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Offener Brief

Organisationen, die im Bereich Jugendaustausch arbeiten, treffen auf zahlreiche Hindernisse, wenn
sie nach Russland zum Beispiel ausländische Freiwillige oder SchülerInnen für eine Dauer von mehr
als drei Monaten einladen möchten. Langzeit-Freiwilligenprogramme sind jedoch für Organisationen,
die im sozialen, ökologischen und kulturellen Bereich tätig sind, von besonders großer Bedeutung. Es
geht darum, dass ausländische Bürger in unser Land kommen, um unentgeltlich in Projekten
mitzuwirken, die der russischen Gesellschaft Nutzen bringen. Viele gemeinnützige Projekte in
Russland würden ohne die Hilfe ausländischer Freiwilliger nicht überleben. In vielen Ländern
existieren staatliche Programme, die es den Menschen ermöglichen, ein geringes Stipendium im
eigenen Land zu erhalten, um als Freiwillige ins Ausland zu fahren. So finanziert die Europäische
Union seit vielen Jahren das Programm „Europäischer Freiwilligendienst“, und in Deutschland gibt es
seit langem das Programm „Freies Soziales Jahr“, zudem können junge Männer den obligatorischen
Wehrdienst in Deutschland und Österreich durch einen elfmonatigen alternativen Zivildienst ersetzen,
der unter anderem im Ausland in sozialen Organisationen, die direkt mit hilfsbedürftigen Menschen
arbeiten, abgeleistet werden kann

Jedoch es ist gemäß dem gemeinsamen Befehl des Russischen Innenministeriums (MWD) und des
Geheimdienstes FSB vom 27.12.2003 Nr. 19723A/1048/922 „Über die Verabschiedung von
„Reisezwecken“ zur Verwendung durch die bevollmächtigten Organe der Russischen Föderation bei
der Ausstellung von Einladungen und Visa an ausländische Staatsbürger und Personen ohne
Staatsangehörigkeit“ eine Einreise für mehr als drei Monate ohne Unterbrechung nur auf der Basis
von „allgemeinem Studentenvisa“ oder „allgemeinen Arbeitsvisa“ möglich. Letztere ist für solche
ausländischen Gäste völlig ungeeignet, und Einladungen mit der Zweckangabe „Studium“ oder
„Hospitanz“ dürfen ausschließlich von staatlich anerkannten und lizensierten Bildungseinrichtungen
ausgestellt werden, wobei selbst gemeinnützige Organisationen/Vereine mit Bildungsprogrammen des
Zweiten Bildungsweges nach dem Verständnis des Föderalen Migrationsdienstes (Ausländerbehörde)
nicht zu diesen Einrichtungen gehören. So entsteht eine Situation, in der ein Ausländer, der nicht zum
Studium an einer Berufs- oder Hochschuleinrichtung oder zur Arbeit in Russland einreist, sich nicht
länger als drei Monate ohne Unterbrechung im Land aufhalten kann. Dabei stoßen russische Schüler
oder Freiwillige, die für ein Jahr in ein europäisches Land reisen, dort auf keinerlei derartige Barrieren:
Zum Erhalt eines Jahresvisums muss im Konsulat lediglich eine schriftliche Einladung der
Aufnahmeorganisation mit allen Garantien eingereicht werden.

In der Vereinbarung zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Russischen Föderation über
wechselseitige Reiseerleichterungen von Bürgern beider Länder vom 10.12.2003 war vorgesehen,
dass die russischen Behörden auf Antrag der Regierungsoberhäupter der Föderationsgebiete
Mehrfachvisa mit einer Gültigkeitsdauer von bis zu einem Jahr ohne Nachweis der gesetzlich
vorgeschriebenen Einladung zur Arbeit in medizinischen, Kinder- und Jugendeinrichtungen sowie
Altenheimen ausstellen können. Allerdings gehen die russischen Konsulate davon aus, dass diese
Vereinbarung durch die Vereinbarung zwischen EU und Russland von 2006 außer Kraft gesetzt wird,
die für EU-Bürger Visa für maximal 90 Tage pro halbes Jahr vorsieht.

Als Folge unserer wenig flexiblen Visumspolitik leidet nicht nur die Entwicklung von
Freiwilligendiensten in Russland, sondern auch die langfristig angelegten
Schüleraustauschprogramme, welche beispielsweise durch AFS organisiert werden - einer weltweit
führenden Organisation, die bereits seit 1947 internationale Austauschprogramme für
Oberstufenschüler aus 52 Ländern Europas, Nord- und Südamerikas, Asiens, Afrikas, sowie
Australiens und Neuseelands anbietet. AFS organisiert Jahres- und Semesterprogramme für über
10.000 Teilnehmer jährlich.
Solche Programme ermöglichen es den Schülern andere Kulturen kennenzulernen, neue Freunde zu
finden, ihren Horizont zu erweitern und festgefahrene Stereotype über andere Länder abzubauen.

Ein wichtiger Bestandteil des Programms ist ihr gemeinnütziger Charakter: Die aufnehmenden
Familien und Schulen beider Länder erhalten keinerlei finanzielle Vergütung, sie tragen die Kosten für
die Verpflegung und andere Ausgaben, die durch den Aufenthalt ausländischer Jugendlicher
entstehen. Als Hauptmotivation für die Teilnehmer dient dabei das Interesse an Menschen, Kultur und

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der Lebensweise in andern Ländern, und auch der Wunsch mit Menschen aus unterschiedlichen
Ländern befreundet zu sein.

Unserer Ansicht nach verbessert die Teilnahme Russlands als aufnehmender Seite in dem
langfristigen Schüleraustausch das Image des Landes und trägt gleichzeitig zur Popularisierung der
russischen Sprache weltweit und der Entwicklung einer „Völkerdiplomatie“ bei.

Wir rufen zu einer Liberalisierung des Visumsregimes in unserem Land auf, da dies nicht nur eine
Verbesserung der menschlichen Beziehungen, sondern auch positive Auswirkungen auf die Wirtschaft
des Landes mit sich bringen würde. Wenn heute beispielsweise Organisationen aus den Ländern der
EU und der GUS ein gemeinsames Seminar, Training oder eine Konferenz etc. planen, wird als
Veranstaltungsort meist die Ukraine oder Georgien gewählt, da in diesen Ländern die geringsten
Visumshindernisse bestehen. Russland wird dabei äußerst ungern in Betracht gezogen, da neben der
aufwendigen Prozedur der Visumsausstellung auch noch die Verpflichtung besteht, Ausländer bei der
Einwanderungsbehörde anzumelden. Wir sind der Ansicht, dass dieses Prozedere (zumindest für
visapflichtige Staaten) ein sinnloses Überbleibsel aus der sowjetischen Epoche ist, und Zeit- sowie
Geldverschwendung sowohl der aufnehmenden Organisation, als auch der ohnehin überlasteten
Einwanderungsbehörde selbst bedeutet. Dieser Standpunkt wird von vielen leitenden Vertretern
dieser Behörde selbst geteilt, die sich allerdings machtlos fühlen, Veränderungen einzuleiten, da die
Gesetze nicht von ihnen verfasst werden. Warum müssen sich Ausländer, die bereits ein Visum
haben, in Russland in jeder Stadt neu registrieren, in der sie länger als drei Tage bleiben, während es
für das für Migranten weit attraktivere Europa ausreichend ist ein Schengenvisum zu bekommen, um
25 Länder frei zu bereisen?

Soweit wir wissen, darf in allen entwickelten Ländern, selbst den USA, die durch ihre strenge
Migrationspolitik bekannt sind, jeder, der im Besitz eines Visums ist, sich frei im ganzen Land
bewegen. Eine solche bürokratische Einschränkung und Belastung der Freizügigkeit von Ausländern
im eigenen Land wie in Russland ist in eher weniger entwickelten Ländern wie Kambodscha üblich.
Mit solchen Methoden werden wir kaum mehr Ausländer für unser Land gewinnen können. Junge an
russischer Sprache und Kultur interessierte Ausländer ziehen es in den letzten Jahren vor in die
Ukraine zu fahren, da ein langfristiger Aufenthalt dort viel einfacher zu gestalten ist.

Im Juni 2010 verkündete der Präsident der Russischen Föderation auf dem Petersburger
Wirtschaftsforum: „Russland muss ein attraktives Land werden, in welches Menschen aus der ganzen
Welt auf der Suche nach ihrem ganz besonderem Traum und besserer Erfolgs- und
Eigenrealisierungsmöglichkeiten strömen werden, die Russland allen wird geben können, die bereit
sind, diese Herausforderung anzunehmen und Russland als ihr neues oder zweites Zuhause zu
lieben“1. Sind dies tatsächlich unsere strategischen Pläne, so entspricht die aktuelle Gesetzgebung im
Migrationsbereich ihnen in keinster Weise.

Daher schlagen wir vor:


1. Einführung spezieller Visumstypen, die es ausländischen Freiwilligen und Schülern
ermöglichen für einen längeren Zeitraum nach Russland einzureisen;

1
http://www.kremlin.ru/news/8093
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2. Ermöglichung einer direkten Einladung der Ausländer durch die Organisationen, da die langen
Wartezeiten im Einwanderungsbüro, die in der Regel einen Monat betragen, eine manchmal
erforderliche schnelle Einreise unmöglich machen;
3. Abschaffung der Meldepflicht ausländischer Bürger, wenigstens derjenigen, die mit einem
Visum eingereist sind;
4. Anstrebung eines visafreien Regimes mit möglichst vielen Ländern, selbst wenn dies auf
einseitiger Basis beruht.

Hochachtungsvoll,
Aigul Sembaeva
Deutsch-Russischer Austausch St. Peterburg
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