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LEITFADEN

EINFÜHRUNG IN DAS DOLMETSCHEN

Bielefeld 2006 Waltraud Allgeier


Diese Veröffentlichung wurde entwickelte im Rahmen der Entwicklungspartnerschaft FORUM.OST –
Internationalisierungskompetenz für Ostwestfalen-Lippe.
FORUM.OST ist eine Entwicklungspartnerschaft der EU-weiten Gemeinschaftsinitiative EQUAL und
unterstützt kleine und mittlere Unternehmen bei der systematischen (Neu-) Erschliessung der
osteuropäischen Märkte und bei der Optimierung bestehender Exportaktivitäten. In Ostwestfalen-Lippe
soll der Mittelstand gestärkt und Arbeitsplätze geschaffen werden. Fachkräfte mit Migrationshintergrund
aus mittel- und osteuropäischen Ländern, Auszubildende, Studierende und Arbeit suchende Akademiker/-
innen erhalten neue Beschäftigungsperspektiven. Das FORUM.OST-Programm bietet mit sechs Projekten
in einem Baukastenprinzip Dienstleistungen rund um die Verbesserung der Internationalisierungs-
kompetenz für Unternehmen und Fachkräfte an.
Weitere Informationen: www.forum-ost.de
www.equal.de
Projektleitung: Anna Renkamp, Initiative für Beschäftigung OWL e.V.

Die Entwicklungspartnerschaft wird gefördert durch das Bundesministerium für Arbeit und Soziales und
den Europäischen Sozialfonds.

Autorin: Waltraud Allgeier


Dipl.-Übersetzerin und Dolmetscherin

Herausgeber: Geschäftsstelle FORUM.OST


Initiative für Beschäftigung OWL e.V.
Jahnplatz 5
33602 Bielefeld

Bezugsadresse: Geschäftsstelle FORUM.OST


Initiative für Beschäftigung OWL e.V.
Jahnplatz 5
33602 Bielefeld
Tel.: 0521/52 01 69-0
Fax: 0521/52 01 69-29

Der Leitfaden im Internet: www.forum-ost.de

Alle Rechte vorbehalten.

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Inhaltsverzeichnis

1. Definition und Arten des Dolmetschens S. 4

2. Rolle und Aufgabe der dolmetschenden Person S. 5

3. Vorbereitung S. 6
3.1. Vorgespräch zu Sachinformationen S. 6
3.2. Vorgespräch zur Gesprächstechnik S. 7
3.3. Vorbereitung des/der Dolmetscher(s)/-in S. 8

4. Konkrete Arbeitssituation S. 8

5. Nach dem Arbeitseinsatz S. 10

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1. Definition und Arten des Dolmetschens

Was?
Im Gegensatz zu der übersetzenden Person, die einen Text von einer Ausgangssprache in eine Zielsprache
(gewöhnlich in ihre Muttersprache) schriftlich überträgt, überträgt der/die Dolmetscher/-in das
gesprochene Wort von einer Ausgangs- in eine Zielsprache. In beiden Fällen ist der/die Übersetzer/-in als
Sprachmittler die Brücke, die die Verständigung zwischen zwei oder mehreren Personen aus
unterschiedlichen Sprachkreisen ermöglicht. Bei Ziel- und Ausgangssprache kann es sich auch um zwei
Fremdsprachen handeln.

Wie?
Das Dolmetschen kann in unterschiedlichen Formen erfolgen: das konsekutive, simultane oder das
Flüsterdolmetschen sind die häufigsten Formen. Bei kaufmännischen Gesprächen und Verhandlungen im
Sitzen oder Stehen oder bei Fabrikführungen, Messegesprächen im Stehen wird man konsekutiv
dolmetschen: d.h. man übersetzt portionsweise kleine Abschnitte, 1-3 Sätze. Wird ein Vortrag in einem
größeren Forum gedolmetscht, bei dem auch der Zielsprache kundige Teilnehmer/-innen anwesend sind,
so wählt man das Flüsterdolmetschen, um diese Personen nicht zu stören.

Die ideale Situation für den/die Dolmetscher/-in ist sicher, wenn die Teilnehmer/-innen zusammen an
einem Tisch sitzen. Dabei sind die besten akustischen Bedingungen gegeben, d.h. es gibt die geringsten
Verluste bei der Schallübertragung, man hat Blickkontakt und die Möglichkeit, sich Notizen zu machen,
ist am Tisch am besten. Das Dolmetschen im Gehen, z.B. während einer Fabrikführung birgt ggf.
akustische Probleme. Die dolmetschende Person muss darauf bedacht sein, dass sie selbst akustisch alles
gut versteht und dass ihre Übersetzung verstanden wird. Dazu muss die Person auf die räumliche Nähe
der Beteiligten achten und sollte auch erst, wenn diese gegeben ist, mit ihrem Einsatz beginnen.

Achtung!
Auch während eines Dolmetscheinsatzes kann es vorkommen, dass Schriftstücke (z.B.
Vertragsbestandteile, Briefe, Bestellungen, usw.) mündlich übersetzt werden müssen. Lesen Sie vor dem
Übersetzen den Satz erst vollständig durch, da die syntaktische Inkongruenz der Sprachen ggf. einen
anderen Satzaufbau in der Zielsprache erfordert.

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2. Rolle und Aufgabe der dolmetschenden Person

Was?
Die dolmetschende Person ist als Sprachmittler/-in das Bindeglied zwischen zwei oder mehreren Personen
aus verschiedenen Sprachkreisen, deren Verständigung er/sie so texttreu wie möglich sicherzustellen hat.
Man sagt gelegentlich auch: Der/die Dolmetscher/-in ist das „fremdsprachliche Echo“ der referierenden
Person. Dieses Prinzip gilt grundsätzlich und unterschiedslos, gleich, was zu dolmetschen ist und egal, wie
und wo der Einsatz erfolgt. Aus dieser Funktion ergeben sich auch die Grenzen seiner/ihrer Aufgabe, die
in Punkt 4 genauer erörtert werden.

Wie?
In seiner/ihrer Rolle ist der/die Dolmetscher/-in zwar Mittel- und Bezugspunkt für die Teilnehmer/-innen,
er/sie darf aufgrund dieser Stellung jedoch niemals vergessen, dass er/sie keine Hauptperson ist. Sein/ihr
Verhalten ist stets zurückhaltend; er/sie steht niemals im Vordergrund.

Achtung!
Es kommt vor, dass ein(e) ausgangssprachliche(r) Redner/-in dem/der Dolmetscher/-in sein Anliegen in
einer umfassenden Erläuterung erklären will und ihn/sie dann bittet, die Übertragung in die Zielsprache
vorzunehmen. Die dolmetschende Person würde dann bei einer Zusammenfassung mit eigenen Worten
zu eine(m)r dritten Gesprächspartner/-in; sie könnte Gesprächsinhalte vergessen, Zusammenhänge evtl.
nicht recht verstehen: Der/die Dolmetscher/-in sollte dagegen vorschlagen, den Vortrag in kleinen
Abschnitten mit den Worten des Redners regelrecht zu dolmetschen.

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3. Vorbereitung

3.1. Vorgespräch zu Sachinformationen

Was?
Vor dem Einsatz ist mit dem/der Redner/-in in einem Vorgespräch der Zweck, das Gesprächsthema, ggf.
Anlass, Zielgruppe, die Art der Gesprächsteilnehmer/-innen, deren fachliche und sprachliche
Voraussetzungen, usw. zu klären und die Übergabe von Sachinformationen zu vereinbaren.

Wie?
Das Vorgespräch kann persönlich oder telefonisch stattfinden. Informationen können auf postalischem
oder elektronischem Weg übermittelt werden. Die Vorlaufzeit ist abhängig vom Umfang der
Sachinformationen, in die sich der/die Dolmetscher/-in einarbeiten muss.

Achtung!
Nicht immer ist das zur Verfügung gestellte Informationsmaterial für den speziellen Einsatz hilfreich. Sind
die Informationen sehr allgemeiner Natur (allgemeine Firmenprospekte) oder umgekehrt sehr
umfassend, sollte nach dem konkreten Gesprächsgegenstand gefragt werden.

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3.2. Vorgespräch zur Gesprächstechnik

Was?
In der Regel benutzt der/die Redner/-in die Sprache ohne Berücksichtigung der Probleme, die sich für
den/die Dolmetscher/-in stellen. Bitten Sie daher um kurze Sätze, um langsame Sprechweise, um
Vermeidung von Abkürzungen, Dialekten oder einer zu bilderreichen Sprache.
Machen Sie den/die Redner/-in für seine/ihre Planung darauf aufmerksam, dass der Termin durch das
konsekutive Dolmetschen einen größeren Zeitaufwand erfordert.

Auch die beste dolmetschende Person stößt an ihre Grenzen:


Generell ist die freie Rede ohne Probleme zu dolmetschen. Handelt es sich dagegen um einen
vorbereiteten Vortrag, der aus mehrzeiligen Sätzen mit komplizierter Syntax, Appositionen, Einschüben,
usw. besteht, so ist dem/der Dolmetscher/-in zur Vorbereitung ein schriftliches Manuskript
auszuhändigen.

Wie?
Erläutern Sie dem/der Redner/-in im Vorgespräch über den Dolmetscheinsatz, dass knappe Sätze eine
exaktere Übersetzung ermöglichen oder das Abkürzungen zu vermeidbaren Rückfragen führen, eine
bilderreiche Sprache oder die Benutzung von Metaphern häufig längere Umschreibungen erfordern.
Geben Sie ggf. Beispiele, damit sich der/die Redner/-in die Problematik der übersetzenden Person
vergegenwärtigen und diese berücksichtigen kann.

Achtung!
Machen Sie im Vorgespräch darauf aufmerksam, dass Segmentierungen langer Sätze seitens der
referierenden Person keine wirkliche Hilfe sind, insbesondere wenn Deutsch die Ausgangssprache ist, da
die ausgangssprachliche von der zielsprachlichen Syntax verschieden ist/sein kann.
Die im jeweiligen Fachjargon benutzten einschlägigen (z.T. englischen) Abkürzungen sind, wenn alle
Anwesenden ebenfalls aus der Branche sind, häufig geläufig und können so übernommen werden.

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3.3. Vorbereitung des/der Dolmetscher(s)/-in

Was?
Der/die Dolmetscher/-in wird sich in die erhaltenen Sachinformationen gründlich einarbeiten, die
Zusammenhänge erkennen und ggf. eine ausgangs- und zielsprachliche Fachterminologie erstellen.
Es gibt Unternehmen, die eigene Terminologiebestände führen und diese den dolmetschenden Personen
zur Verfügung stellen können.

Wie?
Eine Fachterminologie kann auf der Grundlage von erhaltenem Prospektmaterial, von
Firmenterminologien, den Informationen aus dem Vorgespräch mit dem/der Redner/-in oder aus
Internetrecherchen angelegt werden.
Zum Termin kann er/sie diese Terminologie, ggf. ein Fachlexikon sowie einen Schreibblock für Notizen
während des Termins mitnehmen.

Achtung!
Es gibt firmenspezifisches Vokabular, das häufig nicht mit den Übersetzungsvorschlägen eines Lexikons
übereinstimmt. Notieren Sie sich die benutzten Termini für Ihre eigene weitere Verwendung.

4. Konkrete Arbeitssituation

Was?
Bei der ersten Vorstellung der Gesprächsteilnehmer/-in stellt sich auch die dolmetschende Person vor.
Er/sie wird dies zweisprachig tun. In der Regel positioniert sich der/die Dolmetscher/-in zwischen den zu
dolmetschenden Personen. Sie stellt sicher, dass sie akustisch alles gut versteht und versichert sich
ebenfalls, ob sie von den Gesprächsteilnehmern gut verstanden wird. Beim konsekutiven Dolmetschen
überträgt sie wörtlich bzw. sinngemäß jeweils 2-3 kürzere Sätze der sprechenden Person in direkter Rede
aus der Ausgangssprache in die Zielsprache und umgekehrt. Im Idealfall, der aus wirtschaftlichen
Gründen aber selten vorkommt, hat jeder/jede Gesprächsteilnehmer/-in seinen bzw. ihren Dolmetscher/-

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in, so dass die Rede des einen und die Antwort des anderen sich auch in der Form der
Dolmetscheraussagen widerspiegelt.

Wie?
Beachten Sie während Ihres Einsatzes folgende Regeln, die wir wie folgt unterscheiden:

Was Sie nicht dürfen!


In Ihrer Funktion als Dolmetscher/-in sollten Sie keine eigene Kommentierung, keine eigene
Interpretation und keine Zusammenfassung vornehmen und keine Dialoge mit nur einer Seite führen.
Nehmen Sie keine Antworten vorweg, auch wenn Ihnen der Sachverhalt so bekannt ist, dass Sie dies
könnten.

Was Sie dürfen!


Bei jedem Verständnisproblem, bei Erklärungsbedarf eines Fachbegriffs oder des Sachverhalts oder bei zu
schnellem Redetempo dürfen Sie um Unterbrechung bitten. Wenn Sie ein Wort vergessen oder akustisch
nicht verstanden haben, dürfen Sie um Wiederholung bitten.
Wenn ein Wort, eine Metapher, eine Redewendung oder ein Sprichwort usw. in der Zielsprache nicht
existiert, dürfen Sie dies umschreiben, so dass der Sinn transportiert wird.
Machen Sie sich Notizen zu Summen, Zahlen, Daten, ggf. zu Kernaussagen.
Nehmen Sie durchaus auch Ihre Terminologieliste zu Hilfe.

Achtung!
Achten Sie darauf, dass kein(e) Gesprächsteilnehmer/-in zu keiner Zeit ausgeschlossen wird und die
Gesprächsführung den Gesprächsteilnehmenden vorbehalten bleibt.
Wenn Sie sich in Ihrer Funktion als Dolmetscher/-in einschalten, sind Ihre Aussagen oder Rückfragen
grundsätzlich allen Gesprächsteilnehmenden in beiden Sprachen zu dolmetschen. Dolmetschen Sie nicht
in der Form der indirekten Rede.

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5. Nach dem Arbeitseinsatz

Es ist hilfreich, mit Ihrem/ihrer Auftraggeber/-in anschließend darüber zu sprechen, ob er/sie mit Ihrem
Dolmetscheinsatz zufrieden war. Nur dadurch können Sie sich verbessern.
Bieten Sie ggf. an, anhand Ihrer Notizen ein Gesprächsprotokoll anzufertigen. Dies könnte z.B. bei
Lieferantengesprächen möglich sein.

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