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Der Schimmelreiter

Theodor Storm

In der Novelle "Der Schimmelreiter" von Theodor Storm geht es um Hauke Haien,
dessen größter Traum es ist, Deichgraf zu werden und einen neuen Deich zu bauen, der die
Menschen besser vor Sturmfluten schützt.

Theodor Storms Novelle beginnt mit einer Erinnerung: Ein Ich-Erzähler erzählt von
einer Geschichte, die er als Kind in einer Zeitschrift gelesen hat. In dieser Geschichte geht es
um einen Reisenden, der in den 1820er Jahren an der Nordseeküste Verwandte besucht und auf
seiner Rückreise nachts während eines starken Unwetters auf dem Deich entlangreitet. In dieser
Nacht meint er, einen dürren Schimmel und einen Reiter zu sehen, die dicht an ihm
vorbeigaloppieren und ihn mit "brennende[n] Augen" (S.6) ansehen, wenngleich weder der
Hufschlag noch das Keuchen des Pferdes zu hören sind.

Das Besondere an der Novelle Der Schimmelreiter von Theodor Storm ist, dass sie in
drei Erzählebenen unterteilt ist. Die Geschichte von dem Schimmelreiter beginnt nicht in
medias res.[1] Theodor Storm führt den Leser über mehrere Stufen in die Geschichte ein. Es
handelt sich um eine doppelte Rahmenerzählung, die die Binnenhandlung mit einschließt.

In dem ersten Rahmen berichtet ein Ich, wie es "vor reichlich einem halben
Jahrhundert" (S.5) bei seiner Urgroßmutter in einer Zeitschrift eine Gespenstergeschichte
gelesen hat, von der es nun erzählen möchte. In dem zweiten Rahmen übernimmt der Erzähler
eben diese Erzählung und malt aus, wie er während eines Unwetters auf einem nordfriesischen
Deich entlangreitet und dabei einer unheimlichen Männergestalt auf einem Schimmel
begegnet. Im Wirtshaus, in das der Reisende einkehrt, beginnt der Schulmeister, die Geschichte
über den Schimmelreiter wiederzugeben, die den Kern der Novelle bildet. Im Folgenden sollen
diese drei Erzählebenen genauer untersucht werden.

In Storms Novelle Der Schimmelreiter spielt der Erzählvorgang selbst eine wichtige
Rolle. Das Bewusstwerden des Erzählens und des Erinnerns werden zu zentralen Motiven der
Erzähltechnik Storms und seines realistischen Schreibens. Dies wird schon durch den
besonderen Aufbau der Rahmennovelle deutlich, der sich durch drei Erzählebenen auszeichnet.

Durch Storms besondere Konstruktion der inneren und der äußeren Rahmenerzählung
treten insgesamt drei Erzähler auf. Der Erzähler der äußeren Rahmenhandlung liest die
Geschichte in einer Zeitschrift. Sie wurde von dem Reisenden aufgeschrieben, dem die
Schimmelreitergeschichte von einem Schulmeister in einem Wirtshaus als mündliche
Erzählung präsentiert wurde. Durch diese drei Erzählebenen schafft der Autor zwischen sich
und dem Leser mehrere Instanzen, die das Erlebte als wahr verbürgen sollen. Storm erzählt die
Geschichte nicht einfach nur, sondern sie wird stufenweise von anderen erzählt. Nicht er selbst
verbürgt sich für die Wahrheit der Novelle, sondern andere. Die Rahmen dienen somit vor
allem dazu, die Binnenhandlung glaubwürdiger wirken zu lassen.

Auffällig ist, dass die Binnenhandlung an mehreren Stellen unterbrochen wird und zu
der inneren Rahmenhandlung, dem Reisenden und dem Schulmeister, zurückkehrt. Dies macht
dem Leser erneut bewusst, dass es sich bei der Geschichte von Hauke Haien um eine Erzählung
des Schulmeisters handelt. Aufgrund der Tatsache, dass der Schulmeister und der Reisende
immer wieder über die Wahrheit des Erzählten diskutieren, wird das Verhältnis zwischen
wirklichem Ereignis und Erzählung immer wieder neu thematisiert.

Häufig wird ein Werk mit der Ereignisfülle des Schimmelreiters als ein Roman
bezeichnet, da in den Novellen in der Regel nur ein einziges Ereignis erzählt wird. Theodor
Storm selbst untertitelte sein Werk allerdings als Novelle. Aufgrund der Ereignisfülle in der
Erzählung wurde dieser Betitelung oftmals widersprochen, allerdings lassen sich durchaus
Merkmale des Schimmelreiters finden, die für diese Gattung sprechen. Diese sollen im
Folgenden genauer analysiert werden.

Schon zu Beginn des Schimmelreiters fällt die novellentypische Rahmenkonstruktion


auf, die Storm kunstvoll über die drei Erzähler "Zeitschriftenleser", "Reisender" und
"Schulmeister" konstruiert. Der gesamte Aufbau bestätigt Storms eigene Forderung, die
Novelle solle die strengste und geschlossenste Form der Prosa-Dichtung sein. Die Episoden
schließen sich exakt zusammen, keine ist überflüssig.

In der Novelle Der Schimmelreiter hat der Deichgraf die Aufgabe, für die Erhaltung
der Deiche zu sorgen. Die Deiche sollen die Küstenbewohner vor der Sturmflut schützen und
stehen für den Kampf des Menschen gegen die Kräfte der Natur. Die Gegensätze Mensch und
Natur sowie Aberglaube und Vernunft sind nur einige der Themen, die Theodor Storm in seiner
Novelle "Der Schimmelreiter" behandelt. Die Novelle lebt von vielen Motiven und Symbolen.

In der Novelle des Schimmelreiters spielen zwei weiße Tiere eine besondere Rolle: Der
Angorakater von Trien' Jans und der Schimmel, den Hauke kauft. In unseren Dokumenten
werden diejenigen Interpretationsansätze verfolgt, die sich präziser mit den Motiven und den
Symbolen befassen.

Die Schilderungen des Aberglaubens und des Unheimlichen durchziehen das gesamte
Werk und haben eine besondere Funktion in der Novelle inne. Dieses Thema wird in der
vorliegenden Interpretation ausführlich erläutert, sodass sich ein breites und eingehendes
Verständnis des gesamten Textes entwickelt.

In der Novelle Der Schimmelreiter von Theodor Storm, die 1888 veröffentlicht wurde,
geht es um Hauke Haien, dessen Lebensziel darin besteht, Deichgraf zu werden und einen
neuen Deich zu bauen, der die Dorfbewohner besser vor Sturmfluten schützen soll. Auf diesem
Weg wird Hauke mit vielen Schwierigkeiten konfrontiert, unter anderem muss der rationale
Vernunftmensch sich mit dem Aberglauben der Dorfbevölkerung auseinandersetzen.

Die Novelle, die erst kurz vor Storms Tod veröffentlicht wurde, gilt als das bekannteste
und herausragendste Werk Theodor Storms. Auch über ein Jahrhundert nach ihrem Erscheinen
ist sie ein fester Bestandteil des Kanons der deutschen Literatur. Die Erzählung von Hauke
Haien, der gegen den Aberglauben der Dorfbewohner und gegen das Meer mit seinen
gefährlichen Sturmfluten kämpft, ist seit Jahrzehnten beliebt und das überrascht: Was fasziniert
an einer Geschichte, die im 18. Jahrhundert spielt und von Sagen, Gespenstern und Deichbau
handelt?

Die Besonderheit der Novelle ist darin zu erkennen, dass sie in der Gegend spielt, in
der Storm selbst aufgewachsen ist: In einer nordfriesischen Deichlandschaft. Aus diesem
Grund kennt Storm die Landschaft sehr gut und kann sie detailreich beschreiben – das ist ein
wesentliches Merkmal der Epoche des Realismus, zu der die Novelle gehört. Der Autor ließ
sich sowohl von den Sagen seiner Heimat als auch von Deichspezialisten inspirieren. Schon
hier zeichnet sich das zentrale Thema der Novelle ab: Der Zusammenprall zwischen den
rationalen Deichplanungen und dem Aberglauben der Bevölkerung. "Es muss was Lebendiges
in den Deich", meinen die Leute und murren, als der Deichgraf ihr Vorhaben verhindert. Die
Dorfbewohner reden über den Deichgrafen Hauke Haien: Hat er einen Pakt mit dem Teufel
geschlossen? Sein mysteriöser Schimmel und sein Zweifel an Gottes Allmacht schüren diese
Vermutung.

Storm wählt eine besondere Erzähltechnik, die sich durch eine doppelte
Rahmenerzählung auszeichnet. Besonders spannend ist die Frage nach den Gründen für das
Scheitern des Protagonisten, der am Ende Selbstmord begeht. Nach seinem Tod wird Hauke
Haien zum mysteriösen Schimmelreiter, der bei Unwetter über die Deiche reitet. Hier versteckt
sich die Ironie der Novelle: Hauke, der zu Lebzeiten von Aberglauben nichts wissen wollte,
wird nun selbst von den Dorfbewohnern zum Mythos gemacht.

Insgesamt lässt sich feststellen, dass die Novelle Der Schimmelreiter von Theodor
Storm zu Recht seit Jahrzehnten zu den bedeutendsten Werken der deutschen Literatur gehört.
Die Novelle erlaubt vielfältige Interpretationsansätze und lässt Fragen offen, wie
beispielsweise die Frage nach den Gründen für das Scheitern Haukes oder die Frage nach dem
Aberglauben und der Vernunft. Der Reisende erklärt am Ende der Erzählung des Schulmeisters
nicht, ob und wie es ihm gelungen ist, die Spreu vom Weizen zu trennen. Im Gegenteil: Am
Ende muss allein der Leser entscheiden, was es wirklich mit der Existenz Hauke Haiens auf
sich hat.