Sie sind auf Seite 1von 5

Massenmorde in Lemberg im Sommer 1941

Infolge des deutschen Angriffs auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 kam es zu
mehreren Massenmorden in der bis Kriegsbeginn zu Polen gehörenden, inzwischen
aber von der Sowjetunion okkupierten Stadt Lemberg. Das bekannteste hiervon war
der Lemberger Professorenmord. All diese Ereignisse lassen sich unter dem Begriff
Massenmorde in Lemberg im Sommer 1941zusammenfassen.

Inhaltsverzeichnis
Mahnmal der ermordeten Lemberger
Vorgeschichte und Verlauf
Professoren in Breslau, Polen
Lemberger Professorenmord
Die Opfer
Literatur
Weblinks
Einzelnachweise

Vorgeschichte und Verlauf


Einige Wochen nach dem Beginn des deutschen Angriffs auf Polen im September
1939 wurde Lemberg infolge des Hitler-Stalin-Pakts von der Roten Armee besetzt.
Zu der Zeit wohnten in der Stadt etwa 160.000 Polen, 110.000–150.000 Juden und
50.000 Ukrainer. Einige polnische Professoren konnten ihren Lehrstuhl behalten.

Nach dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 wurde am
30. Juni Lemberg von der Wehrmacht besetzt. Eine Woche vor der Einnahme der
Stadt hatten Angehörige des NKWD etwa 4000 politische Gefangene in den
Lemberger Gefängnissen ermordet.

Als erste deutsche Truppe erreichte um 4:00 Uhr am Morgen des 30. Juni 1941 ein
Spähtrupp des I. Bataillons des Gebirgsjäger-Regiments 99 der 1. Gebirgs-Division
kampflos die Zitadelle der Stadt. Den Hauptstoß führte das III. Bataillon des
Gebirgsjäger-Regiments 98 derselben Division unter Befehl von Major Josef
Salminger. Die Rote Armee hatte die Stadt widerstandslos geräumt.

Am 25. und 26. Juni 1941 hatte es einen Aufstand ukrainischer Nationalisten Gedenktafel in Warschau zur
Ermordung von Lemberger
gegeben, die in den Deutschen die Befreier ihres Landes von der Sowjetherrschaft
Professoren im Juli 1941
sahen. Viele von ihnen waren daraufhin von Angehörigen des NKWD in den
Lemberger Gefängnissen inhaftiert worden. Aufgrund des raschen Vormarsches der
deutschen Truppen und fehlender Transportmittel hatte sich das NKWD entschlossen, die Mehrheit der 5000 politischen Häftlinge zu
ermorden. Viele waren durch Genickschuss getötet worden, andere fand man erschlagen, missbraucht, misshandelt und verstümmelt
vor. Unmittelbar nach der Eroberung von Lemberg (30. Juni bis 8. Juli 1941) sind Aussagen dazu von Überlebenden, von
obduzierenden deutschen Ärzten, dem Ukrainischen Roten Kreuz und anderen Institutionen vor einem deutschen Kriegsgericht unter
Eid gemacht und protokolliert worden. Viele der Leichen wurden von Wehrmachtsberichterstatternfotografiert. Diese Bilder wurden
[1]
mit dem „grundsätzlichen Einverständnis des Führers“ für Propagandazwecke genutzt.

Schon um die Mittagszeit des 30. Juni 1941 war die Stadt endgültig in der Hand der Wehrmacht, und die Leichenschau in den drei
Hauptgefängnissen wurde beendet. Obwohl sich deutsche Ärzte aufgrund der fortgeschrittenen Verwesung dagegen ausgesprochen
hatten, die NKWD-Opfer von Angehörigen identifizieren zu lassen, war das Auslegen der Leichen ein Teil einer antisemitischen
Inszenierung. Viele Juden wurden gezwungen, auf den Knien zu den Leichen zu kriechen und sie zu waschen. Divisionskommandeur
Generalmajor Hubert Lanz inspizierte die Stadt, und auf Flugblättern und Plakaten wurde pauschal „jüdischen Bolschewiken“ die
Verantwortung für die Morde zugeschoben.[2][3] Unmittelbar danach kam es zu massiven Ausschreitungen gegen die jüdische
Bevölkerung. Dabei tat sich vor allem die ukrainische Miliz OUN hervor. Sie verhaftete Juden und trieb sie zu den Gefängnissen.
Auch auf Befehl von deutschen Offizieren wurde zum Pogrom aufgehetzt. Zivilisten und Bewaffnete prügelten auf die Juden ein.

Weder Lanz noch der mit umfangreichen Vollmachten ausgestattete Stadtkommandant Oberst Karl Wintergerst unternahmen etwas
gegen das Pogrom. Major Salminger führte sogar die Gebirgsjäger seines Bataillons an die Mordstätten, um sie dort auf die „völlige
Vernichtung und Ausrottung der jüdisch-kommunistischen Verbrecherbande“ einzuschwören.

Wie viele Angehörige der Wehrmacht an dem Pogrom teilnahmen, ist nicht mehr genau festzustellen. Bei der Aktion wurde am
30. Juni und 1. Juli eine unbekannte Zahl von Juden misshandelt und mehrere hundert ermordet. Anschließend traf die Einsatzgruppe
C in Lemberg ein. Sie mordete planmäßiger, erschoss in der Stadt selber 100 und am Stadtrand weitere 3000 Juden.

Lemberger Professorenmord
Gleichzeitig wurde mit Hilfe ukrainischer Studenten eine Liste von Lemberger
Professoren polnischer Abstammung angefertigt. In der Nacht vom 3. zum 4. Juli
wurden 22 Professoren zum Teil samt ihren Familienangehörigen und allen
Personen, die sich in ihren Wohnungen aufhielten, von der Gestapo unter dem
Befehlshaber der Einsatzgruppe zur besonderen Verfügung (z. b. V.), dem damaligen
SS-Oberführer Karl Eberhard Schöngarth, verhaftet und 21 Professoren, darunter
Antoni Cieszyński, Antoni Łomnicki, Włodzimierz Stożek und Tadeusz Boy-
Żeleński, zusammen mit 13 Angehörigen noch in der gleichen Nacht erschossen.
[4]
Am 12. Juli wurden zwei weitere Professoren ermordet.

Man vermutete, dass bei dem Verbrechen auch Raubmotive eine Rolle spielten, weil
die Wohnungen selbst geplündert und die Kunst- und Wertgegenstände geraubt
wurden. Die Beteiligung von Ukrainern beziehungsweise des Bataillons Nachtigall
an diesen Verhaftungen ist umstritten.[5]

Unmittelbare Verantwortung für diesen Mord wird vom polnischen Institut für
Nationales Gedenken dem Brigadeführer Eberhard Schöngarth, der auch schon für Gedenktafel in der römisch-
die Verhaftung der Professoren der Jagiellonen-Universität im Rahmen der katholischen Kathedrale in Lemberg
Sonderaktion Krakau im November 1939 verantwortlich gewesen war, sowie dem
SS-Hauptsturmführer Hans Krüger zugeschrieben; dessen unmittelbare Teilnahme
bei der Erschießung ist jedoch nicht nachweisbar.[6] Simon Wiesenthal fahndete nach dem Gestapochef und stellvertretenden
Dienststellenleiter in Drohobytsch, dem SS-Untersturmführer Walter Kutschmann, den er als Leiter des Exekutionskommandos aus
sieben namentlich bekannten Tatbeteiligten bezeichnete.[7] Dieser lebte als Pedro Ricardo Olmo in Buenos Aires und starb dort 1986,
bevor über eine Auslieferung entschieden wurde.[8]

Eine Mitwirkung des späteren Bundesministers für Vertriebene Theodor Oberländer vom ukrainischen Bataillon Nachtigall, dessen
Soldaten an den Verhaftungen beteiligt waren, gilt heute als unwahrscheinlich. Ein Urteil der DDR von 1960, das ihn als Mörder von
Lemberg verurteilte, wurde vom Landgericht Berlin 1993 wegen formaler Mängel aufgehoben. Ende 1997 schloss die zuständige
Kölner Staatsanwaltschaft, die von 1996 bis 1998 weitere Nachforschungen anstellte, die Ermittlungen zu Oberländers Rolle im
Bataillon Nachtigall ab. Nach Oberländers Tod am 4. Mai 1998 stellte sie auch die restlichen Ermittlungen ein, die sie gegen ihn
wegen des Vorwurfs weiterer Massaker im Kaukasus geführt hatte.[9]

Im weiteren Verlauf der deutschen Besatzung wurden 110.000 bis 120.000 Lemberger Juden von den Besatzern ermordet.

Siehe auch: Pieter Menten

Die Opfer
Verwendete Abkürzungen:

UJK = Uniwersytet Jana Kazimierza(Universität von Lwiw, jetzt Nationale Iwan-Franko-Universität Lwiw)
PSP = Państwowy Szpital Powszechny(Nationales Krankenhaus)
PL = Politechnika Lwowska (Lwiw Polytechnische, jetztNationale Polytechnische Universität Lwiw)
AWL = Akademia Weterynaryjna We Lwowie (Tierärztliche Akademie in Lwiw)
AHZ = Akademia Handlu Zagranicznego We Lwowie (Akademie für Außenhandel in Lwiw)

Ermordet in den Wulka-Hügeln

1. Antoni Cieszyński, Professor für Stomatologie UJK


2. Władysław Dobrzaniecki, Leiter des ord. Oddz. Chirurgische PSP
3. Jan Grek, Professor für Innere Medizin, UJK
4. Maria Grekowa, Ehefrau von Jan Grek
5. Jerzy Grzędzielski, Leiter des Instituts für Augenheilkunde, UJK
6. Edward Hamerski, Chef der Inneren Medizin, A WL
7. Henryk Hilarowicz, Professor für Chirurgie, UJK
8. Pfarrer Władysław Komornicki, Theologe, V erwandter der Familie Ostrowski
9. Eugeniusz Kostecki, Ehemann von Dobrzanieckis Diener
10. Włodzimierz Krukowski, Leiter des Instituts für Elektrische Messtechnik, PL
11. Roman Longchamps de Bérier, Leiter des Instituts für Zivilrecht (Civil Law (Rechtssystem)), UJK
12. Bronisław Longchamps de Bérier, Sohn von Longchamps de Bérier
13. Zygmunt Longchamps de Bérier, Sohn von Longchamps de Bérier
14. Kazimierz Longchamps de Bérier, Sohn von Longchamps de Bérier
15. Antoni Łomnicki, Leiter des Instituts für Mathematik, PL
16. Adam Mięsowicz, Enkel von Prof. Sołowij
17. Witołd Nowicki, Dekan der Fakultät für Anatomie und Pathologie, UJK
18. Jerzy Nowicki, Assistent am Institut für Hygiene, UJK, Sohn von Witołd Nowicki
19. Tadeusz Ostrowski, Chef des Instituts für Chirurgie, UJK
20. Jadwiga Ostrowska, Ehefrau von Tadeusz Ostrowski
21. Stanisław Pilat, Leiter des Technologieinstituts von Erdöl und Erdgas, PL
22. Stanisław Progulski, Kinderarzt, UJK
23. Andrzej Progulski, Sohn von Progulski
24. Roman Rencki, Chef des Instituts für Innere Medizin, UJK
25. Stanisław Ruff, Chef der Abteilung für Chirurgie des Jüdischen Krankenhauses
26. Anna Ruffowa, Ruffs Ehefrau
27. Adam Ruff, Ruffs Sohn
28. Włodzimierz Sieradzki, Dekan der Fakultät für Gerichtsmedizin, UJK
29. Adam Sołowij, ehemaliger Chef der Abteilung für Gynäkologie und Geburtshilfe der PSP
30. Włodzimierz Stożek, Dekan der Fakultät für Mathematik, PL
31. Eustachy Stożek, Assistent am Politechnika Lwowska, Sohn von Włodzimierz Stożek
32. Emanuel Stożek, Sohn von Włodzimierz Stożek
33. Tadeusz Tapkowski, Rechtsanwalt
34. Kazimierz Vetulani, Dekan der Fakultät für Theoretische Mechanik, PL
35. Kacper Weigel, Leiter des Institute of Measures, PL
36. Józef Weigel, Sohn von Kacper Weigel
37. Roman Witkiewicz, Leiter des Instituts für Maschinen, PL
38. Tadeusz Boy-Żeleński, Schriftsteller und Gynäkologe, Chef des Instituts fürFranzösische Literatur

Ermordet im Hof von Bursa Abrahamowiczów, einer ehemaligen Schule, heute ein
Krankenhaus

1. Katarzyna Demko, Englischlehrerin


2. Stanisław Mączewski, Leiter der Abteilung für Gynäkologie und Geburtshilfe der PSP
3. Maria Reymanowa, Krankenschwester
4. Wolisch (Vorname unbekannt), Kaufmann

Am 12. Juli ermordet

1. Henryk Korowicz, Chef des Instituts für Wirtschaftswissenschaften, AHZ


2. Stanisław Ruziewicz, Leiter des Instituts für Mathematik, AHZ

Am 26. Juli im Gefängnis Brygidki ermordet

1. Kazimierz Bartel, ehemaliger Premierminister Polens, ehemaliger Rektor von PL, orsitzender
V der Abteilung der
Geometrie, PL

Literatur
Dieter Schenk: Der Lemberger Professorenmord und der Holocaust in Ostgalizien.Verlag J. H. W. Dietz, Bonn 2007,
ISBN 3-8012-5033-4.
Zygmunt Albert: Kaźń profesorów lwowskich – lipiec 1941.Breslau 1989, ISBN 83-229-0351-0.
Karolina Lanckorońska: Mut ist angeboren. Erinnerungen an den Krieg 1939–1945.Böhlau, Wien 2003, ISBN 3-205-
77086-2, Original: Wspomnienia wojenne, Krakau 2002.
Jerzy Węgierski: Lwów pod okupacją sowiecką 1939–1941.Warschau 1991, ISBN 83-85195-15-7, Online-
Fragmente.
Hermann Frank Meyer: Blutiges Edelweiß – Die 1. Gebirgs-Division im Zweiten W eltkrieg. Berlin 2008, ISBN 978-3-
86153-447-1, S. 58–61 (Google Books).
Grzegorz Rossoliński-Liebe: Der Verlauf und die Täter des Lemberger Pogroms vom Sommer 1941. Zum aktuellen
Stand der Forschung. In: Jahrbuch für Antisemitismusforschung, 22 (2013), S. 207–243.

Weblinks
Commons: Massenmorde in Lemberg im Sommer 1941 – Sammlung von Bildern, Videos und
Audiodateien
Mord an den Professoren Lwów (Lemberg) Juli 1941.Buchfragment Zygmunt AlbertsKaźń profesorów lwowskichin
Deutsch
Dieter Schenk: Der Lemberger Professorenmord, BIG Business Crime (Rezension, PDF; 111 kB)
Hannes Heer: Lemberg, 30. Juni 1941: Mit dem Einmarsch der Wehrmachttruppen beginnt der Judenmord, Die Zeit,
2001

Einzelnachweise
1. 1941-07-09 – Die Deutsche Wochenschau Nr . 566 (http://www.archive.org/details/1941-07-09-Die-Deutsche-Woche
nschau-566)
2. Hannes Heer: Einübung in den Holocaust: Lemberg Juni/Juli 1941.In: ZfG 5/2001.
3. Hannes Heer: Blutige Ouvertüre. Lemberg, 30. Juni 1941: Mit dem Einmarsch der W ehrmachttruppen beginnt der
Judenmord (http://www.zeit.de/2001/26/200126_a-lemberg.xml), Die Zeit, Nr. 26/2001, S. 90.
4. Dieter Schenk: Der Lemberger Professorenmord und der Holocaust in Ostgalizien.Bonn 2007, ISBN 978-3-8012-
5033-1, S. 126 und S. 134.
5. Zum Beispiel widerspricht dem Zygmunt Albert (s. Literatur).
6. Dieter Pohl: Hans Krüger – der ‚König von Stanislau‘.In: Klaus-Michael Mallmann, Gerhard Paul:Karrieren der
Gewalt. Nationalsozialistische Täterbiographien.Darmstadt 2004, ISBN 3-534-16654-X, S. 135.
7. Dieter Schenk: Der Lemberger Professorenmord und der Holocaust in Ostgalizien.Bonn 2007, ISBN 978-3-8012-
5033-1, S. 129–131.
8. Kriegsverbrecher: Längst verschwunden. (http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-41471337.html) Der Spiegel
28/1975, 7. Juli 1975, S: 24–26, abgerufen am 4. Juli 2016.
Dieter Schenk: Der Lemberger Professorenmord und der Holocaust in Ostgalizien.Bonn 2007, ISBN 978-3-8012-
5033-1, S. 240–242.
9. Philipp-Christian Wachs: Der Fall Theodor Oberländer. Ein Lehrstück deutscher Geschichte. Frankfurt 2000, ISBN 3-
593-36445-X, S. 470 ff.

Abgerufen von „https://de.wikipedia.org/w/index.php?


title=Massenmorde_in_Lemberg_im_Sommer_1941&oldid=183157396

Diese Seite wurde zuletzt am 28. November 2018 um 15:49 Uhr bearbeitet.

Der Text ist unter der Lizenz„Creative Commons Attribution/Share Alike“verfügbar; Informationen zu den Urhebern und
zum Lizenzstatus eingebundener Mediendateien (etwa Bilder oder ideos)
V können im Regelfall durch Anklicken dieser
abgerufen werden. Möglicherweise unterliegen die Inhalte jeweils zusätzlichen Bedingungen. Durch die Nutzung dieser
Website erklären Sie sich mit denNutzungsbedingungenund der Datenschutzrichtlinie einverstanden.
Wikipedia® ist eine eingetragene Marke der Wikimedia Foundation Inc.