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Cover: Steinersche Kette oder ein Sangaku aus Japan

Mathematisches Tagebuch

Ausgewählte Probleme aus der Mathematik, Physik und Astronomie

Eugen Willerding

1977-2018

Inhaltsverzeichnis

1 Mathematik

5

1.1 Höhenbestimmung eines Berges

 

5

1.2 Ein konvexes Viereck und eine Ellipse

 

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11

1.3 Der Satz von Desargues

 

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17

1.4 Eine Offiziersprüfung von 1815

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18

1.5 Der wackelnde Tisch

 

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21

1.6 Kepler und die Messrute

 

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27

1.7 Archimedes grüßt den Dositheos

 

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31

1.8 Ein Rotationshyperboloid

 

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33

1.9 Gauss und die 100 Schafe

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35

1.10 Die Bestimmung eines Winkels

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38

1.11 Parallelogramm - Rekursionen

 

42

1.12 Vier Steine und das verlorene Quadrat

 

43

1.13 Drei Steine und das Napoleondreieck

 

50

1.14 Die Simson - Wallace Gerade

 

53

1.15 Der Schmetterlingssatz (Butterfly Theorem)

 

56

1.15.1 Ein Brief von Sir William Herschel

 

57

1.15.2 Drei Kreise und eine Senkrechte

 

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62

1.16 Die Johnson-Yff Kreise im Dreieck

 

64

1.17 Der Feuerbachkreis

 

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66

1.17.1 Das kleine Theorem von Feuerbach

 

67

1.17.2 Das große Theorem von Feuerbach

68

1.18 Der Taylorkreis

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76

1.19 Die Brocard - Punkte

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78

1.20 Der Lemoine Punkt

 

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80

1.21 Der Schiffler Punkt

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82

1.22 Der Lamoenkreis

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83

1.23 Das Hexagrammum Mysticum

 

84

1.24 Newton, Gauss und die gerade Linie

 

88

1.25 Das Morley Dreieck

 

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92

1.26

Das Problem des Regiomontanus

92

1.27 Sangaku

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95

1.27.1 Berührung zweier Kreise I

 

96

1.27.2 Das Problem HI069

 

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99

1.27.3 Ein Problem von Sawa Masayoshi

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101

1.27.4 Kreisketten von Pappos und Steiner

 

106

1.28 Eine Kugel im Tetraeder

 

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110

1.29 Das Kalkül der Inversion

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110

1.30 Der Satz von Janous

 

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. 121

1.31 Der Satz von Routh

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125

1.32 Satz von Green und Flächenberechnung

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129

1.32.1 Ein Kreisbogendreieck

 

132

1.32.2 Die zwei Monde des Alhazen

 

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134

1.32.3 Die Mondsegmente von Leibniz

 

135

1.32.4 Das Singapur-Problem

 

136

1.32.5 Die Möndchen des Hippokrates

 

137

1.32.6 Ein Fünfeck aus fünf Dreiecken

143

1.33 Das Theorem von Pick

 

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. 145

1.34 Die Kreis - Algorithmen

 

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146

1.35 Das arithmetisch - geometrische Mittel und die j - Invariante160

1.36 Ramanujan - Formeln

 

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. 169

1.37 Das Galton - Watson Problem von 1874

 

170

1.38 Der verlorene Schlüssel

 

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180

1.39 Das de Moivre-Laplace Theorem

 

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181

1.40 Gruppenbildung bei Wanderern

 

185

1.41 Aufgaben der IMO und regionaler MO

 

188

1.42 Newton und die Arithmetica Universalis

 

223

1.43 Trigonometrische Identitäten

 

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. 226

1.44 Logeleien

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. 227

1.44.1 2000 Quart Fass Branntwein

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. 227

1.44.2 Alkuin und die Ölfässer

 

233

1.44.3 Der Wasserverlust der Gurken

 

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237

1.44.4 Das Problem der Teilmengen

 

238

1.44.5 Zwei Marienkäfer auf dem Quader

 

242

1.44.6 Die gekreuzten Leitern

 

243

1.45 Arnold’s Trivium

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245

2

Physik

250

 

2.1 Newton, Feynman und die Ellipsenbahn

 

250

2.2 Parabelflug und Gewichtslosigkeit

 

260

2.3 Fallversuche auf der rotierenden Erde

 

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. 265

2.4 Das Foucaultsche Pendel

 

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278

2.5 Mariotte-Leibnizsches Pendel

 

303

2.6 Das Besselsche Pendel

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306

2.7 Schwingungen eines Mobiles

 

309

2.8 Zur Theorie rollender Reifen

311

2.9 Die haftende und gleitende Kugel

 

315

2.10 Die abrutschende Leiter

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323

2.11 Die elastische Kurve und Trassierungen

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327

2.12 Das Problem des Steinestapelns

 

331

2.13 Die relativistische Raketengleichung

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332

2.14 Die Thomas - Fermi Gleichung

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. 335

2.15 Das Reflexionsproblem des Alhazen

 

338

2.16 Die Black - Scholes Gleichung

 

338

3

Astronomie

340

3.1 Bestimmung der Limiten des Zodiakus

 

340

3.2 Die Bestimmung des Meridianbogens

 

349

3.3 Mondentfernung nach Aristarchos

 

349

3.4 Monddistanz nach Lalande und Lacaille

 

352

3.5 Gravitation in N Raumdimensionen und Existenzfragen . 357

3.6 Die Evolution binärer Massensysteme

 

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361

3.7 Ole Rømer und die Lichtgeschwindigkeit

 

366

3.8 Scheinbare Überlichtgeschwindigkeiten

 

368

3.9 Das Tisserand-Kriterium

371

3.10 Der Lidov - Kozai Effekt

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. 376

3.11 Die Sternscheibe von Nebra

 

376

1 Mathematik

1.1 Höhenbestimmung eines Berges

Entlang einer sehr langen exakt geraden Straße in einer Tiefebene werden an den Punkten A, B und C mit den Abständen |AB|= a und |BC|= b jeweils die Höhenwinkel θ 1 , θ 2 und θ 3 bezüglich des Schwerelots zu einem fernen Berg oder Felsmassiv gemessen. Der Fußpunkt F des Berges und die Straße sollen in einer Ebene liegen. Bestimme aus den Daten die Höhe des Berges relativ zu der Ebene, die durch die Straße und das Schwerelot definiert ist. Die Koordinaten der drei Beobachtungspunkte seien

S F Θ 1 Θ 2 Θ 3 a b A B B C
S
F
Θ 1
Θ 2
Θ 3
a
b
A
B B
C

Fig. 1.1: Bestimmung der Höhe eines Berges oder Turmes aus drei lotrechten Höhenwinkeln entlang einer geraden Straße. Nicht für alle Kombinationen der Stre- ckenabschnitte a, b und perspektivischen Winkeln θ 1 , θ 2 , θ 3 existiert eine physisch reale Lösung

A = (a, 0, 0);

B = (0, 0, 0);

C = (b, 0, 0)

(1.1)

Der Fußpunkt F und die Mastspitze S sind durch

gegeben. Dann gelten die folgenden Gleichungen

tan[θ 1 ]

tan[θ 2 ]

tan[θ 3 ]

=

=

=

z a) 2 + y 2

(x +

z +

x 2

y 2

z

(x b) 2 + y 2

(1.3)

(1.4)

(1.5)

Durch Quadrieren und Umordnen folgen daraus die drei Kegelgleichungen

0

=

z 2 cot[θ 1 ] 2

a 2 2 a x x 2 y 2

(1.6)

0

=

z 2 cot[θ 2 ] 2

x 2 y 2

(1.7)

0

=

z 2 cot[θ 3 ] 2 b 2 +2 b x x 2 y 2

(1.8)

Das Problem ist hier auf die Lösung von drei gekoppelten quadratischen Gleichungen reduziert. Die Existenz einer Lösung ist zunächst nicht evident. Anstatt der obigen drei Gleichungen betrachten wir nun die zwei Gleichungen

z 2 cot[θ 1 ] 2

cot[θ 2 ] 2

=

a 2 + 2 a x

(1.9)

z 2 cot[θ 3 ] 2 cot[θ 2 ] 2

=

b 2 2 b x

(1.10)

die dadurch entstehen, daß wir (1.7) sowohl von (1.6) als auch von (1.8) abziehen (Eine Art von Resultanten-Bildung). Aus beiden Gleichungen lassen sich die Größen x und z 2 bestimmen. Man erhält

x =

1 b 2 [cot[θ 1 ] 2 cot[θ 2 ] 2 ]+ a 2 [cot[θ 2 ] 2 cot[θ 3 ] 2 ]

2 b cot[θ 1 ] 2 (a + b) cot[θ 2 ] 2 + a cot[θ 3 ] 2

z

2 =

a b (a + b)

b cot[θ 1 ] 2 (a + b) cot[θ 2 ] 2 + a cot[θ 3 ] 2

(1.11)

(1.12)

Durch Einsetzen dieser beiden Formeln in (1.7) erhält man nach einer umfangreichen Faktorisierung für y 2 den Ausdruck

y

2 = 1

C 1 C 2 C 3 C 4

4 [b cot[θ 1 ] 2 (a + b) cot[θ 2 ] 2 + a cot[θ 3 ] 2 ] 2

(1.13)

mit den Größen

C 1

C 2

C 3

C 4

=

=

=

=

b cot[θ 1 ] + (a + b) cot[θ 2 ] + a cot[θ 3 ]

+b cot[θ 1 ] (a + b) cot[θ 2 ] + a cot[θ 3 ]

+b cot[θ 1 ] + (a + b) cot[θ 2 ] a cot[θ 3 ]

cot[θ 1 ] + (a + b) cot[θ 2 ] + a cot[θ 3 ]

+b

Damit ist die Aufgabe im Prinzip gelöst. Mit vorgegeben Daten läßt sich

die Position der Mastspitze S = (x, y, z) leicht berechnen. Die Koordinate

y bedeutet dabei geometrisch den Abstand des Fußpunktes F von der

Straße. Ist dieser Abstand Null, so führt die Straße direkt auf den Mast zu - der Fußpunkt F läge dann auf der Straße.

Singuläre Fälle In den obigen Formeln fällt auf, daß in allen Nennern der Ausdruck

b cot[θ 1 ] 2 (a + b) cot[θ 2 ] 2 + a cot[θ 3 ] 2

(1.14)

auftaucht. Was bedeutet es geometrisch, wenn dieser Term Null wird? Offenbar rückt dann die Bergspitze in die unendliche Ferne, was eigentlich nur sein kann, wenn alle drei Winkel identisch sind. Weitere singuläre Fälle entstehen, wenn einer der drei Koeffizienten

C 1 , C 2 , C 3 null ist. Dann handelt es sich aber nicht mehr um ein in der

Ferne stehendes Bergmassiv, sondern wir messen die Höhe einer Steilwand

oder eines Mastes, auf die wir direkt zufahren. Letztendlich muss man dann drei Fälle unterscheiden:

C 1 = 0 : Man kann einen der drei Winkel eliminieren und erhält für

das Quadrat der Höhe des Mastes die drei äquivalenten Formeln

z

z

z

2

2

2

=

=

=

b 2

(cot[θ 2 ] + cot[θ 3 ]) 2 ; (a + b)

(cot[θ 1 ] + cot[θ 3 ]) 2 ;

2

a 2

(cot[θ 1 ] cot[θ 2 ]) 2 ;

C 2 = 0 : Man kann wieder einen der drei Winkel eliminieren und erhält für das Quadrat der Höhe des Mastes die drei äquivalenten Formeln

z

z

z

2

2

2

=

=

=

b 2

(cot[θ 2 ] cot[θ 3 ]) 2 ;

(a + b)

2

(cot[θ 1 ] cot[θ 3 ]) 2 ;

a 2

(cot[θ 1 ] cot[θ 2 ]) 2 ;

C 3 = 0 : Man kann ebenso einen der drei Winkel eliminieren und erhält für das Quadrat der Höhe des Mastes die drei äquivalenten Formeln

z

z

z

2

2

2

=

=

=

b 2

(cot[θ 2 ] cot[θ 3 ]) 2 ;

(a + b)

2

(cot[θ 1 ] + cot[θ 3 ]) 2 ;

a 2

(cot[θ 1 ] + cot[θ 2 ]) 2 ;

Im Falle C 1 = 0steht der Mast im Streckenabschnitt B C, im Falle C 3 = 0 im Streckenabschnitt A B und im Falle C 2 = 0 außerhalb der Strecke A C. Nur diese trivialen Spezialfälle tauchen noch heute in der Schulmathematik auf.

Kriterium der physischen Möglichkeit Nicht alle Datenkombinationen entsprechen einer realen oder möglichen Beobachtungssituation, obwohl diese mit (1.12) ein reelles Zahlenergebnis für die Höhe liefern. Eine notwendige Bedingung für die Realität der Lösung ist die Forderung, daß auch der Abstand y des Fußpunktes F von der Straße eine reelle und keine imaginäre Zahl ist. Nach Gleichung 1.13 ist der Abstand von der Straße nur dann reell, wenn die Bedingung

C 1 · C 2 · C 3 · C 4 > 0

erfüllt ist. Die Größe C 4 = C 1 + C 2 + C 3 ist natürlich immer positiv. Man kann nun mit den Dreiecksungleichungen beweisen, daß niemals

(1.15)

gleichzeitig die Fälle C 1 < 0, C 2 < 0, C 3 < 0, oder C 1 < 0, C 2 < 0, C 3 > 0, oder C 1 < 0, C 2 > 0, C 3 < 0, oder C 1 > 0, C 2 < 0, C 3 < 0 stattfinden können. Damit wäre es aber eine notwendige Bedingung für die Existenz reeller Koordinaten, wenn die drei Bedingungen

b

cot[θ 1 ] + (a + b)

cot[θ 2 ] +

a

cot[θ 3 ]

>

0

+b

cot[θ 1 ] (a + b)

cot[θ 2 ] +

a

cot[θ 3 ]

>

0

+b

cot[θ 1 ] + (a + b)

cot[θ 3 ] a

cot[θ 3 ]

>

0

erfüllt sind. Setzt man zur Abkürzung für die Seitenlängen eines Dreieckes

d 1 = b cot[θ 1 ];

d 2 = (a + b) cot[θ 2 ];

d 3 = a cot[θ 3 ],

so gilt für die Fläche A dieses Dreieckes nach Heron und Archimedes

16 A 2

=

= (d 1 + d 2 + d 3 )(d 1 d 2 + d 3 )(d 1 + d 2 d 3 )(d 1 + d 2 + d 3 )

=

=

C 1 C 2 C 3 C 4

1

1

1

2

(d 2 + d 2 2 + d 3 ) 2 2(d 4 + d 4 + d 4 )

4 d 2 d 2 2 (d 2 + d 2 2 d

1

2

3 ) 2

2

3

Für die Formel (1.13) können wir somit auch

y 2 =

4A 2

(b cot[θ 1 ] 2 (a + b) cot[θ 2 ] 2 +

a cot[θ 3 ] 2 ) 2

schreiben. Da die Fläche A eine reelle Größe sein muss, können wir sagen:

Man muss aus den drei „Stäben“ der Länge

b

cot[θ 1 ]

(a +

b) cot[θ 2 ] a cot[θ 3 ] (1.16)

ein Dreieck legen können, damit die Aufgabe lösbar ist. Ist eine Seite länger als die Summe der beiden anderen Seiten, ist das Problem nicht lösbar oder die Daten sind fehlerhaft und entsprechen nicht einer realen physischen Situation. Das Problem gleicht hier der alten Pothenotschen Aufgabe, in der Richtungen zu den anvisierten Punkten zweideutig sind, aber nur eine Situation realisiert ist. Die letzte Beweishürde für ein hinreichendes Existenzkriterium realer Beobachtungsdaten besteht darin, zu zeigen, dass aus der notwendigen Forderung

b

cot[θ 1 ] + a cot[θ 3 ] > (a + b) cot[θ 2 ]

(1.17)

auch automatisch die hinreichende Bedingung

(a + b) cot[θ 2 ] 2 (1.18)

folgt, nicht aber umgekehrt. Um dies zu zeigen, quadrieren wir die erste Ungleichung (1.17) und erhalten die äquivalente Forderung (alle Größen sind positiv)

b

(1.19)

Die zweite Ungleichung (1.18) multiplizieren wir erst mit b, dann mit a, und addieren beide Teile zu der neuen äquivalenten Bedingung

b 2 cot[θ 1 ] 2 + a b cot[θ 1 ] 2 + cot[θ 3 ] 2 + a 2 cot[θ 3 ] 2 > (a + b) 2 cot[θ 2 ] 2 .

b cot[θ 1 ] 2 + a cot[θ 3 ] 2 >

2

cot[θ 1 ] 2 + 2 a b cot[θ 1 ] cot[θ 3 ]+ a 2 cot[θ 3 ] 2 > (a + b) 2 cot[θ 2 ] 2

(1.20)

Nun gilt aber nach der Ungleichung für das arithmetisch - geometrische Mittel

(1.21)

Damit wird sofort klar, dass bei Erfüllung der Forderung (1.19) sicher auch der Bedingung (1.20) Genüge geleistet wird - nicht aber umgekehrt.

2 cot[θ 1 ] cot[θ 3 ] cot[θ 1 ] 2

+

cot[θ 3 ] 2 .

Zahlenbeispiele: Wir betrachten die beiden gefahrenen Strecken

 

a = 1600 [m];

b = 960 [m].

(1.22)

mit den drei Beobachtungswinkeln

 

θ

1 = 30 ;

θ 2 = 35 ;

θ 3 = 25 ;

(1.23)

Ohne Probleme berechnen wir mit (1.12) die Höhe zu

 

z

= 885.3 [m].

(1.24)

Auch die Kontrollgrößen C 1 , C 2 , C 3 sind ihrem Zeichen nach alle positiv. Nun betrachten wir bei gleichen Streckenverhältnissen die Winkeldaten

θ 1 = 15 ;

θ 2 = 30 ;

θ 3 = 10 ;

(1.25)

Auch hier liefert die Formel (1.12) ohne Probleme das Resultat

z = 262.3 [m].

(1.26)

Doch bei genauerem Hinsehen stellt man fest, daß zwar C 1 , C 2 positives Zeichen haben, aber C 3 ein negatives Zeichen hat. Damit entsprechen die drei Winkeldaten mit den vorgegeben Strecken a und b einer physisch unmöglichen Situation. Eine vollständige Rechnung liefert zwar auch für x eine reelle Zahl, aber die Koordinate y ist rein imaginär. Man kann sich noch die Frage stellen, wie groß die Wahrscheinlichkeit ist, bei beliebig vorgegeben Daten wirklich reale vor sich zu haben. Wenn man Gleichverteilung der cot-Funktionswerte voraussetzt, scheint im Spezialfall a = b die Wahrscheinlichkeit w = 1/3 herauszukommen. Ein Beweis für allgemeinere Fälle ist nicht gelungen.

1.2 Ein konvexes Viereck und eine Ellipse

Das Problem, eine Ellipse maximalen Flächeninhaltes in ein konvexes Viereck einzubeschreiben, wobei jede der vier Seiten berührt wird, hat schon Isaac Newton mit geometrischen Methoden behandelt. Richtig bekannt wurde es aber erst 1810, als C.F. Gauss, H.C. Schumacher, J.F. Pfaff und C.B. Mollweide und andere ihre Lösungen ausführlich in der Zeitschrift Monatliche Correspondenz zur Förderung der Erd – und Himmelskunde von Xaver von Zach veröffentlichten 1 . Ein rein mathematisches Thema in einer mehr astronomischen Zeitschrift zu veröffentlichen, war auch damals schon ein ungewöhnlicher Vorgang – und dann auch noch mehrere Autoren mit unterschiedlichen Lösungen. Angeregt wurde das Problem wohl durch F.W. Bessel, denn Gauss schrieb in einem Brief vom 10. Februar 1810 an H.C. Schumacher:

brachte mir vor einiger Zeit das Problem der kleinsten (?) Ellipse,

die von 4 positione datis reetis berührt wird, wieder in Erinnerung, seine Versuche waren missglückt. Ich fand eine sehr artige Auflösung, welche

Am 16. Februar 1810 bemerkte H.C.

Schumacher in einem Antwortbrief: Die Aufgabe übrigens, wie ich sie Bessel aufgab, und wie sie in Montucla’s Ausgabe von M. Ozanams Recreations mathematiques hinten steht (wo er alle wegweiset, die nicht tres verses en analyse sind), ist folgende: In einem Viereck die größte mögliche Ellipse zu beschreiben

ich Bessel zugeschickt habe

Bessel

2

1 MC 22, pp. 112, 1810; oder Gauss Werke Band 4, pp. 385 - 392 2 Jacques Ozanam: Recreations Mathematiques et Physiques. Nouvelle Edition par M. de C.G.F. (Monsieur M. de C.G.F. ist ein Pseudonym für Jean Étienne

Weil das Problem wirklich sehr interessant ist, werde ich hier die analytische Koordinatenlösung darstellen, die sich eng an die Gauss’schen Rechnungen anschließt. Im Gegensatz zu Gauss rechne ich aber mit den Koordinaten (x n , y n ) der vier vorgegeben Punkte P n des Viereckes (n = 1, 2, 3, 4). Die parametrisierte Form einer allgemeinen Ellipse in der Ebene lautet nun

x[t] = α cos[ψ] cos[t] β sin[ψ] sin[t] + x

y[t] = α sin[ψ] cos[t] + β cos[ψ] sin[t] + y

m

m

,

.

(1.27)

(1.28)

Hier bedeuten α und β die große und kleine Halbachse der Ellipse, m =(x m , y m ) den Mittelpunkt der Ellipse und ψ den Orientierungswinkel der α - Halbachse mit der x - Achse. Die Seitengerade, welche durch die

wird beschrieben

Punkte P 1 =(x 1 , y 1 ) und P 2 =(x 2 , y 2 ) hindurch geht, durch die Gleichung

x (y 2 y 1 ) y (x 2 x 1 )+ x 2 y 1 x 1 y 2 = 0.

(1.29)

Soll jetzt diese Gerade die Ellipse an einem Punkt tangential berühren, so müssen folgende zwei Bedingungen erfüllt sein:

x[t] (y 2 y 1 ) y[t](x 2 x 1 )+ x 2 y 1 x 1 y 2 = 0,

(1.30)

x

[t](y 2 y 1 ) y [t](x 2 x 1 ) = 0.

(1.31)

Hochgestellte Striche bedeuten hier Ableitungen nach dem Kurvenpara- meter t. Werden nun die entsprechenden Ausdrücke mit Hilfe von (1.28) in diese zwei Bedingungen eingesetzt, so läßt sich der Kurvenparameter t eliminieren und man erhält mit Computeralgebra die notwendige und hinreichende Bedingung

α 2 +β 2 (x 1 x 2 ) 2 +(y 1 y 2 ) 2 α 2 β 2 (x 1 x 2 ) 2 (y 1 y 2 ) 2 cos(2ψ)

2 α 2 β 2 (x 1 x 2 )(y 1 y 2 ) sin(2ψ) = 2 (x m (y 2 y 1 ) y m (x 2

x 1 )

+ x 2 y 1 y 2 x 1 ) 2

(1.32)

Montucla). Englische Ausgabe: Recreations in Science and Natural Philosophy, London 1844.

P6 h3 P5 m2 P2 h1 P3 P1 m1 h2 P4
P6
h3
P5
m2
P2
h1
P3
P1
m1
h2
P4

Fig. 1.2: Eine Ellipse mit maximalem Flächeninhalt in einem konvexen Vier- eck P 1 , P 2 , P 3 , P 4 , wobei alle vier Seiten berührt werden. Die Mittelpunkte der möglichen Ellipsen liegen alle auf der kritischen Geraden, die durch die Hal- bierungspunkte h 1 und h 2 der Diagonalen des Viereckes gegeben sind. Dabei ist bemerkenswert, dass auch der Halbierungspunkt h 3 auf dieser Geraden liegt. Aus den Gegebenheiten folgt der Satz von Gauss über das vollständige Vierseit.

Die entsprechende trigonometrische Gleichung von Gauss ist etwas kürzer, enthält aber einen Wurzelausdruck. Ich führe jetzt anstatt der Unbekann- ten α, β und ψ die entsprechenden Größen

U

V

W

=

=

=

α 2 α 2 α 2 +

β 2 cos[2ψ], β 2 sin[2ψ], β 2 .

(1.33)

ein. Damit lautet die obige Berührungsbedingung

(x 1 x 2 ) 2 (y 1 y 2 ) 2 U +2(x 1 x 2 )(y 1 y 2 ) V +2[x m (y 2 y 1 )

y m (x 2 x 1 )+ x 2 y 1 y 2 x 1 ] 2 = (x 1 x 2 ) 2 +(y 1 y 2 ) 2 W.

(1.34)

Diese Bedingung gilt jetzt für das vorgegebene Punktepaar (P 1 , P 2 ). Drei weitere Gleichungen erhält man aus den Punktepaaren (P 2 , P 3 ), (P 3 , P 4 ) und (P 4 , P 1 ). Man hat so vier Gleichungen für fünf Unbekannte:

U, V, W, x m , y m . Die fünfte Gleichung ergibt sich aus der Extremalfor- derung, dass die Fläche der Ellipse ein Maximum sein soll. Das Quadrat dieser Fläche ist A 2 = π 2 α 2 β 2 oder

A 2 = π 2

4

W 2 U 2 V 2

(1.35)

Um das Problem zu reduzieren, kann man drei der vier Gleichungen (1.34) nach U, V, W auflösen und die Ergebnisse in die vierte Gleichung einsetzen. Auf diese Weise muss eine algebraische Gleichung zwischen x m und y m entstehen, welche eine Kurve beschreibt, auf der alle Mittelpunkte möglicher Ellipsen (Kegelschnitte) mit den geforderten Berührungseigen- schaften liegen müssen. Mit Hilfe von Computeralgebra erhält man überraschend einfach die lineare Geradengleichung

2(y 2 + y 4 y 1 y 3 ) x m + 2(x 1 + x 3 x 2 x 4 ) y m +(x 2 + x 4 )(y 1 + y 3 ) (x 1 + x 3 )(y 2 + y 4 ) = 0.

für die möglichen geometrischen Örter der Ellipsenmittelpunkte, wel- che alle vier Seiten eines vorgegeben konvexen Vierecks berühren. Die Geradengleichung 3 kann auch in der Form

2y m y 2 y 4 = y 1 + y 3 y 2 y 4

(1.36)

2x m x 2 x 4

x 1 + x 3 x 2 x 4

(1.37)

geschrieben werden. Dies ist die bekannte Zweipunkteform, wobei die bestimmenden Punkte h 1 und h 2 durch

1

h 1 = 2 {x 1 + x 3 , y 1 + y 3 }

3 Die Gerade wird heute in der Literatur die Newton - Gauss Gerade eines konvexes Viereckes genannt

h 2 = 1 2 {x 2 + x 4 , y 2 + y 4 }

gegeben sind (siehe 1.2). Verlängert man zwei gegenüberliegende Seiten je zu ihrem gemeinsamen Schnittpunkt P 5 und P 6 (singulärer Fall wären Parallelogramme), so liegt auch ihr Halbierungspunkt h 3 =(x 5 + x 6 |y 5 + y 6 )/2 auf dieser kritischen Geraden. Gauss gab 1810 im Anhang seiner Arbeit einen elementaren Beweis dieses Satzes 4 an. Wir verzichten hier, eine explizite Formel für h 3 anzugeben. Für die Fläche der Ellipse spielen diese drei Halbierungspunkte nun die entscheidende Rolle. Mit Hilfe von Computeralgebra kann man zeigen, daß das Quadrat dieser Ellipsenfläche exakt gleich dem Ausdruck

A 2

A 1243 A 1423

=

π 2 (x m h 1x )(x m h 2x )(x m h 3x )

(h 1x h 2x ) 3

ist. Die positiven oder negativen Flächenmaße lauten dabei

1

2 ((x 1 x