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Kocku von Stuckrad

Das Ringen um die Astrologie

WDE

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Religionsgeschichtliche
Versuche und Vorarbeiten

Herausgegeben von
Fritz Graf · Hans G. Kippenberg
Lawrence E. Sullivan

Band 49

Walter de Gruyter · Berlin · New York


2000

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Kocku von Stuckrad

Das Ringen um die Astrologie


Jüdische und christliche Beiträge
zum antiken Zeitverständnis

Walter de Gruyter · Berlin · New York


2000
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Die Reihe Religionsgeschichtliche Versuche und Vorarbeiten
wurde 1903 begründet von Albrecht Dieterich und Richard Wünsch.
Die Bände I - X V erschienen 1903 — 1915 unter der
Herausgeberschaft von Ludwig Deubner und Richard Wünsch.
Die Bände X V I - X X V I I erschienen 1 9 1 6 - 1 9 3 9 unter
der Herausgeberschaft von Ludolf Malten und Otto Weinreich.
Die Bände XXVIII-XXXVIII erschienen 1 9 6 9 - 1 9 8 2
unter der Herausgeberschaft von Walter Burkert und Carsten Colpe.

© Gedruckt auf säurefreiem Papier, das die


US-ANSI-Norm über Haltbarkeit erfüllt.

Die Deutsche Bibliothek — ClP-Einheitsaujnahme

Stuckrad, Kocku / von:


Das Ringen um die Astrologie : jüdische und christliche Beiträge zum
antiken Zeitverständnis / von Kocku von Stuckrad. — Berlin ; New
York : de Gruyter, 2000
(Religionsgeschichtliche Versuche und Vorarbeiten ; Bd. 49)
Zugl.: Bremen, Univ., Diss., 1999
ISBN 3-11-016641-0

© Copyright 2000 by Walter de Gruyter GmbH & Co., KG, D-10785 Berlin.
Dieses Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung
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726 Manichäische Astrologie

Beleg angeführt zu werden. Was durchlief, war die hohe Bedeutung


der dahinterstehenden Siebener-Perioden und ihre Beziehung zum
irdisch-kosmischen Heilsgeschehen.

2. Astrologische Weltdeutung bei Mani

Die Untersuchung des Bodens, aus welchem der Manichäismus er-


wachsen ist, hat ergeben, daß dort durchaus schon eine intensive
Auseinandersetzung mit astrologischen Motiven und Lehrtraditionen
festzustellen ist, die dem Religionsstifter somit zur Verfügung stan-
den. Die apokalyptische 102 und damit astrologischer Zeitdeutung
aufgeschlossene Matrix stellt einen wichtigen Eckpfeiler manichä-
ischer Religiosität dar, verbunden mit einem starken Einfluß gno-
stischen Christentums. Dabei ist es unerheblich, ob wir - in einer
sicher vereinfachten Darstellung - die Gründung der Täufergemein-
schaft, in der Mani aufwuchs, auf Elchasai und Alcibiades zurückfüh-
ren, 103 oder ob wir von weiter verbreiteten religiösen Sprachspielen
ausgehen, die den gesamten syrisch-mesopotamisch-persischen Raum
prägten. Die Verbindungen zwischen Bardesanes, Marcion, Ephraem
und Mani scheinen eine solche Sichtweise zu stützen. Auf die Bedeu-
tung der Kellis-Funde ist bereits hingewiesen worden, die unser Bild
der frühen Christentümer und ihrer Begegnung mit dem Manichäis-
mus revolutionieren können. 104

102
Wie stark die apokalyptische Orientierung tatsächlich ist, läßt sich dem
C M C entnehmen, der wiederholt davon berichtet, wie Mani seine Lehre in
einer Offenbarung empfangen hat; vgl. C M C 21.26-33.62-64.66-68. Auch
der Rekurs auf die „Apokalypsen derer, die Mani seine Vorläufer nannte",
nämlich Adam, Seth, Enos, Sem, Henoch und Paulus (CMC 48-63), spricht
eine deutliche Sprache; s. dazu unten S. 763.
103
Eine solche Sicht findet sich etwa bei H.-J. KLIMKEIT: „Mani, ein Adliger
parthischer Abstammung, war in Mesopotamien in der judenchristlichen
Täufersekte der Eichasaiten aufgewachsen, wie wir aus dem in Ägypten
gefundenen Kölner Mani-Kodex wissen" (Manichäische Kunst an der Seiden-
straße: Alte und neue Funde [Nordrhein-Westfälische Akademie der Wissen-
schaften: Geisteswissenschaften; Vorträge; G 338], Opladen 1996, 7).
104
Vgl. dazu die prägnante Aussage GARDNERS: „Every discipline is a product of
its o w n cultural framework and its time. Manichaeology at the turn of the
millenium takes its place in the story of the deconstruction of received
histories. The finds at Kellis evidence that the Manichaeans there regarded
themselves as the true holy church. This story subverts that of the inevitable
triumph of, for want of a better phrase, catholic Christianity. Instead,
Christianities in context are found to be diverse, subjects of law and economics

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Astrologische Weltdeutung bei Mani 727

Der Hintergrund ist also hinreichend ausgeleuchtet, um nun das


besondere Profil Manis im Hinblick auf seine astrologischen Überle-
gungen zu entwickeln. Auch hier müssen wir unterscheiden zwischen
einer Verwendung astraler Motive zur Erläuterung der religiösen
Botschaft und einer tatsächlichen Adaptation und Weiterentwicklung
astrologischer Lehren. Für beides lassen sich aufschlußreiche Passa-
gen aus den erhaltenen Manichaica beibringen. Unter den astralen
Motiven dominieren Sonne und Mond, die dem negativen Machtbe-
reich der Archonten weithin enthoben sind und damit eine andere
Bedeutung gewinnen, als wir dies im gnostischen Zusammenhang
kennenlernten. Die genuin astrologischen Positionen Manis wieder-
um spiegeln einerseits eine Vertrautheit mit gängigen Interpreta-
menten wider, andererseits offenbaren sie eine mitunter sehr eigen-
willige Anpassung an die intendierten religiösen Aussagen. Die
intensive Auseinandersetzung mit der babylonisch-hellenistischen
Sternkunde läßt sich besonders dem Hauptwerk Manis entnehmen,
den Kephalaia, wenn man von einer nicht weiter nachweisbaren
Schrift Manis „Über Astrologie" absieht, die Epiphanius nennt. 105
Die koptischen Kephalaia - „Hauptstücke" - enthalten eine
Sammlung von Lehrvorträgen Manis, die uns in dialogischer Form
einen detaillierten Einblick in seine religiöse Welt vermitteln. Die
Texte, die man in der Bibliothek von Medinet Madi fand, dürften
aller Wahrscheinlichkeit nach im vierten Jahrhundert von ägypti-
schen Manichäern angefertigt worden sein.106 Etwas vorsichtiger
formuliert Wolf-Peter Funk:
It seems advisable, then, to regard the Kephalaia just as being a de
facto product of the western Manichaean church, originally compiled
in Greek rather than Syriac, but nonetheless based on, and helping to
shape further, c o m m o n Manichaean tradition. Is it likely, then, that
there evolved, already at a very early stage, in the Manichaean West
an early „patristic" tradition, an authoritative theological corpus [ . . . ] ,

and inter-personal relations. Doctrine is imposed and undermined, theological


orthodoxy is seen to be a social construct" ( 1 9 9 5 , xiii, Hervorhebung KvS).
Diese Position deckt sich lückenlos mit den Ergebnissen der vorliegenden
Studie.
105 Epiphanius gibt folgende Reihenfolge der Schriften Manis: „ττερι ττίστήρια,
θησαυρός, μικρός θησαυρός, περί άστρολογίας" (panarion LXVI, 13 [PG 4 2 ,
48]). Augustinus deutet etwas ähnliches an, wenn er „die (astrologischen)
Behauptungen des Mani" kritisiert, „der über diese Dinge vieles geschrieben
und weitschweifig gefaselt hat (cum dictis Manichaei, quae de his rebus multa
scripsit copiosissime delirans) " (Conf. V, 3, 6).
106 Vgl. GARDNER 1995, xv.

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728 Manichäische Astrologie

second in rank only to the Canon, and that one of the foremost items
of this patristic tradition was the Kephalaia?107

Funk scheint diese Frage tendenziell bejahen zu wollen und mutmaßt


über den Autor unserer Kephalaia:
He must have been one of Mani's disciples, and a man of high rank in
the church hierarchy. Unfortunately, we do not have any source as yet,
whether from inside or outside the Kephalaia, to identify him by name,
but I am almost certain that his name was no secret to his fellow-
Manichaeans. 1 0 8

Tatsache ist jedenfalls, daß uns die Kephalaia sehr nahe an die
authentische Lehre des Religionsstifters heranführen. Durch einen
Vergleich mit anderen Manichaica, allen voran dem Kölner Mani-
Kodex, aber auch mit den Berichten der christlichen Gegner Manis,
sollte es möglich sein, ein differenziertes Bild der manichäischen
Beiträge zur Astrologie zu gewinnen.

2.1. Astrologische Konnotationen manichäischer Kosmologie

Die gnostisch-hermetische Auffassung, die Planeten repräsentierten


die bösen Mächte der heimarmene, findet ihren Niederschlag auch
in der Konzeption des Manichäismus. Am deutlichsten können wir
dies im Zusammenhang mit Kosmologie und Kosmogonie erkennen,
denn auch bei Mani sind die Archonten, also die „Herrschermächte",
für die negativen kosmischen Bereiche verantwortlich. Das Univer-
sum gliedert sich in vier Teile, namentlich die zehn Firmamente, die
acht Erden und die umgebenden Wände und Gefäße. 109 Der vierte

107
W.-P. FUNK: „The Reconstruction of the Manichaean Kephalaia", in: MI-
RECKI/BEDUHN 1 9 9 7 , 1 4 3 - 1 5 9 , 1 5 2 . In diesem Beitrag findet sich auch eine
Übersicht über alle noch nicht edierten Kapitel der Kephalaia.
,08
Ebda. S. 1 5 4 . FUNK (ebda. Anm. 17) geht noch einen Schritt weiter und
vermutet, daß diese Person auch mit dem im Titel des ersten Bandes der
Kephalaia genannten „Lehrer" identisch ist. Das wird sich allerdings kaum
verifizieren lassen. MICHEL TARDIEU vertritt die These, es handle sich bei dem
Autor vermutlich um Adda, den ersten Führer der westlichen Mission, der bis
Alexandria gekommen war. Er stand im Rang eines Lehrers, also der höch-
sten Autorität nach dem αρχηγός, und war im westlichen Raum überaus
einflußreich; vgl. M. TARDIEU: „Principes de l'exegese manicheenne du Nouveau
Testament", in: ders. (ed.): Les regies de /'interpretation, Paris 1987, 134 mit
Anm. 7 3 .
109
Die zehn Firmamente sind auch sonst gut bezeugt; vgl. neben den in dieser
Arbeit angeführten Belegen noch die Nachweise bei J.C. REEVES: „Manichaean
Citations from the Prose Refutations of Ephrem", in: MIRECKI/BEDUHN 1 9 9 7 ,

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Astrologische Weltdeutung bei M a n i 729

Bereich besteht aus dem Zodiakalkreis, in dem die bösen Mächte der
Planeten das Regiment führen, gemeinsam mit den zwölf Tierkreis-
zeichen. Exemplarisch sei hier Keph. 47 zitiert, wo die Lehre in aller
wünschenswerten Klarheit überliefert wird. Dort heißt es über die
kosmischen Herrscher:
Now, just as for this king, who is matched against the measure of his
entire ki/ngdom by his wisdom, skill and st/rength; so also is it for the
/ powers [w]ho are bound on the sphere as compared to the ruling-
power, and the [10] powers who exist in the entire zone. Like the king
towards his r/etinue; so too is it that this totality is gathered / to the
sphere, to seven leaders, to twelve sig/ns of the zodiac. As all the cities
are gathered to the king, again they gather / to the leaders of the
universe. All that is done [15] in the universe above and below: 1 1 0 the
battles / and the disorders and the captivity and the hunger and the 1/
ust and the property; so shall they increase and diminish through /
these leaders. They are the motivaters of the whol[e] created order; /
the totality being gathered in to them the way that I have to[20]ld you.
I have opened your eyes! 111

Die Planeten und Zodiakalzeichen haben die Herrschaft verliehen


bekommen über Krieg und Frieden, Ordnung und Unordnung, Ge-
fangenschaft der Seele, Verlangen und Besitz - alles negative Attri-
bute, die mit dem Walten der Heimarmene in Zusammenhang ste-
hen. Am Ende der Zeiten, herbeigeführt durch die Offenbarung und
Mission Manis, wird ihre Herrschaft ein Ende finden, die Seele der
Erwählten von ihrer Macht befreit werden. Diese Positionen sind
fest in der gnostischen Theologie verankert, was auch für die weite-
ren aus der Astrologie entlehnten Einteilungen des Kosmos gilt: das
schwierige Kephalaion 121 nennt die „sieben Säulen", welche die
Welt tragen, darüber hinaus aber auch die „36 Engel" und die „ 2 2
Engel" (289, 3 0 - 2 9 0 , 4), was nur durch die Adaptation von Dekan-
traditionen einerseits und die Isomorphic zwischen hebräisch-
aramäischem Alphabet und den Engelmächten andererseits plausibel
zu machen ist. Mani steht hier in Verbindung mit Entsprechungs-

217-288, S. 2 8 3 f Anm. 91. Auch bei Ephraem (Mani 204, 46-47) werden sie
genannt, allerdings in Verbindung mit „seven regions [...], as both (Mani and
Bardaisan?) have said", wie REEVES (S. 244) übersetzt. Jene sieben Gebiete
können sowohl auf die Zodiakal- bzw. Planetargeographie des Bardesanes
hinweisen als auch auf die sieben Planetensphären gnostisch-hermetischer
Kosmologie; vgl. die Hinweise bei REEVES ebda. S. 283 Anm. 90.
110 Zur Mikro-Makrokosmos-Vorstellung, die hier sichtbar wird, s.u. Kap. 2.1.2.
111 Keph. Al ( 1 2 0 , 6 - 2 0 ) . Soweit nicht anders vermerkt, richten sich alle Zitate
der Kephalaia nach der neuen Übersetzung von GARDNER 1 9 9 5 .

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730 Manichäische Astrologie

modellen, wie sie etwa Markos oder auch die Hekhalot-Literatur


kennt. 112
Die sieben Planetenmächte der hermetisch-gnostischen Überliefe-
rung erfahren allerdings bei Mani eine bemerkenswerte Verände-
rung. Sonne und Mond sind nämlich aus der negativen Bewertung
herausgenommen und werden, um das althergebrachte System der
Sieben nicht zu stören, in Keph. 69 (169, 13-16) durch die beiden
Anabibazontes (Mondknoten) ersetzt.113 Nicht zuletzt aus der Hoch-
schätzung von Sonne und Mond ergibt sich demnach die Rolle der
Pentade, die bei Mani eine für den damaligen Kontext exzeptionelle
Stellung innehat. 114 Fünfer-Einheiten sind uns bislang wenig begeg-
net, so daß Gardner zuzustimmen ist, wenn er konstatiert:
Elaborate and highly schematic descriptions of the kingdom of darkness,
and its powers, are a feature of Manichaean (and anti-Manichaean)
writings that must derive from canonical sources. The overall con-
ception, with its delight in pentads, and a certain attention to what can
be termed the psychosymbolism of evil, has a stamp that is unmistakably
Mani's. Specific features such as the „five trees" appear in other
gnostic writings, and may serve to indicate Manichaean influence,
rather than vice-versa. 115

Die systematische Abtrennung der beiden „Lichter" vom Reich des


Bösen ist eine eigenständige theologische Reflexion Manis. Sie ergibt
sich aus der wichtigen Funktion von Sonne und Mond für die
Seelenreise des Menschen in seine Lichtheimat, der wir nun weiter
nachzugehen haben.

2.1.1. Sonne und Mond


Die Sonne erfährt im manichäischen Schrifttum wiederholt eine
Verehrung, die über die sonst in jüdisch-christlicher Religiosität
geläufige Form weit hinausgeht. Lassen sich im Judentum vor allem
die erbaulichen weisheitlichen Traditionen als Vorläufer ausma-

112 Vgl. Irenaus Adv. haer. I, 14, 3 (zu Markos) sowie den Hekhalot-Abschnitt
§ 389.
1.3 GARDNER ( 1 9 9 5 ) übersetzt hier irreführend mit „ascendents", macht aber in der
Einleitung (S. 176) deutlich, daß er eigentlich die Mondknoten meint. Das
Kephalaion läßt keinen Zweifel daran, wie es die Sonderrolle von Sonne und
Mond verstanden wissen will: „I have revealed to you about the sun and the
moon: They / are strangers to them [the planets, KvS] ( 1 6 9 , 1 7 - 1 8 ) " , und
weiter: „For, the sun and the moon are from out of the greatness, I not belonging
to the stars and the signs of the zodiac (169, 21-22)" (Hervorhebung KvS).
1.4 Vgl. besonders Keph. 6 und 27; außerdem Keph. 12, 13, 15, 16, 18, 19, 25,
27, 33, 103.
1.5 GARDNER 1 9 9 5 , 34.

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Astrologische Weltdeutung bei Mani 731

chen, 116 scheint Mani in seiner Konzentration auf solare Aspekte


auch von persisch-zoroastrischen Traditionen Gebrauch zu machen.
Die Sonne ist für Mani das zentrale Symbol für lebensspendende
Kraft, lichtvolle Erkenntnis sowie den Sieg des Lichtes über die
Finsternis. Letzteres weist auf die kosmische Bedeutung des Kampfes
zwischen den Kindern des Lichtes und den Söhnen der Finsternis,
bekanntlich ein dualistisches Motiv, das im Mittelpunkt manichä-
ischen Denkens steht.
In den koptischen Kephalaia ist dieses theologische Muster klar
bezeugt, wobei die Möglichkeit nicht ausgeschlossen werden kann,
daß die Verehrung der Sonne nicht nur auf persische Einflüsse
zurückgeht, sondern gerade in Ägypten auf einen gut bereiteten
Boden fallen mußte. 117 Doch betrachten wir zunächst Keph. 65, wo
Mani seine Lehre hinsichtlich der Sonne zusammenfaßt. Emphatisch
verkündet er seinen Jüngern, die Sonne sei
the gate of life and the vessel of [p]/eace, to this great aeon of l[ight ...]
[159] However, since Satan knows that it is the gate of the / souls'
departure, he placed an exclusionary judgement / in his law that no one
worship it, saying: / Whoever will worship it can die [Dt 17,2-5]. He
has otherwise called it: [5] The light that will be nullified. He has
hindered the souls from / themselves turning their faces towards the
light. He has caused them to deny / the light of their being. Now,
people are blind abou/t everything! They have not understood the
greatness of this great light-giver. / They have denied the grace of this
great light that shines upon them. [10] They have not perceived its
greatness and its divinity. / No[r], also, have they understood the good
things that it does for them, / even today, as they are entrenched in their
body; when it / comes to th[is] world and shines (158, 3 1 - 1 5 9 , 13).

Die Göttlichkeit der Sonne118 und ihr Symbol für das Weltalter des
Lichtes, das Mani ankündigt, wird hier dichotomisch der Dunkelheit

116 Vgl. dazu ALBANI 1994, 142-154, der die Verbindung zwischen Weisheits-
tradition und Henochastronomie - ebenfalls mit Orientierung am Sonnen-
l a u f - nachzeichnet. Da Henoch von Mani ausdrücklich rezipiert wird (vgl.
CMC 58-60), ist ein direktes Weiterleben im späteren Manichäismus durch-
aus verständlich.
117 So hat D . MCBRIDE die These aufgestellt, es handele sich hier um Sonnenkulte,
die im ägyptischen Manichäismus ausgebildet wurden („Egyptian Mani-
chaeism", in: The Journal of the Society for the Study of Egyptian Antiquities
1 8 [ 1 9 8 8 ] , 8 0 - 9 8 ) . GARDNER ( 1 9 9 5 , 1 6 7 ) ist da vorsichtiger: ,,[T]hat would
be difficult to prove without a parallel non-Coptic text."
118 Die Göttlichkeit der Sonne wird auch 160, 15f betont, und zwar geradezu als
besonderes Kennzeichen der Religion Manis gegenüber den „sects of error",
„[which] have not perceived the mystery of [the div]/inity of this great light-
giver."

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732 Manichäische Astrologie

Satans und seines Reiches gegenübergestellt. Ganz dem gnostischen


Sprachspiel entsprechend finden wir hier den jüdischen Gott mit
dem satanischen Demiurgen verschmolzen. Im Anschluß nennt Mani
sieben Wohltaten, durch die die Sonne ihre Gnade in die Welt trägt,
um auch diese mit den sieben Übeln zu konfrontieren, welche durch
die Verworfenheit und die Nacht ins Dasein treten.
Kepb. 65 dürfte ein Kompendium verschiedener Quellen sein, das
Manis Aussagen zur Symbolik der Sonne systematisch zu vereinigen
sucht. Erkennbar ist dies anhand weiterer Beschreibungen, die der
Autor hinzufügt, nämlich den fünf „Archetypen" der Sonnenqualität
(161, 31-162, 20) und drei anderen Grundmerkmalen „made
apparent by the sun, in res/pect of the mystery of the first greatness"
(162, 21-22). Der Sonnenaufgang als Geheimnis des Anfangs deutet
auf den göttlichen Vater, „the great greatness" (162, 27), da die
Kraft der Sonne niemals abnimmt wie die des Mondes. In Kepb. 66
wird dieser Topos aufgegriffen und auf die kosmische Heilsgeschichte
übertragen: Nach einer Aufforderung an alle Menschen und Ge-
schöpfe, die Sonne morgens in ihrem Lauf zu begrüßen, abends ihren
Untergang mit Anteilnahme zu begleiten, leitet Mani zur Betrach-
tung der Menschheitsgeschichte über:
This pertains to the mystery of the First / Man, because when he came
out from the grea[t][30]ness he shone forth over all the children of
darkness. At that momefnt] / all the children of darkness came forth
from their stor[e]/houses, its powers and its armies, abandoning] their
cav[es] / and their black abyss. They destroyed the [outer] body / of his
five sons, who were swathed over hi[s b]o[dy, in [165] t]hat first
struggle.

Das Ende des Tages wiederum repräsentiert en miniature das Ende


der Geschichte:
Again, when / the sun sinks from the universe and sets, / and all people
go in to their hiding places and /houses and conceal themselves; this
also pertains to the mystery [5] of the end, as it presages the
consummation of the universe. For, / when all the light will be purified
and redeemed i[n] / the universe at the last, the collector of all things, /
the Last Statue, will gather in and sculp it/self. It is the last hour of the
day, the time [10] when the Last Statue will go up to the aeo[n of] /
light. The enemy too, death, will go in to / bondage; to the prison of
the souls of the de[ni]ers / and blasphemers who loved the darkness.
They will go in / with it to bondage and the dark night overcomes
th[em]; [15] and thenceforth this name „light" will not shine upon
them (164, 2 8 - 1 6 5 , 15).

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Astrologische W e l t d e u t u n g bei M a n i 733

Aus diesen Passagen wird deutlich, daß im Manichäismus eine enge


Verbindung zwischen Kosmologie und Erlösungswerk Gottes greift,
welcher sich der Menschen bedient, um die „Befreiung (eines Teiles)
Gottes durch Gott selbst" durchzuführen, wie K. Rudolph formu-
liert:
Die kosmische Entwicklung als u n u m k e h r b a r e r Zeitvorgang und als
Ausdruck der Zeitlichkeit als solcher verstanden, wird auf dem Hinter-
grund einer sukzessiven Befreiung des Lichts aus der Finsternis gese-
hen. Erst bei M a n i ist der gnostische Kerngedanke eigentlich streng zur
Darstellung gebracht worden: Die Kosmologie dient der Soteriologie. 1 1 9

Interessant ist, daß der Mond als Repräsentant der Nacht nach
manichäischem Verständnis keineswegs als Widersacher der Sonne
aufgefaßt wird, sondern als Leuchte (φωστήρ), gewissermaßen sogar
als Lichtbringer.uo In dieser Funktion wird auch ihm gebührende
Anerkennung zuteil, wie in den Kephalaia wiederholt nachgewiesen
werden kann. 121 Der Mond ist gemeinsam mit der Sonne der Garant
für die kosmische Ordnung, von einer Abwertung, wie in der Henoch-
Astronomie, kann keine Rede sein. 122 Besonders deutlich zeigt sich
dies in Keph. 87, wenn die Heiligkeit der manichäischen Kirche
beschrieben wird. Anhand der Frage des Almosengebens zeigt Mani,
daß erst das Zusammenwirken von Electi und Katechumenen in der
kirchlichen Hierarchie den Anteil der Gläubigen am Reich des Lich-
tes garantiert. Der einzige Weg dorthin führt über die „Tore" von
Sonne und Mond, deren herausragende Heilsfunktion dadurch er-
neut evident wird:
[...] this [liv]ing sou[l] / that today is set in mixture; for it wishes / to
[as]cend and go to the house of its people, but it kn/ow[s a]nd
understands that it has no open d o o r in all the powers / of heaven a n d
earth. For they are its oppression that [15] [...] it everywhere. Indeed,
it has n o open door / except the sun and the m o o n themselves, the light-
givers of the heavens [... / ...] they become the place of rest for it. And
they become a d o o r that opens for it / [in] the coming forth, and (the

119
RUDOLPH 1 9 9 0 , 3 6 2 . Zur apokalyptischen Orientierung des Manichäismus s.
auch unten Kap. 2 . 2 . 4 .
120
In den syrischen Exzerpten Ephraems, von dem REEVES (wie oben Anm. 109,
S. 218) sagt, „he represents the most important textual witness to the earliest
forms of Manichaean discourse", findet sich eine Bestätigung für das Alter
dieser Lehre: „And the moon, as befits their insanity, they greatly magnify
and term it ,Ship of Light' which conveys a cargo of their ,refinings' to the
,house of life'" (Epbraem Η 178, 45-179, 3; nach REEVES ebda. S. 248).
121
Vgl. zum Mond und seiner Eigenschaft der Erhellung der Dunkelheit 113, 20;
181, 14; 199, 23; 204, 12; 231, 21; 233, 28; 245, 4; 259, 30.

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734 Manichäische Astrologie

soul) comes out through them to the country of the household of i[ts] /
people. Again, further in, also the light-givers of the heavens have no
[20] place of rest amongst all the powers of heaven; except for the
lan[d] / of light, that has indeed been theirs for ever. So, thus / the living
soul is purified of all afflictions; / and they provide a rest for it, and
open a door that opens to the house [of] / its people. Also, it is the case
that the land of lig[25]ht will become the final receiver for the light-
givers of [the] / heavens, and they will rest themselves therein and rule
in it [for] ever (218, 10-27).

D i e manichäischen Quellen sind deshalb ausführlich zitiert w o r d e n ,


weil auf diese W e i s e am besten die Überschneidungen und bemer-
kenswerten Unterschiede z w i s c h e n der Systematisierung M a n i s und
den in Frage k o m m e n d e n Vergleichstexten sichtbar g e m a c h t w e r d e n
k ö n n e n . Der Aufstieg der Seele in die Lichtheimat e t w a - ein zentra-
ler T o p o s gnostischer T h e o l o g i e - erfährt hier eine Ä n d e r u n g derge-
stalt, d a ß nicht mehr die sieben Planetenmächte als T o r w ä c h t e r z u m
Lichtreich fungieren, sondern Sonne und M o n d . 1 2 3 Die A r c h o n t e n
sind z w a r ihrer Rolle nicht gänzlich verlustig gegangen, 1 2 4 und loka-
le Unterschiede innerhalb manichäischer Lehre m ü s s e n ebenfalls in
R e c h n u n g gestellt werden, d o c h die H e r a u s n a h m e v o n Sonne und
M o n d scheint das zu sein, w a s M a n i im A u g e hat, w e n n er sagt:
Ich habe die Wahrheit meinen Mitreisenden gezeigt, den Frieden habe
ich den Kindern des Friedens verkündet; die Hoffnung habe ich dem
unsterblichen Geschlecht gepredigt; die Auswahl habe ich erwählt und
den Weg, der in die Höhe führt, habe ich denen gezeigt, die gemäß
dieser Wahrheit hinaufsteigen. 125

122
Vgl. dazu insgesamt F. CUMONT/M. KUGENER: Recherches sur le manicheisme,
2 vols., Brüssel 1 9 0 8 / 1 9 1 9 (bes. I: „La cosmogonie manicheenne"); ferner
GUNDEL 1 9 2 2 , 1 4 7 ; DIETERICH 1 9 2 3 , 2 0 9 ; NILSSON 1 9 4 1 , II, 4 9 3 .
123
Weitere Aufschlüsse über die Bedeutung von Sonne und Mond im manichä-
ischen Religionssystem werden wir gewinnen, wenn die bisher unedierten
Kapitel der Kephalaia aus Berlin und Dublin publiziert sein werden; in der
Auflistung von W.-P. FUNK (wie oben S. 7 2 8 Anm. 1 0 7 , S. 1 5 6 - 1 5 9 ) scheinen
folgende Passagen interessant zu sein: Kap. 145: „There are three moons";
Kap. 162: „Why [the moon is called ,youth' (?) and why (?)] ... is called";
Kap. 182 (?): „[What they mean (?)]: the year and its twelve months, and the
rest"; Kap. 199: „... the Living Soul ... the world of the [upper] heavens".
124
So kommt ihnen im nahenden Endgericht eine wichtige Funktion zu; vgl.
Keph. 7 (35, 24-27). In einem unedierten Kapitel (nach FUNK [wie oben S. 728
Anm. 107, S. 158] das Kapitel 31 X) spielt die Sieben eine wichtige Rolle, und
zwar im Zusammenhang mit „sieben Buddhas" und „sieben Gemeinschaften".
125
CMC 6 7 , zit. nach KOENEN/RÖMER 1 9 9 3 , 6 9 .

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Astrologische W e l t d e u t u n g bei M a n i 735

In diesem Zusammenhang begegnet immer wieder das Motiv der


Schiffe,126 das in zweierlei Hinsicht von Mani verwendet wird. Ei-
nerseits stellen Sonne und Mond schlicht die Schiffe des göttlichen
Lichtes dar, damit altägyptischen Traditionen nicht unähnlich. Auf
der anderen Seite dienen die himmlischen Lichter dem Aufstieg der
menschlichen Seele in die Lichtheimat. Sie sind demnach nicht nur
Torwächter, sondern auch Fährmänner zur Erlösung. 127
Bei einer solchen Wertschätzung von Sonne und M o n d nimmt es
nicht wunder, daß die Gegner des Manichäismus darauf insistierten,
Mani hätte einer kultischen Verehrung der Himmelslichter das Wort
geredet. Epiphanius beispielsweise charakterisiert die Manichäer
folgendermaßen: „Sonne und Mond beten sie an, [...] die Sieben und
Zwölf verkünden sie, Glückssterne und Lose gibt es nach ihnen, und
sie sind eifrig in der Chaldäerkunst." 128 Daß eine solche Vermutung
keineswegs aus der Luft gegriffen ist, zeigen verschiedene manichä-
ische Primärquellen. So bezeugt der Kölner Kodex die manichäische
Proskynese vor den Himmelslichtern, also das Niederknien in Ver-
ehrung, als wörtliche Rede Manis:
Ich aber belehrte ihn [i.e. den „haarigen M a n n " ] in der H ö h l e (?), so
daß die Weisheit in ihm aufging. Ich verkündete ihm das Ausruhen, die
Gebote und die Proskynese vor den Himmelsleuchten. 1 2 9

An anderer Stelle wird eine Begebenheit geschildert, bei der die


Täufer in Pharat am Unterlauf des Tigris Mani und Pattikios nach
dem Grund für ihre besondere Gebetsform fragen:
Als die Stunde des Gebetes herankam, sagten wir zu Pattikios: „Wir
wollen betenl D e n n das Gebot Gottes ruft meinen Herrn Mani mit
uns (?) ... zum Gebet." Pattikios aber bat uns ... (vermutlich fragt der
Täufer Mani): „... Warum betest du (?) im Unterschied zu uns, indem
du dich zum Himmelslicht wendest (?)?130

126
Ausführliche Nachweise bei GARDNER 1 9 9 5 , Index „sun" und „moon". Vgl.
ferner C M C 33, w o Timotheos Mani sagen läßt: „Zu dieser Zeit, als ich
aufwuchs ... offenbarte er mir die ... der Väter des Lichtes und alles, was in
den Schiffen geschieht" ( K O E N E N / R Ö M E R 1 9 9 3 , 5 6 ) .
127
Vgl. dazu die neue Studie von S. RICHTER: Die Aufstiegspsalmen des
Herakleides. Untersuchungen zum Seelenaufstieg und zur Seelenmesse bei
den Manichäern (Sprachen und Kulturen des Christlichen Orients 1), Wies-
baden 1997.
128
Epiphanius panarion LXVI, 13 (PG 42, 48). Ähnlich urteilt der in der zweiten
Hälfte des vierten Jahrhunderts lebende Maruta von Maipherqat; vgl. F.
HAASE: Altchristliche Literaturgeschichte, 1925, 362.
129
C M C 127f (KOENEN/RÖMER 1993, 97).
130
C M C 141f (KOENEN/RÖMER 1993, lOlf).

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736 Manichäische Astrologie

Keph. 66 beginnt mit folgenden Sätzen:

Once again he speaks to his disciples: Pay attention, look / [and]


understand in the way that I show you. / Two great mysteries are
apparent in this shining sun, / at its rising and setting. Now, at the
moment / when it rises and is visible in the universe, [15] all creatures
of flesh shall lift up their heads fr[om their sleep] / towards the
splendour of the sun, <and open their doors 1 3 1 >(164, 10-16).

Diese w e n n n i c h t kultische, so d o c h liturgische B e d e u t u n g der


H i m m e l s l i c h t e r w a r im Einflußbereich des M a n i c h ä i s m u s überaus
weit verbreitet. 132 Eine Bestätigung findet eine solche E i n s c h ä t z u n g
d u r c h die Darstellung des arabischen Fihrist („Katalog") des al-
N a d i m , der allerdings erst im J a h r e 9 8 8 in B a g d a d publiziert w o r d e n
ist und deshalb für unsere Analyse nur unter V o r b e h a l t v e r w e n d e t
werden k a n n . 1 3 3 D e n n o c h l o h n t sich ein Blick auf diesen Text,
enthält er d o c h eine liturgische Anweisung zur Proskynese, die in
einen t h e o l o g i s c h e n Zusammenhang gestellt ist, w e l c h e r jüdisch-
christlich v o r g e p r ä g t ist. V o n G o t t wird dort z u n ä c h s t festgehalten,
er sei „der König der Paradiese des Lichtes. Sein Licht ist die Sonne
und der M o n d . " Sonne und M o n d als G e s c h ö p f e des „ V a t e r s der
G r ö ß e " w e r d e n anschließend in die Liturgie einbezogen:

131 Or „mouths".
132 Nur am Rande sei ein interessanter parthischer Text erwähnt (M 48 I, Μ
1306 I I , Μ 5911, Μ 1307, ed. W. SUNDERMANN), der von Manis Missionser-
folg bei Türän Shäh im Osten berichtet: „Der Apostel führte den Gerechten
in den Luftraum, Er sprach: ,Was ist noch höher?' Der Gerechte sprach:
,Meine Sphäre.' Der Apostel sprach: ,Weiter, was ist noch größer?' Er sprach:
,Die Erde, die alles trägt.' Ferner sprach er: ,Was ist noch größer als das?' Der
Gerechte sprach: ,Der Himmel ...' ,Was ist noch größer?' Er sprach:
,Die [Sonne] und der Mond.' ,Weiter, was ist noch strahlender?' Er sprach:
,Die Weisheit des Buddha.' Da sagte der Turän-Sah: ,Über all das (hinaus)
bist du noch größer und leuchtender. Denn du bis in Wahrheit der Buddha
selber" (zitiert nach FOERSTER, Gnosis I I I , 92f). Die Tatsache, daß Mani eine
wichtige Schaltstelle zwischen Buddhismus und dem Römischen Reich dar-
stellte, dürfte auch für die Astrologie von bislang unterschätzter Bedeutung
sein. Zu weiteren persischen und parthischen Texten, die in den liturgischen
Zusammenhang gehören, vgl. H.-J. KLIMKEIT: Hymnen und Gebete der Reli-
gion des Lichts. Iranische und türkische liturgische Texte der Manichäer
Zentralasiens (Abh. d. Rhein.-Westf. Akad. d. Wiss. 79), Opladen 1989,
198ff („Anrufung der Himmlischen").
133 Die Schrift ist schon lange bekannt und war früher die einzige Quelle, um
Manis Kindheit und Werdegang zu enträtseln. Vgl. zur Edition G. FLÜGEL:
Mani. Seine Lehre und seine Schriften, Leipzig 1862, zum Thema insgesamt
C . C O L P E : Der Manichäismus in der arabischen Überlieferung, Phil. Diss.,
Göttingen 1954.

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Astrologische Weltdeutung bei M a n i 737

Und er ordnete vier oder sieben Gebete an. Und zwar stehe der M a n n
aufrecht, reibe sich mit fließendem Wasser oder mit etwas anderem
und wende sich stehend dem größten Lichtkörper zu. Dann wirft er
sich nieder und spricht dabei: „Gepriesen sei unser Führer, der Paraklet,
der Gesandte des Lichts, und gelobt seien seine (des Lichtes) Engel, die
W ä c h t e r , und gelobt seien seine leuchtenden Heerscharen. [...] Ich bete
an und lobe die mächtigen Heerscharen und die leuchtenden Götter,
die durch ihre Weisheit zurückgestoßen und ausgetrieben haben die
Finsternis und sie niedergeworfen h a b e n . " 1 3 4

Die angeführten Texte lassen keinen Zweifel daran, daß Mani die
hohe Verehrung von Sonne und Mond nicht auf einen (weisheitlich-)
spekulativen Bereich beschränkte. Ihre Vergöttlichung und Huldi-
gung im Gebet stellt in der praktischen Religiosität Mesopotamiens,
vielleicht auch Ägyptens, keine Besonderheit dar, mußte aber auf
Seiten jüdischer und bestimmter christlicher Gruppierungen zwangs-
läufig Widerspruch herausfordern. Zu beachten ist dabei die Schwie-
rigkeit, eine klare Grenze zwischen einer Anbetung der Sonne als
Gott und ihrer Huldigung als heiliges und vollkommenes Geschöpf
Gottes zu ziehen.135 Für ersteres gibt es innerhalb des manichäischen
Schrifttums keinen echten Beleg, so daß wir lediglich die Aufwertung
der Himmelslichter in Theologie und Kult konstatieren können,
keineswegs aber einen Polytheismus. Damit bleibt Mani durchaus in
den Grenzen des jüdisch-christlichen Diskurses, dem freilich Elemen-
te des mesopotamischen Kulturraumes hinzugefügt werden.

2.1.2. Die Planeten und ihre Verbindung zur irdischen Welt


Der Manichäismus betrachtete die Planeten als negativ besetzte
Archonten. War dies für maßgebliche Kreise der frühen Christen-
tümer kein Grund, die Astrologie als Instrument der Wirklichkeits-
deutung hinter sich zu lassen, so gilt das auch für Mani, der sich
intensiv mit der Sternkunde auseinandersetzte. Bevor wir diesem
Thema ausführlicher nachgehen, soll ein bemerkenswerter spekula-
tiver Zug der manichäischen Kosmologie herausgestellt werden,
welcher sich aus der Verbindung der Planetensphäre mit der irdi-
schen Welt ergibt. Dieser Zug ist geeignet, die manichäische Astro-
logie in einen esoterischen Diskurs einzubetten, wie wir ihn vor
allem in hermetischen Texten des hellenistischen Ägypten kennenge-
lernt haben.

134 Fihrist 3 3 3 , zitiert nach FOERSTER, Gnosis I I I , 190f.


135 Zweifellos ist diese Frage für theologische Forschung weitaus wichtiger als
für religionswissenschaftliche.

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738 Manichäische Astrologie

Die Planeten, welche sich auf der Ebene des Zodiakalkreises


befinden, entfalten ihre Wirkung auf die materielle Welt der Erde
und der Menschen. Gemeinsam mit den Tierkreiszeichen bestimmen
sie das Schicksal, wie Keph. 46 (117, 34-118, 5) ausführt:
Again, [befo]re mankind had been engendered, some were named /
[ „ r i c h " and] others „ p o o r " on earth / [ . . . ] upon them. Before they die,
( 1 1 8 ) they w h o will die are marked out by the stars and the signs of
the zo[di]/ac in the sphere. They are appointed for them; in the[m] are
their births. / And their r o o t 1 3 6 is bound up with their zodiacal signs;
and they are compe/lled by them and brought to an equal judgement
[5] in accordance with their deeds and their sins.

En passant sei vermerkt, daß dieser Passus ein weiterer Beleg dafür
ist, wie wenig sich im theologischen Diskurs der Antike ein radikal
ausformulierter Determinismus und die Aufrechterhaltung einer ge-
wissen Entscheidungsfreiheit, Voraussetzung für ethisch korrektes
oder verwerfliches Handeln, ausschlossen. Die damit verbundene
Diskussion wird von Markus dem Diakon bestätigt, der über den
Besuch Julias der Manichäerin in Gaza um das Jahr 397 feststellt,
sie spreche über „Horoskope, Heimarmene und die Astrologie, so
daß ein Mensch ohne Furcht sündigen möge, denn das Begehen von
Sünden liege nicht in uns, sondern in der Verfügung der Heimarmene
begründet". 137
Was mich im Moment aber mehr interessiert, ist die Rede von der
Wurzel (nocne), die nach Manis Vorstellung die Verbindung zwi-
schen Zodiakalzeichen und dem Schicksal des Menschen bildet. Der
Begriff gehört zu den etymologisch bislang nicht geklärten Wörtern
des manichäischen Sprachgebrauchs und begegnet häufig mit einem
anderen, ebenfalls schwierig zu deutenden Begriff- nämlich den
Röhren oder Kanälen (lihme).us Während die Etymologie also er-
hebliche Probleme bereitet, sind wir dank einer ausführlichen Dar-

136 I.e. people's fate.


137 θεούς yap πολλούς λεγουσιν, ινα Ελλησιν, ετι δε και γενεσιν και ειμαρμενην και
αστρολογιαν φασκουσιν, ιν αδεως αμαρτανωσιν, ως μη οντος εν ημιν του
αμαρτανειν, αλλ εξ αναγκης της ειμαρμενης (Marc. Diac. aus Porphyrins 85,
1 5 - 1 9 , S. 67).
138 Das Wort könnte sich vom semitischen Stamm lehnt „anhangen" herleiten
oder auch vom koptisch-bohairischen Wort lahem „Röhre, Strunk, Zweig,
Stengel". Vgl. dazu E.B. SMAGINA: „Some Words with Unknown Meaning in
Coptic Manichaean Texts", in: Enchoria 17 (1990), 1 1 5 - 1 2 2 , 121f; außer-
dem W . V Y C I C H L : Dictionnaire itymologique de la langue Copte, Leuven
1983, 102. G A R D N E R übersetzt lihme mit „conduit" (vgl. seine Erklärung
1 9 9 5 , 127).

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Astrologische Weltdeutung bei Mani 739

Stellung in Keph. 46 und 48 über die Bedeutung jener Begriffe


innerhalb der manichäischen Kosmologie recht gut informiert.
Die „Wurzel" ist gleichsam eine Chriffre für das Schicksal, das im
Zusammenspiel von Planeten und Zodiakalzeichen abgelesen wer-
den kann. Damit entspricht der manichäische Sprachgebrauch exakt
der neuzeitlichen Gewohnheit, das Horoskop mit dem Begriff Radix
zu bezeichnen. Das Geburtshoroskop bildet die Wurzel, aus der die
individuelle menschliche Existenz erwächst, durch das Aussehen der
Wurzel vorgeprägt und doch frei, sich entlang dieses Planes zu
entwickeln. 139 Damit soll natürlich keineswegs unser neuzeitlicher
Begriff auf das Sprachspiel Manis projiziert werden; erstaunlich ist
aber doch die große Nähe zwischen beiden Entwürfen. 140
Anhand eines Analogons aus dem alltäglichen Leben erklärt Mani
an anderer Stelle (Keph. 101), wie man sich die Wurzeln vorzustellen
hat. Die Spiegelung von Gesichtern und Bäumen im Wasser begrün-
det er folgendermaßen:
This occurs to the mystery of the [stars] [ 3 0 ] and the zodiac, which
hang upside d o w n and are vis[ible in] / the great sea. For [the face of
people a ] ( 2 5 5 ) n d beasts and all trees hang on the ro[ot] / of the stars
and the zodiac, being begotten from them ( 2 5 4 , 2 9 - 2 5 5 , 2 ) .

Mani gefällt es, die theosophischen Überlegungen zur Erklärung


auch alltäglicher Dinge heranzuziehen; das werden wir noch ver-
schiedentlich feststellen können.
Die „Röhren" stehen also in direkter Verbindung mit der „Wur-
zel", sie bilden gewissermaßen die Brücke zwischen planetarischer
und irdischer Sphäre. Keph. 48 enthält eine detaillierte Auseinander-
setzung mit den Implikationen dieses Bildes. Dort führt Mani aus,
daß es drei verschiedene Röhren gibt, und zwar als Verbindung
einmal zwischen den himmlischen Mächten und ihren Verkörperun-
gen auf der Erde (120, 25-121, 12), dann zwischen den himmlischen
Städten und den fünf Arten von Bäumen (121, 13-17), 141 schließlich
zwischen den bösen Himmelsmächten und den fünf fleischlichen

139 Die vielleicht schönste Formulierung dieses esoterischen Gesetzes stammt aus
den „Orphischen Urworten" J.W. VON GOETHES: „Wie an dem Tag, der dich
der Welt verliehen, / Die Sonne stand zum Gruße der Planeten, / Bist alsobald
und fort und fort gediehen, / Nach dem Gesetz wonach du angetreten. / So
mußt du sein, dir kannst du nicht entfliehen, / So sagten schon Sibyllen, so
Propheten; / Und keine Zeit und keine Macht zerstückelt / Geprägte Form die
lebend sich entwickelt."
140 Möglicherweise ist der Begriff auch ganz schlicht zu verstehen, nämlich als
Verankerung der Röhrenverbindungen, die in die oberen Ebenen führen.

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740 M a n i c h ä i s c h e Astrologie

Welten (121, 17-32). Durch die Röhren findet in beide Richtungen


ein Austausch statt: Der dämonische Unrat gelangt durch sie auf die
Erde, gleichzeitig besteht die Möglichkeit eines Aufstiegs und einer
Reinigung (vgl. 121, 1-9). Für die Wurzel des Zodiakalrades gilt
dagegen, daß sie nicht mit der Erde verbunden ist, sondern mit der
himmlischen Sphäre, von w o sie auch ihre Lebenskraft erhält (121,
3 3 - 1 2 2 , 4). Hieraus ergibt sich ein Problem, das die Jünger Manis
sogleich erkennen:
They say t o him: Look, / in that the wheel has no r o o t in this earth,
f r o m where did the stars / and signs of the zodiac find this authority?
They became masters over these five / fleshes a n d five trees. Even
t h o u g h you have told us t h a t / the wheel has no r o o t there! For you said
t o us t h a t every[10]thing, if it can be reduced f r o m the earth, the
heavenly p o w e r s above / d r a w it t h r o u g h a conduit. Also, we see / t h a t
every thing t h a t a person will attain, w h e t h e r it be weal/th t h a t comes
into his possession or poverty t h a t will / accrue t o him, or his sickness
a n d health; he attains it t h r o [ 1 5 ] u g h the signs of the zodiac and the star
u n d e r w h i c h he shall be b o r n (122, 5-15).

Mani räumt diesen Widerspruch durch eine ausführliche kosmogo-


nische Betrachtung aus, die uns hier nicht weiter beschäftigen muß
(122, 16-123, 15). Erstaunlich ist allerdings die in Keph. 4 9 tradierte
Antwort Manis auf die erneute Frage der Jünger nach dem Zusam-
menhang zwischen Röhren und Zodiakalrad. Sie sind sich nicht
schlüssig, wie man sich das vorzustellen habe, und ob nicht die
Röhren sich im Rad verfangen können.
T h e enlightener says to them: The reason t h a t the conduits shall not be
cut, / for they are not cut, is because they are spiritual. T h u s [10] the
conduits are like the waters through which ships / sail. You shall find
the p r o w t h a t is in position in the / f r o n t p a r t of the ship divides the
waters, casting t[h]em back / and forth. So, w h e n it parts the wat[ers] /
and t h a t ship opens u p the water with its c[leaving] pro[w], [15]
immediately a n d w i t h o u t delay the wat/ers [minjgle with each other
again behind the ship; and the pa/th of the ship shall not be discernible
in the midst of the waters (125, 8-17).

Mani präsentiert seinen Jüngern ein elaboriertes und kohärentes


kosmologisches System, dem es immer wieder gelingt, komplexe
Fragestellungen in anschaulichen Bildern transparent zu machen. Er

141
Die Bäume spielen eine wichtige Rolle im Manichäismus, was seinen Nieder-
schlag auch in der Kunst fand; vgl. V. Arnold-Döben: Die Bildersprache des
Manichäismus, Köln 1978, 7-44; einen neueren Überblick gibt H.-J. Klimkeit
a.a.O. (oben S. 726 Anm. 103).

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Astrologische Weltdeutung bei Mani 741

weist darauf hin, daß die Verbindung zwischen irdischer und


Planetenwelt nicht materiell zu denken ist, sondern feinstofflich.
Durch die Betonung der spirituellen Dimension der Röhren greift
Mani einen zutiefst esoterischen Gedanken auf, nämlich die wesen-
hafte, nicht kausal-materielle Verbindung zwischen Himmel und
Erde. 142 Das hermetische Entsprechungsdenken ist uns selten in einer
solchen Konsequenz begegnet wie in den koptischen Kephalaia.

Mikro-Makrokosmos-Vorstellungen durchziehen das gesamte mani-


chäische Lehrsystem. Eine für astrologische Fragestellungen interes-
sante Anwendung findet sich in der Symmetrie zwischen Himmels-
welt und menschlichem Körper. 143 Mani geht davon aus, daß die
einzelnen Körperteile des Menschen von spirituellen Wesenheiten
bevölkert und bewacht werden, die ihre Entsprechung in den oberen
Welten haben. So wie die Tore zu den himmlischen Lagern bewacht
werden, sind jene Wesenheiten auch für den Körper zuständig:
The enlightener says: this body too is like the mighty c/amp. And the
gates of the camp with / their guards are like the orifices and organs
[5] of the body. Now, the orifices of the body are of sight, / hearing and
smell; and they that send o/ut words. There are many sentinels and a
ma/ss of guards placed over the limbs of the body, guarding / their
orifices. And the faculty in it is the di[10]rective of the body, the queen
of the entire camp; so that / whenever it wishes it can open, or when
it wishes it can shut (Keph. 56 [142, 2-11]).

Die feinstofflichen Wesenheiten im Körper - fast möchte man von


Elementarwesen sprechen - sind durch die Röhren mit den oberen
Welten verbunden. In Keph. 86 wird eine schöne Episode tradiert,
die den Standpunkt Manis noch einmal deutlich macht: Ein Jünger
berichtet davon, daß er ohne erkennbaren Grund von einer Stim-
mung in die andere fällt, daß sein Körper von Krankheiten heimge-

142 Es wäre verlockend, einen Vergleich zwischen den Röhren Manis und den
Sefirotb der jüdischen Kabbala anzustellen. Immerhin gibt es hier eine nicht
unerhebliche funktionale Übereinstimmung, da auch die Sefiroth Emana-
tionswege göttlicher Energie darstellen sowie Aufstiegsmöglichkeiten bereit
halten für den frommen Mystiker. Die früheste diesbezügliche Quelle aber ist
das Buch Jetsirah aus dem siebten Jahrhundert; deshalb muß eine konkrete
Verbindung ins Reich der Spekulation verwiesen werden. Wir können jedoch
festhalten, daß es in der ausgehenden Antike ein fest etabliertes Vorstellungs-
muster gegeben hat, das als „hermetisch" bezeichnet werden kann, und
welches den Nährboden für gnostische wie auch jüdische Theosophie dar-
stellte.
143 Die konkreten Implikationen für die manichäische Zodiakalmelothesie wer-
den unten Kap. 2.2.1. erörtert.

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742 Manichäische Astrologie

sucht wird, ohne daß sich eine Ursache dafür finden ließe. An
manchen Tagen gehe es ihm einfach schlecht, böse Gedanken stellten
sich ein, und auch sein spiritueller Weg sei dann von Hindernissen
übersät. Als Erklärung nennt Mani zwei Hauptgründe: Einmal drin-
ge durch eine falsche Ernährung negative Kraft in den Körper ein,
d.h. die mit negativen kosmischen Mächten verbundenen Lebensmit-
tel schädigen Gesundheit und Wohlbefinden. Noch wichtiger ist
allerdings die astrologische Begründung:
[ . . . ] when a disturbance will arise for [him] / and he will be troubled,
this disturbance shall go in to him in [...], / first through his birth-signs
and his difficult stars that [...] / they turn over him and stir him and
trouble him with / lust and anger and depression and grief, as he
wi[10]lls. Also, as he wills, the powers of heaven shall trouble him
through the[ir] / roots, t o which he is attached ( 2 1 5 , 5 - 1 1 ) . [...] N o w ,
[beh]old, I have explained to you that should you be troubled [... / ...]
them through the c[ondui]ts and the r[oot]s of they above [ . . . [25] ...
the f]ood that comes in to you ( 2 1 5 , 2 3 - 2 5 ) .

Neben den Tierkreiszeichen und den Planeten sind es vor allem die
unzähligen den Körper bevölkernden Mächte, welche für Krankhei-
ten verantwortlich sind. Keph. 70 spricht von „840 mal 10.000"
Herrschern, die über die vier Regionen des Körpers verteilt sind; ihre
„Häuser" summierten sich damit auf „210 mal 1 0 . 0 0 0 " (175,
5-11). 1 4 4 Das im Zusammenhang mit der Ernährung schon angedeu-
tete medizinische Interesse Manis offenbart sich auch hier, denn
Krankheiten entstehen, indem die vielen Herrscher untereinander im
Streit liegen. Dadurch bilden sich Schmerzen sowohl im Innern als
auch im Äußeren. Letzteres zeigt sich durch brennende oder nässen-
de Beulen und Wunden, die man zu behandeln habe, indem man sie
auspresse und anschließend mit derselben Energie heile, die die
Krankheit ausgelöst habe (175, 12-24). 145
Unsere Untersuchung der kosmologischen Vorstellungen des
Manichäismus hat zweifelsfrei ergeben, daß das Entsprechungs-
denken zum Kernbestand seiner Weltdeutung zu rechnen ist. Die
philosophisch-theologischen Voraussetzungen für eine intensive
Auseinandersetzung mit astrologischen Fragestellungen sind deshalb
gegeben. Den Spuren der manichäischen Astrologie in sensu stricto
wollen wir im folgenden nachgehen.

144 Zu dieser Vorstellung vgl. auch Keph. 7 0 (172, 2 9 - 1 7 4 , 2 0 und 175, 5 - 2 4 ) .


145 Wie die meisten seiner Zeitgenossen plädiert also auch Mani für eine homöo-
pathische Behandlungsweise.

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Astrologische Weltdeutung bei Mani 743

2.2. Astrologie in sensu stricto

Mani hat offensichtlich viel Mühe darauf verwandt, traditionelle


astrologische Deutungssysteme mit seinen eigenen theologischen
Positionen in Einklang zu bringen. Wir stellten oben fest, daß dies
keineswegs bruchlos geschehen konnte, da Mani Sonne und Mond
aufwertete und aus dem negativen Machtbereich der Archonten
herauslöste. Die sich daraus ergebende Pentade von Planeten indes
fügt sich nur mühsam in die tradierten Lehren der Sternkunde ein.
Ähnlichen Schwierigkeiten werden wir im folgenden immer wieder
begegnen, woran man ablesen kann, daß Mani vom Primat der
theologischen Position ausging, nicht aber an einer Tradierung der
„reinen astrologischen Lehre" interessiert war. Als Prophet und
Offenbarer lebte er darüber hinaus vermutlich im Bewußtsein seiner
eigenen Wahrheit, die er der Tradition entgegenhielt.
Die beiden für die astrologische Thematik wichtigsten Abschnitte
der Kephalaia sind Kapitel 69 und 70. Dort sind verschiedene Einzel-
lehren zusammengefaßt und in einen größeren Zusammenhang ein-
geordnet worden. Nachdem Viktor Stegemann 1938 in aller Kürze
zwei der vier zentralen Passagen zum Zodiak untersucht hatte,
wurden bis heute keine detaillierten Studien zur manichäischen Astro-
logie durchgeführt. Das Schweigen wissenschaftlicher Forschung
über 60 Jahre dürfte sich nicht zuletzt dem Umstand verdanken, daß
die Sternkunde, wie sie den Kephalaia zu entnehmen ist, den Ein-
druck einer nicht immer nachvollziehbaren Eigenleistung des Religi-
onsstifters macht. Da und dort gibt es zwar deutliche Berührungen
mit älteren Traditionen, doch eine spezifische Quelle ist kaum aus-
zumachen.
Im folgenden soll diese Lücke wenigstens ansatzweise geschlossen
werden. Die Ausführungen Manis zur Astrologie werden wir in einer
thematischen Gliederung nacheinander untersuchen und in einen
Diskurs einordnen, der den begrenzten Kreis des Manichäismus
überschreitet. Sowohl Übernahmen als auch Veränderungen müssen
dabei benannt und interpretiert werden.

2.2.1. Melothesie
Beginnen wir mit der Zodiakalmelothesie, da sie die Linie weiter
auszieht, die eben bereits angedeutet wurde. Die Korrespondenzen
zwischen himmlischer Welt und menschlichem Körper sind im
manichäischen System nämlich nicht nur allgemein thematisiert
worden, sondern fanden in konkreter astrologischer Form Eingang
in Keph. 70. Dort werden zwei unterschiedliche Entsprechungslisten

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744 Manichäische Astrologie

überliefert: Einmal korrespondieren die Zodiakalzeichen mit den


Körperteilen in vertikaler Reihenfolge vom Kopf bis zu den Füßen
(173, 2 1 - 1 7 4 , 10), im zweiten Schema sind die Zeichen kreisförmig
angeordnet, und zwar beginnend mit dem „rechten Tempel" des
Kopfes über die Genitalien zurück zur linken Kopfhälfte (174, ΙΟ-
Ι 7 5 , 4). Es handelt sich dabei nicht um Konkurrenzsysteme, son-
dern, wie Mani betont, um zwei unterschiedliche Anschauungswei-
sen. Im zweiten System wird der Körper lediglich gedreht: „So, we
have proclaimed that these are turned to the side, bent, and spread /
out; because from its head down to its / hip shall count six to its left,
and another six to its right" (174, 17-19).
Es ergeben sich folgende Korrespondenzen:

Schema I:
Widder: Kopf Stier: Nacken und Schultern
Zwilling: beide Arme Krebs: Oberkörper
Löwe: Magen Jungfrau: Rückgrat und Eingeweide (?)
Waage: Rückgrat und Skorpion: Genitalien
Eingeweide (?)
Schütze: Lenden Steinbock: Knie
Wassermann: Schienbeine Fische: Fußsohlen

Schema II:
Widder: rechter „Tempel" Stier: rechte Schulter
(des Kopfes)
Zwilling: rechter Arm Krebs: rechter Brustkorb
Löwe: Magen Jungfrau: rechte Hälfte der Genitalien
Waage: linke Hälfte Skorpion: linker Brustkorb
von [...]
Schütze: linke Brust und Steinbock: linker Ellenbogen
linke Niere
Wassermann: linke Schulter Fische: linker „ T e m p e l " (des Kopfes)

Schema 1 entspricht recht genau den gängigen Korrespondenzlisten


der Antike; 1 4 6 daß auch Juden und Christen über diese Systematisie-
rungen informiert waren, konnte oben für TestSal, TrShem, Mar-
kos, Theodotus und andere gezeigt werden. Es kann demnach nicht

,46 Vgl. Manilius Astron. IV, 7 0 4 - 7 0 9 und II, 4 5 3 - 4 6 6 ; Firmicus Mathesis II, 2 4 ;
IV, 2 2 , 2 ; VIII, 4, 14; Ptolemaios tetrab. III, 12; Sextus Empiricus Adv.
astrol. V, 2 1 ; Paulus von Alexandria A-B 2 (s. BOLL 1 9 0 3 , 471ff); CCAG V,
3, 133ff; II, 161, 19ff; Michigan Papyrus no. 1 (ed. ROBBINS 1927). BL 3 1 9 -
3 2 5 gibt eine vorbildliche Übersicht; s. außerdem BARTON 1 9 9 5 , 1 8 9 - 1 9 7 , die
auch magische Texte mit einbezieht.

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Astrologische Weltdeutung bei Mani 745

verwundern, auch bei Mani auf dieses Schema zu stoßen, zumal es


sich aus einer einfachen Übertragung der Zodiakalzeichen auf den
Körper ergibt. Augustinus, in jungen Jahren glühender Anhänger des
Manichäismus, bezeugt diese Kenntnis ebenfalls, wenn er die in
christlichen Kreisen offensichtlich immer noch virulente Lehre später
als häretisch brandmarkt. 147 Bemerkenswert ist die Tatsache, daß
sich in dem hier dokumentierten Schema keine Spuren einer Dekan-
melothesie finden, obwohl der uns heute vorliegende Text aus Ägyp-
ten stammt. Dies unterstreicht die Vermutung, die koptischen
Kephalaia führten uns in die Nähe der frühesten, d.h. mesopotami-
schen, manichäischen Lehrmeinungen, denn im zweiten Jahrhundert
hatte man im Westen allenthalben die Dekan- mit der Zodiakal-
melothesie verknüpft. In der „anatolisch-orientalischen" Richtung
valentinianischer Gnosis - Markos und Theodotus - läßt sich das
auch für das Christentum zeigen.
Wie sieht es nun mit dem zweiten Schema aus? Mani selber
erläutert, es leite sich vom ersten ab, indem das Zodiakalband
kreisförmig auf den Körper gelegt wird. Für direkte Übereinstim-
mungen lassen sich hier keine Belege anführen, 148 und auch jene
Texte, die linke und rechte Körperhälfte getrennt betrachten, gehen
in ihrer Darstellung nicht kreisförmig vor. Außerdem stammen letz-
tere aus der Dekanmelothesie, die mit 36 oder 72 Dekanherrschern
arbeitet. 149
Da die Zodiakalzeichen von den jeweiligen Planeten beherrscht
werden, lohnt sich auch ein vergleichender Blick auf die Planetar-
melothesie, die als Ableitung oder Parallele zum zodiakalen Schema
aufzufassen ist. Sie gehörte im zweiten Jahrhundert ebenfalls zum

147 Ipsum corpus nostrum secundum XII signa compositum adstruunt Mathe-
matici, constituentes in capite Arietem [...] ad plantas usque, quas Piscibus
tribuunt (De Haeres. 70). Die Haltung Augustinus' zur Astrologie wird uns
unten Kap. XI noch beschäftigen; zu seiner Auseinandersetzung mit dem
Manichäismus vgl. R. S T O T H E R T / A . H . N E W M A N (transl.): „Writings in Con-
nection with the Manichaean Controversy", in: P. SCHAFF (ed.): A Select
Library of the Nicene and Post-Nicene Fathers of the Christian Church IV:
St. Augustin, The Writings against the Manichaeans and against the Donatists,
repr. Edinburgh/Grand Rapids 1 9 8 9 , 3 - 3 6 5 ; R. M E R K E L B A C H : „Zum Text der
antimanichäischen Schriften Augustins", in: A VAN T O N G E R L O O / S . GIVERSEN
(eds.) Manichaika Selecta (FS J. Ries) (Manichaean Studies 1), Leuven 1 9 9 1 ,
2 3 3 - 2 4 1 ; LIEU 1 9 9 2 , 1 5 1 - 1 9 1 .
148 Zu demselben Ergebnis kam auch STEGEMANN 1 9 3 8 , 222f.
149 Zu nennen wäre hier die Hekhalot-Spekulation zur Shi'ür qöma §§ 6 9 5 - 7 0 4 ;
auch das Apokrjoh (NHC 11.15,29-19,10; I V . 2 4 , 2 2 - 2 9 , 1 8 ) trennt zwar die
Körperhälften, stellt sie jedoch nicht kreisförmig dar.

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746 Manichäische Astrologie

allgemeinen Repertoire professioneller Astrologie. Es zeigt sich, daß


dort die getrennte Behandlung der Körperhälften vorherrschend ist,
allerdings auf eine ganz andere Weise, als dies von Mani überliefert
wird. So verdanken wir Ptolemaios folgendes Schema: 1 5 0

Saturn: rechtes Ohr, Blase, Milz, Schleimhäute und Knochen


Jupiter: Gefühlssinn (Hand), Lungen, Arterien und Sperma
Mars: linkes Ohr, Nieren, Venen und das männliche Glied
Sonne: Augen, Gehirn, Herz, Nerven und die ganze rechte Seite
Venus: Geruch, Geschmack, Fleisch
Merkur: Sprache, Sinne, Zunge, Galle und Gesäß
Mond: Gaumen, Speiseröhre, Schlund, Magen, Bauch, Gebärmut-
ter und die ganze linke Seite

Bouche-Leclercq macht darauf aufmerksam, daß hier eine Systema-


tisierung dergestalt zugrundeliegt, daß Saturn beispielsweise alles
zugeordnet wird, was trocken oder hart sei, mit einer Beimischung
des Kalten, Jupiter dagegen die stärker „pneumatischen" Attribute,
schließlich sei er „la planete [...] venteuse par excellence." 1 5 1
Trotz verschiedener Versuche, im Rahmen der Temperamenten-
lehre bzw. Humoralpathologie zu einer Systematisierung vorzudrin-
gen - besonders Galen wäre hier zu nennen - , kann von einer
allgemeinverbindlichen Tradition in der Astrologie bis auf weiteres
keine Rede sein. Zu vielfältig waren die Einteilungsmöglichkeiten,
und jeder Interessenlage konnte ein entsprechendes Schema zugrunde-
gelegt werden. Dies gilt besonders für all jene Kreise, die der „ortho-
doxen" Astrologie - sollte es eine solche jemals gegeben haben -
freizügiger gegenüberstanden. Bouche-Leclercq konstatiert: „Ce sont
peut-etre des astrologues amateurs, gnostiques ou pythagorisants,
qui, plus libres ä l'egard des traditions, ont le mieux reussi ä combiner
l'ordre des planetes avec leurs affinites physiologiques et psycho-

150 Tetrab. III, 13 ( W I N K E L 1 9 9 5 , 1 9 0 ) . Ptolemaios differenziert anschließend


Verletzungen und Krankheiten, für deren „nähere Bestimmung jedoch [ . . . ]
eine ins einzelne gehende Untersuchung [verlangt ist], welche Körperteile und
in welcher Art sie die Krankheit ergreifen wird. In den meisten Fällen
ereignen sich diese entsprechend der Stellung der Gestirne." (ebda. [ W I N K E L
1995, 191]).
151 BL 3 2 1 ; dort weitere Nachweise. Hier gehört auch das Sperma hinein, hatte
doch schon Aristoteles in seiner Temperamentenlehre davon gesprochen, daß
„die Ergießung des Samens beim Geschlechtsverkehr und sein Herausschleu-
dern offenbar durch das Nachstoßen der Luft bewirkt wird (vgl. Problem
X X X , 1, 9 5 4 a , 1 - 5 ) . "

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Astrologische Weltdeutung bei M a n i 747

logiques." 1 5 2 Genau dies dürfte im Hinblick auf Mani ebenfalls


eingetreten sein: eine Einbindung überkommener Zuordnungen in
das eigene theologische System, Zuordnungen freilich, welche be-
reits in einer großen Vagheit und Vielfältigkeit im damaligen gesell-
schaftlichen Gespräch zirkulierten.

2.2.2. Zodiakalgeographie in kosmischer Perspektive

An zwei Stellen des 69. Kapitels der Kephalaia fügt der Autor oder
Redaktor Passagen ein, welche sich mit der Zuordnung der Zodiakal-
zeichen zu einzelnen Ländern beschäftigen. Ähnlich wie im Hinblick
auf die Zodiakalmelothesie können wir auch hier ein tendenziell
traditionsgebundenes und ein mehr aus Eigenleistung entstandenes
Schema ausmachen. Letzteres führt über konkrete geographische
Größen hinaus in Dimensionen, die mit der manichäischen Kosmo-
logie zusammenhängen. Doch rekapitulieren wir zunächst das leich-
ter einzuordnende Stück:
Once more I reveal t o you about these signs of the zodiac: [They] are /
distributed, appointed on four sides, three per angle in / these four
places. And they are fixed to this revolving sphere. Ari[es], [20] Leo
and Sagittarius, they three belong to a single side. / In contrast, Taurus,
Capricorn and Virg[o], / these other three belong to another side. And
then, Gemini, / Libra and Aquarius belong to another side. Scorp[i]/o,
Pisces and Cancer belong to another corner. N o w , th[ey] [ 2 5 ] are
placed like this, appointed to these four parts, and d i s t r i b u t e ^ ] / on the
sphere ( 1 6 8 , 1 6 - 2 6 ) .

Wir haben es hier mit einer Vierteilung der Welt zu tun, die anhand
der Zusammenstellung von je drei Zodiakalzeichen desselben Ele-
mentes vorgenommen wird. 153 Verbindet man die jeweiligen Zeichen
miteinander, so entstehen gleichseitige Dreiecke, die man wiederum
mit den Grundlinien aneinanderlegen kann, um das entstehende
Gebilde mit der oikoumene in Analogie zu bringen. Diese Tradition
ist sehr alt und geht zumindest auf Poseidonius zurück, von wo
Ptolemaios sie übernommen hat. 1 5 4 Im zitierten Kephalaion wird
ebenfalls davon gesprochen, die Zeichen seien angeordnet zu „(je)
drei eckenweise", wie Stegemann wörtlich übersetzt. 155 Die Trigone

152 BL 3 2 2 mit Verweis auf die Autoren des Hermippus. Daß man diesen Satz
heute noch so stehenlassen kann, zeigt die Größe B O U C H £ - L E C L E R C Q S .
153 Vgl. auch Keph. 4 (25, 15-19).
154 Nachweise bei B O L L 1894, 194ff. Vgl. Ptolemaios tetrab. I I , 2 - 4 .
155 STEGEMANN 1 9 3 8 , 220.

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748 Manichäische Astrologie

finden sich sodann auf den „vier Seiten" an den „vier Orten"; damit
ist der Zusammenhang eindeutig, nämlich eine geographische Kor-
relation zwischen Zeichen und Ländern.
Das ptolemäische System geht an dieser Stelle in bisher nie ge-
kannter Weise ins Detail und verzeichnet eine umfangreiche Liste
mit den Zuordnungen der Länder zu den verschiedenen Zeichen,
ausgehend von einer Vierteilung der bekannten Welt. Es ergibt sich
folgendes Schema: 156
1. Trigon: Widder, Löwe, Schütze. Mischung aus Nord- und Süd-
westwind; Sommer-Abend-Seite, hauptsächlich Jupiter und Mars
unterstellt.
Länder: „Das Land der Kelten, das allgemein die Bezeichnung
Europa führt".
2. Trigon: Stier, Jungfrau, Steinbock. Winter-Morgen-Seite; haupt-
sächlich Venus und Saturn unterstellt.
Länder: „[...] wird als Teil von Asien mit dem Namen Australien
bezeichnet", von Äthiopien begrenzt.
3. Trigon: Zwillinge, Waage, Wassermann. Mischung aus Nord-
und Ostwind; Sommer-Morgen-Seite; hauptsächlich von Saturn,
sekundär von Jupiter beherrscht.
Länder: Äquilonien als Teil Asiens, von Skythien begrenzt.
4. Trigon: Krebs, Skorpion, Fische. Mischung aus Süd und Südwest-
wind; Winter-Abend-Seite; hauptsächlich von Mars, sekundär
von Venus beherrscht.
Länder: Libyen, vom äthiopischen Westen begrenzt.
Leider enthält das manichäische Kephalaion nur die grundsätzliche
Aussage, die Welt sei in der dargestellten Weise in vier Teile geteilt;
eine konkrete Ausformulierung in einzelne geographische Bezirke
fehlt. Deshalb mutet die Aussage Stegemanns etwas euphorisch an,
man solle nur den koptischen Text mit Ptolemaios vergleichen, „und
man wird überall betreffs der Anordnung der Trigona Übereinstim-
mung finden." 1 5 7 Es muß dagegen betont werden - und Stegemann
meinte es wohl auch so - , daß sich die Übereinstimmung allein auf
die Anzahl und Zusammenstellung der Trigone erstreckt, was ei-
gentlich recht wenig ist. Zu erinnern ist an dieser Stelle auch an die

156 Ptolemaios tetrab. II, 2 - 4 . Uns genügt hier eine kurze Darstellung; vgl.
a u s f ü h r l i c h e r B O L L 1 8 9 4 , 1 9 7 u n d BARTON 1 9 9 5 , 1 8 0 - 1 8 5 ; s . a u c h STEGEMANN
1938, 221.
157 STEGEMANN 1 9 3 8 , 2 2 0 ; vgl. auch den Satz: „Alles dies ist klar und in seiner
Herkunft deutlich zu m a c h e n " ( 2 2 1 ) .

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Astrologische Weltdeutung bei Mani 749

Erträge unserer bisherigen Untersuchung, denn es zeigte sich ange-


sichts der Listen bei Manilius, Dorotheos, Paulus Alexandrinus,
Bardesanes, Hephaistion von Theben und im TrShem, daß es bis zur
Durchsetzung des ptolemäischen Systems - und auch dann nur in
der „Fachliteratur" - keine einheitlichen Entsprechungen gegeben
hat, konkrete Übereinstimmung allenfalls marginal und dann wohl
auch zufällig sind.
Vor diesem Hintergrund überrascht es nicht, wenn im Anschluß
an den eben zitierten Passus astrologische Prognosen aufgeführt
werden, die kaum in eine klare Traditionslinie hineinzupassen schei-
nen:
So, when the side of A[ri]/es, Leo and Sagittarius will be plundered by
the guard/ian w h o is over it, who extorts from it and the leaders [w]/
ho move upon it; at that instant shall affliction st[r][30]ike all the four-
footed creatures below. / However, when [the side] of Tau[rus], / Virgo
and Capricorn will be plundered; [affliction] sh[all] (169) at once befall
the herbs, together with the vegetables and / all the fruits of the trees.
Yet again, when / the side of Scorpio, Pisces and Cancer will be
plundered; / scarcity shall befall the waters upon the earth, [5] and
drought be from place to place. / Conversely, should the side of
Gemini, Libra and Aq/uarius be plundered; deformity and stuntedness
shall befall / the form of mankind from place to place (168, 26-169, 8).

Dieser Abschnitt dürfte einem anderen Kephalaion entnommen sein


als der vorausgehende, ist doch die Anknüpfung allein durch die
Nennung der Trigone gegeben, während die räumliche Bezugnahme
hier nicht ausgeführt wird. Stattdessen wird eine Verbindung zwi-
schen den Trigonen - die im Falle drei und vier auch noch gegenüber
dem ersten Passus vertauscht sind - und bestimmten Wirklichkeits-
bereichen auf der ganzen Erde hergestellt. Die Rede von den „Sei-
ten" der Trigone impliziert immerhin, daß die beschriebenen Beein-
trächtigungen auf jene Himmelsgegenden einwirken, bzw. dort
sichtbar werden. Dadurch zeigt der Text eine große Nähe zu jener
Prodigientradition, die wir im jüdisch-christlichen Kontext immer
wieder angetroffen haben: Lunarien, Brontologien, Neujahrsprogno-
sen etc. Solche Deutungstechniken waren sowohl in Mesopotamien
als auch in Ägypten und im Römischen Reich weit verbreitet. 158 Eine
Bekanntschaft Manis mit ihr dürfen wir deshalb getrost unterstellen.
Auch Stegemann „scheint [es], als habe Mani eine solche Liste
[mit Prodigien, KvS] zusammengezogen und auf seine Trigona hier

158
Vgl. besonders die Untersuchungen zu 4Q318 oben Kap. IV.4.2. und zum
TrShem Kap. VI.3.2.1.

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750 M a n i c h ä i s c h e Astrologie

umgearbeitet und so dem räumlichen System ein zeitliches - nicht


gerade sehr logisch - hinzugefügt." 159 Stegemann führt als Beleg
einige griechische Texte aus dem CCAG 160 an, die mit den ersten
Zeichen der jeweiligen Trigone eine gewisse Ähnlichkeit aufweisen,
wenn auch auf einer sehr oberflächlichen Ebene. Er schließt:
Ich glaube a u c h hier nicht, daß die Übereinstimmung mit jenen ange-
führten Listen für die jeweils ersten Tierkreisbilder der vier Dreiecke
auf einem Zufall beruht. W o h l ist Zufall, daß eine solche Listenangabe
unter unserem Material ist, denn die Dodekaeteridenaussagen weichen
natürlich sehr voneinander ab. 1 6 1

Ob es sich im Kephalaion Manis um eine Übertragung von der


räumlichen auf die zeitliche Ebene handelt, darf indes bezweifelt
werden. Denn es werden von Vorfällen in bestimmten Himmels-
bezirken - sei dies nun in tatsächlicher Hinsicht oder indirekt über
die Mondstellung zu jener Zeit - Rückschlüsse auf entsprechende
Wirklichkeitsbereiche gezogen. Damit offenbart Mani auch hier die
Kenntnis des zugrundeliegenden „senkrechten Weltbildes". Das ist
zwar keine materiell-räumliche Kategorie, aber erst recht keine zeit-
liche.
Die von Stegemann angeführten Vergleiche zeigen, recht betrach-
tet, dasselbe wie die von uns bisher untersuchten Texte: Abgesehen
von einer prinzipiellen Gemeinsamkeit im Weltbild - nämlich der
Isomorphic von „oben und unten" - weichen die Zusammenstellun-
gen in teilweise erheblichem Maße voneinander ab. Die Abweichun-
gen werden größer, je konkreter die Aussagen sind, die die Prognose
macht.
Allerdings gibt es in der allgemeinen Behandlung der einzelnen
Zeichen immer wieder Parallelen, die sich aus der Bekanntheit ihrer
Urqualitäten ergeben. Das gilt auch für Mani, und seine Entspre-
chungen bewegen sich durchaus im Rahmen der damaligen Astrolo-
gie, wenn er die „Plünderung" des Wassertrigons Krebs-Skorpion-
Fische mit dem Mangel an Wasser auf der Erde in Verbindung
bringt. Auch die Entsprechung des Erdtrigons Steinbock-Stier-Jung-
frau mit den Früchten der Erde überrascht nicht. Schwieriger sind
die anderen Trigone, denn die „Vierfüßer" sind nicht ohne weiteres
mit dem Feuertrigon in Verbindung zu bringen. Das kämpferische
Potential von Widder-Löwe-Schütze könnte man höchstens in der

159 STEGEMANN 1 9 3 8 , 2 2 1 f.
160 C C A G III, 2 5 , 8; 2 6 , 6; 2 7 , 1 7 ; 3 0 , 8. 1 0 ; VII, 1 6 4 , 4 . 1 0 . 1 8 . 2 5 ; 1 6 5 , 1.
161 STFGEMANN 1 9 3 8 , 2 2 2 .

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Astrologische Weltdeutung bei M a n i 751

Gewalt und der Plötzlichkeit - „in diesem Augenblick" oder „zu


jener Stunde" 162 - wiederfinden, mit welcher der „Aufseher" dieser
Gegend die Vierfüßer heimsucht. Für das Lufttrigon wiederum kann
keine klare Aussage gemacht werden, da der Satz 169, 8 nicht
eindeutig zu übersetzen ist: A. Böhlig gibt ptabef in Anlehnung an gr.
TUTTS in der Erstausgabe mit „Siegel der Menschen" wieder, Stege-
mann läßt hier eine Lücke, 163 Gardner wiederum übersetzt „form of
mankind".
Halten wir also fest, daß das Kephalaion ein Entsprechungs-
denken widerspiegelt, welches sich von der Elementequalität der
einzelnen Trigone her erklärt. Die zweifellos vorhandenen Parallelen
in anderen Texten jener Zeit erschöpfen sich im wesentlichen in
dieser allgemeinen Elementezuordnung, während die konkreten
Ausformulierungen eine große Vagheit offenbaren. Das zeigt sich
auch im Hinblick auf die Offenbarung des Johannes, welche Stege-
mann als eine beachtliche Parallele zu Mani bezeichnet. Apk 8,6ff
beschreibt die Plagen, welche Mensch und Erde heimsuchen werden,
nachdem die Engel ihre Posaunen geblasen haben.
[A]uch dort treffen vier Engel hintereinander 1. Bäume und grünes
Gras, 2 . die lebendigen Kreaturen im Meer, 3. den dritten Teil der
Wasserströme und die Wasserbrunnen, in die ein vergiftender Stern
fällt, 4 . die Menschen, die nicht das Siegel Gottes an ihrer Stirn ha-
ben. 1 6 4

So wie Stegemann die Plagen des Johannes darstellt, scheint in der


Tat eine erhebliche Ähnlichkeit zu Kephalaia 69 zu bestehen. 165 Ein
genauer Blick in Apk 8-9 zeigt aber, daß die Parallelen eher als
zufällig zu betrachten sind: Der erste Engel verursacht „Hagel und
Feuer, die mit Blut vermischt waren" (Apk 8,7), was eine gute
Entsprechung für das erste, nämlich das Feuertrigon, wäre. Doch es
ist derselbe Engel, welcher „ein Drittel der Bäume und alles grüne
Gras" verdirbt - mit dem Feuertrigon ist das kaum noch zu verei-
nen. Durch die Posaune des zweiten Engels „wurde etwas, das einem
großen brennenden Berg glich, ins Meer geworfen. Ein Drittel des

162 Letzteres ist die Übersetzung von STEGEMANN 1 9 3 8 , 2 2 1 . Damit möchte er


seine Deutung unterstreichen, es handele sich hier um eine Übertragung auf
zeitliche Ebenen.
163 Vgl. STEGEMANN 1 9 3 8 , 221.
164 STEGEMANN 1 9 3 8 , 221.
165 LIEU 1 9 9 2 , 1 7 9 übernimmt die Deutung von STEGEMANN, wie auch dessen
Interpretation insgesamt, völlig kritiklos. Die Widersprüche jener Deutung
sind auch WIDENGREN 1 9 6 1 , 7 3 - 7 5 entgangen.

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752 Manichäische Astrologie

Meeres wurde zu Blut" (8,8). Die Geschöpfe des Meeres, die davon
vertilgt werden, deuten auf das Wassertrigon, allerdings stört dann
die Rede von Feuer und Blut. Auch der vergiftende Stern „Wermut",
der mit den Flüssen und den Quellen in Verbindung gebracht wird,
„loderte wie eine Fackel" (8,10). Stegemanns vierter Engel wieder-
um findet sich bei Johannes an fünfter Stelle und wird verbunden mit
Heuschrecken, Skorpionen, dem Gras der Erde sowie ihren grünen
Pflanzen und Bäumen. Daraus ist beim besten Willen kein Lufttrigon
zu entnehmen.
Mit dieser Kritik soll nicht in Abrede gestellt werden, daß Mani
möglicherweise einen Text der Johannesapokalypse vor Augen hat-
te, als er seine astrologischen Prognosen verfaßte. Allerdings sind die
konkreten Übernahmen so gering, daß eine Verbindung hier über
den Grad der Hypothese nicht hinauskommt. Stattdessen bestätigt
sich unser früher gewonnener Eindruck, daß im Rahmen der antiken
Wirklichkeitsdeutung bestimmte Sprachspiele in vielen Kreisen der
Gesellschaft und Religionen beobachtet werden können. Die Bedeu-
tung der johanneischen Schriften in gnostischen und manichäischen
Religionsgemeinschaften weist auf gemeinsame Sprachspiele hin,
doch wurden diese jeweils erheblich angepaßt, um der eigenen theo-
logischen Intention zu dienen. Zudem zeigen sich Ähnlichkeiten mit
paganen, jüdischen und christlichen Prodigien der Zeit.
Mit diesem vorläufigen Befund wenden wir uns der zweiten Passage
aus Keph. 69 zu, die die Zodiakalzeichen in Verbindung bringt mit
räumlichen Gegebenheiten. Dort geht es nicht mehr um konkrete
Himmels- oder Erdgegenden, sondern um die fünf Welten der Fin-
sternis, aus denen die zwölf Zeichen herausgenommen und auf das
Rad des Zodiak geheftet wurden.
T w o zodiacal signs were taken per world. Gemini [25] [an]d Sagittarius
belong to the world of smoke, which / is the mind. In contrast, Aries
and Leo belong to the wo/rld of fire. Taurus, Aquarius and Libra be/
[long] to the world of wind. Cancer and Virgo / [an]d [P]isces belong
to the world of water. Capricorn [30] [an]d Scorpio belong to the
world of darkness. These are / [the] twelve rulers of depravity, the ones
that wicked/[ness] shall not [...] For they cause all the evil and / [... in
the wo]rld, whether in tree or in flesh (167, 2 4 - 3 3 ) .

An diesem Abschnitt läßt sich gut ermessen, wie schwierig die von
Mani aus theologischen Gründen verfochtene Betonung der Pentade
ist, wenn sie auf das Siebener- oder, wie hier, auf das Zwölferschema
angewendet werden soll. Seine einleitende Ankündigung nämlich,
für jede Welt würden zwei Zeichen genommen, kann er nicht einlö-

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Astrologische Weltdeutung bei M a n i 753

sen, da sonst zwei Zeichen übrigbleiben würden. Diese ordnet er


deshalb den Zeichenpaaren zu, wodurch eine Systematisierung ent-
steht, die manche Frage offenläßt.
Wir wollen die Zusammenstellung einmal durchgehen und dabei
in Rechnung stellen, daß Mani bei den „Dreierpaaren" ein Zeichen
hinzufügen mußte, auch wenn es sich möglicherweise nicht ohnfe
weiteres anbot. Da finden wir als erstes Zwilling und Schütze als
Repräsentanten der Welt des Rauches, „die der Geist [νους] ist." Die
Opposition Zwilling-Schütze steht nach geläufiger Meinung für das
Denkvermögen (bewegliches Luftzeichen Zwilling) und dessen Ein-
bindung in einen größeren Zusammenhang (bewegliches Feuerzei-
chen Schütze). Insofern erscheint die Zuordnung zum Geist völlig
kohärent.
Als zweites Paar nennt Mani Widder und Löwe, die er entspre-
chend ihres Elementes natürlich der Welt des Feuers zuordnet.
Dann folgt die erste Dreiergruppe, bestehend aus Stier, Wasser-
mann und Waage, also einem fixen Erdzeichen und zwei Luftzeichen
(fix und kardinal); die beiden Luftzeichen dürften der Grund sein,
warum Mani die Gruppe der Welt des Windes zuordnet. Unver-
ständlich bleibt die Hinzunahme des Stieres (s.u.).
Wir kommen damit zur Welt des Wassers, der Mani Krebs,
Jungfrau und Fische zuordnet. Hier finden wir zwei Wasserzeichen
(kardinal und beweglich), womit die Entsprechung hinreichend be-
gründet ist. Für die Jungfrau könnte ausschlaggebend sein, daß sie
als bewegliches Erdzeichen gilt und ebenfalls eine wässrige Beimi-
schung enthält.
Das letzte Paar - Steinbock und Skorpion - repräsentiert die Welt
der Finsternis, was nicht überrascht, wenn man bedenkt, daß die
antike Astrologie mit dem kardinalen Erdzeichen Steinbock und
seinem Herrscher Saturn die dunklen Mächte identifizierte; der an-
dere Bösewicht war Mars, dessen zweites Domizil sich im fixen
Wasserzeichen Skorpion fand, in jenem Zeichen also, welches tradi-
tionell mit Unterwelt, Tod und Finsternis in Verbindung gebracht
wurde.
Insgesamt gewinnt man den Eindruck, daß Mani hier bewußt und
im Einklang mit der Tradition vorgegangen ist, obwohl seine per-
sönlichen Lehrsysteme ihm Kompromisse abrangen, die die Kohä-
renz der astrologischen Zuordnungen beeinträchtigen. Die Zweier-
gruppen ergeben ohne weiteres Sinn, und bei den Dreiergruppen
konstatieren wir eine Überzahl des jeweilig passenden Elementes
unter Hinzufügung eines dritten Zeichens. Da die Jungfrau durch
ihre feuchten Anteile der Welt des Wassers zugeordnet werden kann,

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7 5 4 Manichäische Astrologie

bleibt nur noch der Stier in der Welt des Windes unverständlich; dies
umso mehr, als er durch seine Zugehörigkeit zum fixen Kreuz ein
Übergewicht dieser Eigenschaft in die Welt des Windes bringt. Sollte
Mani hier unbedacht das überzählige Zeichen einfach hinzugefügt
haben? Oder handelt es sich um einen Fehler in der Überlieferungs-
kette des Lehrstückes? Wir können es nicht wissen, solange es kei-
nerlei Vergleichstexte zu unserem Kephalaion gibt.
Viktor Stegemann hat zu diesem Abschnitt eine Deutung vorge-
legt, die einen ganz anderen Weg beschreitet. Stegemann geht davon
aus, „daß hier anscheinend ein Spiel mit den Aspekten vorliegt,
Diagonal [i.e. Opposition, KvS], Trigon, Quadrat und Sextil". 1 6 6
Verbindet man nämlich die in den einzelnen Welten angesiedelten
Zodiakalzeichen miteinander, so entdeckt man zwischen Zwillinge
und Schütze eine Opposition, zwischen Widder und Löwe ein Trigon
und zwischen Steinbock und Skorpion ein Sextil. Bei den Dreier-
gruppen steht die Sache komplizierter, doch Stegemann unterstellt,
daß wir die in der Antike nicht beachteten Nebenaspekte - etwa den
Quinkunx zwischen Stier und Waage - ignorieren können, so daß er
für Stier-Wassermann-Waage lediglich die Aspekte Quadrat (Stier-
Wassermann) und Trigon (Wassermann-Waage) in Rechnung
stellt. 1 6 7 In der Welt des Wassers wiederum folgt er demselben
Schema und extrapoliert aus Krebs-Jungfrau-Fische die Aspekte Sextil
(Krebs-Jungfrau) und Opposition (Jungfrau-Fische), das Trigon
zwischen Krebs und Fische dabei übergehend. 168
Im nächsten Schritt argumentiert Stegemann, es könne kein Zu-
fall sein, daß die verwendeten Zodiakalzeichen allesamt in Haupt-
aspekten zueinander stehen: 169 Demnach „muß natürlich hinter die-
ser Anordnung etwas stecken. Ich glaube das aus Mani selbst
entnommen zu haben: ,sie sind Feinde und Widersacher gegeneinan-
der'." 1 7 0 Um dies zu erläutern, weist Stegemann darauf hin, daß in
der Reihenfolge, die Mani nennt, abwechselnd ein „schlechter" und
ein „guter" Aspekt begegnet. 171 Völlig unverständlich in diesem

166
STEGEMANN 1 9 3 8 , 217.
167 Zu den Nebenaspekten vgl. Ptolemaios tetrab. I, 17, wo sie „unverbunden"
genannt werden.
168 Vgl. STEGEMANN 1 9 3 8 , 2 1 7 ; außerdem die Zeichnung ebda.

1 6 9 Kritiker könnten freilich einwenden, dies liege daran, daß STEGEMANN die
Nebenaspekte großzügig ausklammert, was seiner Argumentation etwas Zir-
kuläres verleiht.
170
STEGEMANN 1 9 3 8 , 2 1 8 ; das Zitat findet sich S . 167, 14.
, 7 ' Also Zwillinge-Schütze-Opposition=schlecht; Widder-Löwe-Trigon=gut; Stier-

Wassermann-Quadrat=schlecht; Wassermann-Waage-Trigon=gut etc.

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Astrologische Weltdeutung bei Mani 755

Gedankengang bleibt allerdings, warum der Wechsel zwischen guten


und schlechten Apekten eine Feindschaft zwischen den einzelnen
Welten dokumentieren soll. Schließlich ist für die antiken Astrolo-
ginnen und Astrologen das Trigon dem Quadrat keineswegs feind-
lich gesinnt.
Überhaupt ist festzuhalten, daß sich eine solche Reihenfolge nur
ergibt, wenn man der Konstruktion Stegemanns folgt, denn man
könnte ebenso nach dem Sextil Krebs-Jungfrau mit dem Trigon
Krebs-Fische fortfahren, anstatt diesen positiven Aspekt zu über-
springen und die (negative) Opposition Jungfrau-Fische anzufügen.
Stegemann operiert hier ausgesprochen zirkulär. Die Widersprüch-
lichkeit erhöht sich noch, wenn Stegemann schreibt, die Feindschaft
gelte nicht nur zwischen den Welten, sondern bereits „für die Aspek-
te der Tierbilder je einer der Welten"; 1 7 2 für die Opposition Zwillin-
ge-Schütze mag das stimmen, doch wie verhält es sich mit dem
Trigon Widder-Löwe (Feuerwelt) und dem Sextil Steinbock-Skorpi-
on (Finsterniswelt), ganz zu schweigen von Stegemanns Stier-Waa-
ge-Trigon und dem Sextil Krebs-Jungfrau? Stegemann bleibt die
Erklärung schuldig.
Insgesamt erweckt Stegemanns Analyse den Eindruck einer zwar
originellen und phantasievollen, gleichwohl aber hochgradig speku-
lativen und in sich völlig widersprüchlichen Erklärung. Wie oben
gezeigt wurde, brauchen wir eine solche Spekulation überhaupt
nicht zu bemühen, da Mani sich fast vollständig im astrologischen
Deutungsfeld seiner Zeit bewegte. Berücksichtigt man ferner die
theologischen Implikationen manichäischer Astrologie, so erscheint
auch der Ansatzpunkt des Verteilungsschemas in den Zwillingen
nicht unbedingt erklärungsbedürftig. 173 Seine kosmologische Dar-
stellung beginnt einfach mit dem nous, was ihn gemäß astrologi-
schem Denken zwangsläufig zu den Zwillingen bringt. Einen tieferen
Sinn dieser Abkehr von der traditionellen Reihenfolge - meist aus-
gehend vom Widder - müssen wir darin nicht suchen. 174

172 STEGEMANN 1 9 3 8 , 218.


173 STEGEMANN erscheint dies ,,[m]erkwürdig" ( 1 9 3 8 , 219).
174 Natürlich könnte man auch hier noch Erklärungsmöglichkeiten anbieten,
etwa die Spekulation, Mani hätte in dieser Veränderung seine mesopotami-
sche Heimat an den Anfang der Darstellung gerückt. Die ptolemäische
Zodiakalgeographie weist nämlich dem Luft-Trigon folgende Bereiche „des
Nordens Groß-Asiens" zu: „Armenien, Hyrcanien, Matiana, Bactrien,
Caspien, Serica, Sarmatien, Oxiana und Sogdiana" (tetrab. II, 3 [WINKEL
1 9 9 5 , 90]). Solch eine Vermutung ist freilich ebenso spekulativ wie die V.
STEGEMANNS.

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756 Manichäische Astrologie

Als Ergebnis können wir notieren, daß Mani ein hohes Maß an
astrologischem Wissen offenbart, das damit über reine Laien-
astrologie hinausgeht. Verschiedene zodiakalgeographische Lehren
waren ihm bekannt, die er im Rahmen seiner eigenen Theologie
systematisch und selbstbewußt adaptierte. Damit sind die Kephalaia
ein wichtiges Zeugnis für die Lebendigkeit der christlichen Astrolo-
gie im dritten Jahrhundert. Interessant ist ferner, daß Mani sich
nicht mit einer schlichten Übernahme überlieferter Lehrmeinungen
begnügte, sondern die eigentliche Zodiakalgeographie gleichsam auf
eine Metaebene übertrug, indem er die fünf Welten - in gewissem
Sinne ebenso feinstoffliche Bereiche wie die Zodiakalzeichen selber -
als mit dem Tierkreis verbunden betrachtete. Darin ist zweifellos
eine Eigenleistung Manis zu sehen, womit wir berechtigt sind, von
einer besonderen „manichäischen Astrologie" zu sprechen.

2.2.3. Planeten und Stundenherrscher


Bisher sind die Planeten lediglich in ihrer allgemeinen kosmologi-
schen Bedeutung sowie ihrer Einbindung in das Entsprechungsdenken
Manis zur Sprache gekommen. Kap. 69 der Kephalaia führt im direk-
ten Anschluß an die eben untersuchten Zuordnungssysteme eine Leh-
re auf, die uns weitere Informationen über die Astrologie in sensu
stricto liefert. Dort werden nämlich die fünf Planeten auf die fünf
Welten verteilt - d.h. es wird berichtet, aus welcher Welt sie erstanden
sind - , was von vornherein mit weniger Problemen befrachtet sein
sollte als das vorhergehende Schema. Doch auch hier stellen sich
Fragen, wird uns doch folgende Zuordnung überliefert: 175
Stern des Zeus (Jupiter): Welt des Rauches / nous
Aphrodite (Venus): Welt des Feuers
Ares (Mars): Welt des Windes
Merkur: Welt des Wassers
Kronos (Saturn): Welt der Finsternis
Vergleicht man dieses Schema mit der vorherigen Zeichenzuordnung,
so stellt man fest, daß sich nur in drei Fällen eine Deckungsgleichheit
ergibt: für Jupiter als Regent des Schützen, für Merkur als Regent
der Jungfrau und für Saturn als Regent des Steinbocks. Die Nennung
des Merkur für die Welt des Wassers ergibt sich von selbst, denn der
Herrscher der Fische - Jupiter - wurde schon dem Rauch zugeord-
net, Mond als Herrscher des Krebses indes fällt für Mani aus der
Planetenfolge heraus.

175
Vgl. 1 6 8 , 1-6.

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Astrologische Weltdeutung bei M a n i 757

Merkwürdig ist freilich die Zuordnung der Venus und des Mars.
Wenn wir nicht eine uns heute unbekannte Begründung dafür unter-
stellen, deutet alles darauf hin, daß hier eine Verwechslung vorliegt;
in umgekehrter Reihenfolge - Mars als Regent von Widder zum Feu-
er, 176 Venus als Regentin von Waage zum Wind - ergibt sich nämlich
ein gänzlich unproblematischer Sinn. Dürfen wir daraus schließen,
daß der Redaktor oder Schreiber der Kephalaia mit der dahinterste-
henden Lehre nicht vertraut war, bzw. die Tradition bereits zu verwi-
schen drohte? Nicht von der Hand zu weisen ist freilich auch die
Möglichkeit, daß Mani auf eine in astrologischem Sinne kohärente
Systematik keinen Wert legte und sich stattdessen von theologischen
Überlegungen hat leiten lassen. Wir müssen diese Fragen vorerst zu-
rückstellen, bis wir weiteres Material beigebracht haben.
In Keph. 6 liegt ein interessantes Zeugnis für das manichäische
Entsprechungsdenken vor, implizit enthalten in der Abhandlung
über das Land der Finsternis und die fünf „Lagerhäuser", aus denen
die fünf Elemente respektive fünf Planetenherrscher hervorgegangen
sind. Was hier als Kosmogonie präsentiert wird, läßt sich ebenso als
Zuordnung von Wirklichkeitsebenen zur himmlischen Sphäre lesen,
denn Mani fügt auch die Körper und Geschmäcker, später sogar
noch Farben und Metalle in die Liste ein:
Five s[to]/rehouses have arisen since the beginning in the land of
darkne[ss! The] fiv[e] / elements poured out of them. Also, from the
five e[le][20]ments were fashioned the five trees! Again, from the five
tre[es] / were fashioned the five genera of creatures in each wor/ld,
male and female. And the five worlds thems[el]ves [ha]/ve five kings
therein, and five spiri[ts, five] bodies, five [tastes]; / in each world, they
n[ot] resembling [one another] ( 3 0 , 1 7 - 2 4 ) !

Ausführlich entwickelt Mani in diesem Kapitel die Eigenschaften,


Taten und Zuordnungen der fünf Welten. Dabei ergeben sich erheb-
liche Inkonsistenzen, denn der Redaktor scheint sich nicht sicher zu
sein, wie das Verhältnis des übergeordneten Königs der Finsternis
(30, 33-33, 1) zu seinen fünf untergebenen Herrschern der einzelnen
Welten zu beschreiben ist. Offensichtlich stellt er ihn dem König des
Rauches zur Seite (33, 2-4), dadurch zu unterscheiden vom König
über die (untergeordnete) Welt der Finsternis (33, 33-34, 5). 177

176 Die Sonne als Regentin des Löwen steht im manichäischen Planetensystem
ebenfalls nicht zur Verfügung.
177 Vgl. die einleitenden Bemerkungen zum Kapitel in GARDNER 1 9 9 5 , 34, der
daraus schließt: „Kephalaion 6 (and compare also 2 7 ) evidences some textual
development; and probably some corruption in the tradition."

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758 M a n i c h ä i s c h e Astrologie

Dem übergeordneten König der Finsternis werden fünf Erschei-


nungsformen zugeschrieben: Sein Kopf sei löwengesichtig, seine
Hände und Füße dämonen- und teufelsgesichtig, seine Schultern
adlergesichtig, sein Bauch drachengesichtig und sein Schwanz
fischgesichtig (30, 33-31, 2). Für die ihm unterstellten Könige der
fünf Welten läßt sich folgendes Bild ermitteln, wobei auch die Ma-
nifestationen der Weltenherrscher in religiösen und politischen Kon-
texten nachgezeichnet werden, die Mani zu überwinden trachtet
(vgl. 33, 3-34, 5):
Welt Tier Metall/Farbe Geschmack Religion/Politik
Rauch Gold salzig Tyrannen
Finsternis Drache Blei, Zinn bitter Wahrsager
Feuer Löwe Kupfer sauer Feuerkulte
Wind Adler Eisen scharf Idolatrie
Wasser Fisch Silber süß Baptisten
Die in Keph. 6 enthaltenen Zuordnungen lassen keine Systematik
erkennen, die mit den vorhergehenden vollständig kompatibel wäre.
Auch die astrologischen Traditionen werden aufgrund des Inein-
anderpressens von Siebener- und Fünferschema auf sehr eigenwillige
Weise rezipiert, wenn hier überhaupt ein astrologisches Interesse
unterstellt werden kann. Schließlich kommen die Planeten und
Zodiakalzeichen lediglich mittelbar zur Sprache, nämlich über die
Vergleiche mit anderen Passagen der Kephalaia. Ubereinstimmung
mit der Vulgata zeigt sich ansatzweise bei den Metallen, denn Stein-
bock/Finsternis gehört zu Blei, Mond/Wasser wiederum zu Silber.
Die Zuordnung von Eisen und scharfem Geschmack, d.h. von Mars-
attributen, zur Welt des Windes überrascht dagegen, deckt sich aber
mit der Zusammenstellung oben, für die eine Verwechslung vermu-
tet wurde.
Die Tiererscheinung der dämonischen Herrscher erweckt den
Eindruck, als habe hier die freie Assoziation Pate gestanden; 178
schließlich gehört der Adler als traditioneller Repräsentant des
Wasserzeichens Skorpion gemäß einer astrologisch fundierten Auf-
listung nicht zur Luft, dafür paßt er sehr gut zur Vorstellung eines
„Königs der Winde". Für den Löwen als Feuerzeichen und den Fisch
als Wasserzeichen lassen sich zwar astrologische Hintergründe ins
Spiel bringen, doch ergibt eine nähere Prüfung auch hier keinen

,78
Dies gilt in gleicher Weise auch für die religiösen „Verirrungen", die Mani
anprangert, denn daß die Baptisten mit Wasser, die Feuerkulte mit Feuer in
Verbindung stehen, muß keine tieferliegende Bedeutung transportieren.

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Astrologische Weltdeutung bei Mani 759

Sinn.179 Die Verbindung von Drachen und Steinbock wiederum ist


aus der Tradition ebenfalls nicht konsistent herzuleiten.
Kurzum: Die von Mani hier verwendeten Zuordnungen offenba-
ren das Primat der theologischen vor der astrologischen Aussage.
Die mythologischen Tiergestalten stammen aus der paganen und
christlichen Tradition, wobei ein Einfluß der Apokalyptik, nament-
lich der Offenbarung des Johannes, deutlich spürbar ist. Erst sekun-
där versucht der Text astrologische Lehren in das theologisch-my-
thologische System einzufügen, wobei Inkonsistenzen unausweichlich
sind.
Die manichäische Astrologie kombiniert die fünf Planeten nicht nur
mit den fünf Welten und den zwölf Zodiakalzeichen; in Kapitel vier
der Kephalaia treffen wir auf deutliche Spuren einer Kronokratorie,
also jener Lehre, die für jede Stunde einen besonderen Stunden-
herrscher vorsieht. Mani entfaltet diese Sicht im Zusammenhang mit
der Rede von den „vier großen Tagen", welche jeweils auseinander
hervorgingen und die Heilsgeschichte in aufsteigender Reihenfolge
symbolisieren. Ihnen treten - streng nach dem manichäischen Dua-
lismus - „vier (große) Nächte" gegenüber, womit auch die abstei-
gende Entwicklung der Menschheit in die Verstrickungen von Ma-
terie und Sünde theologisch verankert wird. Die großen Tage werden
bezeichnet als „Vater, der Gott der Wahrheit", als „Dritter Bot-
schafter", als „Säule der Herrlichkeit" und als „Jesus". Die Krono-
kratoren werden gleich zu Anfang genannt, emanierend aus der
„Mitte der Äonen Seiner Größe":
The twelve hours of this great day / [are the] twelve great rich Gods
of great[ness. / These], who are the first evocations that he evoked (to
mirror) / [h]is greatness, he spread out to the four climes, three b/y
three before his face (25, 15-19).

An dieser Stelle bringt Mani die Stundengötter ins Spiel und kom-
biniert sie sogleich mit der schon behandelten Lehre der Zodiakal-
geographie, nämlich den vier Klimata.180 Die Stundengötter auf der
Lichtseite der Heilsgeschichte emanieren aus dem transzendenten
Göttlichen, dessen Größe sie, wie es heißt, reflektieren sollen. Trotz
ihrer Göttlichkeit sind sie demnach Geschöpfe und Wesenheiten mit
einer klaren Aufgabe, untergeordnet dem Wirken der ungeteilten
transzendenten göttlichen Entität des „Vaters".

179
Man bedenke etwa, daß der Mond und das Metall Silber keineswegs den
Fischen zugeordnet werden, sondern dem Krebs.
180
S.o.

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760 Manichäische Astrologie

Die zwölf Stunden des zweiten Tages bringt der Text mit den
„zwölf Jungfrauen" in Verbindung, was wiederum an die Jungfrau
des Lichtes anknüpft, den weiblichen Aspekt des „Botschafters". 1 8 1
Für den dritten Tag heißt es dann, seine zwölf Stunden seien „the
five sons [of the F]irst Man; the five sons of the Living Sp[ir]it, / who
support all the weights of the uni/[v]erse" (25, 26-28). Die mani-
chäische Kombination des Zodiakalschemas mit der Pentade ist uns
inzwischen hinreichend bekannt, so daß sie an dieser Stelle nicht
überrascht. Die lichtvollen Stunden des vierten Tages schließlich
sind die „zwölf Weisheiten", was sich mühelos aus der Tatsache
erklärt, daß Jesus - der „vierte T a g " - ein Spiegel des „Botschaf-
ters" ist, die Jungfrau wiederum als sophiafWeisheit aus dem
gnostisch-manichäischen Denken bekannt ist. 182

Damit kommen wir zur Schattenseite der Heilsgeschichte, reprä-


sentiert durch die vier Nächte.
The first nigh[t] is the land of darkness. It has t[w]e/[l]v[e] black
[shadows] therein, which are its [5] dark h[o]ur[s]. The twelve shadows
of the f[irst ni]/ght a [re] the five elements of the land of darkness,
[which] / poured [fo]rth from his five sense organs (26, 3-7).

Auch in der Behandlung der zweiten Nacht macht Mani von der
Pentade und dem Zodiakalschema Gebrauch; die Pentade bezieht er
nun sogar in eindeutig hermetisierender Tendenz auf die verschiede-
nen Welten, heißt es doch über den König der Finsternis:
[He] was brought [u]/p from the land of death and s[et ... ab]/ove and
below in the [whole] universe; in the five par[t[[25]s] in the heavens
above, as well as the five [parts] / in the earths below (26, 2 2 - 2 6 ) .

Der Widerspruch zu den vier Klimata, die im Text kurz vorher


genannt werden, scheint Mani bzw. den Redaktoren keinerlei Schwie-
rigkeiten zu bereiten, was erneut am theologischen Primat der Lehre
liegen dürfte.
Nachdem die dritte Nacht die Emanation der fünf Welten des
Fleisches und den Fall des Menschen in die Materie brachte, werden
in der vierten Nacht die Zodiakalzeichen als „Throne der Materie"
eingeführt:
The fourth night is the law of [si/n, which] is the dark spirit who speaks
in the twelvfe [15] spirits], the twelve sects. They are the nakedne/
[sses], the twelve zodiacal signs of Matter. They / [are] her thrones; she

181 Vgl. GARDNER 1995, Index „Virgin".


182 Vgl. GARDNER 1 9 9 5 , 29.

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Astrologische Weltdeutung bei Mani 761

who is made public, as she sculpts and is dis/[p]layed in the old man.
And, also, the hours of this four[t/h] night that is the old man, who
reigns in the sects, are the [tw][20]elve e[vi]l spirits (27, 1 3 - 2 0 ) .

Vom ersten Menschen bis zum alten Menschen verläuft demnach


eine absteigende Linie, was Mani an anderer Stelle sogar anhand der
Körpergröße demonstriert.183 Der Fall des Menschen in die Materie
und seine Entfernung von der lichtvollen Heimat führt ihn zugleich
den Abhängigkeiten der Zodiakalmächte und den menschlichen Irr-
lehren zu, eine Ansicht, die Mani auch in Kap. 15 seiner Kephalaia
erläutert. 184 Die Herrschaft der Heimarmene kennzeichnet mithin
die konkurrierenden christlichen Gruppierungen, während der
manichäische Gnostiker sich aus diesen Verstrickungen zu befreien
vermag, was Mani mit dem Makarismus bekräftigt: ,,[Bl]essed is he
[who wi]ll know them, and separate them, and / [... for] ever" (27,
30-31).
Die manichäische Argumentation verläuft hier ganz parallel zur
gnostischen: Die Planeten und Zodiakalzeichen als böse Archonten
repräsentieren die Heimarmene, was jedoch nicht bedeutet, daß eine
Beschäftigung mit der Astrologie einer Sünde gleichkäme - im Ge-
genteil! Jene, die die Planetenkräfte zu deuten verstehen, werden
ausdrücklich gesegnet, erheben sie sich doch kraft ihrer gnosis über
die Abhängigkeiten des Schicksals und werden der Sphäre ihrer
Lichtheimat erneut teilhaftig.

2.2.4. Lebenszeit und Weltzeit:


Manis Offenbarung der Zeitqualität
Es ist eben bereits angeklungen, daß die Manichäer einer Dekadenz-
theorie anhingen, die sich zwangsläufig aus dem apokalyptischen
Milieu ergeben mußte. Mani trat folglich zu einer besonders ausge-
wiesenen Zeit auf den Plan, einer Zeit nämlich, die in Erwartung des
Endes der Geschichte auf die Erlösung der wenigen Getreuen hoffte.
Mit dem Bild der vier Tage und Nächte ist dies zur Sprache gekom-
men, doch es lohnt sich, jenem Gedankengang noch weiter nachzu-
spüren.

183 Vgl. Keph. 57; wir werden gleich darauf eingehen.


184 „Alongside the mystery of these twe/lve parts that came about in the darkness
[...] / against the First Man. The twel[ve ...] / the twelve spirits of error that
[came] [35] about the twelve signs of the zodiac [... ( 4 9 ) . . . ] They are established
agai]nst the second living man, w/ho dwells in the [h]oly churfch]. They pursue
him the way t/hat they pursued [... at] the beginning of the First Man in the
land / of darkness. As the First Man humiliated the darkness [5] [... / ... the
li]ght th[at] dwells in the church / [...] the twelve sects" (48, 31-49, 7).

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762 Manichäische Astrologie

In den Kephalaia findet sich ein besonders instruktives Beispiel


dafür, wie es Mani gelingt, vermeintliche Widersprüche zwischen
Astrologie, Weltgeschichte und Theologie durch eindrucksvolle Be-
lehrungen in kohärente Systeme zu überführen. Kap. 57 berichtet
davon, daß ein babylonischer Katechumene den Meister nach Adam
fragt, dem ersten Menschen, der von so anderer Gestalt gewesen sei
als die heutigen Menschen; zudem übersteige seine Lebenserwartung
die der Jungen in beträchtlichem Maße. Auch interessiert ihn,
,,[wh][30]y is the birth today, of [the]y who are born, / altered
compared with that of these first" (144, 29-31). Sein Problem ist
dabei folgendes:
See, even the stars and signs of the zodiac continue / in their positions.
Why now have the age and / the years of these last ones diminished,
and he has also become smaller, / compared to these ancient ones who
belong to these first generations (145, 1-4)?

Die Begründung des Widerspruchs ist hochinteressant, offenbart sie


doch die Selbstverständlichkeit, mit der damals an der astrologi-
schen Prägung des menschlichen Schicksals festgehalten wurde. Da
sich die Konstellationen nicht geändert haben, muß die rapide Ver-
änderung des menschlichen Schicksals erstaunen. Die Antwort des
„Erleuchters" ist überraschend:
They increased, have turned, and diminished; / because there are five
types of authorities and / leaders appointed in the sphere of zodiacal
signs, and the hea[10]vens above it. They have names they are ca[lled] /
by: the first name is the year; the sec/[on]d is the month; the third is
the day; the fou/[rth] is the hour; the fifth is the moment (145, 7-13).

Mani greift hier einmal mehr auf das pentadische System seiner
Theologie zurück, um die Welt der Zodiakalzeichen zu erläutern. Er
fährt fort:
So, mankind is begotten, and [the ani]/mals. They are born in these
powers. And, thus, these powers / have received authority since the
beginning of creation till the end of the wo/rld (145, 20-23).

Die Argumentation läuft darauf hinaus, daß - obwohl Mensch und


Tier der Macht der Gestirne unterworfen sind - , wesentliche Unter-
schiede daraus resultieren, daß zu Beginn der Geschichte die Herr-
scher der Jahre wirkten, später jene der Monate usw. Daraus ergibt
sich, daß trotz gleicher zodiakaler Konstellationen gleichsam die
Vorzeichen wechselten, was zur Beeinträchtigung der Lebenserwar-
tung der jüngeren Generationen führt. Doch nicht nur die Lebenser-
wartung geht zurück, sondern auch die physische Kraft und die

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Astrologische Weltdeutung bei Mani 763

Größe der Menschen. 185 Mani bringt an dieser Stelle noch einmal die
„Röhren//*/7rae" ins Spiel, wenn er über die Generation der vom
Augenblick Beherrschten sagt: „Their {conduit} is less than that of
the m/onths and the days" (146, 7-8).
Mani kehrt daraufhin diese Erkenntnis um und fragt den Kate-
chumenen: „Do you see, how near the en[10]d [of] the world
approaches? The life span of the pe[o]/ple has drawn in to nothing"
(146, 9-11). 1 8 6 Die Lebenszeit spiegelt die Weltzeit wider, die von
Verfall und Dekadenz gekennzeichnet ist. Damit nähert sich Mani
einer Position, die Blumenberg als das apokalyptische Lebensgefühl
schlechthin bezeichnete. 187 Daß der Religionsstifter gleichzeitig mit
Motiven der Henochtradition bzw. des AB operiert, liegt auf der
Hand, hieß es doch auch dort über „die Tage der Sünder", daß die
Jahre kürzer würden (lHen 80, 2). 188
Der Hinweis auf die Henochschriften führt uns zum besonderen
Offenbarungscharakter der manichäischen Lehre. Denn die richtige
Deutung der Zeitqualität, d.h. die Erkenntnis darüber, an welchen
Zeichen die bevorstehende Wende der Geschichte abzulesen ist,
entwickelt der Religionsstifter nicht allein aus der traditionellen
Astrologie, sondern in wesentlichen Teilen anhand eines Offen-
barungsgeschehens, in welches er integriert ist. Im Kölner Mani-
Kodex stellt er sich explizit als „Siegel der Propheten" dar - um
einen späteren Begriff vorwegzunehmen - , indem er als Abschluß
der Reihe Adam-Seth-Enos-Sem-Henoch-Paulus genannt wird. 189
Er stellt sich selber folgendermaßen vor:

185 Später (146, 25-147, 17) gelingt es Mani sogar, mit dieser Argumentation die
Frage zu beantworten, warum so viele Menschen von nur zwei Vorfahren -
Adam und Eva - abstammen könnten: Die ersten Generationen seien weitaus
fruchtbarer gewesen; während heute die Geburt von Zwillingen schon eine
Ausnahme sei, hätten frühere Generationen regelmäßig Fünf- und Sechslinge
zur Welt gebracht. „Indeed, because of this the offspring of Eve multipl[5)ied,
and of her children" (147, 4-5).
186 Vgl. auch 147, 10-11, wo die „letzten Generationen" ausdrücklich genannt
werden.
187 Vgl. dazu oben den Exkurs 4, darin bes. Abschnitt III.
188 Vgl. dazu J. TUBACH: „Spuren des astronomischen Henochbuches bei den
Manichäern Mittelasiens", in: P . O . SCHOLZ / R . STEMPEL (Hrsgg.): Nubia et
Oriens Christianus (FS C. Detlef G. Müller), Köln 1988; außerdem J.C.
REEVES: Jewish Lore in Manichaean Cosmogony: Studies in the Book of
Giants Traditions (Monographs of the Hebrew Union College 14), Cincinatti
1992.
189 CMC 48-63.

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764 Manichäische Astrologie

Ich Mani, Apostel Jesu Christi durch den Willen Gottes, des Vaters der
Wahrheit, aus dem ich bin, der lebt und bleibt in alle Ewigkeit, der vor
allem war und der nach allem sein wird. Alles, was geworden ist und
was werden wird, besteht durch seine Kraft. Denn aus ihm bin ich
geworden, und gleichfalls bin ich aus seinem Willen. Aus ihm wurde
mir alles Wahre enthüllt, und ich bin aus seiner Wahrheit. Die Wahr-
heit der Aeonert, die er mir enthüllte, habe ich gesehen. Ich habe die
Wahrheit meinen Mitreisenden gezeigt, den Frieden habe ich den Kin-
dern des Friedens verkündet. 190

Zum offenbarten Wissen gehört auch die Astrologie, die im mani-


chäischen System zur kosmisch-theosophischen Disziplin überhöht
wird. Mani (oder sein Biograph) bringt dies zum Ausdruck, wenn er
sagt:
(Mani berichtet:) Zu dieser Zeit, als ich aufwuchs ... offenbarte er [der
Zwilling, KvS] mir die ... der Väter des Lichtes und alles, was in den
Schiffen geschieht. Er enthüllte ferner den Schoß der Säule, die Väter
und die überaus mächtigen Kräfte, die in eben dieser Säule verborgen
sind und zur Höhe des Vaters reisen ... er zeigte ... meine Kirche, die
gewürdigt worden ist (?), erwählt zu werden und vor mir zu erschei-
nen. 191

Da an dieser Stelle die „Schiffe", also die Bewegungen von Sonne


und Mond, enthüllt werden, steht zu vermuten, daß auch die Nen-
nung der „Säule" eine astrologische Konnotation beinhaltet, näm-
lich ein ähnliches Konzept, wie wir es in den „Röhren//z/7rae" vor-
fanden - dies umso mehr, als mit dem „Schoß" auch die „Wurzel"
jener Verbindung genannt ist. 192 Genau wie Henoch sind auch Mani
die Geheimnisse der kosmischen Welt sowie der verborgene Sinn der
Heilsgeschichte offenbart worden. Allerdings geht die Weisheit Manis
noch weit über die Henochs hinaus, zeigt er doch einen Weg auf, der
alle Erkenntnisse zur Erlösung der Menschen zusammenfaßt und
dank der nur ihm mitgeteilten Geheimnisse in die neue Religion des
Lichtes integriert.
Wir kommen somit zu folgendem Ergebnis unserer Untersuchung:
Mani hat in seiner Religion ausführlich auf astrologische Lehren
seiner Vorgänger zurückgegriffen. Auch speziellere Fragen des da-
maligen vorderasiatischen Diskurses zur Sternkunde waren ihm ver-
traut, allerdings hat er sie in individueller Adaptation theologisch

190 C M C 6 6 - 6 7 (KOENEN/RÖMER 1 9 9 3 , 6 9 ) .
191 C M C 3 3 - 3 4 (KOENEN/RÖMER 1 9 9 3 , 5 6 ) .
192 S.o. S. 739f. Darüber hinaus stellt die Säule selbstverständlich die Straße der
Lichtteilchen in die himmlische Heimat der Erwählten dar.

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Astrologische Weltdeutung bei Mani 765

überformt. Der schon öfter genannte Primat der theologischen vor


der astrologischen Kohärenz begegnet uns quer durch das manichä-
ische Schrifttum, und die herausragende Rolle der Pentade kann
geradezu als Erkennungszeichen eines manichäischen Zusammen-
hangs der Lehrmeinung dienen. Als Träger einer göttlichen Offenba-
rung hatte Mani es keineswegs nötig, sich der astrologischen Tradi-
tion zu beugen, sondern hielt den Lehren der Alten seine neue
Wahrheit entgegen. Gleichwohl gelingt es ihm auf erstaunliche Weise,
die Kohärenz der speziellen manichäischen Astrologie auch gedank-
lich-argumentativ zu erweisen, indem er die Anfragen und Probleme
seiner Schülerinnen und Schüler durch mitunter überraschende intel-
lektuelle Konstruktionen aus der Welt schafft.
Bei anderen freilich trafen die astrologischen Ausführungen Manis
auf eine breite Kritik. Allen voran wäre hier Augustinus zu nennen,
für den die Astrologie in seinen jungen Jahren ein Grund gewesen
ist, dem Manichäismus anzuhängen, der jedoch später, als seine
Kenntnisse der paganen Sternkunde zunahmen, die Unhaltbarkeit
manichäischer Astrologie betont: In den Behauptungen Manis fand er
nichts von vernünftiger Begründung, sei es der Sonnwenden oder der
Tag- und Nachtgleichen oder der Sonnen- und Mondfinsternisse, nichts
von der Art, was ich aus den Büchern der weltlichen Philosophie
gelernt hatte. Da hieß es einfach glauben, aber es stimmte nichts mit
jenen Einsichten zusammen, die auf Rechnung und dem eigenen Au-
genschein beruhten, und war etwas ganz anderes. 193

Auch Alexander von Lykopolis zeigte sich verblüfft über die völlige
Inkompetenz der manichäischen Astronomie: Wenn die Manichäer
auch nur ein einziges Mal die Astronomen mit einem Besuch beehrt
hätten, wären sie nicht in diese Verlegenheit geraten und hätten
vielmehr von der Tatsache erfahren, daß der Mond, der nach Mei-
nung nicht weniger Leute kein eigenes Licht habe, von der Sonne
erleuchtet wird, sein Aussehen sich aber nach den jeweiligen Stellun-
gen zur Sonne richte.194
Das naturwissenschaftliche Modell des Kosmos wird somit dem
von Mani entwickelten theologischen Modell gegenübergestellt. Auf

193 (...) non mihi occurrebat ratio nec solstitiorum et aequinoctiourm nec
defectuum luminarium nec quidquid tale in libris saecularis sapientiae
didiceram. Ibi autem credere iudebar, et ad illas rationes numeris et oculis
meis exploratas non occurrebat et longe diversum erat (Conf. V, 3, 6, übers,
nach BERNHART).
194 Alex. Lyk. Manich. opinion. 22, ed. BRINKMANN, 30, 5-13; zit. nach LIHU
1 9 9 2 , 1 7 8 mit Anm. 1 2 4 .

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766 Manichäische Astrologie

diese Weise ist es leicht, das manichäische Konstrukt zu desavouie-


ren, allerdings verkennt eine solche Rhetorik das Anliegen der „Re-
ligion des Lichtes", 'Wissenschaft theosophisch zu überhöhen. Die
zugrundeliegende Argumentation reflektiert bereits eine Semantik,
die sich im dritten und vierten Jahrhundert mehr und mehr etablie-
ren sollte, und die dazu beitrug, daß die Astrologie ihren Status als
ars mathematica einbüßte, ja im Rahmen des zur Staatsreligion
avancierten Christentums vollends kriminalisiert wurde. Diese Ent-
wicklung ist das Thema des folgenden Kapitels.

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782 Antiastrologische Diskurse im zentristischen Christentum

Insgesamt können wir festhalten, daß sich die kirchliche Abgren-


zung von der Astrologie in einer auffällig ambivalenten Weise ma-
nifestiert, die sich darum bemüht, gleichsam einen „unproblemati-
schen Kern" der Sternkunde gelten zu lassen, sei dies nun eine
nicht-fatalistische Astrologie 46 oder die Rückführung der Divinations-
möglichkeit auf meteorologische, mithin unverfängliche Gebiete.
Der Zeichencharakter der Gestirne wird nicht angetastet, so daß
Engel oder auch besonders ausgezeichnete Menschen durchaus in die
Lage versetzt sein können, die geheime Bedeutung himmlischer Zei-
chen zu entschlüsseln, übrigens ein Argument, das ebenfalls aus Lk
1 2 , 5 4 - 5 6 extrapoliert werden kann.
Diese Einschränkungen können aber nicht darüber hinwegtäu-
schen, daß sich der Ton im Laufe der Zeit verschärft und es zu einer
deutlichen Polarisierung der Diskussion über die Astrologie kommt,
letztlich zu einer radikalen Ausgrenzung der Sternkunde aus den
geachteten Disziplinen. Dieser Entwicklung gilt es nun nachzugehen.

2. Die Verdrängung der Astrologie aus dem


gesellschaftlichen Diskurs

Am Beispiel von Tertullian und Augustinus ist bereits zur Sprache


gekommen, wie stark sich der kirchliche Diskurs im Laufe der Zeit
zuungunsten der Astrologie zu verschieben begann. Bemühte man
sich einerseits, gewisse astrologische Grundannahmen aufrecht zu
erhalten oder ins christliche Verständnis zu überführen, neigte man
je länger, je mehr dazu, die Astrologie insgesamt als mit dem christ-
lichen Glauben unvereinbar zu brandmarken. Neben der Radikali-
sierung der theologischen Auseinandersetzung läßt sich die erstaun-
liche Veränderung des Diskurses auf dem Gebiet der Legislative
verfolgen, und zwar sowohl anhand der kirchlichen Konzilsentschei-
dungen als auch der kaiserlichen Gesetzgebung jener Zeit.

2.1. Theologische Kriminalisierung

Zu Beginn des vierten Jahrhunderts u.Z. zeigte sich allenthalben die


angesprochene Zuspitzung der Auseinandersetzung. So war es etwa
der Bischof Methodios von Olympos in Lydien (gest. 311), der die

46 J. NORTH (1994, 123) kommentiert die Argumentation des Origenes mit dem
Satz: „Origen [...] tried desperately to purge astrology of fatalism".

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Die Verdrängung der Astrologie 783

Astrologie mit der Magie bzw. der goeteia gleichsetzte, einer Art der
Magie also, die zu dieser Zeit eine Konnotation von Betrug und
Zauberei besaß. Selbst die paganen Namen und Mythen der Sterne
wies er als reine Erfindung menschlichen Geistes zurück, die mit den
himmlischen Urwahrheiten nichts gemein hätten. 47 Da die Magie
schon vorher aus dem Kanon der angesehenen Disziplinen ausge-
grenzt worden war, reihte Methodios die Sternkunde durch seine
Gleichsetzung ebenfalls in die verbotenen Künste ein.
Es ist kein Zufall, daß der Bischof von Olympos in dieser Weise
argumentierte, denn zur selben Zeit kam es auch zur Kriminalisierung
der Manichäer, ebenfalls infolge ihrer Gleichsetzung mit den
„Magiern" und „Chaldäern". Diokletian erließ um die Wende zum
vierten Jahrhundert ein Gesetz, das Aufschluß gibt über die Ver-
schiebung der Akzente, heißt es doch hinsichtlich der Praktiken der
„Religion des Lichtes", sie seien „als Formen ganz offenkundiger
Zauberei erkannt worden", weshalb sich der Kaiser zu harten Kon-
sequenzen veranlaßt sieht:
W i r befehlen nämlich, daß die Urheber und Anführer zugleich mit
ihren abscheulichen Schriften einer sehr harten Strafe unterworfen
werden, indem sie durch Flammen und Feuer verbrannt werden. Die
Sympathisanten aber und erst recht die Eiferer sollen mit dem T o d e
bestraft werden; ihr Vermögen soll zugunsten unseres Fiskus eingezo-
gen werden. 4 8

Den Ton des um die paganen Kulte bemühten Kaisers machten sich
auch die ihm folgenden christlichen Herrscher zu eigen, so daß
Fögen konstatieren kann: „Über ein Jahrhundert, vom allerheid-
nischsten Kaiser Diokletian bis zu Theodosius I., dem Kaiser von
Gnaden des christlichen Gottes, entwickeln sich die Techniken der
Unterdrückung einer bestimmten, der manichäischen Weltinter-

47 Vgl. Method, sympos. 14ff (ed. G.N. BONWETSCH: Die griechischen christli-
chen Schriftsteller der ersten drei Jahrhunderte 2 7 , Leipzig 1 9 1 7 ) ; ausführ-
lich zu diesem „genial platonicien chretien" ( A M A N D 1 9 4 5 , 327): G.N.
B O N W E T S C H : Die Theologie des Methodius von Olympus (Abh. d. kön. Ges.
d. Wiss. zu Göttingen, Phil.-hist. Kl. N F 7,1), Berlin 1 9 0 3 und V. B U C H H E I T :
Studien zu Methodios von Olympos (TU 69), Berlin 1 9 5 8 . Die Verbindungen
von Methodios zu Karneades und Origenes werden aufgezeigt bei A M A N D
1945, 326-341.
48 Coll. XV, 3, 6: lubemus namque auctores quidem ac principes una cum
abominandis scripturis eorum severiori poenae subici, ita ut flammeis ignibus
exurantur: consentaneos vero et usaque adeo contentiosos capite puniri
praecipimus, et eorum bona fisco nostro vindicari sancimus. Vgl. dazu F Ü G E N
1993, 26-34.

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784 Antiastrologische Diskurse im zentristischen Christentum

pretation." 49 Was für den Manichäismus gilt, läßt sich beinah naht-
los auf die Astrologie übertragen; doch bevor wir den kaiserlichen
Edikten des vierten Jahrhunderts weiter nachgehen, gilt es sich einen
Überblick zu verschaffen über die Hand in Hand mit ihnen gehende
Rechtsprechung der kirchlichen Obrigkeiten, 50 nachdem Kaiser Kon-
stantin im Jahre 312 die entscheidende Wende zugunsten des Chri-
stentums eingeleitet hatte. 51
Das erste Konzil, welches Angehörigen der Kirche die Betätigung
als Astrologen oder Magier verbot, ist jenes von Laodicea aus dem
Jahre 365. 5 2 Alle, welche an die Sternkunde glaubten, wurden mit
Lüstlingen, Zauberern und ähnlichen dunklen Gestalten gleichge-
setzt und von der Taufe ausgeschlossen,53 in anderen Fällen sogar
verdammt. 54 Gemäß den um 380 u.Z. zusammengestellten Constitu-
tiones Apostolorum55 war es den Christen streng verboten, zu Sonne,
Mond und Gestirnen zu beten oder bei ihnen zu schwören. Die
folgenden Konzilsbeschlüsse, die schwerste Bestrafungen für die
Beschäftigung mit der Astrologie festsetzen, sind nicht zu trennen
vom Fall der als häretisch verfolgten Priszillianisten. Den Anhän-
gern des Bischofs von Avila war von dessen jüngerem Zeitgenossen
Sulpicius Severus vorgeworfen worden, sie wollten gnostisches Ge-
dankengut nach Spanien einschleusen. Es wirft ein bezeichnendes
Licht auf die Verwässerung der christlichen Sprachspiele, daß
Priszillian als Manichäer bezeichnet und zugleich der Ausübung von
Astrologie und Magie geziehen wurde, wofür man ihn im Jahre

49 Vgl. zum Thema ferner POTTER 1 9 9 4 .


FÜGEN 1 9 9 3 , 3 3 .
50 MACMULLEN bemerkt in diesem Zusammenhang: „The two forces, ecclesias-
tical and imperial, have been seen working together, sometimes the one at the
behest of the other, sometimes contrariwise, but always in agreement about
the one essential, to rid God's world of nonbelievers" (1997, 30).
51 Zur Bewertung der Konstantinischen Wende vgl. zuletzt E. MÜHLENBERG
(Hrsg.): Die Konstantinische Wende (Veröff. d. wiss. Gesellsch. f. Theologie
13), Gütersloh 1998. Zum Selbstverständnis Konstantins und der Entwick-
lung des Kaiserkultes vgl. ferner R. LEEB: Konstantin und Christus. Die
Verchristlichung der imperialen Repräsentation unter Konstantin dem Gros-
sen als Spiegel seiner Kirchenpolitik und seines Selbstverständnisses als christ-
licher Kaiser (Arbeiten zur Kirchengeschichte 58), Berlin/New York 1992.
52 Vgl. Canon. Apost. I, 77, 29; ed. H.TH. BRUNS, Berlin 1839. Die Canones
Apostolorum sind ein Anhang zu den Constitutiones und stammen vom
selben Verfasser. DIHLE setzt die Verfolgungen von Astrologinnen und Astro-
logen bereits früher an; vgl. DIHLE 1 9 9 7 .
53 Vgl. Const. Apost. VIII, 32, 11 (ed. FUNK: Didascalia et Constitutiones
Apostolorum I [1905]).
54 Const. Apost. (Didascalia) III, 4.
55 Canon, apost. V, 12, 1. 2. 5.

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Die V e r d r ä n g u n g der Astrologie 785

385/386 in Trier zum Tode verurteilte. Wir sahen oben, daß die
Priszillianisten in der Tat astrologische Lehren christlich einschmol-
zen, indem sie die Zodiakalzeichen mit den Körperteilen und den
Patriarchen verbanden. 56 Das Konzil von Toledo sprach gegen diese
Lehre im Jahre 4 0 0 das anathema aus, 57 was auf dem Konzil von
Braga 5 6 1 wiederholt werden mußte, 58 woran wir die große Viru-
lenz des astrologischen Denkens in jener Zeit trotz aller Verfolgung
ablesen können.
Das zweite Konzil von Braga im Jahre 572 schreibt noch einmal ein
striktes Verbot jeglicher astrologischer Betätigung fest. Ausdrücklich
genannt werden Sternbeobachtung und die Katarchenastrologie, also
Konsultationen der Gestirne für Häuserbau, Pflanzzeitpunkt und
Heiratstermine. 59 Der östliche Teil des Römischen Reiches wurde vom
„Quinisextum" genannten Konzil von Konstantinopel 553 geprägt,
welches unter Justinian stattfand. Auch dort wurde die Ausübung der
Sternkunde unter Strafe gestellt. 60 Jenes Konzil ist ein hervorragendes
Beispiel für die Parallelität, mit der kaiserliche und kirchliche Recht-
sprechung vollzogen wurde, denn Justinian ließ auch sonst keine
Gelegenheit aus, die paganen Wissenschaften zu bekämpfen. Er Schloß
die Philosophenschulen im Jahre 5 2 9 und führte bei ihnen ein neues
Curriculum ein. 61 Über Justinians Behandlung der Astrologen schreibt
Prokopios in seiner 5 5 0 verfaßten und erst posthum veröffentlichten
Schmähschrift gegen den Kaiser:

56 S.o. Kap. I X . 2 . 3 . 2 .
57 Kanon 15 des Konzils von Toledo: Si quis astrologiae vel mathesi existimat
esse credendum, anathema sit.
58 Vgl. Canon. Apost. IX, 10, 15, wo es heißt: Si quis animas et corpora humana
fatalibus stellis credit adstringi, sicut pagani et Priscillianistae dixerunt,
anathema sit. Und weiter: Si qui XII signa, i.e. sidera quae mathematici
observare solent, per singula animae vel corporis membra dissipata cedunt et
nominibus Patriarcharum ascripta dicunt, sicut Priscillianus dixit, anathema
sit.
59 Non liceat Christianis tenere traditiones gentilium et observare vel colere
elementa aut lunae aut stellarum cursum aut inanem signorum fallaciam pro
domo facienda vel ad segetes vel arbores plantandas vel coniugia socianda
{Canon. Apost. II, 56, 72); vgl. B o l l 1931, 183.
60 Canon. Apost. I, 55, 61; das Verdikt richtet sich gegen τύχην και είμαρμένην
και γενεαλογίαν και τοιούτων τινών δχλον κατά τούξ της πλάνης λήρους
φωνούντας. Vgl. auch Prokopios Geheimgeschichte XI (76,13ff ed. Haury).
61 Leidtragende dieses Eingriffs waren auch die Astrologen, z.B. der an der
Akademie in Athen lehrende Simplikios aus Kilikien, ein Schüler des berühm-
ten Ammonios, der den Vorsitz der alexandrinischen Neuplatonikerschule
innehatte. Simplikios emigrierte mit sechs weiteren Neuplatonikern nach
Persien und verfaßte um 5 3 3 , nach seiner Rückkehr, einen Kommentar zur

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786 Antiastrologische Diskurse im zentristischen Christentum

They were bitterly hostile to the astrologers. Accordingly, the official


appointed to deal with burglaries made a point of illtreating them
simply because they were astrologers, flogging the backs of many of
them and setting them on camels to be shown to jeering crowds all over
the city, even though they were old men and respectable in every way.
Yet he had nothing against them except that they wished to be
authorities on the stars in such a place as this. 62

An Prokopios läßt sich die Konfliktlage zwischen dem in paganer


Tradition verwurzelten Gelehrtentum und der zunehmend auf
Wissensbeschneidung abzielenden Politik der christlichen Kaiser stu-
dieren. Zieht man eine Linie von Lukian, dem paganen Intellektuel-
len des zweiten Jahrhunderts, bis zu Prokopios, dem christlichen
Intellektuellen des sechsten Jahrhunderts, so zeigt sich, daß die
Errungenschaften antiker Geistigkeit auch dem Jüngeren als wichti-
ge Eckpunkte seines Denkens galten, selbst wenn entsprechende
Ausführungen bisweilen als klassizistische Floskeln erscheinen. Er-
staunlich ist doch, daß Prokopios an klassischen Begriffen wie τύχη
festhält und diese ohne Schwierigkeiten in seine Gottesvorstellung,
nämlich als Eigenschaften des θεός, einfließen lassen kann. 63 Auch
sein Zeitgenosse Cassiodorus (ca. 4 8 5 - 5 8 0 ) , bekanntgeworden durch
seine Gelehrtenschulen und Klostergründungen, lieferte seinen Mön-
chen einen Studienführer mit den sieben klassischen artes liberales,
zu denen auch die Sternkunde gehörte. Gleichzeitig und durchaus im
Widerspruch dazu verwarf er grundsätzlich jede Möglichkeit der
Vorhersage künftiger Ereignisse.64

Aristotelesschrift „Über den Himmel", worin er zur Erläuterung die gesamte


ihm vorliegende Literatur der antiken Astrologie verwertete. Vgl. Simplicii in
Aristotelis de caelo commentaria, ed. I.L. H E I B E R G : Commentaria in Aristo-
telern Graeca 7, Berlin 1894; K. PRAECHTER: Art. „Simplikios" 10, in: RE III
A, 205, 29ff.
62 Geheimgeschichte (Anekdota) XI, 37, in der Übersetzung von G.A. W I L L I A M -
SON: Secret History; vgl. die deutsche Ausgabe J. H A U R Y (Leipzig 1905-1913)
XI, 76, 13ff. Zum Hintergrund und zur Frage der Autentizität der Geheim-
geschichte vgl. J.A.S. EVANS: Procopios (Twayne's World Authors Series),
New York 1972, 85-99.
63 Vgl. dazu B. R U B I N : Prokopios von Konstantinopel, Stuttgart 1954, 57-59
(=RE XXIII, 237-599; zu Prokopios allgemein O. VEH: Zur Geschichtsschrei-
bung und Weltauffassung des Procopius von Constantinopel, Bayreuth 1951-
1953; B. R U B I N . : Das Zeitalter Iustinians, Berlin 1960, I, 173-226; EVANS
a.a.O. (vorige Anm.), 99 und bes. 118-126. In der Geheimgeschichte IV, 44-
45 definiert Prokopios Tyche als das, was dem Anschein nach zufällig ge-
schieht, in Wahrheit jedoch auf Gottes Willen zurückgeht.
64 In seiner Auslegung zu Ps 20,1 heißt es (PL 70, 148): Contat enim in nullo
voluntatem eius fuisse fraudatam: quando omnia quae fieri iussit impleta

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Die V e r d r ä n g u n g der Astrologie 787

Etwa einhundert Jahre zuvor hatte schon Papst Leo, den die
kirchliche Geschichtsschreibung „den Großen" nennt und der von
4 4 0 bis 461 regierte, allen Abweichungen vom zentristischen Chri-
stentum den Kampf angesagt. Erneut finden wir die Vermischung
von Manichäismus, Priszillianismus, Magie und Astrologie, 65 denn
auf die vermeintliche Infiltration manichäischen Gedankenguts in
Kreise seiner eigenen kirchlichen Administration, 66 der er das Geprä-
ge eines kaiserlichen Hofstaates zu verleihen schien, reagierte er mit
einem Rundumschlag gegen alle genannten Denominationen:
Unsere Väter, in deren Zeit diese ruchlose Häresie ausgebrochen w a r ,
verfolgten sie zu Recht mit der größten Anstrengung in der ganzen
Welt, auf daß dieser frevelhafte W a h n s i n n aus der gesamten Kirche
ausgetrieben würde. 6 7
In dieselbe Zeit fiel eine weitere Episode, und zwar in Ephesus: Im
Jahre 4 4 9 wurde Bischof Sophronius von Constantina wegen der
Ausübung der Astrologie und anderer Divinationstechniken vor Ge-
richt gestellt. 68 Der häretische Bischof wurde diesmal allerdings nicht
als Anhänger Manis oder Priszillians bezeichnet, sondern als Nesto-
rianer - ein weiterer Beleg für die Entwicklung der kirchlichen Abgren-
zungspolitik hin zu einer pauschalen Verurteilung des „anderen". 69

sunt; sicut scriptum est; Omnia quaecunque voluit, Dominus fecit in coelo et
in terra (Ps 134,6); vgl. zum Wirken Cassiodors O. HILTBRUNNER: Art. „Cassio-
dorus", in: kP 1, 1067-1069.
65
Leo warnt seine Leser vor diesem „finsteren Heidentum", ut per magicarum
artiurn profana secreta et mathematicorum vatta mendacia, religionis fidem
morumque rationem in potestate daemonum, et in (d) effectu siderum
collocarent (PL 54, 679).
66
Dieses pikante Detail zeigt, wie eng die antiken christlichen Diskurse tatsäch-
lich verschränkt waren. Es war keineswegs ausgeschlossen, daß man mit dem
Gedankengut Manis oder Priszillians eine Karriere am päpstlichen Hof ma-
chen konnte. Mit Sicherheit waren die Grenzen so fließend, daß sich die
Gläubigen über die vielen Denominationen überhaupt nicht im klaren waren.
In ihrer eigenen Wahrnehmung waren sie einfach „Christen", erst später
machte die Geschichtsschreibung aus Details ihrer Glaubensanschauungen
eine Häresie.
67
Merito patres nostri, sub quorum temporibus haeresis haec nefanda prorupit,
per totum mundum instanter egere ut impius furor ab universa Ecclesia
pelleretur (PL 54, 679).
68
Vgl. E . H O N I G M A N N : „A Trial for Sorcery on August 2 2 , A.D. 4 4 9 " , in: Isis
35 (1944), 281-284.
69
Hier schließt sich der Kreis zu BURTON M A C K und JONATHAN SMITH mit ihrer
These, die Mythisierung der eigenen Geschichte durch das zentristische Chri-
stentum habe das „ganz andere" erst erzeugen können - „the centre has been
protected, the periphery seen as threatening, and relative difference perceived
as absolute ,other'" (SMITH 1990, 143).

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788 Antiastrologische Diskurse im zentristischen Christentum

2.2. Politische Kriminalisierung im Spiegel der Gesetze

Die politische Macht hatte in R o m seit Beginn der Kaiserzeit ein


äußerst ambivalentes Verhältnis zu professionellen Sterndeutern.
Waren einerseits die Gebildetsten unter ihnen fester Bestandteil kai-
serlicher Beraterstäbe, sah man sich andererseits immer wieder ver-
anlaßt, die Ambitionen einfacher Astrologen in die Grenzen zu
weisen. In der Zeit von 16 bis 93 u.Z. kam es zu elf Ausweisungen
von Astrologen, um die Kontrolle über die deutende Zunft nicht aus
der Hand zu geben. Cramers umfangreiche Studie zum Thema hat
deutlich gemacht, daß es sich bei jenen Restriktionen nicht um eine
grundsätzliche Ablehnung der Astrologie handelte, sondern daß
machtpolitische Überlegungen leitend gewesen sind. Dieser Umstand
zeigt sich etwa darin, daß es vor allem verboten war, das Horoskop
des Kaisers auf dessen Tod oder Nachkommenschaft hin zu befra-
gen. 70 Dabei setzte das Edikt des Kaisers Augustus aus dem Jahre 11
u.Z. die Maßstäbe, die für die Folgezeit paradigmatisch werden
sollten. 71
In der Rechtsprechung gegenüber Astrologinnen und Astrologen
dominierte von nun an der Begriff maiestas, seit Julius Caesar und
später Augustus die Bezeichnung für Hochverrat. Tiberius und Clau-
dius setzten diese Linie fort: „Their reigns witnessed the emergence of
the legal concept that violations of the edict of A.D. 11 constituted
treason per se when involving the ,well being' (salus) of the emperor,
and eventually also that of any member of the imperial family." 7 2
Tatsächlich bestand das Interesse der Obrigkeit nicht darin, die astro-
logische Deutungstradition insgesamt aus dem Diskurs zu entfernen,
sondern zielte auf die politische Kontrolle der Deutenden ab. Solange
die Gesundheit des Kaiserhauses nicht Gegenstand der Untersuchung
war, konnte man relativ ungehindert der Astrologie nachgehen. An-
ders ist es auch nicht zu erklären, daß in jüdischen und christlichen
Kreisen der ersten drei Jahrhunderte ein solch breites sternkundliches
Wissen gepflegt werden konnte, wie es uns aus den Quellen ent-

70 Vgl. CRAMER 1 9 5 4 , 233-283.


71 Ausführlich dazu 1954, 248ff.
CRAMER
72 vgl. auch ebda, seine Übersicht über fünf Gerichtsverfah-
CRAMER 1 9 5 4 , 2 5 1 ;
ren aus den Jahren 16 bis 4 9 u.Z. Interessant ist zu vermerken, daß es sich
dabei mehrheitlich um Frauen handelt, die der maiestas durch Astrologie für
schuldig befunden und mit Exil belegt wurden, während man ihre Besitztü-
mer konfiszierte. Julia Balbilla aus der berühmten Astrologendynastie scheint
demnach nicht die Ausnahme der damaligen Zeit gewesen zu sein.

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Die Verdrängung der Astrologie 789

gegentritt. 73 Dazu kommt, daß diese Periode ein ungeahntes Aufblü-


hen astrologischer Fachliteratur, Handbücher und Kompilationen mit
sich brachte, in denen die Vulgata der Nachwelt überliefert wurde. 74
Vor diesem Hintergrund erscheint die gängige These, es habe im
zweiten und dritten Jahrhundert ein restriktives Vorgehen gegen die
Sterndeutung gegeben, sehr fragwürdig. In der Regel werden als Be-
gründung die Juristen Ulpianus und Paulus angeführt, die beide zu
Beginn des dritten Jahrhunderts wirkten. 75 Marie Theres Fögen hat in
einer wichtigen Untersuchung der juristischen Diskurse jener Zeit die-
se Theorie überprüft und dargelegt, daß erst mit dem Edikt Diokletians
aus dem Jahre 2 9 6 die Sprache eingeführt wurde, welche den Ulpian
und Paulus zugeschriebenen Dokumenten Pate gestanden hat.
Betrachten wir zuerst das Zeugnis Ulpians, welches sich auf die
Ausweisung und möglicherweise sogar Hinrichtung römischer Astro-
loginnen und Astrologen im Jahre 16 u.Z. bezieht:
Ferner sind die hinterlistige Betrügerei und der hartnäckige Glaube der
Astrologen [mathematicorum callida inpostura et obstinata) untersagt
worden. Und nicht erst heute hielt man es für angemessen, ihr Treiben
zu untersagen, sondern dieses Verbot ist alt: [...] [es folgt der Verweis
auf das senatus consultum, KvS]. Es wurde aber gefragt, ob das Wissen
[scientia] solcher Menschen bestraft wird oder die Ausübung und
Lehre [exercitio et professio]. Bei den Alten hieß es zwar, daß ihr Beruf,
nicht die Kenntnis [notitiam] verboten sei; später änderte sich das. Es
ist aber nicht zu übersehen, daß sich zuweilen der Brauch eingeschli-
chen hatte, daß diese Leute auch lehrten und sich öffentlich anboten.
Diese Sitte beruhte gewiß eher auf dem Ungehorsam und der Frechheit
derjenigen, die öffentlich Weissagungen einholten oder erteilten, als
darauf, daß so etwas erlaubt gewesen wäre. 7 6

Einem ansonsten äußerst dezidiert argumentierenden Autor, gewohnt,


in klaren juristischen Wendungen die Sache auf den Punkt zu brin-
gen, erscheint eine solche Aussage kaum angemessen.

73 Auch G U N D E L stellt fest: „Die höhere Astrologie blieb im Westen seit dem
Edikt des Augustus vom J. 11 n.Chr. insofern ein Reservat der Kaiser, als
kein Unbefugter für die Person des Kaisers ein Horoskop stellen oder astro-
logische Prognosen in Umlauf bringen durfte; im übrigen aber beschäftigten
sich führende Kreise und Gebildete bis hin zu dem jungen Augustinus mehr
oder weniger intensiv mit der gelehrten Sterndeutung" (1966, 301).
74 Vgl. die umfangreiche und dennoch exemplarische Übersicht bei G U N D H L
1966, 202-279.
75 So etwa G U N D E L 1966, 301 f.
7Ä Coll. XV, 2, 1-2.

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790 Antiastrologische Diskurse im zentristischen Christentum

Der Autor bemüht sich [...] zu belegen, daß das anfänglich von ihm
behauptete Verbot der Astrologie eine lange Tradition hat und das
Verbot aller Arten von Wahrsagung mit einschloß. Das Ergebnis seiner
Mühe ist jedoch höchst kümmerlich. Eigentlich weiß er wenig Exaktes
zu berichten. 77

Fögen führt weiter aus, daß die Frage nach Ausübung und Lehre der
Astrologie erst dann sinnvoll gestellt war, „nachdem Diokletian im
Jahre 2 9 4 (C. 9.18.2) das discere atque exerceri der Geometrie
erlaubt, die Lehre und die Ausübung der ars mathematica hingegen
verboten hatte." Der gesamte Text Coll. XV, 2 sei demnach - mit
7 8

Ausnahme des Hinweises auf das senatus consultum von 16/17 —


vermutlich zwischen 302 und 321 anzusetzen, also eine spätere
Interpolation des Kompilators. 79
Diese Einschätzung - auch wenn die Frage nach der Authentizität
des Textes letztlich offenbleiben muß - wird durch die Tatsache
gestützt, daß wir keinerlei konkrete Angaben über Verfolgungen
und Ausgrenzungen der Astrologie als Wissenschaft aus der Zeit vor
Diokletian besitzen. Fögen weist zu Recht darauf hin, daß derglei-
chen Verurteilungen einer anerkannten Disziplin nicht in die Spra-
che des zweiten und frühen dritten Jahrhunderts passen. 80 Die Ana-
lysen der jüdischen und christlichen Texte bestätigen dies.
Einen analogen Befund ergibt die Untersuchung der Sentenzen,
die dem Juristen Paulus zugeschrieben werden, allerdings ist in
diesem Fall die Forschung einhellig der Meinung, einen Großteil der
Passagen ins vierte Jahrhundert datieren zu müssen.81 Schon in der
Antike wurden wiederholt Zweifel an der Echtheit der Sentenzen
laut, was die Kaiser Konstantin (327 oder 328 u.Z.) und Theodosius
(426 u.Z.) zur Behauptung ihrer Authentizität per Dekret veranlaß-
te. 82 Daß in der Tat Paulus für das kaiserliche Selbstverständnis des
vierten Jahrhunderts als Kronzeuge herhalten mußte, läßt sich am

77 FÖGEN 1 9 9 3 , 69.
78 Ebda. S. 66.
79 Vgl. ebda. S. 73 und 178-181.
80 „Daß es ein generelles Verbot der Astrologie gab, welches zudem noch alt
war und von fast allen Herrschern verhängt wurde - eine solche Behauptung
hätten Tacitus, Sueton und Cassius Dio nur mit Kopfschütteln kommentieren
können. Sie wußten etwas anderes und wußten es vielleicht besser: [...] daß
nicht von einem generellen Verbot der Astrologie, geschweige denn von
einem solchen der astrologischen scientia, die Rede sein konnte, sondern von
eifersüchtigen, sinnlosen, vermessenen und lächerlichen Eingriffen der Kaiser
in fremde Kompetenzen" (FÖGEN 1993, 179).
81 Vgl. FÖGEN 1 9 9 3 , 7 4 - 7 9 mit der m a ß g e b l i c h e n L i t e r a t u r .
82 Konstantin: CTh. I, 4, 2; Theodosius: CTh. I, 4, 3.

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Die Verdrängung der Astrologie 791

juristischen Sprachspiel der Sentenzen ablesen. So wird in der Schrift


„Über Weissager und Astrologen" {de vaticinationibus et mathe-
maticis) festgehalten, daß die „Weissager, die heucheln, von Gott
erfüllt zu sein", aus dem Land vertrieben werden, um öffentliche
Unruhe, vorwiegend unter dem einfachen Volk, zu vermeiden. 83
Nachdem das altbekannte Verbot der Recherche über die Gesund-
heit des Kaisers und der Regierung durch Astrologen, Hariolen,
haruspices oder Weissager wiederholt wurde,84 geht der Autor einen
Schritt weiter: „Man tut gut daran, nicht nur von der Divination,
sondern auch von dem Wissen selbst und den entsprechenden Bü-
chern Abstand zu nehmen." 85
Das ist bereits die Diktion des vierten Jahrhunderts, die nicht
mehr zwischen Ausübung der Kunst und ihrer einfachen Kenntnis
unterschied. Auch die Unterscheidung zwischen Magie und Astrolo-
gie war inzwischen aufgeweicht worden, wie folgende Stelle zeigt:
Mitwisser der magischen Künste sollen mit dem Tode bestraft werden,
i.e. den wilden Tieren vorgeworfen oder ans Kreuz geschlagen werden.
Die Magier selbst werden lebend verbrannt. Bücher der magischen
Kunst bei sich zu haben, ist niemandem erlaubt. Werden solche Bücher
bei wem auch immer entdeckt, sollen sie genommen und öffentlich
verbrannt werden. Ihre Besitzer werden auf eine Insel deportiert; Leute
niederen Standes werden mit dem Tode bestraft. Es ist nämlich nicht
nur die Ausübung dieser Kunst verboten, sondern auch ihre Kenntnis
(non tantum huius artis professio, sed etiam scientia prohibitata esi). 86

Das neue Sprachspiel, welches scientia als solche unter Strafe stellt,
mußte von den Juristen erst eingeübt werden. Die dem Paulus zuge-
schriebenen, tatsächlich aber in konstantinischer Zeit verfaßten Sen-
tenzen zeigen deshalb die beachtliche Veränderung juristischen
Sprechens über Astrologie und Divination.
Was in Ulpians oder Pseudo-Ulpians Ausführungen noch umständlich
und letzthin mit mäßigem Erfolg aus vager Erinnerung an Gesetze der
Vorzeit begründet werden mußte, ist in den Pauli sententiae zur Reife
gediehen. Die Sentenzen stehen in ihrem dezidierten Wortlaut und
ihrer die menschliche Natur und deren Vermögen berührenden Seman-
tik den Kaiserkonstitutionen des 4 . Jahrhunderts außerordentlich
nahe. 87

83 P. Sent. V, 21, 1.
84 P. Sent. V, 21, 3.
85 Non tantum divinatione quis, sed ipsa scientia eiusque libris melius fecerit
abstinere (P. Sent. V, 21, 4).
86 P. Sent. V, 23, 17-18.
87 FÖGEN 1 9 9 3 , 7 8 f .

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7 9 2 Antiastrologische Diskurse im zentristischen Christentum

Fögens Analyse ist in der Lage, die erstaunliche Virulenz astrologi-


scher Theorien in den ersten nachchristlichen Jahrhunderten zu erklä-
ren. Anstatt einen durchgängig ablehnenden juristischen Diskurs zu
konstatieren - der letztlich nur durch das Auffüllen der tatsächlichen
Lücken durch einen Laiendiskurs beschrieben werden kann 88 gilt es
den schwerwiegenden Paradigmenwechel ins Auge zu fassen, der mit
Diokletian seinen Anfang nahm und unter den nachfolgenden christ-
lichen Kaisern die Kriminalisierung einer wissenschaftlichen Diszi-
plin vollendete.

2.2.1. Von Diokletian bis Theodosius:


Die Neuformatierung des Diskurses
Schon 1951 hatte F.H. Cramer darauf bestanden, daß in der Römi-
schen Republik und im Prinzipat keine Gesetze gegen die Astrologie
erlassen wurden, sondern lediglich gegen Astrologen. 89 Der wissen-
schaftlich verbreiteten Annahme, auch die paganen Kaiser seien
bereits vehement gegen Magie, Divination und Astrologie vorgegan-
gen, hat dieser Hinweis indes keinen Abbruch getan. 90 M.Th. Fögen
ist es zu danken, an diesen Sachverhalt erinnert und weitere Argu-
mente beigebracht zu haben, die für einen juristischen Paradigmen-

88 „Fehlenden Juristendiskurs durch einen Laiendiskurs zu ersetzen, der zwar


Gesetze kennt, nicht aber von Recht handelt, scheint mir zu einer trügeri-
schen Rechtsgeschichte zu führen, einer Rechtsgeschichte, die allzu selbstver-
ständlich annimmt, daß alle Gesetze Recht produzieren" ( F Ö G E N 1 9 9 3 , 8 5 ) .
FÖGEN ist grundsätzlich beizupflichten in ihrer kritischen Trennung zwischen
dem juristischen Diskurs und anderen Gebieten antiker Kommunikation,
namentlich unter den Geschichtsschreibern. Allerdings führt dies zu einer
starken Engführung der Argumentation, wodurch die Vielschichtigkeit des
gesellschaftlichen Gesprächs verschleiert wird. Schließlich argumentierten
die Fachjuristen nicht in einem sauber abgegrenzten Milieu, sondern parti-
zipierten zugleich an anderen Diskursen - wie schwierig eine Trennung
zwischen Fachleuten und Laien sein kann, haben wir im Bereich der Astro-
logie häufig feststellen können. Vgl. auch H.G. KIPPENBERGS Kommentar zum
zitierten Satz: „Ignoring ancient historians as witnesses for legal discourses
appears to me equally deceptive" („Magic in Roman Civil Discourse: Why
Rituals Could Be Illegal", in: SCHÄFER/KIPPENBERG 1 9 9 7 , 1 3 7 - 1 6 3 , S . 1 5 0
Anm. 3 4 ) .
89 CRAMER 1951.
90 Vgl. etwa Η . FUNKE: „Majestäts- und Magieprozesse bei Ammianus Marcel-
linus", in: JAC 1 0 ( 1 9 6 7 ) , 1 4 5 - 1 7 5 , S. 1 5 0 : „Majestätsgesetze, die solche
Handlungen unter Strafe stellten, dürften die ganze Kaiserzeit hindurch be-
standen haben." Der Konjunktiv offenbart die Dünnheit des Eises, auf dem
sich eine solche Konstruktion bewegt.

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Die Verdrängung der Astrologie 793

Wechsel im vierten Jahrhundert sprechen.91 Damit ist nicht gesagt,


daß es keine Kontinuitäten im römischen Strafrecht gegeben habe -
wir werden auf einige gleich zu sprechen kommen. Der springende
Punkt ist aber in der erstaunlichen „Neuformatierung" des gesell-
schaftlichen Diskurses mit Hilfe juristischer Sprachspiele zu sehen.
Den Anfang machte Diokletian, dessen Edikt aus dem Jahre 2 9 4
im Codex lustinianus folgenden Wortlaut hat: „Die Wissenschaft
der Geometrie zu erlernen und auszuüben liegt im öffentlichen Inter-
esse, die Astrologie hingegen ist verdammenswert und deshalb ver-
boten." 9 2 Zum ersten Mal in der römischen Rechtsgeschichte wird
eine ganze wissenschaftliche Disziplin - auch Diokletian reiht Geo-
metrie und Astrologie noch unter die artes ein - Gegenstand eines
kaiserlichen Verbotes. 93
Parallel zur kirchlichen Auseinandersetzung mit der Astrologie
entwickelte sich nach der konstantinischen Wende auch innerhalb
der kaiserlichen Rechtsprechung das von Diokletian vorgezeichnete
Programm weiter. War es dort im Jahre 365 das Konzil von Laodicea,
welches die neue Sprache dokumentierte, so legt hier das Edikt der
Kaiser Valentinian und Valens aus dem Jahr 370 oder 373 Zeugnis
von der Werteverschiebung ab:
Ein Ende haben soll die Lehre der Astrologen! W e r , sei es öffentlich
oder privat, sei es bei T a g oder Nacht, bei der Beschäftigung mit
diesem verbotenen Irrtum ergriffen wird, soll die Todesstrafe erlei-
den - und zwar beide Beteiligte. Hinsichtlich der Schuld m a c h t es
nämlich keinen Unterschied, ob jemand etwas Verbotenes lernt oder
lehrt. 9 4

Neben der Brandmarkung der Astrologie als error ist dieses Gesetz
auch in anderer Hinsicht bemerkenswert, setzt es sich doch von einer
langen Tradition römischer Rechtsprechung ab, die genau zwischen

91 Vgl. die vielen Nachweise aus der Forschungsgeschichte bis 1 9 9 2 , die von
einer Kontinuität der Rechtsgeschichte in diesem Punkt ausgehen, und ihre
Problematisierung bei FÖGEN 1 9 9 3 , 5 4 - 5 6 . Weitere Literatur findet sich bei
GUNDEL 1 9 6 6 , 3 0 1 A n m . 2 .
92 Codex lustinianus IX, 18, 2: Artem geometriae discere atque exerceri publice
intersit, ars autem mathematica damnabilis inderdicta est.
93 ,,[D]aß nicht Täter und Taten, sondern die ars mathematica als Wissensgebiet
und als professionelle Methode der Weltbeschreibung ohne Umschweife ei-
nem gesetzlichen Verbot unterlag - dies war eine Novität" (FÖGEN 1 9 9 3 , 22).
94 CTh. IX, 16, 8: Cesset mathematicorum tractatus. Nam si qui publice aut
privatim in die noctuque deprehensus fuerit in cobibito errore versari, capitali
sententia feriatur uterque. Neque enim culpa dissimilis est prohibita discere
quam do cere.

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794 Antiastrologische Diskurse im zentristischen Christentum

geheimer und öffentlicher Ausübung religiöser Praktiken zu unter-


scheiden wußte. Im Gegensatz zur griechischen Auffassung, nach der
religiöse Wahrheiten vor der Öffentlichkeit verborgen gehalten wer-
den müssen, 95 war in römischer Tradition stets die Meinung vorherr-
schend, daß eine religiöse Handlung in dem Moment illegitim wird,
wo sie im Privaten, also Geheimen, praktiziert wird. Am Beispiel der
Magie hat H.G. Kippenberg jüngst diesen Sachverhalt untersucht. Er
konstatiert:

The equation of magical actions with concealed ones was at the core
of the legal proceeding. T o understand this argument we have to take
into account two settings: a legal and a religious one. In Roman legal
discourse secrecy served to distinguish illicit from licit rituals. In
religious practice secrecy turned a religious action into a magical one. 96

Interessanterweise ist diese Praxis zunächst in die christliche Rechts-


auffassung übernommen worden. 97 Konstantin war es, der im Jahre
3 1 9 veranlaßte, daß haruspices und Priester der traditionellen Reli-
gion keinen Ritus in einem Privathaus abhalten dürfen:
Wer tatsächlich das, woran ihr glaubt, ausüben will, gehe zu öffentli-
chen Altären und Tempeln und zelebriere dort die Feierlichkeiten eures
Brauchs. Wir verbieten nämlich nicht, daß die Liturgien eines vergan-
genen Brauchs im Licht der Öffentlichkeit ausgeübt werden. 98

Jegliche Divination, also auch Astrologie und Magie, gehörte in


diesem Sinne zur religiösen Tradition, die in der Öffentlichkeit ge-
duldet wurde. Doch die römische Rechtsauslegung mußte schon sehr
bald der neuen Sprache christlichen Selbstverständnisses weichen,
welches Constantius im Jahre 3 4 1 wie folgt auf den Punkt bringt:

95 Vgl. die diversen Beiträge in K I P P E N B E R G / S T R O U M S A 1 9 9 5 , bes. J.N. B R E M M E R :


„Religious Secrets and Secrecy in Classical Greece" ( 6 1 - 7 8 ) , der den inter-
essanten Fall des Alcibiades beschreibt: Dieser sah sich im Jahr 4 3 2 / 4 3 1
v.u.Z. plötzlich einer Asebew-Anklage gegenüber, weil er die Geheimnisse
der eleusinischen Mysterien veröffentlicht hatte.
96 KIPPENBERG a.a.O. (oben Anm. 8 8 ) , 1 5 2 . Später fügt er hinzu: „The equation
of ,illegal' with ,secret' can be called a genuine Roman tradition" (S. 153).
97 KIPPENBERG geht so weit zu sagen: „Church historians tend to stress the
discontinuity between Roman paganism and Christianity. With regard to
magic however the continuity could hardly be greater" (a.a.O. [oben Anm.
8 8 ] ) , 1 5 9 (Hervorhebung im Original). Gleichwohl beschränkt auch K I P P E N -
BERG diese Aussage auf die ersten christlichen Kaiser.
98 CTh. IX, 16, 2: Qui vero id vobis existimatis conducere, adite aras publicas
adque delubra et consuetudinis vestrae celebrate sollemnia: nec enitn
prohibemus praeteritae usurpationis officio, libera luce tractari.

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Die Verdrängung der Astrologie 7 9 5

Der Aberglaube habe ein Ende, der Wahnsinn der Opfer muß aufge-
geben werden (Cesset superstitio, sacrificiorum aboleatur insania)\
Denn wer auch immer gegen das Gesetz des heiligen Princeps, unseres
Vaters, und gegen den Befehl unserer Gnade Opferhandlungen zu
zelebrieren gewagt haben sollte, an dem soll die ihm gebührende Strafe
und ein sofortiges Urteil vollstreckt werden."

M i t superstitio ist hier in erster Linie Magie und Divination ge-


meint, 1 0 0 die Gegenstand öffentlich ausgeübter Religion waren. Die-
se Distinktion wird von Constantius kurzerhand abgeschafft, wie
auch eine weitere, nämlich jene zwischen haruspices, Auguren, Astro-
logen und anderen Spezialisten der Wirklichkeitsdeutung. Im J a h r e
3 5 7 ergeht folgendes Gesetz:

Niemand soll einen haruspex konsultieren oder einen Astrologen, nie-


mand einen Hariologen. Die verkehrte Verkündung der Auguren und
Weissager soll verstummen. Chaldäer, Magier und die übrigen, die
man wegen der Ungeheuerlichkeit ihrer Übeltaten gewöhnlich malefici
nennt, sollen nichts derartiges unternehmen. Schweigen soll endgültig
die Neugier (curiositas) all dieser Menschen auf die Wahrsagung! Mit
der Todesstrafe durch das Schwert wird nämlich niedergestreckt, wer
der Anordnung den Gehorsam verweigert.101

Innerhalb kurzer Zeit gerät also die Divination in die Mühlen kai-
serlicher Verbote, und die Ausübung der Astrologie w a r nur unter
Lebensgefahr möglich. 1 0 2 Damit war der W e g bereitet für die endgül-

99 CTh. XVI, 10, 2.


100 Vgl. KIPPENBERG a.a.O. (oben Anm. 88), 160, mit Verweis auf MARTROYE und
GRODZYNSKI.
101 CTh. IX, 16, 4: Nemo haruspicem consulat aut mathematicum, nemo
bariolum. Augurum et vatum prava confessio conticescat. Chaldaei ac magi
et ceteri, quos maleficos ob facinorum magnitudinem vulgus appellat, nec ad
banc partem aliquid moliantur. Sileat omtfibus perpetuo divinandi curiositas.
Etenim supplicium capitis feret gladio ultore prostratus, quicumque iussis
obseuium denegaverit. Vgl. auch CTh. XVI, 19, 6 aus dem Jahr 356: „Der
Todesstrafe unterwerfen wir diejenigen, die Opfer darbringen oder Götzen-
bilder verehren." Wir sehen hier erneut die Verschränkung politischer und
theologischer Diskurse.
102 Richtig F Ö G E N 1 9 9 3 , 3 7 : „Binnen einer Generation wird alte religiöse Tradi-
tion also zum ,Wahnsinn' (insania) erklärt, binnen einer Generation wird aus
einem Verbot privater, verborgener Divination ein generelles Verdikt." Ähn-
lich KIPPENBERG: „The Christian emperors adopted the Roman legal tradition.
But soon they did more and sanctioned the view of the common people,
banning all magi as malefici. [...] Practising magic had become a crime,
independent of any damage it caused or not. Not even a private plaintiff was
necessary. The state itself prosecuted it" (a.a.O. [oben Anm. 88], 160).

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796 Antiastrologische Diskurse im zentristischen Christentum

tige Kriminalisierung der Sterndeutung - nunmehr als error gekenn-


zeichnet - durch Valentinian und Valens.
D o c h an dieser Stelle w a r die Entwicklung keineswegs beendet.
Vielmehr ist es ein wesentliches Kennzeichen christlicher Herrschafts-
politik, daß dem Diskurs ein weiteres Element hinzugefügt wurde:
die Auseinandersetzung mit der Astrologie nicht als Wissenschaft,
sondern als Häresie. Dies läßt sich gut studieren an einem Gesetz der
Kaiser H o n o r i u s und Theodosius aus dem J a h r e 4 0 9 :

Astrologen, wenn sie nicht bereit sind, nachdem sie die Bücher des
ihnen eigenen Irrtums unter den Augen der Bischöfe verbrannt haben,
zum Glauben der katholischen Religion überzutreten und niemals zu
ihrem früheren Irrtum zurückzukehren, sollen nicht nur aus der Stadt
Rom, sondern auch aus allen Gemeinden vertrieben werden. Wenn sie
dies nicht tun, sondern entgegen der heilsamen Bestimmung unserer
Sanftmut in den Städten aufgegriffen werden oder wenn sie die Ge-
heimnisse ihres Irrtums und ihres Berufs anderen einflüstern, sollen sie
mit der Deportation bestraft werden. 103

Die von Theodosius und H o n o r i u s repräsentierte Haltung w a r für die


Folgezeit bestimmend im Verhältnis zwischen staatlichem Christen-
t u m und Astrologie, und z w a r bis herauf in die Neuzeit. Deshalb ist
die Zusammenfassung Fögens auch in dieser Schärfe gerechtfertigt:

Die Alternativen heißen nicht Geometrie und Astrologie, wie Diokletian


sie in antiker Einfalt sah, sondern katholischer Glaube und Häresie.
Mit Herstellung dieser Relation - die Sterndeutung ist nicht der Irrtum
an sich, sondern eine mögliche falsche Wahl (= airesis) unter vielen
falschen Optionen - wird die Astrologie endgültig ihres Wissenschafts-
kontextes entkleidet und als ordinäre, dem üblichen Verfahren zu
unterziehende Glaubensdevianz gehandelt. 104

In dieses Bild paßt es sehr gut, daß Theodosius auch der erste
römische Kaiser war, der sich entschloß, ein persönliches Glaubens-
bekenntnis in Gesetzesform zu gießen:

Wir wollen, daß alle Völkerschaften, die die maßvolle Herrschaft


unserer kaiserlichen Gnade regiert, an der Religion in der Version

103 CTh. IX, 16, 12: Mathematicos, nisi parati sint codicibus erroris proprii sub
oculis episcoporum incendio concrematis catholicae religionis cultui fidem
tradere numquatn ad errorem praeteritum redituri, non solum urbe Roma,
sed etiam omnibus civitatibus pelli decernimus. Quod si hoc non fecerint et
contra clementiae nostrae salubre constitutum in civitatibus fuerint deprehensi
vel secreta erroris sui et professionis insinuaverint, deportationis poenam
excipiant.
104 FÜGEN 1 9 9 3 , 25.

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Zusammenfassung 797

teilnehmen, wie sie der heilige Apostel Petrus den Römern überliefert
hat [...] das heißt: wir glauben der apostolischen Lehre und der evan-
gelischen Doktrin folgend an eine einzige Gottheit des Vaters, des
Sohnes und des heiligen Geistes unter Annahme gleicher Majestät und
heiliger Dreifaltigkeit. Wir befehlen, daß alle, die diesem Gesetz folgen,
das Recht haben, sich katholische Christen zu nennen, während alle
übrigen, die wir als Schwachsinnige und Verrückte von häretischem
Glauben beurteilen, der Infamie unterliegen (reliquos vero dementes
vesanosque iudicantes haeretici dogmatis infamiam sustinere [...]).105

Am Ende des vierten Jahrhunderts war es selbstverständlich gewor-


den, daß die kaiserliche Verfügungsgewalt nicht nur die Handlungen
ihrer Untergebenen gesetzlich zu regeln beanspruchte, sondern auch
das, was sie als legitimes Wissen betrachtete. Die curiositas selbst
und in ihrem Gefolge die scientia waren zum Objekt der Krimina-
lisierung geworden.

3. Zusammenfassung

Überblickt man die in diesem Kapitel behandelten Dokumente, er-


kennt man rasch, daß die gängige These, das Christentum habe
aufgrund theologischer Überlegungen zwangsläufig eine kritische
Haltung zur Astrologie einnehmen müssen, am tatsächlichen histo-
rischen Verlauf vorbeigeht. Übersehen wird dabei, daß diese Positi-
on lediglich von einem bestimmten Flügel innerhalb der neuen Re-
ligion bezogen wurde, der erst dadurch eine Aufwertung erfuhr, daß
er im vierten Jahrhundert Zugang zur politischen Macht erhielt. Im
Laufe der Zeit verzahnten sich drei zuvor durchaus eigenständige
Diskurse immer mehr, nämlich die kritische Argumentation maß-
geblicher Kirchenväter, die juristischen Sprachspiele im Kontext der
kaiserlichen Rechtsprechung und schließlich die Beschlüsse kirchli-
cher Synoden.
Die theologischen und philosophischen Überlegungen christlicher
Autoritäten, im wesentlichen ja aus der antiken Diskussion bekannt,
waren dabei nur insofern von Bedeutung, als sie den Hintergrund
abgaben für die einschneidenden politischen Entscheidungen, die im
vierten Jahrhundert die antike Welt revolutionierten. Man könnte
auch sagen: Nicht die überlegene christliche Argumentation führte
zur Krise der astrologischen Weltdeutung, sondern die juristische

105 CTh. XVI, 1, 2. (Edikt der Kaiser Theodosius und Valentinian aus dem Jahre
3 8 0 ) ; vgl. F Ö G E N 1 9 9 3 , 86f.

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798 Antiastrologische Diskurse im zentristischen Christentum

Ausgrenzung dieser Disziplin aus den artes und ihre blutige Verfol-
gung seitens der kaiserlichen Herrschermacht. 1 0 6
Der Weg dorthin verlief demnach nicht kontinuierlich, sondern in
mehreren, deutlich voneinander abzusetzenden Stufen: Für die Zeit
bis weit ins dritte Jahrhundert hinein haben wir christlicherseits von
einer interessierten Beschäftigung mit der Astrologie auszugehen,
wie die vielen untersuchten Dokumente belegen. Auch die in diesem
Kapitel herangezogenen kritischen Stimmen geben nicht selten eine
ambivalente Haltung zu erkennen, 107 die von dem Bestreben geprägt
ist, einen Kernbestand astrologischer Weltdeutung bestehen zu las-
sen, und deshalb vor allem die fatalistische Astrologie und die
Sternverehrung bekämpfte. Von Seiten des Kaiserhauses wurde die
Ausübung der Astrologie selber nicht behindert. Daran ändern auch
die gelegentlichen Ausweisungen von Astrologinnen und Astrologen
aus Teilen des Reiches nichts, die stets von politischen, nicht von
philosophisch-theologischen Überlegungen herrührten. Anders wäre
es auch nicht zu erklären, daß zwischen 1 0 0 und 3 0 0 u.Z. eine große
Welle literarischer Aufarbeitung der Vulgata einsetzte und die maß-
geblichen Werke astrologischer Gelehrsamkeit ebenfalls in dieser
Zeit entstanden.
Erst Diokletian setzte mit seinem Edikt aus dem Jahre 2 9 4 einen
neuen Akzent und leitete damit jenen Prozeß ein, der zur Ausgrenzung
der Astrologie aus den Wissenschaften führte. Als Theodosius zwei
Generationen später sein Glaubensbekenntnis per Gesetz den Unter-
tanen verordnete, waren bereits nicht mehr die schädliche Ausübung
der Divination und damit die einzelnen Täter Gegenstand kaiserli-
chen Rechts, sondern die Wissenschaft/sczewtaz selber galt als Irr-
tumJerror, und schon die menschliche Neugierde/a<no5itas reichte
aus, vor den Augen der christlichen Kaiser als kriminelles Subjekt zu
gelten. An dieser Stelle ging die Argumentation nahtlos von der
politischen zur theologischen über, veränderte sich doch der kaiser-
liche Sprachgebrauch dergestalt, daß man nicht mehr nur von einem
Irrtum sprach, sondern von einer Glaubensdevianz, der man inner-
kirchlich Herr zu werden gedachte. Indem man die Astrologie aus
dem wissenschaftlichen Diskurs entfernte, nahm man ihr zugleich
die politische Sprengkraft.

106 Wie brutal die offizielle Kirche bei der Christianisierung des Römischen
Reiches zu Werke ging, wurde zuletzt von MACMULLEN (1997, 1-31) geschil-
dert. Vgl. zum Thema außerdem P. THRAMS: Christianisierung des Römer-
reiches und heidnischer Widerstand, Heidelberg 1992.
107 In der einschlägigen Forschungsliteratur wird dies gerne als Naivität gedeu-
tet, die sich der Widersprüchlichkeit ihrer Argumentation nicht bewußt ist.

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Zusammenfassung 799

In den Verlautbarungen der kirchlichen Synoden wurde in der


Folgezeit das Feld weiter beackert, das durch die Apologeten und die
kaiserliche Rechtsprechung bereitet war. Das Konzil von Laodicea
im Jahre 3 6 5 markiert dabei den Anfangspunkt einer Ausgrenzungs-
politik, die sich kontinuierlich bis ins sechste Jahrhundert fortsetzte.
An der Häufigkeit, mit der man gegen die Neugierde der Untertanen
vorgehen mußte, erkennen wir freilich nicht nur die Haltung der
Machthabenden, sondern auch die große Verbreitung astrologischer
Weltdeutung innerhalb der Bevölkerung, nicht zuletzt in weiten
Teilen der christlichen Anhängerschaft. Trotz des massiven Vorge-
hens gegen Studium und Ausübung der Sternkunde, einschließlich
der öffentlichen Verbrennung gelehrter Bücher, kam es deshalb im
Grunde nicht zu ihrer Auflösung. Einerseits wurde nämlich auch in
Byzanz die Vulgata tradiert, 108 andererseits kam es immer wieder

108 Hier wären als erstes die zahlreichen Ptolemaios-Kommentare zu nennen,


etwa die Isagoge des Porphyrios ( 2 3 2 - 3 0 4 ) , Schriften des Pancharios (3.
Jhdt.) oder des Proklos aus Konstantinopel ( 4 1 0 - 4 8 5 ) . Im vierten Jahrhun-
dert trugen Firmicus Maternus, Maximos - der Lehrer des späteren Kaisers
Julian war - , Paulus Alexandrinus, der anonyme „Astrologe des Jahres 3 7 9 "
und schließlich Hephaistion von Theben zum Aufblühen der Astrologie bei.
Im 5. Jahrhundert wirkten neben Proklos aus Konstantinopel und den schon
genannten Ammonios und Simplikios die Gelehrten Heliodorus, Eutokios
aus Askalon, Iulianos aus Laodicea, Rhetorios und Palchos; vgl. die Über-
sicht bei G U N D E L 1 9 6 6 , 2 1 3 - 2 5 4 . Aus der Spätantike ist zudem auf die Schrift
de rerutn natura des Bischofs Isidorus von Sevilla (um 5 7 0 - 6 3 6 ) oder de
natura rerutn des Beda Venerabiiis ( 6 7 2 / 6 7 3 - 7 3 5 ) zu verweisen. D a ß die
Astrologie sogar noch im 5 . Jahrhundert ungehindert gelehrt werden konnte,
zeigen beispielsweise die 4 8 Gesänge umfassenden Dionysiaka des Nonnos
aus Panopolis (etwa 3 8 0 - 4 5 0 ) . V. S T E G E M A N N schreibt in seiner Monographie
zu diesem Dichter: „Es gibt keinen Autor der griechisch-römischen Antike,
der in ähnlicher Weise wie Nonnos den Versuch einer historischen Welt-
deutung auf der Grundlage der Astrologie gemacht h a t " ( A s t r o l o g i e und
Universalgeschichte. Studien und Interpretationen zu den Dionysiaka des
Nonnos von Panopolis [Stoicheia 9], Leipzig/Berlin 1 9 3 0 , 2 0 0 ) . Die orphische
Weltalterlehre um den Erlösergott Dionysos wird hier zu einer einzigartigen
apokalyptischen Vision ausgebaut mit dem Ziel, die Qualität der gegenwär-
tigen Zeitepoche und die Dynamik der unmittelbar bevorstehenden Zeiten-
wende näher zu bestimmen. Besonders aufschlußreich hinsichtlich der Ver-
schränkung antiker christlicher und paganer Diskurse ist die Tatsache, daß
Nonnos vermutlich Bischof von Edessa war; vgl. E. L I V R E A : „II Poeta ed il
Vescovo", in: Studia Hellenistica II, Florenz 1 9 9 1 , 4 3 9 - 4 6 2 . Ferner ist von
Interesse, daß Nonnos' christliches Grab in Ägypten mit einem Dionysos-
Behang geschmückt gewesen ist; vgl. D. W I L L E R S : „Dionysos und Christus -
ein archäologisches Zeugnis zur ,Konfessionsangehörigkeit' des N o n n o s " , in:
Museum Helveticum 49 (1992), 141-151.

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800 Antiastrologische Diskurse im zentristischen Christentum

von außen zu einer Belebung der Astrologie, zunächst aus Persien


und Babylonien, später dann durch islamische Vermittlung. 109
Auch aus anderer Richtung läßt sich eine Erklärung für die
weitere Beschäftigung vieler Menschen mit der Astrologie entwik-
keln: Erinnern wir uns an die jüdischen Quellen des zweiten bis
achten Jahrhunderts, so zeigt sich der interessante Sachverhalt, daß
wir an keiner Stelle auf ein Verbot der Astrologie durch die politi-
sche Obrigkeit stoßen. Da dies in gleicher Weise für die palästini-
schen wie auch die babylonischen Dokumente gilt, müssen wir schlie-
ßen, daß der Kampf des christlichen Rom gegen die Astrologie
keineswegs so durchgreifenden Erfolg hatte, wie bisweilen darge-
stellt wird. Zumindest im Judentum verfingen christliche Argumen-
tationen nicht, zumal eine gewisse Eigenständigkeit in der rechtli-
chen Semantik dies erschwerte.
Selbst wenn man den besonderen Charakter jüdischer Selbstver-
waltung berücksichtigt, spricht vieles dafür, daß wir diesen Befund
übertragen können: Auch in Teilen des Christentums bildete man
sich seine eigene Meinung zur astrologischen Weltdeutung. Eine
solche Vermutung - die anhand der christlichen Texte außerhalb des
zentristischen Flügels ohnehin bereits verifiziert wurde - wird be-
stärkt durch die besonderen Umstände der Christianisierung des
Römischen Reiches, welche in nachkonstantinischer Zeit von repres-
siver Konversion geprägt war. Aber:
It must not be forgotten, since both pagan and Christian spokesmen
drew attention to the fact, that conversion under pressure was unlikely
to reach very far down into the mind. Prudential considerations, to
curry favor or gain a rich wife, or not to lose one's job or one's life,
diminished the meaning of conversion. True, post-Constantine, every-
thing encouraged a sense of triumph and conviction among the crowds
attending church; but everything also encouraged hypocrisy. 1 1 0

109 Eine ausgezeichnete allgemeine Einführung in die mittelalterliche und früh-


moderne Astrologie im christlichen Kontext lieferte SMOLLER 1 9 9 4 . S. auch
die gute Darstellung bei GRAFTON 1 9 9 9 (mit neuester Literatur).
110 MACMULLEN 1 9 9 7 , 153.

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