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JEAN-JACQUES ROUSSEAU Barger von Gent q i : Vom i | Gesellschaftsvertrag fa a oder Grundsitze des Staatsrechts meets IN ZUSAMMENARBEIT MIT EVA PIETZCKER ‘NEU UBERSETZT UND HERAUSGEGEBEN VON HANS BROCKARD PHILIPP RECLAM JUN. STUTTGART ASL Pa een rT ZWEITES BUCH 1. Kapitel Daf die Souverinititt unveriuperlich ist Die erste und wichtigste Folge der oberi aufgestellten Prin- zipien ist, da allein der Gemeinwille die Krafte des Staa- tes gemi® dem Zweck seiner Errichtung, nimlich dem Gemeinwohl, leiten kann: denn wenn der Widerstreit der Einzelinteressen die Griindung von Geselischaften nitig ge- macht hat, so hat der Einklang derselben Interessen sie méglich gemacht. Das Gemeinsame niimlich in diesen un- terschiedlichen Interessen bildet das geselischaftliche Band, und wenn es nicht irgendeinen Punkt gibe, in dem alle Interessen iibereinstimmen, kénnte es keine Gesellschaft ge- ben, Nun darf aber die Gesellschaft nur gemif diesem Gemeininteresse regiert werden. Ich behaupte deshalb, da® die Souverdnitit, da sie nichts anderes ist als die Austibung des*Gemeinwillens', niemals fuBert werden kann’ und da der Souverin, der nichts andetes ist als ein” Gesamtwesen, nur durch sich selbst ver- treten werden kann; die Macht kann wohl iibertragen wer- den, nicht aber der Wille?. In der Tat, wenn es zwar nicht unmiglich ist, da® ein Einzelwille in irgendeinem Punkt mit dem Gemeinwillen iibereinkommt, so ist es doch unméglich, da8 diese Uber- einstimmung dauerhaft und von Bestand ist; denn der Ein zelwille neigt seiner Natur nach zur Bevorzugung und der Gemeinwille zur Gleichheit’. Noch unmiglicher ist es, da sich ciner fiir diese Ubereinstimmung, verbiirgt, selbst wenn sie immer bestehen sollte; dies wire kein Ergebnis der Kunst, sondern des Zufalls. Der Souveriin kann sehr wohl sagen: In diesem Augenblick will ich, was cin bestimmcer Mensch will oder wenigstens angibt zu wollen; aber er kann nicht sagen: Was dieser Mensch morgen will, das 28 Zweites Buch werde auch ich wollen; es ist nimlich unsinnig, da sich der Wille Keren anlegt fiir die Zukunft, und es hiingr auch keineswegs vom Willen ab, mit etwas einverstanden zu sein, das dem Wohl des wollenden Wesens widerspricht. Wenn daher das Volk einfach verspricht, zu gehorchen, st es sich durch diesen Akt auf und verliert seine Eigen schaft als Volks in dem Augenblick, in dem es einen Herrn gibt, gibt es Keinen Souverin mehr, und von da an ist der politische Kérper zerstirt. Das heift nicht, da8 die Befehle der Oberhiupter nicht so lange fiir Gemeinwillen gelten kénnen, als der Souverin, der die Freiheit hat, sich zu widersetzen, dies nicht tut. In cinem solchen Fall mu& man aus dem Schweigen aller auf die Zustimmung des Volkes schlieSen. Dies wird noch aus- fuhrlicher erklirt. 2. Kapitel Daf die Sonverdnitat unteilbar ist ‘Aus dem gleichen Grund, aus dem die Souverdnitit un- verituGerlich ist, ist sie auch unteilbar. Dean der Wille ist entweder allgemein®, oder er ist"&iiicht; er ist derjenige des Volkskérpers oder nur der eines Teils. Im ersten Fall ist dieser erklirte Wille ein Akt der Souverinitit und hat Gesetzeskraft. Im zweiten Fall ist er nur cin Sonderwille oder ein Verwaltungsakt; es handele sich bestenfalls um eine Verordnung. Aber da unsere Staatsminner die Souvertinitit in ihrem Ursprung nicht zerteilen kénnen, zerteilen sie sie in ihrem Bezug; sie teilen sie auf in Kraft und Willen, in Legislative und Exekutive, in Steuerhoheit, Gerichtsbarkeit, Recht der © Damit ein Wille allgemein sei, ist es nicht immer nétig, da er ein- stimmig sei, aber es ist nétig, da alle Stimmen gevthlt werden; jeder Formliche Ausschluf rerstdre die Allgemeinheir, 2, Daf die Souverdnitit unteilbar ist 29 Kriegsfiihrung, in innere Verwaltung und dic Befugais, mit dem Ausland 2u verhandeln*: bald werfen sie alle diese ‘Teile wirr durcheinander, und bald uaterscheiden sie sie suberlich; sie machen aus dem Souveran cin Phantasie- Wwesen, aus zusammengewiirfelten Stiicken bestehend; es ist, als setzten sie den Menschen aus mehreren Kérpern zu- sammen, yon denen der cine Augen, der andere Arme, ein dritter Fi&e hiitte und sonst nichts. Man sagt, dali die Zauberdoktoren aus Japan vor den Augen der Zuschauer ein Kind zerteilen und das Kind dann, nachdem sie alle seine Glieder nacheinander in die Luft geworfen haben, lebend und wieder villig zusammengefiigt herabfallen lav sen, Die ‘Taschenspiclerkiinste unserer Staatsminner sind Kaum anders; nachdem sie den Gesellschaftshdrper durch einen Jahrmarktstrick zerstiickelt haben, fiigen sie die ‘Tei Je — man wei nicht wie ~ wieder zusammen. Dieser Fehler komme daher, dab sie sich keine klaren Be- griffe von der souveriinen Gewalt gemacht haben und dai sie als Teil dieser souveranen Gewalt angeschen haben, was aur deren Wirkung ist, So hat man 2. 2, Kriegserklirung und den des Friede nititsakte betrachtet, was nicht stim rer chieser Akte ist ein Gesetz, sondern nur cine Anwendung des Ge setzes, ein einzelner Akt, der den Gesetzesfall naher be stimms, wie man klar cinsehen wird, wenn die mit dew Wort Gesetz verbundene Vorstellung fest umissen ist Wenn man in gleicher Weise die anderen Auftcilungen ver folgte, wiiede man finden, da man sich in all den Bellen tuscht, wo man die Souverinitit geteile 2a sehen glaub, daB die Rechte, die man fiir Teile dieser Sonveriinicat hill, ihr simtlich untergeordnet sind und immer oberste Willen voraussetzen, fiir die diese Rechte nur die Ausfiihru Man kann gar niche sagen, wieviel Unblarheit dieser Man- gel an begrifflicher Strenge in die Erkennmnisse der Schrift steller in Sachen Staatsrecht gebracht hat, wenn sic omit den von ihnen aufgestellten Grundsitzen ber die jeweili- gen Rechte der Kénige und der Vilker urtcilen wollen. 2 sind