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Grenzen und Europaidee

Bara Bernadett

Was sind Grenzen? Das ist eine einfache Frage, die schwer zu beantworten ist. Wenn man um
Grenzen denkt, was erstens auf ihren Gedanken kommt, ist Kontrolle, Passen und Zoll. Aber
Grenzen sind nicht nur Linien die ein Staat von einem anderen trennt. In DUDEN findet man drei
Bedeutung des Wortes `Grenze`: “Geländestreifen, der politische Gebilde (Länder, Staaten)
voneinander trennt; Trennungslinie zwischen Gebieten, die im Besitz verschiedener Eigentümer sind
oder sich durch natürliche Eigenschaften voneinander abgrenzen; nur gedachte Trennungslinie
unterschiedlicher, gegensätzlicher Bereiche und Erscheinungen.”( 1 ) Also, Grenzen können hart,
physisch unüberwindbares, gleichzeitig gedachte, unsichtbare, nur in unserem Kopf existierende
„Linien“ sein.
Der deutsche Philosoph Emmanuel Kant (1724-1804) hat die theoretische und die humanistische
Definition einer Grenze entscheidend mitgestaltet. “Er stellte eine Reihe philosophischer
Überlegungen über Grenzen an, zwischen den Erfahrungen und Vorstellungen des Menschen,
zwischen Vernunft und Religion, Moral und Ethik. Andere wichtige Grenzflächen im einzelnen
Menschen sind die Fragen nach der Grenze zwischen Leben und Tod, Mensch und Tier und
zwischen verschiedenen Religionen - z.B. Christentum und Islam.” (2)
Es gibt viele verschiedene Arten von Grenzen. Es gibt geografische und kulturelle Grenzen
zwischen Ländern, Städten und Landesteilen. Und es gibt soziale, sprachliche und ethnische
Grenzen innerhalb der Gesellschaften. Diese Arten von Grenzen sind die Gründe der Ausgrenzung
und Abgrenzung. Sie sind eindeutige, sie trennen Drinnen und Draußen, sie sagen wo gehöre ich hin
und wo nicht.
Sind Grenzen notwendige? Warum braucht man Grenzen? Sind sie nicht sichtbare Bezeichnungen
von Unfreiheit und Beschränkung? Kann man ohne Grenzen leben? Karl Schlögel, ein deutscher
Osteuropahistoriker und Publizist schreibt über Grenzen: „Grenzen sind die wichtigste
Raumerfahrung, ebenso wie ihr Gegenteil: die Grenzlosigkeit. … Sie geben etwas Gestalt. Wir

1
http://www.duden.de/rechtschreibung/Grenze
2
http://vimu.info/general_04.jsp?id=mod_1_1&lang=de&u=researcher&flash=false&s=

1
können ohne Grenzen nicht leben. Ohne Grenzen wären wir verloren.“(3) Er also meint, dass es keine
Kultur ohne Grenzen gibt.
Konrad Paul Liessmann in seine Kritik an der politischen Unterscheidungskraft “Lob der Grenze“
meint, dass „Der Zeitgeist will Grenzen überschreiten, beseitigen, aufheben, zum Verschwinden
bringen.“(4) Europa ist der entsprechender Raum wo man den Verlauf der Grenzen studieren kann.
Warum Europa?
Es ist schwer nicht nur der äußeren, sondern auch die innere Grenzen Europas zu bestimmen.
Gewöhnliche Karten sagen gar nichts über die Karten im Kopf der Menschen. „Der Begriff
<Europa> scheint ein physisches und menschliches Ensemble mit scharfen Konturen und einer
unwiderlegbaren Persönlichkeit zu bezeichnen…General de Gaulle hat es in einer scheinbar
fehlerfreien Definition zusammengefast: <Europa vom Atlantik zum Ural>.“( 5 ) Lucian Boia
voraussetzt die Frage: Können wir von Europa im Singular sprechen, oder gibt es mehrere Europas?
Das Netz von inneren Grenzen kompliziert das gesamte Bild Europas. Welche sind die
Trennungslinien innerhalb Europa? Vor allem liegt eine Trennungslinie zwischen West und Ost,
abgrenzend das katholische und protestantische Europa von einem orthodoxen Europa. Wenn wir
unter einem anderen Gesichtspunk betrachten wollen: im Westen haben wir ein dynamisches
Europa, mit technologischer und industrieller Fortschritten, und dann haben wir ein viel
konservativeres, unentwickeltes Europa im Osten. Diese Trennungslinie wurde viel stärker ins 20.
Jahrhundert, wann Nationalstaaten, Diktaturen, Kriegen und Friedenskonferenzen haben das
Bedeutung von Grenzen viel geändert.
In Europa haben Grenzziehung, Grenzverschiebung, Grenzaufhebung eine große und alte
Überlieferung. Man kann eine Geschichte Europas schreiben durch seine Grenzverschiebungen. Die
Bürger Europas sind Spezialisten von Grenzen. Mittel- und Osteuropa sind klassische Beispiele von
„wandernden Grenzen“, wie Joseph Roth hat es genannt. Grenzen Europas haben im Laufe der Zeit
permanent geändert. Aber das 20. Jahrhundert, ein „Zeitalter der Extreme“ (Eric Hobsbawm) ist
reich an politische Transformationen, schmerzlichen Grenzverschiebungen und
Grenzveränderungen. Kriegen, Revolutionen, Staatszusammenbrüche, Erste und Zweite Weltkrieg,

3
Karl Schlögel: Grenzland Europa, München, 2013, S.58.
4
Konrad Paul Liessmann: Lob der Grenze, Wien, 2012, S.12.
5
Lucian Boia: Überlegungen zu den Grenzen Europas. In: Frank Hoffmann/ Stefan Karsch/
Evelyn Overhoff (Hg.): Grenzüberwindungen – Unüberwindliche Grenzen. Berlin, 2007, S. 25.

2
Friedenskonferenzen, Reparationen, Demilitarisierungen, Unabhängigkeitserklärungen haben der
Karte Europas verändert und haben dazu geführt, dass Grenzen sich zwischen Staaten, Systemen
oder auch Kulturen verändert. Staatgrenzen so häufig verändert wurden, dass sie weniger klar
Mentalität- und Kulturgrenzen werden konnten.
Nach dem Ersten Weltkrieg wurden die Grenzen in Europa neu gezogen, wie in 1919 im
Versailler Friedensvertrag festgelegt wurden. Deutschland musste Gebietsabtretungen hinnehmen.
Der österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie wurde aufgelöst, und konstituierten sich die
Nachfolgestaaten: wurden am 10./11. November die Republik Polen, am 1. Dezember das
Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen, am 31. Oktober das Königreich Ungarn und am 28.
Oktober 1918 die Tschechoslowakische Republik ausgerufen, (Deutsch-)Österreich, dem eine
Vereinigung mit Deutschland untersagt wurde. Andere Teile der Habsburger Monarchie fielen an
Italien, Polen, Rumänien und an das neu gebildete Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen.
Nationalstaaten von 20. Jahrhundert brachten strengere Grenzen, ihre Homogenität zu
verteidigen, als die ehemaligen Imperien. Imperien waren ethnisch, sprachlich, kulturell heterogene,
so ihre Grenzen hatten andere Form und Funktion als nationalen Territorialstaaten. Bei Giuseppe
Mazzini sind Nationalstaaten die Bausteine Europas, die höchste Vertreter der europäischen Einheit,
ohne Rückkehr zu Imperium. „Ein Nationalstaat ist ein Staatsmodell, das auf der Idee und
Souveränität der Nation beruht. Sprachliche, kulturelle oder ethnische Homogenität wurde zwar im
Diskurs um die Nation oft als Voraussetzung des Nationalstaates benannt.“(6) Wie können diese
streng begrenzte Staaten mit die Funktion der Sicherung der Herrschaft und Zweck der
Inklusion/Exklusion, die Bausteine einer einheitlicher Europa sein? „Im Falle der nationalstaatlichen
Grenzen definiert sich der Staat die politische Zugehörigkeit in Form der Staatsbürgerschaft. Nur die
Staatsbürger dürfen sich zeitlich unbegrenzt im Land aufhalten, alle übrigen, Touristen wie
Migranten, genießen als Gäste lediglich Aufenthaltsduldung. In einem zweiten Schritt können wir
darüber hinaus feststellen, dass aus der geographischen Trennung von Menschen zunächst bestimmte
Handlungseffekte resultieren…Die Grenze wird zum Erfahrungshorizont der Umgrenzten.“(7)
Im Laufe der Zeit, zusammen mit den Grenzänderungen haben auch Europavorstellungen sich
verändert. In der Antike als Grundlage der europäischen Einheit steht der Kultur. Europäer mochten

6
https://de.wikipedia.org/wiki/Nationalstaat
7
Olaf Leiße: Europa zwischen Nationalstaat und Integration, Wiesbaden, 2009. S. 62.-63.

3
sich von unkultivierten, barbarischen Kontinenten, wie Afrika und Asien trennen. Europa-Projekte
der 16. und 17. Jahrhundert hatten als Prinzip die Religion. Sie haben eine Einheit der Christenheit
gesucht. Diese waren die ersten handfesten Europamodelle. In der 19. Jahrhundert, mit der
Entstehung der Nationalstaaten gab es kaum Versuche für eine europäische Einigung. Das 20.
Jahrhundert hat neue Ideen eines „Europas“ gebracht. „Mitteleuropa“, „Paneuropäische Manifest“
und der sogenannte Briand-Plan - die drei bedeutsamsten Projekte der letzten Jahrhundert. Friedrich
Naumann wollte die mitteleuropäischen Länder unter der Führung Deutschlands
zusammenschließen, als eine wirtschaftliche Föderation. Richard Coudenhove-Kalergi wollte die
Bildung eines europäischen Staatenbundes fördern. Die 50er Jahre standen unter dem Zeichen des
kalten Krieges zwischen Ost und West. Die Idee des Aristide Briands war, die Ökonomie, Zoll und
Militär zu vereinen, um dadurch den Frieden zu sichern. Diese Ansätze bildet der Grund der
Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl. Die Institutionen dieser EGKS bildeten den Kern
der späteren EU: eine Hohe Behörde mit supranationalen Kompetenzen (aus der später die
Europäische Kommission wurde), ein Ministerrat als Legislative (heute Rat der EU) und eine
Beratende Versammlung (das spätere Europäische Parlament).(8) Die Formulierung des Briand-Plans
über den gemeinsamen Markt und die Hebung des Lebensstandards wurden 1957 im Vertrag zur
Gründung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (1957) fast wortwörtlich übernommen. In der
60ger und 70ger Jahren hat die europäische Integration große Fortschritte gemacht, es beginnt eine
Kulturrevolution, der Wirtschaft geht gut wegen auch dem, dass die EU-Länder im Handel
miteinander keine Zölle mehr erheben, neue Staaten haben zu den Europäische Gemeinschaft
beigetreten.
Mit dem Zusammenbruch des Kommunismus in Mittel- und Osteuropa werden die Europäer zu
engeren Nachbarn. Nach der Welle der Systemwechsel, findet eine Reintegration der
osteuropäischen Länder in das kapitalistische Weltsystem statt. 1993 wird der Binnenmarkt durch
die „vier Freiheiten“ vollendet – den freien Verkehr von Waren, Dienstleistungen, Personen und
Kapital. Prägend für die 90er Jahre sind auch zwei Verträge – 1993 der Vertrag von Maastricht über
die Europäische Union und 1999 der Vertrag von Amsterdam. Auch sorgen sich die Menschen über
den Schutz der Umwelt und machen sich Gedanken darüber, wie Europa in Sicherheits- und

8
https://de.wikipedia.org/wiki/Europ%C3%A4ische_Union

4
Verteidigungsfragen gemeinsam handeln kann.(9) Das Schengener Übereinkommen führt zu einer
allmählichen Abschaffung der Passkontrollen an den innereuropäischen Grenzen.
Die geographische Expansion der Europäischen Union ist keine Bedingung für Frieden und
Stabilität und kein Selbstzweck, und bedeutet nicht nur das Verschiebung europäischen
Außengrenzen, sondern dass, die Grenzen innerhalb und außerhalb Europas durchlässiger zu
machen, und zwar nicht nur die Grenzen, die von Schlagbäumen gebaut und von Zollbeamten
bewacht sind , sondern vor allem die Grenzen in unseren Köpfen und Herzen.
Durch die Integration Menschen mussten ihre kulturellen Landkarten, ihre „mentale mappings“
die ihre Denken und Handeln bedingen, neuen Verhältnissen anpassen. Multikulturelle,
interkulturelle und transkulturelle Prozesse und Entwicklungen bedingen die Lebenserfahrung der
Globalisierung. Wo vorher feste Standorte von Kulturen, klare Trennungen zwischen eigenem und
fremden waren, jetzt konstruieren sie nationale, wirtschaftliche und kulturelle Homogenität und
Einheitlichkeit. „Wir haben europäisch gesprochen. Das ist eine neue Sprache, die man wird lernen
müssen.“ (Aristide Briand - »Locarnorede« vor der französischen Kammer vom 26. Februar 1916).
Was bedeuten Grenzen jetzt, in diesem vereinten Europa? Die Bedeutung früherer Grenzen war
klar. Sie stellten den Machtbereich von Königen und Kaisern dar, durch Kriege wurden diese
Grenzen erweitert, andere Königreichen zerstört. Heute haben Grenzen ihre Bedeutung verloren aber
die Frage nach den Außengrenzen Europas ist höchst aktuell und wichtig. Die Grenzen Europas sind
historisch gewachsen und damit auch veränderbar. Dies gilt nicht nur für die Ostgrenze der EU,
sondern letztlich für alle Grenzen in Europa. Ein demokratisches und friedliches Europa darf sich
deshalb nicht nur auf natürliche geografische Grenzen beziehen, ist Europa nun viel mehr als ein
durch Flüsse, Gebirgszüge und Staatsgrenzen definiertes Stück Erde. Die Frage des politischen
Grenzen Europas wurden durch die Idee einer europäischen Gemeinschaft beantworten, die, wenn
überhaupt, „nur unscharfe, flexible und ausgeblendete Grenzen kennt und sich lieber über
gemeinsame Werte denn über gemeinsame Grenzen definiert.“(10)
Menschen müssen die Ziele und die Werte der Union, wie Menschenwürde, Gerechtigkeit,
Solidarität und erfahren und nicht bloß auf dem Papier einer Verfassung sehen. Nur dann werden
sich die Menschen mit der Europäischen Union identifizieren können.

9
http://europa.eu/about-eu
10
Konrad Paul Liessmann: Lob der Grenze, Wien, 2012. S. 94.
5
Literaturliste:

 Konrad Paul Liessmann: Lob der Grenze, Kritik der politischen Unterscheidungskraft,
Wien, 2012
 Karl Schlögel: Grenzland Europa, Unterwegs auf einem neuen Kontinent, München,
2013
 Frank Hoffmann/ Stefan Karsch/ Evelyn Overhoff (Hg.): Grenzüberwindungen –
Unüberwindliche Grenzen. Berlin, 2007
 Olaf Leiße: Europa zwischen Nationalstaat und Integration, Wiesbaden, 2009