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L E� R N E- N
Entgelt bezahlt
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Zeitschriften bei Friedrich
1 Velber in Zusammenarbeit
mit KIelI. 3016 Seelze 6
Heft 29. September 1992
5. Jahrgang
GESCHICHTS CHTHEUTE

"Wir
beginnen die
Geschichte des
germanisch-deutschen
Wesens nicht im Jahre I,
sondern gehen viele Tausende
von Jahren zurück und ziehen
von den Trägern der Megalith­
kultur eine gerade Linie zu Her­
zog Widukind und Bismarck."
Alfred Rosenberg, 1932

"Sein under ander all


Völker eingemischt
dermassen, das an
etlichen enden zweifl
ist, welcher nation
solches ort man zue­
schreiben sol."
"alllIes Turmair
über die Deutschell,
1526

" Allgemein läßt sich sagen, daß der Westen und Südwesten
Deutschlands keltorämischen, der Nordwesten germanischen, die
Mitte und der Süden keltogermanischen, der Südosten kelto­
slawischen, der Osten germanoslawischen Charakter trägt. Was die
,Römer' in Deutschland jeweils gewesen sind, müßte von Fall zu
Fall ausgemacht werden."
Veit Valentin, Geschichte der Deutschen, 1947
Sekundarstufe I Slaven und Germanen

Slaven und Germanen


Eine Nachbarschaft im Lichte der Namenforschung

Von Jürgen Udolph

� . ��, er Geschichtsunterricht an deut­ manisch oder (außerhalb Deutschlands) in­ der geographischen Namen und ihre Er­
, ) schen Schulen hat den Berührun-
! doeuropäisch (vgl. M 1). klärung.
� A gen der Germanen und Deutschen
. _

'nit südlichen und westlichen Nachbarn Wenn man die Verwandtschaft dieser oder
. Römern, Italienern, Franzosen usw.) im­ eines Teils der genannten Sprachen erken­
Geographische Namen,
mer die gebührende Aufmerksamkeit zu­ nen will, so ist auf eine wichtige Erschei­
kommen lassen. Wie steht es aber mit den nung der menschlichen Sprache zu achten: Flußnamen und
östlichen Nachbarn? Gerade im Zuge der sie steht in einem ständigen Prozeß von
Vereinigung Deutschlands ist es notwendig Veränderungen. Kleinste und kleine Ab­
die" alteuropäische
geworden, sich mit diesen Beziehungen in­ weichungen von der sonst üblichen Norm Hydronymie"
tensiver zu beschäftigen als bisher. Die Na­ summieren sich im Lauf der Jahrhunderte
menforschung kann hierzu wichtige Er­ zu Barrieren zwischen einzelnen Sprachen Fast alles, womit der Mensch in nähere Be­
kenntnisse beisteuern. und Sprachgruppen, so daß die Verwandt­ ziehung tritt, wird mit Namen belegt: Kin­
schaft z. B. zwischen Deutsch und Russisch der, Haustiere, Lebensmittel, Verkehrsmit­
kaum noch erkennbar ist. Geht man aber tel, Siedlungen, geographische Gegeben­
zeitlich zurück und vergleicht ein gotisches heiten. Von diesen zahlreichen Varianten
Germanisch, Slavisch
Wort (aus dem 4. Jahrhundert) mit einem sind für den Sprach historiker besonders
und Baltisch: Zweige altkirchenslavischen (aus dem 9./10. Jahr­ diejenigen interessant, die an Objekten haf­
hundert), so gelingt es schon eher, eine ge­ ten bleiben, die ortsfest sind. Da Menschen
der indogermanischen meinsame Vorform zu gewinnen. Innerhalb wandern, verwundert es nicht, wenn man
Sprachenwelt der indogermanischen Sprachfamilie bilde­ deutsche Namen in Kasachstan, polnische
ten offenbar das Germanische, Baltische im Ruhrgebiet, türkische in Berlin und eng­
Die Vergleichende Sprachwissenschaft hat und Slavische eine engere Gemeinschaft. lische in Afrika findet. Sie geben daher
wahrscheinlich machen können, daß fast al- Nur hier gibt es z. B. Wörter, die in allen nicht immer sichere Auskunft darüber, wel­
Sprachen Europas (die wichtigsten Aus­ anderen indogermanischen Sprachen feh­ che Sprache früher in einem bestimmten
lIahmen sind Baskisch, Ungarisch, Finnisch len wie dt. heil, walten, Gold, tal/send, RQg­ Gebiet gesprochen wurde.
und Estnisch) miteinander verwandt sind gen u. a. m. (die slavischen und baltischen
und auf gemeinsame Wurzeln zurückge­ Parallelen übergehen wir). Dieses spricht Ganz anders steht es mit den ortsfesten geo­
hen. Dazu gehören das Lateinische (auch für lang anhaltende und frühe Kontakte graphischen Namen, den Dorf-, Stadt-,
die Basis für die zahlreichen romanischen zwischen diesen drei Spr?chgruppen. Jüng­ Berg-, See- und Flußnamen. Bei ihnen be­
Sprachen wieFranzösisch, Italienisch, Spa­ ste Untersuchungen haben darüber hinaus obachtet man eine Erscheinung, die für die
nisch. Portugiesisch, Rumänisch), das Grie­ wahrscheinlich gemacht, daß es vor allem Frage, welche Völker früher einmal in ei­
chische, Keltische (z. B. Bretonisch, Wali­ zwischen dem Germanischen und den bal­ nem bestimmten Gebiet gewohnt haben,
sisch, Irisch), das Germanische (Deutsch, tischen Sprachen (d. h. dem Litauischen, von höchster Bedeutung ist: Bei einem Be­
Englisch, Niederländisch, die nordgerma­ Lettischen und dem früher in Ostpreußen völkerungswechsel verschwinden sie in der
nischen Sprachen), das Slavische (Rus­ gesprochenen Altpreußischen; Estnisch Regel nicht, sondern werden durch die
sisch, Ukrainisch, Weißrussisch, Polnisch, gehört nicht hierher, sondern zu den finno­ Sprache der neuen Siedler verändert und an
Tschechisch, Slovakisch, Kroatisch, Ser­ ugrischen Sprachen um das Finnische und das neue Idiom angepaßt. Sie erhalten sich
bisch, Siovenisch, Bulgarisch), das Balti­ Ungarische) besonders enge Beziehungen oft mit außerordentlicher Zähigkeit, wobei
sche (Lettisch, Litauisch, das ausgestorbe­ gegeben hat, die dafür sprechen, daß die bedeutsam ist, daß es zumeist die bäuerlich
ne Altpreußische) und Albanisch. Außer­ baltischen Sprachen als die engsten Ver­ siedelnden Menschen sind, die die Namen
halb Europas sind noch das Armenische, wandten der germanischen Sprachfamilie tradieren. Erobernde, nomadenhaft lebende
Iranische (Persisch, Kurdisch u. v. a. m.) anzusehen sind. Schon früh müssen diese Völkerschaften wie Hunnen und Mongolen
und das Indische mit seinen zahlreichen � Kontakte aber unterbrochen worden sein, hinterlassen nur sehr selten geographische
Dialekten anzuschließen. Wichtig für die und zwar von slavischen Stämmen. Wenn Namen. Verbindet man diese Erkenntnisse
Sprachvergleichung sind auch bereits aus­ man zu weiteren Aussagen über Ort, Raum mit der schon angesprochenen ständigen
gestorbene, aber noch schriftlich überlie­ und Zeirder Kontakte zwischen Germanen, Veränderung der Sprache, so ist es nicht sei­
ferte Sprachen wie das Hethitische (in Balten und Slaven kommen möchte, so ist ten möglich, auch noch zu bestimmen,
Kleinasien) und das Tocharische (in Chi­ es notwendig, ein Teilgebiet der verglei­ wanl1 etwa ein Ortsname von einer Sprache
nesisch-Turkestan). Zusammenfassend be­ chenden und historischen Sprachwissen­ in eine andere übergegangen ist, oder, dar­
zeichnet man diese Sprachen als indoger- schaft heranzuziehen: die Untersuchung aus folgernd. \1"(/1111 ein Bevülkerungs-
, . "
illaven und Germanen Sekundarstufe I

men.FIußnamenda- hung unserer Vorfahren zur Natur doku-


gegen waren schon mentieren.
früh einer größeren
Zahl von Menschen Damit sind für die Untersuchung der Vor­
bekannt als diejeni­ und Frühgeschichte Europas neue Impulse
gender kleinen Sied­ gegeben worden. Die zukünftigeForschung
lungen, was dazu wird vor allelll vor der Frage stehen, wie
führte, daß der Ge­ weit das Gebiet der alteuropäischen Hy­
wässername kon­ dronymie reichtI>, welche Namen hierzu
stanterbewahrtwur­ gehören und wo etwa aus dem voreinzeI­
de und nicht so häu­ sprachlichen Namenschatz das Slavische,
fig wechselte oder Germanische, Keltische usw. ausgegliedert
verschwand. Fluß werden können. Vieles ist noch unklar, die
und Bachnamen notwendigen Untersuchungen müssen zum
sind innerhalb der großen Teil erst noch geführt werden. Im­
Namenwelt die merhin ist heute kaum noch strittig, daß bei
weitaus konserva­ der Erforschung der Früh- und Vorge­
tivsten Gebilde und schichte Europas die Untersuchung der Ge­
reichen in ihrem Al­ wässernamen eine große Rolle spielt.
ter, d. h. mit ihrer
Namengebung, oft
weit in dieFrüh- und
Beginn, Dauer und
Vorgeschichte hin­
ein (daneben gibt es Folgen der Kontakte
natürlich auch jun­
ge und jüngste Na­
zwischen Slavisch und
men wie Mühlen­ Germanisch
bach, Landwehr­
bach, Grünbach). Die Germanen haben schon früh Nord- und
Mitteldeutschland bis an den Rand der Mit­
Es gibt offenbar in telgebirge besiedelt. Strittig ist allerdings
ganz Europa Fluß­ ihre Ausbreitung nach Osten. Und hier trifft
namen, die so alt sich diese Frage mit derjenigen nach der
sind, daß sie nicht Heimat der Slaven und ihrer frühen Aus­
mehr aus einer in­ dehnung nach Westen. Auch hier gibt es
dogermanischen sehr unterschiedliche Auffassungen. Eini­
Einzelsprache (et­ ge Forscher nehmen eine weit nach Westen
wa dem Keltischen reichende frühe Ausbreitung der Slaven (et­
oder Germani­ wa bis zur EIbe) an. Andere denken an ei­
schen) erklärt wer­ ne Heimat in der Ukraine und an eine ur­
Abb. J: Die Wesfgrenze slal'ischer Besiedlung um 800
denkönnen,sondern sprüngliche westliche Streuung nur bis zu
(aus: Joachim Herrmann (Hrsg.), Die Slawen in Deutschland, Berlin 1985, 2.
� ',hlagseite, Ausschnitt) aus der indogerma- etwa Bug und San. Eine umfassende Un­
nischen Sprachperi­ tersuchung der slavischen Gewässernamen
ode selbst, also aus (Udolph 1979) hat vor wenigen Jahren
wechsel an diesem Punkt aller Wahr­ der Zeit vor der Aufgliederung in die ein­ wahrscheinlich gemacht, daß die Urheimat
scheinlichkeit nach eingetreten sein muß. zelnen indogermanischen Sprachen stam­ der Slaven an den Nordhängen der Karpa­
Dabei ist auch festzuhalten, daß die Über­ men müssen. Zwei Beispiele: Flußnamen in ten etwa zwischen Krakau und der Buko­
nahme eines Namens grundsätzlich auch Polen wie Mienia, Minia und in Weißruß­ wina zu suchen ist. Von hier aus lassen sich
Siedlungskontinuität voraussetzt. Nur bei land Minica, Minia [dazu Minsk] sind ver­ die späteren Wanderungsbewegungen am
einer ununterbrochen anhaltenden Besied­ wandt mit den Namen des Main (alt Moe­ ehesten verstehen.
lung können geographische Namen tradiert nus), mit der Möhne (Ntl d. Ruhr), aber
werden (vgl. M 2). auch mit MafnlMaoin in Irland, Minho in Germanische Stämme sind in den ersten
Spanien und Mignano bei Vicenza in Itali­ Jahrhunderten nach Christus weit nach
Innerhalb der geographischen Namen ha­ en. Der zweitgrößte Fluß Frankreichs, die Osten vorgedrungen. Goten, Gepiden,
ben sich nun die Gewässernamen, vor al­ RhOne (alt Rhodanus), gehört in einen Zu­ Skiren und andere müssen bei ihrer Wan­
lem diej enige der Flüsse und Ströme, als sammenhang mit der Reda in Westpreußen, derung wenigstens zum Teil den Raum zwi­
ganz besonders altertümlich herausgestellt. Radüe in Pommern, Rodano in Norditalien, schen Karpaten und den Pripjetsümpfen
Woran liegt das? Siedlungen, die in früher Rednitz in Franken, Radau im Harz. Die (deren Gebiete immer wieder als Heimat
Zeit noch klein waren, sind nicht selten, hierzu gehörenden Flußnamen bezeichnet der Slaven verdächtigt worden sind, was al­
wenn die Umstände es erforderten, aufge­ man als die "alteuropäische Hydronymie" lein aus Gründen der landwirtschaftlichen
geben worden (was dann zu einem Verlust (Hydronymie Gewässernamenschicht).
= Nutzung völlig abwegig ist) durchstoßen
des Namens führen konnte). So gibt es in Die alteuropäischen Flußnamen zeichnen haben, denn Reste des Gotischen ließen sich
Südniedersachsen mindestens genau so vie­ sich - neben anderem - dadurch aus, daß in später offenbar auf der Krim nachweisen
le sogenannte WüsLUngsnamen (also Na­ ihnen alte Wörter für Fluß, Bach, Sumpf, (Krimgotisch). In dem Gebiet zwischen
men verlassener, heute nicht mehr vorhan­ Morast usw. verborgen sind. Es sind soge­ Karpaten lind Pripjetsümpfen müssen ger­
dener Orte) wie bestehende Siedlungsna- nannte Wasserwörter, die die enge Bezie- manische Völker auf slavische Stämme ge-

Geschichte lernen Heft 29 (/992) 49


Sekundarstufe I Slaven und Germanen

Hinweise zum Unterricht N

Lernintention
A o
Heiligenhafen
Hohwachter Bucht
Die Schülerinnen und Schüler sollen Kembs o Klauslorf
• Sulsdorf
anhand von Orts- und Gewässernamen /Tesehendorf() ()
Wandelwilz. () ()Bankendorf lährsdorf s-
mit Hilfe von Erkenntnissen der Na­ TechelwilZOGrbmerSdOrfKlinqlen 0 . u,el
_
Allgalendorf()Nan�dorf Bollbrügge 9 () OOlendorf
menforschung die Einsicht gewinnen, Kröß. Seegalendorf Neukii'l:hen 0 Godderslorf
daß die jahrhundertelange Nachbar­ () Sal�wilz 0 Mieh'aelisdorf
o
Glddendorf K,ö:,n
schaft von Germanen/Deutschen und c:::::::> Dannau () Kra'ksdorf
0 \
Döhnsdorf • Oldenburg Rellin Heringsdorf \


Slaven vorwiegend durch friedliches o HOhäslein • .S igge n
0 G r' .G ärtz
Nebeneinander und fruchtbaren Aus­ oEhlerslorf Far9jmiel
• Wasbuck liJbbersdorf Schwelbek Pl ü gge
tausch bestimmt war. .Wangels JOhann�dorf
0
0
ü
l J
0
l
• •Quals
endOrf
.süssau
/
Kükelühn GraJi'mdorf • Sebenl • Gaarz
• OHansühn .Siggen eben
()Meisehenlorf ()Slpsdorf
Arbeitsaufträge Te�orf Harmsdorf .Damlos· Koselau KI:'au
o Gul Pelersdorf Quaal
MI
M-onehneversd0rf 0Relhwisch OP S
� er dOrf
SC�ienkuhl.
Kab�horsl
()Allralje�:��
o Gosdorf
e

o Zu welchen Sprachgruppen gehören () .Wandererruh Dahme
• Rüling
die erwähnten Sprachen? lang�hagen • Gurrau Dahmeshöved
o Wie sind die auffälligen Überein­ Nienrade
Haiendorf 0 0 0 Manhagen
stimmungen in den drei Beispielen zu Schönwaldeo o Wahrendorf Sievershagen .Cismar
0 .
erklären? Stelle Vennutungen an. KnlePljagen Marxdorf o Bescf?endorf Nlen ß agen
o Es gibt auch eine entfernte Ähnlich­ Be �eld ()Suxdorf .lensle
keit zwischen den Wörternfath erIVa­ Sioipe o Brenkenhagen
ter, mother/Mutter und padre, madre, • .Grämilz
Kassau Hasselburg oKrummbek Körniek • /" Ostsee
und im Russischen heißt die Mutter Griebel • 0 Sehashagen I. .
• Sierhagen 0 OAlbersdorf
mal', im Genitiv materi. Was könnte • • lo�eberg ()
Bliesdorf
Plunkau Allenkrempe
das bedeuten?

M2 Rellin ° Deutscher Ortsname



o Auf welche der im Zitat genannten
• Slawischer Ortsname
Sachgebiete beziehen sich die angege­
benen Namen? Schreibe sie ab und no­ Neustädter () Slawisch-deutscher Mischname
tiere hinter jeden Namen den dazu­
B uch t 10 km
gehötigen Bereich!

M3 Abb. 2: Orrsnamen des Kreises Osrholsreinll (Auflösung zu M 3)


(nach: Antje Schmitz, Die Orls- und Gewtissernamen des Kreises Ostholstein, Neumünster 1981, Anhang)
o Versuche anhand der Informationen
im Text herauszufinden, wo es sich um
stoßen sein. Davon legen zahlreiche ger­ Zeit der größten Ausdehnung (etwa um 800
einen deutschen oder slavischen Orts­
manische Lehnwörter im Slavischen Zeug­ n. Chr.) hatten die slavischen Siedler eine
namen oder einen Mischnamen han­
nis ab. Diese müssen sehr früh in das Sla­ Linie erreicht (Abb. l), die mit einigen Ab­
delt. Markiere die drei Gruppen auf der
visehe gelangt sein, da sie alle Lautverän­ weichungen (Ostholstein, Hannoversches
Karte mit unterschiedlichen Farben.
derungen des Ur- und Frühslavischen noch Wendland, Westthüringen, Nordostbay­
(Auflösung: Karte Abb. 2)
mitgemacht haben. Bezeichnenderweise ern) fast identisch mit der Grenze zwischen
oStelle anhand der fertigen Karte Ver­
fehlen entsprechende Lehnbeziehungen den alten und neuen Bundesländern ist. Im
mutungen darüber an, wie Germanen
zwischen dem Germanischen und dem Bal­ Zuge der deutschen Ostkolonisation des
(Deutsche) und Slaven miteinander
tischen, was dafür spricht, daß es zu dieser Mittelalters ist das slavische Siedlungsge­
und nebeneinander gelebt haben mö­
Zeit keine intensiven Kontakte zwischen biet dann wieder nach Osten zurückge­
gen.
beiden Sprachgruppen gegeben hat. drängt worden. Reste blieben bis in das 18.
M4
Jahrhundert (Dravänopolabisch, im Han­
Der Expansion germanischer Stämme nach noverschen Wendland) bzw. bis heute (Sor­
o Stimmt die Schlußfolgerung des Ver­
Osten folgte eine Ausbreitung slavischer ben im Spreewald) erhalten (vgl. M 3). Die
fassers mit dem überein, was Du schon
Völker nach Westen (etwa seit dem 4.15. Folgen der germanisch-slavischen Kontak­
einmal über das Verhältnis von Ger­
Jahrhundert n. Chr.). Mit dieser Bewegung te sind in vielfältiger Hinsicht, vor allem auf
manen (Deutschen) und Slaven gehört
wurde fortgesetzt, was zuvor mit den Wan­ sprachlichem Gebiet, heute noch deutlich
hast?
derungen der Ostgermanen begonnen hat­ spürbar.
�.Kennst Du noch andere Beispiele für­ te: die Kontakte zwischen Slaven und Ger­
Uberschneidungen und Mischung von
manen (bzw. nunmehr Deutschen) wurden
deutschen und anderssprachichen Na­
intensiviert. Die slavischen Stämme besie­ Slavische LeImwörter
men? Suche nach Beispielen in Dei­
delten bald weite Teile des ehemals germa­ im Deutschen
ner Umgebung. Was kannst Du über
nischen Mitteleuropas, wahrscheinlich be­
das Nachbarschaftsverhältnis dort sa­
günstigt durch eine relativ dünne germani­ Sie sind zwar bei weilem nicht so zahlreich
gen?
sche Besiedlung in diesen Gebieten. Zur wie die sl avischcn Pcrsoncn- und Ortsna-

GI'.H'hit·hrl'/t'ml·/1 Hdr 29 (I()92 )


;)läVell uno Germanen ott\UIIUdl �lUlt I

men, aber doch noch nachweisbar: Grenze Ortsnamensuffix (-bildungselement) (Ar­


< slav. granica, Plauze< slav. pluca "Lun­ nolt-ici "Leute des Arnolt"). Der Anteil der Ähnlichkeiten und
ge", L/lsche < slav. 111m "Pfütze", Q/lark < Mischnamen am gesamten Ortsnamenbe­ Unterschiede zwischen
�Iav. nrarog, Jauche< slav. jllcha "flüssi­ stand schwankt innerhalb des slavisch­ Sprachen
ger Dünger" u. a. m. deutschen Kontaktgebietes. So lassen sich
in Ost- und Südholstein knapp 100 Bei­ "Jeder, der außer seiner Muttersprache
spiele nennen. Sie bestehen jedoch aus­ noch eine fremde Sprache kennt. wird
Slavische Personennamen schließlich aus Zusammensetzungen des im günstigen Falle immer wieder be­
im Deutschen ersten Typs und enthalten im deutschen obachten, daß in den beiden Sprache
Grundwort häufig -dorf. -feld, rodel-rade nicht nur ,selbstverständliche' Unähn­
Nach Schätzungen der Namenforscher er­ usw., z. B. BehiendOlf, GleschelldOlf, Pans­ lichkeiten, sondern auch merkwürdige
reicht der Anteil der slavischen Personen­ dOlf, Rensefeld. Sierksrade. In Sachsen da­ Ähnlichkeiten auftreten. So wird ein
namen, die zu deutschen Familiennamen gegen begegnen beide Typen: neben Po­ Deutscher, der Englisch gelernt hat,
geworden sind, im deutschen Sprachgebiet sottendOlj, ZeschdOlf, ZuschendOlj stehen auch ohne besondere Vorschulung
Ue nach Landschaft) bis zu 25 % (teilwei­ Albertitz, Georgewitz. Michelll'itz. VolklIla­ merken, daß die englischen Wörterfa­
se noch mehr). Obwohl Deutschland als ritz (vgl. M 4). ther. mother. halid. ice usw. den Wör­
mitteleuropäisches Land mit den meisten tern Vater. Mutter. Halid, Eis seiner ei­
Nachbarn in Europa Kontakte zu zahlrei­ Allerdings lassen sich diese Namen nicht genen Sprachen sehr ähnlich klingen.
chen anderen Völkern und Sprachen (dä­ zu den ältesten Zeugnissen des slavisch­ Ebenso wird einem Italiener, der z. B.
nisch, niederländisch, französisch, italie­ deutschen Kontaktes zählen. Es mußte erst Spanisch lernt, kaum auf Dauer ver­
nisch, ungarisch) besitzt, stellen die aus zu einem sehr intensiven Nebeneinander borgen bleiben können, daß spanisch
dem Slavischen übernommenen Familien­ beider Sprachen kommen. so daß nicht we­ padre. modre, mallO, pie mit den ent­
nampl1 eindeutig den höchsten Anteil aller nige der sogenannten Mischnamen erst ei­ sprechenden Wörtern seiner eigenen
fre( ,prachigen dar. ner jüngeren Zeit zugerechnet werden kön­ Sprache (fast) identisch sind. Und ein
nen. Immerhin geben sie beredtes Zeugnis Russe, der in anderen slawischen Län­
darüber ab, daß es zu einem innigen Zu­ dern reist, wird auch schnell bemerken,
Slavische Ortsnamen sammenleben zwischen Slaven und Deut­ daß die Wörter ruka ,Hand', 1I0ga
in Deutschland schen gekommen war. das im wesentlichen ,Fluß', zima ,Winter' usw. seiner Mut­
friedlich verlaufen sein dürfte. Bei rein krie­ tersprache auch in den meisten anderen
Es gibt eine relativ gut zu bestimmende gerischen Auseinandersetzungen und einer slawischen Sprachen so oder ähnlich
Westgrenze der slavischen Ortsnamen, die sich daraus ergebenden Ausrottung oder ei­ lauten."
(aus: O. Szemerenyi. Einflihrung in die verglei­
sich z. B. bei einerFahrt im Hannoverschen ner vollständigen Vertreibung des einen chende Sprachwissenschaft. 3. Auflage. Darm­
Wendland (Kreis Lüchow Dannenberg und oder anderen Bevölkerungsteiles wäre die stadt 1989, S. 1)
angrenzende Gebiete) auch für Laien rasch Entstehung dieses Namentypus undenkbar
zeigt: Nähert man sich von Soltendieck aus gewesen. Damit soll die Tatsache des lang
Aufschlüsse
dem Kreis Lüchow-Dannenberg, so ist
zunächst der deutsche (genauer: nieder­
anhaltenden Kampfes zwischen Deutschen
und Westslaven keineswegs geleugnet wer­
EIl der Namenforschung in
einzelnen Sachgebieten
delitsche) Charakter der Namengebung un­ den. Es gilt aber festzuhalten, daß die oft
verkennbar. Ortsnamen wie SuhlendOlf, EI­ fehlenden verläßlichen urkundlichen Be­
"Die geschichtliche Flora und Fauna
lellberg, Miihlenberg. Schäpingen. Biller­ richte durch das nüchterne Zeugnis der
einer Landschaft, ihre alten Bewohner
beck. Malslebell. OldendOlj gehören dazu. Ortsnamen ergänzt und ersetzt werden kön­
und deren Namen, ehedem an Ort und
Bei Schnega schlägt dieses um: Külitz. Loit­ nen.
Stelle verehrte Götter und Heilige,
ze. Belau. Jiggel sind erste Zeugen einer an­
kommen uns aus dem, Namenschatz
derr "lamenlandschaft. die sich zwischen Literatur
entgegen. Die Feld-. Wald- und Vieh­
Clel. Lüchow und Wustrow fortsetzt in
__ •

A. Bach, Deutsche Namenkunde. Die deutschen Per­ wirtschaft der alten Zeit, ihre Techni­
Kussebode. Güstritz. Kremlin. Zeetze, sonennamen, T. I -2; Die deutschen Ortsnamen, T. I ken, ihre Schutz-, Verteidigungs- und
Malllllloissell, Lensian, Dolgow, Satelllin, - 2; Registerband. Heidelberg 1952-56.
Grenzanlagen, Einrichtungen der Ver­
Dic�1eitzen, Salderatzell usw. Die Deutung H. H. Bielfeldt, Die slawischen Wörer im Deutschen.
waltung, der Rechtspflege, des Kultes
gerade dieser slavischen Ortsnamen ist Leipzig 1982.
E. Eichier, Slawische Ortsnamen zwischen Saale und und Handels, ihre Siedlungen, Straßen,
nicht immer einfach. Im Hannoverschen
-
Neiße. Bd. I 2, Bautzen 1987. Brücken und Furten, ihr Brauchtum
Wendland ist das Slavische noch lange le­ R. Fischer, Slawisch-deutsches Zusammenleben im samt ihren Überlieferungen und man­
bendig geblieben, und die Namengebung ist Lichte der 011snamen, Beiträge zur Namenforschung
ches andere lassen sich teilweise aus ih­
z. T. eine andere als in den übrigen ehemals 9( 1955), S. 26 - 35.
J. Herrmann (Hrsg.), Die Slawen in Deutschland. Ge­ nen erfassen ..."
von Slaven besiedelten Gebieten. (aus: A. Bach. Deutsche Namenkunde. Bd.�: Die
schichte und Kultur der slawischen Stämme westlich
deutschen Ortsnamen. Teil 2. Heidelberg 195�.
von Oder und Neiße vom 6. - 12. Jahrhundert. Berlin
Neben den rein slavischen und rein germa­ S. 583 )
1985.
nischen bzw. rein deutschen Ortsnamen H. Krahe, Unsere ältesten Flußnamen. Wiesbaden
gibt es im deutsch-slavischen Kontaktge­ 1964. Eichhorst. Buchholz, Otterbach. Rehwinkel.
H. Naumann, Die "Mischnamen", in: Materialien zum Osten·ode. Wernigerode. Frankfurt. Herford.
bietaucheinenNamentypus. der als "Misch­ Steinfurl. Königsbrück, Falkenstein. Neuenburg.
Slawischen Onomastischen Altas, Berlin 1964, S. 79
name" bezeichnet wird. Es handelt sich da­ -98. Rothenburg. Neuenkirchen. Osterfeld. Ludwigs­
bei um Relikte, die auf enge Kontakte zwi­ W. P. Schmid, Bemerkungen zum Werden des ..Ger­ felde. Seligenporten. Pfaffendorf. Neukloster.
schen Deutschen und Slaven weisen. Dabei manischen", in: Sprache und Recht. Festschrift f. Ruth Slraßdorf. Gräfental. Joachimsthal. Fürstenwal­
Schmidl-Wiegand, Berlin-New York 1986. S. 7 11 - de, Mittenwalde. Rhulllspringe, Fischbach. Tie­
unterscheidet man zwei Typen: 1. slavi­
721. fenbach. Altmarkt. Neulllarkt. Miihlberg. Mühl­
scher Personenname + deutsches Grund­ J. Udolph. Studien zu slavischen Gewässernamen und hausen, Bergen. Weißenfels. Glashütte. Hirsch­
wort (Bogumi/sdOlj "Dorf des Bogumil"); Gewässerbezeichnungen. Ein Beilrag zur Frage nach berg. Forst, Weißensee. Neustadt.
2. deutscher Personenname + slawisches der Urheimat der Slaven. Heidelberg 1979.

Geschichte lemen Heft 29 (1992) 51


Sekundarstufe I Materialien Slaven und Germanen

BEI Deutsche und slavische Bestandteile in Gewässer- und Ortsnamen


1. Deutsche Ortsnamen entstammen
entweder dem Hoch- oder Niederdeut­
schen. Im deutsch-slawischen Kontakt­
N
gebiet sind sie zumeist relativ leicht zu
deuten, da sie erst nach der Landnahme JA.
durch deutsche Siedler entstanden sind. Heiligenhaien
Sie sind oft (aber nicht immer) Kom­ Hohwachter Bucht
Kembs 0 Klaustorf
posita (Zusammensetzungen). Dabei o Sulsdorf
/Teschendorf 0 0
besteht das Grundwort (der zweite Teil Wandelwilz0 0 oBankendorf löhrsd°'b
Techelwitz OGrÖmersdorfKlin§?ten 0 .. sOteIl
des Namens) häufig aus Elementen wie Altgalendorf ONan�dOrf Böllbrügge .n OOlendo'!
-all (das aber gelegentlich auf slavisch Kröß O Seegale ndorf Neuklrthen 0 Godderstorf
0 Mich�eliSdOrf
0 _ . SatPewilz
-01' zurückgeht) -doif, -bach (ndt. bek),
o orf
Giddend KI'ß',n
c:::J Dannau 0 0 Kraksdorf
-born, -büttel, -hafen, -hagen, -hof, o Oldenburg Rellin Heringsdorf S ggen ,


Hohenstein 0 Göhl 0 OGörtz 0 i
-holt, -horst, -( l)-ing, -rode/-rade, o . OEhlerstorf 0
-wald, -bruchl-brook, -tall-dal, -hau- OWasbuck
O Wangels
lübbersdorf Schwelbek Plügge
0
Johannisdorf 0
0
0
OQuals
Far!5miel
OSüssau\
senl-Ill/sen (verkürzt zu: -sen), -ort,
-stedtl-stadt. ud'Iu"hn
K-k 0
Grammdorf 0
0 Sebent
lütJendorf OGaarz
0Siggen
.
Ieben
OHansühn 0Meischentorf OSipsdorf
2. Slavische Ortsnamen fallen oft durch 0
Tes?orf Harmsdorf ODamlos OKoselau Klenau
ihren von dem Deutschen abweichen­ o Gut o Petersdorf Quaal
Schwienkuhl 0 OGrube
den fremden Klang auf. Ist die Ein­ O Petersdorf 0 OAltratjensdorf
deutschungjedoch schon frühzeitig er­ Reth
o wiSCh Kab�horst 0 Gosdorf 0
Owandererruh Dahm e
folgt, versagt dieses Kriterium. InZwei­ o
langenhagen ORüting
OGullau Dahmeshöved
fels fällen sind immer die alten Formen Nienrade
Haiendorf 0 0 UManhagen
des Namens (aus Urkundenbüchern Schönwalde 0 o Wahrendorf Sievershagen OCismar
usw.) heranzuziehen. Häufig erkennt 0
o Besct?ndorf Nienßagen
Kniepßagen Marxdorf
man slavische Namen an den Endun­
Be�eld OSuxdorf Olenste
gen wie -itz, -ane/-ahn, -ik, -sk-, -in, Stolpe o Brenkenhagen
-011-.
o OGrömitz
Kassau Hasselburg oKrummbek Körnick 0 /"
Griebel 0 0 Schashagen ".
.

o 0 Sierhagen0
lo'!?eberg 0 0 OAlbersdorf
Plunkau Altenkrempe Bliesdorf
Ostsee

B ucht 10 km

(nach: Antje Schmitz, Die Orts- und Gewässernamen des Kreises Ostholstein, Neumünster 1981, Anhang)

111 Zu den historischen Grundlagen der Entstehung der slavisch-deutschen Mischnamen


"Was die Beziehungen zwischen Deutschen und Slaven be­ Manche Personennamen wurden mehrfach hin- und herge­
trifft, ist die Legion slavischer Namen, die von den Deutschen reicht, so daß nach den lautlichen Veränderungen eine sichere
ohne Zwang übernommen und beibehalten wurde, ein bered­ nationale Zuordnung im Einzelfalle oft kaum vorzunehmen ist.
tes Zeugnis dafür, daß zur Zeit der großen Kolonisation ein pro­ Der umfangreiche deutsch-slavische Namenaustausch und das
grammatischer Nationalismus nicht existierte. Trotz aller wiederholte wechselseitige Geben und Nehmen war nur in ei­
stammlichen Gegensätze hegte man gegenNamen anderer Her­ nem friedlichen Zusammenleben möglich, das weitaus länger
kunft im allgemeinen keine Abneigung. Slavische Namen, die dauerte als Krieg und Blutvergießen."
man nach Gewöhnung nicht mehr als fremd empfand, wurden
in den Gebieten von den Alpen bis zur Ostsee zu Tausenden
dem deutschen Wortschatz einverleibt und ebenso bewahrt wie (aus: R. Fischer, Slawisch-deutsches Zusammenleben im Lichte der Ortsna­
das altüberlieferte Namenerbe. men, Beiträge zur Namenforschung 9, 1955, S. 29 1'.)

(/(,.\"(·II;I"II,/, II'I"II/'II Hf'li 29 (11)92.