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Institution(en)- S.

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Institution(en)

In: Handbuch der Politischen Philosophie und


Sozialphilosophie, Stefan Gosepath, Wilfried Hinsch, Anne
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Gruyter, 2005).

1.

Institutionen werden durch Menschen geschaffen, entweder

absichtsvoll oder als beiläufiges Ergebnis menschlichen

Zusammenkommens, und setzen sich daher von der Natur ab

[«D’institution, instituté par les hommes (opposé à ce qui est

établi par la nature)» (Rey/Rey-Debove 1983 [1967], 1013)].


Institutionen als gesellschaftliche Einrichtungen regeln

religiöse, kulturelle, soziale, politische oder ökonomische

Belange; sie umfassen die "Gesamtheit der in einer Gesellschaft

gegebenen Organisationsformen menschlichen Handelns" (Brockhaus

Enzyklopädie 1989, 544). Institutionen tragen sowohl die

mögliche Gefahr einer umfassenden sozialen Kontrolle und


Disziplinierung in sich, als auch das Versprechen der Befreiung

des Menschen aus sozialen Fesseln und den Zwängen der Natur

(Freiheit, Zwang).

1.1

Der Begriff der "Institution" bezeichnet zum einen in einer

zumeist umgangssprachlichen, konkreten, 'verdinglichten'

Verwendung gesellschaftliche Assoziationen, Organisationen,


Körperschaften, Organe und Ämter z.B. innerhalb des Staates

oder der Kirchen und anderer gesellschaftlicher Gebilde (in

diesem Sinne spricht man von Behörden, Stiftungen oder dem

Parlament aber auch dem Amt des Bundespräsidenten als

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Institutionen); zum anderen ist es verbreitet unter

Institutionen immaterielle abstrakte soziale Regelsysteme und

Normgebilde zu fassen, die individuelles und kollektives

Verhalten und Handeln strukturieren, d.h. gleichzeitig

ermöglichen und beschränken (z.B. das Grundgesetz oder das

Wahlrecht, aber z.B. auch das Eigentum oder die Ehe).

Institutionen dienen der Befriedigung grundlegender

menschlicher Bedürfnisse; sie regeln u.a. die generative

Reproduktion (Familie), sozialisieren, erziehen und unterweisen

Individuen (Erziehungs- und Bildungsinstitutionen: Schule,

Universität), koordinieren den wirtschaftlichen Güteraustausch

(Markt), verteilen sozialen Status und politische Macht

(Verfassungen) und exekutieren kollektiv verbindliche

Entscheidungen (Staat).

Häufig aus Interessengegensätzen und Machtkämpfen

hervorgegangen verstetigen und reproduzieren Institutionen

einerseits gesellschaftliche Machtverteilungsmuster,

andererseits stellen sie die verantwortliche und

kontinuierliche Erzeugung und Verteilung gesellschaftlich

relevanter Werte und Güter, wie etwa Sicherheit, Wohlstand,

Gesundheit, Macht, Wissen und Erlösung, sicher und ermöglichen

auch den friedlichen prozeduralen Wertetransfer (beispielsweise

durch die Institution der Wahl im Falle politischer Macht; zur

Theorie politischer Institutionen vgl. Göhler 1987).

Die Stabilität von Institutionen kann sowohl auf der

Unterwerfung und Repression konfligierender Interessen als auch


auf einem Interessenkompromiss und -ausgleich basieren.

Institutionen können die Unterdrückung, Ausbeutung,

Diskriminierung und Entfremdung von Gruppen und Individuen

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bewirken oder aber ihre Autonomie, Emanzipation und Integration

(Offe 2003) befördern. Sie weisen Lebenschancen, Rechte,

Identitäten und Anerkennung zu oder verweigern diese.

"Totale Institutionen" (Goffman 1961) wie etwa Gefängnisse,

psychiatrische Anstalten, Sekten und teilweise auch das Militär

umgreifen die von ihnen erfassten Individuen vollständig und

enthalten diesen alternative soziale Erfahrungsmöglichkeiten

vor, häufig in der Absicht einer grundlegenden

Neuprogrammierung bis hin zur Brechung der Persönlichkeit.

1.2

Institution leitet sich ab "aus lat. institutio 'Einrichtung',

eigtl. 'das Hineinstellen' [...], vgl. institutieren: aus

gleichbed. lat. instituere, eigtl. 'hin(ein)stellen': 1.

einrichten, errichten. 2. (veraltet) anordnen, unterweisen;

stiften" (Duden 2003). Der Duden definiert die Institution als

erstens "einem bestimmten Bereich zugeordnete

gesellschaftliche, staatliche, kirchliche Einrichtung, die dem

Wohl oder Nutzen des Einzelnen oder der Allgemeinheit dient"

(Gemeinwohl) und als zweitens "bestimmten stabilen Mustern

folgende Form menschlichen Zusammenlebens (bes. Soziol.,

Anthrop.)" (Duden 1999-2004). Der Brockhaus definiert

Institution als "gesellschaftliche, staatliche oder kirchliche

Einrichtung, in der bestimmte Aufgaben, meist in gesetzlich

geregelter Form, wahrgenommen werden" (Brockhaus Enzyklopädie

1989, 544).

Institutionen als im weitesten Sinne verhaltens- und

handlungsleitende soziale Muster und Regeln lassen sich

(entlang eines gedachten Kontinuums) nach dem Grad ihrer


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Formalisierung und Persistenz ("Institutionalisierung")

unterscheiden. Ein stärkerer Formalisierungsgrad geht dabei

zumeist auch mit einem stärkeren Verpflichtungscharakter und

Sanktionspotential einher. So können in einem extensiven

Begriffsverständnis bereits "Gewohnheiten" als Institutionen

gelten, welche informell, freiwillig und nicht sanktioniert

sind, am anderen Ende des Kontinuums wären dann "Gesetze" als

hochgradig formalisierte, verpflichtende und zwangsbewehrte

Institutionen auszumachen:

Unter einer "Gewohnheit" (engl. "habit") versteht man dabei

eine erlernte routinisierte Verhaltensweise oder Handlung, die

quasi-automatisch (zumeist nach einem Reiz-Reaktions-Schema)

abläuft und nicht immer wieder von neuem der bewussten

Entscheidung bedarf, sondern sich im wiederkehrenden Vollzug

'eingespielt' hat.

Gewohnheiten innerhalb einer sozialen Gruppe oder Gemeinschaft

werden als "Bräuche" (engl. "customs") bezeichnet, insbesondere

wenn sie sich als kulturelle Praktiken darstellen (z.B.

gruppenspezifische Fest-, Ess- und Bekleidungsgewohnheiten).

Weisen diese Gemeinschaftsgewohnheiten wiederum in ihrer

Gesamtheit eine generationenübergreifende Persistenz auf, d.h.

werden sie als kulturelles Erbe an nachfolgende Generationen


'überliefert', so spricht man von "Traditionen".

Mit "Sitten" (engl. "mores"; frz. "moeurs") werden soziale

Verhaltensformen bezeichnet, die als üblich und angemessen

angesehen werden (z.B. Tischsitten; teilweise jedoch auch für

moralisch geboten, vgl. Sittenwidrigkeit), auf der Orientierung

am Verhalten anderer beruhen und mithin einen stärkeren

sozialen Verpflichtungscharakter aufweisen. Ihre Einhaltung

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wird von der jeweiligen sozialen Gruppe oder Gemeinschaft

selbst sichergestellt, indem ein Sittenverstoß durch die

anderen Gruppenmitglieder geahndet wird – dies kann von einer

Ermahnung bis hin zur (moralischen) Ächtung (z.B. im Falle der

Prostitution) reichen.

"Konventionen" (Lewis 1969, Douglas 1986) sind zumeist auf

expliziter oder impliziter Übereinkunft basierende

Verhaltensregeln oder Verfahren, die gesellschaftlichen

Erwartungen genügen und weithin akzeptiert sind. Die Sprache

selbst ist eine Konvention, da gelingende Kommunikation

gleichermaßen soziales Einvernehmen hinsichtlich des

Sinngehaltes von Wörtern als auch bezüglich syntaktischer

Strukturen voraussetzt.

"Normen" schließlich bezeichnen soziale Verhaltensstandards und

-regeln mit einem hohen Verbindlichkeitsgrad. Gesellschaftliche

Normen verweisen auf dominante Wertorientierungen innerhalb von

Großgruppen, denen sich der einzelne nur schwerlich entziehen

kann und deren Nichtbefolgung sanktioniert wird.

Formalisiert als "Rechtsnormen" ("Gesetze") stellen sie

kollektiv bindende Entscheidungen des Souveräns dar

(Souveränität). Montesquieu definiert die Gesetze ("les lois")

als «des institutions particulières et précises du législateur;

et les mœurs et les manières, des institutions de la nation en

général.» (Montesquieu 1990 [1748], 335, Livre XIX, Chapitre

XIV) ["Wir sagten, dass Gesetze besondere und genau bestimmte

Anordnungen eines Gesetzgebers seien, Sitten und Gebräuche

aber gemeinsames Gut des ganzen Volkes." (Montesquieu 1992,

420, Buch XIX, Kapitel 14)] Die Interpretation von Gesetzen

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kommt ausschließlich dem Urteil spezialisierter juristischer

Körperschaften (Gerichte) zu und ihre Verletzung zieht

Strafmaßnahmen (Strafe) nach sich, exekutiert wiederum durch

öffentliche Institutionen (Staat), die über das Monopol

legitimer physischer Gewalt verfügen (Weber 1964 [1921]).

2.

In der Philosophie erstreckt sich das Verständnis von

Institutionen von den Kategorien des Denkens (Kant) bis hin zu

formalen Verfassungsstrukturen (Hobbes, Locke, Rousseau). Die

Problematik der Entstehung und Begründung von Institutionen

bildet einen zentralen Streitpunkt zwischen 'historischen' oder

'empirischen' Sichtweisen einerseits und 'rationalen'

andererseits. Die historische Perspektive (Aristoteles, Hegel,

Hume) sieht Bräuche, Traditionen, Normen, Gesetze und andere

Institutionen als ein geschichtliches Erbe, das durch sein

Überdauern Legitimität erlangt hat. Die 'rationale' oder

'liberale' Sichtweise hingegen leitet die Legitimität von

Institutionen aus einem realen oder hypothetischen Verfahren

ab, dem alle vernünftigen Individuen explizit oder implizit

zugestimmt haben oder haben könnten. Diese Vorstellung einer


prozeduralen Legitimität ist in der politischen Philosophie und

Sozialphilosophie bereits für die klassischen Vertragstheorien

kennzeichnend und wurde in der Gegenwart u.a. von Rawls und

Habermas (aber auch Nozick und Buchanan) weiterentwickelt;

infragegestellt wird sie durch den Kommunitarismus.

2.1

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In der Soziologie und Sozialanthropologie (Anthropologie,

soziale) umgreift das Institutionenverständnis alle

menschlichen Gewohnheiten und Einrichtungen von Riten, Mythen,

Symbolsystemen und sozialen Codes (Durkheim, Lévi-Strauss 1967)

bis hin zu Status und Sozialstrukturen. Institutionen werden

dabei verstanden als kollektive Repräsentationen und als

Systeme positiver und negativer Sanktionierung, die

abweichendes Verhalten unterbinden und Konformität erzeugen.

Funktionalisten gehen davon aus, dass Institutionen vorrangig

der Bedürfnisbefriedigung dienen und sich in ihnen allgemeine

funktionale Erfordernisse ganzer Gesellschaften bzw. sozialer

Systeme (Parsons) widerspiegeln. Nach Gehlen (1956)

kompensieren Institutionen die Instinktarmut des Menschen und

"entlasten" durch ihre "Hintergrundserfüllung" die menschliche

Existenz von einer Fixierung auf alltägliche elementare

Bedürfnisse. Sie kanalisieren die vielfältigen Antriebe des

Menschen und ermöglichen so erst kulturelle Steigerung. Eine

stärker interpretative Sichtweise begreift Institutionen

demgegenüber als kontingente Hinterlassenschaften der

Geschichte und menschlicher Interpretationen (Elias, Mannheim,

Mead). Danach müssen Institutionen nicht unbedingt funktional

sein; zentral ist vielmehr, dass sie aus einer komplexen

Realität Sinn konstruieren.

2.2

Mit Institutionen im Sinne mentaler Repräsentationen befasst

sich auch die Psychologie und stellt heraus, dass diese

zwischen dem individuellen Subjekt und der äußeren Welt

vermitteln, durch diese Interaktionen jedoch auch geformt oder

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kanalisiert werden (Freud, Piaget). Die Erkenntnis, dass diese

Prägungen des menschlichen Subjekts ('Selbst') willkürlich

sind, lässt die Befreiung des Individuums aus diesen sozial

erzeugten mentalen 'Verfestigungen' als denk- und realisierbar

erscheinen. Durch die Sozialpsychologie und den Marxismus

beeinflusst, problematisiert auch die Kritische Theorie

(Adorno, Fromm, Horkheimer, Marcuse) die Möglichkeit einer

Emanzipation des Individuums und wendet sich der Frage zu,

inwieweit gesellschaftliche gegenüber eher psychologischen

Faktoren als ursächlich für bestimmte Persönlichkeitsstrukturen

und -deformationen zu akzentuieren sind.

2.3

Im Gegensatz zu Adam Smith, der von "a certain propensity in

human nature [...] to truck, barter, and exchange one thing for

another" (Smith 1981 [1776], 25, Book I, Chapter II) ["einer

natürlichen Neigung des Menschen, zu handeln und Dinge

gegeneinander auszutauschen" (Smith 1993, 16, Erstes Buch,

Zweites Kapitel)], ausgeht, hebt der "alte Institutionalismus"

in der Wirtschaftswissenschaft, angeregt u.a. durch die

Historische Schule in der Nationalökonomie (Schmoller), die

historischen, kulturellen, sozialen, rechtlichen und normativen

Grundlagen des ökonomischen Austausches hervor und auch die Art

und Weise, mit der soziale und kulturelle Beweggründe und

Praktiken, wie etwa das Streben nach sozialer Auszeichnung,

wirtschaftliches Verhalten formen und verformen.

Als Beispiele können hier genannt werden die "Prestigekäufe"


der "feinen Leute" bei Veblen, Webers klassische Untersuchung

"Die Protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus"

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(Protestantismus, politische Philosophie des; Kapitalismus) und

Sombarts (1906) Verortung des Sozialismus in einer feudalen

Vergangenheit. Selbst Schumpeter, der den Ausdruck

"methodologischer Individualismus" prägte und das "ökonomische

Modell der Demokratie" entwarf, betonte gleichwohl, dass

historische Hinterlassenschaften aus der vorkapitalistischen

Zeit ökonomische Arrangements im Kapitalismus stützen und

unterstellte, dass mit einer Beseitigung dieses historischen

Unterbaus auch die Stabilität des Kapitalismus selbst prekär

werde.

2.4

In der Rechts-, Staats- und Politikwissenschaft wurden unter

politischen Institutionen lange Zeit die in Verfassungen

festgeschriebenen Normen und Organe verstanden. Darüber hinaus

wurden jedoch auch der soziale Kontext politischer

Institutionen und des Aufstiegs des modernen Staates, sowie die

Wirkung institutioneller Arrangements auf das Verhalten von

Politikern und Wählern durchaus von klassischen Theoretikern

politischer Institutionen, wie Tocqueville, Weber, Bryce (1921)

und Friedrich (1937) berücksichtigt.

3.

In den Nachwehen des Zweiten Weltkrieges breitete sich eine

behaviouralistische Revolution in den Sozialwissenschaften aus

und drängte Institutionen und institutionalistische Analysen in

den Hintergrund. Insbesondere in den Vereinigten Staaten

beheimatet, konzentrierte sich der Behaviouralismus auf

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unterstellte universelle Regelmäßigkeiten im menschlichen

Verhalten. In der Psychologie äußerte sich dies darin, dass

zunehmend mit szientistischen Stimuli und Response (Skinner)

operiert wurde. In der Soziologie rückten strukturell-

funktionale Erfordernisse in den Blickpunkt und es wurde im

Rahmen eines modernisierungstheoretischen Paradigmas

(Modernisierung, Theorien der) eine universell gültige

Entwicklung von traditionalen hin zu modernen Gesellschaften

(Moderne/Postmoderne) postuliert (Parsons). In den

Wirtschaftswissenschaften ist in diesem Zusammenhang die

Entwicklung des neo-klassischen Modells mit dem unterstellten

universell gültigen und uniformen rationalen Marktverhalten

aller Markteilnehmer (Markt(wirtschaft)) zu nennen. In der

Politikwissenschaft schließlich kann das Pluralismusmodell, das

seine Analyse des politischen Prozesses auf das beobachtbare

Verhalten von Wählern und Interessengruppen stützt, als

Ausdruck dieser behaviouralistischen, anti-

institutionalistischen Wende interpretiert werden (Truman 1951,

Dahl 1961, Fraenkel 1968). Seit den 1970er Jahren wurden diese

behaviouralistischen Modelle jedoch zunehmend kritisiert und

führten zu einer Wiederentdeckung von Institutionen als

eigenständiger, erklärungsrelevanter Größe. Institutionelle

Erklärungsansätze sind somit seit den 1980er Jahren in

verschiedenen sozialwissenschaftlichen Disziplinen unter dem

Label des "Neo-Institutionalismus" bzw. "Neuen

Institutionalismus" (March/Olsen 1984,

Evans/Rueschemeyer/Skocpol 1985, Mayntz/Scharpf 1995,

Hall/Taylor 1996, Scharpf 2000) wieder en vogue.

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3.1

Ein Zweig des Neo-Institutionalismus bilden die Theorie

rationaler Wahlhandlungen ("rational choice";

Sozialwahltheorie) und die neue Institutionenökonomie. Sie

verstehen Institutionen als eine Antwort auf Dilemmata

kollektiver Entscheidungsfindung und strategischen Handelns

(Handeln, kollektives; Kollektive Entscheidungsfindung,

Verfahren der). Institutionelle Verfahrensregeln, wie z.B. das

Privileg des Agenda-Setting auf Seiten der politischen

Exekutiven oder die Vetomacht parlamentarischer Kammern und

Ausschüsse (Riker 1980, Shepsle 1986, Weingast 1996, Tsebelis

2002), verteilen Entscheidungsmacht und ermöglichen

Entscheidungen trotz der Problematik der Transformation

individueller Präferenzen in Kollektiventscheidungen

(Condorcet-Paradox, Arrow-Theorem). Einflussreiche

Erklärungsansätze für das Verständnis der Entwicklung von

Institutionen sind hier: a) der Transaktionskostenansatz, der

postuliert, dass sich Institutionen entwickeln, um all die

Kosten zu minimieren, die mit ökonomischen Transaktionen

einhergehen, einschließlich der Informationskosten (Coase 1960,

North 1990, Williamson 2000); b) die Prinzipal-Agenten-Theorie

("principal-agent theory"), wonach Verträge und

Organisationsstrukturen Ausdruck des Kontrollbedürfnisses von

Auftraggebern ("Prinzipalen") gegenüber ihren Auftragnehmern

("Agenten") unter den Bedingungen von Informationsasymmetrie

und Unsicherheit sind (Bsp.: Eigentümer vs. Manager,

Regierungen vs. Bürokratien, Wähler vs. Politiker) (Moe 1984);

c) der Ansatz der Pfadabhängigkeit, der das Konzept der

versunkenen Kosten ("sunk costs") und der steigenden Erträge

("increasing returns") verwendet, um zu erklären, warum


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anfänglich kontingente Ereignisse zu ineffizienten aber

gleichwohl stabilen Pfaden ökonomischer oder politischer

Entwicklung führen (Pierson 2000, David 2001).

3.2

Insoweit als sich die Soziologie mit sozialer Ordnung befasst,

kann ihr ganzer Gegenstandsbereich als "institutionell"

bezeichnet werden. Im Speziellen firmiert unter dem Begriff des

"soziologischen Institutionalismus" jedoch ein weiterer Strang

des Neo-Institutionalismus aus dem Bereich der

Organisationssoziologie (Simon 1957, March/Simon 1958,

Powell/DiMaggio 1991). Auf die Verhaltenspsychologie aufbauend

konzentriert sich dieser Ansatz auf individuelle Wahrnehmung

und Informationsverarbeitung sowie kollektive

Entscheidungsfindung innerhalb von Organisationen. Dieser

Perspektive zufolge begegnen menschliche

Organisationsmitglieder ihren nur sehr begrenzten

Informationsaufnahme- und -verarbeitungskapazitäten ("bounded

rationality") mittels diverser Mechanismen und Verfahren zur

Komplexitätsreduktion. Beispiele für solche Vereinfachungs- und

Bewältigungsstrategien sind etwa die Akzeptanz der ersten mehr

oder weniger annehmbaren Alternative ("satisfizing") an Stelle

einer Maximierung des Nutzens ("optimizing"); oder auch das

Zurückgreifen auf standardisierte Verfahrensmuster und -abläufe

("standard operating procedures"), welche Wahlmöglichkeiten

begrenzen und durch Strukturierung und Koordination des

Handelns dieses letztlich erst ermöglichen. Allerdings haben

diese Verfahrensmechanismen und Entscheidungsstrategien ein

quasi-chaotisches Organisationsverhalten zur Folge, wie z.B. im

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sog. "Mülleimermodell" ("garbage can model", Cohen/March/Olsen

1972), welches postuliert, dass Entscheidungen innerhalb

organisierter Anarchien weitestgehend nach einem zufälligen

Muster erfolgen. Damit weist diese Perspektive eine Nähe zu

"sozial-konstruktivistischen" Ansätzen (Konstruktivismus) auf,

die insbesondere die gesellschaftlich kontingente Konstitution

von Normen, Ideen und Institutionen betonen.

3.3

Der Historische Institutionalismus schließlich als dritter

Zweig des Neo-Institutionalismus orientiert sich an dem

Geschichtsverständnis Max Webers, wonach Wirtschaft, Politik

und Gesellschaft im Sinne historisch kontingenter spezifischer

Entwicklungspfade zu verstehen sind, deren Sinngehalte von den

subjektiven Interpretationsleistungen handelnder Menschen

abhängen. Ein wichtiger Forschungszweig innerhalb dieses

Ansatzes widmet sich den verschiedenen "Spielarten des

Kapitalismus" ("varieties of capitalism"), wie etwa

organisierter "rheinischer Kapitalismus" vs. liberaler

"angelsächsischer Kapitalismus", und versucht dabei, die

historischen, sozialen und organisatorischen Bedingungen der

verschiedenen Modi kapitalistischer Wirtschaftsformation

herauszuarbeiten (Crouch/Streeck 1997, Hollingsworth/Boyer

1999, Hall/Soskice 2001, vgl. auch die

wirtschaftssoziologischen Arbeiten von Smelser/Swedberg 1994,

Beckert 2004). Den Ursachen institutioneller Stabilität und

institutionellen Wandels widmet der Historische

Institutionalismus besondere Aufmerksamkeit (Pierson/Skocpol

2002, Thelen 2004, Immergut 2005).

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3.4

Angesichts des fundamentalen Stellenwertes von Institutionen

für die Sozialwissenschaften kann es nicht überraschen, dass

sich hier eine enorme Variationsbreite wissenschaftlicher

Konzepte, Methoden und Themen aufspannt. Ungeachtet der

multidisziplinären Perspektiven und theoretischen Kontroversen

befasst sich die Erforschung von Institutionen vorrangig mit

der Bildung und den Auswirkungen stabiler sozialer

Arrangements, die von Ideen und normativen Konzepten bis hin zu

konkreten lokalen, nationalen und internationalen

Organisationen, Assoziationen und Staaten reichen können. Die

zentralen Trennlinien innerhalb der institutionalistischen

Analyse betreffen die Fragen, ob sich Institutionen als nicht

intendierte Nebenfolgen menschlichen Handelns quasi 'beiläufig'

und 'eigensinnig' entwickelt haben oder aber die Ergebnisse

bewusster menschlicher Entwürfe und absichtsvoller Gestaltung

sind; ob Institutionen historisch weitgehend invariante

kollektive Problemstellungen (effektiv) bearbeiten und sich

insofern in ihnen funktionale Erfordernisse ausdrücken oder ob

sie nicht vielmehr historisch kontingent sind; schließlich:

welche normativen Konsequenzen gezogen werden sollten

angesichts der arbiträren und artifiziellen Faktizität von

Institutionen einerseits und ihres erheblichen Einflusses auf

das Individuum und die Gesellschaft andererseits.

4. Literatur

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Ellen M. Immergut und Alexander Jäger

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