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MARTIN NOTH

Gesdlidlte Israels

VANDENHOECK & RUPRECHT


"Noths Werk behaLuelt die Verhältnisse
in Palästina nicht isoliert, sondern fügt
sie in ausgezeichneter Weise in die all-
gemeine Orientgeschichte ein. Trotz des
hervorragenden Platzes, den das religiöse
Leben bei den Juden spielt, verfällt der
Verfasser nicht dem Fehler, eine Reli-
gionsgeschichte zu schreiben. Im Vorder-
grund steht das eigentliche Schicksal des
jüdischen Volkes, und dabei wird klar
gezeigt, wie dieses von zentraler Bedeu-
tung für das Entstehen und den Verlauf
der religiösen Strömungen geworden ist.
Besonders aufschlußreich ist die Dar-
stellung der klassischen Prophetenbewe-
gung im 8. Jahrhundert. Noths Buch--
ist klar geschrieben und gut aufgeteilt."
Rudi Thomsen
in ,Nyt fra Historien' (Kopenhagen)

"Wie es Noth versteht, die vielen kon-


kreten Vorgänge stets ins Licht größerer
sachlicher Gesichtspunkte zu stellen, gibt
dem Werk einen unbestreitbaren Vorzug.
Im Ganzen liegt die beste Geschichte des
jüdischen Volkes vor."
lubinger Theol.Quartalschrift

"Wir haben gegenwärtig kein Buch, das


die Geschichte des alttestamentlichen
Gottesvolkes nach dem Stand der histo-
rischen und archäologischen Forschun-
gen so klar geschlossen darstell't wie
das von Noth ... " Informationsblatt f. d.
niederdeutschen luth. Landeskirchen

"Eine ungemein reiche Fülle an Stoff


wird in dieser Geschichtsschau ver-
arbeitet und mit souveränem Zugriff
geordnet. " ]udaica

Umschlag-Photo ,' Der Sinai. He/ga Noth


Entwurf des Schutzumschlags,' Christel Steigemann
Martin Noth· Geschichte Israels
MARTIN NOTH

Geschichte Israels

6. Auflage
37. - 44. Tausend

VANDENHOECK & RUPRECHT


GÖTTINGEN
6. Auflage 1966
© Va,ndenhoeck & Ruprecht, Gättingen 1950. Printed in Germany.
Ohne ausdrückliche Genehmigung des Verlages ist es nicht gestattet,
das Buch oder Teile daraus auf foto- oder akustomechanischem Wege
zu vervielfältigen. Druck: Ullmaon, Zwickau
6779
· Vormort zur edten Äufloge

Das vorliegende Buch hat die Absicht, ein Lehrbuch zu sein. Es mußte daher
in erster Linie das Tatsachenmaterial zur Geschichte Israels darbieten, so wie es
nach dem gegenwärtigen Stande der wissenschaftlichen Erkenntnis vorliegt.
Freilich ist es gerade bei dem Gegenstande der Geschichte Israels möglich und
nach der Lage der Dinge auch geboten, die Methode historischer Forschung im
Laufe der Darstellung deutlich werden zu lassen, zu sachgemäßen historischen
Fragestellungen anzuleiten und zugleich auch auf die Begrenztheit unserer histo-
rischen Erkenntnis hinzuweisen. Es ist daher mit Bedacht häufig Bezug ge-
nommen worden auf die vielen Fragen, die aus der zur Verfügung stehenden
Überlieferung nicht mehr beantwortet werden können. Das alles mußte in mög-
lichster Kürze geschehen. Denn wenn auch der Verlag, wofür ihm hier aus-
drücklich gedankt sei, ein nicht unerhebliches Überschreiten des zunächst vor-
gesehenen Umfangs konzediert hat, so war doch der Stoff der Geschichte Israels
im Rahmen eines Lehrbuchs verhältnismäßig stark zusammenzufassen, und vor
allem mußte auf eine Auseinandersetzung mit abweichenden Meinungen im
allgemeinen verzichtet werden. Daher sind auch die Literaturhinweise möglichst
knapp gehalten worden.
Durch eine dankenswerterweise zustande gekommene Vereinbarung mit dem
Verlag J. C. B. Mohr (Paul Siebeck) in Tübingen ist es möglich geworden, die
Kartenskizze aus K. Gallings Textbuch zur Geschichte Israels (1950) auch dem
vorliegenden Buche beizugeben.
Für freundliche Hilfe beim Korrekturlesen und für die Anfertigung des Re-
gisters danke ich Fräulein stud. theol. Luise Abramowski in Bonn, der Tochter
meines Freundes Rudolf Abramowski, der 1945 aus seiner Gemeinde und aus
seinerwissenschaftlichenArbeit plötzlich und für uns allzu früh abberufen wurde.

Bonn, im Juli 1950 Martin Noth


Vormort zur zmeiten Äuflage

Für die neue Auflage ist das Ganze durchgearbeitet und in vielen Einzel-
heiten verbessert und ergänzt worden. Diese Verbesserungen und Ergänzungen
betreffen insbesondere den ersten und vierten Teil. Aus den zahlreichen Be-
sprechungen des Buches habe ich dankbar zu lernen versucht, allerdings doch
mich nicht davon überzeugen können, daß an der Gesamtanlage und an den
leitenden Gesichtspunkten Wesentliches zu verändern wäre. Außer in gedruck-
ten Besprechungen habe ich auch in persönlichen Mitteilungen mancherlei
kritische und ergänzende Bemerkungen erhalten, die ich mit Dank für die Neu-
bearbeitung verwertet habe. Vor allem darfich hier den Herren A. Alt in Leipzig,
I. L. Seeligmann in Jerusalem und H.W . Wolffin Wuppertal für ihre freund-
lichen Hinweise meinen Dank sagen.
Einem mir mehrfach geäußerten Wunsche entsprechend ist der neuenAuflage
ein Bibelstellenverzeichnis beigegeben worden, das sich, wie ich hoffe, als nütz-
lich erWeisen wird. Für die Ausarbeitung dieses Bibelstellenregisters sowie für
liebenswürdige Hilfe beim Korrekturlesen danke ich Fräulein stud. theol. Anne-
liese Kriege in Bonn.

Bonn, im Januar 1954 Martin Noth


Inhalt

Einleitung
§ I. "Israel" .... ........ . . . .. .•.. . .. .... . . . . ... . . . . . . . .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 9
§ 2. Das Land Israels ............ ; .........•..................... '.' . . . . . . . . . 15
§ 3. Die geschichtliche Lage im Lande um 1200 v. Chr. ......................... 24
§ 4. Die Quellen der Geschichte Israels ....................................... 45

ERSTER TEIL

Israel als ZmölHtämmebunll


Kapitel I. Die Entstehung der israelitischen Stämme
§s. Die Wohnsitze der Stämme im Kulturlande............................... 54
§ 6. Die Landnahme der israelitischen Stämme ...............................•. 67

KapitelI1. Der Bund der israelitischen Stämme


§ 7. Das Zwölfstämmesystem ................. ....................•. ......... 83
§ 8. Die Einrichtungen des Zwölfstämmebundes .................. ..... .. . ....•. 94

Kapitel III. Die Traditionen des sakralen ZwölJstämmebundes


§ 9. Die Befreiung aus Ägypten ............................................. 105
§ 10. Die Erzväter ....................... ; .................................. 114
§ I I. Der Bund vom Sinai . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. 120

ZWEITER TEIL

Das Leben lles alten Israel in ller paläftinifdJ=furirdlen Welt


Kapitel 1. Die Selbstbehauptung der Stämme im-Kulturlande
§ 12. Das Verhältnis zu den älteren Landesbewohnern .............. _............ 131
§ 13. Die Auseinandersetzungen mit den Nachbarn ..... _............... _........ 142

Kapitel II. Der Obergang zu politisc1let Machtentfaltung


§ 14. Die Episode des Königtums S'auls ............................. _.......... 152
§ 15. Der Großstaat Davids .................................................. 165
§ 16. Die Herrschaft Salomos ................................................. 187
§ 17. Das geistige Leben Israels im davidisch-salomenischen Staate ........... : . . . .. 198
8 Inhalt

Kapitel Ill. Das Nebeneinander det Kleinstaaten Juda und Israel

§ 18. Juda und Israel nach dem Tode Salomos .................................. 206
§ 19. Kämpfe mit den Nachbarstaaten ......................................... 217

DRITTER TEIL

Israel unter tier Herrrdlaft altorientalirdler Großmädlte


Kapitell. Die Zeit der assyrischen und neubabylonischen Herrscha}t

§ 20. Die neue Lage und ihre Bedeutung für Israel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . • • . . . .. 229
§ 21. Die Unterwerfung durch die Assyrer. . . . . . . . • . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. 233
§ 22. Das Ende von Assur und die Restauration unter Josia ..... . . . . . . . . . . . . . • . .. 244
§ 23. Nebukadnezar und das Ende des Staates Juda .......••..........•...•..... 253
§ 24. Die Situation nach dem Fall von Jerusalem ............................... 261

KapitellI. Die Herrschaft der Perser und Makedonen

§ 25. Die Neugründung des Heiligtums und des Kultes in Jerusalem ............... 271
§ 26. Die Neuordnung des Lebens unter persischem Einfluß .................... " 286
§ 27. Das Leben der Jerusalemer Kultgemeinde in der persischen Zeit ............. 304
§ 28. Die makedonische Eroberung des Orients und das samaritanische Schisma .. . .. 312

VIERTER TEIL

Rertauration, Verfall. Untergang


Kapitel I. Die makkabijische Erhebung und die Erneuerung des Königtums

§ 29. Der Konflikt unter Antiochos IV. und seine Folgen .•...................... 322
§ 30. Entstehung und Verfall des hasmonäischen Königtums ..................... 343
§ 31. Das innere Lebe'n Israels in der Zeit des Hellenismus ....................... 352

Kapitel 11. Die römische Zeit

§ 32. Das Eingreifen der römischen Macht. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. 360


§ 33. Die Herrschaft des Herodes und seiner Nachkommen ...................... 369
§ 34. Die Ablehnung des Christus ............................................ 383
§ 35. Die Aufstände gegen Rom und das Ende Israels ......... ,' ..... " .. ,,'.,., 386

Verzeichnis der Abkürzungen ... , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , . , , , . , , , , , , . , , , , , ... , ,. 407

Literatur in Auswahl .......... '"""",'.""""".""."."'.',.,.",,. 408


Bibelstellenregister .... ' ... , , , . , . , , , , , , , , , , , , , , , , .. , , , , ....... , ...... , , " 41 I
Register der Namen und Sachen ,' .. " " " " " " " " " ' . ' " , , ....... , ........ 423
Einleitung

§ 1. "Israel"
Was "Israel", der Gegenstand einer "Geschichte Israels" gewesen sei, ist nicht
so selbstverständlich und einfach, daß darüber nicht zunächst ein Wort gesagt
werden müßte; und wenn diese Frage auch erst in der Darstellung der "Ge-
schichte Israels" selbst eine begründete Antwort finden kann, so muß dochjeden-
falls sogleich zu Anfang deutlich werden, daß hier überhaupt ein Problem vor-
liegt, und es muß eine wenigstens vorläufige Antwort gegeben werden, die es
gestattet, den Gegenstand der Darstellung und den Umfang der Aufgabe einiger-
maßen zu fixieren.
Daß es sich bei "Israel" um eine geschichtliche Größe handelt, die ihre ge-
schichtliche Zeit gehabt hat und in dieser ihrer Zeit aufs unmittelbarste und
mannigfaltigste in die geschichtlichen Vorgänge ihrer näheren und ferneren
Umgebung verflochten war und die daher nur in einer geschichtlichen Unter-
suchung sachgemäß erfaßt werden kann, das steht nach allen Nachrichten, die
wir besitzen, ohne weiteres fest. Dabei ist die in den Ablauf einer bestimmten
Zeit eingeordnete Folge der Geschehnisse der Geschichte "Israels" und ihr Zu-
sammenhang untereinander und mit den Bewegungen der gleichzeitigen, an Ge-
stalten und Ereignissen überaus reichen altorientalischen Geschichte teils un-
mittelbar überliefert und daher ohne weiteres sichtbar, teils aber - wie auf allen
Gebieten der Weltgeschichte - doch wenigstens indirekt erfaßbar und mit einem
größeren oder geringeren Maße von Evidenz aufweis bar und also auch dann
noch für unser Erkennen wahrnehmbar in der unaufhörlichen Verkettung von
Ursachen und Wirkungen. Dieser gesamte Bereich muß auch in einer Geschichte
"Israels" mit allen Möglichkeiten sachgemäßer historischer Fragestellungen und
mit allen der historischen Methode zur Verfügung stehenden Mitteln der Quellen-
interpretation und Quellenauswertung aufdas strengste untersucht und bearbeitet
werden, weil eben wir es bei "Israel" unzweifelhaft mit einer geschichtlichen
Größe zu tun haben.
Die echte Geschichtiichkeit "Israels" wird nicht in Frage gestellt durch die
Tatsache, daß wir in seiner Geschichte auch auf das Element des nicht mehr wirk-
lieh Wahrnehmbaren und des jedenfalls nicht mehr auf die Zusammenhänge be-
kannter Ursachen und Wirkungen Zurückführbaren und damit des nicht mehr
10 Einleitung

Erklärbaren stoßen. Denn dieses Element ist in aller Menschengeschichte ent-


halten und muß in ihr enthalten sein, nicht nur weil die ganze Fülle ungezählter
Ursachen und Wirkungen schon in der geschichtlichen Gegenwart und erst recht
in der Vergangenheit und zumal in einer fernen Vergangenheit nicht im ent-
ferntesten überschaut werden kann, sondern vor allem weil der Geschichtsverlauf
überhaupt nicht einfach nur in ständigen komplizierten Verkettungen von Ur-
sachen und Wirkungen besteht, wenn anders Gott in der Geschichte nicht nur
als ein npwTov l<lVOVV , sondern als der stets gegenwärtige Herr wirksam ist, der in
und mit dem vordergründigen Zusammenspiel von Ursachen und Wirkungen
zugleich sein Werk tut1• Es kann daher gar nicht anders sein, als daß überall in
der Menschengeschichte das Element des nicht Deutbaren, ja des überhaupt nicht
mehr Faßbaren, des "Unhistorischen" sich findet, dessen Vorhandensein an den
Grenzen des geschichtlichen Erkennens sich kundtut.
An diesem Sachverhalt hat auch die Geschichte "Israels" teil. Und gleichwohl
oder vielleicht auch gerade deswegen bleibt sie echte Geschichte. Es wäre jedoch
leichtfertig und allzu bequem, undurchsichtige Vorgänge in ihrem Bereich vor-
schnell - etwa auf Grund einer vorgefaßten Meinung darüber, was es mit
"Israel" auf sich habe- aus diesem Bezirk des "Unhistorischen" herzuleiten.
Denn tiefere geschichtliche Einsicht und neu sich auftuende Möglichkeiten des
Vergleichs mit Vorgängen in anderen, näheren oder ferneren Gebieten der W elt-
geschichte können leicht das unfaßbar Scheinende begreifbar und erklärbar
machen; und die Aufgabe des Geschichtsschreibers ist es überall, unablässig nach
Vergleichs- und Erklärungsmöglichkeiten zu suchen, auch wenn er der Anwesen-
heit jenes Elements des "Unhistorischen" stets wird gewärtig sein müssen.
Die seit mehr als einem Jahrhundert mit ungeahntem Erfolg im Gange befind-
liche, von zahllosen· unerwarteten Funden und Entdeckungen begleitete Er-
schließung der geschichtlichen Welt des alten Orients hat den Hintergrund der
Geschichte "Israels" hell erleuchtet, die enge Verstrickung der Geschic hte
"Israels" in das bunte Leben und die vielfältigen Bewegungen der Geschichte des
alten Orients ganz offenkundig gemacht und zu den Vorgängen der Geschichte
"Israels" ein reiches Vergleichsmaterial geliefert, so daß heute die Geschichte
"Israel~' im ganzen undim einzelnen ohne eine Kenntnis der altorientalischen
Geschichte gar nicht mehr dargestellt werden kann. Es gibt kaum ein Stück der
Geschichte "Israels", das nicht in deutlich erkennbaren Beziehungen zu diesem
altorientalischen Hintergrunde stünde, dessen Voraussetzungen nicht in dem be-
wegten altorientalischen Geschehen gesucht werden müßten und zu dem nicht
Vergleichbares in der altorientalischen Umwelt "Israels" vorhanden wäre. Diese
vielfältigen Verbindungen haben die Geschichtlichkeit "Israels" aufs deutlichste
in Erscheinung treten lassen und die Mitteilungen der alttestamentlichen ge-
schichtlichen Oberlieferung.in.ihren oft weitreichenden Sachzusammenhängen
und in ihrer Realität besser verstehen gelehrt; sie haben oft überraschende Ver-
gleichsmöglichkeiten eröffnet und mit alledem die geschichtlichen Nachrichten
des A.T. aufs neue ernst nehmen lassen.
1 Vgl. dazu Kar! Barth, Die kirchliche Dogmatik III, I (1945) S.84ff.
§ I. "Israel" 11

Und doch erscheint erade an esichts dieser Zusammen~e 1.11l~d y~rg!eichs_';"


niög IC elten "Israe a sein Frem ing in ieser seiner Welt, der zwar deren
Gewand trug und sIch auf dIe 1ß lhr übhche Welse gebäraete, in seinem Wesen
jedoch von ihr geschieden war; und das nicht nur so, wie jede 'geschichtliche
Größe ihre individuelle Sonderart hat und daher niemals anderen geschichtlichen
Größen wirklich gleich ist, sondern vielmehr so, daß im Zentrum der Ge-
schichte "Israels" Erscheinungen begegnen, für die es keine Vergleichsmöglich-
keiten mehr gibt, und zwar nicht deswegen, weil dazu bislang noch kein Ver-
gleichsmaterial zur Verfügung steht, sondern weil nach allem, was wir wissen,
dergleichen Dinge in der sonstigen Völkergeschichte überhaupt nicht begegnen.
Dies deutlich zu machen, wird eine der Aufgaben einer Darstellung der Geschichte
"Israels" sein müssen.
Von hier aus wird die Frage erst recht dringend, was "Israel" gewesen sei. Die
alttestamentliche Überlieferung kennt den Namen "Israel", wenn wir von einer
nachträglich in einer ganz bestimmten geschichtlichen Situation unter uns ein-
deutig bekannten Voraussetzungen aufgekommenen spezielleren und engeren
Verwendung des Namens (vgl. u. S. 169) absehen, nur als Gesamtbezeichnungfür
eine Gruppe von zwölf Stämmen. die als ganze eine bestimmte Geschichte gehabt
hat. Sie bringt den Namen erstmalig da, wo sie im Zuge ihrer personifizierenden
Darstellung der israelitischen Vorgeschichte den Vater der zwölfAhnherren und
heroes eponymi der Stämme eben "Israel" benannt werden läßt (Gen. 32,29),
und verwendet ihn von da an entweder für diese Gestalt oder aber im Sinne
jener Gesamtbezeichnung. Wie die Gruppe der zwölf Stämme geschichtlich zu
diesem Gesamtnamen kam und ob er etwa zuvor eine ältere Geschichte mit ge-
wissen Bedeutungswandlungen durchlaufen hatte, die auf diese Gesamtbezeich-
nung hingeführt hätte, darüber haben wir keine Spur von Überlieferung mehr;
und es ist müßig, darüber Vermutungen zu äußern, die doch durch nichts wirk-
lich begründet werden könnten. Auch das älteste, und zwar schon sehr frühe,
inschriftliche Vorkommen des Namens "Israel" hilft hier nicht weiter. Es findet
sich in einem Siegeslied auf den ägyptischen Pharao Merneptah auf einer Stele,
die im Totentempel dieses Pharaos in der Pharaonennekropole in Theben aufge-
stellt war und sich jetzt im ägyptischen Museum in Kairo befindet (die sog.
"Israelstele")l. Hier wird in Z.27 vom Pharao gerühmt, daß er im Zusammen-
hang mit der Eroberung einiger palästinischer Städte auch "Israel"2 verdorben
habe. Wir haben jedoch keine Möglichkeit mehr, mit einiger Sicherheit zusagen,
was dieses "Israel" in Palästina um 1220 v. Chr. gewesen sei, ob schon das
"Israel" der zwölf Stämme in der der alttestamentlichen Überlieferung bekannten
Gestalt oder etwa eine noch ältere -Größe, die bereits den Namen "Israel" ge-
tragen und dann auf Grund irgendeines uns dunklen historischen Zusammen-
hangs an das uns bekannte "Israel" weitergegeben hätte.
1 Übersetzung des Textes AOTI 5.20-25; Abbildung der Stele AOBI Nr. 109.
B Durch das dahinter gesetzte ägyptische Deutezeichen wird der Name als der eines
"Fremdvolkes" bezeichnet, während die anderen palästinischen Namen mit dem Deute-
zeichen fUr "Fremdland" versehen sind.
I2 Einleitung

Auch die Wortbedeutung des Namens "Israel" würde, selbst wenn sie noch
zweifelsfrei zu ermitteln wäre, in unserer Frage kaum weiterführen. Sicher ist
nur, daß dieser Name seiner Bildungsweise nach zu einem Typus· gehört, der
gerade unter den ältesten uns bekannten israelitischen Personen- und auch
Stammesnamen nicht ungewöhnlich ist!; es gibt jedoch auch einwandfreie Orts-
namen genau der gleichen Bildung in Palästina2 , und so läßt sich schlechterdings
nichts mehr darüber ausmachen, welche ursprüngliche Beziehung der Name
"Israel" etwa gehabt haben müsse. Wir gelangen hinter die Angaben der alt-
testamentlichen Überlieferung nicht mehr zurück und müssen uns mit de(Fest-
stellung begnügen, daß die älteste uns bekannte Bedeutung des Namens "Israel"
die der Gesamtbezeichnungjener Zwölfstämmegruppe ist. Diese Zwölfstämme-
gruppe bildet also den Gegenstand einer "Geschichte Israels".
Es fragt sich nun, ob diese Größe "Israel" auf Grund ihrer unzweifelhaften
Geschichtlichkeit und ihres Zusammenhangs mit der Geschichte der altorien-
talischen Welt unbeschadet ihrer besonderen Art in eine bestimmte Kategorie
eingereiht werden kann. Die alttestamentliche Überlieferung pflegt, wo immer
sie überhaupt eine bestimmte appellative Bezeichnung braucht, "Israel" als ein
Volk zu charakterisieren und damit in den Kreis der zahlreichen Völker des alten
Orients einzubeziehen3 • In der Tat mußte diese Charakterisierung naheliegen.
Die israelitischen Stämme waren miteinander verbunden durch eine gemeinsame
Sprache, die sie freilich mit zahlreichen Nachbarn teilten, nämlich einen der im
syrisch-palästinischen Kulturlande beheimateten kanaanäischen Dialekte 4 , nach-
dem vermutlich ihre Vorfahren in der Zeit vor der Landnahme zusammen mit
den anderen damals noch nicht seßhaften, landsuchenden Elementen im Bereich
der Ränder des syrisch-palästinischen Kulturlandes ein altes Aramäisch ge-
sprochen hatten. Sie waren miteinander verbunden durch das gemeinsame
Wohnen in einem begrenzten Gebiet, das sie zwar niemals ganz für sich allein
innegehabt haben und innerhalb dessen ihre Wohnsitze keinen völlig geschlos-
senen und abgerundeten Bezirk bildeten, das sie aber doch in einem räumlichen
Nebeneinander vereinigte. Sie waren endlich - und darauf kommt es in diesem
Zusammenhang vor allem an - miteinander verbunden durch eine im wesent-
lichen gleiche geschichtliche Lage, in der sie sich befanden, und daher auch durch
eine Gemeinsamkeit des geschichtlichen Erlebens. Freilich gerade in diesem
Punkte fehlt Wesentliches von dem, was für den Begriff Volk als konstitutiv an-
zusehen ist. Das Ganze der israelitischen Stämme ist, soviel wir sehen, kaum
1 Genaueres darüber bei M. Noth, Die israelitischen Persone'tmamen (1928) S.207fi".
2 VgI. die Ortsnamen Jesreel, Jabneel, Jirpeel und die in der Palästina-Liste des Pharaos
Thutmose IH. doch wohl als Ortsnamen vorkommenden Namen jSp'r (Nr.78) und j'~b'r
(Nr.I02).
3 Die alttestamentlichen Wörter für "Volk", 'am undgöj, wurden in älterer Zeit beide
sowohl für das eigene wie für fremde Völker gebraucht; erst in der Spätzeit wurde der
Plural des letzteren eine spezielle Bezeichnung für Fremdvölker, "Heidenvölker".
• Für diese Sprache, genauer für die spätere judäische Sprachform, in der das A.T. redi-
giert worden ist, ist seit neutestamentlicher Zeit die Bezeichnung "Hebräisch" bezeugt auf
Grund eines sekundären Verständnisses des Begriffi "Hebräer".
§ 1. "Israel" 13
jemals und jedenfalls nie für längere Dauer - von der ganz vorübergehenden und
auf ihrem Boden offenbar nicht lebensfähigen Erscheinung des Königtums Sauls
abgesehen - das Subjekt gemeinsamen geschichtlichen Handelns gewesen. In der
Zeit vor dem Aufkommen des Königtums sehen wir auf palästinischem Boden
meist Einzelstämme - offenbar organisiert in den in jener Zeit üblichen Formen
der Stammesverfassung - und gelegentlich kleine Gruppen von Einzelstämmen
in das geschichtliche Geschehen aktiv eingreifen; und die Staatenbildungen sind
dann nicht wirklich auf der Grundlage einer Zusammenfassung der israelitischen
Stämme erwachsen, so daß diese in ihnen etwa eine bestimmte geschichtliche
Form gefunden hätten. Nach dem Untergang dieser Staatenbildungen aber
lebten die israelitischen Stämme als Untertanenelemente in verschiedenen Pro-
vinzen aufeinanderfolgender Großreiche, und auch ihre späteren wechselvollen
Geschicke haben nicht mehr dazu führen können, daß sie in ihrem nunmehr
schon stark zersetzten Bestand zu gemeinsamem geschichtlichem Handeln zu-
sammengefaßt wurden. Mag man also - mit dem A.T. - den ohnehin nicht ein-
deutigen Begriff Volk auf "Israel" als die immerhin noch sachgemäßeste Be-
zeichnung für diese geschichtliche Größe anwenden, so wird man doch von
vornherein darüber klar sein müssen, daß hier nicht ganz in demselben Sinne von
einem Volke die Rede sein kann, wie es sonst bei den Völkern der Geschichte der
Fall ist; und man tut daher vielleicht überhaupt besser, von "Israel" statt vom
"Volke Israel" zu sprechen.
Was dann die israelitischen Stämme miteinander vereinigte und zusammen-
hielt und damit das eigentliche Wesen dieses seltsamen "Israel" ausmachte, das
kann freilich, soweit es überhaupt aufweisbar ist, erst in der Darstellung seiner
Geschichte selbst ausgeführt werden. Daß "Israel" eine einmalige Erscheinung
im Kreise der geschichtlichen Völker war, das ergibt sich jedoch schon aus einer
allgemeinen Erwägung. So gewiß es gründlich falsch wäre, das spätere Juden-
tum mit "Israel" gleichzusetzen und diese beiden durchaus verschiedenen ge-
schichtlichen Erscheinungen miteinander zu identifizieren, so besteht doch auf
der anderen Seite ein unmittelbarer geschichtlicher Zusammenhang; und das bis
heute geschichtlich Einmalige des Judentums innerhalb der Völkerwelt muß im f
Ansatz bereits in jenem "Israel" gegeben gewesen sein, aus dem es hervorge- ,
wachsen ist. Diese Erkenntnis darf freilich nicht dazu verführen, "Israel" gegen-
über der geschichtlichen Welt des alten Orients zu isolieren und die Tatsache
seiner totalen geschichtlichen Verstrickung in die Welt zu verhüllen.
Die Stämme, die das größere Ganze "Israel" bildeten, haben sich, wie im
einzelnen noch zu zeigen sein wird, erst mit der Landnahme auf dem Boden des
palästinischen Kulturlandes vollzählig zusammengefunden; und damit kann für
uns erst die eigentliche "Geschichte Israels" beginnen. Eine ältere Gestalt
"Israels" als eben die Vereinigung der zwölf Stämme kennt, wie nachdrücklich
betont werden muß, die alttestamentliche Überlieferung nicht. Auch das, was
sie von den Vorgängen vor der Landnahme zu berichten weiß, erzählt sie von
eben diesem .. Israel", das sie nur in seiner späteren geschichtlichen Gestalt zu
sehen vermag. Und dieses .. Israel" ist für sie ziemlich unvermittelt da als die
14 Einleitung

Nachkommenschaft der zwölfStämmeeponymen mit ihrem gemeinsamen Vater,


in denen wiederum nur der geschichtliche Zustand nach der Landnahme personi-
fiziert erscheint. Ober das geschichtliche Werden "Israels" haben wir keinerlei
Nachrichten mehr, sondern nur noch Traditionen über Geschehnisse der Vor-
geschichte, die zwar inhaltlich von entscheidender Bedeutung ~ind, aber in der
vorliegenden Form schon das nachmalige geschichtliche "Israel" voraussetzen.
Wir besitzen also auch keinerlei Mitteilungen mehr über etwaige ältere sozio-
logische Organisationsformen, in denen vielleicht ein "Ur-Israel" existiert haben
könnte, um dann in das volkartige "Israel" der zwölf palästinischen Stämme
überzugehen; und auch für reine Vermutungen in dieser Richtung fehlt es an
sicheren Anhaltspunktenl •
Ist somit der sachgemäße Einsatzpunkt einer Darstellung der "Geschichte
Israels" gefunden, so ist andrerseits nicht von vornherein klar, bis zu welchem
Zeitpunkt mit einer Existenz "Israels" zu rechnen und also eine Darstellung
seiner Geschichte zu führen ist. Sowenig das Leben "Israels" mit einer Ausbil-
dung staatlicher Formen begann, sowenig bedeutete der Untergang der Eigen-
staatlichkeit auf dem Boden "Israels" in den Ereignissen der Jahre 733/721 v.Chr.
und 587 v.Chr. ein Ende "Israels", sondern nur den Abschluß einer bestimmten
Periode seiner Geschichte; und nur eine irrige Vorstellung von dem Ausmaß der
im Zusammenhang jener Ereignisse erfolgten Deportationen konnte zu der
Schlußfolgerung führen, daß damals die Substanz der israelitischen Stämme im
großen ganzen aufgelöst und vernichtet worden sei und damit das alte "Israel"
sein eigentliches Ende gefunden habe. In Wirklichkeit haben die Stämme und hat
"Israel" weiterbestanden. Und so ist es nicht nur aus praktischen Gründen mit
Rücksicht auf die späteren und spätesten Schichten der alttestamentlichen Lite-
ratur, deren geschichtlicher Hintergrund einer Darstellung bedarf, erwünscht,
sondern es ist sachlich geboten, die Geschichte "Israels" über die Zeit des Unter-
gangs der Eigenstaatlichkeit hinaus weiterzuführen. Auch der weltgeschichtlich
bedeutsame Vorgang des Zuendegehens der altorientalischen Zeit mit dem Auf-
treten Alexanders des Großen und der beginnenden Hellenisierung des Orients
bedeutete für "Israel" zwar gewiß eine folgenreiche Wendung der Dinge, aber
in gar keiner Weise eine entscheidende Veränderung seiner Situation; und so
gibt es schlechterdings keinen sachlichen Grund, gerade hier den Faden der Ge-
schichte "Israels" abzuschneiden. Erst von den Geschehnissen der römischen
Zeit wird man sagen müssen, daß sie dem geschichtlichen Dasein "Israels" ein
Ende bereitet und aus ihm das unter die Völker zerstreute Judentum gemacht
haben. Noch einmal begegnen wir in dieser Zeit den Resten der in ihrem Lande
sitzenden israelitischen Stämme, die sich ihrer Gemeinsamkeit bewußt sind 2 ; zu-
1 Hier liegen grundsätzliche Bedenken gegen den an sich inhaltsreichen und in vielen
Einzelheiten beachtlichen Versuch von W. Caspari, Die Gottesgemeinde vom Sinai und
das nachmalige Volk Israel (1922), in Auseinandersetzung mit M. We ber, Das antike Juden-
tum (Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie III [1923]) eine "vornationale Organi-
sation" des "nachmali gen Volkes Israel" zu ermitteln.
2 Noch Josephus pflegt die israelitischen Stämme im Lande unter der Gesamtbezeichnung
"das Volk" (TO e,svos) zusammenzufassen.
§ 2. Das Land Israels 15
gleich aber vollzieht sich der Prozeß einer inneren und äußeren Auflösung, der
im Verlauf der unglücklichen und unheilvollen Auflehnungen gegen die rö-
mische Herrschaft offenkundig wird und sich vollendet. In diesen Zusammen-
hängen wird man den Untergang "Israels" sich abspielen sehen dürfen; und mit
der Behandlung der Aufstände von 66-70 n.Chr. und 132-135 n.Chr. kann
daher eine Darstellung der Geschichte "Israels" einen sachgemäßen Abschluß
finden.
Was aus diesem Untergang "Israels" erwuchs, war jene Erscheinung, die wir
als "Judentum" zu bezeichnen pflegen. Sie hatte zwar ihre Wurzeln in der Ge-
schichte "Israels" und knüpfte an Entwicklungen an, die bereits in der späteren
Zeit der Geschichte "Israels" hervorgetreten waren, sie hat auch immer den
Namen "Israel" auf sich selbst angewendet; aber sie war doch mit dem Wegfall
des kultischen Mittelpunktes, mit dem Fehlen eines Heimatlandes und damit der
Möglichkeit gemeinsamen geschichtlichen Handelns etwas wesenhaft Neues, so
daß wir gut daran tun, für sie die eigene Bezeichnung "Judentum" statt des
alten Namens "Israel" zu gebrauchen. Aus dem Schoße dieses "Judentums" ist
nun allerdings in 'allerjüngster Zeit eine neue geschichtliche Größe mit dem
Namen "Israel" hervorgegangen, die in dem alten Lande Israels im Zuge der
zionistischen Bewegung wieder ihre Heimat gesucht und schließlich auch einen
neuen Staat "Israel" begründet hat. Dieses neue "Israel" ist, so gewiß geschicht-
liche Zusammenhänge vorliegen, nicht nur durch die lange Zeit von fast zwei
Jahrtausenden, sondern auch durch eine lange und wechselvolle Geschichte von
jenem alten "Israel" getrennt und unter völlig veränderten weltgeschichtlichen
Voraussetzungen ins Leben getreten, so daß es nicht sachgemäß wäre, über das
Ende des einstigen "Israel" hinweg die Linien der geschichtlichen Betrachtung
bis zu dem "Israel" der Gegenwart zu ziehen.

§ 2. Das Land Israels

Von ihrem Anfang bis zu ihrem Ende in dem soeben festgelegten Sinne hat
sich die Geschichte Israels in einem engbegrenzten Raume abgespielt, in einem
Lande, das man für die in Frage kommende Zeit mit einem gelegentlich einmal
im A.T. (I.Sam. 13,19) vorkommenden Ausdruck sachgemäß als "das Land
Israels" bezeichnen kann. Ein eigentlicher und ursprünglicher Name für dieses
Land in seiner Gesamtheit ist uns aus alttestamentlicher Zeit nicht überliefert!,
und es hat vermutlich auch keinen solchen gegeben; denn es ist weder in seiner
natürlichen Erscheinung eine einheitliche und so recht in sich abgeschlossene
Größe noch jemals im vollen Umfang von einer homogenen Bevölkerung be-
siedelt gewesen, und es hat auch kaum je den Schauplatz einer mit seinem Bereich
im wesentlichen sich deckenden politischen Gestaltung gebildet. So mag der
Ausdruck "das Land Israels" als eine etwas dehnbare Umschreibung des Ge-
bietes dienen, innerhalb dessen die israelitischen Stämme ihre Wohnsitze hatten.
1 Genauere Einzelheiten darüber WAT S.42:ff.
16 Einleitung

pieses Gebiet bildet das südliche Drittel des langgestreckten Gebirgslandes zwi-
schen dem östlichen Rande des Mittelmeeres und der Syrischen Wüste, das
seinerseits durch einen der Länge nach es durchziehenden tiefen Grabeneinbruch
in eine westliche und eine östliche Hälfte geteilt wird. Nordwärts erstreckte sich
das Land Israels etwa bis zu den Südenden der Hochgebirge des Libanon und
Antilibanon, südwärts bis zum Übergang des Kulturlandes in die Steppe und
Wüste der sogenannten Sinaihalbinsel etwa auf der Breite des Südendes des
Toten Meeres.
Wir pflegen das Land Israels Pa I äst i n a zu benennen und bedienen uns dabei
eines Namens, der in der altchristlichen Literatur zur Bezeichnung des Schau-
platzes der biblischen Geschichte aufkam im Anschluß an die damalige offizielle
Sprache; denn als nach den verschiedenen jüdischen Aufständen der bis dahin
zunächst gebrauchte und nun nicht mehr passende Provinzname Judaea ver-
mieden werden sollte, wählte man zur Bezeichnung der im wesentlichen das
Land Israels umfassenden römischen Provinz den schon älteren, aber zunächst
für ein beschränkteres Gebiet geltenden Namen Palaestina ("Philisterland")l;
und seitdem ist dieser Name bis heute offiziell und inoffiziell in einer in der
Grundlage gleichbleibenden, in der Abgrenzung im einzelnen aber schwanken-
den Verwendung innerhalb der christlichen Kirche üblich geblieben.
Als wirkliche und echte Geschichte ist die Geschichte Israels ständig aufs
stärkste bestimmt gewesen durch die natürlichen Gegebenheiten des Bodens, auf
dem sie sich abspielte. Daher gehört die Kenntnis der Geographie Palästinas zu
den Voraussetzungen eines sachgemäßen Verständnisses der israelitischen Ge-
schichte; und ein kurzer Überblick über die für das Leben und Handeln der Be-
wohner wesentlichen Eigenheiten der Landesnatur muß einer Darstellung der
Geschichte Israels vorangehen 2 •
Den Kern des Landes bildet ein KaI k g e b i r g e, dessen Schichten sich einmal
horizontal abgelagert haben, aber dann durch mannigfaltige tektonische Vor-
gänge am Ostrande des Mittelmeeres zerfallen sind. Während daher von der
Syrischen Wüste her im Osten des Landes der ursprünglicheTafelcharakter noch
in Erscheinung tritt, hat sich im Westteil die Kalktafel in ein Gewirr von
Schollen aufgelöst. Besonders auffällig ist der mächtige nordsüdlich gerichtete
Grabeneinbruch, der das ganze Land durchzieht und darüber hinaus sich weit
nach Norden und Süden noch fortsetzt. Auf seinem Boden schlängelt sich das
Bett des Jordans dahin, der am Nordende des Landes am Fuße des Antilibanon
entspringt und sich in das Tote Meer ergießt, das an der Südgrenze den Boden
des tiefen Grabeneinbruchs bedeckt. Man pflegt ihn daher als Jordangraben zu
bezeichnen und danach das Ganze in Ostjordanland und Westjordanland einzu-
1 Genaueres darüber bei M. Noth, ZDPV 62 (1939) S.125-144.
S Eine wirkliche Geographie Palästinas kann hier nicht einmal im Abriß geboten werden.
Vgl. dazu vor allem H. Guthe, Palästina (Monographien zur Erdkunde 21) 2 1927 sowie
H. Guthe, Bibelatlas 2192 6 und G. E. Wright and F. V. Filson, The Westminster Histo-
rical Atlas to the Bible (1945). Auf die Ausführungen über die natürliche und historische
Geographie Palästinas in WAT S.I-82, die hier nicht wiederholt werden sollen, sei ein für
allemal verwiesen.
§ 2. Das Land Israels 17
teilen. Der im wesentlichen noch erhaltenen Tafel des Ostjordanh.ndes, in deren
Rand nach dem Jordangraben zu sich zahlreiche Fluß- und Bachbetten tief ein-
gesägt haben, steht also das auf der anderen Seite des Jordangrabens vielfältig
eingebrochene westjordanische Gebirge gegenüber, das dann noch durch eine
angeschwemmte Küstenebene vom Strande des Mittelmeeres getrennt ist. So
vereinigt das Land in seinem engen Raume größte landschaftliche und damit
auch klimatische Unterschiede und Gegensätze, und die Lebensbedingungen in
den verschiedenen Teilen des Landes waren sehr verschieden. Anders lebte es sich
auf den etwa 600-800 m hoch gelegenen fruchtbaren Flächen im südlichen und
nördlichen Teile des Ostjordanlandes, die mit abnehmenden Niederschlägen
nach Osten zu allmählich in Steppe und Wüste übergehen, als in dem bergigen
und noch heute bewaldeten Mittelteil des Ostjordanlandes ; anders auf dem
heißen und wüstenhaften Boden des tief eingesenkten Jordangrabens, in dem an
verschiedenen Stellen am Fuß der aufbeiden Seiten steil aufsteigenden Gebirge
austretendes Wasser Oasen mit üppiger Vegetation hervorgebracht hat, als auf
den luftigen Höhen der Gebirge; anders in der das westjordanische Gebirge
unterbrechenden großen, weiten und ergiebigen Jesreel-Ebene, die der in seinem
Unterlauf ständig Wasser führende Kison zum Mittelmeer entwässert, als aufden
von im Sommer trockenen Bachtälern zerschnittenen westjordanischen Höhen;
anders wieder auf den weniger hoch aufragenden, sanfteren, von kleineren und
größeren eingesenkten anmutigen Ebenen durchsetzten mittleren Teilen des
westjordanischen Gebirges nördlich und südlich der Jesreel-Ebene als auf den
schrofferen, stark zerklüfteten, wenig fruchtbaren und für die Verkehrswege
sehr schwierigen Gebirgsteilen weiter im Norden und weiter im Süden; anders
an den vom winterlichen Regen reichlich benetzten Westseiten des west- und
ostjordanischen Gebirges als an dem niederschlagsarmen und daher vielfach
wüstenhaften Ostabfall des Westjordanlandes ; anders in der durch einen fast
ununterbrochenen Dünenstreifen vom Mittelmeer getrennten, verhältnismäßig
wasserreichen, warmen und ertragreichen Küstenebene als auf dem sie durch-
schneidenden und bis ins Meer vorspringenden bewaldeten Rücken des Ka rmel;
anders auf der südlichen Abdachung des westjordanischen Gebirges mit ihren
dürftigen Weiden und kärglichen Ackerböden als in der südlich daran an-
schließenden Wüste, in der Hirten und Herden auf die wenigen vorhandenen
Wasserstellen angewiesen sind.
Es ist begreiflich, daß dieses Land von sich aus wenig dazu beitragen konnte.
eine gleichmäßige Besiedlung durch eine einheitliche Bevölkerung zu veran-
lassen oder seine vorhandenen Bewohner zu einer Einheit zusammenzufassen.
Die Landesteile mit günstigeren Lebensbedingungen, vor allem die Küstenebene
und die Jesreel-Ebene, die Oasen des Jordangrabens und außerdem die Hoch-
Bächen des nördlichen und des südlichen Ostjordanlandes, mußten zuerst zur
festen Ansiedlung und Bewirtschaftung einladen; und die ärmeren gebirgigen
Gegenden fanden erst dann Liebhaber, als jene Teile bereits in festen Händen
waren und neue landsuchende Elemente also mit bescheideneren Wohnsitzen
vorliebnehmen mußten. So führte schon die Landesnatur von vornherein zu
18 Einleitung

einer starken Uneinheitlichkeit der Besiedlung. Sie war aber auch einem nach-
träglichen Zusammenschluß der Gesamtheit seiner Bewohner nicht eben günstig.
Die verschiedenen Lebensbedingungen in den verschiedenen Landesteilen führten
zu Verschiedenheiten in der Lebensweise der Menschen, die sie sich gegenseitig
eher fremd bleiben ließ. Und die das Land durchziehenden, allenthalben von tief
und steil eingeschnittenen Tälern zerfurchten Gebirge erschwerten den Verkehr
von Ort zu Ort und ließen nur in den großen Ebenen die Möglichkeit ziemlich
ungehinderter Kommunikation offen, während auf den Gebirgen die Verkehrs-
verhältnisse die Isolierung in kleineren Gruppen begünstigten.
Gleichwohl gab es natürlich in sehI wesentlichen Dingen gemeinsame Vor-
aussetzungen des Lebens für alle Landesbewohner. Hierher gehören vor allem
die kl i m a tisc he n Bedingungen. Palästina hat teil am subtropischen Klima der
Mittelmeerwelt und an den besonderen Folgen, die dieses Klima in den Kalk-
gebirgsländern jener Weh hat. Charakterisiert ist dieses Klima durch den Wechse!
einer winterlichen Regenzeit mit einem regenlosen Sommer. Dabei fällt der
winterliche Regen nicht als dauernder Landregen, sondern nicht nur in den ein-
zelnen Perioden des Frühregens (vor allem im Oktober), des Hauptregens (im
wesentlichen im Januar) und des Spät re gens (etwa im April), sondern auch inner-
halb dieser Perioden in einzelnen, oft tagelang voneinander getrennten, kurzen
und heftigen Regengüssen, die in den Gebirgstälern dann reißende Bäche von
oft gefährlicher Wildheit entstehen lassen. Da zudem der Kalkboden sehr durch-
lässi g ist und eine wirkliche Bewaldung fast fehlt und wahrscheinlich seit den
ältesten geschichtlichen Zeiten gefehlt hat - das, was man "Wald" zu nennen
pflegt, stellt im wesentlichen nur ein ziemlich niedriges Gestrüpp dar -, so
trocknet das Land in den Sommermonaten außerordentlich stark aus; die Quellen
- ohnehin in den gebirgigen Landesteilen wenig zahlreich und auch in den
Ebenen an den Füßen der Gebirge von beschränkter Zahl - fließen dann
schwächer und versiegen teilweise ganz, und nur wenige Bachtäler, vor allem in
den Ebenen und zumal in der Nähe der Mittelmeerküste, führen noch Wasser.
Nur der Jordan, gespeist aus dem unterirdischen Wasserreservoir der Hoch-
gebirge am Nordrande Palästinas, führt ständig reichliches Wasser zum Toten
Meer; aber dieser Wasserlauf, der sich durch das Wüstengebiet des tiefen Jordan-
grabens schlängelt, hat wenig praktische Bedeutung für das Leben im Lande.
So ist die Versorgung mit Was s e r wohl von jeher die wichtigste Lebensfrage
für die Bewohner Palästinas gewesen. Im Unterschied von' den großen Fluß-
oasen, Ägypten und Babylonien, in denen die regelmäßigen großen Über-
schwemmungen das Land befeuchten und das Flußwasser dauernd auch für Tier
und Mensch nutzbar gemacht werden kand, ist Palästina und darüber hinaus das
ganze Syrien auf den Regen als Wasserspender für den Bedarf der Pflanzen,
Tiere und Menschen angewiesen. Kommt er zu den Zeiten, in denen er fällig ist,
zu spärlich oder fällt er gelegentlich ganz aus, so bedeutet ~as eine große Kata-
strophe für das ganze Leben im Lande. Und während die Vegetation der ein-
jährigen, nicht holzbildenden Pflanzen sich auf die winterlichen Regenmonate
beschränkt, können Mensch und Tier dauernd nur dort leben, wo auch im
§ 2. Das Land Israels 19

Sommer noch etwas von dem Segen des vergangenen Winterregens zu erreichen
ist, d.h. wo aus dem unterirdischen Wasservorrat das ganze Jahr hindurch
Quellen gespeist werden oder wo man das winterliche Regenwasser in aus-
reichender Menge in von Menschenhand angelegten Behältern, in sogenannten
Zisternen, gesammelt hat. Diese letztere Erfindung, schon gemacht, als die
israelitischen Stämme im Lande heimisch wurden1 , ermöglichte die dauernde Be-
siedlung auch solcher Gegenden, in denen es nicht ausreichend Quellen gab oder
wo man nicht wenigstens durch das Bohren von Grundwasserbrunnen sich Zu-
gang zu einer unterirdischen Wasserader verschaffen konnte. Freilich ist das
Zisternenwasser nicht zu vergleichen mit dem "lebendigen Wasser" von Quellen;
und in manchen Gegenden des Landes, wie in Teilen des Ostabfalls des west-
jordanischen Gebirges, fällt eine so geringe Regenmenge, daß sie zum Füllen von
Zisternen nicht mehr ausreicht, und hier gibt es dann keine Möglichkeit mehr
für einen dauernden Aufenthalt von Mensch und Tier.
So sind die Wasserverhältnisse von entscheidender Bedeutung gewesen für die
Verteilung der menschlichen Siedlungen im Lande und für Leben undWirtschaft
der Menschen in den einzelnen Landesteilen. Jede Quelle mußte Menschen zur
Festsetzung in ihrer unmittelbaren Nähe einladen; und da Quellen vor allem an
den Füßen der Gebirge entspringen, sind die Ränder der Ebenen besonders früh
und besonders dicht besiedelt worden. Wo Quellen und Grundwasserbrunnen
nur dünn gesät und wenig ergiebig waren, wo daher für eine Häufung von
Menschen kein Raum mehr war, da konnten wenigstens noch genügsame Klein-
viehherden, Schafe und Ziegen, mit ihren Hirten leben; die Ostseite des west-
jordanischen Gebirges und die Ränder des Landes im Osten und Süden sind von
jeher solche Kleinviehweidegebiete gewesen.
Die Besonderheiten des Klimas sind stets auch für den Jahreslauf im mensch-
lichen Leben und Arbeiten grundlegend gewesen 2 • Daß das Erwachen der Vege-
tation im Herbst infolge zunächst des stärker werdenden Taus und dann des ein-
setzenden Frühregens als der Anfang eines neuen Jahres betrachtet wurde, ist
leicht begreiflich. Es kam damit für die ackerbautreibende bodenständige Be-
völkerung die Zeit des Pflügens, des Säens und - alsbald nach Abschluß der
Regenzeit - des Erntens und im Zusammenhang mit dem letzteren des Feierns
der alten landesüblichen kultischen Feste des Erntebeginns und des Abschlusses
der Ernte, des "Mazzenfestes" und des "Schneidefestes" (Ex. 23, 15.16); und im
Hochsommer und Herbst folgte dann das Reifen der Baumfrüchte, besonders
der Weintrauben, Feigen und Oliven, und damit die fröhliche Zeit ihres
Einsammelns und schließlich des "Sammelfestes" (Ex. 23,16). Für die Klein-
viehherdenbesitzer aber ergab sich aus den Gegebenheiten des Jahreslaufs eine
regelmäßige Wanderbewegung, der sogenannte Weidewechsel 3 ; während die
Regenzeit im Winter ihren Tieren auch in Steppen- und Wüstengebieten noch
1 Vgl. w. F. Albright in Studies in the history of culture (1942) S.33.
2 Darüber mit einer Fülle von Einzelangaben G. Dalman, Arbeit und Sitte in Palästina,
bes. Band 1,1.2 (1928): Jahreslauf und Tageslauf.
8 Vgl. zuletzt L. Rost, ZDPV 66 (1943) S.2osff.
20 Einleitung

ausreichende Weidemöglichkeiten bot, mußten sie im trockenen Sommer ihre


Herden in das bevorzugte Kulturland hereinführen, wo sie auf den inzwischen
abgeernteten Feldern dann noch ausreichende Nahrung fanden, wie denn noch
heute die arabischen Stämme je ihre bestimmten Winterweiden und Sommer-
weiden habeni.
Daraus ergab sich eine ständige Beziehung des Kulturlandes zur benachbarten
Steppe und Wüste; und es gehört mit zu den geschichtlich wichtigen Eigen-
heiten der Landesnatur Palästinas, daß das Land nach ganz bestimmten Seiten hin
durch natürliche Gegebenheiten verschlossen und nach anderen Seiten hin offen
ist. Palästina ist auf seiner ganzen Westseite begrenzt durch das Mitte meer und
hat damit eine im Verhältnis zu seiner Größe sehr lange Küste. Und doch hat es
von Natur keine sehr positive Beziehung zum Meere, und seine Bewohner
haben im großen ganzen wenig Interesse für Seefahrt und Seehandel gehabt.
Denn im Unterschied von der nördlich anschließenden phönikischen Küste zu
Füßen des Libanongebirges mit ihren alten berühmten phönikischen Hafen- und
Handelsstädten ist die von einem Dünenstreifen begleitete flache und geradlinige
palästinische Küste fast ohne natürliche Häfen, die die Landesbewohner zur See-
fahrt hätten einladen und fremde Seefahrer hätten anziehen können. Die Ägypter
haben seit alters über See durch Küstenschiffahrt wohl mit den entfernteren
phönikischen Städten, aber kaum mit dem näher gelegenen Palästina verkehrt.
Nur an wenigen Stellen wird der gerade Verlauf der flachen Küste durch ins
Meer vorspringende Felsen und aus dem Meer aufragende Klippen belebt, ohne
daß freilich an diesen Stellen wirklich brauchbare natürliche Häfen entstanden
wären, so bei jäfa, dem alttestamentlichen japho, bei ~e~ärje, dem späteren
herodianisch-römischen Caesarea am Meer, bei 'atlit, dem Castellum Peregri-
no rum der Kreuzfahrer. Nur durch den vorspringenden Karmel wird die
gerade Küstenlinie unterbrochen; und in seinem Schutze ist eine große Bucht mit
allerdings auch flacher und sandiger Küste entstanden, an deren Nordende eine
alte Küstenstadt lag, das aus dem A.T. !:lekannte Akko, neben 1apho die einzige
nennenswerte Siedlung am Meer aus altorientalischer Zeit.
Diese Verschlossenheit des Landes gegen das benachbarte Meer macht es ver-
ständlich, daß Seefahrt und Seehandel in Israel gar keine Rolle gespielt haben,
ja daß das Meer trotz seiner räumlichen Nähe im Gesichtskreis Israels überhaupt
nur am Rande auftaucht, so daß in Israel eine Schöpfungserzählung formuliert
werden konnte, die von der Existenz des Meeres völlig absieht 2 ; und wo immer
vom Meer im A.T. die Rede ist, erscheint es kaum als ein Bereich länderver-
bindenden Verkehrs, sondern als ein bedrohliches Element am Rande der be-
wohnten Erde, dessen unheimliche und gefährliche Macht sich gleichwohl an
der einmal festgelegten Küste totläuft3 •
Auch nach Norden zu schließt eine natürliche Schranke das Land Palästina ab.
Die hier aufragenden Hochgebirge des Libanon und Antilibanon begrenzen das
1 Vgl. M. v. Oppenheim. Die Beduinen I (1939). 11 (1943). III (19S.l).
2 So die jahwistische Erzählung Gen.2.4bff.
I Vgl. z.B. Hi.38,8-n.
§ 2. Das Land Israels 21

Land auf dieser Seite; und schon der nördlichste Teil des Westjordanlandes, das
obergaliläische Gebirge, das die höchsten Erhebungen des ganzen Landes auf-
weistl, bildet in dieser Richtung ein wenig zugängliches Gebiet. Weder entlang
der Küste, an der eie bis an das Meer herantretenden Vorgebirge zwischen Akko
und Tyrus der nach Phönikien führenden Straße ein nur schwer überwindliches
Hindernis entgegenstellen, noch im Jordangraben, dessen Übergang in die
Senke zwischen Libanon und Antilibanon gleichfalls' nur mit Schwierigkeit
passierbar ist, hat das Land natürliche Ausgänge nach Norden. Nur in nord-
östlicher Richtung ist vom nördlichen Ostjordanlande aus auf der Ostseite des
Antilibanon der Weg frei in der Richtung auf Damaskus.
Um so offener ist dafür Palästina nach Osten und Süden gegen die hier das
Land begrenzenden Steppen und Wüsten. Ganz allmählich erfolgt hier der
Übergang im Zuge des mit wachsender Entfernung vom regenbringenden
Mittelmeer allmählichen Abnehmens der Niederschläge. Schwierige natürliche
Hindernisse sperren hier kaum den Zugang. Am Rande des Ostjordanlandes wie
am Südrande des Westjordanlandes läßt sich eine natürliche Landesgrenze gar
nicht genau festlegen; und der Bereich des seßhaften W ohnens hat sich auf diesen
Seiten zu verschiedenen Zeiten verschieden weit erstreckt, je nachdem eine reich
entwickelte Landeskultur mit allerlei Kunstanlagen zur vollen Auswertung des
winterlichen Regenfalls die Besiedlung von Randgebieten ermöglichteS, die bei
nachlässiger Wirtschaft wieder der Öde verfielen. So ist es begreiflich, daß
ständig Beziehungen zwischen dem Kulturland und seinen Nachbarn in den
östlichen und südlichen Steppen und Wüsten bestanden, vor allem so, daß diese
letzteren stets ihre Blicke auf das begehrte Kulturland richteten und bei jeder
günstigen Gelegenheit in ihm Fuß zu fassen versuchten. Der Weidewechselließ
zahlreiche Kleinviehhirten regelmäßig die Sommerweiden für ihre Herden im
Kulturlandbereich aufsuchen, und daraus ergab sich ein unaufhörliches Hin und
Her zwischen drinnen und draußen. Diese Offenheit des Landes nach Osten und
Süden ist für seine Geschichte vielfach von wesentlicher Bedeutung gewesen.
Neben dem ständigen Einsickern von kleineren Gruppen haben Zuwanderungen
groben Ausmaßes von diesen Seiten her mehrfach für die Geschichte Palästinas
entscheidende Bedeutung gehabt.
Die naturlichen Gegebenheiten haben Palästina zugleich zu dem großen Fern-
verkehr im Raume des alten Orients in einige Beziehung gesetzt. Es ist, wie
überhaupt das größere Ganze von Syrien, ein Durchgangsland innerhalb dieses
Raumes gewesen und ist daher in die Beziehungen und Auseinandersetzungen
der großen Mächte des alten Orients immer wieder hineingezogen worden. Der
Weg von Ägypten nach Vorderasien führte nach dem Passieren des nördlichen
Teiles der Sinaihalbinsel auf asiatischem Boden notwendig zunächst in die
palästinische Küstenebene; und da die Küstenstraße nach Phönikien am Nord-
1 Wenn man das noch höher aufsteigende Vulkangebirge des dschebel ed-druz weit
draußen im Osten nicht mehr zu Palästina rechnet.
I Zur Bestimmung der Begriffe Steppe und Wüste und zu ihrer Verteilung im Umkreis
Palästinas vgl. R. GI admann. ZDPV 57 (I934) 5.161 ff. und bes. Plan I.
22 Einleitung

rande des Landes schwer gangbar war, bevorzugte er dann vielfach die Route
quer durch Palästina, indem er an der Rückseite des Kafmel vorbei die Jesreel-
Ebene erreichte, um dann südlich oder nördlich des Sees von Tiberias den Jor-
dangraben zu durchqueren und im Ostjordanlande die Richtung auf Damaskus
einzuschlagen, von wo man weiter nach Nordsyrien oder auf Karawanenwegen
durch die syrische Wüste zum mittleren Euphrat gelangen konnte. Auch die für
den Handelsverkehr wichtigen Wege von Südarabien her nach dem Mittelmeer-
gebiet berührten Palästina am Rande; man zog entweder am Rande des Ost-
jordanlandes entlang nordwärts nach Damaskus oder aber vom Nordende des
Golfes von el-' a~aba aus zur südpalästinischen Küste; und so nahm Palästina
auch am Austausch der Kulturgüter des alten Orients teil. Die Natur und die
Lage des Landes führten seine Bewohner zu einem in sich mannigfach differen-
zierten und durch allerlei Beziehungen zur Umwelt bereicherten Leben.
Ein reiches Land ist Palästina nie gewesen, und seine Bewohner haben stets
"im Schweiße ihres Angesichts" ihr Brot essen müssen. Nur eine Bevölkerung
von beschränkter Dichte hat das Land von jeher ernähren können. Selbst in den
günstigeren und ergiebigeren Landesteilen haben die Menschen aufihren Äckern
und in ihren Baumpflanzungen sich plagen müssen, um dem Boden seinen Ertrag
abzuringen, und höchstens in den wenigen Oasen des Jordangrabens entfaltet
sich eine Vegetation von üppiger Fülle. Auf den Gebirgen aber war das Leben
noch härter, wenn auf den steinigen Äckern etwas wachsen sollte oder, wo selbst
das nicht mehr möglich war, die Kleinviehherden an ihren dürftigen Weide-
plätzen und Wasserstellen die nötige Nahrung finden sollten. Und selbst dieses
karge Leben hatte zur Voraussetzung, daß nach den trockenen und heißen Som-
mern die winterlichen Regen in ausreichender Menge und in einer normalen
zeitlichen Verteilung fielen. Aber darauf war nie sicherer Verlaß; und stets mußte
man voll Angst dessen gewärtig sein, daß das Ausbleiben oder die Geringfügig-
keit des Regens Dürre und Durst und damit zugleich Mißernte und Hunger als
lebenbedrohende Katastrophe über das Land brachte. Wenn aber alles befrie-
digend gewachsen war, dann konnte eine der immer einmal wiederkehrenden
Heuschreckenplagen den gesamten Segen des Landes binnen kürzester Frist ver-
nichten und Mensch und Tier der Hungersnot ausliefern. Die menschlichen Sied-
lungen aber waren je und dann von Erdbeben bedroht, wie sie als tektonische
Beben in diesem Lande nichts Ungewöhnliches sind.
Die Menschen haben bis in die jüngste Zeit hinein in diesem Lande ein sehr
bescheidenes Leben geführt, und so wird es zu allen Zeiten gewesen sein. Da eine
je nach den örtlichen Verhältnissen verschiedene Kombination von Ackerbau
und Kleinviehzucht im allgemeinen die Lebensgrundlage der Landesbewohner
bildete, so stellten hausgebackenes Brot und allerleiMilchprodukte und dazu etwa
noch je nach Jahreszeit verschiedene Baumfrüchte im wesentlichen die Nahrung
der Menschen dar. Fleischgenuß war gewiß zu allen Zeiten auf besondere Ge-
legenheiten als Ausnahme beschränkt, auf Festtage - in alter Zeit waren es kul-
tische Feste mit Tieropfern und damit verbundenen Opfermahlzeiten -, auf
Besuche von Gästen, die man mit orientalischer Gastfreiheit reichlich zu be-
§ 2. Das Land Israels 23

wirten pflegte, und auf ähnliche Anlässe; und häufigerer Fleischgenuß galt als
Zeichen eines ungewöhnlich üppigen Lebens!. Wahrscheinlich war ein mäßiger
Weingenuß je nach dem Vermögen des einzelnen allgemein im Lande üblich, bis
dann der Islam seinen Bekennern den Wein verbot.
An jagbarem Wild hat es ebenso wie an Raubtieren - vor allem in den be-
waldeten Bergländern - in alten Zeiten wahrscheinlich mehr gegeben als heut-
zutage. Der Fischfang war außer an der Mittelmeerküste vor allem am See von
Tiberias lohnend, während der größte Binnensee des Landes, das Tote Meer,
infolge seines starken Mineralgehaltes in sich und um sich organisches Leben
nicht aufkommen läßt.
Wenn im A.T. - besonders in der deuteronomisch-deuteronomistischen Lite-
ratur - Palästina als ein "gutes Land" gepriesen wird, das "von Milch und Honig
fließt", so soll damit zunächst das Kulturland als solches der Steppe und Wüste
als gesegneter Bereich gegenübergestellt werden. Überdies handelt es sich bei
dem "Fließen von Milch und Honig" anscheinend um eine in der antiken Welt
stereotype Bezeichnung für ein paradiesisches Gebiet, die gar nicht speziell im
Blick auf Palästina geprägt worden ist, mit der aber Israel sein eigenes Land ge-
rühmt hat im Vergleich mit den nächst benachbarten und am unmittelbarsten
zugänglichen Steppen und Wüsten, nicht etwa mit den entfernteren und nicht
so ohne weiteres bekannten reichen Flußoasenländern des alten Orients. Man
wird daher den Hinweis auf "Milch und Honig" nicht gerade aus speziell pa-
lästinischen Verhältnissen heraus erklären dürfen; gedacht hat man in Israel bei
der Übernahme dieses Ausdrucks gewiß an die stellenweise schönen Weiden im
Kulturlande, die den Milchertrag der Kleinviehherden steigerten, und an die
Weingärten, die den Traubenhonig (an diesen und nicht an Bienenhonig wird
gedacht sein) lieferten 2 • Für die Steppen- und Wüstenbewohner erschien natür-
lich selbst das ärmliche palästinische Kulturland als ein verlockender Gegenstand
des Begehrens; und in diesem Lichte hatten auch die israelitischen Stämme einst
das Land gesehen, als sie sich anschickten, in ihm Fuß zu fassen, und sie haben
sich dann seiner Gaben erfreut und sie wieder besonders schätzen gelernt, als ihr
Verbleiben in diesem Lande bedroht war.
Seltsamer ist, daß in Dtn. 8,9 Palästina damit gelobt wird, daß seine Steine
eisenhaltig seien und man aus seinen Bergen Erz graben könne. Hier liegt nun
doch eine gewisse Überschwenglichkeit vor. Denn es gibt zwar im Ostjordan-
lande auf der Nordseite des Jabboktales einige Eisenvorkommen, und sie sind
vielleicht auch schon in antiker Zeit ausgebeutet worden wie das Eisenbergwerk
von mghäret warde nicht weit von tu[ii[ f.d-Jahab, dem alten Pnuel3 • Aber von
Bedeutung waren diese Vorkommen schwerlich, und im allgemeinen mußte man
die nötigen Erze von außerhalb des Landes, aus dem wädi el- araba (zwischen
Totem Meer und Rotem Meer) und aus dem Libanongebiet beziehen. Auch an
sonstigen Bodenschätzen hat das Land nichts schon für alte Zeiten Bedeutendes
1 Vgl. z.B. Am.6,4b.
a Genaueres darüber bei A. Bertholet, Kulturgeschichte Israels (1919) 5. 4ft".
S'Vgl. C. 5teuernagel, Der 'Adschlün (1927) 5.286.
Einleitung

aufzuweisen gehabtl . Immerhin konnte man von ihm im Unterschied von Steppe
und Wüste rühmen, daß es wenigstens überhaupt etwas dergleichen seinen Be-
wohnern zu bieten wußte.
Mit alledem war Palästina kein Überschußgebiet, das in den Handelsbe-
ziehungen des alten Orients als solches von Bedeutung hätte sein können. Am
ehesten konnte es von den Erträgep seines Ackerbaus und seiner Baumgärten
etwas abgeben, um damit etwa dringend benötigte Einfuhrgüter zu bezahlenlI,
vielleicht auch von seinen Kleinviehherden. So konnte man wohl den unmittel-
baren Bedarf des täglichen Lebens an den dem Lande selbst fehlenden Erzeug-
nissen fremder Länder - es wird vor allem an Erze zu denken sein - einiger-
maßen decken. Aber Handel in größerem Umfang ließ sich mit den bescheidenen
Gütern Palästinas schwerlich treiben. In dieser Hinsicht gab das Land seinen
Bewohnern keine Chancen für die Aufnahme reger Beziehungen zu der großen
Welt des alten Orients. Abgesehen von seiner Lage im Bereich wichtiger Fern-
verkehrswege war Palästina mit seinen natürlichen Gegebenheiten eher dazu
angetan, die Menschen gegenüber der größeren Umwelt über die unmittelbar
angrenzenden Steppen und Wüsten hinaus zu isolieren, so wie es auch seine
Bewohnerschaft in sich eher zu trennen als zu vereinigen geeignet war.

§ 3. Die geschichtliche Lage im Lande um 1200 v. ehr.


Als die israelitischen Stämme in das Land eintraten, hatte dieses eine bereits
lange und bewegte Geschichte hinter sich, deren Ergebnis eine bestimmte sied-
lungsgeschichtliche und kulturgeschichtliche Situation war, die für die Gestal-
tung der Anfänge Israels nicht ohne unmittelbare und wesentliche Bedeutung
sein konnte. Sie muß daher genau in das Auge gefaßt werden; und wir sind in
der Lage, sie ziemlich konkret und exakt zu fixieren. Denn nicht nur aus der alt-
testamentlichen Überlieferung erfahren wir einiges über die von den israeli-
tischen Stämmen im Kulturlande vorgefundenen Zustände; sondern wir be-
sitzen auch infolge glücklicher Funde eine ganze Reihe von Dokumenten über
die Geschichte von Syrien und Palästina im Laufe des zweiten vorchristlichen
Jahrtausends und verfügen außerdem über die Resultate einer besonders in den
vergangenen drei Jahrzehnten intensiv und erfolgreich betriebenen archäolo-
gischen Erforschung der materiellen Überreste, die die verschiedenen geschicht-
lichen Zeiten im Lande hinterlassen haben3 •
Unter den Dokumenten sind an erster Stelle zu nennen die ägyptischen soge-
nannten Ä eh tun g s tex t e aus der letzten Zeit der ägyptischen 12. Dynastie um
1 Die Mineralschätze des Toten Meeres hat man in altorientalischer Zeit noch kaum aus-
gebeutet; Anfänge dazu sind uns erst ftir hellenistische Zeit bezeugt (vgl. Hieronymus von
Kardia bei Diodorus Siculus XIX 98,1-99,3), und im großen Umfang hat man damit erst in
allerjüngster Zeit begonnen.
2 Für die Holzlieferungen des Königs Hiram von Tyrus hat Salomo nach I. Kön. 5.24f.
Weizen und Olivenöl gegeben.
• Zu Arbeit und Ertrag der Archäologie Palästinas vgl. WAT S. 83-14.3.
§ 3. Die geschichtliche Lage im Lande um 1200 v. Chr. 25

fRoo v.Chr. 1 , aufgeschrieben aufTonscherben, die zu einer bestimmten Zauber-


handlung dientenlI. In diesen T Lxten werden allerlei Feinde Ägyptens und seines
Königshauses aufgeführt, darunter auch solche aus dem asiatischen Nachbarland
Palästina und Phönikien. In diesem Zusammenhang erfahren wir allerlei Namen
von Fürsten und von Ortschaften. Aus der Bildungsweise der Fürstennamen ist
einiges über die ethnische Zugehörigkeit ihrer Träger zu entnehmen und damit
über die damalige Bevölkerungszusammensetzung'des Landes, und die Orts-
namen gewähren einen allerdings sehr begrenzten Einblick in die Besiedlung.
Etwa gleichzeitig - nur wenig jünger - sind die sogenannten M ar i - Tex t eS;
sie stellen das sehr umfangreiche Archiv der Könige von Mari dar, einer alten
Stadt am mittleren Euphrat (heute tell bariri bei abu' l-kemäl), und enthalten neben
Rechts- und Wirtschafts texten auch die weitreichende politische Korrespon-
denz der Könige mit mancherlei Nachrichten auch über das gleichzeitige Syrien.
Mitteilungen speziell über Palästina sind in ihnen freilich kaum zu erwarten'.
Ergiebiger und zeitlich näher an die israelitische Geschichte heranführend sind
die Dokumente aus dem 14.Jh.v.Chr. Hier kommen in erster Linie die soge-
nannten A m a rn a t a fe I n in Frage. Es sind knapp 4ooTontafeln, deren erste im
Jahre 1887 an Ort und Stelle gefunden wurden und die alle aus einem ober-
ägyptischen Ruinenhügel (tell) stammen, der im Bereich des heutigen Beduinen-
stammes der el-<amärina liegt. Dieser Ruinenhügel birgt die Überreste der neu-
gegründeten und nachher bald wieder verlassenen Residenz des Pharaos
Amenophis IV. (1377-1360 v.Chr.), und die Amarnatafeln bilden einen Teil des
politischen Archivs dieses Pharaos, das seines Vorgängers und seine eigene aus-
wärtige Korrespondenz mit den dam.1ligen Staaten Vorderasiens und vor allem
mit den abhängigen Kleinfürsten in Palästina und Syrien enthielt aus einer Zeit,
in der wenigstens nominell Palästina und Syrien der Oberherrschaft Ägyptens
unterstand. Diese Korrespondenz ist in babylonischer Schrift und Sprache auf
die im Zweistromlande üblichen Tontafeln geschrieben, wie es damals anschei-
1 über die Einteilung der ägyptischen Geschichte in "Dynastien" vgl. WAT S. 195ff. Ein
rur allemal sei damit zugleich für die wichtigsten Erscheinungen der altorientalischen Ge-
schichte und die Hauptbegriffe der in der Wissenschaft vom alten Orient üblich gewordenen
Terminologie aufWAT S. 144-236 verwiesen.
I Veröffentlichung der Texte durch K. Sethe, Die Ächtung feindlicher Fürsten, Völker
und Dinge auf altägyptischen Tongefäßscherben des Mittleren Reiches (Abh. d. Preuß. Ak.
d. Wiss. 1926, phil.-hist. Kl., Nr.5), und G. Posener, Princes et pays d'Asie et de Nubie.
Textes hieratiques sur des figurines d'envoutement du Moyen Empire (1940). Zur Sache
vgl. A. Alt, ZDPV 64 (1941) S.21ff.
• Die Mari-Texte haben im Verein mit einigen anderen neu bekannt gewordenen Texten eine
wesentlicheBerichtigung der früher üblich gewesenen alten Chronologie desZweistromlandes
ermöglicht; vgl. E. F. Weidner, AfO 15 (1945-1951) S.85-105 sowie kurzWAT S.214.
'Die Mari-Texte, von 1934/35 an bei den französischen Ausgrabungen in Mari gefunden,
sind erst zum Teil veröffentlicht in Textes cuneiformes du Musee du Louvre Vol. XXII
(1946), XXIII (1941), XXIV (1948), XXV (1951), XXVI (1951); vgl. dazu die entsprechen-
den Transkriptionen und übersetzungen (in das Französische) in der Serie Archives royales
de Mari I (1950), II (1950), III (1950), IV (1951), V (1952). Vorläufige Mitteilungen über
den Inhalt der politischen Korrespondenz bei G. Dossin, Syria 19 (1938) S.105-126, und
bei W. v. Soden, WO I 3 (1948) S. 187-204.
Einleitung

nend im altorientalischen internationalen Verkehr üblich gewesen ist, und bietet


eine Fülle von Einzelnachrichten über die politischen Verhältnisse, die damaligen
geschichtlichen Vorgänge, die Besiedlung und das Leben in Palästina und Syrien.
Erst durch die Amarnatafeln ist der geschichtliche Hintergrund der Anfänge
Israels in Palästina bekannt und deutlich geworden; und so gehören die Amarna-
tafeln mit zu den unmittelbaren Quellen für die Geschichte IsraelsI.
Wiederum gleichzeitig mit den Amarnatafeln sind die erst seit kurzem be-
kannten sogenannten Ras - S c ha m ra - Tex te. Sie wurden gefunden bei den
französischen Ausgrabungen, die auf Veranlassung eines Zufallsfundes von 1929
an bis vorläufig 1939 auf einem Ruinenhügel an der nordsyrischen Küste - dem
ausgestreckten Finger der Insel Kypern gerade gegenüber - durchgeführt wur-
den und 1949 wieder aufgenommen worden sind. In diesem Ruinenhügel, heute
räs esch-schamra genannt, sind die Überreste der alten, auch aus den Amarna-
tafeln und ägyptischen Texten bekannten Stadt Ugarit verborgen. Hier sind seit
1930 alljährlich zahlreiche Tontafeln gefunden worden, die zwar die bekannte
Technik des Keilschriftschreibens aufTontafeln aufwiesen, zum größten Teile
aber in einem bis dahin noch ganz unbekannten Keilschrift alp hab e t 'von
30 Zeichen beschrieben waren, dessen Entzifferung allerdings überraschend
schnell gelang. Wir haben es hier mit dem ersten umfangreichen Fund von Schrift-
dokumenten in Syrien-Palästina aus vorhellenistischer Zeit zu tun. Inhaltlich han-
delt es sich um zahlreiche große und kleine kultisch-mythologische Texte, die
ersten und bisher einzigen, allerdings vielfach noch sehr schwerverständlichen
Originaldokumente zur syrisch-palästinischen Religionsgeschichte in altorien-
talischer Zeit, sodann um Verwaltungstexte aus dem königlichenArchiv von sehr
verschiedener Art, die ziemlich wenig geschichtliche Nachrichten, aber u. a. eine
Fülle von Personennamen enthalten, aus denen Schlüsse auf die Bevölkerungs-
zusammensetzung gezogen werden können. Nun liegt freilich der räs esch-
schamra räumlich recht weit vom Lande Israels entfernt, und er ist die Stätte
einer alten Küsten- und Handelsstadt mit einem schönen natürlichen Hafen
(heute mlnet el-be4a = "der weiße Hafen" genannt) und insofern die Stätte
eines von dem palästinischen recht verschiedenen Lebens. Aber er gehört doch
mit zu dem größeren Ganzen von Syrien-Palästina, das gerade in der Zeit vor
dem Auftreten der israelitischen Stämme ein zwar in sich reich differenziertes,
aber in den Hauptzügen doch einheitliches Leben gehabt hatte; und so tragen
auch die Ras-Schamra-Texte mit dazu bei, die Situation zu beleuchten, die die
israelitischen Stämme im Kulturlande vorfanden 2 •
1 Ausgabe der Amarnatafeln in Umschrift und deutscher Übersetzung und mit erklären-
den Anmerkungen J.A. Kn ud t zon, Die El-Amarna-Tafeln (Vorderasiatische BibI. 2) 1915.
2 Die Ras-Schamra-Texte sind meist in der Zeitschrift Syria von Band 10 (1929) an ver-
öffentlicht. Eine Übersicht über den bis damals bekannten Gesamtbestand an Texten gibt
O. Ei ß fe I dt, ZDMG N. F. 21 (1942) S.507-539. Grammatik, Texttranskriptionen und
Wörterverzeichnis des Ugaritischen findet man bei C. H. Gordon, Ugaritic Handbook
(Anale eta OrientaIia 25 [1947]). Übersetzung der Texte in das Englische bietet C. H. Gor-
don, Ugaritic Literature (Scripta Pontificii Instituti Biblici 98 [1949]) sowie in Auswahl
ANET S.129-155 (H. L. Ginsberg).
§ 3. Die geschichtliche Lage im Lande um 1200 v. Chr. 27
Außer den genannten Textgruppen liefern vor allem noch die ägyptischen
Berichte über die Feldzüge der Pharaonen des ägyptischen Neuen Reiches nach
Palästina und Syrien mancherlei Material über das vorisraelitische Palästina.
Denn diese Pharaonen besaßen tatsächlich oder zuzeiten wenigstens dem Na-
men nach die Oberherrschaft über Palästina und Syrien, und zwischen dem 16.
und I 3.Jh. v.Chr. hat das Land ungezählte Male die ägyptischen Könige oder
wenigstens ihre Heere auf seinem Boden gesehen. Der Pharao Thutmose IIl. ist
in der ersten Hälfte des 15.Jahrhunderts unseres Wissens der erste gewesen, der
die Stationen seiner Feldzüge hat listen mäßig zusammenstellen und diese Listen
inschriftlich zu seinem Ruhme an den Wänden des großen Reichstempels des
Gottes Amon-Re im ägyptischen Theben veröffentlichen lassen. Eine davon ist
die sogenannte "Palästinaliste" Thutmoses III. mit ursprünglich 117
palästinischen Ortsnamen und Orts bezeichnungen für die Stationen der Wege
seiner Truppen auf seinem ersten Palästinafeldzug 1• Diese Liste kann zwar ihrer
Absicht und Art nach nicht einfach eine Übersicht über die damalige Besiedlung
des Landes geben; aber die in ihr genannten Namen bezeugen doch die Existenz
und die Benennung zahlreicher palästinischer Ortschaften.
Um ungefähr 12oov.Chr., d.h. um die Zeit, in der die israelitischen Stämme
im Lande seßhaft wurden, ging in Syrien-Palästina eine Kulturperiode zu Ende,
die "Bronzezeit", und sie wurde abgelöst durch die nunmehr beginnende
"Eisenzeit". Ohne daß die Bekanntschaft und der Gebrauch der genannten
Metalle gerade ein sehr wesentliches, sicheres und eindeutiges Kriterium für die
Abgrenzung wäre, pflegt man mit diesen konventionellen Ausdrücken große
Kulturperioden zu bezeichnen, die an der besonderen Art ihrer kulturellen
Hinterlassenschaft archäologisch erkennbar sind. Besonders die Arten und For-
men ihrer Töpferware, deren Reste und Bruchstücke an allen alten Siedlungs-
stätten in Menge liegengeblieben sind und die Jahrtausende überdauert haben,
sowie die Eigenheiten ihrer spärlich hinterbliebenen Schmuckstücke und die
Weisen, Wohnhäuser und Stadtmauern zu bauen, sind für diese Kulturperioden
und ihre Unterteile jeweils charakteristisch. Die Ausgrabungstätigkeit im Lande
hat uns ein ziemlich deutliches Bild von der bronzezeitlichen Kultur Palästinas
vermittelt, die in verschiedenen Stadien, einer alten Bronzezeit im dritten vor-
christlichen Jahrtausend, einer mittleren Bronzezeit in den ersten vier Jahr-
hunderten des zweiten Jahrtausends und einer Spätbronzezeit zwischen etwa
1550und 12oov.Chr., sich entfaltet hat. In dieser Zeit hat sich das Wohnen in
festen Siedlungen, in Städten, kräftig entwickelt; und was wir von der Kultur
der Bronzezeit wissen, das sind eben die Erscheinungen ihrer städtischen Kultur.
Diese Städte waren freilich - und dabei ist es dann bis zum Beginn der helleni-
stischen Zeit geblieben - nicht eigentlich Wohnstädte, sondern ummauerte
Fluchtburgen und Vorratsstädte sehr geringen Ausmaßes mit einem ziemlich
planlosen Gewirr von kleinen Häusern und einer unregelmäßigen Fülle von
1Veröffentlicht bei W. M. Müller, Die Palästinaliste Thutmosis' Ur. (MVAG I2.,I)
1907,und J. Simons, Handbook for the study ofEgyptian topographicallists relating to
Western Asia (1937) Nr. I; zur Einzelerklärung vgl. M.N ot h, ZDPV 61 (1938) S.26-65.
28 Einleitung

Gäßchen und mit meist nur emem etwas größeren Platz unmittelbar innerhalb
des Stadttores, auf dem sich das öffentliche Leben abspielte. Das Alltagsleben der
Menschen aber fand vorwiegend draußen im Bereich der Flur, der Stadt, auf den
Äckern und in den Baumpflanzungen statt, wo man in der Ernte- und Som-
merzeit gewiß auch die Nacht zuzubringen pflegte. Die Zahl der festen Städte im
Lande hat sich im Laufe der Bronzezeit allmählich vermehrt. Soviel die archäo-
logischen Feststellungen erkennen lassen, sind in der Mittelbronzezeit und dann
wieder in der Spätbronzezeit neue Städte gegründet worden; und wenn dafür
auch gelegentlich ältere Siedlungen aufgegeben wurden, so bedeutete das doch
eine ständige Vermehrung der bronzezeitlichen Städte. Dem entspricht es genau,
wenn nach der alttestamentlichen überlieferung die israelitischen Stämme bei
ihrer Landnahme in festen S-tädten wohnende "Kanaanäer" vorfanden (vgl.
z.B. Num. 13,28). Auch die Technik der Ummauerung, auf die es bei diesem
Städtebau in erster Linie ankam, hat in der Bronzezeit ständige Fortschritte ge-
macht. Schon die Mittelbronzezeit hat imposante, vielfach geböschte Stadt-
mauern in der sogenannten kyklopischen Technik! aufzuführen gewußt, und die
Spätbronzezeit hat diese Mauern und diese Technik übernommen.
In diesen Städten waren die Voraussetzungen gegeben für das Entstehen und
Wachsen einer einfachen städtischen Kultur, sofern die städtische Konzentration
von Menschen die Ausbildung bestimmter fachmännischer Spezialbeschäf-
tigungen und die Weiterüberlieferung bestimmter Fertigkeiten begünstigen
mußte. Zwar herrschte in den bronzezeitlichen Städten Palästinas zweifellos das
landläufige Element des Ackerbauers und auch des Kleinviehzüchters durchaus
vor; abt>f es gab doch auch, wie die lokalen Erzeugnisse einer schon hoch ent-
wickelten Töpferei und Metallbearbeitung zeigen, ein offenbar berufsmäßiges
Gewerbe und sogar Kunstgewerbe; und damit hängt in aller Regel das Auf-
kommen des Handels zusammen, zunächst, so lange der Handel sich noch in
engen Grenzen bewegt, eines Tauschhandels, dann aber mit weiterer Ausdeh-
nung und Entwicklung der Handelsbeziehungen auch eines Handels mit Geld
als Zahlungsmittel. So ist denn auch eine einfache Geldwirtschaft mit abge-
wogenem Metall als Zahlungsmittel schon wenigstens für die spätbronzezeitliche
palästinische Stadtkultur bezeugts. Und es entspricht diesem Sachverhalt, wenn
im A.T. der Name "Kanaanäer", mit dem man die Gesamtheit der alten außer-
und vorisraelitischen Landesbevölkerung, deren Vorfahren die Träger der
bronzezeitlichen Kultur gewesen waren, zu bezeichnen pflegte, gelegentlich die
spezielle Bedeutung "Kaufmann", "Händler" annahm (Jes. 23,8 u. Ö.)3. Der
archäologische Befund zeigt, daß die Handelsbeziehungen und damit zugleich
1 Genaueres über diese Technik WAT S.II41f. und Abb.SA.
Vgl. K. GaIlin g, BRL Sp.I741f.
2
" Das Wort "Kanaanäer" war ursprünglich wahrscheinlich überhaupt eine appellative
Bezeichnung für "Purpurfabrikanten", "Purpurhändler", wie es solche speziell in den
phönikischen Küstenstädten gab, und von da aus erst hat sich der Name "Kanaan" zu einer
mehr oder weniger vagen Landesbezeichnung entwickelt (dazu vgI. B. Maisler, BASOR
102 (1946) S.7-12). Das A.T. hat die ursprüngliche Bedeutung des Wortes schwerlich noch
gekannt, es geht von der sekundären Landes- bzw. Volksbezeichnung aus.
§ ]. Die geschichtliche Lage im Lande um 1200 v. ehr. 29
der Kulturaustausch in dem städtischen Wesen der Bronzezeit nach allen Seiten
hin weit reichte. wie es in Syrien-Palästina als ausgesprochenem Durchgangsland
kaum anders zu erwarten ist. Zweistromland und Ägypten sind in den bronze-
zeitlichen Schichten der Städte des Landes mit allerlei ImportStücken an Töpfer-
ware und Schmuckstücken vertreten. und zu dieser reinen Importware trat
dann noch die einheimische Nachahmung von ausländischen Gewerbeerzeug-
nissen. Für die Spätbronzezeit charakteristisch ist außerdem die Offenheit für
Import und Kultureinflüsse aus der Mittelmeerwelt, besonders von den Inseln
Kypern und Kreta her, für das der See an sich so wenig zugewandte Palästina
wahrscheinlich vermittelt durch die phönikischen Küstenstädte1•
In dieser Kulturwelt hat eine bunte und wechselnde Menge von Bevölkerungs-
elementen gelebt, auf deren Bewegungen die literarischen Quellen aus dem
zweiten Jahrtausend einiges Licht geworfen habens, ohne uns jedoch einen auch
nur einigermaßen vollständigen Einblick in diese verwickelten Verhältnisse zu
gewähren. Gewiß haben die verschiedenen Gruppen, die sich im Lande fest-
setzten, je ihre Traditionen und ihren KultUIbesitz mitgebracht, die dann auf-
gingen im großen Ganzen der Landeskultur. Denn diese war gerade in der
Bronzezeit nach Ausweis der archäologischen Funde ziemlich einheitlich, und
zwar nicht nur in Palästina, sondern in ganz Syrien einschließlich Palästina; und
die Bewohner der städtischen Siedlungen des Landes haben, so verschiedener
Herkunft und Art sie auch waren und so wenig sie sich zu einer großen poli-
tischen Einheit zusammenfinden konnten, alle teilgehabt an dieser Landeskultur,
deren Erzeugnisse offenbar durch Austausch und Handel jeweils über das ganze
Land verbreitet wurden. So haben wir es in dem städtischen Wesen der syrisch-
palästinischen Bronzezeit mit einer am Boden des Landes haftenden Kultur zu
tun, die in diesem Lande sich im Laufe der Zeit entfaltete und wandelte, bis
schließlich ihre Zeit um 1200 v.Chr. abgelaufen war, so daß sie verfiel und zu
Ende ging, ohne daß wir bestimmte Ursachen dafür sicher anzugeben ver-
möchten.
Soweit unsere Kenntnis zurückreicht, d. h. seit der frühen Bronzezeit im
dritten vorchristlichen Jahrtausend. haben Menschen sem i ti s ehe r Zunge die
Hauptmasse der Landesbevölkerung gebildet. Abweichend vom alttestament-
lichen Sprachgebrauch, der die gesamte ältere Landesbevölkerung ohne Rück-
sicht auf die Verschiedenheit ihrer Herkunft und Sprache unter der Bezeichnung
;,Kanaanäer" zusammenfaßt, aber doch im Anschluß an ihn, pflegt die Wissen-
schaft speziell diesen Bevölkerungsgrundbestand mit seinen verschiedenen semi-
tischen Dialekten als "kanaanäisch" zu bezeichnen. Es handelt sich dabei nicht
um eine "Urbevölkerung" öder die älteste Bevölkerung des Landes. Die zahl-
reichen alten und zum Teil wohl uralten unsemitischen Ortsnamen beweisen,
daß Menschen anderer Herkunft schon vorher im Lande gesessen haben. Ober
1 Einen kurzen Überblick über die Bronzezeit Palästinas bietet P. Thomsen, Palästina
und seine Kultur in fünf Jahrtausenden. 3.Aufi. (AO 30 [1932]) S.33-61.
I Genaueres darüber bei M. Not h, ZDPV 6S (1942) S. 9-67, wo sich auch die Belege für
die folgenden Einzelausführungen finden.
3° Einleitung

diese jedoch wissen wir bis jetzt noch gar nichts Sicheres!, und für die Geschichte
Israels sind sie in jedem Falle ohne Belang. Das semitische "Kanaanäisch" aber
fanden noch die israelitischen Stämme als die im Lande gesprochene Sprache vor,
und wie viele früheren Zuwanderer so haben auch sie mit ihren Verwandten
diese landesübliche Sprache angenommen statt des wahrscheinlich aramäischen
Dialektes, den sie vorher gesprochen hatten. Über die Zeit und Art der Land-
nahme der "Kanaanäer" und ihre Auseinandersetzung mit der vorgefundenen
Landesbevölkerung wissen wir gar nichts mehr. Sie haben sich in den älteren An-
siedlungen festgesetzt und daneben neue begründet. Erst durch sie scheinen die
später so bedeutend gewordenen phönikischen Küstenplätze mit ihren natür-
lichen Häfen besetzt worden zu sein, wie deren durchweg semitische Namen
zeigen 2 • Der phönikische Küstenabschnitt lag vom Landesinnern aus hinter dem
mächtigen Wall des Libanon und erschloß sich daher erst verhältnismäßig spät
der Besiedlung. Die "kanaanäische" Zuwanderung muß so mächtig gewesen
sein, daß die ältere Vorbevölkerung in ihr aufging und daß ihre Sprache von da
an im Lande gesprochen wurde, bis sie erst sehr viel später durch das Aramäische
zunächst teilweise und dann völlig verdrängt wurde.
Im 19./18.Jh. v.Chr. wurde Syrien-Palästina von einer neuen, ebenfalls semi-
tischen Herrenschicht überlagert. Nach Ausweis der in den ägyptischen Äch-
tungstexten und in den Mari-Texten auftauchenden charakteristischen Personen-
namen waren es Elemente derselben Schicht, die etwa zur gleichen Zeit sich der
Herrschaft am mittleren Euphrat und im südlichen Zweistromland bemächtigten
und dort die I.Dynastie von BabyIon und damit das altbabylonische Reich be-
gründeten. Es ist noch nicht recht ersichtlich, was diese Bewegung geschichtlich
für Syrien-Palästina bedeutet hat. Auch ist noch kein sachgemäßer Name für
diese Herrenschicht bekannt; fälschlich bezeichnet man sie vielfach als "Amo-
. ".
nter
Ein stark verändertes Bild vom Bevölkerungsbestand des Landes zeIgen dann
die Urkunden des 14. Jh.s v. Chr., die in die unmittelbare zeitliche Nähe der An-
fänge der Geschichte Israels führen. Auch hier wieder sind die für diese Zeit in
sehr großer Zahl uns bekannten Per,onennamen bemerkenswert. In ihnen
taucht neu ein besonders in den städtischen Zentren vorhandenes unsemitisches
Bevölkerungselement auf. In der Zwischenzeit haben danach offenbar Bevöl-
kerungsbewegungen das Gesicht der Bewohnerschaft des Landes verändert. Be-
sonders zahlreich unter diesen Neuankömmlingen erscheinen Leute mit Namen,
die nach keilschriftlicher Überlieferung als "churrisch" anzusprechen sind. Diese
"Churri"a finden sich zur gleichen Zeit nach Keilschriftquellen auch in Meso-
potamien, d. h. in dem Gebiet zwischen dem mittleren Euphrat und Tigris, sowie

1 Auch archäclogisch sind der Bronzezeit vorausgehende, noch ältere Kulturperioden


nachweisbar, zu denen wohl diese vorkanaanäischen Bewohner gehörten. Doch verbietet das
Fehlen literarischer Nachrichten alle genaueren Feststellungen über diese Vorzeit.
2 Vgl. M. Noth, WO I 1(1947) S.21-28.
8 Das A.T. kennt diesen Namen noch ("Horiter"), ohne eine konkrete sachgemäße Vor-
stellung mit ihm zu verbinden.
§ 3. Die geschichtliche Lage im Lande um 1200 V. Chr. 31
östlich des mittleren Tigris, und ihre Sprache, die weder semitisch noch indo-
germanisch ist, hat sich als verwandt erwiesen mit der Sprache der U rartäer, der
aus der ersten Hälfte des ersten Jahrtausends bekannten Bewohner des arme-
nischen Gebirges. Danach scheinen die Churri aus nordöstlicher Richtung in den
Bereich des alten Orients und nach Syrien-Palästina gekommen zu sein, beson-
ders in Mesopotamien sich festgesetzt, aber auch nach Syrien-Palästina sich
kräftig ausgebreitet zu haben!, und zwar als eine neue Herrenschicht, die vor
allem der Städte sich bemächtigte. Zugleich mit den Churri tauchen aber auch
andere Elemente nichtsemitischer Herkunft auf, und zwar solche indoiranischer
Abstammung, also Indogermanen aus dem Bereich der Gruppe der sogenannten
satem-Sprachen2 , allerdings wenig zahlreich, aber an ihren Personennamen sicher
erkennbar. Sie erscheinen in den Amarnatafeln da und dort in Syrien-Palästina
im Kreise der kleinen Herren des Landes und sind auch für Mesopotamien als
Träger der Herrschaft bezeugt. Auch sonst ist für das spät bronzezeitliche Syrien-
Palästina noch allerlei schwer deutbares, aber offenbar unsemitisches Personen-
namengut bezeugt, das sich vorerst noch einer genaueren Bestimmung entzieht,
aber doch zeigt, daß man sich die damalige Bevölkerung des Landes sehr un-
einheitlich denken muß. Die alttestamentliche Überlieferung hat also sachlich
ganz recht, wenn sie neben der zusammenfassenden Bezeichnung der Gesamtheit
der durch die bronzezeitliche städtische Kultur verbundenen votisraelitischen
Bewohnerschaft3 vielfach auch eine ganze Reihe von uns zum gutenTeil dunklen
Völkernamen in wechselnder Zusammenstellung und Reihenfolge aufführt, um
die Mannigfaltigkeit der Bewohnerschaft anzudeuten, die die israelitischen
Stämme bei ihrer Landnahme vorfanden (Gen. 10,16-18; 15,19-21 u.ö.).
Der Zustrom der nichtsemitischen Bevölkerungselernente, die sich als eine
neue Herrenschicht über Syrien-Palästina legten und in den Städten des Landes
sich festsetzten, muß im Zuge einer geschichtlichen Bewegung erfolgt sein, deren
Nachwirkungen für uns sichtbar sind, über die selbst wir aber unmittelbare
Nachrichten nicht besitzen. Es ist nun kaum möglich, diese Bewegung nicht in
sachlichen Zusammenhang zu bringen mit Vorgängen, die sich in der fraglichen
Zeit in Ägypten abgespielt haben, über die leider auch die ägyptischen Nach-
richten spärlich und wenig zusammenhängend sind. Zwischen dem ägyptischen
Mittleren und Neuen Reich ist Ägypten von etwa dem Ende des 18. bis in die
Anfänge des 16.Jahrhunderts hinein einer Fremdherrschaft unterworfen ge-
wesen auf Grund einer feindlichen Eroberung, die von dem asiatischen Nach-
barland, also von Palästina-Syrien, her kam. Die Eroberer haben sich des König-
tums über Ägypten bemächtigt und als Herrenvolk das Land und seine einge-
sessenen Bewohner sich untertan gemacht. Ihre Könige residierten in der Stadt
1 Auf dem räs esch-schamra haben sich sogar einige Texte in churrischer Sprache gefunden.
2 Nach dem Wort für "hundert" als einem charakteristischen Wort pflegt man die indo-
germanischen Sprachen in die zwei großen Gruppen der centum- und satem-Sprachen ein-
zuteilen.
3 Meist wird in diesem Sinne der Name "Kanaanäer" gebraucht; daneben kommen im
gleichen Sinne in bestimmten Teilen der alttestamentlichen Literatur auch die Namen
"Amoriter" und "Hethiter" vor; vgl. WAT S. 67.
/ 32 Einleitung

Awaris im östlichen Nildelta nahe der ägyptisch-asiatischen Grenze; und schon


diese Lage ihrer Residenz ist ein Zeichen dafür, daß ihr Reich außer Ägypten
zugleich einen Teil von Vorderasien, jedenfalls Palästina-Syrien, mit umfaßte.
Diese Könige nannten sich stolz "Beherrscher der Fremdländer" , d. h. in der von
ihnen als Königen Ägyptens offiziell gebrauchten ägyptischen Sprache b~l.w
11\s. wt, woraus später in griechischer Umschrift das Wort H y k sos geworden istl ,
das heute etwas ungenau zur allgemeinen Bezeichnung dieser ganzen geschicht-
lichen Erscheinung gebraucht zu werden pflegt. Als dann die ersten Pharaonen
des Neuen Reiches Ägypten von der Herrschaft dieser Eroberer wieder be-
freiten, haben sie sie nach Palästina zurückgeschlagen und weiterhin Palästina-
Syrien unterworfen, um offenbar auch hier das Erbe der Hyksoskönige anzu-
treten.
Nach alledem ist der Schluß kaum zu umgehen, daß die Hyksosherrschaft, die
sich vielleicht schon über Mesopotamien2 , dann jedenfalls über Syrien-Palästina
und schließlich über Ägypten erstreckte, die Folge einer großen, offenbar aus
nordöstlicher oder östlicher Richtung her kommenden Wanderungsbewegung
war, die eine mächtige neue Herrenschicht in den Bereich des alten Orients
hereinführte und in deren Zusammenhang eben jene churrischen und indo-
iranischen und vielleicht auch sonst noch fremden, unsemitischen Elemente nach
Syrien-Palästina kamen, die in den Urkunden des 14. Jh.s v. ehr. dann so zahlreich
in Erscheinung treten. Eine so kraftvolle geschichtliche Bewegung aber pflegt
nicht nur einen Beitrag zur Zusammensetzung der Bevölkerung in den von ihr
betroffenen Gebieten zu hinterlassen, sondern auch die geschichtliche Situation
so zu verändern, daß ihre Wirkungen über die Zeit ihres unmittelbaren Ein-
flusses hinaus reichen. So ist auch das uns verhältnismäßig gut bekannte Gesicht
Syrien-Palästinas im I4.Jahrhundert gewiß in vielen Dingen durch die voraus-
gegangene Hyksosherrschaft geprägt, wenn es auch schwer ist, dies im einzelnen
konkret und sicher zu fassen, da uns nicht nur alle unmittelbaren Nachrichten
über die Hyksoszeit fehlen, sondern auch über den Zustand vorher in Syrien-
Palästina so wenig Einzelheiten bekannt sind, daß wir nicht mehr sicher er-
mitteln können, was durch die Hyksosherrschaft anders geworden ist. Immerhin
lassen sich einige Feststellungen doch mit großer Wahrscheinlichkeit machen.
Von allgemeiner Bedeutsamkeit war zunächst dies, daß durch die Hyksos,
soviel wir sehen, erstmalig Syrien-Palästina unmittelbar und zentral in das große
altorientalische Geschehen einbezogen wurde. Bis dahin hatten sich zwar die
Ägypter für die Erzvorkommen auf der Sinaihalbinsel und für die handel-
treibenden phönikischen Küstenstädte und die holzliefernden Wälder des Li-
banon und die Mächte des Zweistromlandes für das Holz des Amanus-Gebirges

1 Dieses Wort ist bekannt aus dem bei Josephus, Contra Apionem I 14 § 7Sff. Niese er-
haltenen umfangreichen Zitat über die Hyksos aus den AlYVTI'T10KCo: des spätägyptischen
Priesters Manetho, der seinerseits das Wort Hyksos allerdings falsch erklärt.
I Im Zuge der Vertreibung der Hyksos sind die Pharaonen verschiedentlich durch ganz
Syrien-PaläStina hindurch bis über den Euphrat, d.h. bis nach Mesopotamien hinein, vorge-
stoßen, wo wir ja auch Churri und Indoiranier finden.
§ 3. Die geschichtliche Lage im Lande um I 200 v. Chr. 33
und für den durch Nordsyrien möglichen Zugang zum "oberen Meer" (Mittel-
meer ) und zu dem erzreichen Kleinasien interessiert, aber das Ganze von Syrien-
Palästina hatte doch wenig für die altorientalische Geschichte bedeutet. Erst
durch die Festsetzung der Hyksos im Lande, von dem aus sie schließlich Ägypten
eroberten, begann Syrien-Palästina die durch seine Lage ihm zugewiesene Rolle
einer Brücke zwischen den alten Kulturländern am Euphrat-Tigris und am Nil
ZU spielen; und durch Syrien-Palästina hindurch kam es zu lebhaften Beziehungen
zwischen hier und dort. Wenn die Amarnatafeln uns einen intensiven diploma-
tischen Verkehr der zahlreichen vorderasiatischen Staaten mit den ägyptischen
Pharaonen zeigen, so ist das wahrscheinlich als eine Nachwirkung der Hyksos-
herrschaft aufzufassen, in der die Pharaonen die Rolle der einstigen Hyksos-
könige weiterspielten. Man darf in diesem Zusammenhang vermuten, daß auch
der in der Amarnazeit übliche Gebrauch der babylonischen Schrift und Sprache
im diplomatischen Verkehr, innerhalb eines engeren Bereichs schon für die Zeit
der Mari-Texte bezeugt, gefördert und bis nach Ägypten verbreitet worden ist
vor allem durch die Hyksos, die bei ihrer Wanderung im alten Orient zuerst auf
Gebiete mit alter Keilschrifttradition stießen; denn daß man im spätbronzezeit-
lichen Syrien-Palästina nicht nur im Verkehr innerhalb des Landes!, sondern
auch im Verkehr mit dem ägyptischen Oberherrn, der in einem Lande mit einer
uralten und hochentwickelten eigenen Schreibtradition lebte, sich dieser Schreib-
weise bediente, läßt sich fast nur als Folge einer einmal aufgezwungenen und
dann beibehaltenen Regelung der internationalen Verkehrsformen verstehen.
Sodann ist durch die Hyksos eine neue Technik des Kriegführens und in dereIl
Gefolge eine damit sachlich zusammenhängende soziale Ordnung im alten Orient
bekannt geworden. Die Hyksos haben den pferde bespannten Streit-
wa gen - offenbar aus den Steppen des inneren Asien - in den alten Orient ge-
bracht; und seitdem haben sich die Könige und Herren des alten Orients dieser
vornehmen Kriegswaffe bedient. Zwar war das pferd an sich schon vorher dem
alten Orient nicht ganz unbekannt gewesen; aber eine Bedeutung und eine all-
gemeine Verbreitung gewann es erst im Zusammenhang mit dem kriegerischen
Streitwagen. Als Reittier, ebenfalls für den Krieg, fand es erst später - gegen Ende
des zweiten vorchristlichen Jahrtausends - durch Einbrüche von Reitervölker-
elementen aus dem inneren Asien in die nordöstlichen Randgebiete allmählich
Einga.ng in den alten Orient; und als Arbeitstier ist es bis heute in diesem Bereich
noch nicht üblich geworden. Die Streitwagenwaffe aber spielte seit der Hyksos-
zeit in den altorientalischen Kriegen eine hervorragende Rolle. Es ist klar, daß
sie nicht eine Waffe für ein allgemeines Volksaufgebot werden konnte, der jeder
einzelne sich hätte bedienen können, sondern daß dazu nicht nur Übung, sondern
auch eine gehobene soziale Stellung mit entsprechender Wohlhabenheit gehörteS.

1 Das zeigen u. a. die auf dem tell ta'annek gefundenen Keilschrifttafeln (vgl. die Beispiele
AOTa S.37I). einige Briefe vom rös esch-schamra. Tontafeln aus dem nordsyrischen AlalalJ
(heute tell el-'a!schöne in der Nähe von Antiochia).
a Erst später stellte der Staat von sich aus dem Krieger die rur ihn nötigen Waffen und
Ausrüstungsstücke; in alter Zeit mußte der Krieger selbst dafür aufkommen.
34 Einleitung

Nur ritterliche Herren konnten Streitwagenkämpfer sein. Uno so stellte die


Hyksosherrenschicht vermutlich eine Art Rittertum dar. In den vielen alten und
in der Mittelbronzezeit neu begründeten Städten von Syrien-Palästina setzten sich
die Hyksosritter als kleine Herren und andrerseits als Lehensträger des Hyksos-
königs fest; und wenn wir in der Amarnazeit in fast allen syrisch-palästinischen
Städten solche Herren finden, die sich dem Pharao gegenüber jeweils als "Mann
der Stadt" bezeichneten1 und eine erbliche Herrschaft ausübten, so handelt es sich
hierbei eben um dieses streitwagenkämpfende Hyksosrittertum; und gerade
unter diesen Herren begegnen uns neben zahlreichen landesüblichen semitischen
auch die genannten churrischen und indoiranischen Personennamen. Und wie
auch immer die uns unbekannte soziale Ordnung in den bronzezeitlichen Städten
des Landes vor dem Auftreten der Hyksosherrschaft gewesen sein mag, von
der Hyksoszeit an haben wir jedenfalls mit einer feudalen Ordnung zu rechnen,
d.h. mit dem Gegenüber einer "Herrschaft" und einer unfreien und vermut-
lich zu Abgaben und Diensten verpflichteten Untertanenbevölkerung. Gerade
Syrien-Palästina, das vielleicht das Kerngebiet der Hyksosherrschaft war und
das nicht wie die Kulturgebiete in Ägypten und im Zweistromland bereits
seit älteren Zeiten eine schon fest verwurzelte politisch-soziale Ordnung besaß,
bildete einen geeigneten Boden für die Entfaltung einer solchen feudalen Ord-
nung. Die alttestamentliche Überlieferung aber hat wiederum recht, wenn sie
die israelitischen Stämme bei und nach ihrer Landnahme die städtebewoh-
nenden "Kanaanäer" mit ihren "eisernen Wagen"2 fürchten läßt (Jos. 17,16;
Ri. 1,19; 4,3).
Wir kennen die Hyksosherrschaft nicht unmittelbar, sondern nur aus den
Überresten und Nachwirkungen, die sie hinterlassen hat. Das Erbe der Hyksos-
herrschaft in Ägypten selbst und in Palästina-Syrien haben von 1580 v. ehr. an die
Pharaonen der 18.Dynastie angetreten, die in zahlreichen Feldzügen Palästina-
Syrien bis zum Euphrat unterworfen und immer erneut zum Gehorsam ge-
zwungen haben. Sie scheinen dabei im allgemeinen das Herrschaftssystem der
Hyksos beibehalten zu haben, indem sie ihre Oberherrschaft auf die Anerken-
nung der Lehensabhängigkeit seitens der in den Städten sitzenden kleinen Herren
gründeten; und sie scheinen wenigstens teilweise die alten H yksosherrenge-
schlechter in ihren Sitzen belassen zu haben, soweit diese sich der neuen Ober-
herrschaft fügten, wie die z.T. noch churrischen und indoiranischen Namen
dieser Herren zeigen. Sie haben außerdem einige "Festungen" als Stützpunkte
ihrer Herrschaft mit wahrscheinlich zahlenmäßig sehr geringen Garnisonen im
Lande gehabt, haben in einigen Küstenstädten Versorgungslager für den Bedarf
ihrer Feldzüge angelegt, hie und da ägyptische Tempel errichtet und manche

1 Das Wort "Mann" (amelu). das schon im Gesetzbuch des alt babylonischen Königs
Hammurabi speziell die rechtlich-soziale Stellung des "freien Mannes" bezeichnet, muß im
obigen Zusammenhang ein terminus technicus sein und dürfte sachgemäß vielleicht mit
"Lehensmann" • "Lehensträger" zu übersetzen sein.
S Diese Wagen waren natürlich nicht im ganzen aus Eisen, sondern aus Holz. Der obige
Ausdruck bezieht sich auf die metallenen Beschläge.
§ 3. Die geschichtliche Lage im Lande um 1200 v. ehr. 35
Ländereien ägyptischen Göttern, d. h. deren Heiligtümern und Priesterschaften,
als Eigentum überwiesen l • Im großen ganzen aber haben sie nur die Vasallen-
treue der vielen Stadtherren beansprucht; und diese war nur verläßlich, so-
lange die Pharaonen ihre überlegene Macht dem Lande in immer erneuten Feld-
zügen zeigten. Als gegen Ende der 18.Dynastie die Pharaonen Amenophis III.
(1413 bis 1377 v.Chr.) und Amenophis IV. (1377-1360 v.Chr.) das nicht mehr
taten, verfiel die tatsächliche ägyptische Herrschaft übet Syrien-Palästina
schnell. Die Amarnatafeln, die aus der Zeit dieser lJeiden Pharaonen stammen,
zeigen sie uns in voller Auflösung; nur einige wenige Vasallen wie der Herr
der seit ältester Zeit mit Ägypten durch lebhafte Verkehrsbeziehungen ver-
bunden gewesenen Stadt Gubla (Byblos, heute dschbel nördlich von berüt) hielten
dem Pharao noch die Treue, während die meisten anderen sich wie unabhängige
Fürsten gebärdeten und ihre bescheidene Macht nach Möglichkeit zu erweitern
trachteten.
Die bedeutendsten Pharaonen der 19.Dynastie, besonders Sethos I. (1308 bis
1290v.Chr.) und auch Ramses 11. (129O-1223v.Chr.), haben dann noch einmal
die ägyptische Oberhoheit in Syrien-Palästina wiederhergestellt, freilich nicht
mehr im vollen Umfang; denn inzwischen hatte die hethitische Macht von ihrem
Zentrum im östlichen Kleinasien aus sich der Herrschaft über Nordsyrien be-
mächtigt; und sie war stark genug, in der Schlacht bei Kades am Orontes (heute
tell nebi mend) im 5.Regierungsjahre Ramses' 11. den versuchten Vorstoß des
Pharao in die hethitische Interessensphäre zu vereiteln und damit ihre Position
in der ganzen nördlichen Hälfte von Syrien zu behaupten. Auf Grund des damit
gegebenen status quo wurde dann im 21. Jahre Ramses' 11. ein Vertrag zwischen
Ramses 11. und d~m hethitischen König Hattusil auf Gegenseitigkeit abge-
schlossen2• In Palästina haben damit die pharaonen der 19.Dynastie die ägyp-
tische Oberherrschaft noch einmal zur Geltung gebracht. Um 1200 v. Chr. aber
nahm mit dem endgültigen Niedergang der Macht des ägyptischen Neuen
Reiches die Herrschaft der Pharaonen auch in dem ihnen nächst benachbarten
Palästina praktisch ein Ende, und nur in der Theorie haben sie weiterhin ihren
Anspruch auf dieses Land noch aufrechterhalten. Das bei den Ausgrabungen in
Megiddo gefundene Bruchstück einer Stele Ramses' IV . (um I ISO v. Chr.) ist die
letzte greifbare Spur der damals im wesentlichen schon vergangenen ägyptischen
Herrschaft über Palästina. Das Land war nunmehr seinem eigenen Schicksal über-
lassen.
Die Tatsache der jahrhundertelangen ägyptischen Herrschaft unmittelbar vor
der Landnahme der israelitischen Stämme aber hat uns mit einer Fülle ägyptischer
Nachrichten über die Situation in Palästina in der Spätbronzezeit beschenkt.
Die ergiebigste Gruppe von Dokumenten sind dabei die Amarnatafeln. Aus

1 Vgl. dazu A. Alt. ZDPV 67 (1944/45) S.Iff.; BBLAK 68 (1946-1951) S.97ff.


• Vgl. G. Roeder. Ägypter und Hethiter (AO 20 [1919]). daselbst S.36ff. der Wortlaut
des genannten Vertrags. Zu den geschichtlichen Voraussetzungen der Schlacht von Kades
vgl. J. Sturm, Der Hettiterkrieg Ramses' II. (Beihefte zur "Wiener Zeitschrift für die
Kunde des Morgenlandes" 4. Heft [1939] S.df.)
Einleitung

diesen und etwa noch aus der Palästinaliste Thutmoses III. läßt sich im Verein
mit den Feststellungen der archäologischen Forschung zunächst ein sehr ge-
naues Bild von der Besiedlung des Landes gewinnen!. Jene städtischen Sied-
lungen, in denen unter den ritterlichen Herrschaften die bodenständige kana-
anäische Untertanen bevölkerung lebte, lagen danach fast ausschließlich in den
von der Natur bevorzugten Teilen, d.h. vor allem in den Ebenen, des Landes.
Hier aber lagen sie in dichter Fülle, vielfach nur wenige Kilometer voneinander
entfernt. Stark besetzt mit solchen "Städten" war da zunächst vor allem die
Küstenebene südlich und nördlich des Karmel mit ihrem verhältnismäßig gro-
ßen Wasserreichtum und ihrem ergiebigen Alluvialboden. Vor allem der innere
Rand dieser Ebene am Fuße der westjordanischen Gebirge, durch zahlreiche
Quellen ausgezeichnet, war eng besiedelt. Aber auch in die Ebene hinaus bis
heran an den die Küste begleitenden Dünenstreifen erstreckte sich die Besied-
lung, während die fast hafenlose Küste selbst nur ganz wenige Siedlungen
aufwies. In der nördlich des Karmel von der Küste aus durch das Kisontal
und von der südlichen Küstenebene aus über das niedrige Hügelland zwischen
dem Karmel und dem mittelpalästinischen Gebirge leicht zugänglichen, gro-
ßen und fruchtbaren Jesreel-Ebene lagen zahlreiche Städte in dichter Folge
längs des Südwestrandes. Der Jordangraben wies in seiner nördlichen Hälfte
zwischen den Jordanquellen und jener breiten westlichen Ausbuchtung, die
von der Jesreel-Ebene her von einem heute nahr dschiilüd genannten Wasser-
lauf durchzogen wird, eine Reihe von Siedlungen auf, während die wüsten-
hafte südliche Hälfte nur in den wenigen Oasen nördlich des Toten Meeres
seßhaft bewohnt war. östlich des Jordangrabens war jenseits des bewaldeten
Randgebirges die große, ertragreiche Ebene des nördlichen Ostjordanlandes
beiderseits des nördlichsten Jordannebenflusses, des Jarmuk, ein Gebiet dichter
städtischer Besiedlung. Die Hochebene des südlichen Ostjordanlandes hin-
gegen, ebenfalls ein für Ackerkultur gut geeignetes Gebiet, war zwar nach Aus.-
weis des archäologischen Befundes in der Frühbronzezeit mit Städten besetzt
gewesen; aus uns unbekannten Gründen aber war im ersten Stadium der Mittel-
bronzezeit diese Besiedlung aufgegeben worden, so daß zur Zeit der ägyptischen
Herrschaft es hier fast völlig an städtischem Leben fehlte. Und erst etwa im
I 3.Jh. v.Chr. ist hier von neuem mit dauernder Ansiedlung begonnen worden,
und zwar seltsamerweise in diesem von der Küste weit abliegenden Bereich
durch Menschen, die wenigstens teilweise Beziehungen zur Kultur der Mittel-
meerwelt hattens.
Die gebirgigen Teile Palästinas waren noch in der Spätbronzezeit nur sehr
spärlich besiedelt. In dem bewaldeten Mittelteil des Ostjordanlandes beiderseits
des Jordannebenflusses Jabbok fehlte es fast völlig an Dauersiedlungen, und nur

1 Zum folgenden vgl. vor allem A. Alt, Die Landnahme der Israeliten in Palästina (Re-
formationsprogramm der Universität Leipzig 1925); wieder abgedruckt in Kleine Schriften
zur Geschichte des Volkes Israel I (1953) S. 89-125.
a Zeugnis dafür ist eine in e/-bälü'a südlich des Amon gefundene Stele mit einer Inschrift
in kretischer Linearschrift B (vgl. A. Alt, PJB 36 [1940] S.34ff.).
§ 3. Die geschichtliche Lage im Lande um I 200 v. Chr. 37
im Jabboktal· selbst gab es einige. Das gleiche gilt von dem nördlichsten Teil
des westjordanischen Gebirges nördlich der Jesreel-Ebene. Der Mittelteil die-
ses Gebirges trug vor allem die alte Stadt Sichem, durch ein bequemes Tal
von der westlichen Küstenebene aus erreichbar und am Westrande einer in
das Gebirge eingesenkten Ebene gelegen. Sie wird schon für die Zeit Se-
sostris' IH., eines der Pharaonen der 12. Dynastie im 19. Jh. v.ehr., in einer
ägyptischen Inschrift erwähntl und erscheint in den Amarnatafeln als Sitz eines
Herrn, der nach verschiedenen Seiten seinen Machtbereich weit ausdehnen
konnte, weil es im Umkreis von Sichem kaum Konkurrenten gab. Weiter
südlich auf dem Gebirge war auffälligerweise die Gegend von Jerusalem trotz
ihrer wenig einladenden Lage auf einem schwer zugänglichen und nicht sehr
ergiebigen Gebirgsteil mit einer Reihe von Städten besetzt. Jerusalem selbst,
schon in den ägyptischen Ächtungstexten für den Beginn des zweiten Jahr-
tausends als bestehend bezeugt, war in der Amarnazeit Sitz eines Herrn, der
mit einer Reihe von Schreiben aIi den Pharao im Amarnaarchiv vertreten
ist. Er hatte nach Süden zu einige Bewegungsfreiheit; das in dieser Rich-
tung 8 km entfernte Bethlehem war damals "eine Stadt des Landes Jerusalem 2 ",
d. h. eine der Herrschaft von Jerusalem unterworfene Ortschaft, und in der
südlichen Nachbarschaft auf dem Gebirge kennen wir keine weitere bronze-
zeitliche Stadt. Aber im Norden und Nordwesten und Westen hatte Jeru-
salem verschiedene bronzezeitliche Nachbarn, die uns zwar nicht aus litera-
rischer überlieferung, wohl aber auf Grund ihrer archäologischen Hinter-
lassenschaft an Ort und Stelle bekannt sind. An der von Jerusalem nordwärts
führenden Straße lag 16 km entfernt das seit der Mittelbronzezeit bewohnt
gewesene Lus 3 {heute betin}; nach Nordwesten zu lag in einer Entfernung
von 9 km das schon bronzezeitliche ed-dschib, und 12 km westlich von Jeru-
salem traf man auf die dann noch dem A.T. bekannte Stadt Kirjath-Jearim.
Hier wurde also die ganze Höhe des Gebirges zwischen der zum Jordangraben
abfallenden "Wüste Juda" {so heißt dieses unbewohnte Gebiet später imA.T.}
im Osten und dem Westabfall des Gebirges von einer wohl ziemlich zusammen-
hängenden Gruppe von Stadtstaatenterritorien eingenommen, die sich gegen-
seitig an ausgedehnterer Machterweiterung hinderten~ In ihrer abseitigen Lage
freilich hat diese Gruppe kaum eine große geschichtliche Bedeutung gehabt;
und so nimmt es nicht wunder, daß die ägyptischen Nachrichten über sie, ab-
gesehen von Jerusalem, schweigen. Das letztere gilt auch für das 40 km süd-
lich von Jerusalem auf dem Gebirge gelegene Hebron {el-chalil}, dessen Ge-
gend wie noch heute so auch in alter Zeit schon für ihren Reichtum an Wein-
trauben berühmt war. Nach der Angabe in Num. 13,22 müßte Hebron bereits
eine bronzezeitliche Stadt gewesen sein, und das ist wahrscheinlich auch rich-
tig; aber in den ägyptischen Nachrichten fehlt auch HebJ;on völlig, und dies
1 Vgl. AOTS S.8If.
S EA 290,15f. (aus einem Brief des Fürsten Abdi!!ipa von Jerusalem).
8 Dies der ursprüngliche Name des Ortes, der später nach seinem östlich von ihm ge-
legenen berühmten Heiligtum den Namen Bethel erhielt.
Einleitung

ebendeshalb, weil es anscheinend als bronzezeitliche Stadt ziemlich isoliert


dalagl.
So waren die Gebirge des Landes zur Zeit der israelitischen Landnahme im
allgemeinen noch kaum besiedelt und nur hie und da von vereinzelten Städten
und Städtegruppen besetzt. Das politische und wirtschaftliche Leben spielte sich
in den Ebenen und auf den Hochflächen ab, die zudem in verhältnismäßig
günstigen Verkehrsverbindungen miteinander standen. Nach dem Wegfall der
ägyptischen Oberherrschaft fehlte ein politischer Zusammenhang zwischen den
zahlreichen, an Umfang meist sehr kleinen Stadtstaaten. Deren Herren, einst
"Lehensmänner" der Hyksoskönige und dann der Pharaonen, nannten sich nun-
mehr "Könige"; so wenigstens werden die "kanaanäischen" Stadtfürsten im
A.T. bezeichnet. Gewiß haben auch nach der Amarnazeit mannigfache, wech-
selnde, freundliche und feindliche Beziehungen zwischen diesen Stadtkönigen
bestanden und zahllose Auseinandersetzungen stattgefunden; aber darüber wissen
wir so gut wie gar nichts mehr.
Wie in der Amarnazeit so hat auch nachher noch ein Element im Lande eine
Rolle gespielt, das weder zur Herrenschicht noch zur alten bodenständigen
stadtsässigen Bevölkerung gehörte. Nach den Amarnatafeln leistete es vor allem
den ägyptenfeindlichen, untreuen Stadtherren Kriegsdienste. In der Keilschrift
der Amarnatafeln wird es meist mit einem Woftsymbol bezeichnet, das aus den
beiden Silbenzeichen SA.GAZ besteht; und nur in den Schreiben des Stadtherrn
Abdipipa von Jerusalem erscheint diese Bezeichnung in phonetischer Silben-
schrift als Habirus. Es kann nun kaum zweifelhaft sein, daß es sich hier um das-
selbe Wort handelt wie das alttestamentliche Wort "Hebräer"a. Solche "He-
bräer" sind uns jetzt aus der ganzen welt des alten Orients bekannt, meist so,
daß sie Dienste verschiedener Art annehmen oder leisten müssen. Wir kennen sie
aus dem altbabylonischen Reich und aus den Mari-Texten', aus den Urkunden
der Stadt Nüzu im Osttigrislande vom 15.Jh.v.Chr., aus dem hethitischen
1 Zweifelhaft bleibt der Fall der in Jos. 15,13-19 = Ri. 1,10-15, auch Jos. lo,36ff.;
11,21, in Verbindung mit Hebron genannten Stadt Debir, die vorher Kirjath-Sepher ge-
heißen haben soll. Zwar ist es ein Irrtum, daß dieses Kirjath-Sepher, wie mim vielfach ange-
nommen hat, im ägyptischen Pap. Anastasi 122,5 aus der Ramessidenzeit schon erwähnt
werde (vgl. M. Noth, ZDPV60 [1937] S.224 Anm.2). Aber nach den alttestamentlichen
Stellen kann man geneigt sein, Debir für eine schon bronzezeitliche Stadt zu halten. Sollte
Debir mit W. F. Al bright, The Archaeology ofPalestine and the Bible (1932) S.77ff. u.ö.,
auf dem tell bei mirsim anzusetzen sein, so hätte es am Fuße des Gebirges 20 km westsüd-
westlich von Hebron gelegen und gehörte damit nicht in den obigen Zusammenhang. Wenn
man aber auf Grund der Angaben des A.T. Debir lieber in größerer Nähe von Hebron auf
dem Gebirge sucht (ein Vorschlag zur Ansetzung von Debir bei M. Noth, JPOS 15 [19351
S.48ff.), dann muß man auch in Debir noch eine bronzezeitliche Stadt auf dem südlichsten'
Teil des westjordanischen Gebirges vermuten.
• Die Gleichung SA.GAZ = !}abiru ist jetzt vor allem durch die Keilschrifttexte aus der
Hauptstadt des Hethiterreiches (heute boghazköi) gesichert.
a Auch die neuerdings in Texten vom räs esch-schamra belegte Wiedergabe von SAG.GAZ
durch 'prm macht die Gleichsetzung mit dem Worte "Hebräer" nicht unmöglich; vgl.
W. F. Albright, BASOR 77 (1940) S.32f. (gegen E. G. Kraeling ebd. S.32).
'Textes cuneiformes du Louvre XXII (1941) Nr.13I,13·
§ 3. Die geschichtliche Lage im Lande um 1200 v. ChI. 39
Kleinasien etwa des 14. Jh.s v. Chr., aus dem gleichzeitigen Syrien-Palästina, end-
lich in der Form 'pr auch aus dem Ägypten der 19. und 20.Dynastie1 • Es kann
danach keine Rede davon sein, daß es sich um einen Volksnamen handle und
daß es ein Volk der Hebräer gegeben habe, zumal da, wo gelegentlich Personen-
namen solcher "Hebräer" genannt werden, Namen ganz verschiedener Her-
kunft erscheinen. Wir haben es vielmehr mit einer bestimmten Bezeichnung für
eine besondere rechtlich-soziale Stellung zu tun; und in dieser Verwendung
begegnet das Wort gelegentlich auch in alttestamentlichen Rechtsbüchern
(Ex. 21,2; Dtn. 15,12}2. Als "Hebräer" treten in den Kulturländern des alten
Orients Leute oder Gruppen von Leuten minderen Rechtes und geringen
wirtschaftlichen Vermögens auf, die Dienste tun, wo und wie man sie gerade
braucht. Sie gehörten nicht oder vielleicht auch nicht mehr zu den verschiedenen
Schichten der alteingesessenen Bevölkerungen der Kulturländer, sondern stellten
unstete Elemente dar, die wohl vor allem keinen Anteil am Grund und Boden
hatten. Ganz exakt ist ihre Art auf Grund der zur Verfügung stehenden Quellen
nicht zu fassen, und vielleicht war ihre Stellung nach Ort und Zeit und geschicht-
lichen Voraussetzungen verschieden. Auch die WortbedeutungS und Herkunft
der so weit verbreiteten Bezeichnung "Hebräer" ist noch einigermaßen dunkel.
Wohl aber ergibt sich aus der Verbreitung dieser Bezeichnung, daß keinerlei
Grund vorliegt, die Ijabiru der Amarnatafeln in irgendeine sachliche Verbin-
dung mit den israelitischen Stämmen zu bringen, wie denn auch in den Amarna-
tafeln keine Rede davon ist, daß sie etwa aus der Wüste in das syrisch-palästi-
nische Kulturland hereinkämen oder vor kurzem hereingekommen wären.
Um die Zeit, in der die israelitischen Stämme in Palästina seßhaft wurden,
kam von einer anderen Seite her eine folgenreiche Bewegung über die Stadt-
staatengebiete des Landes. Um 1200v.Chr. erging aus der Mittelmeerwelt zu
Wasser und zu Lande ein Zustrom landsuchender Elemente gegen die Kultur-
gebiete des alten Orients. Wir kennen diesen Vorgang aus ägyptischen Nach-
richten; denn die Zuwanderer griffen auch Ägypten an, und die Pharaonen,
Merneptah und vor allem Ramses 111., mußten diese "Seevölker" von ihrem
Lande abwehren. Das ist ihnen gelungen, und sie haben diese ihre Siege in Wort
und Bild dargestellt 4• Dieser "Seevölker"-Ansturm war nur der letzte Ausläufer
1 Das seit längerer Zeit bekannte Material zum größten Teil bei A. Jirku, Die Wande-
rungen der Hebräer im 3.l,Ind 2. Jahrtausend v.Chr. (AO 24,2 [1924]) S.13ff. Zu dem neuen
Material gehört das Vorkommen von 'pr aufeiner in Memphis gefundenen Stele des Pharaos
Amenophis 11. (1448-1420 v. Chr.) Z.30 (A. M. Bada wi, Annales du Service des Antiquites
de l'Egypte 42 [1943] S.lff.), wo "Hebräer" unter den vom Pharao aus Palästina-Syrien ein-
gebrachten Kriegsgefangenen vorkommen: Die 'pr, die auf einer in der palästinischen Stadt
Beth-Sean gefundenen Stele des Pharaos Sethos 1. (vgl. AOBB Nr .97) genannt werden, ste.1len
die sachliche Verbindung zwischen den ägyptischen 'pr und den tlabiru Vorderasiens her.
I Doch vgl. auch A. J epsen, MO 15 (1945-1951) S.54ff.
8 Eine Vermutung dazu bei W. P. Al bright, The Biblical Period (in L. Pinkelstein,
The Jews [1949]) S·57 Anm·39.
, B~sonders die Abbildungen und Inschriften am Palast Ramses' IH. in medinet hab"
(auf der Westseite des ägyptischen Theben) kommen in Prage; vgl. dazu J. H. Breasted,
Ancient Records of Egypt IV (1906) § 59-82; AOBs Nr. II I. 112.
Einleitung

einer umfassenden Völkerbewegung, die von Norden her über die östliche
Mittelmeerwelt kam und in deren Zusammenhang auch die sogenannte dorische
Wanderung in Griechenland gehörte. Mit Kind und Kegel kamen diese Wan-
derer teils auf Ochsenkarren offenbar an den Küsten entlang gezogen, teils auf
Schiffen von Insel zu Insel oder längs des Ostrandes des Mittelmeeres gefahren.
Kleinasien wurde von ihnen durchzogen, und hier wurde das Hethiterreich ein
Opfer ihres Ansturms und nahm ein plötzliches Ende. An der syrisch-palästi-
nischen Küste zogen sie nach Süden. Auf der anderen Seite scheinen sie auch von
Griechenland und den griechischen Inseln her nach der libyschen Küste Nord-
afrikas übergesetzt zu sein und von dieser Seite her Ägypten bedroht zu haben.
An den Grenzen Ägyptens aber brachen sich die letzten Wellen dieser Be...
wegung. Die Ägypter wissen allerlei Namen solcher "Seevölker" zu nennen,
die bis in ihren Gesichtskreis gelangten, darunter die Namen prst und !kr, die für
uns deswegen wichtig sind, weil wir wissen, daß die also genannten "Seevölker"
sich damals in Palästina festgesetzt haben. Denn prst ist die ägyptische Wieder-
gabe des Namens "Philister"; und von den !kr wissen wir aus dem Reisebericht
des ägyptischen Beamten Wen-Amon, daß sie Up1. 1100 v. Chr. eine der wenigen
palästinischen Küstenstädte, nämlich die Stadt Dor (heute el-burdsch bei el-
lantüra südlich des Karmelvorsprungs) innehattenl •
Die Festsetzung der philister in Palästina war für die Geschichte Israels beson-
ders folgenreich. Nach der alttestamentlichen Überlieferung hatten die philister
den südlichen Teil der palästinischen Küstenebene nördlich bis zum nahr ei-
eödscha eingenommen und lebten hier in fünf kleineren Staaten mit je einer
Stadt - in den meisten Fällen handelt es sich nachweislich um alte bronzezeitliche
Städte - als Herrschaftssitz. Diese Städte waren Gaza (heute ghazze), Askalon
(heute eas~alän), Asdod (heute esdud), Akkaron 2 (heute eä~ir}und Gath (am
weitesten landeinwärts in der Küstenebene gelegen an einer noch nicht sicher
ermittelten Stelle). In diesen Staaten lebten die philister als eine wahrscheinlich
ziemlich dichte, kriegerischel Herrenschicht über der alten kanaanäischen Be-
völkerung dieses Gebietes unter fünf Fürsten', die wenigstens für Fälle kriege-
riseher Auseinandersetzungen in einem Bunde miteinander standen, der jeweils
von einem dieser Fürsten als dem primus inter pares angeführt wurde. Bedenkt
man, daß um 1200 v.Chr. die Pharaonen noch den Anspruch auf die Oberherr-
schaft in Palästina aufrechterhielten und daß gerade die südliche Küstenebene
Palästinas als der Ägypten nächstbenachbarte Teil des Landes besonders stark
durch ein ägyptisches Verwaltungssystem und ägyptische Tempel an Ägypten
gebunden war, so liegt der Schluß nahe, daß die Landnahme der Philister in
1 Übersetzung dieses Reiseberichts AOTI S.7Iff. und TGI S.36ff.; die in Betracht kom-
mende Stelle I. 8f. ebd. S.7I bzw. S.36.
2 Dieser Name ist im A.T. fälschlich "Ekron" vokalisiert worden; die richtige Aussprache
ergibt sich aus der späteren assyrischen Wiedergabe Am~arrüna.
8 Man vergleiche die Schilderung der BewaflDung eines philistäischen Hopliten in
I.Sam. 17.5-7. die mit offenkundiger Bewunderung und Grauen gegeben wird.
4 Nach dem A.T. ftihrten speziell diese Philisterfürsl..;n den Titel seränim. vielleicht ein
philistäisches Wort. f"tir das man einen Zusammenhang mit dem Worte -nipavvos vermutet hat.
§ 3. Die geschichtliche Lage im Lande um 1200 V. Chr. 41
diesem Gebiet nicht ohne die stillschweigende oder sogar ausdrückliche Zu-
stimmung der Pharaonen erfolgte, die damit die Abwehr dieses "Seevolkes" von
Ägypten selbst durch seine Ansiedlung im benachbarten Palästina sicherteni.
Und so sehr die philister dann auch in Palästina eine stark expansive kriegerische
Kraft entfalteten, Ägypten haben sie künftig unseres Wissens nicht noch einmal
bedroht.
Die philister traten als ein fremdes Element in die Welt Palästinas ein. Die
Israeliten kennzeichneten sie gern kurzweg als die "Unbeschnittenen", da sie die
in Syrien-Palästina ebenso wie in Ägypten offenbar uralte und auch von den
früheren Zuwanderern wohl übernommene Sitte der Beschneidung nicht kann-
ten und nicht annahmen. NachAm.9,7;Jer.47,4 wären sie aus Kaphtor, d.h.
Kreta, .gekommen. Aber zu den bodenständigen Kretern, den Trägern der
minoischen Kultur, deren Typ von den Ägyptern ganz anders dargestellt wird
als der Philistertyp, gehörten sie nicht. Es mag sein, daß Kreta die letzte Station
ihrer Wanderung vor ihrer Festsetzung in Palästina gewesen war. Ihr Ausgangs-
punkt lag gewiß in weiterer Ferne, und die wenigen uns bekannten Philister-
personennamen sprechen vielleicht für illyrische HerkunftS. Da sie wahrschein-
lich in ziemlich großer Zahl in einem geschlossenen Raum in Palästina seßhaft
wurden, haben sie für einige Jahrhunderte ihre besondere Art und ihre frische
kriegerische Kraft bewahren können, bis schließlich auch sie dem Schicksal jeder
Herrenschicht verfielen und mehr und mehr in der bodenständigen U ntertanen-
bevölkerung aufgingen.
Die Philister waren das wohl größte und jedenfalls bedeutendste und uns am
besten bekannte "Seevölker"-Element, das um 12oov.Chr. in Palästina auf-
tauchte, aber nicht das einzige. Weiter nördlich in der palästinischen Küsten-
ebene und anscheinend räumlich getrennt von den philistern setzten sich die .
schon erwähnten !kr in Dor fest und begründeten dort eine wahrscheinlich
kleine "Seevölker"-Herrschaft. Aber auch in die Küstenebene nördlich des
Karmel und in die Jesreel-Ebene scheinen solche "Seevölker"-Elemente damals
eingedrungen zu sein. Der aus Ri. 4 und 5 bekannte König Sisera, der seinen
Sitz im Bereich des Durchgangs von der nördlichen Küstenebene zur Jesreel-
Ebene hatte, scheint gleichfalls einen illyrischen Namen zu tragenS ; bei Aus-
grabungen in <affiile inmitten der Jesreel-Ebene hat sich "Philister-Keramik"
gefunden 4 , und an der Stätte der Stadt Beth-Sean (heute tell el-bö~n bei besän
an dem von der Jesree1-Ebene zum Jordangraben fließenden nahr dschäliid)
haben die Ausgrabungen für den Beginn der Eisenzeit Fundstücke ans Licht ge-
bracht, die spezielle Beziehungen zur Mittelmeerwelt aufweisen 6• Da wir die
Nachricht über die !kr in Dor nur zufällig und nebenbei erhalten, ist durchaus
1 So A. Alt, ZDPV 67 (1944/45) S.lsff.
I V gI. G.Herbig, Jahrb. d.Dtsch.Arch. Instituts SS (1940) S.58ff.; A.Jirku, WZKM49
(1943) S.13 f.
8 VgI. A. Alt, ZAW N.F. 19 (1944) S.78 Anm.3.
, VgI. B. Maisler, Biblical Archaeologist IS (19S2) S.22.
5 Man vergleiche dazu AOBI Nr. 673 mit 671 und Nr.676 mit Nr.674. Zu diesem ganzen
Fragenkomplex vgl. J. Hempel, PJB 23 (1927) S.52-92.
42 Einleitung

damit zu lechnen, daß dieselben tkr oder auch andere "Seevölker"-Gruppen


noch an weiteren Plätzen in der näheren und weiteren Umgebung von Dor
Fuß faßten. Für diese entferntere Gegend ist es schon zweifelhaft, ob die Land-
nahme der Fremdlinge ebenso mit Zustimmung der Ägypter erfolgte, wie es im
Falle der philister wahrscheinlich war, oder ob es sich hier nicht vielmehr um
eine eigenmächtige gewaltsame kriegerische Eroberung handelte. Bedenkt man
jedoch, daß durch die Ausgrabungen wenigstens die Stadt Beth-Sean sich als ein
besonderer Stützpunkt der ägyptischen Herrschaft und eine Stätte ägyptischer
Tempel erwiesen hat, so wird man auch für diese mittelpalästinische Gegend mit
der Möglichkeit rechnen müssen, daß hier ebenfalls ägyptischer Landbesitz in
Palästina landsuchenden "Seevölker"-Gruppen nach deren Abweisung von·
Ägypten von den Pharaonen zur Ansiedlung freigegeben wurde.
Die "Seevölker""';Elemente in Palästina aber haben, selbst wenn sich ihr erstes
Fußfassen im Lande in den geordneten Formen einer Landzuweisung durch die
Ägypter abgespielt haben sollte, sich mit ihrem anfänglichen Besitz nicht be-
gnügt, sondern ihre Position zu erweitern gestrebt. Wir kennen aus etwas spä-
terer Zeit den mächtigenAusdehnungsdrang der philister und ihren erfolweichen
Versuch, sich der Herrschaft wenigstens über das ganze Westjordanland zu be-
mächtigen, und gehen kaum fehl in der Annahme, daß es sich dabei nur um die
Fortsetzung und Krönung ihres von Anfang an in Palästina betätigten Expan-
sionsbedürfnisses handelte. Und wenn der Sisera von Ri.4 und 5 zum Kreise
der "Seevölker" gehört haben sollte, so darf auch dieser kriegerische Herr
als beispielhaft für die Kraftentfaltung der "Seevölker" in Palästina angesehen
werden. Daraus aber ergibt sich, daß das Auftreten der "Seevölker" mehr Un-
ruhe und Bewegung in das Land gebracht haben dürfte, als aus der uns erhal-
tenen geschichtlichen Überlieferung unmittelbar hervorgeht. Denn mit dem tat-
sächlichen Aufhören der ägyptischen Herrschaft über Palästina setzen auch die
ägyptischen Nachrichten über die Verhältnisse und Vorgänge im Lande aus, und
eine eigene geschichtliche Überlieferung aus dem Kreise der "Seevölker" ist
nicht festgehalten worden oder jedenfalls uns nicht erhalten. Vom A.T. aber sind
Mitteilungen darüber nicht zu erwarten, da die in Frage stehenden Ereignisse in
Gegenden sich abspielten, mit denen die israelitischen Stämme anfangs wenig zu
tun hatten. Denn die "Seevölker", von der Küste her kommend, traten in die
welt der kanaanäischen Stadtstaatengebiete ein, und in deren Bereich erfolgte
ihre Ansiedlung. Und die alten kanaanäischen Stadtstaaten in den Ebenen des
Westjordanlandes waren dann auch in erster Linie und anfangs ausschließJich
von der Angriffslust der "Seevölker" betroffen und mußten sich deren Herr-
schaft zu erwehren versuchen. Daraus hat sich während des 12. und I I. Jh.s v. ehr.
in der Küstenebene und in der Jesreel-Ebene zweifellos eine bewegte Geschichte
ergeben, deren Einzelheiten uns gänzlich unbekannt sind und nur hie und da
verstreute Spuren hinterlassen haben!. Wenn die archäologische Forschung für
die fragliche Zeit zahlreiche Spuren kriegerischer Handlungen, Eroberungen
und Einäscherungen, an den Ruinen der Städte im Bereich dieser Ebenen fest-
1 Ein Beispiel dafür bei A. Alt, ZAW N.F. 19 (1944) $.67-85.
§ 3. Die geschichtliche Lage im Lande um 1200 v. ehr. 43
gestellt hat, so wird man zur Erklärung vor allem an die Auseinanderst!tzungen
mit den "Seevölkern" denken müssen.
Die israelitischen Stämme traten also mit ihrer Landnahme in ein Land ein, das
in bestimmten Gegenden dicht besetzt war mit Städten, die auf Grund einer be-
wegten Vorgeschichte bewohnt waren von einer wenig einheitlichen. aus den
verschiedensten Elementen zusammengesetzten Bevölkerung in einer differen-
zierten sozialen Schichtung und die gerade damals nach dem Wegfall der ägyp-
tischen Herrschaft und nach dem Auftreten der neuen Herrenschicht der "See-
völker" in eine Zeit bewegter kriegerischer Auseinandersetzungen untereinander
gingen. Diese Städte aber waren zugleich von der Bronzezeit her Zentren nicht
nur einer im Lande entwickelten materiellen Kultur, sondern auch Stätten eines
gewissen geistigen Lebens, das man sich entsprechend der verschiedenen Art und
Herkunft der Bewohner vielgestaltig wird vorstellen müssen. Wir wissen dar-
über sehr wenig, haben höchstens mancherlei Nachrichten - neuerdings vor
allem durch die Ras-Schamra-Texte - über das kultische Wesen, in dem die
Mächte des Wachstums und der Fruchtbarkeit die Hauptrolle spielten. Mit der
babylonischen Schrift und Sprache, die vielleicht durch die Hyksos für den
diplomatischen Schriftverkehr eingeführt wurde, vielleicht auch schon vorher
im Lande bekannt gewesen war, hatten babylonische Überlieferungen und baby-
lonische Anschauungen Eingang gefunden; denn schon zum Erlernen und Ein-
üben dieser schwierigen Schreibweise brauchte man Stücke babylonischer Lite-
ratur, die damit zugleich inhaltlich bekannt wurdenl • Allerlei Elemente baby-
lonischer Überlieferung und Vorstellung, die nach dem A.T. den Israeliten
bekannt geworden sind, sind ihnen gewiß durch die bronzezeitliche Stadtkultur
vermittelt worden. Auch auf dem Gebiete des Rechtswesens, besonders in der
Beurkundung von Rechtsgeschäften, war damals der babylonische Einfluß in
Syrien-Palästina herrschend2 • Auf der anderen Seite konnte auch die jahrhun-
dertelange ägyptische Herrschaft über Palästina mit ägyptischen Einrichtungen
und ägyptischen Tempeln im Lande nicht ohne Einfluß auf das geistige Leben
in den Städten bleiben. Wenn der 104. Psalm unverkennbar eine Bekanntschaft
mit dem Sonnenhymnus des Pharaos Amenophis IV., der sich Echnaton nannte,
aufweist 3, so war es wiederum gewiß die Welt.der bronzezeitlichen Städte, die
den Israeliten diese Bekanntschaft vermittelt hatte.
Ein sehr wesentliches Element geistigen Lebens und eine wichtige Voraus-
setzung seiner Weitergabe und Verbreitung besaß die Welt, in die die israeli-
tischen Stämme eintraten, nämlich eine Alphabetschrift. Ja das spätbronzezeit-
liche Syrien-Palästina scheint gerade der Bereich gewesen zu sein, in dem diese
weltgeschichtlich höchst bedeutsame und überaus folgenreiche Entdeckung einer
reinen Lautschrift erstmalig entwickelt worden ist. Die älteren Schriftsysteme
des alten Orients, die ursprünglich sumerische Keilschrift, die sich dann über das
1 So hat sich beispielsweise im Amarna-Archiv eine Abschrift des babylonischen Adapa-
Mythus gefunden. die offenbar der Schreiberausbildung gedient hatte.
2 Vgl. A. Alt. WO 12 (1947) S.781f.
a Übersetzung dieses Sonnenhymnus A,OT2 S.15-18.
44 Einleitung

ganze Zweistromland und seine Nachbargebiete verbreitete, und die ägyptische


Hieroglyphenschrift konnten als überaus komplizierte Kombinationen aus einer
anfänglichen Wortschrift und einer daraus entwickelten phonetischen Silben-
schrift mit ihren mehreren Hunderten von Schriftzeichen nur von wenigen
Spezialisten geschrieben und gelesen werden, von Schreibern, die damit nicht
nur in Politik und Verwaltung höchst wichtige einflußreiche Stellungen inne-
hatten, sondern zugleich als "Gelehrte" die Hüter und Vermittler der geistigen
Überlieferungen wurden. Erst die Erfindung der alphabetischen Lautschrift,
die mit einigen zwanzig verschiedenen Schriftzeichen auskommen konnte, er-
möglichte eine allgemeine Verbreitung der Kunst des Schreibens und Lesens, die
nun schließlichjeder, der es wollte, lernen konnte. Und diese Erfindung war um
1200 v.Chr. in Syrien-Palästina schon gemacht, und die israelitischen Stämme
konnten sie alsbald aus der städtischen Kultur des Landes kennenlernen und
übernehmen.
Die Ras-Schamra-Schrift, in der die Mehrzahl der Ras-Schamra-Texte ge-
schrieben ist, ist eine Alphabetschrift, die sich äußerlich der Schrifttechnik der
babylonischen Keilschrift bedient, deren Bekanntschaft im Lande sie also vor-
aussetzt. Sie ist im 14.Jh. v.Chr. im alten Ugarit (heute räs esch-schamra) ge-
braucht worden, aber auch außerhalb von U garit in Syrien-Palästina nicht ganz
unbekannt gewesen. Gerade in Palästina haben sich zwei geringe Spuren von ihr
gefunden, nämlich eine Tontafel aus dem spätbronzezeitlichen Beth-Semes am
inneren Rande der südlichen Küstenebenel und eine bronzene Messerklinge aus
der Gegend östlich des Berges Thabor von etwa 13So-I250v.Chr.2, beide Bei-
spiele mit der Schriftrichtung von rechts nach links wie auch auf einer Tontafel
vom räs esch-schamra, während sonst in U garit diese Schrift in der umgekehrten
Richtung geschrieben zu werden pflegte. Sehr weit verbreitet gewesen und sehr
lang gebraucht worden ist diese Schrift aber anscheinend nicht, da sie einer
wahrscheinlich noch älteren und jedenfalls noch brauchbareren Durchführung
des Alphabetschriftprinzips platz machte, die nicht von der babylonischen Keil-
schrift herkam, sondern an die ägyptische Hieroglyphenschrift anknüpfte, schon
in ihrer Technik, indem sie nicht in den weichen Ton von Tontafeln eingedrückt
wurde wie die Keilschrift, sondern, soweit es sich nicht um Steininschriften han-
delt, mit irgendeiner Tinte aufTonscherben oder aufPapyrus geschrieben wurde.
Diese Schrift, die Mutter aller heute auf der Erde gebrauchten alphabetischen
Schriften, ist uns vor allem von einer Reihe Steininschriften aus Byblos bekannt,
die wahrscheinlich dem 10. Jh. v. Chr. angehören 3 • Aber sie Ist offenbar älter und
hat mancherlei Vorläufer in verschiedenen alphabetischen Schreibversuchen
schon .der Mittel- und Spätbronzezeit gehabt, angefangen mit den berühmt ge-
wordenen, aber noch immer nicht ganz sicher aufgeklärten sogenannten Sinai-
inschriften aus dem Gebiet der ägyptischen Bergwerke von ~eräbjt el-chädem
1 Vgl. WAT S.168.
2 So Yeivin, Kedem 2 (1945) S.32-41 nach BASOR 99 (1945) S.21.
8 Vgl. WAT S.168f. Auch die Ahiram-Inschrift als älteste gehört vielleicht erst dem
10.Jahrhundert an.
§ 4. Die Quellen der Geschichte Israels 45

auf der Sinaihalbinsel1• Schon um I Ioov.Chr. hat man in Phönikienfleißig auf


Papyrus geschrieben; denn nach dem bereits erwähnten Reisebericht des Wen-
Amon wurde das Holz des Libanon von Ägypten aus in Byblos u. a. mit 500
Papyrusrollen bezahlt 2 , und auf diese Papyrusrollen hat man in Syrien-Palästina
schwerlich ägyptische Hieroglyphen, sondern eben wahrscheinlich die alpha-
betische Buchstabenschrift geschrieben. Um IIoov.Chr. dürfte das Schreiben
dieser Schrift schon ganz geläufig gewesen sein, und ihre Ausbildung - im Ge-
folge von zahlreichen noch sehr unbeholfenen Versuchen - erfolgte gewiß
schon im spätbronzezeitlichen Syrien-Palästina. Daß ihre Verbreitung zeitlich
und räumlich weiter reichte, als die erhaltenen Dokumente ausdrücklich be-
zeugen, liegt in der Natur der Sache. Das alltägliche Schreibmaterial der Keil-
schrift, die getrocknete oder sogar gebrannte Tontafel mit den eingedrückten
Schriftzeichen, konnte unter leidlich günstigen Umständen die Jahrtausende
verhältnismäßig leicht überdauern. Die Tinte aber, mit der man Tonscherben in
der alphabetischen Buchstabenschrift beschriftete, konnte sich nur unter seltenen
Voraussetzungen erhalten; und das kostbare Schreibmaterial des Papyrus konnte
zwar in dem regenlosen Klima Ägyptens, nicht aber ip Syrien-Palästina Bestand
haben. So sind denn nur Steininschriften als Zeugen des frühesten Gebrauchs
jener Buchstabenschrifterhalten geblieben; Steininschriften aber sind in Syrien-
Palästina offenbar nun einmal stets eine Seltenheit gewesen.
Was die Möglichkeit der weiten Verbreitung der Kunst des Schreibens und
Lesens für die Verwaltung, für Gewerbe und Handel, für das Rechtswesen, aber
auch für das allgemeine geistige und kulturelle Leben bedeutete, kann wohl nicht
leicht überschätzt werden. Die israelitischen Stämme fanden in Syrien-Palästina
eine Welt vor, die sich zwar an Originalität der Kulturleistungen mit den alten
Kulturländern in Ägypten und am unteren Euphrat-Tigris nicht messen konnte,
die aber doch ein von vielen Seiten her befruchtetes reiches und differenziertes
Leben führte und in der Erfindung und im ersten Gebrauch der Alphabetschrift
ein eigenes Kulturgut von höchster Bedeutung besaß, mit dem sie zugleich einen
entscheidenden Beitrag zur Kultur der Menschheit geleistet hat.

§ 4. Die Quellen der Geschichte Israels


Geschichte läßt sich nur auf Grund literarischer Überlieferungen darstellen,
die Vorgänge berichten, Personen und Orte namhaft machen. Auch alle archäo-
logischen Funde lassen sich nur in Verbindung mit literarischen Nachrichten ge-
schichtlich verstehen und würdigen. Die lediglich archäologisch begründete

1 Vgl. WAT S.169ff. w. F. Albright. BASOR IIO (1948) S.6ff. hat die Entzifferung
der Sinaiinschriften wesentlich gefördert; er datiert sie in das 15.Jh. v.Chr. Eine neue frag-
mentarische archaische Inschrift der Spät bronzezeit ist auf dem tell e~-~äTem (südlich Beth-
Sean) gefunden worden; vgl. R. Br andstetter-Kallner. Kedem 2 (1945) S.lI ff. nach
BASOR 99 (1945) S.21.
2 Vgl. AOT2 $.75; TGI S.41 (II.4X).
Einleitung

Darstellung der Abfolge uralter Kulturen ergibt noch nicht Geschichte, sondern
höchstens Vorgeschichte. Allerdings gewinnt der Inhalt der literarischen Über-
lieferungen oft erst im Lichte der Erforschung der materiellen Hinterlassenschaft
der betreffenden Zeiten Farbe und Leben und damit eine vielfach entscheidende
Förderung seines Verständnisses. Die "Geschichte Israels" läßt sich heute nicht
mehr auf Grund lediglich der auf uns gekommenen schriftlichen Mitteilungen
ohne Rücksicht auf die reichen und im weiten Umfang schon gut gesicherten
Ergebnisse der palästinischen Archäologie für die in Frage kommenden Zeiten
darstellen. '
Fragen wir zunächst nach der Herkunft der Nachrichten, die es uns ermög-
lichen, den wahrnehmbaren äußeren Verlauf der Geschichte Israels im großen
und auch in vielen Einzelheiten zu ermitteln, so ist an erster Stelle das A.T. mit
seiner Fülle von geschichtlichem Stoffzu nennen, daneben aber auch eine große
Menge außeralttestamentlicher Quellen. Im A.T. haben wir vor allem das große,
die Bücher Deuteronomium, Josua, Richter, Samuel, Könige umfassende Ge-
schichtswerk zu nennen, das wir nach seiner Sprache und seinem Geist als das
,~deuteronomistische" bezeichnen! und das geradezu die erste Darstellung der
"Geschichte Israels" bis zu den Ereignissen des Jahres S87 v.Chr. bietet. Der
Verfasser dieses Überlieferungswerkes hat zahlreiche ihm vorliegende Quellen
verschiedenen Alters, verschiedenen Umfangs und verschiedener Herkunft und
Art teils in extenso, teils im Auszug wörtlich mitgeteilt und aus diesen Quellen
das Ganze gestaltet 2• Uns hat er damit eine Menge wertvollen Überlieferungs-
stoffes vermittelt, und ohne ihn wüßten wir über die älteren Phasen der Ge-
schichte Israels nur überaus wenig. Denn das andere große Geschichtswerk im
A.T., das "chronistische"s, hat für diese älteren Phasen, soweit es überhaupt sie
behandelt, das deuteronomistische als die einzige oder wenigstens die haupt-
sächliche Quelle benutzt und erst für die Zeit nach s87v.Chr. Neues auf Grund
einiger weiterer benutzten Quellen hinzugefügt. Für die Geschichte Israels bis
in das S.Jh. v.Chr. hinein stehen so unsere Hauptinformationen im A.T., das
auch außerhalb der beiden genannten Geschichtswerke noch zahlreiche ge-
schichtliche Mitteilungen darbietet. Eine schwierige Frage ist in diesem Zu-
sammenhang die, in welchem Sinne der Pentateuch als ein Geschichtswerk an-
zusprechen sei. Daß er von Dingen erzählen will, die einmal geschehen sind, und
daß er viel Stoff an geschichtlichen Überlieferungen enthält, ist nicht zu be-
zweifeln. Auf der anderen Seite aber ist sicher, daß er nicht oder wenigstens nicht
von vornherein als ein Geschichtswerk entstanden und angelegt ist, sondern auf
ein sukzessives Zusammenwachsen sakralerTraditionen zurückgeht, die ihrerseits
je bestimmte geschichtliche Vorgänge zur Voraussetzung und zum Gegenstande
haben'. Er ist also ein großes Traditionssammelwerk, das zwar geschichtliche

1 Es wird im folgenden mit dem Siglum Dtr bezeichnet.


a V gl. ausführlich darüber M. Not h, Oberlieferungsgeschichtliche Studien I (Schriften
der Königsb. Gel. Ges., geisteswiss. Kl. XVIII 2 [1943]) S.3-Uo.
8 Siglum: ehr; zur Sache vgl. M. Noth a.a.O. S.uo-I80.
, Genaueres darüber bei M. Noth, Oberlieferungsgeschichte des Pentateuch (1948).
§ 4. Die Quellen der Geschichte Israels 47
Nachrichten vermittelt, aber - im Stadium der noch mündlichen Weitergabe,
während deren es seine Gestalt bekommen hat - doch nicht als zusammen-
hängende Geschichtserzählung geplant und entworfen worden ist. Seine sach-
gemäße Verwertung für die Darstellung des Verlaufs der Geschichte Israels ist
daher besonders problematisch und ebenso nach der positiven wie nach der
negativen Seite hin nur mit vielen Vorbehalten möglich.
Der enge und ständige Zusammenhang der Geschichte Israels mit der Ge-
schichte der altorientalischen Welt hat es mit sich gebracht, daß auch viele alt-
~rientalische Nachrichten geschichtlichen Inhalts - vor allem sind es Königs-
inschriften oder sonstige offizielle Aufzeichnungen - mittelbar oder auch ganz
unmittelbar die Geschichte Israels betreffen oder wenigstens für sie von Belang
sind. Neben allerlei vereinzelten ägyptischen Nachrichten kommen für die ältere
Zeit vor allem die Inschriften neuassyrischer Könige in Frage, die ja zum Teil
ganz unvermittelt und entscheidend in die israelitische Geschichte eingegriffen
haben; die neubabylonischen und persischen Könige, von denen das gleiche gilt,
haben leider nur wenig geschichtliche Nachrichten in ihren Inschriften hinter-
lassen!.
Da, wo die eigentliche Geschichtsüberlieferung des A.T. aussetzt, beginnt zu-
nächst eine empfIndliche Lücke In den Quellen zur GeschIchte Israels zu klaffen.
Erst für dIe GeschIchte des zweiten und dntten VIertels des 2. Jh.s v. Chr. steht
wieder eine ausführliche geschichtliche Überlieferung zur Verfügung, und
zwar in den beiden Makkabäerbüchern, die im Rahmen der hellenistischen Ge-
stalt des A.T., in der griechischen Septuaginta, uns erhalten sind. Sie bieten zwar
ihrerseits mancherlei überlieferungsgeschichtliche Probleme, vor allem in der
Frage des Verhältnisses der beiden Makkabäerbücher zueinander, enthalten aber
doch in jedem Falle so viel konkreten Stoff an geschichtlichen Mitteilungen, daß
die von ihnen dargestellte Zeit mit zu den am besten bekannten Perioden der Ge-
schichte Israels gehört. Für die Folgezeit kommt dann in erster Linie in Betracht
der jüdische Geschichtsschreiber Josephus2 mit seinen icrTopfal Tfis '(ov8all<fis
aPXalOAoy[as, jenem großangelegten, unter dem Kaiser Domitian verfaßten
Werk über die Geschichte Israels, für dessen erste Hälfte auch er fast ausschließlich
auf die alttestamentliche Überlieferung einschließlich der Makkabäerbücher an-
gewiesen war; schließlich aber beginnt er, auf Grund eigener zuverlässiger Ge-
schichtsquellen zu schreiben und damit selbst zu einer Geschichtsquelle zu wer-
den. Etwa vom I. vorchristlichen Jahrhundert an werden die geschichtlichen
Informationen des Josephus immer genauer und vollständiger, so daß Josephus
dann bis zum Jahre 73 n. Chr. unsere Hauptquelle für die Geschichte Israels wird 3•
1 Die wichtigsten dieser Nachrichten in Übersetzung in ANET und AOTI, wo freilich
gerade die Abschnitte mit den geschichtlichen Texten etwas dürftig sind. Die geschichtliche
Überlieferung der Ägypter in Übersetzung bei J. H. Bre aste d, Ancient Records of Egypt
I-V (1906/07), die der Assyrer bei D. D. Luckenbill, Ancient Records of Assyria and
Babylonia I/II (1927). Eine gute Auswahl von Texten findet sich in TGI.
2 Textausgabe: Flavii Josephi opera recogn. B. Niese I-VI (1888-1895).
• Zum Aufstand von 66-73 n.Chr. vgl. Josephus, lO'"Top{cx 'lov5cxIKoii TrOAtllov Trpo!i
'PColllcxlovS mit einer bei der Makkabäerzeit einsetzenden geschichtlichen Einleitung.
Einleitung

Auch für diese spätere Zeit haben wir noch zahlreiche von außen her kommende
Einzelnachrichten, die sich direkt oder indirekt auf die Geschichte Israels be-
ziehen, jetzt im wesentlichen aus der griechisch-römischen Welt. Sie finden sich
vor allem in den Werken über die Geschichte der hellenistischen Staaten und des
römischen Imperiums, in die die Geschichte Israels nunmehr auf das engste ver~
strickt war. Sie sind leider ziemlich mager.
Das geschichtliche Quellenstudium kann und darf sich nicht erschöpfen im
Zusammentragen und Ordnen aller in Betracht kommenden Nachrichten. wich-
tiger noch ist unter Umständen die Aufgabe einer sachgemäßen Interpretation
der Quellen auf ihre Verwertbarkeit und Tragweite hin. Das gilt zumal auch für
die Geschichte Israels und besonders für ihre älteren Phasen, für die. uns wenig
offizielle Aufzeichnungen zur Verfügung stehen und auch diese nur in be-
stimmter und begrenzter Auswahl, deren Prinzip erst erkannt sein will, ehe diese
Aufzeichnungen verwertet werden können. Zum großen Teil aber haben wir es,
zumal für die Frühgeschichte Israels, im A.T. mit volkstümlichen geschicht-
lichen überlieferungen zu tun, zunächst mündlich erzählt und erst später aufge-
schrieben; und meist sind das dann noch die einzigen Nachrichten, die wir über
bestimmte Ereignisse und Vorgänge haben, so daß jede Möglichkeit einer Kon-
trolle fehlt. In solchen Fällen ist die Frage ganz unumgänglich, welcher Her-
kunft solche Erzählungen waren, aus welchem Arilaß und bei was für Gelegen-
heiten und mit welchem Zi~le sie erzählt wurden und gerade so erzählt wurden;
was sie danach geschichtlich besagen wollen und können und was sie nicht be-
sagen wollen und können. Und zwar ist diese Frage an jede einzelne über-
lieferung zu stellen. Auch die Anfänge eigentlicher Geschichtsschreibung, die
schon ziemlich früh in der Zeit Davids und Salomos liegen und deren Erzeug-
nisse uns erhalten sind, soweit sie von Dtr in sein großes Samm<tlwerk aufge-
nommen wurden, wollen zunächst gefragt sein nach ihrer Absicht und nach
ihrer Art, bevor das Gewicht ihres Inhalts für die Darstellung der Geschichte
Israels sachgemäß eingeschätzt werden kann. Denn es wäre gewiß falsch, nur die
uns gerade erhaltenen überlieferungsstücke mit ihrem Inhalt, mit ihren In-
teressen und Anliegen maßgebend sein zu lassen und nicht vielmehr auch unab-
hängig davon sachgemäße geschichtliche Fragen aufzuwerfen und Probleme zu
stellen, deren Beantwortung die uns zur Verfügung stehenden überlieferungen
vielleicht nebenbei und abseits ihrer eigentlichen Interessen und Anliegen er-
möglichen oder deren U nbeantwortbarkeit doch aus der Eigenart und Begrenzt-
heit des überkommenen deutlich gemacht werden kann, so daß sich daraus
das Recht vorsichtiger Kombination auf Grund sonst bekannter Tatsachen
ergibt.
Die noch immer vorhandenen Meinungsverschiedenheiten besonders über die
Anfänge und ältesten Zeiten Israels beruhen im wesentlichen auf den U nsicher-
heiten bei der Verwertung der alten volkstümlichen überlieferung des A.T.
Das ist kein Wunder; denn die Untersuchung dieser überlieferung auf ihr Ent-
stehen, ihre Veranlassung, ihre Entfaltung hin ist systematisch noch gar nicht
so recht erfolgt. geschweige denn zu bestimmten Ergebnissen geführt worden.
§ 4. Die Quellen der Geschichte Israels 49
Auf diesem Gebiet ist noch viel Arbeit zu tun. Es genügt doch gewiß nicht, mit
Rücksicht auf die Volkstümlichkeit dieser Überlieferung je nach Ermessen ge-
wisse Abstriche an ihrer geschichtlichen Glaubwürdigkeit zu machen und den
verbleibenden Rest dann als "historischen Kern" festzuhalten und in die Dar-
stellung der Geschichte Israels einzubeziehen oder aber die geschichtliche Glaub-
würdigkeit in ein einfaches und gerades Verhältnis zu dem mehr oder weniger
sicher feststellbaren Alter der verschiedenen Überlieferungen zu setzen. Es wird
vielmehr darauf ankommen, die geschichtlichen Voraussetzungen der Ent-
stehung und Entfaltung dieser Überlieferungen für jeden einzelnen Fall aus
ihnen selbst heraus so präzis wie möglich zu erfassen und auf Grund dessen dann
sachgemäß "abzuschätzen, was sie mit ihrem Inhalt zu unserer Kenntnis vom
äußeren Verlauf der Geschichte Israels beitragen können und was sie nicht bei-
tragen können. Dasselbe gilt aber in entsprechender Weise auch von den litera-
rischen Geschichtserzählungen und dann von den jüngeren umfassenderen Ge-
schichtswerken und den in sie eingearbeiteten Überlieferungsstoffen. Erst wer
erkannt hat. unter welchen Umständen sie entstanden sind undworaufsiehinaus-
wollen, kann die unumgängliche Frage beantworten, warum sie aus der Fülle des
Geschehenen gerade das erzählen, was sie erzählen, unawarum sie es gerades<)
erzählen, wie sie. es erzählen, und kann daran erst richti ermessen worüber man r
von i en Auskunft erwarten darfund worüber nicht und welches Gewicht dem
beizumessen ist, was sie sagen, und dem, was sie verschweigen. Es muß von .
vornherein klar sein, daß zwar diese Fragen unbedingt gestellt und nach Mög-
lichkeit beantwortet werden müsseni, daß die Antworten aber nicht mit mathe-
matischer Sicherheit und Eindeutigkeit gegeben werden können, da es sich um
Rechnungen mit vielen Unbekannten handelt, daß vielmehr im Zusammen-
hang der Erwägung aller Umstände die Antworten kombinatorisch gefunden
werden und sich daran als· richtig erweisen müssen, daß sie als evident ein-
leuchten. Man mag eine darauf begründete Darstellung der Geschichte als "sub-
jektiv" bezeichnen, auch wenn sie sich an eine gewissenhafte Quelleninter-
pretation bindet, muß sich dann nur darüber klar sein, daß in diesem Sinne
jede Geschichtsdarstellung notwendig "subjektiv" ist, auch wenn sie "objektiv"
zu sein vermeint, da nun einmal die zur Verfügung stehenden Überlieferungen
jeweils nur Streiflichter aufdie Gesamtheit des Geschehens fallen lassen und dieses
daher nur im Rahmen einer bestimmten Sicht erfaßt werden kann. Daran, daß
sie allen vorhand~nen Nachrichten sachgemäß gerecht wird, erweist sich eine
solche "subjektive" Sicht dann doch als auch für andere überzeugend unddamir
als begründet.
Selbst bei der Deutung und Verwertung archäologischer Befunde, also ganz
sichtbarer, reifbarer und nach rüfbarer Überreste ver an ener Geschichte ist
ie Kom ination nicht zu entbehren. Denn auch hier handelt es sich immer
wieder darum, das einzelne in geschichtliche Zusammenhänge einzureihen, die
1 Wer diese Fragen nicht stellt, verkennt die Sachlage und gibt stillschweigend notwen-
digerweise doch Antworten, nur daß diese Antworten dann nicht erwogen und nicht be-
gründet sind und daher genauerer Nachprüfung nicht standhalten.
50 Einleitung

nicht ohne weiteres gegeben sind, sondern erfaßt werden müssen. Freilich ist ge-
rade aufdiesem Gebiete di~ nüchterne Erwägung aller Wahrscheinlichkeiten und
U nwahrscheinlichkeiten zunächst ein besonders dringendes Erfordernis. Man
muß sich sehr klar darüber sein, was die Ergebnisse der archäologischen Arbeit
beweisen können und was sie nicht beweisen können. Seit mehr als einem Jahr-
hundert haben die Spaten der Ausgräber aus dem Boden des vorderen Orients
all das an das Licht gebracht, was uns die überraschend vielseitige und genaue
Kenntnis der großen und reichen Welt des alten Orients und ihrer bewegten
Geschichte ermöglicht. Fragt man aber genauer danach, worauf sich in erster
Linie diese unsere heutige Kenntnis gründet, so muß man ohne allen Zweifel die
ungezählten gefundenen Schriftdokumente nennen, die in unmittelbarem oder
mittelbarem Zusammenhang mit den durchgeführttn Ausgrabungen zum Vor-
schein gekommen sind. Was wüßten wir wirklich Genaues und geschichtlich
Wesentliches vom alten Orient, wenn wir zwar alle übrigen materiellen Über-
reste, aber nicht die literarische Hinterlassenschaft im weitesten Sinne besäßen?
Sofern auch die letztere im wesentlichen durch die archäologische Arbeit uns
geschenkt worden ist, hat diese eine ganz primäre Bedeutung für die geschicht-
liche Kenntnis, auch für die Kenntnis der Geschichte Israels, gewonnen. Im
engeren Bereich Israels freilich, in Syrien-Palästina, gehören Funde von Schrift-
denkmälern zu den seltenen Überraschungen. Und das ist kein Zufall. Im Unter-
schied zu den großen Flußoasen des unteren Zweistromlandes und Ägyptens hat
es das gebirgige und uneinheitliche Syrien-Palästina nicht zu großen staatlichen
Gestaltungen gebracht, und daher war in diesem Lande wenig Anlaß zur Er-
richtung monumentaler beschrifteter Steindenkmäler oder großer mit Inschriften
versehener Bauten. Schriftstücke alltäglicher Art aber konnten sich zwar in der
Form der mit eingedrückten Keilen beschriebenen Tontafeln im Zweistrom-
lande und andrerseits als beschriebene Papyrusblätter in dem völlig trockenen
Klima Ägyptens erhalten, nicht aber in Syrien-Palästina, wo nur die mit Keif-
schrift beschriebenen Tontafeln der Spätbronzezeit die Jahrhunderte überdauern
konnten, hingegen unter der Wirkung der winterlichen Regen der Papyrus mit
der Zeit völlig zugrunde ging und auch die Beschriftung von Tonscherben nur
unter selten günstigen Bedingungen erhalten blieb, also gerade die Schriftdoku-
mente der Eisenzeit im wesentlichen untergehen mußten.
I Für die israelitische Zeit ist also die syrisch-palästinische Archäologie fast völlig
eine stumme Archäologie; und es ist klar, daß unter diesen Umständen die ge-
schichtliche Deutung archäologischer Befunde besonders schwierig ist. Die be-
greifliche Begeisterung, mit der man anfangs gerade in Palästina aus biblischem
Interesse die hier besonders intensiveAusgrabungstätigkeit mit dem Ziele betrieb,
sichere und unbezweifelbare Spuren der israelitischen Geschichte zu finden, hat
vielfach zu vorschnellen Gleichsetzungen zwischen den gemachten Funden und
überlieferten Ereignissen der Geschichte geführt, die sich als nicht haltbar er-
wiesen haben; und obwohl die syrisch-palästinische Archäologie sich längst aus
einer biblischen Hilfsdisziplin zu einer selbständigen Wissenschaft mit eigenen
Methoden und mit aus ihrer Arbeit selbst herauswachsenden Zielen entwickelt
§ 4. Die Quellen der Geschichte Israels SI
hat!, hat sie doch noch nicht ganz jenes unsachgemäße Suchen nach unmittel-
baren biblischen Beziehungen überwunden. Es heißt jedoch Unbilliges von ihr
verlangen und zugleich ihren entscheidenden positiven Beitrag zu unserer histo-
rischen Kenntnis übersehen, wenn man ihre Bedeutung in einer falschen Rich-
tung sucht. Den sicheren Nachweis bestimmter historischer Vorgänge und Er-
eignisse darf man im allgemeinen nicht von ihr erwarten, soweit sie nicht zu
glücklichen Funden von Schriftdokumenten führt. Wohl aber kann sie um-
fassende Einblicke in die Voramsetzungen und Verhältnisse des Lebens und
deren Wandlungen im Laufe der Zeiten erschließen undAamit den Hintergrund
sichtbar machen, vor dem die geschichtlichen Gestalten gehandelt haben und der
Ablauf der besonderen geschichtlichen Vorfälle sich abgespielt hat; und sofern
diese Erscheinungen und Bewegungen ständig in enger Beziehung zu jenem
Hintergrunde stehen, trägt sie damit Wesentliches zum Einblick in den ge-
schichtlichen Ablauf bei. So ist denn heute eine Darstellung der Geschichte
Israels ohne ständige Bezugnahme auf die Ergebnisse der syrisch-:-palästirtischen
Archäologie nicht mehr zu verantworten, nachdem diese Quelle der Erkenntnis
einmal erschlossen ist. Sie hat die Gesamtauffassung von der Geschichte Israels
aufs stärkste und nachhaltigste beeinflußt, indem sie in zahlreichen Einzelzügen
die welt sichtbar gemacht hat, innerhalb deren diese Geschichte abgelaufen ist,
und damit zugleich den Tatsachengehalt in den literarisch überlieferten ge-
schichtlichen Vorgängen neu und konkret verstehen gelehrt hat. Zwar daß ein
bestimmtes Ereignis wirklich geschehen ist und daß es so geschehen ist, wie die
Überlieferung es darstellt, läßt sich der Natur der Sache nach nur in ganz sel-
tenen Ausnahmefällen archäologisch wirklich nachweisen; denn daß etwa seine
Möglichkeit aufgezeigt werden kann, ist noch kein Beweis für seine Tatsächlich-
keit, und die archäolo ische Aufhellun der all emeinen Situation einer be-
stimmten Zeit macht die ü er ie erungsgesc ic t ic e Prü ung er ü er omme-
ti'en Nachrichten über sie in gar keiner Weise entbehrlich. Wohl aber lassen sich
überlieferungsgeschichtIich bewährte Mitteilungen 1m Lichte der materiellen
Hinterlassenschaft der in Frage kommenden Zeit in der Regel exakter und kon-
kreter und damit sicherer und umfassender verstehen und lebendiger aus einer
bestimmten zeitgeschichtlichen Lage heraus würdigen und anschaulich machen,
als es ohne sie der Fall wäre; und zugleich läßt sich oft ein durch die literarische
Überlieferung doch stets nur mit einzelnen Strichen gezeichnetes Bild durch den

1 Ihre Ergebnisse sind gründlich und sachkundig mit reichlichem Abbildungsmaterial im


Rahmen einer geschichtlichen Darstellung zusammengefaßt bei C. Watzin ge r, Denk-
mäler Palästinas. Eine Einführung in die Archäologie des Heiligen Landes I/lI (1933/1935),
kürzer, aber ebenfalls sehr zuverlässig bei P. Thomsen, Palästina und seine Kultur in fünf
Jahrtausenden nach den neuesten Ausgrabungen und Forschungen dargestellt, 3. Auf!.
(AO Bd. 30) 1932 und bei W. F. Al bri ght, The Archaeology ofPalestine (21951). Eine um-
fassende Auswertung der Ergebnisse der archäologischen Arbeit besonders für den inneren
Zusammenhang und Fortgang der israelitischen Geschichte bietet W. F. Albright, From
the Stone Age to Christianity, 2.Auf!. 1946 (eine deutsche Übersetzung davon ist 1949 unter
dem Titel" Von der Steinzeit zum Christentum" in der Schweiz erschienen) und Archaeol ogy
and the Religion of Israel, 2.Auf!. 1946.
Einleitung

archäologischen Befund ergänzen und abrunden. So hat die Geschichte Israels


für uns durch die syrisch-palästinische Archäologie ganz wesentlich an Farbe und
plastischer Gestalt gewonnen.
Alles bisher Gesagte betrifft den äußeren Hergang der Geschichte Israels und
die Frage der für dessen Ermittlung zur Verfügung stehenden Quellen. Hierzu
ist ohne Einschränkung alles heranzuziehen, was irgend unmittelbar oder
mittelbar einen Beitrag zu liefern vermag. Die w e se nt I ich e B e d e u tun g
der so verlaufenen Ge s chi eh t eIs r a eis jedoch ist nicht aus zahllosen zer-
streuten Quellenaussagen zu entnehmen oder zu erschließen oder aus dem Ab-
lauf dieser Geschichte selbst zu erfassen; für sie ist die Quelle vielmehr allein
das Z e u g n i s des A.T., das die Geschichte Israels, die wie jede menschliche
Geschichte ihrer äußeren Erscheinung nach rätselhaft und vieldeutig ist, in dem
Sinne eindeutig erklärt, daß hier Gott als der Herr aller Welt sich eines Volkes
als Werkzeugs bedient habe, damit einmal "allen Geschlechtern auf Erden Segen
zuteil werde" (Gen. 12,3). Daß dieses Zeugnis vorliegt, ist zunächst ein ge-
schichtliches Faktum, das mit zur Geschichte Israels gehört; und es wäre unsach-
gemäß, von diesem wahrhaftig singulären Faktum abzusehen. Mit diesem Selbst-
zeugnis erklärt sich die Geschichte Israels nicht nur als einmalig, so wie jede
Volksgeschichte aufRrden einmalig und unwiederholbar ist, sondern als schlecht-
hin einzig in ihrer Art unter den Geschichten der Völker. Daß dieses Selbstzeugnis
gültig sei, läßt sich nicht mehr beweisen. Der äußere Verlauf der israelitischen
Geschichte läßt sich ohne tieferes Fragen beschreiben und in seinen Zusammen-
hängen darstellen, auch wenn man auf dieses Selbstzeugnis nicht Bezug nimmt;
und die Fragen nach Grund und Sinn vieler Erscheinungen kann man dann als
unbeantwortbare Fragen auf sich beruhen lassen, wie es dergleichen unbeant-
wortbare Fragen allenthalben in der Weltgeschichte gibt. Aber damit wird doch
auf der anderen Seite ein bestimmter vorliegender Tatbestand außer acht ge-
lassen, der Tatbestand nämlich, daß uns die Hauptüberlieferung zur Geschichte
Israels, neben der alle sonstigen Nachrichten nur den Charakter hinzukommen-
der Einzelbeiträge haben, nur in unlöslicher Verbindung mit jenem Zeugnis vor-
liegt. Das A.T. erzählt so ausführlich die Geschichte Israels nur eben um jenes
Zeugnisses willen. Dieser Tatbestand will ernst genommen sein. Und so ist das
A.T. nicht nur als eine Schatzkammer überlieferter geschichtlicher Nachrichten,
sondern noch auf einer höheren Ebene die eigentliche Quelle für die Geschichte
Israels, neben der alle sonstigen Quellen als sekundär anzusprechen sind, sofern
es nicht nur den äußeren Verlauf dieser Geschichte für eine ziemlich lange Strecke
zusammenhängend erzählt, sondern auch das entscheidende Wort zum Ver-
ständnis dieser Geschichte sprichtl.
1 Aus der Fülle der bisherigen Behandlungen des Gegenstandes sei hier nur das genannt,
was über das rein wissenschaftsgeschichtliche Interesse hinaus noch jetzt unmittelbare Be-
achtung beanspruchen kann. Damit ist über das Stadium der Erschließung des alten Orients
und deren Auswertung für die Geschichte Israels nicht mehr zurückzugreifen. An erster
Stelle zu nennen ist das Werk von R. Kittel, das erstmalig als "Geschichte der Hebräer"
1888/92 erschien und als "Geschichte des Volkes Israel" von der zweiten Auflage an (I.Band
1912, II.Band 1909) entschlossen dieneuen Funde und Erkenntnisse aus der altorientaIischen
§ 4. Die Quellen der Geschichte. Israels 53
Welt heranzog. In seiner letzten Neubearbeitung (15.61923; HG 1925) kann es noch heute als
Standardwerk gelten. Den beiden ersten Bänden, die die Geschichte bis 587 v. Chr. behan-
delten, folgte als Spätling noch ein IH. Band in zwei Teilen (1927[29), der bis Zum Ende der
Perserzeit reicht. Man wird zwar heute nicht mehr mit Kittel die Geschichte Israels mit
einer Darstellung der ganzen Ur- und Frühzeit Palästinas eröffnen (gegen HG S.XI), da eine
Geschichte Palästinas heutzutage schon eine Aufgabe f'Ur sich und etwas anderes ist als eine
Geschichte Israels und die K:dturgeschichte Palästinas nur im größeren Zusammenhang
wenigstens mit der Syriens behandelt werden kann; aber das Einbeziehen Israels in das große
Ganze seiner Umwelt, das Kittel als Aufgabe klar erkannt hat, bleibt f'Ur jede Darstellung
der Geschichte Israels fortan eine sachliche Notwendigkeit. - Kürzer gefaßt ist das Werk
von E. SelIin, Geschichte des israelitisch-jüdischen Volkes I (1924)[H (1932), das - mit
allerlei originellen und nicht immer haltbaren Thesen - bis zur Zeit Alexanders d. Gr. reicht,
da der beabsichtigte IH. Band, der die Geschichte Israels bis zu ihrem sachgemäßen Ab-
schluß in den ersten beiden nachchristlichen Jahrhunderten hätte f'Uhren sollen, nicht mehr
geschrieben worden ist. - Auf Grund einer intimen Kenntnis ihres Schauplatzes ist die Ge-
schichte Israels bis auf die Zeit Esras und Nehemias in selbständiger und anregender Weise
geschrieben worden von E. Auerbach unter dem Titel "Wüste und Gelobtes Land" I
(1932)[H (1936), in dem die dem Verfas.cr wichtige Bedeutung der Nachbarschaft der Wüste
für den Gang der Geschichte Palästinas und damit auch Israels zum Ausdruck gebracht wird.
- Ausführlichere Darstellungen des Gegenstandes haben wir noch von T. H. Robinson
and W. O. E. Oesterley, A History ofIsraei I[II (1932) und.A. Lods, Israel des origines
au milieu du VIIIe siecle (1930) und Les Prophetes et le debut du Judaisme (1935). - Für den
Schlußabschnitt der Geschichte Israels liegt jetzt vor das umfangreiche Werk von F.-M.
Abel, Histoire de la Palestine depuis la conquete d'Alexandrejusqu'id'invasionArabe I/lI
(1952); für die letzte Phase der Geschichte Israels ist grundlegend noch immer die sehr aus-
führliche Behandlung von E. Schürer, Geschichte des jüdischen Volkes im Zeitalter Jesu
Christi p.4 (1901)[H' (1907)[III' (1909), die mit der Makkabäerzeit einsetzt und bis 135
n. Chr. reicht. In allgemeinverständlicher Darstellung, aber auf Grund eindringenden selb-
ständigen Quellenstudiums wird das abschließende Stück der Geschichte Israels mit beson-
derer Berücksichtigung des religiösen und geistigen Lebens dargestellt von A. Schlatte r,
Geschichte Israels von Alexander dem Großen bis Hadrian (81925). - An kurzen Lehr-
büchern seien genannt H. Guthe, Geschichte des Volkes Israel 3 (1914), bis 135 n. Chr. füh-
rend, noch immer nützlich, wenn auch in vieler Hinsicht nun schon veraltet, und A. Jirku,
Geschichte des Volkes Israel (1931), nur bis 587V. Chr. reichend. In einem ganz kurzen Ab-
riß wird behandelt die Geschichte Israels bis einschließlich der persischen Zeit von W. F.
Albright, The Biblical Period, und die darauf folgende Zeit von E. Bickerman, The
Historical Foundations of Postbiblical Judaism (beides in dem Sammelwerk L. Fin·kel-
stein, The Jews: their History, Culture and Religion [1949]). -Zahlreiche grundlegende
und wichtige Einzelstudien zu Problemen der Geschichte Israels sind gesammelt veröffent-
licht bei A. Alt, Kleine Schriften zur Geschichte des Volkes Israel I/lI (1953).
ERSTERTEIL

Ifro~l ols ZOJolfrtomm~bun~

I.KAPITEL

Di~ 6nt[t~~ung l:I~t i[ta~liti(dJm Stämm~

§ 5. Die Wohnsitze der Stämme im Kulturlande


Geschichtlich wirklich erfaßbar ist die Gesamtheit "Israel", nach der alttesta-
mentlichen Überlieferung ein Verband von zwölf einzelnen Stämmen, erst als
eine auf dem Boden des palästinischen Kulturlandes lebende Größe. Natürlich
hat die alttestamentliche Überlieferung unzweifelhaft recht darin, daß sie die
Stämme nicht als autochthone Landesbewohner betrachtet, sondern sie zu einer
bestimmten Zeit von der Wüste und Steppe her auf dem Kulturlandboden Fuß
gefaßt haben läßt. Selbst wenn es nicht ausdrücklich überliefert wäre, könnte
man das mit Sicherheit aus der Lage der Stämmegebiete in Palästina und aus der
Weise des Wohnens und Lebens der Stämme im Kulturlande erschließen. Na...
türlich auch haben die Stämme vor ihrer Landnahme eine Geschichte gehabt,
und im A.T. sind uns bestimmte Traditionen der Stämme aus jener Vorzeit er-
halten, deren geschichtlicher Gehalt gar nicht anzuzweifeln ist und über die noch
ausführlich zu sprechen sein wird. Aber diese Traditionen haben ihre über-
kommene Gestalt doch erst innerhalb des in Palästina vereinten Israel und von
dessen Gesichtskreis aus erhalten. Sie haben mit dem, was an geschichtlichen
Vorgängen hinter ihnen steht, eine grundlegende Bedeutung für das in Palästina
lebende Israel, für sein Selbstbewußtsein und für seinen Glauben gehabt, gehen
aber doch in ihrer vorliegenden Form zugleich von Voraussetzungen aus, wie sie
erst auf dem Boden des Kulturlandes gegeben waren. Vor allem ist, wie sich
sogleich zeigen wird, die Vereinigung der Stämme zu der Gesamtheit "Israel"
erst im Kulturlande zu einer endgültigen und dauernden Tatsache geworden;
und sogar die Stämme selbst haben sich erst im Zuge ihrer Landnahme zu festen
und bleibenden geschichtlichen Größen konsolidiert. Jene Traditionen gehören
als ganz wesentlicher und entscheidender innerer Besitz zu dem uns in Palästina
bekannten Israel und sind für uns in die sem Zusammenhang ein geschichtliches
Faktum von fundamentaler Bedeutung,das seine Wurzeln in der Vorgeschichte
Israels hat. Die Geschichte Israels im strengen Sinne aber als die Geschichte einer
bestimmbaren und einigermaßen sicher abgrenz baren Größe beginnt erst auf
dem Boden des palästinischen Kulturlandes.
§ 5. Die Wohnsitze der Stämme im Kulturlande 55
Um diese. Größe exakt zu fixieren, ist es zunächst erforderlich, die Reihe der
zu Israel gezählten Stämme und deren Wohn bereiche festzustellen. Das ist mög-
lich auf Grund von. allerlei verstreuten Angaben innerhalb der verschiedenen
Stücke erzählender Überlieferung, wie sie uns im Rahmen vor allem des großen
deuteronomistischen Sammelwerkes erhalten sind und teilweise auch in das auf
palästinischem Boden gewordeneTraditionswerk des Pentateuch Aufnahme ge-
funden haben, und vor allem auf Grund einiger Überlieferungsstücke, die spe-
ziell die einzelnen Stämme zum Gegenstande haben. In das deuteronomistische
Sammelwerk ist nachträglich in Jos. 13-19 (21) eine umfangreiche Ausführung
über die Stämmegeographie aufgenommen worden, und darin ist verarbeitet ein
altes Verzeichnis der Grenzen der Stämmegebiete, das wahrscheinlich noch aus
der Zeit vor der Staaten bildung stammt und in der Form einer Aufzählung von
Grenzfixpunkten die Wohnbereiche der einzelnen Stämme festlegt; es reprodu-
ziert zwar nicht einfach den zu einer bestimmten geschichtlichen Zeit wirklichen
Kulturlandbesitz der Stämme, sondern bezeichnet die Gebiete, auf die die ein-
zelnen ~tämme auf Grund der Theorie, daß das ganze Land Palästina den ver-
einten Stämmen gehören müsse, Anspruch erhoben. Aber den Ausgangspunkt
dieses Systems bildet doch offensichtlich der tatsächliche Wohnbereich der
Stämme!; und zur Ausschaltung des nur theoretischen Elements in diesem
System sind wir nicht auf eigene Vermutungen und Kombinationen angewiesen,
sondern besitzen wir das in seiner Grundlage ebenfalls bis in die vorstaat-
liche Zeit zurückgehende Verzeichnis in Ri.I,21.27-35, das wenigstens für die
Stämme Mittel- und Nordpalästinas kurz angibt, welche kanaanäischen Stadt-
staatenterritorien sie nicht zu besetzen vermochten, obwohl sie - das ist auch
hier die Voraussetzung - auf ihren Besitz eigentlich Anspruch gehabt hätten 2•
Dazu kommen weiter noch einige Überliefetungsstücke, die es zwar nicht mit
der Stämmegeographie zu tun haben, aber doch einiges über Bestand und Art der
israelitischen Stämme mitteilen. In Num. 26,4 b!3-5 1 haben wir eine zwar zeit-
lich nicht genau festlegbare, aber vermutlich ziemlich alte Liste der zu den
Stämmen gehörigen Sippen 3 ; und in Gen. 49,1 b-27 (28) und Dtn. 33,6-25 sind
als "Jakobsegen" und "Mosesegen" in die Pentateucherzählung nachträg-
lich eingeschaltet worden Sammlungen von kurzen charakterisierenden Sprü-
chen über die einzelnen Stämme, wie sie teils als Lobsprüche, teils als Neck-
oder Spottverse wohl seit alters im Kreise der Stämme umliefen, ohne festes
1 Vgl. dazu vor allem A. Alt, Das System der Stammesgrenzen im Buche Josua (SelIin-
Festschrift [1927] S. 13-24 = Kleine Schriften zur Geschichte des Volkes Israel I [1953]
S. 193-202). sowie M. Noth, ZDPV 58 (1935) S.185ff.
2 Es steht innerhalb eines Konglomerats von Nachträgen zum deuteronomistischen Werk;
und es ist nicht sicher zu sagen, wie es dorthin gelangt ist. In seiner vorliegenden Gestalt
setzt es die spätere Eingliederung dieser Stadtstaatenterritorien in den davidisch-salomo-
nischen Staat voraus.
3 Diese Liste ist nachträglich dazu benutzt worden, eiri spätes und apokryphes Verzeichnis
über die zahlenmäBige Stärke der einzelnen israelitischen Stämme aufzunehmen, das für die
Zeit des Auszugs aus Ägypten gelten sollte; und dazu wurde dann eine Volkszählung durch
Mose angenommen und das Ganze sehr sekundär in die schon kombinierte Pentateucherzäh-
lung eingeschaltet; vgl. dazu M. N ot.h, Das System der zwölf Stämme Israels (1930) S.I22ff.
1./1. Die Entstehung der israelitischen 5tämme

System zusammengestellt und im einzelnen wohl aus verschiedenen, nicht mehr


sicher bestimmbaren Zeiten stammend. Auch die Charakterisierung des Ver-
haltens der verschiedenen mittel- und nordpalästinischen Stämme im Debora-
liede Ri. 5,2-30 beruht vielleicht weniger auf dem speziellen Fall des hier
gefeierten Einzelereignisses als vielmehr auf der Weise, in der die Stämme im
allgemeinen zu handeln pflegten.
Die israelitischen Stämme zerfallen in einige landschaftlich zusammengehörige
Gruppen. Im Kreise der süd palästinischen Stäm me hat, soviel wir sehen,
von jeher der Stamm Juda die Hauptrolle gespielt. Er saß auf dem süd-
lichen Teile des westjordanischen Gebirges südlich von Jerusalem, und sein Ge-
biet erstreckte sich südwärts bis in die Nähe der Stadt Hebron. Bethlehem, zur
Amarnazeit "eine Stadt des Landes Jerusalem"I, war sein Mittelpunkt. Wie diese
Stadt, die wohl nur vorübergehend der Herrschaft von Jerusalem untertan und
im übrigen ein kleiner Herrschaftssitz gewesen war, in den Besitz des Stammes
Juda gelangt ist, darüber wissen wir gar nichts mehr. Nach Norden zu wutde das
Gebiet von Juda durch den Stadtstaat von Jerusalem und die Territorien der an-
deren in seiner Nähe gelegenen Stadtstaaten begrenzt, und nach Osten zu bildete
die zumToten Meer abfallende "WüsteJuda" eine natürlicheGrenze. Nur diewe-
nigen Oasensiedlungen am Westufer des Toten Meeres mägen noch von Judäern
bewohnt gewesen sein. Nach diesen Seiten hin gibt die Beschreibung der judä-
ischen Stammesgrenzen in Jos. 15,1-12 den tatsächlichen Sachverhalt wieder,
während sie nach Süden und Westen hin die Grenzen Judas weit hinaus verlegt
hat aus Gründen, über die später noch zu sprechen sein wird. In Wirklichkeit
saßen südlich von Juda auf dem Gebirge noch andere sogleich zu erwähnende
StämIne, und schön die Stadt Hebron gehörte einem von diesen und nicht dem
Stamm Juda. Im Westen aber befand sich der Südteil der palästinischen Küsten-
ebene in den Händen der anfangs mächtigen Philister, die die hier gelegenen alten
kanaanäischen Stadtstaaten ihrer Herrschaft unterworfen hatten, und nur in dem
Hügellande zwischen dem eigentlichen Gebirge und der Ebene, in dem es· ver-
hältnismäßig wenig Stadtstaaten gab, war noch Raum für neue Besiedlung. Das
war die einzige Richtung, in der der kräftige Stamm Juda sich ausbreiten
konnte; und in dieses Hügelland haben denn auchjudäische Sippen mit der Zeit
sich vorgeschoben und mit den dort in einigen Städten schon sitzenden Ka-
naanäern anscheinend im allgemeinen friedliche Beziehungen aufgenommen2•
Der Name Juda (i1,,,,..) hat keine Beziehung zu irgendeinem geläufigen Typ
semitischer Personennamenbildung und ist schwerlich ursprünglich ein Per-
sonenname gewesen und auf gar keinen Fall philologisch als eine Zusammen-
setzung mit dem Gottesnamen mi1" erklärbar. Wohl aber sind einige entsprechend

1 VgI. 0.5.37.
I Das ergibt sich vor allem aus Gen. 38, wo stammesgeschichtliche mit sonstigen Er-
zählungselementen in nicht mehr sicher feststellbarer Mischung vereip,igt erscheinen (vgl.
M. Not h, Überlieferungsgeschichte des Pentateuch 5.162 f.) sowie aus der in I. Chr. 2. 4
enthaltenen siedlungsgeographischen Liste (vgI. M. N oth, ZDPV 55 [1932] 5.97-124).
Zum Vorgang selbst vgI. M. N oth, P]B 30 (1934) 5.31-47.
§ S. Die Wohnsitze der Stämme im Kulturlande 57
gebildete Ortsnamen nachweisbar1 ; und so spricht denn die Wahrscheinlichkeit
dafür, daß seine ursprüngliche Verwendung in den Ausdrücken "Juda-Gebirge"
(n"l'1' "1'1) als der Bezeichnung eines Gebirgsteiles südlich von Jerusalem2 und
"Juda-Wüste (il"l'1' ":1'~) als der Benennung der östlich davon zum Toten Meer
abfallenden Gegend 3 vorliegt und daß dann sekundär die in einem Teil dieses
Bereichs seßhaft werdenden Sippen sich "Juda-Leute", "Judäer" (l'1,il'1' '3:1), be-
nannten und so zum "Stamme Juda" wurden.
Aus verstreuten Angaben des A.T. wissen wir, daß südlich dieser Judäer auf
dem südlichsten Teile des westjordanischen Gebirges noch einige andere
Stämme bzw. Sippen saßen. Die wahrscheinlich schon kanaanäische Stadt
Hebron (im Bereich des heutigen el-chalil) befand sich im Besitze der KaI i b b i-
t er, die zum Sippenverband der Kenizziter gehörten', der mit anderen Teilen
auch unter den Edomitern vertreten war 5• Dieüberlieferungsgrundlage von
Num. 13.14 sowie von Dtn. 1,22-45 und von Jos. 14,6aßb-15 will darüber
Auskunft geben, wie es kam, daß das gesegnete und wichtige Hebron gerade
dem Kaleb, dem heros eponymus der Kalibbiter, zuteil wurde; und sie setzt
damit eben dieses Besitzverhältnis als gegeben voraus. Wie weit sich der Bereich
dieser Kalibbiter erstreckte, ist nicht mehr sicher zu sagen. Nach I. Sam. 25,1-3
lebte ein Kalibbiter in dem ungefähr 15 km südlich von Hehron gelegenen Maon
(heute tell maCin), und nach I. Sam. 30,14 hatte Kaleb noch Anteil am Negeb,
dem nicht enkt abgrenzbaren Steppengebiet südlich des westjordanischen Ge-
birges. Danach scheint sich das Gebiet der Kalibbiter von Hebron aus besonders
nach Süden erstreckt zu haben. Eine weitere kenizzitische Sippe waren die
Othnieliter, die nachJos. 15,15-19 = Ri. 1,11-15 die Stadt Debir besaßen,
die früher einmal den Namen Kirjath-Sepher getragen haben soll. Ihre Lage
ist leider nicht sicher bekannt 6 • Aber aller Wahrscheinlichkeit nach ist sie süd-
westlich von Hebron zu suchen, und zwar vermutlich noch auf der Höhe des
westjordanischen Gebirges. Wie weit sich in dieser Gegend der Landbesitz der
Othnieliter ausdehnte, darüber fehlt es völlig an Nachrichten. Weiter saßen auf
dem südlichsten Gebirgsteil noch die K e ni t e r, deren heros eponymus Kain in
Gen. 4,1-16 erscheint. Wenn es richtig ist, daß in Jos. 15,56.57 die Worte
rpl'1 nmzusammengehören1 und mit "Sanoah der Keniter" übersetzt werden
müssen, dann wohnten die Keniter südöstlich von Hebron ; denn dieses Sanoah
wird in Jos. 15,55-57 mit einer Reihe anderer Orte dieser Gegend zusammen
genannt. In jedem Falle haben wir die Keniter auf dem Südteil des westjorda-
nischen Gebirges zu suchen; denn in I. Sam. 30,29 erscheinen "die Städte der
1 Aus dem A.T. kennen wir die Städtenamen 1'11'1:1l' und l'1;N"; andrerseits ist der Orts-
name ,,,,. (Jos. 19,4S) etymologisch schwerlich von dem Namen l'1"l'1' zu trennen.
2 Vgl. Jos. II,21 und besonders Jos. 20,7; 21,II, wo das gar nicht von Judäern be-
siedelte HebroI1 als auf dem l'1"l'1' .,;, gelegen bezeichnet wird; vgl. ferner noch 2.Chr.
27,4·
3 Ri. 1,16; Ps. 63,1.
, In Num.32,12; Jos.14,6.14 wird Kaleb als "Kenizziter" bezeichnet; vgl. auch
Jos. IS,17; Ri. 1,13; 3,9·
6 Vgl. Gen. 36,11.42. 6 Vgl. dazu o. S. 38 Anm. I. 7 So nach der Septuaginta.
58 1./1. Die Entstehung der israelitischen Stämme

Keniter" im Zusammenhang mit sonstigen bekannten Orten des südlichen Ge-


birges. Und auch sie hatten einen Anteil am Negeb; denn in I. Sam. 27,10 ist
vom "Negeb der Keniter" die Rede. Die Keniter scheinen erst verhältnismäßig
spät und vielleicht überhaupt nur teilweise zur vollen Seßhaftigkeit überge-
gangen zu sein. In Ri. 4,11.17;5,24 begegnet uns ein Keniter als zeltender
Nomade irgendwo in Galiläa. Nach Ri. 4,I1 hatte er sich zwar "von den
(übrigen) Kenitern getrennt"; aber dergleichen "getrennte" Keniter wird es
wahrscheinlich in größerer Zahl gegeben haben. Und andrerseits zählten sich
nach I. Sam. 15,6 die Keniter noch zur Zeit Sauls zum Nomadensippenver-
band der Amalekiter. Vielleicht hat sich also nur ein Teil der Keniter in einem
kleinen Gebiet südöstlich von Hebron nahe der Grenze zwischen Kulturland und
Steppe festgesetzt!, während andere Teile an ihrem Nomadenleben in Steppe
und Wüste und vereinzelt auch inmitten des Kulturlandes festhielten 2 • Ganz
wenig wissen wir endlich von den in diesen Zusammenhang noch gehörigen
Je ra c h m e e I i t ern. In I. Sam. 30,29 werden "die Städte der Jerachmeeliter"
neben "den Städten der Keniter" und in I. Sam. 27,10 wird "der Negeb der
Jerachmeeliter" neben "dem Negeb der Keniter" genannt; und in einer späteren
Liste erscheint Jerachmeel als Bruder des Kaleb (I. ehr. 2,9.42). Wir haben
also auch die J erachmeeliter aufdem südlichsten Gebirgsteil zu suchen, ohne doch
ihr Wohngebiet genauer bestimmen zu können 3 •
Ganz im Süden wohnte offenbar der S tarn m S im e 0 n. Wir wissen von ihm
sehr wenig; denn in dem Verzeichnis der Stämmegrenzen in Jos. 13 ff. fehlt er
völlig, und in der geschichtlichen Überlieferung des A.T. spielt er ganz und gar
keine Rolle. Nur in den in das deuteronomistische Sammelwerk nachträglich
aufgenommenen bruchstückhaften Erzählungen unbekannter Herkunft über
die Landnahme israelitischer Stämme in Ri. 1,1 ff. erscheint er in Ri. 1,3 zu-
sammen mit Juda, und in Ri. 1,17 steht dann als einzige konkrete Angabe,
die wir über ihn überhaupt haben, daß er sich in den Besitz der Stadt Horrna,
deren Name früher Zephath gewesen sei (heute tell el-muschäsch östlich von bir
es-seba' = Beerseba), gesetzt habe; und die Tatsache, daß die Simeoniten in
diesem südlichen Grenzgebiet saßen, hat dann noch einen späten Redaktor dazu
veranlaßt, den südlichsten judäischen Gau (Jos. 15,21-32) wenigstens teilweise
dem Stamme Simeon zuzuweisen (Jos. 19,2-8}.Das System der Stämmegrenzen
1 Die ziemlich späte Mitteilung von I.Sam. 15,6 könnte geradezu auf die Tatsache des
Nebeneinanders von nomadischen und seßhaften Kenitern zurückgehen. Nach Ri.I,16
(text. em.) war es speziell die kenitische Sippe der :I:m '3:1, die sich im Kulturlande festsetzte.
2 Der Name des Stammes könnte darauf hindeuten, daß es sich um einen Verband von
Wüstenschmieden handelte (vgl. arabisch ~ain = "Schmied"); doch waren die seßhaft ge-
wordenen Keniter gewiß Ackerbauern wie die übrigen Landesbewohner auch.
8 Von den Namen dieser Stämme sind Othniel und besonders Jerachmeel offenbar
Personennamen, also Namen von wirklichen oder fiktiven Ahnherren dieser Stämme. Zum
Namen der Keniter vgI. die vorige Anm. Zweifelhaft bleibt der Name Kaleb, der anschei-
nend "Hund" bedeutet (in einer altertümlichen Wort form) und in dieser Bedeutung Per-
SO!lenname sein kann; allerdings könnten Tierbezeichnungen auch ursprüngliche Stammes-
namen sein, wenn nicht auf Grund eines alten Totemismus, so doch im Zusammenhang mit
bestimmten Stammeszeichen oder dergleichen.
§ 5. Die Wohnsitze der Stämme im Kulturlande 59
hat das Gebiet von Simeon einfach mit in das große Juda einbezogen (vgl. auch
J os. 19,1.9); und auch in der Erzählung Ri. I, df. erscheint Simeon durch-
aus im Schatten von Juda. Es scheint danach, daß der StammSimeon, der so
ganz an der Peripherie des israelitischen Kulturlandbesitzes wohnte, in der uns
geschichtlich bekannten Zeit keine selbständige Rolle zu spielen in der Lage war.
Sein Name ist wohl ein ursprünglicher Personenname (vgl. Esr. 10,31); er
nannte sich also nach einem Ahnherrn.
Von geschichtlicher Bedeutung sind vor allem die mit tel p a I äst i n i s c h e n
S t ä m m e gewesen. Zu ihrem Kreise gehörte in erster Linie das "H aus J 0 -
se p h". Dieser Ausdruck, der einen sehr ursprünglichen und alten Eindruck
macht!, hebt die Größe "Joseph" im Kreise der israelitischen Stämme besonders
hervor und scheint zu zeigen, daß es sich in Wirklichkeit um mehr handelte als
um einen einzelnen Stamm. Denn er hat sein Gegenstück in dem Ausdruck "Haus
Juda", und dieser letztere wird gerade da gebraucht, wo es sich nicht nur um den
eigentlichen Stamm Juda, sondern um die gesamte Gruppe der südpalästinischen
Stämme handelt, die unter dem Namen "Juda" zusammengefaßt wurden und sich
dann auch in einem eigenen Staats gebilde mit dem Namen "Juda" zusammen-
fanden 2 • In der Tat haben wir es bei dem "Hause Joseph" mit einem besonders
großen Sippenverband zu tun, der den ganzen Mittelteil des westjordanischen
Gebirges innehatte und damit ein umfangreicheresGebiet besaß als iIgendeiner der
übrigen Stämme. Wenn dieser Gebirgsteil, besonders in seiner nördlichen Hälfte,
verhältnismäßig stark bewaldet war, so daß er durch Rodung des Waldes der
Siedlung erst erschlossen werden mußte 3 , so galt das von den Gebirgsteilen im
Süden und Norden des Landes kaum weniger, auf denen zahlreichere Stämme
beieinander wohnten. Nach der Grenzbeschreibung in Jos. 16,l-lnahm das
"Haus Joseph" nach Süden zu das westjordanische Gebirge bis zur Breite der
Stadt Lus-Bethel4 (heute betin), einschließlich dieser Stadt, ein; im Norden -
eine genaue Beschreibung der Nordgrenze von Joseph fehlt im Josuabuche -
reichte sein Gebiet bis an den Südrand der großen Jesreel-Ebene heran, die den
Zug des westjordanischen Gebirges unterbricht. Nach Osten zu war der Abfall
zum Jordangraben wohl nur ganz schwach besiedelt, und im Graben selbst gab
es westlich des Jordans in diesem Abschnitt überhaupt keine nennenswerten
Siedlungen. Die Küstenebene im Westen aber war und blieb in den Händen alter
Stadtstaaten, soweit sie in diesem teilweise sumpfigen Stück überhaupt besied-
lungsfähig war (vgl. Ri. 1,29).
1 Er kommt in ziemlich alten Zusammenhängen vor in Jos.17,17; Ri. 1,23.35;
2. Sam. 19,21; I. Kön. II,28 und im übrigen noch in Jos. 18,5; Am. 5,6; Ob. 18;
Sach.1O,6.
2 Vgl. vor allem 2. Sam.2.4.7.IO.II, auch I. Kön.12,21.23. Der Ausdruck "Haus
Israel" ist dem Ausdruck "Haus Juda" wohl erst nachgebildet worden auf Grund des
Nebeneinanders der Staaten Israel und Juda; so 2.Sam. 12,8; I. Kön. 12,21 u. ö. (noch
nicht 2.Sam. 2,IOund 5,3 vgl. mit 2,4). "Israel" war ja von Hause aus kein Stammesname,
sondern eine umfassende Gesamtbezeichnung.
3 Vgl. Jos. 17,18.
4 Vgl. o. S.37.
60 1./I. Die Entstehung der israelitischen Stämme

Der große Verband des "Hauses Joseph", dessen Name ein offenkundiger
Personenname ist, zerfiel nun in Wirklichkeit auf dem Boden des Kulturlandes
in zwei Stämme, Manasse und Ephraim1 , von denen E phraim der größere und
wichtigere war. In Jos. 16,5-8 wird das Gebiet von Ephraim innerhalb des
größeren Ganzen des Landbesitzes von Joseph besonders abgegrenzt. Danach
war Ephraim der südliche Nachbar von Manasse, und sein Bereich erstreckte
sich auf dem Gebirge von Bethel im Süden nordwärts bis nahe an die Stadt
Sichern heran (he!lte tell baläta östlich der Stadt näblus), die selbst dem Bereich
von Manasse zufiel. Der Name "Ephraim" ist offenkundig kein Personenname,
sondern eine Ortsbezeichnung, worauf schon seine Endung hinweist, die an
Orts- und Landschaftsnamen häufig auftritt. Im Ostjordanlande gab es nach
2. Sam. 18,6 einen "Ephraim-Wald", der wohl nach einer bestimmten Land-
schaft benannt war und dessen Name mit dem westjordanischen Ephraim sach-
lich wahrscheinlich nichts zu tun hat. Letzteres erscheint in seiner ursprünglichen
Beziehung vermutlich in der im A.T. häufig vorkommenden Bezeichnung
"Ephraim-Gebirge" (C..,!)N 'il). Damit pflegt--über den Kulturlandbesitz des
Stammes Ephraim hinaus - der ganze große Mittelteil des westjordanischen Ge-
birges gemeint zu sein 2 • Es fragt sich jedoch, ob das nicht erst auf sekundärer
Ausdehnung beruht und mit "Ephraim-Gebirge" ursprünglich nicht vielmehr
ein enger begrenzter Bereich gemeint war. Nach 2. Sam. 13,23 lag das Heilig-
tum des Baal-Hazor, das man wahrscheinlich mit Recht auf dem heute el- < a~ür
genannten Berggipfel knapp 10 km nordöstlich von Bethel anzusetzen pflegt,
"bei a Ephraim"; und hier ist mit "Ephraim" am ehesten eine Ortschaft ge-
meint'. Wiederum aber fragt es sich, ob "Ephraim" als Ortsname wirklich das
Ursprüngliche ist und nicht vielmehr das "Ephraim-Gebirge" als Benennung
einer eng umschlossenen Gebirgsgegend, in der eine hier entstehende Ortschaft
den Namen Ephraim erhielt 5. Wie dem auch sei, sicher scheint jedenfalls, daß der
Name Ephraim als Lokalbezeichnung ursprünglich im äußersten Südostteil des
später im weiteren Sinne so genannten "Ephraim-Gebirges" und damit auch im
äußersten Südostteil des nachmaligen ephraimitischen Stammesgebietes seine
eigentliche Heimat hatte und daß der Stammesname Ephraim so entstanden ist,
daß Sippen, die sich in diesem Bereiche festsetzten, danach "Ephraimiten"
(C..,!)N '3:::1) genannt wurden, ebenso wie die auf dem "Juda-Gebirge" seßhaft
werdenden Sippen den Namen "Judäer" (il"il' '3:::1) erhielten, und daß dann auch
verwandte Sippen weiter im Westen und Nordwesten in den Namen Ephraim

1 Es war ursprünglich üblich, die beiden Namen in dieser Reihenfolge zu nennen, und
erst später pflegte man Ephraim wegen seiner Bedeutung voranzustellen; vgl. Gen. 48,1-20.
2 So deutlich vor allem I. Kön. 4,8: Jos.20,7;21,21. Andere alte Belegstellen für den
Ausdruck "Ephraim-Gebirge" sind Jos. 17,15; Ri. 7,24; I.Sam. I,!.
3 Zu dem auffälligen Gebrauch der Präposition C31 vgl. Gen. 35,4.
• Dieser Ort Ephraim ist vielleicht in der Ruinenstätte chirbet el-merdschame bei sämje
anzusetzen; vgl. W. F. Al bri ghr, JPOS 3 ~1923) S.36ff. und AASOR 4 (1924) S.I27ff. und
dazu A. Alt, PJB 24 (1928) S.35ff.
5 Die BedeutungsentwickIung dieses Namens wäre dann mit der des Namens GiIead zu
vergleichen; zu letzterer vgl. M. Noth, PJB 37 (1941) S.59ff.
§ S. Die Wohnsitze der Stämme im Kulturlande 61

mit eingeschlossen wurden, als sich in diesem Raume ein Stamm konstituierte,
und daß mit dem Namen Ephraim auch der des "Ephraim-Gebirges" sich aus-
dehnte, bis der letztere schließlich über das Siedlungsgebiet des Stammes Ephraim
noch hinausgriff.
Dem kräftigen Stamme Ephraim genügte schon früh der westjordanische
Kulturlandbesitz nicht mehr, der nur beschränkte Ausdehnungsmöglichkeiten
bot, da nördlich und südlich auf dem Gebirge andere israelitische Stämme als
Nachbarn saßen und nach Westen zu kanaanäische Stadtstaatenterritorien in der
Küstenebene den Weg versperrtenl • So gingen denn ephraimitische Sippen über
den Jordangraben hinweg in den gegenüberliegenden mittleren Teil des Ost-
jordanlandes hinüber. Hier lag zu beiden Seiten des Jabbok (heute nahr ez-
zer~a) ein stark bewaldetes und bis dahin der Besiedlung noch kaum erschlos-
senes Bergland, das zwar zur Inbesitznahme nicht gerade einlud, aber doch land-
suchenden Elementen, die die Mühe der Rodung des Waldes nicht scheuten,
noch Raum bieten konnte. Die Ephraimiten gelaJ;lgten dabei von ihren west-
jordanischen Sitzen aus in das Gebiet südlich des Jabbok, in dem der Name
Gi I e a d ursprünglich beheimatet war und noch heute in der Ortsnamengebung
fortlebt 2 • Die hier sich ansiedelnden Elemente nannten sich daher "Gileaditen"
("P?l) oder "Gilead-Leute" ('P?l 'lÜl~), und sie sind mit "Gilead" im Deboralied
(Ri.5,17) gemeint. Daß sie ephraimitischer Herkunft waren, erfahren wir
aus Ri. 12,4, wonach sie einmal im Laufe einer heftigen und gefährlichen
Auseinandersetzung von ihren westjordanischen Stammesgenossen als "ent-
laufene Ephraimiten" geringschätzig bezeichnet wurden. Sie haben die Besied-
lung des Kolonialgebietes im mittleren Ostjordanlande eingeleitet. Ihr Gebiet
war freilich nur wenig umfangreich und kaum weiterer Ausdehnung fähig, da
nach Norden zu der tiefe Einschnitt des Jabboktales, nach Osten und Südosten
zu aber die benachbarten Ammoniter ein nennenswertesAusgreifen verhinderten.
Der andere Stamm, der im Rahmen des "Hauses Joseph" als nördlicher Nach-
bar von Ephraim sich konstituierte, scheint eine ziemlich komplizierteGeschichte
gehabt zu haben. Das Deboralied, eines der ältesten Stücke, die wir im A.T. be-
sitzen, nennt in Ri. 5,14 neben Ephraim noch Mach i r, und die seltsame,
gewundene Formulierung in Jos. 17,1 scheint zu zeigen, daß auch das alte
System der Stammesgrenzen in Jos. 13-19 den nach Abzug des Gebietes von
Ephraim verbleibenden Rest des Landbesitzes von Joseph dem Machir zuwies 3 •
Der Stamm Machir aber ist - wenigstens mit seinen wesentlichen Teilen - dann
in das Os~ordanland abgewandert, wo er von der alttestamentlichen Über-
lieferung im allgemeinen gesucht wird; und was im Westjordanlande in der
nördlichen Nachbarschaft von Ephraim dann noch wohnte, das bildete den
Stamm Manasse, dessen Name ein offenkundiger Personenname ist. Manasse
nahm die nördliche Hälfte des Mittelteils des westjordanischen Gebirges ein von
Sichem im Süden ab. Sein Gebiet war vor allem nach Norden zu noch ziemlich
1 Vgl. Jas. 17,14-18.
2 Genaueres darüber bei M. Noth, PJB 37 (1941) S.591f.
3 Vgl. dazu M. Noth, Das Buch Josua (1953) z. St.
62 1./!. Die Entstehung der israelitischen Stämme

stark bewaldet und wurde im Westen, Norden und Osten eingeschlossen von
den Stadtstaatengebieten in der Küstenebene, in der Jesreel-Ebene und im
Jordangraben, die eine Ausdehnung über den Bereich des Gebirges hinaus
unmöglich machten (vgl.Ri. 1,27.28). Machir aber, d. h. der Hauptteil der
Sippen, die anfangs die nördlichen Nachbarn von Ephraim gewesen waren,
war inzwischen in den gegenüberliegenden Abschnitt des Ostjordanlandes, in das
Bergland nördlich des Ja:bbok, abgewandert und hier zum nördlichen Nachbarn
der ostjordanischen Ephraimiten geworden. Von dem ersten Stück ostjor-
danischen Kolonialgebietes südlich des Jabbok aus wurde der Name Gilead nun
auch auf das Gebiet nördlich des Jabbok ausgedehnt, und so wurde Machir zum
"Vater von Gilead", wie er imA.T. fast stereotyp genannt wird (Jos. I7,I u.ö.).
In Num. 32,39-42 sind einige dürftige Notizen über den Vorgang der Inbe-
sitznahme des Landes nördlich des Jabbok erhalten. Dieses Land war ziemlich
ausgedehnt und ist wohl nur dünn in den leichter zugänglichen Gegenden be-
siedelt worden. Mit dem Fortschreiten der Besiedlung wanderte auch der Name
Gilead weiter. Eine Grenze fand hier die Besetzung erst an dem Übergang des
Kulturlandes in Wüste im Osten und an dem Vorhandensein zahlreicher kana-
anäischer Stadtstaaten im Nordosten und Norden in der weiteren Umgebung
des heutigen Ortes irbid. Die größere Bedeutung des westjordanischen Besitzes
dem ostjordanischen gegenüber aber fand nun darin ihren Ausdruck, daß
"Manasse" zum eigentlichen Stammesnamen aufstieg und - ohne Rücksicht auf
den geschichtlichen Vorgang selbst - Machir ihm genealogisch als Sohn unter-
geordnet wurde (Num. 26,29 u.ö.).
Der südliche Nachbar des Hauses "Joseph" und speziell des Stammes Ephraim
war. Ben ja m i n, ein kleiner Stamm, der ein wenig umfangreiches Gebiet nord-
östlich des noch kanaanäischen Jerusalem innehatte. Seine Grenzen werden in
Jos. 18,II-20 sehr genau beschrieben. In sie wird nicht nur Jerusalem einge-
schlossen, das jedoch nachRi. 1,21 von Benjamin nicht in Besitz genommen
werden konnte, sondern auch eine Gruppe von kanaanäischen Stadtstaaten nord
westlich von Jerusalem, die erst nachträglich in nähere Beziehungen zum Stamme
Benjamin trat. Das eigentliche Wohngebiet des Stammes Benjamin beschränkte
sich auf einen Teil des südlichsten Jordangrabens westlich des Jordan um die
Oase von Jericho herum und den westlich anschließenden Abschnitt des Ge-
birgsaufstiegs bis auf die Höhe des Gebirges hinauf, wo noch einige Orte an der
großen über die Gebirgshöhe hinziehenden Nordsüdstraße zwischen Bethel und
Jerusalem den Benjaminiten gehörten. Der Name Benjamin bedeutet am wahr-
scheinlichsten "der im Süden (Wohnende)" und bezieht sich dann wohl auf die
Lage der Kulturlandwohnsitze des Stammes, und zwar im Rahmen des Gesichts-
kreises der mittelpalästinischen Stämmegruppe. Auch der Stamm Benjamin hätte
danach seinen Namen erst aufGrund seiner Landnahme im Kulrurlande erhaltenl .
Zum Kreise der mittelpalästinischen Stämme zu rechnen ist endlich auch der
1 Der aus den Mari-Texten bekannte Stamm der Banü-jamilla (vgl. W. v. Soden,
WO 13 [1948] S.197f.) hat nur dem Namen (in derselben Bedeutung) nach, nicht aber der
Sache nach mit unserem Benjamin etwas zu tun.
§ 5. Die Wohnsitze der Stämme im Kulturlande

S tarn m Ga d, der im Ostjordanlande wohnte und wahrscheinlich - als einziger


der israelitischen Stämme - von Anfang an dort seine Kulturlandwohnsitze ge-
habt hat. Wir besitzen jedenfalls keinerlei Anhaltspunkt für die Annahme, daß
Gad ähnlich wie Teile des Hauses Joseph von ursprünglich westjordanischen
Sitzen aus erst nachträglich in das Ostjordanland abgewandert sei. Die Grenz-
beschreibung für Gadscheint indem sehr komplizierten Abschnitt Jos. 13,15fl.
enthalten zu sein und diesem Stamme einen Streifen des ostjordanischen Ge-
birges vom Amon (heute sel el-mödschib) im Süden bis etwa zum Jabbok im
Norden und dazu die ganze Osthälfte des Jordangrabens zugesprochen zu
haben. Eine sachlich ältere und konkretere Überlieferung aber läßt ihn in dem
Weidegebiet des "Landes Jazer" ("UST') sich festgesetzt haben (Num. 32,1). Zwar
ist die Lage der Stadt Jazer bislang nur ungefähr zu bestimmen; aber so viel
ist sicher, daß das "Land Jazer" auf dem ostjordanischen Gebirge nordöstlich des
Nordendes des Toten Meeres gesucht werden muß!. Gad hatte danach nur ein
kleines Gebiet inne, das nach Osten durch den Besitz der benachbarten Ammo-
niter stark eingeengt war und auch nach dem bewaldeten Bergland im Norden
keine guten Ausdehnungsmöglichkeiten besaß, während im Südosten die Städte
auf der Hochfläche nördlich des Arnon der friedlichen Ausbreitung eine Grenze
setzten, so daß im wesentlichen nur südwärts entlang dem Randgebirge auf der
Ostseite des Toten Meeres noch freier Raum war, und in dieser Richtung hat
sich denn auch der Stamm Gad allmählich entfaltet2 •
Mit Gad zusammen erscheint in den alttestamentlichen Angaben über die
Stämmegebiete ständig der StammRuben (Num. p,df.; Jos. 13,15ff.); doch
zeigen die Einzelheiten der gemachten Angaben, daß ihnen eine bestimmte Vor-
stellung von einem besonderen rubenitischen Stammesgebiet nicht zugrunde
liegt, daß vielmehr das Gebiet von Gad jeweils auf verschiedene Weise theore-
tisch so geteilt worden ist, daß die eine Hälfte Ruben zufiel. Das alte System der
Grenzbeschreibungen scheint von Ruben nichts enthalten, sondern im Ost-
jordanlande nur das Gebiet von Gad gekannt zu haben. Jedoch sind auch die
späteren Versuche, Ruben neben Gad in der Stämmegeographie unterzubringen,
schwerlich ohne bestimmten sachlichen Anlaß gewesen. Wahrscheinlich hat es
in der Nachbarschaft von Gad Sippen gegeben, die sich als rubenitisch bezeich-
neten, nur daß wir über deren Sitze gar nichts Genaueres mehr wissen. Von
Hause aus hat der Stamm Ruben nicht im Ostjordanlande, sondern irgendwo
im Westjordanlande gesessen. Noch das Deboralied scheint mit westjordani-
schen Wohnsitzen für Ruben zu rechnen (Ri.5 ,15 b-16)3; und auch sonst haben
wir wenigstens noch eine Spur ehemaliger westjordanischer Rubeniten. Nach
Jos. 15,6; 18,17 gab es in der Gegend des unteren Gebirgsrandes südlich von

1 Die Einzelheiten bei M. N oth, ZAW N.F. 19 (1944) S.30ff.


2 Der Name Gad ist nicht sicher deut bar ; er istwahrscheinlich als ursprünglicher Personen-
name anzusprechen (vgl. M. Not h, Geschichte und Altes Testament = Alt-Festschrift
[1953] S.145 f .).
3 Erst in dem folgenden Vers 17 wird ausdrücklich der Gesichtskreis auf das Ostjordanland
ausgedehnt.
L/I. Die Entstehung der israelitischen Stämme

Jericho eine Örtlichkeit, die den Namen "Stein des Rubeniten Bohan" trug.
Dieser Stein hatte ursprünglich "Daumen-Stein" geheißen, und nachträglich
hatte man das Wort "Daumen" als Personennamen mißverstanden, in dessen
Träger man einen Rubeniten sah, offenbar weil in der fraglichen Gegend -
gerade gegenüber dem Stammesgebiet von Gad auf der anderen Seite des Jordan-
grabens - einmal Rubeniten gewohnt hatten. Die Formulierung jenes Lokal-
namens erfolgte offenbar in einer Zeit, als man dort im Grenzgebiet von Juda
und Benjamin den Stamm Ruben nicht mehr kannte, sondern nur die Erinne-
rung an eine frühere Anwesenheit von Teilen dieses Stammes an Ort und Stelle
noch fortlebte. Westlich dieses "Daumen-Steines" lag die Achor-Ebene (Jos.
15,7) mit jenem Steinhaufen, an dem die Überlieferung von Jos. 7 haftete,
in der es sich um Achan aus der Familie Karmi (Jos. 7,1.18) handelt, die von
der rubenitischen Sippe Karmi (Num. 26,6) doch wohl nicht zu trennen ist.
Nun wird zwar Achan und die Familie Karmi in Jos. 7,1.18 ausdrücklich zum
Stamme Juda gerechnet; aber daraus geht doch wohl nur das hervor, daß Ru-
beniten, die in der Nachbarschaft des Stammes Juda saßen, schließlich diesem
letzteren Stamme sich anschlossen. In entsprechender Weise wird die Tatsache
Zu erklären sein, daß der Name Hezron in Num. 26,6 unter den rubenitischen
Sippen auftritt und zugleich nach Num. 26,21 der Name des Unterteils einer
judäischen Sippe war. Ein eigentliches Stammesgebiet von Ruben kennen wir
somit aus der alttestamentlichen Überlieferung nicht. Wir haben nur geringe
Spuren einer früheren Anwesenheit von Rubeniten aus der Gegend der judäisch-
benjaminitischen Grenze auf dem Ostabfall des westjordanischen Gebirges und
ferner die überlieferte Meinung, daß Ruben mit Gad zusammen gerade gegen-
über im Ostjordanlande gewohnt habe. Daraus läßt sich schließen, daß Ruhen
einmal sein eigentliches Stammesgebiet irgendwo im Westjordanlande gehabt
hatte. Was wir jetzt durch die Überlieferung noch kennenlernen, sind nur zer-
fallene Elemente dieses Stammes, die sich schließlich, soweit sie nicht einfach im
Stamme Juda aufgingen, anscheinend vor allem in das Ostjordanland an die
Peripherie des israelitischen Wohnbereichs zurückgezogen haben. So führt der
Stamm Ruben in der SCämmegeographie ein ebenso schattenhaftes Dasein wie
der oben besprochene Stamm Simeon1•
Die no r d pa läs t in isc he n S täm me saßen an den Rändern des Gebirges, das
von der Jesreel-Ebene nordwärts bis zu den höchsten Erhebungen Palästinas an-
steigt und das wir das galiläischeGebirge nennen. Dem S tarn mAsse r wird durch
die inJos. 19,24-31 enthaltene Grenzbeschreibung ein umfangreiches Gebiet zu-
gewiesen, das den nördlichen Teil der Küstenebene und den Karmel mit seinem
Vorlande einschließt. In Wirklichkeit blieben nach Ri. 1,31.32 die Stadtge-
gebiete in der Ebene den Asseriten verschlossen, und der tatsächliche Besitz des
Stammes beschränkte sich auf den westlichen Rand des untergaliläischen Ge-
birges ö$tlich von Akko und den in der Ebene um Akko gelegenen kanaanäischen
Städten. Weit nach Osten und Norden in die noch kaum besiedelten Gebiete des
inneren U ntergaliläa und des aufsteigenden Obergaliläa hinein sich auszudehnen.
1 Die Bedeutung des Namens Ruben ist dunkel.
§ 5. Die Wohnsitze der Stämme im Kulturlande

hat der kleine Stamm Asser, dessen Name allenfalls ein Gottesname sein könntel,
aber nicht notwendig zu sein braucht, anscheinend kein Bedürfnis gehabt; es
genügten ihm die einladenden Hügel und Berge oberhalb der Akko-Ebene. Am
Südostrande seines Gebietes, an der Westseite der in das untergaliläischeGebirge
eingesenkten großen Ebene des sahl ba!!öfhatte Asser Berührung mit seinem
israelitischen Grenznachbar .
Dieser Nachbar war der Stamm Sebulon,dessenGrenzen in Jos. 19,10-16
ziemlich exakt beschrieben werden. Er saß danach auf den Bergen am Südrande
von Untergaliläa zwischen der Jesreel-Ebene im Süden und dem soeben ge-
nannten sahl ba"öfim Norden in der Gegend der späteren Stadt Nazareth, des
heutigen en-nä$ira. Auch Sebulon war ein kleiner Stamm, und sein Gebiet war
wenig umfangreich. Im Westen grenzte es noch an die Küstenebene nördlich des
Karmel, in deren Stadtstaatengebiete Sebulon keinen Zutritt fand (Ri.I,30);
und im Süden lag die große Jesreel-Ebene, deren Grund und Boden ebenfalls im
festen Besitz kanaanäischer Stadtstaaten war und blieb. Auch Sebulon scheint die
Notwendigkeit größerer Gebietserweiterung nicht gehabt zu haben, die in das
Innere von Galiläa hinein hätte erfolgen können. Der Name Sebulon ist nicht
sicher zu deuten; er könnte ein ursprünglicher Personenname gewesen seinIl.
In Dtn. 33,18.19 werden Sebulon und Issachar zusammen genannt, und es
wird vor allem von ihnen gesagt, daß sie gemeinsam "auf einem Berge" ein
Opferfest zu feiern pflegten. Mit diesem Berge kann nur der in der Nordost-
ecke der Jesreel-Ebene als runde Kuppe imposant aufragende Thabor gemeint
sein; denn das Heiligtum auf dem Thabor war ein Grenzheiligtum zwischen
Sebttlon und Issachar, an der Südostecke des sebulonitischen und an der N ord-
westecke des issacharitischen Gebietes gelegen. Aus den Angaben über das Ge-
biet des Stammes Issachar in Jos. 19,17-23 ist nämlich zu entnehmen, daß
Issachar den Südausläufer des galiläischen Gebirges innehatte, der im Westen von
der JesTeel-Ebene, im Süden von dem breiten Tal des nahr dschälüd mit der alten
kanaanäischen Stadt Beth-Sean (heute tell el-böln bei besän) und im Osten vom
Jordangraben begrenzt wird. Issachar hatte hier unter besonderen Bedingungen
Fuß fassen können, über die noch genauer zu reden sein wird 3 • Aus ihnen erklärt
sich der eigentümliche Name des Stammes, der damals erst auf Grund des Land-
nahmevorganges gebildet worden ist. Issachar bedeutet "Lohnarbeiter", und
dieser. Name ist offenbar als Spottname von seiten anderer dem Stamme zunächst
gegeben worden im Einklang mit dem über Issachar umlaufenden Spottvers, der
uns als Issachar-Spruch im Jakobsegen in Gen. 49. I 5 erhalten ist und der gleich-
falls die Stellung Issachars als eines abhängigen Arbeiters zum Gegenstand hat.
Am Thabor hatten Sebulon und Issachar Grenzberührung auch mit dem
Stamme Naphthali, dessen Gebiet nach Jos. 19.34 ebenfalls bis an den
Thabor heranreichte und im übrigen nach der in Jos. 19,32-39 enthaltenen
1 Er wäre dann das männliche Gegenstück zu dem weiblichen Gottesnamen i1'l!i~.
I Vgl. den Personennamen Sebul in Ri. 9,z8fF. sowie das ugaritische zbl, das ein be-
stimmter Ehrentitel zu sein scheint.
S Vgl. u. S. 76f.
66 1./1. Die Entstehung der israelitischen. Stämme

Grenzbeschreibung längs des Ostrandes des unter- und obergaliläischen Ge-


birges lag. Wenn diese Grenzbeschreibung das Gebiet von Naphthali wahr-
scheinlich ziemlich weit in das innere GaliIäa hinein sich hat erstrecken und hier
an das Gebiet von Asser hat grenzen lassen, so ist das vermutlich nur der Theorie
zuzuschreiben, daß das ganze Land restlos unter die israelitischen Stämme aufge-
teilt worden sei. Die eigentlichen Sitze von Naphthali werden oberhalb des Sees
von Tiberias und des nördlich anschließenden Stückes des Jordangrabens zu
suchen sein. Von da aus konnte Naphthali zwar in der Tat nach Westen zu im
Bedarfsfalle weiteres, noch teilweise bewaldetes und unbesiedeltes Land ge-
winnen; aber es ist kaum anzunehmen, daß der Stamm von dieser Möglichkeit in
größerem Umfange Gebraoch gemacht hat. Der Name Naphthali sieht wenig
nach einem Personennamen aus und ist überhaupt einigermaßen dunkel; und es
ist in diesem Falle mindestens wieder zu erwägen, ob es sich nicht ursprünglich
um eine Landschaftsbezeichnung handelt, und zwar um das "Naphthali-Gebirge"
(~nEll ,n), das in Jos. 20,7 genannt wird1, das freilich nach der vorliegenden
Überlieferung seinen Namen vom Stamme Naphthali erhalten haben soll, in
Wirklichkeit jedoch vielleicht umgekehrt den hier seßhaft werdenden Sippen
den Namen gegeben hat, ebenso wie es bei Juda und Ephraim der Fall war.
Ganz an der Peripherie und ziemlich isoliert saß der Stamm Dan in der
Gegend der Jordanquellen, also im obersten Stück des Jordangrabens. Hier war
sein Zentrum die einst kanaanäische, in der PalästinalisteThutmoses IH. genannte
Stadt Lajis (heute tell el-~ii4j), in deren Besitz der Stamm nach Ri. 18,27
durch kriegerische Eroberung gekommen war und der er nach seinem eigenen
Namen den neuen Namen Dan gegeben hatte (Ri. 18,29). Der Stammes-
name selbst könnte ein ursprünglicher Personenname sein 2• Ein Teil des Ab-
schnitts über Dan aus dem alten System der Grenzbeschreibungenistwahrschein-
lich in Num. 34,7-1 I erhalten, wo seine Grenzen als die des nördlichsten
Stammes zur Festlegung der Nordgrenze des israelitischen Gesamtgebietes heran-
gezogen werden, ebenso wie in Num. 34,3-5 die judäische Südgrenze VOll
Jos. 15,2-4 zur Fixierung der Süägrenze dieses Gesamtgebietes dient. Danach
hätte Dan nicht nur das oberste Stück des Jordangrabens besessen, sondern auch
einen Teil der östlich anschließenden stark bewaldeten Berge der heute dscholiin
genannten Landschaft; und das mag denn auch in der Tat der Fall gewesen
sein (vgI. auch Dtn. 33,22), da das westlich angrenzende Gebirge in den Hän-
den des benachbarten Stammes Naphthali war, im Norden aber die wenig
einladenden Gebirge des mittleren Syrien und im Süden die Sümpfe um den
1 Nach dieser Stelle lag speziell der Ort Kedes (heute ~edes) auf dem, ,Naphthali-Gebirge".
das danach nordwestlich des obersten Jordansees, des heute sogenannten ~üle-Sees, zu
suchen ist. In dieser Gegend hätten also dann die Naphthaliten zuerst Fuß gefaßt. Dieselbe
räumliche Beziehung liegt in dem Ausdruck "Kedes-NaphthaIi" (Ri. 4,6) vor, in dem
"Naphthali" der zu dem Ortsnamen zugesetzte Genitiv der Landschaft sein kann wie sicher
in dem entsprechend gebildeten Ausdruck "Jabes-Gilead" (x.Sam. 11,1 u.ö.) und wahr-
scheinlich auch in dem Ausdruck "Bethlehem-Juda" (Ri. 17,7 u.ö.), in dem "Juda" eben-
falls noch seine ursprüngliche Bedeutung als Landschaftsname zu haben scheint.
2 Vgl. M. Not h. Geschichte und Altes Testament = Alt-Festschrift (1953) S.146.
§ 6. Die Landnahme der israelitischen Stämme

obersten ]ordansee einer Ausbreitung wenig günstig waren, die Ausdehnungs-


möglichkeiten des Stammes also im Osten lagen. Dan hatte in dieser abgelegenen
Gegend Wohnsitze gefunden, nachdem ein erster Versuch der Landnahme an
einer ganz anderen Stelle des Landes gescheitert war. NachRi. 1,34.35 hatten
die Daniten anfangs im Hügelland zwischen Gebirge und Küstenebene westlich
von ]erusalem Fuß zu fassen versucht. Aber die älteren Landesbewohnerl, die
von ihren Städten aus das Land beherrschten, hatten den Stamm Dan hier nicht
den nötigen Siedlungsraum gewinnen lassen, ein lehrreiches Beispiel dafür, daß
die israelitischen Stämme in den von kanaanäischen Städten dicht besetztenTeilen
des Landes keinen platz fanden und sich mit Waffengewalt platz zu schaffen im
allgemeinen nicht in der Lage waren und dazu wahrscheinlich auch nicht einmal
den Versuch machten. So ist der Stamm Dan nach Ri. 18 aus dieser Gegend
wieder abgezogen und hat, da in der Nähe der noch freie Raum im Lande in-
zwischen von anderen israelitischen Stämmen in Besitz genommen worden war,
in jener abgelegenen Gegend ganz im Norden seine Wohnsitze gefunden, hier
ausnahmsweise durch die gewaltsame Einnahme einer kanaanäischen Stadt, und
ist damit anscheinend als letzter der israelitischen Stämme zur dauernden Seß-
haftigkeit gelangt.

§ 6. Die Landnahme der israelitischen Stämme


überblickt man den Gesamtbereich der israelitischen Kulturlandwohnsitze, so
wird sofort deutlich, daß die israelitischen Stämme in diejenigen Teile des Landes
eingerückt sind, die in der Bronzezeit nur dünn oder noch gar nicht besiedelt ge-
wesen waren2 • Die verschiedenen Teile des westjordanischen Gebirges sowie das
mittlere Stück des ostjordan ischen Hochlandes fielen ihnen zu, während die von
der Natur bevorzugten Ebenen in den Händen der in Städten konzentrierten
älteren kanaanäischen Landesbevölkerung verblieben, ne ben der nun dieStämme
als ein neues Element der Bewohnerschaft des Landes lebten. Schon diese Tat-
sache zeigt mit aller Deutlichkeit, daß die israelitische Landnahme nicht im Zu-
sammenhang mit großen kriegerischen Entscheidungen zwischen den Neu-
ankömmlingen und den bisherigen Besitzern des Landes erfolgt ist. In den von
den Israeliten besetzten Landesteilen gab es nur wenige und verstreute kanaanä-
ische Siedlungen, die allerdings zum Teil von den Stämmen früher oder später
mit kriegerischer Gewalt eingenommen worden sein mögen. Aber das bedeutete
keine Auseinandersetzung mit der Hauptmasse des Kanaanäerturns, die gar nicht
1 In Ri. 1.34.35 werden sie mit einem Allgemeinn.1men für die vorisraelitische Bewoh-
nerschaft als "Amoriter" bezeichnet. Nach den in derselben Gegend spielenden Geschichten
von dem Daniten Simson (Ri. 13-16) waren die feindlichen Nachbarn die' Philister, die
ihre Herrschaft über die "Amoriter" in der südlichen Küstenebene aufgerichtet hatten.
Z Vgl. außer A. Alt, Die Landnahme der Israeliten in Palästina (1925), bes. S.3Iff., vor
allem noch A. Alt, Erwägungen über die Landnahme der Israeliten in Palästina (PJB 35
[1939] S.8-63) = Kleine Schriften zur Geschichte des Volkes Israel I (1953) S.89-125 (bes.
S.121ff.) und S.126-175.
68 I./I. Die Entstehung der israelitischen Stämme

in dem Bereich wohnte, in den die israelitischen Stämme gelangten; und wo auf
dem Gebirge eine Reihe mehrerer benachbarter kanaanäischer Städte lagen wie in
der Nähe von J erusalem, da ist es ebenfalls nicht zu einem Kampf größeren Aus-
maßes gekommen, vielmehr haben sich die Stämme mit ihren Wohnsitzen nur in
die unmittelbare Nachbarschaft dieser Städteterritorien herangeschoben. Der be-
sondere Fall des Stammes Dan mit dem gescheiterten Versuch, im Hügellande
am inneren Rand der Küstenebene Fuß zu fassen, darf als beispielhaft dafür
gelten, daß die Stämme gar nicht wagen konnten und auch gar nicht gewagt
haben, die festen Kanaanäerstädte mit der gefürchteten Streitwagenmacht ihrer
Herren (vgl. Jos. 17,16; Ri. 1,19; 4,3}zU einer kriegerischen Auseinandersetzung
größeren Stiles herauszufordern.
Die Landnahme der Stämme hat sich also offenbar zunächst im großen ganzen
in einer ziemlich stillen und friedlichen Weise vollzogen, ohne daß die bisherigen
Landesbewohner in ihrer Hauptmasse wesentlich davon berührt wurden. Ihr
Verlauf wird im einzelnen in der Weise zu denken sein, in der bis heute klein-
viehzüchtende Halbnomaden aus den angrenzenden Steppen und Wüsten zum
seßhaften Leben im Kulturlande überzugehen pflegen, nur daß damals noch
mehr unbesiedelter Raum im Lande zur Verfügung stand, als es heutzutage der
Fall ist. Solche Halbnomaden nehmen in der Regel zunächst im Zuge des soge-
nannten Weidewechsels Beziehungen zum Kulturlande auf, indem sie in der
sommerlichen Trockenzeit, wenn ihre Schaf- und Ziegenherden draußen nicht
mehr genug Nahrung finden, in das Land hereinkommen, in dem inzwischen die
bestellten Äcker abgeerntet worden sind, auf Grund eines ausdrücklichen oder
stillschweigenden Übereinkommens mit den Kulturlandbewohnern ; und hier
finden ihre genügsamen Tiere dann immer noch genug Futter. Diese friedlichen
Halbnomaden aber haben - anders als die Kamelnomaden der Wüste mit ihrer
stolzen Verachtung des seßhaften Lebens - stets das Verlangen nach dauerndem
Verbleiben in dem begehrten Kulturlande; und sobald sich die Gelegenheit
bietet, sei es durch das Entstehen von Lücken in der bisherigen Besiedlung des
Landes oder durch den Zugang zu bewohnbaren, aber bisher noch nicht be-
wohnten Bezirken, dann kehren sie eines Tages nicht wieder zu ihren Winter-
weiden in der Steppe und Wüste zurück, sondern setzen sich zu dauerndem
Wohnen im Kulturlande fest. Dergleichen land begehrende Halbnomaden sind
nun auch die israelitischen Stämme vor ihrer Landnahme gewesen, und wahr-
scheinlich haben sie im Vorgang des Weidewechsels zuerst das Land betreten und
schließlich in den nur schwach besiedelten Landesteilen sich für dauernd festzu-
setzen begonnen und dann von den zuerst gewonnenen Sitzen aus ihren Bereich
je nach Möglichkeit weiter ausgedehnt, das alles zunächst in der Regel auf fried-
lichem Wege ohne Gewaltanwendung.
Das bedeutet zugleich, daß die israelitische Landnahme ein Vorgang von
längerer Dauer gewesen ist. Und das gilt nicht nur in dem Sinne, daß jeder ein-
zelne Stamm eine gewisse Zeit dazu gebraucht hat, bis er das von ihm dann
weiterhin innegehabte Gebiet besetzt hatte, sondern auch in dem Sinne, daß die
Stämme gar nicht alle zur gleichen Zeit im Lande seßhaft geworden sind. Positiv
§ 6. Die Landnahme der israelitischen Stämme

wissen wir zunächst vom Stamme Dan, daß er seine endgültigen Wohnsitze erst
bezog, nachdem die meisten oder alle anderen Stämme ihre Kulturlandheimat
schon gefunden hatten. Es mag ja sein, daß das ein singulärer Fall war, weil
dieser Stamm zunächst in einer gegenüber den kanaanäischen Städten besonders
ungünstigen Gegend Fuß zu fassen versucht hatte; und wir haben jedenfalls keine
Nachrichten mehr darüber, daß etwa auch andere Stämme erst nach gescheitertE>n
Versuchen der Festsetzung in den endgültigen Besitz ihrer Gebiete gelangten.
Aber verschiedene Einzelheiten der Verteilung der Stämmegebiete im Lande
zeigen doch, daß die Gesamtlandnahme der israelitischen Stämme ein verwickelter
Vorgang gewesen ist, der mehrere Stadien durchlaufen und sich über eine
längere Zeit hin erstreckt haben muß.
Bemerkenswert sind in diesem Zusammenhang zunächst die oben S. 55 ( be-
sprochenen Verhältnisse des Stammes Ruben, der in der traditionellen Aufzäh-
lung der Stämme stets an der Spitze der Reihe erscheint. Ein besonderes Gebiet
für ihn kennt die alte überlieferung nicht mehr. Wenn es noch rubenitische
Sippen in der Nachbarschaft des Stammes Gad gab, so waren diese doch an-
scheinend erst nachträglich in das Ostjordanland abgewandert; und im gegen-
überliegenden Teile des Westjordanlandes fanden sich denn auch einige Spuren
einer ehemaligen Anwesenheit von Rubeniten, die dort teilweise in den Verband
des Stammes Juda eingegangen waren. Wir lernen also nur noch die Zerfalls-
produkte des einstigen Stammes Ruben kennen, der einmal im mittleren Teile
des Westjordanlandes irgendwo gewohnt haben muß. Dieses Gebiet aber war
in der uns genauer bekannten Zeit ziemlich lückenlos, soweit es überhaupt den
Israeliten zur Verfügung stand und nicht von kanaanäischen Stadtstaatenterri-
torien besetzt war, in der Hand anderer Stämme, die also in den Besitz oder we-
nigstens in den ·vollen Besitz ihrer Gebiete erst gelangen konnten, nachdem aus
uns unbekannten Gründen der Stamm Ruben bis auf geringe Reste verschwun-
den war. Daraus ergibt sich der Schluß, daß Ruben im Lande gesessen haben
muß, bevor andere Stämme ihre Landnahme vollzogen.
Bestätigt wird dieser Schluß durch einen offenbar ganz ähnlichen Sachverhalt
bei den Stämmen Simeon und Levi, die in der traditionellen Reihenfolge der
Stämme auf Ruben zu folgen pflegen. Auch für Simeon weiß die alte über-
lieferung kein eigenes Stammesgebiet mehr anzugeben; und wir wissen nur aus
einer kurzen Mitteilung, daß simeonitische Sippen ganz im äußersten Süden des
Landes lebten und mit zum größeren Ganzen von "Juda" geZählt wurden. Von
irgendwelchen Sitzen des Stammes Levi aber meldet die überlieferung über-
haupt nichts mehr, und es ist auch kein Gebiet zu finden, in dem er im Kreise der
übrigen Stämme gewohnt haben könntel . Gewiß aber haben auch Simeon und
Levi, da sie in der Reihe der Stämme mit aufgeführt werden, einmal ihre eigenen
Wohnsitze im Kulturland gehabt; und die überlieferung von Gen. 34 geht
1 Der Stamm Levi ist, wie aus seiner Nennung inmitten der Reihe der anderen Stämme
und aus Gen. 49,5-7 hervorgeht, ein "weltlicher" Stamm wie die übrigen Stämme ge-
wesen. In welchem Verhältnis etwa das spätere levitische Priestertum zu ihm gestanden haben
mag, ist eine Frage für sich, die bei der obigen Feststellung keine Rolle zu spielen braucht.
I II. Die Entstehung der israelitischen Stämme
daraufzurück, daß beide Stämme einst in der Nachbarschaft der ehedemkanaanä-
ischen Stadt Sichem im mittleren Westjordanlande gewohnt haben. Dort aber
saß später das "Haus Joseph"; und wieder müssen wir den Schluß ziehen, daß
das "Haus Joseph" diese seine Sitze erst einnehmen konnte, nachdem Simeon
und Levi das Feld geräumt hatten, daß es also später als diese beiden Stämme in
das Kulturland eingerückt ist. Im Simeon-Levi-Spruch des Jakobsegens werden
beide unter Bezugnahme auf die Überlieferungsgrundlage von Gen. 34 dazu
verflucht, "in Israel versprengt" zu werden (Gen. 49,5-7), und auch Ruben
erhält ein Fluchwort (Gen. 49,3.4). Das bezieht sich auf den späteren Zustand
dieser Stämme und deutet zugleich an, daß dieser nicht von Anfang an so war.
Dieses Versprengtsein aber war die Voraussetzung für das Einrücken anderer
Stämme in ihre Kulturlandsitze.
Damit erweist sich zugleich, daß die. Vorgeschichte und die Landnahme der
israelitischen Stämme verwickelter waren, als es die erst später gestaltete alt-
testamentliche Überlieferung noch gewußt hat. Diese geht aus von dem Zustand
des gleichmäßigen Nebeneinanders und gemeinsamen geschichtlichen Erlebens
der Stämme in Palästina und stellt sich von da aus gesehen die Dinge nun nicht
mehr anders vor, als daß auch die Vorgänge, die zu diesem Zustande geführt
haben, für alle Stämme gleichzeitig und gleichartig gewesen seien, ja daß die in
P.alästina gegebene Erscheinung der Verbundenheit von Gesamtisrael von allem
Anfang an vorhanden gewesen sei. Und diesen Anfang sieht sie im Banne einer
an dem Wachsen von Großfamilien und Sippen orientierten Vorstellung darin,
daß auch die Stämme und darüber hinaus das gesamte Israel durch Vermehrung
und Verzweigung aus der Familie eines gemeinsamen Ahnherrn entstanden sei
und so von jeher eine blutsverwandtschaftliche Einheit gebildet habe und durch
stets gemeinsame Schicksale verbunden gewesen sei .. So wurden die Stämme her-
geleitet von je einem Ahnherrn, der zugleich seinem Stamme den Namen ge-
geben habe; und diese Ahnherren erschienen als Brüder, als Söhne eines Mannes
mit Namen "Israel", von dem damit zugleich der Gesamtname des Ganzen
stammte!. Daran ist dies richtig, daß in dem Aufbau von Stämmen und selbst in
dem Zusammenhang verschiedener Stämme untereinander das Element der
blutsmäßigen Verwandtschaft in der Tat eine wesentliche Rolle spielt. Aber dazu
kommen in der Regel dann noch jeweils besondere geschichtliche Umstände, die
zum Zusammentreten bestimmter, mehr oder weniger verwandter Sippen zu
einem Stamme und zur Vereinigung einer bestimmten Reihe von Stämmen zu
einem Stämmeverband zu führen pflegen.
Daß die alttestamentliche Überlieferung nachträglich den Verlauf der Dinge
beim Werden der Gesamtheit Israel zu einfach gesehen hat, geht einmal aus der
angeführten Tatsache hervor, daß die israelitischen Stämme gar nicht aUe gleich-
zeitig aufdem Boden Palästinas seßhaft geworden sind, sondern ihre Landnahme
nach einzelnenAngaben in der uns erhaltenen überlieferung auf wenigstens zwei
verschiedene Stadien zu verteilen ist. Diese Angaben sind nur dürftig und nur
1 Die Gleichsetzung des heros eponymus "Israel" mit dem "Erzvater" Jakob ist im A.T.
zwar schon sehr alt, aber überIieferungsgeschichtlich doch ein sekundärer Vorgang.
§ 6. Die Landnahme der israelitischen Stämme 71
nehenbei im Bestande einer überlieferung erhalten, die auf Grund der Vor-
stellung von einer gemeinsamen Vorgeschichte und Landnahme der Stämme ge-
staltet worden ist. Es muß durchaus damit gerechnet werden, daß das Seßhaft-
werden Israels im Kulturlande ein noch bewegterer und verwickelterer Prozeß
gewesen ist, ohne daß wir - aus Mangel an überlieferten Nachrichten - darüber
noch etwas Bestimmtes ausmachen können. Aber auch das Feststellbare genügt
schon zu der Schlußfolgerung, daß die einzelnen Stämme je ihre besondere Vor-
geschichte gehabt und im besten Falle nur in einem mehr oder weniger losen
und labilen Zusammenhang gestanden haben, ehe sie auf dem Boden des Kultur-
landes sich zu einer festen und dauernden Vereinigung unter dem Gesamtnamen
"Israel" zusammenfanden. Darüber hinaus aber hat die alttestamentliche über-
lieferung von deli späteren Zuständen aus den Sachverhalt auch darin verein-
facht, daß sie die einzelnen Stämme als von vornherein feste und eindeutige
Größen behandelt. Einige der israelitischen Stämme tragen Namen, die ur-
sprünglich Ortsnamen waren und von den Landschaften, in denen die betreffen-
den Stämme seßhaft wurden, hergenommen sind1 ; und in einem anderen Falle
ist ein Stamm benannt worden auf Grund der besonderen Bedingungen, unter
denen ihm sein Kulturlandbesitzzuteil wurdel • Diese Stämme können ihre
Namen also erst auf dem Boden Palästinas erhalten haben; und das bedeutet, daß
sie sich erst auf diesem Boden endgültig konstituiert haben. Was sich an Sippen
in den Verbänden dieser Stämme jeweils vereinigte, brachte also offenbar nicht
schon- einen gemeinsamen Stammesnamen mit, der eine Neubenennung im
Kulturlande erübrigt hätte. Daraus aber ergibt sich, daß diese Stämme vor ihrer
Landnahme überhaupt noch nicht geschlossene Verbände gewesen waren, son-
dern aus Sippen bestanden, die erst durch ihr Beieinanderwohnen in Palästina
sich als solche konstituierten. Dasselbe wird dann aber auch für diejenigen
Stämme anzunehmen sein, aus deren Namen nichts Entsprechendes erschlossen
werden kann, die vielmehr etwa den Namen ihrer Hauptsippe übernahmen, die
ihrerseits mit dem Personennamen eines Ahnherrn benannt sein konnte 3 • Die
alttestamentliche überlieferung geht also nicht nur darin über den wirklichen
Tatbestand hinaus, daß sie die Namen der Stämme weit über die Zeit der Land-
nahme hinaus zurückreichen läßt, sondern auch darin, daß sie die Stämme selbst
als längst vorher gegebene Größen behandelt. Es ergibt sich auch von dieser
Seite aus, daß mit einer längeren Dauer des Prozesses der Landnahme gerechnet
werden muß, in dessen Verlauf die Stämme sich erst endgültig formierten, und
daß dieser Prozeß aus sehr mannigfaltigen und dann gewiß auch räumlich von-
einander getrennten Bevölkerungsbewegungen sich zusammensetzte.
1 So Juda, Ephraim, Benjamin und wahrscheinlich auch Naphthali; vgl. o.S. 56f; 60f.
62.66.
2 Das gilt für Issachar; vgl. u. S. 76 f.
a Als Beispiel dafür kann Manasse - mit einem unzweifelhaften Personennamen - gelten.
Denn Manasse war vermutlich eine machiritische Sippe, die nicht mit in das Ostjordanland
abwanderte und allen im Westjordanlande zurückgebliebenen Teilen von Machir den
Namen gab, um schließlich unter diesem ihrem Namen auch die abgewanderten Ostjordanier
mit zu umfassen (vgl. o. S.6If.).
72 L/I. Die Entstehung der israelitischen Stämme

Nun berichtet freilich das A.T. von einem einmaligen, geschlossenen Akt der
Eroberung des palästinischen Kulturlandes als des "verheißenen Landes" durch
die Gesamtheit der israelitischen Stämme. Die alten Schichten der Pentateuch-
erzählung liefen einmal auf eine solche Landnahmedarstellung hinaus, deren Ge-
stalt freilich nicht mehr im einzelnen rekonstruierbar ist, da von ihr nur noch die
Anfänge in Num. 32,1 ff. erhalten sind, während die Fortsetzung bei der End-
redaktion des Pentateuch schließlich weggefallen ist. Aus Num. 32,1 ff. aber ist
noch so viel zu entnehmen, daß nach dieser Darstellung die vereinigten Stämme
vom südlichen Ostjordanlande aus - vermutlich gleichzeitig - den Weg in ihre
späteren Wohnsitze antraten. Sachlich entspricht dem die Landnahmedarstellung
des deuteronomistischen Geschichtswerkes, die in Jos. 1-12 nach einer alten,
aus einer Serie von Einzelerzählungen bestehenden Quelle geboten wird. Auch
danach haben die vereinten Stämme nach Überschreiten des unteren Jordans,
also vom südlichen Ostjordanlande aus, gemeinsam das Westjordanland mit
Waffengewalt erobert und daraufhin in Besitz genommen. Aber gerade der alte
Bestand in Jos. 1-12 zeigt bei genauer Analyse, daß ursprünglich die hier er-
zählten Geschichten gar nicht von Gesamtisrael handelten, sondern - abgesehen
von der speziell ephraimitischen Tradition in Jos. 10,1 ff. und der speziell gali-
läischen Tradition in Jos. 11,1 ff. - ausschließlich vom Stamme Benjamin.
Räumlich spielt sich alles innerhalb des kleinen benjaminitischen Stammes-
gebietes ab; dem schließt sich dann die Sondertradition aus dem benachbarten
Ephraim ganz gut an, während die galiläische Sondertradition ganz ohne räum-
lichen Zusammenhang mit dem Vorangehenden isoliert dasteht. Die ursprünglich
benjaminitische Tradition aber bestand aus einer Reihe von ätiologischen Er-
zählungen, die zusammengefaßt waren auf Grund der Voraussetzung, daß der
Stamm Benjamin einmal vom Osten her über den unteren Jordan hinweg in sein
Gebiet um Jericho und auf dem westwärts anschließenden Teil des Gebirges ein-
gerückt seil. Diese Voraussetzung stellt die im Stamme Benjamin lebendige Tra-
dition von der eigenen Landnahme dar; und wir haben hier ein konkretes Bei-
spiel dafür vor uns, daß ein einzelner Stamm seine spezielle Landnahmetradition
besaß2. Was vom Stamme Benjamin gilt, wird aber auch von den anderen
Stämmen zu gelten haben; und wenn die Stämme in alter Zeit je ihre beson-
deren Landnahmetraditionen hatten, so werden sie gewiß auch je auf ihre be-
sondere Weise in ihre nachmaligen Kulturlandgebiete eingerückt sein. Nur sind
diese Sonderüberlieferungen der Stämme fast alle verschollen, weil sie schon
innerhalb der alttestamentlichen Tradition durch die Vorstellung von der ge-
meinsamen gesamtisraelitischen Eroberung des Kulturlandes verdrängt wurden,
und nur jene benjaminitische Erzählungsreihe ist erhalten geblieben, weil sie als
Grundlage für die konkrete Fassung einer Darstellung von der gemeinisrae1i-

1 Genaueres bei M. Not h, Das Buch Josua (21 953) S.2off.


a Wie weit hinter den Erzählungsfragmenten in Ri. 1,I1f. noch alte .Stämmesonder-
traditionen stecken, ist nicht mehr sicher zu sagen. In ganz anderem Zusammenhang haben
wir eine Starnmessondertradition noch in der Überlieferungsgrundlage von Num. 13· 14;
vgI. u. S.74f.
§ 6. Die Landnahme der israelitischen Stämme 73

tischen Besetzung des Westjordanlandes aus bestimmten, sogleich noch zu be-


sprechenden Gründen besonders geeignet war und daher in diesem Sinne aus-
gebaut und ergänzt wurde, doch so, daß die benjaminitische Grundlage mit
Sicherheit noch greifbar ist.
Es muß also versucht werden, aus der Lage der Stämmegebiete im Zusammen-
hang mit einigen verstreuten Angaben des A.T. einiges über den verwickelten
Landnahmevorgang zu ermitteln. Verhältnismäßig Sicheres läßt sich dabei über
die Gruppe der mittelpalästinischen Stämme sagen. Für Benjamin haben wir
die schon genannte Voraussetzung der ätiologischen Erzählungsfolge in der
ersten Bälfte des Josuabuches; und diese entspricht in ihrem Inhalt sachlich so
gut der Lage der Wohnsitze dieses Stammes, daß sie geschichtlich gewiß zu-
treffend ist. Danach haben die Sippen, aus denen der Stamm Benjamin sich
bildete, vom Osten oder Südosten her durch das südliche Ostjordanland hin-
durch ihren Weg über den unteren Jordan genommen, sich im Territorium der
Stadt Jericho (heute eriba) festgesetzt! und von da aus das'westjordanische Ge-
birge erstiegen bis auf die Höhe des Gebirges hinauf, wo dann die kanaanäischen
Städte nordwestlich von Jerusalem einem weiteren Vordringen nach Westen
eine Grenze setzten2 • Aus derselben Richtung ist auch das "Haus Joseph" ge-
kommen; denn dieses hat sein nachmaliges Siedlungsgebiet offenbar von dessen
Südostecke aus besetzt. Diejenigen Sippen, die sich zum Stamme Ephraim kon-
stituierten, faßten zuerst auf dem "Ephraim-Gebirge" Fuß, von dem der Stamm
seinen Namen erhielt, und dieses "Ephraim-Gebirge" ist vermutlich ein wenig
nördlich des benjaminitischen Stammesgebietes oberhalb des unteren Jordan-
grabens zu suchen 3• Da das "Haus Joseph" in der alttestamentlichen Überlie-
ferung als ein zusammenhängender größerer Verband erscheint, ist es zum min-
desten wahrscheinlich, daß nicht nur die zum Stamme Ephraim sich zusammen-
schließenden Teile, sondern auch die übrigen Teile dieses Verbandes aus der
genannten Richtung herkamen, um dann den ganzen großen Mittelteil des west-
jordanischen Gebirges Zug um Zug zu besetzen. Im Bereich des Anmarschweges
aller dieser Elemente durch das südliche Ostjordanland lag nordöstlich des Toten
Meeres der Kulturlandbesitz von Gad; und so ist anzunehmen, daß auch die
gaditischen Sippen im Zusammenhang· der gleichen Wanderbewegung ihre
Landnahme vollzogen haben. Sie blieben in einem kleinen Gebiet östlich des
jordangrabens sitzen, sei es daß sie hier 'sogleich Wohnsitze fanden, die ihnen

1 Die Frage, wann das kanaanäische Jericho sein Ende gefunden habe, ist archäologisch
noch nicht restlos geklärt. Wahrscheinlich fand Benjamin Jericho schon nicht mehr als feste
und voll besiedelte Stadt vor; vgl. M. Noth a.a.O. S.2I.
Z Daß Benjamin erst nachträglich auf dem Kulturlandboden sich vom "Hause Joseph"
abgezweigt und als selbständiger Stamm neben Joseph konstituiert habe, wird zu Unrecht
aus Gen. 35,16-20 geschloss"!n. Die Umsetzung erzählerischer Einzelheiten der "Erz-
väter"-Geschichten in Stammesgeschichte - Gen. 35,16-20 will auf das Rahelgrab hinaus-
ist unstatthaft. Benjamin ist nicht mehr und nicht weniger als die anderen Stämme erst
auf dem Boden des Kulturlandes entstanden; und gerade von Benjamin kennen wir eine
eigen!;:, besondere Landnahmetradition.
3 Vgl. 0.S.60f.
74 1./1. Die Entstehung der israelitischen Stämme

zusagten, so daß sie sich den Weg durch den Jordangraben ersparen konnten!,
oder daß sie die vom südlichenOstjordanlande aus zugänglichen westjordanischen
Gebiete schon besetzt fanden, so daß sie sich mit dem bescheidenen verfügbaren
Raum östlich des Jordangrabens begnügen mußten.
Es ist nicht zufällig, daß die benjaminitische Landnahmetradition in Jos. 1- 12
nachträglich zur Darstellung der gesamtisraelitischen Eroberung des Westjordan-
landes benutzt worden ist. Denn auch unabhängig da von haben die alten Schich-
ten der Pentateucherzählung das vereinte Israel seinen Anmarsch zur Besetzung
des palästinischen Kulturlandes durch das südliche Ostjordanland nehmen lassen.
Danach haben sich also die besonderen und geschichtlich zutreffenden Land-
nahmeerinnerungen der zentralen und bedeutenden mittelpalästinischen Stämme
mit der Zeit bei allen israelitischen Stämmen durchgesetzt; als auf Grund der
späteren Verhältnisse die Vorstellung von einer gemeinsamen Gesamtgeschichte
Israels schon vor der Landnahme sich entfaltete und daraus der Gedanke an eine
geschlossene Inbesitznahme des Kulturlandes sich ergab, waren es die speziell
mittelpalästinischen Überlieferungen, die das Bild von der Gesamtlandnahme
prägten.
Bevor die genannten Stämme sich im mittleren Teile Palästinas festsetzten,
hatten einmal, wie oben S.69f. besprochen, die Stämme Ruben, Simeon und Levi
irgendwo im zentralen Westjordanlande gesessen, um nachher aus nicht sicher
bekannten Gründeni abzuwandern und sich zu zerstreuen und damit den anderen
nachkommenden Stämmen platz zu machen. Da wir nicht mehr genau wissen,
wo sie einst gesessen haben, ist auch die Frage nach dem Verlauf ihrer Land-
nahme nicht mehr sicher zu beantworten. Möglich ist es, daß sie auf ungefähr
demselben Wege in das Land hereingekommen waren wie die späteren Stämme
Mittelpalästinas. Dann wäre auch für sie der Ausgangspunkt für die Landnahme
in den Steppen und Wüsten am Rande des südlichen Ostjordanlandes zu suchen.
Anders lagen die Dinge bei den südpalästinischen Stämmen. Für sie haben wir
zunächst eine kalibbitische Erzählung, aus der sich ergibt, daß der Stamm Kaleb
vom Süden her, also aus dem Bereich des sogenannten Negeb, in sein Kultur-
land eingerückt ist. Denn die der Geschichte von Num. 13.14 zugrunde
liegende Überlieferung, die erklären will, wie es kam, daß Kaleb in den Besitz
der wichtigen Stadt Hebron gelangte, lief unzweifelhaft ursprünglich einmal
daraufhinaus, daß Kaleb zum Lohne für sein beherztes Verhalten unmittelbar die
Stadt Hebron mit ihrer ertragreichen Umgebung zugesprochen erhielt, ohne erst
noch, wie es die spätere Einreihung der Überlieferung in den großen Erzäh··
lungszusammenhang des Pentateuch erforderte, den großen Umweg durch das
südliche Ostjordanland mitmachen zu müssen. Der lokale Ausgangspunkt dieser
Erzählung aber war der Negeb; von hier aus war jener Vorstoß nach Norden
auf das Gebirge gemacht worden, der Kaleb in den Besitz von Hebron brachte.
Daß damit der Weg von Kaleb historisch zutreffend festgehalten ist, ergibt sich
1 So wird die Sache in Num. 32,Iff. dargestellt.
a Für Simeon und Levi scheinen nach Gen. 34 kriegerische Konflikte mit der kanaanä-
ischen Stadt Sichern der Anlaß gewesen zu sein.
§ 6. Die Landnahme der israelitischen Stämme 75
aus der Lage des kalibbitischen Gebietes mit großer Wahrscheinlichkeit. Denn
daß die auf dem südlichsten Teile des westjordan ischen Gebirges seßhaft gewor-
denen Stämme aus dem südlich angrenzenden Halbnomadengebiet gekommen
waren, bleibt doch im großen ganzen die nächstliegende Annahme. Dazu kommt
bei Kaleb noch der Zusammenhang mit einem Stämmeverband, der auch unter
den Edomitern vertreten istl ; die Heimat dieses Stämmeverbandes der Kenizziter
kann wohl nur im Negeb gesucht werden, von wo aus einzelne Teile über das
wädi el-' araba hinweg nach Edom und andere auf das wesgordanische Gebirge
gelangt waren. Genau dasselbe gilt dann auch für Othniel, dessen Verwandt-
schaft mit Kaleb und dessen einstige Zugehörigkeit zu dem gkichen soeben ge-
nannten Stämmeverband ebenfalls für eine Herkunft aus dem Negeb sprechen.
Auch die Keniter waren, soweit sie überhaupt in der Nachbarschaft von Kaleb
und Othniel seßhaft wurden, offenbar vom Süden her gekommen; denn sie
hatten nach I. Sam. 15,6 einmal zum Stämmeverband der Amalekiter gehört,
dessen Bereich irgendwo im Nordteil der Sinaihalbinsel zu suchen ist.
Wie sehr man allerding~ auch mit ungewöhnlichen und unerwarteten Wan-
derungen von Stämmen rechnen muß, zeigt der Fall des Stammes Simeon, der,
obwohl er im äußersten Süden in der Gegend von Beerseba und damit schon im
Negeb selbst saß, doch nicht aus diesem Halbnomadengebiet gekommen war,
wenigstens nicht unmittelbar, sondern mitten aus dem Kulturlande dorthin ab-
gewandert war und, nachdem er in seinen ursprünglichen Kulturlandsitzen sich
nicht mehr hatte halten können, ebenso ganz am äußersten Rande des israeli-
tischen Wohnbereichs noch einen Platz gefunden hatte wie der Stamm Dan im
äußersten Norden. Man wird vermuten dürfen, daß der südliche Teil des west-
jordanischen Gebirges schon besetzt war, als die Reste von Simeon neue Wohn-
sitze suchen mußten, so daß diese nur mehr im Negeb noch eine für dauernde
Ansiedlung einigermaßen geeignete Gegend fanden.
Sehr schwer ist noch etwas über den Landnahmeweg des Stammes Juda aus-
zumachen. Einem Zugang in sein Gebiet lagen von Süden her die Städte Hebron
und vielleicht auch Debir hinderlich im Wege, und vom Norden her erschwerten
die Stadtstaaten in der Gegend von Jerusalem den Zutritt. Dazwischen hat sich
der Stamm Juda festgesetzt. Die Lage seines Gebietes läßt sowohl ein Einrücken
aus südlicher Richtung vom Negeb her wie auch aus dem südlichsten Jordan-
graben herauf und damit letztlich vom Osten her als möglich erscheinen. Die
Tatsache, diß Juda in der traditionellen Aufzählung der zwölf Israelstämme
innerhalb der Spitzengruppe mit Ruben, Simeon, Levi zusammengefaßt er-
scheint, legt die Vermutung nahe, daß er schon mit im ersten Stadium der
israelitischen Landnahme in Palästina Fuß gefaßt hat; und da diese älteste
Stämmegruppe vorwiegend im mittleren Westjordanlande sich festgesetzt zu
haben scheint, wird man eine Zuwanderung aus östlicher Richtung über den
unteren Jordan hinweg für mindestens wahrscheinlich halten dürfen und gern
auch für Juda annehmen. Für eine einigermaßen sichere Entscheidung fehlen
uns jedoch alle Anhaltspunkte.
1 Vgl. 0.5.57.
1./1. Die Entstehung der israelitischen Stämme

Am wenigsten sicher ist der Landnahmevorgang bei den galiläischen Stämmen


zu klären, wie denn überhaupt die erhaltene Überlieferung über diese bei weitem
am dürftigsten ist. Es muß sehr damit gerechnet werden, daß bei dieser Gruppe
die Wege recht verschieden waren, die die einzelnen Stämme zu ihrem Kultur-
landbesitz führten. Der einzige Fall, über den wir genauer informiert sind, zeigt,
wie verwickelt die Vorgeschichte der Landnahme sein konnte. Es ist der Fall des
Stammes Dan, der erst nach einem vergeblichen Versuch, an ganz anderer Stelle
im palästinischen Kulturlande Fuß zu fassen, schließlich weit im Norden im
Bereich der Jordanquellen einen platz fand. Anders wieder lagen die Dinge bei
den Stämmen Sebulon und Issachar. Nach der noch zU besprechenden Glie-
derung des überlieferten Zwölfstämmesystems gehörten diese beiden Stämme
mit Ruben, Simeon, Levi und Juda, d.h. mit den in einem sehr frühen Land-
nahmestadium im zentralen Westjordanlande seßhaft gewordenen Stämmen, zu
einer Sondergruppe zusammen; und so spricht die Wahrscheinlichkeit dafür,
daß sie auch etwa zur gleichen Zeit und in ähnlicher Weise wie diese in das Land
hereingekommen waren und mit diesen in engerer Fühlung gestanden hatten.
Ihre Wohnsitze waren unter denen der galiläischen Stämme dem mittleren Teil
des westjordanischen Gebirges am nächsten benachbart, nur durch die Jesreel-
Ebene bzw. die Talebene des nahr dschiilüd mit ihren Stadtstaatenterritorien von
diesem getrennt. Daß sie selbst einmal mit jenen anderen Stämmen zusammen
dort gesessen hätten und erst nachträglich aus uns nicht mehr genauer bekannten
Gründen von dort nach dem nahen südlichen Galiläa hätten abwandern müssen,
ist nicht sicher zu beweisen1 und auch nicht notwendig anzunehmen. Als wahr-
scheinlich aber mag gelten, daß sie aus südlicher oder südöstlicher Richtung
kommend in ihre späteren Wohngebiete eingerückt waren. Der Stamm Naph-
thali hingegen dürfte, zumal wenn er auf dem "Naphthali-Gebirge" im Bereich
des Ortes Kedes zuerst Fuß gefaßt haben sollte, aus östlicher Richtung durch das
nördliche Ostjordanland gekommen sein. Wie endlich der Stamm Asser sein
Stammesgebiet erreicht haben mag, darüber läßt sich kaum noch irgend etwas
Bestimmtes aussagen.
Nun haben wir im A.T. noch einige auffällige Angaben, aus denen etwas über
die besonderen Bedingungen zu entnehmen ist, unter denen verschiedene der
galiläischen Stämme in den Besitz ihrer Kulturlandgebiete gelangten. Im Jakob-
segen wird der Stamm Issachar getadelt und verspottet, weil er - als "ein kno-
chiger Esel" - um der Ruhe und eines lieblichen Landes willen "seinen Nacken
zum Lasttragen gebeugt" habe und zu einem "fronenden Knecht" geworden sei
(Gen .. 49,14.1'5); und der Name Issachar = "Lohnarbeiter" geht gewiß auf
denselben Sachverhalt zurück. Danach hätte Issachar seinen Kulturlandbesitz um
den Preis seiner Unabhängigkeit erlangt. Was es damit auf sich habe, läßt sich
aus einigen Angaben der Amarna-Tafeln erschließen, nach denen die im später
1 Daraus, daß nach Ri. 10,1.2 der Issacharit Thola als "Richter Israels" in "Samir auf
dem Ephraim-Gebirge" (genauere Lage unbekannt) gewohnt hat und begraben worden
ist, ist kein sicherer Schluß auffrühere Wohnsitze von Issachar zu ziehen, da wir nicht wissen,
welche besonderen UIIl6tände etwa in diesem speziellen Falle obgewaltet haben.
§ 6. Die Landnahme der israelitischen Stämme 77
issacharitischen Gebiet gelegene kanaanäische Stadt Sunem (heute sölem) in der
Amarnazeit zerstört wurde und ihr Grund und Boden im Auftrag und Interesse
des damaligen ägyptischen Oberherrn daraufhin unter der Aufsicht und auf Ver-
anlassung der benachbarten kanaanäischen Städteherren durch Fronarbeiter be-
stellt ("gepflügt") werden mußtel. Zu solcher Fronarbeit haben sich dann an-
scheinend die landsuchenden Sippen hergegeben, die dafür auf dem Territorium
des ehemaligen Sunem angesiedelt wurden und sich hier zum Stamme "Issachar"
formierten und von Sunem aus schließlich auch das östlich anschließende Berg-
land besetzten. Im Lichte dieser ziemlich konkret greifbaren Verhältnisse lassen
sich wahrscheinlich noch einige auffällige Angaben des A.T. über israelitische
Stämme verstehen. In demselben Jakobsegen wird von Sebulon gesagt, daß er
"am Strande der Meere wohne" und daß er mit "Schiffen" zu tun habe 2 (Gen.
49,13). Nun lagen die uns bekannten Wohnsitze dieses Stammes keineswegs
an der Küste oder auch nur in ihrer Nähe; und daß Sebulon etwa vorher einmal
am Meere gesessen habe, ist nicht anzunehmen, da die bewohnbaren plätze an
der Küste längst vor dem Auftreten israelitischer Stämme schon besetzt waren.
Vielmehr ist dieser wahrscheinlich in tadelndem Sinne gemeinte Spruch über
Sebulon wohl daraus zu erklären, daß Sebuloniten in Städten der nördlichen
Küstenebene bestimmte Frondienste vor allem bei Hafenarbeiten zu leisten
hatten. Und die Vermutung liegt nahe genug, daß die Übernahme dieser für
dauernd gedachten Verpflichtung eben der Preis war, um den den zu Sebulon
sich zuammenfindenden Sippen die Ansiedlung im Hinterlande jener Küsten-
ebene im untergaliläischen Gebirge von seiten der benachbarten kanaanäischen
Städte gestattet wurde. Bestätigt wird diese Vermutung dadurch, daß in Ri.
5,17 b auch von Asser dasselbe "Sitzen am Strande der Meere" ausgesagt wird,
obwohl Asser ebensowenig wie sein Nachbar Sebulon wirklich an der Küste
wohnte, sondern nur im gebirgigen Hinterlande der nördlichen Küstenebene.
Wir werden also die Bemerkung hier in derselben Weise verstehen müssen wie
bei Sebulon. Diesen Stämmen am Rande der nördlichen Küstenebene und der
Jesreel-Ebene floß infolge ihrer Abhängigkeit von den benachbarten kanaanä-
ischen Städten auch allerlei von deren Reichtum zu. Auf das gute Leben von
Asser wird sowohl im Jakob- wie im Mosesegen angespielt (Gen. 49,20; Dtn.
33,24); und von Sebulon und Issachar gemeinsam wird in Dtn. 33,19 sogar
bemerkt, daß sie" den Überfluß der Meere einsaugen", was nach der Lage der
Dinge doch nur heißen kann, daß sie aus den Handelsgewinnen der Kanaanäer
auch ihrerseits mittelbar Nutzen zogen. In Untergaliläa also war die Situation
der Stämme durch die unmittelbare Nachbarschaft der städte besetzten Ebenen
auf besondere Weise bestimmt, und hier scheint auch die Landnahme unter
besonderen Bedingungen erfolgt zu sein.
Ganz seltsam ist, daß in Ri. 5,17a auch vom Stamme Dan gesagt wird, daß
1 Die Belege und ihre genaue Erklärung bei A. Al t, PJB 20 (1924) S.34ff.
a In dem Passus über die "Schiffe" ist der Text nicht ganz in Ordnung und nicht mehr
sicher wiederherstellbar. Die Schlußbemerkung darüber, daß Sebulon "bis nach Sidon"
reiche, scheint ein Zusatz zu sein.
1./1. Die Entstehung der israelitischen Stämme

er "bei Schiffen in der Fremde sich aufhalte", obwohl seine Wohnsitze an den
", Jordanquellen, die nach dem Zusammenhang im Deboraliede offenbar voraus-
'~esetzt werden, weitab vom Meere lagen und Ri. 18,28 von der Stadt Lajis
ausdrücklich bemerkt wird, daß sie "fern von Sidon" war. Aber vielleicht ist die
letztere Bemerkung doch insofern von Belang, als durch sie das Wohngebiet von
Dan überhaupt in eine Beziehung zu Sidon (vgl. auch Ri. 18,7) und damit
zur Mittelmeerküste gesetzt wird; und es sieht dann doch so aus, als habe Sidon
damals Herrschaftsrechte im obersten Jordangraben gehabt. DieAngabe über Dan
in Ri. 5,17a kann danach wohl so verstanden werden, daß auch dieser Stamm
seine Ansiedlung erkaufen mußte mit der übernahme gewisser Frondienstver-
pflichtungen in südphönikischen Hafenstädten. Von allen galiläischen Stämmen
ist Naphthali der einzige, von dem wir nichts dergleichen hören. Und das istwahr-
scheinlich kein Zufall; denn Naphthali besaß von diesen Stämmen das von der
Natur am wenigsten bevorzugteGebietaufdem Gebirge westlich des büle-Sees und
des Sees von Tiberias. Die naphthalitischen Sippen hätten sich also mit diesen be-
scheidenen Wohnsitzen begnügt und dafür ihre Unabhängigkeit sich bewahrt.
Da nach allf"dem die Landnahme der israelitischen Stämme ein über eine längere
Zeit hin sich erstreckender, aus verschiedenartigen und räumlich voneinander
getrennten Bewegungen bestehender Vorgang gewesen ist, läßt sie sich nicht
mehr genau datieren. Nur einen terminus a quo und einen terminus ad quem
wird man ungefähr angeben können. Die alttestamentliche überlieferung hat
diesen Vorgang nachträglich stark vereinfacht und zeitlich in einen einzigen
kurzen Akt zusammengezogen, so daß aus ihr über das zeitliche Ausmaß und die
zeitliche Folge dieser Bewegungen unmittelbar nichts Sicheres mehr zu ent-
nehmen ist; und außeralttestamentliche geschichtliche Nachrichten darüber sind
weder vorhanden noch auch zu erwarten, da sich diese Landnahme im großen
ganzen abseits von den Hauptschauplätzen der älteren Landesgeschichte Pa-
lästinas abspielte in einer kaum in besonders auffälligen Ereignissen nach außen
hin in Erscheinung tretenden Weise, die die Aufmerksamkeit der damaligen alt-
orientalischen Mächte hätte aufsich ziehen und zu irgendeiner Berichterstattung
veranlassen müssen. Als terminus a quo wird die Amarnazeit anzusehen sein, und
zwar nicht deswegen, weil sonst in der politischen Korrespondenz der Amarna-
tafeln etwas von diesemlandnahmevorgang hätte zur Sprache kommen müsseni;
die Städteherrschaften Palästinas, aus deren Bereich die Amarnatafeln, soweit sie
es überhaupt mit Palästina zu tun haben, stammen, wurden von der israelitischen
Landnahme zunächst kaum berührt. Wohl aber zeigt sich an zwei einzelnen
Punkten, daß in der Amarnazeit die israelitischen Stämme noch nicht im Lande
saßen. Damals war Bethlehem noch "eine Stadt des Landes Jerusalem"2, ist also
erst später das Zentrum des sich konstituierenden Stammes Juda geworden; und
damals entstand durch die Zerstörung der Stadt Sunem erst jene Lücke des
kanaanäischen Stadtstaatensysterns im Umkreis der Jesreel-Ebene, in die nachher
1 Die Habiru-Hebräer der Amarnatafeln sind mit den Israeliten nicht zu identifizieren;
vgl. o.s.38f.
2 Vgl. o. S.37.
§ 6. Die Landnahme der israelitischen Stämme 79
der Stamm Issachar einrücktel. Sowohl Juda aber wie wahrscheifllich auch
Issachar gehörten zu der älteren Gruppe israelitischer Stämme, die zuerst im
Lande seßhaft wurde. Andrerseits spricht der sachliche Zusammenhang der Er-
eignisse im Falle Issachar dafür, daß dieser Stamm nicht lange nach der Amarna-
zeit seine Kulturlandwohnsitze bezog. Man wird daher die Anfänge der israeli-
tischen Landnahme in die zweite Hälfte des 14.Jahrhunderts v.ehr. setzen
müssen. Mit dem endgültigen Abschluß des Landnahmevorgangs wird man min-
destens ein Jahrhundert vor der Königserhebung Sauls zu rechnen haben. Zwar
wissen wir über die zeitliche Ausdehnung und die Reihenfolge der für die vor-
staatliche Zeit Israels auf dem Böden Palästinas überlieferten Ereignisse gar nichts
Zuverlässiges. Aber die Reihe der "Richter Israels" in Ri. 10,1-5; 12,7-152,
die in diese Zeit gehört, umfaßt allein 76Jahre, und es ist nicht sicher, daß diese
Reihe am Anfang und am Ende vollständig ist. Danach ist spätestens um
IIOO v.ehr. die Landnahme beendet gewesen.
Diese Daten, besonders das letztere, stellen nur äußerste Grenzmöglichkeiten
dar; und es kann mit ihnen nicht gesagt sein, daß die israelitische Landnahme im
ganzen etwa reichlich zwei Jahrhunderte in Anspruch genommen habe. Das ist
nicht wahrscheinlich. Bei dem Stande der überlieferung aber können wir nur
eben die äußeren Grenzen vorsichtig abstecken. Zu vermuten ist, daß die Land-
nahme in erheblich kürzerer Zeit, etwa im Verlauf von einigen Jahrzehnten,
erfolgt ist; und die besprochenen Verhältnisse beim Stamme Issachar sprechen
dafür, daß der Landnahmevorgang eher in die erste als in die zweite Hälfte des
abgegrenzten Zeitraums, also etwa in das 13. Jahrhundert v.ehr., zu setzen ist.
Aber es muß klar sein, daß diese genauere Ansetzung auf einer, wenn auch wahr-
scheinlichen, Vermutung beruht. Nun hat man freilich in letzter Zeit vielfach
den Landnahmevorgang bzw. seine einzelnen Elemente archäologisch genauer
zu datieren versucht aufGrund der Tatsache, daß es jetzt möglich ist, zusammen-
hängende Siedlungsschichten in ausgegrabenen alten Ortslagen mit einem
Spielraum von nur wenigen Jahrzehnten auch ohne die Hilfe inschriftlicher
Funde auf Grund der Merkmale ihrer materiellen Hinterlassenschaft zeitlich fest-
zulegen; und so mußte der Gedanke naheliegen, nachweisbare Zerstörungen
palästinischer Städte innerhalb des in Frage kommenden Zeitraumes mit dem
Auftreten der Israeliten im Lande in sachlichen Zusammenhang zu bringen und
dieses Auftreten danach zu datieren 3 • Einen sicheren Fall dieser Art aber haben
wir bis jetzt noch nicht. Und das ist kein Zufall; denn ein solcher Fall ist auch
gar nicht zu erwarten. Die israelitischen Stämme haben sich nicht durch gewalt-
same Eroberung und Zerstörung kanaanäischer Städte Platz im Lande verschafft',
1 Vgl. 0.S.76f.
I Genaueres über dieses Überlieferungselement u.S.97f.
3 Diesen Versuch hat vor allem W. F. Albright in zahlreichen Aufsätzen immer erneut
unternommen.
'Die Eroberungsgeschichten in der ersten Hälfte des Josuabuches (vgl. bes. Jos. 6;8;
lo,z8fF.; lI,IOfF.) gehen aufätiologische Überlieferungen zurück, die von dem späteren Tat-
bestande des Zerstörtseins der betreffenden Stätten ausgingen (vgl. M. N oth, Das Buch
Josua [2 1953 ] z. St.).
80 1./1. Die Entstehung der israelitischen Stämme

sondern sich im allgemeinen in den bis dahin noch unbesetzten Landesteilen an-
gesiedelt. Jene Städtezerstörungen sind daher mit größerer Wahrscheinlichkeit
auf die fortgesetzten, aus der Amarnazeit wohl bekannten Kämpfe der Stadt-
herrschaften unter sich und um 1200v.Chr. vor allem auf das kriegerische Auf-
treten der "Seevölker" in den Stadtstaatenbereichen Palästinas zurückzuführen.
Die Israeliten haben sich vorzugsweise in von ihnen neugegründeten Siedlungen
festgesetzt. Wenn man deren Anfänge archäologisch genau datieren könnte,ließe
sich etwas über die Zeit der Landnahme auf diesem Wege ermitteln. Das aber ist
kaum möglich. DieseNeugründungender beginnenden Eisenzeit haben zwar auch
eine ausSteinen aufgerichtete Umfassung gehabt, aber nicht mehr die starken Ring-
mauern der bronzezeitlichen kanaanäischen Städte, die die aufeinandergefolgten
Siedlungsschichten über die Jahrtausende hinweg in sich zusammengehalten
haben. Die erst eisenzeitlichen alten Ortslagen sind daher meist auseinander-
gefallen, und ihre materiellen Überreste haben sich im Laufe der Zeit verstreut und
sind verschwunden, und an Ort und Stelle sind nur allerlei mehr oder weniger zahl-
reiche Überreste zurückgeblieben, meist ohne eine noch erkennbare Schichtung.
Dazu kommt noch, daß die Kultur der beginnenden Eisenzeit sehr viel ärmlicher
und weniger differenziert war als die der vorausgegangenen Bronzezeit und daher
eine sehr genaue zeitliche Ansetzung der meist dürftigen Funde sich verbietet. Aus
alledem ergibt sich, daß der archäologisch greifbare Beginn der israelitischen Sied-
lung im Lande nicht mehr genauer und bestimmter datiert werden kann über das
hinaus, was sich aus dem literarisch überlieferten Zusammenhang des geschicht-
lichen Verlaufs entnehmen läßt. Und so wird es bei der vorsichtigenAbgrenzung
des Zeitraums für die israelitische Landnahme sein Bewenden haben müssen.
Diese Landnahme aber gehört in den Zusammenhang einer größeren ge-
schichtlichen Bewegung hinein. Um die gleiche Zeit sind überall an den Rän-
dern des syrisch-palästinischen Kulturlandes und darüber hinaus in Mesopo-
tamien zwischen den Oberläufen von Euphrat und Tigris und am mittleren
Euphrat landsuchende Elemente aufgetreten und haben sich besonders im sy-
rischen Binnenlande und in dem anschließenden Gebiete beiderseits des oberen
Euphrat in größerer Menge seßhaft gemacht und dann bald mehr oder weniger
feste und je nach den örtlichen Verhältnissen mehr oder weniger umfangreiche
Staatswesen begründet. In der unmittelbaren Nachbarschaft der israelitischen
Stämme haben sich im Zuge der gleichen Bewegung zahlreiche Sippen in dem
bis dahin seit Jahrhunderten kaum noch fest besiedelt gewesenen südlichen Teile
des Ostjordanlandes festgesetzt südwärts bis hin zum Golfe von el-'a~aba und· sich
hier zu den Völkern der Ammoniter, Moabiter und Edomiter zusammengeschlos-
senl und anscheinend schon bald Königtümer begründet. In Syrien und Meso-
potamien waren diese Elemente unter dem Sammelnamen Aramäer bekannt,
der gelegentlich bei den benachbarten Assyrern in mittelassyrischen Königs-
inschriften auftaucht und dann vor allem häufig im A.T. genannt wird2• Man
1Weitere Einzelheiten zu diesen Völkern WAT S.68ff.
2Zur Vorgeschichte des Namens Aramäer vgl. A. Du po n t - So m m er, Supplements
[Q VT I (1953) S.40 ff.
§ 6. Die Landnahme der israelitischen Stämme 81
bezeichnet daher die aus vielen und mannigfaltigen Einzelelementen bestehende
große Bewegung, die um die Wende von der Bronzezeit zur Eisenzeit aus der
syrisch-arabischen Wüste heraus gegen die umrandenden Kulturländer erfolgte
und in die auch die Landnahme der israelitischen Stämme hineingehört, gern als
"die aramäische Wanderung"; und man mag das tun, wenn dabei nur das Miß-
verständnis vermieden wird, daß es sich um einen einheitlichen und plan-
vollen Vorgang gehandelt habe. Im A.T. selbst wird einmal in einer feierlichen
kultischen Bekenntnisformel der Ahnherr Israels als "Aramäer" bezeichnet
(Dtn. 26,5); und die Israeliten haben einmal einen altaramäischen Dialekt ge-
sprochen, ehe sie auf dem Boden des Kulturlandes das dort bodenständige Kanaa-
näisch, "die Sprache Kanaans" (Jes. 19,18) im wörtlichen Sinne, übernahmen,
das ihrem Altaramäisch freilich nahe verwandt war. Noch das alttestamentliche
Hebräisch zeigt Spuren der Mischung verschiedener Dialekte.
Damit wird zugleich eine These abgelehnt, die schon sehr alt ist und in ver-
schiedener Form und mit verschiedener Begründung bis in die jüngste Zeit
hinein erneuert worden ist, daß nämlich die Vorgeschichte der israelitischen
Stämme mit der Hyksosbewegung in Zusammenhang gestanden habeI. Nach-
dem es sich herausgestellt hat, daß die Israeliten mit der erobernden Herren-
schicht der Hyksos nicht wohl einfach identifiziert werden können, hat man
daran gedacht, daß sie durch die Hyksoswanderung mitgeführt worden seien,
und zwar aus Mesopotamien, woher die Hyksos gekommen zu sein scheinen und
wo nach der alttestamentlichen überlieferung die Vorväter Israels gewohnt
hätten2• Eine spezielle Begründung dafür scheint sich jetzt aus den zahlreichen,
in der alten Stadt Niizu im Osttigrislande (in der Nähe des heutigen kerkiik) ge-
fundenen Texten aus dem IS.Jahrhundert v.Chr. zu ergeben, in denen recht-
liche und soziale Einrichtungen begegnen, wie sie besonders aus den alttesta-
mentlichen "Erzväter"-Erzählungen bekannt sind S. Niizu war damals eine
churrische Stadt und stand gewiß noch in einem Zusammenhang mit den chur-
rischen Elementen der einstigen Hyksosbewegung, und so hätten die Israeliten
durch ihre Verbindung mit den Hyksos diese churrischen Einrichtungen kennen-
gelernt und zusammen mit den Hyksos mit nach Palästina gebracht. Doch diese
Kombinationen sind nicht stichhaltig begründet. Jene Einrichtungen könnell,
wenn wirklich ein sachlicher Zusammenhang in dem gedachten Sinne besteht,
durch die Hyksos nach Syrien-Palästina gebracht worden und später den Israe-
liten beim Eintritt in das Kulturland bekannt geworden sein. Die Versetzung der
Ahnen Israels nach Mesopotamien aber beruht auf der richtigen überlieferung
von der aramäischen Verwandtschaft', die dann jedoch nachträglich speziell auf
den Hauptaramäerbereich beiderseits des oberen Euphrat bezogen wurde. Gegen
1 So zuerst Josephus, Contra Apionem I 14 § 75ff. In neuerer Zeit ist die Meinung beson-
ders von Ägyptologen geteilt worden.
S Vgl. bes. Gen. 24,IOff. ; 27,43 ff.; auch Gen. II,IO-32; 12,5.
·Vgl. zuletzt C. H. Gordon, BASaR 66 (1937) S.25ff.; M. Burrows, JAOS 57 (1937)
S.259ff.; R. de Vaux, RB 56 (1949) S.22ff.
, In ursprünglicher Form liegt die Überlieferung in der Geschichte von der Verwandt-
schaft zwischen Jakob und "dem Aramäer Laban" vor (vgl. bes. Gen. 3I,I9ff.).
82 L/!. Die Entstehung der israelitischen Stämme

eine Verknüpfung der israelitischen Landnahme und darüber hinaus der "ara-
mäischen Wanderung" mit der Hyksosbewegung spricht einmal die Tatsache,
daß die Landnahme nach allem, was wir darüber ermitteln können, zeitlich viel
später anzusetzen ist als das Auftreten der Hyksos und daß auch die Aramäer erst
lange nach der Hyksoszeit als Einwandererschicht in Erscheinung treten, vor
allem aber auch der Umstand, daß die Landnahme der israelitischen Stämme
in Palästina gerade in den Landesteilen erfolgte, die in der Hyksoszeit noch gar
keine Rolle gespielt haben und von der Hyksosherrschaft gar nicht unmittelbar
betroffen wurden, und, wie aus Einzelangaben des A.T. hervorgeht, aus Rich-
tungen her vor sich ging, die mit der Richtung der Hyksosbewegung ganz und
gar nichts zu tun haben. Die Hyksosherrschaft in Palästina hat sich auf die Stadt-
staatengebiete des Landes erstreckt; zu dem dortigen Herrschaftssystem aber
haben die israelitischen Stämme offenbar keinerlei ursprüngliche Beziehungen
gehabt, sondern erst nach Umständen früher oder später aufgenommen.

I
KAPITEL 11

Der BunO Oer ifraelitHcben Stämme

§ 7. Das Zwölfstämmesystem
Die uns erhaltene Überlieferung berichtet von den israelitischen Stämmen nur
als von den Gliedern eines größeren Ganzen. Auch was von den Wohnsitzen,
den Eigenarten, den besonderen Schicksalen der einzelnen Stämme berichtet
wird, wird doch fast alles nur unter der Voraussetzung ibrer Zusammengehörig-
keit zu diesem größeren Ganzen mitgeteilt. Diese Voraussetzung findet ihren
Ausdruck in dem festgeprägten Überlieferungselement von den "zwölf Stäm-
men", aus denen "Israel" bestand. Dieses Überlieferungselement des Zwölf-
s!ämmesystems ist uns in zwei Formen erhalten, die sich nur in dem einzigen
Punkte voneinander unterscheiden, daß in der ernen Form der Stamm Levi mit-
gezählt wird und Joseph als ein Stamm erscheint, während in der anderen Form
Levi fehlt und dafür statt Joseph dessen Unterteile Manasse und Ephraim als
selbständige Stämme auftreten. Die erstere Form begegnet vor allem in der
Geschichte von der Geburt der Stämmeahnherren als Söhne Jakobs in Gen.
29,31-30,24 sowie im Rahmen des Jakobsegens Gen. 49,lb-27, die letztere
vor allem in dem Aufbau der großen Liste Num. 26,4 bß-S 11 • Da Levials"welt-
licher Stamm" in der uns geschichtlich genauer bekannten Zeit völlig verschollen
war, wird man die Form, die ihn mitzählt, als die ältere Form ansprechen müssen.
Beiden Formen gemeinsam ist auch eine ganz bestimmte Gruppierung der
Stämme, die in Gen.29, 31 ff. in der Herleitung ihrer Ahnherren von verschiedenen
Müttern uJ?d in Gen. 49 und Num. 26 in der Reihenfolge ihrer Aufzählung zum
Ausdruck gebracht wird. Die ältere Form beginnt mit einer Gruppe von sechs
Stämmen, die man nach Gen. 29,31 ff. als "Lea-Stämme" zu bezeichnen pflegt.
Zu ihr werden in einer im allgemeinen feststehenden Reihenfolge gezählt die
Stämme Ruben, Simeon, Levi, Juda, Sebulon, Issachar 2 • In der jüngeren Form

1 Weitere Belege und alle Einzelheiten bei M. Noth, Das System der zwölf Stämme
Israels (1930).
2 Die Reihenfolge Sebulon-Issachar erscheint in Gen. 49 und vielleicht auch in der ältesten
Erzählungsschicht von Gen. 29,31ff., während in der überlieferten Form von Gen. 29,31ff.
und in Num. 26 Sebulon aufIssachar folgt.
1./11. Der Bund der israelitischen Stämme

ist Gad an die Stelle von Levi getreten, so daß auch diese Form mit einer Sechs-
stämmegruppe beginnt. Eine weitere Gruppe bilden die "Rahel-Stämme", in
der älteren Form Joseph, Benjamin, in der jüngeren Form Manasse, Ephraim,
Benjamin. Der Rest der Stämme erscheint in einer dritten Gruppe, die am wenig-
sten eine feste Gestalt hat. Zu ihr gehören nach Gen. 49 Dan, Gad, Asser, Naph-
thali1, während in der durch Num. 26 repräsentierten jüngeren FormDan,Asser,
Naphthali in dieser Gruppe erscheinen.
Zur sachlichen Beurteilung dieses Überlieferungselements des Zwölfstämme-
systems ist auf der einen Seite zu bedenken, daß es offenbar nicht einfach den zu
einer bestimmten Zeit - oder aber, wenn man das Nebeneinander der zwei
Formen in Betracht zieht, zu bestimmten Zeiten - gegebenen oder natürlich
gewachsenen Zustand der Untergliederung Israels darstellt. Für die uns ge-
schichtlich genauer bekannte Zeit entspricht es keineswegs den tatsächlichen
Verhältnissen. Es eröffnet die Reihe der Stämme mit den mehr oder weniger ver-
schollenen Stämmen Ruben, Simeon und Levi, und andrerseits fehlen die süd-
lichen Nachbarn von Juda, unter denen jedenfalls Kaleb mit dem Besitz der
Stadt Hebron mindestens ebenso bedeutend gewesen sein dürfte wie irgendeiner
der galiläischen Stämme, die alle als selbständige Glieder geZählt werden, wäh-
rend jene Südstämme - abgesehen von dem gerade ganz peripherischen Simeon-
wohl mit in Juda eingeschlossen zu denken sind. Das System gibt aber auch
nicht einfach den Zustand einer früheren, geschichtlich nur noch unsicher faß-
baren Zeit wieder, in der Ruben, Simeon und Levi noch ihre ursprüngliche
Rolle gespielt und damit den ersten platz im System etwa verdient hätten, wäh-
rend jene Südstämme vielleicht noch gar nicht im Lande seßhaft gewesen wären.
Diese Annahme verbietet sich deshalb, weil die Zerstreuung von Ruben, Simeon
und Levi erst die Voraussetzung wurde für die Landnahme der "Rahel-Stämme",
die doch ihrerseits im System mit erscheinen. In die Zeit vor der Landnahme aber
kann man für die Entstehung des Systems keinesfalls zurückgehen, da die
Stämme selbst im großen ganzen erst mit der Landnahme zu festen Größen ge-
worden sind. Es läßt sich also keine Zeit ermitteln oder auch nur denken, in der
der geschichtlIche ebene Bestand Israels genau dem ü~ediefenenS}'s1:em in
einer seiner ei en Formen entsprochen hätte.
Diese Feststellung kann nun freilich nicht zu der Schlußfolgerung führen, daß
das System als ein rein theoretisches Gebilde in einer Zeit entstanden sei, in der
die Stämme selbst gar keine wesentliche geschichtliche Rolle mehr spielten und
daher einer frei gestalteten Konstruktion einer Zwölfgliederung des alten Israel
keine geschichtliche Wirklichkeit mehr im Wege stand. Denn abgesehen von der
Frage, ob es eine solche Zeit überhaupt jemals gegeben hat, so knüpft doch das
System zweifellos an die Tatsache des Vorhandenseins, wenn nicht aller, so doch
der meisten der in ihm aufgezählten Stämme an, und zwar so, daß die Einzel-
heiten gerade nicht aus theoretischen Erwägungen verständlich gemacht werden
1 So die Reihenfolge in Gen. 49. In Gen. 29.31ff. werden diese Stämme wieder besonders
gruppiert; doch haben wir es dabei wahrscheinlich lediglich mit erzählerischer Ausgestaltung
des Stoffes zu tun. die geschichtlich nicht von Belang ist.
§ 7. Das Zwölfstämmesystem

können. Weder die Auswahl gerade dieser zwölf Namen noch die Tatsache, daß
das System in zwei verschiedenen, wenn auch nur in einem Punkte voneinander
abweichenden Formen überliefert ist, weder die mit Ruben und Simeon be-
ginnende feste Reihenfolge der Namen noch die Besonderheiten der Grup-
pierung, in der in der ersten und dritten der obengenannten Gruppen getrennt
voneinander wohnende Stämme vereinigt erscheinen, lassen sich erklären, wenn
man das ganze System auf eine mehr oder weniger freie Kombination zurück-
führt. Hier spielen offenbar bestimmte und sehr konkrete geschichtliche Voraus-
setzungen hinein, und wenn nach dem Obengesagten das System sich nicht
einfach aus dem geschichtlichen Zustand bestimmter Zeiten einheitlich herleiten
läßt, ~ ist es wahrscheinlich selbst in einem verwickelten geschichtlichen Prozeß
entstanden.
Freilich haftet dem System das der Konstruktiven Bildung sehr verdächtige
Element der scheinbar künstlichen Zwölfzahl so untrennbar an, daß es offenbar
als ein ganz wesentlicher Bestandteil des Systems angesprochen werden muß, wie
vor allem daraus hervorgeht, daß bei dem Übergang von der älteren zurjüngeren
Form diese Zwölfzahl streng festgehalten worden ist. Gerade diese Zwölfzahl
aber erweist sich nun als ein geschichtliches Element, von dem aus sich Herkl,mft
und Bedeutung des Stämmesystems überhaupt erschließen. Denn Zwölfstämme-
listen - gelegentlich auch Sechsstämmelisten - sind auch außerhalb Israels ent-
standen und überliefert worden. H. Ewald1 hat als erster darauf hingewiesen,
daß das A.T. selbst die nächstliegenden Beispiele dafür bietet, indem es in
Gen. 22,20-24 eine Aufzählung von zwölfAramäerstämmen, in Gen.25,1 3-16
eine solche von zwölf ismaelitischen und in Gen. 36,10-14 eine solche von zwölf
edomitischen Stämmen bringt, während in Gen. 36,20-28 eine Liste von sechs
lioritischen Stämmen vorliegt. Das israelitische Zwölfstämmesystem stellt also
keineswegs eine singuläre Erscheinung dar und ist schon deswegen weder auf
den zufälligen Umstand des Nebeneinanders von zwölf Brüdern als Stämme-
ahnherren noch auf eine sekundär erdachte Konstruktion der schematischen
Untergliederung eines größeren Ganzen geschichtlich zurückzuführen; vielmehr
liegen hier anscheinend bestimmte gesetzmäßige Ordnungen vor, wie sie bei
Stämmeverbänden üblich waren, die feste staatliche Einrichtungen noch ent-
behrten. Das letztere gilt gewiß für alle aus dem A.T. bekannten Beispiele. Diese
nackten Listen besagen freilich noch wenig über den Sinn dieser Ordnungen.
Weiter führt die Tatsache, daß uns auch aus dem alten Griechenland und Italien
ähnliche Zwölferverbände bekannt sind; und von diesen ist verschiedentlich
überliefert, daß ein gemeinsam gepflegter Kult den Mittelpunkt bildete und daß
die Teilnehmer dieser Verbände zu bestimmten Festen am zentralen Heiligtum
zusammenzukommen pflegten, ja daß bestimmte Kulte geradezu von solchen
Verbänden von zwölf oder sechs Stämmen getragen und verwaltet wurden 2•
Damit scheint auch die feste und stets festgehaltene Zwölfzahl (oder Sechszahl)
ganz praktisch zusammenzuhängen, sofern die Teilnehmer dieser Verbände in
1 H. Ewald, Geschichte des Volkes Israel I, 3. Ausg. (1864) S.sz8ff.
2 Einzelheiten und Belege bei M. Noth a.a.O. S.47ff.
86 1./!1. Der Bund der israelitischen Stämme

einem monatlichen (oder zweimonatlichen) Turnus die Pflege des gemeinsamen


Heiligtums und seines Kultes zu übernehmen hatten. JE Griechenland bezeichnete
man einen solchen sakralen Verband als eine Amphiktyonie, als eine "Gemein-
"schaft der Umwohnenden" (um ein jeweils bestimmtes Heiligtum herum); und
dieser Ausdruck mag als terminus technicus für eine solche Ordnung der Dinge
dienen.
Wir haben also mit der Institution eines sakralen Verbandes der israe-
litischen Stämme, einer "altisraelitischenAmphiktyonie", zu rechnen. Zu ihr
gehörte die Zwölfzahl der Stämme, die auch bei Veränderungen im System fest-
gehalten werden mußte und die sich damit weder als das einfache Ergebnis der
natürlichen Verzweigung einer Menschengruppe noch als eine reine Fiktion aus
später Zeit erweist, sondern vielmehr ein wesentliches Element der geschicht-
lichen Ordnung eines solchen Stämmeverbandes darstellte. Die Zugehörigkeit
des Zwölfstämmesystems zu einer geschichtlich gewordenen und geschichtlich
sich wandelnden Einrichtung erklärt auch allein die Spuren einer komplizierten
Entstehung und Entwicklung, die im System selbst vorliegen. Die traditionelle
Vorausstellung der Stämme Ruben, Simeon (und Levi) kann nur auf einen Stand
der Dinge zurückgehen, in dem diese Stämme einmal eine wesentliche Rolle
spielten. Das kann nur in einer Zeit der Fall gewesen sein, in der die späteren
mittelpalästinischen Stämme ihre nachmaligen Kulturlandwohnsitze noch nicht
eingenommen hatten. Diese letzteren gehören nun innerhalb des Systems zu
einer anderen Untergruppe als jene. Ruben, Simeon (und Levi) eröffnen die
Sondergruppe der "Lea-Stämme"; und an dieser Gruppe fällt die streng fest-
gehaltene Sechszahl der Glieder auf. Als durch den Wegfall von Levi1 eine Lücke
gerade in dieser Gruppe entstanden war, ist nicht nur durch die Teilung von
]oseph in Manasse und Ephraim in der "Rahel-Gruppe" die Gesamtzahl von
zwölf Stämmen aufrechterhalten worden, sondern zugleich durch die Ver-
setzung von Gad2 an die Stelle des verlorengegangenen Levi in der Reihenfolge
der Aufzählung (vgl. Num. 26) jene Sechsergruppe in ihrem zahlenmäßigen
Bestand erhalten geblieben~ Das kann nur darauf zurückgehen, daß die Sechszahl
der ersten Gru e ebenso notwendi zu der zu runde lie enden Institution ge-
"hörte wie ie Zwöl zahl des Ganzen, daß also die Sechsstämmegruppe im Leben
der Gesamtheit besondere Funktionen hatte, die ihr Erhaltenbleiben im Rahmen
des großen Ganzen erforderten. Bedenkt man endlich, daß außerhalb Israels
neben den zahlreichen Zwölfstämmeverbändenauch Sechsstämmeverbände nach-
weisbar sind, so wirq man den Schluß ziehen müssen, daß die "Lea-Stämme"
1 Die Gründe für diesen Wegfall lassen sich nicht mehr sicher ermitteln, zumal Ruben und
Simeon, die wohl ebenso ihren alten Bestand verloren hatten wie Levi, in der Fiktion noch
weiter als Stämme mitgezählt wurden. WahrscheinlicH hängt die Ausschaltung von Levi aus
dem System doch damit zusammen, daß man, wie es die alttestamentliche Überlieferung ja
ausdrücklich sagt, den weltlichen Stamm .. Levi" in der Institution des .. levitisehen Priester-
tums" fortlebend dachte. Ob dabei' wirklich ein geschichtlicher Zusammenhang zwischen
beiden oder nur eine Namengleichheit vorliegt, ist eine Frage für sich.
2 Warum gerade Gad sekundär in die Sechsstämmegrupe eingereiht wurde, ist nicht
mehr auszumachen.
§ 7. Das Zwölfstämmesystem

Ruben, Simeon, Levi, Juda, Sebulon und Issachar einmal einen Sechsstämme-
verband gebildet hattenineine~Zei~, als die zuerst genannten dieser Stämme
noch im vollen Besitze ihres ursprünglichen Bestandes waren und Joseph und
Benjamin ihre Landnahme noch nicht vollzogen hatten, und daß dieser Sechs-
stämmeverband den Vorläufer und die Grundlage des späteren Zwölfstämme-
verbandes bildete. Jene sechs Stämme gehörten nach allem, was wir wissen, zu
den bereits in einem verhältnismäßig frühen Stadium der Landnahme auf dem
palästinischen Kulturboden seßhaft gewordenen israelitischen Stämmen. Als
dann nach einer nur noch ganz unsicher faßbaren Erschütterung der bisherigen
Verhältnisse, die vor allem die Stämme Ruben, Simeon und Levi betraf und die
auf dem Mittelteil des westjordanischen Gebirges einen Siedlungsleerraum ent-
stehen ließ, neue Sippen in das Kulturland einrückten und sich zu neuen Stämmen
konstituierten, wurde der alte Sechsstämmeverband zu einem Zwölfstämme-
verband erweitert, doch so, daß die alten sechs Stämme, auch wenn sie jetzt teil-
weise nur noch in verstreuten Resten existierten, nicht nur weiter als vollgültige
Teilhaber mitgezähltwurden, sondern die erste Stelle in derAufzählung der Glieder
des Systems erhielten und sogar als fest geschlossene Gruppe innerhalb des Ganzen
erhalten blieben mit Rücksicht wahrscheinlich auf besondere Rechte und Pflich-
ten, die sie als die älteren im Leben des erweiterten Verbandes noch hatten.
Zu den neu hinzugekommenen Stämmen gehörten vor allem JQseph und
Benjamin. Während Benjamin mit einer wahrscheinlich kleinen Zahl von Sippen
sich auf einem engbegrenzten Gebiet als selbständiger Stamm formierte und
stets als ein Glied für sich im System mitgezählt worden ist, stellte das "Haus
Joseph" einen anscheinend sehr umfassenden Sippenverband dar, der bei der
Landnahme sich alsbald in zwei Stämme teilte. Die Bezeichnung "Ha us J osep h"
läßt für Joseph nicht an einen eigentlichen Stammesnamen denken, während
vielmehr Machir (Manasse) und Ephraim in ähnlicher Weise wie die anderen
Stämme mit der Festsetzung im Kulturlande sich zu festen und geschlossenen
Stämmen auf Grund des Zusammenwohnens innerhalb eines bestimmten Raumes
konstituiert zu haben scheinen. Es bleibt dann die Frage, woher der Name
,,(Haus) Joseph" stamme. I;>a es nicht wahrscheinlich ist, daß im Kulturland
zwei Stämme sich nachträglich unter einem gemeinsamen Gesamtnamen eng
zusammengeschlossen haben sollten, wird man anzunehmen haben, daß der
. Name " (Haus) Joseph" aus der Zeit vor der Landnahme stammt als Bezeichnung
eines größeren Verbandes von Sippen, die schließlich im mittleren W estjordan-
lande seßhaft wurden. Im Zwölfstämmesystem fanden sie zunächst nUT als ein
Glied unter dem alten Gesamtnamen Aufnahme, weil im Rahmen der festen
Zwölfzahl nur ein platz für sie zur Verfügung stand, wenn zugleich noch die
vier am Rande sitzenden Stämme - drei galiläische und ein ostjordanischer
Stamm - in den Zwölfstämmeverband einbezogen werden sollten. Ober die
Vorgeschichte dieser vier Stämme, über die Zeit ihrer Landnahme und die Um-
stände ihres Eintritts in die nunmehr zwölfgliedrige Amphiktyonie wissen wir
gar nichts mehr.
Nachdem der Zwölfstämmeverband im Anschluß an den älteren Sechsstämme-
88 I./U. Der Bund der israelitischen Stämme

verband sich einmal konstituiert hatte, ist eine Veränderung in seinem Bestand
nur noch einmal durch das Ausscheiden von Levi erfolgt, das die Gelegenheit
bot, statt der alten Einheit "Haus Joseph" die Stämme Machir (Manasse) und
Ephraim als selbständige Glieder in das System aufzunehmen. Im übrigen ist
dann an dem nunmehr feststehenden System nichts mehr geändert worden, auch
wenn der Bestand der Stämme im Verlauf der geschichtlichen Ereignisse noch
mancherlei Veränderungen unterworfen war. Aus diesem verwickelten Werde-
gang des Zwölfstämmesystems erklärt es sich, daß es in keiner seiner überlieferten
Formen den Stand der Dinge zu einer bestimmten Zeit wiedergibt, da in ihm
stets zu einem ewissen Teile ältere Ordnun en konserviert wurden, neben die
die jüngeren Elemente traten. Das alles aber zeigt nur, da das System selbst eine
geschichtliche Erscheinung ist, die mit einer geschichtlichen Institution in Zu-
sammenhang stand.
Bei alledem handelt es sich um .~chlußfoJgerungen, die a1J~~:kr Existenz~des
Überlieferun selements des Zwölfstämmes stems im Ver leich mit anderen ähn-
Jichen berlieferungselementen von außerhalb Israels gezogen wurden. Es fragt
sich nun, wieweit man dieses Vergleichsmaterial noch dazu heranziehen darf,
um das Bild von der Institution des israelitischen Zwölfstämmeverbandes zu
vervollständigen. Stoff dazu bieten vor allem die z. T. gut bekannten Einrich-
tungen der griechischen Amphiktyonien1• Man wird mit der Verwendung dieses
Stoffes vorsichtig sein müssen, zumal er aus einem verhältnismäßig entfernten
Bereich und aus einer zwar verglei.chbaren, aber doch anderen geschichtlichen
welt stammt, aber doch dann, wenn Angaben der alttestamentlichen Über-
lieferung dem entgegenkommen und aus diesem. Sachzusammenhang eine ein-
leuchtende Erklärung finden, ihn nicht ungenutzt lassen dürfen.
Das Wesentliche an den Institutionen dieser Stämmeverbände war überall, wo
wir nur irgendeine genauere Kenntnis haben, ~as zentrale Heiligtum. Auch
für den israelitischen Stämmeverband haben wir sicher mit einem solchen zu
rechnen. Und zwar bildete aller Wahrscheinlichkeit nach der Gottesthron der
heiligen Ladell den kultischen Mittelpunkt Israels; die Rolle, die diese Lade
später in den Philisterkämpfen und unter David und Salomo gespielt hat, läßt
kaum daran zweifeln, daß sie seit alters eine zentrale Bedeutung für qie israeli-
tischen Stämme gehabt hatte. Ober ihre Herkunft wissen wir nichts Zuver-
lässiges mehr zu sagen. Vermutlich war sie von Hause aus ein Wanderheiligtum
nicht seßhafter Sippen gewesen 3• Wer sie dann mit in das Kulturland hereinge-
bracht hat und warum gerade sie zum Hauptheiligtum des iSl;aelitischen Stämme-
verbandes geworden ist, das entzieht sich völlig unserer Kenntnis, da alle Spuren
1 Vgl. G. Busolt, Griechische Staatskunde (Handb. d. Klass. Altertumswiss. IV 1,1) IP
(1926), bearb. von H. Swoboda, S.I280ff.
2 Daß die Lade als leerer Thron des unsichtbaren Gottes ursprünglich gemeint war, ergibt
sich mit großer Wahrscheinlichkeit aus Num. IO,35f. und Jer. 3,I6f.
3 Vgl. besonders die offenbar alten "Ladesprüche" in Num. 10,35f. Deren Einreihung
in den jetzigen Zusammenhang sowie die Bemerkung über die Lade in Num. 14,44 dürften
sachlich das Richtige treffen wie auch noch die literarisch junge Darstellung in Ex. 2S,loff.;
37, df.. die die Lade als ein tragbares Heiligtum beschreibt.
§ 7. Das Zwölfstämmesystem

alter Überlieferungen darüber völlig verschwunden sind. Auch die Frage, ob sie
von allem Anfang an, etwa schon in dem älteren Sechsstämmeverband, die zen-
trale Rolle gespielt hat oder erst nachträglich an der zentralen Kultstätte als be-
sonders ehrwürdiges Heiligtum aufgestellt wurde, läßt sich nur stellen, aber nicht
mehr beantworten. In diesem Zusammenhang aber kommt es in erster Linie
auch nur auf die Tatsache an, daß sie, soweit wir geschichtlich zurückschließen
können, das den israelitischen Zwölfstämmeverband einigende gemeinsame
Kultobjekt gewesen ist.
Die Lade war im Kulturlande im Kreise der seßhaften Stämme kein eigent-
liches Wanderheiligtum mehr, sondern war, wenn sie auch noch nicht einen ein
für allemal bestimmten, dauernden Standort hattel, jeweils für längere oder
kürzere Zeit an einem platz aufgestellt,der dann den zentralen Kultort, den
räumlichen Mittelpunkt der altisraelitischen Amphiktyonie bildete. Es scheint
so, daß nach einigen Überlieferungen, die im A.T. noch erhalten. sind, einmal
das gewiß uralte Baumheiligtum östlich der Stadt Sichem in der Mitte des west-
jordanischen Gebirges (heute tell baläta) der kultische Mittelpunkt der israeli-
tischen Stämme gewesen ist; und das scheint der älteste Stand der Dinge zu sein,
den wir noch erkennen können. Man wird vielleicht vermuten dürfen, daß schon
der alte Sechserverband der "Lea-Stämme", die vorwiegend auf dem Mittelteil
des westjordanischen Gebirges gesessen zu haben scheinen, hier sein sakrales
Zentrum gehabt hat und daß also der Zwölfstämmeverband in diesem Punkte an
Älteres anknüpfte. Doch das ist nicht mehr als eine Möglichkeit. Für den Zwölf-
stämmeverband aber haben wir zunächst die Geschichte von dem uLandtag von
Sichem" in os. 24, ein Sonderstück, das ·etzt in deuteronomistischer Über-
arbe!tll!1galsn~cht!äglic erZuwac zum euteronomistisc en Gesc ic tswer
vorliegt. Danach hat einst Josua alle israelitischen Stämme nach Sichem an die
heilige Stätte "vor Gott" versammelt, sie dort vor die Entscheidung gestellt, ob
sie Jahwe oder anderen Göttern dienen wollen, nach ihrer Entscheidung für
Jahwe einen Bund zwischen Gott und Volk veranstaltet, "Satzung und Recht"
festgesetzt und zum Zeugnis dessen einen großen Stein "unter der Terebinthe"
"im Heiligtum Jahwes" aufgerichtet. Diese Überlieferung, jedenfalls ihre W ei-
tergabe und damit ihr Erhaltenbleiben, steht gewiß im Zusammenhang mit einer
regelmäßig vorgenommenen Begehupg, die vor dem heiligen Stein im Tere-
binthenheiligtum bei Sichem stattfand und zu der offenbar ein öffentliches Be~
kenntnis zu Jahwe, ein Bundesschlußakt und eine Verkündigung von Rechts-
sätzen gehörte. Und auf offenbar dieselbe Begehung muß man die Angabe in den
rekundär deuteronomistischen Stücken Dtn. I1,29f.; 27,1-26; Jos. 8,30-352 zu-
sückführen, nach denen die israelitischen Stämme sogleich nach ihrer Landnahme
bei Sichem Steine und einen Altar errichtet, "das Gesetz (Moses )" auf die Steine
geschrieben und feierliche Segen- und Fluchworte ausgesprochen hätten. An
1 Mit Rücksicht darauf wird in 2. Sam. 7,6 gesagt, daß bis auf die Zeit Davids die Lade
"umhergewandert" sei.
2 Diese Stücke sind weder literarisch noch inhaltlich einheitlich, gehen aber alle offenbar
~ von der gleichen Sacpe aus.
90 1./11. Der Bund der israelitischen Stämme

diesen letzteren, ziemlich späten Stellen mag der Überlieferungsstoff in vielen


Einzelheiten nachträglich aus- und umgestaltet vorliegen; daß er jedoch aufdie-
selbe Sache zurückgeht wie Jos. 24, ist hinreichend deutlich. Danach hat man am
Heiligtum bei Sichern noch verhältnismäßig lange in wahrscheinlich regel-
mäßigen Abständen einen Akt begangen, der sich auf das für die Gesamtheit der
israelitischen Stämmewesentliche Verhältnis zu ihrem Gott bezog. Hinzu kommt,
daß gerade an dem Heiligtum bei Sichern Jahwe als "der Gott Israels" verehrt
worden zu sein scheint (Gen. 33,20; Jos. 8,30; 24,2,23 1 ). Das.allesspricht dafür,
daß dieses Heili turn einmal eine zentrale Bedeutung für das Ganze des israeli-
tischen Stämmever an es ge a t at; un a sic u tisc e Bege ungen nicht
nur m Ihrem VoUzug, sondern auch in der lokalen Bindung an eine bestimmte
Stätte, die sie einmal gehabt haben, mit großer Zähigkeit zu erhalten pflegen,
so spricht nichts dagegen, daß auch nach der sogleich zu besprechenden Ver-
legung des kultischen Mittelpunkts des Stämmeverbandes an andere Heiligtümer
auch bei Sichern noch immer der alte Kultakt weiter begangen wurde. Das aber
wird in den genannten Überlieferungsstücken vorausgesetzt 2 •
.b.us alledem ergibt sich, daß das Heiligtum bei Sichern wahrscheinlich einmal
.der amphiktyonische Mittelpunkt des israelitischen Stämmeverbandes gewesen
ist; und das scheint der für uns noch eben erkennbare älteste Stand der Dinge
gewesen zu sein. Nach dem Obengesagten müßte damals die Lade Jahwes an
dieser Stätte aufgestellt gewesen sein. Dafür gibt es freilich kein Zeugnis mehr.
Doch das ist nicht zu verwundern. Denn in den Zeiten, aus denen wir unmittel-
bare geschichtliche Nachrichten besitzen, war das Zentralheiligtum der Stämme
und damit auch die Lade bereits von Sichern hinwegverlegt, und an der alten
Stätte hatten sich kraft der in kultischen Dingen üblichen Beharrung nur noch
bestimmte traditionelle Begehungen erhalten, die von der einstigen Bedeutung
des Heiligtums bei Sichern herkamen.
Sehr viel schwieriger ist die Frage zu beantworten, ob aus dem alten Über-
lieferungsbestand von Jos. 24 geschichtlich noch mehr entnommen werden kann
und muß. Wenn die Weiterüberlieferung dieser Geschichte aufder regelmäßigen
Wiederholung der darin geschilderten Begehungen beruht, so erzählt sie doch
ein einmaliges Ereignis zur Begründung eben dieser dann wiederholten Be-
gehungen; und dessen Einmaligkeit tritt vor allem in der Rolle hervor, die die
Person Josuas dabei spielt. Es ist also die Frage, ob die Person Josuas mit zum
Grundbestande dieses Überlieferungsstoffes gehört. Da nun der Ephraimit Josua 3
- abgesehen von seinem zweifellos sekundären Vorkommen an einigen Penta-
teuchsteIlen - zu den ursprünglich benjaminitischen ätiologischen Landnahme-
erzählungen in Jos. 2-9 sicher nicht von Hause aus gehört hat, aber auch in der
1 Vgl. dazu C. Steuernagel, Wellhausen-Festschrift (BZAW 27 [1914]) S.329ff.
2 In ihnen ist von der Lade nicht die Rede, abgesehen von dem wahrscheinlich jüngsten
StückJos. 8.30ff., in das aber die Lade nur wegen ihrer Rollein Jos. 3. 4. 6 aufgenommen
worden ist. Diese Überlieferungsstücke kennen also das Heiligtum beiSichem in Wirklich-
keit nicht mehr als Zentralheiligtum, sondern nur noch als Stätte von Bräuchen, die sich an
dem einstigen Orte des Zentralheiligtums behauptet hatten.
3 Josuas Grabstätte zeigte man in einern ephraimitischen Orte (Jos. 24,30).
7. Das Zwölfstämmesystem 91
wohl gleichfalls benjaminitischen Schlachterzählung von Jos. 10,1 ff. ebensowe-
nig fest verwurzelt ist wie in der galiläischen Schlachterzählung vonJosua II, dE,
muß immerhin mit der Möglichkeit gerechnet werden, daß Josua überlieferungs-
geschichtlich aus dem Sachbereich von Jos. 24 stammt. Und dann erhebt sich
die Frage, ob Josua nicht in der Tat in der Geschichte des Zwölfstämmever-
bandes eine Rolle gespielt hat. Man kann nach Jos. 24 wenigstens fragen, ob er
nicht derjenige gewesen ist, der als erster dem Zwölfstämmeverband in Sichern
"Satzung und Recht" gegeben hat, der also bei der Begründung dieser Amphi-
ktyonie eine führende Stellung gehabt hat. Es wäre von da aus ohne Schwierig-
keit zu begreifen, daß er, nachdem einmal die Vorstellung von dem einmaligen
Akt einer gesamtisraelitischen Landnahme sich gebildet hatte, als der Begründer der
Ordnungen des Zwölfstämmeverbandes auf palästinischem Boden nun zugleich
zumAnführer des gemeinsamen Landnahmeunternehmens wurde.Diese aufJos.24
begründete Vermutung über den geschichtlichen Ausgangspunkt der Über-
lieferung über Josua ist allerdings mit den uns zur Verfügung stehenden Quellen
nicht mehr sicher zu beweisen; und so ist sie nicht mehr als nur eine Möglichkeit.
Aus uns nicht mehr bekannten Gründen ist das amphiktyonische Zentral-
heiligtum an der Stätte bei Sichern eines Tages aufgegeben und verlegt worden.
Da es nur im gütlichen Einvernehmen mit dem Stadtstaat von Sichern, auf dessen
Territorium es lag, diese seine Rolle spielen konntel , hat vielleicht ein Konflikt
mit den Sichemiten die israelitischen Stämme zu dieser Verlegung veranlaßt 2 •
Vielleicht aber war überhaupt in dieser frühen Zeit ein gelegentlicher Wechsel
der Stätte des kultischen Mittelpunktes vorgesehen im Hinblick auf den Cha-
rakter der Lade als eines ehemaligen Wanderheiligtums, die nicht das Objekt
eines Lokalkultes kanaanäischer Art werden sollte. Jedenfalls scheint für eine
längere oder kürzere Zeit dann zunächst das südephraimitische Heiligtum Bethel
(heute burdsch bitin beibitin) die Rolle des Zentralheiligturns übernommen zu
haben, Dafür spricht einmal die Angabe in Ri. 20,26( (vgl. 20,18; 21,2), wo-
nach zur Zeit der Geschichte von Ri. 19( die Lade in Bethel gestanden habe.
Da sonst nirgends die Lade mit Bethel in Verbindung gebracht wird und nicht
recht ersichtlich ist, wie eine solche Annahme von sich aus hätte aufkommen
sollen 3, so wird es sich hierbei um eine geschichtlich zutreffende Nachricht han-
deln. Dafür spricht aber auch der auffällige Akt einer Wallfahrt von Sichern nach
Bethel, wie er als vermutlich regelmäßiger Brauch der Erzählung von Gen.
35,1-7 zugrunde liegt'. Dabei wurden nach dieser Erzählung gewisse vorbe-
1 Der Stadtstaat von Sichern hatte wahrscheinlich schon sehr früh freundliche Be-
ziehungen zum Stamme Manasse aufgenommen und war geradezu in den Verband dieses
Stammes einbezogen worden; vgl. u.S.I3S.
2 Von einem solchen Konflikt hören wir in Ri. 9 (vgl. u. S. 14If.). Ebenso wie dieser Vor-
fall könnte aber auch ein anderes, uns nicht mehr überliefertes Ereignis ähnlicher Art der
Grund für diese Verlegung des Zentralheiligtums gewesen sein.
sDer Versammlungsort der Stämme in dieser Geschichte war Mizpa (Ri.20,If[), und
Bethel spielt in ihr sonst keine Rolle außer eben als Standort der Lade.
4 Vgl. dazuA.Alt, In piam memoriamAlexandervon Bulmerincq (1938) S.218ff. = Kleine
Schriften zur Geschichte des Volkes Israel I (1953) S. 79 f[
92 1./11. Der Bund der israelitischen Stämme

reitende Handlungen in Sichem vorgenommen und dann nach der Wallfahrt


die eigentlichen Kulthandlungen in Bethel vollzogen. Das sieht so aus, als sei
hier ein ursprünglich geschlossener Kultakt sekundär zerlegt worden und als
seien an der ehedem dafür vorgesehenen Kultstätte nur gewisse Reste erhalten
geblieben und die Haupthandlungen an eine andere Kultstätte abgewandert. Be-
achtet man weiter, daß die "Entfernung der fremden Götter", die nach Gen. 35,2.4
in einer konkreten Handlung am Heiligtum bei Sichem vorgenommen wurde,
auch im Wortlaut eine unverkennbare Beziehung zu Jos. 24,14.23 hat, so wird
hinter dieser ,Wallfahrt von Sichem nach Bethel eben die Verlegung des amphi-
ktyonischen Zentralheiligtums von der einen nach der anderen Kultstätte stecken.
Dann ist über kurz oder lang auch Bethel wieder aufgegeben worden. Zeit:-
weise scheint die T ade in dem Heiligtum yon Gilgal in dem von Benjaminiten
besetzten Stadtgebiet von Jericho ihren platz gefunden zu haben. Die Rolle, die
die Lade in dem gewiß in Gilgal entstandenen Grundbestand der Er,zählung von
Jos. 3.4 von dem Durchzug der landnehmenden Israeliten durch den Jordan
spielt, läßt sich kaum anders verstehen, als daß die Lade einmal mit zu den Lokal-
gegebenheiten von Gilgal gehört hat1• Wenn ohnehin die Lade vor David
keinen ganz. festen Standort gehabt hat, wäre die Annahme. daß auch das Heilig-
tum von Gilgal auf Zeit sie beherbergt hat, gar nicht so fernliegend. Aber etwas
Sicheres wissen wir nicht. Auch in Gilgal, und wo etwa sonst sie noch gestanden
haben mag, ist sie nicht auf die Dauer geblieben. Jedenfalls finden wir sie und
damit den kultischen Mittelpunkt der Stämme schließlich in Silo (heute chirbet
selün) inmitten des ephraimitischen Stammesgebietes. Hier besaß die Lade sogar
ein Tempelhaus (1. Sam. 3.3; vgl. auch Jer. 7,14; 26,9), was in Sichem wahr-
scheinlich nicht und in Bethel und Gilgal sicher nicht der Fall gewesen war. Was
die Wahl gerade von Silo veranlaßt hat, läßt sich nicht mehr sagen. Die Tere-
binthe bei Sichem war ein zentral gelegenes Heiligtum gewesen. das nach seiner
Zugehörigkeit zu einem der wenigen im Gebirge und d. h. im Wohnbereich der
Stämme gelegenen alten kanaanäischen Stadtstaaten zweifellos schon ein ehr-
würdiges Alter hatte, als die Israeliten im Lande erschienen. Ähnliches gilt für
Bethel; dieses Heiligtum gehörte zu der seit der Mittelbronzezeit bestehenden 2
Stadt, die ursprünglich den Namen Lus getragen hatte und dann nach dem Heilig-
tumBethel genannt wurde (heute betin), und dürfte neben Sichem eines der wich-
tigsten alten Heiligtümer auf dem Mittelteil des westjordanischen Gebirges ge-
wesen sein, so daß es naheliegen mußte, nach der Aufgabe von Sichem den
amphiktyonischen Mittelpunkt dorthin zu verlegen. Auch Gilgal war sicher ein
altes und wahrscheinlich viel besuchtes Heiligtum auf dem Territorium des ein-
stigen Stadtstaates Jericho. Silo hingegen war ein kaum sehr bedeutender Ort
auf dem Gebirge Ephraim, der von den landnehmenden Ephraimiten besiedelt
wurde 3 und dann nur durch die Aufstellung der Lade in seinem Heiligtum eine
1 Darauf hat mit Recht H.-J. Kraus, Vetus Testamentum 1 (1951) S.184f. hingewiesen.
2 Dies haben die Ausgrabungen an Ort und Stelle gezeigt; vgl. die vorläufigen Berichte
darüber von W. F. Albright, BASaR 55 (1934) S.23ff.; 56 (1934) S.2ff.
8 Dänische Ausgrabungen haben das alte Silo aufgedeckt.
§ 7. Das Zwölfstämmesystem 93
vorübergehende Bedeutung gewann. Wir wissen zu wenig über die Vorgänge
jener frühen Zeit, um noch ausmachen zu kÖhnen, warum die Lade gerade nach
Silo kam. Sie ist dort eblieben, bis sie schließlich in die Hände der Philister fiel,
die dann wa rsc ein ic auc Sta t un Hei igtum von Si 0 zers~iÖithaEen.- I~
Zusammenhang mit dem aufkommenden Königtum ist endlich die Angelegen-
heit der zentralen Kultstätte ganz neu geregelt worden.
Israel hat sich in der Form eines amphiktyonischen Zwölfstämmeverbandes in
der Geschichte konstituiert; und das ist für den ganzen weiteren Verlauf seiner
Geschichte von grundlegender Bedeutung geblieben. Sich selbst hat Israel jeden-
falls stets als eine Gemeinschaft der zwölf Stämme verstanden und trotz aller
späteren Eingriffe in seinen äußeren Bestand daran festgehalten. Zu einer reinen
Fiktion ist das bis zum Ende der Geschichte Israels zwar nie geworden, da es
immer noch Nachkommen der alten Stämme als Traditionsträger im Lande ge-
geben hat. Andrerseits aber wurde die Gliederung Israels in zwölf Stämme später
doch mehr zu einem Element einer theoretisch festgehaltenen Tradition, ohne
noch dem gegebenen Sachverhalt wirklich zu entsprechen. Dies freilich war in
gewissem Umfang von Anfang an der Fall, indem schon in dem älteren Zwölf-
stämmesystem Glieder des voraufgegangenen Sechsstämmeverbandes mitgezählt
wurden, die nur in versprengten Resten noch existierten. So ähnlich ist es dann
später auch noch bei weiteren Stämmen wahrscheinlich der Fall gewesen. Gleich-
wohl hat man an dem System, zu dem die feste Zwölfzahl gehörte, festgehalten ;
und das System seinerseits hat die noch vorhandenen Restbestände reduzierter
Stämme unter den überkommenen Namen zusammengehalten.
Israel ist in die Geschichte eingetreten in einer äußeren Gestalt, die in keiner
Weise singulär war. Gerade die Tatsache, daß ähnliche amphiktyonische Zwölf-
stämmeverbände im Umkreis um Israel und darüber hinaus auch anderwärts in der
alten Mittelmeerwelt bestanden, hat das sachgemäße Verständnis des israelitischen
Zwölfstämmesystems ermöglicht. Und Israel hat sich zu einem solchen Zwölf-
stämmeverband formiert im Zuge einer großen Landnahmebewegung, die weit
über den Kreis Israels hinaus als aramäischeWanderung auch zahlreiche andere Ele-
mente aus der Wüste auf den Kulturlandboden Syrien-Palästinas (und des Zwei-
stromlandes) führte und innerhalb deren die Organisation zu Zwölfstämme-
verbänden auch außerhalb Israels nachweisbar ist. Israel ist also nicht nur in eine
Welt eingetreten, mit deren Geschichte sich nunmehr die seinige auf das mannig-
fachste verknüpfte, sondern es ist selbst im Zusammenhang mit größeren geschicht-
lichen Bewegungen zu dem geworden, was es war. Das besondere Wesen Israels
kannalsonichtinden besprochenenVorgängen undGestaltungengesuchtwerden.
Dazu gehört auch die Sammlung um ein zentrales Heiligtum, die ein wesent-
liches Element im Leben solcher Zwölfstämmeverbände war. Dieses Zentral-
heiligtum hat anfangs in Israel ebensowenig wie in anderen Stämmeverbänden
die Pflege anderer Heiligtümer ausgeschlossen, an denen die einzelnen Orts-
gemeinden und die in ihnen vereinigten Sippen ihre lokalen Kulte übten oder
darüber hinaus vielleicht auch die einzelnen Stämme für sich zusammenkamen
oder auch traditionelle Wallfahrergemeinschaften Sich zusammenfanden. Für
94 I./II. Der Bund der israelitischen Stämme

Israel als Ganzes aber war der Kult am Zentralheiligtum offiziell, und allein hier,
aber eben hier trat die Gemeinsamkeit Israels kultisch in Erscheinung. Damit
wurde das Zentralheiligtum für Israel zu einer Kultstätte besonderen Ranges;
und die Tendenz auf eine noch weitergehende Zentralisierung des kultischen
Handelns hin, die später noch.eine Rolle spielen sollte, war in Israel von Anfang
an gegeben. Nur daß Israel auch in diesem Punkte keinen Ausnahmefall dar-
stellte, der in seinem besonderen Wesen begründet gewesen wäre, sondern
leidglich das für Zwölfstämmeverhände auch sonst Wesentliche damit auch bei
sich verwirklichte. Das Besondere Israels liegt nur darin, daß diese alten Ord-
nungen hier auch unter veränderten geschichtlichen Bedingungen in weiterem
Umfang festgehalten worden sind, als es anderwärts der Fall war.

§ 8. Die Einrichtungen des Zwölfstämmebundes


Über das Leben und die Funktionen des israelitischen Zwölfstämmeverbandes
erfahren wir aus der alttestamentlichen Überlieferung unmittelbar so gut wie
gar nichts, und auch mittelbare Schlußfolgerungen aus verstreuten Angaben sind
nur in beschränktem Ausmaß möglich. Kein Wunder; denn von regelmäßig
arbeitenden und daher nicht besonders bemerkenswerten Institutionen pflegt
mari nicht viel zu erzählen und weiterzuüberliefern. Sie treten meist erst mit dem
beginnenden Stadium amtlicher Aufzeichnungen überlieferungsmäßig in Er-
scheinung, und das wurde in Israel erst durch das Aufkommen des Königtums
erreicht. Gerade weil die Verfassung des amphiktyonischen Zwölfstämmever-
bandes für Israel so wesentlich war, daß sie bis zum Beginn der Staatenbildung
eine dauernde und daher selbstverständliche Einrichtung blieb, wird so wenig
über sie im A.T. berichtet.
In ihrem Mittelpunkt stand als sichtbare Äußerung der Zusammengehörigkeit
der gemeinsame Kult am Zentralheiligtum "vor Jahwe", d.h. vor der
Lade als der Stätte der göttlichen Gegenwart (vgl. Ri. 20,26f.). Einzelheiten
über diesen Kult aber sind uns völlig unbekannt. Sicher anzunehmen sind zu be-
stimmten Zeiten regelmäßige Darbringungen von Opfern im Namen von ganz
Israel und das wohl wenigstens einmal jährliche Abhalten von Wallfahrtsfesten.
Die alte Satzung, daß "dreimal im Jahre alle männlichen Wesen das Antlitz
Jahwes sehen" sollen (Ex. 23,17; 34,23), kann sich nur auf die lokalenHeilig-
tümer überall im Lande und auf die drei Ackerbaufeste, die an diesen Heilig-
tümern gefeiert wurden, beziehen, da sie für das Zentralheiligtum praktisch un-
durchführbar gewesen wäre. Wenn wir hingegen in LSam. 1,3ff. von Elkana,
dem Vater Samuels, hören, daß er "Jahr für Jahr" (Vers 7) mit seiner Familie
nach Silo zog, um dort "im Hause Jahwes" "anzubeten und zu opfern", so
könnte es sich hier um ein jährlich gefeiertes amphiktyonisches Fest handeln, bei
dem dann gewiß alle Stämme offiziell vertreten sein mußten, zu dem sich aber
auch sonst viele Israeliten zusammenfanden, besonders wenn für sie wie für
den Ephraimiten Elkana das Zentralheiligtum in erreichbarer Nähe lag.
§ 8. Die Einrichtungen des Zwölfstämme bundes 95

Bei Gelegenheit dieser Feste traten gewiß auch die Stämme zur Beratung über
gemeinsame Fragen zusammen durch offizielle Abgeordnete, durch die die
Stämme sich vertreten ließen. Es scheint so, daß diese Stämmeabgeordneten die
Bezeichnung l('iDl führten und daß man diese Bezeichnung auf Grund des
hebräischen Ausdrucks "P l(izll u. ä. etwa im Sinne von "Sprecher" verstehen
kann!. Jedenfalls haben wir in Num. 1,5-16; 13.4-15; 34,17-28 Listen von je
zwölf C'l('izll, von denen jeder einem der zwölf Stämme zugehörte; und in
Gen. 25,16 wird im Anschluß an das ismaelitische Zwölfstämmesystem von
zwölf offenbar dazugehörigen C'l('izll gesprochen. Als Amtsträger im Rahmen
einer sakralen Institution standen diese C'l('izll unter dem besonderen Schutze
göttlichen Rechtes, wie denn in Ex. 22,27 das Verfluchen eines l('izll verboten
wird im unmittelbaren Anschluß an das Verbot, Gott zu verfluchen. Genaueres
über das Amt und die Aufgaben des l('izll aber erfahren wir nicht.
Auf dem kultischen Handeln im engeren Sinne aber lag vielleicht gar nicht
der Nachdruck im israelitischen Zwölfstämmeverband. Es mag zwar die Ein-
richtung eines ständigen, im Namen Israels geführten Priestertums am Zentral-
heiligturn gegeben haben. Im Tempel von Silo fungierten vor der Lade Eli und
seine Söhne als Priester (1. Sam. 1- 3), und beim Auszug der Lade in den
Philisterkrieg wurde sie von den Söhnen Elis begleitet (1. Sam. 4,4.11)2. Da-
nach scheint das Priestertum vor der Lade erblich gewesen zu sein. Aber wir
wissen nicht einma1, ob es sich dabei um ein durch die Gesamtheit der Stämme
bestelltes Priestertum am amphiktyonischen Zentralheiligtum handelt und nicht
vielmehr um das alte lokale Priestertum von Silo, das mit der Verlegung des
Zentral heiligtums nach Silo zugleich die laufende Betreuung der Lade mit über-
nahm, wie es dann vorher die Ortspriestertümer von Sichern und Bethel und
Gilgal getan hätten, und ob nicht etwa bei den großen amphiktyonischen Festen
die C'l('izll der Stämme die notwendigen priesterlichen Funktionen ausübten.
Das alles ist uns durchaus ungewiß, und die spärlichen und verstreuten Angaben
der alttestamentlichen Überlieferung lassen verschiedene Möglichkeiten der
Deutung offen. Bemerkenswert ist die Tatsache, daß wenigstens im Falle
von Sichern, Bethel und Gilgal der amphiktyonische Zentralkult an alten
kanaanäischen Heiligtümern des Landes stattfand, auch wenn Sichern, Bethel
und Gilgal in engen Beziehungen zu den Stämmen Manasse, Ephraim und Ben-
jamin standen. Denn mit den heiligen Stätten ging zweifellos auch viel von den
bodenständigen kanaanäischen kultischen Traditionen und Bräuchen auf Israel
über. Und das gilt nun nicht nur für die zahlreichen lokalen Heiligtümer überall
im Lande, sondern auch für den offiziellen Kult des Gesamtstämmeverbandes, der
vor der altheiligen Terebinthe von Sichern (vgl. Gen. 12,6 u.ö.), vor dem eben-
falls altheiligen aufgerichteten Stein der Massebe von Bethel (vgl. Gen. 28,18.22)
u. dgl. stattfand. Das alles aber entspricht nur der Tatsache, daß man in Israel
1 Weitere Belege und Einzelheiten bei M. Noth a.a.O. S.ISIff.
2 Daß die Söhne Elis die Lade selbst getragen hätten, steht ausdrücklich nicht da; nur die
Gegenwart von Priestern war bei der Lade erforderlich; das Tragen erfolgte wohl durch
untergeordnete Kultdiener .
1./11. Der Bund der israelitischen Stämme

überhaupt auf dem Gebiete des Kultes in weitestem Umfang nach der Landnahme
die Landestraditionen übernommen hat; man opferte in der Art, die im Lande üb-
lich warl , man feierte die auf dem Kulturlandboden beheimateten Ackerbaufeste,
man verehrte die seit alters heiligen Stätten. Das bedeutete nicht einen Übergang
zu den Landeskulten mit ihren Göttern; aber abgesehen von allerlei aus der Wüste
mitgebrachten Bräuchen übernahm Israel für seinen Gottesdienst weithin den
landesüblichen Rahmen und die landesüblichen Formen, und nur spezielle, in be-
stimmten Landeskulten wie den Kulten der Muttergöttin und des jugendlichen
Vegetationsgottes beheimatete Bräuche wurden in Israel als fremd und abgöttisch
abgelehnt. Daraus ergibt sich, daß Israel das Besondere seiner Art gerade nicht
in seinem Kultwesen zum Ausdruck gebracht hat. Dieses Gebiet gehörte ganz
selbstverständlich mit zu seinem Leben, und als Zwölfstämmeverband hatte Israel
wie andere Verbände ähnlicher Art sein kultisches Zentrum mit Wallfahrtsfesten
und Opfern. Aber das kultische Handeln hatte für Israel anscheinend nicht die
Bedeutung des für Israel Wesentlichen; undesistkaumeinZufall,daßdasA.T.
verglichen mit anderen religionsgeschichtlichen Urkunden aus seiner Umwelt!
auffallend wenig Interesse für rein kultische Vorgänge und Fragen zeigt.
Die dürftigen Nachrichten, die wir im A.T. über die Begehungen am amphi-
ktyonischen Zentralheiligtum haben, lassen denn auch etwas anderes als speziell
kultische Handlungen in den Vordergrund treten. In Jos. 24 ist von Opfern
überhaupt keine Rede, sondern von einem Bekenntnis zu Jahwe und von einem
Bimdesschluß, über dessen äußere Formen nichts verlautet, und von einer Fest-
setzung von "Satzung und Recht", die in ein "Gesetzbuch Gottes" aufgeschrieben
werden, und endlich von der Errichtung eines "großen Steines" unter der
Terebinthe im Heiligtum Jahwes. Und ähnlich ist es in den späten sekundär
deuteronomistischen Stücken inDtn. 1I,29f.; 27,1 ff. ;Jos.8,30ff.; hier hören wir
zwar von der Errichtung eines Altars und der Darbringung von Opfern (Dtn.
27,5-7;Jos. 8,30.3 I), vor allem aber von einem Aufschreiben der "Gesetzesworte"
auf daselbst aufgerichtete große Steine (Dtn. 27,2-4.8; Jas. 8,32) und von einer
Verlesung der "Gesetzesworte" (Jos. 8,34.35; vgl. Dtn. 27,9f.) und von einem
feierlichen Aussprechen von Segen und Fluch, das mit den "Gesetzesworten"
sachlich zweifellos zusammengehört (Dtn. 11,29.30; 27,11-13; vgl. Jos.8,33 und
auch Dtn. 27,14-26). Diese deuteronomistischen Stücke scheinen zwar in einer
wenig einheitlichen und etwas undurchsichtigen Weise verschiedene Vorstel-
lungen miteinander zu kombinieren und etwa in der Angabe über das Auf-
geschriebenwerden der Gesetzesworte auf größe Steine ein junges und kaum
authentisches Element zu enthalten. Sie können daher nicht als primäre Quellen
für die Begehungen am alten Zentralheiligtum herangezogen werden, von denen

1 Die im Titel seines Buches ausgedrückte These von R. Dussaud. Les origines cana-
neennes du sacrifice israelite (1921) ist. durchaus bestätigt worden durch die später gefun-
denen Texte von Ugarit, mit deren kultischer Terminologie die des A.T, mancherlei Be-
rührungen aufweist.
J Zu vergleichen sind jetzt vor allem die Texte von Ugarit mit ihrem kultisch-mytho-
logischen Inhalt.
§ 8. Die Einrichtungen des Zwölfstämmebundes 97
sie offenbar keine unmittelbare Kenntnis mehr haben; aber ein vielfach gebro-
chener Reflex von jenen Begehungen liegt in ihnen anscheinend doch vor, und
der steht mit Jos. 24 in offenkundigem Einklang. Danach spielten "Satzung und
Recht", "Gesetzesworte" eine wesentliche Rolle bei den Stämmeversammlungen
am Zentralheiligtum. Dazu gehörten Segen und Fluch für Einhalten und über-
treten der Rechtssatzungen und als Grundlage der Geltung solcher Satzungen das
Verhältnis des Bundes zwischen Gott und Volk, der nach Jos. 24,25 am Zentral-
heiligtum - jeweils erneut - geschlossen zu werden pflegte. Daraus ergibt sich ein
ungefähres Bild von dem, was als für Israel wesentlichamMittelpunktdes Stämme-
verbandes bei den feierlichen Zusammenkünften der Stämme jeweils begangen
wurde; man wird sich freilich hüten müssen, aus den wenigen und nur mittel-
baren Nachrichten des A.T. den Gang der Dinge im einzelnen rekonstruieren
zu wollen. Das erlaubt auch die Stelle Dtn. 31,10-13 nicht, die in diesem Zu-
sammenhang wahrscheinlich noch heranzuziehen ist, obwohl sie den Ort des
Zentralheiligtums nicht nennt und vermutlich schon den Tempel von Jerusalem
im Auge hat. Sie steht unter den sekundären Stücken des deuteronomistischen
Geschichtswerkes und enthält die Anweisung, daß alle sieben Jahre am Herbst-
fest, wenn "ganz Israel zusammenkommt, um das Antlitz seines Gottes Jahwe
zu sehen", das Gesetz öffentlich zur Belehrung von ganz Israel verlesen werden
solle. Sie meint dabei speziell das spätere deuteronomische Gesetz, scheint aber
mit der Forderung der in jedem siebenten Jahre vorzunehmenden Gesetzes-
verlesung an einen alten Brauch anzuknüpfen, der möglicherweise von Anfang
an am israelitischen Zentralheiligtum geübt worden war. Danach hätte abgesehen
von den vermutlich jährlich vorgenommenen Akten alle sieben Jahre eine be-
sonders feierliche Begehung am Zentralheiligtum stattgefunden und dabei die
Gesetzesverlesung die wesentliche Rolle gespielt.
Nach alledem hat das Besondere Israels von Anfang an nicht in einem spe. .
ziellen und singulären Kult am Zentralheiligtum bestanden, sondern darin, daß
es einem Gottesgesetz unterworfen war, das bei den Stämmeversammlungen
in regelmäßigen Abständen vorgetragen wurde und auf das Israel sich in stets
erneuten Bundesschlußakten verpflichtete. Dem entspricht die Tatsache, daß das
einzige gesamtisraelitische Amt, von dem die alttestamentliche überlieferung für
die älteste Zeit ausdrücklich berichtet, nicht etwa ein priesterliches gewesen ist,
sondern ein richterliches. In Ri.IO,I-5; 12,7-15 haben wir eine Liste der
sogenannten "kleinen Richter". Sie werden so bezeichnet zur Unterscheidung
von den "großen Richtern", über die im "Richterbuch" ausführliche Erzäh-
lungen vorliegen, die aber nach allem, was von ihnen berichtet wird, gar nicht
Richter waren, sondern charismatische Anführer von Stämmen in mancherlei
kriegerischen Auseinandersetzungen und nur durch den Verfasser des deuterono-
mistischen Geschichtswerkes in die Reihe der "Richter" mit einbezogen worden
sind, weil einer von ihnen, Jephtah, zugleich in der Liste der "kleinen Richter"
standl • Die alte überlieferung wußte nur von den "kleinen Richtern" als den
1 Über diesen literarischen Vorgang vgl. M. Noth, Überlieferungsgeschichtliche Stu-

dien I (1943) S·47ff.


I./II. Der Bund der israelitischen Stämme

Richtern Israels, und diesen allein kommt sachlich und überlieferungsmäßig


die Bezeichnung "Richter" zu. In der genannten Liste erscheinen sie als die
Träger eines Amtes, das jeweils von einem Manne verwaltet wurde; und die
Liste nennt sechs solcher Richter, die in lückenloser Folge das Richteramt ge-
führt haben. Es wird jeweils nur kurz Name, Abstammung und Heimat ange-
geben, dann in Jahren die Zeitdauer ihrer Amtsführung mitgeteilt und zum
Schluß noch kurz der Ort ihres Grabes angegeben; bei einigen von ihnen sind
noch kurze, anekdotenhaft anmutende Bemerkungen in diesen Rahmen einge-
schaltet wordenl • Von diesen abgesehen macht dieses Oberlieferungselement den
Eindruck, auf offiziellen Aufzeichnungen zu beruhen. Das gilt speziell auch für
die Angaben der Jahre, während deren sie "Israel gerichtet" haben. Es verdient
Beachtung, daß wir hier die einzigen exakten (nicht runden) und offenbar
authentischen chronologischen Nachrichten vor uns haben, die das A.T. für die
Zeit vor der Staatenbildung überhaupt enthält. Die Tatsache, daß diese Nach-
richten amtlich festgehalten und weiterüberliefert worden sind, läßt sich wohl
nur damit erklären, daß nach den Amtsjahren dieser Richter im ältesten Israel
offiziell datiert worden ist. Wenn das richtig ist, dann ergibt sich auch daraus,
daß wir es hier mit dem zentralen Amt im israelitischen Zwölfstämmeverband
zu tun haben, daß also Gesetz und Recht in diesem Verbande eine entscheidende
Rolle gespielt habenS.
Ober die wortkargen Angaben der Liste hinaus wissen wir allerdings nichts
Genaueres über die Stellung und die Funktionen dieses Richteramtes. Wurden
die Richter, die in einer anscheinend regellosen Folge aus ganz verschiedenen
Stämmen stammten, jeweils von den Stämmen gewählt~ Erfolgte die Wahl
durch die offiziellen Stämmevertreter, die C'N'fI.'l, bei Gelegenheit einer der
großen Bundesversammlungen am Zentralheiligtum~ Oder wurde die Bestim-
mung der Richter einer durch das Los ermittelten göttlichen Entscheidung am
Zentralheiligtum überlassen3~ Es lassen sich verschiedene Möglichkeiten denken;
aber wir haben keinerlei Anhaltspunkte mehr für die Entscheidung dieser
Fragen. Auch über die Rechte und Pflichten dieses Amtes können wir nur Ver-
mutungen anstellen. Daß ihm die Rechtsprechung obgelegen habe, ist wenig
wahrscheinlich; denn die lag in den Händen der Sippenältesten (C·lj.'t), die "im
Tore", d.h. im Durchgang des Stadttores und auf dem platze davor als der
Stätte des ganzen öffentlichen Lebens, Recht zu sprechen pflegten nach den
überkommenen und zunächst mündlich weitergegebenen und schließlich schrift-
lich fixierten Satzungen des "bürgerlichen" Rechtes, oder auch in den Händen
der Priester an den Heiligtümern im Lande, vor deren sakrales Gericht bestimmte
Rechtsfälle gebracht wurden oder die in Fällen der Unmöglichkeit der Ermitr-

1 Einzelheiten darüber bei M. N oth, Festschrift Alfred Berthölet (1950) S.404ff.


2Wenn der Kult das Wesentliche gewesen wäre, hätte man nach den Jahren der (Ober-)
Priester des ZentralheiIigtums datieren können, wofern es solche gegeben haben sollte.
a Dazu ließe sich die allerdings literarisch junge Erzählung von der Auslosung Sauls zum
König in I. Sam. 10,19b-21 vergleichsweise heranziehen (vgl. auch Jos. 7.16-18). die wenig-
stens beweist, daß ein solches Verfahren in Israel bekannt war.
§ 8. Die Einrichtungen des Zwölfstämmebundes 99
lung des Tatbestandes zur Herbeiführung eines "Gottesurteils" angegangen
wurdenl • Höchstens als Berufungsinstanz hätte allenfalls der "Richter Israels"
angerufen werden können; aber es ist mehr als zweifelhaft, ob eine Berufung
gegen einen einmal gefällten Urteilsspruch überhaupt als statthaft angesehen
wurde. Viel wahrscheinlicher ist es, daß das zentrale Richteramt Israels in sach-
lichem Zusammenhang stand mit demjenigen Recht, das ganz Israel als solchem
galt, d. h. mit dem Gottesrecht, dem Israel unterworfen war und das bei den
Zusammenkünften des Stämmeverbandes am Zentralheiligtum regelmäßig neu
verkündet werden mußte, daß der "Richter" Israels derjenige war, der es
kennen, auslegen und darüber Auskunft geben mußte, der über seiner Beachtung
zu wachen und vielleicht selbst es öffentlich zu verkündigen hatte, dem es
schließlich auch oblag, seine Anwendung auf neue Situationen und damit seine
Weiterbildung verantwortlich vorzunehmen und überhaupt die Stämme über
die Bedeutung und Anwendung seiner einzelnen Sätze ständig zu belehren. Aus
dem Wenigen, was wir über das ältere Israel wissen, ergibt sich diese Auffassung
mit Wahrscheinlichkeit; und die Existenz dieses Richteramts zeugt fUr die we-
sentliche Bedeutung, die dem Gottesrecht in Israel zukam 2•
Die Frage liegt nahe, ob in den zahlreichen und umfänglichen Sammlungen
von Rechtssatzungen, die wir im A.T. haben, nicht die Formulierung des ältesten
Gottesrechtes Israels noch erhalten sei. Denn wenn es gewiß auch zunächst
mündlich tradiert worden ist, so ist es doch mit der Zeit wahrscheinlich einmal
schriftlich fixiert worden; und daß es dann mit in die alttestamentliche Über-
lieferung eingegangen sei, ist eine gewiß naheliegende Erwartung. Wir haben
jedoch keine sichere Handhabe, es noch zuverlässig zu bestimmen,zumalja nicht
von vornherein etwas Genaueres über seinen Inhalt feststeht. Denn zwar auch
andere Stämmeverbände, wie etwa die griechischen Amphiktyonien, haben ihr
für alle Mitglieder verbindliches "Amphiktyonenrecht" gehabt; aber in diesem
Punkte ist mit geschichtlichen Analogien nicht recht weiterzukommen, da sehr
1 Genaueres darüber bei A.Bertholet, Kulturgeschichte Israels (1919) S.194ff. und bei
L. K öhle r, Die hebräische Rechtsgemeinde (Der hebräische Mensch [1953] S. 143 ff.).
2 Es bedarf zur Bestätigung dieser aus alttestamentlichen Angaben gezogenen Schluß-
folgerungen nicht des Nachweises geschichtIicherParallelen; aber es ist nicht unwillkommen,
wenn sich solche anführen lassen, selbst wenn sie räumlich und zeitlich so weit entfernt
liegen, daß man einen geschichtlichen Zusammenhang nicht annehmen kann. Es ist das Ver-
dienst von A. Klostermann, Der Pentateuch. Neue Folge (1907) S.348ff., das Amt des
isländischen "Gesetzsprechers" genau studiert und für die Erklärung der Institution der
"kleinen Richter " (a.a.O. S.419ff.) sowie für die Herleitung der Form des deuteronomischen
Gesetzes aus dem auslegenden Gesetzesvortrag herangezogen und fruchtbar gemacht zu
haben. Trotz der ausführlichen Kritik von A. F. Puukko, Das Deuteronomium(BWAT 5
[1910]) S.175ff. an den Schlußfolgerungen Klostermanns für das Deuteronomium hat sich
doch dessen Vergleich der israelitischen Einrichtung mit dem isländischen "Gesetzsprecher"
mehr und mehr als sachgemäß bewährt; vgI. außer der zurückhaltenden Zustimmung von
M. We be r, Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie III (1923) S.93 jetzt vor allem
A. Al t, Die .Ursprünge des israelitischen Rechts (1934) S.3Iff. = Kleine Schriften zur Ge-
schichte des Volkes Israel I (1953) S. 300 ff. zu den Richtern Israels und G. v; Rad, Deu-
teronomium-Studien (1947) S.7ff. zum Zusammenhang des Deuteronomiums mit dem
Gesetzesvortrag.
100 1./11. Der Bund der israelitischen Stämme

damit zu rechnen ist, daß das Gottesrecht Israels etwas Besonderes und Ein-
maliges war. Man wird das Älteste, was wir an genuin israelitischen Rechts-
satzungenl im A.T. noch haben, gern als das ursprüngliche Bundesrecht Israels
ansehen und in den späteren Rechtsbüchern bis hin zum sogenannten Heilig-
keitsgesetz in Lev. 17-26 und zum deuteronomischen Gesetz in Dtn. 12-26
Weiterbildungen des ersten Ansatzes erblicken dürfen. Jenes Älteste aber ist
innerhalb des sogenannten Bundesbuchs in Ex. 21-23 zu suchen; und so haben
die genuin israelitischen Teile des Bundesbuchs, "die religiösen und sittlichen
Verbote" in Ex. 22,I7ff. 2 am ehesten Anwartschaft darauf, als Elemente des ur-
sprünglichen Gottesrechtes Israels angesprochen zu werden 3• Ihr Inhalt läßt sich
nicht in einem kurzen Satz zusammenfassen; doch war ihr Anliegen, wie das der
alttestamentlichen Rechtssatzungen überhaupt, durch Verbote von Dingen, die
man nicht tun darf, das Gottesverhältnis Israels intakt und unversehrt zu erhalten
und seine mögliche Störung auf allen Gebieten des Lebens zu verhindern 4 • Da-
nach unterstand Israel einem Gottesgesetz, das seine Bewährung in allen Lagen
des Lebens verlangte und das zur Voraussetzung ein streng geregeltes Verhältnis
Israels zu seinem Gotte hatte. Dieses Gottesgesetz wurde den Stämmen bei ihren
Versammlungen immer wieder verkündet und ausgelegt, und über diesem Gottes-
gesetz wachte das zentrale Amt des "Richters Israels" ; die Geltung dieses Gottes-
gesetzes trennte Israel von anderen Völkern, und die Voraussetzung dieses Gottes-
gesetzes war das Einmalige, das die Existenz und Art Israels bestimmte5•
Der Stämmeverband war nicht nur an dieses Gottesgesetz gebunden, sondern
auch verpflichtet, Übertretungen zu ahnden, und konnte nötigenfalls dazu auf-
geboten werden, eine solche Ahndung mit Gewalt gegen irgendeines seiner
Mitglieder durchzusetzen, so wie auch in anderen Stämmeverbänden, wie den
griechischen Amphiktyonien, widerspenstige Mitglieder den Ordnungen des
Ganzen mit Gewalt unterworfen werden konnten. Die Bestrafung von Über-
tretern erfolgte in Israel, um "das Böse (bzw. den Bösen) aus der Mitte Israels zu
beseitigen" (dies eine deuteronomische Formulierung Dtn. 13,6 u.ö.). Um die
Übertretung vor dem Gottesgesetz wieder ungeschehen zu machen, wurde der
Übertreter - in der Regel durch die mit Beteiligung der Gesamtheit erfolgende
Steinigung - "aus seinem Volke ausgerottet", so als habe er nie zu diesem Volke
1 Von den "apodiktisch" oder "kasuistisch" formulierten Rechtssatzungen (zu dieser
Unterscheidung vgl. A. Alt a.a.O. S.I2ff. bzw. S. 28Sff.) kommen nur die ersteren als genuin
israelitisch in Bet5acht; sie formulieren in der Regel Verbote mit "du sollst nicht .•. "
2 Zur literarischen und sachlichen Analyse des Bundesbuchs und zu der obigen Bezeich-
nung vgl. A. Jepsen, Untersuchungen zum Bundesbuch (1927).
B Man muß den Satz schon so vorsichtig formulieren, da ein geschlossenes Korpus von
Rechtssatzungen in Ex. 22,17ff. jedenfalls nicht vorliegt.
4 Genaueres darüber bei M. N oth, Die Gesetze im Pentateuch (Schriften der Königs-
berger Gelehrten Gesellschaft, geisteswiss. Kl. XVII,2 [1940]) S.4off.
6 Die Auffassung besonders J.Wellhausens und seiner Schule, daß "das Gesetz" in Israel
eine späte nachprophetische Erscheinung sei, ist nur insofern zutreffend, als die imA.T. ent-
haltenen, unter sich sehr verschiedenen gesetzlichen Partien literarisch zum großen Teile ziem-
Iichjung sind. Das "Gesetz" als Formulierung des Gottesrechtes an sich ah.er hatte seineWurzel
und seine Anfänge in der allerältesten Verfassung des israelitischen Zwölfstämmeverbandes.
§ 8. Die Einrichtungen des Zwölfstämmebundes 101

gehört. Von der gewaltsamen Ahndung einer vorgefallenen übertretung des


Gottesgesetzes hören wir in der einzigen alttestamentlichen überlieferung, die
uns den sakralen Stämmeverband als solchen in der Zeit vor der Staatenbildung
auftretend vor Augen führt, weH es sich offenbar um einen ganz ungewöhnliChen
Fall handelte, der der Weiterüberlieferung wert schien. Nach der in Ri. 19.20
erhaltenen Erzählung, die sicher auf einer alten überlieferungsgrundlage ruht
und nur im einzelnen literarisch ausgestaltet worden zu sein scheint, ereignete sich
in der Zeit, in der "es noch keinen König gab in Israel" (19,1), einmal in der ben-
jaminitischen Stadt Gibea (heute tell el-fül) ein sexuelles Vergehen gegen das Weib
eines Leviten, der das Gastrecht in der Stadt für eine Nacht in Anspruch ge-
nommen hatte. Damit war eine ;K,il':J il;:Jl geschehen (Ri. 20,10; vgl. 19,23),
eine" Freveltat in Israel" - mit diesem terminus technicus hat man anscheinend eine
übertretung des dem Stämmeverband geltenden Gottesrechtes bezeichnet, das ge-
rade im wohlbewußten Gegensatz zum kanaanäischen Wesen in sexuellen Dingen
besonders streng war - ; und da die Bewohner von Gibea sich in Menge an dem
Frevel beteiligt hatten, wurde für diesen Fall der Stämmeverband zusammenge-
rufen, und zwar dadurch, daß jener Levit sein zuTode geschändetes Weib in zwölf
Stücke zerteilte und diese Stücke zu den zwölfStämmen schicktel mit der für einen
solchen Fall wahrscheinlich vorgesehenen Formel: "Richtet eure Aufmerksam-
keit darauf, haltet eine Beratung und fällt einen Spruch!" (Ri. 19,30 LXX). Und
der Stämmeverband kam zu dieser außerordentlichen Versammlung in Mizpa
(heute wohl tell en-nalbe) zusammen, wohl weil Mizpa i~ nächster Nähe des Ortes
der Tat lag, und beschloß, die Tat als ;K,il':J il;:Jl zu ahnden. Da jedoch der Stamm
Benjamin, zu dem die Stadt Gibea gehörte, die Auslieferung der schuldigen Stam-
mesgenossen von Gibea verweigerte (Ri. 20, 13) und sich dadurch mit den Frevlern
solidarisch erklärte, wurde ein Bundeskrieg der übrigen Stämme gegen den Stamm
Benjamin geführt, der schließlich mit einer benjaminitischen Niederlage endete.
Und damit galt dann die Beseitigung dieses Frevels anscheinend als vollzogen.
Dieser Fall zeigt, wie wichtig und ernst die Beachtung der Satzungen des
Gottesgesetzes in dem Zwölfstämmeverbande genommen wurde. In ihrer regel-
mäßigen Verkündigung, in dem Wachen über ihrer Ausführung und in der
nötigenfalls mit Waffengewalt erzwungenen Durchsetzung der Bestrafung ihrer
übertretung spielte sich - abgesehen von den gemeinsamen kultischen Hand-
lungen am Zentralheiligtum - anscheinend in erster Linie das Leben des Zwölf-
stämmeverbandes ab. Als eine politische und nach außen hin gerichtete mili-
tärische Institution hingegen tritt er in der uns erhaltenen überlieferung nicht
hervor; er war es nur, sofern ein Zusammenschluß von zwölf Stämmen in jedem
Falle eine geschichtliche Machtbildung bedeutet, auch wenn eine Machtentfal-
tung gegenüber anderen Mächten nicht zu seinen eigentlichen Aufgaben gehört.
Praktisch jedenfalls blieb das Kriegführen mit feindlichen Nachbarn im allge-
meinen den einzelnen Stämmen überlassen oder gegebenenfalls einem von Fall
zu Fall erfolgenden freiwilligen Zusammenschluß mehrerer Stämme; und so
1 Zur Vorgeschichte dieser Art und Weise des Aufbietens vgl. G. Wallis,ZAW 64 (1952)
S·S7 ff.
102 I./II. Der Bund der israelitischen Sämme

waren denn die einzelnen Stämme für die Behauptung und Erweiterung ihres
neugewonnenen Kulturlandbesitzes tatsächlich meist auf sich selbst angewiesen,
und sie haben die dafür notwendigen Kämpfe für sich allein geführt. Sie besaßen
dazu ihre eigene politische und militärische Verfassung.
Ober diese Verfassung der einzelnen Stämme wissen wir wenig genug, haben
aber gewiß anzunehmen, daß sie in Israel nicht wesentlich anders aussah als bei
den übrigen Elementen, die mit der aramäischen Wanderung im syrisch-palästi-
nischen Kulturland seßhaft wurden, und daß sie bei allen israelitischen Stämmen
im wesentlichen die gleiche war. Das Wichtigste über die innere Gliederung der
Stämme kann aus JOS.7,16-18 1 entnommen werden. Danach setzten sich die
Stämme aus "Sippen" (n,n!)!Dr.l) zusammen2 • Während die Stämme - der
"Stamm" wird im A.T. offenbar auf Grund einer ähnlichen Vorstellung wie bei
dem deutschen Worte als ~:1!D oder n~r.l, d. h. "Ast", "Stab", "Stock", be-
zeichnet-entgegen der traditionellenAuffassung erst auf dem Boden des Kultur-
landes im Zuge des geschichtlichen Vorgangs der Landnahme aus den in einem
bestimmten begrenzten Raum seßhaft werdenden Sippen sich formiert haben
und nicht einfach durch Bande der Blutsverwandtschaft zusammengehalten ge-
wesen sind, dürften die Sippen ältere Verbände darstellen, die schon vor der
Landnahme bestanden hatten und die im Kulturlande dann in Ortsgemein-
schaften beieinander blieben und ihren alten Zusammenhalt bewahrten, z. B. in
bestimmten Kultakten, an denen die Sippe als solche teilnahm 3• Leider ist die
Grundbedeutung des Wortes nn!)rz.!r.l nicht mehr sicher festzustellen; es ist aber
wahrscheinlich, daß die Sippe wenigstens in ihrem Grundbestand eine Ver-
einigung blutsmäßig miteinander verwandter Gruppen darstellte und daß sie die
größte Einheit war, die noch durch Blutsverwandtschaft zusammenhing 4 • Die
Sippen ihrerseits bestanden jeweils aus einer Reihe von Großfamilien (n':1 bzw.
:11( n':1), d.h. den Deszendenzen gemeinsamer Ahnherren über etwa drei bis vier
Generationen hinweg, die nun nicht nur wie die Sippen in besonderen Akten
ihrem verwandtschaftlichen Zusammenhang Ausdruck verliehen, sondern dar-
über hinaus wahrscheinlich durch eine gemeinsame Wirtschaft zusammenge-
halten wurden. Die Klärung dieser Verhältnisse wird dadurch erschwert, daß
im A.T. die genannten Bezeichnungen nicht immer exakt und konsequent ge-
braucht werden und daß die Dinge, besonders die Untergliederung der Sippen,
vielfach noch komplizierter lagen infolge von allerlei sekundären Verzweigungen
und Fusionen, über die uns alle Nachrichten fehlen. Im großen ganzen aber
wird das aus Jos. 7,16-18 sich ergebende Bild ungefähr die im allgemeinen
üblichen Verhältnisse zutreffend wiedergeben.
1 Dazu ließe sich noch I.Sam. IO,20f. vergleichen, wojedochein Glied in der Kette fehlt.
t Vgl. dazu auch die große Liste Num. 26,4 bp-SI, in der die mn!)!Dr.l aller israelitischen
Stämme als deren Unterglieder namentlich aufgeführt werden. .
8 So wird im I. Sam. 20,29 als üblich vorausgesetzt, daß eine Sippe wie die judäische
Sippe, der David angehörte, ihr "Sippenopfer" (nn!)!Dr.l n:1l) in ihrer Ortschaft - in diesem
Falle ist es Bethlehem - zu feiern pflegte, zu dem auch die zufällig zerstreuten Sippen ge-
nossen zusammenkamen.
, Eine solche Sippe entspräche dann etwa einer griechischen Phratrie oder römischen gens.
§ 8. Die Einrichtungen des Zwölfstämmebundes 103

Diesem Aufbau der Stämme entsprach die Gliederung des jeweiligen Stammes-
heerbannes, in dem der Stamm zu Felde zog. Die Stämme führten ihre Kriege
mit dem Aufgebot ihrer sich selbst bewaffnenden, wehrfähigen freien Männer.
Ein eigentliches Berufskriegerturn, wie es die streitwagenkämpfende Herren-
schicht in den kanaanäischen Städten darstellte, kannten die Stämme nicht. Nur
Einzelgestalten "geweihter" Krieger, "Nasiräer", die wie Simson, der das Na-
siräertum in seiner ursprünglichen Gestalt verkörpert, sich freiwillig dem Gesetz
heiliger Unberührtheit unterwarfen, indem sie ihr Haupthaar nicht schoren und
sich der erschlaffenden Kulturlandgabe des Weines enthielten, und dann ge-
waltige Taten kriegerischer Kraft zu vollbringen imstande waren, sowie vom
Gottesgeist getriebene Anführer im Kampfe, wie die Mehrzahl der sogenannten
"großen Richter" des Richterbuches, waren bekannte Erscheinungen. Aber Be-
rufskrieger waren das nicht, die das "Kriegshandwerk" um seiner selbst willen
betrieben hätten, sondern Charismatiker, die im Augenblick des Kampfes zu un-
gewöhnlichen L~istungen befähigt waren. Die kriegerische Kraft Israels aber
beruhte auf den Heerbannen seiner Stämme, die zu Fuß-ohne die adlige Herren-
waffe des pferdebespannten Streitwagens - in den Kampf auszogen. Die Glie-
derung des Heerbannes eines Stammes aber folgte der Unterteilung des Stammes.
Die heerbannpflichtigen Männer einer Sippe bildeten auch im Kriege jeweils
einen Ver band für sich, eine "Tausendschaft". Das Wort"Tausend(schaft)", '"l"~,
wird daher gelegentlich einfach als Bezeichnung für "Sippe" gebraucht, wenn
von den "Tausendschaften" eines Stammes auch in Zusammenhängen die Rede
ist, in denen es sich nicht um den Heerbann handelt (I. Sam. 23,23; Mi. 5,1; auch
Ri. 6, I 5); und wenn es in späten Stücken desA.T. gelegentlich als Wechselbegriff
für "Stamm" erscheint, so liegt dabei eine sekundäre, unsachgemäße Verwendung
vor. Natürlich waren die Sippen sehr verschieden stark; und bei "Tausendschaft"
haben wir es mit einer traditionellen Bezeichnung zu tun, bei der der Zahlbegriff
"tausend" gar keine Rolle mehr spielt. Immerhin gibt uns die Verwendung des
Wortes "Tausendschaft" für den Heerbannverband einer Sippe doch wenigstens
einen ganz ungefähren Begriff davon, wie stark etwa eine Sippe an wehrfähigen
Männern gewesen sein mag. Wenn neben den "Tausendschaften" gelegentlich
"Fünfzigschaften" erscheinen (I. Sam. 8,12; vgl. auch 2. Kön. 1,9ff.)l, so wird
man in ihnen die Großfamilienverbände innerhalb des Heerbannaufgebotes ver-
muten dürfen und auch hierin wieder einen Anhaltspunkt für die ungefähre
Kriegsstärke einer Großfamilie sehen können2•
1 Nach einer nicht unwahrscheinlichen Vermutung von E. Meyer, Die Israeliten und
ihre Nachbarstämme (1906) S.501, bedeutete das Wort c·tz.!7.ln (Ex. 13,18; Jos. 1,14; 4,12;
Ri.7,1I) eigentlich "in Fünfzigschaften geordnet", d.h. kri~~smäßig gegliedert, weil die
wesentliche Einheit des Heerbannes eben die "Fünfzigschaft" war; anders L. Koehler,
Lexicon s.v.
2 "Hundertschaften" kommen im A.T. vor al1em bei Söldnerkontingenten (also nicht
Heerbannaufgeboten) vor (I.Sam.29,2; 2.Sam.18,1.4; 2. Kön. 11,4.19) und außerdem in
summarischen und wenig verläßlichen Zusammenstel1ungen wie Ex. 18,21. "Hundert-
schaften" haben im israelitischen Heerbann anscheinend keine Rol1e gespielt, wahrschein-
lich weil ihnen ein entsprechendes Element in der Gliederung der Stämme fehlte.
104 1./11. Der Bund der israelitischen Stämme

Die Sozialordnung in Israel war patriarchalisch. Sichere Spuren einer etwa


älteren matriarchalischen Ordnung sind innerhalb Israels nicht mehr nachweis-
barl • Die Großfamilie unterstand der patria potestas des Ahnherrn als ihres
Oberhauptes, einschließlich der schon erwachsenen und verheirateten Söhne.
Die größeren Verbände aber wurden von Ältestenkollegien geleitet, die Recht
sprachen, ihren Verband bei Verhandlungen vertraten und sonstige Entschei-
dungen fällten. Hier herrschte also eine durchaus kollegiale Führung. Leider
wissen wir nichts Genaueres über die Zusammensetzung dieser Ältestenkollegien.
Als Älteste (C~lvT) der Sippen fungierten wohl die Oberhäupter der zugehörigen
Großfamilien oder wenigstens der bedeutendsten und angesehensten Groß-
familien. Da die Sippen im Kulturlande in Ortsverbänden beieinander wohnten,
haben wir in den im A.T. vielfach genannten Ältesten einer Ortschaft (I. Sam.
11,3; 16,4; I. Kön. 21,8 ;Dtn. 19,12U. ö.}die betreffenden Sippenältestenzusehen.
Die Einrichtung der Sippenältesten geht aber gewiß in die Zeit vor der Land-
nahme zurück, als die Sippen noch wandernde Verbände gewesen waren, und
wurde dann mit in das Kulturland hereingebracht; denn solche Einrichtungen
pflegen alt zu sein und sich zäh zu erhalt~n. In der Sippe dürfte das Ältestenamt
seine Wurzel und seine eigentliche Heimat gehabt haben. Als im Kulturlande die
Stämme sich zu festen Größen konstituierten, entstanden Ältestenkollegien auch
für die Stämme; wir hören im A.T. gelegentlich von "den Ältesten der Stämme"
(Dtn. 3I ,28) sowie von den Ältesten einzelner bestimmter Stämme (I. Sam. 30,26;
2. Sam. 19,12; Hes. 8,1; auch Ri. I1,5), die die Stämme leiteten und repräsen-
tierten. Es handelt sich offenbar um eine Übertragung dieser Einrichtung von
den Sippen auf die Stämme. Über die Zusammensetzung der Stämmeältesten-
kollegien erfahren wir leider gar nichts. Vielleicht bestanden sie einfach aus allen
zugehörigen Sippenältesten. Darüber hinaus ist imA.T. wiederholt auch von den
Ältesten Israels die Rede. Doch war Israel als Ganzes nicht politisch organisiert,
sondern ein sakraler amphiktyonischer Verband, dessen Glieder auf den Bundes-
versammlungen durch ihre C~N~ftll vertreten waren; und daß es ein gesamt-israe-
litisches Ältestenkollegium gegeben habe, ist wenig wahrscheinlich. Bei den
"Ältesten Israels" handelt es SIch entweder wie in 2. Sam, 3,17; 5,3; 17,4.15;
I.Kön. 8,1 um die gemeinsam auftretenden Ältesten vieler oder aller Einzel-
stämme oder aber um eine sekundäre Fiktion, die sich Gesamtisrael nach Ana-
logie der Sippen und Stämme organisiert dachte.
1 Doch vgl.immerhin A. Be rt holet. Kulturgeschichte Israels (1919) S. 8311'.
KAPITEL 111

Die Trallitionen llee fakralen Zmölfftämmebunllee

§ 9. Die Befreiung aus Ägypten


In seiner äußeren Erscheinung hatte Israel die Gestalt eines amphiktyonischen
Zwölfstämmeverbandes, wie es dergleichen Verbände unter ähnlichen geschicht-
lichen Bedingungen auch sonst gab. Es war in diesem sakralen Verband einem
Gottesrecht unterworfen, dessen ständige Verkündigung und Beachtung eine
der wesentlichsten, wenn nicht die wesentliche Aufgabe des Verbandes und
seiner Organe und Einrichtungen war. Dieses Gottesrecht hatte seine Analogie
in dem Amphiktyonenrecht, das für ähnliche Verbände verbindlich war. Seinem
Inhalte nach aber war es mehr als nur solches Amphiktyonenrecht. Denn es hatte
zum Gegenstande offenbar nicht etwa die Verpflichtungen der einzelnen Bundes-
mitglieder gegenüber dem zentralen Heiligtum oder die Beziehungen der Bundes-
rnitglieder zueinander und zu außerhalb stehenden Mächten. Es betraf vielmehr
das Verhältnis Israels zu seinem Gott und hatte das Anliegen, die Unversehrtheit
dieses Verhältnisses in jeder Beziehung zu sichern. Darin erscheint dieses Ver-
hältnis als eine spezielle und singuläre Bindung für Israel, die aus dem Vorgang
der Sammlung um ein gemeinsames zentrales Heiligtum nicht mehr erklärt
werden kann. Es war in Israel offenbar nicht so gewesen, wie es bei den uns
etwas genauer bekannten griechischen und italischen Stämmeverbänden der Fall
gewesen zu sein scheint, daß sich um einen wahrscheinlich uralten, an eine be-
stimmte altheilige Stätte gebundenen Kult ein Kreis von Stämmen vereinigte,
der nun durch die gemeinsame Pflege dieses Kultes zusammengehalten wurde.
Zwar war - wenigstens anfangs - der lokale Mittelpunkt der israelitischen
Amphltyonie jeweils ein altes kanaanäisches Heiligtum. Aber es war nicht der
alte, an dieser Stätte beheimatete kanaanäische Kult, der die Stämme zusammen-
geführt hatte und zusammenhielt; sondern der eigene Gottesdienst Israels mit
dem Heiligtum der Lade fand an einem altkanaanäischen Kultplatz eine StätteI:'
1 Nach antiken Begriffen konnte nicht irgendeine beliebige Stätte zur Kultstätte erklärt
oder gemacht werden; sie mußte durch irgendeinen Vorgang geheiligt oder traditionell
heilig sein. So konnte auch der israelitische Zentralkult nicht an irgendeinemPlatz im Kultur-
lande Fuß fassen, sondern nur an einer schon heiligen, d.h. kanaanäischen Stätte.
106 I./III. Die Traditionen des sakralen Zwölfstämmebundes

war aber an diesen Ort nicht so notwendig gebunden, daß er nicht aus gegebener
Veranlassung an eine andere Kultstätte hätte wieder auswandern können. Damit
aber erhebt sich nun notwendig die Frage nach dem Gottesdienst und dem be-
sonderen Gottesverhältnis der israelitischen Stämme.
Auf diese Frage antworten bestimmte Traditionen, die unter den israelitischen
Stämmen geläufig waren. Sie sind uns in dem großen Traditionssammelwerk des
Pentateuch erhalten, der zwar erst spät seine abschließende Gestalt als Ergebnis
einer langen und verwickelten Folge literarischer Arbeiten gefunden hat, aber
auf einen alten und schon früh entwickelten Bestand zunächst mündlicher Über-
lieferungen zurückgeht und in einigen Erzählungsthemen seine Wurzeln hat, die
im Zusammenhang mit bestimmten kultischen Begehungen offenbar seit ältester
Zeit im Kreise der israelitischen Stämme lebendig warenl . Diese Themen haben
es mit geschichtlichen Vorgängen zu tun, die in die Zeit vor der Landnahme
gehören und in denen es sich inhaltlich um Begegnungen mit dem Gott handelt,
dem die israelitischen Stämme mit ihrem gottesdienstlichen Handeln und vor
allem mit ihrem Zentralkult dienten und dessen Rechtssatzungen sie unterworfen
waren, die ihrerseits das Verhältnis zu eben diesem Gott intakt erhalten sollten.
Die fraglichen Traditionen gehen, soweit wir sie überlieferungsgeschichtlich
überhaupt zurückverfolgen können, von der Tatsache der Existenz der Größe
"Israel" aus, also von einem Faktum, das erst als Folge der Landnahme der
Stämme auf dem Kulturlandboden definitiv gegeben war. Sie liegen uns somit
nur in der Form vor, in der sie im Kreise der in Palästina seßhaft;. gewordenen
Stämme gepflegt wurden. Wir können sie daher geschichtlich nur fassen als die
Überlieferungen der im Kulturland vereinten Stämme über die entscheiden~en
Grundlagen ihres Glaubens. Als solche waren sie von ganz wesentlicher Be-
deutung. Wir können und müssen allerdings auch versuchen, von da aus ihren
Gehalt an geschichtlichen Nachrichten.in geschichtliche Zusammenhänge ein-
zuordnen, auch wenn wir damit letztlich in den Bereich des historisch nicht
mehr Erklärbaren (vgl. oben S. J I) zurückgreifen.
Es war ein U rbekenntnis Israels, daß es einst von seinem Gott Jahwe "aus
Ägypten herausgeführt" worden sei (vgl. Num. 23,22-24,8; 2. Sam. 7,23; I. Sam.
4,8 ; Ri. 6, I 3 ; auch Ex. 20,2 u. ö.); und die Zeit, da die Israeliten von ihrem Gotte
"aus Ägypten herausgeführt" worden waren, erscheint als die Anfangszeit ihres
Gottesverhältnisses (2. Sam. 7,6 u. ö.). Beim Darbringen der Erstlingsfrüchte des
Ackers am Heiligtum pflegte man eine Bekenntnisformel zu sprechen, die die
"Herausführung aus Ägypten" zum Hauptinhalt hatte (Dtn. 26,5-9). Teils in
formelhaften Wendungen, teils in mehr oder weniger ausgeführten Aussagen
erscheint die Bezugnahme auf diese "Herausführung aus Ägypten" in den ver-
schiedensten Teilen der alttestamentlichen Überlieferung, und in der Penta-
teucherZählung bildet sie ein Hauptthema (Ex. 1-15). Aus allen ausführlicheren
Erwähnungen und besonders aus dem darauf bezüglichen Abschnitt der Penta-
teucherzählung geht hervor, daß man mit der "Herausführung aus Ägypten"
1 Dazu und zum folgenden Genaueres bei G. v. Rad, Das formgeschichtliche Problem des
Hexateuchs (1938) und bei M. N oth, Oberlieferungsgeschichte des Pentateuch (1948).
§ 9. Die Befreiung aus Ägypten 107

nicht lediglich eine Mitteilung über den Ausgangspunkt der Wanderung der
israelitischen Stämme meinte, sondern deswegen davon redete, weil es sich um
eine mächtige Tat des Gottes Israels gehandelt hatte: Israel war in Ägypten ge..
knechtet gewesen und sollte dort festgehalten werden, war aber von seinem Gott
in wunderbarer Weise aus dieser Lage befreit und aus der Gewalt der Ägypter
errettet worden. Es ist nicht wohl zu bezweifeln, daß diesem Bekenntnis, das einen
so konkreten Inhalt hat, irgendein geschichtlicher Vorgang zugrunde liegt; und
die äußeren Voraussetzungen und Umstände dieses Vorgangs sind auch ohne
große Schwierigkeit erkennbar.
Es war für Ägypten eine nicht eben ungewöhnliche Erscheinung, daß an der
Ostgrenze des Deltas aus dem mit der Sinaiwüste beginnenden asiatischen Nach-
barlande allerlei Elemente auftauchten, die - in erster Linie aus Nahrungsmangel
infolge etwa einer durch Regenausfall veranlaßten Hungersnot - Einlaß in das
gesegnete und vom Regen unabhängige Nilland begehrten und auch eingelassen
wurden. Wir besitzen im Papyrus Anastasi VI aus der Zeit des Pharaos Sethos II.
(etwa 1205 v.Chr.) den Bericht eines ägyptischen Grenzbeamten von der Delta-
ostgrenze an seinen Vorgesetzten, in dem u.a. mitgeteilt wird, daß man an der
Grenze "den Durchzug der Beduinenstämme von Edom durch die Festung des
Merneptah in ~kWl nach den Sümpfen von pr-;tm 2 des Merneptah in .!.kw be-
endet (~)" habe, "um sie und ihre Herden in der Besitzung des Königs ... am Le-
ben zu erhalten"3. Diese Mitteilung des Beamtenberichts bedeutete für Ägypten
offenbar nichts Unerhörtes. Desgleichen kam gewiß öfter vor; und der Grenz-
beamte machte seinem Vorgesetzten davon Meldung, wie er von allen - wich-
tigen und unwichtigen - Vorfällen an der Grenze Meldung zu machen hatte.
Die "Beduinenstämme von Edom" waren wohl Gruppen von Kleinviehzüch-
tern mit ihren Herden - gewiß wenig zahlreich - aus den Steppenbereichen von
jenseits der Sinaiwüste4 , wie es die späteren israelitischen Stämme vor ihrer Land-
nahme in Palästina im allgemeinen auch gewesen waren; und Mangel an Nah-
rung hatte sie veranlaßt, in Ägypten "ihr Leben zu erhalten" zu suchen. Sie
wurden eingelassen auf ägyptischen Staatsgrundbesitz im wädi tumilät, das sich
vom östlichsten Nilarm aus in östlicher Richtung nach dem heutigen "Krokodil-
See" (bi rket et-timsäb) etwa in der Mitte des Sueskanals erstreckt und einen Strich
anbaufähigen Landes ganz an der Ostgrenze des ägyptischen Nildeltas darstellt in
unmittelbarer Nachbarschaft der Sinaiwüste. Dieses wädi tumelät oder ein Teil
davon scheint in alter Zeit einen Namen getragen zu haben, der im A.T. in der
Form "Gosen" wiedergegeben wird; und im "Lande Gosen" hatten nach
1 Der Name dieser ägyptischen Stadt erscheint im A.T. in der hebraisierten Form Sukkoth
(heute wahrscheinlich tell el-maschü!a im Ost teil des wädi !umelät).
2 Das ist das aus dem A.T. bekannte Pithom (heute tell er-re!äbe, etwa 10 km westlich des
tell el-maschü!a im wädi !umeiät).
3 Übersetzung des Textes in AOT2 S.97; TGI S.34f.
4 Selbst wenn es sich in diesem Text wirklich um den aus dem A.T. bekannten Namen
"Edom" handelt, ist über die Herkunft dieser Beduinenstämme nichts ganz Sicheres zu
sagen, da wir über die spezielle Bedeutung und Beziehung des Namens Edom im IJ.Jh.
v.ehr. nichts Genaueres wissen.
108 I./III. Die Traditionen des sakralen Zwölfstämmebundes

Ex. 8,18; 9,26 die Israeliten in Ägypten gesessen. Jene Mitteilung des Grenz-
beamten erinnert also fast in jeder Hinsicht an das, was die alttestamentliche
Überlieferung über die Gründe und die Umstände des israelitischen Ägypten-
aufenthalts sagt; und auch zeitlich kann der mitgeteilte Vorgang nicht allzu weit
von dem im A.T. Berichteten entfernt sein. Nicht etwa, als ob es sich um den
gleichen Vorgang gehandelt habe. Vielmehr zeigt der Beamtenbericht, daß die
alttestamentliche Überlieferung auf einen Vorgang zurückgeht, wie er tatsäch-
lich in ähnlicher Weise sich öfter abgespielt hat; und er liefert uns eine gute
Illustration zum israelitischen Übertritt auf ä.gyptischen Boden.
In Ägypten lebten diese Israeliten in einer uns nicht genauer bekannten Lage
als Leute minderen Rechtes, die man als "Hebräer" zu bezeichnen pflegtei; und
es entspricht durchaus der wirklichen Sachlage, wenn die alttestamentliche
Überlieferung gerade für die Israeliten in Ägypten das Wort "Hebräer" häufig
gebraucht (Ex. 1,19; 2,7.11.13; 5,3 u. ö.). Auch den Ägyptern war diese Be-
zeichnung wohl bekannt als ein Fremdwort, das sie in der für Fremdwörter
üblichen Schreibweise mit 'pr wiedergaben. Solche 'pr haben allerlei Dienste -
und das waren in Ägypten unmittelbar oder mittelbar Staatsdienste - ange-
nommen bzw. annehmen müssen. Verschiedene ägyptische Texte reden davon.
Unter Ramses 11. erscheinen 'pr-Leute, die "Steine herbeischleppen für die große
Festung der Stadt des Ramses, des Geliebten des Amon" und die "Steine herbei-
schleppen für den Gott Re, und zwar für den Re des Ramses, des Geliebten des
Amon, im Südviertel von Memphis", die also als Lastträger bei Stadt- und
Tempelbauten verwendet wurden. Unter Ramses 111. erfahren wir von 'pr-
Leuten, die in der unterägyptischen Stadt Heliopolis angesiedelt waren; und
unter Ramses IV. begegnen 'pr-Leute unter den Arbeitern in den Steinbrüchen
des wädi bammämät östlich der PharaonenstadtTheben2 • Das entspricht wieder
ganz unmittelbar der Überlieferung vom Frondienst der Israeliten in Ägypten
und speziell der so auffällig konkreten Mitteilung von Ex. I, I I, daß die Israeliten
zum Bau der Städte Pithom und Ramses im östlichen Delta 3 herangezogen wur-
den. Nicht als ob die ägyptischen Texte speziell von den Israeliten als "Hebräern"
redeten; aber sie zeigen, daß Frondienste leistende "Hebräer" in Ägypten keine
ungewöhnliche Erscheinung waren, und illustrieren damit die alttestamentlichen
Nachricqten vom Schicksal der Israeliten in Ägypten aufs beste.
Mit alledem erfassen wir freilich nur den realen Hintergrund dessen, was den
wesentlichen Inhalt des Bekenntnisses von der "Herausführung aus Ägypten"
ausmacht. Danach haben die Israeliten schließlich Ägypten verlassen, und zwar
im Konflikt mit der ägyptischen Macht, der sie in jene äußerste Gefahr brachte,
1 Vgl. oben S.38f.
2 Vgl. M. Chabas, M6langes Egyptologiques I (1862) S.42fl". Deutsche Übersetzung der
Texte bei H. J. Heyes, Bibel und Ägypten I (1904) S.146ff. und bei A. Jirku, Die Wan-
derungen der Hebräer im 3. und 2.Jahrtausend v.Chr. (1924) S.24f.; TGI S.30f.
3 Zur Lage von Pithom vgI. oben S. 107 Anm. 2. Die von Ramses II. ausgebaute Stadt
(Per-)Ramses = "Haus des Ramses" lag wahrscheinlich an der Stätte und im Umkreis der
alten Stadt Zoan (heute ~än el-~agar), etwa .50 km nördlich von Pithom nahe der alten Mün-
dung eines der östliclten NiIarme.
§ 9. Die Befreiung aus Ägypten 1°9
aus der die mächtige Hand ihres Gottes sie errettete. Geschichtlich läßt sich über
die Umstände dieser Abwanderung aus Ägypten nicht mehr viel Sicheres sagen.
Daß die Israeliten, die wohl nur unter dem Zwang der Not sich auf ägyptischen
Boden begeben hatten und dort zu Fronarbeiten in unfreier Stellung sich hatten
hergeben müssen, schließlich nach ihrer alten Freiheit zurückverlangten, ist be-
greiflichl • Daß die Ägypter - etwa in einer Zeit emsiger Bautätigkeit wie unter
Ramses lI., dessen Interesse vor allem dem östlichen Delta galt - ihre Arbeits-
kräfte nicht ohne weiteres entlassen wollten, läßt sich gleichfalls verstehen. So
versuchten die Israeliten, gegen den Willen der Ägypter zu entkommen. Im A.T.
ist im Anschluß an die historische Erklärung des alten überkommenen Wander-
hirtenbrauches des Passah-Opfers, der dem Schutze der tierischen Erstgeburten
galt, die Geschichte von der Tötung der ägyptischen Erstgeborenen und dann
weiter die Geschichte von den ägyptischen Plagen überhaupt und damit zu-
sammenhängend von den langen, zunächst vergeblichen und erst ganz zum
Schluß erfolgreichen Verhandlungen mit den Ägyptern über die Entlassung aus
dem Dienst entwickelt worden2 • In Ex. 14,sa aber hat sich anscheinend noch
eine Spur von älterer Darstellung erhalten, nach der die Israeliten aus Ägypten
ohne Wissen der Ägypter "geflohen" wären; und diese Darstellung dürfte dem
wirklichen Hergang eher entsprochen haben. Über die Umstände und Möglich-
keiten dieser Flucht freilich können wir geschichtlich nichts Genaues mehr er-
mitteln. Dann aber kam das große Ereignis, an das man beim Bekenntnis von
der "Herausführung aus Ägypten" in Israel stets in erster Linie gedacht hat.
Die abwandernden Israeliten wurden an einem Meere, das ihnen nach einer
bestimmten Richtung hin den Weg versperrte und ein Entkommen unmöglich
zu machen schien, von einer ägyptischen Streitwagenabteilung 3 angegriffen. Das
geschah gewiß im Bereich der Ostgrenze des Deltas, an der die Israeliten den un-
mittelbaren ägyptischen Machtbereich zu verlassen versuchen mußten. Genauer
lokalisieren können wir den Vorgang nicht mehr und wären dazu selbst dann
nicht imstande, wenn wir über die Ausdehnung der Meeresarme und Seen in der
heutigen Sueskanalgegend zu der in Frage kommenden Zeit ganz genau Be-
scheid wüßten. Denn eine verläßliche Nachricht darüber haben wir in der alt-
testamentlichen Überlieferung nicht mehr. Zwar werden in Ex. 14,2 sehr
1 Dieses Verlangen versteht sich besonders dann gut. wenn die Zuwanderung nach
Ägypten noch nicht sehr weit zurücklag und die Erinnerung daran noch lebendig war. Die
Bezifferung des Ägyptenaufenthalts auf 430Jahre in Ex. 12.40f. P (vgl. dazu die runden
400Jahre in dem Zusatz Gen. 15.13 b) ist zweifellos viel zu hoch. Ihr steht gegenüber die
ältere Angabe von vier Generationen in Gen. 15.16 E. die eher zutreffen mag. wenn auch
nicht sie schon zu hoch gegriffen sein sollte. Für eine genauere Bestimmung fehlen uns alle
Handhaben.
2 Genaueres darüber bei M. N ot h. Über lieferungs geschichte des Pentateuch (1948) S.70ff.
8 Daß der Pharao selbst mit dabei gewesen sei. ist nicht einmal aus der Formulierung von
Ex. 14.6f. J (vgl.Vers9all) und Ex. 14.8 P (vgl. Vers9ap P) sicherzuentnehmen und kommt
jedenfalls geschichtlich nicht in Frage. da wir dann aus ägyptischen Nachrichten über die im
ganzen gut bekannte Pharaonengeschichte des Neuen Reiches etwas davon erfahren müßten,
während die Katastrophe einer ägyptischen Streitwagengruppe für Ägypten nichts so Bedeu-
tendes war. daß wir eine ägyptische Mitteilung darüber erwarten sollten.
110 I./Ill. Die Traditionen des sakralen Zwölfstämmebundes

genaue Angaben gemacht, und diese Angaben sind auch so weit sicher deutbar,
daß man mit großer Bestimmtheit sagen kann, daß sie die Gegend des in helle-
nistisch-römischer Zeit sogenannten sirbonischen Sees, der heutigen sebchat
berdawil, d. h. der großen Lagune etwa eineTagereise östlich der Nordostecke des
Deltas, im Auge habenl • Und es ist auch durchaus möglich, daß diese Angaben
das Richtige treffen. Aber sie stehen nur in der literarischjungen Priesterschrift
und stellen wahrscheinlich erst einen nachträglichen Versuch dar, das große und
entscheidende Ereignis an einer bestimmten, zu dem überlieferten Zusammen-
hang der geschichtlichen Vorgänge passenden Örtlichkeit zu lokalisieren. Es ist
zwar der bei weitem älteste uns bekannte Versuch dieser Art, der aber doch um
mehr als ein halbes Jahrtausend von dem Ereignis selbst getrennt war und wohl
kaum auf einer lückenlos weitergegebenen Tradition beruhte; denn die älteren
Erzählungsschichten im Pentateuch scheinen eine so genaue Ortsbestimmung
schon nicht mehr zu kennen - jedenfalls ist nichts mehr davon erhalten -, son-
dern ziemlich unbestimmt und allgemein nur eine Stelle "am Meer" zu nennen 2•
Nach der Lage der Dinge muß man dieses "Meer", das für den Verlauf des Er-
eignisses von wesentlicher Bedeutung war, im Umkreis des heutigen Sueskanals
suchen, mag man nun mit Ex. 14,2 an die Lagune der sebchat berdawil oder
aber an einen der jetzt vom Sueskanal durchzogenen Seen auf der Landenge von
Sues 3 oder endlich mit altchristlichen Pilgern an das Nordend<! des Golfs von
Sues in der Nähe der heutigen Stadt Sues (es-suwe.) denken.
Die mangelnde Kenntnis der örtlichen Voraussetzungen trägt mit dazu bei,
das, was sich da abgespielt hat, für uns in geheimnisvollem Dunkel verbleiben zu
lassen. Nach der wahrscheinlich ältesten Formulierung in dem kurzen Hymnus
Ex. 15,21 b war das Wesentliche dies, daß Jahwe die ägyptischen Streit-
wagen mit "Roß und Fahrer" "in das Meer warf". Die ägyptische Streitwagen-
gruppe versank also durch irgendeine unerwartete Katastrophe im Wasser, und
dadurch wurden die abwandernden Israeliten aus höchster und scheinbar aus-
wegloser Gefahr plötzlich befreit; und es wurde ihnen unmittelbar gewiß, daß

1 Die Einzelheiten bei M. Not h, Der Schauplatz des Meerwunders (Festschrift Otto
Eißfeldt [1947] S.18rff.).
I Außerhalb der Pentateucherzählung (im Pentateuch an einigen Stellen wahrscheinlich

nur sekundär) wird dieses Meer speziell als "Schilfrneer" (falls ~'c-c· wirklich so zu über-
setzen ist) bezeichnet (Jos. 2,10; 4,23 u.ö.). Sollte damit, wie es an allen sicher deutbaren
Stellen im A.T. der Fall ist, der Golfvon el-'a~aba gemeint sein, so hätten wir hier eine von
Ex. 14,2 auffällig abweichende Lokalisierung vor uns, die zeigen würde, daß es eine alte
authentische Ortsüberlieferung für das Meerwunder nicht gab, die freilich ihrerseits ge-
schichtlich nicht zutreffend sein könnte, sondern auf der sekundären Verknüpfung der Er-
zählung von der Errettung aus Ägypten mit der Erzählung von der Landnahme vorn süd-
lichen Ostjordanlande aus beruhen müßte. Ganz ausgeschlossen ist es freilich nicht, daß mit
dem "Schilfrneer" in diesem Zusammenhang doch der Golf von es-suwes oder irgendeine
andere Wasserfiäche am Ostrande des Nildeltas gemeint wäre.
8 Möglicherweise hatte der Goif von es-suwes im 2.Jahrtausend v. Chr. noch eine seichte
Wasserverbindung mit den Birrerseen und sogar noch mit dem tjmsä~-See, während weiter
nördlich der balläh-See in Wasserverbindung mit dem Mittelmeer stand, so daß zwischen
timsä~-See und ba1/ä~-See nur eine verhältnismäßig schmale Landbrücke vorhanden war.
§ 9. Die Befreiung aus Ägypten III

damit ihr Gott in einer offenbaren und mächtigen Tat in ihr Geschick einge-
griffen und ihre Rettung aus Ägypten besiegelt hatte. Obwohl sie das als ein im
Grunde nicht erklärbares göttliches Wunder erkannt hatten und als solches auch
weitergaben, hat man doch begreiflicherweise später gern versucht, sich den
Vorgang genauer auszumalen und dabei nun auch - über Ex. 15,21 b hinaus-
gehend - an die Eröffnung eines wunderbaren Ausweges für die abwandernden
Israeliten durch das ihren Weg versperrende "Meer" zu denken, das die Ägypter
dann überflutete, als sie den gleichen Weg beschritten. Zu diesen Versuchen
gehört wahrscheinlich schon die schlichte Darstellung der jahwistischen Er-
zählung in Ex. 14, die Jahwe das "Meer" - und man könnte dabei an ein
ganz seichtes Gewässer denken - "durch einen starken Ostwind" "weggehen
machen" läßt (Vers 21a), so daß die Israeliten weiterziehen konnten, während
die Ägypter, die zunächst gefolgt, dann aber durch geheimnisvolle göttliche
Wirkung in haltlose Panik versetzt worden waren (Vers 24 b), blindlings in das
inzwischen an seine alte Stelle zurückgekehrte Meer hineinflohen (Vers 27aß).
Dabei taucht in der Erscheinung der W olken- und Feuersäule, die sich zuerst
schützend zwischen die Israeliten und die Ägypter stellt (Vers 19b.20) und aus
der heraus Jahwe dann die Ägypter "anschaut" (Vers 24), um ihnen einen pa-
nischen Schrecken einzujagen, sekundär schon ein Element aus einem ganz an-
deren Sachzusammenhang, nämlich aus der Sinaiüberlieferung, auf. Massiver
noch hat man sich später den Vorgang zurechtgelegt, wie sich vor allem aus der
priesterschriftlichen Darstellung in Ex. 14 ergibt, nach der den Israeliten ein
Weg durch das zu beiden Seiten wie eine "Mauer" anstehende Meer gebahnt
worden wäre (Vers 22), das dann über den nachfolgenden Ägyptern wieder zu-
sammenschlug. Es handelt sich um verschiedene Wege, das Wunder der Er-
rettung nachträglich konkret vorstellbar zu machen, und damit zugleich um
spätere Rationalisierungen des Vorgangs, die in erster Linie freilich nur je auf
ihre Weise die große Gottestat der "Herausführung aus Ägypten" bezeugen
wollen. Und darauf allein kam es im letzten Grunde an, auch wenn über den
Verlauf der Dinge selbst eine authentische Überlieferung nicht mehr vorhanden
war. Daß wir es hier mit einem wirklichen Geschehen zu tun haben, kann gleich-
wohl nicht zweifelhaft sein; die Voraussetzungen und Umstände, die zu ihm
führten, lassen sich einigermaßen erkennen und in eine uns ganz gut bekannte
geschichtliche Situation einordnen. Das Geschehen selbst, das die Israeliten als
eine unerwartete und offenkundige hilfreiche und machtvolle Tat ihres Gottes
erfuhren, bleibt uns verhüllt.
Zu den geschichtlichen Fragen, die sich angesichts dieses Geschehens erheben,
gehört auch die nach den daran beteiligten Menschen. Sie wurden bisher als
"Israeliten" bezeichnet in Übereinstimmung mit der Tradition, wie sie im
Zwölfstämmeverband weitergegeben wurde. Aber das "Israel" der zwölf
Stämme ist erst auf dem Boden des palästinischen Kulturlandes geworden, und
selbst der Name "Israel" ist uns erst für Palästina sicher bezeugtl • Von der Ku 1-
turlandsituation aus sind dann jene Traditionen geprägt worden, die es mit Er-
1 Vgl. oben S. II.
112 I./III. Die Traditionen des sakralen Zwölfstämmebundes

eignissen der Vorgeschichte zu tun haben; und diese wurden von .. Israel" erzählt,
als habe dieses "Israel" schon längst existiert. Geschichtlich kann es sich bei der
..Herausführung aus Ägypten" noch nicht um das spätere Israel gehandelt
haben, dessen Vorfahren gar nicht eine allen gemeinsame Vorgeschichte erlebt
hatten. Der Abzug aus Ägypten und die Errettung am ..Meer" lassen auch gar
nicht an eine große Zahl von ganzen Stämmen denken, sondern an eine zahlen-
mäßig nicht sehr große Gruppe, die aus Ägypten zu "fliehen" in der Lage war.
Man denkt daher meist an einzelne Teile des späteren Israel, die einmal in
Ägypten gewesen und also als die eigentlichen Träger der Tradition von der
Herausführung aus Ägypten anzusprechen seien; man stellt dann in der Regel
die Frage, welche Stämmegruppe dafür in Frage komme, und von da aus fällt
die Wahl leicht auf die .. Rahel"-Gruppe. Aber die Gründe dafür sind wenig
stichhaltig. Daß diese bedeutenden mittelpalästinischen Stämme für ihre eigenen
Sonderüberlieferungen schließlich eine gesamtisraelitische Anerkennung durch-
setzen konnten, ist zwar richtig, aber nicht mehr als nur eine von verschiedenen
Möglichkeiten und daher kein zwingender Beweis. Daß in der Erzählung von
der Übersiedlung nach Ägypten im Kreise der Stämmeahnherren Joseph und
neben ihm sein Bruder Benjamin eine so große Rolle spielen, hat nicht geschicht-
liche, sondern nur überlieferungsgeschichtliche Gründe. Denn die sogenannte
Josephsgeschichte hat in keinem Falle eine stammesgeschichtliche Grundlage,
indem in ihr die Sonderschicksale eines einzelnen Stammes oder einer Stämme-
gruppe, personifiziert in der Gestalt des Ahnherrn, dargestellt wären. Sie ist ein
ziemlich junges erzählerisches Element im großen ganzen der Pentateuchüber-
lieferung und von vornherein unter gesamtisraelitischem Aspekt konzipiert;
denn sie ist nicht eine Geschichte Josephs, sondern eine Geschichte von ..Joseph
und seinen Brüdern", und Joseph spielt mit Benjamin in ihr nur deswegen jene
besondere Rolle, weil sie im Kreise der mittelpalästinischen Stämme gebildet
worden ist, womit sich zugleich einigermaßen das Erzählungsmotiv von dem
vom Vater bevorzugten und darum von den älteren Brüdern gehaßten jüngsten
Sohn ergab, da nach der erzählerischen Personifizierung des Zwölfstämme-
systems in Gen. 29,31-30,24 Joseph und Benjamin die jüngsten Jakobsöhne
waren. Geschichtliche Schlußfolgerungen können aus der Erzählung von
,,]oseph und seinen Brüdern" nicht gezogen werden. Endlich kann auch die
Tatsache. daß der Zusammenhang im Pentateuch von der Errettung aus Ägypten
zur Landnahme vom südlichen Ostjordanlande aus und damit zum Landnahme-
weg speziell der mittelpalästinischen Stämme führt, nicht zum Beweis dafür
herangezogen werden, daß die Ereignisse in Ägypten gerade die "Rahel"-
Stämme betroffen hätten. Denn dieser Zusammenhang ist wie überhaupt die
Verbindung der verschiedenen Pentateuchthemen miteinander sekundär, und
zwischen den Nachrichten über die Vorgänge in und um Ägypten und den Mit-
teilungen über das Auftreten der Israeliten im südlichen Ostjordanlande klafft
eine auffällige Lücke, die deutlich zeigt, daß hier keine glatte Fortsetzung vor-
liegt. Das kommt daher, daß die erzählerische Ausgestaltung des Bekenntnisses.
von der göttlichen Verleihung des Kulturlandbesitzes, auf die die Ausführung
§ 9. Die Befreiung aus Ägypten Ir3
des gemeinisraelitischenThemas von der Herausführung aus Ägypten hindrängte,
schließlich im Kreise der mittelpalästinischen Stämme auf Grund von deren be-
sonderen Landnahmeerinnerungen erfolgt ist, doch so, daß diese besonderen
Landnahmeerinnerungen bereits als vermeintlich gemeinisraelitische an die Er-
zählungen von dem Ägyptenaufenthalt angeschlossen wurden. Die mittel-
palästinische überlieferungsgrundlage betrifft also nur das Thema Landnahme
und nicht zugleich auch das Thema Ägypten, geschweige denn einen ursprüng-
lichen Zusammenhang zwischen diesen beiden Themen.
überhaupt aber ist es unsachgemäß, die Frage zu stellen, welche von den
israelitischen Stämmen in Ägypten gewesen seien. Denn die Stämme haben sich
erst auf dem Boden des Kulturlandes zu festen Größen konstituiert und da auch
erst ihre Namen erhalten, wie es für einige von ihnen positiv nachweisbar und
danach für die übrigen wenigstens zu vermuten ist. In Ägypten hat es also die
späteren Stämme noch gar nicht gegeben. Damit wird für uns die Frage, wer
denn eigentlich in Ägypten gewesen sei, nur um so schwerer beantwortbar; und
wir können nicht mehr sagen, als daß es Elemente waren, die dann in die mit
der Landnahme sich formierenden Stämme eingingen, wahrscheinlich nicht nur
in einen einzelnen Stamm und vielleicht nicht einmal nur in eine einzelne
Stämmegruppe, sondern in den großen Bereich der israelitischen Stämme über-
haupt!. Man wird vermuten dürfen, daß die Abwanderer nach Ägypten schon
vorher einen Zusammenhang mit den an den Rändern des palästinischen Kultur-
landes sich aufhaltenden und vielleicht durch den Weidewechsel zu diesem Kul-
turlande bereits in Beziehung getretenen Wanderhirten, die dann im Laufe der
Zeit die israelitischen Stämme bildeten, gehabt hatten und daß sie nach der Er-
rettung aus Ägypten wieder in diesen Kreis zurückkehrten. Auf welchem Wege
das geschah, entzieht sich völlig unserer Kenntnis, da der im Pentateuch mehr
nur vorausgesetzte als wirklich fixierte Wanderweg der aus Ägypten abziehenden
Israeliten auf der nachträglichen Verknüpfung der verschiedenen großen Er-
zählungsthemen und nicht auf ursprünglicher überlieferung beruht. Nach
Durchqueren der Sinaiwüste gelangten jedenfalls die aus Ägypten kommenden
Elemente in den Bereich der im Umkreis um Palästina lebenden und dieses Land
begehrenden Sippen, mit denen sie wahrscheinlich verwandt waren, und brachten
zu ihnen die Kunde von dem Gotteswünder am Meer, die sie alle so mächtig
ergriff, daß sie sie allenthalben weitererzählten und ihren Nachkommen weiter-
gaben, so als wäre es ihnen allen gemeinsam begegnet. So wurde das Bekenntnis
zu dem Gott, der sich durch die Errettung aus der Hand der Ägypter sichtbarlich
und herrlich manifestiert hatte, zu einem gemeinsamen Besitz ganz Israels und zu
einer Grundlage seines Glaubens, der in der] nstitution des sakralen Z wölfstämme-
verbandes unter dem Schutze des verbindlichen Gottesrechtes lebendig war.
1 Vermutlich kommt nur eines der verschiedenen, zeitlich voneinander getrennten Stadien
der israelitischen Landnahme in Betracht. Nach der sogleich zu besprechenden zeitlichen
Ansetzung des Ägyptenaufenthalts ist es wahrscheinlich, daß die alten "Lea "-Stämme bereits
im Kulturlande saßen (vgl. oben S.78f.), als sich die in Frage stehenden Ereignisse in und um
Ägypten abspielten, daß also die Rückwanderer aus Ägypten eher in die anderen Stämme-
gruppen eingingen.
114 10tHI. Die Traditionen des sakralen Zwölfstämmebundes

Eine chronologische Fixierung des Ägyptenaufenthalts läßt sich nur auf Grund
alttestamentlicher Angaben versuchen. Für Ägypten war der Vorgang des Zu-
zugs und Abzugs asiatischer Nachbarn eine zu häufige und wiederholte Erschei-
nung und selbst die Katastrophe einer Streitwagenabteilung in der Gegend der
Deltaostgrenze ein zu belangloser Vorfall, als daß wir ägyptische Nachrichten
erwarten könnten, die das für Israel so entscheidende Ereignis zeitlich festlegen
könnten; und für Palästina war die Landnahme von Wanderhirten im Zuge der
aramäischen Wanderung ein zu lange andauernder und zu sehr abseits der Schau-
plätze der bisherigen Landesgeschichte verlaufender Prozeß, als daß außeralt-
testamentliche Nachrichten aus Palästina etwas über seine einzelnen Stadien
melden sollten. Das A.T. enthält nun zwar keine alte zuverlässige Mitteilun~
über die Dauer des wahrscheinlich ziemlich kurzen Ägyptenaufenthalts\ wohl
aber eine auffällig konkrete Nachricht über die in Ägypten erzwungene Fron-
arbeit, die eine zeitliche Festlegung gestattet. Nach Ex. 1,11 wurden die Israe-
liten beim Bau der Städte Pithom und Ramses im OstdeltaS eingesetzt. Damit
kommen wir in die Zeit des Pharaos Ramses H. (1290-1223 v.Chr.). Denn nach
Ausweis des Befundes auf dem tell el-maschiita hat Ramses H. mit dem Bau von
Kornspeichern in Pithom begonnen, und vor allem ist von diesem Pharao be-
kannt, daß er die Stadt (Per-) Ramses als Deltaresidenz ausgebaut und nach seinem
Namen benannt hat. Die Nennung der beiden Stadtnamen in Ex. I,lI sieht
so wenig nach einer sekundären Kombination aus und fügt sich so gut allem ein,
was wir über den Aufenthalt in Ägypten ermitteln können, daß wir hier mit
einer zuverlässigen Überlieferung rechnen müssen. Dann aber hat diese Angabe
größeres Gewicht als jede unsichere Vermutung über die geschichtlichen Zu-
sammenhänge und die Zeit des Ägyptenaufenthalts 3 ; und so ist Ramses H. als
der sogenannte "Pharao der Bedrückung" anzusprechen. Angesichts der langen
Regierungsdauer dieses Pharaos bedeutet das freilich keine sehr genaue fixie-
rung; und man wird nicht viel mehr sagen können, als daß im Laufe des 13. Jahr-
hunderts v. Chr. der Aufenthalt in Ägypten und der Abzug aus diesem Lande statt-
gefunden hat. Das paßt zu dem Verlaufder Dinge in Palästina nicht schlecht; denn
damals war die Landnahme wahrscheinlich der jüngeren Schichten der israeliti-
schen Stämme im Gange, zu denen dieausÄgyptenkommenden Elementestießen.

§ 10. Die Erzväter


Zu den im israelitischen Zwölfstämmebund lebendigen Traditionen gehörte
auch die von den sogenannten Erzvätern. Ähnlich wie bei der Tradition von der
Herausführung aus Ägypten steht auch bei ihr eine geschichtliche Erscheinung
1 Vgl. oben 5.109 Anm. 10
2 Zur Lokalisierung der beiden Städte vgl. oben 5.107 Anm. 2 und 5.108 Anm. 3.
3 Das gilt auch für die späten chronologischen Konstruktionen im A.T. selbst wie etwa
das chronologische Gerüst des deuteronomistischen Geschichtswerkes, zu dem die Zeitangabe
in I. Kön. 6,1 gehört (zu ihrem Zustandekommen vgl. M. Not h, Überlieferungsgeschicht-
liche Studien I [1943] S.18ff.).
§ 10. Die Erzväter 115

aus der Vorgeschichte Israels im Hintergrund;. geschichtlich bedeutsam aber


wurde sie als ein Gegenstand des Glaubens in Israel. Der wesentliche §rund-
bestand dieser Tradltlon, so WIe sIe 1m großen ganzen des Pentateuch erscheint,
liegt oHenbar in den göttlichen Verheißungen von Kulturlandbesitz und Nach-
kommen, wie sie bei wiederholten Gotteserscheinungen an verschiedenen heiligen
Stätten des Landes diesen Erzvätern zuteil wurden und wie sie schließlich in der
Landnahme der ein zahlreiches Volk bildenden israelitischen Stämme ihre Er-
füllung fanden. Damit erwies sich diese Landnahme als ein seit langem in das
Auge gefaßtes und vorbereitetes Werk göttlicher Führung. In diesem Sinne hat
man im israelitischen Zwölfstämmeverband die Erzvätertradition verstanden
und entwickelt. Sie knüpft nun aber an bestimmte menschliche Gestalten an, die
sie mit Namen zu nennen und von deren Leben sie allerlei Konkretes zu be-
richten weiß; und so erhebt sich die Frage, in welchem Umfang und in welcher
Beziehung hier Geschichtliches vorliegt.
Offenbar haben sich an die Gestalten der Erzväter zahlreiche jeweils an Ort
und Stelle haftende palästinische Lokaltraditionen angeschlossen, die nicht ur-
sprünglich mit ihnen zusammenhingen und von denen abgesehen werden muß,
wenn die Frage nach dem Wesen der Erzväter beantwortet werden soll; denn
erst als die Erzväter inder überlieferung bereits ihren Platzeingenommen hatten,
haben sie auch diese Lokaltraditionen an sich ezo en1 • Diesen platz aber nahmen
sie ein a s Emp änger gött ic er Ver ei ungen - enn darin lag ursprünglich das
Besondere und das auf das Ganze dieses Traditionskomplexes gesehen Wesent-
liche dieser Erscheinung - und als Stifter von Kulten an den durch den Ver-
heißungsempfang und damit durch eine Gottesbegegnung geheiligten Stätten;
und bei diesen Stätten handelt es sich jeweils um Kultorte, die bei den israeli-
tischen Stämmen noch lange Ansehen genossen, wie das Baumheiligtum östlich
von Sichern (Gen. 12,6; 35,2.4), die heilige Stätte von Bethel (Gen. 12,8; 13,3;
28,11-22; 35,I.3.5.7),dasHeiligtum von Beerseba (Gen.21,22ff. ;26,23 ff. ;46,1-4),
die heilige Terebinthe von Mamre bei Hebron (Gen. 13,18; 18,Iff.).Allewesent-
lichen Elemente des eigentlichen Typus der Erzvätererzählungfindensich in aller
Kürze sögleich in dem ersten im A.T. begegnenden Stück dieser Art beieinander,
in der Mitteilung vom Auftreten Abrahams an der "Orakelgeberterebinthe" bei
Sichern in Gen. 12,6f.: Gott "erscheint" dem Abraham, verheißt seinen Nach-
kommen "dieses Land", und Abraham errichtet daraufhin an Ort und Stelle einen
Altar für den "Jahwe, der ihm erschienen war". Und das Ganze ist im Sinne der
überlieferung nur noch dahin zu ergänzen, daß jene "Nachkommen" dann auf
dem Altar an der also geheiligten Stätte "dem Gott ihres Vaters Abraham" zu
1 Zu diesen sekundär angeknüpften Lokaltraditionen wird man zu rechnen haben bei
Abraham die ganze Sodomgeschichte (Gen. 18.19), die Ätiologie der Ersetzung des Sohnes-
opfers durch ein Widderopfer auf dem Bergheiligtum "im Lande Moria" (Gen. 22, 1-19), bei
Abraham und Isaak die Brunnengeschichten aus dem Negeb (Gen. 21,25 f.30; 26,14ff.), bei
Jakob die im Lande Gilead beheimateten Jakob-Esau-Geschichten einschließlich der Ätio-
logie der israelitisch-aramäischen Grenze am "Berge Gilead" (Gen. 31), der Erklärung des
Namens Mahanaim (Gen.32,I.2 und 41f.), der Geschichte von dem nächtlichen Dämon an
der Jabbokfurt bei Pnuel (Gen. 32,23-32) u.ä.
116 r./Ill. Die Traditionen des sakralen Zwölfstämme bundes

opfern pflegten. Daraus ergibt sich zugleich, daß die Kunde von den Erzvätern
eben im Zusammenhan mit den von ihnen estifteten Kultob' ehen Altären oder
Masseben 1 an den betreffenden ei igen P ätzen e en i ie un weiter esagt
. a i reNameninVer in un mit ernac i nen enanntenundvon
en Nac ommen vere rten Gott eit "Gott A ra ams u. ö. weiterlebten.
, Es handelt sich ier ei um einen estimmten re igionsgeschichtlichen Typ, zu
dem es gerade vom Rande des palästinischen Kulturlandes - allerdings erst aus
hellenistisch-römischer Zeit - aufschlußreiches Vergleichsmaterial gibt, um den
Kult von {}eoi na7:(!i[Jot, von Ahnengöttern, die von den Nachkommen ange~
rufen wurden, weil sie aen Vätern einst erschienen waren und sich ihnen als
hilfreich erwiesen hatten; und dieses Vergleichs material läßt uns das Wesentliche
an der Erzväterüberlieferung gut erkennen2 • Wenn also dieprzvätergestalten
in den Kreisen der israelitischen Stämme als Empfänger göttlicher Kundge-
bungen und als Anfänger von Kulten weiterlebten, die von den Naclikommen
weiter gepflegt wurden und mit denen ihre Namen verknüpft blieben, so haben
wir es bei ihnen offenbar mit Menschen zu tun, die als geschichtliche Personen
einmal gelebt hatten. Als Besonderes und offenbar Ursprüngliches gehört zur
alttestamenthchen Brzväterüberlieferung speziell die Nachkommen- und Kultur-
landbesitzverheißung ; und das Ansehen der Erzväter als Empfänger dieser Ver-
heißung blieb gerade deswegen groß, weil diese Verheißung schließlich erfüllt
worden war. Die Verheißung selbst aber gehört in die Situation, in der die nach-
mals zu "Israel" vereinten Sippen an den Rändern des Kulturlandes sich auf-
hielten und den Besitz des Landes erst noch begehrten und höchstens durch die
Sommerweiden'schon Beziehungen zum Kulturlande aufgenommen hatten. Die
Lebensweise der Erzväter wird denn auch in den Erzählungen über sie im we-
sentlichen als die von Wanderhirten geschildert, die noch nicht wirklich seßhaft
sind, die in Zelten wohnen und denen es vor allem um die Weiden und die
Wasserstellen für ihre Kleinviehherden geht. Dann aber gehörten die Erzväter
als geschichtliche Gestalten noch nicht eigentlich in das Kulturland, sondern nur
in seinen Umkreis; und es ist zu fragen, ob die ihnen zuteil gewordenen Gottes-
erscheinungen ursprünglich alle an Kulturlandheiligtümern - etwa bei Gelegen-
heit der sommerlichen Aufenthalte im Kulturlande im Zuge des Weidewechsels -
oder nicht vielmehr in der Regel irgendwo draußen in der Steppe stattgefunden
hatten. Man kann vermuten, daß erst die Nachkommen, nachdem sie im Kultur-
lande seßhaft geworden waren und die Verheißungen an die Väter nunmehr
1 Masseben als aufgerichtete Steine gehörten zum üblichen Inventar kanaanäischer Heilig-
tümer, ursprünglich als Sitze der Lokalgottheit gedacht, später als Denksteine verstanden.
2 Diese entscheidende Erkenntnis wird A. Alt, Der Gott der Väter (I929), verdankt. Das
Vergleichsmaterial, von Alt in ,extenso vorgeführt, findet sich in griechischen und naba-
täischen Inschriften besonders aus dem nördlichen Ostjordanland. Damit haben sich ältere
Deutungen der Erzvätergestalten, sowohl die durch nichts wirklich begründete Deutung auf
Personifikationen von Stämmen wie auch die noch weniger haltbare mythologische Deu-
tung auf ursprüngliche Gottheiten wie auch die recht willkürliche Deutung auf Märchen-
gestalten als überholt erledigt, so daß jetzt davon abgesehen werden kann, auf diese Deu-
tungen einzugehen.
§ 10. Die Erzväter II7
erfüllt sahen, die Verehrung des "Gottes der Väter" im Kulturland begründeten
und sie jetzt an den heiligen Stätten des Kulturlandes weiterpflegten und daß
daraufhin erst die Erzväterüberlieferung die Form annahm, daß an eben diesen I

heiligen Stätten schon die Erzväter einst alle ihre Gottesbegegnungen gehabt
hatten. Wenn das so ist, dann haben wir über das Gesagte hinaus keinen Anhalts-
punkt mehr, über Ort und Zeit, über Voraussetzungen und Umstände des Le-
bens der menschlichen Gestalten der Erzväter geschichtlich etwas Sicheres aus-
zusagen. Aber auch dem ursprünglichen Gehalt der Erzväterüberlieferung selbst
kam es nur wenig auf diese menschlichen Gestalten, dagegen wesentlich auf die
ihnen zutet! gewordenen götthchen VerheIßungen an.
Man könnte Immerhm versuchen, 1m BereIch der verhältnismäßig gut be-
kannten altorientalischen Geschichte des zweiten vorchristlichen Jahrtausends
eine Situation zu finden, in der die Erzväter als die nach der alttestamentlichen
Überlieferung ersten Vorboten des späteren Israel im Umkreis und im Raume
von Palästina aufgetaucht sein könntenl . Die alttestamentliche Überlieferung
selbst gibt dazu Anlaß, indem sie in der Erzählung von Gen. 14 Abraham in ziem-
lich weitreichenden altorientalischen geschichtlichen Zusammenhängen zeigt.
Doch steht die Erzählung von Gen. 14 in jeder Hinsicht so isoliert innerhalb
der gesamten Erzväterüberlieferung da, daß man schon fragen muß, ob sie zu
dem authentischen Grundbestanddieser Überlieferung gerechnet werden kann.
Außerdem ist die geschichtliche Erklärung von Gen. 14 trotz vieler Bemühungen
nicht zu einem einleuchtenden Ergebnis gelangt. Zwar treten in Gen. 14 alt-
orientalische Könige mit so konkreten Namen und Bezeichnungen auf, daß
hinter ihnen in der Tat geschichtliche Gestalten vermutet werden müssen; aber
der Gesamtinhalt der Erzählung läßt sich so wenig aus einer bestimmten ge-
schichtlichen Zeit heraus verständlich machen, daß man sich des Eindrucks nicht
erwehren kann, daß hier eschichtliche Gestalten der altorientalischen Welt erst
nachträglich in einen sekundären gesc ic t ic en Zusammen ang miteinan er
gebracht worden sind. Ebenso wie von Gen. 14 wird man von den verhältnis-
millig jungen chronologischen Angaben des A.T. als verläßlichen Grundlagen
für die zeitliche Ansetzung und damit für eine etwa mögliche geschichtliche Ein-
ordnung der Erzväter absehen müssen. Hingegen bleibt zu erwägen eine Kom-
bination der Erzväter mit jenen im 19.-18. Jahrhundert v. ehr. sowohl im Zwei-
stromlande wie in Syrien-Palästina neu auftauchenden Elementen (vgl. oben
s. 30), deren Namen uns für Syrien-Palästina durch die ägyptischen "Ächtungs-
texte" (vgl. oben S.24f.) bekannt geworden sind. Denn gerade diese Namen
zeigen in ihrer :aildungsweise eine auffällige Verwandtschaft mit älteren israe-
litischen Personennamen, so daß ein wenigstens entfernter Zusammenhang dieser
Einwanderer des 19.-18 . Jahrhunderts mit den Trägern der späteren "aramäischen
Wanderung" (vgl. oben S. 80f.) nicht unwahrscheinlich ist 2• Wenn nun dasA.T.
1 Vgl. dazu die eindringenden und gründlichen Untersuchungen von R. de Va ux, Les
patriarches Hebreux et les decouvertes modernes (RB 53 [1946] S·321-348; 55 [1948]
S.321-347; 56 [1949] S.5-36).
2 Vgl. dazu M. Not h, Geschichte und Altes Testament = Alt-Festschrift (1953) S. 127ff.
118 r./III. Die Traditionen des sakralen Zwölfstämme bundes

die Erzväter als Vorläufer der später zu "Israel" sich zusammenschließenden


Sippen erscheinen läßt, so mag es naheliegend erscheinen, ihre Geschichte.im
Rahmenjener Einwanderungsbewegun des 19.-18. ahrhunderts zu sehen, und
ies um so me r, a s zwei er uns e annten rei Erzväternamen, näm IC Isaak
und Jakob, jenem für die genannte Einwandererschicht so charakteristischen
Namenbildungstyp angehören. Gegen diese Annahme spricht jedoch der große
Zeitabstand, dem auch die alttestamentliche Überlieferung selbst entgegensteht,
die die Erzväter sehr nahe an die für die Existenz des nachmaligen Israel grund-
legenden geschichtlichen Ereignisse heranrückt. Und es bleibt unwahrscheinlich,
daß über eine Zwischenzeit von mehr als einem halben Jahrtausend hinweg die
Überlieferung von den Erzvätern in die werdende Pentateuchtradition ein-
gegangen sein sollte. Wahrscheinlicher ist, daß die geschichtlichen Gestaltender
Erzväter, soweni sie Im einzelnen zu fassen sind bereits mit in die ara äische
Wan erung ineingehört haben.
Es wird anzunehmen sein, daß in den Kreisen der israelitischen Stämme zahl-
reiche solche "Erzväter" bekannt waren. Daß gerade Abraham, Isaak und Jakob
von der Erinnerung festgehalten worden sind, das hat in dem besonderen Werde-
gang der Pentateuchüberlieferung seinen Grund. Denn in einem frühen Stadium
ist diese Überlieferung zunächst im Kreise der mittelpalästinischen Stämme im
einzelnen entwickelt worden; und wie aUs deren Gesichtskreis heraus die kon-
krete erzählerische Ausführung des Landnahmethemas erfolgt ist, so ist auch in
ihrem Bereich das Erzväterthema unter dem Gesichtspunkt einer mit der Land-
nahme der israelitischen Stämme schließlich erfüllten Verheißung aufgenommen
worden. Im "Hause Ioseph" aber war_ Jakob die Gestalt des einstigen Ver-
heißun sem.t>fän ers; an die Heiligtümer von Sichern und Bethel gehört nach
er er ieferung die Jakobgestalt, und weiter sind an sie vor allem Geschichten
geknüpft worden, die imjosephitischen Siedlungsgebiet östlich des Jordans be-
heimatet waren. Die Gestalt Jakobs hat im Zuge der Entfaltung der Pentateuch-
tradition zuerst allein den Erzvätertypus repräsentiert!, und trotz ihrer ursprüng-
lichen Zugehörigkeit speziell zum "Hause Joseph" hat sie dabei im Zuge ihrer
Verknüpfung mit der Landnahmetradition gesamtisraelitische Bedeutung ge-
wonnen und Anerkennung gefunden. Und da zur Erschemung eines "Erz-
vaters" in dem bezeichneten Sinne die Rolle als Ahnherr gehörte, dem für seine
Nachkommen göttliche Verheißungen zuteil wurde, so wurde folgerichtig
Jakob zum Stammvater ganz Israels, und die Eponymen der zwölf Stämme
wurden seine Söhne. So hat Jakob, dessen Gestalt im Kreis der Sippen des
"Hauses Joseph" in deren Kulturlandbereich bekannt war und dessen Name im
Zusammenhang mit der Verehrung des "Gottes Jakobs" durch diese Sippen als
Ahnherrenname weiterüberliefert wurde und dessen Gedächtnis nun an diesem
und jenem Kulturlandheiligtum lebendig blieb, schließlich in der Überlieferung
die zentrale Rolle des Ahnherrn ganz Israels übernommen; und in dieser Rolle
1 Die Bekenntnisformel Dtn. 26,5-9 erwähnt nur Jakob als Erzvater (ohne seinen Namen
zu nennen) und beginnt mit dem Hinweis auf seine Gestalt die summarische Aufzählung der
grundlegenden Ereignisse der Vorgeschichte bis einschlie,ßIich der Landnahme,
§ 10. Die Erzväter 119

1st er für den Zwölfstämmeverband zu einer Erscheinung von geschichtlicher


Bedeutung geworden. Ähnliches ilt für Isaak und Abraham, die s äter hinzu-
etreten sind in dem Sta ium, in em ie Weiterentwicklun der Pentateuch-
ü erlieferun bei en Südstämmen er 01 te. Sie gehören demselben Ty-pus-an
un untersc ei en sic von Ja 0 nur a urch, daß die Erzählungen über sie bei
den Bewohnern des Negeb umgingen. Ihr geschichtlicher Ort ist also in den
Kreisen der Wanderhirten am südlichen' Kulturlandrande zu suchen. HIer ver-
ehrte man auf Grund der geschehenen Gotteserscheinungen den "Gott Isaaks"
und den "Gott Abrahams", und mit diesen Kulten blieben die Namen Isaak und
Abraham erhalten, an die sich dann mit dem Seßhaftwerden ihrer Verehrer
allerlei Kulturlandtraditionen anhängten. Bei den Südstämmen mußten sie so zu
Ahnen Israels werden. Und als die zunächst in Mittelpalästina ausgebildete
Pentateuchtradition durch die Südstämme dann weitergebildet wurde. wurden
sie genealogisch dem Ahnherrn Jakob vorangeordnet. Sie haben sich jedoch,
wed nur bel den südlichsten Stämmen wirklich beheimatet, anscheinend niemals
so allgemeiner Bedeutsamkeit bei den israelitischen Stämmen erfreut wie die
mittelpalästinisch-josephitische Gestalt Jakobs. Wenigstens erscheinen im A.T.
außer halb des Pentateuch die Namen Isaaks und Abrahams unvergleichlich viel
seltener als der Name Jakobs, der als Name des Erzvaters oder auch als poetische
Bezeichnung für Israel in den verschiedensten literarischen Stücken als etwas
offenbar ganz Geläufiges auftaucht.
Die Beachtung der ursprünglich begrenzten Zugehörigkeit derüberlieferten
Erzvätergestalten und der Erzählungen über sie zu bestimmten Sippen oder
Stämmen legt noch eine weitere Vermutung nahe, die nur deswegen nicht sicher
zu begründen ist, weil wir nicht wissen, ob nicht durch den besonderen Werde-
gang der Pentateuchüberlieferung etwa sonst noch bei den israelitischen Stämmen
bekannt gewesene "Erzväter" in der Tradition verlorengegangen sind. Nach
dem er haltenen Gut an Erzvätererzählungen müßte man annehmen, daß die Erz-
väter und damit die Verehrung eines f}l3.d~ na're0o~ eine Sache speziell der jüngeren
Schicht der israelitischen Stämme und nicht schon der älteren Gruppe der "Lea"-
Stämme gewesen war. Jakob gehörte zum "Hause Joseph", und Isaak und
Abraham spielten bei den Stämmen des südjudäischen Gebirges und des Negeb
eine Rolle. Vor allem fällt auf, daß keiner der Erzväter eine Beziehung zu dem
"Lea"-Stamm Juda hat, der doch geschichtlich von so großer Bedeutung war;
denn auchdäs Terebinthenheiligtum von Mamre bei Hebron, an dem ein aIIer-
dings überlieferungsgeschichtlich verhältnismäßig jüngerer Komplex von Abra-
hamgeschichten spielt, war nicht judäisch, sondern kalibbitisch; und weiter nach
Norden greift die ebenso wie die Isaaküberlieferung im Negeb beheimatete ur-
sprüngliche Abrahamüberlieferung überhaupt nicht ausl • Danach wäre wie ver-
mutlich die Ägyptenüberlieferung so auch die gesamte Erzväterüberlieferung
1 Schon aus diesem Grunde ist die erst im chronistischen Geschichtswerk (2.Chr. 3,1)
auftauchende Vorstellung, daß der "Berg Moria" von Gen. 22,2 mit dem Jenisalerner
Tempelberg identisch und nicht vielmehr viel weiter im Süden zu suchen sei, ganz unwahr-
scheinlich.
120 I./III. Die Traditionen des sakralen Zwölfstämmebundes

ein Beitrag jener jüngeren Schicht zum gesamtisraelitischen Traditionsgut ge-


wesen. Es bleibt freilich zu bedenken, daß spezielljudäische Überlieferungen im
ganzen Pentateuch überhaupt fast völlig zu fehlen scheinen, daß also der eigent-
liche Stamm Juda an der Ausbildung und Weiterentwicklung der Pentateuch-
erzählung offenbar nicht beteiligt gewesen istl •
Wie dem auch sei, so ist doch 'edenfalls die Erzvätertradition als solche we-
nigstens mit er Gesta t Ja 0 s zu einem gemeinisrae itisc en U er ie erungs-
gut geworden, und durch ihre Verbindung mit der Agypten- und Landnahme-
tradition hat sie im israelitischen Zwölfstämmeverband als Glaubensgegenstand
eine Bedeutung gewonnen, die über die ursprüngliche Bedeutung der durch die
Erzväter als Verheißungsempfänger inaugurierten Kulte weit hinausging. Denn
die Verheißungen an die Erzväter mußten zunächst jeweils mit der Landnahme
der Sippen, die sich ursprünglich als ihre Nachkommen ansahen, für erfüllt
gelten. Durch jene Verbindung aber gewannen die Verheißungen nicht nur ge-
samtisraelitische Ausmaße, sondern sie wurden zugleich zu Elementen einer
göttlichen Führung, die nicht, wie es ursprünglich der Fall war, einfach und
unvermittelt, sondern auf dem Umwege iiber den Aufenthalt in Ägypten und die
wunderbare Errettung aus der Hand der Ägypter schließlich zu dem verheißenen
Ziel der Landnahme eines zahlreichen Volkes gelangte. So bedeutete der Ein-
gang der Erzväterüberlieferung in den Glaubensbesitz des israelitischen Zwölf-
stämmeverbandes einen wesentlichen Beitrag zum Ausbau der geschichts-
theologischen Aussagen von dem göttlichen Handeln, das Israel zu dem gemacht
hatte, was es in der Geschichte nunmehr war, ein Volk Gottes in dem von seinem
Gott ihm gegebenen Lande2 •

§ I I. Der Bund vom Sinai


Erst verhältnismäßig spät, wenn auch noch vor der frühesten uns bekannten
literarischen Fassung der Pentateuchüberlieferung und damit wahrscheinlich
noch in der Zeit des Eigenlebens der Stämme vor dem Beginn der Staaten-
bildung, ist die Sinaitradition in den Pentateuchstoff einbezogen worden. Ihr
Inhalt ist die den Israeliten zuteil gewordene Gottesoffenbarung an dem heiligen
Berge in der Wüste, mit der die Bindung der Beteiligten an den sich kund-
tuenden Gott und ihre Unterwerfung unter den ihnen mitgeteilten Gotteswillen
erfolgte. Zum,Qrundbestand dieser später dann weiterentwickelten Sinaitradition
gehört jedenfalls die Erzählung von der in mächtigen und erschreckenden Natur-
hänomenen sich vollziehenden Erscheinun Gottes auf dem Ber e, die das ..~
Vo am Fu des Berges angstvoll erlebte (Ex. 19 in verschiedenen spätere;
literarischen Fassungen), und von der Begründung eines dauernden Verhältnisses
zwischen Gott und Volk in der Form eines "Bundesschlusses", wie sie auch
1 Auch die galiläischen Stämme haben zur Pentateuchüberlieferung nichts beigetragen.
2 Vgl. G. v. Rad, Verheißenes Land und Jahwes Land im Hexateuch (ZDPV 66 [1943]
S.19 1 - 204).
II. Der Bund vom Sinai 12J

unter menschlichen Bundespartnern üblich war (Ex. 24,I-II; 34,1-28 in meh-


reren Varianten). pieser Bu.114~sschluß bedeutete die Unterstellunf des Volkes
unter die Herrschaft des ihm erschienenen Gottes! und die Aner ennun des
~fre.ruc s dieses Gottes aufalleinige Verehrung, auch ohne daß schon die älteste
<_~."c::rliefer~ng etwas von einem in festen Satzungen formulierten Gottesrecht
gewußt haben müßte. Die .J3indun des Volkes an seinen Gott, der nunmehr
einfach als "der Gott Israels" bezeic net wer en 'onnte, i etejedenfalls den
eigentlichen Inhalt des Bundesschlusses der Sinaitradition; und von den ver-
schiedenen_Geset~, die später als Fixierungen der Bundesverpflichtungen nach·
und nac}l.A~r Sinaierzählung zugewachsen sind, geht keines sicher bis auf den
Grundbestand der Überlieferung, die meisten nicht eiJ;l11lal bis auf die älteste
literarische Fassung zurück.
Daß diese Sinaitradition, deren Inhalt in seinem wesentlichen Bestand ganz
singulär und religionsgeschichtlich unableitbar ist, von einem tatsächlichen Vor-
~ang herkommt, kann mcht bezweIfelt werden. Freilich bleibt uns dieser Vor-
gang geheimnisvoll, und selbst seine geschichtlichen Voraussetzungen und Zu-
sammenhänge sind nicht mehr sicher aufzuklären. Das kommt vor allem daher,
daß die _Sin~itradition eine zunächst selbständige und eigene Überlieferungsgröße
war, die ihren ~itz in einem von den israelitischen Stämmen regelmäßig be-
~ngenen Fest der Bundesschließung bzw. Bundeserneuerung hatte 2, und daß
ihre Einreihung in den Kreis der Pentateuchthemen und damit in größere Er-
zählungszusammenhänge erst später und sekundär erfolgte.
Nicht einmal über den Schauplatz des zugrunde liegenden Vorgangs läßt
sich etwas Sicheres sagen. Die Pentateucherzählung und einige Stellen außer-
halb des Pentateuch nennen den Berg der Gottesoffenbarung mit dem Namen
."sinai", während in der deuteronomisch-deuteronomistischen Literatur und an
einig~ von dieser abhängigen Stellen statt dessen der Name "Horeb" auftritt.
Das Nebeneinander dieser beiden Namen und ihr Verhältnis zueinander ist ganz
unaufgeklärt; und nur so viel ist deutlich, daß der Name "Sinai" in dem uns
erhaltenen Überlieferungsbestand als der ältere erscheint 3• Wir pflegen daher
diesen Namen zu bevorzugen. Wo ist nun dieser "Sinai" zu suchen? Die Mei-
nung, daß er in dem gebirgigen Südteil der nach ihm jetzt traditionell so be-
nannten Sinaihalbinsel zwischen den Meerbusen von es-suwes und el-cakaba zu
suchen sei, läßt sich erst seit der byzantinischen Zeit belegen, mag m~n nun
speziell an den nach Ausweis seines Namens von der heutigen Lokaltradition be-
vorzugten dschebel müsa = "Mose-Berg" (2244 m) oder an den nicht weit davon
entfernten dschebel ~äteTin = "Katharinen-Berg" (2602 m) mit dem Katharinen-
,a Daß das alttestamentliche Wort für "Bund" nicht so sehr einen doppelseitigen Vertrag
zwischen gleichgestelltenPartnern als vielmehr eine mehr oder weniger einseitige Verfügung
bezeichnet, hat J. Be grich, ZAWN.F. 19 (1944) S.xff. zu zeigen versucht.
2 Genaueres darüber bei G. v. Rad, Das form geschichtliche Problem des Hexateuchs
(1938) S.lI ff.
3 Das Vorkommen des Namens "Horeb" an einigen Stellen der Pentateucherzählung ist
wahrscheinlich durchweg sekundär; vgl. M. Not h, Überlieferungsgeschichtliche Studien I
(1943) S.29·
122 1./111. Die Traditionen des sakralen Zwölfstämmebundes

kloster als den Träger wohl der byzantinisch-christlichen Tradition oder endlich
aus sogleich noch zu erwähnenden Gründen an den etwas weiter im Westen ge-
legenen dschebel serbäl (2052 m) denken. Die byzantinische Tradition knüpft nun
gewiß an die Tatsache einer zu ihrer Zeit schon überlieferten Heiligkeit ihres
"Sinai" an; und in der Tat beweisen die sehr zahlreichen nabatäischen Fels-
inschriften, die sich besonders an den Zugängen zu dem Massiv des dschebel serbäl
gefunden haben und die von teilweise weit hergekommenen nabatäischen Wall-
fahrern stammen, daß im 2. und 3. nachchristlichen Jahrhundert nach dem Fall
des nabatäischen Staates und nach dem Wegfall der berühmten Heiligtümer in
der nabatäischenHauptstadt Petra ein Bergheiligtum im Südteil der traditionellen
Sinaihalbinsel die Wallfahrten der Nabatäer angezogen hattel. Dieser Vorgang
aber setzt gewiß das schon längere Vorhandensein eines Wallfahrtsheiligtums in
dieser Gegend voraus; und da die Heiligkeit einer Stätte in der Regel sich über
den Wechsel von Kultformen und Religionen hinweg und ziemlich unberührt
von dem Kommen und Gehen verschiedener Menschengruppen und Völker mit
großer Zähigkeit zu behaupten pflegt, so mag man mit großer Wahrscheinlich-
keit annehmen, daß in der fraglichen Gegend seit uralter Zeit ein heiliger Berg
lag, der in der Tat der "Sinai" der altisraelitischen Überlieferung gewesen sein
könnte.
Man muß sich allerdings darüber klar sein, daß die positiven Argumente
dafür sehr schwach sind. Eine Tradition, daß der alte heilige Berg im Südteil der
"Sinai"-Halbinsel, den es sicher gab, gerade der "Sinai" des A.T. gewesen sei,
ist immerhin erst seit dem 6. nachchristlichen Jahrhundert nachweisbar; und das
bedeutet, daß, gemessen an dem Alter der Vorgänge, die sich am "Sinai" ab-
gespielt haben, diese Tradition recht jung ist und leicht sekundär sein kann. Mit
einer in der Pentateucherzählung etwa überlieferten Route der Wüstenwan-
derung der Israeliten, die für eine Ansetzung des "Sinai" auf der heute so ge-
nannten Sinaihalbinsel spräche, läßt sich gar nicht argumentieren. Denn erstens
sind die in diesem Zusammenhang auftauchenden Namen von Örtlichkeiten und
Gegenden fast alle nicht mehr mit auch nur einiger Sicherheit zu lokalisieren.
Sodann aber ist es sehr zweifelhaft, ob der Pentateucherzählung in ihren ver- \
schiedenen Schichten eine bestimmte Wanderungs route bei der Nennung von
Ortsbezeichnungen überhaupt vorschwebt; und selbst wenn das der Fall sein
sollte, hätten wir es dabei doch nicht mit einem primären Überlieferungselement
zu tun, da die.Einbeziehung des Sinaithemas in die Pentateucherzählung erst
verhältnismäßig spät erfolgt ist und etwaige Bindeglieder wie einige zum Sinai
hin- und vom Sinai wieder we führende Wegstationen dann erst nach sich ge-
~ogen ätte. Mit a gemeinen Erwägungen a er ü er en Berelc ,10 emder
Sinai gesucht werden müsse, ist gar nicht geholfen; denn wir kennen die ge-
schichtlichen und damit auch geographischen Zusammenhänge, in die der Inhalt
der zunächst für sich gesondert gewesenen Sinaitradition hineingehört, nicht.
Zudem hat es sich vermutlich um eine Wallfahrt zu dem heiligen Sinai gehandelt,
1 Vgl. die Behandlung und Auswertung dieser Inschriften durch R Moritz, Der Sinai-
kult in heidnischer Zeit (Abh. d. Gött. Ges. d. Wiss., N.F. 16,2) 1916.
§ II. Der Bund vom Sinai 123
und dergleichen Wallfahrten können besonders in nicht fest besiedeltenGegenden
weit wegführen von den alltäglichen Wohn- und Wanderbereichen. Ganz aus-
zuschalten aus der "Sinai"-Frage sind die gelegentlich mit hereingezogenen,
I 905 durch Flinders Petrie entdeckten berühmten alten Sinai-Inschriften aus dem
von den Ägyptern seit den ältesten Zeiten beanspruchten Türkisminengebiet von
seräbil el-chädem im Nordteil des Gebirges der Sinaihalbinsel1 • Denn diese In-
schriften sind zwar in einer kanaanäischen Alphabetschrift geschrieben und als
älteste bekannte Zeugen dieser Schriftart berühmt geworden und außerdem
offenbar in einem kanaanäischen Dialekt abgefaßt, haben aber mit den Israeliten
ganz und gar nichts zu tun. Sie stammen aUs dem I 5. Jahrhundert v.ehr., also
aus einer Zeit, die für die israelitische Sinaiwallfahrt kaum schon in Frage kommt,
und gehen zurück aufkanaanäische Bergwerksarbeiter in ägyptischen Diensten 2 •
Nach alledem läßt sich die Ansetzung des Sinai im Südteil der traditionellen
Sinaihalbinsel zwar nicht widerlegen, aber auch nicht beweisen, und die Mög-
lichkeit bleibt offen, daß er an einer ganz anderen Stelle gelegen hat. In neuerer
Zeit hat man ihn vielfach 3 im nordwestlichen Arabien östlich oder südöstlich des
Golfes von el-'a~aba suchen zu müssen geglaubt. Eines von den dafür ange-
führten Argumenten muß freilich sogleich ausscheiden. Man macht geltend, daß
der Sinai im Bereich der Midianiter gelegen haben müsse und daß nach den uns
erhaltenen Nachrichten die Midianiter auf der Ostseite des Golfes von el-'a~aba
anzusetzen seien, auch wenn sie als Nomaden oft weit über ihren eigentlichen
Bereich hinausgegriffen haben. Nun fehlen aber die Midianiter im Grundbestand
der Sinaitradition völli ; und nur in säteren verbindenden Erzä
wie EX.3,1 .; Num. 10,29ff. erscheinen sie in einer Beziehun zu i
Grun emer se un ären un sac lich fragwürdigen Gleichsetzung des Sinai mit
dem,~Gottesberg" von Ex. 18, an dem es zu einer Begegnung zwischen Midia-
.nitern und Israeliten kam. Ein anderes Argument hingegen verdient ernste Be-
achtung. Einige konkrete Einzelzüge in der Schilderung der Begleiterschei-
nungen der großen Gottesoffenbarung in Ex. 19 lassen daran denken, daß es
sich beim Sinai um einen noch tätigen Vulkan gehandelt habe, so vor allem die
Angabe, daß der ganze Sinai "rauchte" "wie ein Schmelzofen", weil Jahwe "im j
Feuer" auf ihn herabgestiegen war (Vers 18). Und dazu kommt noch das selt-
same Phänomen der wegweisenden Wolken- und Feuersäule (Ex. 13,21 (),
dessen Ursprung kaum anderswo als eben in der Sinaitradition gesucht werden
1 V gl. Fl. Pe t r ie, Researches in Sinai (1906). Inzwischen sind durch weitere Expeditionen.
diese Inschriften genauer untersucht und neue hinzugefunden worden.
S Zur Datierung, Lesung und Deutung dieser Inschriften vgl. zuletzt W. F. Albright,
BASOR uo (1948) S.6 ff.
3 Als unbegründet kann die These übergangen werden, daß der Sinai im Nordteil der Sinai-
halbinsel anzusetzen sei (so u.a.R. Kittel, Geschichte des Volkes Israel pIß [1923] S.346;
A. Jirku, Geschichte des Volkes Israel [1931] S.72) in der Nachbarschaft des Quellgebiets
von Kades Barnea ('en ~des). Die Annahme eines längeren Aufenthalts der israelitischen
Stämme in diesem Gebiet hat keine Grundlage im primären Überlieferungs bestand der Pen-
tateuchthemen (die Angabe Dtn. 1,46 beruht aufsekundärer Geschichtskonstruktion), und
die Forderung einer leichten Erreichbarkeit des Sinai verkennt die KompliZiertheit der Vor-
gänge der israelitischen Vorgeschichte.
124 I./III. Die Traditionen des sakralen Zwölfstämme bundes

kann. Diese sehr konkreten Mitteilungen lassen sich in ihrer Bedeutung nicht
abschwächen durch den Hinweis darauf, daß eine Erzählungsvariante in Ex. 19
nur von einer Gewittererscheinung, von Donnern, Blitzen und einer schweren
Wolke über dem Berg, zu reden scheint (Vers 16). ,Nun hat es auf der tradit~o­
nellen Sinaihalbinsel noch in historischer Zeit täti e Vulkane nicht gegeben.
sondern nur auf der anderen Seite des Golfes von el-<akaba im nor westlichen
1}.rabien in der Gegend der nach Südarabien führenden KarawanenstraHe süd-
östlich von tebuk. das seinerseits etwa 200 km südöstlich von el- <a~aba liegi:. Die
ziemlich weite Entfernung dieser Gegend von Palästina und seinen Randge-
bieten fällt nicht entscheidend ins Gewicht gegen diese Möglichkeit, da ohnehin
kaum anzunehmen ist, daß der Sinai einfach am Wege wandernder Israeliten ge-
legen habe und nicht vielmehr das Ziel einer Wallfahrt gewesen sei, für die selbst
große Entfernungen kein entscheidendes Hindernis sein konnten. Auf der an-
deren Seite ist die Möglichkeit nicht ganz auszuschließen, daß im Kreise der im
Süden und Osten Palästinas wandernden Stämme vulkanische Erscheinungen,
die von N:ordwestarabien her bekannt waren, traditionell als Begleit~~. chei-
/ nun en von Theo hanien alten und man von solchen auch da spracn, wo es
sich um eine Theo hanie an einem nichtvulkanischen Orte an e te. Zu-gunsten
. einer Ansetzung im nordwestlichen Arabien ist endlich noc rau inzuweisen,
das in Num. 33,1-49 das Stationenverzeichnis eines Weges zum Sinai ent-
halten zu sein scheint und daß dieser Weg vom palästinischen Kulturlande aus
über el-<a~aba hinaus anscheinend nicht auf die traditionelle Sinaihalbinsel, son-
dern vermutlich nach Nordwestarabien hinein führtl. Zusammenfassend kann
gesagt werden, daß es schon sachliche Gründe für die J'.nJ!ahme gibt, daß..~er
Sinai im nordwestarabischen Vulkan ebiet zu suchen sei, daß diese Gründe aber
~icht so eindeutig und nicht ausreic en sin ,um lese nna e Wif Ich zu
beweisen.
. Einige alttestamentliche Stellen außerhalb der Pentateucherzählung nennen
den Sinai in einer auffälligen Verbindung mit dem Namen Seif, mit dem vor-
zugsweise das Gebirgsland auf der Ostseite des wadi el-taraba ZWIschen dem Toten
Meere und dem Golf von el-<akaba benannt wurde. Sie reden vom Kommen
Jahwes, und zwar vom Sinai her: Ganz eindeutig ist das in Dtn. 33,2 der Fall, wo
neben dem ,,!(ommel!Jahwes vom Sinai her" sein "Aufleuchten von Seir her"
ausgesagt wird; auch in Ri. 5,4 handelt es sich beim "Ausziehen aus Seir" und
"Einl;t~rschreiten vom Gefilde Edoms her" offenbar um den vom Sinai herkom-
menden Gott, mag nun die ausdrückliche Nennung des Namens Sinai im fol-
genden Verse ursprünglich sein oder nicht. Allerdings steht in Dtn. 33,2 neb~n
Seir noch der "Berg Pharan"2, der von dem heutigen dschebel faran auf der Wes't-
seite des wadi el-<araba kaum getrennt werden kann 3• Danach scheinen hier nur
sehr ungefähre Ortsbestimmungen vorzuliegen; und so nimmt man denn auch
1 Genaueres bei M. Noth. Der WallfahrtSweg zum Sinai (PJB 36 [1940] S.Sff.).
2 Die durch Textkonjektur gewonnene Nennung von Meribat-Kades in Dtn. 33.2 ist
sehr unsicher; vgl. Fr. M. Cross and D. N. Freedman. JBL 67 (1948) S.193.
3 Der "Berg Pharan" in ähnlichem Zusammenhang auch Hab. 3.3.
§ 11. Der Bund vom Sinai 125

gern an, daß lediglich vom palästinischen Kulturlande aus gesehen sehr un-
bestimmt die Richtung angedeutet werde, aus der Jahwe bei seinem Kommen
vom Sinai zu erwarten sei. Doch klingt die Formulierung in Ri. 5,4 vielmehr so,
als sei derß.J:reich von Seir wirklich der Ausgangspunkt des Kommens Iahwes;
und da eine anderweitige sichere Lokalisierung des Sinai nicht möglich ist, ist
auf Grund der beiden genannten Stellen seine Ansetzung im Lande Seir immer-
hin mit in Erwägung zu ziehen, nur daß die Reichweite des Begriffes Seir nicht
genau zu fixieren und also eine sehr exakte Ortsbestimmung damit nicht gegeben
ist, sofern hier überhaupt eine sachlich zutreffende Angabe vorliegt.
Sowenig nach alledem der Ort der Sinaioffenbarung auch nur einigermaßen
sicher festzulegen ist, so unbekannt bleiben uns auch die geschichtlichen Z u-
sammenhänge, innerhalb deren sich die Wallfahrt zum Sinai und die Gottes-
erscheinung am Sinai abgespielt haben. Die Pentateuchüberlieferung läßt
"Israel" schlechthin am Sinai gewesen sein. Doch gilt hier dasselbe wie beim
Abzug aus Ägypten und bei der Errettung am "Meer". Da das "Israel" der
zwölf Stämme erst mit dem Seßhaftwerden im Kulturlande sich konstituiert hat
und auch die einzelnen Stämme erst damals zu festen Größen geworden sind,
lynn es sich am Sinai noch nicht um das "Israel" der späteren Zeit oder etwa um
cin~bestimmte Gruppe seiner Stämme gehandelt haben. Es läßt sich auch hier
nur so viel sagen, daß die Gotteserscheinung am Sinai Sippen zuteil geworden
ist, die dann in den Kreis der israelitischen Stämme eingegangen sind, ohne daß
wir irgendeine Möglichkeit hätten, über ihre Zahl und Zusammensetzung noch
etwas Bestimmtes zu ermitteln. Das ihnen Widerfahrene hat die Gesamtheit der
~~teren israelitischen Stämme s~ mächti berührt, daß das Erei nis von Sinai zu
einem wesent ic en un un amenta enE ementjener gemeinisrae itisc en ber-
.. erun wur e von er Israe in seiner eson eren Art ortan e etat. Es
ist daher wahrscheinlich, daß die Teilnehmer an em Sinaivorgang sic nicht
nur zu einem einzelnen der nachmaligen israelitischen Stämme zusammen-
geschlossen haben, sondern daß sie vielmehr in weitere Bereiche der Israel-
stämme aufgenommen worden sind.
gs bleibt noch die Frage des geschichtlichen Zusammenhangs zwischen der
Begegnung am Sinai und dem Auszug aus Ägypten. Die Pentateucherzählung
läßt beide Vorgänge glatt und ziemlich unmittelbar aufeinanderfolgen, ja sie läßt
noch vor der Errettung am "Meer" den aus Ägypten abziehenden Israeliten
die Wolken- und Feuersäule des Sinai schon erscheinen (Ex. 13,21f.). ~J1n ist
.aber das Sinaithema erst s ät zu den übri en Themen hinzu etreten, und in
kurzen e ratenZusammen assun enist ieGesc ic tevonAuszu undEinzu
tloch ange rgeboten worden ohne jede Erwähnung des Sinai!, während das
Sinaithema im Rahmen des Festes der Bundesschließung bzw. Bundeserneuerung
daneben selbständig weiterüberliefert wurde. Die älteste Überlieferung hat hier
also offenbar noch keinen Zusammenhang gekannt, und erst die werdende
Pentateucherzählung hat im Zuge der Zusammenfassung aller über die vor-
1 Vgl. die Zusammenstellungen zum "kleinen geschichtlichen Credo" und seinen freien
Abwandlungen in der Kultlyrik bei v.Rad a.a.O. S.3ff.
126 J./Ill. Die Traditionen des sakralen Zwölfstämmebundes

palästinische Geschichte vorhandenen und nun gleichmäßig auf"Israel" schlecht-


hin bezogenen Überlieferungen die Sinaigeschichte in nunmehr naheliegender
Weise in die Geschichte von Auszug aus Ägypten und Landnahme eingebaut.
Wenn danach offenbar ursprünglich keine überlieferungsmäßige Verbindung
bestand, dann ist auch nicht mit einer geschichtlichen Zusammengehörigkeit zu
rechnen; und wenn außerdem in dieser Frühzeit die einheitliche und feste Größe
" Israel " noch nicht vorhanden war, dann wird es ganz unwahrscheinlich, daß es
etwa dieselben Elemente des späteren "Israel" gewesen seien, die sowohl an den
Ereignissen in und um Ägypten wie auch an der Begegnung am Sinai teilge-
nommen hätten. Handelt es sich aber um verschiedene Gru en, dann wird der
Sinaivor an für 'uns nur noc me r zu einem anz isolierten Gesc ic tsakt, an
'" dessen Tatsäe ic eit zwar nic t zu zwei e n ist, essen gesc ic t ic er Rälimen
uns aber durchaus unbekannt bleibt und für den nur der eine Zusammenhang
init uns bekannten eschichdichen Erscheinun en deuthch 1st, daß Vorfahren
des nachmali en Israe an i etell t ewesen sin .
Damit fehlt nun auc ie Mög ich eit einer zeitlichen Festlegung, ja
sogar die Möglichkeit einer relativen zeitlichen Einordnun in sonst überlieferte
geschichtliche Vorgän e, vor allem einer Bestimmun des zeitlic en Verhält-
nisses zum Auszug aus Agypten. Man ann azu nur au 0 gen en Umstand
hinweisen. Die durch die Errettung am "Meer" erfolgte Befreiung aus Ägypten
stand als Voraussetzung der Landnahme so sehr im Vordergrunde des Interesses
der israelitischen Überlieferung, soweit sie bekannt ist, daß man den Eindruck
gewinnt, sie sei als die für die Existenz Israels grundlegende Gottestat in frischerer
und unmittelbarerer Erinnerung geblieben als die Gotteserscheinung am Sinai,
die nur im Rahmen einer regelmäßigen kultischen Begehung tradiert wurde.
Danach hätten wir die Sinaibegegnung relativ früh anzusetzen und ihre Träger
zu einer ziemlich alten Schicht innerhalb des späteren " Israel " zu rechnen, wäh-
rend die Teilnehmer an den Ereignissen in und um Ägypten erst danach hinzu-
gekommen wären.
Noch mehr als die äußeren Umstände und Zusammenhänge entzieht sich
Inhalt und Wesen des Aktes am Sinai der historischen FeststeiItitig.Eine
in gottesdienstlicher Darstellung und Verkündigung regelmäßig wieoerholte
Bezeugung einer Erscheinung Gottes vor den zum Sinai gewallfahrteten Sippen
ist das, was wir geschichtlich fassen können. Die Sache selbst aber reicht hinein
in den Bereich des historisch nicht mehr Faßbaren in dem oben S. I I bezeich-
neten Sinne. Doch auch dieses Geheimnisvolle mit seinen Folgen, der Bindung
an den erschienenen Gott und der Unterwerfung unter seinen ausschließlichen
("eifersüchtigen") Anspruch und Willen, ist in geschichtlich bedingten Formen
verlaufen. War eine Wallfahrt zum Sinai die äußere Veranlassung, dann war der
Sinai schon-vorher ein heiliger Berg. zu dem man wallfahrtete. und die Stätte
einer Gottesverehrung. Und in derTat scheint wenigstens in einem Punkte dieser
ältere Sinaikult für den israelitischen Glauben von bleibender Bedeutung ge-
wesen zu sein; alle Wahrscheinlichkeit spricht dafür, daß der G.ott~sname Iahwe
aus dem vorisraelitischen Sinaikult stammt als Name der Gottheit. die am Sinai
§ II. Der Bund vom Sinai 127

verehrt wurde. Daraufweist die Pentateuchüberlieferung selbst hin, indem sie in


einem überlieferungsgeschichtlich allerdings verhältnismäßigjungen Erzählungs-
element den Namen Jahwe dem Mose bei seinem ersten Besuch an der nach-
maligen Stätte der Gottesoffenbarung mitgeteilt werden läßt (Ex. 3, 14 E). Dafür
spricht auch die gelegentlich im A.T. noch hervortretende Auffassung, daß der
Sinai die Stätte Jahwes sei und daß er je und dann vom Sinai her herankomme
(Ri. 5,4f.; Dtn. 33,2, auch Hab. 3,1) und daß man zum heiligen Gottesberg in
der Wüste wandern müsse, um ihn dort aufzusuchen (I. Kön. 19,8 ff. )1. Ja, sollte
die Vermutung das Richtige treffen, daß der auffällige Ausdruck '3'0 in in Ri. 5,5
zu übersetzen sei mit "Der vom Sinai"2, so würde hier, mögen die Worte nun an
dieser Stelle literarisch ursprünglich sein oder nicht, Jahwe sogar stereotyp be-
zeichnet werden als "der (Gott) vomSinai". Das Sinaiereignis ist dann so zu .,--
denken, daß im Vollzuge des religionsgeschiclitlichen Vorgangs einer Wallfahrt '
zu em el I en er e es a we vom mal an leser tätte unter mäc tl en,

entschei en e °
yielleicht vulkanisc en Naturersc einun en im Namen e en ieses ahwe die.
en arung Gottes er 0 gte.
Am Sinai, so nimmt man bis heute gemeinhin an, hätte das geschi'chtliche
Werkdes Mose seinen eigentlichen Mittelpunkt gehabt; wie auch immer über
den Inhalt der Moseüberlieferung sonst zu urteilen sein möge, daß er am Sinai
der. Führer des Volkes, der Interpret des dortigen Geschehens und der "Organi-
sator der Gottesgemeinde auf Grund mehr oder weniger fest fixierter Formu-
rrerungen des göttlichen Willens gewesen sei, das scheint einigermaßen festzu-
stehen. Diese Auffassung geht letztlich auf die deuteronomisch-deuteronomi-
stische Literatur des A.T. zurück, die das Entscheidende am Werke des Mose in
·seiner Mitderrolle bei der Gesetzgebung am heiligen Berge sieht; und das hängt
damit zusammen, daß ihr von den überlieferten Ereignissen der Vorgeschichte
die Theophanie "auf dem Berge und die Gesetzgebung das Wichtigste sind. Diese
Vorgänge werden von ihr speziell herausgegriffen 3 • In ihrem Gefolge ist dann
weiterhin Mose in erster Linie als Gesetzgeber verstanden worden, und in der
späten Literatur des A.T. kommt der Name Mose vor allem in Verbindung mit
dem "Gesetz(buch) Moses" vor. Die deuteronomisch-deuteronomistische Lite-
ratur knüpft ihrerseits natürlich an die Rolle Moses in der Pentateucherzählung
an; in dieser aber ist das Auftreten Moses am Sinai nur ein Glied in einer langen
Kette, und Mose ist am Sinai nicht mehr und n~cht weniger der Gottesbote und

1 Der Name "Horeb" ist in I.Kön. 19,8 wahrscheinlich ein (deuteronomistischer) Zu-
satz; nach dem Folgenden ist mit dem "Gottesberg" jedenfalls die Stätte gemeint, die in der
Pentateucherzählung den Namen Sinai trägt. Zu der Möglichkeit, daß auch abgesehen von
Elia noch lange Zeit Wallfahrten aus dem palästinischen Kulturlande zu dem heiligen Berg
Sinai stattgefunden haben, vgl. M. Noth, PJB 36 (1940) S.7f.
2 So W. F. Al bri ght, JBL 54 (1935) S.204.
S Das deuteronornisehe Gesetz, als Rede Moses formuliert, hatte als Gesetz dar an natürlich
ein spezielles Interesse. In seinem Gefolge setzt das deuteronomistische Geschichtswerk in
Dtn. 1,lff. mit dem Aufenthalt Israels am "Horeb" ein. Danach hat auch die priesterschrift-
liche Schicht der Pentateucherzählung ihr ganzes Interesse auf die Gesetzgebung am Sinai
konzentriert.
128 I./Ill. Die Traditionen des sakralen Zwölfstämme bundes

Sprecher des Volkes als bei anderen Ereignissen zwischen Ägypten und dem ver-
heißenen Lande, ohne daß ein besonderer Nachdruck gerade auf die Rolle
Moses am Sinai gelegt würde. Denn von seinem ersten Auftreten unter den
Fronarbeit leistenden Israeliten in Ägypten an bis zu seinem Tode kurz vor dem
Eintritt in das verheißene Land ist Mose für die Pentateucherzählung das zwar
oft angefeindete, aber stets erneut von Gott bestätigte Haupt des wandernden
Volkes.
In diesem Tatbestand aber, den uns die älteste erhaltene Überlieferung über
Mose bietet, liegt das überlieferungsgeschichtliche und geschichtliche Problem
der Gestalt des Mose. Da die Pentateucherzählung aus einer Reihe ursprünglich
selbständiger Themen nach und nach zusammengefügt worden ist, kann das
gleichmäßige Auftreten Moses in den meisten dieser Themen nicht wohl etwas
Ursprüngliches, sondern nur das Jir ebnis eines nachträ lichen Ausgleichs sein;
und es stellt sich notwendig die Frage, in welchem Einze t ema 0 er sogar in
welcher Einzelüberlieferung Mose ursprünglich beheimatet und wo danach auch
vermutlich sein geschichtlicher Standort zu suchen sei. Diese Frage aber ist
außerordentlich schwer zu beantwortenI. Mit großer Wahrscheinlichkeit jedoch
läßt sich negativ feststellen, daß nach der ältesten erreichbaren Überlieferungs-
form seine Gestalt im Sinaithema nicht besonders fest verwurzelt ist, da hier
nichts über ihR esa t wird, was über seine all emeineFührerrolle hinausgInge,
daß vie me r seine Person an ieser 0 er jener.an eren Ste e er Pentateuch-
erzählung in SeIH viel konkreteren und spezielleren Beziehungen erscheint als
gerade in der Sinaigeschichte2 • Das spricht dafür, daß Mose mit dem Sinaivor-
gang geschichtlich nichts zu tun gehabt hat. Ihn als den Organisator und Gesetz-
geber Israels zu bezeichnen, ist danach geschichtlich kaum haltbar 3 • Auch darin
also bleibt der Sinaivorgang für uns geheimnisvoll, daß wir keine menschliche
Gestalt zu nennen wissen, die in das dort Geschehende handelnd oder deutend
eingegriffen hätte.
Gleichwohl bleibt der Kern der Sinaitradition ein geschichtliches Geschehen,
sowenig es im einzelnen historisch faßbar sein mag. Es gilt hier im wesentlichen
dasselbe wie bei der Errettung am "Meer". Wir können nach alledem die Tradi-
tionen, von denen der sakrale Zwölfstämmeverband lebte, auf ihre einzelnen
1 Vgl. die Erörterungen bei M. Noth, Überlieferungsgeschichte des Pentateuch (1948)
S.I72ff.
2 Man könnte mit Rücksicht auf seinen offenbar ägyptischen Namen seine ursprüngliche
Rolle im Rahmen der Herausführung aus Ägypten suchen, etwa als die Rolle des das be-
vorstehende Handeln Gottes ankündigenden Gottesboten (vgl. Ex. 3,I6-17aa). Das Kon-
kreteste aber ist vielleicht doch die Überlieferung von dem an einer sehr bestimntten Stelle
gelegenen Mosegrab. Danach müßte Mose geschichtlich wohl in den Zusammenhang der
Vorbereitungen der Landnahme der mittelpalästinischen Stämme hineingehören. Genaueres
über seine spezielle Rolle und Bedeutung wäre dann freilich in der Überlieferung im Zuge
der Ausweitung seiner Gestalt zu gesamtisraelitischen Ausmaßen verloren gegangen, so daß
darüber jedenfalls nichts mehr auszumachen ist.
8 Ganz abwegig und auch mit der späteren entfalteten Mosesüberlieferung nicht zu ver-
einbaren ist es, ihn als "Religionsstifter" zu bezeichnen und gar von einer "mosaischen
Religion" zu sprechen.
§ 11. Der Bund vom Sinai 129

Elemente hin und diese Elemente ihrerseits auf ihren geschichtlichen Gehalt hin
analysieren, müssen nun aber abschließend noch ausdrücklich feststellen, daß
diese Traditionen uns nur als Glieder eines großen Ganzen vorliegen, alle be-
zogen auf die Einheit "Israel" und alle handelnd von Jahwe als dem "Gotte
Israels". Innerhalb dieses großen Ganzen ist der Gott, der am Sinai erschien,
selbstverständlich derselbe wie der, der sich in der Errettung am "Meer" als
mächtig erwies. Und dieses große Ganze war in seinen wesentlichen EIern enten
schon sehr früh da. Zyy~r war das Werden der Pentateuchetzählung sch on jm
Stadium der noch mündlichen Weitergabe ein längere Zeit andauernder P rozeß,
der aber immerhm wahrscheinlich vor dem Be inn der Staatenbildun im we-
se:@ichen ·ereits abgesc ossen war und dessen Anfänge in die früheste Ze it nach
der Landnahme der Stämme zurückreichen. Diese Anfänge aber setzen bereits die
Elnlielt "Israel" und die m dem Glaubell an den "Gott Israels" gegebene sach-
liche Zusammengehörigkeit der Traditionen voraus. Damit wird die werdende
Pentateucherzählung für uns zu einem wichtigen Zeugnis für die Einheit und
das Einheitsbewußtsein "Israels" alsbald nach der Landnahme, und der rel igions-
geschichtlich ganz singuläre Inhalt des werdenden Überlieferungswer kes des
Pentateuch, das seinesgleichen nicht hat, wird zu einem deutlichen Zeic hen für
die Besonderheit und qualitative Einmaligkeit "Israels" im Kreise der Völker.
Zugleich aber wird der Ursprung der Einheit "Israel" für uns zu einem Problem.
Wenn die zwölf israelitischen Stämme erst auf dem Boden des palästinischen
Kulturlandes sich zusammenfanden, wenn es verschiedene Teile dieses "Israel"
gewesen waren, die die Befreiung aus Ägypten und die Gottesbegegn ung am
Sinai und die Landnahme vom südlichen Ostjordanlande her erlebt hatten,wenn
diese Vorgänge weder zeitlich noch sachlich miteinander zusammengehangen
hatten!, dann erhebt sich die Frage, wie es dazu kam, daß alsbald nach derLand-
nahme "Israel" so sehr sich als eine Einheit empfand, daß ein Gefüge von Tra-
ditionen entstand, das eine gemeinsame Vorgeschichte dieses "Israel" zum Ge-
genstande hatte. Diese Frage ist, so deutlich die Tatbestände selbst sind, nicht
mehr sicher zu beantworten, da die Überlieferung mit diesem Vorgang nicht
rechnet, also auch nichts über ihn sagt. Es lassen sich somit nur Vermutungen an-
stellen, die aber angestellt werden müssen, da die Frage eine wenigstens mögliche
Antwort erheischt. UnddieseAntwortwirdman in der Richtung suchenmüssen,
daß die Einheit "Isiaels"und seines Glaubens nicht lötzlich und unvermittelt
emes Ta es in Ersc einun etreten, sondern von einem Kern aus
auf dem Bo en des Kulturlandes ewachsen ist. Sollte es richtig sein, daß der
In. t l er Sinaitra ition sich auf einen ziemlich weit zurückliegenden Vorgang
bezieht, dann wären etwa die Teilnehmer an der Gottesbegegnung am Sinai mit

1 Es gibt viele neuere Versuche, zwischen diesen Vorgängen doch irgendwelche Zu-
sammenhänge zu konstruieren, ohne dabei der im A.T. überliefertenReihe der Ereignisse zu
folgen. Diese Versuche müssen angesichts des überlieferungsgeschichtlichen Sachverhalts
notwendig fragwürdig bleiben. Aus jüngster Zeit seien genannt Th. J. Meek, Hebrew
Origins (21950); H. H. Rowley, From Joseph to Joshua (The Schweich Lectures 1948
(I950]).
13° I./I1I. Die Traditionen des sakralen Zwölfstämme bundes

zu den frühesten im Kulturlande aufgetretenen Teilen des späteren Israel zu


rechnen l , und ihrem Bestande und zugleich ihren so außergewöhnlichen und so
gewichtigen überlieferungen hätten sich mit der Zeit weitere Gruppen ange-
schlossen. In diesem Kreise wäre vom Sinai her die Unterwerfung unter den in
einem Gottesrecht zu formulierenden Gotteswillen entscheidend gewesen, und
darin hätte dann die Bedeutung des Gottesrechtes und damit zugleich eines zen-
tralen Richteramtes seine Wurzel. Als dann andere Elemente im Kulturlande
hinzukamen, denen die Errettung am ..Meer" widerfahren war, hätte sich so-
gleich die überzeugung aufgedrängt, daß der mächtige Gott, dem die Befreiung
aus Ägypten zu verdanken war, kein anderer gewesen sein konnte als der am
Sinai erschienene Gott. Und als Israel sich zu dem sakralen Bund der zwölf
Stämme mit dem Bekenntnis zu Jahwe als dem Gotte Israels formierte, wären
die verschiedenen Traditionen zu dem Bilde von einer zusammenhängenden ge-
meinsamen Vörgeschichte ganz "Israels" zusammengewachsen, freilich so, daß
die Befreiung aus Ägypten verbunden mit dem bald hinzutretenden Thema von
der Verheißung an die Erzväter als Zeugnis von dem großen Tun des Gottes
Israels im Vordergrunde des Interesses stand, während die alte Sinaitradition
zunächst noch für sich allein im Hintergrunde blieb, um schließlich dann doch
mit in das große überlieferungsganze einzugehen. Der Name Jahwe allerdings
wäre von Anfang an ein entscheidender Beitrag der Sinaitradition zu diesem
überlieferungsganzen gewesen. Es ist klar, daß es sich bei alledem lediglich um
eine nicht mehr beweisbare Kombination handelt, die lediglich auf eine not-
wendige Frage eine Antwort zu geben versucht.
Was aber bedeutete für .. Israel" die durch seine Tradition in seinem Gottes-
verhältnis begründete Sonderstellung im Kreise der Völker? Die älteste über-
lieferung sagt darüber noch nichts. Aber schon eine der frühesten theologischen
Formulierungen des alten überlieferungsbestandes, das jahwistische Erzählungs-
werk, ordnet die Geschichte Israels in ein universales göttliches Vorhaben zum
Segen für die Menschheit ein (Gen. 12,1-3). Man kann wenigstens fragen, ob
der Jahwist damit nicht etwas ausspricht, was schon vor ihm und wohl sogleich
im ersten Ansatz mit im Glauben .. Israels" enthalten war.
1 Wer für Kombinationen ist, kann dabei an Elemente denken, die in die ältere Gruppe
der sogenannten "Lea"-Stämme eingegangen sind.
ZWEITER TEIL

Dos l~b~n ~~s olt~n Ifro~l


in ~~rpolortinirch".ryrtrch~n W~lt

KAPITEL I

Die Selbftbe~auptung Oer Stämme im KulturlanOe

§ I2. Das Verhältnis zu den älteren Landeshewohnern


Das Land, in dem die israelitischen Stämme seßhaft wurden, war ein bewohntes
Land. Im A.T. werden die schon seit vorisraelitischer Zeit im Lande beheimatet
gewesenen Bevölkerungen ohne Rücksicht auf ihre ethnische Verschiedenheit
vorwiegend mit dem Sammelbegriff "Kanaanäer" bezeichnet, und in diesem
Sinne soll diese Bezeichnung auch hier gebraucht werdenl • Die kanaanäische
Bevölkerung konzentrierte sich in den zahlreichen festen Städten, die freilich
nicht gleichmäßig über das Land verteilt waren, sondern sich vor allem in den
von der Natur bevorzugten Ebenen häuften, während sie sich in den kärgeren
gebirgigen Teilen des Landes nur vereinzelt fanden. Diese Städte, durch eine
Rin mauer umschlossene Burgen mit eng zusammengeCfiiingtenHäusern, ewells
mit einem as nötl e Ac er an ieten en Territorium ausgestattet, atten ihre
bronzezeitliche Blütezeit inter sic ,a s ie israe itisc en Stämme in das Land
kamen, waren aber doch noch Erben einer reichen Vergangenheit städtischer
Kultur. Di~ un leichmäßi e Verteilung dieser Städte im Lande gestattete es den
israelitischen Stämmen, in en sie ungsarmen 0 er sIe ungsfreien, vielfach
noch bewaldeten und durch Rodung des Waldes der Siedlung erst noch zu er-
schließenden Landesteilen Fuß zu fassen, ohne die ältere kanaanäische Landes-
bevölkerung aus ihrem Besitz an Grund und Boden vertreiben zu müssen; und
auf das Ganze gesehen haben sie sie auch nicht vertrieben .. So blieben die Ka-
naanäer im Lande sitzen, und zwar im allgemeinen unbehindert in ihrem Ei en-
l~ en un ungesc mä ert In i rem BesItz. Die israe itisc en Stämme aber grün-
deten in den von ihnen in Besitz genommenen Räumen vielfach neue Sied-
lungen, die sie ebenfalls als "Städte" bezeichneten, die in der Tat auch ähnlich
1 Neben der Bezeichnung "Kanaanäer" kommen im A.T. auch die Bezeichnungen "Amo-
riter" und "Hethiter" in dem gleichen Sinne vor. Bei dieser Verwendung des Begriffs
"Kanaanäer" bleibt die noch immer nicht sicher aufgeklärte Etymologie des Namens Kanaan
(vgl. dazu o. S. 28 Anm.3) und seine ursprüngliche Beziehung auf den Bereich der phöni-
kischen Küste außer Betracht und ebenso auf der anderen Seite die in der modernen Sprach-
wissenschaft konventionell gewordene Verwendung der Bezeichnung "kanaanäisch" für eine
bestimmte im syrisch-palästinischen Kulturlande beheimatete Gruppe semitischer Dialekte.
132 2./1. Die Selbst behauptung der Stämme im Kulturlande

wie die kanaanäischen Städte in einer möglichst festen oder wenigstens nicht
ganz leicht zugänglichen Lage auf engem Raume dicht gedrängte Behausungen
mit einer Mauer einfaßten, .edoch in der Re el nicht so mächti e und sorgfältig
,angelegte Ummauerungen besaßen wie die alten bronzezeitlichen Stä te.Da er
haben ihre Mauern den zerstörenden Einwirkungen der Zeit viel weniger stand-
gehalten, und so sind die archäologischen Spuren der israelitischen (eisenzeit-
lichen) Neusiedlungen im großen ganzen stärker und gründlicher verwischt
worden als die der älteren bronzezeitlich-kanaanäischen Städte.
Mit dem Seßhaftwerden im Kulturlande, mit dem Übergang zum Ackerbau
als Haupttätigkeit und mit der Konzentration in "Städten" oder stadt ähnlichen
Ortschaften aber näherte sich die neue Lebensweise der israelitischen Stämme der
der kanaanäischen Landesbevölkerung, die zwar vorwiegend in besonderen
Landesteilen lebte, aber hie und da doch auch auf den von den Israeliten be-
setzten Gebirgen vertreten war und zu der man doch an vielen Orten in nach-
barliche Beziehung kam. Daraus mußte sich mit der Zeit ein bestimmtes Ver-
hältnis zwischen beiden Teilen ergeben. Wir besitzen darüber nur vereinzelte
und mehr oder weniger zufällige Nachrichten, die aber doch zeigen, daß die
Beziehungen je nach Ort und Zeit verschiedenster Art sein konnten.
Im ganzen stand das kanaanäische Wesen den israelitischen Stämmen, die aus
ganz anderen Verhältnissen heraus gekommen waren, als etwas Fr e mdes g~en­
über, und es ist ihnen auch fremd geblieben, so lange sich dieses Wesen in seiner
besonderen Art selbständig im Lande erhielt. Das gilt jedenfalls für die Zeit bis
zum Beginn der Staatenbildung in Israel und darüber hinaus für diejenigen
israelitischen Kreise, die bewußt an den alten genuinen Traditionen festhielten.
fremd blieb den an Schlichtheit und Einfachheit gewöhnten Israeliten trotz
ihrer Seßhaftwerdung im Kulturlande die eigentliche städtische Kultur mit
ihrem auch in der Eisenzeit noch differenzierten und reichen Leben; als "kanaa-
näisch" galt den im wesentlichen ackerbauenden und Viehzüchtenden Israeliten
vor allem das in städtischer Kultur wurzelnde Interesse an Gewerbe, Handel und
Gewinn. Noch in später Zeit hat man den Kaufmann, Händler einfach mit dem
Wort "Kanaanäer" bezeichnet (Jes. 23,8; Zeph. 1,11; Sach. 14,21; Provo 31,24;
Hi. 40,30) und damit diese Tätigkeit als etwas dem eigenen Wesen nicht An-
gemessenes charakterisiert; in Hos. 12,8 ist speziell vom betrügerischen Gebaren
solcher "Kanaanäer" die Rede1. Fremd blieb den Israeliten, deren Stammesorga-
nisation auf die Gleichheit des Rechtes aller freien Stammesgenossen begründet
war, die soziale Schichtung in den kanaanäischen Städten, in denen auf der einen
Seite eine herrschende und besitzende Aristokratie stand mIt eIDern Lehnsherrn
'an der Spitze, der sich wohl selbst König nannte und JedenfaIls 1m A.T. so ge-
nannt zu werden pflegt. und auf der anderen Seite eine unfreIe Untcrtanen-
bevölkerun , der in erster Linie die Ackerarbeit oblag. Fremd und zugleich
em Gegenstan es Sc reckens war für die Israeliten die ~riegstechnik des
Streitwagenkampfes, wie sie von den Herrenschichten der Städte geübt wurde.
1 Wenn Israeliten an diesem Gebaren sich beteiligen. dann machen sie sich selbst zu
"Kanaanäern". wie es dieses schwierige Hoseawort wohl meint.
§ I2. Das Verhältnis zu den älteren Landesbewohnern 133

Die Stämm~, die mit dem Heerbann der waffenfähigen und sich selbst bewaff-
nenden Männer zu Fuß ins Feld zu ziehen gewohnt waren, fühlten sich anfangs
diesen Kontingenten von "eisernen Wagen"l gegenüber durchaus unterlegen
und wagten mit Rücksicht besonders auf diese im allgemeinen keine kriege-
rischen Angriffe auf die kanaanäischen Städte (Jos. 17,I6.18; Ri. 1,19; 4,H3),
deren Kampfesweise ihnen nicht nur überlegen schien, sondern ihnen auch un-
heimlich war. Vor allem aber war den is~aelitischen Stämmen Leben und Glauben
dieser Kanaanäer etwas Fremdes. Sie erschienen ihnen als sittlich minderwertig
und verkommen, als lüstern und haltlos. In Gen. 9,20-27 ~ird inderursprüng-
lichen Form der jüngste N oahsohn "Kanaan", der Repräsentant der Kanaanäer,
als schamlos und pervers charakterisiert. Wer in den Bereich einer kanaanäischen
Stadt kommt, der muß, wie die Erzählung Gen. 26,7-11 deutlich machen wil1 2 ,
damit rechnen, daß sein Weib ein Opfer der Begehrlichkeit der Stadtbewohner
wird und er selbst Gefahr läuft, als Mann dieses Weibes heimtückisch beseitigt
zu werden. Ein Mädchen, das sich ohne Schutz in der Nähe einer kanaanäischen
Stadt zeigt, wird leicht von einem der Stadtbewohner, vielleicht sogar von dem
Sohne des Stadtkönigs selbst, vergewaltigt (vgl. Gen. 34,1 f.). Für die an die
s~ren e Zucht einer patriarchalischen Lebensordnung gewöhnten israelitischen
Stämme war as a es veräc t lC un em reue. s mg zu emem guten el
gewiß zusammen mit der besonderen Art des kanaanäischen Kultwesens, dem die
Israeliten, gebunden an die Forderungen eines strengen Gotteswillens, in be-
sonderem Maße ablehnend gegenüberstanden. Bei den Kanaanäern blühten die
uralten weitverbreiteten Kulte einer großen, Fruchtbarkeit spendenden Miltter-
göttin, auf kanaanäischem Boden weithiI"';Astharthe genannt, und eines die jähr-
1ich aufblühende und absterbende Vegetation repräsentierenden jugendlichen
Gottes; und zu diesen Kulten gehörten die Feier einer an heiliger Stätte voll-
zogenen "heiligen Hochzeit" ~EPOS YO:I-lOS) mit Repräsentantinnen der Gott-
heit und damit die sogenanntesa rale Prostitution sowie auch das kultischeOpfern
der weiblichen Unberührtheit. Dazu trat der Kult des vielgestaltigen Baal, des
schon ziemlich alten Himmels-Baal und der zahlreichen lokal gebundenen Baale,
die auch ihrerseits Spender von Leben und Fruchtbarkeit waren und damit eben-
falls in der Sphäre des sinnlichen Lebens walteten. Die Israeliten mußten das alles,
besonders die Verehrung weiblicher Gottheiten, weit von sich weisen.
Aufder anderen Seite ergaben sich für sie notwendlgBezlehungen zu dieser
kanaanäischen Welt. Der Übergang zu einer an das Kulturland gebundenen seß-
haften und vorwiegend ackerbauenden Lebensweise bedeutete eine Umstellung
und Einstellung auf die im Lande bei den bisherigen Landesbewohnern übliche
Art; denn mit der Lebensweise ist die Vorstellungs- und Gedankenwelt aufs
engste verquickt. Dabei ist nicht daran gedacht, daß manche Kreise in den israeli-
1 Diese Wagenkontingente (:J~' wird als Kollektivum gebraucht) bestanden aus Kriegs-
wagen, die natürlich nicht völlig eisern, sondern nur mit eisernen Beschlägen versehen waren.
DieWagen waren aus Holz gebaut und wurden von den Israeliten, wenn sie erbeutet wur-
den, verbrannt (Jos. II,6.9 [der einzelne Kriegswagen hieß i1:J~'7:l]; vgl. Ps. 46,IO).
2 Die Verlegung dieser Szene nach Ägypten in Gen. I2,IO-20 ist überlieferungs geschicht-
lieh sekundär.
134 2./1. Die Selostbehauptung der Stämme im Kulturlande

tischen Stämmen mit der Seßhaftwerdung .zweifellos der Gefahr einer ~kuten
Kanaanisierun erle en und einfach, und zwar auch auf kultischem Gebiet, zu
Kanaanäern gewor en sin un sic in ie naanäisc eU ntertanen evö erung
eingereiht haben; wir haben darüber zwar naturgemäß keine Nachrichten,
müssen diesen Vorgang aber als wahrscheinlich annehmen. Aber dieser Vorgang
hatte schwerlich weite Ausmaß~ und ist daher geschichtlich nicht sehr wichtig.
Wichtig hingegen ist, daß auch die weiten Kreise der israelitischen Stämme, die
sich ihrer Besonderheit den Kanaanäern gegenüber durchaus bewußt blieben,
notwendig eine Annäherung an die kanaanäische Lebensweise und die kanaanä-
ische Art vollzogen. Und das triHt auch für das kultische GebIet zu, das ja-dOch
10 engsten Beziehungen zur Lebensweise stehen mußte. Schon aus der Tatsache,
daß die israelitischen Stämme ihren Kult vielfach an den uralten Heiligtümern
des Landes übten, er ab sich die Übernahme landesüblicher Kulttraditionen. Das
gi t sc on ür en amphi tyonisc en Zentralkult (vge·ühen s.8iff.94ff.) und
dann erst recht für die zahlreichen lokalen Kulte im Lande, die die Stämme oder
die nunmehr zu Ortsgemeinden gewordenen Sippen pflegten. Nicht als ob man
hier fremden Göttern gedient hätte; aber für die kultischen Begehungen wurden
die im Lande hergebrachten Formen maßgebend. So wurden die landesüblichen
großenkultischenAckerbaufesteübernommen (vgl.oben S.94),die mit demJahres-
lauf im Kulturlande aufs engste zusammenhingen; und das gesamte Opferwesen
folgte im allgemeinendenalten Traditionen des Landes. Mochten dabei die speziell
kanaanäischen Kulte, von denen dieRedewar ,mit ihren besonderen Erscheinungs-
formen als etwas Fremdartiges ausgeschlossen bleiben, so vollzog sich doch aufdem
Gebiete der Kultformen eine weitgehende Kanaanisierung.Der israelitischeGlau be
ging damit ganz real in die Welt ein, in der die israelitischen Stämme nunmehr
lebten. Im alltäglichen Leben und Arbeiten aber ergab sich aufGrund der ziemlich
gleichen äußeren Bedingungen ganz von selbst eine starke Annäherung; und auf
diesem Gebiete haben die Israeliten, solange sie noch Neulinge im Lande waren,
von der kanaanäischen Bevölkerung zweifellos viel gelernt und übernommen.
Danach nimmt es nicht wunder, daß die Beziehungen der Israeliten zu ihren
kanaanäischen Nachbarn trotz aller Fremdheit doch keineswegs nur feindliche
waren. Hie und da versteckte Einzelnachrichten werfen einige Lichter auf die
Mannigfaltigkeit derverschiedenartigenBeziehungen, die sich zwischen Israeliten
und Kanaanäern mit der Zeit herausbildeten. Sie gestatten bei weitem nicht, das
Gebiet dieser Beziehungen auch nur einigermaßen zu überschauen, aber zeigen
doch, wie verschiedene Wege möglich waren. Dabei ergibt sich, daß, soweit
überhaupt durch Nachbarschaft oder Verkehrsverbindungen Beziehungen zu-
stande kamen, vielfach auf friedlichem We e ein modus vivendi gefunden
wurde. Die eine ög ic eit war ie, a er eine von bei· en Teilen sic mehr
oder weniger frejwillig in eine so oder so geartete Abhängigkeit von dem ande-
ren begab. In de; Landnahmezeit haben, wie o. S.76f. ausgeführt, die an den
Rändern der Ebene von Jesreel und der Ebene von Akko sich festsetzenden
Stämme Issachar, Sebulon undAssersichanscheinend in ein Frondienstverhältnis
zu den Stadtherrschaften in den Ebenen begeben und um diesen Preis wahr-
§ 12. Das Verhältnis zu den älteren Lalldesbewohnern 135

scheinlich Nutzungsrechte an deren reichem Grund und Boden erhalten. Sie


haben damit ihre Eigenart als Glieder des israelitischen Stämmebundes nicht auf-
zugeben brauchen, sind auch nicht für dauernd in diesemAbhängigkeitsverhältnis
verblieben, sind aber doch zunächst in ein solch einseitiges Verhältnis eingetreten.
Ein Gegenstück dazu bildet die Tatsache, daß die auf dem mittelpalästinischen
Gebüge ziemlich isoliert gelegene alte Stadt Sichern in den Verband des Stammes
Manasse im Range einer manassitischen Sippe aufgenommen worden ist; in der
großen nach Stämmen gegliederten Sippenliste von!'l um. 26 erscheint Sichem
in der Reihe der manassitischen Si en Vers 3I b und damit innerhalb der
rgalllsatlOn es tammes Manasse a s Unterg ie des israelitischen Zwölf-
stämme bundes und wohl auch als Teilnehmer an seiner Gottesverehrung, ohne
daß dabei wohl die politisch-soziale Struktur des alten Staatswesens aufgegeben
wurde (vgl. unten S. 141 f. zu Ri. 9). Wir ahnen nicht, wie es dazu gekommen
sein mag, könnten höchstens vermuten, daß dabei die Tatsache eine Rolle ge-
spielt hat. daß am Heiligtum von Sichem seit ziemlich früher Zeit israelitische
Sippen beteiligt gewesen waren (vgI. die Verbindung der Gestalt Jakobs mit
diesem Heiligtum) und dann zeitweise der amphiktyonische Zentralkult Israels
seine Stätte hatte. Tedenfalls muß dieser Anschluß von Sichem an Manasse schon
sehr früh erfol t s~in, da er nicht nur von der auf die vorstaatliche Zeit zurück-
gehenden Liste von Num. 26, son ern auc von er Erzä ung in Ri. 9 sc on
voraus esetzt wird. In ähnlicher Welse erscheinen die vier in Jos. 9, 17 genannten
kanaanäisc en Stä te, die auf dem Gebirge nordwestlich von Jerusalem zu suchen
sind, als zum Stamme Benjamin gehörig. Es handelt sich um die Städte Gibeon
(noch nicht sicher identifiziert), Kephira (heute chirbet kefire), Beeroth (ebenfalls
noch nicht genau festgelegt) und Kirjath-Jearim (der el-azhar bei el-~erje). Ihre
Territorien erscheinen in der aus vorstaatlicher Zeit stammenden Grenzbeschrei-
bung für Benjamin (Jos. 18,11-20) als in das benjaminitische Stammesgebiet
eingeschlossenl • Allerdings treten ihre Namen in der Liste von Num. 26 nicht
in Erscheinung, so daß man vielleicht annehmen muß, daß sie erst nach der Ent-
stehung dieser Liste in den benjaminitischen Stammesverband aufgenommen
wurden. Auch hier wissen wir nichts über den Vorgang dieser Angliederung;
denn in Jos. 9 haben wir eine ätiologische Erzählung vor uns, die von der Zu-
gehörigkeit der vier Städte zu Benjamin als von einer schon feststehenden Voraus-
setzung ausgeht und sie zu erklä'ren unternimmt, überdies damit noch die ganz
andere Tatsache als Voraussetzung verquickt, daß am Heiligtum von Gilgal bei
Jericho Gibeoniten als "Holzhauer und Wasserschöpfer" Dienste zu leisten hatten.
Die bisher genannten Tatsachen lassen erkennen, daß in den mit kanaanäischen
Städten reich besetzten Teilen des Landes, also vor allem im Bereich der Ebenen,
die kanaanäische Seite zunächst die überlegene war. während auf den Gebirgen
1 Diese Grenzbeschreibung ist freilich nur mit Vorbehalt heranzuziehen, da das System
der Grenzbeschreibungen im Buche Josua nicht einfach die tatsächlichen Wohn gebiete der
Stämme im Kulturlande umschreibt (vgl. oben 5.SS). Außerdem hat der spätere Bearbeiter
des Systems Kirjath-Jearim bereits zu Juda gerechnet. Aber im Zusammenhang mit Jos.9,17
ist der Einbeziehung der vier Städteterritorien in das Stammesgebiet von Benjamin offenbar
geschichtliche Bedeutung beizumessen.
2./1. Die Selbst behauptung der Stämme im Kulturlande

die israelitischen Stämme gegen die hier mehr vereinzelt liegenden Städte sich
durchsetzten, auch ohne daß es vorher notwendi zu krie erischen Verwick-
ungen ge ommen sein müßte. In einem so ausgesprochenen Zwischengebiet,
wie es das Hü eIland zwischen süd alästinischem Gebir e und dem südlichen
Teile der Küstene ene war, aber erfol te eine anscheinend im wesentlichen fried-:
~c e Dure ringung von ei en Seiten. Hier suc te er rä tige StammJud~
weiteren Raum, den er von seinen Sitzen im Gebirge aus vor allem in dieser
Richtung finden konnte; und hier kam es zu einem judäisch-kanaanäischen Zu-
sammenwohnen mit connubium und sonsti en freundlichen Beziehungen.Der
Bestand der hier gelegenen kanaanäischen Stä te sc eint a ei un erü rt ge-
blieben zu sein, und nur in dazwischenliegenden .kleineren schon vorgefundenen
oder neugegründeten Siedlungen haben sich die Judäer festgesetzt. Das geht aus
Gen. 38 hervor. In diesem Stück ist freilich das zweifellos vorhandene stam-
mesgeschichtliche Element von dem rein erzählerischen nicht mehr sauber zu
scheiden. Keinesfalls kann das Ganze einfach aus stammesgeschichtlichen Vor-
gängen abgeleitet werden. Aber bei dem Erzählungsmotiv von der Geburt des
Sela, der nach Num. 26,20 der heros eponymus einer judäischen Sippe war,
handelt es sich sicher um die personifizierende Einkleidung eines Stückes Stam-
mesgeschichte. Sela wurde nach Gen.38,5 in Chesib (= Achsib Jos. 15,44) ge-
boren. Das war eine kleine Ortschaft im Hügellande, die wahrscheinlich mit dem
heutigen tell el-bedazu identifizieren istl . Sein Vater war nach Gen. 38 der Stammes-
ahnherr Juda, seine Mutter jedoch eine Kanaanäerin. Seine Nachkommen aber,
die zu Juda gezählten Selaniten, saßen gewiß in der Gegend von Chesib 2•
Freilich waren die Berührungen zwischen Israeliten und Kanaanäern, soweit
sie stattfanden, nicht ausschließlich friedlicher Art. Verschiedentlich ist es offen-
bar schon in sehr früher Zeit zu kriegerischen Auseinandersetzungen gekommen.
Auch darüber haben wir nur vereinzelte zufällige Nachrichten, die uns zwar
einen Einblick in die vorgekommenen Möglichkeiten gestatten, aber nicht einen
Überblick über die Gesamtheit der Vorgänge. Vor allem erfahren wir aus der
israelitischen Überlieferung begreiflicherweise nur etwas über solche Ausein-
andersetzungen, die für die israelitische Seite erfolgreich ausgingen. Sicherlich
hat es auch den umgekehrten Fall gegeben. Daß die kanaanäischen Stadtherr~
schaften zum größten Teile ihren Besitz haben behaupten können, wird zwar
im allgemeinen darauf zurückzuführen sein, daß die Stämme einen Angriff auf
diesen ihren Besitz gar nicht unternahmen, mag aber in vereinzelten Fällen auch
daher kommen, daß die Städte mit Waffengewalt israelitische Übergriffe abzu-
wehren vermochten. Gelegentlich sind die Städte wohl auch ihrerseits zu An~
griffen auf die ihnen unerwünschten und unbequemen neuen Nachbarn über-
gegangen, und sie mögen dabei hie und da den Erfolg gehabt haben, dieses oder
jenes Stück ihres Gebiets ihnen wieder abzunehmen. Zu bedeutenderen Ereig-·
1 Dieseldentifikation ist von K.Elliger, ZDPV 57 (1934) S.123f. vorgeschlagen worden.
2 Auch in I. Chr. 2 und 4 ist eine Reihe von Angaben enthalten, die dieses Sich-Ein-
schieben von Judäern zwischen die Städte des Hügellandes zu zeigen scheinen; vgl. dazu
M. Noth, ZDPV 55 (1932) S.97ff.
12. Das Verhältnis zu den älteren Landesbewohnern 137
nissen dieser Art ist es allerdings schwerlich gekommen. Auch waren die israeli-
tischen Stämme gegebenenfalls imstande, sich eines solchenAngriffs zu erwehren.
Ein Beis ie! dafur haben WH mJos. 10,1-15 vor uns, 1D der Erzählung von der
Schlacht ei Gi eon. Hier an e t es sic im Kern er Uer
Ie erung ansc ei-
nend darum, daß die "auf dem Gebirge wohnenden Amoriterkänige"l (Vers 6)
einen Angriff auf die benachbarten Israeliten - nach der Lage des Schlachtortes
kommen die Stämme Benjamin und Ephraim in Frage - unternahmen, aber
gründlich abgewiesen wurden2 • Dergleichen mag auch sonst noch gelegentlich
vorgekommen sein. Im ganzen kann man sich solche Vorgänge wohl kaum
mannigfaltig genug vorstellen, muß freilich zugleich bedenken, daß es sich im
allgemeinen um Ereignisse von sehr begrenzten Ausmaßen und sehr beschränkter
Reichweite gehandelt hat.
Vor allem aber ist es den israelitischen Stämmen doch verschiedentlich ge-
lungen, vereinzelt kanaanäische Städte mit Waffengewalt zu bezwingen und sich
in den Besitz ihrer Siedlung und ihres Territoriums zu setzen. Es handelt sich
dabei, soweit wir darüber Nachrichten haben, durchweg um Städte, die mehr
oder weniger isoliert abseits von den großen Stadtstaatengebieten des Landes
lagen. InRi. 1,10-15 = Jos. 15,14-19 (vgl. auch Jos. 14,I2}istdavon dieRede,daß
die Kalibbiter 3 die Stadt Hebron und die verwandten Othnieliter die in der Nähe
gelegene Stadt Debir kriegerisch erobert hätten. Jedenfalls befanden sie sich nach-
mals im Besitz dieser Städte, und die Überlieferung, die von der Tatsache dieses
Besitzstandes ausgeht, mag im Rechte sein, wenn sie an eine gewaltsame Inbesitz-
nahme denkt. Denn Hebron war nach der konkreten Notiz von Num. 13,22 b
eine schon kanaanäische Stadt; und vonDebir kann dasselbe gelten, obwohl es sich
in diesem Falle weder archäologisch'" noch literarisch5 sicher nachweisen läßt.

1 Der Name "Amoriter" steht hier in dem gleichen allgemeinen Sinne wie sonst der Name
"Kanaanäer". Die Städte dieser "Amoriterkönige" müssen wohl in der näheren oder fer-
neren Umgebung von Gibeon gesucht werden.
2 Die jetzige sachliche Verknüpfung zwischen Jos. 9 und Jos. 10 ist wohl kaum ein ur-
sprüngliches Überlieferungselement. Eher könnte man fragen, ob nicht der Anschluß der
vier Städte von Jos. 9,17 an den Stamm Benjamin eine Fol ge der Schlacht von Gibeon
war und damit wenn nicht unmittelbar so doch mittelbar ein Ergebnis eines kriegerischen
Geschehens, also doch vielleicht nicht einfach ein Akt friedlichen Übereinkommens, wie
oben S.135 angenommen. Zur überlieferungs geschichtlichen Analyse von Jos. 10 vgl.
M.Noth, PJB 33 (1937) S.22ff.
3 InRi.l,10istfür denNamen "Juda"ein ursprüngliches "Kaleb" (so Jos.15,14-) anzunehmen.
~ Die Ansetzung von Debir auf dem tell Mt mirsim (etwa 30 km nordnordöstlich VOll
Beerseba), die vor allem von dem überaus erfolgreichen Ausgräber des tell bet mirsim, W. F.
Al bri ght (vgl. AASOR 12 [1932]; 13 [1933]; 17 [1938]; 21/22 [1943]), befürwortet wird,
ist sehr fragwürdig. Nach den alttestamentlichen Angaben möchte man Debir näher bei
Hebron auf dem Gebirge suchen .
.. Die Annahme, daß Debir mit seineJ;Il älteren Namen Kirjath-Sepher (Jos.15,ISf.;Ri.
l,nf.) als bt-Jpr in dem ägyptischen Pap. Anastasi I 22,S aus der Ramessidenzeit (etwa
13 Jh. v. ehr.) genannt werde, ist aufzugeben; bt-Jpr ist wahrscheinlich ganz woanders zu
suchen. Auch für Hebron ist ein älterer Name, Kirjath-Arba, überliefert (Jos. 14, 15; IS,13 ;
Ri. 1,10 u.ö.). Sind die bei den Städte bei der erwähnten Eroberung undNeubesiedlung um-
benaimt worden? Vgl. oben S. 38 Anm. 1.
2./1. Die Selbstbehauptung der Stämme im Kulturlande

Weiter im Norden hatnachRi. 1,22-26 das "Haus ose h" die anzam Südrande
seines Siedlun sbereichs e e ene Sta t Bet e rie erisc erobert. BetheI (heute
betin) ist archäologisch a s eine sc on mitte - und spät ronzezeitliche Stadt er-
wiesen. Nach Ri. 1,23 b (vgl. Gen. 28,I9b u.ö.) hatte diese Stadt zunächst den
Namen Lus getragen, während der Name BetheI ursprünglich wohl nur dem öst-
lich davon gelegenen Heiligtum (an der Stelle des heutigen burdsch betin), an dessen
Kult israelitische Sippen wohl schon seit sehr früher Zeit sich beteiligt hatten, zu-
kam und erst nachträglich auch auf die Stadt übertragen wurde. Es mag sein, daß
die U mbenennung mit der Besetzung durch das "Haus Joseph" zusammenhing.
Im Ostjordanlande gelang dem Stamme Gad die Eroberung der seinem Gebiet
unmittelbar benachbarten, von dem Stadtkönig Sihon beherrschten Stadt Hesbon
(heute besbän), wie das alte Siegeslied Num. 21,27-30 meldet, dem in Num.
21,21-3 I dann eine umrahmende Erzählung beigegeben worden ist. In dem ab-
gelegenen obersten Teil des Jordangrabens wurde die Stadt Hazor (heute tell
wa~~ä1), deren Existenz durch ägyptische Nachrichten und durch die Amarna-
tafeln für die mittlere und späte Bronzezeit belegt ist, durch Israeliten und d. h.
wohl durch den in der Nähe sitzenden Stamm Naphthali gewaltsam bezwungen
und zerstört und ihr Territorium annektiert. Dieser Vorgang bildet die Grund-
lageder Erzählung von Jos. I 1,1-15.An den Jordanquellen lag in der spätkanaanä-
ischen Zeit - ebenfalls durch ägyptische Quellen bezeugt - die Stadt Lais (heute
tell el-~ä4i); sie wurde nach Ri. 18,27f. durch den Landbesitz suchenden Stamm
Dan kriegerisch eingenommen, besiedelt und nunmehr nach seinem eigenen
Namen Dan benannt. Der Stamm Dan geriet damit freilich zugleich in ein nicht
mehr genauer zu bestimmendesAbhängigkeitsverhältnis zu phönikischen Küsten-
städten, die anscheinend eine Oberherrschaft über Lais und sein Territorium
ausgeübt hattenl •
Alle diese Städteeroberungen werden in der alttestamentlichen Überlieferung
mit dem Landnahmevorgang in unmittelbaren Zusammenhang gebrachts. Da-
zu ist freilich zu bedenken, daß die Landnahme ein länger andauernder Pro-
zeß gewesen ist, der gewiß nicht sogleich mit Eroberungen von Städten be-
gann. Vielmehr ist der Angriff auf vereinzelt gelegene kanaanäische Städte
wahrscheinlich erst erfolgt, nachdem sich die israelitischen Stämme in deren
Nachbarschaft in siedlungsfreien oder siedlungsarmen Räumen festgesetzt und
damit im Kulturlande Fuß gefaßt hatten. Und so kann die Besetzung ka-
naanäischer Städte, die zumeist am Rande israelitischer Stämmegebiete lagen,
höchstens als ein allerletztes Stadium des Landnahmevorganges aufgefaßt wer-
den, wenn man nicht sogar besser hier von einem Ausbau und einer Abrundung
1 Vgl. die auffällige Erwähnung von Sidon im Zusammenhang mit Lais in Ri. 18,7.28
und dazu oben S.77f.
3 Die bekannten Erzählungen von der Eroberung der Städte Jericho (Jos. 6) und Ai (Jos. 8)
sind nicht berücksichtigt worden. Denn hier handelt es sich um ätiologische Sagen, die von
der Tatsache des Zerstörtseins dieser Städte ausgehen. Die Zerstörung dieser Städte aber -
bei Ai (heute et-tell bei der dubwan) ist es sicher, und bei Jericho (heute tell es-sullan bei eri~a)
ist es wahrscheinlich - war schon vor der Landnahme der Israeliten erfolgt, so daß diese die
Wüstungen und deren Territorien einfach in Besitz nehmen konnten.
§ 12. Das Verhältnis zu den älteren Landesbewohnern 139

des Kulturlandbesitzes der Stämme und einer nach Abschluß der eigentlichen
Landnahme erfolgten Auseinandersetzung mit den älteren Landesbewohnern
reden will1•
Von einem bedeutenderen Kampf israelitischer Stämme gegen kanaanäische
Städte im eigentlichen Bereich des Stadtstaatenwesens, d.h. in einer der Ebenen
des Landes, hören wir in der Überlieferung nur einmal j und das ist kein Zufall,
denn hier handelt es sich um ein offenbar ganz außergewöhnliches Ereignis. In
der Prosaerzählung von Ri. 4 und dem alten Siegeslied von Ri. 5 ist von dem
berühmten Sieg die Rede, den israelitisl:he Stämme über die Streitwagenmacht
des Königs Sisera in der ]esreel Ebene, "bei Thaanacham Wasser von Megiddo"
Ri. 5,19), erfochten. Über die Voraussetzungen dieses Sieges ist uns wenig be-
kannt!. Sisera war König in Haroseth (tell 'amr bei el-biiri!ije) am Nordwest-
ausgang der ]esreel-Ebene. Sein Name ist vielleicht iIlyrisch 3 , und damit wäre
er zu der Herrenschicht der "Seevölker" (s. oben S. 41 f.) zu zählen. Es mag sein,
daß er eine Art Oberherrschaft über die teils von "Kanaanäern" und teils von
"Seevölkern" besetzten Städte der Ebene von ]esreel und vielleicht auch der
Ebene von Akko ausübte. Nach der alttestamentlichen Überlieferung wäre der
Kampf von den benachbarten israelitischen Stämmen ausgegangen, und zwar
von Naphthali und Sebulon (Ri. 4,6.10)4. Der Anlaß wird uns nicht berichtet;
und man kann nur vermuten, daß die Abhängigkeit der an den Rändern der
Ebenen sitzenden galiläischen Stämme von den Städten dieser Ebenen (vgI. oben
S.76f.) diese Reaktion hervorrief. Die Führung aber lag bei dem Stamme Naph-
thali, der frei von solcher Abhängigkeit war. Ein Naphthalit, Barak, aus Kedes
in Naphthali (heute ~edes) wurde zum Anführer, inspiriert durch eine" Prophetin"
mit Namen Debora (Ri. 4,4). Hier begegnet uns zum ersten Male die Erscheinung
des charismatischen Führerturns bei den israelitischen Stämmen. Im Namen des
Gottes Israels wird durch einen Gottesboten ("Propheten") ein Mann zu einer
bestimmten Tat aufgerufen und, ohne daß er ein Amt hätte, schreitet er zu dieser
Tat und findet als ein von Gott Berufener Gefolgschaft j und der Krieg, der nun
geführt wird, ist ein "heiliger Krieg"6. Dem Rufe Baraks folgte sein Stamm
Naphthali und außerdem der Nachbarstamm Sebulon. Von Kedes, wo dieGefolg-
schaft versammelt wurde, zog man zu dem heiligen Berge Thabor in der Nord-
ostecke der Jesreel-Ebene und brach von da gegen die inzwischen in der Jesreel-
Ebene versammelte Streitwagenmacht Siseras auf, und es gelang ein vollkom-
mener Sieg über diesen gefürchteten Gegner, den die Israeliten nur der mäch-
tigen Hilfe ihres Gottes zuschreiben konnten, in dessen Namen Barak den Kampf
begonnen hatte. Sisera selbst mußte, nachdem die Streitwagenmacht geschlagen
worden war, zu Fuß die Flucht ergreifen und wurde in dem Zelte eines in der
1 Vgl. dazu besonders A. Alt, PJB 35 (1939) S.14ff. = Kleine Schriften zur Geschichte
des Volkes Israel I (1953) S. 131tf.
2 Vermutungen darüber bei A. Alt, ZAWN.F. 19 (1944) S.72ff.
aSo A. Alt, ZAWN.F. 19 (1944) S·78 Anm. 3.
4 Das Siegeslied Ri. 5 hat den Kreis der Beteiligten sekundär erweitert.
5 Vgl. dazu G. v. Rad, Deuteronomium-Studien (1947) S.31 ff. und besonders G. v. Rad,
Der Heilige Krieg im alten Israel (1951).
2./I. Die Selbst behauptung der Stämme im Kulturlande

Nähe sich aufhaltenden Keniters, in dem er Zuflucht suchte, ermordet, und die
Sieger rieben auf der Verfolgung die gegnerische Macht auf.
Über die Folgen dieses Ereignisses wird uns nichts berichtet. Daß die Israeliten
nunmehr die Städte in den Ebenen im ganzen oder auch vereinzelt erobert und
in Besitz genommen hätten, davon verlautet nichts, und es ist daher auch nicht
wahrscheinlich. Ja, die Art ihrer späteren Eingliederung in den Staat Israel (v gl.
unten S.I76f.) spricht entschieden dafür, daß sie als kanaanäische Städte weiter-
bestanden. Wohl aber darf man annehmen, obwohl auch davon nichts über-
liefert ist, daß die Abhängigkeitsverhältnisse israelitischer Stämme von den
kanaanäischen Städten, wenn sie bis dahin noch bestanden haben sollten, nun-
mehr ein Ende fanden, daß jedenfalls diese Stämme fortan voller Freiheit sich
erfreuten wie die übrigen Stämme auch. Die wichtigste Folge des Sieges aber
war für die israelitischen Stämme gewiß die Erfahrung, auch einer kanaanä-
ischen Streitwagenmacht gewachsen, ja überlegen zu sein, wenn ihr Gott ihnen
zur Seite stand. Damit mußte die Unsicherheit und Furcht vor der Kriegstechnik
und Kriegsmacht der älteren Landesbewohner schwinden; und so wurde der
Weg frei für eine tatsächliche Überlegenheit der Stämme über das kanaanäische
Stadtstaatenwesen, wie sie in der Geschichte nun mehr und mehr sich geltend
machte. Zugleich erwies dieser Sieg, daß der Gott, der nach den Traditionen des
sakralen Zwölfstämmebundes in der Vorgeschichte mit mächtiger Hilfe einge-
griffen und die Stämme in das verheißene Land geführt hatte, auch gegenwärtig
noch lebendig wirksam war und den Stämmen das verheißene Land gegenüber
den älteren Landesbewohnern behaupten half. Das alles war von wesentli{;her
Bedeutung über den engeren Kreis der unmittelbar am Kampfe beteiligt ge-
wesenen Stämme hinaus. Das zeigt auch das Siegeslied in Ri. 5, das soge-
nannte Deboralied, eines der ältesten Stücke, die im A.T. erhalten sind. Es"knüpft
an die Traditionen von der Vorgeschichte damit an, daß es eingangs vom Kom-
men Jahwes vom Sinai her spricht, und feiert dann das große Ereignis so, daß es
dieses Ereignis als eine Angelegenheit eigentlich aller israelitischen Stämme be-
schreibt, wobei nur die weitab und einigermaßen isoliert wohnenden Süd-
stämme außerhalb des Kreises der Betrachtung bleiben.
Wir haben keinerlei Anhaltspunkt für eine auch nur einigermaßen genaue
Datierung des Sieges über Sisera\ werden aber kaum fehlgehen in der Annahme,
daß er eine gewisse Zeit des Einlebens der Stämme im Lande und der Sicherung
und des Ausbaus ihres Kulturlandbesitzes voraussetzt. Man wird annehmen
dürfen, daß mit diesem Siege die Konsolidierung der israelitischen Stämme auf
dem Boden des Kulturlandes im wesentlichen abgeschlossen und ihre Stellung
gegenüber den älteren Landesbewohnern gesichert war. Freilich barg dieses
Verhältnis bei der Verschiedenheit der Art auf beiden Seiten ständig Spannungen
in sich; und selbst da, wo das Verhältnis in bestimmter Weise geregelt war,
1 Da dieser Sieg keine unmittelbaren und greifbaren Wirkungen auf kanaanäische Städte
gehabt zu haben scheint, ist auch eine archäologische Datierung - etwa von den archäolo-
gisch feststellbaren Wechselfällen in der Geschichte der Stadt Megiddo (heute tell el-
mutesellim) aüs - nicht möglich; vgl. dazu speziell A. Alt, ZAWN.F. 19 (1944) S.67-85.
§ 12. Das Verhältnis zu den älteren Landesbewohnern 141

mußten diese Spannungen immer wieder zu größeren oder kleineren Konflikten


führen.
Von einem solchen Konflikt hören wir in der Geschichte von Abimelech, dem
"Sohne des Jerubbaal"l (Ri.9). Es handelt sich um einen Vorgang besonderer
Art, der in dem besonderen Verhältnis der Stadt Sichem zum Stamme Manasse
seine Grundlage hatte, aber doch insofern von allgemeiner Bedeutung ist, als er
zeigt, wie die Verschiedenheit der politisch-sozialen Struktur bei Israeliten und
Kanaanäern leicht zu Spannungen und Auseinandersetzungen führte auch da, wo
ein bestimmtes Übereinkommen bestand. Es wird auch anderwärts aus dem
gleichen Grunde in verschiedener Weise zu Reibungen gekommen sein, ohne
daß wir doch in der Überlieferung etwas davon hörten2 • Die Voraussetzung für
das Unternehmen des Abimelech nach Ri. 9 bildete die Eingliederung der
alten kanaanäischen Stadt Sichem in den Verband des Stammes Manasse (vgl.
oben S. I 35). Mit ihr war offenbar für diesen Bereich ein israelitisch-kanaanäisches
connubium verbunden. In Manasse hatte damals die in der Stadt Ophra (genaue
Lage unbekannt) beheimatete Sippe Jerubbaal die Führung, die sich auch über
den Stadtstaat von Sichem erstreckte. Ein ehrgeiziger Angehöriger dieser Sippe,
Abimelech, der eine sichemitische Mutter hatte, wußte die Abneigung der alten
sichemitischen Herrenaristokratie 3 gegen die manassitische Sippenherrschaft aus-
zunutzen, und mit ihrer Hilfe gelang es ihm, die anderen männlichen Mitglieder
der Sippe Jerubbaal zum größten Teile ums Leben zu bringen. Daraufhin ließ er
sich, selbst wenigstens mütterlicherseits ein Sichemit, von der Aristokratie der
Stadt zum Stadtkönig von Sichem erheben. Aber er wollte doch nicht nur ein
kleiner kanaanäischer Stadtkönig nach alter kanaanäischer Weise ein, sondern er
hat - wahrscheinlich mit mehr oder weniger Druck und Gewalt - seine Herr-
schaft auch über die auf dem Gebirge um Sichem her sitzenden manassitischen
und ephraimitischen Sippen ausgedehnt'. Dadurch wurde seine Herrschaft zu
einem unorganischen Zwittergebilde, und daran ist er nach ziemlich kurzer Zeit
gescheitert. Abimelech verlegte mit der Zeit, da er eben nicht nur Stadtkönigvon
Sichem sein, sondern möglichst weithin auch über israelitische Stämme gebieten

1 Die Gleichung Jerubbaal = Gideon (Ri. 7,1; S,35, vgl. 6,25-32) ist gewiß sekundär,
wenn auch schon ziemlich alt; sie beruht wohl auf der Tatsache, daß auch Gideon in Ophra
beheimatet war. Ihr ist aber wahrscheinlich das Erhaltensein der Abimelechgeschichte als
Anhang zu den Gideongeschichten zu verdanken.
2 Auch das Verhältnis des Stammes Benjamin zu den vier ihm angeschlossenen kanaanä-
ischen Städten (vgl. oben S.135) scheint nicht ohne Schwierigkeiten geblieben zu sein.
Jedenfalls hören wir, daß später der Benjaminit Saul als König in einige dieser Städte mit
Gewalt eingegriffen hat; vgl. 2. Sam. 21, Iff. (Gibeon) und 2. Sam. 4,2.3 (Beeroth).
3 Sichern wurde damals nicht durch einen Stadtkönig, sondern aristokratisch regiert, wie
es schon für kanaanäische Städte der Amarnazeit gelegentlich belegt ist.
4 Schon in der Amarnazeit hatte der Stadtkönig Labaja von Sichern seine Herrschaft weit
über das mittelpalästinische Gebirge hin erweitert (vgl. A. Alt, Die Landnahme der Israe-
liten in Palästina [1925] S.lsff. = Kleine Schriften zur Geschichte des Volkes Israel I [1953]
S.lo8ff.). Damals allerdings war dieses Gebiet kaum schon von israelitischen Stämmen be-
setzt gewesen. Labaja hatte also eine etwas andere Situation vorgefunden als die, die zur
Zeit Abimelechs bestand.
142 2./1. Die Selbstbehauptung der Stämme im Kulturlande

wollte, seine Residenz von Sichern nach Aruma (heute el-'örme, etwa 10 km süd-
östlich von Sichern im ephraimitischen Stammesgebiet) und setzte im Stadtstaat
Sichern einen "Beauftragten" (,.~~) als seinen Stellvertreter ein. Das nahmen
ihm die Sichemiten, die ihm doch erst zum Königtum verholfen hatten, als Treu-
losigkeit übel. Sie ließen sich zum Aufruhr gegen Abimelech verführen. Darauf
griff Abimelech - offenbar mit den Söldnern, die er einst mit dem Gelde der
Sichemiten zur Ausrottung der Sippe des Jerubbaal und zur Begründung seiner
Herrschaft angeworben hatte - die Stadt an, eroberte und zerstörte sie. Damit
aber hatte er nun die Grundlage seines Königtums selhst vernichtet, und daran
ist er dann sehr bald zugrunde gegangen. Er hat anscheinend noch versucht,
erobernd im manassitisch-ephraimitischen Bereich seine Herrschaft nach dieser
und jener Richtung hin auszudehnen. Jedenfalls finden wir ihn zum Schluß be-
schäftigt mit einem Angriff auf die Stadt Thebez (heute !übä/, etwa 15 km nord-
östlich von Sichern). Dabei ist er ums Leben gekommen. Sein Königtum, das
ganz sein persönliches Werk gewesen war, fand damit ein schnelles Ende.
Das Auftreten des Abimelech war nur eine Episode. Geschichtliche Folgen hat
es anscheinend nicht gehabt!. Als einen Vorläufer der späteren Staatenbildung
auf dem Boden Israels kann man dieses Abenteuer des Abimelech kaum an-
sprechen. Das Verhältnis zwischen Sichem und Manasse wird sich nach seinem
Tode in der früheren Weise wieder geregelt haben. Bemerkenswert ist die Ge-
schichte des Abimelech jedoch als ein Zeichen für die Spannungen zwischen
israelitischem und kanaanäischem Wesen, aus denen Abimelech für sich per-
sönlich Nutzen zu ziehen versuchte, an denen er aber doch letztlich gescheitert ist.
Bemerkenswert ist immerhin auch, daß Abimelech in der uns erhaltenen Über-
lieferung der erste Israelit - von seiner Mutter Seite her allerdings ein israelitisch-
kanaanäischer Mischling - gewesen ist, der sich "König" genannt hat.

§ 13. Die Auseinandersetzungen mit den Nachbarn


Der israelitische Stämmebund hat auf der Ostseite eine Reihe von Nachbarn
gehabt, die etwa um die gleiche Zeit wie die israelitischen Stämme selbst und in
ähnlicher Weise und im Zuge derselben Bewegung von der Wüste und Steppe
aus in das Kulturland übergetreten waren und sich hier seßhaft gemacht hatten.
Sie waren in den teilweise günstigen und fruchtbaren Gegenden am östlichen
Kulturlandrande sitzengeblieben und hatten sich hier im Laufe der Zeit zu ein-
zelnen Völkern konstituiert, besonders im südlichen Teile des Ostjordanlandes.
Hier waren sie schon verhältnismäßig früh zu Staatenbildungen gelangt. Über
den gewiß allmählichen Prozeß ihrer Landnahme und ihrer Konsolidierung
wissen wir fast gar nichts, da es uns an Überlieferungen fehlt. Nur so viel läßt
sich archäologisch feststellen, daß der südliche Teil des Ostjordanlandes nord-
1 Daß etwa die Verlegung des amphiktyonischen Zentralheiligtums von Sichern nach
Bethel mit den Wirren der Abimelechzeit zusammenhing, ist allenfalls möglich, aber keines-
wegs sicher (vgl. oben S.9If).
§ 13. Die Auseinandersetzungen mit den Nachbarn 143
wärts bis in die Jabbokgegend in der mittleren und späten Bronzezeit fast gar
nicht von einer seßhaften Bevölkerung besiedelt gewesen war und erst im Laufe
des I 3.Jahrhunderts v.Chr. neu mit festen Siedlungen besetzt zu werden be-
gannl • Besonderer Anlaß zu kriegerischen Auseinandersetzungen mit den hier
sich bildenden Völkern, die in ihrer Art den israelitischen Stämmen nahe ver-
wandt waren und die je ihre eigenen Siedlungsbereiche hatten, bestand im allge-
meinen zunächst nicht. Aber das Streben nach Erweiterung des eigenen Raumes,
wie es kräftigen Völkern immer eigen ist, hat doch auch hier gelegentlich zu Zu-
sammenstößen geführt; und zwar scheint nach der erhaltenen überlieferung die
Aktivität zunächst auf der Seite der östlichen Nachbarn gelegen zu haben, deren
Raum im Osten durch die Wüste begrenzt war und die daher naturgemäß nach
Westen zu hie und da anzugreifen versuchten. Die israelitischen Stämme mußten
dann ihnen gegenüber ihren Kulturlandbesitz verteidigen.
Im südlichsten Ostjordanlande, südlich des in das Südende des Toten Meeres
einmündenden wädi el-besa, hatten sich auf dem Gebirge östlich des großen Ein-
bruchsgrabens des wädi el-caraba die Edomiter angesiedelt. Sie hatten schon
früh einen Staat gebildet mit vielleicht gewählten Königen (vgl. Gen. 36,31-39).
Edom lag weit abgelegen ohne unmittelbare Grenzberührung mit den Israeliten,
so daß eine Gelegenheit zu feindlichen Auseinandersetzungen gar nicht bestand.
Nördlich des wädi el-hesa auf der Ostseite des Toten Meeres lag das Gebiet der
Moabiter. Ihr Land erstreckte sich nordwärts bis zum Arnon (heute set el-
modschib); aber sie haben während ihrer ganzen Geschichte immer das Bestreben
gehabt, auch die fruchtbare Ebene nördlich des Arnon in ihren Besitz zu be-
kommen, und haben auch zu verschiedenen Zeiten diese Ebene in wechselnder
Ausdehnung tatsächlich besessen. In nördlicher Richtung über den Arnon hin-
weg lag für sie die einzige Möglichkeit einer Erweiterung ihres Kulwrland-
besitzes; und in diesem Bereich kamen sie mit den israelitischen Stämmen in Be-
rührung. Zunächst scheint die Hochebene nördlich des Arnon mit der erneuten
festen Besiedlung im Laufe des I 3. Jahrhunderts v.Chr. mit allerlei kleineren
städtischen Herrschaften besetzt worden zu sein, wie jenes Hesbon eine war, das
die benachbarten Gaditen schließlich erobern konnten. Wer diese Städte, die es
vereinzelt auch südlich des Arnon gab 2 , begründet hatte und wer in ihnen
herrschte und wohnte, das ist nicht mehr recht sicher auszumachen 3 • Südlich des
Arnon sind sie jedenfalls schon früh in den sich bildenden moabitischen Staat
eingegangen, während sie nördlich des Arnon zwischen Moab und Israel viel-
leicht noch etwas länger ihre Selbständigkeit haben behaupten können. Die
Moabiter sind schon verhältnismäßig früh zu staatlicher Gestaltung gelangt und
haben wie die Edomiter längst Könige gehabt, ehe in Israel auch nur der Ge-
danke an ein Königtum aufkam. Freilich wissen wir über den Verlauf der

1 VgI.N. Glueck, AASOR 14 (1934) und 15 (1935).


2 Ein Bespiel dafür ist nach Ausweis des archäologischen Befundes die alte Ortslage von
el-bälü'a.
3 Vgl. dazuA. Alt, PJB 36 (1940) S.29ff., der besonders die Stele von el-b'älii'a behandelt,
die auffallenderweiseeine Beschriftung in kretischer Linearschrift B aufweist.
144 2./1. Die Selbst behauptung der Stämme im Kulturlande

Staaten bildung in Moab gar nichts; und es bleibt zu fragen, ob es von Anfang an
hier ein Gesamtkönigtum gegeben hat. Denn bei den Moabiterkönigen, die uns
für die früheste Zeit im A.T. begegnen, hat man den Eindruck, daß es sich um
Kleinkönige handle, deren es anfangs in Moab mehrere nebeneinander gegeben
haben könnte.
Der älteste uns noch erkennbare Stand der Dinge war der, daß die Moabiter
nördlich des Arnon - wenigstens längs des Gebirges, das den Ostrand des Toten
Meeres begleitet, falls die Städte weiter im Osten mitten auf der Hochebene
damals noch selbständig gewesen sein sollten - sich ziemlich weit vorgeschoben
hatten!. Zwischen Hesbon (besbän) und dem Nordende des Toten Meeres lag an
einem aussichtsreichen Punkte auf einer Stufe des vom Jordangraben aus auf-
steigenden ostjordanischen Gebirges an der Stelle der heutigen chirbet esch-schech
dschäjil der BerggipfelPeor mit dem einst berühmten Heiligtum des Baal Peor;
und an diesem Heiligtum begegneten sich Israeliten - und zwar in erster Linie
die Angehörigen des benachbarten Stammes Gad - und Moabiter. Es war offen-
bar ein Grenzheiligtum, und bis in die Gegend dieses Heiligtums saßen damals
Moabiter. Dieser Zustand wird in der kurzen Erzählung Num. 25,1-5 und vor
allem in den Bileamgeschichten von Num. 22-242 vorausgesetzt. Die letzteren
zeigen zugleich, daß das nachbarliche Verhältnis nicht immer freundlich war.
Zwar ist in den Bileamgeschichten von kriegerischen Auseinandersetzungen mit
dem "Moabiterkönig" Balak nicht die Rede, und sie gehen so aus, daß sich an
dem status quo ante des Verhältnisses zwischen Israel und Moab nichts ändert;
aber sie setzen doch zugleich voraus, daß beide Teile als Gegner sich gegenüber-
standen trotz ihrer gemeinsamen Teilnahme am Kult des Baal Peor.
Der Besitz der Moabiter reichte aber in dieser Frühzeit sogar hinunter bis in den
Jordangraben westlich von Beth-Peor. Hier lagen die :nm.3 m:l'31 auf der Ostseite
des Jordans gegenüber den ,"" m:l'31 aufder anderen Seite; damit sind die Anteile
am Jordangraben (i1:l'31i1) gemeint, die Moab bzw. andrerseits dem Stadtstaate
von Jericho gehörten. Nun kommt der Ausdruck :l~'7.) m:l'31 allerdings erst in der
spätesten literarischen Schicht der Pentateucherzählung vor; aber er kann sach-
lich nur in sehr viel älterer Zeit entstanden sein, und dafür kommt nur die hier
behandelte Frühzeit in Frage. Der südlichste Teil des Jordangrabens am Nord-
rande des Toten Meeres auf der Ostseite des Jordans war also einmal Besitz der
Moabiter gewesen, und zwar eben damals, als sie am Heiligtum des Baal Peör
Nachbarn der Gaditen waren. Diese Ausdehnung des moabitischen Bereichs bis
hinunter in den Jordangraben wird von der Ehudgeschichte in Ri. 3,12-30
vorausgesetzt. Danach hatten die Moabiter von da aus sogar einmal über den
Jordan hinübergegriffen und das Territorium des einstigen Stadtstaates Jericho
besetzt und dessen damalige benjaminitische Besitzer zur Tributleistung von
diesem nunmehr von Moab beanspruchten Gebiet gezwungen, bis es schließlich
dem Benjaminiten Ehud bei Gelegenheit einer Tributablieferung gelang, den
1 Genaueres zum Folgenden bei M. N oth, ZAW N.F. 19 (1944) S.17ff.
2 Der überlieferte Zusammenhang verlegt die Bileamgeschichten zwar in.die Landnahme-
situation, ursprünglich aber setzten sie gewiß schon gefestigte Landbesitzverhältnisse voraus.
§ I3. Die Auseinandersetzungen mit den Nachbarn 145

"Moabiterkönig" Eglon zu ermordenl und die dadurch bei den Moabitern ent-
stehende Verwirrung dazu auszunutzen, mit Hilfe schnell herbeigerufener Ben-
jaminiten und Ephraimiten die moabitische Besatzung auf der Westseite des
Jordans zu vernichten. Damit war das damals erstrebte Ziel, den übergriff der
Moabiter bis in das Westjordanland hinein abzuwehren, erreicht und der zu
jener Zeit offenbar als normal betrachtete Zustand wiederhergestellt, daß das
unterste Stück des Jordanlaufes die israelitisch-moabitische Grenze war; denn
ein Hinübergehen auf die Ostseite des Jordans wird in der Ehudgeschichte gar
nicht ins Auge gefaßt.
Das bedeutete eine immer noch außerordentlich weite Ausdehnung des moa bi-
tischen Gebietes in nordwestlicher Richtung. Dabei ist es aber nicht allzu lange
geblieben. Jedenfalls finden wir zu Beginn der israelitischen Königszeit nicht
nur bereits einen großen Teil der Ebene nördlich des Arnon in israelitischem
Staatsbesitz, sondern sie war offenbar teilweise auch wirklich von Israeliten be-
siedelt. Das ist kaum mit einem Schlage geschehen und wird nicht ohne kriege-
rische Auseinandersetzungen, vielleicht zahlreiche einzelne kleine Kämpfe, mög-
lich gewesen sein. Wir erfahren darüber gar nichts, da die überlieferung über
die vorstaatliche Zeit des Kulturlandlebens der israelitischen Stämme vorwiegend
solche Ereignisse berichtet, die sich an bestimmte Führergestalten knüpfen. Es
war jedenfalls der Stamm Gad, der auf Kosten der Moabiter seinen Kulturland-
besitz erweitern konnte. Vielleicht daß die geglückte Eroberung des benach-
barten Stadtstaates Hesbon die Position dieses Stammes so gestärkt hatte, daß er
sich nun kräftig auch gegen die Moabiter durchsetzen konnte. Denn Moab war
ein kleines Volk und der moa bit ische Staat ein Kleinstaat, der keine große Macht
entfalten konnte und gegen Israel nur Erfolge hatte, wenn die Situation für ihn
aus irgendwelchen Gründen besonders günstig war. Die Moabiter hatten an-
fangs ziemlich weit über den Arnon nach Norden ausgreifen können, als die
israelitische Siedlung im Ostjordanlande noch sehr schwach gewesen war und
der Stamm Gad sich noch auf ein kleines und wenig günstiges Gebiet, das
im wesentlichen aus Weideland bestand (vgl. Num. 32,1), beschränkt hatte.
Später aber hat Gad sich jedenfalls am Westrande der Hochebene bis an den
Arnon heran vorgeschoben, wie denn der König Mesa von Moab in der Mitte
des 9.Jh. v.Chr. in seiner Inschrift (Z. 10) bemerkt, daß "die Männer von Gad
von jeher im Lande Ataroth (heute Cattarüs etwa 12 km nördlich des Arnon) ge-
wohnt" hätten; und die Stadt Dibon (heute diban 5 km nördlich des Arnon)
wird in Num, 33,45f. als "Dibon-Gad" bezeichnet, war also nicht nur später
in das israelitische Staatsgebiet einbezogen, sondern auch von Israeliten (Gaditen)
bewohnt. Dieses Vordringen von Gad aber fiel gewiß noch in die vorstaatliche
Zeit. Wie weit Gad sich auch anderer Städte weiter im Osten auf der Hochebene
im Zuge seiner Ausdehnung bemächtigen konnte, entzieht sich unserer Kenntnis.
Nordöstlich von Moab saßen in der Gegend des Oberlaufs des Jabbok die
Ammoniter. Ihren Mittelpunkt hatten sie in der Stadt Rabba (nach ihnen auch
1 Leider ist aus der Ehudgeschichte nicht klar ersichtlich, wo die Ermordung des Eglon
stattfand (ob westlich oder östlich des Jordans).
2./I. Die Selbst behauptung der Stämme im Kulturlande

l;~~-'~f T1~j genannt) an der Stelle der heutigen Hauptstadt von Jordanien
cammän, in deren Namen der alte Ammonitername noch fortlebt. Auch sie haben
schon früh, jedenfalls lange vor den Israeliten, ein Königtum gehabt und einen
Kleinstaat gebildet. Ihre später gelegentlich hervortretende Verbindung mit den
ihnen im Norden benachbarten Aramäern spricht dafür, daß sie mit diesen nahe
verwandt waren. Anfangs hatten sie zu Israel keine Beziehungen, da ~ie abseits
von den israelitischen Stämmegebieten wohnten. Erst als das alte Land Gilead
südlich des Jabbok durch Ephraimiten vom westjordanischen Gebirge Ephraim
aus besiedelt wurde, ergaben sich Berührungen, und dies um so mehr, als die
Ammoniter die Tendenz hatten, sich in nordwestlicher Richtung auszudehnen.
Hier lag die kleine fruchtbare Ebene, die heute el-bu~ta genannt wird, nördlich
des heutigen Straßenpunktes e§-§uwelib; und in dieser Ebene setzten sich die
Ammoniter fest, zumal sie in anderen Richtungen nicht sehr günstige Ausdeh-
nungsmöglichkeiten hatten. Damit wurden. sie zu unmittelbaren Nachbarn der
ephraimitischen Siedler im Lande Gilead ; und mit diesen mußten sie in Konflikt
kommen, wenn sie noch weiter nach Nordwesten vorstoßen wollten. Daß sie
tatsächlich einmal das Land Gilead angegriffen haben, erfahren wir aus der
Jephthahgeschichte in Ri. 10,6-12.,61• Danach besetzten sie eines Tages den
Ort Gilead (heute chirbet dschel'ad), eine Siedlung am "Berg Gilead", von dem
das ganze Gebiet seinen Namen erhalten hatte; und diese Besetzung erfolgte
zweifellos mit Waffengewalt (Ri. 10,17a). Zur Abwehr dieses Angriffs suchten
die Gileaditen zunächst nach einem Führer; und da sich in ihren Reihen ein
solcher nicht finden wollte, besannen sie sich auf einen gewissen Jephthah,
den unebenbürtigen und nicht erbberechtigten Sohn eines Gileaditen, der an der
Spitze einer Schar von Abenteurern im "Lande Tob "2 sein Wesen trieb und sich
inzwischen wohl in kriegerischen Taten bewährt hatte. Jephthah versammelte
nunmehr den Heerbann der Gileaditen in dem gileaditischen Mizpa (wohl anzu-
setzen in dem heutigen reschiini einige Kilometer nordwestlich des Ortes Gilead),
an dessen Heiligtum "der Geist Jahwes über ihn kam" (Ri. II,29), so daß er
nun als charismatischer Führer an der Spitze der Gileaditen gegen die Ammo-
niter auszog, sie besiegte und aus dem Lande Gilead wieder vertrieb 3 • Damit
war der Besitz des Landes Gilead für seine ephraimitischen Bewohner ge-
sichert. Denn wir hören zunächst nichts von einem wiederholten Versuch der
Ammoniter, sich des Landes Gilead zu bemächtigen4• Freilich blieben auch
die Ammoniter in ihrem Kulturland besitz (gewiß einschließlich der bu~ta) un-
berührt. Es war ein reiner Abwehrerfolg gewesen. Jephthah aber hat dann
1 Das Stück Ri. II,15-26, in dem ganz unsachgemäß Moab als Gegner auftritt, ist ein
sekundärer Einschub. InRi. II,30-3I.34-40 und Ri. 12,1-6 liegen Sondererzählungen vor.
2 Leider ist die Lage dieses "Landes Tob", zu dem noch 2.Sam. 10,6.8 zu vergleichen ist,
nicht mehr zu ermitteln. Es war wohl eine der damals noch wenig besiedelten ostjordanischen
Gegenden, am ehesten nördlich des Jabbok.
3 Die in Ri. II,33 genannten Orte, mit denen der Schauplatz des Kampfes genauer be-
stimmt wird, lassen sich leider nicht mehr lokalisieren.
, Später haben die Ammoniter unter anderen Voraussetzungen noch einmal einen Angriff
auf den ostjordanischen Besitz Israels unternommen (vgl. unten S.ISS f.).
§ 13. Die Auseinandersetzungen mit den Nachbarn 147

später noch das Amt des "Richters Israels" sechs Jahre lang bis zu seinem Tode
verwaltet (Ri. 12,7).
Nördlich von Ammon waren in der Frühzeit Israels die Aramäer im Begriff,
auf Kulturlandboden festen Fuß zu fassen und sich in zunächst anscheinend noch
wenig festen staatlichen Gebilden zu konstituierenl • Eine Aramäergruppe hat
einmal eine Zeitlang südlich des Jabbok in der östlichen Nachbarschaft des
Landes Gilead gesessen; und hier erfolgte die erste uns bekannte geschichtliche
Berührung zwischen Israeliten und Aramäern, und diese war friedlicher Art. In
einem Übereinkommen zwischen beiden Teilen wurde ein Steinmal auf dem
"Berge Gilead" als Grenze festgesetzt, die man nicht in böser Absicht über-
schreiten zu wollen sich verpflichtete (Gen. 31,44-54). In der volkstümlichen
Erzählung von diesem Übereinkommen repräsentiert Jakob die israelitische
Seite, und d. h. tatsächlich die gileaditischen Ephraimiten, und Laban die ihnen
östlich benachbarten Aramäer. Es war anscheinend ein vorübergehender Zu-
stand, da die wohl kleine Aramäergruppe an dieser Stelle wahrscheinlich nicht
sehr fest Fuß gefaßt hatte. Jedenfalls hören wir später von Aramäern südlich
des Jabbok nichts mehr. Am ehesten sind die Ammoniter an dieser Stelle dann
nachgerückt.
Im übrigen ergaben sich in der Frühzeit für die israelitischen Stämme noch
keine Berührungen mit den Aramäern, die später eine Zeitlang so nachhaltig in
die israelitische Geschichte eingreifen sollten. Erst die allmähliche Besetzung des
Landes nördlich des Jabbok, der heutigen Landschaft 'adschliin, durch aus dem
Westjordanland gekommene Manassiten brachte Israel in Nachbarschaft zu den
nordöstlich und nördlich des 'adschliin seßhaft gewordenen Aramäern. Das ge-
schah jedoch erst später. Vorerst begann an den Rändern des 'adschliin noch das
Gebiet der kanaanäischen Stadtstaaten des nördlichen Ost jordan-
I andes. Im Unterschied vom südlichen Ostjordanlande hatte hier das Stadt-
staatenwesen auch in der mittleren und späten Bronzezeit weitergelebt und sich
noch bis in die Eisenzeit hinein erhalten. Zu beiden Seiten des Jarmuk, im Lande
Basan, lagen zahlreiche städtische Zentren auf der fruchtbaren Hochebene west-
lich des hoch aufsteigenden Basaltgebirges des dschebel ed-driiz. Die alttestament-
liche Überlieferung weiß von einem König Og von Basan zu erzählen, der in
Astharoth (heute tell 'aschtara) und Edrei (heute der'a am Südrande des Jarmuk-
tales}3 residiert und die vielen Städte des Landes Basan beherrscht habe (Dtn.
3,1-7; vgl. Num. 21,33-35; Jos. 13, I2.30f.). Diese Erzählung findet sich freilich
nur in deuteronomistischen und sekundär deuteronomistischen Stücken; aber
es ist nicht zu bezweifeln, daß der deuteronomistische Geschichtsschreiber sie
als schon überkommenes Überlieferungsgut aufgenommen hat. In ihr kommt
die sachlich richtige Kenntnis zum Ausdruck, daß das Land Basan ein Gebiet
alter fester Städte war. Das wurde für Israel von Interesse, als die Manassiten
im Lande nördlich des Jabbok ihre Siedlung bis in die Nachbarschaft dieses
1Einzelheiten dazu bei M. Noth, BBLAK 68 (1946-1951) S.19ff.
2Ursprünglich galt wohl Astharoth allein als Sitz des Og (vgl. Jos. 9,10), und erst später
wurde der Schlacht ort Edrei noch hinzugefügt.
2./I. Die Selbst behauptung der Stämme im Kulturlande

Stadtstaatengebietes ausdehnten. Die Gestalt des Königs Og freilich ist ge-


schichtlich nicht mehr recht faßbar. Daß einer der Stadtkönige sich der Herr-
schaft über das ganze Stadtstaatengebiet bemächtigt habe, ist sehr auffällig und
höchstens als eine vorübergehende Episode denkbar, von der die Israeliten ge-
hört haben könnten. Wenn dieser Og nun aber zugleich den "Rephaitern" zu-
gerechnet wird, jener ehrfürchtig bewunderten riesenhaften Bevölkerung der
Vorzeit, an die man bei den gerade im nördlichen OstjoIdanlande in großer Zahl
erhaltenen uralten Megalithdenkmälern zu denken pflegtel , so zeigt sich, daß hier
im besten Falle eine geschichtliche Erscheinung nur noch in undeutlichen U m-
rissen erscheint und ihr Bild mit geschichtlich nicht mehr zutreffenden Zügen
ausgemalt worden ist. Danach ist der König Og von Basan den Israeliten nur
noch allenfalls in Erzählungen aus dem Stadtstaatengebiet von Basan, aber nicht
geschichtlich unmittelbar begegnet; und so kann der Sieg der Israeliten über Og
bei Edrei kaum als geschichtliches Ereignis angesprochen werden, sondern nur
als ein sekundär entstandener Ausdruck dafür, daß Israel auf den Besitz des
Stadtstaatengebietes im nördlichen Ostjordanlande Anspruch erhob, ohne es
doch jemals wirklich besessen zu haben. Alle Wahrscheinlichkeit spricht dafür,
daß es zu kriegerischen Konflikten mit diesen Stadtstaaten in der Frühzeit über-
haupt nicht gekommen ist, daß sich vielmehr ein friedliches Nebeneinander
herausbildete, wie es auch in den anderen Teilen des Kulturlandes das üb-
liche blieb; und dies um so mehr, als die manassitische Besiedlung des <adschlün
kaum sehr dicht war und also eine drängende Notwendigkeit zur Erwei-
terung dieses Kulturlandbesitzes sich schwerlich ergab, wie andrerseits die
Städte im Lande Basan kaum eine Veranlassung haben konnten, von ihrer
fruchtbaren Hochebene aus auf das bewaldete Bergland nördlich des Jabbok
überzugreifen.
Auf der Ostseite, auf der die Nachbarn saßen, gegen die Israel in seiner Früh-
zeit sich zu behaupten hatte, war darüber hinaus das palästinische Kulturland
offen für Einfälle von der Wüste her, die es nicht auf eine allmähliche Be-
setzung von Kulturlandboden abgesehen hatten, sondern nur auf einen Raub
der Erzeugnisse des Kulturlandes. Die Gefahr solcher Einfälle war gegeben,
seitdem man in der Wüste die Domestikation des Kamels so weit entwickelt
hatte, daß es für größere Gruppen möglich wurde, nicht nur in der Wüste in
relativer Unabhängigkeit von Wasserstellen zu leben, sondern auch größere
wasserlose Räume zu durchqueren und sich überhaupt über weitere Strecken hin
schnell zu bewegen. In der älteren Zeit war das Kamel im alten Orient zwar nicht
völlig unbekannt; aber bis in die späte Bronzezeit hinein hat es nach unseren
literarischen und archäologischen Quellen doch noch keine nennenswerte Rolle
gespielt. Erst nach der Zeit der israelitischen Landnahme ist das Kamel in der
Wüste so weit domestiziert worden, daß nunmehr jene besondere Art des be-
duinischen Lebens sich entwickeln konnte, die wir aus der früharabischen Zeit
1 Daß man nach Dtn. 3,II das "Eisenbett" des Königs Og, wohl einen Basaltdolmen, bei
dem ammonitischen Rabba zeigte, macht die Uneinheitlichkeit der OberIieferung über Og
besonders deutlich.
§ 13 Die Auseinandersetzungen mit den Nachbarn 149

zuerst genauer kennenlernen1 • Alsbald aber machte sich die mit der Verwendung
des Kamels gegebene neue Möglichkeit in dem der Wüste so nahe benachbarten
palästinischen Kulturlande fühlbar geltend. Sie bildet den Hintergrund der
Gideongeschichten in Ri. 6-8, die von Einfällen der Midianiter 2 vom Osten
her in das Westjordanland erzählen. Die Midianiter bildeten einen offenbar
großen und ziemlich weit verbreiteten Stämmeverband in der Wüste östlich
und südlich von Palästina 3. Eines Tages nun begannen sie, mit ihren Kamelen
weit in das palästinische Kulturland einzufallen, ja es bis zur Küste hin zu be-
drohen', und zwar immer dann, wenn man im Lande gesät hatte und die Saat
aufgegangen war. Dann ließen sie die Saat von ihren Kamelen abweiden und
nahmen vom Ertrag des Landes und vom Viehbesitz der Landesbewohner mit,
was sie brauchen konnten und was sie nicht bei ihren Einfällen vernichteten.
Bedroht waren natürlich vor allem die fruchtbaren Ebenen des Landes wie
die Jesreel-Ebene (Ri. 6,33); aber auch der israelitische Besitz in den Berg-
ländern blieb dann nicht verschont. Ihr Auftreten, das eine Zeitlang anscheinend
Jahr für Jahr erfolgte, verbreitete einen außerordentlich großen Schrecken im
Lande, dem diese Erscheinung des schnellen Kamelnomaden offenbar noch etwas
ganz Neues und daher Unheimliches war. Deutlich zittert dieser Schrecken
noch nach in der Gideongeschichte, wenn sie von der "ungezählten" Menge der
Kamele dieser Midianiter spricht (Ri. 6,5; 7,12) und davon redet, daß man vor
ihrem Auftreten sich in allerlei Schlupfwinkel in den Bergen, in Höhlen und auf
Berggipfel flüchtete (Ri.6,2).
Es war die große Tat eines Manassiten aus der in Ophra beheimateten manassi-
tischen Sippe Abieser, Gideon, daß er es wagte, dieser Gefahr zu begegnen.
Der Stamm Manasse als südlicher Nachbar der Jesreel-Ebene hatte gewiß unter
~ den Einfällen in diese Ebene mit zu leiden. An der Spitze einer kleinen Schar be-
herzter Stammesgenossen (vgl. die Episode Ri. 7,2-7) überfiel Gideon das
Lager eines Midianiterhaufens, der an der Harod-Quelle (heute 'in dschälüd) am
Nordwestfuße des Gilboagebirges (heute dschebel Iu~ü'a), also am Südwestaus-
gang der Jesreel-Ebene, nach offenbar glücklich vollbrachter Plünderung in der

1 Vgl. dazu W. F. Albright, From the Stone Age to Christianity (2 1946) S.12of.;
Archaeology and the Religion ofIsrael (21946) S.96ff. Al bri ght nimmt - und zwar nach
allem, was wir wissen, mit Recht - an, daß die wirksame Domestikation des Kamels etwa
um lIDO v.Chr. erfolgte.
2 In Ri. 6,3.33; 7,12 werden mit den Midianitern zusammen genannt die Amalekiter und
die "Söhne des Ostens", d.h. ganz allgemein die Bewohner der östlichen Wüste.
8 Nach Num. 22,4.7 nahmen die Midianiter mit teil am Kult des Baal Peor (vgl. oben
S.144), was verständlich ist, wenn sie in der Nachbarschaft des südlichen Ostjordanlandes
saßen. Andrerseits finden wir sie auch in der südlichen Wüste; denn hier sucht sie doch wohl
die Geschichte von der Begegnung Israels mit den Midianitern am "Gottesberg" (Ex.
IB,ltf.). Wenn sie ein großer Stämmeverband waren, so ist diese weite Verbreitung nicht
verwunderlich. Daß sie auf der Ostseite des Golfes von el-'akaba saßen, ist seit römischer Zeit
durch den dort gelegenen Ort madjan bezeugt (die Belege z. B. bei R. Kittel, Geschichte
des Volkes Israel 1[6.81923] S.347 Anm. I); sie könnten in diesem entlegenen Gebiet ihren
Ausgangspunkt gehabt haben.
4 In Ri. 6,4 wird in diesem Sachzusammenhang Gaza genannt.
2./1. Die Selbstbehauptung der Stämme im Kulturlande

Ebene der nächtlichen Ruhe pflegte. Dieser gut vorbereitete und völlig über-
raschende Überfall setzte diese Midianiter so sehr in Schrecken, daß sie auf ihren
Kamelen das Weite suchten und durch die Ebene des 1UIhr dschälüd zum Jordan
und über den Jordan hinweg weiter ostwärts flohen!. Dieser Midianitersieg
Gideons scheint der Midianiterplage im Lande ein Ende gemacht oder doch we-
nigstens den Abwehrwillen der Landesbewohner geweckt zu haben, so daß wir
nichts Weiteres mehr von Midianitereinfällen hören. Der Schrecken, den die
Midianiter verbreitet hatten, läßt es begreiflich erscheinen, daß man von der Tat
Gideons, die den Bann dieses Schreckens gebrochen hatte, noch lange sprach.
Wenn in Jes. 9,3 "der Tag von Midian", d.h. der Tag des Sieges über die
Midianiter, als Beispiel für einen besonders glänzenden Sieg angeführt wird, so
ist dabei doch wohl eben an den überraschenden Erfolg des Manassiten Gideon
gedacht.
Eine wirklich wesentliche Bedrohung der Existenz Israels im Kulturlande
kam in der Frühzeit freilich nicht von Osten her, weder von den kleinen Nach-
barvölkern am Ost rande des Kulturlandes noch von den gelegentlich einfallenden
Nomadenhaufen. Sie kam auch nicht von den älteren kanaanäischen. Landes-
bewohnern, die eine kriegerische Kraft im großen Stile nicht mehr entfalteten.
Sie kam von jenen Elementen, die etwa gleichzeitig mit den israelitischen
Stämmen vom Westen her das Land betreten hatten, von den philistern und den
ihnen verwandten "Seevölker"-Elementen, die als Herrenschicht in einer Reihe
von alten bronzezeitlichen Städten in der Küstenebene sich festgesetzt hatten.
Sie stellten die stärkste Macht im Lande dar und entfalteten eine große kriege-
rische Kraft, vorerst freilich im wesentlichen im Bereiche der kanaanäischen
Stadtstaatengebiete. Mit den israelitischen Stämmen kam es zunächst noch nicht
zu einem kriegerischen Konflikt größeren Ausmaßes, wenn man davon absieht,
daß Sisera vielleicht der "Seevölker"-Herrenschicht angehörte. Doch stand
Sisera in jedem Falle an der Spitze einer Gruppe von alten kanaanäischen Stadt-
staaten in der Jesreel-Ebene und vielleicht auch in der Akko-Ebene, gegen die
Barak seinen berühmten Sieg errang (vgl. oben S.I 39f.). Von den philistern im
engeren Sinne, die in ihren fünf Stadtstaaten im südlichen Teile der palästinischen
Küstenebene herrschten, hören wir in den Simsongeschichten in Ri. 13-16.
Der Stamm Dan, dem Simson zugerechnet wird und der im Hügellande in der
Gegend des heutigen iar'a Fuß zu fassen versuchte, lebte unter dem Druck der
benachbarten Philister; und von Simson wird nicht mehr erzählt, als daß er den
philistern allerlei Streiche spielte, bis er doch schließlich den überlegenen Phi-
listern in die Hände fiel. Der Stamm Dan aber hat aus dem Hügellande weichen
müssen 2 und höchstens einige Reste in der Gegend von iar'a zurückgelassen und
1 Die Einzelheiten des Vorgangs sind nicht mehr genau zu ermitteln. Die Haupterzählung
Ri·7,1-8,3 schließt mit namenätiologischen Erzählungselementen (7,25); und inRi. 8,4-21
liegt das Ende einer ParaIIelerzählung vor, die in einer Reihe von Punkten von der Haupt-
erzählung abweicht. Das Verhältnis der beiden Erzählungen zueinander und zu den geschicht-
lichen Ereignissen ist nicht mehr sicher aufzuklären.
2 Nach Ri. 1,34f. hätten die Daniten dem Druck der "Amoriter" nachgeben müssen. Das
mag aIIenfaIIs zutreffen; vor allem aber standen gewiß die Philister im Hintergrunde.
§ 13. Die Auseinandersetzungen mit den Nachbarn

im übrigen sich ein neues Stammesgebiet ganz im Norden des Landes an den
Jordanquellen gesucht.
Die philister konnten - etwa im Verein mit den übrigen weiter nördlich woh-
nenden "Seevölker"-Elementen - sich dazu anschicken, das ganze Land, we-
nigstens das Westjordanland, ihrer Herrschaft zu unterwerfen. Und sie haben
auch bald diesen Versuch unternommen. Eine entscheidende Auseinandersetzung
mit ihnen um die Vorherrschaft im Lande stand den israelitischen Stämmen
bevor; und diese Auseinandersetzung hat Israel dann auf den Weg zu politischer
Machtentfaltung geführt, der zunächst noch nicht eigentlich beschritten worden
war. Es ist ja sehr bezeichnend, daß die Selbstbehauptung im Lande nach der
Landnahme in der Auseinandersetzung mit den älteren Landesbewohnern und
mit den Nachbarvölkern offenbar nicht als eine gesamtisraeIitische Sache be-
trachtet wurde. Die einzelnen Stämme hatten selbst dafür zu sorgen, daß ihnen
ihr Kulturlandbesitz erhalten blieb und daß sie, falls nötig oder erwünscht, ihren
Siedlungsraum erweiterten. Gegebenenfalls mochten sich benachbarte Stämme
zur Wahrnehmung gemeinsamer Interessen in vereinten Unternehmungen ge-
legentlich zusammenfmden. Von einem gemeinsamen Handeln des gesamten
Zwölfstämmeverbandes zur Sicherung oder Erweiterung des äußeren Bestandes
und Lebens hören wir für diese Frühzeit gar nichts; und es ist offenbar auch
nichts dergleichen geschehen. Erst die späte deuteronomistische Konzeption
einer "Richterzeit" hat den gelegentlich aufgetretenen charismatischen An-
führern einzelner Stämme und Stämmegruppen, deren begrenzte Rolle im alten
Überlieferungsbestand noch ganz deutlich hervortritt, gesamtisraelitischeAus-
maße gegeben, indem sie ihre Erscheinung mit dem ganz anderen, zwar gesamt-
israelitischen, aber nur mit internen Funktionen betrauten Amt des "Richters"
Israels (vgI. oben S.97f.) sekundär kombinierte.
KAPITEL 11

D2t tlbngong ZU poltttfdl2t Modlt2ntfoltung

§ 14. Die Episode des Königtums Sauls


Die kanaanäischen Städte in Syrien-Palästina hatten seit alters zumeist ihre
Stadtkönige mit einer lehenspflichtigen feudalen Herrenschicht. Die philister
- und ebenso wahrscheinlich die anderen "Seevölker"-Gruppen im Lande -
hatten ihre ebenfalls in den städtischen Zentren sitzenden "Fürsten"! mit einem
schwer bewaffneten kriegerischen Gefolge von Einzelkämpfern2 und außerdem
einem Anhang von einzelnen Söldnerführern, die mit einem Stück Land belehnt
wurden und mit den von ihnen gesammelten Söldnerhaufen Heeresfolge zu
leisten hatten s. Sie stellten also eine stark zusammengefaßte kriegerische Macht
dar. Die Nachbarvölker im südlichen Ostjordanlande, die ungefähr gleichzeitig
mit den israelitischen Stämmen seßhaft geworden waren, waren anscheinend
schon bald nach ihrer Landnahme zur Entwicklung einfacher staatlicher Formen
mit je einem Königtum gelangt; und selbst die erst allmählich auf Kulturland-
boden sich konsolidierenden Aramäergruppen an den Rändern des nördlichen
Ostjordanlandes waren schon dabei, zunächst noch sehr labile Staatsgebilde mit
Königen an der Spitze zu begründen'. .
Nur im israelitischen Stämmeverband ist es über die sakrale Bindung hinaus
noch lange Zeit nach der Landnahme und nach dem Einleben im Kulturlande
nicht zu einer eigentlich politischen Zusammenfassung oder gar zu einer Staaten-
bildung mit monarchischer Spitze gekommen. Die Sorge für den äußeren Be-
stand blieb der Aktivität der Einzelstämme überlassen. Offenbar lagen in Israel
bestimmte Hemmungen für eine Weiterentwicklung in dieser Richtung vor.
Eine anekdotenartige Erzählung in Ri. 8,22-23 berichtet, Gideon sei nach
seinem glänzenden Sieg über die Midianiter von den Israeliten darum ange-
gangen worden, nunmehr ein erbliches "Herrscher"-Amt in Israel zu über-
1 Speziell für sie überliefert das A.T. die Bezeichnung C'~?9' die man mit dem seiner

Herkunft nachungriechischen Wort wpdvvos in Zusammenhang gebracht hat.


Z Vgl. als Beispiel die Schilderung des Goliath in I.Sam. 17,4ff.

8 In dieser Stellung ist David eine Zeitlang gewesen; vgl. I. Sam. 27, 2 ff. ; 29, I ff.
, Genaueres darüber bei M. Noth, BBLAK 68 (1946-1951) S.Z5ff.
§ 14. Die Episode des Königtums Sauls 153
nehmen; er habe aber auf dieses Ansinnen geantwortet: ..Weder ich will über
euch herrschen, noch soll mein Sohn über euch herrschen; Jahwe soll über euch
herrschen." Diese kurze Notiz mag formuliert worden sein, als längst schon Kö-
nige in Israel aufgekommen waren, und sich damit indirekt gegen die schon be-
stehende Einrichtung des Königtums richten. Sie gibt aber ziemlich sicher eine
Auffassung der Dinge wieder, wie sie schon vor dem Aufkommen des König-
tums bei den israelitischen Stämmen lebendig war. Denn nur eben aus einer
solchen Haltung heraus erklärt sich die geschichtliche Tatsache, daß in Israel erst
so spät und offenbar widerstrebend der Gedanke an ein Königtum wirksam
werden konnte. Und auch die in dieser Notiz gegebene Begründung wird die
bei den alten Stämmen herrschende Einstellung zur Institution des Königtums,
die man in den verschiedensten Formen aus der Umwelt kannte, einigermaßen
zutreffend wiedergeben. Darin wurde die ausschließliche Bindung des sakralen
Stämmeverbandes an seinen Gott und dessen Willen geschichtlich wirksam und
trat die Besonderheit "Israels" geschichtlich in Erscheinung.
Wenn es schließlich doch in Israel zur Begründung eines Königtums gekom-
men istl und damit Israel von dem Wege, an den es sich zunächst gehalten hatte,
abgedrängt wurde auf den Weg politischer Machtentfaltung im Blick auf die
anderen Völker ringsum, so hatte das seinen Anlaß in der Weiterentwicklung der
geschichtlichen Lage in Palästina, die dazu führte, daß Israel nicht nur in ein-
zelnen seiner Glieder, sondern in seiner Gesamtheit auf das ernsteste in seinem
Bestande und in seiner Existenz bedroht wurde. Die Machtentfaltung der phi-
lister, die dazu ansetzten, sich der Oberherrschaft über das ganze Land zu be-
mächtigen, bildet den geschichtlichen Hintergrund für die Erhebung Sauls zum
König.
In einer alten, etwa aus der ZeitDavids stammenden Erzählung von den Schick-
salen der heiligen Lade, die in I.Sam.4,lb-7,1 und 2. Sam.6,1-16a.17-19 er-
halten ist2, hören wir von einem ersten großen kriegerischen Zusammenstoß
Israels mit den philistern. Es war etwa um das Jahr 1000 v.ehr. 3. Die philister
sammelten ihre Macht in Aphek (heute wahrscheinlich tell el-muchmaT bei räs
el-'ln)4 am Oberlauf des nördlich von j äfa in das Mittelmeer mündenden Flusses,
der heute den Namen nahT el-'odscha führt. Aphek lag ganz am Nordrande ihres
Herrschaftsgebietes. Es war ein günstiger Ausgangspunkt für einen Vorstoß auf
das nahe östlich von Aphek aufsteigende mittelpalästinische Gebirge, auf dem die
zentralen israelitischen Stämme saßen. Und auf einen solchen Vorstoß war es
offenbar auch abgesehen; denn gewiß ging die Initiative von den philistern aus.
Nachdem sie zusammen mit den anderen im Lande sitzenden "Seevölker"-
Gruppen die Vorherrschaft in der von kanaanäischen Stadtstaaten besetzten
1 Vgl. zum Folgenden vor allem A. Alt, Die Staatenbildung der Israeliten in Palästina.
Verfassungsgeschichtliche Studien (Reformationsprogramm der Universität Leipzig 1930)
= Kleine Schriften zur Geschichte des Volkes Israel II (1953) S. Iff.
2 Zu Umfang und Art dieser .. Ladeerzählung" vgl. L. Rost, Die Überlieferung von der
Thronnachfolge Davids. (BWANT III 6 [1926]) S.4ff.
a Noch für diese Zeit läßt sich nur ganz grob datieren; vgL dazu unten S.206.
'Vgl. M. Noth, Das Buch Josua (21953) S.72.
154 2./II. Der Übergang zu politischer Machtentfaltung

Küstenebene im wesentlichen an sich gebracht hatten, mußten sie nun, wenn sie
diese Vorherrschaft auf das ganze Land ausdehnen wollten, vor allem die israeli-
tischen Stämme unterwerfen: Die Israeliten sammelten sich angesichts der
drohenden Gefahr an einem Orte, der Eben-Ezer genannt wird und am Ge-
birgsrande gegenüber von Aphek etwa an der Stelle des heutigen medschdel jäba
gesucht werden muß. Wer aufisraelitischer Seite wirklich dabei war, läßt sich
nicht mehr sicher sagen. In erster Linie wird man an das Aufgebot des Stammes
Ephraim denken, der von Aphek aus zunächst bedroht war. Aber auch die be-
nachbarten Stämme vom mittelpalästinischen Gebirge werden teilweise mit be-
teiligt gewesen sein, ja angesichts der von den philistern drohenden besonders
großen Gefahr mag auch Zuzug aus den übrigen Stämmen dabeigewesen sein.
In einem ersten Treffen siegten die philister. Darauf wurde aus Silo das amphi-
ktyonische Heiligtum der Lade herbeigeholt, um den schwer bedrängten Israe-
liten die Gegenwart ihres Gottes zu verbürgen in einer zweiten Schlacht, die nun
noch einmal gegen die Philister gewagt werden sollte. Die "Ladeerzählung ", die
speziell an den Schicksalen des Ladeheiligtums interessiert ist, meldet nur diese
Tatsache. Darüber hinaus aber konnte die Überführung der Lade in das Feld-
lager zugleich wohl nur dies bedeuten, daß nunmehr der israelitische Stämme-
verband als solcher gegen die philister eingesetzt wurde. Es war, soweit wir
durch die Überlieferung unterrichtet sind, das erste Mal, daß der Gesamt-
stämmeverband zur Sicherung der äußeren Existenz Israels auftrat. Es geschah,
weil durch die Macht der philister erstmalig Israel in seiner Gesamtexistenz im
Kulturlande wirklich bedroht war. Man wird das Aufeinanderfolgen zweier
Schlachten gegen die philister dann wohl so verstehen müssen, daß zuerst, wie es
bisher üblich gewesen war, die zunächst betroffenen Teile Israels dem phili-
stäischen Angriff entgegengetreten waren und daß dann nach dem völligen
Scheitern dieses Abwehrversuchs der Gesamtstämmeverband mit seinem zen-
tralen Heiligtum aufgeboten wurde. Aber auch in der zweiten Schlacht unter-
lagen die Israeliten gründlich den übermächtigen Philistern, so gründlich, daß
der israelitische Heerbann sich völlig auflöste und die heilige Lade eine Beute der
Sieger wurde (I. Sam. 4,1O.1I).
Die Folgen dieser Niederlage waren außerordentlich. Wenn der Prophet
Jeremia vier Jahrhunderte später davon spricht, daß der Tempel in Silo, der der
Lade als Behausung gedient hatte, einmal zerstört worden sei und daß man dies
noch zu seiner Zeit an der Trümmerstätte dieses Tempels sehen könne (Jer.
7,12.14; 26,6.9), so war diese Zerstörung aller Wahrscheinlichkeit nach eben
ein Werk der philister nach ihrem Siege bei Eben-Ezer, der ihnen den Weg
nach Silo (selun) ohne weiteres öffnetei. Nachdem sie die Lade selbst in ihre
Hände bekommen hatten, vernichteten sie auch deren Tempel und zerstörten
damit völlig das zentrale Heiligtum, das den Verband der israelitischen Stämme
zusammenhielt. Darüber hinaus aber unterwarfen sie die israelitischen Stämme
ihrer Oberherrschaft. Im Bereich der Stämme setzten sie Besatzungsposten ein.
Wir hören von einem solchen "Statthalter" oder einer solchen "Besatzung"
1 Auch der archäologische Befund zeigt die Zerstörung von Silo um diese Zeit.
§ 14. Die Episode des Königtums Sauls ISS

(:l'~9) in dem benjaminitischen Orte Gibea (heute tell el-fül 6 km nördlich von
Jerusalem) in I. Sam. 10,5; 13,3. Wo sie sonst noch solche Posten hatten, er-
fahren wir nicht. Jedenfalls werden sie das zentrale westjordanische Gebirge in
dieser Weise besetzt haben. Außerdem wurde Israel entwaffnet. Das Anfertigen
neuer Waffen suchten sie dadurch zu unterbinden, daß sie den Israeliten das Aus-
üben des Schmiedehandwerks verboten, so daß diese ihre für den Ackerbau und
sonstigen friedlichen Bedarf notwendigen Geräte bei den Philistern schmieden
lassen mußten (1. Sam. 13,19-22). Natürlich konnten sie diesen ihren Anord-
nungen nur Beachtung sichern, soweit sie das Gebiet der israelitischen Stämme
besetzt hielten. Das scheint in den abgelegeneren Bereichen nicht der Fall ge-
wesen zu sein, wie das erste Auftreten Sauls zeigt. De jure aber war der israeli-
tische Stämmeverband nunmehr der philistäischen Herrschaft untertan, und die
philister hatten ihr Ziel der Beherrschung wenigstens des Westjordanlandes im
wesentlichen erreicht.
Es ist begreiflich, daß diese Lage Israels nun auch andere Nachbarn Israels
dazu ermunterte, ihr Gebiet auf Kosten Israels zu erweitern und alte Wünsche
in dieser Richtung zu befriedigen. Die Ammoniter erneuerten jetzt den Versuch,
der seinerzeit an dem Sieg Jephthahs gescheitert war. Sie haben damals offenbar
das alte Land Gilead südlich des Jabbok besetzt, ja darüber hinaus auf das Land
nördlich des Jabbok übergegriffen. Jedenfalls finden wir sie um diese Zeit be-
schäftigt mit einem Angriff auf die Stadt Jabest, eine wahrscheinlich manassi-
tische Gründung in dem Siedlungslande des heutigen 'adschlün, gelegen im
Bereich des wädi jäbis, in dessen Namen der alte Name der Stadt fortlebt 2 • In
1. Sam. II,df. lesen wir, wie die Leute von Jabes, ihrerseits zum Widerstande
zu schwach, sich zu einem Übereinkommen mit dem Ammoniterkönig Nahas
bereit erklärten, aber mit Hohn und Spott zurückgewiesen wurden, wie sie sich
dann eine Frist von sieben Tagen ausbaten, um im Kreise der israelitischen
Stämme nach Hilfe zu suchen, und ihnen diese Frist anscheinend auch bewilligt
wurde in der sicheren Erwartung, daß sie die gesuchte Hilfe niemals finden
würden. Mag man den so geschilderten Hergang nun wahrscheinlich finden
oder nicht, er charakterisiert jedenfalls die Situation im Ostjordanlande offenbar
sehr treffend ; aufder einen Seite die aggressive Aktivität und die Siegesgewißheit
des kleinen Volkes der Ammoniter und auf der anderen Seite die Hilflosigkeit der
ephraimitisch-manassitischen Siedler östlich des Jordans, die in ihrem westjorda-
1 In dem meist gebrauchten volleren Namen "Jabes in Gilead" ist die Ausweitung des
Namens Gilead auf das Land nördlich des Jabbok schon vorausgesetzt; vgl. M. Not h,
PJB 37 (1941) S·72ff.
2 Nach der Angabe des Eusebius (Onomastikon IIo,uf. in der Ausgabe von E. Kloster-
mann) lag Jabes an der späteren Römerstraße von Pella nach Gerasa, also am Oberlauf des
wädi jähis im Gebirge, und zwar nach dem archäologischen Befund (vgl. N. Glueck,
AASOR 25/28 [1951] S.211 ff.) an der Stelle der heutigen Ruinenstätte tell el-ma~lub auf der
Nordseite des Tales. Gegen die sehr präzise Angabe des Eusebius kommen die Erwägungen
von N. GI ueck a.a. O. S.268ff. nicht auf, der Jabes am unteren Ausgang des wädijäbis in den
Jordangraben sucht und es speziell auf dem tell abu charaz ansetzt, ein Ansatz, der auch vom
Westminster Historical Atlas to the Bible (1945) übernommen worden ist. Genaueres
darüher bei M. Noth, ZDVP 69 (1953) S.28ff.
2./II. Der Übergang zu politischer Machtentfaltung

nischen Mutterlande keinen Rückhalt mehr hatten, offenbar weil hier die Kraft
der israelitischen Stämme durch die philister völlig lahmgelegtwar . Zugleich zeigt
sich, daß der Arm der philister nicht unmittelbar bis in das Ostjordanland reichte,
so daß sich hier Dinge abspielen konnten, di.e außerhalb ihrer Kontrolle blieben.
Diese Situation bildet den Hintergrund für die Erhebung Sauls zum König.
Saul, der Sohn des Kis, war ein Benjaminit aus dem benjaminitischen Orte Gibea
(heute tell el-fül)l. Er gehörte offenbar zur Schicht der fest angesessenen, freien
Stammesgenossen, die im wesentlichen vom Ackerbau lebte. Wie er König
wurde, das hat die Überlieferung von 1. Sam. 11 in den Hauptpunkten gewiß
richtig festgehalten ; doch entziehen sich die Einzelheiten dieses Vorgangs einer
genaueren historischen Einsicht. Nach 1. Sam. II erfolgte das erste öffentliche
Hervortreten Sauls so, daß einmal plötzlich der "Gottesgeist" über ihn kam, so
daß er spontan zu handeln begann (Vers 6). Das geschah, als Saul von dem Hilfe-
gesuch der schwer bedrängten Jabesiten hörte, das im übrigen die Israeliten nur
in Ratlosigkeit und in einen Zustand hilflosen Klagens versetzte. Das gemahnt
an das Auftreten jener charismatischen Führer von Stämmen und Stämme-
gruppen, die, im Namen Gottes berufen oder vom Geiste Gottes getrieben, für
die Selbstbehauptung der Israeliten im Kulturlande gekämpft und gesiegt hatten
(vgl. oben S.1 39[). Und in der Tat gehört der erste Schritt Sauls auch in diesen
Sachzusammenhang. War dem Handeln jener Charismatiker vielfach eine Be-
rufung vorausgegangen, so weiß die Überlieferung auch von Saul Entsprechen-
des zu berichten. In einer volkstümlichen Erzählung (1. Sam. 9,1-10,16), die
in der alten Saulüberlieferung dem Bericht 1. Sam. 11 vorangestellt wurde,
ohne doch inhaltlich sehr eng mit ihm verbunden worden zu sein, ist von einer
Begegnung Sauls mit dem "Gottesmann" oder "Seher" Samuel an einem unge-
nannten Orte in der weiteren Umgebung von Gibea die Rede, bei der Samuel
den Saul unter vier Augen im Namen Jahwes zum niigid, d.h. zu dem von Gott
"bestimmten" Herrscher, gesalbt habe (10,1). Diese Erzählung ist sichtlich stark
anekdotenhaft; und selbst bei dem Hauptpunkt, der Salbung zum niigid, erhebt
sich die Frage, ob nicht das spätere Königtum Sauls seine Schatten vorauswirft.
Denn dieser Akt geht über die Berufung eines charismatischen Führers, wie sie
bisher je und dann erfolgt war, insofern weit hinaus, als die Salbung die Über-
tragung eines Amtes bedeutete und auch der Titel niigid den für ein künftiges
Amt Ausersehenen bezeichnet zu haben scheint2 • Es muß aber nach dem, was
dann in I. Sam. 11 mitgeteilt wird, mindestens zweifelhaft erscheinen, ob bei der
Berufung Sauls bereits an ein künftiges Königsamt gedacht war und nicht zu-
nächst vielmehr nur an eine Führerschaft in der augenblicklichen Notlage,und
dies um so mehr, als der Gedanke an einen König in Israel keine Tradition hatte
und auf grundsätzliche Bedenken stoßen mußte (vgl. oben S.152f). Dann bliebe
1 Auf dem tell el-Jül wurden 1922 und dann noch einmal kurz 1933 von W. F. Al bri ght
erfolgreiche Ausgrabungen unternommen; vgl. W. F. Albright in AASOR 4 (1924) und
BASOR 52 (1933) 5.6-12.
I Man kann allerdings fragen, ob der Titel nägid, der im A.T. nur noch als Bezeichnung
des designierten künftigen Königs vorkommt, nicht etwa früher allgemeiner den von Gott
zum kriegerischen Handeln Berufenen gemeint hat.
§ 14. Die Episode des Königtums Sauls 157
an der Erzählung I. Sam. 9,1-10,16 aber dochjedenfalls dies richtig, daß Samuel
im Namen des Gottes Israels den Saul zu seinem ersten Auftreten inspiriert hat.
Saul hat, als die Bedrängnis der Ostjordanier und besonders der Leute von
Jabes zu seiner Kenntnis kam, als berufener Führer in spontanem Enthusiasmus
gehandelt. Er berief in einer dafür wahrscheinlich üblichen wirksamen Weisel
den Heerbann des gesamten Zwölfstämmeverbandes ein und versammelte seine
kriegerische Gefolgschaft in Besek (heute chirbet ibzi~) am Abstieg der Straße
von Sichem nach Beth-Sean ungefähr gerade gegenüber von Jabes, also an
einem Punkte, von dem aus man unmittelbar hinunter in den Jordangraben und
dann weiter hinüber in den <adschlün gelangen konnte. Der Einsatz des ganzen
Stämmeverbandes zur Sicherung der äußeren Existenz entsprach der Not der
Stunde. Er war früher nicht üblich gewesen, hätte aber, wenn oben S. 1 54fichtig
vermutet worden ist, schon in der entscheidenden, allerdings unglücklich aus-
gegangenen Schlacht gegen die philister bei Eben-Ezer einen Vorgang gehabt.
Daß die Stämme dem vollmächtigen Rufe Sauls in ehrfürchtigem Erschrecken
folgten, wird in I. Sam. 11,7 ausdrücklich bemerkt. Es bleibt allerdings zu
fragen, in welchem Umfange das unter der Oberherrschaft der philister und im
Zustande der von den philistern auferlegten Entwaffnung praktisch möglich
war. Es mag sein, daß es am Ostrande des westjordanischen Gebirges und im
Ostjordanlande, wo sich der Vorgang abspielte, an einer Besetzung und damit an
einer wirklichen Durchsetzung der philistäischen Oberherrschaft fehlte und daß
dann hier auch die geforderte Entwaffnung nicht praktisch durchgeführt wurde.
Es mag auch sein, daß die philister an kriegerischen Auseinandersetzungen der
anderen palästinischen Völker untereinander uninteressiert waren, sie vielleicht
sogar nicht ungern sahen. Denn auch ein Mächtigwerden der Ammoniter konnte
ihnen schwerlich erwünscht sein. Jedenfalls fand Saul trotz des Philisterdruckes
genügend bewaffnete Gefolgschaft, um den Angriff auf die Ammoniter und die
Rettung des bedrängten Jabes wagen zu können.
Und er hatte einen glänzenden Erfolg. Jabes wurde entsetzt, und damit war
anscheinend überhaupt die Ammonitergefahr im Ostjordanlande gebannt. Ab-
gesehen von dieser unmittelbaren Folge war dieser Sieg in der damals so be-
drängten Lage Israels von großer psychologischer Wirkung. Er bedeutete eine
Ermutigung für die israelitischen Stämme; und es ist begreiflich, daß sie nun-
mehr sich selbst wieder zu finden und entschlossen zu handeln begannen. Was
nun geschah, war von weitreichenden Folgen. Es wird ganz kurz in I. Sam. 1 1
berichtet2 • Danach hätte Samuel nach dem Ammoniterkrieg die israelitischen
1 Zu der Zerteilung der Rinder I.Sam 11,7 vgI. Ri. 19,29, wo eine Abwandlung des
üblichen Brauchs im Zusammenhang mit dem besonderen FaH vorliegen könnte. Die Art
der Einberufung in x.Sam. 11,7 mit der in einem Fluchwort ausgesprochenen Beschwö-
rung macht einen sehr ursprüngIichenEindruck (vgI. auch oben S.IOI Anm.I).
2 Neben I.Sam. I I haben wir noch in dem ErzählungsfragmentI.Sam. 10,21 bP-27a
eine alte Mitteilung über die Erhebung Sauls zum König (vgI. O. Eißfeldt, Die Kompo-
sition der Samuelisbücher [1931] S.7f.). Doch ist die RoHe, die hier die körperliche Länge
Sauls spielt, offenbaranekdotenhaft, und um einen geschichtlichen Bericht handelt es sich
gewiß nicht.
2./11. Der Übergang zu politischer Machtentfaltung

Stämme nach dem alten Heiligtum von Gilgal bei Jericho (genaue Lage noch
unbekannt) zusammenberufen, Samuel, als "Gottesmann" ohnehin eine ange-
sehene Erscheinung und jetzt erst recht als der Sprecher Gottes, der den Saul zu
seiner befreienden Tat aufgerufen und inspiriert hatte, eine Autorität in Israel,
auch ohne Träger eines Amtes zu sein, mag in der Tat bei dem, was jetzt erfolgte,
eine aktive Rolle gespielt haben. Er wählte das Heiligtum von Gilgal für den
Zusammentritt der Stämme, weil es nach dem Wegfall des bisherigen Zentral-
heiligturns durch den Verlust der Lade und die Zerstörung des Tempels von Silo
sich aus verschiedenen Gründen dazu eignete. Es war ein an der benjaminitisch-
ephraimitischen Grenze gelegenes altberühmtes und von den mittelpalästinischen
Stämmen gewiß viel besuchtes Heiligtum und hatte vielleicht sogar zeitweise
einmal die Rolle des israelitischen Zentralheiligtums gespielt (vgl. oben S.9 2); es
lag für die israelitischen Stämme verhältnismäßig zentral und doch zugleich
wahrscheinlich außerhalb des Bereichs der unmittelbaren Kontrolle der Phi-
lister. Während die philister die Stätte des bisherigen Bundesheiligtums Silo
gewiß ständig überwachten und jedenfalls das mittelpalästinische Gebirge besetzt
hielten, war der Jordangraben mit dem Heiligtum von Gilgal ebenso wie das
Ostjordanland vermutlich ohne dauernde philistäische Besatzung; und was hier
geschah, wurde den philistern nicht unmittelbar und nicht sofort bekannt.
Hier in Gilgal nun hat "das ganze Volk" "vor Jahwe", d.h. im dortigen
Heiligtum, Saul zum König ausgerufen (I.Sam. 11,15). Dieser Vorgang war,
wenn auch im Heiligtum stattfindend und mit sakraler Weihe umgeben, doch
selbst nicht eigentlich ein sakraler Akt wie etwa die Berufung eines charis-
matischen Führers, sondern ein politischer Akt. Israel handelte hier nicht mehr
als sakraler Stämmebund, sondern als "Volk". Es beschritt hier, wenn auch zu-
nächst noch in ganz bescheidenem Rahmen, den Weg zu politischer Macht-
bildung und vollzog damit eine Entscheidung, die den weiteren Verlauf seiner
Geschichte ganz wesentlich bestimmte. Es ist klar, daß die geschichtliche Lage,
in der Israel sich damals befand, die Existenzbedrohung durch die Philister, die
unmittelbare Veranlassung zu diesem Schritte war. Wenn Samuel dabei die
Initiative ergriffen haben sollte, so hätte er doch eben mit Rücksicht auf diese
Lage gehandelt und mit Rücksicht auf diese Lage die Zustimmung der Stämme
gefunden. Und es ist klar, daß man von dem durch den soeben errungenen
Ammonitersieg bewährten neuen König die Rettung aus dieser Lage und d. h.
einen erfolgreichen Krieg gegen die philister erwartete. Einen ersten Schritt auf
dem Wege des Einsatzes des Gesamtstämmebundes als eines Machtfaktors hatte
man ja schon getan, indem wahrscheinlich sowohl in der unglücklichen Ent-
scheidungsschlacht gegen die philister wie jetzt auch in dem siegreichen Kampf
gegen die Ammoniter im Unterschied von den früheren Auseinandersetzungen
mit den älteren Landesbewohnern und mit den Nachbarvölkern der Heerbann
des ganzen Stämmeverbandes aufgeboten worden war. Gegen die philister aber
war es nun nicht mehr wie gegen die viel unbedeutenderen Ammoniter mit
einem einmaligen schnellen Feldzug getan; gegen sie schien es einer dauernden
und stabilen militärischen Führung zu bedürfen, und als Führer des Heerbanns
§ 14. Die Episode des Königtums Sauls 159

Israels war der neue König gewiß in erster Linie gemeint, und als solcher ist er
dann auch im wesentlichen hervorgetreten. Das Vorbild zu der neuen Institution
des Königtums aber fand man leicht in der eigenen geschichtlichen Umwelt.
Zwar mit dem kanaanäischen Städtekönigtum und seinem streitwagenkämpfen-
den Ritteradel hatte sie außer dem Namen kaum etwas gemein. Und auch das
Herrschaftssystem der Philister, das sich als so erfolgreicher Gegner erwiesen
hatte, konnte mit seinem Berufskriegertum und seinem Söldnerwesen kaum so
schnell nachgeahmt werden. Wohl aber kannten die im Osten benachbarten ver-
wandten Völker ein nationales Königtum, dessen Art und Funktionen wir zwar
nicht genauer kennen, das aber vor allem in der Kriegführung nach außen in
Erscheinung trat und sich darin bewährte. Und hier ist in erster Linie das Vor-
bild für die neue Einrichtung in Israel zu suchen, um so mehr, als die Struktur
des Lebens bei diesen Völkern der in Israel vermutlich ähnlich war.
Gerade die Tatsache aber, daß das Königtum in Israel nach bewährtem Vorbild
bei anderen Völkern begründet wurde, mußte diese Einrichtung für Israel zu einer
problematischen Größe machen. Durfte Israel ein Volk sein wollen wie andere
Völker und einen König einsetzen nach dem Vorbild fremder Königtümer und
überhaupt trotz seiner Bedrängnis den Weg zu politischer Machtbildung be-
schreiten, die zwar zunächst noch bescheiden genug war, aber doch etwas grund-
sätzlich Neues bedeutete~ Die alten Erzählungen von der Erhebung Sauls zum
König reden von diesem Vorgang offensichtlich mit unbefangenem Wohlge-
fallen; sie sehen in ihm ein Werk ihres Gottes! und zeigen eine offenbare Freude
an der Person und den ersten Taten des neuen Königs. Diejenigen, die damals
schon verächtlich den Wert der neuen Institution und ihres Trägers bezweifelten,
werden als "Nichtsnutze" abgetan (I.Sam. IO,27a). Damit wird freilich ange-
deutet, daß die Einsetzung eines Königs von Anfang an nicht ohne Widerspruch
erfolgte; und man muß fragen, ob dieser Widerspruch wirklich so leichtfertig
war, wie er dargestellt wird. Grundsätzliche Bedenken gegen das Königtum
Sauls finden wir allerdings erst spät im deuteronomistischen Geschichtswerk for-
muliert 2 , wo der ganze Vorgang eingeleitet wird durch das Verlangen des Volkes,
einen König zu haben "wie alle {Heiden-)Völker" (I. Sam. 8,5), und dieses Ver-
langen dahin interpretiert wird, daß damit das Königtum Gottes über Israel,
das eigentlich bestehen sollte, abgelehnt werde. Aber es ist doch wahrscheinlich,
daß damit eine Einstellung zum Königtum als solchem zum Ausdruck gebracht
1 In 1. Sam. 9, I ff. geht die Initiative von J ahwe durch Samuel aus, und im Hinblick
auf 1.Sam. n wird die Sache so dargestellt, daß es sich von Anfang an um die Berufung
zum künftigen Kö ni g handelte (vgl. auch 1. Sam. 10,16: "die Angel~genheit des König-
tums"), so daß das Volk mit der Erhebung Sauls zum König schließlich nur den göttlichen
Willen vollzog. Auch das Erzählungsfragment 1.Sam. 10,:nb,B-27a sagt, daß der durch
seine Körpergröße als König erwiesene Saul von Jahwe "erwählt" worden sei.
2 Der deuteronomistische Geschichtsschreiber hat die alte Saulsüberlieferung in seinem
Sinne ergänzt durch die Beigabe von 1. Sam. 7,2b-17; 8,1-22; IO,17-27a; 12,1-25. Er hat
sich freilich seine Ablehnung der Einrichtung des Königtums dadurch leicht gemacht, daß
er schon Samue1 den entscheidenden Philistersieg erringen läßt (1.Sam. 7,lob-n) und da-
durch den wirklichen geschichtlichen Hintergrund für das Aufkommen des Königtums sehr
wesentlich entstellt.
160 2./11. Der Übergang zu politischer Machtentfaltung

worden ist, die zwar später durch die Erfahrungen, die man geschichtlich mit
dieser Einrichtung machen mußte, immer neue Nahrung erhieltl, die aber doch
von Anfang an da war und die schon wirksam gewesen war, noch ehe das Kö-
nigtum überhaupt aufkommen konnte (vgl. oben S.152f.). Und es muß gesagt
werden, daß diese Einstellung ihr wohlbegründetes Recht hatte. Zwar hatte
auch die Organisationsform des sakralen Zwölfstämmebundes ihre Seitenstücke
in der geschichtlichen Umwelt Israels. Aber das Königtum und damit die poli-
tische Machtbildung war doch in viel ausgeprägterer Weise eine weltliche,
"heidnische" Sache als jene ältere Einrichtung, die den einzelnen Stämmen und_
Stämmegruppen die Aufgabe der einfachen äußeren Selbstbehauptung überließ.
Vorerst freilich war wohl die Bedrängnis so groß, daß man sich zu grundsätz-
lichen Erörterungen kaum Zeit ließ, und die Hoffnung auf den neuen König,
der sich gegen die Ammoniter so glänzend bewährt hatte, so mächtig, daß die
Bedenken gegen ihn in den Hintergrund traten. Saul fiel nach der Lage der
Dinge die Aufgabe zu, den Kampf mit den Philistern aufzunehmen; und er hat
anscheinend ohne Verzug sich dieser Aufgabe unterzogen. In I.Sam. 13,2 bis
14,46 liegt eine alte Erzählung über Sauls erfolgreichen Angriff auf die Philister-
posten 1m Lande vor. Sie ist zwar vorwiegend an der Person Sauls und vor allem
an der seines Sohnes Jonathan, weniger an der Sache der Auseinandersetzung
mit den Philistern interessiert, läßt daher anekdotenhafte Einzelheiten stark in
den Vordergrund treten, zeigt aber doch ziemlich deutlich den geschichtlichen
Hintergrund jener Auseinandersetzung. Danach hat Saul sogleich in Gilgal die nö-
tigen Vorbereitungen getroffen, indem er aus den dort Versammelten eine Kern-
truppe bildete, in deren Führung er sich teilte mit seinem ältesten Sohne Jonathan
(vgl. I. Sam. 14,49), der als eine besonders anziehende Gestalt in der überlieferung
erscheint. Der erste Schritt war nun der, daß Jonathan mit seinem Gefolge einen
offenbar überraschenden überfall auf den Philisterposten in Gibea unternahm,
dem dieser Posten zum Opfer fiel (I. Sam. 13,3)2. Anscheinend war es mit der
Erhebung Sauls zum König und mit den Kriegsvorbereitungen so schnell ge-
gangen, daß die philister auf diesen überfall noch gar nicht gefaßt waren. Damit
aber war der Kampf eröffnet. Die Philister sammelten nun schnell ihre verfüg-
baren Kräfte, d.h. die auf dem westjordanischen Gebirge stehenden Philister-
posten, und zwar in der besonders bedrohten Gegend; sie bezogen ein Lager bei
Michmas (heute muchmäs) etwa 8 km nordöstlich von Gibea und suchten von da
aus durch Streifen die Umgegend ab (I. Sam. 13,16-18). Saul aber, der mit seinem
Gefolge in dieselbe Gegend von Michmas herangerückt war, bezog nun mit
Jonathan zusammen ein Lager bei Geba (dscheba'), das Michmas südwestlich
gegenüber lag und von ihm durch das tiefeingeschnittene wädi e~-~uwfl1it getrennt

1 In der Formulierung des "Königsrechtes" in I. Sam. 8,II-I8 spielt die spätere Entwick-
lung des Königtums eine wesentliche Rolle.
a In I.Sam. 13.3 wird der jetzt dastehende Name "Geba" auf Grund des vorangehenden
Verses meist in .. Gibea" korrigiert. Ganz sicher ist das nicht. Die Ähnlichkeit und leichte
Verwechselbarkeit der beiden Namen macht eine bestimmte Entscheidung unmöglich. zu-
mal beide Orte auch noch ziemlich nahe beieinander lagen.
§ 14. Die Episode des Königtums Sauls 161

war . Und abermals gelang ein überraschender Überfall auf die Philister, bei dem
wiederum dem Jonathan die Initiative zugeschrieben wird. Dieser zweite Erfolg
gab den israelitischen Stämmen, denen es angesichts der übermacht der Philister
beimerstenAusbruchder Feindseligkeiten zunächst recht bangegewordenwar(vgl.
I. Sam.13,6),neuenMut;undsiehabenjetztoffenbar überall diePhilisterposten, die
zahlenmäßig kaum sehr stark gewesen sein werden, aus ihrem Bereich vertrieben.
Um das Geschehene und seine weiteren Folgen richtig zu verstehen, muß man
bedenken, daß dieser Anfangserfolg Sauls nicht ein Sieg über die gesammelte
kriegerische Macht oder auch nur ein ansehnliches Aufgebot der philister ge-
wesen war, sondern daß nur durch Überraschung die Beseitigung der phili-
stäischen Besatzung aus dem Bereich der israelitischen Stämme gelungen war.
Immerhin bedeutete schon das in der damaligen Situation viel; und der Ent-
schluß der israelitischen Stämme, den durch den Ammonitersieg so glänzend be-
währten Saul zum König zu erheben mit der Aufgabe, nunmehr den Kampf
gegen die Philister aufzunehmen, schien durch den Gang der Dinge überaus
schnell gerechtfertigt zu werden. Die israelitischen Stämme konnten beginnen,
wieder aufzuatmen. Freilich ein Entscheidungskampf mit den philistern mußte
noch bevorstehen. Denn daß die philister mit zusammengefaßter Kraft sehr bald
sich aufmachen würden, um die verlorene Stellung wiederzugewinnen, und daß
dann erst die eigentliche Entscheidung fallen würde, konnte weder Sauf noch
.den israelitischen Stämmen zweifelhaft sein. Vorerst kam es nur zu kleinen Grenz-
kämpfen, von denen wir nur in einigen allgemeinen Bemerkungenl und in ver-
schiedenen Anekdoten2 hören. Sie bedeuteten für den Gang der Ereignisse im
großen nichts Wesentliches. Im übrigen aber mußte Saul versuchen, sich für die
bevorstehende Auseinandersetzung zu rüsten.
Wir hören von einem Ausbau der Einrichtung des Königtums unter Saul fast
nichts; und es wird auch kaum Wesentliches dafür geschehen sein. Nur für die
Streitmacht Israels hat er in bescheidenem Maße gesorgt. Nach I. Sam. 14,52
hat er mit Rücksicht auf den philisterkrieg eine zahlenmäßig wahrscheinlich
kleine stehende Truppe um sich gesammelt und dazu ihm besonders kriegstüchtig
erscheinende Männer herangezogen. Auch seine unmittelbare persönliche U m-
gebung blieb beschränkt auf einige Männer, die für ihn für die Kriegführung
wichtig waren. In I. Sam. 20,25 wird der Kreis von Männern bezeichnet, der
täglich um ihn bei der Mahlzeit versammelt zu sein pflegte; er umfaßte außer seinem
in den ersten Philisterkämpfen schon bewährten ältesten Sohn Jonathan nur noch
seinen Vetter Abner, den er zum "Feldhauptmann", d.h. zum Führer des Heer-
bannes der israelitischen Stämme, gemacht hatte (vgl. I. Sam. 14,50.51), und dann
nochDavid, den er als seinen persönlichen Waffenträger ansich gezogen hatte (vgl.
I. Sam. 16,14-23). Er residierte in seinem benjaminitischen Heimatort Gibea (tell
eI-ful); und hier hat er für sich einen bescheidenen Burgbau errichten lassen, dessen
Fundamente die Ausgrabungen an Ort und Stelle wieder aufgedeckt haben 3.
1 I.Sam. I4,S2a; I8,I7b.2Ia.2s.27a.
2 VgI. I.Sam. I7,Iff.; I8,6f.; 23,Iff.
8 VgI. W. F. Albright, BASOR S2 (1933) 5.7ff.
162 2./1I. Der Übergang zu politischer Machtentfaltung

Nach I. Sam. 15, df. hat SauI auch einen Sieg über die Amalekiter erfochten.
jenen Nomadenstämmeverband inder südlichen Wüste, mit dem die israelitischen
Südstämme in mehr oder weniger dauernder Feindschaft lebten (vgl. Ex.
17.16). Die Nachricht über diesen Sieg ist eine Sonderüberlieferung, die lite-
rarisch und sachlich keinen deutlich erkennbaren Zusammenhang mit den
übrigen Saulgeschichten hat. Vermutlich hatten ähnlich wie die Ammoniter im
Osten so auch die Amalekiter im Süden die Schwächung Israels durch die Phi-
lister zum Anlaß genommen, um ihren Machtbereich auszudehnen; und wahr-
scheinlich hat dann Saul nach der erfolgreichen Abwehr der Ammoniter und
nach dem ersten Erfolg über die philister durch einen glücklichen Feldzug auch
gegenüber den Amalekitern die Lage Israels wiederhergestellt.
Wichtiger und folgenreicher aber war dies, daß sich nach der Erhebung Sauls
zum König sehr bald schon herausstellte, daß trotz der schönen Anfangserfolge
die Einrichtung des Königtums im sakralen israelitischen Stämmeverband auf
innere Schwierigkeiten stoßen mußte dadurch. daß sich mit den Traditionen des
einem Gottesgesetz unterworfenen Stämmeverbandes zwar ein vorübergehendes
charismatisches Führerturn, nicht aber ein "weltliches" Königtum vertrug und
daß umgekehrt die Institution eines Königtums nicht auf den sakralen Stämme-
verband aufgebaut werden konnte, daß also die Kombination von Führertum
und Königtum in der Person Sauls keine tragfähige Grundlage für eine dauernde
Einrichtung bilden konnte. Sichtbar wurden diese inneren Schwierigkeiten in
dem Zerwürfnis zwischen Saul und Samuel, das in I. Sam. 13,7b-15a und in
I. Sam. 15,1 - 35 in verschiedener Weise begründet wird, dessen Anlaß also
nicht mehr sicher zu ermitteln ist, das aber in jedem Falle - darin stimmen beide
Stücke überein, und das entspricht der Natur der Sache - darin seinen Grund
hatte, daß das Verhältnis zwischen sakralen und weltlichen Funktionen des
Königs unklar war und daß die weltlichen Erfordernisse des Königtums mit den
alten sakralen Traditionen in Konflikt gerieten. Samuel, der bei der Erhebung
Sauls zum König anscheinend eine aktive Rolle gespielt hatte, hat dann doch die
unvermeidlichen Konsequenzen aus der Begründung des Königtums abgelehnt
und sich zum Sprecher für die überkommenen Traditionen gemacht, an die sich
gewiß weitere Kreise der israelitischen Stämme gebunden fühlten. Ja. er hat, da
Saul als König nunmehr seinen eigenen Weg ging und gehen mußte, die Be-
rufung Sauls, die er vorher ausgesprochen hatte, wieder zurückgezogen und
seine "Verwerfung" durch Gott erklärt (I.Sam. 15,23, vgl. 13,14). Das König-
tum Sauls, das noch nicht sicher auf eigenen Füßen stand, sondern an die Be-
rufung zum charismatischen Führer anknüpfte, verlor damit seine Stütze und
gewiß auch viel von seinem Ansehen bei den Stämmen. Saul selbst aber wurde
dadurch unsicher und mißtrauisch. "Der Geist Jahwes war von Saul gewichen,
und ein böser Geist von Jahwe pflegte ihn zu überfallen" (I. Sam. 16,14).
Zum Gegenstand seines Mißtrauens wurde besonders sein junger Waffenträger
David, dessen strahlender Erscheinung die Sympathien der Israeliten leicht zu-
fielen (vgl. I. Sam. 18,7), während Saul nach seinen glücklichen Anfangser-
folgen nun schnell an Achtung einbüßte. Die äußere Notlage, die seine Er-
§ 14. Die Episode des Königtums Sauls

hebung zum König veranlaßt hatte, erwies sich als eine unzureichende Grund-
lage für die Begründung eines Königtums über den Verband der israelitischen
Stämme; und sobald der äußere Druck - wenn zunächst auch nur vorüber-
gehend - nachgelassen hatte, trat das Problematische dieser Institution in Er-
scheinung.
Dieser innere Konflikt kam freilich nicht mehr wirklich zum Austrag, da bald
der äußere Feind, die Philister, dem Königtum Sauls ein gewaltsames Ende be-
reitete. Die Beseitigung der Besatzungsposten mußte die philititer auf den Plan
rufen. Denn sie hatten sich zunächst lediglich überraschen lassen und hatten bei
ihrer kriegerischen Überlegenheit alle Aussicht, die verlorene Stellung wieder zu
besetzen gegenüber einem Israel, das nunmehr zwar mit seinem Heerbann unter
einem königlichen Befehl zusammengefaßt war, aber doch nicht eigentlich einen
Machtzuwachs erfahren hatte seit seiner Niederlage bei Eben-Ezer und zudem
an internen Schwierigkeiten krankte. Schwerlich haben die philister lange Zeit
bis zu ihrem entscheidenden Gegenstoß verstreichen lassen. Wenn in der aller-
dings wohl erst deuteronomistischen Rahmennotiz in I. Sam. 13, I Saul zwei
Regierungsjahre zugesprochen werden, so ist das nicht nur vom Gesichtspunkt
der Textüberlieferung aus unanfechtbar!, sondern es hat auch die historische
Wahi:scheinlichkeit für sich, so daß wir hier beim Deuteronomisten ein Element
alter guter Überlieferung annehmen müssen 2 • Diese Angabe besagt, daß nach
'dem geglückten Überraschungssieg Sauls die philister im nächsten Jahre zu
ihrem Gegenstoß ansetzten; und das müßten wir als das Wahrscheinliche an-
nehmen, selbst wenn die Überlieferung es nicht ausdrücklich sagte. Denn
schwerlich haben die philister dem Königtum Sauls Zeit lassen wollen, sich zu
konsolidieren, ehe sie den Kampf mit ihm aufnahmen. Da man größere Feldzüge
im Frühjahr nach dem Ende der winterlichen Regenzeit zu beginnen pflegte
(vgl. 2. Sam. I I, I), haben gewiß die Philister nach der Erhebung Sauls zum
König das Frühjahr des folgenden Jahres als den geeigneten Zeitpunkt für ihren
Gegenangriff gewählt. .
Was da geschah, erfahren wir ziemlich genau aus der Überlieferung vom Auf-
stieg Davids in I. Sam. 16,I4ff. Wieder sammelten die ,Philisterfürstenihre
Streitmacht in Aphek 3 (I. Sam. 29, I). Diesmal aber griffen sie nicht von da aus
unmittelbar das mittelpalästinische Gebirge an, sondern zogen durch die Küsten-
ebene nordwärts und dann - gewiß aufdem üblichen Weg über die heutigen
biläd er-rüba - in die Jesreel-Ebene nach der Stadt Jesreel (heute zer'in), vgl.
1 Die übliche Textänderung ("zwanzig Jahre") beruht nicht auf textlichen, sondern auf
historischen Erwägungen. Der Deuteronomist hat hier aber sicher "zwei Jahre" geschrieben,
da nur diese Zahl in sein chronologisches System paßt; vgI. M. Not h, Überlieferungs-
geschichtliche Studien I (1943) S.18ff.
9 Schwerlich hat der Deuteronomist diese Zahl um seines chronologischen Systems willen
konstruiert, da er dieses auch auf andere Weise in seinem Sinne aufbauen konnte. Die im
deuteronomistischen Schema der Einleitung von Königsregierungen vorgesehene Angabe
der Zahl der Lebensjahre des Königs bei seinem Regierungsantritt ist in I. Sam. 13,1 aus-
gelassen worden, wohl weil der Deuteronomist dafür keine Unterlage besaß.
3 VgI. oben S.153.
2./11. Der Übergang zu politischer Machtentfaltung

1. Sam. 29, 11 b. Das setzt ein Zusammengehen mit den in verschiedenen Städten
der nördlichen Küstenebenen und der Jesreel-Ebene sitzenden anderen "See-
völker"-Elementen voraus. Damit griffen sie Saul an einem besonders empfind-
lichen Punkt seines Machtbereichs an, nämlich da, wo das territorial wenig ab-
gerundete Siedlungsgebiet der israelitischen Stämme durch kattaanäische Städte-
territorien besonders stark eingeengt war, so daß nur eine schmale Brücke israeli-
tischen Gebietes die galiläischen Stämme mit den mittel- und südpalästinischen
Stämmen verband. Sie verhinderten damit Saul an einer Zusammenfassung aller
seiner Kräfte; und in der Tat haben nach I. Sam. 31,7 "die Israeliten jenseits
der Ebene und jenseits des Jordans''!, d.h. die Stämme im galiläischen Gebirge
und im Ostjordanlande, an der Schlacht gegen die philister nicht mit teilge-
nommen. Saul trat mit dem Heerbann der mittel- und südpalästinischen Stämme
"an der Quelle bei Jesreel" (1. Sam. 29,1) gegen die Philister an, d.h. wohl an
der Harod-Quelle südöstlich der Stadt Jesreel am Fuße des Gilboa-Gebirges
(heute een dschälüd), an der einst Gideon seinen berühmten Überfall auf das
Midianiterlager gewagt hatte. Die Situation war für ihn von vornherein hoff-
nungslos, und er selbst gab seine Sache verloren, noch ehe der Kampfbegonnen
hatte. Eine Sonderüberlieferung in 1. Sam. 28,3-25 erzählt, wie er vor der
Schlacht in seiner Verzweiflung nachts verkleidet zu einer Totenbeschwörerin
in dem nahe gelegenen Endor (heute chirbet ei-iaftä!e bei endür) ging, um den
Totengeist Samuels über sein Schicksal zu befragen, und wie ihm durch die
Künste dieses Weibes doch nur die Antwort zuteil wurde, daß sein Königtum
und sein Leben verloren sei.
In derTat genügte nach 1. Sam. 3I der Angriff der Philister, um den Heerbann
Sauls sofort auseinanderzusprengen. Er verstreute sich auf der Flucht über das
Gilboa-Gebirge, verfolgt von den siegreichen philistern. Die Söhne Sauls kamen
mit einem großen Teil des israelitischen Heerbanns bei der Verfolgung ums
Leben. Saul gab sich selbst den Tod, um nicht lebend in die Hände der Philister
zu fallen. Der Sieg der Philister war vollständig, und die Lage für Israel hoff-
nungsloser als nach der zweiten Schlacht von Eben-Ezer. Die Philister besetzten
das Gebiet der israelitischen Stämme von neuem, diesmal jedenfalls auch Gali-
läa und das Ostjordanland (I. Sam. 31,7). An Saul und seinen Söhnen, deren
Leichen sie auf dem Gilboa-Gebirge fanden, nahmen sie grausame Rache. Sauls
Kopf schlugen sie ab und führten ihn zusammen mit seinen Waffen als Sieges-
trophäe durch ihre Städte. SeinenLeib aber und die Leichen seiner Söhne pfählten
sie auf der Mauer der Stadt Beth-Sean (heute tell el-böin bei besän), die nicht sehr
weit vom Schlachtort im unteren Teil des breiten Tales des nahT dschälüd lag
und damals noch der Sitz einer den Philistern verwandten "Seevölker"-Herr-
schaft war Z• So wäre Saul und seinen Söhnen selbst der letzte Dienst einer Be-

1 Die übliche Änderung des Wortlauts an dieser Stelle ist weder textlich noch erst recht
sachlich gerechtfertigt; in den "Städten der Ebene" saßen nicht Israeliten, und "Städte des
Jordans" gab es überhaupt nicht.
2 Vgl. A. Alt, Zur Geschichte von Beth-Sean 1500-1000 v.Chr. (PJB 22 [1926]
S.108-120).
§ IS. Der Großstaat Davids 165
stattung versagt geblieben, wenn nicht schließlich Leute aus dem nicht allzu-
weit von Beth-Sean entfernt gelegenen ostjordanischen Jabes, die Saul ihre
Rettung aus der Ammonitergefahr verdankten, heimlich nachts ihre Leiber von
der Mauer von Beth-Sean geholt und bei sich bestattet hätten. Die Philister
aber waren nunmehr an das Ziel ihrer Wünsche gelangt, und die Frage der
Oberherrschaft in Palästina schien in ihrem Sinne endgültig entschieden. Das
Endergebnis der kurzen Königsherrschaft Sauls war für Israel so trostlos wie
nur möglich.

§ 15. Der Großstaat Davids


Die Lage Israels nach dem Ende Sauls bildet den geschichtlichen Hintergrund
für den erstaunlichen Aufstieg Davids. Mit David trat pach dem Königtum
Sauls, das nicht mehr als eine Episode war, der Vorgang des Übergangs Israels
zu politischer Machtentfaltung in ein völlig neu es und nunmehr entscheidendes
Stadium. Ja, David hat, was bei Saul nicht der Fall gewesen war, den Weg zu
politischer Machtentfaltung von Anfang an ganz bewußt und konsequent be-
schritten. Damit hängt es zusammen, daß mitDavid auch eine neueArt geschicht-
licher Überlieferung im A.T. einsetzt. Die Davidüberlieferung muß zum großen
Teil als Geschichtsschreibung bezeichnet werden, also als Werk "gelehrter Ar-
beit", während wir für die ältere geschichtliche Zeit bis einschließlich Saul im
wesentlichen volkstümliche Erzählungen haben und außerdem Traditionen über
die Vorgeschichte, die auf der Grundlage kultischer Bekenntnisse beruhen. Die
Bildung staatlicher Macht und mit ihr das aktive geschichtliche Handeln war die
gegebene Voraussetzung für die Anfange der Geschichtsschreibung. So steht uns
denn für die Geschichte Davids ein Quellenmaterial zur Verfügung, das uns die
geschichtlichen Vorgänge und vor allem ihre Zusammenhänge deutlicher sehen
läßt, als es die älteren volkstümlichen Erzählungen gestatten. Das gilt sogleich
für den Aufstieg Davids, für den wir ein zusammenhängendes Werk besitzen,
das eben dieses geschichtliche Thema zum Gegenstand hat und mit offensicht-
licher Sachkunde und einem sicheren Blick für die wesentlichen Zusammen-
hänge den Weg Davi,ds von seinen Anfängen bis zur Begründung des judäisch-
israelitischen Staatswesens schildertl.
David2 war ein Judäer aus Bethlehem (heute bit lahm 8 km südlich von Jeru-

1 x. Sam. 16,14-2.Sam. 5,25. Dieses Werk ist besonders in seinem ersten Teil durch einigen
sekundären Zuwachs nachträglich erweitert worden, aber in seiner ursprünglichen Gestalt
noch ziemlich sicher rekonstruierbar.
9 Der Name David ist dadurch zum Problem geworden, daß in den Mari-Texten häufig
ein Wort dawidüm etwa in der Bedeutung "Befehlshaber", "Truppenfdhrer" vorkommt (vgI.
W. v. S oden, WO I 3 [1948] S.197), das von dem Namen David Kaum zu trennen ist.
Dann sieht aber "David" nicht nach einem ursprünglichen Personennamen aus. Sollte David
etwa erst in der Zeit seines Söldnerfdhrertums (s. u.) sich mit diesem Titel bezeichnet haben
bzw. bezeichnet worden sein, der dann zu einem Pseudopersonennamen für ihn geworden
wäre an Stelle eines anderen uns unbekannten Personennamens, den er ursprünglich ge-
tra gen hätte?
166 2./II. Der Übergang zu politischer Machtentfaltung

salem), dem Hauptorte des Stammes Juda. Mit ihm tritt erstmalig der Stamm
Juda, der wichtigste der südpalästinischen Stämme, geschichtlich bedeutsam her-
vor. Davids Laufbahn begann damit, daß er als begabter und tüchtiger junger
Mann auffiel und daher in die unmittelbare persönliche Umgebung Sauls als
dessen Waffen träger gezogen wurde (I. Sam. 16,2 I )1. Lange hat er freilich
nicht zur Umgebung Sauls gehört. Denn bald wurde er, der durch sein offenbar
besonders anziehendes Wesen sich schnell allgemein beliebt machte, in beson-
derem Maße ein Gegenstand des Mißtrauens Sauls, so daß er es vorzog, sich
durch Flucht der aufkommenden Feindschaft des Königs zu entziehen. Er floh
in seine Heimat, blieb aber nicht in Bethlehem, sondern zog sich in den süd-
lichsten Teil des westjordanischen Gebirges zurück und sammelte hier eine Schar
abenteuernder Elemente um sich, mit denen er von allerlei Beutezügen lebte
(ein Beispiel dafür in 1. Sam. 25,2-43), nun erst recht verfolgt von der Feind-
schaft Sauls, der seiner jedoch nicht habhaft werden konnte. Diese Zeit wurde
für seinen weiteren Weg entscheidend. Denn David war damit zum Condottiere
geworden, zum Berufskrieger, dem das Kriegshandwerk - zunächst noch in be-
scheidenem Ausmaß - zum Lebensinhalt wurde. Zugleich hat David damals,
offenbar um später daraus Nutzen zu ziehen, gute Beziehungen zu den südlich
von Juda sitzenden Stämmen angeknüpft. Nach 1. Sam. 25,43 heiratete er eine
gewisse Ahinoam aus dem wahrscheinlich kenitischen2 Orte Jesreel (südöstlich
von Hebron in nicht genauer bekannter Lage) und nach 1. Sam. 25,42 eine
gewisse Abigail, das Weib jenes reichen Nabal aus Maon (heute tell ma'jn etwa
15 km südlich von Hebron), den bei einem üppigen Schafschurfest der Schrecken
über einen plötzlichen bedrohlichen Besuch Davids und seiner Leute ums Leben
gebracht hatte. Auch dieser Nabal hatte wohl zu den Kenitern gehört 3 •
Für David und die um ihn gesammelte Schar bot das philistäische Heeres-
system, das neben dem Bestand an schwer bewaffneten Einzelkämpfern sich noch
angeworbener Söldnertruppen bediente', die besten Chancen. Und so hat denn
David eines Tages seine und seiner Leute Dienste dem PhilisterfürstenAchis von
Gath angeboten (I. Sam. 27,2f.). Er erhielt von Achis den Ort Ziklag mit dem
zugehörigen Landgebiet zu Lehen und mußte dafür auf Anforderung Heeres-
folge leisten. Die Lage von Ziklag ist ebensowenig sicher bekannt wie die von
Gath; man wird Ziklag am inneren Rande des südlichsten Teiles der Küsten-
ebene suchen müssen. Daß David zu den philistern ging, mit denen den Israeliten
eine Auseinandersetzung auf Tod und Leben bevorstand, war gewiß ein bedenk-
licher Schritt. Zwar pflegen Söldnerführer im allgemeinen wenig wählerisch zu
sein in der Annahme von Diensten, wenn sie nur gut entlohnt werden; und
David entzog sich zugleich auf diese Weise am einfachsten und sichersten den
Nachstellungen Sauls. Aber als ein Verrat an der Sache der israelitischen Stämme
1 Die bekannte Goliathgeschichte von I.Sam. 17 ist literarisch und sachlich der Er-
zählung I.Sam. 16,14-23 gegenüber sekundär.
Z Vgl. M. N oth, Das Buch Josua (21953) zu Jos. 15,55-57a.
8 Maon lag in demselben späterenjudäischen Gau wie Jesreel; vgl. Jos. 15,55f.
, Außer in David selbst haben wir noch ein anderes Beispiel für diese Erscheinung in dem
"Gathiter" Ittai mit seinen 600 Mannen (2.Sam. 15,18ff.).
§ 15- Der Großstaat Davids

timßte sein Schritt doch erscheinen, auch wenn es für David selbst sich von vorn-
herein gar nicht um ein Parteiergreifen für die philister, sondern nur um ein Mittel
zum Zwecke auf seinem eigenen Wege handelte. In der Wahl seiner Mittel hatte
er offenbar sehr wenig Hemmungen. Er hat hier ein Doppelspiel getrieben. Auch
von Ziklag aus hat er die Beziehungen zu den judäischen Südstämmen weiter
gepflegt. Er unternahm mit seinen Leuten allerlei Beutezüge in die Umgebung
und schickte von den erbeuteten Reichtümern Geschenke an die Ältesten ver-
schiedener Orte im Bereich dieser Südstämme (I. Sam. 30,26-31). Sein Lehens-
herr Achis brauchte das nicht zu wissen, sondern wurde in dem Glaubenerhalten,
daß David mit Saul und den israelitischen Stämmen endgültig gebrochen habe.
Ganz freilich trauten ihm auch die philister nicht. Gegen den Willen seines
Lehensherrn Achis bestanden die anderen Philisterfürsten darauf, daß er mit
seinen Leuten von der Teilnahme an dem Entscheidungskampf gegen Saul aus-
geschlossen wurde (1. Sam. 29,2-II a), obwohl er natürlich gerade bei einem
so großen Unternehmen zur Heeresfolge verpflichtet war; denn sie fürchteten
seinen Verrat. So blieb es David etspart, in der Schlacht gegen SauI und die
israelitischen Stämme auf der philistäischen Seite aktiv mitkämpfen zu müssen.
Die Nachricht von der Katastrophe Sauls, die David in Ziklag erreichte, be-
deutete rur ihn offenbar keine überraschung und konnte für einen so klugen
Mann nach der Lage der Dinge auch keine überraschung sein. Ja, es zeigt sich,
daß er offenbar schon überlegt und vorbereitet hatte, was er in diesem zu erwar-
tenden Falle tun würde. Jedenfalls handelte er nun sehr zielstrebig und zugleich
sehr geschickt, indem er zunächst nur auf ein Ziel zuging, das im Augenblick
erreichbar war, und damit einen Schritt vorwärts tat, den er gewiß von Anfang
an nicht als den letzten Schritt auf seinem Wege betrachtete. Er verstand die
große Kunst,· zu warten, bis die Dinge zum Zugreifen reif waren, und hat auf
diese Weise den Großstaat geschaffen, der den Höhepunkt der politischen Macht-
entfaltung in der Geschichte Israels darstellt. In 2. Sam. 2,1-3 lesen wir, daß er
nach dem schrecklichen Ende Sauls mit seinem gesamten Anhang und Gefolge
nachHebron hinaufzog und sichdort niederließ. Das kalibbitische Hebron bildete
nicht nur das natürliche Zentrum des südpalästinischen Gebirges, sondern besaß
in seiner unmittelbaren Nähe auch das berühmte Baumheiligtum von Mamre
(heute baram rämet el-chahl), das wahrscheinlich zugleich der kultische Mittel-
punkt für den ganzen Kreis der südpalästinischen Stämme war, die um diesen
Mittelpunkt in einem Sechsstämmeverband vereinigt gewesen zu sein scheinen,
der seinerseits eine Sondergruppe innerhalb und neben dem großen israelitischen
Zwölfstämmeverband bildete. Diese sechs Stämme (Juda, Kaleb, Othniel, Kain,
Jerachmeel, Simeon) führten damit ein Eigenleben, das sie zwar nicht von dem
großen Ganzen trennte, aber innerhalb dieses Ganzen doch eine Sonderstellung
einnehmen ließ; Und dieser Sachverhalt wurde jetzt geschichtlich bedeutsam,
indem David sich ihn zunutze machte. David selbst war Judäer, durch seine
ersten Heiraten war er verschwägert mit den Kenitern, von Ziklag aus hatte er
die Beziehungen zu den südlichen Stämmen bewußt gepflegt. Diese Verbin-
dungen mußten jetzt ihre Früchte tragen.
168 :3.{II. Der Übergang zu politischer Machtentfaltung

"Die Männer von Juda kamen und salbten dort (in Hebron bzw. Mamre) den
David zum König über das Haus Juda" (2. Sam. 2,4a). Der Name "Haus Juda"
steht hier im Unterschied von dem einfachen "Juda" offenbar im weiteren Sinne
für den gesamten südlichen Sechsstämmeverband. Wer veranlaßte den Sechs-
stämmeverband zu diesem folgenreichen Schritt~ Die Einrichtung des König-
tums, bis vor kurzem in Israel noch etwas Fremdes, hatte alsbald nach ihrem
Aufkommen in der Gestalt des Königs Saul soeben zu einer furchtbaren Kata-
strophe geführt. Schwerlich konnte unter diesen Umständen der Gedanke an
einen König in Israel so fest Wurzel gefaßt haben, daß nach dem Ende Sauls die
Wahl eines neuen Königs als Selbstverständlichkeit erscheinen und lediglich eine
Personenfrage sein mußte. Wir erfahren über den Vorgang der Erhebung Da-
vids zum König über das "Haus Juda" nichts Genaueres, gehen aber kaum fehl
in der Annahme, daß David selbst das Seine dazu getan hat, die Südstämme zu
diesem Schritt zu veranlassen. Sein persönlicher Einfluß war gewiß groß. Er
hatte sich schon als Waffenträger Sauls überall schnell beliebt gemacht. Für die
Südstämme war er zudem noch ein MaI\n aus ihrem eigenen Kreise, und David
hatte nach seiner Trennung von Saul sich betont als einen Mann der Südstämme
gegeben.War die Einrichtung des Königtums durch Saul sehr schnell inMißkredit
gebracht worden, so war es eben der Benjaminit Saul gewesen, der sein eigenes
Scheitern verschuldet hatte, während der Judäer David es gewiß besser machen
würde. Die schon ältere Sonderstellung der Südstämme gegenüber dem großen
Ganzen hat gewiß eine wesentliche Rolle gespielt, und David wird diese Chance
für sich ausgenutzt haben. Indem die Südstämme mit dem KönigtumDavids einen
eigenen Staat "Haus Juda" konstituierten, haben sie nicht nur ihr Eigenwesen er-
neut betont und verschärft, sondern innerhalb der Gesamtheit der israelitischen
Stämme eine politischeTrennung herbeigeführt, die sich in stärkereroder schwä-
chererAusprägung durch die ganzeGeschichte Israelshindurcherhalten hat und von
den ungünstigsten Folgen für den äußeren Verlauf dieser Geschichte gewesen ist.
Die "Salbung" zum König war ein sakraler Weiheakt, der an einem Heiligtum
vollzogen wurde; und dabei wird man an das kultische Zentrum von Mamre
denken müssen. Dieser Akt folgte der Erhebung zum König durch die "Männer
von Juda"l. Und diese Königswahl scheint ohne jede sakrale Grundlage wie
etwa die Designation durch einen Propheten erfolgt zu sein. Es war ein rein
politischer Vorgang. Das ist für die Art des Aufstiegs Davids bezeichnend. Seine
eigene Person mit ihren Beziehungen und das um ihn gesammelte kriegerische
Gefolge bildeten die Voraussetzungen für das Beziehen der Machtposition, die
das Königtum über das "Haus Juda" für ihn darstellte. Wie konnten nun aber die
philister nach ihrem großen Sieg über Israel das alles geschehenlassen~ Eskannnach
der Lage der Dinge nicht zweifelhaft sein, daß David nach wie vor ihr Lehensmann
blieb und daß er als Lehensmann von Ziklag weiterhin zur Heeresfolge mit seinem
Söldnerkontingent verpflichtet war. Offenbar hatten die philister nichts dagegen,
1 In 2.Sam. 2,4a liegt eine abgekürzte Formulierung vor. Die "Männer von Juda"
konnten David nur zum König ausrufen, während die Salbung dann gewiß durch einen
Priester erfolgte.
§ 15. Der Großstaat Davids

daß die "Männer von Juda" eben diesen ihren Lehensmann zum König wählten.
Mochten die philister nun der Lehenstreue Davids trauen oder nicht,jedenfalls
mochte es ihnen nicht ungünstig erscheinen, daß die Begründung eines eigenen
judäischen Königtums eine Zersplitterung Israels und mit dieserZersplitterung eine
Schwächung bede1:ltete. Der Zwölfstämmeverband war jedenfalls als politische
und kriegerische Einheit beseitigt; denn die Südstämme hatten ohne jede Rück-
sicht auf das Bestehen dieses Verbandes gehandelt. Und sowarendiePhilisterwe-
nigstens stillschweigend mit dem Gang der Dinge vorerst offenbar einverstanden.
Ebenso verhielten sie sich gegenüber dem, was bei den übrigen Stämmen vor-
ging. Denn das schien auch seinerseits auf eine dauernde Trennung Israels in
zwei Teile hinauszulaufen. Hier hatte der Feldhauptmann Sauls Abner die Kata-
strophe auf dem Gilboa-Gebirge überlebt, und er nahm nun die Führung in die
Hand. Er brachte den einzigen überlebenden Sohn Sauls Esbaal1 hinüber in das
von den philistern möglichst weit entfernte Ostjordanland nach Mahanaim, dem
Hauptort des ephraimitischen Siedlungsgebietes im Lande Gilead südlich des
Jabbok (heute tell beddschädsc~), und machte ihn dort zum König. Das war ein
reiner Willkürakt (2. Sam. 2,8-9). Dem Königtum Esbaals fehlte jede sakrale
Grundlage. Die geschlagenen und ratlosen israelitischen Stämme aber waren an-
scheinend damit einverstanden. Daß das Königtum vererbt wurde, kannte man
von den Königtümern in der Umwelt, und eine andere geeignete Person außer
dem vorhandenen Saulsohn stand offenbar nicht zur Verfügung. Eine andere
Einrichtung als die eines Königtums aber fand man nicht, obwohl man mit dem
Königtum unter Saul so schlechte Erfahrungen gemacht hatte. Da die Süd-
stämme mit David ihren eigenen Weg gegangen waren, erstreckte sich die Kö-
nigsherrschaft Esbaals über das wenig geschlossene und schlecht abgerundete
Gebiet der Stämme auf dem ostjordanischen, dem galiläischen und samarischen
Gebirge, wie in 2. Sam. 2,9 ziemlich genau angegeben wird. Esbaal nannte
sich wie Saul "König von Israel" und machte Anspruch auf die Beherrschung
aller israelitischen Stämme. Da aber die Südstämme sich getrennt hatten, um-
faßte der politische Begriff "Israel" unter Esbaal tatsächlich nur den größeren
Teil der Stämme, unter Ausschluß der Südstämme ; und bei dieser Einschränkung
des Namens "Israel" im politischen Bereich, in dem sich nun die Größen "Juda"
und "Israel" gegenüberstanden, ist es von da ab geblieben. Der Name "Israel"
aber hatte nunmehr zwei verschiedene Bedeutungen; als Bezeichnung der Ge-
samtheit der israelitischen Stämme, die die eigentliche Trägerin der Traditionen
von den fundamentalen Taten Gottes in der Vorgeschichte war und blieb, wurde
"Israel" weiterhin im bisherigen Sinne in der Sprache des Bekennens und
Glaubens gebraucht, während andrerseits "Israel" zugleich ein bestimmtes Staats-
gebilde bezeichnete, das nur einen Teil der israelitischen Stämme umfaßte und
auf der anderen Seite bald auch nichtisraelitische Elemente in sich aufnahm.
Zwischen "Israel" und "Juda", zwischen Esbaal und David kam es bald zu
kriegerischen Verwicklungen im Grenzgebiet, die vermutlich dadurch veranlaßt
1 Der Name Esbaal ist unverändert nur in Lehr. 8,33; 9,39 erhalten, während er in
2. Sam. zu Isboseth entstellt ist, weil er den später verpönten Gottesnamen Baal enthält.
2./II. Der Übergang zu politischer Machtentfaltung

waren, daß Esbaal oder vielmehr Abner, der an Bedeutung und EinHuß dem
König durchaus überlegen blieb, den wenig aussichtsreichen Versuch unternahm,
mit Gewalt auch die Südstämme der eigenen Herrschaft zu unterwerfen. Natür-
lich war David der Gegenseite nicht nur gewachsen, sondern überlegen. Aber
diese Kämpfe waren ohnehin nur von geringer Bedeutung und ohne besondere
Folgen; abgesehen davon, daß in ihrem Verlauf Abner einen Bruder des Joab
erschlug, der seinerseits zu der unmittelbaren persönlichen Umgebung Davids
gehörte und als dessen Heerbannführer ("Feldhauptmann") noch eine Rolle
spielen sollte und der nunmehr ein Blutracherecht gegenAbner zu haben glaubte,
von dem er bald danach Gebrauch machte (2. Sam. 2,12-3,1). Und das kam so.
Esbaal war unklug genug, sich mit Abner wegen einer Nebenfrau Sauls, die
dieser an sich genommen hatte, zu verfeinden. Daraufhin verriet der bedenken-
lose Abner sofort die Sache Esbaals und knüpfte durch Böten Verbindung mit
David an mit dem Ziele, diesem auch die unter der Herrschaft Esbaals stehenden
Stämme zuzuführen (2. Sam. 3,6ff.). David war bereit, Abner zu weiteren Ver-
handlungen bei sich in Hebron zu empfangen unter der einen Bedingung, daß er
ihm die Saulstochter Micha:l mitbringe, damit sie sein Weib werdel. Dieser Vor-
gang ist für die Absichten und die Handlungsweise Davids sehr bemerkenswert.
Daß das Königtum über Juda für David nur einen ersten Anfang bedeutete und
daß David nach der Herrschaft über alle israelitischen Stämme strebte, damit
rechnete Abner ganz selbstverständlich, und er hatte offenbar Recht damit.
Diesem Ziele diente auch die beabsichtigte Heirat Davids mit Michal, durch die
eines Tages, wenn kein Sohn Sauls mehr da sein würde, ihm vielleicht das Erbe
Sauls2 und wohl auch die Anwartschaft auf dessen Nachfolge 3 zufallen würde,
selbst wenn der Plan Abners scheitern sollte. Außerdem rechnete Abner damit,
daß auch die nichtjudäischen Stämme leicht dafür zu gewinnen sein würden,
David zu ihrem König zu machen; und auch damit hatte er recht. David war in
ihrem Kreise seit der Zeit, da er der Waffenträger Sauls gewesen war, nicht un-
bekannt und genoß von dieser Zeit her noch viele Sympathien. Er hatte außer-
dem, seit er König von Juda war, bei sich bietender Gelegenheit inoffiziell Be-
ziehungen zu ihnen angeknüpft 4. Gleichwohl ließ David gegenüber dem An-
1 Die spätere Überlieferung hat Michal schon zu Sauls Lebzeiten im Zusammenhang mit
Davids Sieg über Goliath zu D.avids Frau werden lassen (I. Sam. 18.27). Das ist geschicht-
lich nicht zutreffend. und der Hinweis auf diese Überlieferung in 2. Sam. 3.14 erweist sich
durch den Zusammenhang als sekundär. In 2.Sam. 3.15 wird außerdem durch den Zu-
sammenhang ..Abner" (statt "Isboset,h") als Subjekt der Sätze gefordert.
2 DasErbrecht derTöchter im Falle des Nichtvorhandenseins von Söhnen im israelitischen
Recht ist nach Alter und Verbreitung allerdings zweifelhaft; vgl. das späte Stück Numeri
27.1-11.
S Ein bestimmtes Nachfolgerecht für das Königtum gab es natürlich noch nicht. Aber wie
im Falle Esbaals konnte man bei der Suche nach einem König leicht auf einen Angehörigen
der Familie des früheren Königs verfallen.
4 Als ein Beispiel dafür teilt der Erzähler in 2. Sam. 2.4 b-7 eine Botschaft mit. die David
den Leuten von Jabes zukommen ließ. nachdem er erfahren hatte. daß sie Saul und seine
Söhne begraben hatten. Mit dieser Botschaft konnte er nur bezwecken. sich in gute Er-
innerung zu bringen.
§ 15. Der Großstaat Davids 17 1

erbieten Abners, der ihm aus der Umgebung Sauls persönlich bekannt war,
Vorsicht walten. Die Bedingung, Michal mitzubringen, bedeutete für Abner
zugleich den deutlichen und nicht mehr reparablen Vollzug des Bruches mit
Esbaal und des übergangs zu David. Abner hat die Bedingung erfüllt, hat in
Hebron mit David verhandelt und ist mit ihm einig geworden. Zur Ausführung
des Vorhabens kam es jedoch nicht, da Abner bei seiner Rückkehr im Tor von
Hebron durch Joab ermordet wurde unter dem Vorwand der Blutrache für den
einst erschlagenen Bruder Joabs, in Wirklichkeit aus Eifersucht und aus der Be-
fürchtung heraus, daß die Verbindung Abners mit David seine eigene Stellung
bei David gefährden könnte.
David hat den nicht so fernliegenden Verdacht, die Veranlassung zur Ermor-
dung des in Israel mächtigen Abner gegeben zu haben, weit von sich gewiesen;
er hat Abner mit allen Ehren unter persönlicher Anteilnahme in Hebron be-
statten lassen. Es ist auch nicht wahrscheinlich, daß er diese Gewalttat gewollt
habe, die ihm leicht die Sympathien vieler verscherzen konnte, die David für die
nächste Zeit wichtig waren. Und der Erzähler kann in 2. Sam. 3,37 mit Be-
friedigung feststellen, daß "das gesamte Volk (wohl in Hebron) und überhaupt
ganz Israel damals erkannte", daß die Ermordung des Abner "nicht vom König
ausgegangen war". Es dauerte nicht lange, daß das Vertrauen und die Zuneigung
der Stämme in Israel zu David zu dem von David gewünschten Ziele führte.
Eines Tages wurde der schwache Esbaal, dem jetzt auch noch die starke Hand
Abners fehlt~, in Mahanaim beim Mittagsschlaf ermordet von zwei Berufs-
soldaten ("Streifscharenführern") aus der ursprünglich kanaanäischen und dann
in den Verband des Stammes Benjamin aufgenommenen Stadt Beeroth, deren
Bewohner wahrscheinlich in einem Konflikt mit Saul die Stadt hatten verlassen
müssen und die nun auf diese Weise an dem Sohne Sauls Rache nahmen (2. Sam.
4, Iff.). Esbaal ist nicht lange König gewesen. Die Notiz in 2. Sam. 2,10 gibt
ihm zwei Jahre Regierungszeit, d. h. eine Frist von seiner Erhebung zum
König bis zu einem nicht mehr bestimmbaren Tage des darauffolgenden Jahres.
Diese Angabe ist weder textlich noch sachlich zu beanstanden. Daß dieses
schwache Königtum ohne rechte Grundlage lange Bestand gehabt haben sollte,
ist ohnehin nicht wahrscheinlich. niß Esbaal ermordet wurde, kam David
schwerlich ungelegen. Daß aber die beiden Mörder mit dem abgeschlagenen
Kopf Esbaals alsbald bei David in Hebron erschienen, um gelobt und belohnt
zu werden, das konnte David nur in Verlegenheit bringen. Denn konnte schon
die Ermordung Abners in Hebron verdächtig erscheinen, jetzt schien es mit
Händen greifbar, daß David durch Mord seinen Weg sich zu bahnen versuchte.
David ließ die beiden sofort umbringen und das Haupt Esbaals im Grab Abners
in Hebron beisetzen. Wiederum ist es in der Tat nicht wahrscheinlich, daß David
de!l1 fast unvermeidlichen Gang der Dinge durch einen von ihm veranlaßten
Mord nachzuhelfen versucht haben sollte, statt in kluger Weise das Ende des
Königtums Esbaals ruhig abzuwarten; und wiederum scheint man in Israel es
ihm geglaubt zu haben, daß er an der Ermordung Esbaals keine Schuld gehabt
hatte.
2./11. Der Übergang zu politischer Machtentfaltung

Nun blieb den Stämmen Israels fast nur noch ein Weg übrig. An der Einrich-
tung des Königtums mußten sie wohl oder übel festhalten ; nachdem die Süd-
stämme ihr Königtum begründet hatten, ließ sich der alte Stämmeverband nicht
mehr zu einer politischen Organisation, wie sie in der gegenwärtigen Notlage
erforderlich schien, ausbauen. In ihren eigenen Kreisen fanden sie offenbar keinen
Mann, den sie zum König hätten erheben können. Von den männlichen Nach-
kommen Sauls war nur noch ein gelähmter Sohn Jonathans da (vgl. 2. Sam.
9,1-3), der nicht in Frage kam. David aber war inzwischen durch Michal zum
Schwiegersohn Sauls geworden, hatte auch sonst Beziehungen zu ihnen gepflegt
und angeknüpft und war inzwischen als König von Juda bewährt. So kamen
denn die Ältesten der Stämme des Staates Israel zu David nach Hebron und
trugen ihm das Königtum auch über Israel an. Und David schloß mit ihnen einen
Vertrag ("Bund"), woraufhin er zum "König über Israel" gesalbt wurde(z. Sam.
5,1-3). Das war wieder ein politischer Akt. Zwar wurde der Vertrag "vor
Jahwe", d.h. im Heiligtum, geschlossen; aber das bedeutete doch nur, daß auch
dieser Vertrag unter göttlichen Schutz gestellt wurde, wie es bei anderen mensch-
lichen Verträgen der Fall war. Und die Salbung war ein sakraler Akt, der der
Erhebung zum König folgte, aber nicht selbst die Erhebung zum König be-
deutete. Nun wird zwar 10 2. Samuel 5,2 bausdrücklieh daraufhingewiesen, daß
David von Jahwe zum "nägid über Israel" (vgl. oben S. 156) erklärt worden sei.
Worauf sich diese Angabe bezieht, wird nicht mitgeteilt. Mag die Stimme eines
uns unbekannten Propheten dies ausgesprochen haben, so hatte das doch kaum
mehr zu besagen, als daß die Ältesten der Stämme in ihrem durch die Lage ohne-
hin geforderten Schritt bestärkt wurden; und das Wesentliche blieb dann doch
der Vertrag, der in Hebron geschlossen wurde.
David war jetzt "König von Juda und Israel". Zwei verschiedene Akte zu
verschiedenen Zeiten hatten ihn erst zum König über Juda und dann ZUm König
über Israel (im engeren, staatlichen Sinne) gemacht. Beide Königtümer hatten
je ihre eigene rechtliche Grundlage und ließen sich nicht mehr zu einem einheit-
lichen Staatsgebilde vereinigen. Jedenfalls hat David es für richtig gehalten, an
den geschichtlich gewordenen Grundlagen festzuhalten. Was beide Staatsgebilde
als politische Größen miteinander vereinigte, war nur die Person des Königs; sie
hingen durch "Personalunion" miteinander zusammen. Das Nebeneinander von
"Israel" und "Juda" blieb auch nach der Wahl Davids zum König über Israel
bestehen; und an der Aufteilung der israelitischen Stämme auf zwei verschiedene
Staaten änderte sich nichts. Keiner dieser beiden Staaten war also ein "National-
staat", so wie etwa die Königsherrschaft Sauls über die Gesamtheit des israeli-
tischen Stämmeverbandes allenfalls ein "nationales Königtum" gewesen war;
und die Funktionen des Stämmeverbandes konnten von keinem der beiden Staaten
fortgeführt werden. Beide Staaten waren durch die besonderen Verhältnisse
nach der Katastrophe Sauls zustande gekommert.
Die Vereinigung der beiden Staaten in einer Hand konnte den philistern
nicht mehr gleichgültig sein. Sie hatten bis dahin vermutlich David und Esbaal
als Vasallen unter philistäischerOberherrschaft betrachtet. Wieweit dieses Va-
§ IS. Der Großstaat Davids 173

sallenverhältnis etwa praktisch wirksam war, erfahren wir nicht. Das Neben-
einander beider mochte ihnen gerade recht sein; und sie scheinen sich in die in-
ternen Angelegenheiten Israels nicht eingemischt zu haben, solange ihre Ober-
herrschaft im Lande davon nicht berührt wurde. Die VeIeinigung von Juda und
Israel in der einen Hand ihres Lehensträgers David aber mußte ihnen als eine für
sie bedrohliche Machtbildung erscheinen und sie zum Eingreifen veranlassen.
In der Tat lesen wir in 2. Sam. 5,17, daß sie auf die Nachricht von der Er-
hebung Davids zum König über Israel hin alsbald! mit Heeresmacht erschienen,
"um David zu suchen". Und zwar besetzten sie die Rephaitn-Ebene (Vers 18)
unmittelbar westlich des Stadtstaates von Jerusalem (heute el-ba~·a). Das geschah
mit gutem Grunde. Das Territorium von Jerusalem trennte räumlich die Gebiete
der Staaten Juda und Israel voneinander. Indem sie hier angriffen, konnten sie
hoffen, David an dem Antritt seines Königtums über Israel zu hindern oder doch
jedenfalls die Sammlung der Aufgebote aus beiden Königreichen unmöglich zu
machen. Für David ging es jetzt ums Ganze. Er konnte die errungene Position
nur behaupten, wenn es ihm gelang, die philister abzuwehren und ihre Ober-
herrschaft zu beseitigen; und die Philister konnten andrerseits ihre Oberherr-
schaft nur festhalten, wenn sie David als König von Juda und Israel aus dem
Wege zu räumen vermochten. Die Frage der Vorherrschaft in Palästina mußte
sich jetzt entscheiden. Die Entscheidung fiel zugunsten Davids aus. David zog
mit seinem Gefolge an Berufskriegern2 gegen sie aus 3 und griffsie wahrscheinlich
überraschend bei dem Heiligtum des Baal-Perazim am Perazim-Berge 4 an. Die
genannte Örtlichkeit ist nicht mehr sicher festzulegen. Man wird sie am Süd-
1 In 2.Sam. 5 geht noch die Erzählung von der Eroberung Jerusalems durch David
voraus. die erst geraume Zeit nach der Vereinigung der beiden Königtümer durch David
erfolgt ist (vgI. unten S. 17S f.). Geschichtlich ist die Auseinandersetzung mit den Philistern
zweifellos vor der Eroberung Jerusalems gekommen. Ganz richtig wird in 2.Sam. S.17
unmittelbar an 2. Sam. 5.1-3 angeknüpft; und man kann nur fragen. ob der Verfasser der
Geschichte vom Aufstieg Davids die Erzählung von der Eroberung Jerusalems als für ihn
besonders wichtig vorwegnahm. um dann erst nachholend in 2.Sam. 5.17-2S. aber mit
ausdrücklichem Anschluß an Vers 1-3. von den Philistersiegen zu berichten (2. Sam. 5.4-S'.
II-16 sind literarisch in diesem Zusammenhang sekundär). oder ob erst ein Späterer die Vor-
wegnahme des Jerusalem-Abschnitts einführte. so daß die ursprüngliche Ordnung - ent-
sprechend der geschichtlichen Ereignisfolge - gewesen wäre 2.Sam. S.I-3.17-2S.6-10 (mit
Vers 10 als betontem Abschluß).
a In Vers 21 ist ausdrücklich mit Recht die Rede von .. David und seinen Männern".
8 Nach Vers 17 zog David .. hinab in die Burg". und damit kann nach Vers 9 nur die
.. Burg" von Jerusalem gemeint sein. Das ist kaum ursprünglich. sondern eine sekundäre Be-
zugnahme auf die jetzt vorangehende Jerusalemgeschichte. I.Chr. 14,8 bietet statt dessen
den allgemeinen Satz: .. Er zog aus ihnen entgegen." Auch das ist kaum ursprünglich. Wahr-
scheinlich war der überlieferte Text hier nicht mehr intakt und ist auf verschiedene Weise
.. verbessert" worden. ohne daß wir die Möglichkeit hätten. den ursprünglichen Text noch
zu rekonstruieren.
, In Jes. 28.21 wird der den Jerusalemern zweifellos gut bekannte. in ihrer Nähe ge-
legene Perazim-Berg erwähnt in einer Anspielung wahrscheinlich eben auf den hier erfolgten
Sieg Davids. bei dem Jahwe mächtig in das Geschehen eingegriffen hatte. In 2.Sam. 5.20
wird der Name .. Perazim" in recht gezwungener Weise nachträglich aus dem Sieg Davids
über seine Feinde ..erklärt".
174 2.tH. Der Übergang zu politischer Machtentfaltung

rande der Rephaim-Ebene zu suchen haben. David kam sicher von Süden her, aus
Hebron, und wird sich auf Nebenwegen unbemerkt der Rephaim-Ebene ge-
nähert habeni. Es gelang ihm, die philister völlig zu schlagen. Er schlug sie mit
ihrer eigenen Kriegstechnik. Er war selbst Söldnerführer bei den Philistern ge-
wesen und kannte die Art ihrer Kriegführung. Er trat ihnen nicht wie Saul mit
dem großen, aber schwerfälligen Heerbann der Stämme entgegen, sondern mit
seiner Söldnertruppe, die er inzwischen als König von Juda noch verstärkt und
ausgebaut haben mochte und die von Berufs wegen das Kriegshandwerk ver-
stand. Er schlug sie mit Hilfe dieses wendigen Instruments mit dem überlegenen
Können, das seiner Person offenbar eigen war. Die Philister aber, angesichts des
für alle Zukunft entscheidenden Charakters dieser Auseinandersetzung, ver-
suchten es noch einmal. Vermutlich hatten sie beim ersten Male, die Stärke und
Kriegskunst des Gegners, ihres eigenen Lehensträgers, unterschätzend, noch
nicht ihre ganze Kriegsrnacht aufgeboten. Der zweite Versuch, vermutlich sehr
bald nach der ersten Niederlage unternommen, hatte einen Sinn nur, wenn sie
jetzt mit besseren Aussichten und d. h. vermutlich mit dem gesamten ihnen zur
Verfügung stehenden Heeresaufgebot auf den Plan traten. Sie erschienen aber-
mals in der Rephaim-Ebene. Und David schlug sie wieder, und zwar diesmal bei
einer Örtlichkeit, die bezeichnet wird als "gegenüber den Baka-Sträuchern"
(2. Sam. 5,23). Diese Örtlichkeit, den benachbarten Jerusalemern wahrschein-
lich wohlbekannt, läßt sich naturgemäß jetzt nicht mehr genau festlegen. Viel-
leicht kam diesmal David von der Seite des Staates Israel, also von Norden her,
mit seiner Truppe - gewiß ebenso überraschend wie beim ersten Male - über
die philister. Jedenfalls hat sich die Verfolgung der auch diesmal völlig ge-
schlagenen Philister nach 2.Sam.5,25 nördlich der Rephaim-Ebene abge-
spielt "von Gibeon2 bis nach Gezer" (tell dschezer in der Küstenebene südlich
von Lydda). Mit dieser Verfolgung bis in die unmittelbare Nähe ihres eigenen
engeren Bereichs hat David den Sieg über seine mächtigsten und wichtigsten
Feinde gründlich vollendet.
Einen weiteren Versuch haben die philister darauf nicht mehr unternommen.
Sie mußten auf die Vorherrschaft im Lande verzichten. Die Zeit ihrer Über-
macht war damit schnell zu Ende gegangen. Sie blieben fortan auf ihren alten
Besitz im Südteil der Küstenebene beschränkt und gehörten nun zu dem Kreise
der kleinen Nachbarstaaten, die den Staaten Juda und Israel je nach der allge-
meinen Lage gelegentlich noch zu schaffen machten, aber doch nicht mehr ent-
scheidend in die Geschichte eingreifen konnten. Davids entscheidende Siege über
die philister waren die grundlegenden und die nachhaltigsten Erfolge seines an
Erfolgen so reichen Lebens. Sie gaben ihm die freie Hand, nunmehr sein Staats-
wesen nach seinen eigenen Entschlüssen unbehindert aufzubauen und weiter
auszubauen.
1 Vgl. A. Alt, PJB 23 (1927) S.15f., wo für das Heiligtum des Baal-Perazim eine Gleich-
setzung mit dem heutigen Heiligtum der sitt el-bedrije auf der Kuppe von esch-scheriiJiit vor-
geschlagen wird.
I Statt des im Text stehenden "Geba" wird mit x.ehr. 14,16 "Gibeon" zu lesen sein.
§ 15. Der Großstaat Davids 175

Es war jetzt gewiß eine seiner ersten Maßnahmen, dem Staatswesen einen
Mi ttel punk t zu geben. Noch residierte er in Hebron, das zwar den natürlichen
Mittelpunkt des Staates Juda bildete, von dem aus aber nicht zugleich der größere
Staat Israel auf die Dauer mit regiert werden konnte. Und das nicht nur wegen
der für das Doppelkönigtum allzu exzentrischen Lage von Hebron, sondern auch
deswegen, weil er in Hebron doch in erster Linie König von Juda war und blieb,
die Stämme in Israel aber nicht vom König von Juda beherrscht werden wollten,
sondern von jenem David, den sie selbst zum König von Israel erhoben hatten.
Eine israditische Stadt wie etwa das als natürlichen Mittelpunkt des Landes so
zentral gelegene Sichem konnte er jedoch auch nicht zu seiner Residenz machen
mit Rücksicht auf die Judäer, die ihn zuerst zum König gemacht hatten und die
ihm eine übersiedlung in den Staat Israel kaum verziehen haben würden. Im
Hinblick auf die eifersüchtige gegenseitige Mißgunst der beiden Staaten Juda
und Israel, mit der er rechnen mußte und die noch unter seiner eigenen Regie-
rung einmal zu einem offenen Konflikt führen sollte, wählte er mit dem sicheren
Blick des klugen Staatsmanns eine Stadt auf neutralem Boden zwischen den
Gebieten der beiden Staaten. Es war die von den israelitischen Stämmen bisher
noch nicht eroberte, bislang noch von einer Gruppe der älteren Landesbewohner,
den Jebusitern, besessene Stadt Jerusalem, südlich deren das Territorium des
Staates Juda und nördlich deren das des Staates Israelbegann1• Es war eine alte
Stadt, die durch die ägyptischen "Ächtungstexte.. literarisch erstmalig für den
Beginn des 2.Jahrtausends v.ehr. bezeugt 2 und uns aus den Amarnatafeln als
Sitz desStadtherrn Abdj~jpa· bekannt ist 8 • Sie hatte in derAmarnazeit als Herren-
sitz auf dem städtearmen Gebirge eine gewisse Rolle gespielt; aber zu den eigent-
lich bedeutenden Städten des Landes hatte sie bisher nicht gerade gehört. Sie lag
auf einem Hügel innerhalb eines Talkessels' in einer zwar festen, aber doch kaum
ein größeres Gebiet beherrschenden Lage, in etwa 800 m Höhe auf dem wenig
zugänglichen Südteil des westjordanischen Gebirges, zwar in der Nähe der der
Wasserscheide folgenden nordsüdlichen Hauptstraße über das Gebirge, aber
nach Osten und Westen zu ohne gute und natürliche größere Verkehrsverbin-
dungen. Der gegebene Mittelpunkt des Landes war sie in keiner Weise, und die
natürlichen Bedingungen ihrer Lage bestimmten sie nicht zur Hauptstadt. Was
sie unter David wurde, was sie daraufhin in der Geschichte bis heute bedeutet
hat, verdankt sie nicht der Natur, sondern dem Willen und der Einsicht eines
Mannes, der unabhängig von den natürlichen Bedingungen in einer bestimmten
geschichtlichen Lage eine sachgemäße Entscheidung traf.
David hat auch diesen Schritt nicht übereilt. Nach 2. Sam. 2,11; 5,sa hat er
1 VgJ. dazu vor allem A. Alt, Jerusalems Aufstieg (ZDMG N.F. 4 [1925] S.I-19).
2 Bei K. Sethe (vgl. oben S.2S Anm. 2) e 27hS. f18.
a Von diesem Abdj~jpastammen die Amarnabriefe Nr.28S-290 (Knudtzon).
• Das vordavidische und davidische Jerusalem lag auf dem sogenannten "Südosthügel"
oberhalb der Gihon-Quelle außerhalb des Wohnbereichs der heutigen Stadt; vgl. West-
minster Historical Atlas to the Bible (1945) PI. XVII. Zu allen Fragen der antiken Topo-
graphie von Jerusalem ist jetzt heranzuziehen das umfassende Werk von J. Simons, Jeru-
salem in the Old Testament. Researches and Theories (1952).
2.tH. Der Übergang zu politisc:herMachtentfaltung

772 Jahre in Hebron residiert, wovon nur 2 Jahre auf das Nebeneinander von
EsbaaJ und David entfielen. Eine Zeitlang hat er also noch von Hebron aus die
beiden Staaten regiert. Dann hat er mit seinen Söldnern das jebusitische Jeru-
salem erobert (2. Sam. 5,6-9)1 und es als "Stadt Davids" zu seinem Sitz ge-
macht. Es wurde weder dem Staate Juda noch dem Staate Israel angegliedert,
sondern blieb ein Stadtstaat, und David war jetzt auch noch Stadtkönig von
Jerusalem als Rechtsnachfolger des bisherigen jebusitischenStadtkönigs. Die
Stadt wurde weder von Judäern noch von Israeliten besiedelt, sondern verblieb
ihren bisherigen Bewohnern und nahm nur den König mit seiner Umgebung,
seinem Hofstaat und seinen Söldnern auf. Das war freilich eine große Menge von
Menschen entsprechend der Größe des Staatswesens, das nun von hier aus be-
herrscht wurde.
David hat dann das alte Stämmeheiligtum der Lade, das nunmehr schon seit
einiger Zeit anscheinend wenig beachtet oder auch seit dem Verlust an die phi-
lister ängstlich gescheut in der dem Stamme Benjamin angeschlossenen alten
Kanaanäerstadt Kirjath-Jearim stand, in seine neue Hauptstadt überführt und
erneut zu Ehren gebracht (2. Sam. 6,1-15.17-19). Er hat damit die Würde des
Zentrums des Zwölfstämmeverbandes dieser Stadt gebenwollen und mit kühnem
Eingriff die alte verbindende sakrale Tradition der Stämme an sie geknüpft und
damit sich dienstbar gemacht. Und in der Tat beruht die weltgeschichtliche
Stellung von Jerusalem seither gerade auf diesem Akt. Er hat die Lade vermutlich
im Heiligtum der Stadt aufgestellt, das wahrscheinlich auf der die alte Stadt im
Norden überragenden Kuppe lag, auf der Salomo später seine Bauten errichtet
hat. Das alte israelitische Heiligtum stand nun an dem kanaanäischen Kultort
einer kanaanäischen Stadt, die jetzt allerdings die Königsstadt Davids war, die
aber bis dahin keinerlei israelitische Tradition aufzuweisen hatte. Die Priester,
die es bedienten, waren königliche Beamte (2. Sam. 8,17a.18b; 20,25b.26).
Freilich hatte die Lade auch früher schon an diesem oder jenem alten Landes-
heiligtum gestanden; und die israelitischen Stämme haben nun das Heiligtum
von Jerusalem als ihren sakralen Mittelpunkt verehrt. Der "Berg Zion" - das
war der Name der Kuppe, die die Kultstätte von Jerusalem trug - wurde ein
Begriff in der religiösen Sprache Israels.
Die Territorien der Staaten Juda und Israel waren infolge des Nebeneinanders
von Israeliten und Kanaanäern im Lande wenig abgerundet. Das galt vor allem
für den Staat Israel. David hat durch Einverleibung der noch selbständigen
kanaanäischen Stadtstaaten den Staaten Juda und Israel die noch fehlende
territoriale Geschlossenheit verliehen. Wir haben darüber keine unmittelbaren
Nachrichten, können es aber mittelbar sicher erschließen. In 2. Sam. 24,5-7
haben wir eine Grenzumschreibung der Gebiete von Israel und Juda. Zwar
handelt es sich nach dem Wortlaut um den Weg, den die Offiziere Davids zUm
Zwecke jener Volkszählung zurücklegten, die offenbar im Interesse einer Neu-
aufstellung des Heerbanns durchgeführt wurde. Aber für diesen Weg wird tat-
I In 2.Sam. 5,6 ist wieder richtig von "dem König und seinen Männern" die Rede,
während I. ehr. II,4 dafür tendenziös "David und ganz Israel" setzt.
§ 15. Der Großstaat Davids 177
sächlich eben eine Grenzumschreibung geboten. Sie beginnt im südlichen Ost-
jordanlande amArnon (seI el-mädschib) mit der StadtAroer (heute chirbet 'ara'ir)
und schließt damit die ganze Hochfläche nördlich des Arnon mit ihren Städten
ostwärts etwa his zur Linie Aroer-Dibon (diban)-Medeba (mädeba) in das Herr-
schaftsgebiet Davids ein, zählt dann zwischen dem Gebiet von Gad1 und dem
ephraimitisch-manassitischen Siedlungsbereich des Landes Gilead einerseits und
der Stadt Dan an den Jordanquellen andrerseits noch "das Land der Hethiter"2
auf, womit nur ein altes Stadtstaatengebiet gemeint sein kann und nach dem
Zusammenhang ein Strich von Stadtstaatenterritorien nordöstlich und nördlich
des 'adschlün gemeint sein muß, den David dann ebenfalls unter seine Herrschaft
gebracht hätte. Und dann folgen von der "Festung von Tyrus" an 3 -und damit
dürfte der Festlandsstützpunkt der Inselstadt Tyrus (heute wahrscheinlich tell
reschedije) gemeint sein -offenbar in südlicher Richtung "die Städte der Hiwwiter
und Kanaaniter", d.h. die Stadtstaaten der Küstenebenen nördlich und südlich
des Karmelvorsprungs bis zu einer nicht genannten Südgrenze, die man etwa
am nahr el-'ädscha wird ansetzen müssen, jenseits dessen in der Küstenebene das
Gebiet der Philisterstädte begann, die zwar entmächtigt waren, aber doch unab-
hängige Staatswesen blieben. Danach wird man nun auch die Angaben in
Ri.I,27-35, wonach die von den Stämmen zunächst nicht bezwungenen
kanaanäischen Städte schließlich doch, "als Israel stark geworden war", zwar
nicht besetzt, aber doch politisch abhängig gemacht wurden, auf eben diese
Maßnahme Davids beziehen müssen. Hier erfahren wir speziell auch, daß die
großen Städte der Jesreel-Ebene mit unterworfen wurden, was nach der Lage
der Dinge ohnehin anzunehmen ist. Wenn nach der Aufzählung der "Gaue" des
Staates Israel zur Zeit Salomos in I.Kön.4,7-19 israelitische Stämmegebiete
und kanaanäische Städteterritorien zusammen das Gebiet des Staates Israel aus-
machten, so ist die dabei vorausgesetzte Unterwerfung der Kanaanäerstädte
schwerlich erst Salomo zuzuschreiben, von dem wir sonst nirgends hören, daß er
den Bestand seiner Staaten erweitert habe, sondern eben David.
Das bedeutete einen definitiven Sieg der israelitischen Herrschaft über das alte
Kanaanäertum des Landes und eine großzügige territoriale Abrundung für die
Staaten Juda und Israel. Sie kam vor allem dem Staate Israel zugute, in dem der
Siedlungsbereich der Stämme bzw. Stämmegruppen wenig geschlossen und
durch Städtegebiete vielfach zerrissen war. Zugleich erfuhr der Staat Israel damit
eine mächtige räumliche Erweiterung, während sich für den Staat Juda ver-
mutlich nur ein kleinerer Gewinn an Stadtstaatengebieten im westlich angren-
zenden Hügellande ergab. Dieser Machtzuwachs und diese territoriale Abrun-
dung bedeuteten freilich zugleich die Aufgabe der nationalen Geschlossenheit
1 Mit dem Namen Jazer wird das Gebiet von Gad bezeichnet (vgl. Num. 32.1). wäh-
rend das vorhergehende seltsame 'lil (mit Artikel) offenbar fehlerhaft ist. Man erwartet an
seiner Stelle eine Verbalform.
I In Vers 6ist so zu lesen mit einem Zweig der Septuagintaüberlieferung statt des offenbar
entstellten Wortlauts. Das folgende Wort ist nicht mehr sicher rekonstruierbar.
8 .. Sidon" in Vers 6 steht vielleicht nur allgemein im Sinne von .. Phönikien". Das ist
freilich schwer zu entscheiden. da die vorhergehenden Worte wieder entstellt sind.
2.tH. Der Übergang zu politischer Machtentfaltung

besonders für den Staat Israel, in geringerem Ausmaße auch für den Staat Juda.
Das kanaanäische Wesen fand nunmehr Aufnahme in die Staaten Israel und
Juda. Denn die Bevölkerungen der Städte, in ihrer Art den israelitischen Stämmen
weithin fremd, blieben bei diesen Annexionen offenbar im wesentlichen unbe-
rührt, und auch die politische und soziale Struktur ihres Lebens wurde wohl
kaum wesentlich verändert. Nur trat an die Stelle der Stadtkönige nunmehr der
König von Israel bzw. Juda; und wo die Städte aristokratisch regiert worden
waren, mußte die Herrenschicht jetzt diesen König als ihren Oberherrn an-
erkennen. Diese Unterwerfung wurde im wesentlichen einfach durch die über-
macht Davids erzwungen, die in seinem Sieg über die Philister so deutlich in
Erscheinung getreten war. Jedenfalls hören wir nichts davon, daß es kriege-
rischer Unternehmungen dazu bedurft hätte. Das überlegene und ausschlag-
gebende Element in den beiden Staaten waren die israelitischen Stämme; aber
die kanaanäischen Bevölkerungen traten nun mehr oder weniger bedeutsam mit
hinzu.
Gestützt auf seine Machtposition als König von Juda und Israel, hat David
auch die Na c h b a rn sich untertan gemacht. Er hat damit weit über den engeren
Bereich der israelitischen Stämme hinaus einen Großstaat geschaffen und nach
allen Seiten hin abgerundet, der einen großen Teil von Palästina-Syrien um-
faßte, wie es schon in früheren Zeiten gelegentlich großräumige Herrschafts-
bildungen auf palästinisch-syrischem Boden gegeben hatte besonders in der
Zeit, als Palästina-Syrien ägyptisches Untertanengebiet gewesen warl. Auch in
der inneren Organisation des davidischen Großstaates hat das ägyptische Vorbild
eine anscheinend nicht unwesentliche Rolle gespielt. Wir besitzen über die
Unternehmungen Davids zur Ausweitung seiner Herrschaft eine annalistische
Zusammenstellung in 2. Sam. 8,1-14 in vermutlich chronologischer Anord-
nung, und über die Auseinandersetzungen mit den Ammonitern und Aramäern
haben wir außerdem die ausführlichere Erzählung in 2.Sam.IO,I-II,1 und
12,26-31. Die Aufzählung von 2. Sam. 8 beginnt ganz sachgemäß mit den
philistern (Vers I); und wenn hier bemerkt wird, daß David die philister "zur
Unterwerfung zwang", so sind damit doch wohl die in 2. Sam. 5,17-25 be-
richteten Philistersiege Davids gemeint, die die Philister zwar offenbar nicht in
eine dauernde politische Abhängigkeit von David brachten, aber sie doch zur
Anerkennung seiner überlegenen Macht und seiner Herrschaft über den größten
Teil des Landes nötigten2 • Sie selbst blieben immerhin in ihrem kleinen Bereich
die einzige von David nicht früher oder später unterworfene Macht im Land. In
2. Sam. 8,2 folgt die Notiz über die Unterwerfung von Moab, dessen Gebiet
damals erst südlich des Arnon begann, nachdem David den Staat Israel bis an den
Arnon hin ausgedehnt hatte. über einen besonderen Anlaß des Krieges mit
Moab wird nichts gesagt. David schlug Moab und hat nach dem Sieg zwei Drittel
1 Vgl. dazu A. Alt, Das Großreich Davids (ThLZ 75 [1950] Sp.ZI3-Z20).
2 Vers 1 b ist mit dem Ausdruck n7:lNi"I ll"I1;), den man gewiß nicht nach I. Chr. 18, I
"verbessern" darf, leider recht dunkel. Auch die Erklärung von O. Eißfeldt, ZDPV 66
(1943) S.II7f. befriedigt nicht recht. Es ist nicht sicher, daß der Text in Ordnung ist.
§ 15. Der Großstaat Davids 179
des moabitischen Heerbannes ums Leben bringen lassen. Diese grausame Be-
handlung läßt doch vielleicht darauf schließen, daß Moab den Krieg mit David
leichtfertig und freventlich vom Zaune gebrochen hatte. Moab wurde von David
zu einem tributzahlenden Vasallenstaat gemacht; das Königtum in Moab blieb
offenbar bestehen, mußte nur die Oberherrschaft Davids anerkennen.
Anschließend wird in 2. Sam. 8,3-8 von den Aramäerkriegen Davids be-
richtet, die nach *2.Sam. 10-12 durch die Unbesonnenheit der Ammoniter
veranlaßt waren. In völliger Verkennung der veränderten Lage in Israel behan-
delten die Ammoniter, die trotz ihrer Besiegung durch Saul wohl noch immer an
eine Ausdehnung auf Kosten der ostjordanischen israelitischen Stämmegebiete
dachten, eine Gesandtschaft Davids, die einen Höflichkeitsbesuch zu einem
ammonitischen Thronwechsel machte, so schmählich, daß ein Krieg mit David
unvermeidlich wurde. Mit Rücksicht auf die geringe Kraft ihres kleinen Staates
suchten die Ammoniter dazu die Hilfe der ihnen benachbarten und verwandten
Aramäer. Diese hatten inzwischen einige kleinere Staatswesen gebildet. Nördlich
von Ammon lag als nächster Nachbar östlich des cadschlun ganz am Rande des
Kulturlandes der Aramäerstaat von Beth-Rehob (heute ribäb). Nicht weit davon
entfernt wird man wohl auch den "Mann von To b" suchen müssen, wahrschein-
lich eine Aramäergruppe ohne sehr feste staatliche Formen. Auch sie wurde von
den Ammonitern zur Hilfe herangezogen. Dazu kam noch das Königtum von
Maacha, vermutlich auch eine Aramäerherrschaft, die wahrscheinlich am süd-
lichen Fuße des Herrnongebirges lag. Vor allem aber gelang es den Ammonitern,
die Hilfe des Königs Hadadeser von Zoba zu gewinnen, der über die wahr-
scheinlich noch nicht voll seßhaften Aramäerstämme auf der Ostseite des Anti-
libanon herrschte und der über dieAramäerstämme inder Steppe bis zum Euphrat
hin gebot. Alle diese Aramäer kamen nun mit großem Aufgebot heran, um die
Ammoniterhauptstadt Rabba (heute Cammän) zu entsetzen, die David inzwischen
durch denjudäisch-israelitischen Heerbann unter Joab angreifen ließ. Es glückte
Joab, diese Aramäer so gründlich zu schlagen, daß sie auf weitere Hilfeleistung
für die Ammoniter verzichteten und die meisten von ihnen überhaupt von
ferneren Auseinandersetzungen mit David Abstand nahmen. Nur Hadadeser
selbst versuchte es noch einmal persönlich mit neu herangezogenen Kräften,
unter denen sich jetzt auch die Aramäer von Damaskus befanden, die offenbar
eine Aramäerherrschaft in dieser alten berühmten Oasenstadt begründet hatten
und von da aus wohl teilweise auch die Stadtstaatengebiete südlich davon be-
herrschten. Aber wieder gelang David, der diesmal persönlich dabei gewesen zu
sein scheint, ein entscheidender Sieg bei einem Orte Helam, der irgendwo im
nördlichsten Ostjordanlande gelegen haben muß. Damit war die Sache der
Ammoniter verloren. Im nächsten Jahre ließ David durch Joab das Ammoniter-
land verwüsten und die Hauptstadt Rabba belagern. Zur Einnahme der Zita-
delle dieser Stadt eilte David schließlich selbst herbei. Er hat dieAmmoniter nicht
mit Unrecht schwer gestraft. Die Bewohner der ammonitischen Städte ließ er als
Zwangsarbeiter wegführen. Er selbst aber setzte sich die ammonitische Königs-
krone auf das Haupt, d. h. er beseitigte das einheimische Königtum und machte
180 2.JII. Der Übergang zu politischer Machtentfaltung
sich selbst zum König von Ammon. Zu seinen Königtümern über Juda und über
Israel und über den Stadtstaat von Jerusalem trat damit nun auch noch das Kö-
nigtum über Ammon. Auf aramäischem Gebiet aber wurde der Stadtstaaten-
bereich des nördlichen Ostjordanlandes bis nach Damaskus als Provinz des
Staates Davids mit Statthaltern Davids, die in Damaskus residierten, und mit der
Auflage regelmäßiger Tributleistung organisiert; und dieser Provinz mögen
auch die kleinen aramäischen Herrschaften an den Rändern des nördlichen Ost-
jordanlandes in dieser oder jener Form angegliedert worden sein. Damit hat
David nach Nordosten hin seine Herrschaft weit ausgedehnt. Hadadeser von
Zoba freilich war als Herrscher über weit verstreute und noch kaum seßhafte
Aramäerstämme der Herrschaft Davids kaum für dauernd zu unterwerfen. Er hat
nach seiner Niederlage als einmalige Leistung goldene Schilde oder Köcherl
abliefern müssen, die David als Siegestrophäe nach Jerusalem brachte, und hat
damit wenigstens formell die Oberherrschaft Davids anerkennen müssen. Er hat
sich weiter zu dauernd gedachten, aber vielleicht doch nicht dauernd geleisteten
Erzlieferungen verpflichten müssen, und zwar wahrscheinlich aus den be~ä'
zwischen Libanon und Antilibanon, in denen es schon im Altertum ausgebeutete
Erzvorkommen gab und über die Hadadeser seine Herrschaft ausgedehnt hatte 2•
Damit reichte Davids Einfluß wenigstens mittelbar bis weit in das mittlereSyrien
hinein; und es ist durchaus begreiflich, daß der König von Hamath am Orontes
im nördlichen Syrien (heute bama) durch eine Gesandtschaft, die reiche Ge-
schenke überbrachte, gute Beziehungen zu dem so mächtig gewordenen David
suchte, dessen Siege bis nach Hamath hin ihre Wirkungen hatten (2. Sam. 8,9f. )3.
Zuletzt wird in 2. Sam. 8,13f. noch Davids Sieg über Edom berichtet. Auch
hier wissen wir nicht, was den Anlaß zu einer kriegerischen Auseinandersetzung
gegeben hat und worauf sich jene grausame Behandlung der Edomiter begrün-
dete, von der wir in anderem Zusammenhang in I. Kön. II,15-17 hören. Da-
nach hat David Edom geschlagen - im "Salztal", wie es 2.Sam. 8,13 heißt 4 -
und dann Joab sechs Monate lang in Edom gewüstet, um "die ganze männliche
Bevölkerung auszurotten". Auch das Königshaus wurde beseitigt, und nur dem
kleinen Prinzen Hadad gelang es, mit einigen Getreuen durch die Sinaiwüste
nach Ägypten zu entkommen. David hat auch Edom als Provinz unter eigenen
Statthaltern organisiert; und diese Provinz, so abgelegen sie war, war wichtig,
weil sie den Zugang zum Golf von el-'a~aba und damit zum Roten Meere er-

1 Die Bedeutung des W ortes tl(,~ ist nicht mehr sicher zu ermitteln.
2 In 2. Sam. 8,8 werden als Erzfundstätten die beiden Städte Tebah (so der ursprüngliche
Text) und Berothai genannt, für deren genaue Lokalisierung wir leider keine sicheren An-
haltspunkte haben.
S Die Ausgrabungen von ~ama (vgl. H. Ingholt, Rapport preliminaire sur sept cam-
pagnes de fouilles 11 Hama en Syrie [1932-1938] 1940) haben gezeigt, daß Hamath um
1200 v. ehr. erneut als Herrensitz besiedelt worden ist von einer Bevölkerung, die "hethi-
tische Hieroglyphen" (vgl. WAT S.166 und Abb. 8c) als Schrift benutzte. Zu ihr gehörte
jener König, der der Zeitgenosse Davids war.
, Dieses "Salztal" wird man wohl östlich des wädi el-'araba suchen müssen (vgl. noch
2. Kön. 14,7) und kaum in dem heutigen wiidi el-mil~ ("SalztalU) östlich von Beerseba.
§ 15. Der Großstaat Davids 181

öffnete und weil sie die zahlreichen und schon damals ausgebeuteten Erzvor-
kommen an den Rändern des wädi el':" araba einschloß, also Möglichkeiten er-
öffnete, die später vor allem unter Salomo ausgenutzt wurden.
Friedliche und freundschaftliche Beziehungen unterhielt endlichDavid zu dem
König Hiram von Tyrus und damit überhaupt zu den phönikischen Küsten-
städten, für die damals Tyrus der Vorort gewesen zu sein scheint!. David bezog
von dort, gewiß für Gegenleistungen, das begehrte und kostbare Zedernholz
vom Libanon sowie fachkundige Bauarbeiter für königliche Bauten in Jerusalem
(2.Sam.5,1I}2.
Nach allen seinen Siegen war David schließlich Stadtkönig von Jerusalem,
König über die durch die Annexion kanaanäischer Stadtstaaten großzügig ab-
gerundeten Staaten Juda und Israel, König von Ammon, Beherrscher der durch
Statthalter verwalteten Provinzen Aram (Damaskus) und Edom und Oberherr
des Vasallenkönigtums Moab, dem Namen nach vielleicht auch Oberherr über
Hadadeser von Zoba. Das Ganze war ein überaus kompliziertes Staatsgebilde
geworden und weit über di:e Ausmaße eines israelitischen Staates hinausge-
wachsen. Es war zu einem palästinisch-syrischen Großstaat geworden, der in der
Person des Königs geeint war und zahlreiche Völker in sich schloß. Das Staats-
gebilde Davids war die erste selbständige große Machtbildung überhaupt, die
wir auf palästinisch-syrischem Boden kennen 3, die direkt oder indirekt den
größeren Teil von ganz Palästina-Syrien umfaßte, auch weltgeschichtlich be-
trachtet eine mächtige Erscheinung, im wesentlichen das Werk ei n es klugen und
ungewöhnlich erfolgreichen Mannes. Ihm war dabei die allgemeine geschicht-
liche Lage im Orient günstig gewesen. In Ägypten und im Zweistromland gab es
damals keine größere Macht, die auf Palästina-Syrien hätte übergreifen und
Herrschaftsansprüche geltend machen können. Das Ägypten der 21. Dynastie
war schwach, in sich zerrissen und durch die theokratische Herrschaft der Priester
von Theben bestimmt 4 • Im Zweistromlande hatte Babylonien nach einer jahr-
hundertelangen Fremdherrschaft seitens des Bergvolkes der Kassiten seine Be-
deutung als politische Macht längst verloren; undAssyrien, als die damals auf-
strebende Macht, war nach der Blütezeit des mittelassyrischen Staates zunächst
auch wieder um die Jahrtausendwende in seiner Entfaltung zurückgegangen. In
Kleinasien aber gab es seit dem Fall des mächtigen Hethiterreiches überhaupt
keine bedeutendere Macht mehr. So konnten sich in Syrien-Palästina Kräfte
entfalten, ohne von außen her behindert zu werden, und so war im südlichen
Teile von Syrien-Palästina der Großstaat Davids herangewachsen.
1 Vgl. W. F. Al bri ght, Studies in the History of Culture (1942) S.33 f.
2Die Notiz 2.Sam. 5,11 hat wohl ursprünglich im Zusammenhang von 2.Sam. 8,1-14
gestanden und wurde nur wegen ihrer Bezugnahme auf Jerusalem an die jetzige Stelle
versetzt.
8 Vielleicht hatten die Hyksos einmal vorübergehend einen großen paIästinisch-syrischen
Staat gebildet, ehe sie Ägypten eroberten und dorthin ihren Herrschaftssitz verlegten.
4 Vgl. Ed. Meyer, Gottesstaat, Militärherrschaft und Ständewesen in Ägypten. Zur Ge-
schichte der 21. und 22. Dynastie (Sitz.-Ber. d. Preuß. Akad. d. Wiss., phil.",hist. Kl. XXVIII)
19 2 8.
182 2./H. Der Übergang zu politischer Machtentfaltung

Für die israelitischen Stämme hatte sich binnen kurzer Zeit die Situation völlig
gewandelt. Es war noch nicht lange her, daß sie damit zufrieden sein durften,
wenn sie sich den älteren Landesbewohnern gegenüber behaupten konnten; und
es war noch weniger lange her, daß sie sich schließlich der Übermacht der phi-
lister beugen mußten. Jetzt aber beherrschte der von ihnen erwählte König einen
ansehnlichen Großstaat und war ein im weiten Umkreis geachteter und wohl
auch gefürchteter Herrscher. Ihr äußerer Bestand war jetzt gesichert; und sie
hatten teil an einem eindrucksvollen und erhebenden geschichtlichen Geschehen,
das ihr Selbstbewußtsein und ihre Selbstsicherheit wesentlich steigern mußte.
Sie erlebten zum ersten Male in ihrer Geschichte, und zwar nicht leidend, son-
dern mithandelnd, eine große geschichtliche Bewegung. Freilich das handelnde
Subjekt war schließlich der Kreis der israelitischen Stämme schon nicht mehr;
und man mag fragen, ob man bei aller Bewunderung für die Größe und den Er-
folg Davids in den Stämmen es nicht doch mit einiger Besorgnis sah, wie das,
was geschah, über eine eigentliche Geschichte Israels weit hinausging. Nur be-
dingt bildete die Gesamtheit der Stämme den Kern des davidischen Großstaates.
Sie war auf zwei getrennte Staatsgebilde verteilt, und diese Staatsgebilde waren
nicht mehr rein israelitisch. Seine Kriege führte David nicht mehr nur mit dem
Heerbann der Stämme. Zwar hat David den Stämmeheerbann durchaus noch
ins Feld geführt oder ins Feld führen lassen, vor allem gegen die ostjordanischen
Nachbarvölker1, und dabei wurde sogar, so als ob es sich bei David noch um das
Führen "heiligen Krieges" gehandelt hätte, das alte Stämmeheiligtum der Lade
mitgenommen!, das David offenbar sehr wichtig nahm, weil es den Stämmebund
repräsentierte. Aber die von David bevorzugte Waffe war seine Söldnertruppe 3 ,
die keineswegs nur israelitisch, sondern vermutlich sehr bunt zusammengesetzt
war 4 und die jedenfalls zu seiner Person und nicht zu den israelitischen Stämmen
gehörte. Als Söldnerführer hatte er seinen Aufstieg begonnen, und ausschließlich
mit seinen Söldnern hatte er so bedeutende Erfolge wie die entscheidende Be-
siegung der Philister und die Eroberung des Stadtstaates Jerusalem erfochten.
So wird er auch später noch in wichtigen Fällen vor allem seine Söldnertruppe
eingesetzt haben. Das Staatsgebilde, das damals entstand, war nicht so sehr ein
israelitischer Großstaat als vielmehr der Großstaat Davids. Immerhin blieb David
für die Stämme einer der Ihren, ihr zentrales Heiligtum befand sich in der Kö-
nigsstadt Davids, und an seinem mächtigen Aufstieg waren sie jedenfalls mit-
beteiligt.
Die Existenz des Großstaates Davids hing so sehr an der starken Person seines
Gründers, daß sein Fortbestand über dessen Tod hinaus nur gesichert erscheinen
konnte, wenn ein einigermaßen ebenbürtiger Nachfolger sich fand. Das war
1 Vgl. 2.Sam. 11,1 (der Heerbannführer Joab mit "ganz Israel" gegen Ammon); 1. Kön.
n,IS (der Heerbannführer Joab in Moab); 2.Sam. 10,17 (David mit "ganz Israel" gegen
die Aramäer).
2 Vgl. 2.Sam. n,n.
B Ne ben dem Heerbannführer hatte David einen besonderen Kommandanten der Söldner-
truppe (2. Sam. 8,18; 20,23).
• Vgl. schon die "dreißig Helden Davids" und dazu K. Elli ger, PJB 31 (1935) S.Z9-75.
§ IS. Der Großstaat Davids

gewiß auch David klar; und ebenso mußte es ihm klar sein, daß bei dem völligen
Fehlen einer auf Tradition begründeten Nachfolgeordnung und bei der Bedeu-
tung seiner Person für die Begründung und den Zusammenhalt seines kompli-
zierten Großstaates sehr viel auf seine persönliche Entscheidung in der Frage der
Nachfolge ankam. Hier hat David nun in seltsamer Weise versagt, zunächst da-
durch, daß er das Fällen dieser notwendigen Entscheidung viel zu lange hinaus-
zögerte, weil er selbst anscheinend sich nicht recht zu entscheiden vermochte. So
war das letzte Stück seiner Regierungszeit erfüllt von allerlei Wirren, die von
verschiedenen seiner Söhne ausgingen, die vorzeitig schon die Nachfolge anzu-
treten versuchten. Ein Geschichtswerk, das wahrscheinlich noch vor dem Tode
Salomos abgefaßt worden ist, hat mit großer Sachkenntnis diese Wirren um die
Thronnachfolge Davids und deren schließliche Lösung eingehend dargestellt!.
Daß einer der zahlreichen Söhne Davids seinem Vater folgen würde, war prak-
tisch so gut wie sicher. Denn wenn der einzige noch lebende männliche Nach-
komme Sauls, ein Sohn Jonathans mit Namen Meribaal 2, der zudem noch an den
Füßen gelähmt war, selbst daran glaubte, daß für ihn noch einmal die große
Stunde kommen könne, da ihm das Königtum angetragen würde (2. Sam. 16,3),
so war das nur ein Zeichen seiner Naivität. Nachdem schrecklichen Scheiterndes
Königtums Sauls konnte es in den Kreisen der israelitischen Stämme schwerlich
noch viele Stimmen geben, die irgendeine Fortsetzung dieses Königtums befür-
worteten, selbst kaum in Sauls eigenem Stamme Benjamin, trotzdem hier das
Königtum des Judäers David, der an die Stelle des Benjaminiten Saul getreten
war, noch erbitterte Feinde hatte (vgI. 2. Sam. 16,8). Der neue Staat hatte so
wenig mit dem Königtum Sauls noch gemein und war so sehr das persönliche
Werk Davids, daß nur die Familie Davids für die Nachfolge ernstlich in Betracht
kam. Zudem hatte der "Prophet" Nathan, der am Hofe Davids in Jerusalem eine
offenbar nicht urtbedeutende Rolle spielte, einmal ausdrücklich im Namen seines
Gottes mit einem Hinweis darauf, daß der erfolgreiche Aufstieg Davids diesen als
den von Jahwe bestimmten künftigen König ausgewiesen hatte S, die Dauer der
Dynastie Davids über den Tod Davids hinaus feierlich angekündigt (2. Sam.7 ,8 ff. ).
Die praktische Frage war also die, welcher der Davidsöhne einst die Nachfolge
antreten würde. Sollte beim Tode Davids kein gefährliches Chaos entstehen, so
mußte diese Frage noch bei Lebzeiten Davids klar entschieden werden. Als David
einst die Saultochter Michal für sich verlangt (vgl. oben S.r70f.) und dann zur
Frau genommen hatte, war sein Gedanke wohl auch der gewesen, daß ein Sohn,
etwa der älteste Sohn aus dieser Ehe, der zugleich ein Enkel Sauls gewesen wäre,
1 Dieses Geschichtswerk haben wir in 2. Sam. 7; 9.1-20.22; I. Kön. I; 2; vgl. dazu
L. Rost. Die Überlieferung von der Thronnachfolge Davids (BWANT UI 6) 1926.
2 Die ursprüngliche Form dieses Namens nur noch I. ehr. 8.34; 9.40. In 2.Sam.4.4; 9,6ff.
u. ö. erscheint der Name in der entstellten Form Mephiboseth.
8 So wird man doch wohl die Bemerkung in2.Sam. 7.8 verstehen müssen. daß Jahwe
David zum niig'id über Israel beruf~n hatte. Wir hören von einer solchen Berufung nichts. die
beim Aufstieg Davids irgendeine Rolle gespielt hätte (vgl. auch oben S. 172). So hat viel-
leicht erst die rückschauende Betrachtung festgestellt. daß David ein von Jahwe zum niigid
Berufener gewesen sein müsse. Ebenso wird dann auch 2. Sam. 6,21 zu beurteilen sein.
2./11. Der Übergang zu politischer Machtentfaltung

der Bevorzugte unter den Davidsöhnen werden würde, dem zugleich die Sym-
pathien der noch vorhandenen Anhänger des Hauses Sauls gehören konnten. Die
Ehe David-Michal aber blieb, wie in 2. Sam. 6,23 ausdrücklich bemerkt wird,
kinderlos. Die naheliegende Möglichkeit, einen Sohn aus dieser Ehe zum Thron-
folger zu erwählen, schied mithin aus. Im übrigen war nach altisraelitischem
Erbrecht, das dem erstgeborenen Sohne des Vaters ohne Rücksicht auf die
Stellung der Mutter im Kreise der Frauen des Vaters den Hauptanteil am Erbe
zuwies (vgl. Dtn. 21,17), der Gedanke an den ältesten Davidsohn als den künfti-
gen Nachfolger der gegebene; und soweit wir sehen, ist weiterhin dann in
der Tat im Davidshause das Königtum im allgemeinen auf den jeweils ältesten
Königssohn übergegangen. Bei David selbst als dem Begründer des König-
tums und der Dynastie hätte etwa noch der älteste "im Purpur geborene" Sohn,
d. h. der zuerst nach dem Antritt der Königsherrschaft dem David geborene
Sohn, einen besonderen Vorzug haben können. Die Davidsöhne selbst haben
anscheinend dem letzteren Gesichtspunkt keine besondere Beachtung geschenkt,
sondern sich in der Reihenfolge ihres Lebensalters als die präsumtiven Thron-
folger betrachtet. In 2. Sam. 3,2-5 haben wir eine Liste der fünfältesten David-
söhne, die nach den Rahmennotizen dieser Liste in Hebron, also in der Zeit von
Davids judäischem Königtum, geboren worden wären, aber, da David schon
wesentlich früher wenigftens zwei Frauen hatte (vgl. I. Sam. 25,42-43), z.T.
wohl noch etwas älter waren. Die Liste 2. Sam. 3,2-5 wird ergänzt durch die
Aufzählung der in Jerusalem geborenen Söhne Davids in 2. Sam. 5,13-16.
Als erstgeborenerDavidsohn wird in 2. Sam. 3,2 ausdrücklichAmnon be-
zeichnet, dessen Mutter jene Ahinoam aus dem südjudäischen Jesreel war, durch
deren Heirat David einst seine Verbindung mit den südjudäischen Stämmen
befestigt hatte. Dieser Amnon galt danach offenbar bei sich und anderen als der
künftig~ König. Das läßt auch der Verfasser der Thronfolgegeschichte durch-
blicken; denn offenbar nur deshalb erzählt er so ausführlich in 2.Sam. 13. 14
die Geschichte von der Ermordung Amnons durch Absalom im Rahmen des
Thronfolgethemas. Amnon war so unklug, durch Vergewaltigung seiner Halb-
schwester Thamar dem Absalom einen Vorwand für die Ermordung zu liefern.
In Wirklichkeit beseitigte Absalom dabei seinen Vordermann im Anspruch auf
die Thronnachfolge. Denn nach 2. Sam. 3,3 war, da der hier noch genannte
zweitälteste Davidsohn aus einem uns unbekannten Grund ausfiel, nach dem
Tode Amnons nunmehr Absalom als der drittälteste Sohn der nächste Anwärter.
Die Ermordung AmnOns kostete ihn zwar zunächst das Wohlwollen seines
Vaters. Aber mit Hilfe des Feldhauptmanns Joab erlangte er doch schließlich die
volle Verzeihung Davids, dervieIIeicht überhaupt seinen Söhnen, jedenfalls aber
dem Absalom, mit väterlicher Schwäche begegnete (2. Sam. 13,39; 14,1).
Absalom hat nun noch zu Lebzeiten Davids die Thronnachfolge gewaltsam
zu usurpieren unternommen. Das führte zu dem sogenannten "Aufstand Ab-
saloms", dessen Verlauf in 2. Sam. 15-19 sehr ausfuhrlich erzählt wird. Es
gelang Absalom, die Zuneigung und Unterstützung der israelitischen Stämme
besonders im Staate Juda, aber anscheinend auch im Staate Israel zu gewinnen,
§ 15. Der Großstaat Davids 185

so daß er es schließlich wagen konnte, sich in der alten judäischen Königsstadt


Hebron feierlich zum König ausrufen zu lassen (z.Sam. IS,IO). Das bedeutete
die Absetzung Davids. Wir erfahren nicht genau, was David inzwischen in
Israel so unbeliebt gemacht hatte, daß Absalom anscheinend leichtes Spiel hatte.
Jedes Regime verliert mit der Zeit Sympathien und gewinnt Gegner; und man
kann sich schon denken, daß die israelitischen Stämme mehr und mehr unzu-
frieden waren mit dem Anwachsen der Herrschaft Davids zu einem Großstaat
weit über den Bereich der israelitischen Stämme hinaus. Jedenfalls zog der Ab-
fall der Stämme von David so weite Kreise, daß dem alternden König im we-
sentlichen nur die persönliche Gefolgschaft seiner Söldner blieb und er es vorzog,
mit diesen Söldnern nach Mahanaim im Ostjordanlande auszuweichen, um nicht
etwa in Jerusalem von Absalom und seinen Anhängern überrascht zu werden.
So konnte Absalom in die Königsstadt Davids einziehen und in aller Form von
der Herrschaft Besitz ergreifen. Bei der dann folgenden bewaffneten Aus-
einandersetzung aber erwies sich die Überlegenheit der Berufskrieger Davids
über den von Absalom aufgebotenen, zahlenmäßig gewiß weit stärkeren Heer-
bann der israelitischen Stämme. Irgendwo in dem bewaldeten Bergland des mitt-
leren Ostjordanlandes südlich des Jabbok, im "Walde von Ephraim" (z. Sam.
18,6), fand die Entscheidungsschlacht statt. Absalom hatte den Heerbann dort-
hin zum Angriff auf Davids ostjordanische Position geführt. Er verlor die
Schlacht und wurde auf der Flucht getötet trotz des ausdrücklichen Befehls
Davids an seine Krieger, das Leben Absaloms zu schonen. Nunmehr blieb den
israelitischen Stämmen in den Staaten Juda und Israel nichts anderes übrig, als
David als König zurückzurufen (z.Sam. 19,10.11). Dabei kam es zu einem sehr
bemerkenswerten Nachspiel, das den latenten Gegensatz zwischen den Staaten
Juda und Israel innerhalb der Machtbildung Davids offen enthüllte und das nun
zugleich zum ersten Male David einen ausgesprochen unklugen Schritt tun zeigt.
David - offenbar noch in Mahanaim - ließ die judäischen Stämme auffordern,
ihn als einen der Ihren auf den judäischen Thron zurückzuholen (z. Sam.
19,12ff.). War er so ungeduldig geworden, daß er nicht warten konnte auf das,
was ohnehin kommen mußte~ Als die Vertreter der Judäer, dieser Aufforderung
folgend, den König am Jordan einholten und nach dem Heiligtum von Gilgal bei
Jericho geleiteten, erschienen die Vertreter der Stämme des Staates Israel und
machten David Vorwürfe, daß er sich nicht von ihnen als den Repräsentanten
der größeren Zahl der Stämme hatte einholen lassen. Die Folge war, daß unter
der Führung eines Benjaminiten mit Namen Seba unter den empörten Stämmen
des Staates Israel das Losungswort ausgegeben wurde: "Wir haben keinen Teil
an David und keinen Erbanteil am Sohne Isais! Jeder (kehre heim) zu seinen
Zelten, Israel!" (z.Sam. ZO,I). Und das erste, was David nach seiner Rückkehr
nach Jerusalem tun mußte, war es, seine Söldner und den judäischen Heerbann
aufzubieten, um den Aufstand im Staate Israel mit Gewalt niederzuwerfen. Das
gelang denn auch bald (z. Sam. zo); aber dieser schon unter David einmal aus-
gebrochene i wist zwischen den Staaten Juda und Israel war ein unheildrohendes
Zeichen für die Zukunft.
186 2./II. De~ Übergang zu politischer MachtentfaltUl1g

So war David schließlich wieder im Besitze seiner Herrschaft. Aber noch


immer war die Nachfolgefrage nicht gelöst. Nach dem Wegfall Absaloms
warnunmehrAdonia der ältesteDavidsohn (2. Sam. 3,4), undAdonia bean-
spruchte daraufhin die Nachfolge (r.Kön. 1,5). Hatte Absalom in den weiten
Kreisen der israelitischen Stämme seinen Anhang gesucht, so suchte und fand
Adonia die Unterstützung einiger einflußreicher Männer aus der unmittelbaren
Umgebung Davids. Er gewann für sich den Feldhauptmann Joab und den
Priester Ebjathar vom königlichen Heiligtum in Jerusalem (I. Kön. 1,7). Das
bedeutete aber zugleich - so pflegt es in der Atmosphäre eines Königshofes zu
sein -, daß andere ebenfalls einflußreiche Männer entschieden gegen Adonia
waren, und zwar gewiß nicht zufällig der Söldnerführer Benaja zusammen mit
dem persönlichen kriegerischen Gefolge Davids als der Rivale Joabs und der
andere Priester des königlichen Heiligtums Zadok, wozu noch der Hofprophet
Nathan kam (r.Kön. 1,8). Und dieser Gegenpartei gelang es, entscheidenden
Einfluß auf den inzwischen sehr alt gewordenen König David zu erlangen. Man
bediente sich dabei der Vermittlung einer der Frauen des Königs, jener Bathseba,
die David einst, von ihrer Schönheit berückt, ehebrecherisch zu sich genommen
und deren Ehemann U ria er dann auf tückische Weise hatte ums Leben bringen
lassen (2. Sam. 1I,2ff.). Sie war dann seine Frau und die Mutter des David-
sohnes Salomo geworden. Damals hatte Nathan dem David wegen seines Ver-
gehen~ an Bathseba und U ria sehr ernsteVorhaltungen gemacht (2. Sam. 12, Iff.).
Jetzt bediente er sich des Einflusses, den Bathseba unter den Frauen des Königs
offenbar noch immer hatte. Es ist nicht mehr zu ermitteln, wieweit Bathseba bei
dem, was nun geschah, etwa selbst eine aktive Rolle spielte und wieweit sie nur
von Nathan vorgeschoben wurde, der offenbar das Haupt der gegen Adonia ge-
richteten Partei war; und es läßt sich auch nicht sicher feststellen, wieweit das,
was jetzt dem David gesagt wurde, volle Wahrheit war oder nur mit einem
Schein des Rechtes behauptet wurde. Jedenfalls berichtete man ihm, Adonia
habe sich nunmehr auf eigene Faust zum König gemacht, während doch David
der Bathseba einmal versprochen habe, daß ihr Sohn Salomo sein Nachfolger
werden solle (I. Kön. 1,11 ff.). Das beabsichtigte und erreichte Ergebnis war
jedenfalls dies, daß David nun endlich das entscheidende Wort über seine Nach-
folge sprach und den Salomo zum künftigen König bestimmte und unverzüglich
auch durch den Priester Zadok salben und dann öffentlich in Jerllsalem zum
König ausrufen ließ (I. Kön. 1,28-40).
Durch das autoritative Wort Davids war die Nachfolgefrage mit einem Schlage
gelöst. Adonia gab seine Sache sofort verloren, Salomo aber war nun schon
König und Mitregent Davids. Daß die Wahl auf Salomo fiel, beruhte nach allem,
was wir hören, kaum auf den persönlichen Qualitäten dieses Davidsohnes. Er
war unter den zahlreichen Davidsöhnen bei weitem nicht der älteste, und auch
unter den "im Purpur geborenen" Söhnen stand er keineswegs an erster Stelle
(vgl. 2. Sam. 5,14). Was ihn vor den anderen auszeichnete, war dies, daß seine
Mutter Bathseba im Kreise der Frauen des Königs von David bevorzugt wurde,
mag er ihr nun wirklich einmal das ausdrückliche Versprechen der Thronnach-
§ 16. Die Herrschaft Salomos

folge ihres Sohnes Salomo gegeben haben oder nicht. Und im Hinblick auf
diesen Vorzug scheinen es einige der großen königlichen Beamten mit Salomo
gehalten und schließlich durch ein geschicktes Spiel die Entscheidung Davids für
ihn erwirkt zu haben. Wenn auch trotz der ausführlichen und lebendigen Dar-
stellung, die im Rahmen der überlieferung von derThronnachfolgeDavids in .
I.Kön.1 geboten wird, die Voraussetzungen und der Ablauf der Vorgänge
nicht mehr ganz aufzuklären sind, so ist dochjedenfalls dies deutlich, daß durch
eine ausgesprochene Hofintrige Salomo im Gegensatz zu Adonia zum Nach-
folger Davids geworden ist.
Der von David schließlich erwählte Nachfolger ist seiner Aufgabe nicht ge-
wachsen gewesen; das zeigt die Geschichte seiner Regierung. Es fragt sich nur,
ob unter den übrigen noch lebenden Davidsöhnen einer war, der besser geeignet
gewesen wäre. Denn die Aufgabe, die vor dem Nachfolger Davids stand, war
außerordentlich schwer. Der von David aufgebaute überaus komplizierte Groß-
staat konnte nur zusammengehalten und gefestigt werden von einem Nach-
folger, der dem großen König an Klugheit und Kraft einigermaßen ebenbürtig
war; und ein solcher konnte sich nicht so leicht finden.

§ 16. Die Herrschaft Salomos


Es ist bemerkenswert, daß die im Rahmen des großen deuteronomistischen
Geschichtswerkes erhaltene überlieferung über Salomo sehr anderer Art ist als
die auf uns gekommene Davidüberlieferung. Zwar bietet ja auch die letztere
kein volles Bild von der Regierung Davids; denn sie besteht vor allem aus den
beiden großen Erzählungen vom Aufstieg Davids bis zu seinem Antritt der
Königtümer über Juda und Israel und Jerusalem und von den Streitigkeiten um
die Thronnachfolge Davids bis zur Thronbesteigung Salomos, und über den
Aufbau des davidischen Großstaates haben wir nur den kurzen annalenartigen
Bericht in 2. Sam. 8,1-14 und sonst verstreute Einzelangaben; aber die beiden
großen Erzählungen stehen doch sehr deutlich unter dem Eindruck des großen
Geschehens, das sich damals abspielte, und suchen es je im Rahmen ihres Themas
im Zusammenhang zu erfassen, und die Gestalt Davids tritt in ihnen plastisch und
lebendig in Erscheinung. Aus der Regierungszeit Salotnos weiß die überliefe-
rung nur zahlreiche Einzelheiten zu berichten; zu einer zusammenhängenden
geschichtlichen Darstellung hat Salomo anscheinend niemanden angeregt. Für
seinen Abschnitt über Salomo (I. Kön. 3- II) konnte der Deuteronomist ein
"Buch der Salomogeschichte" (I.Kön. II,41) benutzen, aus dem er das für ihn
Wichtige ausgezogen hat. Dieses Buch stellte anscheinend eine Zusammen-
stellung und Bearbeitung des von den amtlichen Annalen des Königs gebotenen
Materials dar und enthielt eine Fülle von teilweise sehr konkreten Einzelangaben
über die verschiedensten Regierungsrnaßnahmen Salomos1 • Außerdem enthält
1 Einiges Genauere darüber bei M. Not h, Überlieferungsgeschichtliche Studien I (1943)
S.66f.
188 2./II. Der Übergang zu politischer Machtentfaltung

die Salomoüberlieferung noch einige Anekdoten, wie sie offenbar über Salomo
noch lange im Umlauf waren. Diese Anekdoten haben Salomos Reichtum und
Weisheit zum Gegenstand. Die Hofhaltung und die Bauten des Königs gaben
Anlaß genug zu der Vorstellung von seinem immensen Reichtum; und die Tat-
sache, daß ihm - mit Recht oder Unrecht - die Formulierung von Weisheits-
sprüchen zugeschrieben wurde (vgl. I. Kön. S,12-13), trug ihm bei der Nach-
welt je länger je mehr den Ruhm des exemplarischen ,;Weisen" ein.
Salomo trat nach dem Tode Davids ohne Schwierigkeiten und ohne Zwischen-
fall die Nachfolge seines Vaters an, nachdem David einmal die Entscheidung für
ihn gefällt und ihn bereits zum König hatte salben lassen. Allerdings war er als
der Kandidat einer bestimmten Partei am Hofe an dieses Ziel gelangt, und es
hatte eine Gegenpartei gegeben, die für den damals ältesten Davidsohn Adonia
gewesen war. Salomo hat nun sogleich zu Beginn seiner Regierung die Führer
dieser Gegenpartei einschließlich Adonias selbst aufs brutalste beseitigt, wie noch
die Erzählung von der Thronnachfolge Davids in I.Kön. 2,13-44.46a aus-
führlich berichtet, umerst daraufhin zu bemerken, daß nunmehr "das Königtum
fest in der Hand Salomos" war (I. Kön. 2,46b). Davids Söldnerführer Benaja
leistete Salomo sehr handgreifliche Dienste bei der Beseitigung seiner Gegner
(I.Kön.2,2S.34.46a) und wurde dafür mit dem Oberbefehl über den Heer-
bann belohnt (I. Kön. 2,3Sa). Es mag sein, daß SalomoAnlaß hatte, auf diese
Weise seine Herrschaft gegen starke und einflußreiche Gegner zu sichern, und
daß er .dabei sogar teilweise dem Rate seines Vaters folgte (vgl.I. Kön.2,S [8().
Aber es scheint doch kaum ein Zufall zu sein, daß wir bei David nichts davon
hören, daß er sich den Weg zu seiner großen Herrschaftdurch eine solche grau-
same Erledigung persönlicher Gegner gebahnt hätte. Davids Überlegenheit hatte
ihn einer solchen Notwendigkeit überhoben. Salomo aber war gegenüber dem
Spiel der Gegensätze an dem inzwischen groß und einflußreich gewordenen
J erusalemer Königshof offenbar nicht eine so überlegene Gestalt, als daß er nicht
wenigstens zu Anfang eifersüchtig über der Sicherheit seines Königtums hätte
wachen müssen.
Salomo hatte ein großes Erbe angetreten. Das Ansehen, das der machtvolle
Großstaat Davids in der palästinisch-syrischen Welt und darüber hinaus im Be-
reich des alten Orients genossen hatte, blieb auch unter Salomo im wesentlichen
noch erhalten. Vermehrt hat Salomo das Erbe seines Vaters nicht mehr. Von
irgendeiner kriegerischen Unternehmung Salomos weiß die Überlieferung nichts;
und er hat in der Tat auch wohl keinen Krieg geführt. Zunächst schien ja auch
die StaatsbildungDavids abgerundet und gefestigt genug zu sein, um eine weitere
kriegerische Machtentfaltung entbehrlich zu machen. Aber Stillstand bedeutet
in einem solchen Falle in der Regel bereits den Anfang des Rückgangs. Und so
hat denn auch schon unter Salomo der Verfall des davidischen Großstaates be-
gonnen. Nach I. Kön. 1I,14-22 + II,2saßb hätte schon die Nachricht vom
Tode Davids und vom Tode seines gewalttätigen und gefürchteten Heerbann-
befehlshabers Joab, den Salomo zu Beginn seiner Regierung als einen seiner
Gegner hatte umbringen lassen, jenen edomitischen Prinzen mit Namen Hadad,
§ 16. Die Herrschaft Salomos

der einst nach Ägypten entronnen war (vgl. oben S.180), zur Rückkehr nach
seiner edomitischen Heimat veranlaßt ; und er hat sich dann dort zum König
über Edom gemacht. Das scheint also schon ziemlich früh in der Regierungszeit
Salomos geschehen zu sein. Es kann freilich keine Rede davon sein, daß dieser
Hadad das ganze Edom im alten Umfang beherrscht hat. Denn Salomo hatte
anscheinend stets ungehinderten Zugang zum Golf von el- <a~aba und zu dem
dort von ihm ausgebauten und benutzten Hafen von Ezeon-Geber (I. Kön.
9,26) durch das wädi el-caraba, also durch einen wesentlichen Teil der Provinz
Edom, hindurch. Der Herrschaftsbereich Hadads kann sich also nur aufTeile des
schwerer zugänglichen edomitischen Gebirgslandes östlich des wädi el-<araba er-
streckt haben. Aber das Auftreten Hadads zeigt doch, daß Salomo schon bald
nicht mehr völlig Herr der Lage in der Provinz Edom war; und Salomo hat an-
scheinend nichts unternommen, um den vollen Besitz der Provinz Edom zurück-
zugewinnen. Schlimmer noch war es, daß nach I. Kön. II,23-25aOt ein ara-
mäischer Abenteurer namens Reson mit einer um ihn gesammelten kriegerischen
Schar sich in den Besitz der Stadt Damaskus zu setzen vermochte und sich dort
zum König machte. Auch das bedeutete unter Salomo vielleicht noch nicht den
Verlust der ganzen aramäischen Provinz. Aber die bedeutendste Stadt dieser
Provinz, der Sitz der davidischen Statthalter, war damit schon unter fremde
Herrschaft geraten; und auch hier scheint Salomo nichts getan zu haben, um die
bedrohte Herrschaft in der ProvinzAram wiederherzustellen. Wir erfahren nicht
genau, wann das geschah; aber nach der Formulierung von I. Kön. II,25aOt
müssen wir schon an die Frühzeit der Regierung Salomos denken. Damit war
der Grund gelegt zu dem aramäischen Königtum von Damaskus, das sich bald
kräftig entfalten und zu der zeitweise stärksten Macht in Syrien-Palästina ent-
wickeln sollte. Für Salomo mußte der Verlust von Damaskus zugleich die Folge
haben, daß der Einfluß auf die weiter entfernt im inneren Syrien sitzenden
Aramäer, den David gehabt hatte, ein Ende fand. Im übrigen vermochte Salomo
die komplizierte Staatsbildung noch zusammenzuhalten. Eines bedenklichenAuf-
standes im Staate Israel wurde er Herr. Nach den kurzen Angaben in I. Kön.
11,26-28.40, die kein recht deutliches Bild ergeben, erhob sich aus unbekannten
Gründen der Ephraimit Jerobeam, der von Salomo bei den Bauarbeiten in
Jerusalem entdeckt und mit einem Amte1 im Bereich des "Hauses Joseph" be-
traut worden war, gegen den König. Wir wissen nicht, wen Jerobeam dabei hinter
sich hatte und wie weite Kreise die Empörung zog. Jedenfalls mißIangdas U nter-
nehmen; auf der anderen Seite freilich gelang es auch Salomo nicht, der Person

1 Das Wort ;:10, mit dem in 1. Kön. II ,28 der Ge genstand dieses Amtes bezeichnet
wird, übersetzt ~;n meist mit "Fronarbeit" und läßt danach Jerobeam innerhalb der salo-
monischen Organisation der Fronarbeit beamtet gewesen sein. Es ist aber zu beachten, daß
das Wort zwar etwas wie "Lasttragen" bedeutet, aber doch nicht das übliche Wort für
"Fronarbeit" (O~; vgl. bei Salomo 1. Kön. 4,6; 5,27-28; 9,15.21) ist. Zudem ist es min-
destens zweifelhaft, ob das "Haus Joseph" zur Fronarbeit herangezogen wurde (vgl. unten
S.193 f.). Es bleibt also unsicher, mit welcher besonderen AufgabeJerobeam von Salomo be-
traut gewesen war.
190 2.JII. Der Übergang zu politischer Machtentfaltung
Jerobeams habhaft zu werden, der vielmehr nach Ägypten fliehen konnte und dort
ve.rblieb, um nach dem Tode Salomos noch eine entscheidende Rolle zu spieleni.
Während in einigenAußenprovinzen des Staates bedrohliche Dinge geschahen,
denen mit kriegerischer Macht zu begegnen Salomo offenbar nicht für nötig
hielt, hat er sich dem inneren Ausbau des Königtums und vor allem einer um-
fassenden königlichen Bautätigkeit hingegeben, die in erster Linie der Entfaltung
königlichen Glanzes dienen sollte. Die umfangreichsten konkreten Angaben der
Salomoüberlieferung, die aus dem "Buch der Salomogeschichte" stammen, han-
deln von den Bauten des Königs. Vor allem hat Salomo die Königsstadt Jeru-
.salem ausgebaut. David hatte sich noch im wesentlichen mit dem alten engen
jebusitischen Jerusalem auf dem sogenannten Südosthügel über der Gihon-
Quelle begnügt 2 und hatte sich dort nur einen neuen Königspalast an Stelle des
jebusitischen bauen oder auch nur jenen für sich ausbauen lassen (2.Sam.5,II).
Auch Salomo arbeitete noch an der Ausbesserung der "Stadt seines Vaters David"
(1. Kön. 11 ,27). Aber für seine Bedürfnisse genügte die alte "Davidsstadt"
nicht mehr. Und so hat er alsbald nach seinem Regierungsantritt 3 damit be-
gonnen, Jerusalem um einen ganzen neuen Stadtteil für seine umfänglichen
Palastbauten zu erweitern. Das alte Jerusalem, das auf der Ostseite von dem tief
eingeschnittenen Kidrontal und auf der Westseite von dem flacheren von uns
sogenannten "Stadttal" begrenzt wurde, hatte, da das "Stadttal" sich am Süd-
ende der Stadt mit dem Kidrontal vereinigte, seine gegebene Ausdehnungsmög-
lichkeit auf der Nordseite, wo der Hügel, auf dem die alte Stadt lag, weiter
anstieg. So errichtete denn Salomo seine Bauten nördlich der Davidsstadt und
gab damit Jerusalem eine außerordentlich lange Erstreckung in der Nordsüd-
richtung bei einer durch die beiden genannten Täler veranlaßten sehr geringen
ostwestlichen Breite". Die Palastbauten Salomos, die durch eine eigene Mauer
eingefaßt wurden, überragten die alte J ebusiterstadt und nahmen eine wenigstens
so große Fläche ein wie diese. Salomo hat an diesem großen Werk lange ge-
arbeitet 5• Innerhalb dieses Palastkomplexes wurde auch das königliche Heilig-
tum erbaut, das von den Bauten Salomos am berühmtesten geworden ist, der
1 Wann die EmpörungJerobeams erfolgte, wissen wir nicht genau. Vielleicht schon ziem-
lich früh in der Regierungszeit Salomos. Denn die Bauarbeiten in der Davidsstadt, bei denen
Jerobeam zuerst hervortrat, gehören wahrscheinlich in die Anfänge Salomos; und es fragt sich
nur, wie lange Jerobeamein Beamter Salomos war, ehe er "die Hand gegenden Königerhob".
B Zum Gelände und zur Baugeschichte von Jerusalem vgl. H. Guthe, Bibelatlas 2 (1926)
Nr.2aI und Nr.3I1 sowie K. Galling, ZDPV 54 (1931) S.85ff. Taf.6 und J. Simons,
Jerusalem in the Old Testament (1952), besonders S.60ff.
11 Nach 1. Kön. 6,1.37 wurde "der Tempel Jahwes", der in den Gesamtkomplex der
Jerusalemer Neubauten hineingehörte, im 4. Regierungsjahr Salomos begonnen.
'Die Besiedlung des sogenannten Westhügelsjenseits des "Stadttales" ist entgegen früheren
Annahmen erst sehr viel später und keinesfalls schon zur Zeit Davids und Salomos erfolgt
(vgl. Gallin g a. a. 0.). Archäologisch hat sich auf diesem Westhügel bisher keine Spur aus
vorhellenistischer Zeit gefunden (so auch - trotz gegensätzlicher Gesamtauffassung -
Simons a.a.O. S.251f.).
6 Über die Palast bauten im ganzen wird kurz in 1. Kön. 7,1-12 berichtet. Nach Vers I bean-
spruchtensie insgesamt eineZeitvon I 3 Jahren.Das dazu gehörige Heiligtum desTempels wurde
nach I. Kön. 6,37-38 im 4. Regierungsjahr begonnen und im IJ. Regierungsjahr vollendet.
§ 16. Die Herrschaft Salomos

salomonische Tempel. Schon der Deuteronomist hat sich speziell für dieses Bau-
werk interessiert und darum aus dem "Buch der Salomogeschichte" besonders
ausführlich die Angaben über den Bau des Tempelhauses und über die Erstellung
des für ihn erforderlichen Inventars ausgezogen (I. Kön. 6, I -38; 7, I 3-5 I). Der
Tempel wurde an der Stelle errichtet, die heute das islamische Heiligtum des
"Felsendoms" (~ubbet e~-~achra) einnimmt; und zwar erhob sich das "Aller-
heiligste", das Adyton, dieses Tempels über der höchsten Erhebung des ganzen
Palastgeländes, die als "heiliger Fels" heute noch in der Mitte des Felsendomes
sichtbar zutage liegtl. Dieser Fels war vermutlich eine seit uralter Zeit heilige
Stätte, das alte "Höhen"-Heiligtum schon des vorisraelitischen Jerusalem. Da-
nach war die gesamte Palastanlage von Salomo so geplant worden, daß das
königliche Heiligtum des Tempels eben an diese altheilige Stätte zu stehen kam.
Einen traditionellen Kultort konnte er ohnehin nicht durch Palastbauten pro-
fanieren, sondern nur wieder als Heiligtum im Rahmen des Ganzen ausbauen.
Der Bau selbst folgte den landesüblichen und d.h. kanaanäischen Tempelbau-
traditionen ; denn ein Tempelhaus ist ein städtisches Heiligtum, und die städtische
Kultur übernahmen die israelitischen Stämme von den kanaanäischen Vorbe-
wohnern des Landes. Zudem waren es phönikische Handwerker, die Salomo für
seine Bauten heranzog (I.Kön. 5,32; 7,I3ff.). In derTat entsprach denn auch
die Anlage des Tempels als eines Langhauses mit einem wahrscheinlich erhöhten
Adyton am hinteren Ende des langräumigen eigentlichen Tempelhauses und
einer vorgelegten Vorhalle der syrisch-palästinischen Tempelbauweise, die ihrer-
seits vor allem vonMesopotamien her im 2.Jahrtausend beeinflußt war, aber-ent-
sprechend dem allgemeinen Charakter der syrisch-palästinischen Mischkultur-
vielleicht auch ägyptische Elemente in sich aufgenommen hatte2• Der Tempel
war als Wohnung der Gottheit gedacht, wie der alte, dem Salomo zugeschrie-
bene Tempelweihspruch in I.Kön.8,I2.13 ausdrücklich sagt; und zwar galt
speziell das lichtlose Adyton als Stätte der Anwesenheit Gottes, der "im Dunkel
wohnen wollte" (so I.Kön. 8,12). In dieses Adyton hat Salomo das vonDavid
nach Jerusalem verbrachte alte Stämmeheiligtum der Lade als Thron für die un-
sichtbare göttliche Gegenwart überführt und es hier aufgestellt an Stelle eines
Gottesbildes oder Gottessymbols, wie es sonst wohl im Adyton der landes-
üblichen Tempel zu stehen pflegte. Damit wurde das königliche Heiligtum inner-
halb des königlichen Palastkomplexes, bedient von Priestern, die königliche Be-
amte waren, zugleich zum zentralen Heiligtum der israelitischen Stämme.
Daneben hat Salomo auch in anderen Städten gebaut, und zwar vor allem in
ehemaligen Kanaanäerstädten, die durch David zu den Staaten Juda und Israel
gekommen waren und in denen der König als Rechtsnachfolger der ehemaligen
1 Vgl. H. Schmidt, Der heilige Fels in Jerusalem (1933).
3 Vgl. dazu K. Möhlenbrink, Der Tempel Salomos (BWANT IV 7 [1932]), der die
Beziehungen zum assyrischen Tempelbau in den Vordergrund stellt, und C. Watzinger,
Denkmäler Palästinas I (1933) S.88ff., der mit Recht die Zusammenhänge mit dem vor-
israelitischen Syrien-Palästina betont, sowie vor allem A. Alt, Verbreitung und Herkunft
des syrischen Tempeltypus (PJB 35 [1939] S.83-99, bes. S. 96f.) = Kleine Schriften zur
Geschichte des Volkes Israel II (1953) S. IOD-nS.
192 2.fII. Der Übergang zu politischer Machtentfaltung

Stadtherren der Besitzer von Grund und Boden war. Nach I. Kön. 9,19 hat
Salomo Städte für Streitwagen und Pferdegespanne (für die Streitwagen) ge-
baut, d. h. in schon bestehenden Städten Anlagen für diesen Zweck errichten
lassen. Diese Angabe hat eine eindrucksvolle Veranschaulichung gefunden durch
die amerikanischen Ausgrabungen in Megiddo (heute tell el-mutesellim), die die
Überreste eines großen Komplexes von Pferdestallungen aufgedeckt haben, die
unzweifelhaft auf Salomo zurückgehenl • Danach hat Salomo im Nordostteil der
bedeutenden alten KanaanäerstadtMegiddo am Südwestrande der Jesreel-Ebene,
die mit dem Ende der Spät bronzezeit allmählich verfiel und schließlich unter
Verlust ihrer politischen Selbständigkeit durch David dem Staate Israel einge-
gliedert wurde, eine große Anlage von Ställen, auf drei Seiten um einen Binnen-
hof herum angeordnet, geschaffen, die mehrere Hundert pferde aufnehmen
konnte 2 • Nach diesem klaren Befund, für den vor allem die zu beiden Seiten
eines mit einem harten Kalkestrich versehenen Mittelganges befindlichen Reihen
von Steinpfeilern, die die einzelnen pferdeboxen voneinander trennten, charak-
teristisch sind, können auch einige andere ähnliche, aber weniger gut erhaltene
und daher weniger klare Anlagen in verschiedenen palästinischen Städten eben-
falls als von Salomo erbaute Pferdestallungen gedeutet werden. In I. Kön. 9,19
werden die "Wagen- und Pferdestädte" Salomos nicht mit Namen aufgeführt;
aber in Vers 15 b + 17 haben wir eine Aufzählung von Städten, die Salo-
mo "gebaut" hat, ohne daß der Zweck dieses Bauens angegeben würde, und
in dieser Reihe wird auch Megiddo mitgenannt. Danach wird es sich auch bei
den anderen genannten Städten wenigstens teilweise um solche "Wagen- und
Pferdestädte" handeln 3 • Salomo hat also eine sehr ansehnliche Streitwagenmacht
unterhalten, die auf verschiedene Garnisonen im Lande verteilt war, und damit
etwas im wesentlichen Neues geschaffen nach dem Vorbild der altorientalischen
Großkönige seiner Zeit. Schon David hatte neben dem Heerbann der Stämme
in seinen Söldnerkontingenten eine stehende Truppe gehabt. Aber auch diese
kämpfte noch zu FUß4. Mit den von den Aramäern erbeuteten Pferdegespannen
(und Kriegswagen)5 hatte er noch wenig anzufangen gewußt; er hatte diese be-
l V gl. P. L. o. Gu y, New Light from Armageddon (Otiental Institute Communica-
tions 9 [1931]) und C. Watzinger a.a.O. S.87f. und bes. Abb. 80.81.
2 Dieser Fund von Megiddo stellt den bisher bedeutendsten noch erhaltenen Überrest des
reichen salomonischen Bauens im Lande dar.
9 Auch die Stadt Geser wird in diesem Zusammenhang genannt; und in der Tat ist die
berühmte "Massebenreihe von Geser" (vgl. Greßmann, AOBI Nr.4II.412) wahrscheinlich
nichts anderes als der Teil der Pfeilerreihe einer salomonischen Stallanlage. Nach I. Kön.
10,26 hatte Salomo auch in Jerusalem selbst, d.h. innerhalb seiner großen Palastanlage,
Wagen und Pferde, was ohnehin anzunehmen ist.
4 Auch der König selbst fuhr damals noch nicht auf einem Streitwagen in den Krieg (vgl.
dagegen für spätere Zeit I. Kön.22,34.35.38). sondern ritt, wenn er nicht zu Fuß ging, auf
einem Esel oder Maultier; das hören wir zwar nicht von David, wohl aber von dem zum
König erhobenen Absalom (2.Sam. 18,9).
6 Daß der Aramäerkönig Hadadeser von Zoba mit Streitwagen zu Felde zog, ist ver-
wunderlich; er muß wohl in Syrien und vielleicht auch im nördlichen Ostjordanlande alte
Stadtstaaten unter seiner Herrschaft gehabt haben, die ihm mit Streitwagenkontingenten
Heeresfolge leisten mußten.
§ 16. Die Herrschaft Salomos 193
sonders wertvolle Beute bis auf einen geringen Rest unbrauchbar gemacht
(2. Sam. 8,4). Salomo aber ging über die einfache Art noch der davidischen
Zeit hinaus. Kriege hat er ja nicht geführt und also auch seine Streitwagenmacht
niemals wirklich eingesetzt; diese diente ihm vielmehr der Entfaltung könig-
lichen Glanzes1 • Neben den "Wagen-und Pferdestädten" werden in I.Kön.
9,19 noch "Magazinstädte" erwähnt, die Salomo gebaut habe; auch hier wird
es sich darum handeln, daß er in vorhandenen Städten königliche Magazin-
anlagen errichten ließ, die etwa der Speicherung der aus dem Lande für den Hof
erhobenen Naturalabgaben gedient haben mögen.
Das königliche Bauen Salomos beanspruchte ungezählte Menschenkräfte, die
das Land aufbringen mußte, zumal in einer Zeit, in der alles Wesentliche noch
mit Menschenhänden geleistet werden mußte. Salomo hat dazu die Einrichtung
der Fronarbeit stark ausgebaut, d. h. der zwangsweisen Heranziehung von U n-
tertanen zur Arbeitsleistung für den Herrscher. Einzelheiten, wie die Art der
Auswahl der Fronarbeitergruppen und die zeitliche Dauer ihrer Dienstverpflich-
tung, sind uns unbekannt. Schon unter David hatte es eine Organisation der
Fronarbeit gegeben. In der Reihe der obersten Beamten Davids begegnet zwar
noch nicht in seiner Frühzeit (vgl. 2. Sam. 8,16-18), wohl aber in seiner spä-
teren Zeit (vgl. 2. Sam. 20,23-26) ein "Chef der Fronarbeit" (Vers 24a); und
auchDavid wird die Fronarbeit schon für das königliche Bauen gebraucht haben.
Nun meldet die überlieferung von einer Bautätigkeit Davids nur wenig (2. Sam.
S,lI), und sie wird in der Tat noch bescheiden gewesen sein und sich viel-
leicht auf Jerusalem beschränkt haben. Das wurde unter Salomo anders. Unter
ihm war noch derselbe Adoniram der "Chef der Fronarbeit" wie unter David
(1. Kön. 4,6 b), hatte nun aber zweifellos eine wesentlich umfangreichere Auf-
gabe. Die Salomoüberlieferung enthält zwei einander widersprechende Angaben
über die Heranziehung zu Fronarbeiten. Nach I. Kön. S,27 wären sie "aus
ganz Israel" ausgehoben worden, während in r.Kön. 9,lsa + 20-22 betont
wird, daß nur die nichtisraelitische Bevölkerung der alten kanaanäischen Stadt-
staaten, die nunmehr in Juda und Israel eingegliedert waren, zur Fronarbeit
aufgeboten wurde. Von diesen Stadtstaaten, die einst von den israelitischen
Stämmen in vorstaatlicher Zeit nicht hatten bezwungen werden können, wird in
der Tat in Ri. 1,27ff. ausdrücklich gesagt, daß sie später, als Israel "stark
geworden", d.h. mit dem Aufkommen des Königtums zu politischer Macht-
entfaltung übergegangen war, zur Fronarbeit (o~~) dienen mußten (Vers 28. 30.
33.3S). Wahrscheinlich ist nun die Angabe in r.Kön. 9,lsa + 20-22 sach-
lich korrekt, und in 1. Kön. S,27 haben wir es vielleicht nur mit einer allzu
summarischen und daher ungenauen Formulierung zu tun. Denn die freien
Männer der israelitischen Stämme waren von Rechts wegen zwar heerbann-
pflichtig, aber nicht frondienstpflichtig, und es wäre ein ungeheurer Eingriff des
1 Schon die älteren Söhne Davids hatten, als sie die Thronnachfolge anzutreten sich an-
schickten, sich in "moderner" Weise Streitwagen angeschafft (2. Sam. 15,1; I.Kön.l,S);
aber auch ihnen hatten die Streitwagen nur als Zeichen königlicher Würde gedient, mit
denen sie nicht zu Felde zu ziehen beabsichtigten.(vgl. die vorletzte Anm.).
194 2.tH. Der Übergang zu politischer Machtentfaltung

Königs in ihre Rechtsstellung gewesen, wenn er sie zur Fronarbeit gezwungen


hätte. In den Kanaanäerstädten hingegen stand dem König eine unfreie U nter-
tanenbevölkerung zur Verfügung, die einst ihren Stadtherren hatte fronden
müssen und die nun an ihrer Stelle dem König in Jerusalem fronden mußte!.
Salomo brauchte für seine Bauten auch eine Fülle von Baumaterial. Der not-
wendige Stein konnte in dem gebirgigen Lande gebrochen werden. Die Wald-
armut des Landes aber machte das Einführen des nötigen Holzes erforderlich.
Eine der Hauptholzquellen des alten Orients war seit alters der bewaldete Li-
banon in der nördlichen Nachbarschaft Palästinas. Salomo schloß daher einen
Vertrag mit dem König Hiram von Tyrus (I. Kön. 5,15-26), der schon die
Gunst des mächtigen David gesucht und bereits diesem Holz für seine Bauten
geliefert hatte. Hiram verpflichtete sich zur Lieferung von Holz und zur
Gestellung von sachkundigen Bauhandwerkern, an denen es für die großen und
vielfältigen Bauaufgaben in dem doch verhältnismäßig städtearmen Staate Sa-
lomos fehlte; und Salomo verpflichtete sich dafür zu einer gewiß regelmäßigen
Lieferung von Weizen und Olivenöl an den an Kulturlandboden armen Handels-
stadtstaat Tyrusll• Für diese recht ansehnlichen Lieferungen mußte Salomo im
Interesse seiner Bauten den Arbeitsertrag seiner Untertanen, und diesmal vor
allem der ackerbauenden israelitischen Stämme, in Anspruch nehmen.
Die Jerusalemer Bauten Salomos bildeten den Rahmen für eine glänzende und
kostspielige Hoßaltung; und auch für diese mußte das Land aufkommen. In
I. Kön. 5,2.3 wird genau dertägliche Bedarf des Hofes an Getreideprodukten
und Schlachtvieh mitgeteilt. Bederikt man, daß der Fleischgenuß zu allen Zeiten
bei der schlichten Landesbevölkerung auf festliche Gelegenheiten und besondere
Anlässe beschränkt gewesen ist, so sieht man, daß das Leben am Königshofe
unter Salomo mit seinem täglichen Verbrauch von zahlreichen Rindern und
Kleinviehstücken sich weit vom Alltag des gewöhnlichen Volkes entfernte. Um
den regelmäßigen Eingang der erforderlichen Naturallieferungen zu sichern, hat
Salomo eine umfassende Organisation des Abgabenwesens geschaffen. Er hat zu
diesem Zwecke das gesamte Gebiet des Staates IsraelS in zwölf "Gaue" eingeteilt,

Die Klage der israelitischen Stämme nach dem Tode Salomos über dessen Regierung
1
(1. Kön. 12,4) bezieht sich danach kaum auf FronaIbeit, sondern etwa auf Abgaben u. dgl.
2 Die kurze Erzählung 1. Kön. 9,10-13, wonach Hiram für seine Lieferungen an Salomo
schließlich zwanzig Städte im westlichen GaIiläa abgetreten erhalten hätte, ist in diesem
Zusammenhang nicht sicher anzuführen; denn ihr Ziel ist ausdrücklich eine ätiologische
Erklärung des Stadtnamens Kabul (heute kilbill), und ihre Voraussetzung ist für die Zeit
ihrer Entstehung lediglich die Zugehörigkeit des eigentlich im israelitischen GaIiläa ge-
legenen Gebietes von Kabul zur Herrschaft von Tyrus. Sie könnte diese Zugehörigkeit auch
nachträglich und sekundär mit den aus der Überlieferung bekannten Beziehungen Salomos
zu Hiram von Tyrus in Zusammenhang gebracht haben; doch vgl. auch unten S.195 Anm. 3.
3 Merkyvilidig ist, daß uns von einer entsprechenden salomonischen Gaueinteilung des
Staates Juda nichts bekannt ist. Die den Ortslisten von Josua 15. 18. 19 zugrunde liegende
Einteilung des Staates Juda in zwölf Gaue stammt nachweislich aus erheblich späterer Zeit
(vgl. A. Alt, Judas Gaue unter Josia [PJB 21 (1925) S.IOO-II7] = Kleine Schriften zur
Geschichte des Volkes Israel II [1953] S.276-288) und ist schon in ihrer Grundlage deut-
lieh erst nachsalomonisch (vgl. M. Noth, Das Buch Josua [21953] S.14). Es bleibt also die
§ 16. Die Herrschaft Salomos 195
von denen jeder für einen Monat im Jahre die Versorgung des königlichen Hofes
übernehmen mußte (I.Kön. 4,7}.An der Spitze jedes Gaues stand ein "Vogt"
(::!~~), der gewiß das Umlegen des Abgabesolls auf die einzelnen Grundbesitzer
vorzunehmen und für das rechtzeitige Eingehen der Abgaben zu sorgen hatte,
die etwa in den obengenannten Magazinstädten gesammelt und dann in dem be-
treffenden Monat nach Jerusalem abgeführt wurden. Die Spitze der ganzen
Organisation bildete ein oberster königlicher Beamter, der den Titel "Chef der
Vögte" (c':;1~~tJ-?31) führte, dessen Amt es unter David noch nicht gegeben hatte,
der vielmehr erst unter Salomo in der Reihe der obersten Beamten auftritt
(I.Kön. 4,5a). Vermutlich hat schon David den Staaten Juda und Israel ge-
wisse Naturalabgaben für seinen Hof auferlegen müssen und damit in die bis-
herige freie Verfügung der israelitischen Stämme über den Ertrag ihrer Acker-
arbeit und ihrer Viehzucht eingegriffen; unter Salomo aber nahm das Natural-
abgabewesen einen weit größeren Umfang und eine feste Organisationan. Die
in diesem Zusammenhang eingeführte Gaueinteilung, deren Einzelheiten in
I. Kön. 4,8-19 mitgeteilt werden, gibt zugleich ein deutliches Bild von dem
Gesamtumfang und der inneren Gliederung des Staates IsraelI, zumal sie das
Nebeneinander und zugleich auch die verwaltungsmäßige Sonderung von
Stämmegebieten und Stadtstaatenterritorien innerhalb des einen Staatswesens
sehr klar zeigt, indem sie sich an historisch gewordene Gruppierungen und
Grenzen anschließt. Eine Reihe von Gauen wird von israelitischen Stämme-
gebieten gebildet, so die Gaue "Benjamin" Vers 18, "Gebirge Bphraim"Vers 8
(mit den Stämmegebieten von Ephraim und Manasse), ferner die galiläischen
Gaue "Issachar" Vers 17, "Naphthali" Vers 15 und "Asser" Vers 16, wobei ver-
mutlich in "Issachar" auch das Gebiet von Sebulon einbezogen gewesen ist, wäh-
rend das Gebiet von Dan gewiß mit zu "Naphthali" gehörte, endlich im Ost-
jordanlande die Gaue "Mahanaim" Vers 14 mit dem ephraimitisch-manassi-
tischen Kolonialgebiet im Lande Gilead südlich und nördlich des Jabbok und
"Gad" Vers 192 mit dem Gebiet südlich davon; die übrigen fünf Gaue umfaßten
Stadtstaatenterritorien, so die drei Gaue von Vers 9, 10 und II die Stadtstaaten
in der Küstenebene bis nördlich zum Karmel, der Gau von Vers 12 die Stadt-
staaten in der Jesreel-Ebene und in der angrenzenden Ebene von Beth-Sean und
endlich der Gau "Ramoth-Gilead" Vers 13 die Stadtstaaten am Nordostrande
des 'adschlün (vgl. oben S.177 }3. Diese Gaueinteilung Salomos und die auf sie be-
Frage offen, ob Salomo Juda gar nicht mit zu Abgaben herangezogen hat, etwa weil
dieser Staat zu klein und arm war, oder ob doch nicht vielmehr nur zufällig in der Über-
lieferung eine Mitteilung über eine gleiche Maßnahme in Juda fehlt, an die dann später eine
neue Gaueinteilung in Juda angeknüpft hätte.
1 Vgl. dazu A. Alt, Israels Gaue unter Salomo (BWAT 13 [1913] S.Iff.) = Kleine
Schriften zur Geschichte des Volkes Israel II (1953) S. 76-89.
2 Im Text ist nachträglich der Name "Gad" zu ,.Gilead" entstellt worden.
D Bemerkenswert ist, daß die Ebene von Akko von dieser Gaueinteilung nicht mit erfaßt
wird. Unter David scheint sie noch zum Staate Israel gehört zu haben (vgl. oben S.I77).
War es auch hier unter Salomo zu einem Gebietsverlust gekommen, etwa durch Abtretung
an Hiram von Tyrus, woran die ätiologische Erzählung von LKön. 9,10-13 (vgl. oben
S.I94 Anm. 2) eine nicht mehr ganz sachgemäße Erinnerung bewahrt hätte?
2.JII. Der Übergang Zu politischer Machtentfaltung

gründete Ordnung des Abgabenwesens ist auch nach seinem Tode im Staate
Israel weiter erhalten geblieben1 •
Auch das königliche Krongut hat Salomo vermutlich ausgebaut und offenbar
seine Verwaltung geregelt. Jedenfalls finden wir unter seinen obersten Beamten
einen "Chef des Hauses" (I.Kön. 4,6a), den David noch nicht gehabt hatte
und dem gewiß der gesamte königliche Besitz unterstand, zu dem wohl nicht
nur der Palastkomplex in Jerusalem, sondern auch allerlei Grundbesitz im Lande
gehörte. Dieser Grundbesitz setzte sich zusammen aus dem ererbten Landbesitz
der königlichen Familie und allerlei Ländereien, die dem König als solchem zu-
fielen wie etwa der Grund und Boden zum Tode verurteilter Verbrecher 2• Er
war danach in Streulage über das Land verteilt und scheint vor allem in Wein-
bergen und Fruchtbaumgärten bestanden zu haben, aus denen der königliche
Hof seinen zweifellos großen Bedarf an Wein und öl bezog, der nach 1. Kön.
5,2.3 offenbar nicht durch Abgaben der Landesbevölkerung gedeckt wurde 3•
Nach alledem hat Salomo sich aufs angelegentlichste der Entfaltung könig-
lichen \Vesens und Glanzes gewidmet und damit als der Erbe des Großstaates
Davids den Großkönigen des alten Orients in Ägypten und im Zweistromlande
nachzueifern gesucht'. Das alles verursachte einen großen Aufwand, den das von
Natur nicht eben besonders reich gesegnete Gebiet seines Staates nicht leicht auf-
zubringen vermochte. Darum hat Salomo durch allerlei gewinnbringende U n-
ternehmungen viele Schä.tze zu sammeln gesucht und in der Tat in Jerusalem
große Reichtümer zusammenzutragen gewußt, so daß die Überlieferung mit
Bewunderung von dem immensen Luxus Salomos berichten konnte (1. Kön.
10,14-22) und die Nachwelt sprichwörtlich von seinem Reichtum und seiner
"Herrlichkeit" (Matth. 6,29; Luk. 12,27) redete. Die Tatsache, daß er durch
die Provinz Edom Zugang zum Golf von el-' a~aba und damit zum Roten
Meere hatte, veranlaßte ihn dazu, mit einer von ihm erbauten Flotte gewinn-
bringende Fahrten durch das Rote Meer zu unternehmen (I. Kön. 9,26-28 ;
10,11.12). Diese Fahrten waren offenbar königliches Monopol. Hiram von Tyrus
stellte ihm dazu erfahrene Schiffshandwerker und Seeleute zur Verfügung und
erhielt dafür einen Anteil an diesem königlichen Handelsunternehmen ; denn die
1 Das zeigen die samarischen Ostraka aus der Zeit wahrscheinlich Jerobeams H. im 8.Jahr-
hundert; vgl. M. Noth, PJB 28 (1932) S.58f.
a Ein Beispiel dafür aus späterer Zeit haben wir in I. Kön. 21. Der vom König begehrte
Weinberg bei der Stadt Jesreel gelangt dadurch ohne weiteres in seinen Besitz, daß sein
Eigentümer - unter falscher Anklage - zum Tode verurteilt wird.
3 Das ergibt sich wieder aus den samarischen Ostraka. Zu dem ganzen Fragenkomplex
vgI. M. Not h, Das Krongut der israelitischen Könige und seine Verwaltung (ZDPV 50
[1927] S.2II-244).
'Daß beim Aufbau des Großstaates schon unter David das Beispiel alt orientalischer Groß-
königtümer, besonders des benachbarten ägyptischen, von Einfluß gewesen ist, zeigt sich in
einigen Einzelheiten. K. Elli ger hat im PJB 31 (1935) S.29-75 schön gezeigt, daß die
"dreißig Helden Davids" als Gefolgschaft des Königs einer aus der Ramessidenzeit bekannten
ägyptischen Einrichtung entsprechen; und für die obersten Ämter des ":P1~ und des ,pio
(2. Sam. 8,16f.; 20,24 f.; I. Kön. 4,3) hat]. Be grich, ZAW N.F. 17 (1940/41) S.I-29 ägyp-
tische Vorbilder sehr wahrscheinlich gemacht.
§ 16. Die Herrschaft 5alomos 197

Israeliten waren in ihrem hafenarmen Lande keine Seefahrer. Die königlichen


Fahrten gingen nach dem Lande Ophir, von wo man Gold 1, wertvolle Hölzer
und allerlei exotische Seltenheiten und Kostbarkeiten heimbrachte (vgl. auch
1. Kön. 10,11.22). Die Lage von Ophir ist nicht mehr sicher bekannt, und es
ist nicht einmal bestimmt auszumachen, ob es auf der arabischen oder doch eher
auf der afrikanischen Seite des Roten Meeres zu suchen ist. Auch ist uns unbe-
kannt, ob Ophir die Quelle der heimgebrachten Schätze darstellte oder etwa nur
ein Zwischenhandelsplatz war. Wogegen Salomo diese Schätze eintauschte, er-
fahren wir ebenfalls nicht. Salorno hat seinerseits mit ihnen teilweise vermutlich
einen erfolgreichen Zwischenhandel getrieben. Als Heimathafen für seine Han-
delsflotte erbaute Salomo an der Nordküste des Golfes von el-'akaba die Stadt
Ezeon-Geber. Ihre überreste sind in dem heutigen tell el-chleji w~stlich von el-
'akaba wiedergefunden worden 2 ; und die an Ort und Stelle unternommenen
Ausgrabungen 3 haben gezeigt, daß es sich um eine sehr planvoll angelegte Neu-
gründung Salomos handelt, der höchstens eine ganz dürftige Fischersiedlung
voraufgegangen war, von der alle Spuren verschwunden sind. Sie haben zu-
gleich deutlich gemacht, daß die Stadt Ezeon-Geber zugleich noch einem an-
deren Zwecke diente, von dem die literarische Salomoüberlieferung nichts
meldet. Umfassende Anlagen dienten der Verhüttung von Kupfer und Eisen
unter Ausnutzung des durch das wiidi el-'araba wehenden Windes. Kupfer
und Eisen wurden in den Bergwerken an den Rändern des wiidi el-'araba ge-
wonnen und in Ezeon-Geber weiterverarbeitet zu allerlei Produkten des-
Schmiedehandwerks, wie sie in großer Zahl auf dem tell el-chlefi gefunden wor-
den sind. Da Ezeon-Geber eine königliche Gründung war, war vermutlich auch
die Metallgewinnung und -verarbeitung in der Provinz Edom königliches Mo-
nopol, das Salomo gewiß reichen Ertrag brachte. Endlich hören wir in 1. Kön.
10,28.29, daß Salomo einen lebhaften und sicher gewinnbringenden Zwi-
schenhandel mit Streitwagen und Pferdegespannen trieb, mit dem "königliche
Kaufleute" ('lJ?~tI ''Jt!O) , .d.h.Agenten Salomos, beschäftigt waren. Die Wagen
und pferde kamen aus Agypten, die Pferde auch aus Kilikien 4 ; und verkauft
wurden sie an "die Könige der Hethiter" und "die Könige von Ararn" ; damit
werden wohl die Könige der kleinen Staaten im mittleren und nördlichen Syrien
gemeint sein.
So hatte Salomo weitreichende Beziehungen in der altorientalischen Welt,
und sein Ansehen war gewiß groß. Er hatte von seinem Vater einen mächtigen
Großstaat geerbt, und der Glanz seines Königtums wird ihm weithin Bewun-
1 "Ophir-Gold" findet sich inschriftlich erwähnt in der eingeritzten Beschriftung einer
. Tonscherbe vom Ende der israelitischen Königszeit, die auf dem tell ~asile nördlich vonjäfa
gefunden worden ist (vgl. B. Maisler, IE] 1 [1951] 5.209f. Fig. 13 f. PI. 38 A). Genaueres
für den Begriff "Ophir-Gold" ergibt sich aus dieser kurzen Inschrift leider nicht.
2 Vgl. Fr. Frank, ZDPV 57 (1934) 5.244.
8 Vgl. die Berichte von N. Glueck in BA50R 71 (1938) 5.3-17; 75 (1939) 5.8-22;
79 (1940) 5.2-18.
, In I. Kön.lo,28 kommt zweimal- jetzt textlich entstellt - der Name J:Cue vor, der uns
aus assyrischen Quellen als Name eines kilikischen Landes bzw. 5taates bekannt ist.
2./II. Der Übergang zu politischer Machtentfaltung

derung und Achtung eingetragen haben. Dieser seiner Stellung entsprach es nur,
daß er auch zahlreiche ausländische Frauen in seinem Harem hatte. Der Deutero-
no mist hat in I. Kön. 1 1,1 ff. dies besonders ihm zum Vorwurf gemacht und
ihn durch diese Frauen zum Abfall von seinem Gott und zum Götzendienst ver-
führt werden lassen. Dies letztere ist ein speziell deuteronomistischer Gedanke;
die Tatsache eines großen und bunt zusammengesetzten Harems aber ist gewiß
zutreffend. Als besonders bemerkenswert galt, daß sich unter seinen Frauen sogar
eine ägyptische Prinzessin befand (I. Kön. 3,1: 9,16)1; es wird sich um eine
Tochter aus dem Harem eines der unbedeutenden Pharaonen der 21. ägyptischen
Dynastie gehandelt haben. Eine besonders enge politische Beziehung zu Ägypten
brauchte weder die Voraussetzung noch die Folge dieser Tatsache zu sein.
Es ist begreiflich, daß der Glanz des Königtums im Staate Salomos mit Be-
wunderung und vielleicht auch mit Stolz empfunden wurde, daß man doch aber
auch unter den Lasten, die dieses Königtum auferlegte, seufzte und daß vor
allem seine durchaus weltliche und zweifellos auch politische Art in den Kreisen
der israelitischen Stämme Befremden und Ablehnung hervorrief. Was sich schon
unter David angebahnt hatte, das steigerte sich unter Salomo schnell und mächtig,
und es ist kein Wunder, daß die grundsätzliche Ablehnung des Königtums fortan
besonders mit einer Vorstellung vom Königtum argumentierte, wie sie durch
die geschichtliche Erscheinung des salomonischen Königtums geprägt wars.
Tatsächlich stellte Salomo ausgesprochenermaßen den Typus des Epigonen dar,
der ein großes Erbe angetreten hat und mit äußerem Glanz dieses Erbe verwaltet,
der aber in Wirklichkeit dieses Erbe schon verfallen läßt, weil er nicht mehr mit
eigener Tüchtigkeit und Kraft das neu erwirbt, was er von seinen Vätern
ererbt hat.

§ 17. Das geistige Lehen Israels im davidisch-salomonischen Staate


Die geschichtlichen Ereignisse der davidisch-salomonischen Zeit brachten für
die Israeliten eine außerordentlich starke Veränderung ihr.er Lebensverhältnisse
mit sich. Die Sorge für ihre Selbstbehauptung in ihrer geschichtlichen Welt hatte
ein starkes Königtum ihnen abgenommen; und sie genossen den Vorzug, nun-
mehr in einem nicht nur machtvollen, sondern auch wohlgeordneten Staats-
wesen zu leben. Von Davids organisatorischen Maßnahmen erfahren wir fast gar
nichts; und auch über Salomo hören wir in dieser Hinsicht nur einige Dinge, die
mit seinen Bauten und mit seiner Hofhaltung zusammenhängen. Es kann aber
kaum zweifelhaft sein, daß schon David auf organisatorischem Gebiet Wesent-
1 Seltsam und unerklärlich ist die zwischen I. Kön. 9,15+ 17 eingeschobene Mitteilun g
in 1. Kön. 9,16, daß der Pharao die Stadt Geser als damals kanaanäische Stadt erobert und
seiner Tochter als Mitgift mitgegeben hätte. Wie sollte sich Geser (heute tell dschezer bei
abu schüsche) als selbständige kanaanäische Stadt am Rande des Großstaates Davids haben
behaupten können? Und wie wäre der Palästinafeldzug eines Pharao der 21. Dynastie zu er-
klären? Doch vgI. A. Alt, Israel und Ägypten (BWAT 6 [1909]) S.20ff.
2 VgI. vor allem die Formulierung des "Königsrechtes" in I.Sam.8,1I-18 seitens des
Deuteronomisten.
§ 17. Das geistige Leben Israels im davidisch-salomonischen Staate 199

liches geleistet hat. Ein Zeugnis dafür sind die Listen seiner obersten Beamten
(2.Sam.8,16-18;20,23-26), von denen jeder ein bestimmtes Ressort zu verwal-
ten hatte und denen gewiß ein Stab von Unter beamten beigegeben war. Wir be-
obachten einen allmählichen Ausbau dieser Organisation; denn von der Liste
2. Sam. 8,16-18, die zeitlich nicht bestimmt festzulegen ist, über die Liste
2. Sam. 20,23-26, die jedenfalls in Davids spätere Zeit gehört, bis zu der salo-
monischen Liste 1. Kön. 4,2-6 haben wir ein ständiges Anwachsen der Zahl
dieser obersten Beamten. Anscheinend waren diese obersten Ämter für den
ganzen Bereich der davidisch-salomonischen Herrschaft, also jedenfalls für die
Staaten Juda und Israel, zuständig, die dann also doch nicht nur durch die Person
des Königs, sondern zugleich durch die obersten königlichen Beamten mit-
einander verbunden waren1 • Auch der Heerbann Israels wurde wohl noch im
ganzen aufgeboten ohne Rücksicht auf die Verteilung der Stämme auf die beiden
Staaten Juda und Israel.
In diesen beiden Staaten waren die Stämme nunmehr vereint mit zahlreichen
kanaanäischen Stadtstaaten; und auch diese Tatsache bedeutete für sie eine Ver-
änderung der Situation. Zwar wurden, wie die Gaueinteilung des Staates Israel
unter Salomo zeigt, die historisch gewordenen Grenzen zwischen StämIlle-
gebieten und Stadtstaatenterritorien in derverwaltungsmäßigen Untergliederung
der Staaten berücksichtigt; aber durch das Vereintsein in den geschlossenen
Staaten Juda und Israel rückten Stämme und Städte doch notwendig näher zu-
sammen, und dieses Zusammenleben mit den Kanaanäern konnte für die Israeliten
nicht ohne Folgen sein. Mochte in ihren Kreisen das Gefühl des Fremdseins den
Kanaanäern gegenüber (vgl. oben S.132f.) noch weithin lebendig bleiben, so
fand doch vermutlich nun städtisches Wesen in stärkerem Maße Eingang bei den
Israeliten. Eine größere und dauernde Staatsbildung bedarf einer städtischen
Grundlage, und zwar nicht nur eines städtischen Mittelpunktes - den hatte
David in der Königsstadt Jerusalem geschaffen -, söndern auch städtischer
Zentren im Lande, die für eine durchgebildete Verwaltung notwendig sind und
in denen allein jene Differenzierung des Lebens in Gewerbe und Handel statt-
finden kann, wie sie das Beieinanderwohnen in einem Staate nun einmal mit sich
bringt. So fanden gewiß die Erscheinungen städtischer Kultur nun ihren Weg zu
den israelitischen Stämmen wie dieGeldwirtschaft 2 und damit zusammenhängend
die Herausbildung des Unterschieds zwischen Reich und Arm 3. Es fehlen uns in
der Überlieferung alle Anhaltspunkte, um diesen Prozeß im einzelnen verfolgen
zu können. Es handelte sich gewiß nicht um eine plötzliche Umstellung, son-
dern um einen Vorgang, der von der davidisch-salomonischen Zeit an allmählich
verlief. Daß gleichwohl das ausgesprochen städtische Wesen doch noch als etwas
1 Auch hier liegt der Hinweis auf Ägypten mit der Vereinigung von Oberägypten und
Unterägypten unter einer Königsherrschaft mit ihrem Beamtenapparat nahe.
I Es handelt sich zunächst noch um abgewogenes Metall, das als Geld diente; geprägte
und damit in ihrem Gewicht offiziel garantierte Münzen sind im alten Orient erst aus dem
lydischen Staat und dann aus dem persischen Reich bekannt.
8 Die Worte späterer Propheten (vor allem Amos, Jesaja, Micha) zeigen diese Erschei-
nung in voller Entfaltung.
200 2./11. Der Übergang zu politischer Machtentfaltung

nicht eigentlich genuin Israelitisches galt, zeigt die Bestimmung, daß Wohnhäuser
in ummauerten Städten - es wird also vorausgesetzt, daß Israeliten auch in
solchen Häusern wohnten - nicht den für den Landbesitz geltenden Jobeljahrs-
ordnungen unterliegen sollten (Lev. 25,29.30).
Das Zusammenrücken von Israeliten und Kanaanäern konnte leicht auch auf
kultischem Gebiete ernste Folgen haben. Lebte schon seit dem Seßhaftwerden
der Stämme im Kulturlande das israelitische Kultwesen sehr stark von den
bodenständigen Traditionen, so mag jetzt der kanaanäische Kult erst recht aufdie
israelitischen Stämme seinen Einfluß ausgeübt haben. Und wenn wir später bei
den Propheten davon hören, daß ausgesprochen kanaanäische Fruchtbarkeits-
riten wie die sogenannte kultische Prostitution oder das Kinderopfer auch in den
Jahwekult hier und da Eingang gefunden hatten, ja daß nach dem Urteil der
Propheten der Jahwekult überhaupt zu einem kanaanäischen Baalkult geworden
warl , so wird das Einbeziehen der Kanaanäerstädte in die Staaten Juda und
Israel und damit die Verwischung des Unterschiedes zwischen israelitischem und
kanaanäischem Wesen mit dazu beigetragen haben.
Auf der anderen Seite aber haben die Vorgänge der Staatenbildung und die
mit ihr zusammenhängende festere Einwurzelung in der alten Kulturtradition
des Landes und dazu die sich anbahnenden Beziehungen zu dem großen Ganzen
der altorientalischen Welt in Israel neue geistige Kräfte geweckt. Es kam zu den
Anfängen einer "allgemeinen Bildung". In diesen Sachzusammenhang gehört
wahrscheinlich die überlieferung von der "Weisheit Salomos" (1. Kön.
5,9-14)2. Die "Weisheits"-Literatur diente seit alters im alten Orient zur Weiter-
gabe von Wissens- und Erfahrungsgut innerhalb einer "gebildeten" Schicht, die
im Rahmen der großen altorientalischen Kulturen vor allem durch die "ge-
lehrten" Schreiber repräsentiert wurde. Salomos· "Weisheit" wird nun aus-
drücklich in Beziehung zur großen altorientalischen "Weisheits"-Tradition ge-
setzt (1. Kön. 5,10.II). Wenn weiter von ihr gesagt wird, daß sie über Bäume
und Haustiere, über Vögel, Gewürm und Fische zu reden wußte, so stand sie
offenbar im Zusammenhang mit jener aus dem Zweistromland wie aus Ägypten
bekannten listenmäßigen Erfassung der Erscheinungen der natürlichen Welt,
in der ein nach Vollständigkeit strebendes Wissen niedergelegt wurde, nur daß
von Salomo speziell gesagrwird, daß er dieses Bildungsgut in "Sprüchen" und
"Liedern" zu formulieren wußte. Was in I.Kön. 5 von Salomö persönlich
überliefert wird, darf gewiß allgemeiner zur Charakterisierung seiner Zeit
herangezogen werden; und man kann sogar fragen, ob nicht die spätere über-
lieferung überhaupt in der Person des Königs etwas zusammengefaßt hat, was
allgemeiner von dem Israel der Salomozeit gilt, in der am königlichen Hofe
und unter den königlichen Beamten eine "gebildete" Schicht heranwuchs, die
für die internen Verwaltungsaufgaben, aber auch für die Aufgaben, die sich aus
der weltgeschichtlichen Stellung des davidisch-salomonischen Großstaates er-
gaben, einer "Bildung" bedurften, die dann auch in weitere Kreise Israels hinaus
1 Vgl. dazu vor allem Hosea und den jungen Jeremia.
2 Vgl. A. Alt, Die Weisheit Salomos (ThLZ 76 [1951] Sp. 139-144).
§ 17. Das geistige Leben Israels im davidisch-salomonischen Staate 201

ausstrahlen konnte. Jedenfalls sind in der davidischen und vor allem in der salo-
monischen Zeit in Israel im geistigen Bereich neue Kräfte erwacht. Wir be-
obachten das vor allem auf dem Gebiete der Literatur. Sowenig es möglich ist,
eine wirkliche Geschichte der israelitischen Literatur darzustellen, weil die
meisten in das A.T. eingegangenen Schriftwerke anonym überliefert sind und
zeitlich nicht ganz sicher eingeordnet werden können, auch fast durchweg nicht
mehr in ihrer ursprünglichen Selbständigkeit und Gestalt vorliegen, so lassen
sich doch im hiesigen Zusammenhang einige ziemlich sichere Feststellungen
machen. Erst aus der davidisch-salomonischen Zeit sind uns Schriftwerke be-
kannt, die als Literatur im eigentlichen Sinne angesprochen werden können, so-
fern sie als gewollte und überlegte Kompositionen eines literarisch tätigen Autors
abgefaßt sind. Und zwar handelt es sich um Werke der Geschichtsschreibung,
um Darstellungen aus dem Zeitgeschehen. Die ältere Zeit hatte ihre geschicht-
lichen Erinnerungen in der Form der volkstümlich erzählten und zunächst auch
mündlich weitergegebenen Sage- festgehalten. Das produktive Stadium der
Sagen bildung scheint mit der Zeit der Staatenbildung im wesentlichen zu Ende
gewesen zu sein. Es. gehörte in den Zusammenhang des noch freien und eigen-
ständigen Sippen- und Stämmelebens. Jedenfalls ist das imA.T. erhaltene Sagen-
gut, wie es sich vor allem in der erzählerischen Ausgestaltung der alten Penta-
teuchthemen und dann noch in der alten Landnahmeerzählung des Josuabuches
und in den "Richter"-Geschichten findet, seiner ersten Entstehung nach offen-
bar älter als die Zeit der Staatenbildung 1; und es folgte dann nur noch der lang-
wierige und verwickelte Prozeß der schriftlichen Fixierung. In der davidisch-
salomonischen Zeit trat neben und an die Stelle der volkstümlichen Sagenüber-
lieferung das literarische Geschichtswerk. Die großen geschichtlichen Ereignisse
dieser Zeit, an denen die israelitischen Stämme tätigen Anteil hatten, und so be-
deutende geschichtliche Gestalten wie vor allem die Davids selbst, die aus Israel
hervorgegangen waren, waren Anregungen genug zu Darstellungen aus dem
Zeitgeschehen. Zu diesen Anregungen kam nun aber - als etwas für unsere
Kenntnis Überraschendes und Neues - die Fähigkeit, das Wesentliche und den
Zusammenhang der Dinge wahrzunehmen und Wahrgenommenes sachgemäß
und zugleich mit literarischem Können zu formulieren. Denn es handelt sich
keineswegs nur um eine registrierende Aufreihung von Mitteilungen über ge-
schichtliche Vorgänge. Auch das gab es freilich, und zwar ebenfalls als etwas
damals Neues, in der Form offizieller Königsannalen, die gewiß von dem
"Schreiber" als oberstem königlichen Beamten geführt wurden (vgl. 2. Sam.
8,17b; 20,2sa). Die Zusammenstellung über Davids Auseinandersetzungen
mit den Nachbarvölkern in 2. Sam. 8,1-14 dürfte auf einem Auszug aus den
offiziellen Königsannalen beruhen; und unter Salomo, der bereits zwei oberste
"Schreiber" hatte (I. Kön. 4,3a), hat man wohl mit noch größerem Eifer die
offiziellen Königsannalen geführt, die dann den konkreten Stoff für das "Buch
der Salomogeschichte" (I.Kön. II,41) lieferten. Jene Geschichtswerke aber
waren mehr als nur Aufzählungen von geschichtlichen Einzelvorgängen. Sosehr
1 Vgl. M. Noth. Überlieferungsgeschichte des Pentateuch (1948) S.47f.
202 2.jII. Der Übergang zu politischer Machtentfaltung

sie auf gründlicher Sachkenntnis beruhten, so wollten sie doch einen bestimmt
und mit Bedacht gewählten Ausschnitt aus dem Geschehen in seinem wesent-
lichen Verlauf und Zusammenhang darstellen.
Die Hauptbeispiele für diese neue Erscheinung der Geschichtsschreibung sind
die Darstellung vom Aufstieg Davids in I. Sam. 16,14-2. Sam. 5,10 und die
Behandlung der Frage der Thronnachfolge Davids in *2. Sam. 7-20 und
I. Kön. 1.2. die erstere aller Wahrscheinlichkeit nach noch aus der Zeit Davids
stammend und die letztere ziemlich sicher noch vor dem Tode Salomos ge-
schrieben. Die uns unbekannten Verfasser beider Werke müssen dem davidisch-
salomonischen Hofe ziemlich nahegestanden haben, wie sich besonders für die
Thronnachfolgegeschichte aus einer recht genauen Kenntnis der Vorgänge an
diesem Hofe ergibt. Gleichwohl sind diese Werke offenbar nicht im offiziellen
Auftrag verfaßt worden. Die Darstellung von Davids Aufstieg ist zwar von un-
eingeschränkter Bewunderung für den erfolgreichen Weg des großen Königs
erfüllt; die andere Erzählung aber läßt auch die Schatten im Bilde Davids deut-
lich hervortreten, indem sie von Davids Ehebruch mit Bathseba, von dem grau-
samen Unrecht an seinem Gefolgsmann Uria, von seiner Schwäche gegenüber
Absalom, von seiner Entschlußlosigkeit in der Nachfolgefrage berichtet. Die
großen Gestalten und Ereignisse jener Zeit haben den Geist kluger und auch
lite~"lrisch begabter Männer geweckt und sie zur Darstellung wichtiger Phasen
aus dem Geschehen veranlaßt. Diese Männer haben nun jedoch nicht lediglich
den Ablauf von Vorgängen schildern wollen, sondern im Zeitgeschehen das
Handeln ihres Gottes erkannt. Sie reden freilich in einer ganz neuen Weise,
anders als die älteren volkstümlichen Erzählungen, von diesem Handeln Gottes.
Sie sehen Gott nicht mehr mit einzelnen mächtigen Wirkungen unmittelbar in
den Gang der Dinge eingreifen. Im Vordergrunde handeln für sie Menschen mit
ihrem Wollen, mit ihrer Klugheit und mit ihren ETfolgen, mit ihren Torheiten
und ihren Bosheiten; und das Geschehen ihrer Zeit schienja auch ganz durch das
Handeln von Menschen mit ihren verschiedenen Motiven bestimmt. Und doch
blieb Gott für sie der Herr der Geschichte, indem er - oft kaum spürbar und
sichtbar - das menschliche Handeln bestimmte und durch dieses menschliche
Handeln den Geschichtsverlauf zu dem von ihm gewollten Ziele führte. Die Er-
zählung vom Aufstieg Davids beginnt in I.Sam. 16,14 mit der Bemerkung,
daß "der Geist Jahwes von Saul gewichen war", und führt dann sogleich in
I. Sam. 16,18 David ein mit dem Hinweis, daß "Jahwe mit ihm war". Darauf
folgt die Schilderung des erfolgreichen Weges Davids, so als ob dabei nur das
Handeln Davids eine Rolle gespielt hätte. Am Schluß aber steht dann in 2. Sam.
5,10, alles bis dahin Erzählte noch einmal beleuchtend, der Satz: "David
wurde immer größer, und Jahwe, der Gott der Heerscharen, war mit ihm."
Noch zurückhaltender bringt die Thronnachfolgegeschichte dasselbe zum Aus-
druck. Beim Aufstand Absaloms hing alles Weitere davon ab, daß David Zeit
gewann, seine Kräfte zu sammeln; und in der Tat entschloß sich Absalom nach
seinem Einzug in Jerusalem gegen den Rat des klugen Ahithophel dazu, seiner-
seits zu warten und den ganzen Heerbann aufzubieten. Dazu bemerkt der Ver-
§ I7. Das geistige Leben Israels im davidisch-salomonischen Staate 203

fasser in 2. Sam. 17,14 b: "Jahwe hatte es so angeordnet, daß der gute Rat
Ahithophels abgelehnt wurde, damit Jahwe das Unheil über Absalom brächte."
Die beiden genannten Geschichtswerke stellen etwas durchaus Neues darl, und sie
sind sogleich Meisterwerke in ihrer Art. Darüber hinaus sind sie völlig singulär in
der ganzen Welt des alten Orients; denn diese hat zwar eine Fülle von geschicht-
lichen Einzelnachrichten, vorwiegend in der Form von Königsannalen oder
sonstigen annalistischen Zusammenstellungen, hinterlassen, aber kein einziges
Geschichtswerk, das diesen Namen verdient. Die Tatsache, daß der Gott Israels
seinem Volk in erster Linie im geschichtlichen Geschehen begegnet war und be-
gegnete, ließ Israel auf den Zusammenhang des geschichtlichen Geschehens
achten, weil hier im letzten Grunde nicht Menschenhandeln, sondern Gottes
Handeln erkennbar wurde. So sind in der davidisch-salomonischen Zeit aus
Israel geschichtliche Darstell ungen zusammenhängenden Zeitgeschehens hervor-
gegangen, längst ehe es in Griechenland oder sonst in der uns bekannten Welt
eine Geschichtsschreibung gab.
Andere literarische Werke aus dem A.T. lassen sich weniger sicher der davi-
disch-salomonischen Zeit zuweisen. Immerhin spricht die Wahrscheinlichkeit
dafür, daß die älteste große literarische Zusammenfassung und Formulierung des
zunächst mündlich weitergegebenen weitschichtigen Pentateuchü berlieferungs-
stoffes, das Werk des sogenannten Jahwisten, dieser Zeit zuzuweisen ist. Dieses
Werk ist zwar ein Traditionswerk, das die grundlegenden Glaubensthemen der
Vorgeschichte Israels in ihrer überkommenen erzählerischen Ausgestaltung
fixiert; aber darüber hinaus ist es nicht nur ein Meisterwerk literarischer Er-
zählerkunst, sondern zugleich ein theologisches Werk, das das Handeln Gottes
an Israel in den weiten Rahmen der gesamten Menschengeschichte hineinstellt.
Die Voranstellung der aus allerlei überkommenen Stoffen aufgebauten Ur-
geschichte, die der Jahwist der älteren Tradition hinzugefügt hat, eröffnet einen
weltweiten Aspekt und bildet mit ihren sehr ernsten und düsteren Aussagen über
das Wesen der Menschen in dieser Welt den Hintergrund für das Verständnis der
Geschichte Israels, durch die Jahwe der Menschheit nunmehr von sich aus seinen
Segen zuwenden will (vgI. bes. Gen. ~2,1-3). Dieses Werk stellt damit auch
geistig eine große Leistung dar und wäre - wenn die obige Datierung richtig
sein sollte - auch seinerseits ein Zeichen für die innere Bewegtheit und für den
sich weitenden Horizont der davidisch-salomonischen Zeit.
Es wird damit zu rechnen sein, daß auch sonst in dieser Zeit die literarische
Fixierung älterer volkstümlicher Erzählungen und besonders Erzählungsreihen
begann und damit die Zusammenfassung von zunächst mündlich tradierten Ein-
zelstoffen. Dieser Vorgang läßt sich der Natur der Sache nach in den wenigsten
Fällen sicher datieren. Immerhin kann man beispielsweise di~ Vereinigung alter
1 Vergleichbar ist die kurze Abimelechgeschichte in Ri. 9, die am Schluß in Vers 56.57
den Ablauf des Geschehens folgendermaßen zusammenfaßt : "So vergalt Gott die Bosheit
Abimelechs, die er an seinem Vater getan hatte, indem er seine siebzig Brüder ermordete;
und es vergalt Gott die ganze Bosheit der Sichemiten, und es kam über sie der Fluch Jotharns,
des Sohnes Jerubbaals." Die Abfassung von Ri. 9 ist jedoch nicht sicher etwa schon in vor-
davidische Zeit zu datieren.
204 z.JII. Der Übergang zu politischer Machtentfaltung

ortsätiologischer Erzählungen zu einer gesamtisraelitisch verstandenen Land-


nahmedarstellung im alten Bestand von *Jos. 1-12 mit hoher Wahrscheinlich-
keit zwar nicht in die unmittelbar davidisch-salomonische Zeit, aber doch in die
Zeit alsbald nach dem Tode Salomos datieren!. Die Impulse der davidisch-salo-
mon ischen Zeit zu literarischem Schaffen und vor allem zum Abfassen geschicht-
licher Darstellungen und zur Sammlung, Bearbeitung und schriftlichen Fixierung
überkommenen Erzählungsgutes haben begreiflicherweise auch über diese Zeit
hinaus noch weitergewirkt.
An alledem waltete zugleich eine rationalisierende Tendenz, die auf Ordnung,
Zusammenfassung und Verständlichmachung auch der aus älterer Zeit überkom-
menen Überlieferungen gerichtet war. War früher in kultischen Bekenntnissen
von den fundamentalen Heilstaten des Gottes Israels die Rede gewesen und hatte
man in lebendig erzählten Sagen die geschichtlichen Gotteserfahrungen Israels von
Generation zu Generation weitergegeben, so wurden diese Traditionen nunmehr
literarisch fixiert und theologisch gedeutet. Nicht mit Unrecht hat G. v. Rad
die salomonische Zeit als die Zeit einer "typischen Aufklärung" bezeichnet und
von einem "salomonisch-nachsalomonischen Humanismus" gesprochen2•
Jene großen Darstellungen aus der Geschichte Davids 3 haben zugleich noch
insofern eine besondere Bedeutung, als sie ein für allemal die Tatsache festge-
halten haben, daß das Königtum auf dem Boden Israels eine Einrichtung dar-
stellte, die einmal in der Geschichte aufgekommen war, längst nachdem die
israelitischen Stämme im palästinischen Kulturlande sich festgesetzt und hier
ihren Platz behauptet hatten, und daß nach der Episode Sauls erst David jene
Königtümer über Juda und Israel begründet und dann seinem Sohne Salomo
vererbt hatte, die nunmehr weiter in der Geschichte existierten. Es konnte da-
nach in Israel nicht leicht die Vorstellung aufkommen, daß die Institution des
Königtums an sich und die konkreten Königtümer in Juda und Israel Elemente
einer unveränderlich gültigen Weltordnung seien. Nimmt man noch hinzu, daß
vielleicht von Anfang an und mit der Zeit immer stärker in den Kreisen der
israelitischen Stämme das Problematische der Erscheinung des Königtums über-
haupt empfunden wurde (vgl. oben S.15"f.), so wird deutlich, daß das König-
tum in Israel in einem sehr anderen Lichte erscheinen mußte, als es sonst in der
altorientalischen Welt und vor allem in den altorientalischen Groß reichen der
Fall war, wo das Königtum als wesentliches Element einer vonjeher bestehenden
göttlichen Ordnung der Dinge galt. In Israel mußte das Königtum stets als eine
geschichtlich gewordene Einrichtung verstanden werden; und gerade unter dem
Eindruck des geschichtlichen Aufkommens des Königtums entstand in Israel
jene Geschichtsschreibung, zu der es in der Welt des alten Orients kein Gegen-
stück gibt, als ein Ergebnis des singulären geschichtlichen Bewußtseins Israels,
das in der besonderen Art seiner Gotteserfahrung begründet war. Es geht danach
1 Vgl. M. N oth, Das Buch Josua (2 1953 ) S.13.
2 G. v. Rad, Der Heilige Krieg im alten Israel (1951) S.39.49.
8 Sie sind wahrscheinlich schon sehr früh mit den gesammelten und aufgezeichneten Saul-
Erzählungen zu einem großen Komplex der Saul-David-Geschichte vereinigt worden.
§ 17. Das geistige Leben Israels im davidisch-salomonischen Staate 205

nicht an, die altorientalischen Vorstellungen von einem sakralen göttlichen Kö-
nigtum mitsamt den dazugehörigen kultischen Begehungen ohne weiteres auch
auf das Königtum "in Israel zu übertragen.
Nicht als ob man in Israel das Königtum als etwas rein Profanes angesehen
hättel • Jahwe war "mit David gewesen" (vgl. oben S.202), d. h., er hatte ihn
auf dem Wege seines Aufstiegs unsichtbar geführt und damit die Errichtung des
Großstaats Davids nicht nur gebilligt, sondern herbeigeführt, so wie er freilich
auch vorher schon etwa die charismatischen Führer der vorstaatlichen Zeit be-
rufen hatte und "mit ihnen gewesen war" (Ri.6,16), um sie zum Siege zu
führen, indem er die Feinde "in ihre Hand gab" (Ri. 3,28; 4,14; 11,32).
Man konnte in Israel die großen Ereignisse der Davidszeit nicht anders verstehen,
als daß Jahwe in ihnen wirksam war. Mehr noch; das Königtum Davids war
Träger einer göttlichen Verheißung für die Zukunft. Im Eingang der alten
Thronnachfolgegeschichte wird ein Wort des "Propheten" Nathan an David
überliefert (2. Sam. 7,8-16), das zwar später überarbeitet worden ist, aber in
seinem wesentlichen Grundbestand gewiß noch vor dem Tode Salomos formu-
liert wurde und danach als geschichtlich echt angesehen werden muß. In diesem
Wort sagt Nathan im Namen Jahwes dem David den dauernden Bestand seines
Königtums und die Dauer seiner Dynastie zu. Ja, hier wird das Verhältnis zwi-
schen Jahwe und dem jeweils regierenden Davididen als ein Verhältnis von Vater
und Sohn bezeichnet (Vers 14). Das erinnert zwar an die altorientalische Vor-
stellung vom Gottkönigtum ; aber sie erscheint bezeichnenderweise in einer we-
sentlich veränderten Form. Vielleicht in einer bewußten Abwehr gerade dieser
altorientalischen Vorstellung wird zur Bezeichnung dieses Verhältnisses die
Adoptionsformel gebraucht; das Gott-König-Verhältnis ist also nicht seinsmäßig
begründet, und der König ist nicht göttlichen Wesens und göttlicher Art, son-
dern er wird - bei seiner Thronbesteigung - durch eine göttliche Willenskund-
gebung zum Sohn erklärt. Und wahrscheinlich wurde beim Regierungsantritt
der Davididen jeweils die Adoptionsformel feierlich ausgesprochen (Ps. 2,7
und vielleicht auch Ps. IIO,3). Das heißt, dieses Verhältnis wird jeweils neu
in der Geschichte begründet; es existiert nicht an und für sich. Darin kommt zum
Ausdruck, daß das davidische Königtum in Israel zwar keinen geringeren An-
spruch macht als das Königtum sonst im alten Orient, daß es aber doch anderer
Art ist als dieses. Im übrigen besagt der Inhalt der Nathanverheißung, daß der
Gott Israels das Königtum Davids gewollt hat und auch weiterhin wollen wird,
weil es seinen Absichten - über die in diesem Zusammenhang nichts verlautet-
dient. Und daran hat dann später die Ankündigung einer bestimmten Gruppe
von Propheten angeknüpft, daß das Königtum Davids in den Heilsplänen
Gottes noch einmal eine wesentliche Rolle spielen werde. Diese Bedeutung für
das geschichtliche Handeln Gottes aber ist etwas völlig anderes als das naturhaft
göttliche Wesen des Königtums sonst im alten Orient.
1 Das geschah höchstens von seiten der grundsätzlichen Ablehnung des Königtums, wie
sie sich beim Deuteronomisten findet, die allerdings in dieser Institution etwas Weltliches,
"Heidnisches" erblickte (vgI. 1. Sam. 8,5).
KAPITEL III

Doe Nebeneinonber ber Kteinftooten Jubo unb Irroel

§ 18.Juda Wld Israel nach dem Tode Salomos


~ Im Laufe des Jahres, das vom Herbst 926 v.Chr. bis zum Herbst 925 v.Chr.
lief. war Salomo gestorben. Sein Tod ist das früheste Ereignis in der Geschichte
Israels, das sich - mit einer Fehlermöglichkeit von nur wenigen Jahren - exakt
datieren läßt. Denn an den Tod Salomos schließen sich die lückenlosen chrono-
logischen Angaben zur judäisch-israelitischen Königsgeschichte an, die der Ver-
fasser des deuteronomistischen Geschichtswerkes durch Vermittlung der von
ihm als Quellen benutzten "Tagebücher der Könige von Juda bzw. Israel" aus
den offiziellen Annalen der beiden Königreiche hat schöpfen können. Diese
chronologischen Angaben bieten einmal die Zahlen der Regierungsjahre der
Könige in beiden Königreichen und sodann die judäisch-israelitischen Synchro-
nismen, durch die jeder Thronwechsel in dem einen der beiden Staaten zugleich
nach den Königsjahren des anderen Staates datiert wird. Das so entstehende feste
System einer relativen Chronologie der judäisch-israelitischen Königszeit ist
durch verschiedene geschichtliche Beziehungen fest mit der Chronologie des
neuassyrischen Reiches verknüpft, die ihrerseits astronomisch absolut festgelegt
werden kannl • Nach I.Kön. 11,42 hatte Salomo, als er starb, 40 Jahre lang
regiert, und in 2. Sam. 5,4.5 wird auch die Regierungszeit Davids -von seiner
Erhebung zum König über Juda an gerechnet - auf 40 Jahre angegeben. In bei-
den Fällen handelt es sich wohl um eine runde Zahl2 ; wenn diese einigermaßen
das Richtige trifft - und es liegt kein Grund vor, das zu bestreiten -, dann haben
die Regierungen Davids und Salomos etwa das erste Dreiviertel des 10. vor-
christlichen Jahrhunderts ausgefüllt.
1 Vgl. dazu kurzWAT S.2IIff. und ausführlich J. Be grich, Die Chronologie der Könige
von Israel und Juda (Beiträge zur historischen Theologie 3) 1929. Ich gebe im folgenden,
ohne auf die Einzelheiten einzugehen, die Datierungen im allgemeinen nach Be grich (vgl.
die Zusammenstellung seiner Ergebnisse a.a.O. S.155). Der jüngste, von Be grich in Ein-
zelheiten abweichende Versuch einer Chronologie der Könige von Juda und Israel stammt
von W. F. Albright, BASOR 100 (1945) S.16-22.
B Die Zahl 40 begegnet auch sonst vielfach im A.T. als runde Zahl für den Zeitraum,
innerhalb dessen eine Generation erwachsener Männer auszusterben pflegt.
§ 18. Juda und Israel nach dem Tode Salomos 207

Salomo hinterließ bei seinem Tode den Großstaat Davids zwar in einer äußer-
lich noch glänzenden Erscheinung, aber doch schon im Zustande des Verfalls,
der in der Bedrohung und dem wenigstens teilweisen Verlust einiger Außen-
provinzen und vor allem in der in den Kreisen der israelitischen Stämme aufge-
kommenen Mißstimmung über die prunkhafte und anspruchsvolle Art seines
Königtums lag. Sein Nachfolger standdahervor einer ungewöhnlich schwierigen
Aufgabe, die nur ein Mann mit besonderer Kraft und Klugheit meistern konnte.
Daß unter seinen Söhnen Rehabeam, wohl der älteste, die Nachfolge antreten
sollte, scheint nicht zweifelhaft gewesen zu sein. Und im Stadtstaat Jerusalem
und im Staate Juda ist Rehabeam denn auch anscheinend ohne Schwierigkeit
seinem Vater auf dem Throne gefolgt. In den kanaanäischen Stadtstaaten war die
Erbfolge längst das Übliche, und daß in der "Stadt Davids" wieder ein Davidide
König wurde, war kein Problem. Aber auch der Staat Juda hat damals und wei-
terhin an der judäischen Dynastie Davids festgehalten und anscheinend ohne
weiteres Rehabeam als neuen König anerkannt1 • Anders im Staate Israel. Über
die Vorgänge, die sich hier abspielten, erfahren wir etwas aus der Erzählung von
dem Propheten Ahia von Silo (I.Kön. 11,*29-39; 12,*1-32; 14,1-18), die be-
richten will, wie Jahwe die dem Jerobeam durch Ahia gegebene Zusage wahr
machte und dann aber doch den abtrünnig gewordenen Jerobeam wieder ver-
warf2 • Danach versammelten sich die Stämme des Staates Israel in Sichern, dem
gegebenen städtischen Mittelpunkt der israelitischen Stämmegebiete und ältesten
Sitz des zentralen Bundesheiligtums. Dorthin begab sich Rehabeam, und dort
wollten ihn die versammelten Stämme "zum König erheben", d.h. sie wollten
mit ihm über die Erhebung zum König verhandeln und dabei ihre Bedingungen
stellen. Ihre Ältesten - denn diese wird man sich in Sichern versammelt denken
müssen - erkannten also die automatische Erbfolge nicht an, wie sie einst in der
Notzeit nach dem Untergang Sauls unter dem Einfluß des mächtigen Abner
(2. Sam. 2,8-9) und dann noch einmal nach dem Tode Davids auf dessen große
Autorität hin eingetreten war; sondern sie wollten, wie es schon bei der Er-
hebung Sauls zum König (I. Sam. 11,15) und dann vor allem bei der Wahl
Davids zum König über Israel (2. Sam. 5,3) der Fall gewesen war, ihrerseits
die Königskrone vergeben und mit dem neuen König "einen Bund schließen".
Sie zogen Rehabeam als den ältesten Sohn Salomos in erster Linie in Erwägung,
verlangten aber von ihm die Zusicherung einer Erleichterung der Lasten, die
unter Salomo so drückend geworden waren, vor allem gewiß der Natural-
abgaben und - für die ehemaligen Kanaanäerstädte - der Frondienstpflicht.
Rehabeam gab ihnen gegen den Rat seiner älteren erfahrenen Ratgeber eine
schroff ablehnende Antwort, offenbar in völliger Täuschung über die richtige
Sachlage; und so sagten sich die Ältesten des Staates Israel von der Dynastie
1 Man könnte daran denken, daß das durch einen feierlichen Akt, etwa in der alten ju-
däischen Königsstadt Hebron, geschah.
2 Auch diese Erzählung sieht Gott in den Entschlüssen von Menschen wirken. Es war eine
"Schickung" (ilfl;» Jahwes gewesen, daß Rehabeam unklug handelte, weil Jahwe seine
Zusage an Jerobeam wahrmachen wollte (I. Kön. 12,15); vgl. o. S. 202f.
208 2.JIII. Das Nebeneinander der Kleinstaaten Juda und Israel

Davids los. Wieder wurde das schon unter David in einer gefährlichen Situation
einmal ausgegebene Losungswort (2. Sam. 20,1) weitergegeben, daß "Israel"
mit dem judäischen Hause Davids nichts zu schaffen habe (I.Kön. 12,16). Wie-
weit bei diesen Verhandlungen mit Rehabeam die Gestalt jenes Ephraimiten
Jerobeam im Hintergrund eine Rolle spielte, der einst schon gegen Salomo
"seine Hand erhoben hatte", dann nach Ägypten entkommen (vgl. oben S. 189 f.)
und jetzt auf die Kunde vom Tode Salomos hin schnell zurückgekehrt war, läßt
sich nicht genau sagen. Jedenfalls wurde er nunmehr von den Ältesten in Sichern
an Stelle des Davididen zum König von Israel erhoben. Er war schon früher,
wahrscheinlich zur Zeit seines Aufstandes gegen Salomo1, durch ein Wort des
Propheten Ahia von Silo im Namep Jahwes zum künftigen König von Israel
designiert worden; und diese Tatsache hat, abgesehen von den persönlichen
Ambitionen Jerobeams, gewiß in erster Linie die Wahl Jerobeams durch die
Ältesten in Sichern veranlaßt.
Damit hatte der von David aufgebaute Großstaat sein Ende gefunden. Wich-
tige Außenposten gingen jetzt zwangsläufig verloren. Die aramäische Provinz
im Nordosten, in der schon unter Salomo das neue selbständige aramäische Kö-
nigtum von Damaskus aufgekommen war, war nun endgültig nicht mehr zu
halten. Sie wurde mit ihren alten Städten das Kerngebiet dieses neuen König-
tums, das sich schnell konsolidierte und zu einem überlegenen Gegner des Staates
Israel wurde. Auch mit dem Königtum der Davididen über Ammon war es jetzt
notwendig zu Ende, wenn es überhaupt Salomo bis zu seinem Tode hatte fest-
halten können.Ausdrücklich bezeugt ist uns ein selbständiger König vonAmmon
zwar erst ein Dreivierteljahrhundert späterB ; aber es ist klar, daß die Davididen,
die mit der Loslösung des Staates Israel die räumliche Verbindung mit Ammon
verloren, jetzt nicht mehr Könige von Ammon bleiben konnten. Der neue König
von Israel aber hatte gar keine Beziehung zum ammonitischen Königtum, das
David einst für seine eigene Person übernommen hatte. Nur der kleine Staat
Moab blieb noch ein knappes Jahrhundert lang tributzahlender Vasall des Staates
Israel; und die Provinz Edom blieb trotz des in Edom entstandenen neuen Kö-
nigtums wenigstens zum Teil zeitweise noch mit dem Staate Juda verbunden.
Juda und Israel mußten sich nun als getrennte Kleinstaaten innerhalb der
syrisch-palästinischen Staatenwelt konstituieren. Dabei war der Staat Juda, der
wesentlich kleinere von beiden, insofern im Vorteil, als er stärker an schon Ge-
gebenes anknüpfen konnte und daher leichter den Weg zu einer stabilen Ord-
nung fand. Er hat, solange er überhaupt bestand, unentwegt an der Erbfolge der
Dynastie Davids festgehalten. Da das Haus Davids judäisch war, ist er, nachdem
"die Männer von Juda" einmal David einst zum König von Juda erhoben hatten
(2. Sam. 2,4a) und das Königtum dann nach dem Willen Davids auf dessen
Sohn Salomo übergegangen war, auch nach Salomos Tode dem Hause Davids
1 So meint es jedenfalls die Redaktion, die den Anfang der Ahiageschichte (1. Kön.
II,29-39) zwischen 1. Kön. II,26-28 und II,40 einschaltete.
t In der Monolithinschrift des Königs Salmanassar III. von Assyrien, Kol. II Z.95 (vgl.
Greßmann, AOT2 S.340f.; TGI S.46).
§ 18. Juda und Israel nach dem Tode Salomos 2°9
treu geblieben; und damit hat sich das Prinzip der Erbfolge so fest eingebürgert,
daß im Folgenden die Herrschaft meist ohne Schwierigkeiten auf den jeweils
ältesten Königssohn überging. Wenn es gelegentlich aus besonderen Gründen zu
Thronwirren kam, so spielten sich diese doch nur innerhalb der davidischen
Dynastie ab. Der Staat Juda besaß auch von Anfang an seine Königsstadt. Jeru-
salem als die "Stadt Davids" verblieb nach dem Tode Salomos den Davididen,
und sie haben in dieser Stadt residiert bis zum Ende des Staates Juda. Sie war
zwar jetzt nicht mehr die Königsstadt eines Großstaates, zu der sie von David
erhoben und von Salomo glänzend ausgebaut worden war; und sie mußte als
nur noch judäische Königsstadt verkümmern. Aber die Königsstadt blieb sie
eben doch. Sie barg im königlichen Palastheiligtum die alte heilige Ladel und
war und blieb damit das eigentliche kultische Zentrum für die israelitischen
Stämme, auf das die Stämme im Staate Juda, aber auch im Staate Israel, blickten.
Das alles war im Staate Israel sehr anders. Der Vorgang der Erhebung Jero-
beams zum König nach dem Tode Salomos bedeutete ein Zurückgreifen auf
einen älteren Brauch, wie er einst bei Saul geübt worden war und wie er an das
alte charismatische Führerturn der vorstaatlichen Zeit anknüpfte. Danach wurde
zum König ausgerufen, wer vorher durch einen Propheten im Namen Jahwes
zum künftigen König designiert worden war; und wenn einMann also designiert
war, dann hatte er die Anwartschaft, bei der nächsten Gelegenheit auf den Thron
erhoben zu werden. So war das Königtum im Staate Israel eine sehr labile Er-
scheinung; und es ist begreiflich, daß ein zum König Designierter Anlaßnehmen
konnte, sogleich unter Beseitigung des noch regierenden Königs gewaltsam den
Thron zu usurpieren, und daß dann schließlich auch ein ehrgeiziger Mann ohne
eine solche Designation sich leicht der Herrschaft bemächtigen konnte. Daneben
freilich hatte das Königtum im Widerstreit mit dem Wesen des einstigen charis-
matischen Führerturns auch im Staate Israel die Tendenz zu institutioneller Ver-
festigung und damit zur Einführung der Erbfolge. Zu Ansätzen dazu war es
schon bei der Aufeinanderfolge Saul-Esbaal und David-Salomo gekommen.
Das geschah auch weiterhin, und schließlich erfolgten sogar eigentlicheDynastie-
bildungen. Auf Jerobeam folgte sein Sohn Nadab. Dieser aber hatte kaum die
Regierung angetreten 2, da trat im Jahre 906/5 v.Chr. ein von einem Propheten
designierter (vgl. I.Kön. I6,2) Issacharit mit Namen Baesa auf und bemäch-
tigte sich der Herrschaft, indem er den König Nadab, der sich gerade mit dem
Heerbann im Feldlager befand, ermordete. Dem neuen Königtum Baesas aber
ging es nicht besser; der Sohn Baesas namen:> Ela war als Nachfolger seines
Vaters nicht lange 3 auf dem Thron, da wurde er von einem seiner obersten Be-
l Wir hören von der Lade zum letzten Male bei ihrer Überführung in den Tempel durch
Salomo (I. Kön. 8, I ff.); dort hat sie gestanden vielleicht bis zur Zerstörung Jerusalems im
Jahre 587 v. Chr.
2 Es werden ihm zwei Regierungsjahre zugeschrieben (I. Kön. 15,25). Das bedeutet
nach der für diese Zeit üblichen alten antedatierenden Zählweise, die am Anfang und Schluß
die Teile von Kalenderjahren als volle Jahre zählt, nur dies, daß er über einen Kalender-
jahreswechsel hinweg regiert hat.
8 Die offizielle Zählung gibt ihm wieder nur "zwei Jahre" (I. Kön. 16,8).
2 10 2./III. Das Nebeneinander der Kleinstaaten Juda und Israel

amten, dem Chef der einen Hälfte der Streitwagenmacht mit Namen Simri, im
Königspalast ermordet (1. Kön. 16,8 ff.). Dabei handelte es sich um ein Atten-
tat, mit dem ein ho her Amtsträger am Königshofe auf eigene Faust sich des
Königtums bemächtigte. Von einer Berufung durch Prophetenmund hören wir
bei Simri nichts; und das offenbar nicht zufällig. Denn es ist wahrscheinlich. daß
nur der Ehrgeiz Simris die Tat veranlaßt hat. Und Simri fand keine Anerken-
nung im Staate Israel, wie sie ihm gewiß zugefallen wäre, wenn ein im Namen
Jahwes gesprochenes Wort ihn legitimiert hätte. So konnte er sich nur sieben
Tage lang (I.Kön. 16,15) auf dem usurpierten Thron halten; und da olfenbar
kein zum künftigen König designierter Mann da war, entbrannte nunmehr ein
Kampf um die Thronnachfolge, aus dem schließlich, wie es in solchen Fällen oft
geschieht, ein militärischer Anführer siegreich hervorging. Es war der Chef des
gesamten Heerbannes, Omri, der im Jahre 878/7 v.Chr. den Thron bestieg.
Diese Vorgänge zeigen, wie ein Königtum, das durch seine grundsätzliche Ver-
bindung mit dem alten berufenen charismatischen Führerturn der Dynastie-
bildung und damit der Konsolidierung widerstrebte, leicht auch zum Spielball
gewalttätiger und rücksichtsloser Kronprätendenten werden konnte. Omri ist
es nach den Wirren dann gelungen, das Königtum über Israel in seiner Hand so-
weit zu festigen, daß noch drei seiner Nachkommen auf dem Thron gesessen
haben und damit das Haus Omris immerhin mehr als 30 Jahre lang im Staate
Israel geherrscht hat. Omri ist damit zum Gründer einer ersten, wenn auch noch
kurzlebigen Dynastie in Israel geworden. Über die Herkunft Omris meldet die
Überlieferung nichts. Das ist vielleicht kein Zufall. Sein Name klingt nicht sehr
israelitisch, und der Name seines Sohnes Ahab auch nicht!. Omri könnte als Chef
des Heerbannes leicht aus dem Söldnertum hervorgegangen sein, und in einer
Söldner truppe finden sich gern Elemente sehr verschieqener Herkunft zusammen.
Die Dynastie Omris ist schließlich dadurch gestürzt worden, daß noch einmal
ein durch einen Propheten im Namen Jahwes designierter neuer König auftrat.
Nach 2. Kön. 9,df. wurde durch einen Abgesandten des Propheten Elisa2
einer der Offiziere des gerade im Felde liegenden Heerbanns, Jehu, zum König
berufen und gesalbt; und dieser Jehu hat daraufhin im Jahre 845/4 v.Chr. den
damals regierenden Omriden und das ganze Haus Omris brutal ausgerottet und
seinerseits den Thron bestiegen. Damit ist dann - ein reichliches Dreivierteljahr-
hundert nach dem Tode Salomos - der Brauch der prophetischen Designierung
eines Königs von Israel, soviel wir sehen, erloschen. Jehu hat eine Dynastie ge-
bildet, die etwa ein Jahrhundert lang das Königtum im Staate Israel innegehabt
hat. Und als der letzte Nachkomme Jehus auf dem Thron nach kurzer Regierung 3
1 DerWortstamm des Namens Omri ist in arabischen Namen geläufig, und auch der
Name Ahab läßt sich von der arabischen Namengebung aus verstehen; vgl. M. N oth, Die
israelitischen Personennamen (BWANT III 10 [1928]) 5.63.222 Anm. 7. Sollte etwa das im
deuteronomischen "Königsgesetz" enthaltene auffällige Verbot. einen Ausländer als König
einzusetzen (Dtn. 17,15). an dem konkreten Fall Omris orientiert sein?
2 In 1. Kön. 19,16 wird die Salbung Jehus mit dem Propheten Elia in Zusammenhang
gebracht, aber doch wohl auf Grund sekundärer Übertragung.
8 Er regierte nach 2. Kön. 15,8 nur sechs Monate lang.
§ 18. Juda und Israel nach dem Tode Salomos 2II

ermordet worden war (2. Kön. 15, IO), war der Thron in Israel für die letzten
bei den Jahrzehnte seines Bestehens im wesentlichen nur noch in der Hand
schnell wechselnder Usurpatoren, die irgendeine göttliche Legitimierung für
sich nicht mehr in Anspruch nehmen konnten. Im Hinblick auf sie konnte der
Prophet Hosea im Namen seines Gottes nur noch sagen: "Sie machen Könige,
aber ohne mich" (8,4)-
Nach dem Tode Salomos besaß der Staat Israel zunächst noch keine traditio-
nelle Königsstadt. In Sichern, dem alten und bedeutenden und verkehrsmäßig
günstig gelegenen städtischen Mittelpunkt des zentralen Gebirges Ephraim war
Jerobeam zum König ausgerufen worden, und hier in Sichern hat er zunächst
auch residiert. Nach I.Kön. 12,25 hat er Sichern "ausgebaut", d.h. für sich als
Königsstadt eingerichtet, dann aber Sichern verlassen und das im Ostjordanland
abgelegene Pnuel im tief eingeschnittenen Jabboktal (heute tulül e4-4ahab)1 als
Residenz gewählt und "ausgebaut". Diese seltsame Verlegung der Residenz er-
folgte gewiß unter dem Zwang einer Notlage, und man erklärt sie wohl mit
Recht damit, daß Jerobeam sich vor dem kriegerischen Angr-iff des Pharaos
Schoschenk (vgl. unten S.218f.) mit seiner Residenz über den Jordan hinweg
zurückzog. Schließlich hat er das wegen seiner Lage ungeeignete Pnuel wieder
aufgegeben und ist, als nach dem Abzug Schoschenks eine weitere Bedrohung
nicht mehr zu erwarten war, in das Westjordanland zurückgekehrt. Merkwür-
digerweise ist er nicht nach Sichern zurückgegangen 2, sondern hat die Stadt
Thirza gewählt, die auf dem Gebirge Ephraim gesucht werden muß, deren
genaue Lage aber noch nicht sicher ermittelt ist 3 • Und in Thirza haben die Kö-
nige von Israel nach Jerobeam noch eine Zeitlang residiert. In Thirza bestieg
Baesa den Thron (I. Kön. 15,33), in Thirza wurdeEla von Simri ermordet
(I.Kön.16,9), und in Thirza kam Simri selbst wieder ums Leben (I.Kön.
16,18), in Thirza machte sich Omri zum König (I.Kön. 16,23). Omri aber
hat dann dem Staate Israel eine neue Königsstadt geschenkt. Da aus irgendeinem
Grunde Thirza nicht genügte oder nicht geeignet war, kaufte Omri im Zuge der
Konsolidierung seines Königtums einen Berg auf dem Gebirge Ephraim etwa
IO km nordwestlich von Sichern in einer schönen und beherrschenden Lage über
einem nach Westen zu abziehenden breiten und ertragreichen Tale und errichtete
hier die Königsstadt Samaria (I. Kön. 16,24), die bis zum Ende des Staates
Israel die Residenz der israelitischen Könige auf anderthalb Jahrhunderte ge-

1 Nach N. Glueck, Explorations in Eastern Palestine III (AASOR XVIII/XIX [1939])


S.232ff. kommt nach dem archäologischen Befund nur der östliche der bei den Hügel von
tulül e4-4ahab, tell e4-4ahab es,h-scheT~j, für das alte Pnuel in Frage.
t Daß etwa Sichem durch Schosehenk zu stark zerstört worden sei, ist anscheinend nicht
anzunehmen, da Sichem in der hieroglyphischen Liste der von Schosehenk eroberten
israelitischen Städte wahrscheinlich gar nicht genannt gewesen ist; vgI. M. N oth, ZDPV 61
(1938) S.289·
3 V gI. F.-M. A be I, G60graphie de la Palestine II (1938) S.485 f., der die früher gemachten
Vorschläge, unter denen vor allem die Ansetzung von Thirza auf dem tell ei-JäT 'a ungefähr
10 km nordöstlich von Sichem zu nennen ist, kritisiert, dessen eigener Vorschlag aber auch
nicht sicher begründet ist.
212 2./III. Das Nebeneinander der Kleinstaaten Juda und Israel

blieben ist (heute seba~ae). Die an Ort und Stelle durchgeführten Ausgrabungenl
haben vor allem die Überreste des israelitischen Königspalastes aufgedeckt, an
dem von Omri an versc:.hiedene Könige gebaut haben, und sie haben gezeigt,
daß hier eine städtische Siedlung vorher nicht gelegen hat, daß also Omri für das
israelitische Königtum wirklich eine neue Stadt gründete und damit dem Staate
Israel einen dauernden Mittelpunkt gab, der als Eigenbesitz den Königen ge-
hörte.
Schwieriger war es, den Staat Israel auch kultisch auf eigene Füße zu stellen.
Das judäische Königsheiligtum in Jerusalem zog mit der Lade als dem alten ge-
meinsamen Kultobjekt des Stämmebundes auch die im Staate Israel wohnenden
Stämme weiterhin an, und es ist kaum zweifelhaft, daß man aus ihrem Kreise
nach Jerusalem wallfahrtete. Die Ahia-Erzählung (vgI. oben S.207) zeigt, daß
die Jerusalemer kultische Tradition nach dem Tode Salomos schon so fest ver-
wurzelt war, daß man an der Legitimität des Tempels als des zentralen Stämme-
heiligtums festhalten konnte, auch wenn man die Herrschaft der Davididen ab-
lehnte. Daß daß schon dem Jerobeam sehr unerwünscht war, weil damit doch
eine wenigstens mittelbare Verbindung aller israelitischen Stämme mit der Dy-
nastie Davids gegeben war, ist selbstverständlich und wird in I. Kön. 12,26 ff.
ausdrücklich gesagt. Jerobeam erhob daher die beiden alten, berühmten und
gewiß schon längst von Israeliten viel besuchten Heiligtümer von Bethel (heute
burdsch betin bei betin) und Dan (heute tell el-~ä4j) ganz im Süden und ganz im
Norden des Staates Israel zu königlichen Kultstätten 2 und stattete sie glänzend
mit je einem sogenannten "goldenen Kalb" aus. Später hat auch die Residenz
Samariazweifellos ein königliches Heiligtum erhalten, und wahrscheinlich wurde
auch in ihm ein "goldenes Kalb" aufgestellt; jedenfalls. erwähnt der Prophet
Hosea "das Kalb von Samaria" (8,5.6). Mit dem für die Stämmetradition ein-
maligen Ladeheiligtum von Jerusalem konnten freilich diese königlich israeli-
tischen Kultstätten nicht konkurrieren, auch wenn sie von den Königen von
Israel mit allem Nötigen versehen wurden, mit königlich beamteten Priestern,
mit einer Festordnung, die der von Jerusalem nachgeahmt war. Der Deutero-
nomist hat später unter der Voraussetzung, daß von jeher Jerusalem für Israel die
einzig legitime Kultstätte im Lande gewesen sei, in der Errichtung dieser israeli-
tischen Königsheiligtümer die Sünde Jerobeams und aller folgenden Könige
von Israel gesehen. Seine Voraussetzung freilich galt für die Zeit der israelitischen
Könige noch nicht in so strenger Weise, und die "goldenen Kälber" waren nicht
als "Götzenbilder" gemeint. Sie sollten zum Kulte des Gottes Israel gehören, der
einst Großes an Israel getan und "Israel aus Ägypten herausgeführt hatte"
(I.Kön. 12,28; vgI. Ex. 32,4); und sie sollten wahrscheinlich nicht als Got-
tesbilder verstanden werden, zumal auch sonst das alte Vorderasien - im

1 Vgl. Reisner-Fisher-Lyon, Harvard Excavations at Samaria 1908-1910 IIII (1924)


und den Bericht über die spätere Fortsetzung der ersten Aus.grabung J. W. Crowfoot,
K. M. Keny·on, E. L. Sukenik, Samaria-Sebaste Publications I (1943).
2 Welche Rechtsgrundlagen der israelitische König hatte, um alte Lokalheiligtümer
israelitisch bewohnter Orte in königlichen Besitz zu bringen, bleibt uns dunkel.
§ 18. Juda und Israel nach dem Tode Salomos 21 3

Unterschied von Ägypten - theriomorphe Götterbilder nicht kannte, sondern


sie waren wahrscheinlich gedacht als Postamente für den unsichtbar darauf
stehend gedachten Gottl • Aber die landläufige Vorstellung mag in ihnen doch
vielfach Darstellungen und Vergegenwärtigungen der Gottheit gesehen haben;
und daß nur die Lade der Ort der göttlichen Gegenwart für ganz Israel und das
eigentliche und speziell israelitische Heiligtum sei, war wahrscheinlich schon
damals für die genuin israelitische Tradition klar. So hat denn schon die vor-
deuteronomistische Erzählung von dem Propheten Ahia von Silo die Begrün-
dung der israelitischen Königsheiligtümer dem Jerobeam zum schweren Vor-
wurf gemacht (I. Kön 12,28-32). Mit seinem offiziellen Kult stand also von
Anfang an das israelitische Königtum in einem gewissen Gegensatz zu der
genuinen und strengen israelitischen Tradition; in dieser Hinsicht war es dem
judäischen Königtum der Davididen gegenüber auf einem wichtigen Gebiet ent-
schieden im Nachteile.
Die beiden Staaten Juda und Israel standen zunächst in einem wenig freund-
lichen Verhältnis einander gegenüber. Unsere Kenntnis vom Verlauf der Ge-
schichte der beiden Staaten nach dem Tode Salomos ist freilich sehr lückenhaft.
Wir sind im wesentlichen angewiesen aufdas wenige, das später der Deuterono-
mist aus den "Tagebüchern der Könige von Juda bzw. Israel" in sein Werk auf-
genommen hat, und aufdas, was sich an geschichtlichen Nachrichten entnehmen
läßt aus den verschiedenen Prophetenerzählungen, die in das deuteronomistische
Geschichtswerk einbezogen worden sind. Nun verfolgte der Deuteronomist bei
seinen Auszügen aus jenen "Tagebüchern" keineswegs das Ziel, die Geschichte
der Staaten Juda und Israel im Zusammenhang darzustellen. Schon die "Tage-
bücher" selbst hatten vermutlich das amtliche Annalenmaterial aus den beiden
Staaten unter bestimmten, uns nicht mehr bekannten Gesichtspunkten zusammen-
gefaßt. Der Deuteronomist entnahm nun aus ihnen einmal alles das, was die Auf-
einanderfolge der Könige und damit zusammenhängend die Chronologie betraf;
und für den Staat Israel hat er es im wesentlichen überhaupt dabei bewenden
lassen. Für die judäische Geschichte aber übernahm er darüber hinaus noch die
Mitteilungen, die sich unmittelbar oder mittelbar auf den Tempel von Jerusalem
bezogen; denn das Davidshaus mit der diesem mitgegebenen Verheißung und
Jerusalem als die Stadt Davids und die Stadt des salomonischen Tempels und vor
allem dieser Tempel selbst als das nach dem deuteronomischen Gesetz einzig
legitime Heiligtum Israels waren ihm wichtig. Die Könige beurteilte er nach
ihrer Stellung zur ausschließlichen Legitimität des Jerusalemer Tempels; und
unter diesem Gesichtspunkt mußte er fast über alle Könige mit nur wenigen
Ausnahmen ein negatives Urteil fällen. Die monotone Wiederholung dieser ver-
werfenden Urteile zeigt nur, daß er nicht einmal die einzelnen Königsgestalten
individuell oder etwa gar nach ihrer geschichtlichen Bedeutung charakterisieren
wollte, sondern daß er das Königtum im ganzen als eine wesentliche Ursache des
1 Das alte Vorderasien verband Tier und ~ menschengestaltig vorgestellte - Gottheit nur
eben in dieser Weise (vgl. Greßmann AOB2 Nr.33I.335.338.345.354-356). Eine andere
Deutung des "goldenen Kalbes" bei O. Eißfeldt, ZAW N.F. 17 (1940/41) S.199ff.
214 2·IIIl. Das Nebeneinander der Kleinstaaten Juda und Israel

Abfalls Israels von seinem Gotte darzustellen beabsichtigte. Es ist klar, daß er auf
diese Weise keine Geschichte der Staaten Juda und Israel bieten konnte. Man
muß nur bedenken, daß er das auch gar nicht als seine Aufgabe ansah. Das geht
schon daraus hervor, daß er alle diejenigen, die sich dafür interessierten, was ein
bestimmter König "getan hatte", auf die von ihm selbst als Quellen benutzten
"Tagebücher der Könige von Juda bzw. Israel" verweist. Immerhin gestattet
das wenige, das der Deuteronomist aus seinen Quellen mitteilt, einigermaßen
einen Einblick in den Verlauf der judäischen und israelitischen Geschichte nach
dem Tode Salomos.
Nach dem Tode Salomos herrschte zunächst längere Zeit Feindschaft zwischen
Juda und Israel. Zwar der Versuch Rehabeams, von dem in der Propheten-
erzählung I. Kön. 12,21-24 die Rede ist, sich mit Waffengewalt doch noch des
Königtums im Staate Israel zu bemächtigen, wurde schnell als zwecklos wieder
aufgegeben. Und wenn man in Juda vielleicht auch noch eine Zeitlang an dem
Anspruch der Davididen auch auf das israelitische Königtum festhielt und in
Israel einen Übergriff der judäischen Davididen befürchtete, so hat sich doch
wohl bald die Trennung der beiden Staaten als das nun einmal Gegebene durch-
gesetzt. Wohl aber ging der Streit längere Zeit um den Verlauf der gemeinsamen
Grenze. Es gelang dem Rehabeam, einen Teil des Stammesgebietes von Ben-
jamin, das unter Esbaal, David und Salomo zum Staate Israel gehört hatte, für
Juda zu annektieren. Wie das geschah, wissen wir nicht; vermutlich konnte
Rehabeam diesen Landstrich mit Waffengewalt an Juda bringen und bei Juda
festhalteni. Und das war wichtig für ihn. Denn seine Königsstadt Jerusalem lag
ja - gerade darum hatte sie David einst gewählt (vgl. oben S.175) - genau
zwischen den Staatsgebieten von Juda und Israel. Nach der Trennung beider
kam sie daher an den Rand des Staates Juda und in unmittelbare Grenzberührung
mit dem Staate Israel zu liegen. Die Annexion eines Teiles von Benjamin und
damit das Hinausschieben der gemeinsamen Grenze um ein Stück nach Norden
hin, weg von Jerusalem, bedeutete also den Erwerb eines Vorgeländes für diese
Stadt gegenüber dem Staate Israel und damit eine Sicherung der Königsstadt
gegen plötzliche Angriffe und Überfälle. Hier haben nun offenbar dauernde
kleine Grenzkämpfe stattgefunden. Wenn sowohl für die Zeit der Könige
Rehabeam und Jerobeam (I. Kön. 14,30) wie für die der Könige Asa und
Baesa (I. Kön. 15,16) von dauerndem Krieg zwischen Juda und Israel die
Rede ist, so wird dabei eben an diese Grenzstreitigkeiten zu denken sein 2 • Wahr-
scheinlich hat dabei Juda gegenüber Israel, das nicht mit Unrecht das ganze Ben-
1 Rückschauend stellt die Geschichte vom Propheten Ahia das so dar. daß dem Jerobeam
von Jahwe die Herrschaft über Israel mit Ausnahme eines einzigen Stammes (d.h. Ben-
jamin) zugesprochen wurde (1. Kön. II.31.32.36). V gl. auch .1. Kön. 12.20. wo statt
"Stamm Juda" ursprünglich "Stamm Benjamin" gestanden hat. Das Königtum über Juda.
das selbstverständlich den Davididen verblieb. steht in der Jerobeamgeschichte gar nicht zur
Diskussion.
2 Auch die Grundlage der vom Chronisten ausgestalteten Erzählung von einem Kriege
des Königs Abia von Juda mit Jerobeam in 2. Chr. 13.3-20 gehört in diesen Sachzusam-
rnenhang.
§ 18. Juda und Israel nach dem Tode Salomos 21 5
jamin für sich beanspruchte, im allgemeinen einen Teil des benjaminitischen Vor-
geländes für Jerusalem behaupten können, und nur innerhalb des Gebietes von
Benjamin spielten sich die vermutlich wechselvollen Grenzkämpfe ab. Dafür
spricht der Vorgang, über den der Deuteronomist deswegen genauer berichtet,
weil derTempelschatz von Jerusalem dabei eine Rolle spielte (1. Kön. 15,17-22).
Danach gelang es eines Tages dem israelitischen König Baesa (906/5-883/2
v.Chr.), die mitten im Gebiet von Benjamin gelegene Stadt Rama (heute er-räm)
an der von Norden nach Jerusalem führenden Hauptstraße, 9 km von Jerusalem
entfernt, zu besetzen und mit ihrem Ausbau als israelitischer Grenzfestung zu be-
ginnen. In dieser bedrängten Lage gewann der judäische König Asa durch ein
reiches Geschenk aus dem Tempel- und Palastschatz von Jerusalem den Ara-
mäerkönig von Damaskus dazu, den Staat Israel vom Norden her anzugreifen,
so daß Baesa von seiner Südgrenze abziehen mußte, um seine Nordgrenze zu
verteidigen. Diese Bedrängnis seines israelitischen Gegners benutzte Asa dazu,
um nicht nur Rama seinerseits zu besetzen, sondern auch die judäisch-israelitische
Grenze noch weiter nach Norden zu verlegen und unter Verwendung des von
Baesa für den Festungsbau in Rama bereitgestellten Baumaterials die Städte
Geba und Mizpa als judäische Grenzfestungen gegen Israel auszubauen. Geba
(heute dscheba') lag 3 km östlich von Rama südlich des tief eingeschnittenen nach
Südosten verlaufenden wädi e!-!UWenit, das damit in diesem Abschnitt zur Grenze
zwischen beiden Staaten wurde; und Mizpa ist wahrscheinlich auf dem heutigen
tell en-na!be 4 km nördlich von Rama an der obenerwähnten Hauptstraße zu
suchenl • Die damit festgelegte Grenze ist nun anscheinend von Dauer gewesen;'
denn noch unter demjudäischen König Josia (639-609 v.Chr.) erscheint Geba
als nördliche Grenzstadt von Juda in der Redewendung "von Geba bis Beer-
seba" (2. Kön. 23,8). Ohnehin trat in den Beziehungen zwischen Juda und
Israel bald danach eine Wendung ein, die den anfänglichen Grenzstreitigkeiten
ein Ende machte. Juda blieb auf der Höhe des Gebirges im Bereich der auf der
Wasserscheide entlangführenden Hauptstraße im Besitz eines ansehnlichen Teiles
benjaminitischen Gebietes zum Schutz der Königsstadt Jerusalem2 •
Die israelitischen Könige der Dynastie Omris haben im Zuge einer ziel-
bewußten Politik die kleinen Streitigkeiten mit dem judäischen Nachbarn be-
graben (vgl. unten S.220) und ein gutes Einvernehmen mit ihm gesucht. Die
bestehenden Machtverhältnisse brachten es dabei mit sich, daß der kleinere Staat

1 Die Lage von Mizpa ist lange umstritten gewesen und ist es noch. Doch paßt der Befund
der Ausgrabungen auf dem tell en-nafbe (vgl. C. C. McCown and J. C. Wampler, Tell
en-Nasbeh excavated under the direction ofthe late William Frederic Bade IIII [1947]) in
verschiedener Hinsicht so gut zu dem, was wir über die Geschichte von Mizpa wissen, daß
die Gleichung Mizpa = tell en-na~be mindestens sehr wahrscheinlich ist. V gl. dazu die ausführ-
lichen Erörterungen von A. Alt, ZDPV 69 (1953) S.Ift".
2 Im Jordangraben kam es zu keiner erheblichen Grenzverschiebung;jedenfalls verblieb
hier das Territorium des alten Stadtstaates Jericho beim Staate Israel (vgl. 1. Kön. 16,34).
Im westlichen Hügellande aber konnte Juda einen Geländegewinn gegenüber Israel erzielen.
Die Stadt Ajjalon (heute jälo), einst zu einem der Gaue des Staates Israel gehörig (I.Kön.
4,9), konnte Rehabeam alsjudäische Festung ausbauen (2.Chr. II,10).
216 "./Hr. Das Nebeneinander der Kleinstaaten Juda und Israel

Juda im Gefolge des von tüchtigen Königen geführten Staates Israel erscheint.
Die israelirischen Könige wußten damals gegenüber ihren offenbar unbedeuten-
derenjudäischen Kollegen das Gesetz des Handelns in der Hand ZU behalten. Die
Prophetengeschichte von I. Kön. 22,2-38 zeigt uns den judäischen König als
Bundesgenossen des Königs von Israell bei einem kriegerischen Unternehmen
um den Besitz der Stadt Ramoth in Gilead, das nur für den Staat Israel von un-
mittelbarem Belang war; und im 2. Kön. 9,16ff. finden wir wiederum in einem
Kriege um Ramoth in Gilead den König Ahasja von Juda in der Umgebung des
israelitischen Königs Joram. Auch die geschichtlich recht dunkle und schwer er-
klärbare Prophetenerzählung 2. Kön. 3.4-27 läßt den judäischen König mit
dem israelitischen König 2 vereint handeln in einem Kriege gegen Moab, der in
erster Linie eine Angelegenheit des Staates Israel war, da Moab Grenznachbar
und bisheriger Vasall nur des Staates Israel war. Es kam sogar zu einer Ver-
schwägerung der beiden Königshäuser; der judäische König Joram (852/1 bis
845/4 v.Chr.) heiratete, wahrscheinlich noch als Kronprinz, die Athalja, eine
Tochter des Königs Ahab von Israel (2. Kön.8,26)3, und diese Heirat hatte
natürlich politische Hintergründe.
Mit dem Sturz der Dynastie Omris in Israel ging die politische Verbindung
Judas mit Israel wieder verloren. Ja, es kam damals inJuda zunächst zu einem
Nachspiel der Herrschaft der Omriden, die in Israel gerade beseitigt worden war.
Nachdem der judäische König Ahasja bei der Erhebung Jehus gegen das Haus
Omri als Bundesgenosse des letzten Omriden mit um das Leben gebracht worden
war (2. Kön. 9,27f.), bemächtigte sich in Jerusalem seine Mutter, die soeben
genannte Athalja, eine offenbar sehr herrschsüchtige Frau, des Königsthrones,
indem sie die damals lebenden Mitglieder des Davidshauses töten ließ. Sie hat
dann 6 Jahre lang (845/4-839/8 v.Chr.) eine wahrscheinlich sehr tyrannische
Herrschaft ausgeübt, über die wir Einzelheiten nicht erfahren. Schließlich wurde
sie durch ein geschicktes Spiel, das der Jerusalemer OberpriesterJojada ins
Werk setzte, gestürzt und getötet (vgl. die ausführliche Erzählung 2. Kön. I I).
Man hatte seinerzeit einen Sohn des letzten Königs Ahasja, damals noch ein ganz
kleines Kind, vor der Mordgier der Athalja retten und weiterhin vor ihr ver-
bergen können. Dieser kleine Davidide, Joas mit Namen, wurde nunmehr auf
den Thron seiner Väter gesetzt und damit die legitime Reihe der Davididen fort-
geführt. Fortan standen die Staaten Juda und Israel, soviel wir sehen, ohne
nähere Verbindung miteinander, aber auch ohne Feindschaft einander gegen-
über. Nur einmal kam es zu einem merkwürdigen Zwischenfall. Nach 2. Kön.
14,8-14 hätte eines Tages der judäische König Amazja (800/799-785/4v.Chr.)
1 Im ursprünglichen Bestand der Erzählung waren die Namen dieser Könige nicht ge-
nannt; und es ist nicht ganz sicher, daß die vom Deuteronomisten vorgenommene geschicht-
liche Einordnung in die Regierungszeiten der Könige Josaphat und Ahab sachlich richtig ist.
2 Auch hier gehören die Königsnamen Joram undJosaphat offenbar nicht zum ursprüng-
lic.hen Bestand.
8 An dieser Stelle wird sie eine "Tochter Omris" genannt. Daß damit aber nur ihre Zu-
gehörigkeit zur Dynastie Omris bezeichnet wird und sie in Wirklichkeit eine Tochter Ahabs
war, ergibt sich aus dem folgenden Verse.
§ 19. Kämpfe mit den Nachbarstaaten 2 17

den König Joas von Israel (802/r-787/6 v.Chr.), den Enkel des Dynastiegrün-
ders Jehu, zu einer kriegerischen Kraftprobe herausgefordert. Es kam zu einer
Schlacht bei Beth-Semes (heute tell er-rumele bei' en schems), in der Amazja gründ-
lich unterlag. Die siegreichen Israeliten konnten daraufhin sogar Jerusalem ein-
nehmen, den dortigen Tempel- und Palastschatz plündern (deswegen teilt der
Deuteronomist die Geschichte mit) und einen Teil der Jerusalemer Stadtmauer
niederreißen. Nachhaltige Wirkungen scheint dieser Vorfall, dessen eigentliche
Hintergründe uns dunkel bleiben, nicht gehabt zu haben.
Die Dynastie des Jehu, die zunächst längere Zeit schwer von äußeren Feinden
bedrängt war, hat schließlich doch dem Staate Israel noch eine Zeit einer ge-
wissen Ruhe und Sicherheit bringen können. Unter der langen Regierung des
Königs Jerobeam H. (787/6-747/6 v.Chr.) hatte Israel eine verhältnismäßig gute
Zeit1 • Und Ähnliches bedeutete für Juda die ebenfalls lange Regierung des fast
gleichzeitigen Königs U ssia. Das war der Stand der Dinge, kurz bevor neue und
mächtige Ereignisse die Situation für Juda und Israel völlig veränderten.

§ 19. Kämpfe mit den Nachbarstaaten


Der Zerfall des davidisch-salomonischen Großstaates machte Juda und Israel
zu Kleinstaaten innerhalb der syrisch-palästinischen Staatenwelt ; und sie mußten
sich nUll in vielfachen Auseinandersetzungen mit den anderen Kräften dieser
Welt behaupten.
Es ist begreiflich, daß die veränderte Situation die philister im Südwesten
veranlaßte, sich wieder zu regen. Freilich die frühere Macht der philister war
durch David ein für allemal gebrochen worden, und es kam nur zu allerleiGrenz-
kämpfen, die ohne weitreichende Folgen blieben2 • Schon Rehabeam hat den
kleinen Staat Juda durch ein ganzes System von ausgebauten Festungen ge-
sichert (2.Chr. II,5-ro); und in diesem System fällt die besonders starke Be-
festigung der Westgrenze von Juda aufs. Diese Befestigung konnte sich nur
gegen die benachbarten philister richten. Unter diesen Festungen Rehabeams
nun erscheint überraschenderweise die Stadt Gath; und dabei kann es sich nur
um die bekannte einstige Philisterstadt handeln, deren König zu Davids Zeiten
eine führende Rolle unter den Philisterfürsten gespielt hatte und die noch beim

1 Einen kleinen Einblick in die innere Ordnung in Israel lassen uns die· im Königspalast
von Samaria gefundenen Ostraka tun. Sie sind die ältesten uns bisher bekannten Schrift-
dokumente aus Israel und gehören wahrscheinlich in die Zeit Jerobeams 11. (vgI. W. F.
AI bri ght, Archaeology and the Religion ofIsrael 2 [1946] S.214 Anm.41). Sie gehören zur
königlichen Krongutverwaltung und wurden publiziert von Reisner-Fisher-Lyon,
Harvard Excavations at Samaria (1924) I S.227-246, II PI. 55; vgI. auch WAT S.174 und
Abb.lo und TGI S.50.
2 Zum folgenden vgI. O. Eißfeldt, Israelitisch-phiIistäische Grenzverschiebungen von
David bis auf die Assyrerzeit (ZDPV 66 [1943] S.IIS-I28).
8 VgI. G. Beyer, Das Festungssystem Rehabeams (ZDPV S4 [1931] S.113-134 und bes.
die Kartenskizze S.116).
218 ::I./HI. Das Nebeneinander der Kleinstaaten Juda und Israel

Regierungsantritt Salomos ihre politische Selbständigkeit besaß (vgl.I. Kön.


2,39.40). Wann und wie diese am weitesten landeinwärts gelegene unter den
Philisterstädten 1 zu Juda gekommen war, wissen wir nicht. Sollte hier wirk-
lich Salomo eine Eroberung gemacht haben? Oder sollte es Rehabeam bei dem
Versuch, Juda als selbständigen Staat zu konsolidieren, gelungen sein, diese be-
nachbart gelegene Philisterstadt zu annektieren? Jedenfalls ist es begreiflich, daß
die philister fortan Gath zurückzugewinnen versuchten. Aber noch zur Zeit des
judäischenKönigsJoas (839/8-800/799v.Chr.) war nach 2. Kön. 12,18f.Gath
in judäischen Händen. Damals freilich hat der Aramäerkönig Hasael - offenbar
als Verbündeter der philister, die für sich allein Juda nicht gewachsen waren -
die Stadt Gath erobert und von da aus sogar Jerusalem bedroht, so daß der
judäische König durch einen Tribut aus dem Jerusalemer Tempel- und Palast-
schatz den Abzug Hasaels erkaufen mußte. Vielleicht ging damals Gath dem
Staate Juda wieder verloren 2 ; etwa ein Jahrhundert später finden wir Gath
jedenfalls wieder in philistäischem Besitz.
Der Staat Israel hatte wiederholte Grenzkämpfe mit den philistern bei der
Stadt Gibbethon. Zweimal erfahren wir zufällig, daß der ganze israelitische
Heerbann bei Gibbethon lag (I. Kön. 15,27; 16,15-17). Dieses Gibbethon ist
wahrscheinlich mit dem heutigen tell el-melät zu identifizieren 3 und lag danach'
etwa 4 km westlich der Stadt Geser (tell dschezer) und ebenfalls etwa 4 km östlich
der Philisterstadt Ekron «ä~ir). Der eigentliche Kampf ging also offenbar um
eine dieser beiden Städte; und es bleibt nur fraglich, ob entweder der Staat
Israel das benachbarte Ekron zu annektieren versuchte, so wie Juda die nach-
barliche Philisterstadt Gath annektiert hatte, oder ob die Philister das zu Israel
gehörige Geser bedrohten. Zu einem Erfolg ist es anscheinend in keiner Rich-
rung gekommen, und auch hier blieben die Philisterkämpfe ohne größere Be-
deutung. Gefährlich wurden die philister für Juda wie für Israel in dieser Zeit
überhaupt nur noch, soweit sie mit den viel mächtigeren Aramäern von Damas-
kus Hand in Hand gingen. Wie das für Juda wahrscheinlich zu dem erwähnten
Verlust von Gath führte, so scheint das nach dem Septuagintazusatz zu 2. Kön.
13,22 auch Israel geschadet zu h~ben. Und zwar war es auch in diesem Falle
der König Hasael von Aram, der den Philistern zu Erfolgen verhalf (vgl. auch
Jes·9,II).
Einmal hat von Südwesten her auch eine größere Macht vorübergehend in
die Geschichte von Juda und Israel eingegriffen. Im fünften Jahre des Königs
Rehabeam, also im Jahre 922/1 v.Chr., unternahm der Pharao SchoschenkI., der
als libyscher Söldnerführer die 22. Dynastie in Ägypten begründet hatte, einen
Feldzug nach Palästina, offenbar um die Tradition der großen Pharaonen des
1 Ihre Lage ist nicht ganz sicher zu ermitteln. Am wahrscheinlichsten hat man sie auf dem
tell e~-~ä.fi zu suchen (so zuletzt K. Eiliger, ZDPV 57 [1934] S.148ff. und O. Eißfeldt
a. a. O. S.II9). Anders der Westminster Historical Atlas to the Bibie (1945) S.109.
2 Die Notiz in 2. Chr. 26,6, wonach der judäische König Ussia die Mauern von Gath,
Jabne und Asdod auf einem Feldzug gegen die Philister niedergerissen hat, ist nach Her-
kunft und Bedeutung nicht sicher zu beurteilen.
a Dies hat G. v. Rad, P.TB 29 (1933) S.38ff. vorgeschlagen und begründet.
§ 19. Kämpfe mit den Nachbarstaaten 21 9
Neuen Reiches, die einst zeitweise ganz Palästina-Syrien besessen hatten, damit
wieder aufzunehmen. In 1. Kön. 14,25-28 wird darüber berichtet, daß Reha-
beam damals alle Kostbarkeiten des Tempels und Palastes inJerusalem aufbot,
um dem Pharao einen Tribut zu zahlen. Mit diesem Preis bezahlte er die Ver-
schonung von Juda und Jerusalem. Das geht auch aus der Liste der in Palästina
eroberten Städte hervor, die Schosehenk in Nachahmung ähnlicher Listen ver-
schiedener Pharaonen des Neuen Reiches zur Verherrlichung seines Feldzuges
an einer Wand des großen Amuntempels von karnak in Oberägypten hat an-
bringen lassen!. In dieser Liste fehlen judäische Städte völlig. Dagegen hat
Schosehenk nach seinen Angaben nicht nur den Negeb im Süden Palästinas und
das Gebiet von Edom heimgesucht, sündern vor allem auch das Gebiet des
Staates Israel von seinen Truppen durchziehen lassen. Er ist in die Jesreelebene
gezogen und hat von dort aus in verschiedenen Richtungen seine Truppen vor-
geschickt. In Megiddo, das unter N r. 27 in seiner Liste ausdrücklich genannt wird.
hat er sogar ein Dokument seiner Anwesenheit hinterlassen; bei den dortigen Aus-
grabungen wurde ein kleines Stelenbruchstück gefunden. das seinen Namen in-
schriftlich trägt 2• Ernstliche Folgen hat dieser Schoschenkfeldzug freilich nicht ge-
habt; er ist wohl schnell vorübergegangen, und Ähnliches hat sich in der Folge-
zeit dann nie he wiederholt. Es handelte sich um eine Demonstration und einen
Beutezug. Von da aus wird auch verständlich, daß die Tributleistung Rehabeams
dem Pharao genügte, um ihn zum Verzicht aufeine Plünderung des Staates Juda
zu veranlassen. Daß Schosehenk dabei in die internen Beziehungen der Staaten
Juda und Israel untereinander habe eingreifen und die Partei der einen oder anderen
Seite habe nehmen wollen, ist nach alledem ganz unwahrscheinlich. Das Ziel
seines Feldzuges war einfach das Ägypten nächst benachbarte Stück Vorderasiens.
Sehr viel drohender als die kriegerischen VeFWicklungen auf der Südwestseite
waren für Juda und besonders für Israel die Gefahren, die vom Nordosten her
heraufzogen. Hier wurde das schon zur Zeit Salomos begründete aramäische
Königtum von Damaskus schnell zu einem gefährlichen Gegner und bald
zur stärksten Macht in der palästinisch-syrischen Staatenwelt überhaupt. Es be-
herrschte von Damaskus aus zunächst das alte Stadtstaatengebiet des nördlichen
Ostjordanlandes und war damit entlang dem No-rdostrande des 'adschlün und
dem Ostrande des oberen Jordangrabens der Grenznachbar des Staates Israel.
Es war Herr über die erzreichen be~ä' zwischen Libanon und Antilibanon, über
die einst schon der Aramäerkönig Hadadeser von Zoba geboten hatte (vgl. oben
S. 180), und vereinigte unter seiner Herrschaft gewiß auch die im Inneren Syriens
seßhaft gewordenen Aramäer. Der überraschende Fund einer dem tyrischen Gott
Melkart geweihten und mit einer kurzen aramäischen Inschrift versehenen Stele
des Königs Benhadad 1. in der Gegend des nordsyrischen Alepp0 3 zeigt das
1 Genaueres über diese Liste bei M. N oth, ZDPV 61 (1938) S.277-304.
2 Veröffentlicht bei Cl. S. Fisher , The excavation of Armageddon (Oriental Institute
CommunicationsNq fI929]) Fig.7A.7B.9.
3 Veröffentlicht von M. Dun a n d, Bulletin du Musee de Beyrouth 3 (1939) $.6Sff.; vgl.
auch W. F. Albright, BASOR 87 (1942) S.23ff.
220 2./111. Das Nebeneinander der Kleinstaaten Juda und Israel

Weitreichende und Vielfältige der Beziehungen des Königtums von Damaskus.


Dieser Benhadad, der sich in dem an dieser Stelle allerdings recht verstümmelten
Inschriftentext als Sohn eines Ta brimmon und als Enkel eines Hadian bezeichnet1
und danach Glied einer schon durch einige Generationen hindurch regierenden
Dynastie von "Königen von Ararn" war, muß Verbindungen freundlicher Art
zu den phönikischen Küstenstädten gehabt haben 2 und außerdem bis nach N ord-
syrien Herrscher der Aramäer gewesen sein. Dieser selbe Benhadad I. ist es nun
auch, der uns als erster gefährlicher kriegerischer Gegner des Staates Israel in der
Überlieferung begegnet. Denn er war jener aramäische König, den der König
Asa von Juda zu einem Angriff aufIsrael unter Baesa durch ein reiches Geschenk
veranlaßte (vgl. oben S.2IS). Er hat daraufhin seine Truppen von den von ihm
beherrschten bekä' aus in den obersten Jordangraben einFallen und die israeli-
tischen Städte Ijjon (heute tell dibbin am merdsch 'eijiin), Dan (heute tell el-~ädj)
und Abe1-Beth-Maacha (heute tell äbil) einnehmen und den Ostteil des gali-
läischen Gebirges angreifen lassen (I. Kön. 15,20). Wir erfahren nichts über
den Ausgang dieses Unternehmens, das den König Baesa für den Schutz seiner
Nordgrenze zu sorgen zwang. Ernstliche Absichten auf eine dauernde Inbesitz-
nahme dieses von ihm mit Krieg überzogenen israelitischen Gebietes hatte Ben-
hadad wahrscheinlich nicht, und so ist er vielleicht von selbst wieder abgezogen.
Anders war das im Ostjordanlande, das bald danach als der Hauptschauplatz
der israelitisch-aramäischen Kämpfe erscheint. Hier hatte David einen Teil des
Stadtstaatengebietes nordöstlich des cadschliin dem Staate Israel einverleibt (vgl.
oben S. 177) und Salomo dann zu dem Gau von Ramoth in Gilead zusammen-
gefaßt (vgl. oben S.I9S). Und den Besitz dieser Stadtstaaten beanspruchten
offenbar die Aramäer, da ihnen auch die übrigen Stadtstaaten des nördlichen
Ostjordanlandes gehörten. Jedenfalls war in der Folgezeit die salomonische Gau-
hauptstadt Ramoth in Gileaa (heute tell rämi~ 7 km südlich er-rem!e) 3 wiederholt
von Israeliten und Aramäern umkämpft.
Die israelitischen Könige der Dynastie Omris haben die Abwehr dieser ara-
mäischen Bedrohung zum wesentlichen Gesichtspunkt ihrer Politik gemacht.
Sie beendeten die Grenzstreitigkeiten mit dem Nachbarstaat Juda, und die
judäischen Könige erscheinen nun als ihre Bundesgenossen gerade in den Ara-
mäerkämpfen (vgl. oben S.2I 5 f.). Sie suchten Verbindung mit den phönikischen
Küstenstädten, die um diese Zeit eine große und erfolgreiche Aktivität der Kolo-
nisation im Mittelmeergebiet zu entfalten begannen4 • In diesen Zusammenhang
gehört die Heirat des Kronprinzen Ahab, des Sohnes und Nachfolgers Omris,
mit Isebel, der Tochter des "Sidonierkönigs" Ittobaal von Tyrus 5• Da auchder
1 Vgl. I. Kön. 15,18. "Benhadad" ist die im A.T. übliche Hebraisierung des Namens,
der im Aramäischen "Barhadad" lautet. .
2 Die Grundlage der Beziehungen Benhadads zu dem Gott Melkart von Tyrus, die durch
die Inschrift belegt sind, ist freilich nicht mehr sicher zu ermitteln.
8 Vgl. N. Glueck, AASOR 25-28 (1951) S.96ff.
, Vgl. W. F. Al bri g ht in Studies in the History of Culture (1942) S.4off.
6 In r.Kön. 16,31 ist die Rede von "dem Sidonierkönig Ethbaal", während der Ge-

schichtsschreiber der Phöniker, Menander vonEphesus, nach dem bei Josephus, Antiqu. lud.
§ 19. Kämpfe mit den Nachbarstaaten 221

Aramäerkönig Benhadad die Beziehungen zu den phönikischen Städten pflegte


(s. oben), ist es besonders begreiflich, daß Omri durch diese Verheiratung seines
Sohnes ein festes Band zu den reichen und mächtigen See- und Handelsstädten
herzustellen sich bemühte. Die Ehe Ahabs mit Isebel hat freilich in Israel selbst
einen starken Widerstand hervorgerufen, der in der Überlieferung in der Gestalt
des Propheten Elia verkörpert erscheint. Gewiß pflegte Isehel mit ihrem tyrischen
Gefolge in der Königsstadt Samaria ihren eigenen tyrischen Kult in einem für
diesen Kult errichteten Heiligtum, so wie einst Salomo auf dem Öl berg östlich
von Jerusalem Heiligtümer für die Kulte seiner ausländischen Frauen hatte ein-
richten lassen (vgl. 2. Kön. 23,13). Es handelte sich dabei nicht um offizielle
Staatskulte, und für den König Ahab und den Staat Israel blieb zweifellos Jahwe
der Gott Israelsl • Aber allein die Existenz jenes Fremdkultes mit dem zuge-
hörigen Kultpersonal 2 in Samaria rief die Reaktion der alten stJ;engen Tradition
der israelitischen Stämme wach, für die die strenge Ausschließlichkeit des Jahwe-
dienstes in Israel eine unbedingte Forderung war. Eine schreckliche Dürre in-
folge eines völligen Regenausfalls in einem Jahre 3 sah man als göttliche Strafe
für die Verehrung des "Baal"4 in Israel an 5. Auch die despotischen Anwand-
lungen des Königs Ahab führte man auf den Einfluß der fremden Königin
zurück 6• Hier zeigte sich wieder, wie das Königtum notwendig eigenen "welt-
lichen" Gesetzen folgte und folgen mußte und darum gerade kluge, starke und
ziel bewußte König~ - und die Könige der Dynastie Omris gehörten zu den ge-

VIII 13,2 § 324 Niese erhaltenen Zitat von "dem Tyrierkönig 'loSc:,ßO:Äos" spricht. Der
Name des Königs ist danach im A.T. falsch vokalisiert und lautete IttobaaI. Das Verhält-
nis von "Sidoniern" und "Tyriern" ist wohl so zu bestimmen, daß mit "Sidoniern" aiI-
gemein die Phöniker bezeichnet werden und Ittobaal ein in Tyrus residierender phöni-
kischer König war, über dessen Machtbereich wir nicht genau unterrichtet sind
1 Mit Recht wird darauf hingewiesen, daß alle uns bekannten Kinder Ahabs mit dem
Gottesnamen Jahwe zusammengesetzte Namen tragen.
2 Im A.T. ist öfter von "Baalpropheten" in diesem Zusammenhang die Rede ([I.Kön.
18,19.40;] 2. Kön. 10,19).
8 Auch Menander von Ephesus hat von einer großen 6:ßpoX1o: zur Zeit des Königs Itto-
baal von Tyrus berichtet (bei Josephus a.a.O.), die offenbar eine große und besonders er-
wähnenswerte Katastrophe für Palästina-Syrien gewesen war. Er gibt für sie ausdrücklich
die Dauer von genau einem Jahre an. Wenn nach I.Kön. 18,1 die Regenlosigkeit "im
dritten Jahre" zu Ende ging, so bedeutet das sachlich dasselbe, da hierbei nach der damals
üblichen antedatierenden Zählweise der trockene Sommer des vorhergegangenen normalen
Jahres als "erstes Jahr" gerechnet wird.
'Die Eliageschichten bezeichnen den Gott des fremden Kultes als den "Baal" schlechthin;
konkret handelte es sich dabei um den Staatsgott von Tyrus mit Namen Melkart.
5 Das Gottesurteil auf dem Karmel (I. Kön. 18,17-46) hat mit dem Kampf um den
"Baal"-Kult in Samaria ursprünglich nichts zu tun, sondern handel,t von der Inbesitznahme
eines lokalen Heiligtums durch den Jahwekult; Genaueres darüber bei A. Alt, Festschrift
Georg Beer (1935) S.I-18 = Kleine Schriften zur Geschichte des Volkes Israel II (1953)
S.135-149·
e V gI. die Erzählung vom Weinberg Naboths in I. Kön. 21. Sie spielt in der Stadt
Jesreel (heute zer'in), wo die Omriden Grundbesitz - vielleicht FamiIienbesitz - hatten.
Auch der letzte Omride hielt sich zur Zeit der Erhebung Jehus in Jesreel auf und wurde dort
mit der noch lebenden alten Königin Isebel getötet (2. Kön. !1,15ff.30ff.).
222 2.JIII. Das Nebeneinander der Kleinstaaten Juda und Israel

schichtlich bedeutendsten Gestalten auf dem Thron des Staates Israel - mit dem
eigentlichen Wesen Israels in Konflikt gerieten. Der innere Widerstand hat die
Omriden schließlich zu Fall gebracht. Denn Jehu wurde zum König designiert
offenbar mit derAufgabe, das durch den "Baal" -Kult in Samaria kompromittierte
Haus Omri zu beseitigen. .
Außenpolitisch, und zwar vor allem in den Auseinandersetzungen mit den
Aramäern, haben die Omriden trotz ihrer Anstrengungen im wesentlichen doch
den kürzeren gezogen. Durch das Erstarken der Aramäer war die Situation für
den Staat Israel allzu schwierig geworden. Wir wissen darüber freilich wenig
Sicheres und haben gar keine Möglichkeit, den Verlauf der israelitisch-ara-
mäischen Kämpfe zu verfolgen. Denn aus den "Tagebüchern der Könige von
Israel" hat der Deuteronomist darüber nichts mitgeteilt; und so erfahren wir
etwas über diese Ereignisse nur aus den Prophetenerzählungen von I. Kön. 20
und 22 und aus den größeren Elisageschichten in 2. Kön. 6,8-7,20 und 13,I4ff.
Diese aber hatten ursprünglich keine bestimmten Königsnamen genannt, son-
dern von "dem König von Israel" bzw. "dem König von Juda" gesprochen und
den König von Aram vielleicht nur stereotyp immer "Benhadad" genannt, so
daß eine sichere zeitliche Einordnung und damit eine bestimmte geschichtliche
Deutung des jeweils Erzählten nicht mehr möglich istl • Nur etwas über die allge-
meine Lage läßt sich aus ihnen entnehmen. Danach waren es wechselvolle Kämpfe
gewesen, in denen einmal die Aramäer den Israeliten und dann wieder die Israe-
liten den Aramäern einige Städte - es handelt sich gewiß um Stadtstaaten im
nördlichen Ostjordanlande am Rande des Cadschlün oder des dschölän - abnahmen
(1. Kön. 20,34), in denen einmal die Aramäer in Samaria und dann wieder
die Israeliten in Damaskus sich Handelsrechte erwarben (I.Kön.20,34). Die
Kämpfe spielten sich vorzugsweise im Ostjordanlande ab; Aphek (heute fi~ öst-
lich des Sees von Tiberias) und Ramoth in Gilead (heute tell rämi!) werden ge-
nannt (I. Kön. 20,26.30 [vgl. 2.Kön. 13,17] bzw. 22,3ff.) als Schauplätze der
Auseinandersetzungen. Im großen ganzen aber erscheint Israel als der unter-
legene Teil. Von einem vergeblichen Versuch, das von den Aramäern besetzte
Ramoth in Gilead zurückzugewinnen, und von einer vernichtenden Niederlage
Israels bei Ramoth in Gilead wird in 1. Kön. 22,2-38 erzählt. Von Einfällen .
der Aramäer sogar in das westjordanische Gebirge Ephraim ist in 2. Kön. 6,8 ff.
1 Vgl. dazu A. Jepsen, AfO 14 (1942) S.154ff. Jepsen vermutet als geschichtlichen
Hintergrund dieser Prophetengeschichten sogar erst die Zeit der Dynastie Jehus. Das scheint
mir nicht sicher zu sein; sie werden daher oben auf Grund ihrer Einordnung durch den
Deuteronomisten im Zusammenhang mit der Dynastie Omris behandelt. Wie wenig ver-
läßlich aber in der Tat die jetzige Nennung bestimmter Königsnamen in diesen Geschichten
und ihre Einordnung in dieKönigsbücher ist, geht daraus hervor, daß dieErzählung 1. Kön.
22,2-38 geschichtlich nicht auf den König Ahab bezogen werden kann. G. Hölscher,
Eucharisterion Hermann Gunkel zum 60. Geburtstag I (1923) S.185 hat daraufhingewiesen,
daß die Annalennotiz I. Kön. 22,40a mit einem natürlichen Tode Ahabs rechnet, während
er nach I.Kön. 22,2-38 im Kampfe gefallen wäre (vgl. Jepsen a.a.O. S.155). In der Tat
kommt der Name Ahab in dieser Erzählung nur in Vers 20 vor, und an dieser Stelle ist er
textlich zweifelhaft (vgl. BHK8 z. St.) und vielleicht erst durch die Stellung der Erzählung
im Zusammenhang der Königsbücher veranlaßt.
§ 19. Kämpfe mit den Nachbarstaaten 223
die Rede; und nach 2. Kön. 6,24ff. wäre es sogar gelegentlich zu einer Be·
lagerung der Stadt Samaria durch die Aramäer gekommen. Immerhin konnte
Israel trotz einiger an den Grenzen wahrscheinlich eingetretener Verluste seinen
Besitz den Aramäern gegenüber einigermaßen behaupten. Nach der Erzählung
vom Sturz der Dynastie Omris (2. Kön. 9. IO) hatte der letzte Omride Ramoth
in Gilead wieder in seiner Hand (9, I 4 b), war allerdings· selbst in den Aramäer·
kämpfen verwundet worden (9, I 5).
Wie schwierig und bedrängt die Lage-für Israel durch die Aramäerkriege ge·
worden war, zeigt die Tatsache, daß das seit David dem Staate Israel tribut·
pflichtig gewesene Moab jetzt die Zeit gekommen sah, dieses Vasallitätsver·
hältnis zu lösen. Nach 2. Kön. 3,4.5 stellte nach dem Tode Ahabs der König
Mesa von Moab die Tributzahlung an Israel ein. Ja noch mehr. Moab konnte
sich damals der fruchtbaren Hochebene nördlich des Arnon bemächtigen, die seit
alters zwischen Israel und Moab strittig gewesen war, die unter David und
Salomo zum Gebiet des Staates Israel gehört hatte und die seither im wesent·
lichen beim Staate Israel verblieben war. Wir erfahren das, und zwar mit vielen
Einzelheiten, aus der Inschrift der Stele des Königs Mesa von Moab, die I86S in
dem Orte Dibon (heute dibän) nördlich des Arnon (set el-mädschib) gefunden
wurde l • Danach war das südlichste Stück jener Hochebene mit der Stadt Dibon,
aus der der König Mesa selbst stammte, schon vorher in einem uns unbekannten
geschichtlichen Zusammenhang von den Moabitern besetzt worden. Mesa aber
gelang es, die moabitische Herrschaft bis etwa zur Breite des Nordendes des
Toten Meeres auszudehnen und die israelitischen Siedlungen und die Israel unter-
tanen Städte auf der Hochebene in einem siegreichen Feldzug zu erobern. Die
Mesa-Inschrift nennt den Namen des Königs Omri, der "Moab lange Zeit
unterdrückt" habe (Z.5), und spricht von seinen Söhnen, die ihm als Könige
gefolgt waren, und bemißt "die Regierungszeit Omris und die Hälfte der Re·
gierungszeit seiner Söhne" auf "vierzig Jahre" (Z. 8). Das ist offenbar eine stark
aufgerundete Zahl. Jedenfalls aber fällt danach der siegreiche Feldzug des Mesa
ganz an das Ende der Zeit der Dynastie Omris. Anscheinend hatten die letzten
Omriden in den ostjordanischen Kämpfen starke Mißerfolge.
In die Zeit der Dynastie Omris fällt auch das erste bedrohliche Übergreifen des
neuassyrischen Reiches nach Syrien-Palästina. Damit kündigte sich - zunächst
noch vorübergehend - eine große Wende in der Geschichte von Syrien-Palästina
an. Im 9.Jh. v.Chr. begann erneut ein Aufstieg der assyrischen Macht, der ein
Vordrängen der Assyrer über den Euphrat hinweg zur Mittelmeerküste mit sich
brachte. Schon der assyrische König Assurnasirpal 11. (884-859 v. Chr.) war nach
Nordsyrien vorgestoßen und hatte die Küste erreicht und von einer Reihe phö-
nikischer SeestädteTribut empfangen. Sein Sohn und Nachfolger Salmanassar 111.
1 Abbildung der Stele bei H. Greßmann, AOB2 Nr.I2o; Inschrifttext in hebräischer.
Umschrift bei M. Lidzbarski, Altsemitische Texte I: Kanaanäische Inschriften (1907)
S.5-9 und in TGI S.47-49; deutsche Übersetzung des Textes bei H. Greßmann, AOTI
S.440-442; zur geschichtlichen Interpretation der Einzelheiten vgl. M.N oth, ZAW N.F. 19
(1944) S:42 ff.
224 2./III. Das Nebeneinander der Kleinstaaten Juda und Israel

(859-824 v.Chr.) drängte in mehreren Feldzügen weiter nach dem mittleren


und südlichen Syrien vor. Die kleinen syrisch-palästinischen Staaten waren dieser
großen Macht in gar keiner Weise gewachsen und konnten höchstens versuchen,
gemeinsam mit gesammelter Kraft dem gefährlichen Feind entgegenzutreten.
Und in der Tat haben sie beim ersten Auftreten Salmanassars in Mittelsyrien ein-
mal ihre gegenseitigen Auseinandersetzungen zurückgestellt und sich zu gemein-
samer Abwehr zusammengefunden. Im 6. Jahre Salmanassars, im Jahre 8 53v. Chr.,
kam es zu einer Schlacht Salmanassars gegen eine Koalition syrisch-palästinischer
Fürsten. Salmanassar nennt unter seinen Gegnern außer Hadadeser1 von Damas-
kus und dem König Irhuleni von Hamath2 auch "den Israeliten Ahab" (la-ha-ab-
bu matsir-'-la-ai), der mit 2000 Streitwagen und 10000 Soldaten 3 beteiligt ge-
wesen sei 4 • Die Schlacht fand statt bei der Stadt ~ar~ara im Gebiete von Hamath
(heute chirbet ~er~ur im Orontestal östlich des Nosairiergebirges), also noch in
Nordsyrien, wohin die Verbündeten Salmanassar entgegengezogen waren. Sal-
manassar rühmt sich eines großes Sieges. Jedoch hat dieser Sieg, soviel wir sehen,
keine erheblichen Folgen gehabt; und Salmanassar ist in den folgenden Jahren,
in seinem 10., 1 I. und 14. Jahre, wieder nach Syrien gezogen, um mit "den zwölf
Königen des ..lfatti-Landes" zu kämpfen, unter denen noch gelegentlich die
Könige Hadadeser von Damaskus und Irhuleni von Hamath als die bedeutend-
sten mit Namen ausdrücklich genannt werden. Noch gelang es den vereinten
Bemühungen in Syrien-Palästina, dem Assyrer Widerstand entgegenzusetzen
und sein Vordringen wenigstens aufzuhalten. Die Schlacht von Karkar fällt in
das Ende der Regierungszeit Ahabs (871/0--852/1 v.Chr.). Er nahm an ihr als
Verbündeter des Aramäerkönigs teil. Angesichts der drohenden großen Gefahr
1 Der keilschriftlich mit dAdad-idriwiedergegebene Name kann nur der aUS2. Sam. 8,3ff.
u. ö. bekannte aramäische Königsname Hadadeser sein. Meist identifiziert man diesen dAdad-
id,; mit dem im A.T. oft genannten Benhadad. Aber dazu liegt kein ausreichender Grund
vor, zumal die Propheten geschichten, die den Namen Benhadad enthalten, zeitlich nicht
sicher zu fixieren sind (vgl. Jepsen a.a.O. S.155.158f.). Wenn nach einer Inschrift Sal-
manassars (vgl. unten S.226) dieser dAdad-idri durch Hasael ermordet wurde, während in
2. Kön. 8,7-15 der von Hasael ermordete König Benhadad hieß, so wiegt das nicht schwer,
da der Name Benhadad in 2.Kön. 8,7.9 wahrscheinlich ein Zusatz zu dem ursprünglichen
Ausdruck "der König von Ararn" ist. Benhadad galt in der Weiterüberlieferung der
Prophetengeschichten als aramäischer Königsname schlechthin. Jener aus der Stele von
Aleppo und aus dem Annalenbericht I. Kön. 15,18.20 bekannte Benhadad I. war in-
zwischen gestorben, und Hadadeser (dAdad-idri) war um die Mitte des 9.Jh.s v. Chr.
König von Aram.
S Hamath (heute ~ama) war damals wieder Mittelpunkt eines größeren Staats gebildes im
nördlichen Syrien.
8 So imAnnalenbericht Salmanassars in seiner Monolith-Inschrift, Kol.1I Z.87ff. (deutsche
Übersetzung bei H. Greßmann, AOTs S.340f. sowie TGI S.45f.). Mit Damaskus und
Hamath stellte danach Israel das größte Kontingent zu der gemeinsamen Streitmacht.
Die anderen Verbündeten waren mit wesentlich kleineren Truppenmengen beteiligt;
die israelitische Streitwagenmacht war die bei weitem größte, auch gegenüber Damaskus
und Hamath.
, Vgl. die in der vorigen Anm. angeführte Stelle. Auch in anderen Inschriften spricht
Salmanassar von der Schlacht von Karkar, ohne die verbündeten Gegner im einzelnen auf-
zuzählen (außer Hadadeser von Damaskus und gelegentlich noch Irhuleni von Hamatb).
§ 19. Kämpfe mit den Nachbarstaaten 22S

wurden die israelitisch-aramäischen Auseinandersetzungen, die, gemessen an der


Aufgabe der Abwehr des Assyrers, doch im Grunde nur Grenzkämpfe waren,
zurückgestellt, um gewiß von neuem aufzuleben, nachdem Salmanassar wieder
abgezogen war. Wieweit die Nachfolger Ahabs sich noch an der gemeinsamen
Abwehr der assyrischen Gefahr bei den nächsten Syrienfeldzügen Salmanassars
beteiligten, erfahren wir nicht1• Es ist denkbar, daß nur Ahab großzügig genug
war, die internen syrisch-palästinischen Auseinandersetzungen hintanzustellen
und dem Aramäerkönig gegen Salmanassar zu folgen, daß aber seine Nachfolger
sich wieder ganz der Behauptung gegenüber den unmittelbaren Nachbarn zu-
wandten. Zwischen den verschiedenen Syrienfeldzügen Salmanassars und im
Augenblick eines Krieges mit den Aramäern nahm schließlich die Herrschaft des
Hauses Omri beim Auftreten des zum König designierten Jehu ein wenig rühm-
liches Ende (845/4 v.Chr.).
Jehu erhob sich gegen die Dynastie Omris und deren "Baal"-Kult in Samaria
im Namen der alten Tradition Israels. Er gab sich als einen Verfechter der reinen
Jahweverehrung. Nach 2. Kön. 10,ISff. stand er bei seinem Auftreten inVer-
bindung mit Jonadab, dem Oberhaupt des Ordens der Rekabiter, der in seiner
Lebensweise das "nomadische Ideal" verwirklichte (vgl. Jer. 35,1-19) und
damit gegen das Kulturlandleben mit seinen auch kultischen Einflüssen prote-
stierte und die Aufgabe Israels im Festhalten an einer für ursprünglich und
somit allein echt gehaltenen Lebensform sah. Im "Eifer für Jahwe" (2. Kön.
10,16) hat Jehu die "Baal"-Kultstätte in Samaria beseitigt (2.Kön. 10,18-28).
Gleichwohl war auch das Königtum Jehus eine "weltliche" Einrichtung,
und auch er mußte nach "weltlichen" Motiven handeln. Bei allem "Eifer
für Jahwe" hat Jehu zugleich die Machtposition des Königtums für sich
usurpiert; und der Prophet Hosea hat ein Jahrhundert später die Ausrottung
des Hauses Omris durch Jehu für eine auf der Dynastie Jehus lastende "Blut-
schuld" erklärt, die Jahwe noch einfordern werde (Hos. 1,4). Nach der Losung,
mit der Jehu aufgetreten war, mußte er die politische Linie der Omri-Zeit ver-
lassen. Er hat die Verbindung mit den phönikischen Städten aufgegeben, die
eben zu jenem "Baal"-Kult in Samaria geführt hatte. Er hat auch die be-
sonderen Beziehungen zum Staate Juda fallen lassen, da nunmehr der Staat Israel
nicht mehr stark genug war, um die Gefolgschaft Judas weiterhin festzuhalten.
Er hat anscheinend überhaupt auf außenpolitische Aktivität verzichtet. Als
Salmanassar in seinem 18.Jahre (841 v.Chr.) zum vierten Male in Syrien er-
schien, hat Jehu sich offenbar nicht mehr an irgendeinem Versuch des Wider-
standes beteiligt, sondern ebenso wie die phönikischen Städte dem assyrischen
Großkönig seinen Tribut bezahlt. Auf dem in der assyrischen Königsstadt
Kala~ (heute tell nimrüd) gefundenen Basaltobelisken Salmanassars (dem soge-
nannten schwarzen Obelisken}1I ist auch die Überbringung des Tributes Jehus
1 Wenn Salmanassar stereotyp immer wieder von "zwölf" syrisch-palästinischen Königen
redet, so ist das eine fest geprägte Redewendung und beweist nicht, daß er sich auf allen Feld-
zügen stets von neuem ganz der gleichen Koalition von Feinden gegenübersah.
a Vgl. die Abbildungen bei H. Greßmann, AOBs Nr.I2I-I2S.
226 2./111. Das Nebeneinander de.r Kleinstaaten Juda und Israel

dargestellt, und in der Beischrift dazu wird sein Name ausdrücklich genannt
(ia-u-a mar ~u-um-ri-i)l.
Die Isolierung Israels lieferte diesen Staat erst recht den Angriffen der Aramäer
aus; und in Damaskus saß jetzt Hasael auf dem Königsthron, der bald ein be-
sonders gefährlicher Gegner Israels wurde. Zunächst war er freilich noch" durch
die notwendige Abwehr der Assyrer in Anspruch genommen. Salmanassar nennt
für sein 14.Jahr (845 v.Chr.) zum letzten Male dAdad-idri s und für sein 18.Jahr
(841 v.Chr.) zum ersten Male lfaza'-ilu (Hasael)s. Jehu und Hasael mögen also
etwa gleichzeitig den Thron bestiegen haben, beide als Usurpatoren 4.Nach
2. Kön. 8,7-15 hat Hasael den "König von Aram" in Damaskus ermordet und
sich selbst auf den Thron gesetzt; und auch Salmanassar teilt in der Inschrift
seiner großen in der Stadt Assur gefundenen Basaltstatue Ii mit, daß dAdad-idri
ermordet worden sei und "Hasael, der Sohn eines Niemand"6, sich auf den
Thron gesetzt habe (Vorderseite Z. 25-27)7. Die Syrienfeldzüge Salmanassars
in seinem 18. und 21.Jahre (841 bzw. 838 v.Chr.) richteten sich vor allem gegen
Damaskus. 841 v.Chr. ist Salmanassar bis zur Stadt Damaskus selbst vorgerückt
und hat sie eine Zeitlang eingeschlossen, ohne sie freilich zu erobern. Er ist dann
durch das Stadtstaatengebiet des nördlichen Ostjordanlandes bis zum Hauran-
Gebirge (sadü mälha-u-ra-ni). dem heutigen dschebel ed-druz, gezogen, also durch
das Kerngebiet &$ aramäischen .Staates. Weiter zog er dann bis zum Gebirge
Ba'lira'si, "das am Ufer des Meeres liegt" 8. Das ist das Vorgebirge am nahr el-
kelb nordöstlich von berut; und hier hat er neben den alten Reliefbildern des
Pharaos Ramses H. sein eigenes Reliefbild am Felsen oberhalb der Küstenstraße
angebracht, das noch heute als ein Zeichen der neu aufkommenden assyrischen
Macht zu sehen ist, die nunmehr den Besitz von Syrien-Palästina, auf den einst
die Pharaonen des Neuen Reiches stolz gewesen waren, beanspruchte 9. Diese
1 Das bedeutet wörtlich "Jehu vom Haus Omris". Mit "Haus Omris" bezeichnet Sal-
manassar den Staat Israel, nachdem ihm Israel zum ersten Male (853 v. Chr.) unter der Herr-
schaft der Omriden entgegengetreten war. Daß Jehu das Haus Omris gestürzt und eine neue
Dynastie begründet hatte, war den Assyrern anscheinend unbekannt geblieben. Den Tribut
Jehus im 18.Jahre Salmanassars erwähnt auch ein Annalenauszug Salmanassars (vgl. Greß-
mann, AOTz S.343 und TGI S.47).
I Stierinschrift Salmanassars Z.IOO (Greßmann a.a.O. S.342).
8 Obeliskinschrift Z.97f. u.a. (Greßmann a.a.O. S.343).
'So werden Hasael undJehu nebeneinander und parallel zueinander in I. Kön. 19,15-17
genannt.
6 Vgl. die Bearbeitung dieser Inschrift von E. Michel, WO I 2 (1947) S.57-63.
• Gemeint ist mit diesem Ausdruck die Tatsache, daß er ein Usurpator, vielleicht sogar
seiner Herkunft nach ein Unfreier war. Nach 2. Kön. 8,13 hätte der Prophet Elisa ihm im
Namen Jahwes sein künftiges Königtum zugesagt (I. Kön. 19,15 wird dasselbe dem Elia
aufgetragen) und ihn dadurch zur Ermordung seines Vorgängers veranlaßt.
7 Deutsche Übersetzung des in Frage kommenden Ausschnitts aus der Inschrift der
Basaltstatue bei H. Greßmann, AOTZ S.344.
8 Vgl. den Annalenauszug zum 18. Jahre Salmanassars (E. Michel, WO 14 [1949]
S.265ff.; Greßmann a.a.O. S.343) Z.I4-23.
8 Vgl. die Abbildungen bei H. Greßmann, AOBI Nr.I46.147. Der assyrische König auf
dem Relief am nahr el-kelb ist wahrscheinlich nicht Assarhaddon, wie man früher annahm,
§ 19. Kämpfe mit den Nachbarstaaten 227
Bedrängnis des Königs Hasael durch Salmanassar bedeutete für Israel in den
Anfangsjahren Jehus zweifellos ein Nachlassen des aramäischen Druckes. Und
von nun an war die Lage in Syrien-Palästina bereits im wesentlichen bestimmt
durch das Verhalten der Assyrer.
Im Jahre 838 v. Chr. ist, soviel wir wissen, Salmanassar zum letzten Male nach
Syrien gezogen und hat einige Städte im "Lande Damaskus" erobertl • Dann hat
er auf weitere Eingriffe in Syrien verzichtet, ohne daß er auf seinen verschie-
denen Syrienfeldzügen im mittleren und südlichen Syrien schon wirklich festen
Fuß gefaßt hatte. Und auch nach ihm ist Assyrien zunächst nicht mehr in Syrien
aktiv aufgetreten. Das gab Hasael die Möglichkeit, nunmehr die aramäische
Macht wieder zu festigen und zu entfalten und erneut den Staat Israel die ara-
mäische überlegenheit fühlen zu lassen. Die Zeit der ersten Könige aus dem
Hause Jehus scheint für Israel die schwerste Bedrängnis seitens der Aramäer ge-
bracht zu haben. Hasael gilt der alttestamentlichen überlieferung als ein beson-
ders gefährlicher, gefürchteter und erfolgreicher Gegner (vgI.2.Kön. 8,11.12).
Leider sind uns Einzelheiten über diese Kämpfe gar nicht überliefert2• Wenn
jedoch der Prophet Amos rückblickend davon spricht, daß die Aramäer das Land
Gilead, d.h. das ephraimitisch-manassitische Siedlungsgebiet östlich des Jordans,
grausam verheert haben (Am. 1,3), dann kann er wohl nur an diese Zeit des
letzten Drittels des 9. Jh.s v. Chr. gedacht haben. Dadurch wurden auch andere
Gegner erneut zu Angriffen ermuntert. Hasael unterstützte die philister in ihren
Auseinandersetzungen mit den Staaten Israel und Juda (vgl. oben S.218); und
wiederum bezieht sich die Anspielung des Amos auf kriegerische Erfolge der
philister (Am. 1,6) wahrscheinlich auf die Zeit Hasaels. Auch die Ammoniter
haben damals wieder die bedrängte Lage Israels zu Einfällen in das Land Gilead
ausgenutzt. Nach Am. 1,13 haben sie überaus grausam unter der Bewohner-
schaft dieses Landes gemordet. Es wird sich dabei um das südlich des Jabbok ge-
legene Gilead handeln, das sie seit alters beanspruchten und in dem sie jetzt "ihr
Gebiet erweitern wollten" (Am. 1,13).
Eine Wendung dieser Lage kam schließlich wieder von seiten der Assyrer.
Der assyrische König Adadnirari III. zog in seinem s.Jahre (800 v.Chr.) gegen
Damaskus und nahm damit die Tradition Salmanassars III. wieder auf. Er schloß
den aramäischen König 3 in Damaskus ein und zwang ihn zur Unterwerfung und
Tributzahlung'. Damit scheint die Macht des Aramäerstaates gebrochen worden

sondern Salmanassar, der a. a. O. ausdrücklich sagt, daß er am Berge Ba'Ura'si ein Königs-
bildnis von sich aufgestellt habe.
1 Vgl. Obeliskinschrift Z. 102ff. (Greßmann a.a.O. S.343).
I Es müßte denn sein, daß einige Propheten geschichten sich ursprünglich auf diese Zeit
bezogen (vgl. oben S.222 Anm. I). Der Deuteronomist macht in 2. Kön. 10,32.33; 13,3 ff.
nur einige allgemeine Bemerkungen.
8 Adadnirari nennt diesen König ma-ri-'; das ist jedoch wahrscheinlich kein Name, son-
dern das aramäische Wort "Herr", mit dem etwa der König angeredet zu werden pflegte.
Ob damals Hasael noch König war, ist zweifelhaft.
, Vgl. die Inschrift auf einer Reliefstele Adadniraris III., in deutscher Übersetzung bei
Greßmann a.a.O. S.345.
228 2.jIII. Das Nebeneinander der Kleinstaaten Juda und Israel

zu sein. Im mittleren Syrien beobachten wir im 8. Jh. v. Chr. eine stärkereMacht-


entfaltung des Königtums von Hamath (bama) auf Kosten der Herrschaft von
Damaskusl ; und für den Staat Israel kam nun eine Zeit des Wiederauflebens 2•
Der Niedergang von Damaskus war die notwendige Voraussetzung für die Er-
folge Jerobeams II. (78716-747/6 v. Chr.), von dem in 2. Kön. 14,25 sum-
marisch mitgeteilt wird, daß er "das Gebiet von Israel wiederhergestellt habe
von Lebo-Hamath bis zum Steppenmeer (= Toten Meer)". Damit ist die
Wiederherstellung der israelitischen Ostgrenze in ihrer ganzen Ausdehnung vom
Norden nach Süden gemeint. Danach konnteJerobeamII. wohl die israelitischen
Gebietsansprüche gegenüber den Aramäern wieder durchsetzen und etwa die
Grenze der davidisch-salomonischen Zeit, die einen Streifen des Stadtstaaten-
gebietes im nördlichen Ostjordanlande mit Ramoth in Gilead einschloß, er-
neuern. Vielleicht konnte er auch die Ammoniter, falls sie sich etwa im Lande
Gilead festgesetzt hatten, in ihre Grenzen zurückweisen. Unklar bleibt, was der
Ausdruck "bis zum Steppenmeer" in 2.Kön. 14,25 besagen soll. Hier handelt
es sich um die Grenze gegen Moab. Konnte Jerobeam, wenn auch die Moabiter
die bedrängte Lage Israels zu weiteren Annexionen ausgenutzt haben sollten, die
israelitisch-moabitische Grenze der Mesa-Zeit in der Breite des Nordendes des
Toten Meeres wieder erreichen? 3 Oder gelang es ihm sogar, das Land bis zum
Arnbn wieder in Besitz zu nehmen?
Da auch die Assyrer, nachdem sie die Macht von Damaskus gebrochen hatten,
zunächst nicht mehr ernstlich in Syrien erschienen, erlebte der Staat Israel in der
ersten Hälfte des 8.Jh.s v.Chr. noch eine gewisse Blütezeit, an der auch der Staat
Juda teilnahm. Letzten Endes freilich wurde diese Blütezeit dem Eingreifen der
Assyrer gegen Damaskus verdankt. Und so stand die große assyrische Macht
doch unheimlich im Hintergrunde, auch wenn man in Israel und Juda sich der
um 800 v.Chr. eingetretenen Wendung der Dinge freute und in einer Zeit er-
neuten Aufstiegs zu leben glaubte.

1 Vgl. M. Noth, PJB 33 (1937) S.47ff.


2 Von dieser Wendung ist 2. Kön. 13,22-25 die Rede (vgl. 2. Kön. 13,4.5); sie wird
hier freilich nur mit dem Übergang des Königtums von Hasael auf dessen Sohn (dieser führte
den überlieferten aramäischen Königsnamen Benhadad und war nach unserer Kenntnis der
zweite seines Namens) in Zusammenhang gebracht.
3 Die Formulierung von 2. Kön. 14,25 spricht vielleicht für diese Annahme.
DRITTERTEIL

Hroel unter tier Herdcboft oltorientolHcbet Gro~mocbte

I.KAPITEL

Die Zeit l:Iet affyrUctJen unl:l neubabylonifctJen HeufctJaft

§ 20. Die neue Lage und ihre Bedeutung für Israel


Im Jahre 745 v.ehr., also etwa um die Zeit, als in Juda und Israel die langen
und glücklichen Regierungszeiten der Könige Ussia und Jerobeam H. mit deren
Tode zu Ende gingen!, bestieg in Assyrien Tiglatpileser IH. den Thron. Dieser
war nicht nur selbst ein rastloser und erfolgreicher Feldherr und Eroberer, son-
dern er eröffnete zugleich eine ununterbrochene Reihe großer Krieger auf dem
Thron von Assyrien, die das neuassyrische Reich schnell auf den Höhepunkt
seiner Macht führten und ein altorientalisches Weltreich schufen, das erstmalig
fast das gesamte Gebiet des alten Orients unter seiner starken Hand vereinigte.
Der sichere Besitz von Syrien-Palästina war eine wesentliche Voraussetzung für
diese Weltreichsbildung. Denn für eine im Zweistromlande sitzende Macht war
Syrien-Palästina nicht nur an sich selbst ein wertvolles Objekt im Blick auf
seinen Reichtum an dem im alten Orient seltenen und kostbaren Holz und auch
an Erzen und auf seine lange Küste zu dem verkehrsreichen Mittelmeer hin,
sondern zugleich das Durchgangsland einerseits nach dem südöstlichen Klein-
asien und andrerseits na.ch Ägypten. So hat denn sogleich Tiglatpileser entschei-
dende Schritte getan zur Einverleibung wesentlicher Teile von Syrien-Palästina
in das assyrische Weltreich und zur Errichtung einer assyrischen Oberherrschaft
über ganz Syrien-Palästina und ist damit wesentlich hinausgegangen über die
Taten assyrischeI Könige im 9. Jahrhundert, die sich im wesentlichen mit Tribut-
zahlungen der von ihnen besiegten syrisch-palästinischen Könige begnügten.
Die Assyrer kamen von Norden her in das. Land, und so wurde zunächst Nord-
syrien von der Eroberung betroffen. Aber rapid griff diese Eroberung in dem für
den assyrischen Gesichtskreis nicht eben sehr großen Lande Syrien-Palästina
weiter nach Süden aus, und schon Tiglatpileser hat das mittlere und südliche
Syrien-Palästina in seine Eroberungsfeldzüge einbezogen. Angesichts der Größe
dieses Geschehens hatte ganz Syrien-Palästina im wesentlichen ein gemeinsames
1 Nach Begrich a.a.O. S.I55 wären beide Könige im Jahre 747/6v.Chr. gestorben.
Das ist nicht bis aufs Jahr genau sicher, aber mit einer Fehlermöglichkeit von nur wenigen
Jahren zutreffend.
230 3./1. Die Zeit der assyrischen und neubabylonischen Herrschaft

Geschick. Eine außerhalb des Landes sitzende Großmacht hatte die Fäden dieses
Geschicks in der Hand; und nachdem einmal die Assyrer des Landes sich be-
mächtigt hatten, blieb fortan seine Geschichte im wesentlichen bestimmt durch
das Spiel wechselnd aufeinanderfolgender, sich bekämpfender und besiegender
auswärtiger Großmächte; und diese Großmächte waren zu sehr überlegen, als
daß man in Syrien-Palästina mit eigenen Kräften ernstlich und aufdie Dauer dem
Willen dieser Großmächte hätte widerstreben können.
Von diesem Geschick war auch Israel in den beiden Staaten Juda und Israel
mitbetroffen, zumal nachdem die Staatenbildung Israel aufs engste in die Ge-
schichte der syrisch-palästinischen K.leinstaatenwelt einbezogen hatte. Die Zeit
einer politisch selbständigen Existenz ging nunmehr für Israel zu Ende; und bis
zum Ende seiner Geschichte ist Israel fortan - von einer kurzen Episode abge-
sehen - von fremden Großmächten abhängig gewesen. Das war zwar nicht
grundsätzlich eine neue Situation. Denn auch bisher war die Geschichte Israels
ein Stück allgemeiner Geschichte gewesen, injedemAugenblick bestimmt durch
die geschichtliche Gesamtsituation und ständig und völlig abhängig von ge-
schichtlichen Voraussetzungen, die weitreichende Zusammenhänge hatten. Aber
die Geschichte Israels war doch inmitten ihrer Welt ihren eigenen Weg ge-
gangen und hatte in der davidisch-salomonischen Zeit einen Höhepunkt eigener
Bedeutung erreicht. Und wenn sie auch danach in das Spiel der syrisch-palästi-
nischen Auseinandersetzungen hineingezogen worden war, in dem andere und
teilweise stärkere Kräfte hervortraten, so war es doch für die auf dem Boden
Israels entstandenen Staaten immer noch möglich gewesen, sich in diesem Spiel
mit mehr oder weniger Erfolg zu behaupten. Jetzt aber wurde Israel einem
mächtigen Geschehen ausgeliefert, demgegenüber sich alle Versuche der Ab-
wehr immer wieder schnell als vergeblich erwiesen, dessen Ausmaße weit über
den eigenen Bereich hinausgingen, indem das große Ganze von Syrien-Palästina
ihm unterworfen, ja die ganze innerhalb des Gesichtskreises liegende altorien-
talische Welt davon ergriffen wurde, und das sich bald erwies nicht als ein
vorübergehender Sturm, sondern als eine Wendung der Geschichte, die von
Dauer war. Israel erfuhr jetzt zusammen mit den anderen syrisch-palästinischen
Staaten, was Weltgeschichte - im Rahmen seines begrenzten Gesichtskreises -
war; und es konnte diese Weltgeschichte nur noch erleiden. Gerade dieses Er-
leiden aber vermittelte ein sachgemäßes Erfassen dessen, was Weltgeschichte ist.
Der naive Gedanke, daß die Weltgeschichte nur eine mächtige Erweiterung
der eigenen Geschichte sei und sich um die eigeqe Geschichte herum bewege,
konnte nicht wohl aufkommen. Die Weltgeschichte erwies sich im konkreten
und höchst brutalen Geschehen als eine Bewegung, die über das eigene Leben
hinwegging und in deren mächtigem Gang das eigene Sein nur eine geringe
Kraft darstellte.
Man muß sich einmal klarmachen, was das für den Gottesglauben Israels be-
deutete. Es war eine alte Vorstellung, daß sich der Gott Israels in der Führung
und Erhaltung seines Volkes mächtig erwies. Er hatte einst mit seiner wirksamen
Hilfe die Stämme im Kulturlande seßhaft werden lassen und ihnen !n den
§ 20. Die neue Lage und ihre Bedeutung für Israel 23 1
Kämpfen um die Behauptung im Lande beigestanden. Er war "mit David" ge-
wesen auf dem Wege zur Begründung eines glänzenden Großstaates und hatte
ihm den dauernden Bestand seines Königtums und seiner Dynastie zugesagt.
Man hatte von ihm längst ausgesagt, daß er die ganze Welt geschaffen habe und
beherrsche und daß er innerhalb dieser Welt der Völker, von der man sich seit
der davidisch-salomonischen Zeit mit ihren weitreichenden Beziehungen einiger-
maßen eine Vorstellung machen konnte, mit Israel etwas Besonderes vorhabe1 •
Die herkömmliche und auch sonst weitver breitete Vorstellung konnte das jetzt
beginnende Geschehen kaum anders verstehen, als daß der Gott Israels ebenso
wie die Götter der benachbarten Völker und Staaten nunmehr den Göttern des
siegreichen Assyrers unterliege, die sich als noch mächtiger zu erweisen schienen
und in deren Namen und Auftrag die erobernden assyrischen Könige, wie sie in
ihren Inschriften feierlich versichern, zu Felde zogen. Und es wird auch in
Israel viele gegeben haben, die so dachten, die erwarteten, daß ihr Gott Israel
doch noch durch ein Wunder "retten" müsses, um seine Macht zu erweisen, und
die dann durch den tatsächlichen Gang der Dinge immer wieder enttäuscht
wurden.
In dieser Situation erhob sich nun in Israel eine Stimme, die das Geschehen
anders erklärte. Wir haben es hier mit der ganz einzigartigen geschichtlichen
Erscheinung der sogenannten "klassischen Prophetie" des A.T. zutun, die um
die Mitte des 8. Jh.s v. Chr. begann, also genau zu der Zeit, in der jene Wendung
in der Geschichte Israels und seiner ganzen Welt eintrat, und die eben zum ge-
schichtlichen Geschehen das Wort nahm. Die Benennung "Prophet", die im
Griechischen den Verkünder von göttlichen Orakelsprüchen und damit eine in
der religionsgeschichtlichen welt weitverbreitete Erscheinung bezeichnet, dient
ebenso wie das hebräische Wort R~;l~, das anfangs von Ekstatikern und dann
von "macht"-begabten Gottesmännern, wie sie ebenfalls vielfach in der Völker-
welt zu finden sind, gebraucht zu werden pflegte, nur aushilfsweise zur Charak-
terisierung dessen, was wir in der klassischen "Prophetie" vor uns haben. Hier
handelt es sich um Männer, die als Boten Gottes 8 vor die Öffentlichkeit traten
und den Anspruch erhoben, als Verkünder einer Botschaft von Gott, die sie in
der Form von Botensprüchen vorbrachten, gehört zu werden. Und der Inhalt
dieser Botschaft war der, daß das jetzt anhebende und weiter ablaufende welt-
geschichtliche Geschehen ein großes Gottesgericht sei, und zwar ein Gericht
gerade des Gottes, in dessen Namen sie sprachen, des Gottes Israels. In der Tat-
sache, daß Israel dieses Geschehen über sich ergehen lassen und erleiden mußte,
erwies sich der Gott Israels als Gott nicht eines Stämmebundes oder eines Volkes

1 So etwa hatte es der Jahwist (vgl. oben 5.203) gesagt.


I Solche Erwartungen sind uns auch im A.T. überliefert; vgl. Jer. 28,1 ff. u.a.
8 Die Gestalt eines Gottesboten, der göttliche Anweisungen zu überbringen hat, ist im
Bereich der Mari-Texte (vgl. oben 5.25) bekannt gewesen (vgl. M. Not h, Geschichte und
Gotteswort im Alten Testament [Bonner Akademische Reden 3 (1949)] S.9ff.; W. v. So-
den, WO 15 [1950] S.397ff.); doch der Inhalt dieser Gottesbotschaften hat es nicht mit
den großen Ereignissen der Geschichte zu tun gehabt.
232 3./1. Die Zeit der assyrischen und neubabylonischen Herrschaft

oder eines Staatswesens, neben dem es die Götter anderer Stämmebünde, Völker
und Staaten hätte geben können und müssen, sondern als der Herr der Welt, der
über der ganzen Menschengeschichte stand. Und von da aus trat die Geschichte
wiederum nicht mehr als Volksgeschichte oder Staatsgeschichte in Erscheinung,
sondern als Weltgeschichte, in der das Handeln Gottes es mit der welt der Men-
schen zu tun hat, gleichgültig wie weit der Gesichtskreis der "Welt" in jener
bestimmten Zeit und Situation reichte. Sie haben erstmalig das Geschehen ihrer
Zeit von Gott aus universal geschichtlich verstanden, nicht in einem Rückblick
einen vergangenen Geschichtsverlauf zusammenfassend gedeutet oder in einer
vagen Zukunftsperspektive ein künftiges allgemeines Geschehen vorausgesagt,
sondern in den Ereignissen ihrer Gegenwart den Anfang eines planvollen Han-
delns ihres Gottes erkannt.
Wir kennen zu dieser Erscheinung der "Prophetie" kein wirkliches Gegen-
stück aus der Geschichte der Menschheit. Uns ist vor allem nichts Ähnliches aus
der Welt der Nachbarvölker Israels bekannt, obwohl doch das Geschehen, um
das es sich handelt, keineswegs nur Israel, sondern ganz in derselben Weise und
mit denselben Folgen die gesamte syrisch-palästinische welt betraf, wie die
"Propheten" selbst verschiedentlich sagen (vgl. Am. I,3ff. u.a.). Diese Boten-
stimme erhob sich nur in Israel; sie erhob sich mit der Mitte des 8. Jh.s v. Chr. und
dann weiterhin jeweils in den Zeiten neuer großer geschichtlicher Bewegungen
und Wendungen. Ja noch mehr. Die "Propheten" erklärten ganz eindeutig, daß
es mit allem, was geschah, zunächst auf das kleine Israel abgesehen sei; und sie
riefen das in Israel aus, damit Israel wisse, woran es sei. Es sei jetzt die Absicht
Gottes, ein vernichtendes Gericht an dem gegenwärtigen Bestand Israels zu voll-
ziehen wegen der nicht mehr wiedergutzumachenden Untreue und des Unge-
horsams dieses Volkes. Sie haben es gewagt zu erklären, daß für diese Absicht
die ganze altorientalische Weltgeschichte von Gott aufgeboten werde. Für diese
Absicht wurde der mächtige König von Assyrien ein Werkzeug in der Hand
Gottes {Jes. 10,5), wurde später der neubabylonische König Nebukadnezar ein
"Knecht" Gottes {Jer.27,6) und dann der Perserkönig Kyros ein "Gesalbter"
Gottes {Jes.2I-5,I). Sie haben damit gewagt zu erklären, daß das historisch so
unbedeutende Israel in dem Geschehen jener Zeit doch die Mitte der Weltge-
schichte sei, zwar nicht als eine geschichtlich führendeMacht, aber als der Gegen-
stand des Gerichtes Gottes als des Herrn der Welt, nicht als der sichtbar hervor-
tretende Angelpunkt der geschichtlichen Bewegungen, aber als das heimliche
Zentrum dessen, was da geschah, daß also hier das "Unhistorische" inmitten der
Geschichte wirksam sei. Sie konnten das alles nur sagen auf Grund der V oraus-
setzung, daß Gott seit jeher Israel in der Geschichte begegnet sei und daß Israel
auch noch in Zukunft Gott zur Verwirklichung seiner universalen Absicht dienen
solle.
Was die "Propheten" seit der Mitte des 8.Jh.sv.Chr. angekündigt hatten, daß
nämlich der überkommene Bestand Israels nunmehr durch die geschichtlichen
Ereignisse zerschlagen werden solle, das hat der Verlauf der Geschichte in der
folgenden Zeit ziemlich schnell Wirklichkeit werden lassen.
§ 21. Die Unterwerfung durch die Assyrer 233

§ 21. Die Unterwerfung durch die Assyrer


Für Tiglatpileser (assyrisch: Tukulti-apil-Esarra) III., der 745-727 v.Chr. in
Assyrien regierte, war die Unterwerfung von Syrien-:Palästina eines seiner Ziele.
Leider sind die Allnalen dieses Königs uns nur schlecht und lückenhaft erhalten,
so daß nicht mehr alle Einzelheiten seiner Feldzüge uns deutlich sind. Aber die
wesentlichen Ereignisse sind uns bekannt. Im Jahre 740 v.Chr. begann er mit
der Eroberung von Nordsyrien und mit der Begründung von assyrischen Reichs-
provinzen auf syrischem Boden. Im Jahre 738 v.Chr. warf er das seit dem
Niedergang von Damaskus mächtig. gewordene nord- und mittdsyrische
Staatsgebilde von Hamath (bama) nieder, verwandelte große Teile davon in
assyrische Provinzen und ließ nur noch einen Restbestand als abhängigen Klein-
staat übrig. Damals haben unter dem Eindruck seines Sieges die meisten anderen
syrischen Staaten einschließlich verschiedener phönikischer Küstenstädte sowie
eine Reihe kleinasiatischer Staaten ihm Tribut gezahlt!. Unter den tributzahlen-
den Königen nennt er auch "Rezon von Damaskus" (Ra§unnu tnärDimas~ai)2
und "Menahem von Samaria" (Mini~imme aluS amerinai)3. Im Staate Israel war
inzwischen die Dynastie Jehus gestürzt worden. Nach der Ermordung des letzten
Königs aus dem Hause Jehus (2. Kön. 15,10) war es zu Thronwirren gekom-
men, aus denen schließlich Menahem als Usurpator hervorging, der sich dann
für eine Reihe von Jahren als König auf dem Throne des Staates Israel halten
konnte. Von seiner Tributzahlung an Tiglatpileser ist auch in 2. Kön. 15, 19 f. 4
die Rede. Danach hat er 1000 Silbertalente gezahlt und diese Summe so aufge-
bracht, daß er sie aufdie heerbannpflichtigen freien Grundbesitzer in seinem Staate
umlegte 6. Von dieser Zahlung versprach er sich nach Vers 19 b zugleich eine
Festigung des von ihm usurpierten Königtums, das sich in dieser Zeit der Königs-
morde und Thronstreitigkeiten im Staate Israel gewiß nur gegen Widerstände
durchsetzen konnte; und in derTat mag Tiglatpileser gewünscht haben, daß die
Könige, die sich ihm freiwillig unterworfen hatten, aufihren Thronen verblieben.
1 Annalen Z.lsoff., deutsch bei H. Greßmann, AOT2 S.346; die in Frage kommenden
Abschnitte der assyrischen Königsinschriften in englischer Übersetzung auch ANET S.282 ff.
a Das ist der in 2.Kön. 15,37; 16,5 f.; Jes. 7,1 ff. u.a. genannte Rezin, dessen Name im
A.T. nicht ganz korrekt vokalisiert ist. Die richtige Lesung Rezon wird auch in der, Septua-
gintatranskription vorausgesetzt.
3 Der Staat Juda scheint noch abseits der Ereignisse gestanden zu haben. Allerdings be-
richtet Tiglatpileser in Annalen Z. I03 ff., daß er 738 v. Chr. einen Azrijau von ]audi unter-
worfen und zur Tributleistung gezwungen habe. Der an dieser Stelle sehr fragmentarische
Annalentext scheint zu sagen, daß dieser Azrijau damals die Seele des Widerstandes gegen
Tiglatpileser gewesen sei. Es fällt schwer, diesen Azrijau von]audinicht mit Asarja = Ussia
von Juda gleichzusetzen. Daß (entgegen der Chronologie von Be grich) Ussia von Juda
noch mit Menahem von Israel gleichzeitig gewesen sei, wird in 2.Kön. 15,17.23 aus-
drücklich gesagt. Es ist freilich sehr schwierig, eine solche Rolle des kleinen und ganz im
Süden gelegenen Juda in den Ereignissen von 738 v.Chr. geschichtlich zu begreifen.
, Tiglatpileser IH. wird hier mit seinem babylonischen Thronnamen Phul genannt.
6. Die hier genannten Zahlen ergeben eine Summe von 60000 solcher Grundbeshzer in
Israel.
234 3·/I. Die Zeit der assyrischen und neubabylonischen Herrschaft

Aber Tiglatpileser blieb bei dem Erfolg von 738 v.Chr, nicht lange stehen. Für
734 v.Chr. meldet das assyrische Eponymenverzeichnis1 als das wesentliche Er-
eignis des Jahres einen Feldzug "nach Philistäa"2.Danach war Tiglatpileser bis an
das entfernteste Südwestende von Syrien-Palästina gezogen. Wir erfahren über
diesen Feldzug einiges Wenige aus einem Bruchstück der AnnalenTiglatpilesers,
das jüngst bei den Ausgrabungen in der assyrischen Königsstadt Kala~ (tell nimr'üd)
gefunden worden ist 3 • Danach hat damals der assyrische König, nachdem er an der
mittelsyrischen Küste einen Sieg erfochten hatte, sich zunächst mit Waffengewalt
den Weg durch das Ge biet des Staates Israel gebahnt, das mit seinen westlichen
Teilen bis in die palästinische Küstenebene reichte, durch die die Assyrer südwärts
zogen, und vielleicht bereits diesen Teil des Staates Israel mit Rücksicht aufseine
verkehrsgeographische\Vichtigkeit besetzt 4 ; er hat dann weiter die Unterwerfung
des philisterstaates von Gaza, von der auch Tiglatpilesers "Kleine Inschrift"
N r. 1 5 in Z. 8 ff. handelt, vollzogen, nachdem der KönigHanun von Gaza, umsich
nicht freiwillig unterwerfen zu müssen, nach Ägypten geflohen war und seine
Stadt der Eroberung durch die Assyrer preisgegeben hatte, und schließlich am
"Bach Ägyptens" (heute wiidi el-Camch), d.h. an der äußersten Südwestgrenze
Asiens, einen Stützpunkt errichtet. Er hat dadurch den syrisch-palästinischen
Kleinstaaten von vornherein die Verbindung mit Ägypten abschneiden wollen.
Wahrscheinlich haben damals die Kleinstaaten im Südteil von Syrien-Palästina,
die von den Ereignissen noch nicht unmittelbar betroffen waren-und dazu müßte
auch der Staat Juda gehört haben -durchTributzahlungdieassyrischeOberhoheit
anerkennen müssen. Binnen wenigerJahre also warTiglatpileser durch das gesamte
Syrien-Palästina gezogen, hatte überall Schrecken vor der assyrischen Übermacht
verbreitet und, soweit er die eroberten Gebiete nicht unmittelbar in assyrische
Provinzen verwandelte, sich von den Königen im Lande Tribut zahlen lassen.
Angesichts dessen scheint man für das folgende Jahr 733 v.Chr. im mittleren
und südlichen Syrien-Palästina noch einmal den Versuch eines gemeinsamen
Widerstandes geplant zu haben; und dabei hat ein letztes Mal noch Damaskus
eine führende Rolle gespielt. In diesen geschichtlichen Zusammenhang gehört
wahrscheinlich der sogenannte syrisch-ephraimitische Kriege, von dem wir im
1 Dieses Verzeichnis, in zahlreichen Teilen und Exemplaren erhalten, führt nach Jahren in
zeitlicher Folge die hohen Reichsbeamten auf, nach denen innerhalbjeder Königsregierung
in einer bestimmten Reihenfolge die Jahre benannt zu werden pflegten, und macht von der
Mitte des 9. Jahrhunderts ab kurze stichwortartigeBemerkungen über dieFeldzügeu.a. der ein-
zeinen Jahre; vgl.A.Un gnad, Eponymen (Reallexikon der Assyriologie 11 [1938]S.412ff.).
2 Vgl. A. Ungnad a.a.O. S.431 und D. D. Lucken bill , Ancient Records of Assyria
and Babylonia II (I927) S. 427ff., speziell S.436.
S Veröffentlicht von D.J. Wiseman, Iraq 13 (1951) S.21ff. PLXI.
'Zu dieser Deutung der schlecht erhaltenen Zeilen 10ff. des Bruchstücks vgl.A.Alt,
Tiglathpilesers In. erster Feldzug nach Palästina (Kleine Schriften zur Geschichte des
Volkes Israel 11 [1953] S.150-162).
6 In deutscher Übersetzung bei Greßmann a.a.O. S. 347f.; TGI S.52f.
6 Diese herkömmliche Bezeichnung beruht darauf, daß Luther den Namen Aram immer
mit "Syrien" wiedergibt und daß der Staat Israel bei den zeitgenössischen Propheten (vgl.
bes. Jes. 7,1 ff.) vielfach nach seinem Kerngebiet "Ephraim" genannt wurde.
§ 21. Die Unterwerfung durch die N,syrer 235
A.T. hören. Nach 2.Kön. 15,37; 16,5 und Jes. 7,df. wurde damals Jerusa-
lem von den vereinigt