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Uber den affirmativen Charakter der Kultur * Arclelules Die Lehre, da8 alle menschliche Erkenntnis ihrem Sinn nach auf die Praxis bezogen sei, gehdrte zum Kernbestand der an- tiken Philosophie. Aristoteles war der Ansicht, da die er- kannten Wahrheiten die Praxis fidhren sollten, sowohl in der alltiglichen Erfehrung wie in den Kiinsten und Wissenschaf- ten. Die Menschen bedirfen in ihrem Daseinskampfe der An- strengung der Erkcnntnis, des Suchens der Wahrheit, weil hnen nicht unmitrelbar schon offenbar ist, was das fiir sie Gute, Zutrigliche und Richtige ist. Der Handwerker und der Kaufmann, der Kapitin und der Arzt, der Feldherr und der ‘Staatsmann — alle miissen fiber das rechte Wissen in ihrem Sachgebiet verfigen, um so handeln zu kénnen, wie es die Jeweils wechselnde Situation erfordert. ‘Wahtend Aristoteles an dem praktischen Charakter jeder Er- Kenntnis festhilt, macht er einen bedeutsamen Unterschied cewischen den Erkenntnissen, Er ordnet sie gleichsam in einer ‘Werrreihe, deren unterste Stelle das zweckmifiige Bescheid- ‘wissen mit den notwendigen Dingen des alltiglichen Daseins cinnimme und auf deren oberster Stufe die philosophische Erkenntnis steht, die fiir keinen auGerhalb ihrer selbst liegen- den Zweck, sondern nur noch um ihrer selbst willen geschieht und die den Menschen das héchste Gltick gewdhren soll. Inner~ halb dieser Reihe liegt ein grundsitzlicher Einschnite: zwi- schen dem Notwendigen und Niivzlichen einerseits und dem ‘»Schonen« andererseits. »Nun ist aber auch das ganze Leben geteilt in MuBe und Acbeit und Krieg und Frieden, und die Titigheiten sind geteilt in notwendige und niitzliche und in schine« , Indem diese Teilung selbst nicht in Frage gestellt wird, indem mit den anderen Bereichen des »Schnen« die »reinee Theorie sich 2u einer selbstindigen Titigkeit neben 56 ee Cader: Piont Melisundle} pean ee ie und diber den anderen Titigkeiten verfestigt, bricht der ur spriingliche Anspruch der Philosophie zusammen: die Praxis nach den erkannven Wabrheiten zu gestalten. Die Trennung des Zveckmaigen und Notwendigen vom Sciénen und vom Genu8 ist der Anfang einer Entwicklung, welche das Feld freigibt fiir den Materialismus der biirgerlichen Praxis & scits und fiir die Stillseellung des Gliicks und des Geistes in cinem Reservarbereich der »Kuleure andererseits. In der Begriindung, velche fiir die Verweisung der héchsten Erkenntnis und der hichsten Lust auf die reine zwedelose Theorie gegeben wird, kehrt ein Motiv immer wieder: Die Welt des Notwendigen, der alltaglichen Lebensbesorgung, ist anbestindig, unsicher, unfrei — nicht blo faletiach, sondern in ihrem Wesen, Die Verfiigung tber die materiellen Gtiter ist aie ganz das Werk menschlicher Tichtigkeit und Weisheit; der Zufall herrscht ber sie. Das Individuum, welches sein héch- sies Ziel: seine Gliickseligkeit, in diese Giiver setzt, macht sich zum Sklaven yon Menschen und Dingen, die seiner Macht entzogen sind: es gibt seine Freiheit auf, Reichtum und Wohl- stand kommen und bleiben nicht durch seine autonome Ent- scheidung, sondern duzch die wechselnde Gunst undurchschau- barer Verhiiltnisse, Der Mensch unterwirft also seine Existenz einem auBerhalb seiner selbst liegenden Zwedk. Daf ein sol- cher auBerer Zweck allein schon den Menschen verktimmert und versklavt, setzt eine schlechte Ordaung der materiellen Lebensverhilltnisse voraus, deren Reproduktion durch die Anarchie einander en:gegengesetzter gesellschaftlicher Inter- essen. geregelt wird, eine Ordnung, in der die Erhaltung des allgereinen Daseins nicht mit dem Glick und der Freiheit der Individuen zusammengeht. Sofern die Philosophie um das Glick der Menschen besorgt ist - und die Klassische antike Theorie halt an der Exdimonie als dem hichsten Gut fest -, kann sie es nicht in der bestehenden materiellen Lebensgestal- tung finden: sie mu8 deren Faktizitit transzendieren. Die Transzendierung betrifft mit der Metaphysik, Erkenntnis- theorie und Ethik auch die Psychologie. Wie die auSerseelische 57 Peles tik om cuzin ddidlin Souk ‘Welt gliedere sich die menschliche Secle in einen _ni einen hoheren Be: jcund der Vernunf spiele sich die Geschichte der Seele ab. Die Abwertung der Sinnlichkeit erfolgt aus denselben Moti- ven wie die der materiellen Welt: weil sie ein Feld der Anar- chic, der Unbestindigkeit, der Unfreiheit ist. Die sinnliche Lust ist nicht an-sich schlecht; sie ist schlecht, weil sie — wie die niederen Tiitigkeiten des Menschen ~ in einer schlechten Ord- nung sich erfillle. Die »niederen Seelenceile« binden den Men- schen an die Gier nach Erwerb und Besitz, Kauf und Verkauf; ex wird dazu geftthre, »um niches anderes sich zu beeifern als um Geldbesitz und was erwa damit zusammenhangt« >, Ent- sprechond wird der -begohsliche« Seelenteil, der sich auf die sinoliche Lust richtet, von Plato auch der »geldliebende« ge- nannt, »weil vorziiglich durch Geld die Begierden dieser Art befriedigt werdens 3. Tn allen oncologischen Binteilungen des antiken Idealismus komme die Schlechtigkeit einer gesellschaflichen Wirklichkeit zum Ausdruck, in der die Erkenntnis der Wahrheit tber das menschliche Dasein nicht mehr in die Praxis aufgenommen ist. Die Welt des Wahren, Guten und Schénen ist in der Tar eine videale« Welt, sofern sie jenseits der bestehenden Lebensver- halunisse Liege, jenseits einer Gestalt des Daseins, in welcher der gréGte Teil der Menschen entweder als Sklaven arbeitet oder im Wavenhandel sein Leben verbringt und nur eine kleine Schicht tiberhaupt die Méglichkeic hat, sich um das zu ‘mern, was iiber die Besorgung und Erhaltung des Notwendi- gen hinausgeht, Wenn die Reproduktion des materiellen Le- bens unter der Herrschaft der Warenform sich vollziekt und ‘das Elend der Klassengecellschaft immer wieder erzengt, ist das Gute, Schone und Wahre solchem Leben transzen Und wenn unter dieser Form alles zur Erhaltung und Siche- rang des materiellen Lebens Notwendige hergestellt wird, ist das dariiber Hinausliegende allerdings itberfliissige. Das, worauf es eigentlich fiir den Menschen ankommt: die héchsten Wahrheiten, die hichsten Giiter und die héchsten Freuden 58 -wrischen den Polen der Sinnlich- ~ sind durch einen Abgrund des Sinns vom Notwendigen ge- trennt, sie sind cin »Luxuse, Aristoveles hat den’ Sachverhalt nicht verhille, Die »erste Wissenschafte, bei der auch das hiich- ste Gut und die hichste Lust aufgehoben sind, ist das Werk der Mue einiger weniger, fiir die alle Lebensnotwendigkeiten schon anderweitig ausreichend besorgt sind. Die »reine Theo- riee ist als Beruf einer Elite appropriiert und durch eiserne gesellschaftliche Schranken von dem grdSten Teil der Mensch- heit abgeschlossen. Acistoteles hat niche behaupret, dak dag Gute, Schine und Wahre allgemeingiiltige und allgemein-ver- pflichtende Werte seien, die von »oben hers auch den Bereich des Notwendigen, der materiellen Lebensbesosguag, durch- dringen und verkliren sollten..Erst wenn dies beansprichr wird, ist der Begriff von Kultur ausgebildet, der ein Kernstiick dex biirgerlichen’ Praxis und: Weltanschauung darstelle. Die antike Theorie meint mit der Héherwertigheit der tiber das Notwendige hinausliegenden Wahrheiten auch das soziale »Oben« mit: es sind cie Wahrheiten, die bei den herrschenden gesellschaftlichen Schishten beheimatet sein sollen. Und ande~ rerseits wird die gesellschaftliche Herrschaftsstellung dieser Schichten von der Theorie dadurch wenigstens noch mit- begriinder, daB es deren »Beruf« sein soll, um die héchsten Wahrheiten Sorge 2u tragen. Die antike Theorie sieht mit der asistotelischen Philosophie gerade an dem Punkt, wo der Idealismus vor den gesellschaft- lichen Widerspriichen die Fahne streicht und diese Widersprii- che als ontologische Sachverhalte ausspricht. Die platonische Philosophie kimpfte noch gegen die Lebensordaung der warenhandelnden Gesellschaft Athens. Platos Idealismus ist von gesellschaftskriischen Motiven durchzogen. Was von den Tdeen her geschen als Faktizitit erscheint, ist die materielle Welt, in der Menschen und Dinge als Waren einander ent- gegentreten. Die rechte Ordnung der Seele wird zerstrt durch die »Gier nach Reichtum, die den Menschen so in Ansprach nimmt, dai er fiir nichts anderes Zeit hat als fir die Sorge um sein Hab und Gut. Daran hing der Biirger mit ganzer Seele, 59 und so kommt es eben, daf er auf nichts anderes denkt als den tiglichen Gewinn...«4. Und es ist die eigentliche i ielle Wel rbessert werde, Platos Antwort auf die Tung ist sein Programm einer Neuorganisation der Geseli- schaft. Aus ihm wird offenbar, wo er die Warzel des Obels geschen hat: er verlang: fiir die ma&gebenden Schichten die Aufhebung des Privateigentums (auch en Frauen und Kin- dern) und das Verbot des Warenhandels. Aber dasselbe Pro- gramm will die Gegensitze der Klassengesellschaf in der Tiefe des menschlichen Wesensbegriinden und yerewigen: wah- rend der grote Teil der Mitglieder des Staates vom Anfang bis zum Ende ihres Daseins auf die frendlose Besorgung der Lebensnotwendigkeiten gerichtet ist, bleibt der Genuf des Wahren, Guten und Schénen einer kleinen Elite vorbehalten. Ariscoteles life zwar noch die Ethik in der Politik enden, eber die Nevorganisation der Gesellschaft steht bei ihm nicht mehr im Zentrum der Philosophie. In dem Mage, wie er »realisti- schere als Plato ist, ist sein Idealismus auch schon resignierter vor den geschichilichen Aufgaben der Menschheit. Der wahre Philosoph ist fiir thn nicht mehr wesentlich der wahre Staats~ mann. Die Entfernung zwischen Faktizivat und Idee ist gré- Ber geworden, gerade weil sie enger zusammengedacht wer- den. Der Stachel des Idealismus: die Idee zu verwirklichen, stumpft sich ab. Die Geschichte des Ide Geschichte seines Sich-Abfindens mic dom Bestel Hinter der ontologischen und erkenninistheo: Bung von Sinnen- und Ideenwelt aunft, von Nocwendigem und Schénem s Verwesfung, sondern 2ugleich auch schon die Enclastung einer schlechten_geschichdichen Form des Daseins. Die materielte ‘Welt (womit hier die mannigtachen Gestalten des jeweils >unterens Beziehungsgliedes jener Relation zusammengefabt sein sollen) ist an sich selbst blo8er Stoff, blo&e Méglichkeit, mehr dem Nicht-Sein als dem Sein verwandt und wird nur, 60 | Haicsind, die Gesenstand dieser Philosophi | shrer unabdingbaren Stofflichkelt i _ In der biirgerlichen Epoche hat die Theorie des Verhiilenisses | sheidende Verinderngen erfahren. dis Ansicht, nach der die Besch3ftigung mit den hochsven Wer- F ten-an bestimmte gevellschaflliche Schichten als Beruf aporo- " prliert sei. An ihre St crue die These von der Alleemeisih. (und Allgemeingiilrigheic dor aKulmuze. Die antike Theorie sofern sie an der »oberene Welt teilnimmt, zur Wirklichkeit. In allen ihren Gestelten bleibt die materielle Welt eben Ma- erie, Stoff fiir etwas anderes, das ihe erst Wert verleiht. Alle Webrheit, Gite und Schéneit kann thr nur’»von oben« kom ment von Gnaden der Idee. Und alle Titigkeit der materiel Lebensbesorgung bleibt ihrem Wesen nach unwabr, schlecht iBlich, Mi diesen Charakteren aber ist sie so notwendig, wie der Stoff norwendig ist fir die Idee. Das Elend der Sklaven- arbeit, die Verkiimmeruag von Menschen und Dingen zur Ware, die Freudlosigkeit und Gemeinheit, in der sich das Ganze der mareriellen Daseinsverbilenisse immer wieder re- produziert, stehen diesseits des Inveresses der idealiscisch Philosophie, weil sic ja noch gar nicht die cigentliche Wirklich- rt. Auf Grund materielle Praxis von der Verantwortung fir das Wahre, Gute und Schéne entlastet, das vielmehr in der Beschéiftigung mit der Theorie aufgehoben sein soll. Die ontologische Sonderung der ideellen von den | materiellen Werten beruhigt den Idealismus in allem, was die -materiellen Lebensvorginge betrif. Aus einer bestimmcen geschichtlichen Form der gesellschafllichen Arbeitsteilung und Klassenschichtung wird ihm eine ewige, metaphysische Form des Verhilenisses von Notwendigem und Schénem, Materie und Idee, zwischen Notwendigera und Sché em, Arbeit und Genu Zondchs verschwindet le | Menschen ihr Dasein mit der Besorgung der Lebensnotwen- hate mit guiem Gewissen ausgesprochen, da die meisten digkeiten verbringen miissen, wahrend ein kleiner Teil sich dem Genu& und der Wahrheit widmet. So wenig sich der * _} Sachverhale goiindert hav: das gute Gewissen ist verlorenge- 6r