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Budotherapie

10 Budotherapie - ein körper- und


bewegungstherapeutischer Weg in der Psychotherapie
Frank Siegele

,.Mein Geist regt sich nicht, wenn meine Beine ihn nicht Kost, dem Begründer des Affektkontrolltrainings Thomas
bewegen" (Michel de Montaigne). Brendel und meinem Lehrer in Zenki-Ryu-Karatedo Sen-
sei Helmut Queckenstedt. Meine psychotherapeutische
,.Sei stets aufmerksam, gewissenhaft und erfinderisch auf Heimat ist die lntegrative Therapie nach Hilarion G. Pet-
deinem Weg" (Gichin Funakoshi). zold.
Das Zusammenwirken von Budo und Therapie hat in
,.Über die Integrität eines jeden wacht ein jeder" (Hilarion der lntegrativen Therapie eine lange Tradition (Petzold
G. Petzold). 1974b (647], 1977n(648J, 1993 [651)). Petzold, selbst seit
seiner Kindheit Budo-Praktizierender, hat bereits Ende
der 1960er Jahre Kampfkünste als "ganzheitliche Kampf-
und Lebenskunst" (Petzold 1969c [646)) in der Drogen-
therapie eingesetzt. Bitzer-Gavornik (1994 [624)), Bloem,
10.1 Vorbemerkungen Moget, Petzold (2004 (625)) und Wolters (2007 (667])
Budo ist der Oberbegrifffür allejapanischen Kampfkünste weisen in ihren Studien eine allgemeine gesundheitsför-
mit ihren wichtigsten Stilen Sumo, jiu jitsu, Kyudo, Ken- dernde und speziell aggressionshemmende Wirksamkeit
do, laido, Judo, Aikido. Karatedo und ju-jutsu und bedeu- von Karatedo nach und Tiwald (1981 [665)) sieht in der
tet sinngemäß .,die Kunst, das Schwert nicht zu benut- Ausübung der Kampfkünste einen Weg, um ..von der
zen" oder auch "die Kunst, den Speer anzuhalten" bloßen Bewegungs-Kultur zu einer humanen Bewegungs-
(bu =den Speer anhalten, den Konflikt beenden, do =der Natur zu gelangen". Soll soziales Miteinander gelingen,
Weg). muss es darüber hinaus um die Kultivierung von Frieden
Budo ist damit im Kern ein Weg des inneren und äuße- und Friedfertigkeit, um Respekt und Mitmenschlichkeit,
ren Friedens und versteht sich neben der Ertüchtigung um die Entwicklung und Pflege von "Friedensnarrativen"
des Körpers mittels Ausdauer-, Kraft- und Techniktrai- (Petzold 2006c [656]) gehen. Aggression hingegen gilt es
ning vor allem als Weglehre mit dem Ziel der individuel- zu begrenzen, einzudämmen und so zu kontrollieren und
len geistigen Reifung, Persönlichkeitsentwicklung und zu beherrschen, dass die in der Aggression immanente
-entfaltung. Grenzverletzung, Gewalt und Zerstörung verhindert wer-
"Geistesschulung ist wichtiger als Technik", so formu- den (Höhmann-Kost, Siegele 2008 [635)). Damit soll nur
liert es Gichin Funakoshi (1868-1957), der Begründer des im Ansatz verdeutlicht werden, worum es bei den Kampf-
modernen Karatedo. Dieses Verständnis von Kampfkunst künsten im Kern geht, nämlich vor allem um einen Weg
als Weglehre findet sich beispielsweise auch bei den der geistigen Reifung, die durch körperliches Training im
Gründervätern des jttdo jigoro l<ano (1860-1938) und des Sinne der .. Arbeit an sich selbst" (Höhmann-Kost, Siegele
Aikido Ueshiba Morihei (1883-1969). In diesem Sinne 2004 [634)) und durch .. Übung auf dem inneren Weg"
wird im Budo als Kampfkunst im Gegensatz zum Kampf- (Dürckheim 1966/2001 [627]) erreicht wird.
sport jeglicher Wettkampfgedanke abgelehnt, weil es ge- In diesem Beitrag gebe ich einen Überblick über einige,
rade nicht darum geht, im Kampf gegen den andern zu für die therapeutische Praxis relevante Budo-Elemente,
siegen oder zu verlieren, sondern darum, sich selbst auf um dann anhand von Fallbeispielen zu verdeutlichen, wie
seinem individuellen Weg zu vervollkommnen. Nach Pet- Budotherapie bei unterschiedlichen psychischen Erkran-
zold (1993 (651)) ist Budo .. die Praxis eines Dreiklangs kungen wirkungsvoll angewendet werden kann.
von asiatischer Kampfkunst, Gesundheitsförderung und
Bewegungsmeditation, eines ganzheitlichen Weges acht-
samer, gesundheitsbewusster und heilsamer Lebensfüh- 1 0.2 Elemente des Budo und der
rung und Lebenskunst In seiner Tiefendimension kann
Budo ein Pfad persönlicher Entwicklung, schöpferischer
Budotherapie
Integration, Sinnfindung und engagierter Arbeit in Brü- 10.2.1 Respekt ("Reishin")
derlichkeit, Mitmenschlichkeit und Frieden werden, ein
Weisheitsweg zu Wesentlichem". Funakoshi (1938/2009 [631 J) stellt mit seiner ersten Re-
So verstanden zielen sowohl Kampfkunst wie auch gel des Karatedo .,Vergiss nie: Karatedo beginnt mit Res-
Psychotherapie in dieselbe Richtung, was mich nach mehr pekt und endet mit Respekt (Rei)" die Bedeutung der
als 10-jähriger budotherapeutischer Entwicklung und Wertschätzung, Würde und Achtung im Sinne der Sorge
Praxiserfahrung in untei'Schiedlichen Feldern der Psycho- um die Unversehrtheit und Integrität des andern (vgl. Sie-
therapie dazu ermutigt hat, Budotherapie als eigenständi- per, Orth, Petzold 2011 [661 ]) als zentrale Grundhaltung
ge körper- und bewegungstherapeutische Methode in der im Budo an vorderste Stelle. Auf der Körper- und Bewe-
Psychotherapie zu konzipieren. Dabei wurde ich maßgeb- gungsebene findet diese Wertschätzung bei allen Kampf-
lich beeinflusst von der Zusammenarbeit mit der Integra- künsten ihren Ausdruck u.a. in der Verneigung (Gassho).
tiven Bewegungspsychotherapeutin Annette Höhmann- Beispielsweise betritt und verlässt ein Budoka (ein

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Kampfkunst-Praktizierender) das Dojo (den Übungs- Stände geübt. Im Shizentai, der natürlichen Grundhal-
raum) stets mit dem Ritual der Verneigung, womit er die- tung, steht man aufrecht entspannt, ruhig, gelassen, ab-
sen Raum als einen besonderen Ort der Selbsterfahrung sichtslos und bereit, die Dinge zu nehmen, wie sie kom-
im Rahmen der Gruppe würdigt. Die Verneigung eröffnet men. Im Kamae befindet man sich in der Kampfstellung,
und beendet auch das Partnertraining. Hier stehen sich zum Kampf bereit, bereit zum Angriff, Ausweichen oder
die Partner gegenüber und begrüßen sich, indem sie sich Rückzug. Dieser Stand erfordert eine mittlere Körper-
zu einander hin verneigen. Hier ist der Begriff der Vernei- spannung bei gleichzeitig hoher Wachsamkeit, er drückt
gung in Abgrenzung zur Verbeugung von wesentlicher Be- aus: ich bin zu allem bereit. Im therapeutischen Feld las-
deutung. Das in der Verbeugung inhärente Beugen, Biegen sen sich über die Arbeit am Stand vielfältige Fragestellun-
und Verbiegen, was möglicherweise Assoziationen der gen bearbeiten, wie beispielsweise: Stehe ich auf festem
Unterordnung und Unterwerfung oder maligner Macht- Boden? Welchen Strandpunkt vertrete ich? Bin ich selbst-
Ohnmacht-Erfahrungen hervorruft, erscheint daher nicht ständig? Wie standhaft bin ich? Kann ich widerstehen?
nur im therapeutischen Kontext kontraindiziert ln der Bin ich in meiner Mitte? Halte ich die Balance?
Budotherapie erfolgt indes die Verneigung (ich neige mich Der sichere Stand im Zusammenwirken mit der guten
dir zu) mit der inneren Haltung der Zuneigung (ich bin dir Balance wird so zur Basis für kompetentes Handeln in Be-
zugeneigt) und dem Versprechen, den anderen zu schüt- zug auf die Anforderungen des Lebens, oder mit Laotse:
zen und zu beschützen (ich achte darauf, dass dir nichts "Wer seine Mitte nicht verliert, ist unüberwindlich". Un-
geschieht). Damit erhält die Sorge um den anderen den ter Mitte ist hier vor allem die innere Ausgeglichenheit
gleichen Stellenwert wie die Sorge um sich selbst und und Zufriedenheit, ein sicheres und gelassenes in sich
mündet unweigerlich in die "Sorge um das Ganze" im selbst Ruhen sowie "die Kraft, sich selbst zu vertreten"
Geiste einer "melioristischen Haltung, die für die Integri- (Petzold 2003a [702)), zu verstehen. Nach Dürckheim
tät von Menschen, Kulturen (und ) Lebensräumen enga- (1967/2005 [628]) liegt die Basis der Haltung darin, .. auf-
giert ist (Petzold, Orth, Sieper 2011 [659)). recht, standfest und gesammelt" zu sein, zentriert im Ha-
ra (Bauch). Hara bezeichnet die Körpermitte, das Zen-
trum der Kraft. Um ganz in seiner Mitte und in seiner
10.2.2 Aufrechte Haltung ("Shisei") Kraft zu sein, ist es entsprechend wichtig, seinen Hara
"Geistesschulung ist wichtiger als Technik" (Funakoshi ständig zentriert in einem harmonischen Gleichgewichts-
1938/2009 [631 )). Denn es kommt immer maßgeblich da- zustand zu halten. Der Hara wird so auf der körperlichen
rauf an, in welcher geistigen Grundhaltung Techniken zur Seite zum Ausgangspunkt jeglicher Technik, er steuert die
Anwendung kommen, ob das praktizierte Verhalten im Bewegung aus dem Körperzentrum heraus über den kor-
Dienste des Friedens oder der Zerstörung steht. Das Trai- rekt ausgeführten Hüfteinsatz in die gewünschte Rich-
ning der inneren Haltung (Ki-gamae) erfolgt im Budo tung und gibt somit einen starken Impuls für die Ausfüh-
über den Körper. Getragen von gegenseitigem Respekt rung einer Arm- oder Beintechnik. Auf der geistigen Seite
zielt die Budo-Praxis gleichermaßen auf Persönlichkeits- bedeutet in der eigenen Mitte zu sein, sich sicher in sei-
entwicklung und Selbstentfaltung, wie auf ein friedfer- ner "persönlichen Souveränität" (Petzold 1998a (654),
tiges Miteinander in der Gemeinschaft, auch oder gerade Höhmann-Kost 2012 [633)) zu fühlen.
dann, wenn es im Mitmenschlichen schwierig wird oder Um in Kontakt zu kommen mit der eigenen Mitte, der
es Probleme zu lösen gibt. Die aufgerichtete Körperhal- eigenen Kraft und Wendigkeit, beginnt in der Budothera-
tung im Stand und in der Bewegung korrespondiert dabei pie die Arbeit am Stand mit dem Hara-ki, einer Übung aus
mit der inneren Aufrichtung (bottom-up-approach). dem Zenki-Ryu-Karatedo nach Queckenstedt. Aus dem
Letztlich wird bei allen Körperübungen bzw. Techniken aufrechten, etwa hüftbreiten Stand (Heilw-daclli) heraus
auf die aufrechte Haltung fokussiert, ob im Stand, in der wird dabei über die richtige Atmung und das Wechsel-
Bewegung oder bei der Meditation, ob beim Angriff oder spiel von Anspannung und En tspannung auf die Wahr-
bei der Abwehr. Darüber erfolgt auf mentaler Ebene die nehmung der eigenen Mitte (Hara ) fokussiert, in welcher
Auseinandersetzung mit sich selbst z. B. über die Frage: sich alle Energie (Ki), im therapeutischen Kontext besser
Handle ich aufrichtig und aufrecht im Sinne meiner eige- alle Kraft, versammelt und bereithält.
nen sowie der gesellschaftlichen ethischen Werte- und
Moralvorstellungen? Die exakte Übung der "richtigen"
körperlichen Haltung (Mi-gamae) bzw. Technik unter-
10.2.4 Form {"Kata")
stützt so als "somatischer Marker" (vgl. Damasio 2001 Im Budo werden festgelegte Bewegungsmuster als Kata
[626), Storch, Krause 2010 [663)) die neuronalen Bahnun- (Form), in stilisierter Form eines Kampfes gegen mehrere
gen hinsichtlich persönlicher Entwicklungs- und Verän- imaginäre Gegner, geübt. Dabei kommt es auf präzise, si-
derungsprozesse. chere und kraftvolle Technik, Standfestigkeit Wendigkeit
und vitale Präsenz an. Im Karatedo ist Kata von essenziel-
ler Bedeutung, "Karate ist Kata, Kata ist Karate" (vgl. Lud-
10.2.3 Sicherer Stand {"Hara-ki") wig 2001 ). In der Kata verdichten sich Technik und geisti-
Der Stand ist der Ausgangspunkt für den ersten bzw. ge Haltung zum Gesamtkunstwerk der persönlichen Aus-
n:ichsten Schritt. Die Arbeit am Stand gründet in der auf- druckskraft. Innerhalb der vorgegebenen Form, die Struk-
rechten Haltung. Um sicher und fest zu stehen, um gefes- tur und Orientierung gibt, entwickelt der Übende gleich-
tigt in der eigenen Mitte zu sein, werden verschiedene wohl seine eigene Form, sucht und findet sich selbst in

163
· Budotherapie

seiner persönlichen Kata, als Choreografie der eigenen Le- Budotherapeutisch bedeutet dies, die Fokussierung auf
bendigkeit In der Budotherapie wird das Üben der Kata Affektkontrolle, auf Selbstbeherrschung und "Aggressi-
zur komplexen Arbeit an der Form, zur Formung, Entwick- onsregulationskompetenz" ((635]). Zur Übung des präzi-
lung und Entfaltung der Persönlichkeit auf dem jeweils ei- sen Stopps an der Grenze, die zuvor festgelegt wird, eig-
genen. individuellen Weg. Bei Shunryu Suzuki (1969/ net sich beim Partnertraining z. B. der Fauststoß (Zuki) in
2003 [664]) heißt es entsprechend: "Der Weg, eure verschiedenen Varianten, aus dem Stand oder in Bewe-
Übung auszudehnen, besteht darin, euch so zu offen- gung oder der Schlag mit der Handkante (Shuto uchi). Um
baren, wie ihr seid, ohne zu versuchen, jemand anderer Angriffen auszuweichen wird eine Schrittfolge, der Tai Sa-
zu sein. Wenn ihr sehr ehrlich mit euch selbst und mutig baki, trainiert, mit der man mit einer Drehbewegung d ie
genug seid, dann könnt ihr euch selbst ganz zum Aus- Konfrontationslinie verlässt und die Energie des "Angrei-
druck bringen". Eine budotherapeutische Intervention fers" nutzt, um diesen zu kontrollieren, ohne ihn zu be-
lautet entsprechend: "Übe deine persönliche Kata". siegen. Der Budokampf zielt insbesondere im budothera-
peutischen Sinne auf gemeinsame Weiterentwicklung im
Wissen um die Tatsache, dass dafür jeder den anderen
10.2.5 Kampf ("Randori") braucht. Ohne den anderen ist ein Weiterkommen nicht
Beim Kampf geht es, wie bereits erwähnt, nicht um Sieg möglich. Die Verneigung (Rei) in Verbindung mit dem da-
oder Niederlage und nicht um ein Gegeneinander, bei zu ausgesprochenen japanischen Ausdruck Oss, verkör-
dem der andere als zu besiegender Feind gesehen wird. pert an dieser Stelle Dankbarkeit für das Engagement des
Vielmehr geht es um ein Miteinander. darum, sich mit Partners und Wertschätzung gegenüber seinem aufrech-
Hilfe des anderen zu entwickeln, am anderen zu reifen, ten Bemühen um das gemeinsame Projekt.
also um die Meisterschaft seiner selbst. Randori ist eine Um für das partnerschaftliehe Miteinander zu sensibili-
Partnerübung, in der der Kampf unter Einhaltung strikter sieren, gibt es zahlreiche Übungen. Hier möchte ich
Regeln gespielt wird. Der freie Kampf erfolgt erst im Fort- exemplarisch das Kakie (auch bekannt unter Pushing
geschrittenenstadium. In der Anfangsstufe werden fest- Hands) erwähnen. Hier stehen sich die Partner in direk-
gelegte Techniken im Rollentausch geübt, wobei die Auf- tem Körperkontakt über die Unterarme gegenüber. Die
gabe des "Angreifers" nicht nur darin besteht, seine Tech- Aufgabe ist, sich im Stand oder in der Bewegung aus dem
nik präzise im Ziel zu platzieren, sondern auch darin, den Gleichgewicht zu bringen oder beim anderen einen Tref-
Partner (Gegner) nicht zu verletzen. Das erfordert, inten- fer zu platzieren, ohne dass dabei der Kontakt der Arme
sives Training, höchste Konzentration, die Beherrschung unterbrochen wird. Die budotherapeutische Intervention
der Technik und die Fähigkeit und Bereitschaft, sich dem hierzu lautet: Probleme (Konflikte) lösen wir gemeinsam
Partner anpassen und sich selbst kontrollieren zu können. im Kontakt.
Zum Schutz des anderen, und letztlich auch zum eigenen
Schutz, ist das Üben der Affekt- bzw. lmpulskontolle von
zentraler Bedeutung, denn "Budokampf muss ein Kampf
10.2.6 Fallschule ("Ukemi")
sein, bei dem man nicht auf emotionale Weise involviert Geübt werden Falltechniken aus dem Aikido und Judo.
ist und bei dem Aggressivität ausgeschlossen isr· (Frantzis Aus budotherapeutischer Perspektive geht es dabei u. a.
1998 [630]). Die Auseinandersetzung mit sich selbst über darum, die Angst vor dem Fallen zu verlieren, was durch
die innere Haltung und den eigenen Weg ist grundlegend die Erfahrung, dass der Fall kontrolliert abgefangen wer-
erforderlich, um die richtigen Entscheidungen treffen zu den kann, möglich wird. "fallen können, um nicht abstür-
können. Dies verdeutlicht auch die nachfolgende Zen-Ge- zen zu müssen" (Schröder, Brendel 2004 [660]) ist bei-
schichte: spielsweise gerade in der Suchttherapie ein zentrales
Ein großer, harter Samurai ging einmal einen kleinen Thema. Häufig zielen Suchtbehandlungen zu einseitig auf
Mönch besuchen. "Möncl1", sagte er in einem Ton, der sofor- Rückfallprophylaxe, also auf die Vermeidung von Sub-
tigen Gehorsam gewohnt ist, "lehre mich etwas über Him- stanzrückfallen. Das ist einerseits notwendig, greift aber
mel und Hölle!". Der Mönch sah zu dem mächtigen Krieger zu kurz, weil suchtkranken Patienten die Rückfallerfah-
auf und entgegnete voller Verachtung: "Dich etwas über rung in der Regel nicht erspart bleibt (vgl. Fischer et al.
Himmel und Hölle lehren? Überhaupt nichts kann ich dich 2007 [629]). Arbeit am Rückfall findet budotherapeutisch
lehren. Du bist schmutzig. Du stinkst. Deine Klinge ist ros- entsprechend als Rückfallbewältigungstraining statt. In
tig. Du bist eine Scham und Schande für die Klasse der Sa- dem Wissen darum, dass sich der Rückfall früher oder
murais. Geh mir aus den Augen. Ich kann dich nicht ertra- später auf die eine oder andere Weise mit höchster Wahr-
gen." Der Samurai war wütend. Er zitterte, wurde ganz rot scheinlichkeit ereignen wird, wird der Rückfall im Trai-
im Gesicht, war sprachlos vor Wut. Er zog sein Schwert und ning praktisch in Form der Rückwärtsrolle (Uschiro Uke-
hob es in die Höhe, um den Mönch damit zu erschlagen. mi) in einzelnen Trainingsschritten geübt. Bei dieser
"Hier öffnet sich das Tor zur Hölle", sagte der Mönch sanft. Übung ist das Aufstehen, das "Wieder-auf-die-eigenen-
Der Samurai war überwältigt. Das Mitgefühl und die Erge- Füße-kommen", die zentrale Erfahrung. Die hieraus abge-
benheit dieses kleinen Mannes, der sein Leben hergab, um leitete Botschaft: "Nicht der Rückfall (das Zurückfallen) ist
ihm diese Lehre zu erteilen und ihm die Hölle zu zeigen! das größte Problem, sondern das Liegenbleiben (der fort-
Langsam senkte er sein Schwert. erfüllt von Dankbarkeit gesetzte Konsum)" vermittelt Zuversicht und ermutigt
und plötzlichem Frieden ... Und hier öffnet sich das Tor zum zum weiteren Üben.
Himmel", sagte der Mönch sanft.

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10.2 Elemente des:Budo und der Budotherapie :_- -.~ · ; {x'>
~ _,_ - - . - • ~---- ~. -~·----~-._::: __ ··:·~.-~ü::...:... .... .- ,- ._:-

10.2.7 Atmung ("Kokyu"f"Ki") können mittels des "Mentalen Trainings" (top-down-ap-


proach) nachhaltig neu geformt werden.
Die Atmung spielt bei nahezu allen Budoübungen eine
zentrale Rolle, von der Meditation (Zazen), über die Tech-
nik (Waza) bis zum Kampfschrei (Kiai). Die synchronisier- 10.2.9 Übungsraum {"Dojo")
te Atmung (Kokyu) unterstützt bzw. ermöglicht erst die Dojo ist der Raum, "in dem der Weg geübt wird", ein "Ort
Bewegungsabläufe sowie die Regulation von Anspannung der Selbstfindung und Meditation" (Lind 2004(642)). Als
und Entspannung. Ohne Kokyu kann die Bewegung, ein Ausdruck der Würdigung des Dojos als besonders ge-
Fauststoß zum Beispiel, nicht seine volle Wirksamkeit schützter Ort, wird das Dojo beispielsweise mit der Ver-
entfalten. Der Atem erst synchronisiert alle nötigen kör- neigung (Gassho) betreten und verlassen. Auch innerhalb
perlichen Aktivitäten und fokussiert die Kraft auf ein Ziel. des Dojos gelten die Etikette und die Regeln des Budo
Die Stimmaktivierung erfolgt insbesondere bei Übungen, (Dojokun): Respekt, Achtung und Demut (Reishin), Zunei-
die den vollen Krafteinsatz erfordern, durch den Kiai, der gung (Gassho ). regelmäßige Praxis (Doshin), Geistes-
die Technik abschließt. gegenwart (Zanshin ) und der Geist des Anfängers (Shos-
hin). die die grundlegenden Prinzipien der Partnerschaft-
10.2.8 Meditation {"Zanshin") lichkeit. der Gegenseitigkeit und des Miteinanders sowie
der Einzigartigkeit des Einzelnen und "Andersheit des An-
"Zuerst übt, sanft auszuatmen und dann einzuatmen. Ge- dem" ( Levinas 1963/1983 [641); Petzold 1996k [652))
mütsruhe liegt j enseits des Endes der Ausatmung. Wenn würdigen, was auch auf die Schüler-Lehrer-Beziehung zu-
ihr also sanft ausatmet, ohne dass ihr auszuatmen ver- trifft.
sucht, dann tretet ihr in die vollstä ndige, vollkommene Hiernach verspricht der Schüler, sich dem Weg des Bu-
Ruhe eures Geistes ein" (Suzuki 1969/2003 (664]). Sich do ganz hinzugeben, der Lehrer verspricht, den Schüler
sammeln, zur Ruhe kommen. innehalten, den Blick nach auf diesen Weg zu führen bzw. ihn auf diesem Weg zu be-
innen richten, ohne Ziel. dabei wach und absichtslos, das gleiten. Dass es dabei in erster Linie um ein partnerschaft-
ist Zanshin, geistige Wachsamkeit. Zazen, die Meditation- liches Verhältnis handelt, beschreibt Suzuki (1969/2003)
form im Zen-Buddhismus, wird im Budo vor allem als (664) so: "Manchmal müsst ihr euch mit eurem Meister
Mokuso geübt. Dabei sitzt man zum Beginn und Abschluss streiten. Das ist in Ordnung. Aber ihr solltet versuchen,
des Trainings im Kniesitz mit annähernd geschlossenen ihn zu verstehen, und ihr solltet bereit sein. euren Stand-
Augen, still, in seiner Mitte (Hara) ruhend. Aufmerksam- punkt aufzugeben, wenn ihr im Unrecht seid. ( ... ) Das ist
keit und Konzeptration sind auf den Hara gerichtet, die ehrlich mit euch selbst sein. ( ... ) Für einen Meister ist es
Atmung verbindet die innere mit der äußeren Welt. Ein wichtig, immer bereit zu sein, sich seinem Schüler zu er-
immerwährendes Ein und Aus, Geben und Nehmen, Kom- geben. Wenn ein Meister erkennt, dass er im Unrecht ist,
men und Gehen, Öffnen und Schließen w ird als Grund- kann er sagen: Oh, du hast recht, ich habe mich geirrt."
prinzip des ewigen "stirb und werde" (Dürckheim ) evi- Traditionelle, aber überkommene Rituale der Unter-
dent. Nach Queckenstedt ermöglicht die regelmäßige Za- werfung und bedingungslosen Gefolgschaft sind im mo-
zen-Praxis die "Erfahrung der Stille hinter den Worten dernen und westlich praktizierten Budo indes weitest-
und Bildern und ein Gehaltensein im großen Ganzen, ein gehend überwunden. Im Sinne der Budotherapie wären
Aufgehobensein inmitten des Lebenskampfes (persönliche diese ohnehin vollkommen inakzeptabel und unter thera-
Mitteilung 2013). Still werden bedeutet dabei aber nicht, peutischen Gesichtspunkten schädlich und in die Katego-
sich vom Realen zu entfernen, sondern im Gegenteil, hier rie der psychotherapeutischen Kunstfehler einzuordnen.
und jetzt ganz wach zu sein, was folgender Dialog eines
Schülers mit seinem Zen-Lehrer verdeutlicht:
"Kann ich selbst irgendetwas tun, um erleuchtet zu wer- 10.2.1 0 Übung ("Geiko"f"Do")
den?" "Genauso wenig, wie du dazu tun kannst, dass mor- Der japanische Begriff für Übung ist Geiko und .,bedeutet
gens die Sonne aufgeht." "Was nützen dann die Übungen, wörtlich übersetzt nachdenken, die Handlung überden-
die Ihr vorschreibt?" "Sicher zu gehen, dass du nicht ken". Doch Geiko bezieht sich nicht auf eine Übung, die
schläfst, wenn die Sonne aufgeht." auf technische Fertigkeit zielt, sondern auf eine Übung,
die das Ganzwerden des Menschen bezweckt" (Li nd 2004
In der Budotherapie verbindet sich die Praxis des Zazen (642)). Handeln und Nachdenken sind untrenn bar mit-
mit dem meditativ-nootherapeutischen Konzept der einander verbunden. Die Bewusstheit dieser Verschrän-
"komplexen Achtsamkeit" der Integrativen Therapie (P~t­ kung des eigenen Handeins und der Absicht, die dahinter
zold 1983e[649], [659)). Neurowissenschaftliche Erkennt- steht, fördert die Selbstverantwortung und die Wachsam-
nisse betonen dabei die besondere Bedeutung der Neuro- keit in Bezug auf die Wahrung der eigenen und der Inte-
motorik als Ansatz für therapeutische Interventionen, die grität des Anderen. Wachsam in diesem Sinne seinen
bei der Stimulation von (neuen) Reflexen ansetzen, um so Weg gehen bedarf der Übung des Weges (Do) in sicheren
neue Verhaltensmuster durch spezifische Körperübungen Zeiten, vor allem im Hinblick auf die Überraschungen, die
gezielt neu zu bahnen (bottom-up-approach). Gleichwohl das Leben bereit hält, denn beim Gehen verändert sich
setzen Veränderungsprozesse (Haltungsänderungen) aber der Weg, wie auch derjenige, der den Weg geht. Übung
auch an den eigenen Gedanken und Vorstellungen an und des Weges heißt also, das Notwendige tun, um sich im all-
täglichen Leben sicher zu verorten, heißt aber auch, sich

165
Budotherapie

Doshin Randori
Hara Arbeit an sich Sich am andern Kata
ln seiner Mitte selbst entwickeln Die gute Form
'~
sein finden

Reishin Zanshin
Respekt Präsent und
Selbstachtung absichtslos

Gassho
Verneigung:
Kamae-do Ich bin m ir/dir
Die Veränderung zugeneigt
in Angriff nehmen

Geiko/Do
üben, üben, üben

Abb. 10.1 Der Weg der Veränderung. Die Grafik zeigt, welche Faktoren in der Budotherapie für nachhaltiges Lernen bzw.
Verhaltensänderungen bedeutsam sind: Um Veränderungsprozesse und den Weg der Übung in Angriff nehmen zu können,
bedarf es der eigenen Entscheidungs- und Willenskraft. Die Elemente des Budo dienen in ihrem komplexen Zusammenwirken
der Entwicklung der persönlichen Souveränität und der eigenen Haltung. die geprägt ist von Respekt, Achtung und
Mitmenschlichkeit und Friedfertigkeit.

vorzubereiten auf das. was vor einem liegt. Die wieder-


holende Übung (Geiko) einer bestimmten Form kann so
10.3 Indikation
beispielsweise die Verarbeitung und Überwindung eines Budotherapie ist vor allem eine psychotherapeutische
persönlichen Problems auf symbolischer Ebene sein, ohne Methode zur Behandlu ng von psychischen Erkrankungen.
dass dieses psychotherapeutisch konfliktzentriert "auf- Hierauf fokussiert der vorliegende Beitrag. Budotherapie
gearbeitet" werden muss. kommt aber auch in der Gesundheitsprävention, im Ge-
..Was nicht geübt wird. bahnt sich nicht, schleift sich sundheitscoaching, in psychosozialen und pädagogischen
nicht ein, und ohne Habitualisierung haben Veränderun- Arbeitsfeldern sowie in Selbsterfahrungsprozessen mit
gen keinen Bestand" (Petzold 1968 (645)). Entsprechend dem Ziel der Persönlichkeitsentwicklung und Entfaltung
kommt der regelmäßigen Übung eine besondere Bedeu- persönlicher Ressourcen wirku ngsvoll zum Einsatz. Die
tu ng zu. Alle Übungen setzen auf der Körper-Leibebene Methode ist im Ansatz ressourcen- und lösungsorientiert,
an und sind häufig partnerzentriert Diese Form der Ar- sie ist eingebettet in das interdisziplinär orientierte, schu-
beit an sich selbst (Höhmann-Kost, Siegele 2004 [634]) len- und methodenübergreifende Verfahren der lntegrati-
zielt auf den Zuwachs an persönlicher Souveränität, die ven Therapie nach Petzold (2003a) (655).
sich vor allem in partnerschaftlicher und wechselseitiger Budotherapie wird spezifisch im Rahmen von stationä-
Erfahrungen entwickelt. also in einem Prozess "intersub- rer oder ambulanter Psychotherapie und im Bereich der
jektiver Ko-Respondenz" (Petzold 1991a [650)). medizinischen Rehabilitation eingesetzt. in Analogie zu
.,.. Abb. 10.1 verdeutlicht in der Übersicht, wie die Ele- anderen klinisch- therapeutischen Methoden wie bei-
mente der Budotherapie in ihrem Zusammenwirken posi- spielsweise die Bewegungstherapie, Tanztherapie, Musik-
tive Lern-, Entwicklungs- und Veränderungsprozesse in therapie oder Kunsttherapie. Entsprechend lassen sich In-
Gang setzen und unterstützen können. Ein zentrales Mo- d ikationen und Kontraindikationen n icht für einzelne
ment ist dabei das Üben. Oder mit Erich Kästner: ..Es gibt Krankheitsbilder erstellen. Vielmehr richten sich Indika-
nichts Gutes, außer: man tut es". tion und Kontraindikation nach den spezifischen Thera-
piezielen und dem individuellen Behandlungsplan. Zu-
nächst unabhängig von einer Diagnose kann Budothera-
pie beispielsweise indiziert sein zur:
• Antriebssteige rung
• Verbesserung des Selbstwertgefühls
• Steigerung d er Selbstwirksamkeit

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• Verbesserung der Affekt- und Impulskontrolle o maligne Lern- und Adaptionsmodelle
• Verbesserung des emotionalen Erlebens o sozioökologische und systemische Einflüsse
• Rückfallprophylaxe und Rückfallbewältigung • Ressourcendiagnostik longitudinal, q uersch nittlieh
• Verbesserung der sozialen Kompetenzen und prognostisch angelegt
• Motivationsförderung und Willensbildung • Behandlungsplanung
• Verbesserung der Abgrenzungsfähigkeit
• Stabilisierung Zu den zentralen Zielen der Behandlu ng gehört es, kogni-
• Förderung komplexer Achtsamkeit und Aufmerksam- tive, emotionale, volitive und sozial-kommunikative Fä-
keit higkeiten des Patienten, seine perzeptiven, memorativen
• Stressbewältigung und Spannungsregulation und expressiven leiblichen Vermögen wieder herzustel-
• Krisenintervention und Krisenprävention len, wo sie beeinträchtigt wurden und sie zu fördern und
weiter zu entwickeln, wo sich Entwicklungspotenziale
Die Indikation fü r Budotherapie erfolgt im Rahmen der bieten. Die Patienten sollen durch eine Therapie für die
allgemein gültigen Behandlungsleitlinien für psychische biografischen Hintergründe ihrer Schädigungen und Stö-
und psychiatrische Erkrankungen. Kontraindikationen er- rungen, für dysfunktionale Narrative sensibilisiert wer-
geben sich entsprechend des individuellen Krankheits- den, damit sie über den dami t erfolgten Erkenntnis-
geschehens und -verlaufs. gewinn ihre Fähigkeiten und Fertigkeiten aktivieren, ihre
konstruktiven Lebenspotenziale entfalten und ihre Le-
bensentwürfe selbstbestimmt gestalten lernen. Dabei
10.4 Diagnostisch-therapeutischer werden im Sinne der integrativen Persönlichkeitstheorie
und Entwicklu ngspsychologie ein stabiles Selbst, ein fle-
Prozess xibles Ich und eine konsistente Identität gefördert sowie
Definitionen von Gesundheit und Krankheit sind. neben der Aufbau konsolid ierter Sozialwelten, sozialer Netzwer-
der individuellen Bewertung, in hohem Maße von der ke bzw. Konvois.
spezifischen Bewertung und Ausdifferenzierung soziokul- Ausgerichtet an ei ner komplexen An th ropologie des
tut·eller Kontexte abhängig. Diese bestimmen, was als ge- schöpferischen Menschen und an dem Ideal einer Inter-
sund oder krank g ilt. Damit ist eine Festlegung auf ein subjektivität, Integrität, Solidarität und Wertschätzung
Krankheitsmodell zeitgebunden, vorläufig und ei ngebun- des Anderen fördernden Gesellschaft, kommt gruppen-
den in intersubjektive Korrespondenzprozesse" (Petzold therapeutischen, narrativen und kreativtherapeutischen
2003a [655]). Elementen im lntegrativen Ansatz besondere Bedeutung
Die anthropologische Krankheitslehre geht von Begrif- zu. Somit spielt auch in der Budotherapie das .,Intersub-
fen d er Entfremdung und Verdinglichung, die anthropolo- jektivitätsparadigma" eine zentrale Rolle. Die t herapeuti-
gische Gesundheitslehre von Vertrauen, Zugehörigkeit und sche Beziehung wi rd danach verstanden als .,intersubjek-
Lebendigkeit aus (Leitner 2010 (640)). Im Unterschied da- tives Geschehen und intersubjektives Handeln" (Leitner
zu bezieht sich die klinische Krankheitslehre der lntegrati- 2010 (640)).
ven Therapie auf die multiplen pathogenen Stimulierungen
wie Überstimulierung (Trauma ), Unterstimulierung (Defi-
zit), inkonstante Stimulierung (Störung), widerstreitende 10.5 Budotherapeutische
Stimulierung (Konflikt), die Gesundheitslehre auf sa/uto-
Interventionen und Methodik in
gene Stimulierung und protektive Faktoren (Leitner 2010
[640)). Alle Bereiche der Persönlichkeit (Ich, Selbst, Iden- der Praxis
tität) können davon betroffen sein. Krankheit und Ge-
Nachfolgend w ird an anonymisierten Beispielen aus der
sundheit werden nicht isoliert voneinander betrachtet.
psychotherapeutischen Praxis die Methodik der Budothe-
da die Persönlichkeit eines Menschen das Resultat aller
rapie bei verschiedenen psychischen Erkrankungen im
positiven, negativen und Defiziterfahrungen ist. Sie wird
Verlauf einer Behandlung vorgestellt und erläutert. Am
determiniert durch die Interaktion von Schutz- und Risi-
Anfang steht d ie aktuelle Symptomatik des Patienten, er-
kofaktoren, Resilienzen und Potenzialen, Ketten widriger
gänzt um Angaben zur Anamnese und Psychodynamik,
belastender Ereignisse und Ketten positiver, stützender
soweit diese zum Verständnis des Therapieprozesses er-
und schützender Ereignisse. Die Struktur lntegrativer Ko-
forderlich sind. Die budotherapeutischen Interventionen
mordiditäts-Diagnostik enthält nach Osten (2004 [644))
finden als Körper- und Bewegungsübungen in der Regel
d ie .,Fünf Module":
im Bewegungsraum (Dojo) statt. Dieser ist u. a. ausgestat-
• psychosoziale Diagnostik: phänomenologisch-deskrip-
tet mit Matten, Balance-Pads (Schaumstoffkissen zum
tiv und/oder standardisiert
Gleichgewichtstraining im Stand), Therapiekreiseln, Gym-
• Klassifikation nach ICD-1 0/DSM-IV-TR und !CF
nastikbällen, Meditationskissen, Holzschwertern (Boku-
• ätiologische Diagnostik im Entwicklu ngskontinuum der
to), Langstäben (Bo), Kurzstäben Uo), Schlagpolstern (Ma-
Lebensspanne
kiwara ) und Bruchbrettern.
o Defizite und prolongierte Mangelerfahrungen
o Konflikte und andere spannungsreiche Störungen
o Überforderungen und zeitextendierter Stress
o Traumatisierungen

167
Budotherapie

10.5.1 Diagnose nach ICD-1 0: Konsils erhielt der Patient zusätzlich zur beginnenden
Schwere depressive Episode ohne am bu lanten Psychotherapie eine antidepressive Medika-
tion.
psychotische Symptome (F32.2)
Behandlungsverlauf
Patient Herr S. Die Psychotherapie umfasste 90 Einzelstunden und er-
strecke sich insgesamt über zweieinhalb Jahre bei einer
Symptomatik Frequenz von einer Sitzung pro Woche. ln der 6-monati-
Der 28-jährige Patient Herr S. schildert im Erstkontakt, gen Schlussphase erfolgte die Behandlung im 14-tägigen
dass er seit 2 Jahren zunehmend unter starken Stim- Turnus. Anhand der nachfolgenden Therapieausschnitte
mungsschwankungen, Schlafstörungen und Gefühlen wird verdeutlicht, wie der Patient mittels budotherapeu-
der Leere und Hoffnungslosigkeit leide. Früher habe er tischer Interventionen zunächst eine psychische Stabili-
vielfältige Interessen und Spaß am Leben gehabt. Vor sierung erreichen und im weiteren Verlauf von der Stabi-
3 Jahren habe er sein Informatik-Studium abgeschlos- lität in die Mobilität gelangen kann. Zum Ende der The-
sen. Seither habe er sich vergeblich um eine Arbeitsstelle rapie fand der Patient auf dem Boden positiver Kontroll-
bemüht. Er habe immer nur gelegentlich gejobbt. so und Selbstwirksamkeitserfahrungen u. a. eine gute Ba-
dass es gerade zum Leben gereicht habe. Aktuell fühle er lance zwischen diesen beiden Aspekten.
sich einsam und verlassen, seine Lebensfreude habe ab-
genommen, er verabrede sich schon seit längerem nicht
mehr mit Freunden. Eine Freundin habe er seit Jahren
Stabilisierung/Arbeit am Stand
nicht mehr gehabt, die wenigen früheren Beziehungen ln den ersten 3 Sitzungen beschäftigen w ir uns im Rah-
seien nur von kurzer Dauer gewesen. Er sei .wohl einfach men der Krisenintervention fast ausschließlich m it der
nicht beziehungsfähig". Zwischendurch habe er ver- Arbeit am Stand. Wir gehen zunächst gemeinsam mal
mehrt Alkohol getrunken, um seine Stimmung zu ver- kreuz und quer und mal nebeneinander durch den
bessern. Danach habe er sich dann aber imm er noch Raum . Derartige Übungen mache ich , wenn auch in der
schlechter gef ühlt, weshalb er damit wieder aufgehört Rolle des .Coachs", immer mit. ln diesem Fall wird da-
habe. Vor 6 Wochen habe er versucht, sich mit einer po- durch für den Patienten konkret erfahrbar: "Ich gehe
tenziell letalen Dosis Schlaftabletten umzubringen, aus meinen Weg nicht alleine, andere sind mit m ir, an mei-
Verzweifl ung und weil er im Leben keinen Sinn mehr ge- ner Seite". Diese Übung wird von mir im Sinne des .Al-
sehen habe. Er sei aber wieder aufgewacht. Das habe er ter-Ego" verbal begleitet, etwa mit den Worten: .Ich ge-
als Zeichen gesehen, weiterleben zu wollen und sich Hil- he meinen Weg, ich spüre den Boden unter meinen Füß-
fe zu suchen. en, ich bestim me die Richtung und das Tempo." Danach
fordere ich den Patienten auf, st ehenzubleiben und inne-
zuhalten. Der Patient äußert, dass er sich "wackelig" und
Psychodynamik und Symptombildung nicht sicher auf seinen Beinen fühlt. Ich bringe dieses
Im Alter von 7 Jahren habe der Patient seinen Vater Körperempfinden mit seiner momentanen Situation in
durch einen Motorradunfall verloren. Er sei fortan als Ein- Verbindung, was er bestätigt.
zelkind bei seiner Mutter aufgewachsen. Der Tod des Va- Herr 5.: .Ja, das stimmt. Ich fühle mich ohne Halt. Ich weiß
ters sei in der Familie nicht angemessen betrauert wor- nicht, ob ich das alles schaffen kann.··
den. Die Mutter habe den Verlust des Vaters nicht über- Ich fordere ihn auf, sich auf das Balance-Pad zu stellen,
w inden können. Aus Angst , sie könne auch noch ihr ein- zunächst mit beiden Füßen, dann abwechselnd im Ein-
ziges Kind verlieren, habe sie den Patienten .keinen Au- beinstand. Auf einem Bein das Gleichgewicht zu halten,
genblick aus den Augen gelassen" und ihn .rund um d ie fällt dem Patienten nicht leicht und er benötigt dazu sei-
Uhr mit ihrer Fürsorglichkeit erdrückt". Um die Mutter ne ganze Konzentration. Zudem ist die Übung kräftezeh-
nicht zu belasten, entwickelte der Patient offenbar ein rend , da es auch darum geht, an die Grenze seiner Kraft
ausgeprägtes Streben nach Anpassung und Harmonie, zu gelangen. Wie alle Übungen mache ich auch diese auf
um den Preis einer blockierten Entwicklung seiner dem eigenen Balance-Pad mit, lasse mich dabei im stän-
Selbst stä ndigkeit und Entfaltung seiner persönlichen digen Wechsel mal vom Patient en füh ren, mal überneh-
Souveränität. Zudem muss er den Tod des Vaters selbst me ich , entsprechend vorsichtig dosiert, die Führung.
schuldhaftverarbeitet haben, worauf möglicherweise Herr 5.: .Oh, das ist anstrengend."
sein defizitäres Selbstwerterleben hinweist. Schule und Therapeut .ja, das ist anstrengend. Versuchen Sie es trotz-
Studium scheinen genügend Halt und St ruktur geboten dem weit er."
zu haben, um weiterhin gut funktionieren zu können. Herr 5.: .Ich kann nicht mehr."
Erst mit dem Abschluss des Studiums verliert der Patient Therapeut .Dann wechseln Sie jetzt das Bein.·
scheinbar sein Gleichgewicht und fällt ins Leere. Herr 5.: .Okay, aber es ist immer noch ziemlich wackelig."
Therapeut "Ja das stimmt. ziemlich wackelig. Ich rücke mit
meinem Pad mal etwas näher an Ihre Seite. Wollen Sie
Setting meine Hand nehmen, dann stehen wirbeidevielleicht
Zur Krisenintervention und Stabilisierung wurden für die etwas sicherer {immer noch im Einbeinstand)?"
ersten 2 Wochen tägliche Kontakte verabredet. Im Rah- Herr 5.: .Okay."
men des parallel von mir veranlassten psychiatrischen Therapeut .Und?"

168
... . . - ~ . .

10.5 Budotherapeutische Interventionen und Methodik in"der Praxis " - -

Herr S.: "Gut! Geht besser. Gar nicht schlecht." Von der Stabilität in die Mobilität
Zwischendurch lösen wir unsere Verbindung und stehen
Im weiteren Verlauf stabilisiert sich der Patient zuneh-
wieder alleine, dann stabilisieren wir uns wieder, indem
mend. Ihm wird bewusst, dass er nach dem Tod des Va-
wir uns an den Händen anfassen. Dann verlässt jeder für
ters nicht genügend Raum hatte, um sich unbeschwert
sich das Pad mit einem Schritt nach vorne. Ich gebe nun
entwickeln zu können. Er beschreibt die familiäre Situa-
die Anweisung, die Aufmerksamkeit nun vollstä ndig auf
tion als .eng", er habe sich nie frei gefühlt und ihm habe
den gerade neu gewonnenen stabilen Stand zu richten.
die Luft zum Atmen gefehlt.
Herr S.: "Fühlt sich stabil an, ich stehe ganz fest und sicher,
in dieser Phase der Therapie geht es vor allem um die
so ,platt' auf dem Boden, als hätten meine Füße Wurzeln."
Themen Selbstwirksamkeit, persönliche Souveränität,
ln der Reflexion darüber wird deutlich, dass es dem Pa-
Grenzen und Wehrhaftigkeit. Ich übe mit dem Patienten
tienten gut tut, wenn er sich selbst in seinem Körper
die .. Kata Shingon", eine Kata aus dem Zenki-Ryu-Karate-
spürt. sich in seiner Selbstwirksamkeit erlebt und die Er-
do nach Queckenstedt, die von einem Stand-Punkt Jus
fahrung macht. dass er .selbst-ständig" auf eigenen Bei-
mit den Armtechniken Haishu-Uke (Abwehr mit dem
nen steht, obwohl er sich zeitweise in "andere Hände"
Handrücken) und Gyakuzuki (Fa uststoß) in alle vier Him-
begibt. Gleichwohlliegt darin die Botschaft und das Ver-
melsrichtungen ausgeführt wird. Neben Ablauf und
sprechen: ..Wir stehen das gemeinsam durch. "
Techn ik spielen Koordination sowie die Atmung eine
zentrale Rolle. Im Wechsel erfolgen langsame Bewegun-
Selbstannahme - gen (Haishu-Uke) während der Einatmung und explosive
"Ich bin mir zugeneigt" Bewegungen (Gyakuzuki) während der Ausatmung. Der
letzte Fauststoß erfolgt mit Kampfschrei (Kiai).
in den folgenden Stunden erweitern wir die Arbeit am
Anfangs fällt es Herrn S. nicht leicht, mit einer derart
Stand (Hara-ki) und die Arbeit am Weg (Ooshin) um die Ar-
komplexen Bewegungsform zurechtzukommen, aber er
beit an der Selbstannahme und Sorge um sich selbst (Rei-
lässt sich bereitwillig und mit großem Eifer auf diese
shin). Zu diesem Zweck führe ich die Verneigung ein, in
Übung ein. Bei fortschreitender Übung, auch zu Hause,
Verbindung mit einer kurzen Meditation (Mokuso). Die
entwickelt sich die Kata für Herrn S. zum Symbol der ,.Ar-
Verneigung w ird im Stand geübt, was zu nächst die Fo-
beit an sich selbst". Es ist die Arbeit an der eigenen gu-
kussierung auf den sicheren, stabilen Stand (Hara-ki) er-
ten Form sowie die Arbeit am persönlichen Ausdruck.
fordert. Aus dem hüftbreiten Stand (Heiko dacht) heraus
werden dann die Füße geschlossen zum Heisoku dachi.
Die Verneigung erfolgt aus dem Becken heraus mit gera- Behandlungsergebnis
dem Rücken, die Arme bleiben dabei seitlich am Körper Herr S. beendet seine Therapie regulär und ist selbst mit
angelegt. Die Verneigung selbst kann nur zart angedeu- dem Ergebnis sehr zufrieden. Das Antidepressivum
tet oder groß und eher bedächtig erfolgen, je nach psy- konnte nach 18 Monaten abgesetzt werden. Herr S. blieb
chischer Verfasstheit und Bereitschaft des Patienten. Die auch ohne Medikation bis zum Ende der Therapie dies-
Verneigung in Verbindung mit dem erst still memorier- bezüglich symptomfrei. Nachdem er zwei mehrwöchige
ten und später hörbar ausgesprochenen Satz " Ich bin betriebliche Praktika absolviert hatte, fand er eine An-
m ir zugeneigt" st ellt e für den Patienten zunächst eine stellung bei einem Software-Unternehmen. Darüber und
große Herausforderung dar. über den Eintritt in einen Sportverein, in dem er Volley-
Herr 5.: "Das ist jetzt aber sehr ungewohnt." ball und Badminton spielte, knüpfte er neue, nachhaltig
Therapeut: "ja, das glaube ich. Sie haben sich im Laufe Ihres tragfähige soziale Kontakte.
Lebens sicherlich schon oft, wenn auch unbewusst, ver-
neigt, aber wohl eher in Verbindung damit, es anderen
recht machen zu wollen. in dem Sinne: ,Ich achte darauf,
dass Dir nichts geschieht.· Die Kompetenz, andere be-
schützen zu können. ist sehr wertvoll. jetzt könnte es zu- 10.5.2 Diagnose nach ICD-1 0:
dem gut und wichtig sein, die Kompetenz zu entwickeln, Störungen durch multiplen Substanz-
sich selbst zu beschützen."
Herr S. (experimentiert weiter mit der Verneigung): .ja, auf gebrauch, Abhängigkeitssyndrom,
andere habe ich immer geachtet. Ich selber war nie so gegenwärtig abstinent (F19.20);
wichtig. jetzt geht es um mich, okay, ich versuch's, das ist
schwer." emotional instabile Persönlichkeits-
Im Verlauf dieser Übung kommt Herr S. auch mit seiner störung, impulsiver Typ (F60.30}
Trauer über den Verlust des Vaters in Berührung, und
zwar, als w ir die Verneigung als Partnerübung praktizie-
ren. Er erfährt so direkt über die Zuneigung, die ich ihm Patient Herr M.
in der Übung entgegenbringe, dass er diese von seinem
Vater nie erfahren hat. Das macht ihn sehr traurig und er Symptomatik
weint darüber. Gleichwohl findet er über die weitere Der 42-jährige Patient Herr M. komme auf eigenen
Auseinandersetzung mit der Thematik Zugang zu seinen Wunsch, weil er Probleme im Sozialverhalten habe, leicht
sanften Gefühlen, was eine Versöhnung mit dem Vater reizbar sei und sich dann respektlos verhalte und auch
(und mit sich selbst) ermöglicht. bei kleinen Konflikten aggressiv und gewalttätig reagie-

169
Budotherapie

re. Er sei von Beruf Fliesenleger, aber bereits seit 5 Jah- petenzen wird Herr M. gleich zu Beginn der Rehabilita-
ren arbeitslos. Seine letzte Stelle habe er verloren, weil tion dieser Gruppe zugewiesen.
er mehrfach betrunken zur Arbeit gekommen sei. Alko-
hol und Drogen habe er schon als Jugendlicher kon-
Behandlungsverlauf
sumiert. Unter Alkohol- und Drogeneinfluss sei er häufig
Die budotherapeutische Gruppe findet im klinikeigenen
gewalttätig gewesen, weshalb ihn vor 8 Jahren seine
Dojo einmal pro Wo.che je 90 Minuten statt. Die Gruppe
Frau mit den beiden Kindern verlassen habe. Er habe zur
ist gemischtgeschlechtlich im Frauen-Männer-Verhältnis
Beschaffung seiner Drogen auch Diebstähle und zuletzt
etwa 1:3. Herr M. nim mt regelmäßig über die gesamte
einen Einbruch begangen. Dafür sei er verurteilt worden .
Behandlungszeit an dieser Gruppe teil. Lediglich nach
Er habe eine Therapieauflage. Um sein Verhalten zu än-
einem Substanzrückfall während der tagesklinischen Be-
dern, wolle er nun aber auch von sich aus eine Therapie
handlungsphase fällt er viermal aus, u. a. weil er sich in
beginnen.
einer stationären Entzugsbehandlung befand.
Der Einstieg in die Gruppe gestaltete sich für Herrn M.
Psychodynamik und Symptombildung schwierig. Zum einen kam er beim Aufwärmtraining
Herr M. sei mit seinem 5 Jahre jüngeren Bruder in einer rasch an die Grenzen seiner körperlichen Kraft und Aus-
äußerst ungünstigen Familiensituation aufgewachsen, dauer, was sich mit seinem Selbstbild des unbesiegbaren
mit einem alkoholabhängigen und gewalttätigen Vater, Kämpfers kaum vertrug. Zum andern fiel es ihm schwer,
der die Mutter m isshandelt und ihn häufig geschlagen über sich und seine Bedürfnisse in den Gesprächs- und
habe. Die Mutter habe weder sich selbst, noch die Kinder Reflexionsrunden zu sprechen. Was ihn die ersten Wo-
vor den gewalttätigen Übergriffen des Vaters schützen chen davon abhielt, aufzugeben und die Gruppe zu ver-
können. Der Patient habe sich der Willkür des Vaters lassen, war sein Leitmotiv: .Das habe ich jetzt angefan-
ausgeliefert gefühlt. Früh auf sich selbst gestellt und mit gen, das ziehe ich jetzt durch." Herr M. konnte das Curri-
Schuldgefühlen belastet, weil er die Mutter nicht vor den culum aufgrund seiner langen Behandlungszeit mehr-
Übergriffen des Vaters schützen konnte, habe er ein fach durchlaufen. Hier möchte ich zwei Themenbereiche
.. zweites Ich" entwickelt. Zu Hause habe er sich ange- herausgreifen, die für den Therapieprozess von Herrn M.
passt verhalten, in der Schule, draußen auf der Straße von besonderer Bedeutung waren.
und später in seiner Ehe habe er sich .,nichts gefallen las-
sen". Er sei sehr aggressiv gewesen. Später habe er Die W ürde des Menschen ist (un)antastbar
Kampfsport betrieben, um sich noch besser behaupten Herr M. war nach kurzer Zeit ein anerkanntes Mitglied
zu können. Im Milieu sei er jahrelang ein berüchtigter der Gruppe. Durch seine Zuverlässigkeit und Ernsthaftig-
Türsteher gewesen. Die Rüstung des gnadenlosen Krie- keit diente er manchen als Vorbild. Wenn er von seinen
gers kombiniert mit einer Anästhesierung des Leibes eigenen Gewalttätigkeiten im Milieu berichtete, rief das
m ittels psychotroper Substanzen hielt so viele Jahre sein bisweilen ehrfürchtiges Staunen hervor. Erst später
brüchiges Selbst zusammen und schützte ihn vor der bit- mehrten sich die Stimmen, die sein Verhalten kritisch
teren Erkenntnis, dass er einsam und verlassen ist in die- hinterfragten. Die Gruppen- und auch die Partnerübun-
ser ungerechten, brutalen und trostlosen Welt. gen erlebte Herr M. als großen Gewinn bezüglich seiner
sozialen Integration. Die Unbeschwertheit und Leichtig-
Setting keit, sowie die selbstverständliche Zugehörigkeit zur
Gruppe waren ihm in dieser Weise bis dahin fremd. ln
Nach 6-wöchigem stationären Entzug erfolgte eine me-
dizinische Rehabilitation als Kombinationsbehandlung dem Maße, wie sich Herr M. von Mal zu Mal immer si-
unter dem Dach einer Fachklinik für Abhängigkeits- cherer und wohler in der Gru ppe fühlte, konnte er sich
erkrankungen. Die ersten sechs Monate finden als statio- immer weiter auf die Übungen, und darauf. was sie in
näre Maßnahme statt, es folgt eine 4 -monatige tageskli- seinem Inneren auslösten, einlassen. Bei einer Angriffs-
übung, bei der sich die Partner im hüftbreiten Stand
nische und daran anschließend eine zwölfmonatige am-
bulante Behandlung. ,.Budotherapie" wird übergreifend
(Heiko dachl) im Abstand von etwas mehr als einer Arm-
länge gegenüberstanden und der Angreifer (Tori) einen
und fortlaufend als indikative, halboffene Gruppen-
Fauststoß (Chokuzuki chudan) ausführte, den er kurz vor
behandlung angeboten. Das budotherapeutische Curri-
dem Solarplexus bzw. vor dem Kinn (Chokuzuki jodan)
culum beinhaltet die fünf Schwerpunktthemen: Respekt
des Partners (Uke), der den Angriff nicht abwehrte, son-
und Achtsamkeit, Schutz und Sicherheit, Wehrhaftigkeit
dern .passiv" entgegennahm, abstoppte, wurde Herr M.
und Kampf, Spannungsregulation und lmpulskontrolle,
und Meditation. Die einzelnen Trainings beginnen immer unvermittelt von panischer Angst überflutet, und zwar,
als er sich in der Rolle des Angreifers befand. Die Übung
auf dem Sitzkissen im Kreis mit einer 2-minütigen Medi-
aktualisierte vergangene Gewalterfahrungen in Form
tation (Mokuso). Es folgt eine .Blitzlicht-Runde" zum ak-
eines Flashbacks und er war kurz davor, die Übung abzu-
tuellen Befinden der Teilnehmer. Die sich daraus erge-
brechen.
benden Themen werden im Verlauf des Trainings in
Herr M.: .Ich kann das nicht, ich kann doch nicht zuschla-
Feedbackschleifen in der Gruppe besprochen. Das Trai-
gen, ich will das nicht mehr. Es gibt auch überhaupt keinen
ning wird mit einer 15-m inütigen Meditation (Zazen) ab-
Grund, Herrn P. (seinen Übungspartner) zu schlagen, er
geschlossen. Zur Verbesserung seiner lmpulskontrolle,
hat mir doch nichts getan. Ich habe Angst, dass ich die
seines Selbstwertempfindens sowie seiner sozialen Korn-
Kontrolle verliere und zuschlage."

170
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Therapeut: ..Wie können Sie es schaffen, die Kontrolle zu der Fauststoß zum Kinn des Partner (Chokuzuki jodan)
behalten?" ausgeführt wurde. Die Macht-Ohnmacht-Thematik er-
Herr M.: .,Ich weiß nicht. Ich hab' total feuchte Hände. Ich forderte eine Modifikation dieser Übung, die Ebene der
breche die Übung ab. Ich gehe erst mal raus an die Luft Augenhöhe wurde verlassen. Stattdessen befindet sich
und eine Runde spazieren." nun der ..Angreifer" (Tori) aufrecht kniend über dem
Therapeut: .. Keine schlechte Idee. Gibt es vielleicht auch Partner (Uke). der auf dem Rücken liegt. Der ..Angreifer"
eine Möglichkeit, hier im Raum und im Kontakt zu blei-
übt dabei in dieser Position einen leichten seitlichen
ben?"
Druck mit seinen Knien auf den Brustkorb des Partners
Herr M.: .Weiß nicht. Wie denn?"
aus. so dass dieser sich zu allen Seiten hin begrenzt und
Therapeut: .,Gehen Sie mal einen Schritt zurück". (Zu Herrn
beengt fühlt. Der Blickkontakt besteht weiterhin, aller-
P.: .. Sie bleiben bitte an Ihrem Platz stehen.")
dings .von oben nach unten" bzw...von unten nach
Therapeut: ,.Wie ist das. wenn Sie den Abstand zu Herrn P.
veryrüß~m?"
oben". Der .Angreifer" führt seinen Fauststoß in Rich-
Herr M.: .Immer noch zu nah." tung Gesicht des Partners aus. Der Partner hat wie zuvor
Therapeut: .Dann gehen Sie jetzt langsam, Schritt für die Aufgabe, .passiv" zu bleiben, also keine Abwehrtech-
Schritt so weit zurück, bis an den Punkt, an dem Sie sich niken anzuwenden. ln dieser Rolle befand sich Herr M.
sicher fühlen. Halten Sie dabei den Blickkontakt mit Herrn zuerst. Er hatte volles Vertrauen zu seinem Partner und
P. Geht das?" fühlte sich absolut sicher. ln der Rolle des .. Angreifers"
Herr M.: .ja, ich glaube schon." (Herr M. vergrößert die Dis- machte Herr M. eine ganz andere Erfahrung. Nach dem
tanz auf ca. 6 Meter.) .Hier geht's. glaube ich. jetzt bin ich fünften Fauststoß mit Kiai brach er in Tränen aus. Er setz-
nicht mehr so aufgeregt." te sich neben seinen Partner verbarg sein Gesicht in sei-
Therapeut: .,Gut, dann setzen Sie jetzt bitte die Übung fort. nen Händen, schluchzte und weinte, sein Partner richte-
aus dieser Distanz. Halten Sie möglichst dabei Blickkontakt te sich auf und nahm ihn in die Arme. ln der Reflexion
mit Herrn P. Beginnen Sie ganz langsam, ohne viel Kraft. erfuhr Herr M. zunächst viel Mitgefühl. Zuspruch und So-
achten Sie dabei auf Ihre Atmung. Atmen Sie bei jedem lidarität. Durch die Übung wurde ihm das ganze Ausmaß
Zuki ruhig und langsam ein und aus. Auch der Zuki kommt
der Gewalt, die ihm angetan wurde und die er anderen
erst mal ganz langsam und mit wen ig Kraft. Ich stelle mich
zugeführt hat, unmittelbar deutlich. Erstmals empfand
neben Sie und mache die Übung mit."
er darüber großes Entsetzen, tiefe Trauer und Scham.
Therapeut (zur ganzen Gruppe): .Bitte üben Sie mit Ihren
aber vor allem auch Trost. Diese Trost-Erfahrung half
Partnern weiter. Hören Sie bitte dabei auf mein Komman-
ihm, seinen Hass auf sich selbst und die Welt zu verrin-
do. Ich zähle die einzelnen Techniken von eins bis zehn
durch. Insgesamt machen wir fünfzig Zukis mit kurzen gern. und er fand zunehmend zu einem versöhnlichen
Pausen dazwischen. Achten Sie dabei bitte auch auf den Umgang m it sich und seiner Geschichte. Getragen von
.. richtigen" Abstand zum Partner. Wir beginnen mit der der leiblichen Erfahrung entwickelte er eine neue, diffe-
Verneigung. Rei." renzierte Sicht auf die Gewalterfahrungen in seinem Le-
Ich beginne la!Jt zu zählen und mache die Übung syn- ben. Sich selbst zu verzeihen. fiel ihm am schwersten. ln
chron. auch in Bezug auf die Atmung, an der Seite des seinem Willen, alles zu tun, um sich die Fähigkeit der
Patienten mit. Nach der zehnten Technik erfolgt eine Selbstkontrolle zu erhalten, erschien er indes nachhaltig
kurze Ausruhphase. Dann folgt der nächste Zyklus, wie- gestärkt.
der mit zehn Fauststößen. Sehr moderat, aber deutlich
erkennbar, steigern sich bis zum fünften und letzten Zy- Nicht der Rückfall, sondern das Liegenbleiben ist das
klus Kraft und Geschwindigkeit der Fauststöße. Die At- Problem
mung von Herrn M. wird ebenfalls kräftiger und ruhiger. Entsprechend des bio-psycho-sozialen Gesundheits- und
Einige Teilnehmer führen die Technik mit dem Kampf- Krankheitsmodells der lntegrativen Therapie handelt es
schrei (Kiai) aus. Für Herrn M. ist dies zu diesem Zeit- sich bei der Substanzabhängigkeit um eine komplexe,
punkt noch nicht möglich. Die Übung endet mit der Ver- somatische, psychische und soziale, chronisch·rezidivie-
neigung (Rei). Danach setzen sich alle Teilnehmer in den rende Erkrankung, die die Persönlichkeit des abhängigen
Kreis, um die Sequenz zu reflektieren. Für Herrn M. war Menschen, seine Gesundheit sowie sein soziales Gefüge
die Übung u. a. sehr bedeutsam, weil er die Erfahrung in unterschiedlichem Ausmaße beeinträchtigt, schädigt
machen konnte, dass er auf seinem Weg. vor allem oder zerstört. Substanzabhängigkeil hat eine multikau-
dann, wenn es schwierig wird, nicht alleine gelassen sale, zum Teil sehr stark variierende Genese und zeigt
wird, und dass es zwischen den Extremen Zerstörung abhängig von genetischen Dispositionen, biografischen
und Flucht einen Zwischenraum g ibt. den er selbst ge- Schädigungen, der psychosozialen Lebenslage, dem
stalten und kontrollieren kann. Grad der Chronifizierung und Komorbidität sowie der
Einige Wochen danach wurde diese Technik erneut Ressourcenlage sehr unterschiedliche Ausprägungen
geübt, unter der thematischen Überschrift .. Macht und und Verlaufsformen (Petzold 2006c). Chronischer Kon-
Ohnmacht". Mittlerweile konnte Herr M. die Partnerü- sum von psychotropen Substanzen löst komplexe Verän-
bung in der Nahdistanz ausführen, auch mit aller Kraft derungsprozesse in neuronalen Schaltkreisen aus, die als
und mit Kiai. Die wichtigste Erfahrung für ihn war dabei, Spuren früheren Konsums teilweise auch noch lange
dass er sich lebendig und in seiner ganzen Kraft spüren nach dem Entzug des Suchtstoffes nachweisbar sind.
konnte, ohne dass dabei ein anderer zu Schaden kommt. Nach Kienast und Heinz (2012) scheint diese neuronale
Er hatte sich ganz und gar unter Kontrolle, auch wenn Bahnung häufig mitverantwortlich zu sein für den Sub-

171
Budotherapie

Stanzrückfall bzw. für die Aufrechterhaltung des Kon- Nach und nach verbesserten sich so seine ..Aufstehkom-
sums nach erfolgtem Rückfall. Im Bereich des hirneige- petenzen". Durch das beständ ige Üben und die leibhafte
nen Belohnungssystems führen Prozesse im sog. Sucht- Erfahrung, dass er mittels einer bestimmten Technik und
gedächtnis zu Empfindlichkeitssteigerungen, so dass die- vor allem aus eigener Kraft einen Absturz abfangen und
ses System bei erneutem Suchtmittelreiz oder -konsum wieder in einen stabilen Stand (Sochin-dachi) gelangen
eine verstärkt e Motivation zum Drogenkonsum auslöst. kann. stärkte ihn wesentlich in seiner positiven Selbst-
Ein Sucht gedächtnis im engeren Sinne umfasst darüber wirksamkeitserwartung. Die ..Arbeit am Rückfall" stärkte
hinaus zwang hafte Aspekte der Drogeneinnahme, die ei- zudem die Fähigkeit, sich selbst zu kontrollieren und sich
nerseits mit einer hippocampalen Gedächtnisleistung selbst zu schützen, ein weiterer .. Baustein" zur Regulie-
und andererseits m it einer Aktivierung orbit ofronto- rung seiner lmpulskontrolle.
striärer Regelkreise verbunden sein können, die stereo-
type Verhaltensweisen auch dann aufrechterhält. wenn
Behandlungsergebnis
diese längst ihren angenehmen bzw. subjekt iv belohnen-
Herrn M. gelang im Rahmen der medizinischen Rehabili-
den Charakter verloren haben. Aufg rund des interakti-
tation der Ausstieg aus seiner Sucht. Die Kombinations-
ven Geschehens der oft eng vernetzten Hirnregionen
behandlung mit ihren verschiedenen Behandlungsset-
und Funkt ionen und der damit verbundenen vielfältigen
tings über einen ausreichend langen Zeitraum und in
Rückkopplungseffekte ergeben sich im negativen Fall
Verbindung mit der stationären Krisenintervention nach
Verhaltensmuster, die durch eine erhöhte Rückfall-
einem Substanzrückfall schaffte die Grundlage und den
gefährdung durch bestimmte Drogenreize oder den
Raum für einen positiven Ausstiegsprozess. Insbesonde-
Suchtmittelkonsum gekennzeichnet sind. ln gleicher
re fand er mit der Budotherapie eine adäquate Form,
Weise und stets als wechselwirksames Geschehen bewir-
sich mit seiner Gewaltthematik auseinanderzusetzen.
ken positive Erlebnisse über das dopaminerge System
Gerade die unmittelbaren Erfahrungen des Kämpferi-
Gefühle des Glücks und der Zufriedenheit. Vor diesem
schen mit allen negativen lmplikationen wie Machtmiss-
Hintergrund gewinnen gerade in der Behandlung Abhän-
brauch, Gewalt und Zerstörung halfen ihm bei der Annä-
gigkeitskranker Ressourcenkonzepte zentral an Bedeu-
herung an die Thematik, u. a. weil er sein eigenes Grauen
tung (Antonovsky 1997, Petzold 1997p, Growe 2004),
nicht nur selbst so unverstellt vor Augen hatte, sondern
denn: Gelernt wird immer dann, wenn positive Erfahrungen
auch, weil er seine Erfahrungen teilen und mitmensch-
gemacht werden (Spitzer 2007), und zwar in der von ge-
liche Annahme und Trost erfahren konnte.
genseitiger Wertschätzung geprägten und ko-kreativen
Gemeinschaft und wenn wir stark emotional bet eiligt
sind.
Beim Ausstieg aus der Sucht bzw. bei der Behandlung
einer Suchterkrankung ist der Rückfall die Regel und 10.5.3 Diagnosen nach ICD-1 0:
nicht die Ausnahme. Therapeutisch haben wir uns ent - Posttraumatische Belastungsstörung
sprechend nicht nur mit der Rückfallprophylaxe, die auf
die Verhinderung des Rückfalls zielt. sondern auch mit
{F43.1) mit parasuizidalem und
der Rückfallbewält igung zu befassen. also mit der Frage. selbstverletzendem Verhalten {Z91.5)
wie man nach dem Rückfall möglichst rasch und unbe-
schadet wieder auf die Füße kommt. Budotherapeutisch
wird die Rückfallbewältigungskompetenz durch die Fall- Patientin Frau K.
schule erlernt. Zuvor wird jedoch der ..Absturz" , der den
meisten Patienten aus eigener Erfahrung bekannt ist.
Symptomatik
z. B. durch den ganzflächigen Aufschlag des Körpers Die 19-jährige Frau K. stellt sich nach 6-monatigem Psy-
nach vorne auf die Weichbodenmatte simuliert. Die Vor- chiatrieaufenthalt zur ambulanten Weiterbehandlung in
stellung, derart auf dem harten Boden aufzuschlagen, der psychotherapeutischen Praxis vor. Eigentlich habe
löst in der Regel eine ganze Reihe unangenehmer Gefüh- sie .. genug von dem ganzen Gerede", aber sie sehe ein,
le aus. Ferner wird offenkundig, wer derart ramponiert dass sie es alleine noch nicht schaffen kann. Sie habe ihre
am Boden liegt, bleibt erst mal eine ganze Weile liegen. Einweisung selbst veranlasst, weil sie akut suizidal gewe-
Von Patienten hört man entsprechend: ..Jetzt ist doch eh sen sei: ..Wenn ich nicht in dieser Nacht in die Psychiatrie
alles egal, jetzt kann ich auch weitersaufen". Es geht also gefahren wäre, hätte ich mich umgebracht." Seit ihrem
darum , das Liegenbleiben zu verhindern. sechsten Lebensjahr lebe sie alleine bei ihrer Mutter. Der
Die Fallschule gehörte entsprechend für Herrn M. Vater sei nach der Trennung mit seiner neuen Partnerin
zum Kernprogramm der Budotherapie. Immer wieder in eine andere Stadt gezogen. Frau K. habe ihn einmal
wurde das Abrollen nach vorne (Ukemi) und nach hinten im Monat übers Wochenende besucht. Sie sei dann vom
(Uschiro Ukemi) geübt. Herr M. hatte im Laufe der ge- Vater bis zu ihrem zwölften Lebensjahr regelmäßig sexu-
samten Behandlung drei Substanzrückfälle, zwei in der ell missbraucht worden. Als die Mutter Verdacht schöpf-
Tagesklinik und einen zu Beginn der ambulanten Be- te, habe sie die Kontakte unterbunden. Zum Vater beste-
handlung. Beharrlich bearbeitete er das Thema Rückfall he seither kein Kontakt mehr. Frau K. habe sich all die
..auf der Matte". Er übte das Abrollen, verfeinerte die Jahre über die Schule stabilisiert. Trotz depressiver Krisen
Technik und fokussierte vor allem auf das .. Aufstehen". verbunden mit Schlafstörungen und häufigen Albträu-

L 172
men sei ihr der Schulabschluss mit Abitur gelungen. Da- auch, nach Levinas, um die Sorge um die anderen. Selbst-
nach sei sie in eine Sinnkrise gestürzt. sie habe sich bestimmt handeln beinhaltet somit die Abgrenzung in-
selbst verletzt und mehrm als versucht, sich umzubrin- nerhalb des eigenen Raums und gleichzeitig die Angren-
gen. Vor der Psychiatrieeinweisung habe sie mehrere zung an die Räume der anderen. An dieser Grenze findet
Monate in der Punkszene gelebt. Frau K. sei durch den Kontakt. Begegnung und Beziehung statt. Diese Grenze
Psychiatrieaufenthalt ruhiger geworden und fühle sich gilt es aber auch zu verteidigen, um den eigenen Raum
jetzt w ieder stabiler. Auch habe sie ihren Lebensmut und sich selbst zu schützen.
wiedergefunden. Sie leide aber immer noch unter ihren
Schlafstörungen, unter quälenden Albträu men und Bei sich selbst ankomm en
Flashbacks. Im Laufe der Therapie wurden diverse Basisübungen zur
Stabilität (wie im ersten Fallbeispiel) immer wieder
Psychodynamik und Symptombildung geübt: Arbeit am Stand (Hara-ki) und Arbeit am Weg (Dos-
Die Symptomatik der Patientin ist offensichtlich auf ihre hin) in Verbindung mit der Arbeit an der Selbstannahme
traumatischen Erfahrungen zurückzuführen. Zunächst
und Sorge um sich selbst (Reishin) in Form der Verneigung
trennen sich die Eitern, was die Patientin in ihrem Grund-
(Gassho).lm nächsten Schritt wurde die Patientin mit
dem Schwert (Bokuto) vertraut gem acht. Beim Bokuto
vertrauen erschüttert und zu Verlust- und Verlassen-
handelt es sich um ein Holzschwert, das in seiner Form
heitsängsten führt. Dann ist sie den sexuellen Übergrif-
dem Katana, dem Schwert der Samurai nachempfunden
fen des Vaters schutzlos ausgeliefert. Weder von ihrer
ist. Das Schwert symbolisiert in besonderer Weise .,die
Mutter noch von der neuen Frau des Vaters erhält sie
den notwendigen Schutz. Intrapsychisch ist die Patientin Kraft der Aufrichtung des Menschen gegen den Zug der
Schwertkraft, und( ... ) die Kraft des Durchtrennensund
gleichermaßen gefangen zwischen ohnmächtiger Wut
Schneidens" (Wagner 2002 [666]). nicht des Schlagens.
und Gefühlen der Scham und Schuld. Um ihr inneres
Diese Unt erscheidung ist wesentlich, da es nicht darum
Gleichgewicht aufrecht zu erhalten, werden narzisstische
gehen kann, das ..Schlagen", mit allen lmplikationen von
Wut. Hass, Ohnmacht und Schamgefühle verdrängt und
Gewalt und Zerstörung, durch Übung zu kultivieren,
aggressive Impulse im Sinne der Wend ung gegen das
denn ..Schlagen bahnt Schlagen" (Höhmann-Kost, Siege-
Selbst abgewehrt. Die Patientin erhält nur wenig Halt,
le 2008 [635)). Beim Suburi, der Übung mit dem
Klarheit und Struktur von Seiten der Erwachsenenweit
von der sie sich verraten und im Stich gelassen fühlt. ln Schwert, geht es vielmehr darum, .. Schwert und Körper.
der Gruppe Gleichaltriger hingegen findet sie Halt, in der richtigen Weise koordiniert. bewegen zu lernen"
und es ist dabei insbesondere .. auf das Bewahren der
Struktur und Sicherheit. ln ihrem Klassenverband fühlt
sie sich gleichwertig und anerkannt, zudem stabilisiert Mittelachse zu achten" (Hoff 2002 [637)). Suburi ist eine
sie sich über ihre guten Leistungen. Das Ende der Schul- Bewegungsmeditation, die in stiller Konzentration auf
die korrekte Ausführung der Technik und die eigene Mit-
zeit scheint ihr geradezu den Boden unter den Füßen
te (Hara) ausgeführt wird.
wegzuziehen, sie fü hlt sich erneut einsam und verlassen,
hilflos und schutzlos einer potenziell feindseligen Weit Die grundlegende Übung hierzu ist die jogeburi. Man
ausgesetzt. steht dabei aufrecht. etwa hüftbreit im leichten Ausfall-
schritt (Chudan no Kamae). Das Schwert wird vor dem
Körper, diagonal nach vorne zeigend, gerade so hoch ge-
Setting halten, dass man noch über die Schwertspitze hinwegse-
Nach 6-m onatigem Psychiatrieaufenthalt erfolgte eine hen kann. Allein diese Haltung. die für sich eigenständig
ambulante Jugendlichen-Psychotherapie als Einzelthera- geübt werden kann, verleiht unmittelbar Stabilität. Si-
pie mit einer Frequenz von einer Stunde pro Woche, in cherheit und Würde. Darüber hinaus kann das Schwert.
Krisensituationen häufiger. als weitere Übung, über den Kopf bis hinter den Rücken
(parallel zur Wirbelsäule) und wieder zurück in die Aus-
Behandlungsverlauf gangsposition geführt werden. Diese halbkreisförmige
Bewegung von Händen und Schwert erfolgt exakt über
Die Psychotherapie umfasste 180 Einzelstunden und er-
der Mittelachse des Körpers. der dabei zentriert und
streckte sich insgesamt über vier Jahre. Die nachfolgend
stets aufrecht bleibt.
beschriebenen Therapieausschnitte sollen aufzeigen, wie
Für Frau K. entwickelte sich die jogeburi zur .,Herztech-
Budotherapie als Stabilisierungstechnik über die Körper-
nik". Die Übung w urde für sie nach einer Weile zum täg-
ebene wirkt und wie sich g leichsam der Zugewinn an
lichen Ritual. Wesentliche Themen w urden hierdurch
emotionaler Ausdruckskraft positiv auf die persönliche
sichtbar und konnten so bearbeitet werden. Sie entdeck-
Souveränität auswirkt. Persönliche Souveränität (Petzold
te über jogeburi ihren inneren. stabilen. aufrechten und
1998a [698)) zielt auf Selbsterkenntnis, Selbstverantwor-
unverletzten Kern. Diese Erfahrung veränderte ihren
tung, Selbststeuerung und Selbstbehauptung und auf ei-
Blick auf sich selbst. Zunächst scheu und verwundert be-
nen respektvollen Umgang m iteinander unter Achtung
gegnete sie sich selbst zunehmend mit Respekt, Schritt
und Wertschätzung der persönlichen Souveränität des
für Schritt gewann sie ihre Selbstachtung zurück. An-
anderen und damit unter Wahrung der eigenen sowie
fangs übte Frau K. zu Hause mit einem imaginären
der Grenzen des Mitmenschen. Dabei geht es immer
Schwert. bis sie sich entschloss. sich selbst ein Bokuto zu
gleichermaßen um die Sorge um sich selbst (Foucault) als
schenken. Am Bokuto konnte sie sich aufrichten, jogeburi

173

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Budotherapie

stärkte sie in ihrer "persönlichen Souveränität". Diese ist Therapeut: .Dann gehen wir jetzt einen Schritt weiter, zur
dann erreicht, ..wenn es einem Menschen gelingt, auch nächsten Übung. Einverstanden?"
in schwierigen Situationen, unter äußerem Druck oder Frau K.: "Ich weiß nicht. Wenn Sie meinen."
bei Belastungen seine innere Ausgewogenheit zu behal- Therapeut: .Sie können wie immer stoppen, wenn irgend-
ten und in Freiheit mit Ruhe, Gelassenheit, und Überzeu- etwas nicht gut für Sie ist. Wir finden dann einen Weg, ge-
gungskraft zu reagieren" (Petzold 1998a [654]). meinsam. Das hat doch bisher meistens gut geklappt. Sie
haben die Kontrolle! Und ich helfe Ihnen dabei, sie zu be-
halten.·
Der Angst entgegen Frau K. (lacht): .Wird schon schiefgehen."
Immer wieder reinszenierten sich die Gewalterfahrungen Therapeut: .Die Panik hat Sie im Griff- habe ich das richtig
der Patientin in quälenden Albträumen und plötzlich auf- verstanden? Sie kontrolliert Sie, und das wollen Sie nicht
tretenden Flashbacks, die, konnten sie nicht dissoziativ mehr? Sie wollen die Kontrolle übernehmen bzw. behal-
abgewehrt werden, zu Angst- und Panikattacken sowie ten?"
Schlaf- und Konzentrationsstörungen führten. Nach Frau K.: .ja, so etwa. Ich will mich nicht mehr so ohnmäch-
etwa dem ersten Jahr der Behandlung fühlte sich Frau K. tig und ausgeliefert fühlen."
stabil und sicher genug, um sich mit ihren Trauminhalten Wieder im Abstand von einer Unterarmlänge stehen wir
weitergehend, auf der Körperebene, auseinanderzuset- uns in etwa hüftbreiter Schrittstellung (Hangetsu-dachi
zen. Kakie stellte hierfür die Basisübung dar: paarweise oder Zenkutsu-dachi) gegenüber. Ich umfasse mit mei-
gegenüberstehend (Heiko-dachi), im Abstand von einer ner rechten Hand bestimmt und doch behutsam ihr lin-
Unterarmlänge, die Unterarme sind unlösbar miteinan- kes Handgelenk (Gyakuhanmi katate dori).
der im Kontakt. Dabei versucht man sich durch Druck-, Therapeut: ..jetzt habe ich Sie im Griff. Wenden Sie noch
Schiebe- und Zugbewegungen jeweils aus dem Gleich- keine Gegenwehr an. Nehmen Sie zunächst wahr, wie Sie
gewicht zu bringen. Wichtig ist hier auch der Blickkon- sich dabei fühlen und welche Gedanken Ihnen durch den
takt, der die Kontrolle über das Geschehen sicherstellt. Kopf gehen - und sprechen Sie sie aus".
Hierzu ein kurzer Ausschnitt, nachdem Kakie von Frau K. Frau K.: .Ich bekomme Angst. Wenn Sie stärker drücken,
technisch verstanden und bereits eine Weile geübt wor- tut das sicher weh. Ich will hier weg, traue mich aber nicht.
Wenn ich nicht mitmache, sind Sie bestimmt sauer. Sie
den war.
Therapeut "Gut, und jetzt schauen Sie mir mal während stehen viel zu dicht vor mir, das ist mir unheimlich. Ich will,
dass es aufhört. Ich kann aber nichts tun, ich bin wiege-
der Übung in die Augen."
Frau K. (nach einer Weile des Experimentierens): .Das ist lähmt. Ich habe Angst."
komisch, da muss ich immer lachen." Ich löse den Griff, wir setzen uns im Kniesitz gegenüber
Therapeut: "Lachen ist gesund. Manchmal hilft Lachen auch und sprechen eine Weile über die emotionalen Resonan-
über Unsicherheiten hinweg." zen, inneren Bilder und Atmosphären, die durch diese
Frau K.: .. Das ist es wohl eher. Sie schauen immer so ernst. Übung bei Frau K. ausgelöst wurden.
Das verunsichert mich. Ihr Blick macht mir Angst." Danach übten wir abwechselnd im Rollentausch ver-
Therapeut: "Ich konzentriere mich, dann schaue ich immer schiedene Angriffs- und Abwehrtechniken aus dem Aiki-
ernst. Ich finde die Übung sehr schwierig. Wir stehen sehr do. Allein dieses .. Experimentieren", das gemeinsame
nahe beieinander, und ich möchte Sie nicht verletzen." Suchen nach einem Ausweg aus einer vermeintlich aus-
Frau K.: "Oh ... ja, das stimmt. Aber wenn ich Ihnen in die weglosen Situation erweiterte den Handlungsspielraum
Augen schaue, habe ich Angst, Sie zu verletzen. Dann kann der Patientin. Sie fand Wege aus Ihrer Erstarrungshal-
ich nicht sehen, was meine Arme und Hände machen. die tung und erlebte sich positiv in ihrer Selbstwirksamkeit.
geraten mir vielleicht außer Kontrolle." Exemplarisch steht hierfür die Abwehr gegen einen An-
Therapeut: .. Kontrolle ist gut! Kontrollieren Sie mich über
griff von vorne, indem beide Handgelenke des Partners
Ihren Blick. Vertrauen Sie darauf, dass Ihre Arme und Hän-
gegriffen und festgehalten werden (Ryote dori). Bei die-
de das Richtige tun. Behalten Sie mich im Auge. Weichen
ser Abwehrtechnik geht man mit einem Schritt und
Sie nicht aus. Auch nicht meinem Blick. ja ... so ist es gut!"
einer Drehung (Tai Sabaki) in den Angreifer hinein und
(Nach einer Weile des Übens) "Wie ist es für Sie?"
führt ihn mit einer großen Armbewegung über einen
Frau K.: .Gut ... in Ordnung. Besser."
Hüftwurf zu Boden (Koshi Nage). Der Geworfene rollt
Durch Kakie gewann Frau K. die notwendige Sicherheit,
nach vorne ab (Ukemi) und bleibt so entsprechend un-
um sich auf die weiteren Übungen einlassen zu können.
verletzt. Sämtliche Budo-Techniken, die in der Budothe-
Wesentlich dabei waren die Erkenntnisse, dass .Hin-
rapie praktiziert werden, vermitteln indes stets die Erfah-
schauen" sie in ihrer Selbstkontrolle stärkt und dass
rung, dass Konfliktlösungen konstruktiv, also ohne Zer-
.. Dranbleiben" und "im Kontakt bleiben" neue brauch-
störung des anderen, möglich sind, bei gleichzeitiger
bare Strategien sind.
Aufrechterhaltung des Kontakts bzw. der Beziehung.
Ihre Albträume und Flashbacks lösten indes immer
noch häufig Angst- und Panikattacken aus, verbunden
mit Gefühlen der Hilflosigkeit und Ohnmacht, die Frau K. Einen Schnitt machen
in der Therapie thematisierte: Um sich nachhaltig aus alten, dysfunktionalen Mustern
Frau K: .. Ich kann mich dann nicht wehren, ich bin dann zu lösen und um auf der Körperebene einen entspre-
völlig erstarrt, wie gefesselt am ganzen Körper. Hilflos. chenden .. somatischen Marker" (Storch, Krause 201 0
wehrlos. Dann krieg ich Panik. Scheiße. Ich will das nicht [663]) zu setzen, beschäftigte sich Frau K. geraume Zeit
mehr." mit der Technik des Schwertziehens. Ausgangspunkt

174
haltbar ist. Kleinert und Kleinknecht (2012 [639]) verwei-
dieser Technik ist der "natürliche Stand" (Shizentai), das
sen in diesem Zusammenhang darauf, dass "die Art der
Schwert (Bokuto) wird mit der linken Hand an der linken
Vermittlung" wesentlich dafür verantwortlich ist, ob
Hüfte gehalten, die Schneide zeigt nach oben. Mit der
Kampfkunst mit "mehr oder weniger Aggression assozi-
rechten Hand wird das Schwert um 90" mit der Schneide
iert ist". Höhmann-Kost und Siegele (2008) [6351 be-
nach außen gedreht und diagonal (Yoko Giri) nach vorne
schreiben die positiven Effekte von Budotechniken bezüg-
oben gezogen (Naname Nukitsuke). Während des Zie-
lich der Affektregulation und Impulssteuerung und kom-
hens wird das linke Bein zurückgestellt. ln der Endpositi-
men zu dem Schluss, dass sich Budo zum Erwerb einer
on erreicht die Schwertspitze den imaginären Gegner an
"Aggressionsregulationskompetenz" in besonderem
dessen Schläfe. Danach wird das Schwert langsam und
Maße gut eignet.
bedächtig in die imaginäre Schwertscheide zurück-
Die meisten dieser Studien bzw. Erfahrungsberichte
gesteckt (Noto), das hintere Bein wird wieder nach vorne
beziehen sich auf die Wirkung von Budo im Zusammen-
in die Ausgangsposition (Shizentai) gezogen.
hang mit Aggression und Gewalt. Hier lassen sich zwar
Über das Ziehen des Schwertes wurde Frau K. in be-
vielfältige positive Effekte nachweisen. Eine generelle
sonderer Weise deutlich, dass sie selbst es ist, die "Ent-
Aussage über die Wirkung der Kampfkü nste in der Psy-
Scheidungen" trifft, dass sie .. einen Schnitt machen
chotherapie lässt sich daraus aber nicht ableiten. Zudem
kann" und dass sie dabei geradlinig, klar und bei sich
beruht die Wirksamkeit einer Behandlung im Bereich der
selbst bleiben kann, ohne Verlierer auf irgendeiner Seite,
Psychotherapie nie auf nur ei ne r einzigen Methode oder
ohne Gesichtsverlust und Beschämung.
Intervention. Ohne die Einbettung in ein fundiertes the-
rapeutische Verfahren, wie es die Integrative Therapie
Behandlungsergebnis mit ihrem zugrunde liegenden Menschenbild darstellt
Im letzten Jahr der Therapie meldete sich Frau K. in einer (Petzold 2003a [6551. Leitner 2010 (6401. Petzold, Orth,
Aikido-Schule an und trainierte dort regelmäßig zweimal Sieper 2011 (659)). ist die Budotherapie in der hier vor-
die Woche. Vor allem die Arbeit mit dem Schwert hat zu gestellten Form, als körper- und bewegungspsychothera-
einer nachhaltigen Stärkung ihrer persönlichen Souverä- peutische Methode nicht denkbar.
nität geführt. Sie hat gelernt, sich abzugrenzen, sich
selbst zu behaupten und für sich einzustehen. Mit zu-
nehmender Selbstakzeptanz traten Schuld- und Scham- 1 0. 7 Literatur
gefühle in den Hintergrund. Die von gegenseitigem Res-
[6231 Antonovsky A. Salutogenese. Zur Entmystifizierung
pekt (Rei) getragene therapeutische Beziehung, in der
der Gesundheit. Dgvt-Verlag; 1997
die Patientin sich auf ihre Prozesse einlassen konnte, weil
[6241 Bitzer-Gavornik G. Persönlichkeitsveränderungen
sie stets die Kontrolle über das Geschehen behielt, war
durch die Auswirkung von Karata-Do, unveröffent-
neben aller "technischen" Interventionen sicher als zen-
lichte Dissertation. Graz: Kar! Franzens Universität;
traler Wirkfaktor ausschlaggebend für das gute Gelingen
1994
der Behandlung.
(6251 Bioern J, Moget P, Petzold HG. Budo, Aggressions-
reduktion und psychosoziale Effekte. Faktum oder
Fiktion? Forschung, Aggressionspsychologie. Neu-
robiologie. Integrative Therapie 2004; 1- 2: 101 -
1 0.6 Evidenzbasierung 149
(626] Damasio A. Ich fühle, also b in ich. Die Entschlüsse-
Spezifische Studien zur Wi rksamkeit von "Budot herapie Jung des Bewusstseins. München: List; 2001
als körperpsychotherapeutische Methode" liegen bislang [627] Dürckheim KG. Der Alltag als Übung. Bern: Hans
nicht vor. Wolters (2007 [667)) weist in seiner erzie- Huber; 1966/2001
hungswissenschaftliehen Studie zur Wirksamkeit von Bu- (628] Dürckheim KG. Hara. Die Erdmitte des Menschen.
do eine Reduktion von Aggressivität und Gewaltbereit- Frankfurt a.M.: S. Fischer Verlag; 1967/2005
schaft bei inhaftierten jugendlichen nach. Er spricht in [629] Fischer M. et al. "Ergebnisqualität in der stationären
diesem Zusammenhang von "Kampfkunst als Therapie". medizinischen Rehabilitation von Drogenabhängi-
Petzold, Bloem, Moget (2004 [658]) sprechen von "Budo gen (Drogenkata mnese)" - Teil II Abstinenz und
und Therapie" und verweisen auf das positive Zusam- Rückfall in der Halbjahres- und jahreskatamnese.
menwirken von "Budo als übungszentrierte Modalität" Sucht aktuell 2007; 2: 37-46
und "Psychotherapie als konfliktzentrierte Modalität". In [6301 Frantzis BK. The power of the internal martial arts.
ihrer Überblicksarbeit kommen die Autoren zu dem Combat secrets of Ba gua, tai chi and hsing i. Berke-
Schluss, dass "die Ausübung der ,traditionellen' Kampf- ley: North Atlantic Books; 1998
kunst (vor allem traditionelles Karate) mit ihren rituali- (631] Funakoshi G. Karate-do. Die Kunst, ohne Waffen zu
sierten, emotionskontrollierenden und wertevermitteln- siegen. München: Piper; 1938/2009
den Arbeitsformen positive psychosoziale Veränderungen (632] Grawe K. Neuropsychotherapie. Götti ngen: Hogre-
für diejenigen bewirken, die diese Sport- und Bewegungs- fe; 2004
formen praktizieren". Bitzer- Gavornik (1994 [624)) stellt (633] Höhmann-Kost A. Arbeit a n der .,persönlichen Sou-
fest, dass das weitverbreitete Vorurteil, dass die Aus- veränität" - Wahrnehmung und Bedeutung für die
übung von Kampfkünsten die Aggressivität steigert, nicht

175
Budotherapie

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177
Integrative Therapie
in der Drogenhilfe
Theorie - Methoden - Praxis in der
sozialen und medizinischen Rehabilitation

Herausgegeben von
Peter Schay
Ilona Lojewsl<i
Franl< Siegele
I

lrhieme
So vielfaltig die Problemsituationen abhängigkeitskranker Patienten sind,
so diversifiziert muss auch das Behandlungsangebot sein. Um eine qualitativ
hochwertige und effektive Betreuung suchtkranker Menschen zu gewähr-
leisten, müssen die Behandlungskonzepte in der sozialen und medizinischen
Rehabilitation der Lebenssituation jedes Einzelnen angepasst werden.
Durchbrechen Sie die Suchtspirale mit individuellen, auf die Bedürfnisse
der Patienten ausgerichteten Therapiemethoden. Lernen Sie das breite
integrative Angebotsspektrum von Psycho- und Soziotherapie sowie
Körper- und Bewegungstherapie kennen.

Aus dem Inhalt: · ~ -~..~~-.)~


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... akzeptierende Drogenhilfe und intermittierende Karrierebegleitung
... integrative Arbeit mit suchtmittelkonsumierenden und -abhängigen
jugendlichen
... psychosoziale Betreuung Substituierter
... ganztägig ambulante medizinische Rehabilitation Abhängigkeitskranker
... ambulant Betreutes Wohnen für abhängigkeitskranke Menschen
... die Bedeutung der Gruppentherapie im Kontext Sucht
.____ _ _ _ __, ... Komorbidität im Kontext Sucht
... Polytraumatisierungen und Posttraumatische Belastungsstörungen
und ihre Komorbiditäten im Kontext Sucht
... integrative Budotherapie
... Lauftherapie .
... konzeptionelle Akzentoierungen zur sozialen und beruflichen
Integration abhängigkeitskranker Menschen

Peter Schay, M.Sc. lntegrative Therapie, Frank Siegele, lntegrativer Psychotherapeut (IT}, appro-
Dipi.-Sozialarbeiter, Dipi.-Supervisor (FU bierter Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut (TP).
Amsterdam). Approbation als Kinder- und Lauftherapeut, Budotherapeut Dipi.-Su pervisor (FU
Jugendpsychotherapeut, Heilkundlicher Amsterdam), Dipi.-Sozialpädagoge, exam. Krankenpfleger.
Psychotherapeut (HPG), Ausbildungen in Langjährige Tätigkeit in der ambulanten, tagesklinischen
lntegrativer Psychotherapie, Soziot herapie, und stationären Suchtkrankenbehandlung. Lehrtherapeut
Kunst- und Kreativitätstherapie sowie und Lehrsupervisor am Fritz Perls Institut (FPI). Freiberuflich
Poesie- und Bibliotherapie am Fritz Perls tätig als Psychotherapeut, Supervisor und Coach in eigener
Institut (FPI), Lehrtherapeut und Kontroll- Praxis sowie am Institut für Budotherapie (ißT) in Hannover.
analytiker am FPI , Gesamtleiter und geschäftsführender
Gesellschafter der ambulanten und (teil-)stationären Ein-
richtu ngen der Drogenhilfe der Kadesch gGmbH in Herne, llona Lojewski, Fachärztin für Psychiatrie und Leitende
freiberuflich tätig in eigener Praxis für Kinder- und Ärztin der Klinik am Kronsberg in Hannover: stationäre
jugendpsychotherapie. und tagesklinische medizinische Rehabilitation für
Alkohol-, Medikamenten- und Drogenabhängige, ein-
schließlich Substitution, Weiterbildung: Suchtmedi-
zinische Grundversorgung, Verkehrsmedizinische
Begutachtung, Sozialmedizin.

ISBN 978-3- 13-173061 -9

I II
9 783131 730619
I 111 www.thieme.de

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