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Ausarbeitung im Modul: Handlungstheorie

an der Technischen Universität Berlin

Dozent: Prof. Dr. Thomas Gil

Sommersemester 2018

Literaturwahl:

Die Rationalität des Handelns


Kapitel: „Handlungen und Ereignisse“
von Thomas Gil, München 2003

Name: Tolga Subasigüller

Matrikelnummer:

E- Mail:

Studiengang: Wirtschaftsingenieurwesen (Master) in der Vertiefung Maschinenbau


Menschliche Handlungen sind in unserer Gesellschaft unverzichtbar, um ein erfülltes Leben
zu führen. Dabei spielen sie in fast allen Gebieten der Philosophie eine essenzielle Rolle. Die
Art und Weise, wie Handlungen vollzogen werden, sind äußerst unterschiedlich. Wir
vollziehen sie erst nach langem Nachdenken oder spontan. Sie können uns dabei entweder
schwer oder einfach fallen, indem wir sie unbewusst oder gezielt und nach langem
Nachdenken vollziehen. Handlungen werden von Menschen in jeder Lebenslage durchgeführt,
wodurch sie allgegenwärtig sind. Sie können Bewunderung oder auch Entsetzen auslösen und
ziehen Lob und Tadel nach sich, wodurch wir ohne sie weder unsere Ziele realisieren oder
miteinander kommunizieren, noch die Welt beeinflussen könnten. Es liegt somit ganz klar auf
der Hand, dass menschliche Handlungen unverzichtbar sind, denn ohne sie wäre ein Leben
nicht lebenswert!
Wenn ich morgens zu meinem Fahrradständer gehe, um mein Fahrrad abzuschließen, um
damit zur Uni zu fahren und plötzlich sehe, dass mein Fahrrad geklaut wurde, ärgere ich mich
über den Verlust meines Fahrrads. Direkt im Anschluss gehen einem verschiedene
Fragestellungen durch den Kopf: Wer war es? Was war die Absicht? War die Auswahl
willkürlich mein Fahrrad zu stehlen oder wurde ich gezielt ausgesucht? Wer tut so etwas
überhaupt? Wenn ich dann feststelle, dass nicht nur mein Fahrrad, sondern auch das meines
Nachbarn geklaut wurde, bricht natürlich nochmal großes entsetzen aus. Das Leid wird dabei
mit dem Mitleidenden geteilt. Es scheint ein geplanter Akt der Diebe zu sein, die sich den
Verlust eines Gutes einer Person zu Nutze machen. Nun kommt eine weitere Bewertung hinzu:
Wir schreiben dieser anderen Person die Verantwortung für den entstandenen Verlust zu und
tadeln sein Verhalten. Dasselbe gilt bei einem Schaden an meinem Fahrrad, der durch einen
anderen Fahrradfahrer, beispielsweise beim Anschließen des Fahrrads an den Fahrradständer
entsteht. Falls sich der Schadensverursacher, ohne die Polizei zu informieren, einfach vom Ort
des Geschehens entfernt hat, empören wir uns vermutlich noch mehr und machen dem
Verursacher moralische Vorwürfe. Spätestens dann, wenn ich erfahre, dass eine andere
Person mein Fahrrad gezielt und vorsätzlich beschädigt hat, um mich zu ärgern oder einfach
nur einen Schaden bzw. Leid zuzufügen, werte ich diese Handlung stark negativ.

Alltägliche und häufig vorkommende Episoden in unserer ethischen Praxis sind die
Zuschreibung von Verantwortung für unsere Handlungen, ihre Bewertung in Form von Lob
oder Tadel, das Einfordern von Begründungen - „Warum hast Du das getan?“ - und die Kritik
an solchen Begründungen - „Das rechtfertigt aber dein Verhalten noch lange nicht!“. Ähnliches
gilt für unser Vorbringen von Entschuldigungen oder Begründungen, mit denen wir auf Kritik
an unserer Handlung reagieren. Diese Begründungen oder Entschuldigen werden manchmal
akzeptiert jedoch auch manchmal zurückgewiesen. Die moralischen Vorwürfe lassen sich
ausräumen oder bleiben im Raum stehen. All dies tritt nicht nur in Ausnahmesituationen auf,
sondern passiert ganz alltäglich und häufig unspektakulär. Man stelle sich vor, jemand
drängelt sich in der Schlange am Supermarkt vor mich. Da fragt man sich im ersten Moment:
Warum macht diese Person so etwas? Hat sie es bewusst oder unbewusst gemacht? Spielt
dies überhaupt eine Rolle, da ein Drängler so oder so unhöflich und unaufmerksam ist? Ich
mache die Person auf sein Fehlverhalten aufmerksam, worauf diese mir nur patzig antwortet
„Hab’s eilig!“. Ein anderes Beispiel wäre, wenn ich die Entscheidung meiner Freundin im
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Restaurant nicht respektiere, dass sie nichts trinken möchte und dennoch beim Kellner etwas
zu trinken für sie bestelle. Weil ich ganz genau wüsste, dass wenn sie dann durstig ist sie von
meinem Glas trinken würde. Die Liste der Beispiele ließe sich beliebig weiterführen. Für unsere
Zwecke ist aber erst einmal nur wichtig festzuhalten, dass die ethische Bewertung von
Handlungen allgegenwärtig ist und sich nicht nur auf ausgezeichnete, möglicherweise
besonders schwerwiegende, gravierende oder tragische Handlungen bezieht. Dies zu
erkennen ist wichtig, weil gerade die Beschäftigung mit der philosophischen Ethik den
Eindruck erwecken kann, diese beschäftige sich ausschließlich mit Extremsituationen, wie
beispielsweise Katastrophen oder Verbrechen.

Der Charakter des Handelnden wird dann bewertet, wenn wir uns über eine an sich vielleicht
nicht gravierende Bemerkung deshalb aufregen, weil wir sie als Ausdruck der Missgunst
werten, die beispielsweise ein Freund permanent an den Tag legt. Da reicht dann eine
Kleinigkeit, die dann zum Tropfen führt, welches das Fass zum Überlaufen bringt. In anderen
Fällen ist es die Handlung selbst. Wenn mich früh morgens das laute Geräusch der Baustelle
nervt, die die Straße neu pflastern und die Bäume auf der Straße absägen, dann bewerte ich
damit das Handlungsereignis selbst, auch wenn es sich dabei im angeführten Fall nicht um
eine ethische Bewertung handelt.

Oftmals zielen wir auf die Absicht des Handelnden mit unserer ethischen Bewertung ab.
Besonders sichtbar ist es in den Fällen in denen die Handlung scheitert. Wenn mir
beispielsweise jemand helfen möchte, mein Bett zu reparieren, und dann ausversehen mein
Bett noch viel mehr Schaden nimmt als es vorher hatte, dann werde ich die Absicht, mir zu
helfen, anders bewerten als die Folgen dieses Hilfsversuchs. Ob der Versuch, einen Patienten
mit einer riskanten Operation am Leben zu erhalten, gelingt oder scheitert, wird für die
moralische Bewertung der Vorgänge vermutlich einen wichtigen Unterschied machen. Oft
weisen die ethischen Bewertungen dieser verschiedenen Aspekte (Charakter des Handelnden,
Absicht, Handlung an sich und Handlungsfolgen) in die gleiche Richtung. Erfahrungsgemäß
laufen gelegentlich diese Bewertungen gegeneinander. Ein Beispiel hierfür ist, wenn wir die
Absicht einer Handlung als moralisch richtig, die Handlungsfolgen, die sich aus ihr ergeben
haben, jedoch als moralisch schlecht bewerten. In manchen Situationen fällt es uns leicht,
zwischen dem tugendhaften oder guten Charakter eines Handelnden und der moralischen
Qualität einzelner seiner Handlungen zu unterscheiden. Beispielsweise in der Situation, wenn
wir uns wundern, dass ein eigentlich gutmütiger Freund in einer konkreten Situation zornig
und verletzt agiert. Manchmal umschreiben oder entschuldigen wir dieses Verhalten damit,
dass jemand in dieser Situation „nicht ganz er selbst“ gewesen war oder einfach einen
schlechten Tag gehabt hat. Damit ist ein weiterer, für unsere ethische Praxis zentraler Aspekt
menschlichen Handelns benannt: Die Folgen unserer Handlungen sind nicht nur das, was wir
sehr häufig mit unseren Handlungen bezwecken, sie stehen auch in ganz vielen Kontexten im
Fokus unserer ethischen Bewertung.

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Handlungen stellen also unbestreitbar einen wesentlichen, teilweise sogar den zentralen
Fokus unserer ethischen Praxis dar. Ihre Zusammenhänge werden immer komplexer, wenn
wir die jeweilige Situation genauer durchleuchten, uns in die Thematik vertiefen und seine
Aussagen hinterfragen. Es gibt viele verschiedene Faktoren, die bei der Interpretation von
Handlungen eine Rolle spielen und herangezogen werden können, z.B.:

 Generelle Rahmenbedingungen, in der die jeweilige Handlung stattfindet


 Äußere Einflüsse, die eventuell einen Einfluss auf die handelnde Person wirken
 Momentane Verfassung des Handelnden
 Innere Werte und Einstellungen des Handelnden
 Intention des Handelnden
 Die Handlung an sich
 Folgen der Handlung

Je vertrauter, alltäglicher und allgegenwärtiger ein Phänomen ist, desto weniger gewinnt es
unsere Aufmerksamkeit. Diese Aussage stammt aus der Philosophie, welche hervorhebt, dass
es in der Philosophie nicht anders als lebensweltlichen Kontexten ist. Viele Ereignisse in der
Welt werden als Wunder betrachtet, sodass man sie mit Staunen betrachten. Unsere Fähigkeit
des Handels jedoch, wird von jedem als selbstverständlich angesehen. Die philosophische
Betrachtung von komplexen Fragen ist in der Praxis Gang und Gebe. Die Betrachtung des
Handelns als philosophische Fragestellung zu betrachten, fällt einem jedoch nur spät ein. Dies
liegt vor allem daran, da das Handeln selbst als selbstverständlich und normal angesehen wird.
Nach einer gewissen Denkzeit, wird einem auch klar, dass Handlungen nichts „Normales“ sind,
sondern auch hinterfragt werden müssen. Stellt man sich nun der Thematisierung des Begriffs
des Handelns und betreibt man damit die philosophische Handlungstheorie, erkennt man
schnell, dass dieses Thema komplizierter und verzweigter ist, als man es sich vorgestellt hat.

In der Betrachtung der Reichweite von Verantwortung für unser Handeln oder nach den
Möglichkeiten sowie Grenzen menschlicher Autonomie, entstehen viele Problemfelder, mit
denen wir uns befassen müssen: Hierzu fallen die praktischen Aussagen wie, dass wir mehr
oder weniger Verantwortung für unser Handeln zeigen müssen. Auch steht in Betrachtung das
Vorbringen und Akzeptieren von Entschuldigungen und das verzweigte Zusammenspiel von
Verantwortung und Verursachung. Diese Betrachtungsweisen, werfen dem Individuum viele
Fragen auf. Die menschliche Freiheit ist fast immer situativ, kontextuell eingebunden und auf
vielfache Weise beschränkt. Ein prominentes Beispiel hierfür ist die Datenschutzaffäre. Hier
entsteht eine Abwägung zwischen den Interessen des Individuums, der Selbstbestimmung
und dem des Staates, welches möglichst vollständig und langfristig die Kommunikationsdaten
seiner Bürger bzw. Kunden speichern möchte, um möglichst viel über diese zu erfahren. Man
muss sich immer zu Augen führen, dass das menschliche Handeln stets endlich ist. Unabhängig
davon, wieviel Wissen wir uns im Laufe unseres Lebens angeeignet haben, bleiben unsere
Handlungen im Rahmen unserer Fähigkeiten begrenzt. Alle möglichen Wirkungen unseres
Handelns zu durchleuchten, wird wohl immer an der Komplexität der Handlungssituation und
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der vielfältigen Verzweigung und Möglichkeiten der kausalen Folgen unserer Handlungen
scheitern. Wie weit wollen oder sollen wir uns die kausalen Wirkungen unseres Kaufverhaltens
als ethisch verantwortlich zurechnen? Welche ethische Bewertung ist angesichts unseres
Reiseverhaltens und dessen Auswirkungen auf das Ökosystem angemessen bzw. inwiefern
müssen unsere modernen Transportsysteme sich den ökologischen Herausforderungen
stellen, sodass unsere Lebensqualität nicht eingeschränkt wird? Wer ist eigentlich ethisch
verantwortlich, wenn autonom fahrende Fahrzeuge sich in einer kritischen Situation
„entscheiden“, nicht das Kind, welches auf der Straße spielt anzufahren, sondern stattdessen
auf den Bürgersteig ausweicht und den alten Mann anfährt, der gerade seinem Hund Gassi
führt und damit einem Leben mehr Wert zugeschrieben wird als einem anderen?

Das angemessene Verständnis des rationalen Handelns führt zu Konsequenzen, wenn die
Betrachtungsweise, dass Handlungen ihren „Sinn“ aus einem situationsübergreifenden
Handlungszusammenhang gewinnen, herangezogen wird. Besonders fraglich finde ich die
These, dass Handlungen in rationale und irrationale Aktionen unterteilt werden. Dabei wird
begründet, dass rationale Handlungen vorüberlegt sind und im Gegenzug dazu irrationale
Handlungen intuitiv und aus dem Bauch heraus entschieden werden, weil diese beispielsweise
durch Routinehandlungen sich in das Verhalten des Menschen eingeprägt haben. Fraglich ist
hierbei beispielsweise die Handlung eines Fußgängers, welcher ohne zuvor nachzudenken und
insbesondere ohne vorangegangenen Entscheidungsprozess bei einer roten Ampel stehen
bleibt, obwohl weit und breit kein Auto in Sicht ist. Ist die Handlung des Fußgängers in diesem
Fall als rational oder irrational anzusehen? Grundsätzlich ist zu betrachten, dass der Fußgänger
eine gewisse Erziehung genossen hat, in dem ihm beigebracht wurde bei einer roten Ampel
stehen zu bleiben, auch wenn kein Auto in der Nähe ist. Gründe hierfür könnten sein, dass ein
Zivilpolizist in der Nähe sein könnte, der das Vorhaben des Fußgängers beim Überqueren der
Straße bei einer roten Ampel betrachtet und der Fußgänger dadurch sein Führerschein
verlieren könnte. Somit ist die Intention des Fußgängers keine Strafe zu erhalten und somit
bei „rot“ stehen zu bleiben. Alternativ ist es auch möglich, dass Kinder sich in der Nähe des
Fußgängers aufhalten und der Fußgänger kein schlechtes Beispiel für die Kinder sein möchte.
Somit ist sein Verhalten ein Zeichen der Erziehung und er gilt als Vorbild für die Kinder. Das
Beispiel des Fußgängers zeigt auf, dass Menschen unterschiedliche Ansichten darüber haben,
ob eine Handlung rational oder irrational beurteilt werden kann.

Die Ansichten der Handlungen haben einen sehr verzweigten und komplizierten Charakter,
sodass eine einzige Aussage über das Verhalten des Menschen gänzlich unmöglich ist. Eine
weitere These besagt, dass die Beurteilung, ob eine Handlung rational oder irrational
stattfinden sich im Laufe der Zeit ändern kann. Hierzu wird einem erst beim Durchführen der
Handlung klar, welche genauen Auswirkungen und Folgen aus der Handlung resultieren.
Abhängig dieser Folgen und Auswirkungen macht sich die Person Gedanken darüber, ob seine
getätigte Handlung ein Akt des unüberlegten Handelns zu einer irrationalen Entscheidung
führt oder ob sie sich ein gut durchdachter und komplizierter Zweck hinter seinem Handeln
steht.