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Paul Celan

Drüben

Erst jenseits der Kastanien ist die Welt.


Von dort kommt nachts ein Wind im Wolkenwagen und irgendwer steht auf
daher.
Den will er über die Kastanien tragen:
„Bei mir ist Engelsüß ein roter Fingerhut bei mir –“
Erst jenseits der Kastanien ist die Welt…»

Dann zirp ich leise, wie es Heimchen tun, dann halt ich ihn, dann muß er
sich verwehren:
ihm legt sich mein Ruf ums Gelenk!
Den Wind hör ich in vielen Nächten wiederkehren:
«Bei mir flammt Ferne, bei dir ist es eng…» Dann zirp ich leise, wie es Heimchen tun.

Doch wenn die Nacht sich auch heut nicht erhellt und wiederkommt der Wind im Wolkenwagen:
«Bei mir ist Engelsüß und roter Fingerhut bei mir!» Und will ihn über die Kastanien tragen – dann
halt, dann halt ich ihn nicht hier …

Erst jenseits der Kastanien ist die Welt.

Ob die Interpretation von Gedichten Paul Celans auch heute noch Bestandteil des Deutsch-
Unterrichts in den gymnasialen Oberstufen ist, weiß ich nicht. Werden überhaupt noch Gedichte
gelesen in den Schulen…? „Die Todesfuge“ von Celan gehörte jedenfalls für die Siebziger-,
Achtzigerjahre des vergangenen Jahrhunderts zu denjenigen Texten, die man als Schüler im
Westen Deutschlands gelesen haben musste: „Schwarze Milch der Frühe wir trinken sie
abends/wir trinken sie mittags und morgens wir trinken sie nachts / wir trinken und trinken/ wir
schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng…“.

Es sind Wörter, von denen sein französischer Freund Edmond Jabès einmal gesagt hat, die wie
„Steine von schwermütigen Geistern auf den Marmor nicht existenter Gräber gelegt sind; auf
Erden ist aller Schmerz der Welt“. Als Jugendlicher liest man diese dunkle, schmerzensreiche Lyrik
nicht unbedingt sehr gerne. Aber die Geschichte Deutschland und Europas, von der Celan so tief
geprägt ist, ist nun mal nicht frei von den dunklen Farben der Gewalt und Vernichtung.

Es gibt aber auch einen anderen Celan, dessen Gedichte zwar nicht gerade leicht und
unbeschwert von der Geschichte daherkommen, aber doch einen anderen nicht schwermütigen
Ton anschlagen. „Drüben“, geschrieben um 1940, gehört zu jenen Gedichten Celans, in denen
noch eine Welt aufscheint, in der es anders sein könnte, in der es noch ein „Morgen“ gibt. Oder wie
es im „Prinzip Hoffnung“ von Ernst Bloch heißt: „In Geschichte und Welt sind nicht alle
Möglichkeiten des Anderswerden, Besserwerdens erschöpft“.

Für Paul Celan war es allerdings das letzte Mal, dass er diesen Traum von einem besseren Leben,
von einer anderen Welt „jenseits der Kastanien“ in Worte zu fassen vermochte. 1940 wurde die
nördliche Bukowina, die Heimat Celans, von sowjetischen, später dann von rumänischen und
deutschen Truppen besetzt. Celans Eltern starben in den Lagern. Auch er selber wurde in
verschiedenen Arbeitslagern inhaftiert, überlebte die Haft jedoch im Gegensatz zu seinen Eltern.
Er übersiedelte nach Bukarest und konnte dann nach Kriegsende über Ungarn nach Wien, später
nach Paris fliehen. Hier entstand auch ein Großteil seines lyrischen Werks, in dessen Zentrum die
Erinnerung an den durch die Gewaltgeschichte der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts
entstandenen „Schmerz der Welt“ stand.
Celans Gedichte waren aber nicht immer von einem Ton grenzenloser Schwermut getragen. Da
gab es auch, manchmal nur am Horizont erahnbar, noch eine „Welt jenseits“ des leidüberhäuften
Heute: „Doch wenn die Nacht sich auch heut nicht erhellt/und wiederkommt der Wind im
Wolkenwagen:/«Bei mir ist Engelsüß und roter Fingerhut bei mir!»/ Und will ihn über die Kastanien
tragen – / dann halt, dann halt ich ihn nicht hier … / Erst jenseits der Kastanien ist die Welt.“ Zwei
Jahrzehnte nach „Drüben“ nimmt Paul Celan dann diese vorsichtig formulierte Hoffnung auf ein
anderes Leben, eine andere Welt wieder auf: „Fadensonnen/ über der grauschwarzen Ödnis./ Ein
baum –/hoher Gedanke/greift sich den Lichtton: es sind/ noch Lieder zu singen jenseits/ der
Menschen.“

P.S. Auf eine kleine Anthologie mit deutschsprachiger Dichtung aus der Bukowina ist noch
hinzuweisen, dem das „Kastanien-Gedicht“ von Celan entnommen wurde. Klaus Werner hat das
wunderbar gestaltete Buch herausgegeben unter dem Titel „Fäden ins Nichts gespannt“. Wenn
heute in einem anderen historischen Kontext wieder häufig von der Ukraine gesprochen wird, ist
die Erinnerung an die Gewaltgeschichte der Grenzregion zwischen der Ukraine und Rumänien
vielleicht sogar wieder aktuell…

Carl Wilhelm Macke

Das Gedicht ist erschienen in: Klaus Werner: Fäden ins Nichts gespannt. Insel Verlag,
Frankfurt am Main, 1991. Foto Celan: Public Domain. Quelle.
Nachsatz zur Reihe “Weltlyrik”: Die fast tägliche Konfrontation mit Nachrichten von verfolgten,
inhaftierten oder hingerichteten Journalisten lässt gleichzeitig auch den Wunsch nach
anderen Bildern und einer anderen Sprache wachsen. Immer wieder erfährt man auch von
Journalisten, die nicht nur über das Dunkle und Böse in der Welt recherchieren, sondern
auch Gedichte schreiben. Wie heißt es in einem Gedicht von Georgos Seferis „Nur ein
Weniges noch/ und wir werden die Mandeln blühen sehen…“ (www.journalistenhelfen.org).