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Das Wirken der Musik

Janet O`Donovan

Das Wirken Lied mit einstimmen. Nach weiteren 3


bis 4 Minuten ist die musikalische Ein-
lage vorbei und die Kinder arbeiten eif-
der oben stehenden Fragen möchte ich
meine Montessori-Kollegen/–In–nen
dazu ermutigen:

der Musik
rig und konzentriert weiter. ✦ gründlich über Musik zu reflektieren
Erlebnisse dieser Art motivieren enga- ✦ erneut darüber nachzudenken, wie
gierte Montessori-Lernbegleiter: Wenn Kinder Musik lernen
sie beobachten können, wie Kinder nicht ✦ ihre Entscheidungen bzgl. des Mu-
nur mit innerer Disziplin und Kontinui- sikunterrichts von der hier vorge-
tät arbeiten, sondern auch mit entspann- stellten fundierten Betrachtung beein-
ter Freude. Worte können nicht be- flussen zu lassen
die es gerade geschrieben hat, mit ei- schreiben, wie solche Momente die See- ✦ besonders den jüngsten Kindern eine
Einleitung ner Zeichnung. Während es zeichnet, le erfrischen – und woran kann man bes- gut durchdachte und qualifizierte mu-
fängt es leise an zu summen und dann ser erkennen, dass die Arbeit mit Freu- sikalische Bereicherung zukommen

S
tellen Sie sich folgende Szene vor: singt es leise ein einfaches Lied, das es de getan wird als durch das Singen eines zu lassen.
Ein Kind sitzt bequem an einem am Morgen im Englischunterricht ge- spontanen Liedes?
Platz, den es sich selbst in einem lernt hat. Es scheint, dass es dabei kei- Als Montessori-Pädagogen sollte unser
attraktiven und gut ausgestatteten Grund- nes der anderen Kinder bei der Arbeit Warum hören wir eigentlich nicht öfter Ziel kein geringeres sein als jedem Kind
schulklassenraum einer Montessori- stört, aber nach ein paar Minuten hört Menschen – egal ob Kinder oder Er- die Möglichkeit zu geben, seine ange-
Schule für die Jahrgangsstufen 1-6 aus- man, wie zwei jüngere Kinder auf der wachsene – summen, singen oder pfei- borenen musikalischen Fähigkeiten zu
gesucht hat und ergänzt die Geschichte, anderen Seite des Raumes leise in das fen, während sie arbeiten oder sich ent- entdecken und ihm die Teilnahme an
spannen? Die meisten Menschen genie- Musikangeboten zur Förderung dieser
ßen irgendeine Art von Musik, aber wa- Begabung zu ermöglichen. Den Musik-
rum produzieren so wenige selbst Mu- unterricht zu vernachlässigen, zu ver-
sik, sei es spontan oder anderweitig? drängen oder ihm nur noch ein Nischen-
Ist die Musik wirklich nur für die weni- dasein zu ermöglichen, wäre wahrhaftig
gen Talentierten? Ist sie hauptsächlich tragisch. Es ist meine Hoffnung, dass
dazu da, im Hintergrund unseres Lebens wir Montessori-Pädagogen das Wirken
als Begleitung abgespielt zu werden, wie der Musik im Leben des Menschen er-
Kaufhaus- oder Fahrstuhlmusik? Oder neut überdenken.
könnte die tiefe Erfahrung von Bewe-
gung, Klang und Rhythmus eine gewal- Die zentrale Stellung der Musik
tige Kraft sein, um Frieden, Freude und im Leben des Menschen
Zufriedenheit zu erreichen?
Die meisten Menschen wissen, dass die
Ich bin eine ausgebildete und erfahrene Musik seit Tausenden von Jahren eine
Montessori-Lernbegleiterin, eine quali- entscheidende Rolle im menschlichen Er-
fizierte und erfahrene Pianistin, Sänge- fahrungsbereich spielt und erkennen und
rin und Musiklehrerin1 und aufgrund feiern ihre Kraft.

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Das Wirken der Musik

Musik ist eine anthropologische misch Ungebildeten, aber auch bei an- traurig zu, dass man in der Schule beim rungen mit der Musik in ihrer Kindheit
Konstante. Musik, Gesang, Rhyth- spruchsvollen Akademikern und Adeli- Singen entmutigt wurde, weil man den gemacht haben und somit spielt Musik
mus und Tanz sind seit Urzeiten gen gefeiert. Wir besuchen Konzerte, Ton nicht traf oder dass man nie die keine bedeutende Rolle in ihrem Leben
fest verwurzelt in allen Kulturen schauen uns Aufführungen auf YouTube Chance hatte, ein Instrument zu lernen, als Erwachsene. Dies könnte dazu füh-
der Welt und ein Leben ohne Mu- an, hören verschiedene Tonaufnahmen und hierbei bestätigt man das dem Men- ren, dass Entscheidungen über Program-
sik ist schlechterdings nicht vor- und haben Freude daran selbst Musik schen innewohnende Wissen – die me und Finanzpläne so gefällt werden,
stellbar. Musik gehört zu den un- zu machen, sei es solo, in Chören, im Selbstverständlichkeit, dass Musik das dass das Fach Musik in den Hintergrund
verzichtbaren Gegebenheiten des Orchester, an einem Lagerfeuer oder in Leben wertvoll und bedeutungsvoll gedrängt wird und eine immer geringere
menschlichen Lebens und – wie es einer Band, die im Keller übt. Lieder und macht. Musiker werden allgemein ge- Rolle an den öffentlichen Schulen spielt.
auch die aktuelle Flow-Forschung Werbemelodien preisen Veranstaltungen, schätzt, auch wenn das nicht immer für Die traurige Wahrheit ist, dass es eine
bestätigt – zu den wesentlichen Produkte und Darsteller an. Hymnen und ihren Musikstil gilt. Das Wort „Musik“ überraschend hohe Anzahl an Personen
Faktoren menschlicher Sinn- und Lobgesang werden geschrieben, geprobt stammt vom griechischen Wort für Mu- gibt – darunter sogar einige begabte, er-
Glückserfahrungen ...” ‘Nicht mu- und aufgeführt, um Menschen hinter er- se, eine der neun Töchter der Götter folgreiche Berufsmusiker, die der Mei-
sikalisch zu sein’ ist erlernt”, so habenen und lebenserhaltenden Über- Zeus und Mnemosyne, ab und die pro- nung sind, dass sie nicht improvisieren,
schreibt die Bildungsforscherin zeugungen oder sogar hinter kriegeri- to-indoeuropäische Wurzel (*mon-/- d.h. nicht musikalisch denken und spon-
Donata Elschenbroich. (Fuchs, schen und entzweienden Idealen zu ver- *men-/*mn-) hat mit dem Denken, der tan musikalisch reagieren können. Sie
Mechtild: Musik in der Grundschu- einen. Musik begleitet uns auf Veran- Erinnerung oder der Erweckung der Sin- haben allein das Notenlesen und Aus-
le neu denken – neu gestalten) staltungen jeder Art – religiöse, gemein- ne zu tun. Interkulturelle Studien be- wendiglernen als einzige Art und Weise
schaftliche und sportliche Veranstaltun- stätigen, dass Musik weltweit verbreitet kennen gelernt, um Musik „zu erfassen“
Soweit wir wissen, haben Menschen in gen sowie beim festlichen Bankett. Ge- ist und dass sie etwas ist, was uns Men- und fühlen oft, dass ihnen das wirklich
der Vergangenheit die Musik benutzt, legentlich summen wir beim Arbeiten, schen ausmacht. Maria Montessori nahm befriedigende Erleben der Musik ent-
um die Götter zu überreden, ihre Jagd- Sport und bei Reisen. Wir brauchen die Musik in den Grundschullehrplan auf geht. Edwin E. Gordon, gefeierter Be-
beute und ihre Ernteopfer anzunehmen, Musik um jemanden zu umwerben, um und die meisten Montessori-Pädagogen gründer der Theorie des Musiklernens,
sie durch das Leben zu führen und sie uns zu entspannen und im Hintergrund, halten Musik für einen wichtigen Teil der erzählte auf einer Fortbildung für Mu-
im Sterben zu begleiten; um sich aus- während wir mit etwas anderem be- Vorbereiteten Umgebung. Ein Leben oh- sikpädagogen (Universität von South
zudrücken und zu kommunizieren, als schäftigt sind. Balladen, Opern, Orato- ne Takt, Rhythmen, vereinende Refrains, Carolina, Juli 2011) eine Anekdote über
Sprache noch nicht vorhanden oder rien und Musicals erzählen und geben Melodien – ungezügelt sowie sinnlich, das Ergebnis einer Umfrage unter Mu-
noch unzulänglich war; um lange he- Mythen und Geschichten von Helden- himmlisch und erhaben – all das, was sikern eines prominenten amerikani-
roische Gedichte auswendig zu lernen taten, Tragisches und Freude wieder, wir Musik nennen, ist kaum vorstellbar. schen Orchesters, die durchgeführt wur-
und sie wieder abzurufen und, im wahrs- während sie subtile oder auch offen- Und doch haben viele Erwachsene so de, als sie gerade eine Probe beendeten.
ten Sinne des Wortes, um das Wissen um kundige politische und soziale Kommen- wie auch Kinder nur wenige oder ne- Ein Musiker wurde gefragt, in welcher
ein Volk in der Erinnerung zu behalten. tare transportieren. gativ prägende musikalische Erfahrun- Tonart das Stück, das er gerade geprobt
Als die alten Griechen die Eigenschaf- Sogar ein Individuum, das sich nicht- gen gemacht. Auch der Wert von Musik hatte, gespielt wurde und ob es modu-
ten der Musik erforschten, lobten sie die musikalisch nennt, genießt seine Lieb- in der Bildung des Kindes wird in der lierte. Ihm wurden also ziemlich über-
Fähigkeit der Musik, die Seele zu erfri- lingsmusikaufnahmen, tanzt glücklich Bildungspolitik heute kontrovers disku- schaubare Fragen zu der von ihm ge-
schen und zu beflügeln. zu einem wunderbaren Tango und strahlt tiert. Vielleicht liegt es hauptsächlich da- spielten Musik gestellt. Er konnte nur
Die Musik ist nicht klassenbewusst und stolz beim Geigenspiel oder Chorgesang ran, dass viele Erwachsene entweder Angaben über das Vorzeichen des Stü-
wird bei den Armen und den akade- seines Kindes. Vielleicht gibt man auch keine oder nur wenige positive Erfah- ckes machen, eine minimale, visuelle

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Das Wirken der Musik

Antwort bzgl. des stundenlangen Musi- grundlegende Betätigung des Singens sprachlichen und naturwissen- rer frühzeitlichen Vorfahren die Arti-
zierens. Diesen Musikern wurde die Mu- zu erhalten; schaftlichen Unterrichts hat viel- kulation und Sprache ermöglichten,
sik sozusagen als eine Schriftsprache ✦ der deutsche Komponist Carl Orff und fach zu Verlusten bei den ästheti- ✦ wie sie das Material zur Herstellung
beigebracht, der die auditive und expe- seine innovative Verwendung von schen Fächern geführt. Bundesweit von Instrumenten entdeckten, um Ge-
rimentelle Bereicherung fehlte, noch be- Schlaginstrumenten und einfachen werden schätzungsweise 80% des räusche aus der Natur nachzuahmen
vor sie sich überhaupt einen guten au- melodischen Instrumenten, um die Musik-Unterrichts fachfremd er- und um sich sinnlich und körperlich
ditiven und verbalen Sprachschatz an- musikalische Entwicklung zu fördern; teilt, wenn dieser überhaupt statt- auszudrücken
geeignet hatten. Natürlich gibt es viele ✦ Suzuki mit der Erkenntnis, wie wich- findet (Fuchs, Mechtild: Musik in ✦ und wie wir mit unserer Stimme le-
wunderbare Musiker, die nur nach Ge- tig es ist, dass Kinder früh lernen ein der Grundschule – neu denken, benswichtige Emotionen hinaus-
hör spielen und die das Notenlesen nie Instrument zu spielen, noch bevor sie neu gestalten). schreien, besonders wenn Worte nicht
gelernt haben. Das ideale Ziel wäre je- Musik lesen können und die immen- genügen.
doch eine vollständige und tiefgründige se Wichtigkeit der Beteiligung der Fa- Musik ist ein unverzichtbares Fach, und Passend zu einer Erzählung dieser Art
musikalische Bildung.1 milie bei der musikalischen Akkultu- viele Montessori-Lernbegleiter bauen es könnten Montessori-Lernbegleiter zu-
Jenseits der Montessori-Pädagogik – be- ration des Kindes; in Geschichten und in Fachbereiche sätzliche Folgeaktivitäten anbieten, wie
trachtet man Musikpädagogen allgemein ✦ und die gefeierte Forschungsarbeit (Sprache, Menschliche Bedürfnisse, Ge- z.B. faszinierende akustische Experimen-
– stellt man fest, dass die Art der musik- und Theorie des Musiklernens von schichte, usw.) – gemäß ihrer Ausbil- te, die Herstellung von Instrumenten so-
pädagogischen Vermittlung im Wandel Edwin E. Gordon, die erklärt, wie Kin- dung – ein. Aber als „Geschichtenerzäh- wie Experimente mit dem Körper als
und ungewiss ist, sodass bisherige Pro- der Musik lernen, und der die intel- ler der Wahrheit“ (Krumins-Grazzini, Rhythmusinstrument und mit dem Ein-
gramme versagen könnten. Einige Päda- ligente, bedeutungsvolle innere Erfah- 2007) können wir auch ein Zeichen set- satz der eigenen Stimme.
gogen merken, dass etwas im Argen ist rung der Musik betont und fortlaufen- zen, dass Musik ein eigener Bereich ist,
und während des letzten Jahrhunderts de Bausteine liefert, um die rhythmi- in dem wir eine Erzählung mit kosmi- Authentische musikalische
haben große Musiker den Weg zu einem sche und melodische Begabung des schen Dimensionen anbieten, so wie wir Erfahrungen, „Ohr vor Auge“
effektiveren Musikunterricht geebnet und Kindes tiefgründig zu entwickeln. das mit unseren Kosmischen Erzählun- und wie Musik erlernt wird
geniale Erkenntnisse darüber gewonnen, gen tun. Dies habe ich bereits in Grup-
wie das Gehirn Musik erlernt und ver- In Deutschland stellt der so genannte pen von 6-8Jährigen umgesetzt, die ein Musik ist in unserem Leben überall ge-
arbeitet, beispielsweise „aufbauende Musikunterricht“ einen Ver- besonders großes Interesse gezeigt ha- genwärtig. Wie viele Menschen kennen
✦ der in Österreich geborene Schweizer such dar, die verschiedenen guten Ideen ben, inklusive Diashow und Hörproben Sie jedoch, die Ihnen ein Lied spontan
Jacques-Dalcroze mit seiner Euryth- und Methoden in einem strukturierten aus der Natur, z.B. Donner und Blitze, aus dem Gedächtnis vorsingen würden,
mik, mit der Betonung des musikali- Lehrplan zu vereinen und wird von Be- Regen, Windgeräusche, Vogelgezwit- die ein Lied komponiert haben, die an-
schen Verständnisses und dem Aus- wegungen wie dem „Prima Canta Pro- scher sowie das Gebrüll und Stampfen stimmen und in der richtigen Tonart sin-
druck durch Bewegung; jekt“ in Frankfurt unterstützt. von Großtieren, verbunden mit einer gen können? Wer kann ein Musikinstru-
✦ Zoltan Kodaly und dessen Leiden- www.primacanta.de. Nichtsdestotrotz. passenden Geschichte. Gemeinsam ha- ment spielen, und das zudem aus Freude
schaft Kinder zu unterstützen, Musik ben wir darüber nachgedacht, und sich dabei entspannen? Wer kann
zu hören und sich wieder ins Gedächt- (...) befindet sich der Grundschul- ✦ welche Umstände und Gedanken und frei spielen oder zusammen mit anderen
nis zu rufen, und außerdem anhand Musikunterricht immer noch in ei- Gefühle den Menschen dazu gebracht Musikern neue Ideen ausprobieren bzw.
der besonderen Rolle der heimischen ner eher randständigen Situation. haben könnten zu trommeln und zu mit Musiksätzen und Takten improvisie-
Volksmusik den ungarischen Kindern Der Ausbau der Kernfächer mit der tanzen und zu singen, ren? Wer kann verzückt einer Bach-Par-
die Volkslieder ihres Volkes und die Einführung des frühen fremd- ✦ wie die entwickelnden Körper unse- tita – auf der Violine gespielt – lauschen

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Das Wirken der Musik

und danach das Thema summen oder und spannenden Geschichten inspirieren zess, der zum Erlernen der Musik im Ge- zur Entfaltung kommen kann, erreichen
verzückt einem komplizierten Jazz-Stück zu lassen? Das Wunder der Psyche des hirn stattfindet, ist daher dem des sie weder vollständig ihr angeborenes
lauschen und seine Komplexität wirk- Kindes und die „Explosion der Sprache“ Spracherwerbs sehr ähnlich. Da Kinder Potenzial, noch sind sie fähig sich mit
lich wertschätzen? Wie viele von uns sin- sind zentrale Themen in der Lehre Ma- in ihrer frühen Kindheit kaum solche der Musik vernünftig zu befassen oder
gen regelmäßig mit unseren Kindern und ria Montessoris. Die meisten Eltern be- bereichernden Erfahrungen machen, die sich von ihr als Zuhörer verzücken zu
widmen sich leidenschaftlich ihrer mu- ginnen gleich nach der Geburt ihres Kin- ihre musikalische Akkulturation fördern, lassen. Wären die Menschen nicht glück-
sikalischen Erziehung? Kurzum, wie oft des mit ihm zu sprechen und ihm vor- kommen sie zur Schule und sind kaum licher, zufriedener, toleranter und krea-
beteiligen wir uns wirklich an der Musik zulesen. Sie unterhalten sich mit ande- für mehr als die einfachsten musikali- tiver, wenn das ganze Spektrum ihrer an-
anstatt ihr einfach zuzuhören oder etwas ren in seiner Gegenwart, sprechen es an, schen Aktivitäten vorbereitet. Jedoch ba- geborenen Fähigkeiten stimuliert würde
über die Musik oder bestimmte Musiker um ihm glucksende Laute zu entlocken, sieren im traditionellen Musikunterricht und gedeihen könnte?
zu wissen? melden es in Krabbelgruppen und im viele der Aktivitäten auf Notenbenen-
Many persons who recognize Kindergarten an, damit es Geschichten nung, Notenlesen und vereinzelten mu- Montessori-Lernbegleiter in Ausbildung
“Jingle Bells” are unable to sing und Lieder hört und Spiele spielen lernt sikalischen Erfahrungen, für die das Kind erhalten Anleitungen zur Darbietung der
its resting tone, to identify and mo- – alles in seiner Muttersprache. Säug- noch nicht bereit ist. Beim Erstellen des großartigen Glocken und Klangstäbe und
ve to its fundamental beats, to hear linge sammeln und absorbieren die Spra- Montessori-Lehrplans sollten wir an ziel- haben diese wunderschönen Instrumen-
its tonality and meter, or to speci- che – Wörter, Phrasen, die Intonation, gerichtete Aktivitäten denken und dar- te hoffentlich an ihren Schulen. Viele der
fy chord progressions underlying Gesichtsausdrücke, die Gestik mit der sie auf achten, dass wir den Kindern nicht von Maria Montessori und ihren Assis-
its melody. (Gordon, E.E: Learning für den Rest ihres Lebens ihr Bewusst- nur beibringen schriftliche Symbole zu tenten entwickelten Aktivitäten sind sen-
Sequences in Music) sein aufbauen sowie denken und re- dekodieren, ohne ihnen vorher den Zu- sorische, vor allem die mit den Glocken.
flektieren werden. All das geschieht gang zur Musik anhand von reichhalti- Das Begleitmaterial zu den Klangstäben
Das bedeutet: Viele Menschen erkennen noch, bevor das Kind die Schriftsprache gen musikalischen Erfahrungen ermög- ist sehr theoretisch aufgebaut und för-
bekannte Lieder und Melodien ohne sie gezeigt bekommt oder von ihm erwartet licht zu haben. dert die Notenbenennung, das Lernen
zu verstehen, zu schätzen oder richtig wird, dass es lesen und schreiben kann. der Notenwerte und Intervalle, sowie das
wiedergeben zu können. Wenn wir es versäumen, uns zu der Zeit sehr fortgeschrittene theoretische Wis-
Pestalozzis Ansicht, dass Lautierübun- um die Akkulturation des Kindes bzgl. sen (z.B. das bunte Diagramm der Ton-
Zum Vergleich: Nur wenige Menschen, gen vor dem Erlernen der Symbole kom- der Musik zu kümmern, zu der der Ver- artenbeziehungen). Die Erwartung, dass
die lernen ihre Muttersprache zu spre- men sollten, übernahm Dr. Montessori, stand noch formbar und sehr empfind- ein Kind einzelne Ton- und Rhythmus-
chen, zu lesen und zu schreiben, wer- und das trifft besonders auf das Erler- lich ist, werden wir die Gelegenheit ver- symbole lernen soll, ohne dass diese in
den erfolgreiche oder berühmte Redner nen der Musik zu. Das bedeutet, dass passen, seine musikalische Intelligenz einem tonalen oder rhythmischen Zu-
oder Autoren. Aber wäre es nicht eine das Lesen und Schreiben von musika- zu fördern und es bei der Entdeckung sammenhang stehen, ist vergleichbar mit
Tragödie, wenn wir aus diesem Grunde lischen Noten auf jeden Fall erst nach seiner angeborenen Begabung zu unter- dem Lernen der Buchstaben, als Basis
die literarische Akkulturation vernach- der auditiven und mündlichen Phase stützen. Auch wenn es nur wenige Mon- um Sprache zu verstehen oder zu spre-
lässigen würden, die es dem Menschen beginnen sollte, in der das Kind hört, teverdis, Beethovens und Hindemiths chen. Töne nachzusingen hat jedoch we-
ermöglicht tief greifend zu denken, sich brabbelt, singt und mit Lauten, seiner gibt, könnte es doch sein, dass es mehr nig Wert, wenn nicht gleichzeitig ein ge-
vollständig auszudrücken, eine Karrie- Stimme und Musik experimentiert. Ob- von ihnen gibt, als wir denken. Wenn eigneter musikalischer Kontext angeboten
re verantwortungsbewusst anzustreben, wohl Musik keine Sprache ist, wird Musik nämlich alle Menschen mit einer musi- wird, in dem das Ohr und das Gehirn die
gute Literatur zu schätzen und sich von in einem dem Sprachzentrum analogen kalischen Begabung bzw. Fähigkeit ge- Töne in einem bedeutungsvollen Zusam-
edlem Gedankengut, erlesener Poesie Areal des Gehirns erlernt. Der Lernpro- boren werden, diese aber in ihnen nicht menhang wahrnehmen können und der

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Das Wirken der Musik

zukünftiges Musizieren zweckmäßig för- thematik und Physik der Musik zu erklä- die Frauen verschiedenen Alters und Her- raum dabei zu geben selbst Musik zu
dert. Jeder, der als Erwachsener eine ren, indem man mit Beispielen und Dia- kunft sehr aufmerksam und angetan, ob- machen und Noten zu lesen, bevor wir
Fremdsprache gelernt hat, weiß, dass grammen eine mitreißende, einführende wohl diese Art von Musik nicht unbe- ihre Leistung kritisch beurteilen. Bevor
man sich der Fremdsprache unmittelbar Erzählung präsentierte.) dingt zur Musik ihrer Wahl gehörte. Ein wir rhythmische Genauigkeit von ihnen
und völlig aussetzen sollte, um sie er- großer Teil der italienischen Bevölkerung verlangen, sollten wir den Kindern vor-
folgreich und auf angenehme Art zu er- Beispielsweise kann sich das Intervall zeigt eine breite Wertschätzung für Mu- singen, mit ihnen zusammen singen,
lernen: häufiges Zuhören, das Gehörte einer abfallenden Quart – abhängig von sik sowie eine musikalische Kompetenz. ihnen Lieder in verschiedenen Tonarten
in kurzen Sätzen in einem bedeutungs- seiner musikalischen Funktion als z.B. Für Maria Montessori war die musika- und Rhythmen einführen und die Kin-
vollen Zusammenhang zu wiederholen Kadenz, Dominante oder Subdominan- lische Erziehung für die Entwicklung des der ermutigen sich fließend zur Musik
sowie das Praktizieren kurzer Redewen- te – recht verschieden anhören. (Genau- Kindes wichtig. Ihr Ziel war es, das mu- zu bewegen.
dungen in der passenden Umgebung, so wie in vielen Sprachen ein Nomen sikalische Gespür des Kindes zu ent- Wenn man das Bewusstsein dafür hat,
usw. auch als Verb oder Adjektiv fungieren decken und zu fördern, und sie widme- wie das Gehirn Musik verarbeitet, er-
kann und dementsprechend unterschied- te diesem Thema beachtliche Aufmerk- kennt man, dass eine hierarchische oder
Tatsächlich soll das Hören sowie das liche Bedeutungen annehmen oder Ei- samkeit. Maria Montessori betonte da- sequentielle Logik beim Lernen der Kin-
Spielen oder Singen von Musik ein Akt genschaften und Gefühle beschreiben bei: der stattfindet – auch wenn diese sehr
des Begreifens und des Verstehens sein kann). Insofern haben das Erlernen von (…) damit das Anhören von Musik unterschiedlich sein kann. Zu behaupten,
– nicht nur eine passive Aufnahme, eine Noten, ihrer Bezeichnungen und Inter- eine anspruchsvolle Sache wird, dass alle Kinder Musik auf die gleiche
gedankenlose Wiederholung oder eine valle einen begrenzten Wert, wenn Kin- und nicht so ist wie das Lesen oh- Art und Weise lernen, bedeutet nicht,
rein emotionale Erwiderung. Wir erwar- der noch keine ausreichende musikali- ne zu verstehen, was man da gele- dass alle Kinder das gleiche Talent oder
ten nicht, dass Kinder schreiben und le- sche Akkulturation erreicht haben (Blue- sen hat, sind vorbereitende Übun- die gleichen Interessen haben, sondern,
sen, bevor sie sich ein auditives Vokabu- stine, Eric: The Ways Children Learn gen notwendig (...) (Montessori, dass der Lernprozess der gleiche ist –
lar angeeignet haben. Und genauso vor- Music) Maria: Entwicklungsmaterialien in ähnlich wie im Prozess des Laufenler-
sichtig sollten wir auch auf die Bereit- der Schule des Kindes.) nens die Abfolge immer die gleiche ist:
schaft des Kindes für abstrakte und Tatsächlich hat jede Kultur eine eigene krabbeln, sich hinstellen, gehen und erst
schriftliche musikalische Aktivitäten ach- Beziehung zur Musik und das Heimat- Die entscheidenden Fragen nach dem danach das Laufen. Die Aneignung von
ten.2 Ich habe schon erlebt, wie ein 10- land Maria Maria Montessoris, Italien, „wann und wie“ bei der Planung der Sprachkompetenz verläuft ähnlich: Es
jähriges Montessori-Kind an der oben er- war und ist ein Ort, an dem qualitativ Reihenfolge der Unterrichtsinhalte ist in findet eine Steigerung vom Hörwort-
wähnten Übung arbeitete – am bunten hochwertige Musik alltäglicher zelebriert der Musik nicht weniger wichtig als in schatz zum Sprachwortschatz und an-
Diagramm der Tonartenbeziehungen – und praktiziert wird als in vielen ande- den anderen Fächern. Die Tatsache, dass schließend vom Schreiben zum Lesen
als es aber zu einem späteren Zeitpunkt ren Kulturen. Als ich ein Jahr im italie- Generationen von Musikprogrammen in oder – im klassischen Unterricht – vom
vorsichtig danach gefragt wurde, konnte nischen Bergamo verbrachte, um meine den traditionellen Schulen Musiktheorie Lesen zum Schreiben statt.
es weder die Tonart benennen, noch die AMI-Lehrerausbildung zu absolvieren, und Notenlernen betonten, bevor sich
Quint als Intervall erkennen oder singen. sah ich oft, wie junge Mütter oder Väter das Kind eine reiche, auditive Grundlage In der Tat wird Musik ähnlich erlernt
Das soll nicht bedeuten, dass diese ihren Kleinkindern unterwegs vorsangen angeeignet hat, sollte uns dazu veran- wie Sprache. Gordon entdeckte, dass
Übung nicht wertvoll ist, aber dass die- – sei es im Aufzug oder beim Spazier- lassen, sehr umsichtig in der Vermittlung der Mensch Musik auf syntaktische Art
ses Kind tatsächlich noch nicht bereit gang im Park. Als ich hin und wieder ei- der Lerninhalte zu sein, unseren Kin- und Weise verarbeitet und versteht, d.h.
dafür war. (Es wäre in diesem Fall wahr- ne Opern-Arie im Kloster sang, in dem dern viele verschiedene auditive Erfah- „päckchenweise“ durch sinnvolle Ab-
scheinlich vorteilhafter gewesen, die Ma- ich während dieser Zeit wohnte, waren rungen anzubieten und ihnen viel Spiel- schnitte statt durch einzelne Noten, In-

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Das Wirken der Musik

tervalle oder mit Hilfe der Tonleitern. Die- schen Hörwortschatz“ leistet, sagte Ma- rin, auf eine gegebene Phrase mit deren Phänomenen nicht unbe-
se Entdeckung stellt die Welt des Musik- ria Montessori: einer passenden antworten zu kön- dingt der Fall sein muss. Einige
unterrichts auf den Kopf. (We cannot) insist too strongly on nen, einen Rhythmus in vorgege- dieser Phänomene sind Teil des
the need for the greatest possible benem Tempo, Metrum und Stil Audiationsprozesses (imitieren,
(This) is perhaps the most sensa- care in the execution of the selec- fortzusetzen. Ähnlichkeiten zwi- auditiv wahrnehmen), andere wir-
tional discovery ever made in the tions used (to play for children). schen gehörter und schon bekann- ken jedoch sogar kontraproduktiv
history of music eduction! It ren- Our object must be the creation not ter Musik wahrzunehmen und zu zum Audiationsprozess (z.B. me-
ders all traditional music curricu- merely of higher and higher gra- beschreiben, sich selbst Musik aus- morieren) (Süberkrüb, Almuth:
la – those that emphasize the tea- des of understanding but also of denken und umsetzen zu können. Audiation).
ching of pitch matching, melodic higher and higher grades of fee- Sich Musik vorstellen zu können,
contour, intervals, and scales – ob- lings. In this sense, we can never ohne dass sie real erklingt, hat Das zentrale Ziel, eine bereichernde Um-
solete. (Bluestine, Eric: The Ways do too much for the children (...). Edwin E. Gordon als „Audiation“ gebung zu gewährleisten, viele „Samen“
3
Children Learn Music.) We must conceive of ourselves as bezeichnet (...) (Verbform: audiie- des Wissens zu pflanzen und Kinder zu
transmitters of the largess of music ren oder auch als auditieren be- erziehen, die in ihre eigene Individua-
Nach Gordon, Bluestine und anderen to our children. (Montessori, M.: kannt.) (...) (und diese Bezeich- lität und in ihr Selbstbewusstsein hinein-
sollten wir Kindern erst viele Lieder und The Advanced Montessori Method nung ist) mangels einer treffenden wachsen, muss auf den Bereich Musik
sogenannte „Patterns“ beibringen und II) Übersetzungsmöglichkeit mittler- auch zutreffen. Ein Kind, das tiefe Zu-
Intervalle und Tonleitern erst später ein- weile in den deutschen Sprachge- friedenheit in Zusammenhang mit Mu-
führen. Wir können also gar nicht genug tun, brauch übernommen worden sik erfährt, wird selbstsicher in seinen
um in den Kindern feine Gefühle und (Fuchs, Mechtild: Musik in der Bewegungen, im Musizieren, im Aus-
Es wird oft im poetischen Sinn behaup- Sensibilitäten durch hochwertige Musik Grundschule neu denken – neu ge- druck und in der Interaktion mit ande-
tet, dass Musik die „Weltsprache“ ist, zu wecken! stalten: Theorie und Praxis eines ren Menschen werden. Dadurch hat es
doch ist sie natürlich keine „echte“ Spra- aufbauenden Musikunterrichts). größere Chancen zukünftig ein zufrie-
che mit einer Syntax und Grammatik; Der Gedanke an die Verinnerlichung von dener, kreativer und toleranter Erwach-
jedoch hat Edwin E. Gordon darauf hin- Musik, vom Hören und Musizieren mit Das zugehörige Verb audiieren (to sener zu sein.
gewiesen, dass es auch eine Analogie Verstand und Gefühl war früher kein audiate) wurde in Anlehnung an
zwischen dem Ablauf des kindlichen neuer Gedanke und ist es auch heute übliche Wortbildungsgesetze und Um Kindern ausreichende Gelegenheiten
Spracherwerbs und dem des musikali- nicht. Inzwischen ist aber ein neuer Be- nach Rücksprache mit der Duden- zu geben ihren „musikalischen Hörwort-
schen Lernens gibt, dass Erkenntnisse griff erfunden worden, der dieser grund- gesellschaft abgeleitet. Audiieren schatz“ zu erweitern (und noch dazu
über den Spracherwerbsprozess dem- legenden Erfahrung einen Namen gibt: ist zu unterscheiden von auditiv eine Chance im Laufe der Zeit ein tie-
nach als Modell für das musikalische „Audiation“ und in der Verbform „audi- wahrnehmen, imitieren, sich ein- feres Verständnis für Musik zu bekom-
Lernen herangezogen werden können ieren. prägen beziehungsweise auswen- men), kann man ihnen viele Aufnahmen
(Fuchs, Mechtild: Musik in der Grund- dig lernen und von innerem Hö- schöner Musik, zu der sie sich fließend
schule neu denken – neu gestalten). Musik „musikalisch“ zu erfahren ren. Der Hauptunterschied zwi- bewegen können, anbieten. Auch soll-
bedeutet, die besondere Sprache schen Audiation und diesen men- te man ihnen viele Möglichkeiten geben,
Soweit es eine allgemeine Auswahl an der Musik verstehen und darin talen Prozessen liegt darin, dass die Bewegungen des Körpers und die
Musik für Kinder betrifft, die einen Bei- kommunizieren zu können. Die- Audiation auf jeden Fall „verste- Koordination der Atmung zu entdecken
trag zum äußerst wichtigen „musikali- se Fähigkeit äußert sich etwa da- hen“ einschließt, was bei den an- was für die Audiation, das Singen und

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Das Wirken der Musik

das Spielen eines Instrumentes entschei- klassische Musik – besonders die von W. zinierendes Thema. 1871 proklamiert che Musik sowie qualifizierter Unterricht
dend ist. Man kann bekannte Lieder mit A. Mozart – hören. Der so genannte „Mo- Darwin, dass die musikalische Fähigkeit mit den Elementen musikalischer Syn-
ihnen singen und ihnen dabei helfen, zart-Effekt“ besagt, dass schon alleine des Menschen ‘must be ranked amongst tax oder sinnvolle Einheiten, „päckchen-
den Grundton herauszuhören und suk- das passive Hören der Musik Mozarts die the most mysterious with which he is weise“ dosiert, die größtmögliche Wir-
zessive dabei die Haupt- und Neben- Intelligenz steigere. Die aufkommende endowed’, d.h. zu den unerklärlichsten kung bzw. den größtmöglichen Einfluss
schläge zu fühlen. Diskussion über die Erfolge einer prä- gezählt werden muss, mit denen er aus- auf die musikalische Entwicklung eines
natalen Förderung und die Angebote, gestattet ist. Die Wissenschaftler sind Menschen haben können.
Das so genannte „Radio-Spiel“ ist eine die aufgrund der Theorie des „Mozart sich noch nicht einig darüber, ob Musik-
Audiationsaktivität, die Kindern gefällt Effekts“ in den letzten Jahren entstan- erziehung, je nach Qualität, auch „Ne- Das Ohr
und sie auch herausfordert: Der Spiel- den, wurden durch spätere Forschungs- benwirkungen“ haben könnte. Man
leiter beginnt ein Lied zu singen, das ergebnisse wieder in Frage gestellt. Der könnte jedoch einwenden, dass wir, Es ist in den letzten Dekaden allgemein
alle Kinder mitsingen. Beim Singen hält Kognitionspsychologe Dr. Daniel Levitin wenn wir irgendetwas Neues lernen, bekannt geworden, dass Laute notwen-
der Spielleiter eine Hand hoch, was für an der McGill Universität in Montreal hat immer unsere Intelligenz und unser Be- dig für die normale, menschliche Ent-
die Kinder bedeutet, „Lautstärke hoch“. festgestellt, dass Kinder mit Williams- wusstsein erhöhen. Fakt ist, dass Musik wicklung sind – besonders für die
Während er die Hand senkt, nimmt die Beuren-Syndrom und der einhergehen- an sich von hohem Wert ist, ob sie direkt Sprachentwicklung. Das erste Organ, das
Lautstärke beständig ab, bis die Kinder den kognitiven Behinderung in Verbin- oder indirekt andere kognitive Funktio- im Mutterleib wächst und voll funktions-
aufhören mit ihren Stimmen zu singen, dung mit einem häufig fehlenden Zeit- nen beeinflusst oder nicht. fähig wird (mit ca. 4,5 Monaten) ist das
das Lied jedoch weiter in ihren Köpfen oder Mengensinn, oft große musikali- Ohr (s. Foto). Dr. Alfred A. Tomatis, der
und Körpern hören. Wenn der Leiter die sche Begabung aufweisen. (Thompson, Das Entscheidende, woran wir beim Mu- französische Hals-, Nasen- und Ohren-
„Lautstärke“ mit dem Handsignal wie- Clive: Name that tune: Apparentlz, we sikunterricht denken sollten, bezieht sich arzt, der Anfang des 20. Jahrhunderts
der „erhöht“, singen die Kinder weiter are wired for music). auf das, was Maria Montessori in Bezug das Verhältnis des Gehörs zur gesunden
an der Stelle, an der sie normalerweise auf die sensiblen Phasen für den Musik- Seele und zum Körper – besonders zur
wären, wenn sie nicht aufgehört hätten Die irisch-kanadische Musikerin, Musik- und Spracherwerb festgestellt hat: Das Stimme – erforschte, arbeitete mit den
laut zu singen. Manchmal funktioniert und Montessori-Pädagogin Dr. Maureen optimale Zeitfenster für die sensible Pha-
dieses Spiel gut, manchmal auch nicht, Harris hat Forschungen mit Montessori- se in Bezug auf Sprache schließt sich im
aber die Kinder scheinen den Wert des Schülern durchgeführt und ausführlich Alter von ca. fünf Jahren und das opti-
Spiels intuitiv zu erkennen und zu spü- darüber publiziert, wie sich die Musik male Zeitfenster der Sensibilität für die
ren, dass sie lernen sollten die Musik positiv auf die Entwicklung des Gehirns musikalische Akkulturation schließt sich
innerlich zu hören, auch wenn sie au- und des Lernens auswirkt. Sie berichtet, im Alter von ca. neun Jahren. Es ist na-
ditiv nicht wahrnehmbar ist. Es ist für dass Musik die Konzentrations- sowie türlich möglich, dass ältere Kinder oder
das Kind reizvoll, seinen Verstand bei die Denkfähigkeit verbessern kann (Har- Erwachsene ihre musikalischen Fähig-
diesem Spiel einzusetzen! ris, M.: Music and the Young Mind: En- keiten verbessern, aber der direkte Ein-
hancing Brain Development and Enga- fluss, der die gezielte Förderung auf ihre
Frühzeitige Einflüsse ging Learning.)4 „natürliche“ und angeborene musikali-
sche Begabung hat, ist am stärksten im
In den letzten Jahrzehnten berichten For- Forschungen, die die evolutionäre Rolle frühkindlichen und im Grundschulalter.
schungsergebnisse, dass Säuglinge schon der Musik beim Menschen und anderen Diese Jahre sind die kritischen Jahre, in
im Mutterleib davon profitieren, dass sie Säugetieren untersuchen, sind ein fas- denen exzellente und abwechslungsrei-

116 DAS KIND Heft 50 | Winter 2011 Heft 50 | Winter 2011 DAS KIND 117
Das Wirken der Musik

Arbeitern einer Munitionsfabrik, die Ge- entwicklung, die Entwicklung des Ge- rungen hörbar und für sie beunruhigend schatz haben oder zum anderen nicht
hörschädigungen erlitten hatten sowie hirns und die angeborenen musikali- sind und ihnen das Gefühl geben, dass gelernt haben sich frei zu bewegen oder
mit OpernsängerInnen, die bestimmte Tö- schen Fähigkeiten der Kinder zu stimu- sie sich nicht auf ihre Stimme verlassen zu atmen, Fähigkeiten, die die Funk-
ne nicht mehr singen konnten. Er ent- lieren. (Gordon, E., Learning Sequences können. Wenn wir mit einer Gruppe sin- tionstüchtigkeit der Stimme erheblich
deckte, dass die Stimme nur das produ- in Music) gen, sollten wir betonen, dass keiner ge- beeinflussen. Diese Kinder sollten Ge-
zieren kann, was das Ohr hören kann. zwungen wird mitzusingen. Wir können legenheit bekommen, sich selbst mit mu-
Was das Gehör bei Wiederherstellung Das Singen musikalische Rituale oder Spiele ein- sikalischer Begleitung singen zu hören,
nach einer Schädigung wieder hören bringen, bei denen wir alle Kinder auf- um die Diskrepanz zwischen ihrer Ton-
kann, kann die Stimme danach auch wie- Es ist nicht selten, dass Erwachsene ne- fordern, sich zu beteiligen. Wir können lage und der durch das Instrument vor-
der produzieren. (tomatisassociation.org) gative Erinnerungen an den Musikunter- Kinder dazu ermutigen ihre eigenen gegeben erkennen zu können. Außer-
Das Frühwerk Maria Montessoris mit richt in ihrer Kindheit haben; bei ihren Stimmen auf einen Tonträger aufzuneh- dem wird es diesen Kindern helfen,
geistig behinderten Kindern basierte auf Versuchen als Kind zu singen wurden men, z.B. beim Lesen eines Gedichts wenn in der Wiederholung der Lieder
ihren Studien der leidenschaftlichen, ihnen von Lehrern gesagt, dass sie falsch oder einer Geschichte. So bekommen sie harmonische und rhythmische Muster
aber nicht erfolgreichen Versuche Jean oder zu laut sängen. Da ich seit Jahren frühzeitig Gelegenheit die eigene Stimme verwendet werden. Dieses dient auch der
Itards, dem so genannten „wilden Kind Gesangsunterricht für Erwachsene jeden zu hören und zu akzeptieren. Kürzlich Stabilisierung in einer Tonart. Sogar
von Aveyron“ das Sprechen beizubrin- Alters gebe, habe ich häufig Geschichten bot ich ein Musikprojekt an, in dem es ältere Kinder können mit zusätzlicher
gen. Diese lagen auch ihren anschlie- von solchen verletzenden Erlebnissen ge- den Kindern erlaubt war, ein „Unsinn- Aufmerksamkeit und Audiationstraining
ßenden Ausführungen über die innere hört und festgestellt, dass Stimmunter- gedicht“ so auszusprechen, wie sie selbst lernen richtig zu singen. (Selbstverständ-
Arbeit des Kindes beim Spracherwerb richt eine „therapeutische“ Wirkung ha- die Silben interpretieren wollten. Als lich sollten diejenigen Erwachsenen, die
und über die Zusammenhänge zwischen ben kann. Angelsächsische Kulturen sind wichtige freie Übung konnten sie eine mit den Kindern solche Gesangsübun-
Hören, Imitation und Bewegung zugrun- wahrscheinlich konservativer als latein- Gefühls- oder Charakterart wählen und gen durchführen, die dafür notwendige
de. amerikanische Kulturen beispielsweise dann das Gedicht als Ausdruck diesen Qualifikation mitbringen.)
und so geschieht es selbst bei einem „Charakters“ vorlesen. Allein unter Ein-
Bevor Säuglinge überhaupt sprechen musikalischen Kind leicht, dass es sich satz ihrer Stimmen wurden die Kinder Weitere Vergleiche zwischen dem
können, „gurren“ und „glucksen“ Eltern Schüchternheit beim Singen aneignet. zur Opernsängerin, zum Gärtner, zum Spracherwerb und dem Erlernen
mit ihren Kindern – auf Englisch „paren- Wir hoffen, die Kinder in unserer Obhut Baby, um nur ein paar Beispiele zu nen- von Musik
tese“ genannt. Dies fördert die Entwick- zu bereichern und sie dazu zu befähi- nen. Das Anhören der Aufnahmen ver-
lung der Aussprache und die Bindung gen, sich auf ihre eigene Art sich selbst ursachte anschließend viel Gelächter und Musik und Lieder können im Rahmen
zwischen Eltern und Kind. Diese Aktivi- darzustellen und Selbstsicherheit bei half das Schreckerlebnis beim Hören der anderer Fachbereiche eingeführt wer-
tät ist dem Singen sehr ähnlich. Zudem der Verwendung ihrer eigenen Stimme eigenen Stimme und die damit einher- den: Ich unterrichte auch Englisch als
entsteht daraus oft eine Art Gesang, so- zu bekommen, auch wenn sie niemals gehende Befangenheit zu überwinden. Fremdsprache und finde, dass besonders
dass man die Stimme als das „erste mu- SängerInnen werden sollten. unter den jüngsten Kindern der Grund-
sikalische Instrument“ bezeichnen könn- Manche Kinder singen falsch und mer- schule Lieder, Bewegungsspiele und
te. Unseren jungen Kindern und Schü- Kinder, die kurz vor der Pubertät stehen, ken es überhaupt nicht. Das bedeutet Sprechchöre (chants) erfolgreich einge-
lern immer wieder vorzusingen, könnte haben sich manchmal schon eine Befan- weder unbedingt, dass sie kein „musi- setzt werden können. Die Feinmotorik
die wertvollste Methode sein, die sowohl genheit oder Hemmung in Bezug auf das kalisches Ohr“ hätten, noch, dass sie und das Gehör der Kinder entwickeln
Musiker als auch Nicht-Musiker anwen- Singen angeeignet. Das merkt man be- nicht begabt wären. Sie könnten zum sich noch und die Kinder sind begierig
den können, um das Gehör, die Stimm- sonders bei Jungen, deren Stimmände- einen einen Mangel in ihrem Hörwort- in einen größeren Kosmos einzutreten.

118 DAS KIND Heft 50 | Winter 2011 Heft 50 | Winter 2011 DAS KIND 119
Das Wirken der Musik

Die Fremdsprache stellt für sie den Zu- sentlichen in denselben Gehirnre- zu einem scheinbar magischen Zeit- tig ist es, dass das Ohr des Kindes erle-
gang zu einer faszinierenden und auf- gionen. (Fuchs, Mechtild: Musik punkt – entspringt das erste Wort den sene Musik zu hören bekommt.
regenden parallelen Welt dar, ganz zu in der Grundschule neu denken – Lippen des Kindes. Auf einem langen
schweigen davon, dass sie sich noch in neu gestalten: Theorie und Praxis internationalen Flug beobachtete ich Die Erziehung muss vorher erfol-
einer Entwicklungsphase befinden, in eines aufbauenden Musikunter- ein 18 Monate altes Kind dabei, wie es gen, denn ein Volk von Tauben
der es ziemlich einfach ist neue Voka- richts) ein Spielzeughandy zum Ohr hielt und kann die musikalischen Köstlich-
beln und Gedanken aufzunehmen. (Es „hawah“ sagte. Kinder ahmen die Spra- keiten auch nicht genießen, da das
gibt ein großes Angebot an Liedern, die Die sensible Phase bzw. das Zeitfenster che des Erwachsenen nach und arbeiten Ohr die Töne nicht wahrnehmen
man fachübergreifend einsetzen kann, für das Erlernen der Musik ist ähnlich beständig, bis sie sie gemeistert haben. und schätzen kann. So kommt es
z.B. auf den Websites www.mathwire.com dem des Spracherwerbs. E.E. Gordon dazu, dass die Gasthäuser voll
und songsforteaching.com). Kinder, die behauptet, dass Kindern, die nicht in Mit ihrer Darstellung der „Explosion der sind, während Musik von Bellini
in der Verschriftlichung ihrer Mutter- einem frühen Alter mit Musik in Berüh- Sprache“ lobt Maria Montessori leiden- oder Wagner auf öffentlichen Plät-
sprache bereits ziemlich sicher sind, rung kommen, die optimale Zeit um zu schaftlich die „innere Arbeit“, die im zen erklingt. (Montessori, M.: Ent-
schreiben gerne Texte für eigene „Raps“ lernen und sich zu entwickeln voren- Kind stattfindet, um die Sprachbefähi- wicklungsmaterialien in der Schu-
und eigene Strophen zu bekannten Lie- thalten wird. (Gordon, A Music Learning gung aufzubauen und ermahnt den Er- le des Kindes)
dern. (Was sehr unterhaltsam sein Theory for Newborn and Young Chil- wachsenen, Vorbild zu sein mit einer
kann!) dren) Das Gehirn eines Kindes kann kultivierten Sprache und einer konstruk- Bedauerlicherweise ist es wenig verbrei-
sich nur dann zum vollen Potenzial ent- tiven Dialogfähigkeit. Genau dies tun die tet – außer in sehr musikalischen Kul-
Obwohl die Musik nicht wirklich eine wickeln, wenn es in der frühen Kindheit meisten Eltern ganz natürlich, indem turen – dass Eltern ihren Kindern eine
Sprache mit eigener Grammatik darstellt den notwendigen, bereichernden Erfah- sie ihrem Kind vorlesen und mit ihm in entsprechende Art der regelmäßigen
und die Möglichkeit einer präzisen rungen ausgesetzt wird. (Harris, M.: der Muttersprache sprechen. Sie sorgen musikalischen Stimulanzien anbieten.
Kommunikation bietet, verkörpert sie Music and the Young Mind: Enhancing dafür, dass ihr Kind in unterschiedlichen Diesen häufigen Mangel an musikali-
doch vielfältige Möglichkeiten der per- Brain Development and Engaging Lear- Situationen eine angemessene Sprache schen Stimulanzien, der über längere
sönlichen, intelligenten und emotiona- ning) hört. Bevor das Kind die Fähigkeit der Zeiträume hinweg besteht, müssen wir
len Kommunikation und enthält syn- Artikulation hat, findet viel Gurren und Pädagogen oft in unserem Unterricht
taktische Elemente. Die Tatsache, dass Kinder Musik auf ei- Brabbeln statt, das das Gehör, das Ge- ausgleichen. Wir würden hingegen nie
ne ähnliche Art und Weise lernen, wie hirn und die Stimme des Kindes stimu- von einem Kind erwarten, dass es Grie-
(Es) besteht eine enge Verbindung sie Sprache lernen, ist wichtig für das liert. chisch durch routinemäßige phonetische
zwischen Musik und Sprache: bei- Verständnis dafür, wie der Musikunter- Wiederholungen und Übungen lernen
de werden mit denselben „Werk- richt gestaltet werden soll. Ein gesun- Wir leben den Kindern eine klare und solle, wenn es niemals zuvor die grie-
zeugen“ hervorgebracht und ge- der Säugling hört bereits im Mutterleib deutliche Ausdrucksweise in der Mut- chische Sprache gehört oder die Bedeu-
formt – Stimmbänder, Kehlkopf, Laute und nach der Geburt ebenso. Ers- tersprache vor, wie wir auch hochwer- tung des Gehörten verinnerlicht hätte.
Zunge, Rachenraum; sie bedienen te Bezugsperson ist die Mutter. Er brab- tige Literatur anbieten, um das Denken, Deswegen müssen wir mit Kindern, die
sich derselben Parameter – Melo- belt und beginnt Laute nachzuahmen, die Sprache und die Schrift zu fördern. aus musikalisch „armen“ Familienver-
die, Rhythmus, Lautstärke und hört aufmerksam zu und beobachtet die Die Art und Weise der Sprache, die das hältnissen kommen, sehr geduldig sein,
Tempo; beide haben eine Syntax. Lippen und Gesichter anderer Menschen. Kind hört und lernt wird seine eigene aber gleichzeitig eifrig und bereit dazu,
Die mentale Verarbeitung von Mu- Dann macht er die ersten Versuche und Sprache und den Umfang seiner Denk- sie zu unterstützen, dies so gut wie
sik und Sprache geschieht im We- nach monatelanger „innerer“ Arbeit – fähigkeit beeinflussen. Genauso wich- möglich auszugleichen.

120 DAS KIND Heft 50 | Winter 2011 Heft 50 | Winter 2011 DAS KIND 121
Das Wirken der Musik

Wenn wir an den Musikunterricht so Montessori-Pädagogen wissen, welch sen sollte man lieber beobachten, do- len, was eine wunderbare natürliche
herangehen würden, als ob es sich um wichtige Rolle Bewegung für die allge- kumentieren und andere, geeignetere Motivation darstellt, da es immer einige
eine zweite Sprache handelte, dann wä- meine Entwicklung des Kleinkindes Übungen anbieten. Kinder sollten zu- Kinder gibt, die – bedauerlicherweise –
ren wir vielleicht geduldiger und hätten spielt und das trifft genauso auf die mu- erst kontinuierliche, fließende Bewegun- nicht singen möchten, aber auf jeden
mehr kreative Ideen, um das Kind bei sikalische Entwicklung zu. Es wurde un- gen erlernen, während Musik gespielt Fall das Instrument spielen wollen. Sie
seinen musikalischen Entdeckungen zu tersucht, wie 3 bis 5Jährige auf die ver- oder gesungen wird, damit sie die er- merken bald, dass es nicht schwierig ist,
unterstützen. Darüber hinaus wäre uns schiedenen Aspekte der Musik reagieren forderliche Koordination von spontaner die kurzen Liedstrophen zu meistern
bewusst, wie wichtig eine fachkundige und die Forschungsergebnisse lassen Atmung und Bewegung meistern und und werden selbstsicher. Solange Kin-
Anleitung in der frühen Kindheit ist. erkennen, dass erwachsene Vorbilder, sich ihrer Bewegungen bewusst werden. der noch nicht dazu in der Lage sind in-
Musik ist universell und der elementare die zur Bewegung anleiten, eine große Die Beherrschung der vorbereitenden toniert zu singen und sich rhythmisch
und einfache Genuss eines musikali- Rolle dabei spielen. Der Befund zeigt, Atmung und die Koordination der Kör- zu bewegen, können sie leider noch nicht
schen Zaubers ist überall erhältlich. Das dass typische frühkindliche Aktivitäten, perteile in den freien Bewegungen sind ausreichend vom Instrumentalunterricht
Hören von anspruchsvoller und erlese- wie Klatschen und Marschieren, nicht grundlegend für die Entwicklung der profitieren, sind häufig entäuscht und
ner Musik alleine reicht nicht aus: ein die geeignetsten Aktivitäten sind, um echten Audiation und das daraus resul- geben auf. Das gilt es zu vermeiden.
systematischer Lehrgang mit Unterrichts- das Rhythmusgefühl bei Kindern zu tierende richtige Singen und Musizieren.
einheiten, die in die Bestandteile der Mu- fördern. (Reynolds, A.: Guiding Prepara- Wenn wir die Musik analysieren, teilen Die vorbereitete Umgebung:
sik gegliedert sind, muss so angeboten tory Audiation: A Moving Experience) wir sie in Schläge auf, aber Musik fließt Lernbegleiter, die Musikecke, das
werden, wie ein Fremdsprachenlehrer Dies erscheint einigen der von Maria in Wirklichkeit kontinuierlich! Indem Material und die Instrumente
Satzteile anbietet und diese üben lässt, Montessori vorgeschlagenen Übungen Kinder zuerst lernen sich zur Musik frei
bis daraus neue, erweiterte Satzgefüge zu widersprechen (z.B. das Marschieren, und fließend zu bewegen, lernen sie die Viele der ausgebildeten Montessori-Lern-
entstehen. usw.). Aber mittlerweile gibt es Erkennt- Musik als Ganzes zu hören und zu füh- begleiter – vielleicht sogar die meisten
nisse darüber, dass es eine zusätzliche len, besonders auch die Musik zwischen – sind nicht gleichzeitig ausgebildete
Bewegung Phase der Bereitschaft für streng rhyth- den Schlägen. Danach lernen sie erst die Musiker und zögern deshalb oft den Kin-
mische Spiele und Aktivitäten gibt. Ich Haupt- und Nebenschläge sowie alle dern Musikunterricht zu erteilen. Auch
habe beobachtet, dass viele Erst- und anderen aufeinanderfolgenden, komple- wenn die Lehrgänge der Association
sogar Zweitklässler Schwierigkeiten beim xen, rhythmischen Muster zu fühlen und Montessori Internationale (AMI) beto-
Marschieren haben oder beim Klat- zu betonen. nen, dass wir nicht in allen Bereichen
schen von Haupt- und Nebenschlag. Experten sein müssen und dass wir den
Manche Kinder klatschen bzw. bewe- Wenn Kinder in meinem Musikunter- Kindern klare und einfache Darbietun-
gen sich rhythmisch, aber beschleuni- richt ein Instrument spielen möchten, gen geben sollen, fühlen wir uns beim
gen mit der Zeit den Schlag, sodass sie z.B. die Bassbegleitung auf einem Orff- Unterrichten mancher Fächer sicherer
weit voraus sind und sich vom Rest der Xylofon, gehen wir als erstes in unserer als bei anderen. Oft teilen Lernbegleiter
Gruppe und der Audiation abkoppeln. Vorstellung die Bewegungen durch – als die zu unterrichteten Fächer nach indi-
Man sollte darauf achten – wie man es ob das Kind vor dem Instrument steht viduellen Stärken und Interessengebie-
in der Montessori-Ausbildung gelernt hat und einen Schlägel in der Hand hält. ten unter sich auf. Ein Pädagoge würde
– das Kind in einem solchen Fall nicht Dann üben wir die Atmung und den Auf- auch nicht versuchen eine Fremdspra-
übermäßig zu fordern, solange es die takt. Ich setzte voraus, dass die Kinder che, die er weder aussprechen, verste-
Übung noch nicht beherrscht. Stattdes- den Bourdon singen, bevor sie ihn spie- hen, lesen, noch schreiben kann, zu un-

122 DAS KIND Heft 50 | Winter 2011 Heft 50 | Winter 2011 DAS KIND 123
Das Wirken der Musik

terrichten. Daher ist es sehr natürlich, Classroom: Results from a Survey of AMI Potenzial in anderen Bereichen wie Montessori-Schulen fördern ihre Schü-
dass Lernbegleiter ohne musikalische and AMS Teacher Trainers). Kunst, Sprache, Mathematik, Naturwis- ler, indem sie eine musikalische Berei-
Ausbildung zögern Musik zu unterrich- senschaften und Sport zu entwickeln. cherung durch ausgebildete Musiklehrer
ten. Um Kindern, die musikalisch noch nicht Musik wird auf eine ähnliche Art und anbieten – so wie der Fachunterricht von
so weit entwickelt sind, trotzdem die Ge- Weise erlernt wie Sprache, d.h. die Fä- Fachlehrern für Spanisch, Französisch
Forschungsergebnisse von Saunders und legenheit zu geben, eigenständig mit Ge- higkeiten entwickeln sich sequentiell oder Englisch – angeboten wird. Die mu-
Baker (1991) zeigen, dass die meisten sang und Instrumenten zu experimen- oder der Reihe nach, erst „der Hör- und sikalische Entwicklung des Kindes wird
Pädagogen sich zutrauen Sing- und Hör- tieren, schlage ich ein einfaches Instru- Sprachwortschatz“, dann das Lesen und durch die systematische Gewöhnung an
aktivitäten in ihrem Unterricht zu ver- ment wie eine Autoharp vor (s. Bild), Schreiben. Im Unterricht sollten Lern- und Audiation von fortschreitend schwie-
wenden, aber zögern das Fach Musik welche eine attraktive und hilfreiche Mög- begleiter Kindern die Möglichkeit bieten, rigeren und komplexen tonalen und
in den allgemeinen Lehrplan zu integrie- lichkeit darstellt, harmonische Rhyth- viele Lieder, Melodien und rhythmische rhythmischen Mustern gefördert, damit
ren, wenn die Erwartungen ihre eigenen men zu spielen oder sich selbst beim Sprechchöre (chants) in verschiedenen das Kind einen authentischen musika-
musikalischen Fähigkeiten übersteigen. Singen bekannter Lieder zu begleiten. Tonarten, Takten und Stilrichtungen zu lischen „Wortschatz“ entwickelt und zu
(Harris, M.: Music and the Young Mind: Sie ist zudem sehr leicht zu bedienen. lernen und sie dazu ermutigen sich flie- improvisieren lernt – also anfängt mu-
Enhancing Brain Development and En- Das Spiel mit der Ukulele ist ebenfalls ßend zur Musik zu bewegen. Musikali- sikalisch zu denken und musikalisch zu
gaging Learning ) sehr einfach zu erlernen. Manche Kin- tät und Audiation werden durch fließen- reagieren. Erst dann kann es bewusst
der werden ihre Blockflöte oder Gitarre de Bewegungen, spontane Atmung und und mit Verstand Musik bzw. Noten le-
Auch im Singen ist nicht jeder geübt, von zu Hause in die Schule mitbringen durch die Verwendung der Stimme als sen und schreiben, was zum eigenstän-
aber es ist mit am wichtigsten, viele Lie- wollen. Es ist aber wichtig, dass wir „Primärinstrument“ gefördert. digen musikalischen Denken führt.
der, kurze und lange, in vielen verschie- unser eigentliches Ziel nicht aus den Au-
denen Tonarten und Rhythmen, mög- gen verlieren: dass wir die Kinder da-
lichst in Zusammenhang mit freier Be- bei unterstützen möchten, musikalisch
wegung, in den schulischen Alltag zu gebildet und Audiatoren der Musik zu
integrieren. Es gibt qualitativ gute Auf- werden. Es geht uns nicht darum, dass
nahmen von Liedern, auch mit Playback- sie die Fähigkeit bekommen, ein Noten-
Versionen, mit denen die Kinder selbst- blatt zu dekodieren oder mechanisch
ständig Musikbeispiele hören und wie- ein Instrument zu spielen.
dergeben können.
Fazit
Angeline Lillard untersuchte genau, was
Lernbegleiter in ihrem Grundstufenun- Musik ist eine wichtige Komponente in
terricht als hilfreich betrachten und fand der menschlichen Entwicklung und kann
heraus, dass die Klangstäbe und ihre be- im Menschen zu tiefer Zufriedenheit
gleitenden Aktivitäten in Klassen, in de- führen. Alle Kinder verfügen über ein
nen Kinder hohe musikalische Fertigkei- bestimmtes Maß angeborener, musika-
ten zeigen, am erfolgreichsten einge- lischer Fähigkeit – tonal und rhythmisch
setzt und geübt wurden. (Lillard, Ange- – und verdienen eine Chance, ihr mu-
line, “What Belongs in a Montessori sikalisches Potenzial, genauso wie ihr

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Das Wirken der Musik

Egal ob auf der Bühne oder ganz privat dazu in der Lage sein als zufriedener, 4) Dr.Harris hat vor kurzem einen kompletten Kurs für ■ Gordon, E.E.
– das Kind, bzw. ein Mensch, wird durch kreativer und toleranter Mensch sein die musikalische Bereicherung junger Montessori- erzälht im Rahmen des
eine kompetent unterstützte musikali- Leben zu genießen und sein Umfeld zu Kinder und für Pädagogen herausgebracht, der auf GIML Elementary Music Certification Kurs 2011
sche Entwicklung besser in der Lage sein, bereichern. den Ergebnissen ihrer Forschung an Montessori-
an Musik teilzuhaben und letztendlich Schulen in den USA basiert: Music Learning for Kids, ■ Harris, Maureen
ALLE FOTOS: JANET O’DONOVAN 2005. Diese Literatur ist zurzeit nur auf Englisch oder Music and the Young Mind: Enhancing Brain
Chinesisch erhältlich. Dr. Harris hat mir bestätigt, Development and Engaging Learning
dass ihr Kurs demnächst auch in deutscher Sprache Rowman & Littlefield Education, 2009

>> anmerkungen veröffentlicht werden wird.


■ Krumins-Grazzini, Baiba
1) Auf dem Gipfel meiner bescheidenen Karriere als Pianistin und Sängerin, konnte ich sehr schwierige Musikstücke auf den erzählt im Rahmen des AMI Elementary Lehrgang
ersten Blick spielen – z.B. die Violinbegleitung von Stücken von J. Brahms oder eine Opernpartitur von Mozart oder Bergamo, 2007-2008
Strauss. Ich wäre jedoch nicht in der Lage gewesen, etwas davon zu transponieren, bei der einfachsten Themenstellung
zu improvisieren oder mich an einen Satz davon zu erinnern, ohne ihn mühsam auswendig zu lernen. Als wenn man ein
>> bibliographie ■ Lillard, Angeline
großartiges literarisches Werk liest und anschließend überhaupt nichts darüber sagen kann. Mir, wie auch Generationen What Belongs in a Montessori Classroom: Results
von Kindern, wurde gelehrt Musik zu lesen, lesen, lesen und zu spielen, spielen, spielen, d.h. Symbole zu entschlüsseln, ■ Bluestine, Eric from a Survey of AMI and AMS Teacher Trainers
aber ohne musikalisches Verständnis oder jegliche Interaktion. The Ways Children Learn Music, An Introduction University of Virginia, 2011
2) Praktisch gesehen, bedeutet das z.B., dass ich – ähnlich wie in der AMI-Grundausbildung – mit den Kindern neue Lieder and Practical Guide to Music Learning Theory
einübe und dafür sorge, dass die Kinder einen guten musikalischen und rhythmischen Kontext bekommen. Die Kinder GIA Publications, 2000 ■ Montessori, Maria
haben Musikbücher, aber diese sind in erster Linie als Literaturquelle gedacht, denn manchmal haben sie Freude daran, Entwicklingsmaterialien in der Schule des Kindes
Liedertexte abzuschreiben oder selbst eine Strophe zu einem Lied zu dichten. Wenn ich beobachte, dass Kinder nicht ■ de Napoli, Isenarda Götz-Dörfles, 2003
richtig mitsingen oder Schwierigkeiten mit den rhythmischen Spielen haben, dann überlege ich mir auf Basis meiner Music and the Montessori Method
Dokumentation Übungen und Aktivitäten, die sich für ihre gegenwärtigen Fähigkeiten eignen. Das bedeutet, dass die Opera Nazionale Montessori, 2002 ■ Montessori, Maria
Kinder lernen das Ostinato und die Bourdon-Begleitung zu singen, bevor sie sie auf einem Instrument spielen können. The Advanced Montessori Method II
Das bedeutet auch, dass wir viele Lieder in verschiedenen Tonarten, Sprachen, Rhythmen und auf unterschiedliche Weise ■ Fuchs, Mechtild 1917
lernen. Musik in der Grundschule neu denken – neu gestalten:
3) Dies ist eine mutige und gleichzeitig hoffnungsvolle Behauptung, die auf jahrelange, engagierte Forschung gegründet ist Theorie und Praxix eines aufbauenden Musikunterrichts ■ Reynolds, Alison
und von einer anwachsenden Anzahl von Praktikern und lebhaften jungen Musikern in den USA, Großbritannien, Helbling 2010 Guiding Preparatory Audiation: A Moving Experience:
Spanien, Portugal, Polen, Ostasien und besonders in Italien forciert wird. Die sich kontinuierlich entwickelnde Theorie The Development and Practical Application of Music
des Musiklernens ist mit der Montessori-Philosophie durchaus kompatibel: Es wird gemäß den individuellen ■ Gordon, E.E. Learning Theory, ed. Runfola and Taggert
Bedürfnissen des Kindes gelehrt und das sensorische Erfahren wird vor dem abstrakten Lernen angeboten. Die Theorie Learning Sequences in Music GIA, 2005
stellt zudem die Wichtigkeit von Bewegung beim Lernen heraus und der Denkansatz „Vom Ganzen zum Detail und wie- GIA Rev. ed. 2007
der zum Ganzen“ (Whole-Part-Whole) wird einbezogen. Es wird eine systematische Abfolge von Lernfertigkeiten ange- ■ Süberkrüb, Almuth
boten, die auf dem Wissen basieren, wie Kinder Musik tatsächlich erlernen und nicht darauf, wie Erwachsene denken, ■ Gordon, E.E. Audiation, www.gordongesellschaft.de/index.php?id=93
dass Musik präsentiert werden sollte. Tatsächlich arbeitet Dr. Gordon schon seit einigen Jahren mit Montessori-Schulen A Music Learning Theory for Newborn
in Rom zusammen und hat sich in Italien einen guten Namen gemacht. (de Napoli, Isenarda: Music and the Montessori and Young Children ■ Thompson, Clive
Method). GIA, 2003 Name that tune: Apparently we are wired for music

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