You are on page 1of 794

Venzlaff Foerster Dreßing Habermeyer

Psychiatrische
Begutachtung
Ein praktisches Handbuch
für Ärzte und Juristen

Herausgegeben von

Harald Dreßing und Elmar Habermeyer

6., neu bearbeitete und erweiterte Auflage

Mit Beiträgen von:

Stephan Bork, Peer Briken, Andrea Dettling, Andrea Dreßing, Claudia Dreßing, Harald Dreßing, Sabine Eucker,
Beate Eusterschulte, Klaus Foerster, Peter W. Gaidzik, Peter Gass, Marc Graf, Matthias Graw, Bernd Grüner, Michael Günter,
Elmar Habermeyer, Hans-Thomas Haffner, Andreas Heinz, Paul Hoff, Kivanc Karacay, Norbert Konrad, Norbert Leygraf,
Andreas Mokros, Sabine Müller, Rüdiger Müller-Isberner, Annette Opitz-Welke, Regina Prunnlechner-Neumann, Wolfgang Retz,
Anne Rohner, Henning Rosenau, Michael Rösler, Hans Schanda, Hans-Ludwig Schreiber, Dieter Seifert, Michael Soyka,
Max Steller, Tillmann Supprian, Jochen Taupitz, Detlef Thieme, Ulrich Venzlaff †, Renate Volbert, Ferdinand Weis
Zuschriften und Kritik an:
Elsevier GmbH, Urban & Fischer Verlag, Lektorat Medizin, Hackerbrücke 6, 80335 München, E-Mail: medizin@elsevier.com

Wichtiger Hinweis für den Benutzer


Die Erkenntnisse in der Medizin unterliegen laufendem Wandel durch Forschung und klinische Erfahrungen. Herausgeber und Autoren dieses
Werkes haben große Sorgfalt darauf verwendet, dass die in diesem Werk gemachten therapeutischen Angaben dem derzeitigen Wissensstand ent-
sprechen. Das entbindet den Nutzer dieses Werkes aber nicht von der Verpflichtung, anhand weiterer schriftlicher Informationsquellen zu überprü-
fen, ob die dort gemachten Angaben von denen in diesem Buch abweichen, und seine Verordnung in eigener Verantwortung zu treffen.
Wie allgemein üblich wurden Warenzeichen bzw. Namen (z. B. bei Pharmapräparaten) nicht besonders gekennzeichnet.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek


Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im
­Internet über http://www.dnb.de abrufbar.

Alle Rechte vorbehalten


6. Auflage 2015
© Elsevier GmbH, München
Der Urban & Fischer Verlag ist ein Imprint der Elsevier GmbH.

15 16 17 18 19 5 4 3 2 1

Für Copyright in Bezug auf das verwendete Bildmaterial siehe Abbildungsnachweis.

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes
ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und
die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

Um den Textfluss nicht zu stören, wurde bei Patienten und Berufsbezeichnungen die grammatikalisch maskuline Form gewählt. Selbstverständlich
sind in diesen Fällen immer Frauen und Männer gemeint.

Planung: Ursula Jahn, München


Lektorat: Bettina Lunk, München
Redaktion: Karin Beifuss, Ohmden
Herstellung: Petra Laurer, München; Dietmar Radünz, Leipzig
Satz: abavo GmbH, Buchloe; TNQ, Chennai/Indien
Zeichnungen: Andrea Mogwitz, München
Titelfotografie: © Fotolia
Umschlaggestaltung: SpieszDesign Büro für Gestaltung, Neu-Ulm
Druck und Bindung: Drukarnia Dimograf, Bielsko-Biala/Polen

ISBN Print 978-3-437-22902-2


ISBN e-Book 978-3-437-29623-9

Aktuelle Informationen finden Sie im Internet unter www.elsevier.de


Vorwort zur 6. Auflage
Psychiatrische Begutachtungen sind in allen Rechtsgebieten von er- Um Kontinuität und Fortentwicklung des Handbuchs zu gewähr-
heblicher Bedeutung. Die umfangreichen Aufgaben für die psychia- leisten, wird es in der 6. Auflage wieder von zwei Herausgebern be-
trischen Sachverständigen nehmen auch durch neue gesetzliche treut. Zahlreiche neue Autoren und Co-Autoren konnten gewonnen
Regelungen und durch die einschlägige Rechtsprechung zahlenmä- werden. Unser Dank gilt allen aktuellen Autoren für ihre kompeten-
ßig und bezüglich des Schwierigkeitsgrades immer weiter zu. Die te Mitarbeit, aber auch allen aus dem Autorenteam ausscheidenden
Komplexität forensisch psychiatrischer Begutachtungsaufgaben, Kollegen für die Leistungen bei den vorhergehenden Auflagen.
aber auch die positive Resonanz auf die 5. Auflage dieses Hand- Viele Kapitel wurden völlig neu geschrieben, alle anderen Kapitel
buchs zeigt sich darin, dass bereits nach 5 Jahren eine Neuauflage wurden grundlegend überarbeitet und ergänzt.
notwendig wurde, in der dank des Engagements unterschiedlicher Neue Entwicklungen in Psychiatrie und Rechtsprechung wurden
Fachautoren wesentliche neue Entwicklungen in der forensisch- integriert, wodurch eine Reihe neuer Kapitel oder Themen einzu­
psychiatrischen Begutachtung aufgenommen werden konnten. fügen waren. Wesentliche Ergänzungen betreffen z. B. den Einsatz
Ulrich Venzlaff, Begründer und erster Herausgeber des Hand- psychometrischer Verfahren in der Begutachtung, den Einsatz
buchs, ist während der Arbeiten an der neuen Auflage leider ver- standardisierter Prognoseinstrumente, die Begutachtung im Kon-
storben. Die jetzigen Herausgeber und Autoren wollen diesem Nes- text der neuen Regelungen zur Sicherungsverwahrung, die Begut-
tor der forensischen Psychiatrie ein ehrendes Andenken bewahren achtung der posttraumatischen Belastungsstörung, die gutachtliche
und haben Herrn Venzlaff daher bewusst als Autor bei den vorab Umsetzung der Versorgungsmedizin-Verordnung und den Einsatz
von ihm bearbeiteten und inhaltlich geprägten Kapiteln beibehal- von Beschwerdenvalidierungstests. Anregungen und Hinweise aus
ten. Außerdem war und ist es für uns ganz allgemein eine große dem Leserkreis, für die wir danken, wurden berücksichtigt.
Ehre, aber auch Verantwortung, sein Werk im Sinne der Zusam- Mit der 6. Auflage liegt nun ein umfangreich überarbeitetes, er-
menstellung eines für die an der Erstellung, aber auch Beurteilung weitertes und aktuelles Handbuch für die psychiatrische Begutach-
von Gutachten beteiligten unterschiedlichen Fachgebiete informa- tungen in allen Rechtsgebieten vor.
tiven und am aktuellen Wissensstand orientierten Handbuchs fort- Die Neubearbeitung erfolgte in einer angenehmen Arbeitsatmo-
zuführen. sphäre mit Frau Inga Schickerling und Frau Bettina Lunk vom Ver-
Klaus Foerster, der das Handbuch ab der 2. Auflage zunächst zu- lag Elsevier, Urban & Fischer sowie Frau Karin Beifuss, von denen
sammen mit Ulrich Venzlaff, die 4. Auflage allein und die fünfte das Buch engagiert betreut wurde, wofür wir bestens danken.
Auflage dann zusammen mit Harald Dreßing herausgegeben hat, Die Leser bitten wir auch künftig um konstruktive Kritik, Hin-
ist mittlerweile emeritiert und hat sich aus seiner Funktion als Her- weise und Anregungen für die weitere Gestaltung des Handbuchs.
ausgeber zurückgezogen. Er ist dem Werk in der Neuauflage aber
weiterhin als Autor und Berater eng verbunden, wofür wir dankbar Mannheim und Zürich, im Frühjahr 2015
sind. Harald Dreßing und Elmar Habermeyer
Autorinnen und Autoren
Dr. med. Stephan Bork Professor Dr. med. em. Klaus Foerster
Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie
Forensische Psychiatrie, Suchtmedizin, Verkehrsmedizin Sektion Forensische Psychiatrie und Psychotherapie
Calwerstr. 14 Osianderstr. 24
72076 Tübingen 72076 Tübingen

Prof. Dr. med. Peer Briken Professor Dr. med. Peter W. Gaidzik
Institut für Sexualforschung und Forensische Psychiatrie Fachanwalt für Medizinrecht
Zentrum für Psychosoziale Medizin Hafenstr. 14
Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) 59067 Hamm
Martinistraße 52 (W26)
20246 Hamburg Professor Dr. Peter Gass
Zentralinstitut für Seelische Gesundheit
PD Dr. med. Andrea Dettling Bereich Forensische Psychiatrie
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg J5
Universitätsklinikum Institut für Rechtsmedizin und 68159 Mannheim
Verkehrsmedizin
Voßstr. 2, Geb. 4040 Professor Dr. med. Marc Graf
69115 Heidelberg Universitäre Psychiatrische Kliniken Basel
Forensisch Psychiatrische Klinik
Dr. med. Andrea Dreßing Wilhelm-Klein-Str. 27
Universitätsklinikum Freiburg 4012 Basel
Klinik für Neurologie und Neurophysiologie SCHWEIZ
Breisacher Str. 64
79106 Freiburg Professor Dr. med. Matthias Graw
Ludwig-Maximilians-Universität
Claudia Dreßing Institut für Rechtsmedizin
Institut für Kriminologie der Nußbaumstr. 26
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg 80336 München
Friedrich-Ebert-Anlage 6–10
69117 Heidelberg Bernd Grüner
Lilienweg 18
Professor Dr. med. Harald Dreßing 35396 Gießen
Zentralinstitut für Seelische Gesundheit
Inst. f. Neuropsychologie und Klinische Psychologie Professor Dr. med. Michael Günter
Bereich Forensische Psychiatrie Klinikum Stuttgart
J5 Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie
68159 Mannheim Hasenbergstr. 60
70176 Stuttgart
Sabine Eucker, Dipl.-Psych.
Vitos Klinik für forensische Psychiatrie Haina Professor Dr. med. Elmar Habermeyer
Landgraf-Philipp-Platz 3 Psychiatrische Universitätsklinik Zürich
35114 Haina Klinik für Forensische Psychiatrie
Lenggstr. 31, Postfach 1931
Dr. Beate Eusterschulte 8032 Zürich
Vitos Klinik für forensische Psychiatrie Haina SCHWEIZ
Landgraf-Philipp-Platz 3
35114 Haina Professor Dr. med. Hans-Thomas Haffner
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
Universitätsklinikum Institut für Rechtsmedizin und Verkehrsmedizin
Voßstr. 2, Geb. 4040
69115 Heidelberg
Autorinnen und Autoren VII

Prof. Dr. med. Dr. phil. Andreas Heinz Annette Opitz-Welke


Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie Justizvollzugskrankenhaus Berlin
der Charité – Universitätsmedizin Berlin Abt. für Psychiatrie und Psychotherapie
Campus Charité Mitte Saatwinkler Damm 1a
Charitéplatz 1 13627 Berlin
10117 Berlin
Dr. Regina Prunnlechner-Neumann
Professor Dr. med. Dr. phil. Paul Hoff Medizinische Universität Innsbruck
Psychiatrische Universitätsklinik Zürich Universitätsklinik für Psychiatrie
Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Abt. Biologische Psychiatrie
Psychosomatik Anichstr. 35
Lenggstrasse 31, Postfach 1931 6020 Innsbruck
8032 Zürich ÖSTERREICH
SCHWEIZ
Professor Dr. med. Wolfgang Retz
Dr. med. Kivanc Karacay Universitätsklinikum des Saarlandes
Universitätsklinikum Tübingen Institut für gerichtliche Psychologie und Psychiatrie
Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie Kirrberger Str.
Calwerstr. 14 66424 Homburg/Saar
72076 Tübingen
Anne Rohner, Justiziarin
Professor Dr. med. Norbert Konrad Vitos Klinik für forensische Psychiatrie Haina
Freie Universität Berlin Landgraf-Philipp-Platz 3
Institut für Forensische Psychiatrie 35114 Haina
Limonenstr. 27
12203 Berlin Professor Dr. iur. Henning Rosenau
Universität Augsburg
Professor Dr. med. Norbert Leygraf Juristische Fakultät
Universität Duisburg – Essen Lehrstuhl für Deutsches, Europäisches und Internationales
Institut für Forensische Psychiatrie Straf- und Strafprozessrecht, Medizin- und Biorecht
Virchowstr. 174 Universitätsstr. 24
45147 Essen 86159 Augsburg

PD Dr. phil. habil. Andreas Mokros, Dipl.-Psych., M.Sc. Professor Dr. med. Michael Rösler
(­ Investigative Psychology) Universitätsklinikum des Saarlandes
Qualitäts- und Forschungsbeauftragter Institut für Gerichtliche Psychologie und Psychiatrie
Psychiatrische Universitätsklinik Zürich Kirrberger Str.
Klinik für Forensische Psychiatrie 66424 Homburg/Saar
Lenggstr. 31, Postfach 1931
8032 Zürich Univ.-Prof. Dr. Hans Schanda
SCHWEIZ Universität Wien
Institut für Strafrecht und Kriminologie
Dr. phil. Sabine Müller, Dipl.-Phys. Schenkenstr. 4
Charité Universitätsmedizin Berlin 1010 Wien
Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, CCM ÖSTERREICH
Charitéplatz 1
10117 Berlin Professor Dr. jur. Dr. jur. h.c. mult. em. Hans-Ludwig Schreiber
Grazer Str. 14
Dr. med. Rüdiger Müller-Isberner 30519 Hannover
Vitos Klinik für forensische Psychiatrie Haina
Landgraf-Philipp-Platz 3 Professor Dr. med. Dieter Seifert
35114 Haina Alexianer Christophorus GmbH
Fachklinik für forensische Psychiatrie
Alexianerweg 60
48163 Münster
VIII Autorinnen und Autoren

Professor Dr. med. Michael Soyka Ferdinand Weis


Universität München Institut für Deutsches, Europäisches und Internationales
Psychiatrische Klinik Medizinrecht, Gesundheitsrecht und Bioethik der
Nussbaumstr. 7 Universitäten Heidelberg und Mannheim (IMGB)
80336 München Schloss Mittelbau
und D-68131 Mannheim
Privatklinik Meiringen
Postfach 612 Ausgeschiedene Autoren:
3860 Meiringen
SCHWEIZ Professor Dr. med. Volker Dittmann
ehemals: Forensische Psychiatrie
Professor Dr. phil. Max Steller Psychiatrische Universitätsklinik Basel
Charité – Universitätsmedizin Berlin Wilhelm Klein-Straße 27
Institut für Forensische Psychiatrie 4025 Basel
Oranienburger Str. 285 SCHWEIZ
13437 Berlin
Annette Neikes
Dr. Tillmann Supprian Eichenstr. 8
LVR Klinikum Düsseldorf 4054 Basel
Kliniken d. Heinrich-Heine Universität SCHWEIZ
Bergische Landstr. 2
40629 Düsseldorf Professor Dr. med. Friedemann Pfäfflin
Forensische Psychotherapie
Professor Dr. Jochen Taupitz Universitätsklinikum Ulm
Institut für Deutsches, Europäisches und Internationales Am Hochsträß 8
Medizinrecht, Gesundheitsrecht und Bioethik der 89081 Ulm
Universitäten Heidelberg und Mannheim (IMGB)
Schloss Mittelbau Professor Dr. Hans-Joachim Salize
68131 Mannheim Zentralinstitut für Seelische Gesundheit
J5
Dr. med. Detlef Thieme 68159 Mannheim
Institut für Dopinganalytik und Sportbiochemie (IDAS)
Dresdner Str. 12 Professor Dr. med. Wolfgang Weig
01731 Kreischa Niels Stensen Kliniken
Magdalenen-Klinik GmbH
Professor Dr. med. Ulrich Venzlaff † Bischofsstr. 28
ehemals: Leitender Medizinaldirektor i. R 49074 Osnabrück
Niedersächsisches Landeskrankenhaus Göttingen
Rosdorfer Weg 70 Dr. med. Peter Winckler
37081 Göttingen Stauffenbergstr. 41
72074 Tübingen
Professor Dr. phil. Renate Volbert
Charité – Universitätsmedizin Berlin
Institut für Forensische Psychiatrie.
Oranienburger Str. 285
13437 Berlin
Abkürzungsverzeichnis
a. A.  andere Auffassung EGMR Europäischer Gerichtshof für Menschenrechte
a. a. O. am angegebenen Ort EGStGB Einführungsgesetz zum Strafgesetzbuch
AA Arbeitsagentur EheG Ehegesetz (Österreich)
AAK Atemalkoholkonzentration EMRK Europäische Konvention zum Schutze der Menschen-
ÄApprO Approbationsordnung für Ärzte rechte und Grundfreiheiten (Europäische Menschen-
ABGB Allgemeines Bürgerliches Gesetzbuch (Österreich) rechtskonvention)
Abs. Absatz EP Entgeltpunkt
ACT Assertive Community Treatment EU Europäische Union
ADHS Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung evtl. eventuell
Alg Arbeitslosengeld FamFG Gesetz über das Verfahren in Familiensachen und in
AMG Arzneimittelgesetz den Angelegenheiten der freiwilligen Gerichtsbarkeit
ANB Arbeitsgemeinschaft Neurologische Begutachtung FamRZ Zeitschrift für das gesamte Familienrecht
AO Abgabenordnung FeV Fahrerlaubnisverordnung
APA American Psychiatric Association FGG Gesetz über die Angelegenheiten der freiwilligen
Art. Artikel Gerichtsbarkeit
ASPD antisocial personality disorder FSG-GV Führerscheingesetz-Gesundheitsverordnung (Österreich)
ASVG Allgemeines Sozialversicherungsgesetz (Österreich) GAS Globale Beurteilung des psychosozialen Funktionsniveaus
AsylVfG Asylverfahrensgesetz GdB Grad der Behinderung
AUB Allgemeine Unfallversicherungsbedingungen GdS Grad der Schädigungsfolge
AufenthG Gesetz über den Aufenthalt, die Erwerbstätigkeit und GG Grundgesetz
die Integration von Ausländern im Bundesgebiet ggf. gegebenenfalls
AWaffV Allgemeine Waffengesetz-Verordnung GKV gesetzliche Krankenversicherung
Az Aktenzeichen GLM Good Lives Model
BA Bundesagentur für Arbeit GnRH gonadotropin-releasing hormone
BADS Behavioral Assessment of the Dysexecutive Syndrome GOÄ Gebührenordnung für Ärzte
BAK Blutalkoholkonzentration GPV gesetzliche Pflegeversicherung
BÄO Bundesärzteordnung GRV gesetzliche Rentenversicherung
BayObLG Bayerisches Oberstes Landesgericht GUV gesetzliche Unfallversicherung
BBG Bundesbeamtengesetz h. M. herrschende Meinung
BDI Beck-Depressions-Inventar HAMD Hamilton Depression Scale
BE Blutentnahme HBI Hypersexual Behavior Inventory
BeamtVG Beamtenversorgungsgesetz HCR Historical Clinical Risk Management
BeurkG Beurkundungsgesetz HeimAufG Heimaufenthaltsgesetz (Österreich)
BGB Bürgerliches Gesetzbuch HKS hyperkinetisches Syndrom
BGBl Bundesgesetzblatt HWZ Halbwertszeit
BGH Bundesgerichtshof i. Allg. im Allgemeinen
BMAS Bundesministerium für Arbeit und Soziales i. d. R. in der Regel
BpolBG Bundespolizeibeamtengesetz i. S. im Sinne
BRRG Beamtenrechtrahmengesetz i. E. im Ergebnis
BSG Bundessozialgericht i. V. m. in Verbindung mit
BSHG Bundessozialhilfegesetz ICF Internationale Klassifikation der Funktionsfähigkeit,
BSS Beeinträchtigungsschwerescore Behinderung und Gesundheit
BtÄndG Betreuungsrechtsänderungsgesetz IfSG Infektionsschutzgesetz
BtG Betreuungsgesetz insb. insbesondere
BtMG Betäubungsmittelgesetz IQ Intelligenzquotient
BVerfG Bundesverfassungsgericht JGG Jugendgerichtsgesetz (Österreich)
BVerwG Bundesverwaltungsgericht Jh. Jahrhundert
BVG Bundesversorgungsgesetz J-SAOP Juvenile Sex Offender Assessment Protocol
BvR Verfassungsbeschwerden, Art. 93 Abs. 1 Nr. 4a und 4b JVA Justizvollzugsanstalt
GG (BVerfG) JVEG Justizvergütungs- und -entschädigungsgesetz
BVT Beschwerdenvalidierungstests KastrG Kastrationsgesetz
bzgl. bezüglich KJHG Kinder- und Jugendhilfegesetz
BZR Bundeszentralregister KK Krankenkasse
CD Conduct Disorder KOV Kriegsopferversorgung
CDT Carbohydrate-Deficient Transferrin KURS Konzeption zum Umgang mit rückfallgefährdeten
CI confidence interval (Konfidenz-, Vertrauensintervall) Sexualstraftätern
CPA Cyproteronacetat LG Landgericht
DAT Demenz vom Alzheimer-Typ Lj. Lebensjahr
DGN Deutsche Gesellschaft für Neurologie LKD Lewy-Körper-Demenz
DGPPN Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie Lkw Lastkraftwagen
und Nervenheilkunde LR Likelihood Ratio
X Abkürzungsverzeichnis

m. w. N. mit weiteren Nachweisen SRÄG Sozialrechtsänderungsgesetz (Österreich)


MdE Minderung der Erwerbsfähigkeit SSRI selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer
MDK Medizinischer Dienst der Krankenkassen SSSS Severe Sexual Sadism Scale
MPG Medizinproduktegesetz StGB Strafgesetzbuch
MRVollzG Maßregelvollzugsgesetz StORMG Gesetz zur Stärkung der Rechte von Opfern sexuellen
MSI Multiphasic Sex Inventory Missbrauchs
n. F. neue Fassung StPO Strafprozessordnung
NJW Neue Juristische Wochenschrift StrahlenSchV Strahlenschutzverordnung
NNH Number needed to harm StVG Straßenverkehrsgesetz; Strafvollzugsgesetz (Österreich)
NNT Number needed to treat StVK Strafvollstreckungskammer
Nr. Nummer StVollstrO Strafvollstreckungsordnung
o. n. A. ohne nähere Angaben StVollzG Strafvollzugsgesetz
o. Ä. oder Ähnliches SV Sicherungsverwahrung
OEG Opferentschädigungsgesetz SVG Soldatenversorgungsgesetz
OLG Oberlandesgericht SVT Sozialversicherungsträger
PANSS Positive and Negative Symptom Scale SWRÄG Sachwalterrechts-Änderungsgesetz (Österreich)
PatVG Patientenverfügungsgesetz (Österreich) TAP Testbatterie zur Aufmerksamkeitsprüfung
PflRi Pflegebedürftigkeits-Richtlinien THC Tetrahydrocannabinol
Pkw Personenkraftwagen ThUG Therapieunterbringungsgesetz
PStG Personenstandsgesetz TL Turm von London
PsychKG Psychisch-Kranken-Gesetz TRS Therapists Rating Scale
PsychPV Psychiatrie-Personalverordnung TSG Transsexuellengesetz
PTBS posttraumatische Belastungsstörung u. U. unter Umständen
Rel Reliabilitätskoeffizient UbG Unterbringungsgesetz (Österreich)
RentV Rentenversicherung UnterbrG Unterbringungsgesetz
Rn. Randnote UVollzO Untersuchungshaftvollzugsordnung
Rspr. Rechtsprechung v. a. vor allem
RStGB Reichsstrafgesetzbuch VD vaskuläre Demenz
RVO Reichsversicherungsordnung VersMedV Versorgungsmedizin-Verordnung
SAK Serumalkoholkonzentration VG Verwaltungsgericht
SAPROF Structured Assessment of PROtective Factors for violence VRAG Violence Risk Appraisal Guide
risk VV Verwaltungsvorschrift
SBPM Standards zur Begutachtung psychotraumatisierter VVG Versicherungsvertragsgesetz
Menschen VwGO Verwaltungsgerichtsordnung
SchwbR Schwerbehindertenrecht VwVfG Verwaltungsverfahrensgesetz
SD standard deviation; Standardabweichung VZP Vorfallszeitpunkt
SEM standard error of the mean; Standardmessfehler WaffG Waffengesetz
SexualdelBekG Gesetz zur Bekämpfung von Sexualdelikten und WCST Wisconsin Card Sorting Test
anderen gefährlichen Straftaten WDO Wehrdisziplinarordnung
SFSS Strukturierter Fragebogen Simulierter Symptome WHO World Health Organization (Weltgesundheitsorganisa­
SG Soldatengesetz tion)
SGB Sozialgesetzbuch WMS Wechsler Memory Scale
SHT Schädel-Hirn-Trauma ZDG Zivildienstgesetz
SichVAbstUmsG Gesetz zur bundesrechtlichen Umsetzung des ZGB Zivilgesetzbuch
Abstandsgebotes im Recht der Sicherungsverwahrung ZPO Zivilprozessordnung
SIMS Structured Inventory of Malingered Symptomatology ZÜRS Zentralstelle zur Überwachung rückfallgefährdeter
SMG Suchtmittelgesetz (Österreich) Sexualstraftäter
Abbildungsverzeichnis
Der Verweis auf die jeweilige Abbildungsquelle befindet sich bei allen
Abbildungen im Werk am Ende des Legendentextes in eckigen Klammern.

F755-002 Schiffer, B.: Die Beurteilung der tiefgreifenden F763-001 Erb M./et al.:Homicide and schizophrenia: Maybe
Bewusstseinsstörung. In: Der Nervenarzt. Volume 78, treatment does have a preventive effect. In: Criminal
Issue 3, Pages 294–303. Springer Medizin Verlag 2007. Behaviour and Mental Health. Volume 11, Issue 1,
F755-003 Boetticher A./et al.: Mindestanforderungen für pp. 6–26. John Wiley & Sons 2001.
Schuldfähigkeitsgutachten. In: Der Nervenarzt. Volume F764-001 Dreßing, H./Meyer-Lindenberg, A.: Simulation bei
76, Pages 1154–1160. Springer Medizin Verlag 2005. posttraumatischer Belastungsstörung. In: Versiche-
F755-004 Rieger, M./ et al.: Psychiatrische Beurteilung des rungsmedizin. Volume 60, Pages 8–13. Verlag
Gewaltrisikos im Jugendalter. In: Der Nervenarzt. Versicherungswirtschaft 2008.
Volume 80, Issue 3, Pages 295–304. Springer Medizin L269 Andrea Mogwitz, München.
Verlag 2009. T759 Prof. Dr. Michael Günter, Tübingen.
F762-001 Moffitt, T. E.: Adolescence-Limited and Life-Course-
Persistent Antisocial Behavior: A Developmental
Taxonomy. In: Psychological Review, Volume 100, Issue
4, pp. 674–701. American Psychological Association,
October 1993.
KAPITEL

1
Klaus Foerster und Harald Dreßing

Aufgaben und Stellung des


psychiatrischen Sachverständigen
1.1 Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4 1.4 Die Stellung des psychiatrischen
Sachverständigen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 9
1.2 Historische Facetten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5 1.4.1 Vorschriften der §§ 244/245 StPO . . . . . . . . . . . . . . 10
1.4.2 Privatgutachten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 11
1.3 Prinzipien der psychiatrischen
Begutachtung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5 1.5 Medien und Öffentlichkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . 11
1.3.1 Allgemeine Aspekte der strafrechtlichen
Begutachtung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 6 1.6 Schlussbemerkung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 12
1.3.2 Allgemeine Aspekte der zivilrechtlichen
Begutachtung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 8
1.3.3 Allgemeine Aspekte der sozialrechtlichen
Begutachtung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 9

1
4 1  Aufgaben und Stellung des psychiatrischen Sachverständigen

1.1 Einleitung der Untersuchung (Erhebung der Anamnese, Erhebung des klini-


schen Befundes, Stellung der Prognose) können alle gutachtlichen
Begutachtungen sind neben Diagnose und Therapie die dritte Säule Fragen schematisch bezogen werden auf zurückliegende Ereignisse,
1 ärztlicher Tätigkeit in sämtlichen Fachgebieten. Ein ärztliches Gut- auf den Ist-Zustand eines Menschen und auf die Zukunft, sodass
achten liegt vor, wenn der Arzt aufgrund seiner medizinischen Er- sich folgende Übersicht ergibt:
kenntnisse und Erfahrungen aus Tatsachen oder Zuständen, die er • Beeinträchtigungen bzgl. zurückliegender Handlungen, entspre-
selbst oder ein anderer wahrgenommen hat, mithilfe seiner Sach- chend der Anamnese, z. B. die Beurteilung der strafrechtlichen
kunde im Hinblick auf eine bestimmte Fragestellung im Einzelfall Verantwortlichkeit, der Glaubhaftigkeit, der Geschäftsfähigkeit
Schlüsse zieht. Insofern sind auch Bescheinigungen, kurze Stellung- (es sei denn, es geht – in sehr seltenen Fällen – um eine prospek-
nahmen oder Atteste gutachtliche Äußerungen. Zur gutachtlichen tive Beurteilung der Geschäftsfähigkeit), der Testierfähigkeit so-
Tätigkeit heißt es in §  25 der ärztlichen Berufsordnung: „Bei der wie bei Haftungsfragen.
Ausstellung ärztlicher Gutachten und Zeugnisse haben Ärztinnen • Beeinträchtigungen im Ist-Zustand eines Menschen, entspre-
und Ärzte mit der notwendigen Sorgfalt zu verfahren und nach bes- chend dem klinischen Befund, z. B. Beurteilung der Arbeits-, Be-
tem Wissen ihre ärztliche Überzeugung auszusprechen. Gutachten rufs- oder Dienstfähigkeit, der Selbst- oder Fremdgefährdung
und Zeugnisse, zu deren Ausstellung Ärztinnen und Ärzte verpflich- i. S. der Unterbringungsgesetze der Länder, akuter Suizidalität,
tet sind oder die auszustellen sie übernommen haben, sind innerhalb der Verhandlungs-, Vernehmungs- und Prozessfähigkeit.
einer angemessenen Frist abzugeben.“ • Beeinträchtigungen, die in der Zukunft zu erwarten sind, ent-
In Psychiatrie und Psychotherapie haben Aufgaben der Begut- sprechend der Prognose, z. B. Beurteilung der Kriminalprogno-
achtung wesentlich größeres Gewicht als in anderen medizinischen se, der Notwendigkeit einer Betreuung, der beruflichen Leis-
Fachgebieten. Psychiatrische Gutachten standen am Beginn der tungsfähigkeit.
Psychiatrie als eigenständiges Fach. Sobald anerkannt war, dass Dabei ergibt sich für den psychiatrischen Sachverständigen prinzi-
„geisteskranke“ Straftäter als kranke Menschen nicht bestraft wer- piell und unvermeidbar ein Grundproblem: Ein Proband/Patient
den konnten, ergab sich die Notwendigkeit, diese Täter zu erken- oder eine Institution möchte in einem rechtlichen Verfahren etwas
nen und von psychisch gesunden Straftätern abzugrenzen. Hieraus erreichen oder verweigern, etwas tun oder nicht tun, eine Gratifika-
erwuchs die Notwendigkeit einer ärztlichen Untersuchung und der tion gewähren oder dies nicht tun. Daher steht die Tätigkeit des
Begutachtung (›  Kap.  1.2). Psychische Erkrankungen und Stö- psychiatrischen Sachverständigen im Brennpunkt unterschiedli-
rungen können in ihren konkreten, v. a. auch sozialen Auswirkun- cher, u. U. auch gegensätzlicher Erwartungen verschiedener Betei-
gen häufig Rechtsfragen in unterschiedlichen Bereichen (Strafrecht, ligter, wobei dies prinzipiell nicht anders sein kann (Foerster
Zivilrecht, Sozialrecht) tangieren. Daher sind die Aufgaben der psy- 2002b). Für den psychiatrischen Sachverständigen geht es immer
chiatrischen Begutachtung im Laufe der Zeit ständig umfangreicher um die konkrete Beantwortung einer psychiatrisch-juristischen
geworden, sodass die psychiatrische Begutachtung erhebliche Be- Frage anhand des jeweiligen konkreten Einzelfalls (Foerster 2002a).
deutung für den Betroffenen, für die Gesellschaft und auch für das Dabei geht es nicht darum, allgemein überdauernde gültige und ab-
Fach Psychiatrie hat. strakte Feststellungen bzgl. rechtlicher Fragen zu treffen – dies ist
Allgemein gesagt beschäftigt sich die psychiatrische Begutach- von der psychiatrischen Begutachtung prinzipiell nicht zu erwar-
tung mit allen Problemen und Fragen, bei denen ein psychisch ten. Dabei ist zu bedenken, dass die forensische Psychiatrie als Teil-
kranker oder gestörter Mensch oder ein Mensch, bei dem der Ver- gebiet der Psychiatrie genau wie diese im Schnittpunkt von Medizin
dacht auf eine psychische Krankheit oder Störung besteht, mit und Gesellschaft steht. Die gesellschaftliche Dimension der Medi-
Rechtsfragen in Berührung kommt. Verfassungsrechtlicher Hinter- zin, ihre häufig unreflektierte Bindung an Normen und weltan-
grund ist das in Art. 20 Abs. 3 GG verankerte Rechtsstaatsprinzip, schaulich-kulturell determinierte Denk- und Verhaltensmuster,
dass neben dem Gebot der Rechtssicherheit das Postulat der mate- lässt sich in der forensischen Psychiatrie häufig offener erkennen
riellen Gerechtigkeit enthält. Zu deren Verwirklichung trägt insb. als in anderen Fächern (Leonhardt und Foerster 2002). Insofern
die richterliche Aufklärungspflicht, also die Suche nach dem wah- kann die Zeitgebundenheit psychiatrischer Begutachtung nicht
ren Sachverhalt als Grundlage einer zu treffenden Entscheidung, ausgeklammert bleiben. Das Verständnis psychischer Erkrankun-
bei. Somit dient die Tätigkeit des psychiatrischen Sachverständigen gen in Bezug auf forensisch-psychiatrische Fragestellungen und de-
auch immer der Rechtssicherheit in der Gesellschaft. ren gesellschaftliche und auch gutachtliche Bewertungen sind
Die psychiatrische Begutachtung zählt zum Teilgebiet „Forensi- durchaus an Zeitströmungen gebunden. Somit stellt sich auch die
sche Psychiatrie und Psychotherapie“, zu dessen zentralen Aufga- Frage nach dem Bedingungsgefüge, unter dessen Einfluss die psy-
ben neben der Begutachtung die Behandlung psychisch kranker chiatrische Begutachtung ihre jeweils  –  auch  –  zeitgebundenen
Straftäter zählt (› Kap. 23). Maßstäbe entwickeln muss (Leonhardt und Foerster 2002).
Die Fragen im Rahmen aller psychiatrischen Begutachtungen be- Prinzipielle Grundlage und Kern der psychiatrischen Expertise
ziehen sich letztlich auf Beeinträchtigungen kognitiver und volun- ist und bleibt das psychiatrische Interview. Nur mit dieser Metho-
tativer Fähigkeiten, aus denen eine Einschränkung der rechtlichen de kann man dem Probanden in seiner individuellen Komplexität
Verantwortlichkeit in Bezug auf rechtliches Handeln, rechtliche gerecht werden und ihn zumindest im Ansatz verstehen. Hierbei
Willenserklärung oder berufliche Leistungsfähigkeit resultieren kann es hilfreich sein, sich die prinzipiellen erkenntnistheoreti-
kann. Entsprechend dem prinzipiellen ärztlichen Vorgehen bei je- schen Konzepte der Psychiatrie zu vergegenwärtigen und auch die
1.3  Prinzipien der psychiatrischen Begutachtung 5

anthropologische Dimension psychischer Erkrankungen zu beden- Für die forensische Psychiatrie und Psychotherapie ist eine Aus-
ken (Schmidt-Degenhard 2011). einandersetzung mit ihren historischen Wurzeln von grundlegen-
der Bedeutung, da die Arbeit des forensischen Psychiaters stets in
weltanschauliche Vorstellungen und gesellschaftlich-politische 1
1.2  Historische Facetten Vorgaben eingebunden und insofern von Relativität durchdrungen
ist. Auch die Konzeptbildung und klinische Praxis sind hierbei kei-
Eine zusammenfassende Darstellung der historischen Entwicklung neswegs ausschließlich von wissenschaftlichen, sondern auch von
der psychiatrischen Begutachtung und der forensischen Psychiatrie außerwissenschaftlichen, soziokulturellen und sozialpsychologi-
steht bis heute aus. Einige unsystematische Facetten seien genannt. schen Faktoren beeinflusst (Leonhardt 2002). Dies gilt auch für die
Nach Aristoteles sollten psychisch Kranke dann nicht bestraft bislang lediglich in Ansätzen begonnene Auseinandersetzung der
werden, wenn ihre Krankheit die Grundlage eines Rechtsverstoßes forensischen Psychiatrie mit der Zeit des Nationalsozialismus
war, wenn sie aufgrund eines Wahns oder aufgrund von Desorien- ­(Leonhardt und Foerster 2002; Morlock 1999; Pfäfflin 1987). Dieser
tiertheit handelten (Nedopil 2007a). Auch im römischen Recht war Mangel kontrastiert mit den zahlreichen und umfangreichen Arbei-
akzeptiert, dass „furiosi“ und „fatui“ keinen „eigenen Willen“ besa- ten zur Geschichte der klinischen Psychiatrie während des Natio-
ßen und nicht bestraft werden konnten, wobei die Beurteilungs- nalsozialismus.
kompetenz bei Juristen und Philosophen lag (Rylander 1961). Das Ein ganz anderer Bereich der psychiatrischen Begutachtung,
kanonische Recht stimmte mit dem römischen Recht weitgehend nämlich das Vorgehen bei der Beurteilung von Schadensersatzan-
überein. Nach der „peinlichen Gerichtsordnung“ Karls V. (1532) sprüchen nach äußeren Ereignissen und – in ganz besonderer Wei-
blieb der Geistesgestörte straffrei, „der wissentlich seyner Sinne nit se – die Entwicklung der Begutachtung von Holocaust-Überleben-
het“. Frühe Begründer einer neuzeitlichen Psychiatrie wie Johann den, bedürfte ebenfalls historisch-kritischer Aufarbeitung.
Wier und Felix Platter beschäftigten sich im Rahmen ihrer gerichts- Eine zusammenfassende Darstellung der Geschichte der forensi-
medizinischen Tätigkeit auch mit Problemen und Fragen, die heute schen Psychiatrie, die neben der konkreten Praxis der Begutach-
der forensischen Psychiatrie zugeordnet würden. Insofern gingen tung auch die jeweiligen theoretischen Grundlagen der Krankheits-
von der forensischen Psychiatrie stets auch Impulse für die Ent- konzepte einbezieht, bleibt somit ein Desideratum.
wicklung der gesamten Psychiatrie aus (Fischer-Homberger 1983).
Allmählich entwickelte sich die ärztliche Zuständigkeit für die straf-
und zivilrechtliche Beurteilung abweichenden Verhaltens, wenn 1.3  Prinzipien der psychiatrischen
auch lange umstritten blieb, welche Fachleute – Philosophen oder Begutachtung
Ärzte – über diese Fragen entscheiden sollten. Wichtig für die Ent-
wicklung einer eigenständigen forensischen Psychiatrie war auch Die psychiatrische Begutachtung ist – wie die Begutachtung in allen
Paolo Zacchia, der als Begründer der Gerichtsmedizin angesehen anderen medizinischen Fächern auch – nie Selbstzweck. Ihre Aufga-
wird und der sich dementsprechend auch mit heute so zu bezeich- be ist die Beantwortung der von den Auftraggebern – z. B. Gerichte
nenden psychiatrischen und forensisch-psychiatrischen Fragen der verschiedenen Rechtszweige, Staatsanwaltschaften, Ministerien,
­beschäftigte (Fischer-Homberger 1983; Janzarik 1972). Justizvollzugsanstalten, Kliniken des Maßregelvollzugs, Berufsge-
Im österreichischen Strafgesetzbuch von 1768 hieß es: „Eines nossenschaften, Versorgungsämter, Krankenkassen – gestellten Be-
Verbrechens können sich all und jede ohne Unterschiede des Standes weisfragen aus psychiatrischer Sicht.
und des Geschlechts schuldig machen, welche des Gebrauchs ihrer Dabei gilt immer, dass die eigentliche Rechtsfrage nie vom psych-
Vernunft und freien Willen haben. Dahingegen jene, welchen es am iatrischen Sachverständigen beantwortet, geschweige denn ent-
einen oder anderen mangelt, eines Verbrechens unfähig sind.“ Im schieden werden kann. Der psychiatrische Sachverständige hat auf-
gleichen Gesetz findet sich schon eine Differenzierung zwischen Zu- grund seiner Untersuchung (› Kap. 2) die Voraussetzungen dar-
rechnungsunfähigkeit bei den Toll- und Unsinnigen wegen „gänzli- zulegen, aufgrund derer der Auftraggeber die Rechtsfrage in eigener
cher Gemütsverrückung“ und verminderter Zurechnungsfähigkeit. Wertung und Würdigung beantworten kann.
Anfang des 19. Jh., als sich die Psychiatrie als selbstständige Wis- In manchen Bereichen ist dieses Prinzip stark vereinfacht und
senschaft entwickelte, waren Fragen der Begutachtung in die Lehre „abgeschliffen“, aber auch die Beurteilung z. B. der Arbeitsfähig-
der allgemeinen Psychiatrie einbezogen. Ein Beispiel ist Eschen- keit/Arbeitsunfähigkeit ist eine gutachtliche Aufgabe.
mayer, der in Tübingen als zweiter klinischer Lehrer nach Heinroth Bei allen, teilweise extrem unterschiedlichen Fragen in den ver-
in Leipzig Vorlesungen über Psychiatrie hielt und sich auch zu Fra- schiedenen Rechtsgebieten folgt die psychiatrische Begutachtung
gen der Begutachtung äußerte: „Für den Juristen hat es Interesse, stets demselben Prinzip, nämlich einem dreistufigen Vorgehen:
weil er oft mit solchen Delinquenten zu tun hat, ob und wie oft einer • 1. Schritt: Dieser erste Schritt – die Diagnosestellung – ist der
aus Perturbation der Seele ein Verbrechen begangen habe: z. B. aus entscheidende, denn lässt sich aufgrund der Untersuchung we-
Blödsinn etc.“ (Holstein 1979). Die psychiatrische Begutachtung der für den Untersuchungszeitpunkt noch – bei retrospektiver
wurde immer als wichtige Aufgabe innerhalb der allgemeinen Psy- Beurteilung – für den zurückliegenden Zeitpunkt z. B. einer Tat
chiatrie angesehen, bis in der 2. Hälfte des 20. Jh. das Interesse der oder den Abschluss eines Rechtsgeschäfts eine psychiatrische
allgemeinen Psychiatrie an Fragen der Begutachtung nachließ; die- Diagnose gemäß ICD-10 oder DSM 5 stellen, können keine
ser Trend hat sich allerdings wieder umgekehrt (Nedopil 2007a). ­forensisch-psychiatrischen Folgerungen gezogen werden. Diag-
6 1  Aufgaben und Stellung des psychiatrischen Sachverständigen

nosen außerhalb dieser allgemein anerkannten Manuale sind für sei, zu verzeihen oder zu entschuldigen. Verständnis ist jedoch auch
die Begutachtung wertlos. Bei allen Begutachtungen, bei denen möglich, ohne zu entschuldigen und ohne die an den Rechtsnor-
es um eine retrospektive Analyse geht, hat der Sachverständige men orientierte Objektivität zu gefährden (Nedopil 1989). Verste-
1 zu bedenken, dass nicht die Diagnose zum Untersuchungszeit- hen kann mit Schmidt-Degenhard (1997) als der Versuch gesehen
punkt ausschlaggebend ist. Vielmehr besteht seine Aufgabe dar- werden, den Probanden in seiner biografisch gewordenen Individu-
in, neben der Diagnose zum Untersuchungszeitpunkt aufgrund alität zu erkennen. Dabei schließt die Intention des Verstehens eine
aller erreichbaren Informationen retrospektiv eine Diagnose für reine Beobachterposition aus, vielmehr ist vom Verstehenden das
den zu beurteilenden Zeitraum zu stellen. Bei allen Begutach- Einbringen seiner Person mit all ihren Resonanzflächen gefordert
tungen, die prognostische Überlegungen beinhalten, muss der (Schmidt-Degenhard 2003). Hieraus folgt unmittelbar, dass der
zum Untersuchungszeitpunkt erhobene Befund in die Zukunft Sachverständige gefordert ist, seine eigenen emotionalen Empfin-
„projiziert“ werden. Feststellungen bzgl. der Vergangenheit und dungen, Reaktionen und Gefühle zu erkennen, zu reflektieren; d. h.,
der Zukunft sind häufig nur mit einer mehr oder weniger gro- er muss in der Lage sein, Aspekte von Übertragung und Gegenüber-
ßen Wahrscheinlichkeit, aber nicht mit absoluter Sicherheit tragung zu erkennen und zu berücksichtigen. Die eigenen emotio-
möglich. Der Sachverständige muss bei seiner Beurteilung wis- nalen Reaktionen können wichtige diagnostische Hinweise sein,
sen, dass in unterschiedlichen Rechtsgebieten unterschiedliche und sie können Hinweise auf das innere Erleben des Probanden
Wahrscheinlichkeitsgrade verlangt werden; z. B. ist eine straf- geben. Erkennen und Reflexion der eigenen Gefühle verhindert,
rechtliche Verurteilung nicht möglich, wenn richterliche Zweifel dass sich diese unkontrolliert auf das eigene Handeln, d. h. in die-
an der Schuld des Angeklagten nicht auszuschließen sind, wäh- sem Fall auf die gutachtliche Stellungnahme, auswirken (Burge-
rend die Voraussetzungen für das Vorliegen von Geschäfts- oder meister 1999; Foerster 1996). Selbstverständlich ist eine Begutach-
Testierunfähigkeit bewiesen werden müssen. tung keine Therapie, dennoch kann das gutachtliche Gespräch viel-
• 2. Schritt: Es ist ein prinzipieller Fehler, aufgrund einer Diagno- leicht Anlass für den Probanden sein, biografische Verwerfungen,
se unmittelbar die Beweisfragen zu erörtern. Vielmehr muss in missglückte interpersonale Prozesse (Schmidt-Degenhard 1997),
einem zweiten Schritt die psychopathologische Diagnose den je- die Entwicklung seines Lebens, die gewordene Biografie, ggf. auch
weiligen rechtlichen Begrifflichkeiten zugeordnet werden, etwa die Straftat, die zur psychiatrischen Untersuchung führte, unter
im Rahmen der strafrechtlichen Beurteilung einer der Merk- neuen, ihm bislang möglicherweise verschlossen gebliebenen As-
malskategorien der §§ 20/21 StGB, bei der Begutachtung der pekten zu sehen. Psychiatrische Begutachtung kann eine Chance
­Geschäftsfähigkeit den Begriffen „krankhafte Störung der Geis- (Nedopil 1989) wie auch eine Gefahr bedeuten: Häufig haben Pro-
testätigkeit“ (§ 104 Nr. 2 BGB), „Bewusstlosigkeit oder vorüber- banden vage, meist nicht realisierbare Hoffnungen und Erwartun-
gehende Störung der Geistestätigkeit“ (§ 105 BGB) bzw. bei gen an die Begutachtung. Solche Hoffnungen sind in der Begutach-
­Begutachtungen im Rahmen des Betreuungsrechts „psychische tungssituation i. d. R. zwar unerfüllbar, dennoch können durch die
Krankheit, körperliche, geistige oder seelische Behinderung“ Begutachtungen psychodynamische Veränderungen in Gang ge-
(§ 1896 BGB). Es erfolgt somit eine „Übersetzung“ der psycho- setzt werden (Schorsch 1983).
pathologischen Befunde und der gestellten Diagnose in juristi- Wie vertragen sich nun diese Überlegungen mit der vom Sach-
sche Begriffe. verständigen zu fordernden Neutralität und Objektivität? Neutrali-
• 3. Schritt. Hier hat der psychiatrische Sachverständige die Be- tät bedeutet gerade nicht emotionale Abstinenz, emotionale Dis-
weisfragen zu beantworten, wobei er stets das Primat der Wer- tanz und fehlende Empathie, sondern im Gegenteil die Fähigkeit,
tung und Würdigung durch den Auftraggeber zu bedenken hat. die eigene Emotionalität zu erkennen, zu bedenken und ggf. bei di-
Daher benennt er die Voraussetzungen aus psychiatrischer Sicht, agnostischen Überlegungen zu berücksichtigen. Nach Schmidt-De-
aufgrund derer die Rechtsfrage dann entschieden werden kann, genhard (1997) ist die forensisch-psychiatrische Begutachtung als
wobei diese Entscheidung in der Verantwortung und Kompe- ein in einer zwischenmenschlichen Beziehung fundierter Akt prak-
tenz des Auftraggebers liegt. Dabei ist zu berücksichtigen, dass tischer Hermeneutik zu betrachten, in dem es um die verstehende
die Stellung einer Diagnose nicht genügt, um diese Vorausset- Erfassung biografischer Sinnzusammenhänge und Motivationsge-
zungen zu benennen. Entscheidend sind vielmehr die konkret füge geht.
benennbaren psychopathologischen Symptome und deren kon-
krete Auswirkungen im psychosozialen Bereich.
Die Einzelheiten der gutachtlichen Untersuchung, der Gutachtener- 1.3.1  Allgemeine Aspekte der strafrechtlichen
stattung und der Fehlermöglichkeiten sind in › Kap. 2, › Kap. 5 Begutachtung
bzw. › Kap. 6 ausführlich dargestellt. Folgende Aspekte sind je-
doch stets zu berücksichtigen, da sie bei allen Begutachtungen be- Grundlage der psychiatrischen Begutachtung zur Schuldfähigkeit
deutsam sind. sind die §§ 20/21 StGB (› Kap. 8). Die Formulierung „… bei Bege-
Es ist selbstverständlich, dass der Psychiater auch in seiner Tätig- hung der Tat …“ bedeutet, dass es in der Begutachtung darum geht,
keit als Sachverständiger Arzt ist, d. h., er kann seine ärztliche Iden- die Tatzeitpersönlichkeit zu rekonstruieren und die gutachtlichen
tifikation nicht vernachlässigen (Nedopil 1999b; Venzlaff 1975, Aussagen hierauf auszurichten. Die in den genannten Paragrafen
1983, 1986). Aus dieser prinzipiellen ärztlichen Grundhaltung darf aufgeführten vier Merkmalskategorien bedeuten zwar verschiedene
allerdings nicht gefolgert werden, dass es Aufgabe des Gutachters Kategorien psychischer Störungen, sollen sich nach dem Willen des
1.3  Prinzipien der psychiatrischen Begutachtung 7

Gesetzgebers in ihren praktischen Auswirkungen auf die Einsichts- Die neue alte Diskussion um die Willensfreiheit
oder Handlungsfähigkeit indessen in etwa gleichen, da die Reihen-
folge der Aufzählung nicht als Rangordnung, sondern als analoger In der 4. Auflage dieses Handbuchs wurde die Erörterung der Wil-
Diagnosekatalog zu verstehen ist (Venzlaff 1975): lensfreiheit im Rahmen der Erörterung der strafrechtlichen Begut- 1
• Das Merkmal „krankhafte seelische Störung“ umfasst sowohl achtung als eine „frühere Diskussion“ charakterisiert. Diese Dis-
die schizophrenen und affektiven Psychosen als auch die hirnor- kussion ist nunmehr erneut zu führen, da einige neurobiologische
ganisch und körperlich verursachten Störungen sowie diejeni- Forscher Willensfreiheit und Steuerungsfähigkeit als „Illusion“ be-
gen psychopathologischen Störungen, die auf die Einwirkungen zeichnen. Dies führt dazu, dass von diesen Forschern die Abschaf-
psychotroper Substanzen zurückgehen. Hirnorganisch oder to- fung des Schuldstrafrechts zugunsten eines reinen Maßnahme-
xisch bedingte Bewusstseinseinschränkungen sind daher nach rechts gefordert wird (Übersicht bei Geyer 2004). Ausgangspunkt
der Systematik des § 20 StGB als „krankhafte seelische Störung“ für die Argumente der Neurobiologen waren die früheren Experi-
zu subsumieren. mente von Libet, wobei jedoch Konsens darüber herrscht, dass die-
• Das Merkmal „tiefgreifende Bewusstseinsstörung“ meint aus- se Experimente nicht für eine Infragestellung der Willensfreiheit
schließlich die nicht durch definierbare Krankheiten entstande- taugen (Kröber 2007; Küchenhoff 2006). Dennoch ist es sinnvoll,
nen Bewusstseinseinschränkungen wie Zustände von Übermü- die interdisziplinäre Diskussion zu diesen Fragen fortzuführen, da
dung, Erschöpfung, Schlaftrunkenheit, Schreck, Zorn, Panik, Er- sie ein Beispiel für die Erörterung des Problembereichs Determinis-
regung oder Gefühlsabstumpfung in extremen Situationen mus/Indeterminismus sind. Allerdings ist zu bedenken, dass diese
(› Kap. 16). Fragen keineswegs neu sind, sondern eine alte philosophische Dis-
• Mit dem Merkmal „Schwachsinn“ sind die intellektuellen Min- kussion wieder aufleben lassen. Insofern ist zu fragen, ob die neuro-
derbegabungen gemeint (› Kap. 17). biologischen Argumente dazu taugen, die zu diesen Themen bislang
• Das Merkmal „schwere andere seelische Abartigkeit“ bezieht formulierten psychiatrischen Standpunkte zu widerlegen. An dieser
sich auf „neurotische“ Störungen (› Kap. 15, › Kap. 20, Stelle können nur einige kursorische Argumente aus psychiatri-
› Kap. 31), Persönlichkeitsstörungen (› Kap. 18), sexuelle scher Sicht zusammengefasst werden. Umfassende Übersichten zu
Deviationen (› Kap. 19) und Abhängigkeitserkrankungen diesem Fragenkomplex aus philosophischer, juristischer und psy-
(› Kap. 11, › Kap. 12). chiatrischer Perspektive finden sich u. a. bei Czerner (2006), Heinze
Der sehr unglückliche Begriff „seelische Abartigkeit“ entspricht da- et al. (2006), Hoff (2005), Kröber (2007), Küchenhoff (2006) und
bei keineswegs der Terminologie einer modernen Psychiatrie und Reemtsma (2006). Auf ein grundsätzliches Problem der interdiszip-
ist geeignet, unschöne Assoziationen an obsolete Psychopathiebe- linären Debatte macht Kröber (2007) aufmerksam mit seinem Hin-
griffe bis zu den Degenerationstheorien des 19. Jh. aufkommen zu weis, dass die Diskussion gelegentlich daran kranke, dass mit Be-
lassen. Dieses terminologische Relikt verschleiert, dass hier Men- griffen unscharf umgegangen werde und dass Begrifflichkeiten häu-
schen gemeint sind, die sich in schweren seelischen Krisen, am Kul- fig nicht ausreichend definiert seien. Insoweit ist prinzipiell zu-
minationspunkt pathologischer seelischer Entwicklungen oder un- nächst einmal zu fragen, was unter einem „freien Willen“
ter dem Druck des manchmal unabwendbaren Verhängnisses einer verstanden werden soll. Häufig wird gemutmaßt, dass ein solcher
devianten Sexualität befinden, wobei dies nicht „Abarten“ oder freier Wille ein Wille sei, der absolut unabhängig, unbedingt und
„Spielarten menschlichen Seins“ sind, sondern Patienten, die zu ih- durch nichts festgelegt sei. Ein solcher abstrakt verstandener freier
rer Heilung psycho- und soziotherapeutischer Hilfe, mitunter auch Wille, nicht verknüpft mit der Lebensgeschichte eines Menschen,
somatischer Maßnahmen bedürfen. Es wäre daher besser, statt ei- dessen Erleben und Intentionen, wäre nicht als der Wille dieser
nes solchen diskriminierenden Begriffs von einer „schweren ande- konkreten Person anzusehen (Bieri 2001). Ein solcher, sozusagen
ren seelischen Störung“ zu sprechen, womit auch ein systemlogi- abstrakter, Wille ist allerdings nicht vorstellbar. Ein entscheidend
scher Zusammenhang mit der ersten Merkmalskategorie hergestellt wichtiges Argument bei der Debatte muss immer wieder in Erinne-
wäre. rung gerufen werden: Es geht um verschiedene Beschreibungsebe-
Entsprechend der Systematik des Gesetzes hat der psychiatrische nen, um unterschiedliche Perspektiven, die nicht vermischt werden
Sachverständige die von ihm gestellte Diagnose einer der genann- dürfen. Hoff (2005) sprach in diesem Zusammenhang davon, dass
ten vier Merkmalskategorien zuzuordnen und in einem zweiten die von manchen Neurobiologen geforderte Ersetzung des Begriffs-
Schritt die konkreten Auswirkungen der psychischen Gestörtheit systems von Personen und Verantwortlichkeit durch ein neurobio-
auf Einsichts- bzw. Handlungs- oder Steuerungsfähigkeit zu beur- logisches Bezugssystem lediglich ein „Sprachspiel“ durch ein ande-
teilen, d. h. die Auswirkungen auf die kognitiven bzw. voluntativen res ersetze, wobei keineswegs zu folgern sei, dass ein neurobiologi-
Fähigkeiten des konkreten Menschen einzuschätzen. Hiermit be- sches Bezugssystem eine höhere Validität besitze. In sehr pointier-
schreibt der psychiatrische Sachverständige die Voraussetzungen, ter und kritischer Weise charakterisiert Reemtsma (2006) die
aufgrund derer dann der Richter in einem eigenen Wertungs- und Debatte um die „Willensfreiheit“ als Scheinproblem mit dem Hin-
Würdigungsakt die normativen Schlüsse zieht. Keinesfalls darf sich weis, dass die Neurobiologen ungenügende philosophische und his-
der Sachverständige zu Formulierungen versteigen wie etwa: „Ich torische Kenntnisse hätten. Von philosophischer Seite wird über-
bescheinige erheblich verminderte Schuldfähigkeit“, was ein kras- zeugend ein kompatibilistischer Ansatz vertreten, wonach Willens-
ser Fehler und ein ebenso krasses Überschreiten der eigenen Kom- freiheit und eine deterministische Auffassung der Welt i. S. der Na-
petenz wäre. turgesetze miteinander vereinbar seien (Pauen 2006). Welche
8 1  Aufgaben und Stellung des psychiatrischen Sachverständigen

Bedeutung haben nun diese hier nur orientierend skizzierten Über- prinzipiell gegebenen Schuldfähigkeit (› Kap. 8). Die Bestimmun-
legungen für die strafrechtliche Begutachtung? gen der §§ 20/21 StGB können innerhalb einer gleitenden Skala von
Im früheren §  51 RStGB war nach Klärung der Frage, ob eine Einschränkungsmöglichkeiten der Selbstverfügung durch Krank-
1 krankhafte Störung der Geistestätigkeit vorliege, die Frage zu erör- heiten oder Störungen durch den Gesetzgeber gesetzte Markie-
tern, ob bei der Tatausführung durch den Täter ein Ausschluss der rungspunkte sein, Grenzen festzulegen, bei deren Erreichen bzw.
„freien Willensbestimmung“ vorlag (Kröber 2007; Venzlaff 1986). Überschreiten sich die Rechtsfolgen einer Tat ändern. Dabei kann
Bei Stellungnahmen i. R. des früheren § 51 RStGB ging es nicht um der Maßstab für eine forensisch-psychiatrische Einschränkung von
den philosophischen Begriff der Willensfreiheit (Lammel 2001), Einsichts- oder Steuerungsfähigkeit weder aus einer kriminellen Le-
sondern stets um die Frage menschlicher Entscheidungs- und Mo- bensführung, aus einer Erhellung der Tatmotive oder aus der An-
tivationsspielräume. Somit geht es ausdrücklich nicht um das letzt- nahme oder Vermutung eines „unbewussten Motivs“ abgeleitet
lich metaphysische Problem der Willensfreiheit mit der Frage, ob werden. Auch die Schwere einer Tat als solche oder ein brutales Vor-
der Mensch über einen freien Willen verfüge oder nicht, sondern gehen des Täters können kein Gradmesser für eine Einschränkung
nur um ein pragmatisches, sozial-vergleichendes Urteil im Kontext der Selbstverfügung sein. Das Beurteilungsraster für den psychiatri-
eines pragmatisch-sozialen Schuldbegriffs (›  Kap.  8). Die vom schen Sachverständigen bleibt das psychopathologische Referenz-
psychiatrischen Sachverständigen geforderte Aussage zur Ein- system, wobei nochmals zu betonen ist, dass der Sachverständige
sichts- oder Steuerungsfähigkeit kann daher nicht am Problem der aus psychiatrischer Sicht die Voraussetzungen benennt, die mögli-
Beurteilung der Willensfreiheit scheitern, da das Strafrecht nach cherweise Rechtsfolgen nach sich ziehen können. Eine endgültige
seiner Struktur nicht vom Postulat einer absoluten Willensfreiheit Bewertung wird durch die hierzu befugten juristischen Auftraggeber
und einer abstrakten „Wahlmöglichkeit zwischen Gut und Böse“ vorgenommen, wobei dies auch nicht anders sein kann, da es sich
ausgeht, sondern von einem eingeschränkten, der Wirklichkeit ent- beim Rechtssystem um ein System sui generis (Reemtsma 2006)
sprechenden pragmatischen Freiheitsbegriff. Das in diesem Zusam- handelt, das eigene Normen und Richtlinien entwickelt hat. Inso-
menhang angeführte Argument des „Anders-handeln-Könnens“ weit muss der psychiatrische Sachverständige auch die diesbezügli-
wird nicht im Kontext eines abstrakten indeterministischen Frei- chen Vorgaben akzeptieren, darunter die Vorgabe, dass in die Beur-
heitsbegriffs gesehen, sondern damit ist gemeint, „dass ein durch- teilung der Schuldfähigkeit neben den empirisch-wissenschaftlichen
schnittlich anderer in einer solchen äußeren und inneren Situation Aspekten stets auch normative Aspekte einfließen müssen.
generell anders, d. h. normgemäß, hätte handeln können, dass ihm
nach unserer Erfahrung Handlungsspielräume zur Verfügung stan-
den“ (›  Kap.  8). Die Aussage vom „Anders-handeln-Können“ 1.3.2  Allgemeine Aspekte der zivilrechtlichen
spielt sich somit unterhalb der Beurteilung der Willensfreiheit ab. Begutachtung
Dabei betrifft die De- oder Exkulpierung eines Straftäters nur den
Sonderfall, bei dem aus psychopathologischen Gegebenheiten das Auch bei der zivilrechtlichen Begutachtung geht der psychiatrische
Normwidrige des Verhaltens nicht erkennbar war oder bei dem die Sachverständige mehrstufig vor: Diagnosestellung, Zuordnung zu
Fähigkeit eingeschränkt bzw. aufgehoben war, das Verhalten norm- den jeweiligen zivilrechtlichen Begriffen, Benennung der Voraus-
gerecht zu steuern (Venzlaff 1986). Dabei ist das Kriterium für die setzungen zur Beantwortung der Rechtsfrage aus psychiatrischer
Beurteilung der Schuldfähigkeit nicht die psychiatrische Diagnose, Sicht. Dabei hat der psychiatrische Sachverständige zu beachten,
auch nicht die Ausrichtung an einem wie auch immer definierten dass die rechtlichen Begriffe in den verschiedenen zivilrechtlichen
psychiatrischen Krankheitsbegriff, sondern entscheidend ist die Bereichen unterschiedlich sind, unterschiedliche Bedeutungen ha-
psychopathologische Symptomatik mit ihren konkreten Auswir- ben und dass auch unterschiedliche Beweisregeln gelten
kungen auf das Verhalten des Täters. (›  Kap.  27). Das konkrete psychiatrische Vorgehen wird in
Zusammenfassend gibt die manchmal etwas aufgeregt geführte › Kap. 28 und › Kap. 29 dargestellt.
Debatte keinen Anlass, irgendeine Relevanz für die konkrete Sach- Im Gegensatz zum Strafrecht muss sich der psychiatrische Sach-
verständigentätigkeit daraus abzuleiten. Dabei ist es interessant, verständige bei einem Teil der zivilrechtlichen Begutachtungen,
dass die Vertreter der Neurobiologie (Übersicht bei Geyer 2004) im nämlich der Begutachtung der Geschäftsfähigkeit – und in Analogie
Rahmen dieser Diskussion bislang ausschließlich strafrechtliche auch bei der Begutachtung der Testierfähigkeit – mit der Problema-
Fragen erörtern, obwohl die Beurteilungsprobleme bei Akzeptanz tik des „freien Willens“ auseinandersetzen, da dies in § 104 Ziff. 2
oder Verneinung von „Willensfreiheit“ bei zivilrechtlichen Fragen BGB gefordert wird. Damit würden sich prinzipiell die gleichen Pro-
oder sozialmedizinischen Problemen, bei denen es dezidiert um die bleme zur Frage der „Willensfreiheit“ stellen, wie sie oben skizziert
Beurteilung der „Willensanspannung“ geht, keineswegs kleiner wä- wurden. Interessanterweise ist dies ein Aspekt, der bei den bisheri-
ren (Foerster 2006). gen Diskussionen kaum Erwähnung findet. Es wird nicht dargelegt,
Selbstverständlich sind Schuldfähigkeit, aufgehobene oder ver- wie im Zivilrecht vorgegangen und wie hier die Handlungsfähigkeit
minderte Schuldfähigkeit keine psychiatrischen Diagnosen, sondern bestimmt werden soll. Vermutlich ergeben sich auch keine Alterna-
juristische Konstrukte, auf deren Vorliegen oder Nichtvorliegen nur tiven zum bisherigen pragmatischen Vorgehen (Schreiber 2006). Bei
mittelbar geschlossen werden kann. Dabei ist die verminderte der Begutachtung der Geschäfts-, Prozess- und Testierunfähigkeit ist
Schuldfähigkeit i. S. des §  21 StGB kein „Zwischending“ zwischen es von erheblicher Bedeutung, dass die jeweiligen Voraussetzungen
Schuldunfähigkeit und Schuldfähigkeit, sondern ein Unterfall der und Folgerungen bewiesen werden müssen.
1.4  Die Stellung des psychiatrischen Sachverständigen 9

Umfangreiche Aufgaben für den psychiatrischen Sachverständi- • gegenüber dem von ihm untersuchten Probanden, der häufig
gen ergeben sich im Bereich des Betreuungsrechts mit teilweise au- nicht nur Proband, sondern auch Patient ist,
ßerordentlich komplexen Fragestellungen (› Kap. 27, › Kap. 28). • für seine eigene fachliche Position als Vertreter seiner Wissen-
Bei versicherungsrechtlichen Problemen, insb. bei Haftungsfra- schaft und 1
gen zur Beurteilung von Schadensersatzansprüchen nach Unfällen, • gegenüber dem Auftraggeber und damit letztlich gegenüber der
hat der Sachverständige zu berücksichtigen, dass diesbezüglich Gesellschaft.
nach wie vor teilweise erhebliche Widersprüche zwischen juristi- Unmittelbar auf diese Verantwortung heben die Vorschriften über
scher und psychiatrischer Nomenklatur bestehen, was an dem aus den Sachverständigeneid gemäß § 79 StPO bzw. § 410 ZPO ab. Hier-
psychiatrischer Sicht untauglichen Begriff der „Rentenneurose“ nach ist der Sachverständige verpflichtet, sein Gutachten unpartei-
deutlich wird (› Kap. 27, › Kap. 28, › Kap. 29). isch und nach bestem Wissen und Gewissen zu erstatten. Damit
sind die Voraussetzungen, auch die ethischen Prinzipien, für die
Tätigkeit von Sachverständigen formuliert (Foerster 2003):
1.3.3  Allgemeine Aspekte der sozialrechtlichen • Unparteiisch bedeutet Unabhängigkeit gegenüber den vielfälti-
Begutachtung gen, häufig kontradiktorischen Erwartungshaltungen von Pro-
zessbeteiligten. Es bedeutet auch Unabhängigkeit und Wider-
Auch bei der sozialrechtlichen Begutachtung geht der psychiatri- stand gegenüber dem Ansinnen, sich als psychiatrischer Sach-
sche Sachverständige mehrstufig vor: Diagnose, Zuordnung zu nor- verständiger funktionalisieren zu lassen, d. h. gegenüber dem
mativen Begriffen und Beantwortung der Beweisfragen. Versuch, nichtpsychiatrische Probleme mithilfe des psychiatri-
Hier hat der Sachverständige stets zu berücksichtigen, dass die schen Sachverständigen vermeintlich elegant lösen zu wollen.
anspruchsbegründenden Tatsachen nachgewiesen sein müssen. Derartige Gefahren, hinter denen letztlich ein Abschieben der
Dies gilt sowohl für den Bereich der gesetzlichen Unfallversiche- Verantwortung durch den Auftraggeber steht, können sich viel-
rung als auch für das Vorliegen von krankheitsbedingten Beein- fältig ergeben. Zur Unabhängigkeit und Unparteilichkeit zählt
trächtigungen im Bereich der gesetzlichen Rentenversicherung auch die Wahrung der Kompetenzgrenzen. Dem psychiatrischen
(› Kap. 30, › Kap. 31). Einen Grundsatz „in dubio pro aegroto“ Sachverständigen ist es in foro nicht möglich, allgemeine gesell-
wie fälschlicherweise manchmal angenommen wird, gibt es im So- schaftliche oder psychische Fragen zu lösen. Nicht für jedes sozi-
zialrecht nicht. In verschiedenen sozialrechtlichen Bereichen exis- al dysfunktionale oder destruktive Verhalten ist der psychiatri-
tieren teilweise unterschiedliche Normierungen gleicher Begriffe, sche Gutachter zuständig.
was zu Verwirrungen und Missverständnissen führen kann. Es ist • Die Forderung nach bestem Wissen verlangt einen kompeten-
allerdings vom psychiatrischen Sachverständigen zu verlangen, ten Sachverständigen. Folgende Anforderungen muss ein quali-
dass er diese Begriffe kennt und korrekt anwendet. Auch hier gilt, fizierter psychiatrischer Sachverständiger erfüllen (Foerster und
dass der psychiatrische Sachverständige die Voraussetzungen für Dreßing 2014):
die rechtliche Entscheidung aus der Sicht seines Fachgebiets dar- – Die gründliche Beherrschung des gesamten eigenen Fachs ist
legt, d. h. konkrete Einschränkungen aufgrund psychischer Störun- selbstverständlich. Insofern kann der forensische Psychiater
gen oder Krankheiten benennt, aber keinesfalls die eigentliche vielleicht als der letzte psychiatrische „Generalist“ angesehen
Rechtsfrage entscheidet. werden, der die Gesamtheit der diagnostischen und psycho-
pathologischen Probleme beurteilen kann. Dabei sollte er
auch in der Lage sein, offene fachliche Fragen als solche zu er-
1.4  Die Stellung des psychiatrischen kennen und zu benennen. Auch muss er sich in selbstkriti-
Sachverständigen scher Weise fragen, ob er möglicherweise eine Meinung ver-
tritt, die von der Mehrzahl der Fachkollegen nicht geteilt
Es gibt keine gesetzliche Definition des Sachverständigen. Jeder ap- wird. Es ist anzustreben, dass der psychiatrische Gutachter
probierte Arzt kann zum Sachverständigen bestellt werden. Sicher über die Facharztanerkennung hinaus über die Schwerpunkt-
herrscht Einigkeit darüber, dass unter einem Sachverständigen der- bezeichnung „Forensische Psychiatrie“ verfügt. Psychiatrische
jenige zu verstehen ist, der sein Fachgebiet infolge seiner eigenen Gutachten erfordern eine umfassende – i. d. R. auch körperli-
Kenntnisse, die er durch Ausbildung und Erfahrung erworben hat, che Untersuchung – sodass sie nicht alleinverantwortlich von
beurteilen kann und somit befähigt ist, aufgrund dieser Fachkunde Psychologen erstellt werden können.
zu urteilen. Die Rolle des Sachverständigen gegenüber dem Auf- – Es ist zu verlangen, dass er Grundkenntnisse der Rechtsgebie-
traggeber wird am treffendsten als die des Beraters benannt. Gerade te besitzt, deren Fragen er bearbeitet. Er sollte auch die aktu-
dieser Punkt mag ein Aspekt sein, warum diese Rolle manchem elle Diskussion im juristischen Schrifttum zur Kenntnis neh-
Arzt nicht behagt, da er vermeintlich nicht mehr „eigener Herr“ ist, men, soweit diese seine Tätigkeit betrifft.
sondern im Auftrag einer Institution tätig wird (Foerster 1992). – Der psychiatrische Sachverständige muss die Fähigkeit besit-
Bei seiner Tätigkeit steht der psychiatrische Sachverständige zen, in einer integrativen Gesamtschau aus der Fülle der je-
stets in einem mehrfach determinierten Verantwortungsverhält- weils zu beurteilenden Tatsachen diejenigen Tatsachen her-
nis (Foerster 2003). Er trägt Verantwortung auszuarbeiten, die für die jeweilige juristische Fragestellung
wesentlich sind. Ferner muss er dazu in der Lage sein, häufig
10 1  Aufgaben und Stellung des psychiatrischen Sachverständigen

komplizierte psychiatrische Sachverhalte und Schlussfolge- Mögliche Rollenkonflikte


rungen für den Auftraggeber verständlich darzustellen und an
belegbaren Kriterien orientiert zu begründen. Auch kompli- Der psychiatrische Sachverständige kann in mehrfache Rollenkon-
1 zierte Sachverhalte können in einer klaren und unmissver- flikte geraten. Eine Überidentifikation mit dem Probanden kann
ständlichen Sprache dargelegt werden. die Gefahr mit sich bringen, dass sich der Gutachter in einer falsch
– Schließlich muss der Sachverständige stets seine Kompetenz verstandenen Helfer- und Therapeutenrolle sieht. Möglicherweise
und v. a. die Grenzen seiner Kompetenz beachten. Er muss führt dies dazu, dass er leichtfertig und unbegründet eine De- oder
sich stets bewusst sein, dass nicht er eine Entscheidung trifft, Exkulpierung vorschlägt, das Vorliegen von Schadenersatzansprü-
sondern dass er mit seiner Tätigkeit die Voraussetzungen für chen oder die Voraussetzungen einer Rentengewährung bejaht. Der
die jeweilige juristische Entscheidung schafft. Sachverständige ist auch kein zusätzlicher Verteidiger, der den Pro-
• Mit der dritten Forderung des Sachverständigeneides nach bes- banden im Strafprozess „herauspaukt“, wie ein gängiges Vorurteil
tem Gewissen wird die persönliche Integrität und Vertrauens- immer noch lautet.
würdigkeit des Sachverständigen angemahnt. Diese Vertrauens- Bei einer Identifikation mit dem Ankläger bzw. einer negativen
würdigkeit des Sachverständigen gehört zum Fundament der Gegenübertragung zum Probanden besteht die Gefahr, dass sich
Wahrheitsfindung und damit zum Fundament der Rechtssicher- der Sachverständige in einer kriminalpolitischen Retterrolle sieht
heit in unserer Gesellschaft. Der vertrauenswürdige Sachver- und sich zur Wiederherstellung von Recht und Ordnung berufen
ständige ist nicht der vermeintlich in allen Fragen völlig objekti- fühlt oder der Meinung ist, er müsse – aus seiner Sicht – unberech-
ve Sachverständige, sondern es ist der Sachverständige, der tigte Renten- oder Haftungsansprüche durch seine Expertise zu-
weiß, dass er selbst als Person bei der psychiatrischen Begutach- rückweisen. Seine Aufgabe ist es immer, die psychiatrischen Befun-
tung auch ein Untersuchungsinstrument ist, und der diese Tat- de und Voraussetzungen darzulegen, nicht die Rechtsfrage zu ent-
sache reflektiert. Es ist vom psychiatrischen Sachverständigen zu scheiden.
verlangen, dass er den ethischen Rahmen seiner Tätigkeit be- Gefährlich ist es, wenn der Sachverständige glaubt, den Ausgang
denkt. Dieser lässt sich auf der Grundlage eines Vorschlags der eines Verfahrens für oder gegen den Angeklagten bzw. eines Zivil-
American Academy of Psychiatry and the Law in 5 Punkten zu- rechtsstreits bestimmen zu müssen.
sammenfassen (Foerster 2002b, 2003): Auch der Kontakt zum Probanden mag ambivalent sein (Nedo-
i. Der psychiatrische Sachverständige muss qualifiziert pil 2012): Um seine Aufgaben einer fundierten Exploration erfüllen
sein, wobei dies sowohl für seine fachliche wie für seine zu können, ist eine Beziehung zum Probanden unabdingbar, er
persönliche Kompetenz und Qualifikation gilt. muss diesbezüglich empathisch sein. Andererseits benötigt er Dis-
ii. Der psychiatrische Sachverständige muss vertrauenswür- tanz, muss sich vom Probanden abgrenzen können und u. U. auch
dig sein. Dies bedeutet, dass er seine eigene Position, sei- ein gewisses Misstrauen haben dürfen. Dennoch darf dies nicht da-
ne Aufgaben und die Grenzen seiner Aufgaben stets be- zu führen, dass er zum kaltschnäuzigen Zyniker wird.
rücksichtigt. Er darf keinen Gutachtenauftrag überneh- Schließlich muss der Sachverständige in der Lage sein, ganz un-
men, für den er fachlich nicht kompetent ist. terschiedliche Reaktionen von außen auf sein Handeln zu ertragen.
iii. Der psychiatrische Sachverständige muss den Probanden Er muss auch Frustrationen aushalten können und zu emotionaler
über seine Aufgaben und über seine Stellung informie- und intellektueller Anstrengung fähig sein (Foerster 2002b, 2003).
ren. Hierzu gehören folgende Punkte (Nedopil 1999b):
die Rolle des Gutachters, den Verfahrensgang der Begut-
achtung, die möglichen Konsequenzen der Begutach- 1.4.1  Vorschriften der §§ 244/245 StPO
tung, das Fehlen von Schweigepflicht des Gutachters ge-
genüber den Auftraggebern, wobei die Schweigepflicht Gemäß §  244 Abs.  4 StPO kann ein weiterer Sachverständiger
gegenüber Dritten (z. B. Angehörigen oder Medien) na- ­gehört werden, „wenn die Sachkunde des früheren Gutachters zwei-
türlich gegeben ist, das Verweigerungsrecht des Proban- felhaft ist, wenn sein Gutachten von unzutreffenden tatsächlichen
den bei der Begutachtung, die Grenzen gutachtlicher Voraussetzungen ausgeht, wenn das Gutachten Widersprüche ent-
Kompetenz. Es muss dem Probanden aufgrund der Auf- hält oder wenn der neue Sachverständige über Forschungsmittel ver-
klärung ausdrücklich klar sein, welchem Zweck die Be- fügt, die denen eines früheren Gutachters überlegen erscheinen“.
gutachtung dient. Zweifel an der Sachkunde des früheren Gutachters können ent-
iv. Der psychiatrische Sachverständige darf, von wenigen, stehen, wenn er nicht auf der Höhe seiner Wissenschaft ist, wenn
methodisch bedingten Ausnahmen abgesehen (z. B. ver- Qualifikationen fehlen, die gerade für die Beurteilung der Beweis-
storbene Probanden), sein Gutachten nur aufgrund einer frage wichtig wären, wenn er sich mit abweichenden früheren Un-
persönlichen Untersuchung erstatten. tersuchungsergebnissen nicht auseinandersetzt, wenn er seine Mei-
v. Innerhalb des vorgegebenen rechtlichen Rahmens muss nung wechselt, ohne dies begründen zu können, wenn er sich wei-
der psychiatrische Sachverständige Vertraulichkeit wahren. gert, seine Untersuchungsmethoden offenzulegen und wenn er von
Das bedeutet, dass keine grundsätzliche Offenbarungs- wissenschaftlichen Kriterien abweicht, die in seinem Fach aner-
pflicht bzgl. aller bekannt gewordenen Informationen aus kannt sind oder die Billigung der Rechtsprechung gefunden haben
der Privat- und Intimsphäre besteht (Wuermeling 1990). (Ziegert 2000; Strafverteidiger 3/2000: 118; BGH-Beschluss vom
1.5  Medien und Öffentlichkeit 11

7.7.1999). Dabei ist jedoch zu bedenken, dass Widersprüche ein Begutachtung in Rechnung gestellt. Dennoch mag sich die Frage
Gutachten nur dann infrage stellen, wenn sie sich nicht auflösen stellen, ob in Fällen eines Privatgutachtens finanzielle Implikatio-
lassen. Nach Auffassung der Rechtsprechung gibt es für den Bereich nen eine Rolle spielen könnten. Auf eine diesbezüglich unproble-
der Psychiatrie keine überlegenen Forschungsmittel. Dies ist inso- matische Ausnahme ist jedoch zu verweisen, nämlich die Begutach- 1
weit auch sicher richtig, wenn „Forschungsmittel“ als das methodi- tung der Fahreignung (› Kap. 36). Diese erfolgt formal und liqui-
sche Vorgehen des Sachverständigen verstanden wird. Wird der dationsmäßig stets im Auftrag des Probanden, wobei klar ist, dass
Begriff „Forschungsmittel“ in diesem Sinne interpretiert, so hat in die Begutachtung ohne die Aufforderung der Führerscheinstelle
der Tat kein psychiatrischer Sachverständiger eine andere, „überle- nicht zustande gekommen wäre.
gene“ Methode. Insoweit ist es wohl kaum möglich, mithilfe dieser Es ist auch zu bedenken, dass ein Privatgutachten Korrektiv eines
gesetzlichen Regelung einen zusätzlichen psychiatrischen Sachver- nicht ausreichend qualifizierten Gutachtens sein kann, das im Auf-
ständigen zu beauftragen, da die persönlichen Kenntnisse und Er- trag einer Institution erstattet wurde.
fahrungen des Gutachters mit dem Begriff des „überlegenen For- Schließlich sind noch die Fälle zu bedenken, in denen Gerichte
schungsmittels“ gerade nicht gemeint sind (Ulsenheimer 1996; oder Staatsanwaltschaften prinzipiell keine Aufträge geben: bei
Ziegert 2000). Somit haben die Auftraggeber stets die Verantwor- Wiederaufnahme- oder Gnadenverfahren.
tung, einen kompetenten und qualifizierten Sachverständigen zu Letztlich lassen sich für diese Fragen keine generellen Richtlinien
beauftragen. aufstellen, es sollte jedem psychiatrischen Sachverständigen selbst
Über seinen Verteidiger kann der Angeklagte selbst einen Sach- überlassen bleiben, wie er hiermit umgeht.
verständigen i. S. eines „präsenten Beweismittels“ laden (§ 20, § 245
Abs. 2 StPO). Ein von der Verteidigung geladener Sachverständiger
hat im Justizalltag allerdings oftmals einen schweren Stand (Ulsen- 1.5  Medien und Öffentlichkeit
heimer 1996). Die meisten Sachverständigen sind daher selten oder
gar nicht bereit, auf Ladung des Verteidigers im Gerichtssaal zu er- Die Medien spielen im Hinblick auf das Wissen über Kriminalität
scheinen, sodass diese Möglichkeit der Selbstladung wenig prakti- und damit auch die Einstellung der Bevölkerung zur Kriminalität
sche Bedeutung hat (Ziegert 2000). Die von den Sachverständigen eine wesentliche Rolle. Die Bevölkerung bezieht ihr Wissen über
hierbei häufig geäußerten Bedenken sind aus revisionsrechtlicher das Kriminalitätsgeschehen nahezu ausschließlich aus den Medien
Sicht jedoch unbegründet (Detter 1995). Kontroversen über die Be- (Kury 2000). Die Medien haben aber ein anderes Interesse als das
stellung des Sachverständigen können leicht vermieden werden, einer exakten, präzisen und wissenschaftlich sauberen Information.
wenn Gericht und Staatsanwaltschaft der Verteidigung vor Aus- Berichte werden danach ausgewählt, inwieweit sie auf Interesse bei
wahl eines Sachverständigen Gelegenheit zur Stellungnahme geben den Käufern stoßen dürften, d. h., der Bericht muss gelesen bzw.
(Foerster 2008; Ulsenheimer 1996). gesehen werden. Das Problem von Berichten über psychiatrische
Gutachtertätigkeit oder über den Maßregelvollzug ist, dass sie häu-
fig nicht differenziert genug sind, um die meist komplexen Zusam-
1.4.2 Privatgutachten menhänge darstellen zu können. Insofern trägt Berichterstattung in
den Medien selten zur Aufklärung und Information bei, sondern
Gutachtenaufträge an den psychiatrischen Sachverständigen kom- steigert möglicherweise eine unberechtigte Kriminalitätsfurcht in
men i. d. R. von Gerichten aller Rechtszweige, von Staatsanwalt- der Öffentlichkeit. Schon Kerner und Feltes (1980) fanden bei einer
schaften, Versicherungen, Krankenkassen, Gesundheitsämtern, Analyse der Berichterstattung über Kriminalität in Tageszeitungen,
Berufsgenossenschaften, Oberschulämtern, Ministerien, Kliniken dass sich 22 % der Berichte mit Straftaten gegen das Leben beschäf-
und Justizvollzugsanstalten. Auftraggeber können aber auch tigen, während diese Straftaten innerhalb der polizeilichen Krimi-
Rechtsanwälte sein, die Organe der Rechtspflege sind. Unter Sach- nalstatistik lediglich 0,08 % ausmachen. Bei einer Analyse Schwei-
verständigen ist umstritten, ob solche Aufträge angenommen wer- zer Zeitungen fanden Hoffmann-Richter und Dittmann (1998),
den sollen oder nicht. Übernimmt der Sachverständige einen derar- dass weniger als 2 % der Artikel ohne negativen Anlass über die fo-
tigen Auftrag, so ist er verpflichtet, sein Gutachten unparteiisch und rensische Psychiatrie informierten. Eine erhebliche Diskrepanz fin-
nach bestem Wissen und Gewissen zu erstatten – wie in allen ande- det sich auch bei der Schilderung von sexuell motivierten Tötun-
ren Fällen auch. Die dennoch möglichen Schwierigkeiten bei der gen. Rüther (1998) hat in einer Analyse die Zahlen der Pressebe-
strafrechtlichen Begutachtung wurden von Nedopil (2007b) be- richte den Zahlen der Taten gegenübergestellt: 1990 gab es 55 Sexu-
nannt: Ein Verteidiger könnte das von ihm in Auftrag gegebene almorde mit 100 Berichten, und 1997 gab es 30 Sexualmorde mit
Gutachten bei ungünstigem Ergebnis für den Mandanten zurück- 800  Berichten. Häufig werden von den Berichten in den Medien
halten, womit zu erwarten sei, dass von Verteidigerseite nur solche einfache Antworten und klare Entscheidungen auf schwierige Fra-
Gutachten ins Spiel gebracht werden, die den Erwartungen der Ver- gen erwartet, womit die immer notwendige Differenzierung und
teidigung entsprechen. Insofern könnte der Eindruck von Partei- ausgewogene Darstellung häufig nicht vorgenommen wird. Nedopil
lichkeit entstehen. Ferner sei zu bedenken, dass bei einem Privat- (1999a) weist darauf hin, dass die psychiatrische Begutachtung ein
gutachten der Proband derjenige ist, der den Sachverständigen un- Fenster sei, durch das die Öffentlichkeit die Psychiatrie allgemein
mittelbar bezahlt. Zwar werden den Probanden bei Behördengut- betrachte, und sie tue dies mit Vorurteilen.
achten über die Verfahrenskosten auch die Kosten für die
12 1  Aufgaben und Stellung des psychiatrischen Sachverständigen

Somit sei es auch eine Funktion der Gutachter, als Vermittler Foerster K (2003). Von der Verantwortung des psychiatrischen Sachverstän-
digen. In: Amelung K et al. (Hrsg.). Strafrecht – Biorecht – Rechtsphiloso-
wissenschaftlicher Kenntnisse zu fungieren. Die Gutachter hätten phie. Festschrift für H.-L. Schreiber. Heidelberg: Müller. S. 81–88.
somit auch bzgl. der Öffentlichkeit und der Medien eine wichtige Foerster K (2006). Die Beurteilung der „zumutbaren Willensanspan-
1 Funktion wahrzunehmen: Sie sollten sich mit beiden Seiten, den nung“ – eine „Zumutung“ für den psychiatrischen Sachverständigen? In:
wissenschaftlichen Erkenntnissen wie auch den Rezipienten dieser Duncker H, Koller M, Foerster K (Hrsg.). Forensische Psychiatrie – Entwick-
Erkenntnisse, auseinandersetzen. lungen und Perspektiven. Lengerich: Pabst. S. 357–369.
Foerster K (2008). Der Verteidiger, sein Mandant und der psychiatrische
Neben den Medien können auch Interessenverbände in der Öf- Sachverständige – eine Dreiecksbeziehung? Strafverteidiger 28: 217–219.
fentlichkeit eine Rolle spielen, die gelegentlich versuchen, auf be- Foerster K, Dreßing H (2014). Forensische Psychiatrie und Psychotherapie. In:
handelnde Ärzte oder Sachverständige Druck auszuüben. Als Bei- Widmaier G, Müller E, Schlothauer R (Hrsg.). Münchener Anwaltshand-
spiel seien Patienten mit sog. umweltbezogenen Körperbeschwer- buch Strafverteidigung. 2. A. München: Beck. S. 2339–2386.
den (›  Kap.  31) genannt, die meist in ein paratherapeutisches Geyer Ch (Hrsg.) (2004). Hirnforschung und Willensfreiheit. Frankfurt: Suhr-
kamp.
Milieu eingebunden sind und häufig von nahezu militanten Inter- Glatzel J (2003). Erinnerungsstörungen aus forensisch-psychiatrischer Sicht.
essengruppen unterstützt werden, die sachlich argumentierende Strafverteidiger 23: 189–193.
Wissenschaftler und Ärzte bis zur persönlichen Verunglimpfung Heinze M, Fuchs Th, Reischis FM (Hrsg.) (2006). Willensfreiheit – eine Illu­
attackieren können. Ähnliche Probleme können sich z. B. bei den sion? Lengerich: Pabst.
Themen „Mobbing“ oder „Burnout“ ergeben. Der Sachverständi- Hoff P (2005). Perspektiven der Forensischen Psychiatrie. Nervenarzt 76:
1051–1061.
ge sollte im Umgang mit den Medien, mit der Öffentlichkeit wie Hoffmann-Richter U, Dittmann V (1998). Die Forensische Psychiatrie im Spie-
auch mit möglicherweise problematischen Interessenverbänden gel der Schweizer Presse. Recht und Psychiatrie 16: 19–24.
sein eigenes Profil und seine Standfestigkeit bewahren (Nedopil Holstein K (1979). Die Psychiatrie A. K. A. Eschenmayers (1768–1852): Frank-
1999a). furt: Lang.
Janzarik W (1972). Forschungsrichtungen und Lehrmeinungen in der Psychia-
trie: Geschichte, Gegenwart, forensische Bedeutung. In: Göppinger H, Wit-
ter H (Hrsg.). Handbuch der Forensischen Psychiatrie. Band I. Berlin: Sprin-
1.6 Schlussbemerkung ger. S. 588–662.
Kerner HJ, Feltes T (1980). Medien, Kriminalität und Öffentlichkeit. In: Kury H
Der psychiatrische Sachverständige ist häufig in einem komplexen (Hrsg.). Strafvollzug und Öffentlichkeit. Freiburg: Rombach. S. 73–112.
Feld unterschiedlicher Erwartungshaltungen tätig. Dieses komple- Kröber H-L (2001). Die psychiatrische Diskussion um die verminderte Zurech-
nungs- und Schuldfähigkeit. In: Kröber H-L, Albrecht H-J (Hrsg.). Vermin-
xe Spannungsfeld erfordert einen ständigen Reflexionsprozess über derte Schuldfähigkeit und psychiatrische Maßregel. Baden-Baden: Nomos.
die eigene Position als Gutachter wie auch über die prinzipiellen S. 33–68.
Möglichkeiten und Grenzen gutachtlichen Handelns (Foerster Kröber HL (2007). Steuerungsfähigkeit und Willensfreiheit aus psychiatri-
2002b). Der Sachverständige ist aufgerufen, sich dieser grundsätzli- scher Sicht. In: Kröber H-L et. al. (Hrsg.). Handbuch der Forensischen Psy-
chen Schwierigkeiten bewusst zu bleiben. Trotz dieser Schwierig- chiatrie. Band 1. Darmstadt: Steinkopff. S. 159–219.
Küchenhoff B (2006). Willensfreiheit und psychische Erkrankung. In: Heinze
keiten muss vom psychiatrischen Sachverständigen verlangt wer- M, Fuchs Th, Reischis FM (Hrsg.), S. 195–203.
den, ein in seinen diagnostischen Feststellungen transparentes und Kury H (2000). Gemeingefährlichkeit und Medien – kriminologische For-
in seinen Schlussfolgerungen nachvollziehbares und kriterienorien- schungsergebnisse zur Frage der Strafeinstellungen. In: Schweizerische Ar-
tiertes Gutachten als wichtige Entscheidungshilfe rechtlicher Frage- beitsgruppe für Kriminologie (Hrsg.). „Gemeingefährliche“ Straftäter.
stellungen vorzulegen. Chur, Zürich: Rüegger. S. 193–236.
Lammel M (2001). Die erheblich verminderte Steuerungsfähigkeit. In: Kröber
H-L, Albrecht H-J (Hrsg.). Verminderte Schuldfähigkeit und psychiatrische
LITERATUR Maßregel. Baden-Baden: Nomos. S. 87–127.
Bieri P (2001). Das Handwerk der Freiheit. München: Hanser. Leonhardt M (2002). Die Begutachtung von Holocaust-Überlebenden. Ein Ex-
Burgemeister W (1999). Zur Gegenübertragung in der Begutachtungssituation. kurs zu den Sollbruchstellen in der Identität des forensischen Psychiaters.
MedSach 95: 150–152. Forens Psychiat Psychother 9: 59–77.
Cznerner F (2006). Der strafrechtlich-normative Schuldbegriff zwischen Leonhardt M, Foerster K (2002). Biologisches Recht? – Die Forensische Psy-
­Willensfreiheit und neurobiologischem Determinismus. Arch Krim 218: 65– chiatrie als Zugang zur „medizinischen Kultur“ im Nationalsozialismus.
88, 129–157. Fund Psychiat 16: 15–20.
Detter K (1995). Der von der Verteidigung geladene Sachverständige (Proble- Morlock KU (1999). Die forensischen Patientinnen und Patienten der Heil-
me des § 245 Abs. 2 StPO). In: Festschrift für Hanskarl Salger. Köln, Berlin, und Pflegeanstalt Zwiefalten 1933 bis 1945. Med. Diss. Tübingen.
Bonn, München: Carl Heymanns. S. 231. Nedopil N (1989). Begutachtung als Chance. MschrKrim 72: 109–114.
Fischer-Homberger E (1983) Medizin vor Gericht. Huber, Bern. Nedopil N (1999a). Begutachtung zwischen öffentlichem Druck und wissen-
Foerster K (1992). Zur Stellung des Arztes als Sachverständiger. Versiche- schaftlicher Erkenntnis. Recht und Psychiatrie 17: 120–126.
rungsmedizin 44: 42–45. Nedopil N (1999b). Verständnisschwierigkeiten zwischen dem Juristen und
Foerster K (1996). Begutachtung der Erwerbsfähigkeit bei psychogenen Stö- dem psychiatrischen Sachverständigen. Neue Zeitschrift für Strafrecht 19:
rungen. Schweiz. Z. Sozialvers. Berufl Vorsorge 40: 486–502. 433–439.
Foerster K (2002a). Die Kausalitätsbeurteilung bei funktionellen psychischen Nedopil N (2007a). Forensische Psychiatrie. Fortschr. Neurol Psychiat 75:
Störungen nach Unfällen. In: Murer E (Hrsg.). Psychische Störungen und 172–185.
die Sozialversicherung – Schwerpunkt Unfallversicherung. Bern: Stämpfli. Nedopil N Müller JL (2012). Forensische Psychiatrie. 4. A. Stuttgart: Thieme.
S. 117–140. Pauen M (2006). Anders handeln in einer determinierten Welt? Grundzüge
Foerster K (2002b). Der psychiatrische Sachverständige zwischen Proband, einer philosophischen Konzeption von Willensfreiheit. In: Heinze M, Fuchs
Justiz und Öffentlichkeit. Forens Psychiat Psychother 9: 29–43. Th, Reischis FM (Hrsg.), S. 15–33.
1.6 Schlussbemerkung 13

Pfäfflin F (1987). Bemerkungen zur Forensischen Psychiatrie. Recht und Ulsenheimer K (1996). Ärztliche Begutachtung im Strafprozess aus juristi-
­Psychiatrie 5: 134–140. scher Sicht. Z Ärztl Fortbild 90: 574–581.
Reemtsma P (2006). Das Scheinproblem „Willensfreiheit“. Ein Plädoyer für Venzlaff U (1975). Aktuelle Probleme der Forensischen Psychiatrie. In: Kisker
das Ende einer überflüssigen Debatte. Merkur 60: 193–206. KP et al. (Hrsg.). Psychiatrie der Gegenwart. Band 3, 2. A. Berlin: Springer.
Rüther W (1998). Internationale Erfahrungen bei der Behandlung von Sexu- S. 883–932. 1
alstraftätern. MschrKrim 81: 246. Venzlaff U (1983). Die Mitwirkung des psychiatrischen Sachverständigen bei
Schmidt-Degenhard M (1997). Mord und Selbstkorrumpierung – ein Beitrag der Beurteilung der Schuldfähigkeit. In: Schmidt-Hieber W, Wassermann R
zum Problem des Verstehens in der Forensischen Psychiatrie. Vortrag am (Hrsg.). Justiz und Recht. Heidelberg: Müller.
Zentrum für Psychiatrie Reichenau. Venzlaff U (2000). Methodische und praktische Probleme der forensisch-psy-
Schmidt-Degenhard M (2011). Anthropologische Aspekte psychiatrischer Er- chiatrischen Begutachtung. In: Venzlaff U, Foerster K (Hrsg.). Psychiatrische
krankungen. In: Möller HJ, Laux G, Kapfhammer HP (Hrsg.). Psychiatrie und Begutachtung. 3. A. München, Jena: Urban & Fischer; 2000. S. 68–79.
Psychotherapie. 4. A. Berlin, Heidelberg, New York: Springer. S. 383–396. Wuermeling HB (1990). Ethik des Sachverständigen. Forensia-Jahrbuch 1.
Schorsch E (1983). Psychotherapeutische Aspekte bei der forensischen Be- Berlin: Springer.
gutachtung. Psychiat Prax 10: 143–146. Ziegert U (2000). Sachverständigenbeweis und Schuldfähigkeit. In: Ziegert U
Schreiber HL (2006). Ist der Mensch für sein Verhalten rechtlich verantwort- (Hrsg.). Grundlagen der Strafverteidigung. Stuttgart, München: Boorberg.
lich? In: Humaniora, Medizin, Recht, Geschichte. Festschrift für A. Laufs. S. 299–335.
Berlin, New York, Heidelberg: Springer. S. 1069–1073.
KAPITEL

2
Harald Dreßing und Klaus Foerster

Forensisch-psychiatrische
Untersuchung
2.1 Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 16 2.7 Weitere Untersuchungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . 21
2.7.1 Körperliche Untersuchung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 21
2.2 Rahmenbedingungen der 2.7.2 Apparative Untersuchungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . 21
Untersuchung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 16 2.7.3 Testpsychologische Untersuchung . . . . . . . . . . . . . 21
2.2.1 Raum und Zeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 16 2.7.4 Aktuarische Prognoseinstrumente . . . . . . . . . . . . . 22
2.2.2 Aufklärung des Probanden . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 16
2.2.3 Anwesenheit dritter Personen . . . . . . . . . . . . . . . . . 17 2.8 Vom psychopathologischen Symptom zur
2.2.4 Aktenstudium . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17 psychiatrischen Diagnose . . . . . . . . . . . . . . . . . . 22

2.3 Das gutachtliche Gespräch . . . . . . . . . . . . . . . . . 17 2.9 Psychiatrische Klassifikationssysteme . . . . . . . 23

2.4 Zusätzliche Informationen . . . . . . . . . . . . . . . . . 19 2.10 Simulation und ähnliche Phänomene . . . . . . . . 23


2.4.1 Frühere Behandlungsunterlagen . . . . . . . . . . . . . . . 19 2.10.1 Nomenklatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 23
2.4.2 Fremdanamnestische Informationen . . . . . . . . . . . . 19 2.10.2 Feststellung vorgetäuschter Beschwerden . . . . . . . 24

2
2.5 Der ausländische Proband . . . . . . . . . . . . . . . . . 19 2.11 Besondere Untersuchungssituationen . . . . . . . 25
2.11.1 Untersuchung gegen den Willen des
2.6 Psychischer Befund . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 20 Probanden? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 25
2.6.1 Verhaltensbeobachtung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 20 2.11.2 Verweigerung der Untersuchung . . . . . . . . . . . . . . 25
2.6.2 Psychische Funktionen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 20 2.11.3 Das Amnesieproblem . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 26
2.6.3 Persönlichkeitsdiagnostik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 21 2.11.4 Der Umgang mit Leugnung oder Geständnis . . . . . 27
16 2  Forensisch-psychiatrische Untersuchung

2.1 Einleitung ­ rhellung einer schwierigen Persönlichkeitspathologie; sexualpa-


E
thologische Fragestellung; Beurteilung schwieriger Zusammen-
Die forensisch-psychiatrische Untersuchung bedeutet für den Sach- hangsfragen zwischen äußeren Ereignissen und nachfolgender psy-
verständigen wie für den Probanden eine gänzlich andere Situation chopathologischer Symptomatik; Verdacht auf Simulation. Ein
als die psychiatrische Exploration in der Konstellation Arzt/Patient ­genereller Zeitraum für eine Untersuchung lässt sich nicht verbind-
in Praxis oder Klinik. Im Unterschied zur klinischen Untersuchung, lich angeben. Wenn jedoch z. B. bei einer schwierigen Persönlich-
bei der es ausschließlich um Diagnostik und Therapie geht, geht es keitsdiagnostik der Zeitaufwand weniger als 2 Stunden beträgt, so
bei der gutachtlichen Untersuchung zusätzlich darum, dass der ist ein qualifiziertes Gutachten kaum zu erwarten. Abhängig von
2
Sachverständige zu einer Beantwortung der ihm gestellten Beweis- der Fragestellung kann es notwendig sein, die Untersuchung an
fragen gelangt, was in einem überschaubaren zeitlichen Rahmen mehreren Tagen durchzuführen. Prinzipiell ist davon auszugehen,
der Fall sein muss. Auch dies ist anders als bei einer klinischen Be- dass die Gefahr potenzieller Fehleinschätzungen umso größer wird,
handlung, bei der diagnostische und therapeutische Maßnahmen je kürzer die Begutachtung dauert.
längerfristig durchgeführt werden können. Dabei ist die forensisch-
psychiatrische Untersuchung durch eine Reihe äußerer Formalien
und inhaltlicher Besonderheiten charakterisiert. Zusätzlich zu den 2.2.2  Aufklärung des Probanden
Erkenntnismöglichkeiten, die der Psychiater bei seiner klinischen
Tätigkeit hat, besitzt er als Sachverständiger weitere Informationen, Der Sachverständige sollte sich über die Identität des Probanden
z. B. die Kenntnis von Akten, Vorakten und Zeugenaussagen. Gewissheit verschaffen, am besten durch Vorlage des Personalaus-
Kern der psychiatrischen Untersuchung ist das psychiatrische weises oder Passes.
­Gespräch (› Kap. 2.3), das durch standardisierte Untersuchungs- Der Proband muss über den gutachtlichen Auftrag und die Be-
verfahren und ggf. psychologische Testuntersuchungen ergänzt wer- weisfragen informiert werden. Ihm muss klar sein, dass bezüglich
den kann. Eine orientierende körperliche und neurologische Unter- dessen, was in der Untersuchungssituation besprochen wird, dem
suchung ist i. d. R. Bestandteil der gutachtlichen psychiatrischen Un- Auftraggeber gegenüber keine ärztliche Schweigepflicht besteht.
tersuchung. Apparative Verfahren werden nur eingesetzt, wenn ihr Der Proband muss über den Untersuchungsablauf, die Aufgaben
Ergebnis für die gutachtliche Fragestellung relevant ist (› Kap. 2.7.2). und die Funktion des psychiatrischen Sachverständigen informiert
Nach Erhalt des schriftlichen Gutachtenauftrags muss der Sach- sein. Es ist ferner darauf hinzuweisen, dass das psychiatrische Gut-
verständige prüfen, ob die Beweisfragen sein Fachgebiet betreffen, achten eine Entscheidungshilfe für den Auftraggeber darstellt, dass
ob er in der Lage ist, sie zu beantworten, und ob er die Begutach- aber der psychiatrische Sachverständige keinesfalls selbst die anste-
tung in einem angemessenen zeitlichen Rahmen durchführen kann. hende Rechtsentscheidung trifft. Er ist ausdrücklich darüber aufzu-
Etwaige Unklarheiten bei den Beweisfragen sollten vorab mit dem klären, dass er zu Angaben gegenüber dem psychiatrischen Sach-
Auftraggeber geklärt werden. Zusatzuntersuchungen müssen vom verständigen und zur Mitarbeit bei der Untersuchung nicht ver-
Auftraggeber genehmigt werden, sofern dies nicht bereits im Gut- pflichtet ist, d. h., der Proband muss über sein Schweigerecht infor-
achtenauftrag formuliert ist. miert sein (Lesting 1992; Foerster und Dreßing 2014).
Dem schriftlichen Gutachten sollte ein Hinweis auf die erfolgte
Belehrung und Aufklärung vorangestellt werden.
2.2  Rahmenbedingungen der Bei strafrechtlichen Fragen sollte der Sachverständige den Pro-
Untersuchung banden darauf aufmerksam machen, dass es nicht zu den Aufgaben
des Sachverständigen gehört, Feststellungen zur Tat zu treffen oder
2.2.1  Raum und Zeit Beweise zu würdigen. Es ist auch nicht seine Aufgabe, das Gericht
bei der Strafzumessung zu beraten.
Eine qualifizierte forensisch-psychiatrische Untersuchung kann Probleme bei der Aufklärung und Belehrung des Probanden kön-
nur durchgeführt werden, wenn hierfür ein ungestörter Raum und nen sich ergeben, wenn dieser akut psychisch erkrankt ist, etwa
genügend Zeit zur Verfügung stehen. wenn er sich in einem akuten psychotischen Zustand befindet. Es
Ein ungestörter Raum ist nicht vorhanden, wenn der Sachver- kann sich dann für den Sachverständigen die Frage stellen, ob eine
ständige im Arztzimmer einer Klinik ständig durch das Telefon Untersuchung überhaupt sinnvoll durchgeführt werden darf, da
oder ein piepsendes Suchgerät gestört wird. Das Gleiche gilt für eine der Proband über seine Rechte, v. a. über sein Schweigerecht gar
Ecke in einem größeren Besucherraum einer Justizvollzugsanstalt nicht korrekt informiert werden kann. Berücksichtigt man hier die
oder den Flur einer Maßregelvollzugsklinik. Definition der Vernehmungsfähigkeit (› Kap. 21.2), wonach dies
Der Zeitaufwand für eine psychiatrische Untersuchung schwankt die Fähigkeit bedeutet, Fragen in ihrem Sinngehalt aufzunehmen
je nach Fragestellung und zu beurteilender Psychopathologie in und in freier Willensentschließung und Willensbestätigung Ant-
weiten Grenzen. Die Diagnose einer Demenz oder einer akuten worten und Erklärungen in verständlicher Form abzugeben, kann
schizophrenen Psychose ist bei deutlicher Ausprägung der psycho- diese Fähigkeit bei akuter psychopathologischer Symptomatik auf-
pathologischen Symptomatik meist sehr rasch zu stellen. Ein sehr gehoben sein. In solchen, sicher seltenen Fällen sollte zunächst
hoher Zeitaufwand kann dagegen insb. bei folgenden Fragestellun- Rücksprache mit dem Auftraggeber und dem Rechtsvertreter des
gen erforderlich werden: Ausführungen zur Kriminalprognose; Probanden bzgl. des weiteren Vorgehens gehalten werden.
2.3  Das gutachtliche Gespräch 17

2.2.3  Anwesenheit dritter Personen ge benötigt bei jeder Begutachtung, sei es im straf-, zivil- oder sozi-
alrechtlichen Bereich, stets die kompletten Akten. Bei Prognosegut-
Das klinische und therapeutische Gespräch findet in einer unge- achten ist es darüber hinaus unabdingbar erforderlich, sämtliche
störten Zweiersituation statt. Es gibt keinen Grund, warum dies im vorhandenen Vorakten beizuziehen (› Kap. 26).
gutachtlichen Gespräch anders sein sollte. Grundsätzlich ist die An- Ob der Sachverständige bereits vor dem ersten Gespräch die Ak-
wesenheit dritter Personen während der Exploration und der Un- ten detailliert liest oder sich zunächst einen orientierenden Über-
tersuchung kontraproduktiv und kann den Aufbau einer Beziehung blick verschafft, ist eine Frage des persönlichen Stils. Vor Abschluss
zwischen Proband und Gutachter stören (Hausotter 2007). Dabei der Exploration muss der Sachverständige die Akten allerdings
2
ist auch zu bedenken, dass bei Anwesenheit von Angehörigen (Part- vollständig durchgearbeitet haben.
ner, Eltern, Kinder) die Mitteilungen des Probanden verfälscht sein
können, sodass diese Personen während des gutachtlichen Ge-
sprächs nicht anwesend sein sollten. Selbstverständlich kann vor 2.3  Das gutachtliche Gespräch
oder nach der Exploration mit den Angehörigen gesprochen wer-
den, falls dies der Wunsch des Probanden und der Angehörigen ist. Von Ausnahmen abgesehen, kommt der Proband nicht auf eigenen
Eine Anwesenheit von Angehörigen ist bei der Glaubhaftigkeitsbe- Wunsch zur psychiatrischen Begutachtung. Häufig weiß er entwe-
gutachtung nicht möglich (›  Kap.  39). Gelegentlich wird der der gar nicht oder nicht genau, wie die Untersuchung durchgeführt
Wunsch nach Anwesenheit von Verteidigern, Prozessvertretern in wird. In vielen Fällen sind dem Probanden auch die Fragestellun-
Zivilverfahren oder juristischen Beiständen geäußert, dies auch im gen nicht bekannt. Manchmal besteht ein vages Unbehagen bis hin
Rahmen der sozialmedizinischen Begutachtung (Claas 2007; Roller zu ausgesprochener Angst vor der Untersuchung. Dem Untersu-
2007). Hierbei gelingt es meist jedoch, durch eine ausführliche In- cher gegenüber ist der Proband möglicherweise voreingenommen
formation über den Ablauf der Untersuchung den Wunsch nach oder sogar misstrauisch. Falls der Proband bereits begutachtet wur-
Anwesenheit dieser Personen abzubauen. Hilfreich dabei ist das de, besitzt er Vorerfahrungen oder Vorinformationen.
Angebot eines Dreiergesprächs vor und nach der Begutachtung. Be- Aus all diesen Gründen sollte der Sachverständige beim ersten
harrt der Proband bzw. sein Rechtsvertreter auf dessen Anwesen- Gesprächstermin immer bestrebt sein, eine Atmosphäre zu schaf-
heit, so ist es eine Frage des persönlichen Stils des Sachverständi- fen, die es dem Probanden erlaubt, sich dem ihm unbekannten Un-
gen, ob er damit einverstanden ist. Falls er zustimmt, ist jedoch tersucher gegenüber ohne Ängste und Misstrauen zu öffnen. Im
vorab eindeutig abzustimmen, dass die Rechtsvertreter bzw. Bei- Rahmen eines Vorgesprächs ist der Proband zunächst über die Fra-
stände zuhören, aber keinesfalls in das Gespräch eingreifen. gestellung, den Ablauf sowie die Position und Stellung des Gutach-
Bei Schuldfähigkeits- und Prognosegutachten gibt es kein Recht ters zu informieren. Viele Probanden haben entweder gar keine
auf die Anwesenheit Dritter. Das Recht des Beschuldigten, sich in je- oder nur eine sehr unklare Vorstellung von der Rolle des psychiatri-
der Lage des Verfahrens anwaltlicher Hilfe zu bedienen, führt nicht schen Sachverständigen. In diesem Vorgespräch muss dem Proban-
zu einem Anwesenheitsrecht des Verteidigers bei der Exploration den deutlich gemacht werden, dass der Sachverständige sein Gut-
(BGH 3 StR 239/02). Auch bei der personalärztlichen Untersuchung achten unparteiisch, nach bestem Wissen und Gewissen erstattet
zur Frage der Dienstfähigkeit besteht kein Anwesenheitsrecht Dritter (§ 79 StPO, § 410 ZPO). Gelegentlich sind sich Probanden unsicher,
(Hamburgisches OVG, 1 Bs 102/06). Sofern der Proband einen Be- ob sie an der Begutachtung mitwirken sollen. In diesen Fällen emp-
treuer mit dem Aufgabenkreis Gesundheitsfürsorge hat, der bei der fiehlt es sich, nach dem Vorgespräch eine zeitliche Zäsur vorzuneh-
gutachtlichen Untersuchung anwesend sein möchte, ist diese Frage men und dem Probanden Gelegenheit zur Überlegung bzw. Rück-
im Einzelfall i. d. R. im gemeinsamen Dreiergespräch zu klären. sprache mit seinem Rechtsvertreter zu geben.
Sehr selten bitten Probanden um eine Bandaufnahme des Unter- Gestaltung der Untersuchungssituation:
suchungsgesprächs. Ihr Wunsch sollte unter Einschaltung des Auf- • Als Erstes ist der Proband über die Untersuchungssituation, die
traggebers und unter Berücksichtigung des persönlichen Stils des gutachtlichen Fragestellungen und seine Rechte zu informieren.
Sachverständigen geklärt werden. Eine generelle Ablehnung ist • Als Einstieg in das Untersuchungsgespräch empfiehlt sich zu-
ebenso wenig sachgerecht wie eine generelle Forderung nach einem nächst eine unstrukturierte Gesprächsführung, etwa über die
solchen Vorgehen. Eine spezielle Konstellation ergibt sich aller- ­aktuelle Befindlichkeit des Probanden, oder die Erörterung der
dings bei der Begutachtung der Glaubhaftigkeit, die in › Kap. 39 konkreten derzeitigen Lebenssituation. Dieser erste Gesprächs-
im Einzelnen geschildert wird. abschnitt sollte es dem Probanden ermöglichen, diejenigen
Punkte anzusprechen, die ihn akut beschäftigen, bedrücken oder
die aus seiner Sicht die wesentlichen Aspekte sind. Ein solches
2.2.4 Aktenstudium Vorgehen fördert das Entstehen einer entspannten, angstfreien
Atmosphäre. Im gutachtlichen Gespräch ist allerdings nicht mit
Die Kenntnis der Akten ist für den psychiatrischen Sachverständi- einer ähnlichen initialen Spontaneität des Probanden zu rech-
gen unbedingt erforderlich. Die gelegentlich zu hörende juristische nen wie in einem ärztlichen Beratungs- oder Therapiegespräch.
Meinung, der psychiatrische Sachverständige möge sein Gutachten Daher kann sich der Untersucher auch in dieser Gesprächsphase
ausschließlich aufgrund der persönlichen Untersuchung und ohne oft nicht nur rezeptiv verhalten, sondern er ist gefordert, die
Kenntnis der Akten erstatten, ist nicht korrekt. Der Sachverständi- beim Probanden häufig bestehenden Hemmungen, da dieser
18 2  Forensisch-psychiatrische Untersuchung

möglicherweise zum ersten Mal in seinem Leben in einer derar- den Feststellungen des Sachverständigen sind zu benennen und in
tigen Gesprächssituation ist, behutsam zu verringern. Voraus- ihrer Wertigkeit für die forensisch-psychiatrische Schlussfolgerung
setzung ist hier immer Offenheit, Ehrlichkeit und transparentes zu erörtern, ohne jedoch das Primat der richterlichen Beweiswürdi-
Vorgehen aufseiten des Sachverständigen. gung zu berühren. Die gutachtliche Untersuchung ist keine Verneh-
• Manche Probanden möchten bereits in dieser ersten Phase des mung. Die Intentionen des psychiatrischen Sachverständigen sind
Gesprächs über den Tatvorwurf bzw. – bei sozialmedizinischen anders gelagert als die der polizeilichen Vernehmung: Dem Sach-
Begutachtungen – über ihre Beschwerden oder ihre Erkrankun- verständigen geht es vorrangig um die Erfassung der psychischen,
gen sprechen. Ist dies der Fall, sollte der Sachverständige die Ex- ggf. psychopathologischen, Symptomatik und der emotionalen Be-
2
ploration flexibel handhaben. Der Spontaneität der Darstellung findlichkeit des Täters. 
des Probanden ist der Vorzug vor einer rigiden Strukturierung Bei der sozialmedizinischen Begutachtung ist der Kern der Unter-
durch den Untersuchenden zu geben. suchung i. d. R. die Schilderung der psychischen und körperlich-
• Auch die biografischen Daten und der Lebenslauf sollten spon- funktionellen Symptomatik des Probanden. Diese Schilderung
tan berichtet werden, falls der Proband hierzu in der Lage und sollte der psychiatrische Sachverständige entgegennehmen, ohne
auch willens ist. Eine solche spontane Darstellung wird jedoch hierzu eine Stellungnahme abzugeben.
häufig den Anforderungen an die gutachtliche Klärung nicht ge- • Zum Schluss der Untersuchung hat es sich bewährt, den Proban-
nügen, sodass der Sachverständige hier i. d. R. detailliert explo- den ausdrücklich zu fragen, ob aus seiner Sicht weitere Gesichts-
rieren muss. Folgende Punkte sind zu berücksichtigen, wobei punkte erörtert werden sollten oder ob alles ihm Wichtige und
dies nicht schematisch geschieht, sondern sich aus dem Ge- Wesentliche angesprochen wurde. Ein entsprechender Hinweis
sprächsverlauf entwickelt: geht in das schriftliche Gutachten ein. Gelegentlich wünschen die
– Familienanamnese mit psychosozialer Situation der Familie, Probanden nach Abschluss der Untersuchung Auskunft darüber,
Geschwisterzahl, Familienatmosphäre und ggf. familiäre Be- in welcher Weise der Sachverständige sich äußern wird. Eine
lastung mit psychischen und somatischen Erkrankungen ­generelle Richtlinie lässt sich hierzu nicht nennen. Falls der Sach-
– Schwangerschafts- und Geburtsumstände verständige bereit ist, seine diagnostischen Einschätzungen und
– Frühkindliche Entwicklung Schlussfolgerungen zu erörtern, so sollte er dies stets mit einem
– Vorschulische und schulische Entwicklung ausdrücklichen Hinweis auf die alleinige Entscheidungskompe-
– Pubertät und frühes Erwachsenenalter tenz des Auftraggebers verbinden. Eine Rechtsberatung ist nicht
– Sexualanamnese Sache des Sachverständigen. 
– Berufliche Entwicklung Bei der Entscheidung darüber, ob der Sachverständige das Gut-
– Partnerschaften, Ehe, Familie, Kinder achtenergebnis mit dem Probanden bespricht, können folgende
– Biografische Konfliktsituationen Aspekte bedacht werden: Zum einen kann natürlich argumen-
– Ggf. Vorstrafen tiert werden, dass der Proband durchaus einen – ethischen, nicht
– Sozioökonomische Verhältnisse rechtlichen – Anspruch haben kann, das Gutachtenergebnis, das
– Frühere psychische und körperliche Erkrankungen für ihn erhebliche Bedeutung hat, mit dem Sachverständigen zu
– Jetzige Erkrankungen bzw. Störungen besprechen. Bei Gutachten zur Schuldfähigkeit oder zur Progno-
– Konsum psychotroper Substanzen se kann die Mitteilung des Gutachtenergebnisses durchaus dia­
– Freizeitgestaltung gnostische Relevanz haben, wenn der Proband mit einem anderen
– Tagesablauf Ergebnis gerechnet hatte und als Reaktion bis dahin möglicher-
– Selbsteinschätzung.  weise verborgene impulsive Züge zum Ausdruck kommen. Gene-
Die vorstehende Liste ist je nach Fragestellung zu variieren; so relle und verbindliche Richtlinien lassen sich für diese Entschei-
ist z. B. eine detaillierte Sexualanamnese bei Sexualdelinquenz dung jedoch nicht angeben.
oder bei der Beurteilung von Folgen sexuell belastender Erleb- Prinzipiell muss der Sachverständige berücksichtigen, dass sich bei
nisse erforderlich. Dabei sollte über die Aufzählung äußerer der psychiatrischen Untersuchung immer eine Beziehung zwischen
objektiver Daten hinaus auch das innere Erleben des Proban- Proband und Sachverständigem konstelliert, wobei dieser Interak­
den in seinen jeweiligen Lebenssituationen erfasst werden. tion zwischen Proband und Sachverständigem durchaus Bedeutung
• An die Erhebung der biografischen Anamnese schließt sich die aus- zukommen kann. Auch der Sachverständige reagiert bei der Unter-
führliche Diskussion der konkreten gutachtlichen Fragen an. Ist der suchung emotional, genauso wie der Arzt in der Arzt-Patient-Bezie-
Proband bei der strafrechtlichen Begutachtung bereit, ­Angaben zu hung affektiv reagiert. Eine Forderung nach emotionaler Abstinenz
der ihm vorgeworfenen Tat zu machen, so ist diese Erörterung der des psychiatrischen Sachverständigen ist unrealistisch. Statt emotio-
Kernbereich der gutachtlichen Untersuchung, wobei es neben der naler Abstinenz ist ganz im Gegenteil zu fordern, dass sich der Sach-
Exploration der äußeren Tatabläufe stets um die Schilderung der verständige seiner gefühlsmäßigen Stellungnahme und seiner emoti-
konkreten psychischen, emotionalen und affektiven Befindlichkeit onalen Reaktion bewusst wird und diese reflektiert, damit nicht die
des Probanden geht.Bei unklaren Tatabläufen ist es keinesfalls Auf- Gefahr besteht, dass seine emotionale Reaktion unreflektiert in das
gabe des psychiatrischen Sachverständigen, hierzu Feststellungen Gutachtenergebnis einfließt (Creutz 1993; Foerster 1996, 2004). Da-
zu treffen oder sich als „Ermittlungsbeamter“ zu betätigen. Wider- bei kann die Grundhaltung des psychiatrischen Sachverständigen als
sprüche zwischen den Angaben des Probanden, der Aktenlage und „illusionslose Empathie“ (Feuerlein 1998) charakterisiert werden.
2.5  Der ausländische Proband 19

2.4  Zusätzliche Informationen s­ oweit mächtig ist, dass eine qualifizierte Exploration möglich ist.
Ist dies nicht der Fall, wäre es ideal, wenn die Begutachtung durch
2.4.1  Frühere Behandlungsunterlagen einen die Muttersprache des Probanden sprechenden Sachverstän-
digen durchgeführt werden könnte. Dies ist jedoch nur in den sel-
Bei der Begutachtung zu berücksichtigen sind Berichte über frühere tensten Fällen möglich, sodass die Untersuchung mithilfe eines
psychiatrische, psychotherapeutische, psychosomatische stationäre Dolmetschers erfolgen muss, wodurch bereits die Untersuchungssi-
oder ambulante Therapien. Voraussetzung ist selbstverständlich, tuation durch die Anwesenheit eines Dritten verändert wird. Dabei
dass der Proband mit der Beiziehung dieser Unterlagen einverstan- ist vorab zu klären, ob der Proband mit dem in Aussicht genomme-
2
den ist und die früher behandelnden Ärzte schriftlich von ihrer nen Dolmetscher einverstanden ist. Gelegentlich gibt es hier Vorbe-
Schweigepflicht gegenüber dem Gutachter entbindet. Die Beizie- halte. In diesem Fall müssen diese vor der Exploration geklärt wer-
hung solcher Unterlagen ist auch dann sinnvoll, wenn derartige Be- den. Ebenfalls geklärt werden muss, ob der Dolmetscher auch tat-
handlungen längere Zeit zurückliegen, da auf diese Weise eine sächlich die Sprache bzw. den speziellen Dialekt des Probanden
Längsschnittbetrachtung des Krankheitsverlaufs bzw. des Lebens- spricht, da sich hier andernfalls unliebsame Überraschungen erge-
verlaufs des Probanden erleichtert wird. Ist der Proband bereits be- ben können. Bei der Untersuchung weiblicher Probanden ist zu klä-
gutachtet worden, so sind diese Gutachten unbedingt beizuziehen. ren, ob Vorbehalte gegenüber einem männlichen Dolmetscher be-
Hilfreich kann auch die Beiziehung der Krankenversicherungsda- stehen bzw. ob es günstiger ist, wenn eine Frau dolmetscht.
ten sein, wenn es darum geht festzustellen, ob es vor einem in Rede Aus der Sicht erfahrener Dolmetscher wird die Beachtung fol-
stehenden Ereignis schon psychische Vorerkrankungen oder Be- gender Punkte empfohlen (Bischoff und Loutan 2000):
handlungen gab (Dreßing und Foerster 2014). Bei sozialmedizini- • Vorbereitung des Untersuchungsgesprächs mit dem Dolmet-
schen Begutachtungen zur Dienstfähigkeit kann auch die Kenntnis scher
der Personalakten des Probanden sinnvoll sein (Creutz 1993). • Direktes Ansprechen des Probanden
• Verwendung von einfachen, für den Probanden verständlichen
Formulierungen
2.4.2  Fremdanamnestische Informationen • Genügend Zeit und Geduld des Untersuchers
• Ggf. Nachbesprechung mit dem Dolmetscher
Ist der psychiatrische Sachverständige der Meinung, dass er zusätz- Unter Berücksichtigung dieser Aspekte, die auch der eigenen Erfah-
liche Informationen benötigt, etwa von Angehörigen, Bekannten rung entsprechen, ergibt sich unmittelbar, dass die Untersuchung
oder anderen Personen aus dem Umfeld des Probanden, so hat er mithilfe eines Dolmetschers einen erheblich höheren Zeitaufwand
dies mit dem Auftraggeber abzustimmen. Keinesfalls darf der psy- bedeutet. Gerade die Vorbereitung des Gesprächs ist wichtig, weil
chiatrische Sachverständige Angehörige oder andere Personen ei- in diesem Vorbereitungsgespräch der Dolmetscher unbedingt dazu
genmächtig explorieren, da dies eine ihm nicht zustehende selbst- anzuhalten ist, sowohl die Fragen des Untersuchers als auch die
ständige Ermittlungstätigkeit wäre. Antworten des Probanden wörtlich zu übersetzen. Ist dies nicht der
Im Strafverfahren haben Angehörige ein Zeugnisverweigerungs- Fall, kann es Probleme z. B. bei der Erfassung formaler Denkstörun-
recht. Hierüber müssen sie aufgeklärt werden, was durch den Sach- gen geben, wenn es um die subtile Beurteilung von Satzbau und
verständigen prinzipiell nicht möglich ist. Dieses Problem kann da- Wortwahl geht. Manche Dolmetscher neigen dazu, die von ihnen
durch gelöst werden, dass diejenigen Angehörigen, die ein Zeugnis- als defizitär erlebte Antwort des Probanden zu glätten und die mög-
verweigerungsrecht besitzen, vor einer Exploration durch den Sach- licherweise vorhandenen psychopathologisch bedingten logischen
verständigen richterlich belehrt werden. Eine andere Möglichkeit Inkonsistenzen zu beseitigen (Kröber 2005a). Sowohl der Proband
besteht darin, dass der psychiatrische Sachverständige anregt, dieje- wie auch der Dolmetscher sind vorab darauf hinzuweisen, dass der
nigen Bezugspersonen, die aus seiner Sicht relevante Informationen Dolmetscher ausschließlich die Aufgabe der Übersetzung hat und
beitragen können, als Zeugen in die Hauptverhandlung zu laden. dass es ihm nicht zusteht, eigene Einschätzungen oder Bewertun-
Bei der sozialrechtlichen Begutachtung haben Angehörige ebenfalls gen vorzunehmen.
ein Zeugnisverweigerungsrecht, worauf sie hinzuweisen sind. Auch Falls der Proband dazu neigt, das Gespräch mit dem Dolmet-
bei Einverständnis des Probanden empfiehlt es sich, die Genehmi- scher und nicht mit dem psychiatrischen Sachverständigen zu füh-
gung des Gerichts zur Befragung von Angehörigen einzuholen. ren, ist dies zunächst zu registrieren. Es sollte jedoch vermieden
werden. Daher empfiehlt es sich, immer den Probanden direkt an-
zusprechen, so, als ob man die gleiche Sprache spräche. Ganz un-
2.5  Der ausländische Proband günstig ist es, wenn sich der Untersucher mit seinen Fragen an den
Dolmetscher wendet („Fragen Sie ihn, ob …“).
Der psychiatrische Sachverständige hat häufig ausländische Pro- Außer der Sprachproblematik können weitere Aspekte wichtig
banden zu begutachten, sei es im Strafverfahren oder auch bei der sein (Kröber 2005a):
sozialmedizinischen Begutachtung. Dabei umfasst der Begriff „aus- • Kommt der Proband aus einem vergleichbaren kulturellen Kon-
ländischer Proband“ eine sehr heterogene Gruppe, sodass bei der text, oder hat er einen völlig andersartigen soziokulturellen Hin-
Begutachtung unterschiedliche Probleme auftreten können. Die tergrund? Kenntnisse über andere kulturelle Hintergründe hat
erste Frage ist natürlich, ob der Proband der deutschen Sprache der psychiatrische Sachverständige i. d. R. nicht, sodass er auf
20 2  Forensisch-psychiatrische Untersuchung

diesbezügliche Fragen auch keine fachkundige Auskunft geben Ein prinzipielles, allerdings nicht ausräumbares methodisches
kann. Problem darf nicht außer Acht gelassen werden: Bei der Erhebung
• Lebt der Proband schon längere Zeit in Deutschland oder erst des psychischen Befunds handelt es sich um den Befund zum
seit sehr kurzer Zeit? ­Untersuchungszeitpunkt. Bei der Begutachtung geht es jedoch häu-
• Besteht eine Integration in deutsche Sozialstrukturen, oder lebt fig nicht um den Untersuchungszeitpunkt – abgesehen von der Ein-
der Proband in einem seiner Herkunft entsprechenden kulturel- schätzung akuter Fremd- und Selbstgefährlichkeit bei der Beurtei-
len Umfeld? lung der Unterbringungsbedürftigkeit (› Kap. 42) –, sondern um
Diese Informationen sind für die Darstellung der biografischen Ent- die retrospektive Beurteilung eines psychischen Zustands zu einem
2
wicklung eines Probanden sehr wesentlich, zumal dann, wenn der zurückliegenden Zeitpunkt (z. B. Beurteilung der Schuldfähigkeit;
Proband in Deutschland in einer andersartig geprägten „Parallelge- Beurteilung der Geschäftsfähigkeit) oder um die Beurteilung eines
sellschaft“ lebt. Vor allem bei der sozialmedizinischen Beurteilung zukünftig zu erwartenden Zustands (z. B. Begutachtung der Prog-
können sich hier erhebliche Probleme ergeben, wenn nichtdeutsche nose, Begutachtung der Betreuungsbedürftigkeit). Hieraus folgt,
religiöse und kulturelle Muster den Alltag der Probanden bestim- dass sich die psychiatrische Begutachtung in all diesen Fällen nicht
men (Waltner 2006). allein auf den zum Untersuchungszeitpunkt erhobenen Befund be-
Trotz der genannten Schwierigkeiten ist es i. d. R. mithilfe eines ziehen kann, sondern der zum Untersuchungszeitpunkt erhobene
Dolmetschers möglich, gravierende psychische Störungen sicher Befund muss in einer retrospektiven bzw. prospektiven Analyse auf
festzustellen bzw. auszuschließen, also etwa eine schizophrene Psy- den mutmaßlichen Befund des rechtsrelevanten Zeitpunkts bezo-
chose, eine affektive Psychose oder ein demenzielles Syndrom. Sehr gen werden. Geht es um die Feststellung überdauernder psychopa-
schwierig kann es bei der Beurteilung von strukturellen Auffällig- thologischer Merkmale oder überdauernder Persönlichkeitseigen-
keiten in der Persönlichkeit werden, weil sich die Symptome von schaften, so ist dies nicht schwierig. Geht es dagegen um die Erfas-
Persönlichkeitsstörungen auch im Sozialverhalten zeigen. Hier soll- sung vorübergehender psychopathologischer Phänomene, etwa im
te Wissen darüber vorhanden sein, welche Verhaltensweisen im Rahmen von affektiven Ausnahmezuständen (› Kap. 15), bei In-
kulturellen Kontext, dem der Proband entstammt, noch akzeptiert toxikationen (›  Kap.  12) und bei impulsiven Tathandlungen
sind, welche nicht und welche als auffällig gelten (Kröber 2005a). (› Kap. 16), so können hieraus ganz erhebliche Probleme entste-
Möglicherweise müssen hier Fragen offenbleiben, wobei der Sach- hen. Das Gleiche gilt für die Beurteilung vorübergehender psycho-
verständige ggf. auf vorhandene diagnostische Unsicherheiten hin- pathologischer Auffälligkeiten bei Geschäftsabschlüssen, sofern
weisen muss. diese nicht präzise dokumentiert sind (› Kap. 28). Die Probleme
bei der prospektiven Einschätzung im Rahmen der Prognosebegut-
achtung sind in › Kap. 26 dargestellt.
2.6  Psychischer Befund
Die Erhebung des psychischen bzw. psychopathologischen Befunds 2.6.1 Verhaltensbeobachtung
ist das Kernstück der psychiatrischen Begutachtung. Ein Gutach-
ten, in dem ein eigenständiger Abschnitt „Psychischer Befund“ Hierzu zählt die Wiedergabe aller Beobachtungen und Feststellun-
fehlt, ist unbrauchbar. gen, die der Sachverständige während der Untersuchung gemacht
Der psychische Befund beschreibt das Querschnittsbild der seeli- hat. In diesem Teil des Befunds ist auch das äußere Erscheinungs-
schen Verfassung des Probanden zum Untersuchungszeitpunkt: bild des Probanden zu beschreiben: Kleidung, Körperpflege, Gestik,
das Verhalten des Probanden, das der Sachverständige beobach- Mimik und Physiognomie.
tet, und das Erleben, von dem der Proband berichtet. Damit sind Zu schildern sind der Gesamteindruck des Probanden, mögliche
die beiden Dimensionen der Befunderhebung benannt: die Beob- Auffälligkeiten im Verhalten und in der Gesprächssituation. Darge-
achtung des Verhaltens und der Aussagen des Probanden durch stellt wird die Art des Probanden, mit der Untersuchungssituation als
den Untersucher und die subjektive Schilderung eigenen Erlebens solcher umzugehen vor dem Hintergrund der Frage, inwieweit der
durch den Probanden. Die Aufgabe des Untersuchers ist es, die Proband sowohl kognitiv als auch emotional erreichbar ist und inwie-
Fremd- und Selbstbeurteilung miteinander in Beziehung zu setzen, weit er auskunftswillig und auskunftsbereit ist. Hierzu zählt auch die
Übereinstimmungen zu schildern bzw. Widersprüche zu erwähnen Einschätzung der Kooperationsfähigkeit des Probanden. Geschildert
und zu diskutieren. Dabei hat der Sachverständige streng darauf zu werden sollten auch die Gesprächsatmosphäre und die Art und Wei-
achten, dass der von ihm geschilderte Befund tatsächlich sein Be- se, wie der Proband sich dem Sachverständigen gegenüber verhält.
fund ist und dass es nicht zu einer Vermischung von anamnesti-
schen Angaben mit der Einschätzung des Sachverständigen
kommt – bedauerlicherweise ein immer noch vorkommender, sehr 2.6.2  Psychische Funktionen
häufiger Fehler (› Kap. 6). Selbstverständlich genügt allein die Be-
schwerdeschilderung eines Probanden niemals, um hieraus eine Zur Erhebung des psychischen Befunds ist es sinnvoll, ein struktu-
Diagnose abzuleiten, sondern entscheidend ist der vom Sachver- riertes Vorgehen zugrunde zu legen, bei dem die gesamte Sympto-
ständigen erhobene Befund (Stevens und Foerster 2000). matik bestimmten, im Einzelfall detailliert zu beschreibenden Be-
reichen zugeordnet wird:
2.7  Weitere Untersuchungen 21

• Bewusstsein: quantitative Einschränkung (Bewusstseinsvermin- Ressourcen und Kompetenzen, die in der Persönlichkeit liegen, um
derung) oder qualitative Veränderung (Bewusstseinseinengung, auf diese Weise zu vermeiden, dass die Schilderung der Persönlich-
Bewusstseinsverschiebung) keit des Probanden ausschließlich defizitäre Züge aufzeigt.
• Orientierung: zeitlich, örtlich, situativ, zur Person
• Aufmerksamkeits- und Gedächtnisstörungen: Auffassungs-
probleme, Konzentrationsstörung, Kurz- und Langzeitgedächt- 2.7  Weitere Untersuchungen
nis
• Sprechverhalten und Sprache: Klang, Modulation, Störungen, Aufgrund des gutachtlichen Gesprächs und der Exploration ent-
2
Sprachverständnis und Ausdrucksvermögen scheidet der psychiatrische Sachverständige, ob weitere Untersu-
• Formales Denken: Verlangsamung, Hemmung, umständliches chungen durchzuführen sind. Dabei hat er zu berücksichtigen, dass
Denken, eingeengtes Denken, Perseverationen, Grübeln, Gedan- nur solche Untersuchungen sinnvoll sind, von denen weitere Infor-
kendrängen, Ideenflucht, Vorbeireden, Sperrung, Gedankenab- mationen zur Beantwortung der Beweisfragen zu erwarten sind.
reißen, Neologismen, Zerfahrenheit
• Inhaltliches Denken: Zwänge, Hypochondrien, Phobien, über-
wertige Ideen, Wahn 2.7.1  Körperliche Untersuchung
• Sinnestäuschungen: Halluzinationen, Illusionen
• Ich-Störungen: Derealisation, Depersonalisation, Gedankenaus- Eine orientierende körperliche und neurologische Untersuchung ist
breitung, Gedankenentzug, Gedankeneingebung i. d. R. Bestandteil der forensisch-psychiatrischen Untersuchung. Es
• Affektivität: depressiv, ängstlich, euphorisch, dysphorisch, ge- ist zu fragen, wann die körperliche Untersuchung auf jeden Fall er-
reizt, unruhig, jammerig, gesteigertes Selbstwertgefühl, Schuld- forderlich ist und wann auf sie ggf. verzichtet werden kann. Unbe-
gefühle, Verarmungsgefühle, Hoffnungslosigkeit, Gefühl der Ge- dingt erforderlich ist eine körperliche Untersuchung dann, wenn es
fühllosigkeit, Ratlosigkeit, affektarm, Ambivalenz, Affektlabili- sich um eine psychiatrische Erstuntersuchung handelt, weil zu klä-
tät, affektstarr ren ist, ob eine ggf. festgestellte psychopathologische Symptomatik
• Antriebs- und psychomotorische Störungen: antriebsarm, an- möglicherweise organische Ursachen hat und ob zusätzlich körper-
triebsgehemmt, antriebsgesteigert, motorisch unruhig, Hypoki- liche Erkrankungen vorliegen.
nese, Stupor Ebenso unabdingbar ist eine körperliche Untersuchung bei alko-
• Sonstige Auffälligkeiten: bizarres Verhalten, theatralisches hol- und drogenabhängigen Probanden, da sich in diesen Fällen aus
Verhalten, Selbstbeschädigung, Suizidalität, Aggressivität, sozia- den körperlichen Befunden Rückschlüsse auf Verlauf und Stadium
ler Rückzug, soziale Umtriebigkeit der Erkrankung ziehen lassen. Bei der sozialmedizinischen Begut-
achtung ist eine körperliche Untersuchung ebenso zu fordern wie
bei der Beurteilung der Fahrtauglichkeit.
2.6.3 Persönlichkeitsdiagnostik Auf eine körperliche Untersuchung kann verzichtet werden,
wenn sich der Proband in klinischer Behandlung, z. B. im Maßre-
Außer dem deskriptiv-phänomenologischen Befund ist bei der psy- gelvollzug, befindet oder wenn es um sehr lange zurückliegende Ta-
chiatrischen Untersuchung immer auch die Persönlichkeitsstruktur ten geht, bei denen von einer später durchgeführten körperlichen
eines Probanden zu erfassen und zu beschreiben. Dabei ist zu beden- Untersuchung keine Relevanz zu erwarten ist.
ken, dass die Variationsbreite von persönlichen Zügen, ggf. auch
persönlichen Akzentuierungen, sehr groß ist, ohne dass vorschnell
von einer Persönlichkeitsstörung gesprochen werden darf. Das Vor- 2.7.2  Apparative Untersuchungen
liegen einer Persönlichkeitsstörung ergibt sich aus den allgemeinen
Kriterien der ICD-10 für die Diagnostik von Persönlichkeitsstörun- Bedarf für apparative Zusatzuntersuchungen wie Elektroenzephalo-
gen (F60) (zur Erfassung von Persönlichkeitsstörungen › Kap. 18). grafie (EEG), Computertomografie (CT), Magnetresonanztomografie
Bei Probanden mit Persönlichkeitsstörungen und Konfliktreakti- (MRT), Positronenemissionstomografie (PET) besteht nur dann,
onen zeigen sich die auffälligen Symptome weniger in spezifischen wenn ihr Ergebnis für die Beweisfragen relevant sein kann. Eine routi-
psychopathologischen Symptomen, sondern mehr in akzentuierten nemäßige Durchführung solcher Untersuchungen ist nicht angezeigt.
Persönlichkeitszügen, Beziehungsstörungen und auffälligem sozia- Auch die Durchführung von laborchemischen Untersuchungen
lem Verhalten. Die Einschätzung der Persönlichkeit erfolgt immer ist nur dann erforderlich, wenn sich hieraus Relevanz für die Frage-
über die biografische Längsschnittbeurteilung. Dabei sind zur Be- stellung ergibt, z. B. Drogenscreening und CDT-Bestimmung bei
schreibung der Persönlichkeit wie auch der Persönlichkeitsstörung der Beurteilung der Fahrtauglichkeit.
Aspekte der Selbstwahrnehmung und Selbsteinschätzung (Wün-
sche, Bedürfnisse, Gefühle) und der Fremdwahrnehmung ebenso zu
beachten wie die Beziehungsfähigkeit, das Vorliegen biografisch 2.7.3  Testpsychologische Untersuchung
überdauernder Konfliktbereiche einschließlich evtl. vorhandener in-
adäquater Konfliktlösungsversuche und eine Beschreibung des psy- Psychodiagnostische Untersuchungen dienen entweder der Evalu-
chosozialen Funktionsniveaus. Unbedingt zu benennen sind auch ierung bzw. Quantifizierung bestimmter Störungsbilder (z. B. Tests
22 2  Forensisch-psychiatrische Untersuchung

zur Erfassung des Schweregrads von depressiven Syndromen, zum Untersuchungszeitpunkt erstellt wird, wobei entweder in die
Angststörungen, Persönlichkeitsstörungen oder Suchtproblemen) Vergangenheit oder in die Zukunft zu extrapolieren ist.
oder sie zielen auf eine diagnoseunabhängige Erfassung charakterli-
cher Grundstrukturen ab (z. B. sog. projektive Persönlichkeitstests
wie das Rorschach-Formdeuteverfahren; Tests zur Erhebung von 2.7.4  Aktuarische Prognoseinstrumente
Aggressivitätsfaktoren oder anderen Persönlichkeitsmerkmalen).
Grundsätzlich unterschieden werden muss hierbei zwischen Selbst- Im Rahmen kriminalprognostischer Begutachtungen werden zu-
beurteilungsinstrumenten, die der Proband nach eigenem Gutdün- nehmend standardisierte, sog. aktuarische Prognoseinstrumente
2
ken ausfüllt, und Fremdratings, bei denen der Untersucher nach ei- angewandt (›  Kap.  26). Hierzu liegen umfangreiche Ergebnisse
ner standardisierten Methode vorgeht, zumeist anhand eines Fra- vor (Dahle 2006, 2008). Gut erforscht und für den klinischen Ein-
gebogens einschließlich eines vorgegebenen Auswertungsschemas. satz geeignete Prognoseinstrumente sind z. B. das Historical-Clini-
Keiner näheren Erläuterung bedarf, dass bei der Anwendung und cal-Risk-20-Schema (HCR-20, Webster und Eaves 1997), das Sexu-
Auswertung von Selbstbeurteilungsinstrumenten prinzipiell eine al-Violence-Risk-20-Schema (SVR-20, Boer 1997) und die Psycho-
kritische Zurückhaltung geboten ist, da gerade bei Begutachtungen pathy Checklist (PCL-R, Hare 1991). Im deutschsprachigen Raum
in einem forensisch-psychiatrischen Kontext prozesstaktische Er- hat sich außerdem der Einsatz der sog. Dittmann-Liste (Dittmann
wägungen aufseiten des Probanden die Testergebnisse in erhebli- 2000) bewährt, auch wenn hierzu weniger wissenschaftliche Daten
chem Maß tendenziös verfälschen können. Dabei kann auch eine vorliegen als zu den Prognoseskalen aus dem angloamerikanischen
sorgfältig durchgeführte, umfangreiche, sich auf unterschiedliche Raum. Der Vorteil dieser Prognoseinstrumente liegt auf der Hand:
Testverfahren stützende standardisierte Testung die eigentliche Die standardisierte Vorgehensweise verringert die Gefahr „blinder
einzelfallbezogene psychiatrische Exploration und Untersuchung Flecken“ oder unvollständiger Befunderhebungen bei der Progno-
allenfalls ergänzen, grundsätzlich jedoch niemals ersetzen. sebegutachtung; die Validität (Vorhersagegüte) und die Reliabilität
Dementsprechend ist eine testpsychologische Untersuchung nur (Zuverlässigkeit) der Untersuchungsverfahren sind wissenschaft-
dann erforderlich, wenn sich aus ihrem Ergebnis zusätzliche Hin- lich evaluiert; für den Nichtpsychiater wird zudem die Transparenz
weise für die Beantwortung der Beweisfragen ergeben. Bei der Be- und Nachvollziehbarkeit der gutachtlichen Argumentation erhöht.
gutachtung der Fahrtauglichkeit geht es immer auch um leistungs- Auf der anderen Seite dürfen aber auch die prinzipiellen Nachteile
psychologische Parameter, sodass hier eine neuropsychologische standardisierter Prognoseinstrumente nicht außer Acht gelassen
Untersuchung immer in die Begutachtung integriert ist. werden: Es sind, methodisch bedingt, lediglich statistische Aussagen
Im Übrigen ist zu bedenken, dass es keinen psychologischen möglich, mit denen sich die Besonderheiten des individuellen Ein-
„Test“ zur Beantwortung irgendeiner rechtlichen Fragestellung ge- zelfalls u. U. nicht hinreichend erfassen lassen. Zudem liegt der
ben kann. Auch bei einer testpsychologischen Untersuchung ist Schwerpunkt der standardisierten Prognoseinstrumente überwie-
stets die Motivation des Probanden zu berücksichtigen. Das Ergeb- gend auf den statischen, d. h. unveränderlichen, Parametern (bio-
nis einer Testuntersuchung bedarf der Interpretation und Beach- grafische Eckdaten; Delinquenz-Vorgeschichte), wohingegen die
tung des konkreten Verhaltens in der Untersuchungssituation und dynamischen Variablen, d. h. diejenigen Aspekte, die einer thera-
der Einschätzung der Motivation (Kröber 2005b). Die Verbesse- peutischen Einflussnahme im Straf- oder Maßregelvollzug zugäng-
rung dieser Einschätzung ist mit Untersuchungen zur Beschwer- lich sind, weitaus schwieriger zu erfassen sind. Insofern sind stan-
denvalidierung möglich (› Kap. 2.10). dardisierte Prognoseinstrumente mittlerweile integraler Bestand-
Eine testpsychologische Untersuchung kann – außer bei der Be- teil qualitativer Mindestanforderungen bei kriminalprognostischen
urteilung der Fahrtauglichkeit – sinnvoll sein, wenn es z. B. um die Begutachtungen (Kröber 2006)  –  sie stellen jedoch letztlich nur
präzisere Einschätzung eines demenziellen Syndroms geht. Hierbei Hilfsmittel im Kontext einer möglichst umfassenden gutachterli-
ist die testpsychologische Untersuchung i. d. R. in Frühstadien chen Herangehensweise dar, die die Aufklärung der in einem kon-
zweckmäßig; bei einem bereits stark ausgeprägten demenziellen kreten Anlasstatgeschehen realisierten individuellen Risiko- und
Syndrom ist die Untersuchung entbehrlich. Sinnvoll ist eine testpsy- Schutzfaktoren zum Ziel hat.
chologische Beurteilung ferner zur Beurteilung der intellektuellen
Leistungsfähigkeit, und zwar weniger im Hinblick auf den Gesamt-
IQ als im Hinblick auf das Leistungsprofil, auf Leistungsstärken und 2.8  Vom psychopathologischen
Leistungsschwächen (Kröber 2005b). Persönlichkeitsfragebögen Symptom zur psychiatrischen Diagnose
sind i. d. R. ebenso wie Selbstbeurteilungsbögen entbehrlich. Die
­Informationen, die ihnen zu entnehmen sind, führen nicht über die Ein Symptom ist definiert als die kleinste Beschreibungseinheit
Ergebnisse einer detaillierten biografisch orientierten Exploration psychopathologischer Phänomene. Dabei handelt es sich entweder
hinaus. Werden Selbstbeurteilungsbögen eingesetzt, so ist es irre- um beobachtbare Verhaltensweisen in der Untersuchungssituation
führend, wenn in der Auswertung zu lesen ist, der Proband „ist“ oder um vom Patienten berichtete Störungen.
depressiv, statt dass korrekt festgestellt wird, der Proband „schildert Auf der nächsten Ebene der Diagnostik werden Symptome zu
sich als depressiv“ (Kröber 2005b). Syndromen zusammengefasst. Ein Syndrom ist eine typische Kons-
Weiter ist grundsätzlich – wie auch bei der psychiatrischen Ex- tellation von Symptomen, jedoch keine spezifische Konstellation. Es
ploration – zu berücksichtigen, dass ein testpsychologischer Befund handelt sich bei einem Syndrom um bestimme Kombinationen von
2.10  Simulation und ähnliche Phänomene 23

Symptomen, die überzufällig häufig festzustellen sind, z. B. depres- nesfalls unmittelbar eine forensisch-psychiatrische Folgerung abge-
sives Syndrom, paranoides Syndrom, halluzinatorisches Syndrom. leitet werden darf. In DSM-5 heißt es hierzu ausdrücklich, dass al-
Die psychiatrische Diagnose ist zu verstehen als die Integration lein aus der Feststellung einer diagnostischen Kategorie gemäß die-
von Symptomen und/oder Syndromen, den Ergebnissen zusätzli- sem Klassifikationssystem nicht gefolgert werden darf, dass „rechtli-
cher Untersuchungen und der Berücksichtigung aller Informatio- che oder andere nichtmedizinische Folgerungen“ gezogen werden
nen. können (› Kap. 6.7). Daher muss die operationalisierte Diagnostik
Die gutachtliche Aufgabe ist jedoch mit der Stellung einer Diag- sowohl im klinischen als auch im forensisch-psychiatrischen Be-
nose noch nicht abgeschlossen. Bei der Begutachtung geht es im- reich durch folgende Aspekte erweitert werden (Hoff 2001):
2
mer auch um die Einschätzung des Grades und Ausmaßes einer ggf. • Differenzierte psychopathologische Befunderhebung
vorliegenden psychopathologischen Symptomatik, d. h. um die Ein- • Einzelfallbezogene individuelle Schweregradbestimmung der
schätzung des Schweregrades. Die Beurteilung des Schweregrades psychopathologischen Symptomatik
ist für alle forensisch-psychiatrischen Fragen von allergrößter Be-
deutung, da die rechtliche Bewertung grundsätzlich nicht von der
Diagnose, sondern in erster Linie von Grad und Ausmaß der psy- 2.10  Simulation und ähnliche
chopathologischen Symptomatik abhängt. Der psychiatrische Sach- Phänomene
verständige hat daher die Aufgabe, die von ihm festgestellten Be-
funde zu quantifizieren, d. h., er muss sie in ihrem Schweregrad, in In Praxis und Klinik gehen Ärzte i. d. R. davon aus, dass die vom
ihrer Intensität, in ihrem Ausmaß, ihrer Ausprägung und in ihren Patienten geklagten Beschwerden und Funktionsbeeinträchtigun-
Auswirkungen auf die konkrete Lebenswirklichkeit des Probanden gen in der geschilderten Form tatsächlich bestehen. Dies ist aller-
einschätzen. dings nicht immer der Fall. Sowohl bei der klinischen Tätigkeit als
auch der Begutachtung ist davon auszugehen, dass Patienten bzw.
Probanden durchaus nachvollziehbar die Tendenz haben können,
2.9  Psychiatrische Klassifikationssysteme Beschwerden und Beeinträchtigungen ergebnisorientiert vorzutra-
gen. Dabei fällt es dem vorwiegend therapeutisch orientierten Arzt
In der Psychiatrie gibt es zwei aktuelle Klassifikationssysteme, die häufig nicht leicht, an diese Möglichkeit überhaupt zu denken. Es
Internationale Klassifikation psychischer Störungen (ICD-10, ist jedoch Realität, dass es in allen medizinischen Situationen Täu-
­Kapitel  V, F) der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und das schungsmöglichkeiten gibt. Die wissenschaftliche und praktische
Dia­ gnos­ti­
sche und Statistische Manual psychischer Störungen Beschäftigung mit diesem Thema ist unbeliebt und befindet sich in
(DSM-5) der American Psychiatric Association (APA). Deutschland noch in einem frühen Entwicklungsstadium (Merten
Grundlage beider Systeme ist die operationalisierte Diagnostik. et al. 2007). Hierbei ergeben sich einige bislang nicht oder nicht
Die Merkmale operationalisierter psychiatrischer Diagnostik sind ausreichend geklärte Fragen. Zu nennen sind v. a. die unterschiedli-
u. a. die folgenden (Hoff 2001): che Nomenklatur mit der Abgrenzung ähnlicher Phänomene und
• Deskriptives Vorgehen die Feststellung eines derartigen Verhaltens sowie seiner Häufigkeit
• Kriterien bzw. Kriterienverbindungen für jede Diagnose im gutachtlichen Kontext.
• Komorbiditätsprinzip
• Orientierung am Schweregrad („quantitativer Zugang“)
• Ätiologische Neutralität (Theoriefreiheit) 2.10.1 Nomenklatur
Mithilfe der operationalisierten Diagnostik ist eine deutliche Ver-
besserung bei der Transparenz des diagnostischen Vorgehens bzgl. Das Vortäuschen von nicht vorhandenen Beschwerden und Beein-
der Einschätzung psychischer Störungen erreicht worden. Beide trächtigungen ist zunächst einmal eine Verhaltensweise. Zur besse-
Klassifikationssysteme sind heute die Grundlage einer zeitgemäßen ren Einschätzung sind folgende Definitionen gebräuchlich:
psychiatrischen Diagnostik. In Deutschland ist die ICD-10 verbind- • Simulation ist das bewusste und absichtliche Vortäuschen von
lich. Für einige forensische Fragestellungen können zusätzlich aber Beschwerden oder Störungen zu bestimmten klar erkennbaren
auch die teilweise davon abweichenden Diagnosekriterien des Zwecken.
DSM-5 verwandt werden. Beide Klassifikationssysteme tragen zu • Aggravation ist die bewusste verschlimmernde bzw. überhö-
einer besseren Verständigung unter den Psychiatern wie auch zur hende Darstellung einer krankhaften Störung zu erkennbaren
Verbesserung der Kommunikation mit den Auftraggebern i. S. ei- Zwecken.
ner Verbesserung der Transparenz bei der Diagnosefindung bei. • Verdeutlichungstendenzen sind in Begutachtungssituationen
Im forensisch-psychiatrischen Kontext ist jedoch zu bedenken, üblich und dürfen nicht mit Simulation oder Aggravation
dass beide Klassifikationssysteme nicht für forensisch-psychiatri- gleichgesetzt werden. Dabei handelt es sich um den mehr oder
sche Fragen, nicht für die psychiatrische Begutachtung und nicht weniger bewussten Versuch, den Gutachter vom Vorhandensein
für die Rechtsanwendung entwickelt wurden, sondern zur Verbes- der geklagten Symptomatik zu überzeugen. Zunehmende Ver-
serung der Reliabilität psychiatrischer Diagnostik. Dabei ist zu be- deutlichung kann auch mit einem desinteressierten, oberfläch­
rücksichtigen, dass aus der Zuordnung einer psychopathologischen lichen oder unfreundlichen Untersucher zusammenhängen
Symptomatik zu den Begriffen eines der Klassifikationssysteme kei- (Widder et al. 2007).
24 2  Forensisch-psychiatrische Untersuchung

Aus den genannten Definitionen ergibt sich, dass die Abgrenzun- • Ungeachtet der Angabe schwerer subjektiver Beeinträchtigun-
gen unscharf sind und die geschilderten Verhaltensweisen inein- gen erweist sich das psychosoziale Funktionsniveau des Betrof-
ander übergehen können. Besondere Schwierigkeiten können fenen bei der Alltagsbewältigung als weitgehend intakt.
dann auftreten, wenn tatsächlich psychopathologische Phänome- • Das Vorbringen der Klagen wirkt appellativ, demonstrativ oder
ne oder Auffälligkeiten in der Persönlichkeitsstruktur vorliegen, theatralisch.
diese aber nicht in dem Maße ausgeprägt sind, wie sie dargebo- • Die Angaben des Probanden weichen erheblich von fremdanam-
ten werden. Vorgetäuschte Beschwerden können in allen gut- nestischen Informationen und der Aktenlage ab.
achtlichen Situationen auftreten und die unterschiedlichsten • In der Gegenübertragungssituation kann die Empfindung des
2
Formen, Merkmale und Methoden aufweisen. Dabei können alle Unechten, des Falschen, entstehen, gelegentlich auch das Gefühl
psychischen Symptome und funktionellen körperlichen Beein- des Gekränktseins oder des Zorns.
trächtigungen vorgetäuscht werden. Am häufigsten sind das Auffälligkeiten im Rahmen der Exploration wurden von Glatzel
Vorbringen tatbezogener Erinnerungslücken (›  Kap.  2.11.3), (1998) beschrieben:
die Schilderung kognitiver Einschränkungen nach tatsächlichen • Ausweichen in nichtsprachliche Ausdrucksformen
oder vermeintlichen Schädel-Hirn-Traumen oder nach Beschleu- • Beantwortung einer Frage mit langer Verzögerung
nigungsverletzungen, die Angabe von Anfällen oder von Schmer- • Häufige Themenwechsel
zen (›  Kap.  31) sowie die Schilderung von depressiven Ver- • Unklare bzw. mehrdeutige, vage Antworten
stimmungen und Angstzuständen. Bei krasser und plumper Vor- • Im Extremfall Abbruch der Untersuchung unter dramatischer
täuschung von Beschwerden muss differenzialdiagnostisch auch Darstellung aller Symptome in verbaler Form und im Verhalten
an eine bislang nicht erkannte psychopathologische Störung ge- In den letzten Jahren sind Untersuchungen publiziert worden, mit
dacht werden, etwa eine beginnende demenzielle Symptomatik denen die Beschwerdenvalidierung (frühere Bezeichnung: Symp-
oder eine bislang nicht erkannte ausgeprägte intellektuelle Min- tomvalidierung) ermöglicht werden soll. Diese Untersuchungen
derbegabung. gewinnen an Bedeutung, v. a. bei vom Probanden geschilderten ko-
gnitiven Störungen, Gedächtnis- oder Wahrnehmungsstörungen.
Allerdings ist kritisch darauf hinzuweisen, dass eine Unterschei-
2.10.2  Feststellung vorgetäuschter Beschwerden dung zwischen verschiedenen Formen nichtorganischer Störungen
durch diese Untersuchungen nicht geleistet werden kann (Merten
Besteht der Verdacht auf Vortäuschung von Beschwerden, ist eine 2001). Für das Gebiet der kognitiven Störungen sind differenzierte
Kombination aus differenzierter, geduldiger Explorationstechnik Methoden entwickelt worden, aufgrund derer eine deutlich bessere
zu verschiedenen Untersuchungsterminen mit einer neuropsycho- Entscheidung über die Validität der geschilderten Beschwerden
logischen Untersuchung zur Beschwerdenvalidierung erforderlich. möglich wird, wenn bewusste, gezielte Antwortmanipulationen
Grundsätzlich gilt dabei, dass es keinen einfachen „Test“, kein ein- vorkommen (Merten und Puhlmann 2004). Einen zusammenfas-
zelnes eindeutiges diagnostisches Merkmal gibt, aufgrund dessen senden Überblick über das Thema Beschwerdenvalidität und Be-
die Feststellung simulativen Verhaltens gänzlich und zweifelsfrei gutachtung geben Merten et al. (2007) sowie Dreßing et al. (2010,
möglich wäre. Dies gilt auch dann, wenn zur Aufdeckung von Si- 2011) (› Kap. 31).
mulation spezielle Testverfahren wie der strukturierte Fragebogen Bei der Berücksichtigung neuropsychologischer Testuntersu-
simulierter Symptome (Cima et al. 2003) verwandt werden, bei des- chungen können folgende Auffälligkeiten für Simulation oder
sen Anwendung die Autoren darauf hinweisen, dass dieses Erhe- schwere Aggravation sprechen (Littmann 2005):
bungsinstrument als Screeningmethode und nicht als Instrument • Ein Versagen des Probanden bei einfachsten Testanforderun-
betrachtet werden solle, das im Einzelfall eine Entscheidung liefern gen, die von hirnorganisch mittelschwer geschädigten Patienten
könne, ob ein Patient simuliere. befriedigend gelöst werden können
Aufgrund der Verhaltensbeobachtung und der Exploration las- • Grobe Abweichungen der Testleistungen von klinischen und
sen folgende Hinweise an Simulation denken (Winckler und Foers- statistischen Norm- und Erwartungswerten
ter 1996): • Unstimmigkeiten zwischen körperlichen und neuropsychologi-
• Zwischen den subjektiven, häufig massiven Beschwerdeschilde- schen Befunden
rungen und dem Verhalten des Betroffenen in der Untersu- • Unstimmigkeiten zwischen Testbefunden und lebensalltäglichen
chungssituation besteht eine auffällige Diskrepanz. Kompetenzen und Fähigkeiten des Probanden
• Die subjektiv geschilderte Intensität der Beschwerden steht in • Auffällig inkonsistente Testbefunde, z. B. bei Wiederholungsun-
einem Missverhältnis zur Vagheit der Schilderung der einzelnen tersuchungen mit demselben Verfahren oder zwischen Verfah-
Symptome. ren mit vergleichbarer diagnostischer Zielsetzung
• Angaben zum Krankheitsverlauf sind wenig oder gar nicht prä- Der Umgang mit Probanden, bei denen der Sachverständige den
zisierbar. Verdacht oder möglicherweise die Gewissheit hat, dass diese simu-
• Das Ausmaß der geschilderten Beschwerden steht nicht in Über- lieren, ist schwierig. Wie soll sich der Sachverständige verhalten?
einstimmung mit einer entsprechenden Inanspruchnahme the- An erster Stelle stehen auch hier die Transparenz und die Grund-
rapeutischer Hilfe. haltung der Authentizität des Sachverständigen, d. h., er sollte sei-
nen Verdacht oder seine Gewissheit benennen, zumal die Proban-
2.11  Besondere Untersuchungssituationen 25

den diese Einschätzung des Sachverständigen häufig unausgespro- Begutachtung entweder gar nicht oder nur auf der Basis rudimentä-
chen spüren. Die Formulierung des Verdachts der Simulation muss rer Informationen durchgeführt werden. Hierbei handelt es sich
nicht in jedem Fall zu einem Abbruch des Gesprächs oder zu einer neben der Verhaltensbeobachtung um die Kenntnis der Akten, die
Konfrontation zwischen Proband und Sachverständigem führen. Verwertung von Fremdinformationen und ggf. den Eindruck und
Weitere Möglichkeiten sind erneutes Nachfragen nach der Sympto- die Angaben des Probanden in der Hauptverhandlung, sofern eine
matologie oder eine neutrale Beendigung des Untersuchungsge- solche stattfindet. Schlussfolgerungen aus einem unauffälligen Ver-
sprächs. halten eines Probanden in der Hauptverhandlung sind dabei nur
Im schriftlichen und ggf. im mündlichen Gutachten vor Gericht begrenzt möglich, da es sich auch um die Dissimulation möglicher-
2
sollte der Sachverständige keine kränkenden Formulierungen ver- weise vorhandener psychopathologischer Phänomene handeln
wenden; z. B. kann er von einer Antwortverzerrung sprechen oder könnte (› Kap. 2.10).
davon, dass die geschilderte Beschwerdesymptomatik medizinisch Immer wieder ergibt sich die Frage, ob es zweckmäßig ist, einen
nicht erklärt werden kann. Ist die Situation jedoch eindeutig und Probanden zur gutachtlichen Untersuchung im strafrechtlichen
klar, sollte er sich auch nicht scheuen, den Begriff Simulation zu be- oder zivilrechtlichen Rahmen vorführen zu lassen. Durch eine sol-
nutzen. che Vorführung kann die Begutachtung von vornherein so erheb-
Ein weiteres sehr wichtiges Phänomen in diesem Zusammen- lich belastet sein, dass die Untersuchung nicht durchgeführt wer-
hang ist die Dissimulation. Dissimulation bedeutet das Verbergen den kann, zumal auch in diesen Fällen der Proband selbstverständ-
oder Verschweigen tatsächlich vorhandener Beschwerden und lich über seine Rechte, insb. das Schweigerecht zu informieren und
Krankheitssymptome. Auch Dissimulation kann bei der Begutach- zu belehren ist. Stehen hinter der Weigerung des Probanden jedoch
tung zu Schwierigkeiten führen. Befürchtet der Proband durch das mangelnde Informationen oder Ängste vor der Untersuchung, so
wahrheitsgemäße Einräumen tatsächlich vorhandener psychopa- kann eine entsprechende Aufklärung dazu führen, dass der Pro-
thologischer Symptome negative Konsequenzen für sich, so kann er band trotz der Vorführung zur Untersuchung bereit ist.
die Symptome dissimulieren, etwa dann, wenn ein schizophren Er-
krankter seine Halluzinationen oder Wahninhalte nicht schildert.
Bei abhängigen Probanden wird das Ausmaß des Substanzkonsums 2.11.2  Verweigerung der Untersuchung
bzw. der Schweregrad der Abhängigkeit häufig bagatellisiert. Das
Gleiche gilt für die Verneinung sexuell devianter Wünsche und Verweigert ein Proband seine Mitarbeit grundsätzlich, so ist eine
Fantasien, obwohl sie tatsächlich vorhanden sind. gutachtliche Aussage nur in sehr engen Grenzen möglich (zum
Aus den Schwierigkeiten im Umgang mit Simulation und Dissi- Vorgehen bei der Untersuchung gegen den Willen des Probanden
mulation ist zu folgern, dass die gutachtlichen Feststellungen stets › Kap. 2.11.1).
auf eine möglichst breite und detaillierte Beurteilungsgrundlage ge- Eine subtile Art der Verweigerung kann bei der strafrechtlichen
stützt werden müssen, wobei sich die Begutachtung grundsätzlich Begutachtung auch das Schweigen des Probanden zum Tatvorwurf
nicht ausschließlich auf die Eigenangaben des Probanden stützen bedeuten. Die in solchen Fällen gelegentlich zu hörende Argumen-
darf. Je schmaler und eingeschränkter die Grundlagen sind, desto tation, auch bei schweigenden Probanden müsse der psychiatrische
größer ist die Gefahr falscher Schlussfolgerungen (› Kap. 6). Sachverständige ein Gutachten abgeben, ist differenziert zu be-
trachten. Selbstverständlich hat der Proband das Recht, keine An-
gaben zu machen. Insoweit kann sich eine sachverständige Äuße-
2.11 Besondere rung nur auf andere Datenquellen beziehen, z. B. auf Zeugenaussa-
Untersuchungssituationen gen zum Zustand eines Probanden zum Tatzeitpunkt oder auf Be-
funde, die bei einer tatzeitnahen Untersuchung oder stationären
2.11.1  Untersuchung gegen den Willen des Aufnahme erhoben wurden. In einem solchen Fall ist es denkbar,
Probanden? dass ein Gutachten nach Aktenlage erstattet wird (Kröber 2013).
Der Proband hat auch das Recht, im Verlauf einer begonnenen
Eine psychiatrische Untersuchung gegen den ausdrücklichen Wil- Untersuchung diese abzubrechen und weitere Angaben zu verwei-
len eines Betroffenen ist nur sehr eingeschränkt möglich. Liegen gern. Eine solche Verweigerung kann auf Kalkül beruhen, das Re-
massive psychopathologische Symptome vor, etwa ein psychoti- sultat eines Missverständnisses sein, aus der Interaktion zwischen
sches Verhalten, das durch Sinnestäuschungen, Wahninhalte oder Sachverständigem und Proband entstehen und auch einmal Aus-
Realitätsverlust determiniert ist, so ist dies häufig einer Verhaltens- druck einer gravierenden psychischen Störung sein. In solchen Fäl-
beobachtung zugänglich, was auch bei der Einschätzung eines de- len sollte der Sachverständige die Untersuchung erst dann beenden,
menziellen Syndroms der Fall sein kann. Bei der forensisch-psy­ wenn eindeutig klar ist, dass eine weitere Mitarbeit des Probanden
chiatrischen Untersuchung geht es jedoch i. d. R. nicht um die Be­ nicht zu erwarten ist (Nedopil 2007). Insgesamt ist festzuhalten,
urteilung derartiger akuter psychopathologischer Auffälligkeiten, dass bei zum Tatvorwurf schweigenden Probanden die Möglichkei-
sondern um die Klärung länger zurückliegender Symptome, die ten, eindeutige gutachtliche Aussagen zu treffen, eingeschränkt
Beurteilung von Persönlichkeitsauffälligkeiten oder prognostische sind.
Einschätzungen. All dies ist nur im eingehenden Gespräch möglich. Nimmt ein Proband ambulante gutachtliche Termine nicht wahr,
Ist ein Proband zu einem solchen Gespräch nicht bereit, so kann die so kann eine stationäre Begutachtung erwogen werden. Diese darf
26 2  Forensisch-psychiatrische Untersuchung

maximal 6 Wochen dauern (§ 81 StPO, § 68b FGG). Dabei ist die • Ein im gutachtlichen Kontext sehr problematischer Begriff ist
Frage der Verhältnismäßigkeit einer solchen stationären Begutach- die sog. dissoziative Amnesie gemäß ICD-10. Die Problematik
tung zu beachten und diese ggf. mit dem Auftraggeber zu erörtern. ergibt sich aus der Definition (Diagnostische Kriterien für For-
schung und Praxis, 4. A. 2006), wonach eine dissoziative Amne-
sie folgendermaßen gekennzeichnet sein soll: „… entweder eine
2.11.3  Das Amnesieproblem teilweise oder vollständige Amnesie für vergangene Ereignisse
oder Probleme, die traumatisch oder belastend waren oder noch
Sowohl bei strafrechtlichen als auch bei sozial- und versicherungs- sind. Die Amnesie ist so ausgeprägt und zu lang anhaltend, um
2
rechtlichen Begutachtungen kann sich das Problem ergeben, dass mit einer normalen Vergesslichkeit oder durch eine gewollte Si-
der Proband bzgl. eines zu beurteilenden Ereignisses, sei es einer mulation erklärt werden zu können; die Schwere und das Aus-
Tat, eines Unfalls oder eines belastenden Ereignisses, unterschied- maß der Amnesie können allerdings von einer Untersuchung zur
lich ausgeprägte Erinnerungslücken angibt. Die Angabe einer sol- anderen wechseln (F44.0).“ 
chen Erinnerungslücke ist mit der prinzipiellen, nicht ausräumba- Die Schwierigkeit der gutachtlichen Beurteilung liegt bei einer
ren methodischen Schwierigkeit verbunden, dass keine Feststellun- solchen recht unscharfen Definition auf der Hand, wobei sich
gen über den inneren Zustand, das subjektive, emotionale Erleben die Probleme v. a. um die Einschätzung einer Simulation zent-
des Betroffenen bzgl. des zu beurteilenden Zeitpunkts getroffen rieren (› Kap. 2.10).
werden können. Objektivierbare, diagnostische Außenkriterien Grundsätzlich ist dabei zu bedenken, dass mit der psychopatholo-
oder apparative Untersuchungen stehen für die Einschätzung von gischen Diagnostik eine eindeutige Differenzierung zwischen einer
Erinnerungslücken nicht zur Verfügung. z. B. toxisch bedingten Amnesie und einer postdeliktisch entstan-
Bei der Beschreibung sollte eine möglichst präzise Darstellung ge- denen Amnesie nicht immer zu erreichen ist. Ebenso ist es nicht
geben werden. Die pauschale Formulierung „Erinnerungslücke“ ist möglich, verlässlich zwischen einer Schutzbehauptung und einer
nicht brauchbar. Unter phänomenologischen Gesichtspunkten können tatsächlich vorhandenen Erinnerungslücke zu unterscheiden. Hin-
Amnesien nach der Länge der Erinnerungslücke differenziert werden reichend valide und reliable diagnostische Kriterien existieren
sowie danach, ob der Verlust bzw. der Wiedereintritt des Erinne- hierfür nicht. Dieser nicht auszuräumenden Unschärfe bei der Be-
rungsvermögens abrupt oder schleichend erfolgte. Der Erinnerungs- urteilung von Amnesien steht traditionell ein hoher, aus psychiat-
verlust kann vollständig oder partiell mit Erinnerungsinseln sein. rischer Sicht allerdings sachlich nicht zu begründender Stellenwert
Zu unterscheiden sind anterograde und retrograde Amnesien. gegenüber, der einer Erinnerungsstörung sowohl von Laien als
Bei der anterograden Amnesie wird die Situation nach dem zu beur- auch von juristischer Seite häufig noch immer beigemessen wird.
teilenden Ereignis nicht mehr erinnert; bei der retrograden Amnesie Die Gleichsetzung von Erinnerungsunfähigkeit mit einer schwer-
werden Situationen vor dem Ereignis nicht erinnert. Kongrade Am- wiegenden Beeinträchtigung der Handlungsfähigkeit ist nicht zu
nesie bedeutet, dass ausschließlich das Ereignis selbst, also z. B. die begründen. Aus dem Umstand, dass ein Mensch sich an ein be-
Tat, der Unfall oder das sonstige Ereignis, von der Erinnerungslü- stimmtes Geschehen nicht mehr erinnern kann, ist nicht ohne
cke betroffen ist. Weiteres abzuleiten, dass dieser Mensch zum Zeitpunkt des betref-
Die Gründe für Erinnerungsstörungen können sehr unter- fenden Ereignisses in einem psychisch schwer gestörten Zustand
schiedlich sein: gewesen sein muss.
• An erster Stelle zu nennen sind akute organische Beeinträchti- Bei der strafrechtlichen Beurteilung gewinnt die Angabe einer Er-
gungen des zentralen Nervensystems. Dies ist der Fall bei Schä- innerungslücke erst im Kontext mit weiteren psychopathologischen
del-Hirn-Traumen, bei passageren Durchblutungsstörungen, die Symptomen oder konkreten Auffälligkeiten des Tatverhaltens ei-
zum klinischen Syndrom einer akuten amnestischen Episode nen indiziellen Stellenwert, wie dies auch die revisionsrechtliche
führen können, und bei epileptischen Krampfanfällen. Unter Sicht ist (Maatz 2001).
strafrechtlichen Aspekten spielen diese Störungen keine Rolle. Zu bedenken sind ferner Störungen der Erinnerungsfähigkeit,
Bei der sozial- und versicherungsmedizinischen Beurteilung ist die postdeliktisch im Rahmen unterschiedlich bewusstseinsnaher
die Angabe von Erinnerungsstörungen nach Schädel-Hirn-Trau- Prozesse auftreten. Meist lassen sich komplexe Motivbündel disku-
men häufig (› Kap. 31). tieren. Zu nennen ist der Wunsch nach Rechtfertigung und Entlas-
• Bei Intoxikationen mit psychotropen Substanzen können schwe- tung („Das kann ich doch nicht gewesen sein“), ebenso Stabilisie-
re, vorübergehende Störungen kognitiver Funktionen auftreten. rungsbemühungen labiler Ich-Funktionen durch Ausklammerung
Dies gilt für Intoxikationen mit Alkohol wie für Benzodiazepin- nicht bewusstseinsfähiger Inhalte oder abgewehrte Schuldgefühle.
Tranquilizer und auch Mischintoxikationen. Allerdings ist es Der in diesem Zusammenhang gelegentlich verwendete Begriff
nicht möglich, aus der Angabe einer Erinnerungslücke auf eine „Verdrängung“ ist differenziert zu beurteilen. Mit diesem Begriff
bestimmte Intensität einer Intoxikation mit psychotropen Subs- ist i. d. R. nicht der Fachterminus Verdrängung i. S. der psychoana-
tanzen zu schließen. In einer früheren Untersuchung wurden lytischen Theoriebildung gemeint. Hier bedeutet Verdrängung ein
Korrelationen zwischen der Angabe der Amnesie und der De- Vorgehen, durch das das Subjekt versucht, mit einem Trieb zusam-
liktschwere gefunden, jedoch kein Zusammenhang zwischen der menhängende Vorstellungen in das Unbewusste zurückzuverlagern
Ausprägung und der Zeitdauer der Erinnerungsstörung und der oder dort festzuhalten. Die Verdrängung geschieht in den Fällen, in
Höhe der Blutalkoholkonzentration (Barbey 1990). denen die Befriedigung eines Triebs im Hinblick auf andere Forde-
2.11  Besondere Untersuchungssituationen 27

rungen Gefahr läuft, Unlust hervorzurufen. Im weiteren Sinn wird 2.11.4  Der Umgang mit Leugnung oder
der Ausdruck Verdrängung in einer Bedeutung verwendet, die sich Geständnis
dem allgemeinen Begriff von Abwehr annähert (Laplanche und
Pontalis 1973). Hiermit ist die Tatsache gemeint, dass ein nicht be- Wird bei der strafrechtlichen Begutachtung eine Tat völlig geleug-
wusstseinsfähiger Inhalt im Rahmen einer unzureichenden Kon- net, so kann dies sowohl im Erkenntnisverfahren als auch bei der
fliktlösung in das Unbewusste verlagert wird. Im forensisch-psych- Prognosebegutachtung zu Schwierigkeiten führen.
iatrischen Kontext bedeutet die Verwendung des Begriffs „Ver- Im Erkenntnisverfahren steht der psychiatrische Sachverständige
drängung“ oft nicht mehr als Vergessen oder auch schlicht nur den vor einem Dilemma: Die Behauptung des Beschuldigten kann rich-
2
Unwillen, Auskunft zu geben (Glatzel 2003). tig sein, wenn er tatsächlich nicht der Täter war; es kann eine reine
Für die Einschätzung der Wertigkeit einer Erinnerungslücke sind Verteidigungsstrategie bei dennoch zutreffendem Tatvorwurf sein,
die Angaben, die der Proband im Laufe des Verfahrens gemacht oder das Bestreiten kann psychopathologisch determiniert sein,
hat, stets zu berücksichtigen. Die Mitteilung tatbezogener Einzelde- z. B. bei dissoziativen oder wahnhaften Störungen. Bevor im Er-
tails in tatzeitnahen Vernehmungen spricht sehr dafür, dass es sich kenntnisverfahren jegliche Stellungnahme vom Sachverständigen
bei einer später vorgebrachten Erinnerungslücke um ein sekundär- abgelehnt wird, können Alternativen bedacht werden: Möglicher-
es Phänomen handelt. Daher ist eine umfassende Kenntnis der Ver- weise kann die psychiatrische Diagnostik ohne Bezug zum Tatvor-
fahrensakte einschließlich der Aussagen von Zeugen und Opfern wurf dargestellt werden, evtl. ist es auch möglich, die Biografie des
über den konkreten Zustand des Täters unbedingt erforderlich. Ge- Probanden vor dem Hintergrund fremdanamnestischer Angaben zu
legentlich kommt es vor, dass von Tätern nach dem rechtskräftigen erörtern. Im Rahmen der Prognosebegutachtung (›  Kap.  26) ist
Urteil eingeräumt wird, dass die Angaben über eine Amnesie auf die Bedeutung des weiteren Leugnens der verurteilten Tat umstrit-
kalkulierter Überlegung oder „subkultureller Rechtsberatung“ be- ten (Bock und Schneider 2003).
ruhten (Venzlaff 1997). Eine ganz andere, für den Sachverständigen schwierige Situation
Habel und Schneider (2002) haben die folgenden Kriterien aufge- kann entstehen, wenn ein bislang leugnender oder schweigender
stellt, die für die diagnostische Verwertbarkeit amnestischer Lü- Proband dem Sachverständigen gegenüber ein Geständnis ablegen
cken bei Intoxikationen sprechen: will oder wenn ein Proband unaufgefordert von weiteren, bislang
• Es fehlt eine Ereignisfixierung. unbekannten Straftaten berichtet. Hierdurch kommt der Sachver-
• Die zeitliche Sequenzierungsfähigkeit ist gestört (Zeitgitterstö- ständige in eine zwiespältige Situation: Einerseits ist es selbstver-
rung). ständlich nicht die Aufgabe des Sachverständigen, ein Geständnis
• Es gibt Übergänge und Abstufungen mit teilweisem, undeutli- entgegenzunehmen, andererseits kann es für den Probanden mög-
chem und traumähnlichem Erinnern. licherweise Hilfe und Entlastung bedeuten, sich dem Psychiater als
• Es kommt zu Erinnerungsinseln. einer neutralen und sachkundigen Person gegenüber zu öffnen und
• Normalerweise nimmt die Amnesie durch rekonstruktive „reinen Tisch“ zu machen. In diesen Fällen sollte der Sachverstän-
­Bemühungen in der postalkoholischen Phase eher ab, nicht dige den Probanden nochmals auf die Belehrung (fehlendes Schwei-
­jedoch zu. gerecht und Weitergabe der Informationen an den Auftraggeber)
Bei der sozial- und versicherungsmedizinischen Begutachtung hinweisen und ihn an seinen Verteidiger verweisen.
können unterschiedliche Probleme im Bereich der Erinnerungs-
fähigkeit auftreten. Am häufigsten wird der Sachverständige mit LITERATUR
der Angabe lang dauernder Amnesien nach Schädel-Hirn-Trau- Barbey I (1990). Postdeliktische Erinnerungsstörungen. Ergebnisse einer re­
trospektiven Erhebung. Blutalkohol 27: 241–259.
men konfrontiert, wobei die Zeitdauer der Amnesie häufig nicht Bischoff A, Loutan L (2000). Mit anderen Worten: Dolmetschen in Behand­
den in den Akten enthaltenen Informationen entspricht. Proble- lung, Beratung und Pflege. Bern/Genf: Bundesamt für Gesundheit/Hôpi­
matisch werden kann die Angabe von Erinnerungsstörungen bei taux Université de Genève.
der Einschätzung der posttraumatischen Belastungsstörung Bock M, Schneider H (2003). Die Bedeutung des Leugnens einer Straftat im
(› Kap. 31) und im Rahmen der Beurteilung von asyl- und aus- Verfahren nach § 57 StGB. NStZ 23: 337–392.
Boer DB, Hart SD, Kropp PR, Webster CD (1997). Manual for the Sexual Vio­
länderrechtlichen Verfahren (› Kap. 43). Hier kann es zu einem lence Risk 20: Professional guidelines for assessing risk of sexual violence.
weiteren Problem kommen, nämlich Pseudoerinnerungen oder Vancouver: The Mental Health, Law & Policy Institute.
falschen Erinnerungen (False-Memory-Syndrom, Stoffels und Cima M, Hollnack S, Kremer K, Knaur E, Schellbach-Matties R, Klein B, Mer­
Ernst 2002). Derartige Symptome treten meist bei der Beurtei- kelbach Ch (2003). „Strukturierter Fragebogen simulierter Symptome“.
lung von tatsächlichen oder vermeintlichen psychischen Folgen Nervenarzt 74: 977–986.
Class I (2007). „Beistände“ bei Begutachtungen – aus anwaltlicher Sicht.
belastender äußerer Ereignisse auf. Die Schilderungen der Pro- MedSach 103: 24–26.
banden können ganz erhebliche diagnostische Schwierigkeiten Creutz R (1993). Zeitgemäße Anforderungen an die psychiatrische Begutach­
bereiten und auch im Bereich der Glaubhaftigkeitsbeurteilung tung von Angehörigen des öffentlichen Dienstes durch das Gesundheits­
relevant werden (› Kap. 39). amt. Gesundh-Wes 55: 294–300.
Einen Überblick über die aktuellen neuropsychologischen As- Dahle KP (2006). Grundlagen und Methoden der Kriminalprognose. In: Krö­
ber HL, Dölling D, Leygraf N, Saß H (Hrsg.). Handbuch der Forensischen
pekte gibt Markowitsch (2007), wobei sich hieraus jedoch keine Psychiatrie. Band 3. Darmstadt: Steinkopff. S. 1–67.
Folgerungen für die gutachtlichen Probleme ableiten lassen. Dahle KP (2008). Aktuarische Prognoseinstrumente. In: Volbert R, Steller M
(Hrsg.). Handbuch der Rechtspsychologie. Göttingen: Hogrefe. S. 453–463.
28 2  Forensisch-psychiatrische Untersuchung

Dittmann V (2000). Kriterien zur Beurteilung des Rückfallrisikos besonders Kröber HL (2013). Aktengutachten. Forens Psychr Psychol Kriminol 7: 302–
gefährlicher Straftäter. Version 2. 1999. Wohlen: Strafvollzugskonkordat 303.
der Nordwest- und Innerschweiz. Laplanche J, Pontalis JB (1973). Das Vokabular der Psychoanalyse. Frankfurt:
Dreßing H, Widder B, Foerster K (2010). Eine kritische Bestandsaufnahme Suhrkamp.
zum Einsatz von Beschwerdevaliderungstests in der psychiatrischen Begut­ Lesting W (1992). Die Belehrungspflicht des psychiatrischen Sachverständi­
achtung. Versicherungsmedizin 62: 163–167. gen über das Schweigerecht des beschuldigten Probanden. Recht und Psy­
Dreßing H, Foerster K, Widder B, Schneider F (2011). Zur Anwendung von chiatrie 10: 11–16.
Beschwerdenvalidierungstests in der psychiatrischen Begutachtung. Ner­ Littmann E (2005). Forensische Neuropsychologie – Aufgaben, Anwen­
venarzt 82:144. dungsfelder und Methoden. In: Kröber HL, Steller M (Hrsg.). Psychologi­
2 Dreßing H, Foerster K (2014). Begutachtung der posttraumatischen Belas­ sche Begutachtung in Strafverfahren. 2. A. Darmstadt: Steinkopff.
tungsstörung. Forens Psychiatr Psychol Kriminol 8: 26–33. S. 61–118.
Dreßing H, Foerster K (2014). Forensisch-Psychiatrische Begutachtung der Maatz KR (2001). Erinnerungen und Erinnerungsstörungen als sog. psycho­
posttraumatischen Belastungsstörung. Nervenarzt 85: 279–289. diagnostische Kriterien der §§ 20, 21 StGB. NStZ 21: 1–7.
Feuerlein W (1998). Alkoholismus, Missbrauch und Abhängigkeit. 5. A. Stutt­ Markowitsch HJ (2007). Amnesien. In: Schneider F, Fink GR (Hrsg.). Funktio­
gart: Thieme. nelle MRT in Psychiatrie und Neurologie. Berlin, Heidelberg, New York:
Foerster K (1996). Begutachtung der Erwerbsfähigkeit bei psychogenen Stö­ Springer. S. 479–490.
rungen. Schweiz Z Sozialvers Berufl Vorsorge 40: 286–305. Merten T (2001). Die Symptomvalidierungstestung: Eine einzelfallexperimen­
Foerster K (2004). Zur Verantwortung des medizinischen Sachverständigen. telle Methode zur Diagnostik von nicht-organisch begründeten Sympto­
MedSach 100: 181–184. men. Med Klin Psychol Psychiat Psychother 49: 125–139.
Foerster K, Dreßing H (2014). Begutachtung bei sozialrechtlichen Fragen. Merten T, Puhlmann HU (2004). Symptomvalidierungstestung (SVT) bei Ver­
­Forens Psychr Psychol Kriminol 8: 17–25. dacht auf eine Simulation oder Aggravation neurokognitiver Störun­
Glatzel J (1998). Über Simulation oder: von den Grenzen empirischer Psycho­ gen – ein Fallbericht. Versicherungsmedizin 56: 67–71.
pathologie. Fund Psychiat 12: 58–65. Merten T, Stevens A, Blaskewitz N (2007). Beschwerdenvalidität und Begut­
Glatzel J (2003). Erinnerungsstörungen aus forensisch-psychiatrischer Sicht. achtung: Eine Einführung. Prax Rechtspsychol 17: 7–28.
Strafverteidiger 23: 189–193. Nedopil N (2007). Forensische Psychiatrie. 3. A. Stuttgart, New York: Thie­
Habel U, Schneider F (2002). Diagnostik und Symptomatik von Alkoholintoxi­ me.
kation. In: Schneider F, Frister H (Hrsg.). Alkohol und Schuldfähigkeit. Ber­ Roller S (2007). „Beistände“ bei Begutachtungen – aus richterlicher Sicht.
lin, Heidelberg, New York: Springer. S. 23–54. MedSach 103: 30–32.
Hare R D (1991). The Hare Psychopathy Checklist-Revised: Manual. Toronto, Stoffels H, Ernst C (2002). Erinnerungen und Pseudoerinnerungen. Nerven­
CA: Multi-Health-Systems. arzt 73: 445–451.
Hausotter W (2007). „Beistände“ bei Begutachtungen – aus der Sicht des Stevens A, Foerster K (2000). Genügt zum Nachweis einer Erkrankung die
medizinischen Sachverständigen. MedSach 103: 27–29. Beschwerdeschilderung? Versicherungsmedizin 52: 76–80.
Hoff P (2001). Psychiatrische Möglichkeiten der Abgrenzung verminderter Venzlaff U (1997). Über den sog. „pathologischen“ Rausch (die Faszination
Schuldfähigkeit unter besonderer Berücksichtigung der operationalen Dia­ eines Pleonasmus). In: Kotsalis L (Hrsg.). Gedächtnisschrift für Nicos S
gnostik. In: Kröber HL, Albrecht HJ (Hrsg.). Verminderte Schuldfähigkeit ­Fotakis. Athen: Sakkoulas.
und psychiatrische Maßregel. Baden-Baden: Nomos; S. 69–85. Waltner EM (2006). Religiöse und kulturelle Muster im Alltag muslimischer
Kröber HL (2005a). Probleme bei der Begutachtung ausländischer Rechtsbre­ Migranten. Ärzteblatt Baden-Württemberg 7: 318–325.
cher. In: Kröber HL, Steller M (Hrsg.). Psychologische Begutachtung in Webster CD, Douglas KS, Eaves D, Hart SD (1997). HCR-20: Assessing Risk of
Strafverfahren. 2. A. Darmstadt: Steinkopff. S. 119–131. Violence. Vancouver: The Mental Health, Law & Policy Institute.
Kröber HL (2005b). Psychologische und psychiatrische Begutachtung im Widder B, Dertwinkel R, Egle UT, Foerster K, Schiltenwolf M (2007).
Strafrecht. In: Kröber HL, Steller M (Hrsg.). Psychologische Begutachtung ­Leitlinien für die Begutachtung von Schmerzen. Psychotherapeut 52:
in Strafverfahren. 2. A. Darmstadt: Steinkopff. S. 205–219. 334–346.
Kröber HL (2006). Kriminalprognostische Begutachtung. In: Kröber HL, Döl­ Winckler P, Foerster K (1996). Zum Problem der zumutbaren Willensanspan­
ling D, Leygraf N, Saß H (Hrsg.). Handbuch der Forensischen Psychiatrie. nung in der sozialrechtlichen Begutachtung. MedSach 92: 120–124.
Band 3. Darmstadt: Steinkopff. S. 69–172.
Andreas Mokros

KAPITEL Standardisierte und psychometrische


Untersuchungsverfahren in der

3 forensisch-psychiatrischen
Begutachtung
3.1 Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 30 3.3.3 Selbstberichtsfragebogen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 36
3.3.4 Fremdbeurteilungsverfahren . . . . . . . . . . . . . . . . . . 38
3.2 Grundlagen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 30 3.3.5 Verfahren zur Beschwerdenüberprüfung . . . . . . . . 45
3.2.1 Objektivität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 30 3.3.6 Projektive Verfahren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 45
3.2.2 Reliabilität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 31
3.2.3 Validität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 32 3.4 Rechtliche Rahmenbedingungen . . . . . . . . . . . . 46
3.2.4 Nebengütekriterien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 34
3.5 Qualitätsanforderungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 47
3.3 Anwendung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 35
3.3.1 Intelligenztests . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 35
3.3.2 Neuropsychologische Tests . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 36

3
30 3  Standardisierte und psychometrische Untersuchungsverfahren in der forensisch-psychiatrischen Begutachtung

3.1 Einleitung mit Normdaten, sodass individuelle Abweichungen gegenüber dem


Durchschnitt quantifiziert werden können. Dementsprechend haben
In einem Übersichtsartikel, der 1989 in der Zeitschrift Science ver- standardisierte Untersuchungsinstrumente in der forensisch-psychi-
öffentlicht wurde, verglichen die Autoren Robyn Dawes, David atrischen Begutachtung in den letzten Jahrzehnten an Bedeutung ge-
Faust und Paul Meehl zwei Methoden der Diagnostik und Beurtei- wonnen. Nichtsdestotrotz sind der Nützlichkeit standardisierter Un-
lung miteinander: klinische Einschätzungen, die vom Beurteiler tersuchungsinstrumente im forensischen Kontext mitunter enge
intuitiv geleistet wurden, und sog. aktuarische (oder statistische) Grenzen gesetzt, etwa aufgrund leichter Durchschau- und damit Ma-
Einschätzungen, deren Schlussfolgerungen auf der Anwendung ei- nipulierbarkeit, z. B. von Persönlichkeitsfragebogen. Im vorliegenden
ner expliziten numerischen Methode basierten. Synonym verwen- Kapitel sollen Grundlagen, Indikationen und Möglichkeiten zur An-
dete Begriffe sind informell, subjektiv oder impressionistisch (für wendung und Interpretation standardisierter psychologischer Unter-
die klinisch-intuitive Einschätzung) und formal, mechanisch oder suchungsinstrumente im Rahmen der forensisch-psychiatrischen
algorithmisch (für die aktuarisch-statistische Vorgehensweise; vgl. Begutachtung erläutert werden. Grundsätzlich sind standardisierte
3 Grove und Meehl 1996). Wie die Übersichtsarbeit von Dawes et al. psychologische Untersuchungsinstrumente eine sinnvolle Erweite-
(1989) nahelegt, erwiesen sich nach aktuarisch-statistischen Me- rung zur Informationsgewinnung, müssen aber letztlich mit dem kli-
thoden gewonnene Bewertungen und Prognosen gegenüber den nischen Eindruck zu einer Gesamteinschätzung abgeglichen werden.
klinisch-intuitiven Einschätzungen in verschiedenen Bereichen als
überlegen, darunter z. B. die Abschätzung des Verlaufs von Hirner-
krankungen oder des Morbus Hodgkin. Eine systematischere Aus- 3.2.1 Objektivität
wertung zu dieser Fragestellung, bezogen auf den Bereich der Vor-
hersage oder Prognostik, ist die Metaanalyse von Grove et al. MERKE
(2000): Auf Grundlage von 136 Einzelstudien aus unterschiedlichen Objektivität bezeichnet den Grad, in dem eine Einschätzung oder ein
Bereichen (somatische Medizin, Psychiatrie/Psychologie, Persön- Befund unabhängig von der Person des Beurteilers zustande kommt.
lichkeitsbeurteilungen sowie Schule und Ausbildung) erwiesen sich
aktuarische Prognosen verglichen mit klinischen Einschätzungen Liegen die Beurteilungskriterien klar auf der Hand und stehen die-
demnach in der weit überwiegenden Anzahl der Fälle als genauer selben Informationen zur Verfügung, sollten verschiedene Exper-
oder zumindest als ebenbürtig; lediglich in acht Einzelstudien war ten zur gleichen Einschätzung gelangen. Der Begriff der Objektivi-
die klinische Einschätzung treffsicherer. Zu einem ähnlichen Ergeb- tät ist weiter zu differenzieren in die Bereiche der Durchführungs-,
nis kommt eine Metaanalyse von Ægisdóttir et al. (2006): Unter 48 Auswertungs- und Interpretationsobjektivität (vgl. Lienert und
bewerteten Effekten waren in gut der Hälfte der Fälle (25) statisti- Raatz 1998). Während der Begriff der Durchführungsobjektivität
sche Verfahren überlegen, während lediglich in fünf Fällen klini- auf die Untersuchungsbedingung (und deren weitgehende Unab-
sche Methoden besser waren; für 18 Effekte (gut ⅓) ergab sich kein hängigkeit von der Person des Untersuchers) abzielt, bedeutet Aus-
Unterschied zwischen den Methoden. Eine Metaanalyse für den wertungsobjektivität, dass bei der Kombination und Gewichtung
Bereich der Legalprognostik bei Sexualstraftätern anhand von 110 einzelner Informationen festgelegte Schritte zu befolgen sind. Der
Einzelstudien stützt diesen Befund (Hanson und Morton-Bourgon Begriff der Interpretationsobjektivität schließlich bezieht sich auf
2009). Nach Maßgabe dieser Untersuchung waren unstrukturierte die Eindeutigkeit, mit der ein bestimmtes Ergebnis einer bestimm-
Einschätzungen im Schnitt weniger genau als die Ergebnisse ein- ten Bewertung oder Einordnung entspricht, etwa in Bezug auf den
schlägiger aktuarischer Verfahren, und zwar sowohl in Bezug auf Schweregrad einer psychischen Störung.
die Vorhersage erneuter Sexualdelikte als auch im Hinblick auf an- Wesentliche Maße zur Bewertung der Objektivität sind verschie-
derweitige Gewalt- oder jedwede Rückfalldelikte. Zudem zeigte sich dene statistische Koeffizienten zur Bestimmung der Beurteilerüber-
in der Studie von Hanson und Morton-Bourgon (2009, 8, Tab. 3), einstimmung (vgl. Greve und Wentura 1997). Unter diesen Maßen
dass die Anpassung der Ergebnisse aktuarischer Prognoseverfahren ist sicherlich der von Cohen (1960) eingeführte Koeffizient κ der ge-
anhand klinischer Erwägungen durchweg zu einer Verschlechte- bräuchlichste. Im Unterschied zu z. B. Prozentangaben ist der
rung der Trefferquote führte, und zwar im Mittel von einer hohen κ-Koeffizient zufallskritisch, d. h., κ berücksichtigt das Ausmaß an
zu einer mittelgradigen Effektstärke. Diese zusätzliche Auswertung Übereinstimmung, das allein durch Zufall zu erwarten wäre. Der
basierte auf drei prospektiven Einzelstudien. Zu ähnlichen Ergeb- Wertebereich von κ reicht von −1 bis +1, wobei höhere Werte auf
nissen kamen Storey et al. (2012) sowie Wormith et al. (2012). eine stärkere Übereinstimmung der Einschätzungen zweier Beurtei-
ler hinweisen. Um zumindest von einer moderaten Beurteilerüber-
einstimmung sprechen zu können, sollten die κ-Werte oberhalb von
3.2 Grundlagen 40 liegen (Landis und Koch 1977). Letztlich gilt aber, wie Bertrand
Russell es formulierte: „Even when the experts all agree, they may well
Verglichen mit einer klinisch-intuitiven Form der Befunderhebung be mistaken.“ Im vorliegenden Zusammenhang soll dieser Satz ver-
bieten standardisierte psychologische Untersuchungsinstrumente deutlichen, dass Objektivität (i. S. von Beurteilerübereinstimmung)
wie Fragebogen oder Interviewleitfäden verschiedene Vorteile: grö- allenfalls eine notwendige, nicht aber eine hinreichende Bedingung
ßere Objektivität, eine umfassende (und konzeptgetreue) Erfassung für die Gültigkeit eines Befunds oder einer gutachterlichen Einschät-
des fraglichen Konstrukts und v. a. die Möglichkeit eines Abgleichs zung sein kann. Vielmehr ist hierfür ausschlaggebend, ob für den
3.2 Grundlagen 31

verwendeten Test oder das eingesetzte Verfahren ein sinnvoller em- Gemäß gängiger Interpretation (vgl. Irtel 1996) würde der wahre
pirischer Zusammenhang mit der in Rede stehenden Eigenschaft Wert für den Intelligenzquotienten (IQ) mit mindestens 67-prozen-
oder Störung gegeben ist (s. weiter unten: Validität). tiger Wahrscheinlichkeit im Intervall [−4 bis +4] um den gemesse-
nen Wert herum liegen.1 Wollte man die Sicherheit auf Kosten der
Genauigkeit erhöhen (also ein breiteres Konfidenzintervall [CI] von,
3.2.2 Reliabilität z. B., 95 % angeben), so müsste man die Formel für den Standard-
messfehler noch mit dem Faktor 1,96 multiplizieren – jenem Kenn-
MERKE wert der Standardnormalverteilung, oberhalb dessen nur 2,5 % der
Reliabilität bezeichnet die Zuverlässigkeit einer Messung oder Beurtei- Verteilung übrig bleiben. (Aufgrund der Symmetrie und des unge-
lung. richteten Tests müssen oben und unten jeweils 2,5 % der Verteilung
abgeschnitten werden, um dazwischen 95 % der Verteilung zu erhal-
Das Ausmaß dieser Zuverlässigkeit, der Reliabilitätskoeffizient (Rel), ten.) Folglich würde das Konfidenzintervall den Bereich [−7,8 bis
wird definiert als die Varianz der wahren Werte gegenüber der Vari- +7,8] um den gemessenen Wert umfassen. Insbesondere bei den 3
anz der beobachteten Messwerte, sodass gilt: 0 < Rel < 1 (Rost 2004). Ergebnissen von Intelligenztests sollten entsprechende Konfidenz­
Alternativ wird der Reliabilitätskoeffizient definiert als quadrierte intervalle angegeben werden. Ansonsten kann die Orientierung an
Korrelation zwischen den wahren Werten und den beobachteten festen Trennwerten (etwa an einem IQ von 70 als Schwelle zur Min-
Werten (Irtel 1996). Da die wahren Werte jedoch nicht direkt zu eru- derbegabung) in Verbindung mit der ausschließlichen Nennung von
ieren sind, muss der Reliabilitätskoeffizient anhand von Stichpro- konkreten Kennwerten zu der irrigen Annahme führen, psychologi-
bendaten geschätzt werden, i. d. R. etwa indem man denselben Test sche Tests würden 100-prozentig genaue „Punktlandungen“ liefern.
wiederholt (Testwiederholungsreliabilität), ihn mit einem statistisch Gerade im Grenzbereich diagnostisch bedeutsamer Schwellenwerte
äquivalenten Test vergleicht (Paralleltestreliabilität) oder ihn hal- tragen Konfidenzintervalle also dazu bei, die Ergebnisse psychologi-
biert (Testhalbierungsreliabilität). Die Korrelation der Messwerte scher Tests mit der gebotenen Zurückhaltung zu interpretieren.
zwischen demselben Test (bei Wiederholung), den Paralleltests oder Es sei darauf hingewiesen, dass sich weiter oben dargestellte ver-
Testhälften dient dann zur Schätzung des Reliabilitätskoeffizienten. einfachte Schätzung der Reliabilität samt Berechnung des Standard-
Allerdings stellen Reliabilitätskoeffizienten aufgrund der Stichpro- messfehlers nur auf Tests bezieht, die nach der klassischen Testthe-
benabhängigkeit bei der Schätzung keineswegs konstante Gütesiegel orie konzipiert wurden. Streng genommen gelten daher Aussagen
eines Tests oder Verfahrens dar. Daher ist bei der Angabe eines Reli- zur Fehlerstreuung (sofern der Test nach den Vorgaben der klassi-
abilitätskoeffizienten stets auch zu berichten, anhand welcher Stich- schen Testtheorie entwickelt worden ist) nur im Durchschnitt und
probe (Zusammensetzung? Umfang?) er geschätzt wurde. Geeignete in Bezug auf Stichproben, nicht aber in Bezug auf einzelne Perso-
Stichproben vorausgesetzt, können Reliabilitätskoeffizienten zwi- nen (Wottawa 1980). Nach der probabilistischen Testtheorie entwi-
schen .50 und .70 ausreichend sein, wenn es lediglich um den Ver- ckelte Verfahren – etwa Intelligenztests wie der Wiener Matrizen-
gleich von Gruppen im Forschungskontext geht (Lienert und Raatz Test-2 (Formann et al. 2011), der Adaptive Matrizen Test (Hornke et
1994). Ansonsten sind Reliabilitätskennwerte von mindestens .80 al. 2000) oder das Adaptive Intelligenz-Diagnostikum 3 (Kubinger
(Bortz und Döring 2006) als hinreichend für Einzelfallentscheidun- und Holocher-Ertl 2014)  –  erlauben hingegen eine spezifischere
gen bewertet worden; teilweise sind die Empfehlungen strikter (und somit personenbezogene) Schätzung des Standardmessfehlers,
(Nunnally 1978; Rosenthal und Rosnow 1991). Wichtiger als die Ori- je nach Ausprägung des Kennwerts, den ein Proband erzielt hat.
entierung an solchen vermeintlichen Grenzwerten ist aber zu beach- Schließlich sind noch zwei Aspekte der Reliabilität von psycholo-
ten, für welchen Zweck ein Verfahren eingesetzt wird. Bei einem gischen Tests für die diagnostische Anwendung bedeutsam. Zum
veränderungssensitiven Merkmal wird auch die Testwiederholungs- einen ist dies der kontraintuitive Umstand, dass die Gesamtreliabili-
reliabilität geringer ausfallen. Je nach Verwendungszweck eines tät von Testwertprofilen oder Testbatterien i. d. R. geringer ist als die
Tests ist daher auch die Art der Reliabilitätsschätzung zu beachten höchste Einzelreliabilität der verschiedenen beteiligten Tests (Con-
(Lienert und Raatz 1998): Für Tests, die z. B. aufgrund von Gedächt- ger und Lipshitz 1973), d. h., die bloße Aneinanderreihung mehre-
niseffekten nach einmaliger Verwendung unbrauchbar seien, kom- rer Testverfahren führt nicht per se zu einer Maximierung der Reli-
me eher die Paralleltestreliabilität infrage, für Tests zu gleich blei- abilität. Gleichwohl kann durch die Verwendung mehrerer gleichar-
benden Merkmalen hingegen die Testwiederholungsreliabilität. tiger Verfahren das Risiko von falsch negativen oder falsch positiven
Unter der Annahme normalverteilter Messfehler lassen sich aus Artefakten vermindert werden (wenn etwa der Proband die Instruk-
dem Reliabilitätskoeffizienten einerseits und der statistischen Streu- tion eines bestimmten Einzeltests nicht verstanden hat). Eine Me-
ung (bzw. Standardabweichung; SD) eines Testverfahrens X ande- thode zur Maximierung der Reliabilität von Testbatterien durch op-
rerseits Bereiche ableiten, in denen der wahre Wert mit einer gege- timale Gewichtung hat Gulliksen (1950) beschrieben (vgl. Green
benen Wahrscheinlichkeit liegen wird. Hierfür wird der Standard- 1950; Raykov 2004). Zum anderen ist zu beachten, dass die Diffe-
messfehler (SEM) berechnet nach der Formel: SEM  = SD(X) ×
√[1-Rel(X)]. Angenommen, für einen Intelligenztest (mit der übli-
chen Streuung von 15 Punkten) habe sich in der Eichstichprobe eine 1 Eine exaktere Interpretation würde besagen: Zwei Drittel entsprechender Inter-
Schätzung des Reliabilitätskoeffizienten in Höhe von .93 ergeben. valle um die Messwerte enthalten (bei wiederholter Stichprobenziehung) den
Der Standardmessfehler würde folglich gerundet 4 Punkte betragen. gesuchten wahren Populationsparameter (Scurich und John 2012).
32 3  Standardisierte und psychometrische Untersuchungsverfahren in der forensisch-psychiatrischen Begutachtung

renzen von Testwerten, etwa aus dem Vergleich von Vorher- und Die Augenscheinvalidität von Testverfahren kann gerade im fo-
Nachher-Messungen, oftmals nur eine sehr geringe Reliabilität auf- rensischen Kontext die Kriteriumsvalidität mindern, etwa indem
weisen (Irtel 1996). Dies folgt aus dem Umstand, dass die Reliabili- sich Probanden angesichts der erfragten Inhalte oder geforderten
tät von Testwertdifferenzen zwar mit der Reliabilität der Einzeltests Leistungen übermäßig angepasst verhalten (i.  S. sozialer Er-
zu-, aber mit der Korrelation zwischen den Einzeltests abnimmt wünschtheit) oder ihr Potenzial absichtlich nicht ausschöpfen (i. S.
(Lord und Novick 1968, 76; Formel 3.10.18). Dementsprechend ist einer Aggravation vorliegender Symptome oder einer Simulation
insb. bei Wiederholungstestungen mit demselben Testverfahren zu nicht vorhandener Beeinträchtigungen). Die alternative Methodik
beachten, dass die Vorhersage von interindividuellen Behandlungs- sog. objektiver Persönlichkeitstests i. S. Cattells (Cattell und War-
unterschieden in solchen Fällen kaum möglich ist (vgl. Irtel 1996). burton 1967) basiert auf der Maßgabe, durch experimentelle Leis-
tungstests Persönlichkeitsdispositionen oder Einstellungen zu mes-
sen, etwa zum Zusammenhang von impliziter Risikobereitschaft
3.2.3 Validität und nachfolgendem impulsivem Spielen (Dislich et al. 2010).
3 Die Kriteriumsvalidität wird zumeist über sog. Validitätskoeffizi-
MERKE enten abgebildet. Dabei handelt es sich um die Korrelation (r) zwi-
Der Begriff der Validität bezeichnet den Umstand, wonach ein Testver- schen Test und Kriterium. Beispielsweise beträgt der Validitätsko-
fahren tatsächlich dasjenige Merkmal abbildet, dass es messen soll. effizient von unstrukturierten Interviews zur Auswahl von Studie-
renden im Hinblick auf den nachfolgenden Studienerfolg nach
Eine entsprechende Gültigkeit kann einem psychologischen Ver- Maßgabe einer Metaanalyse von Hell et al. (2008) lediglich .11,
fahren einerseits aufgrund vordergründiger Plausibilität (Augen- während die Abiturgesamtnote und fachspezifische Studierfähig-
scheinvalidität) oder – bedeutsamer – durch Expertenmeinung zu- keitstests Validitätskoeffizienten um .5 aufweisen.
gebilligt werden (Inhaltsvalidität). Im empirischen Sinne sollte sich Im forensisch-psychiatrischen und -psychologischen Kontext
ein taugliches Verfahren in den Kanon anderer bestehender Ver- finden neben dem Korrelationskoeffizienten r auch anderweitige
fahren sinnvoll eingliedern (Konstruktvalidität), und zwar in Über- Maße der Effektstärke Verwendung, und zwar oftmals die Fläche
einstimmung mit konzeptuell gleichgelagerten Verfahren (kongru- unter einer ROC-Kurve (Koeffizient: AUC) oder der standardisierte
ente Validität) und in Abgrenzung zu inhaltlich abweichenden Ver- Mittelwertunterschied zweier Verteilungen (Cohens d). Die ver-
fahren (diskriminante Validität). Vor allem sollte ein Test aber mit schiedenen Effektstärkemaße sind unter bestimmten Verteilungs-
einem entsprechenden Außenkriterium korreliert sein (Kriteri- annahmen rechnerisch ineinander überführbar (Rice und Harris
umsvalidität), und zwar entweder bei simultaner Betrachtung (kon- 2005; Ruscio 2008). In › Tab. 3.1 sind gängige Effektstärkemaße
kurrent) oder i. S. der Vorhersage (prädiktive Validität). aufgeführt, zusammen mit einer Einteilung danach, ob es sich bei

Tab. 3.1  Gängige Maße der Effektstärke


Einordnung von Effektstärken Wertebereich Nulleffekt
Gering Mittelgradig Hoch
AUC ≥ .56 ≥ .64 ≥ .71 [0, 1]  :50
d ≥ 0,20 ≥ 0,50 ≥ 0,80 naa 0,00
r ≥ .10 ≥ .30 ≥ .50 [−1, 1] .00
rpbb ≥ .10 ≥ .243 ≥ .371 [−1, 1] .00
LR+ c > 2 > 5 > 10 [0, ∞] 1
LR− d ≤ 0,5 ≤ 0,2 ≤ 0,1 [0, ∞] 1
NNT e ≤ 8,9 ≤ 3,6 ≤ 2,3 [1, ∞] naf
Vgl. Kraemer et al. (2003). AUC = Area under the Curve (Fläche unter einer ROC-Kurve). d = standardisierter Mittelwertunterschied nach Cohen (1992). r = Pro-
dukt-Moment-Korrelationskoeffizient. rpb = punktbiserialer Korrelationskoeffizient (zwischen einer kontinuierlichen und einer dichotomen Variablen). LR = Likeli-
hood-Quotient. NNT = Number needed to treat (Anzahl der notwendigen Behandlungen).
a. Keine Mindest- oder Höchstwerte definiert.
b. Unter der Annahme einer Basisrate für das Vorliegen des dichotomen Merkmals in Höhe von 50 % (Rice und Harris 2005); bei Basisraten < 50 % oder > 50 %

ergeben sich niedrigere Grenzwerte für kleine, mittlere und große Effekte, und zwar umso mehr, je näher sich die Basisraten an 0 % bzw. an 100 % annähern.
c. Positiver LR mit den Empfehlungen zur Bewertung der Effektstärke nach Jaeschke et al. (1994). Alternative Empfehlungen für geringe Effektstärken sind 3 (Kass

und Raftery 1995) bzw. 5 (Goodman 1999), 10 (statt 5) für mittelgradige Effektstärken (Goodman 1999) und 20 (statt 10) für hohe Effektstärken (Kass und
Raftery 1995).
d. Negativer LR mit den Empfehlungen zur Bewertung der Effektstärke nach Jaeschke et al. (1994).
e. NNT mit den Empfehlungen von Kraemer et al. (2003): Anzahl der behandelten (oder exponierten) Probanden, die einen Behandlungserfolg zeigen/ein Kriterium

aufweisen, verglichen mit der Kontroll- (oder nicht exponierten) Gruppe. NNT = 1 wäre ein perfektes Ergebnis in Behandlungsstudien, weil jeder behandelte
Proband einen Behandlungserfolg und jeder unbehandelte einen Fehlschlag zeigen würde (Kraemer et al. 2003). Ist die Behandlung ineffektiver als die Kontroll-
bedingung (bzw. zeigen in der nicht exponierten Gruppe mehr Personen das Merkmal als in der nicht exponierten), verwendet man keine negativen NNT-Werte,
sondern spricht stattdessen von der Number needed to harm (NNH) = −NNT.
f. Nicht definiert; sehr große Werte würden Nulleffekte nahelegen (Kraemer et al. 2003).
3.2 Grundlagen 33

Erreichen der angegeben Werte um geringe, mittelgradige oder funds tatsächlich krank zu sein, läge lediglich bei 100/(100 + 2994) =
starke Effekte handelt (Cohen 1992). Ein Beispiel zur Veranschauli- 0,032 oder 3,2 %.
chung: Tritt eine Hobbyfußballmannschaft von Männern, die im Obwohl der Test im vorangegangenen Beispiel einen hohen LR+-
Durchschnitt 35 Jahre alt sind, gegen eine andere Mannschaft mit Wert aufweist (.50/.03  ≈ 17), muss man einen sehr hohen Anteil
einem Durchschnittsalter von 40 Jahren an (bei einer Streuung von falsch positiver Ergebnisse gewärtigen. Denn umgekehrt verweist
jeweils 10  Jahren in beiden Mannschaften), so würde der durch- der Quotient aus Falsch-Negativ-Rate und Richtig-Negativ-Rate
schnittliche Altersunterschied einem mittelgradigen Effekt (d  = (der negative Likelihood-Quotient, LR–) in Höhe von (.50/.97  ≈
0.50) entsprechen. Für das Quotenverhältnis (engl. odds ratio) 0,52) auf eine nur geringe Effektstärke für den Ausschluss der be-
oder das Relative Risiko (engl. risk ratio) (beide mit Wertebereich treffenden Erkrankung. Dementsprechend ist es u. U. problema-
[0, ∞] und einem Nulleffekt bei 1) sind hingegen keine entsprechen- tisch, Screeningtests zu verwenden, wenn die Prävalenz der fragli-
den Grenzwerte definiert (Kraemer et al. 2003). chen Störung oder Auffälligkeit niedrig ist, weil dann mit vielen
Angesichts der oftmals dichotomen Entscheidungen und Beur- falsch positiven Resultaten zu rechnen ist (Streiner 2003). Daher
teilungen im forensisch-psychiatrischen Bereich (Entlassung ja/ dürfte es z. B. schwierig sein, ohne im Vorhinein entsprechendes 3
nein; Gefährdung ja/nein; Mossman 1994b) findet anstelle des Pro- tatnahes Verhalten beobachtet zu haben, allein aufgrund von Risi-
dukt-Moment-Korrelationskoeffizienten r oftmals die Variante rpb komerkmalen jene Schüler zu identifizieren, die eine besondere Ge-
(der punktbiseriale Korrelationskoeffizient) Verwendung. Aller- fährdung aufweisen, einen Amoklauf zu begehen. Aus demselben
dings sind sowohl d als auch rpb anfällig für Verzerrungen durch Grund wäre es nicht vertretbar, z. B. forensische Testverfahren zur
Unterschiede in der Basisrate des zugrunde liegenden Merkmals Bestätigung oder zum Ausschluss einer pädophilen Neigung als
(McGrath und Meyer 2006). Der Koeffizient AUC hingegen ist hier- Screeningtests bei Lehramtsanwärtern einzusetzen (vgl. Mokros et
von unbeeinflusst (Mossman 1994a), was die Popularität dieses Ef- al. 2013).
fektstärkemaßes im Bereich der kriminalprognostischen Forschung Forensisch-psychiatrische und -psychologische Sachverständige
erklärt. Man kann sich die Bedeutung des AUC-Koeffizienten, der arbeiten nicht verdachtsunabhängig. Für die Anwendung diagnos-
in der Praxis durch die Wilcoxon-Statistik geschätzt werden kann, tischer Verfahren bedeutet dies, dass das Bestehen eines Tatver-
wie folgt verdeutlichen: Wenn man nach Zufall je eine Person aus dachts und ggf. der klinische Eindruck die Wahrscheinlichkeit für
der Stichprobe der Rückfälligen und der Stichprobe der Nicht- das Vorliegen einer entsprechenden Störung erhöht. Hierdurch
Rückfälligen zieht, wie wahrscheinlich ist es dann, dass der letztlich nimmt auch die Wahrscheinlichkeit für richtig positive Testbefun-
rückfällige Proband im Vorhinein den höheren Kennwert in einem de zu. Bei der Bewertung von Testverfahren ist allerdings zu beach-
Risikoprognoseinstrument hatte? ten, dass die Richtig- und Falsch-Positiv-Rate (und somit LR+ und
Um die diagnostische Nützlichkeit eines psychologischen Ver- LR–) zwischen verschiedenen Stichproben variieren kann (Brenner
fahrens beurteilen zu können, sind weitere Kriterien bedeutsam, und Gefeller 1997; Miettinen und Caro 1994; Moons et al. 1996).
nämlich zum einen die Frage, wie wahrscheinlich mit einem Test Es kommt durchaus vor, dass bei medizinischen Diagnosen die
z. B. Kranke korrekt als krank erkannt werden können (Sensitivität Sensitivität eines Tests mit der Wahrscheinlichkeit verwechselt
bzw. Richtig-Positiv-Rate) und zum anderen die Frage, wie wahr- wird, dass ein Proband tatsächlich an der betreffenden Störung lei-
scheinlich Gesunde anhand des Tests korrekt als nicht erkrankt zu- det, wenn der Test diesen Schluss nahelegt (vgl. Diaconis und
rückgewiesen werden (Spezifität bzw. Richtig-Negativ-Rate). Das Freedman 1981: Täuschung der Transposition bedingter Wahr-
Komplement zur Sensitivität ist die Falsch-Negativ-Rate (übersehe- scheinlichkeit). Ein Beispiel hierfür gibt Dawes (1986): ein Chirurg,
ne Kranke), das Komplement zur Spezifität die Falsch-Positiv-Rate der allen Frauen mit einem bestimmten Mammografiebefund rät,
(irrtümlicherweise für krank erklärte Gesunde). sich das Brustgewebe operativ entfernen zu lassen, ohne die Präva-
Das Quotenverhältnis aus Richtig-Positiv-Rate und Falsch-Posi- lenz hinreichend zu beachten.2 Als Schlussfolgerung ergibt sich aus
tiv-Rate bezeichnet man als positiven Likelihood-Quotienten (engl.: dem oben Dargestellten: Ein positiver Testwert erhöht die Wahr-
likelihood ratio; LR+; Deeks und Altman 2004). Um aus dem positi- scheinlichkeit für das Vorliegen einer Störung oder des gemessenen
ven Likelihood-Quotienten eines Tests abzuleiten, ob ein bestimm- Merkmals, er ist jedoch kein definitiver Beweis für das Vorliegen
ter Testwert im Einzelfall mutmaßlich auf das Vorliegen einer Er- der Störung oder des Merkmals (Howson und Urbach 2006). Oder
krankung hindeutet, ist aber auch die Auftretenshäufigkeit der Stö- anders formuliert: Halte es für möglich, dass du dich irrst (Lindley
rung zu beachten. Ein Beispiel (aus Beck-Bornholdt und Dubben 2007).
2002, 122 ff.): Ein Mastdarmkrebs-Screeningtest habe eine Richtig-
Positiv-Rate von 50 % und eine Falsch-Positiv-Rate von 3 %. Die
1-Jahres-Inzidenz für Mastdarmkrebs liege in der Altersgruppe des
Betroffenen (75- bis 79-jährige Männer) bei 0,2 %, also wären etwa 2 Aus der Beobachtung, dass die Mehrzahl der untersuchten Frauen mit Brust-
200 Erkrankte unter 100.000 Männern dieses Alters zu erwarten. krebs (H) im Vorhinein einen entsprechenden positiven Befund D hatte,
Von den 200 Erkrankten würde der Test etwa 100 korrekt als krank P(D|H) = 93 %, folgerte der Arzt unzulässigerweise, dass ein positiver Befund
identifizieren (gemäß der Richtig-Positiv-Rate), jedoch auch der in einer Vielzahl von Fällen Brustkrebs bedeuten würde, P(H|D)  ≅ 33–50 %.
Tatsächlich würde P(H|D), also die Wahrscheinlichkeit, an Brustkrebs erkrankt
Falsch-Positiv-Rate entsprechend von den 99.800 Gesunden irr- zu sein, unter der Bedingung eines entsprechenden positiven Befunds, P(H|D),
tümlicherweise etwa 2.994 als krank deklarieren, d. h., die Wahr- rechnerisch anhand der Stichprobendaten aber nur etwa 12 % betragen
scheinlichkeit, unter der Bedingung eines positiven Screeningbe- (Dawes 1986).
34 3  Standardisierte und psychometrische Untersuchungsverfahren in der forensisch-psychiatrischen Begutachtung

Schließlich ist bei der Bewertung der Ergebnisse standardisierter Probanden übertroffen würde. Nach Maßgabe von sechs Stichpro-
Verfahren zu beachten, dass selbst solche Verfahren, die auch das ben aus deutschsprachigen Ländern, die in der Originalarbeit von
gleiche inhaltliche Konstrukt abzielen (also miteinander hoch kor- Flynn (1987) Erwähnung fanden, nämlich aus Deutschland (3), Ös-
reliert sind) keineswegs identische Ergebnisse liefern, zumal im terreich (1) und der Schweiz (2), lag die Größenordnung des ver-
Einzelfall. Dass zwei Tests – bis auf den zufälligen Messfehler – in meintlichen Zuwachses pro Jahr im Median bei 0,7 IQ-Punkten.
der Stichprobe gleiche Ergebnisse zeitigen würden, wäre nur für pa- Nach Maßgabe einer aktuellen Metaanalyse auf Grundlage von 285
rallele Tests zu erwarten (die  –  nach evtl. erforderlicher Skalen- Studien aus den USA und Großbritannien von den 1959er-Jahren
transformation  –  den gleichen Erwartungswert und die gleichen bis in die Gegenwart ist der Effekt vorhanden, aber mit einem mitt-
Varianzen und Kovarianzen untereinander sowie Korrelationen leren Zuwachs von 2,3 IQ-Punkten pro Dekade schwächer.
mit externen Variablen aufweisen müssten; Votaw 1948; Wilks In den USA kann der Flynn-Effekt tödliche Konsequenzen zeitigen:
1946; vgl. Lehmann 1983). Andererseits sollten konvergente Tests Während intellektuelle Beeinträchtigungen mit einem IQ < 70 Punk-
durchaus ähnliche Ergebnisse erbringen. Deutliche Diskrepanzen ten die Hinrichtung eines zum Tode verurteilten Straftäters ausschlie-
3 bedürfen daher der Erklärung. ßen, kann es bei Verwendung veralteter Normen zu dem Fehlschluss
kommen, ein faktisch minderbegabter Proband verfüge über einen IQ
> 70 (Flynn 2006). In Deutschland, Österreich oder der Schweiz ist
3.2.4 Nebengütekriterien immerhin zu befürchten, dass Minderbegabten aufgrund des Flynn-
Effekts eine mögliche Schuldminderung bei der Strafzumessung, v. a.
Abgesehen von den zuvor dargestellten Gütekriterien haben Lienert aber eine geeignete Behandlung (i. S. einer Unterbringung in einem
und Raatz (1998) noch die Merkmale Normierung, Vergleichbar- psychiatrischen Krankenhaus) vorenthalten werden könnte.
keit, Ökonomie und Nützlichkeit als sog. Nebengütekriterien be- Neben der Zusammensetzung und der Aktualität der Normstich-
tont. Hervorzuheben ist in diesem Zusammenhang die geeignete probe ist jedoch auch die Differenzierungsfähigkeit des Testverfah-
Normierung. Beispielsweise ist es für forensisch-psychiatrische rens zu berücksichtigen. Der Mehrfachwahl-Wortschatz-Intelli-
oder -psychologische Fragestellungen zur intellektuellen Leistungs- genztest MWT-B (Lehrl 2005) differenziert z. B. vornehmlich im
fähigkeit oftmals unerheblich, wie der Proband im Vergleich mit Bereich niedriger und mittlerer sprachlicher Intelligenz; für die Di-
anderen Strafgefangenen abschneidet, und eine Normierung auf agnostik sprachlicher Hochbegabung wäre das Verfahren denkbar
Grundlage von Inhaftiertenstichproben daher irrelevant. Vielmehr ungeeignet. In ähnlicher Weise ist der Mini-Mental-Status-Test
ist zur Beurteilung z. B. der Intelligenz bedeutsam, wie das Prob- (Folstein et al. 1990) nicht sensitiv genug, um bereits diskrete Be-
lemlösevermögen des Probanden in Relation zu den entsprechen- einträchtigungen der geistigen Leistungsfähigkeit zu erkennen.
den Fähigkeiten einer möglichst repräsentativen und hinsichtlich Ipsative Messungen, bei denen die Testwerte eines Probanden
des Alters parallelen Stichprobe aus der Gesamtbevölkerung zu be- nicht (wie bei der normativen Messung) zu denjenigen anderer
werten ist. Dabei ist aber zu beachten, dass allein die Unterteilung Probanden in Relation gesetzt, sondern vielmehr untereinander
nach Altersgruppen möglicherweise bedeutsame Unterschiede zwi- verglichen werden, können zur Erhellung individueller Stärken und
schen diesen Subgruppen nivelliert (Wottawa 1980): Die durch- Schwächen aufschlussreich sein (Wottawa 1980). Allerdings ist da-
schnittlichen Testleistungen 7-jähriger Kinder, die zur Schätzung rauf zu achten, individuelle Testwertdifferenzen nicht als notwen-
eines IQ von 100 in dieser Altersgruppe Anlass geben würden, digerweise pathologische Anzeichen überzuinterpretieren, insb.
sind  –  absolut betrachtet  –  niedriger als die durchschnittlichen dann nicht, wenn die individuellen Kennwerte an deren eigener
Testleistungen 17-jähriger Jugendlicher, die ebenfalls zur Ableitung Streuung standardisiert worden sind. Hierdurch können nämlich
eines IQ von 100 für 17-Jährige führen würden. Weitergehende Un- auch triviale Unterschiede außer Proportion geraten. Geeigneter ist
terteilungen (etwa der Vergleich mit den Daten hirngeschädigter die kombinierte Darstellung aus durchschnittlichen und individu-
Patienten oder den Ergebnissen von Alkoholikern) können je nach ellen Testwertprofilen (Wottawa 1980; zur Methodik von Profilver-
Fragestellung sinnvoll sein, müssen aber bei der Ergebnisdarstel- gleichen s. Huber 1973). Crawford et al. (1998) haben elaboriertere
lung klar bezeichnet werden. Ansonsten würde das individuelle Methoden zur Beurteilung der Differenz von Testwerten in Einzel-
Leistungsvermögen überschätzt. fällen bzw. zum Vergleich individueller Kennwerte mit Referenz-
Ebenso kann bei der Bewertung des IQ die Verwendung veralte- werten entwickelt (Crawford und Garthwaite 2005, 2007).
ter Normen zu einer Überschätzung des individuellen IQ führen Schließlich ist gerade bei umfassenden (neuro-)psychologischen
(sog. Flynn-Effekt; Flynn 1987). Der Flynn-Effekt, der mutmaßlich Testbatterien zu beachten, dass es umso eher zu falsch positiven
auf kulturelle Entwicklungen und eine zunehmende allgemeine Einzelbefunden von vermeintlichen Funktionsdefiziten kommt, je
Vertrautheit mit dem Aufgabentyp standardisierter Leistungstests mehr Einzeltests durchgeführt werden. Wer oft wirft, wirft auch
zurückgeht (Flynn 2011), beschreibt den Umstand einer Zunahme einmal daneben. Dementsprechend sind einzelne anomale Kenn-
durchschnittlicher Intelligenztestleistungen, wonach Probanden werte in neuropsychologischen Testbatterien auch bei Gesunden zu
heute tendenziell höhere Testergebnisse erzielen, als dies vor Jahren erwarten (Binder et al. 2009). Eine Methodik zur Abschätzung der
der Fall gewesen wäre. Verwendet man veraltete Testnormen, wür- allein durch Zufall zu erwartenden abnormalen Einzelbefunde ha-
de die individuelle Intelligenz also tendenziell überschätzt, weil der ben Ingraham und Aiken (1996) vorgelegt; diesbezüglich ist aber zu
Mittelwert der Testleistungen, der einst bei der Eichung des Tests beachten, ob die Einzeltests in einer Batterie voneinander unabhän-
zu einem IQ von 100 Anlass gab, heutzutage von der Mehrzahl der gig oder miteinander korreliert sind.
3.3 Anwendung 35

3.3 Anwendung chende Zustand fortbestehe und infolgedessen eine Gefährlichkeit


des Probanden weiterhin gegeben sei. Daher lässt sich auch die kri-
Am Beispiel des §  63 StGB (Unterbringung in einem psychiatri- minalprognostische Bewertung unter das Schema in ›  Tab. 3.2
schen Krankenhaus) soll die Auswahl psychologischer Tests veran- subsumieren, obwohl strukturierte Verfahren zur Kriminalprogno-
schaulicht werden. Selbstverständlich können zahlreiche weitere se v. a. im Rahmen von Prognosegutachten im engeren Sinne be-
straf- oder zivilrechtliche Fragestellungen durch den Einsatz psy- deutsam sind, etwa im Hinblick auf § 454 Abs. 2 StPO.
chologischer Verfahren erhellt werden, etwa die Beurteilung der Bei der Zusammenstellung der empfohlenen Verfahren in
Verantwortungsreife nach §  105 JGG oder die Beurteilung der › Tab. 3.2 ist versucht worden, so weit wie möglich Leistungstests
Glaubhaftigkeit von Zeuginnen und Zeugen. Insofern dienen die und Fremdbeurteilungsverfahren den Vorzug vor Selbstberichts-
folgenden Ausführungen zur exemplarischen Illustration; sie sind fragebogen zu geben. Lediglich bei der Beschreibung von Beschwer-
keineswegs als erschöpfende Darstellung gedacht. den und Symptomen im Hinblick auf Affekt, Angst und Zwang oder
Drei von vier Eingangskriterien der Schuldfähigkeitsbeurteilung bei der Selbstcharakterisierung mittels Persönlichkeitsfragebogen
können Funktionsbereiche zugeordnet werden. Dies gilt für die ist die Introspektion des Probanden u. U. erforderlich. Diese Intro­ 3
krankhafte seelische Störung, den Schwachsinn und die sog. schwe- spektion kann jedoch störungsbedingt beeinträchtigt sein oder
re andere seelische Abartigkeit (› Tab. 3.2). Die tiefgreifende Be- intentional verfälscht wiedergegeben werden (i. S. sozialer Er-
­
wusstseinsstörung im juristischen Sinne hat hingegen kein funktio- wünschtheit, s. u.).
nales Korrelat. Andererseits empfiehlt sich bei der Beurteilung, ob
zum Tatzeitpunkt eine extreme Gefühlsaufwallung i. S. einer Explo-
siv- oder Schreckreaktion vorgelegen habe, durchaus eine orientie- 3.3.1 Intelligenztests
rende Beschreibung der intellektuellen Leistungsfähigkeit, der Per-
sönlichkeitsstruktur und möglicher neuropsychologischer Defizite, Die Auswahl empfohlener Intelligenztests in › Tab. 3.2 hat nicht
weil diese Merkmale sehr wohl Einfluss auf die Bereitschaft zu einer nur die Hauptgütekriterien (Objektivität, Reliabilität und Validität)
affektiven Entgleisung gehabt haben könnten. Neben den vier Ein- im Auge, sondern orientierte sich zusätzlich daran, so wenig bil-
gangsmerkmalen wird im § 63 StGB danach gefragt, ob der entspre- dungsabhängig wie möglich zu sein und aktuelle bevölkerungsre-

Tab. 3.2  Schuldfähigkeit (§§ 20, 21 StGB) und Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus (§ 63 StGB): Eingangsmerkmale und zugehöri-
ge Störungsbilder mit betroffenen Funktionsbereichen und zur Abklärung geeigneten psychologischen Testverfahren)
Eingangskriterien/ Mögliche Störungsbilder Relevante Funktionsbereiche Auswahl tauglicher Testverfahren
Fragen
Krankhafte seeli- • Erkrankungen aus dem schizo- • Aufmerksamkeit, Gedächtnis, exe- • Testbatterie zur Aufmerksamkeitsprüfung (TAP)
sche Störung phrenen Formenkreis kutive Funktionen (Handlungsini­ • Wechsler Memory Scale-Revised (WMS-IV)
• Affektive Störungen iierung und -steuerung) • Farbe-Wort-Interferenztest
• Degenerative Hirnerkrankungen • Behavioral Assessment of the Dysexecutive Syndro-
• Entzündliche Hirnerkrankungen me (BADS)
• Schädel-Hirn-Trauma • Demenz-Test (DT)
• Akute Intoxikation • Wisconsin
Kognitive Flexibilität Card Sorting Test (WCST)
Planungsvermögen • Turm von London (TL)
Impulskontrolle Subtest Go/Nogo (TAP)
Affektregulation • Beck-Depressions-Inventar (BDI)
• Hamilton Depression Scale (HAMD)
• Toronto-Alexithymie-Skala

Schwachsinn Mindestens leichtgradige Beein- • Intelligenz • Weitgehend sprachfreie Tests der fluiden Intelligenz:
trächtigung der geistigen Ent- • Lebenspraktische Fertigkeiten Adaptiver Matrizentest (AMP), Grundintelligenztest-
wicklung Skala 2-Revision (CFT 20-R), Standard Progressive
Matrizen (SPM)
• Umfassender Intelligenztest: Wechsler Intelligenztest
Erwachsene (WAIS-IV)
Schwere andere • Persönlichkeitsstörungen Persönlichkeitsstruktur Strukturierte Interviews: SKID-II, IPDE (ggf. Fragebo-
seelische Abartig- • Depravation infolge von Sucht gen: IKP, PSSI, NEO-PI-R, FPI-R)
keit • Störungen der sexuellen Präfe-
Sexuelle Präferenzen Clarke Sex History Questionnaire (ggf. SSPI o. Ä.)
renz
• Neurotische, Impuls- und Belas-
Ggf. Angst- und Zwangssymptomatik Klinische Selbstberichtsfragebogen: STAI, ADHS-E
tungsstörungen oder Störungen der Impulskontrolle
Gefahr weiterer Gewaltneigung allgemein HCR-20, PCL-R, VRAG
rechtswidriger Disposition zu sexueller Gewalt SORAG, Static-99, Stable-2007, Acute-2007
­Taten
36 3  Standardisierte und psychometrische Untersuchungsverfahren in der forensisch-psychiatrischen Begutachtung

präsentative Normen für verschiedene Altersgruppen vorzuhalten. streitende gedankliche Einflüsse kann etwa mithilfe des Farbe-
Dabei sei aber darauf verwiesen, dass beim SPM-Test (Raven 1958; Wort-Interferenztests (Bäumler 1985), besser bekannt als Stroop
Raven et al. 1998) lediglich computergestützte Versionen entspre- Test, erfasst werden. Das Planungsvermögen i. S. der zielorientier-
chende Normen bieten, während die letzte Fassung des Handbuchs ten Sequenzierung gedanklicher Vorgänge kann durch den Turm-
zur Papier-und-Bleistift-Version (Horn 2009) nur Werte für Schü- von-London-Test (Tucha und Lange 2004) erfasst werden. Zur
ler und Studierende enthält. Zudem sei darauf verwiesen, dass beim Abschätzung der Fähigkeit zur Impulskontrolle kommt der Subtest
CFT  20-R die Altersnormen für Erwachsene den Gesamtbereich Go/Nogo aus der TAP infrage, wobei die Aufgabenstellung auch se-
„älter als 20 Jahre“ umfassen (ohne Angaben für spezifischere Al- lektive Aufmerksamkeit bzw. eine Kategorisierungsleistung erfor-
tersgruppen bereitzustellen) und dass diese Normen lediglich durch dert.
Extrapolation aus den Werteverläufen der Altersgruppen von Kin- Eine differenzierte Bewertung mnestischer Funktionen, die so-
dern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen gewonnen wurden wohl Erwerb und Wiedergabe abprüft, und zwar auch über längere
(Weiss 2006). Schließlich ist zu beachten, dass sich die gutachterli- Intervalle, ermöglicht die revidierte Fassung der Wechsler Memory
3 che Feststellung der Voraussetzungen für das juristische Eingangs- Scale (WMS-IV), dt. von Petermann und Lepach (2012). Ergänzend
kriterium des sog. Schwachsinns keineswegs in der Nennung eines kann der nonverbale Corsi-Blockspannentest (Milner 1971) als Test
Intelligenzquotienten (mit Konfidenzintervall) erschöpft, sondern für die Leistungsfähigkeit des visuell-räumlichen Arbeitsgedächt-
vielmehr ein Abgleich der Testleistung mit den lebenspraktischen nisses (Vandierendonck et al. 2004) eingesetzt werden (Schellig
Fähigkeiten des Probanden erfolgen muss. Nur wenn die Betrach- 1997). Schwerwiegende Defizite in exekutiven Funktionen können
tung der Lebensverhältnisse und des Werdegangs der Betreffenden durch die Testbatterie BADS (Wilson et al. 2000) alltagsnah erfasst
darauf hindeuten, dass sie allenfalls einfache Routinetätigkeiten werden; bei Verdacht auf eine neurodegenerative Erkrankung
übernehmen können und nur bedingt zu einer selbstständigen Le- kommt z. B. der Demenz-Test (Kessler et al. 1999) infrage. In jedem
bensführung in der Lage sind, kann eine entsprechende Diagnose Fall erlaubt eine Auswahl der vorgenannten neuropsychologischen
gestellt werden. Tests eine exaktere Beurteilung von Einschränkungen des formalen
Denkens, als dies mithilfe des populären Sich-Erklären-Lassens von
Sprichwörtern geleistet werden kann; eine Normierung eines sol-
3.3.2  Neuropsychologische Tests chen Tests zur Erläuterung von Sprichwörtern (mit entsprechen-
den Codierungsrichtlinien) haben übrigens Barth und Küfferle
Zur Feststellung und Quantifizierung anderweitiger kognitiver Ein- (2001) vorgelegt.
bußen als jener, welche die Intelligenz betreffen, sind i. Allg. neuro-
psychologische Tests besonders geeignet (s. hierzu auch die Über-
sichten bei Littmann 2005 und Larrabee 2011). So kann die compu- 3.3.3 Selbstberichtsfragebogen
tergestützte Beurteilung der Aufmerksamkeitsleistung mithilfe der
Testbatterie zur Aufmerksamkeitsprüfung (TAP; Zimmermann Affektive Störungen können u. a. mithilfe von Selbstberichtsfrage-
und Fimm 2012) z. B. zur Bewertung des Ausmaßes der Negativ- bogen zur Symptomatik depressiver Erkrankungen (BDI-II; Haut-
symptomatik im Rahmen einer schizophrenen Erkrankung ebenso zinger et al. 2009) oder mit der Toronto-Alexithymie-Skala (TAS-
nützlich sein (Reed et al. 2002) wie für die Abschätzung von Funkti- 26; Taylor et al. 1985) in der deutschen Fassung von Kupfer et al.
onsdefiziten nach Schädel-Hirn-Traumata. Die Subtests zur Geteil- (2001) abgeschätzt werden. Auch zur Beurteilung des Schweregrads
ten Aufmerksamkeit, zum Arbeitsgedächtnis und – bei basalen Ein- und der Auftretensbedingungen von Angst- oder Zwangsstörungen
schränkungen  –  zur Alertness haben sich hierfür als besonders als mögliche Voraussetzung für die juristische Zumessung einer
praktikabel erwiesen. Zwar liegen auch empirisch gut überprüfte schweren anderen seelischen Abartigkeit sind u. U. Symptomcheck-
Papier-und-Bleistift-Verfahren zur Bewertung von Aufmerksam- listen oder Beschwerdefragebogen erforderlich.
keit und Konzentrationsvermögen vor – z. B. FAIR-2 (Moosbrugger Über die psychologische Persönlichkeitsdiagnostik im Kontext
und Oehlschlägel 2011) oder d2R (Brickenkamp et al. 2010) –, je- der Schuldfähigkeitsbegutachtung informieren z. B. Scheurer und
doch erfordern jene aufgrund ihrer Konzeption als Geschwindig- Richter (2005). Die Verwendung von allgemeinen Persönlichkeits-
keitstests auch ein gewisses Maß an Fingerfertigkeit und handmo- fragebogen, etwa nach dem Eysenckschen Drei-Faktoren-Modell der
torischer Geschicklichkeit von den Probanden, während die reine Persönlichkeit wie im Fall des revidierten Eysenck Personality Ques-
Anwendung von Reaktionstasten wie bei der TAP mögliche Arte- tionnaire (EPQ-R; dt. von Ruch 1999) oder nach der mittlerweile
fakte aufgrund mangelnder Behändigkeit weitgehend ausschließt. einflussreicheren Fünf-Faktoren-Theorie der Persönlichkeit von
Im Hinblick auf Einschränkungen der kognitiven geistigen Flexi- Costa und McCrae, z. B. anhand des revidierten NEO-Persönlichkeits-
bilität, die sich u. a. in Perseverationen bei geistigen Anforderungen inventars (NEO-PI-R; dt. von Ostendorf und Angleitner 2004), er-
niederschlagen kann, hat sich z. B. der Wisconsin-Kartensortiertest bringt für forensisch-psychiatrische Zwecke oftmals kaum einen Er-
(WCST); Heaton et al. (1993) bewährt. Alternativ erscheint der Ruff kenntnisgewinn, weil die Antworten im Prinzip in die eine wie die
Figural Fluency Test (Feldmann und Melchers 2004) tauglich. Aller- andere Richtung moduliert werden können. Zudem dürfte auch für
dings liegen weder für den WCST noch für den Ruff Figural Fluency einen unterdurchschnittlich begabten Probanden klar sein, dass z. B.
Test deutschsprachige Normen vor, jedenfalls was die Papier-und- das Bejahen der Frage, ob man mitunter gern Tiere necke oder quä-
Bleistift-Versionen betrifft. Erhöhte Irritierbarkeit durch wider- le, nicht unbedingt ein günstiges Licht auf ihn werfen dürfte.
3.3 Anwendung 37

Bedeutsamer als globale Persönlichkeitseigenschaften erschei- Soziale Erwünschtheit


nen daher im forensisch-psychiatrischen Zusammenhang be-
stimmte Dispositionen, die in Zusammenhang mit Delinquenz ste- Diverse Selbstberichtsfragebogen enthalten sog. Offenheits- oder
hen. Es ist anzunehmen, dass langfristig heutzutage experimentell (andersherum codiert) Lügenskalen, mit deren Hilfe Antwortver-
genutzte Verfahren, etwa der Iowa Gambling Task (Bechara et al. zerrungen festgestellt werden sollen, so etwa das revidierte Freibur-
1994) oder der Balloon Analogue Risk Task (Lejuez et al. 2002) i. S. ger Persönlichkeitsinventar (FPI-R; Fahrenberg et al. 2010) oder das
objektiver Persönlichkeitstests an Bedeutung gewinnen werden, EPQ-R (Ruch 1999). Wie Paulhus (1984) zeigen konnte, umfasst
um etwa die Risikobereitschaft oder die Fähigkeit zum Belohnungs- das Konstrukt der sozialen Erwünschtheit zwei Komponenten: zum
aufschub (als Teilaspekte des Merkmals Impulsivität) zu untersu- einen Selbsttäuschung und zum anderen Eindruckskontrolle (engl.:
chen. Einstweilen kann Impulsivität z. B. explorativ mithilfe der impression management). Während Ersteres auf die i. d. R. unbe-
Barratt-Impulsivitätsskala (BIS-11; Patton et al. 1995) erfasst wer- wusste Neigung abzielt, eigene Eigenschaften oder Fähigkeiten ver-
den. Allerdings handelt es sich bei der Normstichprobe der deutsch- zerrt darzustellen (etwa i. S. einer Selbstidealisierung), beschreibt
sprachigen Version (Preuss et al. 2008) um eine Gelegenheitsstich- der Begriff der Eindruckskontrolle das Bestreben, sich selbst in ei- 3
probe, für die zudem nur der Mittelwert und die Streuung (SD) der nem möglichst günstigen, zumindest aber unverfänglichen Licht zu
Werteverteilung angegeben werden, sodass allenfalls eine grobe präsentieren. Die Selbsttäuschung zeigt sich vornehmlich in der
Einteilung (durchschnittlich, unter- oder überdurchschnittlich) er- Leugnung intrapsychischer Konflikte oder Unsicherheiten, wohin-
folgen kann, je nachdem ob der Kennwert eines Probanden im Be- gegen die Eindruckskontrolle in der Zuschreibung unwahrscheinli-
reich einer SD-Einheit um den Mittelwert der Normstichprobe liegt cher Tugenden deutlich wird. Ein Beispiel für Selbsttäuschung wäre
oder darunter bzw. darüber. Eine mögliche Alternative wäre die die Behauptung, niemals Groll gegen die eigenen Eltern gehegt zu
Kurzfassung des UPPS-Fragebogens (dt. von Keye et al. 2009), wo- haben; ein Beispiel für Eindruckskontrolle hingegen die Aussage,
bei nach Kenntnis des Autors hierfür bislang noch keine Normda- immer höflich und zuvorkommend zu sein, auch zu sehr unfreund-
ten publiziert worden sind. lichen Mitmenschen. Eine deutschsprachige Fassung des ursprüng-
Der Kurzfragebogen zur Erfassung von Aggressivitätsfaktoren (K- lich von Paulhus entwickelten Balanced Inventory of Desirable Res-
FAF; Heubrock und Petermann 2008) betrifft ebenfalls ein foren- ponding (BIDR) wurde von Musch et al. (2002) vorgelegt, wobei die
sisch-psychiatrisch bedeutsames Merkmal. Im Unterschied zur Reliabilität der Subskalen mit Werten von .64 und .66 (geschätzt
Vorgängerversion beinhaltet der K-FAF allerdings keine Kontroll- über die interne Konsistenz) für Selbsttäuschung und Eindrucks-
skala für Offenheit mehr. Die Reliabilitätskoeffizienten der Subska- kontrolle im Hinblick auf Einzelfallbeurteilungen zu gering ist.
len des K-FAF liegen nur teilweise im zufriedenstellenden (Erreg- Problematisch an solchen Kontrollskalen ist allerdings, dass es
barkeit, Selbstaggressivität) bis guten Bereich (Gesamtwert Aggres- sich bei der Bereitschaft, sozial erwünscht zu antworten, offenbar
sivität), für eine Subskala (Aggressionshemmung) hingegen deut- nicht um eine stabile Eigenschaft oder situative Tendenz handelt,
lich darunter (Rel = .55). Neben den Normdaten einer teilweise aus die klar abgrenzbar wäre, sondern vielmehr um eine Disposition,
Studierenden der Psychologie bestehenden Eichstichprobe stehen die mit anderen Persönlichkeitseigenschaften eng verwoben ist. So
zusätzlich die Skalenwerte einer Gruppe von 54  Straftätern und verweist eine Metaanalyse von Ones et al. (1996) z. B. darauf, dass
6 Straftäterinnen zur Verfügung, was die vergleichende Einordnung emotionale Stabilität und Gewissenhaftigkeit mit dem Grad sozial
von Probandenkennwerten zwischen Norm- und Straftäterstich- erwünschter Antworttendenzen positiv korreliert seien. Ebenso
probe ermöglicht. Zudem stehen für den K-FAF Versionen in türki- konnten Costa und McCrae (1983) zeigen, dass Skalen zur sozialen
scher und russischer Sprache zur Verfügung, allerdings ohne ent- Erwünschtheit auch inhaltliche (sprich: eigenschaftsbezogene) As-
sprechende Normen. pekte abbilden und nicht nur Selbst- oder Fremdtäuschung. Daher
Die deutsche Fassung des Multiphasic Sex Inventory (MSI; ist bei der Interpretation der Ergebnisse von Offenheits- oder Lü-
Deegener 1996) wird zwar häufig in der Begutachtung von Sexual- genskalen Vorsicht geboten, zumal die Werte mit dem Alter des
straftätern eingesetzt. Mit Vergleichsgruppen von 20 Kindesmiss- Probanden zusammenhängen. Im Durchschnitt weisen ältere Pro-
brauchern, 19  Vergewaltigern und 110  Medizinstudenten ist die banden höhere Ausprägungen sozial erwünschter Antworttenden-
Normierung des Verfahrens jedoch unzureichend. Zudem liegen zen auf als jüngere (z. B. Soubelet und Salthouse 2011). Höhere
keine Reliabilitätskennwerte für die deutschen Stichproben vor; je- Kennwerte in Bezug auf soziale Erwünschtheit können demnach
ne der nordamerikanischen Version sind teilweise eindeutig zu Ausdruck besonderer Gewissenhaftigkeit (oder Zwanghaftigkeit)
niedrig für Einzelfallbewertungen (z. B. Rel = .58 für die Subskala oder höheren Lebensalters sein. Eine vorschnelle Interpretation des
Wissen und Überzeugungen über Sexualität oder .64 für die Offen- gesamten Fragebogenprotokolls als nicht authentisch muss folglich
heitsskala Soziale Sexualerwünschtheit). Schließlich ist der Frage- vermieden werden. Daher sollte ein hoher Schwellenwert auf ent-
bogen mit 300 Items sehr umfangreich, und die Verwendung nega- sprechenden Skalen festgelegt werden, der zum Verwerfen des Fra-
tiv gepolter Items führt bei Probanden mitunter zu Verständnispro- gebogenprotokolls führen würde. Eysenck (1976) hat hierfür z. B.
blemen, etwa ob man mit „richtig“ oder „falsch“ auf die Frage „Ich einen Wert vorgeschlagen, der gegenüber dem Mittelwert der
habe noch nie ein Mädchen sexuell belästigt“ antworten müsste, Normstichprobe um mehr als zwei Standardabweichungseinheiten
wenn man dies tatsächlich noch nie getan hat. nach oben abweichen würde.
Neben der inhaltlichen Auswahl von Antworten i. S. der sozialen
Erwünschtheit kann die Authentizität eines Fragebogenprotokolls
38 3  Standardisierte und psychometrische Untersuchungsverfahren in der forensisch-psychiatrischen Begutachtung

auch aus anderen Gründen infrage gestellt sein. Einer dieser Grün- Wie eine ältere Übersichtsarbeit von Zimmermann (1994) nahe-
de ist die Akquieszenz (oder Jasage-Tendenz) bzw. die Neinsage- legt, führt die Verwendung (halb-)strukturierter Interviews bei der
Tendenz. Eine weiteres Problem stellt die mangelnde Ausschöp- Diagnostik von Persönlichkeitsstörungen in der Tat zu einer besse-
fung sämtlicher Antwortalternativen bei mehrfach gestuften Selbst- ren Beurteilerübereinstimmung als eine klinisch-intuitive Vorge-
beurteilungsskalen dar: Möglicherweise wählt der Proband sehr hensweise. So ergaben sich bei Verwendung halbstrukturierter In-
häufig die neutrale Mittelkategorie („weiß nicht“ oder „neutral“) terviews zur Diagnostik von Persönlichkeitsstörungen mittlere
und gelegentlich die Optionen „stimme eher zu“ oder „stimme eher κ-Werte zwischen .62 und .77, während Diagnosen aufgrund un-
nicht zu“, niemals jedoch die Optionen „stimme voll zu“ oder strukturierter klinischer Interviews erheblich weniger Überein-
„stimme überhaupt nicht zu“. In der Folge ergibt sich ein blandes stimmung aufwiesen (.01 ≤ κ ≤ .49, Median = .23).
Durchschnittsprofil, und es bleibt offen, ob dies einen unauffälligen Der zusätzliche Einsatz von Selbstberichtsverfahren für Persön-
Menschen beschreibt oder eher Ausdruck des Wunsches ist, mög- lichkeitsakzentuierungen oder störungsanaloge Eigenschaf-
lichst unauffällig zu erscheinen. Die Akquieszenz (oder alternativ ten – z. B. Inventar Klinischer Persönlichkeitsakzentuierungen von
3 die Neinsage-Tendenz) lässt sich bei binären Antwortformaten (ja/ Andresen (2006), Persönlichkeitsstil- und Störungsinventar von
nein) über einen Binomialtest abprüfen, wenn aus Stichprobenda- Kuhl und Kazén (1997), Konfliktverhalten situativ von Klemm
ten der Mittelwert für die Anzahl der Ja-Antworten bekannt ist. Um (2002), Narzissmus-Inventar von Deneke und Hilgenstock (1989)
andererseits bei mehrstufigen Antwortformaten einen Eindruck oder Borderline-Persönlichkeits-Inventar von Leichsenring
davon zu erlangen, ob der Proband das Spektrum der Antwortalter- (1997) – ist vertretbar, jedoch können deren Ergebnisse den diag-
nativen ausschöpft, kann man den relativen Informationsgehalt des nostischen Befund von Fremdbeurteilungsverfahren allenfalls er-
Antwortprofils nach der Formel berechnen, die bei Mittenecker gänzen, nicht aber grundlegend verändern (s. hierzu auch die aus-
und Raab (1973) wiedergegeben ist. führliche vergleichende Darstellung bei Littmann 2014). Die auf der
Diagnose einer Persönlichkeitsstörung aufbauende Frage, ob diese
auch als schwere andere seelische Abartigkeit aufzufassen sei (vgl.
3.3.4 Fremdbeurteilungsverfahren Kröber 2014), wird durch die Verwendung der Level of Personality
Functioning Scale (LPFS; American Psychiatric Association 2013),
Diagnostische Verfahren die im Anhang des DSM-5 im Alternativmodell für die Diagnostik
von Persönlichkeitsstörungen enthalten ist, voraussichtlich eine
Das Ausmaß und die Ausprägung von Störungen aus dem schizo- Objektivierung erfahren. Die LPFS sieht vor, für die Bereiche Iden-
phrenen Formenkreis können mithilfe von psychiatrischen Fremd- tität, Selbstgerichtetheit, Empathievermögen und Nähe jeweils kri-
beurteilungsverfahren wie der Positive and Negative Symptom Scale teriengeleitet eine Einstufung auf einer vierstufigen Skala vorzu-
(PANSS; Kay et al. 1999) beschrieben werden. Für affektive Störun- nehmen (von 0: wenig oder keine Beeinträchtigung bis 3: schwer-
gen steht als psychiatrische Fremdbeurteilungsskala z. B. die Ha- wiegende Beeinträchtigung). Dies steht weitgehend in Überein-
milton Depression Scale (HAMD; CIPS 1977) zur Verfügung (kri- stimmung mit den Empfehlungen, bei der Einstufung einer
tisch zur HAMD z. B. Stieglitz 2007). Weniger als bei der Beurtei- Persönlichkeitsstörung als schwere andere seelische Abartigkeit
lung der Voraussetzungen für das Vorliegen einer de- oder exkul- u. a. Auffälligkeiten in der Affektregulation, Einengungen der Le-
pierungsrelevanten krankhaften seelischen Störung spielen bensführung, Beeinträchtigungen in der Beziehungsgestaltung, un-
Fremdbeurteilungsverfahren jedoch im Zusammenhang mit Diag- flexible Denkstile, Störungen des Selbstwertgefühls sowie Schwä-
nosen eine Rolle, die unter die schwere andere seelische Abartigkeit chen in psychischen Abwehrmechanismen und in der Realitätsprü-
subsumiert werden können. Insbesondere bei der Klärung der Fra- fung zu beachten (Boetticher et al. 2005).
ge, ob eine Persönlichkeitsstörung vorliegt, kommen Fremdbeur- Für die Diagnostik von psychopathy i. S. von Cleckley oder Hare
teilungsverfahren zum Einsatz. Taugliche Verfahren in dieser Hin- als (im DSM-5 und in der ICD-10 als Synonym aufgeführte) Varian-
sicht sind etwa das Strukturierte Klinische Interview für die Diag- te der antisozialen bzw. dissozialen Persönlichkeitsstörung (vgl.
nostik, Achse II (Persönlichkeitsstörungen), kurz: SKID-II (Fydrich Coid und Ullrich 2010) kommt v. a. der Einsatz der Psychopathy
et al. 1997) oder die deutsche Fassung der International Personality Checklist in ihrer revidierten Fassung (PCL-R; Hare 2003) oder in
Disorder Examination (IPDE; Mombour et al. 1996). Dabei handelt der Kurzfassung (PCL:SV; Hart et al. 1995, deutschsprachige Hand-
es sich jeweils um Leitfäden für halbstrukturierte Interviews. Auch buchbeilage von Freese 1999) infrage (Mokros 2013; › Kap. 18).
wenn z. B. das SKID-II einen Screening-Fragebogen beinhaltet, auf- Die Testhalbierungsreliabilität der PCL-R hat sich mit .84 in einer
grund dessen sich Verdachtsdiagnosen ergeben können, die im großen Stichprobe österreichischer Gewalt- und Sexualstraftäter als
nachfolgenden Interview näher beleuchtet werden sollten, stellen ebenso hoch erwiesen wie in der nordamerikanischen Normstich-
diese Selbsteinschätzungen des Probanden weder alleinige Ein- probe (Mokros et al. 2013b). Als angemessener Trennwert für die
noch gar Ausschlusskriterien für mögliche weitere oder andere Per- Feststellung des Merkmals psychopathy hat sich im deutschen
sönlichkeitsstörungen dar; d. h., auch anderweitige (z. B. fremdana- Sprachraum ein Summenwert von 25 Punkten herausgestellt (Mok-
mnestische) Informationen oder der Eindruck aus der Verhaltens- ros et al. 2013c). Ebenso wie bei anderen Persönlichkeitsstörungen
beobachtung sollten Grundlage sein, um mögliche diagnostische erscheint auch in Bezug auf psychopathy die Ersetzung von Fremd-
Kriterien für Persönlichkeitsstörungen im Interview eingehend zu beurteilungs- durch Selbstberichtsverfahren (wie die deutsche Fas-
erfragen. sung des revidierten Psychopathic Personality Inventory von Alpers
3.3 Anwendung 39

und Eisenbarth 2008) als nicht zielführend. Zwar verweist eine Me- Struktur: Ihre Ergebnisse können vom Probanden nicht i. S. positi-
taanalyse im Forschungskontext auf eine Unabhängigkeit zwischen ver Eindrucksbildung verfälscht werden. Andererseits sind die
selbstberichteten Psychopathy-Eigenschaften von sozial erwünsch- Werte auf entsprechenden Skalen nur so aussagekräftig, wie es der
ten Antworttendenzen, allerdings stellen die Autoren jener Studie Detailreichtum und die Fülle der vorliegenden Informationen zum
fest, dass dies keineswegs für forensische Fragestellungen gelten Tatbild erlaubt.
müsse (Ray et al. 2013).
Schließlich ist denkbar, dass Fremdbeurteilungsverfahren in Be-
zug auf das Tatverhalten für die forensisch-psychiatrische Diag- Kriminalprognostische Beurteilungsskalen
nostik und Prognostik an Bedeutung gewinnen werden (Osterhei-
der und Mokros 2006). In den letzten Jahren sind entsprechende Einer Umfrage von Rettenberger (2013) zufolge war die im voran-
Skalen für die Diagnostik sexueller Präferenzstörungen, konkret: gegangenen Absatz erwähnte PCL-R in Deutschland das am häu-
Pädophilie (Seto und Lalumière 2001; Dahle et al. 2014) und Sadis- figsten verwendete kriminalprognostische Verfahren unter befrag-
mus (Mokros et al. 2014a) entwickelt worden, ebenso wie für die ten Personen, die im Rahmen ihrer beruflichen Tätigkeit Kriminal- 3
Abschätzung des Risikos erneuter Delinquenz bei Sexualstraftätern prognosen erstellen. Dies scheint insofern gerechtfertigt zu sein, als
(Dahle et al. 2010). Die Screening Scale for Pedophilic Interests das Risiko erneuter Gewaltdelikte bei Straftätern im deutschen
(SSPI) von Seto und Lalumière (2001) soll abzuschätzen erlauben, Sprachraum um das 2½-Fache erhöht ist, wenn die Betreffenden
ob bei einem Probanden möglicherweise eine pädophile Neigung mindestens 25  Punkte in der PCL-R aufweisen (Mokros et al.
vorliegt. Hierfür werden vier Kriterien anhand der aktenkundigen 2014b); ebenso wie im internationalen Schrifttum berichtet, verfügt
Informationen über die einschlägigen Delikte von Personen co- die PCL-R auch im deutschsprachigen Raum über eine mittelgradi-
diert, die sexuelle Missbrauchsdelikte an Kindern begangen haben: ge Effektstärke (d  = 0,60) im Hinblick auf erneute Gewaltdelin-
mindestens ein männliches Opfer, mehr als ein Opfer, mindestens quenz.
ein Opfer im Alter von 11 Jahren oder darunter sowie mindestens Im Unterschied zur psychodiagnostisch begründeten PCL-R
ein Opfer außerhalb der (erweiterten) Familie des Probanden. Als wurden andere Verfahren spezifisch für die Abschätzung des Risi-
vorhanden gewertete Merkmale werden jeweils mit 1 Punkt gewer- kos für erneute Gewalt- und/oder Sexualstraftaten entwickelt. Ei-
tet; lediglich das Item „männliches Opfer“ gibt 2 Punkte, sodass der nen Überblick bieten Rettenberger und von Franqué (2013). Im
Höchstwert in der SSPI 5 Punkte beträgt.3 Hinblick auf die Einhaltung testpsychologischer Gütekriterien so-
Die Beurteilerübereinstimmung bei der Codierung entsprechen- wie das Vorliegen geeigneter Norm- oder Vergleichsdaten aus dem
der Tatverhaltensweisen ist für die Sexueller-Sadismus-Skala (Se- deutschsprachigen Raum erscheint die folgende Auswahl an Ver-
SaS; Mokros et al. 2014a) und für die Screening-Skala Pädophilen fahren für die forensisch-psychiatrisch/-psychologische Beurtei-
Tatverhaltens (Dahle et al. 2014) als gut zu bezeichnen; ebenso erga- lung zielführend: Bei Personen, die wegen einer Gewaltstraftat kri-
ben sich Hinweise für die konvergente Validität mit anderweitigen minalprognostisch zu beurteilen sind, sollten der VRAG, die PCL-R
Verfahren bzw. mit klinischen Diagnosen, teilweise auch Hinweise und das HCR-20 (Version 3) durchgeführt werden; bei Personen,
auf inkrementelle Validität gegenüber bestehenden Verfahren (so die wegen einer Sexualstraftat kriminalprognostisch zu beurteilen
z. B. beim Tatbild-Risiko-Score, Dahle et al. 2010). Gleichwohl feh- sind, ist die Durchführung des Static-99 (alternativ: des SORAG),
len noch Angaben zur Reliabilität i. S. der internen Konsistenz so- der PCL-R und ggf. der Verfahren Stable-2007 und Acute-2007 zu
wie externe Kreuzvalidierungen der genannten Tatverhaltensska- empfehlen.
len. Ein Vorteil solcher Tatverhaltensskalen ist ihre nichtreaktive
Gewaltrisiko
Der Violence Risk Appraisal Guide (VRAG; Quinsey et al. 2006) in
3 Seto und Lalumière (2001) berichteten in ihrer Studie, dass für 1.113 Miss- der Übersetzung von Eher und Rettenberger (2011) oder von Ross­
brauchstäter aus Kanada physiologische Daten zur sexuellen Erregbarkeit egger et al. (2009) ist ein aktuarisches Verfahren zur Einschätzung
durch kindliche Stimuli vorgelegen hätten. Aufgrund dieser Daten sei eine
Zuordnung zu den diagnostischen Untergruppen „pädophil“ bzw. „nicht pä- des künftigen Risikos für Gewaltdelinquenz. Der Begriff aktuarisch
dophil“ möglich. Zudem seien 206 mutmaßlich nicht pädophile Vergleichspro- bedeutet in diesem Zusammenhang, dass aus bestimmten Risiko-
banden (112 Nicht-Straftäter und 94 Vergewaltiger mit erwachsenen Opfern) merkmalen eine gewichtete Summe erstellt wird, um die Wahr-
untersucht worden. Legt man nun einen Trennwert zugrunde, bei dem 90 % scheinlichkeit erneuter Gewaltdelikte abzuschätzen. Einem Einzel-
der Vergleichsprobanden korrekt als nicht pädophil klassifiziert wurden (Spe- faktor kommt dabei ein umso größeres Gewicht zu, je stärker er in
zifität  = 90 %), so würde insgesamt gut ein Viertel (27 %) der Kindesmiss-
braucher aufgrund der physiologischen Messung als pädophil eingestuft. Unter der Entwicklungsstudie zum VRAG mit Rückfälligkeit assoziiert
denjenigen mit SSPI-Kennwerten ≥ 4 ist die Quote der mutmaßlich Pädophilen war. Je nach Ausprägung der Probandeneigenschaften im Hinblick
deutlich höher (45 %) als in der Gesamtgruppe. Der LR+-Wert beträgt 2,2, was auf zwölf Beurteilungskriterien (u. a. Alkoholprobleme in der Vor-
immerhin einer geringen Effektstärke im Hinblick auf die Bestätigung der Diag- geschichte, Familienstand zum Zeitpunkt des Indexdelikts, Vorlie-
nose entsprechen würde; der Wert für LR– zum Ausschluss der Diagnose wäre gen einer Persönlichkeitsstörung, einer Schizophrenie oder von
hingegen mit 0,63 nicht der Rede wert. Allerdings ist die Wahl der physio-
logischen Methode der Penis-Plethysmografie als diagnostisches Referenzver- psychopathy) errechnet sich ein gewichteter Summenwert. Die
fahren suboptimal, weil die Penis-Plethysmografie nicht immun ist gegenüber Punkteskala zur Bewertung des VRAG unterscheidet sich von den
Verfälschungstendenzen (Marshall 2014). Skalen anderer Prognoseinstrumente, weil sie auch negative Werte
40 3  Standardisierte und psychometrische Untersuchungsverfahren in der forensisch-psychiatrischen Begutachtung

umfasst, nämlich im Fall von Merkmalen, die als kriminalprotekti- Insofern handelt es sich beim HCR-20 (Version 3) um ein struktu-
ve Faktoren zu werten sind. Es können Summenwerte zwischen riertes professionelles Beurteilungsverfahren, das insoweit etwa mit
−26 und 38 erzielt werden. Beispielsweise führt das Vorliegen einer der Kriterienliste nach Dittmann (1999; s. Bauhofer et al. 2000) ver-
Schizophreniediagnose zu einem geringeren Summenwert (also ei- gleichbar ist. Das Vorliegen der in den 20  Items beschriebenen
ner nominell geringeren Risikoschätzung), weil die schizophrenen Sachverhalte wird jeweils über drei mögliche Bewertungen abgebil-
Personen in der Entwicklungsstichprobe des VRAG im Mittel eine det, mit den Codierungsmöglichkeiten nein, vielleicht und ja. Zu-
geringere Rückfallrate aufwiesen als die übrigen Personen. dem wird die Relevanz einzelner Kriterien als niedrig, mittelgradig
Je nach der Höhe des Summenwerts wird der Proband in eine oder hoch eingeschätzt.
von neun Risikokategorien eingeordnet. Auf empirischer Grundla- Nach Maßgabe einer internationalen Metaanalyse (Yang et al.
ge wurden für entlassene Straftäter innerhalb dieser Kategorien be- 2010) erwies sich die Version 2 des HCR-20 im Vergleich mit acht
zogen auf einen Zeitraum von 7  Jahren Rückfallquoten zwischen anderen Risikoprognoseverfahren (darunter auch der VRAG und
0 % (niedrigste Kategorie 1) und 100 % (höchste Kategorie 9) gefun- die PCL-R) als tauglichstes Maß zur Abschätzung des Risikos künf-
3 den (Quinsey et al. 2006). Dabei sind die einzelnen Kategorien un- tiger Gewaltdelikte. Basierend auf 16 Einzelstudien mit einem Ge-
terschiedlich stark belegt: Die meisten Straftäter sind den mittleren samtstichprobenumfang von 4.161 Personen lag die mittlere Effekt-
Risikokategorien zuzuordnen. Der VRAG wurde von Harris et al. stärke für das HCR-20 in der Studie von Yang et al. (2010) bei d =
(1993) anhand empirischer Daten entwickelt, die aus der Nachbe- 0,79, was einem substanziellen Effekt entspricht; die Effektstärken
obachtung einer Stichprobe von 618 männlichen Rechtsbrechern für die PCL-R (0,55) und den VRAG (0,68) waren niedriger, jedoch
generiert wurden, welche aus einer forensisch-psychiatrischen Ein- im Fall des VRAG nicht in einem statistisch bedeutsamen Maß.
richtung in Kanada entlassen worden waren. Nach 7 Jahren waren Die Beurteilerübereinstimmung für den HCR-20 (Version 3)
31 % von ihnen mit Gewalttaten rückfällig geworden, wobei als Kri- wurde – gemessen am Korrelationskoeffizienten in Klassen (.94) in
terium für Deliktrückfälle sowohl erneute Verurteilungen als auch einer schwedischen Stichprobe  –  als hervorragend bezeichnet
erneute Anklagen wegen Gewaltstraftaten gezählt wurden. (Douglas und Belfrage 2014); ebenso wurde die Übereinstimmung
Ursprünglich in Kanada entwickelt, liegen mittlerweile empiri- mit der Vorversion aufgrund derselben Stichprobe als sehr hoch be-
sche Überprüfungen des VRAG auch an deutschsprachigen Straftä- wertet (r = .85). Allerdings muss beachtet werden, dass für derlei
terstichproben vor, die dem VRAG eine zufriedenstellende bis gute Überprüfungen von Objektivität und Validität der HCR-20 streng
Validität bescheinigen, u. a. die Studien von Kröner et al. (2007; N = genommen entgegen den Vorgaben im Manual verwendet wird, in-
113 deutsche Gewaltstraftäter) und Urbaniok et al. (2006; N = 79 dem zur Quantifizierung Summenwerte gebildet werden.
schweizerische Gewalt- und Sexualstraftäter). Maßgeblich für die
Abschätzung des Risikos erneuter Gewaltdelikte ist jedoch die Stu-
Risiko erneuter Sexualdelikte
die über 206 entlassene Straftäter aus dem Kanton Zürich, deren
Legalbewährung nach 7 Jahren nachuntersucht wurde (Rossegger Beim Static-99 handelt es sich um ein von Hanson und Thornton
et al. 2014). Der Standardmessfehler für den VRAG wird mit ± 1 Ri- (2000) entwickeltes aktuarisches Verfahren zur Beurteilung des Ri-
sikokategorie angegeben (Harris et al. 2008). Die Beurteilerüberein- sikos zur Begehung erneuter Sexualdelikte bei Sexualstraftätern.
stimmung liegt, ausweislich der Übersicht von Rossegger et al. Eine deutsche Übersetzung der aktualisierten Fassung des Verfah-
(2013), im guten bis hervorragenden Bereich (sämtliche berichte- rens (Harris et al. 2003) haben Rettenberger und Eher (2006) vorge-
ten κ-Werte > .60). legt. Der Static-99 besteht aus 10  Merkmalen, die teilweise binär
Ergänzend zum (aktuarischen) VRAG sollte ein strukturiertes (0/1), teilweise mehrkategorial beurteilt werden, wobei die Kenn-
professionelles Beurteilungsinstrument durchgeführt werden, z. B. werte der zehn Items zu einem Gesamtwert addiert werden, der von
das History Clinical Risk-20 (HCR-20, Version 3; Douglas et al. 0 bis 12 reicht. Nach Höhe des Gesamtwerts wird ein Proband in
2013). Wie die vorherige Version (Webster et al. 1997/1998) um- eine von vier Risikokategorien eingeordnet („niedriges“, „niedriges
fasst das HCR-20 20 Items zu Risikofaktoren, die eine Vorhersage bis durchschnittliches“, „durchschnittliches bis hohes“ oder „ho-
von Gewaltstraftaten ermöglichen sollen, es kann aber im Unter- hes“ Rückfallrisiko). Nach Maßgabe vorliegender Studien aus dem
schied zur Vorgängerversion nicht nur bei psychisch Kranken (von deutschsprachigen Raum ist die prädiktive Validität des Verfahrens
Franqué 2013), sondern allgemeiner zur Beurteilung von Proban- im Hinblick auf die Begehung erneuter Sexualdelikte als gut zu be-
den im strafrechtlichen Kontext eingesetzt werden (Douglas et al. zeichnen, insofern als jeweils hohe Effektstärken (AUC ≥ .71) fest-
2013). Dabei werden Aspekte aus der Vergangenheit (Bereich H für gestellt wurden (s. hierzu die Übersicht von Eher und Rettenberger
History, 10 Items), der Gegenwart (Bereich C für Clinical, 5 Items) 2013). Bei einem Vergleich der Codierungen von Experten mit je-
und zu erwartende künftige Risikoszenarien (Bereich R für Risk, nen von Praktikern ergaben sich in einer nordamerikanischen Stu-
5 Items) berücksichtigt. die (Quesada et al. 2013) für alle Items substanzielle κ-Koeffizienten
Das HCR-20 (Version 3) sieht weder die Vergabe von Punktwer- (> .60), davon für zwei Items sogar sehr hohe κ-Werte (> .80); für
ten vor, noch enthält es definierte Grenzwerte, ab denen von einer den Summenwert ergab sich, gemessen am Korrelationskoeffizien-
Gefahr auszugehen ist. Vielmehr dient es dazu, in strukturierter ten in Klassen in Höhe von .92, ein hervorragender Grad an Über-
und manualgeleiteter Form prognostisch relevante Problemberei- einstimmung. Der SEM des Static-99 wird mit 1,08 Punkten ange-
che abzuklären und auf der Basis der dabei gewonnenen Erkennt- geben, basierend auf nordamerikanischen Normdaten (Hanson et
nisse Risiken und Interventionsmöglichkeiten zu verdeutlichen. al. 2014). Entsprechende Schätzungen des SEM sind im deutsch-
3.3 Anwendung 41

sprachigen Raum nach Kenntnis des Autors bislang noch nicht pu- 100
bliziert worden. Als Normwerte können im deutschsprachigen Be-

Individuelle Wahrscheinlichkeit in Prozent


reich die Stichprobendaten österreichischer Sexualstraftäter von
Eher et al. (2012, 2013) herangezogen werden. 80
Als Alternative zum Static-99 kann auch der Sex Offender Risk hohes Risiko
Appraisal Guide (SORAG; Quinsey et al. 2006) verwendet werden,
der im Unterschied zum Static-99 nicht nur auf Rückfälle mit Sexu- 60
aldelikten, sondern allgemeiner auf Rückfälle in Form von Sexual-
und/oder Gewaltstraftaten geeicht ist. Vom Aufbau her entspricht
der SORAG weitgehend dem VRAG. Deutschsprachige Übersetzun- 40
gen des SORAG haben Rettenberger und Eher (2007) sowie Rosseg-
ger et al. (2010) vorgelegt. Als Normwerte kommen die von Retten-
berger et al. (2009) vorgelegten Stichprobendaten österreichischer 20 3
geringes Risiko
Sexualstraftäter infrage.
Um ergänzend Aufschluss über langfristig oder kurzfristig verän-
derbare Risikomerkmale geben zu können, empfiehlt es sich, bei 0
0 20 40 60 80 100
der Begutachtung von Sexualstraftätern ggf. auch die Verfahren
Basisrate in Prozent
Stable-2007 (Hanson und Harris 2007b; dt. von Matthes und Ret-
tenberger 2008b; vgl. Matthes und Eher 2013b) bzw. Acute-2007 Abb. 3.1  Nomogramm zur Bewertung des individuellen Rückfallrisikos, relativ
(Hanson und Harris 2007a; dt. von Matthes und Rettenberger zur Basisrate
2008a; vgl. Matthes und Eher 2013a) einzusetzen.
von 10 % Basisrate auf 18 % individuelles Risiko (Anstieg) bzw. auf
5 % individuelles Risiko (Reduktion).4 Analog wäre bei einer
Ergebnisinterpretation
20-prozentigen Basisrate bei einem Anstieg auf mindestens 33 %
Wichtig ist im Hinblick auf die Interpretation der Ergebnisse von von einem hohen, bei einer Reduktion auf 11 % oder weniger von
strukturierten oder aktuarischen Verfahren v. a. die Frage, ab wann einem geringen Risiko auszugehen. Die zwischen den Grenzwerten
ein ermitteltes Gewaltrisiko als niedrig, mittelgradig oder hoch zu für hohes und niedriges Risiko liegenden Bereiche wären demnach
erachten ist, zumal wenn der Test selbst keine entsprechende Vor- als Ausdruck eines mittelgradigen Risikos aufzufassen. Zur Schät-
gabe macht (vgl. Monahan und Silver 2003). Vereinzelt wird in der zung der Basisrate kann die durchschnittliche Rückfallquote der
juristischen Literatur darauf rekurriert, ein hohes Risiko sei dann Eichstichprobe des jeweiligen aktuarischen Verfahrens herangezo-
gegeben, wenn die Wahrscheinlichkeit für das Eintreten des Scha- gen werden. › Abb. 3.1 veranschaulicht die Vorgehensweise.
densereignisses höher sei als die komplementäre Wahrscheinlich- Ein Beispiel: Ein Proband aus dem Kanton Zürich werde mit dem
keit seines Nichteintretens, also mehr als 50 % betrage (vgl. Janus VRAG ( Quinsey et al. 2006) beurteilt und der Risikokategorie 2 zu-
und Meehl 1997). Ein Vergleich veranschaulicht die Irrationalität geordnet. Für Personen in der Risikokategorie 2 habe sich in einer
dieser Setzung: Die jährliche Neuerkrankungsrate an Leukämie be- Validierungsstudie eine 10-prozentige Rückfallquote ergeben, be-
trage 4 von 100.000 (oder 0,04 ‰). Selbstverständlich käme man zogen auf einen Zeitraum von 7 Jahren; für die Gesamtgruppe habe
nicht erst bei einem Anstieg der Neuerkrankungsrate auf mehr als die Rückfallquote 18 % betragen (Rossegger et al. 2014). Indem wir
50 % auf die Idee, dass sich das Erkrankungsrisiko erhöht habe, die 18 % als Basisrate heranziehen und mit der zu erwartenden
sondern bereits dann, wenn es sich als deutlich höher erweist als die 10-prozentigen Rückfallwahrscheinlichkeit für eine dem Proban-
übliche Jahresrate. den analoge Untergruppe vergleichen, ergibt sich eine Reduktion
Entsprechend müsste man das Gewaltrisiko in einem gegebenen der Chance um die Hälfte.5 Demnach wäre das Gewaltrisiko im
Fall dann als bedeutsam erhöht (oder als eindeutig verringert) auf- konkreten Fall, nach Maßgabe des VRAG, als niedrig zu bezeich-
fassen, wenn es erkennbar höher (niedriger) wäre als die im Vorhi- nen. Eine ähnliche Vorgehensweise, basierend auf dem relativen
nein ohne Kenntnis der Besonderheiten des Einzelfalls zu besor- Risiko, haben Hanson et al. (2013) am Beispiel des Static-99 vorge-
gende Rückfallwahrscheinlichkeit. Diese A-priori-Wahrscheinlich- schlagen.
keit wiederum wird am ehesten über die relative Häufigkeit von
Schadensereignissen in einer geeigneten Vergleichsgruppe ge-
schätzt – also über die Basisrate von Deliktrückfällen in einem ge- 4 Man beachte, dass die Einheit für LR+ und LR– nicht Wahrscheinlichkeiten,
eigneten Kollektiv. Wie das obige Krankheitsbeispiel veranschau- sondern Chancen (engl.: odds) sind. So entspricht die Chance für eine 10-pro-
licht, ist dabei aber auch der Zeitraum festzulegen, auf den sich die zentige Wahrscheinlichkeit dem Wert 1/9 (oder 1 zu 9), denn .10/(1−.10) =
1/9 (oder .11). Die Verdoppelung dieser Chance beträgt dann 2/9 (oder 2 zu
Aussage beziehen soll. Doch wann ist ein Unterschied gegenüber
9 bzw. .22), was wiederum einer Wahrscheinlichkeit von (2/9)/(1 + 2/9) = .18
der Basisrate erheblich? Eine mögliche Orientierung bieten die Ef- (bzw. 18 %) entspricht.
fektstärkemaße in › Tab. 3.1. Demnach würde ein geringfügiger 5 18 % entspricht einer Chance von 18 zu 82 (bzw. .22). Eine Halbierung auf
Effekt, gemessen an LR+ bzw. LR–, zumindest eine Verdoppelung 9 zu 82 (bzw. .11) wiederum entspricht einer Wahrscheinlichkeit von 10 %:
oder Halbierung der Chance für einen Rückfall erfordern, also etwa (9/82)/(1 + 9/82).
42 3  Standardisierte und psychometrische Untersuchungsverfahren in der forensisch-psychiatrischen Begutachtung

Schließlich ist es empfehlenswert, bei der Anwendung von aktua- et al. 2000) oder das History Clinical Risk-20 (HCR-20; Webster et
rischen Risikoprognoseverfahren, aber auch bei Verwendung der al. 1998), sofern ohne numerische Codierung verwendet, fehlen An-
PCL-R oder strukturierter professioneller Beurteilungsinstrumente gaben zur Reliabilität und Normierung; allerdings war eine Nor-
wie dem HCR-20 oder der Dittmann-Liste, im schriftlichen Gutach- mierung von den Autoren der entsprechenden Verfahren auch
ten jeweils kurz zu dokumentieren, warum man welche Items wie nicht intendiert.
bewertet hat. Tatsächlich kommt es vor, dass Gerichte die ermittel- Boetticher et al. (2009, 479) führten weiterhin aus, es sei „[…] in
ten Summenwerte in Zweifel ziehen, so z. B. in der Entscheidung des keinem Fall gerechtfertigt, Prognoseentscheidungen auf Grund irgend-
Bundesgerichtshofs (BGH) 3 StR 69/10. Hier erschien den Mitglie- eines Punktwertes zu treffen oder Prognoseentscheidungen mit einem
dern des 3. Strafsenats des BGH nicht nachvollziehbar, wie es im Punktewert zu begründen“. Dieser Einwand lässt sich aus der Litera-
Static-99 zur Vergabe von 7 Punkten und der Einstufung in die Kate- tur ebenso wenig begründen wir der vorgenannte. Vielmehr zeigt der
gorie „hohes Risiko“ habe kommen können, wenn aus den Feststel- Vergleich der Trefferquote von aktuarischen Instrumenten zur Kri-
lungen des Landgerichts nur 1  Punkt ersichtlich würde. Auch um minalprognose mit oder ohne die Möglichkeit einer Anpassung nach
3 dem Vergleich mit den (möglicherweise kontrastierenden) Ein- klinischen Plausibilitätserwägungen, dass entsprechende Anpassun-
schätzungen anderer Sachverständiger fundiert begegnen und eine gen die Treffgenauigkeit der Verfahren verwässern (Hanson und
Transparenz der Ergebnisse für künftige Beurteiler gewährleisten zu Morton-Bourgon 2009; Storey et al. 2012; Wormith et al. 2012).
können, ist eine Dokumentation der Begründung für die konkrete Meehl (1998, 3, eig. Übers.) äußerte sich zur Frage der Anpassung
Bewertung einzelner Items geboten. So legte eine Untersuchung von aktuarischer Ergebnisse wie folgt: „Wenn die Regressionsgleichung
Murrie et al. (2008) eine selektive Parteinahme von Sachverständi- oder aktuarische Tabelle vorhersagt, dass Jones aus der Pilotenausbil-
gen bei Verwahrungsfällen im US-amerikanischen Bundesstaat Te- dung herausfallen wird, und meine impressionistische Beurteilung
xas nahe, je nachdem, ob die Betreffenden im dortigen adversari- besagt, dass er Erfolg haben wird, wie kann ich ‚beides benutzen‘?
schen Rechtssystem von Vertretern der Anklagebehörde oder von Schneide ich Jones in Hälften, wie von König Salomo empfohlen? […]
der Verteidigung beauftragt worden waren (s. hierzu auch Lloyd et Angenommen, die Gleichung besagt, dass Patient X von einer Elektro-
al. 2010). Im Sinne der Nachprüfbarkeit der Stringenz und Objekti- schocktherapie profitieren wird, aber der Psychiater glaubt, dass dies
vität prognoserelevanter Einschätzungen erscheint eine Darlegung nicht der Fall sei. Verwenden wir als Kompromiss nur halb so viel
der Anknüpfungstatsachen und Befunde unerlässlich. Gleichzeitig Volt wie eigentlich erforderlich, um einen zerebralen Krampfanfall zu
sollte diese Transparenz nicht dazu führen, vor Gericht darum zu induzieren?“ Demnach sollte es bei der Verwendung aktuarischer
feilschen, bestimmte Summenwerte nach oben oder unten zu verän- Verfahren vornehmlich darum gehen, die Ergebnisse korrekt zu in-
dern. Hierfür ist die besondere Sachkunde des Sachverständigen terpretieren und in den Kontext anderer Informationsquellen zu
ausschlaggebend, die durch das Studium erworben, im Beruf vertieft setzen, nicht aber um die Veränderung der Aussage als solcher auf-
und ggf. durch Weiterbildung oder Schulung für bestimmte Verfah- grund anderweitiger Eindrücke. Eine praktikable Vorgehensweise
ren verfeinert worden ist. Ob ein diagnostischer Laie z. B. das Merk- stellt in diesem Zusammenhang die von Dahle (2010) vorgeschlage-
mal „oberflächlicher Affekt“ aus der PCL-R anders bewerten würde ne integrative Methodik der Kriminalprognose dar.
als der Sachverständige, ist demgegenüber unerheblich. Zwar messen Instrumente zur Kriminalprognose im Unterschied
zu psychologischen Selbstberichtsfragebogen oder Leistungstests
u. U. kein einheitliches (oder besser: eindimensionales) Konstrukt.
Sind Kriminalprognoseinstrumente psychometrische
Ihre Ursachen liegen nicht nur in den schriftlichen Aussagen (wie
Testverfahren?
beim Fragebogen) oder aktuellen Reaktionen des Probanden (wie bei
Boetticher et al. (2009) vertreten den Standpunkt, wonach standar- Leistungstests), sondern teilweise in der Kombination biografischer
disierte Instrumente zur Kriminalprognose nicht wie psychometri- Angaben und psychopathologischer Bewertungen. Nichtsdestotrotz
sche Tests konstruiert seien. So sei es z. B. nicht möglich, den Kenn- müssen sich standardisierte Untersuchungsinstrumente an den oben
wert eines solchen Prognoseverfahrens „[…] unter Angabe der dargestellten Haupt- und Nebengütekriterien messen lassen, insb.
Messgenauigkeit des benutzten Verfahrens zu einer statistischen also daran, ob Objektivität, Reliabilität und Validität als gegeben an-
Norm in Beziehung [zu] setzen […], die aus einer Eichstichprobe ge- genommen werden können und ob geeignete Vergleichsdaten zur
wonnen wurde“ (2009, 480). Dieser Einwand ist mitnichten nach- Verfügung stehen. Von daher sind strukturierte Instrumente zur Kri-
vollziehbar, weil für aktuarische Prognoseverfahren, wie weiter minalprognose sehr wohl psychometrische Testverfahren und in
oben dargelegt, sehr wohl Angaben zur Reliabilität, Validität und dem Maße als wissenschaftlich fundiert zu bezeichnen, indem sie die
Normierung vorliegen. Beispielsweise sind für den VRAG (Quinsey Anforderungen der vorgenannten Gütekriterien erfüllen.
et al. 2006) nicht nur Angaben zur Reliabilität (Harris et al. 2008)
und Validität verfügbar (z. B. Eisenbarth et al. 2012; Kröner et al.
Ist eine Einordnung von Einzelfallergebnissen anhand
2006; Urbaniok et al. 2006), sondern eben auch Normtabellen, die
von Gruppendaten statthaft?
eine Quantifizierung des Rückfallrisikos erlauben (Quinsey et al.
2006; Rossegger et al. 2014). Allenfalls für Verfahren, die als struk- Faigman et al. (2014) unterscheiden bei Aussagen von Sachverstän-
turierte professionelle Beurteilungsverfahren zur Kriminalprogno- digen zwischen Rahmenbefunden und diagnostischen Aussagen.
se bezeichnet werden, ohne die Kriterien eines aktuarischen Ver- Während erstere als Wiedergabe empirischer Sachverhalte weitge-
fahrens zu erfüllen, also etwa für die sog. Dittmann-Liste (Bauhofer hend unstrittig sind (Beispiel: Wie wahrscheinlich ist es, dass die
3.3 Anwendung 43

Exposition mit Stoff X die Erkrankung Y nach sich zieht?), erweist beit von Hart et al. (2007) zu diesem Thema in der juristischen Lite-
sich die Übertragung von Stichprobendaten auf Einzelfälle i. S. ei- ratur verschiedentlich als vermeintlicher Beleg dafür angeführt,
ner deduktiven Schlussfolgerung (Syllogismus: Alle Personen mit dass einzelfallbezogene Aussagen anhand von kriminalprognosti-
den Merkmalen/Eigenschaften A haben B. Der Proband hat die schen Verfahren nicht mit der gebotenen Präzision möglich seien
Merkmale/Eigenschaften A. Also hat der Proband auch B.) potenzi- (Boetticher et al. 2009; Tondorf und Tondorf 2011).
ell als irreführend, zumal wenn die erste Prämisse (Alle Personen Anstelle einer Quantifizierung des Rückfallrisikos, wie sie aktua-
mit den Merkmalen/Eigenschaften A haben B) bereits eine Wahr- rische Verfahren bedingen würden, verlegen sich Hart und Cooke
scheinlichkeit beinhaltet (etwa: 60 % der Personen mit den Merk- (2013, auch: Hart, persönl. Mitteilung, 3.3.2014) auf beschreibende
malen/Eigenschaften A haben B), sodass die Schlussfolgerung nur Aussagen zur Rückfallgefährdung. Da sie Wahrscheinlichkeitsaus-
bedingt aus den Prämissen folgt (zum sog. „prognostische[n] Syllo- sagen nicht für statthaft halten, beschränken sie sich auf grobe Ein-
gismus“ s. Marschner et al. 2010, 51). teilungen i. S. eines geringen, mittleren oder hohen Risikos für er-
David Cooke, Stephen Hart und Kollegen haben in den letzten neute Delikte oder auf Rangunterschiede (höher als, niedriger als).
Jahren den Standpunkt vertreten, Rückschlüsse auf Einzelfälle aus Hierdurch wäre es aber nicht mehr möglich, die Bedeutsamkeit von 3
Stichprobendaten seien nicht statthaft, weil sie viel zu unpräzise Unterschieden hinsichtlich des Rückfallrisikos sinnvoll zu interpre-
seien, v. a. in kriminalprognostischer Hinsicht (Hart et al. 2007; tieren. Wie Hájek (2007, 583, eig. Übers., Hervorhebung im Origi-
Cooke und Michie 2010; Hart und Cooke 2013). Obwohl die metho- nal) darlegt: „Wir sollten akzeptieren, dass es da draußen nur RELA-
dische Unzulänglichkeit der statistischen Analysen, mit denen Hart TIVE Wahrscheinlichkeiten gibt. […] Wahrscheinlichkeitsaussagen
und Kollegen ihre Auffassung vorgeblich untermauert haben, von sind aufgrund ihrer Natur an sich immer RELATIVIERT“.
Scurich und John (2012) bereits schlüssig dargelegt wurde, behar- Letztlich erscheint es am ehesten plausibel, die Wahrscheinlich-
ren Hart und Cooke (2013) weiterhin auf ihrem Standpunkt. Kon- keitsangaben aus aktuarischen Tabellen im erkenntnistheoreti-
kret behaupteten Hart und Cooke (2007) am Beispiel der aktuari- schen Sinne als subjektive Wahrscheinlichkeiten aufzufassen
schen Prognoseverfahren VRAG (Quinsey et al. 2006) und Static-99 (­Gillies 2000). Damit sind sie nicht im naturwissenschaftlichen Sin-
(Hanson und Thornton 2000), Cooke und Michie (2010) anhand ne wahr oder objektiv, sondern spiegeln Grade des individuellen
der revidierten Psychopathy Checklist (PCL-R) von Hare (2003) so- Überzeugtseins wider, die allerdings kohärent sein (also die Regeln
wie Hart und Cooke (2013) anhand des Sexual Violence Risk-20 der Wahrscheinlichkeitsrechnung befolgen) müssen. Die Grade des
(Boer et al. 2000), die Vertrauensintervalle für Individualprognosen Überzeugtseins von verschiedenen komplementären Ereignissen
seien bei den betreffenden Verfahren so breit, dass sie keineswegs sind dann kohärent, wenn niemand beim Wetten so dagegenhalten
als Grundlage für Einzelfallentscheidungen herangezogen werden könnte, dass er stets gewinnen würde. Beispielsweise wäre es inko-
sollten. Beispielsweise habe sich, bezogen auf die PCL-R, für einen härent, für einen möglichen Gewinn von jeweils 100 Euro simultan
Messwert von 25  Punkten ein 95-prozentiges Vertrauensintervall die folgenden zwei Wetten abzuschließen: Silberstrahl gewinnt das
im Hinblick auf die Wahrscheinlichkeit von Gewaltrückfällen erge- 17-Uhr-Rennen für einen Einsatz von 30 Euro, und Silberstrahl ver-
ben, das von 0 % bis 99 % gereicht habe (Cooke und Michie 2010). liert das 17-Uhr-Rennen für einen Einsatz von 80  Euro. Gewinnt
In der ersten einschlägigen Arbeit (Hart et al. 2007) wandten die Silberstrahl das Rennen, mache ich 10 Euro Verlust (70 Euro Ge-
Autoren eine Formel zur Schätzung von Konfidenzintervallen für winn aus der ersten Wette minus 80 Euro Wetteinsatz aus der zwei-
Gruppendaten in unzulässiger Weise auf Einzelfalldaten an, worauf ten Wette). Verliert Silberstrahl das Rennen, mache ich ebenfalls
Mossman und Sellke (2007) hingewiesen haben. Zudem wurde die 10  Euro Verlust (20  Euro Gewinn aus der zweiten Wette minus
Methodik, die von Hart et al. (2007) sowie von Cooke und Michie 30 Euro Wetteinsatz aus der ersten Wette).
(2010) verwendet wurde, durch Hanson und Howard (2010) dahin- Häufigkeitsbasierte Definitionen von Wahrscheinlichkeit in der
gehend kritisiert, dass die unterschiedlichen Aufgabenstellungen Tradition von von Mises (1928, 13) stellen die prinzipielle Gültigkeit
statistischer (Parameter-)Schätzung und statistischer Vorhersage von Einzelfallwahrscheinlichkeiten in Abrede: „Von der Sterbens-
verwechselt worden seien. Wie Scurich und John (2012) näher aus- wahrscheinlichkeit eines bestimmten Individuums, und mag von ihm
führen, ist es jedoch grundsätzlich irrelevant, für Einzelfälle – wie noch so viel bekannt sein, können wir nicht nur nichts aussagen, son-
von Hart et al. (2007) praktiziert – Konfidenzintervalle anzugeben, dern dieser Ausdruck hat für uns überhaupt keinerlei Sinn. […] Die
da Konfidenzintervalle den Bereich angeben, in dem sich ein Popu- Definition [Anm.: von Wahrscheinlichkeit], die wir geben werden,
lationsparameter bei wiederholter Stichprobenziehung mit gegebe- kennt überhaupt nur die ‚Wahrscheinlichkeit eines Merkmals inner-
ner Wahrscheinlichkeit befinden wird. Für Einzelfälle hingegen, so halb eines gegebenen Kollektivs.‘“. Der subjektive Wahrscheinlich-
Scurich und John (2012), müssten Bayes'sche Kredibilitätsinter- keitsbegriff hingegen setzt voraus, dass die Einzelfallwahrscheinlich-
valle angegeben werden. Tatsächlich liegt eine Schätzung des keit mit der relativen Häufigkeit einer geeigneten Vergleichsgruppe
95-prozentigen Kredibilitätsintervalls für Gewaltrückfälle auf gleichgesetzt wird, sofern noch keine weitergehenden Informatio-
Grundlage eines PCL-R-Summenwerts von 25  Punkten zwischen nen vorliegen (Gillies 2000, 120; Howson und Urbach 2006, 77).6
38 % und 50 % (Mokros et al. 2014b) – weitaus schmaler als das In-
tervall von [0 %, 99 %], das Cooke und Michie (2010) angegeben
haben. Bezeichnenderweise berücksichtigen Hart und Cooke (2013) 6 Vgl. hierzu die Unterscheidung von Carnap (1945, 517) zwischen Wahrschein-
in ihrem neuesten Aufsatz zum Thema die maßgebliche Erörterung lichkeit1 als Grad der Bestätigung und Wahrscheinlichkeit2 als relative Häufig-
von Scurich und John (2012) nicht. Nichtsdestotrotz wird die Ar- keit auf lange Sicht.
44 3  Standardisierte und psychometrische Untersuchungsverfahren in der forensisch-psychiatrischen Begutachtung

Dies leitet wiederum über zu der Frage, was denn eine geeigne- Sind kriminalprognostische Verfahren auch in
te Vergleichsgruppe sei, dem sog. Referenzklassenproblem Subgruppen gültig?
(Reichenbach 1938; vgl. Hájek 2007). Möglicherweise besteht in
Vergleichsgruppe A (200 entlassene Vergewaltiger aus Deutsch- In einer aktuellen Arbeit stellen Coid et al. (2013) infrage, ob es
land mit fünf oder mehr Vorstrafen) eine andere relative Häufig- überhaupt möglich sei, anhand gängiger Risikoprognoseverfahren
keit von Deliktrückfällen als in Vergleichsgruppe B (200 entlasse- wie dem HCR-20 oder dem VRAG Aussagen über Hochrisikotäter
ne Vergewaltiger aus Deutschland im Alter zwischen 40 und zu treffen. Diese Arbeit wurde z. B. von der Zeitschrift Der Spiegel
50  Jahren). Welche sollten wir zurate ziehen, wenn unser Pro- (Heft 43/2013) aufgegriffen mit der Schlagzeile: „Verfehlte Psycho-
band – ein Vergewaltiger aus Deutschland – sechs Vorstrafen hat tests für Mörder“. Coid und Kollegen hatten eine Stichprobe von
und 45 Jahre alt ist? Hier hilft wiederum die Orientierung an vali- 1.224 männlichen erwachsenen Strafgefangenen aus England und
den Risikomerkmalen, die Liste potenzieller Charakteristika Wales nach Maßgabe von deren Summenwerten in der PCL-R einer
nicht ad infinitum fortzusetzen. Der Vorname des Betreffenden von drei Gruppen zugeordnet: jene mit niedrigen PCL-R-Summen-
3 ist vermutlich nicht so relevant für erneute Delinquenz wie das werten (0–19 Punkte, n = 663 Personen), jene mit mittleren (20–
Vorliegen einer Suchterkrankung (vgl. Pollock 2007); d. h., die re- 29  Punkte, n  = 491 Personen) oder jene mit hohen PCL-R-Sum-
lative Häufigkeit in der Referenzklasse (hier: die Basisrate für De- menwerten (≥ 30 Punkte, n = 70). Bei den Probanden handelte es
liktrückfälle) bildet nur die Grundlage, die aufgrund personenbe- sich um Strafgefangene, die wegen eines Sexual- oder Gewaltdelikts
zogener Informationen zu risikorelevanten Merkmalen individu- zu einer Freiheitsstrafe von mindestens 2  Jahren Dauer verurteilt
ell angepasst wird. Eben dies leisten aktuarische Risikoprognose- worden waren. Kriterium waren erneute Verurteilungen wegen Ge-
verfahren. waltdelikten innerhalb eines Zeitraums von 3 Jahren nach Entlas-
Für das aktuarische Prognoseverfahren Static-99 werden z. B. sung. Die Effektstärke der Risikoprognoseinstrumente HCR-20 und
mittlerweile unterschiedliche Normtabellen für Routinefälle und VRAG wurde zum einen anhand von AUC-Koeffizienten in den drei
für Hochrisikoprobanden vorgehalten (Helmus et al. 2009). Wie Straftätergruppen beurteilt, zum anderen aufgrund einer Auftei-
weiter oben in Bezug auf diagnostische Verfahren dargelegt, geht lung in hoch/niedrig, basierend auf dem Median des entsprechen-
hierdurch jedoch ein allgemeiner Bezugsrahmen verloren, d. h., der den Verfahrens in der Gesamtgruppe der Probanden. Registriert
Beurteiler muss deutlich machen, an welcher Bezugsgruppe sich die wurde die Quote jener Fälle, die nach Maßgabe dieser Aufteilung
relative Einschätzung des Rückfallrisikos orientiert: So wie der (im (hoch/niedrig) korrekt als rückfällig (hoch) oder nicht rückfällig
Vergleich mit anderen Abiturienten) durchschnittlich intelligente (niedrig) eingeschätzt worden waren. In der Gruppe der Personen
Abiturient intelligenter ist als der Bevölkerungsdurchschnitt, so ist mit ausgeprägten psychopathischen Eigenschaften (PCL-R  ≥  30)
der im Vergleich mit anderen Hochrisikoprobanden durchschnitt- wies das HCR-20 eine Effektstärke auf Zufallsniveau auf (AUC =
lich wirkende Hochrisikoproband, allgemein betrachtet, stärker .44), der VRAG eine (niedrige/mittlere) Effektstärke (AUC = .63).
rückfallgefährdet als ein durchschnittlicher Proband aus einer un- Zudem habe sich die Trefferquote der beiden Verfahren mit 38,6 %
ausgelesenen Normstichprobe. (HCR-20) bzw. 42,9 % (VRAG) nicht von der Basisrate für erneute
Was den Einsatz von Risikobeurteilungsverfahren, darunter Verurteilungen wegen Gewaltdelikten in der Subgruppe (40,0 %)
HCR-20, PCL-R und VRAG, bei Frauen betrifft, legt eine Studie von unterschieden.
Coid et al. (2009) den Schluss nahe, dass die entsprechenden Ver- Coid et al. (2013) behaupten, ihre Ergebnisse würden zeigen,
fahren für die Verwendung bei Frauen ähnlich valide sind wie für dass die Genauigkeit von Risikoprognoseinstrumenten bei hoch-
den Gebrauch bei Männern. Die Effektstärken für den Zusammen- gradig psychopathischen Probanden nicht besser sei, als es das
hang mit erneuten Gewaltdelikten erwiesen sich auch bei Straftäte- Werfen einer Münze ermögliche. Dabei handelt es sich bei ihren
rinnen als mittelgradig (HCR-20, VRAG) bis hoch (PCL-R) und bei Ergebnissen höchstwahrscheinlich um ein methodisches Artefakt
zwei Verfahren (PCL-R, HCR-20) für Straftäterinnen tendenziell (vgl. Buchanan 2014). Wenn man eine heterogene, aber repräsenta-
höher als für Straftäter. Ein umgekehrtes Ergebnis – eine tendenzi- tive Stichprobe in homogene Subgruppen aufteilt, wird die Korrela-
ell höhere Effektstärke für Straftäter als für Straftäterinnen – zeigte tion eines psychologischen Tests mit einem Außenkriterium zu-
sich beim VRAG. Allerdings fehlt es, insb. im deutschen Sprach- rückgehen (Wottawa 1980). Indem Coid et al. (2013) ihre Ge-
raum, an Normdaten für den Einsatz entsprechender Verfahren bei samtstichprobe nach Höhe der PCL-R-Summenwerte in drei Grup-
straffälligen Frauen. Eine Studie von Eisenbarth et al. (2012) an- pen aufteilen, nehmen sie eine solche Homogenisierung vor.
hand von 80 Straftäterinnen erbrachte Hinweise für eine moderate Folglich kann innerhalb jeder der Teilgruppen die Korrelation mit
Effektstärke der PCL-R (AUC = .66) bzw. für eine hohe Effektstärke einem Außenkriterium (oder der AUC-Kennwert anderweitiger Ri-
des VRAG (AUC = .72), jedoch nur für eine geringe Effektstärke des sikoprognoseinstrumente mit dem Kriterium Gewaltrückfall) nicht
HCR-20 (AUC = .59). Einschränkend ist aber zu beachten, dass auf- mehr so ausgeprägt sein wie in der Gesamtgruppe. Ein Beispiel: Die
grund der geringen Basisrate gewalttätiger Rückfälle in der Stich- Korrelation von IQ und Einkommen liegt einer Erhebung von Mur-
probe (5 %) die prädiktive Validität im Hinblick auf jegliche Delin- ray (1998) zufolge bei .37, was einem mittelgradigen Effekt ent-
quenz, also auch unter Einbezug nicht gewalttätiger Delikte, be- spricht. Wir haben entsprechende Daten für 500 Personen in einer
rechnet wurde. bivariaten Normalverteilung simuliert. Trunkiert man die Daten
nun und betrachtet lediglich die kleine Gruppe der 50 intelligentes-
ten Personen (mit IQ-Werten ≥ 119), so sinkt der Korrelationskoef-
3.3 Anwendung 45

fizient mit dem Einkommen in der betreffenden Subgruppe auf ei- dung ob der Patient simuliert, liefert […]“ (Cima et al. 2000, 982).
nen Wert von .19, was nur noch einem schwachen Effekt entsprä- Auch in einer Stellungnahme der Deutschen Gesellschaft für Psych-
che. iatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN) heißt es:
Effektstärkemaße für die eingesetzten Risikoprognoseinstru- „Keineswegs darf ein auffälliger Befund in einem BVT [Anm.: Be-
mente werden in der Arbeit von Coid et al. (2013) leider nicht in schwerdenvalidierungstest] von vornherein mit Simulation gleichge-
Bezug auf die Gesamtgruppe der Probanden berichtet. Andererseits setzt werden“ (Dreßing et al. 2011, 3); vielmehr müsse eine Einord-
enthält die Arbeit einen durchaus relevanten Hinweis, nämlich die nung entsprechender Testergebnisse in das Gesamtbild einer um-
zunehmenden Rückfallquoten von der „PCL-R niedrig“- bis zur fassenden neurologisch-psychiatrischen Untersuchung erfolgen.
„PCL-R hoch“-Gruppe. Die Rückfallquoten lagen demnach bei Die alternative Form von Beschwerdenvalidierungs- oder Simu-
17,7 %, 28,1 % bzw. 40,0 %. Die LR+-Werte für die drei Gruppen be- lationstests sind Leistungstests, die so konstruiert sind, dass der
tragen entsprechend 0,71, 1,30 und 2,22. Grundsätzlich ist nicht aggravierende oder simulierende Proband bei der Bearbeitung kog-
entscheidend, ob ein Risikoprognoseverfahren innerhalb von nitiver Aufgaben, etwa zur Merkfähigkeit, erheblich mehr Fehler
Hochrisikoprobanden zu differenzieren erlaubt, sondern ob es er- macht oder Zeit benötigt, als zu erwarten wäre; d. h., ein Versagen 3
möglicht, Hochrisikoprobanden gegenüber anderen Personen mit bei einfachsten Aufgaben oder eine überzufällig hohe Fehlerquote
geringerem Gefährdungspotenzial zu identifizieren. Über alle drei dienen als Hinweise für Aggravation bzw. Simulation. Ein Beispiel
PCL-R-Gruppen hinweg gelang es, insgesamt 61,0 % aller Straftäter für ein solches Verfahren ist die Testbatterie zur Forensischen Neu-
korrekt zuzuordnen  –  hochsignifikant mehr als jene Zufallsquote ropsychologie von Heubrock und Petermann (2000). Eine Über-
von 50 %, die Coid et al. (2013) mit einem Verweis auf das Werfen sicht weiterer Verfahren geben Merten et al. (2009).
einer Münze nahelegen (zur Untauglichkeit der Münzwurfmeta- „Die Diagnostik der Beschwerdenvalidität ist in gewisser Weise ein
pher: s. Slobogin 2006). Täuschungsprozess“, wie Bush (2007, 72) darlegt. Beispielsweise
wäre die Instruktion, es handele sich bei einem vorliegenden Ver-
fahren um einen Gedächtnistests, kaum hinreichend, wenn faktisch
3.3.5  Verfahren zur Beschwerdenüberprüfung die Leistungsmotivation des Betreffenden überprüft werden soll.
Eine solche Vorgehensweise steht nach Auffassung des Verfassers
Verfahren zur sog. Beschwerdenvalidität oder zur Simulationsdiag- in Widerspruch zu der Maßgabe, wonach der Proband seine Einwil-
nostik zielen darauf ab, das Übertreiben vorhandener Symptome ligung zur Teilnahme an psychologischen Testverfahren nach ent-
(Aggravation) oder das Vortäuschen nicht vorhandener Symptome sprechender Information erteilen oder verweigern können muss,
(Simulation) erkennbar zu machen. Bei den entsprechenden Ver- erst recht, wenn für den Betreffenden viel vom Ergebnis der Tes-
fahren handelt es sich entweder um Symptomchecklisten oder um tung abhängt, was bei der psychiatrisch-psychologischen Begutach-
Leistungstests. Ein Beispiel für eine entsprechende Symptomcheck- tung nahezu regelhaft der Fall ist.
liste ist der Strukturierte Fragebogen Simulierter Symptome (SFSS;
Cima et al. 2003). Dabei handelt es sich um die dt. Version des
Structured Inventory of Malingered Symptomatology (SIMS; Smith 3.3.6  Projektive Verfahren
und Burger 1997). Der SFSS umfasst 75 Aussagen, die mit „ja“ oder
„nein“ zu beantworten sind. Je mehr unplausible Symptome für Die Konzeption projektiver Verfahren basiert auf der Annahme,
vermeintlich vorliegende psychische Störungen angegeben werden, dass relativ unspezifische oder uneindeutige Anregungsbedingun-
desto größer ist der Verdacht auf Aggravation oder Simulation, wo- gen Reaktionen aufseiten des Subjekts bedingen, die dessen Nei-
für neben bereichsspezifischen Grenzwerten auch ein übergeordne- gungen, Motiven oder Persönlichkeitsstruktur entsprechen wür-
ter Trennwert angegeben wird. den, und  –  psychodynamisch gedeutet  –  anhand des Abwehrme-
Wie Mossman (2000) dargestellt hat, ist die Belastbarkeit einer chanismus der Projektion zutage treten würden. Was in der (oft-
entsprechenden Interpretation (sprich: überschwelliger Kennwert mals bildhaft) dargestellten Situation des projektiven Tests gesehen
als Indiz für Simulation) jedoch nicht nur von der Trennschärfe des werde, sei demnach eine Zuschreibung, die gleichsam einen Spiegel
Verfahrens (also seiner Sensitivität und Spezifität) abhängig, son- eigener Regungen darstellen soll. Bekannte projektive Verfahren
dern auch von der Auftretenshäufigkeit des Phänomens Simulation sind etwa der Rorschach-Test (Rorschach 1921/1992), in dessen
i. Allg. (vgl. hierzu › Kap. 3.2.3). Belastbare Schätzungen zur Häu- Rahmen zehn symmetrische Bildkarten („Tintenkleckse“) vom
figkeit von Simulation und Aggravation seien aber, so Dreßing et al. Probanden zu deuten sind, oder der Wartegg-Zeichentest (Wartegg
(2011), in Deutschland nicht verfügbar. Wie die Autoren des SFSS 1939, zit. nach Soilevuo Grønnerød und Grønnerød 2012), der aus
vor dem Hintergrund dieser Unwägbarkeiten ausführen, sei das acht Feldern mit rudimentären Schwarz-Weiß-Symbolen besteht,
Verfahren jedoch ohnehin nicht als diagnostischer Test zur Beurtei- die der Proband zeichnerisch vervollständigen soll. Daneben gibt es
lung von Einzelfällen geeignet: „Unsere Ergebnisse machen deutlich, halbstrukturierte projektive Tests, in denen geschlossene Fragen zu
dass in einer gemischten Stichprobe von ehrlich antwortenden Perso- den Teststimuli beantwortet werden sollen (z. B. das Multi-Motiv-
nen, instruierten Simulanten und forensisch-psychiatrischen Patien- Gitter von Schmalt et al. 2000). Teilweise erfordern die projektiven
ten die diagnostischen Genauigkeitswerte für den SFSS recht akzep- Verfahren auch die Niederschrift einer verbalen Äußerung auf die
tabel sind, solange man den SFSS eher als Screeningmethode betrach- Anregungsbedingung, z. B. beim Thematischen Apperzeptionstest
tet und nicht als ein Instrument, welches im Einzelfall eine Entschei- (Murray 1943) oder bei der Rosenzweig Picture Frustration Study
46 3  Standardisierte und psychometrische Untersuchungsverfahren in der forensisch-psychiatrischen Begutachtung

(Hörmann und Moog 1957). Letztere soll u. a. der Erfassung von Schließlich ist fraglich, ob die Grundannahme projektiver Ver-
Aggressivität dienen, ebenso wie der Foto-Hand-Test (Belschner et fahren überhaupt als gegeben angenommen werden kann. Projekti-
al. 1971), in dessen Rahmen 34 Fotografien einer Hand dahinge- ve Verfahren sind gewissermaßen ein Klischee für den psychologi-
hend gedeutet werden sollen, was die Hand gerade mache. Gele- schen Test an sich. Folglich verhält sich ein Proband vermutlich
gentlich kommt es in der forensisch-psychologischen Begutachtung eher entsprechend der Aufforderungscharakteristik (vgl. Orne
sogar vor, dass etwa der sog. Baumtest (Koch 1949/2008) verwendet 1962) eines solchen Verfahrens, sprich: Er spielt das Spiel der
wird, bei dem die Aufgabe dabei darin besteht, einen Baum zu Klecksdeutung mit oder eben nicht. Jedenfalls gehen die Antworten
zeichnen. innerhalb projektiver Verfahren keineswegs ausschließlich auf eine
Schwerwiegende Zweifel an der Tauglichkeit bestehen hinsicht- Aktivierung des Abwehrmechanismus der Projektion zurück
lich der meisten oben genannten projektiven Verfahren, da projek- (McGrath und Carroll 2012; vgl. Berk 1992). Schließlich sind die
tive Verfahren sich ebenso wie andere psychologische Tests und Normierungen projektiver Verfahren in den meisten Fällen (mit
Fragebogen an den Gütekriterien messen lassen müssen, aber nur Ausnahme des MMG) unzulänglich oder veraltet. Für den Rosen-
3 wenige Belege für z. B. die Validität projektiver Verfahren vorlie- zweig-PF-Test stehen z. B. nur jene Normdaten zur Verfügung, die
gen. Einer Metaanalyse von Soilevuo Grønnerød und Grønnerød Rauchfleisch (1979) Ende der 1970er-Jahre erhoben hat. Überdies
(2012) zufolge, die auf 12 Einzelstudien basierte, betrug der gewich- ist die Testvorlage als solche veraltet: Zeichnungen von Telefonen
tete Validitätskoeffizient von Deutungen des Wartegg-Zeichentests mit Wählscheibe und Aussagen wie „Die Vermittlung hat mir die
im Hinblick auf Diagnosen der betreffenden Probanden lediglich falsche Nummer gegeben“ entsprechen nicht mehr der Lebensreali-
rpb = .10. Die durchschnittliche Höhe der Validitätskoeffizienten di- tät heutiger Probanden.
verser Rorschach-Codierungsparameter im Hinblick auf das Vor- Angesichts der Defizite projektiver Verfahren wenden Apologe-
liegen von Psychopathy betrug nach einer Metaanalyse von Lilien- ten der Methodik mitunter ein, sie würden die Verfahren nicht im
feld et al. (2010) rpb = .06. Sowohl den Baum- als auch den Wartegg- engeren Sinne psychodiagnostisch einsetzen, sondern allenfalls
Zeichentest hat der deutsche BGH (1 StR 618/98, Ziffer 43) aus- spekulativ, um Hypothesen zu generieren. In ähnlicher Weise äu-
drücklich als unzureichend bewertet: „Zwei weitere verwendete ßerte z. B. Clauß (1976, 409; zit. nach Rost 2004): „Die Ergebnisse
Tests (Wartegg-Zeichentest und Baum-Zeichentest) weisen dagegen projektiver Tests können den Vl [Anm.: Versuchsleiter] allenfalls zur
Mängel in den Gütekriterien auf.“7 Hypothesenbildung anregen, keinesfalls jedoch die Grundlage einer
Scheurer und Richter (2005, 52) bezeichnen projektive Verfahren Finalentscheidung über die Vpn [Anm.: Versuchsperson] bilden.“
als „obsolet“, führen aber an, dass sie möglicherweise weniger an- Gleichwohl ist nicht auszuschließen, dass der Rezipient des Gutach-
fällig für Verfälschungstendenzen seien. Schretlen (1997, zit. nach tens nur weniger genau zwischen dem Generieren von Hypothesen
Wood et al. 2003) zufolge sei jedoch keineswegs strittig, dass Ant- und dem Feststellen von Befunden zu unterscheiden vermag, zumal
worten in projektiven Tests manipuliert werden könnten, sondern wenn beides im Gewand psychologischer Verfahren daherkommt.
allenfalls, ob solche Verfälschungstendenzen im Protokoll des pro- Folglich sollten entsprechende Hypothesen auf Grundlage projekti-
jektiven Tests entdeckt werden könnten. Ein Beispiel, das Meloy ver Verfahren im Gutachten nicht referiert werden, auch um eine
und Gacono (1995, zit. nach Wood et al. 2003) anführen, veran- letztlich unbegründete Beeinflussung des Rezipienten durch derlei
schaulicht diesen Punkt; demnach hatte ein forensischer Proband Hypothesen zu vermeiden.
die unverfänglichen Standardantworten zum Rorschach-Test aus
einem Lehrbuch auswendig gelernt. Die Verfügbarkeit der Bildta-
feln projektiver Tests samt vorgeschlagenen Deutungen im Internet 3.4  Rechtliche Rahmenbedingungen
trägt sicherlich nicht dazu bei, authentische Aussagen zu gewähr-
leisten. Strukturierte professionelle Beurteilungs- oder aktuarische Verfah-
ren zur Kriminalprognose setzen i. d. R. die Berücksichtigung frü-
herer Straftaten voraus. Eine maßgebliche Quelle hierfür ist der
7
Auszug aus dem Bundeszentralregister (BZR). Gemäß § 51 Abs. 1
In Österreich hatte das Landgericht Innsbruck im Rahmen einer zivilrechtlichen
Auseinandersetzung zunächst entschieden, dass die Aussage aufrechterhalten (Verwertungsverbot) des BZR-Gesetzes dürfen einer Person Eintra-
bleiben dürfe, wonach ein forensisch-psychiatrisches Gutachten, das sich u. a. gungen über Verurteilungen, die zwischenzeitlich im Register ge-
auf den Baum- und den Wartegg-Zeichen-Test stütze, schwere Mängel aufwei- tilgt worden sind, im Rechtsverkehr nicht vorgehalten werden. Auf
se, auf veralteten Verfahren basiere, die nicht mehr dem Stand der Wissenschaft dieser Grundlage entschied z. B. das OLG Celle (1 Ws 282/11) u. a.,
entsprächen, und insoweit einen Kunstfehler darstelle (59 Cg 211/09v). Nach- dass im Falle des Klägers – eines wegen Vergewaltigung und sexuel-
dem das OLG Innsbruck den Fall wegen Verfahrensfehlern zur Neuverhandlung
an das Landgericht zurückverwiesen hatte, wurde der Unterlassungsklage und len Missbrauchs an Kindern verurteilten Strafgefangenen – der für
dem Anspruch auf Widerruf stattgegeben (59 Cg 211/09v-113). Eine Berufung ihn erstellte Vollzugsplan aufzuheben sei, weil jener Vollzugsplan
des Beklagten gegen dieses Urteil wiederum wurde vom OLG Innsbruck als auf elf Vorstrafen Bezug nehme, die im BZR bereits getilgt seien;
unbegründet abgewiesen, u. a. mit folgender Erklärung: „[…] die Heranziehung der Kläger sei vielmehr wie ein Ersttäter zu behandeln. Wie die
der erwähnten Testmethoden durch den Kläger [stellte] zumindest dann keinen Kammer weiter ausführte, seien „[die] damit einhergehenden Beein-
Kunstfehler dar, wenn er deren Ergebnissen keine unzulässige Bedeutung zu-
erkannte, was aber hier nicht der Fall war, weil feststeht, dass die Auswertung trächtigungen der Strafrechtspflege […] bei der Wahrheitsermittlung
der bezeichneten Testverfahren für die vom Kläger gestellten Diagnosen, wie zur Verwirklichung des mit dem Verwertungsverbot verfolgten Ziels
bereits mehrfach erwähnt, keine wesentliche Bedeutung hatte.“ (4 R 236/13 g) der Resozialisierung Straffälliger hinzunehmen“ (Niedersächsisches
3.5 Qualitätsanforderungen 47

Landesjustizportal 2011), und zwar unter Bezugnahme auf eine (etwa des HCR-20, Version 3) an, anhand dessen die Spezifika des
Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts aus dem Jahr 1973 Einzelfalls im Hinblick auf die verschiedenen, empirisch als bedeut-
(BVerfGE 36, 174; Mitglieder des Bundesverfassungsgerichts 1974). sam belegten Risikofaktoren für Gewaltdelinquenz diskutiert wer-
Während getilgte BZR-Einträge bei Gutachten über den Geisteszu- den können, zumal in Verbindung mit der zusätzlich Einschätzung,
stand eines Beschuldigten gemäß § 52 Abs. 1 Satz 2 (Ausnahmen) ob das jeweilige Kriterium im vorliegenden Fall nicht nur vorliege,
des BZR-Gesetzes Verwendung finden dürfen, gilt dies nach einem sondern auch bedeutsam sei. Aus Sicht des Verfassers sollte der
Urteil des BGH (3  StR  309/12) nicht für die Beurteilung, ob ein Sachverständige in der integrativen Kriminalprognose allerdings
Hang zu erheblichen Straftaten i. S. des § 66 StGB (Unterbringung der Aussage aktuarischer Verfahren den Primat einräumen, weil,
in der Sicherungsverwahrung) vorliege. wie weiter oben dargestellt, verschiedene Studien nahelegen, dass
Damit steckt der Sachverständige bei kriminalprognostischen eine Ersetzung durch klinische Einschätzung die Treffsicherheit der
Fragestellungen in einem Dilemma, sofern frühere Einträge im BZR Prognose tendenziell schmälert. Auf die Empfehlung einer schriftli-
zwischenzeitlich gelöscht worden sind und sich bei Nichtberück- chen Begründung zu den Bewertungen einzelner Kriterien im Rah-
sichtigung gelöschter Einträge abweichende Beurteilungen anhand men der Risikobeurteilung ist mit Bezug auf die Entscheidung des 3
strukturierter oder aktuarischer Risikoprognoseverfahren ergeben. BGH in der Sache 3 StR 69/10 bereits hingewiesen worden.
Im Static-99 z. B. werden jegliche frühere Straftaten berücksichtigt Wie bereits dargestellt, ist im Hinblick auf psychodiagnostische
(Harris et al. 2003, 21; vgl. Rettenberger und Eher 2006): „A prior Verfahren zu beachten, dass die Verwendung der projektiven Test-
offence is any sexual or non-sexual crime, institutional rule violation, verfahren Wartegg-Zeichentest und Baumtest vom BGH aufgrund
probation, parole or conditional release violation(s) and/or arrest unzureichender Gütekriterien moniert wurde (BGH 1 StR 618/98,
charge(s) or, conviction(s), that was legally dealt with PRIOR to the Ziffer 43). Im selben Jahr (1999) verneinte der BGH andererseits die
Index offence“ [Hervorhebung im Original]. Je nachdem, ob es sich Auffassung, wonach eine gutachterliche Einschätzung auf Grundla-
bei den früheren, zwischenzeitlich gelöschten BZR-Einträgen in ge des Rorschach-Tests „mit den Erkenntnissen der Wissenschaft
dem der Entscheidung 1 Ws 282/11 zugrunde liegenden Fall wie bei nicht in Einklang [stehe]“ (1 StR 207/99, Ziffer 18), und zwar u. a.,
den Indexdelikten ebenfalls um Sexualdelikte gehandelt hat, könn- weil ein damals aktuelles Lehrbuch zur forensischen Psychiatrie
ten im Static-99 allein bis zu 6 Punkte mehr zu Buche schlagen – ei- (Rasch 1999, 346) noch mit den Worten darauf verwies: „Das Ver-
ne Diskrepanz, die im Extremfall den Unterschied zwischen der fahren ist die wohl bekannteste projektive Testmethode“ (so auch in
Risikokategorie „niedrig“ (höchstens 1 Punkt) und der Risikokate- der 3. A.: Konrad und Rasch 2004, 365). Weggelassen wurde in der
gorie „hoch“ (6 oder mehr Punkte) ausmachen würde. Die Nichtbe- Begründung der BGH-Entscheidung 1 StR 207/99 allerdings der
rücksichtigung von gelöschten BZR-Einträgen kann also u. U. zu Zusatz, wonach das Rorschach-Verfahren „[…] universitär kaum
einer massiven Unterschätzung des Risikos für erneute Gewalt- und noch vermittelt wird“ (Rasch 1999, 347; Konrad und Rasch 2004,
Sexualdelikte führen. Das ist im umgekehrten Sinne etwa so, als 366). Mit der Verwertbarkeit projektiver Verfahren bei familienge-
wenn man bei der Auswertung eines Intelligenztests all jene Fehler richtlichen Prozessen setzt sich Fehnemann (1979; vgl. Berk 1992)
nicht berücksichtigen dürfte, die auf Matrizenaufgaben mit Kreisen anhand zweier OLG-Beschlüsse auseinander (OLG Frankfurt:
oder Quadraten basieren. 1 UF 566/77, OLG München: 26 UF 834/78). Während der Beschluss
Die juristische Vorgabe der Nichtberücksichtigung gelöschter des OLG Frankfurt vom 15.12.1978 den möglichen Nutzen projekti-
BZR-Einträge steht damit im Widerspruch zu den psychologisch- ver Verfahren für einen ersten Zugang zur kindlichen Psyche her-
psychiatrischen Vorgaben für eine korrekte Bearbeitung entspre- vorhob (Wegener 1979), kritisierte das OLG München in seinem
chender Risikobeurteilungsverfahren. Um sich nicht außerhalb der Beschluss vom 18.9.1978 die Subjektivität bei der Interpretation
Vorgaben der Risikobeurteilungsverfahren zu bewegen, wäre es für und die fragliche wissenschaftliche Fundierung projektiver Verfah-
Praktiker denkbar, zwei Varianten in der Auswertung mitzuteilen: ren (März 1979). Ausweislich einer Auswertung von 116 Gutachten
eine, die sich getreu an die Vorgaben des jeweiligen Risikobeurtei- aus dem Bereich des OLG Hamm (Salewski und Stürmer 2012;
lungsverfahrens hält, und eine weitere, die lediglich auf juristisch Stürmer und Salewski 2014) stellen projektive Verfahren die am
verwertbare BZR-Einträge abstellt. So kann das Gericht in seiner häufigsten verwendete Kategorie dar; sie kamen in 47  Gutachten
Entscheidung nur Letztere berücksichtigen, ohne dass der Anwen- zum Einsatz. Salewski und Stürmer (2012, 22) resümieren: „Die auf
der die Codierungs- und Auswertungsrichtlinien des Risikobeurtei- dieser Basis gewonnenen Erkenntnisse erfüllen damit nicht die Stan-
lungsverfahrens unterlaufen hätte. dards einer wissenschaftlich-fundierten entscheidungsorientierten
Wie wiederholt in der Rechtsprechung des BGH zum Ausdruck Einzelfalldiagnostik.“
gekommen ist, reicht es für eine Kriminalprognose nicht aus, ledig-
lich die Ergebnisse strukturierter oder aktuarischer Risikobeurtei-
lungsverfahren zu referieren, jedenfalls was die Entscheidungs- 3.5 Qualitätsanforderungen
gründe der Kammer betrifft (so z. B. 3 StR 355/07 oder 3 StR 311/13).
Dementsprechend sollte es auch der Sachverständige nicht beim Neben den Empfehlungen von Einzelautoren oder Autorengruppen
Referieren der Ergebnisse strukturierter oder aktuarischer Verfah- zur Abfassung forensisch-psychiatrischer oder -psychologischer
ren bewenden lassen, sondern begleitend eine Erörterung der Be- Gutachten (u. a. Boetticher et al. 2005, 2006; Kröber 2005; Volbert
sonderheiten des vorliegenden Einzelfalls anstellen. Hierfür bietet und Dahle 2010) haben sich auch Berufsverbände auf entsprechen-
sich der Rahmen der strukturierten Risikoprognoseinstrumente de Standards verständigt, und zwar in Bezug auf psychologisches
48 3  Standardisierte und psychometrische Untersuchungsverfahren in der forensisch-psychiatrischen Begutachtung

Testen (Häcker et al. 1998) oder allgemeiner im Hinblick auf die Beck-Bornholdt HP, Dubben HH (2002). Der Schein der Weisen: Irrtümer und
Fehlurteile im täglichen Denken. 3. A. Hamburg: Hoffmann und Campe.
Erstellung psychologischer Gutachten (Föderation Deutscher Psy- Belschner W, Lischke G, Selg H (1971). Foto-Hand-Test (FHT) zur Erfassung
chologenvereinigungen 1994). Im Hinblick auf psychologische der Aggressivität: Eine Gemeinschaftsarbeit aus dem Psychologischen Ins-
Testverfahren wird den Entwicklern z. B. empfohlen, auf die Präva- titut der Universität Freiburg: Handanweisung. Freiburg i. Br.: Alber.
lenzabhängigkeit von Fehlklassifikationen hinzuweisen (Häcker et Berk HJ (1992). Gestaltende Testverfahren – Eine Skizze zur Problematik des Be-
al. 1988), wie in › Kap. 3.2.3 erläutert. Außerdem sollten dem An- griffs „Projektive Testverfahren“. Prax Forens Psychol 2: 21–24.
Binder LM, Iverson GL, Brooks BL (2009). To err is human: “Abnormal”
wender Angaben zur geschätzten Reliabilität und zum Standard- neuro­psychological scores and variability are common in healthy adults.
messfehler zur Verfügung gestellt werden. Anwender selbst müss- Arch Clin Neuropsychol 24: 31–46.
ten darauf achten, bei der Interpretation von Testergebnissen nur Boer DP, Hart SD, Kropp PR, Webster CD (2000). Die Vorhersage sexueller
dann auf empirische Validitätsbelege zu verweisen, wenn solche Gewalttaten mit dem SVR-20 (Müller-Isberner R, Gonzalez-Cabeza S, Eu-
Nachweise auch tatsächlich existieren (Häcker et al. 1988). Dem- cker S, Übers.). Haina: Institut für Forensische Psychiarie e. V. (Original er-
schienen 1997).
entsprechend sollte die Verbindung zwischen Testdaten und klini- Boetticher A, Nedopil N, Bosinski HAG, Saß H (2005). Mindestanforderungen
3 scher Beurteilung empirisch fundiert sein, was aber die Ableitung für Schuldfähigkeitsgutachten. NStZ 25: 57–62.
von Hypothesen aus den Testdaten nicht verhindern sollte. Boetticher A, Kröber HL, Müller-Isberner R, Böhm KM, Müller-Metz R, Wolf T
Im Auftrag der Deutschen Gesellschaft für Psychologie hat eine (2006). Mindestanforderungen für Prognosegutachten. NStZ 26: 537–544.
Arbeitsgruppe einen Kommissionsentwurf zu Qualitätsstandards Boetticher A, Dittmann V, Nedopil N, Nowara S, Wolf T (2009). Zum richti-
gen Umgang mit Prognoseinstrumenten durch psychiatrische und psycho-
für psychologisch-diagnostische Gutachten erarbeitet (Arbeits- logische Sachverständige und Gerichte. NStZ 29: 473–481.
gruppe 2011). Als unabdingbare Qualitätsanforderungen gelten Bortz J, Döring N (2006). Forschungsmethoden und Evaluation für Human-
demnach zum einen die wissenschaftliche Fundierung der Vorge- und Sozialwissenschaftler. 4. A. Berlin: Springer.
hensweise (z. B. die Formulierung überprüfbarer Fragestellungen Brenner H, Gefeller O (1997). Variation of sensitivity, specificity, likelihood ra-
und die Spezifikation von Entscheidungskriterien zu deren Beant- tios and predictive values with disease prevalence. Stat Med 16: 981–991.
Brickenkamp R, Schmidt-Atzert L, Liepmann D (2010). Test d2-Revision (d2-
wortung) und zum anderen Transparenz und Nachvollziehbarkeit. R) Aufmerksamkeits- und Konzentrationstest: Manual. Göttingen: Hogrefe.
So sollte u. a. erläutert werden, auf welche Weise bestimmte Ergeb- Buchanan A (2014). Correspondence: Predicting violent offences by released
nisse ermittelt wurden und warum daraus bestimmte Schlüsse ge- prisoners. Br J Psychiatry 204: 240.
zogen worden sind. Andernfalls sei nicht festzustellen, ob das Gut- Carnap R (1945). The two concepts of probability: The problem of probabili-
achten überhaupt auf zutreffenden Annahmen basiere und ob Be- ty. Philos Phenomen Res 5: 513–532.
Cattell RB, Warburton FW (1967). Objective Personality and Motivation
funde in angemessener Weise aus Anknüpfungstatsachen hergelei- Tests: A Theoretical Introduction and Practical Compendium. Champaign,
tet worden seien. Hierfür sei im schriftlichen Gutachten u. a. IL: University of Illinois Press.
zwischen Untersuchungsergebnissen und deren Interpretation zu Cima M, Hollnack S, Kremer K, Knauer E, Schellbach-Matties R, Klein B, Mer-
trennen. Außerdem sollte die Auswahl verwendeter Verfahren do- ckelbach H (2003). Strukturierter Fragebogen Simulierter Symptome: Die
kumentiert und begründet werden. Schließlich sei darauf zu achten, deutsche Version des „Structured Inventory of Malingered Symptomatolo-
gy: SIMS“. Nervenarzt 74: 977–986.
die Fragestellungen des Auftraggebers zu beantworten und nur die- CIPS (1977). Internationale Skalen für Psychiatrie. Weinheim: Beltz.
se und nicht anderweitige Problemstellungen zu bearbeiten. Cohen J (1960). A coefficient of agreement for nominal scales. Educ Psychol
Meas 20: 37–46.
LITERATUR Cohen J (1992). A power primer. Psychol Bull 112: 155–159.
Ægisdóttir S, White MJ, Spengler PM, et al. (2006). The meta-analysis of clin­ Coid J, Ullrich S (2010). Antisocial personality disorder is on a continuum
ical judgment project: Fifty-six years of accumulated research on clinical with psychopathy. Compr Psychiat 50: 426–433.
versus statistical prediction. Couns Psychol 34: 341–382. Coid JW, Ullrich S, Kallis C (2013). Predicting future violence among individ­
Alpers GW, Eisenbarth H (2008). Psychopathic Personality Inventory-Revised uals with psychopathy. Br J Psychiatry 203: 387–388.
(PPI-R): Deutsche Version. Göttingen: Hogrefe. Coid J, Yang M, Ullrich S, et al. (2009). Gender differences in structured risk
American Psychiatric Association (2013). Diagnostic and statistical manual assessment: comparing the accuracy of five instruments. J Consult Clin
of mental disorders. 5th ed. Arlington, VA: American Psychiatric Publishing. Psychol 77: 337–348.
Andresen B (2006). Inventar Klinischer Persönlichkeitsakzentuierungen (IKP): Conger AJ, Lipshitz R (1973). Measures of reliability for profiles and test bat-
Manual. Göttingen: Hogrefe. teries. Psychometrika 38: 411–427.
Arbeitsgruppe „Qualitätsstandards für psychodiagnostische Gutachten“ im Cooke D, Michie C (2010). Limitations of diagnostic precision and predictive
Auftrag der Deutschen Gesellschaft für Psychologie (Hrsg.) (2011). Quali- utility in the individual case: A challenge for forensic practice. Law Human
tätsstandards für psychologisch-diagnostische Gutachten (Version 2.2) Behav 34: 259–274.
(Online-Dokument). Verfügbar unter: www.dgps.de/_download/2011/Qua- Costa PT, McCrae RR (1983). Social desirability scales: More substance than
litaetskriterien_Gutachten.pdf (letzter Zugriff: 21.7.2014). style. J Consult Clin Psychol 51: 882–888.
Bäumler G (1985). Farbe-Wort-Interferenztest (FWIT) nach J. R. Stroop: Crawford JR, Garthwaite PH (2005). Testing for suspected impairments and
Handanweisung. Göttingen: Hogrefe. dissociations in single-case studies in neuropsychology: Evaluation of al-
Barth A, Küfferle B (2001). Die Entwicklung eines Sprichworttests zur Erfas- ternatives using Monte Carlo simulations and revised tests for dissocia-
sung konkretistischer Denkstörungen bei schizophrenen Patienten. Ner- tions. Neuropsychology 19: 318–331.
venarzt 72: 853–858. Crawford JR, Garthwaite PH (2007). Comparison of a single case to a control
Bauhofer S, Bolle PH, Dittmann V (Hrsg.) (2000). „Gemeingefährliche“ Straf- or normative sample in neuropsychology: Development of a Bayesian ap-
täter/Délinquants „dangereux“. Zürich: Rüegger. proach. Cognitive Neuropsych 24: 343–372.
Bechara A, Damasio AR, Damasio H, Anderson SW (1994). Insensitivity to fu- Crawford JR, Howell DC, Garthwaite PH (1998). Payne and Jones revisited:
ture consequences following damage to human prefrontal cortex. Cogni­ Estimating the abnormality of test score differences using a modified
tion 50: 7–15. paired samples t test. J Clin Exp Neuropsych 20: 898–905.
3.5 Qualitätsanforderungen 49

Dahle KP (2010). Psychologische Kriminalprognose: Wege zu einer integrati- Flynn JR (2011). Secular changes in intelligence. In: Sternberg RJ, Kaufman
ven Methodik für die Beurteilung der Rückfallwahrscheinlichkeit bei Straf- SB (eds.). The Cambridge Handbook of Intelligence. New York: Cambridge.
gefangenen. 2. A. Freiburg i. Br.: Centaurus. pp. 647–665.
Dahle KP, Biedermann J, Gallasch-Nemitz F, Janka C (2010). Zur rückfallpro- Föderation Deutscher Psychologenvereinigungen (Hrsg.) (1994). Richtlinien
gnostischen Bedeutung des Tatverhaltens bei Sexualdelinquenz. Forens für die Erstellung Psychologischer Gutachten. Bonn: Deutscher Psycholo-
Psychiatr Psychol Kriminol 4: 126–135. gen Verlag.
Dahle KP, Lehmann RJB, Richter A (2014). Die Screening Skala Pädophilen Folstein MF, Folstein SE, McHugh PR, Kessler J, Denzler P, Markowitsch HJ
Tatverhaltens. Forens Psychiatr Psychol Kriminol 8: 208–215. (1990). Mini-Mental-Status-Test (MMST). Göttingen: Beltz Test GmbH.
Dawes RM (1986). Representative thinking in clinical judgment. Clin Psychol Formann AK, Waldherr K, Piswanger K (2011). Wiener Matrizen-Test-2
Rev 6: 425–441. (WMT-2): Manual. Weinheim: Beltz.
Dawes RM, Faust D, Meehl PE (1989). Clinical versus actuarial judgment. Franqué F von (2013). HCR-20 – Historical-Clinical-Risk Management-20
Science 243: 1668–1674. ­Violence Risk Assessment Scheme. In: Rettenberger M, von Franqué F
Deegener G (1996). Multiphasic Sex Inventory (MSI): Handbuch. Göttingen: (Hrsg.). Handbuch kriminalprognostischer Verfahren. Göttingen: Hogrefe.
Hogrefe. S. 256–271.
Deeks JJ, Altman DG (2004). Statistics notes: Diagnostic tests 4: Likelihood Freese R (1999). Deutschsprachige Handbuchbeilage (Supplement to: Hare
ratios. BMJ 329: 168–169. PCL:SV – Psychopathy Checklist: Screening Version). Toronto, ON: Multi- 3
Deneke FW, Hilgenstock B (1989). Narzißmusinventar (NI). Bern: Huber. Health Systems.
Diaconis P, Freedman D (1981). The persistence of cognitive illusions. Behav Fydrich T, Renneberg B, Schmitz B, Wittchen HU (1997). SKID: Strukturiertes
Brain Sci 4: 333–334. Klinisches Interview für DSM-IV. Göttingen: Hogrefe.
Dislich FXR, Zinkernagel A, Ortner TM, Schmitt M (2010). Convergence of di- Gigerenzer G (2002). Das Einmaleins der Skepsis: Über den richtigen Um-
rect, indirect, and objective risk-taking measures in gambling: The moder­ gang mit Zahlen und Risiken. Berlin: Berlin-Verlag.
ating role of impulsiveness and self-control. Z Psychol 218: 20–27. Gillies D (2000). Philosophical Theories of Probability. London: Routledge.
Douglas KS, Belfrage H (2014). Interrater reliability and concurrent validity of Goodman SN (1999). Toward evidence-based medical statistics. 2: The Bayes
the HCR-20 Version 3. Int J Forens Ment Health 13: 130–139. factor. Ann Intern Med 130: 1005–1013.
Douglas KS, Hart SD, Webster CD, Belfrage H (2013). HCR-20 V3 Assessing Green BF (1950). A note on the calculation of weights for maximum battery
risk for violence: User guide. Simon Fraser University, Burnaby, BC, Cana- reliability. Psychometrika 15: 57–61.
da: Mental Health, Law, and Policy Institute. Greve W, Wentura D (1997). Wissenschaftliche Beobachtung: Eine Einfüh-
Dreßing H, Foerster K, Widder B, Schneider F, Falkai P (2011). Zur Anwen- rung. Weinheim: Beltz PVU.
dung von Beschwerdenvalidierungstests in der psychiatrischen Begutach- Grove WM, Meehl PE (1996). Comparative efficiency of formal (mechanical,
tung: Stellungnahme der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psycho- algorithmic) and informal (subjective, impressionistic) prediction proced­
therapie und Nervenheilkunde (DGPPN). Verfügbar unter: www.dgppn.de/ ures: The clinical/statistical controversy. Psychol Public Pol Law 2: 293–323.
fileadmin/user_upload/_medien/download/pdf/stellungnahmen/2011/stn- Grove WM, Zald DH, Lebow BS, Snitz BE, Nelson C (2000). Clinical versus
2011-01-28-beschwerdevalidierung.pdf (letzter Zugriff: 15.7.2014). mechanical prediction: A meta-analysis. Psychol Assessment 12: 19–30.
Eher R, Rettenberger M (2013). Der Static-99 zur Erfassung des statischen Ri- Gulliksen H (1950). Theory of Mental Tests. Hillsdale, NJ: Lawrence Erlbaum.
sikos bei Sexualstraftätern. In: Rettenberger M, von Franqué F (Hrsg.). Häcker H, Leutner D, Amelang M. (Hrsg.) (1998). Standards für pädagogi-
Handbuch kriminalprognostischer Verfahren. Göttingen: Hogrefe. S. 189– sches und psychologisches Testen. Bern: Huber (Original erschienen 1985:
201. Standards for Educational and Psychological Testing).
Eher R, Rettenberger M (2011). Die deutsche Version des Violence Risk App- Hájek A (2007). The reference class problem is your problem too. Synthese
raisal Guide (VRAG). Wien: Institut für Gewaltforschung und Prävention 156: 563–585.
(Original erschienen 1998: Violence Risk Appraisal Guide). Hanson RK, Babchishin KM, Helmus L, Thornton D (2013). Quantifying the
Eher R, Rettenberger M, Gaunersdorfer K, Haubner-MacLean T, Matthes A, relative risk of sex offenders: Risk ratios for Static-99R. Sex Abuse 25:
Schilling F et al. (2013). Über die Treffsicherheit der standardisierten Risi- 482–515.
koeinschätzungsverfahren Static-99 und Stable-2007 bei aus einer Siche- Hanson RK, Harris A (2007a). Acute-2007 master coding guide. Ottawa, ON:
rungsmaßnahme entlassenen Sexualstraftätern. Forens Psychiatr Psychol Public Safety Canada.
Kriminol 7: 264–272. Hanson RK, Harris A (2007b). Stable-2007 master coding guide. Ottawa, ON:
Eher R, Schilling F, Haubner-MacLean T, Jahn T, Rettenberger M (2012). Er- Public Safety Canada.
mittlung des relativen und absoluten Rückfallrisikos mithilfe des Static-99 Hanson RK, Howard PD (2010). Individual confidence intervals do not inform
in einer deutschsprachigen Population entlassener Sexualstraftäter. Forens decision-makers about the accuracy of risk assessment evaluations. Law
Psychiatr Psychol Kriminol 6: 264–272. Human Behav 34: 275–281.
Eisenbarth H, Osterheider M, Nedopil N, Stadtland C (2012). Recidivism in Hanson RK, Morton-Bourgon KE (2009). The accuracy of recidivism risk as-
female offenders: PCL-R lifestyle factor and VRAG show predictive validity sessments for sexual offenders: A meta-analysis of 118 prediction studies.
in a German sample. Behav Sci Law 30: 575–584. Psychol Assess 21: 1–21.
Eysenck HJ (1976). Sex and Personality. Austin: University of Texas Press. Hanson RK, Thornton D (2000). Improving risk assessments for sex offenders:
Fahrenberg J, Hampel R, Selg H (2010). FPI-R Freiburger Persönlichkeitsin- A comparison of three actuarial scales. Law Human Behav 24: 119–136.
ventar. 8. A. Göttingen: Hogrefe. Hanson RK, Lunetta A, Phenix A, Neeley J, Epperson D (2014). The field va­
Faigman DL, Monahan J, Slobogin C (2014). Group to individual (G2i) in­ lidity of Static-99/R sex offender risk assessment tool in California. J
ference in scientific expert testimony. U Chicago Law Rev 81: 417–480. Threat Assess Management 1: 102–117.
Fehnemann U (1979). Zu den Fragen des Beweiswerts und der verfassungs- Hare RD (2003). Hare Psychopathy Checklist-Revised (PCL-R). 2nd ed. Toron-
rechtlichen Zulässigkeit von Tests für Gutachten vor dem Familiengericht. to, ON: Multi-Health Systems.
FamRZ 26: 661–663. Harris GT, Rice ME, Quinsey VL (1993). Violent recidivism of mentally dis­
Feldmann B, Melchers P (2004). Ruff Figural Fluency Test (RUFF) – Deutsch- ordered offenders. The development of a statistical prediction instrument.
sprachige Fassung: Handbuch. Leiden: PITS. Crim Justice Behav 20: 315–335.
Flynn JR (1987). Massive IQ gains in 14 nations: What IQ tests really mea­ Harris A, Phenix A, Hanson RK, Thornton D (2003). Static-99 coding – re-
sure. Psychol Bull 101: 171–191. vised 2003. Ottawa: Ministry of the Solicitor General of Canada.
Flynn JR (2006). Tethering the elephant: Capital cases, IQ, and the Flynn ef- Harris GT, Rice ME, Quinsey VL (2008). Shall evidence-based risk assessment
fect. Psychol Public Pol Law 12: 170–189. be abandoned? Br J Psychiatry 192: 154.
50 3  Standardisierte und psychometrische Untersuchungsverfahren in der forensisch-psychiatrischen Begutachtung

Hart SD, Cooke DJ (2013). Another look at the (im-)precision of individual Kröber HL (2005). Qualitätssicherung bei der Schuldfähigkeitsbegutachtung.
risk estimates made using actuarial risk assessment instruments. Behav Sci In: Kröber HL, Steller M (Hrsg.). Psychologische Begutachtung im Strafver-
Law 31: 81–102. fahren: Indikationen, Methoden und Qualitätsstandards. 2. A. Darmstadt:
Hart SD, Cox DN, Hare RD (1995). The Hare Psychopathy Checklist: Screening Steinkopff. S. 21–37.
Version (PCL:SV). Toronto, ON: Multi-Health Systems. Kröner C, Stadtland C, Eidt, Nedopil N (2007). The validity of the Violence
Hart SD, Michie C, Cooke DJ (2007). Precision of actuarial risk assessment Risk Appraisal Guide (VRAG) in predicting criminal recidivism. Crim Behav
instruments: Evaluating the ‚margins of error’ of group v. individual pre- Ment Health 17: 89–100.
dictions of violence. Br J Psychiatry 190(suppl 49): s60-s65. Kubinger KD, Holocher-Ertl S (2014). Adaptives Intelligenz Diagnostikum 3:
Hautzinger M, Keller F, Kühner C (2009). Beck-Depressionsinventar Revision Manual. Weinheim: Beltz.
(BDI-II). 2. A. Frankfurt a. M.: Pearson. Kuhl J, Kazén M (1997). Persönlichkeits-Stil- und Störungs-Inventar (PSSI):
Heaton RK, Chelune GJ, Talley JL, Kay GG, Curtiss G (1993). Wisconsin Card Manual. Göttingen: Hogrefe.
Sorting Test. Lutz, FL: Psychological Assessment Resources. Kupfer J, Brosig B, Brähler E (2001). Toronto-Alexithymie-Skala-26. Deutsche
Hell B, Trapmann S, Schuler H (2008). Synopse der Hohenheimer Metaanaly- Version (TAS-26): Manual. Göttingen: Hogrefe.
sen zur Prognostizierbarkeit des Studienerfolgs und Implikationen für die Landis JR, Koch GG (1977). The measurement of observer agreement for cat­
Auswahl- und Beratungspraxis. In: Schuler H, Hell B (Hrsg.). Studierenden- egorical data. Biometrics 33: 159–174.
3 auswahl und Studienentscheidung. Göttingen: Hogrefe. S. 43–54. Larrabee G (ed.) (2011). Forensic Neuropsychology: A Scientific Approach.
Helmus L, Hanson RK, Thornton D (2009). Reporting Static-99 in light of new 2nd ed. New York: Oxford University Press.
research on recidivism norms. Verfügbar unter: www.static99.org/pdfdocs/ Lehmann G (1983). Testtheorie: Eine systematische Übersicht. In: Feger H,
forum_article_feb2009.pdf (letzter Zugriff: 17.7.2014). Bredenkamp J (Hrsg.). Enzyklopädie der Psychologie: Themenbereich B
Heubrock D, Petermann F (2000). Testbatterie zur Forensischen Neuropsy- Methodologie und Methoden, Serie I Forschungsmethoden der Psycholo-
chologie: Manual. Frankfurt a. M.: Pearson. gie, Band 3 Messen und Testen. Göttingen: Hogrefe. S. 427–543.
Heubrock D, Petermann F (2008). Kurzfragebogen zur Erfassung von Aggres- Lehrl S (2005). Mehrfachwahl-Wortschatz-Intelligenztest MWT-B: Manual.
sivitätsfaktoren (K-FAF): Manual. Göttingen: Hogrefe. 5. A. Balingen: Spitta.
Hörmann H, Moog W (1957). Der Rosenzweig P-F-Test, Form für Erwachse- Leichsenring F (1997). Borderline-Persönlichkeits-Inventar (BPI): Handanwei-
ne. Göttingen: Hogrefe. sung. Göttingen: Hogrefe.
Horn R (2009). Standard Progressive Matrices (SPM). Frankfurt a. M.: Pearson. Lejuez CW, Read JP, Kahler CW, et al. (2002). Evaluation of a behavioral
Hornke LF, Etzel S, Küppers A (2000). Konstruktion und Evaluation eines ad- measure of risk taking: The Balloon Analogue Risk Task (BART). J Exp Psy-
aptiven Matrizentests. Diagnostica 46: 182–188. chol Applied 8: 75–84.
Howson C, Urbach P (2006). Scientific Reasoning: The Bayesian Approach. Lienert GA, Raatz U (1994). Testaufbau und Testanalyse. 5. A. Weinheim:
3rd ed. La Salle, IL: Open Court. Beltz Psychologie Verlags Union.
Huber HP (1973). Psychometrische Einzelfalldiagnostik. Weinheim: Beltz. Lienert GA, Raatz U (1998). Testaufbau und Testanalyse. 6. A. Weinheim:
Ingraham LJ, Aiken CB (1996). An empirical approach to determining criteria Beltz Psychologie Verlags Union.
for abnormality in test batteries with multiple measures. Neuropsychology Lindley DV (2007). Understanding Uncertainty. Hoboken, NJ: Wiley.
10: 120–124. Littmann E (2005). Forensische Neuropsychologie – Aufgaben, Anwendungs-
Irtel H (1996). Entscheidungs- und testtheoretische Grundlagen der Psycho- felder und Methoden. In: Kröber HL, Steller M (Hrsg.): Psychologische Be-
logischen Diagnostik. Frankfurt a. M.: Peter Lang. gutachtung im Strafverfahren: Indikationen, Methoden und Qualitätsstan-
Jaeschke R, Gordon GH, Sackett DL, et al. (1994). User's guide to the med­ dards. 2. A. Darmstadt: Steinkopff. S. 61–117.
ical literature: III. How to use an article about a diagnostic test – B. What Littmann E (2014). Stand und Stellenwert psychodiagnostischer Verfahren im
are the results and will they help me in caring for my patients? JAMA 271: Rahmen der Diagnostik von Persönlichkeitsstörungen in foro. In: Lau S,
703–707. Lammel M, Sutarski S (Hrsg.). Forensische Begutachtung bei Persönlich-
Janus ES, Meehl PE (1997). Assessing the legal standard for predictions of keitsstörungen. 2. A. Berlin: Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesell-
dangerousness in sex offender commitment proceedings. Psychol Public schaft. S. 21–64.
Pol Law 3: 33–64. Lloyd CD, Clark HJ, Forth AE (2010). Psychopathy, expert testimony, and in-
Kass RE, Raftery AE (1995). Bayes factors.J Am Stat Assoc 90: 773–795. determinate sentences: Exploring the relationship between Psychopathy
Kay SR, Opler LA, Fiszbein A (1999). Positive and Negative Syndrome Scale: Checklist-Revised testimony and trial outcome in Canada. Legal Criminol
Manual (Gerhold M, Huss M, Luecke M, Übers.). North Tonawanda, NY: Psychol 15: 323–339.
Multi-Health Systems. Lord FM, Novick MR (eds.) (1968). Statistical Theories of Mental Test Scores,
Kessler J, Denzler P, Markowitsch HJ (1999). Demenz-Test: Manual. 2. A. with contributions by Allan Birnbaum. Reading, MA: Addison-Wesley.
Göttingen: Beltz. März M (1979). Bedenken gegen den Beweiswert projektiver Persönlichkeits-
Keye D, Wilhelm O, Oberauer K (2009). A German adaptation of the UPPS tests: Zur Würdigung projektiver Persönlichkeitstests durch den in Jugend-
impulsive behavior scales: Structure and correlates. Eur J Psychol Assess sachen spezialisierten und erfahrenen Familienrichter. NJW 32: 603–605.
25: 175–185. Marschner R, Volckart B, Lesting W (2010). Freiheitsentziehung und Unter-
Klemm T (2002). Konfliktverhalten situativ (KV-S): Handbuch. Leipzig: Edition bringung: Materielles Recht und Verfahrensrecht (Reihe Beck'sche Kurz-
Erata. kommentare, Bd. 32). 5. A. München: Beck.
Koch K (2008). Baumtest: Der Baumzeichenversuch als psychodiagnostisches Marshall WL (2014). Phallometric assessments of sexual interests: An up-
Hilfsmittel. 12. A. Bern: Huber (Original erschienen 1949). date. Curr Psychiatry Rep 16: 428
Konrad N, Rasch W (2004). Forensische Psychiatrie. 3. A. Stuttgart: Kohl- Matthes A, Eher R (2013a). Der Acute-2007 zur Erfassung des akut-dynamischen
hammer. Risikos bei Sexualstraftätern. In: Rettenberger M, von Franqué F (Hrsg.). Hand-
Kraemer HC, Morgan GA, Leech NL, Gliner, JA, Vaske JJ, Harmon RJ (2003). buch kriminalprognostischer Verfahren. Göttingen: Hogrefe. S. 212–219.
Measures of clinical significance. J Am Acad Child Adolesc Psychiatry 42: Matthes A, Eher R (2013b). Der Stable-2007 zur Erfassung des stabil-dynami-
1524–1529. schen Risikos bei Sexualstraftätern. In: Rettenberger M, von Franqué F (Hrsg.):
Kröber HL (2014). Der Weg von der Persönlichkeitsstörung zur schweren an- Handbuch kriminalprognostischer Verfahren. Göttingen: Hogrefe. S. 202–211.
deren seelischen Abartigkeit – Der erste Qualifizierungsschritt im Rahmen Matthes A, Rettenberger M (2008a). Die deutsche Version des Acute-2007.
der Begutachtung. In: Lau S, Lammel M, Sutarski S (Hrsg.). Forensische Be- Wien: Institut für Gewaltforschung und Prävention (IGF).
gutachtung bei Persönlichkeitsstörungen. 2. A. Berlin: Medizinisch Wissen- Matthes A, Rettenberger M (2008b). Die deutsche Version des Stable-2007.
schaftliche Verlagsgesellschaft. S. 75–85. Wien: Institut für Gewaltforschung und Prävention (IGF).
3.5 Qualitätsanforderungen 51

McGrath RE, Carroll EJ. The current status of „projective“ tests. In: Cooper H, Murrie DC, Boccaccini MT, Johnson JT, Janke C (2008). Does interrater (dis)
Camic PM, Long DL et al. (eds.) (2012). APA Handbook of Research Methods agreement on Psychopathy Checklist scores in sexually violent predator
in Psychology. Vol. 1: Foundations, Planning, Measures, and Psychometrics. trials suggest partisan allegiance in forensic evaluations? Law Human Be-
Washington, DC: American Psychological Association. pp. 329–348. hav 32: 352–362.
McGrath RE, Meyer GJ (2006). When effect sizes disagree: The case of r and Musch J, Brockhaus R, Bröder A (2002). Ein Inventar zur Erfassung von zwei
d. Psychol Methods 11: 386–401. Faktoren sozialer Erwünschtheit. Diagnostica 48: 121–129.
Meehl PE (2006). The power of quantitative thinking. Speech delivered upon Niedersächsisches Landesjustizportal. Strafvollstreckung: Zulässigkeit der
receipt of the James McKeen Cattell Fellow award at the meeting of the Verwertung im Bundeszentralregister getilgter Voreintragungen bei der
American Psychological Society, Washington, DC; 23.5.1998. Verfügbar Vollzugplanung. Verfügbar unter: www.rechtsprechung.niedersachsen.de/
unter: www.tc.umn.edu/∼pemeehl/PowerQuantThinking.pdf (letzter Zu- jportal/portal/page/bsndprod.psml?doc.id=KORE222572011&st=null&sho
griff: 20.8.2014). wdoccase=1&paramfromHL=true#focuspoint (letzter Zugriff: 18.7.2014).
Meloy JR, Gacono CB (1995). Assessing the psychopathic personality. In: Nunnally JC (1978). Psychometric Theory. 2nd ed. New York: McGraw-Hill.
Butcher JN (ed.). Clinical Personality Assessment: Practical Approaches. Ones DS, Viswesvaran C, Reiss AD (1996). Role of social desirability in per­
New York: Oxford University Press. pp. 410–422. sonality testing for personnel selection: The red herring. J Applied Psychol
Merten T, Stevens A, Blaskewitz N (2009). Beschwerdenvalidität und Begut- 81: 660–679.
achtung: Eine Einführung. In: Merten T, Dettenborn H (Hrsg.). Diagnostik Orne MT (1962). On the social psychology of the psychological experiment: 3
der Beschwerdenvalidität. Berlin: Deutscher Psychologen Verlag. S. 9–35. With particular reference to demand characteristics and their implications.
Miettinen OS, Caro JJ (1994). Foundations of medical diagnosis: What actually Am Psychol 17: 776–783.
are the parameters involved in Bayes' theorem? Stat Med 13: 201–209. Ostendorf F, Angleitner A (2004). NEO-PI-R: NEO-Persönlichkeitsinventar
Milner B (1971). Interhemispheric differences in the localization of psycholo- nach Costa und McCrae, revidierte Fassung. Göttingen: Hogrefe.
gical processes in man. Brit Med Bulletin 27: 272–277. Osterheider M, Mokros A. Tatortanalyse in der Forensischen Psychiatrie: Die
Mises R von (1928). Wahrscheinlichkeit, Statistik und Wahrheit. Wien: Julius Bedeutung der Rekonstruktion des Tatgeschehens für Diagnostik, Thera-
Springer. Mittenecker E, Raab E (1973). Informationstheorie für Psycholo- pieplanung und Prognose. In: Musolff C, Hoffmann J (Hrsg.) (2006). Täter-
gen. Göttingen: Hogrefe. profile bei Gewaltverbrechen: Mythos, Theorie, Praxis und forensische An-
Mitglieder des Bundesverfassungsgerichts (Hrsg.) (1974). Entscheidungen wendung des Profilings. 2. A. Berlin: Springer. S. 325–338.
des Bundesverfassungsgerichts (Band 36). Tübingen: Mohr. Patton JH, Stanford MS, Barratt ES (1995). Factor structure of the Barratt im-
Mokros A (2013). PCL-R/PCL:SV – Psychopathy Checklist-Revised/Psychopathy pulsiveness scale. J Clin Psychol 51: 768–774.
Checklist: Screening Version. In: Rettenberger M, Franqué F von (Hrsg.). Paulhus D (1984). Two-component models of socially desirable responding. J
Handbuch kriminalprognostischer Verfahren. Göttingen: Hogrefe. S. 83–107. Pers Soc Psychol 46: 598–609.
Mokros A, Gebhard M, Heinz V, et al. (2013a). Computerized assessment of pe- Petermann F, Lepach AC (2012). Deutsche Adaptation der revidierten Fassung
dophilic sexual interest through self-report and viewing time: Reliability, validi- der Wechsler Memory Scale – 4th ed. Manual. Frankfurt a. M.: Pearson.
ty, and classification accuracy of the Affinity program. Sex Abuse 25: 230–258. Pollock JL (2007). Probable probabilities. Verfügbar unter: http://oscarhome.
Mokros A, Habermeyer E, Neumann CS, Schilling F, Hare RD, Eher R (2013b). soc-sci.arizona.edu/pollock.html (letzter Zugriff: 22.4.2010).
Assessment of psychopathy in Austria: Psychometric properties of the Psy- Preuss UW, Rujescu D, Giegling I et al. (2008). Psychometrische Evaluation
chopathy Checklist-Revised. Eur J Psychol Assess 20.9.2013; advance on- der deutschsprachigen Version der Barratt-Impulsiveness-Skala. Nerven-
line publication. doi: 10.1027/1015–5759/a000177. arzt 79: 305–319.
Mokros A, Hollerbach P, Vohs K, Nitschke J, Eher R, Habermeyer E (2013c). Quesada SP, Calkins C, Jeglic EL (2013). An examination of the interrater re-
Normative data for the Psychopathy Checklist-Revised in German-speak­ liability between practitioners and researchers on the Static-99. Int J Off
ing countries: A meta-analysis. Crim Justice Behav 40: 1425–1440. Ther Comp Criminol Jul 16 [Epub ahead of print].
Mokros A, Schilling F, Weiss K, Nitschke J, Eher R (2014a). Sadism in sexual Quinsey VL, Harris GT, Rice ME, Cormier CA (2006). Violent offenders: App-
offenders: Evidence for dimensionality. Psychol Assess 26: 138–147. raising and managing risk. 2nd ed. Washington, DC: American Psycholo­
Mokros A, Vohs K, Habermeyer E (2014b). Psychopathy and violent reoffen- gical Association.
ding in German-speaking countries: A meta-analysis. Eur J Psychol Assess Rasch W (1999). Forensische Psychiatrie 2. A. Stuttgart: Kohlhammer.
30: 117–129. Rauchfleisch U (1979). Handbuch zum Rosenzweig Picture-Frustration Test
Mombour W, Zaudig M, Berger P et al. (1996). IPDE International Personality (PFT). Band 2: Manual zur Durchführung des PFT und Neueichung der
Disorder Examination ICD-10 Modul – Deutschsprachige Ausgabe im Auf- Testformen für Kinder und Erwachsene. Bern: Huber.
trag der WHO: Manual. Bern: Huber. Raven JC (1958). Standard Progressive Matrices. London: H. K. Lewis.
Monahan J, Silver E (2003). Judicial decision thresholds for violence risk Raven JC, Raven J, Court JH (1998). Manual der Progressiven Matrizen- und
man­agement. Int J Forens Ment Health 2: 1–6. Wortschatztests von John Raven. Teil 1: Grundlagen. Frankfurt a. M.: Swets.
Moons KGM, van Es GA, Deckers JW, Habbema JDF, Grobbee DE (1996). Limi- Ray JV, Hall J, Rivera-Hudson N, Poythress NG, Lilienfeld SO (2013). The re­
tations of sensitivity, specificity, likelihood ratio, and Bayes' theorem in as- lation between self-reported psychopathic traits and distorted response
sessing diagnostic probabilities: A clinical example. Epidemiology 8: 12–17. styles: A meta-analytic review. Pers Disord Theory Res Treat 4: 1–14.
Moosbrugger H, Oehlschlägel J (2011). Frankfurter Aufmerksamkeits-Inven- Raykov T (2004). Estimation of maximal reliability: A note on a covariance
tar 2 (FAIR-2): Manual. Bern: Huber. structure modelling approach. Brit J Math Stat Psy 57: 21–27.
Mossman D (1994a). Assessing predictions of violence: Being accurate about Reed RA, Harrow M, Herbener ES, Martin EM (2002). Executive functioning in
accuracy. J Consult Clin Psychol 62: 783–792. schizophrenia: Is it linked to poor life functioning? J Nerv Ment Dis 190:
Mossman D (1994b). Comment: Further comments on portraying the accura- 725–732.
cy of violence predictions. Law Human Behav 18: 587–593. Reichenbach H (1938). Experience and prediction: An analysis of the found­
Mossman D (2000). The meaning of malingering data: Further applications ations and the structure of knowledge. Chicago: University of Chicago
of Bayes' theorem. Behav Sci Law 18: 761–779. Press.
Mossman D, Sellke T (2007). Correspondence: Avoiding errors about “mar- Rettenberger M (2013). Kriminalprognose in der Praxis: Die Ergebnisse des
gins of error”. Br J Psychiatry 191: 561. International Risk Survey (IRiS)-Projekts zur kriminalprognostischen Praxis
Murray C (1998). Income inequality and IQ. Washington, DC: AEI Press. in Deutschland. Vortrag anlässlich der 15. Tagung der Sektion Rechtspsy-
Murray HA (1943). Thematic Apperception Test: Manual. Cambridge, MA: chologie der Deutschen Gesellschaft für Psychologie (DGPs). September
Harvard University Press. 2013; Bonn.
52 3  Standardisierte und psychometrische Untersuchungsverfahren in der forensisch-psychiatrischen Begutachtung

Rettenberger M, Eher R (2006). Die revidierten Kodierungsrichtlinien des Sta- Soubelet A, Salthouse TA (2011). Influence of social desirability on age
tic-99 (2003). Wien: Institut für Gewaltforschung und Prävention (Original differ­ences in self-reports of mood and personality. J Pers 79: 741–762.
erschienen 2003: Static-99 coding rules revised, 2003). Stieglitz RD (2007). Diagnostik und Klassifikation in der Psychiatrie. Stutt-
Rettenberger M, Eher R (2007). Aktuarische Kriminalprognosemethoden und Se- gart: Kohlhammer.
xualdelinquenz: Die deutsche Version des SORAG. MschrKrim 90: 484–497. Storey JE, Watt KA, Jackson KJ, Hart SD (2012). Utilization and implications
Rettenberger M, Franqué F von (Hrsg.) (2013). Handbuch kriminalprognosti- of the Static-99 in practice. Sex Abuse 24: 289–302.
scher Verfahren. Göttingen: Hogrefe. Streiner DL (2003). Diagnosing tests: Using and misusing diagnostic and
Rettenberger M, Gaunersdorfer K, Schilling F, Eher R (2009). Die Vorhersage screening tests. J Pers Assess 81: 209–219.
der Rückfälligkeit entlassener Sexualstraftäter mittels des Sexual Offender Stürmer S, Salewski C (2014). Studie: Viele Fehler in Gutachten. DRiZ 92:
Risk Appraisal Guide (SORAG) und dessen Screening-Version (SORAG-SV): 282–283.
Darstellung der differentiellen und prädiktiven Validität. Forens Psychiatr Taylor GJ, Ryan D, Bagby RM (1985). Toward the development of a new self-
Psychol Kriminol 3: 318–328. report alexithymia scale. Psychother Psychosom 44: 191–199.
Rice ME, Harris GT (2005). Comparing effect sizes in follow-up studies: ROC Tondorf G, Tondorf B (2011). Psychologische und psychiatrische Sachver-
area, Cohen's d, and r. Law Human Behav 29: 615–620. ständige im Strafverfahren: Verteidigung bei Schuldfähigkeits- und Prog-
Rorschach H (1992). Psychodiagnostik: Methodik und Ergebnisse eines nosebegutachtung. 3. A. Heidelberg: C. F. Müller.
3 wahrnehmungs-diagnostischen Experiments (Deutenlassen von Zufallsfor- Trahan LH, Stuebing KK, Fletcher JM, Hiscock M (2014). The Flynn effect: A
men, 11. A.). Bern: Huber (Original erschienen 1921). meta-analysis. Psychol Bull [Epub ahead of print].
Rosenthal R, Rosnow RL (1991). Essentials of behavioral research: Methods Tucha O, Lange KW (2004). Turm von London – Deutsche Version (TL-D):
and data analysis. 2nd ed. New York: McGraw-Hill. Manual. Göttingen: Hogrefe.
Rossegger A, Endrass J, Gerth J, Singh JP (2014). Replicating the Violence Urbaniok F, Noll T, Grunewald S, Steinbach J, Endrass J (2006). Prediction of
Risk Appraisal Guide: A total forensic cohort study. PLoS ONE 9(3): violent and sexual offences: A replication study of the VRAG in Switzer-
e91845. land. J Forensic Psychiatr Psychol 17: 23–31.
Rossegger A, Gerth J, Endrass J. VRAG – Violence Risk Appraisal Guide. In: Vandierendonck A, Kemps E, Fastame MC, Szmalec A (2004). Working
Rettenberger M, von Franqué F (Hrsg.) (2013). Handbuch kriminalprognos- ­memory components of the Corsi blocks task. Br J Psychol 95: 57–79.
tischer Verfahren. Göttingen: Hogrefe. S. 141–158. Volbert R, Dahle KP (2010). Forensisch-psychologische Diagnostik im Straf-
Rossegger A, Gerth J, Urbaniok F, Laubacher A, Endrass J (2010). Der Sex Of- verfahren (F. Petermann, H. Holling [Hrsg.], Kompendien Psychologische
fender Risk Appraisal Guide (SORAG) – Validität und autorisierte deutsche Diagnostik, Bd. 12). Göttingen: Hogrefe.
Übersetzung. Fortschr Neurol Psyc 78: 658–667. Votaw DF (1948). Testing compound symmetry in a normal multivariate dis-
Rossegger A, Urbaniok F, Danielsson C, Endrass J (2009). Der Violence Risk tribution. Ann Math Stats 19: 447–473.
Appraisal Guide (VRAG) – Ein Instrument zur Kriminalprognose bei Ge- Wartegg E (1939). Gestaltung und Charakter: Ausdrucksdeutung zeichneri-
waltstraftätern: Übersichtsarbeit und autorisierte deutsche Übersetzung. scher Gestaltung und Entwurf einer charakterologischen Typologie. Leip-
Fortschr Neurol Psyc 77: 577–584. zig: Barth.
Rost J (2004). Lehrbuch Testtheorie – Testkonstruktion. 2. A. Bern: Huber. Webster CD, Douglas KS, Eaves D, Hart SD (1998). Die Vorhersage von Ge-
Ruch W (1999). Die revidierte Fassung des Eysenck Personality Questionnaire walttaten mit dem HCR-20 (Müller-Isberner R, Jöckel D, Gonzalez Cabeza
und die Konstruktion des deutschen EPQ-R bzw. EPQ-RK. Z Diff Diagnost S, Übers.). Haina: Institut für Forensische Psychiatrie e. V. (Original erschie-
Psychol 20: 1–24. nen 1997).
Ruscio J (2008). A probability-based measure of effect size: Robustness to Wechsler D, Petermann F (2013). Wechsler Adult Intelligence Scale (WAIS-R):
base rates and other factors. Psychol Methods 13: 19–30. Manual. Frankfurt a. M.: Pearson.
Salewski C, Stürmer S (2012). Qualitätsmerkmale in der familienrechtspsy- Wegener H (1979). Bedenken gegen den Beweiswert projektiver Persönlich-
chologischen Begutachtung: Untersuchungsbericht I (Online-Dokument). keitstests: Zur Würdigung projektiver Persönlichkeitstests durch den in Ju-
Verfügbar unter: www.fernuni-hagen.de/psychologie/qpfg/pdf/Untersu- gendsachen spezialisierten und erfahrenen Familienrichter: Anmerkung.
chungsbericht1_FRPGutachten_1.pdf (letzter Zugriff: 21.7.2014). NJW 32: 1253–1254.
Schellig D (1997). Block-Tapping-Test (BTT): Manual. Frankfurt a. M.: Swets. Weiss RH (2006). Grundintelligenztest Skala (CFT 20-R): Manual. Göttingen:
Scheurer H, Richter P (2005). Psychologische Persönlichkeitsdiagnostik: Zur Hogrefe.
Bedeutung von Persönlichkeitsfragebogen bei der Begutachtung der Wilks SS (1946). Sample criteria for testing equality of means, equality of
Schuldfähigkeit. In: Kröber HL, Steller M (Hrsg.). Psychologische Begutach- ­variances, and equality of covariances in a multivariate distribution. Ann
tung im Strafverfahren: Indikationen, Methoden und Qualitätsstandards. Math Stats 17: 257–281.
2. A. Darmstadt: Steinkopff. S. 39–60. Wilson BA, Alderman N, Burgess PW (2000). Behavioural Assessment of the
Schmalt HD, Sokolowski K, Langens T (2000). Das Multi-Motiv-Gitter für An- Dysexecutive Syndrome (BADS): Manual. Bury St Edmunds: Thames Valley
schluss, Leistung und Macht (MMG). Frankfurt a. M.: Pearson. Test Company.
Schretlen DJ (1997). Dissimulation on the Rorschach and other projective Wood JM, Lilienfeld SO, Nezworski MT, et al. (2010). Validity of Rorschach
measures. In: Rogers R (Hrsg.): Clinical assessment of malingering and de- inkblot scores for discriminating psychopaths from nonpsychopaths in
ception. 2nd ed. New York: Guilford. pp. 208–222. ­forensic populations: A meta-analysis. Psychol Assess 22: 336–349.
Scurich N, John RS (2012). A Bayesian approach to the group versus indi­ Wood JM, Nezworski MT, Lilienfeld SO, et al. (2003). What's wrong with the
vidual prediction controversy in actuarial risk assessment. Law Human Rorschach: Science confronts the controversial inkblot test. San Francisco,
­Behav 36: 237–246. CA: Jossey-Bass.
Seto MC, Lalumière ML (2001). A brief screening scale to identify pedophilic Wormith JS, Hogg S, Guzzo L (2012). The predictive validity of a general risk/
interests among child molesters. Sex Abuse 13: 15–25. needs assessment inventory on sexual offender recidivism and an explora-
Slobogin C (2006). Dangerousness and expertise redux. Emory Law J 56: tion of the professional override. Crim Justice Behav 39: 1511–1538.
275–326. Wottawa H (1980). Grundriß der Testtheorie. München: Juventa.
Smith GP, Burger GK (1997). Detection of malingering: Validation of the Yang M, Wong SCP, Coid J (2010). The efficacy of violence prediction: A meta-
Structured Inventory of Malingered Symptomatology (SIMS). J Am Acad analytic comparison of nine risk assessment tools. Psychol Bull 136: 740–767.
Psychiatr Law 25: 183–189. Zimmerman M (1994). Diagnosing personality disorders: A review of issues
Soilevuo Grønnerød J, Grønnerød C (2012). The Wartegg Zeichen Test: A and research methods. Arch Gen Psychiatry 51: 225–245.
­literature overview and a meta-analysis of reliability and validity. Psychol Zimmermann P, Fimm B (2012). Testbatterie zur Aufmerksamkeitsprüfung
Assessment 24: 476–489. (TAP), Version 2.3 (Computer-Software). Herzogenrath: Psytest-Fimm.
KAPITEL Harald Dreßing, Andrea Dreßing, Peter Gass, Wolfgang Retz und Michael Rösler

Neurobiologische Erkenntnisse:

4 mögliche Relevanz für die


strafrechtliche Begutachtung
4.1 Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 54 4.5 Relevanz für die Begutachtung . . . . . . . . . . . . . 57

4.2 Tiermodelle . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 54 4.6 Fazit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 58

4.3 Genetik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 55

4.4 Neuroimaging bei Dissozialität und


Pädophilie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 56

4
54 4  Neurobiologische Erkenntnisse: mögliche Relevanz für die strafrechtliche Begutachtung

4.1 Einleitung logische Befunde bei Sexualstraftätern sowie grundsätzliche Unter-


suchungen zur Bedeutung neurobiologischer Befunde als Risiko-
Unterschiedliche Methoden moderner neurobiologischer For- faktoren für gewalttätiges Verhalten.
schung haben in den letzten Jahren sehr schnell Eingang in die For- Im Folgenden sollen einige dieser Forschungsansätze aus der ex-
schungslandschaft der Psychiatrie gefunden. Neurobiologische For- perimentellen Tierforschung, der Genetik sowie der funktionellen
schung dominiert die akademische Psychiatrie seit einigen Jahren, Bildgebung exemplarisch vorgestellt werden. Am Ende dieses Kapi-
und es ist davon auszugehen, dass die mit diesen Forschungsme- tels wird der Versuch einer Standortbestimmung unternommen
thoden gewonnenen Erkenntnisse unser Verständnis von psychi- und der Frage nachgegangen, welche Bedeutung diese Forschungs-
schen Krankheiten bereichern werden. Es ist auch möglich, dass ansätze für die forensische Psychiatrie derzeit haben und in Zu-
diese Erkenntnisse zukünftig Einfluss auf das etablierte diagnosti- kunft möglicherweise haben können.
sche Vorgehen haben werden. Vorauszuschicken ist, dass das Spek-
trum neurobiologischer Forschungsansätze ausgesprochen viel-
fältig ist und z. B. von der funktionellen Magnetresonanztomografie 4.2 Tiermodelle
(fMRT), der Positronenemissionstomografie (PET), hoch auflösen-
den magnetresonanztomografischen Volumenbestimmungen, dif- Aggressives Verhalten spielt eine wichtige Rolle im Tierreich und
ferenzierten genetischen Untersuchungen, neurochemischen und kann auch bei Labortieren wie Ratten oder Mäusen unter standar-
4 molekularbiologischen Techniken und Post-mortem-Untersuchun- disierten experimentellen Bedingungen analysiert werden (Olivier
gen bis hin zu ausgeklügelten Tiermodellen z. B. in der Aggressions- und Young 2002). Da das Gehirn und andere biologische „Materia-
forschung reicht. Obwohl diese Forschungsansätze zumindest in lien“ von Versuchstieren wesentlich einfacher zugänglich sind als
der akademischen Allgemeinpsychiatrie mittlerweile weit verbrei- beim Menschen, können genetische, aber auch epigenetische Ein-
tet sind, haben sie in die forensische Psychiatrie bisher noch wenig flüsse  –  dazu zählt neben Brutpflege und Haltungsbedingungen
Eingang gefunden. Das ist u. a. dadurch begründet, dass viele Maß- auch Stress  –  auf Sozial- und Aggressionsverhalten hervorragend
regelvollzugskliniken keine enge Anbindung an die wenigen foren- studiert werden. Obwohl sicherlich keine Tierspezies und kein Tier-
sischen Einrichtungen an den Hochschulen haben. Darüber hinaus modell exakt die condition humaine widerspiegelt, kann kein Zwei-
erfordern viele neurobiologische Untersuchungsmethoden (z. B. fel daran bestehen, dass wesentliche neurobiologische Vorgänge bei
fMRT) eine aufwendige apparative und personelle Ausstattung. Po- Mensch und Tier im Hinblick auf Aggressions- und Gewaltverhal-
tenzielle Studienpatienten müssen also u. U. über weitere Strecken ten identisch ablaufen (Janssen et al. 2005).
zur Untersuchung gebracht werden, was Kosten verursacht und Die meisten und gründlichsten Untersuchungen bei Versuchstie-
entsprechende Sicherheitsvorkehrungen erfordert. Weiterhin kann ren betreffen das serotonerge System, was ganz unterschiedliche
es aus ethischen Gründen schwierig sein, im Maßregelvollzug un- Ursachen hat (Popova 2006):
tergebrachte Patienten in eine Studie mit modernen neurobiologi- 1. Das serotonerge System ist evolutionär sehr alt und in vielen
schen Untersuchungsmethoden einzubeziehen. Spezies gut erhalten.
Über diese eher pragmatischen Probleme hinaus muss sich die 2. Serotonin spielt bereits in der pränatalen Ontogenese eine wich-
neurobiologische Forschung bei forensischen Patienten auch noch tige Rolle bei der Hirnentwicklung.
mit unsachlichen ideologischen Argumenten auseinandersetzen. 3. Pharmakologische und neurochemische Daten implizieren, dass
Neurobiologische Studien bei Straftätern werden immer wieder Serotonin bei der Regulation von verschiedenen Arten aggressi-
vorschnell i. S. einer überholten „Lombroso-Forschung“ oder eines ven Verhaltens bei unterschiedlichen Spezies eine Rolle spielt.
Wiederauflebens einer überholten Kriminalbiologie eingeordnet 4. Klinische Daten assoziieren Impulsivität, Aggression und Sui-
oder für eine (pseudo-)philosophische Debatte über die Willens- zidversuche (Autoaggression) mit Defiziten der zentralen sero-
freiheit missbraucht. Es wird argumentiert, dass mit neurobiologi- tonergen Neurotransmission.
schen Methoden vermeintlich die Ursache der Straffälligkeit ge- Aufgrund zahlreicher Testverfahren, mit denen sich aggressives
sucht werde, was dann mit dem Schlagwort vom „geborenen Ver- Verhalten von Mäusen darstellen lässt, und der seit etwa 20 Jahren
brecher“ belegt wird. In dieser Diskussion werden dann auch ei- bestehenden Möglichkeit, gezielt spezifische Veränderungen im
gentlich längst überholte Debatten über den Einfluss von „nature“ Mausgenom vorzunehmen, sind transgene Mäuse mit einer Über-
oder „nurture“ geführt. oder Unterexpression von bestimmten Schlüsselgenen zu einem
Auch diese aus unterschiedlichen ideologischen, politischen und Standard-Modellansatz für die neurobiologische Aggressionsfor-
professionellen Positionen heraus geführten Debatten erschweren schung geworden. Dies soll hier beispielhaft für das serotonerge
die Etablierung und vorurteilsfreie Bewertung neurobiologischer System dargestellt werden.
Forschungsansätze in der forensischen Psychiatrie. Festzuhalten ist Der vielleicht überzeugendste Befund, dass transgene Tiere als
jedoch, dass es mittlerweile erste und sehr interessante neurobiolo- Modelle für aggressives Verhalten beim Menschen herangezogen
gische Forschungsergebnisse auch bei Straftätern gibt (Dreßing et werden können, stammt von einem Mausstamm mit einem gezielt
al. 2007a, b). Sie beziehen sich besonders häufig auf Personen mit hergestellten Knock-out des Monoaminoxidase-A-Gens (MAO-A-
der Diagnose „dissoziale bzw. antisoziale Persönlichkeitsstörung“ Gen; Cases et al. 1995). Dieses Gen ist auf dem X-Chromosom loka-
sowie auf Personen, welche die diagnostischen Kriterien der psy- lisiert und codiert für ein Hauptenzym des Serotoninmetabolismus.
chopathy nach Hare erfüllen. Darüber hinaus gibt es z. B. neurobio- Mäuse, bei denen die MAO-A-Aktivität im Gehirn ausgeschaltet
4.3 Genetik 55

wurde, zeigen ein signifikant erhöhtes Aggressionsverhalten. Neu- In molekulargenetischen Untersuchungen wurde eine Reihe von
rochemisch kommt es erwartungsgemäß zu erhöhten Serotonin- Kandidatengenen hinsichtlich ihrer Assoziation mit antisozialem
spiegeln und einer verringerten Konzentration des Serotoninhaupt- Verhalten untersucht. Hierbei ging man v. a. von Beobachtungen
metaboliten 5-HIAA. Diese Befunde in der Knock-out-Maus haben aus, wonach bei selbst- und fremdaggressiven Verhaltensweisen
eine hochinteressante Entsprechung beim Menschen. Im Stamm- Störungen der monoaminergen Neurotransmission gefunden
baum einer holländischen Familie fanden sich 14 betroffene Män- wurden. Eine Verminderung des Serotoninabbauprodukts 5-Hyd-
ner, bei denen eine Grenzbegabung, verminderte Impulskontrolle roxyindolessigsäure im Liquor in Verbindung mit antisozialem
sowie aggressive Handlungen, Brandstiftung, versuchte Vergewalti- Verhalten wurde metaanalytisch gesichert (Moore et al. 2002).
gung und Exhibitionismus vorkamen. Als genetisches Korrelat für Auch in Untersuchungen zur Aktivität der Monoaminoxidase A
die Verhaltensauffälligkeiten und ausgeprägten Störungen im Mo- (MAO A) konnten Veränderungen des serotonergen Funktionsni-
noaminstoffwechsel fand sich eine Punktmutation des MAO-A- veaus bei impulsiv-aggressivem Verhalten nachgewiesen werden
Gens (Brunner et al. 1993). Dabei zeigten sich bemerkenswerte (Retz 2001). Befunde über negative Korrelationen des Homovanil-
Ähnlichkeiten in den Veränderungen des Serotonin- und Katechol- linsäure-Spiegels im Liquor mit Aggressivität und delinquentem
aminstoffwechsels sowohl bei den Mäusen als auch bei den betrof- Verhalten sprechen außerdem dafür, dass auch dopaminerge Me-
fenen Mitgliedern der holländischen Familie. Die Serotonin-Hypo- chanismen eine Rolle spielen.
these bei aggressivem Verhalten wird durch zahlreiche weitere Be- Ausgehend von diesen Befunden sowie tierexperimentellen Stu-
funde mit transgenen Tieren untermauert (Lesch 2005). dien wurden bislang v. a. molekulargenetische Assoziationsstudien 4
Tiermodelle bieten somit die einzigartige Chance, durch geneti- mit solchen Genen durchgeführt, die an der Regulation serotoner-
sche oder invasive Manipulationen spezifischer Hirnregionen die ger und dopaminerger Neurotransmission beteiligt sind. Große
Auswirkungen auf das Verhalten zu untersuchen oder umgekehrt, Aufmerksamkeit haben dabei v. a. funktionelle Polymorphismen
bei Tieren mit Verhaltensauffälligkeiten das Gehirn zu entnehmen des Serotonintransporter-Gens und des MAO-A-Gens erlangt.
und in bestimmten Regionen nach molekularen oder neurochemi- Es konnte gezeigt werden, dass durch eine lange Variante (L-Al-
schen Korrelaten zu suchen. lel) des Promotorgens codierte Serotonintransporter eine mehr als
doppelt so hohe Aktivität aufweisen wie solche, die durch die kurze
Variante (S-Allel) codiert werden (Lesch et al. 1996). In mehreren
4.3 Genetik Studien fand sich eine Assoziation des S-Allels mit den Persönlich-
keitsdimensionen Hostilität und Unverträglichkeit sowie mit ge-
In einer Metaanalyse, in die 51  Zwillings- und Adoptionsstudien walttätigem Verhalten (Lesch und Merschdorf 2000; Retz et al.
eingeschlossen wurden, gaben Rhee und Waldman (2002) einen ge- 2004). Konsistent mit Ergebnissen aus tierexperimentellen Studien
netischen Anteil von 41 % an der Entwicklung antisozialer Verhal- ließen sich auch Gen-Umwelt-Interaktionen nachweisen, wonach
tensweisen an. Insofern ist von einer moderaten, aber dennoch be- das Risiko für gewalttätiges Verhalten ansteigt, wenn Träger eines
achtlichen Heredität antisozialen Verhaltens und einem hohen An- S-Allels in der Kindheit starken psychosozialen Belastungen ausge-
teil umweltbedingter Einflüsse auszugehen. setzt waren (Reif et al. 2007).
Vor Beginn der molekulargenetischen Ära haben Berichte über Auch das MAO-A-Gen stellt einen wichtigen Kandidaten für die
eine Häufung numerischer Chromosomenaberrationen mit ei- forensische Forschung dar. 1999 wurde ein funktioneller Polymor-
nem überzähligen Y-Chromosom (Karyotyp 46 XYY) bei männli- phismus in der Promotorregion dieses Gens beschrieben (Deckert
chen Straftätern wissenschaftliches und gesellschaftliches Aufsehen et al. 1999). Es wurde gezeigt, dass die Enzymaktivität von der Län-
erregt. Unter den zahlreichen Studien zu diesem Thema finden sich ge des MAO-A-Promotorgens abhängt und hierdurch MAO-A-Iso-
nur wenige, die eine Assoziation dieses Karyotyps mit Kriminalität formen mit niedriger (MAO-A-L-) und hoher (MAO-A-H-)Enzym­
in der Allgemeinbevölkerung untersucht haben. Witkin et al. (1976) aktivität gebildet werden. Eine Assoziation des MAO-A-L-Genotyps
identifizierten in einer dänischen Bevölkerungsstichprobe 12 Per- mit antisozialem und gewalttätigem Verhalten konnte verschie-
sonen mit überzähligem Y-Chromosom und bestätigten ein im Ver- dentlich gezeigt werden (Samochowiec et al. 1999; Reif et al. 2007).
gleich zur Allgemeinbevölkerung erhöhtes Kriminalitätsrisiko in Besonders interessant sind in diesem Zusammenhang Befunde,
dieser Gruppe (41,7 vs. 9,3 %). In einer britischen Untersuchung wonach der Einfluss des MAO-A-Genotyps entscheidend von psy-
wurden ebenfalls ein leicht erhöhtes Kriminalitätsrisiko (29 vs. chosozialen Belastungen in der Kindheit der Merkmalsträger abzu-
11,7 %) und eine erhöhte Prävalenz für eine antisoziale Persönlich- hängen scheint (Caspi et al. 2002).
keitsstörung gefunden (13 vs. 38 %) (Götz et al. 1999). Bei Kontrolle Formal- und molekulargenetische Untersuchungen belegen
des Intelligenzquotienten als Kovariable zeigte sich allerdings kein zweifellos, dass an der Entstehung von Persönlichkeitseigenschaf-
eigenständiges Risiko, das mit diesem Karyotyp einhergeht, sodass ten und Verhaltensdispositionen, die letztlich in Dissozialität und
die Vermutung naheliegt, dass die Erhöhung des Delinquenzrisikos Kriminalität münden, erbliche Faktoren beteiligt sind, deren Ein-
nicht durch spezifische genetische Informationen des Y-Chromo- fluss jedoch begrenzt ist. Bereits die Tatsache, dass einzelne Risiko-
soms vermittelt wird. Für diese Annahme spricht auch die Tatsa- gene nur jeweils einen kleinen Anteil des Phänotyps in der Größen-
che, dass bei Vorliegen eines Klinefelter-Syndroms mit einem über- ordnung von 2–4 % ausmachen und sich oft erst in großen Fallzah-
zähligen X-Chromosom (Karyotyp 46 XXY) ebenfalls ein erhöhtes len statistisch signifikant bemerkbar machen, relativiert mögliche
Risiko für Straftaten festgestellt werden kann (Witkin et al. 1976). Hoffnungen oder Befürchtungen, menschliches Verhalten durch
56 4  Neurobiologische Erkenntnisse: mögliche Relevanz für die strafrechtliche Begutachtung

genetische Tests vorhersagen zu können. Wie bei allen komplexen ne Diskrepanz zwischen niedrigerer verbaler und höherer Hand-
Phänotypen ist davon auszugehen, dass antisoziale Verhaltenswei- lungsintelligenz, was zur Postulierung einer Dysfunktion der domi-
sen genetisch heterogen sind. Dies bedeutet, dass unterschiedliche nanten Hemisphäre bei diesen Störungen führte. Differenziertere
genetische Konstellationen die biologische Grundlage für deren neuropsychologische Untersuchungen fanden übereinstimmend
Entstehung bilden können. Hierbei sind auch Gen-Gen-Interaktio- ebenfalls Hinweise auf Minderleistungen in Tests, die an eine intak-
nen in Rechnung zu stellen. Von großer Bedeutung ist die Tatsache, te Funktion frontotemporaler Hirnstrukturen gebunden sind.
dass auch dann, wenn eine genetische Risikokonstellation vorliegt, Auf neurobiologischem Gebiet gibt es mittlerweile auch eine Rei-
dies nicht zwangsläufig in antisoziales Verhalten münden muss. he von strukturellen und funktionellen Neuroimaging-Studien
Vielmehr sind zusätzliche Faktoren notwendig, damit genetische (Pridmore et al. 2005). Eine zentrale Funktion wird insb. der Amyg-
Risiken wirksam werden können. Umgekehrt ist auch davon auszu- dala, dem limbischen System mit angrenzenden Strukturen und
gehen, dass genetische Konstellationen protektiv wirksam sein kön- dem präfrontalen Kortex zugeschrieben. Es ist jedoch darauf hinzu-
nen, indem sie die individuelle Resilienz gegenüber ungünstigen weisen, dass diese Studien teilweise mit erheblich divergierenden
Umwelteinflüssen erhöhen. Vor diesem Hintergrund ist festzuhal- technischen Standards durchgeführt wurden, sehr unterschiedliche
ten, dass genetische Faktoren menschliches Verhalten und damit Stichproben untersuchten, unterschiedliche diagnostische Vorge-
auch dissoziale Verhaltensmuster mitbestimmen, ohne dass jedoch hensweisen wählten, unterschiedliche Kontrollgruppen einbezogen
ein linearer Zusammenhang zwischen Gen und Verhalten besteht. und die in den funktionellen Bildgebungsstudien angewandten Un-
4 Es ist allerdings denkbar, dass genetische Untersuchungen in Zu- tersuchungsparadigmen äußerst heterogen sind. Deshalb können
kunft bei prognostischen Beurteilungsfragen z. B. hinsichtlich des diese Ergebnisse derzeit noch nicht verallgemeinert werden. Es fin-
Wiederholungsrisikos bei gewalttätigem Verhalten im Rahmen sta- den auf diesem Gebiet aber intensive Forschungsbemühungen und
tistischer Methoden möglicherweise ergänzend zum Einsatz kom- Replikationsstudien statt, sodass in den nächsten Jahren mit einem
men können, wobei solche Befunde immer nur in einer umfassen- enormen Wissenszuwachs zu rechnen ist.
den und individuellen Gesamtschau bewertet werden können. Strukturelle MRT-Untersuchungen ergaben die folgenden Ergeb-
nisse: Raine et al. (2000) fanden bei 21 Personen mit der Diagnose
einer antisozialen Persönlichkeitsstörung eine Reduktion grauer
4.4  Neuroimaging bei Dissozialität und Hirnsubstanz im präfrontalen Kortex um 11 % verglichen mit 43 ge-
Pädophilie sunden Probanden, 26  Probanden mit Substanzabhängigkeit und
21 psychiatrischen Patienten. Andere Studien fanden eine negative
Die Fähigkeit zur Impulskontrolle, zu sozial adäquatem Verhalten, Korrelation zwischen den Scores in der Psychopathy Checklist und
Empathie und ethisch-moralischem Urteilsvermögen scheint an die dem Volumen des Hippokampus (Laakso et al. 2001) sowie eine Vo-
intakte Funktion des präfrontalen Kortex gebunden zu sein (Aron et lumenvermehrung des Corpus callosum (Raine et al. 2003).
al. 2003; Koenigs et al. 2007). Dabei muss allerdings bedacht werden, Zunehmend werden auch die Möglichkeiten funktioneller Bild-
dass dieser anatomische Begriff eine Vielzahl höchst heterogener gebung (PET, fMRT) zur Erforschung der biologischen Grundlagen
Hirnregionen umfasst, unter denen im gegenwärtigen Kontext den von gewalttätigem und antisozialem Verhalten genutzt. In ersten
orbitofrontalen und medial präfrontalen Arealen die größte Bedeu- Studien mit der PET fand sich bei 22  wegen Mordes angeklagter
tung zukommt. Bei strukturellen Läsionen im präfrontalen Kortex Probanden ein reduzierter Glukosemetabolismus im medialen und
fanden sich Syndrome, die als eine hirnorganisch erworbene psycho- lateralen präfrontalen Kortex (Raine 1994). Bei 8 inhaftierten Pro-
pathy bezeichnet wurden (Meyers et al. 1992; Blair und Cipolitti 2000; banden, bei denen entweder intermittierend aggressives Verhalten
Blair 2003). Die Betroffenen zeigten typische Symptome, wie sie auch oder eine antisoziale Persönlichkeitsstörung diagnostiziert wurde,
für die psychopathy nach Hare typisch sind, z. B. mangelnde Empa- konnte in der PET-Untersuchung eine signifikante Verminderung
thie, fehlende Schuldgefühle und impulsives Verhalten bei ungestör- des zerebralen Glukosemetabolismus im mediotemporalen und
tem kognitivem Wissen um die sozialen und moralischen Regeln. präfrontalen Kortex gefunden werden (Volkow und Tancredi
Eine Vielzahl unterschiedlicher Studienansätze lieferte Hinweise 1987). Mittels Single Photon Emission Computed Tomography
für neurobiologische Auffälligkeiten bei Personen mit der Diag- (SPECT) fand sich in einer Untersuchungsgruppe von 40 alko­hol­
nose einer dissozialen Persönlichkeitsstörung bzw. psychopathy. abhängigen Probanden, von denen 15 zusätzlich die Diagnose ei-
So belegen genetische Studien z. B. die Bedeutung erblicher Fakto- ner  antisozialen Persönlichkeitsstörung erfüllten, in der Gruppe
ren für antisoziales Verhalten. Die Bedeutung einer gestörten Hirn- mit der Doppeldiagnose eine signifikante frontale Hypoperfusion
funktion bei dieser Personengruppe zeigt sich z. B. in einer höheren (Kuruoglu 1996). In einem Untersuchungsdesign, das die zerebrale
Belastung mit Hirnverletzungen. Weitere Hinweise für eine neuro- Aktivierung bei der Verarbeitung neutraler und emotionaler Begrif-
biologische Basis dieser Störungen liefern biochemische Studien, fe untersuchte, wurde mittels SPECT in einer Gruppe von 8 Perso-
die einen erniedrigten Serotoninspiegel fanden. Auffälligkeiten im nen mit einer psychopathy (Psychopathy Checklist: PCL-Score > 25)
EEG mit vermehrter Thetaaktivität gaben Anlass, Hirnreifungsver- eine verstärkte Aktivierung in frontotemporalen Hirnregionen bei
zögerungen eine bedeutende Rolle zuzuweisen. Untersuchungen der Verarbeitung emotionaler Wörter festgestellt (Intartor et al.
der Reaktionen des autonomen Nervensystems führten zur Theorie 1997).
eines underarousal bei Personen mit der Diagnose einer psychopa- Noch weitergehende Möglichkeiten eröffnet die fMRT, da im Ge-
thy. Testpsychologische Untersuchungen ergaben Hinweise für ei- gensatz zur PET keine radioaktiven Tracer injiziert werden müssen
4.5  Relevanz für die Begutachtung 57

und wiederholte Untersuchungen möglich sind. In einem Konditio- und kann sicherlich kontrovers diskutiert werden. Dies soll kurz am
nierungsparadigma zeigten z. B. Personen mit der Diagnose einer Beispiel von Straftätern mit der Diagnose einer dissozialen Persön-
psychopathy im Vergleich zu unauffälligen Versuchsteilnehmern lichkeitsstörung bzw. einer psychopathy beleuchtet werden.
keine Amygdala-Aktivierung, wenn sie Bilder betrachteten, die mit Während problemlos Übereinstimmung für ein Vorgehen gefun-
einem Schmerzreiz assoziiert waren, obwohl sie kognitiv über die- den werden kann, Straftäter mit klar umschriebenen Krankheitsbil-
sen Zusammenhang berichten konnten (Birbaumer et al. 2005). Die dern wie z. B. frontotemporalen Demenzprozessen oder funktionel-
Autoren interpretieren dieses Ergebnis als eine biologische Basis len Psychosen, die als ursächlich für das delinquente Verhalten ge-
für die bei Personen mit psychopathy bekannte Dissoziation von ko- funden werden, in eine Klinik des Maßregelvollzugs einzuweisen,
gnitiver und emotionaler Stimulusverarbeitung. Darauf führen sie könnte der Umgang mit Straftätern, bei denen eine psychopathy dia-
auch die Unfähigkeit dieser Personen zurück, aus Erfahrung zu ler- gnostiziert wird, künftig zu wissenschaftlichen Kontroversen führen.
nen, was letztlich auch eine Erklärung für die fehlende Wirksamkeit Es ist derzeit sicherlich noch weitgehender Konsens, diese Personen-
von Bestrafung sein könnte. gruppe dem Strafvollzug zuzuweisen. Sollte mittels differenzierter
Schneider et al. (2000) fanden bei 12 verurteilten Probanden mit neurobiologischer Forschungsansätze die Evidenz zunehmen, dass
einer antisozialen Persönlichkeitsstörung bei einer fMRT-Untersu- eine nicht unerhebliche Anzahl delinquenter Verhaltensweisen von
chung in einem Konditionierungsparadigma eine verstärkte Akti- Tätern mit der Diagnose einer psychopathy durch hirnorganische
vierung im Bereich der Amygdala und des dorsolateralen präfron- Dysfunktionen mitbedingt ist, so könnte dies ein Umdenken erfor-
talen Kortex bei der Verarbeitung negativer Stimuli und erklärten dern und auch einen anderen Umgang mit dieser Tätergruppe nach 4
dies damit, dass die antisozialen Personen zusätzliche Hirnregionen sich ziehen. Es soll an dieser Stelle betont werden, dass keinesfalls
aktivieren müssen, um zu einem vergleichbaren Lernerfolg zu ge- die These vertreten werden soll, dass alle Formen delinquenten Ver-
langen. Auch in einer klinisch nicht auffälligen Stichprobe zeigten haltens biologisch bedingt oder Ausdruck psychischer Störungen
Personen mit höheren Psychopathy-Scores bei affektiver Informa­ sind. Kriminelles Verhalten ist vielmehr immer als ein multifaktori-
tionsverarbeitung eine signifikant geringere Aktivierung des prä­ elles Geschehen zu verstehen, bei dem biologische, psychologische,
frontalen Kortex und der Amygdala (Gordon et al. 2004). Es lassen soziale und situative Faktoren ein jeweils einzigartiges Bündel kau-
sich also signifikante Unterschiede in der neuronalen Aktivierung saler Determinanten bilden. Die oben auszugsweise dargestellten
bei Personen mit hohen Psychopathy-Scores finden, wobei dem neurobiologischen Forschungsergebnisse liefern aber doch Hinweise
präfrontal-limbischen Netzwerk offensichtlich eine entscheidende dafür, dass es bestimmte neurobiologische Konstellationen gibt, die
Rolle zukommt (Blair 2001). in ihrer Wechselwirkung mit Lern- und Umweltkonstellationen das
Mittels fMRT konnte bei psychopathy eine reduzierte Aktivität in Risiko für delinquente Verhaltensweisen erhöhen können und inso-
Arealen, die zum menschlichen Spiegelneuronensystem gezählt fern auch bei der Prognosebegutachtung in Zukunft möglicherweise
werden, gezeigt werden. Dieses Ergebnis weist auf eine reduzierte Berücksichtigung finden könnten.
verkörperte Simulation emotionaler Zustände anderer hin und Eine vielleicht in Zukunft zu diskutierende Frage könnte sein, ob
könnte somit die Grundlage für geringeres Mitgefühl bei intakter bestimmte neurobiologische Untersuchungstechniken  –  z. B. Be-
sozialer Kognition darstellen (Mier et al. 2014). stimmung der genetischen Variante für MAO-A oder fMRT-Unter-
Auch bei pädophilen Sexualstraftätern wurde mittlerweile eine suchungen  –  bereits in eine konkrete Begutachtung einbezogen
Vielzahl neurobiologischer Auffälligkeiten beschrieben. So entwi- werden können. Trotz der bekannten Limitationen bzgl. der Relia-
ckelten sexuell zunächst völlig unauffällige Männer im Zusammen- bilität und Interpretation der Befunde sind in den USA in mehr als
hang mit einer frontotemporalen Hirnerkrankung eine ausschließ- 100 Gerichtsverfahren PET- und SPECT-Befunde und auch in Ein-
lich pädosexuelle Orientierung (Burns und Swerdloff 2003). Zudem zelfällen bereits fMRT-Befunde als Beweismittel zugelassen wor-
fand sich bei pädophilen Patienten mittels magnetresonanztomo- den. Dabei ging es z. B. um den Nachweis einer PTBS-Diagnose,
grafischer Volumetrie eine orbitofrontale und striatale Verminde- traumatische Hirnschädigungen oder Fragen der Glaubhaftigkeit
rung grauer Substanz (Schiffer et al. 2007). (Feigenson 2006). Dabei muss eindringlich auf die Problematik
In einer fMRT-Untersuchung mit 10  homosexuell-pädophilen hingewiesen werden, die entstehen kann, wenn Erkenntnisse aus
Maßregelvollzugspatienten und 10 gesunden heterosexuellen Kont- wissenschaftlichen Grundlagenstudien wenig reflektiert auf kon-
rollpersonen fand sich in der Gruppe der pädophilen Patienten eine krete rechtliche Fragestellungen übertragen werden, ohne dass die
signifikante Aktivierung, relativ zu Bildern von Erwachsenen, im Juristen die den Wissenschaftlern bekannten Begrenzungen der
Bereich der rechten Amygdala beim Anblick von Kindern (Sartori- Untersuchungsmethoden berücksichtigen (Eastman und Campbell
us et al. 2008). 2006).
Aus der Denktradition der triadischen Psychiatrie, die Krankheit
immer dort angenommen hat, wo biologische Abweichungen ge-
4.5  Relevanz für die Begutachtung funden wurden, besteht die Gefahr einer Überbewertung funktio-
neller Normabweichungen, die mit immer differenzierter werden-
Inwieweit neurobiologische Forschungsbefunde möglicherweise den Methoden neurobiologischer Forschung nachweisbar werden.
die Praxis der Begutachtung und die Zuweisung von Personen mit Andererseits darf sich die forensische Psychiatrie von den moder-
bestimmten Störungsbildern in den Strafvollzug oder in den Maß- nen Forschungsansätzen der Allgemeinpsychiatrie nicht abkop-
regelvollzug beeinflussen könnten, muss gegenwärtig offen bleiben peln, sondern muss sich aktiv daran beteiligen. Es ist durchaus
58 4  Neurobiologische Erkenntnisse: mögliche Relevanz für die strafrechtliche Begutachtung

möglich, dass in den nächsten Jahren z. B. die fMRT für bestimmte Dreßing H, Sartorius A, Meyer-Lindenberg A (2007). Welche Bedeutung hat
die neurobiologische Forschung für die forensische Psychiatrie? Forens
Begutachtungsfragen als ein Bestandteil  –  vergleichbar etwa mit Psychiatr Psychol Kriminol 1(4): 241–248.
dem Einsatz bestimmter neuropsychologischer Tests – Eingang in Dreßing H, Sartorius A, Meyer-Lindenberg A (2008). Neuroimage and crime:
den Begutachtungsprozess finden wird (Dressing et al. 2007, 2008). implications of fMRI and genetics for the law and the routine practice of
Eine individuelle und umfassende forensisch-psychiatrische Be- forensic psychiatry. Neurocase 14: 7–14.
wertung, die in erster Linie auf einer gründlichen psychopathologi- Eastman N, Campbell C (2006). Neuroscience and legal determination of cri-
minal responsibility. Nat Rev Neurosci 7: 311–318.
schen Untersuchung basiert – und die ggf. neurobiologische Befun- Feigenson N (2006). Brain imaging and courtroom evidence: on the admissi-
de in den Bewertungsprozess einbezieht – wird aber nach wie vor bility and persuasiveness of fMRI. Int J Law in Context 233–255.
unabdingbar sein. Götz MJ, Johnstone EC, Ratcliffe SG (1999). Criminality and antisocial beha-
viour in unselected men with sex chromosome abnormalities. Psychol Med
29: 953–962.
Gordon HL, Baird AA, End A (2004). Functional differences among those
4.6 Fazit high and low on a trait measure of psychopathy. Biol Psychiatry 56: 516–
521.
Es gibt eine zunehmende Zahl von Veröffentlichungen, die Hinwei- Intrator J, Hare R, Strizke P (1997). A brain imaging (single pho-ton emission
se dafür liefern, dass bei bestimmten Formen antisozialen, gewalt- computerized tomography) study of semantic and affective processing in
tätigen und sexuell devianten Verhaltens eine funktionelle Störung psychopaths. Biological Psychiatry 42: 96–103.
Janssen PA, Nicholls TL, Kumar RA, Stefanakis H, Spidel AL, Simpson EM
4 neuronaler Netzwerke vorliegt. Trotz der zahlreichen Veröffentli- (2005). Of mice and men: will the intersection of social science and gene-
chungen auf diesem Gebiet gibt es bisher aber keine eindeutigen tics create new approaches for intimate partner violence? J Interpers Vio-
biologischen Marker, die antisoziales oder gewalttätiges Verhalten lence 20:61–71.
sicher voraussagen können. Es ist auch nicht zu erwarten, dass neu- Koenigs M, Young L, Adolphs R, Tranel D, Cushman F, Hauser M, Damasio A
robiologische Forschungsansätze eine eindimensionale Erklärung (2007). Damage to the prefrontal cortex increases utilitarian moral judge-
ments. Nature 446: 908–911.
für kriminelles Verhalten liefern werden. Neurobiologische For- Kuruoglu A, Arikan Z, Vural G, Karatas M, Arac M, Isik E (1996). Single pho-
schungsergebnisse können unser Verständnis für die biologischen ton emission computerized tomography in chronic alcoholism. Antisocial
Grundlagen delinquenten Verhaltens aber erweitern. Um eine sinn- personality disorder may be associated with decreased frontal perfusion.
volle Einordnung dieser Forschungsergebnisse zu erzielen, bedarf Br J Psychiatry 169: 348–354.
es einer redlichen interdisziplinären Diskussion von konkreten Stu- Laakso M, Vaurio O, Koivisto E (2001). Psychopathy and the posterior hippo-
campus. Brain Behavior and Research 118: 187–193.
dienergebnissen (Dreßing und Dreßing 2014). Lesch KP (2005). Serotonergic gene inactivation in mice: models for anxiety
and aggression? Novartis Found Symp 268: 111–140; discussion 140–116,
167–170.
LITERATUR Lesch KP, Bengel D, Heils A, Sabol SZ, Greenberg BD, Petri S, et al. (1996).
Aron AR, Fletcher PC, Bullmore ET, Sahakian BJ, Robbins TW (2003). Stop-si- Association of anxiety-related traits with a polymorphism in the serotonin
gnal inhibition disrupted by damage to right inferior frontal gyrus in hu- transporter gene regulatory region. Science 274: 1527–1530.
mans. Nat Neurosci 6: 115–116. Lesch KP, Merschdorf U (2000). Impulsivity, aggression, and serotonin: a
Birbaumer N, Veit R, Lotze M, Erb M, Hermann C, Grodd W, Flor H (2005). molecular psychobiological perspective. Behav Sci Law 18: 581–604.
Deficient fear conditioning in psychopathy: a functional magnetic reso- Meyers CA, Berman SA, Scheibel RS, Hayman A (1992). Case report: acqui-
nance imaging study. Arch Gen Psychiatry 62: 799–805. red antisocial personality disorder associated with unilateral left orbital
Blair RJ, Cipolotti L (2000). Impaired social response reversal. A case of 'ac- frontal lobe damage. J Psychiatry Neurosci 17: 121–125.
quired sociopathy'. Brain 123(Pt 6): 1122–1141. Mier D, Haddad J, Diers K, Dressing H, Meyer-Lindenberg A, Kirsch P (2014).
Blair RJ (2001). Neurocognitive models of aggression, the antisocial persona- Reduced embodied simulation in psychopathy. World J Biol Psychiatry May
lity disorders, and psychopathy. J Neurol Neurosurg Psychiatry 71: 6 [Epub ahead of print].
727–731. Moore TM, Scarpa A, Raine A (2002). A meta-analysis of serotonin metaboli-
Blair RJ (2003). Neurobiological basis of psychopathy. Br J Psychiatry 182: te 5-HIAA and antisocial behavior. Aggressive Behav 28: 299–316.
5–7. Olivier B, Young LJ (2002). Animal models of aggression. In: Davies KL, Char-
Brunner HG, Nelen M, Breakefield XO, Ropers HH, van Oost BA (1993). Ab- ney D, Coyle JT, Nemeroff CB (eds.). Neuropsychopharmacology: the Fifth
normal behavior associated with a point mutation in the structural gene Generation of Progress. Philadelphia: Lippincott, Williams & Wilkins. pp.
for monoamine oxidase A. Science 262: 578–580. 1699–1708.
Burns JM, Swerdlow RH (2003). Right orbitofrontal tumor with pedophilia Popova NK (2006). From genes to aggressive behavior: the role of serotoner-
symptom and constructional apraxia sign. Arch Neurol 60: 437–440. gic system. Bioessays 28: 495–503.
Cases O, Seif I, Grimsby J, Gaspar P, Chen K, Pournin S, et al. (1995). Ag- Pridmore S, Chambers A, McArthur M (2005). Neuroimaging in psychopathy.
gressive behavior and altered amounts of brain serotonin and norepineph- Aust N Z J Psychiatry 39: 856–865.
rine in mice lacking MAOA. Science 268: 1,763–1,766. Racine E, Bar-Ilan O, Illes J (2005). fMRI in the public eye. Nat Rev Neurosci
Caspi A, McClay J, Moffitt TE, Mill J, Martin J, Craig IW, et al. (2002). Role of 6: 159–164.
genotype in the cycle of violence in maltreated children. Science 297: Raine A, Buchsbaum MS, Stanley J, Lottenberg S, Abel L, Stoddard J (1994).
851–854. Selective reductions in prefrontal glucose metabolism in murderers. Biol
Deckert J, Catalano M, Syagailo YV, Bosi M, Okladnova O, Di Bella D, et al. Psychiatry 36: 365–373.
(1999). Excess of high activity monoamine oxidase A gene promoter alle- Raine A, Lencz T, Taylor K (2003). Corpus callosum abnormalities in psycho-
les in female patients with panic disorder. Hum Molec Genet 8: 621–624. pathic antisocial individuals. Arch Gen Psychiatry 60: 1134–1142.
Dreßing H, Dreßing A (2014). Möglichkeiten und Grenzen neurowissen- Reif A, Rösler M, Freitag CM, Schneider M, Eujen A, Kissling C, et al. (2007).
schaftlicher Untersuchungsmethoden bei der Beurteilung von Delinquenz. Nature and nurture predispose to violent behavior: serotonergic genes and
MschrKrim [zur Veröffentlichung angenommen]. adverse childhood environment. Neuropsychopharmacol 32: 2375–2383.
4.6 Fazit 59

Retz W (2001). Neurobiologische Aspekte von Aggressivität und Delinquenz. Schiffer B, Peschel T, Paul T, Gizewski E, Forsting M, Leygraf N, et al. (2007).
Psycho 27: 370–374. Structural brain abnormalities in the frontostriatal system and cerebellum
Retz W, Retz-Junginger P, Supprian T, Thome J, Rösler M (2004). Association in pedophilia. J Psychiatr Res 41: 753–762.
of serotonin transporter promoter gene polymorphism with violence: rela- Schneider F, Habel U, Kessler C, Posse S, Grodd W, Müller-Gärtner HW
tion with personality disorders, impulsivity, and childhood ADHD psycho- (2000). Functional imaging of conditioned aversive emotional responses in
pathology. Behav Sci Law 22: 415–425. antisocial personality disorder. Neuropsychobiology 42: 192–201.
Rhee SH, Waldman ID (2002). Genetic and environmental influences on anti- Schleim S (2008). Gedankenlesen: Pionierarbeit der Hirnforschung. Hanno-
social behavior: a meta-analysis of twin and adoption studies. Psychol Bull ver: Heise.
128: 490–529. Volkow ND, Tancredi L (1987). Neural substrates of violent behaviour. A pre-
Samochowiec J, Lesch KP, Rottmann M, Smolka M, Syagailo YV, Okladnova liminary study with positron emission tomography. Br J Psychiatry 151:
O, et al. (1999). Association of a regulatory polymorphism in the promoter 668–673.
region of the monoamine oxidase A gene with antisocial alcoholism. Witkin HA, Mednick SA, Schulsinger F, Bakkestrom E, Christiansen KO,
Psychiatry Res 86: 67–72. Good­enough DR, et al. (1976). Criminality in XYY and XXY men. Science
Sartorius A, Ruf M, Kief C, Demirakca T, Bailer J, Ende G, et al. (2008). Ab- 193: 547–555.
normal amygdala activation profile in pedophilia. Eur Arch Psychiatry Clin
Neurosci 258: 271–277.

4
KAPITEL

5 Klaus Foerster und Harald Dreßing

Die Erstattung des Gutachtens


5.1 Das schriftliche Gutachten . . . . . . . . . . . . . . . . . 62 5.2 Das mündliche Gutachten . . . . . . . . . . . . . . . . . . 66
5.1.1 Gliederung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 62 5.2.1 Das mündliche Gutachten im Strafprozess . . . . . . . 67
5.1.2 Einleitung und formale Angaben . . . . . . . . . . . . . . 63 5.2.2 Das mündliche Gutachten im Zivilprozess . . . . . . . 69
5.1.3 Aktenlage . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 63
5.1.4 Angaben des Probanden . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 63
5.1.5 Befunde . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 64
5.1.6 Beurteilung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 64
5.1.7 Mindestanforderungen für
Schuldfähigkeitsgutachten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 66

5
62 5  Die Erstattung des Gutachtens

5.1  Das schriftliche Gutachten Tab. 5.1  Aufbau des schriftlichen Gutachtens
An: Nennung des Auftraggebers
Das schriftliche Gutachten hat in verschiedenen Rechtsgebieten un- Betrifft: Aktenzeichen
terschiedliche Bedeutung. (z. B. Ermittlungsverfahren, Strafsache, Prognosegutachten,
Im Strafverfahren ist das schriftliche Gutachten stets ein vorläufi- ­Zivilrechtsstreit, Sozialrechtsstreit)
ges Gutachten, da für die Urteilsbildung des Gerichts wegen des Auf Ersuchen des … (Auftraggeber) vom … erstatte/n ich/wir
Grundsatzes der Mündlichkeit und der Unmittelbarkeit der Hauptver- (nur bei mehreren Sachverständigen) das folgende wissen-
schaftliche psychiatrische Gutachten über (Personalien
handlung ausschließlich der mündliche Gutachtenvortrag im Rahmen
des/r Probanden/in) zu … (Fragestellung bzw. Beweisbe-
der Hauptverhandlung verbindlich ist. Dennoch müssen die Beweisfra- schluss zitieren).
gen im schriftlichen, vorläufigen Gutachten umfassend und detailliert Das Gutachten stützt sich auf … (an dieser Stelle werden
beantwortet werden. Eine interdisziplinäre Arbeitsgruppe beim Bun- sämtliche Informationen zitiert, also die Kenntnis der Aktenla-
desgerichtshof hat Mindestanforderungen für Schuldfähigkeitsgutach- ge, ggf. Kenntnis zusätzlicher Informationen, ambulante bzw.
ten erarbeitet, die in › Kap. 5.1.7 zusammenfassend dargestellt sind. stationäre Untersuchung, ggf. Zusatzuntersuchungen).
Im Prognoseverfahren hat das schriftliche Gutachten prinzipiell Genaue Angabe von Ort, Datum und Zeitdauer der Untersu-
chung.
ebenfalls vorläufigen Charakter; auf die erforderliche Anhörung des
Sachverständigen kann jedoch im Einverständnis aller Beteiligten Aktenlage
• Aktuelles Verfahren, ggf. Vorakten und Beiakten, insb. frühere Begut-
verzichtet werden, sodass das schriftliche Gutachten die einzige Äu-
achtungen oder stationäre/ambulante Behandlungen
ßerung des Sachverständigen bleibt (› Kap. 5.1.8, › Kap. 26). • Ggf. zusätzliche Informationen, z. B. vom Gutachter beigezogene Kran-
In Verfahren, die gemäß der Zivilprozessordnung durchgeführt kenblätter, Berichte aus Pflegeheimen oder Berichte über ambulante
werden, also zivilrechtliche Auseinandersetzungen, sozialrechtliche Behandlungen
Prozesse oder Verwaltungsgerichtsverfahren, hat das schriftliche • Ggf. fremdanamnestische Angaben
5
Gutachten einen höheren Stellenwert. Es dient als Beweismittel. In Angaben des Probanden
diesen Fällen erfolgt nur gelegentlich die Anhörung des psychiatri- Vorbemerkung: Hinweis auf die ausführliche Aufklärung des Probanden
schen Sachverständigen, wobei dies in strittigen Zivilverfahren, einschließlich des Hinweises auf das Fehlen der Verschwiegenheitspflicht
z. B. bei Auseinandersetzungen um Haftpflichtprobleme oder Fragen und auf die Rechte des Probanden, insb. auf sein Schweigerecht dem Gut-
achter gegenüber.
der Berufsfähigkeit, zunehmend häufiger der Fall ist (› Kap. 5.2.2).
• Biografische Anamnese einschließlich Beziehungs- und Sexualanamnese
Das schriftliche Gutachten muss klar gegliedert und in einer gut (in ausführlicher Form, wenn für die Fragestellung des Gutachtens rele-
lesbaren, verständlichen Sprache verfasst sein. Ebenso wie Nedopil vant)
und Müller (2012) sind wir der Meinung, dass der Konjunktiv die • Familienanamnese
grammatikalisch korrekte Form ist, wenn es um die Darstellung der • Medizinische Anamnese
Angaben des Probanden geht, es sei denn, es werden wörtliche For- • Medikamenteneinnahme und Konsumverhalten bzgl. psychotroper Sub-

mulierungen zitiert. stanzen


• Psychische Entwicklungsauffälligkeiten und psychische Vorerkrankungen
Das schriftliche Gutachten hat eine Reihe von Lesern: Auftragge-
• Psychosoziales Funktionsniveau (berufliche und private Aktivitäten, Ta-
ber, ggf. weitere Prozessbeteiligte, Rechtsvertreter des Probanden gesablauf)
und auch der Proband selbst. Daher ist es selbstverständlich, dass • Bisherige Therapien
keinerlei abwertende, diffamierende oder kränkende Formulierun- • Derzeitige Befindlichkeit
gen verwendet werden. Dies gebietet der Respekt vor dem Probanden • Angaben zum Delikt bzw. zu den für die Beurteilung wesentlichen Be-
ebenso wie die stets erforderliche Neutralität des Sachverständigen. reichen
Die Verwendung des Plurals in der Darstellung bezogen auf die Befunde
Gutachter ist nur dann erforderlich, wenn zwei Ärzte, z. B. Assistenz- • Psychischer Befund
arzt und Oberarzt oder Chefarzt, das Gutachten gemeinsam verant- • Orientierender allgemein-körperlicher und neurologischer Befund
• Ggf. Zusatzbefunde (testpsychologische Untersuchung, apparative Un-
worten. Damit wird klargestellt, dass beide Unterzeichnenden den
tersuchung, Laboruntersuchung)
Probanden untersucht haben und gemeinsam zu dem schriftlich
niedergelegten Ergebnis gekommen sind. Der verantwortlich zeich- Beurteilung
• Diagnose zum Untersuchungszeitpunkt unter Verwendung der aktuellen
nende Gutachter muss den Probanden auch selbst exploriert haben. psychiatrischen Klassifikationssysteme (ICD-10 bzw. DSM-5) einschließ-
lich differenzialdiagnostischer Überlegungen, falls erforderlich
• Forensisch-psychiatrische Beurteilung mit Beantwortung der Beweisfra-
5.1.1 Gliederung gen (retrospektive Einschätzung der Tatzeitpersönlichkeit bzw. der Per-
sönlichkeit beim Abschluss eines Rechtsgeschäftes, prognostische Über-
Eine klare Gliederung des schriftlichen Gutachtens ist ein erstes legungen, Einschätzung der Leistungsfähigkeit je nach Fragestellung)
Qualitätsmerkmal für den Auftraggeber. Darüber hinaus ist sie eine Zusammenfassung (Fragestellung, Diagnose, Beantwortung der Be-
Hilfe sowohl für den Sachverständigen bei der Abfassung als auch weisfragen)
für den Leser. Auch wenn die Fragestellungen in psychiatrischen
Gutachten außerordentlich vielfältig sein können, empfiehlt sich
für alle Gutachten die folgende Gliederung (› Tab. 5.1):
5.1  Das schriftliche Gutachten 63

• Einleitung und formale Angaben Auskünfte enthalten sind, deren Bedeutung für die psychiatrische
• Zusammenfassung der Fragestellung und des Sachverhalts Begutachtung nur der Sachverständige einschätzen kann.
• Aktenlage Bei der sozialrechtlichen Begutachtung ist es z. B. bei der Beurtei-
• Angaben des Probanden lung von Unfallfolgen unabdingbar, die ersten Befunde, etwa den
• Befunde D-Arzt-Bericht, zu zitieren.
• Beurteilung Bei der Prognosebegutachtung wäre es ein kardinaler Fehler, auf
• Zusammenfassung eine Darstellung der Aktenlage zu verzichten. Gerade hier geht es
Der Umfang eines Gutachtens kann in Anbetracht der sehr unter- um die ausführliche Darstellung früherer Taten, möglicher Haftzei-
schiedlichen Fragestellungen in den verschiedenen Rechtsgebieten ten oder Aufenthalte im Maßregelvollzug, aus denen sich wesentli-
erheblich variieren. Zu bedenken ist zum einen der Umfang von che Informationen sowohl zur biografischen als auch kriminologi-
Akten und Beiakten. Hierbei ist danach zu differenzieren, inwieweit schen Vorgeschichte entnehmen lassen.
aus den Akten zusammenfassend oder ausführlich zitiert werden Aus der Darlegung der Aktenlage wird für den Auftraggeber klar,
muss. Müssen z. B. früher gestellte Diagnosen oder Vorgutachten welche Informationen der Sachverständige benutzt hat und welche
erörtert oder schwierige prognostische Fragen diskutiert werden, er für wesentlich und bedeutsam hält. Schließlich ergibt sich hier-
wird das Gutachten umfangreicher sein als etwa bei einer einfachen aus, dass der Sachverständige mit der erforderlichen Neutralität zi-
Fragestellung bei der Begutachtung im Rahmen des Betreuungsge- tiert hat.
setzes. Aus all diesen Überlegungen folgt, dass der Sachverständige in
Der Umfang des Gutachtens allein ist jedoch kein Qualitätsmerk- jedem Fall sämtliche Akten komplett durcharbeiten muss. Dies be-
mal. deutet natürlich nicht, dass die Akten komplett zitiert werden. Sind
Bei umfangreichen Gutachten wird die Lesbarkeit des Textes in den Akten Informationen über frühere psychische Auffälligkei-
durch eine fortlaufende Nummerierung der Abschnitte, herausge- ten oder psychische Krankheiten enthalten, so sind diese ausführ-
5
hobene Überschriften für Abschnitte und die Hervorhebung wichti- lich darzustellen. Liegen frühere psychiatrische Gutachten vor, so
ger Textstellungen durch kursive Schreibweise gefördert. empfiehlt es sich, diese hinsichtlich der früher gestellten Diagnosen
und der Schlussfolgerungen gesondert darzustellen.

5.1.2  Einleitung und formale Angaben


5.1.4  Angaben des Probanden
In der Einleitung werden der Auftraggeber, das Aktenzeichen, das
Auftragsdatum sowie die Personalien des Probanden genannt. Dem Abschnitt „Angaben des Probanden“ stellen wir eine Vorbe-
Sodann folgt die Wiedergabe der Fragestellung an den Gutachter. merkung voran, aus der sich die Aufklärung und Information des
Hier empfiehlt sich eine möglichst wörtliche Zitierung aus dem Be- Probanden über die Begutachtung ergibt. Hieraus ist zu entneh-
weisbeschluss. Aus der Fragestellung, am zweckmäßigsten aus dem men, dass der Proband in einer für ihn verständlichen Form über
Beweisbeschluss, einer bereits vorliegenden Anklageschrift oder die Fragestellung des Auftraggebers sowie die Position und die Auf-
dem Haftbefehl sollte sich auch der Sachverhalt klar entnehmen gabe des Sachverständigen informiert wurde. Ferner ist dieser Vor-
lassen, damit der Leser des Gutachtens einleitend davon unterrich- bemerkung zu entnehmen, dass der Proband über das Fehlen der
tet wird, um welche Fragestellung es überhaupt geht. Bei der Frage- Verschwiegenheitspflicht gegenüber dem Auftraggeber des Gutach-
stellung und der Darstellung des Sachverhalts ist darauf zu achten, tens informiert wurde, dass diese aber selbstverständlich gegenüber
dass neutrale Formulierungen verwendet werden, damit sich der jedermann sonst (anderen Institutionen, z. B. Versicherungen oder
Sachverständige nicht dem Vorwurf ausgesetzt sieht, er nehme eine Ämtern, Medien, Angehörigen) bestehen bleibt. Bei der Begutach-
Vorverurteilung vor oder sei voreingenommen. Bei umfangreichen tung der strafrechtlichen Verantwortlichkeit empfiehlt sich darüber
Gutachten ist es zweckmäßig, dem Text ein Inhaltsverzeichnis vor- hinaus der Hinweis, dass der Sachverständige an der Hauptver-
anzustellen. handlung teilnimmt und dort sein Gutachten mündlich erstatten
wird. Ausdrücklich wird der Proband über sein Schweigerecht ge-
genüber dem Gutachter informiert.
5.1.3 Aktenlage Der Abschnitt „Angaben des Probanden“ soll in sich klar geglie-
dert sein. Darzustellen ist die biografische Anamnese mit den wich-
Aus den Akten ist nur insoweit zu zitieren, als sich hieraus Informa- tigsten Lebensdaten, Informationen über die Herkunftsfamilie und
tionen für die Beantwortung der Beweisfragen ergeben. Selbstver- die Eltern, über den schulischen und beruflichen Werdegang sowie
ständlich geht es nicht darum, für die Begutachtung irrelevante Ak- die soziale Entwicklung. Ferner ist die jeweilige konkrete psychoso-
tenteile seitenweise abzuschreiben. Die Leistung des Gutachters ziale Situation des Probanden unter den Aspekten Partnerschaft
liegt gerade darin, die für seine Beurteilung wichtigen Aspekte aus einschließlich Beziehungsanamnese, Beruf und Soziales darzustel-
den Akten herauszuarbeiten und darzustellen. Die Zitate erfolgen len. Hier sollten auch Hinweise auf Hobbys, Liebhabereien, außer-
mit Angabe der Seiten- bzw. Blattzahl. berufliche Aktivitäten und seine religiöse bzw. ethische Orientie-
Bei der strafrechtlichen Begutachtung ist es durchaus möglich, rung erwähnt werden.
dass in den Akten Zeugenaussagen, Polizeiprotokolle oder sonstige
64 5  Die Erstattung des Gutachtens

Darzustellen sind die Familienanamnese und die Krankheitsana- narzisstisch-schillernden Menschen, wird auch die Darstellung breiter
mnese des Probanden, sofern es eine solche gibt. Ausführlich zu ausfallen. Das Gleiche gilt für die Schilderung psychopathologischer
schildern ist das Konsumverhalten bzgl. psychotroper Substanzen. Symptome, etwa halluzinatorisches Erleben oder Wahnsymptome.
Bei den Angaben des Probanden hängen Schwerpunkte und Ge- Inwieweit eine detaillierte Darstellung des körperlichen Allge-
wichtung einzelner Abschnitte selbstverständlich von der Frage- meinbefunds und des neurologischen Befunds erforderlich ist,
stellung und vom Einzelfall ab. Geht es z. B. um ein sexuell moti- hängt von der Fragestellung ab. Bei der Beurteilung von Drogenab-
viertes Delikt, ist eine detaillierte und ausführliche Sexualanamnese hängigen ist stets ein ausführlicher körperlicher und neurologi-
erforderlich (Hinweise bei Beier et al. 2005). Dagegen ist eine solche scher Befund zu schildern. Das Gleiche gilt dann, wenn es um die
Sexualanamnese z. B. bei der Beurteilung der Fahrtauglichkeit Einschätzung zusätzlicher neurologischer und orthopädischer Be-
i. d. R. nicht erforderlich. funde geht. Eine ausführliche körperliche Untersuchung ist unseres
Auch für diesen Abschnitt gilt, dass die Darstellung einen sach- Erachtens entbehrlich, wenn es sich um eine lange zurückliegende
lich-referierenden Charakter haben muss. Werturteile oder Inter- Straftat im Rahmen eines affektiven Ausnahmezustands handelt
pretationen dürfen nicht einfließen. oder wenn sich der Proband in regelmäßiger ärztlicher Behandlung
Bei der strafrechtlichen Begutachtung nehmen die Angaben des befindet. Das Gleiche gilt, wenn sich der Proband in stationärer Be-
Probanden zum Tathergang einen besonderen Abschnitt ein, so- handlung befindet, sei es im Maßregelvollzug oder in einem Justiz-
fern sich der Proband zum Tatvorwurf äußert. Der psychiatrische vollzugskrankenhaus. In diesen Fällen kann, sofern der Proband
Sachverständige hat dabei ausschließlich das Ziel, die innere Tatsei- einverstanden ist, aus den vorliegenden Befunden zitiert werden.
te zu explorieren und die psychische Verfassung und die psychoso- Wird ein allgemein-körperlicher und neurologischer Normalbe-
ziale Situation so weit wie möglich herauszuarbeiten. Dies gilt in fund erhoben, genügt eine entsprechend knappe Darstellung. Wur-
besonderem Maße, wenn psychopathologische Symptome hand- de eine neuropsychologische Untersuchung durchgeführt, so sind
lungsdeterminierend waren. deren Ergebnisse zusammenfassend unter Hinweis auf die durch-
5
Ein Problem kann dann entstehen, wenn ein Proband im Rah- geführte Zusatzbegutachtung zu referieren.
men der Exploration ein Geständnis formuliert oder über eine Tat Das Gleiche gilt für die Ergebnisse anderer Zusatzuntersuchun-
weitergehende Angaben macht, als dies vor der Begutachtung be- gen, etwa apparativer Untersuchungen, bildgebender Verfahren
kannt war. In einer solchen Situation sollte der Proband auf den oder Laboruntersuchungen. Wurden pathologische Befunde erho-
Verteidiger verwiesen werden mit der Empfehlung, sein Vorgehen ben, die für die Beantwortung der Beweisfragen relevant sind, so
mit diesem abzustimmen. Falls erforderlich, sollte die Exploration sind diese ausführlich darzustellen. Wurden Normalbefunde erho-
unterbrochen werden. ben, genügt ein entsprechender Hinweis.

5.1.5 Befunde 5.1.6 Beurteilung

Der psychische Befund ist der Kernbereich des psychiatrischen Gut- Der Abschnitt „Beurteilung“ ist das Kernstück des Gutachtens und
achtens. Fehlt ein solcher Befund, so ist das Gutachten unbrauchbar. der für den Auftraggeber entscheidende und wichtigste Abschnitt.
Die Darstellung des psychischen Befunds einschließlich der Verhal- Die bisher dargestellten Abschnitte  –  Aktendarstellung, Angaben
tensbeobachtung des Probanden sollte so ausführlich wie möglich des Probanden, Befunde  –  haben eher berichtend-referierenden
sein. In dieser Darstellung sollte der Proband in seiner Wesensart, Charakter, während in der Beurteilung eine Wertung und Würdi-
seinem Charakter, seiner Persönlichkeit und seinen ggf. vorliegen- gung dieser Informationen aus psychiatrischer Sicht mit dem Ziel
den psychopathologischen Auffälligkeiten möglichst lebendig wer- vorgenommen wird, eine zusammenfassende Darstellung aller ak-
den. Der psychische Befund hat das Ziel, in möglichst anschaulicher tenmäßigen, anamnestischen und befundenden Aspekte vorzuneh-
Form den konkreten Menschen, um den es geht, zu schildern. Dabei men, um zu einer abschließenden Aussage über die diagnostische
werden die kognitiv-intellektuellen Fähigkeiten, die Persönlichkeits- Einschätzung zum Untersuchungszeitpunkt  –  bei strafrechtlichen
struktur und ggf. zu benennende psychopathologische Symptome Fragen zum Tatzeitpunkt – und hierauf aufbauend zur Beantwor-
ebenso geschildert wie das subjektive Empfinden und Erleben. Auch tung der Beweisfragen zu kommen.
die Verhaltensbeobachtung fließt hier ein. Dazu gehört auch die Dabei muss diese Darstellung kriterienorientiert, nachvollzieh-
Darstellung des Umgangs des Probanden mit dem Sachverständigen bar und transparent sein. Stets hat der Sachverständige die Grenze
und möglicherweise anderen an der Untersuchung Beteiligten. Die zwischen psychiatrischer und juristischer Kompetenz zu beachten.
Darstellung sollte in guter Umgangssprache abgefasst werden (aus- Bei der sprachlichen Darstellung ist zu bedenken, dass das psych-
führliche Hinweise zur Abfassung und Darstellung des psychischen iatrische Gutachten der Information und Beratung von Nichtpsych-
Befunds einschl. der Verhaltensbeobachtung › Kap. 2.6). iatern dient und hierauf ausgerichtet sein muss, d. h., die Sprache
Da im Befund der konkrete Mensch möglichst lebendig werden muss hier ebenso anschaulich und klar sein wie in den vorangegan-
soll, kann die Befundschilderung unterschiedlich sein: Handelt es sich genen Abschnitten. Im Interesse einer klaren und präzisen wissen-
um einen psychopathologisch unauffälligen, stillen, zurückhaltenden schaftlichen Aussage kann in diesem Abschnitt jedoch nicht völlig
und wortkargen Menschen, wird auch die Darstellung entsprechend auf Fachtermini verzichtet werden. Sollten Fachtermini nicht allge-
knapper ausfallen. Handelt es sich dagegen um einen extrovertierten, mein bekannt sein, müssen sie erläutert werden.
5.1  Das schriftliche Gutachten 65

Auch der Abschnitt „Beurteilung“ sollte in sich klar gegliedert sein. natürlich – ebenso wie bei der retrospektiven Beurteilung – Unsi-
Auf die nochmalige Darstellung des Akteninhalts, der Angaben des cherheiten ergeben. Diese sind nicht zu übergehen, sondern zu erör-
Probanden und der Befunde kann in diesem Abschnitt verzichtet wer- tern und in ihrer Wertigkeit darzulegen. Im letzten Teil des Ab-
den, da diese in den vorangegangenen Teilen ausführlich dargelegt schnitts „Beurteilung“ sind die Beweisfragen zu beantworten. Hier-
wurden. Es genügt, wenn im Rahmen der Herleitung der Diagnose bei ist vom Sachverständigen zu verlangen, dass er die in den einzel-
und der differenzialdiagnostischen Erörterungen auf diese Abschnitte nen Rechtsgebieten vorgegebenen unterschiedlichen normativen
verwiesen wird. Dabei erfolgt die Diagnosestellung im Hinblick auf Begriffe und deren Bedeutung kennt.
die vorliegenden Informationen aufgrund der Anamnese und der Bei der strafrechtlichen Beurteilung ist die vom psychiatrischen
subjektiven Angaben des Probanden sowie der Befunderhebung. Sachverständigen gestellte Tatzeitdiagnose einer der vier Merk-
Dabei ist in einem ersten Schritt stets die Diagnose zum Unter- malskategorien der §§ 20/21 StGB zuzuordnen (› Kap. 8). Nach
suchungszeitpunkt darzustellen. Diese Diagnosestellung ist an den dieser Zuordnung äußert sich der Sachverständige dann in einem
internationalen Klassifikationssystemen in der Psychiatrie (ICD-10 zweiten Schritt zu der Frage, ob wegen einer Merkmalskategorie
und DSM-5) auszurichten. Gibt es diagnostische Unklarheiten oder Einschränkungen der Einsichtsfähigkeit oder der Steuerungsfähig-
differenzialdiagnostische Probleme, so sind diese ausführlich zu er- keit vorliegen können. Dabei ist selbstverständlich das Primat der
örtern. Dies ist besonders dann der Fall, wenn der Sachverständige juristischen Beweiswürdigung zu bedenken, denn bei dieser Beur-
zu anderen diagnostischen Ergebnissen kommt als früher behan- teilung handelt es sich um eine juristische Wertung und nicht um
delnde Ärzte oder Vorgutachter. Kann keine Diagnose gestellt wer- eine empirisch-wissenschaftlich mögliche Feststellung. Der psychi-
den, so ist dies ebenso begründet darzulegen wie der seltene Fall, atrische Sachverständige ist lediglich dazu aufgerufen, dem Gericht
dass andere diagnostische Raster als die erwähnten Klassifikations- die Voraussetzungen aus psychiatrischer Sicht dafür aufzuzeigen,
systeme verwendet werden. ob eine entsprechende Einschränkung angenommen werden kann.
Besteht eine psychische Störung oder Erkrankung, so liegt nach Dabei hat sich der Sachverständige keinesfalls zur Beurteilung der
5
Art der Störung der Schwerpunkt der Erörterungen entweder mehr Schuldfähigkeit oder zur Schuld zu äußern.
auf dem psychopathologischen Teil oder in einer ausführlicheren Wie einleitend dargestellt, ist bei der strafrechtlichen Beurteilung
Darstellung der Persönlichkeitsproblematik. Dabei ist neben der ausschließlich die mündliche Gutachtenerstattung entscheidend.
phänomenologischen Diagnose stets auch eine Diskussion des Daher ist das schriftliche Gutachten ein vorläufiges, und insofern ist
Schweregrades der Symptome notwendig. Dies ist deshalb erfor- die schriftlich niedergelegte Beurteilung auch als vorläufig zu be-
derlich, weil die normativen Setzungen häufig die Notwendigkeit trachten. Auf die Vorläufigkeit seiner Einschätzung sollte der Sach-
einer individuellen Quantifizierung begründen, wie die Verwen- verständige auch im schriftlichen Gutachten in einem abschließen-
dung z. B. der Begriffe „schwer“ oder „erheblich“ aufzeigen. Die den Satz hinweisen.
Quantifizierung muss im Einzelfall erfolgen. Pauschalisierende Bei der zivilrechtlichen Beurteilung ist vom Sachverständigen
Schlussfolgerungen unter alleiniger Berücksichtigung der Diagnose ebenfalls zu verlangen, dass er die vorgegebenen normativen Be-
sind abzulehnen (Winckler und Foerster 1994). griffe kennt. Geht es z. B. um die Beurteilung der Geschäfts- oder
Der Umfang der Ausführungen zur Diagnose und Differenzialdi- der Testierfähigkeit, muss der Sachverständige wissen, dass diese
agnose hängt von der Komplexität des jeweiligen Falls ab; so ist z. B. Wertung und Würdigung allein eine juristische Aufgabe ist. Auch
ein ausgeprägtes demenzielles Syndrom leichter zu diagnostizieren hier hat der Sachverständige dem Auftraggeber darzulegen, ob die
und zu beschreiben als die Entwicklung einer schwerwiegenden psychiatrischen Voraussetzungen bestehen, eine entsprechende
Persönlichkeitsstörung mit sexuellen Auffälligkeiten. Würdigung vorzunehmen. Keinesfalls hat der Sachverständige fest-
Dieser erste Abschnitt der Diagnosestellung, nämlich die Schil- zustellen, dass etwa „Geschäftsunfähigkeit“ vorliege. Hierin wären
derung der Diagnose zum Untersuchungszeitpunkt, genügt jedoch eine deutliche Kompetenzüberschreitung und eine Verfehlung des
keineswegs. Bei allen Fragestellungen, die eine retrospektive Beur- Gutachtenauftrags zu sehen.
teilung erforderlich machen (Beurteilung der Schuldfähigkeit, der Auch bei sozialrechtlichen Fragestellungen fällt die Entscheidung
Testierfähigkeit, der Geschäftsfähigkeit) ist die Extrapolation der darüber, ob z. B. teilweise oder vollständige Erwerbsunfähigkeit
zum Untersuchungszeitpunkt gefundenen Diagnose auf die Diag- vorliegt, allein in die richterliche Kompetenz. Die Aufgabe des
nose zum Zeitpunkt des jeweiligen Ereignisses (der Tat bzw. des Sachverständigen ist die Feststellung, welche psychopathologischen
Rechtsgeschäfts) erforderlich. Auch bei diesem Schritt sind wieder- Symptome mit der Folge einer konkreten Einschränkung der Leis-
um sämtliche Erkenntnisquellen und Informationen zu berücksich- tungsfähigkeit vorliegen.
tigen. Die retrospektiv gestellte Diagnose muss ebenso klar und Geht es um prognostische Fragen, etwa im Rahmen einer Krimi-
nachvollziehbar begründet dargelegt werden wie die Diagnose zum nalprognose oder bei der Beurteilung einer psychiatrischen Behand-
Untersuchungszeitpunkt bzw. es muss dargelegt werden, aus wel- lung zur Erhaltung oder Verbesserung der Erwerbsfähigkeit, so sind
chen Gründen dies ggf. nicht möglich ist. die möglichen zukünftigen Unsicherheiten zu benennen. Zu beden-
Geht es um prognostische Fragen, also z. B. bei der Beurteilung der ken ist stets der Zeitfaktor: Je weiter in die Zukunft sich prognosti-
beruflichen Leistungsfähigkeit, Fragen des Betreuungsgesetzes, kri- sche Einschätzungen erstrecken, desto unschärfer müssen sie prinzi-
minalprognostische Erörterungen, so sind die entsprechenden Fol- piell werden. Häufig ist eine „Wenn-dann“-Argumentation hilfreich,
gerungen aus der Diagnose zum Untersuchungszeitpunkt ein- d. h., es ist darzulegen, was prognostisch zu erwarten ist, wenn be-
schließlich der übrigen Informationen abzuleiten. Hier können sich stimmte zukünftige Ereignisse eintreten oder nicht eintreten.
66 5  Die Erstattung des Gutachtens

Bei allen Fragestellungen können Widersprüche auch nach sorg- – Offenlegung von Unklarheiten und Schwierigkeiten und den
fältiger Untersuchung bestehen bleiben. Diese sind ggf. in Form ei- daraus abzuleitenden Konsequenzen, ggf. rechtzeitige Mittei-
ner Alternativbeurteilung zu benennen, zumal die Bewertung wi- lung an den Auftraggeber über weiteren Aufklärungsbedarf
dersprüchlicher Angaben ausschließlich Aufgabe des Gerichts ist. – Kenntlichmachung der Aufgaben- und Verantwortungsberei-
Die juristischen Beweisfragen sind nicht in jedem Fall vom psy- che der beteiligten Gutachter und Mitarbeiter
chiatrischen Sachverständigen mit der vom Auftraggeber ge- – Bei Verwendung wissenschaftlicher Literatur Beachtung der
wünschten Klarheit und Sicherheit zu beantworten. In diesem Fall üblichen Zitierpraxis
hat der Gutachter die Aufgabe, die Grenzen psychiatrischer Beur- – Klare und übersichtliche Gliederung
teilbarkeit deutlich zu machen. Dies ist kein Zeichen von Inkompe- – Hinweise auf die Vorläufigkeit des schriftlichen Gutachtens
tenz  –  ganz im Gegenteil: Ein qualitativ hochwertiges Gutachten • Inhaltliche Mindestanforderungen:
zeichnet sich dadurch aus, dass es die möglichen „Grauzonen“ und – Vollständigkeit der Exploration, insb. zu den delikt- und diag-
ggf. auch Grenzen psychiatrischer Aussagefähigkeit differenziert nosespezifischen Bereichen (z. B. ausführliche Sexualanamne-
darlegt (Winckler und Foerster 1994). se bei sexueller Devianz und Sexualdelikten, detaillierte Dar-
Da der Auftraggeber das Gutachten häufig „von hinten“ liest, legung der Tatbegehung)
d. h., er informiert sich zunächst anhand der Schlusssätze oder der – Benennung der Untersuchungsmethoden, Darstellung der Er-
Zusammenfassung, zu welchem Ergebnis das schriftliche Gutach- kenntnisse, die mit den jeweiligen Methoden gewonnen wur-
ten kommen wird, empfiehlt es sich, den ausführlichen Abschnitt den. Bei nicht allgemein üblichen Methoden oder Instrumen-
„Beurteilung“ mit einer Zusammenfassung in Kurzform abzuschlie- ten: Erläuterung der Erkenntnismöglichkeiten und deren
ßen. In dieser Zusammenfassung sollten in komprimierter Form Grenzen
die Fragestellung, Diagnose, ggf. vorliegende diagnostische Schwie- – Diagnosen unter Bezug auf das zugrunde liegende Diagnose-
rigkeiten und die wesentliche Schlussfolgerung dargelegt werden. system. Bei Abweichung von diesen Diagnosesystemen: Er-
5
läuterung, warum welches andere System verwendet wurde
– Darlegung der differenzialdiagnostischen Überlegungen
5.1.7  Mindestanforderungen für – Darstellung der Funktionsbeeinträchtigungen, die i. Allg.
Schuldfähigkeitsgutachten durch die diagnostizierte Störung bedingt werden, soweit die-
se für die Gutachtensfrage relevant werden könnten
Im Rahmen der juristischen und psychiatrischen Bemühungen um – Überprüfung, ob und in welchem Ausmaß diese Funktionsbe-
eine Qualitätsverbesserung bei der psychiatrischen Begutachtung, einträchtigungen bei dem Untersuchten bei Begehung der Tat
insb. bei der Begutachtung der Schuldfähigkeit, wurden von einer vorlagen
interdisziplinären Arbeitsgruppe beim Bundesgerichtshof Mindest- – Korrekte Zuordnung der psychiatrischen Diagnose zu den ge-
anforderungen für die Begutachtung der strafrechtlichen Verant- setzlichen Eingangsmerkmalen
wortlichkeit erarbeitet. Da diese in erster Linie auf die Abfassung – Transparente Darstellung der Bewertung des Schweregrads
des schriftlichen Gutachtens ausgerichtet sind, werden sie nachfol- der Störung
gend dargestellt (Boetticher et al. 2005). – Tatrelevante Funktionsbeeinträchtigung unter Differenzie-
• Formelle Mindestanforderungen: rung zwischen Einsichts- und Steuerungsfähigkeit
– Nennung von Auftraggeber und Fragestellung – Darstellung alternativer Beurteilungsmöglichkeiten
– Darlegung von Ort, Zeit und Umfang der Untersuchung Das Bemühen um Qualitätsverbesserungen anhand dieser Mindest-
– Dokumentation der Aufklärung anforderungen ist uneingeschränkt zu begrüßen. Kritisch ist jedoch
– Darlegung der Verwendung besonderer Untersuchungs- und darauf hinzuweisen, dass ein Gutachten sämtlichen Mindestanfor-
Dokumentationsmethoden (z. B. Videoaufzeichnung, Ton- derungen formal genügen kann und in seiner Aussage dennoch
bandaufzeichnung, Beobachtung durch anderes Personal, nicht korrekt ist – dies ist allerdings prinzipiell nicht vermeidbar.
Einschaltung von Dolmetschern) In Fortführung der Arbeit zur Qualitätsverbesserung hat die in-
– Exakte Angabe und getrennte Wiedergabe der Erkenntnis- terdisziplinäre Arbeitsgruppe beim Bundesgerichtshof ebenfalls
quellen: Mindestanforderungen für Prognosegutachten erarbeitet (Boet-
– Akten ticher et al. 2006). Diese werden zusammenfassend im Kapitel über
– Subjektive Darstellung des Untersuchten die Prognosebeurteilung dargestellt (› Kap. 26).
– Beobachtung und Untersuchung
– Zusätzlich durchgeführte Untersuchungen (z. B. bildgeben-
de Verfahren, psychologische Zusatzuntersuchung) 5.2  Das mündliche Gutachten
– Eindeutige Kenntlichmachung der interpretierenden und
kommentierenden Äußerungen und deren Trennung von der Hauptdomäne des mündlichen Gutachtenvortrags durch den psy-
Wiedergabe der Informationen und Befunde chiatrischen Sachverständigen ist die Erstattung des Gutachtens
– Trennung von gesichertem medizinischem (psychiatrischem, im Strafverfahren, da das schriftliche Gutachten  –  wie darge-
psychopathologischem, psychologischem) Wissen und sub- legt – ímmer ein vorläufiges Gutachten ist. In seltenen Ausnahme-
jektiver Meinung oder Vermutung des Gutachters fällen wird das schriftliche Gutachten mit Einverständnis aller Pro-
5.2  Das mündliche Gutachten 67

zessbeteiligten auch im Strafverfahren verlesen, sodass dann kein Aus den Aussagen von Tatopfern oder Tatzeugen sind gelegent-
Gutachtenvortrag erforderlich ist. lich zusätzliche Informationen über die Entwicklung der Täter-Op-
In Zivilprozessen kommt es zunehmend häufiger zu mündlichen fer-Beziehung  –  sofern eine solche bestanden hat  –  und über die
Erläuterungen. psychische bzw. psychopathologische Symptomatik eines Täters zu
In den meisten anderen Rechtsgebieten ist die Tätigkeit des psy- erhalten. Von großer Wichtigkeit sind dabei immer Informationen
chiatrischen Sachverständigen dagegen mit der Abgabe des schrift- von Zeugen über Grad und Ausmaß der Beeinflussung durch psy-
lichen Gutachtens abgeschlossen. Bei sozialgerichtlichen Verfahren chotrope Substanzen.
ist eine Anhörung des Sachverständigen eine Rarität. Bei Verwal- Die Beziehungen zwischen Täter und eventuellen Mittätern, die
tungsgerichtsverfahren kann es im Rahmen schwierig zu beurtei- mögliche Verklammerung mit Familien- und Berufskonflikten, die
lender Asylverfahren auch zur mündlichen Anhörung kommen. Wichtigkeit von Bezugspersonen und die eventuelle Interaktions-
Keine mündlichen Anhörungen gibt es bei Gutachten für Versiche- entwicklung zwischen Täter und Opfer können in einer Hauptver-
rungen, für Berufsgenossenschaften und bei der Beurteilung der handlung eine große atmosphärische Dichte und plastische Ein-
Fahrtauglichkeit. dringlichkeit erlangen, die weit über ein noch so sorgfältiges Akten-
studium hinausgeht.
Es kann auch vorkommen, dass der Tathergang vom Angeklag-
5.2.1  Das mündliche Gutachten im Strafprozess ten anders dargestellt wird als bei der psychiatrischen Untersu-
chung. Hierauf hat der Sachverständige zu verweisen; letztlich ist
Im Strafverfahren gilt das Unmittelbarkeitsprinzip. Daher kann von den Angaben im Rahmen der Hauptverhandlung auszugehen.
das Gericht nur Informationen verwerten, die in der Hauptver-
handlung mündlich vorgetragen werden. Deshalb muss der psychi-
atrische Sachverständige wissen, welche Tatsachen in der Haupt- Fragerecht des Sachverständigen
5
verhandlung besprochen wurden und welche ggf. zusätzlichen und
neuen Informationen für sein Gutachten wichtig sind. Hieraus Im Strafverfahren hat auch der psychiatrische Sachverständige ein
folgt, dass der Sachverständige üblicherweise während der gesam- Fragerecht. Im Anschluss an die Fragen des Gerichts und der ande-
ten Hauptverhandlung bis zu seinem Gutachtenvortrag anwesend ren Prozessbeteiligten kann er Fragen an den Probanden, an Zeu-
ist. gen und auch an andere Sachverständige richten. Fragen an den
Angeklagten ergeben sich immer dann, wenn dieser zusätzliche An-
gaben macht oder einen Sachverhalt anders darstellt als bei der Un-
Teilnahme an der Hauptverhandlung tersuchung. Fragen an die Zeugen sind immer dann sinnvoll, wenn
aus der Beantwortung Informationen zur Präzisierung der psychi-
Die Teilnahme an der Hauptverhandlung kann bei länger dauern- schen bzw. psychopathologischen Symptomatik bei Tatbegehung
den Verfahren eine sehr zeitaufwendige Belastung werden. Den- oder im Tatvorfeld zu erwarten sind. Wichtig können auch zusätzli-
noch ist es i. d. R. für den psychiatrischen Sachverständigen unab- che Informationen über die Persönlichkeit sein, das Konsumverhal-
dingbar, sämtliche Informationen aus der Hauptverhandlung zu ten psychotroper Substanzen und u. U. über das sexuelle Verhalten.
verwerten. Dies gilt in besonderem Maße, wenn neue, zusätzliche Dabei können die Angaben des Probanden bestätigt oder aber auch
Informationen oder wesentliche Zeugenaussagen zu erwarten sind. widerlegt werden.
Dabei ist es selbstverständlich nicht Aufgabe des Sachverständi- Unter formalen Aspekten sollte der Sachverständige darauf ach-
gen, an der Tataufklärung mitzuwirken oder einen Angeklagten zu ten, keine Fragen zu stellen, die bereits von anderen Verfahrensbe-
überführen. teiligten gestellt wurden. Er sollte auch nur dann fragen, wenn die
Die Leitung der Hauptverhandlung erfolgt ausschließlich durch Antworten für die Gutachtenerstattung relevant sein können.
den Vorsitzenden Richter, dem insoweit auch die Leitung und An-
leitung des Sachverständigen obliegt. Dies gilt auch für die Anwe-
senheitspflicht, von der der Sachverständige zeitweise befreit wer- Gutachtenvortrag
den kann. Dies ist dann der Fall, wenn Tatsachen erörtert werden,
die für das psychiatrische Gutachten voraussichtlich ohne Belang Nach Abschluss der Beweisaufnahme und nach der eventuellen
sind. Die Entscheidung, ob auf die Anwesenheit des Sachverständi- Verlesung von Strafregisterauszügen und ggf. früheren Urteilen
gen verzichtet werden kann, wird durch den Vorsitzenden Richter werden die Sachverständigen gehört. Sind mehrere Sachverständi-
getroffen. ge tätig geworden, so erstattet der psychiatrische Sachverständige
Der Sachverständige erlebt den Probanden und sein Verhalten in sein Gutachten i. d. R. als Letzter, um alle Informationen verwerten
der Hauptverhandlung in einer völlig anderen Situation, was gele- zu können.
gentlich ergänzende Informationen für die Beurteilung der Persön- Vor Erstattung des Gutachtens wird der Sachverständige belehrt,
lichkeit erbringt. Zudem lernt er Angehörige und andere Bezugs- es sei denn, dies ist schon zu Beginn der Hauptverhandlung gesche-
personen kennen, durch deren Aussagen das Bild von der Persön- hen. Gemäß §  57 StPO wird der Sachverständige ebenso wie die
lichkeit des Angeklagten und seinem Verhalten möglicherweise Zeugen auf die Wahrheitspflicht hingewiesen, auf die strafrechtli-
klarere und schärfere Konturen erhält. chen Folgen einer unrichtigen oder unvollständigen Begutachtung
68 5  Die Erstattung des Gutachtens

sowie darauf, dass das Gutachten unparteiisch und nach bestem kussion in weitem Umfang. Falls eine sehr ausführliche Darstellung
Wissen und Gewissen zu erstatten ist. Ferner wird auf die prinzi­ erforderlich ist, ist es sinnvoll, wenn der Sachverständige bereits zu
pielle Möglichkeit der Vereidigung hingewiesen. Beginn seines Vortrags hierauf verweist.
Vor Erstattung des Gutachtens hat der Sachverständige die allge-
meinen Fragen zu beantworten, d. h., er muss Name, Vorname, Be-
ruf, Alter und Anschrift nennen. Außerdem hat er zu erklären, dass Befragung des Sachverständigen
er mit dem Probanden nicht verwandt oder verschwägert ist und
dass er nicht wegen Eidesverletzung vorbestraft ist. Nach Erstattung des Gutachtens kann der Sachverständige durch
Zudem wird der Sachverständige auch als Zeuge belehrt, da er das Gericht, die übrigen Prozessbeteiligten und den Angeklagten
regelmäßig Zeugenangaben macht, wenn er über den Inhalt der Ge- befragt werden. Bei der Beantwortung der Fragen sollte sich der
spräche mit dem Probanden berichtet. Sachverständige darauf beschränken, konkrete Antworten auf kon-
Der mündliche Gutachtenvortrag soll in freier, klarer und gut ge- krete Fragen zu geben. Hier ist er manchmal in besonderer Weise
gliederter Form erfolgen. Keinesfalls darf das Gutachten lediglich gefordert, die Kompetenzgrenze zwischen empirisch möglichem
vorgelesen werden. Es ist zweckmäßig, wenn der Sachverständige psychiatrischem Wissen und juristischer Würdigung zu beachten.
seinen Ausführungen eine Gliederung des Vortrags voranstellt. Bei persönlichen Angriffen auf den Sachverständigen sollte die-
Sachverhalte, die bereits im Rahmen der Hauptverhandlung erör- ser ggf. den Vorsitzenden Richter um Leitung der Befragung bitten.
tert wurden, z. B. die biografische Anamnese, Beziehungsaspekte, Auch bei der Befragung sollte der Sachverständige darauf achten,
Informationen aus der medizinischen Anamnese, müssen nicht dass er sich einer eigenen Wertung der Einlassungen des Angeklag-
nochmals detailliert vorgetragen werden. Hier genügt seitens des ten oder von Zeugenaussagen enthält. Jedoch ist nicht zu beanstan-
Sachverständigen ein Hinweis darauf, dass diese Informationen dem den, wenn er ggf. darauf hinweist, dass Angaben von Angeklagten
Gericht bereits bekannt sind. Der Gutachtenvortrag muss sich auf oder Zeugen durch medizinisches Wissen nicht gedeckt sind oder
5
die für die Urteilsbildung des Gerichts wesentlichen Tatsachen aus aber bestätigt werden können. Falls auch nach Abschluss der Be-
den Akten, der Vorgeschichte, des Befunds, der Persönlichkeitsana- weisaufnahme widersprechende Informationen vorliegen, kann
lyse bzw. des psychopathologischen Befunds und ggf. zusätzlicher von einem der Prozessbeteiligten auch um eine Alternativbeurtei-
Informationen und Erkenntnisse, die im Rahmen der Hauptver- lung gebeten werden. Dabei hat der Sachverständige die Frage zu
handlung gewonnen wurden, beschränken. Anhand dieser Grund- erläutern, wie die Stellungnahme zur strafrechtlichen Verantwort-
lagen sind dann die forensisch-psychiatrischen Schlussfolgerungen lichkeit ausfallen würde, wenn das Gericht z. B. der Version der
zu erläutern, wobei der Sachverständige über eine ausreichende Fle- Staatsanwaltschaft oder der Darstellung des Angeklagten folgen
xibilität verfügen muss, um zusätzliche, ggf. neue Informationen aus würde.
der Beweisaufnahme in das mündliche Gutachten einzubeziehen. In seltenen Fällen bleiben Unklarheiten und Zweifel bestehen. Ist
Dies gilt v. a. dann, wenn er von seiner ursprünglichen Beurteilung eine Schlussfolgerung aufgrund fehlender Anknüpfungstatsachen
abweicht. Ein solches Vorgehen muss gesondert begründet werden, sachlich und inhaltlich nicht möglich, muss eine „Non-liquet“-Be-
wobei auf die neuen Informationen abzuheben ist. urteilung erfolgen. Dies bedeutet, dass ein Sachverhalt nicht ab-
Der mündliche Gutachtenvortrag sollte folgendermaßen geglie- schließend geklärt werden kann. Ist eine solche Situation gegeben,
dert werden: Zunächst soll die Fragestellung genannt werden; so- muss der Sachverständige die fehlenden Anknüpfungstatsachen
dann soll der Sachverständige die Grundlagen für seine Stellung- aus seiner Sicht ausführlich darlegen. Er sollte nicht fürchten, hier-
nahme erläutern, wozu auch die Darstellung von Umfang und Dau- durch inkompetent zu erscheinen. Die Aufgabe des psychiatrischen
er der gutachtlichen Untersuchung gehört. Er sollte dann darauf Sachverständigen darf nicht dahingehend missverstanden werden,
hinweisen, ob und ggf. welche zusätzlichen Anknüpfungstatsachen dass grundsätzlich und in jedem Fall eine verbindliche Diagnose
er aus der Beweisaufnahme entnommen hat. Die Darlegung der Di- oder ggf. Prognose gestellt werden muss, wenn dies aus sachlichen
agnose und ggf. die Diskussion differenzialdiagnostischer Überle- Gründen nicht möglich ist.
gungen nehmen naturgemäß breiten Raum ein. Diese Darstellung
muss kriterienorientiert und transparent sein. Daran anschließend
ist die Subsumierung unter eine der Merkmalskategorien der Die Frage nach dem „Nicht-Ausschließen-Können“
§§ 20/21 StGB darzulegen, falls dies der Fall ist. Es ist in jedem Fall
auch darzulegen, welche anderen Merkmalskategorien nicht in Be- Bei der Befragung des Sachverständigen wird mitunter von Pro-
tracht kommen oder ob eine Subsumierung vorgenommen werden zessbeteiligten der Versuch unternommen, den Sachverständigen
kann. dazu zu bewegen, seine Darstellung zu modifizieren oder zu ver-
Ist eine Zuordnung zu einer der Merkmalskategorien möglich, ist wässern. Dabei wird oft in bohrender Weise die Frage gestellt, ob
abschließend die Frage der Voraussetzungen einer möglichen Ein- der Sachverständige eine erheblich verminderte Steuerungsfähig-
schränkung von Einsichts- oder Steuerungsfähigkeit darzulegen. keit mit „allerletzter Sicherheit“ wenigstens nicht ausschließen
Auch beim mündlichen Gutachtenvortrag ist das Primat der rich- könne. Wird dem Sachverständigen eine solche Frage gestellt, sollte
terlichen Beweiswürdigung stets zu beachten. er auf den diesbezüglich gegebenen Primat der richterlichen Be-
Die Dauer des mündlichen Gutachtenvortrags schwankt je nach weiswürdigung verweisen. Grundsätzlich ist es immer so, dass die
Schwierigkeit der zu beantwortenden Fragen und der nötigen Dis- Frage nach der Steuerungsfähigkeit der juristischen Terminologie
5.2  Das mündliche Gutachten 69

angehört und nicht der psychiatrischen Wissenschaft. Der psychia- In diesen Fällen hat der Sachverständige eine Modifizierung des
trische Sachverständige kann nur anhand des Vorliegens konkreter mündlichen Gutachtenvortrags zu beachten: Er hat sein Gutachten
Kriterien belegen, ob eine psychopathologische Symptomatik mit nicht – wie im Strafprozess – komplett mündlich vorzutragen, son-
psychosozialen Folgen vorgelegen hat oder nicht. Dies ist aber be- dern er hat nur auf Fragen seitens des Gerichts und der Prozessbe-
kanntlich nur ein Teil der juristischen Beweiswürdigung. Der Sach- teiligten zu antworten. Hierbei kann es durchaus zu schwierigen
verständige ist Beweismittel neben anderen Beweismitteln. Kommt Situationen kommen, wenn etwa seitens derjenigen Partei, die mit
das Gericht in seiner Wertung und Würdigung aller Beweise zum dem Ergebnis des Gutachtens nicht einverstanden ist, versucht
Ergebnis, dass es – aus juristischer Sicht und in juristischer Kompe- wird, das gutachtliche Ergebnis zu entkräften und wenn dabei ver-
tenz  –  das Vorliegen einer erheblich verminderten Steuerungsfä- sucht wird, dem psychiatrischen Sachverständigen fehlende per-
higkeit nicht ausschließen könne, so ist dies eine juristische Wer- sönliche und fachliche Kompetenz nachzuweisen. Dies kann in Ein-
tung, aber keine empirisch begründbare Feststellung des psychiatri- zelfällen bis zu persönlichen Angriffen gehen. Hier sollte sich der
schen Sachverständigen. Sachverständige keinesfalls auf verbale Auseinandersetzungen mit
Manchmal ist es zweckmäßig, den Prozessbeteiligten im Rahmen den Parteivertretern einlassen.
einer solchen Diskussion die kategorialen Unterschiede einer Be- Auch hier empfiehlt es sich als grundsätzliche Haltung, die Fra-
weisführung vor Augen zu halten: Erkenntnistheoretisch wird im gen klar und kriterienorientiert zu beantworten, soweit es dem psy-
Gutachten eines Sachverständigen kein experimenteller oder rech- chiatrischen Sachverständigen möglich ist, und sich jeglicher Spe-
nerischer Beweis, sondern ein historischer Beweis geführt. Rechne- kulation und Hypothesenbildung zu enthalten.
rische und experimentelle Beweise erlauben überprüfbare Aussa- Nach Abschluss der Befragung besteht sowohl im Strafprozess
gen. Jedem historischen Beweis wohnt dagegen prinzipiell und als auch im Zivilprozess die prinzipielle Möglichkeit, dass der Sach-
zwangsläufig eine abstrakte Fehlermöglichkeit inne. Der lediglich verständige – ebenso wie andere Zeugen – vereidigt werden kann,
aus abstrakten Denkmöglichkeiten im Rahmen eines historischen sofern dies von einem der Prozessbeteiligten beantragt wird oder
5
Beweises verbleibende abstrakte Zweifel an der Richtigkeit einer falls es dem Gericht geboten erscheint. In der Regel erfolgt dies je-
Entscheidung ist jedoch forensisch-psychiatrisch nicht relevant doch nicht.
(Foerster 1983).
LITERATUR
Beier KM, Bosinski H, Loewit K (2005). Sexualmedizin. 2. A. München:
­Elsevier Urban & Fischer.
5.2.2  Das mündliche Gutachten im Zivilprozess Boetticher A, Nedopil N, Bosinski H, Saß H (2005). Mindestanforderungen
für Schuldfähigkeitsgutachten. NStZ 25: 57–62.
In Zivilprozessen wie auch in Prozessen der Sozialgerichtsbarkeit Boetticher A, Kröber HL, Müller-Isberner R, Böhm KM, Müller-Metz R, Wolf
oder der Verwaltungsgerichtsbarkeit wird der psychiatrische Sach- Th (2006). Mindestanforderungen für Prognosegutachten. NStZ 26:
verständige nur in Ausnahmefällen geladen, um sein schriftliches 537–544.
Foerster K (1983). Der psychiatrische Sachverständige zwischen Norm und
Gutachten mündlich zu erläutern und um ergänzende Fragen zu Empirie. NJW 36: 2049–2053.
beantworten. Bei zivilrechtlichen Auseinandersetzungen, etwa bei Nedopil N, Müller JL (2012). Forensische Psychiatrie. 4. A. Stuttgart: Thieme.
Haftungsfragen nach Unfällen, bei Auseinandersetzungen zur Ge- Winckler P, Foerster K (1994). Qualitätskriterien in der psychiatrischen
schäftsfähigkeit oder zur Testierfähigkeit verstorbener Probanden ­Gutachtenpraxis. Versicherungsmedizin 46: 49–52.
oder bei strittigen Beurteilungen zur beruflichen Leistungsfähigkeit
wird von den Zivilkammern von dieser Möglichkeit jedoch häufiger
Gebrauch gemacht.
KAPITEL

6
Klaus Foerster und Harald Dreßing

Fehlermöglichkeiten beim
psychiatrischen Gutachten
6.1 Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 72 6.2.7 Im schriftlichen Gutachten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 74
6.2.8 Im mündlichen Gutachten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 75
6.2 Fehlermöglichkeiten von der Auftragserteilung
bis zum mündlichen Gutachten . . . . . . . . . . . . . 72 6.3 Fehlermöglichkeiten in unterschiedlichen
6.2.1 Bei der Aktendarstellung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 72 Rechtsgebieten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 75
6.2.2 Bei der Interaktion zwischen Proband und 6.3.1 Bei der strafrechtlichen Begutachtung . . . . . . . . . . 75
Sachverständigem . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 73 6.3.2 Bei der Prognosebegutachtung . . . . . . . . . . . . . . . . 75
6.2.3 Bei Exploration und Anamneseerhebung . . . . . . . . 73 6.3.3 Bei der zivilrechtlichen Begutachtung . . . . . . . . . . . 75
6.2.4 Im Befund . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 73 6.3.4 Bei der sozialrechtlichen Begutachtung . . . . . . . . . 75
6.2.5 Bei der Diagnose . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 74
6.2.6 Bei der forensisch-psychiatrischen Beurteilung . . . . 74 6.4 Verbesserungsmöglichkeiten . . . . . . . . . . . . . . . 76

6
72 6  Fehlermöglichkeiten beim psychiatrischen Gutachten

6.1 Einleitung psychiatrischen Begutachtung zusätzlich fortgebildete Gutachter


daran erkennen, dass diese über das Zertifikat „Forensische Psy­
Fehlermöglichkeiten und Fallstricke gibt es in allen Stadien der psy- chiatrie“ der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychothera-
chiatrischen Begutachtung. Der Sachverständige muss diese Fehler- pie und Nervenheilkunde (DGPPN) und der Schwerpunkt „Foren-
quellen kennen, um sie zu vermeiden. Die wissenschaftliche Bear- sische Psychiatrie“ der jeweiligen Landesärztekammern verfügen
beitung des Themas ist selten. Systematische Arbeiten liegen nur (Müller und Saimeh 2012).
aus früheren Jahren vor (Heinz 1982; Konrad 1996; Pfäfflin 1978; Die Auftraggeber sollten Grundkenntnisse über die Aufgaben
Venzlaff 1983). und Kompetenzen der jeweiligen Fachgebiete besitzen, insb. über
Fehler bei der Gutachtenerstattung können erhebliche Auswir- die Abgrenzung der Psychiatrie und Psychotherapie zu verwandten
kungen auf das Schicksal der Probanden haben. Sofern es sich um Fachgebieten und Fächern wie Neurologie und Psychologie. In
vermeidbare Fehler handelt, kann der Sachverständige in zivil- Zweifelsfällen sollte der beauftragte Sachverständige den Auftrag-
rechtliche Haftung genommen werden (› Kap. 7), sodass es auch geber darauf hinweisen, dass er für die gestellte Frage möglicher-
in seinem eigenen Interesse ist, potenzielle Fehlerquellen zu erken- weise nicht kompetent ist. Damit wird auch an die Verantwortung
nen. Auch dies gehört zur Verantwortung des psychiatrischen des Sachverständigen appelliert, sich nicht zu Fragen zu äußern, die
Sachverständigen (Foerster 2004). Das Vermeiden von Fehlern er nicht beurteilen kann.
dient auch der Qualitätssicherung in der psychiatrischen Begutach- Die nächste Klippe kann die Formulierung der Beweisfragen
tung, um auch dadurch Angriffe auf psychiatrische Sachverständige sein. Die Qualität einer gutachtlichen Aussage hängt auch von der
wegen tatsächlicher oder – sehr viel häufiger – vermeintlicher Feh- Präzision der Beweisfragen ab. Der Auftraggeber sollte seine Fra-
ler durch Medien und Öffentlichkeit zu vermeiden (Foerster 2002). gen inhaltlich und sprachlich klar formulieren und eine „Überfra-
Dabei kann es gerade bei zivilrechtlichen Gutachten durchaus vor- gung“ (Mende und Bürke 1986) des Sachverständigen vermeiden.
kommen, dass der Sachverständige durch die Rechtsvertreter einer Bei unklaren Formulierungen sollte der Sachverständige hierauf
Seite (auch unsachlich) angegriffen wird. Der Sachverständige soll- hinweisen und auch mögliche unbeantwortbare Fragen vorab als
te sich hierdurch keinesfalls selbst zu unsachlichen Äußerungen solche benennen. Dabei sollte der Sachverständige i. d. R. die ge-
verleiten lassen (Widder 2011). stellten Fragen und auch nur die gestellten Beweisfragen beant-
Prinzipiell können Fehler auf folgenden Ebenen auftreten worten.
6 (Maisch 1985): Bezüglich der eigenen Kompetenz sollte sich der Sachverständige
• Untersuchungsmängel unterschiedlichster Art einschließlich di- stets selbstkritisch fragen, ob er die gestellte Aufgabe erfüllen kann.
agnostischer Unterlassungen Die Wahrung der Kompetenzgrenzen und die Erkenntnis, als psy-
• Verstöße gegen wissenschaftlich gesicherte Erkenntnisse, auch chiatrischer Sachverständiger nicht für alle Fragen zuständig zu
in Form unzulässiger wissenschaftlicher Generalisierungen so- sein, zählen zu Unabhängigkeit und Unparteilichkeit des Sachver-
wie der Anwendung wissenschaftlicher Begriffe ohne zureichen- ständigen i. S. des Sachverständigeneides gemäß §  79 StPO bzw.
de Beschreibung und Begründung des Sachverhalts § 410 StPO. Bekanntlich ist der Sachverständige nach diesen Vor-
• Empirische Begründungs- und Beweismängel bei den foren- schriften verpflichtet, sein Gutachten unparteiisch und nach bestem
sisch-psychiatrischen Schlussfolgerungen Wissen und Gewissen zu erstatten. Hierzu gehört auch, dass er sich
• Verstöße gegen logische Denkgesetze, logische und wissen- auf dem jeweiligen aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnisstand
schaftliche Widersprüche, Zirkelschlüsse, Tautologien befindet und sich an die methodischen Standards der Begutachtung
Grundsätzlicher Maßstab der Begutachtung ist die „herrschende in seinem Fach hält (› Kap. 2, Foerster 2004).
medizinische Lehrmeinung“. Weicht ein Gutachten hiervon ab, ist
die Sondermeinung des Verfassers zu kennzeichnen und ausführ-
lich zu begründen. In diesen Fällen sollte die Begründung durch 6.2.1  Bei der Aktendarstellung
geeignete Literaturangaben untermauert werden (Widder 2011).
Der Sachverständige muss die ihm überlassenen Akten komplett
und umfassend lesen und auswerten. Dies bedeutet nicht, dass er
6.2  Fehlermöglichkeiten von der sie ebenso komplett in seinem schriftlichen Gutachten zitieren
Auftragserteilung bis zum mündlichen muss. Im Gutachten darzustellen sind allerdings die wesentlichen,
Gutachten beurteilungsrelevanten Ergebnisse der Aktenauswertung, sodass
aus dem Text klar wird, welche Informationen aus den Akten der
Der erste Stolperstein aufseiten des Auftraggebers kann sich auf die Sachverständige genutzt hat. Die Darstellung des Akteninhalts soll-
Auswahl des Sachverständigen beziehen. Einen hier begangenen te die jeweilige Problematik in neutraler Form referieren, wobei
potenziellen Fehler hat der Sachverständige natürlich nur indirekt mögliche unklare oder strittige Aspekte nicht ausgeklammert wer-
zu verantworten, wenn er den Auftraggeber hierauf nicht hinweist. den dürfen. Die fehlende Berücksichtigung früherer ambulanter
Für den Auftraggeber geht es darum, den fachlich richtigen und fo- und/oder stationärer Behandlungen des Probanden kann eine Feh-
rensisch-psychiatrisch kompetenten Sachverständigen zu beauftra- lerquelle darstellen. Sofern der Proband seine Einwilligung gibt,
gen, wobei die Auswahl selbstverständlich in das Ermessen des sollte daher der Sachverständige die entsprechenden Unterlagen
Auftraggebers gestellt ist. Auftraggeber können in der forensisch- beiziehen. Im zivilrechtlichen Verfahren muss sich der Sachver-
6.2  Fehlermöglichkeiten von der Auftragserteilung bis zum mündlichen Gutachten 73

ständige mit diesem Anliegen an den Auftraggeber wenden, da hie- verlangt werden, etwa innerhalb der 3-Wochen-Frist (§ 229 StPO)
rüber Einverständnis mit den Parteien erzielt werden muss. während einer laufenden Hauptverhandlung, so sollte der psychiat-
rische Sachverständige darauf nur dann eingehen, wenn er auch
tatsächlich genügend Zeit zur Verfügung hat. Die Erhellung einer
6.2.2  Bei der Interaktion zwischen Proband und schwierigen Persönlichkeitspathologie, die Exploration von sexuel-
Sachverständigem len Auffälligkeiten oder schwierigen biografischen Situationen, ggf.
Konfliktsituationen, lässt sich nicht in 2–3 Stunden schaffen. Auch
Bei jeder psychiatrischen Begutachtung entwickelt sich eine Inter- der gelegentlich geäußerte Wunsch nach einem „Kurzgutachten“
aktion zwischen Proband und Sachverständigem, wobei die Unter- oder die Bitte, dass der Sachverständige in der Hauptverhandlung
schiede zur Patient-Arzt-Beziehung auf der Hand liegen: Bei der „einmal einen kurzen Blick auf den Angeklagten wirft“ sollte nicht
Begutachtung steht die Frage des Auftraggebers im Mittelpunkt, akzeptiert werden.
und es besteht keine Schweigepflicht, womit eine völlig anders gear- Probanden, die schlecht Deutsch sprechen, dürfen nicht ohne
tete Beziehungskonstellation entsteht. Dennoch bedeutet die gut- Hilfe eines Dolmetschers untersucht werden. Dabei darf dieser kei-
achtliche Untersuchung auch immer eine Beziehung der Ge- nesfalls ein Familienmitglied, Freund oder Bekannter des Proban-
sprächspartner. Hieraus folgt, dass eine vollständige emotionale den sein, sondern der Dolmetscher sollte sich ebenso wie der Sach-
Abstinenz des Untersuchenden nicht denkbar ist. Statt emotionaler verständige in einer neutralen Position befinden (› Kap. 2.3).
Abstinenz ist ganz im Gegenteil zu fordern, dass sich der Sachver- Lücken in der Anamneseerhebung wurden in empirischen Un-
ständige seiner gefühlsmäßigen Reaktion, seiner emotionalen Stel- tersuchungen immer wieder dokumentiert, zuletzt von Konrad
lungnahme bewusst wird und diese reflektiert (Foerster und Dre­ (1996). In dieser Erhebung fehlten bei einem Drittel der Untersuch-
ßing 2014). Erkennt der Gutachter eigene  –  positive oder negati- ten Gutachtenaufzeichnungen zur Alkoholanamnese und bei ca.
ve – emotionale Reaktionen auf den Probanden nicht, so kann dies der Hälfte Angaben zum Medikamenten- bzw. Drogenkonsum.
zu erheblichen Fehlbeurteilungen führen. Ebenfalls bei der Hälfte der Gutachten fehlten Angaben zur Sexu-
Der Sachverständige muss sich stets seiner Position als neutraler alanamnese. Selbst bei Gutachten über Täter, die ein Sexualdelikt
Sachverständiger, der nicht „Partei“ ist, bewusst bleiben. Damit ist begangen hatten, fehlte in jedem 6. Fall die Sexualanamnese. Solche
klar, dass er sich vor Identifizierungen mit dem Probanden wie mit Fehler sind nicht nachvollziehbar, da jedem Psychiater die Bedeu-
dem Auftraggeber hüten muss. Mit anderen Worten: Der Sachver- tung einer gründlichen Anamnese für Diagnose und Beurteilung 6
ständige darf keinem falschen Rollenverständnis erliegen (Venzlaff völlig klar ist.
1983). Ein evtl. gegebenes problematisches Rollenverständnis des Aufgabe des Sachverständigen ist es auch, die anamnestischen
Sachverständigen ist für den Leser eines Gutachtens meist nicht di- Angaben des Probanden mit den sonstigen Unterlagen abzuglei-
rekt erkennbar. Die Einstellung des Sachverständigen oder eine chen, insb. mit Berichten über Vorbehandlungen, oder auch mit
problematische Interaktion ist möglicherweise jedoch an sprachli- früheren Gutachten. Unkommentierte Lücken in der Vorgeschichte
chen Hinweisen wie etwa auffallend pejorativen oder unangemes- sind ein Hinweis auf eine mangelhafte Anamneseerhebung.
sen sentimentalen Formulierungen zu erkennen (Venzlaff 1983).
Die in früheren Untersuchungen (Heinz 1982; Pfäfflin 1978) be-
schriebenen „Verdammungsurteile“ sind selten geworden, aber 6.2.4  Im Befund
keineswegs verschwunden, etwa wenn in deplatzierter Form von
einem Probanden behauptet wird, er gehöre der „untersten sozialen Der psychische Befund ist das Kernstück des psychiatrischen Gut-
Schicht“ an, und wenn hieraus dem Sachverständigen nicht zukom- achtens. Fehlt dieser Befund, so ist das Gutachten unbrauchbar. Zur
mende moralische Folgerungen abgeleitet werden. Diagnosestellung ist ein psychischer Befund unabdingbar. Allein
Bei Strafverfahren, v. a. bei längeren Hauptverhandlungen, kann aufgrund der Anamnese und der Beschwerdeschilderung kann al-
es auch zu so häufigen Kontakten zwischen Verteidiger und Sach- lenfalls eine Verdachtsdiagnose gestellt werden, eine korrekte Diag-
verständigen kommen, dass die Rede von einem Verteidiger-Sach- nosestellung ist jedoch nicht möglich (Stevens und Foerster 2000;
verständigen-Verhältnis gerechtfertigt ist. Hierbei können die In- Römer et al. 2005).
tentionen der Verteidigung und das wissenschaftliche Vorgehen Ein immer wieder zu beobachtender Fehler im Abschnitt „Psy-
des Sachverständigen durchaus auch Reibungspunkte bieten, ohne chischer Befund“ ist die Vermischung des Befunds mit Beschwer-
dass dies jedoch in eine Konfrontation münden sollte. Andererseits deschilderungen des Probanden. Auch kann der Befund unvoll-
darf es aber auch nicht zu einer Kumpanei zwischen Verteidiger ständig oder in sich widersprüchlich sein. Fehlerhaft ist auch ein
und Gutachter kommen (Foerster 2008). Befund, der oberflächlich, schematisch und allgemein, möglicher-
weise mit Textbausteinen formuliert wird, sodass der konkrete
Mensch durch eine solche Beschreibung überhaupt nicht erkennbar
6.2.3  Bei Exploration und Anamneseerhebung werden kann.
Mängel bei der Befunderhebung können auch bei der körperli-
Wichtigste Fehlerquelle bei der Exploration ist der Zeitmangel, chen Untersuchung und den Zusatzuntersuchungen auftreten.
wenn die Untersuchung unter Zeitdruck oder unter engen zeitli- Wird ein Proband vom psychiatrischen Sachverständigen erstmals
chen Vorgaben durchgeführt wird. Sollte dies vom Auftraggeber überhaupt ärztlich untersucht, ist eine körperliche Untersuchung
74 6  Fehlermöglichkeiten beim psychiatrischen Gutachten

obligatorisch. Ebenso sind Alkohol- und Drogenabhängige körper- diagnostischer Probleme, falls solche vorhanden sind. In diesen
lich zu untersuchen. Das Gleiche gilt bei Verdacht auf Simulation, Fällen ist ggf. eine Alternativbeurteilung erforderlich.
Aggravation und funktionelle Körperbeschwerden. In diesen Fällen Fehlende Kenntnisse rechtlicher Grundlagen oder die fehler-
kann die Art der körperlichen Beschwerdepräsentation bei der Un- hafte Verwendung juristischer Termini können bei der Beurteilung
tersuchung wichtige Informationen liefern, die durch das Gespräch besonders ins Gewicht fallen.
allein nicht gewonnen werden können (› Kap. 2.7.1). Bei der Beurteilung genügt selbstverständlich nicht die Berufung
Zusatzuntersuchungen werden nur durchgeführt, soweit diese auf die persönliche Erfahrung des Gutachters, sondern die Begrün-
indiziert sind (› Kap. 2.7.2). Deren Ergebnisse können – fälschli- dung ist entsprechend den etablierten Vorgaben der forensischen
cherweise – sowohl über- als auch unterbewertet werden. Psychiatrie vorzunehmen. Falsch sind Kompetenzüberschreitun-
Ein gravierender Fehler ist es auch, allein aufgrund einer testpsy- gen, z. B. die Formulierung: „Ich bescheinige erheblich verminderte
chologischen Untersuchung eine Diagnose zu stellen oder eine Beur- Schuldfähigkeit.“
teilung vorzunehmen. Die Ergebnisse einer neuropsychologischen Bei der Beurteilung ist vom Sachverständigen auch klarzustellen,
Untersuchung müssen angemessen interpretiert und in den jeweili- ob sich seine Einschätzung auf erhobene Befunde bezieht, ob seiner
gen Gesamtzusammenhang eingeordnet werden (Kröber 2005). dargelegten Meinung die Erörterung prinzipieller Denkmöglichkei-
ten oder gar von Hypothesen zugrunde liegt. Kein Fehler ist es,
wenn der Sachverständige letztlich unbeantwortbare Fragen als sol-
6.2.5  Bei der Diagnose che benennt.

Fehlt in einem Gutachten die psychiatrische Diagnose, so ist dies


ein eklatanter Fehler, es sei denn, es wird diskutiert, warum eine 6.2.7  Im schriftlichen Gutachten
psychopathologisch begründbare Diagnose nicht formuliert wer-
den kann. Die Diskussion der Überlegungen, die in die Diagnose Hauptfehler im schriftlichen Gutachten ist das Fehlen einer klaren
münden, muss transparent und kriterienorientiert vorgenommen Strukturierung und einer eindeutigen, auch in der Art der Darstel-
werden. Fehler können sich bei diesem Schritt durch das Übersehen lung klaren Trennung der verschiedenen Erhebungs- bzw. Erörte-
von differenzialdiagnostischen Problemen ebenso ergeben wie da- rungsbereiche (› Kap. 5.1). Bereits in der formalen Ordnung des
6 durch, dass die diagnostischen Kriterien nicht offengelegt werden Gutachtens spiegeln sich Ordnung und logische Stringenz der gut-
oder unklar bleiben. Fehlerhaft sind Pseudodiagnosen (z. B. „Ver- achtlichen Argumentation. Folgende Fehler sind zu vermeiden
haltensstörungen“ oder „krimineller Psychopath“). Ebenfalls feh- (Foerster und Dreßing 2014):
lerhaft ist eine „Privatnomenklatur“ des Gutachters, die sich nicht • Überflüssige Aktenauszüge
an den üblichen international anerkannten diagnostischen Gepflo- • Fehlende Trennung zwischen Aktenlage, Angaben des Proban-
genheiten der Psychiatrie orientiert. den, Befunden, Diagnosestellung, Beurteilung
Die Diagnose wird gemäß den internationalen operationalisier- • Fehlende Trennung zwischen phänomenologisch-beschreiben-
ten diagnostischen Klassifikationssystemen ICD-10 bzw. DSM-5 dem Befund und psychodynamisch-interpretativen Überlegungen
gestellt. Hierbei können sich Fehler ergeben, wenn die in den ge- • Ungenügende Transparenz der diagnostischen Überlegungen
nannten Klassifikationssystemen gegebenen einleitenden Hinweise • Fehlen einer Diagnose
nicht beachtet werden. Aus der Zuordnung einer psychopathologi- • Fehlende Quantifizierung psychopathologischer Symptome
schen Symptomatik zu Begriffen einer der Klassifikationssysteme • Direkter Rückschluss von Angaben des Probanden oder von der
darf keinesfalls unmittelbar eine forensisch-psychiatrische Folge- Diagnose auf die Beantwortung der Beweisfragen
rung abgeleitet werden. Fehlerhaft ist es, wenn bei der Mitwirkung mehrerer Personen an
Untersuchung und Beurteilung die jeweiligen Verantwortlichkeiten
nicht klar zu erkennen sind. Ein grober Fehler ist es, wenn das Gut-
6.2.6  Bei der forensisch-psychiatrischen achten von mehreren Personen unterschrieben wird, ohne dass klar
Beurteilung ist, wer von diesen Personen welche Aufgaben übernommen hat
und wer die Verantwortung für die Schlussfolgerung trägt.
Ein grundsätzlicher Fehler ist eine unzureichende Begründung Das Fehlen von Literaturzitaten ist nur dann zu bemängeln,
der gutachtlich gezogenen Schlüsse, z. B. wenn aus einer Diagnose wenn die Kenntnis der Literatur zur Begründung der gutachtlichen
unmittelbar eine rechtliche Folgerung gezogen wird. Ein solches Schlussfolgerungen erforderlich ist. Es ist nicht erforderlich, Litera-
Vorgehen ist ein Verstoß gegen das Prinzip der mehrstufigen, turstellen anzuführen, deren Inhalt allgemein bekannt bzw. voraus-
Transparenz und Objektivität gewährleistenden Beurteilung: zusetzen ist.
• Diagnosestellung
• Quantifizierung der psychopathologischen Symptomatik
• Zuordnung zu den Rechtsbegriffen
• Beantwortung der Gutachtenfrage
Fehlerhaft ist es, nicht klärbare Widersprüche im Gutachten zu
„glätten“. Das Gleiche gilt für die fehlende Erörterung differenzial-
6.3  Fehlermöglichkeiten in unterschiedlichen Rechtsgebieten 75

6.2.8  Im mündlichen Gutachten achtens darauf hingewiesen wird, dass das Gutachten unter Berück-
sichtigung dieser Mindestanforderungen erstellt wurde, und sich
Im Strafprozess sollte der Sachverständige sein schriftliches Gutach- dies beim genauen Lesen des Texts als reiner „Etikettenschwindel“
ten nicht vorlesen, sondern es in freier Rede, evtl. auf der Grundlage herausstellt.
von Notizen, erstatten (› Kap. 5.2.1). Selbstverständlich darf der
Sachverständige während der Hauptverhandlung nicht mit anderen
Dingen beschäftigt sein, etwa dem Lesen anderer Texte. Keinesfalls 6.3.2  Bei der Prognosebegutachtung
darf er sich durch sein Verhalten in der Verhandlung, auch in den
Pausen, dem Verdacht aussetzen, mit einer Prozesspartei zu sym- Ausführliche Darlegungen hierzu finden sich in ›  Kap.  26. Die
pathisieren oder gar mit dieser identifiziert zu sein. Mindestanforderungen für Prognosegutachten sind zu berücksich-
Im Zivilprozess beantwortet der Sachverständige ergänzende tigen (Boetticher et al. 2006). Ein Fehler ist es, die Prognosebegut-
Fragen des Gerichts und der Prozessparteien zu seinem schriftlich achtung nicht kriteriengeleitet vorzunehmen, d. h., wenn Aspekte
vorliegenden Gutachten. Dabei hat er sich auf die Beantwortung der der Tat, des Täters und des Umfelds nicht ausreichend berücksich-
gestellten Fragen zu beschränken; Erörterungen zu nicht gestellten tigt würden (Wulf 2005).
Fragen oder Themen sind zu vermeiden. Die Beantwortung der Fra- Aufgrund einer empirischen Untersuchung ergaben sich hier fol-
gen erfolgt gegenüber dem Gericht. gende grundsätzliche Fehlermöglichkeiten: mangelnde Differen-
Bei der Erörterung von Haftungsfragen kann es gelegentlich um ziertheit der prognostischen Beurteilung des Indexdelikts, die Fehl-
hypothetische Möglichkeiten gehen. Der Sachverständige muss hie- einschätzung einer Störung als „entwicklungsbedingte Phase“ bei
rauf hinweisen und darf nicht den Fehler begehen, sich von einer der Beurteilung von Jugendlichen bzw. Heranwachsenden, soziale
Prozesspartei auf eine Möglichkeit festlegen zu lassen, wenn diese Anpassung als ausschlaggebendes prognostisches Kriterium
wissenschaftlich nicht belegbar ist. (Pierschke 2001). Aufgrund eigener Erfahrung ist eine weitere Feh-
lermöglichkeit zu ergänzen: die mangelhafte Kenntnis und dement-
sprechend mangelhafte Berücksichtigung von Informationen, die
6.3  Fehlermöglichkeiten in in den Vorakten enthalten sind.
unterschiedlichen Rechtsgebieten
6
6.3.1  Bei der strafrechtlichen Begutachtung 6.3.3  Bei der zivilrechtlichen Begutachtung

Ausführliche Hinweise finden sich in den speziellen Kapiteln. An Bei der Begutachtung der Geschäfts- bzw. Testierfähigkeit
dieser Stelle werden nur einige allgemeine Überlegungen skizziert: (›  Kap.  28.3) kommt es immer wieder zu dem Fehler, dass der
Fehlerhaft ist ein direkter Rückschluss von der psychopathologi- psychiatrische Sachverständige nicht beachtet, dass die psychopa-
schen Diagnose auf forensisch-psychiatrische Schlussfolgerungen, thologischen Voraussetzungen bewiesen sein müssen. Wird dies
z. B. der pauschalierende Schluss von der Diagnose einer schizo- nicht berücksichtigt, sind die Schlussfolgerungen falsch. Ebenso
phrenen Psychose auf das Vorliegen von Schuldunfähigkeit. Ebenso falsch ist es, von möglichen Hypothesen bzgl. eines Krankheitsbil-
falsch ist es, wenn die Persönlichkeit des Probanden ausschließlich des als Tatsachen auszugehen. Ein häufiger Fehler bei der Beurtei-
aus der Tat abgeleitet wird. Falsch ist es weiterhin, die Unverständ- lung von Probanden mit demenziellen Syndromen ist die kurz-
lichkeit oder Nichtnachvollziehbarkeit einer Straftat als Begrün- schlüssige Analogsetzung von Befunden bei bildgebenden Verfah-
dung für eine Beeinträchtigung der Schuldfähigkeit anzuführen. ren mit einer psychopathologischen Symptomatik, im Extremfall
Unverständlichkeit allein ist kein psychopathologisches Kriterium. die Gleichsetzung des Befunds im kraniellen CT oder im MRT mit
Ein gravierender Mangel ist es, wenn die tatrelevante Entwicklung einer rechtlichen Folgerung.
und die Tatdynamik nicht dargestellt wurden. Selbstverständlich Bei Haftungsfragen ist es ein Fehler, wenn der Sachverständige
darf der Sachverständige keine Beweiswürdigung vornehmen, da die sozialrechtliche Kausalitätsnorm bei der zivilrechtlichen Ein-
dies eine Grenzüberschreitung wäre. Mangelhaft sind Formulierun- schätzung verwendet. Hier hat er die unterschiedlichen Normie-
gen, die erkennen lassen, dass dem Sachverständigen die rechtli- rungen, auch die unterschiedlichen Begriffe zu berücksichtigen. Die
chen Grundlagen nicht geläufig sind, etwa wenn dargelegt wird, fehlerhafte Verwendung der Nomenklatur ist ein Hinweis auf die
dass möglicherweise die Voraussetzungen des § 21 StGB vorliegen mangelnde Kompetenz des Sachverständigen.
könnten und im gleichen Satz darauf hingewiesen wird, dass die
Voraussetzungen des § 63 StGB gegeben seien. Problematisch ist es,
eine Beurteilung über einen schweigenden Angeklagten abzugeben 6.3.4  Bei der sozialrechtlichen Begutachtung
(› Kap. 2.11.2).
Fehlerhaft ist es, auf therapeutische Erörterungen nicht einzuge- Bei der sozialrechtlichen Begutachtung (› Kap. 31) gibt es vielfäl-
hen, wenn dies angezeigt ist. tige Fehlermöglichkeiten. Immer wieder auftretende Mängel sind
Die Mindestanforderungen für Schuldfähigkeitsgutachten (Boet- die Verwechslung von Arbeitsfähigkeit und Erwerbs- bzw. Berufs-
ticher et al. 2005; Wolf 2012) müssen beachtet werden. Dies darf fähigkeit, die falsche Verwendung des Begriffs „Minderung der Er-
allerdings nicht in der Form geschehen, dass im Vorspann des Gut- werbsfähigkeit“ (MdE) in Gutachten zu Fragen der gesetzlichen
76 6  Fehlermöglichkeiten beim psychiatrischen Gutachten

Rentenversicherung, Gleichsetzung des MdE-Begriffs in der gesetz- LITERATUR


Boetticher A, Nedopil N, Bosinski H, Saß H (2005). Mindestanforderungen
lichen Unfallversicherung mit dem Grad der Schädigungsfolge für Schuldfähigkeitsgutachten. NStZ 25: 57–62.
(GdS) im Opferentschädigungsgesetz. Immer wieder ist auch bei Boetticher A, Kröber HL, Müller-Isberner R, Böhm KM, Müller-Metz R, Wolf
der Begutachtung im Bereich der gesetzlichen Unfallversicherung Th (2006). Mindestanforderungen für Prognose-Gutachten. NStZ 26:
eine fehlende oder unklare Feststellung entschädigungspflichtiger 537–544.
Leiden zu registrieren. Bei der Rentenversicherung ist häufig die Foerster K (2002). Psychiatrische Sachverständige zwischen Proband, Justiz
und Öffentlichkeit. Forens Psychiat Psychother 9: 29–43.
Plausibilität der Leistungseinschätzung unzureichend. Fehlerhaft Foerster K (2004). Zur Verantwortung des medizinischen Sachverständigen.
ist die Überschreitung der gutachtlichen Kompetenz, wenn z. B. for- MedSach 100: 181–184.
muliert wird: „Aus psychiatrischer Sicht liegt Erwerbsunfähigkeit Foerster K (2008). Der Verteidiger, sein Mandant und der psychiatrische
vor.“ Bekanntlich ist Erwerbsunfähigkeit ein rechtlicher Begriff, Sachverständige – eine Dreiecksbeziehung? Strafverteidiger 28: 217–219.
dessen Feststellung grundsätzlich nicht Aufgabe des psychiatri- Foerster K, Dreßing H (2014). Forensische Psychiatrie und Psychotherapie.
In: Widmaier G (Hrsg.). Münchener Anwaltshandbuch Strafverteidigung.
schen Sachverständigen ist. München: Beck. S. 2338–2386.
Im Rahmen der gesetzlichen Unfallversicherung und bei der Be- Heinz G (1982). Fehlerquellen forensisch-psychiatrischer Gutachten. Heidel-
gutachtung nach dem sozialen Entschädigungsgesetz muss die berg: Kriminalistik.
Kausalitätsnorm der wesentlichen Bedingung angewandt werden. Konrad N (1996). Anamnese- und Befunderhebung in forensisch-psychiatri-
Werden diese und die übrigen Voraussetzungen (› Kap. 30.3.5) schen Gutachten. MedSach 92: 152–157.
Kröber HL (2005). Psychologische und psychiatrische Begutachtung im Straf-
nicht berücksichtigt, so handelt es sich um einen prinzipiellen Feh- recht. In: Kröber HL, Steller M (Hrsg.). Psychologische Begutachtung im
ler. Ebenso fehlerhaft ist es, bei Begutachtungen nach dem sozialen Strafverfahren. 2. A. Darmstadt: Steinkopff. S. 205–219.
Entschädigungsrecht und im Rahmen der Beurteilung einer Behin- Maisch H (1985). Fehlerquellen psychologisch-psychiatrischer Begutachtun-
derung bzw. Schwerbehinderung die seit dem 1.1.2009 gültige Ver- gen im Strafprozess. Strafverteidiger 5: 517–522.
sorgungsmedizin-Verordnung nicht anzuwenden. Mende W, Bürker H (1986). Fehlerquellen bei der nervenärztlichen Begutach-
tung. Forensia 7: 143–53.
Grundsätzlich sind bei der sozialmedizinischen Begutachtung Müller JL, Saimeh N (2012). Das DGPPN-Zertifikat Forensische Psychiatrie.
auch die hierfür existierenden Leitlinien zu beachten, z. B. die Leit- Forens Psychr Psychol Kriminol 6: 266–272.
linien für die Begutachtung von Schmerzen (Widder et al. 2007; Pierschke R (2001). Tötungsdelikte nach – scheinbar – günstiger Legalpro­
Schneider et al. 2012). gnose. MschrKrim 84: 249–259.
6 Auch bei der sozialrechtlichen Begutachtung ist es ein Fehler, Pfäfflin F (1978). Vorurteilsstruktur und Ideologie psychiatrischer Gutachten
über Sexualstraftäter. Stuttgart: Enke.
wenn keine Diagnose gestellt wird. Geht es z. B. um die Anerken- Römer W, Foerster K, Stevens A (2005). Nochmals: Genügt für den Nachweis
nung einer psychischen Störung als Unfallfolge, so ist eine exakte einer Erkrankung die Beschwerdeschilderung? Medizinische Begutachtung
Diagnose der Erkrankung nach einem der international anerkann- 1: 29–31.
ten Diagnosesysteme erforderlich (BSG-Urteil vom 9.5.2006, Az B 2 Schneider W, Henningsen P, Dohrenbusch R, Freyberger H, Irle H, Köllner V,
U 1/05 R). Widder B (2012). Begutachtung bei psychischen und psychosomatischen
Erkrankungen. Autorisierte Leitlinien und Kommentare. Bern: Huber.
Stevens A, Foerster K (2000). Genügt für den Nachweis einer Erkrankung die
Beschwerdeschilderung? Versicherungsmedizin 52: 76–80.
6.4 Verbesserungsmöglichkeiten Venzlaff U (1983). Fehler und Irrtümer in psychiatrischen Gutachten. NStZ 3:
199–204.
In den letzten Jahren sind im Bereich der Weiterbildung Verbesse- Widder B (2011). Fallstricke der Begutachtung. In: Widder B, Gaidzik PW
(Hrsg.). Begutachtung in der Neurologie. Stuttgart, New York: Thieme.
rungen eingetreten. Die psychiatrische Fachgesellschaft, die Deut- S. 49–63.
sche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheil- Widder B, Dertwinkel R, Egle UT, Foerster K, Schiltenwolf M (2007). Begut-
kunde (DGPPN), vergibt das Zertifikat „Forensische Psychiatrie“. achtung von Patienten mit chronischen Schmerzen. MedSach 103:
Bei der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) vergibt die 132–137.
Arbeitsgemeinschaft Neurologische Begutachtung (ANB) ein ähnli- Wolf T (2012). Zur Qualität forensischer Gutachten aus strafrechtlicher Sicht.
Forens Psychr Psychol Kriminol 6: 235–242.
ches Zertifikat. Voraussichtlich wird die DGPPN die Voraussetzun- Wulf R (2005): Gute kriminologische Prognose: Rückfall, Flucht, Suizid.
gen für ein Zertifikat für sozial- und zivilrechtliche Begutachtungs- MschrKrim 88: 290–304.
fragen demnächst erarbeiten.
In der ärztlichen Weiterbildung wurde der neue Schwerpunkt
„Forensische Psychiatrie“ geschaffen und von den Landesärzte-
kammern umgesetzt.
Die Erarbeitung von Mindestanforderungen im Bereich der Be-
gutachtung und die Erarbeitung von Leitlinien sind weiter voran-
geschritten (Boetticher et al. 2005, 2006; Widder et al. 2007). Nun
kommt es darauf an, dass die psychiatrischen Sachverständigen
diese Mindeststandards und Leitlinien in der praktischen Arbeit
auch tatsächlich anwenden. Hierdurch und durch die notwendige
ständige Fortbildung wird sich hoffentlich eine Verbesserung der
Gutachtenqualität erreichen lassen.
KAPITEL

7
Peter W. Gaidzik

Haftungs- und strafrechtliche


Verantwortung des Gutachters
7.1 Zivilrechtliche Haftung des Gutachters . . . . . . 78 7.2.3 Körperverletzung oder Tötungsdelikte infolge
7.1.1 Begutachtung innerhalb gerichtlicher Verfahren . . 78 g­ utachtlicher Fehleinschätzung . . . . . . . . . . . . . . . 84
7.1.2 Begutachtung außerhalb gerichtlicher Verfahren . . 81
7.1.3 Sonderfall Amtshaftung 7.3 Fazit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 85
(§ 839 BGB i. V. m. Art. 34 GG) . . . . . . . . . . . . . . . . 82

7.2 Strafrechtliche Verantwortung des


Gutachters . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 82
7.2.1 Ausstellen unrichtiger Gesundheitszeugnisse
(§ 278 StGB) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 83
7.2.2 Aussagedelikte (§ 153 ff. StGB) . . . . . . . . . . . . . . . . 83

7
78 7  Haftungs- und strafrechtliche Verantwortung des Gutachters

Ist der Gutachter zumeist als „Gehilfe“ bzw. „sachkundiger Berater“ pflicht begründet. Die Rechtsprechung hatte hier jedoch zu helfen
unverzichtbarer Helfer Justitias, kann er doch gelegentlich selbst versucht und in der Entscheidung zum Fall „Weigand/Selbach“ die
mit ihr in Konflikt geraten, sei es, dass er vom Auftraggeber oder Haftung des psychiatrischen Sachverständigen auf Vorsatz und
vom Probanden für ein vermeintlich falsches Gutachten auf Scha- nach Intervention des Bundesverfassungsgerichts schließlich auf
densersatz in Anspruch genommen wird, sei es, dass man gegen ihn grobe Fahrlässigkeit beschränkt (BGH NJW 1974, 312; BVerfG NJW
im Zusammenhang mit seiner gutachtlichen Tätigkeit den Vorwurf 1979, 305).
einer Straftat erhebt. Seit rund 10 Jahren Jahren ist die zivilrechtliche Haftung des Ge-
richtsgutachters ausdrücklich gesetzlich geregelt. Mit Inkrafttreten
des Zweiten Gesetzes zur Änderung schadensersatzrechtlicher Vor-
7.1  Zivilrechtliche Haftung des schriften (Gesetz v. 19.7.2002, BGBl  I, 2674) zum 1.8.2002 wurde
Gutachters § 839a in das BGB eingefügt, der für alle nach dem Stichtag schrift-
lich erstatteten oder mündlich erläuterten Gutachten gilt.
Das deutsche Zivilrecht kennt bekanntlich den Vertrag sowie das
Delikt bzw. – in der Terminologie des Bürgerlichen Gesetzbuches § 839a Haftung des gerichtlichen Sachverständigen
(BGB) – die „unerlaubte Handlung“ als mögliche Grundlagen einer (1) Erstattet ein vom Gericht ernannter Sachverständiger vorsätz-
Schadensersatzhaftung. Welcher Haftungstyp in Fällen fehlerhafter lich oder grob fahrlässig ein unrichtiges Gutachten, so ist er zum
Gutachten zur Anwendung gelangt, entscheidet sich in erster Linie Ersatz des Schadens verpflichtet, der einem Verfahrensbeteiligten
danach, ob der Sachverständige innerhalb oder außerhalb gerichtli- durch eine gerichtliche Entscheidung entsteht, die auf diesem Gut-
cher Verfahren tätig wird. Einen Sonderfall bildet die in bestimm- achten beruht.
ten Konstellationen auch für den medizinischen Gutachter relevan- (2) § 839 Abs. 3 ist entsprechend anzuwenden.
te Amtshaftung.

Anwendungsbereich und Normzweck


7.1.1  Begutachtung innerhalb gerichtlicher
Verfahren § 839a BGB stellt eine Ausnahmevorschrift dar, die nach der amtli-
chen Begründung (BT-Drucksache 14/1755) die Haftung des ge-
Der vom Gericht beauftragte Gutachter steht nach herrschender richtlichen Sachverständigen abschließend regeln will und daher in
Meinung in keinem vertraglichen oder auch nur in einem vertrags- ihrem Anwendungsbereich den Rückgriff auf das allgemeine De-
ähnlichen Verhältnis zum Gericht oder zu den Prozessbeteiligten, liktsrecht ausschließen soll. Die Haftung für ein grob fehlerhaft er-
7 womit vertragliche Ansprüche a priori entfallen. Die angesproche- stattetes Gutachten innerhalb eines gerichtlichen Verfahrens, das
ne „Gehilfenfunktion“ für die dritte Staatsgewalt führt auch nicht bei einem Beteiligten zu einem Vermögensschaden führt, richtet
zur Annahme hoheitlicher Tätigkeit i. S. der Amtshaftung, sodass sich danach zukünftig ebenso nach §  839a BGB wie ein auf diese
lange Zeit nur das allgemeine Deliktsrecht der §§  823 ff. BGB als Weise unrechtmäßig bewirkter und damit zumindest schmerzens-
Haftungsgrundlage in Betracht kam. geldauslösender Freiheitsentzug. Entgegen der früheren Rechtslage
Der „normale“, zu Entscheidungen über finanzielle Ansprüche ist für die zivilrechtliche Haftung des Sachverständigen damit irre-
von den Gerichten hinzugezogene Gutachter haftete danach im Re- levant geworden, ob der Sachverständige vereidigt wurde. Schäden
gelfall nur für „sittenwidrig“ und bedingt vorsätzlich herbeigeführ- „infolge“ einer vom Gutachten beeinflussten gerichtlichen Ent-
te Schäden gemäß § 826 BGB, was die weitergehende Erfolglosigkeit scheidung unterfallen ausschließlich §  839a BGB. Lediglich „Be-
entsprechender Klagen erklärt. Rechtlicher Hintergrund für diese gleitschäden“ im Zusammenhang mit einer Begutachtung  –  z. B.
„Privilegierung“ ist der Umstand, dass die allgemeine deliktische ein durch die Untersuchung herbeigeführter Körperschaden des
Haftung sich auf die in § 823 Abs. 1 BGB explizit benannten Rechts- Probanden  –  verbleiben im Regelungsbereich der §§  823 ff. BGB,
güter beschränkt, d. h. Körper, Gesundheit, Eigentum erfasst, nicht weil diese Schäden nicht „durch“ die auf ein Gutachten hin erge-
jedoch das Vermögen als solches. Eine Fahrlässigkeitshaftung im hende gerichtliche Entscheidung verursacht werden (z. B. einer ge-
Kontext vermögensrechtlicher Ansprüche konnte den „Fehlbegut- sundheitsschädigenden Persönlichkeitsrechtsverletzung durch ein
achtenden“ daher nur treffen, wenn er auf das Gutachten hin verei- aussagepsychologisches Gutachten: OLG Köln, Urt. v. 4.10.2012 –
digt worden war, da der fahrlässige Falscheid (s. u.) als Schutzgesetz I-5 U 104, MedR 2013, 529). Ob die Anwendungsexklusivität auch
über § 823 Abs. 2 BGB eine Einstandspflicht für die daraus resultie- ausnahmslos im Verhältnis zu § 826 BGB gelten kann (so die herr-
renden Schäden eröffnete. schende Meinung im Schrifttum; vgl. Blankenhorn 2004, 102 f.), der
Demgegenüber stand der psychiatrische Sachverständige seit je- anders als §  839a BGB eine Sanktion für schädigendes Verhalten
her zusätzlich in der schärferen Haftung nach §  823 Abs.  1 BGB, mit gesteigertem Unwertgehalt vorsieht, ohne jedoch die Haftung
geht es bei seinen Gutachten doch häufig um die Anordnung frei- an weitere Voraussetzungen zu knüpfen, bleibt abzuwarten. Ähn-
heitsentziehender oder zumindest freiheitsbeschränkender gericht- lich strittig sind die Möglichkeiten der Ausweitung bzw. analogen
licher oder behördlicher Maßnahmen. „Freiheit“ i. S. der Fortbewe- Anwendung dieser Norm auf Gutachten außerhalb gerichtsförmli-
gungsfreiheit ist ein ausdrücklich in § 823 BGB benanntes Schutz- cher Verfahren. Zwar verbietet der schon erwähnte Ausnahmecha-
gut, dessen auch nur fahrlässige Verletzung eine Schadensersatz- rakter nicht jedwede erweiternde oder analoge Anwendung, jedoch
7.1  Zivilrechtliche Haftung des Gutachters 79

lassen Regelungszweck und Entstehungsgeschichte hierfür nur we- Gutachter die Annahme des Auftrags frei (vgl. §§ 26, 65 VwVfG).
nig Raum. Nach den Regelungen zum Sozialverwaltungsverfahren besteht eine
Wortlaut wie auch der erklärte Wille des Gesetzgebers (BT- Aussagepflicht als Zeuge oder eine Begutachtungspflicht außerhalb
Drucksache 14/1755), die sachlich nicht gerechtfertigten und von spezieller Rechtsvorschriften (z. B. im Bereich des öffentlichen
Zufälligkeiten im Prozessverlauf abhängigen Divergenzen zwischen Dienstes) dann, „wenn die Aussage bzw. Erstattung von Gutachten
der Haftung für Rechtsgutsverletzungen gemäß § 823 Abs. 1 BGB, im Rahmen von § 407 ZPO zur Entscheidung über die … Sozialleis-
Schutzgesetzverletzungen i. S. von § 823 Abs. 2 BGB und der ledig- tung unabweisbar ist“ (§ 21 Abs. 3 SGB X). In einem solchen Fall
lich über § 826 BGB abgesicherten Haftung für reine Vermögens- kann der SVT – ähnlich dem Schiedsgericht – Aussage bzw. Gut-
schäden schließen zu wollen (vgl. dazu auch BMJ 1977, 142 f., achten über die Einschaltung des zuständigen Gerichts sogar er-
358 f.), sprechen für eine Beschränkung auf gerichtliche oder doch zwingen. Dies mag man für den behandelnden Arzt bejahen dürfen,
wenigstens gerichtsähnliche Verfahren. Damit aber steht der von der als sachverständiger Zeuge zu einer Befundmitteilung aufgefor-
einem Privatversicherer im Vorfeld einer gerichtlichen Auseinan- dert wird. Ansonsten aber ist der medizinische Sachverständige
dersetzung hinzugezogene Gutachter von vornherein außerhalb des prozessrechtlich ein grundsätzlich austauschbares „Beweismittel“,
Regelungsbereichs der Vorschrift (Lesting 2002, 226 f.; ebenso sofern er nicht ausnahmsweise exklusiv über eine spezielle Experti-
Blankenhorn 2004, 105). Diese, soweit ersichtlich, einhellig aus se oder Geräteausstattung verfügt, die ihn dann u. U. faktisch „un-
Wortlaut und Gesetzeszweck abgeleitete Auslegung ist auch rechts- ersetzlich“ machen könnte. Lediglich diejenigen, die wegen eines
systematisch begründbar. Anders als der gerichtliche Sachverstän- „extensiven Gebrauchs“ der Befreiungsmöglichkeiten nach §  408
dige, der sich der Beauftragung entsprechend §  407a Abs.  1 ZPO ZPO jedenfalls faktisch einen Kontrahierungszwang auch für den
(diese Vorschrift gilt kraft ausdrücklicher Verweisung auch im sozi- gerichtlichen Sachverständigen verneinen und stattdessen maßgeb-
al- bzw. verwaltungsgerichtlichen Verfahren) bzw. § 75 Abs. 1 StPO lich auf die fehlende Möglichkeit einer frei vereinbarten Vergütung
grundsätzlich nicht entziehen kann, steht es außerhalb gerichtli- abheben, könnten hier die für eine Gesetzesanalogie notwendige
cher Verfahren dem Sachverständigen frei, den Gutachtenauftrag Gleichartigkeit der Interessenlage sehen, ist doch der Sachverstän-
anzunehmen oder abzulehnen, sodass schon aus diesem Grund kei- dige bei der Liquidation an spezifische Gebührenordnungen oder
ne vergleichbare Interessenlage als methodische Voraussetzung ei- das Justizvergütungs- und -entschädigungsgesetz (JVEG) gebunden
nes Analogieschlusses besteht. Gleiches gilt auch für den im Auftrag (Wagner 2013). Freilich richtet sich die Vergütung des medizini-
einer Gutachterkommission oder Schiedsstelle der Ärztekammern schen Sachverständigen auch im rein privatrechtlich geprägten Be-
zur Klärung eines Behandlungsfehlervorwurfs tätig gewordenen reich nach einer zwingenden Gebührenordnung, nämlich der GOÄ,
Arzt (zutreffend Thole 2006, 156). und der behauptete, nicht aber belegte bzw. belegbare Missbrauch
Umgekehrt wird man die analoge Anwendung dort zu diskutie- der ins Ermessen des Gerichts gestellten Möglichkeit, den Sachver-
ren haben, wo der Sachverständige unmittelbar oder doch wenigs- ständigen von der Gutachtenerstattung z. B. wegen Arbeitsüberlas- 7
tens mittelbar den genannten prozessrechtlichen Vorschriften un- tung zu entbinden, lässt die grundsätzliche Verpflichtung unbe-
terworfen ist, wie im staatsanwaltschaftlich geführten Ermittlungs- rührt, wie manche Sachverständige bis hin zur Androhung von
verfahren, wo § 161a Abs. 1 Satz 2 StPO eine weitgehende Gleich- Ordnungsgeld leidvoll erfahren mussten.
stellung mit dem gerichtlichen Sachverständigen vorsieht (i. E. Ebenso wenig kommt schließlich für den lediglich als sachver-
ebenso jüngst BGH, Urt. 6.3.2014–III ZR 320/12, NJW 2014, 1665 ständigen Zeugen vernommenen Arzt, der außerhalb des Gutach-
sowie Lesting 2002), oder – insoweit allerdings streitig – im schieds- tenauftrags gewonnene Befundtatsachen mitteilt, eine analoge An-
richterlichen Verfahren der §§  1025 ff. ZPO. Ein Schiedsgericht wendung des §  839a BGB infrage (zutreffend Ulrich 2007, 415;
kann zwar selbst nur Sachverständige vernehmen, die „freiwillig“ a. A. z. B. Thole 2006, 156). Der sachverständige Zeuge hat zwar eine
vor ihm erscheinen (§ 1035 ZPO), jedoch bietet § 1036 ZPO inso- Aussagepflicht gegenüber dem Gericht, diese trifft jedoch andere
weit ausdrücklich die Möglichkeit der Amtshilfe durch das stattli- „nicht sachverständige“ Zeugen in gleicher Weise und rechtfertigt
che Gericht, womit zumindest mittelbar eine § 407a ZPO vergleich- daher keine haftungsrechtliche Differenzierung.
bare Übernahmepflicht besteht (anderer Ansicht Blankenhorn
2004, 107 mit Hinweis auf die vertragliche Rechtsbeziehung des
Sachverständigen im Schiedsgerichtsverfahren). Tatbestandsvoraussetzungen
Darüber hinaus wird eine analoge Anwendung des § 839a BGB
auf den im Auftrag einer Verwaltungsbehörde oder – für den Medi- Der Gutachter muss von einem „Gericht“ ernannt sein. Ungeachtet
ziner besonders bedeutsam  –  eines Sozialversicherungsträgers der bereits angesprochenen streitigen Anwendbarkeit auf Schieds-
(SVT) tätigen Gutachters in Betracht gezogen (vgl. dazu OLG Kob- gerichte umfasst § 839a BGB jedenfalls alle staatlichen Gerichte der
lenz, Beschl. v. 6.6.2005–5 U 687/05, MedR 2006, 481, 482; eine ordentlichen wie außerordentlichen Gerichtsbarkeit einschließlich
analoge Anwendung bejahend z. B. Thole 2006, 156). Indes treffen der Berufsgerichte (z. B. Heilberufsgerichte, Anwaltsgerichtshöfe
die vorstehenden Überlegungen hier gerade nicht zu: Die Verwal- etc.).
tungsverfahrensgesetze des Bundes und der Länder sehen eine Er muss ferner „vorsätzlich oder grob fahrlässig ein unrichtiges
Übernahmepflicht eines Gutachtenauftrags nur für die ausdrück- Gutachten erstattet haben“. Das vordergründig eindeutige Tatbe-
lich gesetzlich angeordneten, sog. „förmlichen Verwaltungsverfah- standsmerkmal des „unrichtigen Gutachtens“ erweist sich bei nä-
ren“ vor, wie etwa das Musterungsverfahren. Ansonsten steht dem herem Hinsehen als durchaus komplex. Der amtlichen Begründung
80 7  Haftungs- und strafrechtliche Verantwortung des Gutachters

ist hierzu nichts zu entnehmen und auch in der bisherigen Geset- 2941, OLG Nürnberg, Urt. v. 2.3.1988–9 U 779/85, NJW-RR 1988,
zeskommentierung scheint eine befriedigende inhaltliche Konkreti- 791, OLG Schleswig, Urt. v. 12.1.1994–4 U 116/92, NJW 1995, 791).
sierung noch nicht gelungen. Relativ unproblematisch werden sich Der Begriff der „groben Fahrlässigkeit“ ist in der zivilistischen
solche Fälle ausscheiden lassen, in denen sich die „Unrichtigkeit“ Judikatur eindeutig definiert und berücksichtigt i. S. einer gesteiger-
des Gutachtens erst aus der Retrospektive ergibt: so etwa, wenn ten Vorwerfbarkeit auch subjektive, in der Individualität des Han-
später erhobene oder zugänglich gewordene Befunde den Sachver- delnden zu berücksichtigende Umstände (so schon BGH, Urt. v.
halt in einem anderen Licht erscheinen lassen, dem Sachverständi- 11.5.1953–IV ZR 170/52, BGHZ 10, 14, 17). Eine dem „groben Be-
gen diese Befunde aber, aus welchen Gründen auch immer, zum handlungsfehler“ ähnelnde Beschränkung auf die rein objektive
Zeitpunkt der Gutachtenerstattung nicht zugänglich waren. Hier Pflichtwidrigkeit (so Thole 2006: 154, 157 m. w. N.) kommt daher
war das Gutachten jedenfalls aus der haftungsrechtlich bekanntlich nicht in Betracht, womit die „grobe Fahrlässigkeit“ des § 839a BGB
allein maßgeblichen Perspektive ex ante nicht „unrichtig“; zumin- vom „bedingten Vorsatz“ des §  826 BGB, wie ihn die Rechtspre-
dest fehlt es an der Vorwerfbarkeit des Fehlers. Hieraus folgt umge- chung etwa bei der „Begutachtung ins Blaue hinein“ bejahte (BGH,
kehrt, dass ex ante erkennbar unrichtige Tatsachenfeststellungen Urt. v. 24.9.1991–VI ZR 293/90, NJW 1991, 3282), theoretisch,
des Gutachters, die fehlende Ausschöpfung von Erkenntnismög- nicht aber in der praktischen Handhabung zu differenzieren sein
lichkeiten, die mangelnde Berücksichtigung der aktuellen Fachlite- dürfte (Gaidzik 2003).
ratur oder vorhandener Leitlinien der Fachgesellschaften, die Be- Das Gutachten muss weiterhin zur Grundlage einer gerichtlichen
hauptung in Wahrheit nicht existierender Erfahrungstatsachen Entscheidung (= Urteil oder Sachentscheidung durch Beschluss) ge-
oder Lehrsätze, das Vorspiegeln von Sicherheit, wo allenfalls ein worden sein. Haben sich die Parteien innerhalb des Prozesses oder
Wahrscheinlichkeitsurteil möglich ist, sowie die in sich fehlerhaf- außergerichtlich verglichen, entfällt ein Anspruch aus § 839a BGB,
ten, weil von den Anknüpfungstatsachen nicht gedeckten Schluss- selbst wenn die fehlerhaften Schlussfolgerungen des Gutachters für
folgerungen einen haftungsbegründenden Mangel darstellen. den Vergleichsschluss maßgeblich gewesen sein sollten. Ein derarti-
Ist aber ein Gutachten bereits dann „unrichtig“, wenn der Sachver- ger Irrtum mag u. U. die Wirksamkeit des Vergleichs berühren,
ständige trotz solcher oder ähnlicher Defizite zu einem Ergebnis ge- nicht aber eine Haftung des Gutachters begründen (zutreffend
langt, das er auch auf methodisch korrektem Weg hätte erzielen kön- ­Ulrich 2007: 418; eingehend dazu auch Blankenhorn 2004: 137 ff.,
nen? Noch schwieriger gestaltet sich die Beurteilung, wenn man die allerdings hierin eine „planwidrige“ Lücke sieht und so zur ana-
nicht auf die Methodik, sondern unmittelbar auf vermeintliche oder logen Anwendung gelangt, ebenso bei „irreversiblen“ Schäden Wag-
tatsächliche „Wertungsfehler“ abhebt. Wertungen sind bekanntlich ner 2013). Die Bereitschaft der Parteien zur gütlichen Einigung wird
nicht als „richtig“ oder „falsch“, sondern allenfalls als „vertretbar“ dies freilich kaum fördern, zumal deren anwaltliche Vertreter ihre
oder „unvertretbar“ kategorisierbar. Der Rückgriff auf „allgemein Mandanten pflichtgemäß über den Verlust eines potenziellen Scha-
7 vertretene Ansichten“ als korrigierenden Maßstab (so Jaeger und Lu- densersatzanspruchs gegen den Sachverständigen zu informieren
ckey 2002) hilft in der medizinischen Begutachtung allenfalls dort haben, wenn unter dem Eindruck des Gutachtens ein Vergleich viel-
weiter, wo z. B. evidenzbasierte Kriterien ungeachtet der individuel- leicht sogar auf ausdrückliche Empfehlung des Gerichts in der Dis-
len Gegebenheiten nur eine gutachtliche Schlussfolgerung erlauben, kussion steht und sie nicht letztendlich selbst nachträglich in die
was gerade in der Psychiatrie kaum jemals der Fall sein dürfte. Ande- (Anwalts-)Haftung geraten wollen. Ähnliche Probleme treten dann
rerseits lässt nicht jedes methodische oder formale Defizit, wie etwa auf, wenn das Gutachten dazu Anlass gibt, die Klage zurückzuneh-
ein Verstoß gegen die persönliche Leistungspflicht, ein Gutachten men oder aber die klägerische Forderung anzuerkennen. Im erstge-
„unrichtig“ werden, da andernfalls dieses Tatbestandsmerkmal ne- nannten Fall kommt es nicht mehr zu einer gerichtlichen (Sach-)
ben dem Verschulden keine eigenständige Bedeutung mehr hätte. Entscheidung; im letztgenannten Fall kann zwar ein „Anerkenntnis“-
Denn über die bloße objektive „Unrichtigkeit“ hinaus muss dem Urteil ergehen, dieses „beruht“ aber dann nicht auf dem vorange-
Sachverständigen der Vorwurf des Vorsatzes, zumindest aber der gangenen – fehlerhaften – Gutachten, sondern ist zwingende Folge
groben Fahrlässigkeit gemacht werden können. An dieser Erweite- des Anerkenntnisses. Die dazu im juristischen Schrifttum unter-
rung des erforderlichen Verschuldensgrades vom – wenigstens be- breiteten Vorschläge, den Begriff der „Entscheidung“ erweiternd
dingten – Vorsatz (wie bisher im Rahmen des § 826 BGB) auf nun- auszulegen oder aber auf die allgemeinen Regelungen zurückzugrei-
mehr ausreichende „grobe Fahrlässigkeit“ entzündete sich v. a. die fen, scheitern entweder an dem insoweit eindeutigen Gesetzeswort-
Diskussion im Vorfeld und nach Einführung des § 839a BGB. Ent- laut oder liefen dem erklärten Normzweck des § 839a BGB eine ab-
sprechend den üblichen Umschreibungen in Literatur und Recht- schließende Regelung treffen zu wollen, erst recht zuwider.
sprechung handelt der Gutachter grob fahrlässig, wenn er die nach Ist aber eine Sachentscheidung ergangen, so muss diese auf dem
den Regeln seines Fachgebiets gebotene Sorgfalt in „außergewöhn- Gutachten „beruhen“, was noch weitere Fragen aufwirft. Genügt
lich schwerwiegender Weise“ verletzt, „auf der Hand liegende Sorg- hierfür eine anhand der Begründung zu objektivierende Kausalbe-
faltsregeln missachtet“ bzw. „schon einfachste, ganz naheliegende ziehung zwischen Gutachten und Entscheidungstenor, oder müs-
Überlegungen nicht angestellt und das nicht beachtet hat, was im gege- sen auch wertende Gesichtspunkte einfließen? Soll den Gutachter
benen Fall jedem Vertreter seines Fachs einleuchten musste“ (vgl. das Haftungsrisiko in vollem Umfang treffen, wenn das Gericht in
BGHZ 10, 14, 16; jüngst nochmals OLG Köln, Urt. v. 30.1.2012–I-5 U seiner nicht mehr anfechtbaren Entscheidung das  –  fal-
222/11, VersR 2012, 1128, zu psychiatrischen bzw. nervenärztlichen sche – Gutachten„ergebnis“ kritiklos übernimmt und sich mit den
Gutachtern s. a. BGH, Urt. v. 11.4.1989 – VI ZR 293/88, NJW 1989, erkennbaren Mängeln in der Herleitung nicht weiter auseinander-
7.1  Zivilrechtliche Haftung des Gutachters 81

setzt (so ausdrücklich Thole [2006: 159]: die Kausalität des Gutach- auf die gerichtliche Entscheidung zu beseitigen, also auch das Vor-
tens für die Gerichtsentscheidung wird auch in aller Regel nicht von bringen von Einwänden oder der Antrag auf Ladung des Sachverstän-
etwaigen Fehlern des Gerichts infrage gestellt), oder gibt es eine digen zur Erläuterung seines Gutachtens. Etwaige Kontroll- bzw. Be-
Unterbrechung des Zurechnungszusammenhangs, wenn Gericht ratungsversäumnisse seines Anwalts müsste sich der Geschädigte in
und Prozessbeteiligte offenkundige Mängel übersehen (verneinend diesem Zusammenhang wie eigenes Verschulden anrechnen lassen.
Wagner 2013)? Im Unterschied zum Gutachter als seinem „Gehil-
fen“ steht dem Gericht als „Geschäftsherrn“ immerhin das
„Richter“-Privileg des §  839 Abs.  2 Satz  1 BGB zur Seite, das die 7.1.2  Begutachtung außerhalb gerichtlicher
Haftung auf die vorsätzliche „Rechtsbeugung“ beschränkt. Verfahren
Der hieraus resultierende Wertungswiderspruch wird augenfällig,
wenn das Gutachten nur partiell Mängel aufweist. Gelangt etwa der Ansonsten richtet sich die Haftung des Gutachters  –  wie bisher
Gutachter bei an sich korrekter Argumentation zu einem „falschen“ auch – nach den allgemeinen vertrags- und deliktsrechtlichen Re-
Ergebnis, „beruht“ dann die Entscheidung auf einem unrichtigen gelungen. Beim freien Gutachtenauftrag besteht eine vertragliche
Gutachten, wenn das Gericht, was gelegentlich vorkommen soll, le- Beziehung des Auftraggebers mit dem nicht bei ihm angestellten
diglich die Zusammenfassung zur Kenntnis nimmt und die entge- oder in einem öffentlich-rechtlichen Dienstverhältnis befindlichen
genstehenden  –  zutreffenden  –  Erwägungen in seiner Herleitung Gutachter. In aller Regel handelt es sich hierbei um einen Werkver-
außer Acht lässt? Nicht weniger paradox erscheint die umgekehrte trag (§ 631 BGB). Im Rahmen von dauerhaften Beratungsverhält-
Fallkonstellation, in welcher der Gutachter mit falscher Begründung nissen sind andere Vertragstypen denkbar, so etwa ein Dienst-
zu einer inhaltlich korrekten Schlussfolgerung gelangt (z. B. korrekte (nicht aber als „Behandlungsvertrag“ i. S. von § 630a ff. BGB n. F.!)
Einschätzung einer unfallbedingten MdE trotz irriger Bewertung der oder entgeltlicher Geschäftsbesorgungsvertrag. Dieser zwischen
einzelnen Ursachenbeiträge). Wenn nun das Gericht nach der von den Parteien schriftlich oder konkludent durch Auftragsübernahme
ihm zu fordernden eigenständigen Prüfung der gutachtlichen Ge- geschlossene Vertrag regelt neben Inhalt und Honorierung auch die
dankengänge auf der Grundlage der vermeintlich überzeugen- Frage einer Haftung für etwaige gutachtliche Fehlleistungen, ein-
den – jedoch in Wahrheit fachlich unzutreffenden – Argumentation schließlich des hierbei anzulegenden Verschuldensmaßstabs.
des Gutachtens in den Einzelaspekten dessen Gesamtergebnis „kor- Fehlt es an einer ausdrücklichen Regelung – z. B. Begrenzung auf
rigiert“, liegt dann noch eine auf einem unrichtigen Gutachten „be- Vorsatz und grobe Fahrlässigkeit  –  bleibt es bei den allgemeinen
ruhende“ gerichtliche Entscheidung i. S. von §  839a BGB vor? Der Grundsätzen, d. h., der Gutachter haftet für schuldhafte Verletzun-
schlichte Hinweis auf die sonst drohende „Aushöhlung“ der Gutach­ gen seiner Vertragspflichten  –  hier insb. die ordnungsgemäße Er-
terhaftung (so Thole 2006) reicht zur Rechtfertigung einer so einsei- stellung des „Werks“ – für den daraus entstehenden Schaden (§ 280
tigen Haftungsverteilung des „Geschäftsherrn“ zulasten seines „Ge- BGB), und zwar nach Maßgabe von § 276 BGB bereits bei nur leich- 7
hilfen“ schwerlich aus. Immerhin hat das BVerfG in einem Fall der ter Fahrlässigkeit. Schuldhaftes Handeln seiner Mitarbeiter sind
Anwaltshaftung den BGH dahingehend korrigiert, dass die Recht- ihm wie eigenes Verschulden zuzurechnen (§  278 BGB). Neben
sprechung nicht die Verantwortung für ein Fehlurteil dem Anwalt Vermögensschäden kann sich die Vertragshaftung seit dem
anlasten könne, dessen Fehler durch eine gleichfalls fehlerhafte 1.8.2002 zudem auf immaterielle Schäden (= Schmerzensgeld) er-
Rechtsanwendung des Gerichts perpetuiert werde (BVerfG, Beschl. v. strecken, sofern Körper, Gesundheit, (Fortbewegungs-)Freiheit, Ei-
12.8.2002–1 BvR 399/02, NJW 2002, 2937). Dass der Sachverständige gentum oder das sexuelle Selbstbestimmungsrecht von der Pflicht-
anders als der Anwalt dem Gericht bei der Entscheidungsfindung verletzung tangiert sind (§ 253 Abs. 2 BGB n. F.).
„zur Hand gehen soll“, kann dessen Haftung schwerlich verschärfen Anspruchsberechtigt bei Verletzung vertraglicher Pflichten ist zum
(so aber Wagner 2013), sondern müsste doch eher entlastend wirken, einen der Auftraggeber des Gutachtens, wobei es vor dem Hinter-
denn auch die eigenständige Kontrolle eines eingeholten Gutachtens grund der publizierten Urteile nur sehr selten zu solchen Auseinan-
gehört zu den Rechtsanwendungspflichten des Gerichts (lesenswert dersetzungen mit dem Gutachter zu kommen scheint, sei es weil die
dazu BGH, Urt. v. 26.4.1955–5 StR 86/55, BGHSt 8, 113, 118). Auftraggeber das Prozessrisiko scheuen, sei es weil gesellschaftsinter-
Durch den Verweis auf § 839 Abs. 3 BGB ist als Anspruchserforder- ne Kontrollmechanismen greifen (z. B. durch Beratungsärzte) und
nis schließlich noch erforderlich, dass der Betroffene es vorsätzlich zweifelhafte gutachtliche Entscheidungen noch rechtzeitig korrigiert
oder wenigstens fahrlässig unterlassen hat, den Schaden durch Ge- werden. Zum anderen kommt aber auch der von der Begutachtung
brauch eines Rechtsmittels gegen die ergangene Entscheidung abzu- betroffene Proband als Anspruchsinhaber in Betracht, und zwar über
wenden, was im Ergebnis zum Verlust des an sich berechtigten An- die Rechtsfigur des „Vertrags mit Schutzwirkung zugunsten Dritter“.
spruchs führt. Bei rechtsmittelfähigen Entscheidungen wird dies re- Der Bundesgerichtshof hat in einer älteren Entscheidung (Urt. v.
gelmäßig dann der Fall sein, wenn der Gutachter von falschen oder 17.9.2002–X ZR 237/01, VersR 2002, 1407) die Einbeziehung des Pro-
womöglich beim Probanden gar nicht erhobenen Befunden ausge- banden in das Vertragsverhältnis Gutachter-Auftraggeber erwogen,
gangen ist, was dem Betroffenen bei der gebotenen Überprüfung des wenn „das Versicherungsverhältnis  –  wie möglicherweise bei der
erstatteten Gutachtens auch ohne Weiteres erkennbar war. Der Be- Krankenversicherung  –  wesentliche Lebensgrundlagen des Versi-
griff des „Rechtsmittels“ ist dabei weit zu verstehen und umfasst alle cherten berührt, dessen Leben und Gesundheit von der Eintrittsbe-
Rechtsbehelfe, die sich unmittelbar gegen das fehlerhafte Gutachten reitschaft des Versicherten für die Behandlung abhängen können“,
richten und dazu bestimmt bzw. geeignet sind, dessen Auswirkungen zugleich aber für Versicherungen, die „lediglich eine Geldzahlung
82 7  Haftungs- und strafrechtliche Verantwortung des Gutachters

betreffen“, einen solchen Drittbezug abgelehnt. Hieraus wäre zu fol- lich keine hoheitliche Tätigkeit dar. Dies gilt auch für den verbeam-
gern, dass der Proband für erlittene Vermögensschäden den medizi- teten Gutachter, der dann innerhalb gerichtlicher Verfahren eben-
nischen Gutachter grundsätzlich nicht haftbar machen kann (so auch falls § 839a BGB unterliegt und außerhalb justizförmiger Verfahren
LG Bielefeld, Urt. v. 29.3.2001–8 O 570/00, VersR 2003, 123; a. A. sich allenfalls auf das Verweisungsprivileg in §  839 Abs.  1 Satz  2
noch OLG Celle, Urt. v. 26.11.1993–10 U 19/90, OLGR Celle 1994, BGB berufen kann, wenn und soweit der Geschädigte anderweitig
229). Die Differenzierung des Versicherungssenats ist indessen nicht Ersatz zu erlangen vermag. Es verbleiben allerdings einige Fallgrup-
völlig überzeugend, da auch auf „Geldleistungen“ gerichtete Versiche- pen, in denen die Grundsätze der Amtshaftung für gutachtliche
rungen der Krankenversicherung in ihrer existenziellen Bedeutung Fehlleistungen durchgreifen:
für den Betroffenen sicherlich nicht nachstehen; man denke nur an • Gutachten im (Sozial-)Verwaltungsverfahren: Obschon der
die für die Absicherung der Lebensrisiken immer wichtiger werdende nicht selbst dort angestellte Gutachter mit einem öffentlich-
private Berufsunfähigkeitsversicherung. Andererseits dient der rechtlichen Verwaltungsträger (z. B. Rentenversicherung, Be-
„drittschützende Vertrag“ der Vermeidung von drohenden Haftungs- rufsgenossenschaft) regelmäßig in einer (werk-)vertraglichen
lücken, während für die Probanden bei der Inanspruchnahme des Beziehung steht, wird mit dessen Gutachten aus der Perspektive
Gutachters häufig die Umgehung der kürzeren versicherungsrechtli- des Probanden mittelbar eine dem Verwaltungsträger obliegen-
chen Verjährungsfristen im Vordergrund steht, die eine nachträgliche de hoheitliche Aufgabe erfüllt.
Korrektur der Entscheidung des Versicherers häufig nicht mehr er- • Zwangsmaßnahmen durch Gutachter: Muss der Gutachter im
lauben, wenn er von dem vermeintlichen oder tatsächlichen Gutach- Rahmen des ihm vom Gericht oder von der Staatsanwaltschaft
tenmangel erst später, etwa im Rahmen weiterer Diagnostik, erfährt. erteilten Auftrags Zwangsmaßnahmen vornehmen (z. B. Entnah-
Ein „unrichtiges“ Gutachten wird danach im außergerichtlichen men von Blutproben zur Alkoholbestimmung), handelt er inso-
Raum regelmäßig zur vertraglichen Haftung des Gutachters jeden- weit in Ausübung eines öffentlichen Amtes i. S. von Art. 34 GG.
falls gegenüber dem Auftraggeber führen. Darüber hinaus lassen sich • Behördengutachten oder dienstliches Gutachten: Wird der
im Einzelfall aus der Verletzung vertraglicher Nebenpflichten weitere Begutachtungsauftrag einer Behörde erteilt, haben die dortigen
Schadensersatzpflichten konstruieren, so wenn der Gutachter zwar Amtsträger eine auch gegenüber den Verfahrensbeteiligten be-
die gestellten Fragen umfassend beantwortet, aber sonstige ihm be- stehende Amtspflicht, das erbetene Gutachten unparteiisch, rich-
kannt gewordene Umstände, die ersichtlich für den Auftraggeber tig, sachkundig und vollständig zu erstatten. Gleiches gilt für den
wichtig sind, verschweigt oder den Auftrag mit einem übertriebenen, Fall, in dem zwar nicht die Behörde, sondern deren Mitarbeiter
objektiv nicht gerechtfertigten zeitlichen oder technischen Aufwand persönlich zum Sachverständigen bestellt worden ist, die Gut-
betreibt und so zur Schadensentstehung beiträgt (Ulrich 2007). achtenerstattung jedoch zu dessen Dienstaufgaben gehört, wie
Angesichts dieser umfassenden vertraglichen Haftung, die mitt- etwa i. d. R. bei Ärzten der Landeskrankenhäuser, des MDK so-
7 lerweile sowohl im Haftungsumfang wie auch in der Verjährung wie der Gesundheitsämter.
der deliktischen Haftung gleichgestellt ist, ist für den Auftraggeber In diesen Konstellationen regelt sich die Haftung nach § 839 BGB
die deliktische Haftung des Sachverständigen ohne Interesse. An- bzw. Art. 34 GG, d. h., der Anspruch des Geschädigten richtet sich
ders für den Probanden, wenn und soweit man eine Haftung auf- gegen die Anstellungskörperschaft des Gutachters bzw. gegen dieje-
grund einer drittschützenden Wirkung des Gutachtenvertrags ab- nige Körperschaft, in deren Aufgabenkreis er tätig geworden ist.
lehnt. Von den oben angesprochenen – sehr begrenzten – Möglich- Dies gilt für den Amtsarzt mit oder ohne Beamtenstatus bei der Be-
keiten einer analogen Anwendung des § 839a BGB einmal abgese- gutachtung der Fahrtauglichkeit im Auftrag der Straßenverkehrs-
hen, haftet der z. B. von einem Privatversicherer beauftragte behörde ebenso wie für den niedergelassenen oder Klinikarzt, der
Gutachter ihm gegenüber für wenigstens fahrlässig herbeigeführte für eine Berufsgenossenschaft bei der Bemessung einer arbeitsun-
Körper- und Gesundheitsverletzungen gemäß §  823 Abs.  1 BGB. fallbedingten MdE tätig geworden ist (BGH, Urt. v. 22.3.2001–III
Außerhalb des dortigen  –  abschließenden  –  Rechtsgüterkatalogs ZR 394/99, BGHZ 147, 169). Eine persönliche Haftung des Gutach-
und der besonderen Fälle der Begutachtung in „hoheitlicher“ Funk- ters scheidet in beiden Fällen aus, die betroffene Körperschaft kann
tion mit der dann möglichen Amtshaftung nach Maßgabe von § 839 allenfalls in Fällen grober Fahrlässigkeit oder bei vorsätzlichem
i. V. m. Art. 34 GG (s. u.) verbleibt es bei Gutachtenmängeln, die zu Handeln ihm gegenüber Rückgriff nehmen.
einer Vermögenseinbuße beim Probanden/Auftraggeber geführt
haben, bei der Haftung nach § 826 BGB mit seinen schon dargestell-
ten restriktiven Voraussetzungen. Auch im deliktischen Bereich 7.2  Strafrechtliche Verantwortung des
muss der Gutachter für schuldhaftes Verhalten der von ihm einge- Gutachters
schalteten Mitarbeiter haftungsrechtlich einstehen (§ 831 BGB).
Neben schadensersatzrechtlichen Sanktionen kann ein fehlerhaftes
Gutachten aber auch strafrechtliche Konsequenzen nach sich zie-
7.1.3  Sonderfall Amtshaftung (§ 839 BGB i. V. m. hen. So könnte etwa ein zur Unterbringung führendes „unrichtiges
Art. 34 GG) Gutachten“ als Freiheitsberaubung gem. § 239 StGB – in mittelba-
rer Täterschaft – zu ahnden sein. Offenbart ein Gutachter Einzelhei-
Einen Sonderfall der Haftung des Gutachters bildet §  839 BGB ten aus der Exploration des Probanden gegenüber Dritten, die nicht
i. V. m. Art. 34 GG. Wie gezeigt, stellt die Begutachtung grundsätz- an dem jeweiligen Verfahren beteiligt sind, oder verwertet er vom
7.2  Strafrechtliche Verantwortung des Gutachters 83

Probanden erhaltene, aber außerhalb des Gutachtenauftrags bzw. Gesundheitszeugnisses sich auf andere Weise (z. B. durch frühere
der erteilten Schweigepflichtentbindungserklärung liegende Infor- Eigen- oder Fremdbefunde) zuverlässig über den Gesundheitszu-
mationen bzw. Erkenntnisse in seiner Stellungnahme könnte er stand des Patienten unterrichtet (Beschl. v. 11.1.2006–1 Ss 24/05,
sich einer „Verletzung von Privatgeheimnissen“ gemäß § 203 StGB MedR 2007, 442, 444; ebenso Laufs/Uhlenbruck 2002, Rn. 9).
schuldig machen. Ein kollusives Zusammenwirken des Gutachters Die Strafbarkeit beschränkt sich auf gutachtliche Äußerungen
mit dem Auftraggeber oder dem Probanden mit finanziellen Aus- „zum Gebrauch bei einer Behörde oder Versicherungsgesellschaft“
wirkungen wird, je nach Fallgestaltung, Tatbestände der Vermö- und setzt zudem ein „Handeln wider besseres Wissen“, mithin ei-
gensdelikte erfüllen, so etwa Betrug, Untreue, Vorteilsnahme, Be- nen Dolus directus in Bezug auf die Unrichtigkeit voraus. Gesund-
stechlichkeit o. Ä. Es handelt sich hierbei allerdings insgesamt um heitszeugnisse etwa gegenüber dem Arbeitgeber (selbst wenn dies
Vorsatzdelikte mit vergleichsweise geringer Bedeutung in der fo- eine Behörde oder eine Versicherungsgesellschaft sein sollte) fallen
rensischen Praxis. Nähere Betrachtung verdienen demgegenüber demzufolge ebenso wenig unter §  278 StGB wie eine  –  gutgläu-
das Ausstellen unrichtiger Gesundheitszeugnisse gemäß §  278 big – „ins Blaue hinein“ abgegebene Beurteilung. Gerade diese An-
StGB, die Aussagedelikte der § 153 ff. StGB und – speziell für den forderungen im subjektiven Tatbestandsbereich werden als Grund
psychiatrischen Sachverständigen – der Vorwurf der fahrlässigen einer im Vergleich zur fehlenden statistischen Relevanz deutlich
Tötung oder Körperverletzung im Zusammenhang mit Straftaten höheren Dunkelziffer sog. „Gefälligkeitsatteste“ vermutet (Gercke
oder Suizidhandlungen des Probanden. 2008).

7.2.1  Ausstellen unrichtiger 7.2.2  Aussagedelikte (§ 153 ff. StGB)


Gesundheitszeugnisse (§ 278 StGB)
Gutachter können sich – wie auch Zeugen – vor Gericht der uneid-
Ärzte und andere approbierte Medizinalpersonen machen sich lichen Falschaussage (§ 53 StGB) oder des Meineids (§ 154 StGB)
strafbar, wenn sie „ein unrichtiges Zeugnis über den Gesundheits- schuldig machen. Letzterem sind eidesähnliche Erklärungen gleich-
zustand eines Menschen zum Gebrauch bei einer Behörde oder gestellt, so die eidesgleiche Bekräftigung (§ 155 StGB) oder die fal-
Versicherungsgesellschaft wider besseres Wissen ausstellen“. sche Versicherung an Eides statt (§  156 StGB). Während §  153
Gesundheitszeugnisse sind Erklärungen über die jetzige, frühere StGB – bedingt – vorsätzliches Handeln des Aussagenden voraus-
oder voraussichtlich künftige Gesundheit eines Menschen, mithin setzt, stellt § 163 StGB hinsichtlich der vereidigten Aussage bzw. der
auch Zeugnisse über die Aussicht, an bestimmten Leiden zu erkran- ihr gleichstehenden Erklärungen auch bloße Fahrlässigkeit unter
ken oder von ihnen verschont zu werden (Heine/Schuster 2014, Strafe. Gemeinsames Schutzgut der Aussagedelikte ist nach herr-
§ 277 Rn. 2). Damit werden auch gutachtliche Äußerungen erfasst schender Meinung das öffentliche Interesse an einer wahrheitsge- 7
(BGH, Urt. v. 29.1.1957–1 StR 333/56, BGHSt 10, 159, Laufs/Kern mäßen Tatsachenfeststellung in gerichtlichen oder gerichtsähnli-
2010, § 146, Rn. 7). Schutzgut von § 278 StGB ist die „schriftliche chen Verfahren. Dies schließt freilich nicht aus, dass die genannten
Lüge“ über Tatsachen, womit zwar nicht die Wertung als solche, Straftatbestände als „Schutzgesetz“ i. S. von § 823 Abs. 2 BGB, wie
jedoch die zugrunde liegenden „falschen“ Einzelbefunde in den An- oben dargelegt, haftungsrechtlich relevante Schutzwirkungen zu-
wendungsbereich fallen, sofern der Arzt/Gutachter sie wider besse- gunsten der konkret Beteiligten entfalten.
res Wissen, d. h. mit unbedingtem Vorsatz bzgl. der Unrichtigkeit Nach der bislang herrschenden „objektiven Theorie“ wird die
des Inhalts in das Gutachten aufgenommen hat. Hinsichtlich der Rechtspflege nur durch eine der Wirklichkeit widersprechende
Bestimmung des Zeugnisses zum „Gebrauch bei einer Behörde oder Aussage gefährdet, mithin ist eine Aussage „falsch“, wenn sie dem
Versicherungsgesellschaft“ ist bedingter Vorsatz ausreichend tatsächlichen – „objektiven“ – Geschehen oder Sachverhalt wider-
(Schönke/Schröder 2010, § 278 Rn. 6). spricht, d. h., wenn Aussage und Wirklichkeit objektiv nicht über-
Strittig ist, ob ein Gesundheitszeugnis schon dann „unrichtig“ einstimmen.
wird, wenn darin ein Befund bescheinigt wird, ohne dass der Arzt Bezogen auf gutachtliche Feststellungen ist dies unproblematisch
überhaupt eine Untersuchung vorgenommen hat. Dies wird man dann der Fall, wenn der Gutachter tatsächlich nicht oder nicht so
vor dem Hintergrund der besonderen Beweiskraft ärztlicher Be- vorhandene Befund- oder Zusatztatsachen verarbeitet. Befundtat-
scheinigungen im Behördenverkehr mit der herrschenden Meinung sachen sind solche Tatsachen, die der Sachverständige kraft der ihm
(BGH, Urt. v. 8.11.2006–2 StR 384,/06, MedR 2007, 248; Laufs/Kern eigenen „besonderen Sachkunde“ wahrnimmt. Hingegen sind Zu-
2010, § 146, Rn. 8) in der Regel, aber nicht ausnahmslos bejahen satztatsachen von jedermann wahrnehmbar. Der Sachverständi-
können. Wie das OLG Frankfurt a. M. in einer jüngeren Entschei- geneid, der sich bekanntlich nur darauf erstreckt, das „Gutachten
dung zutreffend feststellt, gibt es allerdings Krankheitsfälle, in de- unparteiisch und nach bestem Wissen und Gewissen erstattet zu
nen es entweder nach der Art der Erkrankung oder der seelischen haben“, deckt fraglos Befundtatsachen ab, nicht jedoch Zusatztatsa-
Verfassung des Patienten für den gewissenhaften Arzt überflüssig chen, wobei insoweit allerdings die Möglichkeit der Vereidigung
erscheinen lässt oder sich sogar verbietet, eine körperliche Untersu- des Gutachters als „Zeuge“ besteht, sofern er diese Tatsachen im
chung oder persönliche Befragung des Patienten vorzunehmen. In Umfeld der Untersuchung wahrgenommen hat.
solchen Fällen genügt der Arzt der ihm obliegenden Sorgfaltspflicht Können aber Wertungen als solche i. S. der Aussagedelikte
auch im Rahmen des § 278 StGB, wenn er vor der Ausstellung des „falsch“ sein? Nach einer im Schrifttum vertretenen Ansicht ist ein
84 7  Haftungs- und strafrechtliche Verantwortung des Gutachters

nach vermeintlich „bestem Wissen erstattetes Gutachten“ schon 7.2.3  Körperverletzung oder Tötungsdelikte
dann falsch, wenn es diesen Anforderungen nicht entsprach, insb. infolge gutachtlicher Fehleinschätzung
nicht unter „Anwendung der entsprechenden Methoden dem neu-
esten Erkenntnisstand der fraglichen Disziplin entspricht“ (Lenck- Ein psychiatriespezifisches und für den betroffenen Arzt zweifellos
ner/Bosch 2014, Vorbemerkung §§ 153 ff., Rn. 8). Selbst ein im Er- besonders belastendes Kapitel strafrechtlicher Aspekte gutachtli-
gebnis „richtiges“ Gutachten wäre in dieser Wertung „falsch“, sofern cher Tätigkeit stellen die Fremd- und/oder Eigenschädigungen
nicht „methodengerecht“ erstellt. Umgekehrt ist ein in diesem Sin- des Probanden dar, die aus einer Fehleinschätzung der Gefähr-
ne „richtiges“ Gutachten, das jedoch nicht der subjektiven Überzeu- dungssituation resultieren. Man denke an die unterbliebene Unter-
gung des Sachverständigen entspricht, strafrechtlich nur dann prob- bringung eines psychisch Kranken nach zivil- bzw. betreuungs-
lematisch, wenn der Sachverständige diese Überzeugung nicht ha- rechtlichen Grundsätzen der §§ 1896–1908i BGB oder im Rahmen
ben konnte, weil er z. B. das unter seinem Namen erstattete Gutach- der landesgesetzlich geregelten öffentlich-rechtlichen Unterbrin-
ten tatsächlich von anderen (z. B. Mitarbeitern) hat erstellen lassen, gung. Eine andere in diesem Zusammenhang anzutreffende Fall-
da er mit Erstattung seines Gutachtens auch behauptet, dieses – als konstellation bildet der Lockerungsmissbrauch in psychiatrischen
Eigenleistung – „verantworten“ zu können (Lenckner/Bosch 2014, Krankenhäusern oder im Maßregelvollzug, wobei es zu einschlägi-
Vorbemerkung §§ 153 ff., Rn. 8). Die Gegenauffassung hebt bei der gen Straftaten der Patienten kommt. Während, wie gezeigt, die zi-
Mitteilung von Erfahrungen, Wertungen oder Schlussfolgerungen vilrechtliche Haftung im hoheitlichen Bereich auf die beauftragende
ungeachtet der objektiven Sachlage ausschließlich auf die Diskre- Körperschaft übergeht oder im Rahmen gerichtlicher Verfahren
panz zwischen subjektivem Wissen und Aussageninhalt ab, d. h., ob außerhalb von Behördengutachten wenigstens die Privilegierung
der Sachverständige die gutachtliche Stellungnahme entgegen sei- des § 839a StGB mit der „groben Fahrlässigkeit“ als Verschuldens-
ner inneren Überzeugung abgegeben hat (so Laufs/Kern 2010, maßstab durchgreift, kann den einzelnen Sachverständigen hier
§  144, Rn. 6). Mag diese sehr restriktive Sichtweise auch unter grundsätzlich schon bei leichter Fahrlässigkeit der Vorwurf der
Schutzzweckaspekten auf Bedenken stoßen, so muss doch ein „fal- fahrlässigen Körperverletzung (§  229 StGB) oder gar Tötung
sches“ Gutachten i. S. der §§ 153 ff. StGB – ähnlich dem „unrichti- (§ 222 StGB) treffen. In beiden Fällen ist erforderlich, dass der Gut-
gen“ Gutachten i. S. von § 839a BGB – mehr sein als ein lediglich achter eine Gefährdungslage für eigen- oder fremdschädigendes
unsorgfältig erstelltes. Verhalten beim Probanden verkannt hat, die er bei Beachtung der
Eine „Aussage“ als gemeinsames Tatbestandsmerkmal der erforderlichen diagnostischen Sorgfalt (objektive Fahrlässigkeit)
§§ 153–163 StGB ist jedenfalls die mündliche Darlegung von Tat- und  –  als Besonderheit im strafrechtlichen Verschulden  –  auch
sachen oder Werturteilen durch den Sachverständigen, nicht je- nach seinen persönlichen Kenntnissen und Fähigkeiten (subjektive
doch die Erstattung eines schriftlichen Gutachtens. Dies ist dort Fahrlässigkeit) hätte voraussehen können und müssen.
7 unproblematisch, wo die jeweilige Prozessordnung ohnehin nur Während ältere – zivilrechtliche – Entscheidungen die „Sicher-
die mündliche Gutachtenerstattung kennt, wie im Strafprozess. heit und den Schutz des Patienten vor einer krankheitsbedingten
Selbst eine nach § 256 Abs. 1 StPO verlesene Erklärung eines Arz- Selbstschädigung als oberstes Gebot betrachteten“ (BGH, Urt. v.
tes stellt lediglich einen Urkundsbeweis, nicht jedoch einen Zeu- 26.4.1954–VI ZR 52/53, VersR 1954, 290; ebenso noch OLG Stutt-
gen- oder Sachverständigenbeweis dar. Strittig ist demgegenüber, gart, Urt. v. 23.3.1989–14 U 41/87, MedR 1989, 251) und so häufig
ob Gleiches auch für Verfahrensordnungen gilt, die – sogar als Re- schon aus der Tatsache eines (Suizid-)Versuchs im Rahmen einer
gelfall  –  die schriftliche Gutachtenerstattung vorsehen, wie etwa psychiatrischen Behandlung auf eine Verletzung der ärztlichen Be-
im Zivil- und Sozialgerichtsprozess. Hier ist im Gegensatz zum handlungspflichten oder der pflegerischen Betreuung und Fürsorge
Strafprozess das schriftliche Gutachten vollwertiges Beweismittel, schlossen, hat sich in der jüngeren Rechtsprechung eine differen-
das nur ausnahmsweise der mündlichen Ergänzung bzw. Erläute- zierte Betrachtung durchgesetzt. Die moderne Psychiatrie, so das
rung bedarf. Teile der Strafrechtsliteratur folgern hieraus die Ein- OLG Naumburg, sehe bei Geisteskranken ihre Hauptaufgabe nicht
beziehung auch des schriftlichen Gutachtens in den Schutzbereich (mehr) darin, diese sicher zu verwahren, sondern sie zu behandeln
der §§  153 ff. StGB (so Lenckner/Bosch 2014, Vorbemerkung und zu heilen, was die Inkaufnahme gewisser Risiken  –  auch des
§§ 153 ff., Rn. 22). Schon der Wortlaut der Vorschriften – „Aussa- Risikos der Selbstschädigung – notwendig mache. Denn die „Stär-
ge vor Gericht“ – steht aber wohl einer so weiten Auslegung entge- kung der Eigenverantwortlichkeit“ gehöre ebenfalls zur Therapie
gen, da die bloße prozessuale Zulässigkeit eines rein schriftlichen suizidgefährdeter Patienten, was aber wiederum mit „übertrieben
Gutachtens noch nicht die schriftlichen Ausführungen des Sach- sichernden und die Patienten in ihrem Selbstbewusstsein einengen-
verständigen zu „Aussagen“ macht (zutreffend Laufs/Kern 2010, den Maßnahmen“ unvereinbar sei (OLG Naumburg, Urt. v.
§ 144, Rn. 3). Wenn allerdings im Zivilprozess einzelne Beweisfra- 12.1.2010–1 U 77/09, GesR  2010, 318, ebenso jüngst OLG Olden-
gen unter eidesstattlicher Versicherung ihrer Richtigkeit gemäß burg, Beschl. v. 17.1.2011–5 U 187/10, MedR 2012, 332, 334). Das
§  377 Abs.  3, 402 ZPO schriftlich beantwortet werden oder der Sicherheitsgebot ist daher abzuwägen gegen Gesichtspunkte der
Sachverständige die Richtigkeit seines schriftlichen Gutachtens Therapiegefährdung durch allzu strikte Verwahrung, wobei neben
auf Verlangen des Gerichts eidesstattlich versichert, kommt eine der Erforderlichkeit einer Maßnahme deren Zumutbarkeit für den
Strafbarkeit wegen falscher Versicherung an Eides statt gemäß Patienten, aber auch das Krankenhauspersonal einzustellen ist
§ 156 oder, in der fahrlässigen Begehungsform, gemäß § 163 StGB (BGH, Urt. v. 20.6.2000–VI ZR 377/99, MedR 2001, 201). Wenn
in Betracht. aber die Rechtsprechung auf diese Weise in der kurativen Situation
7.3 Fazit 85

einen therapeutisch motivierten Beurteilungs- und Ermessensspiel- BGH, Urt. v. 13.11.2003–5 StR 327/03, NJW 2004, 237). Bei der ge-
raum zugesteht (so ausdrücklich OLG Naumburg a. a. O.), kann für danklichen Prüfung darf nur ein pflichtgemäßes Verhalten des bzw.
die vorgelagerte gutachtliche Einschätzung nichts anderes gelten. der Verantwortlichen „hinzugedacht“ werden, womit die Möglich-
Auch hier geht es letztlich um die Abgrenzung der akuten von einer keiten eines hypothetischen Entweichens aus der Klinik keine Ex-
vielleicht nur latenten Suizidalität und die hieraus abzuleitenden kulpation begründen können (BGH a. a. O.).
therapeutischen, die Freiheitsrechte des Probanden mehr oder
minder beschneidenden Konsequenzen. Folglich kann auch dem
Gutachter nur zum Vorwurf gereichen, eine ex ante erkennbare Ge- 7.3 Fazit
fährdungslage verkannt zu haben, z. B. weil er Erkenntnismöglich-
keiten (Rückversicherung beim Hausarzt, Fremdanamnese bei an- § 839a BGB hatte nach seinem Inkrafttreten unter der Ärzteschaft
wesenden Begleitpersonen) nicht ausgeschöpft hat, weil seinem beträchtliche Unruhe ausgelöst, nachdem Literaturstimmen ver-
Gutachten im Hinblick auf die notwendigen Schutzmaßnahmen die schiedentlich das Menetekel der „gravierenden Haftungsverschär-
erforderliche Abwägung von Gefährdung, Patientenautonomie und fung der Arzthaftungspflicht bei Gerichtsgutachten“ (so z. B. Wittig
Therapieoptionen nicht entnommen werden kann oder weil seine und Henssen 2003, 67 ff., ähnlich schon im Vorfeld des Gesetzge-
diagnostische Wertung aus sonstigen Gründen fachlich völlig un- bungsverfahrens Jacobs 2001, 489 ff.) an die Wand warfen. Andere,
vertretbar erscheint. so auch der Verfasser (MedSach 2004, 132), vermochten sich dieser
Gleiches muss für die Fälle der Fremdschädigung durch – öffent- Auffassung nicht anzuschließen und können sich durch die bislang
lich-rechtlich  –  untergebrachte Patienten sowie im Maßregelvoll- zu § 839a BGB ergangenen wenigen – und zumeist klageabweisen-
zug gelten. Auch hier ist im Rahmen einer Prognoseentscheidung den – Entscheidungen bestätigt fühlen. Die engen Tatbestandsvor-
die von den Patienten ausgehende Gefährdung, diesmal für fremde aussetzungen sowie der Umstand, dass die Abgrenzung zwischen
Rechtsgüter, dem therapeutischen Interesse  –  z. B. einer Belas- bereits „bedingt vorsätzlicher“ oder gerade noch „grob fahrlässiger“
tungserprobung zur Entlassungsvorbereitung  –  gegenüberzustel- Falschbegutachtung eher theoretischer Natur sein dürfte, werden
len. Kommt es zum Lockerungsmissbrauch, folgt der Fahrlässig- eine Haftungsausweitung zulasten des medizinischen Gutachters
keitsvorwurf nicht schon aus der nachträglichen Wertung, sondern verhindern. Für den psychiatrischen Sachverständigen hat sich die
aus der Perspektive ex ante. Hält sich hier die Entscheidung inner- Rechtslage sogar tendenziell eher verbessert. Die bisher nur richter-
halb des gesetzlichen Beurteilungs- und Ermessensspielraums der rechtlich entwickelte und im Schrifttum immer wieder einmal an-
Urlaubs- und Lockerungsnormen, kann sie trotz genereller Vorher- gegriffene Haftungsbegrenzung bei lediglich fahrlässig ermöglich-
sehbarkeit bzw. fehlender Ausschließbarkeit einer Straftat nicht ter Freiheitsentziehung findet jetzt eine eindeutige gesetzliche
schon i. S. einer fahrlässigen Ermöglichung tatbestandsmäßig sein, Grundlage. Ferner bleibt es unabhängig von der Frage der Vereidi-
zumindest ist sie unter dem Aspekt des „erlaubten Risikos“ gerecht- gung bei der groben Fahrlässigkeit als Haftungsmaßstab, was insb. 7
fertigt (Schöch 2006, 319). Die strafrechtlich relevante Schwelle ist für die strafprozessuale Tätigkeit der forensischen Psychiater be-
auch hier erst dann überschritten, wenn der Entscheidungsträger deutsam ist. Im weiten Feld der außergerichtlichen Begutachtung
von einem unzutreffenden oder unvollständig ermittelten Sachver- hat sich durch § 839a BGB ohnehin nichts geändert, obschon er hier
halt ausgegangen ist, wenn er „nicht den richtigen Begriff des Ver- mangels vertraglich vereinbarter Haftungsbeschränkungen zumin-
sagungsgrundes zugrunde gelegt hat“ oder sonst die nicht zuletzt dest seinem Auftraggeber gegenüber bereits für leichteste Fahrläs-
von den Regeln seines Fachs geprägten Grenzen des Beurteilungs- sigkeit einstehen muss.
und Ermessensspielraums missachtet hat (BGH, Beschl. v. Dem damit nach wie vor eher geringen Haftungsrisiko des Gut-
22.12.1981–5 AR (Vs) 32/81, BGHSt 30, 320). achters steht eine ungleich höhere gesellschaftliche und volkswirt-
Des Weiteren ist in allen Fällen der Eigen- wie Fremdschädigung schaftliche Relevanz der medizinischen Begutachtung gegenüber,
der Nachweis des Pflichtwidrigkeitszusammenhangs erforderlich, von der Bedeutung des Gutachtens für den Betroffenen völlig abge-
d. h., eine Strafbarkeit scheidet immer dann aus, wenn nicht zwei- sehen. Gleichwohl sollte der Gutachter seinen Haftpflichtversiche-
felsfrei feststeht, dass eine korrekte Sachverhaltsermittlung und/ rungsschutz daraufhin überprüfen, ob neben seiner kurativen Tä-
oder Bewertung des Gutachters zu einem anderen Ergebnis geführt tigkeit auch die Begutachtung einbezogen ist und insb. für primäre
und damit den Schadenseintritt verhindert hätte. Dies ist entgegen Vermögensschäden ausreichende Deckungssummen zur Verfü-
der Rechtsprechung keine Frage der Kausalität, sondern der objek- gung stehen. Werden nicht nur „gelegentlich“ Gutachten erstattet,
tiven Zurechnung. Hätte eine korrekte gutachtliche Einschätzung erscheint eine dementsprechende schriftliche Klarstellung des Ver-
die Suizidgefahr lediglich vermindert, einen Suizid aber nicht aus- sicherers oder der Abschluss einer zusätzlichen Vermögenshaft-
schließen können, entfällt eine Strafbarkeit für die Fehleinschät- pflichtversicherung für den gutachtlichen Bereich mit Deckungs-
zung (OLG Düsseldorf, Urt. v. 27.4.2000–2 Ss 130/98–31/98 III, summen von 250.000 bis 500.000 Euro sinnvoll. Häufig bieten die
NStZ-RR 2001, 199). Andererseits: Verübt ein Patient auf seinem Versicherer gegen eine vergleichsweise geringe Erhöhung der Prä-
sorgfaltspflichtwidrig gewährten  –  unbeaufsichtigten  –  Ausgang mie Deckungssummen von 1 Mio. Euro an, was bei häufigen Begut-
mehrere Gewaltdelikte, kann die strafrechtliche Verantwortlichkeit achtungen außerhalb gerichtlicher Verfahren sinnvoll sein kann,
für die Entscheidung nicht schon mit dem Hinweis verneint wer- zum einen wegen der Haftung schon bei leichter Fahrlässigkeit,
den, dass der Patient die ungenügend gesicherte Station gewaltsam zum anderen aufgrund der regelmäßig fehlenden Kenntnis des be-
hätte verlassen können (so aber LG Potsdam als Vorinstanz zu auftragten Sachverständigen zum wirtschaftlichen Umfang eines
86 7  Haftungs- und strafrechtliche Verantwortung des Gutachters

geltend gemachten Anspruchs. Unberührt von einem solchen Ver- Laufs A, Kern B-R (2010). Handbuch des Arztrechts. 4. A. München: Beck.
Lenckner T, Bosch N (2014). Kommentierung zu §§ 153 ff. In: Schönke A,
sicherungsschutz bleibt naturgemäß das strafrechtliche Risiko des Schröder H (2014). StGB-Kommentar. 29. A. München: Beck,
Gutachters. S. ­1643–1729.
Lesting W (2002). Die Neuregelung der zivilrechtlichen Haftung des gerichtli-
LITERATUR chen Sachverständigen für ein unrichtiges Gutachten. Recht & Psychiatrie
Blankenhorn C (2004). Die Neuregelung der Haftung des gerichtlichen Sach- 20: 224–229.
verständigen durch § 839a BGB. Dissertation Universität Regensburg. Schöch H (2006). Strafrechtliche Haftung von Ärzten beim Lockerungsmiss-
Bundesministerium der Justiz (Hrsg.) (1977). Bericht der Kommission für das brauch in psychiatrischen Krankenhäusern. In: Duncker H et al. (Hrsg.).
Zivilprozessrecht. Bonn. Forensische Psychiatrie – Entwicklungen und Perspektiven – Ulrich
Gaidzik PW (2004). Gravierende Haftungsverschärfung für den gerichtlichen Venzlaff zum 85. Geburtstag. Lengerich: Pabst Science Publishers.
Sachverständigen durch § 839a BGB? Der medizinische Sachverständige S. ­317–345.
100: 129–132. Thole Ch (2006). Die zivilrechtliche Haftung des medizinischen Sachverstän-
Gercke B (2008). Das Ausstellen unrichtiger Gesundheitszeugnisse nach digen, insbesondere nach § 839a BGB. Gesundheitsrecht 5: 154–160.
§ 278 StGB. MedR 26: 592–595. Ulrich J (2007). Der gerichtliche Sachverständige. 12. A. Berlin, München:
Heine G, Schuster F (2014). Kommentierung zu §§ 276 ff. In: Schönke A, Carl Heymanns.
Schröder H (2014). StGB-Kommentar. 29. A. München: Beck, Wagner G (2013). Kommentierung zu § 839a. In: Münchener Kommen-
S. ­2680–2767. tar – Bürgerliches Gesetzbuch. 6.A. München: Beck; S. 2678–2696.
Jacobs W (2001). Haftung des gerichtlichen Sachverständigen. Zeitschrift für Wittig C, Henssen R (2003). Gravierende Verschärfung der Arzthaftpflicht bei
Rechtspolitik 34: 489–493. Gerichtsgutachten nach Neueinführung des § 839a BGB mit Wirkung vom
Jaeger L, Luckey J (2002). Das neue Schadensersatzrecht. Münster: ZAP Ver- 1.8.2002. Orthopädische Praxis 39: 67–69.
lag.

7
KAPITEL

8
Hans-Ludwig Schreiber und Henning Rosenau

Rechtliche Grundlagen der


psychiatrischen Begutachtung
8.1 Heranziehung und Stellung psychiatrischer 8.5.3 Die Voraussetzungen der Unterbringung in einer
­Sachverständiger im Strafverfahren . . . . . . . . . 90 Entziehungsanstalt nach § 64 StGB . . . . . . . . . . . . 120
8.5.4 Die Voraussetzungen der Unterbringung in der
8.2 Rechtliche Grundlagen der Schuldfähigkeits­ Sicherungsverwahrung nach § 66 StGB . . . . . . . . . 124
beurteilung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 90 8.5.5 Die vorbehaltene Sicherungsverwahrung nach
8.2.1 Der Streit um die Schuld . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 90 § 66a StGB . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 129
8.2.2 Der pragmatische soziale Schuldbegriff . . . . . . . . . 92 8.5.6 Die nachträgliche Sicherungsverwahrung nach
§ 66b StGB . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 131
8.3 System und Inhalt der Bestimmungen über die 8.5.7 Das Gesetz zur Therapierung und Unterbringung
Schuldfähigkeit im Strafrecht . . . . . . . . . . . . . . 94 psychisch gestörter Gewalttäter (ThUG) . . . . . . . . . 132
8.3.1 Der Aufbau der Bestimmungen über die 8.5.8 Die Neuregelung des Vollzugs der
Schuldfähigkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 94 Sicherungsverwahrung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 133
8.3.2 Die erste Stufe der Bestimmungen über die
Schuldfähigkeit: Der Krankheitsbegriff . . . . . . . . . . 95 8.6 Die weiteren Entscheidungen über die

8
8.3.3 Die zweite (normative) Stufe der Schuldfähigkeit . . 106 Vollstreckung der Maßregeln nach §§ 63–66
8.3.4 Die verminderte Schuldfähigkeit . . . . . . . . . . . . . . . 108 StGB . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 134
8.3.5 Jugendstrafrechtliche Verantwortlichkeit (§ 3 JGG) 8.6.1 Dauer, Aussetzung und Erledigung des Vollzugs
im Verhältnis zur allgemeinen Schuldfähigkeit der Unterbringung im psychiatrischen Krankenhaus,
(§§ 20, 21 StGB) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 112 in der Entziehungsanstalt und in der
Sicherungsverwahrung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 134
8.4 Die Kompetenzverteilung zwischen Richter 8.6.2 Die Aussetzung der Unterbringung im psychiatrischen
und Sachverständigem bei der Schuldfähig­ Krankenhaus und in der Entziehungsanstalt zugleich
keitsbeurteilung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 113 mit ihrer Anordnung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 139
8.6.3 Die Entscheidungen bei einem späteren Beginn der
8.5 Die Unterbringung im psychiatrischen Kranken­ Unterbringung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 141
haus, in der Entziehungsanstalt und in der 8.6.4 Der Widerruf der Aussetzung der Maßregel . . . . . . 143
­Sicherungsverwahrung (§§ 63–66a StGB) . . . . 115
8.5.1 Allgemeine Voraussetzungen der Maßregeln der
­Besserung und Sicherung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 115
8.5.2 Die Voraussetzungen der Unterbringung in einem
psychiatrischen Krankenhaus nach § 63 StGB . . . . 117
90 8  Rechtliche Grundlagen der psychiatrischen Begutachtung

8.1  Heranziehung und Stellung steht, i. d. R. nicht allein beurteilen; er muss sich der Hilfe eines
psychiatrischer Sachverständiger im Sachverständigen bedienen (LK-Schöch 2007, §  20 Rn.  88). Die
Strafverfahren Rechtsprechung bezeichnet es als Rechtsfrage, ob Schuldfähigkeit
gegeben sei; maßgeblich seien die Anforderungen der Rechtsord-
Die strafgerichtliche Praxis zieht den Psychiater als Sachverständi- nung (BGHSt 49, 45 [53]; BGH NJW 2005, 281; NJW 2006, 89).
gen für vielfältige Fragen in ihren Verfahren heran. Im Vorder-
grund steht dabei die strafrechtliche Verantwortlichkeit, d. h. die
Schuldfähigkeit des Täters, die über die Zulässigkeit einer Bestra- 8.2  Rechtliche Grundlagen der
fung entscheidet. Weiter geht es um prognostische Probleme der Schuldfähigkeitsbeurteilung
Täterbeurteilung, insb. die künftige Gefährlichkeit bei der Maßre-
gelindikation nach §§ 63 ff. StGB sowie die Täterprognose, u. a. bei 8.2.1  Der Streit um die Schuld
der Aussetzung von Strafen nach §§ 57, 57a StGB und Maßregeln
nach § 67b und § 67d Abs. 2 StGB. Mit den Strafrechtsreformgeset- Vorwiegend geht es bei der Beteiligung psychiatrischer Sachver-
zen der 1960er- und 1970er-Jahre ist eine Akzentverlagerung von ständiger im Strafprozess um die Schuldfähigkeit bzw. ihren Aus-
einem mehr tatorientierten Vergeltungsstrafrecht zu einem Schuld- schluss oder ihre Verminderung. Die Beurteilung der Schuldfähig-
strafrecht mit stärker auch spezialpräventiven Zügen erfolgt. Das keit hängt – unabhängig davon, auf welche Fragen sich die Aussa-
führt dazu, dass der Psychiater in zunehmendem Maß auch sonst gen des Sachverständigen erstrecken sollen – vom Verständnis der
an der Vorbereitung von Sanktionsentscheidungen beteiligt wird, strafrechtlichen Schuld ab. Denn die Fähigkeit zur Schuld kann nur
u. a. bei Bestimmungen einer erforderlichen und möglichen Be- im Hinblick auf diese Schuld bestimmt werden.
handlung, bei prognostischen Fragen, bei der Strafaussetzung zur Das Prinzip der Schuld bildet die Basis unseres Strafrechts, des
Bewährung und der Aussetzung des Strafrestes (§§  56, 57, 57a Systems der Straftat ebenso wie des der Strafen. Schuld und Schuld-
StGB) sowie der Anordnung der Sicherungsverwahrung (§  66 fähigkeit sind grundlegende Voraussetzung jeder Bestrafung (Roxin
StGB), der vorbehaltenen und – bei Fehleinweisung in ein psychiat- 2006, 870). Das Bundesverfassungsgericht hat dem Schuldgrund-
risches Krankenhaus – der nachträglichen Sicherungsverwahrung satz Verfassungsrang zugeschrieben und den Satz „Keine Strafe oh-
(§§ 66a, 66b StGB) und neuerdings auch der Unterbringung nach ne Schuld“ im Rechtsstaatsprinzip verankert gesehen (BVerfGE 20,
§ 1 ThUG. Die obligatorische Begutachtung bei der Aussetzung wei- 323 [331]; 50, 125; 80, 367). Strafe darf nur verhängt werden, wenn
terer Vollstreckung wurde über die Aussetzung lebenslanger Frei- dem Täter sein Tun vorzuwerfen ist. Wenn er für sein Tun „nichts
heitsstrafe hinaus auf zeitige Freiheitsstrafen von mehr als 2 Jahren kann“, wäre seine Bestrafung ein Unrecht (BGHSt 23, 176; LK-
wegen einer Straftat der in § 66 Abs. 3 StGB bezeichneten Art sowie Schöch 2007, § 20 Rn. 4). Was unter Schuld zu verstehen ist, sagt
auf alle Fälle der Aussetzung der Vollstreckung einer Maßregel das Gesetz nicht ausdrücklich. Es verwendet den Begriff mehrfach,
nach § 67d StGB (§ 454 Abs. 2, § 463 StPO) erstreckt. Das hat die ohne ihn zu definieren (SSW-StGB-Kaspar 2014, § 20 Rn. 4). Nach
Anzahl der Gutachten erheblich erhöht. Herangezogen wird der § 46 Abs. 1 StGB ist die Schuld zudem Grundlage für die Zumes-
Psychiater weiter bei der Beurteilung der Glaubwürdigkeit von Zeu- sung einer Strafe. Das Gesetz kennt Schuldausschließungsgründe
genaussagen. wie den Verbotsirrtum (§ 17 StGB) und den entschuldigenden Not-
8
Der Psychiater als gerichtlicher Sachverständiger hat dabei nicht stand (§  35 StGB). Ohne Schuld handelt nach §  20 StGB, wer bei
selbst über die im Verfahren anstehenden Fragen zu entscheiden. Begehung der Tat aufgrund bestimmter Defektzustände unfähig ist,
Er ist nicht Partei oder Strafverfolgungsorgan, sondern  –  wie der das Unrecht der Tat einzusehen oder nach dieser Einsicht zu han-
Zeuge – ein Mittel für den Beweis (KK-Senge 2013, Vor § 72 Rn. 1). deln. Hier wie bei den anderen genannten Schuldausschlussgrün-
Für die Entscheidung ist nach der Konzeption des geltenden Straf- den geht das Strafgesetz negativ vor. Es nennt Situationen und Zu-
verfahrensrechts allein das Gericht verantwortlich. Die Rechtspre- stände, bei denen es an Schuld fehlen soll, sagt aber nicht positiv,
chung bezeichnet den Sachverständigen als „Gehilfen des Richters“ was es unter Schuld und Schuldfähigkeit verstehen will.
(u. a. BGHSt 3, 28). Vielleicht spricht man besser von einem „selbst- Die Strafrechtsreform hat ausdrücklich am Schuldprinzip festge-
ständigen Helfer bei der Wahrheitsfindung“ (Schreiber 1985, 1008). halten und darin in Reaktion auf die Entartung des Strafrechts im
Das Gesetz sieht ihn jedenfalls der Entscheidungskompetenz des Dritten Reich ein Bekenntnis zur Würde des Menschen als verant-
Gerichts untergeordnet, das über seine Heranziehung verfügt und wortlicher Person gesehen. Man verstand das Schuldprinzip als
auch über schwierige psychiatrische Fachfragen bei seiner Ent- Grenze des staatlichen Strafrechts, insb. als Reaktion auf das uferlo-
scheidung letztlich selbst zu befinden hat (BGHSt 7, 238; 8, 113 se Zweckdenken des nationalsozialistischen Staates, der das Straf-
[118]; BGH NStZ 2002, 3484). Andererseits ist das Gericht dazu ver- recht zum Instrument unmenschlicher Abschreckungs- und Aus-
pflichtet, einen Sachverständigen zu befragen, wenn Tatsachen fest- merzungsmaßnahmen gemacht hatte.
zustellen oder Fragen zu beurteilen sind, für deren Feststellung Ist das Schuldprinzip in gewisser Weise eine „legislatorisch au-
oder Beurteilung es nicht selbst die erforderliche Sachkenntnis be- ßer Streit gesetzte Figur“ (Schöneborn 1976, 349), so ist es doch au-
sitzt (Ulrich 2007, 71). ßerordentlich umstritten. Dieser Streit reicht von den Grundlagen
In der Praxis ist es oft der psychiatrische Sachverständige, der bis ins Detail und ist von wesentlichem Einfluss auf die Zusammen-
den Prozess mit seinem Gutachten in der Sache entscheidet. Die arbeit der Gerichte mit den psychiatrischen Sachverständigen bei
Schuldfähigkeit kann der Richter, wenn Anlass zu ihrer Prüfung be- den Fragen der Schuldfähigkeit.
8.2  Rechtliche Grundlagen der Schuldfähigkeitsbeurteilung 91

Eine über Jahrzehnte andauernde Diskussion hat bisher keine Ei- vermisste Basis gewinnen. In der strafgerichtlichen Praxis sowie in
nigkeit über Wesen und Inhalt der Schuld herzustellen vermocht. der juristischen und psychiatrischen Literatur findet sich teilweise
Zutreffend hat Roxin ausgeführt, über die Schuld gebe es im Recht ein vom ethischen Indeterminismus geprägtes Verständnis der
nur einen Minimalkonsens dahin, dass sie eine vom Unrecht unter- Schuld, das die Willensfreiheit des Menschen zur Voraussetzung
schiedene besondere Art der Wertung einer Handlung des Täters hat. Um sie als Grundlage des Schuldstrafrechts hat sich ein jahr-
bedeute. Weiter gehe die Übereinstimmung aber weder in der Ter- zehntelanger Streit entwickelt, der seinen Niederschlag in einer fast
minologie noch in der Sache (Roxin 1974, 171). Die Umschreibun- unübersehbar gewordenen Literatur gefunden hat. (Zusammen-
gen strafrechtlicher Schuld reichen von der Verfehlung der sittli- stellung u. a. bei LK-Schöch 2007, § 20 Rn. 14 ff. und Schrifttum zu
chen Aufgabe des Menschen, der Entscheidung für das Unrecht §§ 20 ff. StGB.)
trotz Anders-Handeln-Könnens, über die Vorwerfbarkeit einer Tat Der Bundesgerichtshof (BGH) hat in einer Grundsatzentschei-
wegen der darin betätigten rechtlich missbilligten Gesinnung, den dung in seiner Frühzeit wie folgt formuliert: „Strafe setzt Schuld vo-
Mangel an Verbundenheit mit einem rechtlich geschützten Wert, raus. Schuld ist Vorwerfbarkeit. Mit dem Unwerturteil der Schuld
die vorwerfbare innere Beziehung des Täters zu seiner Tat, die Vor- wird dem Täter vorgeworfen, daß er sich nicht rechtmäßig verhalten,
werfbarkeit der Willensbildung und -betätigung bis zu einem rein daß er sich für das Unrecht entschieden hat, obwohl er sich rechtmä-
funktionalen Schuldbegriff, der die Schuldkategorie in präventiven ßig verhalten, sich für das Recht hätte entscheiden können. Der inne-
Gesichtspunkten aufgehen lässt (Nachweise im Einzelnen bei re Grund des Schuldvorwurfs liegt darin, daß der Mensch auf freie,
Schreiber 1983, 74). verantwortliche, sittliche Selbstbestimmung angelegt und deshalb
Vielfältige grundsätzliche Kritik richtet sich gegen das Schuld- befähigt ist, sich für das Recht und gegen das Unrecht zu entscheiden,
prinzip überhaupt. So hat z. B. Sack behauptet, alle neueren Ansätze sobald er die sittliche Reife erlangt hat und solange die Anlage zur
in der Kriminologie zielten auf eine Ebene der Erklärung des abwei- freien, sittlichen Selbstbestimmung nicht durch die in §  51 StGB
chenden Verhaltens, die es nicht mehr erlaube, dieses Verhalten (heute: §§  20, 21 StGB) genannten krankhaften Vorgänge gelähmt
dem Einzelnen zuzurechnen (Sack 1975, 363). In Aufnahme und oder auf Dauer zerstört ist“ (BGHSt 2, 194 [200]).
Weiterführung bereits früher formulierter Einwände (Ellscheid und Danach haben Schuld und Schuldfähigkeit ihre Grundlagen dar-
Hassemer 1975, 275), das Schuldprinzip diene gesellschaftlichen in, dass der Täter aufgrund eigener Entscheidung auch anders hätte
Beruhigungsinteressen und Stabilisierungstendenzen, es behindere handeln können, als er es getan hat (Witter 1983, 443). Nur von ei-
die Einsicht in die sozialen Entstehungsgründe des Verbrechens, ist nem jedenfalls relativ indeterministischen Standpunkt aus könne
eine fundamentale Kritik vorgelegt worden (Kargl 1982, 198 ff.). sinnvoll ein Schuldvorwurf begründet werden (Mangakis 1963,
Der Schuldgedanke funktioniere wie ein Thematisierungsverbot. Er 499). Wenn man überhaupt die Kategorien Schuld bzw. Verant-
kette den Straftäter an das Faktum verfehlter Freiheit und blende wortlichkeit im Strafrecht verwenden wolle, so führe kein Weg an
die Bedingungen aus, unter denen Freiheit wirklich gesellschaftlich der Freiheitsfrage im metaphysischen Sinne vorbei (Lenckner 1972,
konkret werden könne. Das Schuldprinzip isoliere die Straftat vom 112 ff.). Wenn die Freiheit auch nicht wissenschaftlich beweisbar
sozialen Zusammenhang ihrer Entstehung und vom Täter, das Ge- sei, so sei es doch dem Gesetzgeber nicht verwehrt, normativ von
richt vom Angeklagten und die Öffentlichkeit vom Abweichler. Das der persönlichen Verantwortlichkeit des Menschen auszugehen
Strafrecht steht unter dem Vorwurf, durch die Zurechnung von und Freiheit ethisch und rechtlich vorauszusetzen (Weißer 2013,
8
Verhalten zu individueller Schuld die Einsicht in die wirklichen so- 36 f.). Der Gesetzgeber sei frei, eine von mehreren wissenschaftlich
zialen Entstehungsgründe des Verbrechens zu verhindern. begründbaren Alternativen zu wählen. Mit der Entscheidung für
Zur Unsicherheit über den Schuldbegriff hat insb. auch die Ent- die Sanktion „Strafe“ habe er das getan, sodass die Freiheitsfrage für
wicklung des Strafrechts beigetragen. Ein reines Vergeltungsstraf- das geltende Recht nicht mehr offen sei, wenn auch eingeräumt
recht, das sich den konsequenten Schuldausgleich zum Prinzip ma- werden müsse, dass ein Beweis für die Übereinstimmung der ge-
chen würde, wird heute praktisch von niemandem mehr vertreten. setzgeberischen Entscheidung mit letzten anthropologischen Gege-
Präventive Gesichtspunkte sind in den Vordergrund gerückt. Die benheiten nicht zu führen sei. Der Gesetzgeber habe aber mit der
Schuldstrafe wird nicht nur wegen Schuld verhängt; Schuld ist eine Verankerung der Schuldstrafe im geltenden Recht seine Grenzen
wesentliche, aber durchaus nicht die einzige Voraussetzung für die nicht überschritten (LK-Schöch 2007, § 20 Rn. 30).
Strafe (Stratenwerth 1972, 6 f.; Schreiber 1980, 285; Fischer 2014, Ein derartiger indeterministisch verstandener Schuldbegriff er-
§  46 Rn.  5 f.; Schönke, Schröder/Stree, Kinzig 2014, §  46 Rn. scheint für das Recht theoretisch wie praktisch nicht möglich. The-
8 m. w. N.). oretisch ist eine Entscheidung im Streit zwischen Determinismus
Angesichts dieses Grundlagenstreits und der fehlenden Einigkeit und Indeterminismus mit wissenschaftlichen Mitteln nicht zu tref-
über seinen Inhalt ist der Begriff der Schuld auch für die praktische fen. Das Problem der Willensfreiheit des Menschen, das die Subjek-
Handhabung zweifelhaft geworden. Es erscheint daher trotz aller tivität des Subjekts zum Gegenstand hat, ist jedenfalls derzeit wis-
damit verbundenen Schwierigkeiten notwendig zu sein, zwischen senschaftlich nicht zu lösen (Jescheck und Weigend 1996, 410; No-
Rechtswissenschaft, gerichtlicher Praxis und Psychiatrie zu klären, wakowski 1957, 55; Engisch 1965, 23; Hassemer 1990, 229; Kiese-
was unter Schuld und Schuldfähigkeit verstanden werden soll. Nur wetter 2010, 324; jeweils m. w. N.). Die mit der Entschlüsselung des
so kann die Zusammenarbeit zwischen Juristen und psychologisch- Genoms fortgeschrittene Genetik gewinnt zwar zunehmende Ein-
psychiatrischem Sachverständigen die von Rasch (1981, 36; vgl. sichten in die Bestimmtheit des Menschen, sie kann aber seine
auch LK-Schöch 2007, § 20 Rn. 217 ff. m. w. N.) mit Recht bisher durchgehende Determination nicht nachweisen, insb. eine konkre-
92 8  Rechtliche Grundlagen der psychiatrischen Begutachtung

te Bestimmtheit im gegebenen Fall nicht feststellen. Ein exakter Be- Zusammenleben nicht zu einem Chaos werden oder lediglich der
weis für oder gegen die Existenz von Willensfreiheit sei, so wird gewaltsamen Durchsetzung von Einzelnen oder Gruppen überlas-
eingeräumt, nicht zu führen (Hillenkamp, 2005, 313 [319]). Prak- sen bleiben, so bedarf es der Steuerung des Verhaltens mittels sozi-
tisch ist es mit den Mitteln des Strafverfahrens nicht möglich, die aler Normen. Zur Durchsetzung der Normgeltung bzw. des der
schon theoretisch unlösbare Freiheitsfrage für einen einzelnen Tä- Norm entsprechenden Verhaltens ist eine Sanktionierung des von
ter in seiner von vielen Faktoren beeinflussten konkreten Hand- der Norm abweichenden Verhaltens erforderlich (Popitz 1980, 28;
lungssituation rückblickend zu beantworten. Würde strafrechtliche Stratenwerth und Kuhlen 2011, 2 f.). Diese Sanktionierung kann
Schuld die Feststellung der Willensfreiheit eines Täters für einen nur auf dem Wege subjektiver Zurechnung in Anknüpfung an das
bestimmten Tatzeitpunkt voraussetzen, so könnte es Verurteilun- Verhalten des Einzelnen und seine Verantwortung dafür durchge-
gen zu einer von Schuld abhängigen Strafe nicht geben. führt werden (Schreiber 1983, 76).
Auch diejenigen, die prinzipiell für einen indeterministischen Schuld bedeutet danach das Prinzip subjektiver Zurechnung
Schuldbegriff eintreten, müssen zugeben, dass für einen konkreten normabweichenden Verhaltens. Eine normverletzende Tat kann
Täter mit wissenschaftlichen Mitteln Willensfreiheit, ihr Fehlen nicht ignoriert oder allein dem Ganzen angelastet werden (Hasse-
oder Vorliegen bzw. ihre Einschränkungen, nicht festgestellt wer- mer 1981, 202). Der durch sie verursachte Konflikt kann auf solche
den können (Witter 1983, 443). Die individuelle Schuld und ihr Weise nicht gelöst werden. Eine bloße Erfolgszuschreibung kann
Maß sind einer zuverlässigen, rückblickenden wissenschaftlichen andererseits nicht der Weg der Zurechnung an den Einzelnen sein.
Ermittlung nicht zugänglich. Niemand vermag den Überstieg in ei- Voraussetzung ist vielmehr – sollen Normen Verhalten beeinflus-
ne fremde Individualität und eine fremde Situation derart zu voll- sen  –  ein „Dafürkönnen“ (Hassemer 1981, 202). Nicht wenn der
ziehen, dass er den für einen anderen etwa gegebenen Spielraum an Schaden ohne sein Zutun zufällig eingetreten ist, sondern wenn er
Willensfreiheit verlässlich bestimmen kann (Stratenwerth und auch anders hätte handeln können, wird der Täter verantwortlich
Kuhlen 2011, 5). Zutreffend hat Bockelmann es als baren Unsinn gemacht (Schreiber 1983, 77). Dieses „Anders-Handeln-Können“
bezeichnet, an den Psychiater die Zumutung zu richten, das Frei- darf freilich nicht i. S. des als unhaltbar erkannten indeterministi-
heitsproblem, das schon theoretisch unlösbar sei, mit Bezug auf ei- schen Freiheitsbegriffs aufgefasst werden. Es meint nur, dass ein
nen konkreten Fall und einen bestimmten Menschen zu lösen (Bo- durchschnittlicher anderer in einer solchen äußeren und inneren
ckelmann 1963, 372). Situation generell anders, d. h. normgemäß, hätte handeln können,
Dann aber ist die Auffassung der Strafrechtsschuld als indetermi- dass ihm nach unserer Erfahrung Handlungsspielräume zur Verfü-
nistisch verstandener Fehlgebrauch der Freiheit jedenfalls prak- gung standen.
tisch nicht haltbar (Schreiber 1977, 242). Es geht auch nicht an, mit Im Strafrecht ist nur ein pragmatisches, sozial-vergleichendes
einer verbreiteten Spielart der Rechtslehre zwar von der Freiheit Schuldurteil möglich. Abstrahiert man vom nicht zugänglichen Ur-
des Menschen im indeterministischen Sinne auszugehen, hinsicht- teil über die Freiheit im indeterministischen Sinn, so drückt der
lich des einzelnen Täters aber wegen der Unentscheidbarkeit der strafrechtliche Vorwurf aus, dass die Erwartung des Rechts gegen-
Freiheitsfrage auf die Abweichung des Einzelnen von einem gene- über dem durchschnittlich normalen Bürger enttäuscht worden ist,
rell vorausgesetzten Anders-Handeln-Können als praktischen dass er sich nach den Rechtsnormen richte (Bockelmann 1979,
Maßstab hinzuweisen (Jescheck und Weigend 1996, 411; SK-Rudol- 112). Voraussetzung für einen solchen Vorwurf ist nicht die sittli-
8
phi 2003, § 20 Rn. 7). Ist eine Sanktion wie die Schuldstrafe an die che Wahlfreiheit, sondern nur die normale Motivierbarkeit durch
Voraussetzung der Freiheit geknüpft, so kann sie im Anwendungs- soziale Normen. Das Recht geht von ihr generell aus und macht ein
fall nur verhängt werden, wenn die Voraussetzung dafür auch fest- Zurückbleiben hinter seinen für den Durchschnittsfall aufgestellten
gestellt werden kann. Denn sonst verliert entweder die Sanktion Anforderungen zum Vorwurf. Das Schuldurteil des Rechts ist daher
ihren angestrebten Charakter, oder dem Täter wird etwas angelas- weitgehend – gerade auch im Strafrecht – generalisiert. Es umfasst
tet, dessen Voraussetzungen niemand feststellen kann (Schreiber nur das Zurückbleiben hinter dem Verhalten, das vom Bürger unter
1977, 244). normalen Bedingungen erwartet werden kann (so schon von Liszt
und Schmidt 1932, 225). Gegenstand eines so „unterhalb der unlös-
baren Alternative Determinismus-Indeterminismus“ (Venzlaff
8.2.2  Der pragmatische soziale Schuldbegriff 1975, 883; Roxin 2006, 869; Frister 2013, 552 f.) nur in generalisie-
renden Kategorien zu erfassenden Schuldvorwurfs ist danach ledig-
Aus der Unbeweisbarkeit von Willensfreiheit im indeterministi- lich, dass der Täter in seiner Situation in dem Sinne anders hätte
schen Sinne ist nicht der Schluss zu ziehen, dass das Schuldprinzip handeln können, als nach allgemeiner praktischer Erfahrung man
keine tragfähige Basis der strafrechtlichen Zurechnung sei und auf- an seiner Stelle unter den konkreten Umständen anders hätte han-
gegeben werden müsse (so aber eine verbreitete Meinung u. a. deln können (Schreiber 1977, 244 m. w. N.). Dieser sog. pragma-
Streng 1989, 273; weitere Nachweise bei LK-Jähnke 1993, §  20 tisch-soziale Schuldbegriff unterscheidet sich im Ergebnis nicht
Rn. 9). Auch gegenüber der Kritik aus einigen Richtungen der Kri- wesentlich von der Auffassung, die angesichts der Unbeweisbarkeit
minalsoziologie (Sack 1978, 384; Kargl 1982, 198) ist daran festzu- von Freiheit oder Determination davon ausgeht, der Gesetzgeber
halten, dass individuelles Verhalten nicht allein einem sozialen Sys- habe sich für die mögliche Alternative der Freiheit entschieden, die-
tem, sondern auch dem Einzelnen zugerechnet werden kann. Soll se sei daher ein praktisches Postulat, das durch die tägliche Erfah-
menschliches Verhalten wechselseitig voraussehbar sein und das rung eine Bestätigung finde und sich im sozialen Leben als eine Re-
8.2  Rechtliche Grundlagen der Schuldfähigkeitsbeurteilung 93

alität darstelle (LK-Schöch 2007, §  20 Rn.  30 m. w. N.). Zu einem renden Kategorien rechtlich erfasst, wie z. B. der „krankhaften seeli-
nicht wesentlich anderen Ergebnis kommt die Ansicht, die davon schen Störung“, die die Einsichts- bzw. Steuerungsfähigkeit aus-
ausgeht, dass der Mensch sich als grundsätzlich frei empfindet. Die- schließen kann. Schuldfähigkeit wird also nicht positiv festgestellt;
ses soziale Phänomen als gelebtes allgemeines Selbstverständnis gefragt wird lediglich, ob entwicklungsbedingte oder sonst abnor-
habe den Ausgangspunkt zu bilden (Hirsch 1994, 763 m. w. N.). me Ausnahmetatbestände vorliegen, die die allgemein vorausge-
Nun wird von neuerer Hirnforschung behauptet, auch das Be- setzte Verantwortlichkeit ausschließen oder einschränken. Auf die-
wusstsein eigener Steuerung sei bloße wirkungslose Einbildung. sem Wege festgestellte strafrechtliche Schuld steht zu „wirklicher“
Neuronale Prozesse bestimmten unser Verhalten durchgängig. Schuld im indeterministischen Sinne lediglich im Verhältnis der
Wille, Intentionalität und Normativität seien nur Fiktionen (Roth Analogie (Stratenwerth und Kuhlen 2011, 161). Schuld bleibt dabei
1997, 504). Dass die von der Gehirnphysiologie in Experimenten auf eine in der Vergangenheit liegende Tat bezogen; sie kann nicht,
(insb. etwa durch Libet 1994, 119 ff. und Haggard 2002, 382 ff., er- wie es das Konzept von Haddenbrock (1972, 68; 1978, 174; 1981,
neut bestätigt durch Soon et al. 2008, 545) gezeigte Einbindung alles 38) vorsieht, als Strafempfänglichkeit bzw. Sühnefähigkeit und Ver-
Mentalen in organische Vorgänge besteht, ist nicht neu, wird jetzt antwortungsfähigkeit verstanden werden. Kriterien der Schuldfä-
nur genauer beschrieben. Damit sind aber psychische, subjektive higkeit des Täters sind nicht, wie Haddenbrock meint, dass der Tä-
mentale Vorgänge nicht allein nach naturwissenschaftlicher Kausa- ter vor Gericht durch Darlegung seiner Handlungsmotive und sei-
lität aus neuronalen Prozessen erklärbar. Sicher haben alle mensch- ner Lebenshaltung auf den Anklagevorwurf antworten kann, d. h.
lichen Regungen, Gefühle und Entscheidungen physische Substra- „verantwortungsfähig“ ist, oder dass er sühnefähig, d. h. durch die
te, über die die Hirnforschung weitere Aufklärung verspricht. Es Sanktion Strafe beeinflussbar ist. Schuld und Schuldfähigkeit bezie-
gibt physiologische und lebensgeschichtliche Bedingungen für hen sich auf eine vergangene Tat, für die jemand zur Verantwor-
menschliches Handeln. Dass eine konkrete Entscheidung „frei“ ge- tung gezogen werden soll (mit Recht kritisch auch Streng 1995, 161;
wesen ist, lässt sich nicht beweisen. Aber für die allein neuronale Frister, 1994, 316). Haddenbrock selbst spricht zutreffend von einer
und genetische Determination der Welt fehlt es an Nachweisbar- „Regnose“ auf das Täterverhalten bei der Tat. Richtig ist allerdings,
keit. Es finden sich Bedeutungen, es existiert eine Überdeterminati- dass das Maß der Verantwortungsfähigkeit vor Gericht und die
on durch Sinn. Verhalten wird durch Gründe beeinflusst. Gründe Prognose einer künftigen Möglichkeit der Einwirkung durch Strafe
sind nicht nur Epiphänomene; mentale Gründe haben eine Kraft eine gewisse Indizfunktion für die Schuldfähigkeit bei der Tat ha-
zur Intervention. Es gibt ausgedrückt in den Programmierungen ben können (zutreffend Blau und Franke 1982, 396). Schuld geht
des Gehirns Interaktionen von Geist und Gehirn (Habermas 2004, dabei nicht in den Zwecken der Prävention auf, sondern bedeutet
874; Schreiber 2006, 1076). einen von diesen zu unterscheidenden selbstständigen Aspekt.
Die These der Hirnforschung, die Reduktion des Mentalen auf Die Verschmelzung der Schuld mit der Prävention, wie sie v. a.
Physiologie, ist wissenschaftlich unhaltbar (Kröber 2003, 37). Der Roxin (1974, 171; 1979, 279, anders jetzt Roxin 2006, 868 ff.) und
Mensch vermag sich im Denken zu orientieren, sich Handlungszie- Jakobs (1976, 6; 1982, 127; 1991, 18/3) verfochten haben, ist nicht
le zu setzen und seine Entschlüsse nach Einsicht zu bestimmen möglich. Roxin unterscheidet zwar Schuld und Prävention prinzipi-
(Schockenhoff 2003, 31). Die Annahme eines Anders-Handeln- ell, verknüpft beide dann aber eng miteinander (Roxin 2006, 85 ff.;
Könnens, der Möglichkeit einer Determination durch Sinn und In- kritisch zutreffend Hirsch 1994, 756). Die Deliktstufe der Schuld
8
tentionalität beim Fehlen von Krankheitszuständen ist kein bloßes meint nach Roxin über das Unrecht hinaus, ob unter kriminalpoli-
soziales Konstrukt. Selbst Roth hat eingeräumt, dass der Aufweis tischen Gesichtspunkten gegen den jeweiligen Täter eine Sanktion
neuronaler Bedingtheit subjektiver Erlebniszustände deren Exis- erforderlich erscheint. Für die Schuld wird damit entscheidend, ob
tenz nicht auslöscht (Roth 2003, 31). Singer (2004, 33) spricht von ein strafrechtliches Präventionsbedürfnis besteht. Es fehlt und mit
Rechenschaft für bewusste und unbewusste Prozesse. ihm die Schuld in spezialpräventiver Perspektive bei mangelnder
Ein kognitives System macht sich ein Bild von sich selbst und Motivierbarkeit durch die Norm, in generalpräventiver Sicht, wenn
empfindet sich als entscheidendes Agens. Das Selbst hält sich in so- kein Bedürfnis zum Einschreiten zur Sicherung der Ordnung be-
zialer Interaktion für frei, das ist eine soziale Realität. Angesichts steht.
der Nichtfeststellbarkeit konkreter Determination ist eine Hand- Noch strikter hat Jakobs in seinem funktionalistisch orientierten
lung dem Einzelnen zuzurechnen, die empirisch als nicht festgelegt, Strafrechtssystem die Schuld allein auf Generalprävention zurück-
sondern frei bestimmt gilt (Hillenkamp 2005, 313 ff.; Schreiber geführt: „Schuld wird durch Generalprävention … begründet und
2006, 1076 f.). Kompetenzen wie Vernunft und Abwägen vertragen nach dieser Prävention bemessen“ (Jakobs 1976, 9). Die Feststellung
sich nicht mit einem einseitigen Determinismus. Die Handlungsdi- von Schuld bei Anwendung des geltenden Strafrechts bestehe in der
mension kann nicht allein von den determinierten Neurowissen- Begründung des Bedürfnisses zur Bestätigung der Verbindlichkeit
schaften erklärt werden. dieses Rechts gegenüber dem rechtstreuen Bürger, den Abweichen-
Der Schuldvorwurf entfällt, wenn außergewöhnliche Umstände den in bestimmtem Maße zu bestrafen. Schuld und Schuldfähigkeit
in der Person des Täters oder der Tatsituation vorliegen. Sie sind als sind wie das rechtliche Subjekt kriminalpolitisch bestimmte Konst-
Ausnahmen („ohne Schuld handelt“) in den gesetzlichen Bestim- rukte zum Zweck der Zuschreibung. Diese erfolgt unter normativen
mungen über die Schuldunfähigkeit bzw. die Schuldausschlie- Aspekten. Was Schuld sei, hänge von den jeweiligen Zwecken der
ßungsgründe genannt. Dabei wird die persönliche Situation des Gesellschaft ab, und zwar davon, wie viel soziale Zwänge dem von
Täters nicht etwa ausgeklammert. Sie wird aber nur in generalisie- der Zuschreibung betroffenen Täter angelastet werden und wie viel
94 8  Rechtliche Grundlagen der psychiatrischen Begutachtung

davon dem Staat bzw. dem Opfer zugemutet würden (Jakobs 1991, MERKE
482 ff.). Tragender Strafzweck sei die positive Generalprävention, Strafrechtliche Schuld bedeutet subjektive Zurechnung rechtswidrigen Ver-
d. h. die Erhaltung allgemeiner Normanerkennung. Bei der Schuld haltens trotz normativer Ansprechbarkeit (Roxin 2006, 868). Schuld ist
gehe es daher nicht darum, ob der Täter real eine Verhaltensalter- eine gemischt empirisch-normative Gegebenheit (LK-Schöch 2007, § 20
native besessen habe, sondern allein darum, ob es eine staatliche Rn. 26 ff.). Sie kann nicht als Fehlgebrauch der Wahlfreiheit im indetermi-
nistischen Sinn verstanden werden, sondern auf der Basis der Erfahrung
Organisationsalternative innerhalb der für notwendig gehaltenen pragmatisch als das Zurückbleiben hinter dem Maß an Verhalten, das vom
Generalprävention gebe (Jakobs 1991, 494 ff.). Fehle diese, so werde Bürger unter normalen Bedingungen erwartet werden kann und erwartet
dem Täter eine Verhaltensalternative zugeschrieben und ihm deren wird, als Fehlgebrauch eines Könnens, das wir uns wechselseitig für die
Nichtgebrauch angelastet. Darin bestehe „Schuld“. Praxis unseres individuellen und sozialen Lebens zuschreiben.
Nun kann nicht in Abrede gestellt werden, dass präventive Ge- Ein solcher Schuldbegriff bleibt unterhalb der unlösbaren Alternative von
sichtspunkte bei der Konzeption des gegenwärtig geltenden Schuld- Determinismus und Indeterminismus (Venzlaff 1975, 905), er setzt jeden-
strafrechts eine bedeutsame Rolle spielen. Denn die Schuld wird im falls nicht die der individuellen Feststellung im Strafverfahren unzugängli-
che Willensfreiheit voraus, sondern lediglich eine normale Bestimmbarkeit
Rahmen eines nach präventiven Zwecken ausgerichteten Straf- des Verhaltens durch soziale Normen.
rechts festgestellt. Die Zuweisung von Schuld wird dabei auch in-
haltlich – wie Roxin zutreffend herausstellt – durch präventive Ge-
sichtspunkte mitbestimmt (Roxin 2006, 637 f.). Aber Schuld meint
in der Sache gerade anderes als die Prävention; sie knüpft an eine in 8.3  System und Inhalt der
der Vergangenheit liegende Tat an und fragt nach den Fähigkeiten Bestimmungen über die Schuldfähigkeit
bei dieser Tat (Stratenwerth 1977, 45; Rasch 1967, 63; Schreiber im Strafrecht
1980, 288; ders. 2006, 1074 ff.). Auch Jakobs will die normative Zu-
schreibung von einer Fähigkeit abhängig machen. Sie soll sich nach Auf der Grundlage dieses Schuldbegriffs lassen sich die gesetzlichen
der Stärke des Befunds beim Täter richten. Die rein normativ-gene- Bestimmungen über die Schuldfähigkeit bzw. die verminderte
ralpräventive Basis, von der aus nur danach gefragt werden könnte, Schuldfähigkeit in einer Weise verstehen, die eine Verständigung
wie eine Zuschreibung auf die Erhaltung der Normtreue der Gesell- und Zusammenarbeit zwischen Gericht und psychiatrischem Sach-
schaft wirkt, ist damit freilich verlassen (Jakobs 1991, 535). Ähnli- verständigen ermöglicht. Diese Bestimmungen lauten in ihrer seit
che Einwände müssen gegenüber einem generalpräventiv funktio- 1.1.1975 geltenden Fassung:
nalen Schuldverständnis erhoben werden, wie es Streng (1995,
162 m. w. N.; 2012, Rn. 872) entwickelt hat. Sieht man von der gene- § 20 StGB (Schuldunfähigkeit wegen seelischer Störungen)
ralpräventiven Einkleidung ab, so nähert sich Streng praktisch dem Ohne Schuld handelt, wer bei Begehung der Tat wegen einer krank-
hier vertretenen pragmatisch-sozialen Schuldbegriff. Es geht in der haften seelischen Störung, wegen einer tiefgreifenden Bewusst-
Tat um den Grad der Abweichung vom Normalen, wobei auf das seinsstörung oder wegen Schwachsinns oder einer schweren ande-
Steuerungs- und Motivationsgefüge abzustellen ist (Streng 1995, ren seelischen Abartigkeit unfähig ist, das Unrecht der Tat einzuse-
163). So sehr anerkannt werden muss, dass gerade bei einem gene- hen oder nach dieser Einsicht zu handeln.
ralisierend gefassten Schuldbegriff Schuld nicht allein von individu-
8 § 21 StGB (Verminderte Schuldfähigkeit)
al-psychologischen Zuständen, sondern auch von sozial-normati-
ver Bewertung abhängt, so nachdrücklich muss doch auf den anti- Ist die Fähigkeit des Täters, das Unrecht der Tat einzusehen oder
nomischen Charakter von Schuld und Prävention hingewiesen nach dieser Einsicht zu handeln, aus einem der in § 20 bezeichneten
werden. Zutreffend spricht Lackner von einem fundamentalen, Gründe bei Begehung der Tat erheblich vermindert, so kann die
nicht immer auflösbaren Spannungsverhältnis der Schuld zum Ge- Strafe nach § 49 Abs. 1 gemildert werden.
danken der Prävention (Lackner 1985, 245; vgl. LK-Jähnke 1993,
§  20 Rn.  4). Bei einer rein funktionalistischen Bestimmung des
Schuldbegriffs geht dessen eigentliche soziale Leistung verloren, die 8.3.1  Der Aufbau der Bestimmungen über die
Beschränkung der Zuschreibung strafrechtlicher Verantwortlich- Schuldfähigkeit
keit auf den Bereich dessen, was für den Täter aufgrund von Hand-
lungsalternativen vermeidbar war. Die völlige Normativierung der In diesen Bestimmungen wird die Schuldfähigkeit nicht positiv
Schuld und ihre weitgehende Lösung von psychophysischen Fähig- durch bestimmte Merkmale definiert, vielmehr werden negative
keiten eröffnen prinzipiell beliebige Zuschreibungen und Zugriffe Umstände genannt, bei deren Vorliegen sie ausnahmsweise nicht
auf den Einzelnen zu nicht begrenzten Zwecken staatlicher Norm- gegeben ist („Ohne Schuld handelt … “). Das Recht geht dabei da-
bekräftigung. Der Bereich der Generalprävention, für den Jakobs von aus, dass der Erwachsene im Normalfall schuldfähig ist; Nor-
die Erwartungshaltung des Durchschnittsbürgers berücksichtigen malität und damit Verantwortlichkeit sind der Regelfall, der nicht
will, nimmt damit dem bisherigen Schuldverständnis zuzuordnen- näher begründet wird. Käme es auf die individuelle Willensfreiheit
de Elemente durch die Hintertür wieder in sich auf (so mit Recht im indeterministischen Sinne an, wäre ein solches Verfahren nicht
kritisch Hirsch 1994, 759 ff.). möglich. Es entspricht dem hier vertretenen pragmatischen Schuld-
Fassen wir danach das Ergebnis dieses Abschnitts noch einmal begriff, der auf die normale vorausgesetzte Bestimmbarkeit durch
zusammen: soziale Normen abstellt.
8.3  System und Inhalt der Bestimmungen über die Schuldfähigkeit im Strafrecht 95

Für das Verfahren bedeutet das, dass die Gerichte zunächst, so- griff, oder in ein solches Denksystem zu übertragen (Rasch 1984,
fern kein Anlass zu Zweifeln besteht, von der Verantwortlichkeit 264). Als Rechtsbegriffe sind sie allerdings in enger Zusammenar-
eines Täters als Normalfall ausgehen können. Geben die Umstände beit mit Psychiatern und Psychologen im Hinblick auf psychische
dagegen Anlass zu solchen Zweifeln, so muss die Schuldfähigkeit Daten vom Gesetzgeber entwickelt worden. Sie nehmen Bezug auf
eingehend überprüft werden, i. d. R. mithilfe eines Sachverständi- psychiatrische/psychologische Diagnosen und können daher
gen (BGH, NStZ 1989, 190). Von der Hinzuziehung eines Sachver- nicht beliebig rein normativ interpretiert werden (weit überzogen
ständigen darf das Tatgericht nur absehen, wenn Anzeichen dafür daher Jakobs 1991, 523).
fehlen, dass der Angeklagte in seiner Schuldfähigkeit beeinträchtigt Die Aufzählung der psychischen Ausnahmezustände in §  20
gewesen sein könnte. Während das bei der schweren Kriminalität, StGB ist abschließend, eine analoge Erweiterung erscheint nicht
insb. den Tötungsdelikten i.  Allg. beachtet wird, geht die Praxis möglich (Schönke, Schröder/Perron, Weißer 2014, § 20 Rn. 5). Für
häufig noch bei der leichten und mittleren, insb. der Vermögenskri- eine Analogie besteht aber auch praktisch kein Bedarf, weil die Be-
minalität an psychischen Auffälligkeiten vorbei, die Anlass zur nä- griffe der Bewusstseinsstörung und der Abartigkeit weit genug sind,
heren Prüfung der Schuldfähigkeitsfrage geben müssten. Pragma- infrage kommende Phänomene aufzufangen. Diese müssten auch
tisch wird nicht selten eine verminderte Schuldfähigkeit in Anwen- für eine etwaige Analogie den in § 20 StGB genannten Zuständen
dung des In-dubio-pro-reo-Grundsatzes unterstellt. jedenfalls gleichwertig sein.
Der Ausnahmecharakter der Vorschriften über die Schuldunfä- Das Gesetz führt auf der ersten Stufe vier Merkmale an:
higkeit führt indes nicht dazu, dass eine prozessuale Vermutung 1. Krankhafte seelische Störung
der Schuldfähigkeit oder eine Beweisregel bestünde, die dem Ange- 2. Tiefgreifende Bewusstseinsstörung
klagten etwa den Beweis seiner Schuldunfähigkeit auferlegen würde 3. Schwachsinn
(so schon RGSt 21, 131). Kann die Frage der Schuldfähigkeit nicht 4. Andere schwere seelische Abartigkeit
geklärt werden und bleiben Zweifel, so ist wegen Schuldunfähigkeit Diese Merkmale bezeichnen den Kreis derjenigen psychischen Zu-
freizusprechen (BGHSt 8, 124, 36, 286 [290]; LK-Schöch 2007, § 20 stände, bei denen ein Ausschluss der Schuldfähigkeit in Betracht
Rn. 235; von Oefele 1998, 64). Auch insoweit gilt der Satz „in dubio kommt. Entschieden wird darüber dann auf der zweiten, normati-
pro reo“. Andererseits muss für die Frage einer Unterbringung ven Ebene, auf der es um die Auswirkungen der genannten Zustän-
nach § 63 StGB positiv Schuldunfähigkeit oder eine erhebliche Ver- de auf die Einsichts- und Steuerungsfähigkeit geht. Nicht erforder-
minderung der Schuldfähigkeit festgestellt werden (BGHSt 18, lich ist, dass jeweils einer der psychischen Zustände für sich allein
167); eine Unterbringung ist nicht möglich, wenn zweifelhaft bleibt, zur Schuldunfähigkeit führt. Möglich ist vielmehr auch ein kumula-
ob nicht zumindest verminderte Schuldfähigkeit vorliegt. tives Zusammenwirken mehrerer psychischer Störungen, z. B. eines
Die §§ 20, 21 StGB verwenden eine gemischte, sog. zweistufige Affekts (Bewusstseinsstörung) auf der Basis einer Neurose (Abar-
bzw. „zweistöckige“ Methode. Fischer (2014, §  20 Rn.  5) hält es tigkeit) und einer Alkoholisierung (krankhafte seelische Störung),
kaum für berechtigt, von einem zweistufigen Modell zu sprechen; die jede nicht für sich allein, sondern erst in ihrer Gesamtheit das
§ 20 StGB enthalte in Wahrheit keine klare Abgrenzung zwischen Fehlen der Steuerungsfähigkeit bewirken (Rasch 1984, 266).
zwei Ebenen. Doch werden in einer ersten Stufe bestimmte psychi-
sche Befunde genannt, in einer zweiten wird auf die Auswirkungen
8
dieser Befunde auf die Fähigkeit, das Unrecht der Tat einzusehen 8.3.2  Die erste Stufe der Bestimmungen über
oder nach dieser Einsicht zu handeln, abgestellt. Dieser „zweistö- die Schuldfähigkeit: Der Krankheitsbegriff
ckige“ Aufbau der §§ 20, 21 StGB wird vielfach als „biologisch-psy-
chologische“ Methode bezeichnet (statt vieler: Lackner und Kühl Die vier sog. psychischen Merkmale der ersten Stufe sind nur rich-
2014, § 20 Rn. 1). Dabei handelt es sich weder im ersten Stockwerk tig zu verstehen, wenn man sie zunächst in ihrer Zuordnung und
um biologische noch im zweiten um psychologische Merkmale. ihrer Entwicklung in der Reformgesetzgebung betrachtet.
Richtig spricht man von einer „psychisch-normativen“ Methode An erster Stelle nennt das Gesetz heute die krankhafte seelische
(Jescheck und Weigend 1996, 437, Anm. 19; Rasch 1984, 265), weil Störung, sie hat die frühere Formel „krankhafte Störung der Geis-
es um die Auswirkungen der psychischen Befunde auf die normativ testätigkeit“ abgelöst. Unter Störung ist dabei nicht nur die Beein-
verstandene Fähigkeit des Täters zu Einsicht und Steuerung geht trächtigung eines zuvor beim Täter vorhanden gewesenen gesun-
(Rasch 1984, 265; Schreiber 1981, 46; Schönke, Schröder/Perron, den Zustands zu verstehen. Damit würden angeborene Krankheiten
Weißer 2014, § 20 Rn. 1). und Defekte nicht erfasst. Gemeint ist vielmehr nicht nur der nach-
Auch die erste Stufe beschränkt sich freilich nicht auf die bloße träglich in die Gesundheit hereinbrechende Defekt, sondern jede
Beschreibung psychischer Zustände, sie enthält bereits deutlich Abweichung von einem Normalzustand, mag er auch im konkreten
selbst normative, wertende Elemente, was sich z. B. an den Wor- Fall gar nicht bestanden haben. „Störung“ bezeichnet daher den Ge-
ten „krankhaft“, „tiefgreifend“ und „schwer“ zeigt (Fischer 2014, gensatz zur Normalität: Der Begriff umfasst erworbene und ange-
§ 20 Rn. 5). Auch bei den Merkmalen der ersten Stufe handelt es borene, vorübergehende und dauernde Beeinträchtigungen (LK-
sich um Rechtsbegriffe, deren Feststellung und Anwendung letzt- Schöch 2007, § 20 Rn. 59).
lich in der Kompetenz des Gerichts liegt. Sie sind nicht einfach Statt wie das frühere Recht von einer Störung der Geistestätigkeit
mit einem psychologischen bzw. psychiatrischen System zu erklä- spricht das Gesetz jetzt von einer seelischen Störung. Damit kommt
ren, etwa mit einem bestimmten psychiatrischen Krankheitsbe- zutreffend zum Ausdruck, dass es nicht nur um Beeinträchtigungen
96 8  Rechtliche Grundlagen der psychiatrischen Begutachtung

des „Geistes“ i. S. des intellektuellen Vermögens, sondern auch um schen regelmäßig nicht zugänglich ist, der verantwortlichen Verfü-
solche des Willens-, Gefühls- und Trieblebens geht (Lenckner 1972, gung durch das Subjekt nicht unterliegt und daher schicksalhaft ist
103; Ehrhardt, Protokolle IV, 652); der gesamte Bereich des Intel- (Lange 1963, 15). Mit der Feststellung einer Psychose sei i. d. R. eine
lektuellen und Emotionellen soll damit abgedeckt sein (Lackner derart weitgehende Erschütterung des Persönlichkeitsgefüges indi-
und Kühl 2014, § 20 Rn. 3). ziert, dass die normale Einsichts- und Motivationsfähigkeit ohne
In die eigentlich schwierigen normativen Probleme der Schuldfä- Weiteres ausgeschlossen erscheinen müsse (Krümpelmann 1976,
higkeit und weitreichende, auch die anderen Merkmale der ersten 17 m. w. N.). Der sog. psychiatrische Krankheitsbegriff ist also in der
Stufe betreffende Auseinandersetzungen führt dann die Auslegung Sache alles andere als ein rein medizinisch-psychiatrischer; viel-
des Adjektivs „krankhaft“, mit dem das Gesetz die seelische Störung mehr ist er unter Verwendung medizinischer Kategorien für spezi-
näher qualifiziert. Ginge man allein objektiv vom Wortlaut und fisch rechtliche Zwecke gebildet. Zutreffend weist Krümpelmann
möglichen Wortsinn aus, könnte man darunter alle pathologischen (1976, 17) darauf hin, dass der sog. psychiatrische Krankheitsbe-
Veränderungen des psychischen Zustands gleich welcher Genese griff seine beherrschende Stellung im System des §  20 StGB der
fassen. Der Gesetzgeber hat aber „krankhaft“ anders und enger ver- weitgehenden Entlastung der zweiten, psychologisch-normativen
standen, wie sich in der Systematik des § 20 StGB, insb. am zusätz- Stufe verdankt.
lichen Merkmal der „anderen schweren seelischen Abartigkeit“ Die Rechtsprechung war über diesen engen „psychiatrischen“
zeigt, dessen es bei einem weiten Verständnis der Krankhaftigkeit Krankheitsbegriff hinausgegangen und hatte einen eigenen, sog.
gar nicht bedurft hätte. „juristischen“ Krankheitsbegriff entwickelt. Er umfasste „nicht nur
Nach eindeutiger, aus den Gesetzesmaterialien zu entnehmender alle Geisteskrankheiten im klinischen, psychiatrischen Sinne, son-
Absicht des Gesetzgebers sollten als „krankhafte seelische Störung“ dern alle Arten von Störungen der Verstandestätigkeit sowie des Wil-
nur diejenigen psychischen Zustände erfasst werden, bei denen der lens-, Gefühls- oder Trieblebens, welche die bei einem normalen und
seelische Sinnzusammenhang durch einen sinnfremden körperli- geistig reifen Menschen vorhandenen, zur Willensbildung befähigen-
chen Krankheitsvorgang durchbrochen erscheint (Begründung den Vorstellungen und Gefühle beeinträchtigen“ (BGHSt 14, 32, 23,
Entwurf 1962, 138; LK-Schöch 2007, § 20 Rn. 59). Diese Definition 176 [Fall Bartsch]; in gleiche Richtung schon RGSt 73, 121).
geht auf den von dem Psychiater Kurt Schneider entwickelten sog. Die Strafrechtsreform wollte demgegenüber wegen der angenom-
„psychiatrischen Krankheitsbegriff“ zurück, der forensische Psych- menen Gefahr eines „Dammbruchs“ bzw. „Erdrutsches“ von Frei-
iatrie, Rechtswissenschaft und Praxis in der Nachkriegszeit zeitwei- sprüchen wegen Schuldunfähigkeit den engeren psychiatrischen
se wesentlich bestimmt hat und noch heute fortwirkt. Krankheitsbegriff wiederherstellen und damit zur „an sich erwünsch-
Krankhaft sind danach nur diejenigen psychischen Störungen, ten Einschränkung des juristischen Krankheitsbegriffs“ führen (BT-
die auf nachweisbaren oder zumindest postulierten organischen Drucksache V/4095, 10; Horstkotte, Protokolle V, 244 ff.).
Prozessen beruhen (Schneider 1948, 3 ff.; ders. 1971, 11 f.). Sie Als „krankhafte seelische Störung“ sollte daher in Aufnahme der
sind als qualitativ abnorm zu unterscheiden von den anderen, Definition Kurt Schneiders nur ein Zustand gelten, der von körper-
bloß quantitativ abnormen, nicht körperlich begründbaren psy- lichen Krankheitssymptomen begleitet ist. Die von der Rechtspre-
chischen Zuständen, den „Spielarten seelischen Wesens“ (Schnei- chung weiter genannten nicht körperlich begründbaren Störungen
der 1959, 9), die noch im Rahmen sinnvoller, verstehbarer Erleb- sollten von dem neu in der ersten Stufe hinzutretenden Merkmal
8
niszusammenhänge bleiben. Kurt Schneider ging dabei als „Ag- der „schweren anderen seelischen Abartigkeit“ aufgenommen wer-
nostiker“ davon aus, dass empirisch-wissenschaftlich begründba- den (Horstkotte, Protokolle V, 244; Schwalm, Protokolle IV, 636).
re Aussagen über das zweite Stockwerk, die Einsichts- und Diese sollten aber grundsätzlich nicht zur Schuldunfähigkeit, son-
Steuerungsfähigkeit, nicht möglich seien, weil sie das aporetische, dern nur zu verminderter Schuldfähigkeit führen können. Das war
nicht zu entscheidende Problem der Willensfreiheit beträfen das Ziel der vom Entwurf 1962 (§ 25) vorgesehenen sog. „differen-
(Schneider 1959, 23 f.). Die Frage der Schuldunfähigkeit sollte da- zierenden Lösung“, die die „Abartigkeit“ als sog. biologisches
her bereits auf der ersten Stufe dadurch praktisch entschieden Merkmal nicht für die Schuldunfähigkeit in § 20 StGB, sondern al-
werden, dass die Exkulpation auf bestimmte, medizinisch be- lein in § 21 StGB für die als bloße Strafzumessungsregel verstande-
grenzbare Krankheitszustände beschränkt wurde. Das waren im ne verminderte Schuldfähigkeit erscheinen ließ. Dafür waren, wie
wesentlichen Geisteskrankheiten im engeren Sinn, die exogenen die Gesetzesmaterialien zeigen, kriminalpolitische Überlegungen,
und endogenen Psychosen. Nicht als Krankheiten in diesem Sinne insb. die Befürchtung einer Auflösung des Schuldstrafrechts durch
angesehen werden sollten dagegen alle anderen psychischen Be- die zu weit gehenden Exkulpierungstendenzen in der Rechtspre-
einträchtigungen, insb. Psychopathien, Neurosen und Triebstö- chung maßgeblich (zur Entwicklung näher Schreiber 1981, 47). Ge-
rungen, die lediglich abnorme Spielarten menschlichen Wesens fahren sah man insb. in einer etwaigen Einbeziehung von Psycho-
und gegenüber dem Normalen bloß quantitative Abweichungen pathien und Neurosen als Voraussetzung von Schuldunfähigkeit
darstellten (LK-Schöch 2007, § 20 Rn. 52 ff.). (Ehrhardt, Protokolle IV, 649).
Auf tatsächliche bzw. vermutete organische Ursachen der Er- Im Gesetzgebungsverfahren setzte sich dann gegenüber der diffe-
krankungen wurde dabei nicht unter rein medizinischen Aspekten renzierenden die sog. „Einheitslösung“ durch, die für die §§ 20 und
abgestellt, sondern entscheidend unter juristisch-normativen. Der 21 StGB die gleichen psychischen Merkmale brachte, also auch die
maßgebliche Wertgesichtspunkt war dabei die Vorstellung, dass ein schwere seelische Abartigkeit als mögliche Voraussetzung der
körperlicher Prozess der steuernden Beeinflussung durch den Men- Schuldunfähigkeit in § 20 StGB nannte. Maßgeblich war dafür, dass
8.3  System und Inhalt der Bestimmungen über die Schuldfähigkeit im Strafrecht 97

nach Meinung der angehörten Sachverständigen in einer geringen de 1979, 312). Es ist nicht möglich, als eigentlich krankhafte, die
Zahl von Fällen hochgradiger nicht körperlich bedingter psychi- körperlich begründbaren bzw. postulierten Störungen von den
scher Anomalien – man sprach von ca. 2 % – auch völlige Schuld- nicht körperlich begründbaren „Spielarten seelischen Wesens“ an-
unfähigkeit in Betracht käme (Nachweis bei Horstkotte, Protokolle hand des Kriteriums der Zerstörung der „Sinngesetzlichkeit des Da-
V, 244). Die von psychiatrischer Seite speziell für diese Grenzfälle seins“ zu unterscheiden. „Sinngesetzlichkeit des Daseins“ stellt, wie
vorgeschlagene Überschreitung des Krankheitsbegriffs sah der Ge- Venzlaff (1976, 58) zutreffend bemerkt, vielleicht eine ansprechen-
setzgeber als mit der gebotenen konsequenten Verwirklichung des de Formel dar, nicht aber eine wissenschaftlich handhabbare Grö-
Schuldstrafrechts, für dessen Glaubwürdigkeit die Regeln über die ße, mit deren Hilfe die Zuordnung zur Gruppe der Krankheiten
Schuldfähigkeit ein Gradmesser seien, nicht vereinbar an (BT- oder der bloßen „Spielarten“ bestimmt werden könnte. Die Schwe-
Drucksache V/4095, 10). Im Ergebnis ist danach wegen der Ein- re seelischen Krankseins kann nicht am Vorliegen sie verursachen-
heitslösung das mit der Einführung des sog. psychiatrischen Krank- der bzw. begleitender körperlicher Befunde gemessen, sondern al-
heitsbegriffs erstrebte kriminalpolitische Ziel nicht erreicht wor- lein unter psychopathologischen Gesichtspunkten bestimmt wer-
den, die Gesetzesänderung hat im Grunde nur terminologische Be- den (Janzarik 1972, 647). Für wichtige psychische Erkrankungen ist
deutung (Lenckner 1972, 115). Das Gesetz hat zwar die „krankhafte bisher kein körperlicher Befund entdeckt worden, der sie erklären
seelische Störung“ auf somatisch bedingte Prozesse reduziert, die könnte. Die Diagnose wird bei diesen Erkrankungen nicht nach
angestrebte begrenzende Funktion des Krankheitsbegriffs ist aber körperlichen Symptomen, sondern nach dem psychopathologi-
durch die Aufnahme des Merkmals der „schweren anderen seeli- schen Befund gestellt (Rasch 1984, 265). Auch außerhalb der kör-
schen Abartigkeit“ unter die Indikatoren für eine Exkulpierung perlich begründeten und der sog. endogenen Psychosen gibt es in
wieder hinfällig geworden (Schreiber 1981, 48). Praktisch ist es nur der Psychiatrie eine große Zahl krankhafter Zustände, die teilweise
zu einer Aufspaltung der früher im Gesetz genannten „krankhaften weit stärkere Auswirkungen auf die Persönlichkeit und das Verhal-
Störung der Geistestätigkeit“ in die Merkmale der „krankhaften ten haben als die genannten Psychosen (Venzlaff 1976, 58). Ande-
seelischen Störung“, der „Abartigkeit“ sowie der weiter genannten rerseits besitzen viele im Körperlichen begründete Symptome häu-
„tiefgreifenden Bewusstseinsstörung“ und des „Schwachsinns“ ge- fig nur geringes Gewicht in der Pathogenese. Es gibt keinen wissen-
kommen (Wolfslast 1981, 466). schaftlichen Beweis dafür, dass etwa somatisch begründete Psycho-
Versuche, mithilfe des Krankheitsbegriffs diese anderen Merk- sen das Verhalten eines Menschen stärker beeinflussen als etwa
male des psychischen Stockwerks zu begrenzen, sind verfehlt. Das eine Neurose oder ein Affekt. Der normative Gesichtspunkt, der im
gilt insb. für das Kriterium des Krankheitswertes. Es wird von der Hinblick auf die Schuldfähigkeit zur Bildung des psychiatrischen
Rechtsprechung (bereits im Entwurf 1962) verwendet, um einen Krankheitsbegriffs geführt hatte, nämlich die Schicksalhaftigkeit
Beurteilungsmaßstab für die erforderliche Schwere nicht i. e. S. und Unbeeinflussbarkeit eines Krankheitsablaufs durch den Men-
krankhafter, sog. normalpsychologischer Störungen zu haben schen, trägt die Beschränkung auf körperliche Krankheitsprozesse
(BGHR StGB §  21 seelische Abartigkeit, 6, 9; BGHSt 37, 397; LK- nicht. Für die Beurteilung der strafrechtlichen Verantwortlichkeit
Schöch 2007, § 20 Rn. 42 ff.). Seine Brauchbarkeit ist aber zweifel- kann es auf eine nachgewiesene oder hypothetisch angenommene
haft, weil er zum Vergleich von bestimmten Krankheitssymptomen körperliche Verursachung einer psychischen Verhaltensstörung
mit anderen Störungen unterschiedlicher Art führt. Auch wenn nicht ankommen. Maßgeblich kann vielmehr auf der Basis des oben
8
man den „Krankheitswert“ als reinen Maßbegriff versteht, der nur entwickelten pragmatischen Schuldbegriffs nur sein, wie weit die
das Gewicht und nicht die Art der Störung umschreibt, sollte er als normal vorausgesetzte Bestimmbarkeit des Täters durch soziale
nicht verwendet werden. Er geht von der Krankheit als dem defi- Normen durch eine psychische Störung beeinträchtigt ist. Der psy-
nierten Maß aus, an dem andere Zustände gemessen werden kön- chiatrisch-körperliche Krankheitsbegriff kann sich daher nur aus-
nen, und liefert daher keine geeigneten Kriterien für die im Bereich schnittsweise mit den für die Schuldfähigkeit relevanten krankhaf-
der Schuldfähigkeit erforderliche Beurteilung der Schwere anderer ten Störungen decken (Janzarik 1972, 646; LK-Schöch 2007, §  20
Störungen (LK-Schöch 2007, §  20 Rn.  64 m. w. N.; Nedopil 2000, Rn. 53 ff.). Für das Recht ist er danach unbrauchbar, er vermag die
837 ff.). angestrebte Entlastung der zweiten, normativen Stufe des § 20 StGB
Das Gesetz hat mit der „krankhaften seelischen Störung“ zwar nicht zu leisten (Krümpelmann 1976, 16 f.). Entscheidend muss es
nicht nach dem Wortlaut, aber nach den Grundsätzen historischer auf die Auswirkungen der jeweiligen psychischen Störung auf Ein-
Auslegung, die sich am Willen des Gesetzgebers orientieren, einen sichts- und Steuerungsfähigkeit ankommen. Der Psychiater kann
am Organprozess orientierten Krankheitsbegriff vorerst festge- sich, wenn er dem Richter bei der Feststellung der Schuldfähigkeit
schrieben. Dieser Krankheitsbegriff ist sachlich unhaltbar und helfen soll, den Rückzug auf den somatischen Krankheitsbegriff
überholt; er erscheint als Kriterium für die normativen Zwecke des nicht leisten. Danach ist festzuhalten, dass der tradierte sog. „psy-
Strafrechts unbrauchbar. Entgegen der Annahme auf juristischer chiatrische“ Krankheitsbegriff als Kriterium für die Schuldfähigkeit
Seite während des Gesetzgebungsverfahrens war er in der Psychiat- unbrauchbar und überholt erscheint. Das könnte dazu Anlass ge-
rie durchaus nicht im wesentlichen unbestritten (so aber Horstkot- ben, die Auslegung der §§ 20, 21 StGB von ihm zu lösen. Der isolier-
te, Protokolle V, 244). Vielmehr ist er von der klinischen Psychiatrie te Wortlaut des Begriffs „krankhafte seelische Störung“ böte dafür
überwiegend nicht akzeptiert worden, sondern war auf einen klei- durchaus Raum. Psychische Krankheitszustände aller Art könnten
nen Kreis forensischer Psychiater beschränkt (Venzlaff 1976, 57). darunter verstanden werden. Andererseits hat der psychiatrische
Mit der klinischen Realität ist er nicht in Einklang zu bringen (Men- Krankheitsbegriff Eingang in das Gesetz gefunden. Das ergibt sich
98 8  Rechtliche Grundlagen der psychiatrischen Begutachtung

nicht nur eindeutig im Wege historischer Auslegung aus den Geset- lungen zu Art und Ausmaß der vorhandenen Störung zu treffen
zesmaterialien, die den Willen des Gesetzgebers erkennen lassen, und ihre Auswirkungen auf die Tat darzulegen (BGH a. a. O.).
sondern auch aus dem Wortlaut des ersten „Stockwerks“, in dem Mit Recht warnen Konrad und Rasch (2014, 213 f.) vor einem un-
die anderen Anomalien gesondert aufgeführt und der krankhaften kritischen Gebrauch von DSM-5 und ICD-10. Darin werden Diag-
seelischen Störung gegenübergestellt werden (Lenckner 1972, 115). nosen nach bloßer Abprüfung einer Checkliste erstellt. Konrad und
Der Wortlaut des Gesetzes blockiert danach weiter die Entwicklung Rasch befürchten, es könne in der forensischen Situation zur Posse
eines einheitlichen Krankheitsbegriffs und gibt Veranlassung zur geraten, wenn psychologiebeflissene Juristen begännen, den Sach-
Verwendung des überholten Krankheitsbegriffs bei der Auslegung verständigen wie in einem Quiz auf das Vorliegen dieser oder jener
des Begriffs „krankhaft“. Er hindert eine stimmige Systematik. Symptome abzufragen, die der Proband nach dem im Diagnose-
Die übrigen für die Schuldfähigkeit relevanten psychischen Stö- schlüssel enthaltenen Item-Katalog haben müsse. Die in beiden
rungen und Anomalien sind den anderen drei Merkmalen der ers- Manualen genannten Kriterien sind selbst unscharf und interpreta-
ten Stufe der §§ 20, 21 StGB, d. h. der „Bewusstseinsstörung“, dem tionsbedürftig. Das sollte aber nicht hindern, die ICD-10 oder das
„Schwachsinn“ und besonders der „schweren anderen seelischen DSM-5 als Ausgangspunkt für die als Grundlage der ersten psychi-
Abartigkeit“ zuzuordnen und unter den für sie geltenden Gesichts- schen Stufe der §§ 20, 21 StGB dienende Diagnose zu verwenden.
punkten zu beurteilen. Dann aber ist es erforderlich, sich von Entstehung, Verlauf und
Es fragt sich, welche Bedeutung die neueren in der Psychiatrie Prognose des infrage stehenden Zustands ein Bild zu machen, um
entwickelten diagnostischen Klassifikationssysteme für die Schuld- den Einfluss dieses Zustands auf das infrage stehende Verhalten
fähigkeitsdiagnose haben. In Betracht kommen hier einmal das von prüfen zu können (Konrad und Rasch 2014, 214; Kröber 1998, 80).
der American Psychiatric Association (APA) entwickelte Diagnostic Inkonsequent erscheint der Versuch von Konrad und Rasch, ICD-
and Statistical Manual of Mental Disorders in der aktuellen 5. Aufla- 10-Diagnosen unter Zuordnung zu den Merkmalen der §§ 20 und
ge (DSM-5), das von einem mehrachsigen System ausgeht (DSM-5, 21 StGB in ihrem Buch abzudrucken (Konrad und Rasch 2014,
2013) sowie der von der WHO erarbeitete Diagnosenschlüssel In- 218 ff.); das könnte wie ein Katalog für die Schuldfähigkeitsbegut-
ternational Classification of Diseases in der 10. Fassung (ICD-10), achtung verwendet werden. Vielleicht kann der Diagnosenschlüs-
der Störungsbilder anhand operationaler Kriterien zuordnet (zu sel, wenn man sich zunächst an ihm orientiert, zur Ordnung der für
beiden Systemen Nedopil 1996, 17). die Schuldfähigkeitsbeurteilung in ihrer ersten Stufe zunächst er-
In der psychiatrischen Praxis und teilweise auch in der forensi- forderlichen Feststellung psychischer Störungen beitragen und eine
schen Psychiatrie wird heute bei Diagnosen und ihrer Einordnung Basis der Verständigung mit dem Psychiater finden lassen, über
vorwiegend die ICD-10 verwendet. Die zu beobachtenden Zu- welche Krankheiten und Störungsbilder man spricht. Die an die
standsbilder werden deskriptiv anhand einer Symptomliste zuge- ICD-10 oder das DSM-5 angelehnten Diagnosen können nur ein
ordnet (Konrad und Rasch 2014, 213; Nedopil 1996, 71). Grundbe- erster Schritt zur für die Schuldfähigkeitsbeurteilung relevanten Di-
griff ist die „Störung“; der Begriff Krankheit wird nicht verwendet. agnose der Störungen sein (für ein sog. mehraxiales Modell bei
Mit Ausnahme von Intoxikation und Störungen mit organischen Ausgang beider Diagnosenmanuale auch Nedopil 1996, 72; für un-
Ursachen wird auf eine ursachenabhängige Zuordnung verzichtet; verzichtbar hält diese Plate 2001, 129).
es bleibt bei einer Symptomauflistung. Die ICD-10 versteht sich da-
8
bei auch als klinisches Manual und diagnostisches Lehrbuch, das
die Merkmale der verschiedenen psychischen Störungen darstellt. Das Merkmal „krankhafte seelische Störung“
Mit den gesetzlichen Merkmalen der ersten Stufe der §§ 20, 21 StGB
hat sie unmittelbar nichts zu tun. Wie das DSM-5 verzichtet sie an- Unter „krankhafter seelischer Störung“ sind alle somatisch be-
ders als das Gesetz auf den Begriff der „Krankheit“; die dortigen dingten psychischen Erkrankungen sowie diejenigen zu verste-
deskriptiv-klassifikatorischen Diagnosen dürfen mit Kranksein hen, bei denen eine körperliche Ursache postuliert wird (so die
nicht gleichgestellt werden (Kiesewetter 2010, 319). h. M.; vgl. statt vieler: Schönke, Schröder/Perron, Weißer 2014,
Die Berufung auf eine Diagnose nach der ICD-10 oder dem DSM- §  20 Rn. 6 f.; Lackner und Kühl 2014, §  20 Rn.  3; Jescheck und
5 genügt nicht für die Entscheidung über die Zuordnung zu den Weigend 1996, 437).
Merkmalen der ersten und zweiten Stufe der §§ 20, 21 StGB. Für die Dazu werden zunächst die exogenen Psychosen gerechnet, d. h.
rechtliche Beurteilung der Schuldfähigkeit hat die Klassifikation Störungen mit einer hirnorganischen Ursache wie Psychosen nach
nach der ICD-10 keine Verbindlichkeit (BGHSt 37, 397 [401]; 49, 45 Hirnverletzungen, Intoxikations- und Infektionspsychosen, Epilep-
[54]), auch wenn deren Bedeutung in der Gerichtspraxis zunimmt sie (BGH, NJW 1995, 795), Stoffwechseldefekte, Hirntumoren,
(SSW-StGB-Kaspar, 2014, § 20 Rn. 15). hirnorganisch bedingter Persönlichkeitsabbau, u. a. bei Arterioskle-
Die ICD-10 zählt lediglich Störungen auf und ordnet sie. Es han- rose (vgl. Schönke, Schröder/Perron, Weißer 2014, § 20 Rn. 10).
delt sich um eine deskriptive Zuordnung von Symptomkonstellati- Weiter werden hier die endogenen Psychosen eingeordnet, bei
onen (Fischer 2014, §  20 Rn.  7a). Eine Aussage dahin, dass die denen körperliche Ursachen zwar angenommen werden, bisher
Schuldfähigkeit eines Täters i. S. der §§  20, 21 StGB berührt sein aber nicht nachgewiesen sind. Dabei handelt es sich um Erkrankun-
kann, trifft sie nicht (BGH, NStZ 1997, 383). Die Aufnahme eines gen aus dem Formenkreis der Schizophrenie und der Zyklothymie,
bestimmten Krankheitsbildes in den Katalog entbindet den Sach- des Manisch-Depressiven (Fischer 2014, § 20 Rn. 9; BGH, NStZ-RR
verständigen und das Gericht daher nicht davon, konkrete Feststel- 1998, 5). Ihre Gleichstellung mit den exogenen Psychosen wird da-
8.3  System und Inhalt der Bestimmungen über die Schuldfähigkeit im Strafrecht 99

mit gerechtfertigt, dass sie in gleicher Weise den Kern der Persön- rien, das es erforderlich machte, auf die Indizfunktion der BAK zu-
lichkeit und die Fähigkeit zu sinnvollem Handeln beeinträchtigen rückzugreifen (BGH a. a. O.; kritisch Lackner und Kühl 2014, § 21
(BT-Drucksache IV/650, 138). Rn. 3).
Teilweise wird angenommen, dass auch psychoseähnliche Wahn­ Später hat der BGH seine Rechtsprechung geändert und aner-
entwicklungen, bei denen die Differenzialdiagnose zwischen Psy- kannt, dass es keinen gesicherten medizinisch-statistischen Erfah-
chose und abnormer Persönlichkeitsreaktion zweifelhaft bleibt, als rungssatz darüber gebe, dass ohne Rücksicht auf psychodiagnosti-
krankhafte seelische Störung anzusehen seien (Witter 1978, 667). sche Beurteilungskriterien allein wegen einer bestimmten BAK zur
Seit der Einführung des Merkmals der „schweren seelischen Ab­ Tatzeit i. d. R. vom Vorliegen einer alkoholbedingten erheblich ver-
artigkeit“ kommt es darauf nicht mehr entscheidend an, weil diese minderten Steuerungsfähigkeit auszugehen sei (BGHSt 43, 66 ff.,
Störungen jedenfalls darunterfallen würden. vorhergehender Anfragebeschluss des Senats an die anderen Senate
Auch Rauschzustände, z. B. aufgrund erheblichen Alkoholgenus- des BGH mit eingehender Darstellung der verschiedenen Positio-
ses oder bei Drogenmissbrauch gehören, da sie medizinisch eine nen, der Rechtsprechung sowie medizinischer und juristischer Lite-
körperliche Vergiftung darstellen, zu den krankhaften seelischen ratur, NStZ 1996, 592). Dabei ist die Relevanz des Alkoholisierungs-
Störungen (Lackner, Kühl 2014, §  20 Rn.  4; SSW-StGB-Kaspar, grades umso geringer, je mehr sonstige aussagekräftige Merkmale
2014, § 20 Rn. 28). als Beweiszeichen zur Verfügung stehen (BGHSt 57, 247 [252]).
Umstritten ist, ob auch der sog. „normale“ Alkoholrausch dazu Der BGH folgt damit den Stellungnahmen in der forensischen Li-
gehört, der früher überwiegend als Bewusstseinsstörung eingeord- teratur (vgl. die Zusammenstellung bei Schönke, Schröder/Perron,
net wurde. Für die Behandlung als krankhafte seelische Störung Weißer 2014, § 20 Rn. 16b ff.; Kröber NJW 1996, 569 ff.), wonach
spricht, dass es sich um eine somatisch wirkende Intoxikation han- bei der erforderlichen Gesamtwürdigung u. a. der Tatablauf und die
delt (Ehrhardt, Protokolle IV, 654; Fischer 2014, §  20 Rn.  11). Es Tatumstände sowie aussagekräftige psychodiagnostische Kriterien
kommt bei alkoholischen Zuständen vielfach weniger zu Bewusst- zu berücksichtigen seien. Ob hierzu das Erinnerungsvermögen und
seinsveränderungen als vielmehr zu Einflüssen auf Stimmung und die Alkoholgewöhnung gehören, ist umstritten. Von Bedeutung soll
Kritikfähigkeit (Rasch 1984, 266). Wesentlich ist, dass Trunkenheit aber als Beweisanzeichen ein umsichtiges Reagieren auf unvorher-
die Schuldfähigkeit dann beeinträchtigt, wenn sie einen solchen Er- gesehene Situationsveränderungen und eine außergewöhnliche
heblichkeitsgrad erreicht, dass die Fähigkeit zu normgemäßer Mo- Körperbeherrschung sein. Zu berücksichtigen sind weiter Orientie-
tivation betroffen ist (SK-Rudolphi 2003, § 20 Rn. 7). Die Blutalko- rungsstörungen, Situationsverkennung und Bewusstseinsstörun-
holkonzentration (BAK) ist dabei von wesentlicher Bedeutung. gen (Konrad, Rasch 2014, 368 ff.; ausführlich Schönke, Schröder/
Von einem Schwellenwert der BAK ab 2 ‰ besteht regelmäßig An- Perron, Weißer 2014, § 20 Rn. 16b ff.; Fischer 2014, § 20 Rn. 17b).
lass zur Prüfung einer krankhaften seelischen Störung durch einen Planmäßiges und folgerichtiges Verhalten soll dagegen einer erheb-
akuten Alkoholrausch i. S. von § 21 StGB. Dass dies bei schwerwie- lichen Verminderung der Steuerungsfähigkeit nicht entgegenste-
genden Gewalttaten gegen Leib oder Leben des Opfers mit Rück- hen (BGH, NStZ 1992, 78).
sicht auf die höhere Hemmschwelle erst ab 2,2 ‰ gegeben sein soll,
wird von der Rechtsprechung (BGHSt 43, 66 ff.) angenommen. Mit
Recht wird dies von Konrad und Rasch (2014, 366) als kurios be- Das Merkmal „tiefgreifende Bewusstseinsstörung“ 8
zeichnet: Situationen, in denen Gewalt angewendet wird, lassen
sich nicht in Promilleeinheiten fassen. Mögliche Steuerungsunfä- Als zweites Merkmal nennt das Gesetz die „tiefgreifende Bewusst-
higkeit soll von einer BAK von 3,0 ‰ an aufwärts Anlass zu einer seinsstörung“. Darunter wird eine Trübung bzw. teilweise Aus-
Prüfung der Schuldunfähigkeit i. S. von § 20 StGB geben. schaltung des Selbst- bzw. Außenweltbewusstseins verstanden, die
Diese Schwellenwerte schließen nicht aus, dass die Vorausset- Beeinträchtigung der Fähigkeit zur Vergegenwärtigung des intel-
zungen der Schuldunfähigkeit bzw. erheblich verminderten Schuld- lektuellen und emotionellen Erlebens (SSW-StGB-Kaspar, 2014,
fähigkeit schon bei niedrigeren Blutalkoholwerten erreicht sein § 20 Rn. 52, 16; LK-Schöch 2007, § 20 Rn. 61).
können, wenn weitere Umstände wie Affekte, Hirnschäden oder al- Fehlt das Bewusstsein völlig, so liegt bereits kein tatbestandsmä-
koholbedingte Ausfallserscheinungen hinzutreten (Schönke, Schrö- ßiges, vorsätzliches oder fahrlässiges Verhalten vor. „Störung“ ist
der/Perron, Weißer 2014, § 20 Rn. 16c m. w. N.). eine Desorientierung, die das Bewusstsein nicht überhaupt aufhebt,
Lebhaft umstritten zwischen Rechtsprechung und Schrifttum sondern es eingeengt belässt. Nach der Systematik des Gesetzes ge-
war die Bedeutung des Schwellenwertes von 2 ‰. Der BGH sprach hören krankhafte, körperlich bedingte Störungen des Bewusstseins
ihm maßgebliche Bedeutung zu und eine praktisch unwiderlegbare nicht hierher, sondern in den Bereich der krankhaften seelischen
Indizfunktion für verminderte Schuldfähigkeit und ließ psychopa- Störung. Das Merkmal umfasst vielmehr nur nicht-krankhafte, d. h.
thologische Kriterien anhand des Täterverhaltens nur ausnahms- sog. „normalpsychologische“ Störungen (Wolfslast 1981, 467). Sie
weise zur Entkräftung der Indizwirkung zu (BGHSt 37, 231; zur werden v. a. als Verlust der Klarheit (Helligkeitsdimension), als Ein-
Entwicklung dieser Rechtsprechung Schönke, Schröder/Perron, engung (räumliche Dimension) und als Veränderung der Verhal-
Weißer 2014, § 20 Rn. 16a). Diese „schematisierende Promillediag- tenssteuerung und Selbstbestimmung (Verhaltensdimension) um-
nostik“ wurde von der Literatur überwiegend kritisiert (Blau 1988, schrieben (Wegener 1981, 79). Genannt werden in Literatur und
210). Die Rechtsprechung stützte ihre Ansicht v. a. auf das behaup- Rechtsprechung u. a. Schlaftrunkenheit, Erschöpfung, Übermü-
tete Fehlen verlässlicher psychopathologischer Beurteilungskrite­ dung, nichtkrankhafte Dämmerzustände, hypnotische Zustände
100 8  Rechtliche Grundlagen der psychiatrischen Begutachtung

und hochgradige Affekte (Zusammenstellung u. a. bei Fischer 2014, hier vieles: ob ein sog. normalpsychologischer Affekt ohne die Basis
§ 20 Rn. 28 m. w. N.). Dabei kommt es auf den psychischen Befund organischer oder psychotischer Prozesse überhaupt zur Exkulpie-
an; es bedarf nicht der zusätzlichen Feststellung eines krankhaften rung des Täters führen kann (verneinend Gruhle 1948, 14 ff.; ein-
oder abnormen körperlichen Zustands. Vielmehr kann es auch oh- schränkend auch Bresser 1978, 1190); wann ein solcher Affekt vor-
ne derartige sog. „konstellative Faktoren“ zum Verlust der Selbstbe- liegt; wie schwer er sein muss, um zur Schuldunfähigkeit bzw. zu
stimmung, des Wissens um das eigene Sein und die Beziehungen ihrer Verminderung zu führen; anhand welcher Kriterien und mit
zur Umwelt kommen, und es kann die Orientiertheit verlorengehen welchen diagnostischen Mitteln er festzustellen ist.
(BGHSt 11, 20; Wegener 1981, 81). Weitgehende Einigkeit besteht heute im Anschluss an die foren-
Das schließt andererseits nicht aus, dass körperliche oder psychi- sische Psychiatrie in den ersten Jahrzehnten des 20.  Jh. (Hoche
sche konstellative Faktoren für die gutachterliche Diagnose wichtige 1934, 313) und in Übereinstimmung mit der Rechtsprechung
Indizien darstellen können (Rasch 1980, 1314; Wegener 1981, 86). In (BGHSt 11, 20 ff.), dass es zur Relevanz eines Affekts nicht eines
Betracht kommen dabei v. a. für sich allein noch nicht relevante Fak- krankhaften oder abnormen organischen Zusatzbefunds bedarf.
toren wie Alkoholisierung, Übermüdung, neurotische Fehlhaltungen Übereinstimmung findet man auch dahin, dass andererseits alltäg-
sowie erlebnisreaktive Entwicklungen (Mende 1979, 320). liche psychische Situationen affektiver Erregtheit nicht ausreichen,
Das Gesetz qualifiziert die Bewusstseinsstörung dahin, dass sie sondern dass es um seltene Zustände aufgehobener Einsichts- bzw.
„tiefgreifend“ sein müsse. Dieses Wort ist erst während der Aus- Steuerungsfähigkeit geht, die diametral der „Besonnenheit“ als dem
schussberatungen eingefügt worden, der Entwurf 1962 hatte hier höchsten Grad des intakten Bewusstseins gegenüberstehen (Wege-
das Adjektiv „gleichwertig“ vorgesehen, bezogen auf die zuvor ge- ner 1981, 81; Rasch 1967, 85). Die Kommentarliteratur spricht in
nannte krankhafte seelische Störung. Bedenken ergaben sich des- Anlehnung an die Begründung zum Entwurf 1962 (S. 139) von ganz
halb, weil man aufseiten der Psychologie befürchtete, dass damit besonderen Ausnahmefällen, in denen wegen eines Zustands
auf einen „Krankheitswert“ abgestellt werden und eine Parallelisie- höchster Erregung das seelische Gefüge des Täters zerstört sei
rung hinsichtlich Genese und Erscheinungsformen zum engen (Schönke, Schröder/Perron, Weißer 2014, §  20 Rn.  15). Venzlaff
Krankheitsbegriff der forensischen Psychiatrie erfolgen solle will Schuldunfähigkeit nur bei einem sehr kleinen Kreis von Tätern
(Lenckner 1972, 112). Man einigte sich schließlich auf das ein- in Betracht ziehen, bei denen sich die Tat als Produkt einer u. U.
schränkende Adjektiv „tiefgreifend“. Damit soll zum Ausdruck ge- jahrelangen krisenhaften Entwicklung bei einer besonders struktu-
bracht werden, dass die Störung über den Spielraum des Normalen rierten Persönlichkeit ohne eigentliche kriminelle Tendenzen er-
hinausgehen und einen solchen Grad erreicht haben müsse, dass weise. Er fordert für die Aufhebung oder Verminderung der Schuld-
das seelische Gefüge des Betroffenen zerstört bzw. erheblich er- fähigkeit eine die Handlungsdeterminanten weitestgehend oder
schüttert ist (BT-Drucksache V/4095, 11). Es kommen nur Störun- völlig ausschaltende, kumulativ-krisenhafte abnorme Entwicklung
gen des Bewusstseins in Betracht, die in ihrer Auswirkung – nicht in Richtung eines Durchbruchs archaisch-destruktiver Handlungs-
in ihrer Erscheinungsform – von solcher Stärke sind, dass sie wie muster (Venzlaff 1976, 62 f.). Krümpelmann befürchtet, dass bei
eine Psychose die Fähigkeit des Täters zu sinnvollem, normgemä- einer differenzierten Analyse von Affekttaten, die das Schuldprinzip
ßem Handeln infrage stellen (Lenckner 1972, 117). ernst nehme, die Exkulpation nicht auf pathologische Extremzu-
Die Rechtsprechung verwendet dafür – ebenso wie auch bei der stände beschränkt bleiben könne und dabei die kriminalpolitisch
8
„anderen schweren seelischen Abartigkeit“ – weiter die Kategorie im Hinblick auf die Schwere der im Affekt begangenen Taten prak-
des Krankheitswertes. Damit sollen nicht Krankes und Gesundes tisch vertretbaren Grenzen überschritten würden (Krümpelmann
verglichen werden (etwa Symptome einer hirnorganischen Erkran- 1976, 26 f.).
kung mit dem Zustand hoher affektiver Erregung); vielmehr hande- Neuere Bemühungen gelten den diagnostischen Kriterien und
le es sich, so der BGH, um einen Maßbegriff, der die Schwere und Methoden für den Schweregrad eines Affekts und seine Auswirkun-
das Gewicht, nicht aber die Art der Störung vergleiche (BGHSt 34, gen auf das seelische Gefüge in der Tatsituation. Kritisch werden
22 [25]; 35, 200 [207]; 37, 397 [401]). die vielfach verwendeten Kriterien der Sinnlosigkeit und Persön-
Man sollte das Kriterium des Krankheitswertes aber nicht ver- lichkeitsfremdheit einer Tat sowie der Erinnerungslücke beurteilt
wenden. Es ist missverständlich, weil es naheliegt, die qualitativen (Rasch 1980, 1039). Erforderlich ist eine Gesamtbetrachtung, die
Unterschiede zwischen krankhaften und nicht krankhaften Beein- sowohl die zur Tat hinführende Entwicklung als auch die Tat selbst
trächtigungen zu verwischen. Das gilt auch für die Verwendung als in den Modalitäten ihres Ablaufs in die Beurteilung einbezieht
Maßbegriff, weil Ausmaß und Wirkungen einer Krankheit keine (BGH, NStZ 1995, 539; LK-Schöch 2007, § 20 Rn. 132). Die Bedeu-
derart feststehenden Größen sind, an denen das Gewicht einer Be- tung dieser beiden Elemente wird unterschiedlich bewertet (Krüm-
wusstseinsstörung gemessen werden könnte. Man ersetzt mit dem pelmann 1987, 191).
„Krankheitswert“ nur eine Unbekannte durch eine andere (LK- Von Bedeutung sind u. a. die persönliche Entwicklung des Pro-
Schöch 2007, § 20 Rn. 64). Der Krankheitswert einer Störung bietet banden, seine körperlichen und psychischen Ausgangsbedingun-
keinen sinnvollen Bestimmungspunkt (Fischer 2014, § 20 Rn. 29). gen sowie exogene Einflüsse wie Alkohol und Rauschmittel. Die
Dieser Begriff ist zudem in den Psychowissenschaften umstritten Aufmerksamkeit richtet sich auf den Aufbau der Affektsituation
und gilt als überholt (Streng 1995, 124). sowie die auf sie zulaufende Entwicklung, die vorhandenen Mög-
Den in foro bedeutsamsten, aber auch schwierigsten Anwen- lichkeiten der Distanzierung und kritischen Reflexion der Situation,
dungsfall der Bewusstseinsstörung bildet die Affekttat. Strittig ist eine umfassende Persönlichkeitsdiagnostik, das Verhalten unmit-
8.3  System und Inhalt der Bestimmungen über die Schuldfähigkeit im Strafrecht 101

telbar vor, während und nach der Tat (Rasch 1980, 1.309 ff.; Wege- Mit dieser komplexen Breitbanddiagnostik (Wegener 1981, 89)
ner 1981, 85). Venzlaff hat für die Untersuchung der verschiedenen wird eine Grundlage geschaffen für die richterliche Entscheidung
Erhebungsbereiche Subskalen herausgearbeitet, die für eine foren- über die Selbstbestimmungsfähigkeit bzw. darüber, ob der Täter
sisch relevante, schwere Beeinträchtigung des Täters sprechen kön- noch handlungsfähig war oder ob er durch den Affekt (Rasch 1980,
nen (Venzlaff 1985, 391). Er nennt dabei folgende Kriterien: 1309) zur „Durchgangsstation für einen Wirkungszusammenhang“
• Die Verstellung bestimmter Strukturmerkmale in der Persön- (Bürger-Prinz 1950, 10) bzw. zum „passiven Objekt von Funktions-
lichkeit des Täters, die für Hilflosigkeit gegenüber kritischen Le- abläufen“ (Wegener 1981, 80) überrannt wurde. Eine Gesamtwür-
benssituationen, Frustrierbarkeit, Unterlegenheitsgefühle spre- digung aller affektrelevanten Umstände ist unverzichtbar (HK-GS-
chen, die starke Besetzung mit Trennungs- und Verlustängsten, Verrel, Linke, 2013, § 20 Rn. 8). Eingeräumt wird dabei, dass gera-
geringe Flexibilität, ausgeprägtes Streben nach sozialer Ange- de die Beurteilung des Affekttäters große Probleme mit sich bringt
passtheit und dass angesichts der Grenzen psychologischer Erkenntnismög-
• Eine sich oft über Jahre hinziehende seelische Zermürbung in ei- lichkeiten eine schwer erträgliche Unsicherheit bleibt (Wegener
nem Partnerkonflikt, in dessen Rahmen der potenzielle Täter 1981, 81). Ein Ausschluss der Schuldfähigkeit wird in der Recht-
durch die Überlegenheit des Partners immer wieder beschämen- sprechung nur selten angenommen, dagegen häufiger eine Ver-
de Niederlagen und Demütigungen erleidet. minderung nach § 21 StGB (LK-Schöch 2007, § 20 Rn. 137). Dabei
• Eine zunehmende Isolierung des Täters in der engeren und wei- spielt sicher die kriminalpolitische Erwägung eine Rolle, dass bei
teren Familien- oder Bezugsgruppe mit Verstärkung seiner Rat- Affekttaten häufig eine künftige Gefährlichkeit i. S. von § 63 StGB
und Hilflosigkeit fehlt, eine Maßregel also nicht in Betracht kommt. Ein Verzicht auf
• Eine psychopathologische Abwandlung im situativen Tatvorfeld jede strafrechtliche Sanktion bei voller Exkulpation erscheint häu-
in Richtung einer präsuizidalen bzw. depressiven Symptomatik, fig angesichts der Schwere des Unrechts nicht angemessen (Krüm-
u. a. in Verbindung mit psychosomatischen Störungen oder all- pelmann 1987, 191 ff., 121 ff.). Eine Entschuldigung aufgrund
gemeinen Erschöpfungszuständen schweren Affekts kommt dann in Betracht, wenn der Konflikt vom
• Ein eruptiver Affektdurchbruch ohne Vorkonstituierung und Opfer verursacht war und dieses die Gefahr einer explosiven Entla-
Risikoabsicherung auf einen konfliktspezifischen Reiz hin dung zurechenbar heraufbeschworen hat (LK-Schöch 2007, §  20
• Eine kurz dauernde, die Anlass-Situation nicht mit einschlie- Rn. 139).
ßende Erinnerungslücke oder gewisse Erinnerungsunschärfen Lebhaft umstritten ist, ob eine Exkulpation auch beim Vorliegen
• Das Vorhandensein körperlicher oder psychischer konstellativer einer affektbedingten Bewusstseinsstörung dann ausgeschlossen
Faktoren ist, wenn der Affekt vom Täter verschuldet ist. In Rechtsprechung
• Eine Phase planlosen oder impulsiven Verhaltens nach der Tat (u a. BGHSt 3, 199; BGH, NJW 1959, 2.317; BGH, NStZ 1984, 259;
wie länger dauernder Affektstupor, panikartiges Fortlaufen, Sui- BGHSt 35, 143) und Wissenschaft (SK-Rudolphi 2003, §  20 Rn.
zidversuch oder hilflose Verzweiflung 11 f.; LK-Schöch 2007, § 20 Rn. 140; Jakobs 1991, 528; a. A. SSW-
Im Einzelnen unterschiedliche, aber sachlich in wesentlichen Punk- StGB-Kaspar, 2014, § 20 Rn. 65) wird das von einer wohl überwie-
ten übereinstimmende Merkmalskataloge sollen die Prüfung der genden Meinung angenommen. Ausgangspunkt der Zurechnung
Schuldfähigkeit bei Affekttätern mithilfe bestimmter Anzeichen er- ist dabei, dass der Täter „den im Tatzeitpunkt schuldausschließen-
8
möglichen (vgl. v. a. Saß 1983, 557; Salger 1989, 201 ff.; SSW-StGB- den Affekt während der Entstehung, also noch vor der Tat, durch ihm
Kaspar, § 20 Rn. 60 f.; kritisch zu diesen Merkmalskatalogen Rasch mögliche Vorkehrungen nicht vermieden hat“ (BGH bei Holtz, MDR
1993, 757 ff.). Genannt werden für eine Beeinträchtigung der 1977, 458; BGH, NStZ 1984, 311). Vorgeworfen wird dem Täter,
Schuldfähigkeit durch den Affekt u. a. folgende Kriterien: affektive dass er den zu einer Tat hindrängenden Affekt nicht vor dem
Ausgangssituation mit Tatbereitschaft, psychopathologische Dis- schuldausschließenden Stadium abgewendet und sich dadurch
position der Persönlichkeit, konstellative Faktoren (wie Alkohol, selbst der Möglichkeit beraubt hat, die Tat durch eine normgemäße
Depression), abrupter, elementarer Tatablauf, Folgeverhalten mit Motivation seiner Entschlüsse zu vermeiden (SK-Rudolphi 2003,
schwerer Erschütterung, Einengung der Wahrnehmung und der § 20 Rn. 12).
seelischen Abläufe, Missverhältnis zwischen Tatanlass und Reakti- Dem wird mit Recht entgegengehalten, dass es sich dabei um ei-
on, Störung der Sinn- und Erlebniskontinuität. ne unzulässige Schuldvermutung handelt (Maurach und Zipf 1992,
Als Merkmale, die gegen eine Beeinträchtigung der Schuldfähig- 495; Stratenwerth und Kuhlen 2011, 161, 171, 185; Schönke, Schrö-
keit sprechen sollen, werden u. a. genannt: aggressives Vorgestalten der/Perron, Weißer 2014, § 20 Rn. 15a; Krümpelmann 1976, 36 f.;
in der Fantasie, Ankündigen der Tat, zielgeordnete Gestaltung des vgl. auch BGHSt 7, 327 f.; für das österreichische Recht Moos 1977,
Tatablaufs, lang hingezogenes Tatgeschehen, erhaltene Introspekti- 808 ff.). Das Gesetz stellt eindeutig auf den Zustand „bei Begehung
onsfähigkeit bei der Tat, exakte detailreiche Erinnerung an die Tat. der Tat“ ab; das steht einem mittelbaren Schuldvorwurf entgegen.
Inwieweit sonst Erinnerungsstörungen von Bedeutung sind, ist Eine strafrechtliche Haftung käme lediglich nach den Grundsätzen
umstritten (LK-Schöch 2007, § 20 Rn. 136). Mithilfe derartiger Kri- der sog. actio libera in causa in Betracht (so auch Fischer 2014, § 20
terien soll ein „annäherungsweises Abschätzen“ des Ausmaßes und Rn. 34). Diese Rechtsfigur, mit der der für die Schuldfähigkeitent-
der Intensität des psychopathologischen Syndroms möglich werden scheidende Zeitpunkt vor den Tatablauf vorverlegt wird (vgl. einge-
(Mende 1979, 321). hend LK-Schöch 2007, § 20, Rn. 194 ff.), ist in letzter Zeit zuneh-
mend zweifelhaft geworden (aus der Rechtsprechung vgl. BGH,
102 8  Rechtliche Grundlagen der psychiatrischen Begutachtung

NZV 1996, 500; kritisch dazu BGH, NJW 1997, 228). In aller Regel dafür entwickelte Testverfahren (Wegener 1981, 92 ff.). Wenn
wird sich aber nicht feststellen lassen, dass der Täter den schuldaus- Schwachsinn in Betracht kommt, hat das Gericht i. d. R. einen Sach-
schließenden Affekt vorsätzlich herbeigeführt oder nicht abgewen- verständigen heranzuziehen.
det hat (SK-Rudolphi 2003, § 20 Rn. 12). Praktisch kommt allenfalls
eine Haftung wegen fahrlässiger actio libera in causa in Betracht.
Das Merkmal „schwere andere seelische
Abartigkeit“
Das Merkmal „Schwachsinn“
Als letztes Merkmal der ersten Stufe nennt das Gesetz schließlich
Weiter führt das Gesetz als psychisches Merkmal den Schwachsinn die „schwere andere seelische Abartigkeit“. Gemeint sind damit
an. Es versteht ihn, wie die Formulierung zeigt („wegen Schwach- diejenigen Abweichungen des psychischen Zustands von einer zu-
sinns oder einer schweren anderen seelischen Abartigkeit“) als Un- grunde gelegten Normalität, die nicht auf nachweisbaren oder pos-
terart der Abartigkeit. Erfasst werden sollen alle nicht auf nachweis- tulierten organischen Defekten oder Prozessen beruhen, also alle
baren organischen Ursachen beruhenden Defekte der Intelligenz nach dem sog. psychiatrischen Krankheitsbegriff nichtkrankhaften
(Schönke, Schröder/Perron, Weißer 2014, § 20 Rn. 18 m. w. N.; Fi- psychischen Störungen (Schönke, Schröder/Perron, Weißer 2014,
scher 2014, § 20 Rn. 35). Mit den kognitiven Störungen sind i. d. R. § 20 Rn. 19). Diese sind – wie oben bereits anhand der Gesetzge-
solche der sprachlichen, sozialen, emotionalen und motorischen bungsgeschichte eingehend dargetan – von der „krankhaften seeli-
Entwicklung verbunden (Wegener 1981, 90). Nach der vom körper- schen Störung“ getrennt und im Merkmal der „Abartigkeit“ ver-
lichen Krankheitsbegriff ausgehenden Systematik des Gesetzes fal- selbstständigt worden. Es geht dabei um einen sehr verschiedenar-
len alle Defekte i. S. einer organisch begründeten Demenz wie z. B. tigen Kreis von Störungen des Gefühlslebens, des Willens und des
Chromosomenanomalien, intrauterine, geburtstraumatische oder Antriebserlebens – weniger des Intellekts –, die den Täter nicht wie
frühkindliche Hirnschädigungen und Infektionen während der ers- beim Schwachsinn als zurückgeblieben, sondern als andersartig er-
ten beiden Lebensjahre, sonstige hirnorganische Krankheitsprozes- scheinen lassen (Jakobs 1991, 530). Genannt werden im Schrifttum
se sowie altersbedingte Hirnabbauvorgänge bereits unter die v. a. Psychopathien, Neurosen sowie Triebstörungen (Fischer 2014,
„krankhafte seelische Störung“. Für den „Schwachsinn“ bleiben alle § 20 Rn. 36; Schönke, Schröder/Perron, Weißer 2014, § 20 Rn. 21).
organisch befundlosen, ohne somatische Grundlage auftretenden Der Terminus „Abartigkeit“ erscheint verfehlt; er besitzt einen
Oligophrenien. die Betroffenen abwertenden, diskriminierenden Charakter (Rasch
Traditionell unterscheidet man folgende Grade des Schwach- 1982, 178). Im Diagnosekatalog der Psychiatrie kommt er nicht vor.
sinns: die Idiotie, wenn die geistige Entwicklung die eines Kindes Venzlaff spricht von „diluvialen Schichten“ der Psychiatrie, denen er
im 6.  Lj. nicht erreicht, die Imbezillität, wenn der Geisteszustand entstamme (Venzlaff 1977, 257). Es ist herabsetzend und unnötig
dem eines Kindes zu Beginn der Pubertät entspricht, sowie die De- belastend, jemandem im Strafverfahren attestieren zu müssen, er sei
bilität, wenn die Entwicklung über die Stufe beim Abschluss der „abartig“ (Rasch 1982, 178). Sachverständige gehen daher zuneh-
Pubertät nicht hinauskommt (LK-Schöch 2007, § 20 Rn. 150). Bes- mend dazu über, den Ausdruck im Gerichtssaal möglichst zu ver-
ser werden nach der Terminologie der American Association on meiden. Wesentlich besser geeignet erscheint neben der vom Alter-
8
Mental Deficiency (AAMD 1959) die Schweregrade nach der Ent- nativentwurf vorgeschlagenen Formel „vergleichbar schwere seeli-
wicklungsfähigkeit bezeichnet: Schwerstgeschädigte Pflegefälle sol- sche Störung“ der Begriff „Persönlichkeitsstörung“. Darunter wer-
len von den „Trainierbaren“ (d. h. lebenspraktisch Bildbaren) und den Ausprägungen von Persönlichkeitszügen verstanden, die
den „Bildungsfähigen“ (d. h. denen, die zum Erwerb der Kultur- erhebliche subjektive Beschwerden oder Mängel sozialer Anpassung
techniken auf einfacher Stufe in der Lage sind) sowie den „Grenz- hervorrufen (Saß 1987, 14; vgl. LK-Schöch 2007, §  20 Rn.  153 ff.).
fällen“, die oft noch normal schuldfähig sind, unterschieden werden Konrad und Rasch sprechen von psychischen Auffälligkeiten, die
(Wegener 1981, 91). nicht wie eine Krankheitsepisode eine Persönlichkeit vorübergehend
Die gesonderte Erwähnung des Schwachsinns im § 20 StGB er- befallen, sondern das Verhalten eines Individuums ständig oder
schien bei der geplanten differenzierenden Lösung erforderlich, über längere Zeiträume bestimmen, auch wenn dieses Verhalten
weil er anders als die sonstigen Abartigkeiten bis zur Schuldunfä- nicht unabhängig von zusätzlichen Umständen ist (Konrad und
higkeit sollte führen können. Mit der Einheitslösung, die auch die Rasch 2014, 165; Fischer 2014, § 20 Rn. 36). Die Bezeichnungen Psy-
anderen Abartigkeiten im § 20 StGB aufnahm, ist seine Nennung an chopathien, Neurosen und Triebstörungen sind nur teilweise aner-
sich überflüssig geworden (Protokolle IV, 641; Protokolle V, 244 ff.; kannt. Es handelt sich nicht um eine einheitliche psychopathologi-
V, 449 ff.). Sachlich rechtfertigen lässt sich die besondere Erwäh- sche oder ätiologische Systematik, sondern um deskriptive Typolo-
nung im Gesetz jedoch mit der deutlichen Abgrenzbarkeit des gien (Konrad und Rasch 2014, 167; Foerster 1989, 86).
Schwachsinns gegenüber anderen Anomalien sowie seinem häufi- Als Psychopathien werden Persönlichkeitsabweichungen be-
gen Vorkommen und der dadurch bedingten Bedeutung in der fo- zeichnet, die sich im Charakter, Willens- und Gefühlsleben zeigen,
rensischen Praxis (Wolfslast 1981, 467). Die Feststellung eines an deren Abnormität der Betroffene selbst und die Gesellschaft lei-
Schwachsinns und seiner Schweregrade erfolgt durch die Erhebung den (Kurt Schneider 1950, 3 f.; LK-Schöch 2007, § 20 Rn. 168 ff.). In
der lebensgeschichtlichen Daten, durch das mit Verhaltensbeob- Rechtspraxis und Schrifttum bedient man sich verbreitet noch der
achtung verbundene psychodiagnostische Gespräch sowie durch von Kurt Schneider entwickelten Typologie, die nach hyperthymi-
8.3  System und Inhalt der Bestimmungen über die Schuldfähigkeit im Strafrecht 103

schen, depressiven, selbstunsicheren, fanatischen, geltungsbedürf- Langelüddeke und Bresser 1976, 215). Andere sprechen von ausge-
tigen, stimmungslabilen, explosiven und gemütsarmen Psychopa- sprochener Persönlichkeitsentartung (vgl. SSW-StGB-Kaspar 2014,
then unterscheidet (Schneider 1971, 16 ff.; Witter 1972, 990 ff.; Lan- § 20 Rn. 71). Offensichtlich ist, dass diese strikte Begrenzung der
gelüddeke und Bresser 1976, 204 ff.). Diese ursprünglich psycholo- Exkulpation nicht medizinisch, sondern kriminalpolitisch moti-
gisch-deskriptiv und nicht wertend verstandene Typologie enthält viert ist. Angesichts der Weite und diagnostischen Unschärfe des
die Tendenz zu qualitativ abwertender Etikettierung (vgl. dazu Psychopathiebegriffs besteht die Befürchtung, dass es weitgehende
Witter 1978, 988). „Im Gegensatz zum Psychotiker ist der Psycho- Ex- bzw. Dekulpationen geben und zu dem „Dammbruch“ kom-
path weniger durch Intelligenzausfälle als durch Defekte auf dem Ge- men werde, der das Schuldstrafrecht zerstören könne (BT-Drucksa-
biet derjenigen seelisch-sittlichen Eigenschaften charakterisiert, die che V/4095, 10; Schneider 1961, 29).
den Menschen als sittliche und soziale Persönlichkeit begreifen las- Deutlich wird die normative Basis der Beurteilung von Psycho-
sen“ (Maurach und Zipf 1992, 496). pathien z. B. bei Kurt Schneider, wenn er schreibt: „Nur sehr zö-
Neben der Tendenz zur Abwertung enthält die Schneider-Ty- gernd gehe man an die Anwendung von § 51 Abs. 2 (heute § 21 StGB)
pologie auch die Gefahr einer Vereinfachung der Vielfalt mögli- auf abnorme (psychopathische) Persönlichkeiten heran. Würde das
cher Normabweichungen (Wegener 1981, 101). Differenzierte, die Regel, entstünde eine jedenfalls kriminalpolitisch unheilvolle La-
empirisch fundierte Klassifikationssysteme für die Psychopathie ge“ (Schneider 1961, 29).
fehlen in der gegenwärtigen Psychiatrie noch weitgehend; dassel- Demgegenüber wird von psychiatrischer und psychologischer
be gilt für spezielle Behandlungsmethoden (Wegener 1981, 102; Seite die Annahme kritisiert, dass eine psychopathische Störung im
Rasch 1982, 183). Vergleich zur psychotischen grundsätzlich von geringerer Intensi-
Überholt erscheint die Beschränkung des Psychopathiebegriffs tät sei. Es wird darauf hingewiesen, dass Psychopathen und Neuro-
auf angeborene und anlagebedingte Anomalien (so aber SK-Rudol- tiker mindestens so schwere Abweichungen aufweisen können wie
phi 2003, § 20 Rn. 15). Denn die Ursachen von Psychopathien sind Patienten mit organisch bedingten oder endogenen Psychosen
nicht allein statisch anlagemäßig, sie unterliegen vielmehr den (Meyer 1976, 49; Wegener 1981, 103; Venzlaff 1976, 58 f.). Psycho-
ständigen Lern- und Veränderungsprozessen der menschlichen pathien und Neurosen können schwere Leidenszustände bedeuten;
Persönlichkeit (Wegener 1981, 102). Die Abgrenzung zur neuroti- in ihren individuellen und sozialen Auswirkungen sind sie prinzipi-
schen Störung ist oft schwierig, die Übergänge sind fließend (LK- ell nicht weniger schwer als körperlich begründbare Störungen
Schöch 2007, § 20 Rn. 170 m. w. N.). (Meyer 1976, 49 f.). Die Beurteilung der Schuldfähigkeit verlagert
Auch in der forensischen Praxis fehlen noch differenzierte Diag- sich für die Psychopathie weitgehend auf die zweite, normative Stu-
nosemodelle wie Test- und Verhaltensprofile. Zutreffend spricht fe, d. h. die Frage nach der Einsichts- und Steuerungsfähigkeit
Wegener von der allenfalls „heuristischen Bedeutung“ der Diagno- (Krümpelmann 1976, 19 f.; Schreiber 1981a, 48). Der Primat des
se „abnorme Persönlichkeit“ (Wegener 1981, 102). Die Rechtspre- sog. normativ-psychologischen Stockwerks ist angesichts der Weite
chung spricht von „nicht pathologisch bedingten Persönlichkeits- und der fehlenden Konturen des Psychopathiebegriffs unvermeid-
störungen“ (BGH, NStZ-RR 1998, 176). bar (Venzlaff 1977, 255).
In welchem Umfang Psychopathien zur Schuldunfähigkeit bzw. In der Psychiatrie finden sich Versuche, die weitgehende Verla-
zur Verminderung der Schuldfähigkeit führen können, ist umstrit- gerung der Problematik auf die zweite, normative Stufe der §§ 20,
8
ten und bisher wenig geklärt. Nach einer verbreiteten, in der foren- 21 StGB zu überwinden und bereits für die erste Stufe Kriterien für
sischen Psychiatrie und der Rechtswissenschaft vertretenen An- die Abartigkeit zu finden (dazu die Übersicht von Kröber 1995,
sicht, der auch die Rechtsprechung bisher weitgehend folgt, soll ei- 532 f.). Insbesondere für den Bereich der Sexualdelinquenz hat
ne Exkulpation nur unter ganz besonderen Voraussetzungen in Schorsch in Anlehnung an Giese Leitsymptome progredienter psy-
seltenen Ausnahmefällen erfolgen (Schönke, Schröder/Perron, chopathologischer Entwicklungen herausgearbeitet, die u. a. folgen-
Weißer 2014, § 20 Rn. 23). Schon die Anwendung von § 21 StGB de Aspekte enthalten: Symptomhäufung, Intensitätsschwankungen
müsse die Ausnahme bleiben. Als Grund dafür wird angeführt, dass des Symptoms, Lockerung bzw. Verlust der personalen Einbin-
nach der ursprünglich vorgesehenen differenzierenden Lösung die dung, progredient zunehmende Okkupierung des Erlebens durch
„Abartigkeit“ nur in § 21 StGB als Merkmal für eine Schuldminde- das Symptom, Einengung der Realitätswahrnehmung. Dabei wird
rung vorgesehen gewesen sei. Da die Aufnahme in den § 20 StGB die Progredienz als ein diagnostizierbares Leitsymptom angesehen
nur erfolgt sei, um dem Gesetz auch für die seltenen Ausnahmefälle (Schorsch 1988, 110 ff.). Saß hat ein „psychopathologisches Refe-
hochgradiger Abnormitäten eine korrekte Fassung zu geben, dürfe renzsystem“ für die Beurteilung schwerer seelischer Abartigkeiten
aus dieser Ergänzung nicht gefolgert werden, dass Psychopathien entwickelt. Bereits für die erste Stufe werden verschiedene Arten
künftig großzügiger zu exkulpieren seien. Auch eine Erweiterung von Persönlichkeitsstörungen unterschieden, so die emotional-in-
des Anwendungsbereichs von § 21 StGB sei nicht beabsichtigt ge- stabilen, die schizoiden, die subaffektiven sowie die asthenischen
wesen (Lenckner 1972, 119; Schönke, Schröder/Perron, Weißer und zwanghaften Störungen, die nach ihrem jeweiligen Schwere-
2014, § 20 Rn. 23). Witter will eine volle Exkulpation bei der Abar- grad die Zuordnung zur „schweren seelischen Abartigkeit“ (Saß
tigkeit nur in Betracht ziehen, wenn es sich um psychoseähnliche 1987, 110 ff.) erlauben. Für die zweite Stufe, die Steuerungsfähig-
Störungen handelt, d. h. solche, die im Grenz- oder Übergangsbe- keit, benennt dann Saß als wesentliche Kriterien u. a. die Einengung
reich zu den Psychosen oder psychotischen und hirnorganischen der Lebensführung, Stereotypisierung des Verhaltens, bei sexuellen
Persönlichkeitsveränderungen liegen (Witter 1976, 333; ebenso eng Deviationen Einengung, Fixierung und Progredienz, weiter Schwä-
104 8  Rechtliche Grundlagen der psychiatrischen Begutachtung

che der Abwehr und Realitätsprüfung, emotionale Labilisierung rung“ genügen; vielmehr müsse über die Art und den Schweregrad
und konstellative Faktoren wie Alkohol und depravierende Lebens- der Störung auf der Grundlage einer Gesamtbetrachtung der Per-
umstände. Gegen eine erhebliche Beeinträchtigung der Steuerungs- sönlichkeit des Angeklagten und deren Entwicklung sowie der Vor-
fähigkeit sollen Tatvorbereitungen, die Fähigkeit abzuwarten und geschichte der Tat, den unmittelbaren Anlass und der Ausführung
Vorsorge vor Entdeckung sprechen (Saß 1987, 119 ff.). Kröber be- der Tat und schließlich des Verhaltens nach der Tat entschieden
tont die auch bei anderen Autoren genannte progrediente psycho- werden, ob eine Abartigkeit vorliege (BGH, NStZ-RR 1997, 335).
pathologische Entwicklung und Verstrickung in problematische, Auch die Diagnose allein einer „Borderline-Persönlichkeitsstörung“
evtl. delinquente Verhaltensweisen. Er unterscheidet sie von dauer- genügt nicht. Entscheidend ist, ob das Tatverhalten innerhalb einer
haften ich-syntonen Entwicklungen, von in den gesamten Lebens- psychotisch geprägten Episode liegt und wie groß das Ausmaß der
stil integrierter Bereitschaft zur Verletzung sozialer Normen (Krö- in Intervallen bestehenden Persönlichkeitsstörung ist (BGHSt 43,
ber 1995, 538 f.). Zutreffend weist er darauf hin, dass es mit der 42 ff.; zum Borderline-Syndrom als schwerer Persönlichkeitsstö-
Differenzialdiagnose nach ICD-10 nicht getan ist, sondern gerade rung Rasch 1991, 127; Kröber 1998, 80; Winkler und Foerster 1998,
außerhalb des Bereichs psychotischer Störungen die Beurteilung 298). Es gibt keine Beweise dafür, dass psychoseabhängige Motive
der Schuldfähigkeit innerhalb jedes Subtyps von Persönlichkeits- verhaltensdeterminierender sind als hochgradige seelische Abartig-
störung individuell zwischen leichten und schweren Formen unter- keiten (Roxin 2006, 898). Diese bezeichnen den „unbestimmten
scheiden muss (a. a. O., 539). Dabei sollte es keinen Unterschied Rest“ seelischer Phänomene (Schönke, Schröder/Perron, Weißer
machen, ob eine Persönlichkeitsstörung genetisch determiniert, 2014, § 20, Rn. 19 unter Berufung auf Bochnik und Gärtner 1986,
hirnorganisch oder lebensgeschichtlich bedingt ist (problematisie- 58). Entsprechend ist auch die Spielsucht als solche keine krankhaf-
rend Kröber, a. a. O., 539). Der gleichen Richtung gilt das Bemühen te seelische Abartigkeit. Sie kann aber mit schwersten physischen
von Rasch (1982, 182), die Psychopathie durch Merkmale, die sich Defekten und Persönlichkeitsstörungen verbunden sein, sodass
auf bekannte Krankheiten und Syndrome beziehen lassen, auf der auch dann eine erhebliche Verminderung der Steuerungsfähigkeit
ersten, psychischen Stufe zu konkretisieren. Was Rasch dann aber in Betracht kommt (BGHSt 58, 192 [194 f.]).
unter dem anspruchsvollen Titel eines „strukturell-sozialen Krank- Es trifft zu, dass das Merkmal der „Abartigkeit“ außerordentlich
heitsbegriffs“ entwickelt, ist freilich nicht mehr als die Zusammen- weit gefasst ist und grundsätzlich keinen Sachverhalt für die Ent-
stellung von generellen Zurechnungskriterien, die für die zweite, schuldigung ausschließen kann, der den psychischen Zustand des
normative Stufe, die Beurteilung von Einsichts- und Steuerungsfä- Täters i. S. einer Abweichung von der Norm nachteilig verändert,
higkeit, von Bedeutung sind. Rasch (1982, 182) spricht von struktu- also auch für Störungen aus dem Unbewussten prinzipiell offen ist
rellen Elementen der Krankheit und nennt in diesem Zusammen- (Krümpelmann 1976, 20).
hang die Verminderung sozialer Handlungskompetenz, die Einen- Soll das Schuldprinzip gewahrt werden, darf es nicht aus vorder-
gung der Lebensführung und Stereotypisierung des Verhaltens so- gründigen kriminalpolitischen Rücksichten im Widerspruch zu sei-
wie die Häufung sozialer Konflikte auch außerhalb strafrechtlicher nen eigenen Voraussetzungen eingeschränkt werden. Wenn sich
Belange. Als Beispiel für Typen von „Abartigkeit“ nennt er u. a. die der Anwendungsbereich der Maßregel durch eine Ausdehnung der
querulatorische Entwicklung, die sexuelle Perversion, die Medika- Exkulpation erweitert, so bedeutet das noch kein Unglück. Ande-
menten- bzw. Drogensucht, neurotische Depressionen sowie Per- rerseits hat die Entwicklung gezeigt, dass der befürchtete Damm-
8
sönlichkeitsabnormitäten. Damit sind sicher wesentliche in Be- bruch nicht eingetreten ist (Streng 2012, Rn. 973). Für die Praxis ist
tracht kommende Fallgruppen bezeichnet, aber noch keine für die festzuhalten, dass die schwere andere seelische Abartigkeit kein di-
Fragen der Schuldfähigkeit hinreichend präzisen Krankheitsdiag- agnostischer, sondern ein Rechtsbegriff ist (Fischer 2014, §  20
nosen gewonnen. Der Sache nach wird durch die von Rasch ge- Rn. 39). Angesichts der mit der sog. Einheitslösung erfolgten Öff-
nannten Kriterien bestätigt, dass die Intensität der Störung, ihre nung des § 20 StGB für die Abartigkeit sowie der Weite und der bis-
Auswirkung auf die Handlungssituation und ihre Relevanz für die her fehlenden näheren Konturen des Psychopathiebegriffs bleibt als
Tat entscheidendes Gewicht gewinnen, während die Bedeutung der entscheidendes Kriterium für die Schuldfähigkeit die Schwere, der
Diagnose zurücktritt (Meyer 1976, 46; Krümpelmann 1976, 18). Grad der Störung und ihr Einfluss auf das Handlungsgefüge des Tä-
In der Rechtsprechung werden als Fälle u. a. genannt: Altersab- ters (Schreiber 1981a, 48).
bau (BGH, StV 1989, 102), Exhibitionismus (BGHSt 28, 357), Trieb- Missverständlich ist das Kriterium des „Krankheitswerts“, das
störung mit Suchtcharakter (BGH, JR 1990, 119); bloße „Dissoziali- in der juristischen Kommentarliteratur zur Unterscheidung der ex-
tät“ oder „Soziopathie“(BGH, StV 1992, 316; BGHSt 49, 45 [52]) kulpierungsrelevanten Fälle benutzt wird (Fischer 2014, § 20 Rn. 38;
oder Persönlichkeitsstörung mit schizoiden Zügen in Form von Schönke, Schröder/Perron, Weißer 2014, § 20 Rn. 23). Als Instru-
Kannibalismus (BGHSt 50, 80 [84]). ment der quantitativen Bestimmung des Grades der Störung ist der
Die Rechtsprechung nähert sich damit der hier vertretenen Auf- Begriff nicht brauchbar; denn „Krankheit“ wird vom leichtesten bis
fassung, dass es auf die Schwere, den Grad, der Störung ankommt, zum schwersten Fall nach Gesichtspunkten graduiert, die mit dem
wenn sie ausführt, mit der Diagnose „Psychopathie“ allein sei noch Schweregrad von psychischen Anomalien nichts zu tun haben (LK-
nichts darüber ausgesagt, dass die Persönlichkeitsstörung auch den Schöch 2007, § 20 Rn. 63 f.; Krümpelmann 1976, 29). Die Formel
Grad einer schweren seelischen Abartigkeit erreicht habe (BGH, „Krankheitswert“ ist missverständlich und kann zu Rechtsfehlern
NStZ-RR 1998, 1062; BGHSt 49, 45 [52]; Saß 1987, 113 ff.). Ebenso verleiten (Fischer 2014, § 20 Rn. 38). Es kommt allein auf die Aus-
wenig soll die Feststellung einer „gemischten Persönlichkeitsstö- wirkungen einer Störung i. S. eines Schweregrades an (BGH, NStZ
8.3  System und Inhalt der Bestimmungen über die Schuldfähigkeit im Strafrecht 105

1999, 395; Foerster, NStZ 2000, 192; BGHSt 37, 401). Außerdem begründbare psychische Störungen oder endogene Psychosen sein
kann der Irrtum entstehen, als habe sich über den „Krankheits- können (Meyer 1976, 49; Venzlaff 1976, 58 f.). Weder theoretisch
wert“ die Beurteilung der Exkulpation von Psychopathien hinsicht- noch praktisch ist die Aussage berechtigt, dass eine psychotische
lich Entstehung und Symptomen am somatischen Begriff der Störung mit sehr großer Wahrscheinlichkeit, neurotische Entwick-
Krankhaftigkeit in den §§ 20 und 21 StGB zu orientieren (kritisch lungen dagegen nur in seltenen Fällen die Bedingungen der §§ 20
dazu auch Wegener 1981, 102). Eine Gleichwertigkeit kann nur hin- und 21 StGB erfüllen könnten (Wegener 1981, 103).
sichtlich der Schwere der Einwirkung der Störung auf das Hand- Genannt wird eine Reihe neurotischer Störungen, die strafrecht-
lungsgefüge und die Beeinträchtigung normgemäßen Handelns des lich von Belang sind, z. B. Reifungsstörungen (dazu Lempp 1975,
Täters gefordert werden. Das bringt zutreffend die vom Alternativ- 297), Zwangsneurosen, abnorme Persönlichkeitsentwicklungen der
entwurf vorgeschlagene Formel „vergleichbar schwere seelische mittleren Lebensjahre, sensitive, paranoische und querulatorische
Störung“ zum Ausdruck, die daher der Gesetzesanwendung statt Entwicklungen mit erheblicher kriminologischer Bedeutung (Mey-
des missdeutbaren Begriffs „Krankheitswert“ zugrunde gelegt wer- er 1976, 49 f.; Konrad und Rasch 2014, 174), depressive Reaktionen
den sollte (Fischer 2014, § 20 Rn. 38 m. w. N.). mit erweiterten Suizidhandlungen, extreme seelische Verformun-
Die neuere Rechtsprechung vermeidet inzwischen überwiegend gen durch frühkindliche Deprivationssituationen (Venzlaff 1976,
den missverständlichen Begriff des „Krankheitswertes“. Sie spricht 59) sowie neurotische Depressionen, die häufig von schweren psy-
von Störungen, die in ihrem Gewicht den krankhaften seelischen chosomatischen Allgemeinstörungen begleitet sind (Rasch 1982,
Störungen entsprechen und Symptome aufweisen, die in ihrer Ge- 183).
samtheit das Leben des Täters vergleichbar schwer und mit ähnli- Angesichts des Fehlens eindeutiger diagnostischer Kriterien
chen – auch sozialen – Folgen stören, belasten oder einengen (BGH, kann es wie bei der Psychopathie nur auf die Schwere, den Grad der
NStZ-RR 1998, 174). Störung und ihren Einfluss auf Einsichts- und Steuerungsfähigkeit
Die Rechtsprechung hat den Versuch gemacht, zwischen psycho- des Täters ankommen (Schreiber 1981a, 48), auf die Einengung der
pathischen, für eine Exkulpation relevanten Charakterzügen und Variationsmöglichkeiten des Handelns, die Einschränkung bzw.
nicht entschuldigenden bloßen Charaktermängeln und Willens- den Verlust sozialer Handlungskompetenz (Rasch 1984, 267). Zu-
schwäche zu unterscheiden (BGHSt 14, 31 f., 23, 176 ff.; BGH, NJW treffend betont Jakobs, dass die medizinische Klassifikation straf-
1966, 1871). Das wird weitgehend einhellig von den Vertretern un- rechtlich nichtssagend sei, entscheidend sei die Drastik des psychi-
terschiedlicher Standpunkte abgelehnt. Eine solche Unterscheidung schen Befunds, also Ausprägung und Maß der Beeinträchtigung
ist nicht möglich. Eine hochgradige Willensschwäche kann eine ex- von Kontroll- und Steuerungsfähigkeit (Jakobs 1991, 532).
kulpierungsrelevante „Abartigkeit“ darstellen, die die Schuldfähig- Für die schwierige Abschätzung des Schweregrads von Psycho-
keit vermindert (LK-Schöch 2007, § 20 Rn. 69; Haddenbrock 1963, pathien und Neurosen wird empfohlen, das Ausmaß der Abwei-
472). Mit Recht kritisiert Jakobs (1991, 532), dass bei der Unter- chung durch standardisierte psychologische Tests zu bestimmen,
scheidung der Rechtsprechung die Dynamik der Antriebsseite bei um nicht unbestimmten subjektiven Vorstellungen von der Be-
der Tat unberücksichtigt bleibe. schaffenheit des Durchschnitts zu erliegen (Rasch 1982, 183).
Zu den seelischen Abartigkeiten i. S. der §§ 20 und 21 StGB zählen Schließlich gehören zu den anderen schweren seelischen Abar-
weiter die Neurosen. Sie werden vom StGB-Entwurf 1962 als „ab- tigkeiten die Triebstörungen (zu den Störungstypen Fischer 2014,
8
norme Erlebnisreaktionen oder Störungen der Erlebnisverarbeitung“ § 20 Rn. 40 f.). Anhand derartiger Störungen hatte die Rechtspre-
umschrieben (Entwurf 1962, Begründung 141). Definition und Ätio- chung den sog. juristischen Krankheitsbegriff entwickelt, der über
logie der Neurosen sind umstritten (Meyer 1976, 49 f.). Unter ande- den engen psychiatrischen hinaus nicht nur somatisch bedingte,
rem geben psychoanalytische und verhaltenstheoretische Neurosen- sondern alle Arten von Störungen der Verstandestätigkeit sowie des
lehren unterschiedliche Erklärungen. Während für die Psychopathie Willens-, Gefühls- oder Trieblebens als mögliche „krankhafte Stö-
vorwiegend dauerhafte Wesenszüge kennzeichnend sind, spricht rung der Geistestätigkeit“ umfasste (BGHSt 14, 30 ff., 19, 201 ff., 23,
man von Neurosen, wenn es um lebensgeschichtlich erklärbare, 176 ff.). Als Krankheit wurde auch angesehen, dass ein „hochgradig
nachteilige Verhaltensdispositionen oder Gewohnheiten geht. Wit- abartiger Geschlechtstrieb schwere leib-seelische Folgen und Ent-
ter (1972, 996) bezeichnet Neurosen als Störungen bei geistesgesun- hemmtheit zumindest im Sinne von § 21 StGB bewirkt, ohne daß sich
den, weitgehend normalen Personen, die unter besonderen äußeren als Ursache eine organische Erkrankung nachweisen ließe“ (BGHSt
Bedingungen ausnahmsweise und vorübergehend zu einem abnor- 19, 201 [204]). Nach der Beschränkung der „krankhaften seelischen
men Verhalten kommen. Dabei sind die Übergänge zur Psychopa- Störung“ auf körperliche bzw. postulierte Prozesse und der Einfüh-
thie fließend; die psychischen Anomaliezustände enthalten häufig rung des Merkmals der „Abartigkeit“ sind Triebstörungen zu Letz-
Elemente beider Störungsformen (Meyer 1976, 52; LK-Schöch 2007, terem zu rechnen.
§ 20 Rn. 176). Neurosen sollen ebenso wie die Psychopathien nur in Eine Exkulpation soll nur dann in Betracht kommen, wenn der
seltenen Ausnahmefällen zur Anwendung der §§ 20, 21 StGB führen Trieb derart gesteigert ist, dass der Täter ihm selbst bei Aufbietung
(SK-Rudolphi 2003, §  20 Rn.  16). Sie spielen strafrechtlich (SSW- aller ihm eigenen Willenskräfte nicht zu widerstehen vermag (SK-
StGB-Kaspar 2014, § 20 Rn. 85) keine besondere Rolle. Rudolphi 2003, § 20 Rn. 17). Der BGH unterscheidet dabei natur-
Dem steht – wie schon bei den Psychopathien – die Auffassung widrige geschlechtliche Triebhaftigkeit und normale Sexualität.
gegenüber, dass auch Neurosen in ihren individuellen und sozialen Während bei der naturwidrigen Triebhaftigkeit, z. B. bei Pädophi-
Auswirkungen grundsätzlich nicht weniger schwer als körperlich lie, schon ein Trieb von durchschnittlicher Stärke exkulpieren kön-
106 8  Rechtliche Grundlagen der psychiatrischen Begutachtung

ne, müsse dafür bei normaler Sexualität dieser Trieb unüberwind- stimmte psychische Voraussetzungen von der Unvermeidbarkeit
bar stark ausgeprägt sein (BGHSt 14, 31 [32], 23, 176 [190]; BGH, JR des Irrtums abhängig macht, wird § 20 StGB nach einer verbreite-
1990, 119). Diese Differenzierung nach naturwidriger und normaler ten Ansicht lediglich als besonderer Anwendungsfall des umfassen-
Triebrichtung erscheint verfehlt (SK-Rudolphi 2003, §  20 Rn.  17; deren Verbotsirrtums angesehen (BGH, MDR 1968, 854; Lenckner
Schönke, Schröder/Perron, Weißer 2014, §  20 Rn.  23). Auch hier 1972, 108). Für die Exkulpation sei § 20 StGB daher insoweit gegen-
kann es aus den bereits zur Neurose dargelegten Gründen nicht auf standslos, weil beim Fehlen der Einsichtsfähigkeit aus den in § 20
den sog. „Krankheitswert“ der Störung ankommen (so aber Witter StGB genannten Gründen stets auch ein unvermeidbarer Verbots-
1976, 733; LK-Lange 1978, § 21 Rn. 48), sondern auf die Stärke, die irrtum vorliege.
Ausprägung des Triebs und das Maß der dadurch bedingten Beein- Mit Recht weist Jakobs darauf hin, dass dieser Versuch einer Ver-
trächtigungen des Verhaltensspielraums. Auch Pädophilie kann ei- einheitlichung der gesetzlichen Regelungen wenig Gewinn bringt
ne schwere seelische Abartigkeit darstellen, wenn sie den Täter in (Jakobs 1991, 534). Praktisch behält §  20 StGB weiterhin Bedeu-
seiner Persönlichkeit so nachhaltig verändert hat, dass sein Hem- tung, einmal durch die Nennung besonders naheliegender Aus-
mungsvermögen in Bezug auf sein Sexualverhalten erheblich her- schlussgründe für die Einsichtsfähigkeit (Jescheck und Weigend
abgesetzt ist (BGH, NJW 1998, 2.753; BGH, NJW 1998, 2752). 1996, 441), v. a. auch deswegen, weil nur unter den psychischen Vo-
Im Anschluss an Krümpelmann (1976, 21) will ein Teil der juris- raussetzungen der §§ 20, 21 StGB, nicht aber bei bloßer Verbotsun-
tischen Literatur die Verminderung bzw. den Ausschluss der kenntnis eine Maßregel nach §§ 63, 64 und 69 Abs. 1 StGB in Be-
Schuldfähigkeit dort beginnen lassen, wo die Triebstörung Sucht- tracht kommt.
charakter erreicht (Schönke, Schröder/Perron, Weißer 2014, §  20 Das Fehlen der Steuerungsfähigkeit ist erst dann zu prüfen,
Rn. 23; LK-Schöch 2007, § 20 Rn. 155 ff.). Diese Ansicht kann sich wenn die Einsichtsfähigkeit gegeben erscheint. Denn fehlt diese, ist
auch auf Formulierungen des Bundesgerichtshofs (BGHSt 23, 176 jene zwangsläufig nicht gegeben. Daher kann die Anwendung des
[193]; vgl. auch BGH, JR 1990, 119) stützen, bei denen sich der BGH § 20 StGB nicht auf beide Merkmale nebeneinander gestützt wer-
auf den Suchtbegriff Gieses beruft. Diesem Suchtbegriff, den Giese den (Schönke, Schröder/Perron, Weißer 2014, §  20 Rn.  25; LK-
in Anlehnung an von Gebsattel entwickelt hat, liegt kein statischer Schöch 2007, § 20 Rn. 80 m. w. N.).
Psychopathiebegriff, sondern ein triebdynamisches Modell zugrun- Lebhaft umstritten ist, ob über die „Fähigkeit“ des Täters zur
de (Giese 1973, 155 ff.). Sucht ist danach ein Prozess; seine typi- Einsicht und Steuerung seines Verhaltens überhaupt wissenschaft-
schen Kriterien sind die Steigerung der Häufigkeit der Sexualbetäti- lich begründete Aussagen möglich sind, weiter, ob auch der psychi-
gung bei gleichzeitiger Abnahme der Satisfaktion, die Hinwendung atrisch-psychologische Sachverständige oder allein der Richter da-
zu Promiskuität und Anonymität, Stereotypie und Zwangsstruktu- für zuständig sind.
ren in den Praktiken sowie periodisch dranghafte Unruhe und kör- Die sog. „agnostische“ Richtung verneint die Möglichkeit wissen-
perlich vegetative Begleiterscheinungen (Giese 1973, 155 ff.; Krüm- schaftlicher Aussagen dazu. Sie geht auf Kurt Schneider zurück, der
pelmann 1976, 21). ausgeführt hatte, dass die beiden Fragen nach Einsichts- und Hand-
So wenig konturiert der Suchtbegriff damit auch ist (kritisch lungsfähigkeit „tatsächlich unbeantwortbar“ seien (Schneider 1961,
Meyer 1976, 51; Wegener 1981, 195), so gibt er doch Anhaltspunkte 23). Eine breite Strömung in der Literatur folgt dem bis in die jün-
für die Einschätzung der verbliebenen Handlungsmöglichkeiten gere Vergangenheit und vertritt die Ansicht, dass die Frage, ob der
8
bzw. der Einengung der Lebensführung (BGH, NStZ-RR 1998, 189). Täter sich anders hätte verhalten können, von keinem Sachverstän-
digen zu beantworten sei (u. a. Haddenbrock 1972, 63 ff., 886 ff.;
Witter 1972, 998 ff.; Witter 1976, 729; Langelüddeke und Bresser
8.3.3  Die zweite (normative) Stufe der 1976, 269 ff.).
Schuldfähigkeit Dem steht die sog. „gnostische“ Position gegenüber, die die Mög-
lichkeit wissenschaftlicher Aussagen auf der Grundlage psychiat-
Mit der gemischt-normativen Methode verlangt §  20 StGB in der risch-psychologischer Erfahrungen über die Voraussetzungen der
zweiten Stufe für die Schuldfähigkeit, dass der Täter im Zeitpunkt Unfähigkeit zur Einsicht und Steuerung bejaht (Ehrhardt und Vil-
der Tat wegen eines der in der ersten Stufe genannten Merkmale linger 1961, 118; Ehrhardt 1964, 254; von Baeyer 1957, 337 ff.; Un-
unfähig war, das Unrecht der Tat einzusehen oder nach dieser Ein- deutsch 1967, 391 ff.; Venzlaff 1975, 902 ff.; Wegener 1981, 107).
sicht zu handeln. Dabei geht es um die Auswirkungen der festge- Der Agnostizismus ist gegenüber einem auf die Willensfreiheit
stellten psychopathologischen Zustände auf Einsichts- und Steue- im indeterministischen Sinne begründeten Verständnis von Schuld
rungsfähigkeit. Beide werden im Gesetz alternativ genannt; es ge- und Schuldfähigkeit berechtigt. Mit wissenschaftlichen Mitteln
nügt daher für die Schuldunfähigkeit, wenn eine von ihnen fehlt. Zu kann zu der Frage, wie weit im einzelnen Fall dem Menschen eine
beachten ist freilich, dass Einsicht und Verhaltenssteuerung psy- derartige Freiheit des Handelns zustand, nichts gesagt werden.
chisch häufig derart miteinander verbunden sind, dass eine Tren- Die sog. „Gnostiker“ behaupten aber auch nicht, zu Aussagen
nung praktisch nicht möglich ist (Schwarz und Wille 1971, 1.064; über den Grad der indeterministisch verstandenen Freiheit des
Rasch 1967, 62). Menschen in der Lage zu sein. Sie nehmen gar nicht in Anspruch,
Zunächst ist die Frage der Einsichtsfähigkeit zu prüfen. Im Hin- wie Witter unzutreffend behauptet, „Einschränkungen der Willens-
blick auf die Regelung des Verbotsirrtums in §  17 StGB, die den freiheit bis hin zu ihrem Ausschluss wissenschaftlich bestimmen zu
Schuldausschluss bzw. die Schuldminderung ohne Bindung an be- können“ (Witter 1983, 444). Nach dem hier in Übereinstimmung
8.3  System und Inhalt der Bestimmungen über die Schuldfähigkeit im Strafrecht 107

mit der heute wohl überwiegenden Ansicht oben eingehend entwi- Jakobs offenbar meint, der ausführt, dem Täter werde die „Fähig-
ckelten Schuldbegriff geht es bei der strafrechtlichen Schuldfähig- keit“ zugeschrieben, wenn der bloße Verweis auf den Befund – ggf.
keit nicht um die sittliche Wahlfreiheit, sondern lediglich um die in Verbindung mit einer schuldunabhängigen Maßregel  –  nicht
normale Motivierbarkeit durch soziale Normen, um die Frage, ob ausreiche, um den Konflikt zu erledigen. Es handle sich bei der „Fä-
angesichts des psychischen Zustands des Täters die Rechtsnorm die higkeit“ um eine normative Konstruktion (Jakobs 1991, 522). Ent-
Möglichkeit hatte, im Motivationsprozess wirksam zu werden scheidend kommt es auch auf den psychiatrisch-psychologisch fest-
(Krümpelmann 1976, 12). Strafrechtliche Schuld bedeutet auf der zustellenden psychischen Befund an, auf das psychische Bedin-
wissenschaftlich allein zugänglichen Basis der Erfahrung das Zu- gungsgefüge, unter dem eine Person gehandelt hat (Rasch 1965,
rückbleiben hinter dem Maß an Verhalten, das vom Bürger unter 62). Zugerechnet bzw. entschuldigt wird nach dem Maß der dem
normalen Bedingungen erwartet wird. Täter verfügbaren Handlungsalternativen bzw. nach ihrem Fehlen
Gegenüber einem derart gefassten Begriff von Schuld und Schuld- oder ihrer Verminderung. Die rechtliche Beurteilung geht von psy-
fähigkeit ist ein Agnostizismus weder erforderlich noch gerechtfer- chischen Sachverhalten aus, die unter dem leitenden Wertgesichts-
tigt. Es geht nicht um die tatsächliche, aktuelle und konkrete Einsicht punkt der Schuldfähigkeit, d. h. der Motivationsfähigkeit bzw. der
des jeweiligen Täters, sondern um die empirisch fassbaren Voraus- Handlungskompetenz, weitgehend festliegen und keinen Raum für
setzungen der Fähigkeit zur Einsicht und zum einsichtsgemäßem beliebige kriminalpolitische Zuschreibungen lassen. Jakobs selbst
Verhalten, die Bedingungen der Möglichkeit des Ausschlusses oder kommt trotz seines radikal-normativen Ausgangspunktes, die Fä-
der erheblichen Verminderung der für den Regelfall vorausgesetzten higkeit nicht als Eigenschaft, sondern als reine Zuschreibung von
potenziell dispositionellen Einsicht und Steuerung im Hinblick auf rechtlicher Zuständigkeit zu verstehen, selbst darauf zurück, wenn
eine bestimmte Tat (Ehrhardt und Villinger 1961, 181 ff.). Zu Aussa- er allenthalben auf die Stärke des psychischen Befunds, auf seine
gen über den Grad einer Einschränkung der so verstandenen Selbst- Drastik, auf Ausprägung und Maß der Störung abstellt (Jakobs
verfügung sind Psychiatrie und Psychologie unterhalb der unlösba- 1991, 527, 535).
ren Alternative Determinismus – Indeterminismus durch eine Ana- Die agnostische Gegenposition kann nicht konsequent durchge-
lyse der Täterpersönlichkeit, der Motivation und der Handlungsde- halten werden, will sie nicht prinzipiell das Urteil über die zweite,
terminanten, der situativen Gegebenheiten und der biografischen entscheidende Stufe der Schuldfähigkeit dem reinen Belieben über-
Entwicklung durchaus in der Lage (Venzlaff 1975, 906). Durch Ver- lassen. Kurt Schneider hatte seine These von der Unbeantwortbar-
gleich der psychischen Verfassung des Täters mit aus klinischer Er- keit der Frage nach Einsichts- und Steuerungsfähigkeit nicht auf
fahrung bekannten Krankheitsbildern können Einengung bzw. Ver- den psychiatrischen Sachverständigen beschränkt, sondern war
lust der sozialen Handlungskompetenz annäherungsweise abge- davon ausgegangen, dass diese Frage von niemandem, auch nicht
schätzt werden (Rasch 1984, 267; Mende 1979, 321; Meyer 1981, 226; von dem Richter mit wissenschaftlichen Mitteln beantwortet wer-
Venzlaff 1983, 289 f.). Dabei bleibt eine „Unsicherheitszone“, ein ge- den könne. Dann aber führt von der ersten, psychischen Stufe des
wisser subjektiver Beurteilungsspielraum (Venzlaff 1976, 64; Mende § 20 StGB kein Weg zur zweiten; es kann auch nicht begründet wer-
1979, 321), der auch sonst vielen ärztlichen und psychologischen Di- den, weshalb nach dem offenbar zu diesem Zweck gebildeten sog.
agnosen eigen ist (Wegener 1981, 105). Einsichts- und Steuerungsfä- psychiatrischen Krankheitsbegriff bei den sog. „echten Geistes-
higkeit sind weder bloße, mithilfe von Psychiatrie und Psychologie krankheiten“, d. h. den körperlichen bzw. als körperlich postulier-
8
beschreibbare, tatsächliche psychische Gegebenheiten, noch allein ten Störungen die Schuldfähigkeit grundsätzlich ausgeschlossen
zur Disposition des Richters stehende, zu Zwecken der Zuschreibung sein soll, bei den anderen seelischen Abnormitäten dagegen nur in
gebildete normative Konstrukte. Der Maßstab, der angibt, von wel- seltenen Ausnahmefällen. Das wäre nur möglich, wenn wissen-
chem Grad an eine erhebliche Verminderung oder ein Ausschluss der schaftlich begründet dargetan werden könnte, dass es bei diesen
Fähigkeit zur Einsicht und Steuerung gegeben ist, ist freilich letztlich Geisteskrankheiten stets an Einsichts- und Steuerungsfähigkeit
normativ; er wird durch die im Recht enthaltenen bzw. durch das fehlt. Das Gesetz schreibt ohne Ausnahme die besondere Prüfung
Recht wirksam werdenden Anschauungen über die sozialen Anforde- der Einsichts- und Steuerungsfähigkeit vor, es verbietet, allein aus
rungen bzw. die Nachsicht gegenüber Tätern in abnormen psychi- der Tatsache einer bestimmten Krankheit oder Störung den Aus-
schen Zuständen festgelegt. In letzter Linie ist es ein rechtlich-norma- schluss der Schuldfähigkeit herzuleiten (Venzlaff 1983, 285).
tives Problem, wo die Grenzen zwischen dem „Normalen“ und dem Venzlaff hält der agnostischen Auffassung mit Recht vor, zu Ende
„Abnormen“ liegen; denn diese Grenzen bestimmen sich danach, gedacht würde sie im Grunde nicht einmal eine Sachverständigen-
welche Anforderungen zu normgemäßem Verhalten an den Einzel- aussage bei psychischen Krankheiten i. S. von Schneiders Krankheits-
nen legitimerweise gestellt werden dürfen (Schönke, Schröder/Per- schemas erlauben (Venzlaff 1975, 905). Mit welchem Grund der Ag-
ron, Weißer 2014, § 20 Rn. 26). Die im Gesetz nur ganz allgemein in nostizismus für die „krankhafte seelische Störung“ nicht gilt, dagegen
vieldeutigen Formeln festgelegten Grenzen für diese Anforderungen bei den anderen Anomaliezuständen wissenschaftliche Aussagen
an den „normalen Anderen“ als die für das Schuldurteil wesentliche über den Grad der Beeinträchtigung von Einsichts- und Steuerungs-
Vergleichsperson müssen in gemeinsamer Arbeit von Richter und fähigkeit verbieten soll, wird nirgends deutlich. Auch Bresser vermag
Sachverständigem für die jeweilige psychische Störung und den Ein- sich dafür letztlich nur auf ein „verantwortungsbewußtes Menschen-
zelfall konkretisiert werden (Schreiber 1977, 246). verständnis“ (1976, 685) und die „lange Rechtstradition“ zu berufen,
Das geschieht aber nicht in allein an kriminalpolitischen Zweck- nach der das Determinationsgefüge einer somatisch begründeten
mäßigkeitsgesichtspunkten orientierter normativer Zuweisung, wie Krankheit nicht zugerechnet werde (1983, 435).
108 8  Rechtliche Grundlagen der psychiatrischen Begutachtung

Geht man ihr auf den Grund, so beruht die agnostische Position schehensabläufe nach Erfahrungsregeln zu steuern (SK-Rudolphi
auf dem unter kriminalpolitischen Gesichtspunkten empfundenen 2003, § 20 Rn. 19).
Bedürfnis, die Exkulpation auf den Bereich der Geisteskrankheiten Das Einsichtsvermögen ergibt sich hinreichend sicher weder aus
zu beschränken, weil sonst keine Grenze zu finden sei und ein der Erinnerungsfähigkeit des Täters noch aus der Vorsätzlichkeit
„Dammbruch“ drohe. Es handelt sich in Wahrheit um eine medizi- seines Handelns (BGH, GA 1955, 271; OLG Köln, DAR 1967, 139).
nisch-psychiatrisch verbrämte kriminalpolitische Theorie; dabei ist Zielstrebigkeit und folgerichtiges Verhalten können dafür lediglich
sie gar nicht wirklich „agnostisch“, sondern „gnostisch“ hinsicht- indizielle Bedeutung haben (RGSt 63, 48; BGH, GA 1971, 365).
lich des weitgehenden Ausschlusses der Anomalien von der Exkul- Ein Schluss von der Einsichtsfähigkeit auf die Steuerungsfähig-
pation und ihrer Beschränkung auf die „krankhafte seelische Stö- keit ist nicht möglich (Schönke, Schröder/Perron, Weißer 2014,
rung“ mit einem bloßen Ausschnitt aus dem Bereich psychischer § 20 Rn. 30). Planmäßigkeit und geschicktes Verhalten bei oder vor
Störungen. Für die gerichtliche Praxis sind das agnostische Konzept der Tat sowie die spätere Erinnerungsfähigkeit sollen – jedenfalls
und der mit ihm verbundene sog. psychiatrische Krankheitsbegriff bei Rauschdelikten  –  keine Rückschlüsse auf das Vorhandensein
nicht brauchbar. Sie würden eine Zusammenarbeit zwischen Ge- der Steuerungsfähigkeit zulassen (BGHSt 1, 384; BGH, NJW 1969,
richt und Sachverständigen bei konsequenter Durchführung aus- 151; BGH, NStZ 1981, 298; BGH, NJW 1982, 2009).
schließen. Zutreffend weist Janzarik (1972, 648) darauf hin, dass Einsichts- und Steuerungsfähigkeit sind jeweils im Hinblick auf
mit der Einfügung des Merkmals der „Abartigkeit“ aufgrund der eine konkrete Tat zu prüfen; es gibt keine generelle Schuldunfähig-
Einheitslösung die Prüfung von Einsichts- und Steuerungsfähigkeit keit (Lenckner 1972, 107). Art und Stärke der Störung sind am ver-
paradoxerweise im Hinblick auf die agnostische Zurückhaltung zur letzten Rechtsgut zu messen (LK-Schöch 2007, § 20 Rn. 78; BGHSt
einzigen Sicherung gegen ein allzu großzügiges Exkulpieren gewor- 49, 45 [53]). Wie das Unrechtsbewusstsein beim Verbotsirrtum ist
den sei. Die Frage des Ausschlusses bzw. der Verminderung der auch die Schuldfähigkeit „teilbar“. Auch bei tateinheitlichem Zu-
Schuldfähigkeit kann nicht durch einen im Widerspruch zum eige- sammentreffen mehrerer Delikte kann der Täter lediglich im Hin-
nen Ausgangspunkt stehenden Verweis auf bestimmte Krankheits- blick auf eines schuldunfähig sein (BGHSt 14, 116; SK-Rudolphi
formen entschieden werden. Dafür kommt es vielmehr auf den 2003, § 20 Rn. 22; BGH, NStZ 1990, 231). Möglich ist daher sowohl
Grad der Beeinträchtigung der normalen Motivationsfähigkeit bei eine partielle Schuldunfähigkeit für bestimmte Delikte als auch eine
abnormen psychischen Zuständen an. partielle Schuldfähigkeit z. B. eines Geisteskranken für von der
Den Kreis der dabei in Betracht kommenden Zustände bezeich- Krankheit nicht beeinflusste Taten (Schönke, Schröder/Perron,
net die erste, psychische Stufe des § 20 StGB. Normative Elemente Weißer 2014, § 20 Rn. 31).
finden sich bereits in dieser, nicht erst in der zweiten Stufe bei Ein-
sichts- und Steuerungsfähigkeit. Das zeigt sich deutlich an der Ver-
wendung von Begriffen wie „krankhaft“, „tiefgreifend“, „schwer“ 8.3.4  Die verminderte Schuldfähigkeit
sowie „Abartigkeit“, die sämtlich nicht rein deskriptiv sind, son-
dern auch normativen Charakter besitzen. Zutreffend hat Venzlaff Die verminderte Schuldfähigkeit ist erst durch das Gewohnheits-
im Hinblick darauf und auf die folgende Bewertung des Verhaltens verbrechergesetz vom 24.11.1933 eingeführt worden. Es ist nicht
auf der zweiten Stufe von einer „doppelten Quantifizierung“ ge- unbestritten, ob sie begrifflich überhaupt denkbar ist, weil der
8
sprochen, die bei der Schuldfähigkeitsprüfung erfolgen müsse Rechtsbegriff der Schuldfähigkeit eine scharfe Grenze ziehe und es
(Venzlaff 1983, 291). nur entweder schuldfähige oder schuldunfähige Täter geben könne
Diese Quantifizierung auf beiden Stufen wird sich nicht getrennt (Langelüddeke und Bresser 1976, 721 ff.).
behandeln lassen. So können z. B. der „tiefgreifende“ Charakter ei- Anlass zur Einführung der verminderten Schuldfähigkeit ins
ner Bewusstseinsstörung und die „Schwere“ einer Abartigkeit kaum deutsche Recht gab insb. die Erfahrung, dass die in der ersten Stufe
vom Grad der Beeinträchtigung von Einsichts- und Steuerungsfä- als Voraussetzung der Schuldunfähigkeit genannten psychischen
higkeit getrennt werden, da für sie die gleichen Gesichtspunkte Störungen auch in einer abgeschwächten Form auftreten können,
maßgeblich sind. Daher sollte z. B. über die Schwere der Abartigkeit sodass das Einsichts- und Steuerungsvermögen zwar nicht ausge-
und das Maß der dadurch bewirkten Einschränkung der Steue- schlossen erscheint, aber doch in dem Sinne „vermindert“ ist, dass
rungsfähigkeit in einem Schritt entschieden werden. Dabei fällt der Täter es schwerer hat, sich normgemäß zu verhalten (Lenckner
dann zugleich die Entscheidung darüber, ob der Grad der Störung 1972, 122).
so schwer ist, dass die Schuldfähigkeit als ausgeschlossen oder nur Verminderte Schuldfähigkeit ist danach keine selbstständige dritte
als vermindert anzusehen ist. Diese drei Wertungsschritte sollten Kategorie zwischen Schuldunfähigkeit und Schuldfähigkeit (sog.
zwar unterschieden werden, aber im Zusammenhang miteinander „Halbzurechnungsfähigkeit“), sondern eine Form der Schuldfähig-
erfolgen. keit (Lenckner 1972, 121 f.), die aber, wie es der Begriff sagt, unter den
Die Rechtsprechung nennt Anhaltspunkte für das Vorgehen bei gleichen Gesichtspunkten, die sie nach § 20 StGB ausschließen, nicht
der Prüfung von Einsichts- und Steuerungsfähigkeit. Beide sind mit uneingeschränkt, sondern vermindert gegeben ist. Der vermindert
der Fähigkeit zu zweckrationalem bzw. vorsätzlichem Handeln schuldfähige Täter ist „schuldfähig im vollen Sinne des Wortes“
nicht gleichzusetzen (BGHSt 1, 364; BGH bei Dallinger, MDR 1968, (Schönke, Schröder/Perron 2014, §  21 Rn.  1). Es gibt „Stufen der
200). Denn sie sind nicht identisch mit der Fähigkeit, äußere Ge- Schuldfähigkeit“ (Bruns 1974, 511); Schuldfähigkeit ist quantifizier-
bar (Rasch 1991, 126; Schöch 1983, 333; LK-Schöch 2007, § 21 Rn. 1).
8.3  System und Inhalt der Bestimmungen über die Schuldfähigkeit im Strafrecht 109

Der §  21 StGB enthält zwar Schuldminderungsgründe, die sich bei Gesetz verweist in § 21 StGB für die psychischen Merkmale auf § 20
der Strafzumessung auswirken. Es wäre aber verfehlt, ihn deshalb als StGB; es sind also die gleichen abnormen psychischen Zustände, die
qualitativ verschieden von § 20 StGB als bloße Strafzumessungsregel den Ausgangspunkt bilden. Der Unterschied liegt im Grad der psy-
anzusehen (so aber Krauß 1976, 95 ff.). Beide Vorschriften sind nach chischen Störungen und ihrer Auswirkungen auf das Handlungs-
dem gleichen System aufgebaut, sie verwenden die gleichen psychi- gefüge des Täters. Es muss sich auch bei § 21 StGB um krankhafte
schen und normativen Merkmale. Diese Merkmale werden auf bei- seelische Störungen handeln; Bewusstseinsstörungen und Abartig-
den Stufen vom Gesetz quantitativ verstanden, im § 20 StGB handelt keiten kommen ebenfalls nur in Betracht, wenn sie „tiefgreifend“
es sich um die höchsten Steigerungsformen der schuldmindernden bzw. „schwer“ sind, sie dürfen aber nicht den gleichen Schweregrad
Merkmale (Schöch 1983, 339). Dass es sich um quantitative Abstu- wie bei der Schuldunfähigkeit erreichen. Während für § 20 StGB als
fungen von „schuldfähig“ über „vermindert schuldfähig“ bis zu Folge dieser Störungen eine völlige Beseitigung des Einsichts- und
„schuldunfähig“ handelt, zeigt auch die Verwendung der Adjektive Steuerungsvermögens verlangt wird, genügt für § 21 StGB dessen
„schwer“, „tiefgreifend“ und „erheblich vermindert“. erhebliche Verringerung.
Nach dem hier entwickelten, mit der heute wohl überwiegenden Anders als es der insoweit missverständliche Gesetzeswortlaut
Ansicht übereinstimmenden Schuldbegriff geht es bei Einsichts- nahelegen könnte, liegt verminderte Schuldfähigkeit nicht vor,
und Steuerungsfähigkeit um ein vergleichendes Schuldurteil, d. h. wenn der Täter trotz an sich erheblich verminderter Urteilsfähig-
um das Zurückbleiben hinter dem Maß an Rechtsgesinnung und keit im konkreten Fall die Unrechtseinsicht tatsächlich hatte
Willenskraft, das von einem durchschnittlichen Menschen erwartet (BGHSt 21, 27; BGH, NStZ 1990, 333; Schönke, Schröder/Perron,
wird, um den Grad der Abweichung des Täters vom durchschnitt- Weißer 2014, §  21 Rn.  4) bzw. wenn sein Hemmungsvermögen
lich Normalen (Schreiber 1977, 246). Die Schuldfähigkeitsbeurtei- trotz verminderter Steuerungsfähigkeit tatsächlich vorhanden war
lung darf sich daher nicht mit einem qualitativen Gesamturteil be- (Jescheck und Weigend 1996, 443; OLG Hamm, NJW 1977, 1498).
gnügen, sondern hat für die §§ 20 und 21 StGB zu den Graden der Sicher können der Schweregrad der Störungen und die durch sie
Abweichung Stellung zu nehmen (Schöch 1983, 340). bewirkte Beeinträchtigung der Einsichts- und Steuerungsfähigkeit,
Die Quantifizierung psychischer Störungen und ihrer Auswir- von der an verminderte Schuldfähigkeit vorliegt, ebenso wenig ge-
kungen auf Einsichts- und Steuerungsfähigkeit gehört zu den Auf- nau angegeben werden wie die Grenze zur vollen Schuldunfähig-
gaben des psychiatrischen Sachverständigen (Mende 1983, 321; keit. Exakte Kriterien, die in jedem Einzelfall eine eindeutige Ent-
Rasch 1980, 1309; Venzlaff 1976, 64 f.; Schöch 1983, 338: für die scheidung ermöglichen würden, gibt es dafür nicht (Lenckner 1972,
quantifizierende Abwägung bei der Beurteilung insb. der vermin- 125). Die Störung darf einerseits noch nicht den Erheblichkeitsgrad
derten Schuldfähigkeit). des § 20 StGB erreichen, andererseits aber auch nicht mehr in den
Dafür sind Merkmalskataloge insb. für den Affekt und für die Spielraum fallen, der noch durch volle Schuldfähigkeit abgedeckt ist
„andere schwere seelische Abartigkeit“ entwickelt worden (Venzlaff (Schönke, Schröder/Perron, Weißer 2014, § 21 Rn. 5).
1985, 391; Saß 1983a, 557; Saß 1987, 113 ff.; LK-Schöch 2007, § 20 Als Kriterium für die hier erforderliche quantifizierende Schät-
Rn. 133 ff. m. w. N.). Darüber hinausgehende Bemühungen, im In- zung ist letztlich wie bei § 20 StGB auf den Intensitätsgrad der psy-
teresse von mehr Objektivität und Reliabilität psychiatrische Gut- chischen Störung und ihre Auswirkungen auf die Handlungskom-
achten zu standardisieren und zu operationalisieren (Jordan und petenz des Täters abzustellen (Schönke, Schröder/Perron, Weißer
8
Gresser 2014, 71 ff.; Schöch 1983, 333; Schüler-Springorum 1986, 2014, §  21 Rn.  5; LK-Schöch 2007, §  21 Rn.  20, jeweils m. w. N.).
52 ff.; Mende 1983, 398; Foerster und Heck 1991, 49 ff.; insb. Nedo- Dass hier wie überhaupt bei der Übertragung von Erfahrungssätzen
pil 1988, 117 ff.), haben im Ergebnis bisher wenig weitergeführt. Es auf den Einzelfall im Bereich der Humanwissenschaften weitge-
hat sich gezeigt, dass primär qualitative Unterscheidungen auch für hend nur Wahrscheinlichkeitsaussagen möglich sind und es der
quantitative Entscheidungen im Bereich der §§ 20, 21 StGB, insb. Festlegung von Grenzen durch Konventionen bedarf, hat Schöch
auch hinsichtlich der Einwirkungen auf Einsicht und Steuerung er- (1983, 338) herausgearbeitet. Dadurch werden mehr als bisher die
forderlich sind. Das haben insb. Kröber et al. (1994, 339 ff.) in einer Grenzen der möglichen Erkenntnis sowie die Strukturen der not-
Überprüfung des von Nedopil entwickelten Forensisch-Psychiatri- wendigen Entscheidungen deutlich. Vermieden würde, dort mit
schen Dokumentationssystems (FPDS) gezeigt (Nedopil und Graßl künstlich begründeten Überzeugungen qualitative Sprünge zu kon-
1988, 139 ff.). Das FPDS hat sich als objektives Dokumentationssys- struieren, wo es nur um vergleichende Gewichtung gehen kann.
tem bewährt, nicht aber als valides Instrument zur angestrebten Diese vergleichende Konkretisierung des Schweregrades kann mit-
standardisierten Schuldfähigkeitsbegutachtung (Kröber et al. hilfe psychiatrisch-psychologischer Sachverständiger erfolgen.
a. a. O.; zum Krankheitsbegriff Nedopil 1999, 71 f.). Beim dafür anzuwendenden Maßstab handelt es sich letztlich wie
Die verminderte Schuldfähigkeit liegt danach auf einer gleiten- beim § 20 StGB um eine normative Frage (Schönke, Schröder/Per-
den Skala zwischen Schuldunfähigkeit und voller Schuldfähigkeit ron, Weißer 2014, § 21 Rn. 4).
noch im Bereich der Schuldfähigkeit. Sie muss nach beiden Seiten Wenig hilfreich ist auch die häufig anzutreffende allgemeine For-
hin abgegrenzt werden (Lenckner 1972, 123). Zutreffend spricht mel (vgl. z. B. SSW-StGB-Kaspar, § 21 Rn 12), dass im Einzelfall das
Lenckner davon, für sie müsse nicht nur ein Anfangs- und Endwert Werturteil des Gerichts zu entscheiden habe (kritisch dazu Lenck-
(„normal“ und „schlechthin anormal“), sondern auf der dazwi- ner 1972, 125). Nicht mehr als einen Hinweis auf das Bestehen
schen liegenden Skala verschiedener Störungsgrade außerdem quantitativer Unterschiede enthalten auch die Formeln, bei der ver-
noch eine dritte Größe ermittelt werden (Lenckner 1972, 125). Das minderten Schuldfähigkeit sei das „Persönlichkeitsgefüge erschüt-
110 8  Rechtliche Grundlagen der psychiatrischen Begutachtung

tert“ und nicht wie bei der Schuldunfähigkeit „weitgehend zerstört“ von der überwiegenden Mehrheit angenommen (Schönke, Schrö-
(Schwalm, Protokolle IV, 638; kritisch Lenckner 1972, 126; auch der/Perron, Weißer 2014, § 21 Rn. 6/7; Roxin 2006, 906; Maurach
LK-Schöch 2007, § 21 Rn. 21). Es handelt sich um eine zwar griffige, und Zipf 1992, 538; für ein Scheinproblem hält LK-Schöch 2007,
aber so allgemeine Formel, dass in Zweifelsfällen wenig daraus her- § 21 Rn. 9, den Unterschied). Im Verhältnis zu § 17 StGB behält § 21
zuleiten ist. Das Gleiche gilt für die Formulierung von Jakobs, Er- StGB aber ebenso wie § 20 StGB insoweit eine eigenständige Bedeu-
heblichkeit sei dann gegeben, wenn die Tätermotivation derjenigen tung, als er anders als § 17 StGB die Möglichkeit zur Verhängung
eines voll schuldunfähigen Täters mindestens so ähnlich sei wie der von Maßregeln eröffnet.
eines voll schuldfähigen (Jakobs 1991, 536 f.). Kein geeignetes Ab- Sind die Voraussetzungen des §  21 StGB gegeben, so kann nach
grenzungskriterium zwischen § 21 StGB und der Schuldunfähigkeit dem Wortlaut des Gesetzes die Strafe gemildert werden, sie muss es
bildet, wie Witter (1976, 37 f.) und Krauß (1976, 97) meinen, die nicht. Ob diese bloße „Kann-Milderung“ mit dem Schuldprinzip ver-
prognostisch festzustellende Strafempfänglichkeit. Diese kann al- einbar ist, ist lebhaft umstritten. Da das Gesetz eine erhebliche Ver-
lenfalls ein Indiz für die Stärke der Störung darstellen (Schönke, minderung der Schuldfähigkeit verlangt, muss davon ausgegangen
Schröder/Perron, Weißer 2014, § 21 Rn. 5). werden, dass dann auch eine erheblich verringerte Schuld vorliegt; das
Der Anwendungsbereich des § 21 StGB erstreckt sich auf alle in spricht dafür, dass der Schuldgrundsatz in diesen Fällen auch eine er-
§ 20 StGB genannten psychischen Störungen. Von Gesetzes we- heblich geminderte Strafe gebietet, also ein Fall obligatorischer Straf-
gen gibt es weder Befunde, die stets die Schuld voll ausschließen, milderung vorliegt (Lenckner 1972, 129). Die „Kann-Milderung“ des
noch solche, die sie stets nur vermindern (Jakobs 1991, 536). Ent- Gesetzes wird daher auch unter Berufung auf den Schuldgrundsatz
scheidend kann nur die Schwere der Störung sein. So können z. B. von einer verbreiteten Ansicht als eine „Muss-Milderung“ interpre-
leichte paralytische oder schizophrene Defekte (BGH, StraFO 2014, tiert (Baumann et al. 2003, 455; Maurach und Zipf 1992, 538; Wolfslast
81), Spielsucht (BGHSt 58, 192 [194 f.]), beginnende arterioskleroti- 1981, 470; Stratenwerth und Kuhlen 2011, 169; Schönke, Schröder/
sche Demenz (BGH, NStZ 1983, 34) sowie leichtere Formen von Perron, Weißer 2014, § 21 Rn. 14 f.). Im gleichen Sinn hatte auch § 22
Hirnverletzungen oder Epilepsien sowie affektive Einengungen le- des Alternativentwurfs eine „Muss-Milderung“ mit der Begründung
diglich zur verminderten Schuldfähigkeit führen (Fischer 2014, vorgesehen, verminderte Zurechnungsfähigkeit bedeute notwendi-
§ 21 Rn. 10). Praktische Bedeutung hat der § 21 StGB weiter für al- gerweise verminderte Schuld, was in einem dem Schuldprinzip ver-
koholische und sonstige Rauschzustände geringeren Grades. Nach pflichteten Strafrecht auch in einem milderen Strafrahmen zum Aus-
der Rechtsprechung besteht bei einer BAK ab ca. 2,0 ‰ Anlass, die druck kommen müsse (Alternativentwurf 1966, Begründung zu § 22).
Frage der verminderten Schuldfähigkeit zu prüfen. Demgegenüber versucht die in Rechtsprechung und Literatur
In Betracht kommt §  21 StGB weiter bei Drogenabhängigkeit, wohl überwiegende Ansicht in restriktiver Interpretation die
wenn diese zu schweren Persönlichkeitsveränderungen oder star- „Kann-Milderung“ mit dem Schuldprinzip in Einklang zu bringen
ken Entzugserscheinungen geführt hat (BGH, NStZ 1982, 64; Lack- (u. a. BVerfGE 50, 5 [12 f.]; BGHSt 7, 29 ff.; BGH, NJW 1981, 1221;
ner und Kühl 2014, § 21 Rn. 2), während Drogenabhängigkeit allein BGH, NJW 1993, 2544 ff.; Bruns 1974, 511 ff.; SSW-StGB-Kaspar
noch keine erhebliche Verminderung der Schuldfähigkeit begrün- 2014, § 21 Rn. 17; Fischer 2014, § 21 Rn. 20).
den soll (BGH, NJW 1981, 1221). Genannt werden als Anwen- Grundsätzlich wird eingeräumt, dass eine erheblich verminderte
dungsbereich des § 21 StGB insb. die Psychopathien, Neurosen und Schuldfähigkeit den Schuldgehalt der Tat und damit die Strafwür-
8
Triebstörungen (dazu mit vielen Nachweisen aus der neueren digkeit reduziert. Aber der Schuldgehalt bestimme sich nicht allein
Rechtsprechung: Schönke, Schröder/Perron, Weißer 2014, §  21 nach der Schuldfähigkeit, „sondern nach den gesamten Umständen,
Rn.  10; vgl. u.  a. BGHSt 35, 347 ff. [sog. „Katzenkönigfall“]), die die die Tat der Schuldseite nach als mehr oder minder leicht oder
nach dem sog. „psychiatrischen“ Krankheitsbegriff nur in ganz sel- schwer erscheinen lassen“ (BGHSt 7, 28 [31]). Die wegen einer ver-
tenen Ausnahmefällen zur vollen Exkulpation führen sollen. minderten Schuldfähigkeit sich ergebende Verringerung der Schuld
Schwierigkeiten entstehen im Verhältnis von § 21 StGB zur Rege- könne durch andere, die Schuld erhöhende Umstände wieder aus-
lung des Verbotsirrtums des § 17 StGB insofern, als die auf den im geglichen werden.
§ 21 StGB genannten psychischen Merkmalen beruhende Vermin- Eine Strafmilderung nach §  21 StGB darf danach nicht aus
derung dort nur dann zu berücksichtigen ist, wenn sie „erheblich“ schuldfremden, insb. spezialpräventiven Gründen versagt werden
war, während es für den Verbotsirrtum nach § 17 StGB auf diesen (MK-Streng 2011, § 21 Rn. 21). Solche Gründe waren offenbar für
Grad nicht ankommt. Es erscheint nicht angebracht, den auf einem die bloße „Kann-Milderung“ bei Einführung des §  21 StGB maß-
seelischen Defekt i. S. des §  21 StGB beruhenden Einsichtsirrtum geblich. Man ging von einem neben dem schuldabhängigen Teil der
strenger zu behandeln als den „normalpsychologischen“ Verbots- Strafe stehenden, zusätzlich spezialpräventiv orientierten Anteil ei-
irrtum eines geistig Gesunden (Schönke, Schröder/Perron, Weißer ner „Sicherungsstrafe“ aus (LK-Mezger 1954, § 51 Anm. 10 a). Es
2014, §  21 Rn.  6/7). Eine Harmonisierung kann dadurch erreicht bestand die Befürchtung, dass insb. bei den sog. Psychopathen eine
werden, dass man entweder die im § 21 StGB enthaltene „Erheb- der geringeren Schuld entsprechende mildere Behandlung im Hin-
lichkeit“ in den § 17 Satz 2 StGB hineininterpretiert (so Jakobs 1991, blick auf die Gefährlichkeit dieser Täter angesichts des Fehlens ge-
537; ähnlich SK-Rudolphi 2003, § 21 Rn. 4) oder dem „täterfreund- eigneter flankierender Maßregeln spezialpräventiv nicht ausrei-
licheren“ § 17 StGB den Vorrang mit der Folge einräumt, dass jeder chend sein würde (Lenckner 1972, 130; Jakobs 1991, 538). Eine
Grad verminderter Einsichtsfähigkeit bereits zur Strafmilderung derartige spezialpräventiv begründete Überschreitung der schuld-
nach den §§ 17 und 49 StGB führen kann. Letzteres wird zutreffend angemessenen Strafe erscheint heute nach ganz überwiegender An-
8.3  System und Inhalt der Bestimmungen über die Schuldfähigkeit im Strafrecht 111

sicht unzulässig (BGHSt 7, 30 ff., 20, 266; Bruns 1974, 516 ff.). Die Handlung begehen wird, so scheiden Schuldunfähigkeit bzw.
präventiven Strafzwecke dürfen nur innerhalb des von der Recht- Strafmilderung nach § 21 StGB schon deshalb aus, weil eine straf-
sprechung mit der sog. Spielraumtheorie bestimmten Rahmens der rechtliche Haftung nach den Grundsätzen der actio libera in cau-
Schuldstrafe Berücksichtigung finden (BGHSt 7, 28 ff.; SK-Rudolphi sa eintritt (SK-Rudolphi 2003, § 21 Rn. 4a). Handelte der Täter
2003, § 21 Rn. 6). Für etwa darüber hinausgehende Präventionsbe- aber im Zeitpunkt des schuldhaften Sich-Versetzens in den Zu-
dürfnisse stehen Maßregeln der Besserung und Sicherung nach stand verminderter Schuldfähigkeit noch nicht vorsätzlich bzw.
§§ 63 ff. StGB zur Verfügung. Auch eine angenommene geringere fahrlässig im Hinblick auf die begangene Tat, so soll auch dieses
Strafempfindlichkeit (so noch der BGH bei Dallinger, MDR 1953, Verschulden die Strafmilderung nach § 21 StGB hindern. Prak-
147) darf nicht Anlass zur Versagung einer Strafmilderung nach tisch relevant wird das in Fällen des Affekts, der Sucht sowie bei
§ 21 StGB sein, weil auch dies mit dem Schuldprinzip unvereinbar Rauschzuständen (Jakobs 1991, 538 f.; Fischer 2014, § 21
wäre (Bruns 1974, 520; Schönke, Schröder/Perron, Weißer 2014, Rn. 24 f.). Die Rechtsprechung versagt die „Kann-Milderung“ v. a.
§ 21 Rn. 16; Jakobs 1991, 538 f.). dann, wenn der Täter von seiner allgemeinen Neigung zu Strafta-
Danach kommen im Rahmen der vom Schuldgrundsatz gebote- ten nach Alkoholgenuss wusste (BGH, NStZ 1986, 14; NStZ 1994,
nen engen Interpretation der „Kann-Milderung“ nach überwiegen- 184; vgl. auch BVerfGE 50, 5 ff.; für Affekttaten BGHSt 35, 143).
der Meinung nur zwei Fallgruppen für die Versagung dieser Milde- Zur Begründung wird auch auf die Regelung in § 7 Wehrstrafge-
rung in Betracht: setz verwiesen, der für militärische Straftaten die Milderung bei
• Bei der ersten Gruppe handelt es sich um erschwerende, schuld­ selbstverschuldetem Rausch versagt. Eine klare Linie ist in der
erhöhende Umstände, die die an sich gebotene Milderung wie- Rechtsprechung nicht erkennbar. In einem Obiter Dictum
der kompensieren. Genannt werden hier die besondere Verwerf- spricht der 3. Strafsenat sich bei jeder selbstverschuldeten Trun-
lichkeit der Tat bei ihrer Begehung wegen der gesteigerten ver- kenheit gegen eine Dekulpation aus, auch wenn dem Täter seine
brecherischen Energie und der besonderen Rücksichtslosigkeit Neigung nicht bewusst gewesen war (StV 2003, 407 [498 f.]).
(so die Grundsatzentscheidung BGHSt 7, 28 ff.) sowie die in Art Dem widerspricht der 5. Strafsenat. Zwar soll es i. d. R. nicht zur
und Vielzahl der Taten hervortretende Intensität des verbrecheri- Strafmilderung kommen, wenn der Täter seine Trunkenheit zu
schen Willens und die Kaltblütigkeit der Tatausführung (BGH, verantworten hat. Das soll aber nur gelten, wenn die Folgen der
MDR 1972, 196). Dabei dürfen aber diejenigen Umstände nicht Alkoholisierung objektiv und subjektiv vorhersehbar und ver-
als straferhöhend bewertet werden, die ihrerseits durch den die meidbar gewesen wären (BGHSt 49, 239 [242]). Nicht zu verant-
verminderte Schuldfähigkeit begründenden psychischen Zustand worten ist die Trunkenheit dann, wenn der Täter alkoholkrank
des Täters bedingt sind (BGHSt 16, 360 [363]; BGH, StV 1982, oder alkoholüberempfindlich ist und er der Versuchung des Al-
417). Das wird z. B. bei einer besonderen Rohheit der Tatausfüh- kohols nicht widerstehen kann (BGH, NStZ 2008, 330).
rung o. Ä. nicht selten der Fall sein.  Ob die Übertragung dieses Prinzips auf alle verschuldeten psychi-
Die herrschende Ansicht hält es im Hinblick auf erschwerende schen Defekte mit dem Schuldgrundsatz vereinbar ist, erscheint
Umstände auch für möglich, gegenüber einem vermindert zweifelhaft (kritisch Schönke, Schröder/Perron, Weißer 2014, § 21
Schuldfähigen auf die absolut angedrohte lebenslange Freiheits- Rn. 21; ausführlich Lenckner 1972, 134 ff.; SK-Rudolphi 2003, § 21
strafe zu erkennen, weil diese vom Gesetz für Taten unterschied- Rn.  4a). Jakobs hält das Fakultative der Milderung allein hier für
8
licher Schwere gedacht und der Rahmen verschiedener Schuld- angebracht, da im Maße der eigenen Zuständigkeit des Täters für
grade dabei so weit gespannt sei, dass er auch Fälle nach § 21 seinen Befund der Maßstab der strafrechtlichen Haftung verschärft
StGB geminderter Schuld umfasse, wenn erschwerende Umstän- werde (1991, 539).
de hinzuträten (BVerfGE 50, 5; BGHSt 7, 29; vgl. auch BGH, NJW Die verminderte Schuldfähigkeit eröffnet nach § 21 StGB den mil-
1981, 1221; Fischer 2014, § 21 Rn. 23). Dem tritt die Kritik mit dernden Sonderstrafrahmen gemäß § 49 Abs. 1 StGB. Streitig ist,
der zutreffenden Begründung entgegen, die schulderhöhenden ob innerhalb dieses Rahmens die Tatsache der verminderten Schuld-
Faktoren seien Strafzumessungsgründe, dürften aber nicht den fähigkeit bei der Strafbemessung berücksichtigt werden darf. Teil-
nach den §§ 21 und 49 Abs. 1 StGB vorgeschriebenen Strafrah- weise wird das wegen des Verbots der Doppelverwertung abgelehnt,
men bestimmen. Sie seien daher als Zumessungsgründe nur in- die verminderte Schuldfähigkeit dürfe nicht noch einmal in Ansatz
nerhalb des gemilderten Strafrahmens zu berücksichtigen (Ja- gebracht werden; sie sei durch die Wahl des Sonderstrafrahmens
kobs 1991, 538 f.; ebenso Lenckner 1972, 133). Die Schuld eines „verbraucht“ (Schönke, Schröder/Perron, Weißer 2014, § 21 Rn. 23).
vermindert Schuldfähigen ist auch bei besonderer Verwerflich- Da die Schuldfähigkeit nach dem hier entwickelten Konzept sich
keit im Vergleich zu der eines uneingeschränkt Schuldfähigen er- nicht in einem Entweder-Oder erschöpft, sondern nach dem Grad
heblich geringer, sodass nur der mildernde Strafrahmen des § 49 der zugrunde liegenden Störung und deren Auswirkungen auf Ein-
Abs. 1 StGB zugrunde gelegt und die Höchststrafe des Regelstraf- sichts- und Steuerungsfähigkeit quantifiziert werden muss, er-
rahmens nicht verhängt werden darf (Schönke, Schröder/Perron, scheint das nicht richtig. Die graduellen Steigerungen und Ab-
Weißer 2014, § 21 Rn. 19). schwächungen sind, um dem Maß der Einschränkung der Hand-
• Bei der zweiten Gruppe geht es um Fälle, in denen der Täter den lungskompetenz gerecht zu werden, bei der Strafzumessung inner-
Zustand der verminderten Schuldfähigkeit selbst verschuldet halb des milderen Strafrahmens erneut zu berücksichtigen (Schöch
hat. Hat er das getan, obwohl er wusste oder damit rechnen 1983, 337). Diese Ansicht kann sich auch auf eine Entscheidung des
musste, dass er in diesem Zustand eine bestimmte strafbare BGH stützen, die bei der verminderten Schuldfähigkeit verwerten
112 8  Rechtliche Grundlagen der psychiatrischen Begutachtung

will, ob die Minderung der Schuldfähigkeit mehr oder weniger ver- werden kann (Schaffstein und Beulke 2002, 64). Weiter gehört zur
schuldet ist, und die das Ausmaß der Persönlichkeitsstörung für Einsichtsfähigkeit die sog. „ethische Reife“, d. h. die Möglichkeit,
berücksichtigungsfähig hält (BGHSt 26, 311; vgl. auch BGHSt 16, das Handeln als sozial wertwidrig empfinden zu „können“ (Lenck-
354 [für den Versuch]; SK-Rudolphi 2003, § 21 Rn. 7). Da die erheb- ner 1972, 250; Eisenberg 2014, § 3 Rn. 15, 19).
liche Verminderung der Einsichtsfähigkeit andere Auswirkungen Die weiter erforderliche Steuerungsfähigkeit verlangt, dass der
auf die Beurteilung der Schuldfähigkeit des Täters hat als eine er- Jugendliche nach dem Stand seiner charakterlichen Entwicklung in
hebliche Verminderung der Steuerungsfähigkeit, muss jeweils ge- der Lage ist, sich in seinem Verhalten nach dieser möglichen Ein-
prüft werden, welche der Alternativen des §  21 StGB in Betracht sicht zu richten (Schaffstein 1965, 200 f.). Hierfür gilt das Gleiche
kommt. Denn eine verminderte Einsichtsfähigkeit ist strafrechtlich wie bei der Steuerungsfähigkeit nach den §§ 20, 21 StGB. Die prak-
erst von Bedeutung, wenn sie das Fehlen der Einsicht wirklich zur tischen Schwierigkeiten sind dabei freilich noch wesentlich größer,
Folge hat, dagegen führt erheblich verminderte Steuerungsfähigkeit weil das Merkmal der „Reife“, von dem hier in der ersten Stufe aus-
ohne Weiteres zur Anwendung des § 21 StGB. Der Richter kann da- zugehen ist, noch weitaus komplexer und unsicherer ist als die sog.
her seine Entscheidung nicht auf beide Alternativen zugleich stüt- „psychischen“ Merkmale der §§ 20 und 21 StGB (Lenckner 1972,
zen (BGH, NJW 1995, 1.229; LK-Schöch 2007, § 21 Rn. 13). 252; Schaffstein 1965, 199 f. Heftige Kritik an den „Leerformeln“
des Gesetzes und der gerichtlichen Praxis, die auf eine tendenzielle
Nichtbeachtung des § 3 JGG hinauslaufe, bei Albrecht 2000, 99).
8.3.5  Jugendstrafrechtliche Verantwortlichkeit Nach heute ganz allgemeiner Ansicht ist die Strafmündigkeit
(§ 3 JGG) im Verhältnis zur allgemeinen „teilbar“, d. h., sie kann für eine von mehreren zusammentreffen-
Schuldfähigkeit (§§ 20, 21 StGB) den Taten gegeben sein, für andere dagegen nicht. Es kommt je-
weils darauf an, ob Einsichts- und Handlungsfähigkeit für die in
Schuldunfähig ist, wer bei Begehung der Tat noch nicht 14 Jahre alt den einzelnen Tatbeständen umschriebenen Verhaltensweisen an-
ist (§ 19 StGB). Diese Vorschrift enthält eine unwiderlegbare Vermu- zunehmen sind (BGHSt 15, 377 [383]; Brunner und Dölling 2011,
tung der Schuldunfähigkeit von Kindern und stellt ein Prozesshin- § 3 Rn. 6 m. w. N.).
dernis dar (Schönke, Schröder/Perron, Weißer 2014, § 19 Rn. 5). Für In welchem Verhältnis die §§ 3 JGG und 20, 21 StGB zueinander
Jugendliche findet sich eine besondere Regelung der strafrechtlichen stehen, ist umstritten. Sie führen zu unterschiedlichen Rechtsfol-
Verantwortlichkeit im §  3 des Jugendgerichtsgesetzes (JGG). Nach gen. Beim Fehlen der jugendstrafrechtlichen Reife stellt § 3 Satz 2
dieser Bestimmung ist ein Jugendlicher, d. h. ein Täter vom vollende- JGG dem Richter dieselben Maßnahmen zur Verfügung, die der
ten 14. bis zum vollendeten 18. Lj. (§ 1 Abs. 2 JGG), strafrechtlich ver- Vormundschaftsrichter zur Erziehung des Jugendlichen hat. Das
antwortlich, wenn er zur Zeit der Tat nach seiner sittlichen und geis- sind neben den im Bürgerlichen Recht vorgesehenen Anordnungen
tigen Entwicklung reif genug ist, das Unrecht der Tat einzusehen und nach den §§ 1631 Abs. 3, 1666 Abs. 1 BGB die aufgrund des Sozial-
nach dieser Einsicht zu handeln (§ 3 Satz 1 JGG). Anders als die nega- gesetzbuches (SGB) VIII u. a. nach den §§ 27, 34 SGB VIII vorgese-
tiv gefassten Vorschriften über die Schuldunfähigkeit Erwachsener henen Hilfen. Bei Anwendung der §§ 20 und 21 StGB kommt dage-
(„Ohne Schuld handelt …“) umschreibt das Jugendstrafrecht damit gen die Unterbringung nach den §§ 7 JGG, 63, 64 StGB in Betracht.
die Voraussetzungen der Verantwortlichkeit Jugendlicher positiv. In der Praxis treffen häufig Entwicklungsstörungen mit Intelligenz-
8
Diese Verantwortlichkeit ist auch nicht nur bei Anhaltspunkten mängeln bis hin zum Schwachsinn mit frühkindlichen Hirnschä-
für ihr Fehlen jeweils näher zu prüfen, sondern stets positiv festzu- den sowie mit Psychopathien und Neurosen zusammen (Kaufmann
stellen und im Urteil zu begründen (RGSt 58, 128). Dagegen ent- und Pirsch 1969, 364).
spricht §  3 JGG den §§  20 und 21 StGB insofern, als er wie diese Teils wurde die Ansicht vertreten, der § 3 JGG sei ein historisches
nach der gemischten, sog. biologisch-psychologischen bzw. richti- Überbleibsel und durch die Schuldunfähigkeitsvorschrift des allge-
ger psychisch-normativen, Methode aufgebaut ist: Das Gesetz ver- meinen Strafrechts überflüssig geworden. Dem steht die neuere
langt als sog. „biologisches Merkmal“ zunächst einen gewissen Auffassung gegenüber, der §  3 JGG besitze grundsätzlichen Vor-
Stand der biologischen und geistigen Entwicklung als Grund sowie rang, sodass bei mangelnder Verantwortungsreife kein Raum mehr
dann auf der zweiten Stufe als dessen Folge, dass der Täter fähig für die Anwendung der §§ 20 und 21 und damit auch der Unter-
gewesen sein muss, das Unrecht der Tat einzusehen und entspre- bringung nach § 63 StGB sei (Eisenberg 2014, § 3 Rn. 36, 39 m. w. N.;
chend dieser Einsicht zu handeln (Schaffstein und Beulke 2002, 63; ebenso Albrecht 2000, 111). Nach richtiger, heute wohl auch
Lenckner 1972, 249; kritisch Albrecht 2000, 92). ­überwiegender Ansicht stehen beide Regelungen nebeneinander
Die Einsichtsfähigkeit setzt zunächst eine entsprechende Ver- (Lenckner 1972, 253; Brunner und Dölling 2011, § 3 Rn. 10; Eisen-
standesreife, d. h. das intellektuelle Vermögen voraus, das Unrecht berg 2014, § 3 Rn. 38).
der Tat zu erkennen. Damit ist weder die Kenntnis der formalen Das JGG betrifft den Jugendlichen in seinem Entwicklungsgang;
Gesetzesnorm noch die Einsicht in das Unmoralische der Tat ge- es geht vom Erziehungsgedanken aus (Peters 1967, 279 f.). Der § 3
meint, sondern vielmehr die Fähigkeit des Jugendlichen zur Er- JGG gilt daher für psychisches Zurückbleiben, das als Folge eines
kenntnis  –  so die allenthalben zitierte Formel des Reichsgerichts noch nicht abgeschlossenen Entwicklungsprozesses anzusehen ist
(RG, Deutsches Recht 1944, 659 [660]) –, dass sein Verhalten mit und voraussichtlich mit fortschreitender Reife einen Ausgleich er-
einem geordneten und friedlichen Zusammenleben der Menschen warten lässt (Schaffstein und Beulke 2002, 67). Insoweit sollen die
unvereinbar ist und deshalb von der Rechtsordnung nicht geduldet Faktoren Berücksichtigung finden, die eine Schuldfähigkeit des Ju-
8.4  Die Kompetenzverteilung zwischen Richter und Sachverständigem bei der Schuldfähigkeitsbeurteilung 113

gendlichen noch ausschließen (Peters 1967, 280). Dagegen sollen § 72 Rn. 1). Der Bundesgerichtshof hat ihn als „Gehilfen“ des Rich-
die Schuldfähigkeitsbestimmungen des allgemeinen Strafrechts sol- ters bezeichnet (u. a. BGHSt 3, 27 f., 9, 292 f.). Zutreffend meint Ar-
che pathologischen Abweichungen von der normalen Entwicklung thur Kaufmann, das werde dem wahren Rollenverhältnis nicht ge-
erfassen, die nicht entwicklungsbedingt und nicht oder nur man- recht (Kaufmann 1985, 4 m. w. N.). Vielleicht sollte man besser vom
gelhaft ausgleichsfähig sind (Schaffstein und Beulke 2002, 67; Freis- „selbstständigen Helfer“ bei der Urteilsfindung sprechen (Schrei-
leder 2007, 66 f.). ber 1985, 1008). Das ändert aber nichts daran, dass sowohl in tat-
Bestehen Anhaltspunkte für vom Entwicklungsprozess unabhän- sächlicher als auch in rechtlicher Hinsicht der Richter nach der Idee
gige pathologische Störungen, z. B. für Schwachsinn aufgrund einer seines Amtes allein für die Entscheidung verantwortlich ist (Lenck-
frühkindlichen Hirnschädigung, so sind zunächst die §§ 20 und 21 ner 1972, 142). Der BGH hat das in einer überall zitierten Grund-
StGB zu prüfen; sie gehen mit der Möglichkeit einer Anstaltsunter- satzentscheidung (BGHSt 7, 239 ff.) wie folgt formuliert:
bringung nach den §§ 7 JGG, 63, 64 StGB dem § 3 JGG vor (Schaff-
„Der Sachverständige ist ein Gehilfe des Richters. Er hat dem Gericht
stein 1965, 193; LK-Schöch 2007, § 20 Rn. 214; Brunner und Dölling
den Tatsachenstoff zu unterbreiten, der nur auf Grund besonders
2011, § 3 Rn. 10 m. w. N.). Bei lediglich auf mangelnde Altersreife
sachkundiger Beobachtungen gewonnen werden kann, und das wis-
zurückzuführendem Fehlen der Verantwortlichkeit kommen nur
senschaftliche Rüstzeug zu vermitteln, das die Auswertung ermög-
Maßnahmen nach § 3 Satz 2 JGG in Betracht, nicht dagegen eine
licht. Der Sachverständige ist jedoch weder berufen noch in der Lage,
Unterbringung nach § 63 StGB.
dem Richter die Verantwortung für die Feststellungen abzunehmen,
Handelt es sich um sowohl pathologisch als auch entwicklungs-
die dem Urteil zugrunde gelegt werden. Das gilt nicht nur von der
bedingte Zustände – was praktisch häufig der Fall sein wird –, so
Ermittlung des Sachverhalts, von dem der Sachverständige in seinem
sind beide Regelungen nebeneinander anzuwenden mit der Folge,
Gutachten auszugehen hat – den Anknüpfungstatsachen –, sondern
dass die Schuldfähigkeit sowohl nach § 3 JGG als auch nach § 20
auch von seinen ärztlichen Beobachtungen und Folgerungen. Selbst
StGB ausgeschlossen ist (BGHSt 26, 67; LK-Schöch 2007, § 20 Rn.
diese hat der Richter sogar in solchen Fällen, in denen es sich … um
214; Schaffstein und Beulke 2002, 67; Lenckner 1972, 254). Das
besondere wissenschaftliche Fragen handelt, auf ihre Überzeugungs-
kann insb. bei solchen Störungen der Fall sein, die – wie z. B. früh-
kraft zu prüfen (§ 261 StPO).“
kindliche Hirnschädigungen – mit zunehmendem Alter einen Aus-
gleich erwarten lassen. Das Gericht kann dann je nach Einzelfall Trotz aller zutreffenden Betonung der Letztentscheidungsbefugnis
zwischen Maßnahmen nach § 3 Satz 2 JGG und der Unterbringung des Richters darf nicht verkannt werden, dass der Sachverständige
nach den §§ 7 JGG, 63 StGB unter Zweckmäßigkeitsgesichtspunk- wesentlichen Einfluss auf die Entscheidung hat und als Spezialist
ten die Wahl treffen (Lenckner 1972, 254). mit der Differenzierung und Komplizierung der menschlichen Le-
Lässt sich nicht aufklären, ob die Schuldunfähigkeit des Jugendli- bensbereiche eine praktisch vielfach beherrschende Stellung erlangt
chen entwicklungsbedingt ist oder auf vom Reifeprozess unabhän- hat, die sich mit der Konzeption des Gesetzes kaum in Einklang
gigen pathologischen Störungen beruht, so ist nach dem Grundsatz bringen lässt (Lenckner 1972, 147). Empirische Untersuchungen
„in dubio pro reo“ nur § 3 JGG anzuwenden, weil dessen Rechtsfol- lassen befürchten, dass in aller Regel die Auffassung des Gutachters
gen eine geringere Belastung darstellen (Schaffstein 1965, 194 ff.; vom Gericht übernommen wird und dass damit der Sachverständi-
Lenckner 1972, 254; Eisenberg 2014, § 3 Rn. 40; Schönke, Schröder/ ge und nicht der Richter das Ergebnis bestimmt (Baltzer 2013, 18).
8
Perron, Weißer 2014, § 20 Rn. 44; Brunner und Dölling 2011, § 3 Auch der BGH räumt das der Sache nach ein, wenn er ausführt, in
Rn. 10). welchem Maße sich der Richter ein eigenes stichhaltiges Urteil bil-
Das Jugendstrafrecht kennt keine verminderte jugendrechtliche den könne und müsse, hänge von der Art des Gegenstands ab. Zu-
Verantwortlichkeit. Die Reife nach §  3 JGG ist entweder gegeben weilen werde sich die richterliche Prüfung darauf beschränken dür-
oder fehlt ganz (Lenckner 1972, 255). Jedoch kann der Reifegrad bei fen, ob der Sachverständige ein erprobter und zuverlässiger Vertre-
Auswahl und Zumessung der Sanktionen eine Rolle spielen. Dane- ter seines Fachs sei und daher auch seiner Sachkunde in diesem
ben kommt § 21 StGB als allgemeiner, fakultativer Strafmilderungs- Bereich vertraut werden könne (BGHSt 7, 239f.). An anderer Stelle
grund in Betracht (BGHSt 5, 367; Peters 1967, 281; Brunner und spricht der BGH davon, der Sachverständige könne als Gehilfe mit
Dölling 2011, § 3 Rn. 10), der freilich zugleich die Möglichkeit einer besonderer Fachkunde wesentlichen Einfluss auf die Entscheidung
Unterbringung nach den §§ 7 JGG, 63, 64 StGB eröffnet. gewinnen (BGH, JZ 1974, 548 [550]).
Für die Beurteilung der Schuldfähigkeit gilt grundsätzlich
nichts anderes. Der Richter ist es, der allein darüber zu entscheiden
8.4  Die Kompetenzverteilung zwischen hat. Er, nicht der Sachverständige, ist dafür zuständig, den Ange-
Richter und Sachverständigem bei der klagten zu exkulpieren bzw. die Voraussetzungen der §§ 20 und 21
Schuldfähigkeitsbeurteilung StGB als gegeben anzunehmen. Ob eine erheblich verminderte
Schuldfähigkeit vorliegt, „hat der Tatrichter ohne Bindung an Äuße-
Nach der Konzeption des geltenden Rechts ist die Entscheidung im rungen von Sachverständigen in eigener Verantwortung zu beant-
Urteil allein Sache des Gerichts. Der Sachverständige wird nur bei worten“ (BGHSt 49, 45 [53]). Verfehlt ist es daher, wenn der Sach-
ihrer Vorbereitung hinsichtlich einer Beweisfrage insoweit unter- verständige am Schluss seines Gutachtens feststellt, der Angeklagte
stützend tätig, als dem Gericht auf einem Wissensgebiet die erfor- sei „vom medizinischen Standpunkt aus“ bzw. „in nervenärztlicher
derliche Sachkunde fehlt (Kruse 2014, 509; KK-Senge 2013, Vor Sicht“ schuldunfähig oder nur beschränkt verantwortlich und wenn
114 8  Rechtliche Grundlagen der psychiatrischen Begutachtung

das Gericht diese Feststellung einfach übernimmt und es in Urtei- keit der Schweregrad der psychischen Beeinträchtigung des norma-
len z. B. heißt, der Sachverständige habe dem Angeklagten den len Handlungsgefüges. Dieser Grad lässt sich zwar nicht in exakten
„Schutz des § 20 StGB zugebilligt“ (LR-Sarstedt [1963], Vor §§ 72 ff. Größen ausdrücken, aber im Vergleich mit psychischer Krankheit an
Rn.  8; Lenckner 1972, 142). Andererseits sind die Feststellungen seinen Auswirkungen auf die Person des Täters zeigen (Lenckner
des Sachverständigen für das richterliche Urteil von wesentlicher, 1972, 145). Das gehört auf der Basis der klinischen Erfahrung (Meyer
häufig ausschlaggebender Bedeutung. Da gerade in psychiatrischen 1981, 224 f.) zu den wesentlichen Aufgaben des psychiatrischen Sach-
Gutachten dem Beurteilungsermessen des Sachverständigen, insb. verständigen. Dieser kann zwar nichts über Grade der Willensfreiheit
bei Bewertung der Schwere der Beeinträchtigung von Einsichts- und deren Beeinträchtigung sagen, auch dem Richter ist das freilich
und Steuerungsfähigkeit erhebliche Bedeutung zukommt, kann nicht zugänglich. Zutreffend hat Kurt Schneider ausgeführt, dass da-
z. B. angesichts der divergierenden Ansichten über die Relevanz zu kein Mensch in der Lage sei (Schneider 1961, 48), also nicht nur
neurotischer Störungen die Auswahl des Sachverständigen von we- ein Psychiater nicht.
sentlichem Einfluss für die Entscheidung des Prozesses sein (Schrei- Dem Sachverständigen sind aber Aussagen über die nach klinischer
ber 1985, 1012; Baltzer 2013, 18). Erfahrung vorliegende Einschränkung bzw. den Verlust sozialer
Der Richter bedarf unbeschadet seiner Befugnis und seiner Pflicht Handlungskompetenz bei abnormen psychischen Zuständen möglich
zur abschließenden eigenen Entscheidung auch bei der Schuldfähig- (Rasch 1984, 267). Dabei geht es um das Bedingungsgefüge, unter
keit der Mitwirkung des Sachverständigen. Auch wenn der Angeklag- dem eine Person nach ihrer Entwicklung und in einer bestimmten Si-
te sich auf den Ausschluss oder die erhebliche Verminderung seiner tuation gehandelt hat, um das Maß des Ausgeliefertseins an ein psy-
Schuldfähigkeit nicht beruft, hat der Richter dieser Frage nachzuge- chopathologisches Geschehen (Venzlaff 1983, 291). Das aber sind die
hen, wenn deutliche Anzeichen dafür vorliegen, dass die Schuldfähig- wesentlichen Gesichtspunkte der zweiten, normativen Stufe der §§ 20
keit ausgeschlossen oder erheblich vermindert sein kann. In der Re- und 21 StGB. Mit der im Ergebnis durch die Neufassung der ersten,
gel (z. B. bei Hirnschäden, Kopfverletzungen, bei plötzlichem Straffäl- psychischen „Stufe“ und die Aufnahme der „tiefgreifenden Bewusst-
ligwerden in vorgerücktem Alter, bei ungewöhnlicher Tatausfüh- seinsstörung“ sowie der „schweren anderen seelischen Abartigkeit“
rung, bei psychischen Auffälligkeiten) ist ein Sachverständiger erfolgten Verabschiedung des unhaltbaren sog. „psychiatrischen“
hinzuzuziehen (vgl. die Fallgruppen bei Schönke, Schröder/Perron, Krankheitsbegriffs ist für die Schuldunfähigkeit nicht mehr die klassi-
Weißer 2014, § 20 Rn. 45). Das Gericht darf von der Hinzuziehung fizierende Diagnose von entscheidender Bedeutung, sondern die In-
eines Sachverständigen nicht mit der Begründung absehen, der An- tensität einer Störung (Meyer 1981, 225), das Ausmaß und der Grad
geklagte habe eine Milderung nach §§ 21, 49 StGB „nicht verdient“. eines psychopathologischen Syndroms (Mende 1979, 321). Wesent-
Das würde die erforderliche Beurteilung der konkreten Schuld ver- lich ist das Ausmaß der krankheitsbedingten Andersartigkeit im Ver-
fehlen (OLG Düsseldorf, NStZ-RR 1996, 134). In die Kompetenz des gleich zur Mehrheit der „Normalen“ (Bockelmann 1963, 372 ff.).
Sachverständigen fallen Aussagen über beide „Stockwerke“ der §§ 20 Die Aufgabe des Sachverständigen beschränkt sich nicht darauf
und 21 StGB. Für das erste entspricht das allgemeiner Ansicht, hin- zu beschreiben, wie es „zur Tatzeit im Kopf des Täters ausgesehen
sichtlich des zweiten bestehen unterschiedliche Auffassungen. hat“ (Sarstedt 1968, 184), sondern umfasst auch die Darlegung der
Auf der ersten sog. „biologischen“ bzw. „psychischen“ Stufe geht Stärke und Auswirkung einer Störung im Vergleich mit dem „Nor-
es um abnorme psychische Zustände, die zunächst mithilfe empi- malen“ (LK-Schöch 2007, §  20 Rn.  221 f. m. w. N.). Eine Beschrän-
8
risch-klinischer Methoden festzustellen sind. Das gehört unbestrit- kung des psychiatrischen Sachverständigen auf das erste „Stock-
ten zu den Aufgaben des psychiatrisch-psychologischen Sachver- werk“, die mit der sog. „agnostischen“ Position verbunden ist, er-
ständigen. Dabei handelt es sich freilich nicht nur um reine Tatsa- scheint unhaltbar. Diese wäre, wenn man sie – was allerdings kaum
chenfeststellung; denn schon die erste Stufe der §§ 20 und 21 StGB geschieht  –  konsequent durchführt, forensisch nicht brauchbar.
ist – wie oben eingehend dargelegt – durch wertausfüllungsbedürf- Denn der Richter kann für seine normative Entscheidung mit blo-
tige Begriffe wie „krankhaft“, „tiefgreifend“, „Abartigkeit“ sowie ßen Beschreibungen psychiatrischer Zustände und daran ange-
„schwer“ bestimmt. Der Sachverständige kann sich also bereits hier knüpften Diagnosen nichts anfangen, wenn er nicht etwas über die
nicht auf die bloße wertfreie Beschreibung oder auf medizinisch Auswirkungen dieser Zustände auf Einsichts- und Steuerungsfähig-
klassifizierende Diagnosen beschränken, wenn seine Angaben für keit erfährt. Die agnostische Position tut das – wie oben näher ge-
die richterlichen Entscheidungen verwertbar sein sollen. zeigt worden ist – entgegen ihren eigenen Prämissen dadurch, dass
Andererseits geht es bei der zweiten, der sog. psychisch-normati- sie ohne zureichende Begründung die verhaltensdeterminierende
ven, Stufe der Schuldfähigkeit nicht nur um rein normative Fragen, Kraft psychischer Krankheiten mit somatischen Symptomen und ih-
die allein den Richter etwas angingen. Einsichts- und Steuerungsfä- nen angeblich gleichwertiger endogener Psychosen im Vorgriff hat.
higkeit sind weder rein tatsächliche, mit empirischen Methoden er- Zusammenfassend ist danach Folgendes festzuhalten: Zur Kom-
fass- und beschreibbare Gegebenheiten noch bloß normative Konst- petenz des psychiatrisch-psychologischen Sachverständigen ge-
rukte. Gewiss ist es eine vom Richter zu beantwortende Rechtsfrage, hören unbeschadet der Letztentscheidungsbefugnis des Richters
welche Anforderungen an einen durchschnittlich „normalen“ Men- beide „Stockwerke“ der Schuldfähigkeit. Eine „normative Absti-
schen zu stellen sind und wann die Schwelle erreicht ist, von der an nenz“ des Psychiaters in Beschränkung auf angeblich rein tatsächli-
Einsichts- und Steuerungsfähigkeit als erheblich vermindert anzuse- che Feststellungen zum ersten (psychischen) Stockwerk ist nicht
hen sind (Lenckner 1972, 145). Entscheidend dafür ist aber nach dem möglich (Schreiber 1977, 246; Müller-Luckmann 1980, 130). Es
hier entwickelten Konzept strafrechtlicher Schuld und Schuldfähig- trifft nicht zu, dass die ärztliche und die juristische Beurteilung an
8.5  Unterbringung im psychiatrischen Krankenhaus, in der Entziehungsanstalt und in der Sicherungsverwahrung 115

keiner Stelle ineinander übergehen und sich „säuberlich voneinan- weichen will (Schönke, Schröder/Perron, Weißer 2014, §  20
der trennen“ ließen (so aber Lenckner 1972, 145). Zwar bestimmt Rn. 45 m. w. N.; Fischer 2014, § 20 Rn. 65). Dabei darf er die vom
sich der Maßstab für Ausschluss und Verminderung der Einsichts- Sachverständigen festgestellten Tatsachen nicht beiseiteschieben
und Steuerungsfähigkeit nach rechtlichen Kriterien. Er orientiert und i. d. R. auch nicht ohne Hinzuziehung eines weiteren Sachver-
sich aber an Ausmaß und Intensität der psychischen Störung. Em- ständigen von einem wissenschaftlich begründeten Gutachten ab-
pirie und Normativität sind dabei untrennbar miteinander verbun- weichen. Das Gericht muss gemäß §  244 Abs.  2 StPO von Amts
den. Es erscheint verfehlt, der Aussage des Sachverständigen zur wegen bei Anhaltspunkten für Zweifel an der Schuldfähigkeit und
Einsichts- und Steuerungsfähigkeit nur einen „nicht wesentlichen fehlender eigener Sachkunde einen Sachverständigen heranziehen
Grenzwert“ beizumessen (SK-Rudolphi 2003, § 20 Rn. 23). (Kruse 2014, 509; Schönke, Schröder/Perron, Weißer 2014, §  20
Aufgabe des Sachverständigen ist danach zunächst „Befund und Rn. 45, m. w. N.) und evtl. einen weiteren Sachverständigen beauf-
Diagnose der Tatzeitpersönlichkeit“ (Lenckner 1972, 144). Weiter tragen (BGHSt 23, 188).
hat der Sachverständige auf der Basis seiner Erfahrung zu den Aus- Die Rechtsprechung lässt allerdings auch zu, dass der Richter
wirkungen des festgestellten psychischen Zustands auf das Hand- sich ohne Angabe eigener Erwägungen dem Ergebnis der Beurtei-
lungsgefüge des Täters Stellung zu nehmen, d. h. sowohl zu den lung eines Sachverständigen anschließt. Die wesentlichen Anknüp-
psychischen Merkmalen der ersten Stufe als auch zum Einfluss auf fungstatsachen und Darlegungen des Sachverständigen müssen
Einsichts- und Steuerungsfähigkeit. Entscheidendes Kriterium ist dann aber insoweit im Urteil wiedergegeben werden, als dies zum
dabei der Erheblichkeitsgrad, die Schwere der pathologischen Ab- Verständnis des Gutachtens und zur Beurteilung seiner gedankli-
weichung. Das ist eine recht allgemein gehaltene und bisher erfah- chen Schlüssigkeit erforderlich ist (BGHSt 12, 311 [314 f.]; 7, 238
rungswissenschaftlich wenig fundierte Formel. Es bedarf für die [240]). Die ungeprüfte Übernahme eines Gutachtens und seiner Er-
verschiedenen psychischen Abnormitäten der Erarbeitung von den gebnisse soll aber in keinem Fall zulässig sein (Lenckner 1972, 146;
Schweregrad differenzierenden Kriterien und Typen auf der Basis Fischer 2014, § 20 Rn. 66). Freilich dürfte der Richter häufig mit der
juristisch-psychiatrischer Konventionen, um die Exkulpationspra- von ihm geforderten selbstständigen Überprüfung der wissen-
xis besser handhabbar, vergleichbar und damit gerechter zu ma- schaftlichen Überzeugungskraft eines Gutachtens überfordert sein;
chen. Allerdings wird sich dabei ein Ermessensspielraum wegen der vielfach wird er nur eine laienhafte Plausibilitätskontrolle vorneh-
notwendigen Berücksichtigung der jeweiligen Tatsituation nicht men können (Schreiber 1985, 1007 ff.; Baltzer 2013, 20 f.; vgl. auch
vermeiden lassen (Göppinger 1980, 239). Lenckner 1972, 147).
Auch die höchstrichterliche Rechtsprechung gestattet Äußerungen
des Sachverständigen zur zweiten Stufe der Schuldfähigkeit. Zwar hat
es der BGH in einer frühen Entscheidung aus dem Jahr 1951 (BGHSt 8.5  Die Unterbringung im
2, 14 [16]) genügen lassen, dass sich die Strafkammer zur Feststellung psychiatrischen Krankenhaus, in der
der für die Schuldfrage erheblichen Tatsachen eines Sachverständi- Entziehungsanstalt und in der
gen bedient hatte. Welche Forderungen daraus für das geistige oder Sicherungsverwahrung (§§ 63–66a StGB)
seelische Verhalten des Angeklagten zu ziehen waren, konnte und
musste die Strafkammer nach Ansicht des BGH selbst beantworten. 8.5.1  Allgemeine Voraussetzungen der 8
Eine Mitwirkung des Sachverständigen bei dieser Entscheidung wäre Maßregeln der Besserung und Sicherung
nicht einmal zulässig gewesen. In einem späteren Urteil hat der BGH
daran festgehalten, dass der Richter sich selbstständig seine Auffas- Die Maßregeln der Besserung und Sicherung sind die sog. „zweite
sung darüber zu bilden habe, welche Bedeutung eine mithilfe des Spur“ der strafrechtlichen Sanktionen. Während Strafe Schuld vor-
Sachverständigen festgestellte körperliche und psychische Verfas- aussetzt und nach heutiger Auffassung jedenfalls wesentlich auch
sung des Angeklagten für die tatsächliche und rechtliche Beurteilung dem Ausgleich des durch die schuldhafte Tat angemaßten Eingriffs
der Tat habe. Das schließe freilich – und insoweit revidiert der BGH in fremde Rechtsgüter sowie der Durchsetzung der Normgeltung
die frühere Position – nicht aus, dass der Sachverständige sich „auch dient (Lackner und Kühl 2014, § 46 Rn. 1), soll mit einer Maßregel
darüber äußert, wie er die rechtliche Frage der Zurechnungsfähigkeit die Allgemeinheit vor drohenden weiteren Straftaten geschützt wer-
… beurteilt“ (BGHSt 7, 238 [240]). Dabei muss es sich aber, wie Lange den. Zweck einer Maßregel ist allein Gefahrenabwehr, also der
zutreffend fordert (LK-Lange 1978, § 21 Rn. 116), um substanziierte Schutz der öffentlichen Sicherheit durch Vorbeugung gegenüber
Schlussfolgerungen handeln, die nachprüfbar aus dem empirischen künftigen Straftaten (BGHSt 50, 93 [101]; BGH, NJW 2013, 3735
Befund über den Täter abgeleitet werden. [3736]; Jescheck und Weigend 1996, 802 f.).
Der Richter darf die Ergebnisse des Sachverständigengutachtens Maßregeln der Besserung und Sicherung sind damit zunächst ei-
nicht einfach übernehmen und sich ihnen anschließen. Er ist dar- ne Reaktion auf das Verhalten von gefährlichen Tätern, die im Zu-
an nicht nur in rechtlichen, sondern auch in tatsächlichen Fragen stand der Schuldunfähigkeit, also schuldlos, gehandelt haben und
nicht gebunden. Vielmehr hat er – so der BGH – Anknüpfungstat- deshalb für ihre Taten nicht bestraft werden können. Jakobs spricht
sachen und Schlussfolgerungen des Gutachtens sowie die Ent- daher für diese Fälle plastisch von „strafersetzenden Maßregeln“
scheidung darüber selbst zu erarbeiten und ihre Begründung selbst (Jakobs 1991, 32). Diese Bezeichnung ist dann zutreffend, wenn da-
zu durchdenken (BGHSt 8, 113 [118]). Andererseits muss er im mit der präventive Aspekt der Strafe gemeint ist. Zum anderen sind
Urteil näher begründen, wenn er von einem Sachverständigen ab- sie aber auch „strafergänzende“ Reaktionen (Jakobs a. a. O.), d. h.,
116 8  Rechtliche Grundlagen der psychiatrischen Begutachtung

sie können auch gegenüber Schuldfähigen und vermindert Schuld- MERKE


fähigen angeordnet werden. Als Beispiele seien die Unterbringung Maßregeln sind schuldindifferent. Sie dürfen daher nur unter strengster
in der Sicherungsverwahrung, Führungsaufsicht, Entziehung der Beachtung des Verhältnismäßigkeitsgrundsatzes verhängt werden.
Fahrerlaubnis und Berufsverbot sowie gegenüber vermindert
schuldfähigen Tätern die Unterbringung in einem psychiatrischen
Krankenhaus genannt. Solche ergänzenden Maßnahmen sind indi- Erreicht werden soll der Zweck der Maßregel durch die Besserung
ziert, wenn die schuldangemessene Strafe der Gefährlichkeit nicht und Sicherung des Täters. Auch die Besserung, d. h. Heilung, Be-
ausreichend zu begegnen vermag. handlung oder Pflege des Täters, ist also nur Mittel zum Zweck,
Die Unabhängigkeit der Maßregel von Schuld führt nicht nur dazu, nicht aber alleinige Rechtfertigung der Maßregel (vgl. aber BGH,
dass auch ein schuldloser Täter überhaupt strafrechtlich belangt wer- NStZ 1983, 429).
den kann. Sie hat auch zur Folge, dass die limitierende Funktion der Mit dem zweiten Strafrechtsreformgesetz hat der Gesetzgeber
Schuld hinsichtlich der Eingriffstiefe und Dauer einer Maßregel nicht auch durch die Titelüberschrift deutlich sichtbar der Besserung den
wirksam werden kann. Der strafrechtlich verantwortliche Täter kann Vorrang vor der Sicherung gegeben. Damit wird zum Ausdruck ge-
nur nach dem Maß seiner Schuld bestraft werden. Der Gefährlich- bracht, dass die Sicherung eines Täters, also seine bloße Verwah-
keits- bzw. Rückfallaspekt darf nicht in der Weise berücksichtigt wer- rung, erst und nur dann zulässig ist, wenn eine Besserung nicht
den, dass er zu einer Erhöhung der Strafe führt. Obergrenze der ange- mehr möglich erscheint.
messenen Strafe ist also immer das Maß der Schuld. Die Dauer der Die erstrebte Besserung eines Täters darf nie nur Selbstzweck sein,
Unterbringung eines schuldunfähigen oder vermindert schuldfähigen d. h. im vermeintlichen Interesse des Täters angeordnet werden. Als
Täters dagegen ist vom Maß seiner Schuld unabhängig; es kann schon freiheitsentziehende Maßnahme ist sie vielmehr ein Sonderopfer für
begrifflich keine „schuldangemessene“ Unterbringung geben. Anord- den Betroffenen, das nur aufgrund einer Güterabwägung als Reaktion
nung und Dauer der Unterbringung bestimmen sich vielmehr, abge- auf eine nicht hinnehmbare Gefährlichkeit gerechtfertigt erscheint.
sehen vom Grundsatz der Verhältnismäßigkeit, allein nach der Ge- Die Anordnung der Verlängerung einer Maßregel allein aus thera-
fährlichkeit. Der Zweck einer Unterbringung entfällt erst dann, wenn peutischen Gründen ist ebenso unzulässig wie die ausschließlich zur
die Gefährlichkeit nicht mehr besteht (vgl. § 67d Abs. 2 Satz 1 StGB). Besserung eines alkoholabhängigen Täters vorgesehene Unterbrin-
Gerechtfertigt sind die Maßregeln als von der Schuld unabhängige gung in einer Entziehungsanstalt, ohne dass dies öffentlichen Sicher-
bzw. über ihr Maß hinausgehende Eingriffe durch ihren Zweck, die heitsinteressen zugutekäme (BGH, NStZ 2003, 86).
Allgemeinheit vor Straftaten zu schützen (Schönke, Schröder/Stree, Dem Ziel „Besserung“ immanent ist die Forderung, im Vollzug der
Kinzig 2014, Vor §§ 61 ff. Rn. 2). Das bedeutet aber auch, dass ihrer Unterbringung diese Besserung und damit die Entlassung des Täters
Anordnung enge Grenzen gesetzt sind: Sie sind nur zulässig, wenn aus der Unterbringung so schnell wie möglich zu fördern. Denn ist
das Gemeininteresse an der Verbrechensverhütung im konkreten der Zustand, der zur Anlasstat und zur ungünstigen Prognose geführt
Fall schwerer wiegt als die Einschränkung der Freiheit des Betroffe- hat, beseitigt oder so verbessert, dass eine Gefährlichkeit des Täters
nen (Fischer 2014, § 62 Rn. 2; Stratenwerth und Kuhlen 2011, 17). Die nicht mehr besteht, ist der Untergebrachte zu entlassen.
Notwendigkeit solcher Güterabwägung bringt §  62 StGB zum Aus- Die freiheitsentziehenden Maßregeln der Besserung und Siche-
druck, der als Voraussetzung jeder Maßregel den Verhältnismäßig- rung stehen unter dem Vorwurf des „Etikettenschwindels“ (Kohl-
8
keitsgrundsatz nennt: „Eine Maßregel der Besserung und Sicherung rausch 1924, 33). Das beruht zum einen darauf, dass die Anordnung
darf nicht angeordnet werden, wenn sie zur Bedeutung der vom Täter und Vollstreckung von Maßregeln Eingriffe ermöglicht, die schwerer
begangenen und zu erwartenden Taten sowie zu dem Grad der von belasten und deshalb auch mehr gefürchtet sind als selbst lange Frei-
ihm ausgehenden Gefahr außer Verhältnis steht.“ heitsstrafen (Jescheck und Weigend 1996, 87), sodass „das bißchen
Damit soll grundsätzlich sichergestellt werden, dass „die letztlich an Wohltat, das mit der Schuldminderung verbunden ist, auf der Rechts-
der Spezialprävention orientierte Zweckbestimmung der Maßregeln im folgenseite zur Plage“ wird (Schüler-Springorum 1983, 128). Zum an-
Einzelfall auf das rechtsstaatlich erträgliche Maß“ begrenzt wird (LK- deren haben sich Strafen und freiheitsentziehende Maßregeln im
Schöch 2008, § 62 Rn. 1). Der Grundsatz der Verhältnismäßigkeit hat Vollzug häufig kaum voneinander unterschieden; auch eine Unter-
für die Maßregel wie das Schuldprinzip für die Strafe die Funktion ei- bringung, die Besserung durch Behandlung zum Ziel haben soll, hatte
nes limitierenden Korrektivs. Auch für die Vollstreckung der Maßre- daher faktisch oft Strafcharakter, weil die für sie zur Verfügung ste-
gel gilt der Grundsatz der Verhältnismäßigkeit (BGHSt 50, 199 [204]). henden Einrichtungen nach personeller und sachlicher Kapazität ih-
Bei nur geringfügigen Taten darf auch dann, wenn ein Rückfall mit ren Auftrag kaum erfüllen können. Nicht zuletzt dieser Umstand hat
Wahrscheinlichkeit zu erwarten ist, keine Maßregel verhängt oder zu den Entscheidungen des Europäischen Gerichtshofs für Men-
fortgeführt werden, weil ein solcher Eingriff in die Rechte des Betrof- schenrechte (EGMR) und des Bundesverfassungsgerichts geführt,
fenen unverhältnismäßig schwerwiegender wäre als die Gefahren, die nach dem das Konzept der Sicherungsverwahrung zur jüngsten Neu-
der Allgemeinheit durch den Täter künftig drohen (BVerfGE 70, 297 ordnung kam und mit dem Abstandsgebot auch im Vollzug auf den
[312]; Müller-Dietz 1987, 45). Eine wiederholte Anordnung der Un- „Etikettenschwindel“ reagiert wurde (BVerfGE 128, 326 f.).
terbringung nach § 63 StGB ist nur dann verhältnismäßig, wenn das Für die Behandlung in einem psychiatrischen Krankenhaus und in
erneute tatrichterliche Verfahren Erkenntnisse zutage bringen kann, einer Entziehungsanstalt gelten die §§  136–138 Strafvollzugsgesetz
die sich auf Ausgestaltung oder Dauer des Vollzugs der vorherigen (StVollzG; zu den nach § 138 Abs. 1 StVollzG erforderlichen landes-
Maßregel auswirken können (BGHSt 50, 199 [205]). rechtlichen Vorschriften s. Volckart und Grünebaum 2009, 387 ff.).
8.5  Unterbringung im psychiatrischen Krankenhaus, in der Entziehungsanstalt und in der Sicherungsverwahrung 117

Das geltende Strafrecht sieht, nachdem die sozialtherapeutische Schuldunfähigkeit und verminderte
Anstalt aus rein fiskalischen Gründen mit Wirkung vom 1.1.1985 Schuldfähigkeit
wieder gestrichen worden war, sechs Maßregeln der Besserung und
Sicherung vor: Für eine Unterbringung im psychiatrischen Krankenhaus kommen
• Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus (§ 63 diejenigen Personen in Betracht, die von Strafgerichten als schuld-
StGB) unfähig oder vermindert schuldfähig beurteilt wurden. Das sind also
• Unterbringung in einer Entziehungsanstalt (§ 64 StGB) nicht nur solche, die i. S. des engen sog. „psychiatrischen“ Krank-
• Unterbringung in der Sicherungsverwahrung (der „klassischen“: heitsbegriffs als krank zu bezeichnen sind, d. h. solche, bei denen ei-
§ 66 StGB, der vorbehaltenen: § 66a StGB und der nachträgli- ne „krankhafte seelische Störung“ i. S. der §§ 20 und 21 StGB vor-
chen: § 66b StGB § 66 StGB) liegt. Auch Täter mit einer neurotischen oder psychopathischen
• Führungsaufsicht (§ 68 StGB) Persönlichkeitsstörung, bei denen eine „schwere seelische Abartig-
• Entziehung der Fahrerlaubnis (§ 69 StGB) keit“ i. S. des Gesetzes vorliegt und die nicht zu den „klassischen“
• Berufsverbot (§ 70 StGB) Patienten eines psychiatrischen Krankenhauses zählen, können und
Für den psychiatrischen Sachverständigen sind insb. drei Maßre- müssen untergebracht werden, wenn die gesetzlichen Voraussetzun-
geln von Bedeutung: die Unterbringung in einem psychiatrischen gen vorliegen (Lackner und Kühl 2014, § 63 Rn. 1; anders OLG Karls-
Krankenhaus gemäß §  63 StGB, in einer Entziehungsanstalt nach ruhe, NJW 1975, 1571). In diesen Fällen sind allerdings die Möglich-
§  64 StGB und den Sicherungsverwahrungen nach §§  66 bis 66b keiten eines psychiatrischen Krankenhauses zur angemessenen Be-
StGB. Kommen diese in Betracht, ist das Gericht gemäß §  246a handlung gering oder fehlen vielfach bisher ganz, sodass es oft prob-
Satz 1 StPO zur Hinzuziehung eines Sachverständigen in der Haupt- lematisch sein kann, eine Unterbringung überhaupt anzuordnen,
verhandlung verpflichtet. Dessen Aufgabe besteht insoweit darin, auch wenn die Voraussetzungen des § 63 StGB gegeben sind.
dem Gericht auf der Grundlage seines Wissens über die Person des Nur solche Täter können nach § 63 StGB untergebracht werden,
Täters bei der Prognose der zukünftigen Gefährlichkeit und der Be- deren Zustand von gewisser Dauer und nicht nur vorübergehend ist
urteilung der Behandlungsaussichten behilflich zu sein und damit (ständige Rechtsprechung, z. B. BGHSt 34, 22 [27]; BGHSt 42, 385
die Basis für die Entscheidung über eine Maßregel nach §§  63 ff. BGH, NStZ 2006, 154 [155]; NStZ 2009, 86; NStZ-RR 2013, 141
StGB zu schaffen. Da es sich hierbei um überaus komplexe Fragen [142]: Affektlabilität durch „Borderline“-Syndrom genügt nicht).
handelt, ist die Einreichung eines schriftlichen Vorgutachtens ge- Das ist besonders im Hinblick auf Personen von Bedeutung, die un-
boten; die einschränkende Auslegung des BGH wird dem Gebot ter dem Einfluss von Alkohol Straftaten begangen haben. Erst dann,
bestmöglicher Aufklärung nicht gerecht und überzeugt nicht wenn der Täter an einer krankhaften Alkoholsucht leidet oder alko-
(BGHSt 54, 177 [178 f.]; zutreffend dagegen Deckers et al. 2011, 70). holüberempfindlich ist, soll in diesen Fällen eine Unterbringung
Die Pflicht des Gerichts, sich bei einer Anordnung nach § 63 StGB nach § 63 StGB in Betracht kommen (BGHSt 7, 35 f.; BGH, NStE Nr.
der Hilfe eines Sachverständigen zu bedienen, erstreckt sich darauf, 2 zu § 63; BGH bei Detter NStZ 1989, 471), nicht dagegen, wenn der
den Betroffenen vom Sachverständigen untersuchen zu lassen. Von Alkoholmissbrauch, der rechtswidrige Taten auslöst, auf Persön-
der Untersuchung des Angeklagten darf i. d. R. nicht deswegen Ab- lichkeitsmerkmalen beruht, die ihrerseits keinen „Krankheitswert“
stand genommen werden, weil der Betroffene sich weigert, sie zu- haben (BGH, NStZ 1983, 429; BGH, NStE Nr. 2 zu § 63). Zur Be-
8
zulassen und daran mitzuwirken. Ausnahmsweise gilt dann etwas handlung derartiger Zustände soll die Entziehungsanstalt nach § 64
anderes, wenn die verweigerte Untersuchung der Art nach die frei- StGB in Betracht kommen. Zweifelhaft ist dabei der Rückgriff auf
willige Mitwirkung des Angeklagten voraussetzt und ihre zwangs- einen unklaren Krankheitsbegriff, dem bloße Charaktermängel und
weise Vornahme kein vertretbares Ergebnis bringen kann (BGH, „psychopathische Störungen“ gegenübergestellt werden. Hier zei-
NStZ-RR 1997, 166 [167]). gen sich Auswirkungen des verfehlten engen sog. „psychiatrischen“
Krankheitsbegriffs. Richtig erscheint es, ohne Abstellen auf den sog.
„Krankheitswert“ mit § 63 StGB alle länger dauernden Störungen
8.5.2  Die Voraussetzungen der Unterbringung zu erfassen, bei denen die Schuldfähigkeit nach den §§ 20 und 21
in einem psychiatrischen Krankenhaus nach StGB ausgeschlossen bzw. vermindert ist und die eine Gefährlich-
§ 63 StGB keit des Täters für die Zukunft begründen (LK-Hanack 1992, § 63
Rn.  65 f.). Bei Verurteilung wegen einer Rauschtat ist in Anwen-
§ 63 StGB (Unterbringung in einem psychiatrischen dung des In-dubio-pro-reo-Prinzips von der Voraussetzung des
­Krankenhaus) § 63 StGB auszugehen, wenn alternativ die härtere Alternative der
Hat jemand eine rechtswidrige Tat im Zustand der Schuldunfähig- Sicherungsverwahrung nach §  66 StGB anzuwenden wäre (BGH,
keit (§ 20) oder der verminderten Schuldfähigkeit (§ 21) begangen, NJW 2004, 960 f.; SSW-StGB-Kaspar 2014, § 63 Rn. 15).
so ordnet das Gericht die Unterbringung in einem psychiatrischen
Krankenhaus an, wenn die Gesamtwürdigung des Täters und seiner
Tat ergibt, daß von ihm infolge seines Zustands erhebliche rechts- Die rechtswidrige Tat als Anlass
widrige Taten zu erwarten sind und er deshalb für die Allgemein-
heit gefährlich ist. Anlass für eine Unterbringung nach §  63 StGB kann nur eine
rechtswidrige Tat sein. Das setzt jedenfalls die Verwirklichung des
118 8  Rechtliche Grundlagen der psychiatrischen Begutachtung

äußeren Tatbestands voraus, also z. B. die Tötung oder körperliche überschritten sein. Das bedeutet, dass jedenfalls die verminderte
Misshandlung eines Menschen sowie die Rechtswidrigkeit der Tat Schuldfähigkeit nach § 21 StGB zweifelsfrei feststehen muss (BGH,
(Schönke, Schröder/Stree, Kinzig 2014, §  63 Rn.  3 ff.). Auch der NJW 1983, 350; BGH, NStE Nr. 7 zu § 63; ebenso Detter NStZ 2014,
Versuch eines Delikts genügt als Anlasstat für eine Unterbringung 22; Schönke, Schröder/Stree, Kinzig 2014, § 63 Rn. 12; Fischer 2014,
(SSW-StGB-Kaspar 2014, § 63 Rn. 9). § 63 Rn. 5). Hat das Gericht bei einem Täter verminderte Schuldfä-
Welche Anforderungen an den Vorsatz eines schuldunfähigen higkeit nicht ausgeschlossen und deswegen z. B. auch die Strafe
Täters, also an den sog. „inneren Tatbestand“, zu stellen sind, ist nach § 49 StGB gemildert, so ist eine Unterbringung dennoch nicht
streitig. Nach herrschender Meinung in Literatur und Rechtspre- möglich, weil die verminderte Schuldfähigkeit nicht sicher, d. h.
chung (z. B. BGHSt 3, 287; Fischer 2014, § 63 Rn. 3) genügt ein sog. zweifelsfrei, festgestellt ist (BGH, NStZ 1986, 237; SK-Sinn 2013,
„natürlicher“ Vorsatz, ein Wille zur Tat, auf den Vorsatz im techni- § 63 Rn. 6).
schen Sinn kommt es danach nicht an (Schönke, Schröder/Stree, Dagegen kann ein Täter untergebracht werden, bei dem das Ge-
Kinzig 2014, § 63 Rn. 7). Hat der Täter Fehlvorstellungen, die auf richt die Voraussetzungen des § 21 StGB für gegeben und die des
seinem krankhaften Zustand beruhen, so dürfen diese ihm nicht § 20 StGB für nicht auszuschließen hält und ihn deswegen freige-
dahin zugutegehalten werden, dass deswegen eine Unterbringung sprochen hat. Denn hier ist der „sichere Bereich des §  21 StGB“
nicht möglich wäre. Glaubt z. B. ein Täter krankheitsbedingt, ihm überschritten (BGHSt 18, 167).
gehöre alles, fehlt ihm also der Vorsatz i. S. des § 242 StGB, fremde
Sachen wegzunehmen, so kann er dennoch untergebracht werden;
denn gerade der krankheitsbedingte Irrtum macht hier die Gefähr- Die Gefährlichkeitsprognose
lichkeit des Täters und die Wiederholungsgefahr aus. In derartigen
Fällen den Vorsatz zu verneinen und deswegen eine Unterbringung Nach § 63 StGB muss die „Gesamtwürdigung des Täters und seiner
auszuschließen, würde dem Schutzzweck des § 63 StGB zuwiderlau- Tat (ergeben), daß von ihm infolge seines Zustands erhebliche rechts-
fen (BGHSt 3, 287; SSW-StGB-Kaspar 2014, § 63 Rn. 11). widrige Taten zu erwarten sind und er deshalb für die Allgemeinheit
Strafausschließungs- oder -aufhebungsgründe, etwa der Rücktritt gefährlich ist“.
vom Versuch gemäß § 24 StGB, stehen nach überwiegender Auffas- Abstrakte Kriterien für das, was als „erhebliche Straftaten“ an-
sung der Anordnung der Unterbringung entgegen (Kindhäuser 2013, zusehen ist, gibt es kaum. Einigkeit besteht darin, dass jedenfalls
§ 63 Rn. 2; Lackner und Kühl 2014, § 63 Rn. 2; Jescheck und Weigend nicht bloß „lästige“ Taten von geringem Gewicht ausreichen, die
1996, 808). Ebenso wie der Rücktritt eines schuldfähigen Täters Straf- der Kleinkriminalität zuzurechnen sind (BGHSt 27, 246 [248];
freiheit zur Folge hat, weil in ihm die mindere Gefährlichkeit zum BGH, wistra 2009, 231; BGH, NStZ 1986, 237).
Ausdruck kommt, die eine Prävention entbehrlich macht (BGHSt 9, Der BGH vertritt in ständiger Rechtsprechung die Auffassung,
48 [52]; BGHSt 14, 75 [80]; Lackner und Kühl 2014, § 24 Rn. 2), fehlt der §  63 StGB lasse die Unterbringung nicht nur dann zu, wenn
es beim schuldunfähigen bzw. vermindert schuldfähigen Täter an ei- „schwere oder gar schwerste“ Taten zu erwarten seien. Erhebliche
ner Anlasstat, die Indiz für seine Gefährlichkeit sein könnte. Der Wil- rechtswidrige Taten i. S. des § 63 StGB können vielmehr auch schon
le, die Tat nicht zur Vollendung gelangen zu lassen bzw. den Erfolg zu z. B. Eigentumsdelikte aus dem Bereich der mittleren Kriminalität
verhindern, nimmt dem Verhalten des Täters i. d. R. seine besondere sein, jedenfalls dann, wenn es sich um Serientaten handele (BGHSt
8
Gefährlichkeit (BGHSt 31, 132 [135]). Hanack hat zutreffend darauf 27, 246 ff.; BGH, NJW 1976, 1949; BGH, NStE Nr. 8 zu § 63: versuch-
hingewiesen, dass eine Unterbringung trotz Rücktritts vom Versuch te räuberische Erpressung; s. auch BGH, NStE Nr. 21 zu § 63: keine
auch nicht damit begründet werden könne, dass der Schuldunfähige Unterbringung nach § 63 StGB, wenn die bisherigen Taten allenfalls
stets gefährlicher sei als der vermindert Schuldfähige, weil ein solcher in Einzelfällen im Bereich der unteren Kriminalität liegen). In Ab-
Satz nicht generell aufzustellen sei (LK-Hanack 1992, § 63 Rn. 34). grenzung zu § 66 Abs. 1 Nr. 3 StGB weist der BGH darauf hin, dass
Auch ein fehlender Strafantrag steht einer Unterbringung entgegen der Maßstab für die Erheblichkeit bei § 63 StGB nicht so hoch anzu-
(BGHSt 31, 132; Lackner und Kühl 2014, §  63 Rn.  2). Hat also ein setzen sei wie bei der Sicherungsverwahrung, die gegenüber schuld-
vermindert Schuldfähiger oder Schuldunfähiger eine Tat begangen, fähigen, sog. Hangtätern neben einer Strafe angeordnet werden
die nur auf Antrag verfolgbar ist, und ist ein Strafantrag nicht gestellt, kann, wo der Begriff „Erheblichkeit“ durch die zugesetzten Beispie-
so kann der Täter aufgrund dieser Tat nicht untergebracht werden. le eine gewichtigere Färbung erhält (Fischer 2014, §  63 Rn.  16);
Möglich bleibt aber eine außerstrafrechtliche Unterbringung nach denn neben der Unterbringung eines schuldunfähigen Täters in ei-
den Gesetzen zur Unterbringung psychisch Kranker der Länder (da- nem psychiatrischen Krankenhaus stünde kein anderes strafrechtli-
zu LK-Schöch 2008, § 63 Rn. 158 ff.). ches Mittel der Sicherung und Einwirkung zur Verfügung, ferner
sei auch der Heilungszweck zu berücksichtigen (Lackner und Kühl
2014, § 63 Rn. 5). Handelt es sich um Taten mittlerer Kriminalität,
Der Zustand des Täters bei der Anlasstat bedarf es einer eingehenden Gesamtwürdigung der Bedeutung be-
gangener und zu erwartender Taten sowie der vom Täter ausgehen-
Weitere Voraussetzung für eine Unterbringung nach § 63 StGB ist, den Gefahr zur Schwere des mit der Maßregel nach § 63 StGB ver-
dass der Täter die Anlasstat im Zustand der Schuldunfähigkeit bundenen Eingriffs (BGHSt 20, 232; BGH, NStZ-RR 1998, 205; vgl.
oder verminderten Schuldfähigkeit begangen hat. Nach der Formel auch BGH, NStZ-RR 1997, 230; Detter NStZ 2014, 22 [23]). Bei ge-
der Rechtsprechung muss der „sichere Bereich des §  21 StGB“ ringfügiger Anlasstat bedarf die Gefährlichkeitsprognose besonde-
8.5  Unterbringung im psychiatrischen Krankenhaus, in der Entziehungsanstalt und in der Sicherungsverwahrung 119

rer Prüfung (BGH, NJW 2001, 3560). Von der Rechtsprechung ist sönlichkeit des Probanden durch Exploration und Beobachtung
die Erheblichkeit u. a. verneint worden bei beleidigenden oder anti- unter Anwendung auch psychodiagnostischer Testverfahren. Von
semitischen Flugblättern, deren Herkunft von einem Geisteskran- Bedeutung sind dabei Lebenslauf, Familienverhältnisse sowie Ar-
ken offensichtlich ist (BGH, NJW 1968, 1683 [1684]; BGH, StV beits- und Freizeitverhalten des Täters (Kaiser 1996, 962 f.). Kör-
1992, 571), bei ehrverletzenden schriftlichen Eingaben an Behör- perliche sowie weitere klinische Untersuchungen treten hinzu. Für
den, ohne dass die angegriffenen Personen ernsthaft in ihrem den psychiatrisch-psychologischen Gutachter bilden die Methoden
Rechtskreis bedroht werden (Schönke, Schröder/Stree, Kinzig 2014, der klinischen Individualprognose bisher überwiegend die Grund-
§ 63 Rn. 18), bei geringfügigen Zechprellereien (BGHSt 20, 232), bei lage seiner gutachterlichen Tätigkeit. Die Gewichtung der erhobe-
kleinen Diebstählen (BGH, NJW 1955, 837 [838]; BGH, NStE Nr. 21 nen Befunde für die Prognose verlangt indes neben psychiatrisch-
zu § 63) und bei von vornherein durchschaubaren und damit aus- psychologischer Qualifikation kriminologisches Bezugswissen und
sichtslosen Betrugsversuchen (OLG Hamm, MDR 1971, 1026). Da- Erfahrungen mit Straffälligen. Sie ist als Methode daher nur für
gegen wurde z. B. die Erheblichkeit erneuter sechs kleinerer Betrü- solche Psychiater und Psychologen brauchbar, die über genügend
gereien für die Sicherungsverwahrung eines 61-mal vorbestraften kriminologische Erfahrungen verfügen (Schöch 2010, 91).
Täters bejaht. Auch ein „derart eingewurzelter Hang zu kleinen Be- Die Kritik hat auch ihr gegenüber auf die Gefahr einer zu großen
trügereien … und die sich daraus ergebende Gefahr weiterer solcher Freiheit und Unkontrollierbarkeit der Entscheidungen hingewie-
strafbarer Handlungen“ könnten die Anordnung der Si