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Dritte

r äume

Dritte räume

Homi K. BHaBHas KulturtHeorie

KritiK. anwenDung. reflexion.

HerausgegeBen von anna BaBKa, Julia malle unD mattHias scHmiDt unter mitarBeit von ursula Knoll

V e r l a g

T u r i a

+

K a n T

Wien–Berlin

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.

Bibliographic Information published by Die Deutsche Nationalbibliothek

The Deutsche Bibliothek lists this publication in the Deutsche Nationalbibliografie; detailed bibliographic data are available on the Internet at http://dnb.ddb.de.

ISBN 978-3-85132-626-0

Verlag Tur I a + Ka N T

a-1010 Wien, Schottengasse 3a/5/Dg1 D-10827 Berlin, Crellestraße 14 / remise info@turia.at | www.turia.at

© bei den AutorInnen,Wien 2012

inHalt

anna BaBKa / Julia malle / mattHias scHmiDt

einleitung

9

I. KrItIK

Birgit wagner (wien)

Kulturelle Übersetzung. erkundungen über ein wanderndes Konzept

29

clemens rutHner (DuBlin)

Homi Bhabha & The 40 Thieves. Zur kulturwissenschaftlichen Konzeptualisierung nationaler Stereotypen

43

Daniela finzi (wien)

ambivalenz als appell. Weiterführende Bemerkungen zu Freud,

Bhabha und ruthner

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alexanDra stroHmaier (graz)

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65

Zu Homi K. Bhabhas Theorem der kolonialen mimikry

69

anna ellmer (wien)

Mimikry zwischen Widerstand und affirmation

87

Brigitte KosseK (wien)

Zur artikulation der rassischen und sexuellen Differenz in Homi K. Bhabhas »anatomie des kolonialen Diskurses«

89

mattHias scHmiDt (wien)

Blinde Passagiere. eine Betrachtung zum ungewollten Ballast der Zitation bei Homi K. Bhabha

107

II. Anwendung

wolfgang müller-funK (wien)

alterität und Hybridität

127

ursula Knoll (wien)

Von unmöglichem, Nazis und Feuchtgebieten:

3 Fragen an Wolfgang Müller-Funk

141

Hannes scHweiger (wien)

Produktive Irritationen: Die Vervielfältigung von Identität in Texten anna Kims

145

meri DisosKi (wien)

»ein Bild hielt uns gefangen. und heraus konnten wir nicht

«

161

Daniel romualD BitouH (wien)

liminalität, Hybridität und Identität. Zu Joseph roths Inszenierung der grenze als Subversion der Metaphysik von Identität

167

renate lunzer (wien)

»exilant im eigenen Haus, aber Mitbürger mehrerer Nationen«

 

Der Italokroate Niccolò Tommaseo

183

sanDra vlasta (wien)

Niccolò Tommaseo – der »unheimliche«

197

Julia malle (wien)

Konstruktionen kultureller Identität und alterität in Texten galsan Tschinags

201

geralD linD (wien)

erzählen und Zuhören. gedächtnistheoretische Überlegungen zu galsan Tschinag. respondenz zu Julia Malle

217

III. reflexIon

nicola mitterer (Klagenfurt)

»Nothing is ever homogeneous«. Das Fremde als hermeneutischer Bezugspunkt in literaturwissenschaft und literaturdidaktik

223

Karin Harrasser (Köln) unD cHristina lutter (wien)

 

Spielräume. Zwei Szenen zur Differenz

 

237

ingo lauggas (wien)

 

Das Prinzip des ausgeschlossenen Mittleren

 

249

enDre Hárs (szegeD)

 

Herders agency

 

253

emiliJa mancic (wien)

 

Bhabhas agency

 

269

maria KatHarina wieDlacK (wien)

 

»

es ist Zeit der geschichte selbst eine gestalt zu geben

«

273

ursula reBer (wien)

 

adiaphora – dritter oder vierter raum?

 

279

Verzeichnis der autoren und autorInnen

299

einleitung

anna BaBKa / Julia malle / mattHias scHmiDt

e inblick

Jedes Buch, jeder Text hat eine geschichte, so auch dieser Tagungsband. Im vorliegenden Fall hat diese geschichte mit Homi K. Bhabha und seiner theo- retischen Figuration des ›dritten raums‹ zu tun, die er innerhalb der literatur- und Kulturtheorie etabliert hat. Nachdem Bhabha im November 2007 einen Vortrag an der universität Wien gehalten hatte, fand im april 2008 unter dem Titel Dritte Räume. Homi K. Bhabhas Kulturtheorie: Anwendung, Kri- tik, Reflexion jene Veranstaltung statt, aus welcher dieser Band hervorgeht. Im rahmen der genannten Konferenz widmeten sich achtundzwanzig Wissen- schaftlerInnen aller Karrierestufen einer eingehenden auseinandersetzung mit Bhabhas theoretischem Œuvre. erklärtes Ziel war es, raum für eine kritische analyse von Bhabhas wichtigsten theoretischen erkenntnissen zu schaffen und das Potenzial dieses theoretischen ansatzes für die germanistische lite- raturwissenschaft auszuloten. 1 Überdies sollte ein Beitrag zur rezeption und Weiterentwicklung der Postcolonial Studies innerhalb der österreichischen Wissenschaftslandschaft geleistet werden. letzteres anliegen verfolgt das Pro- jekt Notwendige Verschränkungen 2 , das anna Babka seit 2006 leitet, in län- gerfristiger und breiterer Perspektive. Theoretischer ausgangspunkt des Forschungsvorhabens ist die These einer immanenten Verwobenheit verschiedener achsen von Identität und damit auch – im Sinne eines intersektionalen ansatzes – die Überschneidung ver- schiedener Diskriminierungsformen, wobei besonders die sexuelle und kul- turelle Differenz in den Blick genommen werden. Ziel ist es, eine literatur- wissenschaftliche Methode und lektürestrategie zu erarbeiten, die in Bezug- nahme auf eben diese Differenzkategorien Queertheorien und postkoloniale Theorien verschränkt und auf innovative Weise zueinander in Beziehung setzt.

1 Vgl. u.a. anna Babka: »Sich in der Vorläufigkeit einrichten« oder »In-side-out«. Post- koloniale Theorie und Queertheorie im Theorie- und Deutungskanon der Germanistischen

Literaturwissenschaft. In: Der Kanon – Perspektiven, Erweiterungen und Revisionen. Hg. v. Jürgen Struger. Wien 2008b; Trinh T. Minh-ha: Postkolonialität und Feminismus schreiben. Hg. und mit einem Vorwort von anna Babka. Übersetzt von Kathrina Menke. unter Mitar- beit von Matthias Schmidt. Wien/Berlin 2010.

2 Vgl. anna Babka: Notwendige Verschränkungen: Postcolonial Queer. Postkoloniale The-

orien und Queertheorien im Dialog mit deutschsprachiger Literatur. Zu den Wechselwir- kungen theoretischer Erkenntnisse und literarischer Erkundungen. url: http://germanistik. univie.ac.at/hertha-firnberg-stelle/ (Zugriff vom 7.4.2011).

Die lektüre literarischer Texte und die Theorieimpulse treten in ein oszillie- rendes Verhältnis zueinander mit dem Ziel, einen dynamischen raum von Wechselwirkungen zwischen theoretischen erkenntnissen und literarischen erkundungen zu eröffnen. Dies vor dem Hintergrund, dass die rezeption postkolonialer Theorien – im unterschied zur anglistik und romanistik 3 – innerhalb der germanistik erst in einem entwicklungsprozess und oftmals vorurteilsbehaftet ist, wie es Christof Hamann und Cornelia Sieber in ihrem Vorwort zum Konferenzband Räume der Hybridität für Deutschland formulieren: »Wer den postkolonialen Diskurs auch in der deutschen Diskussion ›heimisch‹ machen möchte, stößt auf zwei abwehrende argumente. Zum einen habe Deutschland so gut wie keinen anteil an der europäischen Kolonialgeschichte gehabt und trage daher auch keine postkolonialen Bürden; zum anderen – damit zusammenhängend – spiele der Kolonialismus in der deutschen literatur kaum eine rolle.« 4 Den- noch ist in den letzten Jahren vor allem innerhalb einer kulturwissenschaftlich orientierten germanistik, die sich auf transdisziplinäre Verfahren stützt, ein steigendes Interesse an postkolonialen Fragestellungen und Theorieansätzen zu bemerken. ein transdisziplinärer und machtkritischer ansatz fördert vor allem die Studierenden in der Bearbeitung fächerübergreifender Themenstellungen und dient nicht zuletzt dem ausbilden interkultureller Kompetenz, d.h. einem

3 Vgl. u.a. elisabeth Bronfen et al.: Hybride Kulturen. Beiträge zur anglo-amerikanischen Multikulturalismusdebatte. Hg. v. ders. Tübingen 1997; Monika Fludernik: Hybridity and

Postcolonialism. Hg. v. ders. Tübingen 1998; encarnación gutiérrez rodríguez: Intellektuelle Migrantinnen: Subjektivitäten im Zeitalter von Globalisierung: eine postkoloniale dekon- struktive Analyse von Biographien im Spannungsverhältnis von Ethnisierung und Verge- schlechtlichung. Opladen 1999; Birgit Wagner: Postcolonial Studies für den Europäischen Raum. Einige Prämissen und ein Fallbeispiel. In: Kakanien revisited. url: http:www.kaka- nien.ac.at/beitr/theorie/BWagner1.pdf (Zugriff vom 7.4.2011).

4 Cornelia Sieber / Christof Hamann: Räume der Hybridität: postkoloniale Konzepte in

Theorie und Literatur. Hg. v. dens. Hildesheim 2002. Diese abwehrende Haltung der deutsch- sprachigen literaturwissenschaft thematisiert auch Herbert uerlings im kritischen Verweis auf russell a. Bermans Thesen in russel a. Berman: Enlightenment or Empire. Colonial Discourse in German Culture. london 1998. Vgl. Herbert uerlings: Das Subjekt und die Anderen. Zur Analyse sexueller und kultureller Differenz. In: Das Subjekt und die Anderen. Interkulturalität und Geschlechterdifferenz vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Hg. v. Herbert uerlings et al. Bielefeld 2001, 52f.; Paul Michael lützeler: Schriftsteller und »Dritte Welt«. Studien zum postkolonialen Blick. Hg. v. dems. Tübingen 1998; rolf J. goebel: Ben- jamin heute. Großstadtdiskurs, Postkolonialität und Flanerie zwischen den Diskursen. Mün- chen 2001; Kerstin gernig: Fremde Körper. Zur Konstruktion des Anderen in europäischen Diskursen. Hg. v. ders. Berlin 2001; Barbara Kosta / Helga Kraft: Writing Against Bounda- ries. Hg. v. dens. amsterdam 2003; Hito Steyerl / encarnación gutiérrez rodríguez: Spricht die Subalterne deutsch? Migration und postkoloniale Kritik. Hg. v. dens. Münster 2003; Sedef gümen: Die sozialpolitische Konstruktion ›kultureller‹ Differenzen in der bundesdeut- schen Frauen- und Migrationsforschung, In: Beiträge zur feministischen Theorie und Praxis. ›Entfremdung. Migration und Dominanzgesellschaft‹ 42 (1996).

reflektierten umgang mit Konzepten wie ›Identität‹, ›alterität‹, ›das eigene‹ und ›das Fremde‹. Das bedeutet für die literaturwissenschaft, dass die in lite- rarischen Texten verhandelten Fragen kultureller Differenz 5 abseits identitäts- theoretischer Festschreibungen verhandelt werden können 6 , wie es etwa im Bereich der sogenannten ›MigrantInnenliteratur‹ virulent wird. Hier können durch postkoloniale ansätze biologistische lektüren vermieden werden, die an Begriffen von ›authentizität‹ und ›kultureller Identität‹ festhalten. Kul- turelle Differenzerfahrungen, wie sie sich in der literatur artikulieren, kön- nen ohne Stereotypisierungen als gesellschaftlich bedingte Konstruktionen lesbar gemacht werden. literatur kann insgesamt als ein Ort der artikula- tion gedacht werden, an dem kulturelle Differenz ausgehandelt wird. 7 Fer- ner erlaubt eine solche Herangehensweise, die überdies die nationalstaatliche Sicht auf die literatur überwindet und so Kanonisierungsprozesse beeinflusst bzw. in Frage stellt, der regionalen, ethnischen und geschlechtsspezifischen Differenziertheit menschlichen Zusammenlebens, Handelns sowie Schaffens auf produktive Weise zu begegnen. Prinzipiell halten postkoloniale ansätze ein bedeutendes Potential für analyse, Kritik und lösung zentraler Probleme bereit, welche die Interaktion zwischen gesellschaften und Kulturen ausmachen. Sie nehmen globalisie- rungsprozesse und die daraus resultierende sprachliche und kulturelle Diver- sität in den Blick, erzeugen Wissen sowie diskursive und politische Strategien im Hinblick auf den umgang mit interkulturellen Konflikt- und Handlungs- potentialen. Hinsichtlich des Forschungsprofils der universität Wien ergeben sich für Postcolonial Studies produktive anschlussmöglichkeiten, u.a. über Forschungsschwerpunkte, wie die der »Interkulturellen Kommunikation« und der »europäischen Integration«, bei denen vor allem die Prozesshaftig- keit der europäischen Integration in Zusammenhang mit den regionen Süd- osteuropas/Osteuropas und »grundlegende(n) Fragen der Integration durch spezifische analysen« 8 in den Blick genommen werden. »europa«, so wird es in der Beschreibung formuliert, sei dabei »im globalen und geschicht-

5 Zur Komplexität des Begriffs der kulturellen Differenz bzw. Identität, der immer schon

durch ethnische, kulturelle, sprachliche, soziale und regionale elemente bestimmt ist, vgl. Stu- art Hall et al.: Rassismus und kulturelle Identität. Hamburg 1994; Stuart Hall / Paul Du gay:

Questions of cultural identity. london et. al. 1996; sowie Paul gilroy: Small Acts: Thoughts on the Politics of Black Cultures. london/New York 1993.

6 Vgl. elisabeth Bronfen: Vorwort. In: Die Verortung der Kultur. Tübingen 2000, ix.

7 Vgl. u.a. Homi K. Bhabha: Die Verortung der Kultur. Tübingen 2000; Hall / Du gay:

Questions of cultural identity; gayatri Chakravorty Spivak: Achtung: Postkolonialismus! In:

Peter Weibl / Slavoj Žižek: Inklusion. Exklusion. Probleme des Postkolonialismus und der globalen Migration. Hg. v. dens. Wien 1997, 117-130.

8 Vgl. url: http://www.qs.univie.ac.at/index.php?id=12265 (Zugriff vom 7.4.2011).

lichen Kontext zu erfassen«, bei den analysen erhoffe man sich »ein breites Methodenspektrum«. 9 Spezifisch sei in diesem Zusammenhang auf ein Projekt im Bereich der literatur- und Kulturwissenschaften besonders verwiesen, nämlich auf die seit 2001 existierende, vom Wissenschaftsministerium und der universität Wien geförderte Forschungsplattform Kakanien revisited. 10 Kakanien revisited, das sich geographisch auf die Bereiche Mittelost- bzw. Zentral- und Südosteuropas konzentriert, fokussiert inhaltlich auf die aufarbeitung der (post-)kolonialen effekte der Habsburger Monarchie und versucht die Postkolonialismusdebatte

interdisziplinär zu reflektieren. 11 Solch »postkolonialen effekten« wird (nicht nur) in literarischen Texten auf der Basis folgender grundannahme nachge- spürt, wie es beispielhaft bei Heidemarie uhl gezeigt werden kann, die fragt:

nicht als ein

»läßt sich die österreichisch-ungarische Doppelmonarchie [

quasi-kolonialer Herrschaftskomplex begreifen, in dem die hegemoniale Kul-

tur sich beständig durch grenzziehungen zu ihrem kulturell-zivilisatorischen

›anderen‹ legitimiert [ ]?« 12 Im Zentrum solcher lektüren und Interpreta-

tionen steht die Frage, welche resonanz die vielfältigen Herrschaftsformen im

habsburgischen Zentraleuropa in literarischen Texten gefunden haben. Dass die entsprechenden Theoriebildungsprozesse hierzulande vor allem über eine vom BM.W_f und der universität Wien geförderte Plattform geführt und dokumentiert werden, zeigt, welche Bedeutung gerade die außer- universitäre Forschung für die geistes- und Kulturwissenschaften in Öster- reich einnimmt und wie notwendig sich die kontinuierliche Zusammenarbeit zwischen universitären und außeruniversitären Bereichen der Wissensproduk- tion erweist. auch in dieser Hinsicht versuchte die Konferenz zu wirken, die im rahmen des FWF-Projekts Notwendige Verschränkungen, das als Dritt-

]

9 Beispielhaft genannt seien hier folgende Projekte: »governing difference. a challenge for new democracies in Central and eastern european Countries« bzw. »ergänzungsraum Südosteuropa. Konzepte und Strategien des Mitteleuropäischen Wirtschaftstags und die

europapolitik im Zeichen der Südosterweiterung.« url: http://www.qs.univie.ac.at/index. php?id=12265 (Zugriff vom 7.4.2011).

10 Der Name ist als anspielung auf robert Musils ironische Bezeichnung für die öster-

reichisch-ungarische Monarchie zu verstehen. Die arbeiten im umfeld des Forums Kaka-

nien revisited sind ausdrücklich an Theoriebildung interessiert. Die Beiträge beschäftigen sich sowohl mit theoretischen und methodologischen Neuansätzen als auch mit Problemen der anwendung postkolonialer Theorien auf neue Themenfelder.

11 Vgl. z. B. Wolfgang Müller-Funk et al.: Verflechtungsfiguren: Intertextualität und Inter-

medialität in der Kultur Österreich-Ungarns. Hg. v. dems. Frankfurt/M./New York 2003; anna Babka: ›Das war ein Stück Orient‹. Raum & Geschlecht in Robert Michels ›Die Ver- hüllte‹. In: GEDÄCHTNIS, IDENTITÄT, DIFFERENZ. Zur kulturellen Konstruktion des

südosteuropäischen Raums und ihr deutschsprachiger Kontext. Hg. v. Wolfgang Müller-Funk / Marijan Bobinac. Tübingen 2008a.

12 Heidemarie uhl: Zwischen »Habsburgischem Mythos« und (Post-)Kolonialismus. Zen-

traleuropa als Paradigma für Identitätskonstruktionen in der (Post-)Moderne. url: http:// www.kakanien.ac.at/beitr/theorie/Huhl1.pdf (Zugriff vom 7.4.2011), 2.

mittelprojekt selbst an einer Schnittstelle zwischen ›Innen‹ und ›außen‹ ange- siedelt ist, organisiert wurde.

Durchblick

auch wenn die geschichte zu diesem Sammelband schnell geschrieben wäre − ohne Bhabhas Wiener-Vortrag, ohne diesen Impuls, der an- und aufregte, hätte die Konferenz Dritte Räume wohl nicht stattgefunden. Homi Bhabha nach Wien einzuladen war einfach. Der dem Vortrag vorangegangene aus- tausch mit ihm gestaltete sich von Beginn an als überaus produktiv und ange- nehm. Ihn dann allerdings auch vor Ort empfangen zu können erwies sich als Prozess mit Hindernissen, vor allem in Hinblick auf die Finanzierung. am ende gelang es dann doch, dank großzügiger unterstützung durch das Deka- nat der philologisch-kulturwissenschaftlichen Fakultät, durch das rektorat der universität Wien, die Kulturabteilung der Stadt Wien (Ma 7) und das Bundesministerium für Wissenschaft und Forschung. eine zeitgleiche weitere Veranstaltung mit Bhabha im Bruno Kreisky Forum 13 und die dadurch mög- lich Ko-Finanzierung hatte ebenfalls maßgeblich anteil am gelingen. Dass es uns ein solch großes anliegen war, die auseinandersetzung mit Bhabhas theoretischer arbeit in direkter Weise zu ermöglichen, liegt nicht nur ›in der Natur‹ des Forschungsschwerpunktes, den das Projekt Notwen- dige Verschränkungen zu etablieren versucht. Konferenzformate, wie das der Dritten Räume, die durch ein Miteinander von Senior und Junior Resear- chers gekennzeichnet sind, erweisen sich aufgrund des unmittelbaren wissen- schaftlichen austauschs zwischen international renommierten expertInnen und NachwuchswissenschaftlerInnen als in hohem Maße gewinnbringend. Das persönliche Kennenlernen eröffnet zudem spannende Perspektiven der direkten und augenblicklichen auseinandersetzung aber auch, längerfristig gedacht, Möglichkeiten von internationalen Kooperationen und Netzwerkbil- dungen. räume zu eröffnen, räume ›auszuhandeln‹ sind aspekte, welche die The- oriebildung Homi Bhabhas prägen: auf dem Spiel stehen die Verhandlungen produktiver Zwischenräume für das Miteinander und Ineinander verschie- dener Kulturen, die Verortungen von Kultur(en), die arbeit an und mit gren- zen. Das Denken ›an der grenze‹ äußert sich in theoretischen Figurationen, wie dem Begriff des »dritten raumes« (third space), der bei Bhabha, im anschluss an Jacques lacan und Jacques Derrida eine epistemologische Kate- gorie darstellt und als eine allgemeine Bedingung der Sprache in dem Sinne

13

7.4.2011).

Vgl. url: http://www.kreisky-forum.org/pdfs/2007/2007-11-08.pdf (Zugriff vom

aufgefasst wird, dass es keine unveränderliche Bedeutung und damit keine fixe Form der repräsentation gibt. Bhabha metaphorisiert den erkenntnisthe- oretischen Zugriff als ›raum‹, als »hybriden raum«, als »Schwellenraum zwi- schen den Identitätsbestimmungen« 14 , als raum, der das Dazwischen auslotet. Zum hybriden ›Denkraum‹ Bhabhas gehören zahlreiche Phänomene, die auf die eine oder andere Weise mit der Herausbildung ›transitorischer Identitäten‹ zusammenhängen. Der raum, den er als ›Verhandlung an der grenze‹ 15 fasst, der liminale raum, wird zugleich zur grenzerfahrung, zur grenzexploration und zum grenzereignis. Die interkulturelle Denkfigur der Hybridität, die mit dem ›dritten raum‹ in engem Zusammenhang steht, verweist in Bhabhas Konzeption auf die Pro- blematik kolonialer repräsentationsstrategien, wie sie insbesondere – neben anderen kulturellen artefakten – in der kolonialen und der postkolonialen literatur zutage tritt. Das Kulturelle wird dabei von Bhabha nicht als »die Quelle des Konflikts – im Sinne differenter Kulturen« aufgefasst, »sondern als ergebnis diskriminatorischer Praktiken – im Sinne einer Produktion kul- tureller Differenzierung als Zeichen von autorität« 16 . Dementsprechend ver- ändert sich der Stellenwert des Kulturellen sowie seine erkenntnisregeln. Das Hybride, so Bhabha, »interveniert in die ausübung von autorität, nicht nur, um aufzuzeigen, daß deren Identität eine unmöglichkeit ist, sondern auch als repräsentantin ihrer nicht mehr vorhersehbaren Präsenz« 17 . Das ›Wesen‹ oder der ›Ort‹ der Kultur kann folglich nicht mehr als einheitlich und geschlossen verstanden werden, sondern verlangt nach einem ›Dritten‹, das sich als die Möglichkeitsbedingung der artikulation kultureller Differenz den geläufigen Polaritäten von Ich/anderer, Dritte Welt/erste Welt etc. entzieht:

die theoretische anerkennung der gespaltenheit der Äußerung kann einen

Weg öffnen, eine internationale Kultur zu konzipieren, die nicht auf dem exo- tismus von Multikulturalismus oder der Verschiedenheit von Kulturen beruht, sondern auf der einschreibung und artikulation der Hybridität von Kultur. 18

] [

Dies hat auswirkungen auf die repräsentationskraft und -macht literarischer Texte, ein umstand, den auch einige autorInnen des Sammelbands anhand vielfältiger Beispiele veranschaulichen. grundsätzlich liegt den Beiträgen des vorliegenden Bandes, die sich u.a. der Tragfähigkeit der Bhabhaschen Theoreme, der Kritik daran sowie einer

14 Bhabha, Die Verortung der Kultur, 5.

15 Bei Bhabha wird, hier mit Heidegger, die grenze zu einem Ort, »von woher etwas sein

Wesen beginnt«, ebd., 7. Zugleich spricht er vom liminalen Charakter kultureller Identität. Bhabha, Die Verortung der Kultur, 252f.

16 Bhabha, Die Verortung der Kultur, 168f.

17 ebd.

18 ebd., 168f.

möglichen Weiterführung etwa des Konzepts des ›dritten raumes‹ (siehe usha rebers Beitrag mit dem Titel Adiaphora) widmen, ein konstruktivistischer Kulturbegriff zu grunde. Doch nicht nur der Konstruktionscharakter von Kultur(en) steht zur Diskussion. auch die Kategorie ›geschlecht‹ wird aus gleicher Perspektive diskutiert. Homi Bhabha theoretisiert die Verbindung zwischen sexueller und kultureller bzw. ethnischer Differenz im kolonialen Diskurs an wenigen Stellen aber signifikant über die Funktion des Stereotyps als Fetisch (anna ellmers respondenz fokussiert diesen ambivalenten aspekt des umgangs Bhabhas mit der Kategorie Gender in diesem Band). Mit dem Begriff des Stereotyps als Fetisch will Bhabha demonstrieren, dass die Behauptung einer überlegenen ›rassischen‹ und sexuellen Identität nicht auf einer falschen Ideologie beruht, die mit vereinten Kräften (zumin- dest theoretisch) aus der Welt zu schaffen wäre, sondern gleichermaßen auf »Herrschaft und lust wie auf angst und abwehr basiert« 19 . Die rassistische Stereotypisierung beruht, wie es Brigitte Kossek mit Frantz Fanon und Homi Bhabha herausarbeitet, »auf der Verleugnung und Verschiebung von (ver- botenen, verachteten) sexuellen Fantasien auf den ›anderen‹. […] Der/die ›andere‹ ist nicht bloß als Kehrseite des Selbst aufzufassen, sondern als ein abgespaltener Teil eines gespaltenen Subjekts, das eigenes Begehren und Ver- achtung verleugnet, in den anderen verschiebt und an diesem beherrscht.« 20 (siehe dazu auch ihren Beitrag im Band). eine weitere und bedeutende Schnittstelle in Zusammenhang mit der Frage der sexuellen und kulturellen Differenz ergibt sich in Hinblick auf bestimmte Theoriekonfigurationen Bhabhas und Judith Butlers, die als Praktiken der Wiederholung, der Imitation und Subversion unter den Schlagwörtern Tra- vestie, Drag, Mimikry firmieren. Butler legt dar, dass sich geschlechtsiden- tität als performativ erweist, »d.h., sie selbst konstituiert die Identität, die sie angeblich ist« 21 . Butlers Performativitätskonzept führt vor, dass es keine essentielle Substanz des Selbst gibt, sondern dass Identitäten innerhalb dis- kursiver akte und zitierender Wiederholung erzeugt werden. Performativität beinhaltet neben dem aspekt der nicht-intentionalen Hervorbringung von Identität auch den des Theatralischen, der mit weiteren Inszenierungen bzw. Performanzen der geschlechtsidentität zusammen gedacht werden kann. Dazu gehören drag, Parodie und sexuelle Stilisierungen (butch/bemmes). gerade dieser aspekt wird zur produktiven anschlussstelle an Homi Bhabhas Theorie der kolonialen Mimikry.

19 ebd., 110.

20 Brigitte Kossek: Post/koloniale Diskurse und die De/Kolonialisierung von Identitäten.

In: Afrikanische Diaspora. Out of Africa – into new worlds. Hg. v. Werner Zips. Münster 2003, 107.

21 Judith Butler: Das Unbehagen der Geschlechter. Frankfurt/M. 1991, 49.

Mimikry wird bei Bhabha als ein strategisches Moment im umgang mit der Kolonialmacht vorgestellt, die sich als alleinige autorität begreift. Mimi- kry, so Bhabha, ist übertriebenes Kopieren der Sprache, der Kultur, der Ideen und des Habitus seitens der Kolonisierten, aber auch, und hier zeigt sich eine der ambivalenzen des Konzepts, seitens derer, die in zivilisatorischer Mission unterwegs sind. 22 er schlägt demnach den Begriff ›Mimikry‹ als ironischen Kompromiss vor und fasst die koloniale Mimikry als »Begehren [désir] nach einem reformierten, erkennbaren anderen als dem Subjekt einer Differenz, das fast, aber doch nicht ganz dasselbe ist«. Dies wiederum bedeutet, »dass der Diskurs des Kolonialismus um eine ambivalenz herum konstruiert ist; die Mimikry muß beständig ihr eigenes gleiten, ihren Überschuß, ihre Differenz produzieren, um effektiv zu sein« 23 . Bhabha zeigt, wie die verschiebende Wie- derholung europäischer Normen durch die Kolonisierten – der Vorgang, den er als Mimikry bezeichnet – die imaginäre Identität der Kolonisatoren desta- bilisiert. Judith Butler demonstriert in ihrer Konzeption der performativen geschlechtsidentität die Destabilisierung ähnlicher Prozesse und die entnatu- ralisierung dessen, was so natürlich und fixiert erscheint. Zusammengedacht ergibt sich hier ein aspekt einer widerständigen Performativität, der postko- loniale und queere Theorie in bestimmten ansatzpunkten, ansprüchen und Handlungsmöglichkeiten vereint. 24 Darüber schreibt alexandra Strohmaier in diesem Band. gerade auch über die Figurationen des Dritten, die als dritter raum, drit- tes geschlecht, Hybridität, Hermaphrodit u.ä. Konjunktur haben, können Verbindungen zwischen den Postcolonial und Queer Studies hergestellt wer- den. Diese Figurationen spielen eine höchst ambivalente rolle innerhalb der logik binärer Oppositionen, die sie aufzudecken und zu unterlaufen suchen. 25 Queertheoretische ansätze zielen darauf ab, die binär organisierten und asym- metrischen Machtstrukturen, die die Subjektivierungsprozesse und das Den- ken der sexuellen Differenz dominieren, aufzudecken und zu dekonstruieren. Dekonstruktiv fundierte Gender Studies verweisen auf die Vervielfältigung der geschlechterdifferenz als différance oder als Performanz – und zwar nicht nur als Infragestellung des abendländischen Denkens in binär hierarchisierten

22 Bhabha, Die Verortung der Kultur, 126.

23 ebd.

24 Vgl. dazu auch Babka: Prozesse der (subversiven) cross-identification. Parodistische Per-

formanz bei Judith Butler – koloniale mimikry bei Homi Bhabha. In: Theorietheorie. Wider

die Theoriemüdigkeit in den Geisteswissenschaften. Hg. v. Mario grizelj / Oliver Jahraus. München 2011, 169-182.

25 Zur Figur des Hermaphroditen vgl. anna Babka: Unterbrochen – Gender und die Tro-

pen der Autobiographie. Wien 2002. Die Bedeutung des Forschungsfeldes, das mit der Figur des Dritten bezeichnet wird, spiegelt auch das unter diesem Namen gelaufene DFg-graduier- tenkolleg in Konstanz (2003-2009), url: http://www.uni-konstanz.de/figur3/ (Zugriff vom

4.7.2011).

Oppositionen, sondern auch in kritischer Distanz zu allen Versuchen, einen Bereich des ›Zwischens‹ zu definieren und festzuschreiben. Besonders But- ler und Derrida versuchen lösungsstrategien anzudenken, die ›jenseits‹ des Dritten liegen. und so kann auch Homi K. Bhabhas ›dritter raum‹ in enger Korrelation zu dem Konzept eines ›dritten geschlechts‹ gedacht werden. eine lektüre des ›dritten‹ (geschlechts) unternehmen etwa Harrasser / lutter in ihrem Beitrag für dieses Buch, indem sie etwa die Bhabhaschen Theoreme einer kritischen Überprüfung hinsichtlich ihrer anwendbarkeit in der Praxis unterziehen.

Überblick

Bhabhas ›Wiener lektüren‹ und der Roundtable konnten einiges zur Klä- rung fundamentaler theoretischer Positionen beitragen, wenngleich viele Problemstellungen offen blieben. Fest steht, dass Bhabhas auseinanderset- zung zum anlass einer kritischen Überprüfung seines Theoriehorizonts geriet. Hauptanliegen der Konferenz Dritte Räume war dann auch, Bhabhas Theo- reme multiperspektivisch zu reflektieren, das Konzept des ›dritten raumes‹ und anderer Figurationen, die das Hybride denkbar machen, zu hinterfragen. Dieses kritische Nachdenken erfolgte über lektüren und Interpretationen in ›anwendung‹ und in ›Wendungen‹ der Begrifflichkeiten, die im Zentrum von Bhabhas Kulturtheorie zu verorten sind. Je nachdem, ob dabei die kritische Sichtung einzelner Theoreme, deren erprobung anhand von literarischen lek- türen oder die Kontrastierung mit alternativen Denkmodellen im Vordergrund stand, sind die nachfolgenden Beiträge um die Begriffe Kritik, Anwendung und Reflexion gruppiert.

k ritik

Wie auch schon die Tagung eröffnet Birgit Wagner (Wien) diesen Band, indem sie zu Bhabhas Vortrag zur ›kulturellen Übersetzung‹ kritisch Stellung bezieht. Das ursprünglich von Homi Bhabha als ›translational cultures‹ entwickelte Konzept erfreut sich bis heute großer Beliebtheit und findet in den unter- schiedlichsten Kontexten Verwendung. Dass eine solche erfolgsgeschichte der begrifflichen Prägnanz nicht immer zuträglich ist und der Terminus mittler- weile sogar als catchword in Werbungen gebraucht wird, zeigt die vielfältige Bedeutung, die dem ausdruck heute zukommt. angesichts der Tatsache, dass dabei oftmals nicht mehr klar zu sagen ist, ob von einer sprachlichen oder einer metaphorisch erweiterten Übersetzung die rede ist, liegt der Schluss nahe, dass das Konzept im Stadium seiner inflationären Verwendung ange-

kommen ist. Doch anstatt dem Begriff an sich eine trügerische unschärfe zu bescheinigen, nutzt Birgit Wagner diesen umstand dazu, den Blick auf Bhab- has ursprüngliche Verwendung zu schärfen. aus den von ihr eingehend analy- sierten Vagheiten entwickelt sie so umgekehrt einen Katalog präziser Fragen, der als ausgangspunkt für eine akribische relektüre von Bhabhas How new- ness enters the world dient. Dabei untersucht sie nicht nur wie und anhand welcher VordenkerInnen Bhabha das Konzept der kulturellen Übersetzung konstruiert. Befragt wird der Text auch dahingehend, in wessen Namen der Begriff eigentlich formuliert wurde und inwiefern er aus der Perspektive sprachlicher Übersetzungsarbeit ergänzt werden kann. Den ausgangspunkt von Clemens ruthners (Dublin) untersuchung bil- det dahingegen die historisch entgegengesetzte Perspektive. In seinem Beitrag Homi Bhabha & The 40 Thieves. Zur kulturwissenschaftlichen Konzeptuali- sierung nationaler Stereotypen unternimmt er den Versuch zu zeigen, inwie- fern Bhabhas Überlegungen zum Stereotyp auf zahlreiche – und nicht selten umstrittene – Forschungsbemühungen seit den 1950er-Jahren rekurrieren. Während allerdings Bhabhas essay The Other Question (1983) eine enorme Wirkung entfaltete, gerieten die imagologischen Vorläufer zunehmend in Ver- gessenheit und spielen in aktuellen Debatten nur noch eine untergeordnete rolle. Dabei bildete ursprünglich, so ruthner, die Frage nach dem »Ineinan- der von repräsentation, Machtstrukturen und Identitätskonstruktion« das gemeinsame Forschungsinteresse – ein Problemhorizont also, der auch inner- halb gegenwärtiger kulturwissenschaftlicher Diskurse anhaltend diskutiert wird. anhand einer rekonstruktion der unterschiedlichen imagologischen ansätze fragt ruthner daher, inwiefern eine kritische Wiederbelebung dieser unternehmen glücken kann, sofern Bhabhas methodologische reflexionen als antworten auf diese gemeinsame Problemstellung ernst genommen wer- den. Dass dabei vor allem die von Bhabha eindringlich thematisierten ambi- valenzen – als gleichzeitig bestehende, doch unvereinbare Positionierungen, Begehren und Zuschreibungen – berücksichtigt werden müssen, betont auch Daniela Finzi in ihrer weiterführenden respondenz zum Beitrag. auch alexandra Strohmaier (graz) nähert sich Bhabha, indem sie den von ihm bemühten Theorien und Konzepten nachspürt und deren Zusammenspiel analysiert. In ihrem Beitrag Zu Homi K. Bhabhas Theorem der kolonialen mimikry rekonstruiert sie, wie sich die zwischen Subversion und assimilation schwankende anpassung im kolonialen Diskurs vor allem anhand von psy- choanalytischen Überlegungen erhellen lässt. Mimikry, von Bhabha gefasst als »eine der am schwersten zu fassenden und gleichzeitig effektivsten Strategien der kolonialen Macht« wird dabei nachvollziehbar als eine Verschränkung von gegenstrebigen Begehrensformen. Strohmaier zeichnet diesen komplexen Prozess entlang zweier ›Prätexte‹ nach: einerseits Samuel Webers relektüre von Freuds essay zum unheimlichen (1973) und andererseits Jacques lacans

Seminar aus dem Jahr 1964, das sich mit der Dynamik von Sehen und gese- henwerden befasst. um die effekte von Mimikry zu illustrieren wendet sich Strohmaier daraufhin Texten von deutschsprachigen autorinnen in Deutsch- Südwestafrika um 1900 zu. aus autobiographischen, literarischen und brief- lichen Zeugnissen lassen sich alltägliche Szenen erschließen, die zeigen, wie die wechselseitigen annäherungen die oktroyierte Ordnung unterlaufen. Dabei belegen gerade jene Dokumente, die aus der Perspektive der Kolonisatoren verfasst sind, wie instabil eine als ›rassisch‹ angenommene Differenz bleibt. auch Bhabhas Konzept der Stereotypie stellt einen Versuch dar, die Selbst- und Fremdwahrnehmung als einen permanent stattfindenden und anhaltend verunsicherten Prozess der Subjektkonstitution zu beschreiben. Wie Brigitte Kossek (Wien) in ihrem Beitrag Zur Artikulation der rassischen und sexuellen Differenz in Homi K. Bhabhas ›Anatomie des kolonialen Diskurses‹ bemerkt, wies Bhabha allerdings in der 1983 publizierten Fassung seines aufsatzes noch darauf hin, dass er sich einer perspektivischen einschränkung seiner arbeit bewusst sei. Dieser Hinweis auf seine spezifisch männliche Sichtweise fehlt allerdings in späteren Wiederveröffentlichungen, weshalb die Frage berech- tigt erscheint, wie die Verknüpfung von unterschiedlichen Formen der Dif- ferenz darin formuliert wird. Denn obwohl Bhabha durchwegs betont, dass im (post)kolonialen Diskurs unterschiedliche identifikatorische achsen wie race, class und gender als ineinander verzahnt gedacht werden müssen, bleibt dunkel, wie sich dies im Fall von so unterschiedlichen Kategorien wie eth- nie und geschlecht konkret nachvollziehen lassen soll. Brigitte Kossek geht dieser Frage nach, indem sie Begriffe wie artikulation und Performanz, aber auch neuere psychoanalytische Überlegungen beizieht, um Bhabhas Theorem genauere Konturen zu verleihen. auch der letzte ›kritische‹ Beitrag beschäftigt sich mit Bhabhas einfluss- reichem essay The Other Question. Matthias Schmidt (Wien) konzentriert sich in seinem aufsatz Blinde Passagiere. Eine Betrachtung zum ungewollten Ballast der Zitation bei Homi K. Bhabha auf die Frage, wie die so zahlreichen und unterschiedlichen Theorieanleihen im Text wirksam werden. ausgangs- punkt seiner Überlegungen ist die Figur des Fetischs, dem eine prominente rolle zufällt, indem er mit dem eigentlich von Bhabha untersuchten Phäno- men des Stereotyps annähernd gleichgesetzt wird. Durch diese Parallelisierung wird nahegelegt, dass die von Bhabha als feststellend beschriebene Signifika- tionsbewegung eine strukturelle Ähnlichkeit mit dem von Freud konzipierten Fetischismus aufweist. Die spezifische Funktion dieser Figur reicht aber, so Schmidt, in Bhabhas argumentation noch weiter: Sie soll es ermöglichen, die zahlreich herbeizitierten Theoreme zusammenzudenken, obwohl diese aus unterschiedlichsten Kontexten stammen und sich in ihren Voraussetzungen nicht unbedingt entsprechen. Schmidt vertritt dabei die These, dass deren Zusammenwirken durch das Modell des Fetischs aber eben nicht nur plau-

sibilisiert wird. Denn obwohl Bhabhas argumentation durch nicht explizit ausgeklammerte Bedeutungen auch zusätzliche Facetten zu gewinnen vermag, stellt sich heraus, dass diese Momente ihr auch ausdrücklich zuwiderlaufen.

Anwen D ungen

einen fließenden Übergang zu den lektüren stellt Wolfgang Müller-Funks (Wien) Beitrag Alterität und Hybridität dar, der von einer doppelten Fragestel- lung ausgeht: einerseits widmet er sich der Problematik, wie Bhabhas Konzept der Hybridität aufgefasst werden kann, ohne dieses selbst einer essentialis- tischen Beschränkung zu unterwerfen – wie dies im Zuge der umfangreichen rezeption nicht selten geschehen sei. Der gefahr einer solchen verkürzenden lesart begegnet Müller-Funk, indem er die Frage nach dem/der Hybriden mit verschiedenen Konzeptionen von alterität – dem anderen, dem Fremden und dem exterritorialen – parallelisiert. Dadurch wird unter anderem deutlich, dass auch dem theoretischen Blick auf Vermischung und Verhandlung ein Heilsversprechen eingeschrieben ist, das paradoxerweise zu einer stereotypen Perspektive auf Fremdheit führen kann. In einem zweiten Schritt widmet sich Müller-Funk anschließend einer relektüre zweier Texte von robert Müller, den Tropen (1915) und der Novelle Das Inselmädchen (1919). Beide dokumentieren das Scheitern eines männlichen Protagonisten, der sich, und sei es auch mit besten absichten, in der kolonialen Ferne seiner stereotypen erwartungen versichern möchte. Die erhofften »urmenschen« allerdings erweisen sich als trügerische Projektionen, deren prekärem Status zwischen »positivem rassismus« und vorgeführtem Scheitern der Beitrag nachgeht. ursula Knoll (Wien) greift in ihrer respondenz unter anderem die Über- legung auf, dass der Wunsch nach Hybridität als reaktion auf die diktierte reinheit des Blutes und der rasse bis zur Mitte des zwanzigsten Jahrhun- derts verstanden werden könne. eine ihrer Folgefragen lautet daher, inwiefern postkoloniale Theoriebildung im Diskurs der »aufarbeitungsarbeit« frucht- bar eingebunden werden kann? Denn unter der annahme, dass sich derartige gegenbewegungen bis in die gegenwart hinein fortschreiben, eröffnet sich gerade für die germanistische Forschung ein enormes Betätigungsfeld. Für einen vergleichbaren ›Theorietransfer‹ plädiert auch Hannes Schweiger (Wien) in seinem Beitrag Die Vervielfältigung von Identitäten in Texten Anna Kims. Obwohl Kims Texte nicht unmittelbar einem (post)kolonialen Kontext entstammen, unternimmt Schweiger den Versuch, sie mithilfe der spezifischen Perspektiven, die Bhabhas Theoreme anbieten, zu lesen. Vergleichbar mit Bhabhas Überlegungen spielen bei anna Kim die Prozesse der Identitätskon- struktion in (vermeintlichen) Migrationssituationen eine entscheidende rolle

und verunsichern die ProtagonistInnen nachhaltig. Durch eine an Begriffen wie ambivalenz und Mimikry sensibilisierte lektüre sei es möglich, die poli- tische Dimension ihrer komplexen »Sprachgeflecht(e)« genauer herauszuar- beiten. anhand der zwei Prosatexte irritationen (2000) und Die Bilderspur (2004) verfolgt Schweiger die unwägbarkeiten und verstörenden abwei- chungen der ProtagonistInnen, die von der »Mehrheitsgesellschaft« durch den lapidaren Hinweis auf deren Fremdheit stereotypisiert und damit zu ent- schärfen versucht werden. Durch diese Kollisionen von Femd- und Selbstbild, die von der Ich-erzählerin auf ihre verstörende uneindeutigkeit hin entfaltet werden, wurden Kims Texte allerdings auch oft auf autobiographische erfah- rungen verknappt, wie Meri Disoski (Wien) in ihrer respondenz betont. und auch wenn postkolonial informierte lektüren fruchtbar angewandt werden können, sei es notwendig darauf hinzuweisen, dass diese nur einzelne aspekte der behandelten Werke fokussieren. gerade prekäre Zuordnungsversuche wie das etikett der »MigrantInnenliteratur« verdeutlichen, inwiefern spezifische lesarten die rezeption literarischer Texte auch beschneiden können. an die vielgestaltigen grenzen des habsburgischen reiches verschlägt es hingegen Daniel romuald Bitouh (Wien) in seinem Beitrag Liminalität, Hybridität und Identität. Zu Joseph Roths Inszenierung der Grenze als Sub- version der Metaphysik von Identität. Der Phänomenbereich der Begrenzung, die eine klare Scheidung sein soll, erweist sich in seiner lesart als ein Schwel- lenraum, als Zone von Verhandlung und Transition, in der die gewaltsamen ausprägungen von Imperialismus und Kolonialismus nah aneinander rücken. Von dieser politischen Perspektive ausgehend bietet Homi Bhabhas Konzep- tion der Mimikry einen rahmen, um die auftretenden Kollisionen und Verfeh- lungen als ein differentielles ringen um Identität zu beschreiben, die im Viel- völkerstaat dennoch stets brüchig bleibt. Indem Bitouh die unterschiedlichsten Versuche derartiger Selbst- und Fremdversicherungen durch das Werk von Joseph roth verfolgt, wird dessen vielschichtige auffassung von grenz- und Begrenzungsunternehmen – die nie an das scheinbare Ideal einer ›natürlichen grenze‹ heranreichen – deutlich. Während im roman Tarabas (1934) die Wirren des Krieges zur zweifelhaften Selbstermächtigung des Protagonisten führen, durchzieht die östliche grenze des Imperiums gleich mehrere Texte roths. Dieses nicht festzumachende Territorium namens galizien widersetzt sich allen Versuchen, von autoritärer Seite reglementiert und ›verwaltet‹ zu werden. anhand des romans Das falsche Gewicht (1937) und dem Prosa- fragment Erdbeeren geht Bitouh der Frage nach, inwiefern Joseph roths Kon- zeption des grenzraumes als Figur rekonstruiert werden kann, die subversive Potentiale kenntlich macht. Identitäten, die beispielsweise als personifizierte Ordnungshüter auftreten, werden somit als »Metonymien der Präsenz« les- bar.

als grenzgänger ist auch der illyrische Dichter, linguist und Journalist Niccolò Tommaseo (1802-1874) zu bezeichnen, dessen Schaffen von renate lunzer (Wien) als lebenslanges Oszillieren zwischen zwei sprachlichen gemeinschaften rekonstruiert wird. In ihrem Beitrag »Esule in casa mia, ma concittadino di più nazioni…« Der Italokroate Niccolò Tommaseo zeichnet sie nach, wie sein literaturwissenschaftlich so schwer einzuordnendes Werk durch eine von Bhabha inspirierte lesart in seiner Komplexität nachvollzo- gen werden kann. Während der aspekt seiner sprachlichen (wie politischen) »Zwischenexistenz« in der Forschung bislang wenig Beachtung fand, ermög- lichen Begriffe wie Mimikry und Hybridität einen anderen Blick auf die zahl- reichen Wendungen und Widersprüchlichkeiten in den Texten Tommaseos. Seine wegweisenden Beiträge zur italienischen linguistik stehen dabei nicht mehr unverbunden neben seinen oft paradox erscheinenden politischen Selbst- verortungen. Stattdessen zeigen beide Seiten gleichermaßen, wie das mehrfach gebrochene Begehren nach ›Heimat‹ in der auseinandersetzung zwischen den hierarchisierten Sprachen fruchtbar wurde. Sein Pendeln zwischen dem Ita- lienischen, das ›gesprochen‹ wurde, und dem Illyrischen, in dem ›gehorcht‹ wurde, wird von lunzer beschrieben als eine »lebenslange komparatistische Spracharbeit«. und erst indem diese zum ausgangspunkt ihrer Betrachtung wird, lassen sich in Tommaseos Werk Bruchstellen nicht nur als Zeichen der persönlichen entwurzelung nachvollziehen, sondern auch als Widerspiege- lungen der damaligen »innereuropäischen Dominanzverhältnisse« verstehen. einer ähnlich komplexen autorenpersönlichkeit der gegenwart geht Julia Malle (Wien) nach: galsan Tschinag, der als Schriftsteller, ehemaliger univer- sitätslehrer und germanist gleichzeitig auch Stammesfürst der Tuwa-Mon- golen ist, ermöglicht eine kritische Perspektive auf eine – nicht nur metapho- risch verstandene – ›nomadische‹ lebensweise. In seinen romanen, die er auf Deutsch verfasst, widmet er sich den schwierigen Bedingungen, unter denen sich ›die‹ tuwinische Identität zu behaupten versucht. Dass Tschinag gleich- zeitig als westlich orientierter autor und als Bewahrer und Botschafter seiner »Herkunftskultur« auftritt, führte dazu, dass er als sprachgewaltiger eth- nograph einer Minderheit verstanden wird, die um den erhalt ihrer oftmals als nicht ›schriftfähig‹ bezeichneten Sprache ringt. auch aus diesem grund zeichnet Julia Malle in ihrem Beitrag Konstruktionen kultureller Identität und Alterität in Texten Galsan Tschinags ein Bild des autors, dessen theoretisch informiertes Schreiben selbst mit den ›westlichen‹ erwartungshaltungen spie- lerisch umzugehen weiß. Indem Malle beispielsweise nach dem Stellenwert von gedächtnis und erinnerung für die Konstruktion von kultureller Identität fragt, oder den bewussten einsatz von auto-/Heterostereotypen rekonstruiert und hinterfragt, zeigt sie, wie Tschinags Texte auch Homi Bhabhas Denkfi- guren herausfordern. gerald lind (Wien/graz) betont dabei in seiner respon-

denz zum Beitrag, wie diese Fragestellungen im rahmen der gedächtnisfor- schung aufgegriffen werden können.

r eflexion

Den dritten abschnitt dieses Bandes eröffnet Nicola Mitterer (Klagenfurt) unter der annahme, dass die erfahrung von Heimatlosigkeit zwischen den Sprachen und Kulturen heutzutage nicht nur einige ›ausnahmefälle‹ betrifft, sondern vor allem mit einem gewandelten Verständnis von Fremdheit zu tun hat. unter dem Titel »Nothing is ever homogeneous« – Das Fremde als hermeneutischer Bezugspunkt in Literaturwissenschaft und Literaturdidak- tik vertritt sie die These, dass zeitgenössische literatur ohne ein adäquates Verständnis von alterität weder angemessen rezipiert noch vermittelt wer- den kann. gerade weil sich der/die/das Fremde nicht mehr als exotische ausnahme, sondern als ein alltägliches Phänomen erweist, lassen sich Homi Bhabhas grundlegende Diagnosen auf eine Vielzahl von Texten beziehen. und dieser Befund beschränkt sich keineswegs auf literatur, die sich ausdrücklich mit nomadenhaften Subjekten oder diasporischen Schicksalen befasst. ein an Bhabhas inbetween spaces geschulter Fokus ermöglicht es dabei erst, die ver- schiedenartigen Berührungspunkte mit Fremdheit zu thematisieren, wie Mit- terer anhand von zwei beispielhaften lektüren zu zeigen unternimmt. Weder The House Gun (1998) von Nadine gordimer noch der roman Alle Tage (2006) von Terézia Mora lassen sich ohne die grundlegende Frage verstehen, wie darin mit der allgegenwärtigen, subtilen und vielgestaltigen erfahrung von Fremdheit umgegangen wird. Mit Bernhard Waldenfels plädiert Mitterer deshalb dafür, ein derart gewandeltes Verständnis auch in seiner ethischen Dimension zu reflektieren. ein umgang mit den »ansprüchen des Fremden«, der dieses nicht vorschnell in die bestehenden Ordnungen integriert, lasse sich so von der literatur und dem literaturunterricht aus anvisieren. Nachdem araba evelyn Johnston-arthur ihren Wiener Vortrag zu einer poetisch-politischen Performance steigerte, fängt Maria Katharina Wiedlack (Wien) ihre Kritik an den österreichischen Strategien zur Verheimlichung kolonialer Spuren ein. Der ursprünglich als respondenz geplante Beitrag rekonstruiert dabei nicht nur anhand von oftmals verharmlosten ›einzelfäl- len‹ wie das Fremde aus den Kolonien eben auch an den habsburgischen Hof fand. Wiedlack und Johnston-arthur geben darüber hinaus einen eindruck, wie der alltägliche Sprachgebrauch noch von jener »Verherzigung« durchsetzt ist, die ausbeutung und Sklaverei in süßlichen, vermeintlich ›liebenswerten‹ Produktbezeichnungen konservieren. auch Karin Harrasser (Köln) und Christina lutter (Wien) befragen zen- trale Begriffe Bhabhas dahingehend, wie weit diese im umgang mit unter-

schiedlichen Formen alltäglicher Differenz innerhalb der ›westlichen‹ Welt fruchtbar gemacht werden können. Wie unterschiedlich diese andersartig- keiten mitunter ausfallen, zeigt bereits das ausgangsmaterial ihres Beitrags:

anhand der dreiteiligen Comicverfilmung der X-Men und dem von Judith Butler eingehend analysierten »Fall« Joan/John werden zentrale Termini Bhabhas diskutiert. Konzepte wie agency, third space oder hybridity sollen dabei allerdings nicht auf womöglich vernachlässigte aspekte hin betrachtet werden, die von anderen Diziplinen pointierter thematisiert wurden. Statt- dessen konzentrieren sich Harrasser und lutter in ihrem Beitrag Spielräume. Zwei Szenen zur Differenz darauf, die kreativen Potentiale Bhabhas für Pro- blemstellungen der Disability oder Gender Studies zu reflektieren. Die phanta- stischen Mutationen der Filmtrilogie eignen sich dazu genauso wie die unein- deutige geschlechtsidentität Joans/Johns. Denn in beiden Fällen lässt sich der jeweilige Handlungsspielraum erst annähernd ermessen, wenn die vielschich- tigen gesellschaftlichen Mechanismen zur Normalisierung – und damit zur Kompensation – solcher ›abweichungen‹ in den Blick rücken. gemeinsam mit Ingo lauggas (Wien), der auf diesen Beitrag respondiert, wird Hybridi- tät dabei als ein prekärer Begriff nachgezeichnet, der selbst instrumentalisiert werden kann und mitunter reale Machtverhältnisse trotz seines utopischen untertons verschleiert. auch der darauffolgende Beitrag versucht mit Bhabhas Konzeption von agency weiterzudenken. endre Hárs (Szeged) unternimmt dies, indem er über den Zeitraum von zwei Jahrhunderten hinweg einen Dialog zwischen Homi Bhabha und Johann gottfried Herder inszeniert. Seine These lautet dabei, dass Herder nicht nur als eine der überkommenen Vaterfiguren jener Moderne zu verstehen ist, die Bhabha einer gründlichen reformulierung unterziehen möchte. anstatt die spätere Position von vornherein als die avanciertere zu betrachten, macht Hárs in Herders Spätwerk einige Überlegungen aus, die auch für die zeitgenössischen Problemlagen von Bhabhas Werk neue Impulse liefern können. Vor allem in Herders Briefen zur Beförderung der Humanität (1792/97) und der Adrastea (1801/04) habe sich dieser mit der Frage beschäf- tigt, inwiefern gewalt und Macht mit der Vorstellung von Humanität verein- bar sein können. und trotz aller Vorbehalte, die aufgrund der historischen Distanz und der grundlegenden Bedeutungsverschiedenheiten zahlreicher Begriffe geboten erscheinen, überschneidet sich Herders Perspektive mit aktu- ellen aspekten der postkolonialen Theoriebildung. Hárs findet unter anderem in Herders Betrachtung der Körperlichkeit ein Konzept, das auf unverhoffte Weise zum besseren Verständnis »des bei Bhabha ausgemachten zweifelhaften Verhältnisses von Identität, Zeitlichkeit und Handeln« beitragen kann. Wie auch der provokante Titel Herders agency nahelegt, sind es gerade die Span- nungen, die diese anachronistische Konfrontation für beide Seiten gewinn- bringend werden lassen.

Im letzten Beitrag geht ursula reber (Wien) noch einmal vehement den grenzen und Bestimmungen des third space nach, indem sie diesen mit einem anderen theoretischen Modus der Begegnung kontrastiert. gerade weil dieser dritte raum von Bhabha in einem grundlegenden Sinn bestimmt wird als ein Ort, an dem eine differentielle Verhandlung von Identitäten statthaben kann, müssen seine ränder diffus und aber auch schwer fassbar vorgestellt werden. Dennoch bleibt der logik eines solchen raumes eingeschrieben, so reber, dass es sich um die unscharfen und transitorischen Momente einer vormals zweiwertigen Beziehung handelt. Diese agonistische Begegnung zweier Iden- titäten wird also dahingehend beschreibbar, als auf die dabei tätigen Diffe- renzierungen, Wertungen und affekte nicht verzichtet werden kann. unter dem Titel Adiaphora – Dritter oder Vierter Raum? geht ursula reber nun der Frage nach, ob dieses Modell Bhabhas von einer außenperspektive betrachtet werden kann, ohne es auf binäre Schemata zu reduzieren. In ihrem mit Marc ries ersonnenem Konzept eines adiaphorischen raumes sieht sie einen gegen- entwurf, der dazu geeignet ist, die jeweiligen Besonderheiten beider Denkfi- guren zu erhellen. adiaphora bezeichnen dabei mit einem aus der Stoa ent- lehnten Begriff, grob gesprochen, gleich-gültigkeiten. Bezogen auf die Szene einer räumlichen Begegnung ermöglichen diese einen Blickwinkel, der sich auf ein Nebeneinander konzentriert, also auf Stellen, an denen keine ausdrück- liche Begegnung oder wechselseitige Differenzierung stattfindet. Zusätzlich zu einer analytischen Betrachtung von Bhabhas drittem raum ermittelt ursula reber dabei die anschlussmöglichkeiten, die sich aus der Perspektive einer adiaphorischen »Bewegung/Begegnung« ergeben.

l iter A tur:

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i. KritiK

Kulturelle üBersetzung

erKunDungen üBer ein wanDernDes Konzept Birgit wagner (wien)

l’hospitalité langagière […] fait modèle pour d’autres formes d’hospitalité. (Paul ricoeur, Sur la traduction)

Der Terminus ›kulturelle Übersetzung‹ ist in den letzten Jahren zu einem Spiel- stein geworden, der in den Sprachspielen der Medien und der Werbung für kulturelle Produkte, aber auch für politische anliegen mit Vorliebe eingesetzt wird. Warum das so ist, lässt sich leicht erklären: der Begriff wirkt politisch korrekt und verspricht eine sichere Investition zur Bildung kulturellen Kapi- tals. Dass dem Begriff dieses Versprechen innewohnt, ist zwar nicht allein, aber doch in hohem ausmaß Homi K. Bhabhas 1994 erschienenem Haupt- werk The location of culture zu verdanken, in dessen elftem Kapitel – »How newness enters the world« – der Begriff der »cultural translation« die rolle des diskursiven Hauptdarstellers besetzt. es gibt mittlerweile kaum arbeiten zur kulturellen Übersetzung, die nicht zustimmend oder kritisch auf Bhabha Bezug nehmen, wobei zweifellos beide arten der referenz zur Festigung der Position des autors als ›Meisterdenker‹ beitragen. Den Stellenwert, den Bhabha dem Begriff innerhalb seiner Theoriebildung zuschreibt, hat er übri- gens in rezenteren arbeiten bestätigt, zum Beispiel in einem 2005 erschie- nenen gedächtnis-Text für edward Said. 1 auf welche Weise und entlang welcher theoretischer Prämissen der indische Theoretiker den Begriff einführt, entfaltet und für die Hauptanliegen seines Buches fruchtbar macht, werde ich später ausführlich diskutieren. Zunächst aber möchte ich mich einer anderen, für jede kulturwissenschaftliche arbeit grundlegenden Problematik zuwenden und, immer anhand des Beispiels der ›kulturellen Übersetzung‹, folgende Fragen stellen: erstens, wie kommt es dazu, dass in den Kulturwissenschaften manche Begriffe einen Karriereweg beschreiten, der sich mit den Stationen emergenz, hegemoniale Präsenz und anschließender inflationärer entwertung beschreiben lässt? Was sagen solche Begriffskarrieren über den gegenwärtigen Zustand der Kulturwissenschaften aus? Zweitens, was passiert mit den Begriffen auf ihrer Wanderschaft durch die Texte, die Sprachen und die Kontexte? Welche Bedeutungsextensionen

1 Bhabha 2005, 11.

oder –reduktionen erfahren sie, welche Phasen der Metaphorisierung durch- laufen sie, und was geschieht mit ihnen in der Phase der Metaphorisierung? es ist für das skizzierte Thema unvermeidlich, gleich eingangs die Frage der Metaphorisierung in den raum zu stellen, denn es kann kein Zweifel darüber bestehen, dass ›kulturelle Übersetzung‹ bereits eine metaphorische ausweitung des Übersetzungsbegriffs darstellt. Wenn ›Übersetzen‹ gemein- hin den Vorgang bezeichnet, einen Text aus einer natürlichen Sprache in eine andere zu gießen, so sieht ›kulturelle Übersetzung‹ von der Sprache und vor allem von der Verschiedenheit der Sprachen ab und meint zumeist die Über- tragung von Vorstellungsinhalten, Werten, Denkmustern, Verhaltensmustern und Praktiken eines kulturellen Kontexts in einen anderen. Kulturelle Überset- zung in diesem Sinn kann durch literarische und filmische repräsentationen geleistet werden, aber auch durch Praktiken des täglichen lebens und der Politik. 2 Was bedeutet das alles für den umgang mit diesen Begrifflichkeiten im rahmen der kulturwissenschaftlichen Disziplinen? Für das Übersetzen im wortwörtlichen Sinn ist die Übersetzungswissenschaft zuständig, eine Diszi- plin, die wesentlich jünger ist als das Nachdenken über ihren Objektbereich und auch jünger als andere traditionelle geisteswissenschaften. Innerhalb der Übersetzungswissenschaft sind es die internationalen Translational Studies 3 , die am nachhaltigsten durch Fragestellungen der gender Studies und der Postcolonial Studies geprägt worden sind, doch auch sie bleiben immer an konkrete Übersetzungsleistungen und an konkrete Sprachen zurückgebunden und bewegen sich damit im Orbit der Textwissenschaften. Für die metapho- rische extension des Übersetzungsbegriffs ist hingegen jede und letztlich keine konkrete Fachdisziplin zuständig: der Terminus ist ein Musterbeispiel für eine transdisziplinäre Herausforderung, häufig auch für eine transdisziplinäre Über-Forderung. 4 Seine hegemoniale Präsenz in gängigen Diskursen hat der Begriff, wie bereits gesagt, zum gutteil Homi Bhabha zu verdanken. Mittlerweile ist er in die Phase seiner inflationären Vermarktung eingetreten, die man vielleicht auch die Phase der Dissemination nennen kann: er wurde und wird in hetero- genen Kontexten angeeignet und bezeichnet dort jeweils höchst unterschied- liche referenzobjekte. Dazu zwei extrembeispiele, die einmal eine aneignung

2 So heißt es zum Beispiel bei Bachmann-Medick 2006, 249: »Übersetzung betrifft also

keineswegs nur die repräsentationssphäre der Zeichen- und Symbolzirkulation, sondern auch

soziale Versuche, in andersartige institutionelle Systeme einzurücken und dabei zugleich die materielle Seite von austauschbeziehungen zu berücksichtigen.«

3 Seit 2008 erscheint bei routledge eine neue Zeitschrift zu dieser Thematik: Translation Studies 1/1 (2008).

4 Ich verwende den Begriff ›transdisziplinär‹ für Disziplinen überschreitende Fragestel-

lungen, die nicht nur der interdisziplinären Zusammenarbeit bedürfen, sondern auch der einzelnen Forscherin/dem einzelnen Forscher Disziplinen sprengende methodologische Kennt- nisse abverlangen.

im geist emphatischer affirmation, ein zweites Mal eine aneignung mit dem Ziel einer Marktstrategie vor augen führen werden. Das erste Beispiel liefert Doris Bachmann-Medick mit ihrer in vieler Hin- sicht verdienstreichen Studie über die von ihr so genannten Cultural Turns. In ihrem Buch nimmt der Translational Turn die paradoxe Position einer Bestandsaufnahme, die zugleich ein Versprechen sein soll, ein, und diese dop- pelte Funktion, die dem Turn zugeschrieben wird, geht naturgemäß nicht ohne Widersprüche ab. eine Wende tritt im Sinn von Bachmann-Medick in den Kulturwissenschaften dann ein, wenn zentrale Begriffe »von Forschungsge- genständen zu analysekategorien [werden], mit denen dann auch Phänomene erfasst werden können, die ursprünglich nicht in den traditionellen gegen- standsbereich im engeren Sinn gehören« 5 , und wenn diese zentralen Begriffe »noch dazu metaphorisiert werden« 6 . letzteres sieht Bachmann-Medick durchaus als gefahr und tritt für »eine gebremste Metaphorisierung« 7 ein – eine Warnung, die sie selbst in ihrem Buch nicht durchgehend beachtet, vor allem nicht in dem Kapitel, das dem Translational Turn gewidmet ist. angesichts ihrer theoretischen Prämissen scheint sich die Metapher der kulturellen Übersetzung jedenfalls für einen »Turn« zu eignen; die Frage ist dabei nur, ob er schon vollzogen oder doch erst im Werden begrif- fen ist, wie Christoph Conrad in seiner rezension des Buchs für die Zeit- schrift L’Homme meint. 8 Wie dem auch sei: vor ihrem politisch-normativen anspruch – Bachmann-Medick spricht von der »Notwendigkeit kultureller Übersetzungsprozesse« 9 – wird der Begriff auf seine epistemologische lei- stungsfähigkeit geprüft und werden seine anwendungsfelder in verschiedenen einzeldisziplinen diskutiert, und zwar vor dem Hintergrund langjähriger eige- ner Forschungstätigkeit der autorin in diesem Feld. 10 Wo sie Übersetzungs- prozesse als »Handlungsraum« definiert, 11 stimmt sie weitgehend mit Homi Bhabhas ansatz überein, dessen Begriff von »translationaler Kultur« sie zustimmend mit dem »Immer-schon-Übersetztsein« von Kulturen 12 in Zusam- menhang bringt und als Dekonstruktion von reinheits- und ursprungsmythen darstellt. allerdings ist dieses »Immer-schon-Übersetztsein«, jedenfalls meiner auffassung nach, zuallererst wortwörtlich und nicht metaphorisch zu lesen:

Jede natürliche Sprache enthält einsprengsel anderer Sprachen, jede sprachlich

5 ebd., 26.

6 ebd., 27.

7 ebd., 27.

8 Conrad 2007, 125.

9 Bachmann-Medick 2006, 238.

10 Vgl. z.B. den von ihr herausgegebenen Band Übersetzung als Repräsentation fremder

Kulturen: Bachmann-Medick 1997, dem eine anzahl von aufsätzen zum Thema Übersetzen gefolgt sind.

11 ebd., 250.

12 ebd., 248.

gebundene literarische, philosophische oder kulturwissenschaftliche Tradition ist auch das resultat der auseinandersetzung mit anderssprachigen oder aus anderen Sprachen übersetzten Texten. Mit anderen Worten: Mythen, Nar- rative und Diskurse machen vor Sprachgrenzen nicht Halt, auch wenn diese Sprachgrenzen sich transformierend auf ihre entfaltung auswirken. gerade die literaturwissenschaft tut gut daran, an diese erste, fundamentale Bedeu- tung der rede von der Übersetztheit von Kulturen zu erinnern. Bachmann- Medick aber geht es nicht darum, sondern um den »Turn« und um das im weitesten Sinn globalisierungskritische politische Potential, das sie speziell diesem Turn zutraut. Ob er dieses Versprechen einhalten kann und welche begriffliche unschärfe dem Übersetzungsbegriff dadurch eingeschrieben wird, bleibt vor diesem Hintergrund weitgehend ausgeblendet, ganz so, wie das auch bei Homi Bhabha der Fall ist, wie ich später argumentieren werde. Mein zweites Beispiel der Begriffsverwendung ist das schiere gegenteil von Bachmann-Medicks emphatischer aneignung, nämlich ein Werbetext. es han- delt sich um einen Folder, mit dem die Online-Zeitschrift Eurozine an die Öffentlichkeit tritt. Eurozine ist eine zweifellos verdienstreiche Initiative zur Vernetzung europäischer Kulturjournale, zur erhöhung der Sichtbarkeit der einzelnen TeilnehmerInnen und damit auch zu europäischen Verständigungs- prozessen. Ob man das unbedingt kulturelle Übersetzung nennen muss, sei dahingestellt; Tatsache ist, dass der Folder mit folgendem Text wirbt:

Translation of cultures Cultural journals are part of a genuinly international debate […]. By transla- ting articles from different European cultures, eurozine enables a rich and free- wheeling dialogue, which is the foundation of a european public space worthy of its name. 13

Was passiert in diesem kleinen Text? Während die Überschrift mit dem catchword »kulturelle Übersetzung« auf sich aufmerksam macht, spricht der Fließtext von konkreten Übersetzungsprozessen zwischen europäischen Spra- chen – als ob diese zwei ebenen der Begriffsverwendung austauschbar wären. Das unscharfe gleiten der Begriffe lässt sich schon daran festmachen, dass laut Folder nicht aus »different european languages«, sondern aus »diffe- rent european cultures« übersetzt wird. Diese ganz und gar nicht ›unschul- dige‹ ersetzung eines Wortes durch ein anderes ist Teil der werbestrategischen Nutzung des kulturellen Kapitals, das dem Begriff ›kultureller Übersetzung‹ zugetraut wird, um einen intellektuellen Publikumssektor erfolgreich anzu- sprechen.

13 Folder www.eurozine.com 2008 (meine Hervorhebung). Vgl. auch die gleichnamige

Website.

Nun ist ja bekanntlich keine Form des Denkens davor gefeit, der Markt- logik unterworfen und in der Form des Begriffsdropping für Zwecke der eigenreklame oder der Beförderung einer bestimmten Denkschule eingesetzt zu werden; jeder Person, die je Forschungsanträge geschrieben hat, ist diese Form des instrumentellen Denkens vertraut. Trotzdem stellt sich die Frage, was mit einem Begriff geschieht, der derart auf die reise durch die Diskurs- welten geschickt wird. Schon adorno spricht in seiner einführung in die Phi- losophische Terminologie in anschluss an Hegel vom »leben des Begriffs« 14 und meint damit die prinzipielle unmöglichkeit, einen Begriff auf eine einzige, zeit- und veränderungsresistente Bedeutung festzunageln. Vielleicht ist es ein Zeichen für einen tatsächlich sich abzeichnenden Translational Turn, dass diese alte Metapher, die im Sinne Foucaults dem epistemischen Horizont des 19. und frühen 20. Jahrhunderts zuzuordnen ist, sich heute vom ›leben des Begriffs‹ zu ›Begriffswanderschaften‹ verschoben hat. »Travelling concepts« sind ein Thema, mit dem sich die Kulturwissenschaftlerin und Narratologin Mieke Bal in ihrem Buch zu der von ihr so genannten Kulturanalyse (2006) eingehend auseinandergesetzt hat. ›Wanderschaft‹ ist dabei eine Metapher, die in vielerlei Hinsicht neutraler als der Übersetzungsbegriff zu sein scheint, die aber immerhin einen Migrationskontext als assoziation zulässt. allerdings bezieht sich Bal in ihrer Studie auf das engere Feld der akademischen Diskurse und nicht auf Kultur im übergreifenden Sinn. Ihr anspruch ist es dabei, dass »die ernsthafte Beschäftigung mit Begriffen als ein von den Problemen der cultural studies freier Zugang zur Praxis der Kulturanalyse dienen« 15 möge. Damit ist Bals Kritik an den vielfach monierten methodologischen unschär- fen mancher ausformungen der Cultural Studies angesprochen, denen sie mit ihrer letztlich text- und bildwissenschaftlich fundierten Kulturanalyse zu begegnen sucht (wobei eine solche Kritik freilich auch nur die text- und bild- analytisch verfahrenden Varianten der Cultural Studies treffen kann). Obgleich sie nicht von der kulturellen Übersetzung spricht, eignet sich diese als Musterbeispiel für ihre Diskussion ›wandernder Begriffe’: die »zwi- schen den Fächern, zwischen einzelnen Wissenschaftlern sowie zwischen historischen Perioden und geographisch verstreuten akademischen gemein- schaften« kursieren und ausgetauscht werden. 16 Dies betrachtet die autorin einerseits als eine Möglichkeit kreativer aneignungen, andererseits insistiert sie auf der Notwendigkeit einer zugleich strengen und erhellenden auffas- sung: Begriffe definiert sie als »dritte Partner« für die »Interaktion zwischen

14 adorno 1982, 17f.

15 Bal 2002, 9. ausführlicher zum Thema in dem englischsprachigen Band Travelling Con-

cepts in the Humanities: Bal 2002.

16 ebd., 11.

Kritiker und Objekt« 17 , was einen erhöhten respekt des Kritikers/ der Kri- tikerin vor dem ›Objekt‹ voraussetzt. Dazu gehört in Bals auffassung, dass autorInnen, die sich eines wandernden Begriffs bedienen, ursprüngliche Kon- texte nicht außer acht lassen und darüber hinaus Begriffe »als Werkzeuge der Intersubjektivität« 18 auffassen mögen. Macht man sich diese auffassung versuchsweise zu eigen, kann man die Frage stellen, welche Intersubjektivität der Begriff der kulturellen Übersetzung herstellt und welchem Objekt er mit respekt gegenübersteht. und schließlich:

wie es in dieser Hinsicht mit Bhabhas aneignung des Begriffs bestellt ist. an dieser Stelle könnte man einwenden, dass eine solche letztlich den Transparenz-Idealen der europäischen aufklärung geschuldete Position von vornherein Bhabhas an den Paradigmen der Dekonstruktion und der Psycho- analyse geschultem postkolonialen Denken nicht gerecht werden kann. und in der Tat ist es so, dass Bhabhas Schreibweise intentional auf unschärfe aus- gelegt ist und einen opalisierenden Bedeutungsspielraum eröffnen soll, der sich eben nicht störungsfrei und widerspruchslos auf intersubjektive Verstän- digung zurückführen lässt. Das wirkt auf manche leserInnen faszinierend, auf andere irritierend, wobei die Irritation vielleicht den Vorteil besitzt, in höherem ausmaß zu einem Dialog mit Bhabhas gedankengebäude anzuregen. aus der unverwechselbaren und zugleich ein wenig ungreifbaren Schreibweise des autors entstehen, im rahmen der kritischen reflexion des Begriffs der kulturellen Übersetzung, jedenfalls mehrere Fragen: erstens, was genau ist das Objekt der Theoriebildung, dem Bhabha nach Bals auffassung respekt zollen sollte? Zweitens, für wen und vor allem: in wessen Namen schreibt Bhabha, wenn er den Begriff translationaler Kulturen einführt? Drittens, ist die inflati- onäre entwertung mancher seiner Begriffe dem zuzuschreiben, was man auf Französisch so schön mit »le flou théorique« bezeichnet, oder ist sie doch vielmehr den rezipientInnen anzulasten? Damit bin ich nun endlich bei der Diskussion von Bhabhas elftem Kapi- tel angelangt: »How newness enters the world«. Ich zitiere in der Folge aus der deutschen Übersetzung von Michael Schiffmann und Jürgen Freudl, bei Bedarf manchmal auch aus der englischen Version. 19 Vorausgeschickt sei auch, dass die dichte Diskussion eines einzelkapitels aus The location of cul- ture sich schon allein deshalb rechtfertigt, weil Bhabhas Buch eine Zusam- menstellung von kürzeren Forschungsarbeiten darstellt, die zum Teil bereits

17 ebd.

18 ebd., 10. Vgl. adornos begriffsgeschichtliches Kapitel in seiner Philosophischen Termi-

nologie, wo er davor warnt, den »Zusammenhang des gedankens mit der geschichtlichen

Kontinuität« zu leugnen: »Die gedanken bekommen dadurch von vornherein ein bestimmtes Moment der Verarmung, das ihnen nicht zum guten anschlägt« (adorno 1982, 44).

19 Vgl. Bhabha 1994 und Bhabha 2000.

Jahre zuvor erschienen waren und denen eine getrennte lektüre nicht gewalt antun muss. 20 Dem Kapitel wird ein Motto vorangestellt, das aus Benjamins aufsatz »Über Sprache überhaupt und über die Sprache des Menschen« stammt. In diesem sehr komplexen Text aus dem Jahr 1916 beschäftigt sich Benjamin mit dem Immer-schon-Übersetztsein von Sprachen – wohlgemerkt: von Spra- chen, nicht von Kulturen – und findet dazu folgende Formulierung: »Seine volle Bedeutung gewinnt er [der Begriff der Übersetzung] in der einsicht, daß jede höhere Sprache (mit ausnahme des Wortes gottes) als Übersetzung aller anderen betrachtet werden kann.« 21 In unmittelbarer Nachbarschaft dazu findet sich der Satz, den Bhabha als Motto gewählt hat: »Kontinua der Ver- wandlung, nicht abstrakte gleichheits- oder Ähnlichkeitsbezirke durchmisst die Übersetzung.« Man kann mit gutem grund annehmen, dass Bhabha die Schutzherrschaft Benjamins für sein Kapitel deswegen herbeizitiert, weil bei ihm der abwandelnde – Bhabha wird dann später sagen: der performative – Charakter des Übersetzens in den Vordergrund tritt. Das Kapitel selbst beginnt in seinem ersten Teil, der mit »Neue Weltgren- zen« überschrieben ist, mit einer Deutung von Joseph Conrads im postko- lonialen Kontext paradigmatischem Kurzroman Heart of darkness (1902) 22 , die laut Bhabha einer »Poetik der Übersetzung« (318) 23 gehorche. Damit hat er recht leichtfüßig die Schwelle der Metaphorisierung überschritten, denn Conrads auf englisch geschriebener Text ist nicht das ergebnis eines wort- wörtlichen Übersetzungsprozesses. Warum überhaupt ist von einer »Poetik der Übersetzung« die rede? Weil Conrad, so Bhabha, die »grenze zwischen der Kolonie und der Metropole (be-)setzt« (318) und die Kolonie für die europäerInnen als einen raum grundlegender Nicht-Intelligibilität – man könnte auch sagen: radikaler kultureller Fremdheit – darstellt. Wie kann man dann vom Nicht-Intelligiblen erzählen (und genau das wäre, so muss man schließen, ein akt kultureller Übersetzung)? Man kann es, indem man, wie es Conrad in seinem Text tut, das Fremde ins eigene hinein nimmt, was die erfahrung der angst inkludiert: insofern der engländer Marlowe, der Bin- nenerzähler Conrads, die dunkle Seite des so genannten ›dunklen Kontinents‹ afrika im eigenen Herzen entdecken muss. Die Begegnung mit dem ande- ren in seiner emphatischen Bedeutung geschieht also auf eigenes risiko und schließt, wie das ende des romans deutlich macht, ein Moment der lüge

20 Dazu äußert sich der autor in seiner Danksagung für die erlaubnis des Wiederabdrucks

einzelner aufsätze (Bhabha 1994, Xii-Xiii). Das Kap. 11 wurde übrigens eigens für die Buch- fassung geschrieben.

21 Benjamin 2002, 76.

22 Jahr der Buchpublikation. Der Text war zuerst 1899 in drei Teilen in Blackwood’s

Magazine erschienen.

23 Hier und in der Folge zitiert mit einfacher Seitennennung aus Bhabha 2000.

notwendig mit ein: jener lüge, die die Fiktion der Zivilisiertheit der europäe- rInnen aufrechterhält. Benjamins »Kontinua der Verwandlung«, die die Über- setzung »durchmisst«, nehmen sich im Kontext einer kolonialen ›Poetik der Übersetzung‹ durchaus angst erregend aus, und in der Tat rekurriert Bhabha auch auf psychoanalytisch fundierte Überlegungen. Der auftakt des Kapitels, dies sei festgehalten, steht unter dem Zeichen des unheimlichen. In seinem nächsten argumentativen Schritt unternimmt Bhabha eine kri- tische Diskussion der Schriften von Frederic Jameson, einem Theoretiker der Postmoderne, dessen neomarxistische Prämissen Bhabha über mehrere Sei- ten hinweg kritisiert, was ich nicht im einzelnen darstellen will – es führt die leserInnen recht weit vom Thema der kulturellen Übersetzung ab. Was Bhabha an Jamesons ausführungen allerdings zustimmend kommentiert, ist die Tatsache, dass der amerikanische Theoretiker »die angst, das globale und das lokale miteinander zu verbinden« (323) nicht unter den Tisch kehrt, son- dern nachdrücklich zum Thema macht, was sich natürlich mit der eben ange- führten Deutung von Conrads Heart of Darkness verbinden lässt. ausführlich referiert Bhabha auch Jamesons anmerkungen zum Bonaventure Hotel in los angeles, einem emblem postmoderner architektur. Dieses »postmoderne Panoptikum« mit seiner wildwüchsigen Zitatpraxis verschiedenster archi- tektonischer Formen erzeuge laut Jameson den Wunsch, »uns neue Organe wachsen zu lassen« (325), mit anderen Worten: Wahrnehmungsformen aus- zubilden, um das globale perzipieren zu können; diese erst auszubildende Wahrnehmungsform bezeichnet Jameson als »Inkommensurabilitäts-Vision«, eine Sehweise, in der verschiedene historische Momente gleichzeitig präsent sind und die nicht ohne ambivalenzen ist. Daran kann Bhabha anknüpfen, wenn er, wie im Übrigen lange vor ihm schon Foucault, 24 die steile Karriere der Kategorie des raums vor dem Zurücktreten der Kategorie der Zeitlichkeit thematisiert. Dabei gelangt er zu folgender Formulierung: »Die re-vision des Problems des globalen raums aus der postmodernen Perspektive bedeutet, die Verortung der kulturellen Diffe- renz vom raum der demographischen Pluralität zu den an den grenzen statt- findenden Verhandlungen kultureller Übersetzung zu verschieben« (333). Hier finden die leserInnen folgendes Oppositionspaar vor: demographische Plura- lität vs. Grenzen als Orte der Verhandlung und Hybridisierung, das heißt mit anderen Worten: ein meist als multikulturell bezeichnetes Nebeneinander vs. eine transformierende Prozessualität, die alles und jede/n erfasst, und diese transformierende Prozessualität ist nichts anderes als Bhabhas Begriff von kul- tureller Übersetzung. Das unheimliche derselben scheint dabei, jedenfalls an

24 Vgl. Foucault 1994, 752-762. Der Text, dem ein Vortrag zugrunde liegt, den Foucault

1964

in Tunis gehalten hat, wurde auf Französisch in überarbeiteter Form das erste Mal

1984

publiziert.

dieser Stelle, zugunsten einer positiven aufladung des Begriffs in Klammern gesetzt worden zu sein. Der zweite Teil des Kapitels, im englischen mit »Foreign relations« überschrieben 25 , steht unter dem Zeichen Salman rushdies. Der prozessu- ale Begriff der kulturellen Übersetzung wird auf die erfahrungswelt von MigrantInnen angewandt: »Die liminalität der erfahrung der Migranten ist in ebenso hohem Maß ein Phänomen des Übergangs wie der Übersetzung« (335). unversehens ›wandert‹ Bhabha darauf von der metaphorischen zur wortwörtlichen ebene zurück, wenn er sich auf eine Stelle aus Benjamins auf- satz »Die aufgabe des Übersetzers« (1923) beruft, die unter anderem von jenem aspekt der Sprache spricht, der sich der Übersetzung entzieht, bezie- hungsweise, gemäß Benjamins Prämissen, erst in messianischer Perspektive übersetzbar sein wird, wodurch der Übersetzung gerade die besondere auf- gabe erwächst, die Benjamin ihr zuschreibt. 26 Benjamin spricht an dieser Stelle wie im gesamten aufsatz im Denkhorizont seiner spezifischen Sprachphiloso- phie. Diesen Äußerungskontext ruft Bhabha in keiner Weise in erinnerung, wenn er in der Folge Benjamins Thesen metaphorisch wendet und formu- liert: »Die Migrantenkultur der ›Zwischenzone‹, die Position der Minorität, setzt das Wirken der Nichtübersetzbarkeit von Kulturen dramatisch in Szene« (335). Notabene: Nichtübersetzbarkeit von Kulturen und nicht von Sprachen. Die leserInnen müssen außerdem ein Weilchen damit leben, dass die Migran- tInnenerfahrung einerseits als ›übersetzende‹ bezeichnet wird, ihre Kultur andererseits der Mehrheitsbevölkerung die unübersetzbarkeit von Kulturen theatralisch vor augen führe: wobei letzteres die theoretische unmöglichkeit der assimilation umschreiben soll. Hier geraten die wortwörtliche und zwei verschiedene metaphorische ebenen der Begriffsverwendung ins gedränge. Der Begriff ist hier nicht mehr auf der Wanderschaft, sondern ein Chamäleon, das die Farbe des jeweiligen Formulierungskontexts annimmt. Ich halte das für unbefriedigend, genau so wie ich andere Stellen des Buchs für äußerst anregend halte. In der Folge wendet sich Bhabha einer kurzen Diskussion von rushdies Satanischen Versen und den gründen für die gnadenlose Verurteilung von autor und Buch durch Teile der islamischen glaubenshüterInnen zu. er findet diese gründe weniger im theologischen Tatbestand der Blasphemie als in der Hybridität als grundeigenschaft des rushdie-Textes und formuliert bündig:

25 Die dt. Übersetzung des Zwischentitels – »Fremde Beziehungen« – verzichtet auf die

diplomatiepolitische Konnotation der englischen Wortwahl.

26 Benjamin 1991, 14: »Wenn aber diese [die Sprachen] derart bis ans messianische ende

ihrer geschichte wachsen, so ist es die Übersetzung, welche am ewigen Fortleben der Werke und am unendlichen aufleben der Sprachen sich entzündet, immer von neuem die Probe auf jenes heilige Wachstum der Sprachen zu machen: wie weit ihr Verborgenes von der Offenba- rung entfernt sei, wie gegenwärtig es im Wissen um diese entfernung werden mag.«

»Hybridität ist Häresie« (336). Dies ist vor allem deswegen der Fall, weil Hybridität kulturelle Übersetzung, Überführung von Kontexten in andere, fremde Kontexte voraussetzt: »Blasphemie ist nicht lediglich eine säkulari- sierte Fehldarstellung des Heiligen; sie ist ein Moment, in dem der Hauptge- genstand oder Inhalt einer kulturellen Tradition im akt der Übersetzung über- wältigt oder verfremdet wird« (337) –»is being overwhelmed, or alienated, in the act of translation«, heißt es in der englischen Version. 27 Das kulturelle Übersetzen wird hier überzeugend als eine im Sinne Judith Butlers perfor- mative Praxis definiert: es tut etwas mit einem Text (bzw. seinem Kontext), in dem es ihn in einen anderen Kontext stellt und so zwangsläufig verändert – diesem Praxis-Moment der Übersetzung haftet also etwas gewaltsames an, und das sei es, worauf rushdies selbsternannte richter reagiert hätten. Denn kulturelle Übersetzung bewahre nicht Traditionen, sondern erzeuge das Neue (und das heißt aus der Sichtweise jeder Form von Orthodoxie: den Skandal):

»Das Neue an der kulturellen Übersetzung gleicht dem, was Benjamin als ›die Fremdheit der Sprachen‹ beschreibt« (339). Hier lässt Bhabha wieder seiner intentio lectoris 28 freien lauf, wenn er nicht erwähnt, dass die Fremdheit der Sprachen bei Benjamin vor dem Kontext der biblischen Sprachenverwirrung und als unvollkommenheit der menschlichen einzelsprachen abgehandelt wird. Obwohl Bhabha also auch hier wieder den Wechsel von der metapho- rischen zur wortwörtlichen ebene nicht in den Blick nimmt, kommt er über den referierten gedankengang zu der meines erachtens fruchtbarsten Bestim- mung dessen, was kulturelle Übersetzung sein kann: »Mit dem Konzept der ›Fremdheit‹ kommt Benjamin der Beschreibung der Performativität der Über- setzung als Inszenierung kultureller Differenz am nächsten. […] Übersetzung ist die performative Natur kultureller Kommunikation« (339 bzw. 341), oder, wie es auf englisch eleganter und auch zutreffender heißt, »translation as the staging of cultural difference« 29 . Ich versuche eine Paraphrase: der kulturellen Differenz eine Bühne zu bieten, heißt sie in ihrer Fremdheit äußerst sichtbar zu machen und sie durch diese Sichtbarkeit der Intelligibilität und Übersetz- barkeit zumindest anzunähern. Dass dabei ein ›rest‹ bleibt, der sich der Ver- ständlichkeit entzieht, macht das unheimliche dieses Prozesses aus. Im letzten Teil des Kapitels, überschrieben mit »gemeinschaften haben gewicht«, ortet Bhabha im Begriff der gemeinschaft den Baustein eines mino- ritären gegendiskurses, der die rolle eines »antagonistischen Supplement[s] der Moderne« spielt: gemeinschaft sei »das Territorium der Minorität, das die Forderungen der Bürgerlichkeit bedroht; in der transnationalen Welt wird

27 Bhabha 1994, 225.

28 Im Sinn von umberto ecos unterscheidung zwischen intentio auctoris, intentio operis

und intentio lectoris. Vgl. eco 1990, 22f.

29 Bhabha 1994, 227.

sie zum grenz-Problem des in der Diaspora lebenden, des Migranten, des Flüchtlings« (346), zugleich konstituiert die gemeinschaft auch den Ort und die Zeit der Übersetzung, »durch die hindurch Minoritäten-gemeinschaften ihre kollektiven Identifikationen verhandeln« (ebd.). Übersetzung – gemeint ist kulturelle Übersetzung, das performative staging of difference – wird hier zu einem restlos positiven Begriff, letztlich zu einer politischen Hoffnung: man kann an dieser Stelle an Bachmann-Medicks Formulierung von der »Notwen- digkeit kultureller Übersetzungen« zurückdenken. Ich komme nach diesem Durchgang durch den Text des Kapitels zu mei- nen leitfragen zurück, die ich im ersten Teil meines aufsatzes formuliert habe:

Erstens, was genau ist das Objekt der Theoriebildung, dem Bhabha nach Mieke Bals Auffassung Respekt zollen sollte? Zweitens, für wen und in wessen Namen schreibt Bhabha, wenn er den Begriff ›translationaler Kulturen‹ ein- führt? Drittens, wem ist die inflationäre Entwertung des Begriffs anzulasten? Die erste Frage lässt sich nicht anders beantworten, als dass das Objekt der theoretischen anstrengungen eigentümlich unscharf bleibt, insofern Bhabha sich die Freiheit nimmt, zwischen der wortwörtlichen und der metaphorischen ebene des Übersetzungsbegriffs zu wandern, wie es ihm beliebt – und insofern leistet er einer inflationären und manchmal auch beliebigen Verwendung des Begriffs zumindest Vorschub. Überall dort, wo die metaphorische ebene der Begriffsverwendung auf die Thematisierung der Sprache und der Verschieden- heit der Sprachen verzichtet, verliert sie ein wesentliches element des verbum proprium der Metapher: denn auch metaphorische Übersetzungsprozesse – das, was ich eingangs als die Übertragung von Vorstellungsinhalten, Werten, Denkmustern, Verhaltensmustern und Praktiken eines kulturellen Kontexts in einen anderen bezeichnet habe – geschehen vor diskursiven und das heißt sprachlichen Horizonten, vor dem Horizont der Verschiedenheit der Sprachen, die, wie Benjamin festgehalten hat, sich prinzipiell nicht restlos übersetzen las- sen. Was auch an Kulturen unübersetzbar bleibt – die kulturellen Differenzen, die sich der eingemeindung widersetzen – muss allerdings nicht notwendiger- weise in vollständiger analogie zu dem gedacht werden, was bei Benjamin den unübersetzbaren rest von Sprachen ausmacht. Benjamins messianisches Denken geht von einer vorläufigen unübersetzbarkeit aus, der als gegenbild die ganz und gar transparente und keine Übersetzung benötigende Sprache der Offenbarung gegenüber gestellt wird. Diesen Denk-Horizont hat Bhabha bei seiner Metaphorisierung von Benjaminschen gedanken ausgeklammert. MigrantInnenkulturen sind für ihn übersetzende Kulturen, die zugleich den unübersetzbaren rest der kulturellen Differenz performativ darstellen; auf die Dimension der Zukunft umgelegt, kann man aus dieser Darstellung, wenn man will, zwischen den Zeilen auch eine politische Hoffnung herauslesen, die eben den Plausibilitätsgrad einer Hoffnung besitzt.

es ist allerdings ein unterschied, ob man von übersetzenden Kulturen oder – wie es andere TheoretikerInnen tun, auf die ich gleich zu sprechen kommen werde – von übersetzenden Texten spricht. Das hängt mit der Frage zusam- men, für wen Bhabha schreibt, wem er seine Stimme leiht, in wessen Namen zu sprechen er beansprucht, wenn er den Begriff ›übersetzende Kulturen‹ einführt: im Wesentlichen nämlich für minoritäre und diasporische gemein- schaften, die in den ländern des sogenannten Westens leben. Die Frage der kulturellen Übersetzung stellt sich aber nicht nur für diese, und in dieser Hin- sicht ist Bhabhas Buch eben nicht als theory of everything zu lesen, sondern als eine Studie, die aus einem – berechtigten – partialen Standpunkt heraus geschrieben wurde. Was aus dieser partialen Perspektive bei Bhabha nicht thematisiert wird, möchte ich zum abschluss kurz umreißen. Ich beziehe mich dabei, gewisser- maßen synekdochisch, auf den Bereich der literatur, nämlich die englisch- sprachigen und frankophonen literaturen, die im gefolge des Kolonialismus geschrieben wurden und noch heute geschrieben werden. ein gutteil dieser Texte verdankt sich bekanntlich autorInnen, für die englisch oder Franzö- sisch die historisch dominante Sprache neben einer anderen, der historisch dominierten landessprache oder den landessprachen im Plural, darstellen und die nicht zwangsläufig MigrantInnen sein müssen, sondern eben aus dem Kontext von Nationen schreiben, die einmal Kolonien waren. Welche art von Übersetzung leisten solche autorInnen? Sie verfolgen jedenfalls, ebenso wie Joseph Conrad in Heart of Darkness, aber auf andere Weise, eine ›Poetik der Übersetzung‹, insofern sie auf eng- lisch oder Französisch von erfahrungen erzählen oder dichten, die in anderen Sprachen und in nicht-westlichen Kontexten gewonnen wurden. Paul Bandia bezeichnet in einer arbeit, die 2006 publiziert wurde, solche Texte als »trans- lating texts«: 30 Das sind literarische Texte, die vor ihrer allfälligen Überset- zung in eine andere als die ausgangssprache bereits in sich Übersetzungen im wortwörtlichen und im übertragenen Sinn enthalten. Solche Phänomene finden sich bei zweisprachigen autorInnen, die aus der in einer Diglossie-Situ- ation benachteiligten Sprache übersetzen und zusätzlich Formen der Münd- lichkeit in die Schriftlichkeit überführen. Zum Beispiel ist das für maghrebi- nische und westafrikanische autorInnen der Fall, die ihre erfahrungen, die sie vermittelt durch ihre jeweilige erstsprache gemacht haben, in ihre auf eng- lisch oder Französisch verfassten Texte einfließen lassen und dabei sprachliche Formen und erzählverfahren der traditionellen oralen literatur ihrer Kultur in die dominanten Sprachen hinübernehmen – das sind übersetzende Texte, und zwar im wortwörtlichen Sinn, indem sie aus einer Sprache in eine andere

30 Bandia 2006, 358. Paul Bandia, der aus Kamerun stammt, lehrt an der Concordia uni-

versität in Montreal.

übertragen, und auch im metaphorischen Sinn, indem sie kulturelle Formen und Äußerungsmodi in einen anderen Kontext überführen, in dem diesen dann ein anderer Stellenwert zukommt: eine performative Praxis wie die von Salman rushdie, die Bhabha zitiert. In meiner eigenen rezenten Forschung, die zum Teil der sardischen literatur in italienischer Sprache gewidmet ist, bin ich auf viele solcher im doppelten Sinn übersetzenden Texte gestoßen. 31 Die beschriebenen Textverfahren sind zweifellos Formen eines staging of dif- ference – und das, obwohl es sich nicht um MigrantInnenliteratur handelt. Solche Texte sind übersetzend auch in dem Sinn, als sie für ein Segment von leserInnen geschrieben werden, die die zugrunde liegenden übersetzten Sprachen nicht beherrschen. um die Fremdheit dieser ausgangssprachen sichtbar zu halten, greifen viele SchriftstellerInnen zu der Möglichkeit, ein- sprengsel der ausgangssprache in den anglophonen oder frankophonen Text hinein zu nehmen, einsprengsel, die für die nicht-indigenen leserInnen zwi- schen kontextueller Verständlichkeit und unverständlichkeit schwanken kön- nen. Die Übersetzungsleistung wird hiermit auf die Seite der leserInnen ver- schoben, auch das ein aspekt, der bei Bhabha ausgeklammert bleibt. Patrick Chamoiseau, ein autor aus der französischsprachigen Karibik, der selbst in einem stark kreolisierten Französisch schreibt, hat dazu folgenden schönen Text geschrieben, mit dem ich meine ausführungen beschließen will. Cha- moiseau schrieb diesen gedächtnistext für seinen italienischen Übersetzer Ser- gio atzeni, einen sardischen autor, der in seinen italienischsprachigen Texten selbst einschüben aus dem Sardischen breiten raum gewährt:

Wir haben lange und oft gesprochen, und ich sprach nicht mehr mit einem Übersetzer, sondern mit einem Verbündeten, in dem ich den autor ohne Zugeständnis und Kompromiss, weit weg von jeder eitelkeit, erkannte. Wir wünschten beide, dass die Sprachen ihren Hochmut verlieren und in die Demut der Sprechweisen eintreten sollten, der freien, der verrückten Sprechweisen, der Oszillationen, die sie für alle anderen Sprachen der Welt öffnen. […] Wir wünschten uns, dass eine Übersetzung vor allem die irreduzible undurchsichtig- keit jedes literarischen Textes ehren möge, damit in dieser Welt, in der endlich die Möglichkeit besteht, dass sie zu sich selbst findet, der Übersetzer der Hüter der Diversität [le berger de la Diversité] – werde. 32

Der Hüter, der Hirt, ist zugleich auch ein Bewahrer. Das ist aus dem Hori- zont der literatur und der literaturübersetzung gesprochen. Chamoiseaus Text enthält aber, denke ich, eine grundsätzliche Überlegung, die Homi Bhab- has ausführungen zur kulturellen Übersetzung hinzuzufügen ist: einen tiefen respekt vor der Differenz, der auf der anerkennung der und der liebe zu der Verschiedenheit der Sprachen beruht. Hybridität ist aus dieser Sicht nicht

31 Vgl. Wagner 2008.

32 Chamoiseau 1995, 22. Übersetzung B.W.

ein Wert an sich, sondern ein Mehr-Wert, der bestehende Werte hervortreten lässt.

l iter A tur

Theodor W. a dorno: Philosophische Terminologie . Bd. 1. Frankfurt/M. 1982 (zuerst 1973). Doris Bachmann-Medick: Übersetzung als Repräsentation fremder Kulturen. Berlin 1997.

Cultural Turns. Neuorientierung in den Kulturwissenschaften. reinbek bei Hamburg 2006. Mieke Bal: Travelling Concepts in the Humanities: A Rough Guide. Toronto 2002.

Kulturanalyse. Frankfurt/M. 2002.

Paul Bandia: African Europhone Literature and Writing as Translation. In: Translating Others, Bd. 2. Hg. v. Theo Hermans. Brooklands 2006, 349-364. Walter Benjamin: Die Aufgabe des Übersetzers. In: Gesammelte Schriften, Bd. IV-1. Frankfurt/M. 2002.

Medienästhetische Schriften. Frankfurt/M. 2002.

Homi K. Bhabha: The Location of Culture. london/New York 1994.

Die Verortung der Kultur. Dt. von Michael Schiffmann und Jürgen Freudl. Tübingen 2000.

Adagio. In: Edward Said. Continuing the conversation. Hg. v. Homi K. Bhabha und W.J.T.

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Homi BHaBHa & tHe 40 tHieves

zur KulturwissenscHaftlicHen Konzeptualisierung nationaler stereotypen

clemens rutHner (DuBlin)

eine der vornehmlichsten aufgaben für eine postkolonial inspirierte litera- tur- und Kulturwissenschaft könnte sein, anhand von kulturellen Texten das Ineinander von repräsentation, Machtstrukturen und Identitätskonstruk- tionen aufzuzeigen – in Form einer Imagologie, 1 die sich auch um kritische anschlussfähigkeit an eine gegenwärtig boomende Bildwissenschaft 2 bemüht. Die auseinandersetzung mit den literarischen ›Selbst- und Fremdbildern‹, ›Stereotypen‹ 3 etc. führt jedoch zu theoretischen aporien und damit in jene Sackgasse zurück, in die die sogenannte Komparatistische Imagologie in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts geraten ist. Weist uns hier Homi Bhabha einen ausweg – oder ist er gut poststrukturalistisch der endgültige road block? Der vorliegende Beitrag 4 möchte eine kritische Neusichtung vorhandener theoretischer ansätze initiieren, die es für die kulturwissenschaftliche Text- analyse zu operationalisieren gilt. Denn wie es scheint, unterliegt der Wech-

1 Vgl. dazu die repräsentative Zusammenschau von Manfred Beller und Joep leersen:

Imagology. The cultural construction and literary representation of national characters. A critical survey. amsterdam/New York 2007.

2 Vgl. Klaus Sachs-Hombach: Bildwissenschaft. Disziplinen, Themen, Methoden.

Frankfurt/M. 2005; Hans Belting: Bild-Anthropologie. Entwürfe für eine Bild-Wissenschaft. München 2005; gottfried Boehm: Was ist ein Bild? München 2006; W.J.T. Mitchell: Bild- theorie. Hg. v. gustav Frank. Frankfurt/M. 2008.

3 Vgl. dazu etwa den repräsentativen Überblick von Michael Pickering: Stereotyping. The

Politics of Representation. Basingstoke/New York 2001.

4 Bei diesem handelt es sich um die stark überarbeitete Neufassung eines im kleinen rah-

men erschienenen Beitrags zur Festschrift roland Duhamel (Kontakte und Kontraste. germa- nistische Mitteilungen 67, Brüssel 2008). Darüber hinaus situiert sich der vorl. aufsatz zur ›Bildpolitik‹ der literatur im rahmen meines größer angelegten Forschungsprojektes Kon- struktionen des (balkanisch) Fremden: Bosnien-Herzegowina in kulturellen Texten Öster- reich-Ungarns und Deutschlands, 1878-1918. Ziel dieses unterfangens ist es, die kulturelle Inbesitznahme und Kolonisierung Bosnien-Herzegowinas durch die k.u.k. Monarchie kritisch zu beleuchten und damit zentrale Diskurs(element)e des späten habsburgischen Staates – vor allem seinen vorgeblichen ›Multikulturalismus‹ und die bosnische ›Friedens- und Kulturmis- sion‹ – kritisch zu hinterfragen; weiters soll auf die politischen, kulturellen und literarischen Nachwirkungen (die longue durée) des Vorstellungskomplexes vom ›österreichischen Orient auf dem Balkan‹ bis hin zu Peter Handke, Juli Zeh und Norbert gstrein gezeigt werden. Vgl. Clemens ruthner: Habsburg’s Little Orient. A Post/Colonial Reading of Austrian and German Cultural Narratives on Bosnia-Herzegovina, 1878-1918. Internetplattform Kaka- nien revisited. url: http://www.kakanien.ac.at/beitr/fallstudie/Cruthner5.pdf (Zugriff vom

7.4.2011).

sel der landschafts-, Stadt- und Menschenbilder in literarischen und kultu- rellen Narrativen nicht nur einem Wandel historischer rahmenbedingungen und subjektiver Faktoren (wie z.B. autorInnenperspektiven), sondern auch unterschwelligen Strategien, die weniger mit der Sozio- und Psychodynamik des ›individuell‹ in die geschichte eingebetteten Wahrnehmenden zu erklä- ren sind als mit der Präexistenz kollektiver Diskurssysteme und einer ihnen zugrunde liegenden Dynamik bzw. Rhetorik. In diesem Sinn soll eine hier unternommene Synthese mit Bhabhas Stereotypen-Theorie zu einem vorläu- figen abschluss gebracht werden und in einem ergiebigen wie überraschend aktuellen analysebeispiel münden: dem roman Der Amerikamüde von Fer- dinand Kürnberger (1821/79).

New

Criti C ism

vs.

k omp A r A tistische

i m A gologie

1958 inkriminierte rené Wellek auf dem Internationalen Komparatistenkon- gress von Chapel Hill eine neue Strömung innerhalb seines Faches:

One can not be convinced by recent attempts […] to widen suddenly the scope of comparative literature in order to include a study of national illusions, of fixed ideas which nations have of each other […] but is such a study still lite- rary scholarship? Is it not rather a study of public opinion useful, for instance, to a program director in the Voice of america and its analogues in other countries? 5

Der angesehene amerikanische literaturwissenschaftler Prager Herkunft warf hier der sog. Komparatistischen Imagologie polemisch vor, eine Hilfs- wissenschaft für öffentliche Meinungsmache zu sein, wenn nicht gar »Völkerpsychologie« 6 ; oder, philologischer formuliert: »nothing else but a revival of the old Stoffgeschichte […] at the price, however, of dissolving literary scholarship into social psychology and cultural history« 7 . In dieser Kritik sind bereits argumente vorweggenommen, denen sich später auch die Cultural Studies bzw. die Kulturwissenschaft(en) ausgesetzt sahen: näm- lich die auflösung des dem Kunstwerk immanenten ästhetischen Moments (»intrinsic«) zugunsten eines vagen und gemäß den ansprüchen traditioneller Philologie nicht unproblematischen politischen Kontextes (»extrinsic«). 8

5 rené Wellek: Concepts of Criticism. New Haven 1963, 284f.

6 Hugo Dyserinck: Komparatistische Imagologie. Zur politischen Tragweite einer euro-

päischen Wissenschaft von der Literatur. In: Europa und das nationale Selbstverständnis. Imagologische Probleme des 19. und 20. Jhds. Hg. v. dems. / Karl ulrich Syndram. Bonn 1988, 13-37, hier 16.

7 Wellek, Concepts of Criticism, 285.

8 Vgl. ebd. 16 u. 32. Vgl. dazu auch die auseinandersetzung mit dem New Historicism bei

Moritz Baßler: Die kulturpoetische Funktion und das Archiv. Eine literaturwissenschaftliche Text-Kontext-Theorie. Tübingen/Basel 2005.

Die literaturwissenschaftliche Imagologie, der Welleks attacke galt, ist »ein von der französischen Komparatistenschule hervorgebrachtes Spezialge- biet, das sich mit der erforschung literarischer ›Bilder‹ (d.h. ›Vorstellungen‹ bzw. ›Stereotypen‹) vom ›andern land‹ befasst«. 9 Oder, wie Jean-Marc Moura definiert:

l’imagologie s’intéresse à un domaine fondamental de la littérature comparée:

les relations entre les écrivains et les pays étrangers telles qu’elles se tradui- sent dans les œuvres littéraires. Pour élaborer une image de l’étranger, l’auteur n’a pas copié le réel, il a sélectionné un certain nombre de traits jugés per- tinents pour sa représentation de l’altérité. l’imagologie décrit ces éléments, les rapproche des cadres historiques, sociaux et culturels qui en forment le contexte, et détermine ce qui appartient en propre à la création de l’écrivain. elle contribue ainsi à la connaissance d’auteurs dont la sensibilité s’est particu- lièrement éveillée au contact d’un pays (l'Italie de Stendhal, le Mexique de Mal- colm lowry), de vogues littéraires typiques d’une période (l’orientalisme des lumières, la germanophobie française d’avant 1914), ou de représentations de régions, de zones géographiques tenues pour cohérentes (l’Orient des romanti- ques, le Tiers Monde des écrivains d’après 1945). 10

Diese ›repräsentationen des anderen‹ sind narratologisch gesehen plot-ele- mente, also literarische Motive; 11 intermedial sind die ›images‹ aber auch mögliche Schnittstellen zwischen textgebundenen Diskursen und pictoral funktionierenden Bilderwelten. In einer mentalistischen Formulierung, 12 die sich an Kategorien des Chicagoer Bild-Theoretikers W.J.T. Mitchell 13 anle-

9 Dyserinck, Komparatistische Imagologie, 13. Später erklärte Dyserinck, die Imagologie

beschäftige sich »mit den Vorstellungen von ›Nationalcharakter‹, ›Volkscharakter‹, ›Beson-

derheit‹, ›Wesen‹ usw. fremder länder, insofern diese Bilder (›Images‹) in der literatur bzw. in einem mit der literatur zusammenhängenden geschehen entwickelt werden« (Hugo Dyse- rinck: Über neue und erneuerte Perspektiven der komparatistischen Imagologie angesichts der Reaktivierung der Beziehungen zum osteuropäischen Raum. In: Imagologica Slavica. Bilder vom eigenen und dem anderen Land. Hg. v. elke Mehnert. Frankfurt/M. u.a. 1997, 12-28, hier 13.) Vgl. auch die Definition von Manfred S. Fischer: Nationale Images als Gegenstand Vergleichender Literaturgeschichte. Untersuchungen zur Entstehung der komparatistischen Imagologie. Bonn 1981, 20.

10 Jean-Marc Moura: Imagologie / Social images. In: DICTL. Dictionnaire International des

Termes Littéraires. url: http://www.flsh.unilim.fr/ditl/Fahey/IMagOlOgIeSocialimages_n. html (Zugriff vom 7.4.2011).

11 Zu einem kulturwissenschaftlich erweiterten Begriff des literarischen Motivs vgl. Cle-

mens ruthner: Am Rande. Kanon, Kulturökonomie und die Intertexutalität des Marginalen

am Beispiel der (österreichischen) Phantastik im 20. Jh. Tübingen/Basel 2004, Kap. IV.

12 Die durchaus mit dem erwähnten Motivbegriff anschlussfähig wäre, wenn man näm-

lich literarische Motive als repräsentationen kognitiv-mentaler Schemata bzw. scripts ansieht (vgl. dazu ruthner, ebd., XXX). Zum Stereotyp als kognitivem Schema vgl. ruth amossy:

Die Idee des Stereotyps in der zeitgenössischen Diskussion [1991]. In: Wolfgang Freund / Cédric guimard / ralph S. Seidel: Begegnungen. Perspektiven interkultureller Kommunika- tion. Frankfurt/M./london 2002, 222-255.

13 Vgl. Mitchell, Bildtheorie, 20f.

hnt, sieht der deutsch-italienische Komparatist Manfred Beller the »ori- gin of all national-typological fictions« in »mental imaginations, ideas and Vorstellungsbilder[n14 und schreibt weiter: »we use the term image as the mental silhouette of the other, who appears to be determined by the charac- teristics of family, group, tribe, people or race. Such an image rules our opi- nion of others and controls our behaviour towards them.« 15 Jene »national characteristics« seien auch der »ethnocentric stock-in-trade of literature«, 16 ein »unconscious inventory of images and generalized prejudices about the other« 17 ; oder, mit Fokus auf die menschliche Wahrnehmung, »a pre-pro- grammed vision«, 18 »[where] real experiences and mental images compete« 19 . Der amsterdamer Imagologe Joep leersen geht hier (mit Foucault?) von einer latent kulturpessimistischen grundannahme aus: »The default value of human’s contact with different cultures seems to have been ethnocentric, in that anything that deviated from accustomed domestic patterns is ›Othered‹ as an oddity, an anomaly, a singularity.« 20 Implizit werden damit Texte wie auch Kulturen generell zum sublimierten Schlachtfeld eines ›Kampfes um Bedeutung‹, 21 den eine kritische Imagologie nachzuzeichnen vermag. 22 Diese Disziplin hat ihre »archeology« und »pre-history«: 23 als gründungs- akt der literaturwissenschaftlichen Imagologie im engeren Sinn gilt Jean-Ma- rie Carrés Vorwort Comment nous voyons vous entre nous […]? zu einer Publikation von Marius-François guyard aus dem Jahr 1951, die ein Kapitel mit dem Titel L’étranger tel qu’on le voit enthält. Die ansätze dazu reichen freilich bis in die frühen Tage der Komparatistik in Frankreich und dessen Nachbarländern zurück und wurden von Forscherpersönlichkeiten wie louis- Paul Betz (1861-1904), Fernand Baldensperger (1871-1958), Paul Hazard (1878-1944), Paul Van Tieghem (1871-1948) u.a. mit geprägt. 24 Konkreter historischer Hintergrund nach dem Zweiten Weltkrieg war die geisteswissen-

14 Manfred Beller: Perception, image, imagology. In: Beller / leersen, Imagology, 3-16,

hier 4.

15 ebd.

16 ebd., 6.

17 ebd., 11.

18 ebd., 7.

19 ebd.

20 leersen, Imagology, 17-33, hier 17.

21 Vgl. Beller, Imagology, 14. Vgl. auch John Mcgrath, zitiert nach Henri Tajfel: Gruppen-

konflikt und Vorurteil. Entstehung und Funktion sozialer Stereotypen. Bern/Stuttgart/Wien 1982, 40.

22 Vgl. Beller, Imagology, 11f. Vgl. auch lutz rühling: Bilder vom Norden. Imagines,

Stereotype und ihre Funktion. In: Imagologie des Nordens. Kulturelle Konstruktionen von

Nördlichkeit in interdisziplinärer Perspektive. Hg. v. astrid arndt u.a. Frankfurt/M. 2004,

279-300.

23 leersen, Imagology, 17.

24 Vgl. Dyserinck, Komparatistische Imagologie, 14; Ders., Über neue und erneuerte Per-

spektiven, 14; Marius-François guyard: La littérature comparée. Paris 1951.

schaftliche aufarbeitung des deutsch-französischen Verhältnisses und anderer ›nationaler‹ Spannungen in europa. Im anschluss an die erwähnte auseinandersetzung dieser ›französischen Schule‹ mit Wellek bzw. der amerikanischen Fachtradition, 25 die dem New Criticism entsprang und dementsprechend skeptisch gegenüber einer ›unäs- thetischen‹, d.h. historischen, sozialen und politischen grundierung der ana- lyse eingestellt war, entstand die Aachener Schule rund um den belgischen literaturwissenschaftler Hugo Dyserinck, die vor allem in den 1980er Jahren eine internationale literarhistorische erforschung jener nationalen images in angriff nahm. Parallel dazu formulierte Daniel-Henri Pageaux an der Nou- velle Sorbonne seine theoretisch wohl besser unterfütterte Konzeptualisierung der imagerie bzw. des imaginaire culturelle, die dieses als semiotisches Sys- tem zu fassen versucht: »The image of relations between the self and other, between inside and outside represents a cultural confrontation through which the individual subject or subject-group reveal their ideological horizon«. 26 Über die grenzen der Textwissenschaften hinaus existieren ansätze zur erforschung nationaler Typologisierungen auch innerhalb der Soziolinguistik, der geschichtswissenschaft sowie in sozialwissenschaftlichen Disziplinen, der Sozialpsychologie und der Kommunikationswissenschaft. 27

Zur

k ulturgeschichte

n A tion A ler

t ypologisierungen

Die Wirkungsgeschichte jener images (oder mirages) 28 selbst lässt sich in der westlichen Tradition bis in die frühe Neuzeit, wenn nicht gar bis in die rheto-

25 Vgl. auch Fischer, Nationale Images, 65f.

26 Beller, Imagology, 8; vgl. leersen, Imagology, 23f. aus Platzgründen kann auf diesen

interessanten ansatz nicht näher eingegangen werden. Vgl. dazu etwa Daniel-Henri Pageaux:

Image/Imaginaire. In: Dyserinck / Syndram: Europa und das nationale Selbstverständnis,

367-379; Ders.: De l‘imagolgie à la theorie en littérature comparée. Éléments de reflexion. In: Europa Provincia Mundi. Essays in comparative literature and European studies offered to Hugo Dyserinck on the occasion of his 65th birthday. Hg. v. Joep leersen / Karl ulrich Syndram. amsterdam/atlanta 1992, 297-307.

27 Vgl. etwa Josef Klein: Linguistische Stereotypbegriffe. Sozialpsychologischer vs. seman-

tiktheoretischer Traditionsstrang und einige frametheoretische Überlegungen. In: Sprachliche und soziale Stereotype. Hg. v. Margot Heinemann. Bern/Frankfurt/M. u.a 1998, 25-46; adam Schaff: Stereotypen und das menschliche Handeln. Wien/München/ Zürich 1980; wei- ters das Projekt »Historische Stereotypenforschung« des Oldenburger Osteuropahistorikers Hans Henning Hahn (www.bohemistik.de/hhhahn/index.html). Siehe auch den übernächsten abschnitt des vorliegenden Beitrags.

28 Dies ist der Term, der in der französischen Komparatistik verwendet wird. Vgl. Hugo

Dyserinck: Zum Problem des ›images‹ und ›mirages‹ und ihrer Untersuchung im Rahmen der Vergleichenden Literaturwissenschaft. In: Arcadia 1 (1966), 107-120. ein anderer gebräuch- licher Begriff ist lat. Imago.

rik der antike 29 zurückverfolgen. Sieht etwa götz Pochat den »asianismus«- Vorwurf griechischer und lateinischer autoren gegen fremde literaturen und Kulturen zusammen mit dem antiken »Barbaren«-Diskurs und der aristo- telischen Klimazonen-lehre als ersten Bezugspunkt, 30 so nennt Hans rothe als bekanntes frühes Beispiel die Türkenrede des Humanisten und späteren Papstes enea Silvio de Piccolomini (Pius II.) aus der Mitte des 15. Jahrhun- derts. 31 Hier wird davor gewarnt, dass bei mangelhaften Vorkehrungen die Völker europas über einander herfallen würden:

Damit daher die Christen sich des Friedens erfreuen können, muß man den Krieg auf auswärtige Völker hinüberspielen. Wenn es dazu kommt, werden weder die Deutschen in ihrem hehren Mut, noch die Franzosen mit ihrer ritter- lichen Beherztheit, noch die Spanier mit ihrem hochstrebenden Sinn, noch die Italiener mit ihrem ruhmbegierigen geiste fehlen. 32

In Piccolominis rede sind elemente auffällig, die im Folgenden wiederkehren werden: Zum einen werden zunehmend national kodierte – und sich verselb- ständigende – Bilder aus einer rhetorik von epitheta entwickelt; zum anderen dienen diese zu einer diskursiven grundierung der militärischen aggression gegen die Türken und zugleich der politischen einigung angesichts dieses äußeren Feindes, damit also der legitimation und Propaganda. ebenso wenig ist zu übersehen, dass hier eines der ersten – und problematischen – modernen Konzepte von (›West‹-)›europa‹ sinnfällig wird. auch der österreichische anglist Franz Stanzel beschreibt in seinem ima- gologischen essay über die europäische »Völkertafel« die Periode um 1500 als wichtige formative Schwellenzeit für nationale Typologien; als Faktoren nennt er die reformation, die frühneuzeitliche globalisierung durch die ent- deckungsfahrten, die einsetzende Kolonisierung der Neuen Welt sowie das

29 Bei Beller heißt es dazu: »the topical technique of legal reasoning […] becomes the first

significant carrier of stereotyped information and prejudices about other peoples and social groups in the shape of clichés« (Beller, Imagology, 8). Vgl. auch Wilfried Nippel: Classical Antiquity. In: Beller / leersen, Imagology, 33-44.

30 götz Pochat: Images in Kunst und Kunstwerk. Imagologie und Kunstgeschichte. In:

Europa und das nationale Selbstverständnis. Hg. v. Dyserinck / Syndram, 187-227, hier 189f.

31 Hans rothe: Fremd- und Eigenbilder von und über Slaven, vornehmlich über Russen

und Polen. In: Europa und das nationale Selbstverständnis. Hg. v. Dyserinck / Syndram, 295-319, hier 296. es gibt aber auch Indikationen für Stereotypenbildungen während des Mittelalters während der Kreuzzüge. Vgl. Michael Jeismann: Was bedeuten Stereotypen für nationale Identität und politisches Handeln? In: Nationale Mythen und Symbole in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Strukturen und Funktionen von Konzepten nationaler

Identität. Hg. v. Jürgen link / Wulf Wülfing. Stuttgart 1991, 84-93, hier Fußnote 4; ludwig Schmugge: Über ›nationale‹ Vorurteile im Mittelalter. In: Deutsches Archiv für Erforschung des Mittelalters 38 (1982), 439-459; Peter Hoppenbrouwers: Medieval peoples imagined. In:

Beller / leersen, Imagology, 45-62, insbes. 57.

32 Zitiert nach: rothe, Fremd- und Eigenbilder von und über Slaven, 296.

beginnende nation building der Sprachkulturen 33 – als Folge des Buchdrucks, wäre hier mit Benedict anderson 34 hinzuzufügen: »Die im Humanismus auf- brechende Polemik zwischen den aufsteigenden germanischen Völkern des Nordens und den absteigenden südländischen Völkern« unterstelle, so Stan- zel, den »gegensatz zwischen jugendlicher Vitalität der germanen und gei- stiger erschöpfung und altersschwäche«. 35 etwas allgemeiner ließe sich for- mulieren, dass parallel zum entstehen des modernen Individuums/Subjekts und seiner Psychologisierung zwischen renaissance und aufklärung auch die neue Metonymie der Nation rhetorisch mittels epitheta mit einer art von cha- rakteristischer Individualität (»a psychological proprium« 36 ) versehen wird. leersen sieht in diesem rahmen Julius C. Scaligers Poetices libri VII (1561) als wichtigen Schlüsseltext für die Festlegung nationaler Typologien: 37 »nations are now primarily ordered by temperaments, personality-attributes, characters.« 38 Scaligers enzyklopädische Neo-aristotelik schaffe eine art lite- rarischer Inventarliste, wie verschiedene Nationalitäten (darzustellen) seien; seine normative Poetik kenne etwa keinen Platz für einen witzigen Deut- schen. 39 Dieser Typenkatalog sei dann im gefolge der aufklärung bei Hume, Montesquieu, Voltaire, Vico und Herder weiter systematisiert worden. 40 Seit der Mitte des 19. Jahrhundert hätten sich dann, so Pochat, images völker- psychologischer art und nationalistische Tendenzen in der nach Stil- und Wesensausdruck ausgerichteten Kunstgeschichte immer wieder, manchmal in verhängnisvoller Weise, durchgesetzt. Prinzipiell beruht die national geprägte Stilkritik auf der annahme, daß sich der Charakter eines Volkes oder Stam- mes äußeren Stilimpulsen zum Trotz stets durchsetzt. Zu der früheren, imago- logisch bedeutsamen Klimalehre tritt nun die völkische Komponente hinzu. 41 Pochat bezieht sich hier ganz offenkundig auf die entdeckung des »Volkes« und seiner »Kultur« bei Herder und den romantikern, aber vor allem auf die pseudowissenschaftliche Formatierung nationaler Selbst- und Fremdbilder unter dem eindruck der Völkerpsychologie im ausgehenden 19. und frühen 20. Jahrhundert, die versucht, nationalen Kollektiven genauso wie dem Individuum gewisse psychische eigenschaften (den »Volksgeist«)

33 Vgl. auch Beller: Imagology, 11.

34 Vgl. Benedict anderson: Die Erfindung der Nation. Zur Karriere eines erfolgreichen

Konzepts [1983/88]. Berlin 1998, 46.

35 Franz K. Stanzel: Europäer. Ein imagologischer Essay. Heidelberg 1998, 28.

36 Joep leersen: The Rhetoric of National Character. A Programmatic Survey. In: Poetics

Today 21.2.2000, 267-292, hier 283.

37 Joep leersen: The poetics and anthropology of national character, 1500-2000. In: Beller

/ leersen, Imagology, 63-75, hier 64f.

38 ebd., 65.

39 ebd., 66f.

40 leersen, Imagology, 17f.

41 Pochat, Images in Kunst und Kunstwerk, 211.

gleichsam als »cultural DNa« 42 zuzuordnen. Diese Zuschreibungen erweisen sich zunehmend mehr oder weniger latent eingebunden in andere Diskurse wie Nationalismus, rassismus und (Sozial-)Darwinismus. 43 Mit den biolo- gistischen Hierarchisierungen von ›rasse‹, ›Volk‹ und ›geschlecht‹, die mit dieser Diskurs-Formation einhergehen, gewinnt der europäische Imperialis- mus ein wichtiges rhetorisches tool: die diskriminierende Festschreibung und Bewertung kultureller Differenz. Dieses diskursive Instrument wird denn auch im rahmen der kolonialistischen expansionsprojekte im 19. Jh. eingesetzt, um die »Inferiorität« außereuropäischer Völker und den daraus resultierenden »Bedarf« nach »Zivilisierung« zu begründen und als Topos festzuschreiben. Nach dem genozidalen Höhepunkt nationaler Typologien im umfeld der beiden Weltkriege des 20. Jahrhunderts sowie in dessen diversen anderen totalitären und rassistischen unternehmungen ist in der Postmoderne deren abflauen, Tabuisierung, aber auch künstlerische Ironisierung 44 zu bemerken; mit den politischen Wendezeiten in Zentral- und (Süd-)Osteuropa nach 1989 lässt sich aber wieder eine massive rückkehr der images in den Diskursen diverser Neo-Nationalismen verzeichnen. 45

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Die vorhin unternommene Skizze zur Vorgeschichte der Imagologie und ihres gegenstandes muss wohl mit der Feststellung enden, dass diese komparati- stische Subdisziplin allem anschein nach entweder in Verruf oder Vergessen- heit geraten ist – oder beides – und auch von einer gegenwärtig boomenden Bildwissenschaft nicht wirklich wieder aufgegriffen wurde. Zu diesem Trend mögen die mangelhafte bis aporetische theoretische reflexion der aachener Schule und ihrer Kooperationspartner in Verbund mit einer positivistischen Vorgehensweise beigetragen haben, die zwar eine große anzahl an Themen für Hausarbeiten und Dissertationen abwarf (›Das Bild von X in Y‹), 46 ohne dass einigermaßen klar wurde, welchem Zweck die auflistung vorhandener historischer Bilderwelten dienen sollte. Die Diskrepanz zwischen gründlicher

42 leersen, The poetics and anthropology of national character, 73.

43 Vgl. dazu die beiden exemplarischen Studien von george l. Mosse: Die Geschichte des

Rassismus in Europa. München 1990; elizabeth und Stuart ewen: Typecasting. On the Arts and Sciences of Human Inequality. A History of Dominant Ideas. New York 2006.

44 Fraglich bleibt freilich, inwieweit der ironische einsatz von althergebrachten nationalen

images diese zwar unterminiert, andererseits aber auch bekräftigt. Zum Verhältnis von Stere- otyp und Ironie vgl. leersen, The Rhetoric of National Character, 275, 280, 287.

45 Vgl. leersen, The poetics and anthropology of national character, 75.

46 anfällig dafür waren etwa auch Budapester Forscherpersönlichkeiten wie antal Mádl

oder gábor Kerekes, denen wir eine Vielzahl von arbeiten zum Thema ›Das ungarnbild in /

bei

verdanken.

empirischer Bestandsaufnahme und theoretischem Defizit sei darauf zurück- zuführen, »daß sich die Forschung in erster linie auf das Sammeln der Ste- reotypen und auf deren nachträgliche Korrektur konzentriert hat«, monierte etwa Michael Jeismann 1991. 47 Zudem erschien die Imagologie zur Zeit der

in the wake of Hans-

robert Jauss« vielen als »futile flogging of dead horses.« 48 Im Zentrum steht aber jene ästhetische Vermittlungsproblematik, die bereits Wellek in seiner Kritik angesprochen hatte und die seither immer wie- der formuliert worden ist. »unser Thema liegt etwas am rande der litera- turwissenschaft, und zwar auf der grenze zwischen literaturgeschichte und Soziologie«, schrieb Hermann Meyer in seiner Studie zum Holländer-Bild in der deutschsprachigen literatur (1963), was zu einer »doppelt[en] […] Ziel- setzung« führe: 49

Obsolet-erklärung des nationalen Paradigmas »[

]

1) »Welchen anteil hat die literatur am sozialen Prozeß der ausbildung des allgemeinen Bewußtseinsinhalts, der das Bild vom anderen Volke ist?« 2) »Was ist die literarische Seinsweise eines solchen in der Dichtung auftre- tenden Bildes, wie funktioniert es in der Dichtung?« 50

Ähnlich sah auch Thomas Bleicher 1980 »zwei Schwierigkeiten: zum einen erscheint das Image-System in einem einzelnen literarischen Werk nicht voll- ständig, allenfalls in mehr oder weniger großen System-ausschnitten, zum andern schließt das Image-System in sich Faktoren ein, die eine literaturwis- senschaftliche untersuchung von vornherein überschreiten.« 51 außerdem würde literatur nicht einfach images reproduzieren, sondern sie habe in ihrer konkreten ästhetischen ausformung manchmal ebenso die Fähigkeit zur Hinterfragung und Subversion von bestehenden Bilderwelten, zu »Images- ausgleich oder -aufhebung«. 52 ganz in diesem Sinne hatte Manfred Fischer,

47 Jeismann, Was bedeuten Stereotypen, 84. Jürgen links Projekt des »Interdiskurses«

gibt sich dagegen betont theoriebewusst.

48 leersen, The Rhetoric of National Character, 270.

49 Herman Meyer: Das Bild des Holländers in der deutschen Literatur. In: Zarte Empirie.

Studien zur Literaturgeschichte. Hg. v. dems. Stuttgart 1963, 202-224, hier 202.

50 ebd.

51 Thomas Bleicher: Elemente einer komparatistische Imagologie. In: Komparatische

Hefte 2 (1980), 12-24, hier 18.

52 ebd., 13. riesz spricht von der »Doppelfunktion« von Kunst zwischen Wiederholung

und Zerstörung von images (János riesz: Einleitung. Zur Omnipräsenz nationaler und eth- nischer Stereotype. In: Komparatistische Hefte 2 (1980) 3-11, hier 10), ganz im Sinne der ›Janusköpfigkeit‹ kultureller Bedeutungsproduktion zwischen affirmation und Subversion:

»The national unity which is sealed by Culture is shattered by culture« (Terry eagleton: The Idea of Culture. Oxford/Malden 2000, 62; die großschreibung von »Culture« referiert hier auf den Begriff kanonisierter ›Hochkultur‹, die Kleinschreibung auf den erweiterten Kultur- begriff der Cultural Studies, der populäre, marginalisierte, dissidente bzw. alternative Formen symbolischer Bedeutungssysteme mit einschließt).

Mitglied der aachener Schule und assistent Dyserincks, 1979 die folgenden drei Forschungsperspektiven entwickelt:

1. die »Historizität national-imagotyper Systeme« (gehen tlw. auf alte Mythen zurück);

2. nationale images als »elemente komplexer und übernationaler historischer Wechselbeziehungen sowie das Problem ihrer Konstanz und universali- tät«;

3. nationale images »als Strukturelemente eines ästhetischen Kontextes«. 53

In reaktion auf Welleks Vorwürfe, schrieb Fischer später, bedürfe es »einer strikten Berücksichtigung der ursprünglich spezifischen Seinsweise dieser Bilder sowie jener ästhetischen Funktion, die ihnen als kontextuellen Struk- turelementen literarischer Kunstwerke ursprünglich zufiel.« 54 Denn »[j]ede angestrebte entideologisierung nationaler Bilder, jede nachhaltige aufklä- rung über ihre unzulänglichkeit setzen eine gewissenhafte aufarbeitung ihrer geschichte voraus. […] Die historische analyse bleibt indessen zur unwirk- samkeit verdammt, solange sie sich im aufzeigen einzelner entwicklungsetap- pen« erschöpfe oder ›wahr‹/›falsch‹ als Kriterien für die Bewertung der images anlege. 55 Damit wird der positivistischen Katalogisierung entsprechender litera- rischer bzw. kultureller Selbst- und Fremdbilder, wie sie in früheren imago- logischen arbeiten erfolgte, eine absage erteilt. Jene Vorgehensweise zeigt sich zusätzlich durch die literaturtheorie der letzten Jahrzehnte (wie etwa bei umberto eco, Jacques Derrida und Paul de Man) verunmöglicht, die auf die prinzipiell offene, unabschließbare, ja ambivalente ästhetische Struktur von im weitesten Sinne ›literarischen‹ Texten hingewiesen hat, die eine Verallgemeine- rung im Sinne von historischen ›entwicklungsetappen‹ hintertreibt. Was also Not tut, ist eine spezifische analyse einzelner Texte, die ihre eingebunden- heit in ›real‹-historische Kontexte als Intertextualität von Diskursen begreift, die einer rhetorischen analyse zugänglich ist. 56 Dazu sind indes noch wei- tere einsichten in die Funktionsweise des kulturellen Fremd- und Selbstbildes nötig, wie sie andernorts erarbeitet wurden.

53 Manfred S. Fischer: Komparatistische Imagologie. Für eine interdisziplinäre Erfor-

schung national-imagotyper Systeme. In: Zeitschrift für Sozialpsychologie 10 (1979), 30-44, hier 31.

54 Manfred S. Fischer: Literarische Seinsweise und politische Funktion nationenbezogener

Images. Ein Beitrag zur Theorie der komparatistsichen Imagologie. In: Neohelicon 10 (1983), 251-274, hier 261.

55 Fischer, Komparatistische Imagologie, 35.

56 Vgl. hierzu auch Baßler, Die kulturpoetische Funktion und das Archiv.

s t e r e o t y p e n - f o r s c h u n g

n A c h

w A l t e r

l i p p m A n n

For the most part we do not first see, and then define, we define and then see. 57

The way in which the world is imagined determines at any particular moment what men will do. 58

[…] whatever we believe to be a true picture, we treat it as if it were the envi- ronment itself. 59

Drei kurze, aber repräsentative Zitate aus Public Opinion (1922), einem eher essayistischen, aber Impuls gebenden Werk des amerikanischen Publizisten Walter lippmann, mit dem die sozi(alpsych)ologische Stereotypen-Forschung ihren anfang nahm; 60 sie illustrieren zugleich die beiden Positionen, zwischen denen im Prinzip jede Konzeptualisierung des Phänomens pendelt: Mentalis- mus und Konstruktivismus. 61 lippmann bezeichnet Stereotypen als »the pictures in our head«: 62 »sozio-kulturell gefrorene Bilder« 63 , die mit sozial etablierten in- und out- groups zusammenhängen, 64 bzw. Identität stiftende elemente des kulturellen gedächtnisses; diese sind, wie spätere ForscherInnen herausgearbeitet haben, auf drei ebenen wirksam: kognitiv (Vorstellungen, Bilder), affektiv (gefühle), konativ (Disposition für Verhalten). 65 Stereotypen sind also keineswegs neu- trale 66 rhetorisch-kognitive Mittel zur Verallgemeinerung bzw. Komplexitäts- reduktion 67 , sondern damit auch Formen symbolischer Machtausübung 68 im rahmen gesellschaftlicher und internationaler Machtverhältnisse: »es sind,

57 Walter lippmann: Public Opinion [1922]. New York/london/Toronto 1966, 81.

58 ebd., 16.

59 ebd., 4.

60 Vgl. dazu Pickering, Stereotyping, 16f.; ewen / ewen, Typecasting, 3f.

61 Diese Haltung dann kommt etwa auch dann zum ausdruck, wenn Beller die kulturellen

images des anderen in anlehnung an die Kognitionswissenschaft als »mental pictorial repre-

sentation« bezeichnet (Beller, Imagology, 4). Vgl. andererseits den Konstruktivismus etwa bei leersen, The Rhetoric of National Character, insbes. 270.

62 lippmann, Public Opinion, 3.

63 Michael Schratz: Interkulturelles Lernen als Erinnerungsarbeit. In: Interkulturelles

Zusammenleben. Aber wie? Hg. v. dems. / gabriele Fuchs. Innsbruck 1994, 137.

64 Änne Ostermann / Hans Nicklas: Vorurteile und Feindbilder. Weinheim/Basel 1984, 25f.

65 ebd., 16f.

66 lippmann, Public Opinion, 63.

67 Vgl. Beller, Imagology, 8: »The stereotype combines minimal information with maxi-

mum meaning.« Vgl. etwa auch Tajfel, gruppenkonflikt und Vorurteil, 40f.; amossy, Das Idee des Stereotyps in der zeitgenössischen Diskussion, insbes. 242f.

68 Zum Begriff der »symbolischen gewalt« bzw. »Macht« vgl. etwa Pierre Bourdieu: Die

verborgenen Mechanismen der Macht. Hamburg 1992, 81-86; Ders.: Die männliche Herr- schaft [1998]. Frankfurt/M. 2005.

wie schon Dyserink schreibt, von Menschen hergestellte ›gegenstände‹, die wieder auf die Menschheit einwirken können, wobei es später u.u. nicht ein- mal mehr möglich ist, diese einwirkung hinreichend zu kontrollieren bzw. in den griff zu bekommen.« 69 Das von lippmann geschaffene untersuchungsfeld wurde innerhalb der Sozialpsychologie und Kommunikationswissenschaft der 1970er und 1980er Jahre, von Forschern der Social Identity-Tradition wie John C. Turner, Henri Tajfel und Serge Moscovici weiter bearbeitet. 70 aus Tajfels zentralem Text Social Stereotypes and Social Groups (1981) stammt auch folgende aufli- stung von »key functions«, die charakteristisch für die Wirkungsweise von Stereotypenbildungen seien: 71 »social causality«: sie erklären komplexe und problematische ereignisse; »justificatory«: sie dienen z.B. der diskursiven legitimation von Kriegen und anderen sozialen Handlungen; »differentiation from other groups (identity function)«: Selbstbestätigung durch Bilder des Fremden; »variations of themes«: Stereotypen ändern sich selten drastisch; »self-stereotyping«: die Produktion von auto-Stereotypen und Übernahme von Hetero-Stereotypen 72 durch die betroffene gruppe selbst; »outgroup homogenity effect«: Komplexitätsreduktion dem anderen oder Fremden gegenüber.

69 Dyserinck, Komparatistische Imagologie, 26. In der Formulierung lippmanns heißt

es, das Stereotyp sei »not merely a short cut. […] It is the guarantee of our self-respect; it is the projection upon the world of our own sense of our own value, our own position and our own rights. The stereotypes are, therefore, highly charged with the feelings that are attached to them. They are the fortress of our tradition, and behind its defenses we can continue to feel ourselves safe in the position we occupy« (Public Opinion, 64).

70 Für einen Überblick vgl. etwa Steve reicher / Nick Hopkins / Susan Condor: The Lost

Nation of Psychology. In: Beyond Pug’s Tour. National and Ethnic Stereotyping in Theory and Literary Practice. Hg. v. Cedric C. Barfoot. amsterdam/atlanta 1997, 53-84, hier 63f.;

Marco Cinirella: Ethnic and National Stereotypes. A Social Identity Perspective. In: ebd.,

37-51.

71 Zitiert nach: Cinirella, Ethnic and National Stereotypes, 45f. In einer anderen Formu-

lierung unterscheidet Tajfel zwischen der Nutzung von Stereotypen durch das Individuum

] und zum Schutz sei-

nes Wertsystems«) und ihrer kollektiven Funktion für gruppen: »1. Komplexe und gewöhn-

(»als Hilfe bei der kognitiven Strukturierung seiner sozialen umwelt [

lich unangenehme soziale ereignisse in der gesamtgesellschaft verstehen, 2. geplante oder ausgeführte Handlungen gegenüber Fremdgruppen zu rechtfertigen und 3. die eigene gruppe von bestimmten Fremdgruppen zu einer Zeit positiv zu unterscheiden« (Tajfel, Gruppenkon- flikt und Vorurteil, 57 u. 55).

72 Zur althergebrachten Dichotomie von auto- und Heterostereotypen vgl. etwa Joseph

l. Soeters / Mireille Van Tuywer: National and Ethnic Stereotyping in Organizations. In:

Beyond Pug’s Tou. Hg. v. Barfoot, 495-510, hier 498; Hugo Dyserinck: Die Quellen der Négritude-Theorie als Gegenstand komparatistischer Imagologie. In: Komparatistische Hefte 1 (1980), 31-40, hier 33f.

angesichts des steigenden Problembewusstseins, dass es sich bei Stereo- typen nicht nur um psychisch-kognitive Phänomene, sondern vor allem um Formen einer kulturellen Repräsentation des sozial, geschlechtlich oder eth- nisch anderen handelt, kam es schließlich zu einem (konstruktivistischen) »discursive turn« innerhalb der Forschung. 73 Wenn Stereotypisierung nun ein diskursiver apparat ist, dann setzt sich dieser wie jede Form der repräsen- tation bzw. Kommunikation aus mehreren interaktiven Faktoren zusammen. er umfasst also nicht nur die Produktion von Stereotypen (ihr encoding), sondern auch ihre Medialität (den channel ihrer Vermittlung), ihren Kontext sowie ihre rezeption (decoding); 74 auf diesen aspekt hat beispielsweise die französische Forscherin ruth amossy in einer Wiedergabe der zeitgenös- sischen Diskussion hingewiesen:

Das Stereotyp lässt sich als Äquivalent des standardisierten Objekts im kultu-

rellen Bereich verstehen, als das vorgefertigte, sich immer ähnelnde Bild, das

Seine umrisse sind

[jedoch] nicht eindeutig festgelegt: dem jeweiligen Kontext und der jeweiligen entzifferung entsprechend lösen sie sich unablässig auf und setzen sich neu zusammen. [ ]

monoton in den Bildern und in den Texten zirkuliert. [

]

Das Stereotyp existiert nicht als solches. es zeigt sich nur dem kritischen

Betrachter oder dem Benutzer, der spontan die Vorbilder seines Kollektivs wie- dererkennt. es taucht auf, wenn wir, indem wir die sogenannten charakteri- stischen attribute einer gruppe oder einer Situation auswählen, ein bestimmtes Schema rekonstruieren. Daher sollten wir besser von Stereotypisierung spre- chen, von der Tätigkeit, die aus der unüberschaubarkeit der Wirklichkeit oder

] Das Ste-

des Textes ein starres, vom Kollektiv geteiltes Muster heraushebt. [

reotyp ist eine programmierte lesart der Wirklichkeit oder des Textes. 75

So gesehen gäbe es keinen ausweg aus dem Stereotyp, denn noch eine kri- tische lektüre aktualisiert es. allerdings erwies sich in der Forschungsdis- kussion auch das einsinnige Konzept eines verzerrten und gesellschaftlich oktroyierten Bilds des anderen, wodurch das Stereotyp zu einem Paradefall für »falsches Bewusstsein« (Marx) bzw. »Hegemonie« (gramsci) wird, als wenig zielführend. Deshalb schlägt z.B. Michael Pickering (wie auch andere Forscher 76 ) ein alternatives Modell vor: Im Prozess des »othering« werden

73 Vgl. reicher u.a., The Lost Nation of Psychology, 71f.

74 Vgl. das Kommunikationsmodell von roman Jakobson bzw. Stuart Hall: Encoding/

Decoding. In: Culture, Media, Language. Working papers in cultural studies. 1972-1979. Hg. v. dems. u.a. london 1980, 128-138.

75 amossy, Die Idee des Stereotyps in der zeitgenössischen Diskussion, 222.

76 Vgl. etwa Beller, Imagology, 4 u. 7; gottfried Niedhart: Perzeption und Image als

Gegenstand der Geschichte von den internationalen Beziehungen. Eine Problemskizze. In:

Deutschlandbilder in Dänemark und England, in Frankreich und den Niederlanden. Hg. v. Hans Süssmuth. Baden-Baden 1984, 79-86.

Bilder des eigenen und des Fremden auf einander bezogen und damit zu einer dynamischen einheit (oder vielmehr: Zweiheit), deren Pole nicht unabhängig von einander zu denken sind. 77 Schon Manfred Fischer von der aachener Schule hatte 1981 auf diese Verschränkung von Selbst- und Fremdbild hinge- wiesen:

Zu unterscheiden ist zwischen auto- und Heteroimages, die sich mit großer Wahrscheinlichkeit in ihrer genese gegenseitig bedingen, indem das ›Fremde‹ zur definitorischen abgrenzung des ›eigenen‹ herangezogen wird bzw. das ›Fremde‹ von der Warte und nach dem Maßstab des vorab angenommenen ›eigenen‹ bewertet wird. Mit einiger Sicherheit läßt sich vermuten, daß in einer großen anzahl von Fällen auto- und Heteroimages die beiden Seiten ein und derselben Medaille ausmachen. Nachweislich gibt es auch Fälle, in denen das Heteroimage zur gewinnung eines autoimages übernommen und anerkannt wurde. 78

h o m i

b h A b h A s

i n t e r v e n t i o n

einen der wichtigsten rezenten Beiträge zur epistemologischen Komplexität dieser Dyadenstruktur des eigenen und des Fremden hat nun Homi Bhabha mit seinem aufsatz The Other Question (1983) geleistet. 79 Der postkolo- niale Theoretiker sieht das Stereotyp als »a form of knowledge and identifi- cation that vacillates between what is always ›in place‹, already known, and something that must be anxiously repeated […]«, und er möchte genau diesen »process of ambivalence, central to the stereotype«, untersuchen. 80 Mit die- ser ambivalenz 81 hintertreibt das Stereotyp nämlich die Fixierung 82 seines

77 Pickering, Stereotyping, 47f.; vgl. auch Wolfgang Müller-Funk: Das Eigene und das

Andere/der, die, das Fremde. Zur Begriffsklärung nach Hegel, Lévinas, Kristeva, Waldenfels. Internetplattform Kakanien revisited, url: http:www.kakanien.ac.at/beitr/theorie/WMueller- Funk2.pdf (Zugriff vom 7.4.2011).

78 Fischer, Nationale Images, 20.

79 Homi Bhabha: The Other Question. Stereotype, Discrimination and the Discourse of

Colonialism. In: Ders.: The Location of Culture. london/New York 1994, 66-84.

80 ebd., 66.

81 auch leersen spricht von der »Janus-faced ambivalence« der Stereotype und ihrer

»contradictory nature«, ohne freilich auf Bhabha Bezug zu nehmen (leersen, The Rhetoric of

National Character, 279). amossy verweist darauf, dass der aspekt der ambivalenz schon bei lippmann angelegt sei (Die Idee des Stereotyps in der zeitgenössischen Diskussion, 240).

82 Vgl. leersens fruchtbare anregung, das Stereotyp mithilfe von Bachtins Chronotopos-

Konzept zu fassen als »a particular representational sphere [which] is created where time is seen to pass at a different rate then elsewhere« (Joep leersen: The Allochronic Periphery. Towards a Grammar of Cross-Cultural Representation. In: Barfoot, Beyond Pug’s Tour, 285- 294, hier 287).

Objekts, die z.B. der koloniale Diskurs leisten möchte, wenn er eine Hierar- chie zwischen Kolonialherrn und beherrschten Übersee-›Völkern‹ etabliert:

The objective of colonial discourse is to construe the colonized as a popula- tion of degenerate types on the basis of racial origin, in order to justify con- quest and to establish systems of administration and instruction […,] a form of governmentality that in marking out a ›subject nation‹, appropriates, directs and dominates its various spheres of activity. 83

Die aporetische Struktur dieses strategischen Wissenssystems besteht darin, »that the colonial discourse produces the colonized as a social reality which is at once an ›other‹ and yet entirely knowable and visible«; 84 das andere soll also anders sein (und es tunlichst bleiben 85 ), aber gleichzeitig durch den Kolo- nialdiskurs erfassbar, fixiert und reformiert werden. Diese letztlich unmögliche Bewegung einer diskursiven ruhigstellung des anderen – und damit einher- gehend der ›Wiederholungszwang‹ der an ihn geknüpften phantasmatischen Bilderwelten – hat Bhabha in weiterer Folge dazu gebracht, die rassistischen Stereotypen des Kolonialismus auch psychoanalytisch als »arrested, fetishi- stic mode of representation« 86 zu fassen – ein Modus, der in sich gebrochen und gleichsam in Form einer Naht ›zusammengeflickt‹ ist: »My concept of stereotype-as-a-suture is a recognition of the ambivalence«. 87 »Stereotyping« sei nicht

the setting up of a false image which becomes the scapegoat of discrimina- tory practices. It is a much more ambivalent text of projection and introjec- tion, metaphoric and metonymic strategies, displacement, overdetermination, guilt, aggressivity; the masking and splitting of ›official‹ and phantasmagoric knowledges to construct the positionalities and oppositionalities of racist dis- course. 88

Das Stereotyp wird damit nicht (nur) zu einer einsinnigen Brandmarkung, die – tiefenpsychologisch wie medial – auf den anderen projiziert wird, sondern es ist gleichfalls durch eine in sich aporetische Bewegung charakterisiert, die den kolonialen Diskurs intern destabilisiert. In einer ebenso psychoanalytisch inspirierten Intervention zur kulturellen repräsentation des Holocaust hat die nordamerikanische literatur- und

83 Bhabha, The Other Question, 70.

84 ebd., 71.

85 Bhabha (ebd., 86) bringt dies auf die berühmte Formel, der kolonialisierte andere

müsse aus der Sicht der Kolonialherrn »almost the same, but not quite« werden, weil sonst die hierarchiestützende Differenz wegfallen würde; das Projekt des Kolonialismus, andere

›Völker‹ zu ›reformieren‹ erweist sich damit als letztlich unerfüllbar, wenn nicht gar als faden- scheiniger Vorwand.

86 ebd., 76.

87 ebd., 80.

88 ebd., 82.

Filmwissenschaftlerin Karyn Ball darauf hingewiesen, dass die Bilder einer kulturellen gedächtnisarbeit 89 – und als solche sind Stereotypen und andere kulturelle images ja durchaus zu klassifizieren – auch mit dem narzisstischen Ich-Ideal eines Kollektivs zusammenhängen, dessen Supplement sie darstellen:

In his Introduction: On Narcissism (1914), Freud describes the emergence of an ideal ego as a puerile and idealized self-image that orients self-love (primary narcissism). He also refers to the subsequent emergence of a secondary-nar- cissistic ego-ideal as the disciplinary self-standard precipitated by the subject’s encounter with and absorption of the critical gaze of others. The concept of the ego-ideal may help us to understand individual and collective investments in particular memories or images of the past as subject formations that are responsive to social standards. extrapolating from Freud’s theorization of the ego-ideal, I would therefore like to suggest the companion term memory-ideal […]. 90

Dies passt nicht nur zum Konzept des Fetischismus bei Bhabha, sondern auch zu der zuvor referierten Idee, dass stereotype images Mittel der Selbstverstän- digung 91 einer Kultur sind; mit einer fotografischen Metapher gesprochen:

am Negativ des anderen wird das eigene Positiv erarbeitet. Das bedeutet frei- lich auch, dass diese Imagines phantasmatisch 92 sind und nicht durch ›Über- prüfung‹ an einer wie auch immer gearteten historischen ›Wirklichkeit‹ ›korri- giert‹ werden können, zumal sie auch – vom Wiederholungszwang getrieben – äußerst repetitiv sind. Wie bereits vorher festgestellt wurde, zeichnen sie sich weniger durch einen kognitiven als vielmehr einen affektiven Wert aus und sind als Diskurselemente ein Glaubenssystem und nicht überprüfbares Wissen

89 Vgl. etwa Jan assmann: Das kulturelle Gedächtnis. Schrift, Erinnerung und poli-

tische Identität in frühen Hochkulturen. München 1992; aleida assmann: Four Formats of

Memory. From Individual to Collective Constructions of the Past. In: Cultural Memory and Historical Consciousness in the German-Speaking World Since 1500. Hg. v. Christian emden / David Midgley. Bern 2004, 19-37.

90 Karyn Ball: Remediated Memory in German Debates about Steven Spielberg’s

Schindler’s List. Internetplattform Kakanien revisited, url: http:www.kakanien.ac.at/beitr/ fallstudie/KBall1.pdf (Zugriff vom 7.4.2011), 11.

91 Vgl. Dyserinck, Komparatistische Imagologie, 32, wo von der »erfahrung« die rede

ist, »wonach die Prozesse der Imago-Bildung in der regel weit aufschlußreicher sind für den Bereich, in dem sie entwickelt werden, als für denjenigen, den sie zum gegenstand haben.«

92 Schon Meyer spricht vom »starre[n], affektive[n] und letzten endes wahnhafte[n] Cha-

rakter der […] Bilder« (Das Bild des Holländers, 204). auf der anderen Seite behaupten diese Phantasmen hartnäckig ihre referentialität, und dies mag sein, was sie mitunter gefährlich – und zu einem Sprechakt – macht. Vgl. dazu Joep leersen: Image and Reality – and Bel- gium. In: Europa Provincia Mundi. Hg. v. dems. / Karl ulrich Syndram. amsterdam/atlanta 1992, 281-291, hier 289: »The real interest of imagology lies in the fact that it works on the interface between the world of literary representation and the world of political action. The specific nature of imagotypical discourse lies in the fact that it refers to empirical reality and that it does so by mimicking empirical report statements.« Wenn aber schon das Stereotyp realität mimt, dann ist freilich auch die mimikry des Subalternen, der dem Stereotyp ironisch ›genüge‹ zu tun trachtet, die mimikry einer mimikry. Siehe dazu im Folgenden.

– und, folgt man Bhabha, in ihrer internen epistemologisch-psychologischen Struktur ambivalent und widersprüchlich. In dieser postkolonial-dekonstruktivistischen Neuformulierung erweist sich das Stereotyp als anschlussfähig an weitere Kernthesen Bhabhas, die in den viel strapazierten Termen Hybridität und mimikry kristallisierten. letz- tere fasst der Theoretiker in seinem aufsatz Of Mimicry and Man: The Ambi- valence of Colonial Discourse 93 als Bewegung, mit der die Kolonialisierten die Verhaltensvorgaben ihrer Kolonialherrn erfüllen und gleichzeitig hinter- treiben:

[…] then colonial mimicry is the desired of the reformed, recognizable Other, as a subject of a difference that is almost the same, but not quite. Which is to say, that the discourse of mimicry is constructed around an ambivalence; in order to be effective, mimicry must continually produce its slippage, its excess, its difference. 94

Diese vergebliche wie subversive Bewegung der mimikry, die letztlich auch die scheinbar so feste Identität der Kolonialherrn subvertiert, hat ute Weber in ihrer Monografie zu genderkonstruktionen im indo-englischen Kolonialro- man wie folgt kommentiert:

Die ambivalenz dieses Konzepts besteht darin, dass es sowohl Ähnlich- keit (der Kolonialisierte wird wie der Kolonialherr – nämlich ›anglisiert‹) als auch Nicht-Ähnlichkeit (aber nicht ganz – nämlich nicht ›englisch‹) umfasst. Das Imitat muss hinsichtlich seines Status, seiner rechte und Freiheiten von dem Original unterscheidbar bleiben und wirft damit auch die beunruhigende Frage nach der Definition und Identität des Originals auf – ›was macht das typisch englische aus?‹. aus der Ähnlichkeit wird immer auch eine Bedrohung abgeleitet und so wird der Imitator häufig zum gegenstand von Parodie und Spott erklärt. 95 Im Folgenden arbeitet Weber unterschiede zu herkömmlichen Konzepti- onen des eigenen und des anderen heraus. Bei Bhabha könne die Fremdzu- schreibung nie so wirkungsträchtig (und als ›einbahnstraße‹) wie etwa in der (Foucault orthodoxer folgenden) Konzeption des »Orientalismus« bei Said 96

93 In: Bhabha, The Location of Culture, 85-92.

94 ebd., 86.

95 ute Weber: Von Sita zur neuen Frau. Die Darstellung der Frau im postkolonialen indo-

englischen Roman. Marburg 2003, 35.

96 Vgl. edward Said: Orientalism. New York 1978, 1f.: »The Orient is not only adjacent

to europe; it is also the place of europe’s greatest and richest and oldest colonies, the source of its civilizations and languages, its cultural contestant, and one of its deepest and most recurring images of the Other. In addition, the Orient has helped to define europe (or the West) as its contrasting image, idea, personality, experience. Yet none of this Orient is merely imaginative. The Orient is an integral part of european material civilization and culture. Orientalism expresses and represents that part culturally and even ideologically as a mode

ihre Definitionsmacht ausspielen, sondern sie zeigt sich in der Definition des eigenen und seiner Übertragung auf den anderen wie bereits angedeutet als instabil und latent bedroht:

Bhabha unterscheidet nicht zwischen einem Selbst und einem anderen, sondern zwischen einem Selbst und seinen Doppelgängern; nicht zwischen einer hei- mischen und einer fremden Kultur, sondern zwischen einer Mutterkultur und ihren Bastarden […]. entgegen den Thesen Saids geht Bhabhas Konzept der Hybridität davon aus, dass der Kolonialherr nie die vollkommene Kontrolle über den kolonialen Diskurs besitzt. Jede Vorstellung, die er dem Kolonialisier- ten vermittelt, wird im lichte der Kultur des anderen wiedergeboren, erneuert und uminterpretiert, und ist so aus der Sicht des Kolonialherrn immer bis zu einem gewissen Maße gefährdet. 97

Dieses Beharren auf die im System der Stereotypisierung angelegte Instabili- tät der oktroyierten Bilder und die absage an deren totale Kontrollmacht als Diskurs ist vielfach als optimistische Wendung im Denken Bhabhas (gegen Said 98 ) interpretiert, aber auch für ihre philosophische Blauäugigkeit kriti- siert 99 worden – steht doch den Kolonisierten mit der industriellen Moderne des ›Westens‹ ein umfassenderes unterdrückungssystem gegenüber, das nicht nur auf kulturellen Bilderwelten, sondern vor allem auf administration und ökonomischer ausbeutung, auf ›real existierenden‹ Behörden, Polizei- und Militärapparaten beruht. Ohne hier auf diese gewiss berechtigte Kritik näher eingehen zu können, soll doch noch im Folgenden gezeigt werden, in welchen scheinbar ›unkolonialen‹ Texten uns Verfahren der mimikry und Identitäts- destabilisierung überraschend entgegen treten und damit das ursprüngliche unterfangen – die Fixierung des eigenen und des anderen im Stereotyp – nachhaltig und mit unleugbarer Didaxe unterminieren. So gesehen ist eine der errungenschaften von Bhabhas Theoretisierungsversuch, die Opposition von ›wahrer‹, ›authentischer‹ Identität und ›falschen‹ Stereotypen nachhal- tig dekonstruiert zu haben: vielmehr zeigen sich beide als – ambivalente und widersprüchliche – effekte von Sprache bzw. repräsentation.

of discourse with supporting institutions, vocabulary, scholarship, imagery, doctrines, even colonial bureaucracies and colonial styles […].«

97 Vgl. Weber, Von Sita zur neuen Frau, 35.

98 Vgl. etwa María do Mar Castro Varela / Nikita Dhawan: Postkoloniale Theorie. Eine

kritische Einführung. Bielefeld 2005, 85.

99 Vgl. etwa die Zusammenschau der Kritik ebd., 100f.

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f A llbeispiel:

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Vieles, was hier in Zusammenhang mit Homi Bhabha formuliert wurde, kann als fundamentale Hinterfragung des aachener Projekts einer »komparati- stischen« Imagologie verstanden werden. Zur Verteidigung jenes unterfan- gens muss allerdings hinzugefügt werden, dass es insbesondere im Bereich der reiseliteratur durchaus eine große Menge an affirmativen Texten gibt, die versuchen, die ambivalenzen der Selbst- und Fremdbildkonstruktionen, des eigenen und des Fremden, des sprechenden Subjekts und des besprochenen Objekts, die Widersprüche und aporien, die von der ihnen zugrunde liegen- den Spannung von angst und Begehren herrühren, ruhig zu stellen. Ihnen gegenüber situiert sich freilich auch eine Klasse literarischer Texte, die probie- ren, diesen problematischen repräsentationsapparat produktiv zu machen, indem sie ihn zu hintertreiben versuchen, was sie in eine überraschende Nähe zu Bhabhas Theoriegut rückt. Das im Folgenden skizzierte Fallbeispiel kann indes keinerlei anspruch auf Vollständigkeit erheben, wiewohl es ein interessantes und unerwartetes Fund- stück präsentiert: Ferdinand Kürnbergers roman Der Amerikamüde 100 (1855) fokussiert in satirischer Form die politischen Frustrationen der Nachmärz- restauration Österreichs und Deutschlands, indem er seinen Protagonisten, den Schriftsteller Moorfeld, 101 als auswanderer und Möchtegern-Farmer nach New York und Ohio schickt. es ist dies ein Parcours fast im Stil Karl Mays (denn der autor hatte die Vereinigten Staaten selbst nie betreten), eine zuneh- mend anti-utopische rundreise, die Moorfeld letztlich wieder zum von ame- rika enttäuschten Heimkehrer macht. Durch den Text zieht sich eine dichte auseinandersetzung mit ethnisch/national kodierten Bildern der kulturellen Differenz zwischen »den amerikanern« und »den Deutschen«, 102 die sich bereits im initialen Kontakt des Protagonisten mit seinem New Yorker Quar- tiergeber Staunton und dessen Familie anbahnt (vgl. Kap. I.2f.). gleichsam am rande dieses Mikrokosmos kommt es auch zu einer wei- teren bedeutungsträchtigen Begegnung mit einem afrikanischstämmigen Skla-

100 Im Folgenden zit. n. Ferdinand Kürnberger: Der Amerikamüde. Berlin 1985. Seiten-

nachweise im Haupttext in Klammern.

101 In ihm werden für den zeitgenössischen Insider deutliche anspielungen auf die Biogra-

fie des ungarisch-österreichischen Dichters Nikolaus lenau lesbar. Vgl. Hubert lengauer:

Nachwort. In: Kürnberger, Der Amerikamüde, 565-615, hier 567.

102 Zum amerikabild in der deutschsprachigen literatur der epoche vgl. etwa Wynfried

Kriegleder: Vorwärts in die Vergangenheit. Das Bild der USA im deutschsprachigen Roman von 1776 bis 1855. Tübingen 1999; Frank Trommler: Amerika und die Deutschen. Bestands- aufnahme einer 300-jährigen Geschichte. Hg. v. dems. Opladen 1986; alexander ritter:

Deutschlands literarisches Amerikabild. Neuere Forschungen zur Amerikarezeption in der deutschen Literatur. Hg. v. dems. Hildesheim/New York 1977.

ven, dem Hausdiener Jack. Denn Moorsfelds »Bedienung«, so heißt es, »lag in Jack, des Negers, Händen. Diese Person hätte ihm freilich nichts mehr als eine Maschine sein dürfen, wenn er amerikanisch korrekt dachte. aber so dachte er nicht. Zwischen ihm und dem Wollkopf spann sich manch zarter Faden« (88). es ist ein »Charakterzug von satirischer laune« (ebd.), der dieses seltsame Band knüpft: »Der Neger liebte es nämlich, auf eine eigen- tümliche art mit seinem Identitätsbewußtsein von Ich und Nicht-Ich zu spie- len: er setzte sein schwarzes Ich als Objekt und schimpfte im Charakter eines weißen Subjekts drauflos. Durch Haus und Flur konnte man ihn beständig mit, d.h. gegen sich hin brummen hören: achtung, Schwarzer esel!« (ebd.) Moorfeld lacht

anfangs über diese Sorte von Humor, aber eines Tages fiel es ihm plötzlich auf, was für ein Sinn darin lag. War’s nicht der nämliche Sinn, in welchem er selbst Herrn Staunton gegenüber sich der Ironie bediente? Tat das der Neger nicht auch, indem er die weiße rasse verspottete durch die Selbstverspottung seiner schwarzen? Welch gleichartiger Instinkt waltete hier? (89)

Moorfeld ist im roman zum guten Deutschen jener epoche stilisiert und somit auch ein erklärter gegner der Sklaverei (vgl. etwa 232f.) – wiewohl nicht ganz gefeit vor »Neger«-Stereotypen, die sich immer wieder, wie etwa auch in den zitierten Passagen deutlich wird, in seine Figurenperspektive stehlen. 103 Der Bruch mit diesem Stereotyp erfolgt indes durch das Verhalten des afroamerikaners, der sich der Trope der Ironie fähig zeigt, indem er sich in die Sprecherrolle seines Herrn versetzt, sich selbst als »esel« beschimpft und damit die sozial fixierten rollen von sprechendem Subjekt und bespro- chenem Objekt aufbricht. es ist dies einerseits ein Modellfall der Internalisie- rung diskriminierender Fremdbilder durch die Betroffenen, die andererseits im spielerischen umgang damit aufgehoben wird – ein Prozess, der ziemlich genau dem entspricht, was Bhabha mimikry nennt. Dies destabilisiert aber nicht nur die autorität von Mr. Staunton, Jacks weißem Herrn, sondern in weiterer Folge auch die Identität des deutschen Beobachters Moorfeld, der zu folgender reflexion anhebt:

Ist die Ironie die Muttersprache unterdrückter Nationalitäten? und wie ward unserem Freund, als er an europa zurückdachte und bemerken mußte, daß eben jetzt die Ironie die herrschende Form der europäischen literatur, aber auch ein Weltschmerz, Polenschmerz, Judenschmerz der herrschende Inhalt war? War er den Übeln, die man für Übel nur der alten Welt hielt, nicht entronnen, und fand er in der Neuen Welt etwa einen Deutschen- und Negerschmerz? Verhäng- nisvolle Fragen (89).

103

So wird er später im roman etwa New lisbon in Ohio als »Kaffernstadt« bezeichnen

(343).

Moorfeld, der Deutsche aus der revolutionszeit um 1848, der sich im all- gemeinen unterschwellig als angehöriger eines ›Kulturvolks‹ überlegen weiß (wenngleich in der alten Heimat von seinesgleichen politisch anachronistisch unterdrückt), nimmt in der sozial-ethnischen Hierarchie der fiktional konstru- ierten Neuen Welt eine merkwürdige Mittelstellung zwischen dem gebürtigen amerikaner und dessen schwarzem Sklaven ein. Immer wieder thematisiert der roman die betrügerische, großmäulige und unkultivierte Haltung 104 sei- ner »Yankee«-Figuren gegenüber den deutschen einwanderern (vgl. z.B. 157), die jene in der narrativen logik des Textes zwar moralisch und kulturell über- treffen, aber sich doch sozial den realen Macht-Verhältnissen fügen müssen. 105 (Nicht umsonst erzählt der roman in einer bitteren finalen Wendung von gewalttätigen ausschreitungen des amerikanischen mob gegen die deutschen underdogs in New York; vgl. Kap. III.5, 554-562.) In dieser Bedrängnis durch die widrigen umstände lernt der Deutsche – der später durch juristische Spitzfindigkeiten um seinen neuen landbesitz in den uSa gebracht wird – schon bald vom afrikanischen Sklaven. Mehr noch, er identifiziert diesen mit gruppen, auf die er in der Heimat selbst herab- geblickt haben mag, nämlich Polen und Juden (vgl. 442), um schließlich im »Negerschmerz« 106 seinen eigenen – und sich selbst – wiederzufinden. 107 Dabei suggeriert die rhetorik des Wortes »(wieder)finden« etwas nur halb richtiges, denn eigentlich verliert sich der Deutsche in diesem Moment, in dem alle ethnisch kodierten und von realen Machtzuständen getragenen iden- titären Verhältnisse in der Form uneigentlichen Sprechens kollabieren – in der Ironie, in dem von ihr antizipierten »Weltschmerz« und im Bewusstsein:

»amerika ist ein Vorurteil« (337). Wohl kommt es immer wieder zu einer kurzfristigen restabilisierung und re-ethnisierung der Positionen, in denen Identität trotzig behauptet wird – und mit ihr die stereotypischen epitheta:

104 Fokussiert im Term »Humbug«, der zu einem der leitbegriffe Moorfelds zu einer Cha-

rakterisierung der amerikaner wird, vgl. 371, 442.

105 Vgl. 413: »Wir haben freilich gut sagen, das Volk fürchtet instinktiv die deutsche gei-

stesüberlegenheit, von der es schon jetzt in allen Zweigen seines Nationallebens zehrt, und sein Haß müsse uns eigentlich schmeicheln«.

106 Zu antisemitischen und anderen rassistischen Vorurteilen mit einem Fokus auf die deut-

sche Kultur vgl. neben dem bereits erwähnten Werk von Mosse auch die arbeiten des ameri- kanischen germanisten und psychoanalytisch ausgerichteten Historikers Sander l. gilman,

z.B. Rasse, Sexualität, Seuche: Stereotype aus der Innenwelt der westlichen Kultur. reinbek

1992.

107

und tatsächlich liegt ja in der trotzigen Betonung der eigenen moralischen Überle-

genheit, in der Selbst-Behauptung entgegen einer als diskriminierend empfundenen sozialen unterlegenheit eines der wichtigsten Widerstandspotenziale von kulturellen Narrativen – sei dies nun das alte Testament oder das Bürgerliche Trauerspiel.

Die gesichter blickten verwittert, verwildert, vertiert mitunter und ließen mich häufig, unterstützt zumal durch die zigeunerhafte [!] unbestimmtheit der Klei- dungsstücke, zwischen männlichen und weiblichen irren. Desto merkwürdiger scharf zeichneten sich die Nationalitäten. Der spintisierende amerikaner, der phlegmatische Deutsche, der heißköpfige Irländer wurden auf den ersten Blick herausgefunden (407f., Hervorh. C.r.).

Die ebenso thematisierte unterminierung und Destabilisierung ist jedoch bei aller apologie des ›Nationalcharakters‹ und insbesondere eines ›besseren‹ Deutsch-Seins nicht aufzuhalten. Die letzte Pointe dieses Prozess aufzufinden obliegt freilich nur einem kritisch genauen lesenden: Denn eigentlich ist der Protagonist des romans, der auf 560 Seiten strategisch amerikanische und deutsche art und unart narrativ gegen einander aufrechnet (bis ihn der Text von der utopischen Hoffnung auf eine bessere Neue Welt kuriert in die frag- würdige Heimat zurückschickt), gar kein Deutscher im engeren Sinn! er ent- stammt vielmehr einer deutschsprachigen Minderheit von den rändern des Habsburger reiches und weiß sich dem ungarn fast ebenso nahe (vgl. 67f.) wie den Deutschen, die er in New Yorks Little Germany trifft (vgl. Kap. I.6 u. III.1), vielleicht in seiner liebe für ein gutes »golasch« sogar näher. Damit erweist sich die ›deutsche‹ Nabelschau des romans aber als Spiegelfechterei gegenüber den realitäten des österreichischen Vielvölkerstaats; die mimikry beherrscht der ungarndeutsche Protagonist und mit ihm der erzähler ebenso wie der Hausdiener Jack, wenn dieser schwarzes Objekt und weißes Subjekt strategisch ironisch vertauscht. Moorfeld ist sich in amerika ein anderer, seine Identität ein noch prekäreres unterfangen geworden, als sie dies schon war – und dies kann als das eigentliche didaktische Ziel identitätskritischer literatur gelten, die ihren Protagonisten ein Zuhause maximal in der diffé- rance oder der Melancholie bieten kann.

amBivalenz als appell

weiterfüHrenDe BemerKungen zu freuD, BHaBHa unD rutHner

Daniela finzi (wien)

Der Versuch, einen respondenz-Beitrag ohne Vorlage des ausgangstextes vorzubereiten, kann zu produktiven Missverständnissen führen. Bevor mir Clemens ruthners Vortrag vorlag, war mir bloß der schlussendlich veränderte (arbeits-)Titel bekannt: Ethnische Stereotypen als Fetisch: Überlegungen mit Bhabha zu einem Re-Launch kulturwissenschaftlicher Imagologie. und so habe ich – nicht zuletzt angesichts der gegenwärtigen Vorherrschaft des eth- nischen Narrativs in der Konfliktsemantik und des umstandes, dass ethnische Diskriminierung heute besondere internationale resonanz findet 1 – eine Zeit lang gedacht, dass der erste Teil des Titels eine ellipse wäre, und demnach das ausgesparte mit ›der Konflikttheorie‹, ›der Internationalen Politik‹, ›des medi- alen Diskurses‹ etc. ergänzt. »ethnische Stereotypen als Fetisch« lässt in der Tat beide lesarten zu, den Vergleich und – in elliptischer Formulierung – den Genetivus possessivus, und beide lesarten klingen auch in ruthners Überle- gungen an. eine kritische Sichtung der verschiedenen theoretischen ansätze der Kom- paratistischen Imagologie, wie sie von Clemens ruthner vorgenommen wurde, muss in der Tat mit der Bestandsaufnahme ihrer Sackgassen einhergehen. Die theoretische und methodologische reflexion der aachener Schule rund um Hugo Dyserinck bleibt, wie zu recht moniert wurde, trotz der Zurückwei- sung völkerpsychologischer Denkschemata und positivistischer Vorgehens- weisen unzureichend. In ihrer Praxis hat sich ein extensiver literaturbegriff, der auch literaturwissenschaftliche Texte oder aber Trivialliteratur umfassen würde, noch nicht durchsetzen können; doch auch ihr Fokus auf ›literarische Werke‹ wird deren ästhetischer Struktur als einer ambivalenten nicht gerecht. Indem ruthner den Versuch unternimmt, die theoretischen ansätze der Kom- paratistischen Imagologie zu »re-launchen« und nach der Funktionsweise 2

1 Vgl. dazu günter Schlee: Wie Feindbilder entstehen. Eine Theorie religiöser und eth-

nischer Konflikte. München 2006; sowie albrecht Koschorkes am 10.1.2008 im rahmen der

ringvorlesung des in Wien angesiedelten Initiativkollegs »Kulturen der Differenz. Transfor- mationen im zentraleuropäischen raum« gehaltenen Vortrag: »Wie werden aus Spannungen Differenzen? Feldtheoretische Überlegungen zur Konfliktsemantik«.

2 Vgl. dazu Maria Todorova: Der Balkan als Analysekategorie: Grenzen, Raum, Zeit.

In: Geschichte und Gesellschaft 3/2002, 470-492, hier 488: »Nicht nur sind Stereotypen – ob positiv oder negativ – nicht notwendigerweise falsch; noch öfter basieren sie auf wahren und beobachteten Merkmalen. es sind nicht die Inhalte dieser Merkmale, die ich hinterfrage,

von kulturellem Selbst- und Fremdbild fragt, landet er bei der soziologischen und sozialpsychologischen Stereotypen-Forschung und folglich bei Homi Bhabhas Stereotypen-aufsatz. Der traditionellen analyse kultureller und eth- nischer unterschiede – und darunter fällt auch ein großteil der arbeiten der Komparatistischen Imagologie – »die Bilder und Stereotype identifiziert und in einem nationalistischen oder moralisierenden Diskurs erörtert, welcher den ursprung und die einheit der nationalen Identität bestätigt«, erteilt Bhabha eine klare absage. 3 Ins Zentrum rückt er den für das Stereotyp zentralen Prozess der ambivalenz. Was Clemens ruthner die »aporetische Bewegung« nennt, zielt gleichfalls auf diesen Prozess der ambivalenz, deren Macht »die Verbreitung und akzeptanz des kolonialen Stereotyps« 4 zu verdanken ist. Zu dieser ambivalenz des kolonialen Diskurses sollen hier mit Bhabha einige ergänzende ausführungen angestellt werden. Denn wenngleich ich die Bedeutung und Wirkungskraft der immer schon vorauseilenden kollektiven Diskurssysteme, wenngleich ich also die »Prismen« (edward Said), durch die das andere wahrgenommen und wieder-erkannt wird, als unbestritten ansehe, so möchte ich doch im unterschied zu Clemens ruthner auf die von Bhabha analysierte und stark gemachte Kategorie des subjektiven Wahrnehmens und die »Prozesse der Subjektifizierung« 5 , die den auf Stereotypen beruhenden Diskurs erst möglich und plausibel machen, verweisen. Für das Bhabhasche Verständnis des Stereotypen sind sie zentral. Die ambivalenz betrifft nun nach Bhabha nicht allein das Stereotyp, betrifft nicht allein das Objekt des kolonialen Diskurses, sondern gleichfalls das Subjekt des Kolonialherrn, betrifft die BetrachterInnen wie auch die autorInnen literarischer und theo- retischer Texte über den Kolonialismus, über den anderen. Denn schließlich ist der Prozess der einbindung (der ZuschauerInnen, der leserInnen) und psy- chischen Identifikation stets ein ambivalenter. eine vereinfachte Sichtweise auf die ZuschauerInnen beziehungsweise die Sicht eines einheitlichen artikulati- onsortes kommt immer dann zustande, wenn dem Stereotyp ein Verständnis und Vertrauen entgegen gebracht wird, »als böte dieses zu jeder beliebigen Zeit einen sicheren Identifikationspunkt«. 6 Wenn sowohl dem unbewussten Pol des kolonialen Diskurses als auch dem Begriff des Subjektes geschlossen-

sondern ihr Status und ihre Funktion als Stereotypen, d.h. die exzessiven und festgelegten Verallgemeinerungen, die auf der grundlage von individuellen oder kollektiven (wenn auch realen) Merkmalen gemacht werden, und die daraus folgenden Instrumentalisierungen dieser Stereotypen für individuelles oder kollektives Handeln.«

3 Vgl. Homi K. Bhabha: Die Frage des Anderen: Stereotyp, Diskriminierung und der

Diskurs des Kolonialismus. In: Ders.: Die Verortung der Kultur. Tübingen 2000, 97-124, 100. Sämtliche Hervorhebungen bei Zitaten von Homi K. Bhabha wurden von Bhabha vor- genommen.

4 ebd., 98.

5 ebd.

6 ebd., 102.

heit und Kohärenz zugeschrieben werden, so ist es nicht länger möglich, die ambivalenz der Beziehungen von Wissen und Macht sowie die »Funktion des Stereotyps als Phobie und Fetisch« 7 zu erkennen. Seinen ansatz, der die ambivalenz der autorität der BetrachterInnen und ihrer Identifikations- ordnungen anerkennt, nennt Bhabha denn auch »Konzept des Stereotyps-als- BetrachterInneneinbindung (stereotype-as-suture)« 8 . Das immer durch auf- spaltung bedrohte Subjekt findet im Stereotyp seinen ursprung und Identität, die auf ablehnung und angst, Herrschaft und lust basiert. In diesem Sinne ist das Stereotyp als Fetisch zu denken: Das von Freud besprochene Problem der Kastration und die ableugnung der sexuellen Differenz wird bei Bhabha in ein setting von Fantasie und abwehr übersetzt, in dem das Verlangen nach einer ursprünglichkeit durch die unterschiede von rasse, Hautfarbe und Kul- tur bedroht ist. Diese Übersetzung ist nun aber nicht als reduktion auf ein innerpsychologisches Phänomen zu verstehen, sondern soll helfen, die effek- tivität des stereotypen Bildes als eine Verklammerung von Macht, Herrschaft, Widerstand und abhängigkeit zu begreifen. Wie können wir uns nun diese einsichten zu Nutzen machen, wenn sich doch daraus nicht so ohne weiteres eine Methode, eine anwendungsanleitung ableiten lässt? Bhabhas Sichtweise wirft die für die theoretischen Texte dring- liche Frage nach der repräsentation und repräsentierbarkeit der andersheit auf und konzeptualisiert die ambivalenz als eine Instanz, die Objekt und Sub- jekt des kolonialen Diskurses verbindet und nicht trennt. Bhabhas ausfüh- rungen zur ambivalenz und zum Konzept des »Stereotyps-als-BetrachterIn- neneinbindung« interpretiere ich als seinen Beitrag und als appell, der jede/n einzelne/n von uns als WissenschaftlerInnen angeht: das, die ›anderen‹ nicht zu marginalisieren, nicht zu ghettoisieren, sondern differenziert und damit gleichzeitig weniger – um in der Terminologie zu bleiben – fetischisiert zu den- ken. Denn dann – jetzt spreche ich in Bezug auf meine eigenen Forschungs- arbeiten, den Balkanismus und die Jugoslawienkriege der 1990er Jahre 9 – müssten vielleicht kulturelle grabenbrüche gar nicht erst konstatiert werden und würden vielleicht nicht länger Machtpositionen, die der Wissenschaftsdis- kurs vorgeblich zu dekonstruieren beabsichtigt, perpetuiert werden. 10

7 ebd., 107.

8 ebd., 118.

9 Dabei handelt es sich um eine Doktorarbeit mit dem Titel Unterwegs zum Anderen.

Literarische Er-Fahrungen der kriegerischen Auflösung Jugoslawiens und seiner Nachfolge-

länder aus deutschsprachiger Perspektive. Bei vorliegendem Beitrag handelt es sich in seiner grundstruktur um ein gekürztes unterkapitel dieser Doktorarbeit.

10 Vgl. dazu den aufsatz Judith Veichtlbauers: Das innere Ausland – der Balkan als Hin-

terhof Europas. In: Pulverfass Balkan: Mythos oder Realität: internationales Symposium. Hg. v. ders. / Penka angelova. St. Ingbert 2001, 125-149.

zu Homi K. BHaBHas tHeorem Der Kolonialen MiMikry

alexanDra stroHmaier (graz)

Der vorliegende Beitrag widmet sich dem von Bhabha in seinem aufsatz Von Mimikry und Menschen. Die Ambivalenz des kolonialen Diskurses 1 formu- lierten Theorem der kolonialen mimikry und ihren effekten. Das Theorem wird im Kontext der poststrukturalistischen Theoriebildung konturiert, wobei neben Positionen der Psychoanalyse, Derridas Iterabilitätskonzept und Butlers Begriff der Performativität als Prämissen der Bhabhaschen Konzeption sicht- bar werden. ausgehend von zwei Prätexten, die dem aufsatz Bhabhas einge- schrieben sind, Samuel Webers relektüre von Freuds essay zum Unheimlichen und Jacques lacans Seminar aus dem Jahr 1964, werden im ersten Teil des vorliegenden Beitrages psychoanalytische Präsuppositionen der Bhabhaschen Theoriebildung herausgestellt: Webers Konzeption der Kastration als Struktur des Subjekts, Freuds Überlegungen zum Doppelgänger sowie lacans Differen- zierung zwischen auge und Blick erscheinen als zentrale Implikationen des postkolonialen Theorems, anhand derer die Destabilisierung der kolonialen autorität, wie sie laut Bhabha durch »Mimikry als eine der am schwersten zu fassenden und gleichzeitig effektivsten Strategien der kolonialen Macht« 2 erfolgt, (psychoanalytisch) näher erläutert werden kann. 3 Im zweiten Teil des Beitrages werden die spezifischen Wirkungsweisen kolonialer mimikry anhand konkreter Beispiele aus der kolonialen afrikaliteratur deutschspra- chiger autorinnen aufgezeigt und in rekurs auf Positionen der poststruktura- listischen Zeichen- und Performanztheorie ansatzweise präzisiert.

1 Homi K. Bhabha: Von Mimikry und Menschen: Die Ambivalenz des kolonialen Dis-

kurses. In: Ders.: Die Verortung der Kultur. Tübingen 2000, 125-136.

2 ebd., 126.

3 Der rückgriff auf die Psychoanalyse im vorliegenden Beitrag impliziert dabei nicht,

dass diese als ahistorisches Wissenssystem mit universalem Wahrheitsanspruch verstanden wird. Die berechtigte Kritik an der Psychoanalyse als westlichem, patriarchalisch und imperi- alistisch strukturiertem Narrativ schließt aber auch nicht notwendig aus, dass deren Konzepte zur (Selbst-)Beschreibung der psychischen Ökonomie der kolonisierenden Subjekte genutzt werden können, wie im rahmen dieses Beitrages argumentiert werden soll.

p

s y c h o A n A l y t i s c h e

i m p l i k A t i o n e n

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p o s t k o l o n i A l e n

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heorems

Nach Bhabha ist »die koloniale Mimikry das Begehren nach einem reformier- baren, erkennbaren anderen als dem Subjekt einer Differenz, das fast, aber doch nicht ganz dasselbe ist4 Das koloniale System bedarf zu seiner auf- rechterhaltung der strukturellen Differenz zwischen den Subjekten der Koloni- sierung und den Kolonisierten, es verlangt nach einer/einem kolonialen ande- ren, die/der sich zwar den akteuren der kolonisierenden Kultur annähern soll, ihnen aber immer nur ähnlich, niemals gleich werden darf. Dadurch, dass der oder die andere in der kolonialen logik aber immer nur fast so sein kann wie das kolonisierende Selbst, aber eben nie ganz so, nie ganz gleich, wird dem Subjekt der Kolonisierung die Differenz im Zentrum seiner eigenen Identität vor augen geführt. es ist die irreduzible Differenz in der Ähnlichkeit der/des kolonialen anderen, was verunsichert, auch wenn oder gerade weil diese Dif- ferenz das ist, was das Subjekt der Herrschaft begehren muss. In diesem Sinn ist der koloniale Diskurs nach Bhabha »um eine ambivalenz herum konstru- iert […], die Mimikry muß beständig ihr eigenes gleiten, ihren Überschuß, ihre Differenz produzieren, um effektiv zu sein.« 5 Die Dezentrierung der kolonialen autorität durch die Konfrontation mit einer irreduziblen Differenz lässt sich als eine der Kastration analoge erfahrung verstehen, wie Bhabhas referenz auf Samuel Weber zu indizieren scheint. Mit seiner Charakterisierung des kolonialen anderen als »Subjekt einer Differenz, das fast, aber doch nicht ganz dasselbe ist« – im englischen Original »a subject of a difference that is almost the same, but not quite« 6 –, greift Bhabha eine Formulierung Webers auf, die er modifizierend wiederholt. In seiner relektüre von Freuds aufsatz zum Unheimlichen schlägt Weber eine revision der klassischen Konzeption der Kastration vor, indem er in anlehnung an lacan dafür plädiert, Kastration nicht länger als ein singuläres ereignis in der Psychogenese des Subjekts zu denken, sondern als eine für das Subjekt konstitutive Struktur. Kastration stellt sich nach Weber als entde- ckung einer fundamentalen Differenz dar, die fast nichts ist, aber nicht ganz:

»Castration is almost nothing, but not quite7 Ohne die phallozentrischen Implikationen der Freudschen und lacanschen Theoriebildung in der Kon- zeption Webers berücksichtigen zu müssen, kann man die Feststellung Webers

4 Bhabha, Mimikry, 126. Hervorhebung im Original.

5 ebd.

6 Homi K. Bhabha: Of mimicry and man. The ambivalence of colonial discourse. In:

Ders.: The Location of Culture. london/New York 1994, 121-131, hier 122. Hervorhebung im Original.

7 Samuel Weber: The sideshow, or: remarks on a canny moment. In: Modern Language Notes 88/1973, 1102-1133, hier 1112. Hervorhebung im Original.

mit Bezug auf lacans Konzeption der Kastration und deren Beziehung zum realen näher erläutern. auf einer grundlegenden ebene bedeutet Kastration in der Theorie lacans nicht den Mangel eines (realen oder imaginären) Organs, sondern die Konfrontation des Subjekts mit dem realen als einem unhintergehbaren »Mangel an Sein« 8 , der als letztlich leiblich bedingter das Sein des Sub- jekts begrenzt (aber auch – im Heideggerschen Sinn als Dasein – bedingt) und durch den Phallus signifiziert wird: »[l]e phallus a la fonction de signi- fiant du manque à être« 9 . In diesem Sinn fungiert »der Phallus als Signans leiblicher Nichtung« 10 , er zeichnet das Subjekt »mit dem Stigma radikaler endlichkeit« 11 : Der Mangel, mit dem das Subjekt der Kastration konfron- tiert wird, entzieht sich dem Symbolischen – das Nichts ist sprachlich nicht fassbar –, er ist aber nicht nichts (»not quite nothing«), sondern vielmehr für das Subjekt konstitutiv, zumal erst die anerkennung des Mangels das Subjekt instituiert. Die annahme der Kastration eröffnet dem Subjekt eine Position im Symbolischen – der Phallus symbolisiert dabei (als »Buchstabe des Mangels des Buchstabens« 12 ) die für das Symbolische konstitutive leerstelle, die das gleiten der Signifikanten ermöglicht –, setzt das Subjekt aber gleichzeitig der irreduziblen Differentialität im Spiel der Zeichen und mithin einer radikalen Dezentrierung aus, die in der Wiederholung gründet. Die dezentrierende Funktion der Kastration scheint nach Weber auch im unheimlichen auf, das er als rekurrenz oder reaktivierung der Kastration bestimmt. als paradigmatische erscheinungsform des unheimlichen disku- tiert Weber, Freud folgend, die Figur des Doppelgängers. Diese impliziert nach Freud bzw. Weber eine radikale ambivalenz: Der Doppelgänger fungiert, wie Freud in anlehnung an rank argumentiert, einerseits als »eine Versicherung gegen den untergang des Ichs« 13 – das Ich vermeint durch Verdoppelung der Vernichtung zu entgehen, derart erlaubt der Doppelgänger eine Verleugnung der Macht des Todes –, andererseits verweist er gleichzeitig auf die unvoll- ständigkeit des Ich, indem dessen unvollkommenheit bzw. endlichkeit als Bedingung seiner Duplizierung, die dessen Identität und Singularität in Frage

8 Jacques lacan: Das Begehren, das Leben und der Tod. In: Ders.: Das Seminar.

Buch II (1954–1955): Das Ich in der Theorie Freuds und in der Technik der Psychoanalyse. Hg. v. Norbert Haas. Olten/Freiburg 1980, 281-298, hier 283.

9 Jacques lacan: Sur la théorie du symbolisme d’Ernest Jones. In: Ders.: Écrits. Paris 1966, 697-717, hier 710.

10 Hermann lang: Die Sprache und das Unbewußte. Jacques Lacans Grundlegung der

Psychoanalyse. Frankfurt/M. 1998, 294.

11 ebd.

12 Serge leclaire: Der psychoanalytische Prozeß. Versuch über das Unbewußte und den

Aufbau einer buchstäblichen Ordnung. Frankfurt/M. 1975, 160. Hervorhebung im Original.

13 Sigmund Freud: Das Unheimliche. In: Ders.: Gesammelte Werke. Bd. XII: Werke aus

den Jahren 1917–1920. Frankfurt/M. 1999, 227-268, hier 247.

stellt, sichtbar wird. 14 Strukturell scheint das Doppelgängermotiv durch das »Moment der Wiederholung des gleichartigen« 15 bedingt zu sein, das Freud in seinem essay als »Quelle des unheimlichen gefühls« 16 interpretiert und – allerdings ohne den Zusammenhang näher auszuführen – mit dem Wiederho- lungszwang in Verbindung bringt. Weber erläutert die ambivalenten effekte der Verdoppelung: »repetition, duplication, recurrence are inherently ambiguous, even ambivalent processes:

they seem to confirm, even to increase the ›original identity‹, and yet even more they crease it as its problematical and paradoxical precondition« 17 . Die Duplizierung des Ich im Doppelgänger erscheint als gleichzeitige affirmation und Negation originärer Identität, was Weber in dem angeführten Zitat unter impliziter Bezugnahme auf lacans Theorie der Ich-Konstitution (als psycho- genetisches und strukturelles Moment) zum ausdruck bringt, wenn er auf die Wiederholung als Bedingung des Originals verweist: Wie in lacans The- orem des Spiegelstadiums das (ab-)Bild des Ich im (Bild vom) anderen die Voraussetzung für die Konstitution des Originals (des Ich als effekt der iden- tifikatorischen aneignung der image de l’autre) bildet – und die Wiederho- lung dabei das Wiederholte (als vermeintliches Original) hervorbringt –, kon- stituiert der Doppelgänger nach Weber die »paradoxe Voraussetzung« einer »originären Identität«. Die von Weber herausgestellte konstitutive Bedeutung des Doppels für das (vermeintliche) Original, die zeichentheoretisch anhand der alterierenden Wiederholung erklärt werden kann, wie sie Derrida unter dem Begriff der Iterabilität fasst, 18 lässt Inauthentizität gerade als Bedingung von authentizität erscheinen, oder, wie es Culler in seiner erläuterung des Derridaschen Theorems der Iterabilität formuliert: Die »Iterabilität, die im Nicht-authentischen, im abgeleiteten, im Nachgeahmten, im Parodierten sich manifestiert, [ist] gerade dasjenige, was das ursprüngliche und authentische ermöglicht.« 19 Vor diesem Hintergrund erscheinen die kolonialen Subjekte der mimikry als unheimliche Doppelgänger, die der kolonialen autorität (auf- grund der vom kolonialen System strukturell geforderten Differenz) nicht nur die unvollständigkeit im Zentrum der eigenen Identität vor augen führen, sondern auch deren vermeintliche ursprünglichkeit radikal in Frage stellen.

14 Freud interpretiert diese doppelte Funktion psychogenetisch als eine Änderung des

»Vorzeichen[s] des Doppelgängers«, die mit der Überwindung des primären Narzissmus ein-

hergeht: »[a]us einer Versicherung des Fortlebens wird er [= der Doppelgänger] zum unheim- lichen Vorboten des Todes.« ebd.

15 ebd., 249.

16 ebd.

17 Weber, The sideshow, 1114. Hervorhebung im Original.

18 Zum Konzept der Iterabilität vgl. Jacques Derrida: Signatur Ereignis Kontext. In: Ders.:

Randgänge der Philosophie. Hg. v. Peter engelmann. Wien 1988, 291-314, hier 298.

19 Jonathan Culler: Dekonstruktion. Derrida und die poststrukturalistische Literaturtheo-

rie. reinbek bei Hamburg 1988, 134.

Die unvollständigen Doppelgänger dekonstruieren nicht nur das Original in der imitierenden Verdoppelung seiner kulturellen (In-)authentizität, sondern die Vorstellung von einem Original als solchem, indem sie dessen abhängig- keit von der (unvollständigen) Kopie im kolonialen anderen herausstellen. Die ambivalenz der mimikry, die darin besteht, zur Bestätigung der eige- nen Identität die Nicht-Identität des anderen zu begehren, diese aber gleich- zeitig als Bedrohung zu erfahren, lässt die Funktionsweisen der mimikry nicht nur analog zu jenen des Doppelgängers, sondern auch zu jenen des Fetischs erscheinen. Die ambivalente Simultanität von lust (in der narzisstischen Wahrnehmung vermeintlicher ganzheit) und angst (in der Bedrohung die- ser ganzheit durch das unvollständige Doppel) kennzeichnet auch die Wir- kungsweise des Stereotyps, das Bhabha »als eine Form des Fetischismus« 20 definiert. Die funktionale Äquivalenz von mimikry und Fetisch in der Theorie Bhabhas wird durch deren Bestimmung als ›Partialobjekt‹ angezeigt: Nach Bhabha »ist die Mimikry, wie der Fetisch, ein Teil-Objekt« 21 . In anlehnung an Freuds Konzeption des Fetischismus als Fixierung auf ein Partialobjekt kann der imaginäre Phallus bzw. dessen symbolisches Substitut im Fetisch als das verstanden werden, wodurch das in der Kastration aufscheinende Wissen um geschlechtliche Differenz sowohl verleugnet als auch – ex nega- tivo – (an-)erkannt wird. In der logik des kolonialen Diskurses impliziert die mimikry wie das Stereotyp als Fetisch bzw. Teilobjekt einerseits die Ver- leugnung kultureller Differenz – durch die evokation eines »Mythos des historischen ursprungs – ethnische reinheit, kultureller erstanspruch –« 22 , andererseits die radikale Konfrontation mit der eigenen unvollständigkeit, denn der Fetisch vermag den für das Subjekt in der Differenz erfahrbaren (unhintergehbaren) Mangel nicht zu verdecken. In diesem Sinn erscheint der Fetischismus nach Bhabha als »ein Hin- und Herschwanken zwischen der archaischen affirmation von ganzheit/Ähnlichkeit – in Freuds Begriffen: ›alle Menschen haben einen Penis‹; in den hier relevanten: ›alle Menschen haben dieselbe Hautfarbe/rasse/Kultur‹ – und der mit dem Fehlen und der Differenz verbundenen angst – bei Freud als ›einige haben einen Penis‹; in unserem Zusammenhang ›einige haben nicht dieselbe Hautfarbe/rasse/Kultur.‹« 23 Insofern die der mimikry immanente Differenz im kolonialen System strukturell angelegt ist, scheint dieses selbst die unheimlichen Doppelgän- ger hervorzubringen, die als Fetisch die Kastration der kolonialen autorität sowohl verdecken, indem sie dem Subjekt der Kolonisierung die Selbstpositi-

20 Homi K. Bhabha: Die Frage des Anderen. Stereotyp, Diskriminierung und der Diskurs

des Kolonialismus. In: Ders., Verortung der Kultur, 97-124, hier 109.

21 Bhabha, Mimikry, 134.

22 Bhabha, Frage des Anderen, 109.

23 ebd, 110.

onierung als Original und Ideal erlauben, als auch hervorheben, indem sie als paradoxale Voraussetzung (als inauthentische Kopien, die das Original her- vorbringen) für die Konstitution des kolonisierenden Subjekts in erscheinung treten. Die dadurch offenbar werdende gebundenheit der kolonialen auto- rität an ihr defizitäres Bild vom anderen weist die vermeintliche autonomie und ursprünglichkeit, auf denen das kolonisierende Subjekt seinen anspruch auf Herrschaft errichtet, als dezentrierende Illusion aus. Die Dezentrierung der imaginären Identität des kolonisierenden Subjekts durch die erfahrung seiner konstitutiven abhängigkeit vom kolonialen ande- ren erfolgt dabei auch, wie Bhabha unter impliziter Bezugnahme auf lacan ausführt, durch eine spezifische Dynamik von Sehen und gesehen-Werden und die diese strukturierende »Dialektik von auge und Blick« 24 . Diese entwi- ckelt lacan ausgehend »von der erscheinung des sogenannten mimétisme/der Mimikry« 25 in dem von Bhabha zu Beginn seines aufsatzes »Von Mimikry und Menschen« zitierten Seminar aus dem Jahr 1964. Die imaginäre Identität, die sich, wie lacan aufgezeigt hat, einem V-/ erkennen verdankt, bedarf des anblicks des anderen – des anderen als Objekt und des anderen als Subjekt: Das Ich ist sowohl auf den anderen als Imago angewiesen, in dem sich das Ich er- bzw. verkennt, 26 als auch auf den Blick des anderen, der den anblick des Ich erwidert. um Subjekt und Objekt des Blicks terminologisch zu unterscheiden, führt lacan in dem von Bhabha zitierten Seminar die Differenzierung zwischen auge und Blick ein, wobei er das schauende auge auf der Seite des Subjekts, den Blick auf der Seite des Objekts situiert. auge und Blick sind durch eine antinomische Beziehung cha- rakterisiert. Wenn das schauende auge auf den anderen sieht, so blickt die- ser immer schon zurück auf das Subjekt. Der Blick des anderen verhindert gerade, dass sich das Ich seiner selbst vergewissern kann, zumal der Blick des anderen auf das Ich von einem Punkt aus erfolgt, an dem das Ich ihn nie sehen kann. Diese antinomische Beziehung zwischen dem schauenden auge des Subjekts und dem Blick des Objekts charakterisiert lacan in dem von Bhabha zitierten Seminar in dem Satz: »Nie erblickst du mich da, wo ich dich

24 Jacques lacan: Linie und Licht. In: Ders.: Das Seminar. Buch XI (1964): Die vier

Grundbegriffe der Psychoanalyse. Olten/Freiburg im Breisgau 1978, 97-111, hier 109. Vgl. dazu auch rosa B. Schneider: »Um Scholle und Leben«. Zur Konstruktion von »Rasse« und Geschlecht in der deutschen kolonialen Afrikaliteratur um 1900. Frankfurt/M. 2003, 225. Schneider erläutert die Dezentrierung des kolonialen Subjekts in dem/durch das Feld des Sehens (als aspekt der kolonialen mimikry) in rekurs auf Žižek.

25 Jacques lacan: Die Spaltung von Auge und Blick. In: Ders.: Das Seminar. Buch XI,

73-84, hier 79.

26 Jedes Zu-sich-selbst-Kommen erweist sich als ein Zu-einem-anderen-Kommen, jedes

Sich-Kennen (me connaître) als ein Verkennen (méconnaître). Vgl. Jacques lacan: Subversion des Subjekts und Dialektik des Begehrens im Freudschen Unbewußten. In: Ders.: Schriften II. Weinheim/Berlin 1986, 165-204, hier 183.

sehe.« 27 Bhabha verweist in seinem aufsatz auf diese ambivalente Dialektik von auge und Blick, wenn er herausstellt, dass die koloniale autorität »durch den de-plazierenden Blick ihres disziplinären Doppels« 28 bedroht wird. Diese Bedrohung erfolgt dadurch, dass »der Blick der Überwachung als der de- platzierende Blick des Disziplinierten wiederkehrt« 29 . Oder in den Worten lacans: »Über das auge triumphiert der Blick.« 30 In dieser Beziehung von Sehen und gesehen-Werden wird das Subjekt von einer ähnlichen Struktur der Insuffizienz erfasst, wie sie die erfahrung der Kastration kennzeichnet. Die analogie zwischen der dezentrierenden Wirkung des Blicks und jener der Kastration wird in der Theorie lacans auch dadurch angezeigt, dass der Blick im Seminar von 1964 als objet petit a, das nach lacan den rest des realen im Symbolischen bezeichnet, definiert wird: Nach lacan symbolisiert »der Blick, als Objekt a, jenes zentrale Fehlen, das sich in der erscheinung der Kastration ausdrückt« 31 . Das reale konstituiert als dezentrierendes (traumatisches) Wissen um das Nichts als konstitutive grenze des Seins, als »grenze […] von woher etwas sein Wesen beginnt« 32 , ein unsymbolisierbares loch im Symbolischen, eine leerstelle, um die die Signifi- kanten kreisen, die sie aber nie ganz zu schließen vermögen. 33 Die koloniale mimikry bewirkt, so kann an dieser Stelle zusammenfassend festgehalten werden, eine radikale Destabilisierung der kolonialen autorität, die mitunter auf ein spezifisch strukturiertes intersubjektives Beziehungsge- schehen und dessen relation zur Kastration als Struktur des Subjekts und zum Feld des Sehens bedingt erscheint. Die dezentrierende Funktion scheint dabei primär aus den Beziehungen zu resultieren, die die Kastration als Struk- tur des Subjekts und die Dialektik von auge und Blick zu dem unterhalten, was man mit lacan als rest des realen im Symbolischen bezeichnen könnte. Das Unheimliche, das in der intersubjektiven Beziehung mit dem kolonialen anderen das vermeintliche Subjekt der Herrschaft heimsucht, scheint von dem herzurühren, was sich per definitionem der symbolischen Beherrschung

27 lacan, Linie und Licht, 97. Vgl. auch ebd., 109.

28 Bhabha, Mimikry, 127.

29 ebd., 131.

30 lacan, Linie und Licht, 109.

31 lacan, Die Spaltung von Auge und Blick, 83.

32 Martin Heidegger: Bauen Wohnen Denken. In: Ders.: Vorträge und Aufsätze. Pfullingen

1954, 145-162, hier 155. Hervorhebung im Original. Das oben angeführte Zitat Heideggers stellt Bhabha der einleitung in seinen Band Die Verortung der Kultur voran. Vgl. Homi K.

Bhabha: Einleitung. Verortungen der Kultur. In: Ders.: Verortung der Kultur, 1-28, hier 1. lacans Konzeption des realen als Mangel an Sein kann unter rekurs auf Heideggers »Sein zum Tod« näher bestimmt werden. Vgl. dazu das Kapitel »Nada.Nichts: Mangel an Sein – Sein zum Tod« in alexandra Strohmaier: Logos, Leib und Tod. Studien zur Prosa Friederike Mayröckers. München 2008, 219-239.

33 Vgl. dazu Slavoj Žižek: Liebe dein Symptom wie dich selbst! Jacques Lacans Psycho-

analyse und die Medien. Berlin 1991, 76.

widersetzt, auch wenn es für das Symbolische konstitutiv ist: das loch des realen im Symbolischen oder der »Mangel an Sein«. Nun erweisen sich Kastration und die gespaltenheit des Subjekts im Feld des Sehens – gemäß dem universalen anspruch der Psychoanalyse – ja als ahistorische Determinanten der Psyche eines jeden Subjekts. Was macht also, abgesehen von der strukturell angelegten Funktion der Differenz des anderen im kolonialen System, das Spezifische der intersubjektiven Konstellationen im kolonialen raum aus? aus welchen spezifischen Bedingungen bezieht die mimikry ihre (dezentrierende) Wirkung? Diesen Fragen gilt es im folgenden Kapitel anhand konkreter Textbeispiele nachzugehen.

w

irkungsweisen

koloni A ler

mimikry

A m

b e i s p i e l

D

e s

k o l o n i A l e n

A f r i k A D i s k u r s e s

D e u t s c h s p r A c h i g e r

A u t o r i n n e n

Die Texte, die als untersuchungskorpus diesem Beitrag zugrunde liegen, auto- biographien, Briefe und Tagebücher, Siedlungs- und Kolonial(kriegs)romane deutschsprachiger autorinnen um 1900, handeln vom alltag in der Kolonie Deutsch-Südwestafrika. Die Texte legen die These nahe, dass die wechselsei- tige aneignung vermeintlich biologisch (in der Natur der ›rasse‹) begründeter kulturspezifischer Praktiken, wie sie die spezifischen anforderungen des kolo- nialen alltags erfordern, eine grundlegende Destabilisierung naturalistischer Konzeptionen kultureller Differenz bedingen. Die (hegemonial strukturierten) austauschbeziehungen zwischen kolonisierender und kolonisierter/zu kolo- nisierender Kultur, die an den Texten des Korpus rekonstruierbar sind, schei- nen die Natürlichkeit ›rassischer‹ Differenz radikal in Frage zu stellen und die weißen akteurinnen im kolonialen raum mit der artifizialität ihrer eigenen (kulturellen) Identität zu konfrontieren. Die Dekonstruktion ›weißer‹ gewissheiten über die (vermeintliche) evi- denz des Körpers geht dabei auch mit dem Bedeutungsverlust des Weißseins als angeblicher ausdruck ›rassischer‹ Überlegenheit einher. Die relativierung von whiteness erfolgt unter anderem dadurch, dass den Kolonisatoren durch die kolonialen anderen das Weißsein als körperliches Merkmal abgesprochen wird – explizit durch den Namen, den die Deutschen in der Herero-Sprache aufgrund ihrer Hautfarbe erhalten und auf den etwa Margarethe von ecken- brecher hinweist: »Otjirumbu, das ist ›gelbes Ding‹« 34 . ›Weiß‹ bezeichnet, so wird für die kolonisierenden akteurInnen deutlich, keinen natürlichen Sachverhalt, sondern stellt eine abstraktion und die symbolische Markierung

34 Margarethe von eckenbrecher: Was Afrika mir gab und nahm. Erlebnisse einer deut-

schen Ansiedlerfrau in Südwestafrika. Berlin 1908, 77.

einer Machtposition dar. Die abstraktionsleistung, die erforderlich ist, um die diversen Schattierungen am Körper der Kolonisatoren als weiß zu erken- nen, versagt außerdem in dem Maße, wie sich die Hautfarbe der vermeint- lich weißen Körper an die der kolonialen anderen angleicht. In nahezu allen Texten des untersuchungskorpus wird diese Veränderung der Hautfarbe von den autor- bzw. erzählinstanzen und den Figuren registriert und kommen- tiert. Die ›deutschen‹ Körper bekommen allmählich, wie etwa Helene von Falkenhausen in ihrer autobiographie mit unbehagen feststellt, »die Farbe der Hottentotten« 35 . Dieser Befund wird indirekt und ungewollt von Clara Brockmann bestätigt, wenn sie in ihrem autobiographischen Text die »Hot- tentotten« als »gelbfarbigen Menschenschlag« 36 charakterisiert. Die annäherung an die anderen, wie sie an den Subjekten der Koloni- sation beobachtbar ist, wird im kolonialen raum durch die annäherung der kolonialen anderen als effekt der ihnen aufgezwungenen Imitation der Normen und Praktiken der vermeintlich überlegenen Kultur gespiegelt. Die zunehmende Ähnlichkeit mit den/der kolonialen anderen und die gemäß der kolonialen logik in dieser Ähnlichkeit strukturell angelegte Differenz verun- sichern das Subjekt der Herrschaft. es ist dieses Moment der Differenz, wo mimikry ansetzt und aus dem heraus sie ihre Wirkungen entfaltet. eine in den Texten des Korpus immer wieder thematisierte Herausforde- rung für die weiße Identität betrifft die mimetische reproduktion europä- ischer Kleiderordnungen durch die Kolonisierten. Die imaginäre Kohärenz des kolonisierenden Subjekts wird in Zweifel gezogen, die vorgestellte ganz- heit ›weißer‹ Identität wird brüchig, wenn das, was der kolonisierte Körper in seiner Maskerade zu sehen gibt, nur mehr als Zeichen, nicht aber als rechtmä- ßiger ausdruck kolonialer Macht erkennbar wird. Das anlegen der europä- ischen Kleider durch die Kolonisierten zeigt dem kolonisierenden Subjekt, wie seine kulturelle Identität entsteht, worauf sein hegemonialer Habitus gründet – auf nichts, was in seiner Natur läge. Hinter der Maske verbirgt sich nichts Naturgegebenes. Oder wie Bhabha festhält, »die Mimikry verbirgt keine Prä- senz oder Identität hinter ihrer Maske.« 37 Die koloniale mimikry europäischer Kleiderordnungen operiert dabei auf ähnliche Weise wie die von Judith Butler als dekonstruktive Praxis heraus- gestellte Travestie, der Kleidertausch zwischen den geschlechtern. Durch die Praxis der Travestie, bei der es sich nach Butler um eine Form der »performa- tiven Subversion« handelt, wird die vermeintliche Kausalität von Körperge- schlecht und geschlechtsidentität als Illusion demaskiert. Die angenommene/

35 Helene von Falkenhausen: Ansiedlerschicksale. Elf Jahre in Deutsch-Südwestafrika

1893–1904. Berlin 1905, 133.

36 Clara Brockmann: Briefe eines deutschen Mädchens aus Südwest. Berlin 1912, 38.

37 Bhabha, Mimikry, 130.

angezogene geschlechtsidentität, die dem anatomischen geschlecht des Trä- gers scheinbar widerspricht, enthüllt die Norm als eine kulturelle Konstruk- tion, die sich als Naturgesetz verkleidet. Die Travestie macht sichtbar, dass geschlechtsidentität nicht ausdruck einer biologisch bedingten essenz ist, sondern sich durch Performanz konstituiert, durch die verschiebende Wie- derholung kultureller Zeichen, attribute und gesten, die dem geschlecht als wesenhaft zugeschrieben werden, während sie doch nur effekt von Imitation sind. 38 Beim Kleidertausch zwischen den Kulturen wird eine Desillusionie- rung bezüglich der Kategorie der ethnischen Identität erreicht – diese drückt, so wird offenbar, keine natürliche Ordnung aus, sondern präsentiert sich als effekt von Äußerlichkeiten. Das kulturell kodierte Kleid am Körper der anderen markiert, dass die mit dem Kleid angezeigte kulturelle Identität nur angenommen bzw. angezogen ist, dass das Kleid keinen in der Natur begrün- deten kulturellen Wesenskern verhüllt, sondern diesen durch die bzw. in der Visualisierung gewissermaßen erst hervorbringt. Wie die geschlechter-Parodie inszeniert das kulturelle Cross-Dressing in der verschiebenden Wiederholung der Normen den performativen Charakter kultureller Identität – die Trave- stie führt vor, dass das (vermeintliche) Original, das das Subjekt der Trave- stie angeblich nur imitiert, selbst aus Nachahmung (kultureller Normen und Praktiken) hervorgegangen ist. Die Vorstellung von Natur bzw. ›rasse‹ als vermeintlicher ursprung kultureller Identität und authentizität wird als Kon- struktion ausgewiesen. Die verunsichernde Wirkung, die mit der kolonialen mimikry europäischer Dress-Codes einhergeht, wird etwa an einer Passage aus Clara Brockmanns Text Briefe eines deutschen Mädchens aus Südwest deutlich. Die autorin schildert eine Begegnung mit afrikanischen Frauen im Ort lüderitzbucht im Süden der Kolonie, der durch seine lage am Meer einen Transitraum darstellt – nicht nur für den austausch von Waren, sondern auch von kulturellen Zei- chen und Praktiken:

Ich habe hier überhaupt zum ersten Male mit ziemlich gemischten gefühlen diese schwarzen Weiber in unseren Trachten gesehen. In Windhuk schenkt man seinen farbigen Dienstboten auch zuweilen abgelegte Kleider, die sie dann, ohne sie zu raffen, durch den Straßenschmutz schleppen und binnen kurzer Zeit unglaublich zerrissen haben; aber bei ihnen bleibt das Charakteristische der ein- geborenen rasse […]. Hier dagegen erblickt man Damen in weißen Hemden- blusen, ledergürteln und fußfreien leinenröcken; auf der Frisur einen nicht einmal geschmacklosen rosenhut mit einem langen Chiffonschleier unter dem Kinn zusammengebunden – wenden sie aber den Kopf, sieht man in ein stumpf- sinniges, schokoladenbraunes gesicht mit aufgeworfenen Negerlippen. 39

38 Vgl. Judith Butler: Das Unbehagen der Geschlechter. Frankfurt/M. 1991, 201f.

39 Brockmann, Briefe eines deutschen Mädchens aus Südwest, 201.

Die »gemischten gefühle« der autorin ergeben sich augenscheinlich aus der kolonialen mimikry als verschiebender Wiederholung. Die ambivalenz geht vom anblick der anderen aus, die durch ihre performative aneignung der europäischen Mode die Differenz der kolonialen anderen, das Charak- teristische der so genannten eingeborenen ›rasse‹, zum Verschwinden zu bringen droht. Die ungeheuerlichkeit liegt in der fast identen Kopie, die die Kolonisierte für das Subjekt der Herrschaft vorstellt, welches sich dadurch seiner partiellen Präsenz – seiner eigenen unvollständigkeit und Inauthentizi- tät – bewusst wird. Die vermeintliche Überlegenheit der kolonialen autorität wird als Produkt von Zeichen demaskiert, die sich in der verschiebenden Wie- derholung auch am Körper der Kolonisierten niederschlagen. Der anblick der anderen, der ihre andersartigkeit als ausdruck ihrer Inferiorität bestätigen soll, stellt dabei gleichzeitig die eigene gespaltenheit heraus und die abhän- gigkeit des Selbst von die