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10 21.

Oktober 2010 DIE ZEIT No 43


SCHWEIZ
Gegacker und
Gezwitscher: Online
findet Gehör, wer den
Schnabel aufmacht

Die Stunde
der Laien

Illustration: Peter Gut für DIE ZEIT


Wie das Internet jeden zu einem »Experten«
macht – zum Ärger der Eliten.
Ein Essay von LUDWIG HASLER anlässlich der neuen
Ausstellung im Stapferhaus Lenzburg

as Internet funktioniert wie ein verteilung der Macht – weg von den Experten, hin Folklore, Ersatzdramatik durch Krimis et cetera. Die große Weisheit springt da selten heraus. Le- Hirn sei zum »nervösen Flipperautomaten« verkom-

D Restaurant, das am Eingang mit der


Affiche begrüßt: »Hier kocht Ihr
Tischnachbar für Sie!« Die Profis
sind beurlaubt, die Laien überneh-
men – nicht allein die Küche, auch die Medien,
den Kommerz, das Sozialnetz. Das Internet, die
Galaxie der Dilettanten? Für Eliten/Fachleute zum
zu den »Idioten«? Wann zuvor waren Kunden so
sehr Könige? Wann erzielten Menschenrechtler so
direkt Wirkung? Welches feuilletonistische Groß-
hirn fand so viele Leser? Nie hatten plebiszitäre
Neigungen eine vergleichbare Chance, sich selbst
zu organisieren. Im Web fällt die traditionelle
Grenze zwischen Fachmann und Amateur.
Für Intellektuelle, die davon leben, sich permanent benspraktisches durchaus. Tipps und Bewertungen
mit dem zu beschäftigen, was sie Relevanz nennen, zu Lehrern, Professoren, Ärzten, Hotels, Airlines,
die schiere Zeitverplemperei. Restaurants, Computern, Büchern, Fahrrädern – stets
Reagiert die Elite so heftig, weil sie sich von diesem von Nutzern für Nutzer, unbeeindruckt von Marken-
Medium ausgespielt fühlt? Thomas H. Macho, der werbung und kommerziellen Rücksichten.
Philosoph, bietet dazu eine plausible Theorie. Der So unterlaufen Laien den geschmierten Kreislauf
Bildschirm, sagt er, ersetze Elite durch Prominenz. von Marketing und Warenästhetik. Produktver-
men. »Früher war ich ein Taucher im Ozean der
Worte. Heute rausche ich auf der Oberfläche entlang
wie ein Wasserskifahrer.« Wer surft, verflacht. Link-
hopping macht zappelig. Konzentrationszerstäubung
als Leitmotiv elitärer Internetkritik. Leuchtet ein.
Dagegen hilft nur: Wir müssen die Informationen
wieder dem Hirn unterordnen, nicht umgekehrt.
Fürchten? Die Antwort kann nur diffus ausfallen. Fachleute schlagen schon Alarm. »Seriöse« Be- Früher verdankte die Elite ihre Macht dem Privileg sprechen müssen gehalten werden, sonst ist der Wi- Darum abschließend drei Gründe zur Beruhigung
Das Internet erklären zu wollen ist wie im Trüben wertungen von politischen Ereignissen, Büchern, der Übersicht. Der König, der Hohepriester, der Feld- derstand im Netz programmiert. Politische Seifen- einer Elite, die der Gedanke stresst, durchgeknallte
fischen. Darum, zum Warmlaufen, drei Episoden Restaurants verlören gegen User-Sternchen und herr auf dem Hügel: Sie regierten, weil sie alle sahen, opern fliegen schnell auf. Schon Edmund Stoiber Laien übernähmen die Macht.
aus dem neuen digitalen Reich der Amateure: YouTube-Filmchen an Bedeutung. Die »Stunde ohne selber gesehen zu werden. erfuhr das, als er sich vom Amt Erstens muss nicht alles, was Laien im Internet
Episode eins: Die »Nogger Choc Vermisser«. In der Stümper« sieht Andrew Keen angebrochen, ein Heute läuft es umgekehrt: des bayerischen Ministerprä- treiben, ihrer Bildung dienen. Das kapierten Eliten
Kürze waren es 16 000. Sie vermissten eine Eissorte, Internetpionier. Im Aufstieg der Dilettanten wit- Karriere macht, wer von allen sidenten nicht trennen wollte; schon beim Fernsehen nicht. Mit einer Ausnahme:
die der Konzern Unilever aus der Kühltruhe genom- tert er eine »kulturelle Verflachung, die die tradi- gesehen wird, ohne selbst sehen Digital leben durch YouTube flirrten entlar- Hermann Broch, der soziologische Schriftsteller,
men hatte. Enttäuschte Kunden schlossen sich beim tionelle Trennung von Künstler und Publikum, zu können. TV verändert die vende Bilder (Stoiber, sich ver- führte den Begriff der »Spannungsindustrie« ein. Der
Netzwerk StudiVZ zusammen, forderten das Eis zu- von Urheber und Verbraucher verwischt«. Bedingungen unserer Wahr- »Schuhe aus!«, heißt es von sprechend, wie ein Hampelmann Mensch der Hochleistungsgesellschaft, meinte er,
rück. Unilever antwortete mit einem pathetischen Eliten leben davon, dass sie etwas wissen oder nehmung. Macht aber ist eine heute an in der Ausstellung des gestikulierend), bis der Landes- dürfe sich feierabends nicht in Muße entspannen,
Video und führte Nogger Choc wieder ein. können, das die Menge nicht weiß und nicht kann Ordnung der Sichtbarkeitsver- Stapferhauses Lenzburg »Home fürst wankte. Das Internet unter- sonst kippe er aus dem Spannungssystem heraus. Er
Episode zwei: Der ägyptische Blogger Wael Abbas. – noch besser etwas, das die Menge zum Staunen hältnisse. Ergo verändert Fern- – Willkommen im digitalen gräbt das Nachrichtenmonopol müsse künstlich in Spannung bleiben, durch TV-
Ein Jahr in Haft. Vorwurf: Beleidigung des Präsiden- bringt, etwas Geheimes, Geheimnisumwobenes, Sa- sehen auch die Strukturen der Leben«. Barfuß, oder in diesem despotischer Staatsapparate. Es Krimis, nervige Unterhaltung, aufgeregtes Blabla,
ten, Angriff auf die Polizei. Heute ist Abbas eine krales. Die Abwehr neuer Medientechniken ent- Macht. Nämlich so: Macht Fall bestrumpft soll erlebbar deckt auf. Auf Dauer passieren damit er anderntags wieder gespannt zur Arbeit kom-
Berühmtheit. Er hatte Videos von Misshandlungen springt der Sorge um Ruhe und Ordnung – und der gewinnt, wer ein Maximum an werden, was das Internet mit schlimme Dinge seltener, weil me. Mit Internetsurfen schafft er das besser. Surfen
ins Netz gestellt und damit bewiesen, dass in ägyp- Angst der Elite, die Gesellschaft aus der Kontrolle zu Aufmerksamkeit erzielt. Der uns anstellt. Soll heißen: Ohne klar wird, sie werden nicht ge- ist die Kunst, an der Oberfläche zu bleiben.
tischen Gefängnissen gefoltert wird. Daraufhin verlieren. Von Moses’ Bildverbot bis zur Neil Post- Bekanntheitsgrad ersetzt die Schuhe auf weichem Teppich, heim bleiben. Zweitens verläuft die Mediengeschichte kumula-
wimmelte es von ähnlich verwackelten Filmen – bis mans Wir amüsieren uns zu Tode und Clifford Stolls Kompetenz. Schlimmer als jede wie zu Hause eben, begibt sich Digitale Galaxien sind ju- tiv, nie alternativ. Es kam stets etwas Neues hinzu, das
auch »normale« Medien über Folter berichteten. Die Wüste Internet: Im Kern aller Kritik am Medien- Kritik trifft das Verdikt »unbe- der Besucher in die Welt von gendliche Welten. Sie erodieren Alte aber blieb. Die Zeitung hat das Buch nicht er-
Episode drei: Detlef Rüsch, Chefkritiker auf wandel lebt die Klage über den Verlust der Konzen- kannt«. Bekannt aber wird, wer sechs Protagonisten. Jeder von nicht nur die Barrieren von Ur- setzt, das Radio nicht die Zeitung, das Fernsehen
Amazon.de. Ein Sozialarbeiter, der einfach gern liest, tration im unmittelbaren Leben: Ablenkung, Ver- es schafft, dass ihm die Blicke ihnen ist ein digital native, also heberrechten, von illegalen In- nicht das Radio. Internet ist mehr als ein Medium,
der Menschen, die wenig von Büchern wissen, »nieder- führung, Verdummung. Doch was sich als Sorge ums folgen. Das Massenpublikum einer, für den die digitale Welt halten, von Zensur und Jugend- eher ein Kosmos der unendlichen Galaxien (Social,
schwellige Signale geben will, worauf man bei einem Menschliche ausgibt, ist auch die Angst vor Macht- aber, das alles sieht, bleibt un- bereits zum Alltag gehört. Eltern schutz. Sie spielen auch das Pri- Commercial, Media). Eben darum zieht es manche
Buch achten soll«. 1447 Kritiken eingerückt. Echo: und Kontrollverlust. Von den frühen Priestern bis zu sichtbar. Es fällt seine Urteile, und Freunde kommen zu Wort, vileg der Erwachsenen auf öf- User zurück zu alten Medien, etwa zum Radio.
12 446 User finden seine Rezensionen »hilfreich«. den heutigen Experten: Stets sieht die Elite Privilegien indem es die TV-Kanäle nutzt Experten aus Wirtschaft und fentliche Deutungshoheit aus. Drittens ziehen Laien auch im Online-Leben den
Drei Episoden, drei Helden der neuen Laien- und Einfluss schwinden. Da Wissen Macht bedeutet, und Wahlzettel ankreuzt. Psychologie diskutieren noch Nie zuvor war es kostengünstiger Komfort vor: Bequemlichkeit, Übersichtlichkeit,
sphäre. Der Laie ist – frei nach Max Frisch – ein verändern neue Medien nicht nur Weltsichten, sie Genau da übernimmt das bis zum 27. November die zu- und einfacher, weltweit zu ver- Virenfreiheit. Steve Jobs’ iPad signalisiert die Wende.
Mensch, der sich in seine eigenen Angelegenheiten schaffen neue Machtzentren. Internet. In jeder Minute la- nehmende Digitalisierung. Besu- öffentlichen. Aber die wenigsten Pad wie Polster, Kissen, Schoner; weich, wattiert,
einmischt. Die Griechen nannten ihn idiotes, die Dies alles akzentuiert sich mit den digitalen den Menschen rund um die cher können unter www.stapfer- jugendlichen Amateure wollen dämpfend. Pad, die Pfote, schluckt den Ton, gibt
Römer idiota: Er lebt für sich, vertraut seiner Erfah- Medien. War die klassische Zeitung bis weit in die Welt zwanzig Stunden Video- haus.ch mitmachen. Wie ver- mit Ideen berühmt werden, gar selber keinen Laut. Das iPad, ohne ordentliche Tas-
rung, pfeift auf die Finessen der Theoretiker. Als zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts »elitär«, von material auf den Videodienst ändert die Digitalisierung be- die Welt verändern. Den Laien tatur, beschränkt Kommunikation auf Tweets und
»Idioten« traten die Apostel an gegen verblendete Bildungsbürgern für Bildungsbürger gemacht, YouTube. Die meisten sind reits heute unser Leben? Exper- verstehen die meisten im latei- E-Mails, lädt zum Empfang ein, weniger zum Blog-
Welt- und verstockte Schriftgelehrte. Franziskus von setzten sich Radio und Fernsehen als »Massenme- Amateure, die unbezahlt In- ten versuchen, Antworten zu nisch-italienischen Wortsinne als gen, Streiten, Intervenieren, beliefert uns mit allem
Assisi nannte sich einen einfältigen idiota. Luther fand, dien« durch, geleitet von der Maxime »Der Köder halte bereitstellen. Erstaunlich liefern. Ohne anwesend zu sein, »Dilettanten«: Er will sich er- Ergötzlichen, erlaubt die stubensichere Fernbedie-
die unverbildete »Albernheit des Laien« sei für gött- muss dem Fisch schmecken, nicht dem Angler« viele Beiträge halten den Ver- digital halt. Gut durchdacht freuen und ergötzen. nung der Welt, lockt nicht zur Einmischung.
liche Botschaften empfänglicher als die eingebildete (Helmut Thoma, Gründerchef RTL). Die Ein- gleich mit Produkten etablier- und spannend – nicht nur für Leute distinguierten Ge- Und die »Nogger Choc Vermisser«? Der Men-
Gescheitheit der Wissenden. Das »Lob der Torheit« schaltquote, von Eliten geschmäht wie gefürchtet, ter Medien aus. User generated die Generation Internet. KD schmacks nennen das Web 2.0 schenrechts-Blogger Abbas? Der Amateurkritiker auf
war längst angestimmt, als Erasmus von Rotterdam eröffnete eine »Kultur von unten«, den ersten Akt content bedeutet – diesseits schon Mob 2.0. Wo »Narren« Amazon.de? Die werden weitermachen. Diese Kultur
es besang: Der Humanist verspottete den Bildungs- im modernen Lustspiel der Ermächtigung der aller Qualitätsfragen: Nutzer Ausgang erhalten, muss man von unten wird bleiben und wachsen, auch wenn
dünkel, spielte Leben gegen Schule aus, Common Laien. Entsprechend sauer reagierten die Eliten. wandeln sich zu Produzenten, Empfänger zu Sen- auf alles gefasst sein, was die etablierte Ordnung Laien scharenweise vor dem iPad knien wie Katholi-
Sense gegen Dogma, Lachen gegen Tintenernst, er- Das Radio schien Bertolt Brecht eine »sehr dern. Das ist zwar nicht gleich, quasi lutheranisch, durcheinanderbringt, Piraterie, Mobbing, Orgien. ken vor dem Tabernakel. Das Nützliche setzt sich
klärte die Torheit zur alleinigen Quelle des sozialen schlechte Sache«. Durch den »kolossalen Triumph als Erhebung der Laien in den Priesterstand zu Die katholische Kirche ließ die Laien nur in der durch, modische Spielereien nutzen sich ab. Die
und privaten Lebensglücks. Die Aufklärer führten im der Technik«, höhnte er 1927, würden »Wiener werten, es entspricht jedoch dem aufklärerischen Fasnachtszeit gewähren. In der Onlinewelt herrscht Skepsis gegen Experten wird steigen, das Urteil er-
18. Jahrhundert diese Linie fort, plädierten für Sou- Walzer und Küchenrezepte endlich der ganzen Mündigkeitsslogan »Denke selbst!«. Digitaltechnik immer Narrentreiben. Pöbeleien auf Meinungs- fahrungsgesättigter Laien wird gefragt bleiben. Franz
veränität des Laien, setzten Klugheit über Gelehrsam- Welt zugänglich«. Und das Fernsehen war für Hans ermutigt, ermündigt die »Idioten«, selber zu sehen, foren. Persönlichkeitsverletzungen. Selbstentblö- von Assisi, der idiota, wird seit Jahrhunderten verehrt,
keit, erfahrungsgesättigte Gewitztheit über lehrbuch- Magnus Enzensberger das »Nullmedium« schlecht- selber zu urteilen. Und zwar dort, wo sie konkret ßung ohne Grenze. seine dogmatischen Gegner sind längst vergessen.
ernährte Bildung, sprachen gern von der »Weisheit hin, frei von Relevanz, ein moderner »buddhisti- leben, nicht in Redaktionsbüros oder philoso- Die Internet-Elite wendet sich von diesem Treiben Der Publizist und Philosoph Ludwig Hasler arbeitet als
auf der Gasse«, die nur der findige Laie entdecke. scher Apparat«, feierabendliches Eindudeln ins phischen Seminaren, sondern in Kneipen, Schu- ab. Sie zweifelt schon pauschal am Nutzen digitaler Kolumnist, Essayist, Vortragstourist. Sein jüngstes
Reiht sich die digitale Kultur in diese Laienbe- Nirwana, kollektives Verdampfen aller Tages- len, Discos, Werkhallen, Tankstellen, sozusagen Kultur. »Werden wir online doof?«, fragt etwa Nicho- Buch heißt: »Des Pudels Fell. Neue Verführung zum
wegungen ein? Das Internet als Maschine zur Um- bedeutungen, Urlaub von der Realität, Kitsch, auf der Gasse. las Carr, ein Blogger-Guru der ersten Stunde. Sein Denken« (Huber Verlag, Frauenfeld)

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