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I

Sonntag
II
III

Praxisleitfaden
Tierhomöopathie
Vom Arzneimittelbild zum Leitsymptom

Christiane P. Krüger

9 Abbildungen

Sonntag Verlag · Stuttgart


IV

Bibliografische Information Wichtiger Hinweis: Wie jede Wissenschaft ist die Medi-
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ISBN 3-8304-9086-0
ISBN 978-3-8304-9086-9 1 2 3 4 5 6
V
Vorwort

Die tiermedizinische Homöopathie ist zwar eine An dieser Stelle möchte ich all den Homöopathie-
immer häufiger gefragte Therapieform, dennoch Lehrern danken, die mich aus den „homöopathi-
fristet sie noch immer ein unterschätztes Dasein schen Sackgassen“ auf den richtigen Weg von Hah-
am Rande der Hochschulmedizin. nemann und Kent geführt haben, insbesondere
Leider gibt es noch viel zu wenige Tierärzte, die Herrn Dr. Jost Künzli von Fimmelsberg und George
es verstehen, die Homöopathie im Sinn ihrer ur- Vithoulkas, ferner Alfons Geukens, Eugenio Cande-
sprünglichen Lehre ohne Pharma-Präparate erfolg- gabe, Alfonso Masi-Elizalde, Edward Whitmont
reich und konsequent einzusetzen und zu doku- und vielen anderen.
mentieren. Mein ganz besonderer Dank gilt meiner Tochter
Das therapeutische Potenzial der Tierhomöopa- Ina Prisca, die mir unermüdlich mit geschicktem
thie ist bisher nicht im Entferntesten entdeckt ge- Rat und Wort in Text und Formulierung zur Seite
schweige denn ausgeschöpft worden. stand und mit Lebensfreude und Humor so man-
Der vielfältigen homöopathischen Literatur für chen Frust im bürokratischen Bereich zu vertreiben
Laien und Tierbesitzer können nur sehr wenige wusste, ferner meinem Sohn Franz, der mir die
fundierte Fachbücher zur Seite gestellt werden, überwältigende Fülle der Datenverarbeitung näher
und noch vielmehr mangelt es an nachvollziehba- brachte und unter großem Engagement die techni-
ren Falldokumentationen. schen Seiten des Schreibens ermöglichte und un-
Einen kleinen Beitrag zur Überwindung dieser terstützt hat.
Missstände soll dieser „Leitfaden“ leisten, der im Den Tierärztinnen Dr. Gaby Pavel und Martine
Sinn von J. T. Kent den Weg vom Verständnis der Jonglez sei Dank für zahlreiche fachliche Anregun-
Arznei zu ihren Leitsymptomen ebnen will und da- gen.
mit das Herausfinden des passenden, heilenden Dank auch an Frau Iris Öhninger, Bäuerin aus
Simile für seine Patienten unterstützen soll. Er ent- dem Schweizer Thurgau, die mir ganz unverhofft
hält eine Vielzahl an neuen Erkenntnissen für die den Kuhstall für die homöopathische Therapie er-
Tierhomöopathie. schloss. Es ist wahrhaft herzerfreuend, wie die an
Oftmals waren es die eigenen Tiere, insbesonde- Homöopathie interessierten Schweizer Bauern ih-
re Pferde, aber auch Patienten mit infauster Prog- ren Tieren und einer gesunden Umwelt zugetan
nose, die mich veranlasst haben, immer wieder die sind.
Materia medica zu studieren und Symptome von Ferner gilt mein Dank den zahlreichen Teilneh-
Tieren aus der Humanhomöopathie zu verifizieren. mern meiner Seminare, die durch ihren homöopa-
Es fällt mir persönlich sehr schwer zu akzeptieren, thischen Wissensdurst, ihre Mitarbeit und erfolg-
dass ein heilendes Simile nicht gefunden werden reiche Rückmeldungen aus eigener Praxis die Ar-
kann. Auf diesem Wege sind zahlreiche neue Erfah- beit an diesem Buch vorangetrieben haben.
rungen entstanden, die sich in der Praxis bestätigt Und nicht zuletzt danke ich Frau Dr. Ines George
haben und nun der Öffentlichkeit zugänglich wer- für ihr Engagement und die fröhliche Zusammen-
den sollen. arbeit, ebenso ihrem Team vom Sonntag Verlag.
Eine immense Zahl an Haustieren wird euthana- Möge das Buch seinen Beitrag zum erweiterten
siert, denen durch die Homöopathie hätte geholfen Verständnis der Homöopathie leisten und eine er-
werden können! folgreichere Therapie ermöglichen.
Es wurde bewusst auf ein Sachwortverzeichnis
verzichtet, da man sonst ein neues Repertorium ge- Öhningen am Bodensee,
nerieren würde. Christiane P. Krüger
VI
Inhalt

Einführung .................................................................... 1

1 Human- und 3.3 Übersicht über das Arzneimittelbild . 7


Tierhomöopathie . . . . . . . . . . . . 2 3.4 Physiognomie und Erscheinungsbild
des Patienten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 7
3.5 Zeichen und Symptome des Verhal-
2 Vom Arzneimittelverständnis tens . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 7
zum Leitsymptom . . . . . . . . . . . . 4 3.6 Schwerpunkte und Leitsymptome
des pathologischen Geschehens . . . . 7
3.7 Auslöser und Modalitäten . . . . . . . . . 7
3 Zum Aufbau des Buches . . . . . 5 3.8 Ausgewählte Fallbeispiele . . . . . . . . . 7
3.1 Signatur, Thema, Idee . . . . . . . . . . . . . 6
3.2 Grundsätzliche Eigenschaften des
Mittels . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 6

Allgemeiner Teil .............................................................. 9

1.6.3 Die wesentlichen Kriterien zum Fin-


1 Grundlagen der
den des Simile . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 18
Homöopathie . . . . . . . . . . . . . . . . 10
1.7 Paradigmen der akademischen und
1.1 Entwicklung der Homöopathie – homöopathischen Medizin . . . . . . . . 18
Samuel Hahnemann . . . . . . . . . . . . . . 10 1.7.1 Paradigmen der Hochschulmedizin . 18
1.1.1 Entwicklung und Stand der Tier- 1.7.2 Paradigmen im modernen ganzheitli-
homöopathie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 10 chen Denken . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 18
1.2 Das Ähnlichkeitsgesetz . . . . . . . . . . . . 11 1.8 Krankheit – Heilung in der Homöo-
1.3 Arzneimittelprüfung – Arzneimittel- pathie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 20
bild – Materia medica homöopa- 1.8.1 Krankheit – das Ergebnis einer „inne-
thica . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 12 ren Krankheitsbereitschaft“ . . . . . . . . 20
1.4 „Lebenskraft“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 12 1.8.2 Unterdrückung einer Krankheit und
1.5 Funktionsweise der Homöopathie . . . 13 Abfolge der Heilung . . . . . . . . . . . . . . 21
1.5.1 Potenzierung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 13 1.8.3 Heilung im Sinn der Homöopathie . . 22
1.5.2 Einfluss potenzierter Arzneien auf 1.9 Entstehung chronischer Krankheiten
die Lebenskraft . . . . . . . . . . . . . . . . . . 14 bei Tieren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 22
1.5.3 Mögliches Wirkungsprinzip der 1.9.1 Die angeborene Krankheitsdisposi-
potenzierten Arznei . . . . . . . . . . . . . . 14 tion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 23
1.5.4 Potenzierung – Speicherung einer 1.9.2 Die erworbene Krankheitsdisposi-
Information . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 15 tion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 23
1.6 Qualitative Kriterien der Homöopa- 1.10 Hahnemanns Theorie über die Ent-
thie – Entstehung von Krankheiten . . 16 stehung von Krankheiten . . . . . . . . . . 28
1.6.1 Hierarchisches Ordnungsprinzip in 1.10.1 Akute und chronische Miasmen . . . . 28
der Homöopathie . . . . . . . . . . . . . . . . 16 1.10.2 Therapie akuter und chronischer
1.6.2 Modalitäten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 16 Krankheiten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 28
VII
Inhalt
1.10.3 Einteilung von chronischen Krank-
heiten – chronischen Miasmen . . . . . 30 2 Praxis der Tierhomöopathie . 40
1.10.4 Arten von Miasmen . . . . . . . . . . . . . . . 30 2.1 Die drei Säulen der Homöopathie . . . 40
1.10.5 Äußerungen der Miasmen . . . . . . . . . 30 2.1.1 Die erste Säule – „Similia“ – der Tier-
1.10.6 Miasmenlehre in der Tierhomöopa- patient . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 40
thie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 34 2.1.2 Die zweite Säule – „Similibus“ – das
1.10.7 Zusammenfassung – Sinn und Auf- homöopathische Arzneimittel . . . . . . 45
gabe der Miasmenlehre . . . . . . . . . . . 37 2.1.3 Die dritte Säule – „Curentur“ – das
1.11 Verschiedene Methoden der Homöo- Procedere der Heilung . . . . . . . . . . . . 45
pathie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 37 2.2 Ausnahmen im homöopathischen
1.11.1 Organotrope Homöopathie . . . . . . . . 38 Procedere . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 50
1.11.2 Komplexmittel-Homöopathie . . . . . . 38 2.2.1 Das „lokale Übel“ . . . . . . . . . . . . . . . . . 50
1.11.3 Homöopathie nach bewährten Indi- 2.2.2 „Einseitige Erkrankungen“ . . . . . . . . . 50
kationen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 39 2.3 Der Verlauf der Heilung . . . . . . . . . . . 51
1.11.4 Die Homöopathie Hahnemanns . . . . 39 2.3.1 Folgeverordnung . . . . . . . . . . . . . . . . . 51
2.3.2 Das Ziel der Homöopathie . . . . . . . . . 52
2.4 Resümee von Kent . . . . . . . . . . . . . . . . 52

Spezieller Teil – Arzneimittel .............................................. 53

Aconitum napellus . . . . . . . . . . . . . . . . . 54 Lachesis mutus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 210


Antimonium crudum . . . . . . . . . . . . . . 60 Lycopodium clavatum . . . . . . . . . . . . . . 223
Apis mellifica . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 67 Natrium muriaticum . . . . . . . . . . . . . . . 234
Arnica montana . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 78 Niticum acidum . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 249
Arsenicum album . . . . . . . . . . . . . . . . . . 85 Nux vomica . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 257
Belladonna . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 106 Opium . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 266
Bryonia . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 113 Phosphorus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 274
Calcium carbonicum . . . . . . . . . . . . . . . 121 Plumbum metallicum . . . . . . . . . . . . . . 289
Calcium fluoricum . . . . . . . . . . . . . . . . . 137 Pulsatilla . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 295
Calcium phosphoricum . . . . . . . . . . . . 144 Rhus toxicodendron . . . . . . . . . . . . . . . . 307
Causticum Hahnemanni . . . . . . . . . . . 155 Ruta graveolens . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 315
Conium maculatum . . . . . . . . . . . . . . . . 165 Sepia succus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 321
Dulcamara . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 176 Silicea terra . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 334
Hepar sulfuris . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 183 Staphisagria . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 343
Hypericum perforatum . . . . . . . . . . . . 190 Sulfur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 352
Ignatia amara . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 195 Thuja occidentalis . . . . . . . . . . . . . . . . . . 364
Kalium carbonicum . . . . . . . . . . . . . . . . 202
VIII
Arzneimittel, Abkürzungen, Zeichen

Arzneimittel Coff. Coffea cruda


Con. Conium
Acet-ac. Aceti acidum (Acidum aceticum) Coloc. Colocynthis
Acon. Aconitum Croc. Crocus
Aeth. Aethusa Cupr. Cuprum
All-c. Allium Cepa Cupr-ar. Cuprum arsenicosum
Aloe Aloe Cycl. Cyclamen
Alum. Alumina
Dros. Drosera
Ant-c. Antimonium crudum
Dulc. Dulcamara (Solanum Dulcamara)
Ant-t. Antimonium tartaricum
Apis Apis Echi. Echinacea angustifolia
Arg-n. Argentum nitricum Euphr. Euphrasia
Arn. Arnica
Fl-ac. Fluoris acidum (Acidum hydrofluo-
Ars. Arsenicum
ricum)
Aur. Aurum
Gels. Gelsemium
Bar-c. Baryta carbonica
Goss. Gossypium herbaceum
Bell. Belladonna
Graph. Graphites
Bell-p. Bellis perennis
Guaj. Guajacum
Benz-ac. Benzoes acidum
(Acidum benzoicum) Ham. Hamamelis
Bry. Bryonia Hekla Hekla-Lava
Bufo Bufo Hell. Helleborus
Hep. Hepar sulfuris calcareum
Cact. Cactus
Hydr. Hydrastis canadensis
Calc-c. Calcium carbonicum, Calcarea
Hyos. Hyoscyamus niger
carbonica Hahnemanni
Hyper. Hypericum
Calc-f. Calcium fluoricum, Calcarea
fluorica Ign. Ignatia
Calc-p. Calcium phosphoricum Ip. Ipecacuanha
Calc-s. Calcarea sulfurica
Jod. Jodum
Calend. Calendula officinali
Just. Justitia
Camph. Camphora
Canth. Cantharis Kali-bi. Kalium bichromicum
Carb-ac. Carboli acidum (Acidum carboli- Kali-br. Kalium bromatum
cum) Kali-c. Kalium carbonicum
Carb-an. Carbo animalis Kali-m. Kalium muriaticum
Carb-v. Carbo vegetabilis Kali-s. Kalium sulfuricum
Caul. Caulophyllum Kreos. Kreosotum
Caust. Causticum Hahnemanni
Lach. Lachesis
Cham. Chamomilla
Lap-a. Lapis albus
Chel. Chelidonium majus
Laur. Laurocerasus
Chin. China officinalis
Led. Ledum
Chin-s. Chininum sulfuricum
Lyc. Lycopodium clavatum
Cic. Cicuta virosa
Lyss. Lyssinum = Hydrophobinum
Cimic. Cimicifuga (Actaea racemosa)
Clem. Clematis Mag-c. Magnesia carbonica
Cocc. Cocculus (Anamirta Cocculus) Mag-p. Magnesia phosphorica
X
Einführung I

1 Human- und Tierhomöopathie 2


2 Vom Arzneimittelverständnis zum Leitsymptom 4
3 Zum Aufbau des Buches 5
3.1 Signatur, Thema, Idee 6
3.2 Grundsätzliche Eigenschaften des Mittels 6
3.3 Übersicht über das Arzneimittelbild 7
3.4 Physiognomie und Erscheinungsbild des Patienten 7
3.5 Zeichen und Symptome des Verhaltens 7
3.6 Schwerpunkte und Leitsymptome des pathologischen Geschehens 7
3.7 Auslöser und Modalitäten 7
3.8 Ausgewählte Fallbeispiele 7
2 I Einführung

1 Human- und Tierhomöopathie

Die homöopathische Medizin wurde vor mehr als Gemäß diesen Prinzipien ruht ein enormes Po-
200 Jahren von Samuel Hahnemann begründet und tenzial an Heilungsmöglichkeiten in der homöopa-
existiert seither in unveränderter, noch immer gül- thischen Medizin.
tiger und ebenso wirksamer Form. Hahnemann trat seit der Entwicklung der Ho-
Hahnemann entwickelte das seit Urzeiten be- möopathie auch für ihre Anwendung am Tier ein.
kannte Gesetz der Entsprechung zu einem medizi- Die Humanhomöopathie hat in den letzten
nischen System mit Diagnose und Therapie für den 40 – 50 Jahren eine enorme Entwicklung erlebt, um
kranken Menschen: den Erkrankungen der Gegenwart gerecht zu wer-
den. Generell hat eine Verschiebung im Schwer-
„Wähle,
punkt von Krankheiten bei Mensch und Tier statt-
um sanft, schnell, gewiss und dauerhaft zu heilen,
gefunden.
in jedem Krankheitsfalle eine Arznei,
Während zu Hahnemanns Zeiten akute und in-
welche ein ähnliches Leiden (Homoion Pathos)
fektiöse Pathologien im Vordergrund standen, so
für sich erregen kann,
sind es heute eher vegetativ bedingte und chro-
als sie heilen soll.“
nisch verlaufende Zustände.
Speziell für die Therapie von Haustieren gelten
„Similia similibus curentur“ –
heute andere Bedingungen als noch vor 100 Jahren.
„Ähnliches werde durch Ähnliches geheilt“
Viele Kleintiere werden als Kind- und Partnerersatz
gehalten und spiegeln in ihren Krankheiten die
Homöopathische Arzneien sind hinsichtlich ih- psychischen und körperlichen Probleme ihrer Be-
rer Wirkung am gesundem Menschen geprüft zugspersonen wider. Ferner gibt es Krankheitszu-
worden: Nach mehrmaliger Einnahme eines stände von Tieren, die aus besonderen, spezialisier-
Arzneistoffes reagiert der Proband mit einem ten Nutzungs- und Haltungsarten resultieren. Der
„spezifischen Leiden“, d. h. er bekommt defi- homöopathische Therapeut muss z. B. den Erkran-
nierte Krankheitssymptome. kungen des heutigen „Sportpferdes“ ebenso ge-
Ist nun ein Patient aus unterschiedlichen Grün- recht werden wie denen der Hochleistungs-Milch-
den an eben diesem Leiden erkrankt, so kann kuh oder denen von Ratten oder Meerschwein-
ihn derselbe Arzneistoff – in angepasster Dosie- chen.
rung – wieder gesund machen. Dieser Stimulus Schließlich – und nicht zuletzt – hat sich auch das
gibt ihm den Impuls zur Eigenregulation, wel- Verhältnis des Menschen zu Natur und Tier weiter-
che zur Heilung führt. entwickelt, sodass heute ein intensiverer Zugang
zum Lebewesen zustande kommt.
Das Potenzial der Homöopathie ist noch nicht im
Ein Spruch des Delphischen Orakels im alten Grie-
Entferntesten ausgeschöpft.
chenland lautete:
Wenn der Zentralverein homöopathischer Ärzte
„Was krank macht, ist auch heilsam.“ verlauten lässt, die homöopathische Medizin für
den Menschen stecke noch in den „Kinderschu-
Der homöopathische Arzt Dr. Eugenio Candegabe
hen“, so gilt das in noch wesentlich höherem Maße
definiert den Sinn der homöopathischen Medizin
für die Tierhomöopathie.
in einem Satz:
Die homöopathische Veterinärmedizin kann erst
„Homöopathie ist im Grunde genommen . . . die Su- angemessen genutzt werden, wenn sie nach den-
che nach einer Medikation, die fähig ist, auf geisti- selben Grundsätzen therapiert wie die heutige
ger und körperlicher Ebene die fehlgeleitete Dyna- „klassische“ Humanhomöopathie.
mik des Organismus, sich an die Welt anzupassen, Nur vereinzelte Therapeuten setzen bereits heu-
tief greifend zu modifizieren.“ te die Homöopathie am Tier nach den Kriterien von
Hahnemann und Kent ein.
1 Human- und Tierhomöopathie 3

sicher nach

dauerhaft Aude sapere deutlich


Wage es, weise zu sein
angenehm einzusehenden
Homöopathischer Tempel
schnell „Krankheit und Arznei haben denselben Grund, nämlich Gründen
das in der Tiefe der Natur ruhende, von daher wirkende Wesen –
sein ARCANUM ist der Grund der Krankheiten, für die sie das Simile sind.“
Paracelsus

Similia Similibus Curentur


Ähnliches durch soll geheilt
Ähnliches werden

kranker Mensch homöop. Arznei Procedere


der Heilung

1) Ananmnese Arzneimittel- 1) Potenzierung


a) Untersuchung prüfung der Arznei
des Kranken Arzneimittelbild 2) Auswahl der
b) Gesamtheit Arzneimittellehre: Potenz
der Symptome Charakteristika 3) Anwendung der
c) sein Problem, Leitsymptome potenz. Arznei:
Idee der Idee der Arznei a) Reaktion des
Krankheit (Signatur, Patienten auf
d) seine Lebens- Symbol) die 1. Gabe
kraft Repertorium: b) Prognose der
2) Gewichtung, seine Anwendung Erkrankung
Wertung, sein Gebrauch c) folgende Ver-
Hierarchisation schreibungen
der Symptome d) Verlauf der
Heilung

Je besser die Beziehung zwischen Patient desto schnellere und


und hom. potenzierter Arznei intensivere Heilung

Heilung für den Menschen


(§1 Organon Hahnemann)

„Wissenschaft ist in den Büchern und jeder genügend intelligente Mensch kann sie erlernen. –
Aber die Kunst nicht: Kunst ist das Ergebnis von Sensibilität gepaart mit der Erfahrung des Künstlers – um zu handeln,
muß man erst verstehen.“

Samuel Hahnemann

Abb. 1 Die drei Säulen der Homöopathie.


4 I Einführung

Im vorliegenden Buch wird erstmals für die Vete- Jeder homöopathische Therapeut steht vor dem
rinärmedizin der Versuch unternommen, die Kern- Problem, aus der unspezifischen Materia medica
ideen und Leitsymptome einiger der häufigsten homöopathica das individuell passende Arzneimit-
homöopathischen Arzneimittel so darzustellen, tel für Zustand und Pathologie des Patienten he-
dass sie den Anforderungen einer modernen ho- rauszufinden. Dabei zeigt jeder einzelne Patient ei-
möopathischen Praxis gerecht werden, wie es heu- nen unterschiedlichen Ausschnitt aus dem jeweili-
te in der Humanhomöopathie üblich ist. Damit mö- gen umfassenden Arzneimittelbild.
ge sich die Tierhomöopathie ein wenig dem Niveau Aber auch jede Spezies und manche Rassen zei-
der Humanhomöopathie annähern. gen schwerpunktmäßige Bezüge zu bestimmten
Arzneimitteln oder deren Facetten.
In den Arzneimitteldarstellungen werden ganz
Es ist das wesentliche Anliegen des Buches, Im-
spezifische Eigenheiten der Haustiere in ihrer indi-
pulse zum Verständnis von homöopathischer
viduellen Ausprägung mit Pathologie aufgezeigt.
Arznei und Tierpatienten zu geben. Die Einsicht
Es handelt sich dabei größtenteils um Mittel, die
in das Wesen des Arzneistoffes lässt die homöo-
über ein besonders breites Wirkungsspektrum ver-
pathischen Mittel zu lebendigen Bildern wer-
fügen und als Polychreste bezeichnet werden.
den, in denen die Einzelsymptome einen Bezug
zum Ganzen gewinnen. So erhält das Arzneimit-
telbild einen Zusammenhalt: Als in sich ge- Der homöopathische Arzneischatz, die „Materia
schlossener Bewusstseinsinhalt steht es dem medica homöopathica“, basiert auf Arzneimit-
Gedächtnis für einzelne assoziative Bezüge zu telprüfungen am Menschen. Damit ist auch der
den Zeichen und Symptomen der Patienten zur Mensch für die Tierhomöopathie immer die ent-
Verfügung. scheidende Bezugsgröße – für viele Therapeuten
ein ungewohnter Denkvorgang. Dennoch finden
wir am Tier nichts, das nicht – zumindest latent
Dagegen bringt das reine Auswendiglernen von
oder homolog – auch im Menschen vorhanden
Symptomen und Indikationen genauso viel zusam-
ist, seien es körperliche Organe, Verhaltensmus-
menhangloses Stückwerk, als wollte man sich eine
ter oder die Grundform einer Pathologie.
lebendige Fremdsprache durch Vokabellernen aus
dem Lexikon aneignen.
Das Verständnis von Wesen und pathophysiolo- Die humanmedizinische Materia medica lässt sich
gischen Reaktionsweisen unserer Tierpatienten ist erfahrungsgemäß grundsätzlich analog am Tierpa-
eine Voraussetzung für die Verordnung des passen- tienten anwenden, bedarf jedoch in vielen Fällen
den Simile. Kent sagt dazu: besonderer Überlegungen.
Ein versierter Humanhomöopath zu sein, impli-
„Gedächtnis ist so lange nicht Wissen, solange die
ziert nicht gleichzeitig den guten Tierhomöopa-
Sache nicht begriffen und angewandt worden ist.“
then – und umgekehrt.

2 Vom Arzneimittelverständnis zum Leitsymptom

James Tyler Kent, einer der wichtigsten Nachfolger Leitsymptome nehmen darin eine wesentliche
Hahnemanns, prägte den Aphorismus: Stellung ein, sind den anderen Symptomen des Arz-
neimittelbilds übergeordnet und ermöglichen so
„Erfasse zuerst das Mittel, dann die Leitsymptome.“
den Zugang zum Krankheitsbild des Patienten.
Dieser Ausspruch passt in vollkommener Weise Das Verständnis der „grundlegenden Natur“ ei-
zum Thema und Aufbau des vorliegenden Buches. nes Mittels erleichtert das Erkennen von analogen
Unter „Mittel“ versteht Kent die ursprüngliche Zusammenhängen und das bildhafte Erlernen ho-
Form und Bedeutung, die „grundlegende Natur“ ei- möopathischer Arzneimittel.
nes Arzneistoffes, gleichsam als materieller Aus- Arzneimittelbilder umfassen Auslöser, Entwick-
druck einer geordneten „In-Form-ation“. lung und Schwerpunkt einer Pathologie, das Er-
3 Zum Aufbau des Buches 5

scheinungsbild des Patienten, seine Gemütsverfas- die Hahnemann im § 153 seines Organon als we-
sung und sein Verhalten. sentliches Kriterium der Ähnlichkeit „besonders
Wer ein Arzneimittel in seiner „grundlegenden und fast einzig fest ins Auge zu fassen“ betont:
Natur“ verstehen will, muss eine übergeordnete
„Vorzüglich diesen müssen sehr ähnliche
„Idee“ des Mittels im Sinn haben, welche dessen
in der Symptomenreihe der gesuchten Arznei
„Gesamtheit der Symptome“ gleichsam im Inners-
entsprechen.“
ten zusammenhält und damit dem „Inbegriff der
Symptome“ sehr nahe kommt. Das ist Hahnemanns Als zweiten wichtigen Punkt für die Arzneimittel-
Ausdrucksweise für das Wesentliche einer Arznei. wahl erklärt Hahnemann in § 213 seines Organon:
Dieses „geistige Band“ macht die „Summe der
„Man wird nie homöopathisch heilen,
Teile“ – der Einzelsymptome eines Arzneimittelbil-
wenn man nicht bei jedem Krankheitsfalle
des – zu „einem Ganzen“, das dem Homöopathen
zugleich mit auf das Symptom
als erlernter und verstandener Bewusstseinsinhalt
der Geistes- und Gemütsverfassung sieht.“
zur Verfügung stehen sollte.
Autoren der Humanhomöopathie bezeichnen Auch diese Symptome können die Funktion von
solche Darstellungen auch als „Essenz“, „Kernele- Leitsymptomen haben. Die „Geistes- und Gemüts-
ment“, „Seele“, „Idee“ oder „Portrait“ eines Arznei- verfassung“ entspricht dem Verhalten beim Tier.
mittels. In manchen Arzneimittelbildern gibt sich das so
„Ähnlichkeit“ – das Grundprinzip der Homöopa- deutlich zu erkennen, dass (wie beim Menschen)
thie – ist ein wenig präziser Ausdruck, der erst regelrechte Persönlichkeitsportraits von Hunden,
durch bestimmte Kriterien definiert werden muss. Katzen, Pferden und anderen Tieren erstellt wer-
Die „Leitsymptome“ gehören zu diesen Krite- den können.
rien der „Ähnlichkeit“ zwischen Arznei und Patient. Bei all dem geht es nach Kent nicht um Spekula-
Das sind solche Symptome eines Arzneimittels, die tionen oder Hypothesen:
sich in der Arzneimittelprüfung und in der Thera-
„Homöopathie ist angewandte Wissenschaft
pie am Patienten als besonders herausragende
und keine Theorie.
Schwerpunkte gezeigt haben und gewissermaßen
Man versündigt sich gegen die Wissenschaft,
eine Schlüsselfunktion („Schlüsselsymptom“ oder
wenn man ohne exaktes Wissen
„Keynote“) für die Wahl des passenden Mittels ein-
und ohne Begründung für sein Tun praktiziert.“
nehmen. Sie gehören meist zu den

„sonderlichen, auffallenden, ungewöhnlichen und


eigenheitlichen (charakteristischen) Zeichen und
Symptomen“,

3 Zum Aufbau des Buches

Die Ausführungen des vorliegenden Buches sind möopathischen Medizin aufzeigen, um Missver-
nicht wie eine Arzneimittellehre konzipiert, son- ständnissen in der Anwendung homöopathischer
dern auf ein ganzheitliches Verständnis der Arznei- Mittel vorzubeugen. Diese Übersicht kann jedoch
en und deren Anwendung in der Praxis orientiert. keineswegs das Studium der homöopathischen
Die einzelnen Angaben gründen sich prinzipiell Grundlagenliteratur ersetzen (s. Literaturhinwei-
auf den Arzneimittelprüfungen der Humanhomöo- se).
pathie. Jahrzehntelange Erfahrung in der tierärztli- Ferner sind hier wesentliche Gedanken über We-
chen Praxis ließen gewisse Schwerpunkte für spe- sen und Pathophysiologie („Miasmen“) einiger
zielle Tier-Persönlichkeiten und deren Erkrankun- Spezies dargestellt, die den homöopathisch-arz-
gen herauskristallisieren. neilichen Zugang erleichtern sollen.
In Teil II des Buches soll ein allgemeiner Teil In Teil III werden die Strukturen von 33 wichti-
skizzenhaft die Grundlagen und Praxis der ho- gen homöopathischen Mitteln dargestellt.
6 I Einführung

Die Tierhomöopathie hat ein weites und äußerst Die Betrachtungsweise beider Autoren lässt sich
interessantes therapeutisches Feld zu bearbeiten: unter dem Begriff der Signatur zusammenfassen.
Schließlich geht es nicht nur um den Homo sapiens, Auch einige moderne Autoren weisen auf solche
sondern um eine Fülle an verschiedenen Spezies Zusammenhänge hin, die teilweise so verblüffend
und Rassen, die alle über unterschiedliche Verhal- erscheinen, dass sie nicht mehr allein dem Zufall
tensmuster, Metabolismen und Krankheitsdisposi- zugeschrieben werden können (Whitmont, Appell
tionen verfügen, welche aber auch beim Menschen u. a.).
nicht unbekannt sind: Damit soll keineswegs gesagt sein, dass allein
Diese Individualität im Tier ebenso zu erkennen, durch hypothetisch konstruierte Analogien zwi-
ist der Weg der „Klassischen (Tier-)Homöopathie“, schen Art und Vorkommen bzw. Lebensweise einer
der Homöopathie Hahnemanns. Substanz oder Pflanze auf ihre pharmazeutische
Aus didaktischen Gründen sind die Darstellun- Wirkung oder auf ein Arzneimittelbild geschlossen
gen der Arzneimittel in folgende Abschnitte geglie- werden könnte.
dert: Hier dient der Abschnitt „Idee und Signatur“ in
1. Signatur, Thema und Idee des Mittels erster Linie als Mittel der Didaktik, um die Arznei-
2. Grundsätzliche Eigenschaften des Mittels mittellehre verständlich und lernbar zu gestalten.
3. Übersicht über Krankheitsverlauf und patho- Wer sich „dem Sehen im Lichte der Natur“ und
logische Schwerpunkte den zugehörigen naturphilosophischen Gedanken
4. Physiognomie und Erscheinungsbild des Pa- öffnen will, mag die Zusammenhänge zwischen Ei-
tienten genschaften der Ausgangssubstanz und dem Arz-
5. auffallende Zeichen und Symptome des Ver- neimittelbild als Geheimnis der Schöpfung anse-
haltens hen (Schlegel, Religion der Arznei).
6. Schwerpunkte und Leitsymptome des patho- Wer dem nicht folgen möchte, möge die Darstel-
logischen Geschehens lungen dieser komplexen Bilder lediglich als kurio-
7. Auslöser und Modalitäten sen, didaktischen Trick betrachten.
8. ausgewählte Fallbeispiele Bekanntlich ist das gleichzeitige bildhafte und
verstandesmäßige Erfassen von Lerninhalten her-
vorragend für Gedächtnisleistungen geeignet.
3.1 Signatur, Thema, Idee
Die Signatur eines homöopathischen Arzneimit-
telbilds ist aus der Zusammenschau mit dem Aus- 3.2 Grundsätzliche
gangsstoff eines Arzneimittels (Pflanze, Tierstoff, Eigenschaften des Mittels
Mineral, Nosode) und dem Arzneimittelbild zu ei-
nem Thema bzw. einer Idee verdichtet worden. Die grundsätzlichen Eigenschaften des Mittels be-
Die ursprüngliche Signaturenlehre beruht auf schreiben die Wirkungsweise, deren Intensität so-
den archaischen Gesetzen des Hermes Trismegis- wie allgemein gehaltene Eigenschaften des Arznei-
tos: „Wie oben so unten, innen wie außen, der mittels.
Mikrokosmos entspricht dem Makrokosmos.“ Art und Schnelligkeit der Entwicklung der Patho-
Paracelsus nannte das Erkennen einer Signatur logie bezeichnen die Dynamik des Krankheitsge-
„das Sehen im Lichte der Natur“. schehens. Daraus resultieren vereinzelte Hinweise
Emil Schlegel und William Gutmann, beide be- auf eine möglicherweise angezeigte Wiederholung
deutende, weltweit bekannte homöopathische der Mittelgabe, abhängig vom Verlauf der Heilung.
Ärzte der Vergangenheit, betrachteten die lebendi- Manche Arzneimittel zeigen einen besonderen
ge Gestalt der Pflanze, eines Tierstoffs oder eines Bezug zu bestimmten Spezies oder Tierrassen und
Minerals mit ihren physiologischen und toxikologi- deren Disposition zu bestimmten Erkrankungen.
schen Eigenschaften als Ausdruck ihrer Wirkkräfte, Auch auf Gemeinsamkeiten bzw. Möglichkeiten ei-
die mit den Ergebnissen der Arzneimittelprüfung ner Verwechslung mit anderen Mittel oder eine be-
in einem naturgesetzlichen Zusammenhang ste- sondere Abfolge von Ergänzungsmitteln wird hin-
hen. Beide wollten damit einen Beitrag „zum Ver- gewiesen, ferner auf Verwechslungsmöglichkeiten
stehen der Natur der Substanz“ leisten, welcher mit ähnlichen Mitteln, Kontraindikationen und
„dem Prozess der Kausalität übergeordnet“ ist. Missverständnisse.
3 Zum Aufbau des Buches 7

3.3 Übersicht über das 3.6 Schwerpunkte und


Arzneimittelbild Leitsymptome des
pathologischen Geschehens
Die Übersicht über das Arzneimittelbild dient der
schnellen Orientierung über Schwerpunkte, Leit- Dieses Kapitel beschreibt Leitsymptome und gibt
symptome und wesentliche Modalitäten ohne An- Anhaltspunkte für Indikationen, die jedoch nicht
gabe von Einzelheiten. im Sinn von „bewährten Indikationen“ der organo-
tropen Homöopathie zu verstehen sind (s. Teil II).
Die Angaben resultieren aus den Arzneimittelbil-
3.4 Physiognomie und dern des Menschen, aus den Rubriken des Reperto-
riums sowie aus zahllosen praktischen Erfahrun-
Erscheinungsbild des gen eigener homöopathischer Tierpraxis.
Patienten Jeder Patient stellt immer nur einen Ausschnitt
aus dem gesamten Arzneimittelbild dar, welcher
Das Aussehen des Patienten, der erste Eindruck, meist begleitet ist von Modalitäten, die sich durch
kann durchaus Hinweise für die Mittelwahl geben: das gesamte Arzneimittelbild ziehen.
Haar- und Augenfarbe, körperliche Entwicklung
und Gestalt, Körperhaltung, Körpertemperatur,
Temperament. 3.7 Auslöser und Modalitäten
Natürlich ist diese Physiognomie in Relation zu
Art und Schwere der Erkrankung zu setzen. Nicht In diesem Abschnitt sind wesentliche Ursachen
jeder Patient muss dem angegebenen Bild entspre- und Auslöser der Pathologie sowie die hauptsächli-
chen. Es handelt sich in der Homöopathie um Mög- chen Modalitäten katalogisiert.
lichkeiten der Abweichung vom „Normalen“. Nega-
tivsymptome sind grundsätzlich unter Vorbehalt
einzuschätzen (s. Teil II). 3.8 Ausgewählte Fallbeispiele
Es handelt sich hier ausschließlich um Patienten,
die einzig durch Homöopathie – ohne anderweiti-
3.5 Zeichen und Symptome des ge Therapie – zur Heilung bzw. Besserung geführt
Verhaltens wurden.
Die Darstellungen und Kasuistiken entspringen
Die beschriebenen Verhaltensweisen homöopathi- den Erfahrungen und Beobachtungen an unzählba-
scher Tierpatienten wurden im Laufe von jahrzehn- ren Patienten aus mehr als 25 Jahren Praxis. Leider
telanger Praxis beobachtet und immer wieder be- sind im Laufe der Zeit durch mehrfache Ortswech-
stätigt. sel viele Fall-Belege verloren gegangen. Häufig
kommen in der kurativen Praxis die Erfolgsmel-
dungen der zurückliegenden Therapie erst Monate
In chronischen Fällen gelingt es oft mithilfe die-
oder Jahre später, der Patient wird an neue Besitzer
ser Verhaltenssymptome, das passende Mittel
weitergegeben oder fällt einem Verkehrsunfall
zu finden. Manchmal kann auch im Akutfall eine
zum Opfer, sodass über eine langfristige Beobach-
Verhaltensänderung als Schlüsselsymptom für
tung nichts mehr ausgesagt werden kann. Dennoch
das passende Arzneimittel gewertet werden.
reihen sich die Erfahrungen und Beobachtungen so
aneinander, dass sich die praktischen Erfahrungen
Aber nicht jeder Patient zeigt das beschriebene im Folgenden zusammenfassen lassen.
Arzneimittel-spezifische Verhalten. Manche Arz- In diesem Kapitel findet ein großer Teil der Leit-
neien treten uns häufiger mit ihrem zugehörigen symptome seine Bestätigung in der Praxis.
Verhalten gegenüber (z. B. Pulsatilla), manche we- Die behandelten Erkrankungen kamen oft aus
niger häufig. In den speziellen Fällen „einseitiger“ vergeblicher schulmedizinischer Vorbehandlung,
oder „lokaler Krankheiten“ (s. Teil II) fehlen solche waren zum Teil bereits „austherapiert“ oder zeig-
Verhaltensweisen häufig gänzlich. ten eine infauste Prognose.
8 I Einführung

Die Fälle stammen größtenteils aus der eigenen Als Beispiele seien erwähnt:
Praxis, zum Teil von Dr. Hartmut Krüger und einige Lycopodium für Harnwegsprobleme bzw. -steine
noch aus unserer gemeinsamen Praxis. von Katern
Die Kasuistik soll den Weg von der Anamnese zur Phosphor für das lineare eosinophile Granulom
Mittelwahl, die praktische Anwendung dieser Leit- sowie für das Lippengranulom der Katze
symptome demonstrieren. Phosphor für die Vergiftungen mit Petroleum
Es gelangen unterschiedliche Wege der Arznei- („Ölpest“)
mittelwahl zur Anwendung: In manchen Fällen Arsen, Phosphor, Nux vomica, Pulsatilla oder Ly-
gibt das Verhalten den Ausschlag, dann deutliche copodium als häufigste Indikation für Katzen mit
Modalitäten oder die „Gesamtheit der Symptome“. Nierendegeneration
Teilweise handelt es sich um banale lokale Be- Apis, Bryonia, Nux vomica, Pulsatilla oder Pyro-
schwerden, um Verhaltensstörungen oder um genium als häufigste Indikation für die akute
schwerwiegende Erkrankungen mit zweifelhafter Hufrehe der Pferde
Prognose. Conium als häufigstes Mittel (neben anderen!)
Akute, subakute, chronische und „konstitutio- für den Mammatumor der Hündin
nelle“ Verordnungen zeigen die Übertragung der Arsen für die Hauterkrankungen von Ratten usw.
Symptome des Patienten in die Ausdrucksweise Thuja als häufigstes Mittel für chronisch kranke
des Repertoriums. Esel
Die verschiedenen Fälle von ein und demselben
Diese Angaben sind jedoch weder vollständig noch
Mittel verweisen auf die unterschiedlichen Aspek-
verbindlich.
te, die uns mit diesem Mittel begegnen können.
Gerade für den Tierpatienten gilt es noch vieles
Aus der Vielzahl bestimmter Beobachtungen ließ
zu entdecken. Solche Forschungen und Erfahrun-
sich ein „Genius morbi“ (konstanter Krankheitsver-
gen sind in Zusammenarbeit mit Kollegen für die
lauf) konstruieren, der nun für den Praxisgebrauch
Weiterentwicklung der Homöopathie dringend er-
zur Verfügung steht.
forderlich!
Die angeführten Beispiele mit zum Teil überra-
schend schnell verlaufender Genesung von
schwersten Krankheiten mögen dem Leser Mut
machen, selbst nach der Lehre Hahnemanns zu the-
rapieren und in seinem Sinn zu handeln:
„Macht‘s nach, aber macht‘s genau nach!“
Allgemeiner Teil II

1 Grundlagen der Homöopathie 10


1.1 Entwicklung der Homöopathie – Samuel Hahnemann 10
1.2 Das Ähnlichkeitsgesetz 11
1.3 Arzneimittelprüfung – Arzneimittelbild – Materia medica
homöopathica 12
1.4 „Lebenskraft“ 12
1.5 Funktionsweise der Homöopathie 13
1.6 Qualitative Kriterien der Homöopathie – Entstehung von
Krankheiten 16
1.7 Paradigmen der akademischen und homöopathischen Medizin 18
1.8 Krankheit – Heilung in der Homöopathie 20
1.9 Entstehung chronischer Krankheiten bei Tieren 22
1.10 Hahnemanns Theorie über die Entstehung von Krankheiten 28
1.11 Verschiedene Methoden der Homöopathie 37

2 Praxis der Tierhomöopathie 40


2.1 Die drei Säulen der Homöopathie 40
2.2 Ausnahmen im homöopathischen Procedere 50
2.3 Der Verlauf der Heilung 51
10 II Allgemeiner Teil

1 Grundlagen der Homöopathie

Dieser allgemeine Teil soll dem Verständnis der ho- struktionen bestätigen und bewähren sich tagtäg-
möopathischen Medizin dienen. Er wendet sich lich in der homöopathischen Therapie von Patien-
insbesondere an solche Leser, die der Homöopathie ten aller Art. Noch heute ist dieses „Organon“ welt-
mit Skepsis gegenüberstehen. Der bereits praktisch weit das grundlegende Arbeitsbuch für die seriöse
tätige Homöopath möge einige Anhaltspunkte fin- Homöopathie.
den, dem Tierbesitzer fragliche Fakten zu erklären. Das Organon wurde von James Tyler Kent
Zusätzlich werden grundlegende Anstöße zum (1849 – 1916) mit Kommentaren versehen und als
Verständnis und zur Anwendung der Homöopathie „Kent‘s Philosophy about Organon“ herausgege-
am Tier gegeben. ben, in der deutschen Übersetzung „Vorlesungen
Zahllose neue Theorien und Richtungen prägen Kent's zum Organon“ oder „Prinzipien der Ho-
heute die homöopathische Medizin. Sie sind nicht möopathie“. Dieses Werk ist heute noch die unver-
nur bedingt durch die konträren Paradigmen zwi- zichtbare Grundlektüre für Verständnis und An-
schen Schulmedizin und Homöopathie, sondern wendung der Homöopathie Hahnemanns, auch für
auch durch unterschiedliches oder mangelndes die Veterinärmedizin.
Verständnis der Homöopathen selbst. Unterschied- Die homöopathische Medizin breitete sich im
liche Richtungen der Homöopathie spielen beson- 19. Jahrhundert schnell weltweit aus. Eine große
ders in der Tierhomöopathie eine beträchtliche Blütezeit erlebte sie in der zweiten Hälfte des
Rolle (s. u.). 19. Jahrhunderts in den USA, insbesondere durch
Für die Heilung eines Patienten kommt es in ers- den Einfluss von Constantin Hering und durch Ja-
ter Linie darauf an, seine Gesundheit nach Hahne- mes Tyler Kent.
manns Forderung „schnell, angenehm, sicher und Der Siegeszug der Pharma- und Chemotherapie
dauerhaft“ wiederherzustellen. brachte zunächst in Europa und Amerika einen
Stillstand und den Rückgang für die Homöopathie.
Erst seit etwa der Mitte des vorigen Jahrhunderts,
als der Schweizer Homöopath Dr. Pierre Schmidt
1.1 Entwicklung der
und sein Schüler Dr. Jost Künzli die Werke von J. T.
Homöopathie – Kent auch den europäischen Ärzten zugänglich
Samuel Hahnemann machten, begann in Europa wieder ein langsam
fortschreitender Aufschwung für die Homöopathie.
Die Homöopathische Medizin wurde begründet Ein weltweit wirksamer Impuls geht seit unge-
von dem Arzt und Apotheker Dr. Christian Friedrich fähr 35 Jahren von dem griechischen Homöopathen
Samuel Hahnemann, geboren 1755 in Meißen, ge- Georgos Vithoulkas aus. Nach Vithoulkas ist die Ho-
storben 1843 in Paris. möopathie die „Medizin der Zukunft“.
Hahnemann lehnte die nicht reproduzierbaren
Spekulationen und Mutmaßungen seiner Zeit über 1.1.1 Entwicklung und Stand der
die Wirkung von Arzneien ab. Er verwarf strikt die Tierhomöopathie
damals neue Idee von Tierversuchen als Prüfme-
thode für ,menschentaugliche‘ Heilmittel. Von Hahnemanns Zeit bis zum Ende des 19. Jahr-
Zeit seines Lebens widmete er sich der Entwick- hunderts gab es einige homöopathische Tierärzte,
lung der homöopathischen Medizin, deren thera- die beeindruckende Falldokumentationen hinter-
peutische Möglichkeiten von seinen Nachfolgern ließen, diese aber leider nicht immer in nachvoll-
bis heute noch nicht im Entferntesten ausgeschöpft ziehbarer Form dargestellten.
sind. Boenninghausen, einer der besten Schüler zu
Im Jahr 1810 legte Hahnemann seine Erfahrun- Lebzeiten Hahnemanns, veröffentlichte eine ganze
gen, die Gesetzmäßigkeiten und Anweisungen für Liste erfolgreich behandelter Tierpatienten. Diese
die Homöopathie im „Organon der Heilkunst“ waren auch seine ersten Patienten, an denen er
(griech. organon = Werkzeug) nieder. Diese In- 1866 die 200. Centesimal-Potenz erprobte.
1 Grundlagen der Homöopathie 11

Ab etwa 1950 war es das große Verdienst von Dr. „Die Natur des menschlichen Körpers ist ähnlich der
Hans Wolter, dass er die Homöopathie für die Vete- großen Natur.“
rinärmedizin wieder zugänglich gemacht hat. Er „Durch das ähnliche Prinzip (der Natur) entsteht die
arbeitete überwiegend gemäß der damals aktuel- Krankheit, und durch Anwendung des Ähnlichen
len „naturwissenschaftlich-kritischen Richtung“ wird die Krankheit geheilt.“
nach organotropen Kriterien, womit man zwar
Diese überlieferten Thesen finden ihre Bestäti-
manche akuten Erkrankungen erfolgreich angehen,
gung im modernen Denken in kybernetischen Zu-
aber chronisches Leiden meist nicht durchgreifend
sammenhängen: Die Veränderung eines Bausteins
heilen kann. (Organotrope Homöopathie berück-
in einem Netzgefüge zieht automatisch eine Ände-
sichtigt in erster Linie das lokale Krankheitsgesche-
rung anderer Teile nach sich; und wenn diese in
hen an einem Organ und lässt die Individualität des
den ursprünglichen Zustand reponiert werden, ge-
Patienten weitgehend außer Acht. Damit versuchte
langt auch der erste Baustein wieder in seine Aus-
die naturwissenschaftlich-kritische Richtung der
gangsposition.
Homöopathie einen Kompromiss mit der Schulme-
So kann jede Gesundheitsstörung als „ein Schrei
dizin einzugehen.)
nach dem Heilmittel“ angesehen werden, der das
Leider fristet die Tierhomöopathie heute noch
analoge Prinzip oder Muster aus dem Naturreich
immer ein vernachlässigtes Dasein am Rande der
verlangt, welches der Krankheit entspricht, um die
etablierten akademischen Medizin und wird viel-
gestörte Balance der gesunden Lebenskraft im Pa-
fach als Placebo belächelt, obwohl die Tierbesitzer
tienten wieder herzustellen (C. Hering).
vermehrt nach homöopathischer Behandlung ver-
Hahnemanns Verdienst ist es, das Ähnlichkeits-
langen.
gesetz zu einem medizinischen System ausgebaut
Das Potenzial der homöopathischen Medizin
zu haben, das sowohl Diagnose („Arzneimitteldiag-
wird besonders in der Veterinärmedizin noch im-
nose“) als auch Therapie (durch dieses Arzneimit-
mer gewaltig unterschätzt, was durch mangelhafte
tel) beinhaltet.
Therapieerfolge bestätigt wird. Die Ursache hierfür
Er fordert eine Heilung, die nicht nur „schnell,
liegt größtenteils in ungenügender Kenntnis der
angenehm, dauerhaft und sicher“, sondern auch
homöopathischen Arzneimittel und des homöopa-
„nach deutlich einzusehenden Gründen“ erfol-
thischen Procedere. Das Erlernen der Homöopa-
gen soll. Damit appelliert er schon zu seiner Zeit an
thie erfordert ebenso viel Mühe wie ein gesam-
eine wissenschaftlich fundierte, reproduzierbare
tes Medizin-Studium.
Arzneiwirkung:
Aber gerade dem akademischen Mediziner fällt
es schwer, das analoge, phänomenologische, ky- „Jede wahre Arznei wirkt zu jeder Zeit, unter allen
bernetisch orientierte Vorgehen der Homöopathie Umständen auf jeden lebenden Menschen und er-
in das gewohnte kausal-analytische Denken der regt in ihm die eigentümlichen Symptome, sodass
heutigen Hochschulwissenschaft zu integrieren. jeder menschliche Organismus jederzeit von der
Anerkennung und Verbreitung der homöopathi- Arzneikrankheit behaftet wird.“ (Organon § 32)
schen Medizin leiden eminent unter dem insbe-
Allerdings richten sich seine Kriterien der Repro-
sondere in der Medizin noch immer gültigen mate-
duzierbarkeit nach anderen Gesichtspunkten, als
rialistischen Paradigma der letzten 250 Jahre.
sie in der heutigen akademischen Naturwissen-
schaft üblich sind.
Das Ähnlichkeitsgesetz „Similia similibus curen-
1.2 Das Ähnlichkeitsgesetz tur“ bildet die Grundlage, die drei Säulen der ho-
möopathischen Medizin (s. Abb. 1 in Teil I):
Dem kategorischen Imperativ von Hahnemann „Si-
„Similia“ entspricht dem Patienten (§§ 72 – 104
milia similibus curentur“ liegt das Gesetz der Ent-
des Organon),
sprechung zugrunde.
„Similibus“ der homöopathischen Arznei
Hippokrates und später Paracelsus sahen in der
(§§ 105 – 145 des Organon),
äußeren Natur die Entsprechung zum Menschen:
„Curentur“ dem Procedere der Heilung
„Der Mensch als Mikrokosmos ist ein Teil der großen (§§ 146 – 291 des Organon).
Natur.“
12 II Allgemeiner Teil

Die Ergebnisse einer Arzneimittelprüfung an


Nur eine Arznei, die dem Patienten in den we-
verschiedenen Probanden sowie toxikologische
sentlichen „Zeichen und Symptomen“ am ähn-
Beobachtungen werden zusammengetragen als
lichsten ist, die eine optimal ähnliche Beziehung
Arzneimittelbild, dessen Symptome durch erfolg-
zum Patienten aufweist, kann diesen dauerhaft
reichen therapeutischen Einsatz am Patienten in
heilen („Similimum“ = das Ähnlichste).
vielen Fällen zusätzlich bestätigt wurden.
Die „Zeichen und Symptome“ eines Arzneimit-
Dieses „Ähnlichste“ agiert nach einer Art Reso- telbildes enthalten gewisse Schwerpunkte, die so-
nanzprinzip („Idiosynkrasie“), damit ist eine indivi- wohl das pathologische Geschehen als auch die
duelle „persönliche Ansprechbarkeit“ gemeint Gemütsverfassung sowie deren besonders spezi-
(Berndt); in der Ausdrucksweise des englischen fische Leitsymptome („Keynotes“) des Arzneimit-
Biologen Rupert Sheldrake lässt sich die Beziehung telbildes in den Vordergrund stellen. Deren Kennt-
zwischen Similimum und Patient auch als „mor- nis erleichtert ungemein die Auswahl der passen-
phische Resonanz“ bezeichnen. den Arznei für den Patienten.
Inzwischen sind mehr als 500 Arzneistoffe
gründlich am Menschen geprüft worden; es gibt
1.3 Arzneimittelprüfung – zahlreiche weitere homöopathisch zubereitete
Arzneimittelbild – Materia Arzneien, von denen nur erst eine Teilwirkung er-
fasst wurde.
medica homöopathica Die Gesamtheit der homöopathisch geprüften
Arzneien bezeichnet man als Materia medica ho-
Die Anwendung des Ähnlichkeitsgesetzes fordert
möopathica, die in den Arzneimittellehren dar-
eine genaue Kenntnis der für den Patienten infrage
gestellt ist.
kommenden Arznei, die in der homöopathischen
Um die zahlreichen Symptome der Arzneimittel-
Arzneimittelprüfung dokumentiert worden ist.
prüfungen für den Patienten „wieder zu finden“,
Im § 22 des Organon heißt es: „Arzneien werden
wurden diese nach Körperregionen katalogisiert
nur dadurch zu Heilmitteln, weil sie künstliche
und sind im Repertorium (lat. reperire: wiederfin-
Krankheitssymptome erzeugen können.“
den) nachzuschlagen. Hier sind fast alle erdenkli-
Um die pathogene Wirkung einer Arznei zu prü-
chen Zeichen und Symptome des Menschen mit
fen, nimmt ein gesunder Mensch in festgesetzten
den Angaben der jeweils dafür infrage kommenden
Intervallen eine gewisse Menge eines Arzneistoffes
Arzneimittel aufgezeichnet. Dieses Werk umfasst
ein und bemerkt nach einiger Zeit spezifische Be-
heute, je nach Herausgeber, 1 200 – 3 800 Seiten.
schwerden. Diese werden in allen Äußerungen und
Das Repertorium ist das unentbehrliche Hand-
Empfindungen gewissenhaft protokolliert.
werkszeug des Homöopathen, ohne das in vielen
Die Symptome einer Arzneimittelprüfung treten
Fällen keine präzise Arzneimittelwahl erfolgen
sowohl bei toxischer Dosierung als auch bei Ein-
kann. Die Anwendung dieses Nachschlagewerks ist
nahme gehäufter Dosen potenzierter Arzneien ein,
– insbesondere für das Tier – nicht einfach und
sogar wenn die Potenzstufe jenseits der Loh-
wird am besten in „Repertorisationskursen“ unter
schmidt‘schen Zahl (oberhalb D 28 oder C 12) liegt,
entsprechender Anleitung erlernt.
in der kein Molekül der Ausgangssubstanz mehr
Heute bietet sich die Repertorisation mit dem
enthalten ist. Hahnemann empfahl für die Arznei-
Computer an; aber auch dies bedarf präziser
mittelprüfung die Einnahme der 30. Centesimal-
Kenntnisse des Repertoriums und eine gewisse
Potenz einmal pro Tag. In der Regel treten Prü-
Einarbeitung, um ein Mittel richtig auswählen zu
fungssymptome nach 6 Tagen auf oder früher.
können.
Nach Aussetzen der Arzneimittelprüfung lassen
diese wieder nach und klingen aus. Natürlich wer-
den homöopathische Arzneien nicht bis zum Auf-
treten schwerer organischer Schäden geprüft. Sol- 1.4 „Lebenskraft“
che Symptome im Arzneimittelbild leiten sich aus
Als verantwortliches Prinzip für Gesundheit,
toxikologischen Beobachtungen her oder sind bei
Krankheit und Heilung erkannte Hahnemann die
der Heilung von Kranken beobachtet und doku-
„Lebenskraft“ oder „Dynamis“; dieser Begriff ist
mentiert worden.
seit der Existenz jeglicher Art von Medizin bekannt
1 Grundlagen der Homöopathie 13

– mit Ausnahme der heutigen ,Hochschulmedizin‘. „Des Arztes höchster und einziger Beruf ist es,
In der traditionellen Chinesischen Medizin wird sie kranke Menschen (das kranke Lebewesen
z. B. als ,Chi‘ bezeichnet. – Anm. d. Verf.)
Die „Lebenskraft“ ist das belebende Prinzip, das gesund zu machen, was man Heilen nennt.“
einen Leichnam vom lebendigen Organismus un-
Auch hier ist nicht die Rede von Krankheiten, von
terscheidet.
Erregern oder pathologischen Veränderungen, son-
Eine gesunde Lebenskraft bringt uns Elan, Le-
dern von der Gesundwerdung des Menschen, zu
bensfreude und eine belastbare, selbst regulieren-
verstehen wie die Definition von Gesundheit ge-
de Immunabwehr und die Kraft zur Restitutio bzw.
mäß WHO (World Health Organisation):
Heilung von Krankheiten.
Eine „aus dem Gleichgewicht geratene“ oder „Gesundheit ist körperliches, psychisches
„verstimmte Lebenskraft“ verschafft uns schlechte und soziales Wohlbefinden,
Laune, reizbare oder depressive Stimmung, Er- nicht allein die Abwesenheit von Krankheiten.“
schöpfungszustände oder sorgt dafür, dass wir an
„Wohlbefinden“ ist ein subjektives, nicht quanti-
Infekten, akuten oder chronischen Gesundheitsstö-
tativ messbares Erleben, das wir beim Menschen
rungen leiden.
ebenso wie beim Tier beobachten können.
In Hahnemanns Organon heißt es:

„Im gesunden Zustand des Menschen


waltet die geistartige,
als Dynamis den materiellen Körper 1.5 Funktionsweise der
belebende Lebenskraft unumschränkt Homöopathie
und hält alle seine Teile
in bewundernswürdig harmonischem Lebensgange
in Gefühlen und Tätigkeiten.“ 1.5.1 Potenzierung
„Krankheiten sind dynamische Verstimmungen
Hahnemann entwickelte ein geniales Zuberei-
unseres geistartigen Lebens
tungsverfahren seiner Heilmittel: Er postulierte,
in Gefühlen und Tätigkeiten“,
die Arznei müsse der Dynamis, der Lebenskraft,
das sind
angepasst, also dynamisiert oder potenziert sein.
„immaterielle Verstimmungen unseres Lebens“.
„Wir potenzieren deshalb, um das Mittel so fein zu
Die „Verstimmung der Lebenskraft“ kann sich in
machen, dass es die Lebenskraft einfließen kann.
unzähligen Symptomen und Erkrankungen äußern.
Wir müssen immer daran denken, dass die Lebens-
„Es gibt keine noch so kleine Zelle oder ein Gewebe, kraft eine geistige Substanz ist und dass das, was
das nicht Lebenskraft enthielte.“ (Kent) heilt,
ebenfalls geistige Substanz sein muss.“ (Kent)

„Potenzieren“ bedeutet ursprünglich „Kraft-Frei-


Dementsprechend wirken homöopathische
setzen“. In diesem Sinn ist der Vorgang des Poten-
Arzneien nicht auf Krankheitserreger oder ge-
zierens zu verstehen: Je intensiver potenziert wor-
gen Krankheiten, nicht durch einen pharmako-
den ist, desto stärker ist die Wirkung.
logisch definierten Effekt oder über einen „Blut-
Unter Potenzieren versteht man das stufenweise
spiegel“, sondern einzig durch Aktivierung die-
Verdünnen mit jeweiligen dazwischen geschalte-
ser Lebenskraft, indem sie subjektives Wohlbe-
ten starken Schüttelschlägen. Feste Stoffe oder
finden und eine belastbare Eigenregulation her-
Pflanzenteile werden jeweils 1 Stunde im Verhält-
stellen. In einem solchen gesunden Organismus
nis 1 : 100 mit Milchzucker verrieben und anschlie-
haben Krankheitserreger keine Chance, patho-
ßend, ab C 3, als Dilution (flüssige Zubereitung)
gen zu wirken, ihnen wird durch eine gesunde
weiterverarbeitet.
Immunreaktion der Boden entzogen.
Je nach Verdünnungsgrad spricht man von Dezi-
mal-Potenzen (Verdünnungsschritt 1 : 10), von
Der § 1 des Organon bezeichnet einen wesentli- Centesimal-Potenzen (Verdünnungsschritt 1 : 100)
chen Aspekt der Homöopathie: oder von LM- oder Q-Potenzen (1: 50 000).
Dezimal-Potenzen haben sich besonders im
deutschsprachigen Raum durchgesetzt, die Cente-
14 II Allgemeiner Teil

simal-Potenzen Hahnemanns sind weltweit ver- Daraus folgen wesentliche Überlegungen zur
breitet und wirken intensiver als Dezimal-Poten- Auswahl der Potenz im Krankheitsfall (s. Kap. 2.3).
zen. Für Q-Potenzen gelten besondere Dosierungs- Kent sagt dazu, Arzneien können nicht heilen,
vorschriften. wenn sie nicht potenziert werden bis zu der Ebene,
Der Vorgang des ,Potenzierens‘ oder ,Dynamisie- auf der der Mensch (Organismus) krank ist.
rens‘ trifft noch heute auf das Unverständnis der
„Unpotenzierte Arzneien wirken nur im niedrigsten
akademischen Wissenschaft, insbesondere wenn
Bereich . . . auf der äußersten Ebene.“
die Arznei soweit verdünnt ist, dass kein Molekül
der Ausgangssubstanz mehr vorhanden sein kann
(Lohschmidt‘sche Zahl ab D 28 oder C 12). 1.5.3 Mögliches Wirkungsprinzip der
Kent sagt dazu:
potenzierten Arznei
„Alle Materie kann in ihren ursprünglichen strah-
lenden Zustand zurückgeführt werden.“
Das „morphogenetische Feld“ nach
Diese „energetische“ oder „feinstoffliche“ Wir-
Rupert Sheldrake
kung ist verständlicherweise nicht materiell-quan-
titativ nachweisbar. Eine sehr plausible Erklärung für die Wirkung
Dieses Phänomen ist bisher durch naturwissen- homöopathisch potenzierter Arzneien bietet die
schaftliche Forschung noch nicht erklärbar, weil Theorie über die „morphogenetischen Felder“
hier offensichtlich physikalische Gegebenheiten (Morphogenese, griech. Gestalt-erzeugend), die
zugrunde liegen, die nach dem derzeitigen Er- insbesondere von dem englischen Biologen Rupert
kenntnisstand der Physik noch nicht nachvollzieh- Sheldrake formuliert wurden.
bar sind. Edward Whitmont, Kenner der Homöopathie
Man vermutet, dass sich durch den Potenzie- und ehemaliger Chairman am C. G. Jung Institut
rungsvorgang in der Trägersubstanz (Wasser-Alko- New York, sprach bereits 1987 von „Bewusstseins-
hol oder Zucker) gewisse strukturelle Veränderun- formen, die im Raum existieren analog den Feldern
gen abspielen, welche eine Information speichern. der Physik“.
Derartige Phänomene sind nicht neu, sondern Damit ist ein informatives (in Form bringendes)
werden schon lange z. B. für die Kristallanalyse bio- Energiefeld gemeint, das einer Materie die Gestalt
logischer Substanzen verwandt. Auch die kürzlich gibt.
von Masaru Emoto festgestellten Kristallisations- Die These „Energie formt die Materie“ ist eben-
phänomene von Wasser (Schneeflocken) unter be- falls nicht neu.
stimmten elektromagnetischen oder „energeti- Sogar Kent sagt, die Lebenskraft sei mit formge-
schen“, nicht immer objektiv messbaren Einflüssen bender Intelligenz ausgestattet.
deuten dieses Geschehen an. Wer sich nun intensiver mit Sheldrakes For-
Sogar Kent erwähnt bereits formbildende Einflüs- schungen und Homöopathie beschäftigt, dem
se, „wenn wir die Eisblumen am Fenster ansehen“. drängen sich Zusammenhänge zwischen der mate-
Auch spektrographische Verfahren können Be- riefreien Arznei und den Energiefeldern bzw. mor-
sonderheiten immateriell potenzierter Arzneistof- phogenetischen Feldern auf.
fe sichtbar machen, nicht jedoch identifizieren. Nach dem Gesetz von der Erhaltung der Energie
liegt es nahe, dass ein „Energiefeld“ übrig bleibt,
1.5.2 Einfluss potenzierter Arzneien wenn der Ausgangsstoff soweit ,herausgeschüttelt‘
worden ist, dass er nicht mehr materiell vorhanden
auf die Lebenskraft
ist.
§ 26 des Organon besagt, dass die schwächere dy- Das heißt, Homöopathie ist (sehr wahrschein-
namische Affektion (die Krankheit des Patienten) lich) eine Therapie mit morphogenetischen Fel-
durch die stärkere (die dynamisierte Arznei) ge- dern.
löscht werde. Hahnemann nennt das Leiden des Pa- Diese (vermutlich) durch „energetische Felder“
tienten die „natürliche Krankheit“, die Wirkung der imprägnierte homöopathische Arznei kann bei
potenzierten Arznei die „Kunstkrankheit“. fortgesetztem Kontakt zur Veränderung des kör-
Das heißt, die „Kunstkrankheit“ (durch die Arz- pereigenen „Energiefelds“ und damit zu Sympto-
nei) muss in geringem Maße stärker sein als die men einer Arzneimittelprüfung führen. Der Pro-
„natürliche Krankheit“ (des Patienten).
1 Grundlagen der Homöopathie 15

band nimmt gleichsam das „morphogenetische Diese Erklärungsmodelle können durch reprodu-
Feld“ der Ausgangssubstanz (z. B. einer Giftpflanze) zierbare Beobachtungen gestützt werden.
in sich auf und bringt damit deren Eigenschaften im Homöopathisch potenzierte Arzneien wirken
wahrsten Sinn „zum Ausdruck“: Er empfindet sie in z. B. nicht nur durch Resorption über die Schleim-
psychischer und physischer Weise und kann sie haut oder durch Injektion, sondern auch durch
durch seine Sprache verständlich machen. Hautkontakt. Das heißt, Arzneimittelwirkungen
Hier sei nochmals auf die analogen Zusammen- können auch erzielt werden, wenn der Proband das
hänge zwischen Erscheinungsbild und Lebenswei- potenzierte Arzneimittel lange genug (bei Poten-
se der Pflanze (auch anderer Ausgangssubstanzen) zen in C 30 oder 200 – einige Stunden lang) auf der
und dem zugehörigen Arzneimittelbild hingewie- Haut, z. B. in der Hosentasche, trägt.
sen, die im Sinn einer Signatur gedeutet werden Wenn ein Patient unmittelbar nach einer schwe-
und einen wesentlichen Beitrag zum Verständnis ren Verletzung mit intensiven Prellungen (z. B.
von Arzneimittelbild und Patient beitragen können Sturz, Hirnerschütterung, Verkehrsunfall – ohne
(s. Teil I). Knochenfraktur) sofort die diesem Trauma ent-
sprechende Arznei in einer Potenz erhält, die der
Läsion der Lebenskraft entspricht, also eine sehr
Wer also z. B. eine Arzneimittelprüfung
hoch potenzierte Arnica (XM oder CM), kommt es
mit Pulsatilla C 30 (oder anderer Zuberei-
erstaunlicherweise nicht oder nur in geringem Aus-
tung) durchführt, verhält sich in vielfacher Hin-
maß zu den erwarteten Schmerzen, Hämatomen
sicht so wie diese Pflanze, wenn sie sich in
und deren Folgeerscheinungen (s. Kasuistik Arni-
sprachlicher Ausdrucksweise für uns wahr-
ca).
nehmbar äußern könnte. Er sucht emotionelle
Es ist mit medizinischem Wissen absolut nicht
Zuwendung, er möchte gern dem anderen Ge-
erklärbar, wie erwartete Konsequenzen einer Ver-
schlecht gefallen, er leidet unter Sonnenhitze
letzung durch rechtzeitige Gabe der passenden
und bekommt davon Kopfschmerzen, leidet un-
Arznei in angemessener Potenz verhindert werden
ter Verdauungsstörungen durch zu viel oder
können.
durcheinander Essen, unter schweren Beinen
durch Stase des Kreislaufs usw. (s. Charakteristi-
ka von Pulsatilla). 1.5.4 Potenzierung – Speicherung
Wird aber dieses morphogenetische Feld einem einer Information
Patienten mit eben diesen Beschwerden – also
Die „Lebenskraft“ ist ein absoluter Wert, sie „belebt
nach dem Ähnlichkeitsprinzip – einverleibt,
als geistartige Dynamis“ den materiellen Körper.
dann wird sein Energiefeld, seine „verstimmte
Die Information für die Lebenskraft ist (oberhalb
Lebenskraft“ wieder „ins Lot“ gebracht und er
der 30. Centesimal-Potenz) rein qualitativer Art,
wird „gesund“. (Vgl. Abb. 8.)
weitgehend unabhängig von der Menge (Quantität:
Anzahl der Globuli oder Tropfen) der verabreichten
Rupert Sheldrake bezeichnet dieses Phänomen als Arznei und ebenso unabhängig von Körpergröße
„morphische Resonanz“. Diese Gedanken treffen und Körpergewicht.
sich auch mit den oben erwähnten Aussprüchen Dagegen wirken tiefe Potenzen (z. B. D 6, C 6, D 8,
von Paracelsus (s. Abb. 1). C 8, D 12) noch eher durch ihren materiellen Anteil
und können nach Körpergröße dosiert werden.
Für die Tierhomöopathie heißt das, oberhalb der
Die Theorie der morphogenetischen Felder kann
C 30 spielt die Menge der applizierten Arznei eine
ferner erklären, warum wir bei Tieren viele Ver-
untergeordnete Rolle: 1 Globulus wirkt auf die Le-
haltenszeichen und psychosomatischen Reak-
benskraft einer Maus genauso wie auf die eines Ele-
tionen beobachten, die eigentlich dem mensch-
fanten.
lichen Verstand zugeschrieben werden müss-
ten. Die Deutung dieser Symptome im Sinn der
Homöopathie, ihre Übertragung in die Aus-
drucksweise der Arzneimittelbilder bzw. des
Repertoriums und erfolgreiche Anwendung der
so herausgefundenen Arzneien bestätigen diese
Hypothese.
16 II Allgemeiner Teil

1.6 Qualitative Kriterien der bzw. Symptom zu nutzen. Auf diese Weise gelan-
gen wir zu einer gewissen Anzahl von homöopathi-
Homöopathie – Entstehung schen Arzneien, die bevorzugt – aber nicht aus-
von Krankheiten schließlich – für Erkrankungen dieser Tierspezies
oder -rasse infrage kommen.
Die Theorie von den morphogenetischen Feldern Damit ist es möglich, spezifische homöopathi-
trifft sich auch mit der von Hahnemann und Kent sche Mittel (bzw. deren Teilaspekte) für bestimmte
beschriebenen Entstehung chronischer Krankhei- Tierspezies oder -rassen im Voraus einzukreisen
ten. (s. Kap. 1.10).
Hahnemann nennt die Wichtigkeit der „Geistes- Auf der körperlichen Ebene stehen die lebenser-
und Gemütssymptome“. Kent betont, dass den kör- haltenden Leistungen und Organe (Bewusstsein,
perlichen Erkrankungen Störungen des inneren Sinnesorgane, Herz-Kreislauf, Atmung) rangmäßig
Menschen vorangehen, die gemäß seinem „Wollen höher als z. B. die Funktion der Gliedmaßen.
und Denken“ die grobstofflichen Krankheitser- Geistes- und Gemütsverfassung bestimmen das
scheinungen nach sich ziehen. Wollen und Denken des Menschen und sind den
Das entspricht auch der alt überlieferten These materiellen, körperlichen Symptomen übergeord-
„Der Geist formt die Materie“ – mit anderen Wor- net.
ten: Das ,morphogenetische Feld‘ – gesteuert von „Geist“ ist das, was uns zum Menschen macht,
Bewusstsein und Verhalten – somatisiert die kör- was uns das Ich-Bewusstsein, unsere Schöpferkraft
perlichen Leiden. und die freie Entscheidung über unsere Lebensge-
In diesem Sinn kann die Homöopathie als eine staltung verleiht.
psychosomatische Medizin verstanden werden, Beim Tier spricht man stattdessen von „Verhal-
das trifft auch für die Veterinärmedizin zu und be- tenssymptomen“.
stätigt die Einflüsse des Besitzers auf sein Haustier.

Das „Wollen und Denken“ der Tiere bezieht sich


1.6.1 Hierarchisches Ordnungsprinzip zunächst auf die Funktionen von Lebens- und
Arterhaltung sowie auf die Äußerung von Le-
in der Homöopathie bensfreude (z. B. Spieltrieb, Bewegungsdrang).
Bekannterweise waltet in biologischen Systemen Zu ergänzen ist, dass – auch entsprechend einer
eine hierarchische Ordnungsstruktur. So sind Ar- hierarchischen Lebensordnung, die eine Tier-
ten, Gattungen, Bewusstseins- und Entwicklungs- spezies geprägt hat – das „Wollen und Denken“
stufen, Sozialstrukturen, Organsysteme und kör- des Menschen durch willkürliche Zuchtauswahl
perliche Funktionen etc. nach ihrem Rang geord- zahlreiche Aspekte von rasseeigentümlichen
net. Merkmalen geprägt hat. Somit ist er verant-
Die „Hierarchisation“ der homöopathischen wortlich für nutzbringende Spezialisierungen
Symptome des Patienten ist ein wesentlicher Fak- oder vermeintliche Schönheitsideale wie auch
tor für die Arzneimittelwahl (s. u.). für die damit verbundenen Krankheitsdisposi-
Die Tierhomöopathie orientiert sich – wie er- tionen.
wähnt – an den Arzneimittelprüfungen des Men-
schen. Der „Homo sapiens“ steht in der „Hierar-
chie“ der Lebewesen an oberster Stelle. Er ist „die
Krone der Schöpfung“: „Gott schuf den Menschen 1.6.2 Modalitäten
nach Seinem Bilde, nach Seinem Bilde schuf er ihn.“ Homöopathische Arzneien werden nicht nach kli-
Kent beschreibt das in seinen Worten: nischen Diagnosen verordnet, nicht beispielsweise
„Der Mensch nimmt eine unvergleichliche Stellung gegen eine Streptokokken-Erkrankung, nicht ge-
neben dem Tier- und Pflanzenreich ein. In ihm ver- gen eine Diskushernie, nicht nach quantitativ-
einigen sich Himmel und Erde.“ messbaren Maßstäben.
Das Kriterium ist vielmehr qualitativer Art und
Daher ist es durchaus sinnvoll, den tierischen Orga- bezeichnet die Art und Weise (Modalität), wie sich
nismus am Menschen zu messen und die Abwei- die Erkrankung äußert und wie der Patient darun-
chungen, Phänomenologie und Verhalten von Spe- ter leidet.
zies und Rassen für die Homöopathie als Zeichen
1 Grundlagen der Homöopathie 17

heftiges Krankheitsgefühl mit intensivem Frie-


Die Zeichen des Patienten, die Symptome und
ren,
Modalitäten seiner Erkrankung sind der Aus-
heftige Anstrengung (Tenesmus) bei Körperaus-
druck einer inneren Erkrankung und weisen den
scheidungen (Erbrechen, Husten, Stuhlgang),
Weg zum passenden Mittel; sie sind nicht das
am schlimmsten morgens, besser abends, besser
Objekt, das therapiert wird!
durch Ruhe.

Umgekehrt können mehrere Patienten mit dersel-


In der homöopathischen Anamnese müssen diese
ben Beschwerde, aber unterschiedlichen Modalitä-
besonders untersucht werden.
ten verschiedene Arzneien erfordern. Als Beispiel
Sie beziehen sich auf das
diene ein akuter Lumbago:
Der erste Patient leidet unter Rückenschmerzen
Wer: Wer hat diese Erkrankung? Wie ist durch Überheben, kann nicht still stehen, sitzen
seine Gemütsverfassung? Seine äußeren oder liegen, muss sich häufig recken und stre-
Merkmale, seine Vorgeschichte? cken, trägt eine Wärmflasche auf dem Rücken,
Was: Was für eine Erkrankung, Schweregrad, kann wegen nächtlicher Unruhe und Herumwäl-
Verlauf, Ausbreitung? zen im Bett keinen Schlaf finden; einzig bei fort-
Wo: Wo hat sich die Erkrankung lokalisiert? gesetzter langsamer Bewegung erfährt er Linde-
Wie: Wie äußert sie sich? Wie wird die Erkran- rung und braucht Rhus toxicodendron.
kung subjektiv empfunden und geäußert? Was Der zweite Patient hat sich ebenfalls verhoben,
bessert, was verschlechtert den Zustand? aber liegt still und steif an die Wand gedrückt im
Wann: Tageszeit, Jahreszeit, Wetter, unter wel- Bett und vermeidet jede kleinste Bewegung, will
chen sonstigen Umständen? Seit wann? weder untersucht noch berührt werden und
Warum: Was war los? Gab es einen, mehrere wehrt energisch eine warme Bettflasche ab; er
Auslöser, Zusammenhänge mit Ereignissen? braucht Bryonia.
Was begleitet: Gibt es Zeichen, Symptome oder Der dritte Patient hat bereits eine diagnostizierte
Beschwerden, die mit der Erkrankung scheinbar Diskushernie durch einen Unfall und leidet unter
nichts zu tun haben? Hat sich die Gemütsverfas- einschießenden Schmerzen, die ins Bein aus-
sung seitdem verändert? strahlen und dort ein Schweregefühl mit lokalen
Was gibt es noch? Lähmungserscheinungen auslösen; er braucht
Hypericum.
Der vierte Patient, eine Frau, beklagt sich über
Die homöopathische Arznei muss also dem Patien-
Rückenschmerzen im Lendenwirbelbereich, bes-
ten individuell angepasst sein. Eine schematische
ser durch starken Gegendruck, sie erwartet ihre
Verordnung nach oberflächlichen Gesichtspunkten
verspätete Mens, besser wird der Rücken nach
bringt nur selten eine Heilung, bestenfalls einen
längerem zügigen Gehen, am besten durch Ren-
vorübergehend bessernden Effekt, der nach Abset-
nen; sie kann wegen Knieschmerzen nicht nie-
zen der Arznei nicht anhält (Palliation).
derknien; sie ist eine unzufriedene, überforderte
Patienten zeigen i. d. R. nur einen Ausschnitt, eine
Hausfrau mit drei Kindern, der daheim „das Dach
Facette aus dem Arzneimittelbild. Dasselbe Arznei-
auf den Kopf fällt“; sie braucht Sepia.
mittel kann z. B. für ganz unterschiedliche Erkran-
Der fünfte Patient ist ein Geschäftsmann, täglich
kungen eingesetzt werden, wenn diese durch ge-
im Büro am Schreibtisch, der jeden Nachmittag
meinsame Modalitäten gekennzeichnet sind:
am Feierabend nicht mehr von seinem Drehstuhl
Nux vomica kann beispielsweise für eine akute
aufstehen kann, sondern sich erst langsam,
Infektion der Atemwege, für eine Gastroenteritis
Schritt für Schritt, wieder in Bewegung setzen
oder für einen akuten Lumbago u. a. verordnet wer-
muss. Außerdem plagen ihn seit der Pubertät
den, wenn alle diese Erkrankungen durch folgende
Nierensteine. Aber seine Angst vor einer Operati-
Modalitäten gekennzeichnet sind:
on, vor der Konkurrenz der Kollegen, vor dem
ausgelöst durch ,Kaltwerden‘, durch psychischen
Verlust von Image und Position lassen ihn wei-
Stress, Arbeitsdruck, Stimulanzien (z. B. Kaffee,
terarbeiten; er braucht Lycopodium.
Nikotin) oder Pharma-Therapie (z. B. Analgetika,
Antibiotika), Die Schulmedizin würde allen Patienten starke
begleitet von gereizter Stimmung, Analgetika verordnen.
18 II Allgemeiner Teil

1.6.3 Die wesentlichen Kriterien zum Es ist längst bewiesen, dass die für naturwissen-
schaftliche Forschung noch immer vorausgesetzten
Finden des Simile
linear-kausalen Zusammenhänge ebenso wie das
Für viele an der Homöopathie interessierte Medizi- „geschlossene System“ unter „identischen Bedin-
ner und Therapeuten besteht das größte Problem gungen“ für biologische Systeme überholte und un-
darin, dass es keine bindenden Vorschriften gibt, haltbare Hypothesen darstellen. Aber auf dieser
bei welcher Krankheit welches Mittel gegeben Ebene rangiert heute noch immer die „Reprodu-
werden muss. Es handelt sich immer um eine Frage zierbarkeit“ der meisten naturwissenschaftlichen
des Ermessens, welches Mittel das ,Ähnlichste‘ zum Untersuchungen.
Patienten ist. Die Wurzeln des heutigen naturwissenschaftli-
Dieses Vorgehen muss neben der Arzneimittel- chen Denkens gehen zurück auf Galilei, Descartes,
kenntnis intensiv erlernt und geübt werden. Zahl- Thomas Hobbes u. a. (16./17. Jh.), welche das linear-
reiche Beispiele sind dazu in der Kasuistik angege- kausale Denken und die materialistisch-mechanis-
ben. tische Anthropologie begründeten. Ein schreiendes
Allerdings zum Finden dieses „Ähnlichsten“ gibt Tier war für Hobbes nichts weiter als eine unbeleb-
es die stringenten Kriterien und Anweisungen Hah- te „grölende Orgel“. Auf diesem Denken basieren
nemanns, die hier nochmals genannt sein sollen: heute noch die Tierversuche.
Rudolf Virchow entwickelte diese Gedanken
weiter und stellte 1858 die Thesen auf, jede Zelle,
Der § 153 des Organon besagt, dass „die auffal-
jedes Organ sei ein abgegrenzter, isolierter Orga-
lenden, sonderlichen, ungewöhnlichen und ei-
nismus; dieser funktioniere analog zu mechani-
genheitlichen (charakteristischen) Zeichen und
schen Geräten, die bei Fehlfunktion ebenso mecha-
Symptome fast einzig fest ins Auge gefasst wer-
nisch repariert werden können, sofern man deren
den müssen, denn vorzüglich diesen müssen
Ursache gefunden hat.
sehr ähnliche in der Symptomenreihe der ge-
Somit wurde das individuelle Kranksein immer
suchten Arznei entsprechen.“ Der § 213 des Or-
mehr zum Modell reduziert (reduktionistische
ganon erklärt zusätzlich: „Man wird nie homöo-
Medizin) und damit kausal-analytisch und instru-
pathisch heilen, wenn man nicht bei jedem . . .
mentell zugänglich gemacht (J. Rost).
Krankheitsfalle zugleich mit auf das Symptom
der Geistes- und Gemütsverfassung sieht.“
1.7.2 Paradigmen im modernen
ganzheitlichen Denken

1.7 Paradigmen der Diese Grundlagen des schulmedizinischen Den-


kens stehen heute den komplexen, multikausalen
akademischen und und multidimensionalen Anschauungen der Natur-
homöopathischen Medizin heilverfahren (Pischinger, Heine) gegenüber.

Das „Grundsystem“ nach Pischinger,


1.7.1 Paradigmen der
Zentrum aller Regulationsvorgänge
Hochschulmedizin
Die Ursache der Krankheit ist nicht in der Zelle lo-
An dieser Stelle erhebt sich nun die Frage, wie es kalisiert, sondern in dem gestörten Zusammenwir-
sich erklärt, dass die heute an den Hochschulen ge- ken von Zelle und Interzellularsubstanz, was Pi-
lehrte Medizin („Schulmedizin“) den Gedanken- schinger als „Grundsystem“ bezeichnet.
gängen der Homöopathie gegenüber vorherr- Die Zelle – jeden Organs oder Gewebes – ist um-
schend negativ eingestellt ist. geben von Bindegewebe oder, nach Pischinger, von
Die derzeitige akademische Medizin basiert noch „Grundsubstanz“, einem hochvernetzten Ma-
auf der Weltanschauung des 16. Jahrhunderts. schenwerk aus Eiweiß-Zucker-Molekülen, das als
Die Homöopathie – auch die moderne Biologie Filter und Diffusionsmedium funktioniert.
und Philosophie – denkt längst in multikausalen, Hier spielen sich die Vorgänge der kapillären
vernetzten funktionellen Zusammenhängen und Endstrombahn zwischen Arteriolen und Venolen
„offenen Systemen“, die auf Umweltreize jeder Art ab, die durch Diffusion über den Interzellularraum
reagieren.
1 Grundlagen der Homöopathie 19

der Grundsubstanz die Zelle ernähren, regenerie- Besonders eindrucksvoll ist die Wirkung eines
ren und Abbauprodukte entsorgen. homöopathischen Similes bei akuten Erkrankun-
Hier enden bzw. beginnen vegetative und sensi- gen von Gewebe, das durch Pharma-Therapie nicht
ble Nervenfasern, die z. B. Quellungszustand und oder nur schwierig zu beeinflussen ist: Akute
Ph-Wert des Matrixgewebes der Grundsubstanz Hornhautverletzungen am Auge kommen unter
steuern, die über Bindegewebszellen, Mastzellen richtiger homöopathischer Therapie schneller zur
und Zellmembranen bei immunologischem oder Restitutio. Akute Verletzungen von Sehnen, Knor-
allergischem Geschehen mitwirken und die auch pelgewebe oder Gelenken (z. B. beim Pferd) können
auf psychische Einflüsse reagieren. vollkommen wiederhergestellt werden, wobei
In diesem Interzellularraum spielen sich alle Re- auch „lockere“ Bänder, fibrilläre Sehnenrupturen,
generations- und Reparaturmaßnahmen von ge- verklebte Sehnenscheiden oder Exostosen ad inte-
schädigtem Gewebe ab. grum regenerieren – vorausgesetzt ist die Gabe des
Das System der Grundregulation ist „die Dreh- passenden homöopathischen Arzneimittels.
scheibe des gesamten Stoffwechsels“ und kann „al-
le pathophysiologischen Vorgänge erklären“ (Pi- Paradigmen der Schulmedizin
schinger).
gegenüber denen der Homöopathie
Wenn dieses Grundgewebe in seiner Funktion als
Filter und Diffusionsmedium mit Abbauprodukten Der entscheidende Unterschied im praktischen
überlastet und „verstopft“ ist oder wenn durch Ver- Therapieansatz zwischen akademischer Medizin
schiebungen des Ph-Wertes oder der Ionenkonzen- und Homöopathie besteht in Folgendem:
tration der Quellungszustand verändert ist, kommt Die Schulmedizin betrachtet und behandelt das
es automatisch zu Funktionsstörungen der Zelle isolierte Symptom, Organ oder Syndrom; wenn
bzw. des Organgewebes, möglicherweise zu mehrere Erkrankungen vorliegen, werden diese
Schmerzen und später zur Degeneration der Or- isoliert betrachtet und schematisch behandelt.
ganzellen.
Nun ist es nicht Ziel der Therapie, die Schmerzen
In Naturheilkunde und Homöopathie sind
oder Krankheitssymptome zu beseitigen, sondern
Krankheitssymptome Alarmzeichen und Pro-
die Funktion der Grundsubstanz wieder herzustel-
dukte eines gestörten Regulationsgeschehens.
len und möglichst eine Restitutio ad integrum zu
erzielen.
Die Homöopathie betrachtet die objektiven und
Wirkung der Homöopathie auf das subjektiven Symptome des Patienten als Anhalts-
punkte für die Wahl eines passenden Arzneimittels
System der Grundregulation
(oder einer bestimmten, gesetzmäßigen Abfolge
Bei jedem Krankheitsgeschehen, insbesondere bei von Arzneien), wodurch dann der gesamte Orga-
allen chronischen Krankheiten, ist die Funktion der nismus „gesund gemacht“ wird.
Grundsubstanz durch Abbauprodukte („Schla- Goethe zeichnet im Faust das Dilemma zwischen
cken“) blockiert. Die Aktivierung dieses „ver- der mechanistischen Philosophie gegenüber dem
schlackten“ Stoffwechsels, z. B. durch das passende ganzheitlich vernetzten Denken; Mephisto, der
Simile, kann kurzfristige Hyperthermie oder Ent- materialistische Teufel, drückt das folgenderweise
zündungserscheinungen auslösen, wodurch die aus:
„Schlacken“ aktiviert, freigesetzt, abgebaut und
„Willst ein Ding erkennen und beschreiben,
ausgeschieden werden. Während dieses Gesche-
musst erst den Geist heraus du treiben,
hens können aktuelle oder später alte Beschwer-
hast dann die Teile in der Hand,
den kurzfristig aktiviert werden. In der homöopa-
fehlt – leider – nur das geistige Band.“
thischen Therapie chronischer Erkrankungen be-
zeichnet man das als „Erstreaktion“ (früher auch Das ,geistige Band‘ ist die Lebenskraft, was ,das
als „Erstverschlimmerung“). Diese ist als äußerst Ganze‘ von der ,Summe seiner Teile‘ unterscheidet
begrüßenswerte Heilreaktion zu verstehen und (Abb. 2).
darf keinesfalls unterbrochen werden, durch wel-
che Maßnahmen auch immer. Solche Reaktionen
klingen nach kurzer Zeit ohne weiteres Eingreifen
wieder ab.
20 II Allgemeiner Teil

Chronische Krankheiten sind keine zufälligen


Ereignisse oder „Abnutzungserscheinungen“,
die über den Patienten von außen „hereinbre-
Der ganze Mensch chen“, sondern „Gewebeveränderungen . . . sind
das Ergebnis des Krankseins, sie sind nicht die
Krankheit selbst“.

Das Ganze ist mehr als die Summe der Teile.


„Es ist nicht Aufgabe des Arztes, die Auswirkungen
der Krankheit, sondern die Krankheit selbst
zu heilen.“ (Kent)

Homšopathie Schulmedizin 1.8.1 Krankheit – das Ergebnis einer


„inneren Krankheitsbereitschaft“
Von den Teilen zum Ganzen. Vom Ganzen zu den Teilen.
ãZusammengeworfenÒ ãAuseinandergeworfenÒ Krankheiten entstehen nach Hahnemann durch die
= Sym-bol = Dia-bol „aus dem Gleichgewicht geratene Lebenskraft“,
durch eine innere Krankheitsbereitschaft mit einer
gestörten Eigenregulation. Die Symptome sind der
Ausdruck der verstimmten Lebenskraft, aber nicht
die Krankheit selbst.
Einzelorgane Zum Beispiel: Ein chronischer, juckender Haut-
Einzelsymptome ausschlag ist das Symptom einer gestörten Aus-
einzelne Krankheiten scheidungsfunktion von Stoffwechselabbaupro-
dukten bzw. einer Störung in der Grundsubstanz
(s. o.), ausgelöst möglicherweise durch Stress.
Mephisto: ãWillst ein Ding erkennen und beschreiben, Die nach außen tretende Krankheit „entlastet“
musst erst den Geist heraus du treiben, gewissermaßen die Bereitschaft des Organismus,
dann hast du die Teile in deiner Hand, weitere Krankheiten zu entwickeln (gemäß § 202
fehlt Ð leiderÐ nur das geistige Band.Ò
Organon) (Abb. 3).

Abb. 2 Der Weg der Homöopathie und der Schulmedi-


zin.

Die latente Krankheitsbereitschaft


1.8 Krankheit – Heilung in der
Homöopathie
Šu§ert ein Symptom,
Das Krankheitsverständnis der Homöopathie ist – entwickelt eine lokale Manifestation.
ähnlich der Chinesischen Medizin – ein grund- Der Organismus scheidet etwas aus,
sätzlich anderes als das der akademischen dadurch vermindert sich die innere
Krankheitsbereitschaft.
Medizin.
Das Symptom ist eine Art Ventil
der inneren Krankheit.
Diese kommmt dadurch im
Inneren vorerst zum Stillstand.

Abb. 3 Die Entstehung einer Krankheit.


1 Grundlagen der Homöopathie 21

1.8.2 Unterdrückung einer Krankheit


Wird diese äußere Krankheitserscheinung bzw. und Abfolge der Heilung
das Symptom durch schulmedizinische Präpa-
Wenn die Bereitschaft, Ausscheidungen nach au-
rate beseitigt, so bleibt die „innere Krankheits-
ßen abzusondern, durch pharmazeutische Präpa-
bereitschaft“ bestehen und produziert wahr-
rate oder Operation unterbunden wird, bleibt das
scheinlich später wiederum dieselbe Erkran-
Krankheitspotenzial im Organismus erhalten und
kung, möglicherweise erst nach einer gewissen
sucht sich letztlich ein anderes Erfolgsorgan.
Latenzzeit.
Entsprechend der hierarchischen Ordnung biolo-
Krankheiten entstehen also aus einer inneren
gischer Systeme wird sich die Erkrankung dann auf
Bereitschaft und äußern sich z. B. mit Ausschei-
einem höher stehenden, also an einem lebenswich-
dungen an der Körperoberfläche (Haut,
tigeren Organ äußern.
Schleimhaut). Es ist nicht der Sinn einer Thera-
Anstelle eines „unterdrückten Hautausschlags“
pie, den Juckreiz und den Hautausschlag (die
kann nun z. B. ein Asthma oder eine Epilepsie auf-
Auswirkung der Krankheit) zu beseitigen, son-
treten – ein scheinbar neues Leiden, tatsächlich
dern die Ursache anzugehen (die gestörte Aus-
aber eine Variation der ursprünglichen Krankheit.
scheidung). Doch diese ist nicht direkt zugäng-
In der Homöopathie nennt man dieses Phäno-
lich, sondern nur an ihren Auswirkungen
men „Folge einer Unterdrückung“ (Abb. 4).
(Symptomen) zu erkennen, die wiederum den
Weg zum Simile, zum Heilmittel weisen.

Mit diesem Heilmittel – und möglicherweise not-


wendigen Folgemitteln – gelingt es, die gesamte
Krankheit, ihre Rezidive bzw. die Disposition und
damit den Organismus zu heilen.
Der Vorgang der Heilung hat wiederum in hierar-
chisch geordneter Reihenfolge zu geschehen: Zu-
nächst müssen lebensbedrohliche Zustände über-
wunden und die lebensnotwendigsten Organe in
eine bessere Funktion überführt werden.
Haut und Extremitäten sind in diesem Sinn dem
Zentralnervensystem, den Herz-Kreislauf-Organen
Wenig spŠter produziert der Organismus nochmals
oder einer lebenswichtigen Entgiftung durch Leber dasselbe lokale †bel evtl. sogar stŠrker als zuvor.
und Nieren untergeordnet. Die Lebenskraft ist ãgesundÒ, deren €u§erungen
Hahnemann und Kent schreiben im Organon lassen sich nicht so schnellãunterdrŸckenÒ.
bzw. in den Vorlesungen über diese Hierarchie;
Constantin Hering formulierte die Reihenfolge der
Heilung dann zur Hering’schen Regel:

Die Heilung erfolgt von oben nach unten,


von innen nach außen
Die Lebenskraft produziert anstelle des ersten
und in der umgekehrten Reihenfolge, wie die ein anderes Symptom.
Symptome aufgetreten sind. Das ist keine neue Krankheit!
Beispielsweise statt Hautausschlag jetzt eine
Otitis externa oder statt Panaritium jetzt einen
Übrigens findet sich dasselbe – ein wenig moder-
Hautausschlag.
ner formuliert – in der „Ausscheidungsfolge“ von Oder alte und neue Manifestation wechseln
Reckeweg. einander ab oder wechseln mit anderen
(Alternanzien):
z.B. GemŸtszustŠnde abwechselnd mit Hautaus-
schlŠgen, Husten abwechselnd mit HautausschlŠgen.

Abb. 4 Das Phänomen der „Unterdrückung“.


22 II Allgemeiner Teil

Die Schulmedizin spricht dann von einer erfolg-


Sinn und Aufgabe der Homöopathie be-
reichen Heilung des Hautausschlags und einer neu-
stehen in der Wiederherstellung bzw.
en Erkrankung eines anderen Organs.
Aufrechterhaltung der regenerationsfähigen
Im kausalen Denken der Schulmedizin wird, wie
und belastbaren Eigenregulation („Selbsthei-
erwähnt, das Modell, das „lokale Ereignis“, betrach-
lungskräfte“), um sich an die Erfordernisse des
tet, nicht der lebendige Organismus.
Lebens anzupassen.
Aus der Sicht der Homöopathie ist es dieselbe
Krankheit, die sich jetzt an einem anderen Erfolgs-
organ äußert.

1.8.3 Heilung im Sinn der 1.9 Entstehung chronischer


Homöopathie Krankheiten bei Tieren
Für die Therapie chronischer Krankheiten ist es Die Symptome bzw. Krankheitserscheinungen
notwendig, in der homöopathischen Anamnese chronischer Erkrankungen sind nur „die Spitze ei-
„die Gesamtheit der Symptome“, den „Inbegriff der nes Eisbergs“. Bevor es zum Auftreten von Sympto-
Krankheit“ des Patienten aufzunehmen (alle wich- men einer chronischen Krankheit kommt, sind die
tigen und besonderen körperlichen und psy- gesunden Eigenregulationssysteme durch ver-
chischen „Zeichen und Symptome“) und daraus ge- schiedene vorangehende Faktoren beeinträchtigt
mäß dem Organon und Kents Vorlesungen das pas- oder blockiert, was in diesem Zusammenhang als
sende Mittel in angemessener Dosierung zu verab- ,Grundbelastung‘ bezeichnet werden soll (Quint-
reichen. essenz, Rost) (Abb. 5).
Heilung geschieht durch „Hinwegnahme des Die Grundbelastung, Ausgangsbasis für chroni-
ganzen Inbegriffs der wahrnehmbaren Symptome“ sche Krankheiten, setzt sich beim Tier – analog dem
(§ 17 Organon), also „Hinwegnahme“ der Ursache Menschen – aus folgenden Faktoren zusammen:
der Erkrankung. 1. angeborene Disposition von Spezies bzw. Rasse
Für den Heilungsvorgang haben Hahnemann, (angeborenes Miasma),
Kent und Hering verbindliche Richtlinien aufge- 2. Toxinbelastungen im Grundsystem nach durch-
stellt, die sich seit insgesamt 200 Jahren bewährt gemachten Erkrankungen,
haben. 3. Belastungen durch iatrogene Schäden, Impfun-
Entsprechend der erwähnten Hering’schen Regel gen u. Ä.,
muss die „Unterdrückungsfolge“, also z. B. Asthma 4. Belastung durch Haltung – Nutzung – Fütterung
oder Epilepsie, zuerst heilen. Dann kommt noch- – Umwelt,
mals die ursprüngliche Krankheit zum Vorschein, 5. Einflüsse von juvenilen u. ä. Prägungen im Ver-
die dann ihrerseits zur Heilung gebracht werden halten, Voraussetzung für spätere Somatisie-
muss, möglicherweise durch ein homöopathisches rung,
„Folgemittel“. 6. Traumen physischer und psychischer Art,
Jeder Verstoß gegen diese Reihenfolge der Hei- 7. unbewusste und energetische Einflüsse des Tier-
lung führt zum Fortschreiten der Erkrankung in be- besitzers.
denkliche Zustände und zu den jetzt so häufigen
Alle diese Aspekte müssen grundsätzlich in der ho-
schulmedizinisch „unheilbaren Krankheiten“.
möopathischen Anamnese berücksichtigt werden.
Der Weg der Heilung wird nochmals kurz im Ka-
Für die Heilung des Patienten ist demnach nicht
pitel 2 beschrieben, sollte aber zusätzlich in der
nur die passende Arznei ausschlaggebend, sondern
klassisch-homöopathischen Fachliteratur nachge-
auch die Verbesserung der Lebensumstände. Auch
lesen werden. Empfehlenswert sind neben Orga-
der „pathogene Einfluss“ des Tierbesitzers (s. u.)
non und den Vorlesungen von Kent z. B. das „Lehr-
sollte so weit wie möglich verringert werden.
buch der Homöopathie“ von Genneper und Wege-
ner, von Mathur „Prinzipien der homöopathischen
Verschreibung“, von G. Köhler „Lehrbuch der Ho-
möopathie“ und zusätzlich für die Tierhomöopa-
thie von A. Schmidt der „Grundkurs Homöopathie
für Tierärzte“.
1 Grundlagen der Homöopathie 23

Organerkrankung

Organerkrankung

Organerkrankung

7 Unbewusste und energetische EinflŸsse


Funktionsstšrung des Tierbesitzers

6 Traumen physischer und psychischer Art

5 EinflŸsse von juvenilen u. Š. PrŠgungen


Regulationsstšrung
im Verhalten, Voraussetzung fŸr spŠtere
Somatisierung

4 Haltung Ð Nutzung Ð FŸtterung Ð Umweltbelastung


Regulationsbelastung
3 Belastungen durch iatrogene SchŠden,
Impfungen u. €.

2 Toxinbelastungen im Grundsystem
MultikausalitŠt
nach durchgemachten Erkrankungen

1 Angeborene Disposition von Spezies und Rasse


(angeborenes Miasma)

Abb. 5 Das „Eisberg-Phänomen“.

1.9.1 Die angeborene 1.9.2 Die erworbene


Krankheitsdisposition Krankheitsdisposition
Jeder Mensch, jede Tierspezies, jede speziell ge- Eine erworbene Disposition zu bestimmten Er-
züchtete Rasse leidet unter erblich bedingten Prä- krankungen setzt sich aus verschiedenen Faktoren
dispositionen für bestimmte Erkrankungen. zusammen, die zusätzlich einen Teil der „erworbe-
Beim Menschen erfährt man diese ererbte nen miasmatischen Belastung“ darstellen kann.
Krankheitsdisposition aus der Familienanamnese.
In der Humanhomöopathie fasst man die ererbte Juvenile und pränatale psychische
Bereitschaft zu bestimmten Erkrankungen oder zu
Prägungen
auffallendem Krankheitsverlauf zum Teil unter
dem Begriff „angeborenes Miasma“ zusammen, Dieses Phänomen betrifft grundlegende Verhal-
beim Tier verhält sich das analog. tensweisen, die eine Prädisposition für spätere Er-
krankungen im Sinn einer Psychosomatik schaffen
können. Dazu gehören z. B. mangelnde Sozialisie-
rung unter Artgenossen oder unzureichende Prä-
gung auf den Menschen.
24 II Allgemeiner Teil

Die Auswirkung pränataler Traumen wird in der Oft genug benötigen der Besitzer und sein Haus-
Human-Psychologie immer bekannter. Auch in der tier dasselbe oder zumindest ein nahe verwandtes
Tiermedizin stehen wir manchmal Verhaltens- homöopathisches Mittel.
problemen gegenüber, die sich trotz optimaler der- Hahnemann und Kent beschreiben, wie erwähnt,
zeitiger Haltungsbedingungen nicht erklären las- das Denken und Wollen des Menschen, seine Geis-
sen: Wenn z. B. das Muttertier während der Träch- tes- und Gemütssymptome seien „als Wichtigstes“
tigkeit permanent um sein Überleben kämpfen – neben den § 153-Symptomen – „ins Auge zu fas-
musste, in Angst vor Hunger, Quälerei durch den sen“.
Menschen und drohendem Totschlag lebte, so fin- Gemütssymptome können wir beim Tier in Form
den wir bei den Nachkommen solcher Tiere nicht von Verhaltenssymptomen durchaus sehr deutlich
selten eine Pathologie, die von solchen Bedingun- registrieren. Aber ,der Geist‘ des Tieres ist für uns
gen geprägt ist und beispielsweise das Mittel Arse- nicht fassbar.
nicum album erfordern könnte (s. dort). Hier sei die These in den Raum gestellt, dass ein
Allerdings ist es in solchen Fällen auch durch ho- Teil des ,Geistes‘ und ein Teil des ,Wollens‘ durch
möopathische Therapie nicht sicher, ob sich ein den Menschen auf das Haustier projiziert wird. Das
derart geprägtes Verhalten von Grund auf zu än- könnte erklären, dass der Mensch und sein Haus-
dern vermag. tier deutlichere Ähnlichkeit entwickeln, je länger
Die beste homöopathische Therapie kann aus ei- sie beisammen sind – nicht nur in ihrem Verhalten,
nem Jagdhund keinen Wohnungshund, aus einem sondern auch in ihren Erkrankungen, ja teilweise
liebenswürdigen Schoßhund keinen Schutzhund sogar in ihrem Erscheinungsbild: „Wie der Herr,
machen. so‘s G‘scherr“:
Der Beagle-Hund mit seinen immer wieder wun-
den, „durchgelaufenen“ Pfotenballen gehört zu
Die Möglichkeit der Homöopathie besteht ein-
einer Besitzerin, die sich über permanente Bla-
zig in einer Regulation in Richtung einer beim
sen an den Füßen und wund geriebene Fersen
Tier vorgegebenen Norm.
beklagt.
Das magersüchtige, blasse, schwarzhaarige Mäd-
chen besitzt ein ebensolches anämisches Pferd,
Einflüsse des Tierbesitzers
das trotz aller Fütterung ohne klinischen Befund
Die Einflüsse des Tierbesitzers sind – ähnlich denen weiter an Gewicht verliert.
der Eltern auf ein Kleinkind – im Sinn eines prägen- Die 80-jährige versierte „Hundefachfrau“ mit
den „morphischen Feldes“ zu sehen (Sheldrake, Rektumkarzinom und Anus praeter besitzt einen
s. o.). Hund, der im Lauf von chronisch abszedierenden
E. Whitmont sagt, Kinder leben immer das unbe- Analdrüsen dort unter schulmedizinischer The-
wusste Leben ihrer Eltern. rapie allmählich ebenfalls ein Karzinom entwi-
Ein solcher pathogenetischer Faktor wurde in der ckelt.
bisherigen Tiermedizin weitgehend außer Acht ge-
Folgendes Beispiel zeigt die Verbindungen zwi-
lassen.
schen Haustier und Besitzerin noch deutlicher:
Im heute intensiver werdenden Verständnis ei-
ner ganzheitlichen Medizin werden immer mehr
Beobachtungen registriert, die eine Beziehung zwi- Als ich mich nach sommerlicher Pferdetherapie und ge-
schen der Pathogenese bzw. Erkrankung des Tiers mütlichem Beisammensitzen unterm Sonnenschirm aus
der Reiterrunde verabschieden will, tritt aus dem hinte-
mit Persönlichkeit und Krankheit der Bezugsper-
ren Stall noch eine junge, anscheinend sehr scheue Frau,
son erkennen lassen. Vera, auf mich zu und fragt nach einem Besuch bei ihren
Das Haustier ist – ebenso wie das Kleinkind – Pferden.
wehrlos den Einflüssen seines Besitzers bzw. der Wir verabreden uns am Bahnhof einer Kleinstadt, um
Eltern ausgeliefert. Es registriert und reagiert wie von dort zu ihrem abgelegenen Pferdestall zu fahren. Vor
ein Sensor auf unbewusste Signale und auf das ge- dem Bahnhof steht eine lange Schlange Park-and-Ride-
samte Energiefeld seines Besitzers oder seiner Fa- Autos – von Veras Blondschopf ist nichts zu sehen. Ich
milie. warte.
Da sie nicht auftaucht, fahre ich probehalber aus der
Man könnte das Haustier als einen Teil dieses
Parklücke heraus. Gleichzeitig verlässt 100 m weiter
Energiefelds betrachten, das solche Einflüsse ge- vorn ebenfalls ein Auto die Reihe.
nauso somatisiert wie seine Bezugsperson.
1 Grundlagen der Homöopathie 25

Weil ich nun niemand Bekanntes sehe, stelle ich mich Eine sonderbare Atmosphäre, die man am liebsten
wieder auf den Warteposten, dasselbe tut das vordere schnellstens verlassen möchte.
Auto auch. Vera berichtet also, die Stute habe immer wieder Rü-
Ich setzte zwar voraus, dass man sich bei einer solchen ckenschmerzen, gehe dann wie ein Brett ganz steif, habe
Verabredung zunächst begrüßt, war aber damit offen- öfter Koliken, bei diesem Sonnenwetter gehe sie nicht
sichtlich im Irrtum. auf die Weide, sondern bleibe im Dunkeln, weil sie die
Denn im nochmaligen Vorfahren stellt sich heraus, Hitze und die Sonne nicht verträgt. Im Sommer bekom-
dass in diesem vorderen Auto tatsächlich die erwartete me sie Ekzeme, besonders an Mähne und Schweif. „Aber
Vera sitzt. beim Reiten ist sie immer super, sie tut das, was ich den-
Sie winkt nun wenigstens, und wir fahren hinterei- ke und wird nie müde. Je länger ich reite, desto besser
nander hinaus auf die Felder, über geschotterte Feldwe- geht sie. Reitstunden tue ich ihr nicht mehr an, obwohl
ge, in der Mitte mit hohem Gras bewachsen, voller sie das sehr gut macht.“
Schlaglöcher, stellenweise durch Traktoren so aufge- Nach diesem Bericht ist das Mittel für die Stute klar, sie
wühlt, dass ich heftig um meinen Unterboden fürchte. bekommt eine Prise Globuli Natrium muriaticum XM
Veras Geländewagen taucht zwar manchmal in einer per os.
Staubwolke unter, aber ihr macht das anscheinend Die Schimmelin wird losgebunden und verschwindet
nichts aus. im dunklen Eck.
Nach elendem Geholper kommen wir auf dem Hof an. Jetzt kommt der 6-jährige Rappwallach an die Reihe,
Immerhin gibt es jetzt wenigstens eine kurze unpersön- das komplette Gegenteil der Stute: aufgeschlossen.
liche Begrüßung. Wir gehen in eine Scheune, steigen freundlich, verschmust, mit wachem lustigem Gesichts-
über einen am Eingang sitzenden hämmernden Mann ausdruck. „Normalerweise würde er jetzt im Gras ste-
hinüber, der den Gruß ebenfalls nicht erwidert, und ge- hen, aber wenn er mich hört, ist er da. Er geht vorn links
hen in einen stockdunklen Gang zwischen meterhoch lahm. An demselben Tage, als ich ihn gekauft hatte, ist er
gestapelten Strohballen. Vera geht wortlos voran, ich auf den Ellbogen gestürzt und hat sich eine Fraktur der
bleibe tastend zurück, hätte eigentlich eine Erklärung Ulna zugezogen. Der Tierarzt machte ihm eine stabile
erwartet. Gipsmanschette, damit er sich bis zum Transport in die
Wir stehen dann vor ihren beiden Pferden, einem Klinik nicht hinlegen konnte. Er hat es aber trotzdem ge-
Schimmel und einem Rappen. „Da sind sie!“, meint Vera tan. Dadurch haben sich die Knochenteile so verschoben,
lapidar. Die Pferde stehen in einem großen hölzernen dass die Verplattung sehr schwierig war. Und jetzt geht
Schuppen, der den Berg hinunter auf eine riesengroße er nach 3 Jahren mit dieser Platte noch immer lahm.“ Ich
Weide mündet. rate ihr, zu röntgen und nach Möglichkeit diese Platte
Vera geht wortlos nach hinten, um den Rappen anzu- endlich entfernen zu lassen. „Aber dann muss er doch
binden „Der knabbert uns sonst nämlich an.“ wieder fort von mir und leidet so, dass er nichts mehr
Die 12-jährige Schimmelstute leide unter „kaputten frisst!“ Ich erkläre ihr, dass ihr Pferd mit der Platte noch
Vorderbeinen“. „Ich habe sie vor 4 Jahren vom Schlachter viel mehr leide . . . und gebe ihm Calcium phosphoricum.
gekauft. Ihr Vorbesitzer war vom Turniersport disquali- Ich packe gerade meine Sachen zusammen, da fragt
fiziert worden, weil er sie mit einer Fahrradkette im Vera, ob ich nicht auch noch eine Arznei für sie selbst
Maul im Nachtspringen geritten hatte, dabei braucht sie hätte.
gar kein Gebiss, sie ist so brav, sie macht alles von allein. Wir sitzen also auf einem Strohballen, die Schimmelin
Trotz ihrer kaputten Füße springt sie immer noch lei- steht abseits im Dunkeln, der Rappe schleckt uns ab.
denschaftlich gern. Wenn man sie irgendwie stört, wird Vera leidet immer wieder unter Rückenschmerzen,
sie hektisch und dreht auf. Außer mir kann sie niemand die trotz aller Therapie nicht besser werden, sie verträgt
reiten. Meine Mutter und ich gehen viel mit ihr zu Fuß keine Hitze und keine Sonne, bekommt dann eine Son-
spazieren, jemand anders kann sie nicht führen, dann nenallergie mit Hautausschlag, sie leide immer wieder
haut sie ab.“ unter starken Blähungen mit Bauchschmerzen – und
Während Vera mit monotoner Stimme erzählt, versu- „der Mann da“ ist ihr geschiedener Ehemann . . .
che ich Kontakt zu der Stute aufzunehmen, klopfe ihr Sie hat dieselben Symptome wie ihr Schimmel und
sanft den Hals und halte ihr ein Stückchen Brot vors braucht ebenfalls Natrium muriaticum.
Maul. Die Schimmelin dreht den Kopf weg. Wäre sie „Und dann hab‘ ich noch etwas: Als Kleinkind habe ich
nicht angebunden, dann würde sie fortgehen. Mir fällt am Daumen gelutscht, so stark, dass er bis auf die Seh-
ihr gequälter und indifferenter Gesichtsausdruck auf, die nen durchgebissen war. Darum bekam ich eine Gips-
Ohren ohne Anteilnahme permanent nach hinten ge- manschette über den Ellbogen, damit ich den zum Dau-
klappt und tiefe eingezogene Gruben an den Wangen. menlutschen nicht mehr krumm biegen konnte. Ich ha-
Ich frage, ob die Stute immer so abweisend sei. „Ja, sie be ihn aber trotzdem heimlich krumm gebogen und wei-
ist nur auf mich fixiert. Ich sage ja, kein anderer kann mit ter gelutscht. Dabei haben sich Elle und Speiche entzün-
ihr umgehen, und erst recht nicht der da.“ Sie weist ver- det und sind in der Mitte zusammengewachsen. Ich habe
achtungsvoll mit dem Kopf in Richtung des Mannes, heute noch Schmerzen und kann nicht gut schreiben.“
über den wir gerade gestiegen sind.
26 II Allgemeiner Teil

Nach zwei Monaten rufe ich Vera an, weil sie mir keine
Rückmeldung gegeben hatte. Bei genauer Beobachtung dieses Phänomens be-
Sie berichtet, ihre Rücken- und Bauchschmerzen seien ginnt sich in der homöopathischen Praxis he-
viel besser und es gehe ihr gut. Auch die Schimmelstute rauszustellen, dass die Genesung des chronisch
könne jetzt viel besser laufen. Dem Rappen habe sie die kranken Tieres gründlicher und intensiver ge-
Platte entfernen lassen und er lahme nun auch nicht schieht, wenn das Tier gleichzeitig mit seiner
mehr. Bezugsperson homöopathisch behandelt wird.
Natrium-muriaticum-Patienten sind schnell zufrie-
Das trifft noch in größerem Maße auf (vermeint-
den und vermeiden Kontakte. Darum hörte ich nur noch
durch Dritte von ihr, es gehe ihr gut.
liche) Verhaltensstörungen zu. Homöopathi-
sche Therapeuten von verhaltensgestörten Kin-
dern lehnen z. B. die Behandlung des Kindes ab,
Das ist das eindrücklichste Erlebnis des morphoge- wenn sich nicht auch die Eltern homöopathisch
netischen Feldes zwischen Mensch und Tier, das behandeln lassen. Vielleicht besteht die Zukunft
mir bisher begegnet ist. der Tierhomöopathie in einer gleichzeitigen ho-
Die Reihe solcher Beziehungen zwischen psy- möopathischen Behandlung von Mensch und
chischen Eigenheiten und Erkrankungen des Men- Tier?
schen und denen seines Haustiers lassen sich noch
unendlich fortsetzen. Sie sind so eindrücklich, dass
man sie nicht als Zufall bezeichnen kann. Haltung, Nutzung, Umweltbelastung
Wenn Kent die Gemütsverfassung des Menschen Hahnemann weist ausdrücklich darauf hin, dass
verantwortlich macht für die Pathogenese von verbesserte Lebensumstände eine Voraussetzung
Krankheiten, so ist es in diesem Zusammenhang er- für die Heilung darstellen.
klärlich, dass diese auch die Krankheitsentstehung Dazu gehört eine angemessene artgemäße Be-
seines Haustiers beeinflusst. wegung, deren Mangel sich als ein pathogeneti-
Das entspricht der Aussage von Jacques Mille- scher Faktor auswirken kann.
mann, homöopathischer Tierarzt aus dem Elsass, Der Hund braucht seinen Spaziergang, aber kei-
der das Haustier als „emotionellen Schwamm“ für nen übermäßiger Laufstress am Fahrrad.
die Gefühle seiner Bezugspersonen bezeichnet. Für das Pferd ist mehr Bewegung als 1 Stunde Im-
Philipp M. Bailey, homöopathischer Arzt aus Kreis-Laufen in der Reithalle notwendig, zusätz-
Australien, nennt diesen unausgesprochenen Ein- lich möglichst regelmäßiger Weidegang.
fluss von Eltern auf das Kind „psychische Osmose“ Die Folgen von „falschem Reiten“ (schlechte Rei-
und meint damit dasselbe wie Millemann. ter, falscher Einsatz von Hilfszügeln usw.) sind
Wie kann ein Haustier auf die Dauer fröhlich hinlänglich bekannt.
sein, wenn sein Besitzer ständig traurig ist? Nicht artgemäße Anstrengung für das Pferd (z. B.
Wie kann ein ruhiger Stubenhocker einen über- übermäßiges Springen), evtl. sogar mit psy-
aus lebendigen, lauffreudigen Hund haben, ohne chischem Stress verbunden (Strafe), schafft die
dass dieser krank wird? besten Voraussetzungen für Erkrankungen des
Wie kann ein cholerischer Wüterich einen fried- Bewegungsapparates.
lichen, liebevollen Hausgenossen besitzen? Die Boxenhaltung der Pferde und Schweine oder
Wie kann ein Reitpferd mit seinem immer vor die ausschließliche Anbindehaltung der Rinder
Angst schlotternden Reiter eine gelassene Ge- sind nicht besser als die Legebatterien für die
mütsverfassung haben? Hühner!
Haustiere sind permanent dem Energiefeld ihrer Einer gewissen Umweltbelastung durch Herbizi-
Bezugsperson (oder Familie) ausgesetzt und unter- de, Insektizide, Auspuffgase, Elektro-Smog u. Ä.
liegen dem „morphogenetischen Feld“ ihrer Besit- können wir uns kaum entziehen. Sie ist ein Fak-
zer. Damit manifestiert oder somatisiert jedes tor, der heute die Pathogenese chronischer
Haustier einen Teil der ihn umgebenden pathoge- Krankheiten vorantreibt.
netischen Energiefelder und entlastet damit gleich-
sam seine Umgebung bzw. Besitzer. Das heißt, das
Tier lebt täglich im „pathogenen Energiefeld“ sei-
nes Besitzers.
1 Grundlagen der Homöopathie 27

Hormonbehandlungen wirken sich bekanntlich


Fütterung
nicht nur auf das behandelte Tier negativ aus
Probleme durch Fütterungsfehler stellen einen be- (Störungen der Fruchtbarkeit, Endometritis
sonders wichtigen Faktor für die Pathogenese bei u. Ä.), sondern leisten Vorschub für dieselben Er-
Haustieren dar. krankungen der folgenden Generation.
Trockenfutter ist weder für Hunde noch für Kat- Regelmäßige Wurmkuren, z. T. mit hochtoxi-
zen artgemäß! Der Darm unserer geliebten ehema- schen Produkten, sind eine überdimensionale
ligen Raubtiere ist noch immer an „Nassfutter“ Belastung für den Organismus. Eine vorherge-
(Fleisch vom Beutetier) adaptiert. hende Kotuntersuchung würde klären, ob über-
Und weder Hunde noch Katzen sind von Natur haupt eine Wurmkur – und welches Präparat –
aus „Dauerfresser“, zu denen sie, dank der Futter- angebracht wäre.
mittelindustrie, heute größtenteils gemacht wer-
Wer die Entwicklung von Erkrankungen der Haus-
den.
tiere in den letzten 25 Jahren verfolgt, muss fest-
Für den Dauerfresser Pferd schafft kurzfaseriges,
stellen, dass die chronischen, degenerativen und
pelletiertes Futter, womöglich noch bei Sägemehl-
„unheilbaren“ Leiden bei Haustieren trotz aller
Einstreu, die besten Voraussetzungen für Verdau-
Fortschritte der Schulmedizin erheblich zugenom-
ungs- und Stoffwechselbelastungen.
men haben. Dasselbe stellt auch die Humanmedi-
Dasselbe gilt für rohfaserarmes, energiereiches
zin fest.
Futter für Rinder.

Resttoxine nach durchgemachten


Verdorbene Futtermittel müssen gerade in der
Krankheiten
homöopathischen Anamnese bei unklaren Ver-
dauungs- und Stoffwechselstörungen immer ins Auch nicht therapierte Erkrankungen können
Kalkül gezogen werden. „Resttoxine“ im Organismus hinterlassen, welche
die Grundbelastung verstärken. Diese können la-
tent vorhanden sein oder sich mit der Beschwerde
Iatrogene und Therapieschäden „nie mehr gesund seit . . .“ äußern.

Keine schulmedizinische Therapie, die auf das


Traumen – physische und psychische
Beseitigen von Symptomen ausgerichtet ist,
kann das Wiederauftreten bzw. Fortschreiten Psychische Traumen können durchaus Auslöser
der Erkrankung verhindern. oder wenigstens als Begleitsymptom einen we-
sentlichen Anteil am Entstehen und Fortschreiten
einer chronischen Krankheit bilden.
Aus der Funktion des ,Grundsystems‘ lässt sich
Beim Natrium-muriaticum-Patienten findet sich
ableiten, dass dort die Ablagerung von Resttoxi-
z. B. in der Krankengeschichte besonders häufig ei-
nen erhalten bleibt. Hinzu kommen die toxi-
ne Kummer-Symptomatik, bei Lycopodium-Pa-
schen Nebenwirkungen von Pharmapräparaten,
tienten finden sich häufig Beschwerden im Zusam-
die zusätzlich das System der Grundregulation
menhang mit Konkurrenz-Situationen oder rang-
belasten.
mäßiger Zurücksetzung.
Die offiziell verordneten jährlichen Mehrfach-
Physische Traumen, Verletzungsfolgen sind ein
Impfungen können das Immunsystem empfind-
weiterer möglicher Faktor der Grundbelastung.
lich schwächen. Von verschiedenen fachkompe-
Beim Calcarea-Patienten sei in diesem Zusammen-
tenten Personen wurde festgestellt, dass die
hang auch an die „Folgen von Überanstrengung“ er-
meisten Impfungen 2 – 6 Jahre lang einen Immu-
innert.
nitätsschutz gewähren. Die Forderung nach jähr-
lichen Impfungen steht außerdem nicht im Ein-
klang mit der Lehrmeinung über die Funktion
des Immunsystems. Hinzu kommt eine Belas-
tung durch Mehrfachimpfungen: Das Immun-
system ist von Natur aus darauf ausgerichtet, je-
weils nur auf einen Erreger zu reagieren (§ 7 Or-
ganon).
28 II Allgemeiner Teil

1.10 Hahnemanns Theorie über benskraft . . . tritt als lokales Übel nach außen in Er-
scheinung“ und „entlastet“ damit die innere Krank-
die Entstehung von heitsbereitschaft des Organismus (s. Abb. 3).
Krankheiten Wird das „lokale Übel“ durch äußere Anwendun-
gen oder Palliativ-Therapie (Symptombeseitigung)
Hahnemann reflektierte Zeit seines Lebens über vertrieben, so schreitet die chronische Krankheit im
Wesen, Entstehung und Ursache von Krankheiten, Inneren weiter fort und führt schließlich zu organi-
die er – wie seit Hippokrates üblich – als „Miasma“ schen Schäden oder Erkrankungen von hierarchisch
bezeichnete. höheren Organen („Unterdrückung“; s. Abb. 4).
Die Miasmentheorie der Homöopathie mit ihren Eine graphische Darstellung soll diese Anschau-
exotischen Bezeichnungen von Psora, Sykose und ung verdeutlichen (Abb. 6).
Syphilis entfremdet die Homöopathie um ein Zu- Die „innere Krankheitsbereitschaft“ (1) führt
sätzliches von der akademischen Medizin. Diese zum Auftreten von Symptomen, die „nach außen“
begrifflichen Konventionen bezeichnen in kurzge- in Erscheinung treten (2). Wird ein Symptom durch
fasster Form solche Inhalte, die in anderen Worten äußere Maßnahmen beseitigt, tritt ein anderes ver-
weitschweifig umschrieben werden müssten. Das stärkt hervor (3). Wird nun wiederum eines oder
allein rechtfertigt ihren Gebrauch. werden beide Symptome „beseitigt“ (4), dann kann
Speziell für die Tierhomöopathie bedürfen diese sich daraus eine sehr schwere Krankheit mit einem
Miasmen einer Definition: Die Lehre von den Mias- Schwerpunkt (6) oder eine „Multimorbidität“ (7)
men erleichtert das Verständnis von Pathogenese, entwickeln oder es treten keine Symptome mehr
Reaktionsweisen und Krankheitsdispositionen der nach außen in Erscheinung bei sehr hohem Krank-
verschiedenen Tierspezies und -rassen. heitspotenzial, was sich dann als „einseitige“, z. B.
Hahnemanns Idee von der Pathogenese der chro- kanzeröse Erkrankung äußern kann (7).
nischen Krankheiten ist eine geniale Entdeckung, Chronische Krankheiten schreiten in allen mit
die von jedem vorurteilsfreien Mediziner in der Stress verbundenen Lebensphasen fort. Dazu gehö-
Praxis verifiziert werden kann. ren Zahnwechsel, Wachstum, Geschlechtsreife,
Gravidität, Geburt, Laktation, hormonelle Umstel-
lungen sowie jeder schwerwiegende psychische
1.10.1 Akute und chronische Miasmen
oder physische Stress.
Hahnemann postulierte in seinem Bemühen, die Ferner tragen Unterdrückungen akuter Erkran-
Krankheiten zu klassifizieren, akute und chroni- kungen oder anderer Symptome durch Palliation
sche Miasmen. sowie übermäßige Impfungen entscheidend zum
Fortschreiten chronischer Erkrankungen bei.
Solche pathogenetischen Faktoren gelten für je-
Akute Miasmen (akute Krankheiten) werden
den lebendigen Organismus.
zumeist durch Ansteckung erworben und treten
Die heutige akademische Medizin musste fest-
oft mit so großer Heftigkeit auf, dass der Patient
stellen, dass in den letzten Jahrzehnten die Zahl
ohne Therapie stirbt.
und Schwere chronischer, schwierig zu behandeln-
Sind sie weniger heftig, dann zeigt sich eine Er-
der Erkrankungen bei Menschen und Tieren erheb-
holungstendenz mit anschließender Spontan-
lich zugenommen haben, während akute Erkran-
heilung. Akute Krankheiten sind demnach zeit-
kungen i. d. R. durch symptomatische Pharma-The-
lich begrenzt.
rapie wie erwähnt „gut zu beherrschen“ seien.
Chronische Miasmen (chronische Krankheiten)
dagegen dauern lebenslang und können nicht
aus eigener Kraft überwunden werden; sie 1.10.2 Therapie akuter und chronischer
schreiten mehr oder weniger schnell bis zum Le- Krankheiten
bensende fort und können bestenfalls vorüber-
Der chronisch kranke Patient ist derzeit in einem
gehend zum Stillstand kommen („Latenzpha-
Zustand, der ein Heilmittel erfordert.
se“).
Diesem aktuellen Leiden ist ein langfristiges Ge-
schehen vorangegangen, das in dem jetzigen Zu-
„Die chronische Krankheit liegt im Inneren des stand gipfelt. Ohne Therapie würde die Pathologie
Menschen“, diese „innere Verstimmung der Le- des Patienten weiterhin fortschreiten.
1 Grundlagen der Homöopathie 29

Abb. 6 Entstehung chronischer


Kranker Patient mit Der Patient entwickelt Eine Šu§ere Krankheit Krankheiten.
wenigen Symptomen, Šu§ere Symptome, die wird unterdrŸckt.
intensive innere Krankheit nimmt ab.
Krankheitsdisposition.

1 2 3
4

€u§ere Erkrankung
mit deutlichen
Symptomen. Fortschreiten der inneren
Krankheit, RŸckgang
sonderlicher Symptome, 7
Zunahme pathognomo-
nischer Symptome,
ãeinseitige Krank-
heitenÒ (Organdege-
5 6 neration, Krebs).

Chronische Krankheiten stellen also einen dyna- Fast jedes gut geprüfte Mittel kann ein „Konstitu-
mischen Entwicklungsprozess dar, der sich auf dem tionsmittel“ sein. Es haben sich jedoch bestimmte
Boden einer speziellen Krankheitsdisposition ent- Mittel – meist die „Polychreste“ – schwerpunktmä-
wickelt hat. ßig für eine solche Therapie herauskristallisiert.
Ein therapeutischer Ansatz für solche chroni- Häufig kann damit auch eine für den Patienten
schen Krankheiten wird in der Homöopathie als banale, lokale Erkrankung zur Heilung gebracht
„konstitutionelle Therapie“ bezeichnet. werden. Am besten eignen sich dafür auch beim
Tier höchste Potenzstufen, die nur einmal oder bei
Bedarf in großem zeitlichem Abstand verabreicht
Die konstitutionelle Therapie umfasst den ge-
werden.
samten Organismus aus hierarchisch überge-
Die Therapie einer akuten Krankheit dagegen
ordnetem Aspekt und berücksichtigt dafür „die
berücksichtigt für die Arzneimittelwahl einzig den
Gesamtheit der Symptome“ des Patienten. Kon-
derzeit aktuellen Zustand des Patienten, z. B. eine
stitution ist zu verstehen als die Summe aller
akute fieberhafte Infektion oder eine Gastroenteri-
angeborenen und erworbenen Faktoren, die zu
tis.
einer bestimmten Krankheitsdisposition oder
Auch für subakute oder chronische Erkrankun-
Pathologie führen.
gen kann es notwendig sein, den aktuellen Zustand
für die Arzneimittelwahl ins Zentrum der Betrach-
Therapiert wird mit einem so genannten „Konsti- tung zu stellen, sofern er genügend homöopathisch
tutionsmittel“. Dieser Ausdruck ist eigentlich brauchbare Anhaltspunkte dafür liefert. Dazu ge-
falsch. Es gibt in der Homöopathie weder „akute “ hören z. B. traumatisch bedingte Bewegungsstö-
noch „chronische“ noch „konstitutionelle“ Mittel, rungen oder Folgen von Vergiftungen.
sondern nur Arzneien, die nach entsprechenden Auf die Therapie einer akuten, subakuten oder
Kriterien verordnet werden. chronischen Krankheit sollte immer eine „konsti-
Dennoch ist der Ausdruck „konstitutionelle The- tutionelle Therapie“ folgen, um Rezidiven vorzu-
rapie“ oder „Konstitutionsmittel“ einfacher und beugen.
kürzer als die gesamte Umschreibung.
30 II Allgemeiner Teil

In manchen akuten, subakuten oder chronischen medizin eine über Generationen hinaus wirkende
Fällen kann auch eine konstitutionelle Therapie an- Rolle.
gebracht sein. Das ist insbesondere dann der Fall, Das angeborene oder ererbte Miasma kann zum
wenn das aktuelle Geschehen nur unzureichende Teil aus dem Symptomenbild des Patienten, zum
Anhaltspunkte für eine Arzneimittelwahl bietet. Teil durch seine „Familienanamnese“ eruiert wer-
Dann kann das hierarchisch übergeordnete Mittel den. Sie lässt die im Erbgut vorhandenen Faktoren
des gesamten Organismus auch das aktuelle oder für die Entwicklung bestimmter Krankheiten er-
lokale Geschehen wieder „ins Lot“ bringen. kennen.
Beim Menschen gilt es, z. B. das Vorkommen von
Krebs, Diabetes, Tuberkulose oder Geschlechts-
1.10.3 Einteilung von chronischen krankheiten sowie Art und Lokalisation anderer
Krankheiten – chronischen chronischer Erkrankungen zu erfahren.
Diese Auskünfte dienen dazu, den „Hintergrund“
Miasmen
der Erkrankung zu erkennen, gleichsam den Boden,
Im 19. Jahrhundert waren nur zwei chronische auf dem sich die aktuelle Pathologie abspielt. Die
Krankheiten bekannt: Syphilis und Gonorrhö, bei- Therapie muss solche Angaben für die langfristige
de werden – gemäß Hahnemann – in dem jeweils Abfolge von Arzneimitteln in chronischen Krank-
aktuellen Krankheitsstadium durch Geschlechts- heitsfällen mit einbeziehen.
verkehr übertragen. Erworbene Miasmen werden durch verschiede-
Die Folgen der Gonorrhö bezeichnete er als Syko- ne belastende Faktoren begünstigt. Dazu gehören
se (Feigwarzen-Krankheit), die mit Warzen und z. B. nicht vollständig ausgeheilte Infektionen, In-
Auswüchsen der Haut sowie anderen ausufernden fektionskrankheiten oder andere Belastungen
Reaktionen einhergeht. (s. o.).
Die Syphilis tendiert zu ulzerierenden und de- Zu den erworbenen Miasmen gehören auch die
struktiven Prozessen. Folgen der vielfältigen Impfungen, sodass manche
Als zusätzliches Miasma postulierte er die Psora, Autoren ein zusätzliches Impf-Miasma postulie-
„das Urübel der Menschheit“, das über Jahrhunder- ren.
te von Generationen weitervererbt werde (§ 81 Or- J. H. Allen und andere Autoren beschreiben ein
ganon) und das den Boden bereitet für das Entste- weiteres Miasma, die Pseudo-Psora oder das tu-
hen aller Krankheiten. berkulinische Miasma, das sich aus psorischem
Den Ursprung der Psora (griech. Krätze) sieht er und syphilitischem Miasma zusammensetzt.
in einem unterdrückten oder nicht ausgeheilten Als weiteres wird ein kanzeröses Miasma ge-
Hautausschlag, dessen Folgen sich in unterschied- nannt, dem man eine Mischung aus Sykose und Sy-
lichsten Pathologien über Generationen hinweg philis zuordnet. Und schließlich lässt sich aus jeder
auswirken. Folge einer infektiösen Krankheit ein entsprechen-
Die scheinbar absurde Idee eines ursprünglich des Miasma formulieren.
kausalen Hautausschlags gewinnt neue Bedeutung,
seitdem erkannt worden ist, dass z. B. der Kot von
1.10.5 Äußerungen der Miasmen
Hausmilben toxische Proteine und liquorgängige
Enzyme enthält, wodurch atopische Erkrankungen Es gibt Bücher füllende Beschreibungen miasmati-
ausgelöst werden können. scher Symptome, die hier nur kurz zusammenge-
fasst seien. Die geschilderten Eigenschaften und
Symptome sind als Tendenzen einer dynamischen
1.10.4 Arten von Miasmen
Pathologie zu verstehen; sie können erkennbar
Chronische Miasmen werden auch durch Verer- sein, müssen aber nicht zwingend im Vordergrund
bung oder Ansteckung erworben. Hahnemanns Mi- stehen. Ausführlichere Angaben sind der erwähn-
asmentheorie ist mit dem heutigen medizinischen ten Literatur zu entnehmen.
Wissen nicht mehr in jeder Hinsicht vereinbar, je-
doch seine Theorie über das schwerwiegende Fort-
Der psorische Patient
schreiten pathologischer Zustände nach Unterdrü-
ckung von Symptomen ist heute mehr denn je ein Der psorische Patient leidet häufig unter chroni-
brisantes Thema und spielt auch in der Veterinär- schen Haut- und Schleimhaut-Erkrankungen mit
1 Grundlagen der Homöopathie 31

„Erkältungskrankheiten“ und Lymphknoten- Stoffwechselfunktionen können übersteigert


schwellungen infolge mangelnder Funktion des sein, er verlangt voll Heißhunger häufig nach Essen
Immunsystems. und kann Fasten schlecht ertragen.
Die körperlichen und psychischen Reaktionen Ein Tumorgeschehen ist nicht selten. Die Haut
sind langsam und ruhig, sein Temperament neigt neigt zu überschießenden Granulationen, Warzen
zum Phlegma. Essen ist eine seiner Lieblingsbe- oder Kondylomen, die Schleimhaut zu reichlichen,
schäftigungen, was zu ausgeprägter Adipositas oft grünlichen Absonderungen. Erkrankungen des
führen kann. Urogenitalsystems gehören mit zu den Prädilekti-
Aber seine unkomplizierte Psyche ist von Angst onsstellen des Sykotikers.
und Mangel an Selbstwert und Durchsetzungsver- Der Patient ist meist überempfindlich gegen Näs-
mögen erfüllt, die ihn nur selten – aber dann heftig se und feuchte Kälte.
– aggressiv auftreten lassen. Er befindet sich im Verschlimmerungen zeigen sich häufig am Nach-
Zwiespalt zwischen Wollen und Handeln, es fehlt mittag oder frühen Abend. Trotzdem gehört er oft
ihm häufig die Kraft, ein Ziel geradlinig durchzuset- zu den nachtaktiven Individuen, die den Vormittag
zen. gern verschlafen.
Seine oft sture Beharrlichkeit lässt ihn mitunter Das operative Entfernen von Hautauswüchsen
zum langweiligen Gefährten werden. Alles Neue ist oder das künstliche Ruhigstellen mit Pharma-Prä-
ihm unangenehm, er vermeidet Unwägbarkeiten. paraten führt zum Fortschreiten der Pathologie.
Sogar den Beginn eines neuen Tages verzögert er Der Patient benötigt ein Heilmittel, das auch im
oft als Langschläfer. sykotischen Bereich schwerpunktmäßig vertreten
Heftige körperliche Anstrengungen sind nicht ist, ein Antisykotikum.
seine Sache, sie machen ihn müde und matt.
Am wohlsten fühlt er sich in sicherer, vertrauter
Der syphilitische Patient
Umgebung. Er leidet beim Alleinsein oder bei Ver-
lust von Angehörigen. Familienleben, Fortpflan- Der syphilitische Patient ist durch primär destruk-
zung und das mütterliche Nähren von Kindern ge- tive Reaktionen psychischer und physischer Art ge-
hören zu seinem Lebensinhalt. kennzeichnet. Diese Reaktionen können unvermit-
Unterdrückungen von Hautausschlägen oder telt ohne Warnung hervorbrechen und versetzen
Schleimhautabsonderungen lassen die Pathologie den Patienten selbst oder seine Umgebung in einen
von außen nach innen fortschreiten (z. B. allergi- Zustand von Schrecken oder Hoffnungslosigkeit,
sche Erkrankungen) und führen zu Unterfunktio- der sich beim Menschen bis zum Suizid oder Ver-
nen von Organen (z. B. Hypothyreose). brechen ausweiten kann.
Der Patient benötigt ein Antipsorikum. Er handelt leidenschaftlich und spontan ohne
Rücksicht auf Verluste hinsichtlich seiner selbst
oder anderer. Exzessive Liebenswürdigkeit kann
Der sykotische Patient
spontan in eine ebensolche Gewalttätigkeit um-
Der sykotische Patient verfügt über ein unzurei- schlagen.
chendes „Kontrollsystem“, er neigt zu exzessiven In diesem Miasma sind Automutilation (Selbst-
und schnellen psychischen und körperlichen Reak- verstümmelung), Wahnsinn, Sexualverbrecher,
tionen: Ein kleiner Reiz ruft eine übermäßige Reak- Mörder und Terroristen zu Hause.
tion hervor. Auch angeborene Miss- oder Fehlbildungen kön-
Emotionen sind spontan und überschießend. nen dieses Miasma andeuten, das jedoch in diesem
Freude, Liebe und Hass werden mit wenig Hem- Zusammenhang nicht mit der Mangelentwicklung
mung gezeigt. Sein Temperament ist eher sangui- der Psora verwechselt werden darf.
nisch oder cholerisch, er neigt zu eilig überstürz- Die Destruktion kann alle Körpergewebe ein-
tem Handeln – sowohl hinsichtlich Essen, Reden, schließlich Nerven- und Hirnfunktionen betreffen.
Erotik, Aggressivität oder panischer Flucht – ande- Schwäche des Immunsystem und der Eigenregu-
rerseits auch zu Pedanterie und übermäßiger lation lassen primär destruktive Erkrankungen ent-
Rechthaberei. stehen. Das operative Verschließen von Geschwü-
Seine aktiven Sinnesfunktionen lieben Abwechs- ren sowie das Entfernen von Gewebeteilen oder Or-
lung und Bewegung, er verfügt meist über eine aus- ganen ebnen den Weg für weitere degenerative
gezeichnete athletische Leistungsfähigkeit. Prozesse.
32 II Allgemeiner Teil

Die Verschlimmerungszeit spielt sich voll Ruhe- Die wichtigsten miasmatischen Kennzeichen, Mittel
losigkeit und Verzweiflung meist in der Nacht und und Nosoden
gegen Morgen ab.
Miasma Prinzip Arznei Nosode
Der Patient benötigt eine homöopathische Arz-
nei, die eine solche Art der Pathologie einschließt, Psora Hemmung Calc-.c., Psorinum
eine antisyphilitische Arznei. Sulfur

Sykose Über- Thuja Medorrhinum


Der tuberkulinische Patient schießen
Diese Individuen verfügen über ein waches, unste-
Syphilis Destruktion Mercurius Syphilinum
tes Wesen. Die übermäßige Aktivität der Sinne lässt
den tuberkulinischen Patienten alle Reize wahr-
nehmen. Sein meist sanguinisch-cholerisches Tem-
perament lässt ihn rastlos nach neuen Eindrücken Auch aus der akademischen Medizin sind analoge
suchen. Körperkontakt und Liebesbeweise spielen pathologische Reaktionsweisen von Gewebe be-
eine große Rolle, dennoch ist sein Gehorsam nicht kannt, die man durchaus den drei Hauptmiasmen
immer zuverlässig; er neigt zum Davonlaufen, zu zuordnen kann: Tendenz zu Hypotrophie, zu Hy-
widerspenstigem Verhalten oder Destruktivität. pertrophie oder zu Destruktion.
Sein körperlicher Ausdruck ist meist fein, grazil Die Meinungen zur Miasmentheorie sind jedoch
und elegant. auch unter den Homöopathen geteilt: Einige Auto-
„Tuberkulinische Mittel“ sind z. B. Phosphor, Ar- ren betonen ausdrücklich, dass es gemäß dieser Pa-
sen, Lycopodium, Calcium. thophysiologie keine weiteren als diese drei Reak-
tionsweisen geben kann. Andere Homöopathen
Miasmatische Einteilung von Arzneien konstruieren neue „Miasmen“. Manche alterfahre-
nen homöopathischen Experten mit mehr als 50-
Hahnemanns Ziel war bei all seinen Überlegungen jähriger Praxis verwerfen die Miasmentheorie als
eine Klassifikation von Krankheiten, um den ho- „Unsinn“, von anderen „modernen“ Therapeuten
möopathisch-therapeutischen Zugang zu erleich- wird ein hypothetisches Miasma anstelle des Pa-
tern. tienten zum primären Objekt der Therapie ge-
Er selbst und seine Nachfolger erkannten eine macht.
Vielzahl von „Antipsorika“, „Antisykotika“, antisy- Aber eine Verordnung aufgrund von Hypothesen
philitischen und tuberkulinischen Arzneien. führt zu unsicherer Therapie und verstößt gegen
Die meisten Homöopathika gehören allen drei Hahnemanns Forderung nach „deutlich einzuse-
Miasmen an, wobei sich jedoch gewisse miasmati- henden Gründen“ der Arzneimittelwahl.
sche Schwerpunkte herauskristallisiert haben
(Abb. 7). Es ist allerdings nicht möglich, allein auf-
Das Verständnis der miasmatischen
grund eines vermuteten Miasmas ein heilendes Si-
mile zu verordnen, wie es sich unschwer der Abbil- Ausprägung
dung entnehmen lässt. Der unvoreingenommene Leser einer homöopathi-
Ausschlaggebend ist immer in erster Linie die schen Arzneimittellehre wird sich vielfach über wi-
Symptomatik des Patienten. dersprüchliche Angaben innerhalb eines Mittels
Jedem Miasma wird eine schwerpunktmäßige wundern.
Arznei (bzw. der Psora zwei Arzneien) zugeteilt. Im Arzneimittelbild von Phosphor z. B. wird der
Ferner gehört zu jedem Miasma eine Nosode: Patient geschildert als einer, der in exzessiver Wei-
Psorinum, hergestellt aus dem Inhalt eines Bläs- se liebevoll entgegengebrachte Sympathie erwi-
chens aus der Krätze-Krankheit (Skabies), dert, der aber gleichzeitig auch andere töten, voller
Medorrhinum, hergestellt aus dem Sekret der Schrecken in Panik ausbrechen, aber auch schüch-
Gonorrhö, ternes und reserviertes Verhalten zeigen oder völ-
Syphilinum (Lueticum), hergestellt aus Syphilis- lig frei von jeglicher Angst sein kann. Wie mögen
Geschwüren. derart unverständliche Verhaltensweisen inner-
halb eines Arzneimittelbildes zu verstehen sein?
1 Grundlagen der Homöopathie 33

Miasmatische Zugehörigkeit der homöopathischen Arzneien

Arzneimittel Psora Autor 1 Sykose Autor 2 Syphillis Autor 3

Aconit 1 Bönninghausen
Antimonium c. 1 Bönninghausen 1 Kent 1 Kent
Apis 1 Pierre Schmidt 2 Kent 2 Kent
Aranea 1 Julian 1 Kent
Arnika 1 Bönninghausen 1 Kent 1 Kent
Arsenicum album 1 Bönninghausen 2 Bönninghausen 2 Kent
Belladonna 1 Bönninghausen 1 Pierre Schmidt
Bryonia 1 Bönninghausen 1 Kent
Calc. carbonicum 1 Bönninghausen 2 Kent 1 Boericke
Calc. fluoricum 1 Julian 1 2 Kent
Calc. phosphoricum 2 Erg. v. Kent
Carbo vegetabilis 2 Bönninghausen 1 Kent 1 Kent
Causticum 1 Bönninghausen 2 Kent 2 Kent
China 1 Bönninghausen 1 Pierre Schmidt 1 Guernsey
Conium 1 Bönninghausen 1 Kent 2 Kent
Dulcamara 1 Bönninghausen 2 Kent
Graphit 1 Bönninghausen 2 Kent 2 Clarke
Hepar sulf. 2 Bönninghausen 1 Kent 2 Kent
Hypericum Bei Traumen ist die miasmatische Zugehörigkeit nebensächlich!
Ignatia 1 Bönninghausen
Kali. carbonicum 2 Bönninghausen 1 Kent 1 Pierre Schmidt
Lachesis 1 Bönninghausen 2 Kent 2 Kent
Lycopodium 2 Bönninghausen 2 Kent 2 Kent, P. Schmidt
Mangan 1 Bönninghausen 2 Kent
Mercurius 2 Pierre Schmidt 1 Kent 4 Kent
Natrium mur. 2 Bönninghausen 2 Pierre Schmidt
Nitricum ac. 2 Bönninghausen 3 Kent 3 Kent
Nux vomica 1 Bönninghausen 1 Pierre Schmidt 1 Boericke
Opium 1 Bönninghausen
Phosphor 1 Bönninghausen 1 Pierre Schmidt 2 Kent
Psorinum 3 Bönninghausen 1 P. Schmidt, 1 Clarke
Allen, Nash
Pulsatilla 1 Pierre Schmidt 1 Kent
Rhus tox. 1 Bönninghausen 1 Pierre Schmidt
Ruta 1 Pierre Schmidt 1
Sepia 3 Kent 2 Kent
Silicea 1 Bönninghausen 2 Kent 3 Kent
Staphysagria 1 Bönninghausen 3 Kent 2 Kent
Sulfur 3 Bönninghausen 2 Kent 2 Kent
Thuja 1 Bönninghausen 4 Pierre Schmidt 2 Kent

Abb. 7 Miasmatische Zugehörigkeit der besprochenen homöopathischen Mittel.


34 II Allgemeiner Teil

Die Dynamik der Miasmen erklärt diese schein- Die „Familienanamnese“ des Menschen ist dabei
baren Ungereimtheiten. Das sei an einzelnen analog den erblich fixierten Krankheitsdispositio-
Aspekten aus dem Arzneimittelbild von Phosphor nen von Spezies und Rassen zu verstehen.
aufgezeigt:
Der psorische Phosphor-Patient ist scheu,
Da die Arzneimittelprüfungen am Menschen
schreckhaft und schüchtern, lächelt verschämt
durchgeführt worden sind, ist dieser – wie be-
und versucht sich zurückzuziehen. Erst nachdem
reits mehrfach erwähnt – auch für die Tierho-
er Vertrauen gewonnen hat, öffnet er sich und
möopathie der maßgebende Bezugsorganis-
genießt die Zuwendung. In neuen Situationen
mus.
muss er sich anfangs zurechtfinden, um dann am
Leben teilzuhaben. Er entwickelt kurze heftige,
aber auch chronische oder chronisch-latente Er- Stellt man sich einige Tierspezies in menschlicher
krankungen. Gestalt vor, so liegen miasmatische Assoziationen
Der sykotische Phosphor-Patient kommt stür- auf der Hand. Im Folgenden seien diese pauschal
misch, voll strahlender Freude auf uns zu, skizziert:
umarmt uns oder erklärt in herzlichen Worten,
wie sehr er sich freut. Durch eine Kleinigkeit
Das Rind bzw. die Kuh
kann heftiger Zorn ausgelöst werden. Er trägt
seine Emotionen gleichsam auf dem Tablett vor Schon in den Klinik-Vorlesungen an der Universität
sich her. Seine Distanzlosigkeit lässt ihn alle Sin- war die Rede von pathophysiologischer Typisie-
nesreize überschießend beantworten. Er neigt zu rung: vom „serösen Typ Pferd“, im Gegensatz zum
heftigen, auch gefährlichen Erkrankungen. „fibrinösen Typ Rind“.
Der syphilitische Phosphor-Patient tritt exal- Der Kuhstall verbreitet eine Atmosphäre von Ru-
tiert, erotisch, arrogant oder bemerkenswert he und mütterlicher Geborgenheit. Es riecht nach
„cool“ auf, folgt ohne Rücksicht auf Verluste sei- Milch, im Stall liegen die Tiere nach der Fütterung
nen Launen und Trieben bis in ekstatische Erre- bedächtig kauend im Stroh, das Gefressene muss
gungszustände, hat Freude an gefährlichen Un- um der besseren Verdaulichkeit willen zweimal ge-
ternehmungen, gleichgültig, ob sie ihn oder an- kaut werden. Auf der Weide fressen die Tiere fast
dere das Leben kosten. Er neigt zu primär de- den ganzen Tag im langsamen Gehen und liegen ru-
struktiven Erkrankungen. hig zum Wiederkäuen und Verdauen.
Die „Haut“ ist dick wie eine Schuhsohle, so
Ein solches miasmatisches Verständnis hilft, Arz-
schnell geht einer Kuh nichts unter ihr „Vollrindle-
neimittelbilder zu erlernen und die verschiedenen
der“.
Ausprägungen plausibel zu machen.
Dieser Prototyp des Muttertieres ist bodenstän-
Es geht um übergeordnete Ideen oder Themen,
dig und lebenslang mit Reproduktion und Ernäh-
die, wie bereits erwähnt, in der „Signatur“ zum
rung von Nachkommen beschäftigt.
Vorschein kommen und uns im gesamten Arznei-
Die psychischen und körperlichen Reaktionen
mittelbild ähnlich musikalischen Variationen ge-
sind langsamer als z. B. beim Pferd, als fibrinöser
genübertreten.
Typ entwickeln sich auch Infektionen nicht so
In diesem Beispiel von Phosphor lautet das The-
überstürzt wie beim Pferd.
ma „nach außen Treten“: einmal in der negativen
Das Rind zeigt eine miasmatische Tendenz zur
Variation von Schüchternheit, dann in exzessiver,
Psora.
distanzloser Form und schließlich „ohne Rücksicht
Werden diese Grundeigenschaften des Rindes in
auf Verluste“.
Beziehung zu homöopathischen Arzneien gesetzt,
so treten besonders die „psorischen Versionen“
1.10.6 Miasmenlehre in der Calcium carbonicum, Calcium phosphoricum, Ly-
Tierhomöopathie copodium und Pulsatilla hervor – neben anderen
Arzneien. Zusätzlich ist beim Rind, im Gegensatz zu
Wenn die Miasmen als eine Reaktionsart des Orga-
anderen Spezies, bei den winterlichen „Rinder-
nismus verstanden werden, verdienen sie in der
flechten“ häufiger Psorinum angebracht als bei al-
Tierhomöopathie eine ganz besondere Beachtung.
len anderen Tieren.
Gerade bei den verschiedenen Tierspezies sind sol-
che unterschiedlichen Reaktionsweisen deutlich zu
erkennen.
1 Grundlagen der Homöopathie 35

fluoricum, sofern nicht eine konstitutionelle Thera-


Das Pferd
pie mit Phosphor, Calcium carbonicum oder Calci-
Das Pferd ist ein ganz anderer Reaktionstyp als das um phosphoricum (o. a.) angebracht ist. Es handelt
Rind. Von Natur aus auf Sensorium und Flucht spe- sich bei diesen Zuständen nicht um primäre Stö-
zialisiert, gehört es zu den reaktiven und aggressi- rungen im Metabolismus der Knochensubstanz,
onsarmen Tieren, die lieber fliehen als sich einer wie es z. B. bei den syphilitischen Schienbein-Exos-
gefährlichen Situation zu stellen. Beißen oder tosen des Menschen der Fall ist, die Aurum, Mercu-
Schlagen gibt es fast nur unter unphysiologischen rius oder Phytolacca o. Ä. verlangen.
Haltungsbedingungen oder unter dem Einfluss von Auch die Strahlbeinlahmheit ist aus dieser Patho-
Krankheiten (Ausnahme z. B. das mongolische physiologie abzuleiten: Die Folgen von Überan-
Wildpferd). strengung der Sehnenansätze verlangen im An-
Pferde sind in psychischer und physischer Hin- fangsstadium Arnica, später Ruta oder Rhus toxico-
sicht übersensibel: Eine scheinbare Kleinigkeit dendron und im fortgeschrittenen Stadium Calci-
kann Panik auslösen. Eine kleine Verletzung kann um phosphoricum – sofern keine Indikationen für
innerhalb von Stunden zur Sepsis, ein Stoß mit dem andere konstitutionelle Mittel vorliegen.
Hufeisen gegen das Röhrbein zu übermäßigen Pe- Die Arthrosen der Pferde haben nichts mit der
riostwucherungen führen, eine schlecht heilende „gichtigen Diathese“ oder mit gestörtem Nieren-
Wunde kann überschießende Granulationen nach stoffwechsel zu tun. Darum kann z. B. Benzoes aci-
sich ziehen und ein geringes Kaltwerden nach dum bei den Lahmheiten der Pferde nicht tief grei-
Schwitzen kann gleich eine extreme, vielleicht le- fend wirken.
bensgefährdende Myositis auslösen. Der seröse Re- Vielmehr sind Mittel angebracht, die mit dem
aktionstyp ermöglicht heftige Blutungen, Ödeme, „Leistungssportler Pferd“ zu tun haben, mit Über-
entzündliche oder seröse Ergüsse, wie sie bei kei- anstrengung und den daraus folgenden „überschie-
ner anderen Spezies beobachtet werden. Eine ßenden“ Reaktionen.
Mahlzeit mit angeschimmeltem Futter kann sofort Dieser Reaktionsart kommt die Bezeichnung
„Asthma“ auslösen, ebenfalls Koliken mit heftigs- „angeborenes Miasma des Pferdes“ am nächsten,
ten Schmerzreaktionen. das je nach Rasse oder Typ noch weiter zu spezifi-
Und schließlich kann das beeindruckend elegan- zieren wäre.
te Imponiergehabe des Pferdes – ritualisiert im
Dressur-Reiten – die übermäßige Begeisterung vie-
ler Menschen auslösen (sonst gäbe es nicht so viele
Vögel
Pferdeliebhaber!). Bei den meisten mitteleuropäischen Vögeln kann
Die Tendenz zur Entwicklung von Warzen, Gra- man ebenfalls eine Tendenz zur „sykotischen“ oder
nulomen und Sarkoidwucherungen rundet das Bild „tuberkulinischen“ Reaktionsweise erkennen, al-
der „überschießenden Reaktionen“ ab. lerdings etwas anders als beim Pferd.
Beim Pferd sind meist Arzneien in ihrer sykoti- Stellt man sich z. B. ein Huhn in Menschengestalt
schen Ausprägung indiziert – wohlgemerkt ohne vor, so liegt die Tendenz zur agitierten hyperthy-
Beteiligung einer Gonorrhö. reotischen Stoffwechsellage nahe:
Durch diese Reaktionsweise des Pferdes gewin- Die „Übersteigerung“ zeigt sich in hastigen, eili-
nen bestimmte homöopathische Arzneien bzw. de- gen Bewegungen, dauerndem Lautgeben, das in
ren Facetten einen besonderen Stellenwert, welche keinem Verhältnis zur Größe des Kehlkopfes steht,
die Arzneiwahl erheblich erleichtern können. permanenter Futteraufnahme mit Speicherung im
Die „überschießende“ Neigung zu Asthma-ähnli- physiologischen Kropf; die normale Körpertempe-
chen Reaktionen erfordert im akuten Zustand ratur liegt im Bereich dessen, was für andere Lebe-
meist Arsenicum, Phosphor, Lachesis oder Nux vo- wesen Fieber bedeutet; die Erythrozyten enthalten
mica (andere sind aber nicht ausgeschlossen!). An- Kerne, sind quasi „noch nicht fertig“; die Blutgerin-
schließend sollte eine „konstitutionelle Therapie“ nung funktioniert so schnell wie sonst bei keinem
folgen. anderen Lebewesen; die Darmpassage ist so über-
Die Neigung zu überschießenden Periostreaktio- stürzt, dass der Kot noch die Beschaffenheit von
nen durch traumatische Einflüsse verlangt anfangs Dünndarminhalt aufweist; sogar die Reprodukti-
häufig Ledum, in fortgeschrittenem Stadium Ruta onsvorgänge sind übersteigert: Die Eier werden
und bei bereits vorhandenen Exostosen Calcium vom Huhn unermüdlich „geboren“, sogar ohne je-
36 II Allgemeiner Teil

weils ersichtliches Zutun des Hahnes, sind aber


Hauskatze
wiederum „noch nicht fertig“, sie müssen nach Be-
fruchtung extrauterin bis zur „Geburt“ der Küken Stellen wir uns den Prototyp der Hauskatze in Men-
warm und versorgt gehalten werden; anschließend schengestalt vor: Es entsteht eine bemerkenswert
schlüpfen unfertige, nackte Embryonen – wie Früh- faszinierende Persönlichkeit von äußerst anspre-
geborene – aus der Schale. chender Gestalt, elegant geführten Bewegungen in
Auch das Sensorium dieser Vögel ist überstei- exquisiter sauberer Kleidung, sie besitzt eine fes-
gert: Wenn in einer Intensivhaltung von 30 000 selnde erotische Ausstrahlung mit einer sonderba-
Masthähnchen nur wenige Tiere einen panischen ren Mischung aus Unnahbarkeit und Anziehungs-
Schrecken erfahren (z. B. durch Schallmauerdurch- kraft. Im nächsten Moment wirft sie sich an uns,
brüche von Bundeswehr-Düsenjägern), kann es ge- um sich aufdringlich in sexuelle Ekstase zu reiben.
schehen, dass alle Artgenossen in absoluter Panik Diese verführerische erotische Erregung kann
in eine Stallecke aufeinander rasen, sodass nur die spontan in sadistische Aggressivität umschlagen,
oben Sitzenden überleben. Übrigens konnten meh- abhängig von der Laune dieser Persönlichkeit, die
rere Populationen dieser 30 000 Masthähnchen je- sich nie genau vorhersagen lässt. Zur Zeit der Ovu-
weils durch eine einzige Gabe von 5 g Jodum C 200 lation können mehrere „Männer“ Eizellen befruch-
über das Trinkwasser von ihren Panikattacken ge- ten, sodass „Zwillinge“ von unterschiedlichen Vä-
heilt werden. tern abstammen können. Solche Sex-Orgien sind
Eine alte Volksweisheit warnt davor, den Koch- bekanntlich von schrillen Schreien oder tönendem
topf, in welchem die Hühnereier gekocht werden, Orgeln begleitet. Eine geregelte „Arbeit“ ist un-
für andere Nahrungsmittel zu benutzen, weil man denkbar (es gibt sehr selten Katzendressuren!),
davon Warzen bekomme. Und tatsächlich wurden stattdessen geht diese Persönlichkeit lieber ihrem
bei den Arbeitern dieser Geflügelschlächterei be- Vergnügen nach, lauert heimtückisch der wehrlo-
vorzugt Warzen und Papillome an Händen und Ge- sen Maus auf – nicht aus Hunger, sondern aus Lust –
sicht festgestellt. und spielt sie langsam mit Begeisterung zu Tode.
Und schließlich sind gerade die Vögel „nicht ge- Auf menschlicher Ebene wäre das ein sadistischer
erdet“, sondern „viel zu leicht“ für diese Welt. Lustmörder.
Für diese Vögel kommen besonders entspre- Auf diesem Boden entwickelt die Katze – heute
chende Polychreste in sykotischer oder tuberkuli- immer häufiger – heimtückische und primär de-
nischer Ausprägung infrage, die einen Bezug zum struktive Erkrankungen. Kein Wunder, dass unser
übersteigerten hyperthyreotischen Stoffwechsel liebes Schmeichel-Raubtier bevorzugt an Abwehr-
aufweisen, wie Arsen, Jod, Causticum, Phosphor, Si- organen (Immunsystem) und Aggressionsorganen
licea, Thuja u. Ä., aber auch Tuberculinum avium. (Maulhöhle) erkrankt.
Calcarea mit seiner Neigung zum verlangsamten Kein anderes Haustier kann an einem protrahier-
Stoffwechsel ist erfahrungsgemäß bei Vögeln we- ten Schnupfen so schnell sterben wie die Katze!
niger angebracht. Nach diesen Ausführungen liegt die Zugehörig-
keit der Katze zum syphilitischen Miasma auf der
Hand, jedoch ohne Beteiligung von Spirochaeten:
Kleinnager
Sogar die Nosode der Syphilis, Syphilinum, hat er-
(Mäuse, Hamster, Ratten) fahrungsgemäß noch nie einen deutlichen Effekt in
Ähnlich verhält es sich mit manchen Kleinnagern, diesem Krankheitsgeschehen der Katze gebracht!
wie Mäusen, Hamstern, Ratten u. Ä.: Diese Tiere Mercurius dagegen kann durchaus erforderlich
neigen zu übersteigertem Stoffwechsel, sind sein, Arsen und Phosphor sind jedoch ungleich
schreckhaft und nachtaktiv und haben das Bedürf- häufiger indiziert.
nis zu „rennen“. Hier finden wir bei Erkrankungen Wenn wir die angegebenen Grundeigenschaften
sehr häufig Arsenicum album und ähnliche Mittel der Katze repertorisieren, so erscheinen die Mittel
mit hyperaktivem Stoffwechsel indiziert. Phosphor, Lachesis, Arsenicum, Lycopodium und
Nux vomica unter den höchstrangigen Mitteln. Tat-
sächlich sind diese Mittel in ihrer „syphilitischen
Facette“ am häufigsten indiziert, müssen natürlich
aber individuell differenziert werden.
Etwa zwei Drittel aller kranken Katzen benötigen
eine dieser Arzneien.
1 Grundlagen der Homöopathie 37

lichkeitsprinzip verordnet werden, ohne miasmati-


Hund
sche Belastung der Eltern (mit Tripper oder Syphi-
Der Hund kann nun – je nach Rasse – verschiede- lis).
nen „Miasmen“ angehören, wobei wieder ein Zu- Nur die Tuberkulose kann als erbliche Belastung
sammenhang zum Tierbesitzer besteht. Es gibt bei Tieren regional unterschiedlich gehäuft auftre-
auch unter den Hunderassen solche, die bevorzugt ten, aber es empfiehlt sich, auch Tuberculinum
zu bestimmten homöopathischen Mitteln tendie- nach der Simile-Regel zu verschreiben und nicht
ren, genauso wie ihre Besitzer. nach einem hypothetischen Miasma.
Hier spielt wieder eine Art Koinzidenz (C. G. Ob die homöopathisch potenzierten Impfstoffe
Jung) eine Rolle, die sich durch das morphische Feld einen wesentlichen therapeutischen Effekt aus-
erklären lässt: üben, muss noch weiter untersucht werden. Es ist
Warum hält sich der exaltierte Außenseiter ei- durchaus möglich, dass damit eine generationen-
nen „Kampfhund“? lange Belastung im Sinn der Miasmen vorliegt. Hier
Warum führt die prüde alte Dame einen Dackel- liegt noch ein weites Feld zur Forschung offen.
rüden mit überbetonter Sexualität und entspre- Wenn wir nun die „erworbenen Miasmen“ be-
chenden Organen an der Leine? trachten, stellt sich die Frage nach dem Sinn dieser
Warum frisiert der Angeber seinen großen brau- Erörterungen: Die abgebildete Liste über die mias-
nen Pudel zu einer prachtvoll auffallenden Figur? matische Zugehörigkeit der Mittel (Abb. 7) lässt
kaum eine Differenzierung für eine z. B. destruktive
Krankheit zu.
1.10.7 Zusammenfassung – Sinn und
Aufgabe der Miasmenlehre Für die Arzneimittelwahl ist es wichtig, das Mit-
Fasst man nun diese Gedanken zusammen, so er- tel entsprechend der Dynamik der vorliegenden
scheint die Frage: Was sind für unsere Tiere „ererb- Pathologie zu verordnen. Entscheidend ist aber
te Miasmen“? immer die Symptomatik des Patienten.
Ist es nicht ganz einfach das Miasma des Pferdes,
das Miasma der Vögel, das Miasma der Katze, das
Miasma des Pudels usw.? Ist das „Miasma“ der Tie-
re nicht letztlich ihr Tier-Sein? 1.11 Verschiedene Methoden
Vielleicht ist es doch sinnvoll, wieder zur patho-
physiologischen Reaktionslage der Spezies und
der Homöopathie
Rassen zurückzukehren, zu Hypo-, Hyperfunktion Die Aufforderung Hahnemanns: „Macht‘s nach,
und Destruktion, als über hypothetische „Mias- aber macht‘s genau nach!“, ist während der 200
men“ zu diskutieren? Jahre des Bestehens der Homöopathie nicht immer
Dennoch sei der Sinn dieser Miasmentheorie befolgt worden. Es bildeten sich verschiedene
kurz zusammengefasst: Schulen und Richtungen heraus, die jede für sich
Sie vermittelt Verständnis für den Patienten, für die Zugehörigkeit zur optimalen Homöopathie be-
seine Reaktionsweise. anspruchen.
Sie vermittelt Verständnis für die Dynamik der Auf dem Weg zum Simile kann es durchaus un-
Arzneimittelbilder, in ihrer unterschiedlichen terschiedliche Praktiken geben, aber es gibt nur ei-
Ausprägung. ne „Reine Lehre“ der Homöopathie: Die Homöopa-
Sie kann richtungweisend sein für den Weg der thie in ihrer klassischen Form, getreu nach der Hah-
Heilung entsprechend der Hering’schen Regel. nemann’schen Methode. Und nur diese führt zum
Sie soll wegweisend wirken für das Finden von echten, dauerhaften Therapieerfolg, insbesondere
Folge- und Ergänzungsmitteln für die Heilung. in chronischen Krankheitsfällen.
Was unter ,erfolgreicher Therapie‘ zu verstehen
Da es beim Tier weder Gonorrhö noch Syphilis gibt, ist, soll im Folgenden erörtert werden.
sind die zugehörigen Nosoden (Medorrhinum und
Syphilinum) hier ungleich seltener indiziert als
beim Menschen, sie können einzig nach dem Ähn-
38 II Allgemeiner Teil

So finden sich auf dem fast unüberschaubaren


Das Studium der Homöopathie Hahnemanns er-
Pharma-Markt an Komplexmitteln zahlreiche
fordert einen erheblichen Lernaufwand. Je
,Grippemittel‘, in denen verschiedene homöopa-
gründlicher und intensiver das Studium, desto
thische Arzneimittel für akute Infekte der Atemwe-
größer ist der spätere therapeutische Erfolg.
ge gemischt werden.
In der Hand von homöopathischen Laien können
Nur an wenigen Universitäten der Welt wird die diese Mittel durchaus bei einzelnen Patienten
Homöopathie gelehrt, in Europa nur an vereinzel- wirksam sein, wenn das passende Simile zufällig in
ten Lehrstätten, und an noch weniger Ausbildungs- der Mischung vorhanden ist. Sollte das aber nicht
stätten wird der gelernte Wissensstoff fachgerecht der Fall sein, dann bewirkt das Mittel nichts, und es
geprüft. heißt: ,Die Homöopathie wirkt bei mir nicht‘.
Um diesen umfangreichen Ausbildungsgang der Gerade das ist der Punkt, gegen den sich Hahne-
Homöopathie abzukürzen, entwickelten sich be- mann ganz entschieden eingesetzt hat: Er wollte
reits zu Hahnemanns Zeiten Möglichkeiten, wie eine sicher wirkende Medizin, verordnet ,nach
man das Herausfinden des homöopathischen Simi- deutlich einzusehenden Gründen‘, deren Wir-
le vereinfachen oder abkürzen kann. kung in gewissem Grade vorhersehbar ist. Hahne-
mann beschimpfte diese Richtung der Komplex-
mittel-Homöopathie als ,Bastardtherapie‘.
1.11.1 Organotrope Homöopathie
Die heutige Komplexmittel-Homöopathie ist je-
In Anpassung an die schulmedizinische Diagnose doch sehr weit verbreitet und eröffnet vielen An-
wurde nicht die Individualität des Patienten in den fängern den Weg zur Einzelmittel-Homöopathie.
Vordergrund gestellt, sondern – entgegen Hahne- Manche Therapeuten wollen auch heute noch wis-
manns Prinzipien – der Krankheitsname oder das sen, welches Mittel nun dem Patienten geholfen
erkrankte Organ. hat, um es im nächsten entsprechenden Fall wie-
Daraus entwickelte sich die organotrope Ho- derum mit Erfolg verordnen zu können.
möopathie, die besonders mit tiefen Potenzen ar- Eigentlich gehört die Komplexmittel-Homöopa-
beitet und dem Organismus die Arzneiwirkung thie nicht in die Hand von ausgebildeten Homöopa-
gleichsam aufzwingt. then, wenn doch nur das Lesen der Indikationen die
Die Gefahr einer organbezogenen Homöopathie Verordnung rechtfertigt.
besteht jedoch darin, dass sie oft genug zwar die Die Vorteile der Komplexmittel-Homöopathie
Krankheitssymptome beseitigt, aber das ursächli- liegen auf der Hand: Das Fläschchen kann ohne viel
che Krankheitsgeschehen unberührt lässt. Das lässt Überlegung und ohne Kenntnisse der Homöopa-
den Patienten häufig auf einer anderen, übergeord- thie verordnet bzw. von jedermann in der Apothe-
neten Ebene erkranken (Unterdrückung). ke gekauft werden.
Es ist kein Therapie-Erfolg, wenn z. B. ein Hund In der Tiermedizin finden die Komplexmittel be-
durch ein Komplexmittel zwar von seiner Gebär- sonders dort Verwendung, wo eine individuelle
muttererkrankung befreit wird, aber Wochen spä- Arzneimitteldiagnose – aus Unkenntnis oder Zeit-
ter wegen gehäufter epileptischer Anfälle euthana- mangel – nicht gestellt werden kann.
siert werden muss. Dennoch hat die organotrope Es gibt durchaus brauchbare und erfolgreich wir-
Homöopathie ihren festen Platz besonders in der kende Komplexmittel, sofern sie eine gute Simile-
Tiermedizin, ebenso in den homöopathischen Beziehung zur Art der Erkrankung des Patienten
Pharmazeutika. aufweisen.
Bei längerem Gebrauch dieser Mittel oder bei
1.11.2 Komplexmittel- „homöopathischer Dauertherapie“ – wie es die
Pharma-Hersteller fälschlicherweise mangels ho-
Homöopathie
möopathischer Kenntnisse nennen – besteht je-
Um nun die organotrope Homöopathie mit mög- doch die Gefahr, dass ungewollte Arzneimittelprü-
lichst großer Wahrscheinlichkeit zur Wirkung zu fungen stattfinden.
bringen, wurden mehrere homöopathische Mittel
mit einem bestimmten Organ- oder Krankheitsbe-
zug in einem Präparat gemischt. Solch Präparate
nennt man ,Komplexmittel‘ – im Gegensatz zur
Einzelmittel-Homöopathie Hahnemanns.
1 Grundlagen der Homöopathie 39

1.11.3 Homöopathie nach bewährten Solche Angaben treffen z. B. für einige „Trauma-
Mittel“ zu:
Indikationen
Arnica ist indiziert bei stumpfen Traumen, Quet-
Diese vereinfachte Variante der Homöopathie stellt schungen, Folgen von Sturz und Prellung.
klinische Indikationen in den Vordergrund, deren Calendula ist indiziert bei Wunden mit Sub-
Mittel nach Rezept und in standardisierter Dosie- stanzverlust, die per secundam heilen sollen.
rung verordnet werden: „Man gebe bei . . . 3 bis Staphisagria ist das Heilmittel für frische Verlet-
4 ⫻ tgl. 10 Tropfen D 6.“ zungen der Cornea.
Diese Art der Verordnung kann in akuten Situa- Conium ist das Mittel für den Katarakt nach
tionen und gelegentlich auch bei chronischen Er- stumpfen Augenverletzungen usw.
krankungen durchaus zur Heilung führen, wenn
Diese Art der Verordnung verdient aber eher die
zufällig das Similimum gewählt wurde, aber ohne
Bezeichnung. „Mittelwahl nach Schlüsselsympto-
das sichere Fundament der Verschreibung nach der
men“.
Homöopathie Hahnemanns.
Aber meist verstößt dieses Vorgehen gegen Hah-
nemanns Forderung, „nach deutlich einzusehen- 1.11.4 Die Homöopathie Hahnemanns
den Gründen“, also reproduzierbar zu therapieren. Die Aufnahme der „Gesamtheit der Symptome“ mit
Die Wahrscheinlichkeit von Unterdrückungen Hierarchisation und homöopathischer Differenzi-
peripherer Symptome ist groß, und damit schreitet aldiagnose (,Individualisation‘) ist die am besten
die Erkrankung ins Organische fort, d. h., bestimm- wirksame Methode, um akute und chronische
te Symptome verschwinden und werden durch hie- Krankheiten zu heilen, jedoch nicht die einfachste.
rarchisch höher stehende ersetzt, z. B. nach dem Sie erfasst die Individualität des Patienten mit
scheinbar geheilten Hautausschlag tritt eine Epi- seinen ,Zeichen und Symptomen‘ nach den Geset-
lepsie oder Nierendegeneration auf. zen des Organon und erfüllt damit Hahnemanns
Die homöopathische Therapie nach „bewährten Vorgaben im Sinne einer „sicheren Therapie“.
Indikationen“ kann auch verstanden werden, wenn
für eine bestimmte Erkrankungsart ein Arzneimit-
tel infrage kommt, dessen Indikation sich eindeutig
aus dem Arzneimittelbild ableiten lässt.
40 II Allgemeiner Teil

2 Praxis der Tierhomöopathie

Individualisieren und dabei


2.1 Die drei Säulen der
Reaktionsweise von Spezies und Rasse
Homöopathie („Miasma“) bewerten

Wie in Abbildung 1 dargestellt, lässt sich der beste
Mittel auswählen
Überblick über die Homöopathie aus den „drei Säu-

len“ des Simile-Gesetzes ableiten:
Potenz auswählen
„Similia“ steht für den Patienten,

„Similibus“ für die geprüfte homöopathische
Mittel verabreichen
Arznei,

„curentur“ für das homöopathische Procedere
Mittelwirkung beurteilen
der Heilung.

Das homöopathische Heilmittel wird durch Ver- Folgeverordnung, soweit notwendig
gleichen zwischen „Zeichen und Symptomen“ des
Patienten mit denen des geprüften Arzneimittels
gefunden. Dafür gibt es bindende Vorschriften. 2.1.1 Die erste Säule – „Similia“ – der
Wenn diese außer Acht gelassen werden, kann die Tierpatient
Homöopathie durchaus Schäden verursachen, wie
jede andere Therapie auch. Der Patient muss in seinem individuellen Krank-
Das Simile-Gesetz besagt mit anderen Worten: sein erfasst werden.
Was nicht krank machen kann, hat auch keine Kraft Beim Tier können hier gewisse Sonderaspekte
zum Heilen. hinzukommen: Manche Spezies oder Rassen wei-
Die Homöopathie ist keine „Naturheilkunde“, die sen typische Eigenheiten auf, welche die Mittel-
jeder Laie ohne Kenntnis auf Dauer einsetzen kann, wahl erleichtern können. Unter dem Thema der
sondern eine hochwirksame Medizin mit strengen „Miasmen“ sind einige solcher Besonderheiten be-
Direktiven. reits erwähnt worden.
Ihre Anwendung kann in einzelnen akuten oder
leichten Fällen nach Anweisung durchaus auch von
Wenn nun ein ganzer Tierbestand erkrankt ist,
Laien ausgeübt werden, aber die Therapie chroni-
kann dieser wie ein einziger Organismus behan-
scher Krankheiten setzt grundlegende Kenntnisse
delt werden. Dabei ist mitunter ein „Genius epi-
der homöopathischen Methodik voraus.
demicus“ erkennbar, ein einheitlicher Krank-
Der Weg zum homöopathischen Heilmittel –
heitsverlauf mit denselben Symptomen in einer
zum Simile:
größeren Population. Dieses Phänomen erlaubt
Patient
eine Behandlung des ganzen Tierbestandes mit

ein und demselben Mittel.
Erkennen von Zeichen und Symptomen

Auswählen In einem Stall mit 36 Mastkälbern verschiedenen
앗 Alters grassiert z. B. eine Atemwegsinfektion mit
Bewerten Tendenz zur Pneumonie. Mehrere kranke Tiere zei-
앗 gen Symptome für die Indikation von Phosphor.
Hierarchisieren Nun können alle übrigen Patienten vom Bauern
앗 selbst mit jeweils einer einzigen oralen Gabe einer
Simile finden (Repertorisieren) Hochpotenz von Phosphor therapiert werden.
앗 Der Kostenaufwand ist mit einem Stallbesuch
und wenigen Gramm Arznei minimal – gegenüber
dem Aufwand, der mit schulmedizinischer Medi-
kation erforderlich wäre.
2 Praxis der Tierhomöopathie 41

Das sind wichtige Möglichkeiten, um die Ge- wahrscheinlich – wenn überhaupt – nur einen vo-
sundheitsversorgung der landwirtschaftlich ge- rübergehenden Effekt haben.
nutzten Tiere in einem wirtschaftlich vertretbaren Gerade in der homöopathischen Praxis werden
Maße zu halten. oft Patienten mit Beschwerden vorgestellt, denen
Mitunter kann auch die Eigentümlichkeit der keine klinische Diagnose zugeordnet werden kann,
Spezies und ihrer Pathologie zur Mittelwahl eines die aber homöopathisch einer Heilung zugänglich
Tierbestands führen, wie es in Kapitel 1 anhand des sind.
Hähnchen-Mastbetriebes mit der Jodum-Therapie
beschrieben wurde.
Pathognomonische Symptome
Ein anderer Hähnchen-Mastberieb war an einem
schulmedizinisch resistenten Durchfall erkrankt Pathognomonische Symptome kennzeichnen das
mit täglich 300 Tieren Verlust. Der Bestand konnte klinische Krankheitsgeschehen, sie sind als ,nor-
mit zwei Gaben Tuberculinum aviaire C 30 geheilt mal‘ zu bewerten und haben für die Auswahl einer
werden. Im Abstand von 2 Tagen wurden je 5 g Glo- homöopathischen Arznei keinen Wert. Pathogno-
buli über die Trinkwasseranlage verabreicht. monische Symptome sind z. B.
Durst oder fehlender Appetit bei Fieber,
Der „Genius morbi“ bezeichnet einen konstan- Schmerz bei einem Entzündungsprozess,
ten Verlauf von Krankheiten in definiertem patho- Husten bei Bronchitis,
logischem Geschehen. Dieser kann einem oder Fieber und Apathie bei septischem Geschehen.
mehreren Mitteln zugeordnet werden, die anhand
ihrer Modalitäten differenziert werden müssen. Es ist ausgesprochen wichtig, zwischen pathogno-
Solch einen Genius morbi gibt es z. B. bei den monischen und homöopathisch verwertbaren
Harnwegserkrankungen der Kater oder beim linea- Symptomen unterscheiden zu können.
ren eosinophilen Granulom der Katze. In diesem Zusammenhang soll trotz aller Triviali-
Es gibt ein weites Forschungsfeld, um andere sol- tät daran erinnert werden, dass Zeichen und Symp-
cher Arzneimittelzuordnungen herauszufinden: tome von Tieren nicht immer identisch mit denen
des Menschen beurteilt werden dürfen.
Wenn es in der Arzneimittellehre z. B. von Vera-
Das Symptom
trum album heißt, der Patient esse seinen Kot, so ist
Aus den bisherigen Erklärungen geht hervor, dass das nicht gleichzusetzen mit dem Kotfressen eines
die Homöopathie den Begriff „Symptom“ anders Hundes: Ein Mensch, der Kot isst, leidet unter einer
bewertet als die Schulmedizin. Geisteskrankheit, ein Hund unter Mineralstoff-
mangel.
Klinische und pathologische Andererseits können gewisse Besonderheiten ei-
ner Tierspezies oder Rasse durchaus zur Mittelwahl
Symptome
beitragen (s. Miasmen).
Die Schulmedizin nutzt in erster Linie die klini-
schen Symptome (objektivierbare Untersuchungs-
Homöopathische Symptome
ergebnisse, Laborbefunde, Röntgen u. Ä.) und pa-
thologische Symptome, um eine Diagnose zu for- Das homöopathische Symptom bezeichnet das in-
mulieren, die dann mit den verfügbaren Pharma- dividuelle Kranksein des Patienten; es ist die Aus-
Präparaten m. o. w. schematisch behandelt wird. wirkung der „inneren Erkrankung“ und dient als
Die klinische Diagnose ist eine quantitative Diag- „Wegweiser“ für die Arzneimitteldiagnose und da-
nose (Rost), die natürlich auch für die homöopathi- mit für die Auswahl des Simile.
sche Medizin vorausgesetzt wird. Homöopathische Symptome bezeichnen die Art
Für die homöopathische Mittelwahl nehmen kli- und Weise (Modalität; s. Kap. 1.6.2) der Erkran-
nische Symptome meist einen untergeordneten kung, das Befinden des Patienten sowie Lokalisati-
Stellenwert ein, liefern aber trotzdem unverzicht- on und Dynamik der Pathologie.
bare Anhaltspunkte für die Beurteilung des Hei- Einen besonderen Stellenwert nehmen die auf-
lungsverlaufs. fallenden, sonderlichen, eigentümlichen Symp-
Erfolgt dennoch eine homöopathische Therapie tome (§ 153 Organon) für die Auswahl eines ho-
einzig nach klinischen Symptomen, so wird diese möopathischen Mittels ein. Das sind solche Symp-
tome,
42 II Allgemeiner Teil

die durch Sinneswahrnehmung auffallen, z. B. Aufgabe und Ziel der homöopathischen Anam-
– auffallende Blässe von Schleimhäuten, nese ist es, Anhaltspunkte für die Mittelwahl in
– schnarchende Atmung, Form von Zeichen und Symptomen zu finden,
– übermäßig intensiver Körpergeruch, die besonders kennzeichnend sind,
– übermäßig starke Berührungsempfindlich- die besonders betont sind,
keit, die möglichst vollständige Symptome angeben
– auffallende Körpergröße oder andere körperli- (mehrere Modalitäten; s. Kap. 1.6.2),
che Merkmale; die ausgeprägte, kennzeichnende Modalitäten
die unter den gegebenen Umständen nicht er- zeigen,
wartet werden, z. B. die zu den Leitsymptomen und Charakteristika
– Fieber ohne Durst, eines Arzneimittels gehören,
– Schmerzlosigkeit sonst schmerzhafter Prozes- die ein besonderes Verhalten kennzeichnen,
se, die zu den auffallenden, sonderlichen, eigenheit-
– ungetrübtes Verhalten oder sogar Hunger im lichen Symptomen gehören.
Fieber,
Die klinische Anamnese mit der klinischen Unter-
– Frieren im warmen Zimmer oder Stall;
suchung ist eine der Voraussetzungen für die ho-
die abweichen vom Prinzip der Lebenserhal-
möopathische Therapie. Dazu zählt zusätzlich das
tung, z. B.
Erfragen von:
– Automutilation (Selbstzerstörung),
Vorkrankheiten – deren Folgekrankheiten – Ab-
– Aggressivität innerhalb der Familie, gegenüber
folge von Erkrankungen,
Jungtieren (Kindern),
vorangegangenen Therapien und deren Verträg-
– Abneigung gegen Zuwendung.
lichkeit, Impfreaktionen,
Gemütssymptome bezeichnen beim Tier das
Reaktionen auf diese Therapien,
Verhalten, es gibt z. B.
durchgeführten Operationen, Genesung, mögli-
– besonders herzliche, liebevolle Tiere,
chen Folgen,
– unterwürfige, rangtiefe Tiere,
Unverträglichkeit chemischer Substanzen (z. B.
– mürrische, abweisende Stimmung, reizbare
Antiparasitika),
Tiere,
Fütterungsschäden (einschl. Zusatzstoffe, Vita-
– „Einzelgänger“, sogar bei Herdentieren,
mine, Mineralstoffe u. Ä.), Haltungsschäden
– Beschwerden durch Kummer, Zurücksetzung;
Einsatz von Medikamenten:
Allgemeinsymptome, z. B.
– pharmazeutische Medikamente (Immunsup-
– Magenbeschwerden durch Überfressen,
pressiva, Hormone, Antibiotika u. Ä.),
– gelblicher Scheidenausfluss,
– homöopathische Mittel, Komplexmittel,
– Bauchschmerzen am Nachmittag,
Schüssler-Salze,
– Müdigkeit nach dem Fressen.
– Phytotherapeutika u. Ä.
Lokalsymptome decken sich zum Teil mit den
klinischen Symptomen. Die homöopathische Anamnese gliedert sich in
den
Diese Symptome müssen in der homöopathischen Vorbericht,
Anamnese möglichst durch modalisierende Eigen- Spontanbericht des Besitzers und in die
schaften spezifiziert werden. homöopathische Befragung und Untersuchung.

Der Vorbericht eruiert:


Die homöopathische Anamnese Vorbedingungen für die Erkrankung,
Entstehung und Dynamik der aktuellen oder
Die Anamnese ist ein wesentlicher Baustein für die
chronischen Erkrankung,
Arzneimittelwahl. Hahnemann gibt in seinem Or-
frühere Krankheiten, deren Therapie und Ergeb-
ganon (§§ 83 – 89) genaue Anweisungen, die Kent
nis.
mit wesentlichen Kommentaren ergänzt hat.
Beim Tier ist es mitunter schwierig, homöopa- Der Spontanbericht des Besitzers erklärt in seinen
thisch verwertbare Angaben und Einzelheiten über eigenen Worten das Krankheitsgeschehen.
die Art der Erkrankung zu erfahren, darum ist es In der homöopathischen Befragung werden die
empfehlenswert, die Anamnese so gründlich wie Angaben des Spontanberichtes spezifiziert. An-
möglich vorzunehmen.
2 Praxis der Tierhomöopathie 43

schließend wird der gesamte Organismus nach Sozialverhalten, z. B.


dem „Kopf-zu-Fuß“-Schema abgefragt: – sozialer Rang unter Artgenossen sowie gegen-
„Von Kopf zu Pfote“, „von Kopf zu Huf“ oder „von über dem Menschen,
Kopf zu Klaue“ – jede Möglichkeit sollte genutzt – Einhalten von „Burgfrieden“,
werden, um homöopathische Symptome zu fin- – Zurückhaltung, Schüchternheit, Verlangen
den! Auch beim „normalen“ oder „unauffälligen“ nach Zuwendung, aufdringliches Wesen,
Patienten lassen sich in den meisten Fällen An- – unterwürfiges Verhalten,
haltspunkte für eine Mittelwahl finden. – „sympathisches“, „unsympathisches“ Auftre-
Als Gedächtnisstütze diene diese Reihenfolge: ten;
Zentralnervensystem und Sinnesorgane Angst, Furcht;
Kopf psychische Auffälligkeiten, z. B.
Atemwege – Ruhelosigkeit,
Herz-Kreislauf-System – „Einzelgänger“ (Absonderung aus dem Sozial-
Thorax verband, von Herde, Familie);
Verdauungsapparat „Intellekt“, Lernvermögen;
Abdomen Lieblingsbeschäftigung.
Urogenitalsystem
Haut, Körperoberfläche Mit bestimmten Untersuchungen kann sich der Ho-
Krallen, Hufe, Klauen möopath zusätzlich über gewisse Eigenheiten oder
Bewegungsapparat Modalitäten informieren. Dazu gehört z. B. das Tes-
Schlaf ten auf Berührungs-, Druck- oder Schmerzemp-
Verhaltenssymptome. findlichkeit bestimmter Körperregionen.
In der ganzen Anamnese kommt es darauf an,
Letztere haben beim Tier denselben Stellenwert den Patienten als Individuum wahrzunehmen: Was
wie die Gemütssymptome beim Menschen. Für das unterscheidet ihn von anderen Artgenossen?
Eruieren und Bewerten dieser Symptome gelten
ebenfalls dieselben Kriterien.
Während des Gesprächs mit dem Tierbesitzer
Natürlich handelt das Tier spontaner und weni-
ist es überaus wichtig, den Patienten zu beob-
ger gehemmt als der Mensch und ist in diesem Sinn
achten. Wenn das nicht ausreicht, könnte man
etwa gleichzusetzen mit einem Kleinkind. Das Tier
bestimmte Situationen provozieren, um seine
äußert seine Empfindungen deutlich. Ferner sind
Reaktion zu beobachten.
auch klinische Ursachen für das Verhalten zu be-
rücksichtigen.
Auch unter den Gemüts- bzw. Verhaltenssymp- Möglicherweise sind die Angaben des Besitzers von
tomen besteht eine Hierarchie: Wesentlich ist in seinen Idealvorstellungen, Selbstdarstellung oder
erster Linie der Lebenswille, anschließend die in- Projektionen geprägt. Es ist erstaunlich, wie unter-
tellektuelle Ebene und schließlich die emotionel- schiedlich sich z. B. zwei Eheleute über ihren ge-
le Lage mit geprägten Eigenschaften. meinsamen Hund äußern können!
Unter den Verhaltenssymptomen sind folgende Bei jeder unklaren Antwort des Besitzers ist es
Kriterien herauszufinden: wichtig, nachzufragen, was er damit meine!
Reaktionsfähigkeit, Temperament, Leistungs- Am Ende vieler Aussagen sollte immer wieder
fähigkeit, z. B. die Frage: „Was gibt es noch?“ gestellt werden.
– Lebensfreude, Spielverhalten, Bewegungs- Viele Tierbesitzer vergessen das Wichtigste, man
drang, muss ihnen mit konkreten Fragen helfen: „Was
– Reizbarkeit, Reaktion auf Sinneswahrnehmun- macht der Patient, wenn . . .?“
gen, Die Aufnahme der Anamnese erfordert oft viel
– Lautäußerungen, Geduld und Übung, um das Wesentliche vom weni-
– „Extroversion“, „Introversion“; ger wichtigen zu unterscheiden.
Durchsetzungsvermögen, z. B. Unter den Verhaltenssymptomen genießen sol-
– Ausprägung von Dominanz und Aggressivität che den höchsten Stellenwert, die gegen das Ur-
oder Nachgiebigkeit, Feigheit, prinzip der Lebenserhaltung verstoßen, z. B. plötz-
– Gehorsam, Widersetzlichkeit; liche, unersichtliche Aggressivität ohne vorherige
44 II Allgemeiner Teil

Drohgebärden, Aggressivität gegen Untergeordne- II Geistes- und Gemütssymptome


te oder Jungtiere, Absondern aus dem Herdenver- 1) Willenslage
band, mangelndes Abwehrverhalten bei einem An- 2) Gemütslage, Emotionen, Prägung
griff von Artgenossen. 3) Vernunft und Verstand
Alle Angaben der Anamnese sollten sorgfältig III Allgemeinsymptome
dokumentiert werden, um so den folgenden Hei- 1) Sekrete und Wundverhalten (Farbe, Geruch,
lungsprozess überprüfen zu können. Dieser muss Beschaffenheit, Modalitäten, Temperatur)
streng gemäß der Hering’schen Regel verlaufen. An- 2) Abneigungen, Zuneigungen, Unverträglich-
derenfalls sollte die Mittelwahl genau nach Fehlern keiten, Begierden
überprüft und ein anderes, besser passendes Mittel 3) Menses, Sex
gefunden werden. 4) Schlaf und Traum
5) allgemeine Modalitäten
IV Ursachen
Auswahl und Hierarchisation der
– Trauma (physisch oder/und psychisch)
Symptome – Schreck, Shock
Aus der Anamnese des Patienten werden nun nach – Operationen, Impfungen usw.
den genannten Kriterien die wichtigen und kenn- V Lokalsymptome (Symptome ohne Modalitä-
zeichnenden Symptome herausgesucht. ten oder Definition)
Um die Forderung Hahnemanns und Kents nach
dem „allerähnlichsten“ Mittel für den Patienten zu Dieses Schema lässt sich sinngemäß auch für die
erfüllen, ist das folgende Schema für die Hierarchi- Tiermedizin anwenden.
sation der Symptome unerlässlich und einfach zu Grundsätzlich kann jedes Symptom zum „son-
merken. derlichen“ werden, wenn es nur intensiv genug
Diese Hierarchisation erklärt das Kriterium der ausgeprägt ist. Auch eine eindeutige Ursache
Ähnlichkeit am deutlichsten und wurde von Dr. kann „sonderlich“ sein, wenn die Erkrankung ein-
Künzli auf seinen Seminaren und Vorlesungen ver- deutig erst seitdem existiert.
öffentlicht. Die „Lokalsymptome“ ermöglichen keine Diffe-
I Auffallende, sonderliche, ungewöhnliche, renzierung homöopathischer Mittel.
charakteristische, eigenheitliche Zeichen und Geübte Humanhomöopathen verwenden selten
Symptome (§ 153 Organon) mehr als 6 Symptome eines Patienten. In der Tier-
1) Symptom an sich ist sonderlich homöopathie mag das anders sein. Es ist eine Frage
2) Symptom wird durch seine Modalität son- der Übung, so wenig wie möglich, aber dafür deut-
derlich lich ausgeprägte Zeichen und Symptome für die
3) Symptom wird durch seine Lokalisation Mittelwahl heranzuziehen.
sonderlich
4) Symptom wird durch seine Empfindung Repertorisation
sonderlich
5) Symptom wird durch seine Erstreckung zu Das Repertorium ist ein unverzichtbares Hilfsmit-
einer Körperregion sonderlich tel. Die Symptome des Patienten müssen zunächst
6) Symptom wird durch Beginn und Ende son- gedeutet, dann in die „Sprache“ des Menschen und
derlich schließlich in die Nomenklatur dieses Nachschla-
7) Symptom wird sonderlich, indem ein erwar- gewerks übertragen werden.
tetes Symptom fehlt Dieser Vorgang schreckt manchen Einsteiger in
8) Auftreten von widersprüchlichen Sympto- die Homöopathie als unüberwindliches Hindernis
men ab. In gezielten Seminaren über die Technik der
9) Symptom wird durch seine Begleitumstän- Anamnese, Übertragung der Symptome in die Aus-
de sonderlich drucksweise der Arzneimittelbilder und Repertori-
10) Symptom wird durch sein periodisches Auf- sation ist dieser Schritt jedoch erlernbar und for-
treten sonderlich dert uns dann zum kriminalistischen Aufspüren
11) Symptom wird sonderlich, indem es ab- des passenden Mittels auf.
wechselnd mit anderen Symptomen auftritt Dennoch muss nicht jeder Fall repertorisiert
12) Symptom wird auffallend, indem es in ganz werden. Bei ausreichender Arzneimittelkenntnis
besonderer Abfolge auftritt
2 Praxis der Tierhomöopathie 45

und nach guter Anamnese kann in manchen Fällen Diesen Vorgang nennt Hahnemann individuali-
das Repertorisieren überflüssig sein. sieren.
Andererseits ist es nicht möglich, ohne Arznei- Die „Natur des Kranken“ betrifft im Fall der Tier-
mittelkenntnis und ohne Wissen über den Ge- homöopathie auch das „Wesen“ der Tiere, wie es
brauch des Repertoriums homöopathisch zu arbei- im Kapitel der Miasmen (1.10) erwähnt worden ist.
ten. Nach der Repertorisation kristallisieren sich ein
Das umständliche Repertorisieren kann heute oder mehrere Mittel für den Patienten heraus. Jetzt
durch den Computer wesentlich erleichtert wer- stellt sich die Frage, welches ist das Similimum?
den. Jedoch das Auswählen und Übertragen der Bei diesem Individualisieren muss der Therapeut
Symptome in die Ausdrucksweise des Repertori- den § 3 im Blickfeld behalten: Was ist dasjenige, das
ums muss auch hier zunächst erlernt werden. geheilt werden soll? Was ist die heilende Arznei-
kraft des infrage kommenden Mittels?
Ferner: Passt das Mittel zur Art und Dynamik der
2.1.2 Die zweite Säule – „Similibus“ – Pathologie, zur Reaktionsweise, zur Pathophysiolo-
das homöopathische gie, zu den Verhaltenssymptomen dieses Patien-
ten? Stimmen die Modalitäten überein? Welche
Arzneimittel
Zeichen und Symptome konnten bisher nicht re-
pertorisiert werden und wie passen diese in das
Jedes homöopathische Arzneimittel hat seine be-
fragliche Arzneimittelbild? Was ist durch dieses
sondere, einzigartige Wirkung und kann durch kein
Mittel zu erwarten? Wie würde der Patient auf die-
anderes ersetzt werden (§ 118 Organon).
ses Mittel reagieren?
Arzneimittelkenntnisse sind die Voraussetzung
Im Zweifelsfall muss ein gutes, möglichst aus-
für eine erfolgreiche Praxis. Zusätzlich schärfen sie
führliches Nachschlagwerk der Homöopathie he-
den Blick für eine differenzierte Anamnese; denn
rangezogen und nachgelesen werden.
man kann nur fragen und aufspüren, was man be-
Negativsymptome eines Arzneimittels („der Pa-
reits kennt.
tient hat aber doch nicht . . .“) sollten mit Vorsicht
Für das beginnende Studium der Arzneimittel-
betrachtet werden. Auch hier können nur detail-
lehre empfehlen sich Werke der Humanhomöopa-
lierte Arzneikenntnisse Aufschluss geben.
thie, die in fortlaufendem Text geschrieben sind,
Das Individualisieren mit der Arzneimittellehre
wie solche von Nash, Kent oder Dewey.
auf dem Schreibtisch und einem Patienten im Sinn
Besonders in der veterinärmedizinisch-homöo-
ist die beste und nachhaltigste Lernmethode!
pathischen Literatur werden zahlreiche Mittel nur
aus einem Blickwinkel dargestellt, während andere
Aspekte fehlen. So ist z. B. Sepia keineswegs nur das 2.1.3 Die dritte Säule – „Curentur“ –
Mittel für das erschöpfte alte Muttertier! das Procedere der Heilung
Grob vereinfachende oder aphoristisch abgefass-
te Arzneimitteldarstellungen können heftig in die Die potenzierte Arznei
Irre leiten!
Homöopathische Arzneien stehen in verschiede-
nen Zubereitungsformen zur Verfügung.
Individualisation Tabletten und Milchzuckerverreibungen gibt es
für tiefe Potenzen. Häufiger sind alkoholische Dilu-
Beim Repertorisieren und anschließenden Aus-
tionen. Diese müssen vor dem Gebrauch jedes Mal
wählen des Simile geht es nicht um mechanisches
kräftig geschüttelt oder besser auf einen elasti-
Zusammentragen und Summieren von Sympto-
schen Gegenstand geschlagen werden. Dasselbe
men. Kent sagt dazu:
gilt auch für Injektionslösungen.
„Es zeugt von einer wirklich oberflächlichen Besonders für die Anwendung in der ambulanten
Kenntnis, wenn man einfach darauf achtet, Praxis eignen sich die homöopathischen Globuli.
dass sich die Symptome decken . . . Sie bestehen aus Stärkemehl und Saccharose.
Wenn du ein Mittel gibst, musst du sicher sein, dass Durch Auftropfen einer minimalen Menge der alko-
die Natur des Mittels mit der Natur des Kranken holischen Dilution werden unarzneiliche Globuli
übereinstimmt – wie auch die Symptome.“ mit der arzneilichen Information imprägniert.
46 II Allgemeiner Teil

Für die Praxis muss ein möglichst großes Reper- Metapher zur Wirkungsweise
toire an Mitteln in verschiedenen Potenzstufen zur
homöopathischer Arzneien
Verfügung stehen.
Globuli sind für Platz sparende Aufbewahrung Die Wirkung von Potenzstärke, Frequenz der Dosie-
ideal geeignet, zusätzlich kostengünstig und prak- rung und Dauer der Verabreichung lässt sich am
tisch unbegrenzt haltbar, obwohl die Gesetzgebung einfachsten durch ein metaphorisches Bild ver-
anderes vorschreibt. deutlichen (Abb. 8):
Der fest verwurzelte, aufrecht stehende Baum
symbolisiert die ausgeglichene, gesunde, selbst re-
Kriterien der Verabreichung
gulierende Lebenskraft.
homöopathischer Arzneien Der Einfluss eines heftigen pathogenen Faktors,
Neben der optimalen Ähnlichkeitsbeziehung zum der die Kraft der Eigenregulation übersteigt, sei
Patienten gibt es drei Kriterien für die Art der Ver- hier als Sturmwind dargestellt, der den Baum – ent-
abreichung der Arznei: sprechend der gestörten Lebenskraft! – aus dem
Die Arznei muss in ihrer Intensität, in ihrer Po- Gleichgewicht und zum Kippen bringt.
tenzstärke dem Patienten und seiner Erkran- Die „Therapie“ mit dem passenden Simile be-
kung angemessen sein. steht in einem „künstlichen Sturmwind“ aus der
Die Arznei muss hinsichtlich der Frequenz der anderen Richtung, gleichbedeutend mit dem Reiz
Dosierung zu Schwere und Dynamik der Erkran- durch eine dynamisierte Arznei.
kung passen. Eine „Therapie“ durch mehr Sonnenschein, Dün-
Die Dauer der Verabreichung muss dem Verlauf ger, Feuchtigkeit oder Streicheleinheiten kann zwar
der Heilung angemessen sein. dem Baum ein Weiterwachsen ermöglichen, aber
in liegender Form. Das heißt: „Sonne“, „Dünger“
oder „Regen“ wären in diesem Fall nicht passende,
„falsch“ gewählte Arzneien.

ãKŸnstlicher SturmwindÒ
aus der anderen Richtung

Lebenskraft

Sturmwind

Abb. 8 „Der Baum“ der Lebenskraft.


2 Praxis der Tierhomöopathie 47

Natürlich ist diese Metapher cum grano salis zu Dosierungen für Höchstpotenzen angegeben wer-
verstehen. den, wie „ Arsen M, 2 ⫻ tgl. für eine Woche“, oder
Der „Sturmwind“ aus der anderen Seite muss wenn gar veröffentlicht wird, für die Hüftgelenk-
aber wohl dosiert sein: Er kann in kurzen, geringen dysplasie des Hundes solle man „Calcium fluori-
Impulsen blasen, mehrere stärkere oder einen ein- cum D 30 einmal täglich für 4 Wochen“ geben.
zigen ganz intensiven Impuls geben. Es ist bekannt, dass im Rahmen einer homöopa-
Der Impuls ist gleichzusetzen mit der Stärke der thischen Arzneimittelprüfung mit C 30 bei einmali-
Potenz, die Zahl der „Windstöße“ mit der Frequenz ger Einnahme pro Tag in der Regel nach 6 Tagen die
der Gabe. Prüfsymptome der Arznei auftreten.
Der kranke Organismus setzt diese Impulse für Wenn nun ein Patient über einen derart langen
die Stärkung seiner Lebenskraft ein, das heißt, die Zeitraum ein „falsches“ Mittel verabreicht be-
Energie dieser Kraftstöße „verbraucht“ sich pro- kommt, dann sind Symptome einer Arzneiprüfung
portional zum Grad der aus dem Gleichgewicht ge- zu erwarten, die in der Literatur nachzulesen sind.
ratenen Lebenskraft, zur Schwere der Erkrankung.
Das bedeutet auch, dass die Intervalle der Arznei- Verwendung „hoher“ und „tiefer“
gaben mit fortschreitender Heilung immer größer
Potenzstufen
werden müssen.
Wie bereits erwähnt ist das zunehmende subjek- Die Höhe oder Stärke der Potenz muss der Thera-
tive Wohlbefinden des Patienten das wesentliche peut nach seinem Ermessen und seiner Erfahrung
Kriterium für die heilende Wirkung der Arznei und erwägen.
auch Maßstab für die Gesundung der Lebenskraft. Tiefe Potenzen (bis C12) wirken weniger signifi-
Dabei wird verständlich, dass der Impuls durch kant als höhere Potenzen. Sie decken ein breiteres,
den Sturmwind – bzw. die Arzneigabe – aufhören aber weniger spezifisches Spektrum des Arznei-
muss, sobald es dem Patienten besser geht. mittelbildes ab.
Um diesen Verlauf zu beurteilen, bedarf es der Das heißt, eine tiefe Potenz kann bei wiederhol-
genauen Beobachtung des Patienten. ter Gabe deutlich den Zustand eines Patienten bes-
Eine Fortsetzung der Arzneigaben – der Windim- sern, während eine einmalige Gabe desselben Mit-
pulse – würde dazu führen, dass der Baum nach tels in einer höheren Potenz keine Wirkung zeitigt.
kurzer Besserung zur anderen Seite hin umstürzt, Dieses Phänomen gilt als Palliativeffekt. In der Re-
das heißt, seine ursprüngliche Krankheit ver- gel kehren die Beschwerden nach Absetzen der Pal-
schlimmert sich wieder und entwickelt bei weite- liativ-Arznei in wenigen Tagen wieder zurück, sie
rer Fortsetzung der Medikation Symptome einer wirken nicht „dauerhaft“ im Sinn Hahnemanns.
Arzneimittelprüfung. Die Wirkungsweise der tiefen Potenzen wird für
Komplexmittel genutzt, um ein möglichst breites
„Spektrum“ der klinischen Erkrankung abzude-
Es ist ein altbekannter Grundsatz der Homöopa-
cken.
thie, dass die Arzneigabe niemals in eine begin-
Wenn die tiefe Potenz das „Similimum“ ist, so
nende Besserung hinein wiederholt werden
kann auch diese durchschlagend im Akutfall wir-
darf.
ken. In der Regel benötigt eine tiefe Potenz eine
häufigere Gabe, um den gewünschten Effekt zu er-
Leider findet sich dieser Hinweis nur allzu selten in zielen. Als Injektion wirken tiefe Potenzen intensi-
der Literatur für homöopathische Laien. Dort sind ver als bei einmaliger oraler Gabe.
Standardindikationen mit standardisierten Dosie- Höhere Potenzen wirken spezifischer, haben ei-
rungen empfohlen, die nur allzu oft zum Miss- nen intensiveren Effekt als Tiefpotenzen.
brauch mit homöopathischen Mitteln und zum Allerdings wirkt auch die injizierte C 30 intensi-
Auftreten von Arzneimittelbildern führen. ver als eine einmalige orale Verabreichung. Ab
Wenn Hersteller von homöopathischen Pharma- 200. Potenz wirkt die Injektion genauso wie die
zeutika eine „homöopathische Dauertherapie“ pro- orale Verabreichung.
pagieren, lässt sich ermessen, dass damit Schaden Wer auf der Injektion besteht, kann auch Globuli
angerichtet werden kann. verwenden, die in physiologischer Kochsalzlösung
Umso schlimmer ist es, wenn z. B. in bekannter aufgelöst sind.
homöopathischer Literatur der Veterinärmedizin
48 II Allgemeiner Teil

Der Nutzen hoher Potenzen sei kurz zusam- Im Allgemeinen wirken Arzneien in der C 30
mengefasst: langsamer und weniger effektiv als hohe Dynami-
Platz sparende Aufbewahrung, sationen – dennoch mag es Ausnahmen geben.
beliebige Applikation – oral, nasal, vaginal usw., Nach einer solchen Arzneigabe ist es notwendig,
Applikation einer beliebigen Zahl Globuli, auch das weitere Befinden des Patienten zu kontrollie-
in aufgelöster Form, ren. Wenn das Fortschreiten der Heilung stagniert
schnelle und intensive Wirkung, oder wenn es dem Patienten nach einer anfängli-
kostengünstige Arznei. chen Besserung wieder schlechter geht, muss die
Arzneigabe wiederholt werden.
Viele Therapeuten befürchten hier eine „Erstver-
Potenzwahl im Akutfall
schlimmerung“. Das ist ebenfalls ein weit verbrei-
Hahnemann forderte, die „Kunstkrankheit“ (ausge- teter Irrtum. Im akuten Fall gibt es auch mit hohen
löst durch die homöopathische Arznei) müsse um Potenzen so gut wie keine solche Reaktion: Es wäre
ein geringes stärker sein als die „natürliche Krank- ja unsinnig, wenn Hahnemanns Nachfolger eine
heit“ (die des Patienten). Methode entwickelt hätten, die im akuten Krank-
Das heißt in anderen Worten: Eine heftige Krank- heitsfall schaden könnte. Im 19. Jahrhundert wur-
heit benötigt auch einen heftigen Arzneireiz. Je hö- den zahllose Patienten mit lebensgefährlichen Er-
her die Potenz, umso intensiver ist die Wirkung. krankungen mit hohen und Höchstpotenzen be-
Wer also eine intensive Erkrankung möglichst handelt.
schnell heilen möchte, benötigt eine entsprechend Die Vorstellung, hohe Potenzen seien gefährlich,
hohe Potenz. Das gilt sowohl für akute als auch für kann nur durch falsche Anwendung begründet
chronische Erkrankungen. sein.
Es ist ein weit verbreiteter Irrtum, wenn es heißt, Nach der Verabreichung einer Arznei braucht der
man solle akute Krankheiten mit tiefen, chronische Therapeut insbesondere im brisanten Akutfall
Krankheiten mit hohen Potenzen behandeln! möglichst schnell eine Rückmeldung des Patienten,
In der hier vorliegenden Kasuistik ist die Wir- ob diese Arznei richtig gewählt war.
kung hoher Potenzen bei akuten Erkrankungen Dieses Feed-back kann bei einer Tiefpotenz meh-
vielfach beschrieben. rere Stunden auf sich warten lassen. War nun die
Ein bisher gesunder Patient mit einer heftigen Arznei nicht das passende Simile, so geht wertvolle
akuten Erkrankung gelangt am schnellsten zur Zeit verloren und die ursprüngliche Erkrankung
Genesung, wenn er eine hohe Potenz bekommt. schreitet weiter fort, bis die „richtige“ Arznei ge-
Das kann ein pflanzliches Mittel in der 1000. (M) funden ist.
oder 10 000. (XM) Potenz oder ein mineralisches Wird aber ein Mittel in hoher Potenz falsch ge-
Mittel in der 200. C-Potenz sein. Arzneien aus dem wählt, so erkennt man im Akutfall innerhalb kurzer
Tierreich nehmen eine Mittelstellung ein. Es gibt Zeit – meist weniger als 30 Minuten – das ungehin-
jedoch keine bindenden Vorschriften für die Po- derte Fortdauern der akuten Symptome.
tenzwahl. Hiermit wird deutlich, dass neben einer gezielten
Häufig gelingt es, eine Erkrankung mit einer ein- homöopathischen Therapie keine zusätzliche the-
zigen Gabe einer solchen hohen Potenz zu heilen. rapeutische Maßnahme (z. B. Akupunktur,
Wer es nicht wagt, derart hohe Potenzen einzu- Schmerzmittel) stattfinden darf.
setzen, kann auch mit einer C 30 arbeiten. Aller-
dings muss dann der Arzneireiz häufiger gegeben Verfügt ein akut kranker Patient über eine
werden: Dafür könnte man einige Globuli in etwas schwache Lebenskraft (z. B. vorangegangene lange
Wasser auflösen und davon wiederholt – z. B. alle toxische Belastung, sehr alte Patienten, organische
10 Minuten für 1 – 2 Stunden – etwas verabreichen. Schäden), so empfiehlt sich auch hier eine höhere
Dieses so genannte Verkleppern ist eine Methode, Potenz. Mit einer C 200 kann bei Beachtung der ge-
die gut für homöopathische Laien geeignet ist. Ge- nannten Direktiven kein Schaden angerichtet wer-
nauso wirksam ist die wiederholte Gabe von puren den (Empfehlung von Dr. Künzli).
Globuli.
Es ist auch möglich, die wiederholten Gaben über
den ganzen Tag zu verteilen.
2 Praxis der Tierhomöopathie 49

Vorteile hoher Potenzen im Akutfall Vorteile hoher C-Potenzen im


(C 200, M, XM) chronischen Fall
schnell und deutlich erkennbarer Effekt einmalige Dosierung – am vorteilhaftesten in C
schneller Wirkungseintritt, oft schon nach weni- 200, M oder XM
gen Minuten deutliche Reaktion des Patienten ohne Zusatz-
daher schnelle Bestätigung der richtigen oder Therapie
falschen Mittelwahl, kein unentschiedenes zwei- keine Gefahr von Überdosierung
felndes Warten Erstreaktion ist möglich, aber üblicherweise im
Heilung häufig bereits nach einer Einzelgabe erträglichen Rahmen
deutliche Reaktion des Patienten, wenn eine bei akuten Zwischenerkrankungen sind Komple-
Wiederholung der Arznei angebracht ist mentärmittel erforderlich
deutliche Zeichen, wenn ein Folgemittel ange- deutliche Reaktion, wenn eine Wiederholung der
bracht ist Arznei indiziert ist
große therapeutische Sicherheit, wenn die Re-
geln der Homöopathie beachtet werden
Potenzwahl im chronischen Fall
mehr als 100 Jahre Erfahrung!
Auch in chronischen Krankheitsfällen wirken hohe
Potenzen effektiver und sind leichter zu dosieren Aber die gewählte Arznei muss das richtige Simile
als tiefe Dynamisationen, die wiederholt gegeben sein, das „falsche“ Mittel bringt entweder keinen
werden müssen. oder einen vorübergehenden (Palliativ-)Effekt und
Verfügt ein Patient über eine gesunde Lebens- lässt die ursprüngliche Krankheit weiter fortschrei-
kraft, so wirkt auch hier eine Einzelgabe einer M- ten.
oder XM-Potenz am überzeugendsten. Eine C 200
bringt in vielen Fällen ein undeutliches, schwer Richtlinien von Kent zur Verwendung
überschaubares Ergebnis.
hoher Potenzen
Wurde der Patient jedoch langfristig mit immun-
suppressiver Therapie behandelt, dann besteht Kent empfiehlt für die Therapie chronischer Krank-
nach der Gabe einer zu hohen Potenz die Gefahr ei- heiten aufsteigende Dosierungen von Dynamisa-
ner starken Erstreaktion. Darum ist es wichtig – be- tionen, die der Reihenfolge nach genannt sind:
sonders bei Kortikiod-vorbehandelten Erkrankun- Wenn die C 30 nicht mehr genügend wirkt, soll als
gen der Haut –, sich vorsichtig mit einer C 30 heran- nächst höhere Potenz die 200. gewählt werden;
zutasten und diese zunächst ein- bis maximal wenn diese keinen weiteren Heilimpuls gibt, soll
zweimal pro Woche, dann in größer werdenden In- auf die 1000. Potenz übergegangen werden – usw.
tervallen zu geben. Die Verwendung von Q-Poten- Es hat sich bewährt, die gut wirksame Potenz in
zen stößt beim Tier auf enorme Schwierigkeiten, entsprechenden Abständen zu wiederholen, solan-
weil der Tierbesitzer mit differenzierten Rückmel- ge sie zufrieden stellend wirkt.
dungen über das subjektive Befinden des Tieres Bei der „Wirkungsdauer“ homöopathischer Arz-
häufig überfordert ist. neien handelt es sich nicht um einen Blutspiegel
Wenn der Zustand des Patienten so weit gebes- oder einen „Stoff“, der sich im Organismus befin-
sert ist, dass die Pharma-Therapie nach Ausschlei- det. Vielmehr ist es der Impuls durch die Arznei, der
chen abgesetzt worden ist, kann i. d. R. ohne Proble- imstande ist, die Lebenskraft für eine gewisse Zeit
me auf eine langfristig wirkende 200. Potenzstufe zu stabilisieren. Hohe Potenzen „wirken“ meist
übergewechselt werden. sehr viel länger als 35 Tage.
Natürlich kann auch die Verwendung tiefer Po- Wenn der Organismus schwächenden Reizen
tenzen einen Heileffekt zeitigen, aber dieser schrei- ausgesetzt ist (immunsuppressive Therapie, über-
tet langsamer und weniger deutlich fort; damit ist mäßiger Stress, toxische Einflüsse), so kann der
die Bestätigung der richtigen Arzneiwahl er- Heilungsimpuls durch die Arznei vorzeitig „ver-
schwert. braucht“ werden.
Wenn die angegebene „Wirkungsdauer“ unter-
schritten wird, stellt sich die Frage, ob das Arznei-
mittel wirklich ein gutes Simile oder nur ein Pallia-
tiv gewesen ist.
50 II Allgemeiner Teil

Kent-Skala und „mindeste Zu Hahnemanns Zeiten gab es keine „Sportpfer-


Wirkungsdauer“ homöopathischer de“. Wenn zu seiner Zeit ein Pferd etwas steif oder
lahm ging, so war das nicht annähernd so folgen-
Arzneien in chronischen Fällen
schwer wie heute bei einem kostbaren Spring- oder
C 30 Dressurpferd.
mindestens 14 Tage (wenn überhaupt richtige Die Kühe wurden seinerzeit noch mit der Hand
Potenz!) gemolken, Hochleistungskühe sind erst das Pro-
C 200 dukt von menschlich gesteuerter Zuchtauslese der
mindestens 4 Wochen, oft über 3 Monate letzten 60 Jahre.
C 1000 oder 1 M Grundsätzlich sollte immer versucht werden,
mindestens 35 Tage, oft mehr als 3 Monate auch lokale Erkrankungen mit einem konstitutio-
C 10 M oder XM nell gewählten Mittel zu beeinflussen.
mindestens 35 Tage, meist mehr als 3 Monate Wenn das z. B. bei einer chronischen Lahmheit
C 50 M des Pferdes nicht gelingt, müssen andere Überle-
mindestens 3 Monate, meist mehr als 6 Monate gungen zur Mittelwahl eines Simile einfließen.
C 100 M oder CM Solche Lahmheiten des „Sportpferdes“ sind meist
mindestens 6 Monate bis ein Jahr traumatischer Natur und benötigen ein Mittel mit
entsprechendem Schwerpunkt. Es ist durchaus
möglich, dass ein solches Pferd Calcium phosphori-
Diese Übersicht ist eine ganz wesentliche Hilfe
cum oder Calcium fluoricum braucht, ohne dass da-
für die Beurteilung chronischer Krankheitsfälle.
für ein konstitutioneller Bezug vorliegen muss.
Daraus ist keineswegs zu entnehmen, dass eine
Für die Kuh hat sich z. B. Ruta bei Schleimhautlä-
hohe Potenz jeweils nach 5 Wochen wiederholt
sionen durch die Melkmaschine herausgestellt; es
gegeben werden sollte! Entscheidend ist einzig
bleibt zu forschen, um weitere Mittel und deren
die Reaktion des Patienten.
Symptome für Reizungen des Eutergewebes oder
subklinische Mastitiden zu finden. Entsprechende
Erkrankungen sind beim Menschen nicht bekannt.
2.2 Ausnahmen im
homöopathischen 2.2.2 „Einseitige Erkrankungen“

Procedere Als „einseitige Krankheiten“ bezeichnet Hahne-


mann solche, die sich durch keine oder nur sehr
wenige Symptome auszeichnen. Er schreibt darü-
2.2.1 Das „lokale Übel“ ber in §§ 173 – 182 des Organon.
In der Veterinärmedizin nehmen derartige Er-
Hahnemann betont immer wieder, dass ein „loka-
krankungen zurzeit sehr stark zu. Dazu gehören
les Übel“ (lokale Erkrankung) niemals „ohne innere
nicht nur Tumorgeschehen und Autoimmuner-
Ursache auf seiner Stelle verharrt oder sich gar ver-
krankungen, sondern z. B. auch die Viruserkran-
schlimmert ohne Zutun des ganzen, folglich kran-
kungen der Katze, deren Immunsystem darauf un-
ken Organismus . . .“. Auch eine „lokale Erkrankung“
zureichend reagiert.
sei immer ein Produkt des ganzen Organismus.
Für solche Erkrankungen liegt wieder ein weites
Aber Hahnemann behandelte keine Tiere unter
Forschungsgebiet für die Homöopathie offen.
den Voraussetzungen der heutigen Zeit.
Das Vorgehen bei diesen Erkrankungen erfordert
Es gibt bei unseren Haustieren diverse „lokale Er-
besondere Strategien. Diese sind besonders gut be-
krankungen“, die ein besonderes Vorgehen erfor-
schrieben in den Büchern von Dario Spinedi und ei-
dern. Nicht jede „Lokalkrankheit“ kann mit dem
nigen indischen Homöopathen.
„konstitutionellen Mittel“, das „die Gesamtheit der
Symptome“ des Patienten integriert, geheilt wer-
den.
Dazu gehören z. B. viele Formen von Bewegungs-
störungen der Pferde, ebenso zahlreiche Euterpro-
bleme der heutigen Milchkuh.
2 Praxis der Tierhomöopathie 51

2.3 Der Verlauf der Heilung Die Prognose einer chronischen Erkrankung
kann erst nach der Reaktion des Patienten auf
Nach dem Aufwand von Anamnese, Bestimmung
seine Arznei gestellt werden.
der wahlanzeigenden Symptome, nach Repertori-
sation, Individualisation und Auswahl der Potenz
hat nun der Patient endlich seine Arznei erhalten.
2.3.1 Folgeverordnung
Die nächste Frage lautet: Was ist zu erwarten?
Was wäre optimal? Welche Reaktion des Patienten Kent sagt wörtlich:
bestätigt die richtige Arzneimittelwahl?
„Es ist so übel wie unnütz, eine zweite Gabe zu ver-
Im Akutfall müssen homöopathische Mittel in-
abreichen, solange die Wirkung der ersten Dosis
nerhalb weniger Minuten oder Stunden – je nach
noch nicht aufgehört hat.“
Schwere und Dynamik des Falles – eine deutliche
Besserung von Lebensfunktionen zeigen. Ferner betont er:
Wenn im brisanten, lebensbedrohlichen Fall in-
„Höre nie mit einem Mittel auf, wenn es dem Pa-
nerhalb 15 – 20 Minuten keine Reaktion erfolgt,
tienten geholfen hat, bevor du es nicht mit einer hö-
dann besteht begründeter Zweifel an der Richtig-
heren Potenz versucht hast.“
keit der Mittelwahl oder der Patient ist nicht mehr
heilbar (z. B. innere Blutungen, irreversibler Volvu- Diese höhere Potenz versteht sich in der Reihen-
lus). folge der oben stehenden Kent-Skala.
Ein chronischer Fall lässt sich oft genug erst Wenn nun das bisher wirksame Arzneimittel
nach 10 Tagen bis 3 Wochen beurteilen. auch in höherer Potenzstufe keine Wirkung auf die
Nach 2 – 8 Tagen tritt manchmal eine Erstreakti- restlich verbliebenen Symptome mehr zeigt, dann
on auf, die sich mit mattem Allgemeinbefinden gilt es, ein Folgemittel herauszufinden. Die noch
oder einer Verstärkung der aktuellen Symptome verbliebenen Symptome werden dann zur Auswahl
äußern kann. dieses Mittel herangezogen. In der Literatur gibt es
Der anschließende Heilungsverlauf muss streng Verzeichnisse, in denen die Mittel in ihren Bezie-
nach der Hering’schen Regel verlaufen. hungen dargestellt sind.
Ist das nicht der Fall, sollte sofort die Anamnese In den meisten Fällen jedoch verläuft die Heilung
nach einem anderen Mittel überdacht werden. von Tieren wesentlich weniger langwierig und
Nach dessen Applikation erübrigt sich die Antido- kompliziert als beim Menschen.
tierung des ersten Mittels.
Die Hering’sche Regel besagt, dass sich zuerst die
lebenserhaltenden Funktionen zusammen mit
dem „subjektiven Wohlbefinden“ bessern müssen:
Puls, Atmung und Bewusstseinslage nähern sich
der Norm an, das Tier hebt den Kopf, bekommt ei-
nen entspannten Gesichtsausdruck, Appetit bzw.
Durst oder fällt in ruhigen erholsamen Schlaf.
Im weiteren Verlauf der Heilung einer chroni-
schen Krankheit fällt den Tierbesitzern häufig als
erstes Zeichen ein vielleicht längst vergessenes
Spielverhalten auf: Das Ross macht plötzlich Bock-
sprünge, der Hund will herumtoben, die Katze geht
wieder nach draußen oder spielt mit der Maus, die
Kuh geht flotter zur Weide usw.
Die Reaktionsarten auf eine homöopathische
Arznei sind ausführlich in Kents Vorlesungen zum
Organon beschrieben, ebenso im „Grundkurs Ho-
möopathie für Tierärzte“.
52 II Allgemeiner Teil

2.3.2 Das Ziel der Homöopathie 2.4 Resümee von Kent


Das Ziel einer homöopathischen Therapie ist das Zum Abschluss sei nochmals J. T. Kent aus seinen
Wiederherstellen der Gesundheit, mit der Fähig- Aphorismen zitiert:
keit des Organismus, auf Reize angemessen – ohne
Ein Mittel muss ähnlicher sein als das andere.
Erkrankung – zu reagieren.
Nun ist es so, dass jemand,
Schwere Krankheiten oder „Multimorbidität“
der mit der Sache nicht vertraut ist,
sollen durch folgerichtige homöopathische Thera-
nicht imstande ist,
pie zur Heilung geführt werden. Dabei können ent-
die feineren Unterscheidungsmerkmale
sprechend der Hering’schen Regel insbesondere
wahrzunehmen.
bei „einseitigen Erkrankungen“ frühere, verdrängte
Die einen sind eben farbenblind,
Symptome nochmals in Erscheinung treten
während die anderen die Farben sehen.
(Abb. 9).
Letztlich sollte der Patient „psychisches, körper-
Der homöopathische Arzt
liches und soziales Wohlbefinden“ leben.
muss seine Wissenschaft und Kunst
unermüdlich studieren,
bevor er ein Kundiger werden kann.
Er wächst an ihr und wird gescheiter.
Und er wird klarsichtiger und erfahrener
in der Auswahl der Mittel für seine Kranken.

Auch der Erfahrendste macht Beobachtungsfehler.


ãEinseitige Trotzdem muss er danach streben,
ãMultimorbiditŠtÒ KrankheitÒ das Ähnlichste unter den geprüften Mitteln
Šu§ere Erkrankung zu finden und sich klarzumachen,
dass es IMMER ein Ähnlichstes gibt.

Weg der Homšopathie:


Alte Symptome kehren
wieder.

Ziel der Homšopathie:


Ein belastbarer Organismus, der zur
sinnvollen Eigenregulation fŠhig ist.

Abb. 9 Das Ziel der homöopathischen Therapie.


Spezieller Teil – Arzneimittel III

Aconitum napellus 54
Antimonium crudum 60
Apis mellifica 67
Arnica montana 78
Arsenicum album 85
Belladonna 106
Bryonia 113
Calcium carbonicum 121
Calcium fluoricum 137
Calcium phosphoricum 144
Causticum Hahnemanni 155
Conium maculatum 165
Dulcamara 176
Hepar sulfuris 183
Hypericum perforatum 190
Ignatia amara 195
Kalium carbonicum 202
Lachesis mutus 210
Lycopodium clavatum 223
Natrium muriaticum 234
Niticum acidum 249
Nux vomica 257
Opium 266
Phosphorus 274
Plumbum metallicum 289
Pulsatilla 295
Rhus toxicodendron 307
Ruta graveolens 315
Sepia succus 321
Silicea terra 334
Staphisagria 343
Sulfur 352
Thuja occidentalis 364
54 Aconitum napellus

Aconitum napellus
Der blaue Eisenhut

Signatur, Thema und Idee des Mittels


Aconitum napellus, der blaue Eisenhut, gehört zur
Intensive, plötzlich auftretende Symptome,
Familie der Ranunculaceen. Das ist eine überaus
Panik und Todesangst begleiten die perakuten
sensible Pflanzenfamilie, der z. B. auch die Anemo-
Krankheitserscheinungen von meist hochfie-
nen angehören. Sie erfordern ein besonders scho-
berhaften Erkrankungen. Aconit-Erkrankungen
nendes Umfeld. Umso erstaunlicher sind die Le-
verlaufen niemals langsam und chronisch. Auch
bensumstände dieser Bergpflanze, die es versteht,
rezidivierende neurotische Panikattacken treten
sogar den extremen Stressfaktoren des Hochge-
mit derselben Plötzlichkeit auf.
birges zu trotzen.
Der blaue Eisenhut muss täglich aufs Neue gegen
Sonnenhitze, intensive UV-Strahlung, gegen eisige Aber diese plötzlichen, mit Angst und Panik ver-
Stürme und Frostnächte Widerstand leisten. Er bundenen heftigen Erkrankungen können unter
existiert im ständigen Überlebenskampf mit den denselben Bedingungen – plötzlicher Kälteeinfluss
Unwirtlichkeiten des Hochgebirges, unter sich täg- oder Panik machenden Umständen – immer wie-
lich wiederholenden lebensgefährdenden Um- der auftreten und sich als plötzliche Schmerzen,
ständen. Sein ganzes „Denken“ konzentriert sich Entzündungen oder Angstzustände bemerkbar
voller Panik einzig auf das von Angst gehetzte machen.
Überleben. Unter solchen Bedingungen denkt man Auch vergangene Panikerlebnisse können als
als Mediziner an „Adrenalin-Schock“. „Flash-Back“ unter ähnlichen Bedingungen immer
Genau dieses Phänomen findet sich im Arznei- wieder wachgerufen werden. Hier eignet sich Aco-
mittelbild: nit für die Therapie von chronisch wiederkehren-
den Angstneurosen.

Thema und Idee: Plötzliche und heftige Zu-


stände und Erkrankungen, verbunden mit
Todesangst, Hitze, Unruhe und überreizten Sinnes-
organen.

Grundsätzliche Eigenschaften des Mittels


Aconit ist ein sehr gut geprüftes Mittel mit Wir- – und trockener, heftiger Hitze mit pulsierenden
kung auf perakute Zustände. Diese können entwe- arteriellen Gefäßen.
der als plötzliche Infektion oder Erkrankung durch
als lebensbedrohlich empfundenen Schreck auftre-
ten. Sie können auch als deren wiederkehrende jä-
he Manifestationen unter identischen Situationen
Alle Kennzeichen der Entzündung:
– ähnlich Angstneurosen – auftreten.
– Rubor (Rötung) – trockene Rötung!
Eines der heftigsten, gefährlichsten und plötz-
– Dolor (Schmerz)
lichsten Arzneimittel der Homöopathie mit dem
– Calor (trockene Hitze, Entzündung, Fieber)
Potenzial genauso schneller Heilung.
– Tumor (Schwellung), aber weniger ausge-
Erkrankungen oder Erlebnisse werden wegen ih-
prägt als bei andern Mitteln
rer Heftigkeit als lebensbedrohlich empfunden
– Functio laesa (gestörte Funktion)
– und mit Angst und Panik erlebt,
– zusätzlich Angst, Panik, Unruhe.
– ferner mit Adrenalin-Ausschüttung bzw. deut-
lich gesteigertem Sympathikotonus
55
Aconitum napellus
Lokalisationen von Aconit-Erkrankungen sind an „Aconit-Angstneurosen“ gehen nicht immer mit
allen Körperteilen und Organen möglich, insbe- den deutlichen, sofort erkennbaren Symptomen
sondere an lebenswichtigen Organen: Sinnesor- einher. Es ist durchaus möglich, dass sich solche
gane, (Zentral-)Nervensystem, Atemwege, Herz. Angstzustände urplötzlich und unvorhersehbar ab-
Die Pathologie kann sich in kürzester Zeit zu le- spielen und so überraschend, wie sie kommen,
bensgefährdenden Zuständen entwickeln. auch vorüber sind. So können sich plötzliche, durch
Aconit-Erkrankungen betreffen i. d. R. einen kräf- uns unbeherrschbare und unverständliche Panik-
tigen, reaktionsstarken Organismus. zustände bei einem Tier äußern – mit einer beglei-
tenden Pathologie, die durch kein anderes, noch so
„gut gewähltes“ Mittel zu beherrschen ist. Solche
Zustände sind am besten durch eine sehr hohe Po-
tenz zu heilen, deren eindeutige heilende Wirkung
Aconit ist nicht indiziert bei langsam ver-
sogar manchmal 2 – 3 Wochen auf sich warten lässt,
laufenden Erkrankungen:
denn es handelt sich dabei um eine schwerwiegen-
– am wenigsten bei überwiegendem Vagus-
de psychische Erkrankung.
tonus,
Solche Angstneurosen sind manchmal schwierig
– nicht pauschal „am Beginn von Erkrankun-
von Opium- oder Arsen-Zuständen zu differenzie-
gen“,
ren: Arsen-Patienten zeigen meist zusätzliche
– keineswegs bei jedem Unfall!
Symptome des Arzneimittelbildes. Opium-Patien-
ten können zu einer Art Schläfrigkeit tendieren.
Wenn das akute „Aconit-Stadium“ einer Erkran-
kung unerkannt oder unbehandelt abgelaufen
ist, kann sich eine „Belladonna-Pathologie“ da-
ran anschließen.

Übersicht über Krankheitsverlauf und pathologische Schwerpunkte


Entwicklung der Pathologie: stürmische Krank- heftige, plötzliche Traumen mit überaus hefti-
heitsentwicklung gen, unerträglichen Schmerzen, deshalb Panik
plötzlich beginnende, übermäßig heftige (per- z. B. Augenverletzungen, Hitzschlag
akute) Infekte seltener auch bei Verletzungsschock (Arn., Hy-
oft noch ohne Lokalisation; „Aufruhr“ im Im- per.)
munsystem hochgradig schmerzhafte Neuralgien, ausge-
lokalisierte Erkrankungen mit lebensbedrohli- löst z. B. durch eiskalten Wind oder Zugluft
chem Verlauf, z. B. heftige Erkrankungen le-
Chronische Aconit-Erkrankungen: Folgen von
benswichtiger Organe wie Sinnesorgane, Zen-
Angst, Schreck oder Panik, die sich auch beim Tier
tralnervensystem, Atemwege, Herz-Kreislauf
in der Folgezeit zu einer Art Angstneurose entwi-
heftige Erkrankungen mit unerträglichen
ckeln können
Schmerzen
unter denselben oder ähnlichen Umständen
Lokalisation auch an allen übrigen Körperteilen
kommt es wiederholt zu panischen Reaktio-
oder Organen möglich
nen (Op.)
Auslöser: hochvirulente Erreger rezidivierende Erkrankungen mit gleicher Patho-
Einfluss von trockener Kälte („Erkältung“), kal- logie wie im beschriebenen Akutfall, ausgelöst
tem Wind, plötzlichem Frosteinbruch durch denselben pathogenen Faktor (z. B. im-
Einfluss von als lebensbedrohlich empfundenen mer wieder durch kalte Luft rezidivierende
Schreckerlebnissen plötzliche heftige Konjunktivitis)
bei geschwächter Abwehrlage von sonst kräfti-
gen Tieren unter genannten Umständen
56
Aconitum napellus
Physiognomie und Erscheinungsbild des Patienten
verstärkter Sympathikotonus: ängstlich aufge- rote, sehr heiße, trockene Schleimhäute an
regter Zustand mit Tendenz zu Unruhe und Pa- Augen,Maul, Vulva (bei genitalen Erkrankungen)
nik; Hypertonie heiße Ohren und Nase, Hitze des erkrankten Kör-
übermäßige Empfindlichkeit auf alle Sinnesreize perteils
angstvoller Gesichtsausdruck, aufgerissene Au- Rötung von nicht oder schwach pigmentierten
gen, verspannte Ohren, gespannte Mimik Kopfbezirken bzw. erkrankten Teilen
trockene Hitze mit gestauten Gefäßen (Gefäß- intensive Hitze, manchmal unterbrochen von
zeichnung beim Pferd) Kälte des ganzen Körpers, einzelner Körperteile
verstärkte Durchblutung von Haut, Schleimhäu- oder von heftigem Schüttelfrost
ten oder erkrankten Teilen, die zu Blutungen füh- starke Muskelanspannung infolge Aufregung
ren kann oder zu Zeichen sichtbarer Gefäßinjek- (Sympathikotonus)
tion (z. B. beim Pferd)
sichtbares oder deutlich fühlbares Pulsieren der
Carotiden (Halsschlagadern) und oberflächlicher
Schleimhautarterien

Auffallende Zeichen und Symptome des Verhaltens


Krankheitssymptome bzw. Schmerzen werden ex- heftige verstärkte Atmung durch hohes Fieber
trem intensiv empfunden und entsprechend geäu- oder Erregung
ßert: Verlangen und vorübergehende Beruhigung
ängstlicher Blick, angespannte Muskulatur, evtl. durch Gesellschaft und Zuwendung
mit Zittern am ganzen Körper
Katze, Hund: möglicherweise unbeherrschbare Ag-
scheinbar unmotivierte, nicht beherrschbare Un-
gressivität im Sinn von „Notwehr“
ruhe und Tendenz zu panischer Flucht
Hund: panisches Schreien durch Schmerzen, Angst
Unruhe, Panikattacken, Tobsucht, evtl. abwech-
oder Schock
selnd mit stuporöser Apathie und Aufschrecken
Pferd: schnarchende Atmung durch Aufregung,
durch plötzliche, möglicherweise sogar geringe
hochgestellter Schweif
Sinnesreize (Op.)
flehmen durch Überempfindlichkeit gegen Gerü-
überstürzte, ziellose Fluchttendenz, will durchs
che oder Schmerzen
Fenster o. Ä.

Leitsymptome des pathologischen Geschehens


Auge: Fremdkörper-Verletzungen mit schlimms- Tachykardie, Arrhythmie
ten Schmerzen und Angst heftiges Herzklopfen durch Aufregung, Schreck,
heftige Konjunktivitis durch kalten Wind, kalte Angst oder bei Fieber
Zugluft Endokarditis, Myokarditis, Perikarditis
plötzliche Herzdekompensation
Atemwege: perakute Entzündung von Rachen, La-
Herzschmerzen erstrecken sich zu den Vorder-
rynx, Lungen, Pleura mit heftigen Schmerzen und
gliedmaßen, speziell Lahmheit am linken Vor-
Husten
derbein
Lungenblutungen durch Husten bei plötzlicher,
heiße Blutungen, auch infolge größter Aufregung
seit wenigen Stunden bestehender Pneumonie
oder Anstrengung (u. a. Mittel)
Herz-Kreislauf-Erkrankungen: generelle Kreis-
Mamma: plötzliche, heftigste Mastitis, ausgelöst
laufprobleme im Zusammenhang mit Aconit-Mo-
durch Kälte, Zugluft, Verletzung mit großem
dalitäten
Schreck, Hitze und Rötung der Mamma
57
Aconitum napellus
plötzliche, heftige Mastitis nach abruptem Ab- Pferd: heftigste Krampfkoliken durch die er-
stillen, Trockenstellen (Bell., Bry., Calc., wähnten Auslöser, mit den genannten Symp-
Puls. u. a.) tomen und Modalitäten; plötzlicher Kreuzver-
schlag am Beginn oder während anstrengen-
Weitere Lokalisationen: perakute Infekte der Oh-
der Arbeit bei trocken-kaltem Wetter oder
ren, Harnwege, des Genitals, akute Arthritis
Wind mit Aconit-Modalitäten und Auslösern
Panikzustände oder Krampfkoliken auch unter
(Bell.)
der Geburt
Wundinfektionen mit genannten Modalitäten
heftige Schmerzzustände, Neuralgien mit uner-
träglichen Schmerzen

Auslöser und Modalitäten


Auslöser: Folgen von Kaltwerden durch trockene Modalitäten: alle fünf Kennzeichen der Entzün-
Kälte: durch plötzlichen Frosteinbruch; durch kal- dung (s. oben)
ten Nord- oder Ostwind; durch kalte Zugluft; durch beginnend oder schlimmer abends und gegen
Baden in eiskaltem Wasser; durch plötzliche Ab- Mitternacht (wenn aber das „Aconit-Trauma“
kühlung insbesondere bei erhitztem Körper oder tagsüber auftritt, ist das keine Kontraindika-
während des Schwitzens; durch eiskaltes Trinken tion!)
oder gefrorenes Futter (Magenbeschwerden, Kolik) hohes, plötzlich beginnendes Fieber (bis 41⬚),
(Puls., Ars.) schlimmer abends, gegen Mitternacht
Folgen von Überhitzung wie Sonnenstich oder Laktation sistiert bei Fieber
Hitzschlag Verschlimmerung von Unruhe und Panik durch
psychische Erregungszustände: Todesangst, Sinnesreize, z. B. Berührung, Lärm
Schreck, Aggressivität mit Angst; Folgen von Hitze einer Seite des Kopfes oder eines Ohres, an-
übermäßig heftigem Zorn oder übermäßiger dere Seite kalt
Freude; Unfallschock mit Aconit-Modalitäten Ruhelosigkeit abends, nachts, schlimmer im
(komplementär zu Arnica) Dunkeln, besser bei Licht
Folgen von Überanstrengung mit Aconit-Modali- Verlangen und Besserung durch kühle Tränke,
täten, z. B. nach Schwergeburt trinkt meist größere Mengen
Beschwerden während des Zahnwechsels mit besser durch feuchtes Wetter bzw. einsetzenden
genannten Modalitäten Regen
Asphyxie Neugeborener mit heißem Körper und ausgelöst durch trocken-kaltes Wetter, aber im
bläulichen Schleimhäuten, fehlender Puls (Op., Fieber besser durch Abkühlung
Ant-t.) heftiger Schüttelfrost im Fieber mit klappernden
wichtigstes Mittel bei der Harnverhaltung Neu- Krallen oder Hufen, schlimmer nachts, ab-
geborener (auch andere Mittel) wechselnd mit Fieberhitze
Harnverhaltung nach der Geburt aber bei Schüttelfrost oder Frieren auch Besse-
rung durch Wärme
Pferd: Besserung durch eintretende Schweißab-
sonderung

Ausgewählte Fallbeispiele
Kater Minou – „Angstneurose“ mitbringt. Dieser springt dem ahnungslosen Minou
nach, der seinen Lebtag noch keinen Hund gesehen
Winter 1983: Die Besitzerin des schwarzen Katers hat. Er flüchtet unter die Couch, wohin ihm der
Minou – reine Wohnungshaltung – bekommt Be- knurrende Korry wegen seiner Körpergröße nicht
such, der den mittelgroßen schwarzen Hund Korry folgen kann. Nun liegt der Hund mit dem Kopf un-
58
Aconitum napellus
ter der Couch und verbellt lauthals den zitternden Diagnose
Kater, der Todesängste aussteht.
Nach Verschwinden des Hundes kommt Minou Perakute Laryngitis durch forciertes Einatmen eis-
erst Stunden später zögernd und stets fluchtbereit kalter Luft.
wieder zum Vorschein, mit panischem Blick und
Herzklopfen. Beim kleinsten Geräusch rast er wie- Therapie
der unter die Couch.
In der Folgezeit beruhigt er sich allmählich. Aber Eine Gabe Aconit 200, eine Prise Globuli per os.
sobald von draußen das Bellen eines Hundes oder Nach 5 Minuten verhält sich das Pferd gelassen
ein annähernd ähnliches Geräusch zu hören ist, ge- und ruhig, nach 30 Minuten ist das Tier hustenfrei,
rät Minou wieder in Panik und verkriecht sich ohne weitere Komplikationen.
schlotternd vor Angst unter der Couch. Husten – auch anderer Genese – wurde nie wie-
Deshalb bekommt er Aconit XM, einmalige Gabe der beobachtet.
von ca. 5 Globuli. Beobachtungszeit: 4 Jahre.
In der Folgezeit werden immer seltener Panikzu- Die Besitzerin war allerdings bemüht, ihr Pferd
stände bei Hundegebell beobachtet, die schließlich niemals wieder bei solchen Wetterlagen forciert zu
ca. 3 Wochen nach der Arzneigabe gänzlich aus- trainieren.
bleiben.
Allerdings ließ die Besitzerin – Minou zuliebe –
niemals wieder einen Hund in ihre Wohnung.
Kolik bei einem Wallach
Beobachtungszeit: 5 Jahre. (Fall von Dr. Hartmut Krüger)
Dieser Fall steht für zahllose ähnliche Bespiele
von „Angstneurosen“ bei Tieren! Ein 5-jähriger kräftiger Bayern-Wallach wird
abends wegen plötzlicher Kolik vorgestellt – nähe-
re Umstände oder Ursachen sind nicht bekannt.
Vollblutstute – perakute Laryngitis
Vorbericht
2 1/2-jährige Galopper-Stute: Morgentraining am
ersten kalten Dezembermorgen, erster Frost mit Wegen Kehlkopfpfeifens ist das Pferd bereits beim
strahlend blauem Himmel. dritten Besitzer. Das inspiratorische Atemgeräusch
Die Stute hatte sich zuvor über einen frisch auf- besteht seit mindestens 6 Monaten.
geschütteten Sandhaufen aufgeregt, aber wieder Die letzte Laryngoskopie liegt 3 Wochen zurück,
beruhigt. das Pferd benötigte dafür die dreifache Dosis an Se-
Nach dem Galopptraining tritt plötzlich heftiger dativum. Der Befund bestand in einer Laryngitis
Husten auf. Das Pferd steht da wie schwer krank, follicularis.
hustet mit waagerecht vorgestrecktem Hals so hef- Das Pferd sei immer extrem unruhig, könne nie
tig, dass es dabei den Kopf hin und her schleudert. still stehen und sei deshalb immer sehr schwer zu
Die Besitzerin vermutet zunächst, das Pferd habe hantieren.
sich verschluckt.
Da aber der Husten in den nächsten Stunden kein Befund
Ende nimmt und das Pferd zunehmend unruhig er-
scheint, ruft die Besitzerin an. Extrem unruhiges und aufgeregtes Tier, weit aufge-
rissene Augen, panischer Blick, keine Aggressivität.
Befund Das Pferd wirft sich auf den Boden, steht wieder
auf, scharrt und wirft sich wieder nieder.
Die Stute steht mit weit aufgerissenen Augen und Körpertemperatur 40,5 ⬚C, kein Durst, kein
geblähten Nüstern in der Box, zuckt auf ein leises Schweiß, sehr heiße Haut, trocken-gerötete Kon-
Geräusch zusammen und wandert dann hektisch junktiven und Maulschleimhaut.
und hustend umher. Das Tier ist seit dem Training Eine genauere Untersuchung ist wegen aggressi-
vor ein paar Stunden noch immer warm, die Zeich- ver, panischer Abwehr mit Steigen und Niederwer-
nung der subkutanen Blutgefäße ist deutlich er- fen nicht möglich; das Anlegen der Oberlippen-
kennbar, die Konjunktiven stark gerötet. bremse führt zu noch intensiverer Abwehr.
59
Aconitum napellus
Therapie Gleich nach der Trennung von der Mutterstute
sei das Fohlen dem Aufzüchter zu 6 anderen Ab-
Das Pferd bekommt Aconit C 200, einmalige Gabe satzfohlen übergeben worden. Wegen Dauerregens
von ca. 10 Globuli per os. konnten die Tiere noch nicht auf die Weide gelas-
Etwa 20 Minuten später ist das Pferd ruhig, um- sen werden, sondern stehen nun vorübergehend
gänglich und frei von Koliksymptomen. Auch am isoliert in Boxen.
nächsten Morgen zeigt das Pferd keinerlei klinische Frau B. besucht voll Sorge ihr Fohlen, das in der
Symptome. fremden Box panisch umherrast. Die anderen Foh-
Das Pferd wird 4 Tage nach der Kolik wieder in len in den Nachbarboxen verhalten sich ruhig und
Arbeit genommen mit langsam gesteigerten Anfor- fressen Heu.
derungen. Frau B.’s Fohlen steht mit aufgerissenen Augen
Dabei fällt der Bereiterin auf, dass das inspirato- und weit geblähten Nüstern, alle Muskeln sind an-
rische Atemgeräusch verschwunden ist. gespannt, es lauscht auf jedes Geräusch. Plötzlich
Auch in der Folgezeit ist es nicht wieder aufgetre- wiehert es laut und schrill, rast im Kreis herum,
ten – ein überraschender therapeutischer Effekt stürzt in der glatten Einstreu nieder, springt wieder
auf eine möglicherweise schon länger bestehende auf, bleibt stehen und lauscht wiederum. So verhal-
subklinische Erkrankung. Ob nun auch bei deren te sich das Fohlen nun schon seit gestern Abend. Es
Genese eine Aconit-Erkrankung vorhanden war, habe noch kein Futter angerührt. Sie wollte versu-
ließ sich im Nachhinein nicht mehr feststellen. chen, Fieber zu messen; aber kaum hatte sie die Bo-
xentür geöffnet, wollte das Fohlen mit einem
Sprung der Box entfliehen. Dabei wurde sie von ih-
Absatzfohlen – Panikreaktion rem Pferdchen an die Wand gequetscht, stürzte
nieder und kam schließlich mit heftigen Prellungen
Quarter-Horse-Stute, 10 Monate alt: Frau B. berich- und gebrochenen Rippen davon.
tet per Telefon Anfang April von ihrem Fohlen, das Eine Gabe Aconit C 200, aufgelöst in einer Spritze
frisch von der Mutterstute abgesetzt worden ist, es mit Wasser, per os gegeben, bringt das Fohlen in 15
verweigere die Futteraufnahme und verhalte sich Minuten zur Ruhe - und es beginnt Heu zu fressen,
„so hektisch“, das habe sie noch nie erlebt: als wäre nichts gewesen.
60
Antimoniumcrudum

Antimonium crudum
Grauspießglanz

Signatur, Thema und Idee des Mittels


Antimon kommt in natürlicher Form in Verbindung Eine zweite psychosomatische Reaktion auf
mit Schwefel (Sb2S3, Schwefelantimon) vor und übermäßige emotionelle Empfindlichkeit besteht
enthält zusätzlich Spuren von Arsen, Blei und Kup- darin, sich „ein dickes Fell“ anzuschaffen, damit der
fer. Dank dieses rohen Vorkommens erhielt es den „weiche Kern“ nicht so leicht „berührt“ werden
Namen „Antimonium crudum“ (crudus = lat. roh, kann.
unbearbeitet). Als besonderes Charakteristikum entwickelt
Der wenig attraktive Name „Grauspießglanz“ Ant-c. krustige, schuppige Hauterkrankungen,
rührt von seiner grauen, glänzenden und in schma- die den Patienten neben seiner Adipositas noch
len Spitzen angeordneten Kristallstruktur. weniger attraktiv erscheinen lassen. Kein Wunder,
Antimonium crudum (Ant-c.) wurde schon im dass er sich als hässlich empfindet, sich weder an-
Altertum als Antiphlogistikum und Schminke für sehen noch anfassen lässt und sich mürrisch und
Hauterkrankungen eingesetzt; man gab ihm des- ärgerlich zurückzieht.
halb den Namen „Augenverschönerer“. Diese schwielig-krustigen Hautverdickungen
treten zu allem Überfluss besonders im Gesichtbe-
reich, an Mund, Nase und Augen, auf, und selbst die
Antimonium crudum gehört zu den am meisten
beste äußerliche Schminke – wie der erwähnte Au-
gefühlsbetonten Mitteln. Bei erotischen Begeg-
genverschönerer – kann diese Entstellungen nicht
nungen stellt sich der Antimonium-crudum-Pa-
übertünchen; einzig das potenzierte Ant-c. kann
tient charmant bis aufdringlich-lasziv dar. In
von innen heilen, indem es die „Schmerzen“ durch
der Homöopathie gilt Ant-c. schon fast sprich-
körperliche und seelische Berührungsempfind-
wörtlich als „liebestolles“ Arzneimittel, insbe-
lichkeit auf ein angemessenes Maß reduziert.
sondere beim männlichen Geschlecht.
Emotionelle Höhen und Tiefen assoziiert man
mit der Temperatur des Stimmungsbarometers:
Aufregung und unerfüllte Gefühlserwartungen – Die große Liebe ist bekanntlich besonders „heiß“,
Enttäuschungen, Liebeskummer – somatisieren und distanziert-emotionslose Personen bezeichnet
sich am ehesten im Solarplexus und verursachen man als „cool“. Die wechselnde Emotionalität von
Magen-Darm-Beschwerden. Ant-c. somatisiert sich in einer Überempfindlich-
Die Liebe geht bekanntlich durch den Magen, ein keit gegen Wetterwechsel, gegen heißes und kal-
besonderes Thema von Ant-c. ist der Appetit – zu tes Wetter, gegen Erhitzung und Abkühlung.
viel oder zu wenig – ausgelöst z. B. auch durch Di-
ätfehler. Thema und Idee: Launenhafte, emotionelle
Die Folge von übermäßiger Schlemmerei schlägt und erotische Überempfindlichkeit führt zu
sich meist in üppigen Körperformen nieder. Magen-Darm-Erkrankungen, oft verbunden mit
„gastrischen“ Hautausschlägen.

Grundsätzliche Eigenschaften des Mittels


Pathogenese des Menschen:
Ant-c. ist ein sehr intensiv und tief wirksa-
Der Patient sucht in erotisch-sentimentaler Sehn-
mes Mittel und darf nicht zu oft wieder-
sucht den idealen Partner (männlich oder weib-
holt werden.
lich), den es nicht geben kann, daraus folgen emo-
tionaler Stress und schließlich Kummer mit Ober-
bauchbeschwerden mit mürrischer, abweisender
Stimmung, der Patient zieht sich wochenlang zu-
61
Antimonium crudum
rück, will nicht mehr berührt und angesehen wer- gen, das auch schwielige, aber keine verhornenden
den, verfällt in Erschöpfung, Apathie und Schwä- Hautausschläge bekommt. Auch Nat-m. kann eine
che, die erst bei der nächsten erotischen Begegnung widersprüchliche Gemütsverfassung zeigen, aber
ins Gegenteil umschlägt. i. d. R. dominiert das reservierte Verhalten.
Damit ist Ant-c. eines der launischsten und Die wechselhaften, unverständlichen Gemüts-
wechselhaftesten Mittel der Materia medica, ein schwankungen können auch an Ign. erinnern.
wichtiges Mittel für Folgen von Liebeskummer mit Ferner besteht besonders bei Jungtieren Ähnlich-
anschließenden Magenbeschwerden (Nux-v., Nat- keit mit Cham. hinsichtlich Verdauungsbeschwer-
c., Ign., Coloc., Staph.) sowie den schwieligen, ju- den und gereiztem Temperament. Der Ant-c.-Pa-
ckenden Hautausschlägen. tient ist jedoch nicht so aggressiv wie Cham.
Dieser aus der Humanhomöopathie bekannte Die Abneigung gegen das Angesehenwerden teilt
„sentimentale Genießer von Liebe und gutem Es- Ant-c. mit Thuj., das aber weniger Bezug zu Magen-
sen“ ist unter den Tierpatienten nicht so deutlich beschwerden aufweist.
erkennbar. Hier finden sich oft lediglich Ausschnit- Trotzdem ist Ant-c. ein Mittel, das durchaus
te aus dieser Pathogenese, die nur selten zurück- leicht an seinen Schwerpunkten und Modalitäten
verfolgt werden kann. zu erkennen ist, wenn diese bekannt sind.
Ant-c. gehört – wahrscheinlich aus mangelnder
Kenntnis – nicht zu den alltäglichen Mitteln der Schwein
Praxis und kann daher bei Hauterkrankungen oder J. H. Clarke nennt Ant-c. das Hauptmittel für das
Magenbeschwerden schnell übersehen werden. Schwein. In der heutigen Praxis kommen jedoch
Hinzu kommt, dass es für die Tierhomöopathie bis- bei Erkrankungen der Schweine weitaus häufiger
her nur unzureichend beschrieben worden ist – mit andere Mittel infrage, wahrscheinlich eine Folge
Ausnahme der Arzneimittellehre von J. Millemann. von verbesserten Haltungs- und Fütterungsbedin-
Gerade im Akutfall bestehen durchaus Ver- gungen.
wechslungsmöglichkeiten mit den „Routinemit- Dennoch sollte man bei Verdauungsstörungen
teln“ für Verdauungsstörungen wie Nux-v. oder und hornigen Hauterkrankungen wie Ferkelruß ge-
Puls. rade bei dem sensiblen Schweinepatienten auch an
Ant-c. wird bei den „gefräßigen“ Hunden mit ih- Ant-c. denken.
ren Haut- und Magen-Darm-Störungen häufig un- In eigenen Erfahrungen hat sich Ant-c. tatsäch-
terschätzt. lich als „Fresspulver“ für Schweine bewährt: Eine
Bei chronischen Hauterkrankungen mit Entwick- regelmäßige Gabe von Ant-c. D 12 lässt die Schwei-
lung von hornigen Schwielen verwechselt man es ne bereits 1 Stunde vor der Fütterung mit Heißhun-
leicht mit Graph. oder Sulf. Graph. ist jedoch weni- ger schreien und kann das Erreichen des Mastge-
ger launisch und gereizt, bei Sulf. fällt der intensi- wichts um ca. 10 – 14 Tage verkürzen. Solche Anga-
vere Körpergeruch auf. ben sind jedoch unter Vorbehalt zu sehen.
Die abweisende, mürrische Gemütsverfassung
könnte man mit Nat-m. in Zusammenhang brin-

Übersicht über Krankheitsverlauf und pathologische Schwerpunkte


durch Stress, Aufregung, Kummer
Schwerpunkt: Gemüt, Magen-Darm, Haut;
durch Überhitzung oder Abkühlung
mürrische, launische Patienten; meist mit un-
unaufhörliches Erbrechen ohne Erleichterung
stillbarem Heißhunger; Ekzeme mit Magenbe-
(Ip.)
schwerden („gastrische Ekzeme“); das Mittel für
die schlimmste, anfallsweise „Liebestollheit“ Chronische Erkrankungen: Verdauungsstörungen
(s. oben), chronisch oder rezidivierend
meist mit Juckreiz und Hautausschlägen verbun-
Akute Erkrankungen: Verdauungsstörungen
den
durch wahlloses Verschlingen jeglicher Nahrung,
abwechselnd Durchfall mit Verstopfung
Überfressen, durch „Diätfehler“
Hautausschläge mit schmerzhaften Schwielen
oder Verhornungen (Graph.)
62
Antimonium crudum
Störungen in Wachstum und Qualität von Kral- Übelkeit nicht ⬎ durch Erbrechen (Ip.)
len, Hufen, Klauen Hunger nicht ⬎ durch Fressen
Beschwerden durch enttäuschte Liebe, Kummer, Verschlimmerung aller Beschwerden durch
Zurückweisung Sommerhitze, strahlende Wärme
Verschlimmerung der Beschwerden durch Kälte
Auffallende Begleitsymptome: weißer Belag der
und Nässe
Zunge (wie weiß angestrichen)
Mangel an Lebenswärme

Physiognomie und Erscheinungsbild des Patienten


eher dunkel pigmentierte Tiere, oft kräftige oft klebriger, stinkender Speichelfluss
Haarstruktur oft aufgetriebenes Abdomen
häufig verfilztes oder strähniges Fell bemerkenswert ist der verhältnismäßig unauf-
Neigung zu Adipositas, besonders bei jungen Tie- fällige Körpergeruch dieser Tiere (außer Maulge-
ren in beginnender Geschlechtsreife ruch)
faltige, „zu lockere“, schrumpelige Haut mit „mürrische, abweisende Mimose“
mangelnder Elastizität will nicht angesehen, nicht angefasst werden,
berührungsempfindliche Haut manchmal auch kitzlig
Tendenz zu berührungsempfindlichen Ekzemen, Neigung zum Frieren, aber empfindlich gegen
Krusten, Rhagaden; hornigen Ablagerungen Hitze
Rhagaden, Krusten an Maulwinkeln, Nasenwin- Hund: fein und sensibel, oft permanentes Jam-
keln, Augenwinkeln mern; oft krustiger, rissiger Nasenspiegel bzw.
große Falten unter dem Kinn, häufig mit den be- Nüstern (Graph., Aur., Petr.), mit Rhagaden; Lef-
schriebenen Ekzemen zenekzem; will nicht auf den Arm genommen
wunde krustige, rissige Lidwinkel mit Neigung werden; „umkippende“ Stimme oder Aphonie
zum Zusammenkleben nach kaltem Baden
rissige Haut ums Maul

Auffallende Zeichen und Symptome des Verhaltens


launisches, wechselhaftes Wesen, gefühlsbetont, wasserscheu
abwechselnd mit abweisender, mürrischer Stim- Angst mit Zittern (Ars. u. a.)
mung Zusammenzucken bei leichtem, unerwartetem
meist phlegmatisches „introvertiertes“ Tempe- Geräusch
rament Hund: werden subtile Beweise von Zuneigung
anfallsweise überwältigende erotisch betonte nicht beachtet, zieht er sich mürrisch zurück
Liebenswürdigkeit (Ign.); Zu-nahe-Kommen oder Zuwendung kann
andere Emotionen werden nicht, kaum oder nur zu hysterischem Verhalten (Ign.) oder Zorn füh-
sehr fein gezeigt ren; berührungsempfindlich, schreit, wenn an-
Abneigung gegen Gesellschaft, gern allein, will gefasst, ohne echte Aggression; Zorn durch Klei-
nicht angesprochen, angesehen werden nigkeiten; mürrisch, abweisend gegen alles,
Traurigkeit mit Seufzen, Benommenheit nichts kann ihn erfreuen, außer erotischen Be-
wenn zurückgewiesen, wird er mürrisch und ab- gegnungen; dabei Anfälle von „erotischer Eksta-
weisend, aber kaum aggressiv se“, „überfreundlich im Fieber oder Brunst“;
abwechselnd reserviert und freundlich mürrisch abwechselnd mit überraschender
dickköpfig, eigensinnig Herzlichkeit oder Abneigung gegen Zuwendung;
sehr verletzliche Patienten mit Magenbeschwer- empfindlich gegen Lärm, Heulen beim Glocken-
den läuten, bei Sirenen u. Ä.; oft Tagesschläfrigkeit
63
Antimonium crudum
Leitsymptome des pathologischen Geschehens
Kopf: manchmal Spasmen in Gesicht oder Extremi- hart wie Schwielen, mit hornigen Krusten oder Auf-
täten mit Verdauungsstörungen, Konvulsionen, lagerungen, Hyperkeratose
Chorea Ulcera, Fisteln, krebsartig, sarkomatös,
schmerzhaft
Verdauungsapparat: Maul: weiße Zunge (wie mit
Elastizität der Haut fehlt, als ob sie locker he-
weißer Farbe bestrichen), Landkartenzunge; Zahn-
rumhängt; Sklerodermie
fleischexkoriationen, zäher, meist übel riechender
Hautausschläge, begleitet von Verdauungsstö-
Speichel; Zähne hochgradig schmerzempfindlich,
rungen, Magenproblemen („gastrischer Aus-
duldet keine Manipulation an den Zähnen
schlag“); Knötchen, Bläschen, Erysipel, Knöt-
Innerer Hals: Klumpengefühl mit spastischer
chen-Urtikaria, Mykosen, Atherome; neigen
Zusammenschnürung (Pferd: Koppen); Räus-
zum Eitern, sondern grünliche blutige Flüssig-
pern, Schluckzwang
keit ab (einziges Mittel); krustig, ⬍ nach Krat-
Appetit vermehrt, unersättliche Gier auf Futter;
zen, honigartige, gelbliche Krusten (Graph.);
fehlend z. B. in der Rekonvaleszenz, oder trotz
hornige Krusten auf dem Hautausschlag, evtl.
Hungers
mit schwielig verdickter Haut (Graph.); Urtika-
Magenbeschwerden durch Kummer, bei kleins-
ria durch Magenbeschwerden, auch chronisch;
tem Diätfehler; durch Überfressen (Puls., Nux-
Juckreiz ⬍ durch strahlende Wärme, beim
v.); nach Süßem, nach gegorenem oder saurem
Warmwerden, in der Sonne, bei Überanstren-
Futter (schlechte Silage, Obst auf der Weide);
gung;; wund nach Kratzen, Wundkratzen;
Magenbeschwerden durch Überhitzung, durch
dann schwammige Schwellung oder schwarti-
kaltes Baden; Aufstoßen, Regurgitieren,
ge Verdickung; ⬍ durch kaltes Baden bzw. Wa-
Schluckauf; Übelkeit beim Anblick des Futter-
schen
napfes oder durch Geruch von Futter
Pferd: Jucken schwitzender Teile
Gastritis katarrhalisch, ulcerierend; möglicher-
Schwein: Ferkelruß, krustige, wie hornige ju-
weise Weiterentwicklung der Pathologie bis
ckende Hautausschläge
zum Magenkrebs; Magenschmerzen mit Ver-
Lokalisation von Hauterkrankungen: bevor-
zweiflung, Bauchschmerzen mit Benommen-
zugt an Kopf, Lidern, Lefzen, Ohren
heit; Druck ⬍, Berührung ⬍
Otitis externa mit Juckreiz, Hautausschlag um
Übelkeit oft anhaltend, sogar mit Todesangst;
und hinter den Ohren (Graph.)
nach reichhaltigen Speisen, bei Fieber, nach
Nase: rissige, schorfige Nase, Nasenwinkel, Na-
Überhitzung; durch Zärtlichkeiten und Liebko-
senflügel (u. a. Mittel)
sungen; mit ineffektivem Würgen
Augen: Warzen und Auswüchse an Lidern, Pus-
Erbrechen begleitet andere Erkrankungen, z. B.
teln auf Cornea
Fieber, auch ohne Übelkeit; nach Milch bei
Gesicht und um das Maul: Geschwüre, wund, ju-
Jungtieren, geronnene Milch; nach Überhit-
cken, Akne, Pickel, Furunkel, wund machend,
zung; nicht ⬎ nach Erbrechen; geruchloses
eiternd, juckend, feucht, schuppend-schorfig
Erbrechen
Hund: Lefzenekzem (u. a. Mittel!); hornige,
Durst extrem oder Durstlosigkeit, auch im Fieber
schmerzhafte Schwielen unter den Pfoten
Colitis mit Tenesmen
Sonnenbrand
Durchfall abwechselnd mit Obstipation; flüssi-
Warzen, Papillome verschiedenster Konfigurati-
ger Kot mit geformten Teilen; Durchfall ⬍
on, Tendenz zum Verhornen
nachts; Nässen aus dem After, Entzündungen
Kuh: lange Euterwarzen
im Rektum mit Tenesmus
Haare verfilzen, kleben zusammen, Alopezie
Hauterkrankungen: schlimmer durch jede Form
Atemwege: empfindlich gegen Einatmen kalter
von Wärmeeinwirkung; nach kaltem Baden; Haut
Luft
schlecht heilend, jede kleine Verletzung eitert;
Schnupfen: Sinusitis frontalis, Retronasalka-
Abszesse, Blasen, Pickel wiederkehrend, juckend
tarrh, chronischer Husten
mit geröteter Haut nach Kratzen, Räude; Sonnen-
verstopfte Nase ⬍ im warmen Zimmer
brand; Risse, Fissuren, indurierte Haut, Nässen
Husten beim Betreten eines warmen Raums
nach Kratzen, krustige Geschwüre; Verhärtungen,
64
Antimonium crudum
durch Abkühlung während Überhitzung, ⬍ nach Hautausschläge im Genitalbereich mit starkem
Nasswerden Juckreiz
Fließschnupfen oder trocken, oder abwechselnd Zyklusstörungen mit reichlich Ausfluss
Absonderung wund machend, hart-trocken, gesteigertes sexuelles Verlangen
wässrig, tropft aus der Nase
Krallen, Klauen, Hufe: verdicktes Horn, Verdi-
Nasenbluten
ckungen unter Hornoberfläche
Extremitäten: Gliederschmerzen abwechselnd Deformitäten nach Nagelverletzungen (Hyper.)
mit Durchfall Wachstumsstillstand im Huf-Klauenhorn (wenn
Gliederschmerzen abwechselnd mit Schleim- keine andere Möglichkeit, palliativ in D 8)
hautabsonderungen oder Magenbeschwerden Pferd: Hornsäule, Hornspalten, hohle Wand, Huf-
Schmerzen in distalen Extremitäten, in den Pfo- krebs (Graph., Thuj.)
ten, Hufen, Klauen beim Laufen
müde Extremitäten mit mühsamem Gang
Hund: schmerzhafte Schwielen der Pfoten
Genital: Impotenz

Auslöser und Modalitäten


Auslöser: Enttäuschung, Kummer, Liebeskummer Juckreiz ⬍ abends
Beschwerden durch Ärger Schwein: Beschwerden in überfülltem, engem
Beschwerden während des Zahnwechsels Stall
Beschwerden nach unterdrückten Hautausschlä-
Modalitäten: ⬍ durch strahlende Wärme
gen
empfindlich gegen kalte Luft, gegen Kaltwerden
Beschwerden nach unterdrückten Schleimhaut-
⬍ durch kaltes Baden
absonderungen
lässt sich nicht die Zähne berühren
Beschwerden nach Baden in kaltem Wasser
Neugeborenes trinkt nicht
Beschwerden durch zu viel Sonnenbestrahlung,
⬍ Vollmond, ⬍ durch Mondschein
⬍ bei Anstrengung in der Sonne Sonnenbrand,
⬍ linke Seite, vorn rechts und hinten links
Sonnenstich
⬍ im Sommer
Beschwerden durch strahlende Wärme (z. B. Rot-
⬎ an frischer Luft
lichtlampe)
⬎ durch Ausscheidungen, z. B. ⬎ bei Durchfall,
⬍ durch Warmwerden, alles ⬍ durch heißes Wet-
⬎ bei Absonderung aus der Nase
ter
⬎ durch ruhiges Liegen, ⬍ durch Aufstehen
⬍ durch Abkühlung bei Überhitzung
Durstlos im Fieber
Beschwerden durch Hitze und Kälte, ⬍ im Som-
Haut-Gangrän durch Verbrennungen
mer
Hund: ⬍ Treppengehen
Hautausschläge ausgelöst durch kaltes Baden
oder Waschen

Ausgewählte Fallbeispiele
Die mürrische Cockerspaniel- „Ach, ich hätte mir das mit einem Hund ganz an-
ders vorgestellt. Wir haben Karina vor 2 Jahren von
Hündin Karina – Hautausschläge Bekannten übernommen, damals war sie noch et-
was lebendiger und freundlicher, jetzt mag sie an-
September 1994: 8-jährige schwarze, sehr adipöse scheinend mit uns nichts mehr zu tun haben: Sie
Cockerspaniel-Hündin, kastriert im Alter von 11/2 knurrt uns an, sobald wir mit ihr Kontakt aufneh-
Jahren. men und sie ansprechen. Sie wedelt nicht mehr mit
Frau H. kommt allein mit der Hündin und beklagt dem Schwanz, außer manchmal, wenn sie einen
Folgendes: Hund trifft, der ihr genehm ist. Auch ihre Vorbesit-
zer begrüßt sie nicht mehr.
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Antimonium crudum
Wir waren mit ihr schon x-mal beim Tierarzt: Sie Das Fell ist glanzlos, besonders die Ohren von
hat immer wieder ein Lefzenekzem, entzündete strähnigen Locken bedeckt. Der Nasenspiegel ist
Ohren und Augen. trocken, wie krustig, an den inneren Augenwinkeln
Und sie muss immer wieder kotzen und hört gar klebt eingetrocknetes Sekret.
nicht mehr auf damit. Dann frisst sie ein paar Tage „Weil sie meistens knurrt und die Zähne zeigt,
nichts und verliert endlich mal etwas an Gewicht. traue ich mich auch nicht mehr, sie richtig zu bürs-
Aber sobald es ihr wieder besser geht, haut sie wie- ten.“
der ab und durchwühlt den nächsten Komposthau- Bei näherer Inspektion auf dem Untersuchungs-
fen. Sie hat den Appetit eines Staubsaugers. tisch stellt sich heraus, dass sich die harten Krusten
Am schlimmsten war ihre Kotzerei zuletzt vor et- weder an Nase noch an den Augenwinkeln entfer-
wa 5 Wochen: In unserem Dorf war Sommerfest. nen lassen. An den Nasenwinkeln zeigen sich unter
Von hinten hat sie sich an Grillstände mit den Es- den krustigen Auflagerungen Spuren von Rhaga-
sensresten herangemacht und kam dann mit einem den. Die Lefzen sind schmierig verklebt. Für die Un-
Bauch wie hochschwanger nach Hause. Das grässli- tersuchung der Ohren und Gehörgänge müssen wir
che Würgen hörte auch nicht auf, als der Bauch Karina einen Maulkorb anlegen, weil sie mit bösem
schon längst leer war. Anschließend hatte sie dann Knurren um sich schnappt und die Besitzerin im-
fürchterlichen Durchfall und Juckreiz. Wir waren mer ängstlicher wird.
bei unserem Tierarzt, der sie 4 Tage lang in der Kli- Die Gehörgänge sind gerötet, enthalten teils
nik behielt. Dort bekam sie wegen Flüssigkeitsver- schuppige Auflagerungen, teils schmierige Sekrete.
lust Spritzen und Infusionen. An der Ohrbasis ist das Fell genauso feucht verklebt
Jetzt hat sie wieder diesen Juckreiz und schüttelt wie an den Lefzen. Während der Untersuchung
sich dauernd die Ohren. knurrt die Hündin weiterhin und versucht zu bei-
Wir sind in den 2 Jahren, die wir Karina haben, ßen. Die schimpfende Besitzerin beeindruckt sie
mindestens jeden zweiten Monat beim Tierarzt ge- gar nicht.
wesen, und ich habe wirklich genug von diesem Wo hat Karina ihren Lieblingsplatz? Auf der Couch,
blöden Hund. Wenn Karina wenigstens nett und in der Sonne oder an kühlen Orten? „Das kommt da-
freundlich zu uns wäre! rauf an. Abends liegt sie natürlich am liebsten auf
Außerdem finde ich dieses schmierige Maul mit unserem Sofa, aber das verbiete ich ihr jetzt, weil
den verklebten Haaren so widerlich, dass es mich sie alles verschmiert. Sie liegt dann angebunden im
wirklich ekelt. Flur auf ihrer Decke und ist sauer. Aber an heißen
Vor ein paar Wochen hat sie sogar meine kleine Tagen bleibt sie freiwillig im Flur.“
Tochter, 3 Jahre alt, gebissen. Sie war vor Karinas Wie verträgt sie heißes Sommerwetter? „Dann ist
Platz gestolpert und lang hingefallen, da schoss Ka- sie gar nicht zu gebrauchen, mag noch nicht einmal
rina knurrend vor und zwickte sie kräftig in den Gassi gehen. Sie hechelt dann wahnsinnig und
Arm. tropft alles voll.“
Darum möchte ich Sie bitten, Karina jetzt einzu-
schläfern. Die Kinder wollen das natürlich nicht. Auswertung
Aber ich muss sie vor vollendete Tatsachen stellen,
wenn wir aus dem Urlaub zurückkommen.“ Der Fall von Karina ist so eindeutig, dass man ei-
gentlich kein Repertorium braucht. Trotzdem sol-
len die entsprechenden Rubriken genannt werden.
Untersuchung und homöopathische Sonderliche, auffallende Symptome:
Anamnese – Nase, Risse in den Nasenwinkeln
– Gemüt, Gier im Essen
Die Hündin trägt, wie die meisten Cocker-Spaniel, – Haut, Hautausschläge mit Magensymptomen
lange Hängeohren und tiefe Falten im Gesicht, die – Magen, Erbrechen ohne Erleichterung
Hauttextur ist locker und schwammig. Gemütssymptome:
Während unseres Gesprächs liegt Karina mit ab- – Gemüt, abweisende Stimmung
gewandtem Kopf in der Ecke unterm Tisch. Auf – Gemüt, Abneigung zu antworten
meine freundliche Ansprache reagiert sie nicht. – Gemüt, Ärger durch Kleinigkeiten
Schließlich zerrt die Besitzerin den Hund mit der – Gemüt, Abneigung gegen Berührung
Leine hervor. Karina steht nun ohne Anteilnahme
neben ihr.
66
Antimonium crudum
Allgemeinsymptome: Durchfall, dass ich sie nun endgültig einschläfern
– Haut, Hautausschläge mit Magensymptomen lassen wollte. Aber die Kinder nahmen Karina mit
– Magen, Erbrechen unaufhörlich in ihr Zimmer, was sie noch nie geduldet hat!
– Abdomen, Durchfall nach Schwelgerei, Über- Am nächsten Tag war der Durchfall vorbei, und
essen nun wird das Kratzen jeden Tag besser. Auch das
– Abdomen, Durchfall durch Magenreizung Fell hat wieder etwas Glanz bekommen.“
– Mund, Speichel viskös Im Januar fand Karina wieder Gelegenheit, Nach-
– Gesicht, Hautausschlag um den Mund bars Kompost zu durchwühlen. Anschließend sei
– Ohr, Jucken im äußeren Gehörgang sie durch Schneematsch vollkommen durchnässt
und verdreckt heimgekommen. An demselben
Karina wird also nicht eingeschläfert, sondern be-
Abend bekam sie wieder ihren Brechdurchfall.
kommt Antimonium crudum C 200, 1 Gabe per os.
Ant-c. 200 wird wiederholt.
Voller Skepsis nimmt die Besitzerin die Hündin
Im Sommer benötigte sie nochmals Ant-c., jetzt
wieder mit nach Hause.
in der M-Potenz.
Zwei Wochen später berichtet sie: „Karina ist
1996 schickte ich einmal Ant-c. M und im Spät-
jetzt wie ausgewechselt: Sie ist freundlicher, we-
sommer Ant-c. XM, nachdem sich Karina wieder
delt manchmal wieder mit dem Schwanz, und man
durch Überfressen den Magen verdorben hatte.
kann sich wieder mit ihr unterhalten. Nach der Arz-
nei bekam sie einen Tag lang wieder heftigen
67
Apis mellifica

Apis mellifica
Honigbiene

Thema, Signatur und Idee des Mittels


Das Bienengift wurde von Constantin Hering in die Im Arzneimittelbild finden sich all die unter-
Homöopathie eingeführt. Er potenzierte und prüfte schiedlichen Rollen der Mitglieder des Bienenstaa-
die frisch isolierte Substanz. „Apis“ war damals tes wieder: Die Königin nimmt gleichsam die Stel-
gleichbedeutend mit „Apisinum“, der homöopathi- lung eines lebenden Ovars ein. Sie kann pro Tag
schen Zubereitung des Bienengiftes. 2 000 Eier produzieren, wird umhegt und gefüttert
Im Homöopathischen Arzneibuch (HAB) wird die von ihren Dienerinnen, und zur Zeit der Brunst
Verreibung der ganzen Arbeitsbiene vorgeschrie- wird sie umschwärmt „von einer Horde sexuell ra-
ben. Da aber der Darminhalt mit den Anteilen ver- sender Männergesellschaft“ (Gawlik).
schiedener Pollen regional unterschiedlich ist, kön- Apis ist ein Mittel für Eierstockszysten, -schwel-
nen die Apis-Zubereitungen je nach Hersteller vari- lungen oder -verhärtungen, oft verbunden mit hef-
ieren. tigem sexuellem Verlangen bis zur Nymphoma-
Apisinum, das potenzierte Gift der Biene, wird nie. Nicht umsonst bezeichnet man das „flotte
gemäß HAB (aber nicht nach Hering) aus dem ge- Bienchen“ als ein Mädchen, das „leicht zu haben“
trockneten Bienengift hergestellt. Welche Zuberei- ist.
tung nun am ehesten der Arzneimittelprüfung ent- Andererseits leidet Apis unter sexuellen Exzes-
spricht, ist unklar. Auch im Repertorium differieren sen genauso wie unter nicht erfülltem sexuellem
die Angaben zu Apis oder Apisinum. Verlangen, mit anschließender Sterilität, Abort-
Die Signatur des Arzneimittelbildes von Apis fin- neigung oder Verhärtungen der Genitalorgane.
det sich sowohl im Bienenstock, im Leben der Bie- Über das „richtige Maß an Sex“ herrscht Unklarheit.
nen als auch in der Pathophysiologie des Bienen- Der Apis-Patient kann auch ein unscheinbares
stichs. Dasein fristen, erfüllt von Traurigkeit über Kummer
Der Bienenstock ist ein streng hierarchisch struk- durch Alleinsein oder Enttäuschung und ohne
turiertes soziales Gefüge. Alle Mitglieder haben ih- deutliche homöopathische Symptome.
re speziellen Aufgaben, die sie nach „Stundenplan“ Die Bienenkönigin setzt ihren Stachel einzig zur
zielstrebig erfüllen; die Verständigung darüber er- Bekämpfung ihrer nachwachsenden Nebenbuhle-
folgt durch Pheromone und rituelle Verhaltenswei- rin ein: Konkurrenz, Herrschsucht und Eifer-
sen – möglicherweise auch durch „morphische Re- sucht sind wesentliche Gemütssymptome des
sonanz“ im Sinn von Rupert Sheldrake. chronischen weiblichen Apis-Patienten.
Dagegen sind die weiblich unterentwickelten Ar-
beitsbienen friedliebende und fleißige Staatsmit-
Der Apis-Patient kann von pedantischer Ord-
glieder – anonym, gleichgültig und ohne Freude
nung, andererseits auch von „fruchtloser Ge-
(die Komplemente für Nat-m.); sie stechen nur, um
schäftigkeit“ bis hin zu chaotischem Durchei-
ungebetene Gäste vom Bienenstock fernzuhalten.
nander erfüllt sein.
Bienen gelten generell als Symbol des Friedens:
Der Apis-Patient kann sich milde und friedfertig
Desorganisation ist ein wichtiges Thema; sie kann präsentieren und zeigt oft eine Tendenz zu depres-
sich auf der psychischen wie physischen Ebene des sivem Verhalten oder grundlosem Weinen, insbe-
Apis-Patienten manifestieren: Er hält sich für ge- sondere während Infektionen.
sund, obwohl schwer krank; er kann sich infolge Wenn die Bienen aber in ihrem Frieden gestört
Verwirrung nicht konzentrieren, seine Bewegun- werden, z. B. durch Lärm, reagieren sie i. d. R. heftig
gen sind ungeschickt, Gegenstände fallen ihm aus gereizt und stechen – um daran zu sterben: Der
der Hand, schließlich verfällt er in Delirium; auch Dienst am Ganzen ist wichtiger als das Individuum
die Koordination von hormoneller Steuerung, Im- – wiederum ein Charakterzug von Nat-m. und sei-
munsystem und Zellverbänden geht verloren. Be- ner ethischen Gesinnung.
sonders die Organisation von Körperflüssigkeiten
gerät – im wahrsten Sinn – aus den Fugen.
68
Apis mellifica
Die Drohnen, durch Parthenogenese gezeugte in- Die vermehrte Wassereinlagerung ins Gewebe
aktive Männchen, erwachen einzig im Wonnemo- führt zu Spannungsschmerzen, sodass sich der Pa-
nat Mai, um in ungeordneter Ekstase die Königin tient über eine hochgradige Berührungsemp-
zu umschwärmen, damit eine einzige von ihnen findlichkeit der Stichstelle beklagt. Er verlangt
diese befruchten darf. nach einem Eisbeutel, aber dessen Berührung und
Die Einzelbiene ist nur ein willenloser Bestand- Druck sind unerträglich; besser wäre – wie am
teil des Staates, ohne Bienenvolk geht sie zugrunde. überhitzten Bienenstock – ein vorsichtiges Besprü-
Auch der Apis-Patient kann nicht allein sein und hen mit kaltem Wasser.
verlangt besonders bei Herzschäden oder in Todes- Die Tendenz zu Wasserretention („wassersüchti-
angst nach Gesellschaft. ge Schwellung“ gemäß der alten homöopathischen
Der Bienenstock benötigt eine konstante Tempe- Nomenklatur) ist meist von allgemeiner Durstlo-
ratur von ca. 34 ⬚C. Bei frostigen Temperaturen er- sigkeit begleitet. Nur im Froststadium im Fieber
starren die Bienen zum Winterschlaf. Dennoch kann Durst vorhanden sein (wie Puls.).
können sie Kälte wesentlich besser ertragen als Niederlegen verlangsamt die Zirkulation und
Hitze. Für sommerliche Wärme haben sie ein spe- vermindert den Abtransport der Ödeme. Der Apis-
zielles Kühlmanagement entwickelt: Feine Was- Patient ist unruhig, möchte am liebsten umherge-
sertropfen werden auf den Bienenstock verteilt und hen; die Symptome verschlimmern sich im Lie-
durch vibrierendes Flügelschlagen zum Verduns- gen.
ten gebracht. Diese Modalitäten prägen das gesamte Arznei-
mittelbild von Apis.
Die Ödeme zeigen eine besondere Affinität zu
Der Apis-Patient ist extrem überempfindlich
Körperhöhlen oder sammeln sich im Zwischenzell-
gegen jede Form von Wärme, alle Symptome
gewebe. Diese bilden – ähnlich wie der Honig in
bessern sich durch Kälteanwendung.
den Waben des Bienenstocks – prall-elastische,
eindrückbare Schwellungen, die an der Haut der
Apis hat einen besonderen Bezug zu Stichverlet- Tiere durch aufgestellte Haare imponieren.
zungen, insbesondere solchen, die in Körperhöhlen Honig (lat. „mel“) gilt seit jeher als Ideal des Gu-
eindringen. ten und Erstrebenswerten und erinnert an das pa-
Der Stich einer Biene macht sich bei uns zunächst radiesische Land, „wo der Honig fließt“. Im spätla-
mit einem akuten, heftig stechenden, brennen- teinischen und im heutigen homöopathischen
den Schmerz bemerkbar. Alle akuten entzündli- Sprachgebrauch bedeutet „Amelioration“ die ge-
chen Apis-Zustände sind von solchen Schmerzen sundheitliche Verbesserung.
begleitet. Genauso fühlt sich der schwer leidende Apis-Pa-
Die hämolysierenden und osmotisch wirksamen tient, wenn er endlich sein richtiges, heilendes ho-
Eigenschaften des Bienengifts vermindern die Ka- möopathisches Mittel bekommen hat.
pillarpermeabilität des Gewebes und lassen blasse
ödematöse Schwellungen entstehen. Die unmit- Thema und Idee: infektiöse, allergische oder
telbare Umgebung sowie das Zentrum der Stich- „erotische“ Entzündung, anfangs wohlorga-
stelle sind dagegen leicht gerötet. nisiert, später zunehmende Neigung zu Desinte-
Kälteanwendung verzögert die Diffusion des gration, Flüssigkeitsretention mit Ödembildung in
Bienengifts, vermindert das schnelle Fortschreiten Körperhöhlen, Zysten und Interstitium, hitze- und
der Permeabilität von Zellmembranen und bessert berührungsempfindlich, begleitet von Unruhe oder
alle Apis-Beschwerden. Schläfrigkeit.
Kälte vermindert auch die Virulenz des Bienen-
giftes: Stiche an heißen Tagen reagieren heftiger als
solche bei kühlem Wetter.
69
Apis mellifica
Grundsätzliche Eigenschaften des Mittels
Apis ist zwar ein sehr gut geprüftes und bewährtes in Erscheinung treten. Sie können
Heilmittel der Homöopathie, aber in der Praxis als Anasarka (Unterhautödeme),
nicht immer leicht zu erkennen und von andern als seröser Erguss mit säckchenähnlicher
Mitteln zu differenzieren. Schwellung,
Gerade in der homöopathischen Tierpraxis wird als angioneurotische (Qincke-)Ödeme an Ge-
es vielfach in seinem Wirkungsspektrum verkannt sicht, Lippen, Augen, an der Mundschleimhaut
und unterschätzt. und oberen Atemwegen,
an allen Schleimhäuten und der Submukosa,
Mnemotechnisch ist das Apis-Bild leicht einzu-
in Körperhöhlen (entzündlich, infektiös, toxisch)
prägen:
oder
Der Stich einer Biene bleibt als eindrückliches Er-
als Begleitsymptome von Erysipel-artigen Er-
lebnis im Gedächtnis. Der anfangs heftige, stechen-
krankungen auftreten.
de Schmerz wird gelindert durch einen Eisbeutel.
Anschließend an den Stich entwickelt sich eine Akut entzündliche Ödeme oder Ergüsse sind hoch-
Schwellung, deren Zentrum rosa, die Peripherie gradig berührungsempfindlich, verschlimmert
blass und prall-glänzend geschwollen ist. In den durch jede Form von Wärme, meist von stechend-
nächsten Stunden und Tagen bleibt eine berüh- brennenden Schmerzen begleitet.
rungs- und wärmeempfindliche Schwellung erhal- Allergische oder toxische Ödeme oder Ergüsse
ten, meist begleitet von Juckreiz. zeigen nur einen unangenehmen Wundschmerz,
Von der Apis-Pathologie wird bevorzugt das In- bedingt durch Gewebespannung, und nicht immer
terstitium betroffen, weniger das Organ-Paren- die hochgradige Berührungsempfindlichkeit. Aber
chym. auch sie werden durch Kälteanwendung gebessert.
Am schlimmsten und schnellsten treten Apis-Be- Seltener sind schmerzlose Erkrankungen. In der
schwerden bei Patienten auf, die allergisch auf Bie- Humanhomöopathie ist Apis eine der wenigen Arz-
nengift reagieren. Dabei handelt es sich häufig um neien (neben Arn., Ars., Op. u. a.), die sich trotz
konstitutionelle Natrium-muriaticum-Patienten, schwerer Erkrankung als beschwerdefrei zeigen.
die oft sogar auf ein Honigbrot allergisch reagieren. Beim Tier ist jedoch dieses Symptom nur schwie-
Apis ist das wichtigste akute Komplement zu rig in Zusammenhang mit Apis zu bringen.
Nat-m. (s. dort).
Infektionen, Erysipel, phlegmonöse Entzündun-
gen neigen zur Entwicklung von Ödemen, nicht
Apis-Erkrankungen gehen i. d. R. mit entzündli- aber zu Abszedierung oder Eiterung; das Gesche-
chen, toxischen oder allergischen Schwellungen hen kann in Nekrose oder Gangrän übergehen und
einher; das sind interstitielle Wassereinlage- erfordert dann ein Folgemittel wie Ars., Arn., Puls.
rungen mit eindrückbaren oder prallen, glän- oder Sulf. (nicht jedoch Lach.!).
zenden Schwellungen. Diese sind meist beglei-
tet von Empfindlichkeit gegen Berührung und
Apis gilt auch in der Tierhomöopathie als eines
Druck sowie Verschlimmerung durch Wärme
der wichtigsten Mittel für allergische Reaktio-
sowie Durstlosigkeit und verminderter Abson-
nen auf Insektenstiche. Diese Indikation darf
derung von hoch stehendem Urin.
aber nicht überbewertet werden.

Die Ödeme aus dem Apis-Arzneimittelbild können


Apis ist in diesem Zusammenhang zuständig für
bei allergischer Disposition,
den akuten Stichschmerz unmittelbar nach einem
bei Infektionen,
Bienen- oder Wespenstich. Meist kann eine ein-
bei infizierten Strichwunden, besonders in Kör-
zelne orale Gabe einer C 30 diesen Schmerz lindern
perhöhlen,
und das Fortschreiten der lokalen Entzündung ver-
bei toxischer Entzündung,
hindern. Es handelt sich hier nur um die unange-
lokal begrenzt,
nehme Erstwirkung des Stiches. Eine höhere
generalisiert oder
Potenz oder eine fälschlich wiederholte Gabe kann
an wechselnden Lokalisationen
die Reaktion auf diesen Stich unnötig kompli-
zieren.
70
Apis mellifica
Apis ist in höherer Potenz angebracht, wenn nach Gemäß den Arzneimittelbeziehungen tritt die
einem solchen Stich innerhalb von Minuten die Apis-Hufrehe besonders bei konstitutionellen Nat-
Schleimhäute der Atemwege anschwellen. Diese m.-, Ars.-, Lyc.- und Sulf.-Patienten auf, weniger bei
lebensgefährliche allergische Reaktion kann zu Er- konstitutionellen Phos.- oder Rhus-t.-Patienten.
stickung führen. Eine Gabe Apis 200 kann diese Pa- Auch bei den Folgen eines Hufabszesses, der He-
thologie meist binnen Minuten zum Abklingen par s. erforderte, kann Apis eine anschließende Re-
bringen und darf nur bei erneuter Verschlimme- he oder Hufbeinsenkung sehr günstig beeinflussen.
rung wiederholt werden. Sollte aber mit Apis keine Im Gefolge einer Mauke mit Panaritium oder Par-
sofortige Besserung eintreten, so ist an Acidum onychie, die Arsen erfordert, kann Apis die endgül-
carbolicum zu denken, sofern kein Kortikoid ver- tige Heilung ermöglichen.
fügbar ist. Acidum carbolicum ist in der Homöopa-
thie ein bekanntes Mittel für den anaphylaktischen
Apis-Erkrankungen sind meist von Durst-
Schock nach Insektenstichen, allerdings seltener
losigkeit und mangelnder Ausscheidung
vorkommend als Apis.
von hoch stehendem Urin begleitet. Gemäß der
Eine gleichzeitige Gabe beider Mittel verbietet
Hering’schen Regel handelt es sich dabei um le-
sich, da sie sich als gegenseitige Antidote in ihrer
benswichtige Funktionen. Daher kann begin-
Wirkung aufheben würden.
nender Harnabsatz zugleich mit Durst als erste
Bleibt die Reaktion auf den toxischen Insekten-
positive Reaktion des Patienten und als Zeichen
stich als lokale Entzündung begrenzt, so wäre Le-
beginnender Heilung gewertet werden.
dum indiziert. Aber auch hier darf dieses Gesche-
hen nicht überbewertet werden: Keineswegs jeder
banale Insektenstich benötigt eine homöopathi- Apis-Erkrankungen zeigen einige Gemeinsamkei-
sche Arznei. ten mit denen von Lachesis: Beide Mittel sind im
Apis hat sich jedoch beim echten Sommerekzem Fall von phlegmonösen Entzündungen berüh-
der Pferde (allergische, juckende Hauterscheinun- rungsempfindlich und hochgradig schmerzhaft,
gen durch Insektenstiche) außer mit kurzfristiger vertragen keine Wärmeanwendung, neigen zur
Palliativwirkung als wenig wirksam erwiesen. Entwicklung von Ulcera oder Gangränen, haben ei-
Hufrehe beim Pferd (Klauenrehe beim Rind) ist ne Beziehung zu Zysten am Ovar und neigen zu
eine der wichtigen Indikationen für Apis, was zu Nymphomanie.
eindrucksvollen Heilungen führen kann. Die Patho- Lach.-Erkrankungen sind jedoch eher auf der lin-
physiologie der Hufrehe wird bestimmt durch eine ken Körperseite lokalisiert, breiten sich von links
toxisch- oder allergisch-ödematöse Entzündung nach rechts aus, Apis ist eher rechtsseitig lokalisiert
der Huflederhaut. und breitet sich von rechts nach links aus (wie an-
Im schlimmsten Fall kann sich infolge dieses dere Mittel); Lach. zeigt bei Schmerzen eher eine
Ödems das Hufbein von der Huflederhaut lösen. Tendenz zu Aggressivität, Apis eher eine zu Benom-
Zusätzlich trägt die Zugbelastung des tiefen Zehen- menheit. Bei Ovarzysten wird Lach. durch übermä-
beugers zur Hufbeinsenkung bzw. -rotation bei. ßige Lautgebung – Heulen, Wiehern, Brüllen – und
Solche Veränderungen sind mit schlimmsten sexuelle Aktivität auffallen, Apis mehr durch Unru-
Schmerzen verbunden, führen häufig sogar zum he oder Depression infolge unerfüllter sexueller
Festliegen der Tiere. Die Schmerzen werden ver- Bedürfnisse.
ständlich, wenn man sich das hochgradig entzünd- Apis könnte mit Bryonia verwechselt werden.
liche Ödem im starren Hufkapselbereich vor Augen Aber Bry.-Erkrankungen bessern sich durch starken
führt, das der Zehenspitzengänger permanent Druck, während Apis weder Berührung noch Druck
durch sein Körpergewicht belastet. verträgt.
Häufig ist dieses Phänomen ein Grund für dauer- Die Hauterscheinungen von Apis könnten an die
hafte Unbrauchbarkeit des Pferdes. von Rhus toxicodendron erinnern. Solche von
Bei rechtzeitiger Anwendung homöopathischer Rhus-t. sind jedoch durch eine Besserung von Wär-
Mittel lässt sich diese Erkrankung langsam rück- me gekennzeichnet.
gängig machen. In den gängigen Arzneimittellehren wird Apis als
Bei der akuten Laminitis (Hufrehe) ist Apis von langsam wirkende Arznei beschrieben. Das trifft
Bry., Nux-v., Puls. und Pyrog. zu differenzieren (s. für chronische oder organisch bedingte Zustände
dort).
71
Apis mellifica
zu (bereits eingetretene Hufbeinsenkung, Ovarzys- für akute oder perakute allergische oder toxische
ten, fortgeschrittenes Panaritium usw.), nicht aber Erkrankungen!

Übersicht über Krankheitsverlauf und pathologische Schwerpunkte


Perakuter und akuter Verlauf: allergische Reak- Meningitis, Enzephalitis, Hirnödem, mit zentral-
tionen bis zum anaphylaktischen Schock; angio- nervösen Symptomen und Stupor
neurotisches Ödem der Schleimhäute an den obe- hochgradig schmerzhafte Pneumonie mit Nie-
ren Atemwegen mit Erstickungsgefahr; akute Glo- rensymptomen, Pleura-, Perikarderguss
merulonephritis mit Anurie, begleitet von Benom- entzündliche Peritonitis mit Aszites und Berüh-
menheit rungsempfindlichkeit des Abdomens
Ovaritis, Adnexitis, Ovarzysten, Ödeme an Ovar
Subakuter und chronischer Verlauf: Die Verwen-
oder Uterus
dung als konstitutionelles Mittel ist besonders in
Ödeme im männlichen Genitalbereich, entzünd-
der Tierhomöopathie seltener und nicht einfach zu
liche Hydrozele
erkennen.
Nephritis, Glomerulonephritis, Nephrose, An-
Apis-Patienten sind grundsätzlich warm- bis heiß- urie, Nierenversagen mit rasenden Schmerzen
blütig; berührungsempfindlich bis zum Schreien; hormonelle Imbalancen, Hypersexualität, Eifer-
durstlos bei wenig Urinabsonderung; neigen zu sucht weiblicher Patienten, Abort
Ödemen an Schleimhäuten, Serosen, Unterhaut; weibliche Hormonimbalancen, Erkrankungen
leiden unter rechtsseitigen Erkrankungen, die auf des rechten Ovars, rechtsseitige Mastitis
die linke Seite übergehen können; suchen Abküh- akut infizierte Arthritis, Tendovaginitis, Bursitis
lung, vermeiden jede Art von Wärme; bei trocke- (DD Bry.) mit Hydrops
nen, häufig geschwollenen Schleimhäuten. Panaritium, Paronychie mit Ödemen, ohne Ab-
szedierung
Akute Folgen oder Erkrankungen nach Bienen-
Pferd: Hufrehe toxischer, allergischer oder in-
oder Wespenstich an Maul, Gesicht oder Ohren
fektiöser Genese
(Hund) mit schmerzhaftem Ödem und/oder an-
Rind: Klauenrehe toxischer, allergischer oder in-
schließender Urtikaria; Ödeme an der Maul-
fektiöser Genese
schleimhaut, an oberen Luftwegen, Lefzen, Gesicht
allergische Hautreaktionen: Urtikaria, Insekten-
oder Ohren (Lach., Carb-ac.) mit Erstickungsgefahr
stiche u. Ä.
Schmerzhafte Entzündungen mit Ödem von In- Tachykardie, Unruhe
terzellulargewebe und Körperhöhlen: blassrosa rheumatische Entzündungen (Fibromyalgie)
Entzündungen, meist hochgradig berührungsemp-
Infektionen: durch perforierende Stichverletzun-
findlich, im subakuten Fall weniger deutlich
gen in Körperhöhlen
Entzündungen und submuköse Ödeme an Ton-
Erysipel, Phlegmose der Extremitäten, am Nabel
sillen, Pharynx, Larynx
Neugeborener
Otitis media und interna mit extremen Schmer-
entzündliche Ödeme aller Art, schmerzhaft,
zen
prall, besser durch Kälteanwendung
Konjunktivitis, Blepharitis, Chemosis
entzündliche, toxische Ergüsse in Körperhöhlen
Erysipel im Gesicht mit Ödemen, Quincke-Öde-
oder Interstitium
men
allergische oder angioneurotische Ödeme der
Schleimhäute der oberen Atemwege bis Ersti-
ckung
72
Apis mellifica
Physiognomie und Erscheinungsbild des Patienten
Tiere mit blonden, hellen Haaren (kein ausschlie- Die Tiere liegen niemals auf dem erkrankten Kör-
ßendes Symptom!) perteil, sondern versuchen, ihn frei, ohne Berüh-
Konstitutionen von Nat-m., Lyc., Ars., Sulf. (Kom- rung oder Auflagedruck zu lagern!
plementärmittel) akute Zustände mit hochgradigen Schmerzen,
warm- bis heißblütige Tiere, suchen kalte Plätze plötzlichem Aufschreien und Benommenheit
Ödeme, speziell um die Augen, Lidödeme (bei Vermeiden von Wärme, sucht kühle Stellen
Tieren schwierig erkennbar) (Hund: hecheln)
blasse, wie glasierte, trockene Schleimhaut plötzliche perakute allergische Zustände, bis hin
durch Wassereinlagerung („wassersüchtige zum anaphylaktischen Schock mit Atemnot in-
Schwellung“) folge Ödems der Atemwege
pralle, glänzende Schwellungen, an geschwolle- akutes Mittel für plötzliche allergische Reaktio-
nen Teilen sträuben sich die Haare nen nach Insekten- oder Bienenstichen o. Ä.
oder säckchenähnliche Schwellungen unruhige Tiere verändern ihre Lage, stuporöse
mit deutlicher Berührungsempfindlichkeit die- Benommenheit
ser Teile im chronischen Fall hektische Lebendigkeit, z. B.
bei Ovarzysten mit Nymphomanie

Auffallende Zeichen und Symptome des Verhaltens


Akut bis subakut: reizbare Unruhe besonders Abdomen und Hals empfindlich gegen Einen-
durch Berührung erkrankter Teile gung (Hund: Halsband)
unerträglicher Juckreiz bei allergischen Erkran- ,kindischer‘, nicht altersgemäßer Spieltrieb im
kungen Zusammenhang mit hormoneller Imbalance
Schläfrigkeit, kaum zu wecken bei zentralnervö- eifersüchtig, possessiv, egoistisch, lebhaft
sen Symptomen, schweren Erkrankungen abwechselnd mit deprimiertem Wesen und
bei Enzephalitis, Meningitis: Benommenheit mit scheinbar unmotiviertem Jammern
plötzlichem Aufschreien Nymphomanie: abwechselnd sexuelle Aktivität
mit hektischer Unruhe und Stupor
Chronisch: deprimiert, Kummerfolgen, besser
Aufschrecken wegen Kleinigkeiten
durch Ablenkung oder Aufregung
Unruhe, Zittern, Zucken, ungeschickte Feinmoto-
Eifersucht; mit viel sexuellem Interesse; miss-
rik
trauisch, hektisch, unruhig
lähmige Schwäche als evtl. Begleitsymptom
launische, hektische weibliche Tiere
mit mangelnder Reaktionsfähigkeit
ruhelose Eile, hyperaktiv, unruhig, zappelig;
bei Nierenproblemen steifer Gang mit krummem
besonders bei nicht ausgelebtem sexuellen Be-
Rücken
dürfnissen (z. B. Hündinnen, die während der
Hund: jammert und mieft, unzufrieden, hektisch,
Läufigkeit mit Rüden zusammen sind, die sie
besser durch Aufgaben und Ablenkung; im
nicht decken dürfen)
Akutfall: Aufschreien bei Berührung

Leitsymptome des pathologischen Geschehens


Ödeme: Quincke-Ödeme; allergische, toxische Phlegmone, Erysipel, keine Eiterung
Ödeme (Insektenstiche, Bakterientoxine) Angina, Konjunktivitis mit Chemosis
Hirnödem, evtl. mit Lähmungen septische Infektionen mit Ödem, Zerstörung
Ödem bei Niereninsuffizienz, Nierenversagen oder Ulzeration von Gewebe
Lungenödem, Hydrozele, Ödeme an Extremitä- septische Infektionen nach perforierenden
ten Stichverletzungen in Körperhöhlen, z. B. Ga-
toxische, allergische Ödeme, insbesondere am belstich in Gelenk oder Sehnenscheide mit
Vorderkörper entsprechenden Modalitäten
73
Apis mellifica
allergische Schleimhautödeme bis anaphylakti- Pleuritis mit Pleuraexsudation, Erstickung, Peri-
scher Schock, besonders der Atemwege karderguss

Infektionen: Fieber ohne Durst mit großer Hitze Verdauungsapparat: durstlos trotz trockener
des Körpers, wenig Urin Schleimhäute
auch im Froststadium verschlimmert Wärme, aber eiskalte Tränke kann bessern (besonders bei
evtl. dabei Urtikaria und Durst! (wie Puls.) Erkrankungen im Pharynx-Bereich)
lokale Hitze mit Kälte an anderer Stelle schmerzhaft aufgetriebenes Abdomen (Aszites)
intermittierendes Fieber, Malaria-ähnliche Er- extrem empfindliche Bauchdecke, im chroni-
krankungen, Mittelmeer-Fieber schen Zustand nur leichte Berührungsemp-
adynamischer Verlauf findlichkeit
Fieber ⬍ 15 Uhr ulzerierende Darmschleimhaut
Fieber mit Benommenheit bei septischen oder fieberhaften Infektionen of-
fener After mit unwillkürlichem Kotabgang
Kopf: Enzephalitis, Meningitis mit extremen
Schmerzen Harnwege: akute Blasenentzündung, aufsteigend
Opisthotonus mit rückwärtigem Rollen des Kop- in Nierenbeckenentzündung
fes (Bell., Strom., Op., Cupr., Cic.) Zystitis mit starkem Tenesmus, ⬍ nach Urinab-
Apathie, Benommenheit, Bewusstlosigkeit gang, mit Ödem im Genitalbereich (Canth. oh-
(Gels., Hell.) ne Ödem)
plötzliches schrilles Aufschreien bei zentralner- dabei tropfenweiser Urinabgang trotz Anstren-
vösen Symptomen oder heftigen Schmerzen gung mit starken Schmerzen
Zähneknirschen bei zentralnervösen Sympto- Niereninsuffizienz, nephrotisches Syndrom,
men Nierenkolik
⬍ durch Berührung, speziell des Kopfes, ⬍ Wär- Nephritis nach septischer Allgemeininfektion
me, ⬍ Bewegung Nierenversagen, evtl. mit schlimmsten
rote Zunge, trockene Schleimhäute Schmerzen, Schreien und Ödemen am ganzen
dabei durstlos, wenig Urin Körper
akute Glomerulonephritis („Bright-Krankheit“)
Otitis media: phlegmonöse Otitis, extreme
bis Anurie
Schmerzen mit Wimmern und plötzlichem Auf-
Ödeme bei Nierenschäden, Albuminurie, stin-
schreien
kender Urin
hochgradig berührungsempfindliche Ohren bzw.
Urin blutig bis dunkelbraun, nachweisbare Zylin-
Gehörgänge
der
Folgemittel evtl. von Pulsatilla (Jus)
Harnwegserkrankungen auch durch Allergie auf
Augen: Konjunktivitis mit glasiger Chemosis (Kat- Pharma-Präparate mit heftigsten Schmerzen
ze: häufiger Ars. als Apis) während und nach Urinieren
hochgradig schmerzhaft und berührungsemp- Harnwegssymptome können als Begleitsymp-
findlich tom anderer Apis-Erkrankungen auftreten
Ödeme der Lider und Augenumgebung (mögli-
Genital weiblich: Alopecia areata durch hormo-
ches Begleitsymptom anderer Erkrankungen)
nelle Imbalancen
wässriger oder geringer Tränenfluss
sexuelle Raserei, Nymphomanie (Zysten am
Ulcus corneae, Hornhauttrübung, Chemosis
rechten Ovar)
Herpes-Infektionen in der Augenumgebung und
Eierstocksentzündung, Adnexitis rechts
auf der Cornea
(schwierige Diagnose), von rechts nach links
im Gefolge von Infektionskrankheiten, Staupe,
gehend
Influenza o. Ä.
ödematöse Schwellung der Ovarien, Eileiter mit
Mund, Hals und Atemwege: Bienen-, Wespensti- anschließenden Verklebungen
che (Vesp.) Erkrankungen des rechten Ovars mit Schmerz im
Angina, Tonsillitis von der rechten zur linken Sei- linken M. pectoralis; auch abwechselnde Sei-
te mit Schwellung wie Wassersäckchen ten
starke Schwellung, trockenes Maul (Pferd: Beginn
von Druse, Lach.)
74
Apis mellifica
Schmerzattacken dauern 15 Minuten (DD Kolik!) ⬍ durch Berührung mit dem Wasserstrahl; mit
Ovarialzysten rechts mit vermehrtem sexuellem glänzender Haut, abstehenden Haaren, rosa
Verlangen (ähnlich wie Lach., aber ohne Ag- Verfärbung (sofern bei dunkler Pigmentierung
gressivität bei Berührung) erkennbar); pralle Schwellung der Haut, hoch-
fehlende Brunst aufgrund o. g. Ovarialstörungen gradig berührungs- und druckempfindlich;
(Kuh: Corpus luteum persistens neben anderen das Tier wird deshalb niemals auf dem er-
Mitteln) krankten Fuß liegen
unregelmäßiger Zyklus, Azyklie (häufiges Folge- septische Infektionen ohne Tendenz zur Eite-
mittel: Puls. oder Aristolochia) rung
Ovarstörungen durch nicht ausgelebtes Sexual- bei Folgeerkrankungen kann Ars., Merc. oder
verhalten („unterdrückter Sex“) Sulf. angebracht sein
Abortneigung bis 3. Monat (Gabe von nicht indi- solche Erkrankungen besonders bei Tieren, die
zierter Apis kann Abort auslösen) konstitutionell Nat-m. brauchen
Metritis mit Berührungsempfindlichkeit des
Haut: Hitze der Haut, unterbrochen von Schweiß
Bauches
(Pferd)
ödematöse, pralle, harte, rosafarbene, eindrück-
allergische Hautausschläge, extremes Jucken,
bare interstitielle Ödeme der Mamma (weni-
z. B. durch Insektenstiche (nicht beim Som-
ger Bezug zum Drüsenparenchym)
merekzem der Isländer)
Genital männlich: Prostatitis, Orchitis, Hydrozele Hautausschläge; Urtikaria mit Schwellung, ex-
mit obigen Modalitäten trem berührungsempfindlich, juckend,
warmes allergisches oder toxisches Schlauch- ⬍ durch Wärme
oder Skrotalödem (Nux: eher toxisch) Urtikaria, z. B. nach Anstrengung, ⬍ durch Wär-
me, heftiger Juckreiz
Extremitäten: ungeschickte Feinmotorik
zystische Tumoren, Krebs
,wassersüchtige‘ Ödeme, eindrückbar oder prall,
entzündlich und hochgradig schmerzhaft Herz: Mitralinsuffizienz: jeder 3. – 4. Herzschlag
Huf- und Klauenrehe mit schnell eintretender setzt aus, evtl. Mitralinsuffizienz
Hufbeinrotation Herzklopfen beim Rechts-Liegen
Phlegmone entzündliche, pralle schmerzhafte
Pferd: Stichverletzungen perforierend; Nageltritt
Ödeme, rosa
in Hufrolle, septische Podotrochlitis, septische
Haare stehen ab wegen praller Schwellung
traumatische Tendinitis
Panaritium, Paronychie
Hund: Krallenbettentzündung Hufrehe perakut mit Senkung (bes. bei Nat-m.-,
Kuh: Limax Lyc.-, Ars.-, Sulf.- und Hep.-Patienten; Apis, Bell.:
Synovitis, akute Arthritis mit Gelenkerguss, heiße bis warme Hufe; Nux-v., Led.: kühlere bis
hochgradige Berührungsempfindlichkeit, lauwarme Hufe); Hufrehe bis zum Ausschuhen
⬎ durch Kälte durch Huflederhautödem (bei Ars. Ausschuhen
einseitige Lähmungen, evtl. mit Zuckungen bei eher wegen trophischer Störungen, Gangrän der
zentralnervösen Erkrankungen Huflederhaut); Hufrehe nach Nageltritt (perforie-
Zellgewebsentzündungen, Phlegmone, Erysi- rende Wunden); Hufbeinsenkung bei Hufabszess
pel, Lymphangitis (Bufo); hochgradig nach Hep. oder Sil. Apis-Hufrehe-Patienten neigen
schmerzhaft! (Lach., Hep.); besser durch Käl- trotz Schmerzen zu Unruhe, z. B. Weben.
teanwendung, kalt abspritzen (Lach.), aber
Ödeme bei Niereninsuffizienz, Nierenversagen

Auslöser und Modalitäten des pathologischen Geschehens


Auslöser: Infektionen allergische Reaktionen auf Toxine aller Art: In-
Verletzungen mit septischen Infektionen sektenstiche, Endotoxine, Quinke-, toxische
infizierte Stichverletzungen, insbesondere Perfo- Ödeme
rationen in Körperhöhlen Beschwerden durch Kummer (Liebesentzug, Ent-
täuschung, Alleinsein, Tierheim, Händler-Tie-
re)
75
Apis mellifica
Beschwerden durch Schreck, Zorn, Eifersucht, ⬍ 15 – 16 Uhr
belastende Ereignisse ⬎ durch Entblößen (Tiere dulden keine Decke,
Beschwerden durch unterdrückte Hautaus- ertragen z. B. keine Rotlichtlampe)
schläge, Urtikaria oder Exantheme ⬍ im geschlossenen Raum
Beschwerden durch unterdrückten Sex oder ,se- ⬎ Bewegung, Lageänderung, Unruhe; ⬎ aufrecht
xuelle Exzesse‘ Sitzen
hormonelle Imbalancen, Hormon-Therapie Bewegung erkrankter Teile ⬍, aber allgemeine
Folgen von Insektenstichen; Entzündung, Aktivität ⬎
Schwellung durstlos, besonders im Fieber, aber Durst im
Sonnenstich, Sonnenbrand und andere Verbren- Froststadium (wie Puls.)
nungen Entblößen ⬎ (Abscheren im Sommer)
eine Seite warm, andere kalt
Modalitäten: rechtsseitige, einseitige, besonders
von rechts nach links gehende Beschwerden Hauptkomplement zu Nat-m.
⬍ durch Berührung; ⬍ Druck, sogar ⬍ durch
Folge- und Ergänzungsmittel (9): Arn., Ars., Bar-
leichten Druck
c., Canth., Cupr., Gels., Graph., Hell., Jod., Kali-bi.,
⬍ durch jede Art von Wärme oder Wärmean-
Lyc., Merc-sulf., Nat-m., Puls., Sars., Stram., Sulf.,
wendung, ⬍ durch warme Tränke
Zinc.
⬎ durch Kälte; ⬎ eiskalte Anwendungen,
⬎ durch kühle Luft, ⬍ warme Getränke Unverträgliche Mittel: Phos., Rhus-t.
⬍ nach Schlaf, ⬍ im Liegen

Ausgewählte Fallbeispiele
Kuh Alda – Zysten mit Sterilität

Juli 2003: Frau B. stellt mir ihre Rotfleck-Kuh vor, Die Bäuerin berichtet: Alda war immer eine rang-
weil sie seit der letzten Geburt vor 41/2 Monaten hohe Kuh, aber nie angenehm zu hantieren. Sie ma-
nicht mehr stierig werde. Ihr Tierarzt habe Zysten che alles, aber nur widerwillig. Nach dem letzten
am Ovar festgestellt, ob am linken oder rechten Kalben sei sie lange wie depressiv gewesen und ha-
Ovar, kann sie nicht beantworten. be die Ohren hängen lassen. Es sei schwierig, sie zu
Es ist ein heißer Sommerabend, das Thermome- fangen oder zu führen, wenn z. B. die Klauen ge-
ter zeigt noch immer 30⬚ an, die Sonne steht jetzt schnitten werden müssen.
direkt auf den Stallfenstern der Westseite. Im Stall Frau B. erwähnt noch, Alda gehöre zu den Kühen,
ist es unerträglich schwül-heiß. Sobald es draußen die bei solcher Hitze am schwersten atmen.
etwas abkühlt, kommen die Tiere wieder auf die Übermäßiges Brüllen oder Aufspringen auf ande-
Weide. re Kühe sei ihr nie aufgefallen.
Alda liegt teilnahmslos und schwer atmend beim Wie viel Alda trinke, kann sie nicht beantworten.
Widerkauen nach der Abendfütterung. Sie bringt
eine gute bis mittelmäßige Milchleistung, dritte Mittelwahl
Laktation.
Widerwillig lässt sie sich auftreiben. Es gilt nun, die 44 Mittel, die für Zysten am Ovar in-
Die Untersuchung des Blasenmeridians der Chi- frage kommen, zu unterscheiden. Werden die Ru-
nesischen Medizin ergibt eine deutliche Druckdo- briken „Sterilität“, „Amenorrhö“, „Abdomen, emp-
lenz am rechten Punkt Blase 23 (zwischen 2. und findlich gegen Druck“ und „Allgemeines, heißes
3. Lendenwirbel-Querfortsatz). Die Kuh beantwor- Wetter verschlechtert“ zugezogen, bleiben noch 2
tet meine Palpation mit heftigem Kopf- und Mittel zur Auswahl: Lachesis und Apis. Die Wahl
Schwanzschlagen. Bei Palpation den Bauchdecken fällt wegen der Empfindlichkeit der rechten Seite
weicht sie so weit aus, dass sie fast die Nachbarskuh und wegen unauffälligen Sexualverhaltens auf
tritt. Unwillig und gereizt schleudert sie wieder ih- Apis.
ren Kopf, als ich ihre Kehle palpiere.
76
Apis mellifica
Therapie Therapie

Die Kuh bekommt ca. 5 Globuli Apis XM ins Maul. Die Kuh bekommt Apis M (die XM war gerade in
3 Wochen später zeigt sie eine normale Brunst den Spaltenboden gefallen und dort verschwun-
und wird erfolgreich besamt. den).
Nach 4 Tagen kann sie wieder laufen, nach einer
Woche geht sie mit ihren Kolleginnen wieder auf
Die Kuh Stilli – Klauenrehe die Weide.
Die zweite Kuh kann 10 Tage nach der Gabe von
17.2.2004: Stilli ist eine starke, große, wohlgenähr- Apis XM wieder ohne Probleme laufen – was den
te Schwarzbunte. Sie hat vor 10 Tagen problemlos Bauern zum absoluten Stauen bringt. Kein Rückfall
gekalbt, guter Abgang der Nachgeburt, keine Symp- seit 2 Jahren!
tome einer Sepsis: „Jetzt kann sie nicht mehr auf-
stehen wegen der Klauen“, erklärt der Besitzer,
Herr S.
Nur zum Melken kann er sie mit dem elektri- Schwarzbunte Kuh Lämmli –
schen Treiber und mit Gewalt für einige Minuten Gabelstich
zum Stehen bringen.
Die Klauenschmerzen hätten 2 Tage nach der Ge- Der Bauer war übers Wochenende in den Skiferien,
burt begonnen. er wurde durch seinen Lehrling vertreten.
Stilli hat bereits Antibiotika und Schmerzmittel 3 Tage nach seiner Rückkehr stellt er bei Lämmli
bekommen, die aber nur kurzfristig besserten. Der einen „dicken rechten Hinterfuß“ fest.
Hoftierarzt meinte, man solle sie noch bis zum En- Der Hoftierarzt diagnostiziert einen Gabelstich
de der Wartezeit liegen lassen und sie dann in die Sehnenscheide (den der Lehrling verschwie-
schlachten. Aber der Bauer möchte Stilli behalten, gen hatte), behandelt mit Antibiotika und Kortikoi-
weil sie eine sehr gute Leistung bringe. den.
Als die Kuh auf die Therapie nur unzureichend
Homöopathische Anamnese reagiert, empfiehlt er, sie ins Tierspital nach Zürich
zu schicken. Dem Bauern ist das zu teuer, obwohl
Beide Hinterfüße sind mittelgradig hart geschwol- diese Kuh zu seinen besten Milchkühen gehört.
len. Die Mittelfußarterien zeigen – wie beim Pferd
– hochgradige Pulsation an. Die Klauen sind warm.
Offensichtlich hat die Kuh, im Gegensatz zum Homöopathische Untersuchung und
Pferd, größere Schmerzen an den hinteren als an Anamnese
den vorderen Klauen.
Stilli liegt zurzeit auf der linken Seite, der Bauer 8 Tage nach der Verletzung nach Entfernen des Ver-
achtet auf Lagewechsel und wendet sie regelmäßig. bandes: Das Tier kann den rechten Fuß nicht belas-
Durch Palpation des Klauensaums ist deutlich er- ten und steht auf 3 Beinen. Der Einstich liegt wenig
kennbar, wie sich die Klaue an den Hinterfüßen oberhalb des äußeren Fesselgelenks. Der Fuß ist bis
senkt und sich die Klauenspitze nach oben wölbt. zum Tarsus hart und warm geschwollen, das Tier
Die Kuh zeigt einen gequälten Gesichtsausdruck. zeigt deutliche Abwehr bei Druck am Fesselgelenk;
„Wenn sie nicht so eine gute Kuh wäre, würde ich keine Zeichen von Abszedierung oder Eiterung, we-
sie schlachten lassen“, meint der Bauer. nig getrübtes Allgemeinbefinden, wahrscheinlich
Eine andere Kuh mit chronischer Klauenrehe, die infolge antibiotischer Therapie.
schon seit mehreren Wochen bestand, zeigte be-
reits wie Türkenschuhe umgeformte Klauen mit Therapie
nach oben gewölbter Klauenspitze an beiden Vor-
derfüßen. Sie kann zwar aufstehen und mühsam Die Kuh bekommt Apis XM, 1 Gabe per os.
zum Melkstand laufen, jedoch nicht mit auf die Nach 2 Tagen erstes vorsichtiges Fußen, aber kei-
Weide gehen. ne weitere Besserung.
Daher nach weiteren 2 Tagen zweite Gabe von
Apis XM.
77
Apis mellifica
Jetzt beginnt der Fuß langsam von oben nach un- Ergänzende Bemerkung
ten abzuschwellen, er ist weniger empfindlich ge-
gen Berührung. Die Kuh fußt jeden Tag ein wenig Diese Verwendung von Apis gründet sich auf eine
besser. eigene Erfahrung mit meinem Sohn im Winter
Nach einer Woche berichtet der Bauer, sie könne 1983, der sich als Achtjähriger bei einem Sturz im
nun zwar laufen, hinke aber noch immer heftig. Schneematsch einen rostigen Nagel ins Kniegelenk
Er soll Apis 200 geben. bohrte, mit anschließender fieberhafter Gonitis mit
Im Laufe der nächsten 10 Tage bessert sich die Be- Allgemeininfektion. Diese Infektion heilte ohne
lastbarkeit zunehmend. Antibiotika oder Kortikoide nach viermaliger Gabe
Der Bauer meldet keinen Rückfall. von Apis 200 innerhalb von 4 Tagen aus, am 5. Tag
fuhr er wieder mit dem Fahrrad zur Schule – ohne
geringste Folgebeschwerden nach nunmehr 22 Jah-
ren.
78
Arnica montana

Arnica montana
Bergwohlverleih

Signatur, Thema und Idee des Mittels


Arnica montana – aus der Familie der Korbblütler – des Immunsystems nach und ermöglicht die Ent-
genießt seit alten Zeiten unter ursprünglich ver- wicklung von Infektionen aller Art, insbesondere
schiedenen Namen den Ruf als Heilpflanze für solche des geschädigten Gewebes.
Verletzungen. Auch ihre volkstümlichen Bezeich-
nungen „Fallkraut“ oder „Wundkraut“ deuten
Arnica wirkt nicht nur schmerzlindernd und
das an.
fördernd auf den Heilungsprozess, sondern auch
Arnica hat ihren liebsten Standort im sonnenrei-
prophylaktisch gegen Infektionen in verletztem
chen Gebirge – dort, wo sich die Bergsteiger durch
Gewebe und ermöglicht eine Restitutio ad inte-
Prellung oder Sturz verletzen oder unter Überan-
grum im besten Sinne, wie sie Goethe be-
strengung leiden: Dann lindert der „Bergwohlver-
schreibt.
leih“ ihre Beschwerden.
Johann Wolfgang von Goethe beschreibt die heil-
samen Gewalt von Arnica: In der Arzneimittelprüfung wird immer wieder das
Gefühl von Zerschlagenheit, wie wund geschla-
„Hier ist die Pflanze der raschen Heilung. Sei dir
gen, wie mit einem Knüppel geprügelt, als sei die
von außen gewaltsam Schaden getan, Stoß, Hieb
Haut zu dünn, als sei das Bett zu hart usw., er-
– in ihr ist die wunderbare Hilfe nahe. Die Lebens-
wähnt.
kräfte strömen, der Puls kräftigt, das Herz ermutigt
Diese „Als-ob“-Empfindungen der Arzneimittel-
sich; was als blutiger Erguß, als Blutgeschwulst
prüfung erweisen sich in der Anwendung am Pa-
sich verlor, besinnt sich auf die richtige Bahn, Mus-
tienten in vielen Fällen als reale Tatsache. Das gilt
keln und Sehnen straffen sich, die Gestalt, verletzt
übrigens auch für viele andere Mittel.
und beschädigt, stellt sich wieder her. Die organi-
sche Empörung über den erlittenen Schaden, die wir
Thema und Idee: Folgen von stumpfer Ge-
Schmerz heißen, lindert sich, verebbt . . .“
walteinwirkung mit Quetschungen und Zer-
Schmerz in jeder Form kostet Lebenskraft; ist sie schlagenheitsgefühl.
durch Schmerz geschwächt, so lässt die Aktivität

Grundsätzliche Eigenschaften des Mittels


Arnica wird immer wieder pauschal dargestellt als Exsudat im kapillaren Endstrombereich sowie
das „Hauptmittel für Verletzungen“ schlechthin. auf Folgen von Überanstrengung des Organismus.
Das trifft nicht in jeder Hinsicht zu.

Arnica ist kontraindiziert bei großen offenen


Kein homöopathisches Mittel kann für ei- oder stark blutenden Fleischwunden.
ne klinische Indikation empfohlen wer-
den, wenn nicht wenigstens einige Modalitäten
Vor einer Gabe von Arnica nach einem Unfall soll-
des Arzneimittelbildes mit den Beschwerden
ten starke, innere Blutungen ausgeschlossen wer-
des Patienten übereinstimmen!
den.
Bei anderweitigen Verletzungen ist Arnica oft
In tiefen Potenzstufen (D 4, D 6) mag Arnica sogar nicht das einzige Heilmittel, sondern häufig ist – je
vor und nach chirurgischen Eingriffen wirken. nach Art der Verletzung – eine Abfolge bestimmter
Aber die eindrucksvollste Wirkung entfaltet Ar- Mittel nötig, z. B. Hyper., Rhus-t., Bry., Calend., Bell-
nica bei stumpfen Traumen mit Quetschung und p., Ham., Mill.
79
Arnica montana
Arnica ist eines der am häufigsten gebrauchten lösen. Das gründet sich zum Teil auf reizende Be-
Mittel in der Alltagspraxis und darf in keiner Not- standteile durch parasitierende Insekten in der Ar-
fall-Apotheke fehlen! nica-Blüte, zum Teil auf eine Überempfindlichkeit
Arnica wird oft zitiert als das Hauptmittel für bestimmter Konstitutionstypen auf die konzent-
Operationen. Aber gerade nach chirurgischen Ein- rierten Wirkstoffe der Arnica. Besondere Vorsicht
griffen stehen nur selten solche stumpfen Traumen ist geboten bei schwach pigmentierten Tieren, ins-
durch Quetschung und mit dem berühmten „Zer- besondere bei Pferden mit fuchsfarbenem oder
schlagenheitsschmerz“ im Vordergrund. Vielmehr „blondem“ Fell sowie an unpigmentierten Hautbe-
gibt es eine ganze Anzahl anderer Mittel, die im zirken.
Umfeld einer Operation bessere Dienste leisten als
Arnica, abhängig von den jeweils unterschiedli-
Insbesondere unter Verband kann sogar eine
chen Auslösern und Beschwerden: z. B. Bry., Ca-
verdünnte Arnica-Tinktur heftige Hautreaktio-
lend., Hyper., Bell-p., Staph.
nen auslösen. Auf offene Wunden gebracht
Wenn Arnica nach Operationen dennoch einen
wirkt diese Zubereitung stark reizend und kann
heilsamen Effekt hat, dann gründet sich dieser auf
Zellgewebsentzündungen nach sich ziehen.
eine Art Palliativeffekt von sehr tiefen Potenzen
Hahnemann empfahl für die äußerliche An-
wie D 4 oder D 6 („hohe Dosen“ nach Hahnemann –
wendung der Arnica die erste bis dritte Cente-
mit hohem Anteil an materiellen Wirkstoffen), die
simal-Potenz und warnte ausdrücklich vor
eher phytotherapeutisch als homöopathisch wir-
der Verwendung der Pflanzentinktur!
ken.
Vor Operationen gegeben führt eine C 30 zu ver-
stärkten kapillaren Sickerblutungen, die das Opera- Der bekannte homöopathische Arzt Emil Schlegel
tionsfeld unübersichtlich machen. beschreibt, wie er nach Einnahme eines einzigen
Nur nach Operationen mit massiven Quetschun- Tropfens der Arnica-Tinktur Symptome einer Arz-
gen von Weichteilgewebe kann Arnica, homöopa- neimittelprüfung entwickelte.
thisch verordnet, sinnvoll wirken, z. B. nach kom-
plizierten Weichteiloperationen oder Osteosynthe-
Anstelle der äußerlichen Anwendung von Arni-
se.
ca empfiehlt sich in jedem Fall eine verdünnte
Dagegen wirkt Arnica bei stumpfen Verletzungen
Calendula-Lösung als warme Wundspülung (5-
von Weichteilen am überzeugendsten oft erst in
bis 10%ig) oder warmer Anguss-Verband (2%ig).
höchsten Potenzen (XM).
Es sei jedem homöopathischen Therapeuten
empfohlen, bei einem selbst erlittenen Trauma Die homöopathische Einsatz potenzierter Arnica-
(z. B. schwere Prellung, Schlag oder Sturz vom Pferd Präparate (per os oder als Injektion) ist von diesen
o. Ä.) eine Arnica XM einzunehmen. Nur so kann toxischen Wirkungen der Arnica-Tinktur nicht be-
man sich von der Wirkung auf Schmerz und Re- troffen.
sorption von Exsudaten überzeugen, die anderen Neuerdings sind auf dem Markt der diätetischen
Medikamenten bei entsprechender Indikation Futtermittel auch Zusätze von Arnica vertreten. Da-
weitaus überlegen ist. bei ist es durchaus möglich, dass empfindliche Tie-
Dasselbe gilt übrigens auch für Hypericum. re bei längerer täglicher Gabe Symptome einer Arz-
Der angemessene Einsatz von Arnica-Potenzen neimittelprüfung entwickeln können.
richtet sich nach der Schwere der Erkrankung: Eine Arnica wird auch als ein Mittel für Influenza-
Dekubitus-Verletzung – z. B. unter einem stabilisie- ähnliche Allgemeinerkrankungen beschrieben, die
renden Verband – heilt nach einer oder vereinzel- mit „Zerschlagenheitsgefühl“ und Geruch von Maul
ten Gaben der C 30 ab, während eine frische Hirner- und Flatus „wie faule Eier“ einhergehen. Doch sol-
schütterung eine XM-Potenz erfordert, um z. B. ein che Zustände sind beim Tier ausgesprochen selten
bereits vorhandenes subdurales Hämatom zur zu beobachten.
schnellen Resorption zu bringen (sofern nicht zu- Arnica ist sehr schnell und intensiv wirksam und
erst Opium oder ein anderes Mittel erforderlich ist). muss bei schweren Verletzungen (z. B. Verkehrsun-
Die äußerliche Anwendung von verdünnter Arni- fall) je nach Schwere des Traumas wiederholt gege-
ca-Tinktur oder -Salbe (meist in 10%iger Urtinktur) ben werden, sofern sich die gebesserten Symptome
kann heftige, Erysipel-artige Hautreaktionen aus- erneut verschlechtern; das betrifft auch den Ein-
satz in hoher Potenz.
80
Arnica montana
Übersicht über Krankheitsverlauf und pathologische Schwerpunkte
Akut: bei stumpfen Traumen, Überanstrengung evtl. mit körperlicher Ruhelosigkeit im Liegen,
selten bei akuter Allgemeininfektion weil das Bett als zu hart empfunden wird
Besserung durch kühlende Umschläge und Ruhe
Subakute und chronische Folgen von Verletzun-
Folgen von körperlicher Überanstrengung mit
gen
„Zerschlagenheitsgefühl“
Schwerpunkt von Arnica in der Tiermedizin: Herz-Kreislauf-Erkrankungen mit diesen Moda-
stumpfe Weichteiltraumen, Schlag, Sturz, Stoß, litäten, z. B. alte Tiere
Prellung Allgemeininfektionen mit diesen Modalitäten
mit schmerzhaften kapillaren Hämatomen
Spezielle Indikationen für die Tiermedizin: Kuh:
Schwellung, Entzündung bis zur Phlegmone ver-
Geburtstrauma (nach Schwergeburten bei allen
letzter Teile
Tieren)
mit Verschlimmerung durch Bewegung
Schlagverletzungen, Verkehrsunfall
Berührungsempfindlichkeit, wie ,wund geschla-
Pferd: traumatische Hufrehe nach langen Ritten
gen‘
(Fahren) mit untrainiertem Pferd

Physiognomie und Erscheinungsbild des Patienten


Die Physiognomie richtet sich nach der Schwere Nach schwerem Trauma kann der Arnica-Patient
und Dauer der Erkrankung. oft nicht still liegen, obwohl der Körper überall
Unmittelbar nach einem heftigen Trauma, z. B. schmerzt. Das Lager erscheint ihm zu hart. Minu-
Verkehrsunfall, befindet sich der Patient im (evtl. ten nach der Arnica-Gabe entspannt sich der Pa-
asphyktischen) Schock, schreit, hat Todesangst tient und liegt ruhig.
(Acon.) oder windet sich evtl. vor Schmerzen Möglicherweise lässt sich gerade beim Tier-Pa-
(Hyper.). tienten außer der Causa ,Verletzung‘, ,Unfall‘
Bei einem einige Stunden alten Trauma ist der oder ,Überanstrengung‘ kein deutliches Symp-
Patient geprägt von Zerschlagenheitsgefühl, lässt tom feststellen, das explizit auf Arnica hindeutet.
sich nicht berühren und vermeidet jede Bewe- In solchen Fällen bestätigt die anschließende po-
gung. sitive Reaktion des Patienten die richtige Arznei-
Auch während Bewusstlosigkeit unmittelbar mittelwahl.
nach einem Trauma kann Arnica indiziert sein,
jedoch ist beim Tier dieser Zustand möglicher-
weise schwierig von Opium zu differenzieren.

Auffallende Zeichen und Symptome des Verhaltens


Im Akutfall: starke Schmerzempfindungen Bei den Folgen eines länger zurückliegenden
Berührungsängste erschweren die klinische Un- Traumas: möglicherweise kein auffallendes Ver-
tersuchung halten
evtl. Unruhe mit Hin- und Herwälzen auf dem La- evtl. Schmerzäußerungen beim Palpieren des er-
ger krankten Körperteils
Abneigung gegen Aufstehen und Laufen evtl. Bestehen bleiben der Angst vor Berührung
81
Arnica montana
Leitsymptome des pathologischen Geschehens
Akute Zustände: Muskelquetschung
Operationen mit gewaltsam gezerrtem Gewebe
(z. B. Osteosynthese)
Erste Arznei bei allen stumpfen Traumen, Prel-
Schwergeburten mit Quetschungen im Becken-
lungen, Stürzen. (Cave: innere Blutungen! Dann
bereich (Bell-p.),
ist zuerst Mill. indiziert!)
Dekubitus, Sattel-, Geschirrdruck u. ä. Verletzun-
gen, evtl. mit Exkoriation
diffuse Hämatome, verursacht durch Prellungen körperliche Überanstrengung, mit unklaren, stei-
von Weichteilgewebe, mit hochgradiger Emp- fen, evtl. nicht lokalisierbaren Bewegungsstö-
findlichkeit gegen Berührung (nicht geeignet rungen
für fluktuierenden Hämatome durch Verlet- Hund: übermäßiges Fahrrad-Training
zung großer Gefäße!) Pferd: unsachgemäßes Anreiten junger Pferde;
akute Allgemeininfektion – z. B. ähnlich Influen- Springen, Jagdreiten mit untrainiertem Pferd
za (selten!) Rind: Euterverletzungen durch Hornstoß, Ge-
burtstrauma; Mastitis nach Zitzenverletzung
Subakute bis chronische Zustände: Folgen von
Pferd, Rind: Prellungen, Quetschungen der Hufe,
Überanstrengung
Klauen, der Huflederhaut, der Ballen (Led.)
mit Steifheit, ,lahmes Gefühl‘, nicht genau zu lo-
Arnica kann – wie Led. – hämatogenen Infektio-
kalisieren
nen z. B. von Steingallen vorbeugen
keine Besserung durch Bewegung
Folgen von Verletzungen: konstitutionelle Folgen
Chronische Zustände: chronische Folgen einer
von Wunden oder Verletzungen (= Schäden, die ei-
Verletzung, physisch und/oder psychisch
ne gesunde Eigenregulation im Sinn einer Gesund-
„Seit dem Unfall nicht mehr gesund.“ (u. a. Mit-
erhaltung des Organismus dauerhaft beeinträchti-
tel)
gen)
Schmerzen seit dem Sturz, Verletzung, als ob die-
chronische Verletzungsfolgen (Calc-c., Calc-f.,
se nicht verheilt wäre (oft klinisch o. B.)
Con., Ham., Hyper., Ign., Led., Nat-s., Stront.)
eine konstitutionelle Arnica ist sehr selten, beim
Asphyxie, drohender Tod nach Verletzung (Hy-
Tier nur schwierig zu eruieren
per.)
Verletzungsarten, allgemein: Stöße, Quetschun- Bewusstlosigkeit, Koma, Schock nach Verletzung
gen, Prellungen, Schläge, Unfälle: (Op.)
Verkehrsunfall traumatisches Fieber
Sturz Gleichgültigkeit, Stupor, nach Verletzung
Verrenkungen, Verstauchungen (Rhus-t., Bry Folgebeschwerden nach Hirnerschütterung,
u. a.) Kopfverletzung; Beschwerden seit einer Kopf-
Quetschungen, evtl. auch nach einer Operation verletzung bestehend (Nat-s.); Blindheit nach
Dekubitus, Druckstellen Kopfverletzung (einziges Mittel); vorüberge-
körperliche Überanstrengung hende Blindheit nach stumpfer Augenverlet-
zung; Schwindel nach Hirnerschütterung (DD
Spezielle Verletzungen: Hirnerschütterung, sub-
Acon., Cic, Nat-s., Op., Ruta); Meningitis nach
durale und ähnliche Hämatome
Kopfverletzung (einziges Mittel); Schwerhö-
Verletzungen des Rückens, der Wirbelsäule
rigkeit, Taubheit nach Kopfverletzung (einzi-
Schlag aufs Auge (Hyper., Ham., Symph.)
ges Mittel); Blutung der Nase, der Retina, nach
Nasenbluten nach Verletzung der Nase, nach kör-
Kopf- bzw. Augenverletzung; Betäubung nach
perlicher Überanstrengung (Nux-v., Croc.)
Kopfverletzungen (u. a. Mittel)
Beschwerden nach Zahnverletzungen, abgebro-
Ruhelosigkeit nach mechanischen Verletzungen
chenen oder extrahierten Zähnen
(,als ob das Bett zu hart wäre‘)
Schlag, Stoß in den Magen (Nash), evtl. mit an-
Chorea nach Verletzungen
schließender Asphyxie
Angst, Todesangst bleibt nach Verletzung beste-
Schlagverletzungen durch Pferdehufe, Bissver-
hen (Op., Acon.)
letzungen durch Pferde
82
Arnica montana
Pneumothorax nach Thorax-Verletzungen Affektionen der Harnwege nach Verletzung: Hä-
komplizierte Knochenfrakturen maturie z. B. nach Verkehrsunfall
Mastitis nach Verletzung der Mamma (einziges Beschwerden nach Überanstrengung: Herzer-
Mittel) (z. B. Hornstoß bei der Kuh, nach Arnica krankungen, Herzbeschwerden nach Überan-
folgt bei Bedarf Bell-p. oder Con.) strengung (Rhus-t.); Herzmuskeldegenerati-
Schwäche der Extremitäten durch Überanstren- on, -dilatation nach Überanstrengung; Nasen-
gung bluten nach Überanstrengung
Wundinfektion nach Quetschung o. ä. Trauma: Angina pectoris, Apoplex (u. a. Mittel!)
verhindert Wundschmerz und Infektionen Katze: Hämaturie nach Kippfenster-Verletzung
durch Quetschungen der Geburtswege; fördert (Quetschung von Niere und/oder Blase)
oder verhindert Wundeiterung – je nach Stadi- Pferd: traumatische Hufrehe, z. B. durch unge-
um der Erkrankung; Zellgewebsentzündung wohnte Langstreckenritte (Ledum)
bis Septikämie nach infizierter Quetschwunde
Weitere Krankheitserscheinungen von Arnica:
Pferd: beginnende Phlegmone oder Hufabszess
Allgemeininfektion, z. B. Influenza mit Zerschla-
nach Quetschung der Huflederhaut (Led.)
genheitsgefühl u. a. Arnica-Modalitäten (selten!)
Verletzungen während der Trächtigkeit: Abort
symmetrische Hautausschläge, speziell nach
nach Verletzung (u. a. Mittel), speziell Bauch-
Trauma (Calc-p.: auf Narben) (solche Hautaus-
verletzung (einziges Mittel); Sturz während
schläge sprechen beim Tier eher auf Mittel an,
der Trächtigkeit
deren Schwerpunkt im Bereich von Schilddrü-
sen-Erkrankungen liegt)

Auslöser und Modalitäten


Auslöser: Verletzungen und deren Folgeerkran- ⬎ durch Niederlegen
kungen (s. oben) ⬎ durch Liegen mit niedrigem Kopf

Modalitäten: ⬍ durch Berührung Ergänzungs- und Folgemittel: Hyper., Op., Ca-


⬍ durch Erschütterung lend., Bell-p., Rhus-t., Ruta, Symph., Calc-c., Pyrog.
⬍ bei feuchtkaltem Wetter
Antidot: Kampher, Kampher-Salben (Eutersalbe,
⬍ durch Bewegung
Huffett)
⬍ durch Anstrengung

Ausgewählte Fallbeispiele
Kontraindikation von Arnica

Ein Urlauber brachte Ende Mai 1977 ein männliches he der Potenz soll bekanntlich der Schwere der Er-
Rehkitz mit abgemähten Vorderläufen, das er auf krankung angepasst sein. Also injizierte ich einige
einer frisch gemähten Wiese allein, ohne Mutter, aufgelöste Globuli Arnica XM. Augenblicklich be-
gefunden hatte. gannen die Mittelfußarterien zu spritzen.
Nach seiner Vorstellung von Tierschutz sollte das Diese sofortige Wirkung schockierte mich eini-
Tier versorgt werden, er wolle es dann in seinem germaßen, aber der Urlauber ließ sich jetzt wenigs-
Garten aufziehen. tens von der Notwendigkeit der Euthanasie über-
Obwohl ich zur Euthanasie riet, bestand er auf zeugen.
der Wundversorgung.
Das Tier lag voll im Schock auf dem Untersu-
Fazit: Arnica sollte man in hoher Potenz
chungstisch, die frischen Wunden waren trocken,
niemals bei großen Wunden mit Blutun-
keine Blutung.
gen oder Blutungstendenz geben!
Die neu erworbenen ersten Homöopathie-
Kenntnisse ließen mich an Arnica denken. Die Hö-
83
Arnica montana
ben die beiden Rüden miteinander gespielt, dann
Labrador Largo – Folge einer stiegen sie knurrend aneinander hoch und dabei
Bissverletzung wurde Largo in diese Pfote gebissen. Zuerst vermu-
tete ich eine durchgehende Verletzung, aber dann
28.8.2003: Largo, 3-jähriger Black Labrador-Rüde, stellte sich an der Oberseite ein kleines Löchlein in
hatte im Januar 2003 – also vor 7 Monaten – durch der Haut heraus und an derselben Stelle an der Un-
eine Beißerei eine Verletzung an der linken Vorder- terseite der Pfote ein größeres Loch. Ich habe die
pfote zwischen den Ballen der 4. und 5. Zehe da- Wunden desinfiziert und mit Bepanthen-Salbe ver-
vongetragen. sorgt. Das ging sehr gut, die Pfote heilte zu, aber das
Diese war zwar gut verheilt, aber an dieser Pfote Hinken blieb übrig.
blieb eine Lahmheit bestehen. Dann kam die Operation beim Tierarzt, der diese
Die Besitzerin gab an 2 aufeinander folgenden kugelige Narbe entfernte. Unter Verband heilte die
Tagen je 1 ⫻ Silicea C 30, weil sie einen Fremdkör- Wunde gut ab, allerdings stießen sich nach 4 Tagen
per vermutete, aber es änderte sich nichts. die Fäden ab, ohne dass Largo an der Wunde ge-
Dann ließ sie den Hund tierärztlich untersuchen: knabbert hatte.
Das Narbengewebe sei verdickt. Es wurde operativ Kann das eine Folge der Silicea sein, die ich ihm
entfernt, nachdem durch Röntgen ein Fremdkörper zuvor gegeben hatte?
ausgeschlossen worden war. An der Narbe stellte der Tierarzt dann Bläschen
Es wurde ein kugelförmiges Stück Narbengewe- und kleine Risslein fest, die ich selbst aber nicht er-
be entfernt. Die Wunde verheilte gut, aber Largo kennen konnte.“
hinkte weiterhin auf dieser Pfote. War die Wunde anfangs oder nach der Operation
Der behandelnde Tierarzt stellte ein nachge- übermäßig schmerzhaft? „Nein, er hat sich gut mit
wachsenes Narbengewebe fest und wollte noch- Salbe versorgen und verbinden lassen.“ (Diese Fra-
mals operieren, was die Besitzerin aber ablehnte ge betrifft die mögliche Indikation von Staphisa-
und stattdessen homöopathische Behandlung gria.)
suchte.
Therapie
Untersuchung und Anamnese
Als erste Diagnose vermutete ich ein Neurom, au-
In der Praxis begrüßt mich Largo stürmisch und ßerdem lag eine Verletzung an nervenreichem Ge-
zeigt dabei den liebevollen Charakter seiner Rasse. webe vor. Darum gab ich eine Dosis Hypericum XM
Largo inspiziert während unseres Gesprächs alle per os.
Ecken der Praxis, guckt auf die Tische, holt aus den An den folgenden Tagen hatte es den Anschein,
Papierkörben duftende Bonbonpapiere heraus und als hinke Largo weniger.
streut sie umher, bis er sich schließlich wie gelang- Aber 3 Wochen später meldet sich die Besitzerin
weilt auf den Boden fallen lässt. nochmals, an Largos Lahmheit habe sich nichts ge-
Diese Beobachtungen beziehen sich auf eine ändert.
möglicherweise angezeigte konstitutionelle Thera- Demnach leidet Largo nicht unter „Nerven-
pie. schmerzen“, sondern es liegt eine banale Verlet-
In der Praxis zeigt Largo keine Lahmheit. Die Be- zungsfolge vor.
sitzerin betont, Largo hinke ausschließlich auf Der Hund bekommt eine Dosis Arnica XM.
Schotterboden, Kieselsteinen und auf frisch ge- 4 Wochen später berichtet die Besitzerin, die
mähten Wiesen und Feldern, nicht aber auf glatten Lahmheit habe sich im Laufe von 10 Tagen allmäh-
Böden oder Asphalt. lich gebessert. Jetzt könne Largo ohne Probleme auf
Die Untersuchung und Palpation der Pfote ergibt Kieselsteinwegen und auf unebenem Grasboden
Folgendes: In der dünnen Haut zwischen dem 4. rennen.
und 5. Zeh findet sich eine ca. 4 mm große knotige, Kein Rezidiv.
gut epithelisierte Verdickung, die auf leichten
Druck als schmerzhaft angegeben wird – kein wei-
terer Befund. Arnica kann durchaus auch noch lange
Die Besitzerin berichtet über die damalige Beiße- nach einer – auch banalen – Verletzung
rei: „Damals war Largo schon kastriert. Anfangs ha- oder Verstauchung indiziert sein!
84
Arnica montana
Fuchswallach Lancelot – Der Sprung Beobachtungen mehrerer Bauern
über die Reithallenbande zur Verwendung von Arnica nach
der Kuh-Geburt
Oktober 1995: Der dreijährige Trakehner Fuchswal-
lach springt während des Freilaufens in der moder- Während der Homöopathie-Kurse für interessierte
nen Reithalle über die geschlossene Bande durch Bauern empfehle ich, jeder Kuh nach der Geburt ei-
das offene Hallentor ins Freie. ne Gabe Arnica C 200 zu geben.
Dazu muss erwähnt werden, dass die Begren- Der Geburtsweg der Kuh erfolgt in gebrochener
zung der Halle durch eine nach innen öffnende, ca. Linie, sodass keine Geburt ohne deutliche Quet-
1,60 m hohe Tür der Bande gegeben ist, die aus 4 cm schungen der betroffenen Weichteile verläuft.
starken, massiven Holzbohlen besteht, stabilisiert Die Bauern sind mit der Wirkung der Arnica sehr
durch ein Stahlgerüst. zufrieden, die Tiere stehen nach der Geburt besser
Erwartungsgemäß gelingt dieser Sprung nicht auf und es kommt nur noch selten durch unbe-
reibungslos: Das Pferd bleibt mit dem rechten Knie merkte Rissverletzungen zur Entwicklung von Be-
an der Oberkante der Bande hängen, landet strau- ckenboden-Phlegmonen; Cervix-Einrisse heilen
chelnd, aber trotzdem wohlbehalten auf dem ge- leichter ab und ziehen keine Probleme durch Nar-
pflasterten Boden im Hof. ben bei der nächsten Geburt nach sich.
Der Aufprall mit dem Knie riss ein ca. 10 ⫻ 20 cm Eine Bäuerin berichtete sogar, sie habe seit der
großes Holzstück aus der Oberkante zweier Bohlen Anwendung von Arnica nur noch die Hälfte der frü-
heraus und verbog drastisch den Stahlrahmen. heren Tierarztkosten!
Glücklicherweise hatte ich die homöopathischen Schwere Geburtstraumen bei der Kuh erfordern
Arzneien sofort verfügbar: Lancelot bekam sofort eine höhere Potenz und sogar wiederholte Gaben
nach dem Unfall eine Gabe Arnica XM per os. von Arnica.
Zu meiner eigenen Überraschung entwickelte Bei Schwergeburten mit Geburtshilfe sollte die
sich nach diesem heftigen Trauma keine Schwel- Arnica durch eine Hochpotenz von Hypericum un-
lung und nicht die geringste Spur einer Lahmheit. terstützt werden.
Die Kratzverletzungen an der Haut heilten ohne Geburten bei anderen Haustieren erfordern – au-
Probleme. ßer bei Schwergeburten – keine homöopathische
Aber die Besitzerin konnte dieses Geschehen in Therapie, weil hier Weichteilquetschungen im Rah-
keiner Weise würdigen, sie fand es ganz normal. men eines physiologischen Geburtsvorgangs nur in
Einzig die Reparatur der Bande wurde recht teu- weit geringerem Maße vorkommen.
er.
Die Homöopathie kann bei rechtzeitiger Anwen-
dung die schwersten Folgen akuter Verletzungen
verhindern, ja sogar der Entstehung von Hämato-
men und Zerrungen vorbeugen und damit langwie-
rige Schmerzzustände oder Entzündungen vermei-
den.
85
Arsenicum album

Arsenicum album
Weißes Arsenik

Signatur, Thema und Idee des Mittels


Arsen ist eine hochgiftige Substanz und verfügt bei Er beobachtet wach und misstrauisch seine Um-
homöopathischer Anwendung über eine immense gebung, in steter Alarmbereitschaft, ob ihm etwas
Heilkraft – entsprechend dem historischen Aus- passieren kann. Damit nichts Unvorhergesehenes
spruch: „Was krank macht, ist auch heilsam“. geschieht, muss gegen alles mögliche Negative vor-
Arsen – oder besser: die arsenige Säure As2O3 – gebeugt werden – alles muss perfekt, genau und
erzeugt im Vergiftungsbild eine Art unheilbarer richtig an Ort und Stelle sein, wo es schon immer
„innerlicher Zersetzung“ mit Destruktion von Kör- war. Die Zeit wird exakt vorausgeplant, alle Gegen-
pergewebe und quälendem Fortschreiten des stände und Kleidung müssen perfekt, von bester
Siechtums bis zum Tode. Qualität und absolut sauber sein, vor allem mit
Die häufigste Verwendung fand Arsen im Mittel- dem Essen ist er heikel, denn es könnte ja verdor-
alter als tödliches Gift im Konkurrenzkampf von ben oder vergiftet sein. Genügend Geld sollte für ir-
Fürsten- und Königshäusern. Die Gier nach gendwelche Notfälle natürlich reichlich auf dem
Macht, Besitz und Reichtum waren die Motivatio- Konto sicher parat liegen, der Kühlschrank sollte
nen für diesen Giftmord. Heute ist der Einsatz von niemals leer werden und im Keller müssen für den
Arsen für diesen Zweck weniger beliebt, weil es zu Ernstfall sterile Getränke, Konserven und Notfall-
leicht und lange – sogar in alten exhumierten Lei- medikamente gelagert sein. Jede kleinste gesund-
chen – in Haut, Haaren und Knochen, wo sich das heitliche Unpässlichkeit wird hypochondrisch
Arsen anlagert, nachweisbar ist. überbewertet. Auch Gesellschaft und Mitmen-
Sonderbarerweise verwesen die Arsen-Toten schen werden anspruchsvoll ausgewählt, denn
langsamer als man es erwartet, sie können in mu- auch sie müssen sauber, zuverlässig und ehrlich
mifizierter Form erstaunlich lange kenntlich blei- sein und über ein entsprechendes Bildungsniveau
ben. Beim akut kranken Arsen-Patienten jedoch und andere hervorragende Eigenschaften verfügen.
kommt es überraschend schnell zum körperlichen Partner und Angehörige dürfen sich fürsorglich
Verfall. um ihn bemühen, sofern er das braucht, aber sie
müssen seine unausgesprochenen Wünsche
freundlich und bedingungslos erfüllen. Wider-
Arsen ist ein Mittel für extreme Zustände.
spruch oder wohlgemeinte Ratschläge duldet seine
Rechthaberei nicht, denn nur er weiß am besten,
Die akute Vergiftung verläuft mit heftigsten Bauch- wie er seinem schmerzhaften Tod (wie lange mag
koliken, Sterbensübelkeit, Durst und Schlund- das noch gehen?) vorbeugt. Wenn diese Freunde
krämpfen, Erbrechen von Darminhalt, schließlich seine Forderungen nicht erfüllen, wollen sie ihm
Untertemperatur, stinkenden Durchfällen mit Zer- vielleicht schaden, ihn vergiften, ermorden oder
setzung innerer Organe, mit Nieren- und Leber- sonst zum Tode bringen? Oder haben sie es gar auf
versagen und führt schließlich unter grausam quä- sein Geld abgesehen? Vielleicht sollte er doch
lenden Schmerzen mit Aasgestank, Unruhe und freundlicher zu ihnen sein, damit sie keine Antipa-
Todesangst zum Ende. Hinzu kommt die quälende thie gegen ihn entwickeln, wenn er sie braucht?
Gewissheit, dass niemand helfen kann. Vielleicht erscheint in der dunklen Nacht –
Von diesem Energie-Feld ist der Arsen-Patient wenn alles schläft – ein Einbrecher aus der Verbor-
geprägt: Unbewusst steckt in ihm die entsetzliche genheit oder es passiert ihm sonst etwas Schlim-
Todesangst vor folternden Schmerzen und dem mes, gerade dann, wenn niemand da ist, ihm zu
grauenhaften Arsen-Tod. Um diesem quälenden helfen?
Tod (durch Mord?) zu entgehen, entwickelt er – un- Vielleicht sollte er vor dem Zu-Bett-Gehen die
bewusst – folgende Strategien, welche die Gemüts- Wohnung durchsuchen, eine Schusswaffe oder ein
verfassung des Arsen-Patienten verständlich ma- Messer zurecht legen, Medikamente parat stellen –
chen: er könnte ja Krebs bekommen – oder regelmäßig
86
Arsenicum album
aufstehen und kontrollieren, ob alles in Ordnung ist Um dieser ständigen Alarmbereitschaft im
– oder den Fernseher anstellen, damit die dummen Kampf um das Überleben zu genügen, verfügt der
Banalitäten dort seine überreizten Sinne beruhigen noch nicht schwerstkranke Arsen-Patient über ein
– oder doch lieber auf der Couch schlafen? Oder großes Potenzial an körperlicher Leistungsfähig-
könnte er nicht doch noch irgendetwas besser oder keit, der akut Kranke dagegen leidet unter einer Art
genauer machen, ist alles so, wie es sein muss? Ru- tödlicher Schwäche bei der geringsten Anstren-
helose Achtsamkeit veranlasst ihn zu nächtlicher gung.
Aktivität, um alle möglichen Geschehnisse unter Arsen ist ein Spurenelement, das wesentlich mit
seiner Kontrolle zu halten dem Energie- und Glykogenstoffwechsel zusam-
Diese Art quälender Selbstsucht lässt ihn mit menhängt.
fortschreitender Pathologie zum arroganten, einsa- In der österreichischen Steiermark gibt es seit
men Misanthropen werden, der die wenigen Mit- Jahrhunderten die „Arsenesser“, die sich durch re-
menschen, die noch zu ihm halten, durch seine gelmäßigen Genuss subtoxischer Dosen von Arsen
Zwanghaftigkeit und Ansprüche tyrannisiert. Er an diesen Stoff gewöhnt haben und schließlich so-
ist absolut kein angenehmer Zeitgenosse! gar toxische Mengen vertragen. Arsen gibt ihnen
Wegen dieser permanent unterschwelligen To- mehr Ausdauer, Muskelkraft und Atemkapazität.
desangst sind Flucht- und Aggressionsschwelle Arsen ist auch ein altes Rosstäuschermittel: Die
niedriger als bei den meisten anderen Menschen; Pferde werden durch subtoxische Dosen nervös
der Organismus agiert überschießend im Zustand und „feurig“ und bekommen ein feines, glänzen-
vermeintlicher Lebensbedrohung, um dem Angrei- des Fell.
fer möglichst zuvorzukommen und ihn in Notwehr John Henry Clarke bezeichnet in seinem Dictio-
zu töten. nary of Materia Medica das Pferd als Prototyp der
Bemerkenswert ist der Bezug der Arsen-Patholo- Arsen-Persönlichkeit. Das trifft sicher nicht auf je-
gie zum Hals, das ist der Ort, wo das Messer, die des Pferd zu, aber vielleicht hatte er einen edlen
meuchelnde Hand oder der Strick des Mörders an- Araber mit großer Rennleistung und hoher
setzt: Der Kehlkopf ist überempfindlich gegen äu- Fluchtbereitschaft vor Augen, der bei vermeintli-
ßeren Druck, dort werden Erstickungsgefühle bei chen Unannehmlichkeiten durchaus gezielt bei-
Husten oder Schlucken empfunden, möglicherwei- ßen, schlagen oder in panischer Flucht durchgehen
se mit Glottisödem oder Gangrän, am äußeren Hals kann.
gibt es bevorzugt (aber auch sonst am Körper) ju- Das Thema dieser Überlebensstrategie äußert
ckende, mehlig-trockene oder ulzerierende Haut- sich beim Tier in entsprechender Weise.
ausschläge, dort sitzt die hyperaktive Schilddrüse, Die hypochondrische Angst um die Gesundheit
die Kropf und Basedow entwickeln kann oder des menschlichen Arsen-Patienten findet sich auch
schließlich einen spastischen oder paralytischen beim Tier, das bei der kleinsten Unsicherheit in To-
Torticollis. desangst und aggressivem Notwehrverhalten um
Zum morphischen Feld von Arsen gehört es auch, sein Überleben kämpft.
dass sich dieser Patient die Art seines beabsichtig- Arsen-Patienten werden möglicherweise von ei-
ten Selbstmordes gerade in eben der Art und Weise nem unerklärlichen plötzlichen Impuls getrieben,
auswählt, die er am meisten fürchtet: durch Gift, jemanden zu töten, sogar geliebte Familienmitglie-
durch Erhängen, mit dem Messer oder durch Ver- der.
brennen. Der Schwellenwert für das Gefühl von Lebensge-
fahr ist enorm herabgesetzt

Ferner gehört Arsen zu den wenigen Mitteln, die Thema und Idee: Qualvoller Zerfall des Kör-
zu Selbstverstümmelung neigen. Das ist ein pers mit berechtigter oder hypochondrischer
Phänomen, das am ehesten von Raubieren be- Todesangst und vorbeugenden Überlebensstrate-
kannt ist, die sich in Todesangst lieber den in der gien.
Falle klemmenden Fuß abbeißen, als ausgelie-
fert den kommenden Tod zu erwarten. Automu-
tilation ist ein nicht selten beobachtetes Verhal-
ten von Katzen.
87
Arsenicum album
Grundsätzliche Eigenschaften des Mittels
Die geschilderte Gemütsverfassung von Arsen
Als Mittel der Ersten Hilfe gehört es in je-
schreibt man beim menschlichen Patienten den
de Notfall-Apotheke,
Einbildungen seines neurotisch-zwanghaften Ver-
insbesondere für die akute Gastroenteritis
standes zu. Ob es das auch beim Tier gibt, erscheint
und Futtermittelintoxikationen;
zweifelhaft. Dennoch liegen hier Zustände analog
für schwerste Erkrankungen, die oft aus der
zu denen des Menschen vor – was wiederum an die
Sicht der Schulmedizin als unheilbar gelten;
Theorie eines Energie-Felds erinnert.
bei Verbrennungen 3. Grades mit Verkohlun-
Je nach Stadium und Schwerpunkt der Patholo-
gen von Gewebe kann Arsen ganz wesentliche
gie können die geschilderten neurotischen und
Hilfe leisten;
zwanghaften Verhaltenselemente mehr oder weni-
außerdem ist es eines der Mittel, welche bei
ger im Vordergrund stehen.
infausten Fällen im Sinn einer Sterbehilfe die
Jedoch der „wunde Punkt“ eines jeden Arsen-Pa-
Entscheidung zwischen Leben und Sterben
tienten ist die hypochondrische Angst, dass ihm et-
herbeiführen können (Carb-v., Tarant-c.).
was passieren könnte, er empfindet Unannehm-
Wenn Arsen im Akutfall indiziert ist, kann es
lichkeiten nur allzu leicht als lebensbedrohend und
gleichzeitig auch das konstitutionelle Mittel
handelt dann in vermeintlicher Notwehr mit rück-
sein, das für die Zukunft den gesamten Organis-
sichtslosen Aggressionen oder panischer Flucht.
mus stabilisiert; das trifft ganz besonders auf
Arsen gehört im chronischen Fall zu den intensiv
die Katze zu.
und lange wirksamen Polychresten.
Arsen gehört in der Homöopathie zur Trias der
Auch in schweren, lebensbedrohlichen Fällen
„Brenner-Mittel“ – gemeinsam mit Phos. und
wirkt es besser in hohen Potenzen, in der 200.
Sulf. Empfindungen und Schmerzen sind von
oder höheren Potenzstufen.
brennender Qualität, sogar bei Frieren oder Un-
Auch schwerste, kritische Formen der Arsen-Pa-
tertemperatur. Dieses wunderbare Leitsymp-
thologie reagieren eindrücklich auf die Gabe einer
tom ist jedoch beim Tier nur zu vermuten und
hohen Potenz.
daher nicht für eine Mittelwahl zu gebrauchen.
Arsen ist eines der wichtigsten und unverzicht-
baren Mittel in der täglichen Klein- und Großtier-
praxis. Arsen ist bei chronischen Asthmatikern oft ein not-
Hauptangriffspunkt im Arzneimittelbild sind alle wendiges Zwischenmittel, um den akuten Status
lebenswichtigen Organe, alle großen Parenchy- asthmaticus zu beherrschen – insbesondere bei
me sowie der Energiestoffwechsel, ferner Haut Dyspnoe bei heißem Sommerwetter. In der homöo-
und Schleimhäute, besonders an Verdauungsap- pathischen Literatur heißt es, man werde kaum ei-
parat und Atemwegen. nen chronischen Asthmatiker im akuten Schub oh-
Arsen lagert sich bei toxischen Vergiftungen be- ne Zwischengabe von Arsen behandeln können.
sonders in Haut, Haar und Nägeln ab und hat da- Arsen sublimiert unter bestimmten Umständen
her einen besonderen Bezug zu entsprechender mit einem Knoblauch-artigen Geruch. Beim Arsen-
Krankheitslokalisation; an Schleimhäuten und Or- Patienten ist manchmal eine nach Knoblauch rie-
ganen kommt es zu stinkender Zersetzung und Or- chende Absonderung aus Maul oder Atemwegen
gandegeneration. wahrzunehmen.
Arsen ist ein häufig gebrauchtes Mittel bei atopi-
Mangel an Lebenswärme – Arsen ist eines der
schen und malignen Erkrankungen, bei inter-
frostigsten Mittel der Materia medica:
mittierenden Fiebern ähnlich Malaria, ferner ei-
Zittern vor Kälte, bei akuten und chronischen
nes der wenigen Mittel, die für Botulismus-Infek-
Krankheiten
tionen angegeben sind (2. Mittel: Botulinum).
Zittern, dass die Krallen bzw. Hufe auf dem Bo-
den klappern (Nux)
kalte Extremitäten, aber warmer Kopf
liebt Wärme, liegt am, fast im Ofen, „Sonnenan-
beter“!
seltener auch geringe Wärmetoleranz
selten Schwitzen, oft trockene Haut ohne
Schweiß (Sil.) (Pferd)
88
Arsenicum album
häufig Tiere, deren Herkunft bzw. Zucht ur- den manchmal wegen ihres vermeintlichen Pro-
sprünglich aus warmen Ländern stammt blemverhaltens in der Praxis vorgestellt, wenn die
Besitzer von einem seit Generationen frei lebenden
Chronische oder konstitutionelle Arsen-Patienten
verwilderten Tier z. B. das Verhalten eines „Schoß-
finden sich am häufigsten bei schlanken Tieren
hundes“ oder einer „Kuschelkatze“ erwarten.
mit hyperaktivem Stoffwechsel und häufiger
Genauso wenig lässt sich ein russisches Edel-
Nahrungsaufnahme bei schlechter Futterver-
rennpferd zum gemächlichen Spazierenreiten um-
wertung. Diese Tiere verfügen meist über ein
funktionieren.
übersensibles Sinnes- und Nervensystem und ei-
ne erhöhte Fluchtbereitschaft mit dem Verlangen,
zu rennen oder sich zu verstecken. Arsen ist eines Die Homöopathie kann den Patienten zu seiner
der wichtigsten Panikmittel der Materia medica. Norm zurückführen, sofern diese pathologisch
Solche Voraussetzungen bringen z. B. Windhunde verändert ist; sie kann ihn nicht in seinem We-
oder hoch im Blut stehende Pferde mit. sen verändern.
Das Rennpferd ist übersensibel und heikel; alles
muss genau auf seine Ansprüche abgestimmt sein:
Der konstitutionelle Arsen-Patient wird immer ei-
das spezielle Futter, der richtige saubere Stall, der
ne Neigung zu Angst und Misstrauen behalten, was
spezielle persönliche Umgang mit feststehenden
der Besitzer wissen sollte.
Ritualen und schließlich auch das spezielle homöo-
Wenn dem nicht Rechnung getragen wird, kann
pathische Simile, z. B. Arsen. Dann sind exzellente
das Arsen-Tier zu den gefährlichsten, aggressivsten
Leistungen zu erwarten.
und unzuverlässigsten Haustieren gehören.
Diese Eigenschaften müssen jedoch nicht zwin-
gend für eine Verordnung von Arsen vorhanden
Miasmatische Ausprägungen
sein. Wenn die Symptome stimmen, kann Arsen
durchaus auch bei schweren Rassen angebracht
Psora:
sein.
– das ist der ruhigste, angenehmste Arsen-Typ,
Aber auch Katzen verlangen besonders häufig Ar-
durchaus als nettes Haustier zu haben
sen für akute, chronische oder schulmedizinisch
– aber dennoch mit einer Tendenz zu übertrie-
nicht heilbare Zustände (auch Phos., Lyc., Lach.,
bener Ängstlichkeit („nette Mimose“)
Nux-v.).
– liebenswürdig, gehorsam und brav, übersensi-
Neben der Katze ist Arsen häufig bei anderen
bel, scheu, mit unterwürfigem Gesichtsaus-
nachtaktiven Tieren indiziert. Dazu gehören man-
druck
che Kleinnager wie Mäuse und Ratten. Ihre Eigen-
– Tendenz zu atopischen Erkrankungen
schaften zeichnen sich zusätzlich aus durch eine
– leicht zu verwechseln mit Phos. oder Sil. we-
Neigung, sich zu verstecken, zum Rennen und zum
gen seiner sanften, „aristokratischen“ Erschei-
Hamstern von Nahrung (entsprechend „Angst vor
nung
Armut“).
Sykose
Arsen scheint z. B. das häufigste homöopathische
– Neigung zu überschießenden Reaktionen auf
Arzneimittel für die Ratte zu sein, insbesondere für
psychischer und physischer Ebene
deren trocken-schuppige Hauterkrankungen an
– unzuverlässiges Verhalten wegen unvorher-
der Kehle. Der Kollege Dr. Brandstätter aus Halle
sehbarer Angst- oder Panik-Reaktionen
behandelte z. B. innerhalb von 4 Monaten 25 Rat-
(Angstbeißer)
ten-Patienten erfolgreich mit Arsen in der 200. Po-
– Tendenz zu allergischen Erkrankungen (z. B.
tenz.
Atemwege, Verdauungsstörungen)
Unzuverlässiges Verhalten mit Neigung zu Panik,
– hoher sozialer Rang mit entsprechendem Ag-
Angstbeißen oder primärer Aggressivität kann
gressionspotenzial und Konkurrenzverhalten
auch durch pränatale bzw. miasmatisch ererbte
– hervorragende athletische Leistungsfähigkeit
Prägungen über mehrere Generationen erworben
sein. Solche Eigenschaften kommen z. B. bei mitge- Ob man das Rennpferd dem sykotischen Miasma
brachten streunenden „Urlaubshunden“ oder oder der Tuberculinie zuordnet, spielt eine unter-
„Wildkatzen“ aus südlichen oder östlichen Ländern geordnete Rolle. Arsen gehört wie Phosphor zu bei-
vor, deren Vorfahren seit Generationen täglich um den Miasmen.
ihr Überleben kämpfen mussten. Diese Tiere wer-
89
Arsenicum album
Syphilis rer Krankheit noch agil und munter. Beide Mittel
– Hauptvertreter: die Arsen-Katze, Ratte u. Ä. können jedoch für schwerste Pathologien zustän-
– primär aggressive Erkrankungen (aufgrund dig sein.
unzulänglicher Immunreaktion?) Ferner ist der konstitutionelle Arsen-Kranke
– destruktive Aggressivität, sogar bis zur Auto- leicht mit Silicea zu verwechseln: beide Patienten
mutilation sind meist von „vornehmer“ und gepflegter Er-
scheinung, eher zurückhaltend und leiden oft unter
Differenzierung Hauterkrankungen. Sil. neigt jedoch weniger zu
stinkenden Absonderungen. Durch Dominanz oder
Arsen kann am ehesten mit Phosphor verwechselt Strafe ist der Sil.-Patient eher einzuschüchtern, rea-
werden. Beide Mittel sind verwandt und wichtige giert mit Demutsgebärden und Unterwerfung,
gegenseitige Ergänzungs- und Folgemittel. Phos. ist während Arsen in Notwehr unter angstvollem Zit-
jedoch i. d. R. kontaktfreudiger, genießt Streichel- tern aggressiv reagiert.
einheiten und erwidert sie meistens. Der Phos.-Pa- Der Arsen-Hund beißt – als „Angstbeißer“ – pa-
tient verfügt meist über ein ebenso glänzendes Fell nisch um sich; die Arsen-Katze kratzt und beißt mit
wie Arsen, seine Ausscheidungen sind jedoch bei kreischendem Fauchen und bösem Knurren und
weitem nicht dermaßen aashaft stinkend wie die springt mit vorgestreckten Krallen und offenem
von Arsen. Maul aus ihrem Versteck heraus, sobald sich je-
Phos.-Patienten zeigen im Akutfall nicht die rapi- mand ungebeten nähert; das Arsen-Pferd wird sich
de Abnahme der Lebenskraft wie Arsen; häufig er- in panischer Flucht entziehen oder, wenn in der Box
scheint der Phos.-Patient im Gegenteil trotz schwe- eingesperrt, zitternd vor Angst um sich schlagen.

Übersicht über Krankheitsverlauf und pathologische Schwerpunkte


Entwicklung der Pathologie: erfolgt gerade bei Organdegeneration, Leber- oder Nierenversagen
Arsen je nach Immunitätslage unterschiedlich septische Infektionen, septisch infizierte Wun-
schnell den mit Tendenz zu Ulzeration und Gangrän
Tendenz zu Metastasierungen, d. h. Übergreifen
Akute Erkrankungen: schnell und überstürzt auf-
einer Pathologie auf andere Organe
tretende Erkrankungen mit unverhältnismäßig
mangelhafte Rekonvaleszenz nach schwersten
schnellem Sinken der Lebenskraft und schnellem
Erkrankungen, Kachexie z. B. nach Malaria-
Eintritt des Todes
ähnlichen Fiebern

Atemwege: wund machender Nasenausfluss


Wichtiges und häufiges Mittel für chro-
allergische Rhinitis, Bronchitis, Pneumonie, Lun-
nische Krankheiten und konstitutionel-
genödem, Lungenemphysem, Herzinsuffizienz
les Mittel.
Erstickungsanfälle ⬍ nachts 24 – 3 Uhr, ⬍ 2 Uhr
mit Unruhe
Allgemeines: ernste Pathologie, schwerwiegende Dyspnoe ⬍ im Liegen, ⬎ Aufsitzen
Erkrankungen Pferd: akuter Schub von chronischer Bronchitis
im Akutfall: schnell fortschreitende Erschöpfung mit Atemnot und Bauchatmung, ⬍ im Sommer
der Lebenskraft
Verdauungsapparat: akut: Stomatitis, schmerz-
aashaft stinkende Absonderungen
hafte Gastroenteritis, Kolik und Durchfall, schwers-
Verschlimmerungszeit nachts, nach Mitternacht
ter Art
Tendenz zu Ruhelosigkeit ⬍ nachts, Angst, pani-
überraschend schnell sinkende Lebenskraft,
sche Flucht oder Aggressivität
Schwäche mit Exsikkosen und ungutem Ver-
Tendenz zum Frieren, Hypothermie, aber auch
lauf
Schwäche in Sommerhitze
Durst wiederholt auf kleine Schlucke kalten Was-
Tendenz zu malignen Tumoren
sers oder große Mengen
Verlangen nach kalten Getränken, wiederholt in
aashaft stinkender Kot, schleimig, blutig
kleinen Schlucken oder großen Mengen
chronische Colitis, Hepatitis, Leberzirrhose, Le-
berkarzinom, Aszites
90
Arsenicum album
zusammengebrochener Stoffwechsel durch fleischig, Fungus haematodes, Blumenkohl-ähn-
Überforderung (z. B. Milchkuh) liche Wucherungen (Nit. ac.)
Hautgeschwüre, nekrotisierendes Panaritium
Haut: glänzendes Fell, manchmal sogar noch bei
infizierte, phlegmonöse Wundinfektionen mit
schwerer Krankheit, oder stumpf, staubig und fet-
Tendenz zum Gangrän
tig
Verbrennungen 3. Grades mit Verkohlungen und
krustige, trockene Hautausschläge mit Absonde-
Schock-Tendenz (das nächst schlimmere Mit-
rung von mehligen oder abschilfernden Schup-
tel wäre Carb-v.)
pen
oder feuchte Ekzeme, Absonderung zerstört Extremitäten: Ödeme oder Anasarka bei fortge-
primär das Fell (Nat-m., Lyc., Rhus-t. u. a.) schrittener Pathologie
starker Juckreiz, auch ohne Hautausschlag, Arthrosen bei älteren Tieren
⬍ nachts, ⬍ im Kalten, ⬎ im Warmen Verhornungsstörungen von Haut und Hufen,
Katze: Leckekzem (Phos.) brüchiges, unregelmäßiges Hufhorn
Pferd: Warzen, flaches Sarkoid, entzündet, rot, Pferd, Rind: Erkrankungen der Hufe, schwerste
schmerzhaft, eiternd, maligne, ulzerierend Form toxischer Hufrehe
Hund: Ausfallen der Krallen

Physiognomie und Erscheinungsbild des Patienten


Im Akutfall steht die schnell progrediente Schwä- wenig ,kommunikativ‘ beim ersten Kontakt,
che im Vordergrund des Geschehens, die beim ,schaut durch uns hindurch‘
chronischen Arsen-Patienten meist nicht primär zu sucht i. d. R. keinen Kontakt; lässt sich ungern un-
beobachten ist. Im Gegenteil, der chronische Arsen- tersuchen
Patient ist i. d. R. ein leistungsfähiger Sprinter oder bevorzugt warme und weiche Liegeplätze, legt
„Marathon-Läufer“. sich nicht auf schmutzigem Platz nieder
Der „konstitutionelle“ Arsen-Patient ist ein je nach Schwere der Erkrankung, oft sogar in
meist edles, übersensibles, feinfühliges, sauberes, Agonie noch glänzendes Fell möglich (Phos.)
Tier: Haarkleid oder Hautausschläge oft feinschuppig,
mit wachem Blick, verfeinerter Wahrnehmungs- wie mit Mehl bestäubt; oder trocken, abschup-
fähigkeit, wirkt elitär-aristokratisch (Sil.) pend, seltener auch schmutzig, Hautausschläge
der ,gepflegte Aristokrat‘ mit aashaftem Gestank möglicherweise am ganzen Körper; Haarbruch
aus dem Maul oder Haarausfall
meist schöne, elegante Tiere, gepflegtes Äußeres Tendenz zum Frieren
auch unter unsauberen Haltungsbedingungen schwere, akute Pathologie:
oft schmal und zierlich gebaut (wie Phos. und – stinkende, Ekel erregende Ausscheidungen,
Sil.) insbesondere Geschwüre, Kot und Erbrechen
häufig kurzhaarige, leicht frierende Tiere mit Zit- – unerwartet schnell fortschreitende Schwäche
tern durch Kälte, lieben die Wärme und Hinfälligkeit, ⬍ durch die geringste An-
liegen im Warmen, haben gern einen kühlen strengung
Kopf (Katze: liegt am kühlen Fenster, auf der Hei- – eingesunkene Augen, Facies hippocratica
zung)
Dabei kann sich das aus der Human-Homöopathie
elegante Bewegungen mit gutem Muskeltonus
bekannte ,innere Brennen‘ als Verlangen äußern,
(das Gegenteil vom „Trampeltier“)
kalte Gegenstände abzulecken, z. B. Fußboden, Blu-
meist gesteigerte Stoffwechselaktivität bis Hy-
mentöpfe o. Ä., oder kurzfristig kühle Plätze aufzu-
perthyreose und Basedow
suchen.
häufig schlechte Futterverwerter, fressen viel,
trotzdem mager (Abmagerung bei Heißhunger)
meist sehr viel Durst
Feinmotorik: „bemerkenswert vornehm und
präzise“ (Coulter): Er nimmt Leckerbissen ganz
sanft und zart aus der Hand (Sil.), allerdings nicht
im Zustand von Angst und Panik.
91
Arsenicum album
Hund Pferd

häufig intensiver Befall mit Ektoparasiten Hochleistungspferd, kein langsamer Spaziergän-


lässt sich ungern auf dem harten Praxisfußboden ger, unzuverlässig und schreckhaft beim Reiten
nieder, sondern bleibt stehen Prototyp des Rennpferdes (Phos., Lyc., Nat-m.
stützt stattdessen oft Kopf und Hals auf das Knie u. a.)
des Besitzers (u. a. Mittel) zarte Typen: manche Araber, englische und rus-
häufig kurzhaarige, leichte Rassen – Windhunde, sische Vollblüter u. Ä., aber auch bei schwereren
Dobermann u. Ä. Rassen möglich
oft altes Aussehen, vorzeitig graue Haare schmal gebaut, mittelgroß, lange Beine, dünne
von uns wenig ansprechbar, eher reserviert, oder Haut, nicht übermäßig athletisch bemuskelt
sogar primär warnendes, drohendes Knurren meist straffer Muskeltonus
meist nicht zum Spielen zu animieren („ernst“) eher stark pigmentierte Tiere, auch Schimmel
Angst, Knurren und oft Aggressivität auf dem Un- u. a.
tersuchungstisch (Angstbeißer) ständige Aufmerksamkeit, straffe Ohren, sieht
Untersuchung ist manchmal nur mit Maulkorb ängstlich und gestresst aus
möglich, aber Panik bei dessen Anlegen! oft Schwellung um die Augen
oft aufgeregtes, ängstliches Hecheln und Zittern häufig altes Aussehen, vorzeitig graue Haare,
im Untersuchungsraum Gruben über den Augen (Lyc., Nat-m., Calc-c.)
oft ängstliches oder unzufriedenes Miefen und manchmal wunde Maulwinkel (Nat-m., Sil. u. a.)
Jammern in der Praxis (,durchdringendes Weh- oft nervös und unruhig, können nicht stillstehen
klagen‘, ,unzufrieden mit allem‘, Hahnemann) (u. a. Mittel), ⬍ nachts
durstig, geht aber in der Praxis wegen des an- erstaunlicherweise sind Arsen-Pferde meist sau-
fänglichen Misstrauens nicht an den Trinknapf ber, obwohl sie oft in nasser, zerwühlter Box ste-
hen (durch viel Trinken und Ruhelosigkeit
Katze nachts)
oft leichtes Erschrecken durch Kleinigkeiten, pa-
Arsen ist hier eines der häufigsten Mittel für aku- nisches Zerren am Anbindestrick
te und chronische Krankheiten aller Art möglicherweise Tendenz zum flachen, anschup-
oft sehr widerspenstige Tiere, die sich kaum un- penden Sarkoid, besonders an Crista facialis,
tersuchen lassen Jochbein, Hüfthöcker
schreien, kratzen und beißen während der Un-
tersuchung Hochleistungskühe
fliehen in Todesangst knurrend und fauchend in
eine dunkle Ecke mit zusammengebrochenem Stoffwechsel
bei schwerer Pathologie aber auch apathisch, ex- kalter Körper, Inaktivität des Pansens, keine Fut-
sikkotisch, mit Kadaver-Geruch ter- oder Tränkeaufnahme
aber oft trotzdem noch aggressiv Festliegen durch Erschöpfung oder Infektionen,
glänzendes Haarkleid oft sogar noch in der Ago- nicht durch Hypokalzämie!
nie möglich
Putzzwang bis zur Automutilation, Leckekzem
(Phos.)

Auffallende Zeichen und Symptome des Verhaltens


Der ausgeglichene Arsen-Patient
Es sei ausdrücklich betont, dass die im Fol-
genden erwähnten Angst- und Fluchtre-
am wohlsten fühlt sich der Arsen-Patient in ge-
aktionen nicht bei jedem Arsen-Patienten im
wohnter, bekannter Umgebung, immer zuverläs-
Vordergrund stehen müssen!
sig versorgt von seiner vertrauten, ausgegliche-
nen Bezugsperson
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Arsenicum album
bei Arsen-Patienten in solcher Umgebung ist die Gehorsam
Angst untergeordnet, zeigt sich nur in gelegent-
lich verunsichertem Zustand, die Tendenzen zu sensibel, oft leicht zu erziehen, ,duldet aber kei-
Panik ist am Schlummern nen Widerspruch‘, d. h. lässt sich nichts aufzwin-
jedoch eine Tendenz zu dominantem Verhalten gen
ist häufig! wirkt unterwürfig bei Ermahnungen („Gewis-
verlangt bevorzugte Behandlung gegenüber an- sensangst“), aber keine echte Demut!
deren Haus- oder Stallgenossen Furcht, wenn etwas von ihm erwartet wird
sauber, folgsam Zuverlässig außer bei Angst
anschmiegsam, liebenswürdig, aber wählerisch aber deutlich aggressiv bei Strafe, greift dann so-
und heikel, z. B. im Futter gar die geliebte Bezugsperson an („Zorn durch
angenehme, ruhige Kameraden, wenn alles ent- Widerspruch“, „plötzlicher Impuls zum Töten“)
sprechend seiner rituellen Fixation abläuft in Angst-Zuständen oder bei Aggressivität wird
braucht aber viel schnelle Bewegung, muss ren- jede Erziehung vergessen!
nen
Arsen-Patienten sind intelligent wie Lyc.-, Sulf.- Dominanzverhalten
oder Nat-m.-Patienten, können andere manipu-
lieren! autoritäre, ranghohe Persönlichkeit, Arroganz,
Arsen-Tiere sind häufig Ein-Mann(Frau)-Tiere, Hochmut – mit freundlicher Oberfläche (Coulter)
misstrauisch gegen andere, sogar evtl. gegen an- ständige Forderung nach Schutz, Pflege, Versor-
dere vertraute Personen gung, Sicherheit
überraschende äußere Reize können sofortige seine offen gezeigte Dominanz schüchtert ande-
Flucht, Verstecken oder auch unbeherrschbare re ein, vermittelt dem Arsen-Patienten das Ge-
Aggression auslösen fühl von Sicherheit›
solche Reaktionen sind umso stärker, je weiter häufig verwickelt in Beißereien mit Artgenossen
die chronische Pathologie fortgeschritten ist (,Streitsucht‘), die dann bis zum Letzten ausge-
Hund: bleibt bei seinem Herrn, läuft nicht fort fochten werden – es geht um ,Leben oder Tod‘
Hund, Pferd: diszipliniert, leicht und brav zu er- ,Arsen-Tyrannen‘ lassen rangtiefere Tiere nicht
ziehen, aber unzuverlässig bei Stress, Panik an das gemeinsame Futter, aber haben Angst,
wenn diese fortgehen, Panik, wenn allein, be-
Misstrauen, Distanz sonders nachts
Notwehr und Todesangst kennen keine soziale
,emotionale Distanz‘ (Bailey), Distanz sogar zur Aggressionshemmung – kann spontan Rangtie-
eigenen Bezugsperson fere angreifen, sogar sich unterwerfende Jungtie-
ängstliches Zurückweichen bei der Annäherung re, sobald er sich durch sie bedroht fühlt
eines Fremden (Nat-m., Thuj., Sil.) oft extremer Futterneid, Futtergier (,will töten‘,
misstrauisches Beschnuppern vor Kontakt- oder ,Geiz‘, ,Furcht vor Armut‘)
Futteraufnahme – Hund: stiehlt bei vollem Fressnapf das Essen
ruhig in gewohnter Umgebung, verunsichert, vom Tisch, das er dann aggressiv verteidigt
ängstlich, schreckhaft in fremder Umgebung – Pferd: beißt ins Boxengitter mit extremen
meist in Defensiv-Haltung, weil ihn etwas bedro- Drohgebärden beim Fressen oder vertreibt an-
hen könnte dere Tiere vom gemeinsamen Fressstand
manchmal primär aggressiv, um einer mögli- – Hund, Pferd: mit gelegentlichen Drohgebärden
cherweise drohenden Lebensgefahr zuvorzu- tyrannisiert er seine Bezugspersonen, ist Mit-
kommen telpunkt der Familie
Angst und Panik vor dem Tierarzt, Furcht vor der soziale Rang sinkt mit Fortschreiten der Pa-
Schmerzen, nachtragende Aggressivität thologie
reserviert und misstrauisch zu Menschen, die
nicht zur Familie gehören oder zu neuen Besit-
zern (wie Nat-m., Sep., Thuj.)
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Arsenicum album
Hund und Katze: wechseln dauernd nachts ihren
Angst mit Bereitschaft zu Aggressivität oder Liegeplatz, jammern; die Katze gehört zu den
Flucht nachtaktiven Tieren, daher scheint es normal,
wenn sie nachts unterwegs ist
sobald das Tier etwas Ungewohntes bemerkt Bewegung bessert, Verlangen zu rennen, das bes-
möglicherweise Angst vor allem sert den Zustand
Panik bei tierärztlicher Behandlung, z. B. schon
vor der Annäherung mit der Spritze Aufregung
Hund, Katze: neigen dazu, sich in dunklen Ecken
zu verstecken (besonders in der Tierarzt-Praxis) Aufregung verschlimmert viele Symptome:
Katze: die Lycopodium-Katze sitzt auf dem – Durchfall durch Aufregung (u. a. Mittel)
Schrank, um alles überblicken zu können; die – Husten, Atemnot durch Aufregung (weniger
Phosphor-Katze sitzt auf unserem Schreibtisch, als durch Anstrengung!)
möglichst noch auf unserem Schreibpapier, und – Herzklopfen durch Aufregung
reibt sich an uns
häufig hyperaktive Tiere ,Anspruchsvoller Pedant‘
jeder geringe Schmerz, jedes Unwohlsein wird
als lebensbedrohlich empfunden alles zur genauen Zeit, nach genauem Plan (,um
plötzliches Um-sich-Beißen bzw. -Schlagen, die geringste Kleinigkeit besorgt‘, Hahnemann)
wenn unerwartet angefasst – z. B. Ritual beim Füttern, derselbe Fressnapf an
panische Flucht, wenn z. B. ein klappernder Ge- demselben Platz, alles in derselben Abfolge
genstand zu Boden fällt – Katze: das gewohnte Futter, Ablehnung von
Panik-Reaktionen bei geringer Verletzung, lässt ungewohntem Futter
sich kaum pflegen und verbinden – Hund, Katze: Umzugs-Kartons bringen den Ar-
Todesangst ⬍ nachts ⬍ nach Mitternacht, ge- sen-Hund/die Arsen-Katze total durcheinan-
gen 2 Uhr der (Calc.)
Panik-Reaktionen, wenn allein, besonders Hund:
nachts oder tags in dunklen Räumen oder im – sauberes Fressen, gute Feinmotorik
Keller – anspruchsvoll: frisst möglicherweise nur aus
– Hund: zerbeißt panisch Gegenstände, Polster der Hand, nicht aus dem Napf
oder Möbel; dabei ohne Rücksicht auf seine – eine neue Decke auf seinem Lager bringt ruhe-
dabei verletzten Zähne (Automutilation bei loses Wühlen und Kratzen, die Decke schlägt
Panik); kann zwar allein im Flur schlafen, steht Falten, der Arsen-Hund kann nicht drauf lie-
aber dann nachts auf und kontrolliert, ob seine gen, jammert, heult, sucht Hilfe, gibt erst Ruhe,
Bezugspersonen noch da sind wenn die Decke glatt und faltenfrei hingelegt
– Pferd: tobt, zerschlägt die Wände, rast durch wird
den Zaun, Panik durch Weidezaun; Panik, – spezielles Ritual beim Gassi-Gehen, sonst kein
wenn angebunden, zerreißt den Anbinde- Urin- oder Kot-Absatz
strick; möglicherweise Panik beim Transport Katze:
im Anhänger (,Furcht enge Plätze‘); möglicher- pedantischer ,Waschzwang‘, Tiere sind unauf-
weise Panik in der Startbox vor dem Rennen hörlich dabei, sich zu putzen (Phos.)
(,Furcht enge Plätze‘; Beschwerden durch Er- – dadurch möglicherweise Leckekzem, das zu-
wartung, Lampenfieber – wie Arg-n.); wenn es sätzlich zum Lecken anreizt, bis zur Automuti-
sich bedroht fühlt, unerwartetes Schlagen, oh- lation
ne Warnung Pferd:
geht z. B. nur in eine saubere, frisch eingestreu-
Unruhe te Box
– z. B. spezielles Ritual beim Satteln – wenn das
ruhelose Achtsamkeit, muss umherwandern, nicht beachtet wird, lässt es sich nicht satteln
ständig um sich schauen
ständige Alarmbereitschaft, Unruhe treibt um-
her, besonders nachts
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Arsenicum album
– sind keine liebevollen „Schmusekatzen“ (im
Weitere Besonderheiten im Verhalten von Gegensatz zur Phos.-Katze!)
Arsen – die Katze ist unabhängiger, zeigt ihre Arsen-
Emotionen nicht so deutlich wie der Hund
meist nachtaktive Tiere – trinkt i. d. R. gern Milch und nascht gern Butter
ernste Tiere, wenig Spielverhalten („lacht nie“) Pferd:
häufig unverhältnismäßig großes Bedürfnis nach – kann der schlimmste, kopfloseste Durchgän-
schnellem Laufe (,Rennen bessert‘), ger sein mit unbeherrschbarer Panik
Ehrgeiz, will an der Spitze von anderen laufen, – möglicherweise Stereotypien oder Manegebe-
will als erster das Futter haben, verlangt bevor- wegungen wegen ,innerer Unruhe‘
zugte Behandlung, – nicht geeignet als Schulpferd, Therapiepferd
,Egoismus‘ – nur auf sich selbst bedacht (Gegen- oder Kinderpferd
teil zu Nat-m., Caust.) – Arsen-Pferd braucht eine verlässliche Bezugs-
aggressiv sogar zu Rangniederen, bis zum ,aso- person, die ihm Schutz und Halt gibt
zialen‘ Verhalten – geruchsempfindlich, mit Neigung zum Fleh-
Hund: men
– einer der schlimmste Angstbeißer der Materia – hastig, eilig, kann kaum langsam gehen
medica! (Lyc., Nux-v., Phos. u. a.) – extrem leistungsfähig und leistungsbereit
– dabei ist es fraglich, ob eine homöopathische (Nat-m.) (Distanzrennen, Galopper)
Therapie daran etwas ändern kann (s. oben) – harte Zurechtweisungen können Panik oder
– ständig unzufrieden, kann nicht still sitzen, Aggressivität auslösen
mieft und jammert, ohne ersichtlichen Anlass
– Maulkorb löst Panikverhalten aus
Die Verhaltensprobleme verstärken
– Begrüßungen von Familienmitgliedern halten
sich, wenn das Arsen-Tier zu wenig frei-
sich in Grenzen oder finden nicht statt
en Auslauf erhält bzw. nur in der Wohnung
– begrüßt evtl. nur seine engste Bezugsperson
oder im Stall gehalten wird. Für primär gefähr-
Katze:
liche, aggressive Arsen-Tiere sollte die Euthana-
– chronische Arsen-Katzen-Patienten zeigen
sie erwogen werden.
sich eher distanziert gegenüber ihrer Familie

Leitsymptome des pathologischen Geschehens


Krankheiten: akut oder chronisch: Erkrankungen Akute Erkrankungen: lebensbedrohliche Infektio-
mit destruktiver Tendenz – Leukose (Phos.), Diabe- nen, Verletzungsfolgen, Vergiftungen, Stoffwech-
tes, Vergiftungen u. Ä. selentgleisungen
Immunschwäche, Virus-, bakterielle oder Auto- heftiger, schnell progredienter Krankheitsverlauf
immun-Erkrankungen, besonders bei Katzen mit unverhältnismäßig schnell fortschreitender
(Phos. u. a.) Schwäche, schnelles Sinken der Lebenskraft
Versagen der Entgiftung mit Tendenz zu Leber-, ohne Therapie schneller Tod, möglicherweise be-
Nierenversagen, Aszites, Schwäche, Entkräf- reits nach einem Krankheitstag oder wenigen
tung Tagen
lebensbedrohlich, erschöpfend – oft verbunden lokale oder systemische Erkrankungen, mitunter
mit Unruhe und Todesangst ohne eindeutige klinische Diagnose
jedes Organsystem oder -parenchym kann be- Tendenz zu Destruktion von Gewebe
troffen sein Hypothermie oder Fieberschübe (Malaria-ähnli-
alle Schleimhäute: Atemwege, Verdauungsappa- che Zustände)
rat, Urogenital, Serosen häufig unverhältnismäßig schnell eintretende
Schleimhautdestruktion, Ulzera, Aszites, Krebs, Exsikkose
Gangrän, auch innere Organe (Lach.) Kadaver-ähnlich stinkende Absonderungen
Verlust von Körperflüssigkeiten bis Exsikkose Ruhelosigkeit besonders nach Mitternacht
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Arsenicum album
Festliegen durch Schwäche, trotzdem Zeichen absteigende Atemwegsinfekte: Rhinitis, Tonsilli-
von Unruhe mit Bewegen eines Körperteils tis, entwickeln sich zur Bronchitis oder Pneu-
Tendenz zum Sterben; mit Versagen von Nieren, monie
Leber und/oder anderer lebenswichtiger Orga- dabei scharfe, wund machende, wässrig-schlei-
ne mige Absonderung aus der Nase
Facies hippocratica, Todesangst mit Unruhe, Tod manchmal Knoblauch-Geruch aus den Atemwe-
gen
Chronische Erkrankungen: großes ,konstitutio-
allergische Atemwegserkrankungen, oft Folge
nelles‘ Heilmittel!
von nicht ausgeheilten akuten Infekten (Pferd)
langsam im Laufe des Lebens fortschreitende Ar-
im Akutfall mit unverhältnismäßig schnell fort-
sen-Pathologie (bes. Katze)
schreitender Schwäche, Frieren bis Hypother-
oder ein Mittel für schwere, chronisch-fortge-
mie
schrittene Pathologie
hohes Fieber mit rezidivierenden Fieberschüben,
nicht selten für schulmedizinisch ,austherapier-
intermittierendes septisches Fieber
te‘ Patienten
asthmatische Dyspnoe, besonders abwechselnd
Sensorium: überempfindlich gegen Gerüche, spe-
oder nach unterdrückten Hautausschlägen: im
ziell gegen die von Futter
Winter oder durch Erkältung im Sommer; Er-
Pferd: häufiges Flehmen (wie Phos.)
stickungsanfälle ⬍ nachts 24 – 3 Uhr, ⬍ 2 Uhr
überempfindliches Gehör (Phos.), Schreck durch
mit Angst und trockenem Husten; Patient legt
leise, ungewohnte Geräusche
sich deshalb nachts nicht mehr nieder (,At-
Reizbarkeit durch alle Sinneseindrücke (wie
mung ⬍ im Liegen, muss aufsitzen‘)
Phos.), durch Freude ebenso wie durch Stress
Pferd: eines der Hauptmittel für allergisch be-
Augen: tief liegende Augen bei schnell fortschrei- dingte akute Atemnot mit Bauchatmung
tenden Erkrankungen (Phos., Thuj.); mit trockenem, kurzem Husten,
schmerzhafte Ekzeme oder Lidrandentzündun- oft mit tiefer Kopfhaltung wie Würgen; Arsen
gen, schuppig, krustig, trocken ist dabei häufig ein Mittel für den akuten
Konjunktivitis mit scharfem, wund machendem Schub in einem chronischen Prozess; insbe-
Tränenfluss, auch allergische Konjunktivitis sondere im Sommer, bei heißem Wetter;
Iritis, Retinitis, Katarakt, ausgeprägte Lichtscheu manchmal trotzdem begrenzt leistungsfähig!
besonders bei der Katze: Hornhautulzera, Che- Atemnot evtl. sogar besser durch Bewegung
mosis (Sep.)

Ohren: eines der wichtigen Mittel für die chroni- Herz-Kreislauf-Erkrankungen: Herzklopfen, Ar-
sche Otitis externa, auch parasitaria (Lyc.), insbe- rhythmie, Hypertrophie, Myokard-Degeneration,
sondere bei der Katze im Gefolge von septischen Infektionen
stark juckend, trocken, wie mehlig abschuppen- Endo-, Peri-, Myokarditis, Klappenentzündun-
de Otitis externa gen
oder nässend mit aashaft stinkenden, wässrigen Insuffizienz mit Tendenz zu Ödemen, Anasarka
oder schmierigen, gelblichen, wund machen- Blutungen insbesondere bei septischen Zustän-
den Sekreten den aus allen Schleimhäuten möglich, Hämat-
Hautausschläge an der Ohrmuschel, um die Oh- urie
ren chronische anämische Zustände (besonders Kat-
Juckreiz und Ohrenschmerzen besser durch ze)
Wärme, ⬍ im Kalten Herzbeschwerden, oft mit Atemnot, ⬍ im Liegen
Augenentzündungen gleichzeitig mit schuppi- (Cact., Lach., Naja, Spong, Kalium-Mittel)
gem Haar und Otitis externa (einziges Mittel Kollaps und Dehydrierung nach überdosierten
Arsen) Diuretika (Nux-v.)

Atemwege: Auslöser: Allergien oder Erkältungen Verdauungsapparat:


in kalter Luft, bakterielle und Virusinfektionen
Maulhöhle: Geruch nach Aas
akute Atemwegsinfekte und deren chronische
häufig starker Zahnstein, Destruktion, Zähne;
Folgen, Bronchitis, Pneumonie, Pleuritis, Asth-
Zahnfleisch-Ulzera, Aphthen bis Gangrän
ma
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Arsenicum album
wenig zäher, klebriger, stinkender Speichel (im mit Kolik und Durchfall, schwerster Art
Gegensatz zu Merc.) Erbrechen verwesten stinkenden Materials, Mi-
Schlucken evtl. erschwert wegen Entzündung, sere, Kot und Flatus stinken wie Aas
Trockenheit oder Ulzera von Pharynx/Larynx Erbrechen sofort nach Futter- oder Tränkeauf-
oder wegen spastischen Zusammenschnürens nahme
von Kehle oder Ösophagus Kollaps bei Durchfall mit Erbrechen jeder Tränke,
Exsikkose, Tod
Hals: Entzündung, Angina
Destruktion von Darmepithel, Kolitis
Magen: Gier nach Futter, mehr als der Patient auf Folgen von verdorbenem Futter, Fleisch, Fisch,
einmal fressen kann („Angst vor Armut“) durch gefrorenes Futter oder Tränke
Misstrauen und Verweigerung von ungewohn- Folgen von Pilzvergiftung, Tabakvergiftung, Faul-
tem Futter gas-Vergiftung
hat seinen vollen Futternapf, geht trotzdem an Kälber: Durchfall, z. B. durch kalte Tränke, binnen
den Tisch und stiehlt, trotz erwarteter Strafe Stunden tödlich
Verlangen nach kalter Tränke, die aber ⬍ Hund, Katze: Parvo-Infektionen (Verat.,
Verlangen nach Milch, Fett, Butter Phos. u. a.)
Erbrechen gleich nach der Futteraufnahme, quälende Magen- und Bauchschmerzen
gleich nach dem Trinken (im Akutfall) ,Sterbensübelkeit‘ (lieber sterben als weiterhin
Erbrechen heftig, plötzlich, blutig, fäkal diese Übelkeit ertragen) – Gesichtsausdruck!
unaufhörliches Erbrechen mit Erschöpfung, ace- Exsikkose, Hypothermie
tonämisches und urämisches Erbrechen
Kot: scharf, wund machend, blutig, schleimig, stin-
Magenulkus, Krebs, mit Inappetenz, Unruhe und
kend
Erbrechen nachts, Erbrechen von Blut
häufig Abgang aashaft stinkender Blähungen
Verdauungsstörungen: akute und chronische: Hunde: neigen oft zum unbemerkten Verlieren
⬍ nach Mitternacht von normal geformtem Kot beim Laufen
durch verdorbenes, gefrorenes Futter oder
Leber-Nierendegeneration oder Tumoren, evtl.
Wasser, Vergiftungen, septische Infektionen
mit Aszites (Sterbehilfe bei nächtlicher Unruhe)
durch Fressen von Obst, besonders verdorbenes
oder gefrorenes ( z. B. erster Frost im Herbst Enteritis – Kolik beim Pferd (z. B. Colitis X)
auf der Weide) oft rezidivierende schwere Koliken mit Gefahr
durch kleinste Änderung des gewohnten Futters, von Volvulus
Futtermittelallergien aashaft stinkender Kot, schleimig, blutig
Rind: Pansenstillstand, durch Vergiftungen, z. B. schnell eintretende große Schwäche, ruhiges Lie-
mit Silofutter, Mais-Ustilago gen unterbrochen von starken Schmerzatta-
Verdauungsstörungen durch physische Überan- cken
strengung fehlende oder minimale Darmgeräusche, oft un-
Verlangen zu trinken in wiederholten kleinen terbrochen von schmerzhaftem lautem Kollern
Mengen; Erbrechen der kleinsten Menge Trän- dabei teigige, kalte Hautkonsistenz, Untertempe-
ke oder Futter; aber keine Tränkeaufnahme ratur
bei ,Sterbensübelkeit‘! Folge: noch schnelle- Kolik mit ruhigen Phasen, liegt vor Schwäche wie
re Exsikkose tot (Op.), aber bewegt oft dabei einen Körper-
Übelkeit bzw. Futterverweigerung durch Geruch teil, z. B. bewegt dauernd den Kopf oder scharrt
von Futter im Liegen mit einem Bein
extreme Schwäche, kann sich kaum auf den Bei-
Gastroenteritis: Arsen folgt hier gut auf Verat.; bei
nen halten bis Festliegen
unklaren Symptomen sollte zuerst Verat. gegeben
Schmerzattacken vor und während des Kotabset-
werden (Verat. = das „pflanzliche Arsen“)
zens oder bei kollernd einsetzender Peristaltik
schwerste Form mit extrem schneller Schwäche
und Exsikkose bis zum Festliegen Stoffwechselentgleisungen: Urämie, Acetonämie,
⬍ nach Mitternacht, mit Unruhe auch nur einzel- Leberkoma, Ikterus
ner Körperteile Diabetes – mit Hautreaktionen: Furunkel, Kar-
bunkel, Gangrän
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Arsenicum album
Harnwege: Entzündung der Harnorgane (Blase, Verhornungsstörungen der Hufe – brüchige,
Niere) bis Nierendegeneration, Urämie krümelnde Hufe, verdicktes oder dünnes Huf-
Blase: häufiger Harndrang, besonders nachts, horn, Hornspalten; deformierte Hufe, mit
evtl. mit Tenesmus Längs- oder Querrillen; Fäulnis oder Eiterung
Blasenlähmung, Inkontinenz (nach Überdeh- der weißen Linie mit Entwicklung von hohler
nung, Geburt) Hornwand (einziges Mittel!); stinkende Zer-
Blutung aus der Harnröhre, stinkender Urin setzung der Hufe, fortgeschrittenes Stadium
Nierenerkrankungen aller Art: unklare Al- von Huffäule
buminurie ohne weitere Symptome bis Nie-
Haut: häufig starker Befall mit Ektoparasiten (Nat-
renversagen
m., Lyc., Graph., Lach., Sulf., Tub.)
Nephritis, Zystenniere, fettige Degeneration bis
häufig kalte Körperoberfläche, besonders im
Schrumpfniere
Akutfall teigige, kühle Konsistenz
Fortgeschrittene Stadien der Glomerulonephri-
Pferd: Schweißmangel trotz Hitze und Anstren-
tis, nephrotisches Syndrom (Katze!) (Phos.,
gung
Nux-v.): blasse Haut, kachektisches Aussehen,
enorm, glattes glänzendes Fell, oft noch bei
Eiweiß-Abbau; Ödeme, Anasarka; großer
schwerer Krankheit
Durst immer wieder auf kleine Schlucke kalten
oder stumpf, fettig, schmutzig, staubig, verfilzt,
Wassers, ⬎ warme Getränke; Urämie, Schwin-
Haarbruch, Haarausfall, Alopecia areata
del, Koma, auch mit Diarrhöe, urämische
atopische Hauterkrankungen
Krämpfe: Cupr-ar.; Anurie oder hoch stehen-
Akne, Pickel, Bläschen, Atherome, Mykosen, Tri-
der Urin (Cupr-ar.)
chophytie
Genital: Erkrankungen des Genitals sind keine pri- krustige, trockene Hautausschläge mit Abson-
mären Schwerpunkte im Arsen-Krankheitsbild, derung von mehligen oder größeren Schuppen
können aber dennoch im Rahmen der übrigen oder feuchte Ekzeme, Absonderung zerstört
Symptomatik mit vorhanden sein primär das Fell
Tendenz zum Abort besonders an der Ventralseite des Halses
maligne Erkrankungen von Mamma, Uterus, im Juckreiz besser durch Wärme (Rhus-t.), im Ge-
männlichen Genital mit stinkender Ulzeration gensatz zu den meisten anderen juckenden Ek-
zemen
Bewegungsapparat: Arsen-Patienten können ge-
Juckreiz ⬍ nachts,⬍ im Kalten, kratzt wund und
nauso wie Phos. für kurze Zeit sehr viel Energie mo-
blutig
bilisieren, „läuft mehr, als ihm gut tut“
Lokalisationen von Hautausschlägen: beson-
gute Sprinter und Renner, Pferde sind aber für
ders im Gesicht: um Maul, Augen, Nase, After,
den Turniersport oft zu heftig und unzuverläs-
Skrotum; an der Ventralseite des Halses; Haut-
sig
ausschläge generalisiert am ganzen Körper,
Ödeme an den Hinterbeinen bei fortgeschritte-
möglicherweise mit Haarbruch, Haarausfall
ner Pathologie
Hund: Zwischenzehenekzem (oder nervöses
Arthrosen bei älteren Tieren, auch deformieren-
„Nägelbeißen“?), Lefzenekzem
de Arthrosen (Caust., Calc-f.)
Pferd: wunde Maulwinkel
Schmerzen von Extremitäten und Rücken durch
phlegmonöse Zellgewebsentzündungen be-
Kaltwerden, ⬍ nachts mit Unruhe (Rhus-t.)
sonders an den Extremitäten, noch ohne Abs-
schlimmste Formen von Kreuzverschlag (Pferd)
zess; stinken durch die Haut, später Ulzerie-
Panaritium mit Tendenz zum stinkenden Gan-
rung (Lach.)
grän (Lach.)
septisch infizierte Wunden, Bissverletzungen
Pferd: Erkrankungen der Hufe – akute oder
von Tieren, Schlangenbiss (u. a.)
chronische Huflederhautentzündung, chroni-
stinkende Pyodermie, Impetigo
sche Hufbeinrotation; möglicherweise mit
Krallenbettentzündung, Panaritium chronisch
gangräneszierender Laminitis, Tendenz zum
oder rezidivierend
Ausschuhen (Apis, Pyrog.); Mauke-ähnliche
Hund: mit schmerzhaftem Ausfallen der Krallen
Hauterkrankungen, die auf den Kronsaum
Pferd: Tendenz zum Ausschuhen bei toxischen
übergreift mit Störungen der Hornbildung;
Arsen-Erkrankungen (Pyrog.)
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Arsenicum album
Putzzwang, Knabberzwang (Leckekzem der Auswüchse: fleischig, Fungus haematodes, Blu-
Katze), Kratzen, besonders nachts mit Unruhe; menkohl-ähnlich
putzt den kleinsten Staub aus dem Fell Verbrennungen 3. Grades, Verkohlungen mit
Pferd: schnell wunde Maulwinkel; Warzen, Sar- schwersten Allgemeinerscheinungen (Carb-v.)
koid, entzündet, rot, schmerzhaft, eiternd, ma-
ligne, ulzerierend

Auslöser und Modalitäten des pathologischen Geschehens


Auslöser: akute schwere, septische Infektionen, Ruhelosigkeit, treibt umher, ⬍ nach Mitternacht,
durch Viren, Bakterien; auch Mykosen wechselt den Platz, wandert umher trotz
Folgen von Kälte, Kaltwerden, Erkältungen, Schwäche
Nasswerden, feuchte Kälte, Reisen ans Meer; Verlangen nach Gesellschaft, ⬍ wenn allein
Fressen und Trinken von Eis, Schnee, eiskaltem Abneigung gegen Gesellschaft, aber Furcht vor
Futter oder zu kalter Tränke dem Alleinsein
Infektionen mit malignem Verlauf: Tendenz zu aashaft stinkende Absonderungen, wund ma-
Sepsis, Schwäche, Destruktion von Gewebe, chend
Ulzerierung, Gangrän ⬍ durch Wetterwechsel vom Warmen zum Kal-
Folgen von Vergiftungen: Bisse oder Stiche von ten
„giftigen“ Tieren: Schlangen, Ratten u. Ä.; Trin- ⬎ und Verlangen nach frischer Luft
ken von verdorbenem Wasser; Futtermittel- ⬎ durch Wärmezufuhr, Sonne oder Zudecken,
vergiftungen Fleisch-, Fisch-, Pilzvergiftungen; aber Platzangst unter der Decke (Katze)
Vergiftungen mit Faulgas wiederholtes Verlangen nach kleinen Schlucken
Folgen von körperlicher Überanstrengung: zu oder größeren Mengen kalten Wassers, beson-
große Rennleistung; Folgen von Verlust von ders nachts
Körperflüssigkeiten (Erbrechen, Durchfall, ⬎ durch warme Getränke
Laktation); nach der Geburt (Kalium-Mittel); ⬍ durch feuchten oder dunklen, fensterlosen
nach oder bei Gastroenteritis Stall, Zwinger (Keller, dunkle Garage)
Folgen von ungewohntem psychischem Stress: ⬍ durch zu wenig Bewegung
Trennung von Bezugsperson, fremde Umge- ⬍ am Meer, ⬍ im Hochgebirge
bung; unsichere, ungewohnte, neue Situation; ⬎ durch Liegen mit erhöhtem Kopf, ⬎ aufrechtes
durch psychische Traumatisierung, Strafe, Sitzen
Schimpfe, Dressur, Einsperren, Dominanz; ⬍ Liegen auf erkrankter Seite
durch unsachgemäße, bedrohende Behand- Erbrechen sofort nach Fressen oder Trinken
lung; ungewohnte Anforderungen; durch brennende Schmerzen, besser durch Wärmean-
Angst und Schreck, Zorn mit Angst wendung
Folgen von unterdrückten Hautausschlägen
Periodizität: jeder 2. Tag, alle 2 Wochen, jedes Jahr
Modalitäten: ⬍ nach 24 Uhr, besonders 1 – 2 Uhr ⬍ im Sommer, ⬍ im kalten Winter
nachts, wird aber vom Tierbesitzer oft nicht be- ⬍ bei Vollmond, ⬍ bei Neumond
merkt
99
Arsenicum album
Ausgewählte Fallbeispiele
Minka – 20-jährige Katze mit Ekzem Die Maulhöhle ist genauso schlohweiß wie die
Nase; Zähne sind keine mehr vorhanden.
Hausbesuch 15.12.2000: Minka ist eine 20-jährige An Kot und Urin sei nichts Auffallendes festzu-
dreifarbige Katze, die vorgestellt wird wegen Juck- stellen. Wurmkuren führt Frau J. etwa alle 4 Monate
reiz und Ekzem, das bereits seit ca. 2 Jahren in durch.
wechselnder Stärke besteht. Was macht Minka nachts? – „Da ist sie ruhig, steht
„Minka ist in letzter Zeit deutlich magerer ge- öfter mal auf und geht trinken. Mir ist nichts Beson-
worden, aber vielleicht hängt das auch mit ihrem deres aufgefallen! Nachts habe ich oft beobachtet,
Alter zusammen? Nur unter dem Bauch hängt noch dass sie zusammengekauert vor ihrem Trinknapf
immer das Fett – oder ist das nur Haut? – Dabei ko- sitzt, die Nase einen halben cm über der Wasser-
che ich immer extra gute Sachen für sie, Forelle und oberfläche, und immer wieder die Zunge hinein-
Hackfleisch, manchmal bekommt sie das Katzen- steckt.“
Senioren-Diätfutter. Sie trinkt jetzt viel mehr als Gibt es sonst noch etwas Besonderes zu berichten?
früher: Jetzt nimmt sie pro Tag drei Tassen voll „Minka ist ruhiger geworden. Sie lässt sich nicht
Wasser mit etwas Kaffeerahm, früher nahm sie nur mehr so gern knuddeln wie früher und springt
eine Tasse pro Tag.“ dann fort.“
Die Besitzerin (eine Lachesis-Frau) sprudelt über
vor Erzählungen über ihre Katze. Mittelwahl und Symptome
„Minka geht jetzt fast nicht mehr raus, nur mal
kurz vor die Tür. Sie spielt auch nicht mehr.“ Hautausschlag krustig am ganzen Körper
Allgemeines, weiße Verfärbung von gewöhnlich
Untersuchung und Anamnese roten Teilen
Durst vermehrt nachts, häufig nach geringen
Minka sitzt auf der Lehne der Couch, die nahe am Mengen
Fenster steht. Von dort steigt die Wärme des Heiz-
körpers unter dem Fenster zu ihr herauf, die sie Therapie
permanent in eine warme Luftströmung einhüllt.
Sie nimmt von mir keine große Notiz, reagiert nicht Minka bekommt Arsen M, einige Globuli versteckt
auf Streicheln, liegt fast apathisch auf der Stelle. Die in einem Bröckchen Hackfleisch.
Nase ist auffallend weiß, aber das sei bei Minka Nachricht 2 Wochen später: Die Haut ist glatt
schon immer so gewesen. und frei von Juckreiz. Minka ist wieder viel munte-
Der Ernährungszustand ist gut. rer und geht wieder raus. Sie trinkt pro Tag jetzt nur
Der ganze Katzenkörper ist – mit Ausnahme der noch zwei Tassen leer.
Extremitäten – bedeckt von trockenen Krusten, die Anschließend geht es ihr gut. Die Besitzerin er-
weder schmerzhaft sind noch sich ablösen lassen. zählt in der zweiten Hälfte 2002, Minka habe plötz-
Das Fell ist stumpf und fast wie staubig. Während lich tot auf ihrem Platz gelegen, sie sei 22 Jahre alt
wir über Minka sprechen, fährt sie plötzlich herum geworden!
und knabbert an der Haut. „Sie hat bestimmt keine
Flöhe! Ich habe das immer wieder mit Kämmen auf
einem weißen Tuch überprüft.“ „Unsere Katze spinnt!“
Die Krallen der Hinterfüße werden nicht ganz
eingezogen. Frau B. stellt am 2.9.1998 ihre schwarze, langhaari-
Die Nickhaut ist ein wenig vorgefallen, aber das ge, kastrierte Katze vor, 9 Jahre alt. Das Tier ist auf-
sei auch schon immer so gewesen. fallend adipös, wirkt in der Praxis träge, zieht sich
Auskultation und Palpation ergeben keinen Be- auf dem Untersuchungstisch zu einer kaum fassba-
fund. Außer an Hals und Kopf duldet das Tier jede ren Kugel zusammen und knurrt böse.
Manipulation. Beim Blick in die Maulhöhle kommt Die Besitzerin berichtet: „Minnie spinnt – beson-
es zu heftiger Abwehr, die Katze beißt, kratzt und ders im Frühjahr. Im Winter ist es immer besser. Sie
springt dann fauchend davon. hat deshalb schon einige Hormonspritzen und -pil-
len bekommen – ohne Änderung.
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Arsenicum album
Zum Beispiel während des Fressens: Sie sieht ei- Vor der Sterilisation war sie noch nervöser: Da-
ne Fliege, starrt sie sekundenlang an und rast plötz- mals hatten wir ihr ein Flohhalsband verpasst – sie
lich unter den Schrank. Dann kommt sie nach einer hatte wirklich Massen an Flöhen! Mit dem Ding hat
Weile wieder vor, rupft sich büschelweise Haare sie solange gekämpft, bis sie das Halsband im Maul
aus, kratzt sich, und rast wieder voller Angst davon. hatte. Dann ist sie wie irre herumgerast und war
Minnie ist schon immer extrem ängstlich gewe- überhaupt nicht zu beruhigen. Mein Mann hat sie
sen. dann mit einem dicken Lederhandschuh gepackt
Sie hat auch Angst vor anderen Katzen. Wenn sie und das Flohhalsband durchgeschnitten. Aber Sie
sich wirklich mal in den Garten traut, wird sie von können sich nicht vorstellen, wie dieses Biest ge-
anderen Katern geplagt. tobt hat!“
Jetzt spinnt sie schon den ganzen Sommer.
Wenn ich mich mal über die Kinder aufrege, be- Mittelwahl
kommt sie Panik, rast mir plötzlich wie eine Ver-
rückte zwischen den Beinen durch, dass ich über Inzwischen dürfte dem Leser das Mittel Arsen be-
sie stolpere. Dann kommt sie erst recht in Panik. kannt geworden sein:
Dass diese Katze es nicht begreift, dass sie mir nicht Gemüt, Todesangst, Raserei
immer zwischen die Füße rennen kann! Ich bin Gemüt, Furcht, überwältigende Panik-Attacken
schon mehrfach beinahe über sie gefallen. Gemüt, Beschwerden durch Zorn mit Angst
Aber sonst ist Minnie lieb. Gemüt, leicht erschreckt durch Kleinigkeiten
Sie hat immer einen Riesenappetit; ob sie wohl Gemüt, Furcht vor Menschen (gleichbedeutend
jemals satt ist? mit „Artgenossen“)
Wasser zum Trinken lehnt sie ab. Sie will immer Gemüt, ruhelos nachts, treibt ihn von Ort zu Ort
nur Katzenmilch trinken. Magen, Durst nachts
Vor fließendem Wasser hat sie keine Angst, wohl Allgemeines, Speisen und Getränke, Verlangen
aber vor dem sprudelnden Wasserkocher! nach Milch
Bei jedem Lärm, auch wenn es an der Türe klin- Minnie bekommt eine Injektion mit Arsen XM.
gelt, oder bei Gewitter, oder wenn die Sirenen Pro- Die orale Verabreichung war mir zu gefährlich!
bealarm haben, rast sie fort – unters Bett oder unter Seither ist sie friedlich und wesentlich ruhiger.
den Schrank, möglichst an Orte, wo man sie nicht Sogar nachts schläft sie jetzt durch. Panikatta-
hervorziehen kann. Und wenn ich es versuche – das cken hat es nie wieder gegeben, aber eine Schmu-
haben wir früher getan – dann kann sie ganz ekel- sekatze ist sie dennoch nicht geworden.
haft beißen.
Minnie ist nicht die kräftigste: Sie schafft es nur
mit Mühe, auf den Tisch oder aufs Regal zu sprin-
gen. Akaba – Vollblutstute mit
Wenn ihr etwas nicht gefällt, dann kratzt und chronischer Mauke und Sarkoid
beißt sie ohne Warnung; z. B. wenn es ihr beim
Kämmen plötzlich zu viel wird. Dann springt sie Akaba ist eine kleine, zierliche braune 9-jährige
fort, beißt mich aber trotzdem noch schnell ins Vollblutstute. Sie war früher auf der Galopprenn-
Bein. bahn, kam vor 4 Jahren wegen einer schlecht hei-
Wenn wir fortgehen, will sie auf den Speicher, lenden Fleischwunde zu Familie K. und lebt nun
dort hat sie ihren Platz, dort sind auch keine ande- dort mit Stall und regelmäßigem Weidegang als Fa-
ren Katzen. milien- und Hobbypferd.
Nachts wandert sie immer zwischen unserem Akaba wird nebenbei vorgestellt, als ich die
Schlafzimmer und der Küche hin und her. Bis zum Lahmheit des zweiten Pferdes behandelte, ob man
Morgen ist immer ihre Katzenmilch leergetrunken. mit der Homöopathie nicht auch etwas gegen diese
Im Bett genießt sie mal kurz das Streicheln. Aber chronische Mauke tun könne.
sonst kommt sie nie auf den Schoß. Und wenn man „Die alte Wunde am Ellbogen war nach einem
sie trotzdem streichelt, beißt sie unversehens. halben Jahr intensiver Pflege abgeheilt. Die Narbe
Wenn wir sie gegen ihren Willen auf den Schoß in der Gegend des linken Ellbogens ist da noch
nehmen, dann beißt sie so heftig, dass es blutet. deutlich zu erkennen; die Aki lässt Fremde nicht an
diesen Fuß herankommen, sie ist allergisch gegen
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Arsenicum album
jeden Tierarzt. Beim Hufschmied gab es jedes Mal ich die Longierpeitsche von vorn quer wie eine
Probleme, darum reiten wir sie jetzt mit Hufschu- Bremse vor sie hinstreckte, blieb sie steigend ste-
hen. Seit ca. 3 Jahren existiert nun die Mauke am hen, dass die Frau schnell herunterspringen konn-
rechten Hinterfuß.“ te. Das war wirklich ein Drama. Seitdem lässt sie
Die Zehe ist bis zur Mitte des Metatarsus teigig die Reitlehrerin nicht mehr aufsteigen.
geschwollen, die Haut trocken-mehlig, der Kron- Wirklich böse wird sie zu uns nie, nur gegen Tier-
saum aufgeschwollen und von wulstigen, hornigen ärzte, auf die kann sie mit angelegten Ohren richtig
Schuppen bedeckt. Der zugehörige Huf ist wesent- aggressiv losspringen. Vielleicht merkt sie das am
lich schmaler als der andere, das Horn weist auffal- Tierarztgeruch?
lende Längsrillen auf und sei extrem bröckelig. Der Aber übermäßig lieb und verschmust wie der an-
Huf selbst zeigt das deutliche Bild eines Trachten- dere ist sie nicht, eher wie eine alte arrogante Tante.
zwanghufs. Akaba habe – nur an diesem Huf – im- Sie ist die Chefin über ihn. Wenn wir zusammen
mer wieder unter Huffäule gelitten, was die Besit- reiten, darf er sie nicht überholen, sonst versucht
zer mit Jodoform-Äther oder Kupfervitriol behan- sie ihn zu beißen.“
delt hatten. Zurzeit ist der Huf trocken, stinkt aber Die weitere Anamnese erübrigt sich, das Mittel
trotzdem nach Fäulnis. Zeitweilig sei sie deshalb ist klar; Akaba bekommt zunächst 1 ⫻ pro Woche
hinten rechts stark lahm gegangen. Arsenicum C 30.
Über dem linken Auge am Jochbein und an der 5 Wochen später sind der linke Hinterfuß und
linken Gesichtsleiste fallen haarlose, abschuppen- der Kronsaum abgeschwollen, der Huf selbst noch
de Stellen auf, die wie großflächige Warzen leicht unverändert. Die Besitzerinnen meinen, die Stute
aufgewölbt sind, ca. 5 ⫻ 5 cm groß. Der frühere sei jetzt etwas weniger hektisch.
Tierarzt habe das als Sarkoid bezeichnet. Akaba bekommt 3 ⫻ im Abstand von 4 – 5 Wo-
„Aber das stört uns nicht, solange es nicht weiter chen Arsen 200.
wächst.“ Nach 5 Monaten zeigt der Huf im proximalen
Die Besitzerin und Ihre Tochter berichten auf ent- Drittel ein glattes Horn, das Sarkoid ist nur noch ca.
sprechende Fragen, während die Stute ungerührt 3 ⫻ 3 cm groß.
im Stall neben uns steht. Das zweite Pferd (Phos.) In der Folgezeit bekommt die Stute in großen Ab-
versucht dagegen dauernd Kontakt zu uns aufzu- ständen – ca. 3 – 4 Monaten – Arsen M und XM.
nehmen, verrenkt sich fast den Hals, um seine Be- Nach 2-jähriger Behandlung ist das Sarkoid ver-
sitzerin zu stupsen und zu betteln. schwunden, der Huf glatt und schmerzfrei.
Akaba legt drohend die Ohren an, als ich ihre ein- Der Zwanghuf hat sich jedoch nur gering zurück-
gezogene Narbe am linken Ellbogen betrachte. gebildet.
„Von uns lässt sie sich dort gut putzen, aber
Fremde lässt sie nicht dran.“ Die Symptome
„Erzählen Sie etwas über Charakter und andere Be-
sonderheiten von Akaba!“ Gemüt, Furcht, überwältigende Panik-Attacken
„Wir reiten eigentlich nur zu zweit ins Gelände. Gemüt, zurückhaltend, reserviert
Allein macht Aki oft Schwierigkeiten, bekommt Gemüt, Ehrgeiz
furchtbare Schrecken, wenn irgendwo ein Floh hus- Gemüt, misstrauisch
tet oder wenn ein Blatt an der falschen Stelle liegt. Gemüt, Angst um die Gesundheit (dass ihr je-
Andererseits kann sie ungerührt an neuen Holzstö- mand Schmerzen bereitet)
ßen vorübergehen. Man weiß nie so genau, was ihr Gemüt, Zorn durch Widerspruch
eigentlich Angst macht. Gesicht, Warzen
In der Reitstunde wird Aki manchmal zu heftig; Extremitäten, Hautausschläge krustig um die
besonders wenn ein anderes Pferd mit der Gerte Fingernägel, abschuppend am Fuß
eins drauf bekommt, wird sie hektisch. Die Reitleh- Extremitäten, Panaritium
rerin darf sie nicht mehr reiten. Sie wollte einmal Extremitäten, deformierte Nägel, brüchige Nä-
Aki korrigieren, nachdem sie mit mir so gesponnen gel, deformierte Nägel
hatte. Aber Aki bekam dadurch noch mehr Panik
und ist mit ihr durchgegangen, sie raste wie auf der
Rennbahn in einem Affentempo in der Halle im
Kreis herum und war fast nicht zu bremsen. Erst als
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Arsenicum album
was wir zuerst an seinem Blick voll „schlechten Ge-
14 Jahre Erfahrung mit eigenen wissens“ bemerkten, dann erst an den Spuren sei-
Arsen-Hunden ner Schneidezähne an der Butter. Wenn wir ihn mit
strafendem Blick anschauten: „Galli – hast du etwa
Im Folgenden eine Aufzählung von Erlebnissen mit wieder . . .?“, dann versank er in Kniebeuge, wurde
Bestandteilen des Arsen-Bildes. Die geschilderten ganz klein und verkroch sich in seinen Korb mit
Ereignisse unterstreichen recht drastisch die Prob- dem Kopf zur Wand. Wenn er aber wirklich beim
leme, die mit Arsen-Hunden auftreten können. Stehlen ertappt wurde und eins mit der Zeitung
Bei unserem ersten Greyhound Galban erkannte drauf bekam, wurde er böse, bekam seinen wilden
ich erst 1989, als er schon 11 Jahre alt war, sein kon- Blick mit ernstem Knurren und gefletschten Zäh-
stitutionelles Similimum Arsen. Den eigenen Ange- nen.
hörigen gegenüber ist man meist mit „homöopa- Mit dem Fressen war Galli immer heikel und
thischer Blindheit“ geschlagen. Mancher homöo- wählerisch, manchmal musste man ihn ausdrück-
pathische Arzt oder Tierarzt wird sich an den beige lich bitten, doch etwas zu nehmen, manchmal fraß
gestromten Windhund-Rüden auf den Spiekeooger er erst, wenn man ihm den ersten Bissen aus der
Wochen mit Dr. Künzli ab 1982 und später erin- Hand gefüttert hatte. Wenn in seinem Futterbrei zu
nern. wenig Milch enthalten oder das Ganze zu zäh oder
Galban war ein ausgesprochen schönes Tier, gra- dickflüssig war, verweigerte er das Fressen (Arsen
zil, elegant, anspruchsvoll, voll reservierter Freund- verlangt nach Milch!). Er fraß immer pikobello sau-
lichkeit, aber mit dem schwierigen Charakter von ber, es spritzte nichts herum und es klebte dann an
Arsen ausgestattet – wie ich erst später erkannte. der Wand, wie wir das von seinem Vorgänger, ei-
Er war der kleinste Angehörige seines Wurfes. Als nem Pudel-Mix, gewohnt waren.
Junghund genoss er eine optimale Aufzucht. Von Wenn wir ihn aber während des Fressens stören
seinem Züchter wurde er wegen einer langwieri- mussten, weil er seinen Fressnapf in den Weg ge-
gen Verletzung an der Pfote wie ein Säugling ver- schoben hatte, oder nur um ihn zum Fressen zu ani-
wöhnt und durfte im Bett schlafen, während seine mieren („Das ist ja meins!“), dann konnte er emp-
Kollegen noch im Zwinger bei der Mutter waren. findlich böse werden mit ernst gemeintem, furcht-
Bei uns erwies er sich als angenehmer, unauffälli- erregendem Zähnefletschen und Knurren.
ger Familienhund, Erziehungsmaßnahmen konn- Wir konnten Galli wegen seines komplizierten
ten wir uns sparen, weil er einfach immer brav war Charakters nicht den Nachbarn oder anderen Haus-
und mit unterwürfiger Gestik fast alles tat, was er hütern überlassen, sondern mussten ihn mitneh-
sollte. men – ins Restaurant, Hotel oder zu Seminaren. Er
Er hatte seinen Stammplatz auf einem alten Ses- erregte wegen seiner Schönheit und Bravheit häu-
sel gegenüber der Eingangstür. Fremde – Bauern fig Aufsehen, ließ sich aber nur ungern bzw. ohne
wie Pharma-Vertreter – wurde distanziert begrüßt Anteilnahme von Fremden streicheln. Wer ihn
oder ignoriert. Einem hundeängstlichen Handwer- überschwänglich umarmen wollte, erntete böses
ker ging er vorsichtig hinterher, stupste ihn erst mit Knurren.
der Nase und kniff ihn ohne Warnung ganz vorsich- Allerdings war es jedes Mal notwendig, sein
tig, aber kräftig von hinten in den Oberschenkel. Als höchstpersönliches graues Lammfell mitzuneh-
der sich erschrocken plötzlich umdrehte, rannte men. Ohne dieses weigerte sich Galli, sich nieder-
Galli schreiend davon. zusetzen, stand stundenlang leise wimmernd mit
Uns missfiel immer sein unterwürfiger Blick, als dem Kopf auf einem unserer Knie geparkt. Dasselbe
hätte er gerade eine Tracht Prügel bekommen oder ereignete sich immer, wenn dieses Lammfell fal-
würde gleich solche erwarten – was aber nach- tenschlagend verrutscht war – ein Greyhound sei-
weislich nie in seinem Leben geschehen war. Aber nes Adels kann schließlich nicht auf unebenen Fal-
Galli war nie unterwürfig, eher das Gegenteil. Die ten liegen!
adäquate Rubrik ist „Angst, wenn etwas von ihm er- Während der Fahrten mit dem Auto hatte er sei-
wartet wird“ – einziges Mittel Arsen. nen Platz auf der Rückbank. Wenn die beiden Kin-
Galli war ein gemeiner Dieb: Unserer Tochter der dort ebenfalls Platz haben mussten, konnte es
fraß er in einem unbeobachteten Moment die Ge- Probleme geben. Wenn sie in einer Kurve zu dicht
burtstagstorte vom Küchentisch, knabberte mit an Galli heranrutschten, fühlte er sich bedrängt
Vorliebe an der Butter auf dem Frühstückstisch, und biss einfach zu. Beide haben mehr als eine
Schramme im Gesicht davongetragen.
103
Arsenicum album
Andererseits war Galli ein feiger Angsthase. mernd besuchte und klagend vor meinem Bett
Selbst die kleinsten bellenden Hunde konnten ihn stand, weil er sich ja ohne seine Decke hier nun
in Angst und Schrecken versetzen, sodass wir ihn nicht niederlegen konnte. Ich nahm ihn wieder in
trösten und beschützen mussten. Wenn ihm sein mein Schlafzimmer und stopfte mir zum Schlafen
leiblicher Bruder in der Nachbarschaft begegnete, als letzte Lösung Ohropax in die Ohren.
begann er vor Angst zu schlottern und raste Allmählich zeigten sich Alterserscheinungen:
schnellstens nach Hause. Dieser Bruder – Ganymed Galli wollte nicht mehr rennen und schlich nur
– gehörte übrigens zu den wenigen Hunden, denen noch langsam hinter mir her. Die Krallen begannen
ich persönlich nicht allein ohne wirksame Not- ihm auszufallen. Anfangs dachte ich, er sei irgend-
wehr-Waffe begegnen mochte – ebenfalls ein Ar- wo hängen geblieben; aber dann ging die nächste
sen-Hund. Kralle aus – jedes Mal begleitet von lautem
Galli war schrecklich verfroren. Im Winter be- Schmerzgeschrei. Das Anlegen des Verbandes an
gann er bei jedem Stillstehen, sogar während er der blutenden Pfote war wegen seiner hysterischen
zum Urinieren sein Hinterbein hob, sofort vor Kälte Angst davor ein immenser Aufwand. Eines Tages
zu zittern. Andererseits war er auch während hei- fiel mir auf, dass er – der wasserscheue, ewig frie-
ßer Sommertage „platt“ und wollte nicht gern lau- rende Hund – mit den Pfoten ruhig auf einer Trep-
fen. penstufe im Zürichsee stand, was er an diesem Tage
Zum Reiten konnte ich ihn nicht mitnehmen, er bei jeder Gelegenheit wiederholte. Will er seine
verabscheute die Pferde, vielleicht aus Konkurrenz- Pfoten mit den schmerzenden Krallen kühlen?
gründen? Während ich den Stall ausmistete, rannte Endlich entdeckte ich all diese Symptome im Re-
er einfach die 2 km nach Hause. Wenn ich ihn aber pertorium und in der Arzneimittellehre und gab
wenige Meter von mir entfernt am Halsband mit ei- ihm Arsen M.
nem Pferdestrick vor dem Stall anband, dauerte es Die Folge war unglaublich: Galli wurde wieder
nur wenige Minuten, bis der dicke Strick aus Panik jung, tobte wie ein Wilder in unserem kleinen Gar-
durchgebissen war. War er aber nahe am Auto an- ten im Kreis herum, sprang plötzlich – mangels
gebunden, so verlangte er im Auto zu sitzen, sogar Platz – sich drehend in die Luft, raste dann in entge-
in der Sommersonne, obwohl er 3 m weiter im küh- gengesetzter Richtung herum, dass die Rasenstück-
len, schattigen Gras hätte liegen können. chen nur so flogen. Die Krallen regenerierten sich,
Den Umzug an den Bodensee hatte Galli nach an- das Fell wurde wieder glänzend. Die Arsen-Gaben
fänglicher Nervosität gut überstanden. Ohne Leine mussten in Abständen von mehreren Monaten
konnte man jedoch kaum mit ihm spazieren gehen, wiederholt werden.
weil er aus unerklärlichen Gründen plötzlich kehrt Im Alter von 12 Jahren starb Galli überraschend
machte und nach Hause raste. Dort stand er dann schnell an einer Vergiftung – Arsen-Schicksal.
zitternd und jammernd vor dem leeren Haus.
Auf einem Spazierweg kam plötzlich unvermutet
ein wütend kläffender Schäferhund an einen Gar- Datzu
tenzaun gesprungen. Galli bekam solch einen
Schrecken, dass er sich aufbäumte, aus dem Hals- Nach Galbans Tod geriet ich wiederum an einen fast
band schlüpfte und nach Hause rannte. In der Fol- genauso schönen Greyhound-Rüden ähnlicher Ab-
gezeit war er um keinen Preis mehr zu bewegen, an stammung, der aber ohne genügende Sozialisie-
diesem Zaun vorbei zu gehen – ohne dass dieser rung bereits 4 Jahre im Zwinger – allerdings bei lie-
Schäferhund je nochmals aufgetaucht wäre. bevoller Versorgung – verbracht hatte.
Mit ca. 10 Jahren bekam er schuppiges, trockenes Das erste Problem, als meine Tochter und ich ihn
Fell auf dem Rücken, litt unter heftigem Flohbefall holten, bestand darin, ihm ein Halsband anzulegen:
und holte mich jede Nacht aus dem Schlaf: Nach Datzu ertrug es nur mit angstvollem Knurren und
ausgiebigem Kratzen stand er auf, schüttelte sich Zittern. Das anschließende Pfotenwaschen von ko-
knallend die Ohren um den Kopf, warf sich wieder tigen Lehmklümpchen mussten wir aus denselben
nieder, drehte sich x-mal auf seiner Decke, stand Gründen abbrechen.
auf und legte sich nieder, stellte fest, dass seine De- In der Folgezeit wollte ich ihn nicht allein lassen,
cke nun verrutscht und in Falten lag, kratzte sich, nahm ihn regelmäßig im Auto mit. Als ich ihn ein-
schüttelte sich . . . Schließlich quartierte ich ihn im mal währen eines Mittagessens für eine Viertel-
Nebenzimmer ein, von wo er mich jede Nacht wim- stunde allein im Auto lassen musste, fand ich mei-
104
Arsenicum album
nen Fahrersitz zerfetzt bis auf die metallenen Fede- Als ich Ina zur Rede stellte, gestand sie, damals
rung vor, den Hund voller Panik und mit blutendem die ersten warmen Maiabende mit ihrem Freund
Maul. allein am Bodensee verbracht zu haben. Datzu – so
Datzu wurde zum Schrecken der Umgebung: Er rekonstruierte ich – hat irgendwann in der Nacht
griff alle anderen Hunde aggressiv an, war mit sei- voller Panik sein Alleinsein festgestellt, die nach in-
nen 35 kg kaum zu halten. Er war unerzogen und nen öffnende Zimmertür solange zerbissen, bis er
nicht zum Gehorsam zu bringen. Einzig Spazieren- zur Wohnungstür gelangte, dann die ebenfalls nach
gehen in hungrigem Zustand mit den entsprechen- innen öffnende Wohnungstür mitsamt der sich da-
den Leckerbissen in der Tasche konnte ihn am Da- vor schiebenden Kommode zerbissen und beiseite
vonlaufen hindern. geschoben und schließlich dasselbe mit der Haus-
Das Treppensteigen war anfangs ein Drama, be- tür angestellt – ein teuerer Spaß.
gleitet von panischem Knurren und Beißen. Ich zog Datzu bekam Arsenicum 50 M, aber es änderte
mit Vorsicht und schützender Pappscheibe vor sei- sich nichts.
nem Kopf am Halsband, Sohn Franz schob von hin- Ein anderes, wirkliches Horror-Erlebnis mit die-
ten und Tochter Ina unterstütze ihn mit einem sem Hund erschütterte mich noch mehr: Datzu
Handtuch unter der Brust in der Mitte – bis er es hatte zu Hause seinen Schlaf- und Liegeplatz unter
endlich gelernt hatte. der Dachschräge auf einer großen Matratze hinter
Ein anderes Problem war sein Kotabsatz. Beim einer Couch. Ich hatte ihn zu einer Freundin mitge-
Laufen fiel ihm – wie einem Ross – der Kot aus dem nommen und übernachtete dort. Datzus eigene De-
After, ohne dass ich es bemerkte. Das zog uns den cke hatte ich für ihn auf dem Boden ausgebreitet.
berechtigten Zorn der Mitfußgänger zu. Ich selbst schlief daneben auf einer Matratze im
Eines Tages hatte ich verschlafen, der Hund hätte Schlafsack, ebenfalls auf dem Boden. Irgendwann
rechtzeitig nach draußen gemusst und stand nun erinnerte ich mich im Halbschlaf, dass jemand an
neben der Wohnungstür und ließ den Urin laufen. meinen Füßen drängelte und plötzlich erwachte
Glücklicherweise hatte ich einen neuen weißen ich voll Horror: Mein Hund stand mit gespreizten
Aufwischeimer parat und stellte ihn darunter: Mit Vorderbeinen über meinem Gesicht, vor mir das
Staunen stellte ich einen grünlich verfärbten Urin geifernde Maul einer zähnefletschenden, aggressiv
fest, der Teststreifen ergab einen extrem erhöhten knurrenden Bestie. Reflexartig zog ich mir die De-
Eiweißwert. cke über den Kopf und rührte mich nicht mehr. Ir-
Bisher hatte ich die Verhaltensprobleme der gendwann stieg der Hund von mir herab und
mangelnden Sozialisierung zugeschrieben, aber schlief weiter auf seiner Decke, aber mein Schlaf
dieser Befund bewog mich, zusammen mit den bis- war anschließend nicht mehr der beste.
herigen Beobachtungen, dem Hund Arsenicum XM Vielleicht meinte der Hund, ich liege auf seinem
zu geben. Platz, auf seiner Matratze, was diese Aggressionen
Darauf erfolgte – außer normalisierten und stabi- – nach Mitternacht – auslöste?
len Urinbefunden – keine wesentliche Änderung. Wenig später saß ich eines Sonntagmorgens mit
Wochen später hatte ich Datzu – wieder einmal Sohn Franz gemütlich am Frühstückstisch. Da
auf einem homöopathischen Kongress – zu Hause kommt dieser Hund, während wir ihm einen Mo-
meiner inzwischen 20-jährigen Tochter zur Versor- ment den Rücken zudrehen, an den Tisch und
gung ans Herz gelegt und sie gebeten, den Hund in stiehlt den angeschnittenen Brotlaib, trägt es auf
der Nacht auf keinen Fall allein zu lassen. Bei mei- seine Matratze unter der Dachschräge und kaut da-
ner Heimkehr fand ich Folgendes vor: Die neue rauf herum – obwohl in der Küche sein halbvoller
Messingtürklinke an der Innenseite der Haustür Fressnapf steht.
war sonderbar rau, ebenso die innere Klinke mei- Mit beherrschter Wut ging ich auf ihn zu und ver-
ner Wohnungstür – und das Türblatt voller tiefer, suchte ihn aus „pädagogischen Gründen“ mit
spitzer Dellen – ebenso die danebenstehende Kom- freundlichen Worten zu bewegen, mir das 30 cm
mode! Und schließlich entdeckte ich dieselben lange Brot zurückzugeben. Als Schutz für mögliche
Dellen auch an der inneren Seite der Zimmertür! Angriffe hatte ich ein großes Brotschneidebrett aus
Dann berichteten die Mitbewohner, der Hund wäre der Küche unterm Arm parat. Aber der Hund
spät in der Nacht bis zum Morgen draußen herum- sprang überraschend voller Aggression auf mich los
geirrt und hätte dauernd geheult und gebellt. und zerriss mir den Handrücken.
105
Arsenicum album
Meine bluttropfende Hand gab mir den letzten Ich fand – mit blutendem Herzen – einen Jäger,
Anstoß für den Entschluss, mich von diesem Arsen- der Datzu ohne vorangehende Zwangsmaßnahmen
Hund zu trennen. im Wald mit einem gezielten Schuss ins Jenseits be-
Ein orales Beruhigungsmittel hätte der heikle förderte – wiederum ein Arsen-Schicksal.
Fresser – aus wahrlich berechtigter Furcht vor Ver- Alle diese Arsen-Ereignisse können im Arznei-
giftung – nicht zu sich genommen, und eine her- mittelbild wiedergefunden werden.
kömmliche Euthanasie mit Injektion wäre für alle Dieses langjährige Live-Studium hat mir das Ar-
Beteiligten ein gefährliches Unternehmen gewe- sen-Bild unauslöschlich eingeprägt.
sen.
106
Belladonna– Atropa Belladonna

Belladonna – Atropa Belladonna


Tollkirsche

Signatur, Thema und Idee des Mittels


Atropa Belladonna gehört zu den Nachtschattenge- nung ,deadly nightshade‘ (tödlicher Nachtschat-
wächsen, die in den heimischen, feuchten Wald- ten) deuten nach der enthemmenden Erstwirkung
lichtungen zwischen Licht und Schatten gedei- die fatale Folgewirkung an.
hen, zwischen ,Tag‘ und ,Nacht‘, gleichsam zwi- In der griechischen Mythologie ist die Göttin
schen Wach- und Schlafzustand. Atropos (Atropa Belladonna) eine der drei Moiren
Der Belladonna-Patient leidet häufig unter Be- (Schicksalsgöttinnen): Die Göttin Klotho spinnt
wusstseinstrübungen wie zwischen Traum und den Schicksalsfaden für die Menschen, Lachesis
Wirklichkeit. verteilt ihn und die Göttin Atropos (die Unabwend-
bare) schneidet ihn ab.
Die Tollkirsche ist eine 1-jährige Staude, die etwa
Bei überwiegender Sonneneinstrahlung und
ab Ostern schnell in die Höhe schießt und innerhalb
Wärmewirkung verwelkt die Tollkirsche infol-
von 6 Wochen bis zu 2 m groß werden kann. Sobald
ge übermäßiger Wasserverdunstung. Genauso
aber – versteckt unter den Blättern – die ersten
wenig kann der Belladonna-Patient eine Wär-
schmutzig blau-violetten Blüten erscheinen,
mezufuhr oder Sonnenbestrahlung vertragen,
kommt dieses Wachstum zum Stillstand. Manche
und ebenso verdampft sein fiebernder Körper
Autoren bezeichnen das als „Energiestau“ und se-
den Schweiß – ähnlich vorzustellen wie ein
hen darin eine Analogie zur Blutkongestion (Blut-
warm gerittenes, angestrengtes Pferd, das an ei-
stau) zum Kopf im Belladonna- Patienten.
nem kalten Abend im Freien schwer atmend in
Inhaltsstoffe sind insbesondere die Tropan-Alka-
einer Wolke aus Dampf stehen bleibt, um sich zu
loide, die pharmakologisch im Sinn einer Hem-
erholen.
mung des Parasympathikus wirken. Der erste An-
griffspunkt sind erweiterte Pupillen mit ausge-
Belladonna bedeutet ,schöne Frau‘ und diente in prägter Lichtscheu und Sehstörungen. Weitere
früheren Zeiten der Schönheit und Begehrlichkeit Wirkungen zeigen sich in trockenen, kongestio-
für das weibliche Geschlecht: Geringe Mengen der nierten Schleimhäuten, gesteigerter Herzfre-
schwarz-glänzenden Tollkirschen machten den quenz mit peripherer Vasodilatation und Er-
Weg frei für den ,tiefen, erotischen‘ Blick (Erweite- schlaffung der glatten Muskulatur.
rung der Pupillen) und eine gewisse, besonders se-
xuelle Enthemmung und Euphorie. Aber der Weg Thema und Idee: Arterieller Stau – beson-
zur tödlichen Vergiftung ist dabei nicht weit. Beina- ders zum Kopf bzw. zu lokalisierten Entzün-
men wie ,Furiale‘ (die Rasende), ,Mortiferum‘, dungen, mit allen 5 Merkmalen der Entzündung:
,Mörderbeere‘ oder auch die englische Bezeich- Rubor, Calor, Dolor, Tumor, Functio laesa.

Grundsätzliche Eigenschaften des Mittels


Belladonna gehört mit zu den „Deliriummit-
Belladonna ist eines der wichtigen Mittel der
teln“ wie die anderen Nachtschattengewächse Hy-
Homöopathie, eines der häufigsten Mittel für
os. und Stram. Fieberzustände können von Erre-
fieberhafte Infektionen – sowohl für noch un-
gungszuständen, Muskelkrämpfen oder Stupor be-
spezifische Allgemeinerscheinungen wie für be-
gleitet sein.
reits lokalisierte Entzündungen.
Belladonna ist ein sehr wichtiges Mittel für die
Gynäkologie!
Aber auch zentralnervöse Erscheinungen (Menin-
gitis, Enzephalitis, Epilepsie) mit Unruhe bis zur
Raserei können das Bild bestimmen.
107
Belladonna – Atropa Belladonna
Belladonna-Erkrankungen folgen oft einem un- Potenz enthalten, kann es zur Entwicklung von
erkannten Acon.-Stadium. Arzneimittel-Prüfungssymptomen kommen.
Belladonna ist eines der wichtigsten Mittel für Besonders Pferde können bei regelmäßiger über-
akute fieberhafte Infekte von konstitutionellen höhter Dosierung im Sinn einer Arzneimittelprü-
Calc.- und Nat-m.-Patienten. fung reagieren und z. B. an Kolik erkranken.
Bei gehäufter, falsch dosierter Einnahme homöo-
pathischer Komplexmittel, die Belladonna in tiefer

Übersicht über Krankheitsverlauf und pathologische Schwerpunkte


Belladonna ist i. d. R. ein Mittel, das in akuten Zu- – heiße Nase, heiße Ohren
ständen leicht zu zuerkennen ist: – akut beginnende Entzündungserscheinungen
alle Entzündungszeichen: sehr heiß – sehr rot – – evtl. zentralnervöse Erregung mit gesteigerter
sehr berührungsempfindlich; Schwellung sensorieller Erregbarkeit
– trockene Hitze mit pulsierender Blutkongesti- – Erschlaffung glatter Muskulatur mit Bereit-
on, meist hohes Fieber schaft zu spastischen Krämpfen
– dampfende Hitze, trockene Schleimhäute – Schmerzen kommen und gehen plötzlich
– Funktionsstörung der erkrankten Organe – spastisches Zusammenziehen von Ringmus-
– Kongestion mit pulsierender Blutfülle, kulatur
schlechte Blutverteilung – generelle Verschlechterung durch Erschütte-
– pulsierende Carotiden rung
– pulsierende Kapillaren, harter schneller Puls, – Überempfindlichkeit der Sinnesorgane (Licht,
stark akzentuierte Herzaktion Lärm, Berührung)
– injizierte, oft sichtbar pulsierende Konjunkti- – Stöhnen bei Beschwerden
ven – Beschwerden – Schmerzen – Wehen – kom-
– rote, trockene Schleimhäute mit pulsierenden men und gehen plötzlich
Gefäßen – Beschwerden kommen in schneller Abfolge
– deutliche Rötung erkrankter Teile, Hitze er- – Fieber muss nicht immer vorhanden sein!
krankter Teile

Physiognomie und Erscheinungsbild des Patienten


Belladonna-Patienten verfügen i. d. R. über einen evtl. kalte oder genauso heiße Extremitäten mit
kräftig reagierenden Organismus: Hitze des Körpers oder Kopfes
die Lebenskraft reagiert intensiv auf pathogene deutlich akzentuierte Herzschläge, hart ge-
Reize spannte Arterien
i. d. R. heißer Kopf, warme Ohren, warme bis hei- plötzlich auftretende, anfallsweise Schmer-
ße Nase zen, die meist plötzlich oder allmählich enden
erweiterte sichtbare Blutgefäße, pulsierende Ar- Abneigung gegen Bewegung bzw. Erschütterung
terien des Körpers
rote, trockene Konjunktiven mit pulsierenden im Fieber evtl. Erregung, Halluzinationen oder
Gefäßen Stupor
gerötete, trockene Maulschleimhaut und Zunge, evtl. Hyperästhesie der Haut
evtl. aufgerichtete Papillen, evtl. Rachenentzün- Begleitsymptom evtl. Torticollis nach links
dung Erkrankungen besonders bei Jungtieren
entzündete Schleimhäute können eine Tendenz Hund, Katze: frequente Atmung oder Hecheln
zum Bluten haben!
108
Belladonna – Atropa Belladonna
Auffallende Zeichen und Symptome des Verhaltens
meist Äußerungen von Überhitzung – konvulsivische Bewegungen des Kopfes oder
Hund, Katze: Fieber, Hecheln anderer Körperteile
Pferd, Rind: dampfende Hitze oder Schweiß – verwirrter, irrer Gesichtsausdruck, Augenaus-
Angst im Dunkeln, Verlangen nach Licht druck
zentralnervöse Störungen: unbeherrschbare – Raserei mit erstaunlichem, kaum beherrsch-
Aggressivität, Abneigung gegen Streicheln barem Krafteinsatz
– dabei evtl. destruktives Verhalten überempfindlich gegen alle Sinneseindrücke:
– Hund: zerbeißt, zerstört Gegenstände schreckhaft durch Geräusche, Licht, Berührung

Leitsymptome des pathologischen Geschehens


meist akute oder perakute Erkrankungen mit Fieber durch ,Erkältungen‘
heftigem Verlauf Fieber durch Tonsillitis u. Ä.
plötzliches Auftreten und Verschwinden von Be- Exanthem-Fieber
schwerden, kein langsamer, energiearmer Ver- ,Milchfieber‘, Puerperalfieber (Lach., Pyrog.)
lauf septisches Fieber, Septikämie
Fieber bei Hitzschlag, Sonnenstich
Fieber: initiale Fieberzustände, beginnen plötzlich;
fieberhafte Erkrankungen nach Abscheren des
remittierendes Fieber, Morgentemperatur 1,5 – 2 ⬚C
Fells, anfangs Frieren
niedriger als abends
Fieber häufig verbunden mit zentralnervösen
i. d. R. beginnend am Nachmittag, ca. 15 Uhr, oder
Störungen, z. B. Kopf-Schief-Haltung
am späten Abend
schneller Temperaturanstieg auf 39 – 40 ⬚C, sel- Entzündungen: äußerliche oder innerliche Ent-
ten sogar bis 41 ⬚C; evtl. schneller Temperatur- zündungen
abfall empfindlich gegen Berührung, Erschütterung,
selten auch nur Fieber am Tage starke Schmerzen mit heftiger Abwehr
kein kontinuierliches Fieber Phlegmone, unreifer Abszess, heiß, kurz vor der
meist trockene (brennende) Hitze, besonders Eröffnung
nachts und vor Mitternacht oder noch ungenügende Demarkation des ent-
der Körper ist zu heiß, als dass der Schweiß kon- zündeten Gewebes
densieren könnte beschleunigt die Reifung eines Abszesses oder
Hitzestadium evtl. abwechselnd mit Frieren oder bringt die Entzündung zurück – je nach Stadi-
Schüttelfrost um
Fieberhitze evtl. mit kalter Körperoberfläche abszedierende Entzündungen von Haut, Kno-
evtl. von kaudal aufsteigende Hitze chen, Gelenken, Synovitis, Sehnen, Muskeln,
hohes Fieber (40⬚) evtl. mit Bewusstseinstrübun- Nerven
gen, Benommenheit, Konvulsionen Entzündungen von Schleimhäuten, Blutgefäßen,
mit wildem Delirium „Fieberkrämpfen“ Lymphangitis, Meningitis, Enzephalitis, Sinu-
Fieber und Entzündungen mit erweiterten oder sitis
pulsierenden Blutgefäßen Entzündungen der Atemwege aller Lokalisatio-
Pferd, Rind: evtl. mit ,dampfender‘ Körperober- nen, des Verdauungsapparates
fläche Entzündung von Leber, Pankreas, Milz, Becken-
organen, Gallenblase, Peritonitis, Diaphragma
Hitze: bei lokalisierter Erkrankung Hitze und Rö-
Entzündungen, Abszesse an Ovarien, Uterus, Zer-
tung des erkrankten Körperteils
vix, Beckenboden, Vagina, Vulva
Fieberarten und -auslöser: Fieber durch Virusin- Entzündungen nach chirurgischen Eingriffen
fektionen ebenso wie durch bakterielle Erreger Erysipel, Gangrän
katarrhalisches, Entzündungsfieber, zerebrospi-
Kopf – Zentralnervensystem: Meningitis, Enze-
nales Fieber, ,gastrisches‘ Fieber
phalitis mit Erregungszuständen oder Stupor, evtl.
mit Trismus, Zähneknirschen, Opisthotonus
109
Belladonna – Atropa Belladonna
Hitzschlag mit heißer, trockener Haut erfolglose Wehen – sitzen im Rücken
Epilepsie, Status epilepticus mit heißem Kopf Geburt geht nicht voran
trockene, rote Schleimhäute, auffallende Hitze ineffektive Wehen
des Kopfes Abort
meist Photophobie, Schließen der Lider, speziell Drängen zur Scheide = ,Bearing down‘
bei Hirnreizung speziell im ,dritten Monat‘, erstes Drittel der
meist erweiterte Pupillen, seltener Kontraktion, Gravidität,
evtl. mangelnde Reaktion auf Licht evtl. ausgelöst durch Medikamente (Nux-v.)
Schwindel durch kleine Bewegungen der Augen drohender Abort mit Belladonna-Symptomen
mit Fallen nach links, evtl. nach hinten evtl. starke heiße helle Blutungen, mit Drän-
evtl. Grimassieren gen (selten beim Tier)
Apoplex mit anschließenden Lähmungen Nachgeburtsverhaltung
Augenentzündungen mit Belladonna-Modalitä- heiße trockene Vagina
ten Metritis, Ovaritis, Adnexitis mit Belladonna-
akutes Glaukom Modalitäten
Ohren: Hund, Katze: akute heiße Otitis externa, Stoffwechselstörungen – Acetonämie der Kuh:
media oder interna, noch ohne Eiterung! Konvulsionen aller Art mit Modalitäten siehe
mit heftigsten Schmerzen, Tier lässt sich nicht oben
untersuchen (Hep., Lach.) Benommenheit bis Delirium
Lähmung der rechten Seite
Atemwege: Hund: Zwingerhusten, konvulsiver
Schluckbeschwerden
Husten, ⬍ nach Mitternacht mit Belladonna-Moda-
Mydriasis
litäten
Zuckungen Gesicht – Körper – Rucken, Zucken
Verdauungsapparat: Durst auf große oder kleine Herumwerfen zwischen Krampfanfällen
Mengen kalten Wassers evtl. Erscheinungsbild wie Epilepsie mit Schaum
Entzündungen, Spasmen, Striktur, Lähmung vorm Maul
Schlund oder Ösophagus verdrehte Augen, Nystagmus
Pferd: Kolik mit überwiegendem Bedürfnis, sich Aggressivität, Schlagen, Beißen
zu strecken, auch zusammenzukrümmen; mit sucht kühle Plätze
dampfender Hitze, trockenen Schleimhäuten,
Mastitis: liegt auf der Seite, nicht auf der Mamma
sichtbarer Gefäßzeichnung der Haut; Krampf-
Mamma ist glühend heiß
schmerzen kommen und gehen plötzlich
rote Streifen, die vom Zentrum der Entzündung
Genital weiblich:
ausgehen (soweit sichtbar)
Geburt
Mamma insgesamt stark gerötet
spastisch verschlossene Zervix nach Frucht-
wasserabgang

Auslöser und Modalitäten


Auslöser: Beschwerden durch Aufregung, Schreck, Modalitäten: warme bis heiße Absonderungen,
Furcht, Kummer, Liebesentzug, Zorn mit Angst Schweiß
Beschwerden während des Zahnwechsels eher betonte Symptome der rechten Seite, aber
Fieber, Entzündungen mit o. g. Modalitäten auch links
Eklampsie ⬍ durch Hängelassen erkrankter Teile
Futtermittelvergiftung, Pilzvergiftung, CO-Ver- ⬍ durch Wärmezufuhr jeder Art
giftung, Folgen von Narkotika ⬍ durch strahlende Wärme, insbesondere Sonne
Folgen von Abscheren des Fells, von Nasswerden, ⬎ durch Abkühlung
speziell des Kopfes
Antidot zu China bzw. Chinin, Plumbum
Folgen von Überhitzung, Sonnenstich, Hitzschlag
Folgen von unterdrückten Hautausschlägen Komplementär besonders zu Calc.- und Nat-m.-
Konstitutionen
110
Belladonna – Atropa Belladonna
Ausgewählte Fallbeispiele
Folgende Symptome zeigen aber noch immer die
Jungkatze Biene – Torticollis nach Indikation für Belladonna, die das Kätzchen wahr-
unterdrücktem Fieber scheinlich während der fieberhaften Ersterkran-
kung gebraucht hätte:
Am 13.12.2000 wird ein 16 Wochen altes graues äußerer Halt, Torticollis nach links gezogen
Kätzchen vorgestellt wegen angeblicher Verhal- Allgemeines, Gehen im Kreis
tensstörungen. Schwindel, dreht sich im Kreis nach links
Der Hals des Tierchens ist spastisch nach links Gemüt, Ruhelosigkeit treibt ihn von Ort zu Ort
gezogen, lässt sich aber mit sanftem Druck in die
normale Position bringen. Anschließend kehrt er Die geröteten Schleimhäute und die Nase, ferner
wieder in die Ausgangslage zurück. Das Kätzchen die akzentuierten Herztöne deuten ebenfalls auf
läuft in mehr oder weniger großen Bögen linkshe- Belladonna.
rum im Kreis.
Die Besitzerin bezeichnet es sonst als ausgespro- Therapie
chen munter: „Man kann Bieni kaum ruhig halten,
sie ist permanent in Bewegung und läuft manchmal Biene bekommt eine Gabe Belladonna M per os.
wie ziellos in der Wohnung herum. Bis zum nächsten Morgen hat sich der Spasmus
Vor 10 Tagen waren wir bei einem anderen Tier- der Halsmuskeln gebessert.
arzt, weil Bieni nichts mehr fraß. Dort hatte sie sehr Am 16.12. berichtet die Besitzerin, Unruhe und
hohes Fieber und bekam eine Spritze. Danach ging Im-Kreis-Laufen habe sie nicht mehr beobachtet,
es ihr zuerst besser, aber seit gestern Abend rennt gute Futteraufnahme, Biene spiele wieder lustig
sie nur noch im Kreis.“ mit ihrer Gummimaus, aber dabei drehe sie
manchmal noch den Kopf ein wenig nach links.
Untersuchung 2 Monate später höre ich von der Nachbarin, die
Biene zeitweilig versorgt, es sei von der Erkrankung
Körpertemperatur 38,4 ⬚C, auffallend rote, warme, nichts mehr zurückgeblieben, Biene sei lustig und
trockene Nase, stark gerötete Konjunktiven, deut- munter.
lich vorgefallene Nickhaut, rote Zunge, verlang-
samte Pupillenreaktion auf Lichteinfall, sehr kräfti-
ge, stark akzentuierte Herztöne.
Die Untersuchung erträgt das Kätzchen ohne be- Schweizer Braunvieh-Jungrind –
merkenswerte Abwehr. Presswehen nach der Geburt
Die Besitzerin erzählt weiter: „Zu Hause liegt sie
aber manchmal auch still in ihrem Körbchen und Telefon-Anruf am 3.2.1998: Der Bauer berichtet
schläft ruhig. In der Nacht ist mir nichts Besonderes über seine bedenklich kranke Kuh:
aufgefallen. Gestern hat sie sehr wenig gefressen, „Die Kuh hat gerade vor 10 Minuten geboren, es
heute noch gar nichts. Vom Trinken habe ich nichts hat alles sehr gut geklappt, sie hat sich gleich gut
gesehen. Kot habe ich auch nicht gefunden, aber versäubert.“ Er meint den spontanen Abgang der
vielleicht hatte den schon die Nachbarin beseitigt? Nachgeburt. „Jetzt hat sie extreme Presswehen, ich
Ich war gestern den ganzen Tag nicht zu Hause.“ befürchte, dass sie die Gebärmutter herausdrückt.
Keine weiteren klinischen Befunde oder Angaben Was kann ich tun?“
durch die Besitzerin. Er berichtet nach entsprechenden Fragen: „Die
Presswehen sind mit lautem Stöhnen verbunden,
Mittelwahl so etwas hört man nur ganz selten. Die Kuh ist ext-
rem heiß, hat ein wahnsinnig pralles Euter, beson-
Die Symptome deuten auf die Folgen einer „Unter- ders das rechte Hinterviertel ist sehr rot und heiß.
drückung“ bzw. eine Verschiebung der Symptoma- Das Flotzmaul ist gerötet, heiß und trocken, die Oh-
tik. Das akute Geschehen wurde durch Pharma- ren ebenfalls heiß. Fiebermessen traue ich mich
Therapie beseitigt und äußert sich nun in einer nicht, weil ich befürchte, dass sie dann noch mehr
zentralnervösen Erkrankung. presst.“
111
Belladonna – Atropa Belladonna
Herr Ö. soll ein paar Globuli Belladonna C 30 aus Gesamteindruck und Verhalten des Tieres
seiner homöopathischen Familienapotheke in
Wasser lösen und der Kuh alle 3 – 5 Minuten eine 2- Angespannte Muskulatur, starre Haltung mit vor-
ml-Spritze davon ins Maul geben. Nach ca. 15 Mi- gestrecktem Kopf, bei aufgelegter Hand ist ein
nuten soll er den Abstand der Gaben auf 15 Minu- leichter Muskeltremor fühlbar. Die Untersuchung
ten ausdehnen, bis die Kuh aufhöre zu pressen. wird mehrmals unterbrochen durch plötzliches
Besserung des Zustands bereits nach 20 Minuten. Vorwärtsspringen des Tieres in die Anbindevor-
Herr Ö. gibt die Arznei noch zweimal im Abstand richtung – ohne ersichtlichen Anlass. In den letzten
von 20 Minuten, dann ist die Kuh ruhig. Stunden wurde kein Kot abgesetzt, aber normales
Am nächsten Morgen ist die Kuh munter, frisst urinieren.
gut, kein Fieber, anschließend problemlose Laktati-
on und erneute Besamung. Diagnose

Epikrise Akuter Allgemeininfekt, Initialstadium einer Bron-


chopneumonie.
Wahrscheinlich wäre dieser Fall mit einer höheren
Potenz Belladonna, etwa M oder XM, noch etwas Therapie
schneller und einfacher zu lösen gewesen.
In akuten Fällen kann anstelle der notwendigen 5 ml Belladonna D 6 als subkutane Injektion.
höheren Potenz auch eine kumulierte Gabe einer Nachkontrolle am nächsten Vormittag: Noch ver-
C 30 erfolgreich sein. langsamte Futteraufnahme, Pansentätigkeit und
Widerkauen o. B., Kot dickbreiig, Puls 76/min., At-
mung 24/min., Temperatur 38,7 ⬚C., die morgendli-
che Milchleistung ist wieder auf 2/3 des Normalen
Akute Atemwegsinfektion einer angestiegen, Milch o. B. Gelegentliche Hustenstöße
Kuh erinnern noch an das gestrige Geschehen.
(Fall von Dr. Hartmut Krüger aus dem Jahr Deshalb werden nochmals 5 ml Belladonna D 6
1981) injiziert.
Falls der Husten nicht binnen der nächsten 48
Eine 6-jährige Fleckvieh-Kuh wird abends wegen Stunden aufhöre, solle sich der Besitzer nochmals
Inappetenz und hohen Fiebers vorgestellt. Sie hat melden.
vor 3 Wochen ohne Probleme gekalbt und steht Eine weitere Therapie war jedoch nicht erforder-
zurzeit auf dem Höhepunkt der Laktation. lich.
Der Vorbericht des Bauern ergibt, Milchmenge
und Appetit seien am Morgen noch unbeeinträch- Epikrise
tigt gewesen, aber beim Melken war sie ruhiger als
sonst. Beim Fressen habe sie einige Pausen einge- Dieser Fall wäre aus heutiger Sicht ebenfalls ele-
legt. ganter mit einer oralen Gabe weniger Globuli einer
höheren Potenz zu lösen gewesen.
Untersuchung Hier sei zusätzlich erwähnt, dass die Injektion
tiefer Potenzen bis zur C 30 intensiver wirkt als 1
Puls 110/min., Atmung 54/min., Temperatur 41,2 ⬚C, Per-os-Gabe.
auffallend warme Haut, Haarkleid stellenweise
feucht, Konjunktiven, Skleren und Vaginalschleim-
haut trocken und stark gerötet, heißes, trockenes Ponystute Greina – Kolik –
Maul, Pansenstillstand, Herztöne sehr deutlich ak-
zentuiert und laut, Herzspitzenstoß deutlich fühl- Homöopathische Arzneiwirkung
bar, bronchial verschärfte Atemgeräusche im gan-
zen Lungenfeld, keine Sekretgeräusche, Abendge- Eilbesuch am Abend des 20.4.1994: Die braune
melk nur 1/2 l, Euter und Milch sonst o. B. Kleinpferdstute habe eine Kolik.
112
Belladonna – Atropa Belladonna
Befund zungen zuständig sei. Darin sind 14 verschiedene
Mittel in tiefen Potenzstufen enthalten, unter an-
Das fette, massige Pony ist sehr heiß, schwitzt aber derem Belladonna D 4.
kaum, steht schwer atmend mit nach hinten ge- Und seit wann und wie oft habt ihr das gegeben? –
streckten Hinterextremitäten in ihrer Box. „Jeden Tag dreimal 15 Tropfen, ich habe sie genau
Hat sie denn so getobt? „Ja, vor ein paar Minuten. gezählt, seit voriger Woche, seit 6 Tagen.“ Die Besit-
Sie bekommt immer plötzlich anfallsweise zer werden aufgefordert, dieses Mittel nie mehr in
Schmerzen, dann wirft sie sich krachend auf den dieser Dosierung zu verabreichen.
Boden, strampelt ein paar Minuten ganz furchtbar, Das Pferdchen sieht nach einer Calc-c.-Konstitu-
dann steht sie auf und bleibt ein paar Minuten ru- tion aus. Solche Tiere reagieren oft sehr sensibel auf
hig bis zum nächsten Anfall. Wir haben schon ver- allzu häufige Gaben solcher Komplexmittel.
sucht, sie zu führen, dabei hat sie sich aber auf dem
Steinboden hingeworfen und sich über dem Auge Diagnose
alles aufgekratzt.“
Es gelingt gerade noch, zwischen zwei Schmerz- Krampfkolik durch Arzneimittelprüfung mit Bella-
attacken Fieber zu messen: Die Temperatur beträgt donna.
40,5 ⬚C. Die Konjunktival-Schleimhäute sind stark
gerötet, ebenso das trockene Maul. Die Herztöne Therapie
auffallend stark akzentuiert.
Die letzten Kothaufen sind nicht mehr zu finden. Eine Gabe Belladonna C 200 per os.
Hat sie so etwas schon früher gehabt? „Nein, so Nach 15 Minuten ist das Tier ruhig, die Atemfre-
schlimm wie jetzt nicht. Aber gestern Abend war quenz sinkt auf 14 Atemzüge pro Minute.
sie auch schon sehr warm und etwas unruhig, hat Die Stute steckt die Nase ins Stroh und will fres-
dauernd an der Tränke gestanden.“ sen, was die Besitzer jedoch vorerst noch verhin-
dern sollen. Sie binden die Stute vor dem Stall an,
Mittelwahl wo sie nun ganz vergnügt den anderen Pferden
nachwiehert.
Das Mittel ist klar. Nach dieser Symptomatik Am nächsten Morgen liegt die Temperatur bei
kommt nur Belladonna infrage. 37,8 ⬚C, keine weiteren Beschwerden.
In mir steigt ein Verdacht auf: Geben Sie ihr ir-
gendwelche Medikamente? – „Nein, sie war noch nie Schlussbemerkung
krank.“ Doch die danebenstehende 12-jährige Rei-
terin protestiert aufgeregt: „Doch, sie hatte doch Als Arzneireaktion hätte auch eine Kolik mit Opi-
den schlimmen Fuß, als sie sich vorige Woche das um-Symptomen auftreten können, denn Opium
Eisen heruntergerissen hatte! Da haben wir jetzt gehört zu den Antidoten von Belladonna.
immer diese Tropfen gegeben!“ Sie rennt zum Doch eine Opium-Kolik hätte andere Symptome
Stallschrank und bringt ein Fläschchen mit einem gezeigt (s. dort).
homöopathischen Komplexmittel, das für Verlet-
113
Bryoniadioicaoder cretica

Bryonia dioica oder cretica


Zaunrübe

Signatur, Thema und Idee des Mittels


Die Kletterpflanze Bryonia ist ein hartnäckiger und
Die menschlichen Bryonia-Patienten versuchen
ungebetener Gast im Hausgarten. Mit ihren schnell
z. B. bei ihrer schmerzhaften Bronchitis, Pleuritis
wachsenden, 5 – 8 m langen Ranken überwuchert
oder Pneumonie ihren Thorax ruhig zu stellen,
sie das gepflegte Buschwerk.
indem sie durch Verschränken der Arme versu-
Ihre knotige, mächtig verzweigte Wurzel drai-
chen, Druck auf die Brust auszuüben, um die
niert den Boden und entzieht den anderen Pflanzen
schmerzhaften Atemexkursionen einzuschrän-
das notwendige Wasser. Das üppige Wachstum
ken. Der Tierpatient drückt sich gern an eine fes-
hält so lange an, wie noch genügend Feuchtigkeit
te Wand oder Unterlage und vermeidet jede Be-
in der Erde vorhanden ist. Mit zunehmender Tro-
wegung. Sogar der Gang zur Selbsttränke oder
ckenheit im Spätsommer beginnt die Pflanze zu
zum Trinknapf wird möglicherweise trotz der
vertrocknen, um im nächsten Frühjahr wiederum
durstigen Verfassung vermieden.
reichlich zu wuchern.
Bryonia besitzt einen besonderes Bezug zum
„Wasserhaushalt“; im Arzneimittelbild wirkt sie Das Thema Feuchtigkeit äußert sich besonders in
besonders auf Gewebe, das mit „Feuchtigkeit“ zu Erkrankungen feuchter Körpermembranen bzw.
tun hat: auf seröse Häute und Organe, die Gewebe- solcher Schleimhäute, die aneinander gleiten,
flüssigkeit absondern oder enthalten. Diese kön- Flüssigkeit absondern oder sich in anderer Weise
nen im Krankheitsfall seröse Ergüsse formen oder bewegen. In diesem Zusammenhang sind beson-
bei trockenen Entzündungen schmerzhafte Ver- ders die serösen Häute zu erwähnen. Hier finden
klebungen von Gewebe entwickeln. sich akute, hochgradig schmerzhafte Erkran-
Verständlicherweise leidet diese Pflanze mit ih- kungen mit serösen Ergüssen oder trockene,
ren langen Wegen für die Versorgung der Ranken fibrinöse Entzündungen, die zu Verklebungen
unter Einflüssen, welche die Verdunstung von der Serosen führen können.
Feuchtigkeit vorantreiben: Hitze und Sonne wird Diese bessern sich durch Ruhe und festen
auch der akut kranke Bryonia-Patient grundsätz- Druck. Wärme verträgt der akute Bryonia-Patient
lich vermeiden. nicht, weil Erhitzung das Austrocknen – im Sinn
Bryonia klammert sich mit Vorliebe an hässli- der Signatur der Pflanze – beschleunigen würde.
chen Gartenzäunen fest, was ihr den Namen „Zaun- Will man diese Signatur der Bryonia unter einem
rübe“ verliehen hat. Begriff zusammenfassen, so gelingt das am besten
Neben dem Wasserhaushalt ist das Bemühen, mit der Idee von „Verlangen nach Ruhe und Si-
sich fest anzuklammern, ein Hauptthema dieser cherheit“: Bewegung – meist mit Wärmeentwick-
Pflanze. Es scheint, als wolle sie jede Bewegung ih- lung verbunden – bedeutet Veränderung und Un-
rer Ranken verhindern. Dieselben Modalitäten sicherheit für die Zukunft. Am wohlsten fühlt sich
prägen das gesamte Arzneimittelbild. daher der Bryonia-Patient in den sicheren Verhält-
Auch die hochgradige Empfindlichkeit gegen nissen von „Heimat“ und „Geborgenheit“. Der
Berührung und die Besserung durch starken menschliche Bryonia-Patient „will nach Hause“ ge-
Druck (festes Anklammern), was jede Beweglich- hen.
keit verhindert, bilden wesentliche Merkmale im Beim Tier können Bryonia-Erkrankungen ausge-
homöopathischen Bild. löst werden z. B. durch Absetzen vom Muttertier,
durch Verkauf oder Stallwechsel, durch ungewohn-
te Überanstrengung oder Witterungsverhältnisse,
Operationen und Ähnliches. Dazu gehören auch
psychische oder „Gemütsbewegungen“, wie Be-
schwerden „durch Ärger“ und „Aufregung“ „Krän-
kung“ u. Ä.
114
Bryonia dioica oder cretica
Schließlich kann alles, was eine unerwartete Be- Insgesamt zeigt sich die Bryonia als ein Parade-
wegung oder Veränderung mit sich bringt, eine beispiel für die analogen Beziehungen zwischen
Bryonia-Erkrankung verschlimmern oder auslösen. den Eigenschaften der Pflanze und dem geprüften
Weitere Zeichen für das Verlangen nach Sicher- Arzneimittelbild.
heit sind die „Angst vor der Zukunft“ und „Angst
vor Armut“. Beim Tier äußert sich das in gierigem Thema und Idee: Verlangen nach Halt und
Verlangen nach Futter. Stabilität, jede Unsicherheit oder Bewegung
– im wörtlichen und übertragenen Sinn – führt zu
Beschwerden.

Grundsätzliche Eigenschaften des Mittels


In der Tierhomöopathie ist Bryonia fast aus- Das berühmte Symptom „Patient liegt auf
schließlich ein Mittel für akute oder subakute der schmerzhaften Seite“ ist ebenfalls
schmerzhafte Entzündungen, seltener für chro- beim Tier nicht immer leicht zu eruieren und
nische Zustände, nur ausnahmsweise ein ,kon- kann erst durch eine entsprechende Untersu-
stitutionelles‘ Mittel. chung vermutet werden! Daher sind diese Zei-
chen beim Tier keine so eindeutigen Leitsymp-
tome wie beim Menschen!
Bryonia ist i. d. R. ein schnell und meist oberfläch-
lich wirkendes Mittel. Die heftigen Entzündungser-
scheinungen und Schmerzen erfordern entspre- Wenn nach anfänglichem Erfolg mit Bryonia keine
chend intensiv wirksame Dosierung. Ausnahms- Besserung des Patienten mehr erfolgt und sich die
weise kann sogar eine XM-Potenz – im sehr schwe- Symptome mit geänderten Modalitäten ver-
ren Fall – schon nach 1 – 2 Tagen wiederholt wer- schlechtern, dann ist ein Wechsel des Mittels ange-
den (z. B. perakute Tendovaginitis des Pferdes), bis bracht, das die Heilung zu Ende führt. Dieses Phä-
eine deutliche klinische Besserung erkennbar nomen ist häufig bei Verletzungen zu beobachten,
wird! Aber Vorsicht vor Überdosierungen! bei denen oft mehrere „Verletzungs-Mittel“ nach-
Die bekannten und immer wieder beschriebenen einander gegeben werden müssen, wenn es die
„stechenden Schmerzen“ von Bryonia lassen sich Modalitäten fordern, z. B. kann nach Bryonia durch-
beim Tierpatienten nicht feststellen! Stattdessen aus Rhus-t. indiziert sein – oder umgekehrt.
bemerkt man deutlicher die vermehrten Schmer- Bei der Mastitis kommt als Folgemittel für den
zen durch Bewegung und Berührung. akuten Zustand häufig Phyt. infrage.

Übersicht über Krankheitsverlauf und pathologische Schwerpunkte


Perakute Zustände: nach Verletzung, Überan- Erkrankungen, die ätiologisch durch „Verände-
strengung, Entzündung, Operation rung der Lebensverhältnisse“, „Gemütsbewe-
gungen“ oder „unterdrückte Absonderung“ be-
Akute Erkrankungen: entwickeln und steigern
dingt sind
sich langsam – in Stunden oder Tagen – bis zu be-
drohlichen Zuständen Wesentliche leitende Modalitäten: schlimmer
Verletzungsfolgen können auch in einen m. o. w. durch jede Art von Bewegung, besser durch absolu-
chronischen Zustand übergehen. te Ruhe
schlimmer durch Berührung
Schmerzhafte Entzündung seröser Häute, Kör-
schlimmer durch äußere Wärme
perhöhlen oder Schleimhäute: Gelenke, Sehnen-
besser durch starken Druck
scheiden, Faszien, Muskeln, Pleura, Peritoneum,
besser durch Abkühlung
Perikard, Meningen, Lungen, Darm, Ovarien, Mam-
ma Einige spezielle Indikationen für die Veterinär-
mit Tendenz zu Erguss, Hydrops oder trockener medizin: Metaphylaxe nach chirurgischen Eingrif-
Verklebung fen (Laparotomie, Arthroskopie u. Ä.) mit schmerz-
haften Reizungen von Peritoneum oder Synovia
115
Bryonia dioica oder cretica
Pneumonie, Bronchitis, Peritonitis mit extremen Rind: Fremdkörpererkrankungen mit diesen Mo-
Schmerzen bei jeder Bewegung dalitäten
Hund: trockene Obstipation, z. B. nach Knochen- Fohlen, Kälber, Lämmer: Synovitis bei Lähme-Er-
fressen (Op., Plb.) krankungen von Jungtieren (Puls., Sil.)
Pferd: perakute oder akute Tendinitis/Tendovagi-
nitis/Arthritis, schlimmer durch Bewegung

Physiognomie und Erscheinungsbild des Patienten


auffallendes Verlangen nach Ruhe mit Abnei- Tiere drücken sich an die Wand oder in eine harte
gung gegen jede Form von Bewegung und Er- Ecke ihres Lagers, liegen auf der erkrankten Stelle
schütterung trockene Schleimhäute, trockenes Maul
leidender Gesichtsausdruck ohne Wehleidig- Patienten meiden strahlende Wärme, z. B. Sonne,
keit! Heizung, Rotlicht-Lampe
Stimmung ärgerlich, reizbar, launisch, gereizt lassen sich nicht zudecken, wehren sich gegen
durch jede Bewegung warme Umschläge
deutliche Schmerzäußerungen, Schreien bei je- Das in vielen Arzneimittellehren beschriebene
der Bewegung oder schon vor der Berührung Symptom „besser durch Liegen auf der schmerz-
ruhige, zusammengekauerte oder gekrümmte haften Seite“ lässt sich beim Tierpatienten nicht
Stellung immer leicht eruieren!

Auffallende Zeichen und Symptome des Verhaltens


auffallend ruhiges, scheinbar apathisches Ver- je nach Lokalisation der Erkrankung unsicherer,
halten mit mangelnder Anteilnahme steifer Gang, um jede Erschütterung zu vermei-
„will in Ruhe gelassen sein“, will nicht gestrei- den
chelt werden, weil jede Bewegung die Schmer- bei extremen Gelenkschmerzen (frisches Trau-
zen verschlimmert ma, akute hochgradige Synovitis) kann gelegent-
daher scheinbar abweisende Stimmung lich trotz starker Schmerzen auffallende Unruhe
Aggressivität und Schmerzäußerungen erschwe- des erkrankten Teils (Rhus-t.) beobachtet wer-
ren die klinische Untersuchung des Patienten den, aber Bewegung ⬍ die Schmerzen!
reizbare Stimmung, Aufregung durch Störung extreme Muskel-Anspannung durch plötzliche
und Erschütterung Berührung (z. B. Abwehrspannung des Abdo-
Reizbarkeit bis Aggressivität, wenn Bewegung mens), dadurch unwillkürlicher Wind-, Kot- und
oder Zuwendung gefordert werden (Cham.) Urinabgang
meist hochgradig empfindlich gegen Berührung, häufig Heißhunger, gieriges Verlangen nach Fut-
schreit plötzlich auf, noch bevor er angefasst ter
wird Durst häufig oder nach großen Mengen (aber
bei Berührung extreme Anspannung des er- manche Patienten haben solche Schmerzen
krankten Körperteils, manchmal mit Stöhnen durch Bewegung oder durch den Gang zur
oder Schreien Selbsttränke, dass sie keine Tränke nehmen und
weniger oder keine Schmerzen bei festem Anfas- dehydrieren!)
sen, Festhalten oder intensivem Palpieren Hund: will nur ruhig und fest im Arm gehalten
Patienten lassen sich hinstellen, bleiben dann sein – oder besser: ruhig auf seinem Platz liegen
dort bewegungslos, evtl. stöhnend stehen Pferd: möglicherweise empfindlich gegen das
Anziehen des Sattelgurtes
116
Bryonia dioica oder cretica
Leitsymptome des pathologischen Geschehens
Fieber: entwickelt sich innerhalb von 2 – 3 Tagen Tiere versuchen, das Husten zu vermeiden, statt-
möglicherweise intermittierendes Fieber dessen stöhnende, ächzende Atemzüge
mit Frieren, aber ohne Schüttelfrost, vermeidet stehen oder liegen an die Wand gedrückt
trotzdem äußere Wärme Diagnose: kräftiges Klopfen an die Brustwand
mit Benommenheit (z. B. Meningitis) löst deutliche Schmerzreaktion aus! (⬍ Er-
Fieber ⬍ abends 21 Uhr oder vor 24 Uhr schütterung)
Entzündungen seröser Häute: Pleura pulmonalis, im Stehen wird evtl. durch Schmerzen beim Hus-
costalis, Perikard, Peritoneum, Meningen ten ein Vorderfuß plötzlich aufgehoben
Serosa-Auskleidung von Gelenken und Schleim- quälender, erschöpfender, trockener, kurzer, tief-
beuteln sitzender Husten, auch anfallsweise
Sehnenscheiden, Muskulatur, Aponeurosen evtl. tonloser, kurzer Husten
mit warmer, fluktuierender oder teigiger feuchter, lockerer Husten mit Auswurf nur am
Schwellung Morgen
Rind: Fremdkörper-Erkrankungen – Peritoni- dabei evtl. unterbrochene, stöhnende, flache At-
tis, Pleuritis, Perikarditis mung oder angehaltener, ächzender Atem
Husten ⬍ durch tiefes Atmen, beim Aufstehen
Zentralnervensystem: Meningitis cerebralis oder
vom Liegen
cerebrospinalis (Bell., Stram., Hell., Apis u. a.)
Husten schlimmer im warmen Raum, im war-
steife Haltung des Kopfes, Opisthotonus
men Stall, unter Rotlichtlampe, in warmer Son-
mit extremer Abneigung gegen jede Bewegung
ne
(wegen hochgradiger Schmerzen)
Hund: Husten mit Erbrechen
sucht den Kopf gegen harte Wand oder Boden zu
Pferd: eines der Mittel, die für Influenza infrage
drücken
kommen können
möglicherweise unwillkürliche Kopf- oder Kau-
bewegungen Verdauungsapparat: eines der Hauptmittel für
manchmal als Folge von unterdrückten Hautaus- Zahnschmerzen durch Zahnverfall (nicht Eiterung)
schlägen oder Zahnverletzungen
⬎ durch konstantes Draufbeißen, ⬍ durch Kauen
Augen: eines der wenigen, im Repertorium ge-
i. d. R. trockenes Maul, kein Speichelfluss
nannten Mittel für „rezidivierende Entzündung“ –
Zunge weißlich bis gelbbraun, besonders im Zen-
aber es ist fraglich, ob Bryonia ein so wesentliches
trum
Mittel z. B. für die „periodische Augenentzündung“
Durst auf große Mengen, in häufigen Portio-
des Pferdes ist!
nen
akute Entzündungen mit Rötung, eitrig-ver-
man sollte dem Bryonia-Patienten die Tränke di-
klebten Lidern und geschlossenen Augen
rekt aus der Hand anbieten!
ausgeprägte Photophobie, evtl. Mydriasis
denn jede Bewegung – auch das Laufen zur Trän-
kein wund machender Tränenfluss!
ke – verschlimmert die Schmerzen!
Konjunktivitis, Iritis, Chorioiditis, Retinitis, Ent-
Magen-Verdauungsprobleme, Übelkeit, Erbre-
zündung der Sklera (Rhus-t.)
chen nach ungewohntem Futterwechsel
Iritis o. a. Folgen von Augen-Verletzung (u. a.)
Verdauungsstörungen nach kaltem Trinken bei
Augenschmerzen ⬍ durch Bewegung der Augen
Überhitzung
u. a. Bryonia-Modalitäten
Beschwerden durch Trockenfutter (Puls.)
Atemwege: absteigende akute Infekte – Rhinitis, durch psychischen Stress
Laryngitis, Tracheitis bis Pneumonie oder Pleuritis
⬍ rechte Seite
Magenprobleme besser durch warme
Reizhusten trotz Schmerzen mit Wundheitsge-
Tränke (Keynote! Einziges Mittel!)
fühl
eher Pleuritis sicca, seltener auch Pleuraerguss,
meist mit Fieber Hund: Verdauungsstörungen; Obstipation
hochgradig schmerzhafte Atmung, schmerzhaf- durch Trockenfutter oder Knochen (neben
ter Husten
117
Bryonia dioica oder cretica
anderen Mitteln); Erbrechen unmittelbar nach Euter – Gesäuge: akute Mastitis, die sich in ca. 2 Ta-
dem Fressen; Erbrechen unverdaut, besonders gen entwickelt, mit den passenden Modalitäten
2 – 3 Stunden nach dem Fressen; vermehrter Mastitis besonders am Beginn der Laktation
Appetit vor Beginn einer Erkrankung und während des Abstillens (Puls.)
harte warme, rosa phlegmonöse Schwellung,
Abdomen: Schmerzäußerungen ⬍ bei leichter Be-
mit hochgradiger Berührungsempfindlichkeit,
rührung, mit spastischer Kontraktion der Bauch-
besser durch harten Druck
muskeln (Nux-v.), oft begleitet von Schreien oder
Milch lässt sich wegen Gel-artiger Beschaffen-
Stöhnen
heit und Schmerzen kaum ausmelken
besser bei starkem Druck, lässt sich gut durch-
die Tiere liegen auf der kranken Mamma
palpieren, aber dann Loslassschmerz
die Tiere vermeiden das Laufen, weil ⬍ durch je-
Aszites, Lebererkrankungen
de Erschütterung
Peritonitis durch Darmerkrankung, Fremd-
auch übermäßige Milchleistung, evtl. mit Milch
körper, nach Laparotomie (DD Lach. bei Ten-
laufen lassen
denz zu septischen Zuständen!)
Bryonia wird bei der Mastitis gut gefolgt von
Kuh: wichtiges Mittel für die Fremdkörper-Pe-
Phyt.
ritonitis, -Pleuritis, -Perikarditis
Kühe: sind wegen Reizbarkeit und Schmerzen
Bauchschmerzen: ⬎ durch Anziehen der Hinter- evtl. unter Zwangsmaßnahmen zu melken
extremitäten, ⬎ durch Bauchlage (Cham.); Probleme nach dem Trockenstellen
(Bell., Calc., Puls. u. a.)
Obstipation: Leitsymptom: hochgradige Emp-
Sau, Hündin: lässt die Ferkel/Welpen nicht sau-
findlickeit des Abdomens auf leichte Berührung
gen, sondern liegt unverrückbar auf dem Ge-
(DD Lach.)
säuge
besser durch starken Druck (DD Lach.)
mit auffallender Trockenheit des Rektums, tro- Jungtiererkrankungen: Polyarthritis („Kälber-“,
ckener, harter, krümeliger, evtl. sogar blutiger „Fohlenlähme“) (DD Puls.), die Tiere können – wenn
Kot aufgestellt – ruhig stillstehen, aber nicht laufen
chronische Obstipation, auch mit Kolik-Be- Bronchitis, Bronchopneumonie, Pneumonie,
schwerden Pleuritis
durch Ärger, während, nach der Geburt, während Patienten vermeiden das Liegen unter der Rot-
des Zahnwechsels lichtlampe, obwohl sie häufig frieren
Obstipation möglicherweise abwechselnd mit liegen an der Wand oder in der Ecke, suchen Ge-
Durchfall gendruck!
Schmerz im Rektum, während des Kot-Abset-
Bewegungsapparat: hochgradige Lahmheit in
zens, Inaktivität des Rektums
der Bewegung, im Stillstehen eher schmerzarm
unwillkürlicher Kotabgang
(⬎ durch Druck des Körpergewichts)
Hund: Obstipation nach Knochenfressen, auch
akute Arthritis, auch Polyarthritis mit wech-
mit Peritonitis (Op., Plb., Lach.)
selnder Lokalisation, Wechsel der Seiten
Kuh: produziert geformten Kot!
(Puls.)
Diarrhö: nach unterdrückten Hautausschlägen, evtl. Borrelien-Polyarthritis mit den passenden
nach „Gemütsbewegung“, Aufregung, Ärger Modalitäten (Borrelien-Nosode)
nach Fressen von Obst, nach der kleinsten Unre- warmes geschwollenes Gelenk, Hydrops
gelmäßigkeit im Futter seröser Erguss im Gelenk, Sehnenscheide, Bursa
⬍ durch Bewegung, ⬍ bei heißem Wetter mit warmer, entzündlicher Schwellung
aber auch fibrinöse Verklebungen möglich
Genital: Entzündung der Beckenorgane (Apis,
akute Verstauchungen mit hochgradiger Lahm-
Pyrog., Rhus-t. u. a.)
heit, mit warmer Schwellung des Gelenks
Abort
(Rhus-t.)
Ovariitis rechts (Apis), Metritis mit Ödem, Sal-
Sehnenzerrung, Bänderzerrung, Kapselzerrung
pingitis, mit Beteiligung des Peritoneums
(evtl. Folgemittel von Rhus-t. oder umgekehrt)
Erkrankungen durch fehlende Ausscheidung von
akute, schmerzhafte Bursitis (z. B. Karpalbeule,
Lochien
Stollbeule, Piephacke) (Ruta, Arn.)
seröser Erguss durch Verletzung, Distorsion
118
Bryonia dioica oder cretica
akute Arthritis-Schübe von chronisch-arthri- Verletzungen: besonders von Serosa-ausgekleide-
tisch veränderten Gelenken ten Organen, Nerven, Gelenken
plötzliche, heftige Lahmheit während der Bewe- mit warmer, entzündlicher Schwellung, Berüh-
gung, „wie durch einen Fehltritt“ rungsempfindlichkeit
Pferd: geht lahmheitsfrei aus dem Stall, beginnt Distorsionen, Luxationen aller Gelenke möglich
während der Bewegung plötzlich heftig zu lah- (oft Folgemittel nach Rhus-t. oder umgekehrt)
men, sogar im Schritt; lahmheitsfrei nach Ru- Verletzungen, Zerrungen der Halswirbelsäule,
hezeit, aber während der Bewegung wieder z. B. nach Sturz (Rhus-t., Hyper.)
dasselbe Phänomen; Lahmheit ⬍ auf hartem Lumbago durch Überanstrengung, Zerrung
Boden; schlechter beim Bergabgehen – wegen Folge von Hirnerschütterung (Arn., Hyper.)
vermehrter Erschütterung der erkrankten Ex- Schmerzen ⬎ durch Ruhe, ⬍ durch Bewegung, ⬍
tremität; i. d. R. kein Mittel für die chronische durch fortgesetzte Bewegung
Podotrochlose, aber möglicherweise für eine Schlagverletzungen u. Ä. gegen Thoraxwand,
akute Entzündung der Bursa podotrochlearis Rippenfraktur, kann kaum atmen
mit den passenden Modalitäten; akute Lami-
Chirurgie: Hauptmittel für die Reizung des Perito-
nitis, Hufrehe; akute Tendovaginitis mit
neums nach Laparotomie
fibrinöser Schwellung („Wade“, „Bogen“,
Reizung der Synovia nach Arthroskopie (in hoher
„Banane“)
Potenz besser wirksam als steroidale oder
Die oft zitierte subjektiv empfundene Modalität
nicht steroidale Entzündungshemmer)
„Gliederschmerzen ⬎ durch Bandagieren“
schmerzhafte Zystenbildung seröser Teile nach
(starker Druck) ist bei Tieren schwierig zu be-
Operationen (z. B. nach Resektion von Bursa)
urteilen!
verhindert die Reizung und Verklebung seröser
Rücken: Spannung und Steifheit, mit Spasmen der Häute nach Operationen
langen Rückenmuskeln,⬍ durch jede Bewegung übermäßige Schmerzen nach Operation, Übel-
Rückenschmerzen durch Diskopathie, Überan- keit durch die geringste Bewegung
strengung, Kälte, Nasswerden weibliche Tiere: eine Gabe Bryonia C 200 oder M
Lumbago, Torticollis mit heftigsten Schmerzen nach Laparatomie bringt überraschend schnel-
(Nux-v., Lyc., Hyper., Rhus-t.), nur besser in ab- le Rekonvaleszenz, ohne nachfolgende Verkle-
soluter Ruhe bungen!

Auslöser und Modalitäten


Auslöser: Unsicherheit, Veränderungen der Le- erregerbedingte Infektionen seröser Häute, z. B.
benssituation: Absetzen vom Muttertier, Verkauf, Staphylokokken-Arthritis
Stall-/Besitzerwechsel, Aufenthalt beim Händler ⬍ Bewegungsmangel („sitzende Lebensweise“)
u. Ä.
Modalitäten: eher ⬍ rechte Seite, aber nicht zwin-
Gemütsbewegungen: Zorn, Ärger, Demütigung,
gend
Verachtung (durch ein neues, ranghöheres Tier
ausgeprägtes Verlangen nach Ruhe, will nicht ge-
in der Familie oder Herde) (Staph., Lyc.)
streichelt werden
Folgen von unterdrückten Absonderungen, Haut-
⬍ durch jede Art von Bewegung, ⬍ durch die ge-
ausschlägen
ringste Bewegung
Folgen von „unterdrücktem Schweiß“ (z. B. Hit-
⬍ durch Berührung, aber ⬎ durch starken Druck
zestau durch Austrocknung, Solarium, Wind)
Pferd: Bryonia-Lahmheit ⬍ durch Anguss-Ver-
Atemwegsinfekte, Verdauungsstörungen durch
band, der sich langsam aufheizt, ⬎ durch kaltes
kaltes Trinken nach Überhitzung
Abspritzen
Beschwerden durch kalorienreiches Futter („rei-
⬍ durch Erschütterung
che Speisen“)
⬍ durch Wärme (warmer Raum/Stall), ⬍ durch
Beschwerden während des Zahnwechsels
Hitze
Operationen: beugen Schmerzen und Entzün-
schlimmer oder ausgelöst durch warmes Wet-
dungen seröser Häute und deren Verklebun-
ter nach kühlen Tagen
gen vor
119
Bryonia dioica oder cretica
⬍ durch Wetterwechsel von kalt nach warm Arzneimittelbeziehungen: Komplementär zu
(Puls., Kali-s., Sulf.) Alum., Kali-c., Nat-m.
⬎ durch kühle, frische Luft (Puls. u. a.) folgt gut auf Acon., Nux-v., Op., Rhus-t.
⬍ 21 Uhr, ⬍ morgens beim Aufwachen Folgemittel nach Bryonia: Alum., Ars., Kali-c.,
i. d. R. großer Durst auf große Mengen oder Lyc., Nat-m., Nux-v., Phos., Puls., Rhus-t., Sep.,
häufige Aufnahme kleiner Mengen Sulfur
im Fieber häufig Frieren, ohne Besserung durch oft vor oder nach Rhus-t.-Distorsionen u. Ä.
Wärme, eher ⬍ durch Wärme!
Fieber ⬍ 21 Uhr, meist die ganze Nacht
manchmal Zähneklappern bei Schüttelfrost im
Fieber

Ausgewählte Fallbeispiele
Yorkshire Rüde – Neuralgie Klinische Diagnose

2-jähriger Yorkshire-Rüde, wurde 1994 vorgestellt Neuralgischer Lumbago.


wegen unklarer Schmerzäußerungen seit einigen
Tagen. Die Besitzer stellen ihn mitsamt seinem Therapie
Körbchen auf den Untersuchungstisch, mit den
Worten: „Passen Sie auf, er beißt! Er beißt sogar Bryonia XM, Gabe einiger Globuli per os.
uns, wenn wir nur an sein Körbchen herankom- Am nächsten Tage kann der Yorki wieder sprin-
men! Das hat er noch nie getan! Und er will gar gen wie in besten Zeiten.
nicht mehr laufen. Wir tragen ihn – mit Jacke und
Handschuhen zum Schutz gegen sein Beißen –
draußen vor die Tür, dort macht er eine kleine Pfüt-
ze und will sofort wieder rein.“ Hündin Bessy – traumatische
Zur klinischen Untersuchung muss der Yorki Peritonitis
schon seinen Korb verlassen und wird ohne ihn auf
den Untersuchungstisch gesetzt. Durch festes Zu- Bessy, 11/2 Jahre alt, schwarze Flat-Coated Retrie-
packen glaubten wir, seinen Bissen entgegenwir- ver-Hündin, wurde gestern hysterektomiert. We-
ken zu können. Zum Erstaunen der Besitzer funk- gen einer Nachblutung verlief die Operation nicht
tionierte das ohne Abwehr. ganz einfach. Nun leidet sie unter starken Bauch-
Aber Auskultation und Fiebermessen führen zu schmerzen: Sie kann sich kaum bewegen, läuft
kreischender Abwehr, während der sich das Tier- langsam und steif wie ein Brett, schreit vor Schmer-
chen zusammenkrümmt und am ganzen Körper zen auf, sobald man die Bauchdecke berührt und
verkrampft. Das wiederholt sich nun bei jeder Be- vermeidet das gewohnte Lager an der Heizung.
rührung. Körpertemperatur 39,1 ⬚C, Herz und Kreislauf sind
Atemwege, Herz-Kreislauf o. B. Körpertempera- ohne Befund; die Auskultation erträgt sie ohne Zei-
tur 38,8 ⬚C. Der After ist trocken, Kot habe das Tier chen von Schmerzen oder Abwehr.
seit gestern nicht mehr abgesetzt, habe weder ge-
fressen noch getrunken. Nur ein kleines Häppchen Diagnose
Lieblingsfutter habe er aus der Hand genommen
und aus dem vorgehaltenen Trinknapf ein wenig Traumatische Peritonitis.
getrunken.
„Und noch eins ist uns aufgefallen: Wenn er mal Therapie
muss, geht er nicht mehr durch die Diele zur Woh-
nungstür wie sonst, sondern er schleicht immer an Sie bekommt 1 Gabe Bryonia XM per os und kann
der Wand entlang, als ob er eine Stütze braucht.“ nach 2 Tagen wieder springen wie in besten Zeiten.
Ein Auslöser der Erkrankung ist nicht bekannt.
120
Bryonia dioica oder cretica
Kalb – Bronchopneumonie empfindlich. Die Beugesehnen sind als ein warmer
teigig-geschwollener Strang zu fühlen.
Ein schwarzbuntes Kalb, 4 Monate alt, leidet seit Es liegt eine starke Stützbeinlahmheit vor.
gestern – oder vielleicht schon seit vorgestern? – Diese fibrinöse Tendinitis erfordert Bryonia XM
unter „Husten“, die Körpertemperatur beträgt jetzt und absolute Boxenruhe.
am Vormittag 39,8 ⬚C, guter Ernährungszustand, Der Pferdepfleger wird verpflichtet, das Bein so
kurze stöhnende Atmung, verschärfte Atemgeräu- oft wie möglich mit kaltem Wasser abzuspritzen.
sche. Das Kalb liegt auf der rechten Seite in die Ecke Nun sitzt er auf einem Hocker in der Waschbox,
seiner Box gedrückt und rührt sich nicht, versucht hört Radio und hält unentwegt den dünnen Was-
so, sich der wärmenden Rotlichtlampe zu entzie- serstrahl auf die Sehnen.
hen. Es hat weder Futter noch Tränke zu sich ge- Nach 2 Tagen hat sich noch keine deutliche Ver-
nommen. Gelegentlich ist ein leiser, kurzer, trocke- änderung eingestellt. Darum wird Bryonia XM
ner Husten zu hören. Nach Berührung oder Klopfen wiederholt.
an die Brustwand folgt ein schmerzhaft-gequältes Nach weiteren 2 Tagen ist die „Banane“ kleiner
Stöhnen. Auf die Füße gestellt, verharrt es in bewe- geworden und weniger warm.
gungsloser, krummer Haltung; kurze, gepresste At- Die Lahmheit besteht weiterhin unverändert.
mung. Aus dem vor die Nase gehaltenen Eimer Wegen mangelnden Fortschritts bekommt das
trinkt es gierig, aber die Selbsttränke wurde nicht Pferd 3 Tage später die dritte Dosis Bryonia XM.
benutzt. Nun geht es zusehends besser.
Nach weiteren 3 Tagen ist die „Wade“ kaum noch
Therapie zu tasten, die Lahmheit auf hartem Boden im Trab
nicht mehr erkennbar.
Bryonia XM, 1 Gabe per os. 1 Woche nach der letzten Arznei bzw. 20 Tage
Am gleichen Abend steht es an der Krippe, frisst nach Anfang der Erkrankung beginnt man mit
etwas Heu und trinkt wieder selbstständig, nach 2 Schrittarbeit. Die Beugesehnen sind klar zu tasten
Tagen ist – auch auskultatorisch – kein pathologi- und frei von Schwellungen.
scher Befund mehr zu erheben. Im Trab auf Hallenboden ist keine Lahmheit
mehr festzustellen.
Der langsame Trainingsaufbau gelingt ohne Pro-
bleme. 4 Wochen nach Krankheitsbeginn ist das
4-jähriges Springpferd – akute Pferd – ohne „Wade“ – wieder voll einsatzfähig.
traumatische Tendinitis
Allerdings muss in solchen Fällen streng
Der Fuchswallach Holsteiner Abstammung, ange-
individuell dosiert werden! Diese Anga-
hendes Superspringpferd, hat sich – wahrschein-
ben sollen kein Rezept für die „bewährte Indika-
lich beim Freispringen – vor 3 Tagen eine Tendinitis
tion“ sein, sondern nur ein Beispiel eines doku-
der Beugesehnen am linken Vorderfuß zugezogen.
mentierten Falles.
Eine richtige „Wade“, sehr warm, nur wenig druck-
121
Calcarea carbonica
Calcium carbonicum – Calcarea carbonica Hahnemanni

Signatur, Thema und Idee des Mittels


Austernschalenkalk ist die Grundsubstanz von Cal- ter Dickkopf“ etwas nicht will, steht man ihm
cium carbonicum oder Calcarea carbonica Hah- machtlos gegenüber. Einzig massiver Druck, schar-
nemanni. Die wenig attraktive Kalkschale wird fe Ermahnungen oder Strafe können die Sturheit
von dem Muscheltier aus der Gattung der Weich- übertreffen und Calcarea wieder in eine bereitwil-
tiere gebildet. lige Stimmung versetzen.
Damit gehört Calcarea zu den homöopathischen Auch das Vollbringen physischer Anstrengung
Mitteln des Tierreiches und ist nicht identisch mit bedarf eines gewissen Antriebs, um seine Faulheit
dem chemisch definierten Calciumcarbonat. in beflissenen Arbeitseifer zu wandeln. Nach
Im Arzneimittelbild offenbart die Signatur dieses Überwindung von anfänglicher Trägheit kann Cal-
Lebewesens den Zwiespalt zwischen „hart“ und carea durchaus leistungsfähig sein: Er kann eine
„weich“, zwischen mineralischer Muschelschale anerkennenswerte Muskelkraft mobilisieren; er
und schleimig-gestaltlosem Weichtier. kann nach entsprechendem Training sogar eine gu-
„Schleim“ heißt im Griechischen „Phlegma“; und te Ausdauer-Leistung vollbringen, aber für schnel-
tatsächlich verfügen die meisten Calcarea-Patien- le Sprints oder athletische Hochleistungen ist er
ten über ein phlegmatisches Temperament. nicht geboren.
Das ungeformte Muscheltier ist wie „zu weich Gruppen von Austern leben im flachen, durch-
für diese böse Welt“ und braucht für sein schlaffes, lichteten Meer, stationär an Felsen angeheftet, sie
überempfindliches Gewebe den Schutz der „harten bleiben ihr Leben lang im fest gefügten „Familien-
Schale“. verband“ am „Dauerwohnsitz“.
Andererseits versteht es, mit unerwarteter Kraft Auch der Calcarea-Patient ist i. d. R. sesshaft, liebt
dem gewaltsamen Öffnen der Muschelschalen pas- sein „trautes Heim“, lässt sich gern „bemuttern“
siven Widerstand zu leisten. und versorgen und ist glücklich, wenn alle Famili-
Der Calcarea-Patient ist i. d. R. „von schlaffer Fa- enangehörigen „zu Hause“ sind. Er treibt sich nicht
ser“, verfügt – wie das amorphe Muscheltier – über gern herum, wie es andere Mittel tun; Reisen ist für
einen geringen Muskeltonus und ein schwaches ihn möglicherweise nur in Begleitung seiner
Bindegewebe. Die Motorik wirkt daher meist „schützenden Muschelschalen“, seiner Familie
plump und ungeschickt. oder seines Wohnwagens erstrebenswert, am
Die feuchte Oberfläche des Weichtiers findet ihre liebsten besucht er bekannte Familienmitglieder in
Entsprechung im wenig differenzierten Mesen- deren vertrauter Umgebung.
chym, in Schleimhäuten und Lymphorganen, die zu Es ist nahe liegend, dass der Calcarea-Patient zu
chronischen Katarrhen, zu Lymphknotenschwel- Erkrankungen neigt, wenn neue, unerwartete Le-
lungen, Entzündungen und Absonderungen nei- benssituationen auf ihn zukommen, z. B. durch
gen. Wohnungs- oder Stallwechsel, Abgabe ins Tier-
Die Muschel wird allenthalben mit dem „weibli- heim oder Verkauf in fremde Hände; ja sogar ein
chen Prinzip“ assoziiert, mit dem Prototyp des Standortwechsel in ein und demselben Stall kann
„Yin“, dem Inbegriff für passive Empfänglichkeit. zu Problemen führen.
Calcarea-Patienten sind tatsächlich enorm emp- All diese Impulse beantwortet der Calcarea-Pa-
findsam und verletzlich, haben „Angst vor der tient i. d. R. mit stoischer Passivität.
Grobheit anderer“, Angst vor Schmerzen und Allerdings kann er auch mit hektischem Eifer
möchten deshalb am liebsten allen alles recht ma- oder Panik reagieren, wenn Strafe, Grobheit oder
chen oder sich dem bestimmenden Einfluss ande- damit verbundene Schmerzen drohen. Dieses Ver-
rer entziehen. halten überfordert möglicherweise seine Leis-
Dennoch kann der Calcarea-Patient in bestimm- tungsfähigkeit und führt zu Erkrankungen durch
ten Situationen ein unverständlich stures, beharr- Überanstrengung (Distorsionen, Sehnen-, Bän-
liches Verhalten an den Tag legen: Wenn sein „har- der-, Gelenkverletzungen).
122
Calcarea carbonica
Der Lebensinhalt der sesshaften Auster besteht Thuj. ist Calcarea für freundliche Worte eher emp-
darin, die Muschelschalen regelmäßig ein wenig zu fänglich und insbesondere jederzeit für Leckerbis-
öffnen, um in passiver Manier das ernährende sen.
Plankton hereinschwimmen zu lassen. Calcarea – mit seiner Affinität zur „Vollkommen-
Die Nahrungsaufnahme spielt eine ganz we- heit“ – leidet unter Ermahnungen und Tadel, liebt
sentliche Rolle im Dasein des Calcarea-Patienten. umso mehr Schutz und Anerkennung durch
Der menschliche Calcarea-Patient ist stets um ei- Ranghöhere – Menschen oder Tiere – und schließt
nen gefüllten Kühlschrank und eine Reserve auf sich gern freundschaftlich an solche an. Das ist eine
dem Bankkonto bemüht, um seine „Angst vor Ar- sinnvolle Strategie, um schmerzhafte Angriffe der
mut“ zu befriedigen. Artgenossen fern zu halten.
Beim Tier führt diese Verfassung zu unersättli- Unter Gleichaltrigen nimmt er selten einen ho-
chem Verlangen nach Futter. Die meisten Calcarea- hen Rang ein, aber in einer Gruppe von untergeord-
Tiere verlangen intensiv nach großen Mengen neten Artgenossen kann er durchaus den streit-
„reichhaltiger Nahrung“ (kalorienreichem Futter) süchtigen „Macho“ spielen, oft in derselben unan-
und können keinen Hunger ertragen. Calcarea-Tie- genehmen Art und Weise wie Lyc. – ohne Aggressi-
re sind i. d. R. extrem verfressen, können ihre Gier onshemmung gegen Jungtiere.
mit sturer Ausdauer durchsetzen und finden im- Andererseits kann sich ein überängstlicher Cal-
mer irgendetwas zum vorübergehenden Besänfti- carea-Patient sogar von Jungtieren einschüchtern
gen ihres beständigen Appetits. lassen.
Calcarea gehört neben Puls., Lach., Ant-c., Sulf. Unter homöopathischer Therapie kann diese Cal-
und Kali. zu den am meisten adipösen Patienten. carea-Persönlichkeit sehr wohl lernen, sich gegen
Ausnahmsweise gibt es aber auch magere Calca- die Aggressionen von Ranghöheren zu behaupten,
reas, z. B. bei Nutritionsstörungen in jugendlichem aber sie ist nicht für die „Führungs-Position“ über
Alter. andere geschaffen.
Die Muschelschalen der Auster sind aber den- Der Calcarea-Patient ist in den meisten Fällen
noch mehrheitlich verschlossen. Der Calcarea-Pa- nicht dumm, sondern weiß wie z. B. Lyc. genau,
tient setzt sich nicht gern den psychischen und wann und auf welche Art und Weise er zu seinem
physischen Reizen der Umwelt aus, die mit Vorteil gelangen kann.
Schmerzen verbunden sein könnten. Das Calcarea-Pferd oder -Pony lernt z. B., dass es
Wenn nun wirklich beim „Hereinschwimmen sich gegen die Stromstöße des Elektrozauns weit-
des Plankton“ ein Körnchen Sand ins Muschelinne- gehend durch seine dichte Mähne schützen kann
re eindringt, dann entsteht ein schmerzhafter, und drückt dann so lange gegen den dahinter ste-
chronischer Entzündungsreiz an der Schleimhaut- henden Holzzaun, bis dieser nachgibt; oder es
ähnlichen Oberfläche dieses Muscheltieres, regt es drängt nur zwischen den Stromstößen heftig hin-
zu vermehrter Absonderung von kalkhaltigem Se- durch; zur „Belohnung“ gelangt es dann auf die ver-
kret an und formt sich allmählich zur Perle aus, botene saftige Wiese.
dem Symbol von Vollkommenheit. Was Calcarea einmal intensiv gelernt hat, ver-
Grundsätzlich braucht der Calcarea-Patient gisst es nicht wieder; auch das ist ein Zeichen sei-
meist für jede Aktivität einen besonderen „Push“. ner Beharrlichkeit. Doch bis das Gelernte richtig
Ohne solche Reize würde Calcarea zum pene- „sitzt“, können manchmal mühsame Wiederholun-
trant-langweiligen Gefährten werden. gen nötig sein.
Calcarea-Patienten wirken häufig verschlossen Andererseits können allzu heftige erschreckende
und reserviert. Impulse durchaus irrationale Panikattacken aus-
Calcarea-Kinder wollen z. B. in der homöopathi- lösen, die Calcarea ebenfalls sein Leben lang nicht
schen Anamnese verhindern, dass über ihre Un- vergisst (Acon., Stram., Op.).
vollkommenheit gesprochen wird und halten der Calcarea-Patienten leiden unter einer Vielzahl
Mutter den Mund zu. von Ängsten: Erwartungsangst vor dem Unbe-
Calcarea-Hunde versuchen nicht selten, sich der kannten, vor der Zukunft, vor dem Verhungern, vor
Anamnese zu entziehen und legen sich wie Nat-m. neuer Umgebung, vor neuen Artgenossen, vor dem
oder Thuj. mit abgewandtem Kopf an der Tür nie- Alleinsein, vor Schmerzen, vor unklar erkennbaren
der oder verlangen quengelnd, nach draußen gelas- Gegenständen – kurz: Es gibt kaum etwas, das den
sen zu werden. Aber im Gegensatz zu Nat-m. oder Calcarea-Patienten nicht in Angst und Schrecken
versetzen kann.
123
Calcarea carbonica
Wirbelsäule, Erkrankungen von Schleimhäuten
Calcarea gilt in der Homöopathie als „Breit-
und des lymphatischen Rachenrings).
spektrum-Angst-Mittel“. Es heißt sogar, wenn
Beim erwachsenen Tier findet sich häufig ein
jemand über mehr als drei Arten von Ängsten
„kindisches Verhalten“ wie das eines Jungtiers.
klagt, dann solle man in erster Linie an Calcarea
Das kommt natürlich den Tierbesitzern entgegen,
denken. In diesem Zusammenhang wirkt seine
die ihr Haustier als Kindersatz betrachten (wie
sture Beharrlichkeit wie ein lebenserhaltender
Puls.).
Fixpunkt, der ihn vor Unwägbarkeiten schützt.
Calcarea ist ferner ein wichtiges Mittel für den
strapazierten Calcium-Metabolismus des Mutter-
Das Ziel im Leben von Calcarea ist überschaubare tieres während der Laktation (wie Calc-p.).
Sicherheit in jeder Hinsicht, am besten wie das Le- Das ruhige Temperament, die Bequemlichkeit,
ben des Säuglings im Mutterschoß oder als unab- der geringe Muskeltonus, ungeschickte Motorik,
hängiger Selbstversorger auf dem Lande. der insgesamt verlangsamte Stoffwechsel und die
Die Themen „Kind“ und „Mutter“ sind zwei wei- Tendenz zu Adipositas machen Calcarea zu einem
tere zentrale Punkte im Arzneimittelbild. hervorragenden Therapeutikum für hypothyreote
Calcarea ist ein häufig gebrauchtes Mittel für le- Zustände.
bensschwache Neugeborene und Erkrankungen im
Säuglingsalter (wie Sil.). Thema und Idee: Aus der Spannung zwi-
Calcarea weist naturgemäß (wie Calc-p.) auf den schen unnachgiebiger Härte und übersensib-
Calcium-Stoffwechsel hin: Dieses Arzneimittel ler Weichheit ergibt sich eine ausgeprägte Sensibi-
spielt eine wesentliche Rolle im Wachstums- und lität für Reize aller Art, zugleich mit langsamer,
Entwicklungsgeschehen: Viele Calcium-Patienten gründlicher Sturheit. Sichere Geborgenheit im
vermögen das mit der Nahrung angebotene Calci- Mutterschoß wären Ziel und Ideal seiner psy-
umcarbonat nicht zu assimilieren und leiden unter chischen und physischen Unzulänglichkeit.
„Rachitis“ (verkrümmte Knochen, Schäden der

Grundsätzliche Eigenschaften des Mittels


Diese Calcium-Konstitution kann durchaus le-
Calcarea ist ein intensiv und lange wirksames
benslang bestehen bleiben. Oft kristallisiert sich
Mittel, es kann tief greifende Verbesserungen in
aber mit zunehmendem Alter ein anderes konstitu-
der gesamten Konstitution des Patienten bewir-
tionelle Mittel heraus, meist eines der Folge- oder
ken. Es darf in angemessener Potenz nicht zu
Ergänzungsmittel (z. B. Lyc. oder Sulf.).
häufig wiederholt werden. Am besten wirksam
Calcarea findet sich am häufigsten bei schweren
ist die seltene Gabe einer sehr hohen Potenzstu-
Rassen, bei Tieren mit massivem, häufig großem
fe, die einige Monate auf den Organismus ein-
Körperbau.
wirken sollte.
Als Prototyp von Calcarea möge man sich einen
jungen Bernhardiner-Hund vorstellen (aber kei-
Der bekannte Schweizer Altmeister der Homöopa- neswegs jeder Bernhardiner benötigt immer als
thie, Dr. Künzli, warnte ausdrücklich vor Überdo- Therapeutikum Calcarea carbonica, sondern sein
sierungen niedriger Potenzen und zu häufigen Ga- individuell gewähltes Heilmittel).
ben, sogar von purem Calcium-Pulver: Diese kön- Calcarea ist z. B. das häufigste Mittel für neugebo-
nen während der Gravidität oder in der Wachs- rene Kälber und für Rinder der „Fleischrassen“, fer-
tumsphase zu Störungen der Ossifikation führen, ner ist es häufig indiziert beim schweren Warm-
z. B. zu vorzeitiger Verknöcherung von Fontanellen blut- oder Kaltblutpferd sowie bei manchen adipö-
oder Epiphysenfugen. sen Kleinpferden, für schwere Hunderassen und
Calcarea ist in Groß- und Kleintierpraxen ein sogar für die Schildkröte.
häufig gebrauchtes konstitutionelles Mittel mit be- Lebensschwache Fohlen leichter Rassen benöti-
sonderem Schwerpunkt in der Therapie von Jung- gen dagegen häufiger Sil.
tieren. Wenn Calcarea im Repertorium bzw. Arzneimit-
telbild des Menschen unter „will wandern“ oder
124
Calcarea carbonica
„reisen“ angegeben ist, so könnte man einen Wi- Calcarea ist selten indiziert bei gewöhnlichen
derspruch zu dem bisher beschriebenen Bild ver- Hauskatzen, aber umso häufiger bei trägen, dicken
muten. Dieses „Reisen“ oder „Wandern“ bezieht Edelkatzen, z. B. Perser, Karthäuser.
sich auf ein vom Verstand geprägtes Bedürfnis: Der
menschliche Calcarea-Patient möchte unabhängig
Calcarea-Patienten sind i. d. R. keine
sein von Risiken und Aufregungen im Zusammen-
„Hochleistungssportler“: Springpferde
leben mit anderen Menschen, er „will von allen
der Klasse M oder S, Military-Pferde, gute Ga-
Menschen fort aufs Land“, möchte sich selbst ver-
lopp- oder Trabrennpferde oder schnelle Wind-
sorgen und damit möglichst den Unwägbarkeiten
hunde werden wahrscheinlich kein Calcium
der Zukunft entgehen, indem er selbst für sich vor-
carbonicum als konstitutionelles Heilmittel be-
sorgt.
nötigen.
Das Calcarea-Tier wird sein „trautes Heim“ wahr-
scheinlich nur dann freiwillig verlassen, um auf
Nahrungssuche zu gehen: Der Calcarea-Hund läuft Calcarea-Patienten bekommen häufig Beschwer-
davon, um die nächst gelegenen Komposthaufen den, die sich nach dem Mondrhythmus orientieren:
nach fressbaren Resten zu durchstöbern; das Calca- z. B. epileptische Anfälle bei Voll- oder Neumond,
rea-Pferd drückt sich durch den Weidezaun, um an zu- oder abnehmendem Mond.
die nächste saftige Wiese zu gelangen.

Übersicht über Krankheitsverlauf und pathologische Schwerpunkte


Akute Erkrankungen: akutes Aufflackern konsti- Obstipation, Durchfall speziell von Jungtieren
tutionell bedingter Calcarea-Erkrankungen Hautausschläge wie Milchschorf, unheilsame
Störungen im Calcium-Stoffwechsel, z. B. nach Haut, Eiterungsneigung, chronische Otitis ex-
der Geburt terna
Lebensschwäche bei Neugeborenen (wie Sil.) Eklampsie, Festliegen durch Hypokalzämie
(Calc-p. u. a.)
Subakute bis chronische Erkrankungen: Folgen
Neigung zu Distorsionen, Hüftluxation, Arthri-
von Distorsionen oder Überanstrengung
tis, Arthrosen, Schäden der Wirbelsäule
Chronische und konstitutionelle Therapie: häu- Dysfunktion von Schilddrüse und Thymus
figste Indikation von Calcarea Neigung zu Adipositas
mitunter gute Leistungsbereitschaft, aber oft
Übersicht über pathologische Schwerpunkte: ge-
mangelnde Leistungsfähigkeit
störter Calcium-Metabolismus mit verzögerten
Tendenz zum trägen, aber beflissenen Phlegma-
Wachstums- und Entwicklungsvorgängen
tiker, „psychische Atonie“
dicke, aber weiche Knochen mit Tendenz zu De-
Tendenz zu physischer und psychischer Schwä-
formitäten oder Frakturen
che mit ,Sturheit‘ und ,Faulheit‘
schwacher Muskeltonus mit Beschwerden
Epilepsie besonders bei zunehmendem und Voll-
durch Überanstrengung
mond
Entzündungsneigung von Schleimhäuten und
Lymphorganen

Physiognomie und Erscheinungsbild des Patienten


Tiere mit blonder oder heller Fellfarbe und magere Extremitäten bei dickem Rumpf
schwachem Bindegewebe, auch dunkel pigmen- oft untersetzter Körperbau, Zwergwuchs oder
tiert groß gewachsene, atonische, schwach bemuskel-
oft dickes, weiches Abdomen infolge hypotoner te Tiere
Muskulatur, oft dünner, kurzer Hals unverhältnismäßig großer Kopf (außer bei Kreu-
schmaler Thorax, dicker Bauch (Lyc., Nat-m., zungen von Rassen unterschiedlicher Größe)
Sep.) häufig gewölbte Stirn („Kindchen-Schema“)
125
Calcarea carbonica
meist dicklich, plump, kräftiger Körperbau, selte- pflegeleichter Hund, wenn man nicht über ihn
ner mager stolpert
„sture Kinder mit einer Neigung zum Dickwer- ideale Hunde für die Familie, für Kinder, für al-
den“ (Schlüsselsymptom) te Leute, für die Therapie
aufgetriebenes Abdomen, besonders bei Jung-
tieren, evtl. mit Wurmbefall, Fehlgärungen, Fla- Pferd
tulenz
möglicherweise auch schlechte Futterverwerter oft wuchtige Erscheinung, oft mit einem Mangel
(„Abmagerung mit Heißhunger“), besonders bei an Eleganz in seinen Bewegungen
Jungtieren wirken infolge Fettansatz muskulöser als sie sind
häufig dicke Haut mangelnder Elastizität, häufig manchmal „Speckhals“, unverhältnismäßiger
Ektropium, evtl. Zufallen der Augen Fettansatz an der Halsoberlinie (wie Thuj.)
Tendenz zu „lymphatischer Konstitution“, Tendenz zu ungeschickten Bewegungen
Lymphknotenschwellungen, durchsafteter Neigung zum Stolpern und Einknicken im Carpus
Hautturgor Hinterhufe greifen häufig im Trab in die Vorder-
altes Aussehen junger Tiere oder jugendliches hufe (Ballentritt)
Aussehen und Verhalten älterer Tiere oft schmerzlos geschwollene Kehlgangslymph-
meist phlegmatisches Temperament knoten ohne weitere Symptome
oft „Spätentwickler“, „Willensschwäche“, dabei oft dichteres oder längeres Fell als andere Pferde,
evtl. ,kindisches‘ Verhalten evtl. mit feuchter Unterwolle
manchmal trauriger Gesichtsausdruck Neigung zum übermäßigen Schwitzen, beson-
Exophthalmus und Kropf im Rahmen von Er- ders bei Anstrengung, besonders hinter den Oh-
krankungen der Schilddrüse ren
plumpe, ungeschickte Bewegungen, Neigung Tendenz zu Durchtrittigkeit in Fesselgelenken
zum Stolpern Tendenz zu Bildung von „Gallen“, zystischen Er-
Langsamkeit in physischen und psychischen Re- weiterungen von Sehnenscheiden, meist ober-
aktionen halb der Fesselgelenke
die Hufe hinterlassen auf kaltem Boden häufig
Hund feuchte Spuren („Fußschweiß“)
freundlich bis uninteressiert, aber aufdringlich,
freundlich, wedeln oder bellen permanent, oft sofern es um Leckerli oder Fressen geht
ohne ersichtlichen Grund keine Hochleistungs-Turnier-Pferde, gute Hob-
„schüchtern“, desinteressiert, indifferent, abge- by-, Wander- oder Familien-Pferde
wandt oder ungehemmt aufdringlich
wirken oft ,kindisch‘ oder jünger als sie sind, er- Rind
wachsener Hund spielt wie ein Welpe
häufig aufgewölbte „Kindchen-Stirn“ (z. B. Prototyp der schweren bis mittelschweren Mut-
Bernhardiner u. Ä.) terkuh mit großem Euter und mittelmäßiger
meist feuchtes Hecheln infolge Aufregung durch Milchleistung (Hochleistungskühe und deren
neue Umgebung oder fremde Menschen Kreuzungen brauchen häufiger andere Mittel)
blicken verunsichert rings um sich herum wichtiges Mittel speziell für schwere oder
verharren ungern im Stehen, setzen oder legen Fleischrassen
sich gleich nieder häufigstes Mittel für die konstitutionelle Thera-
hinterlassen feuchte Spuren mit den Pfoten, kal- pie von Kälbern mit sehr breitem Spektrum
ter oder warmer, meist stinkender Pfoten- (s. unten)
schweiß Kälber oft mit dichtem Fell und feuchter Unter-
wenig bemuskelt, eher verfettete Muskulatur wolle, besonders hinter den Ohren, hinter den
Dauerfresser, Allesfresser Ellbogen und an den Flanken
sitzt oder liegt zufrieden und ruhig, unkompli-
zierte Tiere
126
Calcarea carbonica
Auffallende Zeichen und Symptome des Verhaltens
freundlich, aber nicht aufdringlich, außer für Le- Hund
ckerli oder Futter
meist von ruhigem, faulem, phlegmatischem Es gibt von dem Basset „Wurzel“ unzählige Cal-
Temperament, i. d. R. wenig Eigeninitiative carea-Cartoons, die man regelrecht repertorisie-
oft schüchterne, zurückgezogene Jungtiere, aber ren kann!
immer bestechlich durch Futter Angst vor Grobheit, dann evtl. nervöses Pfoten-
oft ängstlicher, jämmerlicher Blick, „wehleidi- kauen oder andere Automatismen
ges“ Verhalten empfindlich gegen „Familienkrach“, fühlt sich
„clever“, um Anstrengung zu vermeiden und Fut- davon persönlich betroffen
ter zu finden oder zu stehlen Pfotenkauen oder -lutschen bei psychischer Be-
freundlich und bemüht, alles richtig zu machen, lastung
aber stur und bockig, wenn er etwas nicht will Spielverhalten mit mäßigen Engagement: steht
wegen Sturheit Tendenz zum Ungehorsam oft abseits und guckt zu, wie andere spielen
oft „plump-vertrauliches Trampeltier“ macht mal einen Satz, hält inne oder rempelt an-
muss ab und zu gepusht werden, sonst störrisch, dere ungelenk an, plumpes Herumhüpfen
weigert sich z. B. spazieren zu gehen zufrieden zu Hause, wenn alle da sind, gern ge-
braucht sehr viel Aufmunterung, guter Zuspruch streichelt (Magnetismus ⬎)
oder „emotioneller Druck“ bessert dort liegt er am liebsten neben der Familie auf
im sozialen Verband meist in mittlerer bis tiefer dem Sofa (Puls., Phos., Lyc.)
Rangposition dennoch oft Stöhnen, jammern, ohne erkennba-
schnell Unterlegenheitsgebärde, aber notfalls ren Grund
heftige Abwehr, wenn Phlegma überwunden unzufriedenes Miefen oder Bellen ins Leere
manchmal spontan aggressiv zu neuen Gefähr- (Puls., freut sich, wenn lieb angesprochen)
ten, möglicherweise sogar streitsüchtig geht nicht stromern, sondern höchstens in den
aber schnell Demutsgebärden, wenn selbst ange- Garten, bleibt vorsichtshalber hinterm Zaun
griffen, jedoch keine Unterwürfigkeit läuft nur davon, um noch mehr Futter zu suchen
blufft andere, besonders an der Seite eines Rang- bei allzu großer Angst rennt er nach Hause
höheren beste Rolle: Kindersatz bei kinderlosem älte-
Angst vor Neuem, Unbekanntem ren Ehepaar
sehr beeindruckbar durch Strafe, bemüht sich, es Schlimmstes: fort von zu Hause, alleingelassen in
„nie wieder zu tun“, außer Futter stehlen fremder Umgebung
„Furcht vor Krankheit“, d. h. wehleidig bei
Schmerzen, beim Tierarzt Pferd
lässt wegen „Angst vor Grobheit“ alles zitternd
über sich ergehen oder kaum beherrschbare Pa- brummt bei jedem Schritt und knickt dabei im-
nik mer wieder im Carpus ein
Panik äußert sich nicht in kopfloser, zielloser manche Calcarea-Pferde leiden unter Sattel-
Flucht wie bei Ars., sondern eher in Wegsprin- zwang, lassen nicht gern den Sattelgurt anziehen
gen, kurzem Davonlaufen, Zittern und Starrwer- versteht es meisterhaft, sich möglichst vor Arbeit
den vor Schreck und Anstrengung zu drücken
Zittern bei Angst (auch beim Pferd), Zuspruch, einem schwachen Reiter zieht das Calcarea-Pferd
Streicheln und Leckerbissen bessern mit Vorliebe die Zügel aus der Hand, geht an die
Angst im Dunkeln, im Nebel (Hund: knurrt z. B. nächste Wiese und frisst, der Reiter kann oben
nicht erkennbare Gegenstände an) „verhungern“
127
Calcarea carbonica
Leitsymptome des pathologischen Geschehens
Wachstum: verzögerte Entwicklung von Jungtie- Konjunktivitis, Keratitis – mit Pusteln, Bläschen
ren, körperlich und psychisch Iritis- möglicherweise mit Verklebungen, Retini-
Schwäche bei Neugeborenen; ungeschicktes tis
Laufen; träge, hypotone bis apathische Jungtie- Hornhauttrübung, Arcus senilis (Hund) (u. a. Mit-
re tel), Pterygium
Beschwerden durch zu schnelles Wachstum Katarakt bei Jungtieren (einziges Mittel!), auch
Zwergwuchs oder große Tiere bei erwachsenen Tieren
Prophylaxe und Therapie von frischen Nabelent- Ektropium
zündungen, besonders beim Kalb (Abszess: Entzündungen nach Augenverletzungen, Trä-
Merc.; entzündliche Phlegmone: Apis) nengangsstrikturen
blutige Absonderung aus dem Nabel Entzündungen des Tränenapparates, auch eitrig
aufgetriebenes Abdomen bei abgemagerten verklebte Augen morgens, meist bei Jungtieren
Jungtieren (Sil.) Tränenfluss, ⬍ im Freien
verzögerte Knochenentwicklung, weiche Kno- offene Augen im Schlaf (u. a. Mittel), beim Tier
chen, Rachitis, krumme Beine, Wirbelsäulen- aber ein weniger auffallendes Zeichen als beim
Probleme, ,Verkrümmungen‘, Senkrücken, Dis- Menschen
kushernien u. Ä. Pferd: eines der Mittel für die periodische Augen-
Stellungsanomalien: zehenweit, bodenweit, entzündung
kuhhessig
Atemwege: Kurzatmigkeit bis Atemnot, durch oft
Neigung zu Frakturen, besonders bei Jungtieren
nur geringe körperliche Anstrengung
durch minimalen Anlass; schlechte Heilung
oft chronische Rhinitis mit reichlich schmieriger
von Knochenfrakturen, insbesondere bei Jung-
Absonderung
tieren; durchtrittige distale Extremitätenge-
Tonsillitis, auch chronisch
lenke (Calc-f., Calc-p. u. a.)
Lymphknotenhypertrophie und -induration (bes.
Erkrankungen während des Zahnwechsels, ver-
Mandibular-Lymphknoten), meist schmerzlos
zögerter Zahnwechsel
oft chronische oder rezidivierende Katarrhe,
Hypotonie der Muskulatur
Husten in vielen Variationen, asthmatische At-
verzögerte körperliche Entwicklung
mung
Junghund: wird spät stubenrein
Kälber: Frühgeborene; lebensschwach, verspäte- Verdauungsapparat: vorzeitiger Zahnverfall bei
tes Aufstehen, mangelnder Saugreflex Jungtieren, schwarze Zähne, Zahnwurzelabszesse
Zähneklappern bei Aufregung, Frieren o. Ä.
Zentralnervensystem: Meningitis, Enzephalitis
Zusammenbeißen der Zähne, Kaubewegungen,
bei Neugeborenen (u. a. Mittel)
Zähneknirschen im Schlaf
Epilepsie (eines der wichtigsten Mittel!), evtl.
Epulis (Nit-ac., Thuj.), schmerzlos
ausgelöst durch Wurmbefall, ⬍ bei Vollmond
Heißhunger, Gier auf Futter
Eklampsie, Festliegen o. Ä. durch Störungen im
Milch: Verlangen oder Unverträglichkeit
Calcium-Metabolismus (schwere Rinderras-
i. d. R. viel Durst, besonders auf kalte Tränke
sen)
Verlangen nach nahrhaften Speisen (Lyc., Nux,
hypothyreotes Struma, möglicherweise mit Pha-
Puls., Sulf.)
sen von Krämpfen oder Übererregbarkeit
Unverträglichkeit von ,reicher‘ Nahrung (reich an
Schleimhäute: Konjunktivitis, Rhinitis, Sinusitis, Eiweiß oder Fett)
schniefen, sabbern, glasige, schmierig-schleimige Unverträglichkeit von Trockenfutter
Absonderung Verlangen nach Unverdaulichem: Sand, Steine,
Schleimhautkatarrhe durch Kälte und Zugluft Kalk, Kotfressen u. Ä.
mit Tendenz zu Chronizität, besonders bei durstlos im Fieber
Jungtieren das Hauptmittel für chronischen lehmartigen
Durchfall bei Kälbern
Augen: Augenentzündungen akut, chronisch, rezi-
heller bis ockerfarbener Kot oder Durchfall bei
divierend
Jungtieren evtl. wegen Unverträglichkeit von
Milch
128
Calcarea carbonica
eines der Hauptmittel für saure Dyspepsie, saue- Kuh: große Euter, mit Tendenz zu Störungen im
ren Durchfall, speziell bei Jungtieren Calcium-Metabolismus (Calc-p.); spontanes
Wurmbefall u. a. Endoparasiten Nachlassen der Milchleistung; Laufen lassen
Übelkeit und Erbrechen beim Autofahren der Milch (eines der Hauptmittel bei der Kuh!)
Obstipation ohne Drang und möglicherweise oh-
Haut: Hautausschläge wie Milchschorf
ne Beschwerden
Eiterungstendenz von Verletzungen
Obstipation mit weißem Kot
unheilsame Haut, Eiterungsneigung, Seborrhöe,
Diarrhö während des Zahnwechsels
Pickel, Atherome (Meerschwein), Lipome
Abmagerung bei Heißhunger, meist viel Durst
trockene, rissige Haut im Winter, Juckreiz ⬍ im
chronische Verdauungsstörungen
Kalten, Feuchten
Hund, Katze: Verlangen nach Salz, Süßem, Eiern;
Ekzem der Ohren, des Gehörgangs (Lyc., Nat-
Unverträglichkeit von Trockenfutter
m., Psor., Sulf., Thuj.), mit Juckreiz
Bewegungsapparat: schwacher Muskeltonus ver- hormoneller Haarausfall, nach Geburt, Alopecia
ursacht Tendenzen zu folgenden Problemen: areata
Verstauchungen, Verrenkungen (Rhus-t., Ruta), Vitiligo
Muskelschmerzen viele kleine, oft gestielte Papillome an Lippen, La-
lockere, durchtrittige Gelenke, Hüftluxation, lo- rynx, Nasenhöhle, Vagina, die leicht bluten
ckere Patella, Streckerlähmung (,Schlurfen‘!) (nach Franco del Francia)
Arthritis, Arthrosen, Wirbelsäulen-Erkran- zyklusbedingte Hautausschläge (u. a. Mittel!)
kungen, -Verkrümmung: Hüftgelenkdyspla- Pferd: Urtikaria durch körperliche Anstrengung
sie, Gelenkluxationen; Schwere der Glieder, (Nat-m., Urt-u., Psor., Puls.); meist reichliches
,müde Beine‘, rheumatische Schmerzen Schwitzen; evtl. Schweißmangel bei Anstren-
schlechte Frakturheilung gung – führt zu Hitzestau und Schwäche
systematisches Training bessert den Muskelto-
Harnwege: eines der wichtigen Mittel für Inkonti-
nus!
nenz
Torticollis
Steinbildungen in Niere/Blase
Pferd: Distorsionen der Zehengelenke; Gallen,
Zysten an Gelenken und Sehnenscheiden im Leistung: faul, träge, schnell erschöpft, kann aber
distalen Gliedmaßenbereich; Pulsation der durchaus zur Leistung trainiert werden
Mittelfußarterien ohne Erkrankung im Hufbe- durch Ansporn oder Druck sehr beflissen, sich
reich (,Hitze der Füße‘) (u. a. Mittel) anzustrengen und zu lernen
auffallende Schwäche nach dem Deckakt
Genital: meist deutlich ausgeprägter Sexualtrieb
Hund: ideale Familienhunde, Kinderhunde,
evtl. späte Geschlechtsreife, Zyklusstörungen al-
Therapie-Hunde; nicht für Schutzdienst ge-
ler Art
eignet, da zu wenig Aggression; guter Begleiter
Störungen der Wehentätigkeit (u. a. Mittel)
für lange Wanderungen, aber kein Fahrradtrai-
Lactatio falsa durch Hypophysenstörungen
ning und kein Sprinten!
(,Milch bei nicht schwangeren Frauen‘, u. a.
Pferd: ideales Familien-, Hobby- oder Wander-
Mittel)
pferd, kein Hochleistungspferd; eher ein Ste-
Mammatumoren (u. a. Mittel)
her als ein Sprinter; kann aber bei entspre-
Fluor reichlich vor der Geschlechtsreife
chendem Training durchaus akzeptable Leis-
Erkrankungen der Prostata
tungen bringen
Kryptorchismus
⬍ nach Coitus: Schwäche, Reizbarkeit, Schläfrig-
keit, Erkrankungsbeginn u. Ä.
129
Calcarea carbonica
Auslöser und Modalitäten
Auslöser: Folgen von Überanstrengung, von Stress Modalitäten: ⬍ rechte Seite
jeder Art ⬍ durch jede Art von Stress
Beschwerden während des Zahnwechsels, wäh- ⬍ während Wachstumsschüben, ⬍ während Gra-
rend des Wachstums, während der Ge- vidität, ⬍ nach der Geburt, ⬍ durch Laktation
schlechtsreife ⬍ männliche Tiere ⬍ nach Coitus (Schwäche oder
Beschwerden bei der Rekonvaleszenz Beginn von Erkrankungen)
Beschwerden durch mangelnde Bewegung (,sit- ⬍ während Zahnung und Zahnwechsel
zende Lebensweise‘) ⬍ feuchtkaltes Wetter, ⬍ Kälte, ⬍ im Winter,
Beschwerden durch Säfteverlust, z. B. Milchleis- ⬍ im Frühling
tung ⬍ morgens beim Erwachen, ⬍ nach Schlaf,
Beschwerden durch Erwartung, Aufregung, emo- kommt schwer in Gang
tionelle Belastung ⬍ durch Anstrengung, Treppensteigen
Beschwerden durch grobe Behandlung – mit per- ⬍ durch Überhitzung beim Warmwerden, insbe-
manenter Angst davor sondere bei Hitzestau mit dickem Fell
Beschwerden aller Art nach Coitus ⬍ im Mondzyklus: = Periodizität: ⬍ bei Voll-
Beschwerden durch ,unterdrückte Schleimhaut- mond, ⬍ bei zunehmendem, abnehmendem
absonderungen‘, ,unterdrückten Eiter‘ Mond, ⬍ Neumond
Beschwerden durch ,unterdrückten Schnupfen‘ Periodizität an jedem 2. Tag
Folgen von Erkältung, Zugluft, ⬍ nach Schwitzen ⬎ durch mäßig warm-trockenes Klima
Beschwerden durch Nasswerden, „nasse Füße“
Beschwerden durch „feuchte Wohnung“ – feuch-
ter Stall, Zwinger u. Ä. Komplementär: Bell., Lyc., Nux-v., Rhus-t., Sil.,
Beschwerden durch Verlust der Sicherheit, Tier- Sulf., Tub.
heim, Händler, unbekannte Zukunft weitere: Dulc., Puls., Phos., Ars. u. a.
Fehlernährung, zu kalorienreiche, eiweißreiche bei Exostosen des Pferdes insbesondere auch
Kost Calc-f.
Beschwerden durch Unverträglichkeit von Milch bei Wachstumsstörungen auch Calc-p. u. a.
(Aeth., Sil.)
Beschwerden durch Trockenfutter

Ausgewählte Fallbeispiele
Ohne zusätzliche Hilfe fiel es wieder in sich zu-
Hinterwälder Kalb, 7 Tage alt – sammen und döste vor sich hin.
Entwicklungsrückstand Erst am 2. Lebenstag konnte es wackelig stehen
und hatte wegen seiner Größe zusätzliche Schwie-
Anfang April 2003: Ein Hinterwälder Kuh-Kalb, rigkeiten, die Zitzen selbständig zu finden.
hellbraun-weiß gefleckt, wird von einem anthro- Am 3. Lebenstag kam es mit den anderen Kühen
posophisch geführten Mutterkuh-Betrieb vorge- und Kälbern mit auf die Weide, war aber zu
stellt wegen massiver Absonderung aus dem Nabel. schwach, wieder in den Stall zu laufen und musste
Das Kalb ist entsprechend seiner Rasse groß und mit einer Schubkarre zurück gefahren werden.
kräftig (nach üblichen Kuh-Maßstäben winzig). Aus dem Nabel sondere sich immer wieder reich-
Umso mehr erstaunt der Vorbericht: lich Flüssigkeit ab: „Man kann sie richtig abmelken
Das Kalb habe nach der problemlosen Geburt – jedes Mal etwa eine Tasse voll.“
nicht aufstehen wollen. Erst ca. 5 Stunden später Der Kot ist weißlich-breiig bis flüssig und auffal-
wurde es vom Bauern auf die Füße gestellt und lend übel riechend.
stand dann so unsicher, dass es die Zitzen immer Das Kalb liegt neben seiner Mutter und macht
wieder verlor und nur minimale Mengen trinken auch nach Antreiben keine Anstalten aufzustehen.
konnte.
130
Calcarea carbonica
Erst als der Bauer es auf den Arm nimmt und hin- sich in die Richtung ihres Korbes und schleicht mit
stellt, bleibt es wacklig stehen und taumelt. Die ers- hängendem Schwanz und gesenktem Kopf ge-
ten Schritte sind unbeholfen und steif, wir befürch- duckt, langsam und vorsichtig neben den Stuhl, der
ten, dass es gleich wieder niederstürzt. dem Korb zunächst steht, schaut sich nochmals
Der Nabel ist gut faustgroß, weich und schmerz- ängstlich um und springt zuerst auf den Stuhl. Die
los. Aus dem verkrusteten Nabelstumpf lässt sich Besitzerin ruft: „Mimi, bleib doch mal hier!“ – Mi-
etwas seröse Flüssigkeit herausdrücken. Der Ver- mi schaut sich langsam nach ihr um und springt
dacht auf Urachus-Fistel bestätigt sich nicht. dann aber doch in ihren Korb hinein. Frau M. holt
Keine weiteren klinischen Befunde. Mimi wieder hervor und behält sie nun auf ihrem
Ich fordere den Bauern auf, das Kalb zum Laufen Schoß. Aber Mimi fühlt sich auch dort nicht wohl –
zu bringen. Mühsam lässt es sich anschieben und vielleicht, weil sie von einer Nachbarin gestreichelt
läuft einige steife, ungeschickte Schritte, und plötz- wurde? Mimi geht langsam wieder in ihren Korb,
lich beginnt es zu traben und vollführt übermütige den sie übrigens zu Hause verabscheut – rollt sich
Bocksprünge, sodass die noch liegende Kuh nach zusammen und ward nicht mehr gesehen.
ihm brummt. Die Besitzerin berichtet: „Dieses Verhalten passt
Das Kalb ist nur schwierig wieder einzufangen, zu Mimi. Sie braucht immer ihre schützende Umge-
damit es die Arznei bekommen kann: Calc-c. XM, bung. Da sind unsere anderen Katzen ganz anders:
einmalige Gabe per os. Wenn wir Besuch bekommen, streichen sie den
Die Indikation von Calc-c. ist so klar, dass sich ei- Leuten um die Beine und sitzen sofort auf dem
ne Repertorisation erübrigt. Schoß, um sich kraulen zu lassen. Mimi dagegen
Bereits am nächsten Tag steht das Kalb gut auf, lässt sich nur von uns streicheln. Sie ist extrem auf
beginnt freiwillig zu laufen und es kommt wieder uns bezogen.
mit auf die Weide. Der Kot ist am nächsten Tag Unter unseren anderen 4 Katzen war sie schon
o. b. B. immer Außenseiterin. Sie möchte eben gern Einzel-
Nach 5 Tagen ist der Nabel trocken ohne jedes Se- katze sein. Sie genießt es ungeheuer, wenn sie als
kret; die Umfangsvermehrung ist nach 10 Tagen Einzige mit meinen Eltern mit dem Wohnwagen in
vollkommen zurückgegangen. die Ferien reisen darf. Die anderen Katzen kommen
im Urlaub in die Katzenpension. Wir haben es ein-
mal versucht, auch Mimi dort zu lassen, aber da
Blasenblutungen bei einer Katze wäre sie beinahe gestorben: Sie saß nur in der Ecke,
kam nicht zum Fress- und Trinknapf, saß immer
Die 7-jährige Mimi, grau gestromte und weiß ge- nur da und zitterte vor Angst. Die anderen Katzen
plattete Kreuzung aus Perser und Hauskatze, wird spielten, aber Mimi machte nicht mit. – Das ist auch
von Frau M., einer Kollegin, mit zum homöopathi- zu Hause immer so: Mimi spielt nie mit unseren
schen Arbeitskreis als Live-Patientin gebracht. anderen Katzen, sondern nur mit uns. Auch zu Hau-
Mimi – reine Stadtwohnungskatze – war wegen se traut sie sich immer erst an ihren Fressnapf,
eines solitären Blasensteins (Calcium-Phosphat) wenn die anderen fertig gefressen haben.
operiert worden und hat nun, 2 Monate nach der Und wenn die anderen schreiend miteinander
OP, noch immer einen rosafarbenen, blutigen Urin. raufen, rennt Mimi fort und sitzt in der hintersten
Schulmedizinisch ist alles Erdenkliche an Thera- Ecke unter der Couch – oder flüchtet in unsere Bet-
pie gelaufen, die Wunde ist gut verheilt, nach Ultra- ten.
schall und Röntgen sind in der Blase weder weitere Zu Mimis Vorgeschichte muss ich noch etwas er-
Steine noch Gries vorhanden. Verhalten und Allge- zählen: Mimi kam ursprünglich aus einem Wurf
meinbefinden der Katze sind ungetrübt. Einzig ihre Katzen unserer Nachbarin. Ihre Mutter und alle Ge-
frühere Marotte, den Besitzern aufs Bett zu urinie- schwister waren bei der Geburt gestorben. Weil die
ren, hat sich wieder ausgeprägt. Nachbarn nun Mimi einschläfern lassen wollte,
Frau M. bringt die Katze in einem nach oben zu übernahmen wir sie und legten sie unserer eigenen
öffnenden Katzenkorb, stellt diesen auf einen Tisch, Katze an, die gerade Junge hatte. Die Ziehmutter
nimmt Mimi heraus und setzt sie mitten in unseren lehnte aber Mimi ab und versuchte sie fortzuschüt-
Halbkreis. Die Katze steht in ,Kniebeuge‘ und teln und griff sie richtig an, sobald Mimi nur in ihre
schaut sich verunsichert um nach all den ,Miau-‘ Nähe kam. Darum haben wir die Katzenmutter ge-
und ,Mimi-Rufen‘ der Teilnehmer. Dann wendet sie waltsam festgehalten, damit Mimi trinken konnte.
131
Calcarea carbonica
Mimi wuchs dann als große, kräftige Katze heran. er will. Hombro ist völlig unbeeindruckbar von
Sie ist heute noch unsere dickste und größte Katze, Gerte oder Prügel.“
obwohl sie weniger frisst als die anderen. Aber Mi- Juckreiz sei bevorzugt seitlich am Hals und an der
mi hat sich nie viel mit den anderen Katzen abgege- Schwanzrübe.
ben, sie hing immer an uns und hat jetzt noch Angst Bei Hitze sei er müde und kaum in Trab zu brin-
vor ihren Stiefgeschwistern. Sie ist die rangtiefste gen.
Katze. Sie rennt fort, wenn sie nur scharf ange- „Erschrecken kennt er nicht; Zorn kennt er auch
schaut wird. Sie kann sich überhaupt nicht gegen nicht, er ist ein total friedliches Pferd.
die anderen behaupten, ist immer demütig und Er schwitzt schneller als alle anderen Pferde
häuslich. Sie geht auch nicht auf den Balkon hinaus. beim Reiten, bei warmem Wetter tropft er.
Ihre Ziehmutter ist inzwischen gestorben. Seit- Er ist unter den anderen Pferden auf der Weide
dem hat sie etwas mehr ,Selbstbewusstsein‘, liegt nicht ranghoch.
auch mal neben dem einen Kater. Fressen ist sein Lebensinhalt. Bevor es Futter gibt,
Mimi hat sonst keine Launen. Beim Tierarzt hat knallt er mit seinen riesigen Hufen an die Wände,
sie Angst, lässt aber alles mit sich geschehen. dass es nur so kracht.“
Sie frisst nicht gern, was die anderen bekommen, Er wurde im Winter gekauft. Der Juckreiz habe
sondern sie möchte am liebsten ihr Futter von uns im darauf folgenden Sommer angefangen. Seitdem
ins Maul gesteckt bekommen. Sie trinkt aus dem wird er immer schlimmer.
tropfenden Wasserhahn. Die anderen saufen am Auf den juckenden Bezirken ist das Fell kurzge-
liebsten aus den Blumenuntersetzern. schubbert, aber erhalten. Die juckenden Stellen
Mimi ist ein richtiges ,Mamitüti‘ – ein verwöhn- nässen nicht, aber durch starkes Kratzen werden
tes ,Einzelkind‘ mit Sonderrolle.“ die Stellen wund, und manchmal blutet es etwas,
Mimi bekommt Calc-c. XM, 1 Dosis per os. wenn er beim Schubbern allzu kräftig die raue
Vier Wochen später berichtet die Besitzerin: Wand bearbeitet.
„Die Blasenblutungen hörten gleich einen Tag Mit seinem Schubbern hat er sogar schon die fest
nach der Arzneigabe auf. Mimi hat sich total verän- verankerte Krippe aus der Wand gehebert.
dert. Sie ist viel selbstsicherer geworden und sitzt Gehorsam hält sich in Grenzen: Wenn er etwas
zum Fressen jetzt neben den anderen! Sie kommt nicht will, dann tut er es auch nicht, z. B. Hufe gibt
zur Futterzeit jetzt sogar in die Küche gelaufen, das er nur nach Laune.
hat es früher nie gegeben. Sie ist jetzt ausgespro- Man kann auch ohne ein Problem allein mit ihm
chen fröhlich geworden und spielt sogar mit dem ausreiten.
Kater. Früher sah sie immer unglücklich aus in der Putzen liebt er, besonders das Kratzen mit dem
Gesellschaft der anderen Katzen. Jetzt ist sie ganz Striegel.
frei und unbelastet. Sie geht jetzt sogar mit auf den Man darf ihn aber nicht allein auf die Koppel stel-
Balkon und ist von den Vögeln fasziniert.“ len, dann geht er einfach durch den Elektrozaun,
ohne sich von den Stromstößen aus der Ruhe brin-
gen zu lassen.
Gegen Gerte und Sporen ist er absolut immun. In
Hombro, Kaltblutwallach – der Reithalle gefällt es ihm nicht, dort ist er kaum
juckender Hautauschlag vorwärts zu kriegen.

Winter 1994: 12-jähriger massiver, schwerer, klei- Mittelwahl


ner russischer Kaltblutschimmel-Wallach, ein
wohlproportioniertes, schickes Pferd. Auffallend ist Die Sturheit, Dickköpfigkeit, die Gier zum Fressen,
seine dicke, schwartige, faltige Haut, die beim Um- die Neigung zum Schwitzen, die Art des Hautaus-
wenden des klobigen Kopfes am Hals große, breite schlags, vor allem im Sommer, sprechen für Calca-
Falten schlägt. rea carbonica.
„Er ist ein unmäßiger Dickkopf, er kratzt und
juckt sich ganz massiv. Beim Reiten bleibt er ein-
fach stehen, zieht dem Reiter die Zügel aus der
Hand und juckt sich an Hals und Vorderbrust mit
den Zähnen. Der Reiter kann da oben machen, was
132
Calcarea carbonica
Therapie Ja, sein Problem: A. hat immer wieder gehinkt,
am meisten vorn rechts. Wir waren schon bei meh-
Calc-c. XM, einige Globuli per os. reren Tierärzten, aber keiner konnte etwas feststel-
Erst 6 Jahre später hörte ich, die Arznei habe len. Wir können doch den Hund nicht dauernd mit
durchschlagend gewirkt, das Ekzem sei seither nie Schmerzmitteln füttern!“
mehr aufgetreten. Der Hund mit seiner sabbernden Schnauze auf
dem Schoß wird mir zu aufdringlich, ich schiebe
seine rechte Vorderpfote und seinen Kopf von mir
herunter. Als ich die Pfote in die Hand nehme,
Andro, Hovawart-Rüde – schreit er kurz auf.
Konditionsschwäche Ist A. sonst schon mal krank gewesen?
„Im Sommer vor 2 Jahren hatte er eine Blasenent-
Andro ist ein sehr schöner Hovawart-Rüde, 6 Jahre zündung; die Nieren waren in Ordnung. Ob er sich
alt. beim Baden in dem Dreckwasser infiziert hat? Oder
Er wird am 12.1.1999 von seinen Besitzern Frau ob er sich erkältet hat? Es war ein sehr heißer Som-
und Herrn V. vorgestellt wegen Konditionsschwä- mertag. Denn wenn es nicht warm genug ist, geht
che und Schmerzen in den Vorderbeinen. Er kommt er nicht ins Wasser. Als erstes Symptom blieb er da-
aus einer ca. 100 km entfernten Kleinstadt. mals beim Gehen plötzlich stehen und schaute
Herr V. ist ein molliger Mann, sehr auf seinen nach hinten. Tröpfchenweise ging etwas Urin ab.
Zucht-Rüden fixiert. Seine Frau scheint fast verliebt Das steigerte sich dann so, dass er vor Schmerzen
in den Hund, so lobt sie seine Eigenschaften. schrie. Er wollte pinkeln, aber es kam nichts. Er
musste, stand 5 Minuten und wartete, dann kam
Bericht der Besitzer erst der Urin – dabei hat er dann ganz wollüstig ge-
stöhnt. Einmal war der Urin blutig, dann aber meis-
„Andro ist unser Zuchtrüde; wir haben eine eigene tens nur weißlich. Die Urinuntersuchung ergab ei-
Hovawart-Zucht, zurzeit 2 bis 3 Hunde. Er hat ne Blasenentzündung mit Blutspuren, und A. wur-
schon 21 gesunde Kinder! Er wird auf Zuchtschau- de mit Antibiotika behandelt. Im Winter hatte er
en immer sehr gut bewertet. dann eine zweite Blasenentzündung, er bekam
Andros Mutter starb unter der Geburt, wir haben wieder Antibiotika, aber 2 Wochen später trat sie
ihn mit der Flasche großgezogen. wieder auf. A. bekam in diesem Winter 8 Wochen
Im Alter von 8 Wochen verkauften wir ihn ge- lang Antibiotika.
sund und geimpft. Nach 7 Monaten mussten wir Nach dem Buch von Dr. Wolff gaben wir ihm Dul-
ihn wieder zurücknehmen, weil die Besitzerin ihn camara; danach war dann die Blase ein Jahr lang
wegen Rheumas nicht mehr halten konnte. Darum gut.
haben wir uns entschlossen, ihn zu behalten. Wir Und wenn er jetzt wieder Anzeichen dafür hat
hatten ihn ja sowieso schon immer ins Herz ge- oder so steif steht, wenn er sein Bein hebt, dann be-
schlossen. Er war damals ganz gesund, rund und kommt er wieder Dulcamara. Manchmal kommt
pummelig.“ der Urin tröpfchenweise. Es sieht so aus, als wäre
Andro steht wedelnd im Praxisraum, kommt die Öffnung der Harnröhre verklebt und es dauert
dann langsam auf mich zu und beschnuppert mich etwas, bis sie frei ist.
freundlich. Dann hatte A. noch eine andere Therapie: Ein
Aus einem Schreibtischteil dringt ihm der Duft Heilpraktiker stellte einen Calcium-Mangel fest
von alten Leckerli in die Nase. Er drängelt sich an und spritze etwas. Danach war A. erst mal super
mir vorbei, schiebt mich mitsamt Schreibtischstuhl gut. Aber das hat dann sehr schnell nachgelassen.
beiseite und drückt seine Nase schniefend gegen Er war dann nie mehr richtig leistungsfähig.
die Türritze des Schreibtischs. Dann legt er seinen Beim Hundesport ist er zwar willig, aber sehr
dicken Kopf auf meinen Schoß und eine Vorderpfo- schnell matt. Unter dem Einfluss der Antibiotika
te gleich daneben und wedelt. war er viel leistungsfähiger! Aber diese Schwäche
Die Besitzer berichten weiter: „Früher war A. war dann immer sein Problem.
eher handscheu, im Laufe der Jahre hat sich das Wenn er auf dem Spaziergang nicht mehr kann,
aber gegeben. Nur wenn er weiß, dass er etwas bleibt er einfach stehen oder legt sich hin. Dann
falsch gemacht hat, rennt er jetzt noch weg. braucht er eine Pause. Und mit etwas Ermutigung
geht er dann langsam wieder weiter.
133
Calcarea carbonica
Wir haben ihm dann selbst ein Calcium-Präparat Nach dem Decken ist er müde und schläft. Auch
zugefüttert. Seitdem sind seine Gelenke besser. am nächsten Tag ist er meistens nicht gut drauf,
Früher hat er immer an den Gelenken geschleckt mag nicht richtig auf dem Spaziergang laufen –
und sie ganz ins Maul genommen, richtig misshan- vielleicht hat er sich mit seiner ganzen Aufregung
delt! Aber das ist jetzt gut. überanstrengt?
A. hat sehr oft eine tropfende Nase, und er niest A. hat ein starkes Rechtsbewusstsein: Wenn wir
mindestens einmal am Tag.“ ihn schimpfen, und er sieht ein, weshalb, dann ist
Und was ist jetzt mit den Gelenken? es gut. Wenn er keinen Grund einsieht, nimmt er
„Da hat er immer nach dem Spielen Probleme, meine Hand ins Maul, als wollte er fragen: ,Was soll
besonders wenn er viel spurtet und herumspringt. das jetzt?‘ Er ist ein sehr intelligenter Hund.
Das sind zwei Arten von Beschwerden: Wenn es A. nicht gut geht, kann er nicht gut ins
Einmal lahmt er meistens vorne rechts, manch- Auto springen. Er schlägt sich dann die Hinterfüße
mal auch vorn links. Das wird nach ein paar Tagen beim Einsteigen an und schreit dabei auf. Wenn er
von allein wieder gut. Das ist unabhängig vom Wet- den Sprung nicht gleich schafft, dann will er gar
ter. Meistens tritt es auf nach dem Spielen. nicht mehr ins Auto rein. Er legt dann nur eine Pfote
Das Zweite sind seine Gelenke: Er nimmt immer auf die Stoßstange und weigert sich, hineinzusprin-
die Vorderfußgelenke (Carpalgelenke) ins Maul, gen. Er regt sich dann furchtbar darüber auf. Wenn
hat zeitweilig unaufhörlich daran geschleckt und ich ihn dann auffordere, steht er wedelnd vor dem
hineingebissen. Auto und tritt von einem Fuß auf den anderen,
Alle Untersuchungen beim Tierarzt waren ohne springt aber nicht hinein – obwohl das nun wirklich
Befund. A. hat auch – nach Röntgen – sehr gute knapp einen halben Meter hoch ist – wegen der
Hüftgelenke. Hunde fahren wir einen Kombi, in den es gerade hi-
Aber er macht uns Sorgen, er ist nur zu 90% fit. neingeht, ohne Absatz. Wenn wir dann fortwollen,
Alina, seine fette Schwester, ist viel agiler, dabei hat muss ich den Riesenhund auf den Arm nehmen und
sie 5 kg Übergewicht! Gegen sie ist A. ja schlank!“ hineinsetzen.
Wie äußert sich diese Konditionsschwäche? Morgens ist A. besser zu Fuß als am Mittag. Wenn
„Wir haben einen bestimmten Spazierweg auf er den Tag über Ruhe hatte, kann es sein, dass er
den Schlossberg. Am Anfang galoppiert er den Berg abends fröhlich explodiert und mal richtig rennt.
hoch, dann schlafft er ab, obwohl dort weniger als Ich glaube, er regeneriert sich zu langsam.
10% Steigung sind! Wenn A. erschöpft ist, dann gähnt er auffallend
Seine Verfassung wechselt: Mal ist er 2 Tage lang viel.“
gut drauf, dann 2 Tage lang schlecht, dann 1 Tag fit.
Er wurde auch schon auf Borrelien untersucht, Befragung
aber das Ergebnis war negativ. Auch das EKG war
ohne Befund. Fütterung: „A. bekommt Trockenfutter, das wir für
Und wenn er mit seiner dicken Schwester spielt, ihn aber aufweichen.“
schlafft er nach einer Weile ab, während sie noch Fußschweiß wurde noch nie beobachtet.
lange nicht k.o. ist. Keine Impfreaktion. Guter Appetit, sauberes
Beim normalen Laufen hat er immer Schaum in Fressverhalten.
den Mundwinkeln stehen, das habe ich bei anderen Rangordnung? „Früher hatte er einmal Streit mit
Hovawarts noch nie so deutlich gesehen. einem anderen Hund, aber nie wieder. Er ist sehr
Im Sommer war er noch schlechter drauf als jetzt. dominant.“
Aber beim Decken ist er gut, er könnte dann „A. hat wenig Durst, er trinkt nicht gern eiskaltes
gleich noch mal! Wasser und nicht aus jedem Bach. Wenn es im
Sein Deckverhalten ist ganz typisch für ihn: Er ist Sommer heiß ist, legt er sich am liebsten in jeden
vorher enorm ungeduldig. Das geht ihm nicht Bach hinein.“
schnell genug, besonders wenn die Hündin nicht A. wird nur im Haus gehalten, hat keinen Zwin-
ganz still steht. Und dann will er zu schnell wieder ger. Wenn er will, kann er in den Garten gehen.
von der Hündin runter und quietscht dauernd, weil Kotabsatz? „Sein Kot ist unauffällig. Eine zeitlang
es ihm wehtut. Aber wenn es nicht anders geht, legt war er mal etwas heller. A. sucht lange, bis er den
er ergeben seinen Kopf auf ihren Rücken und war- richtigen Platz gefunden hat. Dann trippelt er viel
tet seufzend. umher und verteilt den Kot auf ca. einem Quadrat-
134
Calcarea carbonica
meter. Er kotet nie auf Asphalt. – Aus dem Maul Wie ist seine soziale Rangordnung? „A. ist ein aus-
richt er oft wie nach Fisch.“ gesprochener Macho. Mit Hündinnen gibt es kein
Sex? „Das ist normal entwickelt. Wenn er nicht Problem, er lässt sich von seinen Frauen sehr viel
gut drauf ist, hebt er zum Urinieren auch nicht sein gefallen. Aber er wehrt sich, wenn es ihm zu viel
Bein. Sein Harnstrahl ist eher dünn. Beim Decken – wird. – Er signalisiert überall: ,Ich bin hier der
wenn die Hündin richtig steht – ist er super. King‘, aber er lässt sich von uns zur Ordnung rufen.“
Aber Hypersex hat er auch nicht: Onanie haben Der Besitzer erzählt das nicht ohne Stolz!
wir noch nie gesehen. Und wenn in der Nachbar- Und wie ist es mit Rüden? „A. ist nicht feige und
schaft eine Hündin läufig ist, heult er nicht die auch nicht mutig. Wenn ein anderer Rüde kommt,
Nächte durch wie andere Rüden. Klammern gibt es dann ist er froh, wenn der abgerufen wird, froh,
auch nicht. – Er ist ein ganz prima Hund.“ wenn der andere geht. Aber er würde sich niemals
Was noch? „A. hatte mal ein schlechtes Fell, hat freiwillig unterwerfen! Dafür hat er zu viel Stolz!
dann Biotin bekommen, dann wurde es besser. Aber er hat eine hohe Reizschwelle: Er lässt sich
Aber das ist schon sehr lange her. fünfmal zwicken, aber dann gibt er zurück!
Vor einem Jahr hatte er mal Husten mit weißli- Wenn er nicht gut drauf ist, dann liegt seine Reiz-
chem Auswurf. Er wurde homöopathisch behan- schwelle niedriger und er wird aggressiver. Er kann
delt. dann sehr schnell giftig werden. Er brummt auch
Er hatte auch mal tränige Augen und bekam ho- alles an – z. B. unbekannte Spaziergänger oder ei-
möopathische Spritzen. nen Mülleimer, der sonst nicht an dieser Stelle
Wir haben zu Hause Fußbodenheizung. In den steht.
letzten Tagen sucht A. immer kalte Plätze zum Lie- A. ist sehr kontaktfreudig und ausgeglichen.
gen. Er schläft gern auf kühlem Boden, liegt gern an Spielen ist seine große Leidenschaft – aber nicht
der Haustüre oder dort, wo wir uns aufhalten. stundenlanges Herumtoben, sondern eher das Kab-
Im Sommer ist er am liebsten draußen im Garten beln und Umeinanderrollen, sanftes Knabbern oder
im Gras. Und wenn die Terrassentür zu ist, will er Pfoten-Festhalten.
sofort rein. Er liegt auch mal in der Sonne, geht aber Und er klaut uns Essen. Wenn wir ihn erwischen,
fort, sobald es ihm zu warm wird.“ sieht er es ein. Aber er kann mir auch mal die Zähne
Haut? „A. hat 3 Haarbalggeschwülste auf dem zeigen! Neulich hat er an der Butter auf dem Früh-
Rücken und an der Brust. Wenn man drauf drückt, stückstisch geknabbert.“
kommen Unmengen weißen Talgs heraus. Angst? „Wenn es irgendwo etwas Neues gibt, was
Flöhe hatte er nie, aber gelegentlich im Sommer er nicht genau identifizieren kann; z. B. wenn er im
Zecken. – Und Insekten nerven ihn ungeheuer, ob- Nebel Mülltonnen am Straßenrand sieht, so knurrt
wohl sie ihm ja mit seinem dicken Pelz nichts anha- er die an. Das ist sicher ein Zeichen von Unsicher-
ben können. Dann rennt er davon.“ heit. Das Martinshorn oder die Kirchenglocken ver-
A. hat jetzt eine ganze Weile ruhig auf dem Boden unsichern ihn. Aber das wird von Jahr zu Jahr bes-
gelegen. Inzwischen ist er aufgestanden und bettelt ser.
wedelnd seinen Besitzer an, legt ihm den Kopf auf Allein bleiben kann er gut. Er trägt dann seine
den Schoß, reibt seine Schnauze an seiner Hose und Teddybären herum, die noch aus seiner Kindheit in
wird liebevoll betätschelt. Dann geht er zu seiner seiner Ecke liegen.
Besitzerin und legt ihr die Vorderpfote auf den Im Auto ist er manchmal sehr aufgeregt. Er ist ein
Schoß. sehr guter Wachhund, besonders wenn draußen
Noch etwas zur Haut? „A. hat wenig Körperge- ein anderer Hund vorbeigeht.
ruch, auch nicht bei Regen.“ Schimpfe ist ihm egal.
Wetter? „A. ist sehr empfindlich gegen Sonnen- Über Besuch freut er sich. Wenn der ihn nicht ge-
hitze. Dann legt er sich am liebsten in den nächsten nug beachtet, zwickt er die Leute und will spielen.
kalten Bach. Auch wenn es ihm im Haus zu warm Jeder Besuch muss ihn gehörig begrüßen – auch der
wird – ab 24⬚ Zimmertemperatur geht er am liebs- Handwerker. Wenn ihn etwa jemand übersieht,
ten raus, besonders im Winter, oder sucht sich eine legt oder stellt er sich ihm einfach wedelnd in den
kühle Stelle zum Liegen. Weg und lässt ihn nicht vorbei.“
Autofahren geht gut, aber wenn es dort zu warm Würde er Sie auch beschützen in einer kritischen
ist, wird A. unruhig.“ Situation? „A. ist ein guter Schutzhund. Aber seine
Schwester hat eine niedrigere Reizschwelle.“
135
Calcarea carbonica
Eifersucht? „Wenn seine Schwester da ist, kann er Aber er hat viel mehr Elan: Mittags um 13 Uhr
sie schon mal zwicken. Aber sonst gibt es keine Ei- fordert er seinen Spaziergang. Das hat er noch nie
fersucht. Er ist einfach immer da, Sie sehen es ja.“ getan.“
Familienstreit? Laute Worte? „Das ist ihm egal. 25.2.1999: „A. ist krank. Er liegt nur herum und
Außerdem gibt es das bei uns praktisch nie. Unsere spuckt und schäumt und hat Durchfall. Der Stuhl
Kinder sind 17 und 20 Jahre alt, er akzeptiert sie al- schießt heraus. Aber wund ist er nicht.
le. Spazierengehen kann er auch mit unseren Er hat nur die halbe Portion gefressen. Er liegt
Freunden oder Bekannten. Darin ist er ganz un- jetzt immer an der Haustür an der Ritze und
kompliziert. schnieft hinaus. Im Ganzen ist er ziemlich ge-
Beim Ballspielen mault er manchmal: Wenn ich dämpft. Er hatte sehr viel Schnee gefressen.
sage ,nun bring doch den Ball her‘, den er grade in Die Vorderfüße sind gut.“
den Dreck gelegt hat, dann protestiert er maulend Er bekommt per Telefon Pulsatilla LM 18 verord-
und brummt. Dann muss ich den Ball selbst holen, net, je nach Verfassung, alle 2 – 3 Tage 1 Dosis.
sonst ist er weg.“ 12.3.1999: Die Besitzer haben A. aus Angst keine
Tierarzt? „ Da hat er Angst – vor jeder Blutabnah- Arznei gegeben, sondern waren bei ihrem regiona-
me. len Tierarzt.
Mit Kindern spielt er am liebsten mit, ist aber „A. hatte dann die ganze Nacht Brechdurchfall.
recht grob und kann sie schon mal über den Haufen Jetzt hat er 1 Woche lang starke Antibiotika bekom-
rennen. – Diese kleinen Hunde, diese Kläffer mit men. Er ist jetzt nicht mehr so leidend. Aber fit ist er
den hellen Stimmen, die geht er an, brummt und noch lange nicht wieder.
blafft. Die fallen dann fast in Ohnmacht durch seine Wir hatten Besuch von einem Tierheilpraktiker,
laute Stimme. Und er genießt das Sieger-Sein. Wel- der einen Tumor neben der Milz feststellte. Deshalb
pen geht er gern aus dem Weg, die mag er nicht.“ waren wir nochmals bei unserem Tierarzt, der aber
nach Röntgen und Ultraschall nichts feststellen
Mittelwahl konnte.
Der THP gab uns Arzneimischungen und hat auch
Mir geht sehr intensiv Calcarea durch den Sinn, etwas gespritzt, damit der Tumor kleiner werde. Er
denn die Mehrzahl seiner Symptome spricht für meinte dann, es sei eine Blasenentzündung im
Calc-c. Dennoch lasse ich mich von den Interpreta- Kommen. Er gab ihm dann noch etwas zum Ab-
tionen der Besitzer täuschen und verwende die Ne- schwellen der Schleimhaut.
gativsymptome: Calcarea ist nicht dominant, erst Aber A. steht trotzdem so komisch da und guckt
recht kein Macho! Und Calcarea hat i. d. R. viel immer nach hinten. Er läuft nicht gut.
Durst! Wir waren noch mal beim Tierarzt, der durch Ul-
12.1.1999: A. bekommt Lycopodium XM. traschall eine verschleimte Blase und eine vergrö-
26.1.1999: „Es hat sich nichts Auffallendes verän- ßerte Prostata feststellte. Er verordnete Kürbisker-
dert. Er hat keine Blasenreizung mehr. ne. Die Blutuntersuchung ergab keinen Befund.
Aber er hat noch immer diesen plötzlichen Leis- Aber jetzt hat A. schon wieder Durchfall!“
tungsabfall und legt sich dann nieder. Von Schmer- A. bekommt nochmals Lycopodium XM.
zen in den Pfoten haben wir nichts mehr gemerkt.“ 24.3.1999: „Unsere beiden Hunde haben so einen
5.2.1999: „Wir haben das Gefühl, A. ist selbstbe- komischen Kot, wie mit Darmschleimhaut überzo-
wusster geworden. Beim Spazierengehen ist er uns gen. Dabei hatte ich auf selbst gekochtes Diätfutter
schon einmal davongelaufen, das hat er noch nie umgestellt. Jetzt bekommen sie wieder Fertigfut-
getan. ter, und der Kot ist wieder besser.
Bis vor einer Woche war er ganz super drauf, A. geht es jetzt wieder gut, aber er kann sich nicht
dann ist er wieder abgefallen. anstrengen. Nach der letzten Arznei geht es ihm
Er tropft jetzt wieder aus der Nase. Beim Auto- jetzt auf jeden Fall wesentlich besser.
fahren ist er jetzt sehr unruhig und findet gar keine Aber er uriniert noch immer in einem dünnen
Ruhe. Harnstrahl. Er hebt jetzt aber wieder richtig das
Wenn er sich angestrengt hat, ist er sehr er- Bein.“
schöpft. 30.3.1999: „A. geht es immer noch nicht gut. Er
Gestern war er ein paar Stunden allein zu Hause. hat unter der Treppe Staub gefressen und Quecken-
Als wir wiederkamen, war er total erschöpft. gras gekaut. Nun liegt er da und schläft. Er hatte
136
Calcarea carbonica
auch so einen Insektenstich, hat danach so komisch Er bekommt jetzt endlich Calcarea XM, die Besit-
geschluckt und gehustet, als ob er etwas im Halse zer bestehen darauf, das Mittel mit nach Hause zu
hätte. nehmen und es erst später zu geben. Sie geben es
Er hat jetzt schon wieder Durchfall. Wenn er auf- erst am 5.10.1999.
steht, macht er jetzt erst einen ganz krummen Bu- 9.10.1999: A. schleckt oft am Penis. Der Urin
ckel und streckt sich. Insgesamt scheint er ein we- kommt stoßweise. Keine Veränderung.
nig apathisch, liegt mit dem Kopf zwischen den 19.10.1999: „Seit 4 Tagen geht es A. zum ersten
Pfoten und rührt sich nicht, wenn ich komme. Mal sehr gut. Aber heute baut er wieder ab: Er
Sein linkes Auge ist geschwollen und seine Nase schäumt, frisst Gras und ist sonst wahnsinnig ver-
tropft.“ fressen.
Besuchstermin – der aber abgesagt wird. Er beobachtet jeden Menschen: Wenn einer die
31.8.1999: „A. hat eine Prostatitis, das dritte Mal Hand in der Hosentasche hat, erwartet er, dass der
in letzter Zeit. Das hat begonnen, nachdem er eine etwas zum Fressen für ihn herausholt. Er will dann
Hündin decken sollte, die nicht stand. A. hat es im- gar nicht gehorchen.“
mer wieder versucht, aber im entscheidenden Mo- 13.11.2000: „A, war bisher sehr gut. Gegenüber
ment sprang sie beiseite. Als sich dann noch eine früheren Zeiten ist es ein Unterschied wie zwischen
Blasenentzündung entwickelte, bekam er wieder Tag und Nacht! Wir wussten gar nicht, dass wir so
Antibiotika. Jetzt ist er zu 80% gut, aber schnell mü- einen tollen Hund haben!“
de. Er riecht unangenehm nach Hund. 10.1.2001: „A. ist wieder abgeschlagen, hat wie-
A. ist immer kritischer, wenn er krank ist. Er sig- der eine Tropfnase. Vom Tierarzt bekam er deshalb
nalisiert uns: ,Bitte lasst mich in Ruhe!‘ Aber er Cinnabaris, das aber nicht geholfen hat.“
würde niemals beißen.“ 2. Gabe Calcarea XM.
Die Prostatitis äußerte sich mit allgemeiner Ab- Seither geht es A. sehr gut.
geschlagenheit. „Wir dachten zuerst, es wäre die Die wahlanzeigenden Symptome für Calcarea
Blase. Er konnte wieder nicht richtig urinieren. Der sind:
Tierarzt stellte eine faustgroße Prostata fest. Allgemeines, Schwäche nach dem Coitus
Vorher war er 3 Tage lang auf einem Hundelehr- Allgemeines, Schwäche nach leichter Anstren-
gang, danach war er total platt. gung
Jetzt kann er wieder sein Bein heben und entleert Gemüt, empfindlich, überempfindlich gegen
den Urin stoßweise. Schmerzen
Jetzt ist er wieder etwas besser drauf, total willig, Gemüt, Furcht vor Schmerzen
aber sehr schnell erschöpft. Gemüt, Furcht vor Tieren, Insekten
Er trinkt sehr wenig, auch bei heißem Wetter. Extremitäten, Ungeschicklichkeit (plumpes „An-
Seine Gelenke sind jetzt ganz gut, aber er rempeln“)
schleckt noch immer viel daran. Haut, Atherome
Wenn es sehr heiß ist, geht er in den Keller vor Gemüt, Langsamkeit (hohe Reizschwelle)
die Tiefkühltruhe.
Wenn er angegriffen wird, imponiert er, zeigt
Dieser Fall zeigt deutlich, dass man sich nicht
gern den Chef.
von den wohlwollenden Interpretationen oder
In der Schutzhund-Ausbildung kann er jetzt so-
Projektionen der Besitzer täuschen lassen darf,
gar beißen, aber er ist nicht belastbar.
sondern den Patienten „vorurteilsfrei“ wahr-
Er verteidigt sein Futter gegen andere Hunde.
nehmen sollte.
Und wenn man ihn ungerechterweise straft,
dann nimmt er meinen Arm in die Schnauze, als
wollte er sagen: ,Jetzt ist aber Schluss‘. Aber er
beißt mich nicht.“
137
Calcium fluoricum naturalis

Calcium fluoricum naturalis


Flussspat

Signatur, Thema und Idee des Mittels


Calcium fluoricum, Flussspat – CaF2 – ist eine Fasern und Strukturen, in Gefäßwänden und in den
spröde, schwere Verbindung, bestehend aus Calci- oberflächlichen Anteilen der Knochen.
umcarbonat und dem Salz der Flusssäure. Ein Verlust der Elastizität und Organisation führt
Das homöopathische Mittel vereint beide Eigen- im Rahmen des Arzneimittelbildes zu Erschlaffung,
schaften: Das eher „träge“ Calcium carbonicum Verhärtung, Hypertrophie, Anergie oder mehreren
hat sich mit der aggressivsten Säure, der Flusssäu- dieser Tendenzen zu gleicher Zeit – auf physischer
re, verbunden, die sogar Glas (Silizium) verätzen wie auf psychischer Ebene.
kann. Damit ist es Antidot und Synergist zu Silicea, Wie in den Arzneimittelbildern von Fl-ac. und Sil.
dem Element der sinnvollen Organisation eines je- ist auch bei Calc-f. die elementare Organisation
den Organismus (siehe Sil.). des Lebewesens betroffen, wobei sich aber jedes
Calc-f. wird in der Arzneimittelprüfung die ohne- dieser Mittel vom anderen unterscheidet und kei-
hin schon schlaffe Struktur des Calcium-Organis- nes durch ein anderes ersetzt werden kann.
mus zusätzlich desorganisieren: Chaotische Halt- Calc-c. ist in jeder Hinsicht von dem Bestreben
losigkeit und mangelndes Zusammenspiel phy- nach Sicherheit erfüllt; Fluor bezieht sich auf Här-
sischer und psychischer Kräfte sind die Folge. An- te und Stabilität. Daraus folgt für Calcium fluori-
dererseits kann auch ein Wechsel zwischen großer cum das Prinzip der stabilen Sicherheit.
körperlicher und geistiger Leistungsfähigkeit mit
Schlaffheit und Müdigkeit beobachtet werden. Thema und Idee: Verlust an Stabilität, Wi-
Das Calcium-Salz der Flusssäure kommt im Orga- derstands- und Regenerationsfähigkeit nach
nismus in höchster Konzentration im Zahn- Belastungen, was sich in Verhärtungen, Elastizi-
schmelz vor, dem Gewebe der größten Härte und tätsverlust oder Zerstörung von Gewebe äußern
Widerstandsfähigkeit, ferner in allen elastischen kann.

Grundsätzliche Eigenschaften des Mittels


Calcium fluoricum ist ein sehr intensiv und lange angebracht. Möglicherweise reicht eine Gabe C 200
wirkendes Arzneimittel. In chronischen Prozessen aus!
wirkt es oft langsam und protrahiert, da es tief grei- Calc-f. sollte – sofern überhaupt notwendig – in
fende Reorganisationsvorgänge in Gang setzen großem Abstand von mehreren Monaten verab-
muss. reicht werden (außer bei infektiöser oder krebsar-
tiger Knochenerkrankung).
Calc-f. wirkt sehr lange nach!
Daher darf es – ebenso wie Sil. – nicht zu
häufig gegeben werden, um das Erschei-
nen von Symptomen einer Arzneimittelprüfung Für viele Calc-f.-Erkrankungen gibt es schulme-
zu vermeiden! dizinisch keine effektive, heilende Therapie.
Calc-f. präsentiert sich in der Anamnese nicht so
offensichtlich wie z. B. Calc-c. Vom Unkundigen
Franco del Francia, bekannter homöopathischer
lassen sich Calc-f.-Erkrankungen kaum reperto-
Tierarzt aus Italien, betont die schnellere und bes-
risieren, man muss das Mittelbild und die Rubri-
sere Wirkung von sehr hohen Potenzen (XM).
ken im Repertorium kennen.
Aber diese Dynamisation sollte der Schwere der
Erkrankung angepasst sein! Hohe Potenzen von
stark wirkenden mineralischen Mitteln sind, gera- Es gibt jedoch aus einigen Teilaspekten des Ge-
de bei den „lokalen Erkrankungen“, nicht immer samtbildes bestimmte Symptome, die gerade für
138
Calcium fluoricum naturalis
die Homöopathie am Tier besonders prominent gen Krankheiten“) oder „lokalen Übeln“ (Organon
sind. Diese sollen hier besonders berücksichtigt §§ 173 f.) muss auch Calc-f. erwogen werden.
werden.
Zahlreiche klinische Indikationen resultieren aus
Calc-f. ist besonders für die Pferde-Patienten ein
dem „Knochensalz“ von Schüssler für das „schwa-
interessantes Mittel, das in seiner Wirkungs-
che Bindegewebe“; diese betreffen zum großen Teil
weise vielfach unterschätzt wird. Dieses Mittel
klinische Indikationen, die sich nicht immer mit
ist in der Tierhomöopathie bei keiner anderen
den Gesetzen der Homöopathie Hahnemanns ver-
Spezies so häufig indiziert wie beim Pferd!
einbaren lassen.
Julius Mezger hat Calc-f. neben den bis dahin be-
kannten klassischen Studien nachprüfen lassen Bei Erkrankungen im distalen Gliedmaßenbereich
und zahlreiche, auch klinische Symptome dieses ist es schwierig von Calc-p. zu differenzieren. Calc-
Mittels beschrieben, die aber nicht immer eine ein- f. verbessert sich – im Unterschied zu Calc-p. –
deutige Differenzierung zu anderen Mitteln er- i. d. R. durch fortgesetzte Bewegung. Ob diese Tatsa-
möglichen. Der von Mezger empfohlenen Angabe che wirklich als Differenzierung zu bewerten ist,
„kann bei chronischen Entzündungen lange Zeit müssen noch weitere Praxiserfahrungen beweisen.
fortgegeben werden“ muss entschieden wider- In diesem Zusammenhang sei daran erinnert, dass
sprochen werden! sich besonders bei dem „lokalen Geschehen“ von
Beim Tier finden sich häufig Indikationen für Verletzungsfolgen kaum eine deutliche Symptoma-
Calc-f., die sich auf ein lokales Geschehen beziehen. tik von Gemüt oder Allgemeinsymptomen äußert.
Aus überwiegend wirtschaftlichen Gründen müs- Hinter der Symptomatik von Calc-f. steht häufig
sen solche „Lokalübel“ (§§ 173 ff. des Organon) – ein anderes, konstitutionelles Mittel, insbesondere
z. B. Folgen von Überanstrengung oder Verletzun- beim Pferd.
gen beim Pferd – behandelt werden, obwohl sie für
die Lebensqualität des frei lebenden Pferdes ei-
Die übermäßig schnelle Entwicklung von
gentlich unbedeutend sind oder unter natürlichen
Exostosen im distalen Extremitätenbe-
Lebensbedingungen kaum vorkommen.
reich des Pferdes nach Schlagverletzungen ist als
Gerade die unten erwähnten Folgen von Überan-
„auffallendes, sonderliches Symptom“ von Calc-
strengung oder Verletzung (z. B. von „Sportpfer-
f. zu werten.
den“) sind ausgesprochene „Zivilisationserschei-
nungen“, ausgelöst durch widernatürliche Nut-
zung. Hahnemann forderte für die Heilung eines Für die chronische Strahlbeinlahmheit des Pferdes
Organismus angemessene (artgemäße) Lebensbe- muss Calc-f. von Calc-p. und Sil. differenziert wer-
dingungen! den. Diese Erkrankung kann mit homöopathischen
Calc-f. hat eine besondere Affinität zum Metabo- Arzneien durchaus einer Heilung zugeführt wer-
lismus von festen und elastischen Strukturen: den.
Knochen, Zähne, Gelenkkapseln, Sehnen, Bursen, Trotz all der aufgeführten Angaben bedarf das
Faszien, Muskeln, Drüsen, Gefäßen und Gefäßwän- Arzneimittelbild von Calc-f. gerade beim Tier noch
den. vieler Ergänzungen und Bestätigungen aus der Pra-
Neben Con. ist es eines der wichtigsten Mittel für xis.
chronische Verletzungsfolgen mit der speziellen Eine weitere Verbindung zwischen Calcium und
Beziehung zu Verhärtungen oder Elastizitätsver- Fluor ist Lapis albus, synonym mit Calcium silico-
lust (Arn.): Con. ist vorherrschend zuständig für fluoricum. Es handelt sich dabei wieder um ein
Verhärtungen im Weichteilgewebe mit Tendenz zu sehr intensiv und lange wirksames Mittel, das noch
Malignität, Calc-f. eher für Verhärtungen von straf- unzureichend geprüft ist und vorsichtig dosiert
fem Fasergewebe oder Periost mit Tendenz zu Ossi- werden sollte. Es wirkt – dank seiner Bestandteile –
fikation. genauso intensiv auf die bindegewebige Organisa-
Sollten sich solche Knochenzubildungen an Ge- tion bzw. bindegewebige Verhärtung und könnte
lenken zu Ankylosen formieren, so wäre am ehes- z. B. als Ultima Ratio beim Pferd in chronischen Fäl-
ten Fl-ac. angebracht. len von Hufrehe in fortgeschrittenen Stadien bei
Speziell bei symptomarmen Fällen von Krebs Hufbeinrotation (Hufbeinsenkung) erwogen wer-
oder solchen des Bewegungsapparates („einseiti- den. Im akuten Reheschub ist es kontraindiziert,
weil dabei ein anderer Genius morbi vorliegt.
139
Calcium fluoricum naturalis
Übersicht über Krankheitsverlauf und pathologische Schwerpunkte
Magen-Darm: Heißhunger mit Unruhe und Futter-
Entwicklung der Pathologie: Calc-f. ist
neid („Angst vor Armut“); Entzündungen mit Ver-
i. d. R. kein Mittel für akute Erkrankun-
härtungen der Mesenterialdrüsen; Kot schwierig
gen, akute Verletzungen oder akute Entzün-
auszutreiben, Jucken am Anus
dungen!
Genital: Uterussenkung, Vaginal-Prolaps (nach
Subakut bis chronischer Verlauf: i. d. R. langsam Franco del Francia)
sich entwickelnde Prozesse: Verletzungsfolgen,
Mastitis: chronischer Zustand mit Verhärtung oder
Gewebeverhärtungen, Elastizitätsverlust; chroni-
steinharten Knoten
sche Folgen von Überanstrengung, Sehnen, Bänder,
Muskeln Bewegungsapparat: chronische, traumatisch be-
dingte Exostosen, nach erfolgloser Gabe von Ruta
Chronischer Verlauf: allmählich sich entwickeln-
(Pferd); Ganglion, Knochenzysten; venöse Stase
de chronische Erkrankungen, denen mit richtiger
Osteochondrose der Wirbelsäule und ähnliche
homöopathischer Akut-Therapie hätte vorgebeugt
Erkrankungen der Wirbelkörper
werden können!
bindegewebige Verhärtungen oder Elastizitäts- Spezielle Indikationen für die Tierhomöopathie:
verlust Verhärtungen in Faszien, Gelenkbändern, Kapseln,
harte, evtl. maligne Tumoren Sehnen (Carb-an., Con., Lap-a., Sil.)
knöcherne Infiltrate am Periost
Pathologische Schwerpunkte: Gewebeverhärtun-
Verklebungen seröser Häute nach Operationen
gen, besonders nach Verletzungen
Corpora libera im Gelenk (einziges Mittel!)
Gewebeerschlaffung, Schwäche, Verlust der
Arthrosis deformans, speziell nach Überanstren-
Elastizität des Bindegewebes
gung
Erkrankungen von Schleimhäuten und Lymph-
komplizierte Knochenfrakturen, mit schlechter
system
Heilung, mit Osteomyelitis oder Fistelbildung
Auge: Gerstenkorn, beginnender Katarakt Hund: steinharte Mamma- oder Drüsentumore,
Osteosarkom (Phos., Hekla u. a.)
Maul: fehlgestellte Zähne, Zahnschmelzdefekte,
Pferd: Verhärtungen, Exostosen nach Schlagver-
Zahnfleischabszesse
letzungen (indiziert nach Arn., Led. oder Ruta);
Drüsen: Infiltration und Verhärtungen, z. B. Stru- Griffelbeinexostosen bei jungen Pferden („Re-
ma, Hyperthyreose montenkrankheit“), Ruta im Anfangsstadium;
fortgeschrittene Zustände von Spat und ande-
Ohr: chronische Mittelohreiterung
rer Arthrose; Chip-Frakturen mit Exostosenbil-
Atemwege: chronische Rhinitis, Sinusitis mit Zer- dung
setzung der Nasenknochen (Sil.)

Physiognomie und Erscheinungsbild des Patienten


Bei den rein „lokalen“ Erkrankungen, z. B. Verlet- möglicherweise schlaffe, schwache Muskulatur
zungsfolgen (§§ 185 ff. Organon) sind oft weder auffallende Tendenz zu überstreckten Gelenken
auffällige Physiognomie noch Verhalten zu beob- im distalen Gliedmaßenbereich kann vorhanden
achten. sein („weiche Fesseln“ beim Pferd, „Spreizfuß“
Die Symptome des Patienten erinnern mögli- beim Hund)
cherweise an Calc-c., Calc-p., Lyc., Sep, oder Phos.; häufig Heißhunger mit Besserung nach dem
Calc-f.-Patienten sind i. d. R. lebhafter als Calc-c. Fressen
oft unharmonischer Bewegungsablauf mit über- „schlechte Futterverwerter“ mit „Abmagerung
schießenden Bewegungen (Vithoulkas Arznei- bei Heißhunger“ oder Tendenz zu Adipositas
mittellehre) möglicherweise Tendenz zu Hyperthyreose mit
Exophthalmus
140
Calcium fluoricum naturalis
Auffallende Zeichen und Symptome des Verhaltens
keine klaren differenzierenden Verhaltenssymp- nervös, ängstlich ohne ersichtlichen Grund,
tome schwer zu kontrollieren (nach Franco del Fran-
i. d. R. keine „Schmusetiere“ cia)
Unruhe, aber meist Mangel an Durchhaltever- ausgeprägter Heißhunger bis zur Fressgier und
mögen und Ausdauer Futterneid („Angst vor Armut“) (wie viele andere
hastige Ungeduld und Reizbarkeit, evtl. im Mittel!)
Wechsel mit Trägheit und Desinteresse Unruhe, speziell bei Hunger, ⬎ nach dem Fressen
Mangel an Initiative

Leitsymptome des pathologischen Geschehens


Chronische Krankheiten: Calc-f. ist ein wichtiges Herz: fibrinöse Auflagerungen an Herzklappen
Mittel für besondere chronische Zustände. oder Perikard
Pferd: Ödeme der Hinterextremitäten mit erwei-
Auge: rezidivierende Gerstenkörner, Verhärtun-
terten Venen
gen, Knötchen an den Lidrändern
Keratitis, Hornhautulzera, fleckige Hornhaut- Verdauungsapparat – Abdomen: Maul: Zahnfehl-
trübung stellungen, Zahnschmelzdefekte, Staupegebiss (Fl-
beginnender Katarakt ac., Sil.) beim Hund; vorzeitiger Zahnverfall, beson-
ders bei jungen Tieren (u. a.); Zahnfleischabszesse,
Ohr: chronische Mittelohreiterung mit Tendenz zu
Zahnfleischulzera, Zahnfisteln (u. a.); Beschwer-
Nekrose oder Sklerose (Sil.)
den, Schmerzen von Zahnwurzeln, Lockerung ge-
Kalk-Ablagerungen am Trommelfell
sunder Zähne
Otosklerose, Verklebungen, Verhärtungen der
Magen: Heißhunger mit ausgeprägter Unruhe,
Gehörknöchelchen (Thiosinamin)
Ärger und Futterneid vor dem Fressen; alles
Kopf: Periostitis, Exostosen an Schädel und Kiefer, ⬎ nach dem Fressen
besonders am Unterkiefer (Hekla, Merc., Phos.) Abdomen: Flatulenz, Leberschmerzen; chroni-
(harte) Warzen am Kopf sche Entzündung von Mesenterialdrüsen; Kot
schwierig auszutreiben, Rektum-Fissuren
Hals: harte Knoten der Schilddrüse, Struma, Hy-
(u. a.); Verklebungen nach Operationen
perthyreose, evtl. mit Exophthalmus
(Thiosinamin)
chronische steinharte Indurationen der Kehl-
gangslymphknoten Genital: Uterussenkung, Uro-, Pneumovagina, Va-
ginal-Prolaps (nach Franco del Francia) (vorrangig
Atemwege: chronische Rhinitis, Sinusitis mit stin-
Sep.!)
kender Zersetzung der Nasenknochen (Sil.)
Mastitis chronisch, mit steinharten Knoten,
chronische Entzündung, Schwellung und Verhär-
steinharte Mammatumoren der Hündin
tungen im lymphatischen Rachenring
Verklebungen des Eileiters (Thiosinamin)
selten bei altem Lungenemphysem mit Bron-
extreme Auftreibung des Abdomens in der
chiektasien (Pferd: nicht bei frischer, allergi-
Trächtigkeit, weiter bestehend nach der Ge-
scher Dyspnoe, sondern bei veralteten, chroni-
burt
schen Zuständen mit Verlust der Lungenelasti-
Muskel-Faszienbruch (auch Lap-a.)
zität! Solche Zustände sind aber selten!)
Kuh: zu versuchen bei Elastizitätsverlust des Lig.
Herz-Kreislauf-Gefäße: chronische Entzündung suspensorium mammae
von Blutgefäßen
Haut: Narben: Verdickungen, Verhärtungen, Keloid
Arteriosklerose, Aneurysmen, erschlaffte Gefäß-
Abszesse: chronische Eiterungen, von Zellgewe-
wandmuskulatur (Varizen)
be, Drüsen, Knochen, Gelenken
Neigung zu venöser Stase, ⬍ bei heißem Wetter
Rhagaden mit verhärteten Rändern
evtl. mit sezernierenden Fisteln, schmerzlos
(evtl. bei destruktiver Mauke)
141
Calcium fluoricum naturalis
Verbrennungen mit Destruktion von Gewebe eines der Mittel, die beim Osteosarkom infrage
durch Strahlen-Therapie nach Tumorbehand- kommen (Aur., Con., Phos. u. a.)
lung (Phos., Rad., X-Ray) Arthritis, Arthrosis deformans
knöcherne, verknöcherte Tumoren (einziges Mit- Besserung bei fortgesetzter Bewegung (im Ge-
tel) gensatz zu Calc-p.)
Pferd: chronische, rissige, fistelnde, ulzerierende Hund: Ellbogenarthrose, z. B. nach Operation des
Mauke, mit Tendenz zu Destruktion des Kron- frakturierten Proc. anconaeus (Calc-p.);
saums/Krallenbetts (Ars.) schwerste Formen von Hüftgelenkdysplasie,
evtl. mit spontaner Luxation; speziell bei Tie-
Tumore: Hämangiom, Fungus haematodes (sehr
ren mit Calc-c.- oder Lyc.-Konstitution
großes Sarkoid-Wachstum! DD Nit-ac.)
Exostosen, Zysten, Fibrome, Enchondrom, Hirn- Rücken: alle Arten von Wirbelsäulenerkrankun-
tumor gen, Verkrümmungen der Wirbelsäule
Krebs der Wirbelkörper
Krebs: Osteosarkom, Krebs der Wirbelsäule (Tub.),
Osteochondrose, Verkalkungen in der Wirbel-
Magenkrebs, Drüsen: Hodgkin, Lymphknoten,
säule, speziell der Halswirbelsäule (Calc-p.),
männliches und weibliches Genital, Mamma
⬍ in Ruhe, ⬎ Bewegung, ⬎ Wärme
allgemein Krebs nach Verletzungen (Con.)
chronischer Lumbago (Rhus-t., Sil.), besonders
Bewegungsapparat: Erkrankungen des Bewe- nach leichter Anstrengung
gungsapparates können zu den ,einseitigen‘ oder Pferd: chronische Formen von „Kissing Spines“,
,lokalen‘ Krankheiten im Sinn der §§ 173 ff. des Or- Verwachsungen von Dornfortsätzen (akut: Ru-
ganons gehören (insbesondere beim Pferd) ta)
Wachstumsprobleme der Knochen, verzögerte
Verletzungen: speziell chronische Folgen (u. a.
Knochenentwicklung, verdickte Knochen
Mittel) von Verletzungen
auffallend überstreckbare Gelenke an Carpus, Ze-
Verletzungen durch Fremdkörper (Sil., Hep.)
hengelenken
chronische Folgen von Verstauchungen, Kno-
seltener Kontraktion der Zehenbeuger (wie
chenfrakturen mit verzögerter Heilungsten-
Caust. u. a.)
denz
leichtes Verrenken, Verstauchen bei geringem
chronische Folgen von Operationen, Adhäsionen
Anlass
Verhärtungen nach Verletzungen
chronische Folgen von Verstauchungen, Zerrun-
Folgen von Überanstrengung
gen, Luxationen mit Tendenz zur Entwicklung
Folgen von chronischen Knorpelläsionen (u. a.
von Arthrosen
Mittel)
Corpora libera im Gelenk (einziges Mittel) (wer-
den erfahrungsgemäß durch Calc-f. resor- Spezielle Indikationen für den Bewegungsappa-
biert!) rat des Pferdes: Durchtrittigkeit im Fesselgelenk,
steife Gelenke mit Krepitationsgeräuschen weiche Fesselung (auch andere Mittel)
chronische Synovitis (Conium mit Verhärtungen Senkrücken alter Pferde, besonders nach chroni-
darin, Calc-f. mit Verkalkungen) scher Überanstrengung, evtl. gleichzeitig
Ganglion, chronische Bursitis mit Tendenz zu durchtrittige Fesselgelenke (alte Zuchtstuten,
Kalzifizierung alte Kaprioleure)
Verhärtungen in Muskeln, Faszien, Gelenkkap- chronische Sehnenschäden: Knoten, Schwellung
seln, Sehnen, Bändern mit Tendenz zu Kalzifi- von Sehnen – nach fibrillären Zerreißungen
zierung (evtl. im Anschluss an Rhus-t. oder Ruta, wenn
Knochenschmerzen bei Belastung (Calc-c.) diese nach entsprechender Zeit nicht den ge-
Knochenzysten wünschten Effekt bringen) (Thiosinamin)
komplizierte Knochenfrakturen, mit Ostitis und Verklebungen von Sehnenscheiden (Thiosin-
evtl. Fistelbildung (Sil.) amin)
Tendenz zu Knochenfrakturen, schlechte Frak- chronische Verhärtungen, Exostosen nach
turheilung, speziell bei Jungtieren Knochentrauma (einziges genanntes Mittel,
übermäßige Exostosen im Laufe oder nach Frak- doch man denke im Akutfall zuerst an Arn.,
turheilung (besonders Pferd) (Calc-p., Symph.) Led. oder Ruta)
142
Calcium fluoricum naturalis
traumatisch bedingte Arthrosen ⬍ linke Seite
fortgeschrittene Stadien von Spat, Carpal-Ar- chronische Synovitis: Tendenz zu chronischen,
throse, Schale, Leist u. a. deformierende Ar- harten Gelenk- und Sehnenscheidengallen
throsen (Caust., Calc-p., Fl-ac.) (u. a. Mittel!); chronische Synovitis im Tarsal-
Griffelbeinexostosen bei jungen Pferden (,Re- gelenk durch Corpora libera oder Chip-Frak-
montenkrankheit‘), akut: Ruta turen
ältere Exostosen nach Griffelbeinfraktur Zittern im Carpalgelenk nach Überanstrengung
chronische, oft traumatisch bedingte Periarthri- (u. a.)
tis mit Exostosen an Sehnenansätzen Erkrankungen der Hufe und Klauen: brüchiges
Chip-Frakturen mit Exostosenbildung Horn; deformierte Hufe-Klauen; Hypertrophie
chronische, verhärtete Bursitis: Carpalbeule, des Huf-, Klauenhorns (u. a. Mittel); ulzerie-
Stollbeule, Piephacke u. a. rendes, tief eindringendes Panaritium (Fl-ac.,
krachende, steife Gelenke, „Mangel an Synovia“, Nit-ac., Sil. u. a.)

Auslöser und Modalitäten


Auslöser: chronische Folgen von Überanstrengung ⬎ durch heiße Anwendungen
von Sehnen, Gelenken, Muskeln und Bändern ⬍ durch Anstrengung
chronische Folgen von Verletzungen allgemein, Schmerzen des Bewegungsapparates: schlim-
von Fremdkörperverletzungen mer am Anfang der Bewegung; besser durch
chronische Folgen von Knochentrauma, Periost- fortgesetzte Bewegung; ⬍ bei Schneeschmelze
traumen ⬍ linke Seite (Calc-c.: eher rechtsseitig)
chronische Folgen von Distorsionen, Luxationen, ⬎ durch starken Druck, ⬍ durch leichten Druck
Überanstrengung ⬎ durch Futteraufnahme, ⬎ nach dem Fressen
chronische Folgen von Knochenfrakturen, spe- grasgrüne Absonderungen
ziell bei Jungtieren Hufe, Klauen, Krallen, Haarkleid wachsen auffal-
chronische Folgen von Operationen, speziell mit lend schnell
Verklebungen von Gewebe evtl. reichlich stinkender Schweiß
metastasierende Erkrankungen
Modalitäten: ⬍ heißes, schwüles Wetter, ⬍ durch
direkte strahlende Wärme, ⬍ durch Sonne Komplementär: Rhus-t., Ruta
⬍ Kälte, ⬍ kalte Luft, ⬍ durch feuchtkaltes Wet- Folgemittel: Calc-c., Calc-p., Sil., Bry., Nat-m., Ka-
ter oder Kälte, ⬍ durch Wetterwechsel li-m.
aber Gelenk- und Rückenbeschwerden ⬎ durch
Wärme

Ausgewählte Fallbeispiele

Griffelbeinexostosen einer jungen Die Stute wird deshalb seit einem halben Jahr
nicht mehr geritten und steht seit mehreren Mona-
Springpferdstute ten auf der Weide.

Samara, 4-jährige braune Warmblutstute, wird im


Therapie
Sommer auf der Weide vorgestellt wegen multipler
Exostosen – halb haselnuss- bis walnussgroß – an
Im Juli 2002 eine einzige Gabe Calc-f. M.
den inneren Griffelbeinen der Vorderextremitäten.
Darauf bilden sich die Griffelbeinexostosen sehr
Ferner bestehen deutliche „Gallen“, zystische Auf-
langsam, fast unmerklich zurück.
treibungen der gemeinsamen Sehnenscheiden al-
ler Fesselgelenke.
143
Calcium fluoricum naturalis
Im Frühjahr 2003 wird wieder mit Reiten begon- Samara ist im Begriff, ein Spitzenpferd für den
nen, weil die Griffelbeinauftreibungen und die Springsport zu werden.
„Gallen“ wesentlich zurückgegangen sind. Die Stute besteht die tierärztliche Ankaufsunter-
Im Juli 2003 sind die Griffelbeinexostosen und suchung ohne Beanstandung und wird daher im
„Gallen“ fast vollständig verschwunden, obwohl Frühjahr 2004 für sehr teures Geld verkauft.
das Pferd, inzwischen 5-jährig, jetzt regelmäßig für Bis 2005 Spring-Training ohne weitere Erkran-
Springprüfungen der Klasse L bis M trainiert wird. kung.
Der ganze Bewegungsablauf hat sich seither be- Dieser Fall steht für einige ähnlich verlaufene
deutend verbessert, der Trab ist wesentlich raum- Exostosen.
greifender geworden.
144
Calcium phosphoricum
Calcium phosphoricum

Signatur, Thema und Idee des Mittels


Calcium phosphoricum enthält – wie alle zusam- Eine der Prädispositionen für Störungen im Cal-
mengesetzten Mittel – im Arzneimittelbild die cium-Phosphor-Stoffwechsel wächst durch falsch
Charakteristika beider Komponenten, von Calci- dosierte Gaben von Vitamin D3, das in den meisten
umcarbonat und Phosphor. Standard-Mineralstoffmischungen enthalten ist,
Beide Mittel haben so widersprüchliche Grund- sowie durch überdosierte Mineralstoffgaben.
strukturen, dass man sie sich schwerlich in ein und Bei regelmäßiger Sonneneinstrahlung ist eine Vi-
demselben Konstitutionstyp vorstellen kann: tamin-D3-Zufuhr (insbesondere beim Pferd) nicht
Der Calc-p.-Patient kann mehr zur Calcarea-Seite nur überflüssig, sondern kann durchaus schaden –
tendieren, mit lymphatischer, träger, phlegmati- wie es jedem homöopathischen Mediziner be-
scher Verfassung, oder er kann mehr von dem san- kannt ist. Dadurch kann Wachstumsproblemen
guinischen, überschießenden Temperament des und späteren Bewegungsstörungen Vorschub ge-
Phosphor-Anteils zeigen; zum dritten kann er zwi- leistet werden.
schen den beiden Mitteln gemeinsamen Sympto- Im Knochen finden permanent Aufbau-, Abbau-
men stehen: schnelle Erschöpfbarkeit und und Umbauprozesse statt, die je nach Aktivität und
Schwäche bei Anforderungen aller Art, abwech- Intensität von Bewegung wechseln. Der Knochen
selnd mit unentschlossener nervöser Unruhe, Hy- kann sich durch sinnvolles Training an bestimmte
peraktivität und athletischer Leistungsfähigkeit Belastungen durch Zug, Druck und Dehnung ge-
sowie Erkrankungen von Drüsen (Lymphknoten, wöhnen.
Euter bzw. Gesäuge). Werden jedoch die am Knochen ansetzenden
Aus diesen Gründen ist die Indikation von Calc-p. Strukturen (Sehnen, Bänder, Kapseln) überan-
manchmal schwierig zu verifizieren; es gehört zu strengt, so kommt es durch anaeroben Stoffwech-
den Mitteln, die oft nach der ersten Fallaufnahme sel zur pH-Verschiebung ins saure Milieu (Milch-
und Repertorisation nicht zu eruieren sind. säure-Ansammlung), was wiederum zu lokalen
Calciumphosphat ist einer der Hauptbestandtei- Imbalancen im Calcium-Phosphor-Gleichgewicht
le des Knochens. 99% des Kalkes im Skelett beste- führen kann. Erfahrungsgemäß entwickeln sich
hen aus phosphorsaurem Kalk, nur 1% aus Calcium- dann dort bevorzugt Störungen in der Kalzifizie-
carbonat. rung der äußeren Lagen des Knochens oder sogar
Das homöopathische Calc-p. hat naturgemäß die ersten Vorstufen für Arthritiden. Das gilt beson-
seinen Wirkungsschwerpunkt im Bereich des Cal- ders für die Arthritiden und Arthrosen der Pferde,
cium-Phosphor-Metabolismus. Es ist nahe lie- dort ganz speziell für die „Strahlbeinlahmheit“.
gend, dass sich das Calc-p.-Arzneimittelbild beson-
ders auf die Phase des Wachstums, auf den Bewe- Thema und Idee: Imbalancen hinsichtlich
gungsapparat und den strapazierten Calcium- des Verhaltens und des Calcium-Phosphor-
Phosphor-Stoffwechsel währen der Laktation Metabolismus, insbesondere durch Wachstum, An-
bezieht; dabei darf es jedoch nicht nach klinischen strengung und Laktation.
Gesichtspunkten, etwa im Sinn einer Mineralstoff-
therapie, sondern einzig nach homöopathischen
Symptomen verordnet werden.
145
Calcium phosphoricum
Grundsätzliche Eigenschaften des Mittels
Calcium phosphoricum ist – ebenso wie Calci- Die heutigen Warmblutpferde, die für den Sport
um und Phosphor – ein intensiv und lange auf gezüchtet werden, haben in den letzten 30 – 35 Jah-
den Organismus wirksames Arzneimittel. Sein ren um ca. 5 – 15 cm an Größe zugenommen. In den
Schwerpunkt liegt im Bereich einer Disposition 1960er Jahren hatten z. B. die Trakehner noch ein
zu Drüsen-, Stoffwechsel- und Knochener- Stockmaß um 160 cm (⫾ 5 cm), heute verlangt man
krankungen. mindestens 165 cm.
Früher war man der Ansicht, ein Pferd müsse ei-
ne karge Aufzucht genießen, damit es „hart“ und
Verschiedene Zubereitungen von Calcium-Phos- widerstandsfähig werde. Entsprechend kleiner wa-
phor-Verbindungen sind homöopathisch nur kurz ren die Tiere.
geprüft worden; ein Teil des Arzneimittelbildes re- Heute müssen z. B. die dreijährigen Warmblut-
sultiert – wie bei Calc-f. – aus dem Einsatz von hengste groß und kräftig bemuskelt ihren 100-Ta-
Schüssler-Salzen. ge-Test bewältigen, obwohl sie erst im Alter von 6
Schüssler selbst sagte, man müsse Calc-p. (wie Jahren ausgewachsen und belastbar sind. Unter-
Calc-f.) „lange und häufig geben und mit Geduld stützt werden vorzeitiges Wachstum, Bemuske-
abwarten“. lung und Leistungsfähigkeit durch darauf ausge-
Dagegen warnt Lathoud: „Wird Calc-p. zu lange richtete Fütterung mit entsprechenden Zusatzstof-
und zu häufig gegeben, kann es bis zur Entwicklung fen.
von Kretinismus führen.“ (Siehe auch Calc-f.) Unter diesen Vorbedingungen sind Störungen in
Dr. Künzli, einer der Altmeister der Homöopathie der Balance des Calcium-Phosphor-Stoffwechsels
aus St. Gallen, Schweiz, konstatierte, sogar Calcarea (Ernährungsschäden) nahe liegend und betreffen
könne bei übermäßigem Einsatz zu Störungen in insbesondere den Bewegungsapparat.
der Kalzifizierung von Knochen führen. In den letzten 2 Jahrhunderten war die Indikati-
Wenn man dazu in Betracht zieht, dass viele Pro- on von homöopathischem Calc-p., bzw. Mitteln mit
banden bei homöopathischen Arzneimittel-Prü- ähnlichem Wirkungsschwerpunkt, durch Unterer-
fungen bereits nach wenigen Tage regelmäßiger nährung und Mangelzustände bedingt, heute eher
Dosierung Arzneimittelsymptome entwickeln, durch das Gegenteil.
dann lässt sich die Folge von überdosierter homöo- Probleme durch Fehlernährung sind beim heuti-
pathischer oder Mineralstoff-Therapie mit Calci- gen zivilisierten Menschen in den Hintergrund ge-
um-Präparaten – besonders während des Wachs- treten; bei Tieren – insbesondere bei Pferd, Hund
tums – erahnen. und Schwein – sind sie durch Fütterungs-, Auf-
Die Grundeigenschaften von Calc-p. lassen zucht- und Haltungsschäden (schwerverdauliches
sich nach Vithoulkas in die drei nachfolgenden Trockenfutter, Pellets, Futterzusätze, Bewegungs-
Bestandteile gliedern: mangel mit kurzzeitiger starker Anstrengung) zur-
1 Calcium-Phosphor-Metabolismus: zeit wahrscheinlich sogar häufiger als beim Men-
Calc-p. wird als Heilmittel in der Tierhomöopa- schen.
thie, insbesondere im Pferde- und Hundesport, viel- Aus Klinik und Erfahrung wäre Calc-p. – zumin-
fach unterschätzt. dest für das Pferd – im Repertorium zu ergänzen für
Ein weiterer Schwerpunkt liegt im Calcium- Gliederschmerzen an den Ansatzstellen von Seh-
Phosphor-Metabolismus des Rindes (Calc-c.) und nen und Bändern.
des Schweins (Phos.). Calc-p. ist aber bei weitem nicht das einzige Mit-
Der Einsatz in tiefen Potenzen oder in Form von tel, an das z. B. bei degenerativen Erkrankungen des
Schüssler-Salzen gehört zur Mineralstoffstherapie Bewegungsapparates (z. B. beim Pferd) gedacht
und kann bei langfristigen Gaben durchaus Symp- werden muss. Grundsätzlich können viele andere
tome einer Arzneimittelprüfung erzeugen, die Mittel infrage kommen. Wichtig ist dabei einzig,
dann höher potenziertes Calc-p., Calc-c. oder Sil. dass die homöopathischen ,Zeichen und Sympto-
(o. a.) benötigen. me‘ mit dem Simile-Gesetz und den Grundlagen
Gerade beim „Sportpferd“ ist es ein sehr wichti- der Homöopathie Hahnemanns übereinstimmen!
ges und häufig indiziertes Mittel. Im Rahmen von Geburt und Laktation kommt
dem Calcium-Phosphor-Metabolismus eine beson-
dere Stellung zu.
146
Calcium phosphoricum
Bei der heutigen hochgezüchteten Milchkuh Bei Katzen findet sich die Calc-p.-Indikation sel-
kann Calc-p. derartige Imbalancen besser ausglei- tener als bei anderen Tieren, weil sich diese den ge-
chen als Calc-c., das häufiger für die schweren nannten Stress-Faktoren i. d. R. eher entziehen;
Fleischrassen indiziert ist. Calc-p. ist unter den Be- schließlich wird auch ihr Bewegungsapparat nicht
schwerden durch „Säfteverlust“ – hier gleichbe- zum Leistungssport herangezogen.
deutend mit Milchleistung – neben anderen Mit- Anders ist es beim Schwein: Hier muss diesem
teln 3-wertig vertreten. Metabolismus ein viel höherer Stellenwert beige-
Auch bei andersartigem Verlust von Körperflüs- messen werden.
sigkeiten, z. B. nach langwierigen Durchfällen, be-
3 Beschwerden durch kalte und nasskalte Wit-
sonders in der Wachstumsphase, darf Calc-p. nicht
terung, Schneewetter und Zugluft
vergessen werden. Hier kann es besonders bei
Das sind weitere wesentliche pathogene Faktoren,
kleinwüchsigen Kümmerern angebracht sein.
die sich – auch als Modalität – durch das ganze Arz-
2 Beschwerden durch „schlechte Nachrichten“ neimittelbild ziehen.
Dieser wesentliche, auslösende Faktor für die Calc-
p.-Pathologie ist beim Tier schwierig nachzuvoll- Gerade beim Pferd werden durch Osteopathen
ziehen. „Schlechte Nachrichten“ sind auf jeden Fall vielfach Blockaden im Ileosakrale festgestellt, wo-
intensiv empfundene Negativ-Erlebnisse eines bei auch eine Indikation von Calc-p. zu überlegen
empfindsamen Organismus. Das können entspre- wäre. Diese klinische Indikation ist aber noch kein
chend den Angaben des Repertoriums Beschwer- hinreichender Grund, homöopathisches Calc-p.
den durch einzusetzen. Rückenverspannungen bei Pferden
Aufregung, Angst, Kummer, enttäuschte Liebe resultieren sehr häufig aus Fehlbelastungen, durch
(z. B. Verkauf, Trennung, von der Gruppe, vom schlechtes Reiten oder Missbrauch von Hilfszügeln
Welpen, Fohlen, Kalb), und verlangen zunächst häufiger nach Rhus-t., Ruta
durch Misshandlung oder psychischen Druck oder ähnlichen Mitteln.
(Turnierpferde, Hundedressur), Beim Menschen wird Calc-p. besonders im Zu-
durch Zorn und Groll (z. B. neues Herden-, Famili- sammenhang mit Streckmuskeln betont, die je-
enmitglied), doch hier einen anderen Stellenwert genießen als
durch Erwartung, „Lampenfieber“ (Turnierpfer- z. B. beim Pferd. Die Druck- und Zugbelastungen lie-
de, Hundesport), gen hier besonders im Bereich den überstreckten
in der Menge, in Gesellschaft (z. B. Integration in Zehengelenke samt Bänder- und Sehnenapparat,
eine neue Population, Massentierhaltung), somit besteht in dieser Hinsicht kein wesentlicher
Widerspruch zum Arzneimittelbild.
mit Schwäche nach jeder deprimierender Emotion
sein.
Der Calc-p.-Patient kann über negative emotio- Calc-p. ist (nach den Regeln der klassi-
nale Schocks nur schwierig hinwegkommen, ver- schen Homöopathie) gerade beim Tier
fällt dann in Apathie, Erschöpfungszustände und kein leicht zu identifizierendes Mittel, da es oft
die Pathologie schreitet weiter fort. Das sind nun nur wenige auffallende und sonderliche Symp-
beim Tier Faktoren, die im Rahmen einer Anamne- tome zu eruieren gibt. Die beschriebenen An-
se nicht leicht in Erfahrung zu bringen sind und haltspunkte ebenso wie die Kasuistik mögen da-
auch in anderen Mittelbildern, z. B. Caust., beob- zu beitragen, die Arzneiwahl zu erleichtern.
achtet werden.

Übersicht über Krankheitsverlauf und pathologische Schwerpunkte


Chronische Krankheiten: konstitutionelles Mittel Knochennähte (Epiphysenfugen, Schädelkno-
auch akute Gebärparese der Kuh chen, Ileosakrale, Symphyse, Knochenfraktu-
ren)
Hauptangriffspunkte im pathologischen Ge-
Ansatzstellen tragender Sehnen und Bänder (Ru-
schehen: Knochen, Bewegungsapparat, Wirbel-
ta) am Bewegungsapparat
säule, Rücken, besonders während des Wachstums
physische und psychische Überanstrengung
147
Calcium phosphoricum
Besondere Indikationen der Tierhomöopathie: Für die Indikation einer Podotrochlitis oder Po-
dotrochlose mit oder ohne röntgenologische Ver-
Hund: Häufiges Mittel für Arthrosen des Ellbogen-
änderungen sollte immer zuerst die gesamte
gelenks, speziell nach Operation des Proc. anco-
Symptomatik für die Mittelwahl betrachtet wer-
naeus
den.
Rind: Hypokalzämie um die Geburt, Gebärparese

Pferd: Auftreibungen an den Epiphysenfugen jun- Die geschilderte Therapie für die Strahl-
ger Pferde beinlahmheit des Pferdes ist nicht im Sinn
häufiges Mittel bei subklinischer und chroni- einer „bewährten Indikation“ zu verstehen! Es
scher Strahlbeinlahmheit können dafür durchaus auch andere Mittel in-
frage kommen.

Physiognomie und Erscheinungsbild des Patienten


meist große und schlanke Tiere, aber auch dünne, zarte Extremitäten – im Vergleich zum
Zwergwuchs oder Entwicklungsstillstand Rumpf („Beine zu zart, um den Körper zu tra-
hochwüchsige Jungtiere (Calc., Nat-m., Phos., gen“)
Sulf.), oft mit schmalem Thorax spätes „Laufen Lernen“, spätes Aufstehen bei
schlaksige Bewegungen, groß, schmal und mager Neugeborenen (Sil., Caust., Nat-m., Calc. (Kalb),
großer Kopf mit dünnem Hals Phos. u. a.)
oft agile, magere, schlechte Futterverwerter (Ab- Neigung zum Frieren (nicht so auffallend wie z. B.
magerung, „Marasmus mit Heißhunger“, beson- bei Sil.!)
ders bei Jungtieren) Hund: verdickte Epiphysenfugen, oft erkennbar
zarte, kränkliche Jungtiere, Kümmerer (Lyc., nahe Carpus oder Knie; Carpalgelenk über-
Phos., Sil. u. a.) streckt, große, gespreizte Pfoten
oft rotes Fell, Rotfüchse unter den Pferden Pferd: häufig große, elegante, wohl proportio-
oft ein lebhafter, ungeduldiger „Irrwisch“, kann nierte Turnier- oder speziell Springpferde
nicht still sitzen oder stehen, dennoch schnell er- Abmagerung am Hals (Calc., Nat-m.)
schöpft Schweiß im Gesicht, speziell über den Augen
häufiges Verlangen, tief Luft zu holen (andere bei alten, erschöpften Pferden oft herabhän-
„Seufzermittel“: Ign., Bry., Calc., Lach., Sulf. u. a.) gende Unterlippe
häufig überstreckte Zehengelenke (Calc., Calc-f., eher Auftreibungen oberhalb der Fesselgelen-
Phos., Sep., Sulf.) und Gliedmaßenfehlstellungen ke oder an den Griffelbein-Epiphysenfugen
auffallend aufgetriebene schmerzhafte Epiphy- (nicht zu verwechseln mit traumatisch be-
senfugen und deren Entzündungen (Jungtiere) dingten Überbeinen oder Griffelbeinfraktu-
Epiphysenerkrankungen verbunden mit steifem ren!)
Laufen und dem häufigen Bedürfnis zu liegen Verschiebungen im Bereich von Schädelkno-
diese besonders während des Wachstums chen bei Pferden („Hörner“, ca. 1 cm große Er-
(„Wachstumsschmerzen“), aber oft auch später hebungen an den Knochensuturen der Stirn)
erkennbar könnten ein Leitsymptom für Calc-p. sein
Prädisposition zu Knochenfrakturen, oft aus ge- durchtrittige Fesselgelenke, evtl. überstreck-
ringfügigem Anlass tes oder vorbiegiges Carpalgelenk

Auffallende Zeichen und Symptome des Verhaltens


häufig übersensibel für emotionale Erlebnisse ruhelos (DD Tub., aber Tub. tendiert eher zur De-
lebhaft, unruhig, unbeständig, leiden unter Lan- struktivität!)
geweile, machen Unsinn, launenhaft alles besser durch dauernde Abwechslung
oft unglaublich verspielt, Knabbern, Zerren, zer- Beknabbern von Pfoten, Körperteilen oder Ge-
beißen alles Erreichbare genständen – im Sinn von „Daumenlutschen“
148
Calcium phosphoricum
(wie Nat-m., Calc., Lyc., Sil., Sulf.), evtl. Ursache will weg von zu Hause und wieder zurück nach
von Leck-Ekzemen an den Vordergliedmaßen bei Hause, läuft davon
Hunden (Leck-Ekzeme der Katze kann man als ei- rennt ziellos von einem „duftenden“ Baum zum
ne Art Masturbation verstehen!) nächsten („er liest im Buch der Natur“)
bei Überforderung oder fortgeschrittener Patho- wenn eingesperrt, macht er Unsinn, zerbeißt Sa-
logie müde, teilnahmslos, mürrisch chen aus Langeweile
oder reizbar wie Cham., schnell zornig, insbeson- lernt, verschlossene Türen zu öffnen, zerrt Tisch-
dere durch „Ungerechtigkeit“ oder „Wider- decken herunter usw.
spruch“
Schwäche durch irgendwelche Formen von Pferd
Schreck, Ärger, Schock („Beschwerden durch
schlechte Nachrichten“) wie Calc. Das Spektrum von Calc-p.:
bei Überforderung besser durch Alleinsein, vom spritzigen, temperamentvollen, aufgereg-
durch Ruhe ten Turnier- oder Rennpferd, mit bester athleti-
ängstlich, besonders abends, im Dunkeln scher Leistungsfähigkeit (Lyc., Sep., Caust., Nat-
Durchfall durch Aufregung oder Angst (u. a.) m., Lach., evtl. Phos. u. a.)
Verschlechterung durch physische und mentale über den „bockigen Gaul“, den niemand mehr
Anstrengung reiten kann, weil er sich wegen früherer Miss-
schwieriges Lernen, ⬍ durch „geistige Anstren- handlung gegen alles widersetzt (Caust., Sep.,
gung“ (z. B. zu viele Eindrücke in der Hundeschu- Phos., Nat-m., evtl. Lyc.)
le) zum erschöpften, mürrischen ausgemergelten
bei Überforderung abweisende Stimmung, lehnt Schulpferd (Caust., Nat-m.)
Zuwendung ab, will allein sein bis zum müden, gleichgültigen „Gnadenbrot-
Fressen wird verweigert z. B. durch Angstzustän- pferd“, ausrangiert wegen Lahmheit (Nat-m.)
de der häufige Ortswechsel auf Turnieren kann dem
Widersetzlichkeit durch allzu strenge Erzie- noch gesunden Calc-p. sehr entgegenkommen
hungsmaßnahmen oder Leistungsanforderun- die Besitzer sagen dann, er gehe auf den Turnie-
gen ren besser als zu Hause („besser durch Ablen-
kung“)
Hund Widersetzlichkeit durch zu viel Zwang („er-
trägt keine Ungerechtigkeit“, „reizbar durch Wi-
„Langeweile“, will von draußen ins Haus und derspruch“)
wieder nach draußen, „weiß nicht, was er will“ Widersetzlichkeit gegen (Hilfs-)Zügeleinwir-
unzufriedenes Jaulen, Unruhe, will dies und das, kung wegen „Steifheit der Cervicalregion“
verlangt dauernd nach Beschäftigung überforderte, „saure“ Pferde, die alles Gelernte
nervt die Besitzer und uns während der Anamne- verweigern
se Pferde, die im Gelände „absichtlich“ kehrt ma-
will herumstromern, dauernd unterwegs sein chen und schnellstens „nach Hause“ rennen
(„reisen“) – nicht nur, aber auch wegen Sexuali- Pferde, die den Reiter „absichtlich“ absetzen,
tät wenn er sich durchsetzen will

Leitsymptome des pathologischen Geschehens


Chronische Krankheiten: „Konstitutionelles“ Erkrankungen während des Zahnwechsels
Mittel auch für chronische „lokale Erkrankungen“ zu schnelles oder zu langsames Wachstum, teil-
des Bewegungsapparates. weise mit Abmagerung
Wachstumsstörungen im Bereich von Knochen-
Wachstum: häufiges Mittel für Probleme während
nähten: aufgetriebene oder entzündete Epi-
der Wachstumsphase (Hund: bis 11/2, Pferd: bis 6
physenfugen; sogar mit Epiphysenlösung
Jahre)
(Sil.) (stabilisierende Maßnahmen erforder-
Zwergwuchs, Hochwuchs, zu schnelles Wachs-
lich!); vorzeitige Verfestigungen im Bereich
tum bei Jungtieren
149
Calcium phosphoricum
der Schädelnähte, Ileosakralgelenk, Symphy- Hund
se; Folgen von Problemen im Knochenumbau,
bei Heilung von Knochenfrakturen (Calc., Sil., Arthrosen im Cubitalgelenk, z. B. nach Entfer-
Symph.); Wachstumsschmerzen, Rachitis, nung des Fraktursegments des Proc. anconaeus
schwacher Knochenbau Hüftgelenksarthrose (Lyc.) u. a. Arthrosen
Gliedmaßenfehlstellungen, Knochenverkrüm-
mungen, besonders bei Jungtieren (Calc., Sil., Pferd
Lyc.)
schwache, überstreckte Zehen- bzw. Carpalge- Schwäche und Abmagerung der Halsmuskulatur
lenke mit Disposition zu Verstauchungen Steifheit, Schwäche der Nackenmuskeln, kann
Disposition zu Knochenfrakturen, aus gering- den Kopf kaum heben (Fohlen, Jungpferd)
fügigem Anlass steife oder lockere Muskulatur an den Halsseiten
mit schlechter Heilungstendenz, unzureichen- Verspannungen der Halsmuskeln z. B. durch star-
de Kallus-Bildung (Symph.), besonders bei kes „Zusammenstellen“ oder durch falsch einge-
Jungtieren (Calc-c., Calc-f., Sil.) setzte Hilfszügel; solche Faktoren stören die Ba-
Hund: Frakturen des Proc. anconaeus aus gering- lance und das Zusammenspiel der stoßdämpfen-
fügigem oder nicht ersichtlichem Anlass; mit den Motorik der Vordergliedmaßen und schaffen
auch nach OP zurückbleibender Lahmheit, Epi- damit frühzeitig die Voraussetzungen für späte-
kondylitis, speziell ⬍ bei kaltem Wetter ren Verschleiß!
Pferd: Griffelbeinfrakturen trotz polsternder Ga- weiche Fesselung, überstreckte Zehengelenke,
maschen (Ermüdungsfrakturen); auch Gleich- „lockeres“ Carpalgelenk, evtl. mit Zittern
beinfrakturen durch Überanstrengung junger Periostitis und ähnliche Auftreibungen an Gelen-
Pferde (Galopper, Traber) ken, an Kondylen, insbesondere an den Zehenge-
lenken, Griffelbeinen („Remontenkrankheit“)
Bewegungsapparat: Schwerpunkt Kopf, Hals, Vor-
Lahmheiten durch Beschwerden der Zehenbeu-
dergliedmaßen – Beschwerden der Halswirbelsäu-
ger (Ruta)
le
Insertionstendinopathien (u. a. Mittel) am Unter-
Steifheit, Schwäche der Halsmuskulatur, beson-
stützungsband zur tiefen, oberflächlichen Beu-
ders durch Kälte und Zugluft (Dulc., Rhus-t.
gesehne, im Fesselträger-Apparat (wie Ruta)
u. a.)
Erkrankungen im Sinn der Strahlbeinlahmheit
Knochenauftreibungen bei Arthritis, Arthro-
(akut: eher Ruta), bestehend aus Bursitis, Inserti-
sen im Gelenkbereich, Periarthritis
onstendinopathie und Osteoporose des Strahl-
Hygrome, Synovitis (Calc., Sil.)
beins (Podotrochlose)
Erkrankungen besonders der Vordergliedmaßen,
empfindliche, „fühlige“ Hufe, Huflederhautrei-
Arthritiden an Schulter-, Ellbogen-, Carpal-
zungen (keine akute Laminitis!)
und distalen Zehengelenken
Schmerzen (meist) im distalen Bereich der Ze- Rücken: Verkrümmungen der Wirbelsäule
henbeuger (besonders Pferd) Spondylitis, Spondylose (infolge schwacher oder
Bursitis, Schleimbeutelzysten (z. B. Olecranon, überanstrengter Muskulatur)
Carpus) (Arn., Bry., Caust., Ruta, Sil.) Lumbago durch Überanstrengung (Rhus-t.)
Zysten (Ganglion, „Gallen“) im Bereich von Ge- Rückenschmerzen bei kaltem Wetter – durch
lenkkapseln (wie Ruta), Sehnenescheiden Zugluft
Schwäche der Gliedmaßen mit müdem, schlaf- Pferd: Rückenprobleme bei jungen, angerittenen
fem Gang, ohne energische Dynamik Pferden mit schwacher Rückenmuskulatur;
Lahmheiten ⬍ durch Bewegung, ⬍ im Freien, Verletzungen, Verspannungen der Wirbelsäule
⬍ bei kaltem, windigem Wetter durch schwere Reiter („schweres Heben“);
keine oder nur unbedeutende Besserung durch „Kissing Spines“ (Ruta); Verspannungen durch
Einlaufen (!) falsch eingesetzte Hilfszügel, schlechtes Rei-
auffallende Kälte der Extremitäten ten; Rückenverspannungen, „Schiefheit“; Be-
chronische Schmerzen in alten Knochenfraktu- schwerden der Ileosakralgelenke
ren, besonders bei kaltem Wetter
Atemwege: Neigung zu tiefen Atemzügen, „Seuf-
Huf-, Klauen-, Krallengeschwür mit Periostbetei-
zen“
ligung
150
Calcium phosphoricum
Rachenkatarrh chronisch, Tonsillitis, Pharyngitis Hypokalzämie, Gebärparese (Mag-c.), Schwäche
Hypertrophie, Schwellung der Kehlgangslymph- der Hinterhand
knoten (Calc-c.) Harnwege: häufiger Harndrang, Schmerzen in
Husten, evtl. mit Dyspnoe, ⬍ durch Anstrengung, Harnröhre
⬍ während des Zahnwechsels Phosphaturie – Glomerulonephritis
Hund: Atemwegssymptome bei Analfisteln
Genitalien: verzögerte Geschlechtsreife, Infantilis-
Verdauungsapparat: Maul: verzögerte Zahnung mus genitalis (eines der wichtigsten Mittel)
oder Zahnwechsel; schneller Zahnverfall, schlechte Zyklusstörungen, verminderte Libido, Sterilität
Zähne bei Jungtieren Senkung des Uterus, Prolaps, dadurch Schmer-
Magen: Indigestion nach zu kalter Tränke; zen im Ileosakrale!
Milchunverträglichkeit bei Jungtieren (Calc-c., eiweiß-, cremeartiger Fluor (Nat-m.)
Magnesium-Mittel, Nat-p. u. a.); verweigert heftige sexuelle Reizbarkeit
Muttermilch (Calc., Sil.), Erbrechen von Mut- Nymphomanie, unwiderstehliches sexuelles
termilch; ausdrückliches Verlangen nach Fut- Verlangen, heftige Masturbation, ⬍ in Laktati-
ter nachmittags 16 Uhr; empfindlicher, leicht on
verdorbener Magen, Übelkeit, Erbrechen sexuelle Reizbarkeit sogar bei Kastraten (Wal-
Hund: oft Verlangen nach Speck, Schinken, evtl. lach)
Fisch; Übelkeit beim Autofahren (u. a.) Schwäche nach langem Stillen („Säfteverlust“)
Pferd, Rind: oft Verlangen nach Salz bzw. Leck- mit rheumatischen Beschwerden (China, Nat-
stein m.)
Abdomen: blutige Absonderung aus dem Nabel Gebärparese der Kuh (Mag-c.)
bei Neugeborenen (Calc.); Nabelkoliken, Stute: fehlende Leistungsfähigkeit zum Reiten
Bauchschmerzen durch Blähungen; häufig nach Abfohlen; Kind verweigert die Mutter-
stinkende Flatulenz; Bauchschmerzen vor dem milch wegen salzigen Geschmacks
Kotabsatz; Durchfall – auch chronisch – he- Milchkuh: unklare, subklinische Eutererkran-
rausschießend, herausspritzend, Entleerung kungen (erhöhte Zellzahl)
mit viel Blähungen; Durchfall bei Welpen, Käl-
Haut: trocken, gereizt, schnell wund
ber, Fohlen („Säuglingen“); Kot grünlich und
schlechte Narbenbildung, Narben brechen auf,
locker, schleimig, evtl. auch mit kleinen wei-
Hautausschläge auf Narbengewebe
ßen Punkten (wie Phos.); Durchfall durch Auf-
Urtikaria durch Kälte, nach (kaltem) Baden
regung; Durchfall stinkend nach Verwesung
juckende Hautausschläge (u. v. a.)
Anus: Wundheit, Analfisteln, Analfissuren, Ju-
Fisteln, Ulcera
cken; schwieriger Kotabsatz (z. B. Pferd: Schla-
Schweiß an einzelnen Körperteilen
gen mit dem Schweif, Stehenbleiben zum Mis-
ten) Schlaf: häufiges Strecken und Gähnen (Caust., Ign.,
Nux-v., Rhus-t. u. a.)
Stoffwechselstörungen: im Ca-P-Metabolismus
matt am Morgen (Calc., Lyc. u. a.) (,Morgenmuf-
beim Rind (leichte Milch-Rassen, Calc-c.: eher für
fel‘)
solche von Fleisch-Rassen) und Schwein
Blut: Anämie, Leukämie

Auslöser und Modalitäten


Modalitäten: ⬍ durch alle Vorgänge, die mit ⬍ linke Seite
Wachstum und Anstrengung zu tun haben: ⬍ durch Nässe und Kälte, ⬍ durch nasskaltes
⬍ während des Wachstums; ⬍ während des Zahn- Wetter, ⬍ durch Ostwind
wechsels ⬍ Schneeschmelze, ⬍ Schneeluft (Sep.)
⬍ durch Überforderung beim Lernen, bei psy- ⬍ durch Angst (= Anstrengung)
chischem Stress, Leistungsdruck, Prüfungen; ⬍ durch schlechte Nachrichten (s. oben)
⬍ durch Verlust von Körperflüssigkeiten; ⬎ im Sommer, ⬎ bei trockenem, warmem Wetter
⬍ durch Operationsfolgen
151
Calcium phosphoricum
⬎ im Liegen sexuelle Überanstrengung
⬎ Abwechslung Kummer – unerwiderte – enttäuschte Liebe
Verlangen nach Salzigem, Speck unerfreuliche Nachrichten (s. oben)
Appetit vermehrt 16 Uhr
Komplementär zu Ruta, DD evtl. Tub., Calc-f.
Auslöser: zu schnelles Wachstum (Phos.) Erkrankungen der Diaphysen: Conchiolinum
allgemein ⬍ durch Anstrengung (Calc. + Phos.!) Sil.: mehr Neigung zu Hautentzündungen, Eite-
physische Überanstrengung durch Heben, An- rungen, Obstipation, dicker Bauch, Frieren,
strengung der Bewegungsorgane mehr Schweiß
Kalt- und/oder Nasswerden
geistige Anstrengung, durch überfordernde Lern-
prozesse

Ausgewählte Fallbeispiele
Fuchswallach – men durch eine renommierte Pferdeklinik ergaben
keinen klaren Befund.
Entwicklungsrückstand Nun soll als letzte Möglichkeit die Homöopathie
(Fall von Dr. Hartmut und Christiane Krüger aus herhalten.
1984)
Untersuchung
Der in der Entwicklung zurückgebliebene und ab-
gemagerte 2-jährige bayerische Warmblut-Fuchs- Motilität der Halswirbelsäule o. B. Das Pferd wird in
wallach wurde aus Mitleid aus einem vom Tier- Trab und Galopp im Auslauf bewegt. Dabei fällt auf,
schutzverein aufgelösten Pferdebestand gekauft. dass der Fuchs den Kopf offensichtlich nicht höher
Trotz guter Fütterung wollte er nach 3 Monaten im- als bis zum Schultergelenk heben kann. Wenn man
mer noch nicht an Gewicht zunehmen. ihn manuell höher heben will, lastet dieser mit vol-
Der Besitzerin fällt auf, dass ihr Pferdchen immer lem Gewicht auf unserem hebenden Arm – ohne
den Kopf hängen lässt, immer mit dem Kopf nahe Abwehr.
am Boden herumläuft, als würde es sich ständig Außer einem bisher immer heftig heraussprit-
„zum Fressen niederbücken“. In seiner ersten Box zenden, grünlichen Durchfall und häufigem Blä-
mit einer Krippe, die für ein Pony extra niedrig hungsabgang sind keine klinischen Symptome zu
montiert war, habe es sein Kraftfutter gut aufge- finden.
nommen. Der Fuchs habe stets sehr gierig alles leer Die Rangordnung unter den Artgenossen ist so
gefressen, weil er ja „kurz vor dem Verhungern“ ge- tief, dass der Fuchs auf eine isoliert eingezäunte
wesen sei. Weide gestellt worden ist. Gegen die Angriffe sei-
Nach Umstellung in eine andere Box mit einer ner Kollegen auf der früheren gemeinsamen Weide
Krippe für Großpferde habe er scharrend und krat- habe er sich zwar heftig zur Wehr gesetzt, sei aber
zend vor der vollen Krippe gestanden, sei aber gar trotzdem immer wieder von den anderen Pferden
nicht ans Futter herangegangen. Er warf den Kopf gebissen und verletzt worden.
mit angelegten Ohren hin und her; anfangs wusste
keiner, was man davon halten sollte, bis endlich ein Symptome
Mädchen auf die Idee kam, ihm sein Kraftfutter auf
den Boden zu streuen. Das war also der Trick, den ,Abmagerung bei Heißhunger‘, ,kann nicht den
Fuchs wieder zum Fressen zu bringen. Kopf halten‘, ,Schwäche der Cervicalregion‘, ,Stuhl
Aber auch nach einer Wurmkur und reichlichen spritzt heraus‘, ,Stuhl grün‘, ,Durchfall chronisch‘
Kraftfuttergaben wollte aus dem „Kleiderständer“ ergeben als einziges Mittel Calcium phosphori-
kein Pferd werden, obwohl er vom Verhalten her cum, das in der XM per os als einmalige Dosis gege-
lustig, frech und übermütig war. ben wird.
Schließlich habe man eine Verletzung der Hals- Nach 4 Wochen kommt die Rückmeldung: Der
wirbelsäule vermutet. Doch die Röntgenaufnah- Fuchs trage nun seinen Kopf in derselben Höhe wie
152
Calcium phosphoricum
die anderen Pferde, er könne jetzt auch aus der nor- Im Laufe weiterer Diagnostik, auch mit diagnos-
malen Großpferdekrippe fressen. Es sehe so aus, als tischen Injektionen, wurde dann die Podotrochlose
habe er „schon an Substanz zugelegt“. Der Kot sei festgestellt und eine Neurektomie vorgeschlagen.
jetzt richtig „geapfelt“. Brandy habe schon immer ,fühlige‘ Hufe – Hufle-
Etwa ein Jahr später hören wir, der Fuchs habe derhautreizung – und wurde deshalb mit Leder-
sich wider Erwarten „zu einem phantastischen sohle zwischen Huf und Eisen beschlagen. Damit
Pferd entwickelt“. sei er auch auf hartem Boden gut gelaufen.
Wesentlich später erfuhren wir, der Fuchs sei auf
Material-Prüfungen bereits hoch bewertet worden. Homöopathische Anamnese

Brandy empfängt uns ganz vergnügt in seinem Pad-


Zusatzbemerkung: Selbst wenn ein Be-
dock vor der Box, geht aber gleich wieder hinein,
fall mit Kokzidien die Ursache für den
weil es draußen wirklich gießt: Sturm und Niesel-
chronischen Durchfall mit Abmagerung gewe-
regen und ein durchweichter Reitplatz lassen keine
sen sein sollte, ist das kein Grund, von diesem
Untersuchung im Freien zu. Die Reithalle sei mit
Therapie-Konzept abzuweichen. Kokzidien sind
Unterricht belegt.
bekanntlich eine Folge von gestörter Darmflora,
Also kann Brandy nur kurz draußen vorgetrabt
die am besten durch das passende Simile in Ord-
werden: Es ist eine deutliche Stützbeinlahmheit
nung gebracht wird.
vorn links erkennbar.
Der Rest der Anamnese spielt sich in Brandys Box
ab, was sich etwas schwierig gestaltet: Brandy
nimmt intensiven Anteil an meinem Gespräch mit
Irländer-Wallach Brandy – der Besitzerin: Nachdem er diese vergebens nach
Strahlbeinlahmheit zusätzlichen Leckerli untersucht hat, gilt seine un-
geteilte Aufmerksamkeit meinen Sachen: Jacke
11-jähriger Irischer brauner Halbblut-Wallach, ein und Schuhe werden berochen, dem angelnden Vor-
kräftiger Riesenathlet mit mehr als 170 cm Stock- derhuf kann ich mich gerade noch entziehen.
maß. Schließlich hat er es auf meinen Schreibblock ab-
Er gehört seit ca. 5 Jahren zu seinen Besitzern, gesehen. Er ist unaufhörlich in Bewegung und geht
war beim Ankauf noch fast ungeritten. im Kreis um mich herum, versucht immer wieder
Er wird zum ersten Mal vorgestellt am 10. April an meiner Schreibmappe zu knabbern, steht mir
1998 wegen nachgewiesener Podotrochlose. dabei auf dem Fuß oder schlägt mir seinen Schweif
Er gehe seit ca. 5 Monaten vorn links lahm. um die Ohren. Die Besitzerin versucht ihn am Half-
Er ist Hobbypferd von Frau und Herrn A., ist ter festzuhalten – ein Ding der Unmöglichkeit.
schon Springkonkurrenzen bis 1,20 m gegangen Schließlich bitte ich sie, mit Brandy in einer Bo-
und kleinere Dressurprüfungen. xenecke zu stehen, während ich auf seiner Krippe
Im letzten November habe er sich an einem Cava- meine Notizen machen wollte.
letti angeschlagen. Am nächsten Tage sei er nach 10 Aber Brandy steht keine Sekunde still. Die ener-
Minuten Reiten stark lahm gegangen, besonders in gische Schimpfe und das Drohen mit der Gerte
verstärkten Gangarten. nimmt Brandy zum Anlass, entsetzt schnarchend
Der zugezogene Tierarzt vermutete eine Tendini- beiseite zu springen und mich dabei fast über den
tis im Unterstützungsband zum tiefen Zehenbeu- Haufen zu rennen.
ger. Die Ultraschalluntersuchung brachte aber kei- Brandys Charakter schildert Frau A. als ruhig –
nen Befund. außer wenn etwas los sei – so wie jetzt.
Brandy bekam 2 Wochen Ruhe verordnet. „Wenn irgendwo etwas herumliegt, was gestern
Anfangs ging er lahmheitsfrei, aber nach Belas- noch nicht da lag, kann er wilde Tänze aufführen.
tung stellte sich die Lahmheit wieder ein. Aber wenn er in dem Moment etwas anderes sieht,
Nachdem sich das dreimal wiederholt hatte, ist das erste vergessen und uninteressant. Er ist ei-
wurde geröntgt und eine Szintigraphie an der Uni- ne Mimose, aber eine besondere Sorte. Donnernde
versitätsklinik in Bern vorgenommen, mit unkla- LKWs auf der Straße sind z. B. uninteressant, die
rem Befund. gibt es jeden Tag. Aber wenn jemand eine Schub-
karre mit Hindernisständern in 20 m Entfernung
153
Calcium phosphoricum
über eine Bodenunebenheit fährt, dann explodiert Gegen Insekten ist er empfindlich: Das Brummen
er. Die vorbeifahrende Eisenbahn hat ihn einmal kann ihn richtig ärgern, er schießt dann mit ange-
zum Durchgehen gebracht, nachdem er sie vorher legten Ohren hinter der Bremse her. Wenn im Som-
schon ein paar Mal ignoriert hatte. Als er seinen mer die Mücken oder Bremsen fliegen, kann man
Zunder abgelassen hatte, fiel er in den Schritt und ihn nur in der Halle reiten; er ist pausenlos am
ging weiter, als wäre nichts gewesen. Oft genug be- Schütteln und Schlagen.
nimmt er sich wie ein ungezogenes Spielkind.“ – Beim Hufschmied ist er brav.
Brandy macht es gerade vor: Er hat den roten, lang Wenn er gerade liegt, braucht er manchmal lan-
herunterhängenden Schal seiner Besitzerin im ge, bis er sich dann entschließt, endlich aufzuste-
Maul und zieht daran. Er springt entsetzt beiseite – hen. Manchmal muss ich ihn dann mit der Gerte
mit dem Schal im Maul. Die entsprechende Hektik auftreiben.
von Frau A. regt ihn noch mehr auf, aber Brandy Durch den Sattel bekommt er leicht Scheuerstel-
setzt keinen Huf nach draußen in den Regen. len im Fell.
Schließlich taucht vor der Box Frau A.’s Hund auf, Beim Putzen hat er sich manchmal richtig affig,
groß, nass und voller Sand. Er springt beiseite vor meistens ist er ungeheuer kitzlig. Aber wenn er et-
Brandys Sätzen und steht nun jaulend vor der offe- was anderes Interessantes sieht, kann er wie ein
nen Box. Standbild still stehen.
Brandy sieht ihn mit gespitzten Ohren und stürzt Wenn wir zur Futterzeit vom Reiten noch nicht
plötzlich mit flach angelegten Ohren auf ihn los. wieder im Stall sind, dann kann er wahnsinnig auf-
Frau A., die ihn noch am Halfter hält, wird wieder in drehen und ist kaum zu halten. Am liebsten würde
der Box herumgewirbelt, und ich versuche, meine er dann im rasenden Galopp in seine Box stürmen.
Schreibblätter zu retten. Beim Reiten ist er ausgesprochen eigenwillig. Für
Frau A. schimpft lauthals mit ihrem Pferd. Brandy einen Anfänger ist er ungeeignet. Vom Reiter ver-
schaut sie mit pfiffigem Gesichtsausdruck von weit langt er eine ganze Menge, am meisten einen siche-
oben herab an. ren Sitz und ungeteilte Aufmerksamkeit. Jede
„Brandy frisst alles. Sofort nach dem Reiten geht kleinste Gelegenheit nutzt er aus, um irgendwel-
er an die Tränke. Ich glaube, er trinkt ziemlich viel. chen Unsinn zu machen. Wenn man ihn korrekt rei-
Er hatte schon immer Schwierigkeiten, sich un- tet, kann er enorm gut springen.“
terzuordnen. Wetter? – „Darüber kann ich nicht viel sagen, er
Er wurde von einer sehr guten Dressurreiterin ist keinen Tag gleich zu reiten. Seine Launen und
ausgebildet und versuchte bei jeder Gelegenheit das Durchsetzungsvermögen des Reiters besti