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MAGISTERARBEIT

VORGELEGT DER FAKULTÄT FÜR SOZIAL− UND VERHALTENSWISSENSCHAFTEN

DER RUPRECHT−KARLS−UNIVERSITÄT HEIDELBERG

IM FACH ETHNOLOGIE

DU VERSTEHST MICH NICHT...


KOMMUNIKATIONSPROBLEME UND LERNPROZESSE
IN INTERKULTURELLEN PARTNERSCHAFTEN

SAVITA CAROLINE KÜTHE

OKTOBER 2000
Für meine Mutter Beate,
die mir Offenheit und Neugier
gegenüber anderen Kulturen vermittelte.

Für meinen Mann Amadou,


durch den ich täglich daran erinnert werde,
eigene kulturelle Werte zu relativieren.

INHALTSVERZEICHNIS
1 EINLEITUNG: 1

2 BEGRIFFSKLÄRUNG 8

2.1 Interkulturelle Partnerschaft 8

2.2 Interkulturelle Kommunikation 9

3 INTERKULTURELLE KOMMUNIKATION 12

3.1 Verbale Kommunikation 14


3.1.a. Sprache 16
3.1.b. Sprachliche und grammatische Kategorien 18
3.1.c. Konnotation 21
3.1.d. Kommunikationsprobleme und Paartheraphie 23

3.2 Nonverbale Kommunikation 24


3.2.a. Gestik 26
3.2.b. Mimik 28
3.2.c. Paralinguistik 30

3.3 Zusammenfassung 31

4 WAHRNEHMUNGS−, DENK− UND HANDLUNGSMUSTER 32

4.1 Wahrnehmungskonzepte 35
4.1.a. Unterschiedliche Konzepte von Zeit 37
4.1.b. Wahrnehmung von Raum und Körperdistanz 42

4.2 Denk− und Handlungsmuster 44


4.2.a. Das Denken 46
4.2.b. Beziehungskonzepte und −erwartungen 47
4.2.c. Konfliktverhalten 52

4.3 Zusammenfassung 55

5 LERNPROZESSE 57

5.1 Tsengs interkulturelle Partnerschaftsarrangements 59


5.1.a. Das einseitige Arrangement 60
5.1.b. Das alternative Arrangement 60
5.1.c. Das kreative Arrangement 61
5.1.d. Zusammenfassung 62

5.2 Primäre und sekundäre Sozialisation 63

5.3 Interkulturelles Lernen in der Partnerschaft 64


5.3.a. Kommunikation 67
5.3.b. Rollenverhalten und −erwartungen 69
5.3.c. Getrennte Lebensbereiche und der Freundeskreis 71

5.4 Zusammenfassung 73

6 SCHLUß 74

7 LITERATURVERZEICHNIS: 79

8 ANHANG 83
I do my thing, and you do your thing.
I am not in this world to live
Up to your expections.
And you are not in this world to live up to mine.
You are you , and I am I,
And if by chance, we find each other, it´s beautiful.
If not, it can´t be helped.
Frederick S. Perls
Du verstehst mich nicht...: Kommunikationsprobleme und Lernprozesse in interkulturellen
Partnerschaften

Einleitung:
Im Zeitalter der Globalisierung chatten wir im Internet mit Menschen am anderen
Ende der Welt, fliegen in wenigen Stunden von Paris nach New York und bereisen
ferne Länder, von denen vor hundert Jahren nur Missionare, Feldherren oder Forscher
berichtet haben. Da die Entfernung zwischen den Kontinenten so einfach und schnell
wie nie zu zurückgelegt werden kann, wächst auch die Zahl der sich aus interkulturellen
Begegnungen entwickelnden Partnerschaften. Kommunikation als Basis für
menschliches Zusammenleben erhält durch das Aufeinandertreffen verschiedener
Kulturen eine noch größere Bedeutung bei interkulturellen Paaren. Meine eigenen
Erfahrungen − aus einer deutsch−afrikanischen Ehe und früheren interkulturellen
Beziehungen − konfrontieren mich immer wieder mit ’Mißverständnissen’ jeder Art. So
wurde mein Interesse für die Bedeutung von interkultureller Kommunikation − also von
Meinen und Verstehen − geweckt.
Ein typisches Beispiel für solche Mißverständnisse erlebte ich in meiner Familie:
Zu Besuch bei meiner Großmutter und meiner Mutter sitzen mein afrikanischer Mann
Amadou und ich bei meiner Großmutter im Wohnzimmer und unterhalten uns. Dann
betritt meine Mutter ebenfalls den Raum und setzt sich dazu. Nach einigen Minuten
verläßt mein Mann den Raum, ohne einen für uns erkennbaren Grund. Nach dem diese
Situation sich bei weiteren Besuchen wiederholte, sprach ich meinen Mann direkt
darauf an. Im Laufe des Gespräches erklärte er mir, daß er von seiner Mutter gelernt
habe, als Junge bzw. Mann habe er den Raum zu verlassen, wenn sich mehrere Frauen
unterhielten. So war es für ihn eine logische Reaktion beim Erscheinen seiner
Schwiegermutter den Raum für ein ’Frauengespräch’ zu verlassen.
Unerwartetes Verhalten des Partners aus einer fremden Kultur führt häufig zu
einem verärgerten Rückzug, da die Interpretation des Verhaltens des Partners auf dem
eigenkulturellen Handlungs− und Verhaltenswissen basiert. Da also Wahrnehmungs−
und Verhaltensweisen kulturell oder soziokulturell beeinflußt sind, ist eine
Berücksichtigung dieser Faktoren wichtig, um Mißverständnisse zwischen Menschen
aus unterschiedlichen Kulturen zu vermeiden.
In der vorliegenden Arbeit wird zuerst der Einfluß von kommunikativen und
kulturellen Faktoren auf das Verstehen in interkulturellen Partnerschaften untersucht.
Dann werden mögliche Lernprozesse und Strategien zur Vermeidung sprachlich oder
kulturell bedingter Mißverständnisse aufgezeigt. Hierzu werden folgenden Leitfragen

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Du verstehst mich nicht...: Kommunikationsprobleme und Lernprozesse in interkulturellen
Partnerschaften

bearbeitet: Welche Rolle spielen verbale und nonverbale Kommunikationselemente?


Wie groß ist der Einfluß von Kultur auf die Wahrnehmungs−, Denk− und
Handlungsmuster? Wie können die herausgearbeiteten Einflüsse kommunikativer und
kultureller Faktoren zur Aushandlung kultureller Muster oder zur Angleichung von
Erwartungen berücksichtigt werden?
Literaturlage und Forschungsstand
Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Thema Intermarriage begann
in den USA bereits in den zwanziger Jahren dieses Jahrhunderts mit Arbeiten von
Drachsler (1921). Bis in die Gegenwart stammen die wissenschaftlichen Arbeiten
überwiegend aus dem angloamerikanischen Raum. Dort befaßten sich die ersten
Untersuchungen mit Fragen der Assimilationsaspekte, der Auswirkung von
Intermarriage auf die Sozialstruktur, auf die Partnerwahl und auf die Ehestabilität. In
England und Frankreich sind ab den fünfziger Jahren Forschungsarbeiten zu diesem
Thema entstanden, während in Deutschland erst ab den siebziger Jahren dieses Thema
entdeckt wurde. In den achtziger Jahren entstanden eine Unzahl von Examensarbeiten
und anderen wissenschaftlichen und nichtwissenschaftlichen Publikationen. Die
Mehrheit der bisher genannten wissenschaftlichen Arbeiten stammen hier aus der
Soziologie; wenige sind in der Psychologie oder Ethnologie entstanden. Die
Examensarbeiten beziehen sich in der Regel auf eine festgelegte regionale und
ethnische Gruppe, die unter einem speziellen Gesichtspunkt behandelt wird. Leider sind
die meisten dieser Arbeiten unveröffentlicht. Während in den USA, Frankreich und
England bis dahin im akademischen Bereich über die Mischehe geforscht wird, führen
in Deutschland vor allem die Betroffenen und deren Selbsthilfeorganisationen wie die
IAF (Verband binationaler Familien und Partnerschaften) die Diskussion an. Deren
Veröffentlichungen erheben keineswegs den Anspruch der Wissenschaftlichkeit,
sondern sollen für die Selbsthilfearbeit rechtliche, soziale und persönliche
Schwierigkeiten erläutern. Erst in den neunziger Jahren erscheinen auch im
deutschsprachigen Raum vermehrt wissenschaftliche Publikationen oder Beiträge zu
interkulturellen Partnerschaften.
So gibt es seit 1999 mit Hilke Thode−Aroras (1999) Dissertation über
Interethnische Ehen endlich eine ethnologische Publikation, die sich mit den
theoretischen und methodischen Grundlagen zur Erforschung solcher Ehen beschäftigt.
Sie hat hierzu die vorhandene Literatur in Englisch, Französisch, Deutsch und Spanisch
gesichtet und ausgewertet. Neben den Methoden gibt sie einen Überblick über die

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Du verstehst mich nicht...: Kommunikationsprobleme und Lernprozesse in interkulturellen
Partnerschaften

Forschungsschwerpunkte ’interethnische Partnerwahl’ und ’eheliche Dyade’.


1995 veröffentlicht Annette Englert ihre ethnologische Magisterarbeit Die Liebe
kommt mit der Zeit. Interkulturelles Zusammenleben am Beispiel deutsch−ghanaischer
Ehen in der BRD. Englert stellt sowohl die Migrationsbedingungen und −motive als
auch die unterschiedlichen Familiensysteme in der BRD und bei den Akan in Ghana
dar. Durch den Vergleich dieser Daten mit ihrem Interviewmaterial will sie die
kulturellen Arrangements und mögliche interkulturelle Lernschritte aufzeigen.
Die Ethnologin Erika Dettmar beschäftigt sich in ihrer Doktorarbeit Rassimus,
Vorurteile und Kommunikation mit Vorurteilen in der interkulturellen Kommunikation
zwischen Europäern und Afrikanern in Hamburg. Die Einstellungen und
Verhaltensweisen, die mit der Wahrnehmung als Europäer und Afrikaner verbunden
sind, werden genauso untersucht wie deren Auswirkung auf deutsch−afrikanische
Beziehungen. Die Begriffe ’Vorurteile’ und ’Rassismus’ stehen in ihrer Arbeit im
Vordergrund.
Shirin Daftari befaßt sich in ihrem Buch Fremde Wirklichkeit − Verstehen und
Mißverstehen im Fokus bikultureller Partnerschaften mit ’Situationsdefinitionen’ nach
William Isaac Thomas. Sie versucht anhand unterschiedlicher Kriterien
herauszuarbeiten, wie die individuellen Situationsdefinitionen entstehen. Neben der
Kommunikation und ihren Schwierigkeiten befaßt sie sich auch mit der Wahrnehmung
von Andersartigkeit und wie damit in der Partnerschaft umgegangen werden kann. Im
zweiten Teil ihrer Arbeit werden die Reaktionen der Umgebung und deren Einfluß auf
die Interaktion in der Partnerschaft analysiert. Die Partner müssen sich mit Strategien
zur Bewältigung potentieller Diskriminierungen auseinandersetzen. Hierunter fallen
auch die Anforderungen an den Partner, der sich in eine neue Kultur einleben muß.
Daftari stützt sich dabei sowohl auf wissenschaftliche Literatur und publizierte
Interviews als auch auf autobiographische Romane und Belletristik.
Die Literaturlage über ’Interkulturelle Kommunikation’ ist sowohl im deutsch−
als auch im englischsprachigen Raum mittlerweile unüberschaubar. Während sich in
den USA die eigene Forschungsrichtung ’Intercultural Communications’ entwickelt hat,
fehlt diese bei uns noch. In Deutschland befaßt sich die Linguistik hauptsächlich mit der
Symbolwelt der menschlichen Sprache − allgemein und in konkreten kulturspezifischen
Ausprägungen. In der Ethnologie begannen Ethnolinguisten wie Sapir schon in den
zwanziger Jahren dieses Jahrhunderts mit Forschungen zur ’Sprache’. Dell Hymes −
Soziolinguist − legte dann in den sechziger Jahren den Grundstein ’für die

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Du verstehst mich nicht...: Kommunikationsprobleme und Lernprozesse in interkulturellen
Partnerschaften

Ethnographie der Kommunikation’. Da sich diese Arbeit mit Kommunikation und


Interaktion in interkulturellen Partnerschaften beschäftigt, wurde ausgewählte Literatur
aus den Bereichen ’Kommunikationsforschung’ und ’Ethnographie der
Kommunikation’ verwendet, die sich mit verbalen und nonverbalen
Kommunikationselementen befaßt.
Der Kommunikationswissenschaftler Gerhard Maletzke hat in seinem Buch
Interkulturelle Kommunikation − zur Interaktion zwischen Menschen verschiedener
Kulturen die wichtigsten Informationen für Menschen, die beruflich oder privat in
fremden Kulturen leben wollen, aus der Literatur zusammengetragen. So erklärt er die
Hauptmerkmale verbaler und nonverbaler Kommunikation, zeigt, welchen Einfluß die
Kultur auf Wahrnehmung, Denk− und Verhaltensmuster hat. Nach diesem eher
theoretischen Teil findet der Leser in der zweiten Hälfte des Buches Tips und Hinweise
für das Leben in der Fremde, um z.B. den Kulturschock verarbeiten zu können. Gerade
der theoretische Teil seines Buches geht auch auf die hier bearbeiteten Fragen ein.
Der Ethnologe Klaus Roth ist der Herausgeber der Anthologie Mit der Differenz
leben. Darin sind verschiedene Artikel zum Themenkomplex ’Interkulturelle
Kommunikation’ erschienen. Besonders interessant für die vorliegende Arbeit waren
die Beiträge des Ethnologen C. Giordano Die Rolle von Mißverständnissen bei
Prozessen der interkulturellen Kommunikation und der Ethnologin O. Toumi−Nikula
Direkte Kommunikation in deutsch−finnischen Ehen. Giordano beschäftigt sich an
Hand von Literatur sowohl mit dem Begriff des Mißverständnisses als auch mit den
Gründen für Verständigungsschwierigkeiten. Toumi−Nikula untersucht in ihrem Artikel
die direkte Kommunikation in deutsch−finnischen Ehen. Sie verbindet die Theorie aus
der Literatur mit ihrer eigenen empirischen Studie. Interessant für die vorliegende
Arbeit ist der Beitrag zur Streitkultur und die Beschäftigung mit den verschiedenen
Ebenen der Kultur nach E. Hall.
Auch aus dem von den Sprachwissenschaftlern A. Knapp−Potthoff und M.
Liedke herausgegebenen Buch Aspekte interkulturelle Kommunikationsfähigkeit sind
die Ausführungen von E. Apeltauer und M. Sugitani aufschlußreich. Der
Sprachwissenschaftler Apeltauer widmet sich der Bedeutung der Körpersprache für die
interkulturelle Kommunikation, indem er kulturbedingte Darstellungsformen in Gestik
und Mimik eingehend untersucht. Die Sprachwissenschaftlerin Sugitani stellt das
Selbstkonzept im Sprachverhalten dar. In ihrem Beitrag wird die Relevanz des
soziokulturellen Handlungswissens gut herausgearbeitet.

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Du verstehst mich nicht...: Kommunikationsprobleme und Lernprozesse in interkulturellen
Partnerschaften

Eigene Forschung
Für diese Arbeit habe ich Interviews mit deutsch−fulbeischen Paaren
durchgeführt und Beiträge aus einem von mir gegründeten Internet−Diskussionsforum
verwendet. Dieses heißt ’Treffpunkt für deutsch−afrikanische Beziehungen’ und ist
unter http://f17.parsimony.net/forum29446 zu finden. Daraus entnommenen Beiträge
sind mit "Treffpunkt" und Angabe des Datums gekennzeichnet.
Meine Interviewreihe bezieht sich auf Partnerschaften, in denen die Frau
Deutsche oder Österreicherin, und der guineische Mann aus der Gruppe der Fulbe ist.
Die Konstellation ’Frau−Mann’ habe ich gewählt, da sowohl die jeweiligen
Wahrnehmungs−, Denk−, und Verhaltensmuster als auch die Rollenerwartungen und
das Kommunikationsverhalten geschlechtsspezifisch beeinflußt sind. Daher wären bei
umgekehrter Konstellation andere Ergebnisse zu erwarten gewesen. Ein weiterer Faktor
war die quantitative Verteilung, da es wesentlich mehr deutsche Frauen mit einem
Partner aus Guinea gibt als umgekehrt.
Die erste Kontaktaufnahme zu möglichen InterviewpartnerInnen fand im
’Treffpunkt für deutsch−afrikanische Beziehungen’ statt. Dort meldeten sich mehrere
Frauen mit westafrikanischen Partnern. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich für meine
Interviews schon eine Beschränkung auf deutsch−fulbeische Paare beschlossen und
startete einen weiteren Aufruf. Mein Emailkontakt zu zwei Frauen mit Fulbemännern
hatte sich bis dahin gefestigt, so daß ich sicher mit ihnen rechnen konnte. Eine von
beiden gewann in ihrem Bekanntenkreis ein weiteres Paar. Ein Viertes kam aus
unserem eigenen Freundeskreis. Da alle räumlich weit auseinander wohnten,
beschränkte ich mich auf diese Vier. Anfängliches Zögern − besonders auf Seiten der
afrikanischen Männer − erklärt sich dadurch, daß persönliche Angelegenheiten oder gar
Probleme nur mit sehr vertrauten Personen in einem nicht öffentlichen Rahmen
besprochen werden.
Eine repräsentative Untersuchung hätte den Rahmen einer Magisterarbeit
gesprengt, so daß meine Interviews lediglich entstehende Schwierigkeiten und
’allgemeine Tendenzen’ durch Übereinstimmung aufzeigen. Die Befragung wurde im
Rahmen von persönlichen Gesprächen mit Tonbandgerät durchgeführt. Sie fanden im
März und Mai 2000 in Berlin, Mannheim und Heidelberg statt. Die Namen der
Befragten lauten :Mila, Mamadou, Hanna und Barry, Gabi und Oumar, dessen Name
auf Wunsch geändert wurde. Die Partner von Mila und Mamadou standen aus
unbekannten Gründen nicht zur Verfügung. Die Personen waren zwischen 28 und 44

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Du verstehst mich nicht...: Kommunikationsprobleme und Lernprozesse in interkulturellen
Partnerschaften

Jahre alt. Ihre Beziehungslänge lag zwischen einem halben bis zu fünf Jahren. Zwei
Paare waren verheiratet, während die anderen beiden jeweils in einem eigenen Haushalt
lebten und sich nicht täglich sahen. Die Männer sind seit drei bis fünf Jahren in
Deutschland bzw. seit zehn Jahren in Finnland. Alle Interviewpartner waren zum
Zeitpunkt der Interviews berufstätig oder noch in der Ausbildung.
Der im Anhang abgedruckte Interviewleitfaden diente während der Gespräche als
Orientierung. Die Interviews mit den Frauen verliefen offener, dennoch wurden alle
Aspekte angesprochen. Im ersten Teil der Befragung ging es um allgemeine Daten wie
Alter, Familienstand, Beruf, Fremdsprachenkenntnisse und Aufenthaltsdauer in
Deutschland oder anderen Ländern. Daran schlossen sich Fragen zur Vorgeschichte der
beiden Partner an. Dabei wurde nach früheren Kontakten zu Ausländern, dem
Kennenlernen des Paares, nach den Reaktionen der Familie und der Freunde auf die
Partnerschaft und nach einem Besuch im Heimatland des Partners gefragt. Im Hauptteil
standen dann die Themenkomplexe ’Beziehung heute’, ’Alltagssprache’,
’Konfliktverhalten’, ’Freundeskreis’ und ’Feiern’ im Mittelpunkt. Hiermit sollten die
Rollen− und Aufgabenverteilung der Paare und ihrer Eltern, die gemeinsamen
Lebensbereiche, die Probleme mit der gewählten Alltagssprache, das Konfliktverhalten,
der Freundeskreises sowie der Umgang mit Festanlässen hinterfragt werden.
Aufbau der Arbeit
Im zweiten Kapitel werden die verschiedenen Bezeichnungen für Partnerschaften
zwischen Menschen unterschiedlicher Herkunft dargestellt. Die Wahl des Begriffes
’Interkulturelle Partnerschaft’ wird begründet. Die ’Interkulturelle Kommunikation’
wird auf der Ebene der interpersonalen Kommunikation und Interaktion für die
Verwendung in der vorliegenden Arbeit erklärt.
Durch folgende Vorgehensweise wird im Hauptteil die Fragestellung untersucht:
Im Kapitel ’Interkulturelle Kommunikation’ werde ich die kommunikativen Elemente
bei der sprachlichen Interaktion zwischen zwei Mensch aus unterschiedlichen Kulturen
und ihren kulturellen Einfluß darstellen. Hierzu werden verbale und nonverbale
Faktoren differenziert und einzeln analysiert. Zu Beginn wird der Zusammenhang
zwischen Sprache und Wahrnehmung der Wirklichkeit erklärt. Mit ausgewählter
Literatur stelle ich die wichtigsten Elemente vor, um sie mit den Interviews und den
Beiträgen des Diskussionsforums zu vergleichen. Bevor dann ich zu den nonverbalen
Faktoren weitergehen werde, wird das Zusammenspiel verbaler und nonverbaler
Elemente bei der Kommunikation und ihrer Entschlüsselung aufgezeigt. Darauf arbeite

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Du verstehst mich nicht...: Kommunikationsprobleme und Lernprozesse in interkulturellen
Partnerschaften

ich das Kulturspezifische an Gestik und Mimik aus der Literatur heraus, um es mit
meinen Daten zu vergleichen.
Im vierten Kapitel stehen die Frage nach kulturellen Differenzen in den
Wahrnehmungs−, Denk− und Handlungsmustern im Mittelpunkt. Zuerst stelle ich aus
der Literatur das Zusammenwirken von Handlungswissen mit sprachlicher Interaktion
dar und vergleiche es mit meinen Daten. Anschließend wird mittels der Literatur und
meiner Daten der kulturelle Einfluß sowohl auf die Wahrnehmung als auch auf das
Denken und Handeln analysiert. Anhand der Interviews werden die in der Literatur
beschriebenen kulturellen Differenzen im Umgang mit Zeit in gleicher Weise geprüft
wie die verschiedenen Erwartungen an eine Beziehung oder das Konfliktverhalten.
Abschließend wird die Auswirkung kultureller Differenzen − wie unterschiedliche
Vorstellungen und Erwartungen − auf das Miß− oder Nicht− Verstehen dargestellt.
Im Kapitel ’Lernprozesse’ untersuche ich Lernprozesse und Strategien zur
Vermeidung sprachlich und kulturell bedingter Mißverständnisse. Dazu wird zuerst der
Forschungsansatz des interkulturellen Partnerschaftsarrangements des Psychologen
Tseng (1977) vorgestellt. Auf die vorherigen Kapitel aufbauend wird dann
interkulturelles Lernen als Anpassung im Sinne einer zweiten Sozialisation anhand der
Interviews und der Beiträge des Internetforums verdeutlicht. Die Aushandlung
kultureller Muster und die Angleichung von unterschiedlichen Erwartungen und
Vorstellungen werden darstellen, wie das Bewußtsein von kulturellen Differenzen und
Kommunikationsschwierigkeiten zur Vermeidung von Mißverständnissen beitragen
kann.
Im Schlußteil werden die Ergebnisse der Kapitel zusammengefaßt, um danach die
Fragestellung der Arbeit abschließend beantworten zu können. Abschließend werde ich
einen Ausblick auf weitere Themenbereiche und Fragestellungen gegeben, die entweder
während der Beschäftigung mit dem Thema aufgeworfen wurden oder im Rahmen der
vorliegenden Arbeit nicht ausreichend bearbeitet werden konnten.

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Du verstehst mich nicht...: Kommunikationsprobleme und Lernprozesse in interkulturellen
Partnerschaften

Begriffsklärung
In diesem Kapitel werden die verschiedenen Bezeichnungen für Partnerschaften
zwischen Menschen unterschiedlicher Herkunft dargestellt. Die Wahl des Begriffes
’Interkulturelle Partnerschaft’ wird begründet. Die ’Interkulturelle Kommunikation’
wird zunächst umrissen und ihre Bedeutung für die Ethnologie erläutert. Für die
vorliegende Arbeit ist die interkulturelle Kommunikation auf der interpersonalen Ebene
von Bedeutung.

Interkulturelle Partnerschaft
Partnerschaften zwischen Menschen unterschiedlicher Herkunft werden in der
wissenschaftlichen Literatur meist mit den Begriffen bikulturell oder binational
bezeichnet. Binational betont hierbei die unterschiedliche Nationalität der Partner, ohne
dabei auf kulturelle Unterschiede einzugehen. Problematisch wird dies meiner
Meinung nach, wenn sich der ausländische Partner hat einbürgern lassen, oder wenn
beide aus verschiedenen Kulturen desselben Staates kommen. Die Bezeichnung
bikulturell hebt dagegen den unterschiedlichen kulturellen Hintergrund hervor.
Interreligiös wird viel seltener für Partner aus verschiedenen Religionen verwendet und
schließt den kulturellen oder nationalen Aspekt der anderen Begriffe aus. Daneben
existieren noch die neueren Termini: interkulturell und interethnisch. Die
Differenzierung zwischen interethnisch und interkulturell ist dabei ähnlich wie bei
bikulturell und binational. Interkulturell ist in den letzten Jahren zum Modewort
geworden, das leider sehr oft nicht näher definiert wird. Der Begriff Mischehe, der
ebenfalls oft in diesem Zusammenhang auftaucht, wurde vor allem von der christlichen
Kirche verwendet, um Ehen zwischen Partnern aus unterschiedlichen Konfessionen zu
bezeichnen. Später wurde er ausgedehnt auf Personen mit unterschiedlicher Kultur,
Religion, Nationalität oder ethnischer Zugehörigkeit. Im Englischen steht hierfür der
Begriff intermarriage und im Französischem couple mixte.
Ich werde den Begriff interkulturell verwenden, da so Beziehungen mit mehr als

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Du verstehst mich nicht...: Kommunikationsprobleme und Lernprozesse in interkulturellen
Partnerschaften

einer Herkunftskultur besser erfaßten werden wie bei meiner Interviewpartnerin Mila.
Sie ist Halbfinnin und zweisprachig und bikulturell aufgewachsen. Das Präfix ’inter−’
betont meiner Meinung nach den Austausch und die dadurch entstehenden Prozesse
einer zweiten Sozialisation während der Partnerschaft weitaus besser als bikulturell.
Interkulturelle Kommunikation
Die Forschungen von Ethnologen wie Malinowski, Boas, Sapir, Whorf, Lévi−
Strauss waren die Grundlage, auf der in Kooperation mit der Sprachwissenschaft der
Ansatz der ’Ethnographie der Kommunikation’1 entwickelt wurde. Besonders der
Ethnologe und Semiotiker Hall hat die Aufmerksamkeit auf die interkulturelle
Kommunikation gelenkt (vgl. Dettmar 1989: 20). In der interkulturellen
Kommunikationsforschung existieren zwei Hauptströmungen. Der
Kommunikationswissenschaftler J. Fiske (1990: 2ff) erläutert sie folgendermaßen: Die
erste Schule versteht unter Kommunikation die Übertragung von Nachrichten
(transmission of messages), während Kommunikation für die anderen die Produktion
und den Austausch von ’Bedeutungen’ (production and exchanges of meanings)
beinhaltet. Für die erste ist die soziale Interaktion:
(...) the process by which one person relates to others, or affects the
behaviour, state of mind or emotional response of another, and, of
course, vice versa (a.a.O. 2).

Daher studieren sie z.B. die Codierung und Decodierung durch den Sender und den
Empfänger. Sie messen den Erfolg anhand von Effizienz und Genauigkeit der
Übertragung. Wenn der beabsichtigte Erfolg nicht oder nur teilweise eintritt, dann
beginnt die Suche nach dem Mißerfolg. Die Semiotiker − wie etwa der Philosoph C. S.
Peirce oder der Linguist F. de Saussure − dagegen definieren soziale Interaktion als das,
wodurch ein Individuum sich als Mitglied einer bestimmten Kultur oder Gesellschaft
darstellt. Sie befassen sich damit, wie Bedeutungen durch Nachrichten und deren
Interaktion mit Menschen entstehen, also der Rolle von Text in unserer Kultur. Die
beiden Schulen unterscheiden sich außerdem in ihrem Verständnis über die Art und
Weise wie eine Nachricht gebildet wird. Während für die Prozeß−Schule Nachrichten
das sind, was durch einen Kommunikationsprozeß vermittelt wird, glauben die
Semiotiker, daß die Nachricht durch Zeichen (signs) konstruiert wird, die durch die
Interaktion mit dem Empfänger Bedeutungen entstehen läßt. Die Nachricht ist nicht das
von A nach B gesendete, sondern ein Element in einer strukturierten Beziehung, deren

1 Siehe auch Kapitel 3.1.a. Sprache

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Du verstehst mich nicht...: Kommunikationsprobleme und Lernprozesse in interkulturellen
Partnerschaften

andere Elemente externe Realität und einen Sender und einen Empfänger einschließen.
John Fiske versucht diese Beziehungen zwischen Sender, Botschaft und Empfänger in
einem Dreieck darzustellen, in dem die Pfeile konstante Interaktionen repräsentieren.
Die Struktur ist dabei nicht statisch, sondern dynamisch.

message text

meanings

producer/reader referent
(Abbildung aus J. Fiske 1990: 4)

Die Wissenschaft der interkulturellen Kommunikation ist für den Ethnologen


Roth (1996: 20) eine ’Frucht’ mehrerer Disziplinen und somit interdisziplinär. Er
schreibt, die
Grundlage der Interkulturellen Kommunikation ist der erweiterte
Kulturbegriff, der − und das ist in diesem Zusammenhang sehr wichtig −
neben den sichtbaren Objektivationen (Artefakten, Handlungen,
Verhalten) vor allem auch die unsichtbaren Subjektivationen, also die
Werte und Normen, die Einstellungen und Vorstellungen, Ideen und
Haltungen, Denkweisen und Wahrnehmungsmuster umfaßt. Kulturen
werden dabei als historisch entstandene und sich dynamisch wandelnde
komplexe und hochdifferenzierte Systeme gesehen (ebenda).

Der Mensch neige aber dazu, die ’reale Komplexität’ von kulturellen Systemen und
menschlichem Verhalten in seiner eigenen Wahrnehmung zu vereinfachen. So
entwickle er stereotype ’Bilder im Kopf’. Roth fährt fort, es gehe bei interkulturellen
Begegnungen
(...) nicht so sehr darum, wie die jeweils fremde Kultur “wirklich” ist,
sondern wie sie wahrgenommen wird − und wie diese Wahrnehmung
gedeutet und in Handeln umgesetzt wird (1996: 21).

Daher müsse sich die Forschung sehr intensiv mit Wahrnehmungsgewohnheiten


und Deutungsmustern befassen, um so die zentralen Werthaltungen, Weltbilder und
Muster jeder Kultur darstellen zu können (vgl. Roth 1996: 20f).
Diese unterschiedlichen Verhaltensweisen lassen sich nach dem
Sprachwissenschaftler Hall (1959: 83−118) je nach Wissensstand, Art der Aneignung
und Emotionsgeladenheit in der technischen, der informalen und der formalen Ebene

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Du verstehst mich nicht...: Kommunikationsprobleme und Lernprozesse in interkulturellen
Partnerschaften

einer Kultur ansiedeln. Bei der Begegnung zweier kulturell fremder Menschen seien die
geringsten Kommunikationsprobleme auf der technischen Ebene zu erwarten, da hier
Gefühle eine untergeordnete Rolle spielten. Ein Beispiel für die technische Ebene sei
der Arbeitsplatz. Dort beschränke sich der Kontakt meist auf sachlichem
Informationsaustausch. Dettmar (vgl. 1989: 22) bezeichnet diese Ebene als
’Oberfläche’ der Kommunikation. Toumi−Nikula (1996: 223f) befaßt sich in ihrem
Beitrag über Direkte Kommunikation in deutsch−finnischen Ehen ausführlich mit der
formalen und der informalen Ebene von Hall. Die formale Ebene komme bei
Verwandtschaftsbeziehungen oder im interethnischen Familienalltag selbst vor, wenn es
z.B. um Inhalt und Form von Familienfesten oder die Einrichtung der gemeinsamen
Wohnung ginge. Die größte Herausforderung sieht sie jedoch auf der informellen
Ebene. Darunter falle z.B. das Eheleben interkultureller Paare. Dort träfen gerade in der
interpersonalen Kommunikation stark emotionsgeladene Normen und kulturelle Muster
aufeinander. Interkulturelle Kommunikation findet also auf unterschiedlichen Ebenen
statt. Für diese Arbeit sind die formalen und die informalen Kommunikationsebenen
von besonderer Bedeutung, da sie den Alltag interkultureller Paare betreffen.

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Du verstehst mich nicht...: Kommunikationsprobleme und Lernprozesse in interkulturellen
Partnerschaften

1 Interkulturelle Kommunikation
In diesem Kapitel werden unterschiedliche Kommunikationselemente untersucht,
um mögliche Konfliktpunkte im interkulturellen Dialog aufzeigen zu können. Im ersten
Teil geht es um die sprachliche Problematik, während im zweiten der ebenso wichtige
nonverbale Bereich behandelt wird. Unsere sprachliche Interaktion ist keineswegs
autonom, sondern wird durch unsere Gestik und Mimik ergänzt. Der Kontext des
Gesagten kann daher oft erst in der Kombination verstanden werden. In diesem
Zusammenspiel können unterschiedliche kulturelle Sozialisationen zu
Mißverständnissen in der Partnerschaft führen.
Beim Zusammentreffen zweier in unterschiedlichen Kulturen aufgewachsener
Menschen werden zudem verschieden sozialisierte Wahrnehmungs−, Denk− und
Handlungsmuster auftauchen. Diese werden im vierten Kapitel auf den Einfluß der
kulturellen Komponente untersucht. Im Folgenden geht es darum, welche Rolle die
Sprachbeherrschung und die richtige Entschlüsselung nonverbaler Zeichen neben diesen
Schemata beim Verstehen eines Kulturfremden spielen.
Die Ethnologen Frey, Haller und Weber (1995: 46) schreiben in ihrem Handbuch,
daß Menschen aus unterschiedlichen Kulturen verschiedene Zeichen − wie Sprache
oder Gesten – für denselben Inhalt und dieselbe Bedeutung benutzen. Sie weisen auf
mögliche Differenzen in den kulturellen Handlungsmustern hin, was die Entstehung
weiterer Mißverständnisse begünstigen könne. Ihrer Meinung nach sind für die
interkulturelle Kommunikation deshalb
erhöhte Aufmerksamkeit, Einfühlungsvermögen und Wissen um die
Existenz und Bedeutung eigener und fremder Kommunikationselemente
erforderlich (ebenda).

Das folgende Beispiel von Hanna und Barry, die sich hauptsächlich in einem −
wie sie es nennen − ’selbst gebastelten’ Englisch unterhalten, zeigt, wie unterschiedlich
z.B. die Konnotation eines Wortes und das damit verbundene Denkschema sein können.
Hanna will Barry erzählen, daß sich ihre über ihnen wohnende Freundin Vera letzte
Nacht stundenlang mit ihrer Mitbewohnerin heftig gestritten hat. Als einzig passendes

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Du verstehst mich nicht...: Kommunikationsprobleme und Lernprozesse in interkulturellen
Partnerschaften

Wort fällt ihr für Streit ’to fight’ ein, also sagt sie zu Barry: Vera und Alex haben letzte
Nacht gefighted. Am nächsten Morgen kommt Barry zu ihr und sagt: "I see Vera, she
no get any mark". Im folgenden Gespräch der beiden wird das Mißverständnis klar.
Barry erklärt, daß, wenn sich in Guinea zwei Frauen streiten, diese dann mit allem
aufeinander losgehen, was gerade in greifbarer Nähe ist. Hanna und auch Vera, die
gerade zu Besuch kam, lachten und erklärten ihm, daß sie sich auch nur mit Worten
streiten und verletzen könnten. Die Konnotationen von Hanna und Barry sind bei dem
Wort ’Streit’ bzw. ’fight’ genauso unterschiedlich wie das damit verbundene gewohnte
und somit erwartete Verhaltensmuster. Die Antwort von Barry, daß Vera keine
Verletzungen aufweise, kann von den beiden Frauen im gemeinten Sinn erst richtig
verstanden werden, nachdem Barry erklärt hat, wie der Streit zweier Frauen in seiner
Heimat abläuft.
Eine andere Situation: Meine Mutter, meine Großmutter, mein Mann Amadou
und ich planten am Abend gemeinsam ins Kino zu gehen. Wir Frauen verabredeten mit
meinem Mann, uns kurz vor Filmbeginn am Kino zu treffen, da er vorher noch einen
Freund besuchen wollte. Es war kurz vor acht Uhr, aber mein Mann erschien nicht.
Nach kurzem Warten schlug ich vor, ohne ihn hineinzugehen. Amadous Freund war
nicht zu Hause gewesen. Er hatte dann einen anderen Freund besucht und dabei völlig
die Zeit vergessen. Hier wird deutlich, daß beide Seiten unterschiedlich mit Zeit
umgehen. Mein Mann sah im Nichterscheinen keinen ’Fehler’, da wir ja zu dritt waren.
Dieses Verhalten bezüglich Pläne machen und Termine einhalten war mir − im
Gegensatz zu meiner Familie − bekannt, die bereits überlegte, was passiert sein könnte.
Beide Beispiele zeigen, daß unsere Wahrnehmungs−, Denk− und
Handlungsmuster von uns als selbstverständlich und allgemeingültig angesehen werden.
Daher ist es fraglich, ob wir uns des Mißverständnisses bewußt sind, oder ob wir es
oftmals einfach nicht wahrnehmen. Der Kommunikationswissenschaftler Maletzke
schreibt dazu:
Oft merkt man erst an offenkundigen Mißverständnissen, daß hier etwas
"nicht stimmt", daß Meinen und Verstehen sich nicht decken. Aber auch
dann kommt es vielfach nicht etwa zu einem Relativieren der eigenen
Selbstverständlichkeiten, sondern man hält lieber am Ethnozentrismus
fest und unterstellt dem anderen Dummheit, Ignoranz oder böse
Absichten (1996: 35f).

Die interkulturelle Kommunikation befaßt sich mit kulturellen Differenzen unter


anderem in der Sprache, im Nonverbalen und bei Wertvorstellungen. Das

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Du verstehst mich nicht...: Kommunikationsprobleme und Lernprozesse in interkulturellen
Partnerschaften

Bewußtwerden kultureller Unterschiede ermöglicht ein besseres Verständnis des


anderen, des Fremden. Denn erst die Infragestellung und somit Relativierung der
eigenen Werte und Vorstellungen schafft die Voraussetzung zum Verstehen anderer
Kulturen.

1.1 Verbale Kommunikation


Wörter sind die Quelle von Mißverständnissen.
Saint−Exupéry

Die direkte sprachliche Verständigung fällt jedem Betrachter sicher zuerst als
mögliches Problem interkultureller Begegnungen ein. Doch verbale Kommunikation ist
mehr als Sprachkompetenz in Form von Vokabel− und Grammatikkenntnissen einer
Sprache. Neben der korrekten Beherrschung des Sprechens − der Sprachkompetenz −
ist auch die Sprachperformanz wichtig. Frey et al. (1995) zählen hierzu, daß man weiß,
auf welche Art und Weise man eine Sprachform in der jeweiligen Kultur richtig
anwendet.
Während in England ein Angebot oft mit einer höflichen Frageform
verbunden wird: "Would you like tea?", sprechen Polen dasselbe
Angebot als Befehl aus: "Iß und trink!"(1995: 50).

Sowohl Frey et al. als auch Toumi−Nikula (1996) weisen auf paraverbale Elemente wie
Tonfall, Schnelligkeit oder Langsamkeit der Sprache hin. Sie gehören genauso zur
Performanz wie Lachen, Seufzen oder die Verwendung von Pausen.
Zum Mißverstehen oder Nichtverstehen kann aber auch die unterschiedliche
Konnotation oder Denotation eines Wortes führen. Das ’gemeinsame System von
Sprachsymbolen’ differenziert für Maletzke (1996: 141) ’Nichtverstehen’ von
’Mißverstehen’. Beim Nichtverstehen fehle dieses gemeinsame System, während es
beim Mißverstehen zwar vorhanden sei, aber unterschiedlich aufgefaßt werde.
Verstehensschwierigkeiten ergäben sich daher oft schon aus den verwendeten Worten.
Die menschliche Sprache ist durch Symbole gekennzeichnet, die als
Abstrakta gleichartige Sachverhalte zusammenfassen (ebenda).

Diese Abstrakta haben je nach Kultur unterschiedliche Grenzen, bei der einen gehört
noch dazu, was bei anderen schon nicht mehr dazu gehört. Verschiedene
Begriffssysteme bilden also oftmals die Basis bei kulturell unterschiedlichen

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Gesprächspartnern. So ist der Kontext eines Wortes wichtig, da unser Denken durch
den jeweiligen Bezugsrahmen beeinflußt wird. Als Beispiel dafür, daß ein und dasselbe
Wort je nach Kontext eine unterschiedliche Bedeutung hat, führt Maletzke das Wort
’Blatt’ an. Der Sinn dieses Begriffes ändert sich, je nach dem, ob es von einem
Botaniker, Pianisten, Graphiker oder Skatspieler verwendet wird. Diese
Schwierigkeiten tauchen in der interkulturellen Interaktion ebenfalls auf. Begriffe wie
Kultur, Demokratie oder Kapitalismus werden überall benutzt. Diese globalen
Definitionen beinhalten aber für unterschiedliche Länder, Völker oder Kulturen recht
Verschiedenes. Der jeweilige Bezugsrahmen ist nach Maletzke hierbei wichtig.
Manchmal sind derartige Unterschiede leicht, gleichsam auf den ersten
Blick zu erkennen, oft genug aber auch nicht; und dann kann das zu
folgenschweren Mißverständnissen führen, denn dann gehen die
Gesprächspartner von der irrigen Annahme aus, der andere meine mit
demselben Wort dasselbe (a.a.O. 75).

Giordano (1996) hat sich ebenfalls mit der Rolle von Mißverständnissen im
Rahmen der interkulturellen Kommunikation auseinandergesetzt. Interkulturelle
Mißverständnisse entstünden,
wenn die Angehörigen zweier verschiedener Kulturen die Kontakt− bzw.
Interaktionssituation, in die sie einbezogen sind, unterschiedlich, ja sogar
widersprüchlich oder gegensätzlich interpretieren und dementsprechend
handeln (1996: 34).

Da die Akteure aus unterschiedlichen Erfahrungsräumen kämen, hätten beide stark


divergierende ’Entschlüsselungsmechanismen’, daher könne kein gemeinsamer Sinn
vorausgesetzt werden. Zur weiteren Erklärung greift Giordano auf ein bekanntes
Beispiel von Lévi−Strauss (vgl. Lévi−Strauss 1971, Leach 1976) zurück und überträgt
es auf alle Kommunikationsprozesse innerhalb einer Kultur. Kommunizierende seien
wie Teilnehmer eines Orchesters, da alle dieselbe Partitur haben. Trotz der
verschiedenen Instrumente entstünde z.B. eine harmonische Symphonie. Bei der
interkulturellen Kommunikation hielten sich die Akteure dagegen nicht an eine
einheitliche Partitur, so daß es zu ’Mißtönen’ komme. Giordano (1996: 34) spricht hier
von ’kultureller Grammatik’ im Sinne von Wittgensteins Philosophischer Grammatik.
Mißverständnisse sind interkulturelle Dissonanzen, die durch
divergierende "kulturelle Grammatiken " verursacht werden (Giordano
1996: 34).

Die ’kulturelle Grammatik’ erkläre die beim Lesen, Reden oder Gestikulieren benutzten
Zeichen und bestünde keineswegs aus starren sozio−kommunikativen Regeln. Vielmehr

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sei durch die Grammatik die Sprache erst bildhaft und schaffe interpersonale
Kommunikation ohne feste Regeln. Allzu oft ginge man von einer universellen
Grammatik aus, die man nach Belieben auf andere Kultursysteme übertragen könne.
Mißverständnisse seien bei interkulturellen Kommunikationsprozessen keine
Ausnahme, sondern Normalität (vgl. a.a.O. 35ff).

1.1.a. Sprache
Das Interesse der Ethnographie an ’Sprache’ begann bereits in den 20er und 30er
Jahren des 20. Jahrhunderts mit den Ethnolinguisten Sapir und Whorf. Diese hatten
aufgrund empirischer Untersuchungen indianischer Sprachen ihre Hypothesen zum
Verhältnis von Sprache, Denken und Wirklichkeit aufgestellt. Maletzke faßt die Sapir−
Whorf−These folgendermaßen zusammen: Die Sprachgewohnheiten einer Kultur
konstruierten größtenteils die ’wirkliche Welt’. So könne dieselbe soziale Wirklichkeit
in jeder Sprache auf ihre eigene Weise dargestellt werden. Dabei handele es sich um
eigene Erlebniswelten. Wahrnehmung und Denken werden von der Sprache bestimmt.
Denkbar sei daher nur das, was die Sprache auszudrücken vermöge. Die Welt werde
von den Menschen durch sprachliche Kategorien überschaubar gemacht (vgl. Maletzke
1996: 74). Die Thesen des Sprachdeterminismus und des Sprachrelativismus sind heute
in dieser Weise nicht mehr haltbar.
In den 60ern und 70ern entwickelte sich in Amerika die Soziolinguistik. Während
diese sich mit Sprache in Beziehung zur Gesellschaft beschäftigt, steht für die
Ethnolinguisten die Beziehung zur Kultur im Vordergrund. Deren Interesse am
Sprachsystem hatte lexikalische oder phonologische Studien zur Folge. In der
sogenannten ’Ethnoscience’ lag das Hauptinteresse bei der Semantik und führte zu
Systemen der Klassifikation, z.B. von Verwandtschaftsbegriffen oder Farben.
Dell Hymes legte ebenfalls in den 60ern den Grundstein für die ’Ethnographie der
Kommunikation’, deren Interesse nun verstärkt den Sprachgemeinschaften selbst galt.
Er baute
(...) unmittelbar auf die von Sapir repräsentierte, auf Boas fußende
kultur−anthropologische Tradition der amerikanischen Linguistik auf,
(...) (Hymes 1979: 7).

Dabei versuchte er, die immer abstrakteren Modelle der Linguistik in seine Theorien
einzubeziehen. Statt des linguistischen Interesses rückte nun die Verwendung der
Sprache im sozialen Kontext in den Mittelpunkt. Hierbei ging es um die Verknüpfung

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von Sprachgebrauch, sozialen Prozessen und kulturellen Inhalten. ’Die Ethnographie


des Sprechens’ befaßte sich mit kommunikativen Bedingungen, unter denen Sprechen
stattfindet. Was tun Sprecher, wenn sie in Sprechereignissen miteinander
kommunizieren? Wie setzen sie welche kommunikativen Mittel ein? Aus der
’Ethnographie des Sprechens’ entwickelte sich die ’Ethnographie der Kommunikation’,
die sich weniger mit der strukturalen Gesellschaftsanalyse wie Lévi−Strauss befaßt,
sondern vielmehr sprachlich vermittelte Prozesse untersucht, in denen soziales Leben
und Kultur gemacht, rekonstruiert, verändert wird.
Neben der Ethnographie der Kommunikation hat sich auch die
Kommunikationswissenschaft mit ’Sprache’ befaßt. Für Maletzke ist die symbolhaft−
abstrakte Sprache die Prämisse für die kulturelle Entwicklung des Menschen. Die
Symbolsprache gehe weithin abstrahierend vor. Sie fasse Gleichartiges zusammen und
bilde Kategorien, Klassen, Gattungen. Damit diene die Sprache der Reduktion von
Komplexität; sie bringe Ordnung und Überblick in die unendliche Vielfalt der
Phänomene und mache die Welt überschaubarer und handhabbarer (vgl. 1996: 72).
So würden heute sogar einige Forscher wie z.B. Berger und Luckmann
postulieren, daß durch und mit Sprache die Welt erst konstruiert werde. Und diese
konstruierte Weltsicht sei kulturabhängig. Die Soziologen Berger und Luckmann
(1995) schreiben, daß unsere Wirklichkeit − wie wir sie wahrnehmen und verstehen −
gesellschaftlich konstruiert sei. Jeder Mensch lebe daher in verschiedenen
Wirklichkeiten, davon sei die Alltagswirklichkeit das kollektive
Wirklichkeitsempfinden eines jeden Mitglieds einer Gesellschaft oder Kultur. Sie sei
sowohl räumlich als auch zeitlich strukturiert und werde intersubjektiv von allen
Männern und Frauen einer Kultur geteilt. Durch den gemeinsamen Sprachgebrauch
werde die Alltagswirklichkeit ständig reproduziert und dadurch fixiert.
Überlegungen dieser Art führten nach Maletzke zu der These, daß die Sprache
einer Kultur mit der Weltsicht dieser Gruppe stark verknüpft sei. Einerseits werde die
Weise, wie man die Welt wahrnehme und erlebe, in hohem Maße durch die Sprache
bestimmt. Zugleich sei die Sprache auch Ausdruck des kulturspezifischen Welterlebens
und forme und differenziere sich verschieden aus − je nach Weltsicht und nach
Bedürfnissen, Erwartungen und Motivationen (Maletzke 1996: 73). Für den Ethnologen
Lukas ist das Verstehen fremder Sprachen und Kulturen möglich. Dazu muß man sich
(...) aus dem magischen Kreis seiner sprachlich und kulturell bedingten
Vorurteile befreien und versuchen, die Aussagen und Handlungen der

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Angehörigen fremder Sprach− und Kulturgemeinschaften von deren


sprachlichem und kulturellem Anwendungskontext her zu interpretieren
(1994: 57).

Ein ’reflektierter Ethnozentrismus’ entstehe durch die Beschäftigung mit fremden


Kulturen und der direkten interkulturellen Kommunikation. Das nächsten Kapitel befaßt
sich eingehender mit den unterschiedlichen ’Weltsichten’. Im folgenden Abschnitt geht
es um sprachliche und grammatische Kategorien, durch die Wahrnehmung ausgedrückt
wird.
1.1.b. Sprachliche und grammatische Kategorien
In diesem Abschnitt wird zeigt, welchen Einfluß sprachliche und grammatische
Kategorien auf unsere Wahrnehmung haben. Lukas (1994) untersucht die Bedeutung
von Sprache als Medium der Kultur und faßt das Verhältnis von Sprache, Denken und
Wirklichkeit mit einem Bezug auf Bohannans Gedanken zu Whorf folgendermaßen
zusammen:
Die Menschen spalten nicht nur die Sprache, sondern auch mittels der
Sprache die gesamte Kultur für die Kommunikation in Stücke (bits). Aus
dem "Code" bzw. der Matrix, die im Laufe der Erziehung erlernt wurde,
resultieren selbstverständliches Wissen und automatische Reaktionen der
Wahrnehmung (Lukas 1994: 35f).

Demnach sind für Lukas die Codeeinheiten Wörter, durch die im Großen und Ganzen
jenes Wissen und jene Wahrnehmung dargestellt werden. Wörter werden für ihn zu
’Kategorien der Realität’ (Lukas 1994: 35). Die Anordnungsweise der Wörter spiegele
die Auffassung über die Wirklichkeitsstruktur wider. Anhand des bekanntesten
Beispiels aus den Eskimo−Sprachen macht Lukas deutlich, daß der jeweilige
Wortschatz einer Kultur erkennen lasse, welche Blickrichtungen auf die Umwelt
wichtig seien. So haben die Inuit verschiedene Wörter für fallenden Schnee, Schnee auf
dem Boden, verharschten Schnee, Schneematsch usw. Auch Maletzke geht nach der
Sapir−Whorf−Theorie davon aus, daß Sprache und Weltsicht sich wechselseitig
beeinflussen. So können Begriffsbereiche entweder grob oder genau unterschieden
werden. Diese Differenzierung hinge mit der jeweiligen Bedeutung für die Kultur
zusammen (vgl. Maletzke 1996: 74).
Solch unterschiedliche Weltansichten findet man selbstverständlich auch bei
Subkulturen. Dort werden ebenfalls eigene Sprachen entwickelt, die teilweise von
Außenstehenden nicht verstanden werden können. Es handelt sich dann um einen
spezifischen Wortschatz einer bestimmten Interessengruppe, eines demographischen

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Teils einer Bevölkerung oder Berufsgruppe (vgl. Maletzke 1996: 75).


Für Lukas (1994) ist der extreme Sprachdeterminismus nicht mehr haltbar, weil
(...) Menschen verschiedener Kulturen in der Lage sind, Unterschiede
wahrzunehmen und festzustellen, für die es in ihrer Kultur keine
besonderen Begriffe gibt (...) (a.a.O.: 55).

Er stützt sich dabei auf ethnologische Untersuchungen bei der Gruppe der Tzeltal−
Indianer in Mexiko. Dort verfügen die Indianer über nicht−benannte taxonomische
Kategorien, mit denen sie ihnen bekannte Pflanzen bestimmten Gruppen zuordnen.
Sprache beeinflußt also nicht immer das Denken. Whorf und Sapir hätten seiner
Meinung nach die ’soziale und kulturelle Rolle’ der Sprache überbewertet. Sprache
habe somit nicht immer einen Einfluß auf das Denken (vgl. ebenda).
Reif führt dieses Auffassungen fort, indem sie sagt, daß wir durch unsere Sprache
lediglich einen Teil unserer Umwelt bewußt erkennen. Eine Selektion der diversen
Reize erfolge daher durch die Sprache bzw. durch die Benennung und Symbolisierung
des Gesehenen. Verbales Symbolisieren heißt für Reif also ein Objekt begrifflich zu
fassen. Es entstehen ’Klassen’ von Gegenständen. Reif erläutert diese Klassifizierung
anhand des Beispiels ’Haus’:
So bezeichnet z.B. der Begriff Haus eine Klasse von Häusern – große,
kleine, braune, gelbe, etc. – wovon der Begriff Haus der gemeinsame
Nenner ist. Das Wort Haus bildet also ein Klasse von Häusern. Das Haus
unterscheidet sich von anderen Gebäuden durch andere Klassengrenzen:
Gebäude sind größere Häuser, kleinere Häuser sind in dieser Klasse nicht
mehr enthalten (1996: 34).

Die Klassen werden also durch Klassengrenzen gebildet, und dadurch bedingen sie
unsere Wahrnehmung von Differenzen. Reif warnt aber davor, anzunehmen, nicht
klassifizierte Unterschiede könnten auch nicht wahrgenommen werden. Es könne
vielmehr daraufhin weisen, daß sie für diese Kultur einfach nicht wichtig seien und
daher kein verbaler Ausdruck dafür existiere (vgl. Reif 1996: 34).
Whorf (1999: 62) zeigt am Beispiel unseres Wortes ’Hund’, daß die
Klassengrenzen in unterschiedlichen Kulturen völlig anders ausfallen können. So
bezeichne das Hopi−Wort für Hund pohko auch alle anderen gezähmten Tiere. Auch
meine Interviewpartnerin Hanna berichtete von wiederholten Schwierigkeiten bei der
Begriffsfindung. Sie erzählte mir, daß für ihren Mann oft ein Wort für viele Sachen
stünde. Sie nennt das Beispiel ’Hand’. Für Barry sei damit alles von den Fingerkuppen
bis zur Schulter gemeint. Sie dagegen differenziere und kenne auch die einzelnen

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englischen Begriffe. Diese wiederum ergäben für Barry keinen Sinn. Das Denotat eines
Wortes kann also für Mitglieder verschiedener Kulturen durchaus anderes beinhalten.
Bei Hanna und ihrem Mann könnte es aber auch sein, daß beiden einfach in der
Fremdsprache nicht derselbe Wortschatz zur Verfügung steht.
Lukas zeigt anhand von Farben, daß auch hier die Terminologie sehr
unterschiedlich sein kann. Er stützt sich bei seinen Erläuterungen auf die Forschungen
bei den Toba−Batak in Nordsumatra. So werde dort keine Unterscheidung zwischen
blau und schwarz vorgenommen. Auch im Japanischen existiere keine Differenzierung
zwischen grün und blau. Hier gelte wieder, daß die Nichtexistenz keineswegs ein
Nichterkennen bedeute, sondern vielmehr auf eine unbedeutende Rolle in dieser Kultur
hinweise. Weitere Unterschiede zeigt Lukas für die Pflanzentaxonomie und die
Verwandtschaftsterminologie auf (vgl. Lukas 1994: 38ff).
Neben den sprachlichen Kategorien greifen Lukas und Reif beide den Aspekt der
grammatischen Kategorien auf. Die Ethnologin Reif (1996: 36f) betont, daß man sich
ihnen unterwerfen müsse, wenn man eine bestimmte Sprache korrekt anwenden wolle.
Als Beispiel dient ihr das Arabische. Dort gibt es nur zwei Geschlechter. Ein
Äquivalent zu unserem Neutrum existiert nicht. Adjektive besitzen eine männliche und
eine weibliche Form. Letztere wird meistens durch eine Endung gebildet. Bestimmte
Adjektiva, die in männlicher Form existieren, bilden eine Ausnahme, da sie sich
ausschließlich auf weibliche Wesen beziehen. Als Beispiel nennt sie die Worte
’schwanger’, ’kokett’ und ’steril, unfruchtbar’. Reif will damit zeigen, daß wir diese
Begründungen bei dem Wort ’schwanger’ nachvollziehen können, während es aus
unserer Sicht bei den Worten ’kokett’ und ’steril’ nicht so eindeutig ist. Für Reif findet
bei der Definition von kokett und steril als ausschließlich "weiblich" eine
schleichende Verdinglichung statt, die soziale Phänomene als
"natürliche" erscheinen läßt (ebenda).

So werde unsere Wahrnehmung von ’Geschlechtsunterschieden’ durch die Sprache


konstruiert. Neben dem ’Geschlecht’ ist für uns die ’Zeit’ wesentliches Merkmal einer
Sprache. Nach Lukas (1994: 37) haben die chinesischen Sprachen keine grammatische
Kategorie für Zeit, und die meisten indianischen Sprachen der nordamerikanischen
Nordwestküste kennen kein grammatisches Geschlecht.
Für Reif ist unsere Auffassung von Logik ebenso durch die Sprachstrukturen
beeinflußt. So könne man sich in Europa keine logische Aussage ohne Prädikat oder
Subjekt vorstellen. Whorf (1999: 44) schreibt, daß bei den Hopi ein Verb auch ohne

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Subjekt gebildet werden könne. Wir projizierten statt dessen immer ein ’fiktives
Täterwesen’ in die Natur, da unsere Sprache eine Satzkonstruktion ohne Substantiv
nicht erlaube. Er führt folgendes Beispiel an:
Wir müssen sagen, ‹Es blitzt› oder ‹Ein Licht blitzt› und damit einen
Täter, ‹Es› oder ‹Ein Licht› konstruieren, der ausführt, was wir eine
Tätigkeit nennen: ‹blitzen› (ebenda).

Die Differenzierung in Licht und Blitzen sei aber falsch, da es sich um dasselbe handle.
Die Hopi−Sprache hat hierfür das Verb rephi − blitzen − und kennt weder eine Teilung
in Subjekt und Prädikat noch ein Suffix, wie z.B. im Lateinischen –t für tona−t – es
blitzt.
Unsere Wahrnehmung wird durch sprachliche und grammatikalische Kategorien
sowohl beeinflußt als auch konstruiert. Im nächsten Kapitel werden nun nicht die
begrifflichen Inhalte eines Wortes, sondern die damit verbundenen Emotionen
untersucht.

1.1.c. Konnotation
Zum Kontext eines Begriffes gehören auch die bewußten oder unbewußten
Konnotationen, die mit ihm verbunden sind. Diese gehen nach Reif bei der Übersetzung
in eine andere Sprache meist verloren oder verändern sich. Das Wort ’Schwein’
veranschaulicht für Reif die unterschiedliche Bedeutung als Schimpfwort im Deutschen
und Arabischen:
Das Schwein ist im Islam ein ekelhaftes, unreines Tier, das nicht als
Haustier gehalten wird und schon gar nicht gegessen wird. Wenn sich
z.B. islamische Kinder beim Schulreifetest weigern, das Schwein als
Haustier zu bezeichnen, so liegt das nicht an ihrer mangelnden Reife,
sondern an ihrem unterschiedlichen kulturellen Hintergrund (Reif 1996:
35).

Ein weiteres Beispiel ist für sie die Bedeutung der linken Hand im Islam. Einem
islamischen Bekannten auf der Straße ausnahmsweise die linke Hand zur Begrüßung
hinzuhalten, da man in der rechten zwei schwere Taschen trägt, kann zu dessen
verstörtem Rückzug führen. Reif erklärt dieses Verhalten dadurch, daß in islamischen
Gesellschaften die linke Hand als unrein gilt. Mit dieser Hand zu grüßen, wird daher als
unhöflich interpretiert (vgl. Reif 1996: 35).
Beides zeigt, welche unterschiedlichen Konnotationen mit den Worten ’Schwein’
und ’linke Hand’ in unserer und in der arabischen Kultur verknüpft sind. In der

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Einleitung zu diesem Kapitel sind wir schon Hanna und Barry begegnet. Auch dort
haben beide mit dem Wort ’Streit’ völlig andere Vorstellungen verbunden. Während
Hanna an eine verbale Auseinandersetzung dachte, erinnerte sich Barry an die
handgreifliche Austragung von Differenzen zweier Frauen in seiner Heimat Guinea.
Unsere Wahrnehmung wird stark von unseren Wertvorstellungen und von gängigen
Handlungsmustern bestimmt.
Mila beschrieb während des Interviews ebenfalls Probleme bei der Verwendung
des Wortes ’intim’. Ihre Beziehungssprache ist Englisch. Sie benutzte das englische
’intimate’ im Zusammenhang mit Freundschaft, um eine große Nähe und Vertrautheit
zu jemandem auszudrücken. Für sie äußert sich das darin, daß man viel ’quality time’ −
wie sie es nennt − miteinander verbringt. Für ihren Lebensgefährten Aziz bedeutet
’intim’ immer etwas Sexuelles. Dieses Miß−Verstehen zwischen den beiden hatte schon
zu einigen Streitereien geführt.
Alle Interviewten bestätigten, daß es in ihren Partnerschaften immer wieder zu
sprachlichen Mißverständnissen durch die Denotation und Konnotation eines Wortes
gekommen sei, unabhängig davon, ob ihre Beziehungssprache deutsch oder englisch ist.
Hanna räumt ein, daß beide durch ihr unterschiedliches Englisch häufig nachfragen
müßten, daher sei die Gefahr eines Miß−Verstehens geringer. Hinzu käme, daß sie sich
an Barrys englisches Sprachsystem erst hätte gewöhnen müssen. Nun könne sie vieles
einfacher verstehen als zu Anfang. Mila und Hanna äußern beide, daß sie ein
bestehendes Mißverständnis oft nicht wahrnehmen oder erst dann darauf aufmerksam
werden, wenn es im Nachhinein zum Streit führt. Für Gabi, die Alpha zum Zeitpunkt
des Interviews erst ein paar Wochen kannte, ist es in dieser Kennlernsituation viel
selbstverständlicher, sich stets durch Rückfragen zu versichern, daß alles richtig
verstanden wurde. Dies hängt sicherlich auch mit Alphas geringen Deutschkenntnissen
zusammen, da Deutsch die Beziehungssprache ist. Auch im Diskussionsforum
’Treffpunkt für deutsch−afrikanische Beziehungen’ wurde zum Mißverstehen Stellung
genommen. Martina (Treffpunkt 23.04.00) sieht im Mißverstehen ein Problem. Sie
schreibt, daß ihr immer wieder im Französischen die Vielfalt der deutschen
Muttersprache fehle, um Gefühle oder Zukunftsvisionen in Worte fassen zu können.
Auch Begriffe wie Verantwortung, Partnerschaft(lichkeit), Freund(in), Vertrauen und
Respekt seien ihr als problematisch und besonders schwierig in Erinnerung.
Unterschiedliche Konnotation oder Denotation kann als Konfliktursache durch
gezieltes Nachfragen gemindert werden. So berichten die meisten davon, daß sie sich

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immer wieder über ihre Kindheit und Sozialisation austauschen. Elisabeth (Treffpunkt
25.04.00) schreibt, es sei für sie wichtig, daß sie von Anfang an mit ihrem Mann über
ihre Ziele und Pläne gesprochen habe. Ebenso haben beide den Partner über die eigene
Kultur und vor allem über mögliche Besonderheiten informiert. Susanne (Treffpunkt
23.04.00) sieht bei einer gemeinsamen Fremdsprache größere Möglichkeiten des
Mißverstehens, da beide − je nach Sprachkompetenz − erst in die gemeinsame Sprache
übersetzen. Sie selbst habe im Gefühlsbereich mehrfach erlebt, daß sie ein Wort
unbefangen verwendet habe. Ihr Mann höre kleine negative Untertöne heraus, die ihr
nicht bewußt seien, und verstehe etwas anderes als sie zu sagen beabsichtige.
Um die unzählige Möglichkeiten des Mißverstehens kennen die meisten, daher
versichern sie sich durch Rückfragen, ob der gemeinte Sinn verstanden wurde. Dennoch
bleiben viele Mißverständnisse häufig unerkannt oder werden erst später sichtbar.

1.1.d. Kommunikationsprobleme und Paartheraphie


Reif (1996: 32) merkt jedoch an, daß Kommunikationsprobleme auch in
’monokulturellen’ Ehen und Partnerschaften häufig auftreten. In der Paartherapie werde
immer wieder geübt, daß der Sender sich klar ausdrücke und auch frage, ob das Gesagte
richtig verstanden wurde. Und der Empfänger lerne u.a. das Zuhören, oder den anderen
ausreden zu lassen. Verständigungsprobleme sind also oft ein typisches Mann−Frau−
Problem.
Ein boomender Büchermarkt mit immer neueren Publikationen über
Kommunikationsprobleme zwischen Männern und Frauen zeigt deutlich, daß das
Verhalten und der Ausdrucksstil bei Männern und Frauen keineswegs identisch sind.
Unsere Art und Weise − aufzutreten und zu kommunizieren − wird durch unsere soziale
und vor allem unsere geschlechtsspezifische Rolle geprägt. So berichtet auch der
amerikanische Paar− und Familientherapeut John Gray (1992) in seinem Bestseller
Männer sind anders. Frauen auch. von Unterschieden im Verhalten und in den
Erwartungen von Männern und Frauen und versucht Lösungsmöglichkeiten
aufzuzeigen. So sei die häufigste Klage von Frauen ’Männer könnten nicht zuhören’,
ganz einfach dadurch zu erklären, daß ein Mann versuche, auf ein dargestelltes Problem
eine Lösung anzubieten. Die Frau erwarte aber lediglich, daß ihr zugehört werde.
Weiter schreibt er:
Die männliche und die weibliche Sprache verwenden zwar dieselben
Wörter, jedoch werden sie von Männern und Frauen unterschiedlich in

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Zusammenhang gestellt und mit verschiedenen Bedeutungen gebraucht


(a.a. O. 77).

Kommunikationsprobleme tauchen also auch bei monokulturellen


Paarbeziehungen auf. Unterschiedliche Bedeutungsinhalte und Emotionen sind
ebenfalls zwischen Mann und Frau oder zwischen Mitgliedern aus verschiedenen
gesellschaftlichen Subkulturen vorhanden. Verständigungsprobleme müssen also nicht
unbedingt kulturelle Ursachen haben, sondern können auch aus eben dargestellten
Gründen resultieren.
In der interkulturellen Partnerschaft kommen für Reif aber erschwerend noch die
tatsächlichen Sprachprobleme hinzu. Es sei daher zu beachten, ob in der Muttersprache
eines Partners oder in einer dritten gemeinsamen Fremdsprache gesprochen werde. Bei
einer dritten Sprache müsse zusätzlich bedachtet werden, daß diese Sprache nach dem
Muster der jeweiligen Muttersprache angewandt werde, deren Struktur und
Wissensvorrat einen entscheidenden Einfluß auf das Denken habe (vgl. 1996: 32f).
1.2 Nonverbale Kommunikation
Neben der Sprache als Verständigungsmittel spielen auch nonverbale Faktoren
eine Rolle im Kommunikationsprozeß. Der von einigen Wissenschaftlern benutzte
Begriff ’Körpersprache’ faßt jedoch nicht die ganze Bandbreite des Nonverbalen.
Maletzke (1996: 77)sieht gerade in diesem Bereich der Kommunikation ’eine Quelle
gravierender Mißverständnisse’, da hier der kulturelle Einfluß so groß sei, daß
bestimmte Formen in verschiedenen Gesellschaften etwas Unterschiedliches oder sogar
Konträres bedeuteten. So kann für uns etwas ’typisch’ für eine fremde Kultur sein, was
in dieser Kultur selbst keine besondere Beachtung findet. Unsere Aufmerksamkeit
entsteht z.B. durch das Fehlen in unserer eigenen Kultur.
Bei der Kommunikation wirken nicht nur sprachliche Zeichen und Gesten auf uns
ein, sondern auch allgemeine Verhaltensweisen. Dazu werden nach Apeltauer (1997:
19) unterschiedliche Kanäle zusammen benutzt: Das Sehen, das Hören, das Riechen
und das Fühlen.
So nutzt ein Sprecher seine Mimik, Gestik, Stimme und Haltung, um
seine Äußerungen zu gewichten und zu kalibrieren, ein Hörer gibt mit
Hilfe solcher Mittel z.B. Rückmeldungen darüber, ob er Äußerungen
verstanden hat, oder er deutet an, wie er zu inhaltlichen Aussagen oder
zum Gesprächspartner steht (ebenda).

Entweder wir vervollständigen unsere eigenen Aussagen mit begleitenden nonverbalen

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Faktoren oder ordnen dadurch die rein sprachlichen Aussagen des Gegenübers in den
Gesamtkontext ein. Eine korrekte Interpretation kann nach Apeltauer nur zustande
kommen, wenn sowohl die ’körpersprachlichen Elemente’ als auch die Situation und
das Wissen über allgemeine Verhaltensweisen adäquat verstanden werden. Die
Rückmeldungen des Gesprächspartners werden daher stets kontrolliert und beeinflussen
die weitere Entwicklung der Unterhaltung (a.a.O. 18f).
Apeltauer zeigt anhand der Redewendung ’mit Händen und Füssen’, daß der
subjektive Eindruck entsteht sich verständigt zu haben, auch wenn die tatsächliche
Bedeutung nicht vermittelt wurde. So versuchen wir das Verbale durch Nonverbales zu
ersetzen oder durch Mimik, Gestik, Körperhaltung und Stimme zu veranschaulichen
und abzusichern. In kulturellen oder subkulturellen Gruppen fällt dies um so leichter, da
hier die Konventionen für den Gebrauch der Körpersprache identisch sind. Bei der
interkulturellen Kommunikation dagegen existieren für Apeltauer meist weder
einheitliche Gewohnheiten noch Erfahrungen und ’Weltvorstellungen’ (vgl. a.a.O. 19).
Da Körpersprache auch selbständig eingesetzt werden kann, unterscheidet
Apeltauer folgende Kombinationsmöglichkeiten von verbalen und nonverbalen
Kanälen: Redundanz, Komplementarität, Addition und Divergenz. Bei der Redundanz
stimmen die Informationen der sprachlichen mit denen der nicht−sprachlichen Kanäle
überein und ergänzen sich gegenseitig. Apeltauers Beispiel hierzu: Jemand fragt: "Ist
das wahr?" und hat dabei einen fragenden Gesichtsausdruck. Bei der Komplementarität
ist das sprachlich Ausgedrückte allein unklar und wird erst in Kombination mit der
Körpersprache für den Empfänger verständlich. Wenn die nonverbalen Kanäle weitere
Hinweise z.B. zur Einstellung oder zur Interpretation liefern, dann bezeichnet man dies
als Addition. Eine Aussage kann unterschiedlich betont werden. Divergenz tritt dann
auf, wenn die nonverbalen Informationen den Verbalen widersprechen. Zur Frage: "Ist
das wahr?" könnte z.B. ein skeptischer Gesichtsausdruck kommen. Apeltauer schreibt,
daß innerhalb einer Kultur oder Subkultur alle Kombinationsmöglichkeiten verwendet
werden,
(...) weil die kompetente Beherrschung von Sprache und Körpersprache
auch die Verarbeitung von verdichteten oder komplexen Informationen
ermöglicht und Verständigungsprozesse dadurch komprimiert und
abgekürzt werden können (Apeltauer 1997: 20).

Er schränkt diese Aussage allerdings ein, da die Addition beispielsweise bei Müdigkeit
oftmals nicht richtig funktioniere. Und die Divergenz bereite Kindern häufig Probleme.

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Neben den genannten Kombinationen kann auch lediglich ein Kanal zur Übermittlung
von Informationen verwendet werden. Das nennt man dann Substitution und Reduktion.
Beim ersten werde die Sprache durch Nonverbales ersetzt, z.B. beim ’Daumenhalten’
zum Glück bringen. Die Reduktion dagegen verzichtet ganz auf körpersprachliche
Informationen und komme beispielsweise bei der Produktion von literarischen Texten
vor (vgl. a.a.O. 19f).
Apeltauer erklärt zu der Gefahr des Mißverstehens durch unterschiedliche Mimik
oder Gestik, daß bei einer interkulturellen Begegnung beide Gesprächspartner oft nicht
über dasselbe Niveau der Sprachkompetenz und −performanz verfügen. Daher seien
Verhaltensweisen oder Äußerungen oft nicht richtig dekodierbar.
Die Dekodierung wird dann z.B. nach Regeln einer Sprache S2 und/oder
einer Kultur K2 stattfinden, die nicht (oder nur zum Teil) mit den Regeln
der Sprache S1 und Kultur K1 übereinstimmen, die zur Kodierung
verwendet wurden, so daß es zu einer Divergenz zwischen intendierter
und rezipierter Bedeutung kommen wird (Apeltauer 1997: 21).

Wenn nun in diesem Fall über die nonverbalen Kanälen ebenfalls Informationen
weitergegeben werden, können durch die verschiedenen Konventionalisierungen
weitere Verstehensprobleme auftreten. So bergen nicht nur mögliche Differenzen in den
Kodierungs− und Dekodierungsregeln eine Gefahr, sondern auch die Vorlieben für
Verwendung der verbalen und nonverbalen Kanäle. Es können ’stillschweigende
Voraussetzungen’ existieren. Apeltauer unterscheidet hier drei Arten:
1. Kulturen, die kaum nonverbale Kanäle und keine stillschweigenden
Voraussetzungen verwenden.
2. Kulturen, die sehr häufig nonverbale Informationen verwenden, sogenannte
gestenreiche Kulturen.
3. Kulturen, die besonderen Wert auf stillschweigende Voraussetzungen legen.
Die Übergänge zwischen den Typen sind graduell, so daß in sogenannten gestenreichen
Kulturen situationsabhängig das Verbale stärker eingesetzt oder in gestenarmen
Kulturen mehr mit den Händen geredet werden kann. Apeltauer faßt zusammen, daß
sowohl die unterschiedliche Kodierung als auch die kulturspezifische
Standardkombination von sprachlichen und nonverbalen Ausdrucksformen einen
bedeutenden Einfluß auf das Verstehen haben (vgl. a.a.O. 21f).
Aus dem Bereich des Nonverbalen befaßt sich diese Arbeit mit Gestik und Mimik
in der interkulturellen Kommunikation. Gesten sowie Gesichtsausdrücke werden häufig
von unserem Unterbewußtsein verarbeitet, so daß hier von einer Allgemeingültigkeit

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ausgegangen wird. Es ist daher fraglich, inwieweit ein Nicht−Verstehen


wahrgenommen wird.

1.2.a. Gestik
Unter Gestik versteht man die Bewegungen des Körpers. Maletzke merkt an, daß
diese Gesten häufig konventionell festgelegt seien. So erscheine uns die Bewegung von
Menschen fremder Kulturen oftmals anormal. Unser ’auf die Brust zeigen’, wenn wir
von uns selbst reden, sei für die Japaner z.B. merkwürdig, da man sich dort den Finger
auf die Nase lege. Auch werde das bei uns übliche Händeschütteln erst in den letzten
Jahrzehnten über die europäischen Grenzen hinweg praktiziert. Früher habe solch ein
’direkter physischer Kontakt’ in vielen Kulturen als unanständig gegolten. So
vermieden Chinesen den Körperkontakt mit Fremden (vgl. Maletzke 1996: 78).
Apeltauer differenziert zwischen gestenreichen und gestenarmen Kulturen. Im
mittel− und nordeuropäischen Raum werden Gesten seltener verwendet als in Osteuropa
oder am Mittelmeer. Als Beispiel dafür nimmt Maletzke das ’Versprechen’. Bei uns
geschehe dies verbal durch Redewendungen wie ’bestimmt’, ’du kannst dich verlassen’
oder ’ich versprech’s dir’. In der Türkei dagegen werde weniger das adäquate Wort −
zu ’bestimmt’ kesin − benutzt als vielmehr folgende Geste: Wenn man die flache rechte
Hand auf den Kopf lege, dann heiße das soviel wie: ’Ich nehm’s auf meinen Kopf’ (baº
üstünde). Ein fehlendes Erkennen und Wahrnehmen dieser Geste führe zu
Verwunderung oder gar Verärgerung, da man auf eine verbale Äußerung warte (vgl.
Apeltauer 1997: 22).
Im Treffpunkt werden weitere Gesten genannt. So schreibt Annette im Treffpunkt
(25.04.00), daß besonders gläubige Muslime Frauen generell keine Hand geben.
Obwohl sie es weiß, kommt sie sich doch ein wenig zurückgesetzt vor. Susanne
(Treffpunkt 23.04.00) erklärt, daß es in Ghana bzw. bei Ghanaern sehr wichtig sei,
seine rechte Hand für fast alle Dinge des Lebens zu verwenden, da dort die linke Hand
als unrein gelte. Ein Geschenk mit der linken Hand anzunehmen, wäre eine große
Beleidigung für den Schenkenden. Mein Interviewpartner Alpha bemerkte, in Guinea
dürfe man keinesfalls wie hier üblich ’am Essen riechen’.
Maletzke nimmt eine weitere Art der Differenzierung vor. Inder und Pakistani
lebten in einer Kontaktkultur, da sich die Menschen dort wesentlich häufiger
untereinander berührten, dichter nebeneinander und in regelmäßigem Blickkontakt

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stünden. Diese Verhaltensweisen seien in Nordeuropa seltener anzutreffen (vgl.


Maletzke 1996: 78). Hierbei ist anzumerken, daß dieser Kontakt nur
gleichgeschlechtlich stattfindet, zwischen Männern und Frauen wird im Gegenteil jeder
Kontakt vermieden.
Konventionalisierte Gesten werden ’Embleme’ genannt. Sie werden von jedem
Mitglied einer Kultur ohne Schwierigkeit erkannt und gedeutet. Apeltauer nennt hier
’Bejahungsgesten’ oder ’Verneinungsgesten’. Er greift auf eine Untersuchung von
Creider (1977) in vier ostafrikanischen Kulturen zurück. Jede dieser Kulturen habe über
eine eigene, teilweise nicht mit den anderen verwandte Sprache verfügt. Dort seien
insgesamt 71 Gesten erfaßt worden. 56 davon wurden in zwei und 48 in drei der vier
Gemeinschaften gebraucht. Hinzu kommt, daß 22 der untersuchten Gesten auch in
Kolumbien und 17 gleichermaßen in Nordamerika nachgewiesen wurden. So werde in
allen drei Regionen das Kopfschütteln als Verneinungsgeste verwendet. In Indien sei
dagegen eine bestimmte Art des Kopfwiegens Ausdruck der Bejahung. Apeltauer stellt
fest, daß für die wechselseitige Kommunikation Hinweisgesten, Demonstrationsgesten
und pantomimische Darstellungen wichtig seien. Der Mensch verfüge zudem über die
Möglichkeit seine Gestik so zu modifizieren, daß trotz fehlender gemeinsamer
Konventionen eine Interaktion möglich sei. Unsere Beweglichkeit ermögliche nur eine
limitierte Anzahl (vgl. Apeltauer 1997: 24f).
Da der Unterschied zwischen beabsichtigter und aufgefaßter Bedeutung oftmals gar
nicht erkannt werde, könnten daraus entstehende Mißverständnisse auch nicht behoben
werden. Wenn eine Bejahungsgeste beim Gegenüber als Verneinung entschlüsselt
werde, sind die daraus folgenden Verständigungsprobleme vorstellbar. So werden zwar
oft emblematische Gesten erkannt, aber die Frage sei, ob sie auch richtig rezipiert
werden (vgl. a.a.O. 26).
Apeltauer (1997: 27) wirft die Frage auf, ob, wenn sich zwei Menschen aus
unterschiedlichen Kulturen begegnen, es ihnen möglich ist, emblematische Gesten als
solche zu erkennen. Falls sie identifiziert wurden, wie viele wurden dann auch noch
richtig gedeutet? Er greift hierzu auf eine Untersuchung von Schneller (1988) zurück.
Dieser hatte sich von Äthiopiern, die nach Israel immigriert waren, 26 typisch
äthiopische Embleme darstellen lassen. Die Ergebnisse hatte er auf einem Film
festgehalten. Diese gefilmten Gesten zeigte Scheller später 46 College−Studenten aus
14 unterschiedlichen Kulturen. Er kam zu dem Ergebnis, daß einige Gesten von den
Studenten als nicht intendiertes Verhalten eingestuft und somit ignoriert wurden. Es

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wurden immerhin 85% der gezeigten Gesten als aus der eigenen Kultur bekannt
wahrgenommen. 70% wurden jedoch davon falsch gedeutet. Lediglich 23,3% der
emblematischen Gesten konnten auch korrekt entschlüsselt werden.
Mamadou erzählte mir beim Interview auch von einer solch falsch interpretierten
Geste. Seine Frau rede viel mit den Händen, was er am Anfang falsch verstanden habe,
da er derartige Gestik aus Guinea nur in Verbindung mit heftigen Wortwechseln kenne.
So habe er damals ihre Absicht mißverstanden.
Apeltauer hält abschließend fest, vermeintlich Vertrautes wie Gestik, Haltung,
Blicke oder Stimme könne eine andere Bedeutung haben oder für uns irrelevante
Aspekte beinhalten. Solange uns Konventionen fremder Kulturen nicht bekannt seien,
sei eine vorschnelle Auslegung zu vermeiden, da dadurch Relevantes übersehen werden
könne (vgl. Apeltauer 1997: 28f).

1.2.b. Mimik
Unter Mimik werden nach Maletzke Bewegungen im Bereich des Gesichtes wie
z.B. Weinen oder Lachen verstanden. Man gehe im ersten Moment davon aus, daß
solche Ausdrucksweisen ’natürlich’ seien und somit überall kulturunabhängig
verstanden werden. Doch am Beispiel des ’Lachens’ verdeutlicht Maletzke diesen
Irrtum. Während es in den meisten westlichen Ländern mit Witz und Fröhlichkeit in
Verbindung gebracht werde, sei in Japan Lachen eher ein Zeichen für Verwirrung oder
Unsicherheit. Mißverständnisse können entstehen, wenn z.B. ein Deutscher seinen
Ärger ausdrücken will, und der japanische Kollege aus Verlegenheit mit Lachen
reagiert. Worauf der Deutsche aus Unwissenheit noch zorniger wird, da er sich
ausgelacht fühlt. Auch Blickkontakte zählen zur Mimik und weisen nach Maletzke
ebenfalls kulturspezifische Unterschiede auf. So sei es in unserer westlichen Kultur
wichtig, dem Gesprächspartner in die Augen zu schauen, da ein gegenteiliges Verhalten
mit Unaufrichtigkeit assoziiert werde. In einigen asiatischen Kulturen – leider fehlt hier
die Spezifizierung – sei dieses Verhalten respektlos. Maletzke verallgemeinert dies so
weit, daß asiatische Frauen normalerweise nur ihren Ehemann direkt ansehen dürften
(vgl. Maletzke 1996: 77).
Apeltauer weist daraufhin, daß wir wahre Gefühle häufig z.B. aus Anstand
verbergen oder neutralisieren. Als Beispiel führt er die Situation an, wenn jemand zum
Essen eingeladen werde und das angebotene Essen merkwürdig rieche und aussehe. In
Japan oder Korea sei es sogar erwünscht, seine Mimik neutral zu halten. In diesem Fall

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könne uns aber die Körperhaltung und Stimmführung weiterhelfen, da beides weitaus
schwerer zu verstellen sei (vgl. Apeltauer 1997: 23).
Kulturen differenzieren sich für Apeltauer (1997: 31) nicht nur in den mimischen
Ausdrucksformen, sondern vor allem darin, wie weit Gefühle öffentlich gezeigt werden
dürfen. So könne die sizilianische Darstellung von Gefühlen uns irritieren oder gar in
unserem Kulturraum lächerlich wirken. Kinder lernten in Mitteleuropa Emotionen wie
’Ärger’ nicht offen zu zeigen. Das Lachen werde am häufigsten zur Überdeckung von
negativen Gefühlen benutzt. Man könne jedoch anhand von Faktoren wie dem
Lippenbeißen oder der Häufigkeit des Lidschlages auf die wahren Gefühle schließen.
Bei meinen Interviews war sich keiner der Befragten eines Mißverständnisses
bezüglich der Mimik bewußt. Hanna erzählte zwar, daß sie sich bei Barry auch deshalb
so wohl fühle, da seine Körpersprache ihr sehr vertraut sei und der ihres Vaters ähnle.
Gabi wiederum erklärte, daß sie sehr auf Mimik reagiere. Der Gesichtsausdruck ihres
Freundes verändere sich bei aufgesetzter Mütze, deshalb nehme sie ihm diese
automatisch immer sofort ab. Sie fügte hinzu, daß sie häufig nicht die Gemütslage an
seiner Mimik erkennen könne.
Ich denke, die meist un− bzw. unterbewußte Verarbeitung solcher Hinweise ist
ein Grund, weshalb den Interviewpartnern spontan kein Beispiel für mißverstandene
Mimik einfiel. Unterschiedlich eingesetzte Mimik führt meiner Meinung nach oft zum
Streit, da man die erwartete Reaktion des Gegenübers als selbstverständlich ansieht und
die Möglichkeit des Mißverstehens gar nicht in Betracht zieht.

1.2.c. Paralinguistik
Unter Paralinguistik versteht man nicht den Inhalt, den wir mitteilen, sondern
vielmehr die Art und Weise wie wir kommunizieren. Gerade hier sieht Maletzke (1996;
78f) einen sehr große kulturellen Einfluß. Er differenziert laute und leise Kulturen. Die
Europäer äußerten oft, daß die Amerikaner sehr laut sprächen. Maletzke erklärt,
in vielen Situationen macht es den geselligen Amerikanern gar nichts
aus, wenn andere ihre Gespräche mithören, im Gegenteil, oft legen sie
Wert darauf zu zeigen, daß sie nichts zu verbergen haben (a.a.O. 78).

Für die Engländer ist dagegen wichtig, sich nicht bei anderen einzumischen. Daher
reden sie unter Berücksichtigung von Entfernung und Geräuschpegel direkt mit dem
Gesprächspartner. Dieses Verhalten wirkt auf die Amerikaner verständlicherweise so,
als sollte etwas nicht allgemein bekannt werden.

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Annette (Treffpunkt 25.04.00) und Susanne (Treffpunkt 23.04.00) schwärmen


beide für eine nicht verbale Äußerungsform von Unmut oder Mißfallen. Sie
beschreiben es als eine Art Zischen. Sie selbst verwenden es mittlerweile ebenfalls.
Allerdings könne der Gebrauch dieses ’Mißfallenslautes’ auch zu weiteren
Verstimmung führen, wenn der Gesprächspartner die intendierte Absicht nicht erkennt.
Neben der Geschwindigkeit des Redens sei auch der Wortumfang – vom
Vielreden bis zur Wortkargheit − kulturell unterschiedlich. So sprächen Finnen langsam
und mit langen Pausen, während besonders im romanischen Raum die Menschen
schnell redeten. In einigen Kulturen spiele das Schweigen eine bedeutende Rolle,
während bei den Amerikanern immer und überall geredet werde. Auch bei den Arabern
sei nach Maletzke das Reden hochgeschätzt. Dort werde in der Literatur und Sprache
dem Wort mehr Bedeutung zugemessen als dem Inhalt des Gesagten. So habe sich eine
Vorliebe für Wortspiele entwickelt, in denen ein und derselben Sinn durch
unterschiedliche Worte ausgedrückt werde (vgl. Maletzke 1996: 78f).
Für paraverbale Zeichen gilt ebenso, daß ihre Anwendung selbstverständlich
erwartet wird, so daß unerwartete Reaktionen meiner Meinung nach eher mißdeutet als
hinterfragt werden. Sie sind so sicherlich eine Quelle möglicher Mißverständnisse,
wenn sich Menschen aus unterschiedlichen Kulturen begegnen.
1.3 Zusammenfassung
Bei der Kommunikation zwischen Menschen aus verschiedenen Kulturen spielt
natürlich in erster Linie die benutzte Sprache selbst eine große Rolle. Daher ist es ein
Unterschied, ob die Beziehungssprache von einem als Muttersprache verwendet wird,
oder ob beide eine gemeinsame Fremdsprache gewählt haben. In allen Fällen ist das
Niveau der Sprachkompetenz und −performanz von Bedeutung. So äußerte z.B.
Susanne (Treffpunkt 23.04.00), daß ihr im Englischen immer wieder die richtigen
Worte fehlten, um Gefühle auszudrücken. Auch Annette, die fließend Französisch
spricht, gibt zu, hin und wieder das falsche Wort zu wählen oder sich im Ton zu
vergreifen, was ihr allerdings auch im Deutschen passiere. Wichtig ist, daß auch
Fremdsprachen meist nach dem Muster der Muttersprache angewandt werden.
Durch sprachliche und grammatikalische Kategorien wird unsere Wahrnehmung
manchmal nur beeinflußt, aber häufig konstruiert sie die Realitätsauffassung.
Feindifferenzierungen entstehen nur dort, wo sie für eine Gesellschaft notwendig sind.
So ist eine Spezifizierung diverser Schneezustände für die Inuit lebensnotwendig,

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während dies für unsere Kultur weitgehend unwichtig ist. Die grobe Unterscheidung
bedeutet aber keineswegs, daß Unterschiede nicht wahrgenommen werden.
Die mit einem Wort verbundenen Erinnerungen und Gefühle können innerhalb
einer Kultur verschieden sein, aber in der interkulturellen Kommunikation kommt die
unterschiedliche Sozialisation der Gesprächspartner hinzu. Neben Emotionen verbinden
die Menschen auch Verhaltensmuster mit einem Wort, so daß dasselbe Wort in
verschiedenen Kulturen positiv oder negativ empfunden wird. Da viele der
interkulturellen Paare sich dieser Problematik bewußt sind, tauschen sich die Partner
über ihre Kindheit, Lebensumstände und kulturelle Besonderheiten aus. In diesem
Zusammenhang kommt die Frage auf, welche Mißverständnisse oder Unterschiede eher
auf geschlechtsspezifischen als auf kulturellen Differenzen beruhen. Ich denke, daß die
Unterschiede hierbei fließend sind, da das Rollenverhalten ebenfalls kulturell beeinflußt
sein kann.
Gerade im non− und paraverbalen Bereich geht man oftmals von einer
Allgemeingültigkeit der eigenen Ausdrucksweise aus. So nimmt man Gesten oder
Gesichtszüge zwar als solche wahr, jedoch werden sie selten richtig dekodiert. Ich gehe
davon aus, daß die Verarbeitung auf un− oder unterbewußter Ebene ein Grund hierfür
ist. Des öfteren wird das Nicht−Verstehen des Partners leider erst beim nächsten Streit
erkannt. Eine größere Sensibilisierung ermöglicht es, sich kulturellen Eigenheiten
bewußt zu werden, um auf diese Weise Mißverständnisse vermeiden zu können.

2 Wahrnehmungs−, Denk− und Handlungsmuster


In diesem Kapitel werden kulturelle Unterschiede bei den Wahrnehmungs−, Denk−
und Handlungsmustern aufgezeigt, da sie neben den gerade beschriebenen verbalen und
nonverbalen Kommunikationselementen die sprachliche Interaktion in gleicher Weise
beeinflussen. Diese kulturspezifischen Werte, Normen und Handlungskonventionen
werden von jedem Individuum im Laufe unserer Sozialisation komplett oder nur
teilweise übernommen, da die Persönlichkeit diese Regeln der Herkunftskultur und
−gesellschaft durch unsere Lebenserfahrung selektiert. Im Folgenden werden die
Auswirkungen der Wahrnehmungs−, Denk− und Handlungsschemata auf die
Interaktionen im interkulturellen Dialog gezeigt.
Sugitani weist darauf hin, daß erfolgreiche Kommunikation mehr sei als die
Vokalisierung des Sprachwissens, also grammatisch korrekter Sätze. Sprachliche
Interaktion beinhalte eine Intention, ein Ziel, das wir erreichen wollen. Dabei könne

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sowohl eigener als auch gemeinschaftlicher Nutzen der Beweggrund sein. Die
Umsetzung des gewünschten Zieles erfolge durch ein Handlungsmuster, das uns unter
mehreren Möglichkeiten am geeignetsten erscheine.
Wir benutzen dabei unser Wissen über Handlungskonventionen und
−regeln und greifen auf unsere direkten und indirekten Erfahrungen
zurück, die wir im Sozialisationsprozeß im eigenen Kulturkreis erworben
haben (Sugitani 1997: 41).

Während uns in interkulturellen Interaktionssituationen das Kulturspezifische an


Sprache eher ins Bewußtsein rücke, werde die ebenso vorhandene Kulturgebundenheit
des Wissens über zwischenmenschliches Handeln und Verhalten selten berücksichtigt.
Doch gerade die ’situationsgebundene Routinemäßigkeit’ dieses angewandten Wissens
sei von großer Bedeutung. Die Interpretation des Verhaltens des Partners unterliege für
Sugitani unserem eigenkulturellen Handlungs− und Verhaltenswissen (vgl. Sugitani
1997: 41f).
Die Mitglieder einer Kultur seien sich nicht jedes Handlungsmusters bewußt. Der
Anthropologe Bohannen (1971: 32) differenziert die offenen (overt) von den
verdeckten (covert) Aspekten der Kultur anhand des Bewußtseins innerhalb einer
Bevölkerung. Die Interaktion eines Individuums werde durch die offenen und
verdeckten Auffassungen über sich selbst, die Gesellschaft und die gegebene Situation
bestimmt. Die Sprachwissenschaftlerin Sugitani (1997: 43) sieht von
konventionalisierten para− und nonverbalen Symbolen bis hin zu situationsgebundenem
Verhaltenswissen viele Faktoren, die in der alltäglichen Kommunikation eine große
Rolle spielen. Herrmann und Grabowski (1994: 205 ff) führen diesen Gedanken weiter
und postulieren, daß intersubjektiv geltendes Handlungs− und Verhaltenswissen neben
dem Sprachwissen eine Voraussetzung für eine erfolgreiche soziale Interaktion sei.
Dieses Verhaltenswissen bestimme nach Sugitani die eigene Handlung und deute
diejenigen des Partners. Die Interpretation geschehe weniger im Anschluß auf die
Rezeption verbaler und nonverbaler Symbole als vielmehr antizipierend durch das
Handlungs− und Verhaltenswissen. Erst die nicht erwartungsgemäß und effektiv
verlaufende Interaktion mache dieses Wissen bewußt (vgl. Sugitani 1997: 44f).
Der Psychologe Thomas nennt dieses verhaltensregulierende Verhaltenswissen
’Kulturstandard’. Dieser sei größtenteils kulturspezifisch, da er in der Sozialisation
angenommen wurde. Er definiert:
Unter Kulturstandards werden alle Arten des Wahrnehmens, Denkens,
Wertens und Handelns verstanden, die von der Mehrzahl der Mitglieder

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einer bestimmten Kultur für sich persönlich und für andere als normal,
selbstverständlich, typisch und verbindlich angesehen werden (Thomas
1993: 381).

Die Beurteilung und Regulierung des eigenen und des fremden Handelns erfolge
durch die Kulturstandards. Sugitani folgert aus dieser Definition, daß bei einer
interkulturellen Interaktion mit unterschiedlichen Kulturstandards der Gesprächspartner
nicht so reagiert wie wir es erwarten. Dies läge daran, daß wir sein Verhalten mit
unserem eigenkulturellen Verhaltenswissen deuten und bewerten. Im Gegensatz zu
Sprachfehlern, die meist neutral wahrgenommen werden, könnten Fehler im Verhalten
emotional häufig negativ bewertet werden, so daß die Kommunikation belastet oder
sogar abgebrochen werde. Die Relevanz soziokulturell erworbenen impliziten
Handlungswissens sei für interkulturelle Begegnung wichtiger als das Wissen über die
Partnerkultur. Durch Kommunikationsschwierigkeiten jedoch sei es möglich, dieses −
in der Sozialisation erworbene und kulturgebundene − Verhaltenswissen bewußt zu
erkennen und zu hinterfragen (vgl. Sugitani 1997: 44f).
Auch der Soziologe Bourdieu (1997) hat sich im Kapitel Strukturen,
Habitusformen, Praktiken mit Wahrnehmung und mit Verhaltensmustern befaßt.
’Bewußte Kommunikation’ setze voraus, daß die Kommunizierenden das ’Unbewußte’
− womit er sprachliche und kulturelle Kompetenz meint − teilten. Das
Wahrgenommene sei konstruiert und nicht passiv aufgenommen. Ein System von
’strukturierten und strukturierenden Dispositionen’ bilde die Grundlage für diese
Konstruktion, die aus der Praxis entstehe und sich stets daran orientiere. Die Anpassung
an vorhandene Existenzbedingungen ließe die Habitusformen als ein System
beständiger und übertragbarer Dispositionen entstehen. Der Habitus erschaffe aufgrund
der Geschichte einer Kultur für sie individuelle und kollektive Praktiken. Damit stelle
er die ’aktive Präsenz’ früherer Erfahrungen dar, die zu kollektiven Wahrnehmungs−,
Denk− und Handlungsschematas führen, und erzeuge somit auf der Basis von
Regelmäßigkeiten ’vernünftige’ Verhaltensweisen für den Alltag. Gleichzeitig werden
alle Verhaltensweisen gemaßregelt, die nicht mit den Grundbedingungen im Einklang
stehen. Aus den historischen Erfahrungen einer Kultur werden spezifische
Wahrnehmungs−, Denk− und Handlungsmuster gebildet, die allen Mitgliedern dieser
Kultur ermöglichen,
(...) daß Praktiken unmittelbar verständlich und vorhersehbar sind und
daher als evident und selbstverständlich wahrgenommen werden: Mit
dem Habitus können die Praktiken und Werke mit einem geringen

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Aufwand an Absicht nicht nur erzeugt werden, sondern auch entziffert


werden (a.a.O. 108).

Die gemeinsamen Habitusformen ermöglichten das unproblematische Verstehen im


Alltag einer Kultur. Bourdieu weist allerdings darauf hin, daß nicht alle Mitglieder
einer Kultur dieselben Erfahrungen − noch dazu in derselben Reihenfolge − gemacht
haben können. Daher behandelten Soziologen
(...) alle biologischen Individuen als identisch, die als Erzeugnisse
derselben objektiven Bedingungen mit denselben Habitusformen
ausgestattet sind: als Klasse von identischen oder ähnlichen
Existenzbedingungen und Konditionierungen ist die gesellschaftliche
Klasse (an sich) untrennbar zugleich eine Klasse von biologischen
Individuen mit demselben Habitus als einem System von
Dispositionierungen, das alle miteinander gemein haben, die dieselbe
Konditionierung durchgemacht haben (Bourdieu 1997: 111).

Der Habitus sorgt für eine vergleichbare Erfahrungsaufnahme aller Mitglieder einer
Kultur. Die vom Habitus erzeugten Praktiken sind nur dann wechselseitig automatisch
verstehbar, wenn sie auf derselben Geschichte basieren. Von einer Allgemeingültigkeit
kann man nur sprechen, wenn der Habitus unter ähnlichen oder identischen
Bedingungen wie bei seiner Erzeugung zur Anwendung kommt (vgl. Bourdieu
1997:97ff).
Die Wahrnehmung der Realität wird von allen Autoren als etwas
Kulturspezifisches gesehen, das aber meistens nicht als solches erkannt wird. Diese
kulturelle Sicht der Dinge wirkt sich aber ebenfalls auf die Verhaltensmuster aus. Wir
erwarten daher − oft unbewußt − auf unser Handeln bestimmte Reaktionen, die für
unseren kulturellen Kontext logischerweise erfolgen müßten. Unerwartete
Verhaltensmuster führen in der Regel zu Verwirrung oder gar zum Abbruch der
Kommunikation. Interkulturelle Paare müssen sich dieser unterschiedlichen
Verhaltenserwartungen aufgrund der kulturspezifischen Wahrnehmungs−, Denk− und
Handlungsmuster bewußt werden, wenn sie Fehlinterpretation oder gar den Rückzug
des Partners vermeiden wollen.

2.1 Wahrnehmungskonzepte
Es ist nicht wenig Zeit, die wir haben, sondern es ist viel Zeit, die wir nicht nützen.
Lucius A. Seneca, römischer Philosoph

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Frey et al. (1995: 46) schreiben, daß Wahrnehmung ein Prozeß sei, in dem ein
Individuum aus den vielfältigen Umwelteindrücken bestimmte aussuche und bewerte.
Dieser Bedeutungsgrad unterscheide sich zwar bei jedem Menschen, werde jedoch vom
sozialen Umfeld vermittelt. Wahrnehmung und Kommunikation seien somit immer
kulturell beeinflußt. Auernheim (1996) warnt allerdings davor, kulturelle Unterschiede
als Ursache für Kommunikationsprobleme zu sehen. Auf diese Weise könnten
Vorurteile geschaffen, erhalten oder verstärkt werden. Der Pädagoge Auernheim betont
gleichwohl, daß das Wissen um diese Einflüsse beim Kommunizieren hilfreich sei.
Dagegen ist für Bourdieu (1997: 113f) das Selektionsvermögen durch die
Erfahrungen der gesamten Gruppe bestimmt. Nach Bourdieu könne man den
Klassenhabitus
(...) als subjektives, aber nichtindividuelles System verinnerlichter
Strukturen, gemeinsamer Wahrnehmungs−, Denk− und
Handlungsschemata betrachten, welche Vorbedingung für jede
Objektivierung und Wahrnehmung sind und die objektive Abstimmung
der Praktiken und die Einheitlichkeit der Weltanschauungen mit der
vollkommenen Personenungebundenheit und Substitution der Praktika
und Einzelanschauungen begründen (Bourdieu 1997: 112).

Wahrnehmung ist für Bourdieu genauso wie die Verhaltensmuster durch diesen
Klassenhabitus konstruiert. Für die Mitglieder einer Gruppe seien daher alle Praktiken
selbstverständlich. Dies müsse also bei der Kommunikation zwischen Mitgliedern
verschiedener Gruppen zu Mißverständnissen führen, da ihnen das Unbewußte in Form
von sprachlicher und kultureller Kompetenz nicht gemein sei (vgl. ebenda).
Maletzke sieht eine enge Verknüpfung von Wahrnehmung mit Aufmerksamkeit,
mit Denken und Sprechen, mit Lernen, Erinnerung, Emotionen u.a. Auch für ihn ist
Wahrnehmung von Kultur zu Kultur unterschiedlich.
Beim Wahrnehmen geht der Mensch − wie gesagt − selektiv vor;
bestimmte Gegenstände erlebt er bewußt, wach, aufmerksam, und diese
Gegenstände sind für ihn meist hochgradig ausdifferenziert. Andere
dagegen betrachtet er allenfalls in groben Umrissen oder auch gar nicht
(1996: 48).

Diese Selektion und vor allem die Bewertung durch den Wahrnehmenden ist für
Maletzke kulturspezifisch2. Im Kapitel ’Sprache’ wurde darauf eingegangen, daß
Berger und Luckmann (1995) postulieren, die Welt werde in jeder Kultur erst mittels
der Sprache konstruiert. Eine Gesellschaft teile intersubjektiv die Wahrnehmung des
2 siehe auch Frey 1995: 46

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Alltags und der Wirklichkeit. Dieses kollektive Empfinden werde durch den
gemeinsamen Sprachgebrauch stets reproduziert und gefestigt. Dieses gemeinsame
Wissen enthalte auch Hinweise zur Deutung und zu angemessenen Reaktionen und wird
von beiden Autoren als ’gesellschaftlicher Wissensvorrat’ bezeichnet. Hierin sind neben
Typisierungen anhand bestimmter sozialer Rollen auch Handlungsschemata
gespeichert3.
Reif (1996: 38) führt diese Typisierung von Personen folgendermaßen aus. Jede
hat eine Vorstellung davon, was ’normales’ und ’anormales’ Verhalten ausmacht.
Beeinflußt wird dies von Eigenschaften oder Verhaltenserwartungen, die wir an
bestimmte soziale Rollen knüpfen. Diese Verhaltenserwartungen sind fester Bestandteil
unserer Alltagswirklichkeit. Daneben existieren Schemata für einfache bis komplexe
Handlungen.
Wahrnehmung beinhaltet neben der visuellen auch die taktile Perzeption. Bei der
visuellen Perzeption kann man ebenso kulturspezifische Ausprägungen bei der
Differenzierung von Farben und auch bei der Farbsymbolik erkennen.
Aus einer riesigen Zahl von Farbschattierungen, die der Mensch an sich
unterscheiden könne, wählt jede Kultur nur wenige aus, die man einer
eigenen Benennung für wert hält (Maletzke 1996: 50).

Für uns sei selbstverständlich, daß Rot für die Liebe steht, während im alten Ägypten
Rot als gefährlich und unheilvoll gegolten hat. Unter die taktilen Wahrnehmung fallen
solche Dinge wie der Körperabstand, oder ob Küssen in der Öffentlichkeit erlaubt oder
verboten ist4 (vgl. Maletzke 1996: 49ff).
Wahrnehmung ist also ein komplexer Vorgang, in dem bestimmte Umweltaspekte
empfunden und auch bewertet werden. Dieser Vorgang ist mit verschiedenen Faktoren
wie Erinnerungen oder Emotionen verbunden. Wahrnehmung ist somit kulturabhängig
und kann in der interkulturellen Begegnung zu Mißverständnissen führen, indem die
eigene Wahrnehmung als allgemeingültig angesehen wird. Anhand von ’Zeit’ und
’Raum’ stelle ich nun verschiedene kulturelle Wahrnehmungs− und Bewertungsmuster
vor.

2.1.a. Unterschiedliche Konzepte von Zeit


Sowohl das Zeitkonzept als auch der Umgang mit Zeit sind keineswegs in allen

3 siehe auch Bourdieu 1997: 97ff


4 Siehe auch die Kapitel 3.2.a ’Gestik’ und 4.1.b ’Wahrnehmung von Raum und Körperdistanz’

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Kulturen identisch. Maletzke sieht eine permanente Reflexion über ’Zeit’ als eine der
Voraussetzungen, daß sich so kulturell unterschiedliche Konzepte entwickelt haben. Für
ihn ist eine Zeiteinteilung in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft naheliegend, da
sich alle Gesellschaften mit allen drei Aspekten auseinandersetzen müssen. Er merkt
jedoch an, daß deren Gewichtung sehr differiert. So finde für die hispanischen
Einwohner im Südwesten der USA das Leben vor allem in der Gegenwart statt, da
Vergangenes vergangen und die Zukunft dunkel und unvorstellbar sei. Im alten China
sei die Orientierung an der Vergangenheit dagegen viel größer, was für Maletzke seinen
Ausdruck in der Ahnenverehrung und der Wichtigkeit der Familientradition findet. In
Europa sei die Bedeutung der Vergangenheit noch besonders stark bei den Briten
vorhanden, während die Nordamerikaner deren Respekt vor Tradition nicht
nachempfinden könnt. Den Briten sei dagegen die amerikanische Konzentration auf die
Zukunft, die aus dem Glauben resultierte, daß immer ’alles größer und besser wird’,
unverständlich (vgl. Maletzke 1996: 83f).
Sowohl die Vorstellung über das, was Zeit ist, als auch die unterschiedlichsten
Möglichkeiten mit ihr umzugehen, sind für ihn kulturspezifisch. Über Zeit haben die
Menschen sicher schon vor den griechischen Philosophen nachgedacht, die Ergebnisse
variieren jedoch stark. So stellten Sozialanthropologen wie Lévi−Strauss oder Evans−
Pritchard fest, daß Zeit für einige Gesellschaften sehr und für andere dagegen kaum
wichtig war. Diese Grobeinteilung wurde schon bald ungenau, da man andere
Zeitkonzepte genauso wenig beachtete wie die verschiedenen Zwischenstufen (vgl.
a.a.O. 54).
Für die Europäer und Amerikaner beschreibt Maletzke folgendes Zeitmodell:

Linearität Zeit läuft ab


Monotonie Der Zeitablauf ist immer gleich
Nichtumkehrbarkeit Was weg ist, ist weg
Kontinuität und Kausalität Das Frühere bestimmt das Nachfolgende
Gerichtetheit Der Zeitablauf hat einen impliziten Sinn
einer Entwicklung
Synchronität Für alle Bereiche gesellschaftlichen
Handelns soll gewissermaßen die gleiche
Zeit gelten
Kumilativität In der Zeit sammelt sich etwas an, das
immer mehr wird

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Maletzke schreibt, daß in Asien und Afrika die Zeit wesentlich ’konkreter’ und
’ganzheitlicher’ sei. In folgenden Punkten differenziere sich das Zeitverständnis:
1. In Asien verliefe die Zeit nicht gradlinig, sondern zyklisch.
2. Sie werde nicht als metronomisches Gesehen dargestellt, sondern als Diskontinuum
zu ergreifender oder zu vermeidender Momente verstanden.
3. Sie werde nicht durch abstrakte mathematische Einheiten angegeben, sondern sei
durch Jahresfeste oder Saisonarbeit direkt erfahrbar.
Leider spricht Maletzke hier ganz undifferenziert von Asien und Afrika und führt nur
wenige konkrete Beispiele an, so daß nicht erkennbar wird, worauf diese Behauptung
beruht. Er führt die Tiv in Afrika an, anhand derer er zeigen will, wie verschiedenartig
und damit auch fremd die Zeitvorstellung in anderen Kulturen für uns sein kann. Einige
Modelle könnten von uns nur schwer nachvollzogen werden. Die Tiv z.B. stellen sich
die Zeit als eine Art von Kapseln vor, die nicht permanent gewechselt werden. So
existiere dort eine Zeit fürs Kochen, eine für die Arbeit, etc., aber man wechsle nicht
permanent zwischen den Kapseln (vgl. Maletzke 1996: 54f).
Ein weiteres Beispiel schildert Whorf von den Hopi. Dort sei Raum und Zeit
immer im Zusammenhang mit einem bestimmten Ereignis oder einem Ort verbunden.
Auch existiere keine Differenzierung in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, statt
dessen werde dort ’Manifestiert’ und ’Unmanifestiert’ unterschieden. Das
’Manifestierte’ sei alles,
was den Sinnen zugänglich ist oder war, das ganze historische physische
Universum, ohne Andeutung eines Unterschiedes zwischen
Vergangenheit und Gegenwart, aber mit völligem Ausschluß all dessen,
was wir Zukunft nennen (Whorf 1999: 102).

Dies wird auch als das ’Objektive’ bezeichnet. Dagegen ist alles Zukünftige das
’Unmanifestierte’ und ’Subjektive’. Aber nicht nur das, sondern auch alles, was nur im
Bewußtsein vorhanden ist. Es umfaßt neben Vorstellungen, Denken und Fühlen auch
Wünsche und Erwartungen. Dabei entwickelt sich alles vom ’Unmanifestierten’ zum
’Manifestierten’ (vgl. Whorf 1999: 102ff).
Auch Frey et al. (1995) befassen sich mit dem Zeitsystem und greift dabei stark
auf Hall (1959) und dessen Differenzierung in monochrone und polychrone
Zeiteinteilung zurück. Sie erklären, daß in Nordeuropa und Nordamerika das
Zeitsystem monochron sei, da hier die Menschen dazu neigten, nicht mehrere Dinge

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gleichzeitig zu tun. Zeit sei hier linear.


Ein Ereignis folge auf das andere; die Zeit schreite wie an einem Band in
die Zukunft voran. Sie wird vergegenständlicht: Zeit kann gegeben,
verschwendet, verloren, gefunden, bezahlt usw. werden (Frey et al. 1995:
51).

Ohne Planung sei das Leben dort kaum mehr denkbar. Zeit habe jedoch in anderen
Ländern eine andere Bedeutung. Als Beispiel führen Frey et al. den arabischen Raum,
Südasien, Lateinamerika und den Mittelmeerraum an. Dort existiere ein anderer
Umgang mit Zeit, nach Hall polychron. So sei es dort durchaus denkbar, daß mehrere
Termine parallel lägen. Frey et al. verdeutlichen diese polychrone Zeiteinteilung an
einem Pakistani, der lange in Deutschland lebt. Dieser berichtet, daß er in seiner Heimat
jederzeit einen Freund besuchen könne. In Deutschland wäre er mehrmals wieder
fortgeschickt worden. Dieses Verhalten sei in Pakistan kaum vorstellbar, da sein Freund
ihn dort entweder mit einbezöge oder seine Tätigkeit sogar unterbräche (vgl. Frey et al.
1995: 51).
Neben den teilweise divergenten Zeitkonzepten ist auch der Umgang mit Zeit
kulturell verschieden. Maletzke vermutet hier, daß ’der Grad der Technisierung und
Industrialisierung’ hier einen großen Einfluß hat. Er schreibt:
Je höher eine Gesellschaft industrialisiert ist, desto bewußter, rationaler
und sparsamer denken und handeln die Menschen in der zeitliche
Dimension (Maletzke 1996: 56).

Diese Behauptung führt er auf die für die Technik notwendigen Eigenschaften wie
Präzision, Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit zurück. Weiter sei die Industrialisierung
stets auf die Zukunft angelegt, so daß dadurch ebenfalls Definitionen und Vorstellungen
wie Planen, Investieren, Disponieren, etc. beeinflußt werden. So sei eine
’Errungenschaft’ dieser Fortschritte, daß neben der zunehmenden Bedeutung von
Zukunft auch die Uhrzeit immer zentraler werde. Viele offizielle Einrichtungen wie
Schulen, Fabriken, etc. könnten nur dadurch funktionieren. Diese Neuorientierung an
Zeit sei in den Städten der ’Dritten Welt’ fortgeschrittener als auf dem Land, wo oft
noch traditionelle Zeitkonzepte fortbestünden. (vgl. a.a.O. 56)
Ein anschauliches Beispiel für diesen divergenten Umgang mit Zeit ist das
kulturelle Verständnis von dem, was ’Pünktlichkeit’ ausmacht. Auch schon in früheren
Zeiten hat man sich zu vorher festgelegten Zeiten getroffen, war damit nach Maletzke
aber keineswegs im modernen Sinn ’pünktlich’. Diese Art von Pünktlichkeit sei erst
durch die Industrialisierung und Technisierung der westlichen Welt entstanden. Seitdem

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gelte hier die Pünktlichkeit als Tugend. Jedoch wird der Begriff Pünktlichkeit je nach
Kultur anders ausgelegt. In Europa werde bei dienstlichen und offiziellen Terminen die
minuziöse Einhaltung erwartet, während man im Privaten eine ’Verspätung’ von fünf
bis fünfzehn Minuten für angemessen halte. Eine größere Verspätung müsse jedoch
entschuldigt und begründet werden. Maletzke wirft ein, daß man z.B. in Lateinamerika
dagegen auch bei Geschäftsterminen ca. 45 Minuten später erscheine (vgl. ebenda).
Frey et al. schreiben, daß man in Pakistan ebenfalls keinen großen Wert auf
Pünktlichkeit lege. So entspräche eine dortige Verspätung von einer dreiviertel Stunde
hier bei uns fünf Minuten und erfordere daher keine ausdrückliche Entschuldigung (vgl.
Frey et al. 1995: 51).
Im Diskussionsforum wurde ebenfalls über Pünktlich diskutiert. So schreibt
Jasmin:
Das einzige was mich manchmal wirklich verrückt macht ist sein
völliges Unverständnis für Zeit (Treffpunkt 26.04.00).

Sie führt auch ein konkretes Beispiel an: Ihr Mann war für ein paar Tage zu seinem
Bruder gefahren. Am Tag seiner Rückkehr rief er morgens um acht Uhr an, um
Bescheid zu geben, daß er zurück sei und gleich käme. Um 14 Uhr sei er dann zu Hause
angekommen und völlig erstaunt über ihre Verärgerung gewesen. Er wäre ja nur zum
Beten in der Moschee gegangen. Jasmin erklärt, daß ihr Mann in 90% der Fälle
unpünktlich sei. Eigentlich müsse sie ja schon daran gewöhnt sein. Sie ärgere sich aber
immer noch. Auch Sula (Treffpunkt 26.04.00) berichtet, daß ihr Ex−Mann immer
wieder unpünktlich gewesen sei. Er habe zwar wiederholt versprochen sein Verhalten
zu ändern, aber sei nach ca. zwei Wochen erneut in das alte Verhalten zurückgefallen.
Selbst wiederholte Anrufe bei der Polizei und in mehreren Krankenhäusern sowie ihre
Tränen hätten nichts bewirkt. Während Jasmin und Sula scheinbar keinen Kompromiß
in Sachen Pünktlichkeit mit ihren Männern finden konnten, macht sich Susanne keine
Sorgen mehr. Sie (Treffpunkt 27.04.00) schreibt im Rahmen dieses Threads über die
Pünktlichkeit ihres Mannes. Seit sie einmal aus Sorge drei Krankenhäuser angerufen
habe und bei seinem Erscheinen weinend zusammengebrochen sei, riefe er − nun im
Besitz eines Handys − an und sei ’relativ’ pünktlich. Dieses Ereignis habe jedoch eine
Vorgeschichte:
Wenige Wochen vorher war er von Rassisten auf offener Straße
verprügelt worden und das Handy hat ihm vielleicht nicht das Leben
gerettet, aber doch vor bleibenden Verletzungen bewahrt (Treffpunkt
27.04.00).

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So habe sie beim zweiten Mal natürlich erneut ängstlich reagiert, zumal er ihre Tochter
mitgenommen hatte. Nach dieser Begebenheit habe er eingesehen, daß ihre Sorge einen
realen Hintergrund habe. Susanne (Treffpunkt 26.04.00) kommentiert Jasmins Beitrag
damit, daß sie sich mittlerweile keine Sorgen mehr mache, da sie davon ausgehe, daß er
sowieso nicht pünktlich sei. Trotzdem finde sie dieses Verhalten ärgerlich, da sie oft
auch auf seine ebenso unpünktlichen Freunde warten müßte. Sie empfinde dies als reine
Zeitverschwendung. Susanne bemerkt, daß ihr Mann nur im privaten Bereich dieses
Verhalten habe. Im Beruf sei er nämlich durchaus pünktlich.
Während für Susanne Unpünktlichkeit reine Zeitverschwendung darstellt,
empfanden für Dettmar viele Deutsche
(...) in der Regel die Angewohnheit der afrikanischen Freunde , zu spät
oder gar nicht zu einem Termin zu kommen, weil ihnen etwas
dazwischengekommen war, als Respektlosigkeit oder Zeichen
mangelnder Liebe (1989: 266).

Umgekehrt sei das ’Nichtwarten’ für Afrikaner ein Indiz für mangelnde Gefühle des
deutschen Freundes. Der unterschiedliche Umgang mit Zeit führe immer wieder zu
Konflikten zwischen Deutschen und ihren afrikanischen Partnern (vgl. Dettmar 1989:
266).
Englert (1995: 141) schreibt in ihrer Untersuchung deutsch−ghanaischer Ehen,
daß die Mehrheit der befragten Frauen angaben, schon mal Schwierigkeiten wegen der
Unpünktlichkeit ihrer Männer gehabt zu haben. Jedoch hätten sich die meisten der
Männer den europäischen Verhältnissen angepaßt. Einer der Ghanaer begründet sein
Verhalten wie folgt:
In Ghana ist es unmöglich, pünktlich zu sein, öffentliche Verkehrsmittel
haben oft keine festen Fahrpläne, die eingehalten werden, alles ist nicht
so durchorganisiert wie in hier in Deutschland (ebenda).

Bei einem der befragten Paare waren beide nicht pünktlich, so daß hier daraus kein
Problem entstanden sei.
Der unterschiedliche Umgang mit ’Zeit’ taucht bei vielen Autoren in ihren
Untersuchungen über interkulturelle Beziehungen auf. Ich denke, daß die jeweiligen
Zeitkonzepte eng verknüpft sind mit Bewertung von Zeit und Lebensgefühl. Während
in unserer Gesellschaft hauptsächlich nach der Uhrzeit gelebt wird, legen andere
Kulturen mehr Wert auf persönliche Beziehungen. Dort würde man niemanden
wegschicken, da man gerade keine Zeit für ihn hat. Die Umstellung auf andere Werte
beinhaltet somit eine Änderung von Prioritäten. So seien viele afrikanische Männer in

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beruflichen Dingen bezüglich Pünktlichkeit stärker angepaßt als im Privaten, wo es


dann andere Bereiche wie den Freundeskreis oder den Lebensstil direkt tangiere.
Kulturen unterscheiden sich sowohl im Konzept von Zeit als auch im konkreten
Umgang mit dieser. Auch die Bedeutung und Wertung von Vergangenheit, Gegenwart
und Zukunft variieren je nach Kultur. Die Europäer sind wesentlich stärker auf die
Vergangenheit fixiert als die Menschen in Nordamerika. Dieses wirkt sich auch auf den
Umgang mit Zeit aus. In den Industriestaaten ist das Leben hektischer und stärker an
die Uhr gebunden als in anderen Kulturen.

2.1.b. Wahrnehmung von Raum und Körperdistanz


Ähnlich wie das Zeitkonzept sind auch die Vorstellungen von Raum kulturell
geprägt und erscheinen uns als selbstverständlich und natürlich, so daß andersartige
Konzepte befremdend und bizarr wirken. Es sei hier von großer Bedeutung für die
interkulturellen Begegnungen, daß man keine Ansicht für richtig oder falsch, zivilisiert
oder primitiv hielte. Während in einigen Gesellschaften Norden, Osten, Süden und
Westen differenziert werden, sei die Wahrnehmung von Raum in anderen Kulturen von
geringerer Bedeutung (vgl. Maletzke 1996: 58).
Neben der Wahrnehmung ist der Umgang mit Raum kulturell unterschiedlich, eng
verknüpft mit dem jeweiligen Raumkonzept. Maletzke (1996: 59) zeigt den Umgang
mit Raum anhand von vier Themenkreisen, die er mit Beispielen aus der Literatur
belegt:
• privater Raum
• räumliche Orientierung
• interpersonale Distanz
• Raumgestaltung
Jeder Mensch erlebe das Bedürfnis, eine Zeit lang allein in einem Raum zu sein. Eine
Verletzung dieser Privatssphäre gelte als taktlos und erdrückend. Hall (1969: 139) zeigt
dies am Beispiel von Amerika/England und Deutschland. In England trenne man strikt
zwischen dem privaten Besitz und den öffentlichen Territorien. In Amerika dagegen
verwende man die Tür als Zeichen für Privatheit oder Zugänglichkeit. Eine offene Tür
symbolisiere den möglichen Zugang, während eine geschlossene Tür auf eine
’geschlossene Gesellschaft’ wie bei Konferenzen oder privaten Angelegenheiten
hinweise.

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Ein sehr großes Bedürfnis nach Privatheit schreibt Hall (1969: 134f) den
Deutschen zu. So seien bei uns alle Bürotüren verschlossen, da eine offene Tür als
Mangel an Ordnung gelte. Für Hall haben die Deutschen die Angewohnheit, ihre
Privatssphäre mit allen Mitteln zu schützen. So sähe man in Deutschland den Raum als
Fortsetzung des Egos. Im Gegensatz zu den Nordeuropäern lebten die Menschen am
Mittelmeer viel dichter, was man seiner Meinung nach an den Verkehrsbussen oder in
den Straßencafés sehen könne.
Daß die räumliche Orientierung kulturspezifisch geprägt ist, will Hall (1969: 79)
am Beispiel der Gruppe der Aivilik−Inuit zeigen. Für uns sei es schwer, sich in deren
Umgebung zurecht zu finden, da die für uns notwendigen sichtbaren
Orientierungspunkte zeitweise genauso wenig wahrnehmbar seien wie die
Differenzierung von Himmel, Horizont oder Erde. Die Richtung und der Geruch des
Windes in Kombination mit einem besonderen Gefühl für das Eis und den Schnee unter
ihren Füßen mache den Aivilik eine räumliche Orientierung möglich. Auf diese Weise
fänden sie Wege über mehr als hundert Meilen. Sie differenzierten über zwölf
verschiedene Begriffe für Wind. Hall schreibt
They integrate time and space as one thing and live in acoustic−olfactary
space, rather than visual space (1969: 80).

Die interpersonale Distanz baut Maletzke auf Halls Bücher The silent language
und The hidden dimension auf. Darin befaßt sich Hall ausführlich und mit einer Menge
von Beispielen aus der Forschungsrichtung Proxemics. Im nordamerikanischen
Kulturraum existieren je nach sozialer Situationen bestimmte Distanzzonen:
• Intimate distance
• Personal distance
• Social distance
• Public distance
Maletzke erläutert diese Zonen. Die Intimdistanz bezieht sich auf Sexualität und alle
sonstigen engeren Berührungen. Bei der persönlichen Distanz haben alle
Körperkontakte keine intime Bedeutung. Die soziale Distanz liege z.B. bei
unpersönlichen Geschäftsbeziehungen vor, während die öffentliche Distanz eine Rolle
bei Begegnungen mit bedeutenden Persönlichkeiten spiele (vgl. 1996: 61).
Hall veranschaulicht an einem Treffen zwischen Lateinamerikanern und
Nordamerikanern die Auswirkungen unterschiedlicher kultureller Interaktionsdistanzen.

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Die Südamerikaner fühlen sich wohl, wenn sie bei Gesprächen eine sehr geringe
körperliche Entfernung zum Gegenüber haben. Diese kurze Entfernung verbindet der
Nordamerikaner hingegen mit sexuellen oder feindlichen Gefühlen. Der
Lateinamerikaner rückt immer dichter auf den Nordamerikaner zu, worauf dieser mit
Zurückweichen reagiert. So bewegen sich ständig beide durch den Raum in dem
Bemühen, den jeweilig angenehmen räumlichen Abstand herzustellen. Auf den
Lateinamerikaner macht das den Eindruck, daß der Gesprächspartner distanziert ist,
während der Nordamerikaner sich bedrängt fühlt. Kennen Nordamerikaner das
Verhalten, verschanzten sie sich hinter Tischen und Stühlen, um so ihre gewünschte
Distanz herzustellen. Dies kann wiederum dazu führen, daß die Südamerikaner sich für
eine ihnen angenehme Entfernung über die Hindernisse hinweg setzen (vgl. Hall 1959:
209).
Die Raumgestaltung ist für Maletzke ebenfalls kulturell geprägt. Dieser
Themenkomplex umfaßt sowohl die Anlage einer Stadt als auch den Entwurf eines
Hauses und letztendlich die Gestaltung eines Raumes. Beispiele entnimmt er wiederum
Halls The hidden dimension. Dieser beschreibt dort die Innenausstattung eines
japanischen Raumes. Während im Westen lediglich Gegenstände wahrgenommen
werden, benenne man in Japan auch die Zwischenräume und verehre diese dazwischen
liegenden Intervalle als ma (vgl. 1969: 75). Daher widmeten sich die Japaner dem
Raum zwischen den Objekten. In einem traditionellen japanischen Haus seien die
Wände nur halbfest, und die Mitte des Raumes werde hauptsächlich verwendet.
Während in westlichen Häusern jeder Raum eine spezielle Funktionen − wie
Arbeitszimmer oder Küche − hat, dienen in Japan die meisten Zimmer mehreren
Zwecken (vgl. a.a.O. 51).
Englert hat ihre deutsch−ghanaischen Ehepaare ebenfalls zum Thema
Wohnungseinrichtung interviewt. Die Befragten gaben an, daß bei ihnen beide
Herkunftskulturen in die Wohnungseinrichtung eingeflossen seien. Erleichternd wäre
der Fakt gewesen, daß es in Ghana modern sei, seine Wohnzimmer europäisch
einzurichten. Dieser Raum diene dort nicht nur als Aufenthaltsraum, sondern vor allem
als Prestigeobjekt. Die ghanaische Art der Wohnzimmergestaltung gefiel einigen
deutschen Frauen nicht, so daß ein Kompromiß gefunden wurden mußte (vgl. 1995:
146). Die Wahrnehmung von Raum und Körperdistanz sei ähnlich kulturell
unterschiedlich wie die Wahrnehmung von Zeit. Dies äußere sich einmal in der
Gestaltung privater Räume und zum andern in der interpersonalen Distanz.

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2.2 Denk− und Handlungsmuster


Nicht nur die Wahrnehmung der Umwelt, sondern auch unsere Reaktion darauf ist
kulturell geprägt. Typische Verhaltensmuster erfahren wir in der Kindheit und
übernehmen sie. Für Maletzke (1996: 80) wird sowohl unser Denken als auch unser
Handeln von Wertvorstellungen gelenkt. Die Aneignung dieser Werte erfolgt durch
unsere Sozialisation und wird von Generation zu Generation weitergegeben. Sie
beinhaltet allerdings eine Anpassung an Veränderungen der Umgebung. Die Bedeutung
einzelner Werte schwankt von Kultur zu Kultur. Dieser Zusammenhang zwischen
Verhaltensweisen und Wertvorstellungen mit der Geschichte einer Gruppe ist bei
Bourdieu (1997) zu finden. Der Habitus einer Kultur sei
(...) nichts anderes, als jenes immanentes Gesetz, jene den Leibern durch
identische Geschichte(n) aufgeprägte lex insita, welche Bedingung nicht
nur der Absrtimmung der Praktiken, sondern auch der Praktiken
Abstimmung ist (a.a.O. 111).

Die individuellen Anpassungen und Korrekturen seien nur auf der Basis eines
gemeinsamen Codes möglich.
Neben den Wertorientierungen existieren in jeder Kultur ebenfalls
Verhaltensmuster, die richtiges und falsches Handeln definieren. Da diese Schemata
kulturspezifisch sind, kann eine Handlungsweise in unterschiedlichen Kulturen
verschieden gedeutet werden. Anwendung finden diese gesellschaftlichen Muster
einerseits durch Sitten, Normen, Riten oder Tabus und andererseits durch die
Rollenvorstellungen.5 Sitten und Normen definieren für Maletzke das erwartete und
somit korrekte Verhalten innerhalb einer Gruppe. Als Beispiel führt er das
Heiratsverhalten an. Während sich in Nordamerika oder Europa junge Menschen
begegneten, verliebten und heirateten, schlössen in anderen Kulturen die
Familienoberhäupter einen Vertrag ab. So sei es im alten Griechenland − bis vor
kurzem auch in China − üblich gewesen, daß sich die Brautleute vor der Hochzeit nicht
kannten. Diese Vorstellung sei für viele junge Frauen in Europa, die aufgrund des
Ideals der romantischen Liebe heirateten, schrecklich, dagegen gelte in vielen Kulturen
der Brautkauf. Dort wären die Frauen oft stolz auf den erzielten Preis und folgten den
Männern erst nach der Bezahlung in deren Familie (vgl. Maletzke 1996: 91f). Auch
wenn diese unterschiedlichen Heiratssitten existieren, führt Maletzke keine Kulturen
explizit auf, so daß nicht klar wird, woher er die Daten hat.

5 siehe auch Kapitel ’Beziehungskonzepte und −erwartungen’

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Die kulturell erwarteten Handlungsmuster sind sehr differenziert. In den Kapiteln


’Beziehungskonzepte und −erwartungen’ und ’Konfliktverhalten’ werden nach den
unterschiedlichen Denkformen die kulturspezifischen Muster und daraus resultierende
Konflikte dargestellt.

2.2.a. Das Denken


Es ist eindeutig, daß Menschen mit unterschiedlichen Wertvorstellungen oder
Normen auch verschiedenen Denkweisen folgen. Maletzke erklärt jedoch, daß auch die
Form des Denkens kulturabhängig sei. Seiner Meinung nach entstünde ein wesentlicher
Teil der Kommunikationsprobleme aus eben diesen unterschiedlichen Denkformen.
Stark vereinfacht existierten folgende Gegensatzpaare:
• logisch und prälogisch
• induktiv und deduktiv
• abstrakt und konkret
• alphabetisch und analphabetisch
Er führt dies wie folgt aus: Die Dichotomie ’logisch und prälogisch’ sei in der Antike
durch die Philosophie entstanden. Seit dieser Zeit gelte in Europa die Forderung logisch
zu denken. Maletzke betont, daß dies lediglich eine Forderung sei. In vielen
Alltagssituationen werde auch bei uns nicht logisch gedacht. Mit Bezug auf Lévi−
Strauss (1973) schreibt Maletzke, daß unser westliches Denken im Vergleich zu
anderen Kulturen hochgradig logisch bestimmt sei. Dies hänge auch damit zusammen,
daß unsere Kultur sehr stark schriftsprachlich geprägt sei.
Während logisches Denken analytisch−linear−rational vorgeht, ist das
prälogische denken ganzheitlich, assoziativ, affektiv (Maletzke 1996:
64).

Zur Dichotomie ’induktiv − deduktiv’ erklärt Maletzke, daß induktives Denken vom
Einzelnen und Konkreten zum Allgemeineren und Abstrakteren gehe, während
deduktives Denken andersherum Konzepte und Theorien mittels empirischer Daten
überprüfe. Bei uns in Mitteleuropa hielte man die Reihenfolge vom Besonderen zum
allgemeinen Muster für natürlich. In anderen Kulturen dagegen werden neue Tatsachen
in bereits bestehende Ideen einfügt.
Der Westen denke hauptsächlich abstrakt, dagegen ordnet Maletzke z.B. viele
Afrikaner der konkreten Denkweise zu. Er schreibt, daß sie ihre Umwelt viel bildhafter

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und emotionaler wahrnehmen als wir. Sie verarbeiten ihre Umgebung eher anhand von
Menschen als von Gegenständen. Als Beispiel führt er einen Versuch an, in dem
afrikanische Testpersonen
(...) von zwei Erzählungen aus derjenigen mehr Details im Gedächtnis
behalten und sinnvoll in Bezug zu anderen Details setzen, die
anschaulich und subjektiv Stellung nehmend erzählte, als aus derjenigen,
die den gleichen Sachverhalt abstrakt und neutral darstellte (Maletzke
1996: 66).

Ich nehme an, daß diese Wahrnehmungsart von den Anforderungen einer bestimmten
Kultur abhängt. So bezieht sich dieses Beispiel wohl eher auf die noch traditioneller
lebende Landbevölkerung als auf die Stadtbewohner oder die westliche geprägte Elite.
Meiner Meinung nach entwickelt sich abstraktes Denken durch die Schulbildung, z.B.
in der Philosophie oder in den Naturwissenschaften.
Die Dichotomie ’alphabetisch−analphabetisch’ begründet Maletzke mit der
Fertigkeit lesen und schreiben zu können. Psychologische und anthropologische Studien
hätten ergeben, daß
(...) das Lernen dieser Fertigkeiten auf längere Sicht mehr bedeute, es
bringt eine eigene Weltsicht, veränderte Erlebnis− und Verhaltensweisen
und letztlich auch bestimmte eigene Merkmale der Persönlichkeit mit
sich (a.a.O. 66).

Für die Art des Denkens bedeute dies ein unterschiedliches Erleben und
Verarbeiten der Welt. Lesen und Schreiben ermögliche eine abstraktere Denkweise als
die stärker an Personen, Situationen, Raum und Zeit gebundene Wahrnehmung der
Analphabeten. Die Entwicklung von Schrift habe die Fixierung des kulturellen
Gedankenguts ermöglicht, so daß dies die Basis für einen ’kritischen, skeptischen und
rationalen Diskurs’ sei. Maletzke betont, daß die vier Gegensatzpaare miteinander
verbunden sind und sich auch teilweise decken.

2.2.b. Beziehungskonzepte und −erwartungen


Die Sprachwissenschaftlerin Lehner (1994) hat versucht, anhand deutsch−,
englisch− und französischsprachiger Romane die unterschiedlichen
Beziehungserwartungen und −konzepte in Europa und Afrika herauszuarbeiten. Da
gerade nach Hall (1959: 83ff) die Ebene der informalen Kommunikation von
vergleichsweise unbewußten und nicht hinterfragten Vorstellungen und Gefühlen
beeinflußt wird, seien hier Auseinandersetzungen aufgrund der unterschiedlichen

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Partnerschaften

Erwartungen wahrscheinlich.
Romantisch−idealistische Liebe und eine selbstverständliche Bindung von Ehe an
Liebe sind für Lehner (1994: 5) ein typisch europäisches Beziehungsmodell. Dieses
Konzept habe eine Brückenfunktion zwischen Individuum und Gesellschaft.
Die Vorstellung idealtypischer privater Harmonie entlaste den Einzelnen
von den gesellschaftlichen Zwängen und biete ihm gleichzeitig die
legitimatorische Basis für einen Rückzug aus der Öffentlichkeit (ebenda).

Allerdings weist Lehner darauf hin, daß die wachsende Zahl an Partnerschaftsratgebern6
ein Indiz sei für die wachsende Diskrepanz zwischen dem ’Ideal der romantischen
Leidenschaft’ und den Erfordernissen der Alltags.
Demgegenüber baue das afrikanische Beziehungskonzept weitgehend auf den
unterschiedlichen Geschlechterrollen im Kontext der Großfamilie auf.
In Africa, the ultimate value is not the self−fulfillment in the act of
loving, it is rather the ability to create life through the act of loving
(Egejuru 1982: 88).

In der afrikanischen Literatur taucht immer wieder die zentrale Rolle der Mutterschaft
auf. Dennoch werde damit keineswegs behauptet, daß die Vorstellung von Liebe aus
Europa importiert sei. Vielmehr kritisierten die Autoren die untergeordnete Stellung der
afrikanischen Frauen, wiesen aber gleichzeitig darauf hin, daß innerhalb der
Paarbeziehung eine größere Selbständigkeit der Frauen existiere. Afrikanerinnen
definierten sich stärker über ihre Mutterrolle als über ihre Rolle im Rahmen der
Kleinfamilie. Für Lehner führe dies zu pragmatischen Erwartungen bezüglich einer
Beziehung.
Liebe erscheint somit in stärkerem Maße als eine bewußte Aktivität, ein
erlernbares soziales Verhalten, das die Beziehungserwartungen nicht
präformiert, sondern sich erst im Verlaufe des Zusammenlebens
entwickelte (Lehner 1994: 8).

Dettmar (1989: 246ff) hat sich eingehend mit den Problemen und Motivationen in
deutsch−afrikanischen Beziehungen befaßt. In ihrer Untersuchung herrschte bei diesen
Afrikanern Übereinstimmung darin, daß es leichter sei, Beziehungen zu deutschen
Frauen zu beginnen als zu Männern, von denen die Jüngeren kontaktfreudiger seien. Im
allgemeinen treten Menschen, die viel gereist sind oder sich für Afrika interessieren,
Beziehungen offener entgegen. Die Deutschen gaben als Grund für ihre Beziehungen
z.B. an: ’immer schon rebellisch gewesen zu sein’ oder eine ’karitative Veranlagung’ zu

6 Siehe aus 3.3.d Kommunikationsprobleme und Paartherapie

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haben. Dettmar (a.a.O. 251ff) führt an, daß Kategorisierungen auf beiden Seiten zur
Bestätigung von Vorurteilen führe. So meinten sowohl Afrikaner als auch Deutsche,
daß der Partner es nur auf Sex abgesehen habe. Ein anderer Punkt war die
unterschiedliche Vorstellung und Erwartung hinsichtlich einer Freundschaft, zum
Beispiel bei dem Thema ’Geld leihen’. Viele Deutsche seien hier mißtrauisch, was auf
Afrikaner als Mangel an Verbindlichkeit und Intensität wirke. Freundschaft hieße in
Deutschland nur ’sich mal treffen, was trinken’, während man in Afrika auch
finanzielle Probleme teile (vgl. 1989: 256f).
Auch im ’Treffpunkt’ kam das Thema Geld mehrmals zur Sprache. Hier ging es
jedoch um die finanzielle Aufteilung innerhalb der Partnerschaften. Es wurde
vorwiegend ein für beide befriedigender Kompromiß gefunden. So schreibt Jasmin
(Treffpunkt 18.05.00),daß ihr Mann sie während des Studiums finanziell unterstützt
habe. Nun, da sie selbst verdiene, habe jeder sein eigenes Konto, und zusätzlich sei ein
gemeinsames Konto vorhanden. Dieses gemeinsame Konto sei für Miete, Strom,
Wasser, etc., an dem sich ihr Mann unbedingt beteiligen wolle. Auch Susanne
(Treffpunkt 18.05.00) berichtet, daß sie sich die finanzielle Belastung jetzt teilen.
Während ihres Studiums sei ihr Mann Alleinverdiener gewesen. Annette (Treffpunkt
17.05.00) fügt an, daß sie momentan alle Fixkosten trage, während ihr Mann z.B. die
Telefonkosten übernehme. Zum Thema Geld wurde in diesem Rahmen immer wieder
darauf aufmerksam gemacht, daß die afrikanischen Männer Probleme haben, einen Job
zu finden. Die Berufsausbildung oder das Studium werden hier nicht anerkannt, so daß
sie einfache Jobs annehmen müssen. Es gab aber auch Stimmen im ’Treffpunkt’, die
den afrikanischen Männern vorwarfen, auf Kosten der deutschen Frauen zu leben
anstatt arbeiten zu gehen. Auch in Englerts Studie gaben vier Paare an, sich das Geld zu
teilen, wobei in zwei Fällen die Frau den Hauptteil verdiente. Zwei andere Paare
empfanden
(...) die ständige oder vorübergehende Abhängigkeit des ghanaischen
Ehepartners als Belastung für die Beziehung (Englert 1995: 142).

Problematisch wurde es meist, wenn der Mann seine Verwandtschaft in Ghana


finanziell unterstützte. Da hier die Kleinfamilie als Bezugspunkt dient, empfanden
einige Frauen dies als Bedrohung. Andererseits sieht der ghanaische Ehepartner durch
diese Haltung seine Herkunftsfamilie nicht als anerkannt.
In Bezug auf Beziehungskonzepte arbeitet Dettmar (1989: 269ff) Unterschiede
heraus.

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Während die meisten Deutschen von einem "romantischen"


Liebeskonzept ausgingen und geistige und körperliche Einheit mit dem
Partner suchten , meinten die meisten Afrikaner, das von ihnen in der
Partnerschaft verlangte "tiefe Verständnis" schon aufgrund der
Unterschiede in Herkunft und Kultur nicht aufbringen zu können (a.a.O.
269).

Sozialbeziehungen spielten für Afrikaner eine bedeutend größere Rolle als für ihre
deutschen Partner. Diese suchten ein ausgeprägtes Privatleben, während Afrikaner auf
ihr gewohntes Familienleben nicht verzichten wollten. Der öffentliche Austausch von
Zärtlichkeiten wurde von den Afrikaner vermieden, da dies in der eigenen Kultur
verpönt sei, die Deutschen empfanden diese Weigerung als Zeichen mangelnder
Gefühle.
Unterschiedliche Auffassungen gab es auch im Bereich Treue. Beide Seiten
äußerten Enttäuschung. So warfen einige deutsche Frauen ihren Männern wiederholtes
’Fremdgehen’ vor, gleichzeitig beklagten sich die Männer, daß die hiesigen
Beziehungen nicht auf Dauer angelegt seien. Hinzu kamen Verunsicherungen der
afrikanischen Partner in Bezug auf die große persönliche Freiheit der Frauen in der
hiesigen Gesellschaft. Aufgrund der gesellschaftlichen Strukturen in Deutschland hätten
sie kein Vertrauen (vgl. 1989: 270).
Auch Englert (1995: 132f) befaßte sich im Rahmen ihrer Studie mit Polygamie
und Treue. Sie betont, daß hier kulturelle Unterschiede existierten. Inwieweit dies zu
Problemen geführt habe, konnte nicht festgestellt werden. Sie vermutet aber eine
einseitige Anpassung an die hiesigen Verhältnisse, da alle Partnerschaften monogam
seien. Englert berichtet weiter, daß drei Männer sich bewußt von der Polygamie
distanzierten. Die anderen vier schwiegen sich über dieses Thema aus. 50% der Frauen
habe Treue als Voraussetzung für eine Partnerschaft genannt, während drei Frauen
angaben, Untreue sei kein Trennungsgrund für sie.
Gerade im Bereich der Beziehungserwartungen treffen in interkulturellen
Partnerschaften Gegensätze aufeinander, angefangen bei den unterschiedlichen
Definitionen von Familie. So steht im westlichen Raum die Kleinfamilie im
Mittelpunkt, während es in Afrika die Großfamilie ist. Die Beziehung Mann−Frau ist
dort weniger eng als bei uns. Dies wirkt sich auf die Erwartungen aus. So steht ’traute
Zweisamkeit’ oftmals einer weitläufigen Trennung der Lebensbereiche von Mann und
Frau gegenüber. Der Kontakt zu Freunden und Verwandten erhält eine größere
Bedeutung als in unseren Kreisen, was zu Problemen in den Bereichen

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Ausgehen/Freundeskreis, gemeinsame Unternehmungen oder Feiern führen kann.


Die Erwartungen an die Beziehung entstehen durch die sozialen Rollen und die
kulturspezifischen Geschlechterrollen sowie den damit verbundenen
Verhaltenserwartungen. Für Reif kann es zu Verunsicherungen führen, wenn dieses
Verhalten dann nicht eintritt. Als Beispiel nennt sie einen Mann aus Ägypten, der von
seiner Frau erwartet, daß sie ihm aus dem Mantel und den Schuhen hilft. Verhält sich
seine Frau anders, fühlt er sich schlecht behandelt. Eine Frau aus dem islamischen
Raum erwarte widerum, daß sie durch ihren Mann finanziell und materiell versorgt
wird. Diese Erwartungen könnten bei einem jungen europäischen Mann unerfüllt
bleiben. Auch Reif führt hier an, daß gerade bei der Konstellation ’deutsche Frau −
ausländischer Mann’ diese Geschlechterrollen durch den Arbeitsmarkt und seine
Chancen umgekehrt werden. Die deutsche Frau hat auf dem hiesigen Arbeitsmarkt
aufgrund ihrer Ausbildung meist bessere Chancen, was einen höheren Verdienst zur
Folge hat. Reif macht deutlich, daß dies zu einem mangelnden Selbstwertgefühl der
Männer führen könne, was im Extremfall mit stärkerem männlichen Auftreten
kompensiert werde (vgl. Reif 1996: 39f)7.
Für Maletzke (1996: 98) sind Rollen Ausdruck von kulturellen
Verhaltenserwartungen. Die gesellschaftlichen Erwartungen an das Individuum werden
in den Sozialwissenschaften als ’Rolle’ bezeichnet. Ein Verstoß bzw. die
Nichteinhaltung dieser Erwartungen wird von der Gruppe durch Bestrafung oder gar
durch Ausstoß geahndet.
In meinen Interviews wurde die Rollenverteilung ebenfalls thematisiert. So
berichtet Mamadou einerseits, daß er sich mit seiner Frau die Hausarbeit teile,
andererseits aber auch, daß sie ihm morgens das Frühstück zubereite, bevor sie ihn
wecke. Hanna und Mila sind sich beide einig, daß in ihren Beziehungen schon eine
eindeutige Rollenverteilung herrscht. So sagt Hanna, daß sie die Organisation
übernehme und die Wohnung aufräume. Allerdings begründet sie dies auch damit, daß
es eigentlich ihre Wohnung sei und vorwiegend ihre persönlichen Dinge wie Bücher
etc. vorhanden seien. Mila wirft ein, daß ihr Freund schon sehr ordentlich sei und besser
koche als sie, deshalb übernähme er in einer gemeinsamen Wohnung wahrscheinlich
diese Aufgaben. Oumar und Gabi trafen sich zur Zeit des Interviews immer in Oumars
Wohnung. Oumar berichet, daß er dort allein koche und für Ordnung sorge, bevor seine

7 Ich nehme an, daß dieses Verhalten ebenso in monokulturellen Partnerschaften mit einer besser
verdienenden Frau auftreten kann.

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Du verstehst mich nicht...: Kommunikationsprobleme und Lernprozesse in interkulturellen
Partnerschaften

Freundin am Wochenende käme. Manchmal helfe sie am Wochenende beim Putzen


oder Waschen. Sie koche nur selten, da ihm das deutsche Essen nicht besonders
schmecke.
Englert schreibt, daß von ihren interviewten Paaren die große Mehrheit
berufstätig gewesen sei. Sie vermutet, die Frauen arbeiteten, da die berufliche Situation
der Männer häufig unsicher sei. Die Frauen selbst gaben an, daß sie dies aus Interesse
oder Emanzipation täten. Auch die Hausarbeit sei, bis auf zwei Paare, gleichmäßig
geteilt worden. Englert stellt fest, daß diese Situation keineswegs dem bundesdeutschen
Durchschnitt und den ghanaischen Verhältnissen entspricht, allerdings sei in Ghana die
Berufstätigkeit der Frau selbstverständlich. Die Paare hätten auch berichtet, daß die
Ehemänner erst in Deutschland die Beteiligung an der Hausarbeit gelernt haben (vgl.
1995: 117).
Welche Möglichkeiten der Anpassung oder des Kompromisses es für diese
Probleme gibt, wird im Kapitel ’Lernprozesse’ noch eingehender behandelt. Zunächst
geht es um kulturelles Konfliktverhalten, also wie mit auftretenden Problemen
umgegangen wird.

2.2.c. Konfliktverhalten
Gründe, die einen Konflikt auslösen können, wurden in den vorherigen Kapiteln
erörtert. Neben den sprachlichen Mißverständnissen, dem Ausbleiben oder der
Fehlinterpretation von nonverbalen Zeichen sind kulturelle Unterschiede in den
Wahrnehmungs−, Denk− und Handlungsmustern die Quelle möglicher Differenzen.
Aber auch das Streitverhalten − also der Umgang mit Problemen selbst − sei
kulturspezifisch. Daftari (2000: 88) macht darauf aufmerksam, daß auch jede Form der
projizierten Intention zum falsch eingeschätzten Verhalten des Partner führen kann.
Beide der Ursachen eines Konfliktes, gegensätzliche Erwartungen und
falsch wahrgenommene Erwartungen, können sich, und werden dies
wahrscheinlich häufig, in einem Konflikt vermischt haben (a.a.O. 89).

Die Art und Weise, wie mit Konflikten umgegangen wird, hängt für Daftari mit der
individuellen Konfliktfähigkeit und dem Ausmaß des Streites zusammen. Wichtig sei
ebenfalls, ob die Andersartigkeit des Partners negativ empfunden oder akzeptiert wird.
Eine konstruktive Auseinandersetzung ermöglicht eine persönliche und
partnerschaftliche Weiterentwicklung. Gerade aber diese Wahrnehmung und der
Umgang mit Konflikten sind sowohl kulturell als auch individuell geprägt. Daftari

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Du verstehst mich nicht...: Kommunikationsprobleme und Lernprozesse in interkulturellen
Partnerschaften

differenziert anhand von Deutsch (1976) sechs verschiedene Konfliktarten:


• Echter Konflikt
• Naheliegender Konflikt
• Verlagerter Konflikt
• Falsch zugeordneter Konflikt
• Latenter Konflikt
• Falscher Konflikt
Ein echter Konflikt beruhe auf ’objektiv existierende sich in einer Situation
widersprechende Erwartungen’, die zwar wahrgenommen, aber nicht durch einfache
Änderungen leicht behoben werden können. Der naheliegende Konflikt habe dieselben
Voraussetzungen, könne aber durch ’nicht offensichtliche, alternative
Handlungsmuster’ entschärft werden. Der latente Konflikt werde nicht bewußt erlebt
und könne ein verlagerter oder falsch zugeordneter Konflikt sein. Ein verlagerter
Konflikt werde oft kulturell ausgetragen, z.B. bei einer Über− oder Unterbewertung der
kulturellen Andersartigkeit. Der falsch zugeordnete Konflikt bedeutet, daß Ärger nicht
an der auslösenden Person, sondern an einem Unbeteiligten ausgelassen werde. Der
falsche Konflikt liege für Deutsch dann vor, wenn keine ’objektive Grundlage’
ersichtlich sei. Diese Typologien seien vernetzt und träten aufeinanderfolgend auf (vgl.
Daftari 2000: 91f).
Weiter könne nach Deutsch zwischen eher kooperativem und eher
konkurrierendem Verhalten differenziert werden. Kooperatives Handeln basiere sowohl
auf Vertrauen als auch auf Einfühlungsvermögen, da trotz eigener Betroffenheit
Verständnis entwickelt werde. Dagegen setze Entfremdung zwischen den Partner ein,
wenn beide nicht offen über ihre Erwartungen diskutieren könnten (vgl. Daftari 2000:
93ff).
Das Konfliktverhalten interkultureller Paare kann aufgrund verschiedener
Sozialisation sehr unterschiedlich sein.
Die Erwartungen der Partner können sich beispielsweise darin
widersprechen ob Konflikte thematisiert werden sollen, mit wem sie
besprochen werden und welches verhalten jedem Partner im Konflikt
zusteht (Daftari 2000: 98).

Die kulturspezifischen Konfliktverhaltensmuster können sich ergänzen oder sogar


gegenseitig ausschließen. So sei für den einen die Vermittlung durch einen Dritten
normal, während dies für den anderen eine Verletzung des Intimbereiches darstelle.

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Du verstehst mich nicht...: Kommunikationsprobleme und Lernprozesse in interkulturellen
Partnerschaften

Ebenso könne einer auf das Ausdiskutieren verschiedener Meinungen bestehen, jedoch
der andere sich dem Konflikt entziehen wollen. Es ist also nicht nur kulturspezifisch
wie ein Konflikt ausgetragen wird, sondern auch, ob er überhaupt verbalisiert wird. So
kann der Gebrauch von Lügen und Verheimlichungen in einigen Kulturen gebilligt
werden, um einer Auseinandersetzung zu entgehen (Daftari 2000: 100ff).
Es bestehe allerdings die Gefahr, daß ein Streit kulturell ausgetragen werde.
Daftari nennt hier eine Unter− oder Überbewertung der kulturellen Andersartigkeit als
Auslösungsgrund.
Ein richtiges Maß in der Unterscheidung zwischen den tatsächlichen
existierenden und projizierten Verschiedenheiten kulturellen Ursprungs
zu finden − zumal in der besonderen Betroffenheit − eine schwierige
Gratwanderung (a.a.O. 104).

So könne im Falle einer Auseinandersetzung alles auf die unterschiedlichen Kulturen


geschoben werden, was dann meist zu einer Verteidigung der eigenen Kultur führe.
Andererseits könne die Wahrnehmung von Andersartigkeit auch entschärfend wirken,
wenn z.B. die Unkenntnis des Partner hinsichtlich der ’richtigen’ Verhaltensweise
berücksichtigt werde.
Zu meinem Erstaunen stellte sich in den Interviews heraus, daß Mamadou und
Oumar beide Zuhause gelernt haben ihre Meinung zu vertreten. Streiten ist für beide
Männer keine negative Sache. Oumar hatte zwar mit Gabi bis jetzt noch keine
Auseinandersetzungen, was sicher damit zu tun hat, daß zwischen beiden die Absprache
besteht, frühzeitig über mögliche Probleme zu reden. Auch Barry empfand es als
normal, über Probleme mit seiner Frau zu sprechen, um eine gemeinsame Lösung zu
finden. Die deutschen Frauen gaben alle an, daß sie in ihrem Elternhaus nicht gelernt
hätten, Konflikte konstruktiv auszutragen. Gabi und Mila berichteten, daß vieles
totgeschwiegen wurde. Während Gabi heute versuche, Konflikte im Vorfeld zu
entschärfen, erklärt Mila, daß sie sich bemühe Konflikte ruhig anzugehen, ihr aber
manchmal noch das Temperament durchgehe. Und mit ihrem Partner sei es so, daß
dieser dem Konflikt entweder ausweiche oder laut reagiere. In beiden Fällen sei eine
Aussprache erst nach einiger Zeit möglich. Hanna bezeichnet sich selbst eher als
konfliktscheu, spricht aber dennoch bestimmte Probleme in der Partnerschaft an.
Mittlerweile tendiere sie aber auch dazu, manche Sachen zu ignorieren. Soweit scheinen
bis auf Mila und Aziz alle Paare Schwierigkeiten konstruktiv anzugehen.
Im Treffpunkt gab es zur afrikanischen Streitkultur verschiedene Meinungen. So

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Du verstehst mich nicht...: Kommunikationsprobleme und Lernprozesse in interkulturellen
Partnerschaften

schreibt Elisabeth (Treffpunkt 16.06.00), daß ihr Mann sich bei einem Streit nach
kurzer Zeit zurückziehe, was sie wiederum noch mehr aufrege. Sie habe nun ihren
Streitmechanismus erkannt und könne anders reagieren. Für Elisabeth ist das allerdings
eher eine Charakterfrage als eine kulturelle. In einem anderen Beitrag schreibt sie, daß
ihr Mann sein Verhalten damit erkläre, daß er ihr gegenüber nicht laut werden könne,
da sie ihm weder egal sei, noch er auf ihre Meinung verzichten wolle.
Auch Annette (Treffpunkt 16.06.00) interpretiert das eher ruhige Verhalten ihres
Partners mit Desinteresse an einer Auseinandersetzung und im weiteren Sinne an ihr
selbst. In einem anderen Beitrag sagt sie (Treffpunkt 25.04.00), daß ihre
unterschiedliche Art zu diskutieren zu weiteren Konflikten führe. Ihr Mann reagiere an
einem bestimmten Punkt mit dem Satz: "tu parles trop". Dieses Verhalten führt Annette
auf ihren eher argumentativen Streitstil zurück, da es im Senegal − der Heimat ihres
Mannes − keine richtige Streitkultur gäbe, vielmehr werden Probleme ausgesessen.
Susanne (Treffpunkt 23.04.00) sieht dagegen, daß ihr Mann
Auseinandersetzungen mit ihr vermeidet, da er ihr gegenüber nicht aggressiv sein
möchte. Freunden gegenüber habe er keinerlei Bedenken sich zu streiten. Während
meine Interviewpartner größtenteils einen Weg gefunden haben, Probleme zu lösen,
kam im Diskussionsforum immer wieder, daß die afrikanischen Partner sich dem Streit
entziehen. Viele Frauen sahen darin einen Hinweis, daß ihre Partner nicht gelernt
haben, sich konstruktiv auseinanderzusetzen.
Da auch das Konfliktverhalten kulturell verschieden ist, wirkt sich dieses
Verhalten auch auf die Bewältigung entstehender Probleme interkultureller Paare aus.
Wenn das Miß− oder das Nichtverstehen der kulturellen Andersartigkeit des Partners
erkannt wird, entscheidet die Fähigkeit, solche Schwierigkeiten gemeinsam zu lösen,
darüber, ob eine partnerschaftliche Basis entstehen kann. Andernfalls besteht die
Gefahr, daß der kulturelle Hintergrund für jede auftauchende Schwierigkeit
verantwortlich gemacht wird.

Zusammenfassung
Im diesem Kapitel wurde der Einfluß kulturspezifischer Wahrnehmungs−
Denk− und Handlungsmuster auf das Verstehen im interkulturellen Dialog dargestellt.
Dazu wurden die Wahrnehmung und verschiedene Handlungsmuster analysiert, um
mögliche Konfliktpunkte sichtbar zu machen.

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Du verstehst mich nicht...: Kommunikationsprobleme und Lernprozesse in interkulturellen
Partnerschaften

Während Frey et al. (1995) die Selektion durch die Wahrnehmung primär als
etwas Individuelles sehen, sind sich Maletzke (1996) und Bourdieu (1997) einig, daß
die Normen, nach denen selektiert wird, aus der historischen Erfahrung der Gruppe
entstehen. Jedes Mitglied könne diese jedoch individuell anpassen oder korrigieren.
Eine Mißachtung der kulturellen Werte und Handlungsmuster werde aber von der
Gruppe gemaßregelt. Berger und Luckmann (1995) sehen im gemeinsamen
Sprachgebrauch eine Reproduktion und Festigung der kollektiven Wahrnehmung, also
der kulturspezifischen Perzeption des Alltag und der Wirklichkeit. Anhand des
Konzeptes und des Umganges mit Zeit wurde ähnlich wie anhand der
Raumwahrnehmung dargestellt, wie vielfältig die kulturellen Perzeptionsmuster sein
können. Die Auswirkungen auf den Umgang mit Zeit wurden ebenso beschrieben wie
die Unterschiede in der interpersonalen Distanz. Neben den Wahrnehmungsschematas
sind auch die Verhaltenserwartungen kulturspezifisch.
Der Einfluß der Kultur auf die Denk− und Handlungsmuster ist genauso groß
wie auf die Wahrnehmung. So schreibt Maletzke, daß sich die Fähigkeit, lesen und
schreiben zu können, auf das Erleben und auf die Verarbeitung der Umwelt auswirke.
Analphabeten dächten weniger abstrakt, dafür sei ihre Perzeption stärker auf
Situationen und Personen bezogen. Ebenso sei das Denken in unserer Kultur
vergleichsweise logischer, was für Maletzke auf die große Bedeutung der
Schriftsprache zurückzuführen sei.
Gerade im Bezug auf die besonderen Erwartungen an eine Beziehung wird bei
interkulturellen Paaren deutlich, daß schon die Vorstellungen, was eine Partnerschaft
ausmacht, kulturspezifisch ist. Während in Europa versucht wird, das Ideal der
romantischen Liebe zu verwirklichen, stärkt die Ehe in anderen Kulturen die
Verbindung zweier Familien untereinander. Liebe wird dort zu einem erlernbaren
Sozialverhalten. Diese verschiedenen Erwartungen können zu Problemen in der
Partnerschaft führen, so z.B., wenn für einen die Trennung der Lebensbereiche von
Mann und Frau und für den anderen das Ideal der Zweisamkeit gilt. Eine weitere große
Bedeutung haben die geschlechtsspezifischen Rollen in einer Kultur. Treten nun
deswegen Mißverständnisse oder gar Auseinandersetzungen auf, dann kommt es auf das
erlernte Konfliktverhalten der Partner an.
Auch der Umgang mit Problemen und anderen Meinungen ist von Kultur zu
Kultur unterschiedlich. So kann Wert auf die Lösungssuche oder auf keine direkte
Verbalisierung gelegt werden. Solch gegensätzliche Verhaltenserwartungen können

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Du verstehst mich nicht...: Kommunikationsprobleme und Lernprozesse in interkulturellen
Partnerschaften

Probleme, wenn man sich dieser Muster nicht bewußt ist, verstärken oder dazu führen,
daß man Meinungsverschiedenheiten generell auf die Kultur bezieht. Der letztere Fall
tritt meist ein, wenn die Schwierigkeiten nicht thematisiert werden.
Nachdem die Faktoren bei der Kommunikation und den Handlungsmustern, die
zum Miß− oder Nichtverstehen des Partners führen, aufgezeigt wurden, stellt sich die
Frage, ob diese Unterschiede unüberbrückbar sind oder nicht. Die Art und Weise, mit
der in interkulturellen Partnerschaften mit Unterschieden in den Wahrnehmungs−,
Denk− und Handlungsmustern umgegangen wird, ist daher das Thema des letzten
Kapitels dieser Arbeit.

3 Lernprozesse
Lernen ist wie das Rudern gegen den Strom, sobald man aufhört, treibt man zurück.
Chinesisches Sprichwort
In diesem Kapitel geht es um Lösungswege für die beschriebenen
Kommunikationsprobleme, die, wenn sie unerkannt bleiben, zum Scheitern einer
interkulturellen Partnerschaft beitragen können. Aber auch die Unterschiede in den
soziokulturell geprägten Wahrnehmungs−, Denk− und Handlungsmustern müssen
erkannt und angepaßt werden. Dazu greift dieses Kapitel die beschriebenen
Schwierigkeiten erneut auf, um auf die bereits angedeuteten Lösungswege weiter
einzugehen.
Das Kapitel ’Interkulturelle Kommunikation’ stellte mögliche
Kommunikationsproblemen dar: Neben dem Grad der jeweiligen Beherrschung der
Beziehungssprache können unterschiedliche Konnotationen zu Schwierigkeiten führen.
Die Sprache einer Kultur ist eng mit deren Wirklichkeitswahrnehmung und
Begriffsdifferenzierung verbunden, so daß Feinheiten in der intendierten Bedeutung

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Du verstehst mich nicht...: Kommunikationsprobleme und Lernprozesse in interkulturellen
Partnerschaften

nicht oder falsch erkannt werden können. Die non− und paraverbalen Ausdrucksmittel
sind ebenfalls durch die Herkunftskultur der Partner geprägt. Neben Faktoren wie der
Sprache, Gestik und Mimik können aber auch − wie im Kapitel ’Wahrnehmungs−,
Denk− und Handlungsmuster’ erläutert − unterschiedliche Erwartungen oder
Wertvorstellungen zu Mißverständnissen zwischen den Partnern führen. So werden
durch die Sozialisation Vorstellungen über adäquates Rollenverhalten aufgebaut, die
kulturspezifische Erwartungen an den anderen zur Folge haben. Und obwohl die Kultur
und die Gesellschaft, in der man sozialisiert wurde, jedes Mitglied in großem Maße
prägt, kann jedes Individuum aufgrund seiner Erfahrungen und seiner Persönlichkeit
teilweise selektieren, welche Werte, Normen und Verhaltensmuster es übernimmt.
Nach der Soziologin Hecht−El Minshawi (1988: 264) erfordere sowohl das
Zusammenleben mit einem Ausländer als auch das Leben im Ausland eine Lösung aus
der eigenen und eine Anpassung an die neue Kultur. Dies sei ein Prozeß, der in
verschiedenen Stadien vom Fremdsein bis zum Vertrautwerden verlaufe. Darin werden
fremde Strukturen absorbiert, indem sie mit den erlernten Bewertungs− und
Handlungsmustern in Beziehung gesetzt werden. Hieraus entstehe eine schrittweise
Anpassung an die fremden Bedingungen. Thode−Aurora (1999: 244) nennt folgende
Faktoren, die den Binnenbereich der interkulturellen Ehe beeinflussen: Persönlichkeit,
Lebensgeschichte, Sozialisation, kulturelle und gesellschaftliche Parameter und
ethnische Selbst− und Fremdabgrenzung. Sie differenziert die durch unterschiedlich
kulturelle Herkunft verursachten Konflikte in zwei Hauptkomplexe (1999: 272):
1. In beiden Ursprungskulturen bestehen für bestimmte Lebensbereiche differente oder
gar widersprüchliche kulturelle Normen und Verhaltensmuster, so daß eine Lösung
gefunden werden muß.
2. Die Bewertung einiger Lebensbereich ist in den beiden Kulturen nicht identisch.
Lebensbereich oder Werte und Normen haben also nicht für jeden Menschen immer
dieselbe Relevanz, so daß Kompromisse leicht oder schwer fallen. Dieser Aspekt ist für
die Entstehung möglicher Konflikte oder Anpassungen wichtig.
Für Reif (1996: 46) werde in der Partnerschaft immer wieder die eigene
gewohnte Art zu leben, zu denken etc. in Frage gestellt. Sie sieht in der Erfahrung einer
Partnerschaft zwischen Menschen unterschiedlicher kultureller Herkunft einen
gravierenden Lernprozeß.
Sie ist eine Denkschule, sie schärft den Blick für ein
Wirklichkeitsverstädnnis, das über die Alltagswirklichkeit einer

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Du verstehst mich nicht...: Kommunikationsprobleme und Lernprozesse in interkulturellen
Partnerschaften

spezifischen Kultur hinausgeht (ebenda).

Dies ermögliche selbstreflexives Denken und relativiere den eigenen Standpunkt. Hinzu
käme die Chance durch eine Annäherung an das eigene Unterbewußtsein mehr über
sich selbst zu erfahren. Das gründet meiner Meinung nach auf einem Bewußtmachen
möglicher Differenzen im Bereich Sprachanwendung, aber auch in den
Verhaltensmustern. Erst das Überprüfen von Selbstverständlichkeiten führt dazu, daß
das Verhalten überdacht und angepaßt werden kann. Dabei ist der Gesprächspartner
immer eine Mischung aus kulturellen und individuellen Eigenheiten, da nicht jeder alle
Elemente seiner Ursprungskultur gleichermaßen verinnerlicht.
Die Anpassungen oder die Übernahme kultureller Muster ist ebenso wie die
Angleichung von verschiedenen Vorstellungen und Erwartungen ein langer Prozeß, da
die Unterschiede erst wahrgenommen und erkannt werden müssen. Martina (Treffpunkt
24.04.00) daher bedauert, daß viele interkulturelle Ehen aufgrund der rechtlichen Lage
nicht viel Zeit haben, um sich in Ruhe kennenzulernen. Sie ist der Überzeugung,
(...) daß es einfach sehr, sehr viel zeit braucht, um miteinander umgehen
zu lernen (Treffpunkt 24.04.00).

Im Folgenden stelle ich Tsengs (1977) ’interkulturellen


Partnerschaftsarrangements’ vor, um dann verschiedene Anpassungsmöglichkeiten
kultureller Differenzen anhand meiner Forschungsdaten aufzuzeigen.
3.1 Tsengs interkulturelle Partnerschaftsarrangements
In interkulturellen Partnerschaften leben zwei Menschen aus unterschiedlichen
Kulturen im Alltag zusammen, die eine kulturell unterschiedliche Sozialisation hinter
sich haben und verfügen daher häufig über keine gemeinsamen Werte und
Handlungsmuster. Im Zusammenleben beginnt nun eine bewußte und unbewußte
Auseinandersetzung mit der Andersartigkeit des Partners. Beide suchen nach
Anpassungsmöglichkeiten, um die differenten Denk−, Handlungs− und
Wahrnehmungsmuster zu überbrücken oder um sich gemeinsam neue Werte zu
schaffen.
Tseng (1977: 93f) ist der Meinung, daß die Partner vor dem Zusammenleben
häufig stereotype Vorstellungen von einander haben. Mit dem gemeinsamen Alltag
werde dann der Unterschied zwischen Phantasie und Realität deutlich. Dieser Prozeß
des Bewußtwerdens und Erkennens von Differenzen sei nicht auf die Anfangsphase
beschränkt, sondern setze sich meistens auch in den folgenden gemeinsamen Jahren

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Du verstehst mich nicht...: Kommunikationsprobleme und Lernprozesse in interkulturellen
Partnerschaften

fort. Er schreibt:
Marriage is a process of developing events which the couples encounters
and continually faces and they must adjust to the new taks or problems
and also discover the new differences that exist between them (a.a.O.
95).

Da Menschen auf der Basis ihrer kulturell erlernten Muster8 handeln, können
Differenzen hier zu Schwierigkeiten führen. Da viele Menschen unvorbereitet sind,
diese Unterschiede zu akzeptieren, entstünden daraus das Gefühl der Fremdheit und
Andersartigkeit. So könne ein Partner nicht wissen wie er sich in einer besonderen
Situation zu verhalten habe. Tseng (1977: 95f) verdeutlicht dies am Beispiel einer
amerikanisch−orientalischen Ehe. Da im Orient die offene Zuneigungsbekundung nur
zwischen gleichgeschlechtlichen Verwandten erlaubt ist, müsse der orientalische
Ehemann verwirrt reagieren, wenn er beim ersten Familienzusammentreffen seiner
amerikanische Frau sieht, daß dort alle Verwandten untereinander ihre Zuneigung
zeigten. Hinzu käme, daß eine Person die Existenz kultureller Differenzen oft nicht
erkenne oder gar wahrnehme. Daher sei es sehr wichtig, daß sich ein Paare der
potentiellen Mißverständnisse bewußt sei, indem es immer wieder hinterfragt, weshalb
jeder dies so tue oder auf diese Weise empfinde. Danach sei zu klären, ob es sich um
individuelle Bedürfnisse, kulturelle oder familiäre Muster handle. Nur auf diese Weise
könne eine Lösung gefunden werden.
Culture is something which is learnd through experiences in early life
(Tseng 1977: 97).

Die emotionale Bindung an die Heimatkultur sei an die Wahrnehmungs− Denk− und
Handlungsmuster geknüpft. Der Prozeß der Anpassung bestünde darin, daß jeder
Partner lernen müsse, seine emotionalen Reaktionen zu überwinden, zu korrigieren oder
anzupassen, um notwendige Änderungen und Erweiterungen seines kulturspezifischen
Verhaltens zu erreichen. Diese Neuanpassung brauche viel Zeit und Arbeit, da es sonst
zu unerwarteten Komplikationen kommen könne. Die Werte beider Kulturen müßten
entdeckt und abgeschätzt werden, damit die Unterschiede zwischen den Partner ohne
Unbehagen erkannt werden können. Diese Basis ermögliche es, neue Verhaltensweisen
im Hinblick auf eine Anpassung flexibel zu erproben (vgl. Tseng 1977: 97f).
Tseng (1977: 98) differenziert für die Theorie der Anpassung drei
Lösungsmodelle: Das einseitige, das alternative und das kreative Arrangement. Diese
Modelle können sich sowohl auf die gesamte Partnerschaft beziehen als auch auf
8 Siehe auch Kapitel ’Wahrnehmungs−, Denk− und Handlungsmuster’

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Du verstehst mich nicht...: Kommunikationsprobleme und Lernprozesse in interkulturellen
Partnerschaften

Teilaspekte.

3.1.a. Das einseitige Arrangement


Das einseitige Arrangement liegt dann vor, wenn einer der Partner den
überwiegenden Teil seines eigenen kulturellen Verhaltens aufgibt und das seines
Partner übernimmt. Ein Grund hierfür kann die überragende Dominanz einer Kultur
sein, die ein völlige Anpassung erwartet. Tseng nennt hier als Beispiel, daß eine
Religion die Konvertierung als Voraussetzung für eine Eheschließung sieht. Aber auch
eine besonders starke Persönlichkeit eines Partner kann dazu führen, daß sich in der
Partnerschaft nach seinen Vorstellungen gerichtet wird. Praktische Gründe sprechen
neben einer nicht ausgeprägten Bindung an die eigene Kultur oder gar einer Ablehnung
dieser manchmal für diese Lösung (Tseng 1977: 98f).
Das einseitige Arrangement garantiert für den Psychologen Markoff (1977: 60)
keineswegs eine konfliktfreie Partnerschaft und nicht alle nach diesem Modell
geführten Ehen würde auch gelingen. Diese Lösung stelle eine überaus stabile Lösung
für die in interkulturellen Partnerschaften auftauchenden Probleme dar.

3.1.b. Das alternative Arrangement


Wenn Verhaltensweisen beider Ursprungskulturen ihre Anwendung finden, dann
spricht Tseng (1977: 99f) vom alternativen Arrangement. Beide Partner sind sich darin
einig, ihre kulturellen Handlungsmuster beizubehalten, da ein Aufgeben oder gar eine
Vermischung für sie nicht in Frage kommt. Aus diesem Grund haben sie sich geeinigt,
(...) to follow certain customs at one time and others at another time
(1977: 99).

Als Beispiel nennt er, daß eine Ehe zwischen einem Juden und einem Protestanten
sowohl mit einer Zeremonie in der Kirche als auch in der Synagoge geschlossen wird.
Auf diese Weise entstünden keinerlei emotionale oder kulturelle Konflikte. Auch eine
gegenseitige Wertschätzung der kulturellen Muster, Gewohnheiten und Bedürfnisse
führe zum Wunsch der Variation der Lebensstile. So könne an einem Tag afrikanisch
und am anderen Tag deutsch gekocht werden. Eine Variation dieser Anpassung sei die
simultane Lösung. Dabei werden beide Kulturen in bestimmten Situationen
übernommen und kombiniert. Es gibt auch die Möglichkeit des Kompromisses, wenn
beide die Bedürfnisse des anderen respektieren und daher einen für beide angenehmen
Mittelweg finden wollen.

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3.1.c. Das kreative Arrangement


Die Schaffung neuer und gemeinsamer kultureller Muster und die damit
verbundene Aufgabe der alten Verhaltensweisen wäre für Tseng (1977: 100f) ein
kreatives Arrangement. Der Grund hierfür kann eine mangelnde Genugtuung seitens
der eigenen Kultur oder der des Partners sein. Diese Methode werde oft gewählt, wenn
es zu häufigen Konflikten oder zur Konkurrenz zwischen den kulturellen Mustern
komme. Der Versuch eines völlig neuen Weges führe dann zur Vermeidung weiterer
Konfrontationen. Diese Lösung wird auch dann angestrebt, wenn die kulturspezifischen
Wahrnehmungs−, Denk− und Handlungsmuster nicht nur different, sondern konträr
sind. Als Beispiel nennt Tseng die Tischordnung nach westlicher und orientalischer
Tradition. Die westliche Tradition sieht vor, daß sich erst die Damen und dann die
Herren an den Tisch setzen. Ehrengäste werden neben der Gastgeberin und der Rest der
Gäste nach Geschlecht abwechseln plaziert. Der orientalische Brauch nimmt das Alter
und den Status als Grundlage und zuerst nehmen die Männer Platz. Auch sei die
Raumgestaltung sehr wichtig, da die Ehrengäste eine besondere Position weit entfernt
von der Tür und den Gastgebern erhalten. Solche Unterschiede in der Etikette können
bei gemischten Gästen zu Problemen führen. Eine kreative Lösung bestünde in den
Vorschlag, daß die Gäste sich vermischt hinsetzen (vgl. Tseng 1977: 100f).

3.1.d. Zusammenfassung
Die von Tseng vorgenommene Differenzierung in das einseitige, alternative und
kreative Anpassungsmodell entspricht sicher einer Idealvorstellung. In vielen
Beziehungen kommen wohl auch mehrere Arrangements zur Anwendung. Englert
(1995: 26) gibt zu bedenken, daß, wenn in verschiedenen Bereichen unterschiedliche
Lösungswege existieren, keine Wertung erfolge. So sei vorstellbar, daß der deutsche
Einfluß zwar vorwiegend die Lebensbereiche bestimme. Die deutsche Frau könne sich
aber durch das ’typisch ghanaische’ Freizeitverhalten ihres Mannes − dem permanenten
’Unterwegssein’ mit seinen Freunden − in ihrer kulturellen und persönlichen Identität
bedroht fühlen. In diesem Fall wäre das Arrangement nach Tseng einseitig, obwohl
durch den ghanaischen Anteil ein großes Konfliktpotential entstünde. Weiter führt sie
an, daß diese Modelle nichts darüber aussagten, ob die Lösung für alle konstruktiv sei
oder ob sie eher geduldet werde.
Für das Gelingen einer Anpassung hält Tseng (a.a.O. 102f) eine

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Du verstehst mich nicht...: Kommunikationsprobleme und Lernprozesse in interkulturellen
Partnerschaften

Übereinstimmung in grundsätzlichen Dingen für das Miteinander für notwendig. Das


Teilen eines gemeinsamen Zieles könne beide Partner äußerst motivieren. Oft träten
Konflikte nach dem Besuch einer der beiden Ursprungsfamilien zu Tage, daher sei es
wichtig, daß die Heirat von beiden Familien akzeptiert und unterstützt werde, hierdurch
könnten die Differenzen minimiert werden.
Tseng bedauert, daß in interkulturellen Ehen der Vergangenheit potentielle
Probleme und Schwierigkeiten bei der Anpassung nachgesagt wurden. Vielmehr sei ein
überaus positiver Aspekt vernachlässigt worden. Da das Leben ein kontinuierlicher
Prozeß der Veränderung und Verbesserung von innen, besonders aber durch Kontakte
und Anregungen von außerhalb sei, übermitteln gerade interkulturelle Partnerschaften
neue Anregungen von außerhalb. Tseng nennt sie einen ’challenging way of introducing
adjustments’. Menschen mit einem Partner aus einer fremden Kultur seien Pioniere,
(...) who are brave enough to allow adventure into their lives by breaking
the traditional patterns (a.a.O. 103)

Die Paare, die gegen jeden Widerstand eine interkulturelle Ehe eingegangen und alle
Probleme erfolgreich gemeistert haben, verbinde ein starkes gemeinsames Ziel. Sie
verfügten über die Fähigkeit sich anzupassen und handelten in einer positiven
untereinander ausgeglichenen Balance. Diese erfolgreichen interkulturellen Ehen seien
ein gutes Beispiel beeindruckender interkultureller Anpassung (vgl. Tseng 1977: 103).

3.2 Primäre und sekundäre Sozialisation


Berger und Luckmann (1999) differenzieren primäre und sekundäre
Sozialisation. Die Sozialisation sei
(...) die grundlegende und allseitige Einführung des Individuums in die
objektive Welt einer Gesellschaft oder eines Teiles einer Gesellschaft
(...) (1999: 140).

Durch diese Phase in der Kindheit werde der Mensch zum Mitglied seiner Gesellschaft.
Die signifikanten Anderen − meistens die Eltern − vermittelten die objektiv
gesellschaftliche Welt und modifizierten sie im Laufe der Übermittlung. Die
Wahrnehmung des Kindes basiere einerseits auf der Perspektive seiner Klassen,
andererseits färbe die Abneigung der signifikanten Anderen ab. Die primäre
Sozialisation erfolge also durch diese ersten Bezugspersonen und sei daher besonders
stark an Gefühle zu diesen Personen gekoppelt. Diese emotionale Bindung sei für den
Lernprozeß dringend erforderlich. Durch die signifikanten Anderen erfahre das Kind

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Du verstehst mich nicht...: Kommunikationsprobleme und Lernprozesse in interkulturellen
Partnerschaften

deren Welt
(...) nicht als eine unter vielen Welten, sondern als die Welt schlechthin,
die einzige vorhandene und faßbare (1999: 145).

In der primären Sozialisation werden spezielle Inhalte vermittelt, die von Gesellschaft
zu Gesellschaft unterschiedlich seien. Die Sprache sei sowohl der wichtigste Inhalt der
Sozialisation als auch das Mittel, um soziale Rollen, Wirklichkeitsverständnis und vor
allem Identität weiterzugeben. Die sekundäre Sozialisation nach Berger und Luckmann
hänge mit der gesellschaftlichen Arbeitsteilung zusammen und beruhe auf der
Vermittlung von dort notwendigem Spezialwissen, daß für bestimmte soziale Rollen
erwartet werde. Über die sekundäre Sozialisation könne kein Wissen über
Gesellschaften vermitteln, in die man nicht hinein geboren wurde. Dieser Prozeß sei
oberflächlich ähnlich, unterscheide sich aber strukturell völlig.
Reif (1996: 42) bezieht dies auf interkulturelle Paarbeziehungen. So hätte dort die
primäre Sozialisation beider Partner in unterschiedliche Kulturen statt gefunden. Die
dort vermittelten Inhalte seien tief in ihrem Bewußtsein verankert. Dennoch bestünde
die Chance einer Art sekundärer Sozialisation in der Partnerschaft, die sich aufgrund
der emotional wichtigen Situation ebenso fest ins Bewußtsein einprägen könne.
Das Aufeinandertreffen verschiedener Kulturen innerhalb einer
Liebesbeziehung kann viel tiefere Bewußtseinsveränderungen und
Reflexionen bewirken, als eine oberflächliche "sekundäre
Sozialisation"(ebenda).

Hierin sehe Reif eine große Chance für interkulturelle Paare sich zu verstehen.
3.3 Interkulturelles Lernen in der Partnerschaft
Der Begriff ’Interkulturelles Lernen’ wird häufig benutzt, ohne daß eine
maßgebende Definition, was interkulturelles Handeln und Lernen beinhaltet, existiert.
Nach Englert (1995: 22) begann die Forschung in der Entwicklungszusammenarbeit,
um die Effizienz zu steigern. Während diese sich mit den Erfahrungen der
Entwicklungshelfer im Ausland befaßten, standen für die Migrationsforschung die
Erfahrungen der Ausländer im Lande im Mittelpunkt. Auch die Arbeiten der IAF −
Verband binationaler Familien und Partnerschaften e.V. − befassen sich mit den
Erlebnissen dieser Personengruppe und ihren Familien, um dies für das ’interkulturelle
Lernen’ in ihrer Selbsthilfearbeit zu verwenden.
’Interkulturelles Lernen’ sei für diese Arbeit, die Auseinandersetzung mit
soziokulturellen oder persönlichen Unterschieden im Kommunikationsstil, in der

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Du verstehst mich nicht...: Kommunikationsprobleme und Lernprozesse in interkulturellen
Partnerschaften

Wahrnehmung und im Verhalten. Der Prozeß einer Art zweiten Sozialisation beinhaltet
dann interkulturelles Lernen, wenn eigenes Denken und Handeln in Frage gestellt
werden kann und dadurch der eigene Standpunkt relativiert wird. Kommt es nun zu
einer Partnerschaft zwischen Menschen aus unterschiedlichen Kulturen, dann muß für
eine erfolgreiche und ausgewogenen Beziehung eine Anpassung der kulturellen
Differenzen erfolgen. Diese beinhaltet nach Thode−Aurora (1999: 244) einerseits das
Aushandeln oder das Übernehmen kultureller Muster und andererseits das Angleichen
von Erwartungen und Verhalten. Frey (1995: 46) fordert verstärkte Aufmerksamkeit,
Einfühlungsvermögen, Wahrnehmen und Erkennen von eigenen und fremden
Kommunikationselementen. Elisabeth (Treffpunkt 25.04.00) betont, daß sie und ihr
Mann sich von Anfang an über die andere Kultur und jeder den anderen über etwaige
Besonderheiten informiert haben. Grenzen seien abgesprochen und eingehalten worden.
Daher ist Elisabeth der Meinung:
(...) wenn man sich der kulturbedingten Unterschiede bewußt ist und
darüber redet, dann können sie doch keine Probleme sein (Treffpunkt
25.04.00)!?

Wichtiger als Kultur sei der Einfluß von Religion, Bildungsstand, Werte, Charakter,
Lebensziel und familiärer Hintergrund. Damit macht Elisabeth darauf aufmerksam, daß
kulturelle Muster in der primären Sozialisation zwar vermittelt werden, aber nicht jedes
Individuum übernimmt den Erfahrungsschatz, die Werte und Normen seiner Kultur
vollständig. Durch den persönlichen Lebensweg und den damit verbundenen
Erfahrungen stellt jeder Mensch eine eigene ’Komposition’ aus diesen Faktoren
zusammen.
Bei der Kommunikation mit einem Partner aus einer anderen Kultur benutzen
beide häufig verschiedene Zeichen − wie Sprache und Gesten − für denselben Inhalt
und dieselbe Bedeutung. Das Nicht−Übereinstimmen von ’Meinen’ und ’Verstehen’
kommt meist nur bei offensichtlichen Mißverständnissen zum Vorschein.
Unterschiedliche Konnotationen wie sie Mila mit dem Wort ’intimate’9 schildert,
können zu Mißverständnissen oder gar dem Rückzug eines Partners führen. Daher ist es
wichtig, solche möglichen kulturellen Differenzen zu kennen, um eigene
Selbstverständlichkeiten relativieren zu können (vgl. Frey 1996: 35f). Nicht erkannte
Mißverständnisse können für Maletzke (1966:41) im Nachhinein zu Schwierigkeiten
führen, da der Gesprächspartner davon ausgeht, der andere meine mit demselben Wort

9 siehe Kapiel ’konnotationen’

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Du verstehst mich nicht...: Kommunikationsprobleme und Lernprozesse in interkulturellen
Partnerschaften

dasselbe. Giordano weist daraufhin, daß die Kontakt− oder Interaktionssituation sogar
widersprüchlich oder gegensätzlich interpretiert werden kann. Das dementsprechende
Handeln basiert ebenso auf dem Miß−Verstehen (1996: 34). Die sprachlichen und
grammatischen Kategorien spiegeln für Lukas (1994) die Auffassung über die
gesellschaftliche Wirklichkeitsstruktur wider, da die Wahrnehmung durch eben diese
Elemente sowohl beeinflußt als auch konstruiert wird. Die regelmäßige Überprüfung
von intendiertem und rezipiertem Sinn stellt eine Strategie zur Vermeidung dieser
Probleme dar. Kommunikationsprobleme haben für Reif (1996: 32) auch ganz andere
Ursachen, so träten in monokulturellen Partnerschaften Verstehensschwierigkeiten
ebenso auf. Dies begründet Gray (1993) damit, daß das Verhalten und die Erwartungen
von Männern und Frauen sich unterscheide und sich in differenten
Kommunikationsmustern äußere. So werde dasselbe Wort geschlechtsspezifisch mit
einer anderen Bedeutung gebraucht.
Im non− und paraverbalen Bereich der Kommunikation führen ähnliche
Faktoren zum Miß−Verstehen. Die verwendeten eigenen Ausdrucksweisen gelten meist
als allgemeingültig und selbstverständlich. So werden sie zwar wahrgenommen, aber
nicht immer richtig dekodiert. Als Beispiel nennt Annette (Treffpunkt 25.04.00), daß
besonders streng gläubige Muslime Frauen generell keine Hand geben. Obwohl sie
dieses Handlungsmuster kenne, käme sie sich immer noch ein wenig zurückgesetzt vor.
Auch hier kann eine größere Sensibilisierung für diese möglichen kulturellen
Unterscheide Mißverständnisse im Vorfeld vermeiden helfen.
Sprachliche Interaktion verfolge nach Sugitani immer eine Intention, für dessen
Umsetzung auf Handlungsmuster zurückgegriffen werde. Dieses Wissen über
Handlungskonventionen und −regeln werde in der Sozialisation durch direkte und
indirekte Erfahrungen weitergegeben. Der kulturelle Einfluß auch auf dieses Wissen
über interpersonales Handeln und Verhalten werde seltener wahrgenommen als der
Einfluß auf die Kommunikation selbst. Für Sugitani werde dieses Wissen mit einer
’situationsgebunden Routinemäßigkeit’ angewandt. Die Interpretation des Verhaltens
des Partners unterliege somit dem eigenkulturellen Handlungs− und Verhaltenswissen.
Dies geschehe auch nicht im Anschluß an die Rezeption verbaler und nonverbaler
Symbole, sondern eher antizipierend durch dieses Handlungswissen. Während Fehler in
der Kommunikation weitgehend neutral wahrgenommen werden, führen Fehler im
Verhalten zu emotional negativer Bewertung. Die Interkation könne damit im
schlimmsten Fall abgebrochen werden (vgl. Sugitani 1997: 41f).

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Partnerschaften

Eine Vermeidung solcher Probleme führt einerseits über das Aushandeln oder
das Übernehmen kultureller Muster und andererseits über das Angleichen von
Erwartungen und Verhalten (vgl. Thode−Aurora 1999: 244). Das Bewußtwerden einer
kulturellen Prägung von Wahrnehmungs−, Denk− und Handlungsmustern ebnet den
Weg zum Relativieren des eigenen Standpunktes. Mißverständnisse treten vor allem in
Verbindung mit sozialen und besonders geschlechtsspezifischen Rollen und damit den
damit verknüpften Verhaltenserwartungen auf. Der Austausch über kulturelle
Eigenarten sollte als Grundlage zum Aushandeln oder Übernehmen dieser Muster
dienen. Häufig findet sicher eine Duldung der ’fremden’ Kulturelemente ohne einen
Prozeß der Auseinandersetzung oder des kulturellen Lernens statt. In einer
interkulturellen Partnerschaft führt nur das Hinterfragen und Relativieren von
Selbstverständlichkeiten wie Verhaltensmustern und − erwartungen zu einer Art
zweiten Sozialisation, in der bestimmte Muster übernommen oder neue geschaffen
werden.
Kommunikation beruht nicht nur auf kultur−, sondern auch auf
geschlechtsspezifischen Mustern, so daß es auch in monokulturellen Beziehungen zu
Verstehensschwierigkeiten kommen kann. Das Miteinander sprechen ist ein sehr
komplexer Prozeß, der von zahlreichen Faktoren abhängt. Jedes Individuum schöpft
aufgrund der primären Sozialisation aus dem Schatz der Wahrnehmungs−, Denk− und
Handlungsschemata seiner Kultur und Gesellschaft, in dem es diese individuell an seine
Persönlichkeit, Erfahrungen und Bedürfnisse anpaßt. In interkulturellen Beziehungen
beruhen keineswegs alle Schwierigkeiten auf kulturellen Differenzen, aber ein
Bewußtsein für diesen Einfluß verstärkt die Aufmerksamkeit zur Wahrnehmung und
zum Erkennen von eigenen und fremden Kommunikations−, Wahrnehmungs− und
Handlungselementen.
3.3.a. Kommunikation
Kommunikation als Austausch von Wissen und Gedanken ist in jeder
Partnerschaft wichtig, erhält aber in interkulturellen Beziehungen eine noch stärkere
Bedeutung als Vermittlungsinstanz zwischen den unterschiedlichen Kulturen.
Sprachliche Interaktion ist gekoppelt an unsere Mimik und Gestik, so daß der Kontext
des Gesagten erst durch die Interpretation von verbalen und nonverbalen Komponenten
richtig dekodiert werden kann. Die Entschlüsselung dieser Zeichen basiert auf
Wahrnehmungs− und Verhaltensmusterm, die in der primären Sozialisation erworben
werden. Da die Sozialisation beider Partner in unterschiedlichen Kulturen stattgefunden

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Partnerschaften

hat, kann dies Miß−Verstehen zur Folge haben. Maletzke (1996: 35f) weist jedoch
daraufhin aufmerksam, daß erst erkannte Mißverständnisse deutlich machen, daß
Meinen und Verstehen nicht identisch waren. Das Miß− oder Nichtverstehen kann oft
unerkannt bleiben oder erst im Nachhinein sichtbar werden.
So schreibt Susanne (Treffpunkt 23.04.00), daß sie gerade bei nicht so
alltäglichen Situationen auf Verständigungsprobleme gestoßen sei, während der
Wortschatz für Alltagsereignisse meist einmal geklärt wurde. So suche sie auch nach
Jahren manchmal noch nach dem richtigen Wort in ihrer Beziehungssprache Englisch.
Und gerade im Gefühlsbereich entstünden unbeabsichtigt kleine negative Untertöne, die
ihr nicht bewußt sein. Viele Probleme seien normale Paarprobleme, die durch ein
Aufwachsen in unterschiedlichen Kulturen verstärkt werden. Für Susanne ist es deshalb
wichtig, so viel wie möglich vom entsprechenden Umfeld kennenzulernen. Sowohl die
Sprachkompetenz als auch die Sprachperformanz sind für die interkulturelle
Kommunikation von Bedeutung. Auch wenn beide Partner die Beziehungssprache gut
beherrschen, ist zu bedenken, daß jeder sie nach dem Muster der eigenen Muttersprache
anwendet. So erklärt Hanna, daß sich erst an Barrys englisches Sprachsystem habe
gewöhnen müssen. Am Anfang hätten beide viel häufiger nachfragen müssen, was der
andere meine.
Da Sprache aber immer in Kombination mit nonverbalen Elementen in den
richtigen Kontext gesetzt werden kann, treten bei unterschiedlicher Dekodierung
solcher Zeichen schnell Mißverständnisse auf. Mamadou schreibt, daß er anfangs
Probleme mit der ausgeprägten Gestik seiner Frau hatte, da für ihn das ’Reden mit den
Händen’ ein Zeichen für Wut gewesen sei. Früher habe er deshalb oft die Gestik seiner
Frau mißverstanden, mittlerweile kenne er deren Bedeutung.
Kommunizieren Partner unterschiedlicher kultureller Herkunft miteinander, so
kann durch wiederholtes Nachfragen geprüft werden, ob das Gemeinte auch so
verstanden wurde. Hanna und Barry10 haben am Beispiel des Wortes ’Streiten’ bzw.
’fight’ deutlich gezeigt, daß zwar dasselbe Wort verwendet wurde, aber beide Partner
haben sowohl unterschiedliche Konnotationen als auch verschiedene Verhaltensmuster
damit in Verbindung gebracht. Das Mißverständnis konnte erst erkannt werden, als
Barry sein Erstaunen äußerte. Wenn man solche kulturspezifischen Faktoren in der
Kommunikation bedenkt, kann durch wiederholtes Nachfragen immer wieder
kontrolliert werden, ob der intendierte Sinn auch verstanden wurde. Neben der Sprache
10 siehe Kapitel ’interkulturelle Kommunikation’

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Partnerschaften

dienen auch Elemente wie die Gestik und Mimik um Meinungen zu gewichten oder zu
kalibrieren. Diese nonverbalen Elemente können jedoch völlig anderes entschlüsselt
werden als in der intendierten Absicht des Sprechers. Dieser wiederum prüft anhand
von erwarteten Rückmeldesignalen, ob seine Aussage verstanden wurde. Da auch diese
Erwartungen kulturspezifisch sein können, sind die unzählig Faktoren, die ein
Mißverständnis zur Folge haben können. Mila erzählt, daß diese gegenseitige Rücksicht
und das Erklären von kulturellen Hintergründen bei ihnen in Wellenbewegungen da sei.
Auch habe sie den Eindruck, daß sie sich jetzt − nach einer längeren Zeit − wieder
vermehrt durch solche kulturspezifischen Unterscheide vor den Kopf gestoßen fühle, da
ihr der kulturelle Unterschied klar sei, aber das Verhalten nicht mehr hinterfragt werde.
Sprache wird auch dann zum Konfliktpunkt, wenn beide Partner die
Beziehungssprache relativ gut verstehen, da sie dann nach dem jeweiligen Muster der
Muttersprache gesprochen wird11. Die Schattierungen und Bedeutungsfeinheiten können
aus diesem Grund unterschiedlich dekodiert und vor allem verstanden werden. Auch
könne die sprachliche Überlegenheit eines Partners eine ’Machtposition’ zur Folge
haben. Toumi−Nikula weist darauf hin, daß hier negative Konsequenzen wie
Unselbständigkeit und Abhängigkeit in Bezug auf soziale Beziehungen und
Umweltbewältigung entstehen können (vgl. 1996: 223f). Frey (1995: 53) weist
daraufhin, daß Kommunikationsbarrieren häufig nicht auf kulturellen Unterschieden
beruhen, sondern auf Faktoren wie soziales Gefälle, Macht− und Statusfragen,
Modernitätsdifferenz, Generationskonflikt, unbearbeitete psychische Probleme oder
ethnische Vorurteile.
Die Funktion von Kommunikation in Bezug auf unterschiedliche kulturelle
Wahrnehmung, Denk− und Handlungsmuster beschreibt Toumi−Nikula:
Um die Schwierigkeiten, die sich auf der formalen Ebene der
Kommunikation aus den kulturellen Unterschieden der Partner ergeben,
zu bewältigen, ist die verbale Kommunikation zwischen den beiden eine
ganz wichtige Grundlage (Toumi−Nikula 1996: 223).

Kommunikation bietet also einen Weg dar, diese Differenzen auszudrücken und zu
klären, ob eine Anpassung nötig und möglich ist. Gerade in der interkulturellen
Kommunikation sollte man versuchen, sich kulturelle Unterschiede und
Verhaltenserwartungen bewußt zu machen, damit eine Auseinandersetzung statt finden
kann.

11 siehe aus Reif 1996: 33

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Du verstehst mich nicht...: Kommunikationsprobleme und Lernprozesse in interkulturellen
Partnerschaften

3.3.b. Rollenverhalten und −erwartungen


Nach Dyer und Cutler (1973: 251f) wird die eheliche Anpassung von einigen
Forschern als gelungener Endzustand, von andern als Prozeß angesehen. Dyer (1973)
stellte ein Idealmodell ehelicher Anpassung auf der Basis eines rollentheoretischen
Ansatzes auf. Als Parameter verwendet er Rollenverhalten, Rollenerwartung sowie
positive und negative Sanktionierungen. Aufgrund des eigenen Rollenverhaltens habe
jeder eine Erwartungshaltung gegenüber dem Verhalten des Partners.
Adjustment is defined as the bringing into agreement the behavior of one
person with the expectation of another accompanied by a feeling of
acceptance of the modified behavior by the one making the adjustment
(Cutler und Dyer 1973: 252f).

In Bezug auf Rollenaspekte gebe es deshalb formell vier Arten der ehelichen
Anpassung:
1. Vollständige Änderung des Rollenverhaltens eines Partner zugunsten der
Erwartungen des anderen.
2. Vollständige Anpassung der Rollenerwartungen eines Partners an das
Rollenverhalten des anderen.
3. Beide modifizieren sowohl ihr Verhalten als auch ihre Erwartungen so weit, daß sie
beiden entsprechen.
4. Beibehaltung des jeweiligen Verhaltens und der Erwartungen mit gleichzeitigem
Ausschluß jedweder Sanktionieren durch den erwartenden Partner.
Diese Arten sind Idealtypen für die Anpassung des Rollenverhaltens innerhalb der
Partnerschaft, so daß in der Praxis je nach Bereich unterschiedliche Muster zur
Anwendung kommen können.
Das Kapitel ’Beziehungskonzepte und −erwartungen’ verdeutlichte unterschiedliche
Erwartungen hinsichtlich der Gestaltung einer Partnerschaft. So steht im Extremfall der
Wunsch nach ’trauter Zweisamkeit’ einem stärkeren Bezug zu Freunden und
Verwandtschaft gegenüber. Auch hier ist es von Bedeutung, ob differente Erwartungen
aufgedeckt werden, denn nur auf diese Weise kann im gemeinsamen Gespräch ein für
beide annehmbarer und lebbarer Kompromiß gefunden werden. Martina (Treffpunkt
23.04.00) beschreibt, daß ihr die Begriffe wie Verantwortung, Partnerschaft, Liebe,
Vertrauen oder Respekt als problematisch und schwierig in Erinnerung seien. Sie wirft
jedoch sofort ein, daß dies genauso ein Mann−Frau− wie ein kulturelles Problem sein

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Partnerschaften

könne.
Unterschiedliche Erwartungen und daraus resultierendes Verhalten können
erkannt werden, wenn eine gute Information über die fremde Kultur vorliegt. Für
Susanne (23.04.00) ist es daher wichtig, so viel wie möglich vom entsprechenden
Umfeld des Partners − wenn möglich sogar in seiner Heimat − kennenzulernen. Das
Verhalten dort in seiner eigenen Familie könne sich nämlich vom hiesigen sehr
unterscheiden. Auch erlebe man im Heimatland des Partners, was dort Männer− und
was Frauensache sei bzw. wie die Trennung aussehe. Alternativ biete sich an, den
Kontakt zu Afrikaner in Deutschland zu suchen, besonders auch zum selben
Geschlecht. Dies könne helfen, andere Verhaltensweisen zu verstehen. Oumar findet es
sehr wichtig, seiner Freundin von seiner Heimat und den dortigen Verhältnissen zu
erzählen. Für ihn sind die unterschiedlichen Kulturen einer der Gründe, weshalb
Mißverständnisse in der Partnerschaft vorkommen können. Kommunikation − also der
Austausch von Informationen − hat einen wichtigen Stellenwert in seiner Beziehung.
Ein schönes Beispiel für eheliche Anpassung schildert Elisabeth (Elisabeth Treffpunkt
25.04.00)von ihrem letzten Besuch in Nigeria. Dort habe ihr Mann einer eigenen
Wohnung und einem privaten Zimmer als ’Rückzugsmöglichkeit zugestimmt. Und auch
sie hat im Gegenzug Eingeständnisse gemacht:(...) Umgekehrt habe ich mir von
meinem Mann erklären lassen, vor wem ich den traditionellen nigerianischen Kniefall
machen muß. Ich bin also vor SchwiMu [Schwiegermutter − Anmerkung der Autorin]
zu Boden gegangen, und es hat mir nicht weh getan und meinem Mann viel Lob ob
seiner braven Frau eingetragen (Elisabeth Treffpunkt 25.04.00).Die interviewten
Männer gaben zwar an, daß in Guinea die Hausarbeit Aufgabe der Frauen sei, dennoch
beteiligen sich alle drei in Deutschland an der anfallenden Arbeit. Oumar erklärt als
einziger Mann, daß seine Eltern sich die Hausarbeit auch schon geteilt hätten. Hanna
und Mila sehen dagegen schon eine typische Rollen− bzw. Aufgabenverteilung
innerhalb ihrer Beziehungen. Hanna begründet dies damit, daß die Wohnung eigentlich
ihr gehöre und hauptsächlich mit ihren Dingen eingerichet sei. Mila schildert ihr
Elternhaus als sehr liberal, was sie auf die Tatsache zurückführt, daß ihre Mutter
Skandinavierin ist. Dort wurde die Hausarbeit immer geteilt. Da sie nur kurz mit ihrem
Partner zusammengewohnt hat, geht sie davon aus, daß in einem gemeinsamen
Haushalt schon eine Aufgabenverteilung herrsche. So sei er ’putzmäßig’ viel
ordentlicher als sie, während sie eher für die Wäsche zuständig sei. Sowohl Hanna als
auch Mila schienen mit dieser Lösung zufrieden.

Gerade im Bereich der Rollenerwartungen und des −verhaltens ist mit einer
kulturspezifischen Prägung zu rechnen. Die gegenseitige Information und Erklärung
dieser kulturellen Besonderheiten ist meiner Meinung nach die Voraussetzung, um
einen für beide akzeptablen Kompromiß zu finden. In interkulturellen Partnerschaften
sollte unerwartetes Verhalten nicht zu einem Rückzug oder zum Ärger führen, vielmehr
sollten beide Partner versuchen, die Gründe offenzulegen. Das Verstehen kultureller
Muster kann dann als Grundlage zur Aushandlung neuer Verhaltensweisen dienen oder
zur gegenseitigen Akzeptanz führen.

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Partnerschaften

3.3.c. Getrennte Lebensbereiche und der Freundeskreis


Das Thema ’Lebensbereiche’ kann bei unterschiedlichen Auffassungen über das
gemeinsame Verbringen von Zeit zu Konflikten führen, wenn eine Partner bestrebt ist,
möglichst viel Zeit gemeinsam zu verbringen, während der andere aus einem
Kulturkreis mit strikter Geschlechtertrennung im Alltag kommt. Was für den einen zu
wenig Nähe ist, kann für den andern schon zu viel, zu einengend sein. In solch einem
Fall kann ein einseitiges Arrangement nach Tseng zu Unzufriedenheit führen, da gerade
bei dem hiesigen Ideal der Zweisamkeit die gemeinsam verbrachte Zeit als Maßstab für
gegenseitiges Interesse in der Beziehung gilt. Deshalb ist es hier besonders wichtig, sich
der Unterschiede in den kulturellen und persönlichen Vorstellungen bewußt zu werden,
um im Austausch nach einem geeigneten Kompromiß zu suchen. Gerade hier kann das
Wissen über Verhaltensnormen in der Heimatkultur des Partners von großem Nutzen
sein, damit bei unerwartetem Verhalten nicht verärgert der Rückzug angetreten wird,
sondern bewußt Verhaltensweisen und Erwartungen zu hinterfragen.
Bei den Paaren hat die gemeinsame Zeit sicher auch etwas damit zu tun, ob
zusammen gewohnt wird oder nicht. So berichtet Mila, daß sie schon diejenige ist, die
versucht möglichst viel ’quality time’ mit ihrem Freund zu verbringen, da sie beide
noch getrennt wohnen. Bei Ihnen stelle die zusammen verbrachte Zeit einen der
Konfliktpunkte dar, weil Mila gerne noch mehr Zeit gemeinsam verbringen möchte. Sie
akzeptiert, daß er seine vielen Freundschaften pflegen muß, und daß das Studium mit
diversen Praktika sehr zeitaufwendig ist. Äußere Umstände können dazu führen, daß
eine Auseinandersetzung über die jeweiligen Bedürfnisse und Vorstellungen oder ein
Lernprozeß nicht stattfindet. Bei Gabi und Oumar sah es z.Z. des Interviews so aus, daß
beide sich am Wochenende in seiner Wohnung trafen und dort mit seinem
Freundeskreis die Zeit verbrachten. Beide gaben an, daß sie das Wochenende über alles
zusammen machen, da sie unter der Woche meist nur telefonisch in Verbindung
standen.
Die meisten meiner Interviewpartner haben getrennte Freundeskreise.
Gemeinsam tritt man dort meist nur nach Einladung auf. Fast alle Männer gehen
regelmäßig nur mit ihren ’Kumpels’ aus, was von den Frauen akzeptiert wird. Sie
verbringen ebenso Zeit mit ihrem Freundeskreis. Bei Hanna und Barry hat jeder seine
eigenen Bekannten hat. Während Barry immer alleine zu seinen Freunden geht,
begleitet er Hanna zu ihren Freunden, wenn er eingeladen wurde. Gemeinsam stehen
hauptsächlich Familienbesuche an, die beiden viel Spaß machen, oder Besuche in ihrer

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Du verstehst mich nicht...: Kommunikationsprobleme und Lernprozesse in interkulturellen
Partnerschaften

Wohnung. Wenn sie beide nicht arbeiten, verbringen sie viel Zeit zusammen in der
Wohnung. Hanna erzählt, daß sie ihren Freundinnen schon vor der Ehe viel Zeit
gewidmet hat. In dieser Beziehung wird die freie Zeit von beiden zur Pflege des
eigenen Freundeskreises und für die Zweisamkeit genutzt. So haben beide einen für sie
angenehmen Weg gefunden. Während Mamadou zusammen mit seiner Frau zum
Tanzen oder spazieren gehen, trifft er seine Freunde alleine. Die Freundinnen seiner
Frau besuche er nur nach Einladung. Da die Ehefrau nicht zum Interview zur
Verfügung stand, kann nicht gesagt werden, ob beide Partner mit dieser Regelung
zufrieden sind.
Gerade beim Besuch im Heimatland des Partners sollte eine Auseinandersetzung
mit den dort erwarteten Verhaltensmustern stattfinden. Es sollte geklärt werden, welche
Kompromisse jeder vertreten kann. So schreibt Elisabeth über einen Kompromiß
bezüglich des Wohnens während ihres Besuches in Nigeria:
Als wir letztes Jahr in Nigeria waren, stand für uns fest, daß wir nicht bei
Verwandten wohnen würden. Das hätte ich nicht ausgehalten.
Glücklicherweise waren wir in der Lage, uns ein eigenes Haus zu kaufen
− mit genügend Zimmern, um alle Verwandten unterzubringen, die uns
besuchen wollten. Aber ich hatte meinen Mann gebeten, ein Zimmer für
uns als "Rückzugsmöglichkeit" zu reservieren und den Verwandten
klarzumachen, daß sie dort nichts zu suchen haben. Das hat er getan und
konsequent durchgezogen, weil er meine Wünsche nach Privatssphäre
respektieren konnte (...).

Beide Partner haben einen Weg gefunden, die jeweiligen Bedürfnissen dem erwarteten
Verhalten in einer für sie angemessenen Weise anzupassen. So gab es Platz für die
zahlreichen Besucher und der Wunsch der Frau nach Privatssphäre wurde
berücksichtigt.12
3.4 Zusammenfassung
Die Vermeidung von Mißverständnissen durch Lernprozesse in interkulturellen
Partnerschaften wurde in diesem Kapitel untersucht. Dazu dienten die Ergebnisse der
vorherigen beiden Kapitel als Ausgangspunkt für Veränderungen des Verhaltens, der
Erwartungen und Vorstellungen.
Tseng hat in seinen interkulturellen Partnerschaftsarrangements drei
unterschiedliche Anpassungsmodelle für kulturelle Differenzen aufgezeigt, die jedoch
als Idealtypen zu betrachten sind, da häufig mehrere Modelle gleichzeitig in
unterschiedlichen Bereichen angewendet werden.

12 siehe dazu Elisabeths Zugeständnis im vorherigen Teil

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Du verstehst mich nicht...: Kommunikationsprobleme und Lernprozesse in interkulturellen
Partnerschaften

Interkulturelles Lernen im Sinne einer zweiten Sozialisation ermöglicht eine


Annäherung der Partner durch die Wahrnehmung und das Erkennen von eigenen und
fremden Kommunikationselementen. Dazu meiner Meinung sind Informationen und
gegenseitigen Austausch über die Kulturen wichtig, da nur auf diese Weise emotionale
Reaktionen verändert werden können. Die Soziologin Hardach−Pinke erklärt jedoch,
daß kognitives Wissen über die Kultur des Partner keine bessere Anpassung zur Folge
haben müsse:
Interesse und Aufgeschlossenheit gegenüber der jeweiligen fremden
Kultur waren zwar Voraussetzung für eine interkulturelle
partnerschaftliche Ehe, aber sie boten keine Garantie für eine
harmonische Verbindung kultureller Ausrichtungen im Alltagsleben.
Partner, die über ein hohes Bildungsniveau verfügten und besondere
Kenntnisse über die Kultur des Partners erworben hatten, waren deshalb
nicht automatisch eher in der Lage, eine harmonische Lebenswelt zu
schaffen als Partner, die über diese Voraussetzungen nicht verfügten
(1988: 158).

Das Erkennen verschiedener kommunikativer und kultureller Elemente bildet die


Grundlage für die Anpassungsmöglichkeiten kulturspezifischer Muster und das
Angleichen von Erwartungen und Vorstellungen. Anhand der Interviews und der
Beiträge des Diskussionsforums wurde überprüft, welche Arrangements dort getroffen
wurden. Bei vielen Paaren dominiert je nach Lebensbereichen eine andere Kultur,
wobei die ausländischen Partner sicher die größere Anpassungsarbeit leisten, da die
Paare, bis auf Mila und ihren Freund, im Herkunftsland Frauen leben.

4 Schluß
In der vorliegenden Arbeit wurde untersucht, ob Kommunikationsprobleme in
interkulturellen Partnerschaften verringert oder vermieden werden können, nachdem
der Einfluß von kommunikativen und kulturellen Faktoren auf das Verstehen erkannt
wurde. Hierzu wurde der kulturelle Einfluß einerseits auf verschiedene
Kommunikationselemente und andererseits auf Wahrnehmungs−, Denk− und
Handlungsmuster analysiert, um daraus Möglichkeiten für interkulturelles Lernen

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Du verstehst mich nicht...: Kommunikationsprobleme und Lernprozesse in interkulturellen
Partnerschaften

aufzeigen zu können.
Im Kapitel ’Interkulturelle Kommunikation’ wurden die sich gegenseitig
ergänzenden verbalen und nonverbalen Elemente, die beim Dekodieren von
Äußerungen und des damit verbundenen Verhaltens mitwirken, herausgearbeitet.
Anhand ausgewählter Literatur habe ich zuerst den Einfluß von Kultur auf verbale
Kommunikationselemente analysiert und mit meinen Forschungsdaten verglichen.
Das kulturspezifische der Sprache an sich mußte zu Beginn geklärt werden. Aus
der Literatur ging hervor, daß die Wahrnehmung von Realität erst durch und mit
Sprache konstruiert wird. Die Weltsicht ist kulturabhängig, da die wahrgenommene
Wirklichkeit durch die Gesellschaft konstruiert und nur durch deren gemeinsamen
Sprachgebrauch ständig reproduziert und tradiert wird. Diese Konstruktion der
Wirklichkeit wird durch sprachliche und grammatische Kategorien sichtbar, die als
nächstes untersucht wurden. Unser Sprachschatz spiegelt den Blickwinkel auf die
Umwelt wider, indem Begriffsbereiche nur dort ausdifferenziert werden, wo es kulturell
notwendig ist. In den Interviews und Beiträgen des Forums wurden die Schwierigkeiten
bei Begriffsbestimmungen bestätigt. Somit können unterschiedliche sprachliche
Kategorien im Alltag interkultureller Partnerschaften zu Mißverständnissen führen.
Als nächstes sprachliches Element wurden Konnotationen auf ihre kulturelle
Komponente hin analysiert. Dabei zeigte sich sowohl in der Literatur als auch in der
eigenen Forschung, wie unterschiedlich die mit einem Wort verbundenen
Konnotationen von Kultur zu Kultur sein können. Diese Differenzen beinhalten ein
weiteres Potential für Mißverständnisse, da sie häufig einen Rückzug zur Folge haben,
weil dem Gesprächspartner böse Absichten unterstellt werden. Bei der folgenden
Untersuchung der verwendeten Beziehungssprache wurden die in der Literatur
dargestellten Faktoren durch die Aussagen der Interviewpartner und die
Forumsbeiträgen bestätigt. So führt die Verwendung einer der beiden Muttersprachen
zu einem Ungleichgewicht bezüglich der sprachlichen Ausdrucksfähigkeit, während
eine gemeinsame Fremdsprache immer nach den Mustern der beiden Muttersprachen
angewandt wird. Hier können Nuancen bei der Bedeutung verloren gehen, was zum
Nichterkennen und Nichtwahrnehmen kleiner negativer Untertöne führen kann. Die
Betrachtung der verbalen Kommunikationselemente endete mit der Frage, ob
Kommunikationsprobleme auf interkulturelle Partnerschaften beschränkt sind. Die
Literatur und die Interviews zeigen, daß auch in monokulturellen Beziehungen
Verständigungsprobleme auftreten. Bei Partnern aus unterschiedlichen Kulturen

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Partnerschaften

bestehen jedoch tiefergehende Mißverständnisse durch tatsächliche


Sprachschwierigkeiten oder eigenkulturelles Handlungswissen.
Der zweite Teil des Kapitels ’Interkulturelle Kommunikation’ befaßte sich mit den
nonverbalen Faktoren, die neben den verbalen Elementen bei der Einordnung des
Gesagten in den richtigen Kontext eine Rolle spielt. Aus der Literatur ging hervor, daß
die nonverbalen Elemente dazu dienen, die eigenen Äußerungen zu gewichten und zu
kalibrieren und Rückmeldungen bezüglich des Verstehens zu übermitteln. Da die
Verwendung von Gestik nicht in allen Kulturen gleichermaßen ausgeprägt ist, besteht
die Gefahr, daß Gesten zwar erkannt, jedoch nicht richtig gedeutet werden. In meiner
Forschung stellte sich jedoch heraus, daß Differenzen in der Bedeutung von Gestik von
den Partnern äußerst selten wahrgenommen werden. Ähnliches gilt für die Mimik, die
laut Literatur als universell empfunden wird. Die unterschiedlichen Ergebnisse sind
meiner Meinung nach damit zu erklären, daß die Dekodierung solcher Elemente
unbewußt stattfinden und vermeintlich Vertrautes wie Gestik oder Stimme falsch
interpretiert wird. Sowohl in den Interviews als auch den Forumsbeiträgen wurde
deutlich, daß die verbale Kommunikation als Quelle möglicher Mißverständnisse
wahrgenommen wird, während Schwierigkeiten bei der Dekodierung non− oder
paraverbaler Faktoren offensichtlich nicht erkannt werden. Verbale
Kommunikationsprobleme haben jedoch nicht immer kulturelle Ursachen. Gerade
deshalb ist im interkulturellen Dialog eine Sensibilisierung für die Existenz und
Bedeutung eigener und fremder Kommunikationselemente notwendig.
Nachdem das dritte Kapitel die kommunikativen Faktoren beim Verstehen
untersucht hat, wurde im folgenden Kapitel erst der Zusammenhang von
Verhaltensmustern mit Kommunikation herausgearbeitet, um dann den Einfluß der
Kultur auf die Wahrnehmungs−, Denk− und Handlungsmuster darzustellen. Ich habe
anhand der Literatur die Auswirkungen der Verhaltensmuster auf den interkulturellen
Dialog dargestellt. Da sprachliche Interaktion eine Intention verfolgt, wird zu deren
Umsetzung auf das Wissen über Handlungskonventionen und −regeln zurückgegriffen.
Dieses Wissen dient gleichzeitig zur Interpretation des Verhaltens des Partners. Die
daraus resultierenden Fehlinterpretationen konnten in der anschließenden Untersuchung
von Wahrnehmungskonzepten auch durch die eigene Forschung bestätigt werden.
Sowohl in der Literatur als auch in den Interviews wurden kulturell unterschiedliche
Verhaltensregeln genannt. Der dort exemplarisch dargestellte unterschiedliche Umgang
mit Zeit tauchte ebenfalls in meinen Interviews als Konfliktpunkt auf. Nach den

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Du verstehst mich nicht...: Kommunikationsprobleme und Lernprozesse in interkulturellen
Partnerschaften

Wahrnehmungsmustern wurden von mir die Denk− und Handlungsmuster zum


Nachweis kultureller Beeinflussung von Verhaltenskonventionen herangezogen.
Unterschiedliche Erwartungen und Vorstellungen in Bezug auf Partnerschaft und Liebe
in den Interviews und Beiträgen des Treffpunkts bestätigten die Ausführungen der
ausgewählten Literatur. Auch die Betrachtung des Umgangs mit Konflikten bestätigte
den kulturellen Einfluß auf das Handeln, obwohl auch die persönliche Konfliktfähigkeit
der Partner eine Rolle spielt Bei der Bearbeitung des Kapitels wurde sowohl in der
Literatur als auch in meinen Daten deutlich, daß Verhaltenserwartungen von Kultur zu
Kultur verschieden oder gar widersprüchlich sind. So kann ein Streit kulturell
ausgetragen werden, indem die Andersartigkeit über− oder unterbewertet wird.
Im Kapitel ’Lernprozesse’ mußten zur Beantwortung der Fragestellung der
vorliegende Arbeit nun die Anpassungsmöglichkeiten thematisiert werden. Dazu wurde
zuerst der Forschungsansatz von Tseng erläutert, der einseitige, alternative oder
kreative Arrangements differenziert. Anhand meiner Daten konnte es sich hierbei
jedoch nur um Idealtypen handeln, da in vielen Partnerschaften je nach
Lebensbereichen unterschiedliche Lösungen praktiziert werden.
Danach habe ich die in den vorherigen beiden Kapiteln angedeuteten Hinweise für
interkulturelles Lernen aufgegriffen und eingehender mit meinen Interviews und den
Beiträgen des Diskussionsforums verglichen. Hierzu habe ich mich mit den Bereichen
Kommunikation, Beziehungserwartungen und Rollenerwartungen befaßt. Meine
Forschung hat bestätigt, daß eine gegenseitige Information und − wenn möglich − das
Kennenlernen des Partners in dessen eigener Kultur überaus wichtig sind, um
Differenzen im Kommunikationsstil erkennen zu können. Der Einfluß verbaler
Faktoren bei der sprachlichen Interaktion wurde von den Interviewten bestätigt,
während Schwierigkeiten bei der Dekodierung non− und paraverbalen Faktoren nicht
erkannt wurden.
Die eingehende Betrachtung der Verhaltenserwartungen und −vorstellungen macht
deutlich, daß das Erkennen von verschiedenen Handlungs− und Verhaltensschemata die
Grundlage zur Angleichung dieser Unterschiede mittels der Kommunikation bildet. Im
Austausch können Erwartungen und Vorstellungen den gegenseitigen Bedürfnissen
angepaßt werden. Es konnte bestätigt werden, daß nicht alle Lebensbereiche für beide
Partner denselben Stellenwert haben, dies kann Kompromisse erleichtern oder bei
besonders wichtigen Komponenten die Einigung erschweren.
Die vorliegende Arbeit hat den Einfluß von sprachlichen, nonverbalen und

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Du verstehst mich nicht...: Kommunikationsprobleme und Lernprozesse in interkulturellen
Partnerschaften

kulturellen Faktoren auf das Verstehen in interkulturellen Partnerschaften gezeigt.


Unterschiede in der Konnotation bergen ebenso Quellen für Mißverständnisse wie
sprachliche oder grammatische Kategorien, die die Wirklichkeitswahrnehmung einer
Kultur widerspiegeln. Nichtverstehen konnte gerade im Bereich der nonverbalen
Zeichen nachgewiesen werden, da dort Gesten häufig nicht erkannt oder falsch
dekodiert werden. Unterschiedliche Verhaltenserwartungen und −regeln basieren
ebenfalls auf dem Einfluß der Ursprungskultur bei der Sozialisation. Verstärkte
Aufmerksamkeit und Einfühlungsvermögen ermöglicht das Wahrnehmen und Erkennen
eigener und fremder Kommunikations−, Handlungs− und Verhaltenselemente, so daß
das eigene Denken und Handeln in Frage gestellt und relativiert werden kann. Das
Erkennen und Verändern kultureller Prägungen und die damit verbundenen
emotionalen Reaktionen ermöglichen eine Anpassung im Sinne einer sekundären
Sozialisation in der interkulturellen Partnerschaft. Hierin besteht eine große Chance des
gegenseitigen Verstehens und der Bereicherung durch die Ursprungskulturen.
Da bei interkulturellen Partnerschaften keineswegs alle Schwierigkeiten auf
kulturellen Differenzen beruhen, darf der kulturelle Einfluß nicht über−, aber auch nicht
unterbewertet werden. Neben der Kultur wird jeder Mensch auch von Religion,
Bildungsstand, Charakter und Lebenserfahrung beeinflußt. So stellt jedes Individuum
eine eigene Komposition dieser Elemente dar.
Ausblick
Interkulturelle Partnerschaften werden von der Ethnologie bisher noch wenig
beachtet, obwohl gerade dort das Zusammenleben unterschiedlicher Kulturen tagtäglich
erprobt und verbessert wird. Im Rahmen dieser Arbeit konnten lediglich die
verschiedenen Anpassungen in ihrem Resultat aufgezeigt werden. Dieser Prozeß der
Anpassung oder Übernahme selbst bietet Möglichkeiten für weitere Forschungen, um
genauer differenzieren zu können, wo interkulturelles Lernen stattfindet, und wo andere
Kulturelemente lediglich geduldet werden. Es stellt sich die Frage, wie diese
Anforderungen vor, zu Beginn und nach einigen Jahren in einer interkulturellen
Partnerschaft gesehen werden, wie sich der Einfluß der Anpassung oder Übernahme
kultureller Mustern auf die Identität der beiden Partner auswirkt, oder wie Identitäten
durch die Erfahrungen einer solchen Beziehungen verändert werden.
Anhand einer exemplarischen Kombination zweier Kulturen könnte eine
Feldforschung kulturelle Unterschiede in den Verhaltens− und Handlungsmustern sowie
im nonverbalen Bereich der Kommunikation untersuchen, um mögliche Konfliktpunkte

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Du verstehst mich nicht...: Kommunikationsprobleme und Lernprozesse in interkulturellen
Partnerschaften

herauszuarbeiten. Tatsächlich stattfindende Lernprozesse in der interkulturellen


Partnerschaft könnten durch eine Langzeitstudie und durch repräsentative
Interviewreihen erforscht werden.
Da auch diese Arbeit aus der europäischen Sicht geschrieben wurde, bietet sich ein
Vergleich mit Forschungsdaten ausländischer ForscherInnen an. Es stellt sich die Frage,
welche Anforderungen die Anpassung an ein fremdes Land und an eine interkulturelle
Partnerschaft für den ausländischen Partner bedeuten. Welche Unterschiede treten im
Vergleich zu Beziehungen auf, die in einem Drittland geführt werden?
Eine Beschäftigung mit interkulturellen Paaren und Familien unter dem
Gesichtspunkt der Beeinflussung von Reaktionen der gesellschaftlichen und familiären
Umwelt wirft genauso viele Fragen auf, wie die Auswirkungen zweier verschiedener
Kulturen auf die Sozialisation der Kinder aus solchen Partnerschaften.

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Du verstehst mich nicht...: Kommunikationsprobleme und Lernprozesse in interkulturellen
Partnerschaften

Anhang
Interviewleitfaden

Allgemeine Daten:
Darf ihr Name genannt werden ja nein
Name Vorname
Alter Staatsangehörigkeit:
Geschlecht:
Familienstand:
Seit wann
Erlernter Beruf:
Jetzige Tätigkeit:

Welche Fremdsprachenkenntnisse haben Sie?


Wie wurden diese erworben?
In welchen Ländern haben Sie noch gelebt?

Seit wann leben Sie in Deutschland?


Waren Sie schon im Heimatland des Partners?

Hatten Sie bereits früher Kontakte zu Ausländern?

Vorgeschichte:
Wie haben Sie sich kennengelernt? Und wie wurden Sie ein Paar?
Was hat Sie anfangs an ihrem Partner fasziniert?
Wie war die Reaktion ihrer Freunde auf ihre Beziehung? Und der Familie?

Beziehung heute:
Gibt es irgendeine Form der Rollenverteilung/Aufgabenverteilung?
Welche Rollenverteilung herrscht bei ihrem Eltern? Wie beurteile Sie diese?
Verbringen Sie viel Zeit gemeinsam oder eher jeder für sich? Lebensbereiche
Schildern Sie einen typischen Tagesablauf.
Was hat sich im Laufe ihrer Beziehung verändert?

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Du verstehst mich nicht...: Kommunikationsprobleme und Lernprozesse in interkulturellen
Partnerschaften

Alltagssprache
Was ist ihre Beziehungssprache? Und warum gerade diese?
Haben Sie manchmal das Gefühl, daß Sie dasselbe Wort mit unterschiedlichen
Hintergrund verwenden?
Sind ihnen typische Gesten am Partner aufgefallen, die sie anfangs oder immer noch
mißverstehen bzw. nicht richtig deuten? Vermuten Sie hier kulturelle Unterschiede?
Erledigen Sie Behördengänge; Arztbesuche, etc. zusammen oder alleine?
Haben Sie Probleme sich in der deutsche Sprache mitzuteilen?

Konflikte:
Wie wurde in ihrem Elternhaus mit Konflikten umgegangen?
Wie sollten Konflikte Ihrer Meinung nach gelöst werden?
Sind Streitereien für Sie ein Problem? Negativ−positiv
Vermeidet einer von ihnen Auseinandersetzungen oder entzieht sich diesen?
Können Streitereien so geführt werden, daß Sie eine gemeinsame Lösung finden?
In welchen Bereichen haben Sie unterschiedliche Auffassungen festgestellt? Und haben
diese zu Konflikten geführt?
Zeigen Sie Gefühle offen? Und können Sie diese dem Verhalten und den Gesten
zuordnen?

Freundeskreis/Ausgehen:
Haben Sie gemeinsame Freunde oder pflegt jeder seinen eigenen Bekanntenkreis?
Gehen Sie gerne mit zu den Freunden ihres Partners? Welche Sprache wird dort
gesprochen?

Feiern:
Feiern Sie bestimmte Feste oder Anlässe gemeinsam? Wenn ja welche?
Wann feiern Sie lieber ohne ihren Partner?
Welche Anlässe findet einer von Ihnen langweilig oder unangemessen?

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