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Manuskript

radioWissen SENDUNG: Mo 26.11.2018


9.30 Uhr

AUFNAHME: Do. 22.11.2018


10:00 – 17:30 Uhr
STUDIO: 11
18S1587

TITEL: Die Geschichte der jüdischen Namen

Ab heute heißt du Sara

AUTOR: Irene Dänzer-Vanotti


REDAKTION: Thomas Morawetz
REGIE: Rainer Schaller
TECHNIK: Winfried Messmer

SPRECHER/IN: Sprecherin Franziska Ball


Zitator Johannes Hitzelberger
Zitatorin Constanze Fennel

INTERVIEWPARTNER:
Prof. Dietz Bering, Uni Köln.
Prof. Michael Wolffsohn
Ruth Künzel, Köln, Studentin, Mitglied im Verein „Heimatsucher“

Besondere Anmerkungen:

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Jede andere Verwendung oder Veröffentlichung ist nur in Absprache mit dem Bayerischen Rundfunk möglich!
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2

Ansage
Seit dem 1. Januar 1939 mussten alle Jüdinnen und Juden im
nationalsozialistischen Deutschland zusätzliche Vornamen annehmen: die Frauen
„Sara“, die Männer „Israel“. Es war ein Schritt auf dem Weg zur reinen Nummer.
Die Geschichte der jüdischen Namen in Europa erzählt viel über Antisemitismus -
aber auch über die Emanzipation der Juden.

O-Ton 1 Grips-Theater
Unterschreiben, na wird’s bald?
Sie heißen?
Inge Deutschkron!
Falsch!
Der Jude heißt Israel, die Jüdin heißt Sara!
Sie unterschreiben hier mit Ingeborg Sara Deutschkron!
Na, wird‘s bald!
Der Name Sara ist bei jedem Anlass anzugeben!

MUSIK M01
Sprecherin:
Solche Gespräche müssen Jüdinnen, Juden während der NS-Zeit in Behörden
führen. Das Berliner Grips-Theater spielt sie in dem Stück „Ab heute heißt Du
Sara“. Es erzählt die Geschichte von Inge Deutschkron: Sie ist zehn Jahre alt, als
die Nationalsozialisten an die Macht kommen. Die Verfolgung in Berlin überlebt sie
später im Untergrund. Als sie aber einen Pass beantragt, wird sie belehrt, dass sie
ihrem Vornamen den Name Sara hinzufügen muss. Denn am 1. Januar 1939 tritt
die Verordnung in Kraft:

Zitator:
Juden müssen zusätzlich einen Vornamen annehmen und zwar männliche
Personen den Vornamen Israel, weibliche Personen den Vornamen Sara.
Wer /../ einen zusätzlichen Vornamen führen muss, ist verpflichtet, hiervon
innerhalb eines Monats /../ dem Standesamt, bei dem seine Geburt und seine

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Heirat beurkundet sind, sowie der für seinen Wohnsitz zuständigen


Ortspolizeibehörde schriftlich Anzeige zu erstatten.

Sprecherin:
In Dresden notiert der Schriftsteller Victor Klemperer in sein Tagebuch:

MUSIK M02

Zitator:
Vor fünf Minuten habe ich das eben veröffentlichte Gesetz über die jüdischen
Vornamen gelesen. Es wäre zum Lachen, wenn man nicht den Verstand darüber
verlieren könnte.
Ich selber habe also den Standesämtern Landsberg und Berlin zu melden, dass
ich Victor-Israel heiße.

O-Ton 2 Dietz Bering


2069 1.15
Diese Zwangsnamen sind ein besonders verhängnisvoller Schritt.

MUSIK M03

Sprecherin:
Sagt der Historiker und Sprachwissenschaftler Professor Dietz Bering. Diese
Namen verschärfen die Situation für Juden in Deutschland. Schon 1935 hatten die
Nürnberger Rassegesetze mit ihren Schikanen den Alltag schwergemacht. Die
Reichspogromnacht am 9. November 1938 ist ein Ausbruch öffentlicher Gewalt
und zeigt überdeutlich, wie skrupellos Juden verfolgt werden.
Dass sie als Staatsangehörige Deutsche sind und sich selbst als Deutsche fühlen,
zählt jetzt nicht mehr.
Von September 1941 an müssen sie sich mit dem gelben Stern kennzeichnen.
Schließlich werden sie deportiert. Dietz Bering, der ein Standardwerk über die

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Geschichte jüdischer Namen geschrieben hat, sieht in den Zwangsnamen eine


Eskalationsstufe:

O-Ton 3 Dietz Bering


Man kann sagen, der vorletzte Schritt vor dem KZ, weil die Juden der Individualität
beraubt werden. Es ist nämlich gar kein Name mehr, wenn alle Menschen so
heißen und zwangsmäßig so heißen. Es ist eine Vorform der Ziffer, die man im KZ
bekommt.

MUSIK M04

Sprecherin:
An der Geschichte jüdischer Namen lässt sich in vielen Epochen in Deutschland,
aber auch in ganz Europa, die Qualität der Beziehungen zwischen der Mehrheit
der Bevölkerung und der jüdischen Minderheit ablesen. Die Geschichte reicht weit
zurück:

Zitator:
Adam

Sprecherin:
Eva

Zitator:
Abraham

Sprecherin:
Sarah

Zitator:
Isaak

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Sprecherin:
Rebekka

Zitator:
Jakob

Sprecherin:
Lea

Zitator:
Rahel
Joseph
Benjamin

Die letzten Namen ausblenden, Musik evtl noch etwas länger stehen lassen,
darüber:

Sprecherin:
Jüdische oder hebräische Vornamen sind die Namen der Bibel. Und damit beginnt
ihre Besonderheit.
Gott erscheint im ersten Buch Mose – in der Genesis – sogar selbst als
Namensgeber.

Jakob, der sich den Familiensegen von seinem Vater Isaak erschlichen hatte,
kämpft auf seiner Wanderschaft am Fluss Jabbok mit einem unsichtbaren Wesen.
Es verletzt ihn an der Hüfte, lobt aber seinen Mut im Kampf. Als Zeichen dieser
Anerkennung soll Jakob fortan einen neuen Namen tragen:

Zitator:
Du sollst nicht mehr Jakob heißen, sondern Israel, denn du hast mit Gott und
Menschen gekämpft und hast gewonnen.

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(Genesis 32, 29)

Sprecherin:
Die hebräische Silbe „El“ bedeutet Gott. Und ist Teil vieler Namen:

Zitator:
Gabriel, Raphael, Michael

Sprecherin:
„Israel“ heißt übersetzt „Gottesstreiter“ oder „Gott möge streiten“. Jakob wird in
der Bibel und in den literarischen Erzählungen seines Lebens, etwa in Thomas
Manns Roman „Joseph und seine Brüder“, weiterhin Jakob genannt. Sein Stamm
aber heißt „Israel“ und daraus leitet sich auch der Name für das Land Israel ab.
In der Bibel gilt Gott aber nicht allein als Namensgeber für Jakob und das jüdische
Volk. Der Prophet Jesaja sagt sogar, Gott kenne jeden Menschen mit Namen:

Zitator:
Fürchte Dich nicht, denn ich habe Dich erlöst.
Ich habe Dich bei Deinem Namen gerufen und Du bist mein.

O-Ton 4 Dietz Bering


Es ist sicher bei allen Völkern der Erde so, dass der Name eine große Rolle spielt,
aber bei den Juden ist er eben theologisch besonders gesättigt und durch die
Bibel abgestützt.

MUSIK M05

Sprecherin:
Die Nachnamen jüdischer Bürger, jüdischer Familien sind in Europa seit dem
Mittelalter ein Politikum.

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Im 9. Jahrhundert werden in der Republik Venedig zum ersten Mal Nachnamen


von Geschlecht zu Geschlecht vererbt. Zunächst breitet sich dieser Brauch in
Norditalien und Südfrankreich aus und von da aus auf dem ganzen europäischen
Kontinent. Der Adel achtet darauf, dass mit der Identität auch der Besitz erblich
wird. Bauern und das entstehende Bürgertum ziehen nach. Vom 15. Jahrhundert
an trägt dann fast jeder Mensch von Sizilien bis Norwegen, von Frankreich bis
Russland mindestens zwei Namen: den individuell von den Eltern für ihr Kind
gewählten Vor- oder Rufnamen und den Familiennamen.

Musik kurz hochziehen/ dann ausblenden


Für eine Gruppe gilt das nicht:

O-Ton 5 Dietz Bering


2068 11.20
Bei den Juden ist es eben nicht festgeschrieben. Die hatten nur den Namen des
Vaters, immer mit ‚Ben‘, also Moses Ben Abraham.

Sprecherin:
Sie sind zugereist. Sie gehören nicht zum Gefüge eines Dorfes, einer Stadt. Juden
sind – sofort erkennbar – ein eigener Stand.

Außer ihren Synagogen unterhalten sie eigene Schulen und Krankenhäuser.


Selbst rechtliche Angelegenheiten regeln sie in vielen ihrer Gemeinden
untereinander. Da diese Gemeinschaften überschaubar sind, genügt es ihren
Mitgliedern jahrhundertelang, sich mit Vorname und Vatersname anzusprechen.
Das ändert sich Ende des 18., Anfang des 19. Jahrhunderts.

MUSIK M06
Die Aufklärung spricht jedem Menschen eigene Würde zu. Vorstellungen, die
zunächst Philosophen entwickelt haben, werden zu politischen Forderungen. Die
Französische Revolution im Jahr 1789 ist dafür das markanteste Ereignis. In den

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Jahrzehnten danach prägen die Ideale der Aufklärung das Zusammenleben in den
europäischen Staaten.
In Frankreich um 1800 entwickelt Napoleon einen Rechtsstaat, in Österreich
regiert die Habsburger Dynastie, und die deutschen Kleinstaaten organisieren
jeweils ihr eigenes Recht.
Das Verhältnis zwischen Mehrheit und Minderheit ist überall neu zu regeln. Das
betrifft besonders jüdische Bürger. Sie sollen rechtlich gleichgestellt werden. Die
Namen spielen dabei eine entscheidende Rolle: Sie gelten als Zeichen für den
neuen Status – jedes Land geht auf eigene Weise damit um.
In Frankreich sollen Juden ausdrücklich nicht mehr erkennbar sein, sobald sie sich
vorstellen. Jacques und Francoise Dupont sind vielleicht Juden, vielleicht nicht:

O-Ton 6 Dietz Bering


2068 13.30
Sie durften sich nur so nennen, wie die Franzosen sich nennen – und da gab es
eine eigene Liste für.

Sprecherin:
Auch in Österreich sollen sich Juden emanzipieren und in der einheimischen
Gesellschaft unauffällig werden. Weder Vor- noch Nachname soll auf ihre jüdische
Herkunft hindeuten. Emanzipation durch Angleichung, durch Assimilation.
Anders in Preußen.

O-Ton 7 Dietz Bering


Da muss man das preußische System gegensetzen und gleichzeitig rühmen: da
konnten sie wählen, wie sie wollten.

Sprecherin:
Im Jahr 1812 wird die Preußische Gesetzgebung reformiert. Den weitreichendsten
Vorschlag dafür hatte der Gelehrte Wilhelm von Humboldt gemacht. Er schlug vor,

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mit dem Wort „Jude“ einzig und allein die Zugehörigkeit zur Religion zu
bezeichnen – und Judentum als eigenes Volk gar nicht mehr mitzudenken.

Zitator:
Ich würde daher dafür stimmen, Juden und Christen vollkommen gleich zu stellen

MUSIK M06

Sprecherin:
Die Juristen, die die Gedanken der Aufklärung in preußischem Recht fassen
wollen, gehen aber nicht ganz so weit. Die einen schlagen vor, Juden müssten als
„Juden“ angesprochen werden, andere bevorzugen dafür den Ausdruck
„Mosaisten“ und wieder andere wollen jüdischen Männer verpflichten, bestimmte
Bärte zu tragen.
König Friedrich-Wilhelm III. aber will von all dem nichts wissen und stellt Juden
anderen Bürgern gleich.

Allerdings müssen sie jetzt Nachnamen annehmen, die sie selbst aussuchen. Sie
dürfen sich als Juden kenntlich machen, müssen es aber nicht.
Am 11. März 1812 ergeht das:

Zitator:
Edikt betreffend die bürgerlichen Verhältnisse der Juden im Preußischen Staate.
Die Fortdauer dieser ihnen beigelegten Eigenschaft als Einländer und
Staatsbürger wird aber nur unter der Verpflichtung gestattet: dass sie feste
Familien-Namen führen.
Musik ausblenden

Sprecherin:
Ein halbes Jahr haben diejenigen, die bislang – zum Beispiel – Nathan ben
Abraham heißen, Zeit ihrem Rufnamen einen neuen Nachnamen hinzuzusetzen.

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Manche entscheiden sich für moderne Namen, inspiriert von ihrem Beruf oder
Wohnort:

MUSIK M04

Zitator:
Blumenthal

Sprecherin:
Birnbaum

Zitator:
Oppenheim

Sprecherin:
Friedländer

Zitator:
Bär

Sprecherin:
Die meisten aber lassen stolz ihren jüdischen Ursprung sichtbar:

O-Ton 8 Dietz Bering


2068 16.30
Und haben sich Moses genannt oder Cohn genannt, wie sie es eben von zu
Hause gewohnt waren. /../ Sie hatten die Hoffnung, dass sie akzeptiert werden
würden.

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Sprecherin:
Moses Mendelssohn, der Philosoph, ist einer der bekanntesten Preußen mit
jüdischem Namen. Sein Enkel – 1809 geboren - bekommt bei seiner Taufe einen
christlich klingenden zweiten Nachnamen und heißt dann Mendelssohn Bartholdy,
der spätere Komponist:

MUSIK M08

Felix Mendelssohn Bartholdy. Seine Schwester heißt Fanny Mendelssohn.


Das Mädchen bekommt nach der Geburt einen internationalen und einen
jüdischen Namen: Fanny Zippora Mendelssohn. Evangelisch getauft wird sie aber
auf den Namen Fanny Cäcilia Mendelssohn Bartholdy. Die Familie drängt das
jüdische Erbe zurück. Das wird üblich in den deutschen Kleinstaaten. Juden fühlen
sich sicherer, wenn sie ihre Herkunft verstecken. Als Vornamen ihrer Kinder
wählen viele sogar oft ausdrücklich germanisch-deutsche Namen. Der Historiker
Michael Wolffsohn hat Namenslisten von Standesämtern systematisch
durchsucht:

O-Ton 9 Michael Wolffsohn


3.50
Seit den 1830er Jahren bis in die 1930er Jahre, genauer gesagt bis 1930, stellen
wir folgende Entwicklung in der jüdischen Gemeinschaft fest: 80 bis 90 Prozent
wählten kontinuierlich nicht-jüdische Namen, Namen die in keiner Weise von ihrer
Herkunft und schon gar nicht auf das, was sie ausstrahlten, in irgendeiner Weise
jüdisch sein konnten. Das Beispiel Siegfried oder Hedwig ist diesbezüglich ganz
klar. Das bedeutete, dass die namensgebenden Juden, die Eltern, die ihren
Kindern Namen gaben, sich von der jüdischen Welt abwendeten, sie wollten nicht,
dass ihre Kinder automatisch als Juden erkannt wurden. Das heißt also, dass
Juden in Deutschland ihre jüdische Herkunft immer weniger wichtig wurde.
(Die folgenden wie zur Erinnerung im Hintergrund)

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MUSIK M04

Zitator:
Blumenthal

Sprecherin:
Birnbaum

Zitator:
Oppenheim

Sprecherin:
Friedländer

Zitator:
Bär

Sprecherin:
Solche Namen haben jüdische Familien in Preußen als Nachnamen gewählt.
Vermutlich ist das für jede Familie ein schwieriger Prozess, den sie an langen
Sabbatabenden ausführlich besprechen. Welcher Name passt? Welcher klingt
gut? Wie nahe ist er an den jüdischen Wurzeln?
Die Mehrzahl der Namen wird dann auch nicht ausgesprochen jüdisch. An den
sprechenden Namen werden sie jedoch bis in die heutige Zeit als Juden erkannt
oder zumindest vermutet.
Manche sehen sich dadurch benachteiligt.
Der Historiker Dietz Bering hat für sein Buch „Der Name als Stigma“ die
entsprechenden Beschwerden an preußische, nach Gründung des deutschen
Reichs 1871 an deutsche Behörden durchforstet. Er kommt zu dem Ergebnis: Nur
wenige Juden wollten einen neuen Namen. Dennoch hält sich das Gerücht, Juden

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hätten für ihre Namen gezahlt. Wer wenig Geld hatte, sei mit Schandnamen
abgespeist worden. Bering widerspricht:

O-Ton 10 Dietz Bering


2068 14.30
Das kann für Preußen und kann für alle deutschen Staaten nicht gesagt werden.
Man muss sich eben vor Augen halten, dass die Juden im Großen und Ganzen zu
ihrer Abkunft gestanden haben und das Deutsche-Sein und Jude-Sein als
kompatible Strukturelemente begriffen haben.

MUSIK M06

Sprecherin:
Von 50.000 Menschen, die in Preußen und dem jungen deutschen Staat einen
neuen Namen beantragen, sind nur 3500 Juden. Das deutet daraufhin, dass die
Mehrheit in ihrem Namen, selbst wenn er als jüdisch erkennbar ist, keine Gefahr
sieht. Dennoch werden Juden angefeindet. Viele berichten von einem latenten und
teilweise auch offenen Antisemitismus in der deutschen Gesellschaft im
ausgehenden 19. und frühen 20. Jahrhundert.

Atmo Wochenschau
Diesen Antisemitismus schüren dann die Nationalsozialisten weiter. Selbst in
Kinderbüchern werden Juden schon bald verunglimpft, ihre Namen lächerlich
gemacht.

Zitator:
Gibt’s Blühdorn auch und Siebenreich
Veilchenblau und Löwenstein
Und außerdem der Jude wählt
Von Tieren sich noch Namen aus,
So heißt er Katz und Hirsch und Strauß,

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Sprecherin:
Im Jahr 1938 verschärft die Staatsführung die Situation für jüdische Deutsche
drastisch. Am 5. Januar 1938 ergeht

Zitator:
Das Gesetz über die Änderung von Familiennamen und Vornamen

Sprecherin:
Die genauen Regelungen für jüdische Namen legt das Innenministerium am 17.
August 1938 fest. Darin geht es nicht allein um die zusätzlichen Namen, die Juden
führen müssen, Sara und Israel. Der NS-Staat schreibt auch vor, dass Juden ihren
Kindern nur bestimmte Namen geben dürfen, ungewöhnliche Namen:

MUSIK M04

Zitator:
Abel, Abieser, Abimelech, Abner, Absalom, Ahab, Ahasja, Ahasver, Akiba, Amon,
Anschel, Aron, Asahel, Asaria, Ascher, Asriel, Assur, Athalja, Awigdor, Awrum;
(nach einigen Namen darüber):

O-Ton 12 Michael Wolffsohn


Es wurde verordnet, dass die Juden als Juden erkennbar sein sollten. Was die
jüdische Tradition seit den 1830er-Jahren eben nicht getan hatte. Das wiederum
bedeutete, dass die Juden /../ von außen in diese Jüdischkeit gestoßen worden
sind. Ihre Selbstbestimmung wurde aufgehoben und das führte bekanntlich in die
millionenfache Vernichtung.

Sprecherin:
Der Historiker Michael Wolfssohn

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O-Ton 13 Michael Wolffsohn


Die Tragik der ermordeten Juden ist eine doppelte Tragik. Erstens, dass sie
ermordet worden sind, was schon schlimm genug ist, und zweitens für etwas, was
ihnen seit den 1830er Jahren immer weniger bedeutete, nämlich ihr Judentum.

Sprecherin:
Dass sich Männer ‚Israel‘ nennen mussten, also mit dem Namen, den Gott selbst
dem jüdischen Urvater Jakob gab, ist ein besonders zynischer Moment dieser
Geschichte.

Viele Berliner konnten das neue Gesetz gar nicht schnell genug umsetzen,
schildert Inge Deutschkron in ihrer Autobiografie „Ich trug den gelben Stern“:

Zitatorin:
Ich sah, wie am Kurfürstendamm emsige Maler die Namen der jüdischen
Geschäftsinhaber mit großen Lettern auf die Scheiben der Schaufenster malten.
Natürlich mit dem entsprechenden Zusatznamen „Israel“ oder „Sara“.

Sprecherin:
Adolf Hitler unterschreibt das Namensgesetz selbst.
Die Verordnung über die jüdischen Namen vom August ‘38 aber stammt von dem
Mann, der, kaum ist die NS-Diktatur vorbei, in der Bundesrepublik Karriere macht:
von dem Juristen Hans Globke. Unter Konrad Adenauer leitet er das Kanzleramt.

MUSIK M12

Ein Zeitsprung in die 1980er Jahre.


Die Fernsehserie „Holocaust“ hat vielen Deutschen, die sich bislang kaum mit der
Geschichte der Verbrechen des Nationalsozialismus beschäftigt hatten,
menschlich nachvollziehbar gezeigt, was geschehen ist. Das ist eine
Initialzündung. So jedenfalls deutet der Historiker Michael Wolffssohn die Daten,

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die er erhoben hat. Weite Kreise in Deutschland wenden sich jüdischer Kultur zu.
Klezmer Musik wird bekannt, biblische Namen sind modern:

O-Ton 14 Michael Wolffsohn


11.05
Seitdem hat es eine freiwillige innere Öffnung von weiten Teilen der deutschen
Bevölkerung der jüdischen Welt gegenüber gegeben. Diese hebräischen Namen,
die populär wurden, haben sich stabilisiert. Also Namen wir Esther, Benjamin,
Rachel, die nicht nur jüdischer Herkunft sind, sind ganz bewusst heute gewählt
worden.

MUSIK M03

Sprecherin:
Unsystematisch gesammelte private Erfahrungen zeigen, dass viele Eltern die
Namen ihres Klangs wegen wählen und sich kaum mit den biblischen Vorbildern
beschäftigen.
Lea etwa, in den vergangenen Jahren weit vorn in der Liste beliebter
Mädchennamen, geht auf eine problematische Figur zurück. Lea ist zwar die
Mutter einiger Söhne Jakobs, war aber immer dessen ungeliebte Frau. Er zeugte
– so die Bibel - nur Kinder mit ihr, weil sein Schwiegervater ihm diese, seine
älteste Tochter untergeschoben hatte.
Jakob war mit ihr verheiratet, musste aber weitere sieben Jahre auf die geliebte
Rahel zu warten. Mit ihr zeugt Jakob dann seine Herzenskinder Joseph und
Benjamin. Rahel stirbt allerdings jung bei der Geburt des zweiten Sohnes.
Die meisten biblischen Gestalten haben Schicksale, die Eltern einem Kind nicht
zumuten möchten und trotzdem mit dem Namen an die Figur erinnern. Manche
aber nehmen die Bedeutung von deren Namen gern mit auf ihren Lebensweg.
Ruth Künzel zum Beispiel:

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O-Ton 15 Ruth Künzel


1137 00.30
Es muss schon im Kindergartenalter gewesen sein. Da hatten wir Bilderbücher mit
biblischen Geschichten und da gab es auch das Buch Ruth.
Der Name bedeutet „die Freundin“ – sie ist diejenige, die, nachdem ihr Ehemann
verstirbt, mit dessen Mutter in deren Heimatland zurückkehrt, indem sie sagt: da,
wo Dein Land ist, ist auch mein Land, wo Dein Volk ist, ist auch mein Volk und
sich dann recht aufopferungsvoll um ihre Schwiegermutter kümmert, was dann
auch in dem Land der Noemi gesehen wird. Sind findet da auch noch mal einen
neuen Ehemann.
Kern dieser Geschichte ist eigentlich dieses sich Um-jemanden-kümmern und Da-
Sein. Das fand ich eine bewegende Geschichte und „die Freundin“ ist eine schöne
Bedeutung mit der ich mich gerne identifiziere.

MUSIK M04

Sprecherin:
Biblisch-jüdische Namen tragen eine Geschichte in sich. Menschen, die so
heißen, entdecken diese Geschichte nach und nach und stellen manchmal
überrascht fest, dass sie zu ihrem Leben passt. Zudem klingt in den Namen das
Schicksal der Juden an, die ihre eigenen Namen mal versteckten, um anerkannt
werden, mal zu bestimmten Namen gezwungen wurden.
Heute haben Juden an manchen Orten in Deutschland wieder Angst vor
Übergriffen und verstecken sich, während Nicht-Juden biblischen Namen
selbstbewusst tragen. Viel von deren wechselvoller Geschichte drückt der
Mädchenname Sara aus:

Zitator:
Sara kommt von Zores oder hebräisch Zaroth. Das bedeutet Sorgen.

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Absage
Ab morgen heißt du Sara – Irene Dänzer-Vanotti hat die Geschichte der jüdischen
Namen in Europa erzählt. Gesprochen haben: Franziska Ball, Johannes
Hitzelberger und Constanze Fenner
Ton und Technik: Winfried Messmer
Regie: Rainer Schaller
Redaktion: Thomas Morawetz

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