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Dagmar Hoßfeld

Ponyclub Löwenzahn
Wirbel um das Reitturnier

Mit Illustrationen von Iris Hardt


Die Reihe »Ponyclub Löwenzahn« startet mit
dem Band: »Wirbel um das Reitturnier«.
Weitere Bände sind in Vorbereitung.

Dagmar Hoßfeld, geboren 1960 in Kiel, verbrachte schon


in ihrer Kindheit jede freie Minute auf Ponyhöfen und in
Reitställen. Nach etlichen Berufsjahren als Bauzeichnerin
erfüllte sie sich ihren Traum und begann, Pferdebücher für
Kinder und Romane für Jugendliche zu schreiben.
Die erfolgreiche Autorin lebt in einem Dorf im
Reiterland Schleswig-Holstein.

Iris Hardt wurde 1971 in Essen geboren. Sie interessierte


sich schon immer fürs Zeichnen und so begann sie ein
Studium im Fach »Illustration« in Münster, wo sie
nach einigen Monaten in Nordirland heute wieder lebt
und arbeitet. Iris Hardt hat bereits zahlreiche
Kinderbücher illustriert.
1. Auflage 2017
© 2017 Arena Verlag GmbH, Würzburg
Alle Rechte vorbehalten
Erstmals erschienen 2003 unter dem Titel:
»Der Pony-Fanklub. Wirbel um Wanja«
Cover- und Innenillustrationen: Iris Hardt
ISBN 978-3-401-80664-8

www.arena-verlag.de
Die vier Ponyfans …

Timm Carstens
Der heimliche »Boss« des Ponyclubs; 11 Jahre, dunkelblond;
witzig und frech; Markenzeichen: freche Sprüche und gute
Ideen. Sein Lieblingspony: der Braunschecke Silberhall, ein
richtiges »Indianerpferd«. Timms ältere Schwester Simone ist
Tierärztin.

Klara Roos
Ein feinfühliges Mädchen, selbstbewusst und zielstrebig;
11 Jahre, zierlich, blonde Haare und blaue Augen. Sie ist die
beste Reiterin auf dem Ponyhof (abgesehen von der Reitlehrerin
Petra Lemke). Ihr Herz gehört Momo und dem schwarzen,
halb blinden Pony Wanja.

Momo Köhler
Bester Kumpel von Timm; (noch) 11 Jahre, blond, hat Sommersprossen
und ist supersportlich. Hinter seiner coolen
Schale verbirgt sich ein lieber Kern. Er ist in Klara verliebt
und durch sie entdeckt er, dass Pferde tolle Freunde sind.

Rike (Friederike) Traulssen


Ein keckes, robustes Mädchen, mit dem man Pferde stehlen
kann (wenn man die Pferde retten müsste); 11 Jahre, braunes,
langes Haar. Kabbelt sich für ihr Leben gern mit ihrem Freund
Timm, lässt ihn aber nie im Stich. Die Welsh-Arab-Schimmelstute
Adjasina ist ihr Lieblingspony.
Zum Ponyhof im Wiesenhain gehören außerdem …

Petra Lemke
Reitlehrerin und Besitzerin des Ponyhofs; jung, lässig, burschikos.
Für die Ponys, den Ponyclub Löwenzahn und die
anderen Reitschüler würde sie (fast) alles tun.

Kurt Lemke
Petras Mann; besitzt einen Fahrradladen in der Stadt. Von
Pferden versteht er zwar wenig, aber er ist immer zur Stelle,
wenn man ihn braucht.
Eine aufregende Neuigkeit

Timm stürmte zu den Fahrradständern der Stern-Schule.


»Punkt zwei im Clubraum!«, rief Rike ihm zu und winkte. »Tschau, bis dann!« Sie wandte sich um
und trat heftig in die Pedale, um ihre Freundin Klara einzuholen. Wie immer hatte es Klara
schrecklich eilig. Ihre freie Zeit war mit so vielen Aktivitäten vollgestopft – Klavierunterricht,
Ballett, Yoga und Reiten –, dass Rike beinahe Mitleid mit ihrer quirligen Freundin hatte. Klaras
Eltern waren ehrgeizig. Klar, sie wollten für ihre Tochter nur das Beste – aber manchmal war auch
das Beste einfach zu viel, fand Rike. Klara schien es allerdings wenig auszumachen, dass ihre
Freizeit völlig verplant war. Sie liebte ihre Hobbys und war eigentlich immer lustig und gut drauf.
An einer Kreuzung holte Rike ihre Freundin endlich ein. Klara lehnte lässig an einer Ampel und
strich sich die Haare aus der Stirn. Sie musterte Rike grinsend:
»Du bist ja rot wie ’ne Tomate! Wohin so eilig?«
»Haha, ich düse schon den ganzen Weg von der Schule hinter dir her«, schnaufte Rike und wischte
sich die Schweißperlen von der Stirn. »Hättest du nicht auf mich warten können?«
»Nee, sorry«, entgegnete Klara, »ich muss mit meiner Mutter in die Stadt, neue Klamotten kaufen.«
Die Ampel sprang auf Grün. »Gegen vier bin ich sicher zurück, vielleicht sehen wir uns im Stall.«
Schwups, weg war sie!
Rike schob ihr Rad in die andere Richtung. »Okay, bis dann – und viel Spaß beim Shoppen!«,
murmelte sie.

Rike ließ sich Zeit mit dem Heimweg, denn niemand wartete auf sie. Ihr Vater war auf einer
Dienstreise und ihre Mutter war mit dem Kater bei der Tierärztin. An einer Tankstelle kaufte sich
Rike eine Flasche Cola und ein belegtes Brötchen, das sie noch während der Fahrt verdrückte.
Zu Hause schlenderte sie gelangweilt durchs Haus, bevor sie sich aufraffte, ihre Schulaufgaben zu
erledigen. Fast zwei Uhr! Nach einem Blick auf ihren Pferdewecker sprang Rike auf. Sie hüpfte aus
ihrem Zimmer, eine steile Treppe hinauf und schlängelte sich zwischen alten Möbeln und Kartons
durch.
»Ponyclub Löwenzahn« stand in großen Buchstaben auf einem etwas schief angebrachten
Holzschild über einer blassblauen Tür – und mit extragroßen Ausrufezeichen: »Zutritt nur für
Mitglieder des PCL!«
Rike fischte einen Schlüssel aus einer Tasche ihrer Jeans und schloss auf. Sie öffnete Fenster und
Läden, um Licht und frische Luft in die zwei kleinen Zimmer zu lassen, und sah sich zufrieden um. Sie
hatten ganze Arbeit geleistet: Klara, Timm und sie, denn mehr Mitglieder hatte der Ponyclub
Löwenzahn – kurz PCL genannt – nicht.
Die Räume waren frisch gestrichen, der Holzfußboden blank gewienert und an den Wänden hingen
bunte Pferdefotos, ein paar Postkarten, drei verrostete Hufeisen – für jedes Mitglied eins –, ja sogar
ein altes Zaumzeug, das Petra Lemke, die Besitzerin des Ponyhofs im Wiesenhain, zur Einweihung des
Clubraums spendiert hatte.
Es war richtig gemütlich!
»Hi, bin ich zu früh?« Timm stand in der offenen Tür und schwenkte eine Tüte Popcorn und eine
Flasche Orangensaft in den Händen. »Ist Klara noch nicht da?«
»Hallo, Timm! Nee, sie kommt später direkt zum Wiesenhain.« Rike lächelte den dunkelblonden
Jungen an.
»Auch gut«, brummte Timm. Er ließ sich in einen der blau-weiß gestreiften Liegestühle fallen, die
im vorderen der beiden Räume standen. Von hier aus fiel sein Blick auf ein Poster an der Wand, das
ein schneeweißes Pony an einem einsamen Strand zeigte.
»Du denkst oft an Solero, stimmts?«, fragte Rike vorsichtig. Solero … Timm hatte das spanische
Halbpony während eines Urlaubs auf einer Kanarischen Insel gepflegt und geritten. Rike wusste, dass
er sich dorthin zurücksehnte.
Timm nickte. Er war in Gedanken am Strand, fühlte Sonne und Wind auf der Haut und den warmen
Atem des weißen Hengstes in seinem Nacken. »Ja«, gab er zu, »ich denke sehr oft an ihn. Manuel,
sein Pfleger, schreibt mir zwar regelmäßig und schickt mir Fotos von Solero, aber trotzdem: Ich kann
Solero nicht anfassen, ihn nicht reiten, nicht mit ihm zusammen sein.«
»Bestimmt fahren deine Eltern nächstes Jahr wieder mit dir nach Spanien, oder?«, tröstete Rike
ihren Freund. »Außerdem«, fügte sie hinzu, »ist es doch gut zu wissen, dass sich Manuel gut um ihn
kümmert.«
»Hallihallo, jemand zu Hause?«, rief in diesem Moment eine helle Stimme von unten. Sekunden
später stand Klara vor den beiden Freunden. Ihre sonst so glatten Haare waren zerzaust, ihre Wangen
leuchteten feuerrot.
»Mann, hab ich mich beeilt!«, stöhnte sie und nahm einen großen Schluck aus der Saftflasche. »Ich
habe tolle Neuigkeiten! Haltet euch fest!«
Rike wunderte sich über das unerwartete Auftauchen ihrer Freundin. Besorgt fragte sie: »Sag mal,
wo kommst du denn her? Du wolltest doch in die Stadt. Ist etwas passiert?«
»Nee, noch nicht«, Klara schloss die Augen und holte Luft, »aber bald!«
Timm zappelte. »Spann uns nicht so auf die Folter!«
»Also, ich sollte meinem Bruder aus der Stadt ein paar Ersatzteile für sein Rennrad mitbringen.«
Klara grinste breit, als würde es ihr diebisches Vergnügen bereiten, die Freunde so lange hinzuhalten.
»Ihr wisst ja, dass Kurt, Petras Mann, in der City einen Fahrradladen hat.«
»Komm zum Punkt, Klara!«, drängte Timm.
»Mach ich doch!« Klara genoss ihren Auftritt in vollen Zügen. »Also, als Kurt die Teile einpackte,
hat er’s mir verraten …« Sie hielt erneut eine schöpferische Pause für angebracht und nahm noch
einen Schluck O-Saft. Timm stöhnte laut auf. »Er hat gesagt«, erzählte Klara unbeeindruckt weiter,
»wir sollen heute gegen siebzehn Uhr auf dem Hof sein, dann würden wir eine tolle Überraschung
erleben!«
»Eine Überraschung?«, echote Rike. »Mehr weißt du nicht?«
Klara lachte. »Im Wiesenhain wird ein Transporter erwartet, und zwar ein Pferdetransporter.«
»Und in diesem Transporter befindet sich …«, mischte sich Timm ein.
»… ein neues Pferd! Ganz genau, du Superhirn«, vollendete Klara den Satz. »Ein neues Pony, um
es ganz genau zu sagen.«
Einen Moment war es so still im Raum, dass man das leise Brummen der unermüdlichen Hummeln
draußen im Garten hören konnte.
»Wow!« Timm sprang auf. »Das ist ja obercool – ein neues Pferd im Stall!«
»Was ist es denn für ein Pony?« Rike war ebenfalls aufgeregt. »Und wem gehört es?«
»Wenn ich Kurt richtig verstanden habe, hat er es gekauft. Der Ärmste war selbst ein bisschen
nervös«, sagte Klara. »Der Kauf ist wohl ziemlich spontan zustande gekommen. Genaues weiß ich
leider nicht.«
»Ich wäre auch durch den Wind, wenn ich mir nichts, dir nichts ein Pony kaufen würde«, meinte
Timm.
»Merkwürdig, dass uns Petra nichts davon erzählt hat«, murmelte Rike.
Klara und Timm dachten genauso, doch dann hatte Timm eine Idee, mit der die Mädchen sofort
einverstanden waren. »Warum fahren wir nicht einfach hin und fragen sie?«, schlug er vor. »So sind
wir auch gleich vor Ort, wenn der Neuling eintrifft.«

Als die drei Freunde nach halbstündiger Fahrradfahrt den hübschen Ponyhof im Wiesenhain
erreichten, wurden sie von den Stallkatern Tipp und Jojo freudig begrüßt. Die jungen Tigerkatzen
strichen um die Beine der Kinder, um sich ausgiebig streicheln zu lassen. Timm, Klara und Rike
mussten achtgeben, dass sie nicht auf eine der Samtpfoten traten.
»Tipp, Jojo, benehmt euch gefälligst wie richtige Kater und fangt ein paar Mäuse!«, rief Petra
Lemke in diesem Moment. Die junge Reitstallbesitzerin sprang lässig über einen Koppelzaun und ging
den drei Freunden mit langen Schritten quer über den Hof entgegen. Sie wischte sich die Hände an
ihren Jeans ab. »Hallo, was macht ihr denn schon hier? Der Reitunterricht beginnt doch erst um vier.
Oder wollt ihr mir etwa beim Pferdeäpfelsammeln helfen? Dann seid ihr natürlich herzlich
willkommen.«
»Klar helfen wir dir«, entgegnete Timm, »aber eigentlich sind wir wegen der tollen Neuigkeit
gekommen.«
»Tolle Neuigkeit?« Petra runzelte die Stirn. »Was für eine Neuigkeit?«
Timm, Rike und Klara sahen sich erstaunt an.
Klara zuckte mit den Schultern. »Na, ich habe vorhin bei Kurt im Laden erfahren, dass heute ein
neues Pony kommt«, sagte sie vorsichtig.
»Wir sind natürlich gleich hergefahren, um es zu begrüßen.« Timm rollte mit der Schuhspitze einen
Kieselstein hin und her. Er hatte das Gefühl, dass hier etwas faul war, denn Petra wirkte total
überrumpelt.
»Moment«, sagte die Reitlehrerin prompt. »Bin ich im falschen Film? Ein Pony? Ich habe keine
Ahnung …!«
Nachdem Klara wahrheitsgemäß berichtet hatte, was sie wusste, wischte sich Petra mit einer
energischen Handbewegung eine widerspenstige Haarsträhne aus dem Gesicht. »Na warte, mein
Freund, wir sprechen uns noch!«, sagte sie laut wie zu sich selbst. Kurz vor der Stalltür drehte sie
sich noch einmal um. »Ich muss kurz telefonieren. Geht schon mal zu den Pferden!«
»Kapiert ihr das?«, fragte Timm in die Stille hinein.
»Nee, kein Stück«, gab Rike zu. »Wahrscheinlich ist alles nur ein Missverständnis. Wird sich
schon aufklären. Kommt ihr mit? Ich will zu Adjasina.«

Klara blieb unschlüssig stehen. Sie begriff nicht, warum Petra so komisch reagiert hatte. Hatte sie
etwas Falsches gesagt? Sollte das neue Pony vielleicht eine Überraschung sein? Aber dann hätte Kurt
doch nichts verraten. Sie schüttelte den Kopf und stapfte hinter den Freunden her.
Rike hatte bereits das Koppeltor geöffnet und hielt es auf. »Komisch, nicht?«, fragte sie, als Klara
hindurchschlüpfte.
»Aber echt«, antwortete Klara.
Die Mädchen folgten Timm und schnappten sich ebenfalls einen schwarzen Eimer und je eine
Schaufel. Bevor sie anfingen, die Pferdeäpfel einzusammeln, schlenderten sie hinüber zu der kleinen,
bunt gemischten Ponyherde, die sich unter den Weidebäumen tummelte und mit hängenden Köpfen
döste.
Als Rike leise pfiff, hob eine schmale Schimmelstute den Kopf. »Adjasina«, lockte das Mädchen,
»komm her, meine Hübsche!« Adjasina kam langsam auf Rike zu und rieb zärtlich den Kopf an ihrer
Schulter. Ein stämmiger Braunschecke tat es der Stute nach. Freundlich stupste er Timm in die Seite.
»Hey, Silberhall, alter Räuber.« Timm klopfte seinem Schecken den kräftigen Hals. »Wie gehts
dir?« Silberhall schnaubte und senkte den Kopf, um zu grasen, während ihn Timm unter der dichten
Mähne kraulte. Er fühlte die Wärme des Pferdefells und atmete den guten Geruch ein, den sein Pferd
verströmte.
Klara hielt sich etwas abseits auf. Boris, der Haflinger, lag auf der Seite und schlief. Weil sie ihn
nicht stören wollte, fing sie an, die Pferdeäpfel rund um den schattigen Schlafplatz der Herde mit der
Schaufel aufzunehmen und in den Eimer zu werfen. Als sie aufblickte, entdeckte sie Petra, die mit
ausgreifenden Schritten über den Hof lief.
»Kommt ihr bitte mal?«, rief Petra. Sie war am Gatter stehen geblieben und hatte die Hände in die
Hüften gestemmt.
Rike, Klara und Timm warfen sich fragende Blicke zu und gingen zum Zaun.
»Entschuldigt meine komische Reaktion vorhin«, bat Petra die drei Freunde. »Ich wusste wirklich
nicht, wovon ihr redet. Ich habe Kurt angerufen: Nicht zu fassen, wir bekommen tatsächlich
Zuwachs.«
»Aber das ist doch einsame Spitze!« Timm war nach wie vor begeistert und verstand nicht, wo das
Problem lag.
Petra zog eine Schnute. »Ja klar, ein neues Pony ist immer spitze. Allerdings hat mein lieber Mann
leider wieder etwas unüberlegt Nägel mit Köpfen gemacht. Er hat von einem Pony gehört, um das
sich keiner richtig kümmert. Und was macht mein Kurt? Er kauft dem Bauern das verwahrloste
Kerlchen ab.«
»Also ich wäre happy, wenn mir mein Mann später mal unverhofft ein Pony schenken würde«,
meinte Rike und sah Timm auffordernd an.
Der grinste nur.
Petra nahm den Einwand kaum wahr. »Ein weiteres Pony auf dem Hof … Sicher, ich hatte ohnehin
vor, mir in den nächsten Tagen ein paar Tiere anzuschauen. Ihr wisst ja, Tebbi und Jorinde sind
trächtig; in ein paar Wochen brauchen sie Schonung und fallen für den Reitbetrieb aus. Trotzdem: Kurt
hätte mich fragen müssen. Er versteht von Pferden so viel wie ein Affe vom Klavierspielen. Ich frage
mich, was da auf mich zukommt.«
»Ich freue mich jedenfalls riesig!«, triumphierte Klara. »Ich finds schön, dass Kurt das Pony
gekauft hat, noch dazu, wo das arme Ding unsere Hilfe braucht.«
»Na, mal sehen …« Petra wandte sich um. »Danke übrigens, dass ihr die Weide sauber macht! Ich
hätte im Moment keinen Nerv dazu. Ich muss mich erst mal um die Unterbringung für unseren neuen
Schützling kümmern. Schließlich können wir ihn oder sie nicht gleich auf unsere Herde loslassen –
das würde Mord und Totschlag geben.« Sie verschwand in Richtung Stall.
»Sieht ganz nach einem neuen Fall für den PCL aus.« Timm rieb sich die Hände, während Rike und
Klara zustimmend nickten.
Herzlich willkommen!

Trotz der Anspannung bestand Petra darauf, dass die Reitstunde pünktlich begann. Jetzt stand sie in
der Mitte des Dressurvierecks und beobachtete die kleine Abteilung. Ihren zusammengekniffenen
Augen entging so leicht kein Fehler.
»Timm, nimm die Hände tiefer und halte sie ruhig!«, rief Petra. »Silberhall wirft mit dem Kopf –
das ist ein Zeichen dafür, dass ihm etwas nicht passt. Isabell, reite nicht so dicht auf! Rike, nimm die
Hacken runter, bitte!« Die jungen Reiterinnen und Reiter konzentrierten sich auf die Anweisungen
ihrer Lehrerin. Der Platz lag im Schatten großer Bäume und die Ponys trabten munter und willig über
den weichen Hufschlag.
Klara ritt an der Tete. Petra hatte ihr heute Suleika anvertraut, eine junge, etwas nervöse Welsh-
Arab-Stute, die es nicht ausstehen konnte, wenn ein anderes Pferd vor ihr ging. Klara ritt gerne die
unerfahrenen Ponys. Sie war klein und leicht und hatte eine weiche Hand, außerdem ritt Klara von
allen in der Abteilung am längsten. Da war es nicht verwunderlich, dass Petra ihr oft die
schwierigsten Pferde überließ.
Heute aber ertappte sich die ausgeglichene und stets fröhliche Klara unzählige Male dabei, wie sie
auf die Uhr schielte oder einen Blick auf die Landstraße hinter dem Wäldchen warf. Von dort müsste
bald der Transporter kommen.
»Klara, durch die ganze Bahn wechseln, habe ich gesagt!«, mahnte Petra in diesem Moment.
Klara, ganz in Gedanken versunken, zuckte zusammen. Vor Schreck parierte sie Suleika durch,
sodass Adjasina, die hinter ihr ging, gegen die Kruppe der Fuchsstute prallte. Suleika quiekte empört
und schlug heftig aus. Im Nu herrschte Chaos in der Abteilung.
»Klara, wo hast du heute deinen Kopf?«, schimpfte Petra. »Abteilung halt!«, rief sie noch – zu
spät! Der faule Boris witterte die Chance auf eine Pause und verließ den Hufschlag, um an ein paar
grünen Zweigen zu knabbern.
»Hilfe, Petra, was soll ich machen?« Viola, Boris’ Reiterin, zog verzweifelt an den Zügeln.
Silberhall zwickte Fun ins Hinterteil, was der Haflinger mit einem hohen Buckler quittierte.
Isabell schaffte es nicht, sich im Sattel zu halten, und flog in die weichen Sägespäne. Petra eilte zu
dem Mädchen und griff nach den herabhängenden Zügeln.
»Ist dir was passiert?«, fragte sie besorgt.
Isabell schüttelte den Kopf. »Nee, geht schon.« Unschlüssig blieb sie neben ihrem Pony stehen.
»Soll ich wieder aufsitzen?«
»Nein, am besten wartest du, bis ich die Abteilung sortiert habe«, antwortete Petra hastig. Sie
sprang Rike zu Hilfe, die schief in Adjasinas Sattel hing und sich krampfhaft an der langen Mähne der
Welsh-Arab-Stute festhielt.
»Adjasina ist einfach ausgebrochen«, schniefte Rike. Petra holte tief Luft. »Heute scheint nicht
unser Tag zu sein«, meinte sie, wobei sie Adjasina beruhigend den schweißnassen Hals klopfte. Sie
wandte sich um und traute ihren Augen kaum: Melanie weinte, weil sie ihre Brille verloren hatte.
Boris war mit Viola über die niedrige Absperrung gesprungen und trottete in aller Seelenruhe in
Richtung Stall. Er schnappte links und rechts des Weges nach saftigen Grashalmen und kümmerte sich
nicht um das Fliegengewicht auf seinem Rücken, das beharrlich, aber erfolglos an den Zügeln zerrte.
Petra raufte sich die Haare.

Klara war inzwischen abgestiegen und führte Suleika am langen Zügel in die Mitte der Bahn.
Schaumtropfen klebten an der Brust der Fuchsstute, sie zitterte am ganzen Leib und rollte mit den
Augen.
»Ruhig, meine Kleine, ruhig«, brummte Klara. Sie löste den Sattelgurt ein wenig und fuhr mit den
Händen an den Fesseln der Stute entlang. »Gott sei Dank, du hast dir nicht wehgetan. Es war meine
Schuld, ich hab nicht aufgepasst.«
»Ist schon gut, Klara«, sagte Petra tröstend. Sie führte Fun und Adjasina ebenfalls in die Mitte.
»Manchmal reicht ein klitzekleiner Auslöser und gleich flippen alle aus. Zum Glück scheint
niemandem etwas passiert zu sein.« Sie schaute in die Runde. »Seid ihr alle in Ordnung?«, rief sie
vorsichtshalber. »Dann nehmt bitte Aufstellung. Für heute ist der Unterricht vorbei.«
Mit betretenen Gesichtern stellten die Reitschüler ihre Ponys in einer langen Reihe auf.
»Viola fehlt!« Melanie hatte ihre Brille wiedergefunden und zählte die Abteilung durch.
In diesem Moment tauchte Viola mit hochrotem Kopf auf – zu Fuß. Man sah ihr von Weitem an,
dass sie stocksauer war. »Boris hat in seiner Box Wurzeln geschlagen und will nicht wieder raus«,
schnaubte sie, wobei sie sich Staub und Schweiß vom Gesicht wischte.
Petra lachte gequält. »Macht nichts, Viola, dann kann er wenigstens nichts mehr anstellen. Ihr
anderen führt eure Pferde bitte noch ein paar Runden trocken, bis sie sich beruhigt haben. Oh
Himmel!«, fügte sie hinzu und setzte sich auf einen Cavaletti am Rand der Bahn.
»Mann, was für ein Tag!«, sagte Timm halblaut zu den Freundinnen. »Wie spät ist es? Müsste der
Transporter nicht längst hier sein?«
»Es ist Viertel vor fünf. Lange kanns nicht mehr dauern.« Wieder spürte Klara dieses Kribbeln tief
im Bauch und dachte an das fremde Pony, das jetzt allein in einem Pferdetransporter stand und nicht
wissen konnte, wohin die Fahrt ging. »Ob es wohl Angst hat – das neue Pony?«, überlegte sie.
Rike nickte. »Ja, anzunehmen«, meinte sie ernst. »Es sei denn, es ist ein erfahrenes Turnierpony,
das andauernd von A nach B kutschiert wird. Ich kann mir bloß nicht vorstellen, dass Kurt so ein
Pony gekauft haben soll. Das hätte er dir bestimmt erzählt.«
»Du hast recht«, stimmte Klara zu. Sie war froh, als Petra endlich das Kommando gab, die Bahn zu
verlassen.
»Absatteln und abtrensen, meine Lieben!« Die Reitlehrerin öffnete den Balken der Umgrenzung.
»Vergesst nicht, euren Pferden die Hufe gründlich auszukratzen. Wenn das Fell ganz trocken ist,
bürstet sie bitte noch einmal über und dann bringt ihr sie auf die Weide.«
Die meisten Mädchen und Jungen zerstreuten sich nach der Reitstunde in alle Himmelsrichtungen.
Nur die Mitglieder des Ponyclub Löwenzahn saßen auf einem dicken Strohballen im Schatten der
Scheune und grübelten vor sich hin. Ab und zu sprang einer der drei auf und rannte über den Hof. »Ich
dachte, ich hätte einen Wagen gehört«, murmelte er dann und setzte sich wieder zu den anderen. Das
Warten nervte.
Als Timm zum sechsten Mal innerhalb von fünf Minuten nach der Uhrzeit fragte, platzte Rike der
Kragen.
»Wie wärs, wenn du dich am Stand der Sonne orientieren würdest?«, fauchte sie ihren Freund an.
»Oder vielleicht kaufst du dir mal ’ne eigene Uhr!«
»Ich glaub, jetzt kommen sie.« Klara stellte sich auf den Strohballen, um besser sehen zu können,
und schirmte mit der Hand die Augen ab. »Ja, das ist Kurts Auto!«, rief sie und hüpfte mit einem Satz
auf den sandigen Boden. »Und gleich dahinter fährt ein Transporter.«
Kurt Lemke parkte seinen Renault direkt vor dem Stall. Als er die Fahrertür öffnete, trat Petra aus
dem Haus. Verschämt grinsend ging Kurt auf seine Frau zu und küsste sie. »Sag nichts, Petra, lass dich
einfach überraschen!« Liebevoll legte er einen Arm um ihre Schultern.
Petra zog die Stirn kraus. »Was anderes bleibt mir wohl nicht übrig«, nuschelte sie, »und über
alles andere reden wir später unter vier Augen, klar?«
»Oha, dicke Luft.« Timm kratzte sich an der Stirn.
Gespannt beobachtete der Ponyclub Löwenzahn, wie der Miettransporter langsam in die Einfahrt
rollte und schließlich vor dem Stall stehen blieb.
Gemeinsam mit dem Fahrer öffnete Kurt die hinteren Riegel und ließ vorsichtig die Rampe
herunter. Aus dem Inneren des Wagens erklang ein dunkles, wütendes Wiehern. Hufe scharrten im
Stroh und schlugen dumpf gegen die gepolsterten Wände.
»Es will raus«, sagte Klara ungeduldig. Sie hatte Mitleid mit dem eingesperrten Pony und
versuchte, in das finstere Wageninnere zu linsen. Sie nahm nur einen Umriss wahr, einen grauen
Schatten, der an einer Anbindeleine zerrte und unruhig hin und her trat. »Das arme Pony! Nun befreit
es endlich aus diesem Gefängnis!«
Kurt und der Fahrer wechselten flüchtig einen besorgten Blick.
Schließlich straffte Kurt die Schultern. »Gut«, beschloss er, »ich gehe jetzt rein. Aber haltet bitte
Abstand!«
»Kurt, nun hab dich nicht so!« Petra hakte sich bei ihrem Mann unter. »Man könnte meinen, du
begibst dich in einen Raubtierkäfig. Soll ich das Pony vielleicht rausführen?«
»Nein, nein«, erwiderte Kurt hastig, »ich mach das schon. Aber bitte geht zur Seite!« Er stieg die
schräge Rampe hinauf und brummte unablässig besänftigende Worte. Dicht an die Seitenwand
gedrückt, tastete er sich vor.
Klaras und Petras Blicke trafen sich. Die Reitlehrerin zuckte mit den Schultern. »Hab ich’s nicht
gesagt? Kurt hat keine Ahnung von Pferden.«
Im Transporter blieb es einen Moment lang merkwürdig still. Plötzlich ein ohrenbetäubendes
Wiehern und polterndes Hufgetrappel! Aus Kurts halblauten Beruhigungsformeln wurde ärgerliches
Fluchen.
»Verdammt!«, rief er. »Achtung, wir kommen!«
Wie eine Kanonenkugel schoss ein rabenschwarzes Pony aus dem Hänger und zog Kurt am
Führstrick hinter sich her. Mit einem gewaltigen Satz übersprang es die flache Laderampe, blieb
zitternd auf dem Hof stehen und schnaubte heftig. Es hob den Kopf und stieß ein erneutes, überaus
empörtes Wiehern aus.
»Oh, ist das niedlich!« Klara war entzückt. »Hoho, ruhig, Kleiner, ganz ruhig!«
Vorsichtig streckte sie eine Hand nach dem Rappen aus, um ihn zu streicheln. Doch das Pony warf
erschrocken den Kopf zur Seite. Es wich Klaras Hand aus und machte Anstalten hochzusteigen.
»Pass auf, Klara!«, warnte Petra entsetzt.
Klara sprang zur Seite und starrte das fremde Pony an. »Oh Mann, was haben sie denn mit dir
gemacht?« Vorsichtshalber ging sie wie die anderen auf Abstand.
»Tut mir leid! Er ist mir auf den Fuß getreten«, entschuldigte sich Kurt. Er hielt die Führleine am
äußersten Ende. »Da konnte ich ihn nicht mehr halten.«
Petras Gesicht war wie versteinert. »Kurt, das ist ja ein Hengst!«, sagte sie scharf.
»Ja, ist er nicht toll?«, erwiderte Kurt fröhlich. »Er heißt Wanja, ist sechs Jahre alt und stammt aus
Russland.«
»So sieht er auch aus.« Petra verdrehte die Augen. »Wie ein Panje-Pferdchen aus der kaukasischen
Steppe …«
Wanja trat von einem Fuß auf den anderen und umkreiste Kurt. Er beäugte die fremde Umgebung
und die Menschen, die ihn wiederum unverhohlen und mit gemischten Gefühlen musterten.
»Wanja«, lockte Klara, »Wanja, mein Hübscher.«
Das schwarze Pony spitzte die Ohren und stand still.
»Mein Hübscher?«, krächzte Timm. »Du hast wohl Tomaten auf den Augen! Der sieht aus, als hätte
er seit Jahren keine Wurzelbürste aus der Nähe gesehen. Und schau dir mal seine Augen an! Also ich
finde, er sieht ziemlich irre aus.«
»Du bist fies!«, zischte Klara entrüstet. »Ich finde Wanja toll und du, Timm, solltest aufhören, ihn
zu beleidigen. Wer weiß, was der Arme alles durchgemacht hat.«
»Na, ein bisschen struppig und ungepflegt sieht er wirklich aus«, sagte Rike vorsichtig. »Aber mit
ordentlicher Pflege kriegen wir das schon hin«, fügte sie schnell hinzu, als sie den empörten Blick
ihrer Freundin einfing.
Klara betrachtete das Pony liebevoll: Sie sah ein schmutziges schwarzes und sehr verunsichertes
Kleinpferd mit struppigem Fell und verfilzter Mähne, das am ganzen Leib zitterte und die Augen weit
aufriss. Wanjas dunkle Augen hatten einen unerklärlichen Ausdruck, eine Mischung aus Trotz und
Traurigkeit, fand Klara.
»Hier wirst du es gut haben, kleiner Wanja«, flüsterte sie. »Das verspreche ich dir.«
»Ich will nicht unhöflich sein«, meldete sich nun der Fahrer des Transporters, auf den keiner mehr
geachtet hatte, »aber ich muss langsam weiter.«
»Ja, sicher.« Kurt hielt seiner Frau das Ende des Führstricks hin. »Ich muss den Transporter
bezahlen.«
Petra Lemke trat vorsichtig vor Wanja und sprach ruhig auf ihn ein. Ganz langsam, um ihn nicht zu
erschrecken, griff sie nach dem Seil. Ihren Mann würdigte sie dabei keines Blickes.
Als der leere Transporter vom Hof rumpelte, zuckte Wanja zwar zusammen und prustete, aber er
scheute nicht mehr.
»Na, dann wollen wir dich mal in den Stall bringen«, sagte Petra zu dem Schwarzen. »Ich habe
eine schöne Box für dich zurechtgemacht. Du kannst ja schließlich nichts dafür.«
Timm schob das Rolltor zur Seite und Petra zupfte an Wanjas Halfter. Brav ließ sich der
Rapphengst in den Stall führen. Er wirkte plötzlich müde und erschöpft. Klara, Rike, Timm und Kurt
sahen zu, wie Petra das Pony in eine geräumige Box brachte, ihm das Halfter abnahm und die Tür von
außen verriegelte.
Wanja trank mit durstigen Zügen aus der Tränke und machte sich schließlich über das duftende Heu
her, das Petra für ihn in einer Ecke der Box aufgeschüttet hatte.
»Wir sollten ihn in Ruhe lassen«, ordnete Petra an. »Ich schaue später noch mal nach ihm.«
»Ja«, stimmte Kurt zu, »außerdem haben wir eine Stärkung verdient. Wenn ich nicht irre, haben
wir frische Erdbeeren und Schlagsahne im Kühlschrank. Was haltet ihr davon?«

Rike, Klara und Timm deckten im Bauerngarten des gemütlichen Fachwerkhauses den Gartentisch.
Schon bald saßen alle unter einem bunten Sonnenschirm und ließen sich die leckere Speise
schmecken.
»Sag mal, Kurt«, fragte Klara schließlich, »wie ist es eigentlich dazu gekommen, dass du Wanja
gekauft hast? Erzähl mal!«
Petra leckte den Sahnelöffel ab und ließ sich entspannt in den Gartenstuhl zurücksinken. Sie
zwinkerte ihrem Mann auffordernd zu. »Ja, mein Lieber, schieß los! Du solltest die günstige
Gelegenheit nutzen. Solange ich satt und zufrieden bin, rege ich mich nämlich nicht so leicht auf.«
»Nun, mein Geschäftsfreund Rüdiger hat mir heute früh von einem Pony erzählt, das bei ihm in der
Nachbarschaft stehe und um das sich anscheinend niemand mehr richtig kümmerte«, erwiderte Kurt
gutmütig. »Rüdiger versteht zwar nichts von Pferden, aber er hat beobachtet, dass das Pony bei Wind
und Wetter ohne Schutz draußen stand und ganz unregelmäßig gefüttert wurde. Er hat sich umgehört
und herausgefunden, wem das Pony gehört: einem ortsansässigen Landwirt, der das Tier vor ein paar
Jahren für seine Kinder gekauft hat. Wanja hat sie ein paarmal abgeworfen und da haben sie schnell
das Interesse verloren. Der Bauer hat dem armen Kerl dann nur noch Heu und Stroh hingeworfen und
ihn ansonsten sich selbst überlassen. Rüdiger gab mir also die Adresse und ich fuhr kurz entschlossen
hin. Herr Knudsen, so heißt der Landwirt, war zuerst reichlich patzig. Aber als ich durchblicken ließ,
dass ich Kaufinteresse hätte, änderte sich seine Laune.«
»So eine Sauerei«, warf Klara dazwischen. »Wie kann man ein Pony kaufen und es dann
vernachlässigen?«
»Ja, so etwas passiert leider immer wieder«, sagte Petra nachdenklich. »Tiere werden unüberlegt
angeschafft, und wenn sie dann zur Last fallen und unbequem werden, packt man sie zur Seite wie ein
altes Sportgerät. Es ist unglaublich, wie viel Elend durch so verantwortungsloses Verhalten entsteht.«
»Ich wusste, dass du so denkst.« Kurt zwinkerte Petra zu. »Darum habe ich auch keine Sekunde
gezögert. Ich habe dem Landwirt das hochgerechnete Futtergeld für die letzten zwei Jahre geboten und
er war erleichtert, dass er den nutzlosen Fresser vom Hof hatte.«
»Das war echt stark von dir, Kurt!« Timm boxte ihm freundschaftlich gegen den Oberarm.
»Ja, das finde ich auch«, schloss Rike sich an.
Alle nickten, auch Petra, die der Erzählung skeptisch zugehört hatte. »Ja, da hätte wohl jeder von
uns etwas unternommen. Trotzdem war es ziemlich übereilt. Wanja ist in keinem guten Zustand. Die
Tierärztin muss ihn untersuchen, der Schmied muss die Hufe ausschneiden. Und das ist nicht alles!
Was fange ich mit einem verwilderten, halbstarken Hengst an? Offensichtlich ist er nie richtig geritten
worden. Wahrscheinlich war er roh angeritten, als er in diese unglückselige Familie kam – aber das
ist Jahre her! Wir müssen mit Wanja bei null anfangen.«
Klara strahlte. »Ist doch toll!«, rief sie. »Ich glaube, Wanja ist ein super Pony. Wir müssen ihm
vertrauen und er uns, dann klappt der Rest von allein.«
»Hoffentlich hast du recht!« Petras sorgenvoller Miene war anzusehen, dass sie nicht ganz an
Klaras heitere Prophezeiung glaubte.
Ausgerechnet Wanja?

»Ich habe meinen Eltern gestern gesagt, dass ich mich um Wanja kümmern möchte«, erzählte Klara am
nächsten Morgen in der Schule. »Ich bin die Einzige von uns, die noch kein eigenes Pflegepony hat.
Bis jetzt war mir das ziemlich egal. Ich mag jedes einzelne Pony vom Wiesenhain und zum Reiten gibt
Petra mir sowieso verschiedene Pferde. Trotzdem ist es anders, wenn man ein eigenes hat, eins, für
das man verantwortlich ist.«
»Klar, das verstehe ich total«, erwiderte Rike. »Ich kümmere mich um Adjasina und Timm hat
Silberhall. Auch die anderen haben ihre speziellen Lieblinge auf dem Ponyhof. Aber ausgerechnet
Wanja? Ich habe gestern jedenfalls echt einen Schrecken bekommen, als er so wild aus dem
Transporter sprang und Kurt hinter sich herzog! Was haben denn deine Eltern dazu gesagt?«
Klara zögerte. »Na ja, ich habe ihnen nichts von Wanjas stürmischem Auftritt erzählt. Ich habe ihn
als nettes, vernachlässigtes Pony beschrieben. Stimmt ja auch, oder?«
»Hm, da kann man geteilter Meinung sein.« Timm war unbemerkt hinter die beiden Mädchen
getreten und hatte Klaras letzte Worte gehört. »Meine Schwester war gestern Abend im Stall. Ich kann
euch sagen: Wanja sorgt ganz schön für Aufregung!«
Natürlich kannten die Mädchen Timms ältere Schwester Simone Carstens, die junge Tierärztin,
und sie hörten gespannt zu, was Timm berichtete.
»Wanja hat die Box auseinandergenommen, als Simone ihn anfassen wollte. Meine Schwester ist
ja hart im Nehmen, aber sie hat gesagt, so einem Teufel habe sie noch nie gegenübergestanden. Mit
Müh und Not konnten Kurt und Petra den Wildfang so weit bändigen, dass Simone ihn oberflächlich
untersuchen konnte. Falls euch das beruhigt: Er ist kerngesund. Heute Nachmittag kommt der Schmied.
Der tut mir leid!«
»Armer Wanja«, flüsterte Klara. »Bestimmt hat er bloß Angst und benimmt sich deshalb so wild.
Er ist den Umgang mit Menschen einfach nicht gewöhnt.«
»Trotzdem«, entgegnete Rike. »Willst du es dir nicht lieber noch einmal überlegen? Mir wäre
Wanja ehrlich gesagt zu gefährlich.«
»Ich muss natürlich Petra fragen, ob sie überhaupt einverstanden ist«, erwiderte Klara. »Und
meine Eltern meinen, wenn ich noch mehr Zeit im Stall verbringe, leiden meine anderen Hobbys
darunter. Ich soll mich entscheiden. Alles auf einmal geht nicht, haben sie gesagt.« Klara griff nach
ihrer Tasche. Die Schulglocke hatte geläutet und sie mussten in den Biologieunterricht.
»Ich finde, da haben deine Eltern recht«, sagte Rike, als sie neben ihrer Freundin die Treppe zum
dritten Stock emporstieg. »Du machst ziemlich viel und so ein Pferd wie Wanja braucht Zeit und
Aufmerksamkeit.«
»Ja, deshalb habe ich mich entschieden, mit dem Klavierunterricht aufzuhören.« Klara öffnete die
Tür zum Biologieraum und ließ Rike und Timm den Vortritt.
»Was?«, fragte Rike entgeistert. »Fällt dir das nicht unheimlich schwer?«
»Na ja, ich habe die halbe Nacht wach gelegen und nachgedacht. Ich habe sogar eine Pro-und-
Kontra-Liste aufgestellt.« Sie gähnte und hielt sich die Hand vor den Mund. »Aber dann habe ich
Wanja vor mir gesehen, so klein und verwirrt. Mit einem Mal war es ganz einfach. Ich spiele seit
meinem sechsten Lebensjahr Klavier, und da ich nicht vorhabe, Konzertpianistin zu werden, denke
ich, dass es jetzt reicht. Wir haben zu Hause ein Klavier, ich kann üben, wann ich will. Ich pfeife auf
den Unterricht. Nee, jetzt ist Wanja dran! Und wenn heute der Schmied kommt, werde ich im Stall
sein.«
Klara lachte fröhlich und Rike und Timm, die die Entschlossenheit ihrer Freundin kannten,
wussten, dass sie sich entschieden hatte.

Herr Kruse, der Hufschmied, war ein erfahrener und sehr besonnener Mann. Mit seiner mobilen
Schmiede fuhr er über die Dörfer und besuchte Gestüte und ländliche Reitvereine. In seinem
Berufsleben hatte er schon Hunderte von Pferden und Ponys beschlagen, aber jetzt stand er mit
ratlosem Gesicht vor Wanjas Box und zupfte sich nachdenklich am Ohrläppchen. »Junge, Junge«,
brummte er, »der hat Dynamit im Leib!«
»Hat er nicht!«, rief Klara. »Sie müssen freundlich mit Wanja sprechen, dann ist er ganz lieb.« Sie
stand mit Rike und Timm am Ende der Stallgasse. Petra hatte ihnen nicht erlaubt, sich Wanjas Box zu
nähern, solange der Schmied beschäftigt war.

»Klara, pst! Herr Kruse weiß am besten, wie er mit Pferden umzugehen hat. Halt dich bitte raus!«
Petra warf einen ärgerlichen Blick in Klaras Richtung und wandte sich wieder dem widerspenstigen
Problempferd zu.
Wanja stand mit gesenktem Kopf in seiner Box und schielte mit einem Auge misstrauisch unter
seinem dicken Stirnschopf hervor. Sobald Petra oder Herr Kruse versuchten, die Boxentür zu öffnen,
schnaubte er warnend, drehte sich blitzschnell um und hob ein Hinterbein. Keinen Schritt näher!,
bedeutete diese Geste. Petra Lemke und der alte Hufschmied, genervt bis zum Gehtnichtmehr, hoben
wie auf Kommando die Brauen.
»Die Tierärztin hat gestern ein Beruhigungsmittel für Wanja dagelassen«, sagte Petra. »Ich hab’s
ihm vorhin unter das Futter gemischt – es müsste längst wirken.«
»Ist das gemein!«, schimpfte Klara leise. »Jetzt wird er auch noch unter Drogen gesetzt.«
»Wenn es meine Schwester für nötig hält, Wanja ein Mittel zu geben, ist das bestimmt in Ordnung«,
tröstete Timm.
Rike schloss sich seiner Meinung an: »Ja, das glaube ich auch, Klara. Sonst wäre es doch viel zu
gefährlich für ihn. Stell dir vor, er flippt beim Hufebeschneiden aus und verletzt sich.«
Klara seufzte. »Wahrscheinlich habt ihr recht. Trotzdem tut er mir leid.«
Schließlich wagte es Herr Kruse, die Boxentür zu öffnen. Das Beruhigungsmittel schien endlich zu
wirken. Wanja legte die Ohren an und schlug mit dem Schweif, als ihm der fremde Mann nahe kam.
Klara hielt die Luft an. Sie ließ das schwarze Pony nicht eine Sekunde aus den Augen.
Petra folgte Herrn Kruse und streifte Wanja schnell ein leichtes Halfter über.
Der Rappe hielt den Kopf gesenkt und döste. Petra musste ihn gar nicht festhalten.
»So, jetzt aber schnell, Herr Kruse«, riet sie bestimmt. »Ich weiß nicht, wie lange die Wirkung des
Mittels anhält. Auf jeden Fall müssen wir bis dahin fertig sein, sonst bricht hier die Hölle los.«
Der Hufschmied schnappte seine schwere Tasche und machte sich an die Arbeit. Ruhig legte er
sich nacheinander jeden einzelnen Huf auf den lederbeschürzten Schoß, raspelte und feilte ihn in
Form. Schließlich richtete er sich zufrieden auf.
»Puh, das hätten wir geschafft!« Mit einem großen, bunt karierten Taschentuch wischte er sich den
Schweiß von der Stirn. »Braver Junge«, lobte er Wanja, während er dem benommenen Pony den Hals
klopfte.
Petra nahm dem Hengst das Halfter ab und nutzte die Gelegenheit, Wanjas verfilzte Mähne ein
wenig mit den Fingern zu entwirren.
»Uff«, seufzte sie erleichtert, als sie die Boxentür hinter sich verschloss, »das wäre überstanden.«
»Hoffentlich erholt er sich«, jammerte Klara.
Petra runzelte die Stirn. »Hey, Klara, du stellst dich doch sonst nicht so an«, wunderte sie sich.
»Im Zoo werden laufend Tiere betäubt, wenn Maul- und Klauenpflege ansteht. Und wenn
ausgewachsene Elefanten und Tiger sich von so einer Betäubung erholen, wird Wanja es auch
verkraften. Ich greife nicht gern zu solchen Methoden, aber manchmal gehts halt nicht anders. Lassen
wir ihn weiterdösen, bald ist er wieder ganz der Alte. Ach ja, habt ihr noch ein bisschen Zeit?«,
wandte sie sich an die Ponyfreunde. »Ich könnte eure Hilfe brauchen.«
Draußen bezahlte Petra den wartenden Schmied, bevor sie Rike, Klara und Timm zu einem
Holzstoß führte.
»Ich habe Bretter bestellt«, erklärte sie. »Kurt und ich wollen für Wanja einen Paddock bauen.
Dann kann er rein und raus, wie er will. Er braucht schließlich frische Luft und Bewegung, und
solange ich ihn nicht zur Herde lassen kann, ist so ein Paddock genau das Richtige.«
»Super Idee! Ein Paddock ist ein kleiner Auslauf an der Box, oder?«
»Genau, Timm.« Petra nickte. »Wanjas Box hat eine Verbindungstür nach draußen. Wir müssen
also einen stabilen Zaun anbauen, die Tür aushängen und fertig ist die Laube. Ich habe extrastarke
Bretter bestellt«, fügte sie grinsend hinzu.
Klara und Rike machten sich mit Feuereifer daran, die Fläche für den Auslauf auszumessen und zu
markieren, während Timm mit Petra die Bretter sortierte. Tipp und Jojo spielten unterdessen Fangen.
Klara spürte die warme Sonne auf der Haut und pfiff fröhlich vor sich hin. Der Job machte ihr
doppelten Spaß, weil sie wusste, dass es Wanja zugutekam. Sie nahm sich vor, schon bald mit Petra
zu reden. Wanja musste unbedingt ihr Pflegepferd werden! Er stand so verlassen in seiner Box und
machte gar keinen glücklichen Eindruck.
»Aber das werde ich bald ändern«, sagte Klara laut und bemerkte nicht, dass Rike sie verwundert
ansah.

Schon bald standen die ersten Pfosten in einem kleinen Halbrund. Timm hatte sein T-Shirt ausgezogen
und schlug die Begrenzungspfähle mit einem Holzhammer tief in den Boden. Petra sägte Latten zurecht
und Rike und Klara nagelten sie an den Pfosten fest.
Obwohl Klara einen Splitter im Daumen und Blasen an den Handflächen hatte, achtete sie kaum
darauf. Ab und zu spuckte sie in die Hände und klopfte weiterhin unverdrossen Nagel um Nagel in
das feste Holz.
»Wow!« Timm warf begeistert den Hammer zur Seite. Der letzte Pfosten stand und er lehnte sich
höchst zufrieden darauf. »Ein echt nobles Pferdehotel!«
»Ja, stimmt – Zimmer mit Aussicht!«, ergänzte Rike.
»Und mit Vollpension.« Petra zog ihre Arbeitshandschuhe aus. »So, Feierabend! Das reicht für
heute«, meinte sie energisch, »den Rest mache ich morgen gemeinsam mit Kurt. Ihr habt genug
geschuftet. Vielen Dank, ihr Lieben! Kommt, ich gebe einen aus.«
Die Freunde wuschen sich Hände und Gesicht und folgten ihrer Reitlehrerin in den schattigen
Garten. Petra stellte einen Krug eisgekühlten Himbeersaft und ein paar Gläser auf den Tisch.
»Greift zu«, bot sie an, »ihr habt es euch verdient.«
Klara trank hastig ihr Glas leer. Jetzt oder nie, dachte sie mit klopfendem Herzen.
»Du, Petra«, begann sie zaghaft, »wer soll sich eigentlich um Wanja kümmern? Ich weiß, dass es
vielleicht noch zu früh ist, aber er braucht doch jemanden, der ihm hilft, sich einzugewöhnen.«
Petra blinzelte nachdenklich in die tief stehende Sonne. »Darüber habe ich mir auch schon den
Kopf zerbrochen«, erwiderte sie. »Er braucht auf jeden Fall eine Bezugsperson, und zwar so schnell
wie möglich. So, wie er bisher herumgeschubst wurde, ist das eine schwierige Aufgabe. Ich habe
leider nicht die Zeit, mich so intensiv um ihn zu kümmern, wie ich gerne möchte. Eigentlich gehört er
ja Kurt, aber der hat noch weniger Zeit – und es fehlt ihm an Erfahrung.«
Timm schmunzelte. Er trat Rike unter dem Tisch leicht gegen das Schienbein und sagte locker:
»Also, ich wüsste da jemanden …«
Rike grinste, als sie Klaras erschrockene Miene sah, und bestätigte: »Ich auch.« Sie zwinkerte
ihrer Freundin zu.
Endlich begriff Klara: Die Freunde meinten sie! Klara kicherte leise.
»Kann es sein, dass ich etwas nicht mitgekriegt habe?«, fragte Petra begriffsstutzig. »Ihr drei brütet
etwas aus. Los, raus mit der Sprache!«
»Klara!«, riefen Rike und Timm wie aus einem Mund.
»Klara will sich um Wanja kümmern!«
Klara nickte entschlossen.
»Du? Wie kommst du denn auf die Idee?« Petra setzte sich kerzengerade auf. »Nein, Klara, schlag
dir das aus dem Kopf. Das ist viel zu gefährlich!«
»Aber ich habe schon mit meinen Eltern gesprochen«, verteidigte sich das Mädchen. »Ich höre
sogar mit dem Klavierunterricht auf, damit ich genug Zeit für Wanja habe. Bitte, Petra, sag Ja!«
»Nein, das kann ich nicht erlauben.« Petra blieb stur. »Nicht Wanja. Tut mir leid, Klara.«
»Doch Wanja!«, begehrte Klara auf. Sie hatte sich wie von der Tarantel gestochen erhoben. Ihr
Gesicht glühte. »Gerade Wanja! Er braucht mich, ich spüre das genau.«
Rike zog ihre Freundin am Ärmel auf den Stuhl zurück. Klara versuchte, sich zu beruhigen.
»Alle haben ein Pflegepferd«, fuhr sie etwas leiser fort, »nur ich nicht. Bis jetzt wollte ich auch
gar keins, aber mit Wanja ist es anders. Bitte, sag Ja!«
Timm kam Klara zu Hilfe. »Du musst dich ja nicht sofort entscheiden«, wandte er geschickt ein.
»Schlaf eine Nacht darüber – dann sagst du Bescheid.«
»Ihr seid vielleicht ’ne Bande!«, stöhnte Petra mit gespielter Verzweiflung. »Gegen euch hab ich
keine Chance. Aber gut, ich werde es mir überlegen. Bis morgen, abgemacht?«
»Abgemacht!«, rief der Ponyclub im Chor.
Klara war zufrieden. Mehr konnten sie im Moment nicht erreichen. »Danke«, flüsterte sie ihren
Freunden zu.
»Ehrensache.« Timm hielt den Daumen hoch. »Der PCL geht schließlich gemeinsam durch dick
und dünn.«
Petra stand auf und räumte den Tisch ab. »Bevor ich’s vergesse«, sagte sie, »ich habe noch eine
Bitte: Ende des Monats wird unser Wintervorrat an Heu und Stroh geliefert. Wir brauchen möglichst
viele Helfer, damit wir die Ernte an einem Tag in die Scheune kriegen. Vielleicht kennt ihr jemanden,
der ein paar Euro verdienen möchte. Viel bezahlen kann ich zwar nicht, aber dafür gibt es gekühlte
Getränke und Würstchen vom Grill.«
»Ich habe heute Abend Handballtraining«, kündigte Timm an. »Ich frage mal die Jungs. Ein oder
zwei von ihnen machen bestimmt mit.«
Klaras Herz schlug plötzlich schneller. »Spielt Momo nicht auch Handball?«, fiel ihr ein.
»Momo Köhler? Klar, der ist seit ewigen Zeiten in der Schülermannschaft«, erwiderte Timm.
»Momo ist unser bester Werfer. Warum?«
»Och, nur so.« Klara drehte sich schnell um. »Dann also bis morgen – tschüs!«, verabschiedete sie
sich von Petra.
»Tschüs, Klara, bis morgen«, sagte Petra und drückte Klaras Hand besonders fest.

Auf dem Nachhauseweg war Klara schweigsam. Sie dachte an Wanja – aber das war nicht alles…
Sie lenkte ihr Rad dicht neben das von Timm.
»Meinst du, dass Momo Köhler bei der Ernte mithilft?«, fragte sie möglichst locker.
»Momo? Kann gut sein«, brummte Timm gutmütig. »Wieso, kennst du ihn?«
»Nee, leider noch nicht«, rief Rike von der Seite, »aber das kann sich ja schnell ändern!«
»Du bist doof!«, zischte Klara ihrer Freundin zu. Sie ließ sich zurückfallen und streckte Rike die
Zunge raus. »Musst du es gleich an die große Glocke hängen, dass ich Momo gut finde? Timm geht
das echt nichts an.«
»Klara«, flötete Rike, »dass du seit einem Jahr in Momo verknallt bist, weiß inzwischen die halbe
Schule. Ist doch nichts Schlimmes.«

»Mir ist das peinlich«, sagte Klara unsicher.


Rike nahm eine Hand vom Lenker und legte sie ihrer Freundin auf den Arm. »Die meisten wissen
es«, sagte sie. »Nur Momo nicht. Ich finde, es wird Zeit, dass sich das ändert. Abwarten, vielleicht
hilft er tatsächlich bei der Ernte im Wiesenhain!« Rike gab Klara einen aufmunternden Stups und fuhr
an Timms Seite.
Klara stellte sich vor, Momo stünde plötzlich im Stall vor ihr: Wahrscheinlich würde ich im
Erdboden versinken und sterben, dachte sie seufzend und trat in die Pedale, um ihre Freunde
einzuholen.
Klaras Entdeckung

Petra war gereizt und kaum ansprechbar. »Ich weiß nicht, wo mir der Kopf steht«, wehrte sie jeden
ab, der in ihre Nähe kam. »Später, ja?«, vertröstete sie alle.
Boris hatte durch die Unachtsamkeit einer Reiterin Satteldruck bekommen und fiel für längere Zeit
aus; die Tierärztin hatte festgestellt, dass Jorinde Zwillingsfohlen erwartete, und die Heuernte stand
kurz bevor.
Klara sah ein, dass es sinnlos war, ihre Reitlehrerin zu bedrängen. Seit Tagen wartete sie auf die
Entscheidung, ob sie sich um Wanja kümmern durfte oder nicht. Petra schien das schwarze Pony
schlichtweg vergessen zu haben. Einerseits verstand Klara das nicht; andererseits tat sie somit
wenigstens nichts Verkehrtes, wenn sie Wanja jeden Tag besuchte. Petra hatte es ihr zwar nicht gerade
erlaubt, aber auch nicht ausdrücklich verboten.

Wanja stand in seinem Paddock und sah noch mürrischer aus als vorher. Mit selbstbewussten
Schritten ging Klara auf die Umzäunung zu und rief schon von Weitem: »Wanja! Ho, Wanja!«
Wie immer, wenn es die Stimme des Mädchens hörte, spitzte das Pony die Ohren und stand still.
»Hallo, mein Kleiner.« Klara legte die Unterarme auf die Umzäunung und betrachtete den Hengst.
Er hob den Kopf und erwiderte ihren Blick ohne Scheu.
»Du bist traurig, hm? Fühlst du dich einsam und allein gelassen?« Klara zog die Arme zurück und
bückte sich. Wie in Zeitlupe schob sie ein Bein durch den Lattenzaun und zog das andere nach. Wanja
beobachtete jede ihrer Bewegungen aufmerksam. Er schnaubte.
»Ruhig, mein Süßer, ganz brav«, besänftigte ihn Klara. »Ich tu dir nichts.«
Bedächtig schlüpfte sie nun ganz durch den Zaun, ohne den Blick von Wanja zu nehmen. Ihr Herz
schlug heftig. Selbst im Paddock behielt sie die gebückte Haltung bei. Immerhin wusste sie nicht, wie
Wanja auf ihren Besuch reagieren würde, deshalb musste sie sich eine Fluchtmöglichkeit offenhalten.
Mit schnorchelndem Atem sog Wanja die Luft ein und versuchte, Klaras Witterung aufzunehmen. Er
schüttelte leicht den Kopf, blieb zu Klaras Erleichterung aber wie angewurzelt stehen.
»Du bist ein Lieber!« Klara richtete sich auf und streckte eine Hand aus. »Kleiner Wanja.« Schritt
für Schritt ging sie auf ihn zu. Sie stand jetzt so dicht vor ihm, dass er nur die Nase recken musste, um
sie zu beschnuppern. Er machte den Hals lang und berührte ihre Hand mit weichen Lippen. Klara hielt
sogar die Luft an, um Wanja nicht zu erschrecken.
Der Hengst knabberte an ihrem T-Shirt und prustete. Klara hob leicht die Hand, um das Pony zu
streicheln, doch Wanja nahm ruckartig den Kopf nach oben und warf sich zur Seite. Wütend schnaubte
er und scharrte wie ein junger Stier mit dem Vorderhuf im Sand.

»Bleib ganz ruhig, hörst du?« Klara tapste rückwärts, bis sie mit den Schulterblättern gegen die
hölzerne Umgrenzung des Paddocks stieß. »Ich bin schon wieder weg!« Geschickt schlüpfte sie durch
die Querlatten des Zauns und blieb heftig atmend stehen.
Wanja trabte unruhig in seinem Paddock auf und ab und knallte mit der Brust gegen die Bande.
»Oh Mann«, entfuhr es Klara, »was ist nur mit dir los?«
»Ich versteh das nicht«, beklagte sie sich später bei ihren Freunden. »Zuerst war er richtig
zutraulich, aber dann hat er ohne Grund gescheut. Er war wie ausgewechselt!«
Der Ponyclub saß im Clubraum unterm Dach und beratschlagte über Wanja.
»Vielleicht hatte er doch einen Grund«, gab Rike zu bedenken. »Wahrscheinlich hat ihn etwas
erschreckt, ein Geräusch oder eine Bewegung von dir.«
»Quatsch«, entgegnete Klara bestimmt. »Ich habe mich im Zeitlupentempo bewegt. Da war nichts,
was ihn erschreckt haben könnte, rein gar nichts.«
Timm stand auf und ging in dem kleinen Raum auf und ab. »Das ist wirklich merkwürdig«,
überlegte er. »Wir werden schon herausfinden, weshalb er durchdreht. Es scheint allerdings
schwieriger zu sein, als wir angenommen haben.«
»Stimmt.« Rike legte einen Arm um Klaras Schulter. Sie spürte, wie zerknirscht ihre Freundin war.
»Timm hat sicher recht. Trotzdem solltest du solche Alleingänge in Zukunft vielleicht lieber
vermeiden. Wenn Wanja auf dich losgegangen wäre, hätte dir keiner helfen können.«
Klara senkte den Kopf. Ihr war zum Heulen zumute. »Okay, gleich morgen rede ich mit Petra«,
entschloss sie sich. »Sie muss mir endlich die Erlaubnis geben, damit wir Wanja helfen können. Dann
ist Schluss mit der Heimlichtuerei.«
»Lass den Kopf nicht hängen! Ich hab übrigens eine gute Nachricht, die dich hundertprozentig
aufheitern wird.« Timm grinste.
»Und das wäre?« Klara runzelte die Stirn.
»Ich habe Momo gefragt«, antwortete Timm, »und er hat Ja gesagt. Er hilft uns bei der Ernte.«
»Oh nein, auch das noch!«, stöhnte Klara. Aber sie konnte schon wieder ein bisschen lachen.

In dieser Nacht schlief Klara schlecht. Sie träumte von Wanja. Sie war mit ihm allein in einem
umzäunten Gatter. Er riss die Augen so weit auf, dass Klara das Weiße darin sehen konnte. Als sie
das Pony zu streicheln versuchte, schnaubte und wieherte es vor Wut, stieg und schlug mit den
Vorderhufen nach ihr. Schließlich fing Klara an zu laufen. Sie erreichte den Zaun, spürte den heißen
Atem des Hengstes im Nacken. Der Zaun war zu hoch, Klara kam nicht hinüber. Wanja sperrte das
Maul auf, bleckte die Zähne und…
Schweißgebadet wachte Klara auf. Sie zitterte. Erst Minuten später konnte sie sich dazu aufraffen,
das Fenster zu schließen. Der Vollmond stand am Himmel. Unzählige Sterne funkelten und der laue
Nachtwind wiegte die Zweige der Obstbäume im Garten hin und her.
Klara seufzte. Was Wanja wohl gerade machte? Strich er ruhelos in seinem Auslauf herum? Oder
lag er friedlich im Stall und schlief unbekümmert einem neuen Tag entgegen?
Und Momo? In der Schule beachtete er sie überhaupt nicht. Wahrscheinlich würde er sie auch bei
der Ernte übersehen.
Warum ist alles so kompliziert?, dachte Klara. Sie zog die leichten Gardinen zu und schlüpfte
zurück unter die weiche Bettdecke. Es dauerte lange, bis ihre Augen wieder zufielen, aber dann
schlief sie traumlos bis in den frühen Morgen.

»Okay, Klara«, sagte Petra. »Dann versuch dein Glück.« Die Reitlehrerin stand mit Klara am Gatter
von Wanjas Auslauf und gab sich alle Mühe, das Pony heranzulocken. »Aber sei vorsichtig, hörst du?
Du bist meine erfahrenste und beste Reiterin und ich weiß, dass ich mich auf dich verlassen kann.
Sollte ich aber feststellen, dass du zu viel riskierst oder dass es zu gefährlich wird, ist Schluss,
verstanden?«
Klara nickte. »Danke«, sagte sie, mehr nicht. In ihr jubelte es. Liebevoll betrachtete sie das
struppige Pony.
»Fang ganz behutsam an«, fuhr Petra fort. »Am besten gewöhnst du ihn zunächst ans Putzen. Der
arme Kerl ist bestimmt seit Jahren nicht richtig gestriegelt worden. Ans Reiten ist vorläufig nicht zu
denken. Du musst Schritt für Schritt vorgehen.«
»Alles klar, Petra. Ich mache alles genau so, wie du es sagst«, erwiderte Klara. »Versprochen.«
»Dann ist ja gut.« Petra wandte sich um. »Ich muss zum Unterricht. Wenn du willst, fang ruhig
schon an, mit Wanja zu arbeiten. lch bin in Rufweite, falls du mich brauchst.«
Klara holte ihre Putzkiste aus dem Stall und nahm im Vorbeigehen einen großen Apfel aus dem
Korb in der Geschirrkammer. Sie schob die Putzkiste unter dem Lattenzaun hindurch und kletterte
hinterher.
Wanja döste im Schatten vor sich hin. Klara tat, als beachtete sie ihn nicht. Sie stellte die
Kunststoffkiste mit den Bürsten, Striegeln, Lappen und Hufkratzern in der Mitte des Paddocks auf den
Boden und brach dann den Apfel in zwei Hälften. Eine Hälfte legte sie dicht neben die Kiste, mit der
anderen setzte sie sich am Rand des Paddocks in die Sonne und wartete.
Wanja verscheuchte gerade ein paar lästige Fliegen mit dem Schweif und schüttelte die dicke
Mähne. Er musterte Klara, dann die merkwürdige Kiste, gähnte und streckte sich. Mit gelangweiltem
Gesicht, die Nase dicht über dem Boden, schlenderte er schließlich in die Mitte des Auslaufs und fing
neugierig an, die Putzkiste zu untersuchen. Vorsichtig pustete er hinein und schnoberte mit der Nase in
den weichen Lappen. Nun roch er den Apfel, nahm ihn mit den Lippen auf und zermalmte ihn
genüsslich. Schaum triefte von seiner Unterlippe. Klara hielt den Atem an. Behutsam stand sie auf und
hielt Wanja die andere Hälfte des Apfels hin. »Willst du mehr, mein Süßer?«, fragte sie mit dunkler
Stimme. »Komm her, hol ihn dir!«
Wanja rührte sich nicht. Stattdessen blähte er die runden Nüstern und nickte.
Mit ausgestreckter Hand ging Klara langsam auf ihn zu. Als sie ihm die Apfelhälfte unter das Maul
hielt, nahm Wanja sie sanft von der flachen Hand und zerbiss sie krachend. Dann senkte er den Kopf
erneut in die Putzkiste und knabberte an einer Wurzelbürste.
Klara lachte. »Nein, das ist nichts zum Fressen!« Erschrocken ließ Wanja die Bürste fallen. Klara
griff danach und hielt sie ihm hin, damit er daran schnuppern konnte. Mit der anderen Hand begann
sie, das schwarze Fell des Ponys zu kraulen. Weil Wanja es sich ruhig gefallen ließ, wurde Klara
mutiger. Sie fing an, ihn sanft abzubürsten. Ab und zu entfernte sie mit den Fingern einen verfilzten
Knoten im Fell, während sie ein beruhigendes Lied summte.

Wanja stand wie ein Denkmal. Er schien die Behandlung zu genießen. Den Kopf hatte er hoch
erhoben, sein Blick ging in die Ferne. Nur mit den feinen Ohren spielte er und drehte sie hin und
wieder in Klaras Richtung.
Nachdem Klara die linke Seite des Rappen geputzt hatte, trat sie einen Schritt zurück und
betrachtete stolz ihr Werk. Die schlimmsten Verkrustungen waren weg und das Fell glänzte sogar ein
bisschen.
»So, jetzt die andere Hälfte«, kündigte Klara gut gelaunt an und ging um Wanja herum.
Da passierte es: Der Hengst wieherte entsetzt und warf sich zur Seite. Seine Flanken bebten,
schnaubend senkte er den Kopf.
Klara ließ vor Schreck die Wurzelbürste fallen. »Oh Mann, Wanja«, entfuhr es ihr. »Was ist denn
jetzt los?« Sie streckte eine Hand aus und berührte Wanjas linke Schulter. Der Hengst prustete und
drehte den Kopf zur Seite, ließ es aber geschehen.
»Komisch«, murmelte Klara. »Du bist ein seltsames Pony, weißt du das?«
Sie stand direkt vor Wanja. Langsam hob sie die linke Hand und führte sie an Wanjas rechtem
Auge vorbei. Wanja stand genauso still wie vorher. Als Klara ihn jedoch an der Schulter berührte,
zuckte er zusammen und machte einen Schritt zur Seite. Wieder drehte er den Kopf in Klaras
Richtung.
»Oh nein!« Klaras Stimme klang heiser.
Sie versuchte es noch einmal. Wenn sie Wanjas linke Seite berührte, hielt er still und beobachtete
sie aufmerksam. Sobald sie aber an seine rechte Seite kam, wurde er unruhig.
»Das… das darf doch nicht wahr sein!«
Klara überlegte. Schließlich schnappte sie sich einen Putzlappen aus der Kiste und wedelte damit
sacht vor Wanjas Kopf hin und her. Mit dem linken Auge folgte Wanja den Bewegungen. Das rechte
blieb merkwürdig starr und ausdruckslos.
»Meine Güte«, flüsterte das Mädchen, »du bist ja blind! Wanja, dein rechtes Auge ist blind!«
Tränen rannen über Klaras Wangen.
Wanja stupste sie freundlich an.
»Du Armer!« Klara strich dem Schwarzen über die Stirn. »Du bist blind – und keiner hat etwas
gemerkt!«

»Blind? Wie kommst du denn darauf?« Die Reitlehrerin runzelte die Stirn.
Klara führte Petra zu Wanjas Paddock und wedelte mit dem Putzlappen vor dem Gesicht des
Ponys. Petra schaute schweigend zu.
»Du hast recht.« Sie kletterte in den Paddock und ging von links auf Wanja zu.
Der Hengst spitzte die Ohren und verhielt sich absolut ruhig. Petra klatschte in die Hände. Wanja
zuckte nicht einmal. Rechts klatschte Petra erneut und Wanja sprang zur Seite. Erschrocken drehte er
den Kopf, um die Geräuschquelle zu suchen. Petra streckte die Hand aus und berührte Wanjas rechte
Schulter. Der Hengst wich aus.
»Ja, ich glaube, das ist ziemlich eindeutig«, bestätigte Petra. »Wenn wir von links kommen, kann er
uns sehen und bleibt ruhig. Er weiß, dass keine Gefahr droht. Nähern wir uns aber von rechts, ist er
überfordert. Er spürt eine unerwartete Berührung und bekommt Angst, will fliehen. Es ist
unglaublich! Alles, was sich auf seiner blinden Seite abspielt, bedeutet Stress: Bewegungen,
Berührungen, Geräusche … einfach alles. Warum ist mir das nicht früher aufgefallen?«
Klara zuckte mit den Schultern. »Die Hauptsache ist doch, dass wir es jetzt wissen.«
Momo

Am nächsten Tag kam Simone Carstens. Die Tierärztin machte ein paar Tests mit Wanja und
untersuchte ihn gründlich.
Wanja trat nervös von einem Huf auf den anderen, aber Petra stand an seiner linken Seite, hielt ihn
am Halfter und sprach beruhigend auf ihn ein. Die Mitglieder des Ponyclub Löwenzahn und ein paar
Reiterfreunde aus der Abteilung lehnten am Zaun und sahen neugierig zu.
Klara war so aufgeregt, dass sie die Fingernägel in die Handflächen bohrte. Sie beobachtete, wie
Simone erst mit einer Taschenlampe in Wanjas blindes Auge leuchtete und dann mit einem
merkwürdigen Instrument, das wie ein kleiner Trichter geformt war, dicht an das Auge heranging und
hineinsah. Simone nickte und wechselte ein paar Worte mit Petra. Klara schien es wie eine Ewigkeit,
bis die Tierärztin endlich an den Zaun trat.
»Es stimmt«, sagte sie, »Wanja ist auf dem rechten Auge blind.« Nachdenklich betrachtete sie den
Hengst. »Ob von Geburt an, durch eine spätere Virusinfektion oder einen Unfall kann ich im
Nachhinein nicht feststellen. Im Moment ist das ja auch zweitrangig. Tatsache ist, dass die Pupille des
blinden Auges noch ganz minimal reagiert.«
»Was bedeutet das?«, wollte Klara wissen.
Simone sah sie freundlich an. »Nun, das bedeutet, dass Wanja wahrscheinlich Schatten, Umrisse
oder Grautöne erkennen kann«, erklärte sie. »Ich bin kein Augenspezialist, trotzdem bin ich ziemlich
sicher. Vermutlich ist es genau das, was ihn ängstigt: Er kann die Schatten und Umrisse nicht deuten.
Er versteht einfach nicht, was sich vor seinem blinden Auge abspielt.«
»Das ist ja schrecklich!«, flüsterte Klara.
»Na, ganz so tragisch ist es nicht«, tröstete die Tierärztin sie. »Er wird nicht daran sterben, so viel
steht fest. Und jetzt, wo wir das Problem erfasst haben, können wir uns besser darauf einstellen, nicht
wahr?«
»Kann er überhaupt geritten werden?«, brachte Timm die unausgesprochene Frage auf den Punkt.
Seine Schwester nahm ihre Arzttasche und kletterte über den Zaun. »Aber sicher«, antwortete sie.
»Nur muss der Reiter quasi für ihn mitgucken. Er muss vorausschauen und alles ausschalten, was
Wanja beunruhigen könnte. Das ist sehr schwer.« Die Tierärztin blickte in die Runde. »Ein Tipp:
Vergesst nicht, dass ein Handicap wie Blindheit oft dadurch ausgeglichen wird, dass ein anderes
Sinnesorgan umso besser funktioniert«, fuhr sie fort. »Bei Pferden wird das ganz sicher das Gehör
sein. Also redet viel mit Wanja, und noch wichtiger: Ruft ihn, bevor ihr euch nähert. Dann kann er
euch hören und den Kopf drehen, ohne in Panik zu geraten.«
Sie wandte sich um und winkte Petra zu: »Tut mir leid, ich habe es eilig. Ich schaue in den
nächsten Tagen mal vorbei.« Zum Abschied klopfte sie Klara aufmunternd auf die Schulter. »Mach dir
keine Sorgen! Es war gut, dass du das Pony so gut beobachtet hast – Kompliment! Sogar mir ist bei
der ersten Untersuchung sein blindes Auge nicht aufgefallen, leider. Tja, so was kann passieren …
Tschüs dann!«
Die Freunde blieben unschlüssig am Zaun stehen. Petra nahm Wanja das Halfter ab und kam auf
die Kinder zu.
»In einer Viertelstunde beginnt die Reitstunde«, erinnerte sie die jungen Reiter. »Hopp, die Pferde
warten! Heute gehts ins Gelände.«
»Wir machen einen Ausritt?«, fragte Viola. »Echt?«
»Ja, das habe ich euch schon so lange versprochen«, antwortete Petra.
Während sich die Reiterinnen und Reiter jubelnd auf den Weg machten, ihre Sättel und Zaumzeuge
zu holen, blieb Klara allein an Wanjas Paddock.
Zufällig sah Timm noch einmal zurück. »Hey«, rief er, »willst du nicht mitkommen? Du kannst
Silberhall reiten. Ich nehm von mir aus Takko oder Fun.«
Klara lächelte ihn an. »Danke, Timm, nett von dir, aber ich bleibe lieber bei Wanja. Ich mag ihn
nicht allein lassen.«
Timm zögerte. »Überlegs dir«, bat er. »Ein bisschen Ablenkung und ein schöner Ausritt durch den
Wald würden dir bestimmt guttun.«
»Nein danke. Ich bleib gerne hier. Mach dir keine Sorgen, ich bin okay.«
»Na dann …« Timm musste sich beeilen, um nicht den Anschluss zu verlieren.
Klara sah zu, wie ihre Freunde aufsaßen. Petra ritt Suleika. Die junge Reitlehrerin und die
zierliche Stute passten prima zusammen, stellte Klara fest, während sie der Abteilung zuwinkte. »Ihr
seht toll aus«, lobte Klara. »Viel Spaß, und kommt heil wieder!«
Rike und Timm winkten zurück.

Klara hörte noch das Klappern der beschlagenen Hufe auf der gepflasterten Allee – es war für sie das
schönste Geräusch auf der Welt –, dann war alles ruhig.
Sie holte tief Luft. Es war ein komisches Gefühl, plötzlich allein zu sein. Aber auch ein gutes. Sie
kam sich beinahe erwachsen vor. Immerhin hatte sie jetzt für alles die Verantwortung. Sie breitete die
Arme aus und drehte sich im Kreis, immer schneller. Über ihr war nur der blaue Himmel. Sie fühlte
sich ganz leicht.
»Pass auf, dass dir nicht schwindelig wird!«, warnte plötzlich eine Stimme.
Klara blieb abrupt stehen und ließ die Arme fallen. Um sie herum drehte sich alles.
»Machst du so was öfter?« Ein blonder Junge stand vor ihr. Neben ihm lehnte ein rotes Rennrad.
»Ich kann mir zwar nicht vorstellen, dass das gesund ist, aber es scheint Spaß zu machen.« Er grinste
und Klara konnte die Sommersprossen auf seiner sonnengebräunten Nase sehen. So dicht stand er vor
ihr, dass sie die braunen Pünktchen fast zählen konnte.
Momo!, durchfuhr es Klara. Himmel! Momo steht vor mir und ich benehme mich wie eine
Verrückte.
Sie schüttelte den Kopf und strich mit einer Hand ihre zerzausten Haare glatt. »Ähm, bist du schon
lange hier?«, fragte sie unsicher. Sie spürte, dass sich ihre Wangen röteten.
»Nö, ich bin gerade erst gekommen.« Momo lachte leise, aber zu Klaras Erleichterung war es ein
sehr nettes Lachen. »Ist Timm da?«
»Nee«, sagte Klara, »der ist auf einem Ausritt. In einer Stunde ist die Abteilung wieder da, schätze
ich.«
»Ach so, und du bist allein hier?« Momo sah sich um.
»Hm, ja«, erwiderte sie. Ihr Herzschlag hatte sich beruhigt, obwohl sie nach wie vor nervös war.
»Warum?«
»Du stellst Fragen! Wie heißt du eigentlich?«
»Klara, Klara Roos.« Sie wischte sich verstohlen die Hände an der Reithose ab. Sie hatte vorhin
Wanja geputzt und vergessen, sich die Hände zu waschen.
»Hi, Klara!«

Der Junge streckte ihr die Hand entgegen. »Ich heiße Momo. Momo Köhler.«
»Weiß ich doch!«, entfuhr es Klara. Im selben Moment hätte sie sich am liebsten auf die Zunge
gebissen. Der Junge grinste schon wieder! Hastig fügte sie hinzu: »Ich meine, ich kenne dich aus der
Schule. Und aus Timms Handballmannschaft.«
»Ach ja?« Momo musterte Klaras Gesicht.
Sie stellte fest, dass er blaue Augen hatte. Die tollsten blauen Augen, die sie je gesehen hatte.
»Stimmt!«, rief Momo unerwartet. »Jetzt erkenne ich dich! Du bist in Timms Klasse, nicht? In den
Reitklamotten siehst du völlig anders aus.« Er sah Klara von oben bis unten an. »Irgendwie gut!«
Klara lief schon wieder rot an. Um Momo von sich abzulenken, trat sie an Wanjas Gatter.
»Warum bist du nicht mit auf dem Ausritt?«, wollte Momo wissen. Er stellte sich dicht neben
Klara und sah sie von der Seite an.
»Ich wollte mich ein bisschen um Wanja kümmern.« Sie deutete auf das schwarze Pony, das
neugierig zu ihnen herüberschaute, und senkte den Blick. »Er ist halb blind, weißt du? Er ist nicht
gern allein.«
Als sie Momos fragenden Blick spürte, erzählte sie ihm Wanjas Geschichte. Momo wandte die
Augen nicht eine Sekunde lang von Klaras Gesicht, während er ihr aufmerksam zuhörte. Es störte
Klara nicht, im Gegenteil: Sie fand es schön, sich mit Momo zu unterhalten, ihm von Wanja zu
erzählen.
»Tja«, schloss Klara, »das ist der Grund, warum ich auf den Ausritt verzichtet habe. Ich darf
Wanja noch nicht reiten.«
»Du meinst, du würdest dich trauen, ihn zu reiten?« Momo schien beeindruckt. »Einen halb
blinden, verwilderten Hengst? Du bist echt mutig!«
»Wieso?«, gab Klara heiter zurück. »Ich will doch nur mit ihm trainieren. Eines Tages werde ich
Wanja reiten, das verspreche ich dir. Und das wird der schönste Tag in meinem Leben.«
»Weißt du, was? Das glaube ich dir aufs Wort.« Momo nickte gedankenverloren und zum ersten
Mal an diesem Nachmittag war sein Gesicht ganz ernst.
Klara führte Momo durch die leeren Stallungen des Reiterhofs und über die Koppeln und zeigte
ihm die stille Reithalle, durch deren geöffnete Fenster Schwalben ein- und ausflogen. Sie besuchte
mit ihm die Pferde und Ponys, die nicht mit auf dem Ausritt waren.
Klara wunderte sich ein bisschen über sich selbst. Immerhin hatte sie vor ein paar Tagen noch
befürchtet, im Erdboden zu versinken, wenn sie Momo begegnete. Und jetzt stand er leibhaftig vor ihr,
lachte sie an und hörte ihr aufmerksam zu – und sie lebte noch!
Nach dem Rundgang setzten sie sich in den Schatten einer großen Ulme. Von hier aus konnte sie
Wanja sehen und die Allee im Auge behalten. In ein paar Minuten würde die Abteilung vom Ausritt
zurückkommen – leider, denn Klara wünschte, sie könnte noch möglichst lange ungestört mit Momo
unter dem Baum sitzen und in die Sonne blinzeln.
»Ich will mich heute bei Frau Lemke als Erntehelfer bewerben«, sagte Momo. Er lehnte mit dem
Rücken am Baumstamm und kaute auf einem Grashalm. »Timm hat erzählt, dass ihr Leute braucht.«

Klara richtete sich auf. Durch das dichte Blätterdach fielen vereinzelte Sonnenstrahlen und ließen
helle Flecken auf dem Gras tanzen.
»Ja, stimmt.« Sie spürte, wie ihr Herz schneller schlug. »Und? Machst du mit?«
»Ja, ich glaube schon«, antwortete er. »Nee«, verbesserte er sich, »ich bin sogar sicher. Jetzt, wo
ich weiß, was für nette Ponymädchen hier herumlaufen …«
»Ponymädchen? Meinst du etwa mich? Sag nicht, du bist einer von denen, die denken, Ponyfans
hätten nur Stroh im Kopf. Wenn das so ist, kannst du nämlich gleich wieder gehen.«
»Hey, hab ich was Falsches gesagt? Das mit dem Ponymädchen war ein Kompliment. Wie du von
Pferden schwärmst – man merkt, dass Reiten deine Welt ist. Ich finde es cool, wie du dich um Wanja
kümmerst und so … Und dass du schlau bist, hab ich schon gemerkt.«
Mist, dachte Klara, dass ich aber auch nie die Klappe halten kann!
»Sorry«, entschuldigte sie sich, »ich hab’s nicht so gemeint. ›Ponymädchen‹ – das hört sich so
niedlich an.«
»Also hast du auch was einzuwenden, wenn dich einer niedlich findet?«Momo zwinkerte ihr frech
zu.
»Ich, äh … also«, stotterte Klara überrumpelt.
In diesem Moment hörte sie das Klappern von Hufeisen auf der Allee.
»Die Abteilung kommt!«, rief sie nun doch erleichtert und sprang auf.
»Schade, Ponymädchen«, meinte Momo.
Klara hatte keine Zeit mehr, darauf zu reagieren. Petra und Suleika trabten, dicht gefolgt von der
Abteilung, auf den Hof und parierten vor Momo und Klara durch. Klara ging auf Suleika zu und griff
nach den Zügeln. Sie hatte das Gefühl, sich an etwas festhalten zu müssen.

»Na, Klara«, fragte die Reitlehrerin, »Besuch?«


Klara nickte und sagte beiläufig: »Ja, das ist Momo, ein Junge aus meiner Schule. Er will bei der
Ernte helfen.«
»Ist ja fantastisch!« Petra sprang aus dem Sattel und nahm Klara die Zügel aus der Hand. »Starke
Helfer können wir gut gebrauchen.« Sie schüttelte Momo die Hand. »Willkommen im Team, Momo!
Die Einzelheiten besprechen wir später in Ruhe, einverstanden? Ich muss mich erst um die Pferde
kümmern.«
»Kein Problem!« Momo schlenderte mit den Händen in den Hosentaschen zu Timm, um ihn zu
begrüßen.
Petra beugte sich zu Klara und flüsterte: »Du, dein Freund sieht aber sehr nett aus. Kann er
reiten?« Sie wandte sich um und führte ihre Stute zum Sattelplatz.
Klara blieb sprachlos stehen. Freund? Reiten? Sie war so verdattert, dass sie um ein Haar von
Rike und Adjasina umgeritten wurde.
»Platz da, Klara!«, rief Rike. »Sag mal, träumst du mit offenen Augen?«
Klara sprang zur Seite. »Oh Mann«, murmelte sie, »was für ein Nachmittag!«
Ponytraining

Mit langen, kräftigen Strichen bürstete Klara Wanjas kohlschwarzes Fell. Staubkörnchen und lose
Haare flogen umher und brachten sie zum Niesen. Der Rapphengst stand locker angebunden vor dem
Stall und schnaubte. Er machte einen zufriedenen und ausgeglichenen Eindruck. Immer wenn Klara
die Kardätsche am Striegel ausstrich und Wanja lobte, hob er den Kopf und spitzte die feinen Ohren.
Jeden Tag nach der Schule radelte Klara in den Stall und versorgte ihr Pflegepony. In Wanjas Nähe
war sie glücklich und sie hatte das Gefühl, dass es dem Pony umgekehrt genauso ging.
Sie hatte sich angewöhnt, Wanjas Namen schon von Weitem zu rufen. So hatte der Hengst die
Möglichkeit, seinen Kopf in die Richtung zu drehen, aus der Klara kam, und er konnte sie gleich
erkennen.
Am wöchentlichen Reitunterricht nahm Klara fast nur noch aus Pflichtbewusstsein teil. Immerhin
bezahlten ihre Eltern die teuren Reitstunden und alle – ihre Freunde und Petra – erwarteten von ihr,
dass sie mit der gewohnten Begeisterung bei der Sache war. Trotzdem war es jetzt anders. Klara war
nicht mehr so konzentriert wie früher. Oftmals ertappte sie sich bei dem Gedanken, wie es wohl
wäre, Wanja zu reiten. Egal, welches Pferd sie ritt: Sie dachte wehmütig an Wanja und träumte davon,
endlich auf seinem Rücken zu sitzen. Würde er sie als Reiterin akzeptieren – oder würde sie in
hohem Bogen im Gras landen?
Klara konnte beinahe an nichts anderes denken. Außer vielleicht an Momo …

Abends im Bett, wenn Klara in ihr Tagebuch schrieb, stellte sie sich Momo vor. Sie sahen sich jeden
Tag während der großen Pause und Momo, der meistens von Mitschülern umringt war, grüßte sie
jedes Mal.
Aber an jenem Nachmittag, als sie sich näher kennengelernt hatten … Momo hatte sie damals so
angeguckt, dass sie noch nachträglich ein Kribbeln im Bauch spürte. Seine Augen waren so lieb
gewesen. Und dann der Spruch mit dem Ponymädchen …
Klara schüttelte den Kopf. »Hör auf zu spinnen!«, schimpfte sie halblaut mit sich selbst. »Mach dir
bloß keine Hoffnungen.«

»Hey, Klara, lass noch ein bisschen Fell dran!« Timm schob sein Fahrrad in den Ständer und
schlenderte auf Klara und Wanja zu. »Wahnsinn!« Er pfiff anerkennend und strich Wanja über das
glatte Fell. »Der ist ja kaum wiederzuerkennen.«
Klara ließ Striegel und Bürste sinken. »Ja, nicht?«, erwiderte sie stolz. »Ich geb mir auch tierisch
Mühe.«
Timm grinste und ging um Wanja herum, um auch die andere Seite des Rappen zu begutachten.
»Das sieht man«, sagte er gutmütig, »er sieht fast schon wie ein richtiges Pferd aus.«
Klara warf mit einem Lappen nach Timm. »Blödmann! Bist du nur hergekommen, um mir das zu
sagen?«, fragte sie und legte das Putzzeug zur Seite. »Wo ist Rike? Man sieht euch doch sonst nur zu
zweit.«

»Haha«, gab Timm zurück. »Rike musste zum Zahnarzt, okay? Und ich bin eigentlich extra
gekommen, um dir Grüße auszurichten. Aber wenn du dich weiterhin so mies benimmst und deinen
ältesten Freund blöd anmachst, werde ich wohl besser wieder gehen.«
»Was – Grüße? Von wem?«
Timm kickte mit dem Schuh einen Kieselstein weg. »Tja, von wem wohl, liebe Klara?«, fragte er
gedehnt. »Dreimal darfst du raten.«
Klara verzog das Gesicht und zischte: »Hey, du bist echt gemein. Los, sag schon!«
»Aber nur, weil du’s bist«, lenkte Timm ein. Als er Klaras Miene bemerkte, beeilte er sich
hinzuzufügen: »Von einem ziemlich gut aussehenden, blonden und extrem sportlichen Handballer
namens Momo Köhler.«
»Von Momo?« Klara staunte. »Was hat er gesagt?«
»Oh Mann! Ich soll dir Grüße bestellen, mehr nicht. Wir hatten gestern Training. Da hat es sich
halt ergeben und wir haben über die Erntearbeit gesprochen und so.«
Klara horchte auf. »Und so? Was und so?«
»Klara, nerv nicht!« Timm wandte sich zum Gehen. »Er hat gesagt, dass er bei Gelegenheit mal
wieder zum Wiesenhain kommt. Ich glaube, er findet dich ganz nett.« Timm schwang sich auf sein
Mountainbike und spurte ein paar Kreise im Kies. »Aber vielleicht kommt er auch wegen Wanja.«
Ehe Klara etwas sagen konnte, trat Timm in die Pedale und fuhr lachend vom Hof.
Klara starrte ihm hinterher. Momo hat mich grüßen lassen, ging es ihr durch den Kopf. Er findet
mich nett …
Wanja wurde es langweilig. Er stupste Klara an und knabberte an ihrem T-Shirt. Gedankenverloren
strich sie dem Pony über die Stirn.
»Klara? Hallo, bist du da?«
»Was? Äh, ja, natürlich … hallo, Petra«, stotterte Klara verlegen. »Ich hab dich gar nicht kommen
sehen.«
Die Reitlehrerin schmunzelte. »Das hab ich gemerkt. Ich wollte dich fragen, ob du Lust hast, mit
Wanja zu arbeiten. Das Viereck ist frei und ich hätte Zeit.«
Sofort war Klara hellwach. »Das ist ja toll!«, sagte sie begeistert. »Was wollen wir mit ihm
machen?«
»Zuerst führst du ihn nur über den Hufschlag«, erklärte Petra. »Ich möchte sehen, wie er sich in
der Bahn verhält, ob er sich konzentrieren kann und dir folgt. Wenn alles klappt, kannst du das ab
morgen alleine machen. Heute möchte ich gerne dabei sein.«
»Ja klar, das ist mir auch lieber.« Klara kraulte Wanja die dicke Mähne. »Ich hab keine Ahnung,
wie er reagiert. Beim Putzen ist er inzwischen echt lieb, aber das heißt ja nichts.«
»Genau«, stimmte Petra Lemke zu. »Wir müssen darauf gefasst sein, dass er wegen seiner
Behinderung zwischendurch unberechenbar sein kann. Daher die Bahnarbeit. Später nimmst du ihn an
die Longe und dann darfst du langsam ans Reiten denken.«
Klaras Herz schlug schneller. »Wirklich? Wann?«
Petra bremste Klaras Eifer: »Das werden wir dann sehen. Nur Geduld.«

Klara stand dicht neben Wanja, als ihm Petra behutsam ein Zaumzeug anlegte.
»Du musst jetzt brav sein, hörst du?«, flüsterte Klara dem Pony ins Ohr. »Es geht um unsere
Zukunft.«
Wanja schüttelte den Kopf. Er kaute auf dem Trensengebiss und stampfte von einem Bein auf das
andere.
»Sieht fast so aus, als würde er sich freuen, dass er endlich was tun darf.« Petra lachte. »Na, dann
wollen wir mal.« Die Reitlehrerin ging voraus und schob die niedrige Stange vor dem
Dressurviereck zurück.
Wanja ging Schulter an Schulter neben Klara und hielt den Kopf hoch erhoben. Sie sprach mit dem
Pony und erklärte ihm alles. Was hatte Dr. Carstens gesagt: Der Reiter muss für das blinde Pferd
mitgucken! Ruhig ging sie mit Wanja auf dem Hufschlag, zuerst linksherum, dann rechts. Als sie sich
sicherer fühlte, führte sie ihn auf dem Zirkel, wechselte durch die Bahn, ließ ihn anhalten und forderte
ihn auf weiterzugehen. Wanja folgte willig ihren Kommandos.
»Du bist ein Guter!« Sanft strich Klara ihm im Gehen über die Schulter. »Das machst du ganz
toll!«
»Prima sieht das aus«, lobte Petra schließlich. Die Reitlehrerin hatte nur zugeschaut, bereit
einzugreifen, falls es nötig wäre. »Klasse, Klara. Das läuft besser, als ich dachte. Ihr zwei scheint
euch wirklich gut zu verstehen.«
Klara klopfte Wanjas Hals. »Stimmt«, erwiderte sie freudestrahlend, »wir verstehen uns blind.«
Sie hatte gar nicht über die Bedeutung ihrer Worte nachgedacht. Erst als Petra meinte: »Ja, im
wahrsten Sinne«, fiel es ihr auf.
»Sich blind verstehen«, sagte Klara leise. »So ist das also gemeint: dass der eine für den anderen
sieht …«
»So kann man es verstehen, ja.« Petra Lemke legte Wanja eine Hand auf den Rücken. »Was meinst
du, Klara? Traust du dir zu, ihn einmal an der Hand traben und galoppieren zu lassen? Ich würde mir
gern Wanjas Gänge ansehen.«
»Das schaffen wir«, entgegnete Klara. »Komm, Wanja!« Vorsichtig zupfte sie am Führzügel.
»Terab!«
Wanja sprang artig an und trabte gelöst neben dem Mädchen her. Klara arbeitete konzentriert. Sie
bemühte sich, ihren Schritt dem des Ponys anzupassen. Zwei lange Seiten ließ sie den Hengst traben
und dann schließlich galoppieren. Wanja schnaubte und prustete. Seine Gänge waren locker und
entspannt.
»Ho, Wanja!«, bestimmte Klara. Sie hatte keine Puste mehr. Als Wanja stand, rieb er
vertrauensvoll seinen Kopf an ihrer Schulter.
»Super, ihr beiden!« Petra freute sich. »Das reicht fürs Erste. Reib ihn ab und bring ihn zurück in
seinen Paddock, okay?«
Klara nickte froh. Sie war stolz auf sich selbst – und vor allem auf Wanja.
»Toll«, sagte Petra ehrlich und klopfte Wanjas Hals. »Ich muss zugeben: Meine böse Ahnung
scheint sich nicht zu bestätigen. Wanja macht wirklich einen guten Eindruck. Das größte Lob hast du
dir natürlich verdient, Klara. Es ist schön zu sehen, dass dir das Pony vertraut.«
»Blind!«, ergänzte Klara lachend. »Wann, denkst du, darf Wanja endlich mit auf die Koppel zu den
anderen Pferden? Ich glaube, manchmal fühlt er sich in seinem Paddock ziemlich einsam und
verlassen.«
»Ja, das mag sein. Ich denke, wir sollten trotzdem noch ein bisschen warten. Wir reden nächste
Woche in Ruhe darüber. Nach der Reitstunde am Montag ist sowieso eine kleine Versammlung. In
vier Wochen findet nämlich auf Gut Rothenhain ein Reitertag für junge Ponyreiter aus der Umgebung
statt. Vielleicht wollen sich Timm und Rike und ein paar andere anmelden.«
»Ein Ponyturnier?« Klara horchte auf. »Wow, ist ja cool!«
»Ja, das wird bestimmt toll. Ich kenne den Gutsleiter, Hannes Felding. Er plant verschiedene
Geschicklichkeitswettbewerbe nach dem Vorbild der englischen Mounted Games. Es wird also kein
steifes Turnier, sondern ein lustiger Tag mit Spielen für Pferd und Reiter.«
Klara zupfte Wanja leicht am Ohr. »Schade … Du, meinst du nicht… Wenn Wanja und ich jeden
Tag arbeiten, macht er bestimmt gute Fortschritte. Dann kann ich ihn bald reiten.« Sie bemerkte Petras
mahnenden Gesichtsausdruck und fügte etwas kleinlauter hinzu: »Vielleicht gibt es auch einfache
Pflege- und Vorführwettbewerbe.«
»Selbst dafür ist es zu früh. Du kannst jedes andere Pferd vom Wiesenhain reiten, das weißt du.
Überleg es dir, okay? Am Montag will ich mit der Abteilung die Ausschreibungsunterlagen
durchgehen.« Sie klopfte Wanjas Hals und fügte hinzu: »In nächster Zeit ist noch viel Hand- und
Bodenarbeit für euch beide angesagt. An ein Turnier solltest du vorläufig nicht denken. Ab und zu
darfst du mit dem Dicken gerne einen kleinen Spaziergang machen. Führ ihn dabei ruhig an den
Koppeln entlang. Wir werden sehen, wie die anderen Pferde auf ihn reagieren – und er auf sie.« Die
Reitlehrerin ging voraus.
»Ach übrigens«, rief sie über die Schulter, »ich glaube, du hast Besuch!«
Tatsächlich – Momo! Er lehnte an der Bande und winkte Klara zu.
Lächelnd fasste sie die Zügel unter Wanjas Kinn und führte das Pony aus dem Viereck. »Bist du
schon lange hier?«, fragte sie Momo.
»Klar. Ich habe euch die ganze Zeit zugesehen. Ich wusste gar nicht, dass die Arbeit mit einem
Pony so anstrengend sein kann.«
Klara wischte sich über die Stirn. »Ja, stimmt, und das ist erst der Anfang. Kommst du mit? Ich
muss ihn abreiben, sonst erkältet er sich.«
Momo nickte und schlenderte hinter Klara und Wanja den schmalen Weg entlang.
»Bist du schon mal geritten?« Klara linste über die Schulter nach hinten.
»Ich?« Momos Stimme klang entsetzt. »Im Leben nicht!«
»Na, dann wird’s aber Zeit«, sagte Klara lachend, als sie Wanja in den Paddock führte und ihm
das Zaumzeug abnahm.
Momo beobachtete die einzelnen Handgriffe aufmerksam. Klara holte zwei Hände voll Stroh und
rieb den Rappen kräftig ab. Wanja hatte zwar nicht stark geschwitzt, aber sie wollte auf Nummer
sicher gehen. Als sie zufrieden war, griff sie zu einer Wurzelbürste und glättete das Fell.
Sorgfältig kratzte sie Wanjas Hufe aus. »So, das reicht, mein Schatz«, sagte sie liebevoll und gab
Wanja einen zarten Klaps auf die Kruppe. »Pass auf, Momo, in null Komma nichts ist meine ganze
Mühe dahin.«
Momo sah sie fragend an, doch Klara deutete nur in Wanjas Richtung: Der schwarze Hengst ging
ein paarmal auf und ab, knickte schließlich in den Knien ein und wälzte sich genüsslich grunzend im
trockenen Sand.
»Au Backe, ist das normal?«, fragte Momo erschrocken. »Den kannst du gleich noch mal putzen.«
»Ich denke gar nicht daran«, gab Klara zurück. »So ein Staubbad ist gut gegen Milben und Zecken.
Außerdem wird er sich schütteln und dann ist er fast wie neu.«
Wie auf Kommando erhob sich Wanja und schüttelte sich vom Kopf bis zum Schweif.
»Siehst du?«, triumphierte Klara.
»Nicht schlecht, Ponymädchen.« Momo hob den Daumen. »Und was hast du jetzt vor? Musst du
noch mehr wilde Ponys zähmen?«
»Nee, wieso?« Klara blickte in Momos blaue Augen.
»Weil ich dich gerne zu einem Eis einladen würde.«
Klara schluckte. »Cool, warum nicht? Ich muss nur schnell aufräumen.«
»Kein Problem, ich hab Zeit.« Momo lehnte sich gegen den Zaun und blinzelte in die Sonne.
Als Klara endlich die Putzkiste in die Geschirrkammer stellte, klopfte ihr Herz wie verrückt.
»Hilfe«, murmelte sie vor sich hin, »träum ich?« Sie warf einen kritischen Blick in den stumpfen
Spiegel neben dem Putzschrank und wusch sich am tiefen Waschbecken gründlich die Hände und das
Gesicht.
»Tja, Klara Roos«, ermutigte sie sich selbst, »da musst du jetzt durch.«
Als sie aus dem dunklen Stallgebäude ins Freie trat, lehnte Momo noch immer lässig am Zaun. Zu
Klaras Erstaunen unterhielt er sich mit Wanja.
»Ich wär so weit!«, rief Klara ausgelassen. »Oder möchtest du lieber mit meinem Pony tuscheln?«
»Nee, Ponymädchen«, erwiderte Momo, »jetzt hab ich Lust auf Eis.«

Wenig später bestellten sich Klara und Momo im Eiscafé große Schokobecher mit Sahne und Krokant.
»Bist du wirklich noch nie geritten?«, fragte Klara, nachdem das Eis serviert worden war.
Momo leckte die Sahne von der Waffel. »Nee, echt nicht«, bestätigte er. »Ich hatte nie die
Gelegenheit dazu. Aber wenn ich dich und den Schwarzen so sehe …«
»Was dann?«
»Dann könnte ich mir vorstellen, dass ich’s eines Tages versuche.«
Der Nachmittag verging wie im Flug. Als Momo auf die Uhr sah, konnte er sich gerade noch einen
Fluch verkneifen.
»Ich komme zu spät zum Training!«, rief er und sprang auf. »Tut mir leid, ich muss los.«
Klara folgte ihm zum Tresen, wo er die Eisbecher bezahlte. »Macht nichts, für mich wird’s auch
Zeit.« Sie zögerte.

»War echt nett mit dir«, sagte sie ein wenig verlegen, »und danke für das Eis.«
Momo beugte sich zu ihr hinüber und gab ihr einen Kuss auf die Wange.
»Ich fands auch schön, Ponymädchen«, sagte Momo leise. »Sehen wir uns am Samstag?«
»Samstag – wieso?«, stotterte Klara.
»Heuernte«, sagte Momo lächelnd. »Schon vergessen? Wir haben doch eben darüber geredet.«
Klara schlug sich an die Stirn. »Stimmt! Um Punkt sieben gehts los.«
Sie schwangen sich auf ihre Fahrräder und fuhren in entgegengesetzte Richtungen davon.
Klara pfiff vergnügt. Sie war glücklich, total happy. Und bis Samstag waren es nur noch drei Tage.
Heu und Stroh

Piii-piii-piii – der Wecker piepte schrill. Klara war sofort hellwach und streckte sich wie eine Katze.
Mit einem Satz hüpfte sie aus dem Bett und lief zum Fenster.
Obwohl es erst kurz nach sechs war, schien die Sonne schon warm und hell. Der Himmel war
strahlend blau und in den Obstbäumen zwitscherten Vögel. Es versprach ein wunderschöner Tag zu
werden.
Nach einer flüchtigen Katzenwäsche schlüpfte Klara in eine bequeme Jeans und zog ein leichtes T-
Shirt über. Ihr blondes Haar band sie zu einem losen Pferdeschwanz zusammen. In Turnschuhen
schlich sie hinunter in die Küche. Der Rest der Familie schlief noch. Auf dem Küchentisch fand Klara
einen Zettel:

Guten Morgen, Süße!


Wir kommen gegen Mittag zum Hof –
mit Würstchen und Nudelsalat!
Bis dann, Mama

Jedes Jahr wechselten sich die Eltern der Reitschüler mit der Verpflegung der Erntehelfer ab. In
diesem Jahr waren Klaras Eltern an der Reihe. Ihr Vater hatte schon vor Tagen den Gartengrill
geschrubbt und auf Hochglanz poliert und im Keller standen große Schüsseln mit leckeren Salaten und
Grillwürstchen. Klara lief schon jetzt das Wasser im Mund zusammen.
Sie trank ein Glas Kakao und belegte ein Brötchen mit Käse. Nach einem Blick auf die Küchenuhr
nickte sie zufrieden. »Halb sieben, perfekt.«
Um Viertel vor sieben war sie mit Rike und Timm an der Kreuzung verabredet. Von dort waren es
nur ein paar Minuten bis zum Stall.
Als sie kurz darauf am Treffpunkt ankam, stutzte sie. An der Kreuzung warteten nicht nur Rike und
Timm, sondern auch Momo!
Klara bremste vor ihren Freunden ab und grinste in die Runde. »Guten Morgen! Bin ich etwa zu
spät?«
»Moin«, knurrte Timm und: »Nö, superpünktlich.« Er war ein ausgeprägter Morgenmuffel und
eindeutig noch nicht wach.
Rike nahm Klara kurz in den Arm und drückte ihr einen Kuss auf die Wange. »Wir haben Momo
unterwegs aufgegabelt«, flüsterte sie ihrer Freundin ins Ohr. »Du hast doch nichts dagegen?«
Momo stand neben den Mädchen und lächelte.
»Hallo, Klara«, sagte er leise und gab ihr ebenfalls einen Kuss.
Timm riss die müden Augen auf. »Hallo, hab ich was verpasst?« Seine Stimme überschlug sich
fast. »Haben wir ein neues Pärchen? Ist ja ’n Ding!«
»Halt dich da raus, Timm«, zischte Rike ihm zu. »Davon verstehst du nichts.«
Timm zog eine Schnute. »Ich mein ja bloß«, sagte er kleinlaut. »Ist doch nichts dabei, oder?«
Gut gelaunt klopfte Momo ihm auf den Rücken. »Genau, du Schlafmütze, da ist echt nichts dabei.
Also, wollen wir hier weiterlabern oder zusehen, dass eure Pferde Futter für den Winter kriegen?«
Schon bald waren in der Ferne zwei mächtige Mähdrescher zu sehen. In einer dichten Wolke aus
Staub und Strohspelzen verrichteten die Ungetüme ihre Arbeit: Sie mähten den reifen Weizen,
pressten das Heu zu dicken Bündeln und spuckten sie aufs Feld zurück. Neben den Mähdreschern
fuhren Trecker mit Anhängern, die das Korn auffingen. Die vier Freunde winkten den Feldarbeitern
zu.
»Den Sommer mag ich von allen Jahreszeiten am liebsten.« Klara fuhr dicht neben Momo und ab
und zu, wenn der Feldweg sich verengte, berührten sich ihre bloßen Arme.
»Ja«, stimmte er ihr zu, »leider ist er bald vorbei.«
Von vorn mischte sich Rike ein. »Der Herbst ist auch nicht ohne«, schwärmte sie. »Denkt nur an
die tollen Ausritte durch das raschelnde Laub im Wald – und an den Galopp über abgemähte
Stoppelfelder – richtig romantisch!«
»Und erst im Winter!« Timm riss die Arme hoch und fuhr ein Stück freihändig. »Denkt bloß an die
roten Nasen, nassen Stiefel, Frostbeulen, Schnupfnasen und grippalen Infekte, die er so mit sich
bringt!«
Rike stupste ihren Freund in die Rippen. »Timm, du bist der unromantischste Typ, den ich kenne.«
Klara und Momo zwinkerten sich zu.
Komisch, dachte Klara, Momo gehört schon richtig dazu. Als wäre er das vierte Mitglied des
Ponyclub Löwenzahn. Er muss nur reiten lernen.
Momo musterte sie aufmerksam. »Ich wüsste gern, was du eben gedacht hast. Du hattest einen ganz
träumerischen Blick.«
Klara trat kräftiger in die Pedale. »Hm, ich glaube, wir müssen uns beeilen. Seht mal, die ersten
Hänger stehen schon auf dem Hof.«
Lachend zog Momo mit ihr gleich.
»Hallo! Gut, dass ihr da seid!«, rief Petra schon von Weitem, als sie die Freunde erspähte. Sie
stand mit Kurt und ein paar weiteren Helfern neben den Anhängern und besprach, wie sie die Arbeit
aufteilen wollten.
»Ihr seid zu viert«, sagte Kurt zur Begrüßung, »das ist optimal! Ihr könnt den Heuboden über dem
Stall übernehmen. Klara und Rike, ihr steigt nach oben und nehmt die Ballen in Empfang. Die beiden
Jungs staken sie euch vom Hänger rauf, einverstanden?«
Timm und Momo griffen tatendurstig nach zwei Heugabeln.
»Klasse«, freute sich Petra, »dann gehen wir anderen in die Scheune und fangen dort zu stapeln
an.« Sie nickte Klara und Rike zu. »Ihr wisst ja auf dem Heuboden Bescheid: Heu nach links, Stroh
nach rechts.«
»Klar.« Rike krempelte die Ärmel ihres Sweatshirts hoch. »Von uns aus kann es losgehen.«
Wenig später stand Klara schwitzend in der weit geöffneten Luke des Heubodens und bemühte sich,
die Heu- und Strohballen aufzufangen, die Timm und Momo ihr von unten mit den Heugabeln
zuwarfen. Mit beiden Händen griff sie in die piksenden Bündel und schob sie weiter zu Rike, die die
Ballen gleichmäßig an den Wänden aufzuschichten versuchte. Die harten Halme, die aus den Bündeln
ragten, hatten den Mädchen bereits die Unterarme und Hände zerkratzt. Aber sie achteten kaum
darauf.
Es war nicht das erste Mal, dass der Ponyclub Löwenzahn bei der Ernte half. Alle wussten,
worauf sie sich einließen: auf schwere körperliche Arbeit. Und die gehörte nun einmal dazu, wenn
man sich um die Pferde und Ponys kümmerte.
In regelmäßigen Abständen tauchte Momos blonder Schopf an der Luke auf. Er hatte die Ärmel
seines Shirts umgekrempelt und strahlte über das ganze Gesicht. »Ist das Tempo okay für euch oder
sollen wir langsamer machen?«, fragte er.
Klara bemerkte, dass er ziemlich durchtrainierte Arme hatte – sicher vom Handballspielen. »Geht
schon«, schnaufte sie. »Weiter so.«
Als Momos Gesicht das nächste Mal an der Luke auftauchte, sagte er grinsend: »Hey,
Ponymädchen, weißt du, dass das Stroh genauso aussieht wie dein Haar?«
Klara stutzte mitten in der Bewegung. Sie hatte mit beiden Händen in einen Heuballen gegriffen
und hielt ihn genau über Momos Kopf fest. »Willst du damit sagen, dass ich Haare wie Stroh habe?«,
fragte sie entsetzt und spielte mit dem Gedanken, den Ballen einfach fallen zu lassen – plumps, genau
auf Momo.
Der lachte und zog schleunigst den Kopf zurück. »Quatsch!«, rief er. »Ich meine diese goldene
Farbe.«
»Kein Wunder, ist ja auch Weizenstroh!«, alberte Timm.
»Unser kleines Blondchen ist eben echt weizenblond.«
Die beiden Jungen glucksten und bewarfen sich mit Stroh. Rike, die von alledem nichts mitgekriegt
hatte, nörgelte: »Geht das bald weiter hier? Oder ist grad Pause?«
»Pah – Jungs!«, brummte Klara und zielte mit einem ihrer Schuhe auf Momo. Als sie jedoch seinen
verlegenen Dackelblick sah, verzieh sie ihm.
»Frühstückspause!« Vom Hof her schallte ein einladender Ruf.
Timm und Momo ließen sich in dem schon ziemlich abgeräumten Anhänger auf das weiche Stroh
fallen.
Kurz entschlossen fassten sich Rike und Klara an den Händen und sprangen mit einem fröhlichen
»Juchhu!« aus der Luke direkt auf den Hänger. Klara landete genau neben Momo.
»Hallo, Ponymädchen!« Wie selbstverständlich legte er einen Arm um sie.

Kurt und Petra verteilten belegte Brötchen und Mineralwasser an die Helfer.
Petra machte ein bedenkliches Gesicht. »Dahinten braut sich was zusammen.« Sie zeigte auf den
Horizont. »Hoffentlich kriegen wir heute alles unter Dach und Fach. Es wäre schlimm, wenn das Heu
nass würde.«
Der Himmel hatte sich bezogen und in der Ferne waren einzelne Quellwolken zu sehen, die Luft
war schwül.
»Wir schaffen das schon«, beruhigte Kurt seine Frau. »Mach dir keine Sorgen.«
Klara schaute hinüber zu Wanjas Paddock. Das schwarze Pony stand dicht am Gatter und schien
sie zu beobachten. In Gedanken kraulte ihm Klara die Mähne.
Als könnte er ihre Gedanken lesen, fragte Momo prompt: »Wie läuft es denn mit deinem wilden
Hengst? Wirst du ihn bald reiten?«
Klara seufzte. »Petra erlaubt es mir noch nicht«, antwortete sie leise. »Dabei würde ich so gerne
bei dem Ponywettbewerb auf Gut Rothenhain mitmachen. Ich glaube fest, dass Wanja und ich es
schaffen würden.«
Momo strich ihr mit dem Zeigefinger über den Arm. »Ganz bestimmt«, sagte er. »Vielleicht kannst
du Petra noch überzeugen.« Er machte eine Pause. »Von Pferden und vom Reiten habe ich zwar keinen
blassen Dunst, aber es würde mir Spaß machen, dir zu helfen. Also, wenn du mich brauchst …«
»Ist das dein Ernst? Das würdest du echt tun? Natürlich kann ich deine Hilfe brauchen.« Klara war
Feuer und Flamme. »Wenn wir zu zweit sind, ist alles viel einfacher. Nächste Woche will ich
anfangen, Wanja zu longieren. Da brauche ich unbedingt jemanden, der ihn führt. Hey, das wär
klasse!«
Momo stand auf und wischte sich Staub und Spelzen von der Jeans. »Abgemacht, Ponymädchen!«
Er zog einen Strohhalm aus Klaras Haar. »Ich habe nur eine Bedingung.«
»Und die wäre?«
»Du musst mir vorher erklären, was longieren ist. Du weißt doch: Ich habe keine Ahnung.«
Klara strahlte übers ganze Gesicht. »Mach ich gern! Und jetzt lasst uns weiterschuften, bevor das
Gewitter kommt.«
Timm und Rike hatten den beiden schweigend zugehört. Im Gehen boxte Timm gegen Momos
Oberarm. »Du bist echt cool, Mann.«
Und Rike bestätigte: »Das finde ich auch. Du würdest gut in den PCL passen.«
»PCL?«, fragte Momo. Er griff gerade nach seiner Heugabel. »Was ist ’n das?«
»Der Ponyclub Löwenzahn? Na, das sind wir.« Klara kletterte lachend auf den Heuboden.
Hänger um Hänger fuhr auf den Hof. Die vier Freunde zählten schon gar nicht mehr mit. Der
Rücken tat ihnen weh und an den Fingern der beiden Mädchen zeigten sich rote Striemen von den
starken Bändern, die die Heu- und Strohballen zusammenhielten.
Die dichte Wolkenwand rückte bedrohlich näher. Unruhig liefen die Ponys und Pferde auf der
Koppel hin und her. Sie spürten, dass etwas in der Luft lag.
Wanja trabte in seinem Paddock auf und ab und wieherte. Ein schwacher Wind ließ die Hofbäume
leicht wanken. Kein Zweifel: Ein schweres Sommergewitter braute sich zusammen. Sie mussten sich
beeilen!

Gleichzeitig mit dem letzten Hänger fuhr ein roter Kombi auf den Hof. Der Fahrer drückte zweimal
kurz auf die Hupe.
»Das sind meine Eltern!«, rief Klara. Sie hatte gar nicht mehr auf die Zeit geachtet. »Ist es schon
so spät?«
»Jo«, sagte Timm, »wir sollten die letzte Fuhre trotzdem noch abladen und erst essen, wenn wir
fertig sind.«
Damit waren alle einverstanden.
Während Frau Roos Schüsseln und Körbe in die Reithalle trug, baute Klaras Vater den Grill unter
dem Vordach auf.
»Sieht aus, als würde das Grillfest in der Halle stattfinden«, verkündete Momo.
»Mir egal«, knurrte Timm, »Hauptsache, mein Magen kriegt bald was zu futtern.«
Eine Stunde später war der letzte Strohballen in der Scheune. Die Freunde atmeten auf. Sie stellten
die Heugabeln weg, schnappten sich ein paar Besen und fegten den Hof. In der Ferne grollte ein erster
Donner.
»Na, das nenne ich gutes Timing!« Kurt Lemke wischte sich den Schweiß von der Stirn. Zufrieden
sah er sich um. »Gerade rechtzeitig fertig geworden. Von mir aus kann jetzt die Welt untergehen.«
Kaum ausgesprochen, fielen auch schon die ersten Regentropfen auf den staubigen Vorplatz.
Kichernd, quiekend und johlend rannten alle über den Hof und stellten sich unter das breite
Vordach der Reithalle. Blitze zuckten am Himmel, das Donnergrollen wurde lauter.
»Sollen wir die Pferde besser in den Stall holen?«, fragte Rike besorgt.
»Nicht nötig«, sagte Petra und deutete auf die kleine Herde. Die Tiere standen mit gesenkten
Köpfen dicht gedrängt am Waldrand. Nach und nach kamen sie aus der Deckung heraus und ließen
sich den erfrischenden Regen auf das Fell prasseln. Silberhall wieherte laut
und trabte mit hoch erhobenem Kopf über die Weide, bevor er seelenruhig zu grasen begann.

»Sie scheinen Regen zu mögen«, stellte Momo nachdenklich fest.


»Nach so langer Trockenzeit schon.« Klara warf einen Blick hinüber zu Wanja. Auch der Rappe
stand im Regen und schien das prickelnde Gefühl auf der Haut zu genießen.
»Die Würstchen sind fertig!«, rief Herr Roos.
Im Nu war er von hungrigen Erntehelfern umringt, die ihm die leckeren Würstchen beinahe aus den
Händen rissen.
»Meine Güte, das ist ja die reinste Raubtierfütterung!«, stöhnte er mit gespielter Verzweiflung.
»Brötchen, Salate und Getränke gibts übrigens bei meiner Frau in der Reithalle.«

»Hier ist es echt toll!«, sagte Momo, als er mit den drei Freunden auf einer Bank saß und sein zweites
Würstchen verdrückte. »Es gefällt mir bei euch.« Sein Blick streifte Klara.
»Tja, du gehörst jetzt ja auch eigentlich dazu«, murmelte Rike zwischen zwei Bissen. »Ich meine,
wo du heute geholfen hast und so …«
Timm nickte. »Klar, und nächste Woche geht die Arbeit mit Wanja los«, erinnerte er die anderen.
»Rike und ich helfen auch, Ehrenwort! Bis zum Turnier haben wir vier Wochen Zeit. Wär doch
gelacht, wenn wir das nicht schaffen!«
Klara verschluckte sich an ihrem Salat. »Heißt das, ihr wollt mir zu dritt bei der Arbeit mit Wanja
helfen?«
»Klar!«, bestätigte Timm. »Wozu hat man schließlich Freunde?« Bingo! Damit war die Sache für
ihn geritzt.
Eine gewagte Tour

Wanja trottete neben Klara am langen Zügel durch den Wald. Ab und zu schnappte er nach einem
dürren Zweig, der im Weg hing. Der Pfad war schmal und von zahllosen Tannennadeln übersät, die
den Hufschlag des Pferdes dämpften. Wunderbar ruhig war es und schon fast ein bisschen herbstlich.
Klara holte tief Luft und zupfte Wanja liebevoll an der langen Mähne. »Schön ist es hier, nicht?«
Wanja nickte mit dem Kopf und scheute vor einem Sonnenstrahl, der durch die dicht stehenden
Bäume auf den Waldboden fiel. Mit einem graziösen Seitenschritt umrundete er den hellen Fleck.
Klara lachte. »Dummerchen, davor brauchst du doch keine Angst zu haben! Du musst dich vor gar
nichts fürchten«, fügte sie hinzu, »ich passe nämlich immer auf dich auf.«
Sie warf einen Blick auf ihre Armbanduhr. »Puh, schon fast fünf. Ich glaube, wir müssen uns
beeilen, sonst machen sich die anderen Sorgen.«
Wie zufällig entdeckte sie am Wegrand einen Baumstumpf. Sie hielt Wanja an und spürte ihr Herz
pochen. »Was hältst du davon, wenn du mich ein Stück trägst?«, fragte sie und führte den Rapphengst
an den Baumstumpf heran. »Nur ein klitzekleines Stückchen.«
Wanja knabberte an der Rinde eines umgestürzten Baums. Er schien Klara nicht zu beachten.
»Ich sehe schon, du hast gar nichts dagegen«, flüsterte Klara und stieg auf den Stumpf. Sanft zog
sie das Pony dichter heran und legte ihm eine Hand auf den Hals. Ich muss verrückt sein!, fuhr es
Klara durch den Kopf. Aber sie spürte, dass es der richtige Augenblick war. Sie vertraute Wanja und
Wanja vertraute ihr.
Als sich Klara mit dem Oberkörper vorsichtig auf seinen Rücken legte, blieb Wanja brav stehen.
Er drehte den Kopf ein wenig zur Seite und schnaubte leise. Klara hob das rechte Bein über seine
Kruppe. Sie verlagerte ihr Gewicht, bis sie endlich auf Wanja saß – atemlos und sprachlos über ihren
eigenen Mut.
Die Muskeln des Hengstes versteiften sich unter ihr. Sie wusste ja, dass Wanja lange nicht geritten
worden war, und sie fühlte, dass er sein Gleichgewicht unter der ungewohnten Last auszubalancieren
versuchte.
»Alles okay, Wanja«, raunte sie dem Pony zu.
Wanja spielte mit den Ohren, als sich Klara vorsichtig zurechtsetzte. Sein Rücken war weich und
warm und breit. Klara hätte am liebsten gejubelt vor Glück. Dennoch zwang sie sich zur Ruhe.
Natürlich spürte Wanja ihre Nervosität, und ihre Erregung würde ihn rasch verunsichern. Also zählte
sie langsam bis zehn, bevor sie die Zügel aufnahm und leicht die Schenkel anlegte.
»Komm, Wanja«, kommandierte sie, »Scheritt!« Aufmerksam folgte Wanja ihrer Anordnung und
setzte einen Huf vor den anderen.
»Der Reiter muss für sein blindes Pferd mitgucken.«
Klara erinnerte sich an die eindringlichen Worte der Tierärztin. Sie klopfte Wanjas Hals und lobte
ihn. Dann richtete sie ihren Blick auf alles, was ihn erschrecken könnte – ein Schatten, ein
Sonnenstrahl, ein schwankender Zweig –, und die ganze Zeit sprach sie mit ihm.
Schließlich nahm sie eine Hand vom Zügel und hielt sich das rechte Auge zu. Rechts war nur
Dunkelheit. Es war ein seltsames Gefühl, so durch den Wald zu reiten. Schnell zog Klara die Hand
wieder zurück.
»Du bist ein ganz besonderes Pony, Wanja«, sagte sie mit einem leisen Zittern in der Stimme. »Ich
hab dich sehr lieb!«
Als sie auf den Sandweg einbogen, der zum Reitstall führte, stieß Wanja ein trompetendes Wiehern
aus. Von der Koppel bekam er vielfache Antwort. Die Ponys und Pferde kamen neugierig an den Zaun
getrabt. Wanja warf den Kopf hoch und fiel in einen leichten, erhabenen Trab. Klara dachte kurz
daran, abzusteigen und den Hengst zu führen, aber sie wusste nicht, ob sie ihn dann halten konnte. Die
Herde schien ihn zu beunruhigen und weckte seine Hengstmanieren. Noch einmal wieherte Wanja
wütend. Er schnaubte und blähte die Nüstern. Seine Hufe stampften auf dem losen Kies, dass die
Steinchen nur so zur Seite spritzten.

»Ruhig, mein Dicker«, besänftigte Klara ihn. Sie nahm die Zügel kürzer und verstärkte den
Schenkeldruck. Wanja trabte nun geradeaus.
Die aufgescheuchte Herde folgte ihm auf der anderen Seite des Zauns.
Trotzdem seufzte Klara erleichtert auf: Der Hof lag verlassen da. Petras Auto stand nicht auf dem
gewohnten Parkplatz. So ersparte sich Klara ein paar bohrende Fragen und deftige Vorwürfe ihrer
energischen Reitlehrerin.

»Klara, spinnst du?!« Rike war, gefolgt von Timm, aus dem Stall getreten und tippte sich an die Stirn.
Beim lauten Klang der fremden Stimme zuckte Wanja zusammen. Er sprang hastig zur Seite und
blieb heftig atmend stehen. Das sehende Auge hatte er weit aufgerissen.
Blitzschnell ließ sich Klara von seinem Rücken gleiten und legte beruhigend eine Hand auf Wanjas
Hals.
»Du hast sie wohl nicht mehr alle!«, rief sie scharf zurück. »Wanja so zu erschrecken!«
»Tut mir leid«, entschuldigte sich Rike, »war nicht meine Absicht. Ich habe bloß einen Schreck
gekriegt, als ich dich auf seinem Rücken gesehen hab.«
Timm legte lachend einen Arm um Rikes Taille. »Sah doch klasse aus!« Er zwinkerte Klara zu.
»Ihr passt gut zusammen, Wanja und du.«
Klara zupfte sich verlegen am Ohrläppchen. »Ihr glaubt gar nicht, wie brav er war«, schwärmte
sie. »Er ist das tollste Pony der Welt!«
»Kann ja sein«, lenkte Rike ein, »aber sei froh, dass dich Petra nicht erwischt hat.«
»Okay, okay«, erwiderte Klara leicht genervt. »Es ist ja alles gut gegangen. Außerdem weiß ich
jetzt endlich, dass Wanja einen Reiter auf seinem Rücken akzeptiert.«
»Ja, und morgen üben wir das Ganze noch mal in der Reithalle«, beschloss Timm ruhig. »Und
zwar mit Petras Einverständnis.«
»Na gut.« Klara führte Wanja in seinen Paddock und nahm ihm das Zaumzeug ab. »Frieden?«,
fragte sie Rike.
»Frieden«, sagte Rike und: »Wir wollten dich zum Pizzaessen abholen. Hast du Lust?«
»Übrigens: Momo kommt auch.« Timm grinste von einem Ohr zum anderen.
Und Klara hatte es auf einmal sehr eilig, Wanja zu versorgen.

»Ich finde, wir sollten morgen alle gemeinsam mit Petra reden.« Momo biss in ein Stück
Thunfischpizza und blickte in die Runde. »Klara hat heute bewiesen, dass sie Wanja reiten kann.
Wieso sollte sie nicht bei dem Turnier starten?«
»Ein Turnier ist kein Spazierritt«, wandte Rike ein. »Okay, Wanja benimmt sich zurzeit ganz
normal, aber das liegt daran, dass er sich an Klara gewöhnt hat. Bei einem Wettbewerb herrschen
andere Bedingungen.«
Klara überlegte. »Na ja, das Springen fällt schon mal flach – das ist mir klar. Ein halb blindes
Pony ist in einem Parcours sicher überfordert. Aber was ist mit dem Geländeritt? Da wird in großen
Abständen gestartet. Wanja und ich wären allein auf der Strecke. Das würde er schaffen.«
Momo spielte mit dem bunten Armband an Klaras Handgelenk. »Ich wette, das würde klappen!«
»Jede Wette?«, hakte Timm interessiert nach. »Was ist dein Einsatz?«
Momos blaue Augen blitzten auf. »Wenn Klara und Wanja den Geländeritt schaffen, lerne ich
reiten. Versprochen!«

Am Tisch herrschte verblüfftes Schweigen. Timm war der Erste, der seine Stimme wiederfand.
»Okay, Momo.« Er klopfte seinem Freund auf die Schulter. »Die Wette gilt!«
Petra hob abwehrend die Hände. »Moment, Freunde, langsam und einer nach dem anderen.«
Rike, Klara, Timm und Momo hatten sich vor ihrer Reitlehrerin aufgebaut, um zu erklären, warum
Klara und Wanja unbedingt bei dem Geländeritt starten mussten.
»Die beiden packen das, Frau Lemke«, sagte Momo bestimmt.
»Ja, und es wäre gut für Wanjas Selbstvertrauen, wenn er Kontakt zu den anderen Ponys bekäme«,
fügte Timm hinzu.
»Außerdem kann Klara jedes Pferd reiten«, schloss sich Rike an.
Die Lehrerin zögerte. Klara hatte ihr gestanden, dass sie Wanja heimlich geritten hatte. »Ich bin
froh, dass nichts passiert ist«, hatte Petra gesagt, anstatt zu schimpfen. »Und danke, dass du es mir
erzählt hast.«
»Meinetwegen«, stöhnte sie jetzt, »wir probieren es.«
Die Freunde brachen in Jubel aus und umarmten sich.
Petra hob eine Hand. »Ich werde Klara und Wanja für den Geländeritt melden. Unter der
Bedingung, dass ihr ab sofort jeden Tag trainiert. Es bleibt nicht viel Zeit, und wenn ich den Eindruck
habe, dass es nicht klappt, ziehe ich die Meldung zurück, verstanden?«
»Verstanden«, sagte Klara fröhlich. »Vielen, vielen Dank!«

Rike und Timm hatten sich mit ihren Ponys Adjasina und Silberhall ebenfalls für den einfachen
Geländeritt eingetragen und Timm stellte einen Trainingsplan auf.
»Wir machen alles wie am Turniertag«, sagte er. »Wir stecken im Wald eine Strecke ab, die wir
jeden Tag reiten. Unsere Ponys brauchen Kondition. Beim Geländeritt prüft ein Tierarzt in
regelmäßigen Abständen Puls, Atmung und Temperatur der Pferde. Wer nicht fit ist, fliegt raus.«
Grinsend ergänzte er: »Ich weiß, dass Simone diesmal als Streckenarzt dabei ist. Und wer meine
Schwester kennt, weiß, dass sie kein Erbarmen hat.«
»Und was ist mit unserer Kondition?«, mischte sich Rike ein. »So ein Ritt fordert auch den
Reiter.«
Momo winkte ab. »Wenn ihr jeden Tag im Sattel sitzt, bekommt ihr genug Kondition«, meinte er.
»Aber was ist mit mir?«, wollte er wissen. »Wie sieht mein Job aus?«
Timm hatte schnell eine Antwort parat: »Ist doch klar – zuerst hilfst du Klara bei der Arbeit mit
Wanja. Außerdem musst du unser Streckenposten sein.«
»Streckenposten?« Klara zog die Stirn in Falten.
»Ja, beim Geländeritt werden Streckenposten verteilt, die den Reitern verschiedene Aufgaben
stellen«, erklärte Timm. »Das können Geschicklichkeitsübungen sein, auch Rechenaufgaben oder
Geschichtsfragen, einfach alles.«
Rike jaulte auf. »Ist ja schrecklich! Ich glaube, ich melde mich doch lieber für das Springen.«
Alle lachten und Momo versprach, sich für Rike etwas ganz Besonderes einfallen zu lassen.

Am nächsten Tag steckten die Freunde im Wald die Strecke ab. Isabell und Viola hatten sich ebenfalls
für den Geländeritt eingetragen und wollten zusammen mit dem Ponyclub Löwenzahn trainieren.
Gemeinsam legten sie fest, an welchen Abschnitten sie Schritt, Trab oder Galopp reiten sollten.
Momo erklärte den Baumstumpf am Waldweg – wo Klara zum ersten Mal auf Wanjas Rücken
geklettert war – zu seinem »Streckenpostenstützpunkt«. »Wer hier vorbeikommt, kriegt es mit mir zu
tun«, drohte er. »Ich warne euch: Ich habe ein paar echt fiese Ideen, wie ich euch das Leben ein
bisschen schwerer machen kann.«
»Erbarmen!«, flehte Isabell. »Es soll doch nur zur Probe sein, oder?«
Momo nickte. »Ja, aber diese Übung wird ziemlich echt sein, Freunde.«
Nachdem sie alle Punkte und Streckenabschnitte entlang des Waldwegs markiert hatten, machten
sie sich auf den Heimweg zum Stall. Timm legte einen Arm um Momos Schulter. »Meine Schwester
sucht übrigens einen Helfer für die Tierarztkontrollen. Notizen machen, Befunde festhalten und so. Ich
hab Simone gesagt, ich wüsste da jemanden.«
»Super, danke!« Momo schlug so begeistert auf Timms Rücken, dass sein Freund in gespieltem
Schmerz nach Luft rang. »Klar mach ich das! Sag deiner Schwester gleich Bescheid, okay?«
»Ist schon passiert«, entgegnete Timm trocken. »Schließlich brauchen wir jemanden an der
Strecke, der uns aufbaut und anfeuert.«
Momo wirbelte Klara einmal im Kreis herum und küsste sie auf die Stirn. »Dann bin ich
wenigstens in deiner Nähe, Ponymädchen«, flüsterte er ihr zu.
»Vielleicht bringst du mir und Wanja Glück?«

Momo, der eigentlich nur Augen für Klara hatte, versuchte brav ihren Anweisungen zu folgen.
»Wenn ich Wanja longiere, musst du neben ihm hergehen, damit er auf dem Zirkel bleibt«, erklärte
sie. »Ich stehe in der Mitte und stelle über die Longe eine Verbindung zu Wanja her. Du musst gar
nichts weiter tun.«
Momo schlug die Hacken zusammen. »Zu Befehl, Frau Rittmeister!«, schnarrte er.
Klara wedelte mit der Longierpeitsche vor seiner Nase herum. »Keine Zeit für Blödsinn«, sagte
sie lachend.

Die Zeit verging im Nu. Nur noch vier Tage bis zum Turnier auf Gut Rothenhain! Klara und ihre
Freunde wurden zunehmend nervös. Der ruhende Pol war Momo. Immer war er zu Scherzen aufgelegt
und machte Witze, wenn die anderen die Köpfe hängen ließen. Bei seinen Streckenkontrollen forderte
er die unmöglichsten Leistungen: Rike musste sich rückwärts auf Adjasinas Rücken setzen und
»Hoppe, hoppe, Reiter« singen; Timm sollte vom Pferd steigen und einen Kopfstand machen; und
Klara bekam einen Löffel mit einem Ei in die Hand gedrückt und »durfte« dreimal um den
Baumstamm traben. Es wurde nie langweilig. Sogar die Ponys schienen Spaß zu haben und waren
eifrig bei der Sache.
»Wie kommst du bloß auf diese verrückten Ideen?«, wollte Klara von ihm wissen.
»Das ist mein Betriebsgeheimnis«, antwortete Momo.
Klara atmete auf, weil Wanja so aufmerksam und willig war. Die tägliche Arbeit schien ihm zu
gefallen und seine Kondition im Gelände war unerschöpflich. Petra, die möglichst oft beim Training
zuschaute und wertvolle Tipps gab, war sehr mit dem Duo zufrieden.

»Nach dem Wettbewerb kommt er zur Herde«, kündigte sie eines Tages an. »Wanja ist wirklich ein
prima Kerl. Er hat sich toll entwickelt – und das verdankt er dir.«
Klara schüttelte den Kopf. »Nee«, sagte sie, »Wanja war schon vorher toll. Ich musste gar nichts
tun.« Sie strich dem Pony die lange Mähne aus der Stirn. »Ich wusste es von Anfang an: Wanja ist das
tollste Pony der Welt.«
Der große Tag

Klara sprang gerade aus dem Bett, als der Wecker zu klingeln begann. Sie fühlte eine innere
Anspannung, hatte aber zu ihrem Erstaunen kein bisschen Angst. Endlich – heute durfte sie beweisen,
was in Wanja steckte! Pferde und Reiter waren »total fit« – zumindest fand das Momo. Sie hatten hart
trainiert. Und heute war die Belohnung fällig.
Um sieben Uhr waren die Freunde im Stall verabredet. Die ganze Abteilung wollte quer über die
Stoppelfelder zum Gut Rothenhain reiten, begleitet von Petra auf Suleika und Kurt Lemke auf seinem
Isländer Rasputin. Nach dem halbstündigen Ritt hatten die Ponys und Pferde dann genügend Ruhe,
bevor es richtig losging.
Klaras Eltern schliefen noch, hatten aber versprochen rechtzeitig mit dem Wagen nachzukommen.
Wie die Eltern der anderen Reiterfreunde wollten sie sich den großen Tag ihrer Tochter nicht
entgehen lassen. Es würde ein richtiges Familienfest werden. Hastig schlüpfte Klara in ihre bequeme
Reithose. Kurt hatte für die Teilnehmer des Reitstalls rote T-Shirts bedrucken lassen. »Team Ponyhof
im Wiesenhain«, stand in leuchtend weißen Buchstaben auf der Vorderseite und auf dem Rücken der
Vorname des Reiters. Klara zupfte das T-Shirt am Hals zurecht, zog die Gummireitstiefel an und
betrachtete sich stolz im Spiegel. Wow, nicht übel!
»Wenn Wanja und ich heute durchkommen, wird das mein Lieblings-T-Shirt«, überlegte Klara, als
sie sich ein kleines Frühstück zubereitete.

In ruhigem Schritttempo ritt die Abteilung durch die prächtige Buchenallee auf das hellgelb
gestrichene Herrenhaus zu.
Klara spürte ihr Herz klopfen. »Ich hab dich so lieb, Wanja!«, sagte sie und umarmte den Hengst.
Wanja ging eifrig an Adjasinas Seite und prustete.
Rike betrachtete ihre Freundin und das schwarze Pony.
»Ihr seid echt süß, ihr zwei. Ich drücke euch die Daumen, dass ihr gewinnt!«
Klara starrte ihre Freundin an. »Spinnst du? Wir sind doch Konkurrenten!«
»Ist doch egal«, erwiderte Rike fröhlich. »Ich würds euch trotzdem gönnen.«
»Hallo!« Ein breitschultriger Mann in Reitstiefeln kam ihnen entgegen. »Herzlich willkommen auf
Gut Rothenhain! Ich bin Hannes Felding, der Chef des Ganzen. Am besten zeige ich euch zuerst, wo
ihr eure Pferde lassen könnt.«
Er ging voran zu einem eingezäunten Stück Wiese. »So, hier könnt ihr eure Ponys anbinden. Nehmt
frisches Wasser und Heu, so viel ihr braucht. In zwanzig Minuten ist die Auslosung der Startnummern
für den Geländeritt. Bis dann!« Herr Felding wechselte ein paar freundliche Worte mit Petra und
Kurt, dann verschwand er im Getümmel.
Die Freunde vom Ponyhof im Wiesenhain versorgten ihre Pferde und »spionierten« ein bisschen
auf der weitläufigen Gutsanlage. Sie staunten: Es wimmelte nur so von Ponys, Pferden und den
dazugehörigen Reiterinnen und Reitern.
»So groß hatte ich mir die Veranstaltung nicht vorgestellt«, jammerte Viola. Sie war ganz blass
unter ihrem Reithelm. »Das ist ja ein richtiges Turnier!«
»Was dachtest du denn?«, fragte Timm unbeeindruckt. »Ist doch voll cool!«
»Seht ihr den tollen Fuchs?« Rike zeigte auf einen stämmigen Isländer. Das hellbraune Fell des
Wallachs glänzte in der Sonne wie Seide und die dicke hellblonde Mähne schimmerte weich. Auf
dem Rücken des Isländers saß ein schlankes Mädchen in perfektem Turnierdress. »Das ist Sabine
Rogge, ihr Pferd heißt Gjörn. Seit Jahren gewinnen sie jedes Turnier im Umkreis von hundert
Kilometern. Gegen die haben wir keine Chance.« Rike seufzte.
Klara hakte sich bei ihrer Freundin unter. »Na und?«, sagte sie unbekümmert. »Dabei sein ist
alles.« Im Reden ertappte sie sich dabei, dass sie nach Momo Ausschau hielt. Irgendwo in dem
Gewusel musste er sein!
Timms Adleraugen entging nichts. »Bevor dir die hübschen Pupillen ausfallen, Klaralein: Dein
süßer Momo ist schon im Gelände. Meine Schwester hasst Unpünktlichkeit. Nur keine Bange: Du
wirst deinen geliebten Streckenposten bald zu Gesicht bekommen. Er steht am letzten Kontrollpunkt,
gleich am Anfang der Galoppstrecke.« Bevor Klara etwas erwidern konnte, sah Timm auf seine Uhr
und rief: »Los, Leute, gleich beginnt die Auslosung der Startnummern!«
»Für die Geländeprüfung der Ponyreiter haben sich zwölf Teilnehmer gemeldet«, sagte Herr
Felding. »Gestartet wird in fünfminütigem Abstand. Bevor ich die Reihenfolge auslose, erkläre ich
noch einmal die Strecke und die Regeln.« Der freundliche Turnierleiter deutete auf einen Plan, den er
mit Reißnägeln an einen Pfosten gepinnt hatte. »Am Anfang liegt eine lange Trabstrecke, hier in den
Wald hinein, über die Wiese, bis zum ersten Kontrollpunkt. Nach der ersten Prüfung kommt eine lange
Schrittstrecke, in der eure Ponys verschnaufen können.« Mit dem Finger fuhr er die Linien nach. »Am
Ende der Schrittetappe werden eure Pferde von mir in Augenschein genommen. Dann führt ein
Halbkreis um den Wald herum bis zum nächsten Kontrollpunkt. Dort ist wieder eine Aufgabe zu lösen.
Wenn ihr die geschafft habt, gehts im leichten Galopp den Feldweg entlang bis zur letzten Kontrolle.
Dort ist der Posten der Tierärztin, die entscheiden wird, ob eure Pferde eine Pause brauchen. Danach
folgt noch die Galoppstrecke bis ins Ziel.« Herr Felding blickte in die Runde. »Für den Zieleinlauf
gibt es zwei Varianten«, fuhr er fort. »Die unerfahrenen Reiter und Anfänger unter euch können
einfach geradeaus bis ins Ziel. Die Strecke für die Fortgeschrittenen ist zwar kürzer, aber sie müssen
eine Brücke überqueren, ein Stück bergauf galoppieren und schließlich einen Graben überspringen.
Egal, welchen Weg ihr wählt: Denkt immer an eure Ponys! Überfordert sie nicht. Bei den Kontrollen
werden erschöpfte Tiere sofort aus dem Wettbewerb genommen, verstanden? Im Endeffekt zählt
sowieso nicht nur die Zeit, sondern auch die Anzahl der Punkte, die ihr bei den Aufgaben errungen
habt. Ihr müsst also nicht bloß schnell reiten, sondern vor allem klug! So, jetzt bekommt ihr eure
Nummern und die Kontrollkärtchen. Diese Karten müsst ihr den jeweiligen Streckenposten zum
Eintragen eurer Zwischenzeiten und zum Abstempeln der Punkte vorlegen. Verliert sie nicht!«
Aufgeregt nahm Klara ihr Kärtchen entgegen und zog eine Startnummer aus einem Futtereimer. »7«,
stand auf dem Zettel.
Rike schaute ihrer Freundin über die Schulter. »Ich hab die Sechs gezogen. Wir starten direkt
hintereinander! Welche Nummer hast du, Timm?«
»Drei«, brummte ihr Freund. »Keine Ahnung, ob das gut ist oder schlecht. Auf jeden Fall werde
ich vor euch im Ziel sein. Dann kann ich euch anfeuern.«
»Na, wir werden ja sehen, wer von uns zuerst im Ziel ist«, witzelte Rike. »Los, lasst uns die
Pferde holen!«
Auf dem Abreiteplatz herrschte lebhaftes Treiben. Selbstbewusst mischte sich Klara unter die
Reiterinnen und Reiter und ließ Wanja ein paar Runden traben, um ihn aufzuwärmen. »Hey, ist das
nicht dieser durchgeknallte Hengst von Bauer Knudsen?«, fragte jemand aus heiterem Himmel.
Klara zuckte zusammen. Neben ihr ritt Sabine Rogge auf ihrem Isländer und schaute auf Wanja
hinab.
»Wanja ist nicht durchgeknallt!«, verteidigte ihn Klara und funkelte Sabine zornig an. »Außerdem
gehört er jetzt Herrn Lemke vom Ponyhof im Wiesenhain.«
Das hochgewachsene Mädchen lächelte entschuldigend. »Sei doch nicht gleich sauer«, sagte sie
freundlich. »Ich hab’s nicht böse gemeint. Ich kenne den Hengst von früher, da hat er kaum jemanden
an sich herangelassen.« Sabine trieb ihren Gjörn an und ließ ihn in einen leichten Galopp fallen. Über
die Schulter rief sie zurück: »Er ist kaum wiederzuerkennen. Ich wünsch dir viel Glück, Hals- und
Beinbruch!«
Klara versuchte, sich zu beruhigen. »Wir lassen uns doch nicht beleidigen«, raunte sie ihrem Pony
zu, während sie mit einer Hand durch seine Mähne fuhr. »Denen werden wir’s zeigen!«
Aus dem großen Lautsprecher neben dem Abreiteplatz dröhnte plötzlich ein lautes Knistern und
Knacken. Wanja versteifte sich und schnaubte nervös. »Die Teilnehmer für den Geländewettbewerb
der Ponyreiter werden gebeten, an den Start zu kommen!«
Klara nahm die Zügel kürzer und setzte sich zurecht. »Jetzt wird’s ernst, Wanja«, sagte sie und
holte tief Luft.
Sie bekam gerade noch mit, wie Timm auf seinem Schecken Silberhall losritt. Danach wurden Rike
und Adjasina aufgerufen. »Ich drück dir die Daumen!«, rief Klara ihrer Freundin zu und murmelte
dann: »Oh Gott, wir sind die Nächsten!« Nervös ritt sie an den Start.
Als sich die weiße Fahne senkte, legte sie die Schenkel an. Wanja scheute vor der Fahne und
bäumte sich halb auf, aber Klara bekam ihr Pony schnell wieder in den Griff. »Ruhig«, besänftigte sie
ihn, »dir passiert nichts.« Gehorsam trabte Wanja an. Er bog seinen Hals und Klara passte ihre
Bewegungen denen des Hengstes an. Sie trabten über einen gewundenen Sandweg auf den Laubwald
zu. Weit vorne erspähte Klara ihre Freundin, die gerade mit Adjasina im Wald verschwand.
Wanja lief anstandslos und gleichmäßig. Klara konnte sich ein wenig entspannen und versuchte,
ruhiger zu atmen. Als sie in den Wald einbogen, nahm sie das Tempo leicht zurück. Sie wusste zwar,
dass Wanja eine starke Kondition hatte, aber sie wollte nichts riskieren. Nichts war schlimmer, als
mit einem schwitzenden Pferd in die erste Kontrolle zu kommen.
In leichtem Trab erreichten Klara und der Rappe den ersten Streckenposten. Zwei junge Männer
erhoben sich von ihren Campingstühlen, als Klara Wanja durchparierte. Die Kontrollkarte wurde
abgestempelt, die Zeit eingetragen.
Einer der Männer forderte Klara auf abzusitzen. »Sag uns bitte die erste Strophe eines Gedichtes
auf«, sagte er freundlich.
Klara brach der Schweiß aus. »Ein Gedicht?«, hakte sie entsetzt nach. »Egal welches?«
Klara kramte in ihrem Gehirn. In der Schule hatten sie vor Kurzem eine Ballade von Theodor
Fontane durchgenommen.
»Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland, ein Birnbaum in seinem Garten stand …«, stotterte
sie mühsam. Sie verhaspelte sich ein paarmal und hatte das Gefühl, die Hälfte vergessen zu haben,
aber die Kontrolleure nickten zufrieden.

»Okay«, sagte der eine, »du darfst weiter.«


Der andere kratzte sich an der Stirn. »Komisch«, wunderte er sich, »der Junge auf dem Schecken
und das Mädchen auf der grauen Stute haben dasselbe Gedicht zitiert.«
Klara hatte wenig Lust, den beiden Typen lange Erklärungen zu liefern. Sie schnappte sich ihre
Kontrollkarte und kletterte mit einem »Tschüs!« auf Wanjas Rücken.
»Jetzt kommt die Schrittstrecke!«, rief der erste Mann noch. »Viel Glück!«
Mit langen Schritten ging Wanja über den weichen Waldboden. Klara gab ihm die Zügel hin und
der Hengst streckte sich dankbar. »Herr von Ribbeck … ich glaub, ich spinne!« Klara schüttelte den
Kopf. »Was die sich wohl noch alles einfallen lassen?«
Wanja schnaubte und schnappte nach einem dürren Zweig. Deutsche Dichtung schien ihn nicht
sonderlich zu interessieren.
Nach ungefähr zehn Minuten nahm Klara die Zügel wieder auf. Bald müsste die zweite Kontrolle
kommen. Hinter einer Wegbiegung entdeckte sie an einem Baum eine rote Markierung. Hannes
Felding lächelte ihr entgegen.
»Na, das läuft doch prima!«, lobte er. »Sitz bitte ab und gib mir die Zügel. Du darfst vier
Tennisbälle suchen.«
»Vier – bitte was?« Klara starrte den Turnierleiter an, der bereits Wanjas Beine untersuchte.
Er sah nur kurz auf. »Hier in der Nähe sind vier Tennisbälle versteckt«, wiederholte er lachend.
»Sie sind gelb. Bring sie mir!«
Während Herr Felding die Atmung des Pferdes kontrollierte, kroch Klara auf allen vieren durch
das Unterholz. Den ersten Tennisball fand sie in einem Baumstumpf, den zweiten hinter einem
Brombeerbusch, den dritten unter einem Tannenzweig. Hurra! Doch …
»Verflixt, wo ist der vierte?« Klara hatte das Gefühl, kostbare Zeit zu verlieren, und blickte
verzweifelt in Wanjas Richtung. Da! Der Ball hing in einer Astgabel direkt über Wanjas Rücken. Sie
pflückte die gelbe Filzkugel aus dem Baum und überreichte sie Herrn Felding.
»Wunderbar«, ermutigte sie der nette Mann. »Vorwärts im leichten Galopp!« Er klopfte Wanjas
Hals. »Dein Pony ist in Topform, Mädchen. Weiterhin viel Glück!«
Klara dankte ihm und saß auf. Sie hatte keine Ahnung, wie viel Zeit vergangen war und wie gut sie
im Rennen lag. Trotzdem jubelte sie: »Juhu!«, worauf Wanja prompt ein paar ausgelassene
Bocksprünge vollführte. Klara lachte nur darüber.
»Heute ist der schönste Tag in meinem Leben!«, rief sie in den Wald hinein. »Ich reite Wanja!«
Als Klara das Tempo zurücknahm und mit Wanja im versammelten Trab den Wald verließ, stellte
sie fest, dass sich die Abstände zwischen den einzelnen Startern nun zusehends verringerten. Die
Etappe zum nächsten Kontrollpunkt führte auf gewundenem Weg im Halbkreis über eine flache Wiese
und war gut einzusehen. Weit vorne erkannte Klara Rike, die mit Adjasina hinter einer Senke
verschwand.
Unmittelbar vor Klara führte ein Junge sein falbfarbenes Pony am langen Zügel. Er machte Platz,
als er Wanjas Hufgetrappel hörte, und grüßte Klara freundlich. Sie sah, dass der Falbe stark
schwitzte, und fand es sehr vernünftig, dass der Reiter dem Pony eine Verschnaufpause gönnte.
Ansonsten würde er an der nächsten Kontrolle gestoppt und aus dem Rennen genommen werden.
Klara legte prüfend eine Hand auf Wanjas Hals. »Alles in bester Ordnung!« Sie trabte leicht.
Wanja ließ zufrieden die Ohren baumeln.
Kaum dachte sie daran, welche blöde Aufgabe sie wohl als Nächstes bestehen musste, da sah sie
die rote Markierung. Der vorletzte Kontrollpunkt! Danach kamen noch die tierärztliche Untersuchung
und der Schlussgalopp.
»Auf geht’s! Bald sind wir zu Hause, Dicker«, spornte Klara ihr Pony an. Und wie durch ein
geheimes Zauberwort fiel Wanja sofort von sich aus in einen verhaltenen Galopp.
Während ein Streckenhelfer Wanjas Beine und Hufe kontrollierte, musste Klara mitten auf der
grünen Wiese an einer kleinen Schultafel Rechenaufgaben lösen. Sie löste sie in null Komma nichts.

»Mathe ist mein Lieblingsfach«, erklärte sie dem verblüfften Posten, als sie ihm Wanjas Zügel aus
der Hand nahm und grinsend aufsaß. »Hopp, Wanja!«
Nur ein einziger Stempel fehlte noch auf ihrer Karte: der des Tierarztes. Klara ahnte, dass diese
letzte Prüfung wohl die wichtigste war. Noch war alles offen. Wenn Frau Dr. Carstens befand, dass
ein Pony überfordert war, schickte sie es schnurstracks nach Hause und der Reiter durfte zu Fuß
gehen. Da half alles Betteln nichts. Sanft zügelte Klara den vorwärtsdrängenden Wanja.
»Ruhig, Dicker«, raunte sie ihm zu, »wir haben Zeit.«

Sie strahlten einander schon von Weitem an.


»Hallo, Ponymädchen, ich hab schon so auf dich gewartet!«, empfing Momo Klara und kuschelte
einen Augenblick lang seine Nase in ihr Haar.
»Sorry, schneller ging es nicht.« Klara überreichte ihm die Kontrollkarte und brachte Wanja zu Dr.
Carstens. Sie sah zu, wie die Tierärztin Wanjas Herz abhorchte, den Puls fühlte und die Temperatur
maß. Schließlich sollte Klara das Pony im Schritt auf- und abführen.
»Alles bestens, Klara«, bestätigte Simone Carstens nach einer Weile. »Ihr dürft weiter. Hals- und
Beinbruch!«
»Danke schön«, sagte Klara erleichtert.
Momo half ihr beim Aufsitzen. »Nimm den kurzen Weg, ja? Du liegst unheimlich gut in der Zeit
und hast alle Chancen, nach vorne zu kommen.«
»Nee, Momo, ich gehe lieber auf Nummer sicher.« Klara nahm die Zügel auf und legte die
Schenkel an. »Wanja und ich müssen nicht gewinnen.«
»Viel Glück, Ponymädchen!«, rief er ihr hinterher.
Klara drehte sich im Sattel um und warf ihm eine Kusshand zu.
»Endspurt, Wanja!« Sie ließ den Hengst laufen. Sie hatten nichts zu verlieren. Im Gegenteil: Wanja
hatte sich wacker geschlagen und mit ein bisschen Glück wurden sie vielleicht sogar platziert. Klara
fühlte sich super.
Als sie einen leichten Abhang hinuntertrabte, traf sie plötzlich unmittelbar vor sich auf Rike, die
ihre silbergraue Stute Adjasina am langen Zügel führte. Reiterin und Pferd ließen den Kopf hängen.
Erschrocken parierte Klara durch. »Meine Güte, Rike«, sagte sie beunruhigt. »Ist etwas passiert?«
Ihre Freundin hob die Hand, aus der ein glänzendes Hufeisen hervorlugte. »Künstlerpech …« Rike
zuckte bedauernd die Schultern. »Adjasina hat ein Eisen verloren. Vorhin bei der Kontrolle war noch
alles in Ordnung.«
»Oh nein, so ein Mist!« Klara schaute ihre Freundin mitfühlend an.
»Hey«, sagte Rike energisch, »vertrödle nicht deine Zeit mit mir. Gib Gas und nimm die
Abkürzung!« Sie klopfte dem Rappen den Hals. »Vor dir sind nur noch vier andere.«

»Wanja ist noch nie gesprungen.« Klara holte tief Luft und sah Rike unsicher an.
»Ich kann das nicht riskieren.«
»Doch, das kannst du. Los, zeig es allen! Trau dich!« Wanja sprang mit einem gewaltigen Satz. Mit
donnernden Hufen preschte der Hengst über die Wiese und schleuderte ausgerissene Grassoden hinter
sich. Es gab kein Zurück. Vor Klara und Wanja lag eine schmale Holzbrücke.
»Ho, Wanja, ho«, versuchte sie das Pony zu beruhigen. Es verringerte das Tempo und trabte
gehorsam über die Brücke. Das laute Klappern seiner Hufe schien den Schwarzen nicht zu stören. Er
spitzte die Ohren und schaute voraus.
Hinter der Brücke ragte ein baumbewachsener Berghang auf. Er war nicht sehr hoch, aber das
Klettern durch die dicht stehenden Bäume war anstrengend. Oben angekommen ließ Klara das Pony
kurz anhalten, um Atem zu holen und sich zu orientieren.
»Wir sind ziemlich verrückt«, sagte Klara, als sie Schritt für Schritt den sanften Abhang auf der
anderen Seite hinunterkletterten. »Nee, wir sind komplett verrückt! Aber jetzt liegt nur noch der
Graben vor uns.«
An einer Weggabelung wartete ein Helfer und zeigte Klara die Richtung. Wanja galoppierte
unverdrossen vorwärts.
Der Graben!, schoss es Klara durch den Kopf. Am liebsten hätte sie die Augen zugemacht, aber sie
zwang sich, den richtigen Absprung für ihr Pony zu finden. »Der Reiter muss für das blinde Pferd
mitgucken«, murmelte sie vor sich hin. Energisch legte sie die Schenkel an. Durch die Reitstiefel
konnte sie spüren, wie sich Wanjas Muskeln anspannten.
»Spring, Wanja!«, rief Klara. »Wir schaffen das!«
Der Hengst streckte sich. Klara kam es vor, als würden sie fliegen! Mit einem mächtigen Satz
übersprangen sie den Wassergraben und landeten sicher auf der anderen Seite. Wanja schnaubte und
schüttelte den Kopf mit der dicken Mähne. Und Klara jubelte.

Der schwarze Hengst lief wie der Wind. Mit langen Galoppsprüngen warf er sich vorwärts. Klara
spürte den Wind im Gesicht und Tränen in ihren Augenwinkeln.
Vor ihnen tauchte ein schlanker Norweger auf. Das Mädchen in seinem Sattel blickte sich kurz um,
als es Wanjas Hufschlag hörte, aber der Fjordwallach hatte keine Reserven mehr. Mühelos zogen
Klara und Wanja an ihm vorbei.
Auf der schnurgeraden Galoppstrecke konnte Klara schon das Ziel erkennen. Sie sah, dass sich
Timm und Isabell ein Kopf-an-Kopf-Rennen lieferten, und fragte sich kurz, wo Sabine auf Gjörn
abgeblieben war, dann senkte sich die Zielfahne.
Unter dem Applaus der Zuschauer brachte Klara ihr Pony zum Stehen. Atemlos beugte sie sich
nach vorn und fiel Wanja um den Hals. »Danke, Dicker«, hauchte sie in das weiche Fell. »Du warst
super!«
Sie saß ab, lockerte Kinnriemen und Sattelgurt und führte Wanja auf und ab. Petra und Kurt kamen
mit erhobenen Daumen auf sie zu und umarmten abwechselnd Klara und Wanja. Kurt nahm dem
Schwarzen den Sattel ab und fuhr ihm liebevoll durch das dicke Fell.
»Wahnsinn, Klara!«, lobte Petra. »Dass du das geschafft hast! Ich bin stolz auf euch beide.«
Kurt legte den Sattel umgedreht zum Trocknen in die Sonne und nahm Klara in den Arm. »Du bist
ganz weit vorne«, kündigte er an. »Wir müssen warten, bis alle Reiter im Ziel sind, damit die Punkte
ausgewertet werden können.«
Klara nickte schwach. Ihre Knie zitterten und sie musste bis zehn zählen, damit sich ihr Atem
normalisierte.
»Wo sind Timm und Isabell?«, fragte sie. »Sie sind doch vor mir ins Ziel geritten.«
»Sie führen ihre Pferde trocken.« Petra wies mit dem Kopf in Richtung Abreiteplatz. »Geh ruhig
mit Wanja zu ihnen. Wir warten auf Rike.«
Klara erzählte ihrer Reitlehrerin von Rikes Pech mit dem verlorenen Hufeisen.
»Mist! Aber so was kann passieren. Na, dann wollen wir sie lieber gleich in Empfang nehmen. Sie
wird sehr enttäuscht sein.«
Arm in Arm schlenderten Petra und Kurt zum Zieleinlauf. Klara blieb einen Moment lang
unschlüssig stehen. Sie suchte ihre Eltern, aber der Zuschauerandrang war mittlerweile
unüberschaubar geworden. Mit einem Schulterzucken führte sie Wanja zum Abreiteplatz. Dort wurde
sie von Timm und Isabell lautstark begrüßt.
»Hey, dein Superritt hat sich bis zu uns herumgesprochen!«, rief Timm. »Echt stark, Klara. Dein
Wanja hat uns allen bewiesen, was in ihm steckt.«
Nach und nach trudelten die letzten Reiter ein. Auch Rike und der Junge mit dem Falben waren
darunter. Klara nahm ihre Freundin tröstend inden Arm, aber die wehrte ab. »Ist kein Beinbruch«,
sagte sie locker. »Ich hab eben Pech gehabt. Dafür konnte ich dir und Wanja auf dem langen
Fußmarsch fest die Daumen drücken. Hoffentlich hat’s gewirkt!«
»Das werden wir gleich erfahren.« Timm deutete auf ein kleines Zelt. Klara konnte Hannes
Felding erkennen, Dr. Carstens, Momo und die anderen Streckenposten. Offensichtlich waren sie
damit beschäftigt, die Punkteauszählung vorzunehmen.
»Bringen wir die Pferde zum Anbindeplatz«, schlug Rike vor. »Trocken sind sie jetzt und Durst
haben sie auch. Bestimmt ist bald Siegerehrung.«
Klara spürte ein eigentümliches Grummeln in der Magengegend. Sie sah hinüber zu Wanja, der
seelenruhig an einem Bündel Heu zupfte. Ich hab dich so lieb, dachte Klara gerührt. Ein lautes
Knacken im Lautsprecher riss sie unsanft aus ihren Gedanken.
»Die Teilnehmer des Geländerittes werden zum Festzelt gebeten«, schnarrte die Stimme. »Die
Siegerehrung findet in zehn Minuten statt.«
»Schnell, sattelt eure Pferde!« Kurt sprang auf. »Oder wollt ihr zu Fuß zur Siegerehrung?«

In einer langen Reihe standen die zehn Ponys nebeneinander. Der Junge mit dem Falben hatte
aufgegeben und Rike war mit Adjasina beim Hufschmied. Herr Felding als Turnierchef verkündete
mit lauter Stimme die Resultate.
»Der erste Platz mit einer Gesamtpunktzahl von dreihundertundfünfzig Zählern in einer Zeit von
achtundzwanzig Minuten und dreißig Sekunden geht an die Vorjahressiegerin Sabine Rogge auf
Gjörn!«
Lebhafter Applaus, als Sabine lächelnd einen Schritt vorwärtsritt. Strahlend nahm sie die
Siegerschleife und die Glückwünsche entgegen und klopfte ihrem Isländer den Hals.
»Zweiter Platz mit dreihundertzwanzig Zählern und einer Zeit von einunddreißig Minuten: Timm
Carstens auf Silberhall!«, fuhr Herr Felding fort.
Timm stieß einen lauten Jubelruf aus und streckte eine Hand in die Höhe. Silberhall stieg, sodass
Herr Felding einen Satz zur Seite machte. »Für diese Einlage gibts aber keine Extrapunkte, mein
Lieber«, sagte er lachend und steckte dem Schecken die Schleife ans Zaumzeug. Klara hielt den Atem
an. Sie hatte mit beiden Händen in Wanjas dicke Mähne gegriffen und krallte sich nahezu darin fest.
Verschwommen sah sie, dass Momo hinter Herrn Felding stand.
Der Junge winkte ihr grinsend zu. In Klaras Ohren rauschte es, als Herr Felding bekannt gab, dass
sich zwei Reiterinnen aufgrund eines rechnerisch gleichen Punkte- und Zeitverhältnisses den dritten
Platz teilten:
»Isabell Nissen und Klara Roos auf ihren Pferden Fun und Wanja vom Team Ponyhof Wiesenhain«,
sagte der Turnierchef. »Herzlichen Glückwunsch!«
Isabell wurde blass. »Ich?«, fragte sie verdutzt. »Das kann nicht wahr sein!«
Verständnisvoll wartete Herr Felding, bis sie ihr Pferd vorwärtsgerichtet hatte. Klara blieb wie
angewurzelt an ihrem Platz und schaute zu, wie Fun seine Schleife angesteckt bekam.
»Du musst vorreiten!«, flüsterte jemand neben Klara.
Klara zuckte zusammen. Verwirrt schaute sie in Momos blaue Augen. »Ich? Wieso denn?«, fragte
sie begriffsstutzig.
»Weil du dir deine Schleife abholen musst, Ponymädchen!« Momo hatte es nicht länger an seinem
Platz ausgehalten und sich nach vorne gedrängt. »Ich bin so stolz auf dich«, sagte er leise.
Wanja stampfte ungeduldig mit dem Vorderhuf. Er hatte genug still gestanden, fand er. Jetzt wurde
es Zeit für die Ehrenrunde!
Klara schwebte auf Wolke sieben. Die Siegerehrung, die anschließende Ehrenrunde und die
Gratulationen erlebte sie wie durch einen dichten Schleier. Nur Wanjas ausgelassene Bocksprünge
und die flatternde Schleife an seinem Zaumzeug bewiesen ihr, dass sie nicht träumte. Sanft gab sie
dem Rapphengst immer wieder einen Kuss auf die weiche Nase. »Für mich bist du das tollste Pony
der Welt!«, sagte sie und schlang die Arme um seinen Hals.
Ponys am Meer

»Was haltet ihr von einem Ausritt zum Strand?«, fragte Petra Lemke vergnügt in die Runde. »Der
Sommer ist bald vorbei. Ihr solltet das schöne Wetter nutzen und mit den Ponys schwimmen gehen.«
Die Freunde hatten gemeinsam im Bauerngarten der Lemkes gefrühstückt. »Zur Feier eures
glorreichen Abschneidens beim Turnier«, hatte Kurt gesagt und die köstlichsten Leckereien
aufgetischt. Jetzt waren alle satt, glücklich und ein kleines bisschen schläfrig. Aber die Aussicht auf
einen Ausritt an die nahe gelegene Ostsee ließ die jungen Reiter hellwach werden.
Timm sprang auf. »Auf die Plätze, fertig, los – wer zuerst bei den Pferden ist!« Er rannte voraus
und Klara, Rike und die anderen beeilten sich, ihn einzuholen.
Die Ponys standen zufrieden auf der Koppel und hoben den Kopf, als die wilde Meute mit
Zaumzeugen bewaffnet über das Gatter kletterte.
Wanja spitzte die Ohren und wieherte leise. Seit gestern Abend war er bei der Herde und benahm
sich tadellos. Er hatte akzeptiert, dass Petras alte Norwegerstute Meike die Leitstute der
Pferdegemeinschaft war. Und Meike hatte dem Rappen unmissverständlich klargemacht, dass er als
Neuling wenig zu melden hatte.
Klara war überglücklich, als sie auf ihr Pony zuging. »Komm, Wanja«, lockte sie leise. Zutraulich
kam Wanja heran und ließ sich kraulen. Klara streifte ihm das Zaumzeug über und ordnete mit den
Fingern die Mähne. Dann fischte sie einen Hufkratzer aus der Tasche ihrer abgeschnittenen Jeans und
säuberte gründlich den Strahl aller vier Hufe.
»So, von mir aus kanns losgehen!«, rief sie ausgelassen und schwang sich auf Wanjas bloßen
Rücken.
Die Freunde folgten ihrem Beispiel. Bei einem Ausritt ans Meer waren Sättel überflüssig; sie
wurden höchstens nass.
Petra öffnete das Gatter und ließ die bunte Horde hindurch. »Viel Spaß!«, wünschte sie und
winkte. »In drei Stunden seid ihr zurück, okay?«
Über einen schmalen Feldweg trabte die Abteilung der Ostsee entgegen. Pferde und Reiter atmeten
tief ein. Sie rochen schon den salzigen Geruch des Meeres und hörten das Rauschen der Brandung.
Über ihnen lachte ein strahlend blauer Himmel – ein herrlicher Tag!
Der Privatweg führte direkt zu einer kleinen, uneinsehbaren Bucht. Beides, Weg und Strand,
gehörten einem netten Gutsbesitzer aus der Gegend, der es den Reitern vom Wiesenhain erlaubte,
seinen Besitz zu nutzen.
»Wow, ist das schön!« Rike breitete die Arme aus und wandte ihr Gesicht der Sonne zu. Mit
langem Hals beäugte ihre Schimmelstute Adjasina das glitzernde Nass, das in gleichmäßig rollenden
Wellen an das flache Ufer schwappte.
»Ja«, sagte Klara nachdenklich, »so müsste es immer sein.« Sie ließ Wanja vorsichtig auf den
weichen Strand gehen und glitt von seinem Rücken. Das schwarze Pony sollte Zeit haben, sich an
alles zu gewöhnen.
Wanja hob den Kopf in den sanften Wind, der übers Meer kam, und wieherte. Es war ein Wiehern,
das von tief unten kam, stark und wild.
Timm und Silberhall planschten bereits im Wasser. Ein paar Mutige schlossen sich den beiden an
und schon bald war die schönste Wasserschlacht im Gange.
Klara nahm Wanja das Zaumzeug ab. Sofort begann der Hengst, den Strand zu erforschen. Er
scharrte mit dem Vorderhuf im Sand, schnaubte hinein und ließ sich nieder, um sich ausgiebig zu
wälzen. Klara watete ins flache Wasser.
»Komm, mein Dicker!« Sie streckte eine Hand aus. »Komm, es ist ganz warm.«
Wanja zögerte, bevor er einen Fuß vor den anderen setzte und Klara folgte. Das Mädchen legte
sich auf den Rücken und ließ sich treiben. Wanja prustete und zog die Lippen kraus, doch er folgte ihr
ins tiefere Wasser. Als er keinen Grund mehr unter den Hufen hatte, begann er mit kräftigen Tritten zu
schwimmen. Vorsichtig glitt Klara auf ihn zu und griff in die lange Mähne. Wanja schwamm weiter
und zog das leichte Mädchen hinter sich her. Klara war sprachlos vor lauter Glück. Ihre Augen
brannten. War das Salzwasser schuld oder weinte sie? Es war ihr ganz egal. In diesem Moment gab
es nur sie und ihr Pony.

Klaras Blick fiel zum Strand zurück. Momo! Da stand er und winkte mit beiden Armen. Klara ließ
Wanjas Mähne los und winkte fröhlich zurück. Danach schwamm sie mit weit ausholenden Zügen ans
Ufer, Momo entgegen. Wanja folgte ihr.
»Hallo, Ponymädchen! Petra hat mir gesagt, wo ihr seid.« Momo küsste Klara sanft auf die Stirn
und strich ihr eine nasse Haarsträhne aus dem Gesicht. »Ich kann mich gar nicht entscheiden …«
»Was meinst du?«, fragte sie irritiert.
»Na, ob du nun ein Ponymädchen bist oder eine Nixe.« Er nahm Klara in die Arme und wirbelte
sie durch die Luft. »Ist ja auch egal. Ich hab dich so oder so lieb!«

Wenig später saßen die Freunde im warmen Sand. Die Ponys streiften frei umher, wälzten sich oder
ließen sich das Fell von der heißen Sonne und vom Wind trocknen. Timm blinzelte in den Himmel und
beobachtete scheinbar interessiert eine Möwe.
»Sag mal, Momo«, murmelte er beiläufig, »war da nicht noch was?«
Momo richtete sich auf. »Ach ja, stimmt, da war noch was«, entgegnete er und griff sich in
gespielter Verzweiflung an die Kehle.
»Weißt du, wovon die Jungs sprechen?« Rike zupfte Klara am T-Shirt. »Oder haben die einen
Sonnenstich?«
Klara zog die Stirn kraus. »Könnte sein«, sagte sie, »die Anzeichen sprechen dafür …«
»Mensch, Mädels!« Timm stöhnte und warf mit einer Hand voll Sand nach den Freundinnen.
»Unsere Wette! Momo muss reiten lernen. Habt ihr das etwa schon vergessen?«
Klara hielt die Luft an.

»Alles schon geregelt.« Momo grinste breit. »Ich hab vorhin mit Petra gesprochen. Ganz zufällig
ist noch ein Platz in der Anfängerabteilung frei. Nächste Woche gehts los. Zufrieden?«
Klara fasste zärtlich Momos Hand und Rike gab ihm einen Schmatz auf die Wange. »Willkommen
im Ponyclub Löwenzahn!«, sagte sie.
»Hilfe!«, jaulte Momo. »Muss ich da etwa ’ne Aufnahmeprüfung machen?«
Klara schüttelte den Kopf. »Keine Angst, die hast du längst bestanden.«
»Ja, und den Rest kriegen wir auch hin«, meinte Timm großzügig.
»Es sind nämlich noch keine Reiter vom Himmel gefallen«, tröstete Rike mit wichtiger Miene.
»Nee«, Klara lachte, »höchstens vom Pferd!«
Inhaltsverzeichnis

Eine aufregende Neuigkeit


Herzlich willkommen!
Ausgerechnet Wanja?
Klaras Entdeckung
Momo
Ponytraining
Heu und Stroh
Eine gewagte Tour
Der große Tag
Ponys am Meer