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WAS ist WAS?

Zur Unterscheidung von indirekten Wortfragen und Relativsätzen

Problemstellung: „Ich sage, was ich denke.“

Relativsatz Dico, quod sentio.

Modus (ohne Nebensinn): Indikativ

Eingeleitet durch Relativpronomen

qui, quae, quod

Indirekte (Wort-)Frage

Dico, quid sentiam.

Modus (ohne Ausnahme): Konjunktiv

Eingeleitet durch Interrogativpronomen

substantivisch: quis, quid

adjektivisch: qui, quae, quod

„wer von beiden?“: uter, utra, utrum

Gleicher Ursprung: Untergeordnete Frage – zunächst Modustohuwabohu

Vgl. z.B. Plautus (~250-~184 v. Chr.), Amphitruo 17f.:

Nunc quoiius [=cuius] iussu venio et quam ob rem venerim, / dicam.

Bei den indirekten Fragen unterscheidet man (wie bei den direkten) Wort- und Satzfragen. Satzfragen erkundigen sich stets nach Unbekanntem. Wortfragen können sich auch nach Bekanntem erkundigen, können also nicht nur von Ausdrücken des Fragens und Nichtwissens, sondern auch des Sagens und Wissens (weit gefasst!) abhängen („Ich weiß, wer das getan hat“). Oft trennt nur eine Nuance!

Quod fecisti, laudo. ~ das, was Es empfiehlt sich die Grundregel:

im Deutschen: sowohl relative als

im Lateinischen:

Bei Ausdrücken des Sagens und Wissens kann stehen

Indikativischer Relativsatz

Dic, quid feceris ~ was

auch interrogative Auffassung möglich

Ausdrücke des Fragens bedingen Ausdrücke des Sagens und Wissens bevorzugen

Indirekte Frage

NB! Ohne Einfluss auf Tempus und Modus des Verbums sind erstarrte Formeln wie

nescio quis nescio quo modo/pacto mirum/nimium quantum

irgendwer irgendwie ganz außerordentlich

Irgendwer redet (da). Nescio quis loquitur.

Vorgehen im Zweifelsfalle:

1. Handelt es sich beim Verb des übergeordneten Satzes um einen Ausdruck des

- Fragens = Antwort haben wollen auf die Frage…

- des Wissens = Antwort haben auf die Frage…

- des Erfahrens = Antwort bekommen auf die Frage…

- des Mitteilens = Antwort geben auf die Frage…?

2. Lässt sich der mit W-Pronomen oder „ob“ beginnende Nebensatz in eine direkte Frage verwandeln, ohne dass der Sinn darunter leidet ?

Falls ja: indirekter Fragesatz! Nur falls nein: Relativsatz (zum Überprüfen „alles/das, was/jeder, der“)

WAS ist WAS?

1. Erzähle unserem Freund, was du gemacht hast! Narra, quid feceris, amico nostro!

2. Erzähle, was du mir schon erzählt hast, auch unserem Freund! Narra, quod mihi iam narravisti, etiam/et amico nostro!

3. Was du getan hast, verdient höchstes Lob. Quod/Quae fecisti, summa laude dignum est/digna sunt.

4. Ich möchte wissen, ob dir das gefällt oder nicht. Scire volo/ (fac) sciam, utrum hoc/hocne tibi placeat necne/an non.

Indirekte Fragesätze

Stehen immer im Konjunktiv Richten sich nach den Regeln der Zeitenfolge in konjunktivischen Nebensätzen (Nachzeitigkeit wird ausgedrückt, wenn möglich) (unverändert bleiben i.d.R. Dubitativ und Potentialis der Vergangenheit sowie Irrealis der Gegenwart = Konj. Impf.) Haben bei Bezug auf das Subjekt des übergeordneten Satzes das Reflexivum = innerlich abhängig! Negation: non Man unterscheidet Wort- und Satzfragen

Indirekte Wortfragen werden eingeleitet durch die entsprechenden Fragewörter wie direkte Fragen (RH §58, §62) quis, quid etc.; ubi, unde, quo, qua (via), quando, quomodo, quam

Indirekte Satzfragen - einfache indirekte Satzfragen werden eingeleitet durch

1. num oder -ne „ob, ob nicht, ob etwa“ (keine bejahende oder verneinende Antwort erwartet)

2. an „ob nicht“ und an non „ob“ nach Ausdrücken des Nichtwissens und Zweifelns wie haud scio (sciam), nescio, dubito, dubium est, incertum est

- indirekte Doppelfragen werden eingeleitet durch utrum/-ne an „ob – oder“

1.

Wir wissen nicht, wer das gesagt hat.

HT

1. Wir wissen nicht, wer das gesagt hat. HT vorzeitig: Konj. Perf. Nescimus/Ignoramus, quis hoc/id dixerit

vorzeitig: Konj. Perf.

Nescimus/Ignoramus, quis hoc/id dixerit.

2. Ich will wissen, was du morgen tust.

HT

hoc/id dixerit . 2. Ich will wissen, was du morgen tust. HT nachzeitig: CPA Präsens Scire

nachzeitig: CPA Präsens

Scire volo, quid cras facturus sis.

3. Niemand konnte sagen, ob jener junge Mann die Wahrheit (verum) gesagt hat.

NT

ob jener junge Mann die Wahrheit ( verum ) gesagt hat. NT vorzeitig: Konj. Plusqu. Nemo

vorzeitig: Konj. Plusqu.

Nemo dicere potuit, verumne/ num verum dixisset ille adulescens/iuvenis.

4. Antonius fragte ihn, wer ihn (=Antonius) der Ungerechtigkeit bezichtigt hätte. Antonius eum (inter-)rogavit/quaesivit ex eo, quis se iniuriae/iniustitiae accusavisset.

Relativsätze

Stehen in dem Modus, den sie selbständig hätten, also: ohne Nebensinn: Indikativ

mit Nebensinn:

Konjunktiv

Es gelten i.d.R. die Regeln der Zeitenfolge (v.a. in konjunktivischen Relativsätzen). (unverändert bleiben i.d.R. Dubitativ und Potentialis der Vergangenheit sowie Irrealis der Gegenwart = Konj. Impf.) Selbstständiges Tempus steht in Relativsätzen, die gegenüber dem Hauptsatz selbstständige Geltung haben. z.B. Germani in proelio quae framea dicitur utebantur. Die Negation ist non.

Werden eingeleitet durch

- Relative Adverbien

ubi, unde, quo, qua (via), quando, quomodo, quam

- Relative Pronomina qui, quae, quod; quantus, qualis… Die Relativpronomina weisen auf einen Begriff im übergeordneten Satz (Demonstrativum kann fehlen) und richten sich in Genus und Numerus nach diesem Bezugswort. Der Kasus wird durch das Verbum des Relativsatzes bestimmt. Vir bonus (is) est, qui prodest, quibus (prodesse) potest, nocet/obest nemini.

Bezieht sich das Relativpronomen auf den ganzen übergeordneten Satz, so steht (id) quod oder quae res „was“ z.B. Magna totius exercitus perturbatio facta est, id quod necesse erat accidere.

Stilistische Besonderheit:

Anders als im Deutschen kann das Bezugswort im

Lateinischen in den Relativsatz hineingezogen werden,

a) indem der Relativsatz vorangeht und das Bezugswort mit einer Form von is, ea, id oder durch ein anderes Pronomen wieder aufgenommen wird:

Quam quisque noverit artem, in hac se exerceat.

b) indem der Relativsatz vorangeht und das Bezugswort nicht mehr aufgenommen wird (v.a. wenn Bezugswort und Relativum in demselben Kasus stünden):

Quae cupiditates a natura proficiscuntur, facile explentur sine iniuria ulla. Hoc non concedo, ut quibus rebus gloriemini vos, in aliis reprehendatis.

c) wenn das Bezugswort eine Apposition ist:

Santonum fines non longe a Tolosatium finibus absunt, quae civitas est in provincia.

c) Wenn der Relativsatz frei begründend ist nach dem Typus Quae tua est prudentia oder Qua es prudentia, nihil te fugiet. Bei deiner Klugheit/ Aufgrund deiner Klugheit wird dir nichts entgehen.

Relativer Satzanschluss:

Sehr häufig steht im Lateinischen das Relativpronomen zur Anknüpfung von Sätzen.

z.B. Auximum proficiscitur; quod oppidum Attius tenebat.

Häufige relative Satzanschlüsse sind:

quare, quapropter qua de causa, quam ob rem quod si unde quibus rebus gestis quibus rebus cognitis quae cum ita sint

daher, deshalb

wenn also, wenn aber daher danach auf diese Kunde unter diesen Umständen

NB! Da das Relativpronomen als Satzverbindung ausreicht, darf keine Konjunktion wie sed, et, at, nam, enim, autem, ergo, vero igitur, itaque, ideo oder quoque zum

Relativum treten! (Ausnahme: tamen und quidem)

1.

Indikativische Relativsätze

Relativsätze stehen im Indikativ, wenn die attributive Bestimmung rein objektiv ist (ohne Nebensinn).

So auch nach verallgemeinernden Relativa wie

quisquis (nur Nom./Abl.)

quicumque, quaecumque, quodcumque

quotquot, quotcumque utcumque ubicumque qualiscumque quantuscumque

wer auch immer

wie viele auch immer wie auch immer wo auch immer wie auch immer beschaffen wie groß/wie klein auch immer

z.B. Wer du auch sein magst/seist, ich hasse dich. Quisquis/Quicumque es, te odi. NB! Im Deutschen steht hier häufig der konzessive Konjunktiv oder eine Umschreibung mit „mögen“:

Die Unbestimmtheit, die sich eigentlich nur auf die durch das Relativpronomen ausgedrückte Person, Beschaffenheit, Größe… bezieht, wird hier auch durch den Modus des Verbs ausgedrückt. Der Satz enthält aber eine tatsächliche Aussage.

Konjunktivische Relativsätze Relativsätze stehen im Konjunktiv, wenn sie einen anderen Nebensatz vertreten und somit einen Nebensinn erhalten:

1. Finaler Sinn: Absicht oder Zweck (vgl. Supin I-Ersatz) im Deutschen: „damit, um zu“ oder „die…sollen, wollen, können

z.B. Caesar ließ Kohorten zurück, die den Schiffen zum Schutz dienen sollten.

Caesar cohortes reliquit,

Nebentempus

quae praesidio navibus essent.

reliquit, Nebentempus quae praesidio navibus essent . nachzeitig=gleichzeitig Konj . Impf . Finalen Sinn haben

nachzeitig=gleichzeitig Konj. Impf.

Finalen Sinn haben auch Relativsätze nach dignus, indignus, idoneus, aptus

z.B. Ich bin würdig/unwürdig/ passend/geeignet zu herrschen. Dignus/ indignus/ idoneus/ aptus sum, qui imperem. Digna/ indigna/ idonea/ apta sum, quae imperem.

2. Konsekutiver Sinn: Folge a) nach vorausgehendem oder dem Sinn nach zu ergänzendem tam, talis, tantus und is im Sinne von talis im Deutschen: „von der Art…, dass

Ich bin nicht von dem Schlage, dass ich mich durch Todesgefahr schrecken ließe. Non is/ea/ talis sum, qui/quae/ qualis mortis periculo (per-/de-) terrear.

HT

qui/quae/ qualis mortis periculo (per-/de-) terrear . HT gleichzeitig Konj . Präs . Es ist ein

gleichzeitig Konj. Präs.

Es ist ein äußerst schwieriges Unterfangen, etwas zu finden, was vollkommen ist. = von der Art, dass es vollkommen wäre

Difficillimum est

HT

der Art , dass es vollkommen wäre Difficillimum est HT reperire, Infinite Verbalform quod sit perfectum.

reperire,

Infinite Verbalform

quod sit perfectum.

es vollkommen wäre Difficillimum est HT reperire, Infinite Verbalform quod sit perfectum. gleichzeitig Konj. Präs.

gleichzeitig

Konj. Präs.

b) Nach einem unbestimmten, negativen oder einer Einschränkung/ näheren Bestimmung bedürfenden Bezugswort im Hauptsatz also nach Wendungen wie

non desunt, sunt, reperiuntur, qui dicant

nemo est, qui putet quis est, qui dicat (non) est, quod (non) habeo, quod

es gibt Leute, die sagen

es gibt niemand, der glaubt wer wollte behaupten es besteht (kein) Grund ich habe keinen Grund

Es gibt Leute, die den Tod für das größte Übel halten. Sunt, qui mortem summum malum/malorum (esse) putent. Es fand sich niemand, der dies verlangt hätte.

Hoc/Id qui postularet,

reperiebatur nemo.

gleichzeitig Konj. Imperf.

fand sich niemand, der dies verlangt hätte. Hoc/Id qui postularet , reperiebatur nemo . gleichzeitig Konj.

NT

NB! Nach negiertem übergeordneten Satz kann statt qui non, quae non, quod non quin stehen.

Es gab keine Gemeinde, die Cäsar nicht gehorchte. Nulla fuit civitas, quin (= quae non) Caesari pareret/obtemperaret.

NT

quin (= quae non ) Caesari pareret/obtemperaret . NT gleichzeitig Konj. Impf. 3. Kausaler Sinn :

gleichzeitig Konj. Impf.

3. Kausaler Sinn: Grund (der sich v.a. aus dem Wesen einer Person oder Sache ergibt) (Konj. häufiger als Ind.) Die kausale Nuance kann durch ut, quippe, praesertim betont werden.

Groß ist die Schuld des Pelops, der/da er seinen Sohn schlecht erzogen hat. Magna (est) culpa Pelopis, qui male erudiverit/docuerit/instruxerit filium.

HT

hat. Magna (est) culpa Pelopis, qui male erudiverit/docuerit/instruxerit filium. HT vorzeitig : Konj. Perfekt

vorzeitig: Konj. Perfekt

Häufig nach Ausrufen und unwilligen Fragen:

O magna vis veritatis, quae se per se ipsa defendat!

4. Konzessiver oder adversativer Sinn

Auch hier kann Indikativ stehen.

Ich bewundere ihn, obwohl ich ihn nie gesehen habe. Eum admiror, quem numquam viderim/ vidi.