert folglich – wie Chomsky das interpretiert – auf dem menschli-
chen Geist als einem „biologisch vorgegebene(m) System mit gewissen Kräften
und Grenzen“424, Kräfte, die zwar den Menschen als vernunftbegabtes Wesen
konstituieren, ihm aber nicht im Sinne einer operationalen Funktion zur Verfü-
gung stehen.
Allerdings: Diese Bestimmung der Abduktion als instinktivem Prozess steht
im Gegensatz zu ihrem Anspruch, ein logisches, also kontrolliertes Schlussver-
fahren zu sein. Denn Peirce sagt ja, dass – obwohl die logische Sicherheit einer
Abduktion gering ist, „da sie nur Vermutungen anbietet“425 – sie dennoch ein
logischer, wenn auch weitgehend indeterminierter Prozess sei.426 Wie geht das
zusammen?
Peirce antwortet darauf mit der Behauptung, „dass es Operationen des Geis-
tes gibt, die Schlussfolgerungen logisch genau analog sind, abgesehen nur da-
von, dass sie unbewusst und daher unkontrollierbar und deshalb der Kritik nicht
unterworfen sind.“427 Abduktionen verfahren also wie logische Schlusstypen,
aber mit „dem gewaltigen Unterschied“428, dass sie nicht der Selbstkontrolle
unterworfen sind, sondern allein im Nachhinein, also rekonstruktiv überprüft
werden können. Wo aber, so fragt Peirce weiter, beginnt dann im Erkenntnis-
prozess die Möglichkeit von Kontrolle? „Bestimmt nicht, bevor das Perzept (das
Wahrnehmungsurteil, D.P.) gebildet ist.“429 Denn Wahrnehmungsurteile seien
zwar durchaus ein „Akt der Bildung eines vernünftigen Satzes“430, aber diese
könnten nicht kritisiert, sondern allenfalls wiederholt werden, um zu sehen, „ob
wir bei größerer Aufmerksamkeit zum selben Ergebnis kommen“.431 Das Wahr-
nehmungsurteil nimmt damit einen Zwitterstatus ein: Es gehört bereits zum
423
Vgl. Reichertz 2000a: 281 und 2003: 62.
424
Chomsky 1977: 184. Wirth 1993 beleuchtet das spannende Verhältnis von Chomsky zu
Peirce. Auf Chomsky wird in Kapitel II 3.1. noch ausführlicher eingegangen, vor allem hin-
sichtlich dessen, was mit einem biologisch vorgegebenem System intendiert ist. Hier sei nur
auf die Verwandtschaft des Denkansatzes verwiesen: Beide gehen von bestimmten angebore-
nen kognitiven Strukturen aus, um zum Beispiel das Erlernen der Sprache erklären zu können.
Wirth zitiert in diesem Zusammenhang die erstaunliche Aussage von Chomsky, wonach
Peirce der Philosoph für ihn sei, „dem ich mich am nächsten fühle, und den ich (fast) paraph-
rasiere. Er hat einen interessanten, bei weitem nicht vollständigen Entwurf dessen vorgelegt,
was er ‚Abduktion’ nannte.“ (Wirth 1993: 289)
425
Peirce 1991: 115 (CP 5.171).
426
Vgl. ebd.: 128f. (CP 5.188f.).
427
Ebd.: 71 (CP 5.108).
428
Ebd. In einer frühen Schrift spricht Peirce von der Abduktion sogar als „völlig irrational“.
(ders. 1991a: 335)
429
Ebd.: 75 (CP 5.115).
430
Ebd.: 76 (CP 5.115).
431
Ebd.

181
Prozess des Denkens, ist aber nicht der Kritik zugänglich.432 In diesem Sinne
unterliegt auch die Abduktion einer doppelten Bestimmung: Sie ist ein Schlie-
ßen, aber als Schlussverfahren erst im Nachgang kritisierbar. Deshalb entzieht
sie sich der Selbstkontrolle, und deshalb können Abduktionen nicht standardi-
siert werden. Dennoch sind sie laut Peirce mehr als bloße Intuitionen. Denn
unter Intuition versteht er eine Erkenntnis, die „nicht durch eine vorhergehende
Erkenntnis desselben Gegenstandes bestimmt ist“.433 Er vergleicht sie mit einer
Prämisse, „die selbst keine Konklusion ist“434 und darum nicht als Resultat eines
vorhergehenden und als Ausgangspunkt für ein folgendes Schlussverfahren
gelten kann. „Ein Schlussverfahren“, so kommentiert Gerhard Schönrich, „ist
(aber) per se ein Zeichenprozess; gäbe es ein Vermögen der Intuition, dann wäre
Denken nicht notwendig ein Denken in Zeichen, Bewusstsein nicht notwendig
ein semiotischer Prozess.“435 Dass aber alles Denken ein Denken kraft der Zei-
chen ist, wissen wir aus unserer bisherigen Peirce-Interpretation: Den direkten
Zugriff (auf die Welt, das Innere) kann es nicht geben, es gibt nur die „Erkennt-
nis des Gegenwärtigen als Gegenwärtigen“436, es gibt Erkenntnis also allein in
prädizierter Gestalt.
Abduktionen kommt folglich wie den Wahrnehmungsurteilen ein Zwittersta-
tus zu; sie sind instinktiv und erstellen dennoch gültige Schlüsse, auch wenn
deren Gültigkeit immer nur vorläufig ist. Verständlich wird dies vor dem Hin-
tergrund des pragmatistischen, hier krisentheoretisch interpretierten Handlungs-
begriffs: Sequenzialität (und damit Handlung) basiert, so hieß es oben, auf ei-
nem Grund-Folge-Verhältnis, nicht auf einem Ursache-Wirkungs-Verhältnis. In
eben diesem Sinne sind Abduktionen zwar von früheren Erkenntnissen auf der
Basis eines Grund-Folge-Verhältnisses verursacht, indem sich ihr Gehalt dem
„gut vorbereitete(n) menschliche(n) Geist(es)“437 gleichsam anbietet, aber nicht
aus der Erkenntnis der Tatsachen gefolgert.438 So gesehen gehören Abduktion
weder zum strengen Schließen noch sind es genialische Anwandlungen.439 Peir-
ce drückt das klar aus, wenn er schreibt: „Deduktion beweist, dass etwas sein
muss; Induktion zeigt, dass etwas tatsächlich wirkt, Abduktion legt nur nahe,
dass etwas sein kann.“440 Deshalb kann der Forschungsprozess nicht bei der
432
Die Ursache dafür liegt wieder in der für den Prozess der Wahrnehmung wesentlichen
Struktur der Alterität: In der Wahrnehmung stößt der Wahrnehmende auf ein krisenauslösen-
des X, das prädiziert sein will. Die Prädikation ist der Kritik zugänglich, das Perzept aber
nicht. Vgl. II 2.3.3.C.
433
Peirce 1967: 157 (CP 5.213).
434
Ebd.
435
Schönrich 1990: 70.
436
Peirce 1967: 181 (CP 5.213).
437
Ders. 1995: 348.
438
Vgl. Kapitan 1994: 153.
439
Vgl. Reichertz 2003: 72.
440
Peirce 1991: 115 (CP 5.171).

182
Abduktion stehen bleiben, sondern muss seine abduktiv gewonnenen Ergebnisse
deduktiv und induktiv prüfen. „Jede Hypothese“, so Peirce, „sollte getestet
werden.“ Denn es ist ein „sehr gravierender Fehler, der ursprünglichen Wahr-
scheinlichkeit von Hypothesen viel Bedeutung beizumessen“.441 Anders ausge-
drückt: Weil die Abduktion von einer bekannten Größe auf zwei unbekannte
schließt, lässt sich diese Schlussfolgerung mit formaler Logik nicht begründen;
ihre Ergebnisse können und müssen aber begründet, das heißt geprüft werden.
Allein „der Hypothesentest entscheidet dann über die Brauchbarkeit der Abduk-
tionen.“442 Aus diesem Grunde klassifiziert Peirce das abduktive Schlussfolgern
nicht als (strenge) Forschungsmethode, sondern als (hilfreiche) Forschungsstra-
tegie, die einen Ausgleich zwischen den Momenten instinktive Einsicht und
Antizipation einer gültigen logischen Form bzw. einer erklärenden Regel schaf-
fen soll.
Abduktives Schlussfolgern ist also einerseits Ausdruck einer „Economy of
Research“443, indem sie, so Peirce, erstaunlich schnell auf richtige Hypothesen
kommt (I), andererseits erschöpft sie sich aber nicht in einer ökonomischen
Strategie des Hypothesenaufstellens, sondern bedarf nach Peirce des vorbereite-
ten Geistes, weil erst so die instinktive Einsicht möglich wird (II).444 Auf der
einen Seite (I) beinhaltet die abduktive Forschungsstrategie neben der Formulie-
rung neuer Hypothesen eine Selektionsprozedur, um die Anzahl der zulässigen
Hypothesen zu verringern. Diese Prozedur garantiert zwar nicht die Wahrheit
der plausiblen Hypothese, aber einerseits die Effektivität der Untersuchung, die
andererseits nach Peirce in the long run zur Wahrheit führt.445 Das Ökonomie-
kriterium basiert dabei auf Galileis Idee eines lumen naturale, wonach die natür-
lichere, näherliegende Hypothese bei der Prüfung bevorzugt werden soll.446
„Die kreative Einsicht, die in der konditionalen Prämisse wiedergegeben ist, tritt
auf“, so Tomis Kapitan, „wenn man zum ersten Mal beobachtet hat, dass man
auf eine bestimmte Weise schließen kann. Damit wird die neue Hypothese zwar
innerhalb einer Schlussfolgerungsepisode erzeugt, sie tritt jedoch nicht als das
Resultat eines kontrollierten Forschungsschrittes auf.“447 Das heißt, jede Abduk-
tion steht in dem Spannungsverhältnis, dass sie als Teil des logischen Prozesses
zwar der rationalen Kontrolle zugänglich sein muss, sich aber gerade dort der
441
Ders. 2000b: 427 (CP 5.599).
442
Reichertz 2003: 60.
443
Peirce CP 7.220; vgl. dazu Wirth 1995: 410f.
444
Reichertz und Wirth sehen das anders. Beide nehmen hier extreme Standpunkt ein. Rei-
chertz meint, Abduktionen hätten nichts mit dem Ökonomie-Prinzip zu tun (vgl. Reichertz
2000a: 283f. und 2003: 63), Wirth erkennt ihre Funktion vornehmlich darin. (vgl. Wirth 1995:
408 und 2000a: 139)
445
Auf Peirce’ darin enthaltene Wahrheitstheorie wird in II 3.2.E und III 3.1.A noch einmal
eingegangen; vgl. zum Begriff des long run Riemer 1988: 153ff.
446
Vgl. Peirce 1995: 349f.
447
Kapitan 1994: 153.

183
Kontrolle entzieht, wo sie ihre spezifische Leistung vollbringt: fruchtbare, wenn
auch potenziell fallible Resultate hervorzubringen. „Offensichtlich“, so folgert
Uwe Wirth, „operiert die Abduktion auf der Grenze von Psychologie und Logik,
vermittelt also zwischen dem unkontrollierbaren Bereich der Assoziation und
dem logisch kontrollierbaren Bereich der Abstraktion.“448 Denn nach Peirce
kommt die abduktive Vermutung „blitzartig. Sie ist ein Akt der Einsicht, ob-
wohl von außerordentlich trügerischer Einsicht.“449 Und obgleich sie „sehr we-
nig von logischen Regeln behindert“ wird, ist sie „dennoch logisches Fol-
gern“.450
Heißt dies aber nicht, wendet Peirce gegen sich selbst ein, dem Menschen ei-
ne Art „magische Fähigkeit“451 zuzuschreiben? „Nicht in dem Ausmaß“, so
seine Antwort, „dass die Vermutung schon beim ersten Mal das Richtige
trifft.“452 Dass aber der gut vorbereitete menschliche Geist – und das ist die
andere Seite der Abduktion (II) – qua Instinkt die prinzipielle Möglichkeit der
abduktiven Einsicht hat, lasse sich, wie erwähnt, nicht bestreiten. Denn, so Peir-
ce, „nihil est in intellectu quod non prius fuerit in sensu.“453 Daraus folgt nach
Kapitan,

„dass das anfängliche Erfassen einer neuen Hypothese eine kausale Wirkung
der Wahrnehmungsurteile ist, die im zielgerichteten Prozess des abduktiven
Schließens auftreten, und das heißt eben nicht, dass dieses Erfassen als Ergeb-
nis irgendeiner Folgerung innerhalb des abduktiven Vorgangs in Erscheinung
tritt.“454

Voraussetzung dafür ist, dass „die verschiedenen Elemente der Hypothese zuvor
in unserem Geist“ gewesen sein müssen; nur die „Idee, es zusammenzubringen,
lässt blitzartig die neue Vermutung in unserer Kontemplation aufleuchten.“455
Die Abduktion ergibt sich folglich nicht aus einem „uninformierten Raten“456
oder einer genialischen, gottgegebenen Fähigkeit. Es geht vielmehr um die Auf-
nahme von (möglichst vielen) Informationen, Erfahrungen, Daten, die dann
448
Wirth 1995: 411. Psychologisch sind hier vor allem die Gesetze des Gestaltwandels rele-
vant, mit denen die Abduktion offensichtlich korrespondiert: Die gleichen wahrnehmbaren
Daten werden mit Hilfe neuer Regeln neu geordnet, sodass ein neues Bild entsteht. (vgl. dazu
Reichertz 1991a)
449
Peirce 1991: 123 (CP 5.181).
450
Ebd.: 128 (CP 5.188); vgl. Reichertz 2003: 56: „Die Abduktion würfelt nicht, aber zugleich
lässt sich ihre Gesetzlichkeit nicht angeben. [...] Die Abduktion ist ein einzigartiges Durchein-
ander, gekennzeichnet durch ihre Allgegenwart, ihre Zuverlässigkeit und ihre Unbegründbar-
keit.“
451
Peirce 1995: 348.
452
Ebd.
453
Ders. 1991: 122 (CP 5.181).
454
Kapitan 1994: 154.
455
Peirce 1991: 123 (CP 5.181).
456
Reichertz 2003: 74.

184
ausgedeutet und zu einer Sinnerschließung gebracht werden: „Und dies vollzieht
der Geist, indem er eine Idee einführt, die nicht in den Daten enthalten war,
welche aber Verknüpfungen zwischen ihnen herstellt, die sie ansonsten nicht
gehabt hätten.“457 Nach Peirce braucht es also zweierlei, um der Abduktion den
Weg zu bereiten: den gut vorbereiteten Geist und möglichst viele Daten.
Voraussetzung für abduktives Forschen ist einerseits eine bestimmte (For-
schungs-)Haltung, die bereit ist, alte Überzeugungen aufzugeben und neue zu
suchen.458 Andererseits ist diese Haltung aber fruchtlos, wenn sie nicht mit ei-
nem gut vorbereiteten, also hinreichend informationsgesättigten Geist korres-
pondiert.
Verhält es sich so, lässt sich die Abduktion zwar nicht (logisch) erzwingen,
aber als Strategie durchaus begünstigen.459 Denn auch wenn es kein Verfahrens-
programm gibt, so lassen sich doch Situationen und Bedingungen gestalten,
unter denen sich Abduktionen eher ereignen. Die wichtigste Bedingung scheint
das Fehlen von Handlungsdruck zu sein, oder das, wie Peirce sagt, geistige Spiel
ohne feste Regeln.460 Kein beliebiges Spiel, aber eines, das frei ist „vom Druck
der Wahrnehmungen wie vom Druck überbrachter Deutungen“, das zu beidem
ein „freies Verhältnis“ herstellt.461 Dieses freie Verhältnis ist indes eine „erwor-
bene Freiheit“, das heißt, es ist nicht der „Rückgang auf ein vorreflexives Ver-
hältnis zur Welt als solches“, was hiermit intendiert ist, „sondern der Einsatz
von Selbstkontrolle und Erfahrung zum Zwecke einer Freisetzung für ein freies
Spiel von Ideen und Wahrnehmungen.“462 Es ist demnach ein Spielen mit klaren
Grenzen und kein Spielen ins Blaue hinein, kein freies Assoziieren: Abduktio-
nen kommen einem „informierte(n) Raten“463 gleich, wobei der „abduktive
Rateversuch [...] im Horizont deduktiver Begründbarkeit und induktiver Prüf-
barkeit geschieht“. Sie leisten damit „eine Transformation von Assoziationen in
457
Peirce CP 1.383 (Übersetzung nach Pape 1994: 22f.).
458
Vgl. Reichertz 2000a: 284.
459
Das ist auch, was Max Weber über den Forscher in Wissenschaft als Beruf (1919) schreibt:
„Es ist in der Tat richtig, dass die besten Dinge einem [...], wenn man sie nicht erwartet, ein-
fallen, und nicht während des Grübelns und Suchens am Schreibtisch. Sie wären einem nur
freilich nicht eingefallen, wenn man jenes Grübeln am Schreibtisch und wenn man das leiden-
schaftliche Fragen nicht sich gehabt hätte.“ (Weber 1988: 590) Weber spricht in diesem Zu-
sammenhang allerdings unspezifisch von „Eingebung“ (ebd.: 589). Vgl. dazu auch die An-
merkungen Oevermanns in 2003.
460
Vgl. Reichertz 2003: 85. Reichertz zitiert hier den späten Peirce: „In fact, it is Pure Play.
Now. Play, we all know, is a little ecercise of one’s power. Pure Play has no rules, except this
very law of liberty.“ (CP 6.458) Vgl. auch CP 6.461: „Enter your skiff of musement, push off
into the lake of thought, and leave the breath of heaven to swell your sail. With your eyes
open, awake to what is about or within you, and open conversation with yourself: for such is
all meditation! It is, however, not a conversation in words alone, but it is illustrated, like a lec-
ture, with diagrams and with experiments.“
461
Joas 1996: 198.
462
Ebd.: 198f.
463
Reichertz 2003: 88.

185
Argumentationen“464; sie liefern „Vor-Aussagen“465, die es wert sind, geprüft zu
werden.
Informiertes Raten im Einklang mit deduktiver Begründbarkeit und indukti-
ver Prüfbarkeit macht sich auch die Objektive Hermeneutik zur methodologi-
schen Prämisse, wenn es um die forschungspraktische Entdeckung des Neuen
geht. Oevermann bezeichnet das rekonstruktionslogische Verfahren der Objek-
tiven Hermeneutik wegen ihres daraus abgeleiteten nichtstandardisierbaren
Charakters daher als Kunstlehre, ein oft missverstandener Terminus, den wir
noch aufklären werden.466 Im Augenblick kommt es darauf an, die systemati-
sche Funktion der Abduktion innerhalb der Methodologie zu benennen. Dafür
sei an unsere Frage innerhalb der Überlegungen zum Emergenz-Begriff erinnert,
wie es möglich sei, Phänomene der Emergenz überhaupt zu erkennen, das heißt
zu rekonstruieren. Wir haben dort darauf hingewiesen, hierfür bedürfe es einer
bestimmten Forschungsstrategie. Mit dem abduktiven Schlussverfahren, so
können wir nun sagen, ist sie für Oevermann gegeben. Er charakterisiert die
Abduktion daher als „logische Operation, durch die [...] Neues entsteht.“
(1996c: 19)
Oevermann unterscheidet dabei zwei Versionen der Abduktion, die beide aus
der objektiv-hermeneutischen Krisentheorie heraus zu verstehen sind: eine
schwache und eine starke Version. Die schwache Version besteht in der Durch-
musterung bereits bekannter Hypothesen resp. Vermutungen; mit ihr wird die
„bloße Auswahl aus schon gegebenen Zusammenhangsvermutungen“ (1998b:
26) nicht überschritten.467 Streng genommen handelt es sich dabei um keine
Abduktion, sondern eher um eine qualitative Induktion.468 Die starke Abduktion
bezieht sich dagegen auf die systematische Erzeugung neuer Erfahrung resp.
neuen Wissens. Sie ist es, die sich auf das „rekonstruktive Herauslesen von
Gesetzmäßigkeiten aus der detaillierten, müßigen Betrachtung von Gegenstän-
den“ (1998b: 26) richtet, allerdings ohne den Rückgriff auf ein erstes Wissen
und damit auch nicht unter Verwendung eines Tabula-rasa-Modells. Vielmehr,
so Oevermann, greife hier das (unbewusste) Wahrnehmungsurteil, in das – qua
der nicht hintergehbaren Sozialität – immer schon Vorwissen verschiedenster
Art eingehe, welches „einerseits nicht kritisierbar ist, aber andererseits dennoch
464
Wirth 2000a: 153.
465
Peirce 1983: 96.
466
Vgl. IV 2.
467
Vgl. Wagner 2001: 111.
468
Reichertz hat Oevermann wiederholt vorgeworfen, er verwechsle – zumindest anfänglich –
die qualitative Induktion mit der Abduktion. (vgl. Reichertz 1986: 193ff.; 1994: 141, 146) Für
den späteren Oevermann kann diese Verwechslung ausgeschlossen werden. Er klassifiziert die
Abduktion eindeutig als diejenige „logische Operation, durch die wir Erfahrungen machen,
durch die Neues entsteht“ und nennt die qualitative Induktion demgegenüber eine „Vorform
[...], das Analogon zur empirischen Generalisierung.“ (1996c: 19c) Vgl. zur Unterscheidung
von qualitativer Induktion und Abduktion bei Peirce Riemer 1988: 46ff., 62ff.

186
in einem Schlussverfahren besteht. Es bildet gewissermaßen die untere Grenze
der Abduktion als Typ logischen Argumentierens zur bloßen Naturgeschichte
hin.“ (ebd.) Vorwissen sieht Oevermann dabei in dreifacher Hinsicht in das
Wahrnehmungsurteil eingehen: in Form der (unbewussten) Wahrnehmungsor-
ganisation, der (unbewussten) Erinnerungsspuren und der (auf einem schwei-
genden Wissen beruhenden) Sprachfähigkeit.469 In diesem Sinne ist die (starke)
Abduktion der erste Schritt der Synthetisierung der Mannigfaltigkeit von der
Substanz zum Sein hin. Krisentheoretisch gesehen stellt sich die instinktive
Fähigkeit des abduktiven Schließens als Ausdruck von Krisenbewältigung dar;
entsprechend setzt Oevermann sie mit Peirce’ (früher) Kategorienlehre in Ver-
bindung:

„In diesem Sinne handelt es sich bei der Abduktion um eine Erstheits-
Problematik, weil eine überraschende, lückenhafte und deshalb krisenhafte Ge-
genstandswahrnehmung durch Erschließung beseitigt werden muss, dass heißt
Erstheit in Drittheit des erfolgreich Erschlossenen überführt wird.“ (ebd.: 46)

Jo Reichertz hat richtig darauf hingewiesen, Oevermann unterstelle mit dieser


Interpretation des abduktiven Schließens innerhalb des Wahrnehmungsprozes-
ses etwas, das „keineswegs selbstverständlich ist, nämlich dass die Entdeckung
von Neuem eine strukturgleiche Teilmenge der Entstehung des Neuen“ sei, eine
Gleichsetzung, die „für den Oevermann’schen Ansatz kennzeichnend (ist) –
wird doch für ihn der Prozess, welcher sowohl das Neue als auch die ‚Konstruk-
tionen erster Ordnung’ (Erkenntnisse) hervortreibt, gesteuert von identischen
Strukturen, welche es zu rekonstruieren gilt.“470 Abduktionen erfüllen nach
Oevermann daher zwei Funktionen: Zum einen sichern sie qua ihrer krisenlö-
senden Potenz (als unbewusste Wahrnehmungsurteile) den Prozess der Prädika-
tion, zum anderen ist die Abduktion das wesentliche Forschungsinstrument der
Rekonstruktion eben diesen Prozesses. Während die Abduktion aus der Perspek-
tive des handelnden Subjektes also unbewusst verläuft bzw. verlaufen kann, hat
die rekonstruierende Analyse mittels der Fallrekonstruktion die Möglichkeit,
ihre Bedingungen rückblickend offen zu legen, auch wenn damit noch lange
nicht – wie Reichertz unterstellt – das Neue selbst prognostizierbar ist.471 Kri-
sentheoretisch gesprochen: Dem wahrnehmenden, sprich handelnden Subjekt
hilft die Abduktion durch das Auffinden einer Ordnung die widersprechenden
brute facts in den Handlungskreis einzufügen, also die Krise aufzulösen, indem
die Abduktion sich den bestimmungsbedürftigen Xen anschmiegt, ohne sie in
469
Vgl. die Unterscheidung von vier Formen des Unbewussten in II 2.3.3.C. – Das Unbewuss-
te im Freud’schen Sinne und das Unbewusste früher Erfahrungen fasst Oevermann hier in den
unbewussten Erinnerungsspuren zusammen, weil sie für die Abduktion innerhalb des Wahr-
nehmungsprozesses die gleiche Funktion erfüllen, nämlich subjektives Vorwissen zu sein.
470
Reichertz 1994: 143f.
471
Vgl. ebd.: 146.

187
bereits bestehende Muster einzugliedern.472 Das Neue entsteht, heißt dies, durch
das erneute Ausdeuten des (vorprädikativen) Alten.473 Wie und in welche Rich-
tung diese Ausdeutung vonstatten geht, findet die Fallrekonstruktion, indem sie
die je konkreten Entscheidungen der Lebenspraxis an jeder Sequenzstelle auf-
zeigt, indem sie also zeigt, aus welchen objektiv gegebenen Möglichkeiten eine
Lebenspraxis wählen konnte und welche sie tatsächlich gewählt hat.
Diese Interpreation des abduktiven Prozesses deckt sich durchaus mit Peirce’
Erläuterung zur Entstehung neuer Ideen. Wir hatten bereits erwähnt, dass er die
Kreativität des Geistes als das Einführen einer Idee beschreibt, „die nicht in den
Daten enthalten war“.474 Nimmt man nun hinzu, was Peirce unter einer Idee
versteht, klärt sich auch die darin enthaltene Konstitutionslogik weiter auf. Laut
Helmut Pape, der hierzu wichtige Einsichten erarbeitet hat, versteht Peirce unter
eine Idee:

„eine Weise, die Dinge unter dem Aspekt einer allgemeinen Relation zu sehen.
Anschauung in diesem Sinne ist das Erkennen des Allgemeinen in der konkre-
ten Erfahrung. Wir erkennen allgemeine Relationen nicht als isolierten Bedeu-
tungsinhalt eines Akts intellektueller Anschauung, sondern erfassen anhand der
vorliegenden, je einzelnen Erfahrung [...] die Möglichkeit einer neuen, allge-
meineren Ordnung, die über den Anlass der einzelnen Erfahrung hinaus-
weist.“475

Nach Peirce ist dieser Aspekt einer allgemeinen Relation als „realistische Hy-
postatierung von Relationen [...], die einzige Methode fruchtbaren Denkens.“476
Er nennt sie hypostatische Abstraktion. Der darin enthaltene Begriff des Allge-
472
Abduktionen in Bezug auf den Wahrnehmungsprozess sind daher für Oevermann das, was
Piaget Akkomodation nennt: „Transformationssysteme zu konstruieren, die der Realität mehr
oder weniger adäquat entsprechen, die Transformationen der Realität mehr oder weniger
isomorph sind.“ (Piaget 1973a: 23) Erkenntnis ist demzufolge ein „System von Transformati-
onen, die allmählich immer adäquater werden.“ (ebd.) Dieses System bedarf aber laut Piaget
genauso der Assimilation, von der er die Akkomodation unterscheidet. Im Wahrnehmungspro-
zess können daher beide niemals getrennt voneinander vorkommen: „Vom Reflex bis zur
sensomotorischen Intelligenz hat jede Handlung notwendigerweise zwei untrennbare Pole:
eine Assimilation der gegenwärtigen Situation, d.h. der Objekte, auf die sich das Verhalten
bezieht, an vorgängige und von der Handlung mehr oder weniger organisierte Schemata und
eine Akkomodation dieser Schemata an die neuen Objekte, welche die laufende Handlung
auslösen. (Piaget, J.: Die Entwicklung des Erkennens III. Das biologische Denken. Das psy-
chologische Denken. Das soziologische Denken. Mit einem Vorwort von F. Kubli. In: ders.:
Gesammelte Werke. Studienausgabe. Bd. 10. Stuttgart 1975: 261) Es ist daher, so Piaget, nie
möglich, „in der Handlung eines Subjekts eine ständige Grenze zu finden zwischen dem, was
aus seiner eigenen Aktivität herrührt, und dem, was von äußeren Objekten herstammt.“ (ebd.:
263)
473
Das sieht auch Reichertz so: vgl. Reichertz 1994: 145.
474
Peirce CP 1.383.
475
Pape 1994: 23.
476
Peirce 1.383, zit. nach Pape 1994: 24.

188
meinen besagt Pape zufolge: „Die Tatsachen, dass eine Klasse ein Element hat
und dass diese Klasse existiert, sind äquivalent.“477 Daher können aus

I Die Blume ist stachlig.


II Das Essen riecht.

durch einen notwendigen Schluss folgende Aussagen über das Zutreffen eines
Allgemeinbegriffs abstrahiert werden:

(1) Es gibt Stacheligkeit.


(2) Es gibt Geruch.

Denn offensichtlich sind (I) und (II) nur wahr, wenn auch (1) und (2) wahr sind.
Pape schlussfolgert daraus: „Die hypostatisch abstrahierte Qualität oder Relati-
on ist notwendig allgemein, sie ist der Name für ein ens rationis.“478 Diese All-
gemeinheit hat dabei die bemerkenswerte Eigenschaft, von dem Zutreffen einer
kontingenten Aussage abhängig zu sein: Nur wenn (I) und (II) wahr sind, sind
auch die abgeleiteten Aussagen über die Allgemeinheit (1) und (2) wahr. (Was
allerdings allein vor dem Hintergrund des pragmatistischen Realitätsbegriffes
behauptet werden kann.) Allgemeinheit, so lässt sich dieser Gedanke fortführen,
ist nur aus der Analyse der Daten zu gewinnen.479
Für Oevermann, der sich eines solchen Allgemeinheitsbegriffes bedient,
steckt darin die Forderung nach dem Sachhaltigkeitsprinzips: Nur die Sache
selbst könne Auskunft über das Allgemeine an ihr geben, ein Allgemeines, das
sich allein in fallspezifischer Form fassen lässt. Entsprechend repräsentiere die
Sache immer „Allgemeines und Besonderes zugleich“. (1983: 275; 1991: 269)
Das aber nur, weil Allgemeines und Besonderes denselben (Konstruktions-)
Regeln folge, andernfalls wäre jegliche Analyse von vornherein unmöglich –
und es bliebe in der Tat lediglich die Forschungslogik der Subsumtion. Oever-
mann bezieht sich bei dieser Argumentation auf die Sprechakttheorie John R.
Searles, weil sie einerseits zu erkennen gebe, dass Wissen „das Ergebnis einer
Krisenlösung“ (2002a: 18) ist, während sie anderseits die hypothetische Kon-
struktion eines Begriffsallgemeinen erlaube.
Um diese Behauptung einordnen zu können, ist ein kurzer Hinweis auf Sear-
les Sprechakttheorie notwendig.480 Zentral ist hierbei die Unterscheidung des
Sprechaktes in die Komponenten des propositionalen Gehalts und der illokutio-
477
Pape 1994: 24f.
478
Ebd.: 25. Daher spricht Pape auch von einem logischen Idealismus bei Peirce. (vgl. ders.
1994: 20 und 2000b: 26ff.)
479
In eben diesem Sinne sind Begriffe wie unhintergehbare Sozialität oder die Kategorie des
generalisierten Anderen allgemeine Begriffe.
480
Vgl. dazu auch II 3.2.D.

189
nären Kraft, wobei es für den „Vollzug eines illokutionären Aktes charakteris-
tisch (ist), dass man gleichzeitig ebenfalls propositionale und Äußerungsakte
vollzieht.“481 Unter propositionalem Gehalt versteht Searle Aspekte von Refe-
renz und Prädikation; die illokutionäre Funktion bezieht sich auf die Rolle, auf
das, was ein Sprecher mit der Äußerung eines Satzes zu tun beabsichtigt, ob er
also eine Feststellung, einen Befehl, eine Frage oder ein Versprechen äußert.
Der bedeutendste Aspekt an diesen beiden Komponenten eines Sprechaktes als
elementare Einheit der Rede ist nun, dass der propositionale Gehalt unselbst-
ständig ist, also immer auf seine Einbettung in illokutionäre Akte angewiesen
bleibt. Im Unterschied zu John L. Austins Sprechakttheorie, die diese notwendi-
ge Einbettung allein für die mit dem Fall der Behauptung bzw. Assertion kon-
trastierenden Sprechakte, aber nicht für den Fall der Behauptung selbst festge-
stellt hat, zieht Searle einen generalisierenden Schluss: Nicht nur für die außer-
halb der Aussagen- und Prädikatenlogik, also etwa in der Modallogik themati-
sierten Propositionsformen ist die Einbettung in die illokutionäre Kraft konstitu-
tiv, sondern auch für einfache Behauptungen.
Man kann sich diese sprechakttheoretische Erkenntnis folgendermaßen ver-
gegenwärtigen: In der Aussagenlogik geht es um die Verknüpfung von Proposi-
tionen, denen ein Wahrheitswert bereits zugeordnet ist, in der also die wahr-
heitsfähige Proposition selbst schon vorausgesetzt ist. Wie diese im Sinne der
Zuordnung von Prädikaten zu einem Gegenstand strukturiert ist, wird mithilfe
der Prädikatenlogik untersucht. Aber: Darin wird als jeweils geklärt eine gültige
Zuordnung des Prädikats zu einem Erfahrungsgegenstand vorausgesetzt und
hauptsächlich die Kombination von Prädikaten und die Quantifizierung der
Zuordnung über Gegenstände untersucht. Diese Zuordnung ist jedoch durchaus
problematisch, denn sie involviert nach Oevermann die „Überwindung eines
Grabens“, der eigentlich nicht überwunden werden könne, den Graben „zwi-
schen zwei Kategorien von Realität: zum einen die objektiv gegebene Realität
der im Hier und Jetzt sich einstellenden Xe, zum anderen die hypothetisch kon-
struierte Realität des Begriffsallgemeinen.“ (2002a: 19) Für Oevermann steckt
hier das „Grundproblem der Erfahrungswissenschaften“, nämlich in dem „ei-
gentümlichen Manöver, Elemente aus diesen beiden kategorial differenten
Sphären zum Andocken zu bringen.“ (ebd.) 482 Für Searle ist dieses eigentümli-
che Manöver im Prinzip der Ausdrückbarkeit verankert, jenes Prinzips, das
erlaubt, „Regeln für den Vollzug von Sprechakten mit Regeln für die Äußerung
bestimmter sprachlicher Elemente gleichzusetzen, da es für jeden möglichen
Sprechakt ein mögliches sprachliches Element gibt, dessen Bedeutung (im ge-
gebenen Zusammenhang der Äußerung) gewährleistet, dass seine aufrichtige
481
Searle 1971: 40.
482
Es ist dieses Grundproblem, das in Kapitel II 3. im Fokus auf das Kompetenz-Performanz-
Paradigma behandelt wird.

190
Äußerung den Vollzug genau des betreffenden Sprechaktes darstellt.“483 In
mehreren Anläufen untersucht Searle die jeweiligen Erfüllungsbedingungen, die
hinreichend sein sollen, damit eine Äußerung, welche diese Bedingungen er-
füllt, als ein gelungener Sprechakt gelten kann.484 Aber die Einheit, an die Sear-
le dabei denkt, diejenige zwischen den im Hier und Jetzt sich einstellenden Xen
und dem Begriffsallgemeinen, lässt sich, so sagt Oevermann, nur „in der sinnli-
chen Präsenz des ästhetischen Scheinens“ (ebd.) herstellen, nicht in der begriff-
lichen Erkenntnis. Dennoch ist die „Zuordnung des Begriffsallgemeinen durch
Prädikate“ nicht der Willkür anheim gegeben, denn „das Begriffsallgemeine
muss den Zusammenhang und die Gesetzmäßigkeit zur Geltung bringen, die
sich nachträglich gültig mit den sie sättigenden X-Erfahrungen in Übereinstim-
mung bringen lässt“. (ebd.) Es wird also nachträglich, in der Analyse, ein All-
gemeines behauptet, das der Sprechakt in Anspruch nehmen musste, ohne dieses
einfach abzubilden. Nur vor diesem Hintergrund kann Wissen überhaupt in eine
Geltungskrise geraten und gelöst werden: im Hinblick auf ein Allgemeines, das
in Anspruch genommen wird, ohne dass es als ontologische Entität außerhalb
des Sprechaktes existiert. Wir werden diesen Gedanken noch eingehend anhand
jener inferenzialistischen Denkfigur erläutern, die in Kapitel II 3.2.E eingeführt
wird; hier kommt es zunächst darauf an, den hypothetischen, aber notwendig in
Anspruch genommenen Charakter der Allgemeinheit (eines Begriffes, einer
Handlung etc.) zu unterstreichen: Es ist dieser Begriff des Allgemeinen, den die
von Oevermann behauptete Dialektik aus Allgemeinheit und Besonderheit zum
Inhalt hat.

B Methodologische Schlussfolgerung: Der Begriff der


Strukturgeneralisierung

Wenn es nun aber richtig ist, dass jede konkrete Sache, jeder Sprechakt in die
Dialektik aus Allgemeinen und Besonderem eingespannt ist, das Allgemeine
dem Besonderen aber nicht im Sinne einer Widerspiegelung abgelesen werden
kann, sondern die Aussagen über die Allgemeinheit (als hypostatische Abstrak-
tion) immer nur als abgeleitete aus der konkreten Sache wahr sind, die konkrete
Sache damit also gerade nicht subsumtionslogisch unter ein (externes) Gesetz
gefasst wird, dann sind die Schlüsse vom Besonderen auf das Allgemeine ledig-
lich wahrscheinlich, nicht notwendig prognostizierbar.485 Für Peirce drückt sich
darin die Unbestimmtheit des geistigen Wirkens allgemein aus, oder wie er sagt:
die „Unsicherheit des geistigen Gesetzes“. Diese ist kein „bloßer Defekt, son-
483
Searle 1971: 36.
484
Vgl. ebd.: 78ff.
485
Vgl. Peirce 1991a: 203.

191
dern im Gegenteil sein eigentliches Wesen. [...] Es bleibt immer ein gewisses
Ausmaß von willkürlicher Spontaneität in seinem Agieren zurück, ohne die er
tot wäre.“486 Das Gesetz des Geistes, bedeutet dies, ist indeterministisch, weil
andernfalls das Phänomen der Emergenz ausgeschlossen wäre. Erst die Unsi-
cherheit der Spontaneität (oder mit Mead gesprochen: der Instanz des I) ermög-
licht das Finden neuer Ideen wie auch die hypostatische Abstraktion, also das
abduktive Schließen vom Besonderen auf das Allgemeine. Allerdings eben nur
als wahrscheinlichen, nicht als notwendigen Schluss. Manfred Frank hat daher
die Abduktion treffend als einen nichtdeduktiven „Erweiterungsschluss“ be-
schrieben.487 Nichtdeduktiv und nicht notwendig ist dieser Schluss, „weil das
Prinzip, aus dem die Einheit der durch das Urteil verknüpften Phänomene ab-
leitbar wäre, gerade mangelt.“ Frank weist richtig darauf hin, der abduktive
Erweiterungsschluss sei dennoch ein „begründeter Schluss“, weil

„dieses Prinzip in Form einer vernünftigen Forderung überlebt: es ist dasjenige,


im Vorgriff worauf jedes Identitätsurteil (und jedes Urteil überhaupt) schon sei-
ne Fundierung antizipiert. Diese Fundierung geschieht freilich nur vorläufig:
sie hat ja kein Kriterium für ihre Wahrheit, aber sie ist vorläufig im Sinne einer
wohlbegründeten Hypothese, die zwar keinen Anspruch auf die Enthüllung des
Dings-an-sich macht, doch aber auch nicht zu ersetzen wäre durch ein besser
fundiertes Urteil.“488

Peirce hat ebendies vor Augen, wenn er schreibt:

„Indem ich sage, wir ziehen den Schluss vorläufig, meine ich, dass wir nicht
behaupten, irgendeinen festen Grund der Annäherung bereits erreicht zu haben,
sondern wir behaupten nur: würde unsere Erfahrung unbegrenzt ausgedehnt
und jedes Faktum, gleichgültig welcher Natur es ist, im selben Augenblick, wo
es sich zeigte, ordnungsgemäß der induktiven (d.i.: abduktiven, D.P.) Methode
entsprechend ausgewertet, dann würde auf lange Sicht (in the long run, D.P.)
unsere Annäherung unbegrenzt groß sein.“489

Es ist darum – entgegen Peirce und der obigen Darstellung – nicht sinnvoll, die
abduktive Einsicht als „blitzartig“490 zu beschreiben; denn „zwischen dem Vor-
läufer und dem Blitz vermittelt kein abduktiver Schluss, sondern eine blinde
Naturkausalität. Dagegen ist alles, was Sinn hat, motiviert, d.h. Resultat einer
interpretativen Hypothese.“491 Die (scheinbare) Willkürlichkeit und Fallibilität
486
Ebd.: 204.
487
Frank 1984: 480.
488
Ebd.
489
Peirce CP 6.40 (Übersetzung nach Frank 1984: 481).
490
Ders. 1991: 123 (CP 5.181).
491
Frank 1984: 481. Es ist daher wenig sinnvoll, die Abduktion auf einen blitzartigen Einfall
reduzieren zu wollen; dann nämlich „vermutet“ sie bloß, wie Bude dies unterstellt. (Bude
2000: 571)

192
der plötzlichen Einsicht wird also dadurch aufgefangen, dass die Abduktion an
den vorangegangenen Erkenntnisprozess anschließt und im gesamten For-
schungsprozess einer rationalen Kontrolle unterliegt. Nur deshalb kann sie auch
ein Schluss heißen: Wenn die projektierte Regel wahr wäre, dann wäre der vor-
liegende sonderbare Befund als Fall der Regel verständlich. Gerhard Schönrich
hält deshalb berechtigterweise fest:

„Der inferenzielle Charakter schließt den ingeniösen nur dann aus, wenn die
Abduktion mit der Deduktion vermengt wird, dann nämlich entsteht der Ein-
druck, die Regel müsse bereits vor der Konklusion gefunden sein. Die logische
Priorität ist jedoch nicht mit der zeitlichen zu verwechseln.“492

Wenn Oevermann also schreibt, „das Verhältnis von Theorie und Daten“ stelle
sich so dar, dass jeweils die „Rekonstruktion eines Falles ein objekttheoretisches
Modell exemplifiziert“ (1980a: 56), darf dabei nicht übersehen werden, dass
jedes objekttheoretische Modell stets unter fallibilistischem Vorbehalt steht;
deshalb spricht er von Fallstrukturhypothesen. Dennoch darf hier der Anspruch
der Fallstrukturrekonstruktion auch nicht unterschätzt werden: Ihr geht es dar-
um, das je fallspezifische Verhältnis von Allgemeinem und Besonderem offen
zu legen, ohne das eine gegen das andere auszuspielen, ihr geht also auch dar-
um, allgemeine Regeln resp. Fallstrukturen zu finden, nach denen eine Lebens-
praxis strukturiert ist:

„Allgemeine, allerdings mit unterschiedlicher historischer und kultureller


Reichweite geltende Regeln entwerfen den Spielraum möglicher sinnstruktu-
rierter sozialer Verläufe. Der konkrete, praktische Verlauf innerhalb dieses
Spielraums ist eine Funktion der besonderen Fallstruktur.“ (1991: 271)

Dieser Verlauf wird freilich auch von Regeln beherrscht, die nicht (alle) not-
wendig (subjektübergreifend) gelten, sondern durchbrochen werden können,
weil sonst Spontaneität und Abduktion unmöglich wären.493 Anderseits sind die
rekonstruierbaren Fallstrukturen nicht mit der „Subjektivität einer Lebenspraxis
oder mit deren Selbstbild zu verwechseln“. Denn sie sind „objektive Strukturen,
auch wenn sie auf Dispositionen der je konkreten Lebenspraxis wesentlich zu-
rückgehen. Aber diese Dispositionen sind ja ihrerseits Komponenten der zu
rekonstruierenden Fallstruktur und sind als solche nur zu einem geringen Teil
bewusstseinsfähig oder Gegenstand und Inhalt bewusster rationaler Planung.“
(1996a: 14)
Wieder läuft Oevermanns Argumentation auf die Analyse latenter Sinnstruk-
turen hinaus. In deren Licht muss auch der Begriff der Fallstruktur gesehen
492
Schönrich 1990: 400; vgl. zum Begriff der Inferenz II 3.2.E.
493
Vgl. Pape 1994: 32.

193
werden: Sie ist – anders als die Fallbeschreibung – eine Analyse der Gesetzlich-
keit, nach der der konkrete praktische Verlauf operiert. Insofern ist

„jede einzelne Fallrekonstruktion schon als solche eine Strukturgeneralisierung.


Denn ihr je konkretes Ergebnis, das man früher als Darstellung eines Typus be-
zeichnet hätte im Unterschied zu einer Kategorisierung oder Klassifikation ei-
nes Einzelfalles in einer vorgefassten Kategorie oder Klasse, bildet einen kon-
kreten Fall in seiner inneren Gesetzlichkeit ab, die seine Autonomie [...] als das
Ergebnis seiner Individuierungsgeschichte ausmacht.“ (1996b: 14; 2002: 13)

In diesem Sinne bestimmen Fallrekonstruktionen, wie es oben bereits hieß, die


„generative Strukturformel“ (1983: 271) des konkreten Falles, der seinerseits in
weitere Fälle eingebettet sein kann. Allerdings ist mit dieser Formel der Verlauf
der Lebenspraxis gerade nicht bestimmbar: „Die Strukturierungsgesetzlichkeit
erlaubt nicht deterministische Prognosen, sondern immer nur die Angabe von
offenen Transformationsspielräumen.“ (ebd.: 275) Die Fallrekonstruktion richtet
sich folglich auf „die Bestimmung der den Einzelfall sowohl hervorbringenden
wie reproduzierenden generativen Strukturformel oder Strukturierungsgesetz-
lichkeit“ (ebd.: 276), sie richtet sich hinsichtlich einer Textanalyse auf die – wie
Eco das genannt hat – Rekonstruktion des „geheimen Codes“ eines Textes.494
Und während die Praxis, also das handelnde Subjekt selbst, diese Formel oder
diesen Code qua Abduktion als Mittel der Krisenlösung findet, bedient sich die
Fallrekonstruktion ihrerseits dem abduktiven Schlussverfahren, indem sie sich
an die Sache selbst, an den Fall anschmiegt und so deren Strukturgesetzlichkeit
findet.495
Nun sind es nicht zuletzt die Begriffe Strukturgeneralisierung und Struktur-
gesetzlichkeit, mit der sich die Objektive Hermeneutik einerseits als rekonstruk-
tionslogische Methodologie etabliert, anderseits aber immer wieder Missver-
ständnisse und Ablehnung provoziert. Doch diese Missverständnisse können
laut Oevermann allein vor dem Hintergrund eines „Modell(s) der empirischen
Generalisierbarkeit“ (2000: 116) auftauchen, eines Modells also, das auf den
Induktionsschluss aufbaut. Aus dieser Perspektive sind Generalisierungen in der
Tat nicht möglich, aber diese Perspektive ist es gerade, die die Objektive Her-
meneutik generell zu vermeiden versucht, und zwar indem sie in der Methodo-
logie an die Stelle der Fallbeschreibungen die Fallrekonstruktion setzt. (vgl.
ebd.: 116f.) Denn Fallbeschreibungen haben wie empirische Generalisierungen
einen „nur sehr begrenzten Erkenntniswert“ (2002: 13) und sind nicht zur
„Strukturerkenntnis“ (ebd.) geeignet. Während nämlich die empirische Genera-
lisierung durch die Klassifikation vergleichbarer Beobachtungswerte, etwa ver-
494
Eco 1987: 45.
495
Es sei betont, dass Oevermann den Schluss auf die Strukturgesetzlichkeit als abduktiven
bezeichnet, und nicht der qualitativen Induktion zurechnet, wie dies Kraimer 2000: 33 dar-
stellt.

194
gleichbarer Motive oder Themen in literarischen Texten, bestimmte Merkmale
von außen an den Gegenstand heranträgt, folgt die Strukturgeneralisierung dem
Modus der Abduktion, indem sie die je konkrete Sequenzfolge gleichsam von
innen heraus rekonstruiert. Strukturgeneralisierung heißt, einem Erkenntnismo-
dus folgen, der „aus der detaillierten, unvoreingenommenen, nicht von vornher-
ein selektiv verfahrenden Betrachtung eines Einzelergebnisses oder Einzeldings
dessen allgemeine Struktureigenschaften zu erschließen“ sucht. (2000: 117) Die
Besonderheit einer konkreten Lebenspraxis erweist sich dabei in der Selektivität
ihrer Entscheidungen; und dieser Besonderheit kommt Allgemeinheit zu, weil
diese eine den „Anspruch auf allgemeine Geltung und Begründbarkeit erheben-
de praktische Antwort auf praktische Problemstellungen“ (1991: 272) darstellt
und insofern eine typische Selektivität ist. Und zwar nicht nur typisch für den
konkreten Fall selbst, sondern typisch in Hinsicht auf das Handlungsproblem:
Die Fallstrukturgeneralisierung trifft keine Aussage über die Häufigkeit eines
Merkmals, sondern über die Typik der Krisenlösung.496
Es ist dieser Unterschied, der sich allein vor dem Hintergrund der Rekon-
struktionslogik und damit letztlich nur vor dem Hintergrund des hier geschilder-
ten pragmatistischen Wahrnehmungs- und Handlungsmodells verstehen lässt.
Oevermann ist an diesem Punkt scharf in seiner Absetzung. Einerseits sagt er,
dass „jeder empirische Generalisierer und subsumtionslogische Forschende,
ohne dass er es weiß, in und mit diesem Erkenntnismodus“ operiert (2000: 117),
andererseits führe die Nicht-Berücksichtigung dieser Erkenntnislogik „zwin-
gend in einen dogmatischen, unaufschlussreichen Empirismus“. (ebd.: 118) Es
sei daher zentral, zu sehen, dass der Begriff der Fallstrukturgesetzlichkeit „in-
haltlich radikal verschieden ist von den Gesetzen, die die positivistische Wis-
senschaftstheorie als die einzigen möglichen, eben ahistorischen“ vor sich hat.
(ebd.: 119) Denn Fallstrukturgesetze sind

„als innere Gesetze der Reproduktion und Transformation eines konkreten Fal-
les unterschieden von Gesetzen und ihnen entsprechenden Gesetzmäßigkeiten,
die eine Fallstruktur extern determinieren.“ (ebd.)

Fallstrukturgesetze sind also „auf individuierende Bildungsprozesse zurückge-


hende Muster der Lebensführung und Erfahrungsverarbeitung“ (ebd.: 123) und
in der Anbindung der Lebenspraxis an die unhintergehbare Sozialität immer
beides zugleich: allgemein und besonders. Oevermann hat dabei fünf Hinsichten
der Strukturgeneralisierung ausgemacht, die hier zusammenfassend genannt
seien (vgl. 2000: 124) 497; dabei werden bereits jene Konsequenzen für die litera-
496
Vgl. Wernet 2000: 19f.
497
An anderer Stelle spricht Oevermann von sieben Hinsichten und zielt damit auf weitere
Unterscheidungen, die vornehmlich für die soziologische Forschung von Belang, hier aber zu
vernachlässigen sind. (vgl. 2002: 13ff.)

195
turwissenschaftliche Methodik benannt, deren Theorie und Methodologie in Teil
III zu erarbeiten sein wird.

(1) Jede Fallrekonstruktion ist eine Generalisierung, weil die so artikulierte


Fallstruktur einen Typus darstellt, der in sich allgemein ist. Diese All-
gemeinheit hängt nicht von ihrem Verbreitungsgrad, sondern von der
in der Sequenzanalyse gefundenen Allgemeinheit des Handlungsprob-
lems ab. Sie bestimmt sich anhand der Explizitheit und Schlüssigkeit,
mit der die Sequenzanalyse auf eine Fallstrukturhypothese geführt hat.
– Das heißt im Falle literarischer Texte: Jede Rekonstruktion analysiert
die allgemeine Strukturformel, der der Text folgt, allerdings ohne – wie
sich in Teil III noch ergeben wird – damit eine Allgemeinheit zum
Ausdruck zu bringen, die sich für die Praxis funktionalisieren ließe.

(2) Bei jeder konkreten Fallrekonstruktion wird nicht nur der im Text ver-
körperte Fall zur Explikation gebracht, sondern es werden darüber hin-
aus andere, weitere Fälle bestimmt, die dieser Fall seinen objektiven
Möglichkeiten nach hätte werden können. Denn die Sequenzanalyse er-
fordert es, an jeder Sequenzstelle deren Spielraum von Anschlussmög-
lichkeiten zu analysieren. (Die Methodik dieses Vorgehens wird in Teil
IV erläutert.) – Das heißt für literarische Texte: Jede Rekonstruktion
findet mit der objektiven Struktur auch diejenigen Lesarten, die der
Text mitentwirft, ohne sie explizit zu machen.

(3) Mit jeder Fallrekonstruktion wird nicht nur die konkrete Fallstruktur
bekannt, es werden auch generalisierungsfähige Erkenntnisse über die
Fallstrukturen von Gebilden gewonnen, in denen der analysierte Fall
Mitglied ist, denen er zugehört oder in die er eingebettet ist. – Das
heißt für literarische Texte: Jeder einzelne Text lässt sich auch im Hin-
blick auf seine Einbettung (in die Autorbiographie, die Historie, die
Weltanschauung etc.) analysieren.

(4) Jede Fallrekonstruktion führt potenziell zu Erkenntnissen über allge-


mein gültige oder nichtgültige Regeln und Normen, deren Operation
und Geltung anlässlich der Sequenzanalyse einzelner Zusammenhänge
beispielhaft erarbeitet werden, aber stets unter Falsifikationsvorbehalt
stehen. – Das heißt für die Analyse literarischer Texte: Jede Interpreta-
tion stößt potenziell auf Erkenntnisse, die den ästhetischen Diskurs ver-
lassen, ohne damit den ästhetischen Charakter des jeweiligen Textes
beweisen zu können. (Dies wird in Kapitel III 3.3. theoretisch und me-
thodologisch und in Kapitel IV 2. methodisch begründet)

196
(5) Jede Fallrekonstruktion kann potenziell Fallstrukturgesetzlichkeiten
sichtbar machen, die bisher nicht bekannt waren und auch real in der
Praxis nicht vorkamen, so dass sie als Erneuerung in der Praxis selbst
gelten können. – Das heißt für literaturwissenschaftliche Analysen: Je-
de Fallrekonstruktion kann potenziell auf Lesarten stoßen, die sachhal-
tig sind, bislang aber noch nicht sichtbar waren. (Die ästhetiktheoreti-
schen Implikationen dieser Annahme werden in Kapitel III 3.3. einge-
hend geschildert.)

Entsprechend dieser fünf Hinsichten tritt die Fallstrukturrekonstruktion als „Lie-


ferant für allgemeine Erkenntnisse über die Einbettung des untersuchten Falles
in höher aggregierte Fallstrukturen und als Erfahrungsquelle für die Geltung und
Nicht-Geltung von Regeln der Erzeugung von Sinnstrukturen“498 auf. Die Fall-
strukturgeneralisierung „würdigt“ damit die Ergebnisse der Fallrekonstruktion
„im Sinne der Formulierung einer materialen, empiriegesättigten Theorie“.499
Insofern folgt sie einer „erschließende Forschungslogik“ (2000: 59) und wird
dem eingangs dieser Arbeit formulierten Anspruch der Sachhaltigkeit gerecht:
Theoriebildung und Datenanalyse werden nicht voneinander getrennt, sondern
die Theorie „schmiegt“ sich an ihren Gegenstand an und ist deshalb nicht „wie
die sonst üblichen [...] Verfahren eine dem Gegenstand äußerliche Methode,
sondern eine der Sache selbst korrespondierende und gemäße.“ (1996b: 8)
Die gesamte Argumentation dieser zweiten Perspektive auf die Objektive
Hermeneutik hat nun aber einen wesentlichen Baustein stets ausgelassen, der
wiederholt schon zur Sprache kam: Der Vorgang der Prädikation, der sequen-
zielle Vollzug von Entscheidungen, der Bildungsprozess einer Fallstruktur ü-
berhaupt wie auch das Rekonstruieren deren Gesetzlichkeit hat zur Vorrausset-
zung, dass allgemeine und besondere Regeln greifen. Unterläge die gesamte
Sequenzierungslogik keinen (sinnerzeugenden) Regeln, könnte die Lebenspraxis
nicht sinnstrukturiert heißen. Eine solche Lebenspraxis wäre nicht autonom:
„Handeln ohne Sinnstrukturiertheit wäre [...] bloßes Verhalten.“ (2001e: 5)
Wenn Handeln aber anderseits nicht mit subjektiver Sinngebung zusammenfällt,
muss es auch nichtsubjektiv, also regelgeleitet sein. Die gesamte Herleitung des
Handlungsbegriffes, die Diskussion von Sozialität, der Begriff der Lebenspra-
xis, der Sequenzialität und Abduktion wie auch die unterstellte Möglichkeit
rekonstruktiver Forschung, alles das basiert auf einer Annahme: Ohne Sinn-
strukturiertheit kein Handeln, ohne Regelgeleitetheit keine Sinnstruktur. Es
stellt sich daher einerseits die Aufgabe, das zu bestimmen, was hier unter Re-
geln verstanden wird und andererseits diejenige grundlegende Struktur zu disku-
498
Kraimer 2000: 33.
499
Wernet 2000: 20.

197
tieren, die mit dieser Argumentation in Anspruch genommen wird: das Kompe-
tenz-Performanz-Paradigma.
Diese Aufgabe werden wir in einer dritten Perspektive auf die Objektive
Hermeneutik zunächst auf abstraktem Niveau bearbeiten. Ohne die sich daraus
ergebenden Fragen in ihrem Ausmaß hier rekonstruieren zu wollen und können,
werden wir versuchen, die Frage nach dem Kompetenz-Performanz-Verhältnis
nicht nur aus der Binnenperspektive der Objektiven Hermeneutik zu lösen, weil
sonst die wesentlichen Aspekte nicht sichtbar würden und die Problematik
schnell verkürzt und damit in ihren Auswirkungen für das objektiv-
hermeneutische Projekt unterschätzt würde. Stattdessen soll sie in Auseinander-
setzung mit Chomskys Kompetenz-Performanz-Paradigma (II 3.1.) und der
Wittgenstein’schen Kritik an dessen Modell (II 3.2.A und B) geführt werden.
Daraus geht einerseits hervor, worum sich diese Diskussion überhaupt dreht und
in welcher Weise sie für die Objektive Hermeneutik von Bedeutung ist. Ande-
rerseits soll diese Debatte den Vorschlag eines Modells ermöglichen (II 3.2.E),
das uns hilft, die spezifischen Probleme der objektiv-hermeneutischen Kompe-
tenztheorie zu lösen. (II 3.3.) Die damit gewonnenen Erkenntnisse werden da-
nach wieder auf die methodologischen Konsequenzen für die Objektive Herme-
neutik hin befragt und einige Klarstellungen erlauben, die die Anschlussfähig-
keit des Verfahrens der Sequenzanalyse für die Literaturwissenschaft sichert.

3. Dritte Perspektive: Die Objektive Hermeneutik als Kompetenztheorie

Der in den letzten Kapiteln erarbeiteten zweiten Perspektive auf die Objektive
Hermeneutik ging es wesentlich um die pragmatistische Grundlegung des Sinn-
begriffs, eine Grundlegung, die es erlaubte, den krisentheoretischen Ansatz des
objektiv-hermeneutischen Theorie- und Forschungsprogramms zu erörtern. Vor
diesem Hintergrund konnte der sequenzlogische Sinnbegriff eingeführt werden;
diesem zufolge ist Sinn weder einfach gegeben noch wird er vom Subjekt er-
funden. Sinn konstituiert sich vielmehr, so sagten wir, als emergentes Produkt
der triadischen Relation von Sozialität. Dieser grundlegende Gedanke führte
einerseits auf den Begriff der Lebenspraxis als Dialektik von Krise und Routine
und andererseits auf einen Begriff von Erfahrung, der systematisch aus Peirce’
(früher) Kategorienlehre und der Dialektik von Emergenz und Determination
hervorgeht, wobei beides auf das zuletzt erörterte Schlussverfahren der Abduk-
tion referiert.
Merkwürdig an dieser Argumentation ist jedoch, dass sie etwas zusammen-
denkt, was (innerhalb der Erkenntnistheorie) gewöhnlich als unvereinbar ange-
sehen wird, nämlich universale und also relativ stabile erkenntnistheoretische
Prinzipien mit historischen Kategorien. Vereinbar scheinen solche universalen
Prinzipien und historischen Kategorien nur im Rückgriff auf metaphysisch-

198
ontologische Prämissen zu sein; es sieht demnach so aus, als ob die Objektive
Hermeneutik eine Tradition weiterschreibe, die in der gegenwärtigen Philoso-
phie- und Theoriedebatte unter erheblichem Begründungsdruck steht. Geht die
Objektive Hermeneutik nicht von Annahmen aus, die von vornherein in ontolo-
gische Abgründe führen? Wie sollte eine derart angelegte Theorie möglich sein,
ohne die tradierten metaphysisch-ontologischen Vorannahmen übernehmen zu
müssen? Das ist, wie in der Einleitung erwähnt, nicht selten der Punkt, an dem
viele Rezipienten der Objekten Hermeneutik diese schnell wieder zur Seite
legen: Eine Theorie, die solche Vermutungen nahe legt, lohnt der Mühe nicht,
scheint sie doch als rettungslos überholt dazustehen.
Nun ist die Objektive Hermeneutik allerdings gerade keine Theorie, die von
der „natürlichen Ordnung der Dinge“500 ausgeht, jene Ordnung, die Gerhard
Gamm zufolge jede Theorie in Anspruch nehmen muss, die dem „Leitfaden der
Prädikation“501 folgt. Objektive Hermeneutik heisst vielmehr, den konstruktivis-
tischen, historischen Charakter der (Subjekt- und Begriffsbildungs)Theorie mit
universalen Prinzipien – wie das der unhintergehbaren Sozialität oder der kate-
goriengeleiteten Synthetisierung des Mannigfaltigen zur propositionalen Einheit
des Begriffs – zusammenzudenken. Sie geht von keinem festen Kern, keiner
verborgenen Natur der Dinge aus, die es lediglich zu entdecken gälte, um auf
die natürliche Ordnung der Dinge zu stoßen. Aber dieses Fehlen eines solchen
festen Kerns der Dinge, eines eindeutigen Ding-Begriff-Schemas, versucht die
Objektive Hermeneutik auch nicht durch den Hinweis auf das „Heterogene und
Ambivalente der Dinge“502 selbst zu beheben. Sie setzt an die Stelle der alten
Gewissheiten nicht die vermeintlich unumgehbare Einsicht in die Kontingenz
der modernen Welt. Denn das hieße, von der Kontingenz erwarten, was die
Metaphysik nicht einzulösen vermag: eine Letztbegründung zu liefern, die der
Welt einen geheimen Fluchtpunkt gibt. Auch wenn diese moderne Letztbegrün-
dungsstrategie negativ ist, von der Struktur her bleibt sie dem alten, nämlich
zentristischen Weltbild verhaftet. Die Objektive Hermeneutik ist dagegen der
Versuch, derartige Vereinseitigungen zu vermeiden: Sie geht weder von einem
metaphysisch-ontologischen Dingschema noch von der Grundlosigkeit einer
kontigenten Welt aus. Gerade das muss aber den Einspruch der (post)modernen
Erkenntnistheorie herausfordern, weil für diese „eine kontigent gewordene Welt
zuletzt keine andere Referenz mehr aufweist als die, durch die sie gesetzt wor-
den ist.“503 Da das Subjekt in der Welt, in ihren Begriffen und Strukturen nichts
von vornherein Gesichertes mehr findet, könne es – so lautet der typisch
(post)moderne Topos – allenfalls „konstruieren oder setzen“.504 Die „Auflösung
500
Gamm 1994: 27.
501
Ebd.: 41ff.
502
Ebd.: 12.
503
Ebd.: 29.
504
Ebd.: 30.

199
transzendenter Bindungskräfte“505 wirft das Subjekt auf sich selbst zurück: Kon-
tingenz wird zur negativen Bindungskraft. Eine derartige Argumentation ist
indes nur möglich, wenn man, wie Piaget kritisiert, Erkenntnistheorie als „Un-
tersuchung der Erkenntnis in ihrer gegenwärtigen Form“ betreibt, wenn man
also „die Analyse der Erkenntnis um ihrer selbst willen und innerhalb ihres
eigenen Bezugssystems ohne Rücksicht auf ihre Entwicklung“506 darstellt. Eben
dies unternimmt die Objektive Hermeneutik aber nicht. Sie will Erkenntnistheo-
rie sowohl in synchroner als auch in diachroner Hinsicht betreiben und zielt
damit, so Oevermann, auf die „Auflösung der systematischen Differenz zwi-
schen Transzendentalphilosophie und Erfahrungswissenschaft“. (1976a: 40) In
diesem Sinne geht es ihr um eine „materialistische Erkenntnistheorie [...], die
zugleich eine erfahrungswissenschaftliche soziologische Theorie der Evolution
der objektiven Strukturen der Interaktion zwischen Exemplaren derselben Gat-
tung“ (ebd.) ist. Wir haben deshalb von der Objektiven Hermeneutik als einer
Form des genetischen Strukturalismus gesprochen, der einerseits die je konkrete
Bildungsgeschichte (eines Individuierungsprozesses, einer Handlung etc.) re-
konstruiert und damit anderseits objektive (Fall)Strukturen und Strukturgesetz-
lichkeiten untersucht. Objektive Hermeneutik ist die methodisch kontrollierte
Rekonstruktion einer Konstruktionsgeschichte, in der die (Re)Konstruktion eines
Selbst und dessen Erfahrung parallel läuft zur (Re)Konstruktion einer Aus-
drucksgestalt. Wiederholt wurde darauf hingewiesen, dass beide Seiten – Kon-
struktion und Rekonstruktion – analytisch auseinander gehalten werden müssen,
aber der Sache nach zusammengehören. Das ist in der Tat: eine seltsame Span-
nung. Im zuletzt erörterten Begriff der Allgemeinheit trat sie deutlich zu Tage:
Die Sache selbst, so hieß es, repräsentiere stets Allgemeines und Besonderes
zugleich, indem sie allgemeinen wie besonderen (Konstruktions)Regeln folge,
ohne Allgemeines und Besonderes in ein deterministisches Abbildungsverhält-
nis zu stellen. Die Objektive Hermeneutik bedient sich demnach eines Theorie-
modells, das konstruktivistische und universalistische Positionen zu vereinen
sucht.
Genau das ist für die Kritiker der Objektiven Hermeneutik der wunde Punkt;
denn bei allen Unterschieden der inzwischen unübersichtlich gewordenen Kon-
struktivismustheorien, besteht doch Einigkeit darin, ein konstruktivistisches
Modell schließe die Annahme von starken Invarianten aus. Dieses Argument
übersieht jedoch, dass kein konstruktivistisches Modell (versteckt oder offen)
ohne universalistische Prämissen auskommt. Ist es aber so, wird es notwendig,
die interne Beziehung der konstruktivistischen und universalistischen Dimensi-
onen zu untersuchen. Peter M. Hejl konstatiert daher, der „Konstruktivismus
benötigt eine Universalientheorie, um die verschiedenen Arten der Konstruktio-
505
Ebd.: 39.
506
Piaget 1973a: 7.

200
nen von Wirklichkeit [...] erklären zu können.“507 Diese Forderung ruft nun aber
eine Schwierigkeit auf den Plan, die sich auch innerhalb der Objektiven Herme-
neutik stellt. Die interne Beziehung der konstruktivistischen und universalisti-
schen Dimension scheint nämlich stets auf ein Zwei-Welten-Modell hinauszu-
laufen. Solche Modelle stellen neben, hinter oder vor etwas Besonderem ein
Allgemeines, setzen also einem Schema, einem Muster oder einer Regel deren
Gebrauch, Aktualisierung oder Anwendung gegenüber.508 Der Versuch, kon-
struktivistische und universalistische Dimensionen intern verbunden zu denken,
droht also doch zu werden, was er nicht sein will: ein Theorieansatz, der sich
eines Dingschemas und damit einer ontologischen Letztbegründungsstrategie
bedient. Die Frage muss folglich lauten, wie sich Konstruktivismus und Univer-
salismus ohne Ontologisierung verbinden lassen, eine Frage, die auf das Kompe-
tenz-Performanz-Paradigma verweist. Kompetenz-Performanz-Paradigmen
gehen prinzipiell davon aus, erst bestimmte Kompetenzen ermöglichten be-
stimmte Performanzen. Umstritten ist dabei aber einerseits, was überhaupt unter
Kompetenz und Performanz zu verstehen ist und andererseits, wie das Verhält-
nis beider vorgestellt werden soll. Das ontologische Dingschema eines Zwei-
Welten-Modells ist eine, wenn auch die wirkmächtigste Antwort auf diesen
Streit. Und sie ist es auch, die von der (post)modernen Erkenntnistheorie heftig
kritisiert wird.
Die Objektive Hermeneutik sieht sich dieser Kritik ausgesetzt, versteht sie
sich doch dezidiert als Kompetenztheorie. Die drei folgenden Kapitelabschnitte
werden allerdings die These diskutieren, derzufolge die Objektive Hermeneutik
eine Kompetenztheorie, aber kein ontologisches Zwei-Welten-Modell impli-
ziert. Diese These soll aus der Diskussion um den Regelbegriff heraus entwi-
ckelt werden, weil er zum einen für die Objektive Hermeneutik von zentraler
Bedeutung ist und zum anderen den klassische Bewährungsfall für jede Kompe-
tenz-Performanz-Theorie abgibt. Mit ihm ist folglich ein prinzipielles Problem
im Blick, eben die Frage des Verhältnisses von Kompetenz und Performanz.
Und von diesem behaupten wir, dass es von der Objektiven Hermeneutik nicht
ontologisch, sondern in einem zu spezifizierenden Sinne dialektisch gedacht
werde. Um diese Spezifik verständlich zu machen, werden wir im Folgenden
zunächst Chomskys Kompetenztheorie einführen (II 3.1.) und danach mit Witt-
genstein kritisch diskutieren (II 3.2.). Ziel dieser Gegenüberstellung ist die Ent-
wicklung einer Denkfigur, die sowohl der universalistischen als auch der kon-
507
Hejl 2001: 8. Ernst von Glaserfeld, einer der Begründer des sogenannten Radikalen Kon-
struktivismus, hat dieses Unterfangen selbstredend kritisiert und alle die Argumente versam-
melt, die gewöhnlich jedem Vermittlungsversuch von Konstruktivismus und Universalismus
vorgehalten werden. (vgl. Glaserfeld, E. v.: Radikaler Konstruktivismus. Ideen, Ergebnisse,
Probleme. Frankfurt am Main 1996; ders.: Universalien als Konstruktion. In: Hejl, P. M.
(Hg.): Universalien und Konstruktivismus. DELFIN 2000. Frankfurt am Main 2001).
508
Vgl. Krämer 2001: 263.

201
struktivistischen Dimension Rechnung trägt, ohne deren Potenzen zu verkürzen.
Diese Denkfigur, die hier Modell der Inferenz heißt (II 3.2.E), soll daraufhin für
die Objektive Hermeneutik fruchtbar gemacht werden, um diese so vom ontolo-
gischen Verdacht zu befreien (II 3.3.). Dabei geht es uns nicht allein um Klar-
stellungen hinsichtlich der kompetenztheoretischen Basis der Objektiven Her-
meneutik; vielmehr wird sich zeigen, dass erst vor dem Hintergrund des Mo-
dells der Inferenz einerseits das Konzept der latenten Sinnstruktur und anderer-
seits der Zusammenhang von Sozialität, Erfahrungsbildung und objektiv-
hermeneutischer Methodologie verstehbar wird. Überdies werden damit auf
allgemein erkenntnistheoretischer Ebene Einsichten vorbereitet, die für die ob-
jektiv-hermeneutische Ästhetiktheorie ausschlaggebend sind. Diese erlauben es,
eine Theorie der ästhetischen Erfahrung zu erarbeiten, die sowohl methodolo-
gisch (III 3.3.B) als auch methodisch (IV 2.) dem ästhetischen Gegenstand ge-
recht wird. Das ist für unser Vorhaben von entscheidendem Interesse, denn ohne
diese Klarstellungen stieße man auf Probleme, die die Objektive Hermeneutik
für die Literaturwissenschaft im schlechtesten Falle als ungeeignet, zumindest
aber als wenig attraktiv erscheinen ließe.

3.1. Chomskys Kompetenz-Performanz-Paradigma

Von Beginn an ist Oevermanns Theorieprogramm stark durch Noam Chomskys


(vor allem frühe) Arbeiten und damit das Kompetenz-Performanz-Paradigma
geprägt.509 Im Folgenden seien daher die Grundzüge von Chomskys Theorie
und die Kritik daran in Erinnerung gerufen, auch, um Oevermanns Referenz
darauf nachvollziehen zu können.
Chomskys Ansatz ist aus der und zunächst auch für die Linguistik entwickelt
worden. Dennoch ist es gerade die Philosophie gewesen, die sich durch ihn
herausgefordert sah. Spätestens seit seiner Schrift Strukturen der Syntax (1957)
werden Probleme der Linguistik dezidiert in Verbindung mit philosophischen
Fragestellungen erörtert. Beide Disziplinen sind seitdem eine vorher noch nicht
vorhandene enge Verbindung eingegangen.510 Das verwundert wenig, wenn man
bedenkt, dass Chomsky den für die Philosophie provokanten Versuch unter-
nimmt, „eine formalisierte allgemeine Theorie der Sprachstruktur zu konstruie-
509
Vgl. Sutter, H. 1994: 32ff.; 1997: 29ff.; Wagner 2004: 94ff. Bereits Oevermanns kritischer
Rekonstruktion von Basil Bernsteins Theorie der schichtenspezifischen Sprachaneignungs-
und Sozialisationsprozesse liegt Chomskys Kompetenz-Performanz-Paradigma zugrunde.
(vgl. 1972: 331ff.; 1968a: 166ff.) Insofern, darauf hat Hansjörg Sutter hingewiesen (vgl.
Sutter, H. 1997: 29), ist Liebaus Feststellung falsch, die frühen Arbeiten Oevermanns seien
vor der Übernahme des kompetenztheoretischen Modells entstanden. (vgl. Liebau 1987: 201).
510
Vgl. Apel 1976/Bd. 2: 264f. Chomsky würde hier hinzufügen, dass diese Verbindung noch
nie seit der Ablösung der rationalistischen und romantischen Sprachphilosophie durch die
moderne empirisch-deskriptive Linguistik so eng war. (vgl. Chomsky 1973a: 41ff.)

202
ren und die Grundlagen einer solchen Theorie zu erforschen“511, wobei er die
Sprache als „Spiegel des Geistes“512 und den Geist als eine „hochdifferenzierte
Struktur mit ziemlich getrennten Teilsystemen“513 versteht, innerhalb dessen die
Sprache dann „ein ganz besonderes ‚mentales Organ’“514, ein eigenständiges
Teilsystem darstellt. Sprache ist für Chomsky also ein „spezifischer kognitiver
Bereich und ein spezifisches geistiges Vermögen“515; und die Aufgabe der Lin-
guistik ist es, dieses Vermögen zu erforschen. Laut Chomsky operiert sie damit
aber nicht nur auf linguistischem Terrain:

„Es ist [...] nicht unvernünftig anzunehmen, dass die Beschäftigung mit dieser
speziellen menschlichen Leistung (der Fähigkeit nämlich, eine menschliche
Sprache zu sprechen und zu verstehen) als ein Modell fungieren könnte, an
dem sich die Erforschung weiterer Bereiche der menschlichen Kompetenz und
des menschlichen Handelns orientieren kann [...].“516

Sein Vorhaben fühlt sich also einer kompetenztheoretischen Orientierung ver-


pflichtet: Nicht die wirklichen Sprachvollzüge interessieren ihn, sondern die
generelle Sprachfähigkeit und das mit ihr verbundene Kenntnissystem eines
idealen Sprecher-Hörers.517 Das hat sich auch im Laufe der vielfältigen Korrek-
turen seines ursprünglichen Theorieentwurfes nicht geändert.518 Chomskys
grundlegende Methodologie zielt nach wie vor auf die Untersuchung der Spra-
che als internes Wissenssystem. Sprache ist für ihn wesentlich gerade kein be-
obachtbares, lautliches, kommunikatives Ereignis – obwohl sie das natürlich
auch ist –, sondern ein mentales (inneres) System. Sein theoretisches Bemühen
hat zum Ziel, „auf möglichst neutrale Weise die Sprachkenntnis zu charakteri-
sieren, die für den aktuellen Sprachgebrauch durch einen Sprecher-Hörer die
Basis liefert.“519 Das (einzelsprachliche) Sprechen ist hier weniger von Interes-
se, zumal es nach Chomsky gegenüber der (internen) Sprache lediglich ein „E-
511
Chomsky 1973: 7.
512
Ders 1977: 12.
513
Ders. 1981: 34.
514
Ders. 1977: 49; vgl. ders. 1981: 241: „Wir können den Geist als ein System von ‚mentalen
Organen’ auffassen, wovon eines das Sprachvermögen ist.“
515
Ders. 1981: 11f.
516
Ders. 1977: 13. Chomsky hat wiederholt betont, dass diese Position des physical realism
von seinen im engeren Sinne linguistischen Theoremen abtrennbar und also von übergreifen-
der, philosophischer Relevanz ist. Vgl. ders. 1982: 31; vgl. dazu auch Schneider, H. J. 1992:
42f.
517
Vgl. Krämer 2001: 37; vgl. zur genaueren Bestimmung des idealen Sprecher-Hörers
Chomsky 1981: 32ff.; vgl. auch Garz 1984: 7ff.
518
Vgl. Chomsky, N.: Noam Chomsky on The Generative Enterprise. A Discussion with Riny
Huybregts and Henk van Riemsdijk. Dordrecht 1982: 62.
519
Ders. 1970: 20.

203
piphänomen“520 darstellt. Den Unterschied zwischen einzelnen Sprachen cha-
rakterisiert er ohnehin als „not very impressive“.521
Eines ist damit von Anfang an klar: Chomskys Theorieentwurf steht konträr
zu unserem (auch und gerade literaturwissenschaftlichen) Common-sense-
Verständnis von Sprache. Nicht zuletzt in den Literaturwissenschaften beharrt
man darauf, unter Sprache eine irgendwie soziale Leistung des Individuums zu
verstehen, will heißen: ein Resultat der kulturellen Evolution, das unter keinen
Umständen als mentales Organ verstanden werden darf; denn Sprache sei wie
jede Theorie kulturell bedingt.522 Entsprechend beschreiten die Literaturwissen-
schaften gern die „breite (nicht sonderlich steile) Straße“, auf der „mit den je-
weiligen philosophischen Legitimationen im Tornister (Herder, Humboldt oder
Wittgenstein)“ die Sprache vor dem naturwissenschaftlichen Zugriff gerettet
werden soll.523 Chomsky geht einen anderen Weg: Er entwirft eine Strukturtheo-
rie (der Sprache, des Geistes), die von unseren natürlichen Common-sense-
Begriffen (über die Sprache, den Geist) abstrahiert, weil er verstehen will, was
er „Platons Problem“ nennt: „Wie können wir wissen, was wir tatsächlich wis-
sen“524, warum beherrschen wir alle ein so hoch komplexes System wie das der
Sprache, obwohl wir alle in verschiedenen Umgebungen leben? Der Reiz an
Chomskys Theorie ist es dabei, dass erst damit die Kreativität der Sprache er-
klärt und nicht nur behauptet werden kann.
Es geht Chomsky also immer um die (abstrakte) Struktur der Sprache, es geht
ihm um die „Sprachkompetenz“ als „die Kenntnis des Sprecher-Hörers von
seiner Sprache“ und weniger, wenn überhaupt um die „Sprachverwendung“,
also den „aktuellen Gebrauch der Sprache in konkreten Situationen.“525 Der
Ansatz trennt damit scharf zwischen Kompetenz und Performanz, zwischen
einem prinzipiellen Vermögen und der jeweiligen Anwendung des Vermögens.
Karl-Otto Apel hat richtig angemerkt, dass bereits in dieser Unterscheidung die
„methodologische Entscheidung für eine generative Theoriebildung [...] steckt,
die alle Beobachtungsdaten prinzipiell transzendiert und nur sehr indirekt an-
hand der Erfahrung überprüft werden kann.“526 Denn das, was Chomsky mit
Kompetenz meint, ist ein „Konstrukt zweiter Ordnung“, während die Ebene der
Performanz ein „Konstrukt erster Ordnung“ bildet.527 Darin steckt auch eine
520
Vgl. Ders. 1981: 88.
521
Ders. 2000: 11.
522
Vgl. hier stellvertretend für dieses Common-sense-Verständnis Zima, P. V.: Was ist Theo-
rie? Theoriebegriff und Dialogische Theorie in den Kultur- und Sozialwissenschaften. Tübin-
gen und Basel 2004: 25ff.
523
Grewendorf 1995: 149. Grewendorf fällt diese polemische Aussage über „zahlreiche Lin-
guisten“ (ebd.); auf die Literaturwissenschaft trifft das wohl ebenso zu.
524
Chomsky 1981: 181; vgl. ders. 1977: 13, 1970: 39.
525
Ders. 1970: 14.
526
Apel 1976/Bd. 2: 272.
527
Chomsky 1995: 278.

204
Reaktion auf den damaligen Stand der Linguistik resp. (Sprach)Philosophie, und
zwar einerseits auf den Behaviorismus und anderseits auf die klassifizierende
Linguistik, die in der Tradition des amerikanischen Strukturalismus unter dem
Vorzeichen eines empirischen Wissenschaftsideals praktiziert wurde und in die
Sapir-Whorf-Thesen mündete: in einen radikalen Relativismus.528
Mehr noch als die Abgrenzung gegen dieserart relativistische Positionen hat
Chomskys Theorie aber seinen Ursprung in einem Erstaunen über das Phäno-
men der defizienten Erfahrungsgrundlage im Spracherwerb.529 Dahinter steht
der Befund, dass Kinder ihre Sprache anhand von Daten lernen, die – verglichen
mit dem Potenzial der später erworbenen Sprachfähigkeit – sehr dürftig sind.
Das ist der eine Punkt von Chomskys Ausgangserstaunen. Ein zweiter kommt
noch hinzu: Normalerweise verständigen wir uns nicht in grammatisch richtigen
Sätzen; dennoch erwirbt jeder die Fähigkeit, in seiner Muttersprache zwischen
korrekten und unkorrekten Sätzen unterscheiden zu können. Und ein Drittes
muss hier genannt werden: Chomsky nimmt die „Binsenwahrheit“530 Wilhelm
von Humboldts wieder auf, wonach die Sprache „von endlichen Mitteln einen
unendlichen Gebrauch machen muss“.531 Obwohl wir im Prozess des Spracher-
werbs nur eine begrenzte Anzahl von Sätzen hören, können wir unbegrenzt viele
Sätze bilden; anders gefasst: Wir sprechen und verstehen Sätze, die wir nie
zuvor gehört haben. Da nun der Spracherwerb aufgrund mangelhafter Stimuli
weder durch Nachahmung noch durch Generalisierung bzw. Induktion erklärt
werden kann, scheidet für Chomsky das Modell des (behavioristischen) Erler-
nens aus.532

A Der generative Regelbegriff

Eine Erklärung für den Spracherwerb ist nach Chomsky nur denkbar, wenn zwei
voneinander abhängige Voraussetzungen gemacht werden, die man als Nativis-
mus und Generativismus bezeichnen kann.533 Mit der generativistischen Vor-
aussetzung wird behauptet, die Fähigkeit, aus defizitären Spracherfahrungen
einen nahezu unbegrenzten Sprachgebrauch zu erwerben, entwickle sich „nach
einem intrinsisch vorherbestimmten Verlauf“, der „unter dem Einfluss des an-
gemessenen sozialen Austauschs“ und „teilweise“ der „Umwelt“ stehe.534
Chomsky spricht den sozialen Faktoren also durchaus eine gewisse Rolle zu.
528
Vgl. ders. 1981: 110ff.
529
Vgl. ders. 1986: XXV; vgl. Ders. 1977: 12ff.; 1995: 279ff.; vgl. auch Garz 1984: 13ff.
530
Ders. 1970: 247
531
Ebd.: 9, 19, 29.
532
Vgl. Ders. 1970: 68ff.; 1977: 16ff.; 1981: 38ff.; 1995: 279ff.
533
Vgl. Krämer 2001: 40.
534
Chomsky 1981: 51; vgl. ebd.: 40.

205
Allerdings, so seine polemische Anmerkung, „(kann) der menschliche Embryo
vermutlich auch dann kein Vogel werden, wenn die äußere Umwelt sich än-
dert.“535 Denn – das ist die nativistische Voraussetzung – der „Anfangszustand
des Geistes“536 und also auch der Sprache geht von einer „angeborenen Struk-
tur“ aus.537 Wir sind nach Chomsky also mit einem angeborenen Mechanismus
der Sprachfähigkeit ausgestattet. Diese angeborene Struktur nennt Chomsky
Generative Grammatik: eine „Struktur generativer Prozesse“538, oder genauer:
„eine bestimmte Struktur von Regeln, Prinzipien und Repräsentationen im
Geist“.539 Sie bildet eine „ursprüngliche Basis“ und gehört zu der „angeborenen
Ausstattung, die ‚das Wesen der Menschen’“ definiert.540 „Ohne diese Ausstat-
tung“, so Chomsky, „würden sich die Individuen zu mentalen amöbenähnlichen
Wesen entwickeln, die sich nicht gleichen und von denen jedes bloß die be-
grenzte und ärmliche Umwelt widerspiegelt, in der er oder sie sich entwi-
ckelt.“541 Es ist damit auch klar, dass Chomsky unter Grammatik nicht die
Grammatik im Sinne des Linguisten versteht, sondern im Sinne jenes angebore-
nen Regelsystems, das natürliche Sprecher internalisiert haben. Der angeborene
und durch Sprachdaten modifizierte Sprachapparat funktioniert dementspre-
chend nicht wie ein Speicher, sondern wie ein Kalkül zur Erzeugung von Sät-
zen. Dieses Kalkül muss zwei empirische Bedingungen erfüllen:

„Erstens, wir müssen dem Organismus als angeborene Eigenschaft eine Struk-
tur zuschreiben, die reich genug ist, um der Tatsache Rechnung zu tragen, dass
die postulierte Grammatik auf der Basis der bestehenden Bedingungen für den
Zugang zu Daten erworben wird; zweitens dürfen wir dem Organismus keine
Struktur zuschreiben, die so reich ist, dass sie mit der bekannten Vielfalt von
Sprachen nicht vereinbar ist.“542

Die von Chomsky ins Auge gefasste Grammatik soll nicht (wie die traditionel-
len Grammatiken) Beispiele nennen und Regeln formulieren, die Anwendbar-
keit ermöglichen. Vielmehr will Chomskys Grammatik die Sätze der untersuch-
ten Sprache in dem Sinne effektiv abzuleiten gestatten, in dem ein Logikkalkül
Theoreme erzeugt. Das heißt nichts anderes, als dass Chomsky mit seinem
Grammatikbegriff an ein Regelsystem denkt, das von der Explizitheit einer
535
Ebd.: 41.
536
Chomsky 1977: 165.
537
Ders. 1995: 280. Mit der Idee angeborener Ideen bezieht sich Chomsky ausdrücklich auf
Descartes. (vgl. bes. ders. 1970: 69f.; 1981: 41ff, 246f.)
538
Ders. 1970: 15
539
Ders. 1981: 95.
540
Ebd.: 96.
541
Ebd.: 52; vgl. auch Chomskys Reaktion auf Kritiker der Angeborenheitsthese in ders. 1977:
22ff.
542
Ders. 1995: 280f; vgl. Chomsky 1970: 44.

206
sogenannten logischen Maschine ist.543 Chomsky betrachtet also den Sprecher
einer Sprache als eine komplexe, logische Maschine544, oder besser: Er betrach-
tet das „zugrunde liegende Regelsystem, [...] über das der Sprecher-Hörer ver-
fügt, und das er in der aktuellen Sprachverwendung in Gebrauch nimmt“545 als
ein logisches Kalkül. Es ist demnach, so Hans Julius Schneider, als wichtige
These festzuhalten,

„dass ein Sprecher und eine logische Maschine sich insofern ähnlich sind, als
beide Sätze ‚erzeugen’, und zwar so, dass im Idealfall alle vom Sprecher ge-
sprochenen Sätze der durch die Maschine definierten Menge angehören und
diese keine Sätze ‚erzeugt’, die dem Sprecher nicht als wohlgeformt gelten. In
diesem genau umschriebenen Sinn kann die logische Maschine als Beschrei-
bungsinstrument zur Charakterisierung der als Geräuschfolgen gesehenen ‚Pro-
dukte’ der Sprachkompetenz dienen.“546

Dieser angeborene und universale Schematismus determiniert die Menge mög-


licher Sprachen; er ermöglicht nach Chomsky aber auch die „außerordentliche
Differenziertheit und Detailliertheit“547 der einzelnen Sprachen. Denn

„Kreativität setzt ein System von Regeln und Formen voraus, ein System, das
zum Teil durch die für den Menschen wesentlichen Fähigkeiten determiniert
wird. Ohne solche Beschränkungen gibt es nur willkürliches und zufälliges
Verhalten, keine kreativen Akte.“548

Die Form dieses Arguments kennen wir bereits: Es ist konstitutionslogisch.


Allgemein formuliert besagt es laut Chomsky: „Zwischen der Reichweite und
den Grenzen menschlicher Kenntnis gibt es einen untrennbaren Zusammen-
hang.“549 Genauso gibt es zwischen den beschränkenden Prinzipien der Univer-
salgrammatik und der unerschöpflichen Kreativität der Sprache einen untrenn-
baren Zusammenhang. Die Universalgrammatik muss gewisse universelle, abs-
trakte Prinzipien enthalten, deren Fixierung auf der Grundlage von Erfahrungs-
daten erfolgt, wobei das Resultat dieser Fixierung die Grammatik einer spezifi-
schen Sprache darstellt.
Die Rede von abstrakten Prinzipien als invariantes System bedarf aber noch
einer Präzisierung. Anfänglich, vor allem in Aspekte der Syntax-Theorie, sprach
543
H. J. Schneider diskutiert diesen Punkt ausführlich und äußerst hilfreich. Vgl. Schneider,
H.J. 1992: 56ff.
544
Vgl. Chomsky 1973: 23, 44
545
Ders. 1970: 14.
546
Schneider, H.J. 1992: 59.
547
Chomsky 1981: 72.
548
Ders. 1977: 160.
549
Ders. 1981: 53. Das ist auch der oben schon einmal erwähnte Punkt, an dem sich Chomsky
auf Peirce beruft und dessen Rede von einem instinktiven Vermögen auf das biologische
Sprachvermögen bezieht. (Vgl. Ders. 1977: 184, 187; 1995: 282)

207
Chomsky noch von einem Regelsystem, das den Anfangszustand einer Sprache
determiniert. Die Annahme einer angeborenen Bewertungsprozedur sollte dem
sprachlernenden Kind darüber hinaus garantieren, ein mit der Evidenz verträgli-
ches und unter Einfachheitspunkten optimales Regelsystem zu selegieren.550
Diese (starke) Annahme ließ sich allerdings nicht halten, weil es prinzipiell zu
viele mit der Evidenz verträgliche Regelsysteme gibt, sodass eine Bewertungs-
prozedur vor einer unlösbaren Aufgabe steht.551 Außerdem konnte gezeigt wer-
den, dass das Kind nicht immer ein unter Einfachheitsgesichtspunkten optimales
Regelsystem selegiert, sondern auch komplexere gegenüber einfacheren Alter-
nativen den Vorzug gibt.552 Chomsky hat daher später nicht mehr von Regelsys-
temen in diesem Sinne gesprochen, sondern an dessen Stelle sein Prinzipien-
und Parametermodell gesetzt.553 Danach wird die angeborene Sprachfähigkeit
als ein invariantes System abstrakter Prinzipien aufgefasst, das durch die Kon-
frontation mit der Erfahrung erst seine Spezifizierung erfährt. Die Besonderhei-
ten der einzelsprachlichen Grammatiken werden also nicht mehr als konstrukti-
onsspezifische Effekte eines Regelsystems analysiert, sondern als erfahrungsab-
hängige Spezifizierungen der universalen Grammatik. Diese Spezifizierungen
sind von Prinzipien geleitet, die offene Stellen – Parameter – enthalten, deren
Optionen in der Auseinandersetzung des Kindes mit einer bestimmten sprachli-
chen Umgebung fixiert werden.554 Eine entscheidende theoretische Korrektur,
auch wenn die Prinzipien und Parameter mit den Regeln die wesentliche Eigen-
schaft teilen, angeboren (und wie wir noch sehen werden, dem Bewusstsein
nicht zugänglich) zu sein. Erst jetzt wird auch die von Chomsky postulierte
Parallele zu Peirce sichtbar: Der Handlungsablauf (oder hier: der Spracherwerb
einer konkreten Sprache) konstituiert sich als Wahl aus einem Möglichkeits-
spektrum, die immer wieder in eine Dialektik (aus Emergenz und Determinati-
on) eingespannt ist. Ein Regelsystem im Sinne des frühen Chomsky würde die-
ser Wahl tendenziell die Zukunftsoffenheit nehmen und aus dem postulierten
Kalkül ein feststehendes Programm machen. Chomsky will jedoch lediglich
nahe legen, dass diese Wahl zwar offen, aber nicht beliebig ist: Es ist eine, die
sich im Rahmen von Prinzipien bewegt, aber erst mit seinen (offenen) Parame-
tern Gestalt annimmt. Genau darum geht es auch, wenn in unserem Zusammen-
550
Vgl. ders. 1970: 56ff.
551
Vgl. Grewendorf 1995: 155ff. Wir werden diesen Punkt noch etwas genauer in der Ausei-
nandersetzung mit Wittgenstein und Kripke diskutieren.
552
Vgl. dazu Williams, E.: Introduction. In: Roeper, T./Williams, E. (Ed.): Parameter Setting.
Dordrecht 1987.
553
Wesentlich ausgearbeitet in Chomsky, N.: Knowledge of Language: Its Nature, Origin and
Use. New York 1986 und noch einmal präzisiert in ders..: The Minimalist Program. London
1995.
554
Diese Prinzipien sind Subsysteme, die unter Namen wie Bindungstheorie, Kontrolltheorie
oder Rektionstheorie von Chomsky erarbeitet werden. Sie sind mit ihren linguistischen Prob-
lemen für den vorliegenden Zusammenhang nicht von Interesse.

208
hang von Fallstrukturen und Fallstrukturgesetzlichkeiten die Rede ist: Eine
Struktur bildet sich in den Grenzen von Prinzipien, die erst durch erfahrungsab-
hängige Parameter als Prinzipien in Erscheinung treten. Das wirft noch einmal
ein bezeichnendes Licht auf den bereits diskutierten Strukturbegriff der Objekti-
ven Hermeneutik, demzufolge Struktur und Prozess zusammenfallen: Nicht ein
Regelsystem legt die Struktur (zum Beispiel der Spracherlernung) fest, sondern
der (parametrisierte) Prozess des Wirkens von Prinzipien konstituiert diese
Struktur.
Von Universalgrammatik kann Chomsky zufolge allein im Sinne dieses Prin-
zipien- und Parametermodells die Rede sein. Von diesen Prinzipien und Para-
metern behauptet er, sie seien angeboren, nämlich konstitutiv und nicht hinter-
gehbar. Und in diesem Sinne – und nur in diesem – spricht Chomsky von der
Grammatik als ein mental repräsentiertes System und von der Sprache als ein
„mentales Organ“, das „analog dem Herzen oder dem visuellen System oder
dem System der motorischen Koordination“ zu denken sei.555 Dabei ist diese
Bestimmung nur sinnvoll, wenn mit Sprache Sprachfähigkeit gemeint ist. Denn
zur Sprache gehört auch, was Chomsky selbst die sozialen Einflüsse nennt. Es
ist daher zurecht betont worden, die Redeweise von einem mentalen Organ
müsse als Metapher verstanden werden, da eine klar definierte Lokalisierung der
Sprache im mentalen Bereich nicht möglich ist.556 Unter Organ ist hier folglich
keine anatomisch abgrenzbare Einheit zu verstehen. Darauf weist Chomsky
selbst indirekt hin, wenn er einerseits fordert, die Sprachfähigkeit wie eine men-
tales Organ zu begreifen, das analog dem Herzen etc. operiere und andererseits
hinzufügt, es gebe „bezüglich der in Frage stehenden Aspekte [...] zwischen
Körperorganen, perzeptuellen und motorischen Systemen und kognitiven Ver-
mögen keine klare Trennung“.557 Die Analogie besagt, dass sich die Sprachfä-
higkeit in Bezug auf genetische Determination, ontogenetisches Wachstum,
Abhängigkeit von externen Faktoren und phylogenetische Entwicklung eher wie
ein physisches (und nicht anatomisch zu verortendes) Organ verhält. Entspre-
chend ist Sprachwissenschaft für Chomsky in dieser Hinsicht Biolinguistik558
und damit ein Teil der Kognitionspsychologie559, letztlich der Humanbiolo-
gie.560 Er betont wiederholt, dass seine nativistische Theorie der Sprache resp.
des Geistes durch Annahmen gestützt werde, die von Neurophysiologen „ohne
555
Chomsky 1981: 46; vgl. ders. 2000: 4: „The faculty of language can reasonably be regarded
as a ‚language organ’ in the sense in wich scientists speak of the visual system, or immune
system, or circulatory systems, as organs of body.“ Vgl. auch ders. 1981: 19.
556
Grewendorf 1995: 155f.
557
Chomsky 1981: 46.
558
Vgl. ders. 2000: 2.
559
Vgl. ders. 1982: 34: „In fact, we may think of the study of mental faculties as actually
being a study of the body – specifically the brain – conducted at a certain level of abstraction.“
560
Vgl. ders. 1977: 47, 148; 1982: 42, 49.

209
zusätzliche Kommentierung ganz regelmäßig“ 561 vorgetragen werden und ver-
weist in diesem Zusammenhang auf das Prinzip des eingeschränkten Potenzials,
wonach „das sich entwickelnde Nervensystem keine tabula rasa ist, die unge-
hindert all das widerspiegeln kann, was die individuelle Erfahrung diktiert.“
Vielmehr, so Chomsky weiter, ist die Entwicklung des Nervensystems ein „von
einem genetischen Programm stark beschränkter Prozess.“562 Diese Auffassung
der Generativen Grammatik als „ein Bestandteil des Genotyps“563 hat für
Chomsky den Status eines Argumentes der besten Erklärung564: Es erklärt, wie
trotz mangelhafter Stimuli Sprache gelernt wird und wie die unendliche Kreati-
vität der Sprache trotz beschränkter Mittel zustande kommt. Hier kommt seine
am „Galilei’schen Stil“565 orientierte Forschung zum Ausdruck: Wie die Natur-
wissenschaften will auch die Forschung zur Universalgrammatik – als „im strik-
ten Sinne Teil der Naturwissenschaften“566 – abstrakte Modelle ihres Gegen-
standsbereiches konstruieren, wobei diesen ein „höherer Realitätsgrad“ zuge-
schrieben wird als der durch unsere Sinnesorgane erschlossenen Alltagswelt.567
Das ist nur konsequent, wenn die generativistischen und nativistischen Voraus-
setzungen gelten sollen. Aber das ist es auch, was Chomsky von geisteswissen-
schaftlicher Seite häufig den Vorwurf des Dogmatismus eingebracht hat.568 Um
diesen zu entschärfen, reicht der Hinweis auf diverse empirische Argumente
offensichtlich nicht, denn die Kritik an Chomsky zieht ja gerade seinen natur-
wissenschaftlich-empirischen Forschungszugriff in Zweifel.569 Dennoch darf
nicht vergessen werden, dass die Entdeckung solcher Prinzipien Chomskys
(Galilei’schem) Erklärungsanspruch entspricht, weil

„allein damit sich die verwendeten Idealisierungen (des Sprecher-Hörers, D.P.)


rechtfertigen (lassen), und mit ihr (der Entdeckung dieser Prinzipien, D.P.) ha-

561
Ders. 1981: 213.
562
Ebd.
563
Ebd.: 71, 95, 144.
564
Vgl. ebd.: 74.
565
Ebd.: 16f.; vgl. Garz 1984: 18ff.
566
Ebd.: 36.
567
Ebd.: 224.
568
Jürgen Trabant hat diesen Einwand sehr pointiert vorgetragen. Er hält Chomsky einen
„ontologischen Naturalismus“ vor (Trabant, J.: Mithridates im Paradies. Kleine Geschichte
des Sprachdenkens. München 2003: 281), der letztlich in einen „biologistischen Platonismus
des reinen Denkens“ (ebd.: 282) münde. Wir werden die Berechtigung dieses harschen Vor-
wurfs noch diskutieren. Schon jetzt sei aber darauf hingewiesen, dass Chomsky sich zwar
vornehmlich für die Sprachkompetenz interessiert, er deshalb jedoch noch lange nicht die
Verschiedenheit der Sprachen „systematisch durchgestrichen“ hat (ebd.: 280). Nicht von der
Hand zu weisen ist dagegen, dass die Diskussion um Chomskys Theorie „immer ziemlich
scharf und kirchenmäßig“ geführt wird. (ebd.: 282). Trabant ist da keine Ausnahme.
569
Solche empirischen Argumente sind etwa die Strukturabhängigkeit sprachlicher Regeln
(vgl. Chomsky 1977: 43ff.), die Regeln für die Bildung reziproker Ausdrücke oder den Pro-
zess der Fragesatzbildung (vgl. ebd.: 48ff.).

210
ben wir einen Hinweis darauf, dass wir einen wichtigen Bestandteil der wirkli-
chen Struktur des Organismus erfasst haben.“570

Dieser Hinweis hilft allerdings noch nicht, den Kompetenzbegriff zu verstehen;


und offensichtlich rührt von einem nicht hinreichend geklärten Kompetenzbe-
griff der benannte Dogmatismus-Vorwurf her: Was soll genau unter einer der
unmittelbaren Beobachtung entzogenen, angeborenen und wie ein logisches
Kalkül operierenden Kompetenz verstanden werden? Diese Frage zu beantwor-
ten ist vor allem deshalb wichtig, weil sie uns hilft, das Verhältnis von Kompe-
tenz und Performanz richtig zu charakterisieren. Wir werden noch sehen, dass
für das Verständnis der theoretischen Grundlagen der Objektiven Hermeneutik
hier die entscheidende Weiche gestellt wird: Nur wenn das Kompetenz-
Performanz-Verhältnis geklärt ist, wird sich verstehen lassen, welchen (ontolo-
gischen) Status latente Sinnstrukturen einnehmen.

B Drei Ebenen der Kompetenz

Um den Kompetenzbegriff präziser zu fassen, ist es wichtig, drei verschiedene


Ebenen der Kompetenz auseinander zu halten.571 Zum einen spricht Chomsky
von Kompetenz, wenn er die Sprachfähigkeit im allgemeinen Sinne meint. (Ab
jetzt Kompetenz genannt.) Darunter ist das Vermögen gefasst, überhaupt eine
Sprache zu erlernen. Wir hatten bereits gesehen, dass Chomsky dies mithilfe
eines Kalküls bzw. seines Prinzipien- und Parametermodells im Rahmen einer
universalen Grammatik als spezifische kognitive Struktur erklärt. Davon zu
unterscheiden ist die jeweils konkrete, einer bestimmten Sprache zugehörige
kognitive Struktur, die eine Person erwirbt, wenn sie Sprecher der für sie primä-
ren Sprache wird. (Kompetenz). Sie ist gemeint, wenn von der Kompetenz im
Gegensatz zur Performanz die Rede ist. Für Chomsky ist die Kompetenz wie
die Kompetenz keine private Fähigkeit, sondern eine (unbewusste) Kenntnis,
ein Wissen. Davon zu unterscheiden ist die dritte Ebene der individuellen
Sprachfähigkeit, die im je eigenen Gebrauch der Sprache, in der je individuellen
Performanz zum Ausdruck kommt.572 (Kompetenz) Diese Kompetenz benutzt
zwar die Kompetenz, enthält aber auch noch „andere Kenntnis- und Überzeu-
gungssysteme“573: „Wir verwenden die Sprache vor dem Hintergrund geteilter
Annahmen über Dinge und innerhalb des Bezugsrahmens eines Systems sozialer
Institutionen.“574 Es geht aber auch hier nicht um die Bildung von Sätzen, son-
570
Ders. 1981: 224.
571
Vgl. dazu Schneider, H.J. 1992: 44ff.
572
Chomsky spricht hier auch von „pragmatischer Kompetenz“ (Chomsky 1981: 225).
573
Ebd.: 225, 247.
574
Ebd.: 247f.

211
dern um Regeln, die sich auf den Gebrauch von Sätzen in bestimmten Situatio-
nen beziehen, auf das, „was jemand unter besonderen Umständen tut.“575
Chomskys Theorieentwurf ist also durchaus auf kommunikationstheoretische
Fragestellungen übertragbar, auch wenn für ihn gilt, dass „die Performanzfor-
schung im Wesentlichen auf den Fortschritten im Verständnis der Kompetenz
(aufbaut).“576
Es ist nun für unseren Zusammenhang von besonderem Interesse, den Status
der Kompetenz zu verstehen, denn er verweist laut Chomsky auf die universa-
listische Dimension, die jeder Sprecher-Hörer in Anspruch nehmen muss, wenn
er überhaupt eine Sprache sprechen, verstehen und lernen will. Chomsky sagt
hier, es handle sich um ein Wissen und nicht um ein Können. Dieses Wissen
charakterisiert er als stillschweigend und unbewusst, als ein „implicit“ bzw.
„tacit knowledge“.577 Es hat zwar „die Struktur und den Charakter von Kenntnis
(Wissen, D.P.), kann aber dem Bewusstsein unzugänglich sein.“578 Wenn die
Kenntnis der Sprache jedoch dem Sprecher selbst unbekannt ist bzw. sein kann,
ist die Erforschung dieser Kenntnis zwangsläufig der Versuch, „das zu spezifi-
zieren, was der Sprecher wirklich kennt, und nicht das, was er über seine
Kenntnis berichten kann.“579 Chomsky geht später noch einen Schritt weiter,
wenn er schreibt:

„Es gibt keinen Grund für die Annahme, dass wir einen privilegierten Zugang
zu den Prinzipien haben, die in unsere Kenntnis und unseren Sprachgebrauch
Eingang finden, Form und Bedeutung von Sätzen oder deren Gebrauchsbedin-
gungen bestimmen oder das ‚mentale Organ’ Sprache auf andere kognitive
Systeme beziehen.“580

Es gibt diesen Grund nicht, weil die explizite Kenntnis der Kompetenz wie
auch der Kompetenz dem Argument der unzureichenden Stimuli beim Sprach-
erwerb zuwider läuft. Das sprachlernende Kind kann nicht auf ein Können zu-
rückgreifen, sondern muss ein (angeborenes) Wissen haben, da ein Können
durch Training und Erfahrung erworben wird, also gerade das ausmacht, was im
Spracherwerbsprozess nicht stattfindet.581 Sprachfähigkeit ist daher zum Bei-
spiel nicht mit dem Vermögen des Radfahrens, einem Knowing how, vergleich-
bar.582 Das in der Kompetenz ausgedrückte Wissen hat vielmehr propositionalen
Charakter, es ist ein Knowing that. Allgemeine Sprachfähigkeit ist demnach
575
Ebd.: 226.
576
Ebd.
577
Vgl. ders. 1986: 270ff.
578
Ders. 1981: 76. Vgl. Chomsky 1986: 269.
579
Ders. 1970: 20.
580
Ders. 1981: 244f.
581
Vgl. ders. 1986: 8.
582
Vgl. ders. 1995: 307f.

212
eine Kompetenz, die wir zum größten Teil nicht direkt kennen, sondern nur
indirekt, insofern wir ihre Produkte kennen.583 Mehr noch: Die Konstruktionstä-
tigkeit der Grammatik in Chomskys Sinne ist dem Sprecher so fremd wie alle
Prozesse in seinem Hirn.584 Mit der Kompetenz geht es ihm also um bestimmte
Strukturen hinter dem Sprechen, die sich nur indirekt erfassen lassen. Und diese
Strukturen zu rekonstruieren, ist die Aufgabe einer Universalgrammatik. Ver-
harrte die Untersuchung der Grammatik dagegen auf der Beschreibung von
Oberflächenstrukturen, könnte etwa dem Phänomen der Ambiguität nicht Rech-
nung getragen werden.585 Das ist der Grund, warum Chomsky zwischen Ober-
flächen- und Tiefenstrukturen unterscheidet und auf deren Nichtidentität be-
harrt, weil einer Oberflächenstruktur mehr als eine Tiefenstruktur entsprechen.
Das Wissen davon ist dem Sprecher selbstreflexiv nicht zugänglich, auf seine
Selbstauskünfte sind also kein Verlass, da die „Berichte und Ansichten eines
Sprechers über sein Verhalten und seine Kompetenz irrig sein können.“586
Chomsky schließt daher vom Argument der mangelhaften Stimuli und der Dif-
ferenz von Oberflächen- und Tiefenstruktur auf ein (hypothetisches) Wissen des
Sprechers, von dem er ohne besonderes Wissen nichts weiß. Die Art dieses
Schlusses kennen wir aus dem vorangehenden Abschnitt: Er ist abduktiv. Von
der überraschenden Tatsache der mangelhaften Stimuli wird auf das Kalkül der
Sprachfähigkeit geschlossen, weil diese Erklärung das Überraschende der man-
gelhaften Stimuli beseitigt.

C Die zentralen Merkmale einer Kompetenztheorie

Soll Chomskys Vorgehensweise nun allgemeiner gefasst werden, ließe sich


sagen, dass er mit einem Verstehensbegriff operiert, dem es nicht um Nachvoll-
zug einer prinzipiell dem Bewusstsein zugänglichen sprachlichen Konstrukti-
onstätigkeit geht; er will vielmehr das Kalkül hinter den beobachtbaren Phäno-
menen der Performanz verstehen. Da dieses dem direkten Zugriff verschlossen
ist, kann die Kompetenz im konkreten Falle einer Einzelsprache wie auch die
Kompetenz nur über die Performanz entschlüsselbar sein, wobei die Kompe-
tenz qua ihrer Idealisierungsstrategie die Form der Sprache, die Performanz
583
Vgl. dazu Schneider 1992: 75.
584
Schneider zitiert zur Verdeutlichung dieses Aspektes zwei treffende Sätze aus den Cahiers
von Paul Valéry: „Die Worte sind noch mehr Teil unserer selbst als die Nerven. Wir kennen
unser Gehirn nur vom Hörensagen.“ (Schneider 1992: 73)
585
Chomskys berühmter Beispielsatz lautet ‚The shooting of the hunters’, bei dem sich auf
bezeichnende Weise nicht unterscheiden lässt, ob hier Jäger schießen oder geschossen werden.
(vgl. Chomsky 1973: 105f.)
586
Ders. 1970: 20.

213
aber ihre Deformation ist. Anders gefasst: „Die Form ist dekodierbar nur aus
ihrer Deformation.“587
Damit sind wir (wieder) am kritischen Punkt von Chomskys Argumentation
angelangt. Offenbar bedient sie mit der Differenz von Kompetenz (oder wie
Chomsky auch sagt: I-Language, interne Sprache) und Performanz (oder E-
Language, externe Sprache) ein binäres Schema. Behauptet Chomsky damit
nicht, dass es eine (eigenständige) Sprache hinter dem (einzelsprachlichen)
Sprechen gibt? Oder allgemeiner gefragt: Ist in Chomskys Modell nicht eine
Zwei-Welten-Ontologie präsupponiert?
Die Frage, ob man sich mit der Bezugnahme auf Chomskys Kompetenztheo-
rie zwangsläufig in einen „impliziten Platonismus“588, also in die Ontologisie-
rung zweier hierarchisch geordneter Welten verwickelt, ist für unser Vorhaben
von entscheidendem Interesse: Ontologisierung des Gegenstandsbereiches wur-
de wiederholt auch Oevermanns Theorieentwurf vorgeworfen.589 Dieser Vor-
wurf ist ernst; er beinhaltet, dass die Objektive Hermeneutik, entgegen ihres
Anspruchs, aufgrund irriger theoretischer Annahmen mit der je konkreten Inter-
pretation eben diese irrigen Annahmen zum Ausdruck bringt. Fraglich ist also,
ob die Grundannahmen der Objektiven Hermeneutik nicht eine Zwei-Welten-
Ontologie impliziert und insofern den je konkreten Gegenstand verfehlt. Auch
wenn wir noch nicht behandelt haben, wie Oevermann Chomsky rezipiert, wer-
den wir diese Frage bereits hier, auf abstraktem Niveau, diskutieren, weil damit
eine Reihe von Missverständnissen von vornherein vermieden wird.
Zunächst ist es aber sinnvoll, sich noch einmal die Vorzüge von Chomskys
Kompetenztheorie zu vergegenwärtigen. Wie auch immer man sie bewerten
mag, eine Leistung besteht darin, Sprache nicht mehr als Repräsentation eines
Außersprachlichen zu denken. Das repräsentationale Sprachkonzept macht mit
seiner Referenztheorie der Bedeutung und seiner Auszeichnung des Behaup-
tungssatzes die Sprache zum Abbild, Medium oder Organ einer der Sprache
selbst vorgelagerten Ordnung. Sprachlicher Sinn würde damit, wie Albrecht
Wellmer das nennt, „objektivistisch“ aufgefasst: „Er, der sprachliche Sinn, ist,
wo er auftritt, immer schon fertig da, allenfalls noch aufzufassen, auszudrücken,
zu verstehen, auszulegen, zu übersetzen, aber doch so, dass dies Auffassen,
Ausdrücken, Verstehen, Auslegen, Übersetzen dem Sinn des schon vorhandenen
sprachlichen Sinns nichts hinzufügt – gerade so, wie das Mineral schon da ist,
das der Wissenschaftler in seiner Struktur zu erkennen versucht.“590 In Choms-
587
Krämer 2001: 53.
588
Dies. 2002: 110.
589
Vgl. Radtke 1985: 334ff.; Reichertz 1986: 209ff.; 283ff.; Sutter/Weisenbacher 1993; Hahn
1994: 230ff., Schröer 1994: 13ff.; Bora 1997: 246f.; Nassehi 1997: 147f.; Sutter, T. 1997:
309ff.
590
Wellmer 1995: 124. Objektivistisch nennt Wellmer konsequent auch die intentionalisti-
schen oder konventionalistischen Sprachtheorien: In beiden Fällen wird sprachlicher Sinn als

214
kys Kompetenztheorie kommen dagegen Form, Ordnung, System und Regel in
der Sprache nicht mehr bloß zur Darstellung, sondern werden in ihr lokalisiert:
„Die Sprache wird zur Springquelle von Form, Systematizität und Regel, und
das macht sie autonom; die Sprache stellt Strukturen nicht dar, sondern wird
selbst zur strukturgebenden Instanz. [...] ‚Sprache’ bzw. ‚Kommunikation’ wer-
den damit zu Gegenständen sui generis, zu autonomen Objekten.“591 Die ratio-
nalisierbare Ordnung und Vernünftigkeit gehen der Sprache also nicht mehr
voraus, sondern sind ihr inhärent. Allerdings: Die von Chomsky überwundene
Relation von Sprache und Außenwelt verlagert sich mit der Unterscheidung von
Kompetenz und Performanz ins Innere der Sprache. Das gerade ist der kritische
Punkt: Es sieht so aus, als ob das Problem nur verschoben, nicht aber gelöst
worden sei. Um dieses Problem klären zu können, hilft es, zusammenfassend
die zentralen Merkmale einer – nicht nur der durch Chomsky entwickelten –
Kompetenztheorie zu benennen:592

(1) Universalität: Es gibt (grammatische, pragmatische) Universalien, an


denen alles teilhat, was überhaupt Handlung resp. Sprache genannt
werden kann. Diese sind nicht hintergehbar, weil die Kritik daran sie
selbst wieder zur Anwendung bringt. Ohne die Annahme von Univer-
salien kann weder die Tatsache der mangelhaften Stimuli beim Sprach-
erwerb noch die Kreativität der Sprache bzw. des Handelns überhaupt
erklärt werden. Allgemein ausgedrückt: Ohne die (konstitutionslogi-
sche) Annahme von universalen Kategorien können weder sinnstruktu-
rierte Handlungen entstehen noch erklärt werden.

(2) Invisibilität: Es gibt einen logisch-genealogischen Vorrang der Sprache


gegenüber dem Sprechen: Erst die Kompetenz macht Performanz mög-
lich. Kompetenz ist aber als Entität unsichtbar und also dem direkten
Bewusstsein entzogen. Sie ist kein empirisches Datum, sie muss theo-
retisch erschlossen werden. Der Modus dieser Erschließung ist auf die
Abduktion angewiesen. Es gibt demnach einen logisch-genealogischen,
oder besser: konstitutionslogischen, Vorrang der objektiven Wahrneh-
mungs- und Handlungsstruktur vor dem einzelnen Wahrnehmen bzw.
Handeln. Erst die nicht reduzierbare Eigenlogik der objektiven Sinn-
struktur macht den subjektiv intendierten Sinn möglich. Diese objekti-

etwas mit Hilfe von Sprachzeichen bloß Ausgedrücktes oder Bezeichnetes erklärt. (vgl. ebd.:
125)
591
Krämer 2001: 97.
592
Diese Zusammenstellung orientiert sich an Sibylle Krämers Argumentation in Krämer
2001: 98ff. (vgl. auch dies. 2002: 109f.) Krämer nennt solche Kompetenztheorien ‚logosorien-
tiert’ bzw. ‚intellektualistisch’, weil sie ein hierarchisches Verhältnis von Muster und Realisie-
rung, Kompetenz und Performanz aufmachen. (vgl. dies. 2001: 96f.)

215
ve Struktur ist ebenfalls kein empirisches Datum, sondern muss abduk-
tiv erschlossen werden.

(3) Idealität: Um überhaupt von der Performanz auf die Kompetenz


schließen zu können, bedarf es als Heuristik der Idealisierung. In deren
Zuge wird die Performanz so behandelt, als ob sie die Kompetenz rep-
räsentiert, und zwar insofern in der klassischen Weise, als die Existenz
des Repräsentierten vorausgesetzt werden muss, damit eine Repräsen-
tation überhaupt Sinn macht. Das hat (wenigstens) zwei entscheidende
Konsequenzen. Zum einen: Da die Performanz von der zugrundelie-
genden Kompetenz hervorgebracht wird, ist eine Rückwirkung der Per-
formanz auf die Kompetenz ausgeschlossen. Zum anderen: Die Heuris-
tik der Idealisierung ermöglicht es, nicht nur die wirkliche Performanz
zu untersuchen, sondern auch die (von der Kompetenz her) mögliche.

(4) Regelbezug: Regeln (bzw. Prinzipien und Parameter) spezifizieren die


notwendigen und hinreichenden Bedingungen von (sprachlicher, hand-
lungslogischer) Kreativität. Dabei sind Regeln keine nachträglichen
Beschreibungen, sondern das, worüber wir verfügen müssen, um über-
haupt handeln zu können. Regeln konstituieren die sinnlogische Ver-
knüpfung von Wahrnehmungs- und Handlungssequenzen.

(5) Können als Wissen: Aus der Annahme der Regelkonstituiertheit folgt,
dass Sprache (und Handeln) wissensstrukturiert ist. Dieses Wissen ist –
weil regelgeleitet – propositional darstellbar. Es ist dennoch nicht als
eine praktische Fähigkeit erklärbar, sondern als eine kenntnisfundierte
Fähigkeit, als ‚tacit knowledge’. Dieses Knowing how ist aber als ein
Knowing that rekonstruierbar. Denn das Können gründet in einem
Wissen und ist als ein Kenntnissystem nicht nur darstellbar, sondern
auch erklärbar.

(6) Medienindifferenz: Kompetenz realisiert sich zwar in materiellen Ge-


gebenheiten, ist selbst aber nicht materiell und deshalb auch medienin-
different. Medien gehören ausschließlich der Seite der Ausführung und
Aktualisierung an, kommen erst dann ins Spiel, wenn vom medienin-
differenten System unter raum-zeitlichen Bedingungen Gebrauch ge-
macht wird. Medien sind also Realisierungsphänomene. Die Kompe-
tenz selbst ist aber kein Medium.

(7) Realitätsindex: Obwohl die Kompetenz ein theoretisches Konstrukt ist,


ist die Rekonstruktion der Kompetenz mit dem Anspruch verknüpft,
dass sie nur zur Darstellung bringt, was als Regel- und Kenntnissystem

216
tatsächlich existiert und mit der Performanz zur Anwendung kommt.
So wie die Idealisierung zwar eine kontrafaktische Unterstellung ist, ist
sie als notwendige Prässupposition in jedem Performanzereignis tat-
sächlich operativ wirksam.

Die Kritik an der Kompetenztheorie könnte nun an jedem einzelnen Punkt an-
setzen und ist so auch wiederholt geführt worden.593 Für unseren Zusammen-
hang ist lediglich die Grundrichtung der Kritik wichtig, um zu sehen, ob sie die
kompetenztheoretische Position tatsächlich unmöglich macht.

3.2. Die Kritik des Kompetenzparadigmas und eine mögliche Lösung mit
dem Modell der Inferenz

Als der großen Gegenspieler zum Kompetenz-Performanz-Paradigma Choms-


kys wird in aller Regel der späte Wittgenstein bemüht. Günther Grewendorf hat
die beiden Theorieentwürfe pointiert gegenübergestellt:

„In der Sprache, sagt Wittgenstein, stimmen die Menschen überein, und dies
sei keine Übereinstimmung der Meinungen, sondern der Lebensform. Diese
Auffassung von der Sprache hat zu dem Schluss geführt, dass es eine Sprache
nur geben kann, wenn es diese Form der Übereinstimmung gibt. Sprache ist al-
so konstituiert durch Gemeinschaft.
In der Sprache, sagt Chomsky, stimmen die Menschen überein, und dies sei
keine Übereinstimmung der Meinungen, sondern der Natur. Diese Auffassung
von der Sprache hat zu dem Schluss geführt, dass es eine Sprache auch dann
geben kann, wenn es keine Gemeinschaft gibt, die in ihrer Lebensform überein-
stimmt. Sprache ist also konstituiert durch biologische Ausstattung.“594

Es scheint sich hier, so auch die gängige Überzeugung, um zwei Auffassungen


von Sprache zu handeln, die nicht miteinander verträglich sind. Grewendorf
kann dagegen zeigen, dies müsse man so nicht sehen, wenn man einerseits
streng auseinander hält, dass es Wittgenstein um den Sprachgebrauch, Chomsky
aber um das Sprachsystem geht und man sich andererseits einen genauen Begriff
des Verhältnisses von Gebrauch und System macht. Grewendorfs Lösungsvor-
schlag ergibt sich dabei aus seiner Interpretation des Problems, das meist als
entscheidend im Hinblick auf die Kompetenztheorie gehandelt wird: das Privat-
sprachenargument in Ludwig Wittgensteins Philosophischen Untersuchungen.
593
Vgl. Botha, R. P.: Challenging Chomsky. The Generative Garden Game. Oxford 1989;
Schneider, H. J. 1992: 35ff.; Krämer 2002. Eine nahezu kritiklose Bezugnahme auf Kompe-
tenztheorien, wie sie etwa Garz 1984, Sutter, H. 1997, Wagner 2001 und Wagner 2004 versu-
chen, scheint dem gegenwärtigen Forschungsstand entsprechend jedenfalls nicht mehr mög-
lich zu sein.
594
Grewendorf 1995: 9.

217
A Wittgensteins Einwand: Privatsprachenargument und praxeologischer
Regelbegriff

Das Privatsprachenargument wird gern für eines der schwierigsten philosophi-


schen Probleme gehalten. Nach Grewendorf liegt das nicht nur am Dissens über
seine Stichhaltigkeit, sondern insbesondere an der Unklarheit darüber, worin es
eigentlich besteht.595 Ein Thema für sich, das eine breit angelegte Debatte erfor-
dert. Diese kann und braucht hier nicht geführt werden.596 Stattdessen soll das
Privatsprachenargument im Hinblick auf Wittgensteins Argumentation in Bezug
auf das binäre Schema der Kompetenztheorie gelesen werden.
Erinnern wir uns: Bei Chomsky sah es so aus, als ob auf der einen Seite die
Kompetenz stehe und auf der anderen, scharf davon getrennt, die Anwendung
der Kompetenz. Demnach würde die Kompetenz eine Handlungsweise (etwa
eine konkrete Sprachhandlung) bestimmen, indem sie mithilfe des Kalküls ein
Richtigkeitskriterium liefert, das Auskunft darüber gibt, was eine richtige oder
falsche Performanz ist. Die Kompetenz stünde so als eine Art Regelwerk da, das
Richtigkeit festlegt, zum Beispiel die Richtigkeit grammatischer Ausdrücke.
Und so scheint es Chomsky auch zu meinen: Die Kompetenz sichert als algo-
rithmisches Kalkül die Produktion (und das Erlernen) grammatisch wohlge-
formter Sätze; anders gesagt: Die Kompetenz gibt die Regeln an die Hand, mit
denen sich richtige Performanzen bilden lassen. Das heißt aber, in jedem An-
wendungsfall automatisch eine Interpretation der zugrunde liegenden Regel
anzusetzen, denn man muss wissen – ob nun stillschweigend oder nicht –, was
man anwendet, wenn man es richtig anwenden will. Nach Wittgenstein führt das
auf ein Paradox.597 In den Philosophischen Untersuchungen schreibt er:

„Unser Paradox war dies: eine Regel könnte keine Handlungsweise bestimmen,
da jede Handlungsweise mit der Regel in Übereinstimmung zu bringen sei. Die
Antwort war: Ist jede mit der Regel in Übereinstimmung zu bringen, dann auch
zum Widerspruch. Daher gäbe es hier weder Übereinstimmung noch Wider-
spruch.“598

Man bräuchte also ein Kriterium, das Auskunft darüber gibt, wann man es mit
Übereinstimmung und wann nicht zu tun hat. Darin stecke aber, so Wittgen-
stein, ein Missverständnis, weil dieser Gedankengang eine beliebige Praxis des
595
Vgl. ebd.: 14.
596
Vgl. dazu aber Vossenkuhl 2003: 259ff. und von Savigny 1996: 106ff.; vgl. zum Problem
des Regelfolgens auch Esfeld 2002: 96ff.; vgl. weiter Wellmer 2004: 85ff. und Schroeder, S.:
Das Privatsprachen-Argument. Wittgenstein über Empfindung und Ausdruck. Paderborn 1998.
597
Es ist nicht ganz richtig, von einem Paradox zu sprechen: Adolf Rami zeigt, dass Wittgen-
steins Paradox des Verstehens in vier verschiedenen Versionen rekonstruiert werden kann. Die
Konklusion ist in allen diesen vier Versionen aber identisch. Vgl. Rami, A.: Wittgensteins
Paradoxon des Verstehens. In: Zeitschrift für philosophische Forschung. Bd. 56. Heft 2. 2002.
598
Wittgenstein 1984a: §201.

218
Regelbefolgens impliziert. Entsprechend Wittgensteins allgemeiner Methode,
derzufolge die Ursachen für philosophische Missverständnisse in sprachlichen
zu suchen sind, fragt er nun weiter, wie dieses Missverständnis entstehen konnte
und findet den entscheidenden Fehler darin, dass hier „Deutung hinter Deutung“
gesetzt wird.599 Der Fehler passiert, meint Wittgenstein, wenn die Bedeutung
selbst von ihrer Befolgung getrennt und in das Innere, in den Raum des Menta-
len verlegt wird. Jede Person hätte dann in sich Regeln, die sie nach ihren eige-
nen Maßstäben erzeugt. Bei der Befolgung einer Regel würde man so ein inne-
res Ereignis hinter ein inneres Ereignis setzen, eine Deutung hinter eine Deu-
tung. Der Eindruck der Beliebigkeit wird nach Wittgenstein also erzeugt, indem
uns nichts und niemand mehr daran hindern kann, jedes Regelbefolgen mit
beliebig vielen verschiedenen inneren Akten oder eben Deutungen zu verbin-
den: Hinter jeder Deutung steckt noch eine, hinter jeder Regel wieder eine ande-
re Regel. – Das ist das Argument vom Regress der Regeln.
In diesem selbsterzeugten Fehler, dem Regelregress, sei jedoch – so argu-
mentiert Wittgenstein – schon enthalten, „dass es eine Auffassung einer Regel
gibt, die nicht eine Deutung ist.“600 Denn am Ende aller Deutungen soll ja die
wahre und einzig richtige stehen, die nicht mehr nur deutet, sondern der Wirk-
lichkeit selbst entspricht. Das heißt, am Ende fällt die Regel mit ihrer Befolgung
zusammen und das scheinbare Paradox löst sich auf. Laut Wittgenstein kann
man daran sehen, dass Regelfolgen kein Deuten ist, sondern eine Praxis, ein Tun
und keine Abfolge innerer Ereignisse. „’Deuten’ aber“, schreibt er daher, „sollte
man nur nennen: einen Ausdruck der Regel durch einen anderen ersetzen.“601
Dabei fragt sich, was das heißen soll: Regelfolgen ist eine Praxis. Ein Teil
der Antwort steckt bereits in der geführten Argumentation. Wenn das Innere als
Wurzel oder Basis von Regelfolgen und damit auch von Bedeutung ausscheidet,
gibt es keine identifizierbaren Ursachen des Regelfolgens resp. der Bedeu-
tung.602 Denn eine mentale (und das ist nach Wittgenstein auch: eine lokalisier-
bare) Verursachung ist damit gerade ausgeschlossen. In dieser antipsychischen
(und antiphysikalischen) Sichtweise ist enthalten, was als Kern von Wittgen-
steins Regelbegriff gilt:
603
„Wenn ich der Regel folge, wähle ich nicht. Ich folge der Regel blind.“

599
Ebd.
600
Ebd.
601
Ebd.
602
Vgl. ders. 1984b: 20ff. Wittgenstein diskutiert hier, warum Regelfolgen und Bedeutung
kein psychologisches Phänomen sein kann. Das gesamte Problem ist daher eng mit seiner
Philosophie der Psychologie verbunden. Vossenkuhl hat diesen Zusammenhang ausführlich
dargestellt. Vgl. Vossenkuhl 2003: 229ff.
603
Wittgenstein 1984a: §219.

219
Wir folgen Regeln demnach ohne Gründe und ohne Reflexion, indem wir uns
auf „erfahrungsmäßige Begründungen“604 beziehen, das heißt, jemand folgt
einer Regel nur insofern, als in seinem (gesellschaftlichen) Umfeld eine entspre-
chende Handlungsweise in „ständigem Gebrauch“605 herkömmlich ist.606 Regel-
folgen bezieht sich also immer auf die Umgangsformen, die die anderen zur
Verfügung stellen. Auf die Bedeutung angewendet meint dies: „Eine Bedeutung
eines Wortes ist eine Art seiner Verwendung. Denn sie ist das, was wir erlernen,
wenn wir das Wort zuerst unserer Sprache einverleibt haben.“607 Insofern muss
„schon viel in der Sprache vorbereitet sein“608, damit Regelfolgen resp. die Rede
von Bedeutung überhaupt sinnvoll ist. Von hieraus erklärt sich die berühmte
Formulierung, wonach „die Bedeutung eines Wortes sein Gebrauch in der Spra-
che (ist)“.609 Wenn die Bedeutung eines Wortes aber sein Gebrauch und – so
meint es Wittgenstein – die Fähigkeit zum Regelfolgen damit grundsätzlich eine
soziale Fähigkeit ist, kann Regelfolgen kein (theoretisch) fixierbares Fundament
haben. Denn der Begriff des Regelfolgens ist, wie der des Spieles, einer mit
„verschwommenen Rändern“.610 Der (für uns) wichtigste Gedanke darin lautet:
Die Bedeutung eines Wortes wie auch das Befolgen einer Regel verweist nicht
auf ein (mentales, psychologisches, physikalisches) Etwas, sie liegt vielmehr in
der Erklärung, die man für dieses Wort, diese Regel geben kann.611 Und die
Bedeutung eines Ausdrucks wird so erklärt, dass man aufzeigt, wie der betref-
fende Ausdruck in verschiedenen Situationen (Sprachspielen) benutzt wird.
Nicht der Satz, sondern das Sprachspiel ist demzufolge die fundamentale Ein-
heit, welche Sinn trägt und vermittelt: Die Bedeutung eines Zeichens ist die Art
und Weise, in der es innerhalb eines Sprachspiels verwendet wird. Der Termi-
nus Sprachspiel soll uns darauf aufmerksam machen, dass „das Sprechen der
Sprache ein Teil einer Tätigkeit (ist), oder eine Lebensform.“612 Als ein Sprach-
spiel fasst Wittgenstein infolgedessen das Umfeld des Gebrauchs eines Wortes
auf, also die Situation oder den Kontext des Gebrauchs eines Wortes und die
Tätigkeiten, die mit diesem Gebrauch verbunden sind. Die Bedeutung eines
Wortes und der Sinn eines Satzes (wie der eines jeden komplexen sprachlichen
Gebildes) ist also dessen Gebrauch in bestimmten Sprachspielen. Wir sprechen
nicht so, wie wir sprechen, weil wir Regeln folgen, denn Regeln sind kein den
604
Ders. 1984: §296.
605
Ders. 1984a: §198.
606
Vgl. Savigny 1996: 120.
607
Wittgenstein 1984: §61; vgl. zu Wittgensteins Auffassung der Bedeutung: 1984a: §43,
§138, §432, §558–564; 1984b: 20, 104, 109f., 113f.
608
Ders. 1984b: §257.
609
Ebd.: §43.
610
Ebd.: §71.
611
Vgl. ebd.: §560: „Die Bedeutung des Wortes ist das, was die Erklärung der Bedeutung
erklärt.“
612
Ebd.: §23.

220
Sprachgebrauch determinierendes Element. Wir sprechen so, wie wir sprechen,
weil wir Regeln vollziehen, weil Regelfolgen eine Praxis ist. Nach diesem „pra-
xeologische Regelverständnis“613 sind Regeln also nicht normativ: Wir gebrau-
chen Sprache nicht richtig oder falsch, sondern wir können Sprache nur gebrau-
chen oder nicht gebrauchen.614 Und wenn wir mit einem abweichenden Spre-
chen konfrontiert werden, dann ist das entweder überhaupt kein Sprechen, oder
es ist – wie in der Literatur häufig anzutreffen – ein neuartiges Sprachspiel.
Nach Wittgenstein lässt sich daraus ersehen, dass die Angabe vollständiger
und eindeutiger Regeln für die Anwendung eines Zeichens nicht die Vorausset-
zung ist, diesem Sinn zuzuordnen. Mehr noch: Wer einer Regel folgt, braucht
nicht einmal einen Ausdruck für sie zu haben. Es braucht gar nichts Gemeinsa-
mes zwischen allen Dingen, auf die sich ein und derselbe Begriff bezieht, denn
es gibt laut Wittgenstein weder ein Gemeinsames, unter das alle Begriffe eines
Dinges fallen, noch einen vollständigen Regelkanon für die Anwendung unserer
Wörter in der Realität. Dennoch sind wir in der Lage, die Wörter in einer inter-
subjektiv verständlichen Weise anzuwenden. Er zeigt dies am Wort ‚Spiel’:
Wenn wir die zahlreichen Phänomene untersuchen, die von uns als Spiel be-
zeichnet werden, finden wir keinen gemeinsamen Nenner zwischen Brettspie-
len, Kartenspielen, Tanzspielen, Ballspielen etc. Zwischen all diesen Spielen
gibt es zwar Ähnlichkeiten, aber diese bilden ein hoch „kompliziertes Netz von
Ähnlichkeiten, die einander übergreifen und kreuzen“.615 Ein bestimmtes Etwas,
auf das sich der Begriff des Spiels bezieht, ist darin nicht zu entdecken, lediglich
eine Familienähnlichkeit der Begriffe, die allerdings hinreichend spezifisch ist,
um intersubjektive Verständigung zu ermöglichen.616 Immer aber, wenn wir
anfangen, dieses Etwas doch zu suchen, sind wir laut Wittgenstein in scheinba-
re, erzeugte Probleme verwickelt, in die „Verhexung unseres Verstandes durch
die Mittel unserer Sprache.“617 Das ganze Unterfangen Wittgensteins könnte
613
Krämer 2001: 130.
614
Das steht im deutlichen Widerspruch zu Kants Regelverständnis, mit dem Wittgenstein hier
einen indirekten Dialog zu führen scheint. Vgl. Kant 1995: A131–A134.
615
Wittgenstein 1984a: §66.
616
Vgl. ebd.: §67.
617
Ebd.: §109. Wittgenstein war sich bewusst, dass solche Verhexungen meist dort auftau-
chen, wo man sie am wenigsten erwartet. Das lässt sich gut an der Vereinnahmung des Witt-
genstein’schen Spielbegriffs durch die (poststrukturalistische) Literaturtheorie zeigen. Hier
wird aus dem Befund, dass es ein allen Spielen gemeinsames Etwas nicht gebe, kurzerhand
auf ein plurales Nebeneinander ganz unterschiedlicher und gleichwertiger Spiele geschlossen.
Dieser Kurzschluss erlaubt es, den Begriff selbst – entgegen Wittgensteins Einspruch - zu
funktionalisieren. So meint Thomas Anz etwa, Wittgensteins Spielbegriff lasse sich in dem
Satz zusammenfassen „Betrachte und vergleiche eine Vielzahl konkreter Spielpraktiken auf
Gemeinsamkeiten und Differenzen hin!“ (Anz, T.: Literatur und Lust. Glück und Unglück
beim Lesen. München 2002: 47) Das entspricht der Art von Trivialisierung, die Wittgenstein
mit Verhexung meint: Wittgenstein geht es gerade um die Schwierigkeit, dass der Spielbegriff
einerseits auf kein gemeinsames Etwas verweist, er aber andererseits im Gebrauch dennoch
normative Ansprüche erhebt. Spiel ist deshalb kein Funktionsbegriff, um danach zu „fragen,

221
man daher auch so charakterisieren, nicht auf die Täuschung zu verfallen, hinter
dem Gebrauch, der Lebensform, den Sprachspielen noch etwas Anderes zu
suchen: „Die philosophischen Probleme entstehen, wenn die Sprache feiert.“618,
wenn sie die Phänomene hypostasiert. Wittgenstein versteht dagegen seine Phi-
losophie (und die Philosophie generell) als „Einsicht in das Arbeiten der Spra-
che“.619 Denn philosophische Probleme entstehen, wie erwähnt, aus sprachli-
chen Missverständnissen, dann nämlich, wenn die mit den Mitteln der Sprache
vorgenommenen Idealisierungen, die eine Eigenschaft der Beschreibungsmittel
sind, auf das Beschriebene selbst übertragen werden, wenn wir „in der Idee“
leben, „das Ideal müsse sich in der Realität finden“.620 Indem Wittgenstein die
Idealisierung und damit die Unterscheidung von Regel und Anwendung der
Regel ablehnt, diskreditiert er folglich nicht die Idealisierung als solche, sondern
allein den Versuch, das Ideal in die Dinge selbst hineinzulegen. Alles, was von
Bedeutung ist, liegt dagegen offen zutage: Hinter den Phänomenen ist nichts.
Das scheint uns aber (aufgrund der Verhexung unseres Verstandes) schwierig
nachvollziehbar zu sein: „Es ist so schwer, den Anfang zu finden. Oder besser:
Es ist schwer, am Anfang anzufangen. Und nicht zu versuchen, weiter zurück-
zugehen.“621 Der Anfang liegt in der Lebensform, in einem Begriff mit ver-
schwommenen Rändern. Es gibt deshalb auch keine begründbare Rechtfertigung
dafür, dass wir einer bestimmten Regel und nicht einer anderen folgen. Das
zeigt noch einmal: „Einer Regel folgen, eine Mitteilung machen, einen Befehl
geben, eine Schachpartie spielen sind Gepflogenheiten (Gebräuche, Institutio-
nen).“622 Verhält es sich aber so, „kann nicht ein einziges Mal nur ein Mensch
einer Regel gefolgt sein.“623 Das würde nämlich heißen, Regelfolgen (doch) auf
eine mentale Basis zu stellen. Wittgenstein verankert sie stattdessen in dem, was
er hier Gepflogenheit nennt: „keine Übereinstimmung der Meinungen, sondern
der Lebensform“.624 Dies wiederum hat entscheidende Auswirkungen auf die
Vorstellung einer privaten Sprache. Denn diese kann ich nur entwickeln, weil

welche Art von Literatur mit welcher Art von Spielen verglichen oder gleichgesetzt wird“
(ebd.: 48), sondern ein Fallbeispiel für praxeologisches Regelverständnis. Wäre er dagegen ein
Funktionsbegriff im Sinne von Anz, hörte das Spiel auf, ein Spiel zu sein und könnte allenfalls
eine Metapher abgeben, die das unbezogene Koexistieren verschiedener Spielarten nebenein-
ander plausibel machen soll. Auf diese Vereinseitigung des Spielbegriffs wird in Kapitel III
3.2.A noch einmal zurückgekommen.
618
Ebd.: §38.
619
Ebd.: §109; vgl. zur Methode Wittgensteins Mussil 2001: 42ff., der sie dahingehend ver-
steht, dass „sich Wittgensteins Methode, überträgt man sie auf die Literaturwissenschaft, als
beispielhaft hermeneutische Methode beschreiben lässt“ (ebd.: 43).
620
Ebd.: §101; vgl. ebd.: §105.
621
Ders. 1984: §471. In den Bemerkungen über die Philosophie der Psychologie zitiert Witt-
genstein in diesem Zusammenhang Goethe: „Man suche nichts hinter den Phänomenen; sie
selbst sind die Lehre.“ (ders. 1984c: §889). Vgl. dazu Krämer 2001: 113f.
622
Ders. 1984a: §199.
623
Ebd.
624
Ebd.: §241.

222
ich eine Sprache gelernt habe, weil ich den Gepflogenheiten resp. der Lebens-
form folge. „Eine private Sprache, Bedeutungen, die nur mir zugänglich sind“,
schreibt entsprechend Wilhelm Vossenkuhl, „ist selbst als Gedankenexperiment
parasitär gegenüber der öffentlichen Sprache, die jeder gelernt haben muss, um
überhaupt etwas zu verstehen.“625
Diese Argumentation scheint die entschiedene Aufkündigung der Zwei-
Welten-Ontologie zu beinhalten. Im Horizont des praxeologischen Regelkon-
zeptes gelten praktische Vollzüge gerade nicht als Realisierungen bestimmter
Regeln; vielmehr ist es die Praxis, die vorgibt, wie einer Regel zu folgen ist.
Nicht die Regel geht der Praxis voraus, sondern die Praxis der Regel. Deshalb
können Regelbeschreibungen nicht als Erklärungen einer Praxis dienen. Regel-
beschreibungen zu erzeugen oder diese zu deuten sind selbst wieder Sprachspie-
le, die von denen, in denen wir der Regel blind folgen, unterschieden werden
müssen. Regelbeschreibendes und regelbefolgendes Sprachspiel stehen dem-
nach in keiner (tiefendimensionalen) Hierarchie hintereinander, sondern wie auf
einer Fläche nebeneinander. Im einzelnen Vollzug von Regeln wird auf kein
Wesen zurückgegriffen, es gilt stattdessen: „Das Wesen ist in der Grammatik
ausgesprochen.“626 Ganz ohne Ontologie kommt also auch Wittgenstein nicht
aus, nur dass es sich hier um eine flache Ontologie handelt, die keine metaphy-
sische Aufladung beansprucht.627 Seine Argumentation entzieht dem Primat der
Regel gegenüber dem praktischen Vollzug den Boden. Das heißt, Regeln selbst
sind kein Phänomen des Vollzugs, sondern ein Phänomen der Erklärung des
Vollzugs, da es für den Vollzug des Regelbegriffs nicht bedarf. Erst die Erklä-
rung sucht Halt bei einem Regelbegriff, die Praxis kann darauf verzichten. In-
dem Wittgenstein den Gebrauch eines Wortes und dessen Bedeutung ineinander
schaltet, setzt er Regelgebrauch und Regelfolgen nicht gleich, sondern sagt
lediglich: Genau dann und nur dann, wenn wir einen Gebrauch erklären wollen,
müssen wir Bezug auf einen Regelbegriff nehmen. Sonst aber, im alltagssprach-
lichen Umgang, folgen wir den Regel blind: Ein den Gebrauch steuerndes Kal-
kül gibt es nicht.628
625
Vossenkuhl 2003: 259.
626
Wittgenstein 1984a: §122.
627
Vgl. Krämer 2001: 130.
628
Das trennt den späten Wittgenstein deutlich vom frühen. Im Tractatus logico-philosophicus
orientierte sich Wittgenstein noch an Freges Kalkülisierung der Logik und Sprache und dessen
Projekt einer Begriffsschrift. Vgl. dazu Schneider, H. J. 1992: 143ff., 264ff.

223
B Die skeptische Lösung des Rechtfertigungsproblems

Von Wittgensteins Privatsprachenargument geht eine nicht zu leugnende Attrak-


tivität aus; es scheint eine Reihe hartnäckiger philosophischer Probleme auf
elegante Art und Weise zu lösen, nicht zuletzt vermeidet es die Bezugnahme auf
ein Zwei-Welten-Modell. Insofern scheint es eine echte Alternative zu Choms-
kys Ansatz abzugeben. Allerdings sieht das Privatsprachenargument unproble-
matischer aus als es tatsächlich ist. Einen der kritischen Punkte trifft Saul Krip-
kes berühmte Interpretation.629 Kripke hat den §201 der Philosophischen Unter-
suchungen isoliert untersucht und sich folgende Frage gestellt: Wenn jede
Handlungsweise, wie es §201 sagt, mit einer Regel in Übereinstimmung oder
Nicht-Übereinstimmung zu bringen ist, wie können wir dann überhaupt einer
Regel folgen?630 Kripke zeigt, dass jede endliche Reihe von Beispielen unend-
lich vielen logischen möglichen Regeln genügt. Das Beispiel, das er betrachtet,
ist die Regel der Addition und die Regel der Quaddition, die er erfindet. Additi-
on ist die Regel für die Operation ‚plus’, Quaddition für die Operation ‚quus’.
Die Quaddition ist, so Kripkes Gedankenexperiment, der Addition gleich für
alle Zahlen kleiner als 57, führt aber zu dem Ergebnis 5, wenn mindestens eine
der Zahlen 57 oder größer ist. Wenn nun die Regel Addition ist, ergibt 68 plus
57 das Resultat 125; wenn aber die Regel Quaddition ist, ergibt 68 und 57 das
Resultat 5. Falls eine gegebene Reihe von Beispielen nur Zahlen kleiner als 57
enthält, woher wissen wir dann, dass diese Reihe die Regel der Addition und
nicht die der Quaddition darstellen soll?
Kripkes Argument zielt auf die Frage der Rechtfertigung von Regelfolgen; es
wirft damit zwei unterschiedliche Probleme auf:631 zum einen das Infinitäts-
Problem – für jede Reihe von Beispielen oder Handlungen gibt es in jeder neuen
629
Es braucht uns hier nicht zu interessieren, ob Kripke eine plausible Wittgenstein-Lesart
bietet, weil es allein darum geht, das Problem des Regelfolgens im Hinblick auf die Kompe-
tenztheorie zu explizieren. Eine Anmerkung zur Einordnung Kripkes ist allerdings notwendig:
Wittgensteins Philosophie lässt sich, wie Mussil 2001: 43 betont, danach einteilen, wie der
Begriff der Erkenntnistheorie akzentuiert wird. Auffällig bei Wittgenstein ist ja, dass er keine
systematischen Aussagen entwickelt; er möchte kein neues erkenntnistheoretisches Arbeits-
programm im Stile Kants entwickeln, sondern den Glauben an die Möglichkeit solcher Pro-
gramme mit seiner Erkenntnistheorie erschüttern. Sein Begriff der Erkenntnistheorie bezeich-
net demnach einerseits, wie Erkenntnisse möglich sind, aber andererseits auch, wo die Er-
kenntnisse enden. Dementsprechend sind prinzipiell zwei Wege denkbar, Wittgenstein zu
lesen. Die eine Auffassung – wesentlich geprägt von P.M.S. Hackers Wittgensteins Place in
Twentieth Century Analytic Philosophy. Oxford 1996 – behauptet, Wittgenstein begründet
nicht, wie bestimmte Erkenntnisse funktionieren, sondern warum bestimmte Funktionen keine
Erkenntnisfunktionen sind. Die andere Auffassung ist diejenige Kripkes, der die entgegensetz-
te Position vertritt. Vgl. zur Kritik daran McGinn, C.: Wittgenstein on Meaning. An Interpreta-
tion and Evaluation. Oxford 1984; Baker, G./Hacker, P. M. S.: Scepticism, Rules and Langu-
age. Oxford 1984; vgl. weiter zum Argument Kripkes auch Vossenkuhl 2003: 262ff.
630
Vgl. Kripke 1987: 56ff.
631
Vgl. dazu Esfeld 2002: 100f.; vgl. auch Grewendorf 1995: 32.

224
Situation unbegrenzt viele mögliche Weisen, diese Reihe fortzusetzen; und zum
anderen das Normativitäts-Problem – für jede endliche Reihe von Beispielen
oder Handlungen und für jede neue Situation, die Reihe fortzusetzen, ist nicht
bestimmt, was die korrekte Weise ist, die Reihe fortzusetzen.632 Kripkes Ant-
wort auf diese Probleme ist eine skeptische: Die Regel vermag keine Hand-
lungsweise zu bestimmen, denn jede Handlungsweise lässt sich irgendwie mit
der Regel in Übereinstimmung bringen. Es gibt also laut Kripke keine Rechtfer-
tigung für die Anwendung einer Regel. Er sagt: Nicht nur kann dir das, was du
gemeint hast (zum Beispiel zu addieren) keinen Grund dafür liefern, dass du mit
125 und nicht mit 5 zu antworten hast, es gibt überhaupt kein dich betreffendes
Faktum, demzufolge du in der Vergangenheit ‚plus’ und nicht ‚quus’ gemeint
hast und es kann auch in der Gegenwart ein solches Faktum nicht geben. Das
heißt für Kripke, dass wenn vergangenes Meinen für gegenwärtiges Regelfolgen
keine Instruktion liefern kann, so kann auch gegenwärtiges Meinen keine In-
struktion für zukünftiges Regelfolgen liefern. Kripke sieht daher keine Mög-
lichkeit, dieses Paradox aufzuheben. Denn ihm zufolge ist die Frage danach,
worin das Faktum besteht, dass jemand einer ganz bestimmten Regel folgt, nicht
zu beantworten, weil das Faktum, nach dem gefragt wird, gar nicht existiert.
Kurz gefasst besagt seine skeptische Lösung des Paradoxes also, dass das zur
Debatte stehende Phänomen keiner wie auch immer gearteten Rechtfertigung
bedarf. Denn das Paradox trat ja nur auf, weil nach einer Begründung für etwas
gefragt wird, was keine (rechtfertigende) Begründung zulässt. Aber in diesem
Hinweis steckt auch die bereits von Wittgenstein vorgeschlagene Lösung des
Paradoxes: „Das Schwere ist hier, nicht bis auf den Grund zu graben, sondern
den Grund, der vor uns liegt, als Grund zu erkennen.“633 Anders als Kripke zu
unterstellen scheint, behauptet Wittgenstein selbst also keine skeptische Lösung
des Rechtfertigungsproblems. Vielmehr behauptet er, es gelte jeden Versuch,
Begründungen für das Unbegründbare zu finden, als müßig zu erkennen. An-
dernfalls verhielten wir uns laut Wittgenstein „wie Wilde, primitive Menschen,
die die Ausdrucksweise zivilisierter Menschen hören, sie missdeuten und nun
die seltsamsten Schlüsse ziehen.“634 Das entspräche einem Missverständnis über
unsere Grundlagen, also über das, was unhintergehbar zu unserer Lebensform
(als Gattungssubjekte) dazugehört: „Wenn ich sage: ‚Wenn du der Regel folgst,
muss das herauskommen’, so heißt das nicht: es muss, weil es immer herausge-
kommen ist; sondern: dass es herauskommt ist eine meiner Grundlagen.“635
Damit ist das von Kripke aufgeworfene Rechtfertigungsproblem umgangen.
632
Vgl. Kripke 1987: 33, 74, 82. Brandom nennt dieses Problem die „Möglichkeit des Gerry-
mandering“. (Brandom 2000: 69ff.)
633
Wittgenstein 1984d: 333.
634
Ders. 1984a: §194.
635
Ders. 1984d: 350.

225
Denn wenn wir jemandem das Befolgen einer Regel zuschreiben, dann behaup-
ten wir, dass er eine bestimmte Fähigkeit besitzt:

„Forderst du eine Regel, aus der hervorgeht, dass man sich hier nicht könne
verrechnet haben, so ist die Antwort, dass wir dies nicht durch eine Regel ge-
lernt haben, sondern dadurch, dass wir rechnen lernten.“636

Damit verweist Wittgenstein wieder auf seinen Regelbegriff: Einer Regel zu


folgen impliziert zum einen die Regelmäßigkeit einer existierenden Praxis und
zum anderen die Instanz einer Gemeinschaft, die Regelverstöße gegebenenfalls
ahndet. Diese Kontrolle kann der Gemeinschaft zukommen, weil sie in ihren
Praktiken in Bezug auf solche Dinge wie Addition uniform ist.637 Es gibt also
eine Übereinstimmung in den Urteilen, die nach Wittgenstein wesentlich zur
Lebensform gehört: „Zur Verständigung durch Sprache gehört nicht nur eine
Übereinstimmung in den Definitionen (zum Beispiel dessen, was ‚rot’ ist, D.P.),
sondern (so seltsam das klingen mag) eine Übereinstimmung in den Urtei-
len.“638 Künftige Anwendungen einer Regel (etwa der Addition) sind folglich
durch eine existierende Übereinstimmung determiniert, die als uniforme Praxis
Teil der Lebensform ist – und nicht dadurch, dass wir mit ‚plus’ die Addition
meinen.
Genau daraus schließt Kripke nun aber irrigerweise, Wittgenstein habe eine
Art Skeptizismus erfunden, der darin bestehe, dass keine wie immer geartete
Tatsache – kein geistiger Zustand, keine Disposition, keine innere Wahrneh-
mung und schon gar keine platonische Entität – den Unterschied zwischen Re-
gelfolgen und Regelfolgen-Meinen klarmachen kann. Kripke zufolge bleibe
dieses Paradox des Regelfolgens bestehen, es sei – mit Wittgenstein – nur die
skeptische Lösung möglich, wonach die normale soziale Praxis des Regelfol-
gens keine Rechtfertigung brauche.639 Und wenn wir, so Kripke, den sozialen
Charakter der Regeln eingesehen haben, verstehen wir, warum niemand privat
einer Regel folgen kann. Es gibt deshalb laut Kripke weder eine a-priori-
Analyse des Regelfolgens noch notwendige und hinreichende Bedingungen des
richtigen Regelfolgens, auch keine Wahrheitsbedingungen und keine Rechtfer-
tigung eines richtigen Regelgebrauchs.640
Eine skeptische Lösung des Rechtfertigungsproblems ist nach Kripke aber
aufgrund dreier Bedingungen dennoch gegeben. Zum einen wegen der Überein-
stimmung mit den Regeln, dann wegen der gemeinsamen Lebensform und
schließlich aufgrund der Kriterien des Sprachgebrauchs, die die Grammatik uns
636
Ders. 1984: §44.
637
Vgl. Grewendorf 1995: 41.
638
Wittgenstein 1984a: §242.
639
Vgl. Kripke 1987: 66.
640
Vgl. ebd.: 87.

226
liefert.641 Skeptisch ist diese Lösung jedoch, weil sie auf die Unhaltbarkeit all-
gemeiner rechtfertigender Bedingungen richtigen Regelfolgens hinweist. Laut
Wilhelm Vossenkuhl ist damit aber nur die Hälfte über das blinde Regelfolgen
gesagt.642 Denn mit Kripkes Überlegungen bleibt ungeklärt, was es überhaupt
für den einzelnen Menschen heißt, einer Regel blind zu folgen: „Die Spontanei-
tät, das Unreflektierte des Regelfolgens, ihre Unabhängigkeit von Deutungen
muss für Kripke angesichts des Vorrangs der sozialen Rolle von Regeln nur eine
nichtssagende Phrase bleiben.“643 Das liege vor allem an Kripkes Missachtung
der Wittgenstein’schen Philosophie der Psychologie. Hätte er diese einbezogen,
würde er nämlich sehen, dass für Wittgenstein aus der fehlenden mentalen Basis
des Regelfolgens gar kein skeptisches Paradox entsteht. Von der Philosophie der
Psychologie aus her wird dagegen klar, dass wir keinen begründeten Zweifel
haben, ob wir nur vermeintlich oder tatsächlich einer Regel folgen. Denn dieses
Problem, so Vossenkuhl, erledigt sich durch das Regelfolgen selbst.644 Und
selbst wenn man Gründe hätte, einer Regel in einer bestimmten Weise zu fol-
gen, würden diese Gründe irgendwann ausgehen (können). Dann könnte man
aber nach Wittgenstein unbeschadet einfach „ohne Gründe“ handeln;645 in dieser
Situation ließe sich „in völliger Sicherheit handeln, und das Fehlen der Gründe
stört mich nicht.“646 Demnach würde Wittgenstein vorschlagen, auf rechtferti-
gende Gründe völlig verzichten zu können: Die Teilhabe an einer Lebensform
sichert (richtiges) Regelfolgen.
Unklar bleibt dabei aber noch immer, wie eine Lebensform beschaffen sein
muss, um genau dies leisten zu können. Oder anders gefragt: Was ermöglicht
der Lebensform das grundlose Regelfolgen? Stellt man die Frage (an Wittgen-
steins Regelbegriff und sein Privatsprachenargument) in dieser Weise, gewinnt
auch Kripkes skeptischer Lösungsvorschlag eine andere Gewichtung: Indem er
sich auf die soziale Rolle von Regeln beruft, referiert er auf eine bestimmte
(Struktur)Form von Sozialität. Diese bleibt bei ihm allerdings unbestimmt, und
deshalb ist seine Wittgenstein-Interpretation, wonach die Rechtfertigung des
Regelfolgens allein aus der Lebensform heraus erklärt werden könne, keine
hinreichende Lösung des Regelparadox: Er erklärt Regelfolgen erst als eine
Form von Praxis, um danach die Rechtfertigung wieder mit eben dieser Praxis
zu begründen. Insofern ist Kripkes skeptische Lösung des Rechtfertigungsprob-
lems zirkulär, weil sie sich keinen Begriff von der Struktur der Lebensform
macht.

641
Vgl. ebd.: 96ff.
642
Vgl. dazu Vossenkuhl 2003: 266ff.
643
Ebd.: 266f.
644
Vgl. ebd.: 268.
645
Wittgenstein 1984a: §211.
646
Ebd.: §212.

227
C Die geradlinige Lösung des Rechtfertigungsproblems

Eine Lösung des Rechtfertigungsproblems muss daher den Begriff der Lebens-
form in den Mittelpunkt rücken. Denn wenn es richtig sein soll, dass Sprache
ein soziales Phänomen ist, hängt das Verständnis der Sprache und mit ihr das
der Regeln am Verständnis der zugrunde gelegten Sozialität. Eine solche auf die
Lebensform ausgerichtete Lösung schlägt Grewendorf vor; ihm zufolge steht die
Lebensform als uniforme Praxis „aus prinzipiellen Gründen nicht zur Wahl, sie
hat etwas Unvermeidbares.“647 Das scheint auch der Punkt zu sein, den Witt-
genstein herausstellt: Er verweist auf die Lebensform als Grundlage des Regel-
folgens. Wenn nun aber die Grundlage das ist, was der Regel ihren Status si-
chert, sind zwei zusammenhängende Fragen aufgeworfen, zum einen die Frage,
was als diese Grundlage zu betrachten ist und zum anderen, welche Art und
Weise von Zwang bzw. Notwendigkeit diese Grundlage auf das Regelfolgen
ausübt. Auf die erste Frage antwortet Wittgenstein wie gesehen mit der Behaup-
tung, dass Regelfolgen eine bestimmte Fähigkeit voraussetzt; insofern bildet die
Praxis resp. die Lebensform selbst das, was Wittgenstein hier Grundlage nennt.
Offen bleibt bei Wittgenstein (und Kripke) allerdings die zweite Frage, nämlich
die Frage nach der Art und Weise des Zwanges, die diese Grundlage auf das
Regelfolgen ausübt. Und dies deshalb, so haben wir gesehen, weil die Lebens-
form als Strukturbegriff nicht geklärt ist.648 Das ist der Punkt, an dem Grewen-
dorf der skeptischen Lösung eine, wie er sagt, geradlinige entgegensetzt, indem
er das von Kripke zugespitzte skeptische Paradox in ein empirisches Paradox
verwickelt. Er setzt dabei zunächst wieder am Privatsprachenargument an, gibt
ihm aber eine andere Wendung: „Die Möglichkeit einer privaten Sprache muss
existieren, damit es so etwas wie Sprache überhaupt geben kann.“649
Diese Behauptung scheint Wittgensteins Privatsprachenargument diametral
entgegengesetzt zu sein. Sehen wir uns daher etwas genauer an, was Grewen-
dorf sagen will. Er beginnt seine geradlinige Lösung mit einem Zitat Wittgen-
steins: „Die Sprache ist eben ein Phänomen des menschlichen Lebens.“650 Da-
mit verweist er noch einmal auf den zentralen Punkt in Wittgensteins Regel-
und Sprachtheorie: Sprache und mit ihr sprachliche Regeln sind ein Phänomen
des sozialen Lebens, eben der Lebensform. Das hat nun aber auch Kripke nicht
bestritten; dennoch glaubte er, bei Wittgenstein ein unlösbares Paradox zu ent-
decken. Dieses Paradox konnte jedoch, so Grewendorf, nur entstehen, weil
Kripke mit seinem Gedankenexperiment der Quaddition nicht auf die Sprache
647
Grewendorf 1995: 42.
648
Vgl. zur weiteren Diskussion dieses Problems den Sammelband von Lütterfelds, W./Roser,
A. (Hg.): Der Konflikt der Lebensformen in Wittgensteins Philosophie der Sprache. Frankfurt
am Main 1999.
649
Ebd.: 43.
650
Wittgenstein 1984d: 351.

228
als soziales Gebilde, sondern als biologisches Phänomen rekurriert. Er wechselt
innerhalb seiner Argumentation folglich die analytische Bezugsebene und steht
deshalb vor einem unlösbaren Paradox. Wittgenstein selbst hat diesen Katego-
rienfehler dagegen als ungültig bzw. sinnlos gekennzeichnet: Er hat auf die
notwendigen und hinreichenden Bedingungen des Regelfolgens hingewiesen.
Grewendorf meint nun, dass diese von Wittgenstein behaupteten Bedingungen
in der Universalgrammatik im Sinne Chomskys zu suchen sind. Denn aus der
universalen Grammatik wissen wir, dass die Fähigkeit des Regelfolgens zum
universalen Kalkül von Sprachbenutzern gehört:

„Wer eine Sprache und die ihr zugrunde liegenden Regeln erworben hat, benö-
tigt für das Befolgen dieser Regeln keinen Rechtfertigungsgrund noch verfügt
er über einen solchen. Er folgt diesen Regeln aufgrund jener spezifischen Pa-
rametrisierung der universellen Prinzipien seiner Sprachfähigkeit, die in dem
spezifischen Regelsystem seiner Grammatik resultiert. Insofern tut er dieser
Theorie zufolge genau das, was Wittgenstein über das Regelfolgen sagt: Er
folgt der Regel blind.“651

Die Rechtfertigungsforderung des Kripke’schen Skeptikers ist, so Grewendorf


weiter, demnach genauso sinnlos wie die Aufforderung ‚Bestimme, ob du wirk-
lich dreidimensional siehst.’ Denn dazu fähig zu sein, gehört zur menschlichen
Spezies, es macht die Grundlage des Menschen aus, solche Dinge wie dreidi-
mensionales Sehen oder Regelfolgen zu können. Wittgensteins Begriff der Le-
bensform wird damit (zunächst) eine biologische Interpretation gegeben. Das ist
von Kripke (und Wittgenstein) weniger weit entfernt als vermutet: Er versteht
unter dem Konzept der Lebensform einerseits alle die Reaktionen, in denen wir
übereinstimmen und andererseits die Art und Weise, wie diese Reaktionen mit
unseren Tätigkeiten verflochten sind. Kripke weist selbst darauf hin, dass auch
die speziesspezifischen Beschränkungen, die nach Chomsky die angeborene
Sprachfähigkeit konstituieren, als eine Lebensform aufzufassen sind. Lebens-
form wäre dann das Gemeinsame, das die Gattung Mensch aufgrund genetischer
(angeborener) Ausstattung vorweist.652 Damit ist in keiner Weise unverträglich,
dass Kommunikation eine wichtige, vielleicht die wichtigste Funktion von
Sprache ist und dass die Erklärung dieser Funktion auf ein soziales Konzept von
Lebensform zu rekurrieren hat. Zwischen der deskriptiven Absicht Wittgen-
steins, den Gebrauch der Sprache zu beschreiben, und der erklärenden Absicht
651
Grewendorf 1995: 53.
652
Vgl. dazu Garver, N.: Die Lebensform in Wittgensteins Philosophischen Untersuchungen.
In: Grazer Philosophische Studien. Vol. 21. 1984; vgl. ders.: Die Unbestimmtheit der Lebens-
form. In: Lütterfelds, W./Roser, A. (Hg.): Der Konflikt der Lebensformen in Wittgensteins
Philosophie der Sprache. Frankfurt am Main 1999; vgl. auch die Kritik daran von Haller, R.:
Lebensform oder Lebensformen? – Eine Bemerkung zu Newton Garvers Interpretation der
‚Lebensform’. In: Grazer Philosophische Studien. Vol. 21. 1984.

229
Chomskys, über Natur und Erwerb dessen, was da gebraucht wird, Aufschluss
zu erhalten, besteht kein grundsätzlicher Widerspruch:

„Wittgensteins beschreibendes Unternehmen betrifft den Sprachgebrauch und


rekurriert wesentlich auf die Annahme, dass die Sprache eine Form sozialen
Lebens ist. Chomskys erklärendes Unternehmen betrifft das Sprachsystem und
rekurriert wesentlich auf die Annahme, dass die Sprache eine Form biologi-
schen Lebens ist.“653

Chomsky selbst hält die beiden Unternehmen zwar für unverträglich, aber diese
Einschätzung ist – wie Grewendorf zeigt – zu großen Teilen seiner Fehldeutung
Wittgensteins geschuldet.654 Wenn es nämlich richtig ist, dass Wittgenstein
etwas über den Sprachgebrauch und Chomsky etwas über das (biologisch fun-
dierte) Sprachsystem sagt, ist mit Wittgenstein kein relevanter Einwand gegen
Chomskys Vorhaben zu erheben, wie sich umgekehrt mit Wittgenstein hinsicht-
lich dieser Frage Chomsky nicht kritisieren lässt. Diesen Unterschied zwischen
dem Gebrauch der Sprache und ihrer (universalen) Grundlage herauszustellen,
ist der Kern von Grewendorfs geradliniger Lösung des Rechtfertigungsprob-
lems.
Hilft uns aber diese geradlinige Lösung auch in Bezug auf die Ausgangsfrage
nach dem (ontologischen) Status der Kompetenz weiter? Wir wollten ja prüfen,
ob Chomskys Unterscheidung von Kompetenz und Performanz in eine Zwei-
Welten-Ontologie mündet. Blicken wir daher noch einmal auf die Argumente
Chomskys und Wittgensteins, um die von Grewendorf stark gemachte Differenz
zwischen Sprachgebrauch und Sprachsystem hinsichtlich ihrer kompetenztheo-
retischen Relevanz zu fassen.
Laut Chomskys Selbsteinschätzung ist sein Vorhaben frei von dem Verdacht,
ein Zwei-Welten-Modell zu bedienen. Für ihn hat die Universalgrammatik, so
sagt er, keine einfache psycho-physiologische Entsprechung; Sprache oder Den-
ken repräsentieren hinter der Stirn nicht ein weiteres ontologisch fixierbares
Medium.655 Er behauptet einerseits zwar, dass die Sprache „irgendwie in unse-
rem Geist, letztlich in unserem Gehirn, durch Strukturen repräsentiert wird“, die
er „mit Hilfe physikalischer Mechanismen [...] konkret charakterisieren“ möch-
te, andererseits betont er aber, dass sein Ansatz damit „auf der Ebene abstrakter
Charakterisierungen der Eigenschaften gewisser [...] physikalischer Mechanis-
men“ bleibt. „Darüber hinaus“, so fügt er an, „hat diese Bezugnahme auf Geist
653
Grewendorf 1995: 58f; vgl. auch ebd.: 89: „Chomsky geht es darum zu erklären, worauf
unsere sprachlichen Fähigkeiten basieren. Wittgenstein darum zu erklären, was es heißt, dass
wir sie besitzen. Der vermeintlich inhaltliche Dissens zwischen zwei verschiedenen Beantwor-
tungen derselben Frage erweist sich letztlich als ein Streit darüber, welche von zwei verschie-
denen Fragen zu beantworten wichtiger und interessanter sei.“
654
Vgl. ebd.: 60ff., 75ff.
655
Vgl. ebd.: 99.

230
oder mentale Repräsentation und Handlung keine weitere ontologische Bedeu-
tung.“656 Wittgensteins antimentalistisches Argument wendet sich nun aber
genau gegen die Vorstellung, dass physikalische Mechanismen irgendeinen
Schluss auf den Sprachgebrauch zulassen. Im §608 von Zettel schreibt er:

„Keine Annahme scheint mir natürlicher, als dass dem Assoziieren, oder Den-
ken, kein Prozess im Gehirn zugeordnet ist; so zwar, dass es also unmöglich
wäre, aus Gehirnprozessen Denkprozesse abzuleiten. Ich meine das so: Wenn
ich rede, oder schreibe, so geht, nehme ich an, ein meinem gesprochenen oder
geschriebenen Gedanken zugeordnetes System von Impulsen in meinem Ge-
hirn aus. Aber warum sollte das System sich weiter in zentraler Richtung fort-
setzen? Warum soll nicht, sozusagen, diese Ordnung aus dem Chaos entsprin-
gen? Der Fall wäre ähnlich dem – dass sich gewisse Pflanzenarten durch Sa-
men vermehrten, sodass ein Same immer dieselbe Pflanze erzeugt, von der er
erzeugt wurde, – dass aber nichts in dem Samen der Pflanze, die aus ihm wird,
entspricht; sodass es unmöglich ist, aus den Eigenschaften, oder der Struktur
des Samens auf die der Pflanze, die aus ihm wird, zu schließen, – dass man dies
nur aus seiner Geschichte tun kann. So könnte also aus etwas ganz Amorphem
ein Organismus, sozusagen ursachenlos, werden; und es ist kein Grund, warum
sich dies nicht mit den Gedanken, also mit unserem Reden und Schreiben etc.
wirklich so verhalten sollte.“657

Und einen Paragraphen weiter heißt es:

„Es ist also wohl möglich, dass gewisse psychologische Phänomene physiolo-
gisch nicht untersucht werden können, weil ihnen physiologisch nichts ent-
spricht.“658

Chomsky zitiert diese Passagen in seinem für unser Frage zentralen Werk Re-
geln und Repräsentationen auch. Er schlussfolgert aus ihnen, „dass diese Phä-
nomene nicht im Rahmen einer Theorie des Geistes untersucht werden können,
so wie ich sie hier erörtert habe.“659 Was soll uns das sagen? Offenbar nicht die
Trivialität, dass jedes Verhaltenssystem eine physiologische Basis hat. Das
bestreitet Wittgenstein auch gar nicht. Grewendorf weist zurecht darauf hin,

„dass es Wittgenstein nicht darum geht, dass sich, wenn wir denken oder asso-
ziieren, im Gehirn physiologisch nichts abspielt, sondern vielmehr darum, dass
das, was sich im Gehirn physiologisch abspielt, dem Denken nicht in der Weise
zugeordnet ist bzw. entspricht, dass sich aus Gehirnprozessen Denkprozesse
ablesen ließen.“660

656
Chomsky 1981: 13; vgl. ebd.: 227, 257.
657
Wittgenstein 1984e: §608.
658
Ebd.: §609.
659
Chomsky 1981: 56.
660
Grewendorf 1995: 97.

231
Entscheidend für Wittgensteins Argument – und für unsere Überlegungen – ist
also, was unter ‚entsprechen’ zu verstehen ist. Wittgenstein sagt dazu, dass
Denken und Sprache nicht in dem Sinne im Kopf sind wie Münzen in der Spar-
büchse. Die falsche umgangssprachliche Analogiebildung entsteht ihm zufolge
durch den Irrtum, gleichen Ausdrucksformen gleiche Verwendungen zuzu-
schreiben. Denn die Tatsache, dass in den entwickelten natürlichen Sprachen
wenige Verknüpfungsarten zur Artikulation vieler verschiedener inhaltlicher
Verhältnisse benutzt werden, deutet Wittgenstein gerade nicht als ein Symptom
für eine zugrunde liegende strukturelle Gleichförmigkeit der Inhalte oder Ge-
danken. Vielmehr versteht er die Einförmigkeit der sprachlichen Strukturen als
das Resultat von Tätigkeiten der Sprachbenutzer, die ein (syntaktisches) Schema
verwenden, um verschiedene inhaltliche Verhältnisse auszudrücken.
Wir werden diese Tätigkeit gleich als Projektion beschreiben; zuvor gilt es
aber festzuhalten, dass sich nach Wittgenstein der große Anwendungsbereich
weniger Formen nicht einer vorgängigen Struktur verdankt, vielmehr ist er von
uns (mittels Sprachgebrauch) erzeugt. „Wir sind es“, schreibt Hans Julius
Schneider darauf bezogen, „die unterschiedliche Fälle gleich behandeln, und es
gibt keinen ‚in der Sache’ liegenden Umstand, der uns zu dieser Gleichbehand-
lung veranlassen würde.“661 Nur die Gleichförmigkeit der sprachlichen Struktu-
ren verleitet uns zu dem Fehlurteil, Denken und Sprache im Gehirn so abgelegt
vorzustellen, als ob wir sie dort ablesen könnten: „Das Vorurteil zugunsten des
psycho-physischen Parallelismus ist eine Frucht primitiver Auffassungen unse-
rer Begriffe.“662 Uns von solchen primitiven Auffassungen zu heilen, ist eines
der vornehmlichsten Ziele von Wittgensteins Philosophie; es sind „grammati-
sche Fiktion(en)“663, die unseren Verstand verhexen.
Chomsky blendet nun dieses Argument Wittgensteins aus, indem er zwar den
§608 aus Zettel zitiert, den ersten, entscheidenden Satz aber weglässt: Wittgen-
steins Kritik am falschen Gebrauch des Wortes ‚Entsprechung’ wird damit ent-
scheidend verwischt. Diese Kritik ist jedoch für unsere (und Chomskys) Frage-
stellung zentral, weil sie jene tiefenontologischen Annahmen in Frage stellt, die
das Kompetenz-Performanz-Verhältnis im Sinne eines Zwei-Welten-Modells
deuten. Im Blauen Buch macht Wittgenstein sie noch einmal deutlich:

„Es ist also irreführend, vom Denken als einer ‚geistigen Tätigkeit’ zu spre-
chen. [...] und wenn wir denken, indem wir ein Zeichen oder Bilder vorstellen,
kann ich dir kein Agens, das denkt, angeben. Wenn du sagst, dass in solchen
Fällen der Geist denkt, dann würde ich deine Aufmerksamkeit lediglich auf die
Tatsache lenken, dass du eine Metapher gebrauchst, dass der Geist hier in ei-

661
Schneider, H. J. 2001: 167.
662
Wittgenstein 1984e: §611.
663
Ders. 1984a: §307; vgl. ebd.: §2, §255.

232
nem anderen Sinne ein Agens ist als dem, in dem man von der Hand sagen
kann, dass sie ein Agens beim Schreiben ist.“664

Wittgenstein weist jenen Gebrauch des Wortes ‚Entsprechung’, der auf be-
stimmte Strukturen des Sprachsystems verweist, also nicht per se als unsinnig
zurück. Aber er wendet sich gegen Schlüsse, die über die speziellen Kontexte
dieser Redeweise hinausführen: Sie haben allein innerhalb solcher speziellen
Kontexte Sinn, nämlich dann, wenn man etwas über unser Sprachsystem als
Grundlage der Sprache resp. des Regelfolgens wissen will. Er kritisiert eine
Vorstellung von ‚Entsprechung’, die Sprache und Denken gewissermaßen tex-
tuell in irgendwelchen Gehirnprozessen repräsentiert sieht; denn eine solche
Vorstellung würde mit ‚Entsprechung’ ein Verhältnis meinen, wie es für eine
Kopie zu ihrem Original kennzeichnend ist. Gerade diese Redeweise führt hier
aber in die Irre, man missverstünde in diesem Fall das Wort ‚Entsprechung’:

„Untersuchen wir die Gründe, aus denen man den Kopf den Ort des Denkens
nennen kann. Es ist nicht unsere Absicht, diese Ausdrucksform zu kritisieren
oder zu zeigen, dass sie nicht angebracht ist. Was wir zu tun haben, ist vielmehr
dieses: die Funktion dieses Ausdrucks und seine Grammatik zu verstehen.“665

Es gibt folglich, so Wittgenstein, Kontexte, in denen die Redeweise vom Gehirn


als ‚Ort des Denkens’ durchaus sinnvoll ist. Er verdeutlicht das an einem Ge-
dankenexperiment: Man stelle sich vor, das Gehirn zu beobachten, während die
Versuchsperson denkt.666 Um diverse, hier irrelevante Schwierigkeiten der Zu-
gänglichkeit der Beobachtungsdaten auszuschließen, nehme man weiter an, dass
die Versuchsperson gleichzeitig der Experimentator ist, der sein eigenes Gehirn
mittels eines Spiegels beobachtet. Wittgenstein stellt sich nun folgende Frage:
Beobachtet man in dieser Situation eine Sache oder zwei? Seine Antwort ist
wegweisend: Man beobachtet, sagt er, eine „Wechselbeziehung zwischen zwei
Phänomenen“.667 Das eine könne man den Gedanken nennen, das andere ist die
Erfahrung, „sein Gehirn arbeiten zu sehen.“668 Beide Phänomene sind aber laut
Wittgenstein ‚Ausdrücke des Gedankens’:

„Wenn wir jedoch den Ausdruck ‚Der Gedanke findet im Kopf statt’ gebrau-
chen, dann haben wir dem Ausdruck seine Bedeutung durch die Beschreibung
der Erfahrung gegeben, die die Hypothese rechtfertigen würde, dass das Den-
ken in unseren Köpfen stattfindet, d.h. durch Beschreiben der Erfahrung, die

664
Ders. 1984b: 23.
665
Ebd.; vgl. Grewendorf 1995: 101.
666
Vgl. ebd.: 24f.
667
Ebd.: 25.
668
Ebd.

233
wir als ‚Beobachtung des Denkens in unserem Gehirn’ bezeichnen möch-
ten.“669

Sein Gedankenexperiment will demnach zeigen, dass hier nicht von ‚Entspre-
chung’ als Abbildungs- oder Nachahmungsverhältnis die Rede sein kann, son-
dern von einer Wechselbeziehung. Denken als Gehirnvorgang und der Gebrauch
des Denkens stehen in kausalem Verhältnis: Das „Naturfaktum“670 der Sprache
ist dialektisch auf Lebensform verwiesen. Der Zusammenhang, sagt Wittgen-
stein, ist eng, eine Ähnlichkeit gibt es jedoch nicht: „Die Sprachspiele, die diese
Begriffe verwenden, sind grundverschieden, – hängen aber zusammen.“671 Ihre
Verschiedenheit kann jedoch gerade nicht ontologischer Natur sein, könnten sie
sonst doch nicht in der hier geschilderten Weise zusammenhängen: Jenseits des
Naturfaktums der Sprache kann es keine Lebensform geben, aber ohne Lebens-
form kann nicht sinnvoll von dem Naturfaktum gesprochen werden. Eine tiefen-
dimensionale, hierarchische Ontologie muss für diese Dialektik nicht bemüht
werden. Der (ontologische) Fehler entsteht vielmehr erst, wenn das eine dem
anderen monokausal vorgeordnet wird, wenn dem einen gegenüber dem anderen
überflüssigerweise eine Vorrangstellung zugeschrieben wird. Und dies ist im-
mer dann der Fall, wenn man die Grundlage des Naturfaktums zur Ursache des
Sprachgebrauchs macht, wenn man also aus dem grundlegenden Kalkül, das
Regeln ermöglicht, auf die Bedeutung der Regeln schließt. Auch wenn wir jetzt
noch nicht wissen, wie man sich das Verhältnis zwischen Sprachsystem und
Sprachgebrauch genau vorstellen soll und was hier mit Grundlage überhaupt
gemeint ist, so wissen wir doch, welchen Fehler es zu vermeiden gilt: jenen
Fehler, der sich die Grundlage als monokausale Verursachung des Sprach-
gebrauchs vorstellt.
Blicken wir mit diesem Befund noch einmal auf das Privatsprachenproblem.
Es ist natürlich eine unleugbare Tatsache, dass jemand einer Regel folgen kann,
der sonst niemand folgt. Es gibt diese Möglichkeit gleich in zweierlei Form:
Man kann als einzelner einen Vorsatz fassen und ihn regelmäßig ausführen, und
man kann ohne Vorsatz als einziger einer Regel folgen, die man selbst nicht
kennt, indem man sich als einziger selbst korrigiert.672 Sinnvoll sind beide Fälle
indessen nur, wenn es soziales Regelfolgen gibt, wenn Regeln im Rahmen einer
gegebenen Lebensform verortet sind. Denn Selbstkorrektur ist allein dann als
Korrektur erkennbar, wenn es als Maßstab eine soziale (und biologische) Le-
bensform gibt und nicht, wie Eike von Savigny meint, weil Selbstkorrektur „das
669
Ebd.
670
Ders. 1984e: §355.
671
Ebd.: §625.
672
Vgl. Savigny 1996: 122.

234
zwischen verschiedenen Personen übliche Korrekturverfahren nachahmt.“673
Die Fähigkeit zum Regelfolgen ist nicht deshalb eine grundlegend soziale Fä-
higkeit, weil sie sich den anderen anpasst, sondern weil sie erst im Kontext des
Anderen zur Fähigkeit wird. Und dies besagt, dass das Sprechenkönnen und das
Sich-miteinander-verständigen-Können zwei Seiten ein und desselben prakti-
schen Könnens sind – des Sprachverstehens. Die sprachliche Verständigung ist
demnach der einzig mögliche Ort des sprachlichen Bedeutens, weil die Regeln
des Sprachgebrauchs nur in einer sozialen Praxis ihren Ort haben können.674 Es
müssen also nicht nur die Regeln des Sprachgebrauchs in dem Sinne öffentlich
sein, dass ein solitärer Sprecher von anderen prinzipiell verstanden werden
kann, sondern das Sprechen selbst ist eine soziale Praxis.675 Wittgenstein kriti-
siert mit dem Privatsprachenargument nachhaltig diejenige Vorstellung, wonach
ein „Mensch in seiner privaten Sprache Empfindungen wie Dinge benennt, die
er in einem Guckkasten sieht, in den nur er allein schauen kann.“676 Noch ein-
mal: Wittgenstein leugnet nicht, dass wir private Dinge wie Empfindungen
haben; aber er warnt uns davor, diese Privatheit gewissermaßen in einem verge-
genständlichenden Sinne zu verdoppeln, so als hätte man nicht nur eine Emp-
findung, sondern sähe, fühlte oder schmeckte überdies auch noch diese Empfin-
dung wie einen privaten Gegenstand, den niemand anders sehen, fühlen oder
schmecken kann. Es gibt keine Privatheit, so Wittgenstein, die sich prinzipiell
einer öffentlichen Sprache entzieht. Welche Worte wir auch immer für unsere
privaten Empfindungen finden mögen, es sind Worte einer öffentlichen Sprache.
Das heißt im Kontext unserer Überlegungen, dass wenn wir Worte für unsere
privaten Empfindungen finden, heften wir diese den Empfindungen nicht an,
wie man ein Etikett aufklebt, sondern wir sprechen in einer öffentlichen Spra-
che: Das Sprachverstehen ist wie das Sprechen eine soziale Praxis. Diese soziale
Praxis bedarf in Bezug auf das Sprachverstehen einerseits dessen, was Wittgen-
stein Grundlage nennt – sie bedarf eines universalistischen Sprachsystems, um
überhaupt Sprachverstehen zu ermöglichen; und sie ist andererseits auf eine
konkrete Lebensform verwiesen – auf den Sprachgebrauch, um überhaupt
Sprachverstehen, also Bedeutungen zu ermöglichen. In diesem (doppelten,
sprich: grundlegenden) Sinne ist für Wittgenstein die soziale Praxis Basis des
673
Ebd. Von Nachahmung zu sprechen wäre nur dann richtig, wenn man – wie Habermas –
die Mead’sche Kategorie des Me als konservative Macht versteht. Wir haben oben diskutiert,
warum das zu kurz greift. (vgl. II 2.2.2.) Es zeigt sich damit noch einmal, dass die Frage nach
dem Regelbegriff mit der nach der Konstitution des Subjektes eng verknüpft ist: Die Ausei-
nandersetzung mit Mead kommt hier in vollem Umfang zum Tragen.
674
Vgl. dazu Wellmer 2004: 89.
675
Diese Deutung des Wittgenstein’schen Regelbegriffs schließt wieder an Wellmer an, der
auch betont, dass damit eine Position vertreten ist, die sich innerhalb der Wittgenstein-
Forschung durchaus umstritten ist. Vgl. zu dieser Debatte Wellmer 2004: 89ff.
676
Wittgenstein, Manuskript 124, zit. nach Wellmer 2004: 102; vgl. auch Wittgenstein 1984a:
§293.

235
Sprachverstehens. Für den Regelbegriff heißt dies: Regeln bilden keine zugrun-
de liegenden logischen Formen oder Strukturen ab, sondern werden vom han-
delnden Subjekt erzeugt. Denn Wittgensteins zentrales Argument besagt ja, dass
nicht die Regel vorgibt, wie ihr zu folgen ist, sondern die Praxis bestimmt, wie
einer Regel zu folgen ist. Wenn aber die Praxis die Regel bestimmt und Praxis
als Ausdruck der Lebensform verstanden werden soll, muss die Lebensform
selbst Regeln folgen. Eine nichtregelgeleitete Lebensform könnte andernfalls
nicht Lebensform genannt werden. Zur Lebensform wird sie nicht, so Wittgen-
stein, weil hinter der einen Regel noch eine andere steht, sondern weil Regeln
auf Gepflogenheiten, Gebräuchen etc., also der Lebensform beruhen. Mehr
brauche man für den Regelbegriff nicht annehmen – außer eben dasjenige, was
Wittgenstein unsere Grundlagen nennt. Aber damit sei er „auf dem harten Fel-
sen angelangt, und mein Spaten biegt sich zurück. Ich bin dann geneigt zu sa-
gen: ‚So handle ich eben.’“677 Sein praxeologischer Regelbegriff verweist letzt-
lich also immer auf die Praxis selbst zurück, ohne das Verwiesensein auf unsere
Grundlagen leugnen zu wollen.
Die eingangs gestellte Frage, wie eine Lebensform beschaffen sein muss, die
auch ohne rechtfertigende Gründe Regelfolgen erlaubt, ist damit nur teilweise
beantwortet: Wir wissen jetzt, dass man Sprachgebrauch und Sprachsystem
auseinander halten muss, dass man sie also weder gegeneinander ausspielen
noch durcheinander ersetzen darf, will man sich einen klaren Begriff von dem
Zusammenhang zwischen unseren Grundlagen, der Lebensform und dem Regel-
folgen machen. Wir wissen aber nicht, wie man sich dieses Beziehungsgeflecht
genau vorzustellen hat. Soll man sich die Regeln als der Praxis und unsere
Grundlagen als der Lebensform implizit vorstellen? Das hieße sagen, es gäbe
diese Regeln unabhängig von Regelformulierungen, sie seien sozusagen ‚prak-
tisch’ schon vorhanden, wenn auch nicht oder nicht vollständig beschrieben.678
Und es hieße, die Lebensform sei in irgendeiner Weise von unseren Grundlagen
beschränkt. Oder soll man sich diese Regeln als konstitutiv in dem Sinne vor-
stellen, dass sie die Praxis zu dem machen, was sie ist: Grundlage des Regelfol-
gens? Dann aber, so scheint es, droht wieder der Regelregress.
677
Wittgenstein 1984a: §217.
678
Vgl. Schneider 2003: 87.

236
D Regulative und konstitutive Regeln

Die eben erwähnten Fragen zielen auf Searles Unterscheidung in regulative und
konstitutive Regeln, wobei für unseren Zusammenhang die konstitutiven Regeln
von Interesse sind, weil sie versprechen, das Verhältnis zwischen Regel und
Praxis aufzuklären.679 Während nämlich regulative Regeln „bereits bestehende
oder unabhängig von ihnen existierende Verhaltensformen regeln“ und entspre-
chend die Form von Imperativen haben, „erzeugen oder prägen“ konstitutive
Regeln „auch neue Formen des Verhaltens.“680 Verhält es sich so, sind konstitu-
tive Regeln praxisstiftend und können deshalb einen wesentlichen Hinweis auf
das interne Verhältnis von Regel und Praxis liefern. Imperativische Regeln sind
dagegen generell nicht das, wonach wir hier suchen, fraglich ist vielmehr, was
unter konstitutiven Regeln genauer zu verstehen ist.
Wichtig ist dabei zunächst der Hinweis, dass konstitutive Regeln Regeln sind
und nicht etwa den Status von Naturgesetzen einnehmen. Denn auch von ihnen
kann es Abweichungen geben, was für Naturgesetze bezeichnenderweise gerade
nicht gilt.681 Genauso wenig dürfen Regeln mit Normen verwechselt werden;
andernfalls wäre nicht nur Searles Differenz von regulativen und konstitutiven
Regeln sofort hinfällig, sondern jede Rede von praxisstiftenden Regeln haltlos.
Es ist also nicht die Frage, ob konstitutive Regeln Regeln sind, sondern ob Sear-
les Begriff der konstitutiven Regeln auf ein (zirkuläres) Zwei-Welten-Modell
führt. Dieser Fall wäre dann gegeben, wenn man die konstitutiven Regeln als
„den einzelsprachlichen, konventionellen Verwirklichungsweisen von Sprech-
akten noch zugrunde liegen(d)“ versteht.682 Laut Hans Julius Schneider bedient
Searle eine solche Vorstellung, vor dessen illusionären Charakter uns Wittgen-
stein gerade warnt: „Er projiziert etwas, dessen Ort in der Sprache ist, aus dieser
hinaus auf eine imaginäre Ebene hinter der Sprache.“683 Nun ist es in der Tat
„irreführend, irgendeine vorgeschlagene Menge von Regelformulierungen [...]
als konstitutiv für die beschriebene Sprache zu bezeichnen.“684 Diese Interpreta-
tion lässt sich Searle jedoch nur dann zuschreiben, wenn man dem traditionellen
Verständnis von konstitutiven Regeln folgt. Nach diesem unterscheiden sich
konstitutive Regeln von Präskriptionen insbesondere darin, dass ihre Relation zu
Handlungen eine spezifisch andere ist. Während eine Präskription vorschreibt,
was man tun soll, verrät einem eine konstitutive Regel, was es heißt, eine be-
679
Vgl. auch II 2.3.4.A.
680
Searle 1971: 54.
681
Vgl. zum Unterschied von Naturgesetzen und Regeln Öhlschläger, G.: Einige Unterschiede
zwischen Naturgesetzen und sozialen Regeln. In: Heringer, H. J. (Hg.): Seminar: Der Regel-
begriff in der praktischen Semantik. Frankfurt am Main 1974; vgl. weiter Glüer 2000 und Rödl
2003.
682
Schneider 1992a: 767; vgl. ders. 2002: 142ff.
683
Ebd.: 774.
684
Ders. 2002: 146.

237
stimmte Art von Handlung zu vollziehen. Die typische Form konstitutiver Re-
geln ist daher: „X gilt als Y im Kontext C.“685 Eine konstitutive Regel sagt uns
demnach, dass wir (unter bestimmten Umständen) eine bestimmte Art von
Handlung vollziehen können, indem wir eine andere ausführen. Die Streitfrage
ist nun, ob damit die konstitutiven Regeln unter Handlungsnormen fallen. Wäre
dies der Fall, könnten konstitutive Regeln von regulativen nicht mehr unter-
schieden werden; oder vorsichtiger formuliert: Auch konstitutiven Regeln wäre
ein präskriptives Moment eigen. Wenn aber gilt, dass man X tun muss, um Y zu
tun, scheinen konstitutive Regeln genau das zu leisten, was Präskriptionen man-
gelt: Sie unterscheiden zwischen Handlungen, die von einer bestimmten Art Y
sind von anderen. Damit würden sie, wie Schnädelbach schreibt, bestimmen,
„wie zu handeln sei“.686 Laut Schnädelbach legen konstitutive Regeln also fest,

„was man tun muss, um eine Handlung einer bestimmten Art auszuführen [...].
Sie schreiben uns keine bestimmte Handlung vor; sie sagen nicht, [...] welcher
Spielzug auf dem Schachbrett oder dem Fußballfeld auszuführen ist [...]; man
hält sich an sie, damit das, was man macht [...] Schach oder Fußball [...] ist.“687

Kathrin Glüer wendet jedoch zurecht ein, dass solche Regeln nicht verletzbar
und damit keine Regeln mehr sind: „Da sie keine Handlungen vorschreiben oder
verbieten, genauer gesagt überhaupt keine Unterscheidung zwischen korrekten
und inkorrekten Handlungen treffen, gibt es auch keine, die gegen sie versto-
ßen.“688 Für Glüer ist das traditionelle Verständnis konstitutiver Regeln deshalb
nicht in der Lage, der grundlegenden Idee, dass manche Aktivitäten essenziell
regelgeleitet sind, gerecht zu werden.689 Der entscheidende Punkt für den Beg-
riff der konstitutiven Regel ist ihr zufolge deshalb, „dass die fraglichen Regeln
gelten oder in Kraft sind. [...] Werden diese geändert, dann ist auch die konstitu-
ierte Aktivität nicht mehr die gleiche.“690 Konstitutive Regeln legen daher nicht
(nur) fest, was man tun muss, um etwas zu tun, sondern erzeugen erst die fragli-
che Handlung: „Damit eine Regel für eine Art von Handlung konstitutiv ist,
muss sich mit der Regel zugleich die konstituierte Handlung ändern.“691 Daraus
folgt:

„Regeln, die den Forderungen einer bedeutungskonstitutiven Normativität ge-


recht werden, gibt es nicht. Dagegen spricht viel dafür, die Natur und Geltung
bedeutungskonstitutiver Zusammenhänge wie u.a. der logischen ‚Gesetze’ als

685
Searle 1971: 56.
686
Schnädelbach 1990: 130.
687
Ebd.
688
Glüer 2000: 463.
689
Vgl. dazu auch Glüer, K./Pagin, P.: Rules of Meaning an Practical Reasoning. In: Synthese
117. 1999.
690
Glüer 2000: 463.
691
Ebd.: 464.

238
sui generis und damit als im wahrsten Sinne des Wortes irreduzibel aufzufas-
sen.“692

Demzufolge erfüllen konstitutive Regeln gar keine normative Funktion, sondern


treffen einfach faktische Aussagen. Hans-Johann Glock weist allerdings zurecht
darauf hin, dass „Regeln eine ganze Reihe normativer Funktionen haben, ohne
direkt bestimmte Funktionen vorzuschreiben.“693 Denn konstitutive Regeln sind
in dem einfachen Sinne normativ, indem sie normieren, was zum Beispiel als
Deutsch gilt. Konstitutive Regeln haben also durchaus auch präskriptive Kraft,
weil ohne die intersubjektive und implizite Festlegung, dass diese Sprache – und
nur diese – als Deutsch gilt, Kommunizieren, also die Herstellung von kommu-
nikativer Praxis nicht möglich wäre. Andererseits sind solche Präskriptionen nur
mithilfe praxisimpliziter Normen begründbar, nicht anhand regulativer Regeln.
Die positive Sanktion konstitutiver Regeln im Falle korrekten Handelns besteht
in den einfachsten und grundlegendsten Fällen darin, dass das gezeigte Handeln
als Handeln dieser Praxis (dieses Spiels) anerkannt wird, die negative Sanktion
im Fall eines Verstoßes gegen die Regel entsprechend darin, dass der Handlung
diese Anerkennung verweigert wird.694
Das gibt der Frage nach dem Status konstitutiver Regeln eine andere Wen-
dung, weil praxisimplizite Normen auf gemeinsamen (genauer, wie sich noch
zeigen wird: inferenziellen) Begriffen beruhen. Während demnach die traditio-
nelle Lesart Searles auf vorsprachliche intentionale Zustände führt, die hinter
dem sprachlichen Universum noch ein intentionales Universum annehmen, wird
hier behauptet, konstitutive Regeln bestimmen inferenzielle Verhältnisse. Wie
wir bereits gesehen haben, würde die traditionelle Lesart einen „Rückgang hin-
ter den linguistic turn“695 bedeuten. Denn die „intersubjektive Gültigkeit der
Bedeutung konstituiert sich [...] erst auf der Ebene der sprachlichen Ausdrücke“,
sodass man, „um zu sagen, was man meint“, gezwungen ist, „zu meinen, was
man sagen kann.“696 Daraus entsteht die Forderung, für eine Theorie der diskur-
siven Praxis tatsächliche Kriterien der Angemessenheit zu entwickeln. Es muss
folglich gezeigt werden, welche Art des Verstehens und der Erklärungskraft aus
der Art und Weise, wie wir reden, zu gewinnen ist, anstatt – wie Apel und Ha-
bermas – zu argumentieren, dass man in irgendeinem Sinne rational verpflichtet
ist, in eben dieser Art und Weise zu reden. Ein Vorhaben, das ohne die Annah-
me praxisimpliziter Normen nicht auskommt.

692
Ebd.: 467.
693
Glock 2000: 445.
694
Vgl. dazu Liptow, J.: Regel und Interpretation. Eine Untersuchung zur sozialen Struktur
sprachlicher Praxis. Weilerswist 2004: 109.
695
Apel 1990: 16.
696
Ebd.: 31f.; vgl. Habermas 1992a.

239
E Das Modell der Inferenz

Diese praxisimpliziten Normen zu erklären, ist das anspruchsvolle Projekt, das


Robert B. Brandom mit seinem umfangreichen Werk Expressive Vernunft un-
ternimmt.697 Nach Brandom ist „das Problem, das Wittgenstein aufwirft, [...] die
Erklärung eines Begriffs praxisimpliziter Normen, der weder, wie der Regulis-
mus, den Begriff des Implizitseins verfehlt noch, wie der einfache Regularis-
mus, den der Norm.“698 Brandom geht es also um die Aufklärung der Prinzipien,
deren Erfassen ein Verständnis unserer sprachlichen Praktiken ermöglicht. Er
findet sie in jenen praxisimpliziten Normen, die darauf verweisen,

„wie Ausdrücke richtig (correct) verwendet werden, unter welchen Umständen


es angemessen (appropriate) ist, unterschiedliche Sprechakte auszuführen, und
was die angemessenen Folgen solcher Akte sind.“699

Brandom will diesen Praktiken auf den Grund gehen, indem er unter Rekurs auf
implizite Normen die explizit begrifflichen Gehalte unserer Sprache rekon-
struiert. Die Grundidee ist dabei Wilfried Sellars’ Aufsatz Der Empirismus und
die Philosophie des Geistes entnommen, nämlich die Annahme, dass Normen in
einem „logischen Raum der Gründe, der Rechtfertigung und der Fähigkeit zur
Rechtfertigung des Gesagten“ stehen.700 Stehen sprachliche Normen aber in
einem logischen Raum der Gründe, lassen sich laut Brandom sprachliche Nor-
men „als durch sozial-praktische Aktivitäten instituiert (instituted) verste-
hen.“701 Nach Brandom heißt eine normen-instituierende soziale Praxis beherr-
schen, „ein gewisses praktisches Know-how zu besitzen“, das er als die Fähig-
keit interpretiert,

„in der Lage zu sein, eine Art deontisches Punktekonto (deontic store) zu füh-
ren, indem man den eigenen Festlegungen und den damit verbundenen Berech-
tigungen genauso auf den Fersen bleibt wie denen der anderen und dieses
Punktekonto systematisch anpasst, je nachdem welche Akte jeder an der Praxis
Beteiligte gerade hervorbringt.“702

Denn nur Wesen, so Brandom, die im logischen Raum der Gründe stehen, die
also über die Kompetenz verfügen, mit ihren Äußerungen Behauptungen aufzu-
697
Habermas hat Brandoms Buch einen „Meilenstein in der theoretischen Philosophie“ ge-
nannt. (Habermas 1999: 138) Schnädelbach kann dieses Votum von Habermas „nur als nobles
Absehen von den eigenen Leistungen“ verstehen. (Schnädelbach 2004: 179).
698
Brandom 2000: 71.
699
Ebd.: 15.
700
Sellars 1999: 66; vgl. dazu auch Esfeld 2002: 86ff.
701
Brandom 2000: 15; vgl. ebd.: 94ff.; vgl. zur Kritik an dieser Schlussfolgerung Tietz 2003:
67ff.; 2004: 82ff.
702
Ebd.: 16; vgl. ebd.: 219ff.

240
stellen und dann auch in der Lage sind, für diese Behauptungen Begründungs-
verpflichtungen zu übernehmen, können wir das zusprechen, was Vernunft
heißt. Vernünftig sein und ein Mitspieler in unseren Begründungsspielen zu
sein, sind nach Brandom zwei Seiten einer Medaille. Wer immer diese Fähigkeit
besitzt, ist „einer von uns“.703 Als solche stehen wir aber „immer schon inmitten
des Spiels des Gebens und Verlangens von Gründen. Wir bewohnen einen nor-
mativen Raum [...].“704
Mit diesem Gedanken will Brandom etwas konkretisieren, was bei Wittgen-
stein programmatisch blieb, nämlich die Behauptung, derzufolge sich die Be-
deutung sprachlicher Ausdrücke allein aus ihrem Gebrauch zirkelfrei erklären
lasse. Er will also auf sozialpragmatischer Basis die Frage nach der Objektivität
des Wissens in nichtrelativistischer Weise beantworten. „Diese Objektivitätsfra-
ge“, schreibt Brandom, „ist vielleicht die größte theoretische Herausforderung
für jeden Versuch, die Richtigkeiten des Begriffsgebrauchs auf die soziale Pra-
xis zu gründen.“705 Wir wollen diesen Versuch hier nicht ausführlich diskutie-
ren, sondern lediglich jene Idee Brandoms aufgreifen, mit der er annimmt, dass
Begriffe „wesentlich inferenziell gegliedert (sind).“706 Diese inferenzielle Glie-
703
Ebd.: 122.
704
Ebd.: 898.
705
Ebd.: 214; vgl. dazu Tietz 2004: 81.
706
Brandom 2000: 152. – Brandoms umfangreicher und komplizierter Ansatz wird in letzter
Zeit vermehrt diskutiert. Auf diese Debatten soll hier nicht eingegangen werden. Nur soviel:
Wie bereits erwähnt, ist Expressive Vernunft (Brandom 2000) die zentrale Schrift Brandoms;
eine knappe und leichter lesbare Kurzfassung davon liegt mit Brandom 2001 vor. Weitere
wichtige und zum Verständnis hilfreiche Texte sind: Brandom, R. B.: Pragmatistische Themen
in Hegels Idealismus. Unterhandlung und Verwaltung der Struktur und des Gehalts in Hegels
Begriff begrifflicher Normen. In: Deutsche Zeitschrift für Philosophie 47. Heft 3. 1999; ders..:
Von der Begriffsanalyse zu einer systematischen Metaphysik. Ein Interview von Susanna
Schellenberg. In: Deutsche Zeitschrift für Philosophie 47. Heft 6. 1999; ders.: Die zentrale
Funktion von Sellars’ Zwei-Komponenten-Konzeption für die Argumente in ‚Empiricism and
the Philosophy of Mind’. In: Deutsche Zeitschrift für Philosophie 48. Heft 4. 2000; ders.:
Objektivität und die normative Feinstruktur der Rationalität. In: Wingert, L./Günther, K.
(Hg.): Die Öffentlichkeit der Vernunft und die Vernunft der Öffentlichkeit. Festschrift für
Jürgen Habermas. Frankfurt am Main 2001. - Eine ausführliche Diskussion zu Brandom
findet sich in der Zeitschrift Philosophy and Phenomenological Research (LVII, 1997, No. 1);
vgl. weiter zur Diskussion um Brandom: Levi, I.: Book Reviews. Making it Explicit. Robert B.
Brandom. In: The Journal of Philosophy. Vol. XCIII. No. 3. 1996; Gibbard, A. (1996):
Thought, Norms, and Discursive Practice: Commentary on Robert Brandom, Making It Ex-
plicit. In: Philosophy an Phenomenological Research. Vol. LVI, No.2. 1996; Lormand, E.
(1996): How to be meaning holist. In: The Journal of Philosophy. Vol. XCIII, No.2. 1996;
Hattiangadi, A.: Making It Explicit: Brandom on Rule Following. In: Philosophy an Phe-
nomenological Research. Vol. LXVI, No.2. 2003; Liptow, J.: Regel und Interpretation. Eine
Untersuchung zur sozialen Struktur sprachlicher Praxis. Weilerswist 2004: 119ff.; vgl. auch
Schneider 2001; Tietz 2003; 2004 und Schnädelbach 2004. Habermas hat Brandoms Philoso-
phie eine ausführliche Kritik gewidmet (vgl. Habermas 1999), auf die Brandom seinerseits
umfassend geantwortet hat (vgl. Brandom, R. B.: Facts, Norms, and Normative Facts: A Reply
to Habermas. In: European Journal of Philosophy. No. 8. 2000). Vgl. zur Debatte zwischen
Habermas und Brandom Schnädelbach 2004: 179f. sowie Lafont, C.: Ist Objektivität perspek-

241
derung zeigt sich für Brandom vor allem darin, dass man viele Begriffe haben
muss, um überhaupt welche zu haben. Das heißt, einen Begriff zu begreifen
oder zu verstehen, bedeutet, die

„Inferenzen, in die er verwickelt ist, praktisch zu beherrschen – zu wissen, d.h.


praktisch unterscheiden zu können (und das ist ein Wissen-wie), was aus der
Anwendbarkeit eines Begriffes folgt und woraus diese Anwendbarkeit ihrer-
seits folgt.“707

Das trifft laut Brandom auf alle Inferenzen zu; jene Inferenzen aber, bei denen
es um die Korrektheit der begrifflichen Gehalte ihrer Prämissen und Konklusio-
nen geht, bezeichnet Brandom im Anschluss an Sellars als materiale Inferen-
zen.708 Ein Beispiel ist etwa die materiale Inferenz von ‚Jetzt ist ein Blitz zu
sehen’ auf ‚Bald wird ein Donner zu hören sein.’ Es sind die (Sinn)Gehalte der
Begriffe ‚Blitz’ und ‚Donner’ sowie der Zeitbegriff, aufgrund deren es sich um
eine angemessene materiale Inferenz handelt, die mehr ist als eine einfache
begriffliche Implikation.709 Denn für Brandom ist die Billigung dieser Inferen-
zen Teil des Begreifens oder Beherrschens der Begriffe ‚Blitz’ und ‚Donner’,
unabhängig von einer spezifisch logischen Kompetenz.710 Genauer: Die Begriffe
‚Blitz’ und ‚Donner’ sind insofern inferenziell verknüpft, dass sie den „Hinter-
grund“ bilden, „vor dem allein explizites Behaupten verstehbar ist.“ Und „in-
dem man tatsächliche Folgerungen aus einem explizit Behauptbaren (etwas, was
gesagt, gedacht usw. werden kann) zieht, erforscht man zugleich die inferenziel-
len Relationen, die seinen Gehalt gliedern.“711 In diesem Sinne übernimmt
‚Blitz’ für ‚Donner’ eine inferenzielle Rolle, weil der erste Begriff den Gehalt
des zweiten gliedert, wie umgekehrt der zweite den Gehalt des ersten gliedert.
Materiale Inferenzen beziehen sich demnach auf solche konstitutionslogischen
Verhältnisse, die nicht hintergehbar sind. Insofern ist für Brandom das Muss der

tivisch? Ein Vergleich zwischen Brandoms und Habermas’ Konzept von Objektivität. In:
Wingert, L./Günther, K. (Hg.): Die Öffentlichkeit der Vernunft und die Vernunft der Öffent-
lichkeit. Festschrift für Jürgen Habermas. Frankfurt am Main 2001.
707
Brandom 2001: 71; vgl. ebd.: 33.
708
Vgl. Brandom 2000: 163ff.; 2001: 76ff.
709
Angemessen kann diese Inferenz allerdings nur dann sein, wenn der hier von Peirce her
entwickelte Realitätsbegriff gilt. (vgl. auch Habermas 1992: 165f.) Brandom selbst verzichtet
auf die Ausarbeitung eines tragfähigen Realitätsbegriffes und erlaubt damit ein Missverständ-
nis, das sein Vorhaben zu unrecht trifft. Dieses führt zu dem Vorwurf, Brandom wolle „refle-
xiv ‚hinter’ die Position des Subjekts und des Seienden gelangen“. (Seel 2002: 87). Hinter das
Subjekt zielt Brandoms Analyse in der Tat, aber die Redeweise von einem Dahinter weckt hier
falsche Assoziationen. (vgl. zur Kritik an Brandom unter diesem Gesichtspunkt Habermas
1992: 166 und Schneider, H. J. 2001: 174f.) Hinter das Seiende will Brandom jedenfalls nicht
greifen; zumindest auf dieser Ebene bedient Brandom kein Zwei-Welten-Modell.
710
Brandom weist explizit darauf hin, dass inferenzielle Gliederungen nicht identisch mit
logischen sind. Vgl. Brandom 2000: 163f.
711
Ders. 2001: 31f.

242
materialen Inferenz nicht das Muss des kausalen Zwanges.712 Oder anders aus-
gedrückt: Inferenzielle Gliederungen werden hier nicht mit logischen gleichge-
setzt, materiale Inferenzen sind also nicht aus logischen Verhältnissen abgelei-
tet. Sie spielen vielmehr, und das gilt wieder für alle Inferenzen, für den Gehalt
eines Begriffes eine inferenzielle Rolle, indem sie angeben, inwiefern der be-
griffliche Gehalt des einen Begriffes den inferenziellen Kontext für den begriff-
lichen Gehalt des anderen Begriffes abgibt.713 Das wirft allerdings die Frage auf,
welche Form von Zwang Inferenzen ausüben, wenn es kein kausaler Zwang ist.
Brandom bietet hier zwei Antworten an. Seine erste beruft sich wieder auf Sel-
lars und betont den Unterschied zwischen der inferenziellen Kraft von Gründen
und der Kraft von Ursachen, also logischen Verhältnissen. Der Unterschied
besteht darin, dass Inferenzen „Prämissen und Konklusionen (enthalten). Die
inferenzielle Rolle einer Prämisse hängt wesentlich von der Konklusion ab, und
umgekehrt.“ Denn:

„Über die inferenzielle Rolle eines Gehaltes weiß man gar nichts, ohne wenigs-
tens etwas über die anderer Gehalte zu wissen, die aus ihm gefolgert werden
können oder aus denen er gefolgert werden kann. Gehalte, die in Begriffen der
inferenziellen Rollen verstanden werden, sind offenbar in wechselseitige Defi-
nitionen einbezogen, wie es Gehalte, die in Begriffen der repräsentationalen
Absicht aufgefasst werden, nicht zu sein brauchen.“714

In diesem Sinne sind die beiden durch die inferenzielle Rolle verbundenen Ge-
halte gleichursprünglich: Der eine Gehalt wird mit dem inferenziellen Bezug
auf einen anderen als begrifflicher Gehalt gestiftet. Es wird demnach das für
propositional gehaltvoll erachtet, was sowohl als Prämisse als auch als Konklu-
sion in Inferenzen dienen kann, und erst für materiale Inferenzen gilt, dass es
dabei um korrekte Konklusionen im Sinne der normen-instituierenden sozialen
Praxis geht. Die, wie man sagen könnte, allgemeine Form der Inferenz trifft –
das wird sich noch genauer ergeben – auf jede bedeutungshafte (Text)Sequenz
im Sinne Oevermanns zu: Sequenzen stiften nicht nur formal-logische Zusam-
menhänge, sondern auch semantische Abhängigkeiten. Die eine Sequenz spielt
für den semantischen Gehalt einer anderen den Part einer inferenziellen Rolle,
wobei der Gehalt beider sich aus dem wechselseitigen inferenziellen Verhältnis
zueinander ergibt. Inferenzielle Verhältnisse zeichnen sich damit auf strukturel-
ler Ebene vor allem durch zwei Merkmale aus: Abhängigkeiten sind in inferen-
ziellen Verhältnissen keine hierarchischen Abhängigkeiten, sondern solche
wechselseitiger Definition.715 Das ist das eine Merkmal. Das andere ist eng
damit verbunden, wir haben es bereits erwähnt: Die (semantischen) Gehalte der
712
Vgl. ders. 2000: 48.
713
Vgl. dazu genauer Esfeld 2002: 68ff.
714
Brandom 2000: 153 (Hervorhebung D.P.).
715
Vgl. Putnam 1995: 66, der hier von „gegenseitige Durchdringung“ spricht.

243
inferenziell miteinander in Verbindung gebrachten Gehalte oder Begriffe erge-
ben sich gleichursprünglich auseinander. Diese Behauptung sieht Brandom nun
wesentlich in seiner These gestützt, wonach die Beziehung zwischen Bedeutung
und Gebrauch eine normative sei, wonach also der inferenzielle Gehalt allein
durch die Praxis gesichert werde; und diese Praxis versteht Brandom als Fähig-
keit, ein deontisches Punktekonto zu führen. Wir werden noch sehen, dass in
diesem Schritt ein (überflüssiger) Reduktionismus steckt, der Brandoms Infe-
renz-Begriff auf praktische Richtigkeiten verkleinert.716
Ohne eine solche Reduktion lässt sich nun aber aus dieser bei Brandom an-
gedachten inferenzialistischen Denkfigur eine Möglichkeit gewinnen, das Kom-
petenz-Performanz-Verhältnis nicht tiefenontologisch zu entwerfen. Diese
Denkfigur nimmt Kompetenzstrukturen an, ohne sie als der Performanz vorge-
lagert darzustellen. Das Verhältnis von Kompetenz und Performanz ist vielmehr
inferenziell im hier geschilderten Sinne: Indem man im praktischen Gebrauch
einer Sprache notwendigerweise Regeln befolgt, bringt man unweigerlich eine
konstitutive Regel zum Ausdruck. Insofern ist jede sprachliche Handlung ex-
pressiv: Sie bringt die Existenz einer (oder mehrerer) konstitutiver Regeln zum
Ausdruck. Konstitutive Regeln sind weder deskriptiv (sie beschreiben keinen
angeborenen Regelsatz) noch präskriptiv (sie schreiben kein bestimmtes Regel-
befolgen vor), sondern expressiv. Die damit zum Ausdruck gebrachte Normati-
vität bezieht sich somit nicht auf die tiefenontologische Existenz konstitutiver
Regeln, sondern auf ihre praktische Existenz: Die mit der Praxis zum Ausdruck
kommenden Regeln konstituieren Normativität, wie umgekehrt sich die konsti-
tutiven Regeln mit der Normativität konstituieren.
Deshalb sind Normativitätsurteile nie an externen Kriterien festzumachen o-
der aus ihnen ableitbar, aber auch nie – wie bei Brandom – auf Praxis zu redu-
zieren; sie ergeben sich vielmehr mit (und nicht aus) der sprachlichen Praxis,
weil sie mit ihnen gleichursprünglich gebildet werden. Dies kann allerdings nur
gelten, wenn es erstens richtig ist, was oben die geradlinige Lösung des Recht-
fertigungsproblems genannt wurde: Solche (soziale) Praxis ist auf das Naturfak-
tum eines bestimmten Sprachsystems verwiesen, innerhalb dessen erst Regel-
folgen möglich wird, ohne dass dieses Sprachsystem der Praxis im ontologi-
schen Sinne vorgelagert ist; es konstituiert sich mit der Praxis als wirksames
System. Das heißt, auch wenn es ohne Praxis existiert (und auf physiologischer
Ebene naturwissenschaftlich nachgewiesen werden kann), existiert es für uns
nur, indem es zum Ausdruck kommt, und allein das ist hier entscheidend. Dass
konstitutive Regeln sich mit der (Sprach)Praxis konstituieren, bedeutet also:
Erst indem sie sich konstituieren, sind sie in Kraft, das dann aber unweigerlich.
Sind sie jedoch in Kraft, kann jeder Sprecher auf ihrer Grundlage ungetrübte
Wohlgeformtheitsurteile, also Normativitätsurteile, darüber bilden, was richtiger
716
Vgl. zu dieser Kritik an Brandom Tietz 2004.

244
(Sprach)Gebrauch ist. Dieses hier (erweiterte Modell der Inferenz) kann jedoch
zweitens nur vor dem Hintergrund eines Strukturbegriffes gelten, der Struktur
und Prozess strikt als Einheit denkt und so das Anfangsproblem nicht entstehen
lässt, weil dieses pragmatisch nicht zu beantworten ist. (Es stellt eine pragma-
tisch sinnlose Frage dar.) 717
Dieses inferenzielle Verständnis konstitutiver Regeln klärt im Übrigen auch
sofort, dass mit Wohlgeformtheitsurteilen keine Richtigkeit im Sinne von defi-
nitiver Entscheidbarkeit gemeint sein kann: Wohlgeformtheitsurteile sind
durchaus anfechtbar, aber der Streit entsteht erst auf der Grundlage des Sprach-
systems und kann nie dessen Grenzen überschreiten, wenn es einmal in Kraft
ist. Grammatisch gesehen ist die Sache hier relativ einfach: Dass ‚Ich gehen
zum Bäcker, weil ich Hunger haben’ kein wohlgeformter deutscher Satz ist,
lässt sich sinnvoll nicht bestreiten; streitbar ist allerdings, ob auch ‚Ich gehe zum
Bäcker, weil ich habe Hunger’ wohlgeformt ist oder nur der Satz ‚Ich gehe zum
Bäcker, weil ich Hunger habe’. Das Wohlgeformtheitsurteil wird hierbei aus der
Sequenzfolge heraus entschieden und kann nur in einer konkreten Praxis gefällt
werden, niemals im Vorhinein. Schwieriger sind solche Analysen von Wohlge-
formtheitsurteilen jedoch in semantischer Hinsicht; es bedarf dafür eines be-
stimmten Instrumentariums, das wir in Teil IV eingehend diskutieren werden.
Dort wird anhand eines (literarischen) Beispiels auch die Frage beantwortet,
inwiefern sich der Gehalt von Begriffen über die Analyse von inferenziellen
Rollen gewinnen lässt. Jetzt soll der Hinweis genügen, dass sich auch in seman-
tischer Hinsicht die Angemessenheit eines Urteils aus der inferenziellen Rolle
ergibt, die eine Sequenz in Bezug auf die vorhergehende und/oder nachfolgende
spielt. Wir können dieses Urteil dabei intuitiv bilden, weil unsere Begriffe gene-
rell inferenziell gegliedert sind und weil wir mit jedem Begriff immer schon
andere Begriffe verwenden.
Nun könnte man fragen, ob Wohlgeformtheitsurteile damit auch Wahrheits-
urteile sind. Diese Frage ist indes nur sinnvoll, wenn man sie vor den Hinter-
grund eines Begriffes von Realität stellt, der die Existenz unabhängiger Objekte
zulässt, eines Realitätsbegriffes also, der dem von Peirce entspricht. Diesen hier
ins Spiel zu bringen, ist dabei noch aus einem anderen Grund wichtig. Denn
wenn es richtig sein soll, dass Begriffe wesentlich inferenziell gegliedert sind,
sind sie nur im Rückgriff auf unabhängige Objekte gehaltvoll; andernfalls ste-
hen sie entweder im leeren Raum oder sehen sich auf ein (im pragmatistischen
Kontext unhaltbares) Konzept des Dings-an-sich verwiesen. Dass sie dies nicht
tun, wird deutlich, indem man zu Peirce’ Realitätsbegriff jetzt dessen wahrheits-
theoretische Implikationen hinzunimmt.
Aus Kapitel II 2.1. ist hervorgegangen, inwiefern Peirce’ Realitätsbegriff
zwingend auf das Konzept der unhintergehbaren Sozialität verweist; wir haben
717
Vgl. II 2.1.

245
dabei auch gesehen, dass dieser Realitätsbegriff „sofort die Idee eines Dings-an-
sich (zerstört), eines Dings, das unabhängig ist von jeder Relation zu dem Be-
griff, den das Bewusstsein von ihm haben kann.“718 Damit ist jedoch noch nicht
klar, ob dies als Plädoyer für eine Konsens- oder Kohärenztheorie der Wahrheit
zu lesen ist.719 Peirce’ Antwort besteht darin, dass es beider bedarf. Soll nämlich
zutreffend sein, was Peirce in seiner Theorie der Abduktion vertritt, muss auch
gelten, dass unser Begriff eines Objekts stets das Ergebnis einer (abduktiven)
Schlussfolgerung ist: Wir haben Sinneseindrücke und schließen daraus hypothe-
tisch auf die Existenz des Wahrgenommenen, das als die Ursache der Sinnes-
eindrücke, ebenfalls hypothetisch, begriffen wird. Das heißt, gemäß der Katego-
rienlehre existiert das Objekt, bevor es Gegenstand unseres Sinneseindruckes
wird; aber gemäß der Erkenntnistheorie (des Bildungsprozesses von der Sub-
stanz zum Sein hin) ist das Objekt erst nach dem abduktiven Erkenntnisprozess
gegeben, der von den Sinneseindrücken ausgelöst wird. Dieser doppelte Prozess
ist auch der Grund, warum Peirce von realen Objekten als dynamische Objekte
spricht, bei denen Struktur und Prozess in eins fallen. Er schreibt daher:

„Es ist klar, dass diese Sicht der Realität unvermeidlich (universalien)-
realistisch ist, weil allgemeine Begriffe in alle Urteile und damit in wahre Mei-
nungen eingehen. Folglich ist ein Gegenstand im Allgemeinen genauso real wie
im Konkreten. Es ist vollkommen richtig, dass in allen weißen Dingen Weiße
ist, denn das besagt nur [...], dass alle weißen Dinge weiß sind. Aber da es wahr
ist, dass reale Gegenstände Weiße besitzen, ist die Weiße etwas Reales. Sie ist
zwar ein Reales, das nur kraft eines Akts des Denkens, das es erkennt, existiert,
aber dieser Gedanke ist nicht ein willkürlicher oder zufälliger, der auf irgend-
welchen Idiosynkrasien beruht, sondern ein Gedanke, der in der endgültigen
Meinung bestehen wird.“720

Für Peirce gilt demnach, dass Zeichen überhaupt nur denkbar sind, wenn Wahr-
heit im Universum der Zeichen zumindest möglich ist. Dieses Prinzip nennt er
den konditionalen Modus des „‚würde-seins’“ (would be).721 Helmut Pape sieht
darin eine der beiden Grundeinsichten von Peirce verwirklicht: Neben der in
Kapitel II 2.1.A diskutierten zeichentheoretischen Erkenntnis, derzufolge sich
zwischen Zeichen und Objekt nicht im absoluten Sinne, sondern nur hinsichtlich
formaler Eigenschaften trennen lässt, steht, dass „alle intellektuelle und sinnli-
che Erfahrung [...] so verallgemeinert werden (kann), dass sie in einer universa-
len Darstellung interpretierbar wird.“ Das heißt, dass nichts „Vorsemiotisches
antisemiotisch“ ist: „Alle nichtpropositionalen Zeichenprozesse, die zum Bei-
718
Peirce 1967: 261 (CP 8.13).
719
Vgl. dazu Schönrich 1990: 216ff..
720
Peirce 1967: 262 (CP 8.14).
721
Ders. 1970: 481 (CP 5.482). Dieses Prinzip ist Kern der hier nicht näher diskutierten An-
sätze Peirce’ zu einer pragmatistischen Bedeutungstheorie. (vgl. dazu bes. ders. 1995: 380ff.).

246
spiel der Wahrnehmung zugrunde liegen, (sind) als ‚wahr’ anzusehen.“722 Inso-
fern nämlich das Fehlen einer propositionalen Struktur noch nicht erlaubt, von
einer ‚falschen’ Wahrnehmung zu sprechen, muss deren Wahrheit angenommen
werden. Das bedeutet für Peirce im Umkehrschluss, dass das Kriterium der
Realität die finale Übereinstimmung (der denkenden Gemeinschaft) ist, die als
solche unabhängig ist von der Singularität des Individuellen und des Indivi-
duums. Die Behauptung, es gibt reale Gegenstände außer uns, fällt bei Peirce
mit der Behauptung zusammen, es gibt zwar einen infiniten Zeichenprozess,
aber er führt in the long run zur Wahrheit der Übereinstimmung: Realität (und
Wahrheit) ist nur als Grenzwert einer kontinuierlichen Annährung angespro-
chen.723 Anders ausgedrückt: Das Ideal des Wissens (seine Übereinstimmung
mit der Realität) ist kein endliches Ideal, das sich menschliche Wesen setzen,
sondern ein unendliches Ideal; es ist ein Ideal, das konstitutiv ist für unser Ver-
ständnis dessen, was es heißt, den Standpunkt eines Menschen auf der Grundla-
ge unhintergehbarer Sozialität einzunehmen. Und es ist, weil es ein unendliches
Ideal ist, eines, zu dessen Erfüllung die Möglichkeit des Scheiterns strukturell
dazu gehört.724 Ein unabhängiges Objekt, das unter den Begriff der Realität fällt,
erweist sich damit nicht als unabhängig von der zeichendeutenden Aktivität
schlechthin, sondern lediglich als unabhängig davon, „was du oder ich oder
irgend eine Anzahl von Menschen denken. Daher ist all das, von dem man auf-
grund dieser endgültigen Meinung denkt, dass es existiert, real und sonst
nichts.“725
Die Rede von unabhängigen Objekten führt demgemäß nur in eine Aporie,
wenn mit dem unabhängigen Gegenstand immer schon der erkannte Gegenstand
gemeint ist; dann wird das als möglich unterstellt, was Peirce ausdrücklich als
unmöglich zurückweist: Der unabhängige Gegenstand wäre in einem zeichen-
freien Verfahren resp. Reich als Gegenstand zu identifizieren. Doch einen sol-
chen Zugang, der uns den Gegenstand nackt präsentiert, gibt es nicht.726 Das
bedeutet aber nicht, dass jedes Zeichen damit einfach wahr ist; wahr ist es nur
722
Pape 2000: 12.
723
Vgl. Schönrich 1990: 219, der darin auch das Trennende und Gemeinsam mit Schelling
aufdeckt (vgl. ebd.: 188ff.); vgl. zur kritischen Diskussion der Problematik des long run Rie-
mer 1988: 153ff., wo auch darauf hinwiesen wird, dass dies wissenschaftstheoretisch gesehen
keineswegs heißt, bereits jeder neue endliche Teilabschnitt des long run bringe uns dem ideel-
len Grenzwert notwendig näher (vgl. ebd.: 166); vgl. auch die Anmerkungen in II 2.3.4.A und
III 3.1.A.
724
Vgl. dazu auch Kern, A.: Wissen vom ‚Standpunkt des Menschen’. In: Kern, A./Menke, C.
(Hg.): Philosophie der Dekonstruktion. Zum Verhältnis von Normativität und Praxis. Frank-
furt am Main 2002. Kern zeigt hier, dass die erste These (das Ideal des Wissens ist unendlich)
diejenige Kants ist und mit der zweiten, derjenigen Derridas (Scheitern gehört zur Struktur der
Erfüllung des Ideals), intern verknüpft ist. Vgl. dazu III 3.1.A.
725
Peirce 1967: 260 (CP 8.12).
726