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hauke brunkhorst: die Selbstaufklä-

rung der vernunft. bemerkungen zu


adornos urgeschichte des subjekts
johann dvorak: theodor w. adorno, wal-
ter benjamin und alfred soh n-rethel
im exil. das projektmaterialistischer
THEODOR W. ADORNO
erkenntnis angesichts der erfahrun-
gen mit dem faschismus herbert
hrachovec: solidarische subversion
gerald kertesz: adorno und heid,eg-
ger günter seubold: anachronistisch .
modern - adornos andere moderne
ÜBER DIE GEGENWÄRTIGE BEDEUTUNG
DER PHILOSOPHIE THEODOR W. ADORNOS

Hauke Brunkhorst
DIE SELBSTAUFKLÄRUNG DER VERNUNFT
Bemerkungen zu Adernos Urgeschichte des Subjekts ..................................................... 2

Herbett Hrachovec
SOLIDARISCHE SUBVERSION ................................................................................................. 8

Günter Seubold
ANACHRONISTISCH MODERN-
ADORNOS ANDERE MODERNE ............................................................................................. 14

Johann Dvofak
THEODOR W. ADORNO, WAL TER BENJAMIN
UND ALFRED SOHN-RETHEL IM EXIL
Das Projekt materialistischer Erkenntnis
angesichts der Erfahrungen mit dem Faschismus ........................................................... 21

Gerald Kerlesz
ADORNO UND HEIDEGGER....................................................................................................27

DIE AUTOREN ...........................................................................................................................26

ISSN: 0020-2320
MITTEILUNGEN DES INSTITUTS FÜR WISSENSCHAFT UND KUNST
54. JAHRGANG 1999, NR. 4, öS 75,-
Linie des Blattes: Verständigung der Öffentlichkeit über die Arbeit des Instituts für Wissenschaft und Kunst
sowie Veröffentlichungen von wissenschaftlichen Arbeiten, die damit in Zusammenhang stehen. Namentlich
gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung der Autorinnen wieder und müssen nicht mit der redaktionellen
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Eigentümer, Herausgeber und Verleger: Institut für Wissenschaft und Kunst. Redaktion und Layout: Dr. Helga
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IWK-MITTEILUNGEN 4/1999

HAUKE BRUNKHORST
DIE SELBSTAUFKLÄRUNG DER VERNUNFT
Bemerkungen zu Adornos Urgeschichte des Subjekts

Die ,.Dialektik der Aufklärung", die Adorno Ende des Zwei- Unwahre ist. Als er 1950 noch einmal ins ungeliebte Ameri-
ten Weltkriegs gemeinsam mit Max Horkheimer - assistiert ka zurück muß, bricht es aus ihm heraus und er schreibt
von seiner Frau Gretel und Leo Löwenthai - im kaliforni- Horkheimer aus Paris: "Max, das Unbedingte. Es gibt nichts
schen Exil verfaßt hat, ist der Schlüsseltext der kritischen anderes."5
Theorie. Mit ihm geht Horkheimers interdisziplinäres Projekt Zuerst eine Bemerkung zum ersten Punkt.
einer marxistischen Sozialforschung zu Ende und an des-
sen Stelle tritt das von Adorno bereits in seiner Frankfurter I.
Antrittsvorlesung vom 7. Mai 1931 skizzierte philosophische Aufklärung und Vernunft sind bis zur Ununterscheidbarkeit
Programm einer negativen Dialektik.1 ln der folgenden miteinander verwoben. Aufklärung ist Vernunft, und Ver-
Nachkriegszeit wird Adernos Werk für Jahrzehnte die Phy- nunft ist Aufklärung. Freilich unterliegt die wechselseitige
siognomie der Frankfurter Schule prägen. Ich werde meine Identifikation ihrer eigenen Historisierung. Die Aufklärung
Bemerkungen deshalb auf dieses Buch konzentrieren. zieht der Vernunft Grenzen und verwandelt ihre vielen Ver-
Adorno und Horkheimer stellen - das ist mein erster suche, ein Unbedingtes festzuhalten, in ebenso viele Be-
Punkt - die Aufklärung als eine reflexive, selbstbezügliche weise ihrer Bedingtheit. So folgt das historische Selbstver-
Sache dar, die sich subversiv zu sich selbst verhält. Aufklä- ständnis der Aufklärung im 18. Jahrhundert zunächst noch
rung ist Selbstaufklärung, Kritik Selbstkritik und Reflexion der alten Metapher des natürlichen Lichts, des Iumen natu-
Selbstreflexion. Radikal revisionistisch reißt die Aufklärung ra/e, das die Menschen von innen erleuchtet. Die Metapher
den Boden, den sie sich selbst gelegt hat, ein und zersetzt geht auf stoische und christliche Quellen zurück, denen
alle dogmatischen, ontologischen und transzendentalen zufolge Vernunft eine natürliche Substanz ist. Genau dieses
Fundamente unseres Wissens. Adernos Beziehung zur Vernunftverständnis wird jedoch in den zwei Jahrhunderten,
Aufklärung ist so ambivalent wie jene zur Wissenschaft. die der Französischen Revolution gefolgt sind, vollständig
Anfang der Dreißiger Jahre, als er noch an den Klassen- destruiert und dekonstruiert. ln einer selbstdestruktiven Be-
kampf glaubt, zitiert ein Institutsprotokoll ihn mit dem Dik- wegung erweist die Aufklärung das, was sie selbst einmal
tum: für das Wesen der Vernunft gehalten hatte, als unvernünftig
,.Angriff auf die Wissenschaft zusammen mit den Ungebilde- und unaufgeklärt.
ten, Verteidigung der Wissenschaft gegen die Gebildeten un- "Im Prozeß der Aufklärung", schreiben Horkheimer und
ter ihren Verächtern."2 Adorno, verfalle
Meine zweite Bemerkung betrifft den Versuch Adernos und ,.mit unausweichlicher Notwendigkeit immer wieder jene be-
Horkheimers, die der Aufklärung eigentümliche Selbstrefle- stimmte theoretische Ansicht der vernichtenden Kritik, nur ein
xion in einer ,.zweiten Reflexion" zu überbieten.3 Dieser Glaube zu sein, bis noch die Begriffe des Geistes, der Wahr-
Schritt versteht sich selbst als rückhaltlose, radikal zu Ende heit, ja der Aufklärung zum animistischen Zauber geworden
sind."6
gedachte Aufklärung, die sich - in einer späteren Formulie-
rung Adornos - ,.ohne Angst vor Bodenlosigkeit" dem nega- Diese These von den dekonstruktiven Wirkungen fort-
tiven Strudel der Kritik, d. h. der Kraft des Unterscheidans schreitender Aufklärung entwickeln Horkheimer und Adorno
überläßt.4 Aber die Autoren des vielleicht schwärzesten Bu- in Begriffen Hegels und Max Webers. Sie definieren Aufklä-
ches, das je von Aufklärern über Aufklärung geschrieben rung als "Entzauberung" und "Rationalisierung".? Überein-
wurde, stellen - anders als Dewey oder Rorty - den Fort- stimmend mit Hegels Begriff des "Begriffs" und Webers Be-
schritt der Aufklärung keineswegs als eine einzige Erfolgs- griff der ,.Rationalisierung", ist Vernunft für sie kein reiner,
geschichte dar. Beabsichtigt ist vielmehr eine Kritik an der sondern ein "existierender" Begriff: selbst Moment des "ob-
Aufklärung, die es erlaubt, an dieser zwei Seiten zu unter- jektiven Geistes" oder der gesellschaftlichen Wirklichkeit.
scheiden: eine instrumentelle und eine nicht-instrumentelle, ,.Wie die Aufklärung" eine wirkliche Bewegung der bürgerli-
eine herrschaftskonforme und eine herrschaftsresistente. chen Gesellschaft
Freilich ist diese Kritik an der Aufklärung, und das ist mein ,. ... ausdrückt, so heißt Wahrheit nicht bloß das vernünftige
letzter Punkt, in eine- aller Negativität zum Trotz- selbst Bewußtsein, sondern ebenso dessen Gestalt in der Wirklich-
noch fundamentalistische Geschichtsphilosophie eingebet- keit."8
tet: die Urgeschichte der Subjektivität. Zur Akzeptanz der Das aber bedeutet nichts anderes, als daß - wie bei Hegel
Bodenlosigkeit gehört deshalb bei Adorno immer auch der -die Vernunft wirklich ist. Sie ist immer schon mit Praktiken
dialektische Gegenzug: der kontrafaktische Glaube an ei- der Technik, der Macht und der Herrschaft verschränkt und
nen unbedingten Sinn jenseits des Ganzen, das ihm das in ihnen verkörpert. Technik ist deshalb für Horkheimer und

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Adorno .das Wesen" aufgeklärten Wissens, und konse- strumenteUer Vernunft bzw. zwischen herrschaftskonformer
quent heißt es auf derselben Seite des Textes: .Macht und und herrschaftsresistenter oder herrschaftstranszendieren-
Erkenntnis sind synonym."9 Auch die alteuropäischen Be- der AufKlärung. Damit komme ich zu meiner zweiten Be-
griffe des platonischen und cartesischen Denkans bleiben merkung.
von ihrer Besetzung durch die "intermittierende" Wirklichkeit
des mit den purifizierten Begriffen nicht Identischen keines- II.
wegs verschont.10 Die philosophischen Allgemeinbegriffe, Erst die Unterscheidung einer instrumentellen von einer
Idee, Geist, Vernunft, Wahrheit sind historisch geprägte nicht-instrumentellen Seite der Vernunft ermöglicht Hork-
Herrschaftsbegriffe, die die .Inferiorität von Weibern, Kin- heimer und Adorno, die Vernunft vernünftig zu kritisieren.
dern und Sklaven spiegeln."11 Daß die Vernunft wirklich ist, Dabei richtet sich die Kritik im einzelnen:
besagt deshalb noch lange nicht, daß auch das Wirkliche 1. gegen die Verdinglichung des objektivierenden Denkens
vernünftig sei. Die Dialektik bleibt bei Adorno im Unter- und die komplementäre Verabsolutierung der technischen
schied zu Hege! negativ. Rationalität;
Die von der Aufklärung angetriebene Geschichte der 2. gegen eine herrschaftskonforme Vernunft, die sich im
Vernunft hat zwar die substantielle Alteuropas am Ende in "Dienst der Verklärung" selbst halbiert;19
eine pragmatische Rationalität verwandelt. Aus der "objekti-
ven" Sein, Natur und Dasein übergreifenden Vernunft wurde 3. gegen die exklusive Salbstabschließung einer Vernunft,
"subjektive" Vernunft, ein Instrument der Selbsterhaltung die ihr Anderes als das Unvernünftige, Fremde, Idiotische
inmitten einer vernunftlosen, entzauberten Wirklichkeit.12 von sich abstößt und in "falscher Projektion" verleugnet,
Durch ihre hartnäckige und bewundernswerte Selbstkritik "was am armen Leben trotz allem sich nicht ganz beherr-
hat die Aufklärung -wie es im "Kommunistisches Manifest" schen läßt: der mimetische lmpuls".20
heißt - alle "altehrwürdigen Vorstellungen und Anschauun- Sehen wir uns die kritischen Einwände gegen ein "unreflek-
gen ... aufgelöst" und "alle neu gebildeten veralten" lassen, tiert aufgeklärtes Denken" im einzelnen an, so läßt sich zu-
ehe sie "verknöchern" konnten.13 So hat die Aufklärung Be- nächst eine weitgehende Übereinstimmung mit dem breiten
griffe entwickelt, die von Mal zu .Mal besser zu den immer Strom nachmetaphysischen oder metaphysikkritischen
wieder neuen Problemen einer Gesellschaft passen, deren Denkens, der durch das 20. Jahrhundert fließt, feststellen.
,,Verhältnisse" sich "fortwährend revolutionieren".14 ln dieser Adernos und Horkheimers Kritik an der Verdinglichung
pragmatischen Anpassungsleistung der Aufklärung offen- des Denkens kann durchaus als- neomarxistische- Vari-
bart sich, so Adorno, der "Zeitkern der Wahrheit".15 ante der postanalytischen, neopragmatischen und herme-
Aber die zur pragmatischen Rationalität fortentwickelte neutischen Kritik an der Verdinglichung der Allgemeinbe-
Aufklärung verschärft nur jene vertrackte Dialektik, die ih- griffe gelesen werden. Was Quine .reification of universals"
rem Licht schon immer lange Schatten hatte folgen lassen. nennt, heißt beim frühen Horkheimer "Hypostasierung des
Statt ..von den Menschen die Furcht zu nehmen und sie als Logos".21 Die Kritik an einem objektivistischen Verständnis
Herren einzusetzen", "strahlt" die vollends "aufgeklärte Er- sprachlicher Bedeutung teilt Adorno mit der ihm ansonsten
de" "im Zeichen triumphalen Unheils".16 Das "blindlings eher fremden Sprachphilosophie unseres Jahrhunderts.22
pragmatisierte", .unreflektiert aufgeklärte Denken" verliert Denn was Adorno .identifizierendes Denken" nennt, ent-
schließlich "seinen aufhebenden", die Welt zum Besseren spricht einer platonisierenden Bedeutungstheorie, wie sie
verändernden Charakter und schlägt in "blinde Naturbe- zuletzt Frege vertreten hat. Sprachliche Bedeutung existiert
herrschung" zurück.17 dieser Theorie zufolge als zeitlose Sache eigener Art unab-
Die These von der spezifischen Blindheit des aufge- hängig von dem wechselnden Gebrauch, den wir von der
klärten, und das heißt ja: klar sehenden Denkens, ist kom- Sprache machen. Demgegenüber behaupten die Ge-
plex. Sie besagt, daß es dem Licht im Augenblick seiner brauchstheorien, daß sprachlicher Sinn sich nur dann als
größten Strahlkraft an Licht, daß es der aufgeklärten "identischer" reproduzieren läßt, wenn man dem Umstand
Selbstreflexion an Selbstreflexion mangelt. Diesen Mangel Rechnung trägt, daß in jeder neuen Verwendungssituation
der Selbstreflexion, den blinden Fleck des Sehenden kann ein Moment des .Nicht-Identischen" zur fixierten Bedeutung
nur ein Beobachter zweiter Ordnung beobachten. Deshalb "hinzutritt", das ihre starre Idealität .erschüttert", - um es
bezeichnet Adorno die Bewegung jenes Denkens, das die gleich in Adernos Terminologie auszudrücken. So wie die
aufgeklärte Selbstreflexion noch einmal reflektieren soll, als Performanz sich nicht aus der Bedeutung wegabstraktieren
eine "zweite Reflexion" .1s Diese Stellung des Adernosehen läßt, so läßt sich auch das "Nicht-Identische" nicht aus dem
Gedankens zur Aufklärung entspricht also exakt der Luh- Begriff herausschneiden. Die .mimetischen Impulse" müs-
mannschen Figur eines reflexiven (oder selbstreferentiellen) sen vielmehr als widerständiges Moment am identifizieren-
Beobachters, der einen eben solchen beobachtet. Das Er- den Denken verstanden werden - ein Moment, das nicht
gebnis höherstufigen Beobachtens kann aber nur eine ih- nur durch das identifizierende Denken gefährdet, "zugerü-
rerseits höherstufige Unterscheidung sein, und das eben ist stet" und "abgeschnitten" wird, sondern sich von diesem
die Unterscheidung zwischen instrumenteller und nicht-in- ..trotz allem ... nicht ganz beherrschen läßt" und nur deshalb

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das begriffliche Denken nötigen kann, "im Begriff über den und aristokratisch verwirft, preist er dessen Aufklärungsuto-
Begriff" hinauszugehen.23 Versteht man Adorno so, und es pie und seine Vision allgemeiner Erziehung.331n demselben
gibt viele Stellen, die eine solche Interpretation stützen, ideologiekritischen Gestus kritisieren Adorno und Horkhei-
dann ist der Ort des Nicht-Identischen freilich kein Jenseits mer die "verruchte Verklärung" und das reaktionäre Bündnis
des identifizierenden, begrifflichen Denkens, sondern nur in von optimistischer Metaphysik und sozialem Pessimis-
dessen eigenem Vollzug erfahrbar.24 mus.34 .,Denken, das wie das Platonische"- so Adorno-
Adorno und vor allem der frühere Horkheimer kritisieren, "sein Absolutes an der Erinnerung hat, erwartet sich eigentlich
nicht anders als Dewey oder der frühe Heidegger, unabläs- nichts mehr. Das Lob des Unveränderlichen suggeriert, daß
sig die Idee "abschließender" Wahrheit.25 Seide weisen sie nichts anders sein soll, als es von je schon war. Ein Tabu er-
den "Dualismus von Denken und Sein, Verstand und Wahr- geht über die Zukunft. ... Neues wird filtriert; es gilt bloß als
nehmung" zurück.26 Der "Zerteilung der Weit in zwei von- ,Material', als Kontingent, als Störenfried gleichsam."35
einander unabhängige Reiche" und der "cartesischen Isolie- Aber Horkheimer und Adorno beschränken sich nicht dar-
rung der geistigen Substanz von aller räumlichen Wirklich- auf, gegen den Idealismus die materialistischen Positionen
keit'' legt Horkheimer die .Herabsetzung der erkannten Weit stark zu machen, sondern wollen deren subversive Wirk-
zu einem nur Äußeren" zur Last und erblickt darin eine der samkeit gerade innerhalb des großen idealistischen Den-
Philosophie "einwohnende Unmenschlichkeit".27 Mit dem kens und an der großen, "bürgerlichen Kunst" nachweisen.
Begriff des Nicht-Identischen hat Adorno sich dann zum ln seiner 1956 publizierten und schon in den Dreißiger Jah-
Anwalt dieses .,herabgesetzten Äußeren" gemacht. Die ren weitgehend fertiggestellten Husseri-Studie, die ich eben
Konstruktion eines .,letzten, schlechthin gültigen Wissens", schon zitiert hatte, schreibt Adorno:
das alles mit sich identifiziert und sich eine Weit nach ihrem "Erkenntnistheorie, die Anstrengung, das Identitätsprinzip
Bilde schafft, entlarven die Anwälte des Nicht-Identischen durch lückenlose Reduktion auf subjektive Immanenz rein
als eine "narzißtische Projektion des eigenen, zeitbedingten durchzuführen, wird gegen ihre Absicht zum Medium der
Ichs in alle Ewigkeit", die letztlich auf nichts anderes hin- Nichtidentität Als fortschreitende Entmythologisierung befe-
ausläuft, als auf eine politisch reaktionäre, "gedankliche stigt sie nicht bloß den Bann des von allem Heterogenen ge-
reinigten Begriffs, sondern arbeitet auch daran, den Bann zu
Verewigung der zugrunde liegenden irdischen Verhältnis- brechen."36
se."28 ln der "Dialektik der Aufklärung" gehen deren Autoren
schließlich so weit, einen unmittelbaren Zusammenhang ln der "Dialektik der Aufklärung" wenden Adorno und Hork-
herzustellen zwischen der Vernichtungswut marodierender heimer dieses Vertahren, die subversive Utopie, die im la-
Nazi-Banden und der vornehmen philosophischen Supre- tenten Materialismus der Erkenntnistheorie steckt, gegen
matie des Geistes über den Körper: den Jührungsanspruch" .logisch-argumentativen Zwangs"
zu kehren, auf Kant an.37
.,ln ihnen (den gedungenen Mördern) ist die Haßliebe gegen
den Körper kraß und unmittelbar, sie schänden, was sie an- "Kants Begriffe sind doppelsinnig: Vernunft als das transzen-
rühren, sie vernichten, was sie im Licht sehen, und diese Ver- dentale überindividuelle Ich enthält die Idee eines freien Zu-
nichtung ist Ranküne für die Verdinglichung, sie wiederholen sammenlebens der Menschen, in dem sie zum allgemeinen
in blinder Wut am lebendigen Objekt, was sie nicht mehr un- Subjekt sich organisieren und den Widerstreit zwischen der
geschehen machen können: die Spaltung des Lebens in den reinen und empirischen Vernunft in der bewußten Solidarität
Geist und seinen Gegenstand."29 des Ganzen aufheben. Es stellt die Idee der wahren Allge-
meinheit dar, die Utopie. Zugleich jedoch bildet Vernunft die
Zusammen mit dem Dualismus verabschieden Adorno und Instanz des kalkulierenden Denkens, das die Welt für die
Horkheimer die Korrespondenztheorie der Wahrheit. Ader- Zwecke der Selbsterhaltung zurichtet und keine anderen
no verwirft schon in seiner Antrittsvorlesung das Programm Funktionen kennt als die der Präparierung des Gegenstands
wissenschaftlicher "Erklärung", weil es sich an der Urbild- aus bloßem Sinnenmaterial zum Material der Unterjochung."38
Abbild-Relation orientiere, um "hinter der phänomenalen ei- Die subversive materialistische Seite der Vernunft besteht
ne Weit an sich" zu suchen, "die ihr zugrunde liegt und sie in der "geheimen Utopie", die unter der Hülle von deren re-
trägt."3o Statt dessen macht Adorno sich für eine "deutende" pressivem Begriff verborgen ist: Die "Idee des Vereins freier
Philosophie stark, die experimentell-konstruktiv in die Weit Menschen" und das "Bild" "des Glückes ohne Macht, des
interveniert und ,.ihre Aufhebung" einschließt.31 Dabei bleibt Lohnes ohne Arbeit, der Heimat ohne Grenzstein, der Reli-
es. Auch die Musik und die Kunst überhaupt wird Adorno gion ohne Mythos."39 Die Vernunft selbst, die als Vernunft
immer pragmatisch als "Realität sui generis" bzw. als ein der Herrschaft "alle Wut der Ratio" gegen die Utopie richtet,
.,Verhalten zur Realität" begreifen und nicht als "Aussage enthält selbst "die Gegenbewegung", die auf "Abschaffung
und Abbildung eines lnwendigen".32 der Gewalt" und "individuelle und gesellschaftliche Emanzi-
Der zweite Punkt von Horkheimers und Adernos Kritik pation von Herrschaft" drängt.40
an der Aufklärung, der sich gegen die Verschlingung von Der dritte Aspekt, der in Horkheimers und Adernos Kritik
Rationalität und Herrschaft richtet, läßt die Parallelen zu am exclusiven Zug "unreflektiert aufgeklärten Denkens" ar-
John Deweys Kritik an Platon deutlich erkennen. Während tikuliert wird, entspringt romantischen Quellen. Aktuell ist er
Dewey Platons metaphysischen Rationalismus als elitär in den politischen Programmen der Dekonstruktionisten,

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IWK-MITTEILUNGEN 4/1999

Poststrukturalisten und Postmodernisten. Geblendet von "Urgeschiche" viel aporetischer inszeniert wird als Heideg-
hellem Licht der Aufklärung, übersehen wir die, die "im gers "Seinsgeschick", sind die Übereinstimmungen kaum zu
Dunklen stehen" (Brecht). Die Gesellschaft, die Vernunft übersehen.
zum Mechanismus sozialer Integration erklärt, schließt sich ln der "Dialektik der Aufklärung" wird die Urgeschichte
gegen alles Unvernünftige und Verrückte ab und stempelt der Subjektivität in zwei Schritten entwickelt, die jeweils ei-
Minoritäten, Primitive, Barbaren, Frauen, nicht weiße Rasse . ner der beiden berühmten Thesen des Buches zugeordnet
zu offenen und latenten Feinden der Zivilisation. Das Ande- sind:
re der Vernunft, der "Balkan" wird nicht etwa von der Ver-
1. Schon der Mythos ist Aufklärung.
nunft verdrängt, sondern - wie Slavo Zizek ganz im Sinne
2. Vollendete Aufklärung schlägt in Mythologie zurück.46
Adornos schreibt- von dieser "direkt hervorgebracht". Die
"Gewalt" ist "das verborgene Antlitz der Toleranz".41 Die Die erste These wird im Exkurs über Odysseus, die zweite
postmoderne Kritik der Vernunft, die Adorno und Horkhei- in dem über Kant und Sade entwickelt. Wenn wir die erste
mer auf den Weg gebracht haben, hat das gute Gewissen von der zweiten These trennen, dann ist es eine - sagen
aufgeklärter Rationalität gründlich irritiert, ein Verdienst, für wir - dem Fortschritt der Aufklärung wohlgesonnene Idee,
das man, um Terry Eagleton zu zitieren, den Postmademi- und sie widerspricht Heiderggers konservativer Verab-
sten fast alle ihrer ungeheuerlichen Exzesse bei der "Rase- schiedung derselben. Aufklärung, Entzauberung und Ratio-
rei gegen die Vernunft" (Richard Bernstein) vergeben soll- nalisierung sind gleich ursprünglich mit dem Beginn der so-
te.42 Aber letztlich unterscheiden sich Horkheimer und zialen Evolution, und sie sind intern mit der Geschichte der
Adorno doch grundlegend von den Postmodernisten durch Freiheit verknüpft. Dementsprechend hegen Adorno und
das Festhalten am rationalen Erbe immanenter Kritik. Ihre Horkheimer denn auch "keinen Zweifel", "daß die Freiheit in
philosophischen Fragmente wollen nicht die Aufklärung der Gesellschaft vom aufgeklärten Denken unabtrennbar
überwinden, sondern einen "neuen Begriff" von ihr vorbe- ist."47 Die einzige Kur gegen die Mängel der Aufklärung ist
reiten. Nur die "ihrer selbst mächtige, zur Gewalt werdende deshalb mehr Aufklärung. Aller ,,Verschlingung" (Habermas)
Aufklärung", schreiben sie am Ende des Buches, "ver- von Aufklärung und Mythos zum Trotz, gehen Adorno und
möchte die Grenzen der Aufklärung zu durchbrechen."43 Horkheimer immer davon aus, daß nur Aufklärung die Ge-
walt, von der der Mythos allein nicht loskommt, brechen
111.
kann. Die Aufklärung steckt schon im Mythos, muß jedoch
Ich komme zu meiner letzten, eher skeptischen Bemerkung. von diesem unterschieden werden.4s
Adorno hat der Kraft immanenter Kritik nicht alles zugetraut Anders die zweite These. Sie besagt, daß die Aufklä-
und deshalb immer wieder Zuflucht bei einem klassischen rung sich "mit Notwendigkeit" selber zerstören und in ihr
Vernunftverständnis gesucht, das Erkenntnis und Glück Gegenteil verwandeln muß. Daß sie sich selbst zerstört,
vereint und den Gedanken des bios theoretikos erneuert.44 kann immer noch als Beschreibung eines fortlaufenden
Dieses platonische Ideal steht m. E. im Hintergrund seines Prozesses der Selbstkritik und Selbstbefreiung gelesen
Versuchs, die kontingente Geschichte der Aufklärung und werden, die Zuspitzung der These zum Umschlag in ihr
ihrer Selbstzerstörung in einer Überkontingenten Urge- Gegenteil aber verwandelt die Aufklärung in ein negatives
schichte der Subjektivität zu verankern. Diese Urgeschichte Seinsgeschick, das die Dialektik still stellt und der Freiheit
hat eine immense explanatorische Kraft. Sie erlaubt es keine Chance mehr läßt. Trifft die zweite These zu, so folgt
Adorno, auf wenigen Seiten nacheinander die Kunst, die die Geschichte einem logischen Plan. Ist der Plan vollzo-
moderne Mathematik, den homo oecomonicus und die bür- gen, wird die "Unmöglichkeit" erkennbar, "aus der Vernunft
gerlichen Kälte aus jener Urgeschichte zu erklären und alle ein grundlegendes Argument gegen den Mord vorzubrin-
Differenzen und Differenzierungen fallen zu lassen.45 gen" und es gilt der Satz: "Aufklärung ist totalitär."49 Dann
Die Distanzierung einer eigentlichen Urgeschichte von aber gibt es Hoffnung nur noch jenseits der Aufklärung, jen-
einer bloß kontingenten Geschichte wirkt nicht nur funda- seits des begrifflich-identifizierenden Denkens, jenseits
mentalistisch, sie ist es. Darin gleicht sie Heideggers Ab- sprachlicher Verständigung. Damit verschwindet aber nicht
trennung der Geschichte zuerst von der Geschichtlichkeit, nur die sonst so dialektisch sorgsam beachtete Differenz in
später von einer gänzlich autonomen Seinsgeschichte. Ge- der Identität von Mythos und Aufklärung, sondern auch die
nau diese Unterscheidung war es, die Adorno Zeit seines Differenz, die Adornos "Deuten" von Heideggers "Denken"
Lebens als Ursprungsphilosophie und damit als Rückfall in trennt. Die kritische Theorie fällt in eine apriorische Ver-
den idealistischen Dualismus kritisiert hat. Heideggers "Ge- fallsgeschichte zurück.
schichtlichkeit", "Seinsgeschichte" und "Seinsgeschick", Eine solche Verfallsgeschichte aber setzt den platoni-
aber eben auch Adornos "Urgeschichte" setzten letztlich schen "view from nowhere" in ihrem Geltungsanspruch vor-
voraus, daß es so etwas gibt wie eine tiefere Notwendigkeit aus. Der Beobachter zweiter Ordnung bezieht den Gottes-
des Geschichtsprozesses, die durch kein soziales Handeln standpunkt. An dieser Stelle wird die unreflektierle Ambi-
mehr erreicht oder geändert werden kann und deshalb für valenz erkennbar, die Adornos Denken und das der "Dia-
die gewöhnliche Geschichte konstitutiv ist. Obwohl Adornos lektik der Aufklärung" durchzieht. Wenn deren Autoren das

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"blindlings pragmatisierte Denken" mit seiner eigenen klärt sich die stillschweigende Rückkehr zur Metaphysik im
Selbstreflexion konfrontieren, dann beeilen sie sich regel- Augenblick ihres Sturzes: die Emphase von Wahrheit und
mäßig, hinzuzufügen, das sei im Sinne "bestimmter Negati- Versöhnung, die mit dem Dualismus das elitäre Moment
on" zu verstehen.so Adorno insistiert, wie wir schon an vie- privilegierter Erkenntnis zurückholt. Das zeigt sich am Text
len Beispielen gesehen haben, daß die "zweite Reflexion", immer dann, wenn Adorno und Horkheimer aller Idealis-
die die "blinde" erste aufhebt, die letztere nicht zerstören muskritik zum Trotz den .Geist" der "Intelligenz" vorordnen,
dürfe: oder wenn sie für das eigene "Denken" eine .,Erkenntnis der
"Ratio darf nicht weniger sein als Selbsterhaltung; durch Totalität" beanspruchen, die normaler Wissenschaft ver-
Selbsterhaltung hindurch muß sie diese transzendieren." schlossen bleiben muß.
Will man eine solche Rückkehr zur aristokratischen
Diesen Satz fügt er im Dezember 1968 in einer Notiz der
Metaphysik vermeiden, müßte zumindest die zweite These,
"Negativen Dialektik" hinzu.51 Derselbe Gedanke findet sich
die den Rückschlag von Aufklärung in Mythologie behaup-
schon in der "Dialektik der Aufklärung":
tet, revidiert werden. Es genügte schon, die Modalität zu
"Die Instrumente der Herrschaft, die alle erfassen sollen, wechseln und ihr die Notwendigkeit zu nehmen. Es ist ja
Sprache, Waffen, schließlich Maschinen, müssen sich von al- wahr: Aufklärung kann jederzeit in mythische Gewalt zu-
len erfassen lassen. So setzt sich in der Herrschaft das Mo-
ment der Rationalität als ein von ihr auch verschiedenes rückschlagen, aber sie muß es nicht. Dann aber müssen wir
durch. Die Gegenständlichkeit des Mittels, seine ,Objektivität' auch die Unterscheidung zwischen einer gewöhnlichen,
für alle, impliziert bereits die Kritik von Herrschaft, als deren kontingenten Geschichte und einer ungewöhnlichen, ei-
Mittel Denken erwuchs."s2 gentlichen Urgeschichte aufgeben. Die Utopie der Dialektik
der Aufklärung ließe sich dann aber ohne Preisgabe der
Von hier aus wäre es eigentlich nur noch ein kleiner Schritt
Vernunft an die schlechte Wirklichkeit verteidigen. Sie be-
zu jenem "positiven" Begriff der Aufklärung, den Adorno und
stünde darin, die gewaltsame Selbstzerstörung der Aufklä-
Horkheimer in der Vorrede des Buches postulieren. Ande-
rung in immer weniger gewaltsame Selbstkorrektur umzu-
rerseits hat - worauf m. E. Habermas immer wieder zu
wandeln.
Recht verwiesen hat - die auch im letzten Zitat deutliche
Orientierung am erkenntnistheoretischen Subjekt-Objekt
Modell und an der Spiegelmetapher der Reflexion, Adorno
ANMERKUNGEN:
und Horkheimer an diesem Schritt gehindert. 53 Dem Begriff
einer sprachverbundenen, der erzählenden Rede des Epos 1 Max Horkheimer I Theodor W. Adorno: Dialektik der Aufklärung.
im Wortsinn eingeschriebenen Vernunft, ist Adorno aber Philosophische Fragmente. Fischer, Frankfurt/Main 1988, S. 1.
zumindest nahe gekommen. Wodurch die homerische Er- Vgl. auch Helmut Dubiel: Wissenschaftsorganisation und Etfah-
rung. Suhrkamp. Frankfurt/Main 1978; Susan Buck-Morss: The
zählung der mythischen Vorwelt .entragt", schreibt er, Original of Negative Dialectics. Harvester Press, Hassocks,
"ist nicht der Inhalt der berichteten Taten. Es ist die Selbstbe- Sussex 1977; Hauke Brunkhorst Theodor W. Adomo. Dialeefies
sinnung, welche Gewalt innehalten läßt im Augenblick der Er- der Modeme. Piper, München 1990
zählung. Rede selber, die Sprache in ihrem Gegensatz zum 2 zit. n. Ralf Wiggershaus: Die Frankfutter Schule. Geschichte.
mythischen Gesang, die Möglichkeit, das geschehene Unheil Theoretische Entwicklung. Politische Bedeutung. Hanser, Mün-
erinnernd festzuhalten, ist das Gesetz des homerischen Ent- chen 1987
rinnens. ... Die kalte Distanz der Erzählung die noch das 3 Theodor W. Adorno: Ästhetische Theorie. Suhrkamp, Frank-
Grauenhafte vorträgt, als wäre es zur Unterhaltung bestimmt, furt/Main 1973, S. 47, S. 204, S. 226, S. 456, S. 510, 631 f.
läßt zugleich das Grauen erst hervortreten, das im Liede zum 4 Theodor W. Adorno: Die musikalischen Monographien, Gesam-
melte Schriften, Band 13. Suhrkamp, Frankfurt/Main 1993,
Schicksal feierlich sich verwirrt. Das Innehalten in der Rede
S. 159 ff.
aber ist die Zäsur, dre Verwandlung des Berichteten in längst
5 Theodor W. Adorno: Brief vom Oktober 1952, Horkheimer Archiv
vergangenes, kraftderen der Schein von Freiheit aufblitzt, den
Frankfurt
Zivilisation seitdem nicht mehr ganz ausgelöscht hat.54 6 HorkheimeriAdorno: Dialektik, a. a. 0., S. 17
Freilich ist hier nicht schon die Sprache als solche der Sitz 7 a. a. 0., S. 9 ff.
der Vernunft im Leben, wie später bei Habermas, es sind 8 a. a. 0., S. 4, Vgl. Mathias Luk-Bachmann: Rationalität und Reli-
gion. Religionsphilosophische Aspekte Dialektischer Aufklärung,
vielmehr deren ästhetische Formeigenschaften, die ein hekt. Manuskript, Frankfurt/Main 1998, S. 1 ff.
Moment von Freiheit "aufblitzen" lassen. 9 HorkheimeriAdorno: Dialektik, a. a. 0., S. 10
Weder Adorno noch Horkheimer haben je einen positi- 10 Zum Begriff des Nichtidentischen vgl. jetzt auch Hauke Brunk-
ven, nicht-instrumentellen Begriff der Vernunft vorgeschla- horst: Adomo and Critica/ Theory. University of Wales Press,
gen. Insofern bleibt dieser Begriff der unmarked space, der Cardiff 1999
die postulierte Differenz zur instrumentellen Herrschaftsver- 11 HorkheimeriAdorno: Dialektik, a. a. 0., S. 28
12 Max Horkheimer: Zur Kritik der instrumentellen Vernunft, in ders.:
nunft auf die andere Seite der Realität verweist. Wenn die Kritische Theorie der Gesellschaft 111. Frankfurt/Main 1968, S.
Vernunft wirklich ist, wie Horkheimer und Adorno mit Hegel 260 ff.
unterstellen, dann wird die Utopie zur anderen Seite der 13 Karl Marx I Friedrich Engels: Kommunistisches Manifest. Rec-
Vernunft. Sie bleibt dann aber vernunftlos und leer. So er- lam. Stuttgart 1999

6 HAUKE BRUNKHORST
IWK·MITTEILUNGEN 4/1999

14 a. a. 0., S. 22 29 Horkheimer/Adorno: Dialektik, a. a. 0., S. 249


15 Horkheimer/Adorno: Dialektik, a. a. 0. 30 Theodor W. Adorno: Schriften 1. Suhrkamp, Frankfurt/Main
16 a. a. 0., S. 9 1973, s. 335 f.
17 a. a. 0., S. 3, S. 101, S. 190, S. 196 31 a. a. 0. (FN 30)
18 a. a. 0., S. 4 32 Theodor W. Adorno: Philosophie der neuen Musik. Suhrkamp,
19 Max Horkheimer: Zum Rationalismusstreit in der gegenwärtigen Frankfurt/Main 1978, S. 122, S. 124 f.; Theodor W. Adorno:
Philosophie, in: Zeitschrift für Sozialforschung (ZfS), 311934, Beethoven. Suhrkamp, Frankfurt/Main 1993, S. 25
S.48 33 John Dewey: Demokratie und Erziehung. Westennann, Harnburg
20 Horkheimer/Adorno: Dialektik, a. a. 0., S. 192 1949, S. 122 ff.; Richard Rorty: Menschenrechte, Rationalität
21 Willard Van Onnan Quine: Logik und die Verdinglichung von Uni· und Gefühl, in: Die Idee der Menschenrechte, hg. von Stephen
versalien, in: Wolfgang Stegmüller (Hg.): Das Universalien- Shute und Susan Hurley. Fischer, Frankfurt/Main 1996, S. 151 f.
Problem. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1978, 34 Adorno: Negative Dialektik, a. a. 0., S. 256; Horkheimer: Zum
S. 133-164; Max Horkheimer: Materialismus und Metaphysik, in: Rationalismusstreit, a. a. 0., S. 46, S. 48
ZfS 2/1933, S. 50 35 Theodor W. Adorno: Zur Metakritik der Erkenntnistheorie. Suhr-
22 Vgl. auch Albrecht Wellmer: Ludwig Wittgenstein - Über die kamp, Frankfurt/Main 1972, S. 39 f.
Schwierigkeiten einer Rezeption seiner Philosophie und ihre 36 a. a. 0., S. 34
Stellung zur Philosophie Adornos, in: ders.: Endspiele. Suhr· 37 a. a. 0., S. 36
kamp, Frankfurt/Main 1993, S. 239 ff.; Albrecht Wellmer: Zur Kri· 38 Horkheimer/Adorno: Dialektik, a. a. 0., S. 90
tik der hermeneutischen Vernunft, in: Christoph Demmerling u. a. 39 a. a. 0., S. 91, S. 127, S. 208 f.
(Hg.): Vernunft und Lebenspraxis. Suhrkamp, Frankfurt/Main 40 a. a. 0., S. 98, S. 209
1995, s. 123 ff. 41 Slavo Zizek: Uebe deinen Nächsten? Nein Danke! Volk & Weit,
23 Theodor W. Adorno: Negative Dialektik. Suhrkamp, Frank· Berlin 1999, S. 12
furt/Main 1973, S. 18, S. 27 42 Terry Eagleton: Die Illusion der Postmoderne. Metzler, Stuttgart
24 Zum Problem: Albrecht Wellmer: Adorno, Anwalt des Nicht-Iden- 1997, S. 84
tischen, in: ders.: Zur Dialektik von Modeme und Postmoderne. 43 Horkheimer/Adorno: Dialektik, a. a. 0., S. 217
Suhrkamp, Frankfurt/Main 1985, S. 156 f.; Herbert Schnädel- 44 Brunkhorst: Adomo and Critical Theory, a. a. 0., 8.132
bach: Dialektik als Vernunftkritik, in: Ludwig von Friedeburg I 45 Horkheimer/Adorno: Dialektik, a. a. 0., S. 66-71
Jürgen Habennas (Hg.): Adomo-Konferenz 1983. Suhrkamp, 46 a. a. 0., S. 6
Frankfurt/Main 1983, S. 66 ff.; Hauke Brunkhorst: Adomo and 47 a. a. 0., S. 3
Critical Theory, a. a. 0., S. 1 ff., S. 101 ff. 48 a. a. 0., S. 100, S. 196 ff., S. 208 f.
25 Max Horkheimer: Zum Problem der Wahrheit, ZfS 4/1935, S. 49 a. a. 0., S. 127, S. 12
331, s. 334 50 a. a. 0., S. 127, S. 202
26 Horkheimer: Zum Rationalismusstreit, a. a. 0., S.331, S. 334 51 Theodor W. Adorno: Negative Dialektik, a. a. 0., S. 530 f.
27 Horkheimer: Materialismus und Metaphysik, a. a. 0., S. 26; Zum 52 Horkheimer/Adorno: Dialektik, a. a. 0., S. 51 f.
Rationalismusstreit, a. a. 0., S. 50; Zum Problem der Wahrheit, 53 Jürgen Habermas: Theorie des kommunikativen Handelns. Suhr·
a. a. 0., S. 333 kamp, Frankfurt/Main 1982, Band 1, S. 489 ff.
28 Horkheimer: Zum Rationalismusstreit, a. a. 0., S. 47; Zum Pro- 54 Horkheimer/Adorno: Dialektik, a. a. 0., S. 86
blem der Wahrheit, a. a. 0., S. 332

IWK-TEXTE

BEREITS ERSCHIENEN: NEUERSCHEINUNG 2000:


TEXTE I> INSTITUT FOR
Manfred Jochum: nirgendwann wird es
Einzeltexte mit
ausführlichem Sisyphos gelingen, den verdammten Sonja Rinofner-Kreidl:
Uteraturanhang Stein über den Berg zu bringen". Wis-
und Anmerkungen senschaft - Journalismus - Öffent- Totalität und Individualität
zum Weiterlesenf lichkeit im .. Medienzeitalter", 1997 Über den Zusammenhang von
12 Seiten, S 25,- + Versandspesen Erkenntnismetaphysik,
WISSENSCHAFT UND KUNST
Gesellschaftskritik und
Moralphilosophie in Adornos
Eva Waniek: Sex I Gender- Bedeu-
negativer Dialektik
tungsrelevante Fragestellungen zur
Natur- und Kulturdebatte in der Femi-
nistischen Theorie, 1999
12 Seiten, S 25,- + Versandspesen 20 Seiten, S 45,- + Versandspesen

HAUKE BRUNKHORST 7
IWK-MITTEILUNGEN 4/1999

HERBERTHRACHOVEC
SOLIDARISCHE SUBVERSION

Adernos "Negative Dialektik" beginnt mit einer Pirouette. Sie BESTIMMTE NEGATION
dreht sich - ohne Angabe eines Datums - durch den Ge-
schichtsverlauf. Zwei Sätze bestimmen den Stellenwert der Der philosophische Gestus Adernos verbietet ihm, seine
Philosophie im Rückblick, Augenblick und Vorblick. Vergan- Gedanken Schritt für Schritt einzuführen. Bereits ihr erstes
genheit: "Philosophie, die einmal überholt schien ... "; Ge- Auftreten ist so komplex, wie sie im Verlauf der Abhandlung
genwart:" ... erhält sich am Leben ... ; Zukunft: ihre ehema- bleiben werden. Um sie nachzubuchstabieren, muß man mit
lige Verurteilung" ... wird zum Defaitismus der Vernunft ... ". simpleren Annahmen beginnen und sie an Adernos Ab-
Die Drehbewegung bringt die prekäre Situation der neo- sichten bewähren bzw. scheitern lassen. Eine erste Hilfs-
marxistischen Philosophie im Nachkriegsdeutschland auf konstruktion zur Explikation der "Pirouette" legt sich von
den Punkt. Ein revolutionärer Umsturz hätte Philosophie Hege! aus nahe. Offenbar handelt es sich um eine Negation
realisieren sollen. Er ist ausgeblieben, prä-revolutionäres der Negation: das Ausbleiben der Revolution wird nicht als
Denken hat sich darum erhalten können. ln dieser Diagnose Faktum akzeptiert. ln dialektischem Verständnis ist das kei-
liegt noch kein Drehmoment. Sie gibt eine historische Be- ne wirklichkeitsfremde Verweigerung eines historischen
trachtung wieder. Adorno konstatiert jedoch nicht einfach, Verdikts, sondern eine in sich differenzierte Spannung. Die
daß bestimmte Voraussagen ihr Ziel verfehlten, er weigert Enttäuschung wird anerkannt, doch nicht als letztes Wort
sich, es bei diesem Fehlschlag zu belassen. Der anvisierte genommen. Die Wiederaufnahme des - im ersten Anlauf
günstige Moment ist ungenützt geblieben und kann nicht mit gescheiterten - marxistischen Projekts greift uneingelöste
Gewalt reproduziert werden. Aber das heißt nicht, daß die Themen und Forderungen auf, die im faktisch siegreichen
Gedanken, die zur radikalen gesellschaftlichen Verände- Kapitalismus nicht verschwunden sind. Die "Negative Dia-
rung drängten, ihre Berechtigung verloren hätten. Im Ge- lektik" hält sich genau an Hegels Diktum:
genteil - und darin liegt der Dreh: ihre Uneingelöstheit ist "Aber nicht das Leben, das sich vor dem Tode scheut und von
der Totpunkt, um den herum sie sich in die Zukunft drehen. der Verwüstung rein bewahrt, sondern das ihn erträgt und in
Weniger bildhaft ausgedrückt: Was zur Revolution An- ihm sich erhält, ist das Leben des Geistes. Er gewinnt seine
laß gab, ist auch ohne Revolution aktuell, weil die Gegen- Wahrheit nur, indem er in der absoluten Zerrissenheit sich
wart nach wie vor an jenen Zuständen krankt, die einen selbst findet." 1
Umsturz nötig erscheinen ließen. Philosophieren ist ein Das heißt vor allem: nicht wegschauen, wenn etwas schief-
Rückgriff, erzwungen durch das Verpassen einer histori-
gegangen ist. Die Macht des Geistes erweist sich ange-
schen Chance, und dennoch bzw. gerade deshalb unver- sichts des Todes,
zichtbar. Als engagierte Erinnerung daran, daß das Schei-
tern im ersten Anlauf nicht das endgültige Verdikt über den "er ist diese Macht nur, indem er dem Negativen ins Angesicht
marxistischen Anspruch sein möge. Die Denkfigur zum schaut, bei ihm verweilt. Dieses Verweilen ist die Zauberkraft,
die es in das Sein umkehrt."2
Auftakt der "Negativen Dialektik" ist, wie gesagt, undatiert.
Ihrer systematisch-kompakten Bündigkeit widerstrebt es, ln diesem Sinn verweilt Adorno beim Fiasko der bolschewi-
Zeitpunkte zu nennen, zu denen die Behauptungen gelten. stischen Verwirklichung der Einheit von Theorie und Praxis.
Offenbar treffen sie die westliche Gesellschaft der 60er Jah- Der Zustand, in den das Fiasko uns versetzt hat, muß die
re, doch ihre Unbestimmtheit erlaubt andere Interpretatio- Anhaltspunkte für seine Überwindung mit einschließen. Die
nen. Die Enttäuschung über das Versagen des marxisti- "Zauberkraft", von der Hegel spricht, hat einen systematisch
schen Projektes, welche Adorno aus der Perspektive der präzisen Namen: "bestimmte Negation". Es reicht nicht,
Bundesrepublik artikuliert, läßt sich gegenwärtig als globale vorgefundene Verhältnisse abzulehnen.
Ernüchterung lesen. Die Perspektive der anti-kapitalisti- "Das Nichts ist aber nur, genommen als das Nichts dessen,
schen Revolution ist weltweit zusammengebrochen. Ader- woraus es herkommt, in der Tat das wahrhafte Resultat; es ist
nos Denkfigur ist in der Diskussion um die Zukunft "der Lin- hiemit selbst ein bestimmtes und hat einen lnhaft.'' 3
ken" darum wieder aktuell. Sie wird im ersten Abschnitt et-
Das Verweilen beim Fiasko ist die Voraussetzung zu jener
was genauer beschrieben und in die Argumentationen eines
Negation der Negation, die inhaltlich so überzeugend aus-
Dissidenten in der DDR weiterverfolgt Dort war sie in den
fällt, daß sie den Prozeß um eine Stufe weiter bringt. Dieses
70er Jahren wirksam, als die Philosophie im Westen schon
Hegeische Dispositiv wirkt in Adernos Einstellung zur Über-
längst andere Wege beschritt. Der anschließende Abschnitt
lieferung maßgeblich weiter:
untersucht den doppelten Plausibilitätsverlust der Pirouette:
nach dem Verblassen der klassischen "Kritischen Theorie" "Die Mathexis der Philosophie an der Tradition wäre aber ein-
die Untauglichkeit ihrer Rezepte nach der Wende 1989. zig deren bestimmte Verneinung. Sie wird gestiftet von den
Zuletzt das Fazit: Ist die Sache damit erledigt? Überra- Texten, die sie kritisiert." 4
schenderweise zeigt sich, daß die Figur noch immer in Ge- Dialektik ist ein ständiger Rückgriff auf gedankliche Inhalte,
brauch ist. Sie ist mit Vorsicht zu genießen. die sich adäquat nur entwickeln können, wenn sie sich der

8 HERBERT HRACHOVEC
IWK-MITIEILUNGEN 4/1999

Bewährungsprobe der Realisierung unterziehen, dabei zer- sie bisher war. Der Versuch, mit diesem Widerspruch um-
brechen und danach sachkundig wieder aufgenommen zugehen, erzeugt unvermeidlich kognitive Schizophrenie.
werden. Die ,.Negative Dialektik" proklamiert es abschlie- Der Dialektik, die auf die herkömmliche Verfahrensweisen
ßend als Prinzip: ,.Solches Denken ist solidarisch mit Meta- pocht, begegnet ihr Gegenbild auf der nächsten Stufe: eine
physik im Augenblick ihres Sturzes."5 Es verweilt und muß qualitativ weiter entwickelte Denkform, die sich aus der be-
die Kraft aufbringen, die Sache der Gestürzten zum Guten kannten Dialektik herleitet. Für beide zusammen kann nicht
zu wenden. Dazu braucht es die Überlieferung, ohne sie dieselbe Entwicklungslogik gelten.
widerspruchslos annehmen zu können. Das Kunststück be- Adernos Versuche, die Ontologie des falschen Zustands
steht darin, ihr so zu widersprechen, daß sich die Inhalte, von innen her aufzubrechen, zeigen anschaulich, worin die
die dort bloß angelegt sind, in Zukunft verwirklichen lassen; Schwierigkeit besteht. Eine Möglichkeit, die er vorschlägt,
solidarische Subversion. verzichtet auf den überlegenen Kontrollanspruch der Theo-
Das ist eine simple Lesart der Grundfigur Adernos - rie den Dingen gegenüber, die es zu begreifen gilt. Der
nicht falsch, doch viel zu stark am Hegeischen Paradigma Identitätsdenker unterwirft sich die Weit mit herrschaftlicher
orientiert. Das Buch ist voll von Invektiven gegen den ideali- Attitüde. "Demgegenüber wirft Erkenntnis, damit sie fruchte,
stischen Systemzwang. Es kann nicht ernsthaft auf ein Ar- a fond perdu sich weg an die Gegenstände.'17 Der Dialektik
rangement bauen, das der bestimmten Negation den Qua- wird eine Kenosis vorgeschrieben.
litätssprung auf die nächste Stufe eines vernunftgeleiteten ",hren Gehalt hätte sie in der von keinem Schema zugerich-
Prozesses garantiert. Adernos dialektische Expositionen in- teten Mannigfaltigkeit der Gegenstände, die ihr sich aufdrän-
sistieren darauf, die Wahrheit von These und Anti-These gen oder die sie sucht, ihnen überließe sie sich wahrhaft ... .''8
produktiv zu vermitteln, ebenso ausgeprägt ist allerdings die
Adorno sieht die Auswirkung genau: ,.Gegen Risiko des Ab-
Einsicht, daß dieses - überlieferte - Verfahren selbst an
gleitens ins Beliebige (sie!) ist der offene Gedanke unge-
entscheidender Stelle krankt. Um es plakativ zu sagen:
schützt .. . .''9 Es fragt sich allerdings, wie diese Einstellung
Dialektik ist die "Ontologie des falschen Zustands". 6 ln ihr
mit der allerorten eingemahnten Dialektik zusammengeht.
herrscht eine Obsession, Dinge an Gedanken anzugleichen.
Als unvermeidliches, wenn auch anstößiges Schema steht
So sehr sie darauf pocht, die Negativität ihrer Begriffsinter-
sie der plastisch beschriebenen Entäußerung im Weg .•An
ventionen sei nur die Reaktion auf objektiv widersprüchliche
ihr ist die Anstrengung, über den Begriff durch den Begriff
Verhältnisse, sie kann dem Vorwurf nicht entgehen, der
hinauszugelangen."10 Doch das erfordert eine doppelte
Umschlag von der Nicht-Identität zur Identität sei eine Ge-
Buchführung. Einerseits ist ein Begriff festzuhalten, aus
dankeninszenierung. Was Hegel die Macht des Geistes
dem der angestrebte Erkenntnisgewinn systematisch-
nannte, läßt Unbegriffenes nicht so sein, wie es ist. Es muß
schlüssig resultiert. Andererseits kann das Ziel nicht mehr
in diesem bloßen Dasein dialektisch negiert werden - und
die Züge dieser Begriffspraxis tragen. Wie unterscheidet
damit wird ihm Zwang angetan. ln geeigneter Perspektive
man zwischen dem Besonderen, dem Adernos Hoffnung
handelt es sich um einen notwendigen Eingriff, doch Ader-
gilt, und dem Beliebigen, gegen das er das geballte Instru-
nos Dialektik geht nicht so weit, diese Intervention selbst
mentarium der Dialektik einsetzt? Der Test kann schwerlich
dialektisch zu legitimieren. An dieser Stelle hat Hegel den
auf dialektischen Prüfungen beruhen.
Schritt vom Verweilen zur bestimmten Negation durch den
Ähnlich verwickelt ist ein anderer Versuch, das Denken
systematischen Fortgang der Dialektik selbst abgestützt.
im falschen Zustand zu überbieten: die prophetische Positi-
Adorno reagiert mit einer solidarischen Subversion des
on. Wer den Messias verkündet, impliziert, daß eine neue
dialektischen Verfahrens.
Weit beginnt, obwohl er Teil der alten ist. Soviel im bisheri-
Vor der Beschreibung dieses Manövers ist ein allgemei-
gen Zustand muß vertretbar sein: Die Invokation der Erlö-
ner Hinweis angebracht. Solidarische Subversion ist ein
sung, die das Leben ganz verwandelt. Die "Negative Dia-
trickreiches Unternehmen. Was dem einen Solidarität ist,
lektik" setzt mit der Feststellung ein, ein Kairas sei unge-
wird jemand, den die damit verbundene Subversion trifft,
nützt verstrichen. An einigen Stellen suggeriert Adorno, um
leicht als Vertrauensbruch wahrnehmen. Die Kritik kommt
nochmals einen zu verdienen, müsse sich Philosophie,
von innen - um so unerwünschter kann sie sein. Bestimmte
nachdem sie sich dem mühsamen Pensum radikaler
Negation operiert mit dem systematischen Privileg, genau
Selbstkritik unterzogen hat, mit einer letzten Anstrengung
markieren zu können, was am Negierten produktiv zu nüt-
gegen das eigene Herkommen wenden. Das utopisch An-
zen ist und was historisch auf der Strecke bleibt. Das wird
dere, welches sich negativ im universalen Verblendungszu-
prekär, wenn diese Methode iteriert wird; wenn sich das
sammenhang spiegelt, könnte - nach dieser spekulativen
Subversionspotenzial der Dialektik an der Dialektik selbst
Transgression- einem Denken zugänglich sein, das an der
versucht. Man kann ihr insgesamt nicht durch bestimmte
Verblendung teilnimmt und dennoch auch hinüberreicht.
Negation beikommen. Andererseits verbietet die dialekti-
sche Schulung, sich auf äußerliche Alternativen zu verle- "Der Totalität ist zu opponieren, indem sie der Nichtidentität
gen, deren Stringenz nicht im gedanklichen Duktus nach- mit sich selbst überführt wird, die sie dem eigenen Begriff
gewiesen werden kann. Die Solidarität verlangt den Re- nach verleugnet. Dadurch ist die negative Dialektik, als in ih-
rem Ausgang, gebunden an die obersten Kategorien von
spekt vor einem systematischen Vermittlungsanspruch, den ldentitätsphilosophie. Insofern bleibt sie falsch, identitätslo-
die Subversion unterminieren muß. Dialektik läßt sich nicht gisch, selber das, wogegen sie gedacht wird." 11
dialektisch überwinden, darf aber auch nicht bleiben, was

HERBERT HRACHOVEC 9
IWK-MITTEILUNGEN 4/1999

Diese Auskunft untermauert das Dilemma. Entweder das NEGATION


falsche Denken schlägt zuletzt auch noch die Transgression
in seinen Bann, oder ein Funken Wahrheit bleibt unverdor- Im westlichen Neo-Marxismus der kritischen Theorie steckt
ben. Wer ihn zu sagen weiß, stände außerhalb des Teu- eine Arroganz, die fraglich scheinen läßt, ob ihrer Solidarität
felskreises. zu trauen ist. Eine Vignette aus der "Negativen Dialektik"
Dialektik ist ein methodologisch gezielter Umgang mit führt das Problem vor Auge. "Nicht ist jegliche als primär
Grenzen und Grenzüberschreitung. Die Erkundung der auftretende Erfahrung blank zu verleugnen. "14 Der Satz ent-
Grenzen der Dialektik selbst verlangt besondere Raffinesse. hält die Zuwendung zur quasi unschuldigen Sache, die
Das sollte allerdings nicht davon ablenken, die Bedeutung Adorno nicht mit schematischen Konstrukten zu überrollen
dialektischer Verfahrensweisen "im Normalbetrieb" wahrzu- verspricht. Doch dieses Motiv ist in eine Formulierung ge-
nehmen. Adornos undatierte Grundfigur hat in der DDR zu faßt, die unmißverständlich klar macht, wer dabei das Sa-
einem Zeitpunkt nachgewirkt, als in der Bundesrepublik die gen hat: der idiosynkratische Philosoph, dessen sprachliche
Weichen bereits anders gestellt wurden. ln diesem markant Extravaganz und spekulative Kraft nicht nur den Ton angibt,
unterschiedlichen gesellschaftlichen Kontext konnte die sondern auch bestimmt, wann solche "als primär auftreten-
Idee der solidarischen Subversion wertvolle Dienste leisten. de Erfahrungen" zu honorieren respektive zu attackieren
Hans-Peter Krüger, ein Philosoph der Nachkriegsgenerati- sind. Der Tendenz des Denkens, sich an die Dinge wegzu-
on, beschreibt es folgendermaßen: geben, widersprechen Verdikte wie: "Kein unreflektiert Ba-
"Die Neuinterpretation dieser, vom Stalinismus ausradierten nales kann, als Abdruck des falschen Lebens, noch wahr
Vorgeschichte wurde von den 50er bis zu den ?Oer Jahren zur sein."15 Was am Einzelnen eigentümlich sein soll, sei "prä-
wichtigsten Revisionsform der ideologischen Legitimationen formiert, stets fast Geblöck ... ."16 Hegels konstitutiver Vor-
neostalinistischer Diktaturen. Sie lohnte als ein Pergament, sprung des Geistes auf seinem Gang durch die Geschichte
dessen ursprüngliche Beschriftung im Horizont auch westli- wirkt in solchen Passagen ungebrochen weiter. Im Westen
cher Hege!- und Marx-Deutungen, vor allem der Erwartungen wurde daraus bei Adorno-Adepten bisweilen eine Attitüde,
und Enttäuschungen der 68er Generation, noch in den ?Oer im Osten waren die Folgen eindringlicher. Die Arroganz
Jahren zum Leben erweckt werden konnte.'' 12 mutierte zur Selbstverteidigung und verwickelte die Betrof-
Schlichter als die schwindelerregende Pirouette ist Krügers fenen in eine schwer erträgliche Gegen-Abhängigkeit vom
Bild vom Palimpsest dennoch eine getreue Antwort auf Regime.
Adornos Bewegung. Die herrschende Doktrin hat Mitteilun- Der Buchtitel "Negative Dialektik" enthält die Assoziation
gen überschrieben, die gegen die Macht der Oberfläche an "Negative Theologie", die Adorno auch an prominenter
wieder zu gewinnen sind und dieser Oberfläche die Selbst- Stelle herausstreicht. Das Hinaustasten der Gedanken zum
verständlichkeit nehmen. .Solidarische Subversion" erhielt Inkommensurablen findet "nirgends Schutz als in der dog-
in diesem Zusammenhang einen handfesten Sinn. Ange- matischen Tradition"Y Demselben Duktus folgend hat H.-P.
sichts eines oppressiven Staates, von dessen Ideologie sich Krüger, wie seine Selbstdiagnose belegt, die Negativkraft
linke Intellektuelle dennoch nicht gänzlich distanzieren der Gedanken zur Gewähr ihres Wahrheitsgehaltes ge-
konnten, wurde daraus ein täglicher Kleinkrieg, in dem die macht.
Integrität der theoretischen Arbeit gegen die Vorgaben der "Bis zum Ende der ?Oer Jahre bedurfte ich lebensgeschicht-
Parteilinie verteidigt werden mußte. Ein Beispiel dieses lich einer Position, die sich gegen die Anfeindungen seitens
symbiotischen Verhältnisses ist die Unterwanderung des - der offiziellen Ideologen dadurch behaupten konnte, daß sie
gleichwohl auch anerkannten - Ideals der Herrschaft des sich selber noch geschichtsphilosophisch privilegierte. Und sei
Proletariats. es auch nur in der Gestalt von Engeln, die aus negativen Er-
fahrungen hervorgegangen waren und durch das gewußte Pa-
"Der destruktiven Erweiterung des Zirkels kapitalistischer Re-
radox ihrer Abwesenheit glänzten. Die Disziplinierungstechni-
produktion widersteht letztlich nichts anderes als Gegen-
ken der neostalinistischen Diktatur ... provozierten bei den
Macht. Revolutionäre Gegen-Macht schließt die Gefahr ein,
Exkommunizierten Versuche, sich vor ihren Selbstzweifeln
daß die stählerne Maske des Revolutionärs mit diesem, bis zu
durch eine Art Sendungsbewußtsein zu schützen." 16
seiner Unkenntlichkeit im Tode, verwächst, statt je von ihm
wieder abgenommen werden zu können." 13 Negative Arroganz, sozusagen. Sie war an den Staatsso-
ln solchen Passagen wird deutlich, wie sich bestimmte Ne- zialismus gebunden und erwies sich danach als - teilweise
gation zur Strategie partieller Dissidenten eignet. (Totalver- selbstverursachte - Deformation. So kann solidarische
weigerung ist eine andere Sache.) Den Fortschritt erhofft Subversion kollabieren: Das Ideal, dem noch im Protest die
man davon, - bisweilen listig - auf Themen zurückzugrei- Anstrengung gilt, erweist sich als maßlos überzogen. Die
fen, deren Sprengkraft den herrschenden Autoritäten nicht Konstruktion der sachdienlichen Opposition verfehlt die
fremd und nicht geheuer sein können. Vorhin war die Rede Realität. H.-P. Krüger stößt auf die erfrischenden Wider-
vom Ausfransen der Dialektik an ihrer Grenze. Das eben zi- sprüche des unreflektiert Banalen:
tierte Beispiel ihrer Anwendung demonstriert einen weiteren "Ein Professor der marxistisch-leninistischen Philosophie
Aspekt. Die Konstruktion der Symbiose zwischen Solidarität stellte mir nach meinem dreijährigen Lehr- und Publikations-
und Kritik kann zusammenbrechen. verbot die zunächst taktlos anmutende Frage, ob ich Typhus
gehabt hätte. Wäre der Mann nicht opportunistisch und zudem
auch noch faul, d. h. durch und durch menschlich gewesen, er

10 HERBERT HRACHOVEC
IWK-MITIEILUNGEN 4/1999

hätte jene Frage nicht - wie sich herausstellte - besorgt ge- .. Ich glaube an die politische Tugend der Unzeitigkeit. Und
meint haben können." 19 wenn etwas Unzeitiges nicht die mehr oder weniger kalkulierte
Chance hat, gerade zur rechten Zeit zu kommen, dann kann
Engel, die faszinieren, weil ihrer nicht habhaft zu werden ist, das Unzweckmäßige einer (politischen oder sonstigen) Stra-
sind an dieser Stelle falsch am Platz. tegie immer noch zu zeugen von der Gerechtigkeit ...."24
.. Ich lernte wieder, ohne revolutionäre Ungeduld von Mensch
zu Mensch zu reden, ob in Kneipen und Ferienjobs, bei Die überall verbreiteten Nachrufe auf das kommunistische
Abenteuern und auf Reisen, beim Einkauf und im Hausflur. Programm erwecken Mißtrauen. Der Eifer, mit dem seine
Zweibeiner waren Zweibeiner, bevor und nachdem sie philo- Themen als diskreditiert erklärt werden, verrät die Absicht.
sophisch, politisch, sozial, kulturell oder sonstwie zu dieser .. Aber der wirksamste Exorzismus gibt sich den Anschein,
und jener Rubrik gehören mochten. Die Engel gab es tatsäch- den Tod festzustellen, nur um zu töten." 25 Das Unisono der
lich auf der Straße, aber sie wurden nie einen Pferdefuß los. politischen Kommentatoren erzeugt Widerstand und da En-
Sie ähnelten eher Kentauren auf dem Weg zur U-Bahn."20 gel nicht recht in Mode sind, treten sie als Gespenster auf.
Das liest sich wie eine Umsetzung von Adernos Rat an die ..Welchen Modus der Präsenz hat ein Gespenst? Das ist die
Dialektik, sich dem Kleinen, Unbedeutenden zuzuwenden. einzige Frage, die wir hier stellen wollen." 26 Geister treten
Nur ist dabei die Dialektik verlorengegangen. Das Regle- auf, wenn eine Lebensgeschichte mit dem Tod der Person
ment, das vorgibt, welche Unwichtigkeilen wichtig sind, noch nicht erledigt ist. Sie sind ein Manifest: Die Sache, um
greift nicht mehr. welche es in diesem Rahmen ging, blieb offen und verlangt
Der systematische Kontrollanspruch verträgt sich danach, wieder aufgenommen zu werden.
schlecht mit der Freigabe der Gegenstände. Das gilt auch .. Das Eigene eines Gespensts, wenn es das gibt, besteht dar-
für die negative, internalisierte Version der Kenntnis des in, daß man nicht weiß, ob es, wiederkehrend, von einem
großen, weltgeschichtlichen Zusammenhangs. H.-P. Krüger ehemals Lebenden oder von einem künftig Lebenden zeugt,
formuliert die Absage an deren Suggestion mit entdeckari- denn der Wiedergänger kann bereits die Wiederkehr des Ge-
scher Emphase: spensts von jemandem oder etwas bezeichnen, dem das Le-
ben erst noch versprochen ist. Unzeitigkeit, noch einmal, und
.. Keine Vertagung mehr; keine höhere Notwendigkeit mehr, Störung des Gleichzeitigen. ln dieser Hinsicht ist der Kommu-
die Perioden der Zweck-Mittel-Verkehrung tapfer durch nismus immer gespenstisch gewesen und wird es auch blei-
Selbstkasteiung durchstehen ... zu müssen."21 ben .. .'m
Auf eine Parole gebracht: .. Mit dem Verrat leben"22 • Auch Mit leichter Hand zeichnet Derrida zentrale Gedanken der
hier wirkt noch bestimmte Negation. Die Zustände in Knei- kritischen Theorie nach. Seine Dekonstruktion, die jahr-
pen und auf dem Weg zur U-Bahn sind nicht von sich aus zehntelang ohne politische Theorie ausgekommen ist, ent-
.. Verrat". ln dieser Weise erscheinen sie, weil eine Vorge- puppt sich als marxistisch inspiriert.
schichte das Gewöhnliche unter das Verdikt des Banalen, Derrida betont genau die Linie, die im vorigen Abschnitt
im besten Fall aufklärungsbedürftigen, gestellt hat. Dieser zu einem Ende geführt hat. Aus der Rückwendung auf un-
Auffassung wird verräterisch widersprochen; das positive eingelöste Hoffnungen, deren Verwirklichung ein vorläufiger
Anliegen H.-P. Krügers ist negativ vermittelt. Gleichzeitig ist Sieg der Widervernunft blockiert, läßt sich ein spekulativer
greifbar, daß Dialektik an dieser Stelle nur mehr eine rheto- Vorsprung gewinnen, der sich leicht mit dem Gestus morali-
rische Reminiszenz ist. Der Titel .. Demission der Helden" scher Superiorität verknüpft. Das oppositionelle Sendungs-
erinnert an .Dekonstruktion". Die Aufgabe, die der Autor für bewußtsein entfaltet seine Wirksamkeit wie eh und je.
die Zeit nach der Wende beschreibt, verstärkt diesen Ein-
.. Diese Kritik gehört der Bewegung einer Erfahrung an, die für
druck.
die absolute Zukunft dessen, was kommen wird, offen ist .... "26
.. Helfen beim Auf- und Abbau der Helden, bis diese Rolle le-
bensgeschichtlich tragbar und übertragbar wird, ohne im Eine .. abstrakte, wüstenhafte, ausgelieferte Erfahrung"29 mit
Schicksal der Kreuzigung enden zu müssen. Wo anfangen? - den bekannten Zügen der dramaturgischen Selbststilisie-
Im nächstliegenden Kleinen."23 rung des- zu seinem Glück- unglücklichen Bewußtseins.
Das gäbe eine günstige Gelegenheit, die Motivgeschichte .. Einmal mehr, hier wie anderswo, wie überall, wo es um die
der .. bestimmten Negation" in die sogenannte Postmoderne Dekonstruktion geht, würde es sich darum handeln, eine ...
münden zu lassen. Die Durchkreuzung hierarchischer Sy- Affirmation, wenn es eine gibt mit der Erfahrung des Unmögli-
stemzusammenhänge als Strategie gegen die Kreuzigun- chen zu verbinden ...."30
gen, die sie immer wieder erzwungen haben, wird mittler- Die bekannte Geste des Propheten. ln ihr, so bestätigt Der-
weile nicht mehr in spiegelbildlich abhängiger Antithese zu rida, ..... kann man noch einiges an wesentlicher Affinität zu
totalitäten Regimes praktiziert. Das Instrumentarium hat einem gewissen messianischen Geist ... "31 finden. Die Pa-
sich differenziert ebenso wie die Quellen der Unterdrük- rallelen sind unübersehbar, nichtsdestoweniger ist die Wie-
kung, denen Widerstand zu leisten ist. Dennoch: abwesen- derkehr des Engels als Gespenst keine kritische Theorie für
de Engel sollte man nicht unterschätzen. die gegenwärtigen Umstände. Die letzte Formulierung ist
Sie können unversehens auftauchen, in verwandelter ein genauer Indikator. Derrida reklamiert wesentliche Affi-
Gestalt. Jacques Derrida hat genau zur falschen Zeit be- nität zum messianischen Geist und nimmt die Aussage
gonnen, seine Gedanken über den Marxismus zu veröffent- noch im selben Satz zurück: ..einiges an wesentlicher Affi-
lichen. nität", ein gewisser messianischer Geist. Die promulgierte

HERBERT HRACHOVEC 11
IWK·MITTEILUNGEN 4/1999

radikale Erfahrungsoffenheit der Dekonstruktion führt in der des dialektischen Zusammenhangs selbst erteilt. Sie ge-
Regel zu langwierigen Einschränkungen und Modifikationen stattet eine Bewegungsfreiheit, ohne die moderne Gesell-
kühner verbaler Stellungnahmen. schaftsformationen unmöglich zu analysieren wären. Natür-
"Das ist der Grund, warum eine solche Dekonstruktion nie lich erzeugt das eine schiefe Optik. Denken mit Hilfe von
marxistisch gewesen ist, ebensowenig wie nicht-marxistisch, Modellen gehört zum Methodenapparat des ausführlich ge-
obwohl sie einem gewissen Geist des Marxismus treu geblie- scholtenen ,.Positivismus". Kein Argument klärt darüber auf,
ben ist, wenigstens einem - denn man kann nicht oft genug inwiefern dieser Inbegriff heuristischer Vorläufigkeit im En-
wiederholen, daß es mehr als einen davon gibt und daß sie semble einen dialektischen Zusammenhang ausmachen
heterogen sind."32 kann. Die Vermittlung zwischen Konstellationen und System
Es ist nicht einzusehen, wo dieses mit Jenseitsaussichten bleibt verbal. Sie dreht sich um das suggestive Wort ,.Mi-
geschmückte Wenn-und-Aber die Sache weiterbringt, für krologie".
die es - unzeitgemäß - eintritt. Das Ausfransen der Gren- Der Zusammenhang ist in der .Negativen Dialektik" ab-
zen der Dialektik in Adernos Entwurf scheint prolongiert. schließend angedeutet und nicht belastbar. Metaphysik wird
Im Vergleich zu Adernos und Derridas pathetischer Be- durch Entmythologisierung immer weiter zurückgedrängt
schwörung der Offenheit inmitten elaborierter Theoriekon- und schützt sich "vor der Totale", indem sie "in die Mikrolo-
strukte wirkt H.-P. Krügers Erfahrungsbericht wohltuend gie einwandert." "Danach wäre sie möglich allein als lesbare
nüchtern. Ist das ein Weg aus der Tradition, Utopie als Konstellation von Seiendem."37 So sieht das Denken aus,
Kutschpferd einzuspannen? dem Adernos Solidarität in dessen Absturz gilt. Der Philo-
soph imaginiert sich eine Gegenposition, an die er seine
"Die unglückselige Trennung zwischen den auserwählten Hel-
Hoffnung heftet, die er im selben Atemzug auch von sich
den, die sich von positiven in negative verkehren, und der
ewig stumpf scheinenden Masse war endlich aufzubrechen."33 weisen kann. Genug der Raffinesse. Der Abschluß dieser
Diskussion stützt sich auf zwei Ergebnisse der bisherigen
Doch diese Aussicht ist mit einem Widerspruch belastet, der Argumentation. Erstens gilt die Dispens, die sich Adorno
bereits in der "Negativen Dialektik" aufgetreten war. Wenn gestattet, auch für seine Leser und zweitens ergeben sich
das Alltägliche ohne theoretischen Filter zugelassen wird, Schwierigkeiten damit, das Modelldenken mit der empha-
verliert es nicht bloß die Anrüchigkeil des Banalen, sondern tisch zugespitzten, direktiven, ultimativen Theorie zu ver-
im gleichen Zug die Attraktivität als unbeschädigtes Einzel- einbaren, als welche die .Negative Dialektik" glänzt. Der
nes. Was die Meisten tun, ist dann weder abzulehnen, noch Gestus Adernos suggeriert, daß sich die kleinen Dinge als
anderswie hervorzuheben. Dialektik, die sich selbst aus der Unterpfand der Versöhnung im Großen erweisen. Es ist
Diskussion nimmt, kann nicht damit argumentieren, ein an- nicht einzusehen, wie sie dem Druck widerstehen könnten,
gemessener Diskurs bliebe zurück. H.-P. Krügers Vorschlag den die jederzeit griffbereite Rede vom universalen Ver-
macht nur unter der Bedingung Sinn, die er im ersten Satz blendungszusammenhang erzeugt. Aber vielleicht läßt sich
seines Buches ausspricht: "Hand auf's Herz: Wer von uns der Gedanke umkehren. Der Mikrologie wird unter solchen
wäre nicht gerne ein Held geworden?"34 Die Befreiung zum Umständen unweigerlich die Eschatologie aufgeprägt. Die
Naheliegenden, die Loslösung vom Negationskrampf, ist weltgeschichtliche Perspektive ist im Vergleich zu den ein-
ohne das Phantasma des Helden nicht zu denken. Man zelnen Instanzen, in denen sie greifbar wird, platt. Die De-
kann die ganze theoretische Schematik verwerfen, inner- tailanalyse vermag den Entscheidungszwang nicht zu lö-
halb derer sich die diskutierten Probleme ergeben. Aber sen, unter den die kritische Theorie den Weltlauf stellt. Aber
man sollte nicht so tun, als ob aus ihrem Ungenügen anders sie kann ihn plausibel machen. Sie kann der Fertigkeit, mit
als ungenügend zu entkommen wäre. welcher dialektische Argumentationen sich bewegen, eine
fertige Konstellation entgegenstellen. Solche Momente zei-
gen die Obsession mit "dem richtigen Leben" en miniature.
KONSTELLATION Sie enthalten Dogmatismus, ohne den es keinen Wahr-
heitsanspruch gibt und reizen ihn soweit aus, wie die Um-
Als Konsequenz aus den Spitzfindigkeiten an der Grenze stände es gestatten. Das ist ihre Grenze, daraus gewinnen
dialektischen Denkans bieten sich zwei Alternativen an: in- sie ihre Überzeugungskraft, mehr können sie nicht bewir-
nerhalb des Rahmens bleiben oder sich nicht von ihm ver- ken. Offenbar verlangt dieses Konzept ein Beispiel. Es
einnahmen lassen. Ob es ein solidarischer oder subversiver stammt aus den letzten Tagen der DDR und bietet eine
Zug ist, sei dahingestellt, jedenfalls findet sich bei Adorno methodelogische Variante zur Dialektik auf dem Weg zu-
noch eine dritte Möglichkeit, nämlich die Kombination der rück nach vorne.
Alternativen: in negativer Dialektik unbeeindruckt vom Sy- Der Rostocker Chor unter der Leitung von Christoph
stemzwang denken. Adernos Termini dafür sind ,.Modell" Schroth hat einen Liederabend einstudiert: .Die Freie Deut-
und ,.Konstellation". "Philosophisch denken ist soviel wie in sche Jugend stürmt Berlin". 38 Vorgetragen werden bekannte
Modellen denken; negative Dialektik ein Ensemble von Mo- Gesänge des internationalen Proletariats, speziell Lieder
dellanalysen."35 ln Konstellationen versammeln sich Begrif- aus der sozialistischen Jugendarbeit der 50er Jahre. Im
fe, die direkt ihr Ziel verfehlen, von außen um die Sache Rahmen der westdeutscher Kulturerfahrung könnte ein sol-
(vgl. Negative Dialektik S. 162 ff). 36 Diese methodische Vor- ches Unternehmen rückständig, ironisch oder revisionistisch
kehrung ist gleichsam eine Dispens, die sich der Meister sein. Doch dem ostdeutschen Chor gelingt es, sich diesen

12 HERBERTHRACHOVEC
IWK·MITTEILUNGEN 4/1999

Thesen und Antithesen zu entziehen. Er präsentiert offen- ANMERKUNGEN:


kundige Klischees wie .Das neue Leben muß anders wer-
den - Als dieses Leben, als diese Zeit" in leiser Bestimmt- 1 G. W. F. Hegel: Die Phänomenologie des Geistes, Voffede. Phi-
heit, traurig und überzeugt. Die Singweise stellt sich gegen losophische Bibliothek 114. Harnburg 1952, S. 29 f.
2 ebd.
den Triumphalismus der Staatsrituale ebenso wie gegen die
3 a. a. 0., S. 68
hämische Ausbeutung des einfachen Gedankens, es dürfe 4 Theodor W. Adorno: Negative Dialektik. Frankfurt 1966, S. 62
kein Elend mehr geben. Sie ist von den herrschenden 5 a. a. 0., S. 398
Ideologen nicht zu belangen, weil sie deren inhaltlichem 6 a. a. 0., S. 20
Diktat nicht widerspricht; gleichzeitig ist offenbar, daß sie es 7 a. a. 0., S. 41
unterwandert, indem sie ihm die Attitüde raubt. Die Unter- 8 a. a. 0., S. 23
9 a. a. 0., S. 43
wanderung geht aber auch nicht in die Richtung, die aus 10 a. a. 0., s. 25
der westlichen Unterhaltungsbranche bekannt ist. Sie bleibt 11 a. a. 0., S. 148
solidarisch mit dem Wunsch, dem auch der real existieren- 12 Hans-Peter Krüger: Demission der Helden. Kritiken von innen
de Sozialismus seine Existenz verdankt. 1983-1992. Berlin 1992, S. 22
So ließe sich verständlich machen, wie Mikrologie den 13 a. a. 0. S. 107
ambitionierteren, auf Welt- und Heilsgeschichte ausgerich- 14 Adorno, a. a. 0., S. 47
15 a. a. 0., S. 43
teten Redeweisen Impulse vorgeben kann. Gegen die Ten- 16 a. a. 0., S. 44
denz theoretischer Entwürfe, in einzelnen Beispielen Bestä- 17 a. a. 0., S. 395
tigung zu suchen, wäre sie ein "bottom-up"-Verfahren. Das 18 a. a. 0., S. 11
Alltägliche eignet sich in der Regel nicht dazu, dem Leben 19 a. a. 0., S. 13
systematisch überprüfbaren Halt zu verleihen. Das ist das 20 a. a. 0., S. 12
Argument für distanzierte, nicht an den jeweiligen Umstän- 21 a. a. 0., S. 17
22 ebd.
den klebende Betrachtungen. Und in der Tat bedarf es prin- 23 ebd.
zipieller Überlegungen, um den Ablauf des gewohnten Le- 24 a. a. 0., S. 143
bens nicht der Willkür jeweils herrschender Ordnungen 25 a. a. 0., s. 83
auszuliefern. Dennoch sind auch in der Alltagserfahrung 26 a. a. 0., S. 67 f.
Festpunkte herstellbar, die alle Anforderungen an methodi- 27 a. a. 0., S. 159 f.
sche Prägnanz erfüllen. Ein Lied läßt sich so singen, daß 28 Jacques Derrida: Marx' Gespenster. Frankfurt 1995, S. 146
29 ebd.
die gesellschaftliche Wirklichkeit, die es umgibt, auf Ja und
30 a. a. 0., S. 63f
Nein festgelegt wird. Regeln können in einer Weise ausge- 31 a. a. 0., S. 146
legt werden, die bestehende Praktiken definitiv auf die Pro- 32 a. a. 0., S. 125
be stellen. So entsteht in diversen Handlungsspielräumen 33 Krüger, a. a. 0., S. 17
ein "eschatologischer'' Moment: Gelegenheit zur Entschei- 34 a. a. 0., S. 7
dung über den Sinn der (sozialen) Existenz. Daß ein ent- 35 Adorno, a. a. 0., S. 27
36 Unter dieser Maxime steht z. B. die Hommage an Max Weber in
sprechendes Verhalten unter den Bedingungen des Spät- der ,.Negativen Dialektik".
kapitalismus nicht von Philosophen vorgedacht werden 37 a. a. 0., S. 397
kann, hat Adorno eindringlich argumentiert. Denkbar ist 38 Die Aufführung ist auf einer CD-ROM mit dem gleichnamigen Ti-
dennoch, daß deren Kategorien und der Erfindungsreichtum tel dokumentiert. Edition BARBArossa 1994. Erhältlich bei 2001
des Alltags einander in der Sache treffen.

IWK·INTERNETDATENBANK "DIE ÖSTERREICHISCHE WISSENSCHAFTSEMIGRATION"


http://iwk.phl.univie.ac.at/emigration
Die Internetdatenbank ist Ergebnis eines vom bm:wv finanzierten Projektes und wurde von der Arbeitsgruppe "Vienna
Knowledge Net" realisiert. Das Projektziel bestand darin, die Resultate einer langjährigen Emigrationsforschung, die bisher
in einer biographischen und einer bibliographischen Datenbank getrennt dokumentiert und nur lokal zugänglich waren, in
ein einheitliches Informationssystem zu integrieren und über das Internet der breiten Öffentlichkeit zu erschließen.
Diese biobibliographische Datenbank enthält einerseits circa 5000 Werkdatensätze - neben Schriften von Emigrantln-
nen insbesondere Literatur zur Wissenschaftsemigration, zur Emigration einzelner Disziplinen und Schulen sowie zu den
Aufnahme/ändern. ln mehr als 2000 biographischen Datensätzen wurde andererseits die Emigration von Österreichischen
Wissenschaftlerinnen dokumentiert. "Wissenschaft" wurde dabei bewußt weit gefaßt, um neben der universitären Elite
auch diejenigen Personen aufzunehmen, die vor ihrer Emigration in Österreich haupt- oder nebenberuflich wissenschaft-
lich in Studium, Forschung, Lehre und Publikation nachweisbar wirkten.
Die vorliegende Datenbank versteht sich als work in progress mit der längerfristigen Perspektive, in Kooperation mit an-
deren Forschungseinrichtungen eine differenzierte Dokumentation des kulturellen Exils aus Österreich über Internet zu-
gänglich zu machen.

HERBERTHRACHOVEC 13
-. ..-,

IWK-MITTEILUNGEN 4/1999

GÜNTER SEUBOLD
ANACHRONISTISCH MODERN - ADORNOS ANDERE MODERNE

Der Moderne0egriff in aestheticis ist an den Fortschrittsbe- scher Kunst sich ergibt - der Tendenz des "ästhetischen
griff gekoppelt. Und Fortschritt heißt vor allem Innovation im Nominalismus": alles aus Subjektivität zu setzen, keine an
Materialbereich, heißt damit aber zunächst Verabschiedung sich seiende Form zu übernehmen -, dieser Zwang greift
traditioneller Formen und populärer Idiome. Musik, Ernste substantiell alle Tradition an, ahndet sie als "heteronom"
Musik, Seriöse Musik, soll ganz zu sich kommen, soll "rein" und will das bloß Überkommene und nicht selbst Gesetzte
werden, soll alles Fremde, alles, was nicht selbst gesetzt vernichten. Dieses Bestreben realisiert sich, indem es
worden ist - und dazu gehören auch traditionelle und po- "Neues" in die Kunst einbringt. Es bringt das autonome
puläre Formen -, verabschieden. Auch Adorno ist ein Ver- Neue ein, um das heteronome Traditionelle zu verabschie-
treter dieser Art von Moderne, die man Verabschiedungs- den. Hat es dieses Traditionelle verabschiedet, wird das
oder Dimissionsmodeme nennen könnte. Neue selbst zum Traditionellen: Kunst gerät in einen Ver-
Daneben aber gibt es bei Adorno einen Modernebegriff, nichtungs- und Erneuerungsrausch, die Furie des Ver-
der merkwürdig quer steht zur Dimissionsmodeme. Man schwindans paart sich mit dem - am Warenmarkt orien-
könnte ihn Adornos "anderen" Modernebegriff nennen. Er .tierten - Fetischismus des Neuen (vgl. 7, S. 41 ):
ist rezeptionsgeschichtlich bislang nicht nur sträflich ver- .Das Neue ist keine subjektive Kategorie, sondern von der
nachlässigt worden, sondern fast gänzlich unbeachtet ge- Sache erzwungen, die anders nicht zu sich selbst, los von
blieben, so daß nicht wenige Interpreten Adornos Moderne- Heteronomie, kommen kann." (7, S. 40)
begriff auf den der Dimissionsmodeme reduzieren. Dieses Avancierte Kunst steht in einem .antithetischen Verhältnis
Vorgehen ist nicht berechtigt, wie ich im Folgenden zu zei- zur Tradition" (7, S. 508), das schließlich in einen "Kanon
gen suche. der Verbote" (12, S. 40; 7, S. 60, S. 456) mündet, kurz: Mo-
Adorno gewinnt seinen ,anderen' Modernebegriff vor dernes Bewußtsein hat die ästhetische Tradition "gekündigt"
allem mit seinen Analysen der beiden Wiener Komponisten (7, s. 517).
Gustav Mahler und Alban Berg. Bei beiden Komponisten ist Nun könnte man der Meinung sein, es sei dies alles in
das, was der kurrente Fortschrittsbegriff verpönt, nicht nur der Ordnung. Was die Kunst auf der einen Seite, Tradition,
zugelassen - es ist geradezu konstitutiv für ihre Musik: Sie negiert, kompensiert sie, avantgardistisch, durch Eroberung
verdankt sich einer Integration der Tradition und Popular- neuen Terrains nicht nur - sie erweitert darüber hinaus
kunst. Wie Adorno mit diesem Sachverhalt umgeht - was er auch noch ihre Möglichkeiten. Dieser Prozeß gerade sei es,
daraus macht -, das suche ich im Folgenden vor allem an- der die Kunst jung und am Leben erhalte.
hand seiner Mahler- und Berg-Interpretationen zu zeigen. ln Doch ist dies nach Adorno nur .von außen" (7, S. 223)
Punkt I werde ich zunächst darlegen, daß sich Adorno auch gedacht. Denn von außen her wird
kritisch gegenüber der Dimissionsmodeme zu verhalten "die Erweiterung disponibler Materialien .. . sehr überschätzt;
vermag. ln Punkt II erörtere ich Adornos anderen Moderne- die Refus, die nicht nur der Geschmack sondern der Material-
begriff, der auf einer Integration der Tradition und Popular- stand selber den Künstlern abnötigt, kompensieren sie". (7,
kunst fußt. Damit scheint er in die Nähe postmoderner Pro- S. 223).
grammatik zu rücken. Doch hellsichtig hat Adorno die Fal- So setzt die avantgardistische Gesinnung zwar den disso-
len erkannt, die mit diesem Vorgehen aufgestellt und in die nanten Klang als veritable Ausdrucksform durch, ächtet
die Postmodernen nicht selten getappt sind (Punkt 111). ln aber auch das .verbrauchte" konsonant-tonale Material.
Punkt IV schließlich suche ich die Aktualität Adornos jen-
seits von Dimissions- und Postmodeme darzulegen. 2) DER LETALFAKTOR DER DIMISSIONSMODERNE
Der "Ausschluß des Verbrauchten und der überholten Ver-
fahrungsweisen" (7, S. 58) zeitigt einen Reduktionismus,
I. KRITIK DER DIMISSIONSMODERNE der der Kunst so lange nicht an den Lebensnerv reicht, so-
lange sie Neuland zu entdecken weiß. Aber das Land, das
Kritik der "Dimissionsmoderne" heißt auf dem Felde der es zu entdecken gilt, erstreckt sich nicht ins Unendliche. Die
Musikästhetik für Adorno zunächst Kritik des Serialismus, Entdeckung kommt zu einem .Ende". Neuland entdecken
der die - noch verbliebenen - "Residuen des Überkomme- heißt: die Evolution des .Materials" - dessen, womit der
nen und Verneinten ausmerzt" (7, S. 223)1; heißt dann aber Künstler arbeitet - vorantreiben. Und hat die .. Möglichkeit
auch Kritik der Zwölftontechnik. von Neuerungen sich erschöpft", werden Neuerungen, so
Adorno, nur noch mechanisch weitergesucht auf einer Linie,
1. INNOVATIONS-OBSESSION UND TRADITIONS-NEGATION
die sie wiederholt, so muß .die Richtungstendenz der Neue-
Der Zwang, der aus der Entwicklungstendenz abendländi- rung verändert, in eine andere Dimension verlagert werden"

14 GÜNTER SEUBOLD
IWK·MITTEILUNGEN 4/1999

(7, S. 41). Das ist einfach gesagt und in dieser Allgemein· "komisch". Der Schock "stumpft sich ab" (12, S. 186)- und
heit wohl auch stimmig und einsichtig. Wie aber sieht dies nicht nur bei Strawinsky. Diese Abstumpfung liegt Ober dem
konkret aus? "Altern der Neuen Musik" Oberhaupt, die in den .Kulturbe-
Was unter einem Richtungswechsel nach einer .Er- trieb" einverleibt zu werden droht (vgl. Diss S. 136).
schöpfung" zu verstehen ist, hat Adorno anläßlich der Ana- "Der Begriff der Avantgarde, über viele Dezennien hinweg den
lyse einer .Musik Ober Musik" (von Mozart bis Strawinsky) jeweils sich als die fortgeschrittensten erklärenden Richtungen
gezeigt: Die Komposition von "Musik Ober Musik" werde reserviert, ... hat ... etwas von der Komik gealterter Jugend."
veranlaßt durch eng gesetzte Grenzen der "Möglichkeit von (7, S. 44)
,Erfindung'" im Schema der Tonalität, sei bedingt von der "Die systematisierte und nach Schulen und Schulhäuptern or·
"Enge des Verfügbaren", von der .Ausschöpfung" des . ganisierte Avantgarde hat nicht weniger resigniert als die
Konformisten, die den Leuten nach den Ohren schreiben."
"schmalen Materials", so daß kein Einfall mehr hätte gedei-
(18, S. 176)2
hen können, der nicht schon dagewesen wäre. Daher, also
der "objektiven Abgebrauchtheit des Vorrats" wegen, das Die Situation inkludiert nach Adorno einen Letalfaktor: "Es
"Zitaf' als explizit subjektives Verhältnis zu Bekanntem, da- zeigt sich darin ... das tödliche Potential des Schrumpfens
her die .Musik Ober Musik". Doch hat dies, was den Er- der Artikulationsmittel." (7, S. 449) Denn mit der "Verar-
schöpfungszustand betrifft, höchstens aufschiebende, keine mung der Mittel ... verarmt auch das Gedichtete, Gemalte,
aufhebende Wirkung. Diese wurde allein durch radikale Er- Komponierte" (7, S. 66). Der .Kanon des Verbotenen ...
neuerung des musikalischen Materials erreicht: durch die saugt ... immer mehr in sich hinein" (0. L. S. 33), "antitradi-
Emanzipation der Dissonanz. "Ins Freie ... , los vom ver- tionalistische Energie wird zum verschlingenden Wirbel" (7,
griffenen Material" sei man nur durch das Verfahren Schön- S. 41 ), der schließlich die Kunst selbst in die Tiefe zieht.
bergs gekommen: das Verlassen des harmonisch-melo- Kunst im Zeitalter ihres Verstummens zeigt .die Unmöglich-
dischen Zirkels und die Zuwendung zur Atonalität (vgl. 12, keit der künstlerischen Objektivation" (7, S. 51). Mit der
S. 167). Schönberg hat damit "das ausgelaugte und bis in Schrumpfung der Mittel ist die Musik angekommen beim
all seine Möglichkeiten verbrauchte Material der Tonalität abstrakt-leeren Objektivismus der seriellen Komposition, in
abgestoßen" (18, S. 118). der die Musik zur unerbittlich ablaufenden, fühllosen Ma-
Aber was ist, wenn auch diese Richtung durchlaufen ist schine gerät.
und keine neue mehr eingeschlagen werden kann? Was ist, Diese Entwicklung legt nach Adorno einen .Schatten"
wenn das Material nicht mehr zu erweitern ist? Was ist, auch Ober die .heroischen Zeiten", die Ursprünge der Neu-
wenn man 1961 erkennt, daß .... die pure Evolution des en Musik selbst (vgl. Diss S. 145), einen Schatten, den
Materials einen Schwellenwert erreicht hat" (16, S. 425)? Adorno vor allem bei Schönberg wahrnahm. Freilich: Aus
Was ist, wenn eine auf die Evolution des Materials fixierte der Perspektive der seriellen Akme erscheint dann Schön-
Moderne .ihre Decke erreicht" hat und "kein Fund, keine berg - und mit Recht - als der, der noch "inmitten der
bloße Verfahrungsweise mehr durch Neuheit allein sich le- Zwölftontechnik den musikalischen Sinn, das eigentliche
gitimieren" kann, da "alle solchen Funde ... in einen vom Komponieren" (Diss S. 143) bewahrt hat. Doch sind auch
Gehör bereits abgesteckten Raum ... fallen" (18, S. 241)? bereits in der "Philosophie der neuen Musik" all die Gefah-
Es ist der Zusammenhang des "Aiterns der Neuen Mu- ren aufgelistet, in die die Seriellen dann herz- und traditi-
sik", in dem Adorno ausspricht, "daß die Expansion des onslos laufen. Denn all dies: die "totale Rationalisierung des
musikalischen Materials selbst bis zu einem Äußersten vor- Materials" (12, S. 170), die Flucht "nach vorwärts in die
gestoßen ... ist" (Diss S. 147). Die Möglichkeiten neuer Ordnung" (12, S. 108), die .verfügende Disposition Obers
Klänge sei "virtuell erschöpft". Natürlich seien nicht alle Ganze" (12, S. 71), die "virtuelle Auslöschung" des Subjekts
Klangkombinationen durchgespielt, da sie mathematisch ja (12, S. 70), die "In-Frage-Stellung der Möglichkeit von Aus-
unabsehbar seien. Aber es gehe eben nicht um Quantität, druck" (12, S. 27), die "Drohung der spezifisch musikali-
sondern um Qualität. Und hier .ist ... der Raum abgesteckt, schen Sinnlosigkeit" (12, S. 83), die "stählerne Apparatur''
und kein hinzuzufügender Klang würde wohl die Klangland- (12, S. 100), die "sinnleere Integration" (12, S. 195) und
schaft insgesamt verändern" (Diss S. 147). "Heteronomie" (12, S. 195) - all dies wird schon dem Ent-
Plausibel -und mehr als eine bloße Vermutung - Ador- wicklungsstand der Zweiten Wiener Schule zuerkannt.
nos Begründung: .Vielleicht war solche Veränderung selbst
möglich nur im Angesicht noch geltender Einschränkun-
gen." (Diss S. 147) Sind mit der Emanzipation der Disso- II. ADORNOS ANDERER MODERNEBEGRIFF
nanz die harmonischen Tabus alle gefallen, so scheint "die DER MAHLER- UND BERG-INTERPRETATION
absolute Grenze des geschichtlichen Tonraumes der
abendländischen Musik erreicht" (Diss S. 147). Es läßt sich ohne größere Schwierigkeiten darlegen - und
Dieses Stadium der geschichtlichen Entwicklung setzt natürlich ist dies auch längst dargelegt worden -, daß
dem Avantgarde-Anspruch, der Schock-Auslösung avan- Adorno selbst als Vertreter dieser Dimissionsmoderne mit
cierter Komposition zu: Avantgarde und Schock werden der dargelegten Traditionsnegation auftritt. Aber dieser Mo-

GÜNTER SEUBOLD 15
IWK-MITTEILUNGEN 4/1999

derne- und Traditionsbegriff steht merkwürdig quer zu ei- aufgewiesen, daß diese Charakterisierung das Wesentliche
nem Traditionsbezug, wie ihn etwa der folgende Satz aus nicht trifft. Dieses Wesentliche, das Eigentliche, Neue, Au-
der Mahlerinterpretation artik~liert: thentische, durchaus "Moderne" der Komposition ist freilich
"Zuweilen ist die Zuflucht des Fortgeschrittensten in der Kunst nicht plakativer Art. Oberflächlichem Hören und traditionel-
der Rückstand des Vergangenen, den sie mitschleppt; des- ler Analyse erschließt es sich nicht. Es muß vom Hörer ge-
sen, was sie als unerledigt Aufgegebenes empfängt. Sie reicht lernt und vom Interpreten eigens eruiert werden - bei Mah-
über die Sphäre des up-to-date dadurch hinaus, daß sie auf-
ler schon, dessen Musik Adorno mit den Wendungen "ana-
greift und umdenkt, was am Wege liegen blieb." {16, S. 339 f.)
chronistisch modern" (13, S. 256) und .latente Moderne"
Auch wenn diese "Zuflucht" nur "zuweilen" geboten sei - der (13, S. 278) charakterisiert; erst recht aber bei Alban Berg:
Leser und Interpret wird hellhörig: So einsinnig, so einglei- Bei ihm spricht Adorno von "wahrer Moderne" (13, S. 37 4) -
sig kann Adernos Moderne- und Fortschrittsbegriff in aes- und meint anderes damit als den .Fortschritt im Material"
theticis offenbar nicht sein. Adorno ist nicht naiver Moder- (darin waren Schönberg und Webern durchaus fortschrittli-
nist, sondern Kritiker der "ganz konsequenten" (Diss S. 149) cher).
Haltung des Modernismus; ja Adorno hat, wie sonst wohl Um diese Haltung Mahlers und Bergs zu charakterisie-
keiner von denen, die ihn des Modernismus bezichtigen,3 ren, verwendet Adorno auch den Begriff des .Zitierens" (vgl.
die Überdehnung des avantgardistischen Ansatzes, den z. B. 13, S. 206, S. 349, S. 418, S. 455, S. 459 f.; 18,
"unbelehrbaren Glauben an den gradlinigen Fortschritt" S. 641) bzw. der "Annäherung" ans Zitat (16, S. 213). Das
(Diss S. 137), geradezu als Letalfaktor der Kunst diagnosti- Zitierte darf dabei durchaus auch ironisch gebrochen wer-
ziert.4 den. So sind Adorno, wie er es Bergs Kammerkonzert kon-
ln Adernos Mahler- und Berg-lnterpretation5 vor allem zediert, beispielsweise Typenbezeichnungen (Largo, Ada-
wird ein anderer Moderne-Begriff entwickelt als der des gio, Andante etc.)
"Fortschritt(s) in der musikalischen Materialbeherrschung"
",egitim allein dort, wo nicht romantisch in den Typen, sondern
(19, S. 628), dem Tradition nur als "Kanon des Verbotenen" bewußt, transparent und aktuell mit den Typen gespielt wird,
gilt. Explizit wendet Adorno sich hier gegen eine "etwas ohne daß deren Realität behauptet wäre" {17, S. 310).
kleinliche Vorstellung vom Modernen", gegen eine Vorstel-
lung, die "die Farben mit der peinture verwechselt" (16, Adernos Verhältnis zur ironischen Brechung des Traditio-
S. 415; vgl. auch 16, S. 367). nellen ist aber äußerst differenziert; von einer pauschalen
kategorischen Ablehnung der Ironie kann hier ebensowenig
1. DIE BINDUNG AN DIE OPFER DES FORTSCHRITTS die Rede sein wie von einer ästhetischen Legitimation eines
affirmativen ironischen Gestus.
1938 schon, im Aufsatz .Ober den Fetischcharakter in der Adorno ist vorsichtig, weil Ironie, wie er es bei Strawins-
Musik und die Regression des Hörens", entwickelt Adorno ky vor allem konstatiert (und wie man es bei den postmo-
einen lnnovationsbegriff, der dem des Materialfortschritts dernen Künstlern und Ästhetikern in der Tat beobachten
geradezu entgegengesetzt ist. Betont wird von Adorno, daß kann), immer im Begriffe steht, .die verlorene und beschwo-
Mahler "fortschrittlich nicht durch handgreifliche Innovatio- rene Bilderweit zu verlachen" (13, S. 188). Dieses Gebaren
nen und avanciertes Material" sei, daß er überhaupt "keiner aber sei Mahler fremd. Er möchte vielmehr die "Trümmer
geradlinigen geschichtlichen Bahn folgt" (13, S. 167). Von der musikalischen Dingwelt", die Bruchstücke und Erinne-
.gewohntem Vokabular" (16, S. 327), von einer "Harmlosig- rungsfetzen .retten" (13, S. 189).6
keit des Materials" (13, S. 167) gar ist die Rede. Gegenüber
Reger, Strauss und Debussy sei Mahler in harmonischer,
2. DIE BEACHTUNG DER UNTEREN MUSIKSPHÄRE
melodischer und koloristischer Hinsicht "konservativ" (16,
S. 326) - und dennoch sei seine Musik "eminent modern" Die Dichotomisierung der Kunst in eine ernst-avancierte
(13, S. 210), darin nämlich, daß sie kein sinnhaftesGanzes und unterhaltend-rückständige und die damit einhergehen-
surrogiere. Mahler binde sich ans "tradierte Material" (13, den Probleme sind Adorno nicht fremd. Er hat die gesell-
S. 166), an die .Opfer des Fortschritts", jene "Sprachele- schaftliche Isolierung der avantgardistischen Kunst diagno-
mente, welche vom Prozeß der Rationalisierung und Mate- stiziert als "tödliche Gefahr ihres eigenen Gelingens" (12,
rialbeherrschung ausgeschieden werden" (13, S. 166); er S. 24). Neue Musik "muß" daher .wollen, die Menschen zu
schöpfe seine Charaktere aus dem "Fundus der traditionel- erreichen". Noch in ihrer verschlossensten Gestalt sei sie
len Musik" (13, S. 197). Hier kündigt sich eine Thematisie- ein Soziales und .von Irrelevanz bedroht, sobald jedes Ge-
rung der Tradition an, die in der Berg-Interpretation fortge- fädel zum Hörer durchschnitten ist" (17, S. 291 ).
setzt wird. Die Kluft zwischen sogenannter niederer und hoher
Bei beiden wendet sich Adorno gegen das "Ciich, vom Kunst ist für Adorno also eine unheilvolle und aufzuheben-
Spätromantiker'' (13, S. 152; 16, S. 417). Aber im Grunde de. Die "scharfe Dichotomie oberer und unterer Musik" will
wird ihre "Romantik" nicht bestritten. Im Gegenteil: Es wird nicht Adorno zum Gesetz erheben - sie wird es von der
immer wieder betont, daß beide in der romantischen Tradi- .verwalteten Musikkultur" (16, S. 374).
tion - Schubert, Schumann, Wagner- stehen. Es wird aber Es gibt nicht wenige Passagen in Adernos musikästhe-

16 GÜNTER SEUBOLD
IWK·MITTEILUNGEN 4/1999

tischem Oeuvre, in denen er konziliante Musik - und nicht .. Postmodernismus" im allgemeinen und des kompositori-
nur die unerbittliche - akzeptiert und die Einbeziehung fol- schen im besonderen tritt.S
kloristischer, populärer, ja banaler und vulgärmusikalischer Die postserielle, d. h. postmoderne Musik seit den sieb-
Elemente billigt und sogar fordert. Und es sind auch unter ziger Jahren ist ja reich an traditionalen Bezügen, ja sie
diesem Aspekt, neben Adornos Schreker- und Zemlinsky- konstituiert sich geradezu durch diese. Stellvertretend sei
lnterpretationen,7 vor allem die Berg- und Mahler-lnter- hier Wolfgang Schreiber aus der Textbeilage zur Kassette
pretationen, in denen sich geradezu programmatische Po- 10 .. Zeitgenössische Musik in der Bundesrepublik Deutsch-
stulate zur ÜbelWindung der Kluft von ,,u'' und .. E" finden. land, 1970-1980" des Deutschen Musikrates zitiert:
Für Bergs .Weinarie" z. B. könne man sich kein treffenderes .. Gewissermaßen im Zentrum der Musikanschauung der sieb-
Motto denken als ein Exzerpt aus Hofmannsthals .. Buch der ziger Jahre steht die neu angefachte Auseinandersetzung mit
Freunde": der musikalischen Überlieferung, ja mit der Geschichte über-
.. Ciaudel über den Stil von Baudelaire: C'est un extraordinaire haupt." (S. 8)
melange du style racinien et du style journaliste de son Das Spektrum der traditional ausgerichteten Komponisten
temps." (13, S. 463) dieses Jahrzehnts reicht von Sehnebei (bezeichnend die
ln der Arie seien veiWoben .. allegorischer Trübsinn" und .. tri- Kompositionstitel .. Bearbeitung" und ..Tradition" sowie die
vialer Leichtsinn", der .. Geist aus Flaschen" und die .. Musik- ästhetische Reflexion .. Gestoppte Gärung") über Kagel und
ware der Tangos", der .. seelenlaut des Einsamen" und die Henze bis hin zu Rihm.
..entfremdete Geselligkeit von Klavier und Saxophon aus Legion sind auch die von Komponisten und Musik-
Jazz oder Salonorchester'' (13, S. 463). ästhetikern ausgehenden Postulate einer ÜbelWindung der
Mahlers Symphonien Kluft zwischen Musik und Publikum, zwischen .. seriöser"
.. paradieren ... schamlos ... mit dem, was allen in den Ohren Musik und .. Unterhaltungsmusik", .E" und .U". Auch hier will
liegt, Melodieresten der großen Musik, schalen volkstümlichen man .. heraus aus dem Elfenbeinturm der Avantgarde".9
Gesängen, Gassenhauern und Schlagern" (13, S. 184). Daß Adorno nun gleichwohl nicht als .. Postmoderner''
vereinnahmt werden kann, beruht darauf, daß er diese -
Und es ist nicht allein die Funktion der Kontrastierung, die
recht allgemeinen - Postulate anders zu konkretisieren
diesen Elementen aus der U-Sphäre zugewiesen wird:
wünschte, als es die postmodernen Ausdruckskomponisten
"Die Kraft des Namens ist vielfach in Kitsch und Vulgärmusik mit ihrer Abwendung vom serialistischen Strukturdenken
besser behütet als in der hohen, die schon vorm Zeitalter radi· und unter Berufung auf Mahler und Berg getan haben.
kaler Konstruktionall das dem Stilisationsprinzip opferte." (13,
S. 185)
Adorno wird zum Kritiker der Gestalt von Postmoderne, die
diese seit den siebziger Jahren angenommen hat.10
Bereits 1929 konstatierte Adorno in der .. Aiban Berg in Ver-
ehrung" gewidmeten .Nachtmusik": 1. KRITIK DES AUS DEM FUNDUS DER TRADITION
"Nun die pathetische Einsamkeit der hohen Musik des neun- GEWONNENEN FALSCHEN REICHTUMS
zehnten Jahrhunderts selber fragwürdig ist, bemächtigt die
leichte Musik sich der sinkenden hohen - darum wohl auch, So ist Adorno grundsätzlich skeptisch einer Vorgehenswei-
weil in ihr verzerrt etwas von den großen Gehalten aufgehe· se gegenüber, die keine Hemmungen hat, aus der Tradition
ben bleibt, die die hohe vergebens anredet." (17, S. 53) das zu nehmen, was sie eben braucht - und meist ist es
Immer wieder betonen Adornos Mahler- und Berg-Interpre- nicht wenig. Solche Haltung übersieht, daß es gerade nicht
tationen die für ihre Musik konstitutive Funktion des .. Bana- die Opulenz des Materials ist, die ein Kunstwerk zu einem
len" (so z. B. 13, S. 417, S. 208), der ..Vulgärmusik" (z. B. gelungenen macht. Erst das begrenzte Material zwingt den
13, S. 184 f., S. 200, S. 434), der ..verfallenen Musik" (13, Künstler zu Konzentration und kreativem Schaffen. Daher
S. 477), der .Volksmusik" (13, S. 180; 20.2, S. 802) der nennt Adorno diesen Reichtum einen .falschen Reichtum"
.. Folklore" (20.2, S. 802; 13, S. 419, S. 467; 18, S. 477), des (0. L. S. 32), der dem bürgerlichen Geist des Disponierens,
.. Potpourri" (13, S. 183 f.), der .. leichten Musik" (13, S. 465), Besitzans und VeiWertens entspringe. Läßt sich der Künst-
der .. gehobenen Unterhaltungsmusik" (13, S. 482) und .. un- ler von diesem Reichtum vereinnahmen, so ..verfertigt er
teren Musiksphäre" (13, S. 21 0), des "Kitsches" (18, S. 501; Kunstgewerbe, erborgt sich aus Bildung, was seinem eige-
13, S. 186, S. 189, S. 467), der .. Salonmusik" (13, S. 481), nen Stand widerspricht, Leerformen, die sich nicht füllen
des ,.Jazz" (15, S. 361; 13, S. 465-467), "Tangos" (13, lassen: denn keine authentische Kunst hat je ihre Formen
S. 466f.), ..Chansons" (13, S. 481). gefüllt". (0. L. S. 33)
Nun hat sich, um dem VoiWurf einer aus Sekuritätsbe-
111. KRITIK DER POSTMODERNE dürfnissen ergriffenen Flucht in die Vergangenheit zu ent-
gehen, ein beliebtes postmodernes Vorgehen herausgebil-
Es dürfte deutlich geworden sein, daß Adorno mit den Po- det: Die rezipierten traditionellen Formen werden nicht sub-
stulaten Traditionsbezug und Popularkunstintegration in die stantiell behauptet, weder bloße .Stilkopie" noch ..simples
Nähe der zwei elementaren Anliegen des ästhetischen Zitat" (18, S. 127) werden geboten; diese Formen werden

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vielmehr ironisch gebrochen, mit ihnen wird gespielt und ei- Hat Kunst ein Wahrheitsmoment und dient Kunst nicht al-
ne ontologische Dignität wird ihnen nicht mehr zuerkannt, lein dem "Vergnügen" des Menschen, so wäre es widersin-
kurzum: Viele der Postmodernen wollen gerade nicht "die nig, dieses Wahrheitsmoment zugunsten anderer Momente
positive Rückkehr dessen, was verfiel" (12, S. 10), wollen opfern zu wollen. Verlangt doch auch niemand von Wissen-
keine "ungebrochene Bejahung von Autorität" (12, S. 168). schaft oder Ethik, sie sollten gefälligst auf Erkenntnisse ver-
Adernos Verhältnis zur Ironie ist nun, wie bereits oben zichten, wenn sie nicht von allen verstanden würden. ln ei-
(11.1) gezeigt werden konnte, äußerst differenziert. Grund- ner Zeit, in der man alles auf "Unterhaltung" setzt, in der
sätzlich aber fordert er ein äußerst restriktives Umgehen mit Unterhaltung selbst in Bereichen wie Politik und Religion
der Ironie. Denn deren Spielraum geht nicht gegen unend- die Oberhand gewinnt- in einer Zeit, in der nicht Kunst und
lich, Ironie darf nicht über jedes beliebige Objekt, jede be- Ästhetik dominieren, in der aber wohl der "ästhetische He-
liebige Konstellation ausgeschüttet werden; sie bliebe in donismus" zur Signatur der Zeit geworden ist, kann man
diesem Falle, also bei fehlender "Dignität" des Objekts und Adernos Warnung vor einer Nivellierung der Differenzen,
der Konstellation, "grundlos und billig", "unbegründet" (18, vor einer dekretarischen und kurzschlüssigen Wiederverei-
S.127). nigung von "U" und "E", seine Warnung vor einer Musik, "die
Ironie ist für die postmoderne Kondition ein "lockendes schon für den Hörer hört" (18, S. 801 ), nicht hoch genug
Kunstmittel". Doch sollte man nicht vergessen, daß Ge- einschätzen.
schmack weithin zusammenfällt "mit der Fähigkeit zum Ver- "Überquert die Grenze, schließt den Graben!" (L. Fied-
zicht auf lockende Kunstmittel" (12, S. 142). Leicht ist der ler) -ist gewiß auch Adernos Postulat; aber es ist nicht da-
Tradition eine "Nase ... zu drehen" (12, S. 168), wenn man durch einzulösen, daß man das Wahrheits- und Lustmo-
"im ironischen Spiel die Unmöglichkeit der Restauration" er- ment aufgibt zugunsten heilloser Verblendung und schaler
kennt (12, S. 184). Alles darf dann passieren, wenn es nicht Lust. Aus den zersprungenen Hälften läßt sich das Ganze
mehr es selbst ist, sondern nur noch dessen "Totenmaske": eben nicht einfach zusammen addieren.
"Die letzte Perversität des Stils ist universale Nekrophilie." Das Postulat einer Integration der Popularkunst ist also
(12, S. 185) nicht dadurch zu realisieren, daß populäre Momente affir-
mativ-plakativ zitiert würden - so geschieht es ja auch nicht
2. KRITIK DER ANPASSUNG
AN DEN GESCHMACK DER MAJORITÄT
bei Mahler und Berg. Das Postulat erfüllt sich nach Adorno
vielmehr erst dadurch, daß der Kitsch - anstatt ihn zu po-
Die Gefahren nun, die mit der Realisierung (und damit Kon- tenzieren -zum Sprechen gebracht wird: ihm soll man "die
kretisierung) des Postulats einer Überwindung der Kluft von Zunge lösen" (13, S. 189).
ernst-avancierter und unterhaltend-rückständiger Kunst ver-
knüpft sind, sind nicht weniger akut als die mit dem Traditi-
onspostulat einhergehenden. Und Adorno wäre nicht Ader-
no, wenn er nicht die Gefahren gesehen hätte, die eine IV. ADORNOS AKTUALITÄT-
kurzschlüssige Einebnung der Differenzen mit sich bringt. NACH DEM ENDE VON DIMISSIONS- UND POST-
Es ist hier nicht zu reden vom psychischen Problem des MODERNE: EINER GENERATIV-DESTRUKTIVEN
Andienens, ja der Anbiederung an den "Volks"-geschmack, ÄSTHETIK ENTGEGEN
dem so manch einer der postmodernen Künstler bzw. Äs-
thetiker erliegt. Das ist ihr Problem. Hier soll es nur um das Die Postmoderne verstand sich als eine Antwort auf das
Sachproblem gehen. Und das besteht - grundlegend - in Ende der Dimissionsmoderne. Und feiert man mittlerweile
der Gefahr, daß die Qualität leidet und im Extrem ganz ge- schon längst wieder das Ende der Postmoderne,11 so bleibt
opfert werden muß durch Konzession an den "Geschmack" Adernos Antwort auf das Ende der Dimissionsmoderne ak-
eines Publikums, von dem ja noch gar nicht ausgemacht ist, tuell. Ja, man darf behaupten, daß gerade durch das post-
ob es wirklich der Geschmack des Publikums ist oder der moderne Desaster ein Vakuum entstanden ist, das Adernos
dem Publikum bloß angedrehte Geschmack profitorientier- ästhetische Konzeptionen anzieht und sie neu, d. h. mit den
ter Manipulatoren und Konzerne. Erfahrungen der Postmoderne im Rücken, zu lesen zwingt.
Die Agenten der Postmoderne machen es sich dann zu Vor allem Adernos Mahler- und Berg-Interpretationen müs-
einfach, und man hat hier schon Entsprechendes hinneh- sen neu gelesen, die Musik Mahlers und Bergs muß dann
men müssen, wenn sie eine "Anpassung" an die Majorität aber auch selbst neu gehört werden. Die gegenwärtige Mu-
suchen, die nur auf Kosten der Qualität durchzusetzen ist. sik-, Kunst- und Ästhetik-Situation würde damit neue Impul-
Für die "postmoderne Situation" ist in der Tat die Überwin- se und die These vom "Ende der Kunst" einen neuen Sinn
dung der Isolation der avancierten Kunst gefordert; aber erhalten.
ebenso wäre gefordert, was Adorno als Ziel der Mahler- Wenn man der Mahler- und Berg-lnterpetation, mithin
sehen Symphonik festhält den Postulaten einer Integration der Tradition und populä-
"Sie möchte die Massen ergreifen, die vor der Kulturmusik flüchte- ren Kunst, auf den Grund geht, so verläßt Adorno mit ihr
ten, ohne doch ihnen sich gleichzuschalten." (13, S. 185) · nicht nur einen eingleisigen Modernebegriff ("Fortschritt im

18 GÜNTER SEUBOLD
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Material"), sondern die Grundlagen der auf den einen Sinn "Formen hieß bei Berg stets kombinieren, auch übereinan-
(der "Durchhörbarkeit", .überschaubarkeit") ausgerichteten derlegen, Unvereinbares, Disparates synthesieren, es zu-
abendländischen Form-Ästhetik überhaupt - um zu einer sammenwachsen lassen: entformen." (13, S. 353).
polyvalenten, de-kom-positorischen, einer generativ-de- Keine Interpretation dürfe es bei der .adäquaten Wiederga-
struktiven Ästhetik zu gelangen. Ich will dies zum Abschluß be" der Gestalten belassen, sondern müsse diese stets zu-
meiner Überlegungen noch kurz darlegen. gleich relativieren (vgl. 15, S. 341 ).
Adornos lnterpretamente, mit denen er die Musik Mah- Die Struktur: Nichts-Dasein-Nichts (vgl. etwa 13, S. 327;
lers und Bergs angeht, leiten sich letztlich her vom grund- 13, S. 355) oder: Amorphes-Artikuliertes-Amorphes (13,
sätzlichen Aspekt, daß es in dieser Musik kein "sinnhaftes S. 404) ist Grundstruktur der Bergsehen Musik, auf mehre-
Ganzes", keine "harmonische Synthesis mit vorgedachter ren Ebenen ständig sich überlappend, überlagernd, von un-
Totalität" (13, S. 210) mehr gibt bzw. eine nur "negative geheurer und nicht mehr zu er-hörender Dichte. Adorno re-
Totalität" (18, S. 670) zustande kommt. Näher hin die Musik det hier vom "Unausschöpflichen", einem "stetig sich aus
Bergs, in der sich für Adorno erfüllt, was bei Mahler auf- sich selbst regenerierenden, sich ausschüttenden Reich-
grund des rein tonalen Materials sich nur erst andeuten tum" (16, S. 427; vgl. auch 18, S. 645), von einer "uner-
konnte, 12 konstituiert sich für Adorno durch zwei grundle- schöpflichen qualitativen Fülle" (13, S. 348) - "unendlich
gende Bewegungen: durch eine Auflösungstendenz und ausgearbeitet" (13, S. 428).
durch die Bildung distinkt-differenzierter Gestalten. Und es So bietet die kompositorische Faktur stets .mehr", als
versteht sich, daß diese beiden fundamentalen Momente der Hörer zu aktualisieren weiß, und zwar in einem quanti-
der Musik Bergs nicht zwei separierte "Arten" von Musik, tativen und qualitativen Sinne: Nicht sind wie in der her-
sondern zwei sich wechselweise bedingende Momente der- kömmlichen Musik eine oder mehrere Gestalten vorgege-
selben Struktur sind. Die Auflösungstendenz dieser Musik, ben, auf die der Hörer zu achten hätte; dieser muß vielmehr
der "Rückruf ins Nichts" (vgl. 13, S. 328.), greift alle distinkte den Gestaltkomplex aus der diese Musik ständig durchzie-
Gestalt an, braucht diese aber eben, um die Bewegung der henden Auflösungstendenz konstituieren und doch zugleich
Auflösung, die Bewegung zum "Nichts" zu vollziehen. Da auch die Auflösungstendenz gewahren, muß also ständig
die Musik die distinkte Gestalt jedoch nicht als substantielle wechseln zwischen der "Ebene" der Auflösung und der der
hypostasieren darf - zu keinem Zeitpunkt hypostasieren Gestaltfindung. "Durchhörbarkeit" im Sinne eines integralen,
darf, mit anderen Worten: "Übergang", .,Auflösung", schon der Gestalteinheit verpflichteten Rezipierens ist verunmöglicht,
immer stattgefunden hat -, kann sie die definite Gestalt Entzug, Nichtwahrnehmbarkeil ist dieser Musik essentiell.
wiederum nur als entstehende zeigen, nicht - unabhängig Mit dieser Berg-Interpretation Adornos bricht das
vom Produktionsprozeß - als an sich seiende behaupten: abendländische Werk- sowie Produktions- und Rezeptions-
Bergs Musik, die Einzelgestalt sowohl wie die große Form verständnis, bricht die Form-Inhalts-Ästhetik um - ohne
"entspringt ... im Nichts" und "versickert ... ins Nichts" (13, deshalb schon die Errungenschaften der Autonomie-
S. 327); Bergs Komponieren ist "ein Komponieren aus dem Ästhetik hingeben zu müssen wie im Falle Gage. Denn eine
Nichts ins Nichts hinein" (18, S. 668). Musik dieser Art arbeitet nicht mehr mit dem einen Sinnge-
Diese zweifache Gestaltungstendenz - generativ und halt, der vom Hörer nur zu aktualisieren wäre, arbeitet nicht
destruktiv in einem - ist ein "paradoxales Problem" (15, mehr mit einem organischen Werkverständnis, sondern sie
S. 341 ), aufführungstechnisch keineswegs durch den .trü- arbeitet mit einer polyvalenten Struktur, aus der heraus der
ben Mittelweg" (15, S. 339) zwischen den Polen des Chao- Hörer Sinn erst generieren muß - ein Sinn, der sich aber
tischen und durchsichtig Gegliederten zu lösen. Die Berg- nicht als der Sinn behaupten kann, sondern sich ebenso
sehe Musik, "zwischen Extremen polarisiert" (13, S. 373), wieder ent-bildet. Musik dieser Art ist ein unendlicher Gene-
vollführt stets eine "Doppelbewegung" (13, S. 373), "ein tour rierungs- und Destruierungsprozeß. Die die abendländische
de force", wie Adorno zu betonen nicht müde wird (vgl. z. B. Ästhetik dominierende Präsenzmetaphysik ist damit verlas-
18, S. 655 und 15, S. 347), "ein Akrobatenkunststück" (18, sen, und das Nichtwahrnehmbare, das An-Ästhetische wird
S. 655), eine "Quadratur des Zirkels" (13, S. 449), "nahezu konstitutiver Bestandteil des Ästhetischen selbst.
prohibitive Schwierigkeiten" (18, S. 655) seien in den Weg
gelegt. SIGLENVERZEICHNIS:
Um diese "Doppelbewegung" der Bergsehen Musik, die
DA: Max Horkheimer I Theodor W. Adorno: Dialektik der Aufklä-
"Quadratur des Zirkels" sprachlich zu artikulieren verwendet rung. Philosophische Fragmente. Fischer, Frankfurt/Main3
Adorno die paradoxe Formulierung: Man könne hier, zumal 1973
beim jüngeren Berg, von "organisiertem Chaos" (16, S. 418)
Diss: Theodor W. Adorno: Dissonanzen. Musik in der verwalteten
sprechen. Überall wolle Berg "das Gestaltlose als Gestaltlo-
Welt. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen6 1982
ses gestalten" (15, S. 340). Seine "Anarchie" sei die .Chiffre
seines Gesetzes" (13, S. 386). Alle Konstruktionskünste 0. L.: Theodor W. Adorno: Ohne Leitbild. Parva Aesthetica. Suhr-
dienten ihm zur "Selbsterhaltung der Anarchie" (13, S. 353). kamp, Frankfurt/Main51973

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IWK-MITTEILUNGEN 4/1999

ANMERKUNGEN: musikdramafischen Ablauf neudeutschen Stils heilsame Zäsuren


setzen kann" (18, S. 802).
1 Bei Zitation aus: Theodor W. Adorno: Gesammelte Schriften 8 Daß Adornos Kritik an der Moderne in der Postmoderne-
(Suhrkamp, Frankfurt/Main 1970-1986) bezeichnet die erste Zif- Diskussion kaum Beachtung fand, hat der Diskussion von An-
fer den Band, die zweite und folgende die jeweilige Seite. Geläu- fang an zum Nachteil gereicht. Den Gründen tur diese Mißach-
fige Einzelschriften werden mit Siglen zitiert; Siglenverzeichnis tung nachzuspüren ist hier nicht die Aufgabe. Man wird aber
siehe oben. nicht ganz fehlgehen, wenn man sie darin sucht, daß Adorno
2 Folgerichtig werden von Adorno daher, "anstelle des Schocks, diese Kritik genuin und grundlegend in der Musikästhetik entwik-
der mit seiner Explosion zugleich verschwindet' (15, S. 248), kelt und die postmodernen Philosophen fortsetzen, was schon
"Ratschläge zum Hören neuer Musik" (15, S. 247) erteilt. die fUhrenden traditionellen Ästhetiker auszeichnet: die unge-
3 Vgl. z. B. Peter Sloterdijk: Kopernikanische Mobilmachung und recht-stiefmütterliche Behandlung der Musik gegenüber der bil-
ptolemäische Abrüstung, Frankfurt/Main 1987, S. 25. Adorno denden Kunst im engeren und die des Gehörsinns gegenOber
wird hier ganz unverblümt und ohne den leisesten Zweifel als dem Gesichtssinn im weiteren Sinn. Es hat fUr die Postmoderne-
"Theoretiker des Modernismus" gebrandmarkt, als jemand, der Diskussion geradezu symbolische Bedeutung, wenn Jean-
den "Mythos der Moderne", die "modernistische Mythologie" Francois Lyotard schreibt, er "überlasse das Feld (des .. Disposi-
verteidige. - Konsequent differenziert dagegen Peter Bürger, der tivs" Musik, G. S.) schlaueren Leuten - das geht ohne weiteres"
bei Adorno eine "radikale Kritik der Moderne, genauer seines Be- (Essays zu einer affirmativen Ästhetik, Berlin 1982, S. 100).
griffs der Moderne" konstatiert. (Peter Bürger: Das Altern der 9 G. Eberle: Zurück zum Dreiklang? Neue Trends in der Gegen-
Moderne, in: Ludwig von Friedeburg I JOrgen Habermas (Hg.): wartsmusik, Rias Berlin, 21. 2. 1977, zitiert in: Hanns-Werner
Adomo-Konferenz, Frankfurt/Main 1983, S.177-197, hier S. 185) Heister: Sackgasse oder Ausweg aus dem Elfenbeinturm? Zur
4 Habermas' Behauptung, Adorno habe sich "so vorbehaltlos" dem musikalischen Sprache in Wolfgang Rihms Jakob Lenz, in: Otto
Geist der Moderne verschrieben, "daß er schon in dem Versuch, Kolleritsch (Hg.): Zur "Neuen Einfachheit" in der Musik,
die authentische Moderne von bloßem Modernismus zu unter- Wien!Graz, S. 106-125, hier S. 107.
scheiden, jene Affekte wittert, die auf den Affront der Moderne 10 Das .. Posf'-Moderne der siebziger, achtziger und neunziger Jahre
antworten" (Die Moderne - ein unvollendetes Projekt, in: Wolf- war also so neu auch wieder nicht. Eberhardt Klemm titelt gar:
gang Welsch (Hg.): Wege aus der Modeme - Schlüsseltexte der "Nichts Neues unter der Sonne: Postmoderne". (ln: Musik und
Postmoderne-Diskussion, Weinheim 1988, S. 177-192, hier Gesellschaft 37 (1987), S. 400-403. - Vgl. hierzu auch Hartmut
S. 177), bleibt einseitig und undifferenziert: Zum einen, da neben Kranes: Warum gibt es in Österreich immer schon eine/keine
der von Habermas angesprochenen Stelle aus der "Ästhetischen Postmoderne? (in: Wilfried Gruhn (Hg.); Das Projekt Modeme
Theorie" (vermutlich: 7, S. 45 f.) eine Passage zu zitieren wäre, und die Postmoderne, Regensburg 1989, S. 211-246) sowie H.
in der Adorno "Modernität' gegenüber dem pejorativ gebrauchten de Ia Motte-Habers These, die "gegenwärtige Postmoderne" ha-
"modernistisch" ausspielt (Diss S. 146; vgl. zur Differenz "Mo- be bereits .. eine Tradition" (Merkmale postmoderner Musik, in:
dernismus" und "Modernität', die "nicht im blanken Gegensatz ... Gruhn , a. a. 0., S. 53-67). Hierzu auch die Diagnose von Her-
stehen" (Hervorhebung G. S.): 15, S. 145 f.); zum anderen aber, mann Danuser: " ... daß eine Postmoderne im Sinne einer Nicht-
da sie von einem einsinnigen Begriff der Moderne bei Adorno Moderne im 20. Jahrhundert schon lange gegenwärtig war, bevor
ausgeht. Dies aber ist nicht statthaft. sie in den letzten beiden Jahrzehnten - wie zuvor in den dreißi-
5 Hinzuweisen wäre auch auf Adernos sporadische Bemerkungen ger und vierziger Jahren - die Positionen der ästhetischen Mo-
zu Bart6k oder Janacek, bei denen "bis in die jüngste Vergan- derne nachhaltig erschüttern konnte." (Zur Kritik der musikali-
genheit tonales Material ohne Schande noch sich verwenden ... schen Postmoderne, in: Gruhn, a. a. 0., S. 69-83, hier S. 72 f.
ließ" (12, S. 41); hinzuweisen wäre hier insbesondere auf die 11 Vgl. z. B. Andreas Steffens (Hg.): Nach der Postmoderne, Düs-
kurze, aber sehr interessante Zemlinsky- und Schreker-lnter- seldorf/Bensheim 1992; H. Ziegler (Hg.): The end of postmoder-
pretation. nism: new directions; proceedings of the First Stuttgart Seminar
6 Welche unterschiedliche Bewertung die Ironie bei Adorno erfährt, in Cultural Studies, Stuttgart 1993; !gor P. Smirnov: Sein und
wird Oberaus deutlich bei einem Vergleich der Picasso- mit der Kreativität oder Das Ende der Postmoderne, Ostfildern 1997
Strawinsky-lnterpretation. Während bei Picasso die Ironie den 12 Adernos Berg-Interpretation darf man in dieser Hinsicht als Fort-
"Vorbehalt der Freiheit' meine, die "Zurücknahme der Gewalt', führung und Pointierung des Anliegens seiner Mahler-lnter-
die der Gegenständlichkeit angetan wird, und die "Versöhnung pretation betrachten. Berg nimmt die Mahlersehe Formgesin-
von Subjekt und Objekt' (18, S. 145 f.), so sei im Historismus nung, den Mahlerschen, wenn man will "spätromantischen" Ton
Strawinskys (der "Fetischisierung der Kulturleichen") die Ironie auf, um ihn zu vollenden. Fähig ist er dazu, weil er nicht mehr
gerade umgekehrt gegen das Subjekt gerichtet und diene der gebunden ist an "Bedingungen einer Tonalität, die die volle Rea-
Bekräftigung der überkommenen, konventionellen Formeln, gelte lisierung verhinderte" (16, S. 624). ln anderer, maßgeblicherer
dem "Triumph der kruden, gewalttätigen Objektivität, in der das Hinsicht aber ist die Berg-Interpretation eine Revolutionierung
Ich sich selbst durchstreicht' (18, S. 146). von Hören und Interpretation überhaupt: Adorno wird durch die
7 Vgl. auch den Brief an Benjamin vom 18. 3. 1936: Die Extreme komplexen Strukturen, durch die "Überlagerung mehrerer Struk-
des "Obersten" und "Untersten", das autonome Werk und das turen" (16, S. 621) der Musik Bergs gezwungen, die Beziehung
Kino, Schönberg und der amerikanische Film seien die "ausein- von Wahrnehmbarem und Nichtwahrnehmbarem, Gewährung
andergerissenen Hälften der ganzen Freiheit' (in: Waller Benja- und Entzug zu analysieren - und wird damit genötigt, die abend-
min: Gesammelte Schriften (Werkausgabe), hg. von Ralf Tiede- ländische Form-Inhalts-Ästhetik zu verlassen. Adorno erarbeitet
mann und Hermann Schweppenhäuser, Frankfurt/Main. Bd. I. 3, an Bergs Kompositionen, wenngleich dies nicht sogleich sich
S. 1003). An Kurt Weilliebt Adorno, daß unter seinen Meriten si- zeigt und nur geduldiger LektOre seiner Analysen sich erschließt,
cherlich nicht das kleinste war, "daß er die Grenze zwischen ern- eine Struktur von Musik, die man als das eigentliche Vermächt-
ster und leichter Musik verfiOssigte" (18, S. 802). Ja es ist Ader- nis seiner Musikästhetik betrachten darf. Daß dies bislang von
no gar "fraglos", daß "die Form des musicals allerhand aufzulok- der Aderno-Forschung nicht rezipiert worden ist, darf man durch-
kern vermöchte; vor allem, daß sie in den allzu geschlossenen aus als Skandal bezeichnen.

20 GÜNTER SEUBOLD
IWK-MITTEILUNGEN 4/1999

JOHANN DVORAK
THEODOR W. ADORNO, WALTER BENJAMIN UND ALFRED SOHN·RETHEL IM EXIL.
Das Projekt materialistischer Erkenntnis angesichts der Erlahrungen mit dem Faschismus

VORBEMERKUNG {mit den damit verbundenen Perspektiven einer selbstge-


stalteten Verbesserung der Lebenslage).
Ich möchte zwei Geschichten über gesellschaftsbezogene Da die meisten dieser Intellektuellen gezwungen waren,
theoretische Arbeiten im antifaschistischen Exil erzählen: ihren Lebensunterhalt zu verdienen, und versuchten, dies
die eine ist eine kurze Geschichte des Frankfurter Instituts auf den Gebieten intellektueller Tätigkeiten zu tun, schrie-
für Sozialforschung im New Yorker Exil und seinem Ver- ben sie oft in einer Art ,.Sklavensprache", d. h. sie verwen-
hältnis zu radikalen Intellektuellen in Europa; die zweite Ge- deten Begriffe, die nicht mit den bis dahin in den Arbeiter-
schichte handelt von drei Intellektuellen, die sich bemühten, bewegungen üblichen identisch waren:
in Zusammenarbeit stückweise theoretische Grundlagen zu An die Stelle von ,.Marxismus" trat {z. B. bei Antonio
einer Bekämpfung des Faschismus wie zu einer revolutio- Gramsei in seinen Gefängnis-Schriften) ..Philosophie der
nären Überwindung des Kapitalismus zu schaffen - Theo- Praxis", statt ,.materialistisch" hieß es unter Umständen ,.so-
dor W. Adorno, Waller Benjamin und Altred Sohn-Rethel. ziologisch".
ln gängigen Darstellungen der Geschichte des Frank- Es wird wenig bedacht und erforscht, wie relativ isolierte
furter Instituts kommt der eine allenfalls vor als jemand, der Intellektuelle versucht haben, in Perioden der Konter-
nicht zum Mitarbeiter des Instituts avancierte {Sohn-Rethel); revolution, der Barbarei und Unterdrückung, einiges von
ein anderer - Benjamin - wird gern als Opfer des dritten dem, wofür sie früher eingetreten sind, in ihrem Werk zu
(Adorno) dargestellt. bewahren oder gar weiterzuentwickeln.
Aber alle drei sind vor den Nazis geflüchtet und haben Das liegt wohl nicht zuletzt daran, daß kaum erwartet
versucht, ihre theoretische Arbeit auch und gerade ange- werden kann, daß die sich jeweils rasch wendenden, den
sichts der dramatisch verschlechterten ,Rahmenbedingun- neuen Zeiten anpassenden, mit den jeweiligen Siegern zu-
gen' fortzusetzen. sammen agierenden Angehörigen der berufsmäßigen Intel-
ligenz eine Art kritischer Analyse ihres eigenen Verhaltens
leisten.
VERSUCHE DER REKONSTRUKTION
MATERIALISTISCHER THEORIE ANGESICHTS DER
NIEDERLAGEN DER ARBEITERBEWEGUNG DAS FRANKFURTER INSTITUT
ODER: WAS TUN RADIKALE INTELLEKTUELLE FÜR SOZIALFORSCHUNG IM EXIL
IN FINSTEREN ZEITEN?
Max Horkheimer hatte 1931 in seiner Antrittsvorlesung als
,.Geschichte hat nicht nur die Aufgabe, der Tradition der Un- neuer Leiter des ,Instituts für Sozialforschung' in Frankfurt-
terdrückten habhaft zu werden, sondern auch sie zu stiften."1 ,.Die gegenwärtige Lage der Sozialphilosophie und die Auf-
Walter Benjamin gaben eines Instituts für Sozialforschung" - erklärt, daß
,.Und daß so viele Menschen, wie nur möglich, ein volles, rei- ,.sich die allgemeinen Vorstellungen, die man über Sozial-
ches Leben haben, darum geht der Kampf, das nenne ich So- philosophie hegt, auf einen kurzen Ausdruck bringen" lie-
zialismus."2 ßen:
Barthold Viertel
,.Als ihr letztes Ziel gilt danach die philosophische Deutung
des Schicksals der Menschen, insofern sie nicht bloß Indivi-
Angesichts der Niederlagen und Rückschläge der Arbeiter- duen, sondern Glieder einer Gemeinschaft sind. Sie hat sich
bewegungen in Europa nach 1918, insbesondere im Zu- daher vor allem um solche Phänomene zu bekümmern, die
sammenhang mit dem Auftreten des Faschismus, waren ei- nur im Zusammenhang mit dem gesellschaftlichen Leben der
ne Reihe von Intellektuellen in verschiedenen Ländern un- Menschen verstanden werden können: um Staat, Recht, Wirt-
abhängig voneinander bemüht um eine Neuformulierung schaft, Religion, kurz um die gesamte materielle und geistige
materialistischer, marxistischer Theorie oder um deren Kultur der Menschheit überhaupt."J
weiterentwickelte Anwendung auf verschiedenen Gebieten Und programmatisch wurde in Bezug auf die künftige Auf-
der Wissenschaft. gabenstellung formuliert:
Derartige Theoriebildung hatte auch die Funktion des
,.auf Grund aktueller philosophischer Fragestellungen Unter-
Bewahrens wichtiger Erkenntnisse und Erfahrungen; die suchungen zu organisieren, zu Philosophen, Soziologen, Na-
Funktion eines kollektiven Gedächtnisses angesichts der tionalökonomen, Historiker, Psychologen in dauernder Ar-
Zerschlagung der Organisationen der arbeitenden Klassen beitsgemeinschaft sich vereinigen und das gemeinsam zu tun,
und der damit verbundenen weitgehenden Zerstörung der was auf anderen Gebieten im Laboratorium einer allein tun
{oft ohnehin nur relativ kurzen) Tradition einer proletari- kann, was alle echten Forscher immer getan haben: nämlich
schen Kultur als kollektiver Lebens- und Kampferfahrung ihre aufs Große zielenden philosophischen Fragen an Hand

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IWK-MITIEILUNGEN 4/1999

der feinsten wissenschaftlichen Methoden zu verfolgen, die den Intellektuellen im Inneren des Instituts dramatisch ge-
Fragen im Verlauf der Arbeit am Gegenstand umzuformen, zu steigert; es gab Kämpfe und Intrigen um Hierarchien, um
präzisieren, neue Methoden zu ersinnen und doch das Allge- die Verwendung der finanziellen Mittel (über deren tatsäch-
meine nicht aus den Augen zu verlieren."4 liches Ausmaß offenbar nur Horkheimer, Pollock und Lö-
Es geht um wenthal informiert waren) wie in einem Zentrum geistiger
"die kollektive Forschungsarbeit ... , auf deren Durchführung in Weltherrschaft.
den nächsten Jahren das Schwergewicht gelegt werden soll. Es gibt einen deutlichen Unterschied in Einstellung,
Daneben kommt vor allem die Durchführung der selbständi- Vorhaben und Arbeitsweise der in Europa verbliebenen In-
gen Forschungstätigkeit einzelner Mitarbeiter auf den Gebie- tellektuellen (wie z. B. Adorno, Benjamin, Sohn-Rethel) und
ten der theoretischen Ökonomie, der Wirtschaftsgeschichte jenen Angehörigen des Frankfurter Instituts für Sozialfor-
und der Geschichte der Arbeiterbewegung in Betracht."5
schung, die 1934 in die USA übersiedelten.
Bemerkenswert an diesem programmatischen Vortrag Die mit Max Horkheimer zunächst in New York sich eta-
Horkheimers ist nicht nur die Ausrichtung an einer Zusam- blierenden Institutsmitglieder (mit dem engsten ,Kreis':
menarbeit verschiedener sozial- und geisteswissenschaftli- Friedrich Pollock und Leo Löwenthal) sind - gerade ange-
chen Disziplinen und die Betonung des engen Zusammen- sichtsder fortwährenden Triumphe des Faschismus in Eu-
hanges zwischen Theorie und Empirie, sondern auch die ropa (Österreich 1933/34, Spanischer Bürgerkrieg, "An-
Hervorhebung der besonderen Stellung des lnstitutsleiters: schluß" Österreichs 1938 ... ) - zunehmend auf einen dau-
"Wenn ich es nun unternehme, die Arbeiten des Instituts nach erhaften Aufenthalt eingestellt.
der jahrelangen Krankheit des Direktors auf neue Aufgaben Das Institute of Social Research in New York soll weder
zu richten, so kommt mir dabei nicht bloß die Erfahrung seiner als marxistische Kaderschmiede noch als Anstalt von und
Mitarbeiter und die gesammelten literarischen Schätze, son- für Juden erscheinen (Theodor Wiesengrund-Adorno wird
dern auch die wesentlich von ihm bestimmte Institutsverfas- anläßlich seiner Übersiedlung in die USA eine Namensän-
sung entgegen, nach welcher der ... Leiter »nach allen Seiten
hin« ... völlig unabhängig ist und, wie Grünberg sich auszu- derung dringend nahegelegt!) - und auch nicht als eine
drücken pflegte, im Gegensatz zu einer Kollegialverfassung Emigranten-Institution, die von den USA aus den Kampf
»die Diktatur des Direktors« besteht. Dadurch wird es mir gegen die in Deutschland an den Nationalsozialismus sich
möglich werden, das von ihm Geschaffene zu benützen, um anpassende Gelehrte führt (daher auch die Eingriffe in Ar-
wenigstens im engsten Rahmen gemeinsam mit meinen Mit- beiten Benjamins oder die Nicht-Annahme von geplanten
arbeitern eine Diktatur der planvollen Arbeit über das Neben- Arbeiten).
einander von philosophischer Konstruktion und Empirie in der Das Institut soll ein Zentrum für sozialwissenschaftliche
Gesellschaftslehre zu errichten."6 Arbeiten im Rahmen des akademischen Lebens der USA
Was das Frankfurter Institut für Sozialforschung wesentlich werden, unter Beibehaltung der von der Institutsleitung für
von anderen damals existierenden Intellektuellenzirkeln richtig und wichtig erachteten Arbeitsschwerpunkte.
(,Wiener Kreis' um Moritz Schlick und Otto Neurath; ,Berli- "Unter den Bedingungen des Exils war die Herrschaftsposition
ner Gruppe' um Reichenbach; Bauhaus; Gruppierungen in Horkheimers stärker denn je, die Abhängigkeit der Mitarbeiter
Prag, Warschau, Krakau ... ) unterschied, war das Vorhan- größer denn je, die Anziehungskraft des Instituts als unab-
densein einer dauerhaft finanziell gesicherten Institution, in hängige Linksintellektuellen-Gemeinschaft konkurrenzloser
Form einer Stiftung, eines Stiftungsvermögens, einer Insti- dennje."7
tutsleitung (die über das Stiftungsvermögen verfügen Es ist ziemlich unklar, in welchem Ausmaß der erst 1938 in
konnte) und eventuell dauerhaft angestellter wissenschaftli- die USA folgende Adorno sich der Veränderungen im Insti-
cher Mitarbeiter. tut bewußt war und wie sehr er sich selbst und damit auch
Inhaltliche Diskussionen am Institut bedeuteten daher, andere über die Veränderungen hinwegtäuschte.
jedenfalls mit der Übernahme der Institutsleitung durch Sowohl Waller Benjamin als auch Altred Sohn-Rethel
Horkheimer, stets auch die mitschwingende Diskussion von erwarteten einiges von seiner Fürsprache bei Horkheimer,
möglicher, erhoffter, zu erwartender Teilhabe an den finan- weil sie - wie auch er selbst - seinen Einfluß auf Horkhei-
ziellen Mitteln des Institutes durch Anstellung oder Mitarbeit mer für recht bedeutend hielten.
an Projekten. Adorno hat sich auch redlich bemüht, doch sein Einfluß
Nach der "Machtergreifung" durch die Nationalsoziali- war in Wirklichkeit recht gering, und die Zielsetzungen der
sten in Deutschland gelang die Überführung des Instituts in Europa verbliebenen Intellektuellen waren keineswegs
zunächst nach Westeuropa, dann in die USA. mehr identisch mit denen der Institutsleitung in New York.S
Im Exil eröffnete die Existenz des Instituts aber gleich- Die Mitarbeit Sohn-Rethels wurde von Horkheimer
zeitig für so manche emigrierte Intellektuelle, die auf sozial- rundweg abgelehnt, obwohl Adorno enthusiastisch war;
wissenschaftlichem Gebiet arbeiteten, eine gewisse Hoff- Benjamins Mitarbeit wurde zwar finanziert (wie immer man-
nung und Perspektive, am Institut für Sozialforschung mit- gelhaft diese Finanzierung im Rückblick auch erscheinen
arbeiten zu können und/oder eine finanzielle Unterstützung mag), doch es wurden immer wieder inhaltliche Auflagen
zu erhalten. und Einschränkungen verfügt.
So wurde die Bedeutung des Instituts nach außen (für Trotzdem darf die Zusammenarbeit von Adorno, Benja-
die Emigranten) und zugleich auch das Selbstwertgefühl min und Sohn-Rethel keinesfalls als wenig bedeutend ab-
der an der Institutsleitung beteiligten oder Einfluß nehmen- getan oder nur unter dem Gesichtspunkt der lnstitutsvor-

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gänge betrachtet werden: ihre arbeitsteiligen und doch auch freimachen soll, die im ,es war einmal' der klassischen histori-
gemeinsamen theoretischen Anstrengungen erfolgten im schen Erzählung eingeschläfert werden,"13
Rahmen eines informellen und keineswegs bloß an die ln- Tatsächlich betreiben wir Geschichte nicht (oder sollten sie
stitutsfinanzierung geknüpften längerfristigen Projekts einer nicht betreiben), um zu erfahren, wie es eigentlich gewesen
materialistischen Erkenntnis der Welt. ist, sondern um zu wissen, wie es eigentlich geworden ist.
Im folgenden wird daher versucht, dieses gemeinsame Das bedeutet: wir wollen Ursachen und Wirkungen, kausale
Programm, das von Adomo und Sohn-Rethel ihr ganzes Zusammenhänge von gesellschaftlichen Vorgängen kennen
Leben lang weiter verfolgt wurde, in seinen Einzelteilen kurz und Erklärungen für diese Vorgänge finden. ln gewisser
zu skizzieren. Weise beeinflussen unsere Anschauungen über Vergange-
ne Geschehnisse unser gegenwärtiges und zukünftiges
Handeln. Historiker sind Detektive, Konstrukteure (d. h.
WALTER BENJAMIN UND DAS PASSAGEN-WERK Hersteller von Zusammenhängen), Aufklärer.
Allerdings ist die Geschichtsschreibung seit ihren An-
"Die jeweils Herrschenden sind ... die Erben aller, die je ge- fängen auch das Feld für die Verdunkelung des Verständ-
siegt haben. Die Einfühlung in den Sieger kommt demnach nisses von Ereignissen und gesellschaftlichen Prozessen
den jeweils Herrschenden allemal zugut. ... Wer immer bis zu
gewesen: ein Arsenal der Ideen und der Rechtfertigung von
diesem Tage den Sieg davontrug, der marschiert mit in dem
Triumphzug, der die heute Herrschenden über die dahinführt, Herrschaft, Ausbeutung und Unterdrückung.
die heute am Boden liegen. Die Beute wird, wie das immer so Walter Benjamin faßte in seinen Thesen Ober den Be-
üblich war, im Triumphzug mitgeführt. Man bezeichnet sie als griff der Geschichte einige seiner Einsichten zusammen.
Kulturgüter."9 "Vergangenes historisch artikulieren heißt nicht, es erkennen
"»Die Tradition als das Diskontinuum des Gewesenen im Ge- »Wie es denn eigentlich gewesen ist«. Es heißt, sich einer Er-
gensatz zur Historie als dem Kontinuum der Ereignisse.« innerung bemächtigen, wie sie im Augenblick einer Gefahr
»Die Geschichte der Unterdrückten ist ein Diskontinuum.« aufblitzt. Dem historischen Materialismus geht es darum, ein
»Aufgabe der Geschichte ist, der Tradition der Unterdrückten Bild der Vergangenheit festzuhalten, wie es sich im Augen-
habhaft zu werden.« ... blick der Gefahr dem historischen Subjekt unversehens ein-
»Das Kontinuum der Geschichte ist das der Unterdrücker. stellt. Die Gefahr droht sowohl dem Bestand der Tradition wie
Während die Vorstellung des Kontinuums alles dem Erdboden ihren Empfängern. Für beide ist sie ein und dieselbe: sich zum
gleichmacht, ist die Vorstellung des Diskontinuums die Werkzeug der herrschenden Klasse herzugeben. ln jeder
Grundlage echter Tradition.«"1o Epoche muß versucht werden, die Überlieferung von neuem
dem Konformismus abzugewinnen, der im Begriff steht, sie zu
"Geschichte hat nicht nur die Aufgabe, der Tradition der Un- überwältigen. Der Messias kommt ja nicht nur als der Erlöser;
terdrückten habhaft zu werden, sondern auch sie zu stiften.11 er kommt als der Überwinder des Antichrist. Nur dem Ge-
Walter Benjamin schichtsschreiber wohnt die Gabe bei, im Vergangenen den
Funken der Hoffnung anzufachen, der davon durchdrungen
Angesichts der Erfolge des Faschismus in Europa hatte ist: auch die Toten werden vor dem Feind, wenn er siegt, nicht
Walter Benjamin sich in den 30er Jahren dieses Jahrhun- sicher sein. Und dieser Feind hat zu siegen nicht aufgehört."14
derts bemüht (ähnlich wie etwa Antonio Gramsei oder Wil- Immer wieder gibt es bei Walter Benjamin Gleichnisse aus
helm Reich), sowohl zu begreifen, was denn diese Erfolge der Bibel, theologische Metaphern; er hat dies nicht ge-
möglich gemacht hatte, als auch, wie der Faschismus er- scheut, weil ja die prophetischen Bilder vom rächenden
folgreich bekämpft werden könnte. Messias, von der Schaffung einer neuen Erde, Ausdruck
Walter Benjamin war einer der ganz wenigen deutschen der immer wiederkehrenden Wünsche und Erwartungen
Intellektuellen, für die die Massen nicht furchterregend und vieler Menschen, Ausdruck ihres Strebens nach materiellen
verabscheuenswert waren, sondern vielmehr die- einzige- Verbesserungen, aber schließlich überhaupt Ausdruck ihres
Hoffnung auf eine radikale gesellschaftliche Veränderung Strebens nach einem glücklichem Leben vor dem Tode
zum Besseren hin in sich bargen. (und nicht erst in einem Jenseits, in das man gelangt, indem
ln seiner monumentalen Sammlung von Notizen, Text- man stirbt und sich begraben läßt) waren.
Fragmenten, Montagen von Texten, die als Passagen-Werk Die Sprache der Theologie, die Sprache der Bibel, die
überliefert sind, trachtete er, in der Geschichte, insbesonde- Walter Benjamin verwendet, ist die Sprache der radikalen
re in der des 19. Jahrhunderts, jene Momente zu entdek- jüdischen Propheten. Und sie erzählten ja nicht von einem
ken, die Voraussetzungen für die katastrophalen Niederla- besseren Jenseits für die Toten, von Himmel, Hölle, Fege-
gen der arbeitenden Klassen gewesen waren, aber auch feuer, sondern von einem Kommen des Messias, das
jene, die vielleicht darüber belehren könnten, was zu tun gleichbedeutend wäre mit der endlichen Herstellung einer
wäre. guten Welt und mit dem Abhalten eines Strafgerichts, bei
Es geht Walter Benjamin um "die Erweckung eines noch dem das Unterste zuoberst gekehrt würde, bei dem keiner,
nicht bewußten Wissens vom Gewesenen"12; und darum, der je geherrscht hatte oder reich gewesen war, sicher sein
daß konnte, der Gerechtigkeit zu entgehen und ausgelöscht zu
"diese Arbeit - vergleichbar der Methode der Atomzertrümme- werden aus der historischen Erinnerung. (Noch die frühen
rung, die die ungeheuren Kräfte freimacht, welche die Atome Schriften des Christentums - etwa das Matthäus-Evan-
zusammenhalten -. die ungeheuren Kräfte der Geschichte gelium - enthalten die Drohungen gegenüber jenen, die

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einst zu den Herrschenden, zu den Siegern in der Ge- Die historische Erinnerung vermag darin zu bestärken.
schichte gezählt hatten: .Weichet von mir ihr Verdammten, Woran Walter Benjamin erinnern will, sind zerstörte, unter-
ich habe euch nie gekannt.") drückte und verdrängte Traditionen der neuzeitlichen Re-
Walter Benjamin arbeitet mit seinem durchaus säkulari- volutionen und Revolutionsversuche (von den Hussiten bis
sierten Messianismus heraus, daß die entscheidenden zur russischen Oktober-Revolution), die wiederum rekon-
Handlungen Menschenwerk sein müssen; und daß dafür struiert werden müssen:
die Entfesselung - und nicht die dauernde Lähmung - mas- Die Förderung von eigenständiger lntellektualität und
senhafter psychischer Energien Voraussetzung ist: kollektiver Willensbildung auf der Grundlage demokratischer
"Das Subjekt der historischen Erkenntnis ist die kämpfende, Diskussion; die Betonung von Eigenaktivität und Selbstdis-
unterdrückte Klasse selbst. Bei Marx tritt sie als die letzte ge- ziplin an Stelle von zentraler Führung und Militarisierung der
knechtete, als die rächende Klasse auf, die das Werk der Be- politischen Organisation; die Verknüpfung von individuellem
freiung im Namen von Generationen Geschlagener zu Ende und kollektivem Selbstbewußtsein und Handeln.
führt. Er wandte sich gegen einen .,Fortschrittsbegriff", .,der
Dieses Bewußtsein ... war der Sozialdemokratie von jeher an- sich nicht an die Wirklichkeit hielt, sondern einen dogmati-
stößig. Im Lauf von drei Jahrzehnten gelang es ihr, den Na-
schen Anspruch hatte".17 Wer immer meint, den Fortschritt
men eines Blanqui fast auszulöschen, dessen Erzklang das
vorige Jahrhundert erschüttert hat. Sie gefiel sich darin, der automatisch auf seiner Seite zu haben, gleichsam mit dem
Arbeiterklasse die Rolle einer Erlöserin künftiger Generatio- Fortschritt im Bunde zu handeln, hat beinah schon verloren,
nen zuzuspielen. Sie durchschnitt ihr damit die Sehne der be- weil die Orientierung an einer mechanistischen Vorstellung
sten Kraft. Die Klasse verlernte in dieser Schule gleich sehr von historischer Entwicklung eigenständiges Handeln weit-
den Haß wie den Opferwillen. Denn beide nähren sich an dem gehend überflüssig zu machen scheint.
Bild der geknechteten Vorfahren, nicht am Ideal der befreiten Überhaupt ist die Vorstellung von einer zielgerichteten
Enkel."15 geschichtlichen Entwicklung, von einem linearen oder stu-
Für die befreienden Handlungen der unterdrückten und fenweisen Fortschritt in der Geschichte eine zutiefst meta-
ausgebeuteten Klassen ist auch notwendig die Ausbildung physische (die Geschichte gleichsam zu einer göttlichen
einer besonderen Kultur, einer eigentümlichen Organisation Wesenheit mit eigenem Willen machende) Vorstellung. Die
des Bewußtseins, der Fähigkeiten und der Einstellungen - wirkliche Geschichte kennt keinen linearen Fortschritt und
sonst kann es zum befreienden kollektiven Handeln nicht auch kein Endziel; sie ist eine Geschichte der Brüche und
kommen. Katastrophen, eine Geschichte der Diskontinuität und nicht
.,Der Klassenkampf, der einem Historiker, der an Marx ge- eine der Kontinuität. Kontinuitäten und Traditionen sind
schult ist, immer vor Augen steht, ist ein Kampf um die rohen theoretische Konstruktionen, die allerdings durch die gesell-
und materiellen Dinge, ohne die es keine feinen und spirituel- schaftliche Praxis verwirklicht werden können.
len gibt. Trotzdem sind diese Ietztern im Klassenkampf anders .,Die Tradition der Unterdrückten belehrt uns darüber, daß der
zugegen denn als die Vorstellung einer Beute, die an den »Ausnahmezustand«, in dem wir leben, die Regel ist. Wir
Sieger fällt. Sie sind als Zuversicht, als Mut, als Humor, als müssen zu einem Begriff der Geschichte kommen, der dem
List, als Unentwegtheil in diesem Kampf lebendig und sie wir- entspricht. Dann wird uns als unsere Aufgabe die Herbeifüh-
ken in die Ferne der Zeit zurück. rung des wirklichen Ausnahmezustands vor Augen stehen;
Sie werden immer von neuem jeden Sieg, der den Herr- und dadurch wird unsere Position im Kampf gegen den Fa-
schenden jemals zugefallen ist, in Frage stellen." 16 schismus sich verbessern. Dessen Chance besteht nicht zu-
ln der Arbeiterbewegung des späten 19. und frühen 20. letzt darin, daß die Gegner ihm im Namen des Fortschritts als
einer historischen Norm begegnen. - Das Staunen darüber,
Jahrhunderts ist immer wieder die Vorstellung propagiert
daß die Dinge, die wir erleben, im 20. Jahrhundert »noch«
worden, daß wirkliche proletarische Kultur, daß wirkliche möglich sind, ist kein philosophisches. Es steht nicht am An-
proletarische Bildung erst nach dem Erfolg der proletari- fang einer Erkenntnis, es sei denn der, daß die Vorstellung
schen Revolution, nach der Überwindung des Kapitalismus von Geschichte, aus der es stammt, nicht zu halten ist.1a
und der Herstellung der sozialistischen Gesellschaft mög- ln der Geschichte können Überbleibsel, Bruchstücke, Rui-
lich wären und bis dahin eben organisatorische Disziplin nen gefunden und in einen Zusammenhang gebracht wer-
gewahrt und mit Elementen der Kultur der Herrschenden den. So vermag eine Verbindung zwischen den - immer
das Auslangen gefunden werden müßte. wieder gescheiterten, vernichteten, doch deswegen kei-
Anders bei Waller Benjamin: Durch das Einbeziehen neswegs sinnlosen - Versuchen der Herstellung eines bes-
der historischen Erfahrungen, der Erfahrung der Leiden und seren, eines glücklichen Lebens für die große Zahl der
Niederlagen, der Erkenntnis ihrer Ursachen können hier Menschen hergestellt zu werden.
und jetzt bei den Unterdrückten jene Kenntnisse und Fähig-
keiten ausgebildet werden, die zur Austragung der aktuellen ALFRED SOHN-RETHELS ,SOZIOLOGISCHE' THEORIE
Auseinandersetzungen nützlich und hilfreich sind - so wird DER ERKENNTNIS UND THEODOR W. ADORNOS
bereits jetzt einiges von dem geschaffen, was vielleicht voll- VERSUCHE, .,DEN IDEALISMUS ZU SPRENGEN"
endet wirklich erst in einer zukünftigen Gesellschaft beste-
hen kann; aber ohne solche antizipierenden Elemente einer ..Je öfter Wiesengrund und ich dazu gelangen, die weit aus-
besseren Kultur werden die bestehenden schlechten Ver- einander liegenden Bezirke, denen unsere Arbeit in den Jah-
hältnisse nicht überwunden werden können. ren vor unserem Wiedersehen im Oktober gegolten hat, ge-

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meinsam zu durchstreifen, desto mehr bewährt sich die Ver- die aber im wesentlichen in der kritisch-immanenten Überfüh-
wandtschaft unserer Intentionen .... So sind die letzten Ge- rung (= dialektischen Identifikation) des Idealismus in dialekti-
spräche, die sich bald mit der Husserlanalyse, bald mit ergän- schen Materialismus; in der Erkenntnis, daß nicht Wahrheit in
zenden Reflexionen zur Reproduktionsarbeit, bald mit Sohn- der Geschichte, sondern Geschichte in der Wahrheit enthalten
Rethais Entwurf befaßten, für uns von wirklicher Bedeutung ist; und im Versuch einer Urgeschichte der Logik ...
gewesen."19 Ich glaube nun gewiß was ich schon lange von meinem Ver-
(Waller Benjamin in einem Brief an such annahm: daß es uns konkret gelingt den Idealismus zu
Max Horkheimer, 17. 12. 1936) sprengen ... "23

"Auf der einen Seite wird nichts von dem, was die Bewußt- ln der Folge plädierte Adorno enthusiastisch für eine Mitar-
seinsweit an Phänomenen bietet, geboten hat oder noch bie- beit Sohn-Rethels im Institut für Sozialforschung und es
ten wird, anders denn in seiner Geschichtlichkeil verstanden kam zu Gesprächen und Briefwechseln bezüglich der Texte
und dialektisch als zeitgebunden gewertet. Auf der anderen Sohn-Rethels zwischen Adorno, Benjamin und Sohn-Re-
Seite hingegen sind wir in Fragen der Logik, der Mathematik thel.
und der Objektwahrheit auf den Boden zeitloser Normen ver- Die begonnene und geplante Zusammenarbeit fand ihr
setzt. Ist ein Marxist also Materialist für die Geschichtswahr- Ende nicht nur durch die entschiedene Ablehnung einer ln-
heiten, aber Idealist für die Naturwahrheit? Ist sein Denken stitutsmitarbeit Sohn-Rethels durch Horkheimer, sondern
gespalten zwischen einem dialektischen Wahrheitsbegriff, an vor allem durch die Übersiedlung Adernos nach New York.
dem die Zeit wesentlich teilhat, und einem undialektischen
Am 27. November 1937 teilt Adorno in einem Brief an
Wahrheitsbegriff von zeitloser Observanz?
Daß im eigenen Denken von Marx keine solche Zweiheit un- Walter Benjamin aus London mit:
vereinbarer Denkweisen vorwaltet, bedarf wohl kaum der Be- "Unsere Übersiedlung nach Amerika ist entgegen aller Er-
tonung .... wartung in unmittelbare Nähe gerückt. .. . Sie werden mir
Man halte die Bemängelung solcher Zweigleisigkeil im marxi- glauben, daß es sehr zwingende und reale Gründe sind, die
stischen Denken nicht für eine unnötige Haarspalterei. ... Max zu dem Vorschlag und mich zu dessen Annahme be-
Zur Schaffung des Sozialismus wird verlangt, daß es der Ge- stimmten. Ich bin mir vollständig bewußt, was die Aufgabe der
sellschaft gelingt, sich die moderne Entwicklung von Natur- europäischen Position- im doppelten Sinn- bedeutet."24
wissenschaft und Technologie zu subsumieren. Wenn die
Altred Sohn-Rethel blieb in der Folge in der Emigration in
naturwissenschaftlichen Denkformen und der technologische
Aspekt der Produktivkräfte sich aber der geschichtsmateriali- England; Walter Benjamin blieb in Paris und arbeitete weiter
stischen Betrachtungsweise wesensmäßig entziehen, so ist am Passagen-Werk, bis zum deutschen Einmarsch 1940
eine solche Subsumtion unmöglich."2o und seinem Selbstmord auf der Flucht über die Pyrenäen.
Adorno und Sohn-Rethel haben ihre einstigen Vorhaben
So schrieb Sohn-Rethel 1972 in Fortsetzung und Zusam-
weiter betrieben, Adorno blieb ein privilegierter Leser Sohn-
menfassung früherer Gedankengänge (seit den späten 20er
Rethais (so Jochen Hörisch, der immer wieder auf die Zu-
Jahren). Er hat damit eine nicht nur für den Marxismus als
sammenhänge der theoretischen Arbeiten Adornos, Benja-
Theorie, sondern für die gesellschaftliche Praxis überhaupt
mins und Sohn-Rethels hingewiesen hat)25; in den späten
bestehende Problematik der Trennung von wissenschaftli-
50er Jahren haben die beiden wieder Kontakt miteinander
cher Erkenntnis der Natur und der Gesellschaft angespro-
aufgenommen und in der Folge schriftlich und mündlich zu
chen.
ihren Theorien diskutiert.26
"»Gesellschaft« ist, im Sinne dieser Untersuchung, ein Zu- ln der Negativen Dialektik [1966] schließlich hebt Ador-
sammenhang der Menschen in bezug auf ihr Dasein, und
no den Namen Sohn-Rethels zu einem Zeitpunkt hervor, zu
zwar in der Ebene, in der ein Stück Brot, das einer ißt, den
anderen nicht satt macht."21 dem dieser eigentlich im deutschen wie im englischen
Sprachraum so gut wie unbekannt war:
Mit diesem Satz beginnt das "Expose zum Plan einer so-
ziologischen Theorie der Erkenntnis", das "Luzerner Expo- "Ontisch vermittelt ist nicht bloß das reine Ich durchs empiri-
sche, das als Modell der ersten Fassung der Deduktion der
se" aus dem Jahre 1936, das Sohn-Rethel unmittelbar nach
reinen Verstandesbegriffe unverkennbar durchscheint, son-
seiner Flucht aus Deutschland abfaßte und mit den "zag- dern das transzendentale Prinzip selber, an welchem die Phi-
haften Hoffnungen auf eine Mitarbeit am Institut für Sozial- losophie ihr Erstes gegenüber dem Seienden zu besitzen
forschung" an Horkheimer und andere schickte. 22 glaubt. Altred Sohn-Rethai hat zuerst darauf aufmerksam ge-
Am 17. November 1936 schreibt Adorno aus Oxford fol- macht, daß in ihm, der allgemeinen und notwendigen Tätigkeit
gendes an Sohn-Rethel: des Geistes, unabdingbar gesellschaftliche Arbeit sich birgt."27
"Lieber Alfred, ich glaube nicht zu übertreiben, wenn ich Ihnen
sage, daß Ihr Brief die größte geistige Erschütterung bedeu-
tete, die ich in der Philosophie seit meiner ersten Begegnung ANMERKUNGEN:
mit Benjamins Arbeit - und die fiel ins Jahr 1923! - erfuhr.
Diese Erschütterung registriert die Größe und Gewalt Ihrer 1 Waller Benjamin: Gesammelte Schriften I. 3. Suhrkamp {Werk-
Konzeption - sie registriert aber auch die Tiefe einer Überein- ausgabe edition suhrkamp), Frankfurt/Main 1980; S. 1246
stimmung, die unvergleichlich viel weiter geht als Sie ahnen 2 Berthold Viertel in einem Brief vorn 11. Juli 1944 an Salka Viertel.
konnten und auch als ich selber ahnte. ... das Bewußtsein in: Berthold Viertel: Die Überwindung des Übermenschen. Verlag
dieser Übereinstimmung, von der Sie Spuren im Begriff der fOr Gesellschaftskritik, Wien 1989, S. 401
falschen Synthesis in der Jazzarbeit mögen bemerkt haben, 3 Max Horkheimer: Die gegenwärtige Lage der Sozialphilosophie

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und die Aufgaben eines Instituts für Sozialforschung [1931]. ln: im Zusammenhang mit der Aufspaltung der wissenschaftlichen
Max Horkheimer: Gesammelte Schriften. Herausgegeben von Al- Welterkenntnis in die Bereiche der Natur und der Gesellschaft
tred Schmidt und GunzeHn Schmid Noerr. S. Fischer, Frank- siehe auch: Johann Dvofak: Edgar Zilsel und die Bnheit der Er-
furt/Main 1988, S. 20 kenntnis. Löcker, Wien 1981
4 a. a. 0., S. 29 f. 21 Altred Sohn-Rethel: Soziologische Theorie der Erkenntnis. Suhr-
5 a. a. 0., S. 34 f. kamp (edition suhrkamp}, Frankfurt/Main 1985, S. 39
6 a. a. 0., S. 31 22 Dies und der weitere Verlauf der Geschichte ist kurz dargestellt
7 Rolf Wiggershaus: Die Frankfutter Schule. Geschichte. Theoreti- von Sohn-Rethel im Nachwort zu Altred Sohn-Rethel: Soziologi-
sche Entwicklung. Politische Bedeutung. Hanser, MOnehen- sche Theorie der Erkenntnis, a. a. 0., insbesondere S. 259-263
Wien 1986, S. 168 23 Theodor W. Adorno und Altred Sohn-Rethel: Briefwechse/1936-
8 Siehe dazu: Wiggershaus, ebd. 1969. Editiontext + kritik, MOnehen 1991, S. 32
9 Benjamin: Gesammelte Schritten I. 2, a. a. 0., S. 696 24 Theodor W. Adorno I Walter Benjamin: Briefwechsel 1928 -
10 Benjamin: Gesammelte Schriften I. 3, a. a. 0., S. 1236 1940. Suhrkamp, Frankfurt/Main 1994, S. 296
11 a. a. 0., S. 1246 25 Jochen Hörisch: Die Theorie der Verausgabung und die Veraus-
12 Walter Benjamin: Das Passagenwerk. Suhrkamp (edition suhr- gabung der Theorie. Benjamin zwischen Bataille und Sohn-
kamp 1200}, Frankfurt/Main 1983, S. 1014 Reihe/. Bettina Wassmann, (Bremen 1983; Jochen Hörisch: Die
13 a. a. 0., S. 1033 Krise des Bewußtseins und das Bewußtsein der Krise. Zu Sohn-
14 Benjamin: Gesammelte Schriften I. 2, a. a. 0., S. 695 Rethels Luzerner Expose. ln: Sohn-Rethel: Soziologische Theo-
15 a. a. 0., S. 700 rie, a. a. 0., S. 7-33
16 a. a. 0., S. 694 26 Siehe: Theodor W. Adorno und Altred Sohn-Rethel: Briefwechsel
17 a. a. 0., S. 700 1936- 1969, a. a. 0., sowie .. Notizen von einem Gespräch zwi.
18 a. a. 0., S. 697 sehen Th. W. Adorno und A. Sohn-Rethel am 16. 4. 1965". ln: Al-
19 Walter Benjamin in einem Brief an Max Horkheimer vom 17. 12. tred Sohn-Rethel: Warenform und Denkform. Suhrkamp (edition
1936. ln: Benjamin: Gesammelte Schrifteo/.3, a. a. 0., S. 1029 suhrkamp), Frankfurt/Main 1978, S. 137-141
20 Altred Sohn-Rethel: Geisüge und körperliche Arbeit. Suhrkamp 27 Theodor W. Adorno: Gesammelte Schriften. Band 6. Suhrkamp
(edition suhrkamp}, Frankfurt/Main 1972, S. 15 ff. Zu den Fragen (stw}, Frankfurt/Main 1997, S. 178

DIEAUTOREN

HAUKE BRUNKHORST: GERALD KERTESZ:


Dipi.-Päd., Dr. phil., Studium der Soziologie, Erzie- Dr. phil., Studium der Philosophie, Psychologie und Poli-
hungswissenschaften und Philosophie, Professor am In- tikwissenschaft an der Universität Wien. Publikationen
stitut für Soziologie der Universität Flansburg und dessen und Vorträge im Bereich philosophischer Ästhetik und
geschäftsführender Direktor Geschichtsphilosophie des 19. und 20. Jahrhunderts

JOHANN DVORAK: GÜNTHER SEUBOLD:


Dr. phil., Studium der Politikwissenschaft und Geschich- Dr. phil., Studium der Philosophie, Katholischen Theolo-
te, wissenschaftlicher Beamter und Dozent am Institut für gie und Germanistik, Dozent am Philosophischen Semi-
Politikwissenschaft der Grund- und lntegrativwissen- nar der Universität Bann; Schwerpunkte: Ästhetik, An-
schaftlichen Fakultät der Universität Wien. Lehrbeauf- thropologie, Technikphilosophie
tragter an den Universitäten Linz, Graz und Klagenfurt

HERBERT HRACHOVEC:
Dr. phil., Studium der Philosophie und Theologie, Profes-
sor am Institut für Philosophie der Universität Wien,
Schwerpunkte: Analytische Philosophie, Ästhetik und
Filmtheorie

26 JOHANN DVORAK
IWK·MITTEILUNGEN 4/1999

GERALD KERTESZ
ADORNO UND HEIDEGGER

Nicht zum ersten Mal in dem zu Ende gehenden Jahrhun- scheinen und dem man jedenfalls nur durch konsequente
dert steht seit bereits einigen Jahren die neuzeitliche Ratio- Zivilisationsflucht entrinnen kann. So schreibt etwa Oswald
nalität im Kreuzfeuer mehr oder weniger fundierter Kritik; Spengler 1931 in .,Der Mensch und die Technik":
auch schon in der Zwischenkriegszeit ist im deutschspra- .,Das faustische (= abendländische, Anm. G. K.) Denken beginnt
chigen Raum eine starke Tendenz zu "Lebensphilosophien" der Technik satt zu werden. Eine Müdigkeit breitet sich aus,
und philosophischen Anthropologien, irrationalistischen eine Art Pazifismus im Kampf gegen die Natur. Man wendet
Denkweisen über den Menschen und seine Natur sowie sich zu einfacheren, naturnäheren Lebensformen, man treibt
Natur und Kosmos überhaupt, zu konstatieren, die nicht Sport statt technischer Versuche, man haßt die großen Städ·
selten bis hin zu einschlägigen Begriffen (z. B. dem der te, man möchte aus dem Zwang seelenloser Tätigkeiten, aus
der Sklaverei der Maschine, aus der klaren und kalten Atmo·
.,Ganzheit") eine frappierende Ähnlichkeit mit gegenwärtig
sphäre technischer Organisation heraus. Gerade die starken
grassierenden lrrationalismen, spirituellen Denkweisen und und schöpferischen Begabungen wenden sich von den prakti·
sonstigen Spielarten der sogenannten Esoterik aufweisen. sehen Problemen der Wissenschaft ab und der reinen Speku-
Pierre Bourdieu spricht in seiner Studie .Die politische On- lation zu. Okkultismus und Spiritismus, indische Philosophien,
tologie Martin Heideggers" von einer .,ideologischen Ge- metaphysische Grübeleien christlicher und heidnischer Fär-
stimmtheit", die mit einer Vulgarisierung ökonomischer und bung, die man zur Zeit des Darwinismus verachtete, tauchen
philosophischer Theorien einher ging und mit der .,nach und wieder auf. Es ist die Stimmung Roms zur Zeit des Augustus.
nach das gesamte Bildungsbürgertum durchtränkt wurde" .1 Aus Lebensüberdruß flüchtet man aus der Zivilisation in primi-
tivere Erdteile, in Landstreichertum, in den Selbstmord."2
Er ortet die Ursache dieser .Gestimmtheit" in den sehr
wechselvollen, die Menschen in mehrerlei Hinsicht verunsi- Die Intention einer umfassenden Zivilisationskritik, die den
chernden Ereignissen dieser Zeit: angefangen vom Ersten Einzelnen in ein grundlegend neues Verhältnis zu sich
Weltkrieg und den politischen Folgen der Vororteverträge selbst und zur Gemeinschaft stellen sollte, war auch rich-
über die zwar alsbald gescheiterten, aber dennoch beim tungsweisend für Martin Heidegger, dessen Denken beson-
Bürgertum die Furcht vor einer möglichen bolschewisti- ders ab 1927, dem Erscheinen von .,Sein und Zeit", sehr
schen Machtergreifung zurücklassenden Revolutionsbe- große Wirkung erzielte.
strebungen, weiters die Inflation während der ersten Hälfte Es ging Heidegger um nichts Geringeres als um einen
und die kurze Prosperitätsperiode zu Mitte der 20er Jahre, völligen Neubeginn philosophischen Denkens unter Abse-
die zu damals in diesem Ausmaß nicht gekannten techni- hung von der gesamten philosophiegeschichtlichen Ent-
schen Neuerungen und in deren Folge Arbeitsrationalisie- wicklung: seit Aristoteles sei nicht mehr nach dem Sein ge-
rungen führte, bis hin zu den wirtschaftlichen Rückschlägen fragt worden, bereits bei ihm begann die .Seinsvergessen-
mit der großen Depression 1929 - all dies förderte das Be- heit", indem sich das Denken der empirischen Erforschung
wußtsein, in einer Umbruchsituation zu leben, die ein neues der Einzeldinge, der Sphäre des .Ontischen", zuwandte. Es
Selbstverständnis des Menschen zu erfordern schien. soll nun versucht werden, eine quasi archaische Ursprüng-
Vor dem Hintergrund dieser politischen und wirtschaftli- lichkeit wiederzuerlangen, die es ermöglicht, vorausset-
chen Ereignisse trat ein neuer oder zumindest damals neu zungsfrei, .,aus den Ursprüngen heraus", die Grundfragen
erscheinender Typus von später sogenannten .konservati- abendländischen Denkens, insbesondere die nach dem
ven Revolutionären" in Erscheinung, der mit Vehemenz das Sein, neu zu bedenken. Der Begriff "Fundamentalontolo-
analytische Denken angeprangerte, als wäre dies die Ursa- gie"3, mit dem Heidegger die ..existenziale Analytik des Da-
che allen Übels, und demgegenüber Besinnung auf Inner- seins", d. h. die Behandlung der Frage nach dem in der
lichkeit propagierte, mit dessen Hilfe der entwurzelte Ein- Weit existierende Menschen, bezeichnet, bringt zum Aus-
zelmensch wieder Sinn und Orientierung finden sollte. Der druck, daß es um etwas Grundlegendes gehe, ein Funda-
Begriff .,Entfremdung" wurde zum häufig verwendeten Ter- ment im Sinne eines festen Bodens unter den Füßen, der
minus, allerdings nicht in dem auf die Situation des Einzel- nur durch die Neubesinnung auf die Seinslehre, die Ontolo-
nen im kapitalistischen Produktionsprozeß bezogenen Sinn, gie, gewonnen werden kann.
den einst Marx diesem Begriff verliehen hatte; vielmehr Die Radikalität des Ansatzes äußert sich in der Destruk-
meinte man .,Entfremdung" von in Vergessenheit geratenen tion aller traditionellen Metaphysik: Heidegger entwickelt
Ursprüngen, zu denen es zurückzukehren gelte. Heftig dis- keine Erkenntnistheorie, keine Ethik und keine Ästhetik,
kutiert wurde nicht zuletzt die Technik, weitgehend unter vielmehr soll aus einer Problemunmittelbarkeit heraus phi-
Absehung von ihrer ökonomischen Relevanz, eher so, als losophiert werden, die zunächst nur nach dem .,Sinn von
sei sie ein über den Menschen hereingebrochenes Ge- Sein"4 frägt, und weiter: .Warum ist überhaupt etwas und
schick, das wechselweise faszinierend oder bedrohlich er- nicht vielmehr Nichts?"5

GERALD KERTESZ 27
IWK-MITTEILUNGEN 4/1999

Auszugehen ist vom Dasein -jenem Seienden, das "wir Begriffen eine neue, gleichsam vertiefte oder, wenn man
je selbst" sind. "Die ontische Auszeichnung des Daseins will, gewichtigere Bedeutung verleiht, durch welche das al-
liegt darin, daß es ontologisch ist."6- d. h., das Dasein ver- lem zugrundeliegende Sein sich, wie es heißt, .entbergen"
hält sich zu sich selbst und damit zu seinem Sein - darin soll. So werden Eigenschafts-, Zeit- oder Hilfszeitwörter
besteht seine "Existenz", zum Unterschied von allem son- substantiviert (das Besorgen, die Zuhandenheit, die Ge-
stigen Seienden, das nicht "existiert", sondern bloß "ist". worfenheit, die Ersch/ossenheit, die Befindlichkeit etc.),
Das Dasein, unter welchem das jeweils einzelmenschli- umgekehrt von Hauptwörtern bzw. ihrerseits substantivier-
che Selbstbewußtsein zu verstehen ist, findet sich als in die ten Adverbien Zeitwörter abgeleitet ("Das Nichts nichtet",
Weit geworfen vor. Mit dem ln-der-Welt-Sein ist keine .Weit weitet" u. ä.), Begriffe gleichsam zerlegt, um ihren
räumliche Dimension angesprochen, sondern das unmittel- Gehalt schärfer hervortreten zu lassen (die Ek-sistenz, der
bare Vertrautsein mit der Weit, die zunächst immer die um- Ent-Wurf) oder überhaupt neue, im üblichen Sprachge-
gebende Lebensweit ist. brauch nicht vorkommende Wörter gebildet (z. B. "das Um-
"ln-Sein ist demnach der formale existenziale Ausdruck des hafte", "der Bevorstand" für Bevorstehendes, die "Wertung"
Seins als Dasein, das die wesenhafte Verfassung des In-der- für eben diesen Vorgang, das Bilden solcher Wörter). Auch
Welt-Seins hat."7 das Wort "Eigentlichkeit", auf das später Adorno polemisch
"Die nächste Weit des alltäglichen Daseins ist die Umwelt."8 Bezug nahm, stammt aus diesem Kontext. "Eigentlichkeit"
Die Dinge, die dem Dasein in seiner Umwelt begegnen, erlangt das Dasein im Bewußtwerden seiner Zeitlichkeit im
sind entweder als bloße Objekte vorhanden, auf die das Sinne eines "Verlaufens zum Tode"; darin erblickt Heideg-
Dasein in seiner Praxis sich "entwirft", oder sie sind "zuhan- ger eine ausgezeichnete (im Sinne von .spezielle") Mög-
den", als Pragmata, als "Zeug". lichkeit des Daseins, das es von allem anderen Seienden
.. Wir nennen das im Besorgen begegnende Seiende das unterscheidet. Allerdings ist das Bewußtsein der Eigentlich-
Zeug. Im Umgang sind vorfindlieh Schreibzeug, Nähzeug, keil dem Dasein nicht von vornherein gegeben, es muß erst
Werk-, Fahr-, Meßzeug."9 der Sphäre des Uneigentlichen, dem .Man", abgerungen
So ist etwa Natur für den Wissenschaftler als zu erfor- werden. Das Man bezeichnet die Seinsart einer selbstgefäl-
schendes Objekt vorhanden, für den Bauern sind der zu ligen Durchschnittlichkeit, die sich aus Gründen der Be-
fällende Baum, aber auch Axt, Säge etc. zuhanden. Hei- quemlichkeit am Zeitgeist und am individuellen Genuß ori-
degger kehrt die in der traditionellen Philosophie vorherr- entiert und von Verantwortung fernhält
schende Ansicht, daß Erkennen die Voraussetzung des "Das Man, das kein bestimmtes ist und das Alle, obzwar nicht
Umgangs mit der Weit sei, um: vielmehr erwachse aus dem als Summe, sind, schreibt die Seinsart der Alltäglichkeit vor....
praktischen Umgang mit der umgebenden Weit das Erken- Abständigkeit, Durchschnittlichkeit, Einebnung konstituieren
nen. als Seinsweisen des Man das, was wir als 'die Öffentlichkeif
Die Banalität des Alltags, zumal des bäuerlichen, klein- kennen .... Das Man ist überall dabei, doch so, daß es sich
handwerklichen, wird in die philosophische Reflexion einbe- auch schon immer davongeschlichen hat, wo das Dasein auf
Entscheidung drängt. Weil das Man jedoch alles Urteilen und
zogen, in ihr "erhellt" sich gleichsam die in der Umwelt des
Entscheiden vorgibt, nimmt es dem jeweiligen Dasein die Ver-
Menschen manifeste Materie, es wird jene vorbegriffliche antwortlichkeit ab. Das Man kann es sich gleichsam leisten,
Dimension bewußt, die Ernst Bloch mit dem "Dunkel des das ,man' sich ständig auf es beruft. Es kann am leichtesten
gelebten Augenblicks" 1o umschrieben hat. Entscheidend ist alles verantworten, weil keiner es ist, der für etwas einzuste-
nicht die bloße Perzeption der Dinge, sondern deren prakti- hen braucht. Das Man ,war' es immer und doch kann gesagt
scher Gebrauch: werden, ,keiner' ist es gewesen. ln der Alltäglichkeit des Da-
"je weniger das Hammerding nur begafft wird, je zugreifender seins wird das meiste durch das, von dem wir sagen müssen,
es gebraucht wird, um so ursprünglicher wird das Verhältnis keiner war es. Das Man entlastet so das jeweilige Dasein in
zu ihm, um so unverhüllter begegnet es als das, was es ist, als seiner Alltäglichkeit. ... Und weil das Man mit der Seinsentla-
Zeug. Das Hämmern selbst entdeckt die spezifische ,Hand- stung dem jeweiligen Dasein stets entgegenkommt, behält
lichkeit' des Hammers. Die Seinsart von Zeug, in der es sich und verfestigt es seine hartnäckige Herrschaft."12
von ihm selbst her offenbart, nennen wir die Zuhandenheit."11 Die bittere Ironie dieser Textstelle liegt darin- worauf schon
ln der Alltagsanalytik, der Erörterung des Umgangs mit dem Adorno im "Jargon der Eigentlichkeit"13 und viele andere
"Zeug", wird auf einen vorreflektiven Bewußtseinszustand nach ihm hingewiesen haben -, daß die hier getroffene
rekurriert: auf diesem Weg sucht Heidegger den Subjekt- Charakteristik des Man als entlastende, dem einzelnen die
Objekt-Dualismus des europäischen Denkens zu unterlau- Entscheidung abnehmende Instanz exakt jener Rechtferti-
fen und einen unmittelbaren Zugang zu den grundlegenden gungsstrategie entspricht, mit der nach dem Zweiten Weit-
Seinsstrukturen zu gewinnen. Um diesen Seinsbezug krieg Nationalsozialisten und ihre Mitläufer ihre Beteiligung
sprachlich zu verdeutlichen, prägt Heidegger eine höchst an Kriegsverbrechen zu entschuldigen versuchten - An-
eigenwillige Terminologie, die - abgesehen von der reichli- hänger jener Ideologie also, von der sich zumindest an-
chen Heranziehung des altgriechischen Vokabulars - im fangs auch Heidegger eine umfassende Erneuerung des
Deutschen verhaftet bleibt, aber den alltagssprachlichen politischen Lebens im Sinne einer Überwindung des unei-

28 GERALD KERTESZ
IWK-MITTEILUNGEN 4/1999

gentliehen Daseinsvollzuges im Banne des "Man" erwartet aus intellektuellem Ehrgeiz und einer vorgefaßten Theorie,
hatte. "Sein und Zeit" enthält zwar keinerlei politische Stel- sondern jeden Tag aus dem eigenen Erlebnis entspringt".18
lungnahme- wie Heidegger überhaupt auf aktuelle Zeitpro- Auch ein anderer Vertreter der späteren Frankfurter Schule
bleme nie konkret Bezug nahm -, und es wurde viel ge- empfand die Faszinationskraft Heideggers, nämlich Herbert
deutet, ob und inwieweit seine Parteinahme für den Natio- Marcuse, der beim Studium von "Sein und Zeit" konstatier-
nalsozialismus aus seinem philosophischen Denken ableit- te, daß es hier um etwas gehe, was er in aller ihm bisher
bar ist (Bourdieu spricht etwa von einer "politischen Ontolo- bekanntgewordenen Philosophie - einschließlich Lukacs'
gie", einer "politischen Stellungnahme, die sich rein philoso- "Geschichte und Klassenbewußtsein" und Blochs "Geist der
phisch äußert".14) Deutlicher wird Heidegger aber in der be- Utopie"- vermißt habe:
rüchtigten Rede vom Mai 1933, mit der er das Rektorat der "das Existentielle, den Ansatz bei den alltäglichen Formen der
Universität Freiburg übernahm: hier wird dem Dasein sehr Entfremdung und die Frage nach der eigentlichen menschli-
entschieden ein Sinn zugewiesen, indem es sich "mit Ent- chen Existenz" .19
schlossenheit" in den Dienst der Volksgemeinschaft zu Marcuse wurde 1928 Heideggers Assistent in Freiburg, der
stellen hat.15 dort mittlerweile den Lehrstuhl Husserls übernommen hatte.
Mit "Sein und Zeit" traf Heidegger jedenfalls genau die Wenn er in der Folgezeit auch in zunehmendem Maß die
Stimmung im Deutschland der zwanziger Jahre; vor allem mangelnde Konkretion der historischen Dimension des
deklassierte oder von Deklassierung bedrohte Bildungseli- Menschen bei Heidegger kritisierte und sich Denkern zu-
ten fühlten sich von dem "eschatologischen Pathos" (von wandte, die diesbezüglich Antworten zu geben suchten wie
dem Hans Georg Gadamer sprach) des Werkes angezo- Hegel, Dilthey und vor allem Marx blieb er trotz zunehmen-
gen. Daß Heidegger nicht logisch deduzierte, sich über- der persönlicher und philosophischer Differenzen auch über
haupt nicht auf der Ebene sachlicher Begründung und Wi- den 1932 vollzogenen Bruch hinaus unter dem geistigen
derlegung bewegte, sondern in eine erhaben klingende Eindruck Heideggers; dessen Bekenntnis zum Nationalso-
Terminologie gekleidete angebliche Sachverhalte in einer zialismus traf ihn völlig überraschend. Am Institut für Sozi-
apophantischen Weise verkündete, die jede Kritik von vorn- alforschung in Frankfurt, dessen Leitung seit 1930 Hork-
herein auszuschließen schien, machte ihn nicht suspekt, heimer innehatte und zu dem Marcuse 1933 - bereits zur
sondern vielen erst interessant. "Heidegger umgibt die Aura Zeit der Genfer Emigration des Institutes - stieß, haftete
eines Propheten, der mit dem Bildungs- und Kulturbetrieb seine "Heideggersche Herkunft" immer als eine Art Makel
seiner Zeit abrechnet."16 an ihm. Seine eigene einstige Begeisterung für Heidegger
ln dieser Richtung dürfte schon Jahre vor dem Erschei- scheint Horkheimer verdrängt zu haben.
nen von "Sein und Zeit" der Philosophiestudent Max Hork- Zum Unterschied von den Genannten war der dritte
heimer empfunden haben, als er 1920 für zwei Semester zu ..Frankfurter", nämlich Theodor W. Adorno, zu keiner Zeit
Edmund Husserl nach Freiburg ging, dessen Assistent Hei- von Heidegger beeindruckt gewesen. Er hatte 1924 bei
degger dort seit einem Jahr war. Horkheimer war wie auch Cornelius mit einer Dissertation über "Die Transzendenz
Adorno Schüler des liberal denkenden Neukantianers Hans des Dinglichen und Noematischen in Husserls Phänome-
Cornelius; der Neukantianismus dominierte die akademi- nologie" promoviert, wollte sich in der Folge jedoch seinem
sche Philosophie in Deutschland seit der Jahrhundertwen- bevorzugten lnteressensgebiet, der Musik, widmen und
de, und gegenüber seinem Epigonenturn und etwas trocke- ging zu diesem Zweck 1925 nach Wien, um bei Alban Berg
nem Formalismus schienen sowohl die Husserlsche Phä- Komposition zu studieren. Der Aufenthalt fand aufgrund
nomenologie als auch die Lebensphilosophien und schließ- widriger Erfahrungen mit Arnold Schönberg ein frühes En-
lich die Philosophie Heideggers neue Dimensionen zu er- de. Dennoch vertrat Adorno auch weiterhin als Musiktheo-
öffnen. Es ging wieder um jene Fragen, die das Interesse retiker mit großem Engagement die Zwölftontechnik, in der
an Philosophie vorrangig wecken, also das Leben und die er einen "Rationalisierungsprozeß der europäischen Musik",
unmittelbare Lebenspraxis einerseits, die sogenannten einen "Prozeß der Entmythologisierung der Musik",2o letzt-
letzten Fragen anderseits. lich eine "Revolution in der Musik" erblickte, der sein Inter-
"Je mehr Philosophie mich gefangennimmt, umso weiter ent- esse weit mehr galt als revolutionären Bestrebungen in der
ferne ich mich von dem, was man auf der hiesigen (der Politik. Dennoch gelangte Adorno über das Konzept einer
Frankfurter, Anm. G. K.) Universität darunter versteht. Nicht Revolutionierung der Musik zu einer emanzipatorischen
formale Erkenntnisgesetze, die im Grunde genommen höchst Theorie der Gesellschaft auf marxistischer Grundlage, die
unwichtig sind, sondern materielle Aussagen über unser Le- sich zur späteren "kritischen Theorie" weiterentwickelte.
ben und seinen Sinn haben wir zu suchen. Ich weiß heute, "Rationalisierung" und "Entmythologisierung" sah Ador-
daß Heidegger eine der bedeutendsten Persönlichkeiten war,
die zu mir gesprochen haben",17
no also in der Kompositionstechnik der zweiten Wiener
Schule verwirklicht, doch kann man auch sein philosophi-
so schrieb Horkheimer beeindruckt an seine Verlobte Rose sches Denken der Folgezeit mit diesen Begriffen charakte-
Riekher über Heidegger, von dem er auch zu wissen risieren. Nachdem ein Habilitationsversuch bei Cornelius
glaubte, daß "für ihn das Motiv zum Philosophieren nicht mit einer Arbeit, die Transzendentalphilosophie und Psy-

GERALD KERTESZ 29
IWK-MITTEILUNGEN 4/1999

choanalyse zu verbinden suchte, gescheitert war, gelang Die empirischen Wissenschaften liefern jedenfalls die Fak-
ein zweiter bei Paul Tillich über Kierkegaard. Im Lauf dieses ten, die von jeder philosophischen Reflexion, die sich selbst
Entwicklungsprozesses zeigt sich die Herausbildung der ernst nimmt, zur Kenntnis zu nehmen sind, bei denen je-
Position des Idealismuskritikers (wobei mit "Idealismus" die doch nicht stehengeblieben werden darf. Weder dürfe die
Gesamtheit aller Theorien zu bezeichnen ist, die dem Sub- Philosophie zur bloßen "Ordnungs- und Kontrollinstanz der
jekt erkenntnistheoretischen Vorrang vor dem Objekt zu- Einzelwissenschaften"24 werden noch in weltabgehobener
sprechen, gleichgültig, ob sich diese Vorrangstellung er- Meditation versinken: ihre Aufgabe besteht in der kritischen
kenntnistheoretisch legitimiert oder nicht), die Adorno Zeit Deutung der Resultate der Einzelwissenschaften, insbe-
seines Lebens nicht mehr verließ. sondere jener von der Gesellschaft; nur als kritische Ge-
ln seiner Antrittsvorlesung als Privatdozent am 8. Mai sellschaftstheorie ist für Adorno Philosophie noch sinnvoll
1931 erteilt Adorno allen philosophischen Totalitätsentwür- bzw. überhaupt möglich.
fen - und einen solchen stellt auch Heideggers Ontologie "Materiale Fülle und Konkretion der Probleme wird die Philo-
dar- eine Absage: sophie allein dem jeweiligen Stand der Einzelwissenschaften
"Wer heute philosophische Arbeit als Beruf erwählt, muß von entnehmen können. Sie wird sich auch nicht dadurch über die
Anbeginn auf die Illusion verzichten, mit der früher die philo- Einzelwissenschaften erheben dürfen, daß sie deren 'Resul-
sophischen Entwürfe einsetzten: daß es möglich sei, in Kraft tate' als fertig hinnimmt und in sicherer Distanz über sie medi-
des Denkans die Totalität des Wirklichen zu ergreifen. Keine tiert. Sondern es liegen die philosophischen Probleme stets,
rechtfertigende Vernunft könnte sich selbst in einer Wirklich- und in gewissem Sinne unablöslich, in den bestimmtesten ein-
keit wiederfinden, deren Ordnung und Gestalt jeden Anspruch zelwissenschaftlichen Fragen beschlossen. Schlicht gesagt:
der Vernunft niederschlägt; allein polemisch bietet sie dem Er- die Idee der Wissenschaft ist Forschung, die der Philosophie
kennenden als ganze Wirklichkeit sich dar, während sie nur in Deutung."25
Spuren und Trümmern die Hoffnung gewährt, einmal zur rich- Die philosophische Deutung der Fakten muß sich auch und
tigen und gerechten Wirklichkeit zu geraten. Philosophie, die gerade auf kleine und unauffällige, mitunter der empirischen
sie heute dafür ausgibt, dient zu nichts anderem, als die Wirk- Feststeilbarkeit sich entziehende Konstellationen und
lichkeit zu verhüllen und ihren gegenwärtigen Zustand zu ver-
Wechselwirkungen der Fakten untereinander einlassen und
ewigen."21
mit Hilfe sprachlicher Interpretation die Zusammenhänge zu
Sogleich wird die Fundamentalontologie aufs Korn genom- erklären versuchen. Adornos Denken meldet größte Skep-
men, die vorgebliche Radikalität der Seinsfrage als banale sis an gegenüber systematisierenden Konzepten, die die
Neuauflage des idealistischen Systemdenkans zu entlarven Vielfalt des Wirklichen aus einem allgemeinen, "höchsten"
versucht: Prinzip ableiten wollen. Das deutende Verfahren fragt auch
"(Die) Frage nach Sein schlechthin ... setzt als Möglichkeit ih- nicht nach einem "Sinn", sondern nur nach den Objekten in
rer Beantwortung voraus, daß Sein schlechthin dem Denken ihrem konkreten Hier und Jetzt: insofern ist die Methode
angemessen und zugänglich, daß die Idee des Seienden er- materialistisch.
tragbar sei. ... Die Idee des Seins ist in der Philosophie ohn-
"Deutung des Intentionslosen durch Zusammenstellung der
mächtig geworden; mehr nicht als ein leeres Formalprinzip,
analytisch isolierten Elemente und Erhellung des Wirklichen
dessen archaische Würde beliebige Inhalte umkleiden hilft.
kraft solcher Deutung: das ist das Programm jeder echten
Weder läßt die Fülle des Wirklichen, als Totalität, der Sein-
materialistischen Erkenntnis; ein Programm, dem das materia-
sidee sich unterstellen, die ihr den Sinn zuwiese; noch läßt die
listische Verfahren um so gerechter wird, je weiter es sich von
Idee des Seienden aus den Elementen des Wirklichen sich
jeglichem 'Sinn' seiner Gegenstände distanziert und je weni-
aufbauen. Sie ist für die Philosophie verloren und damit deren
ger es sich selbst auf einen impliziten, etwa religiösen Sinn
Anspruch auf die Totalität des Wirklichen im Ursprung getrof-
bezieh!."26
fen."22
Jede Sinnfrage, und erst recht die vorgeblich radikalste, die
Bereits zu diesem Zeitpunkt wurde jene Zwei-Fronten-
nach dem "Sinn von Sein", zeigt sich unter diesem Aspekt
Stellung deutlich, die auch später in Adornos philosophi-
als Scheinproblem, zu dessen Auflösung Adorno dieselbe
scher Kritik immer wieder zu Tage trat: nämlich die Ausein-
Methode empfiehlt wie die Neopositivisten: ,,Alle trügende
andersetzung mit dem an empirischen Wissenschaften ori-
Ontologie ist sprachkritisch zumal zu entlarven."27 - Ein
entierten und Sprachkritik betreibenden Positivismus einer-
Satz, der genauso gut von einem Vertreter des Wiener
seits, mit ontologischen - in Adernos Sicht schlicht irratio-
Kreises stammen könnte. Die immanente Kritik, die Adorno
nalistischen - Richtungen, insbesondere der Heidegger-
von diesem Ansatz aus am Begriff des Seins übt und die
schen, anderseits. Obwohl seine Gegnerschaft zum Positi-
erst mehr als drei Jahrzehnte später, im ersten Abschnitt
vismus in späterer Zeit weit mehr Beachtung fand, läßt
der "Negativen Dialektik", ihren Abschluß findet, nimmt be-
Adorno schon in der Antrittsvorlesung keinen Zweifel daran,
reits ihren Ausgang im Vortrag "Die Idee der Naturge-
welche Position ihm noch ferner steht:
schichte" vom Juli 1932, wo es heißt:
"Nicht bloß das szientifische Denken, sondern mehr noch die
"Es ist nun die Grundparadoxie aller ontologischen Fragestel-
Fundamentalontologie widerspricht meiner Überzeugung von
lung in der gegenwärtigen Philosophie, daß das Mittel, mit
den aktuellen Aufgaben der Philosophie."23
dem versucht wird, transsubjektives Sein zu gewinnen, nichts

30 GERALD KERTESZ
IWK-MITTEILUNGEN 4/1999

anderes ist als die gleiche subjektive ratio, die zuvor das Ge- sondern des Begriffs. Sie unterdrückt die Erkenntnis, daß jene
füge des kritischen Idealismus zustande gebracht hat. Die Wesenheilen oder wie immer sie es bei fortschreitender Sub-
phänomenologisch-ontologischen Bemühungen stellen sich limierung nennen mag, die sie gegen die Tatsachen des Posi-
dar als ein Versuch einer Gewinnung transsubjektiven Seins tivismus ausspielt, immer auch Denken, Subjekt, Geist sind." 32
mit den Mitteln der autonomen ratio und mit dem Mitteln der Die immanente Kritik an der Ontologie erweitert Adorno um
ratio, denn andere Mittel und eine andere Sprache stehen
eine im engeren Sinn ideologiekritische, die in der Schrift
nicht zu Gebote."
..Jargon der Eigentlichkeit" - ursprünglich als Teil der .Ne-
Es zeigt sich, daß gativen Dialektik" geplant, dann aber gesondert veröffent-
.,diese Sinngebung nichts ist als ein Einlegen von Bedeutun- licht- ihren Niederschlag fand.
gen, wie sie von der Subjektivität her gesetzt sind."26 Über Heidegger hinaus wird hier auf eine neue .,deut-
Schon in Husserls antiidealistischem Entwurf einer Phäno- sche Ideologie" Bezug genommen, deren quasi religiöse
menologie, die ..zu den Sachen selbst" führen sollte und die weihevolle Gestimmtheit, vermischt mit existenzialistischem
Heidegger zu einer Phänomenologie der Existenz weiter- Pathos und moralisierender Pseudohumanität deutlich ihre
entwickelte, erblickt Adorno jenes .ontologische Bedürfnis", Herkunft aus dem Heideggerschen Begriffsfundus verrät,
das er in der .Negativen Dialektik" konkretisiert als .,die wenn dessen philosophische Intentionen den Anwendern
Sehnsucht, daß es beim Kantischen Verdikt übers Wissen des Jargons auch vielfach gar nicht bewußt sein mögen
des Absoluten nicht sein Bewenden" haben dürfe.29 Wie oder kraß vulgarisiert werden. Diesem Jargon begegnet
Husserls .Ideation" (..Wesensschau") bleibt auch Heidegger man heute in vermutlich noch größerem Ausmaß als zur
im Idealismus befangen, nicht obwohl, sondern weil er Zeit von Adornos Kritik an ihm; er hat nicht nur den kirchli-
.,gleichsam ohne Form, rein aus den Sachen philosophie- chen Bereich, in dem er zuerst heimisch wurde, durchdrun-
ren"30 wollte. Er gelangt keineswegs - wie er meint oder gen (zunächst, über die dialektische Theologie, den prote-
vorgibt - zum reinen, voraussetzungslosen Sein, sondern stantischen, dann, nach dem zweiten Vatikanum, auf der
verabsolutiert die Bewußtseinsimmanenz, indem er die un- Suche nach einer volksnäheren Sprache, auch den katholi-
ausweichlichen sprachlichen Vermittlungen des Seinsbe- schen), sondern auch die offizielle Sprache in Kultur und
griffes auf seiten des Subjekts unterschlägt. Wirtschaft, in Bildungsinstitutionen und Psychotherapien,
Begriffliches Denken - und nur mittels Begriffen können und wohl auch kaum eine Politikerrede ist ohne ihn mehr
wir denken - kann die von ihm selbst notwendigerweise vorstellbar. An gängigen Begriffen des Jargons wie ..Anlie-
hervorgebrachte Subjekt-Objekt-Spaltung nicht überwinden gen", .. Auftrag", .Begegung", .Bindung", .etwas annehmen"
und nicht die von Heidegger intendierte vorgängige Archaik (ein Geschick), .Betroffenheit", (tiefes, echtes) .Gespräch"
wiederherstellen; jede auf solche Scheinunmittelbarkeit etc. wird deutlich, wie leicht die an Heidegger anschließen-
aufgebaute Ontologie müsse scheitern und werde irrationa- de Terminologie auf die Stufe jenes .Geredes"33 herabsin-
listisch. ken kann, das er verachtete.
.,Denken kann keine Position erobern, in der jene Trennung Ideologiekritischer Art ist auch Adornos Einwand gegen
von Subjekt und Objekt unmittelbar verschwände, die in jegli- den Gestus des gesamten Heideggerschen Oeuvres, auf
chem Gedanken, im Denken selber liegt. Daher wird Heideg- etwas Ursprüngliches, Fundamentales sich zu beziehen,
gers Wahrheitsmoment auf weltanschaulichen Irrationalismus das gleichsam einen festen Boden unter den Füßen und
nivelliert. Philosophie erheischt heute wie zu Kants Zeiten Kri- dementsprechend .existenziellen Halt" zu bieten vermag.
tik der Vernunft durch diese, nicht deren Verbannung oder
Durch die entsprechende Metaphorik stellen sich unweiger-
Abschaffung."31
lich Assoziationen zu ruraler Bodenständigkeit und über-
Die Aufrechterhaltung der kritischen Dimension des Den- holten Lebensformen vorkapitalistischer Zeiten ein, denen
kens, hier von Adorno unter Berufung auf Kants Programm jedoch ein näheres Verhältnis zu den Ursprüngen attestiert
einer umfassenden Vernunftkritik eingemahnt, blieb das al- wird als anderen, zumal denen der modernen, urbanen Le-
len seinen weiteren philosophischen Bemühungen zugrun- benswelt.
de liegende Interesse. Unter diesem Aspekt wird z. B. in Blendet Heidegger auch bei der Erörterung von Seins-
dem Vortrag .Wozu noch Philosophie?" die schon erwähnte strukturen und ExistenziaHen jeden direkten Bezug zu kon-
zweifache Opposition gegenüber Positivismus einerseits kreten gesellschaftlichen und ökonomischen Verhältnissen
und Ontologie andererseits erneut thematisiert. aus, so gerät seine Darstellungsweise allein aufgrund der
.,Falsch am Positivismus ist, daß er die nun einmal gegebene zur Erläuterung herangezogenen Gebrauchsgegenstände
Arbeitsteilung, die der Wissenschaften von der gesellschaftli- zur Verklärung eines einfachen, provinziellen Lebens. Die
chen Praxis und die innerhalb der Wissenschaft, als Maß des so vermittelte .,Seinsandacht", die anklingende Sehnsucht
Wahren supponiert und keine Theorie erlaubt, welche die Ar- nach verlorengegangener, angeblicher Harmonie und kryp-
beitsteilung selbst als abgeleitet, vermittelt durchsichtig ma-
tische Wendungen vor allem des späteren Heidegger wie
chen und ihrer falschen Autorität entkleiden könnte .... ln sol-
chem Respekt vorm Verdinglichten ist der Positivismus ver- jene im .. Brief über den Humanismus", die da lautet:
dinglichtes Bewußtsein .... Die Fundamentalontologie jedoch .. Der Mensch ist nicht der Herr des Seienden. Er ist der Hirt
verblendet sich gegen die Vermittlung nicht des Tatsächlichen des Seins. ln diesem ,weniger' büßt der Mensch nichts ein,

GERALD KERTESZ 31
IWK-MITTEILUNGEN 4/1999

sondern er gewinnt, indem er in die Wahrheit des Seins ge- ANMERKUNGEN:


langt."34,
läßt Heidegger nicht wenigen als eine Art Herold der Öko- 1 Pierre Bourdieu: Die politische Ontologie Marlin Heideggers,
logiebewegung erscheinen; dazu paßt auch seine Kritik der Frankfurt/Main 1988, S. 17
2 zitiert nach Bourdieu, S. 21 (Original: Oswald Spengler: Der
Technik aus den späteren Jahren, die mit der Vortragsreihe Mensch und die Technik, Beitrag zu einer Philosophie des Le-
"Die Technik und die Kehre" von 1949 anhebt, in der zwar bens, München 1931, S. 81f.)
nicht die Technik als solche dämonisiert, wohl aber in der 3 Martin Heidegger: Sein und Zeit (SuZ), Tübingen 1977, S. 13
Selbstermächtigung des Menschen über die Natur im rech- 4 SuZ, S. 2
nenden und kalkulierenden Planen die Gefahr einer "un- 5 Martin Heidegger: Was ist Metaphysik?, in: Wegmarken, Ge-
heimlichen Veränderung der Weit" gesehen wird.35 Auf öko- samtausgabe, Band9. Frankfurt/Main 1976, S.122
6 SuZ; S. 12
nomische Interessen wird von Heidegger auch in diesem 7 a. a. 0., S. 54
Zusammenhang keinerlei Bezug genommen. Der Mensch 8 a. a. 0., S. 66
wird auch im Spätwerk - mehr noch als in "Sein und Zeit" - 9 a. a. 0., S. 68
als ohnmächtig dem "Seins-Geschick" ausgeliefert gese- 10 Ernst Bloch: Das Prinzip Hoffnung, Frankfurt/Main 1959, S. 338
hen, die Existenzialontologie endet letztlich im Fatalismus. 11 SuZ, a. a. 0., S. 69
12 a. a. 0., S 127 f.; zur Charakteristik des "Man" vgl.: Kurt Lenk,
Daß Adorno der Kritik an Heidegger so breiten Raum
Günter Meuter, Henrique Ricardo Otten: Vordenker der Neuen
gewidmet hat, beweist, daß er ihn bei aller Ablehnung sehr Rechten, Frankfurt/Main, New York 1997, S. 113 f.: "Dem Man
ernst nahm. Es ging ihm vor allem darum, zu zeigen, daß prägt Heidegger alle Charakteristika einer geschäftigen, vom pri-
die vorgebliche Archaik und der Rekurs auf das Substanzi- vaten Interesse und vom Verlangen nach Genuß bestimmten
elle und "Eigentliche" in der behaupteten Unmittelbarkeit Gesellschaft auf, kurz, einer bürgerlichen Welt im abschätzig
zutiefst unwahr sind und zu reaktionären politischen Kon- gemeinten Sinn der ,konservativen Revolution'. ... Ähnliches
hatte bereits die deutsche Kriegsphilosophie der ,Ideen von 1914'
sequenzen tendieren; daß die Narturverbundenheitsideolo- dem ,Engländertum' vorgeworfen: Dessen angebliche Freiheit der
gien nur Komplementärideologien zu Herrschaftsformen Gesellschaft sei nichts weiter als das Beherrschtsein durch äu-
sind, die technische Naturbeherrschung ständig perfektio- ßerliche Konventionen, ... bar jeder echten, persönlichen, inner-
nieren; daß schließlich die irrationalen Züge der Heidegger- lichen Haltung."
schen Lehre nur "Seelenwärmer" sind, die der konkreten 13 Theodor W. Adorno: Jargon der Eigentlichkeit, in: Gesammelte
Schriften, Band 6, Frankfurt/Main 1970, S. 481
Kritik an der schlechten Realität entheben. Gewiß gibt es
14 Bourdieu, a. a. 0., S. 14
Gemeinsamkeiten zwischen beiden Denkern, was die The- 15 Martin Heidegger: Die Selbstbehauptung der deutschen Univer-
matik betrifft. sität. Rede, gehalten bei der feierlichen Übernahme des Rekto-
"Beiden ging es lelztlich um den Versuch, die Moderne und rats der Universität Freiburg i. Br. am 27.5.1933, Breslau 1934
das Denken in ihr zu begreifen und kritisch zu bestimmen .... 16 Lenk u. a., a. a. 0., S.111
um die Kritik einer entfesselten Moderne, die das einzelne, 17 zitiert nach Rolf Wiggershaus: Die Frankfurier Schule, München,
besondere Dasein, das Nichtidentische, zu vernichten droht Wien, 1986, S. 60
und als deren extremster Ausdruck der Nationalsozialismus zu 18 ebd.
begreifen war."J6 19 a. a. 0., S.114
20 a. a. 0., S. 107 f.
Der Unterschied ist dennoch einer ums Ganze: Adorno geht 21 Theodor W. Adorno: Gesammelte Schriften, Bd. 1, S. 325 f.
es, wie schon gesagt, um Entmythologisierung, während 22 ebd.
Heidegger remythisiert; Adorno hält bei aller Kritik an den 23 A. a. 0., S. 342
vor allem durch den rein instrumentellen Vernunftgebrauch 24 A. a. 0., S. 332
25 A. a. 0., S. 333 f.
verursachten Fehlentwicklungen der Moderne an der Auf- 26 A. a. 0., S. 336
klärung fest und sucht diese durch Selbstreflexion zu radi- 27 A. a. 0., S. 371
kalisieren und weiterzuentwickeln, während Heidegger die 28 A. a. 0., S. 347
gesellschaftlichen Zusammenhänge mit dem Dunst seiner 29 Theodor W. Adorno: "Negative Dialektik", in: Gesammelte
in sich unangreifbaren Terminologie vernebelt; er erzeugt Schriften, Band 6, S. 69
30 a. a. 0.,. S. 86
eine Atmosphäre, die man akzeptieren, in der man sich
31 a. a. 0., S. 92
wohl fühlen kann oder auch nicht, die sich als Religionser- 32 Theodor W. Adorno: Wozu noch Philosophie? in: Gesammelte
satz eignet, aber zur Erkenntnis der realen Weit nichts bei- Schriften, Band 10.2, S. 465 f.
trägt, sondern eher von dieser wegführt. Das macht ihn 33 vgl.: SuZ, a. a. 0., S. 167 ff.
heute, wo man sich vielfach dem Mythos wieder zuwendet, 34 Martin Heidegger: Brief über den Humanismus, in: Wegmarken,
Sinn sucht, Geschichten erzählt und um keinen Preis als a. a. 0., S. 342
35 vgl.: Lenk u. a., a. a. 0., S. 119 f.
intellektuell erscheinen möchte, erneut attraktiv. Auf die 36 Konrad Paul Liessmann; Die großen Philosophen und ihre Pro-
möglichen politischen Konsequenzen solcher Abkehr von der bleme, Wien 1998, S. 165, S. 171
Realität hingewiesen zu haben, ist das Verdienst Adomos.

32 GERALD KERTESZ
MITTEILUNGEN DES INSTITUTS FÜR WISSENSCHAFT UND KUNST 4/1999, öS 75,-

SONJA RINOFNER-KREIDL
Totalität und Individualität
Oberden Zusammenhang
von ·Erkenntnismetaphysik,
Gesellschaftskritik und
Moralphilosophie
ln Adomos negativer Dialektik

Publikationsreihe des IWK:


Einzeltexte mit ausführlichem Literaturanhang und Anmerkungen zum Weiterlesen!
Manfred Jochum: "lrgendwann wird es Sisyphos gelingen, den verdammten Stein über den Berg zu bringen".
Wissenschaft -.Journalismus- Öffentlichkaitim "Medienzeitalter". Wien 1997 {12 Seiten, S 25,- + Versandspesen)
Eva Waniek: Sex/ Gender-Bedeutungsrelevante Fragestellungen zur Natur- und Kulturdebatte in der Feministi-
schen Theorie. Wien 1999 (12 Seiten, S 25,- + Versandspesen)
Sonja Rinofner-Kreidl: Totalität und Individualität. Über den Zusammenhang von Erkenntnismetaphysik, Gesell-
schaftskritik und Moralphilosophie . Wien 2000 (20 Seiten, S. 45,- + Versandspesen)

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P.b.b. 135750W73E Erscheinungsort Wien . Verlagspostamt 1090 Wien