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Feb 11, 2017

So ist es geschehen

Uri Avnery, 11.2.2017

NACH MEINEM letzten Artikel, in dem ich erwähnte, dass die Araber nach der
Teilungsresolution der UN den 1948er-Krieg begonnen haben, erhielt ich mehrere
wütende Briefe.

Die Schreiber, (von denen ich vermute, dass sie erst nach diesen Ereignissen geboren
wurden), klagen die Zionisten an, den Krieg begonnen zu haben, um die arabische
Bevölkerung zu vertreiben.

Da ich an diesen Geschehnissen teil genommen habe – ich war damals 24 Jahre alt –
habe ich das Gefühl, sagen zu müssen, was wirklich geschah – so wahrhaftig wie
möglich. (Ich habe zwei Bücher darüber geschrieben, eines während des Krieges, eines
direkt danach.)

UM DIE Atmosphäre im Land direkt vor dem Krieg zu beschreiben, lasst mich eine der
großen Momente meines Lebens erzählen.

Im Spätsommer 1947 fand ein Volkstanz-Festival in einem natürlichen Amphie-Theater in


den Carmel-Bergen statt. Etwa 40 Tausend junge Männer und Frauen waren versammelt –
eine sehr große Zahl, da unsere totale Bevölkerung aus etwa 635 000 Personen bestand.

Zu jener Zeit begann eine Kommission der Vereinten Nationen (UNSCOP) im Land
herumzureisen, um eine Lösung für den jüdisch-arabischen Konflikt zu finden.

Wir schauten uns die Tanzgruppen an - unter ihnen war auch eine aus einem benachbarten
arabischen Dorf, die die Debka mit solcher Begeisterung tanzte, dass sie nicht Schluss
machen konnte – als die Lautsprecher verkündigten, dass Mitglieder der UN-Kommission
dabei waren, uns zu besuchen.

Spontan standen die Tausenden von jungen Männern und Frauen auf und stimmten die
National-Hymne mit solcher Kraft an, dass das Echo von den Bergen rings um uns
wiederhallten.

Es war das letzte Mal, dass meine Generation versammelt war. Innerhalb eines Jahres waren
Tausende von den damals Anwesenden tot.

DER EMPFEHLUNG jener Kommission nach, beschloss die General-Versammlung der UN


am 29. November 1947 die Teilung Palästinas zwischen einem jüdischen und einem
arabischen Staat - mit Jerusalem als einer separaten Einheit - unter internationaler Herrschaft.
Obwohl das Gebiet, das dem jüdischen Staat zugewiesen wurde, klein war, realisierte die
jüdische Bevölkerung die immense Bedeutung der Eigenstaatlichkeit. Es war nur drei Jahre
nach dem Ende des Holocaust.

Die ganze arabische Welt war gegen diese Lösung. Wie sie es sah, warum sollte die
arabische Bevölkerung von Palästina den Preis für den Holocaust zahlen , der von Europäern
begangen worden war?

Ein paar Tage nach der Resolution wurde ein jüdischer Bus beschossen. Das war der Anfang
der Phase 1 des Krieges.

Um diese Ereignisse zu verstehen, muss man die Situation näher betrachten. Die beiden
Bevölkerungen in diesem Land waren eng mit einander verflochten: In Jerusalem, Haifa und
Jaffa-Tel-Aviv lebten arabische und jüdische Viertel eng beieinander.

Jedes jüdische Dorf war von arabischen Dörfern umgeben. Jetzt brachen überall im Lande
Schießereien aus. Die Briten waren (als Mandatsmacht) nominal noch verantwortlich, aber sie
versuchten so wenig wie möglich sich zu involvieren.

Die jüdische Untergrund-Organisation, Haganah (Verteidigung) genannt, war verantwortlich


dafür, die Straßen offen zu halten. Jüdischer Verkehr bewegte sich in Kolonnen, von
männlichen und weiblichen Haganah-Mitgliedern verteidigt. Die weiblichen Mitglieder
wurden benötigt, weil sie unter ihrer Kleidung die illegalen Waffen verstecken konnten.

Die arabische Seite hatte kein zentrales Kommando. Angriffe wurden von Dorfbewohnern
unternommen, viele von ihnen hatten alte Gewehre zu Hause. Da einige von diesen Fellachen
ziemlich primitiv waren, geschahen Gräueltaten. Unsere Seite rächte sich auf dieselbe Weise.
Als Folge davon wurde es ein sehr schmerzlicher Kampf.

Eine Gruppe von Haganah-Kämpfern, zusammengesetzt aus Universitätsstudenten, die zur


Verteidigung eines jüdischen Siedlungsblockes eilte, wurde aufgelauert und bis zum letzten
Mann getötet. Wir sahen Fotos von ihren abgetrennten Köpfen, die durch die Straßen vom
arabischen Jerusalem getragen wurden.

Die unvermeidliche Strategie der jüdischen Seite war, dass sie arabische Dörfer entlang den
Landstraßen vertrieben. Jüdischen Dörfern wurde gesagt, sie sollten bleiben, egal wie hoch
der Preis, obwohl ein paar der exponiertesten evakuiert wurden.

Im Februar 1948 evakuierten die Engländer das Tel Aviver Gebiet und dies wurde dann der
Kern des jüdischen Staates. Die Briten verließen gleichzeitig auch einige dicht gedrängte
arabische Gebiete.

Ende März hatten beide Seiten schon schwere Verluste. Nun begann die 2. Phase.

AM 1. APRIL wurde meine Kompanie zum improvisierten Hafen von Tel Aviv beordert, um
eine große Schiffsladung sowjetischer Waffen zu empfangen. Ein Jahr zuvor gab es eine
große Überraschung: der Sowjet-Block in der UN hatte angefangen, die zionistische Seite zu
unterstützen. Stalin , so antizionistisch wie man nur sein konnte, hatte entschieden, dass ein
jüdischer Staat in Palästina besser wäre als eine britische-US-Basis.
Wir verbrachten einen Tag damit, das Fett von den Gewehren zu entfernen, die von den
Tschechen für Hitlers Armee produziert wurden, aber für den 2. Weltkrieg zu spät kamen.
Das war der Beginn der 2. Phase des Krieges.

Das jüdische Viertel von Jerusalem war von arabischen Dörfern auf der Landstraße
abgeschnitten. Unsere Operation – die erste große des Krieges – war, die Straße zu öffnen.

Eine mehrere Kilometer lange Strecke der Straße verlief durch eine enge Schlucht mit steilen
Hängen auf beiden Seiten, Bab-al-Wad (arabisch Tor des Tales) war der Schrecken eines
jeden Soldaten. Wenn wir von oben beschossen wurden, mussten wir aus den Fahrzeugen
steigen, die Hügel unter Feuer hoch klettern und oben kämpfen. Keine schöne Aussicht.

Ein riesiger Konvoi von 135 LKWs hatte sich eingefunden, und nun war es unser Job, ihn
nach Jerusalem zu bringen. Meiner Truppe wurde ein LKW mit Käse zugeteilt und wir
versuchten, zwischen den Kisten etwas Deckung zu bekommen. Wir hatten Glück und fuhren,
ohne angegriffen zu werden, durch den Engpass. Wir kamen an einem Sabbat nach Jerusalem;
Massen von religiösen Juden verließen die Synagogen und empfingen uns mit großer Freude.
Es erinnerte an De Gaulles Einzug in Paris (zufällig nahm ein Fotograf dort ein Foto von mir)

Wir kehrten ohne Schramme zurück. Unser Konvoi war der letzte, der so durchkam - der
nächste wurde angegriffen und musste umkehren. Mehrere kostspielige Schlachten, um die
Straße zu öffnen, die jetzt von irregulären arabischen Freiwilligen vom Ausland blockiert
wurde, schlugen fehl. Wir ein-Hundert Tote.

Die Straße blieb jahrzehntelang geschlossen. Unsre Armee fand einen alternativen Weg, den
wir die Burmastraße nannten, nach dem britischen Weg von Indien nach China im 2.
Weltkrieg.

IN JENER ZEIT wurde klar, dass die regulären Armeen der umgebenden arabischen Länder
dabei waren, dem Krieg beizutreten. Dies veränderte den Charakter des Kampfes völlig.

Während der Vorbereitung für die Schlacht säuberte die israelische Armee große
Landstrecken von ihren arabischen Bewohnern, um keine arabischen Konzentrationen hinter
unsern Linien zu lassen. Dies konnte aus taktischer Notwendigkeit gerechtfertigt werden.

Am 14. Mai verließ der letzte Brite das Land und am nächsten Tag begann die neue Phase:
die regulären Armeen von fünf arabischen Staaten - Ägypten, Jordanien, Syrien, Irak und der
Libanon mit einiger Hilfe von Saudi-Arabien traten dem Krieg bei. Es waren reguläre
Truppen, trainiert und ausgerüstet von ihren früheren britischen und französischen Oberherren
und hatten Artillerie und Luftwaffen, die uns fehlte.

Auf dem Papier erfreute sich die arabische Seite einer riesigen Übermacht in der
Waffenausrüstung, Ausbildung und (ich bin mir nicht ganz sicher) zahlenmäßig. Aber wir
hatten drei Vorteile: Erstens wussten wir, dass wir für unser Leben kämpften, ganz
buchstäblich, mit dem Rücken zur Wand. Wir hatten ein vereinigtes Kommando, während die
arabischen Armeen mit einander in Konkurrenz waren und drittens: hatten die Araber eine
tiefe Verachtung für uns. Wer hat je von kämpfenden Juden gehört? Auch hatten wir den
taktischen Vorteil der „Inneren Linien", und waren so fähig, schnell unsere Truppen von einer
Front zur anderen zu bewegen.
Die folgenden Wochen – Phase 3 – sah den verzweifeltsten Kampf des ganzen Krieges,
Schlachten, die an den 1. Weltkrieg erinnerten. Ich sah Schlachten, in denen fast alle unsere
Kämpfer getötet oder verletzt wurden und ein einsames letztes Maschinengewehr, das noch
feuerte. Es gab Stunden, in denen alles verloren schien.

Aber dann wandte sich langsam das Glück des Krieges. Am Ende dieser Runde waren wir am
Leben und konnten kämpfen.

Phase 4 sah noch einige große Schlachten, ja sogar ein Angriff mit Bajonetten. Aber unsere
Seite roch den Sieg. Es war damals, als die Massenvertreibung der Bevölkerung aus
arabischen Städten und Dörfern offensichtliche Regierungspolitik wurde. Es war zu diesem
Zeitpunkt, als ich schwer verletzt wurde und die Front verließ.

Als beide Seiten erschöpft waren, endete der Krieg mit einer Reihe von
Waffenstillstandsabkommen, in denen die Grüne Linie definiert wurde, die bis jetzt die
anerkannte Grenze Israels darstellt.

Innerhalb dieser Grenzen blieben sehr wenig Araber übrig. Aber eine fast vergessene
Tatsache ist, dass kein einziger Jude in den von Arabern eroberten Gebieten blieb.
Glücklicherweise waren diese wenigen Gebiete nur klein, verglichen mit den großen von
unsrer Seite eroberten. Der Terminus „ ethnic cleansing“ (ethnische Säuberung ) war noch
nicht erfunden.

DIES SIND die Fakten. Jeder kann sich auf ihnen jede Interpretation und Ideologie einbilden.

Aber bitte keine Trumpianischen „alternative Fakten.

(dt. Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)


http://www.uri-avnery.de/news/406/17/Respekt-vor-der-Gruenen-Linie

Feb 3, 2017

Respekt vor der Grünen Linie

Uri Avnery 4. Februar 2017

DIE PRÄGNANTESTE Analyse des israelisch-palästinensischen Konfliktes, über den


ich je gelesen habe, wurde vom jüdisch-polnisch-britischen Historiker Isaak Deutscher
geschrieben. Er besteht aus einem einzigen Bild.

Eine Person lebt in der oberen Etage eines Gebäudes, in dem ein Feuer ausbricht. Um
sein Leben zu retten, springt der Mann aus dem Fenster und landet auf einem
Vorübergehenden auf der Straße unten. Das Opfer ist schwer verwundet und zwischen
beiden Personen beginnt ein unerbittlicher Streit..

Natürlich gibt es keine Metapher, die vollkommen exakt ist. Die Zionisten haben
Palästina nicht zufällig gewählt, die Wahl gründete sich auf unsere Religion. Der
Gründer der Bewegung, Theodor Herzl zog anfangs Argentinien vor.

Doch ist das Bild grundlegend wahr wenigstens bis 1967. Von da an begannen die
Siedler weiter über die Grüne Grenze zu springen – ohne dass Feuer sichtbar ist.

DIESE GRÜNE Linie ist nicht heilig. Sie ist nicht anders als irgendeine andere Grenzlinie in
der Welt..

Die meisten Grenzen wurden durch Geographie und den Zufall des Krieges gezogen. Zwei
Völker kämpfen um das Gebiet zwischen ihnen; an einem gewissen Punkt kommt der Kampf
ans Ende, und so wurde eine Grenze geboren.

Die Grenzen Israels – aus irgendeinem Grund als „Grüne Linie“ bekannt – wurden auch durch
den Zufall des Krieges geschaffen. Ein Teil dieser Linie wurde das Ergebnis eines Handels
zwischen der neuen israelischen Regierung und dem König von Jordanien, Abdallah I. der
gab uns das sog. Dreieck als Backschisch, als Gegenleistung für Israels Zustimmung zu seiner
Annexion des größten Teils von Palästina.

Was ist so heilig an dieser Grenze? Nichts, außer dass sie dort ist. Und das ist für viele
Grenzen in aller Welt so wahr.

Eine Grenze wird durch Geographie oder Zufall errichtet und durch ein Abkommen bestätigt.

Es stimmt, die UN zogen in ihrer-Resolution von 1948 die Grenzen zwischen dem jüdischen
und den arabischen Staaten; aber nachdem die arabische Seite einen Krieg anfing, um diese
Entscheidung zu vereiteln, vergrößert Israel sein Gebiet.

Der Krieg von 1948 endete ohne einen Friedensvertrag. Aber die Waffenstillstandslinie, die
nach dem Ende des Krieges errichtet wurde, wurde von der ganzen Welt als die Grenzen
Israels akzeptiert. Dies hat sich während der 68 Jahre, die seitdem vergangen sind, nicht
verändert.

Die Situation gilt de facto und de jure. Israels Gesetz gilt nur innerhalb der Grünen Linie;
alles andere ist erobertes Gebiet unter militärischem Gesetz. Zwei kleine Gebiete – Ost-
Jerusalem und die Golanhöhen – wurden von Israel einseitig deklariert, aber niemand in der
Welt erkennt diesen Status an.

ICH WIEDERHOLE diese wohlbekannten Tatsachen, weil die Siedler in den besetzten
Gebieten vor kurzem angefangen haben, ihre Kritiker in Israel zu verspotten, indem sie ein
neues Argument brachten, „Hallo hey, was ist der große Unterschied zwischen uns?“

Auch ihr sitzt auf arabischem Land, sagen sie uns. Stimmt, vor 1948 siedelten die Zionisten
auf Land, dass sie für viel Geld kauften - aber nur ein Teil davon wurde von Fellachen
gekauft, die es bebauten. Das Meiste davon wurde von reichen abwesenden Landbesitzern
erworben, die es billig vom türkischen Sultan kauften, als das ottomanische Reich in großen
finanziellen Nöten steckte. Die Ackerbauern wurden von den türkischen und später von der
britischen Polizei vertrieben.

Große Strecken Land wurden während des Kampfes von 1948 „befreit“, als Massen von
arabischen Dorf- und Stadtbewohnern flohen, bevor das israelische Militär anrückte, wie es
Zivilisten in jedem Krieg tun. Falls sie das nicht taten, genügten ein Paar Salven aus
Maschinengewehren, um sie zu vertreiben.

Die Bewohner, die in Jaffa geblieben waren, nachdem die Stadt erobert war, wurden einfach
auf Lastwagen gepackt und nach Gaza geschickt. Die Bewohner von Lod (Lydda) wurden zu
Fuß vertrieben. Am Ende waren über 750 000 Araber vertrieben, mehr als die Hälfte des
palästinensischen Volkes in jener Zeit. Die jüdische Bevölkerung in Palästina betrug damals
etwa 650 000.

Eine innere Stimme nötigt mich an dieser Stelle, einen kanadisch-jüdischen Offizier zu
erwähnen mit Namen Ben Dunkelmann, damals 36 Jahre alt, der in der neuen israelischen
Armee eine Brigade führte. Er hatte mit Auszeichnung in der Kanadischen Armee im 2.
Weltkrieg gedient. Er bekam den Auftrag Nazareth anzugreifen, die Heimat von Jesus. Aber
es gelang ihm, die lokalen Führer dahin zu bringen, sich ohne Kampf zu ergeben. Die
Bedingung war, dass der lokalen Bevölkerung kein Leid erfährt.

Nachdem seine Soldaten die Stadt besetzt hatten, erhielt Dunkelmann eine mündliche Order,
die Bevölkerung zu vertreiben. Schockiert weigerte sich Dunkelmann, sein Ehrenwort als
Offizier und Gentleman zu brechen, verlangte, dass ihm der Befehl schriftlich gegeben wird.
Solch eine schriftliche Order kam nie an. (solche Befehle wurden niemals schriftlich gegeben,
doch Dunkelmann wurde abgelöst.)

Wenn ich heute nach Nazareth, einer blühenden Stadt, komme, erinnere ich mich an diesen
tapferen Mann. Nach dem Krieg kehrte er in seine Heimat nach Kanada zurück. Ich denke,
dass er niemals nach Israelzurückkehrte. Er starb vor 20 Jahren.

EHRLICHE ENTHÜLLUNG: Ich nahm an all diesem teil. Als einfacher Soldat und später
als Zugführer. Ich war ein Teil der Ereignisse. Aber unmittelbar nach dem Krieg schrieb ich
ein Buch, das die Wahrheit enthüllte. („Die Kehrseite der Medallie“) und ein paar Jahre später
veröffentlichte ich einen detaillierten Plan für die Rückkehr eines Teils der Flüchtlinge und
die Bezahlung von Wiedergutmachungsgelde an all die andern. Das ist natürlich nie
geschehen.

Das meiste Land und die meisten Häuser der Flüchtlinge wurden mit neuen jüdischen
Immigranten gefüllt.

Jetzt sagen die Siedler, nicht ganz zu unrecht. „Wer seid ihr, dass ihr uns verachtet? Ihr habt
dasselbe getan, was wir taten! Nur habt ihr das vor 1967 getan, und wir tun es jetzt. Was ist
der Unterschied?

Das ist der Unterschied. Wir leben in einem Staat, der von den meisten Staaten der Welt
innerhalb errichteter Grenzen anerkannt wurde. Ihr lebt in Gebieten, die die Welt als besetzte
palästinensische Gebiete ansieht. Der Staat Texas wurde von den USA in einem Krieg mit
Mexiko erworben. Wenn Präsident Trump jetzt Mexiko überfallen würde und ein Stück Land
(warum nicht?) annektieren würde, würde sein Status sehr anders sein

Benjamin Netanjahu - einige nennen ihn jetzt Trumpyahu – ist für das Vergrößern der
Siedlungen. In dieser Woche inszenierte er unter dem Druck unseres Obersten Gerichtes die
Beseitigung einer winzig kleinen Siedlung, Amona mit einer Menge von Herz-zerreißen und
Tränen, aber versprach unmittelbar viele Tausend neuer „Hauseinheiten“ in den besetzten
Gebieten.

ENTGEGENGESETZTE POLITISCHE Extreme berühren sich oft einander. So ist es jetzt


auch hier.

Die Siedler, die den Unterschied zwischen sich und uns wegwischen wollen, un dies nicht
nur, um sich selbst zu rechtfertigen. Ihr Hauptziel ist, die Grüne Linie zu entfernen und alle
besetzten Gebiete in Groß-Israel einzuschließen, das vom Mittelmeer bis zum Jordan reicht.

Eine Menge von Israelhassern wollen dieselben Grenzen, aber als einen arabischen Staat.

In der Tat würde ich gern den Vorsitz einer Friedenskonferenz von Israel-Hassern und
Palästina-Hassern haben. Ich würde vorschlagen, zuerst die Punkte zu entscheiden, in denen
sie alle übereinstimmen – nämlich die Schaffung eines Staates vom Meer bis zum Fluss. Ich
würde am Ende Ihnen die Entscheidung lassen, ob er Israel oder Palästina genannt wird.

Eine weltweite Organisation, die BDS genannt wird, schlägt jetzt vor , Israel zu boykottieren,
um dieses Ende zu erreichen. Ich habe ein Problem damit.

GUSH SHALOM, die israelische Friedensorganisation, zu der ich gehöre, ist sehr stolz
darauf, die ersten gewesen zu sein, die einen Boykott auf die Waren der Siedlungen vor vielen
Jahren zu erklären. Wir halten noch immer diesen Boykott, obwohl er jetzt nach dem
israelischen Gesetz illegal ist.

Wir haben nie einen Boykott auf Israel erklärt. Und nicht nur, weil es ziemlich peinlich wäre,
sich selbst zu boykottieren. Das Hauptziel unseres Boykottes ist die Israelis zu lehren
zwischen Ihnen selbst und den Siedlungen zu unterscheiden. Wir veröffentlichten und
verteilten viele Tausend Kopien der Liste von Gesellschaften und Produkten, die jenseits der
Grünen Linie liegen. Viele Leute halten den Boykott.
Der BDS –Boykott von ganz Israel würde das genaue Gegenteil erreichen: Indem man sagt,
dass es keinen Unterschied gibt zwischen Israel innerhalb der Grünen Linie und den Siedlern
außerhalb, er würde die gewöhnlichen Israelis in die Arme der Siedler treiben. Die Siedler
sind natürlich sehr glücklich, um die Unterstützung von BDS zu bekommen, indem die Grüne
Linie ausgelöscht würde.

ICH HABE keinen emotionalen Streit mit den BDS-Leuten. Es stimmt, dasss einige von
ihnen alte Antisemiten in einem neuen Gewand sind, aber ich vermute, dass die meisten BDS-
Unterstützer aus aufrichtiger Sympathie für das Leiden der Palästinenser handeln. Ich
respektiere dies.

Doch würde ich die wohlmeinenden Idealisten, die BDS unterstützen, darum bitten, noch
einmal über die höchste Bedeutung der Grünen Line nachzudenken – sie ist die einzige
Grenze, die Frieden zwischen Israel und Palästina möglich macht, mit ein paar kleinen
gegenseitigen anerkannten Grenzbereinigungen.

ISRAEL IST da. Es kann nicht weg gewischt werden. Dasselbe gilt für Palästina.

Wenn wir alle darin übereinstimmen, können wir auch über den Boykott übereinstimmen und
zwar alleine gegen die Siedlungen.

(dt. Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)


http://www.uri-avnery.de/news/410/17/Der-grosse-Riss

Feb 24, 2017

Der große Riss

Uri Avnery, 24.Februar 2017

ICH GLAUBE, ich war der erste, der den Vorschlag machte, den Soldaten Elor Azaria,
den Killer von Hebron, zu begnadigen.

Aber dieser Vorschlag wurde von mir an mehrere Forderungen geknüpft: erstens, dass
der Soldat offen und ohne Bedingung, sein Verbrechen eingesteht, dass er sich
entschuldigt und dass er zu vielen Jahren im Gefängnis verurteit wird.

Ohne diese Bedingungen, jeder Wunsch nach einer Begnadigung des Soldaten würde
eine Zustimmung zu seinem Handelns sein und eine Einladung zu noch mehreren
solcher Kriegsverbrechen.

Der Unteroffizier Azaria, ein Sanitäter in einer Kampfeinheit, erschien auf der Bühne
nachdem ein Anschlag im Zentrum einer jüdischen Enklave in der alten Stadt Hebron
begangen wurde. Zwei junge Palästinenser hatten einen Armee-Kontrollpunkt mit
Messern angegriffen und wurden erschossen. Wir wissen nicht wie der eine starb, aber
der zweite wurde von einer Kamera gefilmt, die den Einheimischen von der
wunderbaren israelischen Anti-Besatzungsorganisation B‘Zelem gegeben wurde.

Die Kamera zeigt, dass der Angeschossene schwer verletzt, bewegungslos auf dem
Boden liegt und blutet. Dann, etwa zwölf Minuten später, erschien Azaria, der vorher
nicht anwesend war, auf dem Bildschirm. Er steht weniger als ein Meter von dem
verletzten Araber, schießt ihm aus der Nähe in den Kopf, und verursacht seinen Tod.

Das israelische Fernsehen machte das photographische Material sofort bekannt (eine
Tatsache, die nicht vergessen werden darf) und ließ der Armee keine Wahl. In einer
zivilisierten Armee ist es ein Verbrechen, einen hilflosen Feind zu töten. Azaria wurde
des Totschlags - nicht des Mordes - angeklagt.

Im ganzen politisch rechten Flügel wurde er sofort ein Nationalheld. Die Politiker,
einschließlich Benjamin Netanjahu und der gegenwärtige Verteidigungsminister
Avigdor Lieberman, eilten, ihn zu verteidigen.

Azaria wurde für schuldig erklärt. In einem scharfen Urteil, stellte das Militärgericht
fest, dass seine Zeugenaussage nur aus Lügen bestand.

Das Urteil verursachte einen Sturm des Protestes vom ganzen rechten Flügel. Das
Gericht wurde verflucht und wurde der wirkliche Angeklagte. Diesem Sturm
ausgeliefert, knickte das Gericht ein und verurteilte Azaria diese Woche zu einer
lächerlichen Gefängnisstrafe von 18 Monaten, die übliche Strafe für einen arabischen
jugendlichen Steinewerfer, der niemanden getroffen hat.
Azaria hat sich nicht entschuldigt. Weit davon entfernt.

Stattdessen standen seine Familie und seine Bewunderer im Gerichtsaal auf und sangen
die Nationalhymne.

DIESE GERICHTSHOF-Szene wurde das Bild des Tages. Es war klar eine Demonstration
gegen den Gerichtshof, gegen das Oberkommando der israelischen Armee und gegen die
ganze demokratische Struktur des Staates.

Aber für mich war es noch viel, viel mehr.

Es war die Erklärung der Unabhängigkeit eines anderen israelischen Volkes. Es war das
Auseinanderbrechen der israelischen Gesellschaft in zwei Teile. Die Spannungen zwischen
ihnen sind von Jahr zu Jahr immer akuter geworden.

Die zwei Teile haben immer weniger gemein. Sie nehmen ganz verschiedene Haltungen
gegenüber dem Staat ein, seine moralischen Grundlagen, seine Ideologie, seine Struktur. Aber
bis jetzt wurde es akzeptiert, dass wenigstens eine fast heilige Institution über der
Auseinandersetzung stand, und jenseits jeder Kontraverse: die israelische Armee.

Die Azaria-Affäre demonstriert, dass dieses letzte Symbol der Einheit jetzt grbrochen ist.

WER SIND diese Lager? Was ist das tiefste Element dieser Teilung?

Es gibt keine andere Erklärung: es ist der ethnische Faktor.

Jeder versucht dieser Tatsache auszuweichen. Berge von Euphemismus sind schon errichtet
worden, um ihn zu verstecken. Jeder ist ängstlich, ja sogar erschrocken vor den
Konsequenzen. Heuchelei ist ein wesentlicher Verteidigungsmechanismus.

Da gibt es jetzt zwei jüdisch-israelische Völker. Sie verachten einander intensiv.

Das eine wird Aschkenazim genannt, ein Abkömmling des alten hebräischen Ausdrucks für
Deutschland. Es umfasst alle Israelis mit europäischer und amerikanischer Herkunft, die noch
an den alten westlichen Werten festhalten oder so tun als ob.

Die andern sind die Mizrahim (die „östlichen“). Sie sind gewohnt irrtümlicherweise
Sepharadim („Spanier“) genannt zu werden, aber nur eine kleine Fraktion von ihnen sind
tatsächlich die Abkommen der aus Spanien vor etwa 700 Jahren vertriebenen Juden. Die
große Mehrheit der Vertriebenen wählte die muslimischen Länder, statt Europa.

Die Mizrahim-Gemeinde umfasst all die Israelis, deren Familien aus Ländern kommen, die
sich zwischen Marokko und dem Iran erstrecken.

Historisch wurden Juden in Europa oft misshandelt und selten in islamischen Ländern. Aber
die Ashkenazim sind stolz auf ihr europäisches Erbe (obwohl sie sich tatsächlich immer mehr
davon entfremden), während es für die Mizrahim keine schlimmere Beleidigung gibt, als mit
den Arabern verglichen zu werden.

Wie ist es zu dem Abgrund gekommen? Die zionistische Bewegung wurde hauptsächlich von
den Ashkenazim geschaffen, die vor dem Holocaust die überwiegende Mehrheit der Juden in
der Welt waren. Natürlich waren sie auch die Haupt-Schöpfer der neuen zionistischen
Gemeinschaft in Palästina, obwohl es auch herausragende Mizrahim- Persönlichkeiten gibt.

Der tiefe Gegensatz begann schon gleich nach den Krieg von 1948. Wie ich schon oft
erwähnt habe, war ich einer der ersten, die das voraussahen. Als ich ein Führer einer Gruppe
im Krieg war, befehligte ich Freiwillige aus Marokko und anderen Mittelmeerländern. (die
übrigens mein Leben retteten, als ich schwer verwundet war). Ich wurde Zeuge des Beginns
des Risses und warnte das Land in einer Reihe von Artikeln, die im Jahre 1949 begannen.

Wer war daran schuld? Beide Seiten. Aber die Ashkenazim kontrollierten alle Aspekte des
Lebens, ihr Teil der Schuld ist sicher viel größer.

Da sie von zwei großen aber verschiedenen Zivilisationen kamen, war es vielleicht
unvermeidbar für die beiden Gemeinden sich bei so vielen Aspekten des Lebens zu
unterscheiden. Aber in der damaligen Zeit war jeder von der zionistischen Welt der Mythen
verwirrt und nichts wurde gemacht, um dieses Disaster zu vermeiden.

Heutzutage sehen sich die Mizrahim selbst als „das Volk“, die wirklichen (jüdischen)
Israelis, die die Ashkenazim als die „Elite“ verachten. Sie glauben auch, dass sie die große
Mehrheit sind.

Dies ist ziemlich falsch. Es ist mehr oder weniger ein Graben zwischen zwei gleichen
Gemeinden, während die russischen Einwanderer, die ultra-orthodoxen Juden und die
arabischen Bürger getrennte Einheiten bilden.

Ein verblüffendes Thema betrifft die Mischehe. Da gibt es eine Menge und einmal glaubte
ich, dass sie automatisch den Riss heilen würden. Doch das geschah nicht. Eher schließt sich
jedes Paar der einen oder der anderen Gemeinde an .

Die Linien sind nicht klar gezogen. Es gibt viele Mizrahim - Professoren, Mediziner,
Architekten und Künstler, die sich den „Eliten“ angeschlossen haben und sich als ein Teil
davon fühlen. Viele Ashkenazim- Politiker (besonders im Likud) benehmen sich so , als ob
sie zum „Volk“ gehören, und hoffen bei Wahlen mehr Stimmen zu bekommen.

Die Likud-Partei ( „Vereinigung“) ist schon ein Phänomen. Die überwiegende Masse seiner
Mitglieder und der Wähler sind Mizrahim. Tatsächlich ist es die Mizrahim-Partei – par
Exellence. Aber beinahe all ihre Führer sind Ashkenazim. Netanjahu benimmt sich als wäre er
beides.

ZURÜCK ZU Azaria. Öffentliche Meinungsumfragen sagen uns, dass für die große Mehrheit
der Mizrahim das Töten eines tödlich verwundeten „Terroristen“ richtig sei. Nach dem Singen
im Gericht küsste sein Vater ihn und rief aus: „Du bist ein Held!“ für viele Ashkenazim aber
war es ein jämmerlicher Akt von Feigheit.

Ein Opfer der Affäre ist der Stabschef Gadi Eisenkot. Bis vor kurzem war er die populärste
Person im Land. Jetzt wird er von den Mizrahim als ein verachtenswerter Diener der
Ashkenazi „Elite“ angeklagt, verurteilt oder verflucht. Doch trotz seines so deutsch
klingenden Namen, ist er marokkanischer Abstammung.

Er schuf die Armee nicht so, wie sie ist. Er übernahm sie so.
Seit mehr als 40 Jahren hat die Armee keinen wirklichen Krieg geführt und gegen ein
wirkliches Militär gekämpft. Es ist zu einer kolonialen Polizeitruppe verkommen, zu einem
Instrument eines Systems der Unterdrückung eines anderen Volkes. Im Laufe dieser Pflicht
werden täglich viele Akte von Brutalität begangen.

Erst vorkurzem wurde ein unschuldiger arabischer Lehrer, ein Beduine aus Israel, durch
Zufall in einen Vorfall verwickelt, als die Polizei mit der lokalen Bevölkerung
zusammenstieß. Sie schossen auf den Lehrer in der irrigen Annahme, dass er dabei war, sie zu
überfahren.

Der Mann war schwer verletzt und blutete – und rund um ihn die Polizisten. Die Ambulanz
wurde nicht gerufen. Er blutete langsam zu Tode. Es dauerte 20 Minuten.

Nur ein Soldat mit höchster menschlicher Qualität, der in einer gesunden menschlichen
Familie aufwuchs, kann diesem brutalen Effekt wider-stehen. Zum Glück gibt es davon viele.

ICH GLAUBE, dass dort die Lösung liegt. Wir müssen die Besatzung mit allen verfügbaren
Mitteln los werden – je schneller, desto besser.

Jeder treue Freund Israels in aller Welt muss uns dazu helfen.

Nur dann können wir uns unseren geistigen und sozialen Ressourcen widmen, um den großen
Riss zu flicken. Viele von uns würden dies gerne sein.

Und die Nationalhymne mit klarem Bewusstsein singen.

(dt. Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)