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ZEITSCHRIFT

ZEITSCHRIFT DES DEUTSCHEN VEREINS FÜR KUNSTWISSENSCHAFT Hartmut Scholz VORABDRUCK


Bd. 59 (2005)

DES DEUTSCHEN VEREINS


FÜR KUNSTWISSENSCHAFT
Doris Gerstl Die Tafel mit Otto und Theophanu im Musée de l’Hôtel de Cluny
in Paris. Ein Elfenbein der Nikephoros-Gruppe vor 1840?

Erika Zwierlein-Diehl Mariae Verkündigung am Feueraltar. Eine mittelalterliche Gruppe


von Gemmen
BAND 59 (2005)
Rüdiger Becksmann Die Augsburger Propheten und die Anfänge des monumentalen
Stils in der Glasmalerei

Ewald M. Vetter Maria mit dem schreibenden Jesuskind


Gedruckt mit Unterstützung des Corpus Vitrearum Medii Aevi
Daniel Parello Modernisierungskonzepte um die Mitte des 14. Jahrhunderts. Forschungszentrum für mittelalterliche Glasmalerei . Freiburg i. Br.
Die Chorverglasungen von St. Dionys in Esslingen und St. Salvator Arbeitsstelle der Akademie der Wissenschaften und der Literatur . Mainz
in Regensburg

Eva Fitz Spiegel der Welt und der Heilsgeschichte. Das Bildprogramm der
Herausgegeben vom Deutschen Verein für Kunstwissenschaft e. V.
Glasmalereien der Marienkirche in Frankfurt an der Oder
Jebensstr. 2, 10623 Berlin
Hartmut Scholz Albrecht Dürer und das Mosesfenster in St. Jakob in Straubing
Herstellung: Corpus Vitrearum Medii Aevi . Freiburg i. Br.
Peter Volk Kruzifixe von Ignaz Günther
Druck: fgb . freiburger graphische betriebe
Guido Hinterkeuser Die Wohn- und Prunkräume Sophie Charlottes und Friedrichs I.
im Schloß Charlottenburg. Zu Programmatik, Ausstattung und
Nutzung Die Deutsche Bibliothek - CIP-Einheitsaufnahme

Tessa Friederike Rosebrock Die Attikafiguren der Königlichen Bibliothek Friedrichs des Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation
Großen und das Forum Fridericianum in Berlin in der Deutschen Nationalbibliographie;
detaillierte bibliographische Daten sind im Internet

Henrike Manuwald Ein »Stock« in Düsseldorf von den Berliner Freunden. Ein neu
entdecktes Werk Gustav Hermann Blaesers
Albrecht Dürer unter http://dnb.ddb.de abrufbar.

© 2005 Deutscher Verlag für Kunstwissenschaft . Berlin


ISBN 3-87157-214-4
Angela Lammert Albert Londe und die Moderne? Chromatographie und ihre
Wirkung in der Moderne und
DEUTSCHER VERLAG FÜR KUNSTWISSENSCHAFT
Rüdiger Becksmann Nachruf: Ernst Bacher (14. November 1935 – 28. April 2005)
das Mosesfenster BERLIN 2005

Vorabdruck aus:
in St. Jakob in
Zeitschrift des Deutschen Vereins für Kunstwissenschaft, Band 59, 2005 Straubing
HARTMUT SCHOLZ

Albrecht Dürer und das Mosesfenster in St. Jakob in Straubing

»Noch prangen in der Stiftskirche [St. Jakob] daselbst Über vier Lanzetten und sieben Zeilen erstreckt sich
wunderliebliche Gebilde dieser herrlichen Kunst [der das eine Bild der Übergabe der Gesetzestafeln. Die
Glasmalerei], unter welchen aber ein Gemälde der »kolossale Gestalt« des knienden Moses beherrscht und
Südseite alle übertrifft, nämlich die kolossale Gestalt füllt mit einer Größe von über drei Metern den
des Moses in höchster Vollendung und Farbenpracht unmittelbaren Vordergrund des Hochformats. Freilich
im Momente, wo er auf Sinai die Gesetztafeln von Gott spielt die Gesetzesübergabe nicht ersichtlich – wie im
empfängt. Es ist dieses Gemälde wohl das gelungenste zweiten Buch Mose (Ex 24,12 und Ex 34,1–4)
historische Bild von solchen Dimensionen, das die alte überliefert – auf dem Berg Sinai; sie ist vielmehr in
Glasmalerei in Bayern geschaffen« (Abb. 3)1. »Es ist eine herrliche tiefe Landschaft verlegt, mit Sicht auf
monumental in jeder Beziehung, kolossal in den Figuren, eine Burg und eine blaue Bergkette vor dem gelb und
großartig in Auffassung und Zeichnung, von größter rot glühenden Himmel im fernen Hintergrund. In
Glanzwirkung der Farben. Die Zeichnung der Köpfe ist Anlehnung an den gebräuchlichen Bildtypus des
vortrefflich. Die markige Figur des Moses ist der Größe Brennenden Dornbuschs (Ex 3,1–6) erscheint Gottvater
des Moments und der Persönlichkeit angemessen. Auch als Halbfigur in einer Feuerglorie über der Baumgruppe
die technische Ausführung ist virtuos«2. im Mittelgrund und präsentiert Moses die Steintafeln
Wenn in den zahlreichen Würdigungen, die das mit den Zehn Geboten. Die Inschrift »VN/V(M) C/RE/DE
Mosesfenster seit dem späten 18. Jahrhundert in der DE/V(M)/ NE« folgt freilich nicht dem Text der Vulgata4,
Literatur erfahren hat, selten derart hymnische Töne sondern vereinfacht das erste Gebot im Sinne des ersten
angeschlagen wurden wie hier, so war man sich doch Artikels des Credo bzw. der eingeführten Kurzform in
stets der herausragenden künstlerischen Bedeutung spätmittelalterlichen Bildzyklen des Dekalogs5. Die
dieses monumentalen »Fenstergemäldes« sehr wohl beiläufigen Motive der Naturbeschreibung wie die kleine
bewußt3. Quelle mit dem gehöhlten Baumstamm als Wasserrinne

1
Joachim Sighart: Geschichts- und Kunstdenkmale. In: Deutschlands, Bd. 2. Kassel 1862, S. 499. – Joachim Sighart:
Bavaria, Landes- und Volkskunde des Königreichs Bayern, Geschichte der bildenden Künste im Königreich Bayern.
Bd. I, 2. München 1860, S. 977: allerdings mit abwegiger München 1862, S. 641–642. – Heinrich Otte: Handbuch
Zuweisung an einen anderweitig in den Akten der Stadt der kirchlichen Kunstarchäologie des deutschen Mittelalters.
überlieferten Meister Hans Siber, Maler von Landshut, der Leipzig 51884, Bd. 2, S. 765. – Berthold Riehl: Bayerns
»im J. 1442 eilf Gläser hier [in der Kapelle Unser lieben Donautal. München und Leipzig 1912, S. 217. – Ebner
Frau zu Straubing] einsetzte und mit Netzen verwahrte«. (Anm. 2), S. 107–114. – Felix Mader: Die Kunstdenkmäler
2
Franz Ebner: Straubings alte Glasgemälde und Glasmaler. von Bayern, Bd. 4: Niederbayern, T. 6: Straubing. München
In: Kunst und Handwerk. Zeitschrift des Bayerischen 1921, S. 40–42.
Kunstgewerbe-Vereins 1920, S. 108. 4
Ego sum Dominus Deus tuus qui eduxi te de terra Aegypti
3
Vgl. Franz Sebastian Meidinger: Historische Beschreibung de domo servitutis / non habebis deos alienos coram me
der Städte Landshut und Straubing. Landshut 1787, S. 16. (Ex 20, 2–3).
– Max von Lori: Geschichte und Beschreibung der Stadt 5
Vgl. Johannes Geffcken: Der Bildercatechismus des
Straubing. Straubing 1830, S. 96. – Martin Sieghart: fünfzehnten Jahrhunderts und die catechetischen Haupt-
Geschichte und Beschreibung der Stadt Straubing, Bd. 2. stücke in dieser Zeit bis auf Luther, Bd 1: Die Zehn Gebote.
Straubing 1835, S. 32. – Wilhelm Lotz: Kunst-Topographie Leipzig 1855, S. 49–57, Beilagen Sp. 37.

1
links vorn zu Füßen Mose, die Gräser und Blattpflanzen
ringsum und der gewundene, mit Steinen übersäte Weg
hin zur Burg sind zeittypische Accessoires, werden uns
bei der Zuschreibung des Entwurfs aber nochmals
beschäftigen.
Der originale Bestand der Großkomposition umfaßt
heute nurmehr die untersten sechs Fensterzeilen, die
bis auf ein komplett erneuertes Feld (5a) vor restaurato-
rischen Eingriffen ansonsten weitgehend verschont ge-
blieben sind. Die Farbverglasung der obersten Wolken-
zone in Zeile 7 und die farblich wie formal völlig
unpassenden Blütenornamente des Maßwerkcouronne-
ments wurden erst im Zuge der Restaurierung 1893/94
durch die Schneidersche Hofglasmalerei in Regensburg
hinzugefügt. Die originalen Teile wurden nach Ebners
Aussage damals um eine Zeile tiefer gerückt, um die
leere erste Zeile, die ursprünglich vielleicht mit Stifter-
1. Werkstatt Michael Wolgemut: Das Blutopfer
eines christlichen Kindes in Trient. Schedelsche bildern und/oder Wappen besetzt gewesen war, wieder
Weltchronik, Blatt 254v. Nürnberg 1494 auszufüllen6.
Das eigentlich Überwältigende am Mosesfenster ist
die schiere Größe der Bildidee und die vollkommene
Überwindung der traditionell additiven Gestaltungs-
prinzipien der spätgotischen Glasmalerei. Ohne jede
architektonische Rahmung und ohne Rücksicht auf die
Pfosten- und Zeilenteilung der Hochschiffenster hatten

6
Ebner (Anm. 2), S. 107, Anm. 2. – Keineswegs zugehörig
war die Stifterzeile der Schuster-Bruderschaft (heute in
NORD II), wie die Formulierung einer Zeitungsnotiz anläß-
lich der abgeschlossenen Restaurierung suggerieren könnte
(Regensburger Morgenblatt Nr. 46, vom 25. Februar 1894).
– Die Maßwerkzone des Fensters ist mit ihrem rundbogigen
Abschluß, wie überall im Obergaden, eine Neuschöpfung
aus der Zeit nach dem großen Brand von 1780. Da die
barocke Wölbung des Straubinger Stadtmaurers Ignaz
Hirschstetter ca. drei Meter tiefer ansetzt als das eingestürzte
bzw. abgetragene spätgotische Netzgewölbe, mußten die
spitzbogigen Couronnements, die am Außenbau noch sicht-
bar sind, in den oberen Teilen zugemauert werden (gut
abzulesen am Umschlagbild von Rolf Dieter Kimberger und
Günther Knesch: Bau-Geschichten zu Sankt Jakob, Bd. 4.
Straubing 2003). – Umfangreicheres Material, Schrift-
wechsel etc. zur Restaurierung des späten 19. Jh. scheint in
den Akten und Kirchenrechnungsbüchern des Pfarrarchivs
St. Jakob vorzuliegen, muß uns im Hinblick auf die Frage
2. Albrecht Dürer: Die Verkündigung an Joachim nach der künstlerischen Verantwortung für das Fenster aber
aus dem Marienleben, um 1504 (Meder 190) hier nicht weiter beschäftigen.

2
3. Werkstatt Veit Hirsvogel (Entwurf
Albrecht Dürer): Moses empfängt die
Gesetzestafeln, um 1498.
Straubing, St. Jakob (Fenster SÜD VII)

3
4. – 7. Details der Faltenzeichnung: 4. Moses (Ausschnitt aus Abb. 3); – 5. Hl. Thomas von Aquin. Ingolstadt,
Obere Pfarrkirche, Spendle-Fenster. Nürnberg, um 1497; – 6. Hl. Paulus. Nürnberg, St. Sebald, Bamberger
Fenster. Nürnberg, 1501/02; – 7. Verkündigungsengel. Nürnberg, Tucherschloß. Nürnberg, um 1504

die verantwortlichen Künstler eine Komposition ent- Maß verpflichtet und damit, wenn man so will, noch
worfen und in Glas umgesetzt, die – wenn auch nicht innerhalb der Tradition8. Allein die gewaltigen, ebenfalls
gänzlich ohne Vorbilder7 – kaum ein zweites Mal in von Münchner Meistern um 1500 ausgeführten
vergleichbarer Konsequenz realisiert worden ist. Zeit- Bildfenster der Stadtpfarrkirche Unserer Lieben Frauen
nahe Parallelbeispiele in der Münchner Glasmalerei der zu Landsberg am Lech bieten – wie Paul Frankl mit
1490er Jahre, die mit den weiträumigen, auf jeweils 20 kritischem Unterton vermerkte – in der »Übertreibung
Felder ausgedehnten Landschaften im fünfbahnigen des Maßstabs« eine parallele Monumentalisierung zur
Legendenfenster der Frauenkirche prinzipiell in die- gleichen Zeit 9. Tatsächlich hat der Vergleich des
selbe Richtung zielen, bleiben doch dem menschlichen Mosesfensters mit dem ebenso kolossalen heiligen

7
Auch schon früher im 15. Jh. waren monumentale, teil- nichtet wurde, aber in der Münsterbeschreibung des frühen
weise über mehr als 25 Felder übergreifende bildmäßige 18. Jh. noch mit gehörigem Respekt beschrieben war:
Großkompositionen zur Ausführung gelangt. Im süddeut- »welches Bild von ungemeiner Grösse gewesen / die man
schen Raum sei nur auf die weithin bekannte vorbildliche daraus schließen kann / weil die Nase desselben [Pferdes]
Produktion der »Straßburger Werkstattgemeinschaft«, und 15. Zoll lang / und das Maul 11. Zoll breit gewesen« (vgl.
hier insbesondere auf das Scharfzandt-Fenster der Münch- Hartmut Scholz: Die mittelalterlichen Glasmalereien in Ulm.
ner Frauenkirche von ca. 1483 verwiesen. – Bereits um die CVMA Deutschland, Bd. I, 3. Berlin 1994, S. 256).
Mitte des 15. Jh. hatten die Ulmer Werkstätten Acker und 8
Susanne Fischer: Die Münchner Schule der Glasmalerei.
Deckinger Großkompositionen im Berner und im Ulmer Studien zu den Glasgemälden des späten 15. und frühen
Münster realisiert, darunter einen riesigen heiligen Martin 16. Jahrhunderts im Münchner Raum (Arbeitshefte des
zu Pferde mit Bettler im großen achtbahnigen Ulmer Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege, Bd. 90).
Turmfenster, der leider durch Hagelschlag bereits 1688 ver- München 1997, S. 74–75, Farbtaf. VII–IX.

4
8. – 11. Details der Faltenzeichnung bei Albrecht Dürer: 8. Syphilitiker. Flugblatt, 1496 (Meder 264); – 9.
Johannes Ev. in der 1. Figur der Apokalypse, um 1496/98 (Meder 165); – 10. Hl. Dionysius. Federzeichnung,
um 1500. Berlin, Staatl. Museen zu Berlin, Kupferstichkabinett (W. 218); – 11. Hl. Georg (Detail aus Abb. 28)

Christophorus im Landsberger Chorobergaden zuletzt Michael Wolgemuts Stiefsohn Wilhelm Pleydenwurff


sogar zur irrigen Annahme einer möglichen Münchner († 1494) und die Datierung um 1490 hat gerade
Herkunft des Straubinger Fensters geführt10. hinsichtlich der dafür angeführten stilistischen Referenz-
Zwar hatte der bislang einzige grundlegende Beitrag werke im Schatzbehalter und in der Schedelschen
zu Straubings alten Glasmalereien von Franz Ebner – Weltchronik in keinem einzigen Fall überzeugen können
wie jetzt definitiv zugestanden werden muß – 1920 und damit leider auch das Vertrauen in die korrekte
bereits die zutreffende Nürnberger Provenienz des Lokalisierung getrübt11. Nehmen wir nur als ein
Mosesfensters erkannt. Allein die Zuschreibung an Vergleichsbeispiel den von Ebner als »fast getreue Kopie

9
Paul Frankl: Die Glasmalerei des 15. Jh. in Bayern und Freiburg 2004, S. 145. – Der Verfasser des vorliegenden
Schwaben. Straßburg 1912, S. 97: »in der Übertreibung des Beitrags gesteht freimütig ein, diese Einschätzung geteilt, ja
Maßstabs standen diese Meister [der Landsberger Chor- sogar mitbefördert zu haben. Erst die Möglichkeit der
fenster] nicht ganz vereinzelt; ein nicht sehr schönes Fenster Nahsicht auf das Straubinger Fenster vom Gerüst im
der Jakobskirche in Straubing: Moses empfängt die zehn September 2004 hat ihn eines Besseren belehrt.
Gebote, bildet nach dieser Richtung eine Parallele in der 11
Ebner (Anm. 2), S. 97–122 (107–114). – Vgl. Hans
gleichen Zeit nach 1500«. – Vgl. Die Kunstdenkmäler von Wentzel: Meisterwerke der Glasmalerei. Berlin 1951 bzw.
Bayern, Neue Folge Bd. 3: Landsberg am Lech, T. 2: Sakral- 2
1954, S. 76 (erwähnt das Fenster im Überblick über die
bauten der Altstadt. Hrsg. von Michael Petztet. München und Nürnberger Glasmalerei und datiert das große »Gemälde«
Berlin 1997, S. 96–105 mit Abb. 98–102, 107, 108. ohne weiteren Kommentar Ende des 15. Jh.). – Später hat
10
Vgl. Uwe Gast: Straubing, St. Jakob. In: Glasmalerei im man sich kaum noch eingehend über die Straubinger Fenster
Kontext. Bildprogramme und Raumfunktionen (Handbuch geäußert, sondern nur noch die Einschätzung von Ebner
des XXII. Internat. Colloquiums des Corpus Vitrearum). fortgeschrieben.

5
des Moses« herbeigezogenen »knienden Juden auf dem kirche in Ingolstadt (einem Nürnberger Importwerk),
Trienter Kindermord der Weltchronik« (Abb. 1)12, dann im Mantel des heiligen Paulus im Bamberger Fenster
ist der gewaltige Abstand zwischen der spätgotisch typi- der Sebalduskirche in Nürnberg, von 1501/02, oder in
sierten, naiven Formensprache im druckgraphischen der Engelsalba der Verkündigung im Nürnberger Tucher-
Exempel und der raumgreifenden dürernahen Körper- schloß, um 1504, dann erkennen wir, um nur ein
lichkeit der Figuren im Fenster absolut evident. Dieselbe Hauptmotiv herauszugreifen, die immer wieder gleichen
entwicklungsgeschichtliche Distanz zu Weltchronik w–förmigen Nasen für die kleinen aufgestauten und
und Schatzbehalter läßt im übrigen auch das der geknautschten Stege bei ganz entsprechender paralleler
Gesetzesübergabe am Sinai kompositorisch gut ver- Schraffur der Faltentäler (Abb. 4–7). Für die betont
gleichbare zweite Blatt in Dürers Marienleben von 1503 zeichnerische Modellierung über flächig angelegter,
erkennen (vgl. Abb. 2, 3). moderat aufgehellter Halbtonlasur bieten – neben dem
Den aktuellen Anlaß, sich nochmals eingehender mit Spendle-Fenster in Ingolstadt und einzelnen Scheiben
der Zuschreibungs- und Datierungsfrage des Straubinger der graphischen Richtung im Bamberger Fenster – die
Mosesfensters auseinanderzusetzen, lieferten die Beo- 1833 veräußerten, heute auf mehrere Standorte in
bachtungen, die bei der Besichtigung der Glasmalereien Deutschland, England und den Vereinigten Staaten
der Jakobskirche im Rahmen des XXII. Internationalen verstreuten Scheiben der ehemaligen Farbverglasung der
Colloquiums des Corpus Vitrearum aus allernächster Tucherkapelle in der Grasersgasse wohl die nächsten
Nähe angestellt werden konnten13. Diese Beobachtungen Parallelen14. Freilich gehen die Zusammenhänge hier
und die daran anschließenden Überlegungen und Schlüs- bei weitem über die maltechnische Ausführung hinaus.
se werden nachstehend in vier Punkten zusammengefaßt. Neben zahlreichen Berührungspunkten in der Dar-
stellung der Natur (man beachte etwa die Art, wie die
Belaubung der Bäume in Abb. 31 gezeichnet ist), sind
I. Die Herkunft des Fensters es insbesondere die ausgeprägten Charakterköpfe, die
als Zeugen für die Zuweisung an ein und denselben
Die überraschendste Erkenntnis, die vor dem Original Meisterkreis herangezogen werden können (Abb. 12,
gewonnen werden konnte, berührt die handschriftlichen 13, 15, 31). So offenbart etwa der nach Glendale, Kali-
Besonderheiten des Zeichenstils, die sich trotz ersicht- fornien, abgewanderte heilige Andreas das gleiche
licher Bemalungsverluste, besonders in den Draperien, würdige Patriarchenhaupt mit dem langen strähnigen
und der enormen maßstäblichen Unterschiede eindeutig Bart und den ornamental ondulierten Haarlocken wie
in zentralen Werken der Nürnberger Glasmalerei wie- der mehr als fünfmal so große Moses. Noch engere
derfinden. Nehmen wir pars pro toto die Gegenüber- Übereinstimmungen zeigt der im Detail der maltech-
stellung der leider stark abgeriebenen Faltenzeichnung nischen Ausführung freilich noch feinere Kopf des
im Gewand des Moses mit jenen besser erhaltenen heiligen Kaisers Heinrich im Bamberger Fenster, dessen
Beispielen im Habit des heiligen Thomas von Aquin Binnenzeichnung zumindest entscheidender Partien des
im 1497 datierten Spendle-Fenster der Oberen Pfarr- Gesichts besser erhalten ist als die infolge früherer

12
Ebner (Anm. 2), S. 113. Im mehr oder weniger gleichen für den anregenden Meinungsaustausch über die tatsäch-
Mißverhältnis zum Mosesfenster stehen auch die anderen lichen künstlerischen Zusammenhänge am Mosesfenster.
von Ebner bemühten Vergleichsbeispiele im Schatzbehalter. 14
Zur Geschichte der Tucherscheiben siehe Hartmut
13
Mein herzlicher Dank gilt den Verantwortlichen der Scholz: Entwurf und Ausführung. Werkstattpraxis in der
Kirchengemeinde St. Jakob und dem zuständigen Archi- Nürnberger Glasmalerei der Dürerzeit (CVMA Deutsch-
tekten, Rolf Dieter Kimberger, die es fertigbrachten, nur für land, Studien Bd. 1). Berlin 1991, S. 74–78, besonders Anm.
den einen Besuchstag und ausgerechnet vor dem Moses- 189–190. – Painting on Light. Drawings and Stained Glass
fenster ein Gerüst zu stellen, um den anwesenden Glas- in the Age of Dürer and Holbein (Katalog der Ausstellung
malereiforschern einen Blick aus nächster Nähe zu ermög- Los Angeles und Saint Louis 2000–2001). Los Angeles 2000,
lichen. Mein Dank gilt ferner Hermann Stickroth, Straubing, Kat.-Nr. 21–22 (Barbara Butts).

6
12. Gottvater
(Detail aus Abb. 3)

13. Werkstatt Veit


Hirsvogel nach
Entwurf von
Albrecht Dürer:
Kaiser Heinrich II.,
1501/02. Nürn-
berg, St. Sebald,
Bamberger Fenster
(Chor nord II, 3b)

14. Albrecht Dürer:


Johannes d. Täufer
aus der Höllenfahrt
der Großen Passion,
um 1510
(Meder 121)

15. Moses
(Detail aus Abb. 3)

7
16. Albrecht Dürer: Johannes erblickt die
Sieben Leuchter. Apokalypse, 1. Figur,
um 1496/98 (Meder 165)

Reinigungsversuche besonders an Augen, Brauen, II. Der Entwerfer


Stirnfalten und Bartansatz stärker beriebenen Köpfe
Gottvaters und Mose in Straubing. Tatsächlich läßt der Mit Gewißheit waren die charakteristischen Kopftypen,
Vergleich vor dem Original im Streiflicht noch soviel die Binnenmodellierung der physiognomischen Details,
Negativspuren der verlorenen Gesichtszeichnung er- die sprechenden Hände ebenso wie die Einzelformen
kennen, daß an der Identität der ausführenden Glas- der Gewandzeichnung bereits in den zugrundeliegenden
malerhand hier wie dort kaum gezweifelt werden kann Entwürfen vorgesehen. In der hier gekennzeichneten
(Abb. 12, 13). Schließlich atmet sogar der Mitte des Ausführung sind sie in der Nürnberger Glasmalerei
19. Jahrhunderts (1849) nach dem Vorbild des ausge- allerdings nur in wenigen Beispielen unmittelbar vor
schiedenen Originals kopierte Kopf des heiligen Paulus und nach 1500 wiederzufinden. Wer aber war der
im Ingolstädter Spendle-Fenster noch so viel vom unbekannte Entwerfer, dem wir diese besonderen Merk-
gleichen Geist, daß er ohne weiteres dem Straubinger male und damit auch die gesamte Bildidee des Strau-
Gottvater an die Seite gestellt werden kann. binger Mosesfensters zuschreiben müssen? Tatsächlich

8
17. Albrecht Dürer: Johannes vor Gottvater
und den Ältesten. Apokalypse, 2. Figur,
um 1496/98 (Meder 166)

kein anderer als Albrecht Dürer (1471–1528)15, dessen der Natur abgeschaute Darstellung der menschlichen
Entwerfertätigkeit für die Glasmalerei bald nach der Proportion im Verein mit der Nachbildung fein be-
ersten Italienreise um 1496 mit dem berühmt umstrit- obachteter physiognomischer Details sich so fundamen-
tenen Benediktzyklus einsetzte16, und dessen zeitgemäße, tal vom traditionellen, spätgotischen Typenkanon seines

15
In Wahrheit ist diese Überzeugung aufgrund »der groß- (Barbara Butts). – Die jüngst von Fritz Koreny wiederbelebte
artigen Auffassung der Linienführung«, freilich ohne jeden Diskussion zur Autorschaft der Benedikt-Zeichnungen bedarf
weiteren Beleg, bereits vom Autor einer Kurzmitteilung zur einer gründlichen Auseinandersetzung, die im vorliegenden
Restaurierung des Fensters im 19. Jh. ausgesprochen worden Zusammenhang aber nicht erforderlich ist und deshalb
(Regensburger Morgenblatt, Nr. 46, 25. Februar 1894). einem eigenen Beitrag vorbehalten bleiben soll; siehe Fritz
16
Vgl. Ursula Frenzel: Dürer als Entwerfer für Glasmalerei. Koreny: Albrecht Dürer oder Hans Schäufelein? Eine Neu-
In: Albrecht Dürer 1471–1971 (Katalog der Ausstellung bewertung des »Benediktmeisters«. In: Zeitschrift des
Nürnberg 1971). München 1971, S. 383–388. – Zuletzt Deutschen Vereins für Kunstwissenschaft, Bd. 56/57 (2002–
ausführlich in: Kat. Los Angeles (Anm. 14), Kat.-Nr. 11–17 2003), S. 144–161.

9
18. Albrecht Dürer: Hl. Hieronymus in der Wüste, 19. Albrecht Dürer: Der Verlorene Sohn, um 1496
um 1496 (Meder 57; Ausschnitt) (W. 145, Ausschnitt). London, British Museum

20, 21. Details der Landschaftsschilderung im Mosesfenster (Ausschnitte aus Abb. 3)

10
Lehrers Michael Wolgemut (1434–1519) und dessen Bildungen in der die Hauptpersonen umgebenden Natur,
umfangreicher Werkstattproduktion unterscheiden. die etwa in den Kupferstichen des heiligen Hieronymus
Dürers früher, besonders am Vorbild Martin Schon- in der Wüste (Abb. 18), der Buße des heiligen Johannes
gauers geschulter Zeichenstil generiert mit Vorliebe Chrysostomus (Meder 54) und des schon erwähnten
dieselbe knorrig geschichtete Faltengebung mit den Verlorenen Sohnes mit den Schweinen (Meder 28), alle
schmal und lang geknautschten Faltenschläuchen bzw. um 1496, oder bereits zuvor in verschiedenen Land-
den am Boden aufgestauten Gewandschleppen, wie sie schaftsaquarellen zu entdecken sind, finden ihre Ent-
uns im roten Mantel des Moses gewissermaßen exem- sprechung in den seltsamen Tierköpfen eines Elefanten,
plarisch vor Augen steht (vgl. Abb. 4, 8–11). eines Raubvogels und eines Fisches am Ufer der Quelle
Es ist der Dürer der Apokalypse, der uns hier die und der kleinen Böschung unterhalb der Baumgruppe
unmittelbarsten und zahlreichsten Parallelen bieten im Mittelgrund des Mosesfensters (Abb. 18–21)19.
kann: So mag man den knienden Johannes der 1., 2. Geradezu ein Leitmotiv in Dürers Bilderfindungen
und 12. Figur der Apokalypse vergleichen und findet jener Zeit (um 1496–1498) und wiederum besonders
immer wieder dasselbe Faltenvokabular (Abb. 16, 17)17. gehäuft in den Holzschnitten der Apokalypse, aber auch
Auch für die bärtigen Patriarchenköpfe und die eigen- in der Marter der heiligen Katharina (Meder 236) und
tümlich dekorativ gelockten Haare im Mosesfenster sind in der vierten Szene des Benedikt-Zyklus (W. 201:
in der Schar der Ältesten oder beim Gottvater der Holz- Benedikt bei seiner Schwester Scholastika) anzutreffen
schnitte die nächsten Verwandten auszumachen; Gebär- ist der Flammenkranz, der die Halbfigur Gottvaters im
den und Zeichnung der Hände decken sich vielfach. Mosesfenster umgibt. Entsprechend gebildete Feuer-
Für die zeichnerische Darstellung von Bäumen ver- zungen begegnen mehr oder weniger dominant in acht
gleiche man wieder die 2. und besonders die 14. Figur; von fünfzehn Blättern der Apokalypse, bildbeherrschend
letztere bietet auch ein Paradebeispiel für die Idee der besonders in der 2. Figur (Abb. 17). Daß sich Dürer
mit Steinen übersäten Pfade. Die wie beiläufig hinge- mit ähnlich suggestiven Darstellungen dramatischer
streuten Blattpflanzen und Gräser und selbst die Quelle Ereignisse wie Erscheinungen, in geradezu dem moder-
mit dem ausgehöhlten Baumstamm als Wasserrinne sind nen Comic vergleichbarer Inszenierung, zwischen 1495
in ganz ähnlicher Auffassung in Kupferstichen Dürers und 1498 auch auf den Rückseiten zweier Tafelgemälde
wiederzufinden: Zum ausgehöhlten Baumstamm der – dem heiligen Hieronymus in London20 und der
Quelle vergleiche man nur den Trog in der Zeichnung
(W. 145) und im Stich (Meder 28) des verlorenen Sohnes 17
Albrecht Dürer. Das druckgraphische Werk, Bd. 2: Holz-
von 1496 (Abb. 19) oder die Quelle in Zeichnung (W.
schnitte und Holzschnittfolgen. Bearb. von Rainer Schoch,
183) und Holzschnitt (Meder 221) der heiligen Paulus Matthias Mende und Anna Scherbaum. München, Berlin,
und Antonius um 1502. Dieselben Bildelemente zeigt, London und New York 2002, S. 59–105 (Abb. S. 73, 75, 100).
wie Friedrich Winkler beobachtet hat, bereits ein Buch- 18
Wilhelm L. Schreiber: Formschnitte und Einblattdrucke
holzschnitt zu Sebastian Brants »Lob des Heiligen in der Kgl. Bibliothek zu Berlin. Berlin und Straßburg 1913,
Onophrius«, der – 1494 in der Bergmannschen Offizin Taf. 17. – Vgl. Friedrich Winkler: Die Zeichnungen Albrecht
Dürers, Bd. 1. Berlin 1936, Nr. 183.
in Basel gedruckt – von Dürer offenbar mehrfach ausge- 19
Vgl. Karl Möseneder: Blickende Dinge. Anthropo-
wertet wurde; dort im zentralen Hauptbild findet sich morphes bei Albrecht Dürer. In: Pantheon, Bd. 44 (1986),
die Straubinger Quelle auch nahezu wörtlich vorge- S. 15–23 (freundl. Hinweis von Daniel Parello, Freiburg).
bildet18. 20
London, National Gallery (seit 1996); vgl. Fedja Anze-
Ein weiteres bemerkenswertes Phänomen, das im lewsky: Albrecht Dürer. Das malerische Werk. Neuausgabe
Mosesfenster ebenso anzutreffen ist wie in mehreren Berlin 1991, Nr. A 14 (mit einer Datierung um 1495,
unmittelbar nach der Rückkehr aus Italien). Zur endzeit-
vor allem frühen druckgraphischen Werken Dürers der lichen Deutung der rückseitigen Darstellung eines bren-
Jahre 1496–1498 ist die »Verlebendigung der Landschaft« nenden Sterns siehe zuletzt: Albrecht Dürer (Katalog der
durch die anthropomorphe bzw. zoomorphe Gestaltung Ausstellung Wien 2003). Ostfildern-Ruit 2003, Kat.-Nr. 46
von Felsformationen. Die »latent physiognomischen« (Susan Foister).

11
sogenannten »Haller-Madonna« in Washington21 – noch vor dem Bamberger Fenster – für die Reste eines
verewigt hat, deutet ebenfalls auf eine kurzfristig sehr Fensters der heiligen Sippe in St. Lorenz in Nürnberg,
ausgeprägte, wenngleich vorübergehende formale Vor- um 1497–1500, sowie für zeitgleiche Einzelscheiben
liebe und jedenfalls auf eine zeitnahe Entstehung des stehender Heiliger in St. Jakob in Nürnberg und in der
Straubinger Fensters. Auch der stimmungsvolle gelb- Oberen Pfarrkirche zu Ingolstadt (s.o.) zu erschließen.
rote Himmel am Horizont mit den düster aufziehenden Daneben scheint sich Dürers Entwurfstätigkeit für die
grau-blauen Wolkenhaufen in der Hieronymustafel und Glasmalerei in dieser frühen Zeit besonders auf den
einigen zeitgleichen Landschaftsaquarellen erinnert Bereich kleinformatiger Kabinettscheiben konzentriert
kaum zufällig an die farblich entsprechende atmosphä- zu haben, für den stellvertretend – neben dem neuerdings
rische Fernsicht im Mosesfenster, dessen Entwurf aus wieder umstrittenen Benedikt-Zyklus – besonders die
der Feder des jungen Dürer nach den angestellten Ver- einzigartigen, in der Erfindung unzweifelhaft mit Dürer
gleichen also kaum später als 1498 angesetzt werden verbundenen, 1502 datierten Dreipaßscheibenrisse für
kann (vgl. Abb. 22–25). Daß Dürer – über den Probst Sixtus Tucher stehen mögen (Abb. 29). Nach
zeichnerischen Gesamtentwurf hinaus – verbindliche 1503/04 überließ Dürer diesen Bereich mehr und mehr
Angaben zur Farbigkeit der Großkomposition geliefert seinen Gesellen, allen voran Hans Baldung Grien, dessen
haben muß, steht angesichts der oben angeführten unverwechselbarer Typenschatz und Zeichenstil der
Zusammenhänge außer Frage. Ob ihm daneben aber – Nürnberger Glasmalerei bis 1507 die wesentliche Rich-
zumindest für die figürlichen Teile – auch die original- tung gaben. Erst nach der zweiten Italienreise finden
großen Kartonvorlagen im Maßstab 1:1 der auszu- wir Dürer, nun meist im Verein mit Hans von Kulmbach,
führenden Einzelfelder übertragen worden waren, ist – nochmals aktiv am Entwurfsprozeß für einzelne ausge-
wie in den allermeisten Fällen, nicht mit Bestimmtheit zeichnete Verglasungen beteiligt: mit Gesamtkonzep-
zu entscheiden. tionen und ersten Ideenskizzen an den Fenstern der von
Zur Standortbestimmung des Mosesfensters innerhalb Matthäus Landauer gestifteten Allerheiligenkapelle
der Nürnberger Glasmalerei der Dürerzeit ist es nütz- (1508) und der Schmidtmayer-Kapelle in St. Lorenz
lich, an dieser Stelle einige Bemerkungen zum näheren (1509/13) sowie schließlich als Spiritus rector an der
Umfeld einzuschieben. Spätestens seit der grundlegen- zeitgemäßen Neugestaltung der monumentalen Renais-
den Arbeit von Karl Adolf Knappe zum Bamberger sancefenster für Kaiser Maximilian I., die Markgrafen
Fenster in St. Sebald in Nürnberg, einem Auftrag des von Brandenburg-Ansbach und den kaiserlichen Rat
Bamberger Bischofs Veit Truchseß von Pommersfelden Melchior Pfinzing im Ostchor von St. Sebald in Nürn-
aus dem Jahr 1501, ist die Rolle Dürers als Entwerfer berg: den unbestrittenen Glanzpunkten Nürnberger
für die Nürnberger Glasmalerei um 1500 relativ klar Glasmalerei23.
umrissen und in den wesentlichen Zügen auch allgemein In diesem notgedrungen etwas gestrafften, auf die
anerkannt22. Entwürfe von seiner Hand sind – zeitlich zentralen Arbeiten konzentrierten »Œuvre-Verzeichnis«

21
Washington, National Gallery of Art; vgl. Anzelewsky Scholz (Anm. 14), S. 121–126, 136–142, 151–175. – Ders.:
(Anm. 20), Nr. 43 (mit Datierung um 1496–1498). – Vgl. Dürer et la genèse du vitrail monumental de la Renaissance
zuletzt: Katalog Wien (Anm. 20), Nr. 29 (Anna Scherbaum: à Nuremberg. In: Revue de l’Art, Bd. 107 (1995), S. 27–43.
um 1498). – Die Darstellung des brennenden Sodom auf – Ders.: Die Werkstatt des Nürnberger Stadtglasers Veit
der Rückseite wurde im übrigen im Hintergrund der 13. Hirsvogel. In: Künstlerwerkstätten der Renaissance (Ge-
Figur der Apokalypse, der Hure Babylon, für den Untergang schichte der europäischen Kunst, Bd. 5). Zürich und
Babylons seitenverkehrt verwendet; siehe Schoch, Mende Düsseldorf 1998, S. 155–173. – Barbara Butts: Albrecht
und Scherbaum (Anm. 17), Abb. S. 102. Dürer and the Stained Glass for the All Saints Chapel of the
22
Karl Adolf Knappe: Albrecht Dürer und das Bamberger House of the Twelve Brethren: The Boston Cartoon
Fenster in St. Sebald in Nürnberg (Erlanger Beiträge zur Reconsidered. In: Journal of the Museum of Fine Arts
Sprach- und Kunstwissenschaft, Bd. 9). Nürnberg 1961. Boston, Bd. 2 (1990), S. 65–79. – Kat. Los Angeles (Anm.
23
Hierzu zusammenfassend und mit älterer Literatur: 14), Kat.-Nr. 21–23, 27, 49, 50 (Barbara Butts).

12
22. Himmelserscheinung 23. Albrecht Dürer: Hl. Hieronymus, um
(Rückseite von Abb. 23) 1496/97. London, The National Gallery

24. Flammenkranz und 25. Albrecht Dürer: Loth und seine Töchter
Landschaftausblick fliehen aus dem brennenden Sodom, um
(Ausschnitt aus Abb. 3) 1498. Washington, National Gallery of Art

13
der von Dürer entworfenen Glasmalereien bildet das über die Glasmalerwerkstatt als Entlohnung an den
Mosesfenster in Straubing in Wahrheit nichts weniger entwerfenden Maler weitergeleitet wurde.
als das erste erhaltene monumentale Hauptwerk, dessen Die vergleichsweise unspektakuläre additive Gesamt-
Kühnheit später nur noch durch die gewaltige Triumph- komposition des Bamberger Fensters (Abb. 27) mit
bogenarchitektur des Pfinzing-Fensters von 1515 über- Wappen, Stifterbildern und den bevorzugt verehrten
troffen wird. Heiligen des Bistums Bamberg war gewiß den Wünschen
Zum Verständnis der Auftragsvergabe und der verschie- des Auftraggebers geschuldet und dem entwerfenden
denen Zuständigkeiten in der Praxis arbeitsteiliger Künstler – neben den nötigen mündlichen Absprachen
Auftragsabwicklung in der Nürnberger Glasmalerei des – vermutlich auch in einer groben Handskizze über-
ausgehenden Mittelalters kann nochmals das Bamberger mittelt worden26. Daß für diese recht traditionelle
Fenster mit seiner einzigartigen Quellenlage als Exempel Schöpfung gleichwohl für alle figürlichen Teile reinge-
dienen: Durch die Belege der fürstbischöflichen Hof- zeichnete Entwürfe (sogenannte Visierungen) von der
kammerrechnung zu Bamberg des Jahres 1502/03 ist Hand Dürers vorgelegen haben müssen, ist durch
die abschließende Bezahlung des Fensters mit dem Knappes ausführliche Untersuchung hinreichend nach-
Gesamtbetrag von rund 60 Gulden an »Meister Veiten«, gewiesen und muß an dieser Stelle nicht mehr eigens
Glaser zu Nürnberg, d.h. die Zuschreibung an die begründet werden27. Ob allerdings auch die einzige
Hirsvogelwerkstatt gesichert24. Daß die Auftragsvergabe erhaltene originalgroße Kartonvorlage des Fensters – der
anläßlich des Besuchs des neu inthronisierten Bischofs Petruskarton im British Museum in London (Abb. 26)
in St. Sebald (exakt am 15. August 1501) bereits im – Dürer selbst zugeschrieben werden muß, wie zuletzt
Sommer dieses Jahres erfolgte, beweist die Notiz des von Barbara Butts mit Nachdruck vertreten, oder auf
bambergischen Agenten Michel Lorber vom September der Grundlage einer Visierung Dürers von einem
1501 über die Zahlung von bescheidenen »20 d zu Mitarbeiter der Hirsvogelwerkstatt angefertigt wurde,
Trinckgelt dem Maler … etlich entwerffung zu thun wie besonders von Weinberger, Beets und zuletzt vom
vom feenster in Sandt Sebolts pfarrkirchen«25. Ist mit Verfasser vermutet, ist nach wie vor ein ungelöstes
dieser lapidaren Notiz zwar auch die Trennung von Problem28.
Entwurf und Ausführung seitens des Auftraggebers Zur Stiftung des Straubinger Mosesfensters sind, soweit
urkundlich bezeugt, ist doch die eigentliche Bezahlung bekannt, leider keinerlei Schriftquellen erhalten ge-
der Entwürfe in den Bamberger Rechnungen nicht blieben, doch die Auftragsvergabe wird ganz ähnlich
belegt. Es ist freilich nicht auszuschließen, daß die vonstatten gegangen sein wie im Fall des Bamberger
Summe von knapp fünf Gulden, die als Differenz Fensters. Der Straubinger Auftraggeber wird bei einem
zwischen den separat aufgeführten Einzelposten Aufenthalt in Nürnberg brandaktuelle, künstlerisch
(zusammen 55 fl. 2 Pfd. 2d) und dem abschließend überzeugende Farbfenster gesehen haben, die ihn be-
bezahlten Gesamtbetrag (60 fl. 1 Pfd. 12d.) übrig bleibt, wegten, etwas Ähnliches in die Pfarrkirche seiner

24
Die urkundliche Überlieferung ist zusammengefaßt bei wissenschaft 6 (1913), S. 323. – Knappe (Anm. 22), S. 69.
Knappe (Anm. 22), S. 18–24. 27
Knappe (Anm. 22), S. 67–99.
25
Vgl. Ursula Knappe: Die Nürnberger Glasmalerfamilie 28
Zur Forschungsgeschichte siehe Kat. Los Angeles (Anm.
Hirsvogel. In: Fränkische Lebensbilder, Bd. 5 (1973), S. 69 14), Kat.-Nr. 18 (Barbara Butts). – Die irrige Zuschreibung
(leider ohne exakte Quellenangabe). des Kartons an Hans von Kulmbach durch Friedrich Winkler
26
Eine heute verschollene Skizze des Leipziger Kunstge- (Die Zeichnungen Hans Süß von Kulmbachs und Hans
werbemuseums, die die untere Stifter- und Wappenzeile Leonhard Schäufeleins. Berlin 1942, Kat.-Nr. 63; zuletzt
des Fensters in abweichender Anordnung zeigte und mithin fortgeschrieben bei John Rowlands: Drawings by German
nicht als Kopie des ausgeführten Fensters betrachtet werden Artists and Artists from German-Speaking Regions of Europe
kann, scheint eine solche heraldische Vorlage des Auftrag- in the Department of Prints and Drawings in the British
gebers gewesen zu sein; vgl. Johannes Schinnerer: Wolfgang Museum. London 1993, Kat.-Nr. 405) ist bereits von Knappe
Katzenheimer von Bamberg. In: Monatshefte für Kunst- (Anm. 22), S. 72–81, überzeugend widerlegt worden.

14
26. Albrecht Dürer (?):
Petruskarton. Pinselzeichnung
grau laviert, um 1501.
London, British Museum

27. Werkstatt Veit Hirsvogel nach


Entwürfen von Albrecht Dürer:
Bamberger Fenster, 1501/02.
Nürnberg, St. Sebald (Chor nord II)

15
Heimatstadt zu stiften29. Tatsächlich existiert mit Dürers Autoren zu Recht gerühmt und nicht zuletzt sogar mit
aquarelliertem Gesamtentwurf für ein Georgsfenster in der Unerfahrenheit des jungen Dürer in Fragen der
der Graphischen Sammlung des Frankfurter Städel, der glasmalerischen Umsetzung erklärt wurde, einer
aufgrund motivischer wie zeichnerischer Bezüge zur technischen Ausführung keineswegs im Wege stand, wie
Apokalypse30 überzeugend um 1496–1498 datiert wird, wiederholt vermutet, stellt ein Blick auf das Moses-
ein dem Straubinger Mosesfenster in allen wesentlichen fenster eindrucksvoll unter Beweis. Die Begründung,
Punkten vergleichbares Projekt, gleichviel ob es jemals der Entwurf sei »in technischer Hinsicht unpraktikabel«
zur Ausführung gelangte oder nicht (Abb. 28)31. Georgs […], »denn die Glasmaler hätten die großen Formen
Drachenkampf ist – wie in Straubing – ohne Rücksicht unterteilen müssen, da sie bis dahin gewohnt waren,
auf Bahn- und Zeilenteilung für ein vierbahniges Fenster kleine Glasstücke mit Bleistegen zusammenzusetzen«33,
konzipiert, jedoch, im Unterschied zum Moses, ohne zielt tatsächlich ins Leere, denn an dieser Grundvoraus-
das Maßwerkcouronnement nur vier statt sieben Zeilen setzung musivischer Glasmalerei [der Notwendigkeit
hoch. Eine gemalte filigrane Maßwerkbekrönung, wie des Zusammenfügens kleinerer und auch verschieden-
sie dem eigentlichen Fenstermaßwerk in der Frankfurter farbiger Glasstücke im Bleinetz] kamen die Glasmaler
Visierung spielerisch hinterlegt erscheint, wäre als des Mittelalters bis zum Einsatz von Schmelzfarben im
mögliche ursprüngliche Abschlußlösung auch für das späteren 16. Jahrhundert generell nicht vorbei – einerlei,
Mosesfenster in Betracht zu ziehen, selbst wenn das ob es sich um feldgroße oder um fensterübergreifende
Fehlen seitlicher Architekturstützen im ausgeführten Bildkompositionen handelte. Vielmehr muß dieser
Fenster diese Überlegung nicht eben unterstreicht. fulminante Auftakt als bewußte Überschreitung der in
Ebensogut wäre an eine einfache Fortsetzung des Nürnberg und anderswo gültigen formalen Grenzen der
Wolkenhimmels in den Kopfscheiben, Fischblasen und traditionellen Glasmalerei verstanden werden, die bis
Dreipässen des Couronnements zu denken32. Daß die dahin – wie zuletzt in den Chorfenstern von St. Lorenz
Kühnheit des Frankfurter Entwurfs, die von sämtlichen – allein und bevorzugt additive Kompositionslösungen

29
Einer Anregung von Matthias Mende folgend wäre 30
Verwiesen sei nur auf die eng verwandte Darstellung des
freilich in diesen ersten Jahren nach Dürers Rückkehr aus heiligen Georg zu Pferd im Hintergrund des babylonischen
Italien auch eine Empfehlung von Seiten des deutschen »Erz- Weibs der Apokalypse (13. Figur).
humanisten« Conrad Celtis – Dürers frühem Bewunderer 31
Auf diese Parallele hat schon Ebner (Anm. 2), S. 113–
und Apologeten – oder aus dessen Umfeld in Betracht zu 114, verwiesen, eine Zuweisung des Fensters an Dürer aber
ziehen. Im Fall des 1497 nach Entwürfen Dürers aus- trotzdem explizit verworfen. – Zur Frankfurter Zeichnung
geführten Spendle-Fensters in der Oberen Pfarrkirche zu insbesondere: Hermann Schmitz: Die Glasgemälde des
Ingolstadt kämen jedenfalls sowohl der von 1492–1497 als Königlichen Kunstgewerbemuseums in Berlin. Berlin 1913,
Rhetorikprofessor an der Universität Ingolstadt lehrende Textbd., S. 139–140. – Friedrich Winkler: Die Zeichnungen
Celtis als auch Sixtus Tucher, Professor für Zivilrecht und Albrecht Dürers, Bd. 1. Berlin 1936, Nr. 197. – Kat. Los
zeitweise Rektor ebenda, als aktive Vermittler des Auftrags Angeles (Anm. 14), Kat.-Nr. 9 (Barbara Butts). – Die kürzlich
in die engere Wahl. Der Fensterstifter Johannes Adorf war von Fritz Koreny (Anm. 16), S. 161, vorgenommene Spät-
schließlich selbst Theologieprofessor in Ingolstadt. – Hierzu datierung des Blatts um 1506 und die Zuschreibung an den
allgemein: Dieter Wuttke: Dürer und Celtis: Von der Be- Dürerschüler Hans Schäufelein ist dagegen entschieden
deutung des Jahres 1500 für den deutschen Humanismus: abzulehnen. – Zurückgewiesen wird diese Neuzuschreibung
»Jahrhundertfeier als symbolische Form«. In: Journal of auch in: Dürer. Das druckgraphische Werk, Bd. 3: Buch-
Medieval and Renaissance Studies, Bd. 10 (1980), S. 73– illustrationen. Bearb. von Rainer Schoch, Matthias Mende
129. – Matthias Mende u. a.: Albrecht Dürer – ein Künstler und Anna Scherbaum. München, Berlin, London und New
in seiner Stadt (Katalog der Ausstellung Nürnberg 2000). York 2004, S. 22, Anm. 84 (Matthias Mende).
Nürnberg 2000, besonders S. 44–76 (Franz Machilek) und 32
Vgl. nochmals Anm. 6.
S. 107–115 (Matthias Mende). – Amor als Topograph. 500 33
So zuletzt in: Wendepunkte deutscher Zeichenkunst.
Jahre »Amores« des Conrad Celtis. Ein Manifest des deut- Spätgotik und Renaissance im Städel (Katalog der Aus-
schen Humanismus (Katalog der Ausstellung Schweinfurt stellung Frankfurt 2003). Frankfurt am Main 2003, Kat.-
2002). Schweinfurt 2002, passim. Nr. 21 (Stephanie Buck).

16
28. Albrecht Dürer: Entwurf für ein Georgs-
fenster. Federzeichnung, aquarelliert, um
1496/98 (W. 197). Frankfurt am Main,
Städelsches Kunstinstitut

17
29. Albrecht Dürer: Dreipaß-Scheibenriß: Der 30. Werkstatt Veit Hirsvogel (?): Der Tod zu Pferde,
Tod zu Pferde. Federzeichnung, 1502 (W. 213). 1502. Ehem. Nürnberg, Tucherhaus in der Grasers-
Hannover, Niedersächsisches Landesmuseum gasse (heute Germanisches Nationalmuseum)

hervorgebracht hatte. Die traditionellen Gestaltungs- werden, denn diese Werkstatt ist in der Nürnberger
prinzipien der Glasmalerei hatte Dürer als Lehrknabe Glasmalerei bereits ab Mitte der 80er Jahre – nach
in der Werkstatt Wolgemuts sicher zur Genüge kennen- Vollendung der Chorverglasungen von St. Lorenz und
gelernt, um sich nun als emanzipierter Künstler um so St. Michael in Fürth – nicht mehr mit größeren Ver-
leichter darüber hinwegzusetzen. Tatsächlich spricht glasungen nachzuweisen. Auch läßt die kräftige plakative
nichts gegen eine Ausführung des Georgsfensters und Farbigkeit des Mosesfensters – und damit das Farbglas-
es sollte doch möglich sein, den ehemaligen Standort Sortiment der verantwortlichen Werkstatt – eine Rück-
dieses heute verlorenen Fensters anhand der Maßwerk- beziehung auf die mit Wolgemut verbundenen Chor-
formen ausfindig zu machen – vorausgesetzt, der be- fenster von St. Lorenz keineswegs zu. Statt dessen deutet
treffende Bau ist nicht ebenfalls abgegangen. alles auf einen unmittelbaren Zusammenhang mit der
Werkstatt Veit Hirsvogels des Älteren: dem neuen Stern
am Himmel der Nürnberger Glasmalerei34. Hirsvogel
III. Die Werkstatt des Glasmalers (1461–1525) hatte spätestens 1486 seine Wanderjahre
– die ihn insbesondere nach Straßburg führten – hinter
Hatten wir oben bereits verschiedene Nürnberger Farb- sich gebracht und in Nürnberg die Werkstatt seines
verglasungen als Referenzwerke in der Herkunftsfrage verstorbenen Vaters Heinz übernommen. Bereits seit
angeführt, so war doch die Frage offengeblieben, welche Ende der achtziger Jahre trat er mit beachtlichen Arbei-
der ansässigen Werkstätten für Glasmalerei nun tat- ten – so etwa dem Volckamer-Fenster in St. Sebald von
sächlich für die Ausführung des Mosesfensters ver-
antwortlich war. Einem »Techniker der Wolgemut- 34
Zu Werdegang und Frühwerk Hirsvogels vgl. auch im
Pleydenwurff-Werkstätte«, wie es Ebner vorschwebte, folgenden: Knappe (Anm. 22), S. 95–99, 102–104. – Scholz
kann die Ausführung mit Sicherheit nicht zugeschrieben (Anm. 14), besonders S. 296–325.

18
1488 – auf den Plan und hatte 1495, mit der ehrenvollen Zeichenstil geschulte Handschrift, die im Bamberger
Ernennung zum Stadtglaser, bereits eine Ausnahme- Fenster insbesondere beim Kaiserpaar, Heinrich und
position unter den ansässigen Meistern erreicht. Sein Kunigunde, sowie beim Bischof Henneberg anzutreffen
herausragendes technisches Vermögen, angeeignet im ist und allem Anschein nach einem jüngeren Mitarbeiter
Kreis der berühmten Straßburger Werkstattgemeinschaft gehört, ist in der monumentalen Nürnberger Glas-
um Peter Hemmel von Andlau, und die farbliche malerei tatsächlich zum ersten Mal sicher 1497 bei den
Brillanz seiner Fenster hatten ihm bei den heimischen heiligen Paulus und Thomas von Aquin in Ingolstadt zu
Auftraggebern schnell die Türen geöffnet. Die Zusam- fassen. Die gleichen disparaten Stilmerkmale verrät auch
menarbeit mit Dürer als Entwerfer, die sich im Bereich die recht ansehnliche Nürnberger Produktion an klein-
der monumentalen Glasmalerei spätestens ab 1497 im formatigen »Kabinettscheiben«, die zwischen 1490/95
oben bereits erwähnten Spendle-Fenster in Ingolstadt – und ca. 1505 nebeneinander sowohl in der straßburgisch
der heute auseinandergerissenen Gedächtnisstiftung für geschulten Richtung mit weich und tonig gestupfter
den längst verstorbenen Pfarrer Johannes Spendle – mit Modellierung und einer zweiten graphischen Manier
Gewißheit nachweisen läßt35, tat ein übriges, um die ausgeführt wurden37. Da dieselben Vorlagen in beiden
gewachsenen Ansprüche der Nürnberger Klientel zu Richtungen ausgeführt wurden – wie die in mehreren
befriedigen. Serien erhaltenen berühmten Vierpaßrundscheiben
Auf der Basis des urkundlich für den Meister ge- belegen können –, scheint auch diese Sparte im wesent-
sicherten Bamberger Fensters in St. Sebald von 1501/ lichen von der Hirsvogel-Werkstatt beherrscht worden
02 und mit Rücksicht auf die dort vertretenen beiden zu sein38.
grundverschiedenen Werkstattrichtungen (oder besser Allein die in jüngster Zeit bereits andernorts ausge-
Glasmaler-Handschriften) hat Karl Adolf Knappe das führten Überlegungen zur Werkstatt des Malers und
Frühwerk der Hirsvogel-Werkstatt überzeugend zusam-
mengestellt36. Die ältere, an der Straßburger Glasmalerei
ausgebildete, tonig-malerische Richtung dürfte dem
Werkstattleiter selbst gehören und verschwindet bis zur
Mitte des ersten Jahrzehnts des 16. Jahrhunderts voll-
ständig aus der Produktion. Die jüngere, eng an Dürers

35
Editha Holm-Hammer: Die Glasgemälde im Liebfrauen-
münster zu Ingolstadt. In: Sammelblatt des Historischen
Vereins Ingolstadt, Bd. 67 (1958), S. 5–77 (39–40): noch
mit irriger Zuweisung an Hans von Kulmbach. – Vgl.
dagegen Knappe (Anm. 22), S. 54–55. – Scholz (Anm. 14),
S. 49–51.
36
Knappe (Anm. 22), S. 28–53 (Werke der »älteren« Rich-
tung); S. 54–58 (frühe Scheiben der »jüngeren« Werkstatt-
richtung).
37
Grundlegend: Schmitz (Anm. 30), Textbd., S. 101–116.
– Knappe (Anm. 22), S. 59–62. – Scholz (Anm. 14), S. 34–
36. – Zuletzt Daniel Hess: Das »Hausbuchmeisterproblem«
in der Nürnberger Glasmalerei. Das Bergwerk im Hausbuch
und sein Verhältnis zu Nürnberg. In: Glas. Malerei.
Forschung. Internationale Studien zu Ehren von Rüdiger
Becksmann. Hrsg. von Hartmut Scholz, Ivo Rauch und
Daniel Hess. Berlin 2004, S. 221–229. 31. Nürnberger Glasmaler nach Entwurf von Albrecht
38
So Knappe (Anm. 22), S. 59–62, und später Scholz (Anm. Dürer: Hll. Andreas und Sixtus aus dem Tucherschloß, um
14), S. 35–36. 1504. Glendale, Kalifornien, Forest Lawn Memorial Park

19
Glasmalers Hans Traut von Speyer, einer zweiten Nürn-
berger Werkstatt, die gerade um 1495 mit Glasmalereien
für das nahegelegene Zisterzienserkloster Heilsbronn
hervorgetreten ist und u.a. anhand weniger Scheiben-
fragmente in der Friedhofskapelle von Langenzenn
versuchsweise mit den Farbfenstern der ehemaligen
Tucherkapelle in der Grasersgasse (Abb. 31) in Verbin-
dung gebracht wurden, bleibt doch eine Spur der
Unsicherheit hinsichtlich der ausführenden Kräfte
bestehen39. Daß Dürer und Traut gut bekannt, wenn
nicht sogar befreundet gewesen sein müssen, belegt die
große, um 1490 entstandene Werkzeichnung des heiligen
Sebastian in der Graphischen Sammlung der Erlanger
Universitätsbibliothek, die von Dürer mit der bekannten
Aufschrift beglaubigt wurde: »Dz hatt hans trawt zw 32. Fragment eines Engels (mutmaßlicher Rest aus der
nornmerchkg gemacht«40. Hans Traut war überdies – ehem. Farbverglasung der Haberkofer-Kapelle, süd
ebenso wie Dürer – 1496 für den sächsischen Kurfürsten VII), 2. H. 15. Jh. Straubing, Gäubodenmuseum
Friedrich den Weisen tätig gewesen, auch dies ein
Sachverhalt, der zu einer Annäherung und möglichen (Hans Wertinger) oder München in Verbindung ge-
zeitweiligen Kooperation der beiden Nürnberger bracht42.
Künstler geführt haben mag. Ob die Nachricht über Da wir so gut wie nichts Definitives über die personelle
eine heute verlorene Glasgemäldestiftung der Priester- Zusammensetzung der führenden Glasmalerwerkstätten
bruderschaft, die ein »Meister Hans Maler« im Jahr Nürnbergs in den Jahren vor und um 1500 wissen und
1495 für die ältere Pfarrkirche St. Peter [in Straubing] mit zeitweiligen Kooperationsformen – ähnlich der der
geliefert hatte, als ein weiteres Indiz in diese Richtung berühmten Werkstattgemeinschaft »der fünf glasere von
gedeutet werden kann, ist freilich schwer zu ent- Straßburg«: den selbständigen Meistern Peter Hemmel
scheiden41. In Straubing ist in jenen Jahren kein von Andlau, Hans von Maursmünster, Theobald von
ansässiger Maler namens Hans überliefert. Andererseits Lixheim, Lienhart Spitznagel und Werner Störe von
werden einzelne andere Fenster der Jakobskirche seit 1477–148143 – auch in Nürnberg durchaus gerechnet
langem mit Augsburg (Hans Holbein) bzw. Landshut werden muß, möchten wir diese Frage nach der Identität

39
Vgl. Hartmut Scholz: Die mittelalterlichen Glasmalereien würdig ist auch in dieser Kirche die Glasmalerei, Moses auf
in Mittelfranken und Nürnberg extra muros (CVMA dem Berg Sinai vorstellend, vielleicht vom nämlichen Meister
Deutschland, Bd. X, 1). Berlin 2002, Textbd., S. 66–69. – Hanns, der i. J. 1495 die Glasgemälde bei St. Peter geliefert
Hess (Anm. 36), S. 225–229. hat«.
40
Elfried Bock: Die Zeichnungen in der Universitäts- 42
Vgl. Ebner (Anm. 2), S. 102, Anm. 1, S. 117. – Gunther
bibliothek Erlangen. Frankfurt am Main 1929, Kat.-Nr. 148. Thiem: Die Glasmalerei. Ihre Entwürfe und Werkstätten.
– Altdeutsche Zeichnungen aus der Universitätsbibliothek In: Christian Beutler und Gunther Thiem: Hans Holbein
Erlangen (Katalog der Ausstellung München 1974). Mün- d. Ä. Die spätgotische Altar- und Glasmalerei. Augsburg
chen 1974, Kat.-Nr. 36 (Dieter Kurmann, mit Diskussion 1960, S. 203–209. – Gast (Anm. 10), S. 142–145.
der älteren Literatur). 43
Zum Stand der Forschung Hartmut Scholz: Die Straß-
41
Ebner (Anm. 2), S. 102, gibt die handschriftliche Notiz burger Werkstattgemeinschaft. Ein historischer und kunst-
im Statutenbuch der Priesterbruderschaft im Wortlaut: historischer Überblick. In: Bilder aus Licht und Farbe.
»1495 das glas zw sandt peter hat gemacht maystr Hans Meisterwerke spätgotischer Glasmalerei. »Straßburger
maler und ist ihm darumb geben X fl. R &« (vgl. Eduard Fenster« in Ulm und ihr künstlerisches Umfeld (Katalog der
Wimmer: Sammelblätter zur Geschichte der Stadt Straubing. Ausstellung Ulm 1995). Ulm 1995, S. 13–26. – Zuletzt
Straubing 1885, S. 674). – Lori (Anm. 3), S. 96: »merk- zusammenfassend Rüdiger Becksmann in: Spätmittelalter

20
des hauptverantwortlichen Glasmalers einstweilen un-
entschieden lassen. Mit absoluter Sicherheit aber muß
diesem ein Entwurf des jungen Dürer vorgelegen haben.

IV. Der Auftraggeber

Bereits Ebner hat die Möglichkeit in Erwägung gezogen,


daß die Stifterfamilie der unteren Kapelle desselben
Wandabschnitts der Jakobskirche (süd VII) – die Familie
Haberkofer44 – auch das Mosesfenster im Obergaden
(SÜD VII) in Auftrag gegeben haben könnte45. Tatsächlich
wird diese Überlegung durch den Umstand gestützt, daß
ein älterer Jörg Haberkofer († 1478) und seine Gemahlin
Margareta Kräntzel bereits um 1466 ein gemaltes Drei-
faltigkeitsbild (für die Erstausstattung der Kapelle?) aus
der Werkstatt Hans Pleydenwurffs († 1472) bezogen
hatten, was auf eine länger anhaltende Verbindung bzw.
Orientierung der Stifterfamilie nach Nürnberg schließen
ließe (Abb. 33)46.
Den Auftrag für das Epitaph wird Hans Pleydenwurff
durch persönliche Verbundenheit mit dem Stifterpaar
erhalten haben: »Maister Hans Pleydenwurff, Maler von
Nuermperg« und »Barbara uxor«, sein Eheweib, waren
1466 als erste Laien aus weiter Ferne in die Priester-
bruderschaft St. Salvatoris bei St. Veit in Straubing
aufgenommen worden, der auch die Auftraggeber des
33. Werkstatt Hans Pleydenwurff: Gottvater mit dem Register, H I im Obergaden) zählen die anschließenden
Leichnam Christi. Stiftertafel für Jörg Haberkofer und Fenster mit fortlaufender römischer Ziffer und dem Präfix
Margareta Kräntzel, um 1466 (Kriegsverlust) n/N bzw. s/S für Nord- bzw. Südseite (›süd‹ im unteren
Register, ›SÜD‹ im Obergaden).
am Oberrhein. Alltag, Handwerk und Handel, 1350–1525 46
Das Bild gelangte 1913 aus Münchner Privatbesitz ans
(Katalog der Ausstellung Karlsruhe). Stuttgart 2002, Bd. 1, Kaiser-Friedrich-Museum nach Berlin (1945 zerstört); vgl.
S. 140–148. Fridolin Solleder und Erich Abraham: Ein Stifterbild von
44
Ein im Boden eingelassener Grabstein erinnert an den Hans Pleydenwurff. In: Jahrbuch der Preußischen Kunst-
1423 in Venedig gestorbenen Stifter Hans Haberkofer; vgl. sammlungen, Bd. 35 (1914), S. 256–265. – Alfred Stange:
Wimmer (Anm. 41), S. 442. – Josef Keim: Baugeschichte Kritisches Verzeichnis der deutschen Tafelbilder vor Dürer,
der Straubinger Jakobskirche. In: Jahresbericht des histori- Bd. 3: Franken. Bearb. von Peter Strieder und Hanna Härtle.
schen Vereins für Straubing und Umgebung, Bd. 35 (1932), München 1978, Nr. 115: mit Zuschreibung an den »Meister
S. 67. des Löffelholzaltars«, der zuletzt von Stefan Roller und
45
Ebner (Anm. 2), S. 114: »Stifter des Bildes ist wahr- Gerhard Weilandt wieder definitiv mit der Werkstatt des
scheinlich jener Jörg Haberkofer, welcher 1479 die Tochter Hans Pleydenwurff verbunden wurde: Der Dreikönigsaltar
Anna des Wilhelm Zeller heiratete« (er veräußerte 1497 in St. Lorenz und Hans Pleydenwurff. In: St. Lorenz VzE.
ein gut Teil seines reichen Landbesitzes und verzog nach Hundert Jahre Verein zur Erhaltung 1903–2003 (Sammel-
Regensburg). – Die Zählung der Fensterplätze folgt den band der Referate des Kolloquiums am 29./30. März 2003).
internationalen Richtlinien des Corpus Vitrearum: Aus- Hrsg. von Christian Schmidt und Georg Stolz. Nürnberg
gehend von der Chorachse im Osten (bez. I im unteren 2004, S. 35–44.

21
Epitaphs, Jörg Haberkofer und seine Ehefrau, als Laien-
bruder und Schwester angehörten. Der Zeitpunkt der
Aufnahme Pleydenwurffs in die Bruderschaft deutet
darauf hin, daß dem Nürnberger Meister außer dem
Stifterepitaph umfangreichere Arbeiten, so etwa an der
1466 durch die Haberkofer errichteten bzw. erneuerten
Frauenkapelle – »unser lieben frauen cappellen« – zuge-
dacht gewesen waren47. Offenbar waren »die fremden
Laienbrüder aus weiter Ferne ... durchwegs Maler,
Glaser, Bildschnitzer, Goldschmiede und Buchdrucker«
gewesen, »welche durch geschäftliche Beweggründe zum
Beitritt in die Priesterbruderschaft bestimmt wurden«.
Daß der bereits 1472 verstorbene Nürnberger Maler
Hans Pleydenwurff im Großtotengeläutbuch von St.
Lorenz als »ein claßer« bezeichnet wird, seine Tätigkeit
auf dem Gebiet der Glasmalerei also zumindest in den
letzten Lebensjahren vorherrschend gewesen sein muß,
ist bekannt und in einschlägigem Zusammenhang
wiederholt hervorgehoben worden. Daß ihm gleichwohl
bis heute kaum ein Werk der Glasmalerei zugeschrieben
werden konnte48, ist um so betrüblicher und läßt in
Straubing neue Erwartungen keimen: Von der ursprüng-
lichen Farbverglasung der Haberkofer-Kapelle (heute
Josephskapelle) waren nach Ebners Aussage verschiedene
Fragmente – »Fialenwerk nach Art der Steinmetzgotik
auf blau gefiedertem Grunde« nebst »drei Engelsfiguren«
– erhalten geblieben, die erst 1907, zum Zeitpunkt der
neugotischen Farbverglasung der Kapelle durch die 34. Hll. Andreas und Johannes d. Täufer
Hofglasmalerei F. X. Zettler in München49, in die (Fensterstiftung des Jörg Spörl), 1486. Straubing,
historische Sammlung der Stadt gelangten50. Unter den St. Jakob (Depotfenster NORD V, 4/5c/d)
wenigen noch heute bewahrten, d.h. nach diversen
Umzügen und Neuordnungen im heutigen Gäuboden- befinden sich leider nurmehr zwei figürliche Reste: der
museum wieder ans Licht geholten Scherben, die zum Kopf eines Heiligen mit Lanze (Apostel Simon oder
überwiegenden Teil Bruchstücke weißer Gewänder und Thomas aus der Andreaskapelle der Familie Hains-
dunkelblauer Rankengründe, daneben einzelne Engel- peck)51 und das schöne Fragment eines Engels mit
flügel, Wappenfragmente und Architekturglieder zeigen, Kreuzdiadem (Abb. 32). Sollte dieser einzige erhaltene

47
Vgl. Solleder und Abraham (Anm. 46), S. 257, 259, mit 50
Ebner (Anm. 2), S. 105. – Für Arbeitsaufnahmen der
Hinweis auf die schriftliche Überlieferung in Andre Summers betreffenden Fragmente habe ich Herrn Stefan Maier vom
alter Reimchronik und das Straubinger Zechenbuch von Gäubodenmuseum herzlich zu danken.
1470. 51
Ebner (Anm. 2), S. 106, beschreibt noch die ganze intakte
48
Mit Ausnahme vielleicht des Achsenfensters in der Rieter- Scheibe eines »heiligen Thomas mit der Lanze in weißem
kirche zu Kalbensteinberg; vgl. Scholz (Anm. 39), Textbd. S. Mantel und blauem Unterkleide, zu seinen Füßen einen
65, Textabb. 36–38 und S. 245–248. knienden Stifter in rotem pelzverbrämten Mantel und auf
49
Vgl. Hermann Stickroth: Die spätromantischen Bild- gerolltem Bande die Inschrift ... Erasm Hainspeck zw Ästn.«.
fenster in St. Jakob zu Straubing. Straubing 2004, S. 80. – Vgl. auch Franz Forchheimer: Die spätgotische Hallen-

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35. Hll. Erasmus und Gregor (ehemals zugehörig zur 36. Hll. Augustinus und Ambrosius. Nürnberg, um
Fensterstiftung des Jörg Spörl), 1486. Straubing, 1479. Nürnberg, St. Lorenz, Konhofer-Fenster
St. Jakob (Depotfenster NORD V, 7b/c) (Chor süd II, 2b und e)

Engel zusammen mit den Resten von Flügeln, und einer auf S II und N V) hinsichtlich ihres Stils an eine mögliche
ganzen Anzahl weiterer Gewandstücke tatsächlich aus Herkunft aus Nürnberg denken (vgl. Abb. 34, 35).
der Haberkofer-Kapelle stammen, was angesichts des Einstweilen sind hierfür noch keine zwingenden Belege
reduzierten Scherbenbestandes keineswegs sicher ist, beizubringen. Die Erhaltung eben dieser Reste ist aller-
so bleibt doch eine eindeutige Datierung in die Zeit des dings ähnlich ruinös wie in den ein knappes Jahrzehnt
Epitaphs, um 1466, ebenso problematisch wie eine älteren Chorfenstern der Nürnberger Lorenzkirche (Abb.
mögliche Nürnberger Provenienz dieser wenigen 36), während die übrigen Straubinger Fenster in Glas-
Relikte52. Allerdings wäre diese letzte Wendung einer substanz und Bemalung einen deutlich besseren Zustand
für die Werkstatt Hans Pleydenwurffs zurückgewonne- zeigen.
nen Farbverglasung auch zu schön gewesen.
Unter den übrigen Resten der spätmittelalterlichen Mit der längst überfälligen Neubewertung des
Farbverglasung von St. Jakob, die – das Mosesfenster Mosesfensters als frühem Hauptwerk »Dürerscher«
und das Passionsfenster der Maria-Hilf-Kapelle aus- Glasmalerei ist für Straubing in Wahrheit erst ein Anfang
genommen – seit dem 19. Jahrhundert mehr oder gemacht. Es steht zu hoffen, daß in absehbarer Zukunft
weniger willkürlich in drei Fenstern des Obergadens auch die verbleibenden, auf vier weitere Fensterplätze
(N II, S II und N V) zusammengestellt sind, lassen verteilten wertvollen Reste der spätmittelalterlichen
allenfalls die wenigen übrig gebliebenen Scheiben des Farbverglasung der Stadtpfarrkirche St. Jakob – seien
1486 datierten Fensters des Georg Spörl (heute verteilt diese nun Augsburger, Regensburger, Landshuter,
Münchner oder Nürnberger Provenienz – aus ihrem
kirche St. Jakob. In: Straubing. Das neue und das alte Gesicht Schattendasein hervorgeholt und ihrer künstlerischen
einer Stadt im altbayerischen Kernland (Festschrift aus Anlaß Bedeutung entsprechend gewürdigt werden. Eine
des 750. Gründungsjubiläums). Hrsg. von Karl Bosl. eingehende auf dem aktuellen Stand der Glasmale-
Straubing 1968, S. 135. reiforschung aufbauende kunsthistorische Bearbeitung
52
Bezüge zu einzelnen Köpfen in der Stifterzeile des Kalt-
schmiede-Fensters (besonders der rechte hintere Frauenkopf
dieser Bestände ist eine ebenso wünschenswerte wie
in SÜD II, 3a) lassen, das sei mit aller Vorsicht gesagt, auch lohnende Aufgabe. Eine größere Chance hierzu als der
eine spätere Entstehung, eher gegen Ende des Jahrhunderts sukzessive Ausbau der Fenster im Zuge der anstehenden
möglich erscheinen. Restaurierung wird sich so schnell nicht mehr bieten.

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Abbildungsnachweise:

Frankfurt am Main, Städelsches Kunstinstitut: 11, 28; Massachusetts. Boston 1971, Abb. S. 88, 177: 2, 14;
Freiburg i. Br., Corpus Vitrearum Medii Aevi Deutsch- Anzelewsky, Fedja: Albrecht Dürer. Das malerische
land: 4–7, 12, 13, 15, 20, 21, 27, 30, 34–36; Hannover, Werk, Berlin 1971, Taf. 3: 25, bzw. 1991, Taf. 14, 15:
Niedersächsisches Landesmuseum: 29; London, British 22, 23; Jahrbuch der königlich preußischen Kunst-
Museum: 19, 26; Straubing, Gäubodenmuseum (Stefan sammlungen 35 (1914), Tafel: 33; Painting on light (Kat.
Maier M.A.): 32; Straubing, Historischer Verein (Dr. der Ausstellung Los Angeles 2000), Abb. S. 113: 31;
F. X. Hirsch): 3, 24. Schramm, Albert: Der Bilderschmuck der Frühdrucke,
Reproduktionen aus: XVII, Leipzig 1934, Taf. 254, 275, 283: 1, 8, 9, 16, 17;
Albrecht Dürer. Master Printmaker. Department of Winkler, Friedrich: Die Zeichnungen Albrecht Dürers,
Prints & Drawings, Museum of Fine Arts, Boston Band I, Berlin 1936, Nr. 218: 10.

Anschrift des Autors:

Dr. Hartmut Scholz


Corpus Vitrearum Medii Aevi
Forschungszentrum für mittelalterliche Glasmalerei
Lugostraße 13
D – 79100 Freiburg im Breisgau

Internet: www.cvma-freiburg.de

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