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MARTIN HEIDEGGER

Ein moralisches Desaster

DIE ZEIT veröffentlicht erstmals die Briefe Martin Heideggers an seinen Bruder Fritz. Sie zeigen, wie überzeugt der Philosoph vom Nationalsozialismus war.

VON Adam Soboczynski;Alexander Cammann | 12. Oktober 2016 - 17:01 Uhr

© Deutsches Literaturarchiv Marbach

Ein Brief von Martin Heidegger an seinen Bruder Fritz vom 13. April 1933

Um den Briefwechsel zwischen dem Philosophen Martin Heidegger und seinem Bruder Fritz herrschte seit La#ngerem Raunen und Ra#tselraten. Wer in den mehr als 500 Briefen

gelesen hatte, die seit 2014 im Deutschen Literaturarchiv in Marbach lagern, kannte zwar deren Brisanz, durfte aber auf Geheiß der Heidegger-Erben nicht daraus zitieren ( DIE

u#ber den Antisemitismus Heideggers in den seit drei Jahren erscheinenden Schwarzen Heften reagiert und einer geku#rzten Vero#ffentlichung der Briefe zwischen 1930 und 1946 in dem jetzt erscheinenden Band Heidegger und der Antisemitismus zugestimmt. Darin sind die philosophischen und politischen Teile der Korrespondenz enthalten – in der morgigen Ausgabe der ZEIT werden vorab erstmals besonders markante Passagen daraus zu lesen sein.

Nr. 11/15 . Nun haben die Erben offenbar auf die heftige internationale Diskussion

Sensationell neu ist daran die ungeschminkte Selbstauskunft u#ber die politische Gesinnung. Liest sich Heideggers Antisemitismus in den Schwarzen Heften, einer Art Denktagebuch, noch seinsphilosophisch u#berho#ht, zeigt er sich hier ganz direkt und unverhohlen antisemitisch. Zudem kann man in den perso#nlichen Briefen detailliert sehen, dass der – anders als bislang gedacht – politisch bestens informierte Freiburger Professor ein fru#her und leidenschaftlicher Anha#nger des Nationalsozialismus ist.

Bereits Ende 1931 schenkt der 43-jährige Heidegger seinem Bruder Mein Kampf zu Weihnachten und rühmt den "ungewöhnlichen und sicheren, politischen Instinkt" Hitlers. Das rechte Minderheitskabinett unter Reichskanzler Franz von Papen, das mithilfe von Reichspräsident Hindenburg zwischen Juni und Dezember 1932 regierte, wird von Heidegger als jüdische Verschwörung kommentiert. Er beklagt, wie sich die Juden "allmählich aus der Panikstimmung befreiten, in die sie geraten waren. Dass den Juden ein solches Manöver wie die Papenepisode gelungen ist, zeigt eben, wie schwer es auf jeden Fall sein wird, gegen alles, was Großkapital und dergleichen Groß- ist, anzukommen." Am 13. April 1933 schreibt Heidegger schließlich begeistert: "Es zeigt sich ja von Tag zu Tag, in welche Gro#ße jetzt Hitler als Staatsmann hinaufwa#chst. Die Welt unseres Volkes und des Reiches ist in der Umbildung begriffen, und jeder, der noch Augen hat zu sehen und Ohren zu ho#ren und ein Herz zum Handeln wird mitgerissen und in eine echte und tiefe Erregung versetzt."

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Hitler ein "außergewöhnlicher Kerl"

Das Engagement Heideggers fu#r Hitlers Staat inklusive NSDAP-Beitritt erweist sich als logische Konsequenz eines weltanschaulichen Gesinnungsta#ters. Keineswegs ist es die Entscheidung eines opportunistischen Karrieristen oder die ahnungslose Verirrung eines Unpolitischen, wie man es jahrzehntelang zur Entlastung des Philosophen ho#ren konnte. Auch du#rfte die Annahme eines sehr eigenwilligen Nationalsozialismus Heideggers, der angeblich frei von jedem Rassismus sei, nun endgu#ltig revidiert sein.

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Der Bankkaufmann Fritz Heidegger (1894 bis 1980) war zeitlebens die wichtigste Vertrauensperson fu#r den Philosophen: "Der einzige Mensch, den er wirklich hat, ist sein Bruder", schrieb Hannah Arendt 1952. Deutlich weniger Briefe von ihm als von seinem Bruder haben sich erhalten; in denen wirkt dieser zwar ebenfalls republikfeindlich, aber distanzierter gegenu#ber dem Nationalsozialismus als Martin, der ihn sta#ndig politisch u#berzeugen will. Kurios allerdings ko#nnen Fritz' Assoziationen durchaus werden: "Ich weiß nicht, ist es reine Ta#uschung oder nicht: Manche Haltung und der Blick Hitlers auf den jetzigen Bildern erinnern mich oft an Dich. Dieser Vergleich allein fu#hrte mich schon manchmal zu der Folgerung, daß Hitler ein außergewo#hnlicher Kerl sei" (3. April 1933).

Die Ausfälle Martin Heideggers gegenüber Juden in den Briefen mögen typisch sein für weit verbreitete antisemitische Diskurse und Verschwörungstheorien der Zeit. Bereits 1916 beklagte er gegenüber seiner späteren Frau die "Verjudung unsrer Kultur u. Universitäten", wogegen "die deutsche Rasse" viel "innere Kraft aufbringen" sollte, "um in die Höhe zukommen". Andererseits sind sie im Falle Heideggers besonders widerlich, weil ja nicht nur sein berühmter akademischer Lehrer Edmund Husserl Jude war, weil nicht nur Heideggers Geliebte Hannah Arendt, sondern auch zahllose andere jüdische Schüler in seinen Seminaren saßen: etwa Karl Löwith, Herbert Marcuse, Leo Strauss, Jacob Klein, Werner Brock, sein letzter Assistent vor 1933, Elisabeth Blochmann, Hans Jonas. Es "verschwinden in meinem Fach hier drei Juden", begründet der Professor am 13. April 1933 kühl seine Arbeitsüberlastung.

Die Parteinahme fu#r das NS-Regime verschwindet nach 1934 aus Heideggers Briefen, der Philosoph hatte nicht so reu#ssiert wie erhofft und war eher einflusslos geblieben. Zwar erinnert sein Enkel Arnulf Heidegger im Vorwort zur Briefedition daran, dass die Vorlesungen seines Großvaters von den Studenten wa#hrend des Krieges als mutig und zeitkritisch verstanden wurden. Aber die Briefe beweisen, dass Heideggers Denken keine La#uterung erlebt. Der Krieg ist fu#r ihn analog zum Nationalsozialismus ein Verteidigungskampf von "Abendland" und "Deutschtum" gegen die "große Bedrohung" von "Bolschewismus" und "Amerikanismus" (29. Januar 1943). Er fragt sich, warum "unsere Propaganda" nicht den "Amerikanismus in all seiner Maßlosigkeit" zeigt (7. Juni 1942), um schließlich zu ra#tseln: "Was der 'Weltgeist' mit den Deutschen vorhat, ist ein

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Geheimnis. Gleich dunkel ist, warum er sich der Amerikaner und Bolschewisten als seiner Schergen bedient" (18. Januar 1945).

Nach Kriegsende bleibt Heidegger bei dieser Opferidee – fu#r Deutschland und sich selbst. Im Juli 1945 werden "KZ-Leute" – vermutlich meint er KZ-Überlebende – in die Wohnung der Heideggers einquartiert – "wenig schön", so wie die Lage an seiner Universität:

"Aber alles ist übel und schlimmer als zur Nazizeit." (23. Juli 1945). Die Vertreibung der Deutschen u#bersteige "alle organisierten Greueltaten von Verbrechern" vor 1945 (April 1946). Und die Juden? Eine "Heinrich-Heine-Straße finde ich wirklich ganz u#berflu#ssig, weil sinnlos in Meßkirch" (31. Juli 1945).

Der Band pra#sentiert neben dieser Korrespondenz Aufsa#tze wichtiger Heidegger- Experten (Heidegger und der Antisemitismus. Positionen im Widerstreit. Hrsg. v. Walter Homolka und Arnulf Heidegger; Herder Verlag, Freiburg 2016; 447 S., 24,99 €). Kurios mutet der apologetische Stellenkommentar zum Briefwechsel durch Bruno Pieger an, dem auch die in einigen Jahren anstehende Komplettedition in der Gesamtausgabe von Heideggers Schriften u#bertragen wurde. Scho#nzureden ist na#mlich nichts mehr: Der Fall Heidegger ist ein intellektuelles wie moralisches Desaster deutscher Geistesgeschichte.