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Einleitung

1. Der Gegenstand der Arbeit

In der gegen Johann August Eberhard gerichteten Streitschrift von 1790 Über eine
Entdeckung, nach der alle neue Kritik der reinen Vernunft durch eine ältere entbehrlich
gemacht werden soll bezeichnet Kant seine Lehre vom Ursprung der apriorischen
Anschauungsformen Raum und Zeit und der reinen Verstandesbegriffe mit einem aus
der Rechtslehre entlehnten Terminus als „acquisitio [...] originaria“ (BA 71). Diese
Lehre von einer „ursprünglichen Erwerbung“ (ebd. BA 68), soviel sei hier zur ersten
Orientierung vorausgeschickt, besagt, daß jene Vorstellungen nicht angeboren sind,
sondern erworben werden, freilich nicht durch eine „acquisitio derivativa“ (ebd. BA 70)
aus den Sinnen, sondern originarie aus der Natur des Erkenntnisvermögens, das sie, bei
Gelegenheit der Erfahrung, „aus sich selbst a priori zu Stande“ (ebd. BA 68) bringt. Die
Lehre von einer acquisitio originaria apriorischer Vorstellungen ist damit die Antwort
der kritischen Philosophie auf die Frage nach dem Ursprung der Erkenntnis. Kant betont
mit dieser Lehre das genetische Moment seiner Aprioritheorie.

2. Spezifische Schwierigkeiten des Themas


Kant hat seine Theorie von einer acquisitio originaria apriorischer Vorstellungen
spätestens in der Inauguraldissertation von 1770 entwickelt und sich auch in den
folgenden Jahrzehnten immer wieder auf sie gestützt, wenn es galt, die Möglichkeit
apriorischer Vorstellungen zu erklären. Eigentümlicherweise hat er diese Lehre, und das
ist die grundlegendste der hier anzusprechenden Schwierigkeiten, jedoch nie
ausgearbeitet: Stets bleiben seine darauf bezogenen Äußerungen, die sich über die
Druckschriften, Briefe, Nachlaßreflexionen und Nachschriften seiner Vorlesungen
verstreut finden, sehr knapp oder gar bruchstückhaft. Die beinahe einzige Stelle, an der
sich Kant etwas ausführlicher zu dieser Theorie äußert, die bereits angesprochene
Passage in der Streitschrift gegen Eberhard, ist zudem mit einer gewissen Vorsicht zu
beurteilen, da es sich hier um eine Reaktion Kants auf einen Angriff gegen seine
Philosophie handelt; entsprechend sind sowohl das Thema als auch die Richtung der
Auseinandersetzung von Eberhard vorgegeben. Kant paßt sich dessen Ausdrucksweise
an und spart auch nicht an Polemik gegen den Gegner.1 Schon die Frage, wie denn Kants
Erwerbstheorie

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1 Vgl. unten § 4 c cc u. § 11 S. 145 f.
der Erkenntnis im einzelnen aussieht, ist damit nicht ohne weiteres zu beantworten. Was
die Rekonstruktion der Theorie noch zusätzlich erschwert, ist der Umstand, daß Kant
sich zu ihrer Formulierung z.T. immer wieder anderer Begriffe und Wendungen bedient.
Zwar betont er geradezu stereotyp, daß apriorische Vorstellungen den
Erkenntnisvermögen selbst entstammen und bei Gelegenheit der Erfahrung entwickelt
werden. Des näheren heißt es jedoch von den Anschauungsformen Raum und Zeit
einmal, sie stammten „von der Tätigkeit selber der Erkenntniskraft, die ihr Empfundenes
nach bleibenden Gesetzen einander beiordnet“2, ab, ein andermal bezeichnet Kant die
„bloße eigentümliche Rezeptivität des Gemüts“ (Entdeckung BA 70) als den
,angeborenen Grund' (vgl. ebd. BA 68) dieser Vorstellungen; die reinen Begriffe führt
Kant bald auf „leges menti insitae“, „der Erkenntniskraft eingepflanzte Gesetze“ (De
mundi A 11, § 8) zurück, bald spricht er bloß von „ersten Keimen und Anlagen [...], in
denen sie vorbereitet liegen“ (KrV B 91), dann wieder von den „subjektiven
Bedingungen der Spontaneität des Denkens (Gemäßheit mit der Einheit der
Apperzeption)“ (Entdeckung BA 71) als dem „Angebornen“ (ebd.), aus dem die reinen
Verstandesbegriffe hervorgehen.3
Doch das Problem der Einheitlichkeit und Kontinuität der Kantschen Lehre von einer
Erwerbung der Erkenntnis, das angesichts dieser Textlage offenbar wird, hat noch eine
weitere Dimension: Kant scheint sich nämlich zur Frage nach dem Ursprung der
Anschauungsformen Raum und Zeit widersprüchlich geäußert zu haben. Er betont zwar
sowohl in der Dissertation von 1770 als auch in der Streitschrift gegen Eberhard
ausdrücklich, daß die Anschauungsformen Raum und Zeit nicht angeboren sind, sondern
bei Gelegenheit der Erfahrung erworben werden, lehrt jedoch gleichzeitig, daß sie
apriorische, d.h. vor aller Erfahrung vorhergehende und diese erst ermöglichende
Vorstellungen sind. Wenn Kant in der transzendentalen Ästhetik der Kritik der reinen
Vernunft dann sogar ausdrücklich sagt, daß die reine Anschauung „a priori, auch ohne
einen wirklichen Gegenstand der Sinne oder Empfindung, als eine bloße Form der
Sinnlichkeit im Gemüte stattfindet“ (B 35), die „Form aller Erscheinungen“ also „vor
allen wirklichen Wahrnehmungen [...] apriori im Gemüte gegeben“ (ebd. B 42) ist, dann
scheint das einer Erwerbstheorie der Erkenntnis geradewegs zu widersprechen4:

2 „ab ipsa mentis actione, secundum perpetuas leges sensa sua coordinante“ (De mundi A 23, Sectio
III Cor.).
3 Vgl. dazu im einzelnen unten § 5 a, § 11 S. 145 u. § 14 a S. 166ff., wo die entsprechenden
Formulierungen Kants zusammengestellt sind.
4 Vgl. auch KrV B 34, B 125, B 324, A 373. Vgl. Prol. A 52 (§ 9), wo Kant schreibt, daß die „Form
der Sinnlichkeit [...] in meinem Subjekt vor allen wirklichen Eindrücken vorhergeht, dadurch ich von
Gegenständen affiziert werde“, vgl. ebd. A 50 (§ 7), A 54 (§ 10); in der Preisschrift über die
Fortschritte der Metaphysik erklärt Kant, daß „etwas sich a priori vorstellen“ heißt, „sich vor der
Wahrnehmung, d. i. dem empirischen Bewußtsein, und unabhängig von demselben, eine Vorstellung
[...] machen“ (A25f.); und in der Re fl. 4189 (Xi Ende 1769 - Herbst 1770 [K1? 1769]) heißt es, daß
der „Raum nicht [...] aus der wirklichen rührung der Sinne entspringen, sondern vor ihr
vorhergehen“ (XVII 450I4f) muß; vgl. ferner die Re fl. 4077 (K1, XVII 40525), 4315 (|l? etwa 1770-71
[K3?], XVII 50325), 4511 ß-p1? etwa 1772-75 [X.?], XVII 5786f.), 4512 ß-p1? [X?] v>? etwa 1771,
XVII 578i2t), 4673 (p2 um 1773-75, XVII 63720, 63823f).

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Wie können Raum und Zeit, wenn alle Erscheinungen immer schon in ihnen angeschaut
werden, bei Gelegenheit ebendieser Erscheinungen erst entstehen? Müssen sie nicht
vielmehr immer schon da und folglich doch angeboren sein? Das grundsätzliche
Problem, das hinter der Frage steht, ob Kant sich widersprochen habe, ist also, ob seine
Theorie von der Apriorität der Anschauungsformen überhaupt mit einer Erwerbstheorie
zu vereinbaren ist.
Dieses Problem, und das ist die dritte Schwierigkeit, die hier angesprochen werden soll,
hat noch einen weiteren Aspekt. Die Frage nach dem Ursprung der apriorischen
Vorstellungen scheint bei Kant nämlich ganz allgemein in einem eigentümlichen
Zwielicht zu stehen. Es ist gar nicht so ohne weiteres klar, inwieweit sich Kant
überhaupt mit diesem Thema beschäftigt hat und welche Rolle die Theorie von einer
acquisitio originaria dementsprechend in seiner Philosophie spielt. Auch in diesem
Punkt ist die Textlage alles andere als eindeutig. Auf der einen Seite definiert Kant die
Transzendentalphilosophie immer wieder als die Wissenschaft, „welche den Ursprung,
den Umfang und die objektive Gültigkeit“ (KrV B 81) der Erkenntnis bestimmt,5 und
betont auch in vielen Reflexionen ausdrücklich die Bedeutung, die der Untersuchung der
Quellen der Erkenntnis zukommt.6 Die Frage nach dem Ursprung der apriori-

5 Vgl. z.B. auch die bekannte Stelle KrV A XII, an der Kant erklärt, er verstehe unter einer JKritik der
reinen Vernunft“ „nicht eine Kritik der Bücher und Systeme, sondern die des Vernunftvermögens
überhaupt, in Ansehung aller Erkenntnisse, zu denen sie, unabhängig von aller Erfahrung, streben
mag, mithin die Entscheidung der Möglichkeit oder Unmöglichkeit einer Metaphysik überhaupt und
die Bestimmung sowohl der Quellen, als des Umfanges und der Grenzen derselben“; vgl. ebd. B 25:
„eine Wissenschaft der bloßen Beurteilung der reinen Vernunft, ihrer Quellen und Grenzen“; ebd. B
80: die transzendentale Logik geht „auch auf den Ursprung unserer Erkenntnisse von
Gegenständen“. Vgl. auch Entdeckung BA112, wo es heißt, daß die Logik „den Ursprung der
Erkenntnis [...] apriori von Gegenständen zu erforschen ausschließlich der
Transzendentalphilosophie überlassen muß“. - Vgl. Refl. 4455 (i; etwa 1772), wo sich Kant zu dem
Stichwort „idee der metaphysik“ (XVII 558,) notiert hat: „welches sind die Qvel- len, die
Bedingungen und grentzen. Die transscendentalphilosophie ist critick der reinen Vernunft“ (ebd.
5584f); Refl. 4851 (u um 1776-78): „transscendental wird Erkenntnis in Ansehung ihres Ursprungs
genannt“ (XVIII 10,f); Refl. 4873 (n3): „Die transscendentale Philosophie betrachtet nicht die
Gegenstände, sondern das Menschliche Gemüth nach den qvellen, woraus in ihm die Erkenntnis a
priori abstamt, und den Grentzen. Daher ist die reine Mathematik kein Theil der transscendental
philosophie, wohl aber die Qvellen, woraus sie im Gemüth entspringt“ (XVIII 1615_19). - Vgl. auch
Logik Dohna: „Die Transcendentalphilosophie, welche vor der Metaphysik vorhergehn muß, handelt
von dem Ursprünge der reinen Verstandesbegriffe“ (S. 466, XXIV 75313_,5), vgl. hierzu unten § 2 a
S. 54.
6 Vgl. die Refl. 4470 (£-0 etwa 1772): „Die erste Frage ist: wie in uns Begriffe entstehen können, die
uns durch keine Erscheinung der Dinge selbst bekannt geworden, oder Sätze, die uns keine
Erfahrung gelehrt hat“ (XVII 563); Refl. 4633 (o etwa 1772): „Wie können in uns Erkenntnisse
erzeugt werden, wovon sich uns die Gegenstände noch nicht dargestellet haben? [...] Es ist [...] die
Möglichkeit einer (Sjeden) Erkenntnis a priori [...], welche unsere erste und wichtigste Frage
ausmacht. Eine Frage, welche auch nur aufgeworfen und wohl verstanden zu haben schon einiges
Verdienst an sich hat, nämlich in einem Theile der philosophie, welcher der Erfahrung und den
Sinnen nichts zu danken hat. [...] Daher ist es gut, die Erkentnisqvellen apriori überhaupt zu
untersuchen“ (XVII 6152gff ); Refl. 4892 (tp2 um 1776-78): „Das vornehmste ist, daß, ehe man eine
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sehen Vorstellungen ist solchen Äußerungen zufolge programmatischer Bestandteil der
Transzendentalphilosophie, die die Geltung der Vorstellungen mit ihrem Ursprung in
Zusammenhang bringt. Kants Problem ist demnach, wie sich Vorstellungen, die nicht
der Erfahrung entstammen, aber auch nicht angeboren sind, auf Gegenstände beziehen
können. Auf der anderen Seite aber erklärt Kant auch, sein Thema sei gar nicht die
Frage, wie Erkenntnis entstehe, sondern es gehe ihm eigentlich nur darum, zu klären,
welche Gültigkeit ihr zukomme. Ersteres, das quid, facti, sei ein psychologisches bzw.
physiologisches Problem, dessen Erörterung zwar „ohne Zweifel seinen großen Nutzen“
{KrV B 119) habe, eigentlich aber nichts weiter als die „Erklärung des Besitzes einer
reinen Erkenntnis“ (ebd.) sei; die entscheidende Frage nach dem quid iuris aber, d.h. die
Frage, wie sich apriorische Vorstellungen auf Objekte beziehen können, bedürfe einer
ganz eigenen Untersuchung und eines besonderen Beweises, und zwar einer
transzendentalen Deduktion.7 Eine derartige Unterschei-

doctrin der reinen Vernunft wagt, zuerst eine Critik derselben hat müssen angestellt werden. Aber
critiken erfodern Kentnisse der Qvellen, und Vernunft muß sich selbst kennen. Zu dieser
Untersuchung wird man erst nach langen Irrthümern getrieben“ (XVIII 21); Refl. 4894 (cp2, XVIII
22„); Refl. 4898 (u3 um 1776-78, XVIII 22 f.); Refl. 4917 (cp, XVIII 28); Refl. 4919 (q>): „Die
philosophie muß hauptsächlich in den qvellen der Erkenntnis a priori bestehen“ (XVIII 293_5); Refl.
4947 (u): „In Metaphysik muß man subtil seyn. Denn alle diese Erkentnis ist a priori und ohne
Ableitung von ihren ersten Qvellen unsicher“ (XVIII 38); Refl. 5046 (u2"3): „Die Vornehmste
Untersuchung ist die: wie kommen wir zu den Erkenntnissen überhaupt und vor- nemlich denen a
priori. Was ist der Grund der Richtigkeit derselben und ihrer Zuverläßigkeit?“ (XVIII 727_9).
7 Vgl. Prol. A 87 (§ 21): „Um alles Bisherige in einen Begriff zusammenzufassen, ist zuvörderst
nötig, die Leser zu erinnern: daß hier nicht von dem Entstehen der Erfahrung die Rede sei, sondern
von dem, was in ihr liegt. Das erstere gehört zur empirischen Psychologie, und würde selbst auch da,
ohne das zweite, welches zur Kritik der Erkenntnis und besonders des Verstandes gehört, niemals
gehörig entwickelt werden können“. - Vgl. auch den Entwurf Kants für einen Brief an Johann
Wilhelm Andreas Kosmann vom September 1789: „Wir können von unseren Vorstellungen eine
psychologische Deduction versuchen da wir sie als Wirkungen betrachten die ihre Ursache im
Gemüthe in Verbindung mit andern Dingen haben betrachten [sic] oder auch eine transscendentale
da wenn wir Gründe haben anzunehmen sie seyen nicht empirischen Ursprungs wir blos die Gründe
der Möglichkeit aufsuchen wie sie a priori doch obiective Realität haben. In Ansehung des Raums
ist es nicht nothig zu fragen wie unsere Vorstellungskraft zuerst zu dessen Gebrauch in der
Erfahrung gekommen sey?“ (XI 813]ff). - Vgl. auch z.B. Refl. 4900 (l)2"3 um 1776-78): „Ich
beschäftige mich nicht mit der Evolution der Begriffe wie Tetens (alle Handlungen, dadurch
Begriffe erzeugt werden) [...], sondern blos mit der obiectiven Gültigkeit derselben“ (XVIII 23 12_14)
(Dennoch aber soll Kant, Hamanns Zeugnis zufolge, Tetens Philosophische Versuche während der
Zeit der Endredaktion der KrV stets vor sich gehabt haben). In der Refl. 4851 (v) notiert sich Kant zu
dem Stichwort „Methode: dogmatisch oder Critisch“ die Unterscheidung: „zur letzten entweder: wie
wir zu den principien und Begriffen Gelangen, oder: was sie enthalten, und: wie sie möglich sind“
(XVIII 925_27); vgl. Refl. 5666 (\y etwa 1780-89): „Das Vorhergehende geht entweder der Art nach
voran: principien a priori, oder dem Ursprünge nach, d. i. historisch“ (XVIII 323); Refl. 5665 (vy):
„Der Ursprung ist zwiefach: 1. wie wir dazu gekommen sind .. [sic] psychologie; 2. wie die
Erkentnisse a priori möglich sind, transscendental philosophie“ (XVIII 323I9_2]).

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düng zwischen der Frage nach dem Ursprung und derjenigen nach der Geltung
apriorischer Vorstellungen scheint das Programm der Transzendentalphilosophie, mit
den Quellen die Geltung der Erkenntnis zu untersuchen, geradezu zu unterlaufen: Die
Frage nach dem Ursprung erscheint hier als ein nebensächliches Problem der
Psychologie oder Physiologie und hat nichts mit der eigentlichen kritischen Frage zu tun,
wie sich apriorische Vorstellungen auf Gegenstände beziehen können. Das Apriori der
kritischen Philosophie scheint damit nur die Bedingungen der Erkenntnis zu bezeichnen
und sich auf die Frage nach deren Geltung zu beschränken, nicht aber eine Antwort auf
die Frage nach dem Entstehen der Erkenntnis zu geben. Ist Kants Theorie von einer
ursprünglichen Erwerbung der Erkenntnis also nur eine Randnotiz oder ein
psychologisches Überbleibsel ohne systematischen Wert für seine Philosophie? Erklärt
das den fragmentarischen Charakter dieser Theorie? Oder handelt es sich bei der Frage
nach dem Ursprung der apriorischen Vorstellungen doch nicht um eine bloß
psychologische, sondern vielmehr um eine genuin erkenntnistheoretische Frage, die
ihren Platz innerhalb der Transzendentalphilosophie mit Fug und Recht behauptet? Wie
aber bestimmt Kant, wenn das zutrifft, das Verhältnis zwischen Ursprung und Geltung
dieser Vorstellungen?
Der fragmentarische Charakter der Lehre von der acquisitio originaria der Erkenntnis
erschwert viertens ihre philosophiehistorische Einordnung. Es geht dabei in erster Linie
um die Abgrenzung des Kantschen Ansatzes von der sogenannten Lehre von den
angeborenen Ideen. Diese Abgrenzung ist nicht ganz einfach, weil Kants eigene
Einschätzung seiner Theorie philosophiehistorischen Tatsachen zu widersprechen
scheint. Nun ist es zwar nicht unproblematisch, einfach von einer ,Lehre von den
angeborenen Ideen' zu sprechen und angefangen bei Platon alle Positionen, die die
Erkenntnis nicht oder nicht ganz auf Erfahrung gründen, kurzerhand unter diesem
gemeinsamen Nenner zusammenzufassen. Eine solche Etikettierung läuft nur zu leicht
Gefahr, ganz verschiedene philosophische Problemstellungen und Positionen ohne
weitere Differenzierung in einen Topf zu werfen und damit die Unterschiede und die
spezifischen Eigenarten der jeweiligen Ansätze zu verwischen oder ganz aus dem Blick
zu verlieren.8

8 Es kann nicht die Aufgabe einer Untersuchung über Kant sein, die Lehre von den angeborenen Ideen
auf eine Art und Weise, die ihrer historischen Vielfalt und Komplexität auch nur annähernd gerecht
wird, darzustellen. Das würde eine ganze Reihe von Spezialuntersuchungen erfordern und kann im
Rahmen der hier verfolgten Themenstellung nicht geleistet werden. Zur Problematik der Lehre von
den angeborenen Ideen vgl. Hartmut Brands, Untersuchungen zur Lehre von den angeborenen Ideen
(Monographien zur philosophischen Forschung, Bd. 146), Meisenheim am Glan 1977, passim.
Brands zieht am Ende seiner Studie resignierend das Fazit: „Für eine historische Rekonstruktion der
Lehre von den angeborenen Ideen hoffen wir das erforderliche Minimum vorgelegt zu haben. Eine
systematische Rekonstruktion steht noch aus; ihre Gestalt ist kaum erkennbar [...]. Die Probleme, zu
deren Lösung die - wenn man überhaupt von der Lehre sprechen kann - Lehre von den angeborenen
Ideen ein Beitrag sein wollte, scheinen uns so vielfältig zu sein, daß uns für eine abschließende
Beurteilung der Philosophiegeschichte in dieser Hinsicht immer noch Zurückhaltung geboten
scheint“ (S. 104).

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Eines jedoch wird man im Hinblick auf die Frage nach dem Verhältnis zwischen Kants
Ansatz und der sogenannten Lehre von den angeborenen Ideen sagen können: Es ist ein
altes und z.T. auch heute noch verbreitetes Mißverständnis, diese Ideen für ein aktuell
fertiges Wissen zu halten, das als gesicherter Besitz von Anfang an frei zur Verfügung
stünde. Das Vorurteil mag durch Lockes Gleichsetzung von angeboren und bewußt, auf
der ein Teil seiner Argumentation gegen die angeborenen Ideen beruht,9 verfestigt
worden sein, ist jedoch sehr viel älter und findet sich im Hinblick auf Platon und die
Platoniker z.B. auch schon bei Thomas von Aquin und bei Nicolaus Cusanus.10 Dabei
hatte aber schon Platon betont, daß es sich bei den apriorischen Ideen ursprünglich eben
nicht um ein aktuelles Wissen handeln kann, weil dann jeder immer schon alle Wahrheit
kennen müßte. Der Mensch bringt diese Ideen zwar als eine oiicetcc fe7uaxfi(j.r| mit in
die Welt, es handelt sich bei ihnen jedoch zunächst nur um ein latentes Wissen, das erst
dann, wenn der Mensch die Sinne gebraucht, verfügbar und aktuell gemacht wird. Auch
die Ideen müssen also bei Gelegenheit der Erfahrung erst regelrecht erlernt werden, und
die Sinneswahrnehmung, das betont Platon immer wieder, ist dafür unbedingt
notwendig.11
Die Gelegenheit der Erfahrung als die conditio sine qua non dafür, daß ein ursprünglich
nur latentes Wissen aktualisiert wird, ist auch in der Folge ein konstitutives Element der
Lehre von den angeborenen Ideen, und das nicht nur bei Leibniz, sondern bei allen
bedeutenden Vertretern dieser klassischen Lehre. Cusanus, Melanchthon, weite Teile der
Schulphilosophie des 16. und 17. Jahrhunderts, Herbert von Cherbury, die englischen
Neuplatoniker wie Ralph Cudworth oder Henry More, Descartes und im 18. Jahrhundert
Christian August Crusius vertreten alle diesen - wenn man so will - moderaten
Innatismus: Angeboren sind nur die Anlagen oder Dispositionen zu bestimmten
Vorstellungen. Diese damit nur virtualiter oder in modum potentiae angeborenen Ideen
bedürfen notwendig der Gelegenheit der Erfahrung, um entwickelt und damit bewußt
und verfügbar zu werden.12

9 Vgl. ebd. S. 58. Zu Lockes Kritik an der Lehre von den angeborenen Ideen vgl. ebd. S. 50-57.
10 Vgl. Klaus Kremer, Erkennen bei Nikolaus von Kues. Apriorismus - Assimilation - Abstraktion. In:
Mitteilungen und Forschungen der Cusanus-Gesellschaft 13 (1978), S. 26 f.
11 Vgl. Phaidon 75d - 76d. Vgl. Klaus Kremer, Der Apriorismus in der Erkenntnismetaphysik des
Thomas von Aquin. In: Trierer Theologische Zeitschrift 75 (1963), S. 106-109; ders., Erkennen bei
Nikolaus von Kues, a.a.O. S. 26.
12 Zur Lehre von den angeborenen Ideen vgl. Reinhard Kottich, Die Lehre von den angeborenen
Ideen seit Herbert von Cherbury, Berlin 1917; Ernst Cassirer, Das Erkenntnisproblem in der
Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit, Bde. 1 u. 2, Berlin 31922 (J1906 f.) [Neudruck
Darmstadt 1991]; Äke Petzäll, Der Apriorismus Kants und die „philosophia pigrorum“ (Göteborgs
Högskolas Ärsskrift 39), Göteborg 1933, S. 7-24; Brands, Untersuchungen zur Lehre von den
angeborenen Ideen, a.a.O.
Zu den genannten Autoren sei ferner auf folgende Untersuchungen verwiesen: Zu Platon und
Cusanus vgl. Kremer, Erkennen bei Nikolaus von Kues, a.a.O.; zu Melanchthon und der
Schulmetaphysik des 16. und 17. Jahrhunderts vgl. Max Wundt, Die deutsche Schulmetaphysik des
17. Jahrhunderts (Heidelberger Abhandlungen zur Philosophie und ihrer Geschichte, Bd. 29),
Tübingen 1939, und Heinrich Schepers, Andreas Rüdigers Methodologie und ihre Voraussetzun-

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Wenn nun Kant sagt, daß unser Erkenntnisvermögen die apriorischen Vorstellungen aus
sich selbst hervorbringt, und das dahingehend präzisiert, daß diese Vorstellungen bei
Gelegenheit der Erfahrung aus einem ,angeborenen Grund' entwickelt werden, dann
scheint sich das mit der Lehre von den angeborenen Ideen zu decken. Die
Übereinstimmungen reichen sogar gelegentlich bis in die Terminologie hinein. Das
betrifft nicht nur die Standardformel von der occasio experientiae, sondern Kant spricht
einmal sogar ausdrücklich von „Keimen und Anlagen im menschlichen Verstände“, in
denen apriorische Begriffe „vorbereitet liegen, bis sie endlich bei Gelegenheit der
Erfahrung entwickelt“ {KrV B 91) werden.13 Darüber hinaus bezeichnet Kant im Kontext
seiner Logik die reinen Begriffe nicht als erworbene Vorstellungen, sondern
ausdrücklich als ,gegebene', und zwar als a priori gegebene, und unterscheidet sie so von
a posteriori gegebenen auf der einen und von gemachten oder willkürlich erdichteten auf
der anderen Seite.14
Dennoch hat sich Kant immer wieder entschieden und scharf gegen angeborene Ideen
ausgesprochen und seine eigene Theorie als ganz bewußte Vermittlung im Streit
zwischen Empirismus und Innatismus überhaupt erst entwickelt. Angesichts dieser
Sachlage stellt sich natürlich die Frage, ob denn auch Kant dem Mißverständnis
aufgesessen sein könnte, es handele sich bei den angeborenen Ideen um Vorstellungen,
die von Anfang an als gesicherter Besitz zur Verfügung stehen. Hat er vielleicht in
vermeintlicher Opposition gegen eine traditionelle Lehre einen Ansatz entwickelt, der
faktisch genau dasselbe besagt, und damit lediglich alten Wein in neue Schläuche
gefüllt? Oder unterscheidet sich Kants Lehre von einer acquisitio originaria, ungeachtet
gewisser Übereinstimmungen, doch so grundlegend von den traditionellen innatistischen
Ansätzen, daß seine Ablehnung angeborener Ideen gerechtfertigt ist, und zwar
unabhängig davon, ob diese Ideen nun aktuell oder nur potentiell angeboren sind? Das
wie

gen. Ein Beitrag zur Geschichte der deutschen Schulphilosophie im 18. Jahrhundert (Kantstudien
Ergänzungshefte, Bd. 78), Köln 1959, S. 47ff.; zu Leibniz vgl. Werner Schüßler, Leihniz’
Auffassung des menschlichen Verstandes (intellectus). Eine Untersuchung zum Standpunktwechsel
zwischen „Systeme commun“ und „Systeme nouveau “ und dem Versuch ihrer Vermittlung (Quellen
und Studien zur Philosophie, Bd. 32), Berlin/New York 1992; zu Crusius vgl. Giorgio Tonelli,
Vorwort zu: Christian August Crusius, Die philosophischen Hauptwerke, hrsg. v. Giorgio Tonelli,
Bd. 1, Hildesheim 1969, S. XXVII ff.
13 Vgl. Prol. A 183 (§ 60), A 168 (§ 57). In der Refl. 4172 (X Ende 1769 - Herbst 1770) nennt Kant
die apriorischen Begriffe „eingedrükte formen“ (XVII 44317). Wenn Kant in der Refl. 3930 (k3
1769) schreibt, daß wir „nur bey gelegenheit der sinnlichen Empfindungen“ die „Thätigkeiten des
Verstandes in Bewegung setzen und uns gewisser Begriffe [...] bewust werden; und so gilt auch hier
Lockens Regel, daß ohne sinnliche Empfindung keine idee in uns klar wird“ (XVII 352 u)_14), und
vom Raum sagt, daß wir ihn „nicht von der Empfindung [...] entlehnen, ob[gleich] wir diesen
Begriff nur bey Gelegenheit der Empfindung körperlicher Dinge klar machen können“ (ebd.
352i8_21), scheint er anzudeuten, daß die sinnlichen Empfindungen dazu dienen, Vorstellungen, die
schon fertig in uns liegen, wenn sie uns auch noch nicht bewußt sind, lediglich bewußt zu machen;
vgl. auch Enz.vorl. XXIX 1821_25, Metaphysik Pölitz S. 136f. {Lt, XXVIII 22738-228h).
14 Vgl. unten § 14 a S. 171.

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derum führt zu der entscheidenden Frage, was denn Kant genau mit dem ,angeborenen
Grund' apriorischer Vorstellungen meint. Obwohl auch er sich, wie oben schon
angedeutet, hier nicht immer mit der wünschenswerten Klarheit ausdrückt, läßt sich sein
Ansatz doch immerhin präzisieren: Kant gründet seine apriorischen Vorstellungen,
darauf wird noch ausführlich einzugehen sein, auf Gesetze, nach denen die
Erkenntniskräfte funktionieren. Aus diesen Gesetzen entwickeln sich die apriorischen
Vorstellungen, wenn die Erkenntniskräfte bei Gelegenheit der Erfahrung in Aktion
treten. Was aber meint Kant genau mit ,Gesetzen der Erkenntnis' und wie unterscheidet
sich diese Bestimmung vom traditionellen Ansatz des Innatismus?

3. Die Rezeption der Lehre von der acquisitio originaria.


Zum Stand der Forschung
Kants Lehre von einer acquisitio originaria apriorischer Vorstellungen ist von der
bisherigen Forschung überaus stiefmütterlich behandelt worden. Wo man es überhaupt
für wert befunden hat, ausdrücklich darauf einzugehen, ist das Lehrstück zudem immer
wieder Gegenstand von Mißverständnissen und Kontroversen gewesen. Das ist im
ganzen gesehen um so befremdlicher, als die Frage nach dem Ursprung des Apriori seit
Markus Fferz’ Paraphrase von Kants Dissertation im Jahr 1771 - und damit fast seit
ihrem ersten Auftauchen - bis hinein in die aktuelle Auseinandersetzung um die
Evolutionäre Erkenntnistheorie immer wieder in den Blickpunkt des Interesses geraten
ist, erklärt sich aber daraus, daß bisher noch nie der Versuch unternommen wurde, das
Lehrstück unter Einbeziehung aller diesbezüglichen Äußerungen Kants und aller in
Frage stehenden Aspekte des Themas umfassend zu rekonstruieren. Die bisherigen
Untersuchungen zum Ursprung des Apriori bei Kant sind damit immer auf die eine oder
andere Weise an einer der im vorigen Abschnitt dieser Einleitung genannten
Schwierigkeiten gescheitert.2 Die Auflistung dieser Schwierigkeiten diente denn auch
weniger dazu, das Thema der vorliegenden Arbeit näher zu umreißen. Ihr Zweck besteht
vielmehr darin, so etwas wie einen Leitfaden für den

2 Hier ist allerdings zu berücksichtigen, daß besonders der frühen Kantrezeption im wesentlichen nur
die Druckschriften Kants zur Verfügung standen und auch der Neukantianismus nur bedingt auf die
Nachlaßreflexionen, deren Veröffentlichung in größerem Ausmaß ja erst mit den Editionen Reickes
und Erdmanns in den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts einsetzte, zurückgreifen konnte. Ähnlich
steht es mit den Vorlesungsnachschriften Kants, deren Edition sogar bis heute nicht abgeschlossen
ist. Gerade ein breit angelegter Rückgriff auf die Reflexionen und die Nachschriften ist jedoch
angesichts des fragmentarischen Charakters der Kantschen Theorie von der acquisitio originaria
zur Rekonstruktion dieses Lehrstücks schlechterdings unverzichtbar. Zum Verhältnis zwischen der
Rezeptionsgeschichte des Kantschen Denkens und dem jeweiligen Stand der Kantforschung und
Kantphilologie vgl. Norbert Hinske, Kantianismus, Kantforschung, Kantphilologie. Überlegungen
zur Rezeptionsgeschichte des Kantschen Denkens. In: Ernst-Wolfgang Orth/Helmut Holzhey
26 (Hrsg.), Neukantianismus. Perspektiven und Probleme (Studien und Materialien zum
Neukantianismus, Bd. 1), Würzburg 1994, S. 31-43.
Forschungsüberblick an die Hand zu geben. Es geht in der folgenden Übersicht damit
auch weniger um eine - vermutlich ohnehin nicht zu erreichende - Vollständigkeit als
vielmehr darum, charakteristische Positionen in der Bewertung der Kantschen Theorie
vom Ursprung des Apriori darzustellen und die Gründe für die jeweilige Einschätzung
aus den Schwierigkeiten dieser Theorie heraus plausibel zu machen.
Der fragmentarische Charakter der Theorie von der acquisitio originaria und das
Schattendasein, das dieses Lehrstück im Werk Kants führt, sind zweifellos die Ursache
für die weitverbreitete Gewohnheit, Kants Apriori einfach als angeboren zu bezeichnen
oder mit einer mehr oder weniger historisch korrekten Auffassung von der Lehre von
den angeborenen Ideen gleichzusetzen. Diese in aller Regel ebenso kurzschlüssige wie
voreilige Gleichsetzung von ,a priori' und ,angeboren' basiert auf der höchst einfachen
Überlegung, daß das, was Erfahrung möglich macht, schon vor aller Erfahrung gegeben
und also angeboren sein muß. Kant habe das genetische Moment des Apriori damit
schlechterdings verkannt, wodurch seine Aprioritheorie überholt sei. Vorwürfe dieser
Art scheinen bei Psychologen16, Linguisten17, Wissenschaftstheore-

16 Vgl. Jean Piaget, Die Entwicklung des Erkennens, Bd. 1: Das mathematische Denken, Bd. 2: Das
physikalische Denken, Bd. 3: Das biologische Denken. Das psychologische Denken. Das
soziologische Denken, Stuttgart 1972-73 (Paris ‘1950). Piaget zählt den Raum Kants genau wie den
absoluten Raum Newtons und Clarkes ausdrücklich zu den Modellen der „nicht-genetischen
Konzeption“ (Bd. 1, S. 147). Der Raum existiere Kants Auffassung zufolge als „organisierter
Wahrnehmungsraum“ schon „auf allen Stufen der Entwicklung“ (ebd. S. 165), wenn man sich
dieser bloßen Form der Anschauung auch „nur anläßlich von Erfahrungen bewußt werden kann“
(ebd. S. 153; Piaget spricht auch von einer „Aktualisierung der vorgegebenen virtuellen Formen“,
die durch die Erfahrung „provoziert“ werde, ebd.). Kant wird von Piaget ausdrücklich in eine Reihe
mit den „resolutesten Nativisten“ (ebd. S. 165) gestellt. Daß Piaget das genetische Moment von
Kants Aprioritheorie gänzlich verkennt, machen auch seine Ausführungen zum Kantschen Begriff
der Kausalität deutlich. Piaget sagt von Kants Kausalitätsbegriff, er existiere „vor der Erfahrung“,
könne aber als bloße Form nicht „vor dem Kontakt mit der Erfahrung im Bewußtsein erscheinen“;
Erfahrung sei hier also „nur eine Gelegenheit zur Manifestation“ (Bd. 3, S. 89).
17 Vgl. Julia M. Penn, Linguistic Relativity Versus Innate Ideas. The Origins of the Sapir - Whorf
Hypothesis in German Thought, The Hague/Paris 1972, S. 48: „Indeed many ideas, in Kant’s
System, were not acquired at all but were innate forms of intuition, regulative principies of
reasoning presupposed in all judgements which give us knowledge of phenomena.“ „The categories
and the leges intellectus, such as the rules of logic and our notions of space and time, can justifiably
be called innate ideas in Kant’s System“ (ebd. S. 49).
Noam Chomsky, dessen Rekurs auf die Lehre von den angeborenen Ideen als Modell für den
Spracherwerb eine heftige Diskussion auslöste, hat sich zu Kant eher zurückhaltend geäußert, vgl.
ders., Cartesian Linguistics. A Chapter in the History of Rationalist Thought, New York/ London
1966, S. 73. Dennoch zeigt sich auch bei ihm die Tendenz, Kants Ansatz ohne große Umschweife
zur Lehre von den angeborenen Ideen zu rechnen, jedenfalls nennt er im Zuge seiner Darstellung
dieser Lehre Kant in einem Atemzug mit Descartes, den englischen Platoni- kern und Leibniz, vgl.
ebd. S. 69. - Wie G. Benjamin Oliver, Innate Ideas and Transformational Grammar: A Kantian
Interpretation. In: Akten des 4. Internationalen Kant-Kongresses Mainz. 6. -10. April 1974, hrsg. v.
Gerhard Funke, Teil 2.2, S. 849-855 (Kant-Studien 65 [1974] Sonderheft) zeigt, konzentriert sich
die Auseinandersetzung der Kantforschung mit Chomsky auf die Frage, inwieweit Kants
erkenntnistheoretisches Modell von apriorischen Vorstellungen als der Bedin-
27
tikern18 und besonders bei Anhängern der Evolutionären Erkenntnistheorie19 nicht
unüblich zu sein.
gung der Möglichkeit der Erfahrung überhaupt auf das Phänomen des Spracherwerbs übertragbar
ist; die Diskussion von Kants Ansicht zum Ursprung des Apriori bleibt hier außen vor.
18 Vgl. z.B. Wilhelm K. Essler, Willard Van Orman Quine: Empirismus auf pragmatischer
Grundlage. In: Grundprobleme der großen Philosophen. Philosophie der Gegenwart III, hrsg. v.
Josef Speck, Göttingen 1975, S. 88: „Kant ist der Begründer der modernen
Transzendentalphilosophie. Dies ist eine philosophische Theorie, in der ein Schema zur Gewinnung
von Wirklichkeitser- kenntnissen entwickelt wird, von dem folgendes gilt: (1) Es ist den Menschen
angeboren, d.h. sie erwerben es nicht aus der Erfahrung, sondern haben es bereits, bevor sie
überhaupt Erfahrungen machen können. (2) Es ist allen Menschen in diesem Sinn angeboren.“ - Bei
Wolfgang Stegmüller, Hauptströmungen der Gegenwartsphilosophie. Eine kritische Einführung,
Bd. 2, Stuttgart 71986 f11969), S. 1, heißt es: Die „cartesianische Lehre von den angeborenen Ideen
[...], so werden die meisten sagen, sei [...] endgültig in der philosophischen Mottenkiste des 17. Jh.s
verstaut worden. Höchstens eine kantische Variante dieser Lehre, mit der Umdeutung von
.angeboren' in ,a priori1, sei möglicherweise auch heute noch wissenschaftstheoretisch diskutabel“.
19 Obwohl die Evolutionäre Erkenntnistheorie angetreten ist, um die apriorischen Erkenntnisfak- toren
als ein stammesgeschichtliches Aposteriori und damit als ein Produkt der Evolution zu erklären, ist
Kants Theorie vom Erwerb aller Erkenntnisse hier kaum je behandelt worden und scheint oft ganz
unbekannt zu sein. Das äußert sich auch hier in der kurzschlüssigen Gleichsetzung des Apriori mit
dem Angeborenen, die allenfalls dahingehend abgeschwächt ist, daß es - freilich ohne weitere
Erklärung - heißt, Kant habe ,angeborene Dispositionen' gelehrt.
Innerhalb der Evolutionären Erkenntnistheorie zeichnet sich zunehmend die Tendenz ab, zu den
erkenntnistheoretischen Modellen der Philosophie, vor allem zu demjenigen Kants, auf Distanz zu
gehen, was der Einsicht entspricht, daß die biologische Fragestellung nach der Entwicklung des
phylogenetischen Apparates eine grundsätzlich andere ist als die philosophische Frage Kants nach
Ursprung und Geltung der Erkenntnis. Dennoch hält sich die kurzschlüssige Gleichsetzung von
Kants Apriori mit dem Angeborenen offenbar hartnäckig. So schreibt Konrad Lorenz, Die
Rückseite des Spiegels. Versuch einer Naturgeschichte menschlichen Erkennens, München/Zürich
1973, S. 19: „In der Tatsache, daß die Anschauungsformen und Denkkategorien nicht [...] durch
individuelle Erfahrungen gebildet werden, mußte Kant den zwingenden Beweis dafür sehen, daß sie
,denknotwendig' und damit überhaupt nicht im eigentlichen Sinne ,entstanden', sondern eben apriori
gegeben seien“; vgl. ebd. S. 124f.: „Woferne man nicht außernatürliche Faktoren, wie etwa eine
prästabilierte Harmonie zwischen Organismus und Umwelt, annehmen will, muß man die Existenz
angeborener Lehrmechanismen postulieren [...]. Auch diese Lehrmeister gehören zu den
Bedingungen möglicher Erfahrung, die der Kantischen Definition des Apriorischen entsprechen:
Die angeborenen Lehrmeister sind dasjenige, was vor allem Lernen da ist und da sein muß, um
Lernen möglich zu machen“.
Etwas näher mit Kants Äußerungen zum Ursprung der apriorischen Vorstellungen hat sich
innerhalb der Evolutionären Erkenntnistheorie offenbar nur Gerhard Vollmer, Evolutionäre
Erkenntnistheorie. Angeborene Erkenntnisstrukturen im Kontext von Biologie, Psychologie,
Linguistik, Philosophie und Wissenschaftstheorie, Stuttgart 1975, beschäftigt. Vollmer bestätigt
Kant zwar, er habe die Frage nach dem Ursprung dieser Vorstellungen in der Dissertation von 1770,
in der Kritik der reinen Vernunft und in der Streitschrift gegen Eberhard „vorsichtig zu beantworten
versucht“, sei „dabei aber über Andeutungen nicht hinausgegangen“ (S. 127; vgl. ebd. S. 10); „ob
man [...] ,angeboren' und .synthetisch apriori' zu Synonymen erklären will“, ist für Vollmer
lediglich „eine Frage der Terminologie“ (S. 130).
Wenig ernst genommen und nur sporadisch, sozusagen der Vollständigkeit halber erwähnt wird die
Lehre von der acquisitio originaria auch in der Auseinandersetzung der Kantforschung mit der
Evolutionären Erkenntnistheorie. Hier konzentriert sich die Debatte auf das Argument, daß eine
empirische Erkenntnis apriorischer Faktoren des Erkennens immer zirkulär sein muß, weil
28
In manchen Fällen mag die Ursache dieser Interpretation einfach Unkenntnis der z.T.
entlegenen Stellen im Werk Kants sein, an denen er sich für den Erwerb aller
Vorstellungen ausspricht.20 Doch eine solche Auslegung kann sich in gewisser Weise
auch auf Kants Ausführungen zur Apriorität der Anschauungsformen Raum und Zeit
und auch auf eine ganze Reihe von Äußerungen Kants - vor allem auf die oben
angesprochenen Stellen in der transzendentalen Ästhetik der Kritik der reinen Vernunft
und in den Prolegomena - berufen, an denen er unmißverständlich zu erklären scheint,
die apriorischen Anschauungsformen seien vor aller Empfindung schon gegeben.21 Den
Vorwurf, er habe sich in der Frage nach dem Ursprung der Erkenntnis widersprochen
und einmal eine Erwerbstheorie vertreten, ein andermal jedoch aktuell fertige
Vorstellungen gelehrt, haben seine Gegner Kant schon zu Lebzeiten gemacht. So erklärt
Johann Christoph Schwab schon 1791 in einem Aufsatz im Philosophischen Magazin
Eberhards, Kant sei mit seiner in der Streitschrift gegen Eberhard aufgestellten Lehre
von einer ursprünglichen Erwerbung dem Begriff vom Raum, den er in der Kritik der
reinen Vernunft aufgestellt habe, untreu geworden.22 An Schwab

sie eben jene apriorischen Erkenntnisstrukturen schon voraussetzt, ein Problem, das übrigens schon
Kuno Fischer im Zusammenhang mit dem anthropologischen Kritizismus Jakob Friedrich Fries’
1862 auf die bündige Formel brachte: Was a priori ist, kann nie a posteriori erkannt werden (vgl.
Kuno Fischer, Die beiden kantischen Schulen in Jena. Rede zum Antritt des Prorektorats, den 1.
Februar 1862. In: ders., Akademische Reden, Stuttgart 1862, S. 99). Damit aber steht auch hier
wieder ausschließlich die Frage nach der Geltung der Erkenntnis im Blickpunkt des Interesses.
Zur Evolutionären Erkenntnistheorie, ihrem Selbstverständnis und ihrer Geschichte vgl. die beiden
Sammelbände Entwicklung der Evolutionären Erkenntnistheorie, hrsg. v. Rupert Riedl u. Elfriede
Maria Bonet ("Wiener Studien zur Wissenschaftstheorie, Bd. 1), o.O. 1987 und Transzendentale
oder Evolutionäre Erkenntnistheorie?, hrsg. v. Wilhelm Lütterfelds, Darmstadt 1987. Zur Kritik an
der Evolutionären Erkenntnistheorie vgl. vor allem Wilhelm Lütterfelds, Kants Kausalkategorie -
ein stammesgeschichtliches Aposteriori? In: Philosophia naturalis 19 (1982), S. 104-124; ders.,
Auflösung der Kantschen Apriori? In: Entwicklung der Evolutionären Erkenntnistheorie, a.a.O. S.
197-216.
20 Bei Rupert Riedl, Biologie der Erkenntnis. Die stammesgeschichtlichen Grundlagen der Vernunft,
Berlin u. Hamburg 21980 ('1979), heißt es S. 54 zu Kant sogar: „Freilich blieb die Herkunft der
Apriori ein Rätsel, wiewohl [...] schon Kant die Lösung, sie als ,eine Art Präformationssystem der
reinen Vernunft' anzusehen, ahnte“. Riedl verweist ohne Seitenangabe lediglich auf die Erstausgabe
der KrV, wo der Begriff „Präformationssystem“ aber nicht vorkommt. Riedl hat ganz offensichtlich
die Stelle aus der transzendentalen Deduktion der zweiten Auflage der KrV B 167 im Sinn. Kant
sagt dort allerdings genau das Gegenteil von dem, was Riedl ihm unterstellt, er spricht sich hier
nämlich ausdrücklich gegen eine Präformation und zugunsten des gegenteiligen Modells, nämlich
einer Epigenesis, aus: Im 17. und 18. Jahrhundert wurde mit dem aus der Biologie stammenden
Begriff der Präformation die Lehre von den angeborenen Ideen bezeichnet; vgl. hierzu unten § 4 c
bb S. 88 ff.
21 Vgl. oben S. 20 f.
22 Vgl. Johann Christoph Schwab, Ist H. Kant, in seiner Streitschrift gegen H. Eberhard, seinem in
der Kritik der reinen Vernunft aufgestellten Begriffe vom Raum getreu geblieben? In:
Philosophisches Magazin, hrsg. v. Johann August Eberhard, Bd. 4, Stück 2, Halle 1791 [Neudruck
Brüssel 1968], S. 225-230.

29
schließt sich hundert Jahre später Hans Vaihinger in einem längeren und sehr
materialreichen Exkurs seines Kommentars zur Kritik der reinen Vernunft, der bisher
ausführlichsten Erörterung von Kants Lehre einer acquisitio originaria, ausdrücklich
an.23 Vaihinger sieht es als eine „erwiesene Thatsache“ an, daß „die verschiedenen
Stellen über die Apriorität der Raumvorstellung sich widersprechen“24: Kant habe zwar
in der Dissertation von 1770 und in der Streitschrift gegen Eberhard gesagt, die
Anschauungsformen seien erworben, der Beweis ihrer Apriorität sei jedoch mit einer
Erwerbstheorie unvereinbar.25 Das Problem dieses angeblichen Widerspruchs bei Kant
ist in der Folge immer wieder erörtert worden. Max Heinze hält diejenigen Äußerungen
aus den Vorlesungen Kants, die den Anschein erwecken, Raum und Zeit seien
angeborene fertige Formen, für „ungenaue Ausdrucksweisen“26; Norman Kemp Smith
urteilt ähnlich wie Vaihinger, nur daß er die Dissertation von 1770 zusammen mit der
Streitschrift gegen Eberhard der transzendentalen Ästhetik der Kritik der reinen Vernunft
gegenüberstellt.27 Im Gegensatz dazu betont aber etwa Herbert J. Paton die
Einheitlichkeit und Kontinuität von Kants Auffassung.28 Die Frage nach dem Ursprung
von Kants Apriori ist spätestens seit dem Neukantianismus in die Debatte um Kants
Psychologie29 verwickelt. Geht es hierbei im wesentlichen um die Frage, ob Kants
Methode der Entdeckung und Erforschung des Apriori die psychologische Methode der
empirischen Selbstbeobachtung sein kann, so wird doch auch mitverhandelt, ob Kant
denn überhaupt den Entstehungsprozeß der Erkenntnis, der traditionell Thema der
empirischen Psychologie gewesen sei, behandelt hat. Es war vor allem der
erkenntnistheoretisch ausgerichtete Neukantianismus, der diese Frage verneinte. Kants
Apriori wurde hier als ein rein logisches, d.h. nach den Bedingungen der Erkenntnis
fragendes Apriori gedeutet. Die psychologische Erörterung dessen, wie Erkenntnis
zustande kommt und was ihr der Zeit nach vorhergeht, sei nicht Kants Problem gewesen,
und er habe diese Frage nur ganz beiläufig abgetan. Gestützt auf die bekannten
Vorbehalte Kants gegen die Psychologie30 sowie auf die-

23 Vgl. Hans Vaihinger, Kommentar zu Kants Kritik der reinen Vernunft, 2 Bde., hrsg. v. Raymund
Schmidt, Stuttgart/Berlin/Leipzig 21922 (Bd. 1 '1881, Bd. 2 *1892) [Neudruck Aalen 1970], Bd. 2,
S. 89-101: Excurs. Wie verhält sich Kants Apriori zum Angeborenen?
24 Ebd. S. 95.
25 Vgl. ebd.: „Während in der Dissenation von 1770 diese unvereinbaren Behauptungen neben
einander stehen, finden wir sie später auf die Kr. d. r. V. und auf die Streitschrift gegen Eberhard
vertheilt: der Wortlaut nicht bloss, sondern auch der Geist der transsc. Aesthetik lassen sich nicht
mit der Lehre von der Erwerbung der Raumvorstellung vereinigen“.
26 Heinze, Vorlesungen Kants, a.a.O. S. 596 (XXVIII 71212f ); vgl. ebd. S. 529 f. (XXVIII 18924ff ).
27 Vgl. Norman Kemp Smith, A Commentary to Kant’s ,Critique of Pure Reason', New York21923
('1918) [Neudruck New York 1962], S. 89 ff.
28 Vgl. Herbert J. Paton, Kant’s Metaphysic of Experience. A Commentary on the First Half of the
Kritik der reinen Vernunft, 2 Bde., London u. New York51970 (’1936), Bd. 1, S. 136 f.
29 Vgl. hierzu Jürgen Bona Meyer, Kants Psychologie, Berlin 1870; Vladimir Satura, Kants
Erkenntnispsychologie in den Nachschriften seiner Vorlesungen über empirische Psychologie
(Kantstudien Ergänzungshefte, Bd. 101), Bonn 1971, S. 157-168.
30 Vgl. z.B. Anfangsgründe AX f . Zu Kants Auffassung der Psychologie vgl. Meyer, Kants
Psychologie, a.a.O.

30
jenigen seiner Äußerungen, in denen er betont, er behandele gar nicht die Entstehung
der Erkenntnis, sondern beschäftige sich mit der Frage ihrer Geltung,31 haben etwa Alois
Riehl und Hermann Cohen die Lehre von der acquisitio originaria als ein für die
kritische Philosophie angeblich unerhebliches Thema von höchstens marginalem
Interesse abgetan.32 Obwohl diese Abwertung der als psychologisch verstandenen Frage
nach der zeitlichen Entstehung zugunsten der logischen Frage nach der Geltung des
Apriori schon im Neukantianismus nicht unumstritten war - Liebmann etwa hat sie
zurückgewiesen33 - hat sie sich doch hartnäckig behauptet.34 Es ist verständlich, daß

27 Vgl. oben S. 21 f.
28 Alois Riehl, Der philosophische Kritizismus. Geschichte und System, 3 Bde., Bd. 1 Leipzig 21908
('1876), Bd. 2 Leipzig 21925 (’1879), Bd. 3 Leipzig 21926 ('1887) spricht vom „psychologischen
Vorurteil“ (Bd. 1, S. 380) Kant gegenüber. Er betont, daß die „beiden Fragen: wie entstehen
Vorstellungen und: sind Vorstellungen gültig, mit dem Objekte übereinstimmend [...] ganz
verschiedene Fragen“ sind, und daß letztere „sich durch keine Psychologie jemals entscheiden“
läßt; der „Hergang der Vorstellungsbildung und der Entstehung von Erfahrung ist ohne Zweifel
eine überaus wichtige Aufgabe“ und mit seiner Lehre von der ursprünglichen Erwerbung habe Kant
ihn auch, „obschon ausser seiner Aufgabe liegend, [...] hinlänglich erörtert“, aber dies sei „nicht die
Aufgabe der Vernunftkritik Kants“ (ebd. S. 388f.). Vgl. ebd. S. 394: „Es wird nicht [...] die
Sinnlichkeit psychologisch oder physiologisch erforscht, sondern die Beschaffenheit der
Vorstellungen von Raum und Zeit, es wird nicht der Verstand, sondern das Urteil analysiert, [...]
nicht die Vernunft wird untersucht, sondern die Form der Schlüsse. [...] Die Methode der kritischen
Werke ist objektiv, nicht subjektiv psychologisch. Kants Lehre steht und fällt nicht mit seiner
Psychologie, weil sie sich gar nicht auf diese stützt. [...] Die Frage Kants [...] ist nicht die
psychologische: wie erwerben wir die Vorstellung von Gegenständen überhaupt? [...] Es ist die
erkenntniskritische: ist unsere Vorstellung von Gegenständen wahr? ist sie begründet? wie und
unter welchen Einschränkungen kann sie bewiesen werden?“ Vgl. ebd. S. 398 ff. sowie Bd. 2,
a.a.O. S. 8 ff. u. S. 103 ff.
Ähnlich urteilt auch Hermann Cohen, Kants Theorie der Erfahrung, Berlin 31918 (’1871), dessen
Bemühen um eine logische, d.h. auf die Frage nach der Geltung ausgerichtete Auffassung des
Apriori die logizistische Interpretation der Kantschen Erkenntnistheorie, wie sie für den Mar-
burger Neukantianismus kennzeichnend wurde, begründet hat. Auch für Cohen ist die Frage, wie
wir zu den Vorstellungen von Raum und Zeit oder Kausalität kommen, die psychologische Frage,
„die Stationen zu bezeichnen und soweit möglich auszumitteln, in denen der Zeit nach die
Vorgänge und Gebilde des Bewusstseins sich gestalten“ (S. 115 f.). Im Unterschied zu Riehl
erkennt er zwar an, daß die Erkenntniskritik nicht ganz ohne eine wie immer geartete Psychologie
auskomme, da Erkenntnisse nun einmal „psychische Vorgänge sind und bleiben“ (S. 114; vgl. S. 25
ff., S. 98 ff.); er betont jedoch deutlich den Unterschied zwischen der metaphysischen und
psychologischen Deduktion apriorischer Vorstellungen und der transzendentalen, nach der Geltung
der Vorstellungen fragenden Untersuchung. Cohen warnt vor der Gefahr, die transzendentale
Methode in eine psychologische aufzulösen „und anstatt die Werte der Erkenntnis abzuschätzen,
ihre vermutlichen Anfänge und Entwickelungen zu beschreiben“ (ebd. S. 97; vgl. ebd. S. 114 f.).
29 Vgl. Otto Liebmann, Zur Analysis der Wirklichkeit. Eine Erörterung der Grundprobleme der
Philosophie, Straßburg 21880 ('1875), S. 240f., S. 251.
30 Vgl. z.B. Wilhelm Ratke, Systematisches Handlexikon zu Kants Kritik der reinen Vernunft
(Philosophische Bibliothek, Bd. 37b), Leipzig 1929, Artikel: Apriori, S. 22; Rudolf Eisler, Kant-
Lexikon. Nachschlagewerk zu Kants sämtlichen Schriften, Briefen und handschriftlichem Nachlaß,

31
diese Auffassung eingehenderen Nachforschungen über Kants Lehre vom Ursprung der
Erkenntnis nicht eben förderlich war.
Was schließlich die Frage nach dem Verhältnis Kants zur klassischen Lehre von den
angeborenen Ideen betrifft, so war schon die zeitgenössische Diskussion von Kants
Apriori durch die Tendenz geprägt, Kants Theorie vom Erwerb apriorischer
Vorstellungen mit Leibniz’ Konzept von virtuell angeborenen Ideen in Verbindung zu
bringen. Den Bezug zu Leibniz hatte hinsichtlich Kants Inauguraldissertation von 1770
bereits Markus Herz hergestellt.35 Schon Herz betonte dabei, daß Kants Art der
Auflösung der Frage, ob Raum und Zeit „angeborene oder erlangte Begriffe“ sind,
„vielleicht die einzige ist, auf welche der ganze berüchtigte Streit um die angeborenen
Wahrheiten entschieden werden muß.“36 An Herz schloß sich Carl Christian Erhard
Schmid in seinem Wörterbuch zum leichtern Gebrauch der Kantischen Schriften von
1786, dem ersten, später immer wieder aufgelegten Kantlexikon, an.37 Schmids Urteil,
daß der „Kantschen Theorie von Erkenntnissen apriori [...] Leibnitzens Lehre von
angebohrnen Begriffen (Neue Versuche über den menschlichen Verstand I. 1. 2. 3.)
offenbar zum Grunde“38 liege, nahm Kants Gegner Johann August Eberhard, Profes-

Berlin 1930 [Neudruck Hildesheim/Zürich/New York 1984], Artikel: Apriori, S. 38f.; Paton,
Kartt’s Metaphysic of Experience, a.a.O. S. 78-80, 316f. Vgl. hierzu auch die Literaturübersicht bei
Satura, Kants Erkenntnispsychologie, a.a.O. S. 157-167.
31 Vgl. Markus Herz, Betrachtungen aus der spekulativen Weltweisheit, Königsberg 1771 [Neudruck
hrsg., eingeleitet, mit Anmerkungen und Registern versehen von Elfriede Conrad, Heinrich P.
Delfosse und Birgit Nehren (Philosophische Bibliothek, Bd. 424), Hamburg 1990], S. 34 f. Herz
betont, daß „der Satz des Widerspruchs sowohl als die übrigen Grundsätze der Vernunft, welche
keines ferneren Beweises fähig sind“, der Seele nicht „bestimmt angeboren“ sein können, weil sie
„in der Tat nur alsdann erst stattfinden, wenn wirkliche Gegenstände gegeben sind, auf welche sie
angewandt werden können“ (ebd. S. 34). Für die apriorischen Anschauungsformen Raum und Zeit
gilt: „Wären sie bestimmte angeborene Begriffe, so würden sie in der Seele eine absolute
Wirklichkeit haben, die den sinnlichen Erkenntnissen vorhergehen müßte“ (ebd. S. 34 f.). Da die
Grundsätze der Vernunft und Raum und Zeit auch nicht der Erfahrung entstammen können, zieht
Herz das Fazit: Es „bleibt nur der einzige Fall übrig, Raum und Zeit als solche Begriffe anzusehen,
die der Seele zwar angeboren, aber bloß als Formen in ihr vorhanden sind, die nur alsdann völlig
bestimmt sind, wenn sie auf Gegenstände der sinnlichen Erkenntnisse angewandt werden.“ „Die
Seele“, fährt Herz unter ausdrücklichem Verweis auf die Nouveaux essais fort, „wird sich also
gegen beide, gegen die Grundsätze der Vernunft sowohl als gegen Raum und Zeit, weder wie eine
glatte noch wie eine gegrabene Tafel verhalten, sondern wie Leibniz bei einer anderen Gelegenheit
dafürhält, als eine Tafel, auf welcher der Umriß eines Bildes, das darauf getragen werden soll,
gezeichnet ist, welchem die Gegenstände der Erkenntnis, die eigentlich das Bild ausmachen,
angepaßt werden müssen“ (ebd. S. 35).
32 Ebd. S. 34.
33 Vgl. Carl Christian Erhard Schmid, Critik der reinen Vernunft im Grundrisse zu Vorlesungen nebst
einem Wörterbuche zum leichtem Gebrauch der Kantischen Schriften, Jena 1786, Artikel: A
posteriori, apriori, S. 167-170. Schmid verweist S. 169 ausdrücklich auf „M. Herz Betrachtungen“.
34 Ebd. S. 169. In den folgenden, jeweils erweiterten Auflagen seines Wörterbuchs hat Schmid die
vermeintliche Übereinstimmung zwischen Kant und Leibniz dann ausführlich dargelegt. So
erläutert er in der vierten Auflage (Carl Christian Erhard Schmid, Wörterbuch zum leichtem Ge

ll
sor der Philosophie in Halle, zum Anlaß, Leibniz’ Lehre von den angeborenen Ideen
gegen Kants Ansatz auszuspielen.39 Eberhard kommt bei seinem Vergleich der
„Leibnitzischen Theorie des Ursprungs der menschlichen Erkenntniß mit der
Kantischen“40 zu dem Ergebnis, daß „das, was der kritische Idealismus reine
Anschauungen nennt, [...] der menschlichen Seele nur in ihren Gründen angebohren“
sein kann.41 Damit aber wiederhole Kant nur, was schon Leibniz zum Ursprung der
Erkenntnis gesagt habe, wie denn überhaupt „alles, was die Kantische Vernunftkritik
gründliches enthält, schon in der Leibnitzischen enthalten“42 sei. Es sind ebendiese
Ausführungen, gegen die Kant in seiner Replik auf Eberhard 1790 den Begriff einer
ursprünglichen Erwerbung apriorischer Vorstellungen ins Feld führt: „Die Kritik“, führt
Kant hier aus,

brauch der Kantischen Schriften, Jena 41798 [Neudruck hrsg., eingeleitet und mit einem
Personenregister versehen von Norbert Hinske, Darmstadt 21980 ('1976)]), daß der Ausdruck
angeboren“ bei Leibniz nicht eine „wirkliche“ (S. 13), sondern bloß eine virtuelle Erkenntnis meint,
die „nach und nach bey Veranlassung des Unterrichts oder der sinnlichen Eindrücke und
Empfindungen bewußt“ (S. 14) werde. Vgl. hierzu Schmid in der ersten Auflage des Wörterbuchs,
a.a.O. S. 168: „Erst bey Gelegenheit der Wahrnehmungen und durch die Anwendung kommt eine
Erkenntniß a priori zum klaren Bewußtseyn ([...] s. Leibnitz Neue Versuche I. 1. §. 1.)“. Obwohl er
unter dem Stichwort „Erwerbung“ auch auf Kants Theorie einer „ursprünglichen Erwerbung“ der
Vorstellungen hinweist (4. Auflage, S. 234 f.), deutet Schmid Kants Apriori offenbar ganz als im
Leibnizschen Sinne angeboren: „Da seit Leibnitz die Lehre von den ursprünglichen Erkenntnissen
keine wesentlichen Verbesserungen und Erweiterungen erhalten hat, und da es vielmehr anfieng,
Mode zu werden, bey Gelegenheit der Verwerfung der wirklichen und deutlichen angebohrnen
Vorstellungen auch alle Erkenntniß a priori im gesunden Sinne für ein Unding zu erklären, so war
hier das Kantische Verdienst gedoppelt, indem er theils diese ver- nachläßigte Lehre wieder aus
dem Staube hervorzog, oder sie doch vor dem nahen Untergange rettete, theils dieselbe viel
sorgfältiger ausbildete, und ihr eine ganz neue Bestimmtheit und Ausdehnung gab“ (ebd. S. 15 f.).
Vgl. auch den Artikel: Angebohme, anerschaffene Vorstellungen, ebd. S. 49 f.
35 Vgl. Johann August Eberhard, lieber den Ursprung der menschlichen Erkenntniß. In:
Philosophisches Magazin, hrsg. v. Johann August Eberhard, Bd. 1, Stück 4, Halle 1789 [Neudruck
Brüssel 1968], S. 369-405. Eberhard konstatiert zunächst, daß der Kritische Idealismus eigentlich
nicht sagen könne, die reinen Anschauungen Raum und Zeit seien der Seele anerschaffen, denn er
kenne „kein Wesen, das erschaffen kann“; „die Vorstellung des unendlichen Wesens“ sei für den
Kritischen Idealismus „leer“; Eberhard zitiert aber Schmids Urteil (er nennt ihn „einen von H.
Kants Epitomatoren“) (S. 388) und bezieht seine weiteren Ausführungen darauf.
36 Ebd. S. 381.
37 Ebd. S. 389. Vgl. ebd. S. 389 ff.: „Raum und Zeit sind sinnliche Bilder; wenn die uns also
angebohren seyn sollen, so kann man das nicht anders verstehen, als, wir haben ihre Gründe [...]
von dem ersten Augenblicke unserer Wirklichkeit in uns“. „Also hat die Seele, schon ehe sie
Empfindungen mit Bewußtseyn hat, die dunklen Gründe zu dem Bilde des Raumes und der Zeit im
Allgemeinen in sich; und diese sind ihr dann anerschaffen, [...] sofern ihr die Gründe desselben in
ihren eigenen Bestimmungen anerschaffen sind [...]. Das also [...] sind die Gründe der allgemeinen
noch unbestimmten Bilder von Raum und Zeit, mit diesen ist die Seele erschaffen. Wenn die Seele
die Sinnenwelt mit Apperception zu empfinden anfängt: so bekömmt sie Vorstellungen mit
Bewußtseyn, von Gegenständen, in welchen sie diese Bilder unter unendlich mannigfaltigen
Modifikationen wahrnimmt.“
38 Ebd. S. 391.

33
„erlaubt schlechterdings keine anerschaffene oder angeborne Vorstellungen-, alle
insgesamt [...] nimmt sie als erworben an. Es gibt aber auch eine urprüngliche
Erwerbung (wie die Lehrer des Naturrechts sich ausdrücken), folglich auch dessen, was
vorher gar noch nicht existiert, mithin keiner Sache vor dieser Handlung angehöret hat.
Dergleichen ist, wie die Kritik behauptet, erstlich die Form der Dinge im Raum und der
Zeit, zweitens die synthetische Einheit des Mannigfaltigen in Begriffen; denn keine von
beiden nimmt unser Erkenntnisvermögen von den Objekten, als in ihnen an sich selbst
gegeben, her, sondern bringt sie aus sich selbst a priori zu Stande. Es muß aber doch“,
fährt Kant dann fort, „ein Grund dazu im Subjekte sein, der es möglich macht, daß die
gedachten Vorstellungen so und nicht anders entstehen und noch dazu auf Objekte, die
noch nicht gegeben sein, bezogen werden können, und dieser Grund wenigstens ist
angeboren“ (Entdeckung BA 68). Trotz dieser Entgegnung Kants auf Eberhard bezieht
in der Folge auch Mellin Kants Theorie von einer acquisitio originaria an verschiedenen
Stellen seines umfangreichen Encyclopädischen Wörterbuchs der kritischen Philosophie
auf den Leibnizschen Innatismus.43 Die Identität oder zumindest entschiedene
Ähnlichkeit von Kants Erwerbstheorie der Erkenntnis und dem Leibnizschen Innatismus
haben, unter Berufung auf Herz als Kronzeugen und unter Hinweis auf die in den
sechziger Jahren des 18. Jahrhunderts einsetzende Leibniz- Renaissance, u.a. auch
Windelband44, Liebmann45, Vaihinger46, Adickes47, Cassirer48

39 Vgl. Georg Samuel Albert Mellin, Encyclopädisches Wörterbuch der kritischen Philosophie, 6
Bde., Züllichau u. Leipzig bzw. Jena 1797-1804 [Neudruck Aalen 1970-71], Mellin behandelt
Kants Erwerbslehre in den Artikeln a priori, Bd. 1, S. 10-13, Angebohme, ebd. S. 227-231,
Anschauung, ebd. S. 265, Deduction, Bd. 2, S. 37-41, Kategorie, Bd. 3, S. 513-515, Leibniz, ebd. S.
800-804. Zum Verhältnis zwischen Kant und Leibniz schreibt Mellin zwar: „Nach Leibnitzens
Meinung sind [...] diese Vorstellungen mehr als blosse Anlage oder Möglichkeiten zu
Vorstellungen (welches Kants Behauptung ist), denn sie liegen in der Seele, wie die Grundstriche
zur künftigen Statue im Marmor“ (Bd. 1, S. 229); zu Leibniz’ Behauptung, die „Seele enthält
ursprünglich die Principien verschiedener Begriffe und Erkenntnisse, welche die äussem
Gegenstände nur bei Gelegenheit erwecken“, merkt er in einer Fußnote aber an: „Auf diese
Leibnitzische Stelle bezieht sich ohne Zweifel jene Stelle (C.[ritik der reinen Vernunft] 1.): ,Dass
alle unsere Erkenntniss mit der Erfahrung anfange, daran ist gar kein Zweifel, denn wodurch sollte
das Erkenntnissvermögen sonst zur Ausübung erweckt werden, geschähe es nicht durch
Gegenstände, die unsere Sinne rühren und theils von selbst Vorstellungen bewirken' u. s. w.“ (Bd.
3, S. 800); im Anschluß an seine Erläuterung des virtuellen Innatismus bei Leibniz zitiert Mellin
dann, ohne sich selbst dazu zu äußern, wörtlich die gesamte Passage aus der Streitschrift gegen
Eberhard (ebd. S. 803 f.).
40 Vgl. Wilhelm Windelband, Lehrbuch der Geschichte der Philosophie, hrsg. v. Heinz Heimsoeth,
Tübingen 151957 ('1891). Windelband vertritt die Ansicht, daß Kant „die Lehre der Nouveaux
essais zu einem System der Erkenntnistheorie auszubauen unternahm“, und bezeichnet das „Prinzip
des virtuellen Eingeborenseins“ als den „Nerv der Kantischen Inauguraldissertation: die
metaphysischen Wahrheiten liegen in der Seele als Gesetze ihrer Tätigkeit, um bei Gelegenheit der
Erfahrung in Funktion zu treten und dann zum Gegenstand und Inhalt der Verstandeserkenntnis zu
werden“ (S. 399). Raum und Zeit „sind in dem gewöhnlichen Sinne nicht eingeboren, sondern
erworben, aber nicht aus den Daten der Sinnlichkeit abstrahiert, sondern ab ipsa mentis actione
secundum perpetuas leges sensa sua coordinante [De mundi A 23, Sectio III Cor.]: und

34
und de Vleeschauwer49 sowie mit einer gewissen Einschränkung auch Benno Erdmann50
behauptet. Giorgio Tonelli hat darauf aufmerksam gemacht, daß außer der Leibniz-
sehen Lehre auch Crusius’ Innatismus hier eine Rolle gespielt haben könnte.51 Es ist
zuletzt darauf hinzuweisen, daß sich offenbar schon die Zeitgenossen Kants nicht im
klaren darüber waren, was denn Kant mit jenem ,angeborenen Grund“ gemeint hat, aus
dem bei Gelegenheit der Erfahrung Vorstellungen entstehen. So spricht Herz, der sich ja
nur auf Kants Dissertation von 1770 bezieht, davon, daß Raum und Zeit „der Seele zwar
angeboren, aber bloß als Formen in ihr vorhanden sind“52, Schmid mit Kants
Formulierung von 1790 einfach von einem ,angeborenen Grund“

wie die Verstandesformen, so werden sie durch Aufmerksamkeit auf die Tätigkeit des Geistes bei
Gelegenheit der Erfahrung erkannt“ (ebd.).
41 Vgl. Liebmann, Zur Analysis der Wirklichkeit, a.a.O. S. 241 Anm.: „In [...] individuell-
psychologischer Hinsicht können die Erkenntnisse a priori nach wie vor mit Leibnitz als
connaissances virtuelles und idees innees bezeichnet werden; es sind angeerbte Vorstellungsarten
in demselben Sinn wie man von ererbten, angebornen Instincten der Thiere oder von erblichen
Krankheiten spricht.“
42 Vgl. Vaihinger, Kommentar, a.a.O. Bd. 2, S. 90: Mit seiner „Vermittlung zwischen Cartesius und
Locke“ komme Kant „nicht weit über Leibniz hinaus. Denn was Kant hier vorträgt, ist im Grunde
die These der Nouveaux Essais von Leibniz , deren Einwirkung auf Kants Dissertation wir ja schon
mehrfach behaupten mussten [...]. In der ganzen Schilderung, welche Kant entwirft, ist eigentlich
kein Zug, der sich nicht auch schon in jenem Werke nachweisen Hesse.“ Vgl. auch ebd. S. 93
sowie Bd. 1, S. 171 f.
43 Vgl. Erich Adickes, Kant-Studien, Kiel u. Leipzig 1895, S. 162-164.
44 Vgl. Ernst Cassirer, Kants Leben und Lehre (Immanuel Kants Werke, hrsg. v. Ernst Cassirer, Bd. 11
Erg.bd.), Berlin 1923 (’1918), S. 103f., 107-110.
45 Vgl. Herman Jan de Vleeschauwer, La deduction transcendentale dans l'oeuvre de Kant, Bd. 1,
Antwerpen/Paris/s’Gravenhage 1934 [Neudruck New York u. London 1976], S. 159.
46 Vgl. Benno Erdmann (Hrsg.), Reflexionen Kants zur Kritik der reinen Vernunft (Reflexionen Kants
zur kritischen Philosophie, Bd. 2), Leipzig 1884 [Neudruck Stuttgart-Bad Cannstatt 1992], Im
Gegensatz zu Windelband und Vaihinger, die einen entscheidenden Einfluß der Nouveaux essais
auf Kant behaupten, ist Erdmann der Ansicht, daß ein solcher Einfluß nicht nachzuweisen ist.
Dennoch spricht er S. XLVIIIf. [300 f.) von „der tatsächlichen Uebereinstimmung der Fassung der
Apriorität bei Kant und Leibniz, die offenbar ist und schon von Herz hervorgehoben wurde“;
daraus folge aber „gar nichts auf eine so vermittelte Abhängigkeit“.
47 Vgl. Giorgio Tonelli, Leibniz on Innate Ideas and the Early Reactions to the Publication of the
,Nouveaux essais‘ (1765). In: Journal of the History of Philosophy 12 (1974), S. 437-454. Den
möglichen Einfluß der Nouveaux essais auf Kant faßt Tonelli wie folgt zusammen: „Therefore, if a
reading of the N[ouveaux]E[ssais] really affected Kant’s 1769 philosophical revolution, it can- not
be considered as an effect of a positive collective reaction to the NE because, for a long time after
1769, this reaction simply did not occur. Influence of the NE on Kant may be explained by
individual reasons only“ (S. 453). Tonelli fährt dann fort: „Nevertheless, it still may be partially
accounted for by Crusius’ influence on Kant. Although Kant did not at first accept Crusius’
moderate innatism, the knowledge of Crusius’ doctrine may have called Kant’s attention to the
analogous doctrine of Leibniz, and the combined influence of both views may have been an
important element in the famous upheaval of 1769“ (ebd.). Vgl. ders., Vorwort zu Crusius, Die
philosophischen Hauptwerke, a.a.O. Bd. 1, S. XLV.
48 Herz, Betrachtungen, a.a.O. S. 35.

35
und von „notwendigen Gesetzen und Formen des Erkenntnißvermögens“, die
„anlageweise [...] im Gemüthe liegen“53, Mellin, der alle Druckschriften Kants
heranzieht, von der ,angeborenen Möglichkeit zum Erwerb'54, der bloßen „Anlage, oder
Möglichkeit zu gewissen Vorstellungen in der Seele“55 oder, unter Bezug auf die
Dissertation von 1770, von „in dem Gemüth liegenden Gesetzen“56.
Ähnliches wie für die frühe Kantrezeption gilt für den Neukantianismus. Auch hier
gehen die Ansichten darüber, was denn nun angeboren ist, auseinander. Für Windelband
sind „die metaphysischen Wahrheiten“ „Gesetze“ der „Tätigkeit“ der Seele, die in ihr
lägen, „um bei Gelegenheit der Erfahrung in Funktion zu treten und dann zum
Gegenstand und Inhalt der Verstandeserkenntnis zu werden“.57 Riehl besteht darauf, daß
„Begriffe apriori [...] weder als Begriffe noch als fertige Anlagen angeboren“58 sind.
Dem Subjekt angeboren sei nur der „formale Grund der Entwicklung der
Vorstellungen“59, worunter Riehl, sich auf die Streitschrift von 1790 stützend, die
„ursprüngliche Synthese des Bewußtseins“60 bzw. dessen „formal vereinigende Kraft“61
versteht. Vaihinger wirft Riehl vor, durch diese Auffassung auch die „positive Anlage“
zu apriorischen Vorstellungen zu leugnen. Damit gebe er das „specifisch Kantische“
preis und gerate in einen „offenbaren Widerspruch“62 zu Kant. Vaihinger selbst, der, wie
schon angeführt, Kants Erwerbslehre der Erkenntnis mit dem Leibnizschen In- natismus
gleichsetzt, deutet den angeborenen Grund der Vorstellungen als die „positive Fähigkeit
[...], die rein qualitativen, formlosen Eindrücke in räumliche Formen zu bringen“63; die
„angeborenen Geistesgesetze“ bezeichnet er als „Gesetze der Coor- dination [...], als
Functionsformen des menschlichen Gemüthes“ und als „innere Actionsformen“64; aus
ihrer „raumsetzenden und ordnenden Thätigkeit [...] wird die formale Raumvorstellung
erworben“65.
Seitdem ist in diesem Zusammenhang von „potential disposition“66 oder „permanent
endowment of the mind“67, „vorgegebenen virtuellen Formen“68 oder „angeborenen
Fähigkeiten“ zur Ausbildung apriorischer Vorstellungen69 gesprochen worden, ohne

49 Schmid, 'Wörterbuch, a.a.O. Artikel: Angebohrne, anerschaffene Vorstellungen, S. 49.


50 Mellin, Encyclopädisches Wörterbuch, a.a.O. Bd. 1, S. 13.
51 Ebd. S. 228. Vgl. ebd.: „Der Grund oder die Möglichkeit zu diesen Vorstellungen ist allein an-
gebohren“; vgl. auch ebd. 231.
52 Ebd. Bd. 1, S. 228.
53 Windelband, Lehrbuch, a.a.O. S. 399.
54 Riehl, Kritizismus, a.a.O. Bd. 1, S. 386.
55 Ebd. S. 396.
56 Ebd.
57 Ebd. S. 384.
58 Vaihinger, Kommentar, a.a.O. Bd. 2, S. 96f.
59 Ebd. S. 93.
60 Ebd. S. 89.
61 Ebd. S. 93.
62 Kemp Smith, Commentary, a.a.O. S. 89.
63 Ebd. S. 90.
64 Piaget, Die Entwicklung des Erkennens, a.a.O. Bd. 1, S. 153.
65 Vgl. Lütterfelds, Auflösung der Kantschen Apriorif, a.a.O. S. 204.

36
daß der Versuch gemacht worden wäre, die zugegebenermaßen nicht eindeutigen und
deshalb nicht leicht zu interpretierenden Formulierungen Kants eingehender zu
untersuchen.
All diese hier skizzenhaft umrissenen Interpretationen, Einschätzungen, Kontroversen
und Unklarheiten hinsichtlich der Kantschen Lehre vom Ursprung der Erkenntnis
betreffen jedoch nicht nur die Gestalt der Theorie von einer ursprünglichen Erwerbung.
Sie haben, und das wird mit der Formulierung der These der vorliegenden Untersuchung
deutlich werden, vielmehr die schwerwiegendsten Folgen auch für die Interpretation
wichtiger und zentraler Gedanken der kritischen Philosophie überhaupt.

4. Die These der Arbeit


Entgegen der Ansicht, daß die Frage nach dem Ursprung der apriorischen Vorstellungen
bei Kant eine psychologische Theorie von keiner oder nur von marginaler Bedeutung
sei, wird die vorliegende Untersuchung von der Überzeugung getragen, daß es sich bei
Kants genetischer Auffassung des Apriori eben nicht um ein bloß psychologisches,
sondern um ein genuin erkenntnistheoretisches Moment handelt, das ein wesentlicher, ja
programmatischer Bestandteil der Transzendentalphilosophie ist. Kants Lehre von einer
acquisitio originaria apriorischer Vorstellungen ist - so lautet die Grundthese der Arbeit
- eine „Hintergrundtheorie“70 von kaum zu überschätzender Bedeutung für die kritische
Philosophie. Das Lehrstück steht, und das wird die Arbeit im einzelnen zu zeigen
versuchen, sowohl in entwicklungsgeschichtlicher als auch in systematischer Hinsicht im
Zentrum der kritischen Philosophie.
1. Es war eben jene schon in der Dissertation von 1770 formulierte Theorie, daß
bestimmte Vorstellungen weder der Erfahrung entstammen noch angeboren - und das
heißt für Kant: uns von Gott eingepflanzt - sind, sondern dem Erkenntnisvermögen
selbst entstammen, die Kant in der Folge vor die entscheidende Frage stellte, wie sich
denn derart erworbene Begriffe überhaupt auf Gegenstände beziehen können. Kants
Lösung ist bekannt: Da auf der einen Seite die Möglichkeit ausscheidet, daß diese
Begriffe von den Gegenständen der Erfahrung abgezogen sind, Kant auf der anderen
Seite aber auch den Rekurs auf Gott ausschließt, durch den - auf welche Weise auch
immer - die Geltung der in diesem Fall anerschaffenen oder eingepflanzten Begriffe
verbürgt wird, bleibt nur die eine Möglichkeit übrig, daß uns durch diese Begriffe die
Gegenstände allererst gegeben werden. Es ist also die Frage nach dem möglichen
Realitätsbezug ursprünglich erworbener Begriffe, die Kant dazu veranlaßt, sie zu blo-

66 Norbert Hinske, Kants Rede vom Unbedingten und ihre philosophischen Motive. In: Hans Michael
Baumgartner u. Wilhelm G. Jacobs (Hrsg.), Philosophie der Subjektivität? Zur Bestimmung des
neuzeitlichen Philosophierens. Akten des 1. Kongresses der Internationalen Schelling-Gesell-
schaft 1989 (Schellingiana, Bd. 3.1), Stuttgart-Bad Cannstatt 1993, Bd. 1, S. 276.

37
ßen Formen der Erfahrung zu degradieren und die Erkenntnis des Menschen damit auf
den mundus sensibilis einzuschränken. Entwicklungsgeschichtlich gesehen ist die Lehre
von der acquisitio originaria apriorischer Begriffe damit der Schlüssel für die
erkenntnistheoretische Wende Kants von 1772. Wer diesen Zusammenhang zwischen
Kants ganz spezifischer Theorie vom Ursprung der apriorischen Vorstellungen und der
Frage nach dem Objektbezug dieser Vorstellungen verkennt, insbesondere dadurch, daß
er Kants Ansatz vorschnell mit der Lehre von den angeborenen Ideen gleichsetzt, für den
müssen die Motive für diese so entscheidende Wende von 1772 im dunkeln bleiben.
2. Kants Erwerbstheorie zufolge entspringen die apriorischen Begriffe dem Verstand
selbst, genaugenommen - darauf wird ausführlich einzugehen sein - den logischen
Regeln des Denkens. Aus ihnen werden sie bei Anwendung dieser Regeln auf
Gegenstände der Sinne abgezogen. Das sagt Kant bereits in der Dissertation von 1770.
Da die logischen Regeln alle bekannt sind, geben sie in der Folge den Leitfaden an die
Hand, die apriorischen Begriffe vollständig bestimmen zu können. Kant vollzieht damit
die Ableitung der Kategorien aus den Urteils- und der Ideen aus den Schlußformen in
der Kritik der reinen Vernunft, die sogenannten metaphysischen Deduktionen, auf der
Grundlage seiner Erwerbstheorie. Er leitet, um es in einem Satz zusammenzufassen, das
transzendentale Vermögen der reinen Begriffe aus dem logischen Vermögen des
Urteilens bzw. Schließens ab, weil das logische Vermögen der Ursprung des
transzendentalen ist. Die metaphysischen Deduktionen sind damit alles andere als eine
für die Wissenschaft wertlose systematische Spielerei', für die sie immer wieder gehalten
worden sind.71 Sie sind vielmehr tief im Denken Kants verwurzelt und lediglich die
Weiterentwicklung eines Gedankens, den schon die Dissertation von 1770 formuliert
hatte. Doch nicht nur das: Im Hinblick auf den Aufbau und die Systematik der Kritik der
reinen Vernunft ist die Lehre von der acquisitio originaria damit nichts weniger als ein
Schlüssel für die zentrale und in der Kantforschung immer wieder erörterte Frage nach
dem Verhältnis zwischen formaler und transzendentaler Logik und der Grund für die
Ausrichtung der Kritik an der formalen Logik. Diese Ausrichtung ist damit nicht nur
Kants Neigung zu Symmetrie und Architektonik zu verdanken, wie immer wieder
behauptet worden ist.72 Sie ist vielmehr das Resultat von Kants

67 So Erich Adickes in: Immanuel Kant’s Kritik der reinen Vernunft. Mit einer Einleitung und
Anmerkungen hrsg. v. Erich Adickes, Berlin 1889, S. 112 Anm.; vgl. ders., Kants Systematik als
systembildender Factor, Berlin 1887, S. 31 f., S. 40-42. Im Ton weniger scharfe, aber in der Sache
vergleichbare Vorwürfe erheben z.B. Friedrich Paulsen, Immanuel Kant. Sein Leben und seine
Werke, Stuttgart41904 ('1898), S. 180-182 oder Kemp Smith, Commentary, a.a.O. S. 175 ff.
Ähnliche Urteile über die metaphysische Deduktion finden sich auch noch in der jüngeren
Kantinterpretation, vgl. z.B. Robert P. Wolff, Kant’s Theory of Mental Activity. A Commentary on
the Transcendental Analytic of the Critique of Pure Reason, Cambridge 1963, S. 77; Peter F.
Strawson, The Bounds of Sense. An Essay on Kant’s Critique of Pure Reason, London 1966, S. 82.
68 Vor allem derjenige Teil der älteren Kantforschung, der unter dem Einfluß Schopenhauers stand,
hat die Systematik der KrV, insbesondere ihre Ausrichtung an der formalen Logik, immer wieder
scharf kritisiert und als eine leere Systematik, die nicht sachlich, sondern in Kants Vorliebe für

38
Bemühen um eine vollständige Bestandsaufnahme der menschlichen Erkenntnis, deren
Quellen, Geltung und Grenzen er bestimmen will. Wer diese Ausrichtung der
transzendentalen Logik an der formalen Logik verkennt, muß zwangsläufig ganz
wesentliche Ziele der Kritik der reinen Vernunft mißverstehen.

5. Ziel und Aufbau der Arbeit. Zur Methode


Das Ziel der folgenden Untersuchung ist zum einen, Kants Lehre von der acquisitio
originaria apriorischer Vorstellungen aus den zahlreichen, verstreuten Äußerungen zu
rekonstruieren. Hand in Hand damit soll Kants Lösung für die Frage nach dem Ursprung
der Vorstellungen in ihren philosophiehistorischen Kontext eingeordnet werden. Es geht
dabei darum, deutlich zu machen, wie sich seine Antwort auf die Frage nach dem
Ursprung der Erkenntnis von derjenigen der Schulphilosophie der deutschen Aufklärung
unterscheidet, aber auch darum, sichtbar zu machen, daß Kants Aprioritheorie zugleich
tief im Denken seiner Zeit verwurzelt ist. Zum anderen wird der
entwicklungsgeschichtliche und systematische Stellenwert dieser Theorie für die
Philosophie Kants eingehend zu untersuchen sein.
Aus dieser Zielsetzung ergibt sich folgender Aufbau der Arbeit. Das erste Kapitel wird
die Frage klären, was Kant im Unterschied zur Schulphilosophie seiner Zeit überhaupt
unter apriorischen Vorstellungen versteht und welche Arten solcher Vorstellungen es
gibt. Zur Beantwortung dieser Frage sollen Kants Trennung der Sinnlichkeit vom
Verstand und seine auf der Grundlage dieser Unterscheidung entwickelte
Vorstellungstheorie sowie seine (Neu)Bestimmung des Begriffs ,a priori' dargelegt
werden. Es geht dabei sowohl darum, die Ausgangslage und die Problemstellung von
Kants Frage nach dem Ursprung der Vorstellungen vor Augen zu führen, als auch
darum, den sachlichen wie terminologischen Rahmen abzustecken, innerhalb dessen sich
Kants Lehre von der acquisitio originaria bewegt.
Das zweite Kapitel dient der Darstellung der Grundidee von Kants Lehre von der
acquisitio originaria apriorischer Vorstellungen. Dabei wird ein doppelter Zweck
verfolgt. Die Problematik, die der Charakter dieses Lehrstücks als eine zwar stets in
irgendeiner Form präsente, aber nie ausgearbeitete Theorie mit sich bringt, läßt es
geboten erscheinen, aus den verstreuten Äußerungen Kants zu diesem Thema die
allgemeine Grundidee einer ursprünglichen Erwerbung bestimmter Vorstellungen mit
ihren verschiedenen konstitutiven Momenten zu rekonstruieren. Die Untersuchung der
einzelnen Überzeugungen, Motive und Gründe, die Kants Auffassung vom Ur-

Symmetrie und Architektonik begründet läge, verworfen. Hierzu zählen insbesondere Paulsen,
Adickes und Kemp Smith. Eine Übersicht über diese Tradition der Kantforschung gibt Elfriede
Conrad, Kants Logikvorlesungen als neuer Schlüssel zur Architektonik der Kritik der reinen
Vernunft. Die Ausarbeitung der Gliederungsentwürfe in den Logikvorlesungen als
Auseinandersetzung mit der Tradition (Forschungen und Materialien zur deutschen Aufklärung,
Abt. 2, Bd. 9), Stuttgart-Bad Cannstatt 1994, S. 12-14.

39
sprung apriorischer Vorstellungen prägen, macht dabei zugleich sichtbar, daß sein
eigener Ansatz von der Philosophie seiner Zeit, und das heißt in erster Linie der
Philosophie der deutschen Aufklärung, tiefgreifend beeinflußt ist und daß gerade hier
Anschauungen und Überzeugungen zum Ausdruck kommen, die auch für die
Aufklärung als ganze prägend sind. Kants Lehre von der acquisitio originaria reiner
Vorstellungen ist damit ein anschauliches Beispiel dafür, wie bestimmte Lehrstücke der
kritischen Philosophie in aufklärerischem Gedankengut wurzeln und aus ihm
hervorgegangen sind. Man kann geradezu sagen, daß die Aprioritheorie der
Transzendentalphilosophie vor diesem Hintergrund überhaupt erst hinreichend
verständlich wird.
Im Anschluß an diese grundsätzlichen Überlegungen der beiden ersten Kapitel wird im
dritten Kapitel die acquisitio originaria der apriorischen Anschauungsformen Raum und
Zeit zu erörtern sein. Das vierte Kapitel schließlich widmet sich der Erwerbung der
apriorischen Begriffe, wobei sowohl die Stellung der Erwerbstheorie innerhalb des
Metaphysikentwurfs der Inauguraldissertation als auch die folgenschwere Wendung von
1772 sowie die Bedeutung der acquisitio originaria für die metaphysische Deduktion
der Kategorien und der Ideen in der Kritik der reinen Vernunft eingehend zu untersuchen
sein werden.
Es liegt in der Natur des zu behandelnden Themas, daß sich die Arbeit in nicht
unerheblichem Maß auf die Nachschriften der Vorlesungen und auf die
Nachlaßreflexionen Kants stützen muß. Beide Quellentypen sind aber nicht
unproblematisch. So handelt es sich bei den Vorlesungsnachschriften nur zu oft um
regelrechte Konglomerate, die auf ganz verschiedene Vorlesungen Kants zurückgehen
und folglich auch ganz verschiedene Reflexionsstadien Kants widerspiegeln. Die
Datierung einer solchen Nachschrift bzw. ihrer verschiedenen Teile ist überaus heikel.
Es stellt sich ferner die Frage, inwieweit Kant, der ja zeitlebens zumeist nach
Wolffianischen Kompendien gelesen hat, überhaupt sein eigenes Gedankengut
vorgetragen hat. Erschwerend kommt hinzu, daß die Studenten Kant sicher nicht immer
richtig verstanden haben.73
Die Problematik der Nachlaßreflexionen ist eine doppelte. Man muß sich hier zunächst
vor Augen halten, daß diese Reflexionen private, nicht zur Veröffentlichung bestimmte
Notizen Kants sind. Bereits Adickes hatte darauf aufmerksam gemacht, daß Kant sich
hier notierte, „was ihn in wissenschaftlichen Dingen interessirte, beschäftigte, quälte,
aber auch sonst allerlei, was ihm gerade durch den Kopf ging und seinem Gedächtniss
ohne solche Nachhülfe leicht hätte entschwinden können“.74 Es handelt sich bei diesen
Notizen also wohl nur in den wenigsten Fällen um sorgsam

73 Vgl. hierzu Norbert Hinske, Die Kantausgabe der Preußischen Akademie der Wissenschaften und
ihre Probleme. In: II cannocchiale 1990, 3, S. 247 f.; ders., Zwischen Aufklärung und Vemunft-
kritik. Die philosophische Bedeutung des Kantschen Logikcorpus. In: Kant und die Aufklärung,
hrsg. v. Norbert Hinske, Hamburg 1993 (= Aufklärung 7.1), S. 57f.
74 Erich Adickes, Einleitung in die Abtheilung des handschriftlichen Nachlasses, XIV S. XVIII. Vgl.
Petzäll, Der Apriorismus Kants, a.a.O. S. 92 Anm. 2.

40
formulierte Überlegungen, denen derselbe Stellenwert zukommt wie dem, was Kant in
den von ihm selbst veröffentlichten Werken zu Papier gebracht hat. Weiter ist zu
berücksichtigen, daß diese Notizen Kants entgegen Benno Erdmanns Ansicht kein rein
„wissenschaftliches Tagebuch“75 sind. Sie dienten Kant vielmehr auch als „Material für
seine Vorlesungen“.76 Das heißt aber, daß die Reflexionen gar nicht in jedem Fall Kants
eigene Ansichten wiedergeben: Nicht selten handelt es sich bei ihnen lediglich um
Erläuterungen zu den Kompendien.
Schwerer noch als diese beiden Punkte, die für sich schon zu einer gewissen
Behutsamkeit im Umgang mit den Reflexionen Anlaß geben, wiegt allerdings die
Problematik der Datierung des Nachlasses. Das gilt besonders für jede Art der
entwicklungsgeschichtlichen Betrachtung Kants. Die Schwierigkeit liegt darin, daß
Adickes’ Datierung streckenweise ein ganz anderes Bild von Kants philosophischer
Entwicklung zeichnet, als es die Druckschriften tun.77 Auf die Bedenken, die gegen das
Datierungsverfahren bestehen, dessen sich Adickes bei der Herausgabe der
Nachlaßreflexionen im Rahmen der Akademie-Ausgabe bedient hat,78 braucht hier nicht
im Detail eingegangen zu werden. Insbesondere Norbert Hinske hat immer wieder
darauf hingewiesen.79 Erst kürzlich haben Elfriede Conrad und er Argumente für eine
Korrektur der Adickesschen Datierung der Reflexionen vorgelegt, die es wahrscheinlich
machen, daß mehr oder weniger alle Nachlaßreflexionen mindestens ein Jahr später
anzusetzen sind als Adickes annimmt.80

75 Benno Erdmann (Hrsg.), Reflexionen Kants zur Anthropologie (Reflexionen Kants zur kritischen
Philosophie, Bd. 1), Leipzig 1882 [Neudruck Stuttgart-Bad Cannstatt 1992], S. 30 [60].
76 Adickes, Einleitung, XIV S. XVIII.
77 Das gilt insbesondere für die wichtigen Phasen K (1769) und X (Ende 1769 - Herbst 1770), in die
Adickes Aufzeichnungen Kants gelegt hat, die einen in vieler Hinsicht sehr viel weiter
fortgeschrittenen Reflexionsstand zeigen als Kants Inauguraldissertation von 1770. Vgl. hierzu
Lothar Kreimendahl, Kant - Der Durchbruch von 1769, Köln 1990 sowie Norbert Hinske,
Prolegomena zu einer Entwicklungsgeschichte des Kantschen Denkens. Erwiderung auf Lothar
Kreimendahl. In: Von Christum Wolff bis Louis Lavelle. Geschichte der Philosophie und
Metaphysik. Festschrift für Jean Ecole zum 73. Geburtstag, hrsg. v. Robert Theis u. Claude Weber,
Hildesheim/Zürich/ New York 1995, S. 102-121.
78 Vgl. Adickes, Einleitung, XIV S. XV-LXII.
79 Vgl. Norbert Hinske, Kants Begriff der Antinomie und die Etappen seiner Ausarbeitung. In: Kant-
Studien 56 (1966), S. 493 Anm. 32; ders., Kants Weg zur Transzendentalphilosophie. Der
dreißigjährige Kant, Stuttgart/Berlin/Köln/Mainz 1970, S. 12 f., 41, 107 f. Anm. 361; ders., Kants
neue Terminologie und ihre alten Quellen. Möglichkeiten und Grenzen der elektronischen
Datenverarbeitung im Felde der Begriffsgeschichte. In: Akten des 4. Internationalen Kant-
Kongresses Mainz. 6.-10. April 1974, hrsg. v. Gerhard Funke, Teil 1, S. 81* ff. (Kant-Studien 65
[1974] Sonderheft); ders., Die Datierung der Reflexion 3716 und die generellen
Datierungsprobleme des Kantischen Nachlasses. Erwiderung auf Josef Schmucker. In: Kant-
Studien 68 (1977), S. 321-340; ders., Die Kantausgabe, a.a.O. S. 234 ff.; ders., Prolegomena, a.a.O.
Vgl. hierzu ferner Conrad, Kants Logikvorlesungen, a.a.O. S. 46 ff.
80 Für die umfangreiche Gruppe der ß'-Reflexionen in Kants Logikkompendium, Georg Friedrich
Meiers Auszug aus der Vernunftlehre, Halle 1752 [wiederabgedruckt in der Akademie-Ausgabe von
Kants Schriften, Bd. XVI, Berlin u. Leipzig 21924 (‘1914)], setzt Adickes als vermutliche

41
Die methodische Vorschrift, die sich aus den Schwierigkeiten sowohl der Reflexionen
als auch der Vorlesungsnachschriften ergibt, hat Hinske wie folgt formuliert: „Den
eigentlichen Leitfaden für eine Entwicklungsgeschichte des Kantschen Denkens müssen
aus methodologischen Gründen die von Kant selbst veröffentlichten Schriften bilden.
Nur sie können mit hinreichender Sicherheit darüber Aufschluß geben, welchen Weg
Kants Denken im einzelnen wirklich genommen hat. Alle anderen Quellentypen, so
aufschlußreich sie auch sein mögen, können immer nur ergänzende oder erläuternde
Funktion haben - zumindest so lange, bis die Datierungsfrage der Reflexionen endgültig
geklärt ist.“81 Dieser Vorschrift versucht die vorliegende Arbeit zu folgen; wo der
Leitfaden der Druckschriften oder auch der Briefe fehlt, was im ,stillen Jahrzehnt*
zwischen 1770 und 1780 z.T. der Fall ist, werden die Ergebnisse mit der gebotenen
Vorsicht formuliert werden.

Datierung das Wintersemester 1755/56 an, in dem Kant erstmals über Logik las und in dem er sich
deswegen sein Kompendium für die Vorlesung präpariert habe (vgl. XIV, S. XXXVI). Conrad,
Kants Logikvorlesungen, a.a.O. S. 65-74, macht darauf aufmerksam, daß Kant in den ersten zwei,
vielleicht auch drei Semestern seiner Lehrtätigkeit aber noch gar nicht nach Meiers Auszug,
sondern nach dessen großer Vernunftlehre gelesen habe; frühestens im Wintersemester 1756/57 sei
er zum Auszug gewechselt (vgl. Kants Vorlesungsankündigung für das Sommersemester 1756 [I
5034(] sowie Emil Arnoldt, Möglichst vollständiges Verzeichnis aller von Kant gehaltenen oder
auch nur angekündigten Kollegia. In: ders., Kritische Exkurse im Gebiete der Kantforschung, Teil
2 [ders., Gesammelte Schriften, hrsg. v. Otto Schöndörffer, Berlin 1909, Bd. 5, S. 177, 179]). Das
hieße nun aber, daß die [V-Reflexionen im Auszug nicht 1755/56, sondern frühestens 1756/57
entstanden seien. Da die frühen Reflexionen „durch ihre Stellung Maßstäbe für die Datierung der
späteren“ setzten, habe diese Korrektur die Umdatierung mehr oder weniger aller
Nachlaßreflexionen zur Folge. Sie wären „mindestens ein Jahr später, als Adickes angenommen
hat, anzusetzen“ (S. 73). Es ist klar, daß diese Umdatierung der Reflexionen z.T. gravierende
Konsequenzen hat: „So würden“, wie Conrad in einer Fußnote bemerkt, „die für die Interpretation
von Kants Inauguraldissertation von 1770 [...] so wichtigen K-Reflexionen, die Adickes auf 1769
datiert hat, nicht vor, sondern nach der Dissertation liegen“ (ebd.). Vgl. dazu auch Hinske,
Prolegomena, a.a.O. S. 109 f.
81 Ebd. S. 110.