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1.

 Topologie
Andreas Mahler

1. Primat der Relation

„Man kann sich fragen,“ so eine Überlegung des Tartuer Semiotikers und Litera-
turtopologen Jurij Lotman, „ob der Satz ‚Er hat das Höchste erreicht‘ auch für eine
denkende Fliege oder für jemanden, der in einer schwerelosen Umgebung aufge-
wachsen ist, ohne weiteres verständlich wäre.“ (2010, 175) Verständlich wäre der
Satz vielleicht gerade deshalb nicht, weil ihm von den genannten Instanzen kaum
ereignishafte Semantik zuschreibbar wäre; wer sich scheinbar mühelos und frei
zwischen ‚unten‘ und ‚oben‘ bewegt, besetzt die Differenz kaum mit Valorisierun-
gen, welche die vermeintlich gegebene ‚Welt‘ entscheidend prägten: statt Diffe-
renz besteht weithin nichts als Indifferenz. Unter den Relationen ‚nah‘ – ‚fern‘,
‚vorne‘ – ‚hinten‘, ‚unten‘ – ‚oben‘ wäre mithin für die Fliege letztere mutmaßlich
die unerheblichste. Dies ist für den Menschen anders. Für ihn ist die Schwer-
kraft einschränkende Bindung an den Boden und der Ausbruch nach oben mög-
liche Befreiung aus dem Zwang. Vor diesem Hintergrund ist das Erreichen des
‚Höchsten‘, der ‚Aufstieg‘, die Option, es ‚bis ganz nach oben geschafft‘ zu haben,
anders. Dies benennt ein entscheidendes Problem wissenschaftlicher Raumbe-
schreibung. Als Beobachter und Involvierter ist der Mensch immer schon Teil des
von ihm beschriebenen Raums, immer schon im Raum verortet wie vom Raum
abhängig, und er erscheint unweigerlich als dessen Element. Damit ist aber in
der Regel die Entscheidung über die konzeptuelle Vorstellung vom Raum vor aller
Untersuchung bereits gefallen: der Raum erscheint von Anbeginn als ein konkre-
ter, physikalischer Raum, ein vom Menschen genutzter und für ihn gemachter,
als ein ‚etwas‘; und dieses etwas ist, wie Einsteins berühmte Formulierung es
benennt, am plausibelsten vorstellbar als „Schachtel“, wie ein aus Elementen
bestehender und Inhalte aufnehmender und ordnender – letzthin anthropozen­
trisch ‚aufräumender‘ – Container (1988, 93).
Dies Problem unbemerkter Beobachterinvolviertheit zu umgehen sucht aus
raumanalytischer Sicht ab etwa der Mitte des 19. Jahrhunderts die insbesondere
von Johann Benedict Listing als Teildisziplin der Mathematik intensiv propagierte
Topologie (Günzel 2007, 21–23; Nunold 2012). Statt der vermeintlich unhinter-
gehbaren, scheinbar natürlichen Innensicht verschreibt sie sich versuchsweise
einem strikten utopischen Blick von außen; statt eines vorschnellen Schlusses
aufs Konkrete vorweg einer grundsätzlichen Abstraktion. In logisch-mathemati-
schem Sinn gilt als ‚Struktur‘ die Menge aller Relationen, als ‚System‘ die Menge

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aller Relationen plus der Menge der Elemente (Piaget 1987, 5–32). Eine Struktur
ist also ein System ohne Beachtung der Elemente. Genau hier  – im unbedach-
ten voreiligen Einbezug immer schon auch der Elemente – liegt der Kurzschluss
der auf den Menschen zentrierten Raumbeschreibung, denn sie erfasst den Raum
immer schon lediglich als anthropozentrisches System. Doch ist Raum topolo-
gisch womöglich zuallererst nichts als Struktur. Dies meint Gilles Deleuzes Rede
vom ‚reinen spatium‘: „Was struktural ist,“ formuliert Deleuze in dezidiertem
Mathematismus, „ist der Raum, aber ein unausgedehnter, prä-extensiver Raum,
reines spatium, das sich nach und nach als Ordnung der Nachbarschaft heraus-
gebildet hat und in dem der Begriff der Nachbarschaft zunächst einen ordina-
len Sinn hat und nicht eine Bedeutung in der Ausdehnung.“ (2003, 253) Raum
ist mithin nicht schon Reduktion auf seine konkreten Ausfüllungen: konkretes,
benennbares, begehbares spatium, sondern vor aller Besetzung überhaupt erst
einmal die Möglichkeit einer nachbarschaftlichen Verhältnishaftigkeit, einer auf
Ordnung richtbaren wie gerichteten Inbezugsetzung, dynamisierender Relatio-
nierung. Vor aller ‚semantischer‘ Füllung (→  2.  Topographien) wie auch ‚prag-
matischer‘ Nutzung (→  3.  Dynamisierungen) ist der Raum dementsprechend
zunächst einmal im semiotischen Sinn bloßer ‚syntaktischer‘ Ermöglichungs-
grund (Morris 1981, 324–328). In seiner ganzen ‚reinen‘ Abstraktheit formt er so
die Elemente, durch deren Relationen er scheinbar erst beschreibbar wird; was
der gesunde Menschenverstand intuitiv als richtig anerkennt, wird gedreht: nicht
gibt es scheinbar natürlicherweise erst im Raum Objekte und dann zwischen
ihnen mögliche Relationen, sondern die Relationen prägen ihrerseits die Objekte
allererst mit aus. Die Dinge sind nicht immer schon im Raum, sondern der Raum
macht auch die Dinge. Dies meint die Rede vom Primat der Relation.
In solcher auf Piaget, Foucault, Deleuze, nicht zuletzt auf Cassirer aufbau-
ender topologischer Sicht erscheint Raum mithin zunächst einmal ganz abstrakt
als ‚heterogenisierende Relationalität‘ (Ott 2003, 113–118). Das reine spatium ist
nichts als eine schiere Menge unterschiedlichster Vektoren; nicht ausgedehnte
Fläche, nicht räumliches Kontinuum, nicht integrales Behältnis von und für
etwas, sondern in aller ‚ordinaler Nachbarschaftlichkeit‘ abstrakte Ansammlung
denkbarer Relationen: einfacher vektorieller Relationen wie ‚vorne‘  – ‚hinten‘,
‚nah‘  – ‚fern‘, ‚unten‘  – ‚oben‘, ‚links‘– ‚rechts‘, ‚innen‘  – ‚außen‘, aber auch
zunehmend nicht-euklidisch komplexer und paradoxaler Relationen wie der des
Netzes, des Rhizoms, des Knotens, der Kante, der Umstülpung, des Torus oder
der Möbius’schen Fläche (→ 24. Nicht-euklidische Räume). Dies bezeugt überdies
zugleich den in Aussicht stehenden Wissenszuwachs topologischen Denkens.
Denn erst bei solchem Abstraktionsgrad entbirgt sich etwa die topologisch aus-
gerichtete Erkenntnis ‚struktureller Homologie‘  – relationaler Äquivalenz trotz
scheinbar divergentester substantieller Füllung –, wie sie sich niederschlägt im

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epistemologischen Weg vom im Foucault’schen Sinne ‚positivistisch‘ dokumen-


tierenden ‚Archiv‘ zum struktural relationierenden ‚Diagramm‘ (Deleuze 1992).

2. Topologie und Kognition

Ist Raum aus topologischer Sicht zunächst nichts als ‚heterogenisierende Rela-
tionalität‘, so streben anthropologische Akte der Raumaneignung in der Regel
konstruktivistisch hin auf Aspekte seiner möglichen Homogenisierung. Bei
unserer Geburt – ihrerseits schon topologisch beschreibbar als mysteriöse Trans-
formation eines ‚Innen‘ in ein ‚Außen‘ – driften wir unversehens in ein Meer von
unverstandenen Relationen. Zunächst in der Tat umgeben von nichts als ‚reinem
spatium‘, von undeutbar rauschenden, im wörtlichen Sinne ‚prä-positionalen‘
Ereignissen ‚über‘, ‚unter‘, ‚hinter‘, ‚vor‘, ‚neben‘ wie auch ‚in‘ unserem Körper,
suchen wir kognitiv nach ‚Anhaltspunkten‘ räumlicher Orientierung, nach Optio­
nen verortender Erfassung, der eigenen ‚Positionierung‘. Verlässlichster Anker
hierfür wird uns alsbald der Körper selbst als Zentrum unseres Erlebens; intuitiv
willkürlich setzen wir ihn als scheinbar einzig fixen Bezugspunkt: als supposi-
tionalen Nullpunkt ‚unserer‘ Welt. Dies ist die erkenntnisversprechende Falle
eines räumlichen Vorurteils, des unseren Zugriff auf ‚Welt‘ pragmatisch prägen-
den „anthropocentric bias“ (Levinson 2003, 9–14); es ist der Auftakt eines inten-
siven Homogenisierungs- und Synchronisierungsprozesses, welcher allererst
alle Wahrnehmung in Relation setzt zu uns selbst als trotz aller Prekarität und
Willkür womöglich verlässlichster Konstante inmitten einer Fülle vermeintlich
unkontrollierter und unkontrollierbarer direktionaler Dynamiken: etwas kommt
‚auf mich zu‘, geht ‚von mir weg‘, ist (nicht nur im Freud’schen Sinne) ‚fort‘ und
wieder ‚da‘, ist ‚nah‘ und mit einem Mal ganz ‚fern‘.
Hierüber etabliert sich aus kognitiver Sicht eine erste topologische Achse; es
ist dies die Achse von ‚nah‘ und ‚fern‘, ‚hier‘ und ‚dort‘, in rudimentärster Form
vielleicht erst einmal diejenige von ‚Ich‘ – ‚Nicht-Ich‘. Indem ich lerne, Dinge an
mich herankommen zu lassen, sie von mir zu werfen, sie in mittlerer Distanz
zu betrachten, sie herbeizuwünschen wie mich ihrer dadurch als unangenehm
zu entledigen, dass ich sie ‚verschwinden‘ lasse, beginne ich mich differenziert
zu ihnen ins Verhältnis zu setzen und etabliere auf diese Weise eine Fülle von
Relationen, die mich selbst wiederum mitverorten. Im Lauf der Zeit spaltet sich
die so etablierte Nah-Fern-Achse zudem in eine horizontale und eine vertikale
Variante. Das ferne Objekt kann ebenso weit ‚hinten‘ wie weit ‚unten‘ oder ‚oben‘
sein. Gefördert wird dies durch die zunehmend ins Bewusstsein tretende Erfah-
rung der Schwerkraft. Momente des Stolperns, Fallens, Entgleitens, Verlierens

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bezeugen eine zusätzliche vertikale Verhältnishaftigkeit. „Das Zusammenspiel


zwischen der Erdanziehungskraft, dem durchschnittlichen Gewicht des Men-
schen und seiner vertikalen Körperhaltung“, so noch einmal Jurij Lotman, „hat
den in allen Menschheitskulturen vorhandenen Gegensatz von oben und unten
hervorgebracht, mit den dazugehörigen inhaltlichen (religiösen, politischen,
moralischen usw.) Interpretationen.“ (2010, 175) Zugleich spezifiziert sich die
horizontale Achse zum einen anthropologisch, gemäß unserer dominant visuel-
len Wahrnehmung als „Sehtiere“ (Bühler 1982, 127), in ein den perspektivisch
bedingten menschlichen Wahrnehmungsausschnitt stärker berücksichtigendes
‚Vorne‘ – ‚Hinten‘, welches dem von Bühler so genannten „Körpertastbild“ (129;
Herv. i. O.) entspricht und die Achse gewissermaßen nach einem unsichtbaren
‚Hinten‘ verlängert; zum anderen spezifiziert sie sich zunehmend kulturell über
welthermeneutische semantische Besetzungen, welche aus dem Nah- bzw. Innen-
raum einen Raum des Vertrauten, Eigenen, und aus dem Fern- bzw. Außenraum
einen Raum des Fremden, Bedrohlichen, Zivilisationslosen zu machen suchen.
„Am Beginn jeder Kultur“, so ein weiteres Mal Jurij M. Lotman, „steht die Ein-
teilung der Welt in einen inneren (‚eigenen‘) und einen äußeren Raum (den der
‚anderen‘). Wie diese binäre Einteilung interpretiert wird, hängt vom jeweiligen
Typus von Kultur ab, die Einteilung an sich aber ist universal.“ (2010, 174)
Kognitiv erstellen wir uns so Schritt für Schritt ein topologisches Modell von
unserer Welt (→  9.  Räume des Wissens). Es ist Zeichen wie Ausdruck unserer
tiefen, basalen topologischen Verankerung in der Welt: „Auf eine sehr grund-
sätzliche, aber schwer faßbare Art und Weise ist unsere eigene Identität unlösbar
mit der Kenntnis der räumlichen Umwelt verbunden.“ (Downs und Stea 1982, 49)
Interaktive Fort-da-Spiele, die Erfahrung der Gravitation, der Zuschnitt unseres
Gesichtsfelds wie Körpertastbilds, Furcht und Bedenken vor dem Unbekannten
und Akzeptieren des Vertrauten spannen uns mithin in ein Feld von Welterfah-
rungen, welches alles von uns Erlebbare euphorisch lokalisier- wie projizierbar
werden lässt im Raum. Dabei setzen wir uns vermeintlich ‚egozentrisch‘ (Bühler
1982, 131) am Schnittpunkt der erfahrenen topologischen Achsen als jeweiliges
individuelles Weltenzentrum, vor dem sich, scheinbar in Exklusivität von uns
ausgehend, ein das ‚reine spatium‘ strukturierendes Netz möglicher Vektoren, ein
Rhizom potentieller Relationen entspannt. Auf diese Weise entsteht für uns über
die Achsen ‚oben‘ – ‚unten‘, ‚innen‘ – ‚außen‘, ‚vorne‘ – ‚hinten‘ ordnungshalber
ein dreidimensionales Orientierungs- und Verfügungsmodell der Welt, welches
uns topologisch weitgehend so plausibel scheint, dass es uns handlungsmächtig
werden lässt. Hierin artikuliert sich unsere weltkonstruierende ‚kognitive Matrix‘
(Mahler 2004). Über die im sogenannten ‚Spiegelstadium‘ aufbrechende Erkennt-
nis unserer mutmaßlichen Egozentrik als einer über die Kluft einer Spiegelung
lediglich gewähnt zentrischen, im eigentlichen Sinne aber körperliches ‚Ich‘-Sein

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und geistiges ‚Ich‘-Bewusstsein fundamental scheidenden, ‚exzentrischen Posi-


tionalität‘ (Plessner 2003, 360–425) bezeugen wir uns auf grundlegende Weise
topologisch unsere genau über dieses Intervall bestimmte, repräsentierende
Materialität und repräsentierte Vorstellung paradoxal koppelnd ineinssetzende –
und uns somit eigentlich unvorstellbare, in der Latenz zu haltende – ‚metalepti-
sche Existenz‘ (Mahler 2012, 251).

3. Topologie und Sprache

Karl Bühler hat diese topologische Verhaftetheit menschlicher Befindlichkeit aus


sprachlicher Sicht theoretisiert unter dem Begriff der ‚Origo‘ (1982, 102–148). Die
Origo als vermeintlicher Ursprung und Navigationszentrum unserer sprachli-
chen Existenz vereint illusionshaft alle situationsabhängigen Elemente des Spre-
chens – die Deiktika des von Bühler so genannten ‚Zeigfelds‘ – am Schnittpunkt
von ‚hier‘, ‚jetzt‘ und ‚ich‘ (→ 4. Deixis). Dabei konstituiert sich die Origo des Spre-
chens für jeden Einzelsprecher wie für jeden einzelnen Sprechakt stets neu. Jedes
Sprechen findet im ‚Hier‘ und ‚Jetzt‘ statt, und jedes Sprechen präsupponiert ein
‚Ich‘. Damit ist jedes Sprechen immer zugleich auch raumdeiktisch gebunden an
den (anwesenden) Körper des Sprechenden, auf den die kognitiv erspielten topo-
logischen Achsen immer schon vermeintlich zulaufen (Levinson 1983, 79–85).
Die kognitive Illusion des Zentrischen wird mithin sprachlich immer schon ent-
sprechend markiert, verankert, begleitet und gestützt, zuweilen aber auch in
zumindest für Zentraleuropäer ungewohnter Weise verändert und verschoben
(Levinson 2003; Levinson und Wilkins 2006).
Über die Lokaldeiktika hinaus verfügt die Sprache in der Regel zudem über
eine Fülle räumlicher Ausdrücke zur Artikulation an sich nicht-räumlicher Sach-
verhalte. Dies hat man zu theoretisieren versucht unter dem Begriff einer „Sprache
räumlicher Relationen“ (Lotman 1972, 313). Alltagssprachlich rekurrieren Wen-
dungen wie ‚wer trinkt, sinkt‘, ‚sie trägt das Herz am rechten Fleck‘, ‚das war ganz
schön link‘, ‚hinter jedem erfolgreichen Mann steckt eine starke Frau‘, ‚die eigent-
liche Gefahr kommt von rechts‘, ‚du bist der Gipfel meiner Träume‘, ‚nichts liegt
mir ferner, als Ihnen zu schaden‘, ‚das war unterste Schublade‘, ‚da muss man
drüber stehen‘ etc. genau auf das skizzierte unausgesprochene Koordinatensys-
tem, welches sich aus den frühkindlichen kognitiven Relationserfahrungen als
plausibel navigierbares Welterklärungsmodell etabliert zu haben scheint. Dabei
sind solche Wendungen allererst topologisch zu verstehen und nicht unmittelbar
konkret topographisch; kaum jemand denkt bei den ‚Oberen Zehntausend‘ direkt
an einen Oben-Raum, kaum einer imaginiert einen NPD-Funktionär im rechten

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Eck oder einen Hinterwäldler hinterm Wald. Vielmehr scheint es zuvörderst um


ein komparativisch-direktionales Verhältnis entlang den supponierten Achsen zu
gehen: der Reiche erscheint ‚höher als‘ der Arme, der Nationaldemokrat ‚weiter
rechts‘ im Verhältnis zum Konservativen, der Hinterwäldler ‚weiter weg‘ von ver-
meintlich anerkannter Norm. Weniger wichtig ist mithin nochmalig die konkrete
Verortung denn die ins Verhältnis setzende Relation. Im reinen spatium topo-
logischen Denkens dient sie allein der Strukturierung; imaginiert wird weniger
ein ‚Oben‘ – ‚Unten‘, ‚Innen‘ – ‚Außen‘, ‚Vorne‘ – ‚Hinten‘ als ein ‚Höher‘, ‚Tiefer‘,
‚Offener‘, ‚Geschlossener‘, ein ‚Näher-dran‘ und ‚Weiter-weg‘.
Genau solche basalen topologischen Relationen öffnen sich schließlich einer
gesellschaftlichen Semantik. Hierin liegt die Ausprägung einer kulturspezifischen
‚Semiosphäre‘ (Lotman 2010, 161–290; → 14. Semiosphäre und Sujet), die Kristal-
lisation wie Institution eines je bestimmten ‚gesellschaftlichen Imaginären‘ (Cas-
toriadis 1990). Besonders augenfällig ist dies in der weitgehend komplementären
Auffüllung der ‚Eigen‘/‚Fremd‘-Achse. „Es ist frappierend,“ so vermerkt Lotman,
„in welchem Maß sich die Ausdrücke gleichen, die ganz verschiedene Zivilisatio-
nen zur Beschreibung der Welt jenseits der Grenze finden. Ein Mönch und Chro-
nist im Kiev des 11. Jahrhunderts etwa beschreibt das Leben der anderen, noch
heidnischen ostslawischen Stämme so: ‚Die Derevljanen aber lebten auf tierische
Art, wie das Vieh lebend; und sie töteten einander und aßen alles Unreine. Ehen
gab es bei ihnen nicht, sondern sie raubten die Mädchen. […]‘ Und so beschreibt
ein christlicher Chronist in Franken die Sitten der heidnischen Sachsen: ‚Sie sind
von wildem Schlag, Teufelsverehrer und Feinde unseres Glaubens, sie achten
weder menschliche noch göttliche Gesetze und halten das Verbotene für erlaubt.‘
In den letzten Worten zeigt sich das spiegelbildliche Verhältnis von ‚unserer‘ und
‚anderer‘ Welt: Was bei uns verboten ist, ist bei den anderen erlaubt.“ (2010, 174–
175) Die reine Relationalität des Topologischen wird hier gezielt genutzt für eine
Differentialität des Semantischen: der Fremde, Andere, ist mithin alles, was wir
nicht sind, zumindest alles das, was wir uns nicht zuzuschreiben gewillt sind.
Was Lotman hier also skizziert, ist die allenthalben zwischen Grenzvölkern prak-
tizierte, auf kulturtypische Weise differentiell identitätsstiftende wie -schaffende
Entgegensetzung und Gegenüberstellung eines Innen- oder Nahraums zu einem
Außen- oder Fernraum und dessen unmittelbare Semantisierung zum Gegen-
satzpaar von ‚eigen‘ vs. ‚fremd‘, ‚Vertrautem‘ vs. ‚Unbekanntem‘, bevor mit der
Spreizung in ‚Verbotenes‘ vs. ‚Erlaubtes‘ weitere Semantisierungen einsetzen,
welche, wie die zitierten Chroniktexte zeigen, den Raum des Eigenen zum Raum
des ‚Zivilisierten‘, ‚Menschlichen‘, ‚Reinen‘, ‚Gläubigen‘, ‚Ehrhaften‘, ‚Züchtigen‘
stilisieren und zugleich in binär oppositiver Projektion den Raum des Fremden
als Raum des ‚Wilden‘, ‚Barbarischen‘, ‚Tierischen‘, ‚Unreinen‘, ‚Gottlosen‘, ‚Lie-
derlichen‘ und ‚Unzüchtigen‘ imaginieren bzw. immer schon zu wissen vorgeben.

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Bestimmt also einerseits die Semiosphäre als Ausprägungsraum von ‚Kultur‘ eine
grundsätzliche Innen-Außen-Orientierung mit einer konnotativen Spezifizierung
in ‚vertraut‘ und ‚fremd‘, ‚sicher‘ – ‚gefährlich‘, so scheint andererseits die Bio-
sphäre, die ‚Natur‘ des Menschen, bereits aufgrund der Erdanziehungskraft und
der Unzugänglichkeit der Himmelssphären vorgängig eine Oben-Unten-Ausrich-
tung zu suggerieren, welche ihrerseits konnotativ aufladbar ist mit ganz allge-
meinen semantischen Werten wie ‚Zwang‘ vs. ‚Freiheit‘, ‚Last‘ vs. ‚Erleichterung‘,
‚schlechter‘ vs. ‚besser‘. Gleichwohl ist auch hier vor aller voreiliger Besetzung
nochmalig der Primat des Relationalen zu betonen; kein Oben-Raum ist von
Haus aus automatisch gut, wohl aber kann er, wie dies etwa Balzacs diskursive
Paris-Universen suggerieren (→ 39. Paris), im Text sozial als solcher ausgewiesen
werden, wenn auch in moralischer Hinsicht zugleich als sein genaues Gegenteil
(Warning 1999, 43).

4. Topologie und Literatur

Das letzte Beispiel verweist bereits auf den Zusammenhang von Topologie und
Literatur. Es ist das große Verdienst von Jurij Lotman (Mahler 2010), bereits früh,
im Raum-Kapitel seiner Struktur literarischer Texte, auf die Bedeutung des Raums
für das Wortkunstwerk hingewiesen zu haben (Lotman 1972, Kap. 8). Dabei ver-
weist er zunächst auf die wesentliche Funktion des Rahmens. Denn paradoxer-
weise macht gerade die Begrenzung des Kunstwerks durch den Rahmen dies zu
einem möglichkeitsreichen Modell für die im Prinzip unbegrenzte Welt: „Das
Kunstwerk, das selbst begrenzt ist, stellt ein Modell der unbegrenzten Welt dar.“
(301) Genau im Gegensatz zu marxistischen Theorien mit ihrer literarisch im
Rahmen des Identitären verbleibenden ‚Widerspiegelung‘ erweist sich dement-
sprechend der Raum des Wortkunstwerks insofern von Haus aus als ein Raum
anderer Möglichkeit, als aufgrund des Rahmens bereits aus topologischer Sicht
basalste euklidische Annahmen wie der legendäre Parallelensatz keine notwen-
dige Geltung haben. Dies veranschaulicht Lotman im Rekurs auf die Geometrie
des russischen Mathematikers Lobačevskij, wonach in einer durch einen Kreis
begrenzten Fläche sehr wohl Geraden sich nicht schneiden, ohne deshalb schon
Parallelen sein zu müssen (302–303). D. h. die Modellierbarkeitsoptionen werden
durch die Einschränkung erhöht; topologisch gesehen, spiegelt der literarische
Text, insonderheit der welthaltige Roman (Blumenberg 2001), nicht bestenfalls
einen vermeintlich präexistenten repräsentativen metonymischen Teil (pars pro
toto) der gegebenen Welt, sondern er modelliert immer schon in toto ein ganzes,
auch mögliches Universum (→ 7. Raum und Erzählung).

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Hieraus entwickelt Lotman sein bekanntes Sujet-Modell (→ 14. Semiosphäre


und Sujet). Es dient der Beschreibung literarischer Handlung. Dessen nicht
zu bagatellisierende Pointe besteht in der konsequenten Nutzung räumlicher
Aspekte zur Beschreibung eines Phänomens der Zeit (was manche Rezeptions-
ansätze zuweilen über vorschnelle Rückverzeitlichungen eher wieder zunichte
machen; Renner 1983; Lukas 1996). Ausgehend von der Begrenztheit des Texts
basiert Lotmans histoire-Modell zunächst rein topologisch auf nichts anderem als
auf einer Relation. Diese teilt die modellierte Welt an einer topologischen Achse
in zwei sich komplementär ergänzende Felder, getrennt durch eine im Prinzip
unüberschreitbare Grenze, welche im ‚vorliegenden Fall‘ eines erzählenswerten
Sujettextes durch den „Held als Handlungsträger“ gleichwohl überschritten wird
(341). Lotman fasst dies als drei Elemente, recht eigentlich sind es lediglich zwei,
der ‚Ordnung‘ und der ‚Störung‘ (Mahler 1998, 6–7). Dies ist die von Lotman so
genannte „Struktur des Topos“ (1972, 330). Vor seinem sujetlosen Hintergrund
ergibt sich als sujethaftes ‚Ereignis‘ die „Versetzung einer Figur über die Grenze
eines semantischen Feldes“ (332, Herv. i. O.). Über die Einbeziehung der Figuren
als Menge der Elemente transformiert sich nunmehr in logisch-mathematischem
Sinn die abstrakte topologische ‚Struktur‘ in ein weltengleiches sekundäres
modellbildendes ‚System‘: es hat Bestand, wenn alle Elemente letztlich in der
ihnen angestammten Teilmenge verbleiben (also alle sogenannten F1-Figuren im
zugehörigen Teilraum A und alle entsprechenden F2-Figuren in Teilraum B; siehe
mengentheoretisch Mahler 1998, 16, Anm. 60); es wird ‚revolutionär‘ (Lotman
1972, 339) verändert, wenn ein Element über die zentral gesetzte topologische
Achse in den ‚falschen‘ Raum eindringt und dort verbleibt.
Trotz dieses Einbezugs der Elemente ist die Grundkonzeption des
Lotman’schen Handlungsmodells zuallererst in strengem Sinne struktural und
topologisch; denn die avisierte Ereignishaftigkeit artikuliert sich, wie Lotman
selbst des Öfteren betont, vornehmlich in unangemessener Relationalität als auf
ordnungsstörende Weise ‚zu hoch‘, ‚zu tief‘, ‚zu nah‘, ‚zu weit entfernt‘, ‚zu weit
draußen‘, ‚zu weit drinnen‘. Entsprechend hat Lotman zufolge jede konkret unter-
nommene Sujetanalyse methodologisch beim Topologischen zu beginnen, denn
allein das Abstrakte eröffnet alle handlungslogische Möglichkeit, welche sich
mit zunehmender Konkretheit in einem zweiten Schritt in aller Regel semantisch
und in einem oftmals rein fakultativ verbleibenden dritten Schritt unmittelbar
topographisch sogleich wieder zu reduzieren droht. Programmatisch formuliert
er dies, wenn auch etwas am Rande, in seinem längeren Gogol’-Aufsatz am Bei-
spiel einer klaren Nicht-Entgegensetzung der explizit topographischen Elemente
‚Stadt‘ und ‚Haus‘ in Griboedovs Komödie Verstand schafft Leiden (1824): „Aber
insofern solche territorial ungleichen Räume wie das Haus und die Stadt sich als
identisch erweisen, zeigt sich, dass ihre Gemeinsamkeit nicht materiell-dreidi-

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1. Topologie   25

mensionalen, sondern topologischen Charakter hat. Eben die topologischen


Eigenschaften des Raums geben die Möglichkeit zu seiner Verwandlung in ein
Modell nichträumlicher Beziehungen.“ (1974, 267, Anm. 10) Erst also die Vorord-
nung des Topologischen (‚oben‘ vs. ‚unten‘) eröffnet überhaupt die verräumlichte
Besetzung durch das Semantische (‚gut‘ vs. ‚böse‘ oder aber auch umgekehrt) und
schließlich dessen potentielle, fakultative Konkretion in ein oftmals okkurrent
und beliebig bleibendes Topographisches (‚Himmel‘ vs. ‚Hölle‘; ‚Mansarde‘ vs.
‚Bel Étage‘). Der Primat der Relation schlägt sich nieder im Primat des Topologi-
schen.
In logischer Konsequenz basiert jede hierauf Rücksicht nehmende meta-
sprachliche Beschreibung von Kulturtypen Lotman zufolge nochmalig „auf der
Grundlage räumlicher Modelle, insbesondere des Apparats der Topologie“ (1974a,
343). Die Evolution europäischer Sujetbildungen (Mahler 2011, 120–123) etwa
setzt ein vornehmlich mit Modellierungen an der vertikalen Achse. Erzählt wird
häufig die Geschichte eines ereignishaften Falls. Der mittelalterliche höfische
Roman (→  29.  Artushof) operiert topologisch auf der Verhältnishaftigkeit eines
‚Oben‘- und eines ‚Unten‘-Raums und fokussiert in der Regel eine fehlerhaft ‚zu
tief‘ platzierte Figur. Dies folgt dem gesellschaftlichen Imaginären eines feudal
organisierten, brüderlichen ‚Personenverbands‘ (Mayer 1939, 462–466) als kol-
lektiv und stabil stellvertretendem Garanten göttlich verbürgter Ordnung: als
sichtbarem Zeichen einer als ‚garantiert‘ angesehenen Realität (Blumenberg
2001, 50–51). Die Störung dieser Ordnung liegt in der Versetzung einer Oben-
Figur (F1) nach unten (B). Erzählenswert ist einer solchen Kultur vor allem die
ereignisannullierende Wiedergewinnung der als unverrückbar geltenden Aus-
gangsordnung über den Umweg einer als Abenteuerraum imaginierten Enklave
(C) (Mahler 1998, 16), welche dem zu Unrecht versetzten ‚Helden‘ in einem ‚dop-
pelten Kursus‘ zuerst die ihm zukommenden F1-Merkmale wiederzuspielt und
diese sodann, nach deren nochmaligem, leichtsinnig temporärem Verlust, in
einem zweiten Durchgang dauerhaft bestätigt (Kuhn 1973; Warning 1979). Dieses
zyklische Modell einer geschlossenen Weltversicherung gerät in den Öffnungen
der frühen Neuzeit unter Verdacht. Statt der Restitution der einen, geschlosse-
nen, kosmologischen Weltordnung, wie dies etwa Shakespeares programmatisch
so betitelte Komödie As You Like It (1599) noch einmal in kontrafaktisch nostalgi-
scher Beschwörung unternimmt (Lotman 1981; 2010, 203–233), verhandeln Sujet-
bildungen wie sein King Lear (1605/6) oder Hamlet (1602) die zunehmende Prob-
lematik der Schließung: in ersterem in einer glückenden Restitution unter
abschließender Verweigerung eines noch lebenden Personenverbandsrepräsen-
tanten (Cordelia und Lear sind tot); in letzterem in der unerhörten Verweigerung
der Rückkehr des Restitutionshelden in den Obenraum (Hamlet ist im Moment
seines Sieges schon gewusst todgeweiht) (Mahler 1998, 12–29). Ähnliches gilt

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etwa für Cervantes’ Novelas ejemplares (1613) (Dürr 2010). Hierin liegt die nach
Lotman für die frühe Neuzeit typische Überlagerung des zyklischen Textbil-
dungsmechanismus eines aufs Identitäre angelegten ‚Mythos‘ durch den linearen
der auf unerhört Neues zielenden ‚Anekdote‘; statt der Bestätigung des einen,
allein Geltung beanspruchenden ‚Prinzips‘ geht es ab frühneuzeitlichen Sujetbil-
dungen also verstärkt auch um die Modellierung eines ‚Einzelfalls‘ (1981, 178).
Dies hat seine lebensweltliche Entsprechung im allmählichen, weder logisch-
linear noch kontinuierlich vorzustellenden Umbau des Wirklichkeitsbegriffs von
dem der vorgegebenen ‚garantierten Realität‘ zu dem von Realität als dem indivi-
duell zu erarbeitenden ‚Resultat einer Realisierung‘ (Blumenberg 2001, 51–52).
Topologisch wandelt sich mit der Öffnung der Welt der personenverbandserhal-
tende, auf Reintegration bedachte Restitutionskreis der Versetzung von Oben
nach Unten über die Enklave zurück nach Oben (A→B→C→A) in subjektbewusst
grenzüberschreitende und damit tentativ weltverändernde Bewegungen auf
offenen Linien etwa von Unten nach Oben, Innen nach Außen, Hinten nach Vorn
(A→B bzw. B→A). Dies entspricht weitgehend der Trias von ‚Aufsteiger-‘, ‚Expan-
sions-‘ und ‚Domestikationssujet‘ im topologisch auf die drei basalen kognitiven
Koordinatenachsen bezogenen sogenannten ‚Würfel des Patriarchats‘ mit dem
weißen Oberschichtenmann an seinem vermeintlich rechtmäßig ereignislosen
Nullpunkt (Mahler 2011, 118–119). Erzählenswert wird einer solchermaßen
nunmehr dominant auf lineare Realisierung bedachten Kultur in einem ersten
Schritt der unerhörte Realisierungsversuch samt dessen ordnungsrettender Ver-
hinderung, in einem zweiten Schritt ab dem 19. Jahrhundert verstärkt die Feier
seines individuell verdienten Gelingens (Mahler 1998, 29–42). An der zunehmend
weniger kosmologisch denn schichtenspezifisch gedeuteten vertikalen Achse
äußert sich dies im Wandel von gerade noch rechtzeitig aufstiegsverhindernden
Sujets wie etwa Ben Jonsons Volpone (1605), wo in letzter Sekunde die ereignis-
hafte Erhöhung des Dieners Mosca zum Clarissimo erstickt werden kann
(→  33.  Venedig), zu aufstiegs- wie mobilitätszelebrierenden Sujets wie Balzacs
César Birotteau (1837), das aus einem verdienten Parfümhändler aufgrund seiner
selbst erarbeiteten Qualitäten zumindest zeitweilig durch Ernennung zum Ritter
der Ehrenlegion einen quasi-aristokratischen ‚pair de France‘ werden lässt,
während im Gegenzug Balzacs Roman La Cousine Bette (1846) die Figur des ero-
tomanen Baron Hulot beim eigenverschuldeten irreversiblen Fall aus der Ober-
schicht beobachtet. Ähnlich äußert sich das ‚moderne‘ Realisierungsparadigma
an der horizontalen Achse zum einen in Verhandlungen des Geschlechterverhält-
nisses: von der ab dem beginnenden 17.  Jahrhundert zunehmend dringlicher
erscheinenden, eine weibliche ‚Realisierung‘ zu verhindern suchenden Einsper-
rung der Frau in den ‚ausschließenden‘ Innenraum des Hauses wie in Shake­
speares Othello (1604), in dem die vermeintliche wie wirkliche Eigenmacht der

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1. Topologie   27

nach außen in die Gesellschaft drängenden Desdemona nur noch durch willkür-
lich-irrtümliche Tötung gestoppt werden kann, oder auch in John Websters The
Duchess of Malfi (1614), wo der dynastischen Obenraumfigur der Herzogin von
ihren Brüdern unmissverständlich klar gemacht wird, dass sie sich als Frau
gleichwohl ins Innere zu fügen habe, bis hin zur allmählich ab der Mitte des
19.  Jahrhunderts einsetzenden Feier des Ausbruchs aus dem Innenraum als
eigenbestimmt ereignishaft gesellschaftsentdeckende weltverändende ‚Emanzi-
pation‘. Es wird zum anderen ergänzt durch Verhandlungen des Fremden, in
denen dieses kulturtypisch als ‚minderwertig‘ und ‚schlecht‘ erkannt und folge-
recht kolonial ‚rettend‘ dem Eigenen zugeschlagen und einverleibt wird wie in
Expansionsgeschichten spätestens ab Defoes Robinson Crusoe (1719). Das lineare
Modell realisierender Weltversicherung über optimistisch erarbeitende Erobe-
rung (oder auch zunächst erst ordnungssichernde Handlungsverhinderung) auf
offenen Linien (A→B) gerät ab der Mitte des 19.  Jahrhunderts seinerseits unter
Verdacht. Dies entspricht der zunehmenden Erfahrung von Realität als ‚das dem
Subjekt nicht Gefügige‘ (Blumenberg 2001, 53–54), einer sich vermehrt einstellen-
den epistemologischen bis hin zur ontologischen Skepsis gegenüber einer mime-
tischen Repräsentierbarkeit von ‚Welt‘ (McHale 1987, 3–11). Topologisch äußert
sich dies in der konsequenten Verweigerung des zweiten Raums (und damit auch
jeglicher Relation): in Flauberts Madame Bovary (1857) etwa im wiederholten
Ausweis des ersehnten Fluchtraums als nicht erreichbare figurale Chimäre; in
seiner Éducation sentimentale (1869) radikaler noch in der abschließenden ana-
leptischen Annullierung des gesamten erzählten Sujets (Warning 1999, 175–176;
Mahler 2013). Hierüber wird literarisches Erzählen zusehends reflexiv. Folgt man
Lotmans Einsicht, dass der Mensch, indem er „Sujettexte schuf“, es lernte,
„Sujets im Leben zu erkennen und sich auf diese Weise das Leben zu deuten“
(1981, 204; 2010, 233), so scheint solches Vermögen angesichts einer von Haus
aus als kontingent begriffenen Welt sinnlos und eitel. Entsprechend erkunden
Sujettexte ihr Deutungsvermögen fortan vornehmlich intertextuell selbst:
während Alltagserzählen durchaus noch zyklische Restitutionen oder lineare
Realisierungen lebensweltlich sinnvoll zu artikulieren vermag, kippen in diesem
Sinne nunmehr ‚post-moderne‘ Sujetbildungen im Spiel der Literatur unter den –
etwa bei Jorge Luis Borges beobachtbaren  – neuen, nicht mehr ein-direktional
linearen topologischen Bedingungen des ‚Rhizoms‘, der ‚Bifurkation‘, der ‚Zone‘
(McHale 1981) zunehmend von syntagmatisch organisierten mimetischen Reali-
sierungsangeboten ‚einer Welt‘ (Blumenberg 2001, 61; Herv. i. O.) in enzyklopä-
disch auf vielen ‚Plateaus‘ (Deleuze und Guattari 1980) zugleich spielende,
­paradigmatisch organisierte performative ‚Wiederholungen‘ textueller – papier-
weltlicher – Möglichkeit (Warning 2001; → 5. Schrifträume; 41. Die Seite).

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