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Die Konferenz der Tiere

(1949, Erich Kästner)


Da es den Menschen nicht gelingt, vernünftig zu werden und sie Kriege immer wieder
als Mittel der Politik ansehen, beschließen die Tiere, die Menschen "um ihrer Kinder
willen" zur Vernunft zu bringen. "Mir tun bloß die Kinder Leid, die sie haben", meinte
der Elefant Oskar und ließ die Ohren hängen. "So nette Kinder! Und immer müssen
sie Kriege und die Revolutionen und Streiks mitmachen, und dann sagen die Großen
noch: Sie hätten alles nur getan, damit es den Kindern später besser ginge. So eine
Frechheit, was?"
Da die Friedenskonferenzen der Menschen ständig scheitern, beschließen die Tiere
im "Hochhaus der Tiere" ihre erste und letzte Konferenz abzuhalten. Parallel zur Kon-
ferenz der Tiere tagen in Kapstadt, Südafrika, die Staatsoberhäupter, Ministerpräsi-
denten und ihre Ratgeber zu ihrer 87. Konferenz. Als ihnen die Forderungen der Tiere
"um der Menschen Kinder Willen" überbracht werden, sind sie sich erstmals einig: Die
Tiere sollen sich nicht einmischen!
Da der Appell der Tiere also nichts bewirkt, vernichtet eine Mäuse- und Rattenplage
sämtliche Akten der Kapstadter Konferenzteilnehmer. Diese sind davon jedoch wenig
beeindruckt. In kürzester Zeit werden Kopien besorgt, so dass die Tiere sich etwas
Neues einfallen lassen müssen.
Der zweite Anschlag gilt den Uniformen, auf die sich in der ganzen Welt die Motten
stürzen. Einsicht bewirkt auch diese Aktion nicht.
Der Tag, der dieser Nacht folgte - der vierte Tag der siebenundachtzigsten Konferenz
der Staatsmänner und zugleich der ersten und letzten Konferenz der Tiere -, dieser
Tag wird für immer in den Geschichtsbüchern als der größte Schreckenstag der
Menschheit verzeichnet bleiben und von niemandem, der ihn miterlebt hat, jemals
vergessen werden. Was war geschehen? Man wagt es kaum zu sagen: Die Kinder
waren verschwunden! Sämtliche Kinder sämtlicher Menschen waren fort! ... Die Eltern
und Lehrer und alle Erwachsenen waren allein auf der Erde. Ganz kinderseelenallein.
So zwingen die Tiere die Menschen zur Unterzeichnung eines "ewigen Friedensver-
trages“:
1. Alle Grenzpfähle und Grenzwachen werden beseitigt. Es gibt keine Grenze mehr.
2. Das Militär und alle Schuss- und Sprengwaffen werden abgeschafft. Es gibt keine
Kriege mehr.
3. Die zur Aufrechterhaltung der Ordnung erforderliche Polizei wird mit Pfeil und Bo-
gen ausgerüstet. Sie hat vornehmlich darüber zu wachen, dass Wissenschaft und
Technik ausschließlich im Dienst des Friedens stehen. Es gibt keine Mordwissen-
schaft mehr.
4. Die Zahl der Büros, Beamten und Aktenschränke wird auf das unerlässliche Min-
destmaß herabgeschraubt. Die Büros sind für Menschen da, nicht umgekehrt.
5. Die bestbezahlte Beamten werden in Zukunft die Lehrer sein. Die Aufgabe, die
Kinder zu wahren Menschen zu erziehen, ist die höchste und schwerste Aufgabe. Das
Ziel der echten Erziehung soll heißen: Es gibt keine Trägheit des Herzens mehr!