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Reihe,(PHYSIOLEHRBUCH

Physiotherapie in der Traumatologie (physiolehrbuch Praxis)

Bearbeitet von
Michael Fresenius, Stephanie Fresenius, Christian Münzing, Heidemarie Suger-Wiedeck, Barbara Trinkle,
Florian Schneider Ulmkolleg, Antje Hüter-Becker

1. Auflage 2005. Taschenbuch. 372 S. Paperback


ISBN 978 3 13 129541 5
Format (B x L): 17 x 24 cm

Weitere Fachgebiete > Medizin > Chirurgie > Orthopädie- und Unfallchirurgie
Zu Inhaltsverzeichnis

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6 162 6 Verletzungen der unteren Extremität und des Beckens

festes Schuhwerk des Patienten schon im Bett


Transfers
T

anziehen, damit der Patient sofort stabile Verhält-


Patienten, die nicht voll belasten dürfen, müssen nisse vorfindet, wenn er Bodenkontakt hat,
den Transfer vom Liegen und Sitz in den Stand und T Gehstützen im Liegen einstellen (siehe Abb. 6.36),
zurück üben. In Abhängigkeit von der Verletzung T wenn möglich mit beiden Füßen sofort Boden-
gelten bestimmte Einschränkungen. Auch Alltags- kontakt herstellen.
aktivitäten wie das Einsteigen in ein Auto oder in
eine Badewanne sollten mit dem Patienten geübt Aufstehen aus der Rückenlage
werden, damit Gefahrensituationen aufgezeigt und Wie der Patient aufsteht, hängt in erster Linie von
Komplikationen vermieden werden. Teilweise der Diagnose ab. Ein Patient mit einer LWS Fraktur
decken sich diese Aufgaben mit den Zielen der Ergo- wird z. B. „en bloc“ mobilisiert (siehe Kap. 8), wäh-
therapie. Absprachen im Team sind also erfor- rend bei einem Patienten mit Hüftprothese nach
derlich. einer Schenkelhalsfraktur entscheidend ist, dass er
über die betroffene Seite aufsteht. Ob das Kopfteil
Transfer in den Stand des Bettes hochgestellt ist und wie dem Patienten
assistiert wird, entscheidet der Einzelfall.
Das Aufstehen aus dem Bett ist für Patienten v. a.
nach Verletzungen der unteren Extremität oft Bei Patienten, die nach einer Operation oder einer länge-
erschwert. Es muss daher geübt werden. Insbeson- ren Immobilisation zum ersten Mal aufstehen, sollte in
dere vor dem ersten Aufstehen nach längerer Bettlä- der Nähe des Bettes ein Stuhl stehen, auf den der Patient
gerigkeit muss der Patient auch darauf vorbereitet sich im Notfall setzen kann, wenn ihn die Kraft verlässt.
werden. Außerdem sollte immer eine zweite Person (z. B. aus der
Pflege oder Angehörige) anwesend sein.
Vorbereiten des Patienten
T Aufklären des Patienten über das therapeutische Aufstehen aus dem Sitz
Vorgehen, Sitzt der Patient an der Bettkante, ist darauf zu ach-
T Erklären der Entlastung oder Teilbelastung mit ten, dass er nicht nach hinten kippen kann und seine
den zugehörigen Konsequenzen, Füße Bodenkontakt haben. Im Falle von hüftge-
T bei kreislauflabilen Patienten Antithrombose- lenksnahen Frakturen ist es sinnvoll, den Patienten
strümpfe anlegen, damit das venöse Gefäßsystem etwas weiter vorne an die Bettkante zu setzen und
unterstützt wird,

Abb. 6.37a–c Aufstehen mit Unterarmstützen. a Das hintere Bein wird mehr belastet als das vorne stehende. b Im Stand zunächst
die Haltung ausrichten und dann c die Unterarme in die Stützen drehen.

Hüter-Becker/Dölken, Physiotherapie in der Traumatologie/Chirurgie (ISBN 3131295414),


© 2005 Georg Thieme Verlag
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das Bett etwas hochzustellen, um Schmerzen und ren. Assistive Übungen, bei denen der Therapeut
eine Fehlbelastung zu vermeiden. externe Widerstände setzt, sind in erster Linie dann
Erst wenn der Patient einen kreislaufstabilen Ein- indiziert, wenn Patienten lange immobilisiert sind
druck macht, darf die weitere Mobilisation in den und mit den Übungen auch allgemeine Effekte
Stand beginnen. Um ein eventuelles Kollabieren des erzielt werden sollen (Atemvertiefung, Herz-Kreis-
Patienten zu vermeiden, wird das Aufstehen in ver- lauf-Training), oder wenn Patienten keine Vorstel-
schiedenen Stufen vorbereitet. lung von der Stützaktivität haben.
Der Patient bekommt beide Stützen umgedreht
in die Hand. Das betroffene Bein steht etwas weiter Isometrie
vorne, damit der Patient es nicht belastet. Er Offene Kette: Rückenlage, die Arme liegen
bekommt den Auftrag, seinen Oberkörper nach gestreckt neben dem Körper. Der Patient spannt das
vorne zu neigen (z. B. im Sinne des „Klötzchenspiels“ Gesäß an und drückt die Fersen mit extendierten
aus der FBL). Dabei soll ihm bewusst gemacht wer- Zehen und Vorfuß in die Unterlage (Extension in
den, dass der Druck unter seinem hinten stehenden Hüftgelenk, Kniegelenk, oberem Sprunggelenk und
Bein zunimmt. Wenn er das Gewicht vollständig Zehengelenken). Die Arme liegen gestreckt neben
übernimmt, dreht er die Stützen um, steht auf und dem Körper und spannen bei leichter Dorsalexten-
schlüpft in die Unterarmschale hinein sion im Handgelenk entweder mit der Ulnarkante
(Abb. 6.37a–c). Das Hinsetzen aus dem Stand der Hand (Nullstellung im Schultergelenk) oder mit
erfolgt auf umgekehrtem Weg. dem Handrücken (Schultergelenk in Außenrotation)
Der Bewegungsübergang vom Sitz zum Stand in die Unterlage.
und zurück sollte einige Male durchgeführt werden, Geschlossene Kette: Im aufrechten Sitz stützt der
damit der Patient die nötige Sicherheit bekommt. Patient seine Arme neben den Hüften auf die Unter-
Physiotherapeuten müssen Patienten auf die von lage. Optimal ist ein Stuhl, weil hier die Hände ent-
der Diagnose abhängigen Fehler-/Gefahrenquellen sprechend der Einstellung in den Unterarmgehstüt-
innerhalb des Transfers hinweisen, damit ihnen die zen positioniert werden können. Der Patient kon-
Notwendigkeit der korrekten Bewegung bewusst trolliert seine Haltung vor einem Spiegel. An der
wird. Gewichtsbelastung seines Gesäßes kann er die Wir-
kung des Stützens überprüfen.
Verbessern der Stützkraft der Arme
Vorrangig sollte in der geschlossenen Kette geübt wer-
Die Stützkraft kann vom ersten posttraumatischen den, um den muskulären Synergismus für das Entlasten
Tag an trainiert werden. Dabei spielt es keine Rolle, zu schulen.
ob der Patient bereits operiert wurde oder nicht.
Weiterlaufende Aktivitäten und Bewegungen kön- Theraband (oder Seilzug)
nen genutzt werden, um die Muskulatur immobili- Wegen seiner Flexibilität, den unterschiedlichen
sierter Körperabschnitte anzusprechen, z. B. mittels Stärken und vielseitigen Einsatzmöglichkeiten ist
PNF-Pattern. Allerdings kann dieser Overflow auf das Theraband für das Üben der Stützkraft das Mit-
die betroffene Körperregion auch kontraindiziert tel der Wahl. Eine kleine Auswahl an Übungen zeigt
sein, z. B. bei größeren Weichteilschäden, instabilen verschiedene Schwerpunkte.
Fragmenten oder bei stark ausgeprägten Entzün- Geschlossene Kette, „Stütz-Pattern“ aus der
dungen. PNF: Patient liegt in Rückenlage, das Theraband ist
am Kopfende seines Bettes (oder darüber, z. B. am
Übungsmöglichkeiten „Galgen“) befestigt. Oder er sitzt z. B. vor der Spros-
senwand, an der das Theraband befestigt ist. Aus
Stützen kann der Patient in der Regel alleine üben!

Wichtig ist, dass Physiotherapeuten den Patienten


gut anleiten und sowohl die Ausführung als auch
das Ergebnis der Übungen immer wieder kontrollie-

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Alternativ zum Theraband kann die Stützaktivität


von mobilen Patienten auch am Seilzug trainiert
werden.

Anregungen für das Training mit Theraband und Seilzug


findet man in zahlreichen Fachbüchern (siehe auch „Wei-
terführende Literatur“ am Kapitelende).

PNF
Physiotherapeuten können mit Hilfe der unter-
schiedlichen Arm- und Schulterblatt-Pattern gezielt
den Synergismus für das Entlasten mit dem Patien-
ten trainieren. Die verschiedenen Techniken der
PNF (rhythmische Bewegungseinleitung, wieder-
holte Kontraktion mit Initial- und Restretch, etc.)
erlauben es den Therapeuten, Schwerpunkte zu set-
zen und mit dem Overflow auch die betroffene
Extremität anzusteuern (Kontraindikationen
beachten, s. o.).
Um mit Patienten das Bewegungsmuster für das
Stützen zu erarbeiten, wenden Physiotherapeuten
bevorzugt das Arm-Pattern Extension/Adduktion/
Innenrotation an. In langsamer Umkehr mit dem
Muster Flexion/Adduktion/Außenrotation prägen
Patienten sich die Bewegung gut ein. Approximation
in Richtung des Schultergelenks erhöht die Intensi-
tät der Anspannung.

Einhalten erlaubter Belastung beim Gehen


Der Wechsel zwischen Be- und Entlastung ist der
physiologische Reiz für die Neuorganisation des
Bindegewebes. Das Gehen mit der erlaubten Belas-
tung fördert die Frakturheilung. Deswegen sollen
Patienten so früh wie möglich „mobilisiert“ werden.
Während die erlaubte Belastung die Heilung fördert,
kann Überlastung das Gegenteil bewirken. Es kann
zu Komplikationen wie Schwellung, Schmerzen und
Funktionseinbußen kommen, die Wundheilung
Abb. 6.38a–b Eigenübungen mit dem Theraband zur Verbes-
serung der Stützkraft. a Stütz-Pattern aus der PNF. b Kräfti- kann gestört werden.
gung des M. triceps brachii. Schmerzen müssen nicht immer Zeichen einer
Überlastung sein. Sie verhindern aber oft, dass
Flexion/Adduktion/Außenrotation zieht der Patient Patienten die erlaubte Belastung tolerieren. In die-
mit gestrecktem Ellenbogen gegen den Widerstand sem Fall müssen die Patienten über die Bedeutung
des Bandes in Extension/Abduktion/Innenrotation. der (Teil-)Belastung im Hinblick auf die Heilung auf-
Diese Übung kann statisch oder dynamisch, einsei- geklärt und langsam an die erlaubte Belastungs-
tig oder beidseitig ausgeführt werden (Abb. 6.38a) grenze herangeführt werden. Unter Umständen ver-
Offene Kette: Kräftigung des M. triceps brachii: ordnet der Arzt schmerzlindernde Medikamente.
In Rückenlage oder im Sitz hält der Patient mit Physiotherapeuten können mit passiven Maßnah-
einem Arm in Flexion/Abduktion/Außenrotation das men ebenfalls etwas gegen die Schmerzen unter-
eine Ende des Bandes fest. Der andere Arm zieht nehmen (siehe Kap. 1.4).
gegen den Widerstand des Bandes bei adduziertem
Oberarm aus der Flexion im Ellenbogen in die Exten- Patienten überschreiten häufig die erlaubte Belastung.
sion (Abb. 6.38b). Neben der fehlenden Wahrnehmung ist oft auch die

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Abb. 6.39a–c Üben der Teilbelastung mithilfe einer Waage. a Waage, belastet dann ohne visuelle Kontrolle bzw. kontrolliert
und b Der Therapeut prüft die Einstellung der Beinachsen. c Der visuell erst nach der Einstellung der Teilbelastung.
Patient kontrolliert die Belastung zunächst mit Blick auf die

mangelnde Aufklärung über die Folgen einer Fehlbelas- tung sinnvoll ist und bei entsprechender physiotherapeu-
tung dafür verantwortlich. Physiotherapeuten sollten tischer Anleitung gut realisiert werden kann.
versuchen, Patienten nicht nur bezüglich der korrekten
Belastung anzuleiten, sondern sie auch auf die nachteili- Die Teilbelastung sollte dynamisch geübt werden,
gen Folgen einer Fehlbelastung hinzuweisen. Verhindern da dies der Belastung beim Gehen entspricht und
Schmerzen, dass Patienten die erlaubte Belastung tole- somit einen physiologischen Reiz darstellt. Außer-
rieren, muss zunächst der Schmerz oder dessen Ursache dem ist der koordinative Anspruch wie beim Bein-
behoben werden. Die erlaubte Belastung fördert die Hei- achsentraining bereits beschrieben in der Dynamik
lung. größer als in der Statik.

Mithilfe einer Personenwaage in einem Holzrahmen Gehen mit Entlastung und mit Teilbelastung
kann die erlaubte Belastung geübt werden
(Abb. 6.39a–c). Der Patient soll mit seinem Fuß die Drei-Punkte-Gang
erlaubte Gewichtsbelastung unter optischer Kon- Gehen mit entlastender bzw. minimaler Belas-
trolle mehrmals wiederholen. Dabei ist es wichtig, tung: Das betroffene Bein wird mit Bodenkontakt
dass sich der Patient am Druckgefühl unter der Fuß- zwischen die Stützen gesetzt; die Belastung geht je
sohle orientiert und nicht am Schmerz, da die nach Befund vom reinen Sohlenkontakt (keine
Schmerzschwelle individuell beeinflusst werden Gewichtsübernahme) bis zu ca. 15 kg Belastung,
kann (Psyche, Medikamente, etc.). Beherrscht der was etwa der Eigenschwere eines Beines gleich
Patient die Teilbelastung unter optischer Kontrolle, kommt. So bleibt das normale Gangbild weitgehend
wird ohne optische Kontrolle geübt. erhalten.

Bei einer Untersuchung von 70 stationären Patienten an Häufig kann man bei Patienten das „Durchschwingen“
der Chirurgischen Klinik der Universität Ulm (Experimen- beobachten. Diese Form des entlastenden Gehens kann
telle und klinische Untersuchung zur Thromboseprophy- aus physiotherapeutischer Sicht nicht als „Gehen“ be-
laxe in der Unfallchirurgie, R. Eisele 2002) konnte man zeichnet werden, auch wenn es eine Art der Fortbewe-
zeigen, dass diese die Belastung des Beins (Zielwert 20 kg, gung darstellt. Das „Durchschwingen“ ohne jeden Bo-
+/- 1 kg) bereits nach 3 Tagen korrekt einschätzen und re- denkontakt ist medizinisch nur in Ausnahmefällen erfor-
produzieren konnten (p-Wert 0,05). Die Studie kam zu derlich (z. B. unmittelbar postoperativ, wenn Redon-
dem Ergebnis, dass eine konkrete Vorgabe der Teilbelas- Drainagen noch nicht gezogen sind; bei Versorgung mit

Hüter-Becker/Dölken, Physiotherapie in der Traumatologie/Chirurgie (ISBN 3131295414),


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