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Mikrostrukturelle Untersuchungen der Rissinitiierung und -ausbreitung in intermetallischen TiAl-Legierungen

Waldemar Wessel

Mikrostrukturelle Untersuchungen der


Rissinitiierung und -ausbreitung in intermetal-
lischen TiAl-Legierungen unter zyklischer
und quasistatischer Belastung

Waldemar Wessel

ISBN 978-3-86219-360-8
Waldemar Wessel

Mikrostrukturelle Untersuchungen
der Rissinitiierung und -ausbreitung in
intermetallischen TiAl-Legierungen
unter zyklischer und quasistatischer Belastung

kassel
university
press
Die vorliegende Arbeit wurde vom Fachbereich Maschinenbau der Universität Kassel als Dissertation zur
Erlangung des akademischen Grades eines Doktors derIngenieurwissenschaften (Dr.-Ing.) angenommen.

Erster Gutachter: Prof. Dr. rer. nat. Angelika Brückner-Foit


Zweiter Gutachter: Prof. Dr.-Ing. Berthold Scholtes

Tag der mündlichen Prüfung 24. November 2011

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek


Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen
Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über
http://dnb.dnb.de abrufbar

Zugl.: Kassel, Univ., Diss. 2011


ISBN print: 978-3-86219-360-8
ISBN online: 978-3-86219-361-5
URN: http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0002-33610

© 2012, kassel university press GmbH, Kassel


www.uni-kassel.de/upress

Printed in Germany

Danksagung 
Diese Arbeit entstand während meiner Tätigkeit als wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Ar‐
beitsgruppe  "Qualität  und  Zuverlässigkeit"  am  Institut  für  Werkstofftechnik  der  Universität 
Kassel. 

An dieser Stelle möchte ich mich bei allen Personen bedanken, die wesentlich zum Gelingen 
der Arbeit beigetragen haben. 

Mein besonderer Dank gilt meiner Doktormutter Frau Prof. Dr. rer. nat. Angelika Brückner‐
Foit,  die  mich  an  dieses  spannende  Dissertationsthema  herangeführt  hat  sowie  durch  die 
hervorragende wissenschaftliche Betreuung, die stetige Unterstützung und wertvolle Anre‐
gungen einen großen Beitrag geleistet hat. Ihre permanente Bereitschaft zur Diskussion wird 
von allen Mitgliedern der Arbeitsgruppe geschätzt und gern in Anspruch genommen, so dass 
auch in meinem Fall wesentliche inhaltliche Impulse frühzeitig gesetzt werden konnten. 

Herrn  Prof. Dr.‐Ing. Berthold Scholtes  danke  ich für  sein  großes  Interesse  an  meiner  Arbeit 
und für die Bereitschaft zur Anfertigung des zweiten Gutachtens. Ferner danke ich ihm für 
die wissenschaftliche und technische Unterstützung sowie für das Ermöglichen der guten Zu‐
sammenarbeit  mit  seiner  Arbeitsgruppe.  Herrn  Prof.  Dr.‐Ing.  Kurt  Steinhoff  möchte  ich  für 
die Übernahme der Prüferfunktion während meiner Disputation danken. Beim Prof. Dr.‐Ing. 
Hans‐Jürgen Maier von der Universität Paderborn bedanke ich mich ebenfalls für die Über‐
nahme  der  Prüferfunktion  während  meiner  Disputation.  Ihm  und  seiner  Arbeitsgruppe 
danke ich zudem für die gute Zusammenarbeit bei einigen überlappenden Forschungsaktivi‐
täten auf dem Gebiet der ‐TiAl‐Basislegierungen. 

Beim Lehrstuhl „Experimentalphysik III – Femtosekundenspektroskopie und ultraschnelle La‐
serkontrolle“  unter  der  Leitung  vom  Prof.  Dr.  Thomas  Baumert  sowie  seinen  Mitgliedern, 
Jutta Mildner, Lars Englert, Dr. Lars Haag, bedanke ich mich für die hervorragende Koopera‐
tionsarbeit und die freundliche Arbeitsatmosphäre. Der menschliche und technische Einsatz 
während der fs‐Laserspektroskopie sowie fs‐Laserablation ging des Öfteren bis in den späten 
Abend hinein, was mitunter zu einer humanen Herausforderung wurde. 

Aus dem Institut für Nanostrukturtechnologie und Analytik der Universität Kassel möchte ich 
den Dr. rer. nat. Thomas Kusserow dankenswerterweise erwähnen. Seine Hilfestellung und 
Engagement beim Einsatz der FIB‐ und HREM‐Technologie führten zu einem noch detaillier‐
teren mikrostrukturellen Einblick. 

Für die Bereitstellung des Versuchsmaterials möchte ich dem Central Iron & Steel Research 
Institute  (CISRI)  in  China  sowie  der  Firma  GfE  Metalle  und  Materialien  GmbH  in  Nürnberg 
einen Dank aussprechen. 

Ganz besonders gilt mein Dank allen Mitarbeitern des Instituts für Werkstofftechnik der Uni‐
versität Kassel für die Arbeitsatmosphäre, die ihresgleichen sucht, sowie für die stete Bereit‐
schaft mitzuwirken und über die jeweiligen Forschungsschwerpunkte zu diskutieren. In die‐
ser familiären Umgebung habe ich mich äußerst wohl gefühlt. An dieser Stelle seien insbe‐
II 

sondere die Kolleginnen und Kollegen, die aktiv an meinem Erfolg teilgenommen haben, na‐
mentlich in alphabetischer Reihenfolge genannt: Alexander Grüning, Amir Schwagerus, Anis 
Cherif, Arne Ellermann, Benjamin Bode (der beste Bürokollege, den man sich nur wünschen 
kann), Christian Franz, Christian Möller, Eugen Merdian, Florian Kuhn, Heike Hammann, Jens 
Mannel,  Jens  von  Schumann,  Manfred  Rehbaum,  Michael  Besel,  Pascal  Pitz,  Rainer  Hunke, 
Ralf Herbold, Rolf Diederich, Thorsten Manns, Wolfgang Zinn, Yasuko Besel. 

Abschließend möchte ich mich ganz herzlich bei meinen Eltern bedanken, die mich in mei‐
nem Werdegang immer rückhaltlos unterstützt haben. 

Allen voran gilt mein Dank aber meiner Ehefrau, Galina Wessel, für die Unterstützung wäh‐
rend der Promotion und insbesondere für das große Verständnis bei der Fertigstellung der 
Arbeit. 

Waldemar Wessel 

 
III 

Kurzfassung 
Im Rahmen der vorliegenden Arbeit wurde der Einfluss des mikrostrukturellen Aufbaus aus‐
gewählter  ‐TiAl‐Basislegierungen  auf  die  Initiierung  und  Ausbreitung  kleiner  Oberflächen‐
risse unter mechanisch monotoner sowie zyklischer Belastung umfassend in‐situ analysiert. 

Die  intermetallischen  ‐TiAl‐Basislegierungen  gelten  als  potentielle  Leichtbauwerkstoffe  für 


thermisch und mechanisch hoch beanspruchte Anwendungen, die im Bereich der Luft‐ und 
Raumfahrt aber auch der Automobilindustrie liegen. Als vielversprechender Ersatz für Super‐
legierungen verfügen sie über eine niedrige Dichte, einen hohen E‐Modul und eine hohe Fes‐
tigkeit bei Temperaturen von bis zu 800°C. Bei Raumtemperatur weist diese Werkstoffklasse 
eine vergleichsweise geringe Duktilität auf, so dass der Schädigungsvorgang unter mechani‐
scher  Beanspruchung  von  dem  Einfluss  der  lokalen  Gefügestruktur  gekennzeichnet  ist.  Ein 
wesentliches Merkmal der technologisch wichtigsten Titanaluminide sind die unterschiedlich 
orientierten Kolonien, die aus parallelliegenden  ‐ und  ‐Lamellen bestehen. Dieser lamel‐
lare Aufbau bestimmt insbesondere bei zyklischer Belastung die Richtung und Geschwindig‐
keit der Mikrorissausbreitung. Fundierte Daten zur Lebensdauerabschätzung fehlen jedoch, 
weshalb  der  bisherige  Einsatz  von  TiAl‐Legierungen  auf  einige  wenige  Nischenbereiche  be‐
schränkt ist. 

Zur  Bestimmung  von  Schädigungsmechanismen  unter  zyklischer  und  quasistatischer  Bean‐


spruchung wurden in‐situ Experimente durchgeführt, in denen alle Stadien der Rissentwick‐
lung mittels eines langreichweitigen Mikroskops an der Probenoberfläche beobachtet wur‐
den. Für die Untersuchungen wurden drei Legierungsvarianten mit unterschiedlicher chemi‐
schen  Zusammensetzung  und  unterschiedlichem  Gefügeaufbau  herangezogen.  Auf  diese 
Weise  konnte  der  entscheidende  Einfluss  der  Gefügemorphologie  differenziert  betrachtet 
werden.  Eine  Systematisierung  wurde  durch  den  Einsatz  von  mikrostrukturell  kleinen  Riss‐
starterkerben erzielt, die mittels eines Femtosekundenlasers innerhalb ausgesuchter mikro‐
strukturellen  Konfigurationen  definiert  erzeugt  wurden.  Zur  Steigerung  der  Kerbeffizienz 
wurde  eine  optimierte  Kerbform  mit  einem  außerordentlich  hohen  Kerbfaktor  eingeführt. 
Mit diesem Verfahren konnte die Lage und Richtung der Rissinitiierung gezielt gesteuert und 
die Wechselwirkung des Mikrorisses und der Gefügemorphologie erfasst werden. 

Das  beobachtete  Rissausbreitungsverhalten  wurde  qualitativ  und  quantitativ  bruchmecha‐


nisch ausgewertet. Darauf basierend wurde der Schädigungsprozess in mehrere Schwellen‐
werte unterteilt, die mikrostrukturell begründet sind. Um auch kaum sichtbare lokale Schädi‐
gungsvorgänge an der Oberfläche qualitativ zu beschreiben, wurden die während der Bean‐
spruchung  auftretenden  Verformungsfelder  mittels  digitaler  Kreuzkorrelationsanalyse  an 
Grauwertbildern  bestimmt.  Zusätzlich  wurden  für  Experimente  unter  schwingender  Bean‐
spruchung Diagramme der Rissausbreitungsgeschwindigkeit als Funktion der Schwingbreite 
der Spannungsintensität abgeleitet und eine Klassifizierung im Hinblick auf die zuvor gefun‐
denen mikrostrukturellen Schwellenwerte vorgenommen. Mit den durchgeführten Untersu‐
chungen liegt nun eine umfangreiche Datenbasis zum Schädigungsverhalten von intermetal‐
lischen  ‐TiAl‐Basislegierungen bei Raumtemperatur vor.   
IV 

Abstract 
The present work is focused on experimental in‐situ investigations of the microstructure in‐
fluence  of  ‐TiAl‐based  alloys  on  the  initiation  and  propagation  behaviour  of  small  surface 
cracks subjected to quasi‐static or cyclic loading. 

‐TiAl‐based alloys with intermetallic phases are considered to be promising candidates for 
lightweight  structures  in  the  high‐temperature  regime  (up  to  800°C).  Because  of  excellent 
properties such as low density, high Young's modulus and high strength they may substitute 
nickel‐based super alloys, especially for applications in the automotive and aerospace indus‐
try.  However,  this  class  of  materials  exhibits  comparatively  low  ductility  and  toughness  at 
ambient  temperature  resulting  in  a  damage  behaviour  which  is  strongly  influenced  by  the 
microstructure. The microstructure of technologically important  ‐TiAl‐based alloys is based 
on  differently  oriented  colonies  with  parallel  arranged  ‐  und  ‐lamellae.  In  general,  it  is 
well known, that the anisotropic lamellar microstructure significantly influences the propa‐
gation direction and growth rate of small cracks, in particular when cyclic loading is applied. 
However,  as  the  reliable  data  for  lifetime  prediction  are  not  available  in  the  case  of  TiAl, 
there is a need for improving the database. This task was addressed in the present work. 

In order to investigate the microstructural damage mechanisms under cyclic and quasi‐static 
load, comprehensive in‐situ observations of sample surfaces were performed using a long‐
range  optical  microscope.  The  experimental  setup  allows  monitoring  of  microstructural  ef‐
fects  from  the  initiation  stage  to  failure  of  specimens.  Three  different ‐TiAl‐based  alloys 
were investigated, covering a broad range of relevant microstructures. As a consequence, a 
thorough analysis was performed of particular structural morphologies and their individual 
influence.  The  experimental  investigations  of  microstructure  controlled  growth  of  small 
cracks  were  systematized  with  the  applying  of  well‐defined  micro‐notches.  Such  geometri‐
cally optimized micro‐notches with very high notch factor  were machined by femtosecond 
laser ablation at pre‐selected sites in the microstructures. 

Based on experimentally obtained digital pictures, the crack growth data as well as the mi‐
crostructural threshold values to continuous crack growth were derived. More detailed ana‐
lysis  of  barely  visible  damage  mechanisms  were  visualized  by  means  of  image  correlation 
analysis on digital pictures comparing the unloaded and loaded conditions at the specimen 
surface. Additionally created diagrams with crack growth rates as a function of the range of 
the  mode‐I  stress  intensity  factor  resulted  in  a  classification  of  microstructural  threshold 
values. As a result of the investigations performed, a reliable database was obtained of the 
damage mechanisms of  ‐TiAl‐based alloys at room temperature. 

 

Inhalt 

1  Einleitung und Motivation ............................................................................................... 1 

2  Grundlagen ...................................................................................................................... 4 
2.1  Titanaluminide – eine neuartige Legierungsklasse ...................................................................... 4 
2.1.1  Phasenmorphologie der γ‐TiAl‐Basislegierungen ................................................................. 4 
2.1.2  Kristallstrukturen gängiger intermetallischer Titanaluminid‐Phasen ................................... 7 
2.1.3  Mikrostrukturell bestimmtes Verformungsverhalten .......................................................... 7 
2.2  Grundlegendes über das Ermüdungsverhalten metallischer Werkstoffe ................................. 10 
2.2.1  Makroskopisch isotropes Verhalten ................................................................................... 11 
2.2.1.1  Schwingfestigkeit (Wöhlerkurven) ............................................................................... 11 
2.2.1.2  Risswachstum physikalisch langer Risse ...................................................................... 12 
2.2.2  Mikrostrukturelle Einflüsse bei der Rissentstehung und Ausbreitung kleiner Risse .......... 13 
2.2.2.1  Initiierung von Mikrorissen .......................................................................................... 14 
2.2.2.2  Wachstum kleiner Risse (Stadium I der Rissausbreitung) ............................................ 16 
2.2.2.3  Übergang zum physikalisch langen Riss ....................................................................... 16 
2.3  Ermüdungsverhalten der γ‐TiAl‐Basislegierungen ..................................................................... 17 
2.3.1  Rissinitiierung ...................................................................................................................... 19 
2.3.2  Mikrorissausbreitungsverhalten ......................................................................................... 23 
2.3.3  Langrissausbreitungsverhalten ........................................................................................... 26 

3  Charakterisierung untersuchter Legierungen ................................................................. 31 
3.1  Versuchswerkstoffe ................................................................................................................... 31 
3.1.1  Ti‐46,5Al‐2,5V‐1,0Cr TAC‐2 ................................................................................................. 32 
3.1.2  Ti‐43Al‐4Nb‐1Mo‐0,1B TNM‐B1 .......................................................................................... 35 
3.1.3  Ti‐45Al‐5Nb‐0,2C‐0,2B TNB‐V5 ........................................................................................... 37 
3.2  Analysen zur chemischen Zusammensetzung einzelner Phasen ............................................... 38 

4  Experimentelle und bildverarbeitende Verfahren zur Bestimmung lokaler 
Schädigungsvorgänge .................................................................................................... 42 
4.1  Einsatz der digitalen Kreuzkorrelationsanalyse an Grauwertbildern ........................................ 42 
4.2  Durchführung von in‐situ Experimenten ................................................................................... 44 
4.2.1  Quasistatische Belastung bei Raumtemperatur ................................................................. 44 
4.2.2  Ermüdung bei Raumtemperatur ......................................................................................... 45 
4.3  Probengeometrie und ‐präparation ........................................................................................... 47 
4.3.1  Gestaltung der Probengeometrien ..................................................................................... 47 
4.3.2  Probenherstellung und ‐präparation .................................................................................. 49 

5  Materialbearbeitung und Phasenanalyse mit einem Ultrakurzpulslaser ........................ 52 
5.1  Laserinduzierte Plasmaspektroskopie (fs‐LIBS) ......................................................................... 54 
5.1.1  Bestimmung lateraler Ortsauflösung .................................................................................. 54 
5.1.2  Spektrallinienzuordnung und Auswertungsmethodik ........................................................ 57 
5.1.3  Charakterisierung des räumlichen fs‐LIBS‐Abtrags ............................................................. 59 
5.1.4  Erprobung der fs‐LIBS‐Analyse an Phasen und Mikrorissen ............................................... 60 
VI 

5.2  Erzeugung und Optimierung mikrostrukturell kleiner Kerben ................................................... 63 
5.2.1  Tiefenanalyse künstlicher mikrostruktureller Kerben ......................................................... 65 
5.2.2  Formoptimierung zur Steigerung der Kerbwirkung ............................................................ 69 

6  Mikrostruktureller Einfluss auf das Schädigungsverhalten untersuchter Legierungen .... 72 
6.1  Quasistatische Belastung bei Raumtemperatur ......................................................................... 72 
6.1.1  TAC‐2‐NL .............................................................................................................................. 72 
6.1.2  TAC‐2‐FL .............................................................................................................................. 75 
6.1.3  TNM‐B1 ............................................................................................................................... 82 
6.2  Ermüdung bei Raumtemperatur ................................................................................................ 85 
6.2.1  TNM‐B1 ............................................................................................................................... 87 
6.2.1.1  Statistische Betrachtung der Rissinitiierung und der anfänglichen Rissausbreitung 
unter zykl. Belastung .................................................................................................... 87 
6.2.1.2  Koloniegrenzen als Hindernisse gegen die Mikrorissausbreitung ............................... 89 
6.2.1.3  Ausbreitungsgeschwindigkeit von Ermüdungsrissen ................................................... 90 
6.2.1.4  Ergänzende Betrachtung des räumlichen Einflusses von der Mikrostruktur  
während der Rissausbreitung ...................................................................................... 95 
6.2.1.5  Fraktographische Analysen von natürlichen Bruchursachen ....................................... 98 
6.2.2  TAC‐2‐NL .............................................................................................................................. 99 
6.2.2.1  Ausbreitungsgeschwindigkeit von Ermüdungsrissen ................................................. 100 
6.2.2.2  Ergänzende Betrachtung des lateralen und räumlichen Einflusses von der 
Mikrostruktur während der Rissausbreitung ............................................................. 102 
6.2.3  TAC‐2‐FL ............................................................................................................................ 105 
6.2.3.1  Ausbreitungsgeschwindigkeit von Ermüdungsrissen ................................................. 105 
6.2.3.2  Ergänzende Betrachtung des lateralen und räumlichen Einflusses von der 
Mikrostruktur während der Rissausbreitung ............................................................. 107 
6.2.4  TNB‐V5 ............................................................................................................................... 109 
6.3  Zusammenfassende Diskussion zum Schädigungsverhalten von γ‐TiAl‐Basislegierungen ...... 111 

7  Mesoskopisches FE‐Modell basierend auf der Abbildung realer Mikrostruktur............ 116 

8  Zusammenfassung ....................................................................................................... 119 

Literaturverzeichnis ......................................................................................................... 123 

Anhang ............................................................................................................................ 133 
 

 
VII 

Notationen 
 

Abkürzungen 

3DAP  Three Dimensional Atom Probe 
AFM  Atomic Force Microscope 
BSE  Back Scattered Electron 
CCD  Charge‐Coupled Device 
CNC  Computerized Numerical Control 
CT  Compact Tension 
DFG  Deutsche Forschungsgemeinschaft 
DIC  Digital Image Correlation 
DMS  Dehnungsmessstreifen 
DP  Duplexartige Gefüge 
EDX  Energy Dispersive X‐ray 
EPBM  Elastisch‐plastische Bruchmechanik 
FEM  Finite‐Elemente‐Methode 
FEPA  Fédération Européenne des Fabricants de Produits Abrasifs 
FIB  Focused Ion Beam 
FL  Fully Lamellar 
fs‐LIBS  Femtosecond Laser‐Induced Breakdown Spectroscopy 
HCF  High Cycle Fatigue 
HIP  Heißisostatisches Pressen 
hdp  Hexagonal dichteste Kugelpackung 
hkl  Kristallgitterebene 
ICCD  Intensified Charge‐Coupled Device 
Kfz  Kraftfahrzeug 
kfz  Kubisch flächenzentrierte Kristallstruktur 
krz   Kubisch raumzentrierte Kristallstruktur 
LCF  Low Cycle Fatigue 
LD  Long Distance 
LEBM  Linear‐elastische Bruchmechanik 
LIBS  Laser‐Induced Breakdown Spectroscopy 
LW  Lastwechsel 
NA  Numerische Apertur 
NL  Near Lamellar 
REM  Rasterelektronenmikroskop 
RGB  Farbraum aus Rot‐, Grün‐ und Blauanteil 
TAC‐2‐FL  Intermetallische  ‐TiAl‐Basislegierung der Zusammensetzung 
  Ti‐46,5Al‐2,5V‐1,0Cr (At.%) und FL‐Gefügezustand 
TAC‐2‐NL  Intermetallische  ‐TiAl‐Basislegierung der Zusammensetzung 
  Ti‐46,5Al‐2,5V‐1,0Cr (At.%) und NL‐Gefügezustand 
VIII 

TEM  Transmissionselektronenmikroskop 
TNB‐B1  Intermetallische  ‐TiAl‐Basislegierung der Zusammensetzung 
  Ti‐43Al‐4Nb‐1Mo‐0,1B (At.%) 
TNB‐V5  Intermetallische  ‐TiAl‐Basislegierung der Zusammensetzung 
  Ti‐45Al‐5Nb‐0,2C‐0,2B (At.%) 
TiAl  Titanaluminid 
VAR  Vacuum Arc Remelting 
VFZ  Versetzungsfreie Zone 
 

Lateinische Formelzeichen 

  Atommasse  [ ⁄ ] 
  Bruchdehnung  [1] 
  Mittlere Atommasse mehrerer Elemente  [ ⁄ ] 
  Atommasse des Elements    [ ⁄ ] 
  Observationsfläche einer Probe  [ ] 
  Risslänge  [ ] 
  Tiefe einer Kerbe  [μ ] 
  Tatsächlich erzeugte Tiefe einer fs‐Laser‐Kerbe  [μ ] 
  Angestrebte Tiefe einer fs‐Laser‐Kerbe  [μ ] 
  Breite  [ ] 
  Breite einer Kerbe  [μ ] 
  Mikrostrukturelle Breite (Lamelle, Korn, Cluster)  [μ ] 
   Burgers‐Vektor  [1] 
  Materialspezifische Konstante der Paris‐Funktion  [ ] 
  Materialspezifische Konstante der für Keramiken angepassten 
   Paris‐Funktion  [ ] 
  Halbe Länge einer Kerbe  [μ ] 
  Auf die x‐Achse projizierte halbe Risslänge  [μ ] 
  Innerer Durchmesser des Ablationskraters  [μ ] 
  Äußerer Durchmesser des Ablationskraters  [μ ] 
  Breite der bruchresistenten Zone des Arata‐Modells  [μ ] 
  Differential (Differenz) der Risslänge  [ ] 
  Differential (Differenz) der Lastspielzahl  [1] 
  Laserpulsenergie  [ ] 
  Energie des Primärstrahls  [ ] 
  Kritische Anregungsenergie  [ ] 
  Geometrischer Korrekturparameter der Newmann‐Raju‐Funktion  [1] 
  Kraft  [ ] 
  Frequenz  [1⁄ ] 
  Geometrischer Korrekturparameter der Newmann‐Raju‐Funktion  [1] 
  Höhe  [ ] 
,   Gesamtintensität der Plasmalumineszenz des Elements Al  [1] 
IX 

,   Innerhalb eines Messvolumens erfasste Gesamtintensität der Plasma‐ 
  lumineszenz  [1] 
,   Gesamtintensität der Plasmalumineszenz des Elements Ti  [1] 
,   Einzelintensität der Plasmalumineszenz des Elements Al einer 
  definierten Wellenlänge    [1] 
,   Innerhalb eines Messvolumens erfasste Intensität der Plasma‐ 
  lumineszenz einer definierten Wellenlänge    [1] 
,   Einzelintensität der Plasmalumineszenz des Elements Ti einer 
  definierten Wellenlänge    [1] 
  Index  [1] 
  Spannungsintensitätsfaktor an der Kerbspitze  [ √ ] 
  Anfänglicher Spannungsintensitätsfaktor des Arata‐Modells  [ √ ] 
  Korrekturbetrag des Spannungsintensitätsfaktors um Riss‐ 
  abschirmungseffekte  [ √ ] 
  Kritischer Spannungsintensitätsfaktor  [ √ ] 
  Spannungsintensitätsfaktor bei Rissschließen  [ √ ] 
  Spannungsintensitätsfaktor im Modus I mit einer auf die x‐Achse 
  projizierten Risslänge  [ √ ] 
  Kritischer Spannungsintensitätsfaktor im Modus I  [ √ ] 
  Maximaler Spannungsintensitätsfaktor  [ √ ] 
  Minimaler Spannungsintensitätsfaktor  [ √ ] 
  Erforderlicher Spannungsintensitätsfaktor für die Rissinitiierung in 
  der Nachbarkolonie des Arata‐Modells  [ √ ] 
  Index  [1] 
  Länge  [ ] 
  Index  [1] 
  Anzahl  [1] 
  Lastzyklenzahl  [1] 
  Lastspielzahl bis Bruch  [1] 
  Grenzlastspielzahl, ab der Dauerfestigkeit vorliegt  [1] 
  Anzahl  [1] 
  Materialspezifische Konstante der Paris‐Funktion  [1] 
  Anzahl der Kolonien mit erstmaliger Rissinitiierung  [1] 
  Gesamtzahl zur Statistik betrachteter Kolonien  [1] 
  Anzahl der Schädigungsaktivität  [1] 
  Druckkraft  [ ] 
  Ausfallwahrscheinlichkeit  [1] 
  , Messpunkt bei Kreuzkorrelationsanalyse  [1] 
Ü  Überlebenswahrscheinlichkeit  [1] 
  Materialspezifische Konstante der für Keramiken angepassten 
  Paris‐Funktion  [1] 
  Materialspezifische Konstante der für Keramiken angepassten 
  Paris‐Funktion  [1] 

  Geometrischer Korrekturparameter der Newmann‐Raju‐Funktion  [1] 
  Spannungsverhältnis  [1] 
  Arithmetischer Mittenrauwert  [μ ] 
  Eindringtiefe der Primärelektronen  [μ ] 
  Zugfestigkeit  [ ] 
,   0,01% Dehngrenze  [ ] 
,   0,2% Dehngrenze  [ ] 
  Richtung bei der Spannungsberechnung  [1] 
  Richtung bei der Spannungsberechnung  [1] 
  Probentiefe  [ ] 
  Überspannungsverhältnis zw. Primärstrahlenergie und kritischer 
  Anregungsenergie  [1] 
  Vektor‐Median  [1] 
  Lokale Verschiebung in  ‐Richtung  [1] 
  Lokale Verschiebung in  ‐Richtung  [1] 
  Verschiebungsvektor im xy‐Koordinatensystem  [1] 
  Halbe Probenbreite  [ ] 
  Probenlänge  [ ] 
  Komplexe Zahl  [1] 
  Koordinate (kartesisch)  [ ] 
  Bruchmechanischer Korrekturfaktor  [1] 
  Koordinate (kartesisch)  [ ] 
  Ordnungszahl  [1] 
  Mittlere Ordnungszahl mehrerer Elemente  [1] 
  Ordnungszahl des Elements    [1] 
  Komplexe Zahl  [1] 
 

Griechische Formelzeichen 

  intermetallische Ti3Al‐Phase mit hexagonal dicht gepackten 
  DO19‐Kristallstruktur  [‐] 
  Einzelintensitätsanteil des Elements Al  [‐] 
  Formzahl  [‐] 
  Einzelintensitätsanteil des Elements Ti  [‐] 
   Winkeldifferenz zwischen zwei Kolonien  [°] 
   intermetallische TiAl‐Phase mit kubisch raumzentrierter 
  B2‐Kristallstruktur  [‐] 
  intermetallische TiAl‐Phase mit tetragonal verzerrter kubisch 
  flächenzentrierter L10‐ Kristallstruktur  [‐] 
  Zwillingslamelle der  ‐TiAl‐Phase  [‐] 
∆   Zyklischer Spannungsintensitätsfaktor  [ √ ] 
∆   Effektiver zyklischer Spannungsintensitätsfaktor  [ √ ] 
 
XI 

∆   Korrekturbetrag des zyklischen Spannungsintensitätsfaktors um 
  Rissschließeffekte  [ √ ] 
∆   Schwellenwert des zyklischen Spannungsintensitätsfaktors für 
  Rissfortschritt  [ √ ] 
∆   Schrittweite in Tiefenrichtung bei der fs‐Laserbearbeitung  [μ ] 
∆   Schwingbreite der Spannung  [ ] 
  Dehnung  [1] 
  Winkel zwischen der Lastrichtung und der lateralen
  Lamellenorientierung  [°] 
  Wellenlänge  [ ] 
  Dichte  [ ⁄ ] 
  Dichte der  ‐Phase  [ ⁄ ] 
  Dichte der  ‐Phase  [ ⁄ ] 
  Spannungsamplitude  [ ] 
  Biegespannung bei der Bestimmung des Spannungsintensitätsfaktors  [ ] 
  Spannungsamplitude, unter der Dauerfestigkeit vorliegt  [ ] 
  Nennspannung  [ ] 
  Nominelle Spannung  [ ] 
  Axialspannung bei der Bestimmung des Spannungsintensitätsfaktors  [ ] 
  Maximalspannung  [ ] 
  Minimalspannung  [ ] 
  Winkel zur Beschreibung der Rissfront  [°] 
  Stoffmengenanteil des Elements    [1] 
  Winkel zwischen der Lastrichtung und der räumlichen 
  Lamellenorientierung  [°] 

 
Einleitung und Motivation  1 

1 Einleitung und Motivation 
Intermetallische  Titanaluminid‐Legierungen  gelten  aufgrund  ihrer  Hochtemperatureigen‐
schaften als ein potentieller Ersatz für die relativ schweren Nickelbasislegierungen. Sie zeich‐
nen  sich  ganz  besonders  durch  ihre  geringe  Dichte,  gute  Hochtemperaturfestigkeit,  hohe 
Steifigkeit, gute Oxidationsresistenz sowie Kriechbeständigkeit aus. Denkbare Anwendungen 
liegen im Bereich des Turbinenbaus und der Verbrennungsmotoren für Bauteile, die Tempe‐
raturen von bis zu 800°C standhalten müssen. Zur Verdeutlichung des Potentials werden in 
der Literatur vielfach die spezifischen Eigenschaften, wie die Festigkeit und der Elastizitäts‐
modul  aufgeführt.  Unter  der  Berücksichtigung  der  geringen  Dichte  von  ca.  4 g/cm³  schnei‐
den  daher  insbesondere  die  ‐TiAl‐Basislegierungen,  verglichen  mit  den  etwa  doppelt  so 
schweren Nickelbasislegierungen, hervorragend ab [1]. Zu den positiven Nebeneffekten der 
geringen Dichte zählen die Verringerung der Zentrifugalkräfte und die Verbesserung des dy‐
namischen  Ansprechverhaltens  rotierender  Bauteile.  ‐TiAl  ist  somit  ein  idealer  Werkstoff 
um  den  fortwährenden Anforderungen  an  die Erhöhung  des  Wirkungsgrades  von  Verbren‐
nungsmotoren  und  Turbinen,  sowie  der  resultierenden  Reduktion  der  Schadstoffemission 
gerecht zu werden. Es muss allerdings berücksichtigt werden, dass die in Frage kommenden 
mechanisch  und  thermisch  hochbeanspruchten  Bauteile  vielfach  sicherheitsrelevant  sind 
und während der gesamten Lebensdauer nicht katastrophal versagen dürfen. Aufgrund des 
vergleichsweise spröden Verhaltens und der einhergehenden schnellen Rissausbreitung wird 
der Einsatz der Titanaluminide bei dynamisch belasteten Bauteilen als problematisch erach‐
tet. Um diesem Problem entgegenzuwirken, bedarf es der umfassenden Untersuchung statt‐
findender Versagensmechanismen. 

Sicherheitsrelevante Bauteile müssen schadenstolerant sein, d. h. es muss damit gerechnet 
werden, dass während der Lebensdauer Risse entstehen. Die Wahrscheinlichkeit für die Riss‐
entstehung steigt, wenn mit der Leichtbauweise die optimale Ausnutzung der Werkstoffe bis 
an ihre Leistungsgrenzen erfolgt, was in der heutigen Zeit bei vielen technischen Komponen‐
ten der Fall ist. Etablierte Berechnungsverfahren gehen von langen physikalischen Rissen aus, 
die  bei  einer  zyklischen  Belastung  unter  einer  bestimmten  Belastungsgrenze  ‐  ausgedrückt 
durch den Schwellenwert des Spannungsintensitätsfaktors ∆  ‐ nicht wachstumsfähig sind. 
Dieser Schwellenwert gilt nicht für Mikrorisse, da das Konzept der Spannungsintensität vor 
der Rissspitze ein isotropes Kontinuum und eine vernachlässigbar kleine plastische Zone vo‐
raussetzt.  Aufgrund  der  starken  Wechselwirkung  der  Mikrorisse  mit  der  Mikrostruktur 
weicht deren Ausbreitungsverhalten deutlich von dem eines langen Risses ab. Eine Aktivität 
der  Mikrorisse  ist  auch  unterhalb  des  Schwellenwerts ∆  möglich,  was  bei  Verwendung 
etablierter  Konzepte  für  lange  Risse  eine  nicht  konservative  Bauteilauslegung  bedeuten 
würde.  In  der  Realität  wird  die  Lebensdauer  unter  zyklischer  Belastung  vielfach  durch  die 
Phase der Rissinitiierung und der Ausbreitung mikrostrukturell kleiner Risse dominiert. Ins‐
besondere  bei  weniger  duktilen  metallischen  Werkstoffen  kann  dieser  Teil  bis  zu  90%  der 
Gesamtlebensdauer einnehmen [2]. In diesen Fällen kann die Genauigkeit der Lebensdauer‐
modelle durch die Implementierung der Rissinitiierungsphase und des Wachstumsverhaltens 
von Mikrorissen weiter verbessert werden. 
2  Einleitung und Motivation 

Erste  systematische  Forschungsarbeiten  an  mikrostrukturellen  Schädigungsvorgängen  wur‐


den  von  einigen  Arbeitsgruppen  in  den  80er  Jahren  des  letzten  Jahrhunderts  durchgeführt 
[3‐7]. Das Wissen über das Mikrorissverhalten ist allerdings bis in die heutige Zeit bei weitem 
nicht vollständig, da in Mehrzahl der Untersuchungen das Verhalten langer Risse mit einer 
Größenordnung im Millimeterbereich erforscht wird. Bei den Untersuchungen, in denen die 
Versagensmechanismen  in  Titanaluminiden  betrachtet  wurden,  lag  der  Schwerpunkt  über‐
wiegend  auf  den  einzelnen  Stadien  der  Rissentwicklung,  die  bevorzugt  in  Legierungen  mit 
einer vollständig lamellaren Morphologie betrachtet wurden. Die Mikrostruktur solcher Le‐
gierungen weist unterschiedlich ausgerichtete lamellare Kolonien auf, bestehend aus der  ‐ 
und  ‐Phase. Aus diesen Arbeiten ist bekannt, dass die Koloniegröße und Lamellenausrich‐
tung  bei  der  Rissinitiierung  und  ‐ausbreitung  signifikant  sind.  Hier  findet,  im  Gegensatz  zu 
duktilen  metallischen  Werkstoffen  mit  zahlreichen  aktivierungsfähigen  Gleitsystemen,  nur 
auf  wenigen  Ebenen  mit  geringer  kohäsiver  Bindungsfestigkeit  Materialversagen  statt.  Bei 
der  Rissausbreitung  wirken  die  nächstliegenden  Koloniegrenzen  als  effiziente  Hindernisse, 
falls die benachbarten Kolonien deutlich andere Orientierungen aufweisen. Desweiteren zei‐
gen experimentelle Untersuchungen, dass bei einer lamellaren Morphologie die Mikrorissini‐
tiierung bereits nach einer geringen Anzahl der Lastwechsel einsetzen kann und die Lebens‐
dauer im Wesentlichen durch die Risswachstumsphase bis zum Erreichen der kritischen Riss‐
länge bestimmt ist [8, 9]. Diese wird für den TiAl‐Einsatz im Bereich von Turbinen mit etwa 
500 µm geschätzt [8]. Unter Berücksichtigung der üblichen mittleren Koloniegröße von 100 
bis 2000 µm, die  ‐TiAl‐Basislegierungen aufweisen, ist somit ein eindeutiger mikrostruktu‐
reller Einfluss bis zum Erreichen der kritischen Risslänge zu erwarten. Durch eine Wärmebe‐
handlung und Zugabe weiterer Legierungselemente kommen vielfach Anteile globularer Kör‐
ner hinzu, die sich überwiegend zwischen den Kolonien anlagern und aufgrund verbesserter 
Duktilität  durchaus  erwünscht  sind.  Wie  die  Mikrorisse  die  ersten  Hindernisse  überwinden 
und  welche  Auswirkung  die  globularen  Bereiche  haben,  wurde  bisher  nicht  systematisch 
untersucht. Auch fehlt es an Erkenntnissen, ab wann der mikrostrukturelle Einfluss an Domi‐
nanz verliert. Gerade diese Fragestellungen müssen allerdings für den erfolgreichen techno‐
logischen Einsatz der Titanaluminide geklärt werden. 

Die Entwicklung mikrostrukturell basierter Lebensvorhersagemodelle setzt eine verlässliche 
Datenbasis  voraus,  die  allerdings  für  TiAl‐Legierungen  noch  nicht  vorhanden  ist.  Erforderli‐
che Daten müssen in der Regel durch aufwendige und entsprechend teure Experimente be‐
schafft werden [10]. Daher ist eine Systematisierung der Untersuchungen mit der entspre‐
chenden  Entwicklung  und  dem  Einsatz  mikrostruktureller  Versuchsmethodik  unabdingbar, 
um  alle  Lebensdauerphasen  zu  erfassen.  Auch  muss  der  dreidimensionale  Aspekt der  Riss‐
ausbreitung  berücksichtigt  werden.  Der  Großteil  bisheriger  experimenteller  Arbeiten  be‐
schränkte sich noch im Wesentlichen auf die Oberflächenobservation oder Bruchflächenana‐
lysen. Die Entwicklung eines Konzepts zur vollständigen räumlichen Beschreibung der Mikro‐
risse  und  der  Mikrostruktur  kann  dem  umfassenden  Verständnis  der  Versagensmecha‐
nismen  verhelfen,  was  eine  sichere  Bauteilauslegung  und  gezielte  Legierungsentwicklung 
bzw. ‐optimierung für den Einsatz unter zyklischer Belastung ermöglicht. 

Das Ziel der vorliegenden Arbeit besteht somit in der übergreifenden Analyse ausgewählter 
‐TiAl‐Basislegierungen hinsichtlich des Initiierungs‐ und Wachstumsverhaltens kleiner Ober‐
Einleitung und Motivation  3 

flächenrisse  sowie  der  Charakterisierung  des  mikrostrukturellen  Einflusses.  Das  Konzept 


sieht  vor,  unter  der  Durchführung  quasistatischer  sowie  zyklischer  Experimente  und  der 
gleichzeitigen in‐situ  Oberflächenbeobachtung  alle Stadien der Rissentwicklung zu erfassen 
und  bruchmechanisch  auszuwerten.  Um  eine  Systematisierung  der  Untersuchungen  zu  er‐
möglichen,  sollen  in  einem  interdisziplinären  Ansatz  mikrostrukturell  kleine  Starterkerben 
mit einem Femtosekundenlaser erzeugt werden. Hierdurch kann die Lage und Richtung der 
Rissinitiierung  gezielt  gesteuert  und  eine  bestimmte  Wechselwirkung  des  Mikrorisses  und 
der Gefügestruktur erfasst werden. Desweiteren soll der gleiche Laseraufbau für die dreidi‐
mensionale Analyse des Rissverlaufs erprobt werden. Um auch kaum sichtbare lokale Schädi‐
gungsvorgänge  an  der  Oberfläche  qualitativ  zu  beschreiben,  wird  das  kommerzielle  Prog‐
ramm VEDDAC eingesetzt. Damit können anhand der mikroskopischen Aufnahmen die Ver‐
schiebungen  einzelner  Bildbereiche  auf  Basis  der  Grauwertkorrelationsberechnung  be‐
stimmt werden. Ergänzend zu den experimentellen Untersuchungen soll ein Verfahren ent‐
wickelt werden, welches durch den Einsatz der Finite‐Elemente‐Methode (FEM) die Ermitt‐
lung  lokaler  Dehnungs‐  und  Spannungskonzentration  innerhalb  des  beobachteten  Bereichs 
einer Probe ermöglicht. Hierzu wird die bestmögliche Abbildung der Realität von FE‐Model‐
len  erwartet,  die  auf  mikroskopischen  Bildaufnahmen  basieren.  Durch  den  übergreifenden 
Einsatz der Simulationsmethoden, der Femtosekundenlasertechnologie, der VEDDAC‐Analy‐
sen sowie der Durchführung von in‐situ Experimenten sollen schließlich die wirkenden Me‐
chanismen erfasst werden. 

 
4  Grundlagen 

2 Grundlagen 
 

2.1 Titanaluminide – eine neuartige Legierungsklasse 
Intermetallische  Phasen  der  Titan‐Aluminium‐Legierungen  rückten  bereits  in  den  50er  Jah‐
ren des letzten Jahrhunderts in den Fokus der Wissenschaft. Die frühe Arbeit von McAndrew 
und Kessler aus dem Jahr 1956 [11] unterstreicht das Potenzial der Titanaluminide, den be‐
reits  damals  geltenden  Anforderungen  an  neue  metallische  Strukturwerkstoffe  gerecht  zu 
werden. Zu den geforderten Eigenschaften zählen im Wesentlichen die Hochtemperaturbe‐
ständigkeit von über 900°C, geringe Dichte, hohe Festigkeit und Duktilität, sowie gute Wider‐
standsfähigkeit gegenüber der Oxidation und Rissausbreitung. Trotz der bis heute andauern‐
den  Forschungs‐  und  Entwicklungsarbeiten  an  dieser  neuartigen  Legierungsklasse  be‐
schränkt sich ihr Einsatz in der Serienproduktion auf einige wenige Bauteile in Kleinserie [12‐
14]. Die entscheidenden Gründe hierfür liegen in der geringen Duktilität bei Raumtempera‐
tur,  der  vergleichsweise  hohen  Kosten  bei  der  Gewinnung  der  Hauptlegierungselemente 
sowie der Schwierigkeiten bei der Weiterverarbeitung der Legierungen auf konventionellen 
Fertigungswegen. Aktuelle Forschungs‐ und Entwicklungsarbeiten im Bereich der Legierungs‐
optimierung [15‐19], der Fertigung [20‐22], sowie der Analyse und Modellierung der Schädi‐
gungsmechanismen [23‐27] sollen einer breiten industriellen Akzeptanz verhelfen. 

2.1.1 Phasenmorphologie der γ‐TiAl‐Basislegierungen 
Von den zahlreichen intermetallischen Verbindungen des Ti‐Al‐Systems zählen die  ‐Ti3Al‐
Phase  und  die  ‐TiAl‐Phase  zu  den  vielversprechendsten  Kandidaten  für  den  Einsatz  im 
Hochtemperaturbereich  und  wurden  demzufolge  in  den  letzten  Jahrzehnten  intensiv  er‐
forscht. Die meisten der neueren technologischen Legierungen basieren auf der  ‐TiAl‐Phase 
und sind zwei‐ ( ) oder mehrphasig, was durch das Zulegieren weiterer Elemente reali‐
siert wird. Diese Legierungen haben vergleichsweise ausgewogene Eigenschaften. In dem bi‐
nären Phasendiagramm (Abb. 2‐1) liegen sie im Bereich der grau hervorgehobenen chemi‐
schen  Zusammensetzung.  Wird  bei  der  Erstarrung  das  ‐Gebiet  überquert,  so  finden  bei 
nicht zu schneller Abkühlung folgende Phasentransformationen statt [26]: 

oder .  (2‐1)

Beim  Durchlaufen  des  ersten  Abkühlpfades  scheidet  sich  zunächst  innerhalb  der  ‐Körner 
die  ‐Phase aus. Dabei entstehen parallel liegende und kristallographisch orientierte Platten 
bzw.  Lamellen,  die  ein  koloniales  Gefüge  bilden.  Die  entstandenen  Grenzflächen  zwischen 
den Lamellen sind über große Abstände atomar flach, wie später in Abb. 2‐11 auf Seite 22 
gezeigt wird [28]. Bei der anschließenden Unterschreitung der  ‐Transustemperatur wandelt 
sich die  ‐Phase in die geordnete  ‐Phase um. Innerhalb des zweiten Pfades geschieht da‐
gegen  diese  Umwandlung  noch  vor  der  anschließenden  Ausscheidung  der  ‐Lamellen.  Die 
einzelnen  ‐Lamellen  können  in  beiden  Fällen  in  Subdomänen  unterteilt  sein,  die  unterei‐
Grundlagen  5 

nander sechs unterschiedliche Orientierungen aufweisen [29]. Die lamellare Anordnung bei‐
der Phasen weist die von Blackburn beschriebene Orientierungsbeziehung 

111 0001  und   110 1120    (2‐2) 

auf  [1].  Das  bedeutet,  dass  die  einzigartige  Basalebene  0001  der  ursprünglichen  ‐Phase 
die  Ausrichtung  der  entstandenen  ‐  und  ‐Lamellen  bestimmt.  Die  gemischte  Notation 
. . . bei  der  ‐Phase  wird  verwendet,  um  die  ersten  beiden  Millerschen  Indizes  von  dem 
letzten zu unterscheiden. Das ist für die Differenzierung äquivalenter Richtungen in dem tet‐
ragonal verzerrten Gitter notwendig. Neben den semikohärenten  / ‐Grenzflächen treten 
unterschiedliche Typen der  / ‐Grenzflächen auf, am häufigsten sind dabei die wahren Zwil‐
lingsgrenzen (Rotation um die Gitterrichtung  111 ). 

 
Abb.  2‐1:  Binäres  Ti‐Al‐Phasendiagramm.  Grau  hervorgehoben  ist  der  Bereich  technolo‐
gisch  vielversprechendster  Legierungszusammensetzungen  der  ‐TiAl‐Basislegierungen 
[30] 
 

Liegt ausschließlich das koloniale Gefüge vor, so werden diese als vollständig lamellare FL‐Le‐
gierungen (engl.: Fully Lamellar) bezeichnet. Abb. 2‐2 a) veranschaulicht mittels auflichtmi‐
kroskopischer  Aufnahmen  die  hierfür  typische  Mikrostruktur.  Durch  die  Rekristallisation 
beim  Warmumformen  kann  das  Gefüge  vollständig  in  feinkörnige  globulare  Morphologie 
umgewandelt werden [1]. Es besteht dann aus gleichachsigen Körnern der  ‐ und  ‐Phase 
(vgl. Abb. 2‐2 d)). Eine nachfolgende Wärmebehandlung nahe der  ‐Transustemperatur er‐
möglicht die Einstellung unterschiedlicher Anteile der Lamellenkolonien. Dabei entsteht das 
sog.  nahezu  lamellare  NL‐  (engl.:  Near  Lamellar)  bzw.  duplexartige  DP‐Gefüge  (Abb.  2‐2  b) 
6  Grundlagen 

und c)). Aus mikrostruktureller Sicht bieten FL‐ und DP‐Legierungen die beste Kombination 
mechanischer Eigenschaften [24]. 

a)  b)  c) d)

 
Abb.  2‐2:  Auflichtmikroskopische  Aufnahmen  typischer  Mikrostrukturvariationen  der  ‐
TiAl‐Basislegierungen: a) FL ‐ fully lamellar, b) NL ‐ near lamellar, c) DP ‐ duplex und d) near 
gamma bzw. globular [31] 
 

Das lamellare Gefüge weist typischerweise Kolonien in der Größenordnung 100‐2000 µm auf, 
während das globulare aus Körnern der Größe von ca. 10‐40 µm besteht [32]. Dieser wesent‐
liche Unterschied in der Korn‐ bzw. Koloniegröße sowie die beschriebene Variation der Pha‐
senmorphologie beeinflussen maßgeblich die mechanischen Eigenschaften der  ‐TiAl‐Basis‐
legierungen. Im Allgemeinen gilt, dass das feine globulare Gefüge sich positiv auf die Festig‐
keit, Duktilität, Superplastizität und das Widerstandsvermögen gegen die Rissinitiierung aus‐
wirkt. Dagegen verbessert das grob lamellare Gefüge die Zeitstandfestigkeit, die Bruchzähig‐
keit und wirkt hemmend bei der Ausbreitung langer Risse [14]. Dabei ist es besonders wich‐
tig anzumerken, dass der lamellare Aufbau ein sehr anisotropes Verhalten aufweist. Damit 
ist gemeint, dass die Eigenschaften einer Kolonie im Wesentlichen von der Orientierung der 
Lamellen bezogen auf die Lastrichtung bestimmt werden. Makroskopisch betrachtet ist die 
Richtungsabhängigkeit bei der Zugfestigkeit, Duktilität, Bruchzähigkeit aber auch der Ermü‐
dungsfestigkeit besonders auffällig [33]. Auf der mikrostrukturellen Ebene sind es die Rissini‐
tiierungs‐  und  ‐ausbreitungsmechanismen  sowie  die  Versetzungsaktivitäten,  die  entschei‐
dend beeinflusst werden. Aus diesem Grund muss die Ausrichtung der Kolonien bei der Er‐
mittlung mikrostruktureller Schädigungsprozesse durchaus berücksichtigt werden. 

Jüngste  Entwicklungen  brachten  Legierungen  hervor,  die  ‐  angereichert  mit  Molybdän  und 
Niob ‐ überwiegend oder vollständig über das  ‐Phasen‐Gebiet erstarren [18, 34, 35]. Durch 
weitere Zugabe von Bor entsteht ein wesentlich homogeneres und feinkörniges Gefüge mit 
fast ausschließlich lamellarer Mikrostruktur, was sich positiv auf die Duktilität und Festigkeit 
auswirkt. Beim Abkühlen wandelt sich die zunächst ungeordnete raumzentrierte  ‐Phase in 
die geordnete intermetallische  ‐Phase mit dem Kristallgitter vom B2‐Typ um. Zugleich be‐
steht bei höheren Temperaturen die Möglichkeit einer spürbaren Verbesserung des Verfor‐
mungs‐ und Verarbeitungsverhaltens, was auf die deutlich bessere plastische Verformbarkeit 
der  ‐Phase zurückgeführt werden kann [36]. 
Grundlagen  7 

2.1.2 Kristallstrukturen gängiger intermetallischer Titanaluminid‐Phasen 
Bei den in dieser Arbeit untersuchten Legierungen liegen bei Raumtemperatur im Wesentli‐
chen  die  drei  bereits  vorgestellten  TiAl‐Phasen,  nämlich  die  ‐,  ‐  und  ‐Phase  vor.  Sie 
zeichnen  sich  durch  den  intermetallischen  Charakter  aus,  wodurch  ein  geordneter struktu‐
reller  Aufbau  resultiert.  Das  bedeutet,  dass  die  Hauptlegierungselemente  Titan  und  Alumi‐
nium innerhalb der jeweiligen Kristallgitter bestimmte Plätze einnehmen (vgl. Abb. 2‐3). Die‐
ser geordnete Aufbau bleibt auch bei höheren Temperaturen bevorzugt erhalten und ist auf 
der  atomaren  Ebene  für  die  außerordentliche  Festigkeit  und  Kriechbeständigkeit  dieser 
Werkstoffgruppe  verantwortlich.  Die  eingeschränkte  Möglichkeit  der  Versetzungsgleitpro‐
zesse ist dabei der entscheidende Grund für diese Eigenschaften. Die Versetzungsaktivitäten 
können hier im Gegensatz zu den ungeordneten Kristallgittern nur auf vereinzelten Gleitebe‐
nen stattfinden [37], sie sind allerdings essentiell für die plastische Verformbarkeit bzw. Plas‐
tizität.  Im  Allgemeinen  wird  die  Plastizität  von  der  Anzahl  vorliegender  Gleitsysteme  be‐
stimmt und nimmt von der  ‐Phase mit der hexagonal dicht gepackten DO19‐Struktur über 
die  ‐Phase mit der tetragonal verzerrten kubisch flächenzentrierten L10‐Struktur zu der  ‐
Phase mit der kubisch raumzentrierten B2‐Struktur hin zu [14]. Die  ‐Phase trägt somit un‐
ter Belastung den Hauptanteil der plastischen Verformung und neigt zu einer ausgeprägten 
Gleitbanderscheinung. Demzufolge wird auch erwartet, dass die lokalen mikrostrukturellen 
Spannungsüberhöhungen überwiegend durch die vorliegende  ‐Phase abgebaut bzw. redu‐
ziert werden und die Rissausbreitung durch die höhere Plastizität gehemmt wird. 

‐TiAl  ‐Ti3Al  (Ti) 

‐TiAl kfz  L10


‐Ti3Al  hdp  D019 
 (Ti)  krz  A2 
 (Ti)  krz  B2 
 
Abb. 2‐3: Schematische Darstellung der Einheitszellen von technologisch wichtigsten TiAl‐
Phasen (links), sowie die Angabe ihrer kristallographischen Struktur (rechts) 
 

2.1.3 Mikrostrukturell bestimmtes Verformungsverhalten 
Für  den  Einsatz  im  Hochtemperaturbereich  sind  ‐TiAl‐Basislegierungen  mit  dem  überwie‐
genden Anteil an Lamellenkolonien interessant, da die geforderten Eigenschaften, wie z. B. 
Dehngrenze und Kriechbeständigkeit, im Vergleich zum globularen Gefüge auch bei Tempe‐
raturen von bis zu 800°C kaum schlechter werden [38]. Die Eigenschaften einzelner Kolonien 
sind  jedoch,  wie  zuvor  beschrieben,  sehr  stark  richtungsabhängig.  Diesen  Zusammenhang 
hatten  Yoo  und  Yamaguchi  nach  der  Bestimmung  des  Verformungs‐  und  Festigkeitsverhal‐
8  Grundlagen 

tens  an  grobkolonialen  Legierungen  beschrieben  [29].  Sie  führten  Zug‐  und  Druckversuche 
an  einzelnen  Kolonien  bei  Raumtemperatur  durch  und  ermittelten  die  Dehngrenze  und 
Bruchdehnung  in  Abhängigkeit  des  Winkels  .  Der  Winkel  beschreibt  dabei  die  Orientie‐
rungsdifferenz  zwischen  der  Lastrichtung  und  der  lateralen  Anordnung  der  Lamellen.  Falls 
nicht anders angegeben, wird auch im Weiteren für diese Beziehung   verwendet. Aufgrund 
großer  Kolonien  gelang  es,  die  Proben  so  zu  präparieren,  dass  im  Messquerschnitt  jeweils 
nur eine Kolonie vorlag und in der Tiefenausrichtung die Lamellengrenzflächen immer senk‐
recht zu der Betrachtungsebene orientiert waren. Die Ergebnisse sind in Abb. 2‐4 als angenä‐
herte Funktionen dargestellt. Sowohl die Dehngrenze als auch die Bruchdehnung zeigen eine 
signifikante Abhängigkeit von dem Winkel  . Vernachlässigbar sind dagegen die Abweichun‐
gen zwischen der Zug‐ und Druckrichtung, insbesondere bei der Dehngrenze. Im Detail weist 
die Kolonieausrichtung mit   = 90° den höchsten Dehngrenzwert auf. Im Gegenzug liegt die 
Bruchdehnung  bei  nahezu  0%,  so  dass  bei  dieser  Ausrichtung  ein  katastrophales  Versagen 
durch Sprödbruch erwartet werden kann. Die Ausrichtung mit   = 0° zeigt niedrigere Dehn‐
grenzwerte,  jedoch  verbessert  sich  die  Bruchdehnung  auf  über  5%.  Die  geringsten  Dehn‐
grenzen,  bei  gleichzeitig  höchsten  Bruchdehnungen  wurden  im  mittleren  Bereich  der  Win‐
kelorientierungen mit   = 30‐50° gemessen. Bei Temperaturen von bis zu 1100°C bleibt ein 
prinzipiell  ähnlich  konkaver  Verlauf  der  Dehngrenzfunktion  in  Abhängigkeit  des  Winkels   
bestehen, auch wenn die Dehngrenzwerte naturgemäß abnehmen. 

a)  b)

 
Abb. 2‐4: a) Dehngrenze aus Zug‐ und Druckversuchen sowie b) Bruchdehnung als Funktion 
des Winkels   zwischen der Lastrichtung und der lateralen Ausrichtung der Lamellenkolo‐
nie [29] 
 

Diese grundlegenden Unterschiede zwischen den Dehngrenzen und Bruchdehnungen lassen 
sich auf das plastische Verformungsverhalten einzelner Phasen zurückführen. Wie zuvor be‐
schrieben,  sind  die  Möglichkeiten  für  Versetzungsbewegungen,  kristallographisch  bedingt, 
eher eingeschränkt. Nach dem von‐Mises‐Kriterium sind bei beiden Phasen nicht genügend 
unabhängige  aktivierungsfähige  Gleitsysteme  vorhanden,  so  dass  die  äußere  Energie  nur 
sehr gerichtet und anisotrop abgebaut werden kann. Folgende, mit Abstand überwiegende 
Grundlagen  9 

Mechanismen  wirken  bei  der  plastischen  Verformung  in  der  ‐Phase:  Versetzungsgleitpro‐
zesse  auf  111 ‐Ebenen  mit  dem  Burgers‐Vektor  1/2 110  der  Einfachversetzungen 
und  dem  Burgers‐Vektor  101  der  Superversetzungen,  sowie  die  Zwillingsbildung  des 
Typs 1/6 112 111  [14, 39, 40]. Noch deutlicher fällt das anisotrope plastische Verhalten 
bei  der  ‐Phase  aus.  Hier  erfolgt  die  Verformung  bei  Raumtemperatur  vorzugsweise  über 
die Prismengleitung  1210 1010  und Basalgleitung  1120 0001  [40]. Die erforderli‐
chen Schubspannungen zum Aktivieren der Versetzungsgleitprozesse in der  ‐Phase liegen 
entsprechend der genannten Reihenfolge bei 19,2 und 44,8 MPa. Dagegen werden die Ein‐
fachversetzungen in der  ‐Phase bereits bei 14,3 MPa und  die Superversetzungen bei 22,7 
MPa aktiviert [40]. Im direkten Vergleich verhält sich demnach die  ‐Phase deutlich duktiler 
als die  ‐Phase, so dass sie innerhalb der lamellaren Morphologie den Großteil der Verfor‐
mung trägt. Betrachtet man nun die typische Länge, die für die Versetzungsbewegung in Ab‐
hängigkeit  der  Lamellenausrichtung  zur  Verfügung  steht,  so  sind  hier  bereits  die  entschei‐
denden Unterschiede ersichtlich. Tatsächlich beträgt die Breite einer  ‐Lamelle etwa 1 µm, 
hingegen erreicht ihre Ausdehnung in die anderen Richtungen das 30‐ bis 50‐fache [29]. Bei 
der Ausrichtung der Kolonien mit den Winkeln von etwa   = 0° und   = 90° wird die Verset‐
zungsbewegung entlang der möglichen  111 ‐Ebenen durch die naheliegenden  / ‐ und 
/ ‐Grenzflächen früh und effizient gestört. Diese Ausrichtung der Lamellen wird daher als 
„harte Orientierung“ bezeichnet. Anders sieht es bei schräg verlaufenden Lamellen, also mit 
den Winkeln von etwa   = 45°, aus. Hier können Abgleitprozesse über weite Strecken inner‐
halb  der  ‐Lamellen  und  parallel  zu  den  Grenzflächen  stattfinden.  Diese  Ausrichtung  der 
Lamellen wird als „weiche Orientierung“ bezeichnet. Zur Verdeutlichung dieses Sachverhalts 
sind in Abb. 2‐5 mikroskopische Aufnahmen von Fujiwara et al. abgebildet, die plastisch de‐
formierte Lamellenkolonien aus Druckversuchen bei Raumtemperatur zeigen. 

a)  b) c)

 
Abb.  2‐5:  Verformungsstruktur  in  lamellaren  Kolonien,  dargestellt  in  Abhängigkeit  des 
Winkels zur Lastrichtung a)   = 0°, b)   = 90° und c)   = 51° [41] 
 

 
10  Grundlagen 

2.2 Grundlegendes über das Ermüdungsverhalten metallischer Werkstoffe 
Als Ermüdung wird eine fortschreitende, lokale und dauerhafte Schädigung des Materials bei 
zyklischer  oder  veränderlicher  Belastung  bezeichnet.  Die  schädigende  Belastungshöhe  liegt 
in  vielen  Fällen  deutlich  unterhalb  der  statischen  Streckgrenze,  da  an  mikrostrukturellen 
Gegebenheiten lokale Spannungsüberhöhungen resultieren. Der Ermüdungsprozess wird in 
folgende fünf Stadien unterteilt [42, 43]: 

1. Zyklische plastische Deformation 
2. Initiierung eines oder mehrerer Mikrorisse 
3. Ausbreitung eines oder mehrerer Mikrorisse und Entstehung der Makrorisse 
4. Ausbreitung eines oder mehrerer Makrorisse 
5. Restgewaltbruch  durch  instabile  Rissausbreitung  nach  Erreichen  der  kritischen  Riss‐
länge 

Zur Beschreibung dieser Abschnitte und zur Ermittlung benötigter Daten existieren mehrere 
Ansätze. Möglich ist die Bestimmung des Ermüdungsverhaltens beispielsweise mit Hilfe des 
Wöhlerversuchs, welcher im Ansatz von einem makroskopisch rissfreien Bauteil ausgeht [44]. 
Liegen Makrorisse vor ‐ vereinfacht gilt eine Größenordnung von ca. 10 Körnern ‐ so wird das 
Risswachstumsverhalten  mittels  der  linear‐elastischen  Bruchmechanik  beschrieben  und  in 
Form  von  Rissfortschrittskurven  dargestellt.  Hieraus  kann  zusätzlich  die  Bruchzähigkeit  des 
Werkstoffs abgeleitet werden. Risse dieser Größenordnung haben ein wohldefiniertes Aus‐
breitungsverhalten in einem, aus der makroskopischen Sicht, isotropen Kontinuum. 

Die Phasen der Rissentstehung und des Wachstums bis hin zur makroskopischen Größe wer‐
den sehr stark von der Mikrostruktur beeinflusst. Die dabei herrschenden Mechanismen sind 
noch  nicht  in  allen  Zügen  erforscht  und  sind  Gegenstand  des  noch  verhältnismäßig  jungen 
Forschungsgebiets,  der  mikrostrukturellen  Bruchmechanik.  Verständlicherweise  bedarf  es 
für eine sichere Bauteilauslegung der umfassenden Kenntnisse über die frühen Schädigungs‐
mechanismen,  was  insbesondere  für  spröde  Materialen  gilt.  Diese  Werkstoffe  weisen  eine 
geringe Bruchzähigkeit auf, so dass das Verhalten der Mikrorisse und die mikrostrukturellen 
Einflussgrößen bei der Rissausbreitung für die Gesamtlebensdauer eine entscheidende Rolle 
einnehmen. 

Sowohl der Wöhlerversuch als auch der Ansatz der linear‐elastischen Bruchmechanik zählen 
zu  den  etablierten  Verfahren.  Um  die  wesentlichen  Grundlagen  zu  erfassen,  werden  diese 
deshalb  nur  kurz  im  Kapitel  2.2.1  eingeführt.  Einige  wichtige  Erkenntnisse  hinsichtlich  der 
Mikrorissentstehung und ‐ausbreitung werden im Kapitel 2.2.2 vorgestellt. Hier gilt der Hin‐
weis, dass eine umfassende Darstellung zu metallischen Werkstoffen, insbesondere im Hin‐
blick auf verfügbare Modelle, in Literatur [2, 45, 46] gegeben ist. Der Kenntnisstand zu dem 
Ermüdungsverhalten  der  Titanaluminid‐Legierungen  wird  hingegen  im  Kapitel  2.3  zusam‐
mengefasst. 

 
Grundlagen  11 

2.2.1 Makroskopisch isotropes Verhalten 
2.2.1.1 Schwingfestigkeit (Wöhlerkurven) 
Die  Schwingfestigkeit  metallischer  Werkstoffe  wird  mittels  sog.  Wöhlerkurven  dargestellt. 
Darin  wird  die  Spannungsamplitude   über  der  ertragbaren  Schwingspielzahl   in  einer 
doppel‐  oder  einfachlogarithmischen  Skalierung  aufgetragen.  Die  aufgebrachte  Spannung 
hat im einfachsten Fall einen sinusförmigen Verlauf mit konstanten Werten für die Maximal‐
spannung  , die Minimalspannung   und das resultierende Spannungsverhältnis  . 

σ max − σ min
σa =   (2‐3) 
2

σ min
R=   (2‐4) 
σ max

Üblicherweise wird die Schwingfestigkeit mittels der Dauerschwingversuche an zylindrischen 
Rundproben mit einem verjüngten und glattpolierten mittleren Bereich ermittelt. Dabei wird 
von  einem  makroskopisch  rissfreien  Bauteil  ausgegangen.  Unterteilt  wird  das  Wöhlerdia‐
gramm in drei Abschnitte, und zwar im Hinblick auf die ertragbaren Lastwechsel (kurz: LW) 
bis zum Versagen (vgl. Abb. 2‐6 a)). Die Kurzzeitfestigkeit (engl.: Low Cycle Fatigue) LCF liegt 
im Bereich bis etwa 104 LW, die Zeitfestigkeit (engl.: High Cycle Fatigue) HCF beschreibt den 
Abschnitt zwischen 104 und 106 LW. Ab einer Lastwechselzahl von etwa 106 liegt der Dauer‐
festigkeitsbereich  (engl.:  Fatigue  Limit)  vor.  Die  resultierende  Dauerfestigkeit  gibt  bezogen 
auf die statische Festigkeit eine grobe Abschätzung des Rissbildungsverhaltens unter Ermü‐
dungsbeanspruchung ab [14]. Für viele technische Anwendungen ist die Grenze von 106 bis 
107 ausreichend, um ein Bauteil betriebssicher auszulegen. Von Dauerfestigkeit im eigentli‐
chen  Sinn  kann  jedoch  nur  bedingt  gesprochen  werden,  da  Schädigungsvorgänge  auch  bei 
kleineren Spannungsamplituden stattfinden können, wenngleich in diesem Fall die Aktivitä‐
ten auf vereinzelte mikrostrukturelle Bereiche beschränkt bleiben und die Phase der Rissini‐
tiierung und der Mikrorissausbreitung den größten Anteil der Lebensdauer einnimmt. 

a) b)

 
Abb. 2‐6: Schematische Darstellung einer Wöhlerlinie: a) grundlegende Einteilung in Festig‐
keitsbereiche, b) Streuband der Versuchsergebnisse im Bereich der Zeitfestigkeit und der 
Dauerfestigkeit [47] 
 
12  Grundlagen 

Nominell identische Proben unterliegen einer natürlichen Streuung der Bruchlastspielzahlen, 
die  in  der  mikrostrukturellen  Variation  und  der  bedingten  Messgenauigkeit  begründet  ist. 
Durch die Angabe der 10%‐, 50%‐ und 90%‐Perzentilen wird bei den Wöhlerdiagrammen die 
Häufigkeitsverteilung abgebildet [47], wie es beispielsweise in Abb. 2‐6 b) gezeigt ist. Dabei 
gibt   die Ausfall‐ und  Ü  die Überlebenswahrscheinlichkeit an. 

2.2.1.2 Risswachstum physikalisch langer Risse 
Die  Ausbreitungsgeschwindigkeit  von  Ermüdungsrissen  wird  allgemein  in  Abhängigkeit  von 
der  zyklischen  Belastung  dargestellt.  Die  Voraussetzung  zur  Ermittlung  dieser  Abhängigkeit 
ist die Existenz mindestens eines wachstumsfähigen Risses in dem Material. Dieser Riss muss 
eine gewisse Mindestlänge aufweisen und wird als physikalisch langer Riss bezeichnet. Wie 
bereits  in  der  Einleitung  dieses  Hauptkapitels  erwähnt,  gilt  für  die  Größenordnung  verein‐
facht das Zehnfache des Korndurchmessers. In diesem Fall wird die Rissausbreitung im We‐
sentlichen von dem Spannungsfeld vor der Rissspitze dominiert und weniger von dem mikro‐
strukturellen  Aufbau.  In  der  linear‐elastischen  Bruchmechanik  (LEBM)  wird  dieses  Span‐
nungsfeld  mit  dem  Spannungsintensitätsfaktor   charakterisiert.  Für  eine  zyklische  Belas‐
tung mit der Schwingbreite ∆  

Δσ = σ max − σ min   (2‐5) 

ergibt sich somit ein zyklischer Spannungsintensitätsfaktor ∆  

ΔK = Δσ πaY .  (2‐6) 

Die Variable   wird dabei als Risslänge und   als bruchmechanische Korrekturfunktion defi‐


niert.  

Das typische Ermüdungsrisswachstumsverhalten der Metalle stellt Abb. 2‐7 schematisch dar. 
Hier  wird  in  einer  doppeltlogarithmischen  Skalierung  die  Risswachstumsrate  ⁄  in  Ab‐
hängigkeit  von  der  Schwingbreite  des  Spannungsintensitätsfaktors ∆  aufgetragen.  Die 
Funktion  lässt  sich  in  drei  Stadien  unterteilen.  Stadium II  der  Rissausbreitung  (in  Abb.  2‐7: 
Region 2) weist eine stabile Risswachstumsgeschwindigkeit auf, ausgedrückt durch die allge‐
mein bekannte Paris‐Funktion: 

da
= C (ΔK ) , 
n
(2‐7) 
dN

wobei  und  materialspezifische Konstanten sind. Die Lebensdauer lässt sich in diesem Be‐


   
reich sehr gut abschätzen. Im Stadium I ist das Risswachstum stärker von der Mikrostruktur 
und  dem  Spannungsverhältnis  abhängig.  Der  Einfluss  des  ‐Wertes  wird  häufig  durch  die 
von Forman entwickelte Beziehung 

da C ⋅ (ΔK ) n
=   (2‐8) 
dN (1 − R ) ⋅ K c − ΔK
Grundlagen  13 

berücksichtigt  [48].  Bei  abfallenden ∆ ‐Werten  nähert  sich  die  Funktion  einem  Schwellen‐
wert ∆  (engl.: threshold). Wird dieser unterschritten, breitet sich der Makroriss nicht wei‐
ter aus. Im Stadium III ist eine deutliche Beschleunigung des Risswachstums erkennbar. Da‐
bei  nähert  sich  die  Funktion  asymptotisch  dem  ‐Faktor,  welcher  die  Bruchzähigkeit  des 
Materials  kennzeichnet.  Ist  dieser  Wert  erreicht,  so  beginnt  die  schnelle  instabile  Rissaus‐
breitung und führt zum Restgewaltbruch des Bauteils. 

 
Abb.  2‐7:  Schematische  Darstellung  der  Risswachstumsgeschwindigkeit  /  über  dem 
zyklischen Spannungsintensitätsfaktor ∆  [49] 
 

Bei  den  relativ  spröden  Titanaluminiden  kann  die  LEBM  zur  Beschreibung  des  Wachstums‐
verhaltens langer Risse durchaus angewandt werden, da die plastische Zone vor der Rissspit‐
ze wesentlich kleinere Dimensionen annimmt als das elastische Rissspitzenfeld. Genauer ge‐
sagt kann die Störung der plastischen Zone vor der Rissspitze dann vernachlässigt werden, 
wenn diese deutlich kleiner ist als Risslänge und das Ligament vor der Rissspitze. 

2.2.2 Mikrostrukturelle Einflüsse bei der Rissentstehung und Ausbreitung kleiner 
Risse 
Die Rissinitiierung und die Ausbreitung kleiner Risse unter zyklischer Belastung werden weit‐
gehend  von  der  mikrostrukturellen  Gegebenheit  und  der  lokal  wirkenden  Schubspannung 
dominiert. Insbesondere bei geringerer äußerer Belastung, also im Zeitfestigkeitsbereich des 
Wöhlerdiagramms, kann bei metallischen Werkstoffen dieser Abschnitt bis zu 90%  der Ge‐
samtlebensdauer betragen [2]. Unter dem allgemeinen Begriff „kleine Risse“ werden in der 
14  Grundlagen 

Literatur [2, 5, 45, 46, 50] mikrostrukturell kleine Risse, mechanisch kleine Risse, sowie physi‐
kalisch kleine Risse verstanden. Allen Bezeichnungen ist gemein, dass die räumliche Ausdeh‐
nung dieser Risse sehr gering ist. Die Unterteilung ist zweckmäßig, da die vorherrschenden 
Mechanismen bei der Rissausbreitung, die Wechselwirkung mit der Mikrostruktur und dem‐
nach die Modelle zur Beschreibung der Rissausbreitung unterschiedlich sind. Anders als phy‐
sikalisch  lange  Risse  sind  die  kleinen  Risse  auch  unterhalb  des  Schwellenwerts ∆  initiie‐
rungs‐ und wachstumsfähig [51]. Allerdings ist ihre Ausbreitung nicht stetig, wie es in Abb. 
2‐8 schematisch verdeutlicht wird. Aus diesem Grund hat das im Kapitel 2.2.1 vorgestellte  ‐
Konzept der linear‐elastischen Bruchmechanik nur begrenzte Gültigkeit. 

 
Abb. 2‐8: Rissfortschrittsrate kurzer Risse und der Übergang zur Langrissausbreitung [52] 
 

2.2.2.1 Initiierung von Mikrorissen 
Physikalisch  kann  als  Rissinitiierung  bereits  das  Auftrennen  weniger  interatomarer  Kohäsi‐
onsbindungen  und  die  daraus  resultierende  Bildung  neuer  Oberfläche  verstanden  werden. 
Diese grundlegend atomare Betrachtungsweise erfordert entsprechend hochauflösende ex‐
perimentelle  Methodik  und  ist  aus  der  Sicht  eines  Ingenieurs  aufgrund  technischer  Detek‐
tionslimits  einschränkend.  Von  der  materialwissenschaftlichen  Seite,  insbesondere  für  die 
Erforschung der Schädigungsmechanismen und Weiterentwicklung von Legierungen, ist die 
Betrachtung  in  der  Größenordnung  der  charakteristischen  Mikrostruktur  eines  Werkstoffs 
zweckmäßig. 

Mikrostrukturelle Einflussfaktoren bei der Rissinitiierung  
Ursächlich für die zyklische Rissinitiierung bei metallischen Werkstoffen ist die plastische Ak‐
tivität, also ein Versetzungsgleitprozess, der aus lokalen Spannungsüberhöhungen resultiert. 
In  polykristallinen  Legierungen  liegen  diese  Spannungsüberhöhungen  im  Bereich  der  Korn‐
grenzen, begründet durch die elastische Anisotropie verschieden ausgerichteter Körner und 
folglich der Verschiebungsinkompatibilität [2]. Dieser Effekt verstärkt sich bei mehrphasigen 
Werkstoffen  mit  stark  abweichenden  kristallographischen  Elastizitätskonstanten,  so  dass 
Grundlagen  15 

besonders hohe Spannungen entlang der Phasengrenzen entstehen und zu interkristalliner 
und/oder  transkristalliner  Rissinitiierung  führen  können.  Für  die  transkristalline  Rissinitiie‐
rung ist dabei die zyklische Versetzungsbewegung und Gleitbandbildung innerhalb der Kör‐
ner  maßgeblich  [26].  Versetzungsaktivitäten  sind  insbesondere  bei  duktilen  Metallen  mit 
dem krz‐ und kfz‐Gitteraufbau leicht möglich, da diese eine Vielzahl möglicher Gleitsysteme 
aufweisen.  Versetzungsbewegung  setzt  ein,  wenn  die  kritische  Schubspannung  der  jeweili‐
gen Gleitsysteme überschritten wird [53]. Die anschließende Initiierung von Gleitbandanris‐
sen erfolgt, wenn die Versetzungstransmission über die Korngrenzen hinweg gestört ist und 
der Versetzungsaufstau vor den Korngrenzen zu groß wird [2]. Die interkristalline Rissinitiie‐
rung dagegen überwiegt bei einem stark geschwächten atomaren Verbund entlang der Korn‐, 
Zwillings‐ und Phasengrenzen und bevorzugt bei spröden Metallen, deren Gitteraufbau über 
eine geringe Anzahl möglicher aktiver Gleitsysteme verfügt. Abgleitprozesse der Versetzun‐
gen werden hierbei infolge zunehmend ungünstig liegender Gleitebenen wie z. B. beim hdp‐
Gitteraufbau [54] und/oder durch Ausscheidungshärtung massiv behindert. 

Der  fehlende  räumliche  atomare  Verbund  an  der  freien  Probenoberfläche  ist  ein  weiterer 
Grund für Spannungsüberhöhungen, gleichzeitig aber auch für die fehlende Dehnungsbehin‐
derung nach außen [55]. Das ermöglicht die vereinfachte Bildung von persistenten Gleitbän‐
dern  mit  den  charakteristischen  In‐  und  Extrusionen,  die  durch  Mikrokerbwirkung  die  Vor‐
stufe der Rissinitiierung darstellen [44]. In der Atmosphärenumgebung stattfindende Oxida‐
tionsprozesse an der frisch geschaffenen Oberfläche verhindern zusätzlich die Reversibilität 
der  Stufengleitprozesse,  so  dass  die  Anrissbildung  beschleunigt  und  die  Lebensdauer  redu‐
ziert wird. Aus diesen Gründen findet die Rissinitiierung in den meisten Fällen an der Ober‐
fläche statt. 

In  einem  technischen  Werkstoff  liegen  ferner  Spannungsüberhöhungen  bei  Materialdefek‐


ten wie Ausscheidungen, Einschlüssen und Poren vor. Letztere können aufgrund ihrer Kerb‐
wirkung direkt zum Anriss führen. Bei Ausscheidungen und Einschlüssen muss zwischen ko‐
härenter, teilkohärenter und inkohärenter Verbindung zu der Matrix unterschieden werden. 
Teilkohärente Bindungen haben ohnehin eine geringe kohäsive Festigkeit zwischen den Aus‐
scheidungen bzw. den Einschlüssen und der Matrix, was bevorzugt zu einem Anriss entlang 
der Grenzfläche führt [52]. Die Grundlage der Rissinitiierung bei inkohärenten Partikeln bil‐
det ein vergleichbarer Mechanismus wie bei Poren: die Kerbwirkung des „Hohlraums“. Kohä‐
rente Verbindungen dagegen können äquivalent zu elastischer Anisotropie unterschiedlicher 
Phasen einen Anriss entlang der Grenzflächen oder insbesondere bei spröden Ausscheidun‐
gen einen Anriss innerhalb des Partikels verursachen [6]. Der so entstandene Mikroriss kann 
im weiteren Verlauf zyklischer Belastung schnell in die Matrix hineinwachsen [51]. 

Weitere Einflussfaktoren bei der Rissinitiierung 
Neben den mikrostrukturellen Einflussfaktoren nehmen die Oberflächenrauheit, die Kerbwir‐
kung konstruktiv bedingter Radien und die Eigenspannungen auf die Rissinitiierung Einfluss. 
Vorbereitend der in dieser Arbeit durchgeführten Untersuchungen wurden diese Einflussfak‐
toren durch eine vorangehende Optimierung der Probengeometrie mittels FEM‐Berechnun‐
gen  und  durch  eine  entsprechende  Probenpräparation  soweit  technisch  möglich  minimiert 
(vgl. Kapitel 4.3). 
16  Grundlagen 

2.2.2.2 Wachstum kleiner Risse (Stadium I der Rissausbreitung) 
Während  der  zyklischen  Belastung  werden  initiierte  Anrisse  als  mikrostrukturell  klein  be‐
trachtet (vgl. Einleitung Kapitel 2.2.2), da sie in ihrer Wachstumsphase am stärksten mit den 
lokalen  mikrostrukturellen  Gegebenheiten  wie  Korn‐,  Phasengrenzen,  Ausscheidungen  und 
Poren wechselwirken [5, 46]. Äquivalent der transkristallinen Rissinitiierung ist meist die lo‐
kal wirkende Schubspannung (Mode‐II der Belastung) maßgeblich für die anschließende Aus‐
breitung transkristalliner oder interkristalliner Risse, welche auch über die Korn‐ bzw. Pha‐
sengrenzen  bevorzugt  entlang  der  aktivierungsfähigen  Versetzungsgleitebenen  stattfindet 
[44,  45,  56,  57].  Der  Übergang  in  das  Nachbarkorn  wird  hingegen  durch  dessen  häufig  an‐
ders/ungünstiger  orientierte  Gleitsysteme  eingeschränkt.  Die  Barriere  kann  überwunden 
werden, wenn die in dem Nachbarkorn resultierende Schubspannung die zum Aktivieren ei‐
nes der Versetzungsgleitsysteme benötigte kritische Schubspannung übersteigt [57, 58]. Da‐
bei setzt sich die resultierende Schubspannung aus der Überlagerung der Spannungsüberhö‐
hung vor der Rissspitze und den ursprünglichen Spannungszuständen (ohne Anriss) zusam‐
men. In vielen Fällen ist die räumliche Missorientierung benachbarter Gleitebenen groß und 
die resultierende Schubspannungen in dem Nachbarkorn gering, so dass der Rissfortschritt 
verlangsamt oder sogar vollständig gestoppt wird. Insbesondere bei mehrphasigen Legierun‐
gen kann in einem solchen Fall der Mikroriss bei seiner Ausbreitung auf die Korn‐ bzw. Pha‐
sengrenzen ausweichen [54]. 

Legierungen mit kfz‐ und krz‐Gitter bieten für den Rissfortschritt eine größere Anzahl mögli‐
cher  Gleitebenen,  sofern  die  Abgleitprozesse  nicht  durch  Härtungsmechanismen,  wie  z.  B. 
Mischkristallhärtung,  gestört  werden.  Demnach  ist  die  Existenz  einer  günstig  gelegenen 
Ebene im Nachbarkorn sowie deren Aktivierung für das Risswachstum überaus wahrschein‐
lich. Bei spröden Legierungen sind es in der Regel vereinzelte, zufällig günstige Konstellatio‐
nen, in denen das Mikrorisswachstum möglich ist [44]. 

Nach Überschreitung erster Barrieren nehmen die Risslänge und damit die Spannung vor der 
Rissspitze zu, so dass zunehmend ungünstig orientierte Gleitsysteme aktiviert werden [46]. 
Folglich dehnt sich mit steigender Spannung auch die plastische Zone vor der Rissspitze aus. 
Solange  diese  jedoch  die  Größe  der  charakteristischen  Korngröße  nicht  überschreitet  und 
bezogen  auf  die  Risslänge  noch  relativ  groß  ist,  nimmt  die  Mikrostruktur  weiterhin  einen 
wesentlichen  Einfluss  auf  die  Rissausbreitung  [52].  In  diesem  Stadium  gelten  die Risse  nun 
als mechanisch klein und können im Ansatz mittels der elastisch‐plastischen Bruchmechanik 
(EPBM)  beschrieben  werden  [5,  45].  Verallgemeinernd  und  phänomenologisch  gilt  für  die 
Risslänge   mechanisch kleiner Risse, dass sie für gewöhnlich unterhalb des fünf‐ bis zehnfa‐
chen des Korndurchmessers liegt [2, 59]. 

2.2.2.3 Übergang zum physikalisch langen Riss 
Mit weiterem Rissfortschritt kann die plastische Zone vor der Rissfront ‐ erneut bezogen auf 
die Risslänge ‐ vernachlässigt und die linear‐elastische Bruchmechanik zur Beschreibung des 
Risswachstums  angewandt  werden.  Das  Risswachstum  des  nun  vorliegenden  physikalisch 
kleinen Risses wird zunehmend normalspannungsgesteuert (Mode‐I der Belastung) und der 
Grundlagen  17 

mikrostrukturelle  Einfluss  verliert  an  Dominanz.  Trotz  der  aus  der  linear‐elastischen  bruch‐
mechanischen Sichtweise legitimen Vernachlässigung der plastischen Zone vor der Rissspitze 
nimmt  sie  mit  immer  länger  werdendem  Riss  größere  Ausmaße  an  und  verursacht  einen 
nicht  zu  vernachlässigenden  Effekt  des  Rissschließens  [2,  46].  Unter  diesem  extrinsischen 
Mechanismus  wird  der  physikalische  Kontakt  der  beiden  Rissflanken  verstanden,  der  noch 
vor  dem  Erreichen  des  Belastungsminimums   eintritt.  Für  den  Rissfortschritt  gilt,  dass 
nur der Anteil der Spannungsintensität maßgeblich ist, in dem der Riss geöffnet bleibt [60]. 
Diese effektive Schwingbreite 

ΔK eff = K max − K cl   (2‐9) 

(  aus  dem  engl.  für  closure)  [7]  steht  in  Korrelation  mit  der  Risswachstumsrate  ⁄ . 
Neben  dem  verformungsinduzierten  Rissschließen  sind  noch  weitere  wesentliche  extrinsi‐
sche Mechanismen zu nennen: Oxidationsprozesse an den frisch entstandenen Bruchflächen, 
rauheitsbedingte Inkompatibilität der Rissflanken und Fluidfüllung des Ermüdungsrisses [46]. 
Der Einfluss des Rissschließeffekts stabilisiert sich mit zunehmender Risslänge auf einem Ni‐
veau und kann bei langen Rissen vernachlässigt werden [46]. 

Mit  abnehmender  Duktilität  des  Werkstoffs  findet  kaum  nennenswerte  plastische  Verfor‐
mung vor der Rissspitze statt. Folglich resultieren insbesondere bei keramischen Werkstof‐
fen hohe Spannungen vor der scharf bleibenden Rissspitze [61]. Sobald der Riss die ersten 
Barrieren  überwunden  hat,  d.  h.  die  Größe  eines  physikalisch  kleinen  Risses  angenommen 
hat, steigt die Risswachstumsrate rasch an. Mögliche Rissverzweigungen wirken der schnel‐
len  Rissausbreitung  entgegen.  Der  resultierende  Abschirmungseffekt  kann  durch  weitere 
Reduzierung  der  effektiven  Schwingbreite   um  den  Betrag ∆  (  aus  dem  engl.  für 
shielding) berücksichtig werden [52]. 

2.3 Ermüdungsverhalten der γ‐TiAl‐Basislegierungen 
Bei  den  in  dieser  Arbeit  untersuchten  ‐TiAl‐Basislegierungen  liegen,  wie  im  Kapitel  2.1.2 
beschrieben,  mehrere  Phasen  mit  unterschiedlichen  kristallographischen  Gitterarten  vor. 
Diese  weichen  in  ihrem  elastischen  und  plastischen  Verformungsverhalten  deutlich  vonei‐
nander ab. Allen drei Gittertypen ist gemein, dass aufgrund des intermetallischen Charakters 
die  Versetzungsaktivität  und  damit  die  Plastizität  gehemmt  sind.  Die  Erklärung  liegt  in  der 
geringen Anzahl aktivierungsfähiger Gleitsysteme innerhalb der jeweiligen Gitter, wovon die 
Plastizität entscheidend abhängt [14, 62]. Erst oberhalb des Temperaturbereichs von 650°C 
bis  700°C  für  das  Duplex‐Gefüge  und  der  Temperatur  von  etwa  820°C  für  das  vollständig 
lamellare FL‐Gefüge werden zusätzliche Gleitebenen aktiv, was zu einer spürbaren Verbesse‐
rung der Duktilität führt [63]. Aus diesem Verformungsverhalten resultieren unter einer Be‐
lastung hohe lokale Spannungsspitzen, die das Rissinitiierungs‐ und Mikrorisswachstumsver‐
halten  maßgeblich  beeinflussen.  Unter  der  Berücksichtigung  der  Tatsache,  dass  bei  zykli‐
scher  Belastung  spröder  Legierungen  das  Stadium  der  Rissinitiierung  und  der  Ausbreitung 
mikrostrukturell  kleiner  Risse  den  Großteil  der  Gesamtlebensdauer  einnimmt  [64],  ist  es 
leicht vorstellbar, dass bei der Ermittlung der Ermüdungsfestigkeit eine starke Variation der 
18  Grundlagen 

Messergebnisse resultiert. Neben der großen Varianz der Messergebnisse zeigen Titanalumi‐
nide  bei  Temperaturen  von  bis  etwa  600°C  einen  eher  flacheren  Verlauf  der  Wöhlerkurve 
[26]. 

Eine  weitere  wesentliche  Einflussgröße  auf  das  Ermüdungsverhalten  ist  der  mikrostruktu‐
relle  Aufbau.  Betrachtet  man  die  Schwingfestigkeit  unterhalb  der  Spröd‐Duktil‐Übergangs‐
temperatur, so ist das Duplexgefüge dem lamellaren Gefüge überlegen [65]. Der Grund liegt 
in der meist geringeren Korngröße und somit dem wesentlich höheren Widerstand gegen die 
Rissinitiierung.  Oberhalb  von  800°C  verfügen  dagegen  Legierungen  mit  dem  lamellaren 
Gefügezustand über höhere Ermüdungsfestigkeiten. Gerade der Beginn der zyklischen Ermü‐
dung, also die Rissinitiierung und Mikrorissausbreitung, wird durch die Korn‐ und Koloniegrö‐
ßen und insbesondere durch ihre Homogenität beeinflusst [39, 63, 66‐68]. Allerdings spielt 
auch die Orientierung der Lamellen im Bezug auf die Lastrichtung eine entscheidende Rolle, 
wie es z. B. Fu et al. experimentell belegten [66]. Sie ermittelten die Ermüdungsfestigkeit bei 
Raumtemperatur unter Verwendung kleiner Proben und eines recht groben FL‐Gefüges. Mit 
dieser Konstellation lag im Idealfall nur eine Kolonie innerhalb des Messbereichs. Die Ergeb‐
nisse  dieser  Untersuchungen  zeigen,  dass  die  Schwingfestigkeit  gerade  bei  der  Anordnung 
der Lamellen in einem Winkelbereich von etwa   = 45‐90° drastisch reduziert wird. Hier ist 
eine Analogie zu der in Kapitel 2.1.3 vorgestellten Abhängigkeit der Lamellenausrichtung bei 
der Dehngrenze und der Bruchdehnung zu erkennen, die auf das stark anisotrope plastische 
Verformungsverhalten einzelner Phasen zurückgeführt werden kann. Betrachtet man nur die 
kritische  Ausbreitung  langer  Risse,  also  die  Bruchzähigkeit,  so  ist  bei  Raumtemperatur  die 
lamellare Struktur mit dem Wertebereich von  20 36 √  deutlich besser als die 
Duplex‐Struktur mit  10 16 √  [14, 32, 38, 63, 69]. Aber auch hier gilt der Hin‐
weis auf die außerordentliche Abhängigkeit der Kolonieausrichtung, wie später bei der Be‐
schreibung des Rissausbreitungsverhaltens gezeigt wird. Mit Zunahme der Temperatur steigt 
die Bruchzähigkeit in beiden Fällen und nähert sich asymptotisch einem oberen Grenzwert 
[14].  

Das  Verformungsverhalten  polykristalliner  Titanaluminide  kann  eher  als  spröd  bezeichnet 


werden.  Daher  kann  angenommen  werden,  dass  der  zyklische  Rissfortschritt  zum  Großteil 
durch dieselben Mechanismen getragen wird, wie der Rissfortschritt unter monotoner Belas‐
tung  [46,  70].  Aus  diesem  Grund  werden  bei  der  Literaturauswertung  zum  Kenntnisstand 
über das Rissverhalten in Titanaluminiden beide Lastfälle berücksichtigt. Im Allgemeinen gilt 
für  spröde  Werkstoffe,  dass  das  Versagen  durch  einen  Spaltbruch  entlang  der  Ebene  mit 
niedrigster Packungsdichte erfolgt, wenn die Lokalspannung die kohäsive Bindungsfestigkeit 
übersteigt [51]. Im Detail sind allerdings die einzelnen Einflussfaktoren bei der zyklischen Be‐
lastung,  insbesondere  in  polykristallinen  Titanaluminiden,  noch  nicht  vollständig  aufgeklärt 
[14]. Allen voran fehlt es an übergreifenden Untersuchungen von der Initiierung eines Risses 
bis zum endgültigen Versagen des Bauteils. Der Kenntnisstand über die einzelnen Rissstadien 
wird in den folgenden Unterkapiteln diskutiert. 

 
Grundlagen  19 

2.3.1 Rissinitiierung 
Die  wenigen  experimentellen  Arbeiten  über  das  Rissinitiierungsverhalten  in  Titanaluminid‐
Legierungen  konzentrieren  sich  bevorzugt  auf  FL‐Gefügezustände  und  zeigen,  dass  Mikro‐
risse innerhalb der Kolonien parallel zu den Lamellen initiieren. Bei höheren Lastamplituden 
werden  häufig  mehrere  Risse  in  einer  Lamellenkolonie  beobachtet  [8,  71].  Anschließend 
folgt eine schnelle Ausbreitung bis zu den Koloniegrenzen, die unter bestimmten Vorausset‐
zungen eine effiziente Hinderniswirkung aufweisen. Der zuvor beschriebene starke Einfluss 
der  Lamellenausrichtung  auf  die  Ermüdungsfestigkeit  zeigt  gerade  bei  der  Rissinitiierung 
seine Wirkung. Hierzu hat John experimentelle Forschungsarbeiten an einer speziell wärme‐
behandelten Legierung mit außerordentlich großen Kolonien durchgeführt [67]. Die Kolonie‐
größe  konnte  durch  das  Auslassen  des  kornfeinenden  Elements  Bor  auf  über  5  mm  einge‐
stellt  werden,  was  die  Observation  der  Rissentstehung  deutlich  erleichterte.  Aus  dem  Un‐
tersuchungswerkstoff wurden Scheibenproben entsprechend Abb. 2‐9 a) hergestellt und in 
der  zentral‐liegenden  Kolonie  eine  künstliche  Kerbe  mit  der  lateralen  Ausdehnung  von 
2  = 0,8 mm parallel zu der Lamellenausrichtung erzeugt. Die Proben wurden mit dem Win‐
kel   = 16° ausgerichtet und mit zyklischer Druckkraft beaufschlagt. Die Spannungsamplitude 
wurde nach der anfänglich geringen Belastung kontinuierlich gesteigert, das Spannungsver‐
hältnis von   = 0,2 hingegen durchweg bewahrt. Nach Überschreitung eines Schwellenwerts 
initiierte der Riss aus der Kerbe und breitete sich in einer starken Abhängigkeit von der La‐
mellenausrichtung  rasch  aus,  wie  in  Abb.  2‐9  b)  schematisch  verdeutlicht  wird.  Neben  der 
überwiegend  parallel  zu  den  Lamellen  liegenden  Mikrorissausbreitung,  weist  der  darge‐
stellte Oberflächenrisspfad vereinzelt translamellare Anteile auf. Die anschließende Rissaus‐
breitung über die Koloniegrenzen hinweg wurde in dieser Arbeit nicht betrachtet. 

a)  b)

 
Abb. 2‐9: Rissinitiierung und ‐ausbreitung innerhalb einer Kolonie unter zyklischer Druck‐
belastung: a) untersuchte Probenform, b) Risswachstum parallel zu den Lamellen [67] 
 

Ähnliche  Ergebnisse  aus  quasistatischen  Druckversuchen  an  FL‐  und  DP‐Legierungen  veröf‐
fentlichten Evangelista et  al.  [68].  In  beiden  Legierungen  zeigen  die  Lamellenkolonien  eine 
stärkere Anfälligkeit für die Rissinitiierung, die allerdings in der FL‐Legierung bei deutlich ge‐
20  Grundlagen 

ringerer Dehnung eintrat. Demnach scheinen die vergleichsweise kleinen globularen Körner 
innerhalb  der  DP‐Legierung  einen  Beitrag  zum  Abbau  lokaler  Spannungsspitzen  zu  leisten, 
was  auf  das  bessere  Verformungsverhalten  zurückgeführt  werden  kann.  Bei  diesen  Druck‐
versuchen wurde die Rissinitiierung in den meisten Fällen in den Kolonien mit dem Winkel 
von etwa   = 0° beobachtet, d. h. die Anordnung der Lamellen lag parallel zu der Belastungs‐
richtung. Dabei konzentrierten sich die Risse an lamellaren Grenzflächen. Für diese „Delami‐
nation“  wird  die  resultierende  Normalspannungskomponente  senkrecht  zu  den  Lamellen‐
grenzflächen  verantwortlich  gemacht.  Äquivalent  zu  den  Beobachtungen  von  John  [67] 
wurde nach der Initiierung die gerichtete Rissausbreitung bis zum Erreichen der Koloniegren‐
zen gesehen, wobei die Risspfade überwiegend parallel zu den Lamellen verliefen. Die expe‐
rimentell  ermittelte  hohe  anfängliche  Ausbreitungsgeschwindigkeit  wurde  mit  fehlenden 
Hindernissen begründet. Die ersten effizienten Blockaden stellen die deutlich anders orien‐
tierten Nachbarkolonien dar. Aufgrund einer starken Variation der Orientierungen in dieser 
Legierung konnten demnach die meisten Mikrorisse nicht über die Koloniegrenzen wachsen. 
In Duplex‐Gefügen vermag ein Mikroriss in die benachbarten  ‐Körner hineinzuwachsen. Bei 
den beschriebenen Experimenten blieben die Risse allerdings in vielen Fällen in den globula‐
ren Bereichen stehen, so dass auch in diesem Fall die Betrachtung des Risswachstums über 
mehrere Kolonien bzw. Körner nicht möglich war. 

Zheng  et  al.  [39]  führten  hingegen  quasistatische  Zugversuche  an  polykristallinen  FL‐Legie‐
rungen  mit  vier  unterschiedlichen  Koloniegrößen  durch.  Bei  Proben  mit  kleinerer  Kolonie‐
größe lag innerhalb der observierten Oberfläche eine Vielzahl der Kolonien mit einer starken 
Variation ihrer Ausrichtung vor. Aus diesem Grund konnte der Einfluss der Lamellenorientie‐
rung  unter  Belastung  am  deutlichsten  beobachtet  werden.  Die  überwiegende  Anzahl  ent‐
standener Risse lag innerhalb der Kolonien, deren laterale Ausrichtung dem Winkel von etwa 
 = 45° entsprach. Einige wenige Mikrorisse initiierten in Kolonien mit   = 0° und   = 90°. Die 
dreidimensionale Orientierung der rissbehafteten Kolonien wurde in diesem Fall nicht unter‐
sucht. 

Zusammenfassend  lässt  sich  sagen,  dass  in  polykristallinen  Titanaluminiden  die  bevorzugte 
Rissinitiierung innerhalb lamellarer Strukturen beobachtet wurde. Die Ausrichtung anfängli‐
cher Risse lag dabei eindeutig parallel zu den Lamellen. Ob die Initiierung innerhalb einzelner 
Lamellen oder entlang der Phasen‐ bzw. Lamellengrenzen stattfindet, scheint allerdings nicht 
abschließend geklärt zu sein. Hierzu existieren z.  T. widersprüchliche Angaben, zumal auch 
die  Orientierung  der  Lamellen  eine  Rolle  spielen  könnte.  So  führten  z.  B.  Heatherly  et  al. 
Bruchflächenanalysen  mittels  der  Auger‐Elektronen‐Spektroskopie  in  der  näheren  Umge‐
bung des Rissursprungsortes durch [72]. Die Belastungsrichtung der quasistatisch belasteten 
Proben  lag  dabei  senkrecht  zu  der  Lamellenausrichtung.  Die  ermittelte  chemische  Zusam‐
mensetzung  über  größere  flachverlaufende  Spaltbruchareale  entsprachen  annähernd  der 
Zusammensetzung  der  ‐Phase,  woraus  die  intralamellare  Rissinitiierung  und  die  anfäng‐
liche Rissausbreitung innerhalb der  ‐Lamellen abgeleitet wurde. Gleiche Schlussfolgerung 
machten  Umakoshi  et  al.  nach  dynamischen  Experimenten  [73].  Zheng  et  al.  [39]  dagegen 
beobachteten  bei  den  zuvor  beschriebenen  Versuchen  die  bevorzugte  Rissbildung  an  der 
Probenoberfläche  entlang  und  in  der  Nähe  der  / ‐Phasengrenzflächen.  Sie  untermauer‐
ten ihre Aussage mittels rasterelektronischer Aufnahmen im BSE‐Modus (engl.: Backscatte‐
Grundlagen  21 

red Electrons) und energiedispersiver Röntgenspektroskopie (engl.: Energy Dispersive X‐ray) 
EDX.  Hier  lag  die  laterale  Ausrichtung  der  Lamellen  und  der  untersuchten  Risse  bei  etwa 
 = 45° zur Lastrichtung. Für diese Art der Rissinitiierung in einer FL‐Legierung haben Zheng 
et al. ein Modell entsprechend der Abb. 2‐10 vorgeschlagen. Bei der zyklischen Belastung er‐
warteten sie keine großen Spannungskonzentrationen durch Versetzungsaufstau an den La‐
mellengrenzflächen,  da  die  Lamellenbreite  vergleichsweise  klein  ist.  Dem  Modell  entspre‐
chend  initiiert  der  Riss  innerhalb  der  ‐Lamelle  und  nahe  der  Lamellengrenzfläche  unter 
Mode‐I Belastung, also in Abhängigkeit der lokalen Normalspannungskomponente. Die wei‐
tere  Rissausbreitung  erfolgt  dagegen  parallel  zu  der  Lamellenausrichtung  entlang  der 
111 ‐Ebene  unter  Mode‐II,  angetrieben  durch  die  großen  Schubspannungen  in  dieser 
Richtung.  Die  schubspannungsgesteuerte  Rissausbreitung  wurde  für  ähnlich  ausgerichtete 
Kolonien auch von Chan et al. mittels der Messung lokaler Dehnungsfelder bestätigt [74]. 

 
Abb. 2‐10: Schematisches Modell der Mikrorissinitiierung innerhalb einer Lamellenkolonie 
in  ‐TiAl‐Legierungen [39] 
 

Evangelista et al. [68], sowie Yoo und Yamaguchi [29] sehen dagegen einen Einfluss der plas‐
tischen  Inkompatibilität  der  Korn‐  und  Phasengrenzen  in  polykristallinen  TiAl‐Legierungen 
auf die Rissinitiierung und insbesondere auch auf den Rissausbreitungspfad. Diese führt un‐
ter  quasistatischer  Last  aufgrund  des  Versetzungsaufstaus  innerhalb  der  ‐Phase  zu  hohen 
Lokalspannungen  entlang  der  / ‐Phasengrenzflächen,  die  nicht  durch  weitere  Verset‐
zungsbewegungen  abgebaut  werden  können.  Die  benötigte  Energie  zum  Überwinden  der 
kohäsiven  Bindungen  entlang  dieser  Grenzflächen  ist  ohnehin  geringer  als  entlang  der 
111 ‐Ebene innerhalb der  ‐Lamelle [75]. Somit ist hier die Rissinitiierung durchaus wahr‐
scheinlich. Eine positive Auswirkung auf den Abbau dieser Spannungsspitzen wird durch die 
abnehmende  Koloniegröße  erwartet.  Dadurch  sollte  die  Verformungskompatibilität  zwi‐
schen den Kolonien/Körnern verbessert und die Rissbildung minimiert werden. Den experi‐
mentellen Beweis für diese Hypothese lieferte Zheng bei der Ermittlung der Rissdichten als 
Funktion der Koloniegröße [39]. 

Ohnehin resultieren lokale Spannungsüberhöhungen unter äußerer Belastung bereits infolge 
abweichender  Elastizitätskonstanten  der  ‐  und  ‐Phase,  wie  Yoo  und  Fu  unterstreichen 
22  Grundlagen 

[76].  Diese  Spannungsspitzen  können  zwar  im  geringen  Maß  durch  die  plastische  Verfor‐
mung abgebaut werden, beeinflussen dennoch zweifelsohne die Rissinitiierung und das an‐
schließende Wachstum. Yoo und Fu berechneten auf der Grundlage theoretisch und experi‐
mentell ermittelter Steifigkeitskonstanten lokale Spannungsdifferenzen innerhalb des lamel‐
laren Aufbaus einer binären TiAl‐Legierung mit der Phasenanordnung nach Beziehung (2‐2). 
Die Ergebnisse zeigen, dass unter der Annahme einer anliegenden Zuglast senkrecht zur Pha‐
sengrenze (Reuss‐Modell) sowie einer homogenen Spannungsverteilung innerhalb der jewei‐
ligen Lamellen die inneren Spannungen in den  ‐Lamellen um 9% geringer ausfallen als in 
den  ‐Lamellen. Greift die äußere Zuglast parallel zu der Lamellenausrichtung an (Voigt‐Mo‐
dell), so sind die inneren Spannungen in den  ‐Lamellen um 4% höher als in den  ‐Lamellen. 
Daraus  resultiert  im  Belastungsfall  ein  Spannungsgradient  im  Bereich  der  Phasengrenzen. 
Ferner  führen  die  abweichenden  Gitterkonstanten  beider  Phasen  zu  Dehnungen  von  ca. 
0,3% entlang und in Richtung der Phasengrenzen. Diese grundsätzlichen Diskrepanzen mani‐
festieren  die  Möglichkeit  zur  Anhäufung  von  Versetzungen  innerhalb  der  kohärenten  Pha‐
sengrenze,  zur  Bildung  neuer  Versetzungen,  zur  Zwillingsbildung  (vgl.  Abb.  2‐11)  [1]  und 
schließlich  zur  Mikrorissinitiierung  unter  Belastung  [77].  Diese  Berechnungen  untermauern 
somit  die  Hypothese  der  Rissinitiierung  entlang  der  Phasengrenzflächen.  Neben  den  „ech‐
ten“  / ‐Phasengrenzen  liegen  weitere  Grenzflächen  zwischen  den  / ‐Lamellen.  Auch 
diese Stellen sind ausgezeichnet für die Versetzungsinitiierung und Rissbildung, sowie gleich‐
zeitig für die Versetzungsblockaden. 

a)  b)

 
Abb. 2‐11: TEM‐Aufnahmen kohärenter Grenzflächen [1]. Mit Pfeilen angedeutet sind Ver‐
setzungen zwischen den Grenzflächen als Quelle für spannungsinduzierte Stapelfehler und 
Zwillingsbildung. a)  / ‐Grenzfläche, b)  / ‐Grenzfläche zwischen zwei unterschiedlich 
orientierten Lamellen 
 

Globulare Körner in DP‐Legierungen scheinen für die Rissinitiierung eine untergeordnete Rol‐
le zu spielen. Sie reduzieren zwar die elastische und plastische Verformungsanisotropie und 
Grundlagen  23 

führen somit zu verringerter Rissinitiierung, wurden jedoch selbst in seltenen Fällen als Riss‐
initiierungsorte beobachtet. Kommt es zu der Rissinitiierung innerhalb eines  ‐Korns, so ge‐
schieht dies ‐ zumindest bei quasistatischer Belastung ‐ spaltbruchartig entlang der  111 ‐
Ebene [28].  Die in dieser Ebene wirkende Kohäsionsenergie ist besonders niedrig, was Yoo 
und  Fu  bereits  bei  ihren  Berechnungen  auf  energetischer  Basis  für  die  Rissausbreitung  im 
Mode‐I vorhersagten [78]. 

2.3.2 Mikrorissausbreitungsverhalten 
Wie  im  Kapitel  2.3.1  erläutert,  initiieren  die  Mikrorisse  in  polykristallinen  Titanaluminiden 
unter quasistatischer und dynamischer Belastung überwiegend innerhalb der Lamellenkolo‐
nien.  Das  geschieht,  sobald  die  Lokalspannung  die  benötigte  kritische  Größe  zum  Trennen 
kohäsiver  Bildungen  erreicht  hat.  Dabei  können  innerhalb  einer  Kolonie  durchaus  mehrere 
Mikrorisse entstehen. Ausgehend von den Oberflächenobservationen werden für die Initiie‐
rung und das anfängliche Wachstum unter positiver Belastung zwei günstige Konstellationen 
angegeben. Hier liegt die laterale Orientierungsdifferenz zwischen der Last und den Lamellen 
bei etwa   = 45° oder   = 90°. Für beide Fälle wurde eine recht schnelle, überwiegend paral‐
lel zu den Lamellen fortschreitende Ausbreitung der Mikrorisse beobachtet, z. T. bis an die 
Grenzen der ursprünglichen Kolonie [74, 79]. In den bisher bekannten Untersuchungen wer‐
den  jedoch  keine  Angaben  über  die  räumliche  Ausrichtung  der  Kolonien  gemacht,  so  dass 
hinsichtlich der Beschaffenheit suboberflächiger Mikrostruktur und räumlicher Risspfadver‐
läufe nur gemutmaßt werden kann. Unter den Annahme der senkrechten Anordnung der La‐
mellen zu der Probenoberfläche und der lateralen Lamellenorientierung mit   = 90° wäre für 
die Rissausbreitung die Normalspannungskomponente, entsprechend der Mode‐I Belastung, 
ursächlich.  Bei  gleicher  Orientierung  in  Tiefenrichtung  aber  der  lateralen  Lamellenausrich‐
tung  mit  dem  Winkel  von  etwa   =  45°  wäre  die  einsetzende  Mikrorissausbreitung  schub‐
spannungsgesteuert (Mode‐II). 

Mikrorissausbreitung bei lateraler Kolonieausrichtung von   = 90° 
Für den Fall der lateralen Kolonieausrichtung von θ = 90° zeigen Beobachtungen der Proben‐
oberflächen, dass der Mikroriss sich entweder interlamellar entlang einer Lamellengrenzflä‐
che [33] oder intralamellar entlang der  111 ‐Ebene innerhalb einer  ‐Lamelle [75] ausbrei‐
tet. Aufgrund der besonderen Relation der Kristallgitter ist diese bevorzugte Kristallebene in‐
nerhalb der  ‐Lamelle ebenfalls parallel zu den Lamellengrenzflächen angeordnet. In beiden 
Fällen  sind  entlang  dieser  potentiellen  Risspfade  die  kohäsiven  Bindungen  vergleichsweise 
gering. Für die einsetzende Ausbreitung eines bereits innerhalb einer Kolonie bestehenden 
Mikrorisses  ist  somit  auch  der  benötigte  Spannungsintensitätsfaktor  recht  gering.  Dieser 
Wert liegt bei etwa  1,2 √ , wie Chen et al. für eine binäre Legierung ermittelt hat 
[74]. Durch das Zulegieren weiterer Elemente wie Cr, V und Nb kann jedoch der Widerstand 
gegen die einsetzende Ausbreitung erhöht werden [80]. Liegen mehrere Mikrorisse auf pa‐
rallelen Ebenen, so können sie sich unter lokaler Änderung der Ausbreitungsrichtung vereini‐
gen.  Diese  translamellaren  Anteile  tragen,  wenn  auch  bei  dieser  Konstellation  als  seltenes 
Ereignis, zur Energiedissipation bei. In diesem Fall offenbaren die Bruchflächen große, glatte, 
24  Grundlagen 

auf  unterschiedlichen  Ebenen  liegende  Areale  mit  geringen  Anteilen  rau  gebrochener  Ver‐
bindungsligamenten [33]. 

Mikrorissausbreitung bei lateraler Kolonieausrichtung von   = 45° 
Bei einer lateralen Kolonieausrichtung von θ = 45° werden für das anfängliche Wachstum so‐
wohl die  / ‐ und  / ‐Lamellengrenzflächen als auch die  111 ‐Ebene [33, 39, 81, 82] be‐
vorzugt. Jedoch kann der Mikroriss bei seiner Ausbreitung durchaus von diesen Pfaden ab‐
weichen und einzelne Lamellen kreuzen [67, 83]. Beobachtungen von Lu et al. [33] und Chan 
et al. [74] zeigen, dass mit Zunahme der Risslänge und gleichbleibender Belastung in der nä‐
heren Umgebung des Hauptrisses vereinzelt weitere Mikrorisse auf parallel liegenden Ebe‐
nen entstehen. Infolge der Überlagerung vorheriger lokaler Spannungen mit den rissspitzen‐
induzierten  Spannungen  können  somit  nun  auch  in  weiteren  Ebenen  kohäsive  Bindungen 
überwunden werden. Die entstandenen Mikrorisse können entweder zunächst eigenständig 
weiterwachsen, oder sich gleich mit dem Hauptriss unter Bildung translamellarer Anteile ver‐
binden. Es entsteht eine kombinierte Rissausbreitung mit Mixed‐Mode Anteilen, wobei aus 
bruchmechanischer Sicht die Rissausbreitung im Mode‐I angestrebt wird. Daher nehmen die 
translamellaren Anteile, im Gegensatz zu der Kolonieanordnung mit   = 90°, weiter zu. Dem‐
zufolge wird diese Art der Rissausbreitung vermutlich von den beiden Faktoren, dem Span‐
nungsintensitätsfaktor an der Rissspitze und dem Winkel  , überwiegend beeinflusst. Dabei 
ist  sowohl  die  translamellare  Ligamenttrennung  als  auch  die  Delamination  entlang  der 
Grenzflächen das Resultat niedrigenergetischer Spaltbruchflächenbildung, wie später gezeigt 
wird [39]. 

Unter welchen Bedingungen die translamellare Rissausbreitung einsetzt, kann nicht abschlie‐
ßend erläutert werden. Über diese frühe Schädigungsphase existieren bisher keine systema‐
tischen Forschungsarbeiten, insbesondere nicht unter zyklischer Belastung. Fest steht, dass 
ein Mikroriss beim Überschreiten der Lamellen umso stärker verzögert wird, je mehr transla‐
mellare Anteile vorliegen. Neben den Lamellengrenzen scheinen auch die Koloniegrenzen als 
effiziente  mikrostrukturelle  Barrieren  zu  wirken  [83].  Wie  der  innerhalb  einer  Kolonie  ent‐
standene Mikroriss in die nächstliegende Kolonien bzw. globulare Körner hineinwächst, wur‐
de  ebenfalls  wenig  systematisch  untersucht.  Bei  der  Ermittlung  der  Schädigungsvorgänge 
wurden bisher bevorzugt lange Risse betrachtet. Daneben befassen sich einige Arbeiten mit 
dem  Ermüdungsverhalten  kurzer  Risse.  Diese  weisen  zwar  in  der  Ausbreitungsebene  eine 
kleine Länge auf, dehnen sich aber im Gegensatz zu kleinen Oberflächenrissen über die ge‐
samte  Probentiefe  aus.  Dementsprechend  umfasst  die  Rissfront  eine  Vielzahl  an  Körnern 
bzw.  Kolonien,  wodurch  äquivalent  zu  langen  Rissen  eine  Art  Mittelung  während  des  Riss‐
fortschritts erfolgt [45]. 

Bevor jedoch das Wachstum langer Risse in Titanaluminiden betrachtet werden kann, soll an 
dieser  Stelle  noch  der  Einfluss  der  Plastizität  auf  die  Ausbreitung  kleiner  Risse  dargestellt 
werden. Dieser ist zwar in polykristallinen Legierungen aus makroskopischer Sicht und insbe‐
sondere  bei  langen  Rissen  vernachlässigbar,  beeinflusst  jedoch  neben  der  Rissinitiierung 
auch das Wachstum kleiner Risse und zwar in der direkten Umgebung der Spitze. Zu diesem 
Ergebnis  kommen  Appel  und  Wagner  [28]  bei  der  Analyse  der  Versetzungsdynamik  unter 
quasistatischer Belastung im Transmissionselektronenmikroskop (TEM). Zeitgleich beobach‐
Grundlagen  25 

teten sie das Rissausbreitungsverhalten innerhalb der einzelnen Phasen, sowie die Interak‐
tion mit den Phasen‐ und Korngrenzen, was durch die Verwendung einer Duplex‐Legierung 
möglich war. Eine ähnliche Arbeit mit der Zielsetzung der Untersuchung grundlegender Schä‐
digungsmechanismen an FL‐Legierungen im TEM wurde von Lu et al. vorgestellt [75]. Die Er‐
gebnisse zeigen für den Fall der Blockade eines kleinen Risses an den anders orientierten be‐
nachbarten  Kolonien,  dass  infolge  erhöhter  Spannungen  vor  der  Rissspitze  eine  plastische 
Zone mit der Ausdehnung des Mehrfachen einer Lamellenbreite entsteht. Die plastische Ver‐
formung setzt überwiegend in der Majoritätsphase   ein und zwar als Versetzungsbewegung 
und  Zwillingsbildung  mit  denselben  Mechanismen  wie  im  Kapitel  2.1.3  vorgestellt.  Grund‐
sätzlich  sind  diese  wenigen  Möglichkeiten  aufgrund  der  vorliegenden  kristallographischen 
Anisotropie stark gerichtet, aber dennoch hinreichend aktiv. Dadurch wird die Form der plas‐
tischen Zone stark beeinflusst [28]. Trifft der kleine Riss auf eine  / ‐Grenzfläche, so werden 
zahlreiche Versetzungen entlang der  111 ‐Ebenen emittiert. Mit zunehmender Belastung 
kann vor der Spitze des kleinen Risses auch translamellare Zwillingsbildung in den  ‐Lamel‐
len einsetzten [40]. Beides wird an der nächstliegenden  / ‐Grenzfläche oder spätestens an 
der  / ‐Grenzfläche  unter  Entstehung  hoher  Spannungskonzentrationen  gestoppt.  Trotz 
der  kurzen  Distanzen  in  Querrichtung  der  Lamellen  reichen  die  Spannungskonzentrationen 
aus, um sogar eine ungünstig gelegene Versetzungsgleitebene innerhalb der  ‐Phase zu ak‐
tivieren. Diese verläuft dann senkrecht zu der Lamelle und zwar entlang der Prismenebene 
1010  [75]. Mit zunehmend gestörter plastischer Aktivität können die Spannungskonzen‐
trationen  die  kohäsive  Bindungsfestigkeit  entlang  aller  bis  dahin  stark  aktiven  Gleitebenen 
überschreiten, so dass weitere Mikrorisse mit der Länge eines Gleitbands entstehen. Im un‐
günstigsten Fall für die Rissausbreitung, wenn also die Ausrichtung der Lamellen bezogen auf 
die Last nahezu dem Winkel   = 0° entspricht und der Riss senkrecht zu den Lamellen steht, 
wurde die Mikrorissinitiierung vor der Spitze des kleinen Hauptrisses bevorzugt in den  ‐La‐
mellen beobachtet. Das war auch dann der Fall, wenn die Lamellen einen Abstand des Mehr‐
fachen einer Lamellenbreite zu dem Hauptriss aufwiesen. Danach können weitere Mikrorisse 
entlang der  111 ‐Gleitebenen und entlang der translamellaren Zwillingsgrenzen entstehen. 
Liegt  eine  von   = 0°  abweichende  Kolonieausrichtung  vor,  so  sind  für  die  Mikrorissinitiie‐
rung eher die zuvor aktiven Ebenen der  ‐Phase günstiger, da sie aufgrund der kristallogra‐
phischen Beziehung einzelner Lamellen deutlich von der senkrechten Ausrichtung im Bezug 
auf die Lamellen abweichen. Im weiteren Verlauf der Rissausbreitung können sich die Mikro‐
risse entweder untereinander oder gleich mit dem Hauptriss verbinden. Liegen keine Mikro‐
risse in der näheren Umgebung der Rissspitze vor, so werden die zuvor genannten Ebenen 
mit  hohen  Spannungskonzentrationen  für  das  weitere  Wachstum  bevorzugt.  Aufgrund  ab‐
weichender  Orientierungen  innerhalb  einzelner  Lamellen  resultiert  bei  der  translamellaren 
Rissausbreitung schließlich eine permanente Richtungsänderung, woraus ein gezackter Riss‐
pfad entsteht. 

Insgesamt betrachtet erreicht die plastische Aktivität bei der Ausrichtung der Lamellen mit 
dem Winkel von etwa   = 0° die größten Ausmaße und leistet somit einen guten Beitrag zur 
Reduzierung  der  Rissausbreitungsgeschwindigkeit.  Dabei  wird  durch  die  Versetzungsemis‐
sion  und  die  Zwillingsbildung  die  lokale  Normalspannungskomponente  vor  der  Rissspitze 
effizient gemindert. Im Unterschied dazu kommt die Plastizität bei der Rissausbreitung paral‐
26  Grundlagen 

lel zu den Lamellen (Lastfall   = 90°) nur in den seltenen Fällen zum Tragen. Wie zuvor darge‐
legt, breitet sich der Riss bei dieser Konstellation überwiegend entlang der Ebenen mit nied‐
riger  kohäsiver  Bindungsfestigkeit  aus.  Daraus  resultiert  ein  schnelles  und  sprödes  Spalt‐
bruchversagen. Der gleiche Sachverhalt gilt für die Mikrorissausbreitung innerhalb globularer 
Bereiche.  ‐Körner mit dem kfz‐Gitter bieten hierfür deutlich mehr Möglichkeiten als die  ‐
Körner mit dem hdp‐Gitter. Nichtsdestotrotz bleibt die Rissspitze bei der Ausbreitung in den 
zweiphasigen Titanaluminiden permanent scharf. Das ist auch bei der  ‐Phase der Fall, wie 
es  Zhang  et  al.  mittels  in‐situ  TEM‐Untersuchungen  bestimmt  haben  [84].  Sie  analysierten 
den  Einfluss  der  Versetzungsaktivität  und  die  Mechanismen  bei  der  Rissausbreitung  inner‐
halb der spröden  ‐Ti3Al‐Basislegierungen. Detaillierte Aufnahmen unter Zug‐Belastung zei‐
gen, dass sich direkt vor der Rissspitze zahlreiche Versetzungen gebildet haben. Bei diesem 
Vorgang wird allerdings die Rissspitze nicht abgestumpft, wie es z. B. Rice, Lin oder Beltz ver‐
muteten  [85‐87].  Vielmehr  bewegen  sich  die  Versetzungen  von  der  Rissspitze  bis  zu  den 
nächstliegenden Hindernissen. Dabei entsteht zwischen der Rissspitze und den aufgestauten 
Versetzungen  eine  versetzungsfreie  Zone  (VFZ).  Innerhalb  dieser  elastischen  Zone  wirken 
außerordentlich hohe Spannungen [88], so dass ein nanometerkleiner Riss infolge des kohä‐
siven Versagens entstehen kann. Im Gegensatz zu dem duktilen Verhalten wird dieser Nano‐
riss nicht zu einer Pore abgestumpft, sondern vereinigt sich mit dem Hauptriss durch Bildung 
neuer Spaltbruchflächen. Über den Einfluss der Plastizität innerhalb der  ‐(TiAl)‐Phase mit 
dem krz‐Gitter gibt es bis heute noch keine Aussagen. 

2.3.3 Langrissausbreitungsverhalten 
Der  Einfluss  des  mikrostrukturellen  Aufbaus  bleibt  in  den  Titanaluminiden  auch  für  lange 
Risse bestehen, wenngleich in abgeschwächter Form. Breitet sich z. B. ein langer Riss in einer 
polykristallinen  Legierung  innerhalb  globularer  Bereiche  aus,  so  wird  dessen  Wachstum 
durch das spröde trans‐ bzw. intergranulare Versagen beider Phasen (  und  ) begünstigt. 
Bei  Raumtemperatur  überwiegt  dabei  der  transkristalline  Bruch  bei  geringen  Spannungsin‐
tensitätsfaktoren  und  der  interkristalline  bei  hohen  Spannungsintensitätsfaktoren,  wie  es 
den  Bruchflächenanalysen  entnommen  werden  kann  [64,  82,  89,  90].  Bei  Temperaturen 
oberhalb  von  500°C  dominiert  die  spröde  intergranulare  Dekohäsion  [82].  Diese  Mikrome‐
chanismen des Versagens sind sowohl unter monotoner als auch unter zyklischer Belastung 
qualitativ  gleich,  womit  die  Dominanz  der  spröden  Risswachstumsmechanismen  unterstri‐
chen wird. Unabhängig davon ist die Rissausbreitung innerhalb der globularen Bereiche ver‐
gleichsweise gleichförmig und kontinuierlich, da die Korngröße gewöhnlich deutlich kleinere 
Dimensionen einnimmt als die Koloniegröße. In solchen Fällen befinden sich für die Rissaus‐
breitung ausreichend günstig orientierte Körner entlang der Rissfront. Trifft dagegen ein lan‐
ger Riss auf die Kolonien, so wird er von deren Ausrichtung stärker beeinflusst. Beobachtun‐
gen an der Probenoberfläche zeigen, dass eine um mehr als 45° gegen die Ausbreitungsrich‐
tung  geneigte  Kolonie  von  dem  Riss  bevorzugt  translamellar  durchquert  wird  [91].  Ist  die 
Neigung geringer, gibt es zunehmend inter‐ und intralamellare Rissausbreitung [64]. Dieser 
eindeutige Einfluss der Lamellenausrichtung ist bereits aus der Ausbreitung kleiner Risse be‐
kannt, wo die Ebenen mit geringster kohäsiver Bindungsenergie bevorzugt werden. Zusätz‐
Grundlagen  27 

lich  wird  der  Übergang  zwischen  verschiedenen  Ausbreitungsmodi  von  der  Lamellenbreite 
beeinflusst [69, 74]. 

TR  Translamellare Rissausbreitung 
TRD  Translamellare Rissausbreitung 
   Dominierend 
GR  Gemischte Rissausbreitung 
TR  IRD  Inter‐ und Intralamellare Rissausbreitung
TRD    Dominierend 
GR 
IRD  IR  IR  Inter‐ und Intralamellare Rissausbreitung 

 
Abb. 2‐12:  Bruchzähigkeit in Abhängigkeit des Winkels   zwischen Last‐ und Lamellenori‐
entierung.  ‐Werte sind aus [33, 74, 92‐94]. 
 

Die Effizienz der Lamellenanordnung hinsichtlich des Widerstandsvermögens gegen Rissaus‐
breitung  unter  Ermüdungsbelastung  wurde  bereits  quantitativ  erfasst  [92‐94].  Hierzu  wur‐
den die Unterschiede der Bruchzähigkeit an speziellen CT‐Proben mit  jeweils nur einzelner 
Lamellenkolonie in Dickenrichtung gemessen. Im ungünstigsten Fall, wenn die Lamellen pa‐
rallel  der  Rissausbreitung  ausgerichtet  sind,  liegt  die  Bruchzähigkeit  bei  etwa  2
4 √ .  Dieser  Wert  fällt  besonders  auf,  da  er  sogar  deutlich  kleiner  ist  als  in  feinkör‐
nigen  Duplex‐Strukturen  (vgl.  Einleitung  des  Kapitels  2.3).  Bei  der  senkrechten  Anordnung 
der Lamellen liegt die kritische translamellare Rissausbreitung im Wertebereich  15
25 √ . Somit ist die Wachstumsgeschwindigkeit der Risse parallel zu den Lamellen um 
einiges höher als senkrecht zu den Lamellen. Die Beziehung zwischen den jeweiligen Rissaus‐
breitungsmodi und dem Belastungsfall, also dem Winkel zwischen der Last‐ und Lamellenori‐
entierung, ist nach Vorschlag aus [33] in Abb. 2‐12 zusammengefasst. Angaben der  ‐Wer‐
te sind der Literatur [33, 74, 92‐94] entnommen und vereinfacht linear interpoliert. 

Liegen in polykristallinen FL‐Legierungen zahlreiche randomisiert angeordnete Kolonien vor, 
so ist die Rissausbreitung verglichen mit den DP‐Legierungen deutlich langsamer. Offensicht‐
lich  fällt  das  Widerstandsvermögen  gegen  Rissausbreitung,  trotz  evtl.  vereinzelt  ungünstig 
angeordneter Kolonien, im Mittel dennoch höher aus. Die Unterschiede beider Gefügearten 
haben  beispielsweise  Kruzic  et  al.  anhand  von  Risswachstumskurven  für  Risse  mit  einer 
Länge von über 5 mm ermittelt [8]. Die Ergebnisse sind in Abb. 2‐13 a) graphisch dargestellt. 
Der  Abbildung  kann  entnommen  werden,  dass  das  lamellare  Gefüge  neben  dem  erhöhten 
Schwellenwert für die Langrissausbreitung ∆  deutlich geringere Risswachstumsraten auf‐
weist.  Neben  dem  starken  Einfluss  der  Lamellenausrichtung  wird  das  bessere  Abschneiden 
der  FL‐Legierungen  mit  dem  übergreifenden  Effekt  der  Rissabschirmung  begründet.  Hierzu 
zählen die Rissablenkung, Rissverzweigung und Mikrorissinitiierung vor der Spitze des Haupt‐
risses  [8,  33,  95,  96].  Nach  der  Berücksichtigung  der  Rissabschirmung  sind  die  Risswachs‐
28  Grundlagen 

tumsraten für lange Risse in beiden Gefügezuständen deutlich besser vergleichbar (vgl. Abb. 
2‐13 b)). 

a)  b)

 
Abb. 2‐13: Vergleich der Risswachstumsraten langer Risse (Länge über 5 mm) [8]: 
a) gemessen an  ‐TiAl‐Basislegierungen mit einer DP‐ und FL‐Mikrostruktur, 
b) nach der Korrektur der Rissabschirmungseffekte und Ermittlung von ∆  
 

Der  Effekt  der  Rissabschirmung  lässt  sich  im  Einzelnen  wie  folgt  erklären.  Läuft  ein  langer 
Riss beispielsweise auf eine Koloniegrenze zu, so können bereits in den vor der Rissspitze lie‐
genden Nachbarkolonien kleine Mikrorisse gebildet werden. Dieses Verhalten wurde sowohl 
unter monotoner als auch dynamischer Last beobachtet [97, 98]. Die Mikrorisse in den Nach‐
barkolonien  sind  meist  parallel  zu  den  Lamellen  ausgerichtet  und  weichen  daher  überwie‐
gend von der Ausbreitungsrichtung des langen Risses ab. Die lokale Belastung weicht dem‐
entsprechend  von  der  angestrebten  Mode‐I  Konfiguration  des  langen  Risses  ab.  Durch  die 
Mikrorissbildung  wird  die  Spannungskonzentration  vor  der  Spitze  des  Hauptrisses  effektiv 
gemindert und das Wachstum abgebremst [64, 91]. Zusätzlich wird der Hauptriss durch die 
Vereinigung mit den Mikrorissen sowie durch die anders liegende Kolonie gezwungen seine 
Ausbreitungsrichtung teilweise zu ändern oder sich sogar zu verzweigen [92, 93]. Eine sche‐
matische  Darstellung  dieser  Vorgänge  ist  in  Abb.  2‐14  b)  gegeben.  Hat  sich  der  Hauptriss 
noch nicht mit den Mikrorissen vereinigt, so stellen die intakten Ligamente dazwischen eine 
partielle Überbrückung zwischen den Rissen dar. Das kann so weit gehen, dass der Hauptriss 
scheinbar an dieser Stelle gestoppt wird und der Mikroriss weiterwächst. Das Wachstum des 
nun aktiven Mikrorisses ist allerdings verlangsamt, da die Verbindungsligamente einen Teil 
der Last tragen und so die Spannungsintensität vor der Spitze des Mikrorisses absenken [98]. 
Die  Vereinigung  des  Hauptrisses  mit  dem  Mikroriss  erfolgt  durch  translamellare  Trennung 
dieser  Verbindungsligamente,  was  aufgrund  hoher  Bruchzähigkeit  in  der  Querrichtung  viel 
Energie erfordert. Chan et al. [99] haben hierzu angemerkt, dass die Erhöhung der Bruchzä‐
higkeit  mit  der  Zunahme  der  Ligamentbreite  einhergeht.  Dieser  extrinsische  Prozess  der 
Grundlagen  29 

Ligamentbildung kann bei langen Rissen ebenso innerhalb einer Kolonie erfolgen (Abb. 2‐14 
a)) [62, 69], wie es bereits von der Ausbreitung kleiner Risse bekannt ist [33]. Allerdings ist 
die  Größe  dieser  Verbindungsligamente  um  einiges  kleiner  verglichen  mit  denen,  die  über 
die Grenzen anders orientierter Kolonien gebildet werden [74]. Folglich können sie mit gerin‐
gerem  Energieaufwand  durchtrennt  werden.  Unter  zyklischer  Belastung  wirkt  der  extrinsi‐
sche  Mechanismus  der  Ligamentbildung  erst  ab  Spannungsintensitätsfaktoren  von  etwa 
∆ 8 √ , wie Campbell et al. [95] festgestellt haben. Ihr Einfluss fällt aber auch in 
diesem  Fall  um  einiges  geringer  als  unter  monotoner  Belastung  aus,  wo  er  mit  ~4
25 √  (  aus dem engl. für bridging) bestimmt wurde [98]. 

a)  b)

 
Abb. 2‐14: Extrinsische Mechanismen bei der Rissausbreitung in lamellarer Mikrostruktur: 
a) Entstehung eines Verbindungsligaments vor der Rissspitze durch Mikrorissinitiierung, 
b) Rissverzweigung an abweichend orientierten Kolonien 
 

Neben den intrinsischen Mechanismen der Versetzungsbewegung und der Zwillingsbildung 
leistet die Rissabschirmung in Form eines extrinsischen Mechanismus einen großen Beitrag 
zur Reduzierung der Rissgeschwindigkeit in den TiAl‐Legierungen mit einer lamellaren Mikro‐
struktur  [70].  Dieser  Effekt  ist  sogar  deutlich  ausgeprägter  als  der  des  Rissschließens,  wel‐
cher erst bei hohen Temperaturen und in einer Atmosphärenumgebung aufgrund von Oxida‐
tionsprozessen  zum  Tragen  kommt  [80,  83,  100].  Einflüsse  der  plastizitätsinduzierten  Riss‐
spitzenverrundung, wie sie von duktilen Werkstoffen bekannt sind, wurden ebenfalls erst bei 
Temperaturen  von  800°C  in  den  globularen  ‐Körnern  beobachtet  [38].  Trotz  verbesserter 
Möglichkeiten  für  die  plastische  Aktivität  bei  höheren  Temperaturen  überwiegt  die  ver‐
einfachte Mikrorissinitiierung vor der Spitze des Hauptrisses, wie es Mutoh et al. vermuten 
[64]. 

Der mikrostrukturelle Einfluss auf die Ausbreitung langer Risse bleibt bei den Titanalumini‐
den  folglich  sowohl  bei  geringen  als  auch  bei  hohen  Temperaturen  erhalten.  Vielfach  wird 
auch  der  Einfluss  des  Spannungsverhältnisses   gesehen.  Zhu  et  al.  sowie  Campbell  et  al. 
unterscheiden dagegen zwischen hoher und niedriger Belastung. Sie sehen den Einfluss des 
Spannungsverhältnisses  als  Resultat  der  Rissabschirmung  nur  bei  Belastungen  nahe  des 
∆ ‐Wertes. Dagegen überwiegt bei hohen ∆ ‐Werten der Einfluss des Maximalwerts der 
Spannungsintensität   auf die Ausbreitung langer Risse [83, 96]. In Analogie zu dem Ver‐
30  Grundlagen 

halten  von  äußerst  spröden  Keramiken  verwenden  sie  die  angepasste  Paris‐Funktion  (2‐7), 
die beide Faktoren ∆  und   berücksichtigt: 

da
= C ' (ΔK ) (K max ) . 
p q
(2‐10) 
dN

Dabei  ist  C '  eine  Skalierungskonstante,  während p  und  q  als  materialspezifische  Konstan‐
ten experimentell bestimmt werden [70]. Zusätzlich gilt im Bezug auf die Gleichung (2‐7) die 
Beziehung 

.      (2‐11) 

Für  metallische  Werkstoffe  ist  ,  was  den  stärkeren  Einfluss  der  Schwingbreite  des 
Spannungsintensitätsfaktors ∆  bedeutet. Bei keramischen Werkstoffen ist es genau umge‐
kehrt, mit   ist Einfluss des  ‐Wertes stärker. TiAl‐Legierungen liegen in ihrem Ver‐
halten bei Raumtemperatur zwischen diesen Werkstoffgruppen [70, 83, 96]. 

 
Charakterisierung untersuchter Legierungen  31 

3 Charakterisierung untersuchter Legierungen 
3.1 Versuchswerkstoffe 
Für die übergreifende Untersuchung des mikrostrukturellen Einflusses auf das Schädigungs‐
verhaltens in Titanaluminiden wurden mehrere Legierungen ausgesucht, die sich in der che‐
mischen  Zusammensetzung  und  der  Mikrostruktur  unterscheiden.  Angefangen  bei  einer 
klassischen Legierung Ti‐46,5Al‐2,5V‐1,0Cr mit einer FL‐ und NL‐Morphologie über eine neu‐
artige  ‐haltige  Gusslegierung  Ti‐43Al‐4Nb‐1Mo‐0,1B  bis  zu  der  sogenannten  Legierung 
dritten Generation Ti‐45Al‐5Nb‐0,2C‐0,2B mit einer feineren Duplex‐Morphologie. Die Anga‐
ben zu den Legierungskonzentrationen beziehen sich hierbei auf das prozentuelle atomare 
Verhältnis (At.%). 

Verallgemeinernd  lassen  sich  technische  TiAl‐Legierungen,  dem  bisherigen  Entwicklungs‐


stand entsprechend, wie folgt beschreiben [31]: 

42 49 0 4 0 10 0 1  (At.%). 

Dabei  stellen   einzelne  Elementgruppen  dar,  die  Eigenschaftsveränderungen  gemäß 


Tabelle 1 herbeiführen. 

Tabelle 1: Elementabhängige Veränderung der Eigenschaften [1, 14, 31, 101] 
 = Cr, Mn, V 
‐ Steigerung der Raumtemperatur‐Duktilität und Umformbarkeit 
‐ Verringerung  der  Tetragonalität  und  der  Stapelfehlerenergie  durch  Substitution 
von Al in der  ‐Phase 
‐ wirken in geringem Maße mischkristallhärtend 
‐ verringern üblicherweise die Oxidationsbeständigkeit 
 = Nb, Mo, Ta, W 
‐ Steigerung der Oxidationsbeständigkeit 
‐ stärkere Mischkristallhärtung als  ‐Elemente 
‐ Nb, Ta und W erhöhen die Kriechbeständigkeit 
 = B, C, Si 
‐ Steigerung der Hochtemperatur‐Festigkeit und Kriechbeständigkeit durch Ausschei‐
dungs‐ oder Dispersionshärtung 
‐ Feinkörnung und Verbesserung der Verarbeitbarkeit durch Bildung stabiler Disper‐
soide 
 

Der dargestellte Einfluss einzelner Legierungselemente auf die mechanischen Eigenschaften 
ist empirisch hergeleitet und wurde bisher nicht vollständig aufgeklärt. Der Grund liegt in der 
unvermeidlichen Veränderung der Konstitution und damit dem Gefüge, die mit der Zugabe 
weiterer  Elemente  einhergeht  [15].  Gerade  der  mikrostrukturelle  Aufbau  beeinflusst  aller‐
dings  die  Eigenschaften  von  ‐TiAl‐Basislegierungen  maßgeblich,  wie  es  bereits  aus  Kapitel 
32  Charakterisierung untersuchter Legierungen 

2.3 am Beispiel des Ermüdungsverhaltens bekannt ist. Im Allgemeinen gilt, dass die Zugabe 
metallischer  Elemente  die  Eigenschaftsveränderung  der  ‐Phase  zum  Ziel  hat.  Diese  gehen 
dabei in Lösung und beeinflussen die Energien planarer Defekte und/oder die Diffusionsko‐
effizienten.  Für  diese  intrinsischen  Eigenschaften  sind  die  Verteilung  der  Elemente  auf  die 
Phasen  und   und die Löslichkeit in der  ‐Phase entscheidend. Nichtmetallische Elemente 
werden hingegen dazulegiert, um durch Bildung dritter Phasen eine Ausscheidungshärtung 
oder Kornfeinung beim Gießen zu erreichen [14]. 

3.1.1 Ti‐46,5Al‐2,5V‐1,0Cr TAC‐2 
Die  zweiphasige  intermetallische  TiAl‐Gusslegierung  mit  der  Zusammensetzung  Ti‐46,5Al‐
2,5V‐1,0Cr (At.%) wurde in dem Central Iron & Steel Research Institute (CISRI) in China her‐
gestellt und trägt die Bezeichnung TAC‐2. Das Material wurde zunächst mittels des ISM‐Ver‐
fahrens (engl. Induction Scull Melting) zu zylindrischen Barren mit einem Durchmesser von 
40 mm und einer Länge von 150 mm gegossen. Bei der Erstarrung durchläuft diese Legierung 
die peritektische Reaktion: 

Je nach Abkühlbedingungen können sich zunächst große, in Wärmeflussrichtung ausgerich‐
tete  Stängelkristalle  der  ‐Phase  bilden  [15].  Die  ursprünglichen  ‐Körner  wachsen  also  in 
diesem Fall vom Außenrand in Richtung der Barrenmittelachse und wandeln sich zusammen 
mit der Restschmelze zu  ‐Körnern um. Nach der anschließenden Ausbildung der Lamellen‐
kolonien mit der Umwandlung nach Beziehung (2‐1) sind die Lamellen überwiegend parallel 
zu der Längsachse des Barrens ausgerichtet. Diese bevorzugte Ausrichtung der Kolonien hat 
für  die  Versuchsdurchführung  einen  entscheidenden  Vorteil,  da  entsprechend  der  Proben‐
entnahme richtungsabhängige Eigenschaftsbestimmung möglich ist. Die Abkühlbedingungen 
wurden in allen Fällen so gewählt, dass direkt nach dem Abgießen eine vollständig lamellare 
FL‐Mikrostruktur entstand. Mittels anschließender Wärmebehandlung wurden aus dem ge‐
gossenen Vormaterial zwei unterschiedliche Gefügezustände eingestellt. 

TAC‐2‐NL 
Einige Barren mit der bevorzugten Ausrichtung der Kolonien in Längsrichtung wurden dem 
heißisostatischen  Verdichten  (engl.:  Hot  Isostatic  Pressing)  HIP  bei  1290°C  unter  150  MPa 
Gasdruck und der Dauer von 2,5 Stunden ausgesetzt. Die gewählte Wärmebehandlungstem‐
peratur  liegt  noch  unterhalb  der  ‐Transustemperatur,  die  für  die  TAC‐2‐Legierung  mit 
1330°C bestimmt wurde [102]. Demzufolge fand bei dieser Behandlung keine Vergröberung 
der Kolonien statt. Positiver Nebeneffekt des HIP‐Verfahrens ist die Reduktion der Gussporo‐
sität, wodurch die Rissinitiierung aus den Poren vermieden werden kann. Das ursprünglich 
vollständig lamellare FL‐Gefüge wird bei dieser Prozedur in ein nahezu lamellares NL‐Gefüge 
umgewandelt. Zur besseren Differenzierung wird dieses Versuchsmaterial im weiteren Ver‐
lauf mit TAC‐2‐NL bezeichnet. Schliffbilder unterschiedlicher Vergrößerung veranschaulichen 
in Abb. 3‐1 die eingestellte Mikrostruktur, die sich zur besseren Kontrastierung der jeweili‐
gen Phasen im geätzten Zustand befindet. 
Charakterisierung untersuchter Legierungen  33 

a)  b)

 
Abb. 3‐1: Mikroschliffbilder des Versuchsmaterials TAC‐2‐NL bei unterschiedlicher Vergrö‐
ßerung 
 

Die  Mikrostruktur  besteht  zu  etwa  96%  aus  lamellaren  Kolonien  und  dementsprechend  zu 
4% aus globularen Ausscheidungen, die überwiegend entlang der Koloniegrenzen vorliegen. 
Die statistische Auswertung verdeutlicht in Abb. 3‐2 die lamellare Vorzugsausrichtung in Bar‐
renlängsrichtung und gibt Aufschluss über die Koloniegrößenverteilung. Definiert man   als 
den Winkel zwischen der Längsachse und der lateralen Kolonieorientierung, so befinden sich 
ca.  87%  der  Kolonien  in  dem  Winkelbereich   = 0‐30°.  Die  mittlere  Korngröße  der  ‐Phase 
liegt bei etwa 65 µm, während die mittlere Ausdehnung der Kolonien in Richtung der Lamel‐
len  in  etwa  die  Länge  von  170 µm  einnimmt.  Vereinzelt  kommen  auch  Kolonien  mit  einer 
Länge von über 750 µm vor, wodurch in Verbindung einer ungünstigen Orientierung ein kriti‐
sches Verhalten hinsichtlich der Rissinitiierung und ‐ausbreitung erwartet werden kann. 

a) b)

 
Abb. 3‐2: Statistische Auswertung über die Kolonien der TAC‐2‐NL Legierung: 
a) relative Häufigkeit der Kolonieausrichtung, b) relative Häufigkeit der Koloniegröße 
 

TAC‐2‐FL 
Andere Gussbarren des Vormaterials wurden einer Temperatur ausgesetzt, die oberhalb der 
‐Transustemperatur lag. Dadurch erfolgt zunächst eine Rücktransformation der Kolonien zu 
den  ‐Körnern,  so  dass  eine  Rekristallisation  und  Kornvergröberung  durchgeführt  werden 
konnte.  Während  der  anschließenden  Abkühlung  schieden  sich  erneut  ‐Lamellen  aus,  so 
34  Charakterisierung untersuchter Legierungen 

dass eine grob‐koloniale FL‐Mikrostruktur entstand (vgl. Abb. 3‐3). Dieses Versuchsmaterial 
wird im Weiteren mit TAC‐2‐FL bezeichnet. 

a)  b)

 
Abb. 3‐3: Mikroschliffbilder des Versuchsmaterials TAC‐2‐FL bei unterschiedlicher Vergrö‐
ßerung 
 

Die Mikrostruktur des TAC‐2‐FL‐Versuchsmaterials besteht mit etwa 98% zum überwiegen‐
den  Teil  aus  lamellaren  Kolonien.  Vereinzelte  globulare  ‐Körner  mit  der  mittleren  Größe 
von  etwa  40  µm  befinden  sich  an  Koloniegrenzen  sowie  teilweise  innerhalb  der  Kolonien. 
Durch die Wahl geeigneter Abkühlbedingungen für die Erstarrung der Schmelze und der an‐
schließenden Wärmebehandlung ist nun die Erstarrungstextur deutlich weniger ausgeprägt. 
Zwar  liegt  ein  Großteil  der  Kolonien  mit  ca.  41%  noch  im  Winkelbereich  von   =  0‐20°,  je‐
doch  ist  die  Ausrichtung  der  restlichen  Kolonien  in  etwa  gleichverteilt  (vgl.  Abb.  3‐4).  Die 
bevorzugte  Ausrichtung  der  Kolonien  in  Richtung  der  Längsachse  ist  nach  der  Rekristallisa‐
tion demnach nicht mehr so dominant. Die mittlere Länge der Kolonien in Richtung der La‐
mellen übertrifft mit etwa 475 µm um einiges das TAC‐2‐NL‐Versuchsmaterial. Einzelne Kolo‐
nien  haben  eine  Ausdehnung  von  bis  zu  1500  µm.  Diese  Legierung  bietet  somit  eine  sehr 
gute  Möglichkeit  um  die  Richtungsabhängigkeit  der  Nachbarkolonien  auf  die  Mikrorissaus‐
breitung näher zu untersuchen. 

a) b)

 
Abb. 3‐4: Statistische Auswertung über die Kolonien der TAC‐2‐FL Legierung: 
a) relative Häufigkeit der Kolonieausrichtung, b) relative Häufigkeit der Koloniegröße 
Charakterisierung untersuchter Legierungen  35 

Da  bei  den  beiden  Versuchsmaterialien  ursprünglich  die  gleiche  chemische  Zusammenset‐
zung des Vormaterials vorlag, ist in Tabelle 2 die genaue Chemieangabe des Herstellers ein‐
malig  aufgelistet.  Die  mechanischen  Eigenschaften  aus  dem  Zugversuch  variieren  dagegen 
und sind für beide Gefügezustände in Tabelle 3 zusammengefasst. 

Tabelle 2: Herstellerangaben zu der chem. Zusammensetzung der TAC‐2‐Legierung in At.% 
Ti  Al  V  Cr 
50,06  46,48  2,50  0,96 
 

Tabelle 3: Mechanische Eigenschaften der TAC‐2‐Versuchsmaterialien aus dem Zugversuch 
Versuchs‐ Zugfestigkeit  Dehngrenze Dehngrenze Bruchdehnung  E‐Modul 
material   [MPa]  ,  [MPa]  ,  [MPa]   [%]  [GPa] 
TAC‐2‐NL  505  314  431  0,79  175 
TAC‐2‐FL  394  227  352  0,41  163 
 

3.1.2 Ti‐43Al‐4Nb‐1Mo‐0,1B TNM‐B1 
Die  verhältnismäßig  neue  Gusslegierung  Ti‐43Al‐4Nb‐1Mo‐0,1B  wurde  mit  der  Zielsetzung 
einer  Verformungs‐  und  Verarbeitungsoptimierung  unter  Verwendung  des  thermodynami‐
schen Berechnungsprogramms CALPHAD entwickelt [36]. Dieses Ziel konnte durch die Stabi‐
lisierung der dritten Phase   mit den Elementen Nb und Mo erreicht werden. Oberhalb des 
Temperaturbereichs von etwa 1410‐1420°C ist der kristallographische krz‐Aufbau der  ‐Pha‐
se ungeordnet, d. h. die jeweiligen Atomplätze des Gitters werden nicht von Titan und Alu‐
minium favorisiert. Bei höheren Temperaturen wird dadurch die Gesamtduktilität des Mate‐
rials gesteigert, und die Umformung des gegossenen Bauteils ist möglich. Unterhalb dieses 
Temperaturbereichs ordnet sich der kristallographische Gitteraufbau an, und es entsteht die 
‐Phase  mit dem  aus  Kap.  2.1.2  bekannten  B2‐Kristallgitter. Durch  die  Anordnung  entste‐
hen kovalente Bindungsanteile, so dass Diffusionsprozesse und Versetzungsbewegung einge‐
schränkt werden und die geforderten Eigenschaften wie beispielsweise die Kriechbeständig‐
keit weiterhin auf einem guten Niveau bleiben. Um den üblichen Nachteilen des Gussprozes‐
ses, wie der Ausbildung einer Erstarrungstextur und der Kornvergröberung, gezielt entgegen‐
zuwirken, wird das Element Bor zulegiert. Direkt während des Erstarrungsvorgangs hat Bor 
neben Niob eine kornfeinende Wirkung [1, 62]. Desweiteren hemmt Bor durch die Bildung 
stabiler Dispersoide das Kornwachstum bei der Wärmebehandlung, da diese die Korngrenz‐
bewegungen behindern. In Verbindung mit dem Titan werden allerdings auch nadelförmige 
Titanboride mit einer Länge von ca. 2‐50 µm und einem Durchmesser von ca. 1‐5 µm ausge‐
schieden [8, 95]. 

Das  Untersuchungsmaterial  wurde  von  der  Firma  GfE  Metalle  und  Materialien  GmbH  in 
Nürnberg  zur  Verfügung  gestellt.  Die  Herstellung  erfolgte  durch  zweifaches  Schmelzen  im 
Vakuum‐Lichtbogen‐Ofen und dem anschließenden Abguss in keramische Formschalen. Zur 
36  Charakterisierung untersuchter Legierungen 

Verminderung  der  Gussporosität  wurden  die  Gussbarren  mit  einem  Durchmesser  von 
40 mm und einer Länge von 210 mm bei 1200°C und 200 MPa Gasdruck 4 Stunden heißiso‐
statisch nachverdichtet. Die Mikrostruktur der Legierung TNM‐B1 ist in Abb. 3‐5 anhand ge‐
ätzter Schliffbilder unterschiedlicher Vergrößerungen dargestellt. Sie besteht wiederum aus 
Kolonien der ‐ und  ‐Lamellen sowie Clustern der  ‐ und  ‐Phase, die bevorzugt entlang 
der Koloniegrenzen angelagert sind. An dieser Stelle wird der Begriff Cluster dem Begriff glo‐
bulares Korn bewusst vorgezogen, da die betroffenen Phasen recht komplexe geometrische 
Strukturen  aufweisen.  Einen  Einblick  über  diesen  Aufbau  verschafft  die  Detailansicht  aus 
dem  Rasterelektronenmikroskop  (REM)  in  Abb.  3‐5  b),  die  im  BSE‐Modus  bei  höherer  Ver‐
größerung erstellt wurde. Hier nimmt die  ‐Phase einen hellen und die dazwischenliegende 
‐Phase einen dunklen Grauwert an. 

BSE 
a)  b)

 
Abb. 3‐5: Mikroschliffbilder der Legierung TNM‐B1 bei unterschiedlicher Vergrößerung 
 

Den Schliffbildern kann entnommen werden, dass die Gesamtmorphologie in etwa zu  65% 
aus Kolonien, sowie zu  12% aus den  ‐ und zu 23% aus den  ‐Clustern besteht. Eine  Vor‐
zugsrichtung  der  Kolonien  ist  nicht  vorhanden,  d.  h.  sie  sind  näherungsweise  gleichverteilt 
angeordnet  (vgl.  Abb.  3‐6  a)).  Ihre  Ausdehnung  beträgt  im  Durchschnitt  etwa  165  µm,  ob‐
gleich einige Kolonien auch Dimensionen von etwas mehr als 500 µm erreichen. Auf die An‐
gabe der typischen Clustergröße der beiden  ‐ und  ‐Phasen wird an dieser Stelle verzich‐
tet, da sie aufgrund der komplexen Geometrie irreführend und nicht zweckmäßig wäre. Bei 
dieser Legierung gibt es aufgrund der nahezu gleichverteilten Ausrichtung der Kolonien und 
einer  gewissen  Variation  der  Koloniegröße  gute  Möglichkeiten  zur  Analyse  übergreifender 
richtungsabhängiger  Schädigungsentwicklungen  und  der  Einflussnahme  der  Cluster  beider 
Phasen. 

 
Charakterisierung untersuchter Legierungen  37 

a) b)

 
Abb. 3‐6: Statistische Auswertung über die Kolonien der TNM‐B1 Legierung: 
a) relative Häufigkeit der Kolonieausrichtung, b) relative Häufigkeit der Koloniegröße 
 

Die Angaben des Herstellers über die genauere chemische Zusammensetzung des Vormateri‐
als sind in Tabelle 4 aufgelistet. Die mechanischen Eigenschaften aus dem Zugversuch sind 
für die vorliegende Legierung TNM‐B1 in Tabelle 5 zusammengefasst. 

Tabelle 4: Herstellerangaben zu der chem. Zusammensetzung der TNM‐B1‐Legierung in 
At.% 
Ti  Al  Nb  Mo  B 
51,57  43,38  4,06  0,90  0,09 
 

Tabelle 5: Mechanische Eigenschaften der TNM‐B1‐Legierung aus dem Zugversuch 
Zugfestigkeit  Dehngrenze  Dehngrenze  Bruchdehnung  E‐Modul 
 [MPa]  ,  [MPa]  ,  [MPa]   [%]  [GPa] 
633  421  ‐  0,11  173 
 

3.1.3 Ti‐45Al‐5Nb‐0,2C‐0,2B TNB‐V5 
Die  Legierung  Ti‐45Al‐5Nb‐0,2C‐0,2B  mit  der  allgemeinen  Bezeichnung  TNB‐V5  ist  Gegen‐
stand der Forschungsarbeiten der Arbeitsgruppe vom Prof. Maier (Lehrstuhl für Werkstoff‐
kunde)  an  der  Universität  Paderborn.  Aufgrund  durchgeführter  Kooperationsarbeiten  wird 
sie unter einigen Vergleichsaspekten in diese Arbeit aufgenommen und soll an dieser Stelle 
kurz eingeführt werden. Ursprünglich stammt die Legierung von der Plansee Group und wur‐
de schmelzmetallurgisch hergestellt. Im Anschluss wurden die Gussbarren bei einer Tempe‐
ratur von 1199°C und einer Vorschubgeschwindigkeit von 12 mm/s mit einem Verhältnis von 
11:1 stranggepresst. Das entstandene Duplexgefüge zeigt einen vergleichsweise hohen An‐
teil (ca. 80%) an Kolonien sowie außerordentlich kleine globulare  ‐Körner entlang der Kolo‐
niegrenzen auf (vgl. Abb. 3‐7). Die Koloniegröße konnte durch den Umformprozess und die 
nachfolgende Wärmebehandlung deutlich verkleinert werden. Sie liegt im Durchschnitt bei 
38  Charakterisierung untersuchter Legierungen 

etwa 60 µm. Die Ausdehnung der Körner hat dagegen einen Durchschnittswert von lediglich 
etwa 10 µm. Einige Bereiche weisen eine Agglomeration wesentlich feinerer Körner auf, wie 
es die rasterelektronische Aufnahme im SEM‐Modus in Abb. 3‐7 b) verdeutlicht. 

SEM 
a)  b)

 
Abb. 3‐7: Mikroschliffbilder der Legierung TNB‐V5 bei unterschiedlicher Vergrößerung 
 

Tabelle 6 gibt die vom Hersteller ermittelte genaue chemische Zusammensetzung des Ver‐
suchswerkstoffs wieder. Kennwerte aus dem Zugversuch können hingegen aus Tabelle 7 ent‐
nommen werden. 

Tabelle 6: Herstellerangaben zu der chem. Zusammensetzung der TNB‐V5‐Legierung in 
At.% 
Ti  Al  Nb  C  B 
49,25  45,30  4,98  0,24  0,23 
 

Tabelle 7: Mechanische Eigenschaften der TNB‐V5‐Legierung aus dem Zugversuch 
Zugfestigkeit  Dehngrenze  Dehngrenze  Bruchdehnung  E‐Modul 
 [MPa]  ,  [MPa]  ,  [MPa]   [%]  [GPa] 
898  672  805  1,53  152 
 

3.2 Analysen zur chemischen Zusammensetzung einzelner Phasen 
Die Kenntnis über die chemische Zusammensetzung vorliegender Phasen ist als Referenz für 
spätere Spektralanalysen erforderlich. Ihre Bestimmung erfolgte mittels der EDX‐Analysen in 
Verbindung  mit  einem  Rasterelektronenmikroskop.  Bei  diesem  Verfahren  muss  beachtet 
werden, dass die räumliche Ausdehnung des angeregten Volumens mitunter von der Primär‐
energie abhängt und im Allgemeinen bei etwa 1‐3 µm liegt. Daher ist insbesondere bei der 
Analyse der relativ feinen Lamellen mit Einschränkungen zu rechnen. Genauere Angaben zu 
Charakterisierung untersuchter Legierungen  39 

der Eindringtiefe der Primärelektronen   lassen sich elementspezifisch nach der folgenden 
empirischen Beziehung von Kanaya et al. machen [103]: 

0,0276 ⋅ A ⋅ E0
5/ 3
Re = [µm] .   (3‐1) 
ρ ⋅ Z 8/9

Hier ist   die Atommasse in [g/mol],   die Dichte in [g/cm³] und   die dimensionslose  Ord‐


nungszahl  des  untersuchenden  Elements,  während   die  Energie  des  Primärstrahls  in  [kV] 
darstellt. Die Berechnung für Verbindungen unterschiedlicher Elemente kann durch die mitt‐
lere Ordnungszahl   und Atommasse   angepasst werden, die wie folgt ermittelt werden:  

Z = ∑ χ j ⋅ Z j        (3‐2) 
j

A = ∑ χ j ⋅ A j .      (3‐3) 
j

Dabei wird   als die Ordnungszahl,   als Atommasse und   als Stoffmengenanteil des Ele‐


ments   definiert.  Demnach  lässt  sich  die  Ausdehnung  des  angeregten  Volumens  für  reine 
Elemente sowie für idealisierte stöchiometrische Zusammensetzungen Ti3Al und TiAl beider 
Phasen  in  Abhängigkeit  der  Primärenergie  entsprechend  Abb.  3‐8  angeben.  Grundlage  der 
Berechnung  beider  Phasen  ist  die  mittlere,  der  Literatur  [104]  entnommene  Dichte  von 
 = 3,8 g/cm³ und   =  4,4 g/cm³. Auf die graphische Darstellung der Funktion für die  ‐
Phase wird an dieser Stelle verzichtet, da diese in etwa der für die  ‐Phase entspricht. 

 
Abb. 3‐8: Eindringtiefe   der Elektronen für Elemente Ti und Al, sowie für Phasen   und 
 in Abhängigkeit der Energie des Elektronenstrahls 
 

Eine höhere Ortsauflösung kann insofern mit weiter abnehmender Energie erreicht werden. 
Es existieren allerdings auch Limits, die zur Erfüllung der Messgenauigkeit eingehalten wer‐
den müssen. Eine gute Qualität der Messergebnisse wird bei der Ionisierung der inneren K‐
Schale  erzielt.  Desweiteren  sollte  die  eingestellte  Primärenergie   für  die  optimale  Anre‐
gung  der  betrachteten  Schale  das  Dreifache  der  kritischen  Anregungsenergie   betragen. 
40  Charakterisierung untersuchter Legierungen 

Als  Mindestgröße  für  dieses  Überspannungsverhältnis  ⁄  wird  in  der  Praxis  der 
Wert  2  empfohlen  [105].  Ausgehend  von  den  kritischen  Anregungsenergien  der  K‐Schalen 
beider  Hauptlegierungselemente  Titan  und  Aluminium  mit  ,  = 4,51 keV  und 
,  = 1,49 keV  wird für die Messung der chemischen Zusammensetzung innerhalb der La‐
mellen des Untersuchungswerkstoffs TAC‐2‐NL die Primärenergie auf   = 10 kV festgelegt. 
Die Ausdehnung des angeregten Volumens beträgt in diesem Fall etwa  ,  = 0,9 µm  und 
,  = 1,0 µm. Bei der Messung wurde dieser Umstand mit der Wahl äußerst breiter Lamel‐
len berücksichtigt. Die Analysebedingungen bei den globularen  ‐Körnern in TAC‐2‐NL, sowie 
bei den  ‐ und  ‐Clustern in TNM‐B1 sind dagegen aufgrund ihrer Größe unkritisch. In die‐
sem Fall wurde die Primärenergie mit   = 20 kV gewählt, um auch die Anteile anderer Le‐
gierungselemente  mit  höherer  Ordnungszahl  bestimmen  zu  können.  Aus  dem  gleichen 
Grund wurde die höhere Energie auch bei der Lamellenanalyse in TNM‐B1 gewählt, wo par‐
tiell  breitere  Lamellen  vorlagen.  Die  Ergebnisse  der  EDX‐Analysen  sind  in  Tabelle  8  zusam‐
mengefasst. 

Tabelle 8: Mittlere chemische Zusammensetzung vorliegender Phasen in At.% aus EDX‐
Analysen 
Breite   
Werkstoff  Phase  Ti  Al  Cr  V  Nb  M 
 [µm]  [kV] 
‐Lamellen  1,25  58,42  41,58  ‐  ‐  ‐  ‐ 
10 
TAC‐2‐NL  ‐Lamellen  2,15  51,50  48,50  ‐  ‐  ‐  ‐ 
‐Körner  > 10  20  53,20  43,61  1,02  2,17  ‐  ‐ 
‐Lamellen  3,50  55,91  38,95  ‐  ‐  4,18  0,96 
‐Lamellen  6,85  51,13  43,51  ‐  ‐  4,28  1,08 
TNM‐B1  ‐Cluster  > 10  20  44,84  49,54  ‐  ‐  4,70  0,92 
‐Cluster  > 10  53,88  37,18  ‐  ‐  5,78  3,16 
Ti‐boride*  2,25  83,43  1,59  ‐  ‐  12,76  2,22 
‐  Bei der Messung nicht erfasst.
*
 Auf die Angabe von Bor wird verzichtet, da aufgrund des leichten Gewichts die Messung mit Fehler behaftet sein kann. 
 

Bis auf eine geringfügige Abweichung der chemische Zusammensetzung der  ‐Lamelle sind 
die Ergebnisse in guter Übereinstimmung mit den Angaben aus der Literatur für ähnliche Le‐
gierungen. Diese stammen zum einen aus EDX‐Messungen an globular eingestelltem Gefüge 
[35,  106‐108],  was  die  Analysebedingungen  durch  die  Korngröße  verbessert,  zum  anderen 
aus  einer  wesentlich  genaueren  Messung  mit  der  dreidimensionalen  Atomsonde  (engl.: 
Three Dimensional Atom Probe) 3DAP [109]. Die durchgeführte 3DAP‐Analyse hatte die Be‐
stimmung ortsaufgelöster Elementverteilung innerhalb einzelner Lamellen zum Ziel. Die ge‐
mittelten Angaben über die jeweiligen Lamellen sind in Tabelle 9 für die in [109] untersuchte 
Legierung zusammengefasst. Das prozentuelle atomare Verhältnis von Ti und Al liegt in die‐
sem Fall auch bei der  ‐Phase innerhalb des aus dem Phasendiagramm bekannten Homo‐
genitätsbereichs. 

 
Charakterisierung untersuchter Legierungen  41 

Tabelle 9: Chem. Zusammensetzung innerhalb der Lamellen in At.%, aus Literaturangaben 
[109] 
Legierung: Ti‐46,5Al‐1,5Cr‐0,5Mn‐3Nb‐0,2W‐0,2Hf‐0,2Zr‐0,2B‐0,2C‐0,2O 
Phase  Ti  Al  Cr  Mn  Nb  O  C  Zr 
‐Lamelle  59,20  32,41  2,61  0,81  2,56  1,12  0,61  0,21 
‐Lamelle  49,94  43,93  1,76  0,63  3,13  0,08  0,15  0,28 
 

Die im Rahmen der vorliegenden Arbeit gemessene chemische Zusammensetzung innerhalb 
der  Lamellen  kann  somit,  trotz  der  Wahl  außerordentlich  breiter  Lamellen,  nur  als  Nähe‐
rungsangabe  gewertet  werden.  Die  Begründung  liegt  in  ihrer  ungewissen  räumlichen  Aus‐
richtung. Bei einer zu starken Schräglage ist eine Mittelung über mehrere Phasen zu erwar‐
ten,  wenn  die  Ausdehnung  des  angeregten  Volumens  die  Breite  der  zu  messende  Lamelle 
übersteigt. Eine exemplarische Monte‐Carlo‐Simulation, dargestellt in Abb. 3‐9, verdeutlicht 
diesen  Sachverhalt.  Hierbei  wurde  zunächst  die  Wechselwirkung  der  Primärelektronen  mit 
dem  Probenvolumen,  bestehend  aus  der  ‐Phase,  bei  der  gewählten  Primärenergie  von 
 = 10 kV bestimmt. Die Vereinfachung des Modells auf die  ‐Phase ist aufgrund der gerin‐
gen  Abweichung  von  nur  10%  zu  der  ‐Phase  legitim.  Dem  Ergebnis  der  Simulation  kann 
nun die mikrostrukturelle Abbildung so überlagert werden, dass der Primärelektronenstrahl 
mittig  zu  der  oberflächlich  sichtbaren  Lamelle  platziert  wird.  In  Abb.  3‐9  wurde  beispiels‐
weise eine räumliche Neigung von   = 45° und eine lateralen Breite der zu untersuchenden 
‐Lamelle von   = 1 µm angenommen. In diesem Fall kommt es zu einer signifikanten Über‐
schneidung mit der benachbarten Phase, so dass das Messergebnis verfälscht wird. 

 
Abb.  3‐9:  Monte‐Carlo‐Simulation  des  angeregten  Volumens  der  γ‐Phase  bei   =  10  kV 
Primerstrahlung 
 
42  Experimentelle und bildverarbeitende Verfahren zur Bestimmung lokaler Schädigungsvorgänge 

4 Experimentelle und bildverarbeitende Verfahren zur Bestimmung lokaler 
Schädigungsvorgänge 
In diesem Kapitel werden Verfahren und Ansätze für die experimentelle Ermittlung des mi‐
krostrukturellen Einflusses bei der Rissinitiierung und ‐ausbreitung in  ‐TiAl‐Basislegierungen 
vorgestellt, die während der Forschungsarbeiten angewandt und optimiert wurden. 

Um die Schädigungsvorgänge an der Probenoberfläche qualitativ und quantitativ zu bewer‐
ten, wurden quasistatische und dynamische Experimente mit dem gleichzeitigen Einsatz digi‐
taler Auflichtmikroskopie durchgeführt. Dabei ermöglicht ein automatischer dreidimensiona‐
ler  Verfahrmechanismus  bei  der  Durchführung  dynamischer  Experimente  das  periodische 
„Scannen“ über größere Bereiche, so dass bereits bei einer geringen Anzahl der Proben un‐
terschiedlichste  mikrostrukturelle  Konstellationen  erfasst  werden  konnten.  Die  erstellten 
Bildaufnahmen wurden post mortem analysiert und die Risse bruchmechanisch ausgewertet. 
Mit dem Einsatz des Grauwertbildanalyseverfahrens konnten desweiteren auch kleinste lo‐
kale Veränderungen in Abhängigkeit der Last bestimmt werden, womit der mikrostrukturelle 
Einfluss insbesondere bei der Rissinitiierung aufgezeigt werden konnte. Vor der eigentlichen 
Durchführung der Experimente wurden die Geometrien unterschiedlicher Probekörper unter 
Verwendung  der  Finite‐Elemente‐Methode  hinsichtlich  des  Spannungsverlaufs  optimiert. 
Dabei  musste  der  erforderliche  ebene  Bereich  für  den  Einsatz  der  Auflichtmikroskopie  mit 
geringer Schärfentiefe mitberücksichtigt werden. Eine Systematisierung der Untersuchungen 
wurde durch den Einsatz eines Femtosekundenlasers realisiert. Dadurch können gerichtete, 
mikrostrukturell kleine Starterkerben eingebracht werden, die als künstliche Defekte für lo‐
kale Spannungsüberhöhungen sorgen und zur Rissinitiierung führen. Zur Bewertung der drei‐
dimensionalen  Rissausbreitung  wurden  gleichzeitig  mehrere  Ansätze  verfolgt.  Zum  einen 
wurden die Bruchflächen mit dem Rasterelektronenmikroskop analysiert, um daraus den mi‐
krostrukturellen Einfluss insbesondere in der näheren Umgebung des Rissursprungsortes zu 
erfassen. Zum anderen wurden ausgewählte Oberflächenmikrorisse mit einem fokussierten 
Ionenstrahl (engl.: Focused Ion Beam) FIB in die Tiefe aufgeschnitten, so dass der räumliche 
Verlauf  des  Risses  und  die  Interaktion  mit  den  angrenzenden  Phasen  an  der  Schnittebene 
begutachtet  werden  konnte.  Im  dritten  Ansatz  wurden  Vorarbeiten  zur  Entwicklung  eines 
schnellen dreidimensionalen Mikrorissabbildungsverfahrens geleistet, welches auf der Fem‐
tosekundenlaserspektroskopie  basiert.  Durch  die  gleichzeitige  Bestimmung  des  räumlichen 
Rissverlaufs und der vorliegenden Phasen innerhalb größerer Bereiche wird in dieser Tech‐
nologie  eine  effiziente  und  zur  Röntgentomographie  im  Synchrotron  konkurrierende  Mög‐
lichkeit der 3D‐Rissanalyse gesehen. 

4.1 Einsatz der digitalen Kreuzkorrelationsanalyse an Grauwertbildern 
Das  eingesetzte  Grauwertbildanalyseverfahren  (engl.:  Digital  Image  Correlation)  DIC  dient 
der  Bestimmung  lokaler,  parallel  zur  Bildebene  liegender  Dehnungskomponenten  von  me‐
chanisch  belasteten  Proben.  Hierzu  wurde  das  kommerziell  verfügbare  Programm  VEDDAC 
5.0 der Firma Chemnitzer Werkstoffmechanik GmbH herangezogen. Die Berechnung basiert 
Experimentelle und bildverarbeitende Verfahren zur Bestimmung lokaler Schädigungsvorgänge  43 

auf  einem  zweidimensionalen  Kreuzkorrelationsalgorithmus,  wobei  zunächst  lokale  Ver‐


schiebungen   und   aus dem Mustervergleich kleiner Bildausschnitte innerhalb von zwei 
digitalisierten  Grauwertbildern  (8‐bit)  eines  Untersuchungsobjekts  bestimmt  werden  [110]. 
In  der  Anwendung  wird  um  jede  benutzerdefinierte  Messposition  innerhalb  des  Bildes  mit 
dem  Ausgangszustand  ein  Referenzfeld  bestimmter  Größe   x   gelegt.  Der  Bildinhalt  als 
Muster  wird  mit  dem  Inhalt  des  Vergleichsbilds  innerhalb  einer  definierten  Messfeldgröße 
 x   verglichen und ein Korrelationsfaktor errechnet. Dieser steigt mit zunehmend besse‐
rer Übereinstimmung des Musters und nimmt bestenfalls den Wert 1 an. Der Translations‐
berechnung einer Messposition wird der höchste Korrelationsfaktor zugrunde gelegt und das 
Ergebnis subpixelgenau in Vektorform angegeben. Abb. 4‐1 verdeutlicht diesen Zusammen‐
hang.  Aus  der  Ableitung  der  Verschiebungen  können  schließlich  die  Dehnungen  und  Sche‐
rungen berechnet und farbcodiert wiedergegeben werden. 


 
Abb.  4‐1:  2D‐Kreuzkorrelationsanalyse  eines  Referenzfelds  um  den  Messpunkt  ,  zwi‐
schen dem Ausgangsbild und dem Vergleichsbild 
 

Die Vorausetzung für gute Korrelationsfaktoren ist, dass die Bilder der Objektoberfläche eine 
lokale  Eigenstruktur  mit  ausreichender  Auflösung,  gutem  Kontrast  und  Detailreichtum  auf‐
weisen. Für die Untersuchung der  ‐TiAl‐Basislegierungen hat sich diesbezüglich eine leicht 
geätzte  Oberfläche  als  vorteilhaft  erwiesen.  Desweiteren  werden  für  optimale  Ergebnisse 
eine  hohe  Bildauflösung,  eine  gleichmäßige  und  gleichbleibende  Beleuchtung  und  wenn 
möglich  eine  zur  Objektebene  parallele  Bildebene  benötigt.  Bei  der  Durchführung  der 
Messung  ist  zudem  darauf  zu  achten,  dass  die  Objektoberfläche  nicht  durch  periodische 
Kratzer oder Oberflächenmuster beeinträchtigt ist, da diese zu systematischen Messfehlern 
mit  der  ‐fachen  Dimension  der  jeweiligen  Periodizität  führen  [111].  Diese  Gefahr  besteht 
bei dem lamellaren Aufbau nicht, obgleich sie auf den ersten Blick ein periodisches Muster 
aufweisen. Aus mikroskopischer Sicht liegt jedoch ein unverkennbares Muster vor, da die La‐
mellen  bei  dem  Ätzvorgang  unterschiedlich  stark  angegriffen  werden  und  zudem  unter‐
schiedliche Breiten aufweisen. Ferner kann eine zu starke Änderung der optischen Oberflä‐
chenstruktur  (z.  B.  durch  Oxidationsprozesse)  dazu  führen,  dass  der  Kreuzkorrelationsalgo‐
rithmus die gesuchten Oberflächenbereiche nicht mehr eindeutig wieder finden kann. Dies‐
bezüglich ist der Einsatz der DIC‐Analyse bei Raumtemperaturexperimenten an  ‐TiAl‐Legie‐
rungen unbeschränkt, da keine signifikanten Oxidationsprozesse stattfinden. 
44  Experimentelle und bildverarbeitende Verfahren zur Bestimmung lokaler Schädigungsvorgänge 

Für die Berechnung ist die Wahl der Referenzfeldgröße wichtig, da sie über das laterale Auf‐
lösungsvermögen entscheidet. Dabei gilt, je kleiner sie ist, desto lokaler kann gerechnet wer‐
den. Bei zu geringer Größe beinhaltet allerdings das Muster zu wenige Ortsinformationen, so 
dass  der  höchste  Korrelationsfaktor  an  einer  falschen  Stelle  berechnet  werden  kann,  was 
schließlich in der Fehlauswertung mündet. Bei groß gewählter Referenzfeldgröße ergibt sich 
eine  Unschärfe  der  Verschiebungsvektoren,  da  übergreifende  Bildinformationen  in  die  Be‐
rechnung  aufgenommen  werden  [110].  Hier  muss  also  ein  Kompromiss  gefunden  werden, 
der von dem Muster und der Auflösung abhängig ist. Eine Möglichkeit zur Angleichung loka‐
ler Fehlauswertungen bietet der Einsatz eines Vektor‐Median‐Filters, der in ähnlicher Form 
in der Filterung der RGB‐Farbbilder Verwendung findet [112]. Die Filterung kann sowohl über 
die Verschiebungs‐ wie auch Dehnungsvektoren erfolgen, wobei an dieser Stelle die Vorge‐
hensweise am Beispiel der Verschiebungsvektoren demonstriert werden soll. Nach der Fest‐
legung der Filtergröße und der resultierenden Anzahl der einfließenden Messpunkte   wird 
der  Verschiebungsvektor  ,  des  in  der  Filtermatrix  zentral  liegenden  Messpunktes 
durch den Vektor‐Median   ersetzt. Dabei wird  1, … ,  so gewählt, dass die Summe 
der Vektordifferenzen zu allen anderen zu berücksichtigenden Vektoren der Nachbarschaft 
minimal ist. 
n n
r r r r
∑k =1
um − u k < ∑ u j − u k  
k =1
∀j ≠ m , j = 1, K , n     (4‐1) 

Die  Anwendung  des  Vektor‐Median‐Filters  ist  insbesondere  dann  interessant,  wenn  wäh‐
rend der Experimentdurchführung lokale Bildstörungen bei Bildaufnahmen auftreten. Diese 
könnten beispielsweise durch Staubpartikel, die sich auf der Probenoberfläche ablegen, her‐
vorgerufen werden. In diesem Fall gilt für die Anwendung, dass die Bildartefakte nicht grö‐
ßer sein dürfen als die zu detektierende reale Veränderung des betrachteten Objekts. 

4.2 Durchführung von in‐situ Experimenten 

4.2.1 Quasistatische Belastung bei Raumtemperatur 
Schädigungsvorgänge unter monotoner Belastung wurden an der Probenoberfläche mit dem 
kombinierten Aufbau eines Zug‐Druck‐Moduls der Firma Kammrath & Weiss GmbH und ei‐
nes digitalen Mikroskops der Firma Keyence Corporation ermittelt. Das Modul ist für Lasten 
von 5 kN ausgelegt und ist in Abb. 4‐2 a) dargestellt. Aufgrund der ursprünglichen Konzep‐
tion für den Einsatz im REM mit limitierten Platzverhältnissen ist das Moduls mit den Maßen 
von 230x120x61 mm (LxBxH) vergleichsweise kompakt, so dass kleine Flachproben der Form 
A  und  C  (vgl.  Kap.  4.3.1)  verwendet  wurden.  Ein  auf  der  Probenrückseite  applizierter  Deh‐
nungsmessstreifen  (DMS)  verhalf  der  Bestimmung  und  Minimierung  des  Biegeanteils  wäh‐
rend  des  Einspannvorgangs.  Aufgrund  der  begrenzten  Fertigungsgenauigkeit  verwendeter 
Spannzeuge  lässt  sich  zwar  der  Biegeanteil  nicht  vollständig  eliminieren,  wurde  jedoch  bei 
allen Experimenten durch das sorgfältige Ausrichten ‐ unter Verwendung dünner Distanzble‐
che ‐ in mehreren Iterationsschritten auf unter 3% der Zugfestigkeit eingestellt. Diese Grö‐
Experimentelle und bildverarbeitende Verfahren zur Bestimmung lokaler Schädigungsvorgänge  45 

ßenordnung ist insofern vertretbar, da in der gesamten Messkette üblicherweise Fehler die‐
ses Ausmaßes erwartet und toleriert werden müssen. 

Vor der Durchführung der Experimente wurde das Modul hinsichtlich seiner Steifigkeit über‐
prüft, so dass eine gleichförmige Lasteinleitung sichergestellt werden konnte. Hierfür wurde 
eine Probe des Versuchsmaterials TAC‐2‐NL eingespannt und eine Zuglast von 400 MPa auf‐
gebracht.  Anhand  der  mikroskopischen  Bildaufnahmen  wurden  die  örtlichen  lateralen  Ver‐
schiebungen an der Probenoberfläche mit dem in Kapitel 4.1 beschriebenen DIC‐Verfahren 
bestimmt. Die Ergebnisse sind in Abb. 4‐2 b) mit weißen Verschiebungsvektoren verdeutlicht. 
Diese sind zwecks besserer Veranschaulichung mit dem Faktor 25 skaliert. Bis auf die gering‐
fügig stärkere Querkontraktion im rechten Bildrand kann insgesamt von einer recht homoge‐
nen lateralen Lasteinleitung gesprochen werden. Die Unterschiede auf der linken und rech‐
ten Seite sind vermutlich auf die einsetzende makroskopisch plastische Deformation zurück‐
zuführen, da die gewählte Last nahe der Dehngrenze  ,  dieses Materials liegt. Aufgrund 
der verhältnismäßig groben Mikrostruktur und der starken Verformungsanisotropie sind die 
Unterschiede  dieser  Größenordnung  zu  erwarten.  Aus  demselben  Grund  entstehen  auch 
vereinzelt Sprünge zwischen benachbarten Vektoren sowie ein geschwungener Gesamtver‐
lauf. 

a)  b)

 
Abb. 4‐2: a) Zug‐Druck‐Modul mit eingespannter Probe, b) Verschiebungsvektoren (25‐fach 
skaliert) bei 400 MPa Zuglast 
 

Mit diesem Aufbau können somit unter kontrollierten Bedingungen mikrostrukturelle, last‐
abhängige Veränderungen an der Probenoberfläche beobachtet und mittels des DIC‐Verfah‐
rens qualitativ sowie quantitativ beschrieben werden. 

4.2.2 Ermüdung bei Raumtemperatur 
Die  in‐situ  Ermüdungsversuche  wurden  bei  Raumtemperatur  an  mehreren  servo‐hydrauli‐
schen  Standard‐Prüfmaschinen  in  Verbindung  mit  einem  langreichweitigen  Mikroskop  der 
Firma Hirox Asia Ltd. durchgeführt. Das Mikroskop hat eine maximale Vergrößerung von 750 
sowie einen Arbeitsabstand von 46,2 mm und ist zusammen mit einer angeschlossenen CCD‐
46  Experimentelle und bildverarbeitende Verfahren zur Bestimmung lokaler Schädigungsvorgänge 

Kamera mit der Auflösung von 1391x1023 Pixel auf einem programmgesteuerten dreiachsi‐
gen Verschiebetisch der Firma LaVision GmbH montiert (vgl. Abb. 4‐3). Durch diese Mobilität 
lassen  sich  während  des  Experiments  große  Areale  beobachten  und  analysieren,  ohne  die 
Probe aus der Maschine ausspannen zu müssen. Dieser neuartige Aufbau hat insofern einen 
entscheidenden Vorteil gegenüber der etablierten Replikatechnik, bei der die Schädigungs‐
vorgänge eher post mortem analysiert werden können, sowie gegenüber einem starr aufge‐
bauten Mikroskop, bei dem nur ein kleiner Ausschnitt observiert werden kann. 

 
Abb. 4‐3: Schematischer Versuchsaufbau für in‐situ Ermüdungsexperimente 
 

Während des Versuchs wird die Prüfmaschine nach einer definierten Anzahl der Lastzyklen 
angehalten  und  ein  größeres  Areal  matrixartig  fotografiert.  Einzelne  Bildsequenzen  liefern 
dabei die last‐ und zyklenabhängige mikrostrukturelle Veränderung an der Probenoberfläche, 
so dass stattfindende Schädigungsvorgänge detailiert analysiert werden können. Entwicklun‐
gen über größere Bereiche können durch das Zusammenfügen mehrerer nebeneinander lie‐
gender  Bilder  nachvollzogen  werden,  wofür  eine  ausreichende  Überlappung  vorgesehen 
wird. 

Zum Einspannen der Proben wurden hydraulische Spannzeuge verwendet, die für Rundpro‐
ben ausgelegt sind. In regelmäßigen Abständen werden diese standardmäßig überprüft und 
kalibriert, so dass der Biegeanteil marginal ist. Dennoch wurde auf der Probenrückseite im‐
mer ein DMS appliziert, der zum einen der Kontrolle und zum anderen der Aufzeichnung von 
Spannungs‐Dehnungs‐Hysteresen diente. Im späteren Verlauf der Forschungsarbeit wurden 
kleine Flachproben der Form C und D (vgl. Kap. 4.3.1) benutzt, deren Einspannung über eine 
Adapterkonstruktion realisiert wurde. In Analogie zum Zug‐Druck‐Modul wurde hierbei der 
Biegeanteil durch die Anpassung mit dünnen Distanzblechen minimiert. 

Die  Ermüdung  der  Proben  erfolgte  durch  kraftgesteuerte  sinusförmige  Belastung  mit  einer 
Frequenz von   = 5‐20 Hz und einem Spannungsverhältnis von   = ‐1. Der erste vollständige 
Scan eines ausgewählten Bereichs wurde vor dem Start im entlasteten Zustand durchgeführt, 
der zweite nach nur wenigen Zyklen. Der relativ kurze Abstand zu Beginn der Ermüdung wur‐
de gewählt, um auch frühzeitige Schädigungsvorgänge festzuhalten. Die Dauer weiterer In‐
tervalle wurde in Abhängigkeit der Ereignisse festgelegt. Mitunter wurde während des Scan‐
vorgangs  eine  statische  Last  aufgebracht,  die  in  etwa  dem  0,5‐fachen  der  zyklischen  Maxi‐
malnennspannung  entsprach  und  sicher  im  linear‐elastischen  Bereich  der  Spannungs‐Deh‐
Experimentelle und bildverarbeitende Verfahren zur Bestimmung lokaler Schädigungsvorgänge  47 

nungs‐Kurve lag. Damit wurden auch kleinste Mikrorisse leicht geöffnet, so dass eine sichere 
Erkennung gewährleistet werden konnte. 

Bei  den  ersten  Ermüdungsexperimenten  wurde  der  Zeitfestigkeitsbereich  angestrebt,  was 


allerdings  bei  den  untersuchten  spröden  ‐TiAl‐Legierungen  mit  einem  wesentlichen  Nach‐
teil  verbunden  war.  Infolge  der  geringeren  Belastung  lokalisieren  sich  die  Schädigungsvor‐
gänge offensichtlich auf vereinzelte, günstig gelegene Stellen, die durchaus auch in dem Pro‐
beninneren liegen können. In Verbindung mit einer starken Variation der Lebensdauer und 
einer zunehmend größer gewählten Intervalldauer zwischen den Scans konnte der entschei‐
dende  Moment  des  Mikrorisswachstums  selten  eingefangen  werden.  Die  Proben  brachen 
vielfach unerwartet, scheinbar ohne einer vorher sichtbaren, signifikanten Rissausbreitung. 
Bruchflächenanalysen offenbarten in vielen Fällen zyklischer Ermüdung bei geringerer Belas‐
tung, dass die bruchursächlichen Initiierungsorte im Probeninneren lagen. Das lässt sich mit 
einer höheren Wahrscheinlichkeit für die Aktivierung günstig gelegener Mikrostrukturen im 
Inneren erklären, da die Anzahl der Kolonien und Körner hier um einiges höher ist als derer 
die außen liegen. Aus diesem Grund wurde im weiteren Verlauf der Arbeit die Belastung be‐
vorzugt im Bereich zwischen der beiden Dehngrenzen  ,  und  ,  gewählt, was zu einer 
verbesserten Möglichkeit für die Observation von Schädigungsvorgängen geführt hat. 

4.3 Probengeometrie und ‐präparation 

4.3.1 Gestaltung der Probengeometrien 
Für die Beobachtung mikrostruktureller Schädigungsvorgänge wurden im Verlauf der Arbeit 
drei unterschiedliche Flachproben und eine Rundprobe mit jeweils verjüngtem Querschnitt 
im mittleren (Mess‐)Bereich entwickelt und eingesetzt. Ihre Abmessungen und Geometrien 
können den technischen Zeichnungen im Anhang A‐1 entnommen werden. Bei der Konzep‐
tion galt es folgende Anforderungen gleichzeitig zu erfüllen: 

‐ Berücksichtigung der Einspannbedingungen und Platzverhältnissen an den jeweiligen 
Prüfmaschinen (Zug‐Druck‐Modul, servo‐hydraulische Prüfmaschinen) 
‐ möglichst  ebene  Oberservationsfläche  für  den  Einsatz  eines  Auflichtmikroskops  mit 
geringer Schärfentiefe, sowie ihre Maximierung zwecks besserer Statistik zur Schädi‐
gungsentwicklung 
‐ Minimierung  geometriebedingter  Spannungsüberhöhungen  bzw.  Homogenisierung 
der Spannungsverteilung in dem Messbereich, damit hier aus makroskopischer Sicht 
gleiche Randbedingungen herrschen 
‐ Vermeidung  hoher  Spannungskonzentrationen außerhalb  des  Messbereichs  und  so‐
mit die Lokalisierung der Schädigungsaktivität auf den Oberservationsbereich 

Für die erfolgreiche Durchführung von in‐situ Experimenten ist die Spannungsverteilung in‐
nerhalb  der  Probe  das  entscheidende  Kriterium.  Ihre  Optimierung  fand  unter  Verwendung 
kommerzieller FEM‐Programme statt, wobei die Kerben der Form C und D an das vom Neu‐
ber  [113]  vorgestellte  Profil  angenähert  wurden.  Dieses  Profil,  dargestellt  in  Abb.  4‐4,  be‐
48  Experimentelle und bildverarbeitende Verfahren zur Bestimmung lokaler Schädigungsvorgänge 

zieht sich auf beidseitig symmetrisch angebrachte Außenkerben und wird durch die konfor‐
me Abbildung mit der analytischen Funktion 
w
z = f ( w) = sinh w + ∫ cosh 2 u0 + sinh 2 w dw   (4‐2) 
0

beschrieben. Dabei wird der komplexen Zahl   die komplexe Zahl   zuge‐


ordnet. An den mit  /2 gekennzeichneten Rändern gilt 
u
( f ) v=±π / 2 = ±i cosh u + ∫
u =0
cosh 2 u0 − cosh 2 u du .   (4‐3) 

Diese verlaufen mit ansteigender Krümmung, gemäß einem, elliptischer Funktion folgenden, 
Profil. Daraus resultiert unter Belastung eine konstante Randspannung. 

 
Abb.  4‐4:  Profil  einer  beidseitigen  symmetrischen  Außenkerbe  mit  konstanter  Randspan‐
nung [113] 
 

Die  inkrementelle  Annäherung  an  die  komplexe  Funktion  war  aus  Fertigungsgründen  an 
CNC‐Maschinen  erforderlich  und  wurde  durch  mehrere,  aufeinander  abgestimmte  Radien 
realisiert.  Resultierende  Spannungsverläufe  in  Richtung  der  Belastung,  sowie  die  Angaben 
der  Formzahlen   sind  in  Abb.  4‐5  dargestellt.  Die  Angaben  beziehen  sich  auf  eine  Nenn‐
spannung in dem mittleren Bereich von  100 . 

Die vereinfachte Form A wurde für die anfänglichen in‐situ Zug‐Druck‐Versuche verwendet, 
während  die  Form  B  für  Ermüdungsversuche  an  den  servo‐hydraulischen  Prüfmaschinen 
konzipiert wurde. Obgleich die Spannungsverteilung der Form B nahezu ideal und die Obser‐
vierungsfläche  ausreichend  ist,  hat  die  Probengröße  einen  entscheidenden  Nachteil.  Die 
Wahrscheinlichkeit für das Vorliegen von natürlichen Defekten wie z. B. Poren, die trotz des 
HIP‐Verfahrens  in  der  Probe  verbleiben  können,  sowie  von  ungünstig  orientierten  großen 
Kolonien nimmt mit dem Volumen zu. Bei den spröden  ‐TiAl‐Legierungen wirken diese als 
Rissinitiierungsstellen  und  können  zum  unerwartet  frühen  Versagen  führen.  Aus  diesem 
Grund wurden für die Ermüdungsversuche die Form C und D entwickelt. Durch die Annähe‐
rung der Kerbform nach Neuber konnte hier im direkten Vergleich zu der Form A die geome‐
Experimentelle und bildverarbeitende Verfahren zur Bestimmung lokaler Schädigungsvorgänge  49 

triebedingte Spannungsüberhöhung vermindert und gleichzeitig der Bereich nahezu homo‐
gener  Spannungsverteilung  signifikant  gesteigert  werden.  Bei  der  Gestaltung  der  Form  C 
wurde auch der Einsatz in dem Zug‐Druck‐Modul mitberücksichtigt, weshalb diese für eine 
kombinierte  Versuchsdurchführung  aus  anfänglicher  Laststeigerung  mit  monotoner  Belas‐
tung und anschließender Ermüdung an der servo‐hydraulischen Prüfmaschine ideal ist. Die 
Form  D  dagegen  diente  speziell  den  Ermüdungsversuchen  der  TAC‐2‐FL‐Legierung,  die  au‐
ßerordentlich großen Kolonien aufweist. Durch die gesteigerte Observationsfläch   kann 
eine brauchbare Anzahl der Kolonien erfasst werden. 

Form A  Form B  Form C Form D 

1,09 1,03 1,05


16 ² 33 ² 98 ²

1,03
75 ²  
Abb. 4‐5: Spannungsverteilung in  ‐Richtung verwendeter Probengeometrien, bestimmt 
aus FEM‐Berechnungen unter einachsiger Belastung von  , sowie die An‐
gabe jeweiliger Formzahl   und Observationsfläche   
 

4.3.2 Probenherstellung und ‐präparation 
Vor  der  Herstellung  der  Rundproben  mit  der  Form  B  wurden  die  Rundbarren  zunächst  in 
Viertelstücke in Richtung der Längsachse geteilt, woraus im Anschluss die Rundform gedreht 
wurde. Zur Erzeugung der mittig liegenden Kerben hat sich das Drahterodieren als das opti‐
male  Fertigungsverfahren  erwiesen.  Damit  kann  eine  präzise  Maß‐  und  Formgenauigkeit 
sowie eine geringe Oberflächenrauheit von bis zu   = 0,2 µm nach dem Feinschlichten er‐
reicht werden. Aus diesem Grund wurde das Drahterodieren auch für die vollständige Anfer‐
tigung der Flachproben mit der Form A, C und D eingesetzt. Bei den nachfolgenden Schleif‐ 
und  Polierarbeiten  wurde,  trotz  der  außerordentlich  guten  Oberflächengüte,  mit  dem  SiC‐
Schleifpapier der Körnung P400 nach FEPA begonnen. Damit sollte der Abtrag fertigungsbe‐
50  Experimentelle und bildverarbeitende Verfahren zur Bestimmung lokaler Schädigungsvorgänge 

dingter Resteigenspannungen sichergestellt werden. Nach der anschließend sukzessiven Ver‐
ringerung  der  Körnung  bis  auf  P4000,  erfolgte  der  letzte  Schritt  des  Polierens  mit  feinsten 
SiO2‐Partikeln  der  Politursuspension  MASTERMET®  2,  aufgetragen  auf  einem  speziellen 
Vliesstoff CHEMOMET® (beides der Firma Buehler GmbH). Dieser Schritt wurde solange fort‐
gesetzt, bis eine vollständig kratzerfreie Oberfläche gewehrleistet werden konnte. Die Kon‐
trastierung des Gefüges wird vorzugsweise durch die Behandlung der Schlifffläche mit einer 
geeigneten chemischen Ätzlösung erreicht. Im Rahmen dieser Arbeit wurde ein für Titan und 
Titanlegierungen universelles Ätzmittel nach Kroll verwendet [114], wobei es zum besseren 
Einstellen des Ätzgrades mit dem destillierten Wasser im Verhältnis 1:6 verdünnt wurde. Die 
Ätzdauer  lag  in  diesem  Fall  bei  5‐10  Sekunden.  Die  Zusammensetzung  der  Lösung  ist  in 
Tabelle 10 angegeben. 

Tabelle 10: Zusammensetzung des verwendeten chemischen Ätzmittels 
Hydrogennitrat (Salpetersäure)  Fluorwasserstoffsäure (Flusssäure)  destilliertes Wasser 
HNO3‐40%ig  HF‐65%ig  H2O 
1 ml  2 ml  300 ml 
 

Eine Kontrastierung ist, wie bereits in dem Kapitel 4.1 beschrieben, auch für den Einsatz der 
DIC‐Analyse erforderlich. Durch die Behandlung der Oberfläche mit diesem Ätzmittel konnte 
ein geeignetes "Muster" zur Bestimmung lokaler Dehnung dargeboten werden. Für die quan‐
titative Auswertung der Rissinitiierung ist dagegen eine polierte Probe vorteilhaft. In diesem 
Fall ist der Kontrast eines dunklen Risses zu der hellen homogenen Oberfläche am größten. 
Der Nachteil einer glatt polierten Fläche ist, dass die Korn‐ und Phasengrenzen kaum sicht‐
bar sind. Um diese dennoch erkennbar zu machen, wurden einige Proben nach der mechani‐
schen Politur elektrolytisch poliert. Hierfür wurde eine in Ethanol gelöste 5%ige Perchlorsäu‐
re verwendet, wobei der Abtrag ca. 60 Sekunden bei einer Spannung von 25 V, einem Strom 
von 0,54 A und der Temperatur von ‐20°C erfolgte. 

Bei  diesem  Vorgang  ist  der  elektrochemische  Abtrag  an  den  Korn‐  und  Phasengrenzen  ge‐
ringfügig stärker. Auch werden die jeweiligen Phasen unterschiedlich stark, jedoch homogen 
abgetragen. Dadurch können die einzelnen Körner und Kolonien inklusive der Lamellenaus‐
richtung  eindeutig  wiedererkannt  werden,  ohne  dass  der  Kontrast  signifikant  ansteigt.  Zur 
Verdeutlichung der unterschiedlichen Erscheinung ist in Abb. 4‐6 ein Ausschnitt des Untersu‐
chungswerkstoffs  TNM‐B1  im  elektrolytisch  polierten  und  anschließend  geätzten  Zustand 
dargestellt. Zum eindeutigen Identifizieren vorliegender Phasen wurde an diesem Ausschnitt 
die EDX‐Analyse ‐ entsprechend der in Kap. 3.2 ‐ durchgeführt. Im Detail kann festgehalten 
werden, dass die  ‐Phase beim Elektropolieren stärker abgetragen wird und auf den Bild‐
aufnahmen etwas tieferliegend erscheint. Dagegen greift das verwendete chemische Ätzmit‐
tel primär die  ‐Phase an und raut diese auf. Nach dem Ätzvorgang erscheint die  ‐Phase 
hervorstehend. 

 
Experimentelle und bildverarbeitende Verfahren zur Bestimmung lokaler Schädigungsvorgänge  51 

a)  b)  

 
Abb.  4‐6:  Auflichtmikroskopische  Aufnahmen  der  Oberflächenerscheinung  der  Legierung 
TNM‐B1 im a) elektrolytisch polierten und b) chemisch geätzten Zustand 
 
52  Materialbearbeitung und Phasenanalyse mit einem Ultrakurzpulslaser 

5 Materialbearbeitung und Phasenanalyse mit einem Ultrakurzpulslaser 
Der Einsatz der Lasertechnologie in der Materialbearbeitung gewinnt immer mehr an Bedeu‐
tung, allen voran in der Fein‐ und Mikrotechnik. Hinsichtlich der so genannten „kalten Ablati‐
on“ sind insbesondere die ultrakurzen Laserpulse mit der Pulsdauer im Femtosekundenbe‐
reich (1 fs = 10‐15 s) überragend, da sie beim Materialabtrag eine außergewöhnlich hohe Sub‐
mikrometergenauigkeit ermöglichen und die wärmebeeinflusste Randzone aufgrund der kur‐
zen Pulsdauer praktisch vernachlässigbar ist [115, 116]. Bei der Mikrostrukturierung mit der‐
art kurzen Pulsen wird ein Festkörper innerhalb des fokussierten Bereichs entweder direkt in 
eine Plasmaphase überführt oder verdampft, vorausgesetzt die Energiedichte übersteigt den 
Schwellenwert  für  einen  Abtrag.  Die  Präzision  steigt  mit  Verkürzung  der  Pulsdauer,  wobei 
eine hohe Spitzenleistung benötigt wird, die mit gepulst betriebenen Lasersystemen erreicht 
werden kann [117]. 

Trifft der fokussierte Laserpuls einen metallischen Festkörper, so wird  die Laserenergie zu‐
nächst überwiegend von den freien Elektronen absorbiert. Der Grund dafür liegt in ihrer ge‐
ringen Masse, die viel leichter in Bewegung versetzt werden kann. Erst im Anschluss wird die 
Energie auf das Kristallgitter übertragen, und zwar innerhalb von wenigen Pikosekunden. Ist 
der Energieeintrag in das Kristallgitter hoch genug, so wird der Festkörper in dem Fokusbe‐
reich  des  Lasers  in  ein  Plasma  überführt,  welches  sich  anschließend  schnell  in  Form  einer 
Wolke ausbreitet. Das von einem fs‐Laser induzierte Mikroplasma breitet sich dabei grund‐
sätzlich  eindimensional  aus,  d.  h.  weg  von  der  Probenoberfläche  [118].  Zusätzlich  gilt  auf‐
grund der ultrakurzen Pulse, dass die Energiediffusion in das Kristallgitter erst nach der Ein‐
wirkung  der  Laserstrahlung  erfolgt  [119].  Dadurch  wird  die  Wechselwirkung  des  expandie‐
renden  Mikroplasmas  mit  dem  Laserstrahl  vermieden,  so  dass  es  im  Vergleich  zum  Piko‐ 
oder  Nanosekundenlaser  zu  keiner  zusätzlichen  Aufheizung  infolge  der  hohen  Energieab‐
sorption  des  Plasmas  kommt  [120].  Die  fehlende  Absorption  der  Laserenergie  durch  das 
Plasma  hat  einen  entscheidenden  Vorteil:  bei  der  Materialbearbeitung  können  geringere 
Energien verwendet werden. Übersteigt die Fluenz des Lasers nicht wesentlich den Schwel‐
lenwert für die Ablation, so ist die Wärmeübertragung an das umgebende Material zu ver‐
nachlässigen und der Abtrag erfolgt ohne nennenswerte Schmelzprozesse sowie mit äußerst 
präzisen Grenzflächen [117, 121]. 

Das bei der Ablation entstandene Plasma weist eine Lumineszenzstrahlung auf, deren Emis‐
sionslinien  für  das  abgetragene  Material  charakteristisch  sind.  D.  h.  Frequenz/Wellenlänge 
und Intensität der Emissionslinien geben Aufschluss über die Elementzusammensetzung des 
Plasmavolumens [118]. Auf diese Weise kann eine Vielzahl chemischer Elemente innerhalb 
lokalisierter Bereiche in kurzer Zeit und unter atmosphärischen Bedingungen nachgewiesen 
werden [122]. Dieses Verfahren ist allgemein unter dem Begriff der laserinduzierten Plasma‐
spektroskopie (engl.: Laser‐Induced Breakdown Spectroscopy) kurz LIBS bekannt. In Verbin‐
dung mit der Ablationsgenauigkeit eines fs‐Lasers ist damit eine dreidimensionale hochauflö‐
sende  plasmabasierte  Mikroskopie  möglich  [123],  die  in  der  Materialwissenschaft  bei  der 
Anwendung auf Strukturwerkstoffe als vielversprechend für die räumliche Abbildung vorlie‐
gender Phasen und Materialdefekte scheint. 
Materialbearbeitung und Phasenanalyse mit einem Ultrakurzpulslaser  53 

Die Ablation oberflächiger Mikrostrukturen mit der Größenordnung im µm‐Bereich sowie die 
Phasenanalyse mit fs‐LIBS wurden in einer interdisziplinären, von der DFG geförderten For‐
schungsarbeit durchgeführt. Demzufolge werden im Folgenden Messergebnisse vorgestellt, 
die  im  Rahmen  der  Kooperation  zum  Teil  von  der  Arbeitsgruppe  „Experimentalphysik  III  – 
Femtosekundenspektroskopie und ultraschnelle Laserkontrolle“ unter der Leitung vom Prof. 
Baumert  an  der  Universität  Kassel  generiert  wurden.  Im  Einzelnen  enthält  Kap.  5.1  die 
grundlegenden  Arbeiten  der  Arbeitsgruppe  Experimentalphysik  III,  während  in  Kap.  5.2  im 
Wesentlichen gemeinschaftlich erarbeitete Methoden dargestellt sind. 

Am  Lehrstuhl  der  Experimentalphysik  III  wurde  ein  Titan‐Saphir‐Lasersystem  (Femtosekun‐


denlaser) mit einem Chirped‐Pulse Multipass Verstärker (beides der Firma Femtolasers Pro‐
duktions  GmbH)  verwendet.  Der  Aufbau  ist  in  Abb.  5‐1  schematisch  dargestellt.  Nach  der 
Verstärkung haben die Laserpulse mit 785 nm Zentralwellenlänge eine mittlere Leistung von 
max. 800 mW bei einer Pulsdauer von 35 fs und einer Repetitionsfrequenz von 1 kHz. Die La‐
serpulse werden in eine modifizierte optische Mikroskopvorrichtung geleitet und mit einem 
Objektiv vorgegebener numerischer Apertur (Zeiss LD Epiplan 50x, NA 0,5) auf die zu bear‐
beitende Stelle der Probe fokussiert. Mittels eines verschiebbaren Spiegels kann das Mikro‐
skop sowohl zur manuellen Oberflächenobservation mittels Auflichtmikroskopie als auch zur 
Mikrobearbeitung  eingesetzt  werden,  wodurch  die  gezielte  laserbasierte  Materialbearbei‐
tung und Spektroskopie erst möglich werden. Unterhalb des Objektivs befindet sich ein com‐
putergesteuerter Verschiebetisch mit der Genauigkeit von 5 nm, der eine Positionierung der 
darauf liegenden Probe während der Bearbeitung in alle Raumrichtungen ermöglicht [124]. 
Bei  der  Materialablation  emittierte  Plasmalumineszenz  wird  über  ein  Glasfaserkabel  zu  ei‐
nem Spektrometer geleitet, wo eine sensitive ICCD‐Kamera die Emissionsspektren aufzeich‐
net. Nach der anschließenden Auswertung sind qualitative und quantitative Aussagen über 
die vorliegenden Elemente des abgetragenen Volumens möglich. 

 
Abb.  5‐1:  Schematischer  Aufbau  des  fs‐Lasersystems  zur  Erzeugung  oberflächiger  Mikro‐
strukturen sowie zur Analyse der Phasen und des Rissverlaufs [125] 
 
54  Materialbearbeitung und Phasenanalyse mit einem Ultrakurzpulslaser 

5.1 Laserinduzierte Plasmaspektroskopie (fs‐LIBS) 
Fs‐LIBS ermöglicht bei der Materialbearbeitung und ‐analyse vielfältige Anwendungsmöglich‐
keiten, die im Rahmen dieser Arbeit am Beispiel der Titanaluminide erprobt wurden. Im Fo‐
kus stand primär die Entwicklung eines dreidimensionalen Rasterabbildungsverfahrens, wel‐
ches nach der Durchführung von Belastungsexperimenten die Ausdehnung vorliegender Pha‐
sen sowie der entstandenen Mikrorisse innerhalb eines bestimmten Volumens erfasst. Mit‐
tels der gewonnenen Information kann die Interpretation des mikrostrukturellen Einflusses 
bei  der  Mikrorissausbreitung  entscheidend  an  Qualität  gewinnen,  insbesondere  weil  ent‐
sprechende  Aussagen  vieler  Forschungsgruppen  nach  wie  vor  auf  der  einschränkenden 
Oberflächenobservation basieren. Desweiteren ist die Bestimmung der lokalen chemischen 
Zusammensetzung während der lasergestützten Materialbearbeitung interessant. So könnte 
beispielsweise bei der Herstellung von künstlichen Kerben die fs‐LIBS Informationen über die 
Phasen innerhalb des ablatierten Volumens liefern. Wird die Kerbe innerhalb einer bestimm‐
ten Kolonie platziert, so wäre damit bereits vor der Experimentdurchführung die räumliche 
lamellare Ausrichtung dieser Kolonie bekannt. Eine Voraussetzung zur Abbildung der Mikro‐
struktur ist die hinreichende Ortsauflösung, die dem ablatierten Volumen bei der Laserein‐
strahlung entspricht. Bei lamellaren TiAl‐Legierungen dient die Breite einzelner Lamellen als 
Referenz. 

5.1.1 Bestimmung lateraler Ortsauflösung 
Eine Maximierung der Auflösung kann erreicht werden, in dem die Energie des Laserpulses 
so  gewählt  wird,  dass  die  Intensitätsverteilung  der  Laserstrahlung  für  die  zu  bearbeitende 
Wechselwirkung mit dem Material nur in dem eng begrenzten Zentrumbereich des Fokalvo‐
lumens ausreichend hohe Werte annimmt. Die erforderliche Mindestpulsenergie für die Ab‐
lation in TiAl wurde in einer Reihe von Vorexperimenten bestimmt. Dabei wurden einzelne 
Laserschüsse  verschiedener  Energien  in  einem  Raster  auf  eine  TiAl‐Probe  angeordnet  und 
für jeden Einzel‐Schuss das LIBS‐Signal erfasst. Im Anschluss durchgeführte REM‐Analyse der 
Ablationsstrukturen zeigt, dass die Strukturen entsprechend wirkender Prozesse in mehrere 
Bereiche unterteilt werden können (Abb. 5‐2). Die Ausbildung dieser Bereiche hängt von der 
Intensitätsverteilung des Laserstahls im Fokus und der daraus resultierenden Temperaturen 
während  der  Ablation  ab.  Wird  der  Schwellenwert  für  die  Ablation  überschritten  und  ent‐
steht dabei ein Plasma, so bildet sich aufgrund der Phasen‐Explosion ein Ablationskrater, der 
in Abb. 5‐2 mit dem inneren Durchmesser   abgegrenzt ist. Bei mittleren Intensitäten fin‐
den Verdampfungsprozesse statt, wobei der expandierende Dampf infolge der Abkühlung in 
Schmelze  übergeht,  die  sich  anschließend  partiell  auf  der  Oberfläche  ablegt  und  erstarrt 
[126]. Dieser Bereich ist mit dem äußeren Durchmesser   markiert und weist einen noch 
signifikanten  Wärmeeinfluss  auf.  Eine  noch  vor  dem  Kontakt  zu  dem  Festkörper  wiederer‐
starrte Schmelze legt sich als ein "Debris‐Schleier" in unmittelbarer Nähe zum Krater auf der 
Oberfläche ab. Die Debris weist keine chemische Haftung zum Festkörper auf und lässt sich 
leicht  entfernen.  Desweiteren  können  außerhalb  des  äußeren  Ablationsdurchmessers  zu‐
nächst homogene und dann heterogene nichtthermische Schmelzprozesse beobachtet wer‐
den.  Die  Ausdehnung  der  Schmelzprozesse  in  Tiefenrichtung  beschränkt  sich  hier  erwar‐
Materialbearbeitung und Phasenanalyse mit einem Ultrakurzpulslaser  55 

tungsgemäß  auf  die  optische  Absorptionslänge  des  Festkörpers  bei  der  verwendeten  Wel‐
lenlänge des Lasers und liegt im Zehntel eines Nanometers [127]. Aus diesem Grund ist die 
Modifikation des Materials in diesem Bereich zu vernachlässigen. 

a)  b)

 
Abb. 5‐2: a) REM‐Aufnahmen einer ablatierten Struktur bei 100 nJ Pulsenergie (links: Ein‐
zelpuls, rechts: 10 Pulse), b) Berechnete radiale Intensitätsverteilung in dem Fokalbereich 
des Lasers für das verwendete Objektiv (NA 0,5). Strichlinie: Schwellenwert für heterogene 
Schmelzprozesse, Punktlinie: Schwellenwert für homogene Schmelzprozesse, Strichpunkt‐
linie:  Schwellenwert  für  Verdampfungsprozesse,  Volllinie:  Schwellenwert  für  die  Phasen‐
Explosion. [125] 
 

REM‐Untersuchungen zeigen, dass ein erkennbarer Abtrag mit Einzelpulsen erst bei Energien 
von  ca.  300  nJ  einsetzt.  Niedrigere  Energien  sind  offensichtlich  nicht  ausreichend  um  eine 
Phasen‐Explosion hervorzurufen, wie es beispielhaft anhand der Ablationsstruktur bei 100 nJ 
in Abb. 5‐2 a) (links) verdeutlicht ist. Die Mindestenergie von 300 nJ ist auch notwendig, um 
ein  auswertbares  LIBS‐Signal  zu  erhalten,  da  dieses  erst  durch  das  hinreichend  angeregte 
Plasmavolumen  signifikant  ansteigt.  In  diesem  Fall  grenzen  sich  die  Intensitäten  einzelner 
Emissionslinien  des  LIBS‐Spektrums  eindeutig  von  dem  Hintergrundsignal  ab,  so  dass  die 
Auswertung an Qualität gewinnt. Für die Angabe der Ortsauflösung ist die Ausdehnung des 
Ablationskraters  interessant.  Bei  300  nJ  Einzelpulsenergie  liegt  diese  mit   = 0,8 µm  (vgl. 
Abb. 5‐3 a)) in der gleichen Größenordnung wie die einzelnen Lamellen, was die Abbildung 
derselbigen erschwert. Die  signifikant  wärmebeeinflusste  Zone  hat  dabei  eine  Ausdehnung 
von über   = 3,7 µm. 

Aus  Untersuchungen  an  metallischen  Werkstoffen  ist  bekannt,  dass  eine  Reduzierung  des 
Abtragvolumens bei gleichzeitiger Steigerung der Signalintensität mit Mehrfachschüssen pro 
Position erreicht werden kann [128‐130]. Die laserinduzierten Prozesse innerhalb des Fokal‐
bereichs kommen in diesem Fall zwischen den einzelnen Laserpulsen nicht vollständig zum 
Erliegen, wenn diese in kürzester Zeit nacheinander auf die gleiche Stelle fokussiert werden. 
Es findet eine Akkumulation der Temperaturveränderung und somit des Abtrags mit Zunah‐
me von Pulsen statt [128]. Dieser Ansatz wurde auch bei Titanaluminiden erprobt, wobei je‐
weils  zehn  Laserpulse  auf  die  gleiche  Position  eingestrahlt  und  das  LIBS‐Signal  über  diese 
56  Materialbearbeitung und Phasenanalyse mit einem Ultrakurzpulslaser 

zehn Schüsse aufsummiert wurden. Im Vergleich zum Einzel‐Schuss ist eine signifikante Abla‐
tion bereits bei geringerer Pulsenergie von 100 nJ erreichbar, während das LIBS‐Signal sogar 
auf  das  16‐fache  ansteigt.  Die  Auswirkung  unterschiedlicher  Energien  auf  die  Signalstärke, 
sowie  die  laterale  Ausdehnung  der  Ablation  bei  Einzel‐  und  10‐fach‐Pulsen  ist  in  Abb.  5‐3 
graphisch dargestellt. 

a)  b)

 
Abb.  5‐3:  a)  Innerer  und  äußerer  Durchmesser  der  Ablation,  sowie  b)  das  LIBS‐Signal  bei 
395 nm Wellenlänge in Abhängigkeit der Pulsenergie bei Einzel‐ und 10‐fach‐Pulsen in TiAl 
[125] 
 

Das LIBS‐Signal im Multi‐Schuss‐Modus der Pulsenergie von 100 nJ liegt auf dem Niveau der 
Energie  von  300  nJ  im  Einzel‐Schuss‐Modus  (Abb.  5‐3  b)).  Infolge  der  reduzierten  Energie 
konnte allerdings der äußere Durchmesser der Ablationsstruktur auf etwa   = 3 µm redu‐
ziert  werden,  während  der  Ablationskrater  mit  etwa   = 1,4  µm  größer  ausfällt.  Die  nun 
deutlich  näher  zusammenliegenden  Grenzbereiche  manifestieren  demnach  eine  Erhöhung 
der  Kantensteilheit  des  Abtrags  und  eine  Reduzierung  der  wärmebeeinflussten  Zone,  wo‐
durch  eine  genauere  Ablation  im  Multi‐Schuss‐Modus  mit  präziseren  Grenzflächen  ermög‐
licht wird. 

In einem weiteren Schritt wurde die maximal tolerierbare Überlappung benachbarter Ablati‐
onsstrukturen  untersucht,  ohne  dass  dabei  das  LIBS‐Signal  einbricht.  Diese  wurde  für  10‐
fach‐Pulse der Energie von 100 nJ mit 2 µm bestimmt. Dieser Wert definiert gleichzeitig die 
laterale Mindestschrittweite eines zweidimensionalen LIBS‐Scans. Der gefundene Abstand ist 
mit  Angaben  zur  lateralen  Ausdehnung  der  Ablation  konform  und  befindet  sich  zwischen 
dem inneren und äußeren Durchmesser der Struktur. Die optimalen Einstellungen für einen 
2D‐Scan an Titanaluminiden werden zusammenfassend wie folgt definiert: Laserpulsenergie 
von  100 nJ  (entsprechend  die  Fluenz  von  6,5 J/cm²  und  Intensität  von  1,9x1014 W/cm²),  10 
Pulse pro Position und die laterale Schrittweite von 2 µm [125]. 

 
Materialbearbeitung und Phasenanalyse mit einem Ultrakurzpulslaser  57 

5.1.2 Spektrallinienzuordnung und Auswertungsmethodik 
Das an TiAl‐Legierungen gemessene fs‐LIBS Spektrum zeigt deutliche Lumineszenz in dem zu‐
gänglichen  Wellenlängenbereich  (Abb.  5‐4).  Bevor  eine  spektrochemische  Phasenanalyse 
vorgenommen werden kann, ist allerdings noch die Zuordnung vorliegender Emissionslinien 
(Einzelpeaks) den Elementen erforderlich. Zur Differenzierung der Hauptlegierungselemente 
wurden Referenzmessungen an nahezu reinem Ti und Al durchgeführt, die gleichzeitig einer 
Kalibrierung des Rasterabbildungsverfahrens für den Einsatz an Titanaluminiden diente. Im 
Einzelnen  weist  das  Spektrum  des  Aluminiums  einen  Peak  bei  einer  Wellenlänge  von  etwa 
396 nm, während es bei Titan mehrere sind. Die signifikantesten mit hoher Intensität befin‐
den sich bei 399, 430, 446 und 454 nm. 

 
Abb. 5‐4: fs‐LIBS Emissionsspektrum des Plasmalumineszenz von Titan (Grade  2) und rei‐
nem Aluminium (99,9%), sowie von TiAl 
 

Bei der Analyse der Emissionen von  ‐TiAl‐Basislegierungen werden signifikante Unterschie‐
de durch die Betrachtung beider Hauptlegierungselemente erwartet, da ihre Anteile inner‐
halb vorliegender Phasen relativ stark variieren (vgl. Kap. 3.2). In diesem Fall gilt für die in‐
nerhalb  eines  Messvolumens  erfasste  Intensität  ,  einer  bestimmten  Wellenlänge  ,  dass 
sie durch eine Linearkombination von Einzelintensitäten reiner Elemente wie folgt beschrie‐
ben werden kann: 

I λ ,M (λ ) = αTi ⋅ I λ ,Ti (λ ) + α Al ⋅ I λ , Al (λ ) .  (5‐1) 

Dieser  Zusammenhang  der  Linearkombination  gilt  folgerichtig  für  das  gesamte  Spektrum. 
Das  heißt,  dass  die  Gesamtintensität  eines  Messvolumens  , ,  die  durch  die  Integration 
über die Intensitätsverteilung innerhalb eines betrachteten Wellenlängenbereichs berechnet 
wird, für den gleichen Wellenlängenbereich wiederum aus den jeweiligen Anteilen der Ge‐
samtintensität reiner Elemente besteht. 

I G ,M = ∫ I λ ,M (λ ) dλ = α Ti ⋅ I G ,Ti + α Al ⋅ I G , Al   (5‐2) 
58  Materialbearbeitung und Phasenanalyse mit einem Ultrakurzpulslaser 

Angesichts der vorhandenen Proportionalitätsbeziehung zwischen der Intensität gemessener 
Emissionslinien und der Konzentration zugehöriger Elemente können nun zur Ermittlung der 
atomaren  Zusammensetzung  eines  Messvolumens  einerseits  einzelne  elementspezifische 
Peaks betrachtet werden. In diesem Fall kann aus dem Verhältnis der Peaks direkt auf den 
Elementkontrast einer Phase geschlossen werden. Andererseits ist die Betrachtung element‐
spezifischer Gesamtintensität innerhalb definierter Wellenlängenbereiche legitim. Dieser An‐
satz  ist  dem  ersten  hinsichtlich  möglicher  Messschwankungen  vorzuziehen,  da  größere 
Messbereiche  in  die  Auswertung  einfließen.  Die  gewählte  Zuweisung  charakteristischer 
Spektralbereiche ist in Abb. 5‐4 mittels farblicher Schattierung hervorgehoben. Innerhalb des 
ersten  festgelegten  Bereichs  mit   = 390‐410 nm  liegt  der  einzige  Aluminiumpeak,  der  sich 
allerdings  partiell  mit  einem  der  Titanpeaks  überlagert.  Die  Emissionslinien  innerhalb  des 
zweiten  Wellenlängenbereichs  mit   = 410‐600 nm  stammen  ausschließlich  vom  Titan.  Die 
hier gewählte Ausdehnung der Wellenlängenbereiche ist nicht zwingend und kann durchaus 
anders definiert werden, solange die elementspezifischen Einzelintensitäten darin enthalten 
sind und die Zuordnung während der Auswertung konsequent beibehalten wird. Das für je‐
weiligen Laserpuls gemessene LIBS‐Signal wird über diese Bereiche integriert und weiterver‐
arbeitet. 

I λ ,M (λ ) dλ   
410
I GI ,M = ∫
390
390 ≤ λ ≤ 410 [nm]      (5‐3) 

I λ ,M (λ ) dλ    [nm ]   
600
I GII,M = ∫
410
410 ≤ λ ≤ 600   (5‐4) 

Aus  der  Betrachtung  der  Gesamtintensitäten  festgelegter  Wellenlängenbereiche  resultiert 


ein lineares Gleichungssystem, welches sich aus den bekannten Kalibrierintensitäten einzel‐
ner Elemente Ti und Al zusammensetzt. 

I GI ,M = αTi ⋅ I GI ,Ti + α Al ⋅ I GI , Al   (5‐5) 

I GII,M = αTi ⋅ I GII,Ti + α Al ⋅ I GII, Al   (5‐6) 

Dieses Gleichungssystem kann nun nach   und   bzw. deren Verhältnis aufgelöst werden. 


Unter der Annahme, dass der Bereich II (abgesehen von der Hintergrundstrahlung) keine Li‐
nien des Aluminiums enthält ( ,  ≈ 0), ergeben sich die vereinfachten Formen: 

I GII,M ⋅ I GI , Al
α Ti = ,  (5‐7) 
I GII,Ti ⋅ I GI , Al − I GI ,Ti ⋅ I GII, Al

I GII,M ⋅ I GI ,Ti − I GI ,M ⋅ I GII,Ti


α Al = ,  (5‐8) 
I GII,Ti ⋅ I GI , Al

α Ti I GII,M ⋅ I GI , Al
= .  (5‐9) 
α Al I GI ,M ⋅ I GII,Ti − I GII,M ⋅ I GI ,Ti

 
Materialbearbeitung und Phasenanalyse mit einem Ultrakurzpulslaser  59 

5.1.3 Charakterisierung des räumlichen fs‐LIBS‐Abtrags 
Zur Charakterisierung des räumlichen fs‐LIBS‐Abtrags wurde vorab eine definierte 5‐stufige 
Treppenstruktur der Abmessung 100x20x1‐5 µm (LxBxT) in dem TAC‐2‐NL‐Material ablatiert 
und post mortem mittels der Rasterkraftmikroskopie AFM (engl. Atomic Force Microscope) 
hinsichtlich  der  Kantensteilheit  untersucht.  Der  Abtrag  erfolgte  rasterartig,  wobei  die  late‐
rale Schrittweite beim Verfahren der Probe, entsprechend der Voruntersuchungen zur Abla‐
tionsüberlappung bei 2D‐Scans aus Kap. 5.1.1, mit 2 µm festgesetzt wurde. Alle Stufen ha‐
ben untereinander eine Tiefendifferenz von 1 µm und konnten durch die Zustellung der Z‐
Achse  (Höhenrichtung)  als  jeweilige  Abtragsebene  realisiert  werden.  Die  laterale  Ausdeh‐
nung  jeder  Stufe  wurde  mit  20x20  µm  gewählt.  Der  resultierende  Stufenabtrag  ist  mittels 
einer REM‐Aufnahme in Abb. 5‐5 a) und als räumliche Abbildung aus der AFM‐Vermessung 
im Kontakt‐Modus in b) dargestellt. Die eingeschränkte Betrachtung der ersten beiden Stu‐
fen  der  AFM‐Vermessung  ist  auf  die  Abtastnadel  zurückzuführen.  Diese  hat  prinzipiell  die 
Länge von 5 µm, jedoch konnten tieferliegende Stufen aufgrund der partiellen Wechselwir‐
kung des Cantilever mit der Probengrundfläche nicht mehr ordnungsgemäß erfasst werden. 
Aus diesem Grund wird an dieser Stelle auf die Auswertung weiterer Stufen verzichtet. 

a)  b)
1. Stufe  20 µm 
Profil 1 

Profil 2 

5. Stufe 

c) 

− Profil 1
− Profil 2

 
Abb.  5‐5:  a)  perspektivische  REM‐Aufnahme  des  LIBS‐Stufenabtrags,  b)  AFM‐Vermessung 
erster beiden Stufen im Kontakt‐Modus, c) Profilauswertung der Stufen 
 

Die Profilauswertung beider Stufen (Abb. 5‐5 c)) offenbart die durch das Rastern entstande‐
nen  wellenartigen  Grundflächen,  wobei  jede  Vertiefung  einer  einzelnen  Ablationsstruktur 
(vgl. Abb. 5‐2 a)) zugeordnet werden kann. Diese können innerhalb der ersten Stufe hinsicht‐
lich  ihrer  Tiefenausdehnung  mit  etwa  1 µm  als  nahezu  konstant  angesehen  werden.  Auch 
nach der Zustellung des Verschiebetisches für den Abtrag der zweiten Stufe wird die erwar‐
60  Materialbearbeitung und Phasenanalyse mit einem Ultrakurzpulslaser 

tete Gesamttiefe von 2 µm innerhalb der Vertiefungen erreicht. Die Breite der ersten Stufe, 
gemessen  an  dem  Abstand  zwischen  den  äußeren  Ablationsvertiefungen,  beträgt  in  etwa 
20,5 µm und fällt damit geringfügig größer als die Sollvorgabe von 20 µm aus. Dagegen ent‐
spricht die zweite Stufe den Vorgaben. Die mittlere Kantensteilheit des Randes liegt für die 
erste Stufe bei etwa 35° und für die zweite Stufe bei 47°, was zu der Annahme einer Verbes‐
serung  mit  zunehmender  Ablationstiefe  führt.  Trotz  der  Verbesserung  der  Kantensteilheit 
wird der Abtrag am Rand mit zunehmender Tiefe offensichtlich schwieriger, was bereits bei 
der zweiten Stufe anhand der äußeren Ablationsstrukturen zu beobachten ist. Ihre Ausdeh‐
nung in die Tiefe erreicht im Vergleich zu den anderen Ablationsstrukturen nicht die gefor‐
derten 2 µm. Diese Annahme wird mittels der REM‐Aufnahmen von tieferliegenden Abtrags‐
ebenen  bestätigt.  Ab  der  4.  Stufe  sind  hier  die  ursprünglich  äußeren  Ablationspunkte  fak‐
tisch nicht vorhanden, da sie in dem nun geringfügig breiteren Randbereich untergehen. Die‐
ser Effekt lässt sich auf die gestörte Fokussierung der Laserstrahlung durch die entstandene 
Kante zurückführen, der bei größeren Tiefen von über 4‐6 µm [124] den Materialabtrag be‐
einträchtigt  oder  gar  verhindert.  Zudem  zeichnet  sich  offensichtlich  eine  Wechselwirkung 
des  expandierenden  Plasmas  und  Dampfes  mit  der  entstandenen  Strukturflanke  ab.  Wäh‐
rend der Expansion können das Plasma bzw. der Dampf selbst oder die wiedererstarrenden 
Partikel sich an der angrenzenden Flanke partiell ablegen. War der Erstarrungsvorgang vor 
dem Kontakt zum Festkörper noch nicht abgeschlossen, so findet vermutlich eine Material‐
ablagerung mit einer beständigen Haftung statt. 

Abgesehen von der wellenförmigen Grundfläche der Abtragsfelder und der zunehmend klei‐
ner  werdenden  lateralen  Ausdehnung  tieferliegender  Ebenen  ist  ein  definierter  räumlicher 
Abtrag  mit  den  gewählten  Parametern  möglich.  Vorgefundene  Randeffekte  lassen  sich  bei 
den 3D‐LIBS‐Analysen durch eine entsprechende Dimensionierung des Abtrags mit geringfü‐
gig  größerer  lateraler  Ausdehnung  berücksichtigen.  Die  Reduzierung  der  Wellenform  und 
demnach  die  Homogenisierung  der  Abtraggrundfläche  kann  durch  die  Verkleinerung  der 
Schrittweite  erreicht  werden,  was  allerdings  ‐  wie  bereits  im  Vorkapitel  diskutiert  wurde  ‐ 
sich negativ auf die Intensität des LIBS‐Signals auswirkt. Da der gemittelte Abstand zwischen 
den Stufen trotz der Welligkeit den Erwartungen entspricht und die REM‐Aufnahmen weite‐
rer  Stufen  vergleichsweise  keine  weitere  Inhomogenität  des  Abtrags  aufzeigen,  ist  der  ge‐
wählte Kompromiss für die fs‐LIBS‐Analyse vertretbar. 

5.1.4 Erprobung der fs‐LIBS‐Analyse an Phasen und Mikrorissen  
Aus der Veranschaulichung in Vorkapiteln geht hervor, dass eine räumliche fs‐LIBS‐Analyse 
an  Titanaluminiden  prinzipiell  möglich  ist.  Die  festgelegte  Schrittweite  zwischen  den  Abla‐
tionspositionen  für  die  Abrasterung  größerer  Bereiche  basiert  auf  einem  Kompromiss  zwi‐
schen  der  kleinstmöglichen  Ablationsstruktur,  ihrer  größtmöglichen  Überlappung  sowie  ei‐
nem noch sicher auswertbaren LIBS‐Signal und liegt bei 2 µm in lateraler und 1 µm in axialer 
Richtung.  Somit  bestimmen  die  vorgestellten  Laserparameter  die  zum  Stand  der  Vorunter‐
suchungen  erreichbare  maximale  Auflösung  des  Verfahrens,  wenn  die  elementspezifische 
Analyse  vorliegender  Phasen  im  Vordergrund  steht.  In  diesem  Fall  ist  für  die  quantitative 
Aussage  eine  signifikante  Signalstärke  der  auszuwertenden  Intensitäten  erforderlich,  wes‐
Materialbearbeitung und Phasenanalyse mit einem Ultrakurzpulslaser  61 

halb das LIBS‐Signal zum entscheidenden Faktor wird. Einschränkend für das Vorhaben der 
gleichzeitigen,  systematischen  Mikroriss‐  und  Phasenabbildung  ist  jedoch  die  Feststellung, 
dass sowohl die Lamellen‐ als auch die Mikrorissbreite in vielen Fällen der Ermüdungsexperi‐
mente kleiner als 2 µm sind. Diese Tatsache kann mittels einer Messung an einem während 
des  Bruchvorgangs  entstandenen  großen  Sekundär‐Riss  einer  Laststeigerungsprobe  der 
TNM‐B1‐Legierung vorgeführt werden. Der gewählte Ausschnitt beinhaltet zusätzlich einen 
abgezweigten Haarriss mit der maximalen Breite von ca. 0,6 µm, zwei lamellare Kolonien so‐
wie die  ‐ und  ‐Cluster, wie es die REM‐Aufnahme in Abb. 5‐6 a) verdeutlicht. 

a) b)
0

0,6 µm 

 
Abb. 5‐6: a) REM‐Aufnahme eines breiteren Sekundärrisses in TNM‐B1‐Legierung und b) fs‐
LIBS‐Analyse der Phasen und des Risses 
 

Für  die  Auswertung  des  fs‐LIBS‐Signals  hinsichtlich  des  Materialkontrastes  ist  die  element‐
spezifische Unterteilung der Wellenlängenbereiche notwendig. Ferner ist aus EDX‐Analysen 
bekannt (Kap. 3.2), dass die  ‐Lamellen verglichen mit  ‐Lamellen eine Anreicherung an Ti‐
tan aufweisen. Aus diesem Grund ist die Betrachtung des  ‐Anteils sinnvoll, welcher nach 
Gleichung 5‐7 aus Kap. 5.1.2 für jede Messposition berechnet wurde und in Abb. 5‐6 b) gra‐
phisch abgebildet ist. Innerhalb des analysierten Bereichs lassen sich, wie erwartet, einzelne 
Lamellen aufgrund der unterhalb der Auflösungsgrenze liegenden Lamellenbreite nicht sinn‐
voll detektieren. Es kommt hierbei vielmehr infolge der Periodizität und in Analogie zu der 
EDX‐Messung an feinen Lamellen (vgl. Kap. 3.2) zu einer Mittelung über mehrere Lamellen 
innerhalb des Ablationsvolumens. Messdaten der  ‐Cluster weisen dagegen einen flächen‐
deckenden  Anstieg  des  Titan‐Signals  auf.  Die  ‐Phase  verfügt  zwar  grundsätzlich  über  ein 
Ti:Al‐Verhältnis, das zwischen den beiden anderen Phasen liegt, ist aber offensichtlich der fs‐
LIBS aufgrund der größeren räumlichen Ausdehnung besser zugänglich. Zu beachten ist, dass 
das dem Ti‐Anteil zugewiesene Farbspektrum in Abb. 5‐6 b) auf den Wert 1 normiert wurde 
und  keineswegs  der  wahren  chemischen  Zusammensetzung  entsprechen  kann.  Diese  Nor‐
mierung  wurde  bewusst  so  gewählt,  um  Fehlinterpretationen  zu  vermeiden.  Quantitative 
Aussagen erfordern umfassende Referenzmessungen, die nicht im Fokus dieser Arbeit lagen. 
62  Materialbearbeitung und Phasenanalyse mit einem Ultrakurzpulslaser 

Durch  die  Betrachtung  des  ‐Anteils  lässt  sich  gleichzeitig  auch  ein  Riss  darstellen.  Auf‐
grund des fehlenden Materials an der Stelle des Risses ähnelt die gemessene Intensitätskur‐
ve von der Plasmalumineszenz dem Hintergrundsignal, d.  h. die elementspezifischen Peaks 
sind  im  Idealfall  nicht  vorhanden.  Bezogen  auf  die  in  Vorexperimenten  gemessenen  Kali‐
brierintensitäten reiner Elemente Ti und Al nimmt die gemessene Gesamtintensität und so‐
mit der Ti‐Anteil sehr kleine Werte an. Folglich ist der breite Sekundärriss in Abb. 5‐6 b) ein‐
deutig zu erkennen. Für die Abbildung des abgezweigten Haarrisses mit 0,6 µm Breite reicht 
dagegen die Auflösung nicht aus. Ein partieller Abfall des Ti‐Anteils ist zwar erkennbar, je fei‐
ner jedoch der Riss wird, desto größer wird auch das von der Ablationsstruktur erfasste Ma‐
terial  eines  oder  beider  Rissflanken,  was  wiederum  einen  Anstieg  des  ‐Anteils  mit  sich 
bringt. 

Unter  Betrachtung  der  einzelnen  Ablationsstruktur  (vgl.  Abb.  5‐2)  und  der  Annahme,  dass 
der überwiegende Anteil des LIBS‐Signals aus dem Areal des Ablationskraters stammt, wel‐
ches mit dem inneren Durchmesser   abgegrenzt wird, kann dennoch die Abbildungsfähig‐
keit feinerer Strukturen erwartet werden. In diesem Fall wäre das LIBS‐Signal für die quanti‐
tative Phasenanalyse zwar nicht hinreichend gut, qualitative Aussagen ließen sich dennoch 
machen.  Um  die  tatsächliche  Abbildungsfähigkeit  des  Verfahrens  zu  bestimmen,  wurden 
mehrere zweidimensionale LIBS‐Scans an reellen Mikrorissen mit den aus Vorarbeiten gefun‐
denen Einstellparametern durchgeführt. Mikrorisse eignen sich hierfür besser als die Lamel‐
len,  da  sie  nicht  periodisch  vorkommen  und  eine  gemittelte  Messwerterfassung  über  eine 
größere  Anzahl  ausgeschlossen  werden  kann.  Die  Initiierung  von  Mikrorissen  unterschied‐
lichster Breite wurde in einer Serie von Mikrohärteeindrücken mit einem Vickers‐Diamanten 
und  unter  der  Variation  der  Kraft  vorgenommen.  Die  Kraft  wurde  hierfür  so  gewählt,  dass 
der verbleibende Härteeindruck unwesentlich größer war als die Koloniegröße. Infolge loka‐
ler Zugspannungen, die beim Verdrängen des Materials mit der Diamantpyramide resultie‐
ren,  und  des  anisotrop‐spröden  Verformungsverhaltens  des  Werkstoffs  entstanden  neben 
plastischer  Verformung  in  schädigungsanfälligen  mikrostrukturellen  Konstellationen  Risse 
mit einer Länge von weniger als 50 µm. In Abb. 5‐7 a) ist beispielhaft ein Ausschnitt des Här‐
teeindrucks in der Legierung TNM‐B1 mit zwei solcher Mikrorissen auflichtmikroskopisch ab‐
gebildet. 

Für die eindeutige Detektion der Risse wurde bei der Auswertung des fs‐LIBS‐Signals inner‐
halb  jeder  Messposition  die  Gesamtintensität  über  den  erfassten  Wellenlängenbereich  be‐
trachtet, d. h. ohne dabei die elementspezifische Unterteilung vorzunehmen. Durch die Inte‐
gration der Intensität über den gesamten Bereich werden die Abweichungen von dem Hin‐
tergrundsignal frühzeitig erfasst. Das Aufsummieren der Gesamtintensität über die 10 Einzel‐
pulse verbessert zudem das Rauschverhältnis und somit die Sensitivität der Messung. Das Er‐
gebnis dieser Berechnung, abzüglich des Hintergrundsignals, ist graphisch in Abb. 5‐7 b) dar‐
gestellt.  Mit  der  vereinfachten  Aussage  "Material  liegt,  oder  liegt  nicht  vor"  können  nach 
dieser Auswertungsmethode auch Mikrorisse der Breite von etwa 1,2 µm trotz der Schritt‐
weite von 2µm noch sicher abgebildet werden. 

 
Materialbearbeitung und Phasenanalyse mit einem Ultrakurzpulslaser  63 

a) b)

 
Abb. 5‐7: a) Lichtmikroskopische Aufnahme eines Mikrohärteeindrucks mit Mikrorissiniti‐
ierung in der TNM‐B1‐Legierung und b) fs‐LIBS‐Analyse zur Bestimmung der lateralen Ab‐
bildungsfähigkeit schmaler Risse 
 

5.2 Erzeugung und Optimierung mikrostrukturell kleiner Kerben 
Für  die  Systematisierung  der  in‐situ  Ermüdungsexperimente  werden  Kerben  benötigt,  die 
aufgrund örtlicher Spannungsüberhöhung unter Ermüdungsbelastung zur Rissinitiierung füh‐
ren sollen. Diese Starterkerben müssen relativ klein sein, damit die entstandenen Risse einen 
Kurzrisscharakter einnehmen. Um der bisher wenig erforschten Fragestellung nach dem Mi‐
krorissverhalten innerhalb einer Kolonie sowie der Interaktion des Mikrorisses mit den ers‐
ten  Barrieren  nachzugehen,  muss  ihre  Dimension  folglich  so  gewählt  werden,  dass  sie  die 
Größe der zu untersuchenden Kolonie nicht überschreitet. Zudem müssen die Kerben defi‐
niert platziert werden können und ihre Form so beschaffen sein, dass die Mikrorisse daraus 
gerichtet initiieren, wodurch auch der Einfluss der Lamellenausrichtung erfasst werden kann. 

Zur Herstellung mikrostrukturell kleiner Starterkerben wurden bisher üblicherweise Techno‐
logien  wie  FIB,  Funkenerosion  und  Nanosekundenlaser  herangezogen,  die  allerdings  ent‐
scheidende Nachteile  aufweisen.  So  verwendeten  beispielsweise  Kruzic  et  al.  [8]  das  Senk‐
erodierverfahren  und  erzeugten  an  der  Probenoberfläche  Gruben  mit  einer  lateralen  Aus‐
dehnung von etwa 200 µm im Durchmesser. Diese Größe betrug das Mehrfache einer typi‐
schen  Kolonie  des  untersuchten  Materials.  Für  die  Untersuchung  feinkörniger  Legierungen 
werden die Anforderungen an die Form und Größe von dieser Art der Kerbe folglich nicht er‐
füllt. Sie eignet sich höchstens für Analysen mechanisch oder sogar physikalisch kleiner Risse. 
Ferner  bringt  dieses  Verfahren  einen  sehr  hohen  Wärmeeintrag  mit  sich,  der  Veränderung 
der  umliegenden  Mikrostruktur  durch  Phasenumwandlungsprozesse  sowie  Eigenspannun‐
gen  verursachen  kann.  Dieser  Effekt  wurde  in  [8]  letztlich  ausgenutzt,  um  in  der  näheren 
Umgebung der thermisch stark belasteten Zone kleine Risse zu initiieren. Über die Höhe ver‐
bliebener Eigenspannungen in dieser Zone sowie deren Einfluss auf die Rissausbreitung bei 
64  Materialbearbeitung und Phasenanalyse mit einem Ultrakurzpulslaser 

der  anschließenden  Experimentdurchführung  ist  allerdings  nichts  Näheres  bekannt.  In  [8] 
wurde ein Nanosekundenlaser zum Erzeugen von Rundkerben erprobt. Die erzeugte Vertie‐
fung hatte an der Oberfläche einen Durchmesser von 20‐40 µm und erwies sich als ungeeig‐
net,  da  die  natürlichen  mikrostrukturellen  Spannungskonzentrationen  offensichtlich  höher 
waren als die von den Kerben, weshalb die Rissinitiierung an anderen Stellen einsetzte. Zu‐
sätzlich kommt es wegen der langen Pulsdauer im Nanosekundenbereich zu einer relativ ho‐
hen  thermischen  Belastung  mit  unerwünschten  Nebenerscheinungen,  zu  denen  beispiels‐
weise  signifikante  Schmelzprozesse  innerhalb  der  Randzone  und  spannungsinduzierte  Riss‐
bildung zählen. Mutoh et al. [64] nutzten eine Drahterodiermaschine, um in dem mittleren 
Bereich  der  Probe  einen  makroskopischen  Einschnitt  zu  erstellen.  Aufgrund  thermischer 
Spannungen, die während dieses Prozesses herrschten, entstanden schließlich in der nähe‐
ren Umgebung des Einschnitts undefiniert kurze Risse mit einer Länge von etwa 20 µm. Kur‐
ze Risse haben zwar in der Ausbreitungsrichtung eine geringe Dimension, sie dehnen sich je‐
doch über die gesamte Probebreite aus. Die Rissfront erfasst hierdurch eine Vielzahl unter‐
schiedlich orientierter Körner, so dass es äquivalent zu langen Rissen zu einer Mittelung des 
mikrostrukturellen Einflusses bei der Rissausbreitung kommt [45]. Eine systematische Unter‐
suchung einzelner Körner oder Kolonien ist damit nicht durchführbar. Dagegen ist es mit der 
FIB‐Technologie durchaus möglich, Mikrostrukturen (Starterkerben) an der Oberfläche in der 
gewünschten Größenordnung zu erzeugen [131, 132]. Nachteilig wirken sich die hochener‐
getischen  Ionen  hinsichtlich  unerwünschter  Materialveränderungen  aus,  die  einen  Einfluss 
auf die Rissausbreitung nach sich ziehen kann. Zudem muss die relativ hohe Bearbeitungszeit 
während  des  Materialabtrags  berücksichtigt  werden.  Diese  Technologie  eignet  sich  daher 
eher zur Analyse des dreidimensionalen Risswachstums, wo durch einen Ionenstrahl das Ma‐
terial aus dem Werkstück nach und nach abgetragen und so ein seitlicher Einblick in die ent‐
standene Grube gewährt wird [54]. 

Im Rahmen dieser Arbeit wurde die relativ neue und elegante Methode zur Erzeugung von 
Starterkerben  herangezogen,  die  zuvor  vorgestellte  fs‐Laser‐Technologie.  Der  prinzipielle 
Einsatz  des  fs‐Lasers  zur  gezielten  Rissinitiierung  unter  zyklischer  Belastung  wurde  bereits 
2006  von  Motoyashiki  et  al.  [133]  an  einem  Stahl  mittleren  Kohlenstoffgehalts  erfolgreich 
demonstriert. Eingesetzte Kerben hatten die typische Form eines Halbellipsoids mit in Abb. 
5‐8  gekennzeichneter  Nomenklatur  der  Abmessungen.  Ähnliche  Versuche  wurden  von 
Shyam et al. [134‐136] an einer fs‐lasergekerbten Aluminiumlegierung durchgeführt. In bei‐
den  Fällen  lag  eine  relativ  feinkörnige  Legierung  vor,  so  dass  die  verwendeten  Kerben  mit 
ihren Längen im Bereich von 2  = 85‐200 µm die Dimension der Körner eindeutig überstie‐
gen und nach der Rissinitiierung mechanisch kurze Risse vorlagen. Für den Einsatz der Ker‐
ben in den untersuchten TiAl‐Materialien TAC‐2‐NL und TNM‐B1 mit ihrer mittleren Kolonie‐
größe  von  170  und  165  µm  wäre  die  untere  Kerbgröße  für  die  Initiierung  mikrostrukturell 
kleiner Risse ausreichend klein. Erste Vorversuche an Titanaluminiden haben jedoch gezeigt, 
dass  die  Spannungsüberhöhungen  an  natürlichen  Defekten  und  ungünstigen  mikrostruktu‐
rellen Konstellationen eine signifikantere Rolle bei der Rissinitiierung einnehmen, als diejeni‐
gen  die  an  "zu"  kleinen  künstlichen  Mikrokerben  resultieren.  Um  diesen  Schwellenwert  zu 
überschreiten und die Effektivität der Kerben zu optimieren, wurden unterschiedliche Grö‐
ßen und Formen experimentell untersucht und mittels FEM‐Berechnungen verglichen. 
Materialbearbeitung und Phasenanalyse mit einem Ultrakurzpulslaser  65 

0,5  /  1 

 
Abb. 5‐8: Klassische Halbellipsoid‐Kerbform zur Erzeugung gerichteter Ermüdungsrisse mit 
Angaben zur Nomenklatur der Abmessungen 
 

Die  fs‐Laserablation  erfolgte  bevorzugt  an  Proben  im  leicht  angeätzten  oder  elektrolytisch 
polierten  Zustand,  wodurch  die  eindeutige  Bewertung  mikrostruktureller  Gegebenheiten 
und eine gezielte Platzierung der Kerben mittels der Mikroskopvorrichtung nach Abb. 5‐1 ge‐
währleistet werden konnte. Die Steuerung des Verschiebetisches wurde hierfür derart pro‐
grammiert, dass das Material Ebene für Ebene bei einer kontinuierlichen lateralen Bewegung 
mit der Geschwindigkeit von 0,1 mm/s und einer diskreten Zustellung in Tiefenrichtung ab‐
getragen wurde. Im Gegensatz zu der diskreten fs‐LIBS‐Analyse, soll hierdurch zum einen die 
Homogenisierung der Strukturkanten und zum anderen die Prozessoptimierung hinsichtlich 
der  Bearbeitungsgeschwindigkeit  erreicht  werden.  Aus  der  lateralen  Geschwindigkeit  und 
der Repititionsrate des Lasers von 1 kHz ergeben sich demnach 10 Laserpulse auf 1 µm Ver‐
fahrweg.  In  Analogie  zu  den  Voruntersuchungen  bezüglich  der  fs‐LIBS‐Analyse  im  Multi‐
Schuss‐Modus konnte somit die geringe Pulsenergie von 100 nJ eingesetzt werden, da in die‐
sem Fall ähnliche Ablationsbedingungen vorliegen. Dessen ungeachtet wurde im Verlauf der 
Optimierungsarbeiten die Pulsenergie mittels Neutralabschwächer variiert, um optimale Pa‐
rameter zur Erzeugung der Kerben unter Berücksichtigung des Zeitfaktors zu finden. 

5.2.1 Tiefenanalyse künstlicher mikrostruktureller Kerben 
Liegt eine äußere mechanische Spannung vor, so gilt für eine Kerbe im Allgemeinen, dass mit 
kleiner  werdendem  Kerbradius  die  resultierende  Spannungsüberhöhung  im  Kerbgrund  an‐
steigt.  Diese  Spannungsüberhöhung  muss  für  einen  effektiven  Einsatz  der  Kerben  mikro‐
strukturelle  Spannungen  übersteigen,  die  wiederum  um  eine  Größenordnung  höher  sein 
können  als  die  makroskopische  Nennspannung  [2,  45].  Demzufolge  wurde  eine  idealisierte 
Annäherung an einen natürlichen Riss angestrebt, die durch eine feinst mögliche linienartige 
Laserablation  erstellt  werden  kann.  In  diesem  Fall  wird  die  Breite  der  Kerbe   allein  durch 
die Dimension des Laserstrahls vorgegeben. Vor dem Einsatz solcher Kerben muss jedoch die 
Fragestellung nach der Realisierbarkeit vorgegebener Geometrie geklärt werden. Aus Vorun‐
tersuchungen zu fs‐LIBS ist bekannt, dass der oberflächennahe Abtrag sehr hohe Genauigkeit 
erreicht, diese muss auch in Tiefenrichtung gewährleistet sein. Zur Klärung der Fragestellung 
wurde eine Parameterstudie unter der Variation der Energie im Bereich von   = 100‐500 nJ 
und  der  Schrittweite  in  Tiefenrichtung ∆  =0,7‐2,3 µm  durchgeführt,  wobei  eine  Gesamt‐
tiefe von   = 35 µm angestrebt wurde. 
66  Materialbearbeitung und Phasenanalyse mit einem Ultrakurzpulslaser 

Abb.  5‐9  zeigt  beispielhaft  eine  solche  Linienkerbe,  die  mit  der  Energie  von   =  100  nJ  er‐
zeugt wurde. Die mittlere Breite der Kerbe entspricht mit   = 1,4 µm erwartungsgemäß dem 
inneren  Durchmesser  einer  Ablationsstruktur  im  Multi‐Schuss‐Modus  (vgl.  Kap.  5.1.1).  Die 
Länge der Kerbe wurde in diesem Fall mit 2  = 80 µm festgelegt und erreicht. Das laterale Er‐
scheinungsbild erfüllt somit uneingeschränkt die gestellte Anforderung. Aus Abb. 5‐9 b) er‐
kennbare  Riffelung  der  Kerbflanken  ist  als  kohärente  periodische  Nanostrukturierung  be‐
kannt,  die  deutlich  kleinere  Abstände  als  die  verwendete  Wellenlänge  des  Laserlichts  auf‐
weist  und  immer  senkrecht  zur  Polarisation  der  Laserstrahlung  ausgerichtet  ist  [129,  137]. 
Ein Nachteil dieses Subwellenlängen‐Abtrags ist für die Rissinitiierung nicht zu erwarten. 

a)  b)

1,4 µm

Abb. 5‐9: REM‐Aufnahmen einer Linienkerbe im BSE‐Modus bei unterschiedlicher Vergrö‐
ßerung 
 

Zur Ermittlung der tatsächlich erreichten Kerbtiefe wurden die Kerben unterschiedlicher Pa‐
rameter  am  Rand  einer  längsgeschliffenen  Probe  angeordnet  und  die  Probe  im  Anschluss 
seitlich  mit  90°‐Ausrichtung  quergeschliffen  und  poliert,  bis  die  resultierende  Schnittebene 
in etwa bei der Hälfte der Kerblänge lag. Mit diesem "Schnitt" konnten alle Kerben gleichzei‐
tig in Tiefenrichtung analysiert werden. Das Ergebnis der Analyse offenbart, dass die maxi‐
male Tiefe unter Verwendung der Energie von   = 500 nJ erreicht wurde, die allerdings etwa 
 = 7 µm und somit nur 20% der Sollvorgabe betrug. Die Breite der Kerben stellte sich in 
diesem Fall mit ca.   = 10 µm ein. Geringere Energien, insbesondere von 100 nJ, führten zu 
einem nur oberflächlichen Abtrag, so dass folglich die Erzeugung einer tiefen und schmalen 
Linienkerbe nach dieser Methode nicht möglich ist. Naheliegende Begründung hierfür liegt in 
der  erschwerten  Entweichung  des  ablatierten  Materials  aus  schmalen  Kerben.  Dadurch  la‐
gert  sich  dieses  innerhalb  der  Kerbe  verbliebene  ablatierte  Material  erneut  ab  und  muss 
beim  nächsten  Schritt  wiederholt  abgetragen  werden.  Im  Bezug  auf  die  einprogrammierte 
Position für optimale Laserablation der nächsten Abtragsstufe verschiebt sich allerdings die 
tatsächliche "Oberflächenposition". Ist der Versatz so groß, was mit zunehmender Tiefe der 
Fall ist, so erfolgt keine Ablation mehr. 

Um eine ausreichende Tiefe zu erreichen, dürfen die Kerben demnach nicht zu schmal aus‐
fallen. Eine Alternative stellen V‐förmige Kerben dar, deren Spitze durch die Verwendung ge‐
Materialbearbeitung und Phasenanalyse mit einem Ultrakurzpulslaser  67 

ringer Energie einen kleinen Radius einnimmt. Zur Erzeugung dieser Kerbform beinhaltet das 
Steuerungsprogramm des Verschiebetisches einen Ablauf, wo innerhalb einer Abtragsebene 
ein Hexagon von innen nach außen abgefahren wird. Die Abmessung des Hexagons wird in 
Anlehnung an eine Ellipse mit den Parametern   und   definiert (Abb. 5‐10 a)). Mit zuneh‐
mender Abtragstiefe verjüngt sich das Hexagon und   geht beim Erreichen der Gesamttiefe 
 gegen  Null.  Auch  für  diesen  Kerbtyp  wurde  eine  äquivalente  Parameterstudie  durchge‐
führt  und  die  Realtiefe  bestimmt.  Die  Parameter  wurden  dabei  wie  folgt  variiert: 2  = 80‐
140 µm,   = 10‐40 µm,   = 10‐40 µm,   = 50‐200 nJ, Schrittweite in Tiefenrichtung ∆  = 0,5‐
2 µm. 

a)  b)

FIB‐Schnitt

c)  d)

 
Abb. 5‐10: a) schematische Skizze der Laserablation einer V‐Kerbe, b) perspektivische REM‐
Aufnahme einer mit   = 100 nJ Laserpulsenergie erzeugten V‐Kerbe, c) seitliche REM‐Auf‐
nahme nach FIB‐Abtrag zur Bestimmung der Tiefe und d) Detailansicht der Kerbflanke mit 
eindeutig erkennbaren Grenzverlauf zw. Grundmaterial und wiedererstarrter Schmelze 
 

Aus dieser Parameterstudie geht hervor, dass die maximale Ausdehnung der Kerben in Tie‐
fenrichtung  mit  der  Kombination  der  höheren  Energie  von   =  200  nJ  und  der  Breite  von 
über   = 20 µm  erreicht  wird.  In  diesem  Fall  liegt  die  tatsächliche  Tiefe  bei  etwa 
   25 µm,  womit  der  vorgegebene  Maximalwert  von   = 40 µm  nicht  erreicht  wird. 
Ungeachtet  dieser  Diskrepanz  erfüllt  die  Kerbform  und  ‐abmessungen  die  allgemeingültige 
Anforderung an das Tiefe‐zu‐Breite Verhältnis, wenn 2   100 µm gewählt wird. Dieses soll‐
te im Bereich von 0,5  / 1 liegen, da somit der halbelliptischen Form eines natürlichen 
makroskopischen Risses entsprochen wird. Durchgeführte in‐situ Experimente unter Einsatz 
68  Materialbearbeitung und Phasenanalyse mit einem Ultrakurzpulslaser 

dieses Kerbtyps in TiAl‐Legierungen bestätigen ihre Wirksamkeit. Allerdings initiierte daraus 
nur in ca. 25% der Fälle ein Anriss unter monotoner und in 28% der Fälle unter zyklischer Be‐
lastung, wobei gleichzeitig bis zu 30 unterschiedlich gerichtete Kerben innerhalb einer Probe 
platziert  wurden.  Bruchursächliche  Hauptrisse  entstanden  daraus  nicht.  Für  das  endgültige 
Versagen waren eher natürliche mikrostrukturelle "Schwachstellen" verantwortlich, die zum 
Teil im Inneren der Proben lagen und somit nicht observiert werden konnten. 

Die vergleichsweise niedrige Effizienz der V‐Kerbe ist auf die resultierende Spannungsüber‐
höhung zurückzuführen, die in der gleichen Größenordnung mit den mikrostrukturell beding‐
ten  Spannungsüberhöhungen  oder  darunter  liegt.  Zur  Charakterisierung  dieser  Kerbspan‐
nungen  wurden  FEM‐Analysen  einer  idealisiert  angenäherten  3D‐Kerbform  erstellt,  wobei 
die Abbildung der räumlichen Geometrie mittels des in Abb. 5‐10 b) skizzierten FIB‐Schnitts 
einer mit   = 100 nJ Laserpulsenergie ablatierten V‐Kerbe ermöglicht wurde. Die Vorteile der 
FIB‐Technologie  liegen  in  der  sorgfältigen  und  präzisen  Bearbeitung,  wodurch  in  Kombina‐
tion  mit  einem  Feldemissionsrasterelektronenmikroskop  hochauflösende  Bilder  in  Tiefen‐
richtung aufgenommen werden konnten (Abb.  5‐10 c) und  d)). Die durchgeführte FEM‐Be‐
rechnung  basiert  auf  einem  Viertelmodell  eines  Volumens  mit  eingebetteter  Probe  (Abb. 
5‐11 a)). Hierfür wurde ein isotrop‐elastisches Material vorausgesetzt und eine äußere Belas‐
tung  von   =  100  MPa  aufgebracht.  Die  errechnete  Formzahl  der  V‐Kerbe  liegt  bei 
,  = 6,2 und  ,  = 6,1 (vgl. Abb. 5‐11 b)) für den Fall, dass die Abmessung 
der Kerbe mit 2  = 80 µm,   = 20 µm und   = 25 µm festgelegt wird. 

a)  b)

,  

 
Abb. 5‐11: a) FE‐Modell zur Bestimmung der Spannungskonzentration innerhalb der V‐Ker‐
be [138] und b) Nomenklatur der Formzahl. 
 

Detailaufnahmen in Abb. 5‐10 bestätigen gleichzeitig die in Kap. 5.1.3 aufgestellte Hypothe‐
se  der  auf  der  Strukturkante  anhaftenden  Materialablagerung.  Wiedererstarrende  Partikel 
lagern sich offensichtlich schichtweise auf dem Grundmaterial ab, so dass ein tröpfchenför‐
miger Aufbau entsteht. Die Grenze zu dem Grundmaterial ist dabei eindeutig erkennbar (vgl. 
Abb. 5‐10 d)). 

 
Materialbearbeitung und Phasenanalyse mit einem Ultrakurzpulslaser  69 

5.2.2 Formoptimierung zur Steigerung der Kerbwirkung 
Die  erfolgreiche  Durchführung  systematischer  in‐situ  Experimente  hängt  im  Wesentlichen 
von der Effizienz der Kerbe ab, weshalb diese weiter gesteigert werden muss. Nur so kann 
die gezielte Rissinitiierung eingeleitet und das Mikrorisswachstum beobachtet werden. Ent‐
scheidende  Faktoren  werden  hierbei  in  der  Tiefenausdehnung  und  der  Formzahl  gesehen. 
Um beides zu erhöhen wurde eine gestufte Kerbform unter dem Einsatz zweier unterschied‐
licher Energien verwirklicht, wie sie schematisch in Abb. 5‐12 a) dargestellt ist. Zur Erzeugung 
der  mittleren  Sektion  wird  die  Energie  auf   = 1200  nJ  eingestellt,  wodurch  eine  Gesamt‐
tiefe von bis zu   = 55 µm erreicht wird. Der prinzipielle Verfahrensablauf während der Abla‐
tion  entspricht  dabei  der  hexagonalen  V‐Kerbe.  Im  Anschluss  werden  mit  der  geringeren 
Energie von   = 200 nJ die oberflächennahen Stirnseiten ablatiert, so dass zum einen eine 
Stufe  entsteht  und  zum  anderen  ein  kleiner  Radius  dieser  Sektion  gewährleistet  werden 
kann. Nach  der Fertigstellung liegen die beiden anderen Hauptmaße bei etwa 2  = 130 µm 
und   = 35 µm. 

a)  b)

 
Abb. 5‐12: a) skizzierte Stufenkerbe, die mit zwei Energien erzeugt wurde und b) REM‐Auf‐
nahme der Bruchfläche mit angedeutetem Verlauf der Kerbe in Tiefenrichtung.  
 

FEM‐Berechnungen mit gleichen Randbedingungen liefern für diese Stufenkerbe eine Form‐
zahl von  ,  = 14,3, wobei der Wert im Bereich der Stufenkante erreicht wird (vgl. 
Abb. 5‐13). Die anderen beiden Formzahlen, die zum erweiterten Vergleich mit der V‐Kerbe 
angegeben seien, liegen bei  ,  = 8,2 und  ,  = 8,6. Die Grundlage zur Er‐
stellung  des  dreidimensionalen  Modells  bilden  in  diesem  Fall  REM‐Aufnahmen  (vgl.  Abb. 
5‐12  b),  unter  anderem  auch  von  Bruchflächen  der  Proben,  die  zuvor  mit  solchen  Kerben 
versehen und ermüdet wurden. Damit ist auch angedeutet, dass die Stufenkerbe eine deutli‐
che Verbesserung für die Versuchsdurchführung mit sich bringt. Im Einsatz initiierte daraus 
in ca. 43% der Fälle unter monotoner und in 63% unter zyklischer Belastung ein Mikroriss. In 
über 50% der Ermüdungsproben entwickelte sich aus einer der erzeugten Stufenkerben der 
signifikante Hauptriss, so dass alle Stadien ‐ von der Rissinitiierung, der Überwindung erster 
Barrieren  bis  hin  zum  Übergang  zu  einem  mikrostrukturell  weniger  beeinflussten  physika‐
lisch langen Riss ‐ untersucht werden konnten. Die Vergleichsrechnung einer üblicherweise 
70  Materialbearbeitung und Phasenanalyse mit einem Ultrakurzpulslaser 

verwendeten Halbellipsoid‐Kerbe liefert bei gleichem  / ‐Verhältnis eine weitaus geringere 
Formzahl von   = 4,5. 

 
Abb. 5‐13: Von‐Misses‐Spannung mit Maximum im Bereich der Stufenkante [138] 
 

Wird eine mit Stufenkerben behaftete Probe belastet, so kann angenommen werden, dass 
infolge der hohen Formzahl im Bereich beider Stufenkanten frühzeitig die ersten Anrisse ent‐
stehen. Unter der Vernachlässigung des mikrostrukturellen Einflusses wachsen diese simul‐
tan und vereinigen sich angesichts der vorliegenden Spannungsüberhöhung über die gesam‐
te  Kerbfront.  Die  dabei  angestrebte  halbelliptische  Form  kann  schnell  erreicht  werden,  da 
die Kerbgeometrie diese bereits vordefiniert. Die weitere Ausbreitung des nun entstandenen 
Mikrorisses, wie er in Abb. 5‐14 a) in gelber Schattierung angedeutet ist, hängt im Wesent‐
lichen von dem vorliegenden Spannungsintensitätsfaktor   und der Mikrostruktur ab.  

a)  b)

 
Abb. 5‐14: a) Annahme der halbelliptischen Rissform nach der Rissinitiierung aus der Stu‐
fenkerbe,  b)  Bestimmung  des  Spannungsintensitätsfaktors   für  einen  mittig  liegenden 
Oberflächenriss unter äußerer Zug‐ und Biegebelastung [51] 
 
Materialbearbeitung und Phasenanalyse mit einem Ultrakurzpulslaser  71 

Der  Spannungsintensitätsfaktor  in  Abhängigkeit  des  Winkels   (Abb.  5‐14  b))  kann  für  den 
vorliegenden  Fall  in  Analogie  zur  Gleichung  (2‐6)  nach  der  folgenden  Beziehung  bestimmt 
werden [51]:  

π ⋅a ⎛a a c ⎞
K I = (σ m + H ⋅ σ b ) F ⎜ , , , φ ⎟ .    (5‐10) 
Q ⎝t c W ⎠

Diese geht auf Newman und Raju zurück, wobei  ,   und   als geometrische Korrekturpara‐


meter  definiert  und  entsprechend  der  im  Anhang  A‐2.1  dargestellten  Gleichungen  für  den 
vorliegenden Fall berechnet werden können. 

Die  Berechnung  des  Spannungsintensitätsfaktors  basiert  demnach  unter  anderem  auf  den 
Abmessungen des entstandenen Mikrorisses. Hier kann eine vereinfachte Annahme getrof‐
fen werden, dass dieser kurz nach der Entstehung mit 2  = 130 µm und   = 55 µm ähnliche 
Werte  wie  die  Stufenkerbe  selbst  annimmt.  Betrachtet  man  nun  beispielsweise  einen  sol‐
chen  Mikroriss  innerhalb  einer  Flachprobe  der  Form  C  aus  dem  Untersuchungsmaterial 
TNM‐B1 und einer äußeren Last von  , 421  sowie  0 , so nimmt 
der  winkelabhängige  Spannungsintensitätsfaktor  in  diesem  Fall  folgende  Werte  an: 
0° 4,06 √  und  90° 4,01 √ . Der Vergleich mit Literatur‐
angaben zeigt, dass diese Werte im Bereich der kritischen Rissausbreitung liegen, wenn der 
Mikroriss parallel zu den Lamellen und innerhalb einer im 90° zur Lastrichtung angeordneten 
Kolonie entsteht (vgl. Abb. 2‐12 auf S. 27). Somit bleibt die in‐situ Beobachtung der Mikro‐
rissausbreitung bei dieser Konstellation erwartungsgemäß uneingeschränkt, da die Belastung 
nach  unten  problemlos  angepasst  werden  kann.  Dagegen  nimmt  die  kritische  Rissausbrei‐
tung mit abnehmendem Winkel   deutlich größere Werte an. In diesem Fall muss vermutlich 
eine  höhere  Belastung  gewählt  werden,  um  die  Mikrorissausbreitung  innerhalb  der  ersten 
ungünstig liegenden Kolonie verursachen zu können. 

Schlussfolgernd kann festgehalten werden, dass dieser Stufenkerbtyp sich infolge der erwar‐
teten schnellen Rissinitiierung und der dann vorliegenden Rissgröße bestens für systemati‐
sche  Analysen  des  Initiierungs‐  und  Wachstumsverhaltens  kleiner  Oberflächenrisse  eignet. 
Aufgrund der geringen Kerbgröße ist auch die Untersuchung innerhalb einer Kolonie möglich, 
bis auf das Untersuchungsmaterial TNB‐V5, das vergleichsweise feine Kolonien aufweist. 

 
72  Mikrostruktureller Einfluss auf das Schädigungsverhalten untersuchter Legierungen 

6 Mikrostruktureller Einfluss auf das Schädigungsverhalten untersuchter Le‐
gierungen 
Aus der Literatur ist bekannt, dass Mikrorisse unter der zyklischen Belastung früh initiieren 
können. Desweiteren ist bekannt, dass die Ausrichtung der Kolonien bezüglich der Lastrich‐
tung  einen  signifikanten  Einfluss  auf  die  Rissinitiierung  und  ‐ausbreitung  nimmt.  Diese  Er‐
kenntnisse basieren auf mikroskopischen Untersuchungen der Probenoberflächen sowie In‐
terpretationen der Bruchflächen, die vielfach erst nach der Versuchsdurchführung erfolgten. 
In  der  vorliegenden  Arbeit  zur  Klärung  des  Schädigungsverhaltens  soll  eine  übergreifende 
und systematische in‐situ Analyse ausgewählter  ‐TiAl‐Basislegierungen hinsichtlich des Ini‐
tiierungs‐  und  Wachstumsverhaltens  kleiner  Oberflächenrisse  unter  Berücksichtigung  des 
mikrostrukturellen Einflusses durchgeführt werden. Hierfür wurden zunächst quasistatische 
in‐situ Laststeigerungsversuche auf der mikro‐ und mesoskopischen Ebene durchgeführt, die 
insbesondere  einen  Aufschluss  über  die  frühe  Rissinitiierung  geben  sollten.  Die  Ergebnisse 
dieser  Untersuchungen  werden  im Kap.  6.1  vorgestellt.  Erkenntnisse  aus  den  im  Anschluss 
durchgeführten  in‐situ  Ermüdungsversuchen  werden  im  Kap.  6.2  zusammengetragen.  Hier 
konnten, insbesondere durch den Einsatz des fs‐Lasers zur Erzeugung der Mikrokerben, alle 
Stadien  der  Rissentwicklung  erfasst  und  bruchmechanisch  ausgewertet  werden.  Abschlie‐
ßend werden die Ergebnisse im Kap. 6.3 legierungsübergreifend diskutiert. 

6.1 Quasistatische Belastung bei Raumtemperatur 
Quasistatische  in‐situ  Experimente  wurden  in  Form  von  lastgesteigerten  Zug‐Druck‐Versu‐
chen  an  Flachproben  der  Form  A  und  C  unter  Verwendung  eines  miniaturisierten  Lastrah‐
mens und in Kombination mit einem Auflichtmikroskop durchgeführt. Diese Versuche dien‐
ten  der  Ermittlung  kritischer  Lastgrößen  für  anfängliche,  dauerhafte  mikrostrukturelle  Ver‐
änderung,  woraus  die  Spannungsamplitude  für  Ermüdungsexperimente  abgeleitet  werden 
konnte. Einige Proben wurden während der Versuchsdurchführung vollständigen Hysteresen 
mit stufenweise ansteigender Spannungsamplitude unterzogen. Das Spannungsverhältnis lag 
in diesem Fall immer bei   = ‐1. Andere Proben wurden nur der Zug‐Schwell‐Belastung aus‐
gesetzt,  so  dass  das  Spannungsverhältnis   = 0  betrug.  Lichtmikroskopische  Bildaufnahmen 
erfolgten nach der Entlastung aus der jeweiligen Lastrichtung und partiell auch während der 
Belastung,  so  dass  die  ortsaufgelöste  Dehnung  mittels  des  Grauwertbildanalyseverfahrens 
bestimmt werden konnte. 

6.1.1 TAC‐2‐NL 
Beobachtungen an dem Untersuchungsmaterial TAC‐2‐NL zeigen, dass  Mikrorisse aufgrund 
der geringen Plastizität der intermetallischen Phasen bereits infolge einer geringen monoto‐
nen Belastung initiieren können. Abb. 6‐1 a) Pos. B zeigt einen beispielhaften Riss, der erst‐
mals nach einer äußeren Belastung von 150 MPa detektiert werden konnte. Der direkte Ver‐
gleich mit dem Spannungs‐Dehnungs‐Diagramm in Abb. 6‐1 b) verdeutlicht, dass dieser Wert 
weit  unterhalb  der  makroskopischen  Elastizitätsgrenze  ,  liegt.  Die  laterale  Kolonieaus‐
Mikrostruktureller Einfluss auf das Schädigungsverhalten untersuchter Legierungen  73 

richtung relativ zur Last betrug in diesem Fall etwa   = 90°, so dass auf eine Signifikanz der 
lokalen Spannungskomponente   (Orientierungsdefinition in Abb. 6‐1 a)) bei der Rissinitiie‐
rung geschlossen werden kann. Mit zunehmender Belastung breitete sich dieser Riss über‐
wiegend  inter‐  oder  intralamellar  aus,  wobei  einige  Anteile  translamellarer  Rissinitiierung 
vor der Rissspitze des Mikrorisses hinzukamen. Die eindeutige Unterscheidung zwischen der 
inter‐ und intralamellarer Rissausbreitung kann an dieser Stelle aufgrund der geringen opti‐
schen Auflösung der Lichtmikroskopie nicht erfolgen. Hierfür sind detailierte REM‐Analysen 
erforderlich, auf die in folgenden Abschnitten noch eingegangen wird. Die Ausdehnung die‐
ser translamellaren Mikrorisse reichte nur über eine bzw. wenige Lamelle(n), wobei die beid‐
seitigen Rissenden an den Lamellengrenzflächen in Richtung der Lamellen abgelenkt wurden. 

a)  b)

 
Abb. 6‐1: a) Rissinitiierung innerhalb unterschiedlich angeordneter Lamellenkolonien von 
TAC‐2‐NL  in  Abhängigkeit  der  Nennspannung  (i:  inter‐  oder  intralamellare  und  t:  transla‐
mellare Rissausbreitung), b) makroskopisches Spannungs‐Dehnungs‐Diagramm 
 

Mit zunehmender Last initiierten ferner zusätzliche Mikrorisse, zum einen parallelliegend in‐
nerhalb der gleichen Kolonie und zum anderen in Kolonien mit lateral abnehmender Orien‐
tierungsdifferenz bezüglich der Lastachse (z. B. Pos. A in Abb. 6‐1 a)). Der überwiegende An‐
teil  dieser  Mikrorisse  ist  inter‐  oder  intralamellar.  Für  den  Fall  der  Kolonieausrichtung  im 
Winkelbereich von etwa   = 30‐60° konnte partiell eine Abscherung kolonialer Teilbereiche 
entlang  einzelner  Lamellengrenzflächen  beobachtet  werden,  wofür  die  Schubspannung  als 
eine  weitere  wesentliche  schädigungsrelevante  Belastungskomponente  ursächlich  ist.  Der 
erste flächendeckende Verlust des mikrostrukturellen Einflusses auf die Rissinitiierung konn‐
te nach der Laststufe mit der Nennspannung von   = 450 MPa beobachtet werden, d. h. 
74  Mikrostruktureller Einfluss auf das Schädigungsverhalten untersuchter Legierungen 

nach der deutlichen Überschreitung der  , ‐Dehngrenze. In diesem Fall erfolgt die Initiie‐
rung weiterer Risse sowie deren Ausbreitung verstärkt Mode‐I gesteuert und translamellar. 
Die Lamellenausrichtung hat insofern noch einen Einfluss, da diese hinzukommenden trans‐
lamellaren  Mikrorisse  durch  die  offensichtlich  effiziente  Barrierenwirkung  der  Lamellen‐
grenzflächen nur kurze Längen einnehmen. Die aufgebrachte Energie wird aus diesem Grund 
über die hohe Anzahl parallelliegender Mikrorisse abgebaut, die eine wellenartige Formation 
einnehmen (vgl. Abb. 6‐2 nach 500 MPa Zugbelastung). 

0 MPa 

nach +500 MPa 

nach ‐500 MPa 

 
Abb.  6‐2:  Vergleich  des  Ursprungszustandes  mit  der  Schädigungserscheinung  im  jeweils 
entlasteten Zustand nach Lastaufbringung von   = 500MPa Zug‐ bzw. Druckspannung 
 

Bereits vorliegende inter‐/intralamellare Mikrorisse, die frühzeitig innerhalb der Kolonien ini‐
tiierten, breiteten sich mit kontinuierlich steigender Last bevorzugt entlang der Lamellenaus‐
richtung  aus,  solange  bis  benachbarte  Koloniegrenzen  erreicht  wurden.  Die  Änderung  der 
Ausbreitungsrichtung  sowie  die  Überwindung  der  ersten  Koloniegrenzen  konnte  ebenfalls 
erst  mit  höheren  Laststufen,  d.  h.  mit  Überschreitung  der  Nennspannung  von 
 = 450 MPa,  beobachtet  werden.  Somit  wird,  äquivalent  zur  Rissinitiierung,  eine  Ten‐
denz zur Mode‐I Dominanz gesehen. Bis kurz vor dem Erreichen der Zugfestigkeit jeweiliger 
Probe lagen alle bruchursächlichen Mikrorisse entweder innerhalb der Kolonie, oder hatten 
die ersten Koloniegrenzen gerade überwunden. Das endgültige Versagen der Proben wurde 
im Anschluss durch die kritische Rissausbreitung eingeleitet. Der nach Ansätzen aus Anhang 
A‐2  ermittelte  kritische  Spannungsintensitätsfaktor  liegt  im  Wertebereich  von  9,7
14,2 √ . 

Die  Rissinitiierung  entlang  der  Koloniegrenzen  konnte  ebenfalls  erst  oberhalb  der  , ‐
Dehngrenze beobachtet werden. Da allerdings die anschließende Rissausbreitung tendenziell 
Mode‐I gesteuert und somit translamellar erfolgte, wurde diese durch abweichend orientier‐
ten Lamellen stark behindert. Dagegen findet die Rissinitiierung innerhalb der  ‐Körner auch 
Mikrostruktureller Einfluss auf das Schädigungsverhalten untersuchter Legierungen  75 

unterhalb  der  , ‐Dehngrenze  statt,  wobei  die  Ausrichtung  offensichtlich  kristallogra‐


phisch  vorgegeben  wird.  Die  Annahme  des  kristallographischen  Einflusses  kann  zum  einen 
damit begründet werden, dass die Rissbreiten schmal sind und die Risspfade äußerst gerade 
verlaufen. Da zudem keine sichtbare spannungsinduzierte Veränderung des mikrostrukturel‐
len Erscheinungsbilds vor der Rissspitze hervorgerufen wird, kann von einer vernachlässigba‐
ren Versetzungsbewegung und somit der Plastizität ausgegangen werden. Zum anderen liegt 
eine weite Variation der Orientierungen vor. Dieses Schädigungsverhalten der  ‐Körner ent‐
spricht  somit  einem  spröden  Spaltbruch  mit  der  schnellen  Rissausbreitung  und  entspricht 
der  in  der  Literatur  angegebenen  Versagensart  der  ‐Phase  (vgl.  Kap.  2.3.1).  Daraus  resul‐
tiert auch die Beobachtung, dass in den überwiegenden Fällen der Rissinitiierungen die Mi‐
krorisse sogleich die Ausdehnung der betroffenen  ‐Körner annahmen. In den übrigen Aus‐
nahmefällen erfolgte nach der Rissinitiierung eine schnelle Ausbreitung bis zu den Kolonie‐
grenzen, und zwar infolge der anschließenden Laststeigerung von 10‐50 MPa. 

Es bleibt noch anzumerken, dass die vorhandene Schädigung während und nach der Druck‐
last kaum mehr sichtbar ist (vgl. Abb. 6‐2). Vorliegende Mikrorisse werden durch den Druck 
vollständig geschlossen und bleiben in diesem Zustand auch nach der Entlastung, so dass für 
den  Scanvorgang  während  der  in‐situ  Ermüdungsversuche  schlussfolgernd  die  Beendigung 
der Spannungshysterese aus dem Zugbereich vorteilhaft ist. 

6.1.2 TAC‐2‐FL 
Um die belastungsabhängige Rissinitiierung sowie ‐ausbreitung im Anfangsstadium flächen‐
deckend zu untersuchen, bietet sich der Einsatz des Grauwertbildanalyseverfahrens an, wel‐
ches unter dem Begriff DIC im Kap. 4.1 vorgestellt wurde. Das Untersuchungsmaterial TAC‐2‐
FL eignet sich diesbezüglich aufgrund großer Kolonien hervorragend, da bis zur Wechselwir‐
kung des kleinen inter‐ bzw. intralamellaren Mikrorisses mit angrenzenden Koloniegrenzen 
größere Distanzen überwunden werden müssen. Zudem bietet die nahezu gleichverteilte Ko‐
lonieausrichtung eine sehr gute Möglichkeit, um den Einfluss der Ausrichtung benachbarter 
Kolonien  auf  die  Überwindung  der  ersten  Koloniegrenzblockaden  bei der  Mikrorissausbrei‐
tung  zu  untersuchen.  Vorbereitend  für  diese  Analysen  wurden  ebenfalls  in‐situ  Laststeige‐
rungsversuche durchgeführt, wobei in diesem Fall für die Bildaufnahmen eine hohe optische 
Vergrößerung von 500‐fach und die digitale Auflösung der Mikroskopkamera von 3200x2400 
Pixel verwendet wurde. Mit diesen Parametern wurde eine Fläche der Größe 8,89x4,35 mm 
(LxB)  im  Ursprungszustand  sowie  während  der  Last  von   = 175 MPa,   = 200 MPa 
und   = 250 MPa  in  einer  16x11‐Matrix  gescannt.  Die  Laststufen  wurden  so  gewählt, 
dass  der  Übergang  vom  makroskopisch  linear‐elastischen  zum  plastischen  Verhalten  näher 
untersucht werden konnte (vgl. Abb. 6‐3). 

 
76  Mikrostruktureller Einfluss auf das Schädigungsverhalten untersuchter Legierungen 

 
Abb. 6‐3: Makroskopisches Spannungs‐Dehnungs‐Diagramm von TAC‐2‐FL mit Markierun‐
gen aufgebrachter Laststufen 
 

Nach  dem  Zusammenfügen  einzelner  Bildaufnahmen  der  Scanmatrix  zu  einem  Gesamtbild 
weist der beobachtete Probenabschnitt (Abb. 6‐4 a)) eine Auflösung von 48.330x23.625 Pixel 
auf und bietet somit, auch bei den vergleichsweise geringen Dehnungen, eine gute Möglich‐
keit zur ortsaufgelösten DIC‐Analyse. Um Berechnungsfehler, die aufgrund von Bildüberlap‐
pungen entstehen können, zu vermeiden, wurde die Grauwertkorrelationsanalyse selbst an 
den einzelnen Matrixpositionen separat durchgeführt. Erst im Anschluss wurden die Einzel‐
ergebnisse  der  Dehnungsermittlung  farbkodiert  ausgegeben  und  zu  einem  Gesamtbild  zu‐
sammengefügt. Abb. 6‐4 b) und c) veranschaulicht die ermittelte Dehnungsverteilung infolge 
der  ersten  Laststufe  von   = 175  MPa  in  x‐  und  y‐Richtung,  wobei  diese  mit  dem  Ge‐
samtbild  der  Probe  mit  40%‐iger  Transparenz  überlagert  wurde.  Die  Zuordnung  der  Deh‐
nungswerte  kann  dem  Farbbalken  entnommen  werden.  Zu  beachten  ist,  dass  Dehnungen 
außerhalb des Bereichs  0,3% farblich nicht weiter unterteilt wurden. Es handelt sich hier‐
bei  um  einen  vernachlässigbaren  Anteil  von  etwa  2%  aller  Werte,  denen  vereinfacht  die 
blaue bzw. rote Farbe zugeordnet wurde. Die Wahl dieser Farbunterteilung ist insofern legi‐
tim,  da  verstärkt  auf  die  Visualisierung  auch  geringfügiger  Dehnungskonzentrationen  Wert 
gelegt wurde und die Beurteilung in erster Linie qualitativ erfolgen soll. Die Farbkodierung 
nachfolgender Laststufen blieb zwecks besserer Vergleichbarkeit und ungeachtet partiell hö‐
herer Dehnungen unverändert. Das Ergebnis der ermittelten Dehnungsverteilung bei   
und   ist in Abb. 6‐5 dargestellt. 

 
Mikrostruktureller Einfluss auf das Schädigungsverhalten untersuchter Legierungen  77 

a) 

b)  R7  R2
R1    
R3 

R4 
R5 R6

c) 
 

 
Abb. 6‐4: DIC‐Dehnungsanalyse mit Identifizierung lokaler Abscherprozesse: a) zusammen‐
gefügtes Gesamtbild im Ursprungszustand, b) und c) Farbkodierung der Dehnung in x‐ und 
y‐Richtung bei einer Nennlast von   = 175 MPa 
 
78  Mikrostruktureller Einfluss auf das Schädigungsverhalten untersuchter Legierungen 

a) 
 
R8 

b) 
 

c) 
 

K1 

K2 

d) 
 

 
Abb.  6‐5: Farbkodierung der Dehnung in x‐ und y‐Richtung bei einer Nennspannung von: 
a) und b)   = 200 MPa sowie c) und d)   = 250 MPa 
 
Mikrostruktureller Einfluss auf das Schädigungsverhalten untersuchter Legierungen  79 

Während  der  ersten  Laststufe  betrug  die  makroskopische  Dehnung  dieser  Probe  etwa 
 = 0,09%. Auf der mikroskopischen Ebene wurden in die gleiche Richtung vereinzelt Werte 
von bis zu 1,17% gemessen, wie beispielsweise in dem umrahmten Bereich R4 in Abb. 6‐4 b). 
Solche  lokalisierte  Dehnung  tritt  überwiegend  in  Kolonien  mit  einer  lateralen  Orientierung 
von   = 25‐65° zur Lastrichtung auf, was den vorhergehenden Beobachtungen an TAC‐2‐NL 
entspricht  und  erneut  auf  einen  signifikanten  Einfluss  der  Schubspannung  schließen  lässt. 
Das  Erscheinungsbild  der  Dehnungsmaximas  entspricht  relativ  schmalen  Bändern,  die  in 
Richtung der Lamellen angeordnet sind. In einigen Fällen umfasst ihre Länge, trotz der ver‐
gleichsweise  geringen  Belastung,  die  gesamte  betroffene  Koloniebreite  (R1  und  R3  in  Abb. 
6‐4  b)),  d.  h.  es  findet  bereits  eine  beidseitige  Interaktion  mit  den  ersten  Koloniegrenzen 
statt. Vielfach liegt allerdings nur einseitige Interaktion vor (R4 und R5). Die Koloniegrenzen 
werden äußerst selten überschritten, eine solche Ausnahme bildet die R2‐Kolonie. Hier ragt 
das Dehnungsband einseitig über die erste Blockade in die benachbarte Kolonie hinein. 

Detaillierte Betrachtungen der Bildaufnahmen zeigen, dass es sich bei den Dehnungsbändern 
mit  der  Orientierung  von   = 25‐65°  um  Abschervorgänge  innerhalb  vereinzelter  Lamellen 
und entlang der Lamellengrenzflächen handelt. Somit handelt es sich hierbei nicht wie in der 
Literatur beschrieben um atomare Abgleitprozesse (vgl. Kap. 2.1.3), sondern bereits um eine 
dauerhafte Schädigung bzw. Rissinitiierung. Der Grund für das breite Erscheinungsbild eines 
Bands  geht  auf  die  DIC‐Analyseverfahren  zurück,  da  bei  den  gewählten  und  erforderlichen 
Parametern vorgestellter Ergebnisse (10 Pixel Abstand zwischen den Messpositionen in bei‐
de Richtungen und Referenzfeldgröße von 100x100) eine gewisse Unschärfe bei der Berech‐
nung der Verschiebungsvektoren unvermeidbar ist (vgl. Kap. 4.1). 

Abb. 6‐6 veranschaulicht am Beispiel der R2‐Kolonie die beiden zuvor genannten Ereignisse 
im Detail: Abscherprozess in Richtung der Lamellen und die Interaktion der Abscherung mit 
der Koloniegrenze. Der Dehnungsverteilung und den Bildaufnahmen an der Stelle der Deh‐
nungsmaximierung kann entnommen werden, dass der Abscherprozess während der ersten 
Laststufe  (Abb.  6‐6  b))  sich  innerhalb  der  betroffenen  Kolonie  auf  eine  breitere  ‐Lamelle 
konzentriert. Hierbei verschiebt sich der untere rechte Koloniebereich gemäß der orange ge‐
färbten  Pfeilrichtung  und  der  obere  linke  Koloniebereich  entsprechend  der  gelb  gekenn‐
zeichneten Pfeilrichtung. Bildaufnahmen zeigen entlang dieser  ‐Lamelle erste sequentielle 
Mikrorissinitiierungen,  die  unter  der  Laststufe   ausgeprägtes  Erscheinungsbild  anneh‐
men. Dennoch sind diese Mikrorisse nur in einem direkten Bildvergleich erkennbar, da ihre 
Breite eine deutlich kleinere Dimension annimmt als die Lamellenbreite. Während der ersten 
Laststufe wird der Abscherprozess auf der rechten Seite an einem innerhalb der Kolonie lie‐
gendem globularen  ‐Korn unterbunden. Da allerdings die Korngröße, verglichen mit der an‐
zunehmenden räumlichen Ausdehnung der Kolonie, klein ist, wurde dieses Hindernis mit zu‐
nehmender Belastung leicht überwunden. Linksseitig kann die bereits erwähnte Interaktion 
mit der benachbarten Kolonie auch bei geringer Belastung festgestellt werden. In diesem Fall 
reichte  offensichtlich  die  Spannungsüberhöhung  vor  der  entstandenen  Mikrorissspitze  aus, 
um in der deutlich anders orientierten Nachbarkolonie ebenfalls lokalisierte Dehnungsbän‐
der zu verursachen. Eine weitere denkbare Ursache für das Hineinreichen des Dehnungsban‐
des in die benachbarte Kolonie ist  die weiträumigere Ausdehnung der mikrorissbehafteten 
Kolonie  in  Tiefenrichtung.  Von  einer  Mikrorissausbreitung  und  Überwindung  erster  Blocka‐
80  Mikrostruktureller Einfluss auf das Schädigungsverhalten untersuchter Legierungen 

den kann in diesem Fall allerdings nicht gesprochen werden. Diese ist auch während der bei‐
den höheren Laststufen nicht eingetreten. 

a)  b)

c)  d)

 
Abb. 6‐6: Detailansicht der Umrandung R2 aus Abb. 6‐4: a) Abscherung entlang einer brei‐
teren  ‐Lamelle  infolge  der  Last,  b‐d)  farbkodierte  Dehnungen  aus  DIC‐Analysen  bei  ent‐
sprechender Reihenfolge  ,   und   
 

Ebenso erwähnenswert ist die Abscherung innerhalb der Kolonie R8 (Abb. 6‐5 a)), die entge‐
gen der ersten Vermutung nicht entlang der Koloniegrenze, sondern in unmittelbarer Nähe 
während  der  Aufbringung  der  Laststufe   stattgefunden  hat.  Die  Begründung  hierfür 
liegt in den Spannungsüberhöhungen im Bereich der Koloniegrenzen, die auf die elastische 
Anisotropie  verschieden  ausgerichteter  Kolonien  mit  der  daraus  resultierenden  Verschie‐
bungsinkompatibilität  zurückzuführen  ist.  Dieser  Effekt  ist  im  Allgemeinen  für  metallische 
Werkstoffe bekannt [2] und wurde in Kap. 2.2.2.1 beschrieben. 

Neben  der  dominanten  Schädigung  in  Form  von  schubspannungskontrollierter  Abscherung 


können während der geringen Last   auch vereinzelt Kolonien mit einer lateralen Orien‐
tierung von   = 80‐90° identifiziert werden, die ebenfalls Bänder lokalisierter Dehnung auf‐
weisen (R6 und R7 in Abb. 6‐4 b)). In diesem Fall handelt es sich um eine direkte Rissinitiie‐
rung, wofür zum einen die lokale Hauptnormalspannung und zum anderen die Schubspan‐
nung in Tiefenrichtung ursächlich sein können. Dies hängt von der räumlichen Orientierung 
der Lamellenkolonie ab, die an dieser Stelle nicht ermittelt wurde, da die Probe im unverän‐
derten Zustand für einen anschließenden in‐situ Ermüdungsversuch herangezogen wurde. 
Mikrostruktureller Einfluss auf das Schädigungsverhalten untersuchter Legierungen  81 

Unabhängig von der Orientierung offenbart die DIC‐Analyse mit zunehmender Belastung die 
Aktivierung weiterer Kolonien sowie die Lokalisierung der Dehnung innerhalb bereits aktiver 
Kolonien auf parallelliegenden Ebenen (Abb. 6‐5). Hierbei handelt es sich um hinzukommen‐
de  Abscherung  und  Rissinitiierung.  Bereits  vorhandene  Mikrorisse  manifestieren  sich  fort‐
schreitend, was sich mit Zunahme ihrer Länge bis zum Erreichen der Koloniegrenzen und ih‐
rer Verbreiterung abzeichnet. Die Koloniegrenzen sind in allen beobachteten Fällen sehr effi‐
ziente Hindernisse gegenüber der Mikrorissausbreitung unter quasistatischer Belastung. Die‐
se  Tatsache  wird  durch  die  Betrachtung  der  gesamten  observierten  Probenoberfläche  ver‐
deutlicht.  Innerhalb  der  Kolonien  liegende  gerichteten  Dehnungsmaxima  nehmen  auch  bei 
der Laststufe   in den meisten Fällen maximal die Ausdehnung der betroffenen Kolonie 
an (vgl. Abb. 6‐5 c)). 

a)  b) c)

K1 

d)  e) f)

K2

 
Abb.  6‐7:  Einfluss  der  fs‐Laser‐Kerben  K1  und  K2  auf  die  Rissinitiierung  unter  quasistati‐
scher Belastung von   = 250 MPa (Kerbpositionen sind Abb. 6‐5 c) zu entnehmen) 
 

Der Einfluss der fs‐Laser‐Kerben auf die Rissinitiierung unter quasistatischer Belastung kann 
mittels  der  ermittelten  ortsaufgelösten  Dehnungsmaxima  in  Abb.  6‐7  vorgeführt  werden. 
Hier werden zwei parallel zu den Lamellen ablatierten Kerben verglichen, wobei die Kerbe K1 
eine  laterale  Ausrichtung  von  etwa  90°  aufweist,  während  die  Kerbe  K2  mit  etwa  45°  zur 
Lastrichtung angeordnet ist. Neben dem Originalbild der Mikrostruktur ist die ortsaufgelöste 
Dehnung in x‐ und y‐Richtung infolge der Laststufe   dargestellt. K1 wurde innerhalb ei‐
ner Kolonie platziert, die trotz der senkrechten Ausrichtung zur Last auch bei höherer Last‐
82  Mikrostruktureller Einfluss auf das Schädigungsverhalten untersuchter Legierungen 

stufe vernachlässigbare Dehnungsmaxima aufweist. Die resultierende Spannung, die in die‐
ser Kolonie herrscht, ist offensichtlich nicht ausreichend, um eine Rissinitiierung unter quasi‐
statischen Bedingungen auszulösen. Einzig die Kerbe ruft vor den beiden Spitzen Spannun‐
gen hervor, die höhere Dehnungsfelder nach sich ziehen. Eine Rissinitiierung an der Oberflä‐
che wurde unter diesen Bedingungen allerdings auch hier nicht beobachtet. Die Kolonie mit 
der Kerbe K2 unterliegt dagegen einer lokalen Schubspannung, die während der Last   
hoch  genug  ist,  um  gleichzeitig  zwei  Abscherebenen  zu  aktivieren.  Dabei  ist  die  Rissinitiie‐
rung aus der Kerbe deutlich ausgeprägter. Die Wirksamkeit der Kerbe kann somit bereits un‐
ter einmaliger monotoner Belastung untermauert werden, für den Fall, dass die Kerbe inner‐
halb einer Kolonie mit höherer resultierender Lokalspannung ablatiert wird. 

6.1.3 TNM‐B1 
Eine ähnlich frühe Rissinitiierung unter quasistatischer Belastung wurde auch bei der Legie‐
rung  TNM‐B1  festgestellt.  Ein  Vorteil  dieses  Untersuchungsmaterials  liegt  in  der  nahezu 
gleichverteilten  Orientierung  der  Kolonien,  weshalb  die  statistische  Auswertung  bezüglich 
der  Rissinitiierung  sowie  der  allgemeinen  Schädigungsakkumulation  bei  unterschiedlichen 
Laststufen vorgenommen werden konnte. Diese beschränkt sich allerdings auf die Betrach‐
tung der Kolonien, da die inter‐ bzw. intralamellare Rissinitiierung und ‐ausbreitung zu dem 
vorherrschenden  Anteil  der  beobachteten  Schädigung  zählt.  Um  den  Einfluss  der  Ermü‐
dungsbelastung auf die Schadensakkumulation grundlegend zu erfassen, wurde die Probe im 
Bereich  der  , ‐Dehngrenze  zusätzlich  einer  zyklischen  Belastung  von  400 MPa  und 
435 MPa ausgesetzt. 

Abb.  6‐8  a)  veranschaulicht  den  akkumulierten  und  nennspannungsabhängigen  Rissinitiie‐


rungsprozess. In dem Diagramm ist die äußere Belastung der Probe auf der Abszisse aufge‐
tragen, während die Ordinate die Summe derjenigen Kolonien abbildet, die bis dahin bereits 
erstmalige Rissinitiierung ∑  aufweisen. Um eine relative Aussage zu ermöglichen, wurden 
diese Summen auf die Gesamtzahl betrachteter Kolonien   = 471 normiert. Neben der Ge‐
samtbetrachtung aller Rissinitiierungen, sind die betroffenen Kolonien, entsprechend der Le‐
gende, hinsichtlich ihrer lateralen Lamellenorientierung relativ zur äußeren Belastung klassi‐
fiziert. Um einen direkten Vergleich mit der makroskopischen Spannungs‐Dehnungs‐Kurve zu 
ermöglichen, ist diese in Abb. 6‐8 b) dargestellt. 

Der überwiegende Anteil erstmaliger Rissinitiierung erfolgte innerhalb der Kolonien mit der 
lateralen Lamellenausrichtung im Winkelbereich von 50° ≤   < 70°. Dabei wurden die ersten 
Aktivitäten  bereits  ab  einer  Nennlast  von  150 MPa  beobachtet.  Ab  der  Belastung  von 
225 MPa stieg die akkumulierte Rissinitiierung nahezu mit jeder weiteren Laststufe, bis die 
Probe den ersten zyklischen Lastspielzahlen bei 400 MPa ausgesetzt wurde. Diese zwischen‐
zeitliche,  noch  unterhalb  der  Elastizitätsgrenze  liegende  Belastungsart  führte  zu  einer  ra‐
schen  Zunahme  mikrorissbehafteter  Kolonien.  Prinzipiell  ähnliches  Verhalten  fand  auch  im 
weiteren Verlauf der Versuchsdurchführung unter quasistatischer Belastung im Bereich 400‐
435 MPa sowie unter kurzzeitiger zyklischer Belastung von 435 MPa statt. Nach dieser Vor‐
geschichte wiesen schließlich mehr als 11% der betrachteten Kolonien erste Mikrorisse auf. 
Mikrostruktureller Einfluss auf das Schädigungsverhalten untersuchter Legierungen  83 

a)  b)

 
Abb. 6‐8: a) Auswertung der Rissinitiierung in der TNM‐B1‐Legierung unter quasistatischer 
und teils dynamischer Belastung: Akkumulation erstmaliger Aktivität innerhalb jeweiliger 
Kolonien, normiert auf die Anzahl  beobachteter Kolonien und in Abhängigkeit der Nenn‐
spannung  , b) Spannungs‐Dehnungs‐Diagramm aus dem Zugversuch 
 

Eine weitere Auswertung stellt Abb. 6‐9 dar. Äquivalent zu der vorherigen Betrachtung der 
Rissinitiierung  wird  hierbei  die  gesamte  Schädigungsakkumulation ∑  innerhalb  der  Kolo‐
nien erfasst. Unter dem Begriff der Schädigungsakkumulation wird an dieser Stelle jegliche 
fortführende Aktivität zusammengefasst. Dies können neben der erstmaligen Initiierung ei‐
nes Risses auch dessen Ausbreitung sowie die zusätzliche parallelliegende Rissinitiierung sein. 
Dieses Verhalten ist bereits aus DIC‐Analysen an TAC‐2‐FL sowie den Beobachtungen an TAC‐
2‐NL bekannt und konnte an diesem Untersuchungsmaterial mit Zunahme der Last ebenso 
beobachtet werden. Um eine relative Aussage zu ermöglichen, wurde die Schädigungsakku‐
mulation auf die am Ende des Experiments festgestellte Gesamtzahl aller Aktivitäten  ,  
normiert.  Die  Kurven  dieses  Diagramms  verlaufen  prinzipiell  ähnlich  zu  denen  der  reinen 
Rissinitiierung, weisen jedoch einen signifikanten Unterschied auf. Die Schädigungsaktivität 
stieg im Zuge der zwischenzeitlichen zyklischen Belastung sowohl bei 400 MPa, als auch bei 
435  MPa  verglichen  mit  erstmaliger  Rissinitiierung  deutlich  stärker  an.  Aus  der  Sicht  der 
Oberflächenbetrachtung  blieben  die  wesentlichen  Mechanismen  jedoch  unverändert.  Die 
geringe Anzahl der Lastwechsel führte in diesem Fall zu keiner Mikrorissausbreitung über die 
Koloniegrenzen hinweg. 

 
84  Mikrostruktureller Einfluss auf das Schädigungsverhalten untersuchter Legierungen 

 
Abb. 6‐9: Auswertung der Schädigungsakkumulation innerhalb der Kolonien der TNM‐B1‐
Legierung  unter  quasistatischer  und  teils  dynamischer  Belastung:  Schädigungsakkumula‐
tion  normiert  auf  die  Gesamtzahl  betrachteter  Schädigungsaktivität  und  in  Abhängigkeit 
der der Nennspannung   
 

Um desweiteren das Verhalten der  ‐ und  ‐Cluster unter quasistatischer Belastung näher 


zu untersuchen, wurde im nächsten Schritt eine elektrolytisch polierte Probe bei 1000‐facher 
Vergrößerung lichtmikroskopisch observiert. Auch in diesem Fall betrug das Spannungsver‐
hältnis   = ‐1, so dass die Probe vollständige Hysteresen mit stufenweise ansteigender Span‐
nungsamplitude erfahren hat. Neben den Referenzaufnahmen im anfänglichen Zustand wur‐
den für jede Hysterese Digitalbilder beim Erreichen der Oberspannung, nach der Entlastung 
der Probe, beim Erreichen der Unterspannung sowie erneut nach der Entlastung aufgenom‐
men.  Die  anknüpfende  Bildauswertung  offenbart,  dass  innerhalb  einiger  ‐Cluster  infolge 
der  Zug‐  oder  Druckspannung  neben  der  bereits  beschriebenen  frühzeitigen  Rissinitiierung 
auch Zwillingbildung eintreten kann. Ein Beispiel hierfür ist in Abb. 6‐10 veranschaulicht. Ein‐
deutig  zu  erkennen  sind  die  parallelliegenden  Zwillingslamellen,  die  in  diesem  Fall  unter 
Druck  in  dem  markierten  ‐Cluster  formiert  wurden.  Wie  die  Beobachtungen  zeigen,  wird 
dieser  Verformungsmechanismus  bei  der  Belastung  im  Bereich  der  Elastizitätsgrenze  aktiv 
und manifestiert sich mit zunehmender Lastgröße. Nach der Entlastung blieben die Zwillings‐
lamellen  unverändert  gut  sichtbar.  Das  ursprüngliche  Erscheinungsbild  kam  jedoch  mit  der 
erneuten Belastung in die umgekehrte Lastrichtung zum Vorschein, so dass von einer "rever‐
siblen" plastischen Verformung gesprochen werden kann. Diese leistet sicherlich einen Bei‐
trag zum Abbau lokaler Spannungsspitzen. In den  ‐Clustern konnten keine sichtbaren Ver‐
änderungen festgestellt werden. 

 
Mikrostruktureller Einfluss auf das Schädigungsverhalten untersuchter Legierungen  85 

Hysterese 5 Hysterese 6 Hysterese 7  Hysterese 8


+400 MPa  +425 MPa  +450 MPa  +475 MPa 

0 MPa 

‐400 MPa  ‐425 MPa  ‐450 MPa  ‐475 MPa 


 
Abb. 6‐10: Entstehung von Zwillingslamellen innerhalb eines  ‐Clusters infolge ansteigen‐
der Drucknennspannung 
 

6.2 Ermüdung bei Raumtemperatur 
Basierend auf den Erkenntnissen über die frühe Rissinitiierung während quasistatischer Be‐
lastung (vgl. Kap. 6.1) wurden die Spannungsamplituden für die nachfolgenden in‐situ Ermü‐
dungsexperimente  zunächst  so  festgelegt,  dass  die  , ‐Dehngrenze  nicht  überschritten 
wurde. Die Proben wurden ohne Verwendung von Kerben ermüdet, was der Ermittlung von 
natürlichen  Versagensursachen  dienen  sollte.  Werkstoffübergreifend  offenbart  die  in‐situ 
Oberflächenbeobachtung in diesem Fall, dass im Anschluss an die anfängliche Rissinitiierung 
die  meisten  Mikrorisse  an  den  nächstliegenden  Koloniegrenzen  blockiert  werden.  Die  Le‐
bensdauer  wird  nun  primär  von  bestimmten  mikrostrukturellen  Konstellationen  dominiert, 
die die anschließende Rissausbreitung begünstigen. Hierzu zählen Mikroporen, die sich auf‐
grund ihrer Lage bzw. Abmessung über mehrere Kolonien ausdehnen, oder mehrere neben‐
einander liegende Kolonien mit einer für die Rissausbreitung ähnlich günstigen Ausrichtung 
ihrer  Lamellen.  Da  jedoch  die  Wahrscheinlichkeit  für  die  Lage  solcher  versagensrelevanten 
Konstellationen  im  Bereich  der  observierten  Oberfläche  im  Vergleich  zum  Gesamtvolumen 
gering  ist,  war  die  in‐situ  Beobachtung  der  entscheidenden  Rissausbreitung  nicht  immer 
möglich.  Demzufolge  ist  die  Wahl  einer  zu  geringen  Belastung  für  die  bruchmechanische 
Auswertung und die Ermittlung von Risswachstumskurven nicht zielführend. Der Einsatz von 
Starterkerben verbessert die Erfolgswahrscheinlichkeit, da eine gezielte Rissinitiierung mög‐
lich ist. Die anschließende Rissausbreitung über die Koloniegrenzen hängt jedoch auch in die‐
sem Fall von der angrenzenden mikrostrukturellen Konstellation ab, sofern die Kerbe inner‐
halb einer Kolonie erzeugt wird. Liegt dagegen eine höhere Spannungsamplitude vor, aus der 
typischerweise  eine  Bruchlastspielzahl  von  < 104  Lastwechsel  resultiert,  so  ist  im  Allgemei‐
nen  bei  metallischen  Werkstoffen  die  eingebrachte  Energie  für  die  vielerorts  gleichzeitig 
86  Mikrostruktureller Einfluss auf das Schädigungsverhalten untersuchter Legierungen 

stattfinde  Versetzungsbewegung  und  die  Rissausbreitung  hoch  genug  [44].  Unter  der  Be‐
rücksichtigung  dieses,  für  Metalle  aus  der  Literatur  bekannten  Sachverhalts,  wurde  für  die 
Ermittlung der bruchmechanischen Risswachstumskurven die Belastung im Bereich zwischen 
der  beiden  Dehngrenzen  ,  und  ,  vorgezogen.  Damit  ergab  sich  bei  ungekerbten 
Proben typischerweise eine Lebensdauer von 103 bis 105 LW, die dem Übergangsbereich zwi‐
schen LCF und HCF entspricht (vgl. Kap. 2.2.1.1). Die Beobachtungen des unterschiedlichen 
Schädigungsverhaltens sowie die ermittelten Rissausbreitungsfunktionen werden in folgen‐
den Unterkapiteln vorgestellt. 

Für die bruchmechanische Beschreibung der Rissausbreitung wurden die Spannungsintensi‐
tätsfaktoren nach dem Ansatz von Newman und Raju [51] berechnet, der im Anhang Kap. A‐
2.1 dargelegt ist. Um den Einfluss der Wechselwirkungseffekte mit dem Probenrand aus der 
Berechnung  auszuschließen,  wurden  die  dem  Probenrand  naheliegende  Mikrorisse  bei  der 
Auswertung  nicht  berücksichtigt.  Insofern  konnte  für  alle  betrachteten  Risse  die  Annahme 
eines halbelliptischen Rissprofils mit dem Verhältnis der Risstiefe zu halber Oberflächenriss‐
länge von  ⁄  = 0,825 (Abb. A‐2‐1) getroffen werden. Dieses Verhältnis wird bei einer Riss‐
ausbreitung  aus  energetischen  Gründen  angestrebt,  was  durch  den  Vergleich  der  Span‐
nungsintensitätsfaktoren in den beiden Punkten der Rissfront bei   = 0° und 90° verdeutlicht 
werden kann. In beiden Fällen liefert Gl. A‐2‐1 nahezu gleiche Ergebnisse. Bei Rissen, die ent‐
weder  unter  einem  Winkel   zur  Lastrichtung  orientiert  sind  oder  einen  gezackten  Verlauf 
aufweisen, kann eine vereinfachende Annahme getroffen, dass für die Berechnung des Span‐
nungsintensitätsfaktors nur der auf die x‐Achse projizierte Anteil der Risslänge   relevant ist 
[53]. Mit der Beziehung  · sin θ kann der oben genannte Ansatz von Newman und Raju 
wie folgt modifiziert werden: 

⎛a a c ⎞
K I* = K I ⋅ sin(θ ) ⎜ , , , φ ⎟ .    (6‐1) 
⎝t c W ⎠

Zudem  zeigen  die  Experimente,  wie  später  noch  verdeutlicht  wird,  dass  Rissschließeffekte 
für den gesamten Rissfortschritt vernachlässigt werden können. Der effektive zyklische Span‐
nungsintensitätsfaktor ∆  aus  Gleichung  2‐9  ist  in  diesem  Fall  gleichzusetzen  mit  , 
da die Annahme  0 √  getroffen werden kann. Diese Annahme bedeutet wieder‐
um, dass die vollständig positive Amplitude des Spannungsintensitätsfaktors als die maßgeb‐
liche Triebkraft für die Ausbreitung eines Ermüdungsrisses erachtet wird. Unter Berücksichti‐
gung  dieser  Rahmenbedingungen  werden  im  Folgenden  zyklische  Spannungsintensitätsfak‐
toren angegeben, die nach der Gleichung 

⎛a a c ⎞
ΔK I* = K I*,max ⎜ , , , φ , θ ⎟ φ = 0°     (6‐2) 
⎝t c W ⎠

errechnet wurden und an den probenoberflächlich liegenden Rissspitzen ihre Gültigkeit be‐
sitzen. 

 
Mikrostruktureller Einfluss auf das Schädigungsverhalten untersuchter Legierungen  87 

6.2.1 TNM‐B1 
6.2.1.1 Statistische Betrachtung der Rissinitiierung und der anfänglichen Riss‐
ausbreitung unter zykl. Belastung 
In  Anlehnung  an  die  statistische  Auswertung  in  Kap.  6.1.3  wurde  das  Ermüdungsverhalten 
der  Legierung  TNM‐B1  hinsichtlich  der  erstmaligen  Rissinitiierung  und  der  anschließenden 
Schädigungsakkumulation  untersucht.  Diese  Untersuchung  wurde  an  einer  Probe  durchge‐
führt,  die  während  des  Ermüdungsexperiments  einer  Spannungsamplitude  von 
 = 428 MPa ausgesetzt war. Die gewählte Lastgröße liegt im Bereich der  , ‐Dehngren‐
ze, so dass ein Vergleich zu quasistatischen Experimenten mit zwischenzeitlich zyklischer Be‐
lastung  ermöglicht  wird  (vgl.  Abb.  6‐8  und  Abb.  6‐9).  Bis  zum  Versagen  erfuhr  die  Probe 
18.038 Lastwechsel, wobei eine der ablatierten fs‐Laser‐Kerben bruchauslösend wirkte. Von 
den insgesamt 1.263 beobachteten Kolonien wiesen 144 Kolonien Schädigungsaktivitäten in 
Form  von  Rissinitiierung  und  ‐ausbreitung  auf.  Abgesehen  von  dem  bruchursächlichen 
Hauptriss aus der Kerbe wurden alle entstandenen Mikrorisse an den nächstliegenden Kolo‐
niegrenzen blockiert. Die Rissinitiierung innerhalb globularer Cluster wurde bei dieser Belas‐
tung und Anzahl der Lastwechsel nicht beobachtet. 

Abb.  6‐11  veranschaulicht  die  erste  statistische  Auswertung.  Hierbei  ist  auf  der  Ordinate  ‐ 
äquivalent zu Abb. 6‐8 in Kap. 6.1.3 ‐ die Summe der Kolonien aufgetragen, die bis zum be‐
trachteten Zeitpunkt bereits erstmalige Rissinitiierung ∑  aufwiesen. Um eine relative Aus‐
sage zu ermöglichen, wurde auch hier die ermittelte Summe auf die Gesamtzahl betrachte‐
ter Kolonien   = 1.263 normiert. Dagegen ist auf der Abszisse die Anzahl der Zyklen darge‐
stellt, die die Probe bis zum Moment der Bildaufnahmen erfahren hatte. Neben der winkel‐
übergreifenden  Gesamtbetrachtung  des  Rissinitiierungsverhaltens  über  den  Bereich 
0° ≤   ≤ 90°  stellt  das  Diagramm  eine  winkelabhängige  Unterteilung  entsprechend  der  Le‐
gende dar. 

Der aus der winkelübergreifenden Gesamtbetrachtung resultierenden Funktion in Abb. 6‐11 
kann eine anfänglich steile Steigung entnommen werden, d. h. die Anzahl der mikrorissbe‐
hafteten Kolonien stieg innerhalb von wenigen Lastwechseln schnell an. So waren beispiels‐
weise  ca.  9,5%  der  betrachteten  Kolonien  nach  nur  151  LW  bereits  "aktiv".  Nach  weiteren 
1.350 LW war eine deutliche Sättigung auf dem Niveau von 11,2% erreicht. Mit der Realisie‐
rung der Gesamtzahl von 10.001 LW erhöhte sich der Anteil der Kolonien mit Mikrorissen ge‐
ringfügig auf nun 11,4%. Hinzukommende Aktivierung neuer Kolonien wurde bis zum Versa‐
gen der Probe nicht beobachtet. Der prinzipielle Verlauf dieser Funktion spiegelt sich in dem 
Verlauf  der  Funktionen  einzelner  Winkelbereiche  wieder.  Ein  signifikanter  Unterschied  be‐
steht jedoch in der Lage der Kurven. So fand die erstmalige Rissinitiierung bevorzugt inner‐
halb der Kolonien statt, deren laterale Lamellenausrichtung relativ zur Lastrichtung im Win‐
kelbereich von 50° ≤   < 80° lag. Deutlich seltener wurde die Rissinitiierung innerhalb der Ko‐
lonien mit einer Ausrichtung im Bereich 30° ≤   < 50° sowie 80° ≤   ≤ 90° beobachtet. Kolo‐
nien mit   < 30° wiesen dagegen bei dieser Experimentdurchführung überhaupt keine Schä‐
digungsaktivität  auf.  Dieses  Verhalten  deckt  sich  weitgehend  mit  den  Beobachtungen  aus 
quasistatischen  Experimenten,  wobei  die  Erweiterung  der  Aktivität  auf  den  Winkelbereich 
70° ≤   < 80° unter dynamischer Belastung eine Ausnahme bildet. 
88  Mikrostruktureller Einfluss auf das Schädigungsverhalten untersuchter Legierungen 

 = 428 MPa

 
Abb. 6‐11: Auswertung der Rissinitiierung in der TNM‐B1‐Legierung unter dynamischer Be‐
lastung  von   =  428  MPa:  Akkumulation  erstmaliger  Aktivität  innerhalb  der  Kolonien, 
normiert auf die Anzahl beobachteter Kolonien und in Abhängigkeit der Lastzyklenzahl   
 

Die  zweite  statistische  Auswertung  ist  in  dem  Diagramm  in  Abb.  6‐12  dargestellt.  Darin  ist 
auf der Ordinate ‐ äquivalent zur Abb. 6‐9 in Kap. 6.1.3 ‐ die normiert Schädigungsakkumula‐
tion ∑  aufgetragen. Normiert wurde auch in diesem Fall auf die am Ende des Experiments 
festgestellte Gesamtzahl aller Aktivitäten  , . 

 = 428 MPa

 
Abb. 6‐12: Auswertung der Schädigungsakkumulation innerhalb der Kolonien der TNM‐B1‐
Legierung unter dynamischer Belastung von   = 428 MPa: Schädigungsakkumulation nor‐
miert auf die Gesamtzahl betrachteter Schädigungsaktivität und in Abhängigkeit der Last‐
zyklenzahl   
Mikrostruktureller Einfluss auf das Schädigungsverhalten untersuchter Legierungen  89 

Im Unterschied zu den Kurven der Rissinitiierung (vgl. Abb. 6‐11) kann hier mit zunehmender 
Anzahl der Lastwechsel eine fortschreitende Schädigungsakkumulation festgestellt werden. 
Darunter  fallen  die  Mikrorissausbreitung  sowie  die  zusätzliche  Rissinitiierung  innerhalb  der 
bereits aktiven Kolonien. Dieses beobachtete Verhalten lässt sich durch eine angenäherte lo‐
garithmische  Ausgleichsfunktion  beschreiben,  wie  sie  in  Abb.  6‐12  beispielsweise  für  den 
winkelübergreifenden Graph (0° ≤   ≤ 90°) der Schädigungsakkumulation aufgetragen ist. Zu 
berücksichtigen ist, dass das Versagen der Probe aus einer künstlichen Kerbe und somit frü‐
her als natürlich erfolgte. Aus diesem Grund kann über den weiteren möglichen Verlauf der 
Schädigungsakkumulation nur gemutmaßt werden. Unter der Berücksichtigung der Tatsache, 
dass eine koloniegrenzübergreifende Mikrorissausbreitung (mit Ausnahme des bruchursäch‐
lichen Hauptrisses aus der Kerbe) nicht beobachtet wurde und somit die Koloniegrenzen ei‐
ne effiziente Barriere darstellen, kann auch hier ein Sättigungsverhalten bei geringerer Span‐
nungsamplitude erwartet werden. 

6.2.1.2 Koloniegrenzen als Hindernisse gegen die Mikrorissausbreitung 
Die Effizienz der Koloniegrenzen als Hindernisse gegen die Mikrorissausbreitung kann an ei‐
ner mikrostrukturellen Konfiguration in Abb. 6‐13 beispielhaft demonstriert werden. Hierbei 
sind innerhalb der Bildaufnahme im Anfangszustand die entscheidenden Kolonien hervorge‐
hoben. Die Kolonien 1, 2 und 4 weisen eine Orientierung auf, die in den Winkelbereich hoher 
Aktivität fällt (Winkelangabe in Abb. 6‐13). Insofern konnten bereits nach nur 5 LW zahlrei‐
che  Mikrorissinitiierungen  festgestellt  werden.  Einige  von  den  markantesten  Mikrorissen 
sind in der mittleren Abbildung durch Pfeile gekennzeichnet. Bis zum Ende des Experiments 
(  = 18.038 LW)  manifestierten  sich  diese  Mikrorisse  durch  ihre  Ausbreitung  bis  zu  den 
nächstliegenden Koloniegrenzen. Einige, die in der rechten Abbildung beispielsweise gekenn‐
zeichnet sind, initiierten erst im weiteren Verlauf der Ermüdung. Trotz der starken Aktivität 
und der nahezu gleichen lateralen Ausrichtung der Lamellen hatte eine vollständige Rissver‐
einigung über die Koloniegrenzen nicht stattgefunden. Die weitere Rissausbreitung wurde in 
diesem Fall von zwei entscheidenden mikrostrukturellen Größen verhindert. Zum einen wur‐
de die Rissvereinigung zwischen der Kolonie 2 und 4 durch die nichtaktive Kolonie 3 mit ihrer 
Ausrichtung zur Last von   = 19° unterbunden. In diesem Fall stellen die grundlegend andere 
Orientierung der Lamellen sowie die Breite der Kolonie erwartungsgemäß eine hohe Hinder‐
niswirkung dar. Aufschlussreich ist zum anderen die Effizienz der globularen Cluster. Solche 
Cluster  liegen  auch  zwischen  Kolonie  1  und  2  vor,  wurden  jedoch  aufgrund  ihrer  geringen 
Ausmaße  in  der  Abbildung  nicht  separat  hervorgehoben.  Von  den  zahlreichen  Mikrorissen 
innerhalb der Kolonie 1 und 2, die teilweise sogar kolonieübergreifend auf der nahezu glei‐
chen Ausbreitungsebene liegen, stehen am Ende des Experiments nur zwei kurz vor der Ver‐
einigung (gelbe Markierung). 

 
90  Mikrostruktureller Einfluss auf das Schädigungsverhalten untersuchter Legierungen 

 0   5  18.038
Kol. 1  Kol. 3 

Kol. 4 

Kol. 2 

Kolonie‐Nr.  1  2  3  4 
 428 MPa 
Winkel     67°  68°  19°  66° 
 
Abb. 6‐13: Beispielhafte Darstellung der erstmaligen Rissinitiierung sowie weiteren Schädi‐
gungsaktivität unter zyklischer Belastung in TNM‐B1 
 

6.2.1.3 Ausbreitungsgeschwindigkeit von Ermüdungsrissen 
Die  Ausbreitungsgeschwindigkeit  von  Ermüdungsrissen  innerhalb  der  Legierung  TNM‐B1 
wurde auf Basis von Bildaufnahmen aus in‐situ Ermüdungsexperimenten ermittelt. Dabei va‐
riierte  die  Spannungsamplitude  im  Bereich  von   375‐502 MPa.  Um  eine  möglichst  ge‐
naue Bestimmung der tatsächlichen Risslänge an der  Oberfläche  gewährleisten  zu  können, 
wurde  während  des  jeweiligen  Scanvorgangs  eine  geringe  quasistatische  Last  aufgebracht. 
Anderenfalls waren die Risse nahezu vollständig geschlossen. In der Regel betrug die quasi‐
statische Last 200 MPa, wurde jedoch mit Zunahme der Risslänge kontinuierlich reduziert, so 
dass eine Rissausbreitung in dieser Phase vermieden werden konnte.  

Zur Veranschaulichung dieses Sachverhalts sind in Abb. 6‐14 post mortem REM‐Aufnahmen 
des Risspfades eines physikalisch kleinen Risses im entlasteten Zustand der Probe dargestellt. 
Dieser ist bei einer Spannungsamplitude von   = 410 MPa aus einer fs‐Laser‐Kerbe entstan‐
den und weist nach   = 5.500 LW eine Oberflächenlänge von 2  = 626 µm auf. Im entlaste‐
ten Zustand ist der Rissverlauf und insbesondere das Ende des Risses aufgrund der vollstän‐
digen Schließung ‐ selbst bei höherer Vergrößerung ‐ streckenweise nicht eindeutig zu erken‐
nen. Zur Verdeutlichung des Risspfades ist dieser in der Abbildung mittels weißer Pfeile an 
den äußerst schmalen Stellen gekennzeichnet. Die beidseitigen Enden des Risses sind hierbei 
durch farbige Pfeile innerhalb der Detailaufnahmen hervorgehoben. Ferner sind die beiden 
Schnittebenen A‐A und B‐B in der Abbildung verdeutlicht, die mittels FIB zur räumlichen Ana‐
lyse des Rissverlaufs erstellt wurden (vgl. Kap. 6.2.1.4). 

 
Mikrostruktureller Einfluss auf das Schädigungsverhalten untersuchter Legierungen  91 

links von fs‐Laser‐Kerbe  A‐A 
FIB‐Schnitt

   
   
F
Rissende
Rissende 

B‐B 
FIB‐Schnitt 
rechts von fs‐Laser‐Kerbe  

Abb. 6‐14: Post mortem REM‐Aufnahmen des links‐ und rechtsseitigen Verlaufs eines Ris‐
ses,  der  aus  einer  fs‐Laser‐Kerbe  entstanden  ist  und  eine  Oberflächenlänge  von 
 = 626 µm aufweist. Detailansichten veranschaulichen die Rissenden. 
 

Der nahezu vollständige Kontakt der beiden Rissufer wurde im entlasteten Zustand der Pro‐
be auch für die Rissspitzen von mikrostrukturell nicht mehr beeinflussten physikalisch langen 
Rissen festgestellt. Die ermittelten Risswachstumsraten  ⁄  sind in Abb. 6‐15 in Abhän‐
gigkeit von dem zyklischen Spannungsintensitätsfaktor ∆  zusammengefasst. Darin sind die 
Datenpunkte,  die  an  natürlich  entstandenen  Rissen  bestimmt  wurden,  ohne  Umrandung 
dargestellt. Während die umrandeten Punkte auf die aus künstlichen Kerben initiierten Risse 
zurückzuführen sind. 

 
92  Mikrostruktureller Einfluss auf das Schädigungsverhalten untersuchter Legierungen 

 
Abb. 6‐15: Risswachstumsgeschwindigkeit in Abhängigkeit von dem zyklischen Spannungs‐
intensitätsfaktor.  Schwarz  umrandete  Datenpunkte  wurden  an  Rissen  gemessen,  die  aus 
künstlichen fs‐Laser‐Kerben entstanden sind. 
 

Insgesamt betrachtet, können die tendenziellen Verläufe der ermittelten Risswachstumsge‐
schwindigkeit innerhalb der Legierung TNM‐B1 vergleichsweise gut mit dem für metallische 
Werkstoffe allgemeingültigen schematischen Diagramm in Abb. 2‐8 auf S. 14 verglichen wer‐
den. Bei dem Diagramm in Abb. 6‐15 wurde jedoch eine zusätzliche Unterteilung innerhalb 
der  mikrostrukturellbeeinflussten  Kleinrissausbreitung  vorgenommen  (Phase  1  und  2),  so 
dass die Rissausbreitung entsprechend der Legende in vier Phasen aufgeteilt werden kann: 

Phase 1 ‐ Rissausbreitung bis zu den ersten Barrieren in Form von Koloniegrenzen 
Die erste Phase beschreibt die Rissausbreitung innerhalb der Kolonien direkt nach der Riss‐
initiierung,  d.  h.  bis  zum  Erreichen  der  ersten  Barrieren  in  Form  von  Koloniegrenzen.  Ent‐
sprechend dem bereits beschriebenen maßgeblichen Einfluss der Lamellenorientierung und 
der lokalwirkenden Spannung (vgl. Kap. 6.2.1.1) variiert die Ausbreitungsgeschwindigkeit in 
dieser Phase erheblich. Das Wachstum ist geprägt durch seine Unstetigkeit, d. h. starke Ver‐
änderung  der  Wachstumsgeschwindigkeit  bis  hin  zu  zahlreichen  temporären  Stops.  In  der 
überwiegenden Anzahl der Fälle wurde das Wachstum vor oder mit dem Erreichen der ers‐
ten  Koloniegrenzen  vollständig  unterbunden.  Innerhalb  dieses  Diagrammbereichs  können 
auch einige Datenpunkte vorgefunden werden, die aus Beobachtungen von Mikrorissen aus 
Kerben stammen. Ihre Risswachstumsrate liegt tendenziell im unteren Bereich, was auf die 
Platzierung der Kerben innerhalb von für die Rissinitiierung und ‐ausbreitung eher ungünstig 
orientierten Kolonien zurückzuführen ist. Ohne eines Kerbeinsatzes wären einige dieser Ko‐
lonien vermutlich erst gar nicht aktiv geworden. Der Übergangsbereich zu der nächsten Pha‐
Mikrostruktureller Einfluss auf das Schädigungsverhalten untersuchter Legierungen  93 

se  kann  mit  dem  Spannungsintensitätsfaktor  von  annähernd ∆ 4,3 √  definiert 


werden. Hierbei handelt es sich jedoch um keine klare Abgrenzung, da infolge der Kolonie‐
größenvariation  auch  die  maximal  erreichbare  Risslänge  variiert,  die  wiederum  den  Span‐
nungsintensitätsfaktor beeinflusst. 

Phase 2 ‐ nach Überschreitung erster Barrieren in Form von Koloniegrenzen 
Ist  die  mikrostrukturelle  Konstellation  für  die  Überschreitung  der  ersten  Barrieren  in  Form 
von Koloniegrenzen vorteilhaft, so wird die anschließende Rissausbreitungsrichtung weiter‐
hin sehr stark von der Ausrichtung der Kolonien dominiert, d. h. der Risspfad verläuft bevor‐
zugt in Richtung der Lamellen. Bei der Ausbreitung durch globulare Cluster ist dagegen der 
mikrostrukturelle Einfluss auf die Ausbreitungsrichtung, bis auf wenige Abschnitte des Riss‐
pfades entlang von Phasengrenzen, nicht offensichtlich. Der Unterschied besteht eher darin, 
dass der Rissverlauf innerhalb der  ‐Cluster stärker gezackt ist als innerhalb der  ‐Cluster. 
Dagegen ist die Hinderniswirkung der globularen Cluster, der Koloniegrenzen und der für die 
Ausbreitung  ungünstig  orientierten  Kolonien  im  Vergleich  zu  der  ersten  Rissausbreitungs‐
phase nur noch in reduzierter Form vorhanden. Damit ist gemeint, dass die Mikrorisse mit 
dem Übergang in die Ausbreitungsphase 2 entscheidend seltener von den genannten mikro‐
strukturellen  Gegebenheiten  zum  völligen  oder  längerfristigen  Stillstand  gebracht  wurden. 
Dennoch ist auch hier die Rissausbreitung unstetig. Das Wachstum wird stets vorübergehend 
unterbrochen,  was  vielfach  beim  Auftreffen  der  Rissspitze  auf  Phasengrenzen  beobachtet 
wurde. 

Bei  der  Interpretation  der  Risswachstumsgeschwindigkeit  muss  zunehmend  der  räumliche 


Einfluss beachtet werden. Derart kleine Risse umfassen in ihrer Ausdehnung nur wenige Ko‐
lonien, die jedoch ‐ wie oben beschrieben ‐ die lokale Ausbreitungsrichtung maßgeblich be‐
stimmen. Folglich entstehen komplexe räumliche Risspfade und eine räumliche Mixed‐Mode 
Beanspruchung,  so  dass  der  tatsächliche  Spannungsintensitätsfaktor  vor  der  Rissspitze  aus 
oberflächlicher Betrachtung nicht bestimmt werden kann. Diese Tatsache spiegelt sich in der 
breiten  Variation  der  Risswachstumsgeschwindigkeit  über  mehrere  Größenordnungen  wie‐
der. 

Desweiteren  ist  das  Diagramm  innerhalb  dieser  Phase  durch  Datenpunkte  geprägt,  die  so‐
wohl an natürlich entstandenen Mikrorissen, als auch an Mikrorissen aus fs‐Laser‐Kerben ge‐
messen  wurden.  Beim  Einsatz  der  Kerben  wurden  derart  koloniegrenzüberschreitende  Mi‐
krorisse zum Teil dadurch herbeigeführt, dass die Kerben zentral auf eine Koloniegrenze po‐
sitioniert wurden. Die Kerbspitzen ragten in diesem Fall in die beiden benachbarten Kolonien. 
Ein  signifikanter  Unterschied  in  den  Risswachstumsraten  ist  nicht  festzustellen.  Die  Grenze 
zu der nächsten Phase kann bei etwa ∆ 6,7 √  festgelegt werden. 

Phase 3 ‐ physikalisch kleine Risse 
Innerhalb  der  dritten  Rissausbreitungsphase  können  die  Risse  als  physikalisch  klein  aufge‐
fasst  werden.  Der  mikrostrukturelle  Einfluss  ist  als  gering  einzustufen  und  die  Rissausbrei‐
tung wird zunehmend stetig. Die Risswachstumsgeschwindigkeit kann bereits gut mittels des 
∆ ‐Konzepts  beschrieben  werden.  Aus  Sicht  der  Bildauswertung  liegt  der  Übergang  zur 
Mode‐I Rissausbreitung bei ∆ 10 √ . 
94  Mikrostruktureller Einfluss auf das Schädigungsverhalten untersuchter Legierungen 

Phase 4 ‐ Langrissausbreitung im Mode‐I 
Risse, die während der Beobachtung die vierte Phase erreicht haben, wurden von der Mikro‐
struktur kaum mehr beeinflusst. D. h. innerhalb der Kolonien wurde zunehmend translamel‐
lare und innerhalb der globularen Cluster transkristalline Ausbreitung vorgefunden. Da ihre 
Rissausbreitung  nun  überwiegend  Mode‐I  gesteuert  war,  können  sie  als  physikalisch  lange 
Risse angesehen werden. Diese Phase ist jedoch vergleichsweise kurz, da infolge einer gerin‐
gen Steigerung des ∆ ‐Wertes die instabile Rissausbreitung einsetzt. Aus diesem Grund ist 
die  Datenmenge  in  diesem  Bereich  gering.  Eine  Abschätzung  für  die  Langrissausbreitung 
wurde auf Basis des aus der Literatur bekannten Langrissverhaltens (Kap. 2.3.3) vorgenom‐
men. Diese ist innerhalb des Diagramms in Abb. 6‐15 als gestrichelte rote Linie dargestellt. 
Unterstützt wurde die Abschätzung durch die Rekonstruktion der Risspfade, die auf Basis der 
Bildaufnahmen beider Bruchhälften nach dem Versagen der Proben durchgeführt wurde. Die 
Rekonstruktion ergab, dass die kritische Rissausbreitung bei einem zyklischen Spannungsin‐
tensitätsfaktor im Bereich von ∆ 11 14 √  einsetzte. Das äußert sich durch das 
Eintreten von massiven Rissverzweigungen sowie von zahlreichen dem Hauptriss naheliegen‐
den Sekundärrissen, wie es Abb. 6‐16 veranschaulicht. 

Rissursprung 

Beginn instabiler 
Rissausbreitung 

 
Abb. 6‐16: Auflichtmikroskopische Aufnahme des Übergangbereichs zur instabilen Rissaus‐
breitung 
 

Während der gesamten Rissausbreitung kommt es ‐ wie zuvor beschrieben ‐ vielfach in der 
ersten Phase, in zahlreichen Fällen in der zweiten Phase sowie selten auch in der dritten Pha‐
se  zu  mikrostrukturellbedingten  Zwischenstopps.  Die  Risswachstumsrate  nimmt  in  diesen 
Fällen den Wert 0 an, der aufgrund der logarithmischen Skalierung nicht dargestellt werden 
kann. Desweiteren stammen die Datenpunkte in Abb. 6‐15 aus zahlreichen Mikrorissen, eine 
zusammenhängende Interpolation der teilweise wenigen Datenpunkte einzelner Risse würde 
zu  einer  nicht  übersichtlichen  Darstellung  führen.  Um  dennoch  einen  Einblick  zu  dem  tat‐
sächlichen Verhalten der Rissausbreitung zu geben, wurde in Abb. 6‐17 die Interpolation an 
Datenpunkten  einiger  ausgewählter  Risse  vorgenommen,  die  innerhalb  mehrerer  Proben 
beobachtet wurden. Der Abbildung kann entnommen werden, dass die Ausbreitung des Ris‐
ses 1 und 2 nach einigen Zwischenstopps vollständig zum Erliegen gekommen ist. Dagegen 
überschritt der Riss 3 die ersten Koloniegrenzen und breitete sich nahezu gleichmäßig weiter 
Mikrostruktureller Einfluss auf das Schädigungsverhalten untersuchter Legierungen  95 

aus, bis dieser ebenfalls gestoppt wurde. Riss 4 entstand aus einer künstlichen Mikrokerbe 
und führte im Verlauf des Experiments zum endgültigen Versagen der Probe. Seine kontinu‐
ierliche Ausbreitung wurde innerhalb der dritten Phase zwischenzeitlich verhindert, was auf 
einen weiterhin signifikanten Einfluss der Mikrostruktur auf physikalisch kleine Risse hindeu‐
tet. 

 
Abb.  6‐17:  Interpolierte  Risswachstumsgeschwindigkeit  ausgewählter  Risse  in  Abhängig‐
keit von dem zyklischen Spannungsintensitätsfaktor 
 

6.2.1.4 Ergänzende Betrachtung des räumlichen Einflusses von der Mikrostruk‐
tur während der Rissausbreitung 
Die  Erkenntnisse  des  mikrostrukturellen  Einflusses  auf  die  Rissausbreitung,  die  in  Kap. 
6.2.1.3 vorgestellt wurden, basieren auf Bildaufnahmen der Probenoberfläche und sind so‐
mit zweidimensionaler Natur. Um die Wechselwirkung des Risses mit der Mikrostruktur auch 
in die Tiefenrichtung zu erfassen, wurde die Untersuchung im Folgenden um den räumlichen 
Aspekt erweitert. Für derartig räumliche Abbildung des Phasen‐ und Rissverlaufs wäre die fs‐
LIBS‐Technologie prädestiniert, die sich durch eine schnelle Prozessgeschwindigkeit und eine 
direkte  elementspezifische  Materialanalyse  auszeichnet  (vgl.  Kap.  5.1).  Zum  Zeitpunkt  der 
Forschungsarbeit war jedoch die Auflösung des Verfahrens beim Einsatz an Titanaluminiden 
nicht hinreichend, um auch die äußerst schmalen Mikrorisse und Lamellen detailliert abbil‐
den  zu  können.  Aus  diesem  Grund  wurde  die  FIB‐Technologie  ersatzweise  herangezogen, 
womit an einigen ausgewählten Stellen des Risspfades das oberflächennahe Material abge‐
tragen  und  so  der  räumliche  Verlauf  des  Risses  an  der  Schnittebene  begutachtet  werden 
konnte. 
96  Mikrostruktureller Einfluss auf das Schädigungsverhalten untersuchter Legierungen 

Phase 1 ‐ Rissausbreitung bis zu den ersten Barrieren in Form von Koloniegrenzen 
Abb.  6‐18  veranschaulicht  REM‐Aufnahmen  eines  Mikrorisses,  der  bereits  während  des  er‐
sten Lastwechsels infolge einer Spannungsamplitude von   = 502 MPa in einer Kolonie initi‐
ierte  und  bis  zum  Versuchsende  innerhalb  der  anschließenden  7.324  LW  auf  eine  Oberflä‐
chenlänge von ca. 2  = 46 µm angewachsen ist. Die Aufnahme der Oberfläche (s. Abb. 6‐18 
a)) offenbart eine überwiegend intralamellare Rissausbreitung innerhalb der  ‐Lamelle und 
zwar nahe der  / ‐Phasengrenze. Diese bevorzugte Ausbreitungslage (nahe der  / ‐Pha‐
sengrenze)  wird  jedoch  stellenweise  verlassen,  so  dass  ein  gezackter  Risspfad  entstand. 
Translamellare Anteile kamen erst zum Ende der Rissausbreitung, und zwar nur auf der rech‐
ten Seite, hinzu.  

Die laterale Orientierung der Lamellen und somit auch des Risses beträgt   = 84°. Dagegen 
liegt  die  räumliche  Ausrichtung  der  Kolonie  bei   = 45°,  wie  es  die  Vermessung  nach  dem 
FIB‐Materialabtrag  ergab  (vgl.  Abb.  6‐18  b)).  Anzumerken  ist,  dass  die  Schnittebene  senk‐
recht zur Probenoberfläche und entsprechend der Markierung in Abb. 6‐18 a) liegt. Einzelne 
Lamellen  sind  bereits  nach  dem  letzten  Abtragschritt  (feines  Polieren)  infolge  eines  redu‐
zierten Ionenstroms und des entstandenen Grauwertkontrastes gut sichtbar. Dennoch sind 
die Lamellengrenzen durch blaue Linien zwecks eindeutiger Zuordnung der Phasen hervorge‐
hoben.  

Der  Materialabtrag  mit  FIB  offenbart,  dass  die  Ausbreitungsrichtung  unmittelbar  nach  der 
Initiierung  des  Risses  auch  räumlich  maßgeblich  durch  die  Lamellen  beeinflusst  wurde.  An 
der betrachteten Stelle breitete sich der Mikroriss in das Probeninnere zunächst senkrecht 
zur Last aus, wurde jedoch mit dem Erreichen der nächstliegenden Lamellengrenzfläche (in 
diesem Fall zu der  ‐Lamelle) in Richtung der Lamellenebene abgelenkt. Hier verzweigt sich 
der Risspfad, bestehend aus einem Sekundärriss entlang der Phasengrenze und einem intra‐
lamellaren Hauptriss. Letzterer verläuft innerhalb der  ‐Lamelle, jedoch erneut parallel und 
in unmittelbarer Nähe zu einer  / ‐Phasengrenze. 

 
a)  b)  C‐C ‐ FIB‐Schnitt


 
 
 

 
C‐C 
Rissende
FIB‐Schnitt 
F  Abtragsspur 
 
Abb. 6‐18: Zwei Perspektiven eines Mikrorisses innerhalb einer Kolonie als a) REM‐Aufnah‐
me der Probenoberfläche und b) REM‐Aufnahme nach dem Ionenmaterialabtrag ins Pro‐
beninnere 
 
Mikrostruktureller Einfluss auf das Schädigungsverhalten untersuchter Legierungen  97 

Phase 2 bis 3 ‐ nach Überschreitung erster Koloniegrenzen und bis zum Übergang zur Lang‐
rissausbreitung 
Zur Ermittlung der räumlichen Mikrorissausbreitung in der Phase 2 und 3 wurde der in Abb. 
6‐14 veranschaulichte Riss ausgewählt. Der FIB‐Materialabrag erfolgte an zwei Stellen, die in 
Abb. 6‐14 als FIB‐Schnitt A‐A und B‐B skizziert sind. Die Schnittebene A‐A befindet sich inner‐
halb  einer  Kolonie,  die  eine  laterale  Orientierung  von   = 88°  aufweist.  Zum  Zeitpunkt  der 
Durchquerung dieser Kolonie gehörte der Mikroriss der Phase 2 an, d. h. er wurde maßgeb‐
lich  durch  die  Mikrostruktur  beeinflusst  (vgl.  Kap.  6.2.1.3).  Der  zyklische  Spannungsintensi‐
tätsfaktor lag bei ∆ 5,2 √ . An der Probenoberfläche offenbart der Risspfad einen 
großen Anteil der intralamellaren Rissausbreitung innerhalb der  ‐Lamelle sowie einen wei‐
teren  signifikanten  Anteil  der  interlamellaren  Ausbreitung  entlang  der  / ‐Phasengrenze. 
Ferner liegt partiell eine translamellare Ausbreitung vor, die jedoch vernachlässigbare Antei‐
le  aufweist.  Dieses  Verhalten  setzt  sich  auch in das  Probeninnere  fort, wie  es Abb.  6‐19  a) 
veranschaulicht. An der Stelle des Schnitts breitete sich der Mikroriss zunächst interlamellar 
weiter aus, so dass die anfängliche Ausbreitungsebene mit   = 49° der räumlichen Kolonie‐
ausrichtung  entsprach.  Der  anschließende  Wechsel  zur  intralamellaren  Ausbreitung  inner‐
halb der  ‐Lamelle entspricht ebenfalls der Favorisierung, die bereits an der Oberfläche beo‐
bachtet wurde. Die zunehmende Richtungsänderung und der Übergang zur translamellaren 
Ausbreitung  lassen  sich  auf  die  abweichende  mikrostrukturelle  Konstellation  zurückführen, 
der  sich  die  Rissspitze  annäherte.  Das  der  Kolonie  angrenzende  globulare  Cluster,  welches 
mit grüner Linie in der Darstellung hervorgehoben ist, führte aufgrund der erwartungsgemäß 
abweichenden Verformung offensichtlich zur veränderten Spannungszuständen vor der Riss‐
spitze, so dass der Mikroriss bereits vor dem Erreichen der Koloniegrenze von der ursprüngli‐
chen Ausbreitungsrichtung abgelenkt wurde. 

a)  A‐A ‐ FIB‐Schnitt aus Abb. 6‐14  b)  B‐B ‐ FIB‐Schnitt aus Abb. 6‐14 

   
 
     
   
 

 
Abb. 6‐19: REM‐Aufnahmen nach dem Ionenmaterialabtrag ins Probeninnere. Schnittebe‐
nen sind in Abb. 6‐14 definiert. 
 

Der Einfluss der Lamellenausrichtung auf die Ausbreitung von physikalisch kleinen Rissen ist 
hingegen deutlich geringer. Dies kann sowohl den Beobachtungen der Probenoberfläche, als 
98  Mikrostruktureller Einfluss auf das Schädigungsverhalten untersuchter Legierungen 

auch der Schnittebene B‐B in Abb. 6‐19 b) entnommen werden. Diese Schnittebene liegt in 
einer Kolonie mit der lateralen Ausrichtung von   = 87°, während die räumliche   = 46° be‐
trägt. Der zyklische Spannungsintensitätsfaktor betrug ∆ 8,0 √ . Hinsichtlich ihrer 
Ausrichtung ist die Kolonie mit den beiden zuvor betrachteten vergleichbar. Dennoch beste‐
hen Unterschiede bei der Charakterisierung des Risspfades. Dieser verläuft gemäß Abb. 6‐19 
b) partiell entlang der Lamellengrenzflächen, die Gesamttendenz zu einem Mode‐I gesteuer‐
ten translamellaren Rissverlauf ist jedoch unverkennbar.  

6.2.1.5 Fraktographische Analysen von natürlichen Bruchursachen 
Trotz  des  Einsatzes  von  künstlichen  Kerben  versagten  einige  in‐situ  untersuchten  Ermü‐
dungsproben  unerwartet,  d.  h.  nicht  von  der  beobachteten  Probenseite  ausgehend.  Diese 
Proben wurden zusammen mit den ungekerbten Proben hinsichtlich der Bruchursache frak‐
tographisch  untersucht.  Abb.  6‐20  veranschaulicht  hierzu  beispielhaft  die  Bruchflächenauf‐
nahmen einer Probe im REM. Belastet mit einer Spannungsamplitude von   = 385 MPa, ver‐
sagte diese Probe nach   = 102.534 LW, was dem HCF‐Bereich entspricht. 

a)  b)

c) 

 
Abb.  6‐20:  REM‐Aufnahmen  der  Bruchfläche  mit  Detailansichten  des  Bruchursprungbe‐
reichs 
 
Mikrostruktureller Einfluss auf das Schädigungsverhalten untersuchter Legierungen  99 

Probenübergreifend lassen sich die Bruchflächen grob in zwei Abschnitte unterteilen: stabile 
und instabile Rissausbreitung. Bei den gewählten Spannungsamplituden nimmt die instabile 
Rissausbreitung deutlich größere Ausmaße an. Charakteristisch für die instabile Rissausbrei‐
tung sind aus makroskopischer Sicht die strahlenförmigen Bruchlinien, die auf den Ursprung 
des Bruchs hindeuten. In Abb. 6‐20 b) sind sie mittels roter Strichlinien verdeutlicht. Im Be‐
reich  der  stabilen  Rissausbreitung,  der  in  Abb.  6‐20  b)  durch  rote  Volllinie  abgegrenzt  ist, 
lässt  sich  bei  dieser  Probe  eine  größere  Ansammlung  von  Kolonien  mit  dem  überwiegend 
intra‐ und interlamellaren Versagen feststellen. In den beiden Detailansichten sind sie durch 
gelbe  Strichlinien  hervorgehoben.  Diese  Kolonien  liegen  näherungsweise  senkrecht  zu  der 
Last  und  zeichnen  sich  durch  facettenförmige  Spaltbruchflächen  aus.  Dabei  können  inner‐
halb  derselben  Kolonien  durchaus  mehrere  Facetten  vorliegen,  wie  es  die  Detailansicht  c) 
verdeutlicht. Einzelne Facetten repräsentieren hier die Rissausbreitung entweder innerhalb 
einer Lamelle oder entlang einer Lamellengrenzfläche, woraus ein Zusammenhang zwischen 
der  Facettenanzahl  und  dem  Anteil  der  translamellaren  Rissausbreitung  abgeleitet  werden 
kann.  Desweiteren  liegt  im  Bereich  der  stabilen  Rissausbreitung  eine  größere  Kolonie  vor, 
die einen Mischbruch aus translamellaren und intra‐ bzw. interlamellaren Anteilen der Riss‐
ausbreitung aufweist (in Abb. 6‐20 b), gelbe Volllinie).  

Die mikrostrukturelle Konstellation im Bereich des Bruchursprungs dieser Probe begünstigt 
aufgrund der lokalisierten Ansammlung von Kolonien (in Abb. 6‐20 a), hervorgehoben durch 
gelbe Linien), deren Ausrichtung eine vergleichsweise geringe Bruchzähigkeit nach sich zieht 
(vgl. Abb. 2‐12), das Wachstum von den Mikrorissen. Hierbei ist insbesondere der Übergang 
von der Phase 1 bis hin zu der Phase 3 der Rissausbreitung entscheidend (vgl. Kap. 6.2.1.3), 
der  in  diesem  Fall  offensichtlich  möglich  und  lebensdauerbestimmend  war.  Ähnliche  Kon‐
stellationen (teilweise in Kombination mit Mikroporen) wurden auch bei anderen untersuch‐
ten Proben vorgefunden, so dass diese Schlussfolgerung untermauert wird. 

6.2.2 TAC‐2‐NL 
Das  Schädigungsverhalten  des  Untersuchungsmaterials  TAC‐2‐NL  zeichnet  sich  unter  zykli‐
scher  Belastung  mit  einer  Spannungsamplitude  im  Wertebereich  von   = 255‐430 MPa 
durch die frühe Rissinitiierung innerhalb der entsprechend günstig orientierten Kolonien so‐
wie der  ‐Körner aus. Sofern die Höhe der lokalen Schub‐ oder Normalspannung ausreichte, 
breiteten sich diese Mikrorisse im weiteren Verlauf der Experimente schnell aus, wurden je‐
doch  spätestens  an  den  nächstliegenden  Kolonie‐/Korngrenzen  in  den  meisten  Fällen  effi‐
zient  blockiert.  Die  Effektivität  der  Blockaden  ist  bei  diesem  Werkstoff  auf  die  Ausrichtung 
der Kolonien zurückzuführen, die überwiegend parallel zu der Lastrichtung liegt. Insbesonde‐
re bei niedrig gewählter Spannungsamplitude stellte sich ein Sättigungszustand ein, so dass 
kaum  Risswachstumsdaten  mehr  generiert  werden  konnten.  In  diesen  Fällen  wurde  die 
Spannungsamplitude  stufenweise  angehoben,  wobei  die  Anzahl  der  Lastwechsel  innerhalb 
jeweiliger Belastungsstufe mit 50.000 bis 200.000 begrenzt wurde. Der Versuchsablauf einer 
der Proben, die der stufenweise ansteigenden Spannungsamplitude ausgesetzt wurde, ist in 
Tabelle 11 exemplarisch veranschaulicht. 
100  Mikrostruktureller Einfluss auf das Schädigungsverhalten untersuchter Legierungen 

Tabelle 11: Versuchsablauf der Ermüdungsprobe CISRI TAC‐2‐NL E6 mit Parameterangaben 
zu der stufenweisen Laststeigerung 
Probe: CISRI TAC‐2‐NL E6 
Laststufe  1  2  3  4  5  6  7  8 
 [MPa]  255  280  305  330  360  390  410  430 
LW [‐]  200.000  100.000  100.000 100.000 100.000 100.000 100.000  2.318 
 

Mit jeder Erhöhung der Spannungsamplitude wurden neue Kolonien und Körner aktiviert so‐
wie  weitere  Rissinitiierung  und  ‐ausbreitung  innerhalb  bereits  aktiver  Bereiche  ermöglicht. 
Dennoch nahm die Aktivitätsrate innerhalb jeder Laststufe ‐ vergleichbar mit den quasistati‐
schen Untersuchungen an der Legierung TNM‐B1 (vgl. Kap. 6.2.1.1) ‐ schnell ab. Das endgül‐
tige  Versagen  der  Ermüdungsprobe  CISRI  TAC‐2‐NL  E6  erfolgte  mit  dem  Erreichen  der  8. 
Laststufe nach 2.318 LW bei   = 430 MPa, wobei an der beobachteten Oberfläche bis da‐
hin  keine  größeren  Mikrorisse  festgestellt  wurden.  Ähnliches  Schädigungsverhalten  wurde 
auch an Proben festgestellt, die von Beginn an einer höheren Spannungsamplitude des ge‐
nannten Bereichs ausgesetzt wurden. Infolge der offensichtlich guten Hinderniswirkung des 
Werkstoffs gegen die Mikrorissausbreitung über die erste Ausbreitungsphase konnte unter 
diesen Bedingungen kein Übergang zur mikrostrukturell unabhängigen Rissausbreitung beo‐
bachtet  werden.  Hierzu  verhalf  auch  der  Einsatz  von  Mikrokerben  nicht.  Durchgeführte 
Bruchflächenanalysen der Proben offenbaren auch bei diesem Werkstoff eine Ansammlung 
von Kolonien in den Bruchursprüngen, die näherungsweise eine senkrechte Ausrichtung zu 
der Last und somit eine geringe Bruchzähigkeit aufweisen. Der überwiegende Teil der Bruch‐
flächen ist geprägt durch die instabile Rissausbreitung. 

6.2.2.1 Ausbreitungsgeschwindigkeit von Ermüdungsrissen 
Folgerichtig  weist  das  Diagramm  in  Abb.  6‐21  überwiegend  Datenpunkte  der  ermittelten 
Risswachstumsraten innerhalb der ersten Rissausbreitungsphase auf. Hierbei wurde eine Un‐
terteilung zwischen der Ausbreitung innerhalb der Kolonien und der Ausbreitung innerhalb 
der  ‐Körnern  vorgenommen.  Ein  Unterschied  besteht  in  den  tendenziell  höheren  Riss‐
wachstumsraten  innerhalb  der  Kolonien,  was  sich  insbesondere  bei  höheren  zyklischen 
Spannungsintensitätsfaktoren abzeichnet. Die Abgrenzung der Rissausbreitungsphase 1 liegt 
annähernd bei ∆ 3,5 √ . 

Um  dennoch  wachstumsfähige  Risse  zu  erhalten,  aus  denen  Risswachstumsraten  über  die 
erste Phase hinaus generiert werden können, wurde eine weitere Probe bei der Spannungs‐
amplitude von   = 440 MPa in‐situ ermüdet. Die höhere Belastung wurde so gewählt, dass 
sie  die  , ‐Dehngrenze  überschreitet  jedoch  noch  unterhalb  von   = 450 MPa  liegt. 
Die letztere Spannung wurde aus quasistatischen Versuchen als ein Schwellenwert ermittelt, 
nach dessen Überschreitung die Mikrostruktur nur noch einen untergeordneten Einfluss auf 
die Rissinitiierung ausübt (vgl. Kap. 6.1.1). Trotz der kurzen Lebensdauer dieser Ermüdungs‐
probe von nur 196 LW konnte vielfach das Risswachstum auch über die ersten wirkungsvol‐
len Barrieren beobachtet werden. Die Überwindung der Hindernisse ist auf die höhere Ener‐
Mikrostruktureller Einfluss auf das Schädigungsverhalten untersuchter Legierungen  101 

gie  zurückzuführen,  die  für  vielerorts  gleichzeitig  einsetzende  Rissinitiierung  und  ‐ausbrei‐
tung ausreichend war. Die ermittelten Risswachstumsraten sind in Abb. 6‐22 dargestellt. 

Verglichen mit den Ergebnissen in Abb. 6‐21 lässt sich ein Einfluss der höheren Spannungs‐
amplitude  auf  die  Ausbreitungsgeschwindigkeit  innerhalb  der  ersten  Risswachstumsphase 
eindeutig  feststellen.  Diese  ist  nun  tendenziell  im  oberen  Bereich  angesiedelt.  Dennoch 
bleibt der mikrostrukturelle Einfluss auf die Rissinitiierung und ‐ausbreitung vergleichbar mit 
den bisherigen Beobachtungen bei niedrigeren Spannungsamplituden. Der zuvor ermittelte 
Schwellenwert,  der  die  Phase  1  von  der  Phase  2  abgrenzt,  liegt  nun  bereits  innerhalb  der 
Phase 2. Es handelt sich hierbei offensichtlich um einen Überlappungsbereich, der in ähnli‐
cher  Form  aus  dem  Diagramm  in  Abb.  6‐15  für  TNM‐B1  bekannt  ist.  Der  mikrostrukturelle 
Einfluss auf die weitere Rissausbreitung nach der Überschreitung der ersten effizienten Bar‐
rieren bleibt weiterhin dominant. Der ermittelte Schwellenwert für den Übergang zu physi‐
kalisch kleinen Rissen liegt bei etwa ∆ 5,9 √ . Die Ausbreitungsgeschwindigkeit in 
der Phase 2 und 3 liegt, verglichen mit den Ergebnissen des Werkstoffs TNM‐B1, tendenziell 
höher. Das ist zunächst ein Widerspruch, da die überwiegende Ausrichtung der Kolonien in 
Richtung der Last einen größeren Wiederstand gegen die Rissausbreitung hervorrufen müss‐
te. In diesem Fall ist anzunehmen, dass die höhere Belastung zu Schädigungen von benach‐
barten Kolonien führt, die den Rissfortschritt erleichtern. 

 
Abb. 6‐21: Risswachstumsgeschwindigkeit in Abhängigkeit von dem zyklischen Spannungs‐
intensitätsfaktor bei   = 255‐430 MPa. Schwarz umrandete  Datenpunkte wurden an Ris‐
sen gemessen, die aus künstlichen fs‐Laser‐Kerben entstanden sind. 
 
102  Mikrostruktureller Einfluss auf das Schädigungsverhalten untersuchter Legierungen 

 
Abb. 6‐22: Risswachstumsgeschwindigkeit in Abhängigkeit von dem zyklischen Spannungs‐
intensitätsfaktor  bei   = 440 MPa.  Schwarz  umrandete  Datenpunkte  wurden  an  Rissen 
gemessen, die aus künstlichen fs‐Laser‐Kerben entstanden sind. 
 

6.2.2.2 Ergänzende Betrachtung des lateralen und räumlichen Einflusses von der 
Mikrostruktur während der Rissausbreitung 
Mikrorisse, die innerhalb der  ‐Körner entstehen und wachsen, weisen bevorzugt eine late‐
rale  Orientierung  von  30° ≤   ≤ 60°  auf.  Sie  können  daher  auf  Abschervorgänge  unter  der 
Wirkung  von  lokalen  Schubspannungen  zurückgeführt  werden.  Dabei  wird  die  Ausrichtung 
des Mikrorisses offensichtlich von der kristallographischen Orientierung des Korns bestimmt, 
wie es Abb. 6‐23 veranschaulicht. Dargestellt sind auflichtmikroskopische Aufnahmen eines 
‐Korns, welches an der in Tabelle 11 vorgestellten Probe beobachtet wurde. Bereits zu Be‐
ginn der Ermüdungsbelastung weist das Korn eine Zwillingslamelle auf. Dieser umgeklappte 
Kristallteil reagiert infolge seiner abweichenden Orientierung des Gitters anders auf das ver‐
wendete Ätzmittel und kann daher eindeutig abgegrenzt werden. Infolge der Rissinitiierung 
und ‐ausbreitung wird die kristallographische Beziehung zwischen dem Grundgitter und dem 
Gitter in der Zwillingslamelle erkennbar. Der Orientierungsunterschied liegt bei einem Win‐
kel von 120°. Der Mikroriss initiierte auf der rechten Seite innerhalb der ersten 3 LW der 5. 
Laststufe mit   = 360 MPa und breitete sich entsprechend der Angabe in der Tabelle so‐
wie  der  Veranschaulichung  in  Abb.  6‐23  in  mehreren  Schritten  aus.  Hierbei  sei  angemerkt, 
dass die Tabelle nur Angaben zu Scanintervallen beinhalten, die jeweils einen weiteren Riss‐
ausbreitungssprung  offenbaren  und  nicht  die  vollständige  Versuchshistorie  wiederspiegelt. 
Während der Ausbreitung folgt der Mikroriss zum einen partiell der Koloniegrenze und wird 
Mikrostruktureller Einfluss auf das Schädigungsverhalten untersuchter Legierungen  103 

zum anderen sowohl in der Ausbreitungsrichtung als auch in der Geschwindigkeit maßgeb‐
lich von der vorliegenden Zwillingslamelle beeinflusst. Dabei bewirkt die Richtungsänderung 
einen  vorübergehenden  Stillstand  bzw.  eine  deutlich  verlangsamte  Ausbreitung  durch  die 
Zwillingslamelle. 

 0 MPa  390 MPa LW je 


 
 0  2.500 Stufe  Pos. 
[MPa] 
Stufe 
[‐] 
1  360  2.000 
2  360  5.000 

F  3  360  10.000 
4  360  60.000 
5  390  500 

6  390  2.500 


6  6 
1 2 


4  1
3  2 
Rissinitiierung

 
Abb.  6‐23:  Auflichtmikroskopische  Aufnahmen  der  Rissausbreitung  innerhalb  eines  ‐
Korns mit dem Einfluss einer Zwillingslamelle 
 

Eine weitere Veranschaulichung des mikrostrukturellen Einflusses liefert Abb. 6‐24. Darin ist 
oben die auflichtmikroskopische Übersichtsaufnahme eines Risses dargestellt, der aus einer 
fs‐Laser‐Kerbe  entstand.  Im  unteren  Bereich  sind  REM‐Detailaufnahmen  der  linksseitigen 
Rissspitze sowie des FIB‐Schnitts A‐A abgebildet. Für die Ablation der fs‐Laser‐Kerbe wurde 
vor der Experimentdurchführung die auffallend große Kolonie ausgewählt, die in Kombina‐
tion mit der lateralen Orientierung von   = 75° günstig für die Rissinitiierung zu sein schien. 
Dennoch  entstand  der  Riss  erst  bei  der  höheren  Spannungsamplitude  von   = 430 MPa 
und zwar zwischen dem vorletzten Scan nach 500 LW der 8. Laststufe und dem letzten Scan 
nach  dem  Probenbruch.  Da  die  Aufnahme  folglich  erst  nach  dem  Versagen  der  Probe  ent‐
standen  ist,  konnte  die  Initiierungs‐  und  Wachstumsphase  dieses  Risses  nicht  beobachtet 
werden.  Dennoch  lassen  sich  hieraus  einige  entscheidende  Erkenntnisse  ableiten  bzw.  de‐
monstrieren: 

1. Die Rissausbreitung innerhalb der Ursprungskolonie weist ab ∆ 4,4 √  zu‐


sätzlich  translamellare  Anteile  auf.  Dabei  weicht  der  Mikroriss  von  der  Ausrichtung 
der Lamellen ab und tendiert in Richtung der Mode‐I Ausbreitung. 
104  Mikrostruktureller Einfluss auf das Schädigungsverhalten untersuchter Legierungen 

2. Die post mortem FIB‐Analyse an der in Abb. 6‐24 a) gekennzeichneten Stelle der Riss‐
ursprungskolonie  offenbart,  dass  der  Mikroriss  sowohl  an  der  Oberfläche  als  zu‐
nächst  auch  in  die  Tiefenrichtung  intralamellar  innerhalb  der  ‐Lamelle  sich  ausge‐
breitet hatte. Die räumliche Rissausbreitungsebene änderte sich nach etwa 4 µm in 
die  interlamellare  Rissausbreitung  entlang  der  / ‐Phasengrenze.  Die  Ausrichtung 
der Lamellen in die Tiefenrichtung lag hierbei etwa senkrecht zu der Lastrichtung. So‐
mit können auch bei dieser Kolonieausrichtung die beiden Ausbreitungsmodis, intra‐
lamellar in der  ‐Lamelle und interlamellar entlang der  / ‐Phasengrenze als bevor‐
zugt erachtet werden. 
3. Der mikrostrukturelle Einfluss auf die lokale Rissausbreitungsrichtung bleibt auch im 
vorgeschrittenen  Rissstadium  partiell  erhalten.  Das  äußert  sich  zum  einen  an  dem 
rechtsliegenden  Abschnitt  des  Risspfades,  wo  der  Riss  ein  Gebiet  mit  mehreren  ‐
Körnern durchlaufen hatte. Hier deuten zwei geradlinig verlaufende Spaltbrüche auf 
eine  transkristalline  Rissausbreitung  entlang  der  energetisch  günstigen  Ebene  hin. 
Ferner  kann  aufgrund  des  vorliegenden  interkristallinen  Ausbreitungsabschnitts  ein 
signifikanter Korngrenzeinfluss identifiziert werden. In beiden Fällen weicht der Riss 
von der bevorzugten Mode‐I Ausbreitung ab. Zusätzlich veranschaulicht die REM‐Auf‐
nahme des linksseitigen Rissspitzenbereichs, dass auch bei der translamellaren Aus‐
breitung die energetisch günstigen Ebenen einzelner Lamellen bevorzugt wurden und 
so ein stark gezackter Risspfad entstand. 
4. Mit  dem  Erreichen  des  letzten  Stadiums  lag  der  Spannungsintensitätsfaktor  an  der 
Spitze  des  Risses  bei  etwa ∆ 12 √ .  Dieser  Wert  befindet  sich  bereits  in 
dem  für  die  instabile  Rissausbreitung  kritischen  Bereich  von  9,7
14,2 √ ,  der  aus  quasistatischen  Versuchen  für  diesen  Werkstoff  bestimmt 
wurde (vgl. Kap. 6.1.1). Dennoch führte der Riss nicht zum Versagen der Probe. Dies 
kann  damit  begründet  werden,  dass  die  beidseitigen  Rissspitzen  in  Koloniegebiete 
vorgedrungen sind, die infolge ihrer nahezu parallelen Ausrichtung zu der Last einen 
deutlich  höheren  Widerstand  gegen  die  Rissausbreitung  aufweisen.  In  der  Literatur 
wird  für  die  translamellare  instabile  Rissausbreitung  der  Wertebereich  von 
15 25 √  angegeben (s. Abb. 2‐12 auf S. 27). 
5. Der entstandene Ermüdungsriss ist bereits im entlasteten Zustand der Probe sehr gut 
erkennbar,  was  auf  die  rauheitsbedingte  Inkompatibilität  der  Rissflanken  zurückzu‐
führen ist. Dieser, aus der Literatur bekannte Effekt des Rissschließens kommt offen‐
sichtlich  erst  mit  dem  Übergang  zum  Langriss  zum  Tragen.  Es  ist  jedoch  auch  be‐
kannt, dass der Rissschließeffekt gerade bei langen Rissen auf einem stabilen Niveau 
liegt und daher vernachlässigt werden kann (vgl. Kap. 2.2.2.3). 

 
Mikrostruktureller Einfluss auf das Schädigungsverhalten untersuchter Legierungen  105 

a) 
F
Spaltbruch  Rissende

Rissende  A‐A
FIB‐Schnitt

Korngrenzeinfluss

F
b)  c)
 

 
Abb. 6‐24: a) Auflichtmikroskopische Aufnahme eines Ermüdungsrisses, b) REM‐Detailan‐
sicht der Rissspitze und c) REM‐Aufnahme des FIB‐Schnitts zur räumlichen Risspfadanalyse  
 

6.2.3 TAC‐2‐FL 
6.2.3.1 Ausbreitungsgeschwindigkeit von Ermüdungsrissen 
Zur  Ermittlung  des  zyklischen  Schädigungsverhaltens  des  Untersuchungsmaterials  TAC‐2‐FL 
wurde  der  Wertebereich  der  Spannungsamplitude  mit   = 200‐300 MPa  festgelegt.  Inner‐
halb des Prüfprogramms wurde auch die aus den quasistatischen Versuchen bekannte Probe 
herangezogen, an der zuvor mittels der DIC‐Analyse lokale Dehnungsmaximas bei der max. 
Belastung  von   = 250 MPa  bestimmt  wurden  (vgl.  Kap.  6.1.2).  Die  Auswertung  der  in‐
situ Ermüdungsversuchen an zuvor unbelasteten Proben offenbart wie erwartet ein Rissini‐
tiierungsverhalten, dass dem unter quasistatischer Belastung entspricht. D. h. die Rissinitiie‐
rung erfolgte in zahlreichen Kolonien, deren Ausrichtung eine vereinfachte Abscherung infol‐
ge der Schubspannung ermöglicht. Ferner konnte die Rissbildung in einigen Kolonien mit an‐
nähernd   = 90° beobachtet werden. Ausgehend von der Tatsache, dass die räumliche Orien‐
tierung dieser Kolonien unbekannt ist, kommt in diesen Fällen der Rissinitiierung sowohl die 
Schubspannung als auch die Normalspannung als Triebkraft in Frage (vgl. FIB‐Schnitte in Abb. 
6‐18 und Abb. 6‐24). 
106  Mikrostruktureller Einfluss auf das Schädigungsverhalten untersuchter Legierungen 

In einigen Fällen erreichten die Risse mit der Entstehung oder nach nur wenigen Lastwech‐
seln  eine  Länge,  die  der  Kolonieausdehnung  entsprach.  Demzufolge  wurden  innerhalb  der 
ersten  Rissausbreitungsphase  hohe  Wachstumsraten  über  einen  großen  Bereich  des  zykli‐
schen  Spannungsintensitätsfaktors  gemessen,  was  im  Wesentlichen  auf  außerordentlich 
große Kolonien des Werkstoffs und die geringe Hinderniswirkung zurückzuführen ist. Unge‐
achtet  der  festgestellten  Risslängen  von  bis  zu 2  = 761  µm  und  der  resultierenden  Span‐
nungsintensitätsfaktoren  von  bis  zu ∆ 6,4 √  wurde  das  Risswachstum  mit  dem 
Erreichen der Koloniegrenzen in den meisten Fällen effizient gehemmt. Liegt dagegen eine 
für die Rissausbreitung vorteilhaft orientierte Nachbarkolonie vor, so verbleibt die Ausbrei‐
tungsgeschwindigkeit weiterhin auf einem hohen Niveau (s. grün umrahmten Hinweis in Abb. 
6‐25). Die Rissausbreitung über die Koloniegrenze erfolgt in diesem Fall trotz der vergleichs‐
weise hohen Spannungsintensitätsfaktoren in Richtung der Lamellenebene. 

 
Abb. 6‐25: Risswachstumsgeschwindigkeit in Abhängigkeit von dem zyklischen Spannungs‐
intensitätsfaktor.  Schwarz  umrandete  Datenpunkte  wurden  an  Rissen  gemessen,  die  aus 
künstlichen fs‐Laser‐Kerben entstanden sind. 
 

Eine klare Abgrenzung zwischen der 1. und der 2. Rissausbreitungsphase liegt auch bei die‐
sem Werkstoff nicht vor, was auf die Koloniegrößenvariation und damit auch auf die maxi‐
mal  erreichbare  Risslänge  innerhalb  der  1.  Phase  zurückzuführen  ist.  Eine  genauere  Erklä‐
rung liefert die folgende Überlegung: 
Erste Übergänge in die 2. Phase wurden ab etwa ∆ 4,4 √  festgestellt, d. h. 
die Aktivierung benachbarter Kolonien ist offensichtlich ab diesem Wert möglich. Zum 
Erreichen dieses Schwellenwerts ist eine Oberflächenrisslänge von 2  = 464 µm erfor‐
Mikrostruktureller Einfluss auf das Schädigungsverhalten untersuchter Legierungen  107 

derlich,  wenn  eine  Spannungsamplitude  von   = 250 MPa  vorliegt.  Dagegen  existiert 


ein nicht unerheblicher Anteil an Kolonien, die in ihrer Ausdehnung diese Größe über‐
schreiten (vgl. Abb. 3‐4 auf S. 34). Folglich werden längere Risse und höhere ∆ ‐Fak‐
toren noch innerhalb der ersten Rissausbreitungsphase ermöglicht. Aus diesem Grund 
kommt es zu einer ausgedehnten Überlappung im Datenbereich zwischen der Rissaus‐
breitung  innerhalb  der  Ursprungskolonie  und  nach  Überwindung  der  ersten  Kolonie‐
grenzen. 

Mit dem Erreichen des Wertes ∆ 6,5 √  verliert die Mikrostruktur zunehmend an 


Einfluss. Die Risse werden nur partiell in Richtung der Lamellen abgelenkt, tendieren insge‐
samt  verstärkt  zu  der  Mode‐I  Ausbreitung.  Charakteristisch  für  diesen  Werkstoff  ist  der 
schmale Übergang von einem physikalisch kleinen zu einem rein Mode‐I gesteuerten langen 
Riss. 

6.2.3.2 Ergänzende Betrachtung des lateralen und räumlichen Einflusses von der 
Mikrostruktur während der Rissausbreitung 
Zur Veranschaulichung des mikrostrukturellen Einflusses auf die Rissausbreitung wird im Fol‐
genden die aus quasistatischen Experimenten bekannte Probe (vgl. Kap. 6.1.2) näher analy‐
siert. Diese Probe wurde während der anschließenden Ermüdung einer Spannungsamplitude 
von   = 275 MPa  ausgesetzt.  Hinzukommende  Schädigungsaktivität  äußerte  sich  überwie‐
gend  in  Form  von  zusätzlicher  Mikrorissinitiierung  innerhalb  der  Kolonien,  deren  Aktivität 
bereits in quasistatischen Versuchen mittels des DIC‐Verfahrens identifiziert wurde. Die Akti‐
vierung neuer Kolonien wurde nur vereinzelt beobachtet. 

Obwohl  die  frühe  Rissbildung  bevorzugt  infolge  schubspannungsgesteuerter  Abschervor‐


gänge  erfolgte,  entstand  dennoch  der  entscheidende  Ermüdungsriss  in  einer  Kolonie  mit 
 = 89°  (s.  Abb.  6‐26).  Dieser  Riss  initiierte  nach  200  LW  aus  einer  Kerbe  und  breitete  sich 
während der nächsten 20.600 LW bis zu den Koloniegrenzen aus (Markierung A in Abb. 6‐26 
c) und d)). In dieser Phase erfolgte die Rissausbreitung vorwiegend intra‐ bzw. interlamellar 
und somit nahezu stetig (vgl. Interpolationslinien in dem Diagramm Abb. 6‐26 d)). Noch vor 
dem Erreichen der Koloniegrenzen (Risslänge = etwa 92% der Kolonieausdehnung) nahm die 
Risswachstumsrate kontinuierlich ab. Dieses Verhalten kann auf die vorangehende Verände‐
rung des Spannungszustands vor der Rissspitze infolge der Interaktion mit den anders orien‐
tierten Nachbarkolonien zurückgeführt werden. Mit dem Erreichen der ersten Koloniegren‐
zen  nahm  der  Spannungsintensitätsfaktor  den  Wert ∆ 6,1 √  an.  Während  der 
nächsten 4.000 LW überwand der Riss die rechte Koloniegrenze. Der nun physikalisch lange 
Riss  wurde  bei  der  weiteren  Ausbreitung  stellenweise  in  Richtung  der  Lamellen  abgelenkt, 
den überwiegenden Anteil stellt dennoch die translamellare Ausbreitung. Die Wachstumsra‐
te verlangsamte sich zunächst geringfügig, stieg jedoch nach der Überschreitung der linken 
Koloniegrenze erneut an. Nach der Überschreitung der Markierung B (∆ 7,0 √ ) 
liegt eine durchgehend translamellare Ausbreitung vor, so dass der Riss mit seiner Oberflä‐
chenlänge von 2  = 898 µm als ein langer Riss bezeichnet werden kann. Um der schnell an‐
steigenden Risswachstumsgeschwindigkeit und insbesondere dem Übergang zu der instabi‐
108  Mikrostruktureller Einfluss auf das Schädigungsverhalten untersuchter Legierungen 

len Ausbreitung vorzubeugen, wurde ab der Markierung C die Spannungsamplitude auf zu‐
nächst   = 250 MPa  und  im  weiteren  Schritt  auf   = 225 MPa  gesenkt.  Diese  Maßnahme 
bewirkte folglich eine Reduktion des Spannungsintensitätsfaktors, aber auch gleichzeitig eine 
signifikante  Änderung  des  Rissausbreitungsverhaltens.  Der  mikrostrukturelle  Einfluss  stieg 
mit abnehmender Belastung zunehmen an (vgl. Markierung D und E sowie den Risspfad auf 
der rechten Seite). In Abb. 6‐26 d) verzeichnete grüne Datenpunkte kommen ausschließlich 
infolge der Lastreduktion zustande. Dieser Effekt wurde auch an einer weiteren Probe beob‐
achtet, die in ähnlicher Weise einer abfallenden Lastamplitude ausgesetzt wurde [139]. 

a)  b) 
F     

c)  C  A  A  B  C D 

E  D  B 

d) 

E  B 
A  D 

 
Abb.  6‐26:  a)  und  b)  Ergebnisse  der  Dehnungsanalyse  in  x‐Richtung  aus  quasistatischen 
Versuchen  bei   = 250 MPa  (vgl.  Kap.  6.1.2),  c)  Mikroskopische  Aufnahme  des  Ermü‐
dungsrisses aus einer fs‐Laser‐Kerbe und d) Ermittelte Rissausbreitungsgeschwindigkeit 
 

Der direkte Vergleich des Risspfades mit den Ergebnissen der Dehnungsanalyse aus quasista‐
tischen Experimenten in Kap. 6.1.2 offenbart, dass der Ermüdungsriss partiell in Richtung der 
zuvor ermittelten Abscherbändern abgelenkt wurde (s. Abb. 6‐26 b) und c)). REM‐Detailauf‐
nahmen  der  Probenoberfläche  in  diesem  Bereich  verdeutlichen,  dass  der  abgelenkte  Riss‐
pfad  intralamellar  innerhalb  von  breiteren  ‐Lamellen  verläuft  (s.  Abb.  6‐27  a)).  Aus  der 
räumlichen  Perspektive  verlagert  sich  der  Ausbreitungspfad  nach  nur  wenigen  µm  in  Rich‐
tung der  / ‐Phasengrenze, wobei der Risspfad stellenweise noch innerhalb der  ‐Lamelle 
verbleibt (s. Abb. 6‐27 b)). 

 
Mikrostruktureller Einfluss auf das Schädigungsverhalten untersuchter Legierungen  109 

a)  b)  A‐A ‐ FIB‐Schnitt 

F   

 
     

A‐A 
FIB‐Schnitt 

 
Abb. 6‐27: Zwei Perspektiven des rechten Endbereichs des Ermüdungsrisses aus Abb. 6‐26 
a) REM‐Aufnahme der Probenoberfläche und b) REM‐Aufnahme nach dem Ionenmaterial‐
abtrag ins Probeninnere 
 

6.2.4 TNB‐V5 
Wie in Kap. 3.1.3 erläutert, lag der Werkstoff TNM‐V5 nicht im Fokus dieser Forschungsar‐
beit. Er wurde lediglich zu Vergleichszwecken im Rahmen einer Kooperationsarbeit herange‐
zogen, um die Auswirkung seiner signifikant feineren Mikrostruktur beim Einsatz der fs‐La‐
ser‐Kerben zu erfassen. Untersucht wurde das Ermüdungsverhalten an einer Probe, die mit 8 
Stufenkerben  versehen  war.  Die  gewählte  Spannungsamplitude  von   = 775 MPa  lag  auch 
in diesem Fall zwischen den beiden Dehngrenzen  ,  und  , , so dass eine vergleichba‐
re Randbedingung zu den anderen Untersuchungsmaterialien gewährleistet werden konnte. 
Alle 8 Kerben führten zu Anrissen, und zwar innerhalb der ersten 35 LW. Die außerordentlich 
hohe  Initiierungsquote  (vgl.  Kap.  5.2.2)  kann  mit  der  hohen  Belastung  und  damit  auch  der 
Spannungsüberhöhung an der Kerbspitze sowie der feineren Mikrostruktur begründet wer‐
den. Entlang der Kerbfront liegen in diesem Fall zahlreiche Kolonien und Körner mit unter‐
schiedlicher  Orientierung  vor,  so  dass  die  Wahrscheinlichkeit  für  die  Existenz  solcher  mit 
günstig  orientierten  Ebenen  hoch  ist.  Der  mikrostrukturelle  Einfluss  bei  der  Rissinitiierung 
aus  einer  Kerbe  wäre  demnach  vergleichbar  mit  dem  Wachstum  kleiner  Risse  (s.  Kap. 
2.2.2.2). Abb. 6‐28 veranschaulicht die Proportionen der Kerbe in Relation zu der Mikrostruk‐
tur. Dargestellt ist die Scanaufnahme der versagensauslösenden Kerbe nach 234 LW der ge‐
wählten Spannungsamplitude. Innerhalb des nächsten Zyklus versagte die Probe mit dem Er‐
reichen einer maximalen Spannung von   = 733 MPa. Aus der Rekonstruktion des Riss‐
pfades  ergibt  sich  die  Erkenntnis,  dass  die  kritische  Rissausbreitung  bei  einem  zyklischen 
Spannungsintensitätsfaktor von ∆ 16,5 √  einsetzte. 

In unmittelbarer Umgebung der beidseitigen Spitzen dieser Kerbe befinden sich Agglomera‐
tionen von globularen Körnern (Markierung in Abb. 6‐28), die die Rissinitiierung und die an‐
fängliche  Ausbreitung  ‐  verglichen  mit  anderen  Kerben  ‐  begünstigten.  Die  Rissausbreitung 
wurde  mit  dem  Erreichen  der  Koloniegebiete  kurzzeitig  unterbrochen,  wobei  das  anschlie‐
ßende Wachstum mit vergleichbar hoher Geschwindigkeit kontinuierlich fortgesetzt wurde. 
110  Mikrostruktureller Einfluss auf das Schädigungsverhalten untersuchter Legierungen 

Zu  diesem  Zeitpunkt  erlangte  der  Riss  mit ∆ 10,5 √  bereits  den  Status  eines 
Langrisses  und  durchquerte  translamellar  die  Kolonien.  Neben  der  maßgeblichen  Schädi‐
gungsaktivität aus allen Kerben konnte partiell die Rissinitiierung innerhalb von Kolonien be‐
obachtet werden. Eine Ausbreitung dieser auf natürliche Weise initiierten Mikrorisse wurde 
über die Koloniegrenzen hinweg nicht festgestellt. 

Rissende
Rissende 

 
Abb.  6‐28:  Auflichtmikroskopische  Aufnahme  eines  Ermüdungsrisses  aus  einer  fs‐Laser‐
Kerbe 
 

 
Abb. 6‐29: Risswachstumsgeschwindigkeit in Abhängigkeit von dem zyklischen Spannungs‐
intensitätsfaktor.  Schwarz  umrandete  Datenpunkte  wurden  an  Rissen  gemessen,  die  aus 
künstlichen fs‐Laser‐Kerben entstanden sind. 
 
Mikrostruktureller Einfluss auf das Schädigungsverhalten untersuchter Legierungen  111 

Das ermittelte Diagramm der Risswachstumsgeschwindigkeit in Abhängigkeit vom zyklischen 
Spannungsintensitätsfaktor ist in Abb. 6‐29 dargestellt. Aufgrund der feineren Mikrostruktur 
verhielten sich die aus fs‐Laser‐Kerben entstandenen Mikrorisse unmittelbar nach der Initiie‐
rung wie physikalisch kleine Risse. Der Übergang von der Phase 3 zu der Phase 4 der Rissaus‐
breitung kann bei diesem Werkstoff mit etwa ∆ 10 √  definiert werden.  

6.3 Zusammenfassende Diskussion zum Schädigungsverhalten von γ‐TiAl‐Basis‐
legierungen 
In  den  vorhergehenden  Kapiteln  wurde  das  Schädigungsverhalten  der  untersuchten  ‐TiAl‐
Basislegierungen ausführlich beschrieben. Innerhalb dieses Kapitels sollen die wesentlichen 
Aspekte der Rissinitiierung und ‐ausbreitung legierungsübergreifend und zusammenfassend 
diskutiert werden. 

Schwellenwerte des Schädigungsprozesses 
Werden Titanaluminid‐Legierungen mit einer lamellaren Mikrostruktur durch eine mechani‐
sche  Belastung  bei  Raumtemperatur  beaufschlagt,  so  weist  der  resultierende  Schädigungs‐
prozess mehrere ausgeprägte Schwellenwerte auf. Der Schwellenwert I definiert die Mikro‐
rissinitiierung,  die  bevorzugt  innerhalb  der  Lamellenkolonien  auftritt.  Aus  makroskopischer 
Sicht  beginnt  der  Rissinitiierungsprozess  bereits  deutlich  unterhalb  der  Elastizitätsgrenze 
, ,  d.  h.  zahlreiche  Mikrorisse  entstehen  noch  im  linear‐elastischen  Bereich  der  Span‐
nungs‐Dehnungs‐Kurve. Aufgrund der regen Mikrorissbildung ist davon auszugehen, dass die 
Steifigkeit der Probe reduziert wird und im Spannungs‐Dehnungs‐Diagramm mikroplastische 
Deformationen  auftreten,  die  allerdings  unterhalb  der  Messgrenze  liegen.  Zudem  wird  die 
anschließende  makroskopische  Plastizität  zu  einem  Großteil  von  der  Rissinitiierung 
und  ‐ausbreitung  getragen.  Die  Orientierung  der  initiierten  Mikrorisse  wird  durch  die  Aus‐
richtung der Lamellen vorgegeben, sie liegen parallel zu der räumlichen Lamellenebene. Aus 
messoskopischer Sicht ist die resultierende lokale Schubspannung in Richtung der Lamellen 
dominierend. Ferner nimmt die resultierende lokale Normalspannung senkrecht zu den La‐
mellen einen ebenso nicht zu vernachlässigbaren Einfluss ein. Als Rissinitiierungsorte konn‐
ten  sowohl  die  ‐Lamellen  als  auch  die  / ‐Lamellengrenzflächen  identifiziert  werden, 
während Zheng et al. und Evangelista et al. nur eine der beiden Möglichkeiten als bevorzugt 
erachtet  haben  (vgl.  Kap.  2.3.1).  Bei  ungünstig  orientierten  Kolonien  ist  dagegen  die  Resis‐
tenz so hoch, dass wie erwartet (vgl. Kap. 5.2.2) auch der Einsatz der optimierten Mikroker‐
ben nicht immer zu einer erkennbaren Rissinitiierung geführt hat. 

Liegen größere globulare  ‐Körner vor, wie beispielsweise bei TAC‐2‐NL, so können sie eben‐
falls dem Rissinitiierungsprozess unterliegen. Hierbei verlaufen die intrakristallinen Mikroris‐
se entlang der energetisch günstigen kristallographischen Ebenen. Die Verteilung der feinen 
‐/ ‐Cluster  entlang  der  Koloniegrenzen  wirkt  sich  dagegen  günstig  gegen  die  Rissinitiie‐
rung aus. Das geht aus dem direkten Vergleich der Untersuchungswerkstoffe TAC‐2‐NL und 
TNM‐B1  hervor,  die  annähernd  die  gleiche  Koloniegrößenverteilung  aufweisen.  Mit  zuneh‐
mender  Nennspannung  und  insbesondere  nach  der  Überschreitung  der  , ‐Dehngrenze 
ist der Schädigungsprozess in TAC‐2‐NL deutlich ausgeprägter, was nicht zuletzt in der höhe‐
112  Mikrostruktureller Einfluss auf das Schädigungsverhalten untersuchter Legierungen 

ren Bruchdehnung resultiert. Die feinverteilten Cluster der TNM‐B1 Legierung tragen offen‐
sichtlich infolge der verbesserten Verformungsfähigkeit zum Abbau der resultierenden Lokal‐
spannungen  bei.  Die  positive  Auswirkung  der  feinen  Körner  gegen  die  Rissinitiierung  kann 
auch aus Beobachtungen an TNB‐V5 bestätigt werden. Eine Auswirkung der nadelförmigen 
Titanboride konnte dagegen nicht festgestellt werden. 

Umfasst die Rissausdehnung nach der Initiierung nicht bereits die gesamte Koloniebreite, so 
erfolgt unter zyklischer Belastung das anschließende Wachstum bis zu den nächstliegenden 
Koloniegrenzen in den meisten Fällen innerhalb von nur wenigen Lastwechseln. Der Ausbrei‐
tungspfad  dieser  Mikrorisse  besteht  überwiegend  aus  inter‐  und  intralamellaren  Anteilen. 
Liegen in der näheren Umgebung zu der bereits aktiven Kolonie deutlich abweichend orien‐
tierte Kolonien vor bzw. sind die benachbarten Kolonien aufgrund ihrer Ausrichtung nicht ak‐
tivierungsfähig, so wirken die Koloniegrenzen als  äußerst effiziente  Hindernisse. D.  h.  nach 
der  anfänglich  starken  Aktivität  setzt  ein  Sättigungszustand  ein,  wodurch  gleichzeitig  der 
Schwellenwert  II  markiert  wird.  Sowohl  unter  quasistatischer  als  auch  unter  dynamischer 
Belastung kann der weitere Abbau der Lokalspannung durch Entstehung von parallelliegen‐
den Rissen in den bereits aktiven Kolonien erfolgen. Die Überwindung der ersten Barrieren 
und  der  Übergang  in  die  nächste  Kolonie  hängen  in  erster  Linie  von  dem  resultierenden 
Spannungsintensitätsfaktor  und  der  relativen  Ausrichtung  der  Kolonien  ab.  Liegen  feinkör‐
nige globulare Phasenanteile entlang der Koloniegrenzen vor, wie es bei TNM‐B1 der Fall ist, 
so wird dadurch die weitere Rissausbreitung zusätzlich gehemmt. Dieser Einfluss wurde von 
Arata  et  al.  in  [27]  mittels  einer  idealisierten  linear‐elastischen  Berechnung  untersucht.  Es 
wurde der normalisierte Spannungsintensitätsfaktor  ⁄  bestimmt, der für die Rissaus‐
breitung  bzw.  für  die  Initiierung  eines  Mikrorisses  in  einer  Nachbarkolonie  erforderlich  ist, 
für den Fall, dass der Hauptriss auf eine Koloniegrenze zuläuft. Das FEM‐Modell besteht aus 
einer  CT‐Probe  mit  zwei  Kolonien  und  optional  einer  bruchresistenten  Zone  zwischen  der 
beiden  Kolonien.  Die  Lamellenorientierung  der Kolonie  I  lag  immer  parallel  zu  der  Rissaus‐
breitung. Aufgrund dieser kritischsten Konstellation ist für die Rissausbreitung zunächst ein 
geringer  Spannungsintensitätsfaktor   erforderlich.  Die  Lamellenorientierung  in  der 
Kolonie II und die Breite der bruchresistenten Zone wurden variiert. Ausgewählte Ergebnisse 
der  Berechnung  sind  in  Abb.  6‐30  b)  dargestellt,  wobei  mit   die  Winkeldifferenz  zwischen 
den beiden Kolonien definiert wird. Im einfachsten Fall der Rissausbreitung, wenn also beide 
Kolonien  gleich  ausgerichtet  sind,  gilt   = 0°.  Berechnungsergebnisse  ohne  der  bruchresis‐
tenten Zone sind zum Vergleich in Abb. 6‐30 a) veranschaulicht. Den Diagrammen kann ent‐
nommen werden, dass der für die Rissausbreitung erforderliche Spannungsintensitätsfaktor 
innerhalb  der  Kolonie  I,  unabhängig  von  der  Breite  der  bruchresistenten  Zone,  bereits  vor 
dem Erreichen der Grenzfläche infolge der Interaktion der Rissspitze mit der Koloniegrenze 
ansteigt. 

 
Mikrostruktureller Einfluss auf das Schädigungsverhalten untersuchter Legierungen  113 

a)  b)

 
Abb.  6‐30:  Normalisierter  Spannungsintensitätsfaktor  ⁄  für  das  Risswachstum  in 
Abhängigkeit der Risslängenzunahme ∆  für eine CT‐Probe mit zwei Kolonien. Die Abwei‐
chung der Lamellenanordnung in der Kolonie II wird mit   angegeben. Bruchresistente Zo‐
ne in der Mitte mit a)   = 0 µm und b)   = 40 µm [27] 
 

Liegt die bruchresistente Zone nicht vor, so ist für die Mikrorissinitiierung in der Nachbarko‐
lonie  die  Winkeldifferenz   maßgeblich.  Anderenfalls,  wenn  die  bruchresistente  Zone  vor‐
liegt,  ist  primär  die  Breite   entscheidend  [27].  Bei  dieser  grundlegenden  FEM‐Berechnung 
wurde  die  in  Kap  2.1.3  diskutierte  plastische  Verformung  nicht  berücksichtigt,  weshalb  die 
errechneten  Spannungsintensitätsfaktoren  nicht  quantitativ  verwertbar  sind.  Dennoch  gibt 
das  Modell  eine  Begründung  für  die  experimentelle  Beobachtung  über  die  gute  Hindernis‐
wirkung der  ‐/ ‐Clusterkombination in TNM‐B1. 

Können  die  ersten  Hindernisse  überwunden  werden,  so  wird  die  Richtung  der  nachfolgen‐
den Mikrorissausbreitung zunächst weiterhin von der Orientierung der Lamellen bestimmt. 
Die Hinderniswirkung der  ‐/ ‐Cluster ist für derart kolonieübergreifenden Mikroriss nicht 
mehr ausschlaggebend, was zu mindestens bei dem vorliegenden Material aufgrund der Ko‐
loniegrößen und damit der resultierenden Spannungsintensitätsfaktoren der Fall ist. Ab etwa 
∆ 4,4 √  nehmen translamellare Anteile der Rissausbreitung zu. Dabei gelten für 
die translamellare Ausbreitung im Grunde dieselben Mechanismen wie für einen kleinen Riss. 
Die Rissspitze wird beim auftreffen auf die jeweilige Lamelle durch die abweichende kristal‐
lographische Orientierung fortwährend in Richtung der bevorzugten Kristallebene abgelenkt. 
Eine Verrundung der Rissspitze findet auch mit steigender Spannungsintensität vor der Riss‐
spitze nicht statt, d. h. die plastische Zone vor der Rissspitze nimmt vernachlässigbare Aus‐
maße an. In diesem Fall leistet also nicht die Plastizität, sondern die permanente Richtungs‐
änderung der Rissspitze einen Beitrag zu der Energiedissipation bei. Die aus der Literatur be‐
kannte Mikrorissbildung vor der Rissspitze des Hauptrisses auf der parallel liegenden Ebene 
(vgl. Kap. 2.3.2) wurde unter zyklischer Belastung selten beobachtet. 

Mit  dem  Erreichen  des Schwellenwerts  III  wird  der  Mikroriss  nur  noch  partiell  in  Richtung 
der Kolonieausrichtung abgelenkt. Das Rissausbreitungsverhalten entspricht dem eines phy‐
sikalisch kleinen Risses. Dabei tangiert die Rissfront bereits genügend viele Kolonien und Kör‐
ner, so dass lokal eine vereinfachte Rissausbreitung innerhalb der günstig orientierten Kolo‐
114  Mikrostruktureller Einfluss auf das Schädigungsverhalten untersuchter Legierungen 

nien und Körner ermöglicht wird. Durch das lokale Vordringen der Rissfront steigt die Span‐
nungsintensität  entlang  der  zurückliegenden  Abschnitte  an,  so  dass  auch  die  Bereiche  mit 
hoher Hinderniswirkung überwunden werden können. Auf diese Weise wird der physikalisch 
kleine Riss im Mittel stärker abgebremst, dennoch wird seine Ausbreitung zunehmend stetig. 
In dem Werkstoff TAC‐2‐FL wird der Status der physikalisch kleine Risse nur kurz eingenom‐
men, da aufgrund der vorliegenden Koloniegrößen die Risslängen mit dem Erreichen der ers‐
ten  Koloniegrenzen  bereits  hohe  Spannungsintensitätsfaktoren  verursachen  und  somit  der 
direkte Übergang zu einer Langrissausbreitung ermöglicht wird. 

Der  Übergang  zu  einem  Langriss,  dessen  Ausbreitung  unter  zyklischer  Belastung  mit  dem 
∆ ‐Konzept beschrieben werden kann, erfolgt bei allen untersuchten Werkstoffen fließend. 
Dennoch lässt sich aus mikroskopischer Sicht ein Schwellenwert IV definieren, nach dessen 
Überschreitung  durchweg  translamellare  und  zunehmend  Mode‐I  gesteuerte  Ausbreitung 
stattfindet. Die Phase der Langrissausbreitung ist äußerst kurz. Bei den durchgeführten Expe‐
rimenten lag sie bei etwa 1% der Bruchlastspielzahl. Dies äußert sich auch an dem steilen An‐
stieg  der  Risswachstumskurve  und  dem  schnellen  Übergang  zu  der  instabilen  Rissausbrei‐
tung. Letzteres kann als Schwellenwert V der Schädigung erfasst werden. Diesen Schwellen‐
wert gelang es während der in‐situ Ermüdung nicht direkt zu ermitteln. Er kann jedoch, wie 
in Kap. 6.2.1.3 gezeigt, nach dem Versagen der Probe mittels der bildbasierten Rekonstruk‐
tion  des  Risspfades  abgeleitet  bzw.  direkt  durch  die  Standardversuche  zur  Ermittlung  der 
Risszähigkeit   bestimmt werden. 

Auswirkung auf das Versagensverhalten 
Aufgrund  der  vereinfachten  Rissinitiierung  innerhalb  der  ‐TiAl‐Legierungen  mit  der  über‐
wiegend lamellaren Mikrostruktur muss bei der Bauteilauslegung von einer mikrorissbehaf‐
teten Struktur ausgegangen werden. Die Angabe einer kritischen Risslänge, wie es Kruzic et 
al. für den Einsatz des Werkstoffs in Turbinen mit etwa 500 µm in [8] geschätzt hat, ist je‐
doch nicht allgemeingültig. Vielmehr geht aus den durchgeführten Untersuchungen hervor, 
dass unter zyklischer Belastung die Lebensdauer primär durch den Schwellenwert II und den 
Übergang zu dem physikalisch kleinen Riss bestimmt wird. Obwohl im Rahmen dieser Arbeit 
keine  Lebensdauerkurve  bestimmt  wurde,  kann  davon  ausgegangen  werden,  dass  dieser 
Mechanismus vor allem im LCF‐, aber auch im HCF‐Bereich relevant ist, da sich erste Risse in 
Kolonien bereits bei sehr kleinen Lastamplituden zeigten. Derart kleine Risse können jedoch 
aufgrund ihrer geringen Ausdehnung nicht mittels der technischen Standardverfahren sicher 
detektiert werden. Auch führt die in der Bruchmechanik übliche Methode der Messung von 
Schwellenwerten für stabile Rissausbreitung (abfallendes ∆ ) bei diesem Werkstoff nicht zu 
sinnvollen  Werten,  sondern  zu  einer  Änderung  des  Ausbreitungsverhaltens.  Hieraus  resul‐
tiert  eine  unumgängliche  Bauteilauslegung  nach  dem ∆ ‐Konzept,  wobei  der  Schwellen‐
wert II als ∆  definiert werden muss. Bei der sicheren Bauteilauslegung muss also gewähr‐
leistet werden, dass der Schwellenwert II nicht überschritten wird, d. h. dass die Mikrorisse 
an  den  ersten  Kolonien  stehen  bleiben.  Für  die  Anwendung  des ∆ ‐Konzepts  ist,  neben 
der Ermittlung des Schwellenwerts II unter zyklischer Belastung, die Kenntnis über die Kolo‐
niegrößen‐ und Kolonieausrichtungsverteilung sowie über die Materialfehlergröße erforder‐
Mikrostruktureller Einfluss auf das Schädigungsverhalten untersuchter Legierungen  115 

lich.  Auf  Basis  dieser  Daten  lässt  sich  die  maximal  zulässige  Spannungsamplitude  ableiten. 
Problematisch  sind  allerdings  herstellungsbedingte  Defekte  wie  z.  B.  Poren,  die  trotzt  der 
HIP‐Nachverdichtung gegossener Rohlinge nicht immer vollständig vermieden werden kön‐
nen. Je nach ihrer Lage und Größe können sie zu Anrissen führen, die bereits den Schwellen‐
wert II überschreiten. 

Im Allgemeinen zeigen die Untersuchungen, dass für den Einsatz der lamellaren Titanalumi‐
nide die Koloniegröße verringert und homogenisiert sowie die Kolonieausrichtung stark ran‐
domisiert  werden  sollte.  Bei  der  zyklischen  Belastung  mit  geringer  Spannungsamplitude 
(HCF‐  bzw.  VHCF‐Bereich  der  Lebensdauer)  lokalisiert  sich  der  Schädigungsprozess  auf  die 
zum  Überwinden  des  Schwellenwerts  II  ungünstige  mikrostrukturelle  Konstellation.  Dabei 
sind größere Kolonien mit der annähernden Orientierung senkrecht zu der Lastrichtung bzw. 
eine  lokale  Anhäufung  kleinerer  Kolonien  der  genannten  Orientierung  versagensrelevant, 
wie  es  die  Oberflächenobservation  und  die  Bruchflächenanalysen  offenbaren.  Aus  diesem 
Grund wäre die Ausrichtung aller Kolonien in Richtung der Belastung äußerst effizient. Ist die 
vollständige Ausrichtung nicht möglich, so sind die Größe und Orientierung der abweichend 
orientierten Kolonien für die Anwendung des ∆ ‐Konzepts maßgeblich. Mit abnehmender 
Kolonie‐/Korngröße und gleichbleibender Größe der Materialdefekte (z. B. Poren) verlagert 
sich der Rissinitiierungsort hin zu den Materialdefekten, deren Größe in diesem Fall stärker 
berücksichtigt werden muss. Diese Erkenntnis zeigt der Einsatz der fs‐Laser‐Kerben an TNB‐
V5,  wo  mit  feiner  werdender  Korngröße  das  Widerstandsvermögen  gegen  die  Ausbreitung 
von Mikrorissen signifikant minimiert wird. 

 
116  Mesoskopisches FE‐Modell basierend auf der Abbildung realer Mikrostruktur 

7 Mesoskopisches FE‐Modell basierend auf der Abbildung realer Mikro‐
struktur 
Aus  Kap.  6  geht  hervor,  dass  bei  lamellaren  ‐TiAl‐Legierungen  der  Schwellenwert  II  des 
Schädigungsprozesses als maßgeblich für die Lebensdauer erachtet wird. Für dessen grund‐
legende und umfassende Untersuchung ist jedoch zunächst die Kenntnis über mikrostruktu‐
relle Konstellationen erforderlich, die die Rissinitiierung innerhalb Kolonien bzw. Körnern be‐
günstigen. Folgerichtig ist die Ermittlung der Lokalspannungen bzw. ‐dehnungen im Gefüge 
unabdingbar, die aufgrund der komplexen mesoskopischen Wechselwirkungseffekte besten‐
falls mittels eines FE‐Modells erfolgen kann. Im Rahmen dieser Arbeit wurde ein Verfahren 
entwickelt, welches die Erstellung eines mikrostrukturell basierten 2D‐Modells erlaubt [141]. 
Im Unterschied zu dem bekannten VORONOI‐Ansatz [142] dienen dem Modellaufbau mikro‐
skopische Bildaufnahmen, die vor der eigentlichen Versuchsdurchführung im entlasteten Zu‐
stand der Probe erzeugt werden (Abb. 7‐1 a)). Dies erlaubt eine realitätsnahe Modellierung. 

a)  b)

c)  d)

 
Abb. 7‐1: Verfahren zur Erzeugung von mikrostrukturell basiertem FE‐Modell [144] 
 

Hinsichtlich des  Materialverhaltens  ist  das  Modell  zunächst  auf  den  anisotrop  linear‐elasti‐
schen  Ansatz  beschränkt,  was  angesichts  der  vernachlässigbaren  Plastizität  dieser  Legie‐
rungsklasse legitim ist. Die Korn‐ und Koloniegrenzen werden herausgearbeitet (Abb. 7‐1 b)) 
und durch ein vereinfachtes Binärbild (Abb. 7‐1 c)) dargestellt. Aus diesem Binärbild werden 
einzelne  Pixelkoordinaten  der  Korn‐  und  Koloniengrenzen  mittels  der  Bildanalysesoftware 
DigiTrace  erfasst  und  im  Anschluss  mittels  eines  Abaqus‐Python‐Skripts  zu  einem  Gesamt‐
modell  verarbeitet.  Innerhalb  des  Gesamtmodells  sind  die  jeweiligen  Körner  und  Kolonien 
Mesoskopisches FE‐Modell basierend auf der Abbildung realer Mikrostruktur  117 

als separate Parts abgebildet, die ihrerseits lokale Materialparameter sowie kristallographi‐
sche  bzw.  koloniale  Orientierungsangaben  beinhalten.  Die  Kolonien  werden  als  homogene 
Strukturen  betrachtet,  d.  h.  ohne  die  weitere  Unterteilung  in  einzelne  Lamellen  vorzuneh‐
men. Die erforderlichen Materialdaten für die Kolonien und Körner sind der Literatur [143] 
entnommen. Die kristallographische Ausrichtung der Körner wird randomisiert vorgegeben, 
während  die  laterale  Ausrichtung  der  Kolonien  direkt  aus  den  Bildaufnahmen  hervorgeht. 
Die Zuweisung dieser Parameter den jeweiligen Parts erfolgt automatisch innerhalb des Aba‐
qus‐Python‐Skripts. Nach dem Vernetzen (Abb. 7‐1 d)) können mikrostrukturell beeinflusste 
Spannungs‐ bzw. Dehnungsüberhöhungen bestimmt und im globalen oder lokalen Koordina‐
tensystem ausgegeben werden. 

Die Abbildungsfähigkeit der Realität mittels der FEM‐Berechnung wurde an dem in Abb. 7‐2 
a) skizzierten Ausschnitt der in Kap. 6.1.2 vorgestellten Probe überprüft. Als Randbedingung 
für  das  FE‐Modell  diente  die  Verschiebung  entlang  des  betrachteten  Ausschnittrands,  die 
mittels der DIC‐Analyse bei der Nennspannung von   = 250 MPa ermittelt wurde. Die fs‐
Laser‐Kerben  wurden  zwecks  besserer  Vergleichbarkeit  ebenfalls  in  das  Modell  übernom‐
men. Das Ergebnis der FEM‐Berechnung ist in Abb. 7‐2 b) dargestellt. Dabei handelt es sich 
um die globale Dehnungsverteilung in x‐Richtung, die äquivalent der DIC‐Analyse dem Pro‐
benbild mit 40%‐iger Transparenz überlagert wurde. Zusätzlich sind die Kolonie‐ und Korn‐
grenzen in dem Bild hervorgehoben. 

Im Allgemeinen deckt sich die Dehnungsverteilung aus der FEM‐Berechnung gut mit der DIC‐
Analyse und somit der Realität. Kolonien, innerhalb derer Abschervorgänge stattfanden, wei‐
sen in der FEM‐Berechnung hohe Dehnwerte auf und können auf diese Weise als potentielle 
Rissinitiierungsorte identifiziert werden. Dabei muss berücksichtig werden, dass die Absche‐
rung  selbst,  die  eine  dauerhafte  Schädigung  darstellt,  nicht  mittels  des  linear‐elastisch  ba‐
sierten Modells abgebildet wird. Ferner zeigt die Berechnung eine realitätsnahe Dehnungs‐
überhöhung  vor  den  Kerbspitzen.  Einzig  die  sprunghaften  Verläufe  entlang  des  Ausschnitt‐
rands stellen Artefakte der Berechnung dar, die auf die vorgegebene Randverschiebung zu‐
rückzuführen sind. Ursächlich hierfür sind zum einen die vorliegende starke Verformungsan‐
isotropie und zum anderen die mögliche lokale Fehlauswertung der DIC‐Translationsberech‐
nung.  Beides  führt  vereinzelt  zu  Sprüngen  zwischen  benachbarten  Verschiebungsvektoren 
jeweiliger Messpositionen (vgl. Kap. 4.1), die ungefiltert in die FEM‐Berechnung übertragen 
wurden. Der Einfluss der sprunghaften Verschiebungsvektoren ist in der FEM‐Berechnung je‐
doch nur bedingt in der unmittelbaren Nähe des Randbereichs vorhanden. 

Das entwickelte Verfahren zur Generierung von mikrostrukturell basierten FE‐Modellen bie‐
tet somit als ein Begleitinstrument für weitere Forschungsarbeiten eine Möglichkeit zur um‐
fassenden aber dennoch fokussierten Untersuchung des Rissinitiierungs‐ und ‐ausbreitungs‐
verhaltens. Es ermöglicht die Platzierung von Mikrokerben an den Orten, an denen tatsäch‐
lich  hochbeanspruchte Gefügeelemente  vorliegen,  so  dass  die  Schädigung  zusätzlich  lokali‐
siert wird. Andererseits kann durch die Wahl der Lage und Orientierung von Kerben die loka‐
le Spannungsüberhöhung gezielt an Orten hervorgerufen werden, die sonst keine Rissinitiie‐
rung  aufweisen  würden.  Auf  diese  Weise  können  die  beiden  Schwellenwerte  I  und  II  noch 
gezielter erfasst werden. 
118  Mesoskopisches FE‐Modell basierend auf der Abbildung realer Mikrostruktur 

a) 
 

b) 

 
Abb. 7‐2: a) Mittels der DIC‐Analyse ermittelte Dehnung in x‐Richtung bei der Nennspan‐
nung  von   = 250 MPa  (vgl.  Kap.  6.1.2)  und  b)  FEM‐Vergleichsberechnung  der  Deh‐
nung eines Ausschnitts 
 

 
Zusammenfassung  119 

8 Zusammenfassung 
Die vorliegende Arbeit befasst sich mit den mikrostrukturellen Schädigungsvorgängen in in‐
termetallischen  ‐TiAl‐Basislegierungen  unter  mechanisch  monotoner  sowie  zyklischer  Be‐
lastung. Obgleich der Werkstoff für Hochtemperaturanwendungen entwickelt wird, kann bei 
wechselnden  Temperaturen  sein  sprödes  Niedrigtemperaturverhalten  versagensrelevant 
sein. Beispiele sind die kritischen Anlaufphasen einer Flugzeugturbine sowie die zahlreichen 
Kaltlaufphasen eines Kfz‐Verbrennungsmotors, die im Laufe der Betriebsgesamtdauer zu ei‐
ner hohen Lastwechselzahl führen können. Unabhängig von dem Einsatzort muss ein siche‐
rer Betrieb ohne das katastrophale Sprödbruchversagen gewährleistet werden. Aus diesem 
Grund wurde der Fokus der Arbeit auf das Schädigungsverhalten bei Raumtemperatur gelegt. 

Es wurde eine übergreifende und systematische in‐situ Analyse ausgewählter  ‐TiAl‐Basisle‐
gierungen  hinsichtlich  des  Initiierungs‐  und  Wachstumsverhaltens  kleiner  Oberflächenrisse 
durchgeführt. Ein wesentliches Merkmal der Untersuchungswerkstoffe sind die unterschied‐
lich orientierten Kolonien, die aus  ‐ und  ‐Lamellen bestehen. Daneben existiert, je nach 
Wärmebehandlung und chemischer Zusammensetzung, ein nicht zu vernachlässigender An‐
teil  an  globularen  Körnern  der  ‐Phase.  Eine  neuartige  Gusslegierung  beinhaltet  zusätzlich 
die  ‐Phase.  Legierungsübergreifend  liegen  die  globularen  Körner  bevorzugt  entlang  der 
Koloniegrenzen vor. Sowohl die Kolonie‐ als auch die Korngröße können stark variieren, was 
in  Kombination  mit  der  Kolonieorientierungsvariation  einen  signifikanten  Einfluss  auf  die 
mechanischen Eigenschaften und insbesondere auf die Rissinitiierung und ‐ausbreitung hat. 

Zur Erfassung der mikrostrukturellen Schädigungsvorgänge wurden mehrere Verfahren und 
Ansätze angewandt und optimiert. Vor der Durchführung der quasistatischen und zyklischen 
Experimente wurde die Geometrie der verwendeten Proben mittels FEM‐Berechnungen op‐
timiert. Auf diese Weise konnte zum einen die Kerbwirkung minimiert werden und zum an‐
deren auch bei kleinen Proben ein ausreichend großer Bereich homogener Spannungsvertei‐
lung  realisiert  werden,  in  dem  in‐situ  Beobachtung  durchgeführt  werden  konnte.  Dazu 
wurde die Probenkerbform an das Neuber‐Profil mit konstanter Randspannung angenähert 
und die Formzahl auf bis zu   = 1,03 reduziert. Experimente mit quasistatischer Belastung 
wurden  durch  den  Einsatz  eines  kompakten  Zug‐Druck‐Moduls  mit  einem  digitalen  Mikro‐
skop  durchgeführt.  Die  erstellten  Bildaufnahmen  konnten  post  mortem  analysiert  werden, 
woraus zum einen die Grenzbelastung für die Rissinitiierung ermittelt und zum anderen die 
Spannungsamplitude  für  dynamische  Versuche  abgeleitet  wurde.  Der  ergänzende  Einsatz 
der  digitalen  Kreuzkorrelationsanalyse  an  Grauwertbildern  verhalf  der  genauen,  aber  den‐
noch flächendeckenden Identifizierung der Rissinitiierungsorte sowie der Ermittlung des Ko‐
loniegrenzeinflusses bei der anschließenden Rissausbreitung. Auch während der Ermüdungs‐
experimente wurde die Probenoberfläche durch den Einsatz digitaler Auflichtmikroskopie in‐
situ  observiert.  Ein  dreidimensionaler  automatischer  Verfahrmechanismus  ermöglichte  da‐
bei  die  Erfassung  größerer  Probenbereiche  mit  unterschiedlichster  mikrostruktureller  Kon‐
stellation. In dem nachgeschalteten post mortem Prozess wurde das Ausbreitungsverhalten 
der  Risse  von  der  Initiierungsphase  bis  zum  Versagen  der  Probe  qualitativ  und  quantitativ 
bruchmechanisch ausgewertet. Die Einbringung von mikrostrukturell kleinen Kerben mittels 
120  Zusammenfassung 

eines  Femtosekundenlasers  vervollständigte  die  Systematisierung  der  Untersuchungen,  da 


hierdurch  die  Rissinitiierung  auf  ausgesuchte  Bereiche  fokussiert  werden  konnte.  Die  Geo‐
metrie der Starterkerbe wurde zuvor in mehreren Iterationsschritten im Hinblick auf die Ma‐
ximierung  der  Spannungsüberhöhung  optimiert.  Diese  Optimierung  führte  zu  einer  Stufen‐
kerbe, die gegenüber der üblicherweise verwendeten Halbellipsoid‐Kerbe eine mehr als drei‐
fach  höhere  Formzahl  aufweist.  Die  Beobachtung  der  oberflächlichen  Schädigungsentwick‐
lung wurde durch Untersuchungen in die Tiefenrichtung ergänzt. Hierzu wurden zum einen 
die  Bruchflächen  mittels  des  Rasterelektronenmikroskops  begutachtet,  so  dass  der  mikro‐
strukturelle Einfluss insbesondere in der näheren Umgebung des Rissursprungsortes erfasst 
werden konnte. Zum anderen wurden ausgewählte Oberflächenmikrorisse mit der FIB‐Tech‐
nologie in die Tiefe aufgeschnitten, so dass der räumliche Verlauf des Risses und seine Inter‐
aktion mit den vorliegenden Phasen an der Schnittebene charakterisiert werden konnte. Zu‐
dem wurde ein schnelles dreidimensionales Mikrorissabbildungsverfahren, welches auf der 
Femtosekundenlaserspektroskopie basiert, erprobt. Ferner wurde ein Verfahren entwickelt, 
das auf Basis von Bildaufnahmen der Mikrostruktur ein zweidimensionales FE‐Modell erstellt. 
Auf  diese  Weise  können  mikrostrukturell  bedingte  Spannungsüberhöhungen  bzw.  Deh‐
nungsmaxima berechnet werden, die Hinweise auf mögliche Rissinitiierungsorte liefern. 

Die  in‐situ  Oberflächenbeobachtung  offenbart,  dass  der  Schädigungsprozess  in  mehrere 


Schwellenwerte unterteilt werden kann. Der Schwellenwert I definiert die Rissinitiierung, die 
bevorzugt innerhalb der Kolonien und zwar bereits ab einer Zugnennspannung von 150 MPa 
beobachtet  wurde.  Diese  Spannung  liegt  deutlich  unterhalb  der  , ‐Dehngrenze  unter‐
suchter Materialien. Der Rissinitiierung unterliegen bevorzugt Kolonien, deren räumliche Ori‐
entierung der Lamellen annähernd mit der Ausrichtung der lokalen Schubspannung zusam‐
menfällt. Dabei findet eine lokalisierte Abscherung statt, für deren Aktivierung die Höhe der 
lokalen Schubspannung maßgeblich ist. Es ist anzunehmen, dass in diese Kategorie auch die 
überwiegende Anzahl der Mikrorisse fällt, die an der Probenoberfläche nahezu senkrecht zu 
der Belastungsrichtung und parallel zu den Lamellen verlaufen. Räumliche Rissverlaufsanaly‐
sen, die mit der FIB‐Technik durchgeführt wurden, zeigen in vielen Fällen dieser Konstella‐
tion eine in Tiefenrichtung geneigte Kolonie‐ und Rissausbreitung. Diese Annahme wird da‐
durch  bekräftigt,  dass  für  die  Rissinitiierung  in  Kolonien  mit  der  lateralen  Ausrichtung  von 
   90°  auch  eine  Zugnennspannung  von  150 MPa  als  unterer  Grenzwert  ermittelt  wurde. 
Einige wenige Ausnahmen der FIB‐Analyse belegen normalspannungskontrollierte Rissinitiie‐
rung in Kolonien mit räumlich senkrechter Ausrichtung zur Last. Unabhängig von der Orien‐
tierung  der  Kolonien  überwiegt  aus  mikroskopischer  Sicht  die  intralamellare  Auftrennung 
der  kohäsiven  Bindungskräfte  in  ‐Lamellen  sowie  die  interlamellare  Auftrennung  entlang 
der  / ‐Lamellengrenzflächen. Das frühe kohäsive Versagen ist das Resultat der stark ein‐
geschränkten  plastischen  Verformbarkeit  der  vorliegenden  intermetallischen  Phasen  sowie 
der  lokalen  Spannungsüberhöhung  infolge  der  elastischen  Anisotropie  verschieden  ausge‐
richteter  Körner  und  Kolonien.  Mit  Zunahme  der  Belastung  breiten  sich  die  entstandenen 
Mikrorisse, sofern noch nicht geschehen, bis zu den nächsten Koloniegrenzen aus. Für diese 
Rissausbreitung  werden  infolge  fehlender  Hindernisse  dieselben  Ebenen  favorisiert,  was 
schließlich  in  hohen  Rissfortschrittsraten  mündet.  Desweiteren  können  in  den  bereits  akti‐
ven Kolonien parallelliegende Risse entstehen, sowie zusätzliche Kolonien aktiviert werden, 
Zusammenfassung  121 

dessen Orientierung von der oben genannten abweicht. Größere globulare  ‐Körner können 
ebenfalls dem Rissinitiierungsprozess unterliegen, wobei die intrakristallinen Mikrorisse ent‐
lang der energetisch günstigen kristallographischen Ebenen verlaufen. Feinverteilte globula‐
re  ‐/ ‐Körner, die entlang der Koloniegrenzen vorliegen, tragen dagegen infolge der ver‐
besserten  Verformungsfähigkeit  zum  Abbau  der  resultierenden  Lokalspannungen  bei.  Da‐
durch wird die Rissinitiierung auch in den Kolonien gehemmt. 

Unter der zyklischen Belastung wird nach der schnellen Rissinitiierung ein Sättigungszustand 
der  Schädigungsaktivität  erreicht,  wodurch  gleichzeitig  der  Schwellenwert  II  des  Gesamt‐
schädigungsprozesses definiert wird. Dieser Schwellenwert ist maßgeblich, da die Mikrorisse 
einen  Großteil  der  Gesamtlebensdauer  mit  dessen  Überwindung  verbringen.  Die  Überwin‐
dung  der  ersten  Barrieren  und  der  Übergang  in  die  nächste  Kolonie  hängen  in  erster  Linie 
von dem resultierenden Spannungsintensitätsfaktor und der relativen Ausrichtung der Kolo‐
nien ab. Feine globulare Körner entlang der Koloniegrenzen wirken aufgrund derselben Me‐
chanismen wie bei der Rissinitiierung zusätzlich ausbreitungshemmend. Der weitere Schädi‐
gungsprozess lokalisiert sich auf die wenigen, für die Überwindung der ersten Barrieren gün‐
stigen  mikrostrukturellen  Konstellationen.  Liegt  eine  starke  Variation  der  Kolonieorientie‐
rung  vor,  so  stellen  die  Koloniegrenzen  effiziente  Barrieren  dar.  Die  Effektivität  der  ersten 
Koloniegrenzen kann darauf zurückgeführt werden, dass die Mikrorissausbreitung nach der 
Überschreitung dieses Hindernisses weiterhin in Richtung der Lamellenorientierung erfolgt. 
Im Gegensatz zu duktilen Metallen, deren kfz‐ oder krz‐Kristallgitter für den Übergang eines 
Mikrorisses  in  das  Nachbarkorn  eine  Vielzahl  an  energetisch  günstigen  Ebenen  aufweisen, 
besitzt der lamellare Kolonieaufbau nur eine günstige Ebene. Auf Basis dieser Erkenntnisse 
wurden Schlussfolgerungen für die Auslegung der Bauteile aus lamellaren  ‐TiAl‐Basislegie‐
rungen hergeleitet, die auf dem ∆ ‐Konzept beruhen. Dabei muss ∆  als der Schwellen‐
wert II definiert werden. Schädigungsmodelle, die auf dem Verhalten von langen Rissen ba‐
sieren, sind dagegen bei diesen Werkstoffen nicht zweckmäßig. 

Ist  der  Schwellenwert  II  überwunden,  so  wird  der  Mikroriss  zunächst  weiterhin  sehr  stark 
von  der  Ausrichtung  der  Kolonien  dominiert,  d.  h.  der  Risspfad  verläuft  bevorzugt  in  Rich‐
tung  der  Lamellen.  Globulare  Körner  verlieren  dagegen  zunehmend  an  Einfluss,  wobei  ein 
partieller  Verlauf  des  Risspfades  entlang  der  Korngrenzen  sowie  der  kristallographischen 
Ebenen beobachtet wurde. Die mikrostrukturelle Hinderniswirkung ist insgesamt nur noch in 
reduzierter  Form  vorhanden,  d.  h.  dass  die  Mikrorisse  entscheidend  seltener  von  den  ge‐
nannten  mikrostrukturellen  Gegebenheiten  zum  völligen  oder  längerfristigen  Stillstand  ge‐
bracht wurden. Weitere Schwellenwerte wurden mit dem Erreichen des Status als physika‐
lisch kleiner Riss sowie mit dem Übergang zur der Langrissausbreitung definiert. Dabei zeich‐
net den physikalisch kleinen Riss bereits die nahezu stetige Rissausbreitung und zunehmend 
translamellare  Rissausbreitung  beim  überqueren  der  Kolonien  aus.  Die  Ausbreitung  eines 
Langrisses  erfolgt  dagegen  überwiegend  Mode‐I  gesteuert,  wobei  die  Mikrostruktur  kaum 
Einfluss nimmt. Die beiden Phasen der Rissausbreitung sind vergleichsweise kurz, da infolge 
einer  geringen  Steigerung  des  zyklischen  Spannungsintensitätsfaktors  die  instabile  Rissaus‐
breitung einsetzt. 
122  Zusammenfassung 

Unabhängig von der bevorzugten schubspannungsgesteuerten Mikrorissinitiierung innerhalb 
der Kolonien zeigen die durchgeführten Experimente, dass die versagensursächlichen Haupt‐
risse aus größeren Kolonien mit der annähernd senkrechten Ausrichtung der Lamellen im Be‐
zug auf die Last entstanden. Anderenfalls kann auch eine lokale Anhäufung kleinerer Koloni‐
en der genannten Orientierung zum Versagen führen. Mit abnehmender Kolonie‐ und/oder 
Korngröße verlagert sich die Rissinitiierung bei gleichbleibender Größe der Materialdefekte 
(z. B. Poren) hin zu den Materialdefekten, wie es der Einsatz der Kerben zeigt. Dieser Effekt 
kann  damit  begründet  werden,  dass  der  Materialdefekt  eine  größere  Anzahl  der  Kolonien 
und  Körner  tangiert  und  die  Wahrscheinlichkeit  für  das  Vorliegen  solcher  mit  einer  für  die 
Rissinitiierung günstigen kristallographischen Ausrichtung hoch ist. Anderenfalls führen klei‐
nere Defekte innerhalb einer Kolonie nicht zwangsläufig zu einer Rissinitiierung. 

Mit den durchgeführten Untersuchungen liegt nun eine umfangreiche Datenbasis zum Schä‐
digungsverhalten von intermetallischen  ‐TiAl bei Raumtemperatur vor. Diese kann zur wei‐
teren  Werkstoffoptimierung  herangezogen  werden.  Weiterführende  Untersuchungen  sind 
allerdings notwendig, um eine vergleichbare Datenqualität für das Hochtemperaturverhalten 
dieser Werkstoffgruppe zu erhalten. 

 
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Anhang  133 

Anhang 
 

 
Anhang  135 

A‐1 Technische Zeichnungen 

A‐1.1 Form A 

 
 
Anhang  137 

A‐1.2 Form B 

 
 
Anhang  139 

A‐1.3 Form C 

 
 
Anhang  141 

A‐1.4 Form D 

 
 
Anhang  143 

A‐2 Ansatz zur Berechnung des Spannungsintensitätsfaktors für ausgesuchte Kon‐
figurationen aus [51] 
 

A‐2.1 Berechnung des Spannungsintensitätsfaktors eines halbelliptischen Oberflä‐
chenrisses für   
 

 
Abb. A‐2‐1: Mittig liegender halbelliptischer Oberflächenriss unter äußerer Zug‐ und Biege‐
belastung [51] 
 

π ⋅a ⎛a a c ⎞
K I = (σ m + H ⋅ σ b ) F ⎜ , , , φ ⎟ .    (A‐2‐1) 
Q ⎝t c W ⎠

mit  
1, 65
⎛a⎞
Q = 1 + 1,464⎜ ⎟       (A‐2‐2) 
⎝c⎠

⎡ ⎛a⎞
2
⎛a⎞ ⎤
4

F = ⎢ M 1 + M 2 ⎜ ⎟ + M 3 ⎜ ⎟ ⎥ fφ ⋅ f w ⋅ g     (A‐2‐3) 
⎢⎣ ⎝t⎠ ⎝ t ⎠ ⎥⎦

⎛a⎞
M 1 = 1,13 − 0,09 ⎜ ⎟       (A‐2‐4) 
⎝c⎠

0,89
M 2 = −0,54 +       (A‐2‐5) 
a
0,2 +
c
24
1 ⎛ a⎞
M 3 = 0,5 − + 14⎜1 − ⎟       (A‐2‐6) 
a ⎝ c⎠
0,65 +
c
144  Zusammenfassung 

14
⎡⎛ a ⎞ 2 ⎤
fφ = ⎢⎜ ⎟ cos2 φ + sin 2 φ ⎥       (A‐2‐7) 
⎣⎢⎝ c ⎠ ⎦⎥
12
⎡ ⎛ π ⋅c a ⎞⎤
f w = ⎢sec⎜⎜ ⎟⎥       (A‐2‐8) 
⎢⎣ ⎝ 2 ⋅W t ⎟⎠⎥⎦

⎡ ⎛a⎞ ⎤
2

g = 1 + ⎢0,1 + 0,35⎜ ⎟ ⎥(1 − sin φ )  


2
    (A‐2‐9) 
⎣⎢ ⎝ t ⎠ ⎦⎥

H = H1 + (H 2 − H1 ) ⋅ (sin φ )  
p
    (A‐2‐10) 

a ⎛a⎞
p = 0,2 + + 0,6⎜ ⎟       (A‐2‐11) 
c ⎝t⎠

a a⎛a⎞
H 1 = 1 − 0,34 − 0,11 ⎜ ⎟       (A‐2‐12) 
t c⎝t ⎠

2
⎛a⎞ ⎛a⎞
H 2 = 1 + G1 ⎜ ⎟ + G2 ⎜ ⎟       (A‐2‐13) 
⎝t⎠ ⎝t⎠

⎛a⎞
G1 = −1,22 − 0,12⎜ ⎟       (A‐2‐14) 
⎝c⎠
0 , 75 1, 5
⎛a⎞ ⎛a⎞
G2 = 0,55 − 1,05⎜ ⎟ + 0,47⎜ ⎟       (A‐2‐15) 
⎝c⎠ ⎝c⎠

 
Anhang  145 

A‐2.2 Berechnung des Spannungsintensitätsfaktors eines viertelelliptischen Eckrisses 
für   
 

 
Abb. A‐2‐2: Am Rand liegender viertelelliptischer Oberflächenriss unter äußerer Zug‐ und 
Biegebelastung [51] 
 

π ⋅a ⎛a a c ⎞
K I = (σ m + H ⋅ σ b ) F ⎜ , , , φ ⎟ .    (A‐2‐16) 
Q ⎝t c W ⎠

mit  
1, 65
⎛a⎞
Q = 1 + 1,464⎜ ⎟       (A‐2‐17) 
⎝c⎠

⎡ ⎛a⎞
2
⎛a⎞ ⎤
4

F = ⎢ M 1 + M 2 ⎜ ⎟ + M 3 ⎜ ⎟ ⎥ fφ ⋅ f w ⋅ g1 ⋅ g 2   (A‐2‐18) 
⎢⎣ ⎝t⎠ ⎝ t ⎠ ⎥⎦

⎛a⎞
M 1 = 1,08 − 0,03⎜ ⎟       (A‐2‐19) 
⎝c⎠

1,06
M 2 = −0,44 +       (A‐2‐20) 
a
0,3 +
c
15
⎛a⎞ ⎛ a⎞
M 3 = −0,5 − 0,25⎜ ⎟ + 14,8⎜1 − ⎟       (A‐2‐21) 
⎝c⎠ ⎝ c⎠

14
⎡⎛ a ⎞ 2 ⎤
fφ = ⎢⎜ ⎟ cos2 φ + sin 2 φ ⎥       (A‐2‐22) 
⎣⎢⎝ c ⎠ ⎦⎥
146  Zusammenfassung 

12
⎡ ⎛ π ⋅c a ⎞⎤
f w = ⎢sec⎜⎜ ⎟⎥       (A‐2‐23) 
⎢⎣ ⎝ 2 ⋅W t ⎟⎠⎥⎦

⎡ ⎛a⎞ ⎤
2

g1 = 1 + ⎢0,08 + 0,4⎜ ⎟ ⎥ (1 − sin φ )  


3
    (A‐2‐24) 
⎣⎢ ⎝ t ⎠ ⎦⎥

⎡ ⎛a⎞ ⎤
2

g 2 = 1 + ⎢0,08 + 0,15⎜ ⎟ ⎥(1 − cosφ )  


3
    (A‐2‐25) 
⎢⎣ ⎝ t ⎠ ⎥⎦

H = H1 + (H 2 − H1 ) ⋅ (sin φ )  
p
    (A‐2‐26) 

a ⎛a⎞
p = 0,2 + + 0,6⎜ ⎟       (A‐2‐27) 
c ⎝t⎠

a a⎛a⎞
H 1 = 1 − 0,34 − 0,11 ⎜ ⎟       (A‐2‐28) 
t c⎝t ⎠

2
⎛a⎞ ⎛a⎞
H 2 = 1 + G1 ⎜ ⎟ + G2 ⎜ ⎟       (A‐2‐29) 
⎝t⎠ ⎝t⎠

⎛a⎞
G1 = −1,22 − 0,12⎜ ⎟       (A‐2‐30) 
⎝c⎠
0 , 75 1, 5
⎛a⎞ ⎛a⎞
G2 = 0,64 − 1,05⎜ ⎟ + 0,47⎜ ⎟       (A‐2‐31) 
⎝c⎠ ⎝c⎠

 
 

 
Mikrostrukturelle Untersuchungen der Rissinitiierung und -ausbreitung in intermetallischen TiAl-Legierungen
Waldemar Wessel

Mikrostrukturelle Untersuchungen der


Rissinitiierung und -ausbreitung in intermetal-
lischen TiAl-Legierungen unter zyklischer
und quasistatischer Belastung

Waldemar Wessel

ISBN 978-3-86219-360-8