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Neue Z}rcer Zeitung FEUILLETON Montag, 21.08.2000 Nr.

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Auschwitz – eine höhere Gerechtigkeit?


Die strittige Aussage des Rabbiners Ovadia Yosef
Mit einer Predigt, in deren Verlauf der Holocaust als Sühneleistung der Opfer interpretiert
wurde, hat das religiöse Oberhaupt der israelischen Shas-Partei, Rabbiner Ovadia Yosef, welt-
weit Empörung ausgelöst. Ohne die Fragwürdigkeit dieser Äusserung in Abrede stellen zu wollen,
versucht der folgende Beitrag, ihre theologischen Hintergründe zu beleuchten.

Die Äusserung des ehemaligen israelischen bares Verbrechen. Wie konnte es Gott, den wir
Oberrabbiners Ovadia Yosef, wonach es sich «bei als Hort der Gerechtigkeit bezeichnen, zulassen,
den sechs Millionen Opfern des Holocaust um dass so etwas geschah, lautet seither eine der am
Seelen von Sündern handelt, die wiedergekom- meisten gestellten Fragen.
men seien, um für ihre Vergehen zu büssen», hat
Befremden, Bestürzung und weltweite Kritik aus- Hiobs Frage
gelöst. Verschiedentlich wurden auch Stimmen Gibt es einen Gott nach Auschwitz? Hinter der
laut, die dem Geistlichen vorwarfen, den Holo- Frage steht in Tat und Wahrheit ein grundlegen-
caust und die Taten des Dritten Reiches schreck- des Dilemma: Weshalb widerfährt dem Guten
lich zu verharmlosen – in Deutschland immerhin Böses? In diesem Zusammenhang – und nur in
ein Offizialdelikt. Die Aussagen von Ovadia diesem Zusammenhang – spielt die Zahl der
Yosef sind auch unter jüdischen Rabbinern Opfer der Nazis keine Rolle; denn wenn Gott ge-
höchst umstritten. Erschwerend kommt hinzu: recht ist, stellt sich diese Frage nicht erst nach
Bei Rabbiner Yosef handelt es sich nicht nur um dem hunderttausendsten, sondern beim Leiden
einen Experten des jüdischen Rechts und der des ersten Unschuldigen. Es ist die Grundfrage
Theologie, sondern um das geistige Oberhaupt des Buches Hiob: Weshalb leidet ein Gerechter?
der Shas-Partei. Diese Partei, die sich als Vertre- Als Antwort auf diese Frage gibt es in der jüdi-
terin der orthodoxen orientalischen Juden defi- schen Gedankenwelt, nebst anderen, folgende
niert, praktiziert besonders in der gegenwärtigen Antworten:
politischen Situation in Israel eine nicht immer 1. Gott hat weggeschaut, war abwesend (Zeiten
durchsichtige, dafür umso mehr auf partikuläre der Gott-Ferne).
Interessen fokussierte Politik. Der Holocaust gilt
in Israel als politisches Tabu, das nun durch diese 2. In einer Zeit des Zorns und der Vernichtung
provokative Aussage des geistigen Führers einer wird die Schuldfrage nicht gestellt, Gott schlägt
Partei angetastet wurde. Im Weiteren war es Unschuldige genau gleich wie Schuldige.
üblich, dass der Holocaust und eine eventuelle 3. Es gehört zur Allmacht Gottes, dass er auch
Schuldfrage nur von den Überlebenden und den ungerecht sein kann. Denn wenn er nur gerecht
Nachkommen der Opfer besprochen und beurteilt sein könnte, wäre seine Allmacht einge-
werden, dies in Übereinstimmung mit einer alten schränkt.
jüdischen Tradition, wonach nur der Leidende Daneben gibt es in den Exegesen des Buches
selbst sein Verhältnis zu Gott und zu seinem Lei- Hiob einen anderen interessanten Deutungs-
den abschliessend kommentieren kann. Ovadia ansatz, der nicht unbedingt allgemeine Lehr-
Yosef aber stammt aus dem vom Holocaust ver- meinung ist, aber es doch wert ist, näher betrach-
schonten Irak. In diesen Tabubrüchen, verbunden tet zu werden: Ein Sünder, der stirbt, ohne für
mit den politischen Implikationen, welche die seine Tat zu büssen, kann nicht in eine bessere
Aussagen des Rabbiners fast unweigerlich anneh- Welt (Paradies) eintreten. In seiner Gnade gibt
men, liegt die gesellschaftliche Tragweite seiner Gott dieser Seele aber noch einmal die Möglich-
Aussage. Ovadia Yosef jedoch lediglich als seni- keit, als Teil eines Gerechten ins Diesseits zurück-
len Greis oder gar als Straftäter abzustempeln, der zukehren. Der Gerechte leidet für diesen und so-
die Opfer der Nazis diffamiert, greift zu kurz, zusagen mit diesem Sünder, damit dessen Un-
auch wenn viele seine Aussage in dieser Richtung taten gesühnt werden. Gleichzeitig erhält der Ge-
interpretieren. rechte eine Art speziellen Gotteslohn für seine –
Der Mord an sechs Millionen Juden durch die wenn auch unfreiwillige – Opferbereitschaft, für
Nazis bleibt in seinem tiefsten Wesen ein unfass- jemand anderen zu leiden.

© 2000 Neue Zürcher Zeitung AG Blatt 1


Neue Z}rcer Zeitung FEUILLETON Montag, 21.08.2000 Nr.193 22

Somit ist die Quadratur des Kreises geschafft: In diesem Zusammenhang ist auch eine Ge-
Gott bleibt gerecht, da das Leiden als Sühne für schichte aus dem Talmud erwähnenswert: Der
die reinkarnierte Seele des Sünders berechtigt Kaiser Nero befragte vor dem Angriff auf Jerusa-
war; der Gerechte, der gute Mensch leidet nicht lem das Orakel. Als er durch mehrere Zeichen
grundlos, hat aber selbst nicht gesündigt; und die Gewissheit gewonnen hatte, dass Jerusalem zer-
Grösse des Gerechten zeigt sich darin, dass er für stört werden sollte, rief er aus: «Der Heilige, ge-
andere leidet, um deren Seelenheil zu retten. Da- lobt sei er, will sein Haus zerstören und seine
bei handelt es sich aber eben nicht um eine allge- Hände an diesem Mann (= Nero) abwischen?!»
mein akzeptierte Lehrmeinung, und der ursprüng- (Das heisst: Ich soll Gottes Werkzeug sein und
liche Autor dieser These, Nachmanides (1194 bis dann dafür büssen, dass ich sein Haus zerstört
1270), betont, dass es bisher erst zwei Menschen habe?!) «Darauf flüchtete er, ging seines Weges
gegeben habe, auf welche sie zutreffe, nämlich und konvertierte zum Judentum.»
Hiob und Rabbi Akiba (ein Märtyrer des Bar- Der Wahrheitsgehalt dieser Geschichte spielt
Kochba-Aufstandes [133–135]). Die verallgemei- hier keine Rolle. Die Kernaussage ist folgende: Es
nernde Anwendung auf den Völkermord wurde steht jedem frei zu entscheiden, ob er zum Täter
vor Yosefs Rede noch nie gemacht und bleibt um- werden will und sich damit schuldig macht oder
stritten. nicht. Dies ungeachtet der Schuld des Opfers, die
im Fall der Zerstörung Jerusalems und des zwei-
Der Täter bleibt schuldig ten Tempels aus jüdischer Sicht gegeben war.
Ein weiteres – kulturell bedingtes – Missver- Interessanterweise wird im gleichen Kapitel des
ständnis mag dazu geführt haben, dass Rabbiner Talmuds der Kaiser Titus, der Zerstörer des Tem-
Yosef in die Nähe derer gestellt wurde, die die pels, als einer der grössten Sünder und Verbre-
Verbrechen der Nazis verharmlosen oder recht- cher geschildert.
fertigen. Daraus ergibt sich, dass die Schuld der Täter –
Nach allgemeinem abendländischem Kultur- im aktuellen Fall: der Nazis – vollkommen unab-
verständnis ist derjenige, der einen Schuldigen hängig zu betrachten ist. Ob die Opfer Heilige, re-
straft, selbst unschuldig, da er nur seine Pflicht tut inkarnierte Sünder oder Sünder waren, spielt
und sich im moralisch-theologischen Sinn auf keine Rolle für das Ausmass der begangenen un-
eine höhere Autorität berufen kann. beschreiblichen Verbrechen. – Diese zwei Welt-
Nach geltender jüdischer Rechtsauffassung ist anschauungen – nämlich dass der Gerechte leidet,
die Schuld des Täters von der Person des Opfers um einem anderen, in ihm reinkarnierten Sünder
jedoch strikt zu trennen. Zum Satz «Wenn du ein zum Seelenheil zu verhelfen, und dass jemand als
Haus baust, mach auf dem Dach ein Geländer, Täter verantwortlich ist und bleibt, ungeachtet ob
dass du nicht Blutlast auf dein Haus legst, wenn Gott das Leiden des Opfers vorbestimmte – bil-
der Fallende von ihm herunterfällt» (5. Mose, den die religiösen Grundlagen der Rede Ovadia
22, 8) nimmt die geltende jüdische Rechtslehre Yosefs. Diese Rede – gehalten zu Beginn der
folgendermassen Stellung: Auch wenn es dem jährlich wiederkehrenden dreiwöchigen Trauer-
Opfer (dem Fallenden) durch göttliches Schicksal periode, welche an die Leiden der jüdischen Ge-
vorbestimmt ist, durch einen Sturz vom Dach zu schichte erinnert – erhält so zumindest noch eine
sterben, macht sich der Hausbesitzer trotzdem andere Dimension.
Ariel Wyler
schuldig, wenn es wegen des fehlenden Geländers
Der Autor ist Mitglied der Jüdischen Gemeinde Zürich und
auf seinem Hausdach geschieht. Plakativ ausge- Holocaust-Überlebender zweiter Generation.
drückt: Gott lässt sein Todesurteil durch einen
Mörder vollstrecken.

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